Adolf Mützelburg Dumas-Mützelburg Der Herr der Welt Fortsetzung von Der Graf von Monte Christo 1927 Bearbeitete Neuausgabe Eduard Dantes, Graf von Monte Christo Noch einen guten Satz, mein wackerer Falke, und wir sind hinüber! Dann kannst du auf der Ebene dahinfliegen, wie der Pfeil eines Indianers! Nun wacker! Und dabei schlug der junge Reiter, der mit der Linken die Zügel seines Rosses gefaßt hatte, mit der Rechten ermunternd auf den Nacken des stolzen Tieres, das ihn trug. Aber es war ein Wagestück, und der »Falke« schien sich zu scheuen, über die Felsenspalte zu setzen, die vor ihm gähnte. Er hob sich zum Sprunge, wich dann aber zurück und bäumte sich. Der Reiter preßte die langen spanischen Sporen tief in die Weichen des Pferdes, das vor Schmerz sich hoch aufbäumte, einen wilden Seitensprung machte, als wolle es den Reiter von sich schleudern, dann aber mit einem mächtigen Satz vorwärts sprang und über die Felsenspalte hinwegsetzte. Auf ihrer anderen Seite stand es zitternd still und schnaufte ängstlich, als wisse es, daß es einer großen Gefahr entronnen sei. Der Reiter war ein stattlicher junger Mann, wohl wenig über zwanzig Jahre alt, ein echter Spanier vom Scheitel bis zur Sohle, von so reinem Blute wie sein Roß, Dunkelbraune Locken flatterten unter dem Panama-Strohhut, dunkel und feurig blitzten die Augen über der gebogenen Nase, und der starke Schnurrbart hätte nicht sorgfältiger gekräuselt sein können, wenn Don Lotario einen Ritt durch die Puerta del Sol, die vornehmste Straße von Madrid, gemacht hätte, anstatt über die Felsen von Oberkalifornien, das damals – anfangs der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts – noch zu der Republik Mexiko gehörte. Vorwärts! rief er dann. Aber jetzt hübsch langsam, sonst brechen wir doch noch den Hals. Vom Fuße des Berges zog sich im Zickzack eine Kunststraße, breit und nach allen Regeln gebaut, empor. Und Lord Hope hatte das mit einer Handvoll Leute getan – Don Lotario War im Recht, wenn er den Kopf schüttelte! Er ließ sein Pferd gemütlich die bequeme Straße hinauftraben. Oben angelangt, sah er eine neue Veränderung. Statt des einfachen Gitters bildete jetzt ein festes, steinernes Tor mit mächtigen Flügeln von Eichenholz den Eingang eines steinernen Gebäudes. Wer da? fragte die Stimme der Wache durch ein kleines Fensterchen im Tor. Don Lotario, antwortete der junge Mann. Meldet mich dem Lord. Er ist doch zu sprechen? Es erfolgte weiter keine Antwort, aber nach drei Minuten ritt der Spanier durch das geöffnete Tor. Lord Hope war ein Mann von mehr als Mittelgröße, breitschultrig, mit einer kräftig gewölbten Brust. Sein Haar war dunkelschwarz, wie sein Auge und sein Bart, sein Gesicht fein und blaß, beinahe bleich. Niemand hätte in ihm einen Engländer vermutet. Aber jedenfalls war er ein feiner, vornehmer Herr. Wie er so ungezwungen dastand, leicht mit der Hand, noch leichter mit dem Kopf grüßend, ein flüchtiges verbindliches Lächeln auf den Lippen – da gestand sich der adelsstolze Spanier, der trotzige Jüngling von neuem, daß er sich einem überlegenen Wesen gegenüber befinde. Mylord, ich glaube zu träumen! sagte er verwirrt. Diese Pracht, diese Herrlichkeit! Und noch vor vierzehn Tagen bemerkte ich nichts davon. Wie ist das möglich gewesen? Mit demselben, kaum bemerkbaren Lächeln, das seinem bleichen Gesicht einen eigentümlichen und schwer zu enträtselnden Ausdruck verlieh, fragte der Lord dagegen: Aber wollen Sie denn auf dem Korridor bleiben, Don Lotario? Der Spanier stieg die kleine Treppe hinan und trat in die Tür, die ihm der Lord geöffnet hatte. Es war nur ein Vorzimmer. Dem Spanier dünkte es gut genug für die Wohnung eines Prinzen. Dann trat er durch eine andere Tür. Dieselbe einfache, stolze Pracht, die schönsten Teppiche, die herrlichsten Tapeten, Gemälde an den Wänden, Möbel von den feinsten, zartesten, elegantesten Formen, und dabei überall ein Hauch der Wohnlichkeit, nichts überladen, alles bequem und freundlich – das war dem jungen Spanier zu viel. Er stammelte einige Worte der höchsten Überraschung – dann ließ er sich in einen Sessel fallen und saß mit weit geöffneten Augen da, während der Lord ruhig an das Fenster trat und durch ein Zeichen mit dem Finger seinem Intendanten draußen einen neuen Befehl zu geben schien. Als er sich seinem Gaste wieder zuwendete, meinte dieser: Aber ich bitte Sie um Himmels willen, wie haben Sie das alles hierherschauen können? Das müssen Sie doch aus New York haben, selbst in New Orleans findet man solche Schätze nicht. Lieber Freund, sagte der Lord, ich liebe den amerikanischen Geschmack nicht. Außerdem findet man nicht alle Schönheiten beisammen. Die Teppiche sind aus Paris, die Möbel ebenfalls, die Tapeten sind aus London, auch diese Kamine – ich glaube, im Winter kann man sie brauchen. Was die Gemälde und die Statuen anbetrifft, so hatte ich sie zum Teil schon früher. Aus London! Aus Paris! sagte der Spanier kopfschüttelnd. Doch das alles muß mehr als eine Schiffsladung ausgemacht haben! Ich bitte Sie, wie haben Sie das alles hierherbringen können? Und seit vierzehn Tagen das zu ordnen! Es ist unglaublich! Der Lord gab inzwischen seinem Intendanten vom Fenster aus ein Zeichen. Eine ganze Schiffsladung meinen Sie? Allerdings! sagte er dann. Da liegt mein Dampfer! Der Spanier trat an das Fenster, durch das man einen weiten freien Blick nach Westen hin hatte. Man übersah die Gipfel der Felsen, die sich bis nach dem Meere hin erstreckten, man sah auch hier und dort durch eine Öffnung das blaue Meer selbst herüberschimmern. Bis ungefähr tausend Schritt vom Fuß des Berges der Wünsche aber zog sich ein schmaler Meerbusen, kaum breiter als ein Fluß, zwischen den Felsen hindurch, ähnlich den Schären an der norwegischen Küste. In diesem Meerbusen ankerte eine leicht und schön gebaute Segeljacht, die schon früher die Bewunderung Don Lotarios erregt hatte. Neben ihr aber lag jetzt ein Dampfboot mittlerer Größe regungslos auf den Wellen. Das ist der Dampfer? rief der Spanier. Und das ist Ihr Dampfer? Allerdings, antwortete der Lord mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit. Ist denn das so etwas Wunderbares? Gibt es nicht in New York Leute, die fünf, sechs und mehr solcher Dinger auf dem Meere haben? Freilich wohl, stammelte der Spanier, seines Erstaunens immer noch nicht Herr. Aber das sind Kaufleute, die aus diesen Schiffen Gewinn ziehen. Wer so etwas zu seinem Vergnügen bauen kann, der muß reich, sehr reich sein. Das ist möglich, sagte Lord Hope leichthin. Ich weiß wirklich nicht mehr, was dieser Dampfer gekostet hat. Ich kam her, Mylord, fuhr der Spanier dann fort, um Sie zu bitten, auch mir in meiner Hacienda einmal einen Besuch zu gönnen. Aber mir schwindet der Mut. Was kann Ihnen meine Hütte bieten? Sagen Sie das nicht, vielleicht kann ich dort manches kennenlernen, erwiderte der Lord ruhig. Jetzt freilich bin ich noch zu sehr beschäftigt, um Ihre Einladung annehmen zu können. Doch bitte bedienen Sie sich! setzte er hinzu, auf einen Tisch mit auserlesenen Erfrischungen deutend, den soeben ein Neger geräuschlos ins Zimmer gesetzt hatte. Sie sehen noch immer nach dem Schiffe? fragte er dann lächelnd seinen Gast. In der Tat, ja! Es trägt nicht die englischen Farben! sagte Lotario. Weiß, rot, grün – Sind die Farben Italiens, die ich den englischen vorziehe und die ich mit vollem Rechte führen darf, da ich auch Besitzungen in Italien habe und Bürger von Toskana bin, antwortete der Lord ruhig, übrigens ist es ganz gleichgültig, welche Farbe man trägt, vorausgesetzt, daß diese Farbe echt ist. Und Sie fürchten sich nicht, diese prächtigen Schiffe dort unten liegen zu lassen? Fürchten? Weshalb? Oh, Sie kennen dieses Land noch nicht! rief der Spanier, sichtlich erfreut, seinem Wirt endlich einen guten Rat geben zu können. Wir leben hier mehr oder weniger in einem Zustande vollständiger Gesetzlosigkeit. Der schwache Arm der mexikanischen Regierung reicht nicht bis hierher. Gut, eben deshalb bin ich hierher gekommen, sagte der Lord mit einem ruhigen Lächeln. Aber so angenehm das auch in manchen Fällen ist, so unangenehm kann es in anderen werden, fuhr der Spanier fort. Unsere Spanier und noch mehr die Nordamerikaner würden sich nicht im geringsten bedenken, Ihnen diese schönen Schiffe wegzukapern, und ich fürchte, wenn Sie eines Morgens erwachen, so werden Sie die Ankerplätze leer finden. Die Entfernung vom Berge ist groß genug. Die Räuber können das Meer erreichen, noch ehe Sie den Raub gewahr geworden sind. Möglich! Aber auch dafür ist gesorgt! sagte der Lord lächelnd. Vielleicht haben Sie eine starke Besatzung auf dem Dampfer? meinte Don Lotario. Das nicht. Es sind nur sechs Mann auf dem Schiffe. Sie reichen für den Notfall hin. Und sollte man wirklich wagen, mir mein Eigentum nehmen zu wollen, so kenne ich noch andere Mittel, mir dasselbe zu sichern. Haben Sie je etwas vom elektrischen Telegraphen gehört? Ich glaube, antwortete der Spanier etwas befangen. Eine ganz neue Erfindung, wenn ich nicht irre. Ganz neu, sagte der Lord mit einer leichten Neigung des Kopfes. Ich habe hier einen ersten Versuch gemacht, der zu meiner Zufriedenheit ausgefallen ist. In dem Augenblick, in dem ein Fremder das Schiff besteigt, bin ich davon benachrichtigt, und die Erfindung gibt mir zugleich die Möglichkeit, es in die Luft zu sprengen, wenn es in den Besitz von Fremden gelangen sollte. Sie denken wirklich an alles! sagte der junge Spanier kleinlaut. Doch, Mylord, ich habe Sie noch auf etwas anderes aufmerksam zu machen. Nehmen Sie sich vor den Indianern in acht, ich glaube, daß sie Ihnen nächstens einen bewaffneten Besuch abstatten werden. Ich bin überzeugt, daß ich von den Rothäuten dieses Gebietes nichts zu fürchten habe, seit es mir ein Zufall ermöglichte, einem ihrer angesehensten Häuptlinge einen großen Dienst zu leisten, sagte der Lord ruhig. Darauf würde ich an Ihrer Stelle doch nicht zu fest bauen! rief Don Lotario. Es sind hinterlistige Burschen. Ich danke Ihnen, Don Lotario! erwiderte der Lord so kühl und ruhig, daß sich der junge Spanier vor Arger auf die Lippen biß. Sie selbst trinken nicht von diesem Wein? fragte er dann seinen Gastgeber. Nein, Xeres sagt mir nicht zu, auch trinke ich überhaupt wenig Wein, erwiderte der Lord. Aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten. Ich glaube, der Wein ist gut. Mein Intendant versteht sich darauf und muß sich darauf verstehen, weil er mehr davon trinkt, als ich selbst. Wie finden Sie den Wein? Vortrefflich! rief Don Lotario, der froh zu sein schien, daß das Gespräch eine Wendung genommen hatte, die ihm erlaubte, frei aufzuatmen, und dessen Wangen sich bereits höher färbten. Also ich kann mich darauf verlassen, Mylord, daß Sie meinen Besuch demnächst erwidern werden. Ich glaube, wir haben bereits davon gesprochen, sagte der Lord mit einer leichten Verbeugung. Ja, es ist wahr! erwiderte der Spanier etwas verlegen über diese neue Niederlage. Aber, entschuldigen Sie meine Indiskretion, Mylord – wenn ich einen Blick auf diese Zimmer werfe, so scheint es mir fast unmöglich, daß eine männliche Hand allein imstande gewesen, dies alles so geschmackvoll zu ordnen. Sie meinen, daß Frauenhilfe dazu nötig gewesen sei? fragte der Lord gleichgültig. Ja, das meine ich, erwiderte Lotario. Und doch habe ich noch nie eine – Mein Intendant kann ja wohl verheiratet sein! unterbrach ihn der Lord lächelnd, noch ehe der junge Mann seinen Satz vollendet. Sie sollten einige Jahre nach London und Paris gehen! meinte bald darauf der Lord. Ja, ja, das hätte ich tun sollen! sagte Don Lotario seufzend. Aber jetzt ist es zu spät. Zu spät? Wie alt sind Sie denn? fragte Lord Hope. Einundzwanzig Jahre. Und das nennen Sie zu spät? rief der Lord. Liebster Freund, als ich einundzwanzig Jahre alt war, war ich noch viel unwissender als Sie, aber ich erwog, daß noch ein ganzes Leben vor mir läge, und ich lernte. Das war eine scharfe Lektion, und Don Lotario sah unmutig vor sich nieder. Aber er fühlte, daß der Lord recht hatte, und von einem solchen Manne konnte er schon eine kleine Lektion annehmen. Sie geben mir damit einen Wink, Mylord! Aber ich kann ihn leider nicht mehr befolgen! sagte er seufzend. Weshalb nicht? Sind Sie denn an Ihre Hacienda gefesselt? Sind Sie unentbehrlich? Das nicht – aber ich liebe, und ich werde mich bald verheiraten! antwortete Don Lotario verlegen und errötend. War es diese Schüchternheit, dieses Erröten, das dem sonst so kalten und gleichgültigen Lord einen wärmeren Blick, einen Ausdruck der Teilnahme entlockte? Genug, er betrachtete den jungen Spanier aufmerksamer. Einundzwanzig Jahre erst? Und Sie wollen das schon wagen? sagte er. Freilich, hierzulande verheiratet man sich früh. Ja, und – Mylord, verzeihen Sie mir, was ich jetzt sagen werde? fragte Don Lotario schüchtern. Sprechen Sie! sagte der Lord – dieses Mal sanfter und herzlicher. Mylord, ich habe so großes Zutrauen zu Ihnen gefaßt, ich bin so sehr überzeugt davon, daß Sie das Leben und die Welt kennen, daß ich gerade mit Ihnen über diese Frage meiner Verheiratung sprechen, daß ich Sie um Ihr Urteil bitten wollte. Es ist eine eigentümliche Angelegenheit, und ich bin mit mir selbst nicht recht im reinen. Auch weiß ich, daß ich noch sehr jung bin, und seitdem ich Sie gesehen, kommt es mir vor, als sei ich nur ein Schulknabe und ebenso töricht, wie ich mich früher klug dünkte. Darf ich mit Ihnen darüber sprechen, Mylord? Ja, mein Freund. Aber nicht jetzt, überlegen Sie noch einmal selbst, und sprechen wir dann darüber, wenn ich Ihnen meinen Besuch mache. Nur eines will ich Ihnen sagen. Auch ich stand im Begriff, mich zu verheiraten, als ich einundzwanzig Jahre alt war. Auch mich machte es namenlos unglücklich, daß damals meine Wünsche nicht in Erfüllung gingen. Und dennoch wäre ich das nicht geworden, was ich bin, wenn damals der Priester den Segen über mich und meine Geliebte gesprochen hätte. Und sind Sie zufrieden damit, daß es damals nicht soweit gekommen? fragte Lotario fast ängstlich. Das weiß ich nicht, antwortete der Lord kurz, und der plötzliche Übergang in seinen Mienen zeigte, daß er jetzt von etwas anderem sprechen wolle. Sie haben die schöne Aussicht, die man von hier hat, noch keines Blickes gewürdigt, sagte er dann. Das ist wahr, prächtig! rief Don Lotario, einen Blick durch die breiten Fenster werfend. Und Sie haben tüchtig arbeiten lassen. Es ist eine Freude, das zu sehen! Dort die abgegrenzten Felder. Das ist Reis wahrscheinlich? Und das Getreide! – Was sehe ich? Dort drüben haben Sie sogar Weinreben pflanzen lassen! Eine glückliche Idee! Nun, ich zweifle nicht daran, in zwei Jahren ist das ganze Tal bebaut und Sie haben getan, was ein anderer nicht in zehn Jahren vollendet. Aber was ist denn das? Sie meinen das große Gerüst dort unten? fragte der Lord lächelnd. Nun raten Sie einmal! Sie wollen doch nicht etwa ein Bergwerk anlegen? Ich dachte mir, daß Sie darauf verfallen würden, sagte der Lord. Nein, das nicht. Nun, dann könnte es nur ein Brunnen werden sollen, aber Wasser haben Sie doch die Fülle. Dort drüben ist der Fluß, hier, nicht weit von dem Brunnen, ein Bach mit dem klarsten Wasser! Wie nun, wenn ich warmes Wasser haben wollte? Ah, das ist etwas anderes! rief der Spanier überrascht. Glauben Sie eine warme Quelle entdeckt zu haben? Ich glaube, antwortete der Lord. Ich kann mich indessen irren, denn es ist bereits ziemlich tief gebohrt, ohne daß meine Hoffnung in Erfüllung gegangen wäre. Einzelne Anzeichen ließen mich hoffen, eine warme Quelle zu finden, wie es deren mehrere in diesem Lande gibt. Und weshalb liegt Ihnen daran, eine solche zu finden? fragte der Spanier. Oh, mir persönlich nichts, antwortete der Lord. Es wäre nur eine Wohltat für die leidende Menschheit, wenn es mir gelänge. Ich würde sie den Kranken zur freien Benutzung übergeben. Bravo! rief Don Lotario. Aber wo haben Sie das Holz hergeholt, aus dem diese Gerüste gebaut sind? Auf vierzig Meilen im Umkreise findet man nicht fünf solcher Stämme, wie sie nötig sind, um so starke Balken daraus zu zimmern. Das ist wieder eines von Ihren Wundern und nicht das kleinste. Da mögen Sie recht haben, antwortete der Lord lachend. Der Holzmangel ist eine unangenehme Eigenschaft dieser Gegend. Aber mit Hilfe meines Dampfers kann ich ihn leicht überwinden. Sobald er angekommen war, schickte ich ihn hinauf nach einer amerikanischen Station am Oregon-River, wo bereits zwei Flöße für mich bereit lagen. Er hat sie herunterschleppen müssen, die Küste entlang. Sie sind ein Zauberer, oder Sie stehen mit hilfreichen Geistern im Bunde! Das kann sein, erwiderte der Lord. Aber meine guten Geister sind ein schneller Überblick, Kraft und Tätigkeit. Indessen auch darüber sprechen wir ein andermal mehr. Darf ich hoffen, Sie zu Mittag bei mir zu sehen? Ah, ich danke! rief der Spanier sichtlich erfreut. Doch wann essen Sie? Wann Sie befehlen, sagte der Lord verbindlich. Sie haben einen weiten Weg zurück, nicht wahr? Zwei gute Stunden, wenn ich über die Berge reite, antwortete Lotario. Doch kann ich das nur bei hellem Tageslicht wagen. Des Nachts brauche ich beinahe vier Stunden, und es ist ein langweiliger Weg. Doch darf ich vorher den Brunnen einmal sehen oder vielleicht das Dampfboot? Jawohl, erwiderte der Lord, bereits im Begriff, die Treppe hinabzusteigen, während der Spanier sich anschickte, ihm zu folgen. Im Hofe waren die Arbeiter noch immer eifrig bei ihrer Beschäftigung. Lord Hope schritt durch ihre Reihen hindurch zu einer Pforte, die nicht weit von dem großen steinernen Hause in der Mauer angebracht war. Man mußte, um zu ihr zu gelangen, die eine Seite des Hauses der Länge nach passieren. Don Lotario warf dabei einen flüchtigen Blick auf dieses Haus, das in sehr schönen und regelmäßigen Verhältnissen gebaut war. Plötzlich blieb sein Blick auf einem Fenster haften, und er stand still. Der Lord, der voranging, wandte sich zu ihm zurück und sah dann ebenfalls nach dem Fenster. Wer ist das? fragte Don Lotario zitternd und entsetzt. Ist das ein menschliches Gesicht? Er konnte wohl so fragen. Das Gesicht, das er hinter dem vergitterten Fenster sah, hatte fast nichts Menschliches. Es war nicht blaß, sondern fahl und erdfarben. Die Augen lagen tief in ihren Höhlungen; das Haar war struppig, beinahe borstig. Entsetzlich war vor allem der starre, geisterhafte Ausdruck dieses Gesichtes. Keine menschliche Empfindung lag auf ihm. Es schien der Kopf einer Leiche, eines Gespenstes zu sein. Es ist ein Wahnsinniger, sagte der Lord, und ein leichter Schauder schien über seine Glieder zu fliegen. Ein Wahnsinniger, wiederholte der Spanier, sich schüttelnd. Er hatte den Schauder des Lords bemerkt, er hatte gesehen, daß sogar dieser kalte Mensch tief ergriffen war. Mein Gott, fügte er hinzu, doch nicht ein Verwandter von Ihnen? Vielleicht Ihr Vater? Nein, antwortete der Lord mit einem abermaligen Schauder. Aber vielleicht der Mörder meines Vaters! Der Mörder! rief Don Lotario entsetzt. Und Sie haben den Mörder Ihres Vaters in Ihrem Hause? Der Lord antwortete nicht. Fast zitternd glitt sein Blick von dem Fenster fort und suchte die Erde. Dann senkte er den Kopf und schritt langsam voran, um die Pforte zu öffnen, hinter der ein Fußsteig sich den Felsen hinabschlängelte und zu dem Meerbusen führte. Als die beiden Männer nach anderthalb Stunden denselben Weg zurückkehrten, warf der Spanier abermals einen scheuen Blick auf das Fenster. Das Gesicht war verschwunden. Ob der Lord dorthin geblickt, hatte Don Lotario nicht bemerkt. Er sprach über gleichgültige Dinge. Das Diner erwartete die beiden. Es war nur für zwei Personen serviert worden. Niemals hatte der junge Spanier an einer so reich besetzten Tafel gesessen. Die wenigsten von den Herrlichkeiten, die vor ihm standen, kannte er. Der Lord selbst aß sehr wenig und goß nur wenige Tropfen Wein in das Wasser, das er sich reichen ließ. Don Lotario jedoch hielt eine prächtige Mahlzeit, um so mehr, da sich das Gespräch jetzt ausschließlich um Dinge drehte, bei denen er auch ein Wort mit einfließen lassen konnte. Der Lord verlangte nämlich von ihm Auskunft über verschiedene Verhältnisse Kaliforniens. Halb berauscht von den feurigen Weinen und dem Eindruck, den sein seltener Wirt auf ihn gemacht, erhob sich endlich der junge Mann, um Abschied zu nehmen. Zögern Sie nicht zu lange mit Ihrem Besuche, Mylord, wenn ich Sie bitten darf! sagte er. Sie wissen jetzt, daß es sich dabei für mich noch um eine andere wichtige Angelegenheit, um eine Herzenssache handelt! Dabei reichte er dem Lord die Hand, die dieser flüchtig berührte, und schwang sich auf sein Roß. Einundzwanzig Jahre! flüsterte der Lord, als der junge Spanier munter den Berg hinuntertrabte. So unbefangen war auch ich, so fröhlich und so heiter. Und auch ich glaubte damals, an der Schwelle des Glückes zu stehen. – – – Hm! Was ist das? meinte er, seinen Blick in die Ferne richtend. Siehst du ebenfalls den Zug, Hakey? Jawohl, Herr Graf – Hast du vergessen, daß ich hier nicht Herr Graf, sondern Mylord heiße? unterbrach ihn der Lord in einem so scharfen und strengen Tone, daß der Intendant bestürzt die Augen senkte. Nun also, siehst du den Zug? Jawohl, Mylord, ungefähr dreihundert Personen. Es sind keine Indianer. So scheint es mir auch, sagte der Lord. Wachsamkeit, Herr Intendant! Die Weißen sind hier schlimmer als die Indianer. Doppelte Wachen die Nacht! Das Tor war bereits geöffnet, der Lord sprengte hinein und war nach einer Minute in seinem Hause. Nach einer zweiten Minute stand er oben auf der Sternwarte, durch ein Fernrohr nach jenem Zuge hinüberblickend. Mylord! rief jetzt eine Stimme von unten. Drei von den fremden Männern wünschen Sie zu sprechen. Ich sah sie kommen! sagte der Lord. Führt sie in die Vorhalle und zündet die Lampen an. Er schob sein Fernrohr zusammen, stieg langsam hinab, ging nach seinem Zimmer und blieb dort einige Minuten, wie ein großer Herr, der diejenigen, die ihn sprechen wollen, absichtlich warten läßt. Wenigstens mußte jeder das glauben, der nicht wußte, daß der Lord mittlerweile durch eine geheime Öffnung einen Blick auf die drei Männer geworfen und ihr leises Gespräch belauscht hatte – aber niemand wußte das. Diese drei Personen, die mit einer gewissen herausfordernden Ruhe die Ankunft des Herrn vom Hause erwarteten, fuhren doch ein wenig zusammen, als der Lord die Treppe zum Vorsaal hinunterstieg. Der Robuste machte eine ungelenke Verbeugung, der Alte nahm seinen Hut ab, nur der junge Mann schien seine Fassung am meisten bewahrt zu haben und griff mechanisch an seinen Strohhut. Sie haben nach mir verlangt, meine Herren, sagte der Lord, in einiger Entfernung von ihnen stehenbleibend und in englischer Sprache. Mein Name ist Hope. Was wünschen Sie von mir? Lord Hope also, sagte der älteste, mit einem raschen und schlauen Blicke den Lord musternd. Wer von uns soll sprechen? wandte er sich dann zu seinen Kameraden. Sprich du, Hillow! Das ist nicht meine Sache, ich weiß nicht mit Worten umzugehen, damn ! antwortete der Robuste, der also Hillow hieß. Sprich du doch lieber, Wipky! sagte der junge Mann zu dem ältesten. Es ist ja dein Amt. Ja, für die Brüder! antwortete Wipky mit einem Lächeln aus seinen schmalen Lippen und einem zweiten Seitenblick auf den Lord. Mit einem so seinen Herrn wirst du besser fertig werden, Wolfram! Nun, mir ist's recht, sagte dieser gleichgültig. Also, Mylord, ich trage Ihnen im Namen meiner Brüder den Entschluß vor, den wir gefaßt haben, Sie um eine Lieferung von Nahrungsmitteln zu bitten. Wer sind diese Brüder, wenn ich fragen darf? warf der Lord leicht hin. Wir sind die Heiligen der letzten Tage, antwortete Wolfram. Man nennt uns gewöhnlich Mormonen. Ah so, ich habe davon gehört, sagte der Lord und sah den jungen Mann so gleichgültig an, als wisse er noch immer nicht, um was es sich handle. Sind Sie Willens, unser Anliegen zu erfüllen? fragte der junge Mormone, der seinerseits entschlossen schien, sich durch die Kälte des Lords nicht außer Fassung bringen zu lassen. Einige Scheffel Reis oder Getreide, einige Fässer Wein oder Bier würden uns genügen. Was verlangen Sie dafür? Was ich dafür verlange? wiederholte der Lord beinahe verächtlich. Mein Haus ist kein Wirtshaus. Nun, wir sind Auswanderer, sagte der Mormone beinahe mürrisch. Wir sind vom Wege abgekommen, denn unser Ziel ist das Utah-Gebiet und der Salzsee. Also Sie sind hilfsbedürftig, Sie entbehren der notwendigsten Nahrungsmittel? sagte der Lord. Das gerade nicht, erwiderte Wolfram finster. Wir brauchen einen Zuschuß zu unseren Lebensmitteln, und den sollten Sie uns liefern. Sie können doch nicht mehr verlangen, als daß wir ihn bezahlen! Vielleicht, antwortete der Lord mit der größten Ruhe. Ich verkaufe nichts. Ich brauche meine Vorräte für mich selbst. Gut! sagte Wolfram und schien das Gespräch abbrechen zu wollen. Ihr habt es gehört, Wipky und Hillow! Die beiden, die aufmerksam zugehört hatten – der robuste Hillow etwas verdutzt und der kleine Wipky mit einer sichtbaren Unruhe – sahen jetzt den jungen Mann groß an und schienen nicht zu wissen, was sie sagen sollten. Es war noch die Rede unten von etwas gutem Wein für die Kranken, murmelte Hillow. Ja richtig! sagte Wolfram, sich nachlässig zu dem Lord wendend. Wir haben einige kranke Männer und Frauen in unserem Zuge. Unsere Weinvorräte sind uns ausgegangen. Wollen Sie uns ein Dutzend Flaschen ablassen? Ablassen? rief der Lord zwar ruhig, aber mit einem aufflammenden Blick. Herr, ich habe Ihnen gesagt, daß ich kein Krämer bin. Und nebenbei möchte ich Ihnen raten, andere Manieren gegen mich anzunehmen, wenn Sie nicht zum Hause hinausgeworfen sein wollen. Der junge Mann, der jetzt blutrot geworden war, schien eine gewaltige Anstrengung zu machen, um ruhig zu bleiben. Seine beiden Genossen erwarteten mit sichtbarer Spannung den Ausgang dieses Wortwechsels. Wir sind dreihundert Personen, darunter ungefähr hundertundfünfzig waffenfähige Männer, sagte Wolfram spöttisch. Was hindert uns, Sie hier von diesem Berge zu verjagen, der sehr hübsch liegt, und uns an Ihre Stelle zu setzen, oder Ihnen wenigstens das abzunehmen, was wir brauchen? Was Sie hindert? fragte der Lord, näher an den jungen Mormonen herantretend. Erstens hindert Sie Ihr Pflichtgefühl, wenn Sie ein solches haben. Zweitens aber hindert Sie der traurige Umstand, daß ich gegen dergleichen Angriffe gerüstet bin. Sie und Ihre hundertfünfzig Mann würden sich den Kopf an diesen Mauern zerschellen. Nun ist mein Gespräch mit Ihnen zu Ende, junger Mann. Gehen Sie, wenn Sie nicht wollen, daß ich um Ihretwillen auch Ihre Genossen leiden lasse und ihnen verbiete, auf meinem Grund und Boden zu lagern. Haha, verbieten können Sie es, aber wie es mit der Ausführung stehen würde, das ist die Frage! rief Wolfram lachend. John! Jack! rief der Lord, sich von dem Unverschämten abwendend. Zwei baumstarke Männer standen in demselben Augenblick neben dem Lord. Sie schienen plötzlich aus der Erde hervorgeschossen zu sein. Werft diesen Menschen aus dem Hause und schafft ihn vor das Tor! rief der Lord, auf Wolfram deutend. Im nächsten Augenblick, noch ehe Wolfram daran hatte denken können, sich zu verteidigen, war er bereits ergriffen und aus der Vorhalle verschwunden. Man hörte einen Fluch von ihm – das war alles. Hillow und Wipky waren so bestürzt, daß sie es nicht wagten, ihm zu Hilfe zu kommen. Es wäre auch vergebens gewesen. Nur Hillow zuckte mechanisch nach dem Messer in seinem Gürtel. Vielleicht glaubte er, daß die Reihe auch an ihn kommen werde. Meine Herren, sagte der Lord jetzt beinahe höflich, Sie haben gesehen, wie ich Unverschämte in meinem Hause behandle. Wollen Sie ebenso sprechen, so werden Sie dasselbe Schicksal haben. Sprechen Sie aber vernünftig, so werden Sie mich bereit finden, Ihnen Gehör zu schenken Mylord, nahm jetzt der geschmeidige Wipky das Wort, lassen Sie uns und unsere Brüder nicht entgelten, was der junge Mann getan. Wir sind wirklich in einiger Verlegenheit und gebrauchen die Lebensmittel notwendiger, als Wolfram eingestehen wollte. Seit zwölf Wochen sind wir auf einer mühsamen Wanderung durch Wald und Gebirge. In einem Kampfe mit den Indianern verloren wir viel von unseren Gerätschaften, auch unseren Kompaß. So sind wir weit vom rechten Wege abgeraten und haben nun noch eine Wanderung von drei Wochen vor uns. Wenn Sie also die Gefälligkeit haben wollen, Mylord, uns einen Teil Ihrer Vorräte abzulassen, gleichviel, unter welchen Bedingungen, so werden Sie unserer Gemeinschaft einen großen Gefallen tun. Wir sind bereits stark, Mylord, und es ist nicht zu verachten, zu unseren Freunden zu gehören. Gut! sagte der Lord, der sich wenig um diese gnädige Versicherung zu kümmern schien. Sie werden das Gewünschte erhalten. Sind Sie vielleicht der Führer der Mormonen? Nein, Mylord, unser Führer Fortery ist krank, er kann nicht gehen. Er liegt unten in einem Zelte. Ich bin nur der Schriftführer, mein Name ist Wipky, Dr. Wipky. Dabei machte er eine Verbeugung. Es fiel dem Lord nicht ein, sie zu erwidern. Die Vorräte werden fast mit Ihnen zugleich unten sein, sagte er dann. Adieu, meine Herren! Als die beiden durch das Tor traten, sahen sie Wolfram im Dunkel der Nacht auf einem Steine sitzen. Er stand auf, als die beiden erschienen, und ging langsam, den Kopf trotzig emporgeworfen, voran. Eine halbe Stunde später erschien ein einzelner Mann bei der Wache. Er trug einen dunklen Hut mit breiter Krempe und einen langen Mantel. Die Wache fragte nach seinem Begehr. Führt mich zu eurem Führer, sagte der Mann. Er ist krank. Ich weiß es, aber ich will ihn dennoch sprechen. Ich bin der Lord Hope. Derselbe, der uns die Lebensmittel geschickt hat? Derselbe. Dann passieren Sie frei, Mylord. Das Zelt, auf dem die Fahne steckt, ist das Zelt unseres Führers. Er kam unaufgehalten bis an das große Zelt mit der Fahne. Der Lord trat in das Innere eines Zeltes, das den Umständen nach gut genug eingerichtet war. Ein Mann in mittleren Jahren, mit einem blassen Gesicht und lebhaften, unruhigen Augen lag auf einem Feldbett. Vor ihm stand eine von den Weinflaschen, die der Lord geschickt. Lord Hope blieb beinahe eine Stunde bei dem Führer der Mormonen. Was sie zusammen gesprochen, erfuhr damals niemand. Eine der Frauen jedoch verriet dem Dr. Wipky, sie habe von der Unterredung freilich nichts verstanden, aber gesehen, daß der Lord dem Anführer eine Anzahl Billetts überreicht habe. Das hatte seine Richtigkeit. Der Lord hatte dem Mormonen hunderttausend Dollars in Bankbilletts gegeben und sich darüber eine Bescheinigung ausstellen lassen. Von den Mormonen erfuhr dies aber niemand. Der Führer sagte nur er habe sich tausend Dollars von dem Lord vorschießen lassen. Als Lord Hope das Zelt verließ, stand Wipky vor dem Eingang und suchte in den Mienen des Lords zu lesen. Vergebens! Dieser Mann hatte seine Gesichtszüge zu sehr in seiner Gewalt. Wenn Ihnen etwas daran liegt, Ihren Führer zu behalten – und er scheint ein tüchtiger Mann zu sein – so lassen Sie ihn auf der Reise nicht viel Wasser trinken! sagte der Lord zu Wipky, als sie beide durch das Lager gingen. Für seine Natur taugt Wasser nicht. Geben Sie ihm zuweilen Chinin. Sie sind ein halber Arzt? fragte Wipky, der aufmerksam zuhörte. Ich bin nur Doktor der Theologie. Ich glaube mehr zu wissen als mancher Arzt, warf der Lord hin. Also hören Sie, wenig Wasser und zuweilen Chinin. Dagegen darf er keinen Rhabarber nehmen. Das hat er bis jetzt getan, sagte Wipky, immer noch sehr aufmerksam. Gut, er muß es jetzt lassen. Das würde ihn in vier Wochen töten! Dabei warf er einen flüchtigen Blick auf Wipky, der seinerseits mit einem eigentümlichen Blick vor sich hinsah. Las der Lord in der Seele dieses Menschen? Wahrscheinlich. Sonst hätte er seinen Rat nicht gegeben. Was nötig war, den kranken Führer zu retten, das war viel Wasser und viel Rhabarber. Der Lord schien zu wissen, daß Wipky dem Führer beides in Überfluß geben würde, gerade weil er davon abgeraten. – – Zwei Stunden später stand der Lord in einem Zimmer, das er selbst eingerichtet und das noch niemand außer ihm betreten hatte. Auf den ersten Blick ließ sich die Bestimmung dieses Zimmers erkennen. Es war ein Laboratorium. Der Schmelzofen, Tiegel, Retorten, Gläser, Phiolen, Lampen, hunderte von Büchsen, mit den verschiedenfarbigsten Stoffen angefüllt – nichts fehlte. Ein Tiegel stand über dem rotglühenden Feuer, und in ihm brodelte und sickerte eine gelbliche Masse, auf der sich von Zeit zu Zeit eine schmutzige Schlacke bildete, die der Lord abschöpfte und in ein anderes Gefäß tat. Auf dem Herde lagen einige Klumpen von ähnlicher gelber Masse, zum Teil mit Erde überzogen, zum Teil blitzend, wie ein edles Metall. Der Lord, dessen Wangen von der Glut des Feuers ein wenig gerötet waren, nahm jetzt den Tiegel vom Feuer und goß den Inhalt in eine längliche Form. Dann tat er einen Klumpen in den Tiegel und setzte ihn wieder auf das Feuer, das er zu stärkerer Glut anschürte. Als die Masse in der Form erkaltet war, öffnete er sie und prüfte ihren Inhalt. Hier kann kein Irrtum mehr obwalten! sagte er dann vor sich hin. Es ist Gold, reines Gold! Wirklich reines Gold, Edmund? fragte eine sanfte und wohlklingende Stimme, und eine weiche Hand legte sich auf seine Schulter. Du, Haydee? antwortete er, sich umwendend, ohne überrascht zu sein. Du bist mir nicht böse, daß ich dir gefolgt bin? Als wir in dies Haus eintraten, sagtest du, daß mir alle Türen offen ständen und daß ich dich sprechen könne zu jeder Zeit. Ja, Haydee, das sagte ich, erwiderte der Lord mit einem so sanften Lächeln, wie man es bei ihm fast für unmöglich gehalten hatte. Und ich sage es noch jetzt. Also, Edmund, fuhr sie fort, als du den ganzen Tag, von heute morgen an, dich nicht bei mir sehen ließest – Das ist wahr! unterbrach sie der Lord überrascht. Ich war nicht bei dir. Da dachte ich: du mußt wissen, was ihn beschäftigt und was er treibt, und ich kam zu dir. Ich danke dir, sagte der Lord innig und drückte einen Kuß auf ihre Hand. Ich wäre noch gekommen. Der junge Spanier nahm heute den größten Teil meiner Zeit in Anspruch. Jetzt, Haydee, habe ich dir eine andere Mitteilung zu machen. Du siehst dieses Gold? Ich sehe es, mein Herr und Gebieter! sagte sie lächelnd. Bist du zum Alchimisten geworden? Ich habe dieses Gold nicht gemacht, nicht einmal entdeckt, ich habe es nur an das Licht des Tages gezogen. Der Brunnen also, den du graben ließest, führte dich zu einer goldenen Quelle? Er war nur ein Vorwand. Doch laß dir erzählen. Erinnerst du dich jenes Tages, als wir, mitten in den felsigen Einöden auf unserem Wege von New Orleans hierher, jenen Mann trafen, mehr eine Leiche schon als Mensch? Die Sonne brannte heiß auf den Kalkfelsen, nirgends ein grüner Halm, nirgends eine Quelle, nirgends ein schützendes Gesträuch. Mir bangte um dich, und selbst mein kaltes Blut begann zu sieden in diesem Glutofen. Da hörten wir ein Wimmern hinter einem Stein. Ich sprang vom Wagen, ging nahe hinzu und sah einen Mann, ein Skelett. Sein Auge brannte düster in den Höhlen, seine Haut war zusammengetrocknet wie eine Mumie, man sah seine spitzen Knochen durch die durchsichtige, gelbliche Haut schimmern. Ach, Herr, sagte er, indem er sich bemühte, sich emporzuraffen. Ihr seid ein Bote des Himmels. Gebt mir einen Trunk Wasser. Wasser? erwiderte ich. In dieser Wüste? Wißt Ihr, daß Wasser hier mehr gilt als flüssiges Gold? Ich weiß es, antwortete er und sah mich mit einem unbeschreiblichen Blicke an. Für jeden Trunk Wasser gebe ich einen Eimer flüssigen Goldes. Ich ging und gab ihm einen Becher Wasser, der mit Wein gemischt war. Er nahm ihn, wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm greift, und sog ihn gierig hinunter. Ich ließ ihn dann auf den Wagen tragen und gab ihm eins von meinen Mitteln, in der Hoffnung, daß er noch zu retten sei. Aber nach einer halben Stunde rief er mich. Ich sterbe, sagte er mit verzweifelnder Stimme; ich weiß, daß ich sterbe. Ihr seid der einzige gewesen, der sich meiner angenommen hat, ich will es Euch lohnen, ich will Euch danken, mehr als ein König es könnte. Denn ich bin reicher als die meisten Könige auf dieser Welt, reicher als die Herrscher Indiens. Ein leichter Schauder ergriff mich. Ich glaubte, der Wahnsinn spräche aus ihm. Herr, sagte er dann, das sind die Wege Gottes! Ich bin ein Deutscher, meine Name ist Büchting. Ich hatte Frau und Kind, Amt und Brot; aber der Teufel blendete mich, ich faßte eine wahnsinnige Leidenschaft für meines Bruders Weib und erschlug ihn. Dann entfloh ich über das Meer nach Amerika. Jahrelang lebte ich im Osten, aber ich konnte die Menschen nicht mehr sehen, ich konnte es nicht mehr sehen, wenn Mann und Frau glücklich waren. Mich trieb es in die Öde, in die Einsamkeit. Ich wanderte nach Kalifornien und lebte dort an den Küsten, mir als Arbeiter mein Brot verdienend. Da ließ mich der Zufall einst, als ich ein Loch grub, um einen kleinen Beutel mit Geld darin zu verbergen, etwas entdecken, was mich zum Herrn der Welt machen würde, wenn ich weiter leben könnte. Ich fand Gold, gediegenes Gold. Ich grub weiter, und überall fand ich Gold, reines Gold. Da ergriff mich noch einmal eine wahnsinnige Lust zum Leben. Ich war reicher als Krösus, reicher als die Gebieter dieser Erde. Die Qualen meines Gewissens verstummten vor dem Glanz des Goldes. Ich konnte zurückkehren zu meinem Weibe, meinen Kindern, ich konnte alle glücklich machen. Zugleich aber ergriff mich eine wahnsinnige Angst, daß jemand mein Geheimnis entdecken und mit mir teilen könne. Ich nahm sechs Stücke von meinem Golde, ich wollte nach New Orleans, dort das Gold verkaufen, mich mit allem ausrüsten, dessen ich bedurfte, jenes Stück Land kaufen und dann in Ruhe und Frieden meine Schätze heben. Noch an demselben Tage machte ich mich auf den Weg. Ich kam glücklich bis in diese Wüste. Ich hatte nicht daran gedacht, daß ich sie in einer Jahreszeit durchwandern mußte, in der es hier weder eine Quelle noch einen Menschen gibt. An andere Wanderer hatte ich mich nicht anschließen wollen, weil ich weiß, daß ich im Schlaf spreche, und weil ich fürchtete, mein Geheimnis zu verraten. Vor fünf Tagen schon fühlte ich den Durst und den Hunger in meinen Eingeweiden wühlen. Dennoch schleppte ich mich weiter. Bei jenem Stein endlich, wo Sie mich fanden, blieb ich heute morgen liegen. Meine Kraft war gebrochen. Ich weiß, daß ich sterben muß, sterben als der reichste Mensch dieser Erde. Aber es ist die Rache des Himmels, ich weiß es! Mein Geheimnis darf nicht mit mir sterben. Sie sind mein Retter gewesen, Sie wollten es wenigstens sein. Der Himmel hat Sie zu mir geführt. Gehen Sie nach Kalifornien. Es ist ein Berg dort, der Berg der Wünsche genannt, weil jeder, der auf jenem Berge steht und in das Tal zu seinen Füßen sieht, wünscht, es zu besitzen. Vom östlichsten Punkt des Berges schreiten Sie hundert Schritte nach Norden; dort werden Sie vier Steine finden, gleichsam zufällig dort so hingelegt, daß sie ein Viereck bilden. Zwischen ihnen graben Sie nach, und Sie werden Gold finden, mehr Gold, als irgendein König in seiner Schatzkammer hat. Nur eines versprechen Sie mir: erkundigen Sie sich nach meinem Weibe und meinen Kindern. Leben sie noch, so lassen Sie ihnen einen Teil der Schätze zufließen. Ich habe Papiere bei mir, aus denen Sie ersehen werden, woher ich stamme, und was Sie sonst zur Ausführung meines letzten Willens brauchen. Seine Stimme wurde jetzt unklar, seine Gedanken verwirrten sich, und er brach in Phantasten aus, die jene Schätze zum Gegenstand hatten. Eine Viertelstunde darauf war er tot. Du weißt, daß wir ihn dort begraben ließen, in der Wüste, Haydee. Ein einfacher Stein bezeichnet die Stelle, wo er ruht. Ich kam nach Kalifornien, ich fand den Berg der Wünsche und fand die vier Steine. In der Nacht grub ich nach und fand Gold. Ich grub an anderen Stellen, und überall fand ich Gold. Ich sah ein, daß dieser Mann recht gehabt, daß er reicher geworden wäre als irgendein Mensch in dieser Welt, wenn die Vorsehung es ihm gestattet hätte, diese Schätze zu besitzen. Aber auch ich fürchte die scharfen Augen meiner Leute, und um mich nicht zu verraten, ließ ich jenen Brunnen anlegen. In die innere, hölzerne Bekleidung des Schachtes machte ich heimlich nächtlicherweile eine Öffnung, und von dort arbeitete ich mich hindurch nach jenen unterirdischen Schätzen, die kaum tiefer liegen, als ein Mann hoch ist. Noch hatte ich das Metall nicht geprüft, obgleich ich es beim ersten Anblick für Gold hielt. Erst heute habe ich einige Stücke davon mit mir genommen und sie untersucht. Es ist Gold, reines Gold, und soviel ich ermessen kann, bin ich jetzt zwei-, vielleicht dreimal so reich als früher. Und doch hielt man dich schon bisher für einen der reichsten Männer der Welt! sagte Haydee. Ja, und mit Recht, erwiderte der Lord. Ich habe bereits an einen meiner Bekannten in Deutschland geschrieben, um die Familie jenes Mannes zu ermitteln. Ich muß in kurzer Zeit Nachricht haben. Seinen Papieren nach war er ungefähr fünfzig Jahre alt, und seine Kinder, ein Sohn und eine Tochter, müssen jetzt erwachsen sein. Gelingt es mir, sie zu finden, so will ich ihnen so viel von diesem Golde geben, als gewöhnliche Menschen ertragen können, aber nach und nach, sonst würde dieses Gold sie unglücklich anstatt glücklich machen. Und du selbst, Edmund, du schienst bewegt, als du sahst, daß dieses Gold rein und echt sei. Ja, Haydee, sagte er, ich bin bewegt, und dir will ich es sagen. Du kennst mein Leben, du weißt, was ich erduldet, welche Verbrechen ich zu rächen gehabt habe. Mir, dem ohnmächtigen, unwissenden und verlorenen Menschen, mir gab die Vorsehung Mittel und Wege, aus der Dunkelheit des Kerkers, aus der Nacht meiner Unwissenheit emporzusteigen, mir führte die rächende Nemesis jenen Abbé Faria entgegen, der aus dem armen törichten Edmund Dantes den gewaltigen, alles beherrschenden Grafen Monte Christo schuf. Was ich später geworden bin und getan habe, es war alles mehr oder weniger sein Werk. Und doch hatte ich damals nur einen Gedanken. Die Schätze, die mir der Abbé hinterließ, als er im Kerker starb, sie sollten nur dazu dienen, mich selbst zu rächen, den Tod meines Vaters, den der Hunger in das Grab gedrängt, zu sühnen. Du weißt, was aus jenem Ferdinand geworden, der mich verriet, weil er mir meine Geliebte mißgönnte, der mich verleumdete, wie er deinen armen Vater verraten. Er hat sich selbst den Tod gegeben, nachdem sein Weib und sein Sohn sich von ihm gewandt, ihn seiner Schmach überlassend. Du weißt, wie ich mich an Danglars gerächt, der ihm jenen teuflischen Plan eingegeben, mich als einen Anhänger der Bonapartisten zu verdächtigen. Er ist arm in Rom, nachdem er in Paris einer der reichsten Bankiers gewesen. Seine Gattin hat ihn verlassen, seine Tochter ist ihm entflohen, nachdem sie beinahe die Frau eines Galeerensträflings geworden wäre. Jener Villefort aber, der mich auf ewig in die unterirdischen Kerker des Schlosses d'If werfen lassen wollte, damit ich niemals verraten könne, daß sein Vater ein Anhänger Napoleons gewesen – jener Villefort, nun, du weißt es, er ist jetzt wahnsinnig in unserem Hause, sein Weib, sein Sohn sind tot. Nur Valentine, seine Tochter, ist gerettet, ohne daß er es weiß. Alle meine Feinde, einst emporgestiegen zu den höchsten Ehren, liegen jetzt im Staube. Ich wurde das Werkzeug der Vorsehung. Ich habe triumphiert. Vielleicht, vielleicht bin ich zu weit gegangen. Dann aber werde ich mein Unrecht wieder gutzumachen suchen, ich werde es, ich weiß, daß ich es kann. Nun, Haydee, das alles tat ich, weil ich mir selbst geschworen, das Unrecht, das man mir angetan, zu rächen. Meine Schätze reichten aus für meine persönliche Rache. Aber in den zehn Jahren, in denen ich nach meiner Befreiung aus dem Kerker die Welt durchstrich, während meines Aufenthalts unter jenen Leuten, die sich für die Klügsten und Besten der Erde halten, in Paris, in diesem Brennpunkt der sogenannten zivilisierten Welt, habe ich begriffen und einsehen gelernt, daß es noch ein anders Unrecht zu sühnen gibt als das meine, daß Tausende so elend sind, wie ich war. Nicht, daß ich sie rächen, nicht, daß ich die Ordnung der Welt, wie sie besteht, umwerfen könnte – ich bin nur ein Mensch, kein Gott! Aber ich habe Pflichten gegen die Menschheit, und zuweilen bedünkt es mich, als sei es von mir kleinlich gedacht gewesen, über meinem eigenen Unglück das der anderen zu vergessen, und meine Schätze nur dazu anzuwenden, meine eigenen Pläne auszuführen. Haydee, es muß etwas Neues, etwas anderes in die Welt! Neues Blut in diese alten, zusammengeschrumpften Adern, neues Leben in diesen siechen Körper! Als ich von Europa schied, wußte ich es bereits, und das Herz war mir schwer, denn ich glaubte, meine Kräfte seien zu gering, das auszuführen, was mir damals vorschwebte. Nicht der Zufall führte mich mit jenem Sterbenden zusammen – die Vorsehung war es, die meine schlummernden Gedanken kannte! Jetzt glaube ich, kann ich das tun, was ich damals für zu schwer hielt, wozu meine Mittel nicht ausreichten. Wie ich es ausführen soll, was ich tun muß, um die Schuld an die Menschheit abzutragen, die jeder Mächtige ihr schuldet – noch weiß ich es nicht. Es schwebt mir erst unklar und verworren vor. Aber diese Gedanken werden sich kristallisieren, sie werden eine bestimmte Form annehmen. Haydee, als Graf von Monte Christo rächte ich, was man mir und meinem Vater getan, als Lord Hope will ich meinen Namen zur Wahrheit machen, will ich der Welt die Hoffnung wiedergeben, will ich die Leidenden erfreuen, die Kranken trösten und heilen, die Mutlosen ermuntern, die Schwachen kräftigen. Was der Welt fehlt, das ist die Gerechtigkeit. Ich will versuchen, den Altar wieder aufzurichten, den die Begierden, die Schwäche und der Eigennutz der Menschen umgestürzt – den Altar der irdischen Gerechtigkeit! Möge mir die himmlische gnädig sein und möge sie mich in meinem Beginnen unterstützen! Der Lord schwieg. Haydee war zitternd und blaß vor ihm auf die Knie gesunken. Ein leiser, feiner, klingender Ton erklang an der Decke. Steh auf, Haydee, sagte Lord Hope, das holde Weib zu sich emporziehend. Ali will mich sprechen. Er klopft an meine Tür. Laß uns jetzt die Träume der Zukunft vergessen und an die Wirklichkeit denken. Er zog sie mit sich fort, nicht wie ein Jüngling stürmisch seine Geliebte – wie ein Mann, der es weiß, daß der größte Schatz der Welt an seinem Herzen ruht. Willst du zu mir, Ali? fragte der Lord, als er nach seinem Schlafzimmer zurückgekehrt war. Ein zweites Klopfen bejahte die Frage. Ali konnte nicht anders antworten. Er war stumm. Der Lord öffnete. Ali fragte durch ein Zeichen, ob der Intendant vor dem Herrn erscheinen dürfe. Edmund bejahte es. Es muß etwas Außerordentliches vorgefallen sein. Derartige nächtliche Störungen kamen nur selten vor. In Kalifornien war es das erstemal. Der Intendant, früher Signor Bertuccio, jetzt Master Hakey genannt, erschien. Mylord, sagte er, ein Klopfen am Tor benachrichtigte die Wache, daß jemand draußen sei. Es ist eine Frau, sie sagt, daß sie aus dem Lager der Mormonen komme und Sie dringend zu sprechen wünsche. Führe sie herein, sagte der Lord. Eine weibliche, ganz verhüllte Gestalt trat ein. Lord Hope erkannte auf den ersten Blick dieselbe, die er unten im Lager der Mormonen an dem Feuer gesehen, an dem auch Wolfram saß. Sobald sie diesen erblickte, schlug sie den Schleier zurück und warf sich ihm mit einer hastigen und leidenschaftlichen Gebärde zu Füßen. Mylord! rief sie in englischer Sprache. Was Sie auch über mein Schicksal bestimmen mögen – lebend verlasse ich dieses Schloß nicht. Sie müssen mir hier ein Asyl gewähren, oder ich töte mich! Der Lord behielt äußerlich seine Ruhe, obgleich ihn diese Anrede überraschen mußte. Er schwieg, und sein Blick senkte sich lange und scharf beobachtend auf die Fremde. Ihre Züge waren schön, aber Gram und Kummer hatte in ihnen schärfere Linien gezogen, als es ihre Jugend sonst erlaubt hätte. Ihre Farbe war fast marmorweiß, ihr Auge vom schönsten, reinsten Blau, ihr Haar goldenlockig. Jetzt glänzten ihre Augen im feuchten Glanz hervorquellender Tränen, ihre Lippen zuckten schmerzlich, und ihre gefalteten Hände erhoben sich flehend zu dem Lord. Was er in ihren Augen, in ihren Zügen gelesen hatte – sein Gesicht verriet es nicht. Aber er sagte: Sie sollen mein Haus nicht verlassen, wenn es Ihnen Schutz bieten kann. Stehen Sie auf, Mylady! Der Lord hatte einen Sessel neben sie gerückt. Sie bemerkte ihn jetzt und richtete sich mit der Hand daran empor, als ob sie sehr schwach sei. Dann sank sie auf den Sitz nieder. Ihr Wunsch soll erfüllt werden. Aber er ist seltsam. Sie werden es natürlich finden, daß ich Sie um eine Erklärung bitte. Als ich dieses Schloß sah, als ich von Ihrer Mildtätigkeit hörte, als ich Sie durch das Lager wandeln sah und Gelegenheit hatte, die Kraft und Mäßigung zu beobachten, mit der Sie gegen Wolfram auftraten, den ich jetzt von ganzer Seele verachte – da reifte der Entschluß in mir, zu fliehen, Ihnen mein Schicksal anzuvertrauen. Es war, als sagte mir eine Stimme, daß Sie ein Mittel finden würden, mich aus diesem Elend zu retten. Und sie erzählte ihre Geschichte. – – Sie werden in diesem Hause bleiben, Mademoiselle! sagte der Lord. Ich fürchte weder die Mormonen noch ihre Nachforschungen. Aber zuerst müssen Sie wissen, bei wem Sie sind, Mademoiselle! Oh, ich weiß es, rief die Französin. Bei dem großherzigsten, dem edelmütigsten Manne. Vielleicht irren Sie sich, sagte der Lord mit einem so düstern Gesichte, daß Amelie beinahe erschrak. Vor beinahe dreißig Jahren – doch die Zeit tut nicht viel zur Sache – befand sich in Marseille ein ganz junger Mann, hoffnungsvoll, lebenslustig. Er hatte Glück gehabt. Der Herr seines Schiffes – denn dieser junge Mann war ein Seemann – zufrieden mit seiner Führung, wollte ihn zum Kapitän ernennen. Mehr noch, der junge Mann stand im Begriff, sich zu verheiraten mit einem schönen, jungen Mädchen, das ihn über alles liebte. Es gab einzelne Menschen, die ihn um dieses Glück beneideten. Zu diesen gehörte ein gewisser Danglars, Rechnungsführer auf dem Schiffe, der ihn um die Kapitänsstelle beneidete, und ein gewisser Ferdinand, der Vetter seiner Braut, der das schöne Mädchen selbst liebte und es dem Seemann nicht gönnte. Die beiden verabredeten ein Komplott. Danglars schrieb eine Denunziation, in welcher der junge Mann für einen Agenten der bonapartistischen Partei ausgegeben wurde, Ferdinand übergab die Denunziation an die Behörde. Der junge Seemann wurde in dem Augenblicke verhaftet, in dem er mit seiner Braut, Mercedes hieß sie, zum Altar schreiten wollte. Unglücklicherweise trug er wirklich einen Brief bei sich, der an einen Anhänger Napoleons in Paris gerichtet war, an einen gewissen Noirtier. Er kannte weder den Inhalt noch die Bestimmung dieses Briefes; er erfüllte, indem er seine Besorgung übernahm, nur ein Versprechen, das er seinem sterbenden Kapitän gegeben. Der Staatsanwalt am Gerichtshofe zu Marseille, Herr von Villefort, aus Klugheit ein Anhänger der Bourbonen, schien auch geneigt, dem jungen Manne Glauben zu schenken. Aber jener Noirtier, ein alter und zäher Anhänger Napoleons, war sein Vater. Kam der Brief zu den Akten, so war die Laufbahn des jungen ehrgeizigen Juristen vernichtet. Er zerriß also den Brief, und um jedes Zeugnis davon zu vernichten, daß sein Vater noch immer für Napoleon konspiriere, schickte er den jungen Seemann in die unterirdischen Kerker des Schlosses d'If bei Marseille und befahl, ihn dort für ewig festzuhalten. In der Tat blieb der Unglückliche dort vierzehn Jahre. Er kostete alle Qualen der Verzweiflung, er schwur seinen Feinden Rache. Endlich gelang es ihm, zu fliehen und durch einen Zufall mit fast unermeßlichen Schätzen versehen in der Welt wiederzuerscheinen. Er fand seine Feinde in hohen Ehren. Jener Danglars war ein reicher Bankier, jener Ferdinand war der Gemahl der Mercedes, der einstigen Braut des jungen Seemannes, geworden, nachdem er sich zum General aufgeschwungen und durch den Verrat, den er am Pascha von Janina geübt, Reichtümer gesammelt hatte. Als Graf von Monte Christo trat der junge Seemann damals wieder auf, und es gelang ihm, sich an seinen Feinden zu rächen. Jener Danglars ist jetzt ein Bettler in Rom, der Herr von Villefort ist wahnsinnig, Ferdinand hat sich selbst den Tod gegeben, nachdem Mercedes und sein Sohn Albert ihn verlassen. Mademoiselle – jener Seemann bin ich selbst, jener Ferdinand war der General von Morcerf, Ihr Vater! Amelie, die in banger Spannung gelauscht, stieß einen Schrei aus und verhüllte ihr Gesicht. Es trat eine lange Pause ein. Selbst der Lord schien bewegt zu sein und schritt hastig durch das Zimmer. Mylord! weckte ihn eine sanfte, bittende Stimme. Er sah auf. Vor ihm auf den Knien lag die junge Französin. Mylord! sagte sie mit einem unbeschreiblichen Ausdruck ihrer Züge, in denen sich Schmerz und Hingebung paarten – Mylord, es ist nicht meines Amtes, Richter zu sein über die Ereignisse voller Grausen, die Sie mir mitgeteilt. Ich ahne, ich glaube es, daß mein Vater schuldig war. Sein Herz muß kalt gewesen sein, sonst hätte er meine Mutter nicht verlassen. Aber ich bin seine Tochter, Mylord. Darf ich es versuchen, einen Teil jener entsetzlichen Schuld zu sühnen, die mein Vater auf sich geladen? Bestimmen Sie über mich, Mylord, und wenn Sie glauben, daß ich irgend etwas tun kann, um die Erinnerung an die Schuld meines Vaters in Ihrem Herzen auszulöschen, o so sagen Sie es mir! Sie wollen seine Schuld sühnen? Ja, Mylord. Auch wenn diese Sühne eine schwere ist? Auch dann, Mylord! Wohlan! rief der Lord und sah ihr fest ins Auge – so kehren Sie zu den Mormonen zurück! Oh, mein Gott! rief Amelie erbleichend – das war es – das ist es – das einzige, was ich nicht – Es ist zu schwer, ich dachte es! sagte der Lord ruhig. Amelie sah ihn einen Augenblick lang groß an. Es lag etwas Fremdes, Kaltes in dem Ton seiner Worte. Ich gehe! rief sie entschlossen und stand auf. Ich gehe, Mylord, es wird mir nicht zu schwer sein! Verlangen Sie Gründe, weshalb ich diese Forderung an Sie gestellt habe? fragte der Lord. Nein, erwiderte sie. Ich frage nicht nach Gründen, ich habe es versprochen – ich gehe, und sollte es mein Leben kosten! Noch einen Augenblick, Mademoiselle! rief der Lord, sie zurückhaltend. Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen! Und er ergriff ihre Hand und sah ihr eine Minute lang ernst und innig ins Auge. Amelie, sagte er, ich habe sehr gewichtige Gründe, Sie zu einem solchen Schritt aufzufordern. Ihnen kann ich sie augenblicklich nicht sagen, Sie würden mich auch kaum verstehen. Aber halten Sie mich nicht für einen Tyrannen! Nein, was ich jetzt von Ihnen verlange, ist keine Buße, es ist ein Freundschaftsdienst. Kehren Sie zurück zu den Mormonen, Amelie, aber nicht wie früher, Verzweiflung und Gram im Herzen, sondern voller Mut und Hoffnung. Mein Arm wird über Sie wachen und Sie schützen überall. Weder Wolfram, noch irgendein anderer Mensch wird Ihnen ein Leid antun, wird Sie zu irgend etwas zwingen können. Was auch geschehen möge, wie nahe auch die Gefahr sein möge, vertrauen Sie auf mich! Schon morgen wird Ihnen jemand einen Brief von mir überbringen. Es ist ein Freund. Vertrauen Sie auf ihn unter allen Umständen. Und geben Sie Wolfram noch nicht auf. Vielleicht ist er noch nicht verloren. Seien Sie überhaupt voller Mut und Hoffnung! Die Tochter Morcerfs soll das nicht entgelten, was der Vater getan. Gehen Sie mit Gott, Amelie! Und wenn schwere Stunden kommen, so denken Sie, daß Sie für Ihren Vater leiden, und daß alles, was Sie für mich tun, auch für ihn getan ist! Er reichte ihr noch einmal die Hand. Sie nahm sie ruhig und fest. Nur eines, Mylord: ich willige niemals in eine Heirat mit Wolfram, wenigstens nicht unter den Bedingungen, die die Mormonen stellen. Es wird nicht zum Äußersten kommen! sagte der Lord lächelnd. Ängstigen Sie sich nicht! Die Französin ging. Der Lord begleitete sie selbst bis an das Tor. Am anderen Morgen war das Mormonenlager abgebrochen; der Zug wandte sich nach Norden. – – – – – – Um die Mittagszeit sprengte einige Tage später ein Reiter die Straße herauf, die nach dem Gipfel des Berges führte. Sein Pferd – nicht der »Falke«, sondern ein anderes, fremdes – war mit Schaum bedeckt, der Reiter war ohne Hut, sein Gesicht leichenblaß, sein schönes Haar flatterte im Winde. Er schlug sein ermattetes Pferd mit der flachen Hand, um es zur Eile anzutreiben. Es war Don Lotario. Das Tor öffnete sich vor seinem gellenden Rufe, und eine Minute darauf sank er erschöpft und zitternd in einen Sessel, den ihm der Lord eilig hinschob. Entsetzlich, Mylord! rief er mit versagender Stimme. Gräßlich! Ich bin ein Bettler, ich bin verloren! Was ist, Don Lotario? fragte der Lord ruhig und studierte jede Miene, jede Muskel in dem aufgeregten Gesicht des Spaniers. Was ist Ihnen geschehen? Sie sind ein Bettler, was heißt das? Oh, Mylord, Rache, Rache! rief der junge Mann. Diese Indianer, diese Schurken, diese Hunde! Ah, und Don Ramirez und Donna Rosalba! Oh, die Hölle auf sie alle! Ich werde toll, wahnsinnig! Verflucht! Aber, Don Lotario, wie soll ich das alles verstehen? fragte der Lord und legte die Hand auf die Schulter des jungen Mannes. Es war, als ob ihm diese Berührung einige Erleichterung, einige Ruhe verschaffe. Er atmete weniger heftig, er trocknete sich den Schweiß von der Stirn, er versuchte, seine Gedanken zu sammeln. So hören Sie! sagte er dann. Vorgestern nacht – ich schlief sanft und süß – ich war bei ihr, bei Donna Rosalba gewesen – weckt mich plötzlich heller Feuerschein und ein wildes Getöse. Eine Rotte roter Teufel springt in mein Zimmer, ich bin gebunden, gefesselt, in einem Augenblick. Man schleppt mich fort. Ich schreie wie ein Rasender nach Hilfe, nach Rettung, fordere meine Leute auf, mich zu rächen. Alles vergebens. Man trägt mich weiter, wirft mich auf die Erde und läßt mich liegen. Oh, Mylord, Sie haben keine Ahnung von dem, was in meiner Brust vorging. Da, vor mir lag meine Hacienda, das Erbe meiner Väter, die Stätte, auf der ich so glücklich zu sein hoffte, da schlugen die Flammen prasselnd aus allen Fenstern, da sah ich die roten Teufel überall wüten, wie rasend alles zerstören, plündern, fortschleppen – und ich lag ohnmächtig auf der Erde, mein Wutgeschrei verklang im Prasseln der Flammen, im Dröhnen der einstürzenden Mauern, im Jubelgeheul der Räuber! Alles, alles, Mylord, zerstörten sie. Es war nicht bloß die Absicht dieser Hunde gewesen, mich zu plündern, zu bestehlen – sie wollten mich vernichten, für immer ruinieren. Keinen Stein ließen sie auf den andern, kein Gerät verschonten sie, Pflug, Hacke und Spaten wurden fortgetragen oder ins Feuer geworfen, das Vieh, dessen sie nicht habhaft werden konnten, getötet, die Vorräte, die sie nicht mitnehmen konnten, in den Fluß oder in das Feuer geworfen. Eine Schande! Eine Schande! Und ich sah das alles mit gebundenen Händen und Füßen, und als der Morgen kam, lag meine schöne Hacienda in Trümmern, ich war ein armer, elender, ruinierter Mann, ich hatte nichts gerettet als das nackte Leben, als diese armseligen Kleider! Entsetzlich, sagte der Lord teilnehmend. Und Ihre Leute waren getötet, nicht wahr? Nein, niemand hatte man verletzt, es ist unbegreiflich! rief Don Lotario außer sich. Es ist, als wären diese Teufel nur darauf ausgegangen, mich zu ruinieren. Oh, warum haben sie mir das Leben gelassen, ich hätte es gern geopfert, nur um diese Schande nicht zu kennen. Nein, man hatte niemand verwundet, als einen jungen Burschen, der sich zur Wehr setzte. Es ist nur eine Räuberei gewesen. Meine Leute fanden mich und befreiten mich von meinen Fesseln. Die Indianer waren längst entflohen. Wir hätten sie auch nicht verfolgen können. Alle meine Pferde, meine Ochsen, mein Zugvieh, alles hatten sie mit fortgenommen. Ich war nahe daran, rasend zu werden. Nur der Gedanke an Donna Rosalba hielt mich noch aufrecht, nur an sie dachte ich noch – oh! Er drückte die Hände aufs Herz und stöhnte schmerzlich. Was habe ich noch zu erzählen? rief Don Lotario. Ich kehrte nach meiner zerstörten Hacienda zurück, irrte auf der Brandstätte umher, weinte, verwünschte das Leben, alles – ach, Mylord, ich begreife noch heute nicht, daß ich nicht wahnsinnig geworden bin. Der Abend kam, ich warf mich auf die Erde, ich hatte nicht einmal ein Obdach. Meine Leute waren in der Hacienda des Don Ramirez, aber ich wollte, ich konnte keine Nacht mehr in diesem Hause zubringen. Ich lag auf der Erde im feuchten Tau und erwartete wachend den Morgen. Er kam. Ich schleppte mich zu Don Ramirez. Noch hoffte ich, noch hielt ich es für unmöglich, daß man mich fortjagen könnte wie einen alt gewordenen Hund. Er empfing mich kalt und ruhig, sagte mir, daß Rosalba ein wenig unruhig sei, mir aber viel Glück für die Zukunft wünschen lasse, und daß er mir den Rat gebe, nach Mexiko zu gehen, um dort meine Besitzung zu verkaufen. Im übrigen sei auch er bereit, sie für dreißigtausend Dollars anzunehmen. Jetzt wußte ich genug, Mylord. Aber ich bezwang mich, ich blieb ruhig. Ich fragte ihn nur, ob er mir nicht ein Pferd leihen könne, und er machte mir eins zum Geschenk, das älteste und schlechteste. Ich dachte nur noch an Sie, Mylord. Wir sind nicht lange bekannt, und dennoch war es mir, als müßte ich erst zu Ihnen eilen. Sie sagten mir ja erst jüngst, daß Sie nur mein Bestes im Auge hätten. Und ich spreche heut noch ebenso, Lotario, sagte der Lord, seine Hand abermals auf die Schulter Don Lotarios legend. Sie selbst beklagten sich jüngst darüber, daß Sie in dieser Wildnis leben müßten, daß Sie nichts Rechtes gelernt hätten. Jetzt steht Ihnen die ganze Welt offen, Don Lotario. Ja, aber ich war früher ein selbständiger, ein reicher Mann, und was bin ich jetzt? seufzte Don Lotario. Werden Sie mein Schüler, mein Sohn! sagte der Lord. Ach, rief der junge Mann mit einem tiefen Atemzuge, das wäre noch das einzige, das mich trösten könnte! Also Sie willigen ein? Gut, abgemacht! Werfen Sie die ganze Vergangenheit fort. Denken Sie nicht mehr an Ihr Haciendaleben, in dem so ein junger Mann wie Sie untergehen mußte, denken Sie nicht mehr an diese Donna Rosalba, die Sie unglücklich gemacht hätte. Blicken Sie in die Zukunft. Sie sagen, Sie seien ein armer Mann. Was war Ihr Gut früher wert, Lotario, aber aufrichtig? Viermalhundertundfünfzigtausend Dollars unter Brüdern! sagte der Spanier mit einem Seufzer. Gut, ich gebe Ihnen viermalhunderttausend dafür. Sind Sie zufrieden damit? Mylord, wenn ich nicht wüßte, daß Sie der kaltblütigste Mensch von der Welt wären, so würde ich glauben, daß Sie phantasieren, oder daß Sie mich zum besten haben wollen! rief Don Lotario beinahe erschrocken. Ich bitte Sie, eine Hacienda, die nicht mehr fünfzigtausend wert ist – nein, nimmermehr. Aber es handelt sich ja nur darum, was mir das Grundstück wert ist, sagte der Lord mit der größten Ruhe. Vielleicht habe ich dort Spuren von alten, wertvollen Bergwerken entdeckt. Wirklich? rief der Spanier zweifelnd. Aber nein, nein, Sie wollen mich absichtlich täuschen. Diese Großmut rührt mich tief. Ich werde Ihnen immer dankbar sein. Aber annehmen kann ich sie nicht. Goddam! sagte der Lord. Ich bin durchaus nicht großmütig. Wollen Sie mir den Gefallen tun, mir Ihr Besitztum für viermalhunderttausend Dollars zu verkaufen, oder nicht? Mein Gott, wenn Sie so sprechen, dann muß ich wohl einwilligen! stammelte Don Lotario verwirrt. Also abgemacht! Ich werde Ihnen sogleich den Schuldschein ausstellen, denn ich setze voraus, daß Sie nicht das ganze Geld bar ausgezahlt haben wollen. Indessen, wenn Sie wünschen! Also vielleicht zwanzigtausend Dollars bar? Sie werden ausreichen, für Ihren Unterhalt zu sorgen, bis Sie eine günstige Gelegenheit gefunden haben, Ihr Vermögen zu placieren. Hier sind fürs erste zwanzigtausend Dollars. Ich glaube zu träumen, murmelte Lotario und nahm mechanisch die zwanzig Bankbilletts, jedes zu tausend Dollars, die ihm der Lord reichte. Ist so etwas dagewesen? Ich bin noch ein reicher Mann! Währenddessen schrieb der Lord einige Zeilen auf ein großes Stück Papier. Hier, Don Lotario, sagte er dann, ist ein Scheck über dreimalhundertachtzigtausend Dollars, Die Gebrüder Rothschild in London, Paris und Wien bürgen für die Schuldsumme, die ich hier auf meinen Namen niedergeschrieben habe. Don Lotario starrte einen Augenblick auf die Unterschrift, dann nahm er das Papier, rollte es zusammen und steckte es in die Tasche. Der Lord hatte sich unterdessen neben ihn gesetzt. Das wäre im reinen! sagte er mit einem leichten Lächeln. Dann schlage ich Ihnen vor, zu reisen. Sie müssen die Welt und das Leben kennenlernen. Sie sind zu jung, um müßig zu sein. Sie müssen fremde Länder, andere Gebräuche und Sitten sehen, Erfahrungen einsammeln und sich zu etwas Tüchtigem bilden. Wohl, wohl, das ist mein Wunsch, rief Don Lotario. Und wohin soll ich reisen? Nach New York, nach Paris? Nein, nach Berlin! sagte der Lord ruhig. Nach Berlin? rief Don Lotario und öffnete verwundert die Augen. Caramba, ich kenne diesen Ort kaum dem Namen nach. Ist das nicht die Hauptstadt des – des – Königreichs Preußen! ergänzte der Lord. Ja, dorthin möchte ich Sie schicken. Sie werden zuerst nach New York reisen und sich dort sechs Wochen aufhalten, dann nach Paris, wo Sie ein Vierteljahr bleiben werden, dann nach London, wo Sie sich ebensolange aufhalten können, dann nach Berlin. In Paris und London werden Sie die Zentralpunkte der politischen Welt kennen lernen. In Berlin sollen Sie studieren. Sie können es dort am ruhigsten. Als ich in Indien, in Kalkutta war, lernte ich dort einen jungen deutschen Gelehrten kennen, dem ich eine Gefälligkeit erwies. Wie ich aus den Zeitungen ersehen habe, ist er jetzt Professor, ich hoffe, daß er noch lebt. Er wird in Berlin Ihr Führer sein. Ich werde alles tun, was Sie mir befehlen! Außerdem habe ich in Berlin noch einen anderen Auftrag für Sie, sagte der Lord. Hier, nehmen Sie dieses Papier. Es enthält die Daten, die Ihnen zu wissen notwendig sind. Es handelt sich um eine Familie Büchting, suchen Sie diese ausfindig zu machen. Der Vater ist schon seit längerer Zeit nach Amerika ausgewandert und hat dort eine Frau und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, zurückgelassen. Ich habe zwar einen Agenten in Berlin, aber ich mag ihn mit dieser Angelegenheit nicht behelligen. Ist die Familie arm, so werden Sie ihr von Zeit zu Zeit eine Unterstützung zukommen lassen. Jedenfalls werden Sie mir mitteilen, in welcher Lage sie sich befindet. Das ist Ihre spezielle Aufgabe, die andere kennen Sie. Und hier noch ein Papier. Ich habe da die Grundsätze aufgezeichnet, die, wie ich wünsche, Ihr Leben leiten sollen. Vergessen Sie nicht, täglich einen Blick auf dieses Papier zu werfen. Don Lotario nahm das Papier, als sei es ein Heiligtum, und steckte es zu dem Schuldschein. Jetzt noch eins! Sie werden mit den zwanzigtausend Dollars, wenn Sie sparsam sind, wohl ein oder anderthalb Jahre ausreichen. Ist das nicht der Fall, so brauchen Sie nur mit jenem Scheck zu irgendeinem größeren Bankier zu gehen. Aber, Sie haben noch kein Dokument von mir in Händen, daß die Besitzung jetzt Ihnen gehört! rief Lotario. Das können Sie mir gelegentlich ausstellen, sagte der Lord. Gut! murmelte Don Lotario, aber er schüttelte unwillkürlich den Kopf. Und wann soll ich reisen? Sogleich, noch heute! Sogleich! rief der Spanier erschrocken. Aber, Mylord – Nun? Ich weiß nicht, was Sie hier noch fesseln kann. Die Zerstreuung wird Ihnen gut tun. Aus meiner Garderobe können Sie nehmen, was Ihnen paßt und gutdünkt. Mein Dampfer wird schon geheizt. In einer Stunde dampft er nach New York, um von dort einiges zu holen, dessen ich bedarf. Er legt unterwegs in dem peruanischen Hafen Callao an, dort können Sie Ihre Einkäufe besorgen. Vergessen Sie nicht, ein wenig Seekunde bei dem Steuermann zu studieren. Man kann alles brauchen. Habe ich Briefe an Sie zu senden, so werden Sie diese bei den Gebrüdern Rothschild und in Berlin bei meinem Agenten finden, der sich Ihnen vorstellen wird, sobald Sie dort eingetroffen sind. Also alles in Ordnung? Alles! antwortete Don Lotario. Nach einer Stunde befand er sich auf dem Dampfschiff, das den Meerbusen verließ. Er glaubte immer noch zu träumen. Albert Herrera Adieu, Leutnant Herrera! Auf Wiedersehen! Adieu, Herzensfreund! Mut auf den Weg! Tod den Kabylen! Es lebe Frankreich! So lärmte und schwirrte es durcheinander, und die Gläser streckten sich dem Scheidenden entgegen. Der Wein blinkte, die Sonne lachte, und die Augen der Krieger leuchteten. Und wem galten diese Scheidegrüße? Doch nicht einem Kabylen selbst? Man hätte es beinahe glauben können, denn der, dem alle Hände sich entgegenstreckten, war ein junger Mann im Weißen Burnus, dessen Zipfel bis über den Kopf emporgezogen war, mit einem Gürtel um das Unterkleid, dem gebogenen Yatagan an der Seite und einer langen Beduinenflinte in der Hand. Sein Gesicht war gebräunt, sein Haar und Bart dunkel, sein Auge ernst und sinnend. Aber daß er trotz seiner Tracht ein Sohn Frankreichs war, hatten ja schon die Begrüßungen der Freunde verraten. Der junge Mann dankte allen herzlich; er lächelte zuweilen, aber er blieb ernst. Zuweilen warf er einen gedankenvollen Blick auf das Zelt des Kommandeurs, das hell im Sonnenschein leuchtete und von dem die Farben Frankreichs niederflatterten. Nicht weit von ihm scharrte ein prächtiges Pferd, nach Kabylensitte gezäumt und geschmückt, den gelben Sand mit seinem Hufe. Gleich darauf teilte sich die Gruppe. Die Kameraden sprangen beiseite und bildeten eine Gasse, militärisch grüßend. Ein Offizier höheren Grades kam vom Zelt des Kommandeurs, Er war groß und stattlich und kräftig gebaut, Schnurr- und Knebelbart gaben ihm eine echt martialische Haltung. Es war Oberst Pelissier, damals Kommandeur einer Abteilung der Division von Mostaganem. Auch Albert Herrera nahm sogleich eine militärische Haltung an und erwartete den Kommandeur. Also bereit, mein junger Freund? fragte dieser. Parbleu! Es ist gut, daß wir Ihnen nicht eine Stunde von hier zwischen den Felsen begegnen. Wir würden Sie ohne Zweifel für einen Kabylen halten und kurzen Prozeß mit Ihnen machen. Um so besser. Sie werden selbst die schlauesten Augen täuschen. Und verstehen Sie wirklich die Sprache der Kabylen so vollständig, Leutnant Herrera, daß man Ihnen nicht mißtrauen wird? Ich glaube es, Herr Oberst! erwiderte Albert. Solange ich die Ehre habe, unter den Fahnen meines Vaterlandes gegen die Söhne der Wüste zu kämpfen, habe ich die Sprache unserer Feinde studiert, und ich glaube, ich kenne sie vollkommen. Dann steht Ihrer Abreise nichts mehr entgegen, sagte der Oberst. Mit Gott, Leutnant Herrera! Das Vaterland wird Ihre Dienste nicht vergessen, wenn Sie glücklich zurückkehren! Ich danke Ihnen, Herr Oberst! Aber ich habe noch eine Bitte. Darf ich einige Worte mit Ihnen allein sprechen? Mit Vergnügen! erwiderte Oberst Pelissier und lehrte nach seinem Zelt zurück. Der Leutnant folgte ihm. Herr Oberst, sagte der junge Mann, als die beiden allein waren, ich bedarf eines Mannes, dem ich eine letzte Bitte anvertrauen kann, und wen dürfte ich eher um eine Gunst bitten als meinen Oberst! Ich weiß, daß ich zu einem Unternehmen gehe, von dem ich nur im günstigsten Falle lebend zurückkehren kann. Nicht, daß ich zaghaft wäre, Herr Oberst – ich freue mich über die Gunst, die mir zuteil geworden ist, ich bin stolz auf diese Auszeichnung. Ich wollte Sie nur bitten, im Fall ich nicht lebend zurückkehre, diesen Brief meiner Mutter zu übersenden: Mercedes Herrera in Marseille. Die Adresse steht auf dem Briefe. Und nun noch eines. Ich lege ein Geheimnis in Ihre Hände, Herr Oberst. Mein Name ist nicht Herrera, es ist der Name meiner Mutter. Ich bin der Sohn eines Mannes, den auch Sie gekannt haben, der Sohn eines Mannes, dessen Andenken ich nicht reinigen kann von der Schmach, die auf ihm lastet, der aber einst eine ehrenvolle Stelle in der Welt einnahm, und meine Pflicht ist, den Namen des Toten, der ja rechtlich auch der meine ist, wieder zur Geltung zu bringen. Kehre ich glücklich zurück, Herr Oberst, so vertraue ich darauf, daß Sie mein Geheimnis bewahren werden, denn es ist noch lange nicht meine Absicht, den Namen meines Vaters wieder anzunehmen. Sterbe ich aber für das Vaterland, dann, Herr Oberst, mögen Sie demjenigen, der nach meinem Namen fragt, sagen, daß es der Sohn des unglücklichen Generals von Morcerf gewesen, der seinem Vaterlande diesen Dienst erwiesen. Wie? rief der Oberst erstaunt. Sie wären Albert von Morcerf, der Sohn des Generals? Sie sind, wenn ich mich recht erinnere, als Stellvertreter für einen anderen bei uns eingetreten und haben vom untersten Grade auf gedient! Das alles hat seine Richtigkeit, antwortete Albert traurig, aber mit Ruhe und Würde. Es hat gewiß viele Leute gegeben, die meine Mutter und mich wegen unserer Handlungsweise tadelten. Aber wir konnten nicht anders. Wir konnten ein Erbe nicht behalten, auf dem der Verrat und außerdem noch eine frühere, den meisten unbekannte Schuld ruhte. Meine Mutter verkaufte alles und überließ es den Armen. Ich selbst aber faßte den Entschluß, das, was ich einst würde, nur durch mein eigenes Verdienst zu werden. Selbst der Name meines Vaters sollte mir weder nützlich noch hinderlich sein. Ich nahm den Familiennamen meiner Mutter an. Das Glück ist mir günstiger gewesen, als ich dachte. Ich bin Leutnant. Meine Kameraden lieben mich, meine Vorgesetzten haben mir wiederholt ihr Wohlwollen gezeigt. Gut denn! sagte Oberst Pelissier. Es bleibt dabei. Sterben Sie, was ich nicht annehmen mag, so wird das Vaterland erfahren, welches Blut für Frankreich geflossen. Kommen Sie aber zurück, dann – Dann, Herr Oberst, unterbrach Albert rasch den Kommandeur – dann, ich wiederhole es noch einmal, bin ich nichts, weder für Sie noch für die Welt, als der Leutnant Herrera. Adieu, Herr Oberst, ich danke Ihnen! Adieu, Leutnant Herrera! sagte Pelissier und reichte ihm seine Hand. Und es soll mir lieber sein, unseren alten Freund wiederzusehen, als der Welt den Tod Albert von Morcerfs anzukündigen! Der junge Mann dankte ihm mit einem Blicke und verließ das Zelt. Das Roß stampfte ungeduldiger den sandigen Boden, die Kameraden drängten sich noch einmal dichter heran. Wieder tönten die Abschiedsgrüße, die Wünsche für den glücklichen Erfolg von allen Seiten. Bereits saß Albert Herrera im Sattel. Sein weißer Burnus umhüllte ihn wie eine Wolke. Adieu, Freunde, rief er jetzt. Macht mir Platz! Adieu! Tod den Kabylen! Es lebe Frankreich! Es lebe Frankreich! schallte es donnernd von allen Seiten. Das Pferd bäumte sich stolz, dann stürmte es vorwärts. Albert grüßte mit der Hand. Noch einmal tönte der donnernde Ruf, der Burnus des Reiters flatterte im Winde, dann hüllte ihn eine Sandwolle ein, und nach fünf Minuten war er hinter dem niedrigen Gebüsch verschwunden, das die Ebene bedeckte und sich bis zu den Vorbergen des Atlas hinzog, die bläulich herüberschimmerten. Albert Herrera ritt dem Gebirge zu. Er sollte auskundschaften, wohin sich die Kabylen zurückzogen, er sollte sich allein unter die Tausende verschmitzter und blutdürstiger Feinde wagen. Der Auftrag war so gefährlich, daß fast Tollkühnheit dazu gehörte, ihn anzunehmen. Aber Albert hatte sich freiwillig dazu erboten, als die Rede von einem solchen Kundschafter gewesen war, und der Oberst Pelissier, verwegen und nicht wählerisch in seinen Mitteln, hatte das Anerbieten des jungen, talentvollen Offiziers angenommen. Plötzlich hemmte ein kleiner Fluß seinen Ritt. Albert beschloß, hier ein wenig zu rasten, sein Pferd zu tränken und währenddessen eine geeignete Stelle zum Übersetzen aufzufinden. Aber das war nicht so leicht, als er anfangs vermutete. Die Ufer des Gewässers waren sehr hoch und sehr steil. Irgendwo mochte es wohl einen bequemen Übergang geben, aber Albert konnte ihn nicht entdecken. Er beschloß also, nachdem er eine Viertelstunde vergeblich gesucht, den Fluß hinaufzureiten, bis er eine Stelle fände, an der das Ufer weniger steil und hoch sei. Da bemerkte er auf der anderen Seite einen Reiter. Er war nicht in der Tracht der Kabylen, sondern, wie der Leutnant auf den ersten Blick bemerkte, in der Tracht der Juden von Algier. Auch er ritt am anderen Ufer entlang, wahrscheinlich, um ebenfalls eine Furt zu suchen. Noch hatte der Jude den Franzosen nicht bemerkt. Albert konnte ihn also ungestört beobachten. Schon hier also begann Alberts schwierige Aufgabe. Er war in der Tracht der Kabylen und wollte auch für einen solchen gehalten werden. Der Jude mußte ihm also mißtrauen, und doch hätte er gern erfahren, wo die nächsten Kabylen sich befänden und auf welchen Stamm er treffen müsse. Das hätte ihm seine Aufgabe erleichtert. Jetzt hatte der Jude eine Furt gefunden und ritt dort in das Wasser hinein. Albert war entschlossen, ihm zu begegnen. Erstens wollte er mit dem Juden sprechen und ihn ausforschen, und zweitens wollte er die erste Probe bestehen und sich überzeugen, ob ihn wirklich jeder in seiner Verkleidung für einen Kabylen halte. Scharf sprengte er das Ufer entlang. Der Jude war gerade im Fluß, als er ihn bemerkte, und Albert sah deutlich, wie der arme Israelit erschrak und sein Tier anhielt. Ein Ausweichen war nicht möglich. Heraus aus der Furt oder zurück! rief Albert gebieterisch. Ich muß hinüber! Mach mir Platz! Der Jude trieb sein Maultier an, stieg dann ab und zog es mühsam das diesseitige Ufer hinauf. Woher kommst du? fragte Albert, ihn scharf musternd und die stolze Haltung annehmend, die den Eingeborenen und Mohammedanern den Juden gegenüber eigen ist. Kommst du aus dem Lager der Gläubigen? Ich komme wohl aus dem Gebirge, aber nicht aus dem Lager der Gläubigen. Aber du hast vielleicht gehört, wo Bu Maza ist? fragte Albert. Gib mir Antwort, ich will zu ihm. Der Jude schien doch zu überlegen, ob er mit der Antwort heraus solle. Er befand sich auf einem Gelände, das zwei streitende Parteien trennte. Fragen und Antworten, die einen so berühmten Führer, wie Bu Maza, betrafen, mußten mit Vorsicht aufgenommen und gegeben werden. Ich habe von ihm gehört, antwortete der Jude. Er zog durch die Berge. Und wohin willst du, ungläubiger Hund? rief Albert, Du kommst aus den Bergen und willst die Schlupfwinkel der Gläubigen den Franken verraten! Zeige mir deinen Ferman. Der Jude, der durch großen Kummer niedergedrückt zu sein schien, zog langsam und traurig ein Stück Papier aus der Tasche, das mit arabischen Schriftzeichen bemalt war. Es war von einem der Stellvertreter Abd el Kaders ausgefertigt, und schon nach der ersten Zeile wurde der Leutnant aufmerksamer, denn er kannte die Namen des Besitzers. Der Paß lautete auf Eli Baruch Manasse, Kaufmann aus Oran, der in das Gebirge reisen wollte, um dort seine Tochter aufzusuchen. Eli Baruch Manasse, das wußte Albert von Oran her, war der reichste Kaufmann jener Stadt, und seine einzige Tochter war wegen ihrer Schönheit berühmt. Der junge Offizier befand sich also keiner ganz gewöhnlichen Persönlichkeit gegenüber. Er hatte auch davon gehört, daß der Jude ein Freund der Franzosen sei. Die meisten Offiziere kannten ihn, schon wegen der Geldverbindungen, die sie mit ihm hatten. Eli Baruch Manasse? sagte Albert und runzelte die Stirn. Du bist ein Freund der Franken, wie ich weiß. Mehr noch ein Freund der Gläubigen, antwortete der Jude schüchtern. Obwohl Gott mir gnädig sein würde, wenn ich es mit den Franken hielte, denn die Gläubigen haben mir viel Leids getan. Was willst du damit sagen, Giaur? herrschte ihn Albert an. Was bedeuten diese verräterischen Worte? So Gott mir soll gnädig sein, ich bin kein Verräter! rief der Jude. Aber ich bin ein armer, elender Mensch, dem sie haben genommen und gestohlen sein Kind, wider alles Recht und Gesetz! Mein armes, liebes Kind, meine Judith! Schön war sie, wie eine Tochter Zions, und klug, wie die Königin von Saba! Ich bin ein armer, geschlagener Mann! Die Tränen stürzten ihm aus den Augen. Dieser Ausbruch des Schmerzes war kein erkünstelter. Er zerraufte verzweifelnd seinen grauen Bart, und die Tränen stürzten ihm in Strömen aus den Augen. Und nun willst du zu den Franken gehen? fragte Albert finster. Du willst ihnen verraten, wo die Gläubigen sind, und willst sie bitten, daß sie dir zu deiner Tochter verhelfen, nicht wahr, Giaur? Ich weiß nicht, was ich tue! rief der Jude verzweifelnd. Aber ich werde das Unrecht und die Gewalt ausschreien in alle Welt, und wer mir wiedergibt meine Tochter, dem werde ich dienen wie ein Sklav', wie ein Hund – ob es nun ist ein Franke, ein Gläubiger oder ein Jude! Höre, Giaur, sagte Albert, ich will hinüber zu den Gläubigen. Finde ich den, der deine Tochter geraubt hat, so werde ich ihm sagen, daß er unrecht getan, denn ein Gläubiger soll sich nicht wegwerfen mit der Tochter eines ungläubigen Hundes. Auch Abd el Kader und Bu Maza, wenn sie das hören, werden es nicht billigen. Der Jude schüttelte traurig den Kopf. Das schien ihm ein schwacher Trost, und unwillkürlich wandte er seinen Blick nach Norden, als ob er von den Franzosen bessere Hilfe erwarte. Albert überlegte. Haben Sie das Ereignis schon den französischen Kommandeuren mitgeteilt? fragte er dann plötzlich in seiner Muttersprache. Der Jude fuhr zusammen, als er die französischen Worte hörte, und warf einen erschreckten Blick auf den jungen Mann. Noch nicht? Gut denn, sagte Albert. Gehen Sie zum Obersten Pelissier und bleiben Sie ruhig acht Tage bei ihm. Warten Sie das weitere ab. Wenn es möglich ist, Ihre Tochter zu retten, so wird es geschehen. Und nun sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie die Kabylen getroffen, ich erspare mir vielleicht einen Umweg. Gottes Wunder! rief der Jude ganz außer sich. Der Herr ist ein Franzose? Was ich bin, kann Ihnen jetzt gleichgültig sein, erwiderte Albert kurz. Wo also sind die Kabylen? Kennen Sie die Berge der Dahre? Wissen Sie, wo sie liegen? fragte der Jude. Ungefähr ja, antwortete Albert. Also dort? Gut, ich werde meinen Weg dorthin nehmen. Und nun, Freund, kein Aufhebens weiter. Reiten Sie unverzüglich nach dem Lager und bleiben Sie dort. Sagen Sie niemand weiter, daß Sie mich getroffen, als dem Oberst Pelissier. Und noch eins! Sie haben mich für einen Kabylen gehalten, nicht wahr? Sie würden es selbst jetzt noch glauben? So Gott mir soll helfen, ja! rief Manasse. Ich glaubte, ich hätte einen von diesen Hunden vor mir. Adieu denn! rief Albert, und den Juden voller Erstaunen zurücklassend, ritt er durch die Furt. Die Sonne stand schon tief. Albert war bereits im Lager der Kabylen. Die Wachen hatten ihn angehalten und vor einen Führer gebracht, mit dem er bereits eine längere Unterredung gehabt. Er kam angeblich als ein Abgesandter jenes Beys Achmet, der Konstantine tapfer gegen die Franzosen verteidigt und sich dann, wie es hieß, nach dem Süden, nach Biled ul Dscherid. dem Dattellande, am Rande der Wüste Sahara, zurückgezogen hatte. Man glaubte ihn längst gestorben, vielleicht war er auch schon tot. Um so willkommener mußte den bedrängten Kabylen die Nachricht sein, daß der tapfere Vorkämpfer des Islam noch lebe und sich entschlossen habe, wieder auf dem Kampfplatze aufzutreten und den Gläubigen eine Schar frischer Truppen zuzuführen. Wenn es Albert glückte, die Rolle eines Abgesandten Achmet Beys aufrecht zu erhalten – und es schien so – dann war der schwierigste Teil seines Unternehmens gelöst, und er durfte hoffen, sich so lange bei den Kabylen aufhalten zu können, bis er ihre geheimen Schlupfwinkel ausgekundschaftet. Albert, der sich für einen Verwandten Achmet Beys ausgab, erhielt nun drei Diener angewiesen, die für ihn und sein Roß sorgen sollten. Ein eigenes Zelt wurde für ihn aufgeschlagen. Am Abend des folgenden Tages erwartete man Bu Maza. Mit diesem sollte Albert sprechen und dann zu Achmet zurückkehren, um ihm zu melden, daß man den Bey erwarte. Zufrieden mit dem bisherigen Verlaufe der Dinge, streckte sich der junge Offizier auf das Löwenfell nieder, das ihm zum Lager diente, und bald versank er in Träumerei. Als er am anderen Morgen erwachte und den Kopf aus seinem niedrigen Zelt hervorstreckte, sah er nicht ohne Verwunderung, daß seine Lage sich verändert zu haben schien. Drei Kabylen, mit ihren langen Flinten im Arm, kauerten vor seinem Zelt, die anderen standen in Gruppen beisammen und flüsterten miteinander. Es schien eine gewisse Aufregung im Lager zu herrschen. Albert dachte an die Nähe oder an einen Angriff der Franzosen. Aber als er den Kopf weiter hinaussteckte, hoben seine drei Wächter zu gleicher Zeit ihre Flinten und legten sie drohend auf ihn an, daß Albert schnell seinen Kopf zurückzog. Eine Ehrenwache war das also nicht. Nach einiger Zeit sah er abermals aus dem Zelte. Dieses Mal erhoben sich die Flinten der Kabylen nicht, und Albert verließ das Zelt mit der größten Ruhe und Würde. Er richtete seine Schritte nach dem Zelt des Scheiks. Vorgefallen mußte etwas sein. Die Kabylen wichen ihm aus, warfen mißtrauische und forschende Blicke auf ihn, flüsterten untereinander und folgten ihm gruppenweise nach dem Zelt des Scheiks. Gerade als Albert anfragen lassen wollte, ob er vor dem Scheik erscheinen dürfe, trat dieser aus dem Zelt. Du hast uns betrogen, du Hund! sagte er mit erhobener Stimme. Allah strafe dich! Wen meinst du? fragte Albert ruhig und sah sich um, als ob vielleicht jemand hinter ihm stände, an den diese Worte gerichtet wären. Wen soll Allahs Rache treffen? Dich! rief der Scheik. Du hast uns betrogen. Du bist ein Franke, ein Giaur, ein Hund, nicht der Abgesandte Achmet Beys. Das ist zu viel! rief Albert und wandte sich ab von dem Scheik. Ich werde zurückkehren zu Achmet Bey, ich werde ihm sagen, daß die Gläubigen seinen Abgesandten als einen Giaur behandelt haben, und er wird dann überlegen, ob er denen seine Hilfe sendet, die ihn in der Person seines Gesandten beschimpft haben. Du bist ein schlauer und verstockter Lügner! Aber Allah hat uns ein Mittel gegeben, deine Lügen zu entlarven. Bald wird dein Blut die Felsen der Dahra röten. Kennst du diesen Mann? Und er zeigte auf das Zelt, an dessen Eingang ein blasses, gelbes Gesicht mit einem grauschwarzen Bart sichtbar war. Albert erkannte auf den ersten Augenblick die ängstlichen erschreckten Züge des Juden von Oran. Das also war es! Das Blut des jungen Mannes wallte heftig nach seinem Herzen. Also dieser Jude hatte ihn verraten. Der Mann, dem er versprochen, sein Kind zu befreien, wenn es möglich sei – dieser Mann war in das Lager der Kabylen zurückgekehrt, um dort zu melden, daß der Fremde ein Franke sei. Welchen Mann? fragte er. Den dort im Zelt? Ich traf diesen Menschen an der Furt eines Flusses, und er erzählte mir eine Geschichte von seiner geraubten Tochter. Ich war vom Wege abgekommen, und da er mir sagte, daß er wisse, wo die Gläubigen seien, so fragte ich ihn nach dem Wege. Ich hielt ihn anfangs für einen Spion, und ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn ich sage, daß er in das Lager der Franken wollte. Und du hast ihm nicht gesagt, daß du ein Franke seiest? Du hast ihm keine Hilfe versprochen? fragte der Scheik. Nein! antwortete Albert ruhig. Wie hätte ich das sagen können, da ich ein Gläubiger bin und mich nicht mehr um seine Tochter kümmere als um eine Hündin. Ist dieser Giaur gekommen, um mich zu verleumden, so soll er im Lager bleiben, bis ihr Boten an Achmet Bey gesendet habt, und wenn sie zurückgekehrt sind und euch sagen, daß ich die Wahrheit gesprochen, so werde ich diesem Giaur mit eigener Hand den Kopf vom Rumpfe trennen! Wir werden warten, bis Bu Maza kommt! sagte der Scheik weniger hart. Er mag entscheiden, ob es der Mühe lohnt, zu Achmet Bey zu schicken und die Wahrheit deiner Worte zu erforschen. Bis dahin bleibst du in unserem Lager, und wehe dir, wenn du Miene machst, es zu verlassen. Langsam wandelte er durch das ganze Lager, überschaute alle Stellungen, prägte die einzelnen Örtlichkeiten seinem Gedächtnisse genau ein und kehrte dann nach seinem Zelte zurück. Die Wachen waren von dort entfernt worden, und man brachte Albert das Beste, was das Lager nur bieten konnte: Reis und Fleisch, Datteln, Feigen, Honig – aber er war doch ein Gefangener, seine Aufgabe war gescheitert. Es war am Nachmittag desselben Tages. Albert hatte Tabak und Pfeife verlangt, man hatte sie ihm gebracht. Er rauchte, die Ankunft Bu Mazas erwartend, die für den Abend verkündet war. Von Zeit zu Zeit sah er durch ein kleines Loch in der Leinwand des Zeltes hinaus auf das Lager. Jetzt bemerkte Albert dort eine ungewöhnliche Bewegung. Die Kabylen rannten hin und her. War Bu Maza gekommen, oder hatte sich etwas anderes ereignet? Albert stand auf und verließ das Zelt. Schon sah er, wie die Weiber sich ordneten, wie die Maultiere herbeigeführt und bepackt wurden. Wollte man das Lager abbrechen? und weshalb? Da unterschied das geübte Ohr des Leutnants Flintenschüsse in weiter Ferne. Sie waren nur spärlich, vielleicht trieb auch nur der Wind den Schall von einzelnen Schüssen herüber. Die Franzosen mußten in der Nähe sein. Sollte Oberst Pelissier schon jetzt einen Angriff wagen? Sollte er Nachrichten über den Aufenthalt der Kabylen erhalten haben? Es konnte auch ein anderes Korps sein. Unterdessen wurde das Lager mit rasender Schnelle abgebrochen. Nach einer Viertelstunde war der ganze Kabylenstamm zum Abmarsch gerüstet. Auch Albert hatte sein Pferd erhalten. Es war ihm bedeutet worden, sich in der Nähe des Scheiks zu halten, und er tat es. Dort hörte er aus einzelnen Äußerungen, daß die Franzosen gegen das Gebirge anrückten, wahrscheinlich, weil sie die Lagerstelle der Kabylen kannten. Sie mußten stark sein, denn die Kabylen fühlten sich nicht aufgelegt, den Kampf aufzunehmen. Drei Stunden dauerte der Marsch, man befand sich in dem wildesten Teil des Gebirges. Der Zug bewegte sich in eine Schlucht hinab, und Albert sah zu seiner Verwunderung den vorderen Teil des Zuges in einer Art von Felsentor verschwinden. Bald erriet er jedoch das Geheimnis. Die Felsen bildeten hier eine mächtige Grotte, die Hunderte von Menschen fassen konnte und die so abgelegen lag, daß nur ein eingeweihter Führer sie zu finden vermochte. Albert hatte bereits gehört, daß solche Grotten sich in der Dahra befänden, aber er hatte nicht geglaubt, daß sie so geräumig seien. Die Höhle bildete ein riesiges Gewölbe, so breit und lang wie das Innere eines majestätischen Domes, nur nicht so hoch. Einzelne Fortsetzungen schienen sich sogar noch tiefer in das Innere des Gebirges hineinzuziehen und sich dort zu verzweigen. In der Höhle hatte man Fackeln und Feuer angezündet, denn es herrschte eine vollkommene Dunkelheit darin, schon deshalb, weil auch draußen bereits finstere Nacht war. Alles bereitete sich zur nächtlichen Ruhe vor, und Albert folgte dem Beispiel der Kabylen, die sich fester in ihre Burnusse wickelten und auf die Erde legten. Einmal in der Nacht wachte Albert auf und hörte, wie ein Kabyle mit dem Scheik sprach und ihm die Nachricht brachte, daß man noch immer einzelne Schüsse gehört habe. Dann schlief er wieder ein, wachte jedoch abermals auf, als das erste Licht des grauenden Morgens durch die Öffnung der Grotte hereinschimmerte. Er war ganz munter und richtete sich auf. Sonderbar! War es eine Täuschung seiner Sinne, war es Wirklichkeit? – er hörte die französischen Signalhörner in der Ferne tönen. Es kostete ihm Mühe, nicht aufzuspringen, er mußte an sich halten. Jetzt hörte er dieselben Töne – es war Wirklichkeit, die Franzosen mußten in der Nähe sein. Er legte sich wieder auf die Erde, aber er horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Bald wurde es auch unter den Kabylen rege, Boten stürzten zum Scheik, die nächtliche Stille in der Grotte machte einer geräuschvollen Unruhe Platz. Der Scheik erhob sich und ging nach dem Ausgang der Grotte. Die Signalhörner der Franzosen ertönten immer näher. Dazwischen fiel hin und wieder ein Schutz. Die Kabylen schienen bestürzt zu sein. Albert hörte ein lautes Durcheinandersprechen. Er vernahm daraus, daß sich auf allen Anhöhen Franzosen zeigten, wie es schien, in bedeutender Anzahl. Auch ihnen mußte die Grotte bekannt sein, denn ihre Operationen deuteten darauf hin, daß sie diese umzingeln wollten. Ein französischer Parlamentär verlangte jetzt die Ergebung sämtlicher Kabylen, die in der Grotte versammelt waren. Die Bedingungen waren annehmbar. Die Hälfte der Männer sollte als Kriegsgefangene bei den Franzosen bleiben, die andere Hälfte mit den Frauen und Kindern ohne Waffen abziehen. Der Scheik ließ jedoch antworten, er könne auf diese Bedingungen nicht eingehen. Er verlangte für alle freien Abzug, nur die Hälfte der Männer sollte die Waffen niederlegen. Anderenfalls sei er entschlossen, sich bis aufs äußerste zu verteidigen. Der französische Kommandeur mochte die Wahrheit dieser Behauptung prüfen wollen, denn zehn Minuten später erschienen die Köpfe der Zuaven am Eingange der Höhle, und Flintenschüsse knatterten. Jetzt hielt der junge Offizier den Zeitpunkt für gekommen, in dem er an seine eigene Rettung denken müsse. Während die Kabylen Vorbereitungen trafen, dem Angriff der Franzosen zu begegnen, suchte er sich dem Ausgange der Höhle zu nähern. Er wußte noch nicht bestimmt, was er tun wollte. Ohne weiteres und auf gut Glück hinauseilen konnte er nicht, denn seine Kameraden mußten ihn für einen Araber halten, und es war tausend gegen eins zu wetten, daß ihn eine Kugel traf, ehe er noch ein Wort hatte sprechen können. Aber vielleicht konnte er sich gefangennehmen lassen, wenn die Franzosen tiefer eindrangen. Unterdessen hatten die Kabylen sehr schlaue Maßregeln getroffen, dieses Eindringen aufzuhalten. Sie blieben in der Dunkelheit und errichteten dort Bollwerke zu beiden Seiten der Höhle, so daß die Mitte ganz frei blieb. Denn es ließ sich erwarten, daß die Franzosen vorzüglich nach der Mitte feuern würden. Wenn der Kampf ernstlich wurde, so mußte er entsetzlich werden, das sah Albert ein. Die Kabylen hatten den großen Vorteil, die Gestalten der Franzosen zwar nur in schwarzen Umrissen, aber doch ganz deutlich am Ausgange der Höhle zu sehen, während sich den Franzosen keine andere Zielscheibe bot, als die gähnende Dunkelheit der Grotte. Aber wenn es selbst den Kameraden Alberts gelang, den Eingang der Höhle zu forcieren – was enorme Opfer erforderte – so stand nur eine noch gräßlichere Fortsetzung des Kampfes bevor, denn das Handgemenge mußte in einer vollkommenen Dunkelheit geführt werden. Die Kabylen hatten schon jetzt fast alle Fackeln ausgelöscht. Unruhig und nicht ohne Bangigkeit erwartete Albert den Beginn des Kampfes. Der Scheik hielt sich im Vorderteil der Grotte auf und gab seine Befehle. Albert, der eine Zeitlang ganz dicht bei ihm war, hörte ihn leise zu einem Gefährten sagen, daß im Notfall noch ein, allerdings nur für Einzelne gangbarer Ausgang aus der Höhle ihm bekannt sei. Dann schlüpfte der junge Offizier weiter nach vorn. Er wollte jetzt nicht vom Scheik bemerkt und in das Innere zurückgewiesen werden. Nun entspann sich das Gefecht. Die Kugeln der Zuaven pfiffen durch die Höhle und schlugen gegen deren Wände. Die Kabylen antworteten. Der enge, geschlossene Raum ließ jeden einzelnen Schuß wie einen Donner des Jüngsten Gerichts ertönen. Die Höhle schien zusammenbrechen zu wollen. Noch waren die Schüsse einzeln, die Zuaven wagten sich nicht recht vor. Sie mochten wissen, daß ihre Körper treffliche Zielscheiben boten, und in der Tat, wo nur ein Franzose auftauchte, streckten ihn die Kugeln der Kabylen zu Boden. Albert sah mit Betrübnis die vergeblichen Bemühungen der Zuaven, sich irgend eine Schutzwehr zu verschaffen. Zuletzt erschien eine ganze Kompagnie Franzosen. Man schien zu der richtigen Einsicht gekommen zu sein, daß einzelne Tirailieurs hier nichts ausrichten könnten. Die Franzosen stürmten in die Höhle hinein. Der Kampf wurde lebhafter, allgemeiner. Jetzt nahm Albert seine ganze Besonnenheit zusammen, jetzt war die Möglichkeit einer Flucht vorhanden. Er nahm eine Flinte, die er auf der Erde fand, und mischte sich in die vorderen Reihen der Kabylen. Ein Hagel von Kugeln prasselte an die Wände der Höhle, eine Salve der Kabylen antwortete. Zurück! rief eine Stimme neben ihm. Du hast hier vorn nichts zu suchen. Zurück! Es war der Scheik. Albert blieb stehen. Er mußte fürchten, von den Kabylen erschossen zu werden, wenn er noch einen Schritt vorwärts tat. Darf ich nicht kämpfen gegen die Giaurs wie die anderen Gläubigen? fragte er ruhig. Nein! antwortete bei Scheik kurz und bestimmt. Wir dürfen dir nicht trauen, du bist ein Gefangener. Die Aussicht zur Flucht war für den jungen Franzosen verloren. Vielleicht zu seinem Glücke. Denn schon sah er die Franzosen sich zurückziehen. Dreiviertel von ihnen bedeckten getötet oder verwundet den Boden am Eingang zur Höhle, Es war unmöglich gewesen, den Eingang zu forcieren. Die Hörner bliesen zum Rückzug. Fünf Minuten darauf erschien abermals ein Parlamentär. Albert erwartete ebenso wie die Kabylen, daß der französische Kommandeur günstigere Bedingungen stellen würde. Er irrte. Der Scheik der Kabylen sollte sich den Franzosen überliefern, so lautete die Aufforderung. Mit ihm sollten drei Viertel der Männer sich als Kriegsgefangene ergeben. Geschähe das nicht im Laufe einer Viertelstunde, so hätten die Kabylen sich auf das äußerste gefaßt zu machen. Diese Aufforderung wurde, wie Albert voraussah, von den Kabylen mit Hohnlachen aufgenommen. Der Scheik ließ zurückantworten, daß er bei seinen früheren Bedingungen verharre. Zu seiner Umgebung äußerte er, daß Bu Maza jetzt bald zum Entsatz kommen müsse. Abermals verging eine Viertelstunde, diesmal im tiefsten Schweigen. Die Kabylen, die einen wiederholten Angriff erwarteten, verbarrikadierten jetzt den ganzen Eingang der Höhle. Dann sah man einzelne Zuaven am Eingang erscheinen. Sie trugen große Reisigbündel vor sich, zum Schutz, wie Albert glaubte. Ihre Zahl vermehrte sich in einer Minute auf mehr als dreißig. Plötzlich brannten die Bündel, welche die Zuaven trugen, und diese schleuderten ihre Last so weit sie konnten in die Höhle hinein. Eine feurige Masse bedeckte den ganzen Boden am Eingang der Grotte. In den Bündeln schien sich Pulver zu befinden. Es flackerte hell auf. Man sah nicht mehr das Tageslicht, sondern nur eine Rauchwolke. Ein entsetzlicher, allgemeiner Schrei dröhnte durch die ganze Höhle, deren Felsenwände davon erbebten. Wie ein Blitz fuhr Albert die Erinnerung durch den Kopf, daß er den Oberst Pelissier einst davon hatte sprechen hören, er wolle einmal ein ganzes Kabylennest ausräuchern, wenn er es in einer Grotte beisammen fände. Gerechter Gott! Der Oberst machte sein Versprechen zur Wahrheit. Die Kabylen waren verloren und Albert mit ihnen! Wer beschreibt das entsetzliche Geschrei, das durch die ganze Höhle ertönte, wer schildert dieses Geheul der Angst, der Verzweiflung, diese Verwirrung, diese Betäubung! Heller flackerte das Feuer auf, immer neue Bündel flogen in die flammende Mauer am Eingang der Höhle, ein erstickender Qualm drängte sich langsam in das Innere, zuerst an der Decke fortziehend, dann sich tiefer senkend. Albert verlor auf einen Augenblick seine Geistesgegenwart. Auf einen solchen Tod war er nicht vorbereitet gewesen! Da erinnerte er sich dessen, was der Scheik über einen zweiten Ausgang gesagt. Inmitten des wütenden Jammergeschreies, das wie das Geheul des erzürnten Meeres rings um ihn tobte, suchte er den Scheik. Es war ein großer Mann. Er glaubte ihn zu sehen, wie er nach dem Hintergrunde der Grotte eilte, und nur noch an seine eigene Rettung denkend, alles niederstoßend, was ihm in den Weg kam, folgte er dem Scheik. Schon umwirbelte ihn ein entsetzlicher Dampf, schon erstarb der letzte Schein von Licht in dieser unheimlichen Unterwelt, er fühlte, daß er über menschliche Körper dahinschritt, er hörte wildes, entsetzliches Geschrei rings um sich her – aber noch sah er den Scheik, noch war er dicht bei ihm, noch flatterte das weiße Gewand des Führers, um den sich einige andere Kabylen geschart hatten, dicht vor ihm her. Was dann mit ihm geschehen, dessen konnte sich Albert nur mit der grüßten Mühe erinnern, und auch nur wie eines wüsten, schrecklichen Traumes. Er erinnerte sich, daß er geglaubt, in der Hölle zu sein, daß er mit Kabylen und Kabylenweibern gekämpft, die in der Raserei des Todeskampfes einander zerfleischten, daß ein erstickender Qualm ihm die Kehle zugeschnürt, und daß er endlich in einen engeren schmalen Gang gekommen, in dem eine vollständige Dunkelheit geherrscht. Nur noch wie aus weiter Ferne war das Geräusch von Schritten und Stimmen vor ihm an sein Ohr gedrungen und hatte ihm eine Weisung gegeben, wohin er sich zu wenden habe, überall hin hatte ihn der Dampf verfolgt, bis er endlich ein schwaches Licht über sich und ein paar Ohnmächtige neben sich gesehen. Dann war auch er besinnungslos, auf den Tod erschöpft, niedergesunken. Aber für einen ohnmächtigen Krieger gibt es kein besseres Belebungsmittel als den Donner von Schüssen, und Albert hörte diesen Donner nicht weit von sich. Er schlug die Augen auf, er stützte sich auf seinen Arm. Jetzt erst sah er, wo er sich befand. Er war auf der Spitze des Felsens, in dessen Innerem sich die Grotte befand, die für die Kabylen so verhängnisvoll geworden war. Neben ihm lagen der Scheik und drei andere Kabylen, ebenfalls bis auf den Tod erschöpft. In nicht zu weiter Entfernung hielt eine Schar von Arabern kampfbereit auf ihren Pferden. Weiterhin war eine andere beträchtliche Zahl von Reitern und Kabylen zu Fuß mit den Franzosen im hitzigen Gefecht. Albert sollte bald Aufklärung darüber erhalten. Der Scheik seufzte tief auf. Wäre Bu Maza eine Viertelstunde früher gekommen, so wäre das Unglück vereitelt worden! sagte er dann. Aber Allah ist groß und Mohammed sein Prophet. Es sollte so sein! Fügen wir uns in Demut! Es war also Bu Mazas Schar, die um wenige Minuten zu spät eingetroffen, und die jetzt mit den Franzosen kämpfte. Schon dachte Albert nicht mehr an die gräßliche Vergangenheit, schon richtete er seine ganze Aufmerksamkeit auf das, was vor ihm lag. Wie würde der Kampf sich entscheiden? Bu Maza kommandierte in eigener Person, wie Albert aus den Reden des Scheiks und seiner Genossen hörte. Auch waren die Franzosen in einer ungünstigen Lage. Ihre Hauptmacht befand sich im Tale, am Eingange der Grotte. Beinahe eine Stunde lang währte der wütende Kampf. Endlich gelang es den Franzosen, sich auf der gegenüberliegenden Seite des Tales einen Ausweg zu bahnen und die Höhen zu erreichen. Aber sie mußten bedeutende Verluste erlitten haben, denn sie setzten den Kampf nicht fort. Sie schienen zufrieden damit, selbst einer ähnlichen Vernichtung entgangen zu sein, wie sie vorher die Kabylen in der Grotte betroffen. Gleich darauf erschien ein französischer Parlamentär. Albert, der unterdessen mit dem Scheik und dessen Begleitern zu den Kabylen gegangen war, hörte deutlich, was er sprach. Der französische Kommandeur ließ sagen, daß er die Kabylen in der Grotte deshalb vernichtet, weil sie auf ihrem törichten Widerstande beharrt und ihm eine Schar seiner besten Leute getötet. Wolle man dies den Franzosen, die von Bu Mazas Leuten gefangen worden, entgelten lassen, so werde er gleichfalls die gefangenen Kabylen unbarmherzig hinopfern. Bu Maza – Albert hatte ihn jetzt gesehen und als den Anführer erkannt – ein echter Araber mit gelbem Gesicht und schwarzem Bart, beriet mit seinen Genossen. Anfangs schien man allerdings Willens zu sein, die gefangenen Franzosen zu töten, da aber einige Häupter der Kabylen von den Franzosen gefangen waren, so stand man von dieser Rache ab. Bu Maza ließ dem Kommandeur sagen, er werde nachher wegen der Auswechslung der Gefangenen mit ihm unterhandeln. Bis dahin stehe er für die Sicherheit der Franzosen. Nun wandte sich Bu Maza zu dem Scheik, der ehrerbietig und traurig auf ihn zutrat und ihm den Saum des Mantels küßte. Ich habe gehört, daß du gerettet bist, und das ist eine Freude für mich bei diesem Unglück! sagte Bu Maza. Allah ist groß! Er will seine Gläubigen prüfen, ehe er ihnen die Krone des Sieges schenkt. Wieviel hast du gerettet? Mich selbst und diese drei, sagte der Scheik. Was jenen anbetrifft, so werde ich nachher mit dir über ihn sprechen. Bei diesen Worten deutete er auf Albert, der sich ruhig und ehrfurchtsvoll vor Bu Maza verneigte. Und wie groß war deine Schar? fragte der Anführer. Wir zählten vierhundert streitbare Männer, antwortete der Scheik. Außerdem waren achtzig Greise bei uns, ebensoviel Frauen und zweihundert Kinder. An Pferden hatten wir sechshundert, dann dreihundert Maultiere. Von dem allem sind nur wir vier gerettet. Allah ist groß! rief Bu Maza und streckte die Hand zum Himmel. Er wird diese Opfer rächen! Aber es ist ein großer Verlust, er hat uns mehr gekostet, als hätten wir eine Schlacht verloren. Indessen wollen wir nachforschen lassen, vielleicht sind noch einige zu retten. Was meinst du? Ich glaube es nicht, antwortete der Scheik, auf den Felsen deutend. Noch immer steigt Dampf aus den Löchern. Dennoch traf man Anordnungen, um in die Höhle einzudringen. Eine Stunde später stand Albert dem Anführer der Kabylen von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Der Scheik erzählte diesem alles, was er über ihn wußte, und betonte namentlich die Verdachtsgründe, die gegen ihn vorlagen. Bu Maza hörte ruhig, ernst und aufmerksam zu. Er verwandte keinen Blick von Albert, und dieser wußte zu gut, wieviel jetzt auf dem Spiele stand, um nicht seine ruhigste und aufrichtigste Miene anzunehmen. Als der Scheik gesprochen, sprach er seinerseits. Er wiederholte alles, was er schon dem Scheik gesagt, er entkräftete den Verdacht, den der Jude auf ihn geworfen. Bu Maza hörte ebenso ruhig zu. Wenn dieser Mann die Wahrheit spräche, sagte er dann zum Scheik, so könnten wir den Verlust ersetzen, den wir erlitten. Ich habe davon gehört, daß Achmet Bey noch lebt. Übrigens können wir diesen Mann auf die Probe stellen. Wie weit ist es nach Biled ul Tscherid, bis nach dem Hause Achmet Beys? Ich bin zwölf Tage geritten ohne Unterlaß und auf einem guten Pferde, antwortete Albert. Gut, ich werde dir fünfzig meiner Leute zur Begleitung geben, sagte Bu Maza. Du wirst zurückkehren zu Achmet Bey und ihm sagen, daß wir ihn und seine Krieger erwarten. Findest du das Haus des Bey nicht, hast du gelogen, so werden meine Leute dich zurückführen, und du wirst deine Strafe erleiden! Für Albert Herrera aber war es ein Ritt in die dunkle Zukunft, in ein düsteres Verhängnis, vielleicht in den Tod! Jeder Hufschlag seines Pferdes entfernte ihn weiter von seinen Kriegsgefährten, von seinem Vaterlande, von der Zivilisation und näherte ihn jenem Orte, den er selbst nicht kannte, an dem sich aber sein Schicksal entscheiden sollte. – Längst lag die Dahra mit ihren Schrecknissen weit hinter der Schar. Beinahe vierzehn Tage waren vergangen. Nach Alberts Voraussetzungen konnte man nicht mehr allzufern vom Ziel der Reise sein. Der Weg indessen war weit, und man konnte sich um eine oder zwei Tagereisen irren. Albert konnte auch nach Ansicht der Kabylen leicht ein wenig vom Wege abgekommen sein. Noch schöpfte niemand Verdacht. An einem der folgenden Tage führte es der Zufall, daß Albert auf kurze Zeit ohne Begleiter war. Die größere Zahl der Kabylen ritt eine Strecke voraus, die kleinere war ein wenig hinter ihm zurückgeblieben. So ritt er allein in der Mitte auf dem weichen Sande, der die Hufschläge der Rosse weniger hören ließ als ein Teppich. Jetzt aber bemerkte er einen Reiter neben sich. Er blickte auf. Verwundert erkannte er einen fremden Araber. Eine Minute lang schauten sich die beiden Männer an. Der ernste Araber schien in dem Gesichte Alberts forschen zu wollen, ehe er ihn anredete. Albert seinerseits wünschte im voraus zu wissen, was den stolzen Mann zu ihm führe. Er beobachtete ihn aufmerksam und bemerkte jetzt, daß er nicht mehr ganz jung war. Sein Gesicht war ernst und düster, sein Blick mißtrauisch und forschend. Du bist der Fremde, der uns zu Achmet Bey führen soll? fragte der Araber stolz und finster. Ob dich, das weiß ich nicht, antwortete Albert ruhig. Aber der Schar diene ich zum Führer. Ich bin ein Verwandter Achmet Beys. Mein Vater kämpfte mit ihm in Konstantine gegen die Franzosen. Ich will jetzt zu ihm ziehen und bei ihm wohnen. Hält er noch immer streng fest an den Regeln des Korans? Ist er noch immer ein Muster der Gläubigen? Gewiß! antwortete Albert, scheinbar verwundert. Hat je ein Mensch daran gezweifelt? Nein, aber man erzählte früher von ihm, daß er Christinnen und Jüdinnen in seinen Harem nimmt. Es ist möglich, daß er in dieser Beziehung nicht streng dem Koran folgt, meinte Albert leichthin. Das ist kein Unglück. Meinst du? versetzte der Araber und warf einen forschenden Blick auf Albert. Die Gläubigen jenseits des Atlas sind strenge. Sie dulden es nicht, daß ein Krieger eine Jüdin in seinen Harem nimmt. Sie weisen ihn von sich. Jetzt wußte Albert, mit wem er sprach. Er war überrascht, aber angenehm. Du bist also derjenige, der die Tochter des Juden Eli Baruch Manasse aus Oran geraubt hat? sagte er so gelassen, als handele es sich um den Ankauf eines schönen Pferdes. Und du willst sie nun zu Achmet Bey führen? Wer sagt dir das? fragte der Araber finster. Und was weißt du von der ganzen Sache? Willst du sie geheim halten? Mir ist die Sache sehr gleichgültig. Ich habe davon sprechen hören im Lager der Gläubigen, und der Vater dieser Jüdin war es, der den Verdacht gegen mich aussprach, ich sei ein Franke. Der Tor! Er glaubte, er könne durch diese Lüge seine Tochter retten! Wie? Also war der Jude noch einmal im Lager? Gewiß! Das weißt du nicht? Er kehrte zurück, um mich zu verleumden. Was hat er nun davon? Du führst seine Tochter in ein fernes Land, und er ist wahrscheinlich tot, erstickt in der Höhle der Dahra. Allah il Allah! murmelte der Araber nach diesen Worten Alberts, und eine schwere Last schien ihm vom Herzen zu fallen. Du glaubst also, Achmet Bey sei nicht so streng in diesem Punkt? Ich vermute es, erwiderte Albert, kann dir aber freilich nichts Bestimmtes sagen. Ich bin nicht in den Harem des Beys eingedrungen, kenne seine Weiber nicht und weiß nicht, ob Jüdinnen oder Christinnen unter ihnen sind. Bu Maza ist ein Tor, er hätte mich nicht in die Ferne zu schicken brauchen, meinte der Araber mißmutig. Wie kann es den Gläubigen ein Ärgernis geben, wenn ein Krieger eine Jüdin zu sich nimmt? Bu Maza hatte also den Räuber der Jüdin fortgeschickt, damit sein Verhältnis zu der Tochter des Giaurs den Gläubigen kein Ärgernis gebe. Das erriet Albert aus diesen Worten. Man hat mir gesagt, daß die Reise ungefähr vierzehn Tage dauern würde! sagte der Araber dann. Es können wohl fünfzehn oder sechszehn werden. Es tut mir leid deinetwegen – fügte Albert mit leichtem Spott hinzu – du wirst dich sehnen, mit der schönen Jüdin allein zu sein! Vielleicht sagte der Araber kurz, grüßte flüchtig und sprengte zu seinen Dienern zurück. Der junge Franzose wußte nun, was es mit diesem Fremden für eine Bewandtnis hatte. Er wußte nun auch, daß er sich seit längerer Zeit in der Nähe der schönen Jüdin befunden, ohne es zu ahnen. Die anderen Kabylen hatten die Unterredung der beiden bemerkt. Sie fanden sich bald ein, um zu hören, was der schweigsame Fremde demjenigen mitgeteilt hatte, der doch im allgemeinen am wenigsten des Vertrauens würdig schien. Albert antwortete sehr kühl auf die Fragen, die man an ihn richtete. Er hielt es für überflüssig, das, was er selbst erraten, den anderen zu offenbaren. Er sagte nur, der Fremde habe sich nach den Verhältnissen Achmet Beys erkundigt. Wenige Minuten darauf zog ein anderer Umstand die allgemeine Aufmerksamkeit vollständig von diesem Gegenstande ab. Ein Löwe! rief ein Kabyle, pfeilschnell heransprengend. Ein Löwe! Ein prächtiges Tier! Vorwärts! Zur Jagd! Wie ein elektrischer Strahl zündete diese Kunde. Ebenso langsam und ruhig, wie Albert seine Flinte erhob, kauerte sich der Löwe zusammen und bückte sich zum Sprunge. Beide, Mensch und Tier, starrten sich mit weitgeöffneten Augen an. Es war ein entsetzlicher Augenblick. Das Pferd zitterte und schnaubte. Mehr noch als sein Herr schien es die ganze Gefahr zu begreifen. Jetzt legte Albert die Flinte an die Wange. Jetzt erhob sich der Löwe. Ein Sprung, ein Knall – Albert fühlte das Gewicht einer gewaltigen Masse auf seinem Körper, er fühlte warmes Blut über sein Gesicht strömen. Als Albert wieder zum Bewußtsein kam, umstand ihn eine finstere Schar mit düsteren Blicken, schweigsamen Gesichtern. Er selbst wußte nicht, was geschehen, was er gesprochen. Er streckte die Hand aus, damit man ihm helfen solle. Aber niemand rührte sie an. Und doch war seine Lage so entsetzlich. So währte es eine Stunde. Nach einer kurzen Beratung, die der Führer vorn mit seiner Begleitung gepflogen, wandte sich der Zug nach einem kleinen Palmenwäldchen in der Nähe. Dort schien man das Lager aufschlagen zu wollen. Man setzte also die Reise nicht fort. Weshalb? Albert sah ein, daß er entdeckt war, es konnte nicht anders sein. Die Kabylen gingen mürrisch und finster an die gewöhnlichen Arbeiten, die das Aufschlagen des Lagers mit sich bringt. Auf ihnen sogar schien diese Entdeckung schwer zu lasten. Albert sah, daß diejenigen, die am vertrautesten mit ihm gewesen, ihn jetzt am eifrigsten vermieden, ihm sogar nicht einmal einen Blick schenkten. Aber nun endlich sollte er Aufklärung erhalten. Der Führer der Schar kam und trat vor ihn hin. Nun, Freund, fragte er kalt und ruhig, aber mit einer Beimischung von Spott, wie weit sind wir noch von Achmet Bey? Ich weiß es nicht genau, antwortete Albert ebenfalls ruhig. Aber wir müssen ihn bald finden. Meinst du? rief der Araber. Verfluchter Giaur, du wagst es, uns noch länger täuschen zu wollen? Ein Blick tödlichen Hasses sprühte aus den Augen des Kabylen zu Albert hinüber. Giaur? fragte er. Weshalb bin ich plötzlich ein Giaur? Taucht der alte Argwohn wieder auf? Hast du je gehört, daß ein Gläubiger im Augenblick des Todes den Gott der Franken angerufen? fragte der Kabyle höhnisch lachend. Nun war es Licht vor Alberts Augen. Also das war es! Ja, ja, ihm selbst hallte dieser Schrei, den er ausgestoßen, jetzt wieder vor den Ohren. Er hatte seinen Gott, nicht den Allah der Moslemin angerufen. Und was sollte er nun tun? Noch länger leugnen? Er hätte es gekonnt. Es gab noch tausend Rechtfertigungsgründe, noch tausend Entschuldigungen. Er konnte sagen, daß er während seines Lebens unter den Ungläubigen die lästerliche Sitte angenommen, bei außerordentlichen Gelegenheiten Gott auf die Weise der Franken anzurufen. Er konnte so manches sagen, was den Kabylen neue Zweifel einflößen mußte. Aber er wollte nicht mehr lügen. Er war seiner Rolle überdrüssig. Was nutzte es ihm auch, noch einige Tage den Gläubigen zu spielen. Achmet Bey konnte er ja doch nicht finden, das vorgespiegelte Ziel doch nicht erreichen. Das traurige Spiel war nur einige Tage früher zu Ende, und an der Hauptsache änderte das nichts. Nun wohlan, sagte er ruhig, ich bin ein Franke, ein Giaur, ich habe euch getäuscht, und nun ist es gut! Damit wandte er sich kurz ab und warf sich auf die Erde. Er war müde. Er wollte Ruhe haben. Der Führer kehrte zu den Kabylen zurück. Albert achtete nicht einmal darauf, wie die Gewißheit, die sie nun erhielten, von den Betrogenen aufgenommen wurde. Es war ihm ganz gleichgültig, was man über ihn beschloß. Töten konnte man ihn nicht, da Bu Maza den Befehl gegeben hatte, daß er auf jeden Fall zu ihm zurückgeführt werden solle. Und wollte man es dennoch tun – nun, dann verkaufte er sein Leben so teuer als möglich und starb im Kampfe. Später stand er auf und ging nach einem kleinen See, der sich in dem Wäldchen befand und sich wahrscheinlich regelmäßig während der Regenmonate bildete, um gegen das Ende des Sommers wieder zu vertrocknen. Dort wusch er sein Gesicht und reinigte es von Blutspuren. Dann, da es Abend wurde, hüllte er sich fest in seinen Burnus und legte sich nieder, unbekümmert um die ganze Welt und um seine Zukunft. Es war eine finstere Nacht. Der Mond schien nicht, und die Sterne flimmerten nur spärlich durch die Kronen der Palmen, die regungslos über dem Schläfer in den dunklen Himmel ragten. Albert schlief ziemlich fest und ruhig. Von Zeit zu Zeit aber wachte er auf. Plötzlich hörte er eine Stimme dicht neben seinem Ohr und vernahm französische Worte. Er glaubte zu träumen. Er wollte den Kopf emporrichten, aber eine weiche Hand drückte ihn nieder. Um Gottes willen, rühren Sie sich nicht, Sie verderben uns beide! flüsterte eine weibliche Stimme. Albert war jetzt ganz munter geworden. Neben sich, lang auf der Erde liegend, sah er eine Gestalt. Sie befand sich fast unmittelbar neben ihm. Er glaubte den Hauch ihres Atems zu spüren. Mein Gott, wer sind Sie? fragte er leise. Wer spricht hier in den Tönen meines Vaterlandes zu mir? Ich bin Judith, die Tochter Eli Baruch Manasses, antwortete die Stimme. Heut, als Sie den Löwen töteten, erfuhr ich von einem unserer Diener – während mein Räuber und Tyrann sich entfernt hatte – daß Sie ein Franzose seien. Er teilte mir ferner mit, daß man Sie nur deshalb in Verdacht gehabt, weil ein Jude, der kein anderer als mein Vater gewesen sein kann, Sie verraten. Ich forschte nach den näheren Umständen und erfuhr das Ganze. Von diesem Augenblicke an hatte ich nur noch einen Gedanken: denjenigen, meine Schuld an Sie abzutragen. Mein Vater ist durch seine Liebe zu mir zu einem Frevel verleitet worden. Meine Sache ist es, das wieder gutzumachen, und deshalb bin ich gekommen. Aber was wollen Sie? fragte Albert noch immer aufs höchste überrascht. Wie ist es ihnen überhaupt möglich gewesen, sich von dem Araber zu entfernen, seine Wachsamkeit zu täuschen und zu mir zu gelangen? Ich werde es ihnen erzählen, aber vorher müssen Sie mir ihr Versprechen geben, daß Sie fliehen wollen, flüsterte die Jüdin. Fliehen? Weshalb nicht, wenn es eine Möglichkeit dazu gibt? antwortete Albert. Ich verspreche es. Nun gut, so hören Sie an! Wie ich geraubt worden bin, was ich bis jetzt erduldet, das interessiert Sie nicht. Auch muß ich kurz sein. Genug, ich sah bis vor kurzem keine andere Rettung als den Tod. Ich wußte, daß der Kabyle zu Achmet Bey wollte, und glaubte, ich sei verloren, wenn wir einmal dort angekommen wären. Vor einigen Tagen endlich zeigte sich mir ein schwacher Hoffnungsstern. Ich bemerkte, daß einer von den Dienern des Kabylen mich mit Augen betrachtete, die mir keinen Zweifel über seine Absichten ließen. Es gelang mir, mit ihm allein zu sprechen, er gestand mir, daß er mich liebe und daß er entschlossen sei, mich zu retten, wenn ich sein Weib weiden wolle. Ich verabscheue ihn ebensosehr wie seinen Herrn. Aber ich nahm seinen Vorschlag an. Es war das einzige Mittel, zu meinem Vater, nach meiner Heimat zurückzugelangen. Gestern hatte ich mit ihm eine längere heimliche Unterredung, in der alles beschlossen wurde. Wir wollten nach bewohnteren Gegenden zurückkehren, und von dort aus sollte ich meinem Vater schreiben, daß er mich aufsuchen und mir Geld bringen möge. In dieser Nacht wollten wir fliehen, und zwar auf seinem und seines Herrn Pferde. Da ereignete sich heut jener Vorfall, der mich darüber aufklärte, wer Sie seien und in welche Lage Sie durch den traurigen Verrat meines Vaters versetzt worden. Mein Entschluß stand sogleich fest. Heute abend mischte ich, wie ich es ohnehin mit dem Kabylen verabredet hatte, einen Schlaftrunk in das Wasser, das mein Räuber jeden Abend zu trinken pflegt. Er schläft jetzt so fest und ruhig wie niemals. Dann nahm ich meinen weitesten und dichtesten Mantel, hüllte mich darin und schlich hierher, die Dunkelheit der Nacht und die Unebenheiten des Bodens benutzend. Jetzt steht es in Ihrer Hand, sich zu retten. Aber noch sehe ich keine Möglichkeit dazu, flüsterte Albert, der mit Verwunderung zugehört hatte. Oh, die Sache ist ganz einfach, erwiderte Judith leise. Sie nehmen meinen Frauenmantel, hüllen sich fest darin ein und entfernen sich auf dieselbe Weise, wie ich hierher gekommen bin. Tausend Schritte hinter dem Zelte, in dem wir wohnen, hält der Kabyle mit den beiden Pferden. In der Dunkelheit der Nacht und wenn Sie etwas gebückt gehen, wird er Sie in dieser Vermummung nicht erkennen. Sie werden mit ihm fliehen, und wenn der Morgen anbricht, so wird es Ihre Sache sein, sich ihres Begleiters zu entledigen. Ich danke Ihnen, Mademoiselle, antwortete der junge Franzose. Aber Sie? Wo bleiben Sie? Ich? Ich bleibe hier an Ihrer Stelle, auf Ihrem Platze. Sie sind edel, Sie sind großmütig! sagte Albert mit Wärme. Dann schwieg er eine Zeitlang. Wäre ich bewaffnet, so könnte ich ihren Plan annehmen, fuhr er dann fort. Ich würde den Kabylen, der Sie erwartet, aufsuchen, und da er ein Feind meines Vaterlandes ist, so würde ich ihn töten, ohne mir viel Skrupel darüber zu machen. Dann würden Sie mir nachfolgen, und wir würden vereint fliehen. So aber kann ich Ihren Plan nicht annehmen. Oh, sprechen Sie nicht so! flüsterte die Jüdin bittend und dringend. Denken Sie nicht daran. Sie retten sich, und mir wird kein Schaden geschehen, verlassen Sie sich darauf! Weisen Sie meinen Vorschlag nicht zurück! Es wäre noch eine Möglichkeit! sagte Albert. Wenn der Kabyle drei Pferde hätte, oder wenn er sich dazu verstände, mich auf das seinige zu nehmen, so könnten wir drei zusammen fliehen. Nein, nein, ich glaube nicht, daß er das tun würde! flüsterte Judith. Ich bitte, ich beschwöre Sie, verlieren Sie nicht die edle Zeit. Mag es sein! sagte Albert entschlossen. Ich fliehe nicht allein, ich könnte es nicht vor meinem Gewissen verantworten. Dennoch danke ich Ihnen von ganzem Herzen. Sie weisen mich zurück! Das ist grausam! seufzte Judith. Sie verachten meinen Rat, wie Sie mein Volk verachten. Nein, bei Gott nein, beteuerte Albert. Aber mein Entschluß steht fest, nichts wird ihn erschüttern. Ich gehe nicht fort von hier ohne Sie. Also Sie rauben mir jede Hoffnung, die Schmach meines Vaters in Ihrem Andenken verlöschen zu können? seufzte Judith. O nein, Mademoiselle, niemand kann dieses Gefühl in ihrem Herzen besser beurteilen als ich; aber ich gebe Ihnen mein Wort darauf, daß ich Ihrem Vater verzeihe um seiner Tochter willen. Dringen Sie nicht länger in mich. Ich gehe nicht von hier fort, es sei denn, daß ich auch Sie gerettet weiß. So gehe ich auch nicht! sagte Judith beinahe laut und fest und bestimmt. Ich bitte Sie, opfern Sie sich nicht nutzlos auf! bat Albert. Retten Sie sich! Sie werden später erfahren, daß mich mein Glücksstern nicht verlassen hat. Auch ich werde mein Vaterland wiedersehen. Sie wollen meinen Vorschlag nicht annehmen? fragte Judith noch einmal. Ich kann es nicht, unter keiner Bedingung, so tief es mich auch schmerzt! antwortete Albert. Dann Adieu! flüsterte die Jüdin, und rasch war sie von seiner Seite verschwunden. – – Mochte je eine so unheimliche Stille auf einem Zuge gelastet haben, wie auf diesem am Mittag des folgenden Tages? Mochte je eine Schar lebendiger Wesen so gespensterähnlich, so schweigend und düster durch die Wüste gezogen sein wie dieser Kabylenzug? Unmöglich konnte je ein Anblick düsterer und schauerlicher gewesen sein als der, den die Karawane jetzt darbot. Die Luft schien zu zittern, zu flammen, wie die Luft über einer brennenden Kerze. Selbst den Strahlen der Sonne verstattete sie kaum einen Durchgang. Das Licht des sonst so glühenden Gestirns war matt und warf nur blasse Schatten. Ein Abergläubischer würde geglaubt haben, daß der Lauf der Welt gestört sei und die Erde ihrem Untergang entgegeneile. Albert hörte, wie einige Kabylen sich dafür aussprachen, in dem Palmenwäldchen zu bleiben und das Naturereignis abzuwarten, das diese Schwüle verkündete. Der Führer schien jedoch dagegen zu sein. Er sagte, er wisse aus Erfahrung, daß derartige Witterungserscheinungen oft tagelang dauerten, und er hoffe mit Bestimmtheit, daß man eine große nördliche Oase erreichen könne, ehe das Unwetter ausbreche – wenn es überhaupt zum Ausbruch komme. Seine Stimme gab den Ausschlag. Man rüstete sich zum Aufbruch, und auch Albert bestieg sein Pferd wieder. Sein Auge flog hinüber zu dem kleinen Zuge, der gewöhnlich den großen beschloß, und bei dem sich auch Judith befand. Wie immer, zählte Albert auch heute vier Reiter und drei Frauen. Judith war also nicht geflohen. Sie hatte Wort gehalten. Man war jetzt schon weit von dem Palmenwäldchen entfernt, in einer Ebene. So weit das Auge blicken konnte, sah es nur die zitternde schwere Luft, den rötlichen Himmel, die matte Sonnenscheine. Selbst die Gestalten der vorderen entschwanden beinahe den Blicken. Es war Albert, als sehe er die ganze Natur durch ein gefärbtes, dickes Glas. Er ahnte, daß etwas Entsetzliches bevorstand, wahrscheinlich einer jener entsetzlichen Stürme, die ganze Karawanen, Hunderte von Reisenden zu vernichten pflegen. Die Pferde wurden unruhig. Bald war es ein zitternder Schrei, der durch die Luft drang, bald ein unheimlicher, entsetzlicher, dumpfer Ton. Eine Antilope eilte jetzt, wie von einem Dämon gejagt, pfeilschnell mitten durch den Zug. Der Staub wirbelte auf. Dabei wurde die Glut mit jedem Augenblicke gräßlicher, drückender. Wieder brachen Tiere, Gazellen, Panther, Antilopen durch die Reihen der Reiter. Selbst eine Giraffe jagte vorüber. Eine Minute darauf war alles in entsetzlicher Verwirrung. Alles stürzte nach den Maultieren, welche die Wasserschläuche trugen. Im Nu waren sie zerschnitten. Jeder tränkte ein Tuch in der lauwarmen Flüssigkeit. Alle Gesichter waren voller Entsetzen, fahl und mit Schweiß bedeckt. Auch Albert stürzte nach einem Maultier und tränkte seinen ganzen Burnus, den er pfeilschnell herabgerissen, in der Flüssigkeit. Jetzt hörte er erstickte, jammernde Stimmen neben sich. Es waren Frauenstimmen. Diese Töne riefen ihm etwas zurück, was er in dem Aufruhr der Elemente vergessen hatte. Er erinnerte sich der Jüdin. Und mit dieser Erinnerung kehrte zugleich ein Teil seiner Kraft zurück. Judith rief er laut und in französischer Sprache. Wenn Sie noch leben, so geben Sie mir ein Zeichen! Hier, hier bin ich! antwortete eine helle Stimme. Befreien Sie mich! Der Kabyle will mich nicht fliehen lassen! Ringsum nichts als Wolken heißen Sandes, eine unheimliche Dämmerung, das Rauschen des Samums, das Stöhnen und Klagen von Menschen und Tieren – eine erstickende Atmosphäre und die Gewißheit des Todes – so arbeitete er sich vorwärts, seine Augen anstrengend, daß sie brannten wie Feuer, um etwas zu erkennen, zu unterscheiden – während sein Pferd schnaufte und sich schüttelte und bäumte vor Entsetzen. Da sieht er eine dunkle Masse vor sich, einen Reiter, eine andere Gestalt dicht neben ihm. Er glaubt, sie ringen zu sehen. Er zwingt sein Roß weiter vor, er drückt ihm tief die Sporen in die Weichen. Du sollst sterben, sterben wie ich! Du sollst nicht fliehen! hört er eine Stimme rufen, und er erkennt die Stimme des Arabers, der Judith geraubt. Laß mich, du Ungeheuer! Hilfe! Rettung! jammert die Tochter Manasses. Zurück, Räuber! Albert sieht die beiden ringen. Der Kabyle will Judith zu sich auf sein Roß hinüberziehen. Aber der junge Franzose sieht sie nur wie Schatten. Auch er ist dicht bei ihnen, ohne daß sie ihn bemerken. Da glänzt etwas dicht neben seiner rechten Hand. Es ist der Yatagan des Kabylen. Laß mich, Wahnsinniger! gellt die Stimme Judiths. Hilfe! Er tötet, er erdrosselt mich! Albert hatte den Yatagan schon ergriffen. Er blitzt durch die Luft. Ein Schrei, ein Stöhnen. Der Kabyle sinkt zurück, mit seinen Armen noch nach Judith haschend. Dann verschwindet er unter seinem Rosse. Ich bin es, Judith! Her zu mir! ruft Albert. Geben Sie mir die Zügel ihres Rosses! Hier – ich habe sie! Mit der Linken hat er die Zügel des Pferdes ergriffen, an dessen Nacken sich Judith anklammert. Mit der Rechten hält er noch immer den blutigen Yatagan. Er spornt sein Roß vorwärts. Immer dichter werden die glühenden Sandwolken, die sich auf ihn niederstürzen. Da erscheint eine andere Gestalt neben Judith, wie ein Schatten. Albert sieht, daß sie ihre Arme nach der Jüdin ausstreckt. Ist es der Engel des Todes? Will er nicht von seiner Beute lassen? Judith schreit auf. Es ist der andere Kabyle, der mit ihr fliehen wollte! Fort von mir! Laß mich los, Ungeheuer! Du hast kein Recht an mich! Wieder sieht Albert zwei Gestalten ringen, wieder fährt ein Blitz, zuckend aus seiner Hand, zwischen beide – wieder sinkt eine Gestalt zu Boden und verschwindet. Ein dumpfer Schrei übertönt das Brausen des Sturmes. Und nun wohin? Der Weg ist frei – aber wohin? Albert gräbt seine langen Sporen in die Weichen seines Tieres. Er will fliehen, aber wohin? Wo tobt der Samum nicht? Doch hier kann er nicht bleiben. Er zieht das Roß Judiths mit sich fort, die beiden Tiere selbst scheinen zu fühlen, daß sie sich retten müssen, der Instinkt treibt sie. Jetzt stürzt das Pferd Judiths. Albert will es am Zügel emporreißen, vergebens. Aber hier hilft kein Zögern, kein Besinnen. Er ergreift die Jüdin und reißt sie zu sich hinüber auf sein Pferd. Mit der Linken drückt er sie an sich, in der Rechten hält er noch immer den Yatagan. Und nun weiter! Es wird Nacht. Die Sandwolken scheinen Albert niederdrücken zu wollen. Das Pferd schnauft stärker. Bald wird es stürzen. Bald wird Albert und mit ihm Judith verloren sein. Sie hat ihre Arme um ihn geschlungen in der Todesangst ihres Herzens. Albert sieht ihr bleiches Gesicht, ihre geschlossenen Äugen, ihr schwarzes, flatterndes Haar. Ihre volle Brust ruht an der seinen, er fühlt ihr Herz klopfen. Es durchzuckt ihn wie Fieberhitze, das Blut drängt sich nach seinem Gesicht, die Stirn scheint ihm springen zu wollen – blaue, rötliche, gelbe Lichter flimmern vor seinen Augen wie Blitze – das Pferd versinkt bis über die Knöchel im Flugsand, aber noch schleppt es sich weiter. Wie lange? Noch eine Minute. Und dann? Ein schwerer, gewaltiger, heftiger Sturz in die Tiefe, in die vollständigste Nacht. Ein Schrei ringt sich von den Lippen Judiths. Albert fühlt das Pferd unter sich zucken. Dann verläßt auch ihn die Besinnung. Die Familie Morel Die Tribünen im großen Sitzungssaal der französischen Pairskammer waren selten so gefüllt gewesen wie am 28. September des Jahres 1840. Eine wichtige Anklage sollte verhandelt werden. Die Elite der Pariser Gesellschaft drängte sich auf den schmalen Sitzen der Tribünen. Alle Augen waren auf den Saal gerichtet – auf denselben Saal, der einst das Verdammungsurteil des Generals von Morcerf, Pairs von Frankreich, gehört hatte. Die tiefste Stille herrschte. Dort unten saß der Kanzler Pasquier, der Vorsitzende des Pairshofes, seitwärts von ihm der Staatsanwalt Franck-Carré, vor ihm im weiten Halbkreise eine Schar von ungefähr zweihundert Männern, alle im gewählten Anzuge oder in glänzender Uniform, der Mehrzahl nach schon bejahrte Leute. Es waren die Pairs von Frankreich, es war die Blüte des französischen Adels. Nach dem Prozeß führten Gerichtsdiener einen jungen Mann in das Zimmer und verließen dann wieder das Gemach. Er war von großer und stattlicher Figur und mochte ungefähr dreißig Jahre alt sein. Herr Maximilian Morel, wenn ich nicht irre? sagte der Kanzler Pasquier. Ja, mein Herr, erwiderte der junge Mann. Kapitän Morel. Aber ehe ich Ihre Fragen beantworte, erlauben Sie mir meinerseits vielleicht auch eine Frage. Wie ich gehört habe, hat heute der Prozeß der Angeklagten in der Angelegenheit von Boulogne begonnen. Weshalb hat man mich nicht vor den Pairshof gestellt? Verschiedene Gründe haben uns bewogen, mit Ihnen eine Ausnahme zu machen, sagte der Kanzler. Für jetzt halten wir es für notwendig, zuvor mit Ihnen allein zu sprechen. Was weiter geschieht, wird eine Folge dieser Unterredung sein. Also zur Sache. Ihren Namen kennen wir, auch Ihren früheren Stand. Jetzt bekleiden Sie, wie wir erfahren, keine öffentliche Stellung mehr. Sie sind Privatmann, nicht wahr? Ich bin Eigentümer eines Hauses in den Champs Elysées und eines Schlosses bei Tréport. Sind Sie verheiratet? Ja, Herr Kanzler. Mit wem? Mit Valentine von Villefort, Tochter des früheren Staatsanwalts. Jetzt flüsterte der Staatsanwalt dem Kanzler einige Worte ins Ohr, und sie sprachen eine Zeitlang leise miteinander. Sie behaupten, mit Valentine von Villefort, der Tochter des früheren Staatsanwalts, verheiratet zu sein? sagte der Kanzler dann. Mein Herr, entgegnete Morel schnell und beinahe heftig, ich behaupte es nicht, ich bin es in der Tat. Aber es gibt keine Valentine von Villefort mehr, sie ist gestorben, sagte der Kanzler ruhig und siegesgewiß. Sie war gestorben, wenigstens glaubte man es, sagte der Kapitän und richtete seinen Blick nach oben, als wolle er dem Himmel danken. Man hielt sie für tot, aber sie wurde gerettet durch jemand, den ich nächst Gott am meisten verehre. Indessen, ich glaube, Herr Kanzler, das gehört nicht hierher. Meine Frau hat mit der Sache nichts zu tun. Es handelt sich nur um eine Feststellung Ihrer Familienverhältnisse, sagte Pasquier, wie es schien, nicht ganz zufriedengestellt. Fahren Sie fort. Sie waren französischer Offizier. Weshalb nahmen Sie Ihren Abschied? Fürs erste nahm ich in Algier Urlaub, um eine Wunde heilen zu lassen, erwiderte Morel. Dann hielt mich meine Verheiratung in Frankreich fest, und später bat mich meine Frau, den Abschied zu nehmen und nur für sie zu leben, und das bestimmte mich. Aber was alles in der Welt hat Sie denn bewogen, ein Anhänger Bonapartes zu werden? fragte der Kanzler leichthin und beinahe vertraulich. Mein Vater war ein Anhänger Napoleons, der Großvater meiner Frau, Noirtier von Villefort, wird Ihnen aus vergangenen Zeiten gleichfalls als Bonapartist bekannt sein. Der Bonapartismus lebt also in unserer Familie. Außerdem aber handelte ich auf den Wunsch eines Mannes, dem mein Vater seine Rettung, dem ich das Leben meiner Gattin verdanke, desselben Mannes, den ich bereits erwähnte, und dessen Wünsche mir unter allen Umständen Befehle sein werden. Das grenzt an Wahnsinn! murmelte der Kanzler halblaut. Und wer ist dieser Mann? Der Graf von Monte Christo! antwortete Maximilian Morel mit einem gewissen Stolz. Der Kanzler war überrascht und blickte den Staatsanwalt mit einem beinahe spöttischen Lächeln an. Der Graf von Monte Christo? Wer ist das? Wo lebt er? Ich habe nie etwas von ihm gehört, sagte er dann. Das ist möglich, ich weiß selbst nicht, wo er jetzt lebt, sagte der Kapitän. Aber er existiert. Sollten Sie nicht von ihm gehört haben, als er vor einigen Jahren in Paris war? Man sprach allgemein von ihm. In der Tat. ich erinnere mich dunkel, sagte der Kanzler. Wahrscheinlich ein Abenteurer oder dergleichen. Herr Kanzler, rief der junge Mann beinahe heftig, urteilen Sie nicht über einen Mann, den Sie nicht kennen. Es gibt auf der Welt keinen edleren Charakter, als den dieses Mannes. Sie scheinen von ihm eingenommen zu sein, gut! meinte Pasquier achselzuckend. Also dieser Graf von Monte Christo gab Ihnen den Auftrag, sich den Bonapartisten anzuschließen. Weshalb tat er das? Sie fragen mich zuviel, ich weiß es nicht, antwortete Morel. Im Juli erschien ein Herr bei mir, den ich nicht kannte. Er brachte mir einen Gruß vom Grafen Monte Christo und sagte mir, daß dieser sich meiner noch erinnere. Dann gab ei mir die Weisung, im Namen des Grafen mich zu dem Bankhause Rothschild zu begeben und dort eine Summe, die man mir ausliefern würde, wenn ich mich legitimierte, in Empfang zu nehmen. Er sagte mir auch, daß es dem Grafen angenehm sein würde, wenn ich mich der Sache anschlösse, welcher der Mann angehöre, dem ich das Geld überbringen sollte. Ich fragte, welche Sache das sei. Der Herr antwortete mir, ich würde es erfahren. Ich begab mich zu den Gebrüdern Rothschild, und nachdem ich mich legitimiert, erhielt ich eine bedeutende Summe ausgezahlt. Ich reiste damit in Begleitung meiner Frau nach London, denn dort befand sich der Herr, dem ich das Geld auszahlen sollte. Er nahm es in Empfang und sagte mir, es sei für die Sache Ludwig Napoleons bestimmt. Darauf hielt ich es für meine Pflicht, mich ebenfalls dieser Sache anzuschließen, um so mehr, da meine Sympathie mich zu dem Prinzen hinzog. Und wer war dieser Herr in London? Ich werde seinen Namen nicht nennen, erwiderte der Kapitän. Er befindet sich nicht unter den Angeklagten und hat keinen Anteil an der Ausführung des Planes genommen, er gehört nur zu den Freunden des Prinzen. Und wer war der andere Herr, der Ihnen den Auftrag des Grafen Monte Christo brachte? fragte der Kanzler. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ihn nicht kenne. Ich habe ihn weder vorher noch nachher gesehen. Merkwürdig genug! meinte Pasquier unbefriedigt. Und Sie können mir auch nicht sagen, ob jener Londoner Herr in Beziehungen zu dem Grafen stand, und in welchen? Nein, Herr Kanzler. Ich habe nie danach gefragt. Sie werden aber wenigstens die Summe nennen können, die der Graf durch Sie nach London schickte? Auch das ist mir verboten. Es war jedoch eine bedeutende Summe, das kann ich sagen. Betrug sie über eine Million? Gewiß! Weit darüber. Dann muß der Graf von Monte Christo ein reicher Mann sein! Ohne Zweifel. Ich halte ihn für einen der reichsten Männer der Erde. Und woher stammen diese ungeheueren Schätze? Ich habe nie von einer so reichen Familie Monte Christo gehört. Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, sagte der Kapitän. Ich verehre den Grafen als den besten und edelsten aller Menschen, als den Retter meiner Familie. Ich habe ihn nie gefragt, woher er seine Schätze erhalten. Außerdem, glaube ich, gehört dieser Gegenstand nicht hierher. Wenden Sie sich an den Grafen selbst. Sprechen Sie offener, Kapitän Morel, und Sie sollen frei sein. Nennen Sie uns den Herrn, dem Sie das Geld brachten. Auf keinen Fall! erwiderte Morel ruhig. Auch befindet sich dieser Herr noch in London, soviel ich weiß. Wenn Sie halsstarrig sind, so werden wir streng sein müssen, sagte der Kanzler. Sie werden Ihr Gefängnis nicht eher verlassen, als bis Sie den Namen genannt haben. Das Gesicht des jungen Mannes war glühend rot geworden. Es schien ihm schwer zu werden, an sich zu halten. Sie scherzen, Herr Kanzler! sagte er dann. Es gibt hoffentlich eine Gerechtigkeit in Frankreich. Man möge mich vor den Pairshof, vor die Assisen oder vor das Polizeigericht stellen, wohin man will. Man mag mir dort ein Urteil sprechen lassen, und ich werde meine Strafe verbüßen, unter derselben Form, wie die anderen Teilnehmer des Unternehmens. Wir werden sehen! sagte der Kanzler in einem Tone, dessen Bedeutung sich nicht erraten ließ. Sie sind entlassen! Er klingelte. Die Gerichtsdiener erschienen. Morel verließ mit einem kalten Gruß und unruhigem Blick das Zimmer. – In dem Wohnzimmer eines freundlichen Hauses in der Rue Meslay saß am Vormittag des folgenden Tages Julie, die Schwester des Kapitäns Morel, am Fenster und stickte. Ihr gegenüber las Emanuel Herbault, ihr Mann, in einer Zeitung, während ein kleines Mädchen ihre Puppe auf seinem Knie tanzen ließ, und ein blondlockiger Knabe sich vergebens bemühte, die Aufmerksamkeit des Vaters auf seine unschuldigen Possen zu ziehen. Aber der Vater las heute die Zeitung aufmerksamer als je, ebenso wie eine andere junge Frau, die auf dem Sofa saß und mit dem linken Arm einen kleinen Knaben, mit der rechten ebenfalls eine Zeitung hielt. Es war Valentine, die Gattin Morels. Während der Gefangenschaft ihres Mannes lebte sie nicht in ihrem Hause in den Champs Elysees. Es war ihr dort zu einsam, zu leer. Sie war zu Emanuel und Julie Herbault geflüchtet, mit denen sie wenigstens über Maximilian sprechen konnte, und die ihren Kummer teilten. Das schwarze Kleid trug die junge, liebende Gattin, um auch äußerlich anzudeuten, wie tief sie den augenblicklichen Verlust Maximilians empfinde. Der Knabe auf ihrem Schoß war Edmond Morel. Jetzt trat ein alter Diener ein. Es war Penelon, ein alter Matrose, der schon dem Vater Maximilians und Juliens gedient hatte und einst ein tüchtiger Seefahrer gewesen war. Er überreichte der jungen Frau eine Karte. Was ist das? rief diese, nachdem sie gelesen. Herr Franck-Carré, General-Staatsanwalt, bittet mich um eine kurze Unterredung. Was kann der Anwalt des Staates von mir wollen? Aber mein Gott, Valentine, errätst du denn nicht? Er wird dich wegen Maximilian sprechen wollen! rief Julie. Die junge Frau, die ganz bleich geworden war – vielleicht weil ihr der Name »General-Staatsanwalt« die einstige Stellung ihres Vaters ins Gedächtnis zurückrief – erholte sich jetzt und stand schnell auf. Dann werde ich mit ihm sprechen müssen, nicht wahr? fragte sie unschlüssig. Ohne Zweifel, gewiß, sagte Emanuel. Penelon, führe den Herrn in das Besuchszimmer. Seien Sie vorsichtig, Valentine, man kann nicht wissen, weshalb ein Staatsanwalt kommt. Seine Absichten können gut sein, möglicherweise will er Sie aber über Max ausforschen. Nehmen Sie sich also in acht! Lieber Himmel, ich weiß so wenig von dem, was Max getan, daß mir das nicht schwer werden wird! rief Valentine. Unterdessen hatte Valentine ihren kleinen Edmond den Armen Juliens anvertraut und den Salon verlassen. Sie ging nach dem Besuchszimmer, wo ihr ein schwarzgekleideter Herr mit einem blassen, hageren Gesicht und mit dem Hut in der Hand entgegentrat. Madame Valentine Morel? fragte er mit einer Verbeugung. Die bin ich. Die Tochter des Herrn von Villefort, wenn ich nicht irre? Jawohl, Herr Staatsanwalt. Bitte, nehmen Sie Platz! Welchem Umstand verdanke ich das Vergnügen, Sie bei mir zu sehen? Ich vermute, daß es die Angelegenheiten meines Mannes sind, die Sie zu mir führen. In der Tat, Madame, sagte Herr Franck-Carré, der hier vollständig den Ton und die Manier eines unbefangenen Weltmannes annahm. Und ich hoffe, Sie werden aus diesem Grunde meine Kühnheit verzeihen. Im Gegenteil, ich bin Ihnen dankbar. Es ist mir schon ein Trost, etwas von meinem Manne zu hören. Er befindet sich nicht unter den Angeklagten, die vor den Pairshof gestellt sind, wie ich aus den Zeitungen ersehen. Nein, seine Teilnahme an dem Attentat ist keine so bedeutende gewesen. Ich hoffe sogar, er wird zu der Zahl derjenigen gehören, die mit einer ganz leichten Haft davonkommen. Aber das hängt zum Teil von ihm selbst ab. Wieso? fragte Valentine halb erfreut, halb überrascht. Von ihm selbst? Ja, Madame! erwiderte Franck-Carré und sah die junge Frau mit dem harmlosesten Blicke an, der ihm zu Gebote stand. Lassen Sie mich offen sprechen! Ich komme zu Ihnen nicht in meiner amtlichen Stellung, sondern als ein Freund, als ein wirklicher Freund. Hoffentlich, Madame, stimmen Sie mir darin bei, daß Ihr Mann sich übereilt hat. Er lebte ruhig und unabhängig im Schoße einer glücklichen Familie, im Besitze einer vortrefflichen und schönen Gattin. Weshalb begab er sich auf das Gebiet politischer Spekulationen, weshalb schloß er sich einem Unternehmen an, das man mindestens abenteuerlich nennen muß und das nun auch vollständig und für immer mißglückt ist? Er hätte das schon um Ihretwegen nicht tun sollen. Sie haben nicht unrecht! sagte Valentine, bei der diese Worte Anklang fanden. Aber mein Mann hatte gewisse heilige Verpflichtungen, die ihm zur Notwendigkeit machten, die Partei des Prinzen zu ergreifen. Ich weiß, Ihr Mann ist darin sehr offen gegen uns gewesen. Er folgte dem Wunsche des Grafen Monte Christo und überbrachte eine Summe von zwei Millionen nach London, Es waren über zwei Millionen, glaube ich. Ich weiß es wirklich nicht, antwortete die junge Frau ganz unbefangen und ohne zu ahnen, daß der freundliche Herr sie ausforschen wollte. Doch wundert es mich beinahe, daß Max Ihnen das gesagt hat. Er pflegt seine Bekanntschaft mit dem Grafen Monte Christo sonst vor allen Leuten geheimzuhalten. Oh, er hat uns noch weit mehr gesagt! rief Franck-Carré. Und das war sehr recht von ihm, denn er weiß, daß wir es gut mit ihm meinen, und daß Aufrichtigkeit immer zum Ziele führt. Um so mehr setzt es mich in Erstaunen, daß er so hartnäckig und verschwiegen über einen Punkt ist, den wir durchaus kennen müssen. Es handelt sich um die Nennung eines einzigen Namens, der noch dazu sehr unwichtig ist. Wahrscheinlich aber hat Ihr Mann sein Ehrenwort gegeben, diesen Namen nicht zu nennen, und er läßt sich durch diese Rücksicht abhalten, an sein eigenes und an das Wohl seiner Familie zu denken. Denn ich verhehle Ihnen nicht, Madame, daß Ihr Mann nicht eher seine Freiheit wiedererlangen wird, als bis er diesen Namen genannt hat. Ich habe deshalb an Sie gedacht. Aber um was für einen Namen handelt es sich denn? fragte Valentine ängstlich und gespannt. Um den Namen des Herrn, dem Ihr Mann die Summe in London aushändigte, sagte Franck-Carré. Mein Gott, leider kenne ich ihn nicht! rief Madame Morel mit der aufrichtigsten Betrübnis. Wie schade! Ja, das ist allerdings ärgerlich! meinte der Staatsanwalt, der sich getäuscht sah und nur mit Mühe seine ruhige Haltung behauptete. Ich dachte, Sie kennten diese Person. Nun, es gibt noch einen andern Ausweg. Wenn ich nicht irre, ist morgen der Tag, an dem Sie Ihren Mann sprechen können. Er wird Ihnen sagen, daß man ihn um diesen Namen gefragt hat. Wenden Sie Ihre ganze Überredungskraft an, Madame, um Ihren Mann zu bewegen, nicht länger bei seinem hartnäckigen Schweigen zu beharren. Es hängt viel davon ab. Sagen Sie ihm, daß er Sie, daß er sein Kind, daß er das freie Licht des Tages nicht eher wiedersehen wird, als bis er diesen Namen genannt hat. O mein Gott, das wäre schrecklich! rief die junge Frau in der größten Angst. Max ist so starrköpfig, so eigensinnig! Und ich sollte ihn nicht wiedersehen? Er sollte seinen Edmond nicht sehen – das würde ihn wahnsinnig machen! Um so mehr Grund für Sie, ihm das Törichte seiner Weigerung klar zu machen! sagte Franck-Carré fest und entschieden. Wenn er Sie und sein Kind liebt, so wird er einen Namen nennen, an dem uns nicht viel liegt, der nun aber einmal zur Bedingung seiner Freilassung gemacht ist. Vielleicht könnte ich selbst – da ich so viel Interesse an Ihnen nehme – diesen Namen erfahren. Aber ich müßte dann wissen, welches der Herr gewesen ist, der Ihrem Manne zuerst den Auftrag des Grafen Monte Christo überbrachte. Kennen Sie ihn nicht? Lieber Gott, auch das kann ich Ihnen nicht sagen! rief die junge Frau, deren Bestürzung wuchs. Das ist fatal! sagte Franck-Carré und konnte eine Gebärde des Unmuts nicht unterdrücken. Auf diese Weise gibt es also kein anderes Mittel als dasjenige, das ich Ihnen vorgeschlagen. Suchen Sie morgen Ihren Mann zu bewegen, jenen Namen zu nennen. Bieten Sie Ihre ganze Kraft auf, nehmen Sie Ihren Sohn mit sich. Sonst, Madame, ich muß es Ihnen trotz meiner Teilnahme sagen, sonst werden Sie Ihren Mann vielleicht lange Zeit nicht wiedersehen, aber ich hoffe, er wird vernünftig sein. Sie versprechen mir also, das Ihrige zu tun? Ich verspreche es von ganzer Seele! antwortete die junge Frau. Und ich bin Ihnen dankbar, sehr dankbar Herr Staatsanwalt. Und der Staatsanwalt verließ die junge Frau, die sogleich nach dem Salon zurückeilte. Beide waren zufrieden. Franck-Carré hatte nicht alles erfahren, aber doch manches, und Valentine war so überzeugt davon, daß dieser Mann ein wahrer Freund sei, daß selbst die Zweifel Emanuels sie in ihrer guten Meinung nicht beirren konnten. Aber ihre Augen waren verweint und feucht, ihr Herz war sehr schwer, als sie am Mittag des andern Tages von dem Besuche, den sie ihrem Manne gemacht, zurückkehrte. Morel war standhaft geblieben. Er hatte erklärt, weder ihr noch sonst jemand den Namen nennen zu wollen. Man solle ihn nach dem Gesetz verurteilen, das verlange er, weiter nichts. Er hatte seine Frau getadelt, daß sie dem Staatsanwalt so viel gesagt. Genug, Valentine war ganz unglücklich. Sie eilte zu dem Staatsanwalt. Er war nicht zu sprechen. Am dritten Tage darauf fuhr sie wieder nach dem Gefängnis ihres Mannes. Man verweigerte ihr den Zutritt zu dem Kapitän. Man sagte ihr, daß ihre ferneren Besuche vergeblich sein würden. Emanuel setzte eine Bittschrift an den Pairshof und an den König auf. Aber es erfolgte keine Antwort. Die Tage vergingen der jungen Frau in unendlicher Qual. Keine Nachricht, kein Wort, kein Brief von ihrem Gatten! Im Palais Royal Es war im Palais Royal, aber in einem geheimen Zimmer, denn die hier versammelte Gesellschaft hütete sich wohl, einem Fremden Zutritt zu gestatten. Die Zigarren dampften, die Gasflammen verbreiteten eine betäubende Hitze. Auf dem einen Tische standen Weinflaschen und Gläser, auf dem anderen lagen Karten und Geld. Die Gesellschaft, die hier vereinigt war, gehörte zur besten von Paris. Es waren lauter junge Leute, wenigstens solche, die noch für jung gelten wollten. Es wurde gespielt, und zwar hoch. Das Spiel war jetzt auf eine Zeitlang unterbrochen worden. Einzelne Herren saßen auf den Sofas, andere standen in Gruppen beieinander und plauderten über die Tagesneuigkeiten. Eine dieser Gruppen wurde von vier Personen gebildet. Es waren Lucien Debray, Sekretär im Ministerium des Auswärtigen, der Graf Chateau Renaud, der seit einiger Zeit die diplomatische Laufbahn ergriffen hatte – aus Langerweile, wie er sagte – der Journalist Beauchamp, gefürchtet und bekannt wegen seiner scharfen Feder, und der Vicomte Franz von Epinay – letzterer ein blasser, junger Mann mit ausdrucksvollem Gesicht und einem Anflug von Melancholie, der einstige Verlobte Valentines. Eine fünfte Person, ebenfalls ein junger Mann, stand etwas seitwärts von der Gruppe, scheinbar in Gedanken versunken und unbeschäftigt, es war Herr von Loupert. Am anderen Tisch fing man jetzt wieder an zu spielen. Die jungen Leute gingen dorthin und nahmen an dem Spiel teil. Nur der Vicomte und der Journalist blieben auf ihrem Platze und betrachteten die anderen. Wer ist dieser Baron Loupert? fragte Epinay. Ich habe früher nie etwas von ihm gehört. Ich ebensowenig, antwortete Beauchamp. Vor ungefähr einem Jahre traf ich ihn zum erstenmal in einigen Kreisen. Wie ich hörte, ist er ein Adeliger aus der Provinz, der hier sein Vermögen bis auf eine kleine Summe verschwendet hat. Mit diesem Reste ist er an die Börse gegangen und hat dort sein Glück versucht. Also ein Industrieritter. Er trägt eine Perücke, obgleich er noch ziemlich jung aussteht. Wirklich, Sie haben recht, ich habe noch nicht darauf geachtet! rief Beauchamp halblaut. Dieses schöne schwarze Haar ist nicht echt. Es kontrastiert auch zu scharf mit seinem rötlichen Teint. Sehen Sie nur jenen Mexikaner an. Dessen Haar ist gewiß echt. Und was für Locken! Und welcher Teint! Das ist südliches Blut! Ein schöner junger Mann, wirklich! Wer ist er? Er spricht geläufig, aber mit einem fremden Akzent. Ich sagte Ihnen ja, es ist ein Mexikaner aus Kalifornien. Er heißt Don Lotario de Toledo und reist jetzt, entweder um sein Geld loszuwerden oder um sich auszubilden. Im Grunde ist es ja dasselbe. Er kam vor ungefähr einem Vierteljahr hierher und fand sogleich Eingang in die besten Familien. Er ist ein liebenswürdiger, naiver Mensch, dem man es bei den ersten Worten anhört, daß er zum erstenmal in Paris ist. Aber das gefällt hier. Er hat enormes Glück bei den Frauenzimmern. Auch muß er Geld haben, denn dieser Loupert hat sich an ihn herangemacht. Das Spiel war lebhaft geworden. Es standen hohe Summen. Don Lotario hatte Glück, das Geld floß ihm zu. Loupert verlor und blickte mit geheimem Neide auf den jungen Spanier. Er lieh Geld von ihm, das ihm Don Lotario mit der größten Bereitwilligkeit gab. Auch das verlor er. Jetzt wich auch Lotarios Stern, und nach einer Viertelstunde saßen die beiden mit leeren Händen und leeren Taschen vor der Bank. Chateau Renaud und Debray waren die Gewinner gewesen. Die Gesellschaft stand im Begriff, das Palais Royal zu verlassen. Loupert sah mißmutig und verstimmt vor sich hin, während Don Lotario sich nicht sehr um seinen Verlust zu kümmern schien, der übrigens nicht groß gewesen war. Die jungen Leute verließen nun gruppenweise das Zimmer. Debray, Chateau Renaud und Beauchamp gingen zusammen. Es muß das letztemal gewesen sein, daß dieser Loupert hier gewesen, sagte der Graf. Ich habe eine sehr üble Meinung von ihm. Das ist auch meine Ansicht! bestätigte Debray. Und dieser Don Lotario? Das ist ein ehrlicher und prächtiger Junge! sagte Beauchamp. Wir müssen ihn vor Loupert warnen. Was kann er dafür, daß sich der Mensch an ihn herangemacht? Er ist fremd, ein Neuling in Paris, Loupert wird ihn ruinieren! Hatte nicht Don Lotario auch eine Empfehlung an den Abbé Laguidais? fragte Chateau Renaud. Wohl, das ist sogar seine Hauptempfehlung, erwiderte Beauchamp. Deshalb kann man eben für ihn bürgen. Ich habe noch nie gehört, daß der Abbé Laguidais einen verdächtigen Menschen protegiert hätte. Das ist wahr, sagte Debray. Und wie ich höre, besucht der Spanier den Abbé häufig. Wir wollen es dem Abbé sagen, daß er ihn vor Loupert und ähnlichen Leuten warnt. Währenddessen gingen die beiden jungen Männer, um die sich diese Unterhaltung drehte, schweigend nebeneinander nach dem linken Seineufer, auf dem sich Don Lotarios Wohnung befand. Mitternacht war vorüber. Die Straßen waren schon ziemlich leer und wurden mit jeder Minute einsamer. Don Lotario pfiff eine Melodie und rauchte seine Zigarre. Loupert ging düster und mit gesenktem Kopfe neben ihm. Seine Hände waren geballt. Lotario, unterbrach er das Schweigen, Sie müssen mir bis morgen Abend zehntausend Franken leihen. Ich glaube, ich werde es wirklich nicht können, antwortete der Spanier offenherzig und gutmütig. Zum Teufel, auch Sie machen Ausflüchte! rief der Baron aufbrausend. Sie müssen es, ich kann Ihnen nicht helfen. Aber, liebster Freund, lassen Sie mich erst überlegen, ob ich es kann! erwiderte der Spanier etwas gereizt. Ich habe heute das Geld verloren, das bis zu Ende dieses Monats reichen sollte. Zu Hause habe ich noch ungefähr viertausend Franks. Die sollen für meinen Aufenthalt in Paris hinreichen. Ich mag nicht noch einmal zu meinem Bankier gehen. Ohnehin habe ich in Paris schon weit mehr Geld ausgegeben, als ich wollte. Ich müßte meinen Entschlüssen Ihretwegen untreu werden und abermals Geld fordern. Und offen gestanden, das wird mir schwer. Gut! Ich will Sie nicht weiter darum bitten. Wir sind geschiedene Leute. Gute Nacht, Don Lotario! Aber der wegwerfende Ton, in dem Loupert dies sprach, verfehlte diesmal seine Wirkung, so gut wie die paar Schritte, die er machte, um sich von ihm zu entfernen. Don Lotarios Stolz erwachte. Herr Baron, rief er ihm nach, wenn Sie deshalb meine Bekanntschaft aufgeben wollen, so wird es mir nur lieb sein, und ich freue mich, Sie von dieser Seite kennengelernt zu haben. Guten Abend! Loupert schien etwas entgegnen zu wollen. Da der Spanier aber bereits seinen Weg fortsetzte, so machte auch er einige Schritte in der entgegengesetzten Richtung. Don Lotario betrat jetzt den Pont neuf. Als er in die Nähe des Denkmals Heinrichs IV. gekommen war, das sich mitten auf der Brücke befindet, glitt ihm sein Stock aus der Hand und er bückte sich, ihn aufzuheben. Dabei bemerkte er eine Gestalt, die an dem Geländer stand, das die Brücke auf der Seite des Denkmals begrenzt. Es war eine Frau. Diese einzelne weibliche Gestalt, die regungslos an dem Geländer der Brücke lehnte, fiel ihm auf. Er näherte sich leise dem Geländer und lehnte sich, einige Schritte von der Unbekannten entfernt, über dieses. Dabei warf er scharfe und forschende Blicke auf seine Nachbarin, die seine Gegenwart bis jetzt nicht im geringsten zu bemerken schien. Verzeihung, Madame, sagte Don Lotario, ich habe Sie gestört. Keine Antwort. Die Dame nahm ihre frühere Stellung wieder ein, als ob sie die Anrede gar nicht gehört, oder nicht bemerkt habe, daß diese an sie gerichtet sei. Wir sind vielleicht Kunstgenossen, fuhr er fort. Vielleicht studieren Sie ebenso wie ich die Lichtreflexe im Wasser. Man hat hier eine sehr schöne Gelegenheit dazu und ist vor allen Dingen ungestört. Sie studieren die Lichtreflexe? fragte die Dame in einem Tone, dem man den Spott anhörte. Jawohl, antwortete Don Lotario, sehr erfreut über dieses Entgegenkommen. Sehen Sie, wie schön diese Laternenreihe sich im Wasser spiegelt und wie der Schein dort unten sich so matt leuchtend vereinigt. In der Tat, es ist ganz hübsch, sagte die Dame mit ihrer wohllautenden Stimme. Haben Sie die Absicht, Paris von diesem Standpunkte aus zu malen? Das müßte ein ganz eigenes Bild werden. Doch, mein Herr, meine Zeit ist um, meine philosophischen Betrachtungen sind zu Ende. Ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie mich an das wirkliche Leben erinnert haben, und finde, daß es Zeit ist, nach Hause zurückzukehren. Adieu, mein Herr! Ich hoffe, Sie werden mir erlauben, Sie zu begleiten, sagte Don Lotario. Wo wohnen Sie? Im Maraisviertel, Rue du Grand-Chantier, antwortete die Dame. Ich nehme Ihre Begleitung an, obgleich ich mich nicht im mindesten fürchte, allein zu gehen – wie Sie sich denken können, da Sie mich hier gefunden. Sie wohnen in der Rue du Grand-Chantier? fragte Don Lotario. Dort wohnt ein sehr berühmter Herr, mit dem ich hier bekannt gemacht worden bin, und den ich sehr häufig, fast täglich besuche. Jetzt, da ich Sie genauer sehe, ist es mir auch, als hätte ich Sie vor meinem Fenster vorübergehen sehen, sagte die Dame. Wer ist jener Herr? Der berühmteste Mann, der in der Straße wohnt, ist der Abbé Laguidais. Er ist der, den ich meine, sagte Don Lotario. Kennen Sie ihn vielleicht? Ein wenig, antwortete die Dame. Doch kommen Sie jetzt. Und wo wohnen Sie? Ich hoffe, daß ich Sie nicht zu weit von Ihrer Wohnung entferne? Ich kann sonst wirklich sehr gut allein gehen. Ich wohne in der Nähe des Palais Luxembourg, antwortete Don Lotario. Doch das ist Nebensache. Es ist für mich noch früh, und der Weg ist nicht weit. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten? Ich nehme ihn an, sagte die Dame und legte ruhig und mit dem feinsten Anstande ihren Arm in den seinigen. Sie gingen über die Brücke nach dem rechten Seineufer. Es war jetzt ganz einsam auf der Straße. Sie sind kein Maler, wie Sie mir anfangs sagten? fragte die Dame. Nein, antwortete Don Lotario, und ich hoffe, Sie sind mir nicht böse wegen dieser kleinen und unschuldigen Erfindung. Sie nennen es eine Erfindung, sagte die Dame. Ich könnte es mit demselben Recht eine Lüge nennen. Aber die Männer machen sich kein Gewissen daraus, die Frauen zu belügen. Mein Gott, Sie dürfen das nicht so streng nehmen! rief der junge Mann. Es würde uns oft an jeder Gelegenheit fehlen, die Bekanntschaft einer Dame zu machen, wenn wir nicht eine solche kleine Erfindung bei der Hand hätten. Ich nehme es auch nicht so genau, sagte die Dame ruhig und gleichgültig. Obgleich man vielleicht sagen könnte, daß Bekanntschaften, die mit einer Lüge anfangen, auch mit einer Lüge endigen müssen. Wie hart Sie sind! sagte der Spanier. Ich hoffe, mit unserer Bekanntschaft wird dies nicht der Fall sein. Sie glauben also, wir werden überhaupt näher bekannt werden? fragte die Dame. Wenn es von mir und meinen Wünschen abhängt, dann gewiß, antwortete Don Lotario. Das scheint mir auch sehr leicht, da Sie mir gesagt haben, daß Sie mit dem Abbé Laguidais bekannt sind. Ich werde den Abbé bitten, mich Ihnen vorzustellen. Freilich ist es vorher nötig, daß ich ihm den Namen der Dame sage. Mein Name ist Therese. Ein anderer ist für Sie nicht nötig, sagte die Dame. Außerdem ist es überflüssig, den Abbé Laguidais deshalb zu bemühen. Ich bin freie Herrin über mich selbst, ich wohne allein, ich kann Bekanntschaften machen, wo und mit wem ich will. Es hängt von Ihnen ab, ob Sie mich besuchen wollen oder nicht. Don Lotario war aufs höchste überrascht. Sollte er sich dennoch getäuscht haben? War es eine jener »unabhängigen« Damen, die man zahlreich genug in Paris findet? Oder war es eine Frau, eine Witwe, die sich wirklich unabhängig nennen konnte? Aber nein. Die Worte der Dame hatten nicht einladend geklungen. Sie waren im Gegenteil eher abstoßend gewesen. Sie hatten so kalt, so gleichgültig gelautet. Oder war auch das nur ein Schein? Sollte das den jungen Mann um so mehr reizen? Wollte sie sich interessant machen? Aber sie war mit dem Abbé bekannt! Der Abbé mußte dieses Rätsel lösen. Dann werde ich mir in den nächsten Tagen die Freiheit nehmen, sagte Don Lotario. Um welche Zeit – Das kann ich Ihnen nicht genau bestimmen, sagte die Dame ruhig. Ich binde mich nicht an bestimmte Stunden, wie die großen Damen. Ich gehe aus, wenn ich Lust habe. Es hängt also von Ihnen ab, eine glückliche Stunde zu treffen. Unter welchem Namen wird man Sie mir melden? Ich heiße Lotario de Toledo, antwortete der junge Mann. Und Sie werden mich empfangen? Sie geben mir Ihr Versprechen nicht als ein bloßes Versprechen, um augenblicklich mein Verlangen zu befriedigen? Pfui, wie schlecht müssen die Männer sein, daß sie hinter jedem Wort eine Lüge wittern! rief die Dame. Und wenn es wäre? Wir werden oft von den Frauen getäuscht! sagte Don Lotario. Das ist wahr! Ich hatte es vergessen! sagte die Dame, Doch hier ist meine Wohnung. Adieu, mein Herr! Sie zog ihren Arm aus dem seinigen und klingelte. Die Tür öffnete sich, und sie verschwand. Mutter und Sohn Der Salon war leer. Die Baronin kehrte nach ihrem Zimmer zurück. Die Blässe ihres Gesichts hatte sich noch nicht verloren. Sie ließ sich halb entkleiden. Dann wollte sie allein sein. Ihre Kammerfrau verließ sie. Sie saß, den Kopf auf die Hand gestützt, und schien tief nachzusinnen. Zuweilen hob sich ihre Brust höher und schien einem leisen Seufzer Raum zu geben. Dann versuchte sie, in einem Buche zu lesen, legte es aber bald beiseite. ES klopfte leise. Das war ein Zeichen, daß die Kammerfrau sie sprechen wollte. Sie rief herein. Mein Gott, ich habe doch gesagt, daß man mich allein lassen solle! rief Madame Danglars. Was gibt es? Soeben ist noch diese Karte abgegeben worden, mit dem dringenden Ersuchen, sie Madame zu überreichen. Die Baronin nahm die Karte etwas befremdet und näherte sie der Kerze; dann zuckte sie plötzlich zusammen. Beinahe wäre die Karte ihrer Hand entfallen. Aber noch hielten ihre Finger krampfhaft deren eine Spitze. Führen Sie den Herrn in das Boudoir, sagte sie dann tonlos. Ich will allein mit ihm sprechen. Die Kammerfrau entfernte sich. Madame Danglars sprang auf. Sie schien nach Atem zu ringen. Sie griff sich mit der Hand an die Brust, sie machte einige Schritte vorwärts. Mein Gott, was ist das? stöhnte sie schmerzlich. Und noch einmal blickte sie auf die Karte. Sie enthielt die Worte: »Der Baron v. Louvert wünscht Madame Danglars in einer Angelegenheit zu sprechen, die den falschen Prinzen Cavalcanti betrifft. Er glaubt, der Frau Baronin wichtige Aufschlüsse geben zu können.« Loupert? Wer ist dieser Baron Loupert? Ich habe nie etwas von ihm gehört, flüsterte die Baronin vor sich hin. Mut, mein armes Herz, die Zeit der Leiden ist noch nicht vorüber! Sie nahm ein kleines Fläschchen, öffnete es und sog dessen Duft in raschen Zügen ein. Es mußte ein belebendes Mittel enthalten, denn die Wangen der Baronin färbten sich wieder ein wenig. Mit entschlossenem Schritte ging sie durch das anstoßende Zimmer und öffnete die Tür zu ihrem Boudoir. Die Kammerfrau hatte nur eine brennende Kerze hineingestellt, und das kleine Gemach, mit jenem geschmackvollen Luxus ausgestattet, den die Pariserinnen jenen Räumen zu verleihen wissen, in denen sie ihre intimsten Bekannten empfangen, war nur matt erleuchtet. Madame Danglars trat ein und schloß die Tür hinter sich. Bitte, setzen Sie sich, mein Herr, sagte die Baronin. Sie kommen in einer Angelegenheit, die mein Interesse erweckt, und obgleich ich nicht weiß, welche wichtigen Aufschlüsse Sie mir in dieser Beziehung zu machen haben – Wozu diese Förmlichkeiten, Frau Mutter? unterbrach sie der junge Mann. Ich komme selbst, weil ich Ihnen natürlich die wichtigsten Aufschlüsse geben kann. Ich bin Andrea Cavalcanti, der einst beinahe das Glück gehabt hätte, Ihr Schwiegersohn zu werden, der Ihnen als Sohn aber nun um so näher steht. Schon bei den ersten Worten, die er sprach, als sie den Klang seiner rauhen und unangenehmen Stimme vernahm, war Madame Danglars zusammengebrochen und auf einen Stuhl gesunken. Jetzt drückte sie ihr Tuch vor die Augen. Sie war halb ohnmächtig. Dieses Zusammentreffen hatte sie nicht erwartet! Sie scheinen überrascht zu sein, Frau Mutter? fuhr Loupert fort. Ich hoffe, es ist keine unangenehme Überraschung. Haben Sie denn keinen Blick der Liebe für Ihr Kind, das Sie allein nicht verlassen hat, während alle anderen Sie verlassen haben? Diese letzten Worte waren in einem so erkünstelten sentimentalen Tone gesprochen worden, daß sie jedem Dritten ein Lächeln abgelockt haben würden. Aber Madame Danglars war nicht in der Stimmung, zu lächeln. Dieser rohe Mensch, den sie schon damals mit Widerwillen in ihrem Hause gesehen, der später als Galeerensträfling, als Dieb, als Mörder entlarvt worden – dieser Mensch war ihr Sohn, das Kind ihrer verbrecherischen Verbindung mit Herrn von Villefort, dieses Kind, das sie seit seiner Geburt tot geglaubt und von dessen Dasein sie erst in jener gräßlichen Sitzung die erste Nachricht erhalten hatte! Ich schwöre Ihnen, Madame, daß ich den Vorsatz faßte, ein ordentliches Leben zu führen. Ich veränderte meinen äußeren Menschen, wie Sie sehen, und beschloß, auch meinen inneren umzuwandeln. Ich hielt mein Geld zu Rate, nahm den Namen Baron von Loupert an und begnügte mich mit Börsenspekulationen und Spiel – zwei Beschäftigungen, von denen sehr viel ehrliche Leute leben. Das bin ich noch heute! Mein Herr, sagte sie endlich mit tonloser Stimme und ohne ihn anzusehen, Sie sind ein Räuber, ein Mörder geworden, wie Sie selbst eingestehen. Verlangen Sie nicht, daß ich Sie als meinen Sohn anerkenne, weder vor der Welt noch in meinem Herzen. Mein Herz fühlt keine Liebe, nur Abscheu für Sie. Jetzt sagen Sie mir, weshalb Sie gekommen sind. Ich weiß, daß Sie nicht Kindesliebe zu mir führte. Wirklich? fragte Loupert etwas überrascht. Aber Sie können recht haben, Frau Mutter! Indessen, wenn es auch nicht die Liebe war, so war es doch das Vertrauen, das ein Sohn zu seiner Mutter haben muß. Ich kam zu Ihnen, um Ihnen mein Herz auszuschütten. Sehen Sie, Frau Mutter, es ist eine verdammt schwere Aufgabe, ehrlich durch das Leben zu kommen, selbst wenn man an der Börse spekuliert und hoch spielt. Heute Abend führte mich der Zufall mit einigen Herren zusammen – feine und noble Herren – und ich verlor mein ganzes Vermögen im Spiel. Chateau Renaud und Debray waren unverschämt genug, mir ein Darlehen abzuschlagen – sie sollen daran denken. Bei der Erwähnung des Namens Debray zuckte Madame Danglars zusammen. Ich weiß nun wahrhaftig nicht, wovon ich morgen leben soll, fuhr Loupert fort. Außerdem habe ich morgen meinen Anteil an einer Partie Aktien zu bezahlen, und mein Kredit an der Börse ist ruiniert, wenn ich das nicht kann. Nichts war natürlicher, als daß ich in dieser äußersten Verzweiflung an Sie dachte. Aber es war auch nur die äußerste Verzweiflung – ich gebe Ihnen mein Wort darauf – und außerdem die Kindesliebe, die Sehnsucht – der Wunsch – Also Sie sind gekommen, um Geld von mir zu holen? sagte Madame Danglars tonlos wie immer. So etwas Ähnliches, ja! antwortete der Sohn. Eine kleine Summe wird mir genügen – fürs erste – Madame Danglars versuchte aufzustehen. Es gelang ihr nicht, obgleich sie sich auf den Tisch stützte. Dann aber machte sie eine gewaltige Anstrengung, ihre Züge nahmen eine eiserne und fast übermenschliche Entschlossenheit an, sie erhob sich und verließ das Zimmer. Nach zwei Minuten kehrte sie zurück, übergab dem Baron ein Paket Banknoten und sank dann sogleich wieder auf ihren Sessel. Ihre Kräfte waren erschöpft. Loupert nahm das Paket mit sichtlicher Freude und zählte es sogleich hastig durch. Fünfzigtausend Franken! sagte er dann ziemlich mißmutig. Ich danke Ihnen, Frau Mutter. Man sagt, Sie seien eine reiche Frau. Bei meiner augenblicklichen Verlegenheit wäre mir das Doppelte der Summe lieber gewesen. Ein andermal! erwiderte Madame Danglars, und die Töne drangen ihr nur mühsam über die Lippen. Ich habe nicht mehr bares Geld im Hause. Geben Sie mir Ihre Adresse, ich werde Ihnen dann das Fehlende schicken. Aber – mein Herr, mißbrauchen Sie das nicht! Niemals, niemals kann zwischen mir und Ihnen von einem verwandtschaftlichen Verhältnisse die Rede sein. Was ich jetzt tue – verstehen Sie mich wohl – das geschieht nur, um ihr Schweigen zu erkaufen. Ich habe leider noch so viel Scheu vor der Meinung der Welt, daß ich nicht als die Mutter eines solchen Sohnes gelten möchte. Mißbrauchen Sie meine Güte nicht! Denn da Herr von Villefort wahnsinnig und verschollen und der Graf von Monte Christo verschwunden ist, so werden Sie wohl schwerlich mit ihrem eigenen Zeugnis gegen mich auftreten können, und in meinem Herzen, das sage ich Ihnen, regt sich kein anderes Gefühl, als das des Abscheues gegen einen Galeerensträfling, einen Mörder. Loupert biß sich auf die Lippen und steckte ärgerlich die Banknoten in die Tasche. Nun, Frau Mutter, sagte er dann, sich erhebend, Sie sollen nicht über mich zu klagen haben. Sie werden sehen, daß ich ein guter Sohn bin. Meine Adresse befindet sich auf der Karte. Lassen Sie mich nicht zu lange warten. Gehen Sie geradeaus, im Nebenzimmer ist Licht! rief die Baronin jetzt, so laut sie konnte. Meine Kammerfrau wird Sie zurückführen. Kommen Sie nie wieder zu mir, wenn ich Sie nicht rufen lasse! Ja, vielleicht werden Sie mich noch rufen lassen! sagte Loupert finster und ingrimmig. Damit ging er. Der Brand In dieser Nacht – derselben Nacht, die so verhängnisvoll für Madame Danglars geworden war und es auch für Don Lotario werden sollte – in dieser Nacht durchschritt Morel mit gekreuzten Armen, finsterer Stirn und langsamen Schritten den schmalen Raum, den die vier Wände seines Gefängnisses bildeten. Jetzt weckte ein Geräusch an seiner Tür den Kapitän aus seinem Sinnen. Es konnte die Ronde sein, die das Gefängnis inspizieren wollte. Es war eine Art von Abwechselung; Morel war damit zufrieden. Der Schlüssel drehte sich in der Tür, eine Gestalt trat ein. Hinter ihr schloß sich die Tür. Morel sah den Eintretenden erstaunt an. Es war kein Mann in Uniform, kein Gefängniswärter, kein Soldat. Es war ein Mann im langen Mantel, mit einem bürgerlichen Hut, den er jetzt abnahm. Guten Abend, Herr Kapitän! sagte er. Wie geht es Ihnen? Hoffentlich nicht zu schlecht! Morel sah den Fragenden schärfer an. Das war nötig, denn die trübe brennende Laterne verbreitete nur ein schwaches Licht. Oh, mein Herr, Sie sind es? Gott sei Dank! rief er. Ich habe oft an Sie gedacht. Es war derselbe Mann, der einst zu ihm gekommen war, um ihm von seiten des Grafen den Auftrag zu bringen, jene Summe nach London zu befördern. Morel hatte wirklich oft an diesen Mann gedacht, den er nicht kannte und der dennoch zu dem Grafen Monte Christo in näheren Beziehungen zu stehen schien. Ich glaube es, sagte der Fremde, indem er seinen Mantel auseinanderschlug. Ihre Lage ist eine traurige geworden. Morel reichte ihm den einzigen Stuhl, der sich im Zimmer befand, und der Herr setzte sich. Es war ein Mann in reiferen Jahren. Sein Alter ließ sich nicht auf den ersten Blick bestimmen. Sein Äußeres hatte nichts Auffälliges. Er war von großer, schlanker Gestalt. Sein Gesicht aber war bedeutend. Das dunkle Haar, leicht mit Grau gemischt, fiel ihm lang über die Schläfe und ließ seine hohe, blasse Stirn frei. Die dunklen Augen waren groß, schön und ausdrucksvoll. Eine leicht gebogene Nase erhob sich über dem energisch gezeichneten Mund. Sein Anzug war einfach. Traurig? Ja, weil man mich auf eine peinliche und ungerechte Weise quält! rief Morel. Ginge es nach Recht und Gesetz, so hätte man mich jetzt zu einer bestimmten Strafe verurteilt und würde mir wenigstens gestatten, zuweilen meine Frau und mein Kind zu sehen. Wie können Sie hier Gerechtigkeit verlangen! sagte der fremde Herr. Doch darüber sprechen wir ein andermal. Jetzt handelt es sich um Ihre eigenen Angelegenheiten. Gewiß zürnen Sie mir und dem Grafen, daß wir bis jetzt nichts für Ihre Befreiung getan. Aber wir beide sind unschuldig. Sie werden mit einer solchen Strenge bewacht, daß es mir die größte Mühe gekostet hat, nur diese Unterredung mit Ihnen zu erlangen. Natürlich danke ich sie nur der Bestechung. Jedes Ihrer Worte ist ein Trost für mich! sagte Morel, in dessen Herz die Hoffnung zurückkehrte. In diesem Augenblick knarrte der Schlüssel in der Tür. Was ist das? rief der Fremde überrascht. Der Schließer hatte doch versprochen, mich zwei Stunden mit Ihnen allein zu lassen! Die Tür öffnete sich. Ein Herr, in einen langen Mantel gehüllt, trat ein. Die Tür schloß sich zwar hinter ihm, aber der Riegel wurde nicht vorgeschoben. Der Fremde hatte sich erstaunt erhoben. Guten Abend, meine Herren! sagte der Eintretende mit einem sarkastischen Lächeln. Entschuldigen Sie, wenn ich Sie störe, und erlauben Sie mir, in Ihrem Bunde der Dritte zu sein. Wer sind Sie, mein Herr, daß Sie es wagen, hier einzudringen? fragte der Fremde, noch immer überrascht. Ich heiße Franck-Carré und bin der Staatsanwalt Seiner Majestät des Königs, antwortete der Herr. Und was den Eintritt in dieses Gefängnis anbetrifft, so steht er mir wahrscheinlich so gut zu wie jedem anderen. Hierbei ist eine Verräterei im Spiel! rief der Fremde. Der Schließer hat mich verraten. Der Mann hat nur seine Schuldigkeit getan. Er unterrichtete mich davon, daß jemand den Kapitän Morel heimlich zu sprechen wünsche, und ich gab ihm den Auftrag, diese Unterredung herbeizuführen, mir aber die Stunde mitzuteilen, da es mir erwünscht war, Ihre Bekanntschaft zu machen. Sehr verbunden! sagte der Fremde, der jetzt seine Ruhe vollständig wiedererlangt hatte. Da es mir jedoch darum zu tun war – wie Sie sich denken können – mit Herrn Morel allein zu sprechen, und da ich füglich nicht verlangen kann, daß Sie sich entfernen, Herr Staatsanwalt, so ist mein Geschäft hier zu Ende. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen. Ich bitte um Entschuldigung! sagte der Staatsanwalt, als der Fremde seinen Hut nahm, und stellte sich vor die Tür. Ich sagte Ihnen schon, daß ich gekommen sei, um Ihre Bekanntschaft zu machen, und diesen Zweck habe ich noch nicht erreicht. Sie würden außerdem nicht weit kommen, denn ich habe natürlich den Befehl gegeben, Sie draußen zu arretieren. Sie werden also besser tun, hier zu bleiben. Es ist bequemer für uns beide, uns hier auszusprechen. Sie sehen das ein, nicht wahr? Nicht ganz, antwortete der Fremde. Da Sie mir aber sagen, daß man mich draußen arretieren würde, so muß ich wohl hier bleiben. Welche Absicht hat Sie hierher geführt, Herr Staatsanwalt? Der Ton dieser Frage war so gebieterisch und die Miene des Fremden dabei so ruhig und fest, daß es beinahe schien, als wäre der Fremde hier eine Amtsperson und Franck-Carré der Schuldige. Der Anwalt stutzte auch wirklich, faßte sich aber sogleich. Welche Absicht, mein verehrter Herr? Eine sonderbare Frage! sagte er lächelnd. Sie wissen es ja bereits. Ich wünschte den Herrn kennenzulernen, der ein so großes Interesse an Kapitän Morel nimmt. Und wenn Sie meinen Namen oder überhaupt mich kennengelernt haben, was dann? fragte der Fremde. Dann werde ich Sie im Interesse des Staates und im Interesse des Herrn Morel bitten, mir diejenigen Aufklärungen zu geben, die der Kapitän mir bis jetzt verweigert hat, erwiderte Franck-Carré. Sie sehen, ich bin offen. Offen, wie gewöhnlich ein Staatsanwalt! sagte der Fremde, in einen höflichen und leichten Konversationston übergehend. Gut also! Ich weiß, welche Erklärungen Sie wünschen. Ich habe meinen Freund Morel selbst gebeten, sie Ihnen zu geben. In der Tat? rief Franck-Carré erfreut. Nun, weshalb zögern Sie länger, Herr Kapitän? Ich zögere jetzt ebensosehr wie früher, antwortete Morel, der bis jetzt ein stummer, aber aufmerksamer Zuhörer gewesen war. Von mir werden Sie jenen Namen nicht erfahren, auf keinen Fall! Welch ein Eigensinn! rief der Staatsanwalt und wandte sich zu dem Fremden. So machen Sie der Sache ein Ende, mein Herr, und sagen Sie mir – denn Sie müssen das wissen – wer jener Londoner Herr gewesen ist? Eine offene Frage pflegt auch eine offene Antwort zu finden, erwiderte der Fremde lächelnd. Aber in diesem Fall tut es mir leid, sie Ihnen nicht geben zu können. Ich darf Herrn Morel weder bevormunden noch ohne seine Einwilligung für ihn handeln. Und da ich nicht die Ehre habe, ein Angeklagter zu sein, so habe ich wahrscheinlich auch nicht die Verpflichtung, Ihnen Auskunft über Ihre Fragen zu geben. Mein Herr, Sie vergessen, mit wem Sie sprechen! rief der Staatsanwalt beleidigt. Entweder Sie nennen mir hier Ihren Namen, oder Sie begleiten mich in ein anderes Zimmer. Aber das sage ich Ihnen im voraus, daß Sie das Gebäude nicht eher verlassen werden, als bis die Behörde über Ihre Persönlichkeit im klaren ist. Nun, wenn es denn sein muß! sagte der Fremde lächelnd. Als ein guter Franzose habe ich Achtung vor dem Gesetz! Und er näherte sein Gesicht dem Ohr des Staatsanwalts und flüsterte ihm einen Namen zu. Der Anwalt fuhr zusammen, als durchzucke ihn ein elektrischer Schlag. Der Fremde trat ruhig zurück. Franck-Carré maß ihn mit einem Blicke, in welchem Mißtrauen und Scheu sich paarten. Der letztere Ausdruck behielt jedoch die Oberhand, als er die ruhige Haltung und das stolze, feinlächelnde Gesicht des Fremden bemerkte. Der Anwalt war ein viel zu erfahrener Mann und hatte hinreichend genug Gelegenheit gehabt, Personen des verschiedensten Ranges kennen zu lernen, um nicht zu wissen, daß der Fremde ihm die Wahrheit gesagt hatte. Er machte eine stumme Verbeugung, die der Herr ebenso stumm erwiderte. Dann senkte er seinen Blick und versank in ein tiefes Nachsinnen. Er hatte einen Namen gehört, der in ganz Paris bekannt war, den Namen eines Mannes, der durch seine hohe Geburt, seinen Reichtum und seine Gelehrsamkeit gleich ausgezeichnet war, eines Mannes, der allerdings keine politische Stellung, kein Amt bekleidete, aber vielleicht gerade deshalb um so mehr Einfluß ausübte. Und dieser Mann war ein Freund Morels, wahrscheinlich auch ein Freund des Grafen Monte Christo, ein Anhänger der Napoleoniden – so wenigstens schien es. Wurde dieser Mann in den Prozeß hineingezogen, so erhielt dieser eine noch größere Wichtigkeit. Mit vieler Mühe war es in der letzten Zeit gelungen, die Teilnahme des Publikums ein wenig von dem Prozeß abzulenken. Wurde dieser Mann aber als ein geheimer Anhänger Ludwig Napoleons hingestellt, so mußte diese Teilnahme von neuem und stärker erwachen. Und geheim konnte diese Teilnahme nicht bleiben. Es gab zu viel Zungen, die schwatzten – genug, Franck-Carré war in einer peinlichen Verlegenheit. Auf der einen Seite konnte ihm die Regierung Dank wissen, diesen Mann entdeckt zu haben, auf der anderen konnte man ihn wegen dieser Entdeckung tadeln. Jedenfalls mußte sie geheim, ganz geheim bleiben. Der Staatsanwalt war so sehr von diesen Gedanken bewegt, daß er die Anwesenheit der beiden Personen ganz vergaß und langsam und nachdenklich durch das kleine Zimmer schritt. Endlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Mein Herr, sagte er, Sie sagten mir, Kapitän Morel kenne Ihren Namen nicht? Jawohl, das ist die Wahrheit, erwiderte der Fremde mit Bestimmtheit. Und Sie wünschen auch nicht, daß Herr Morel diesen Namen jetzt erfahre? sagte Franck-Carré. Genau genommen ist das unwichtig, erwiderte der Fremde. Aber ich hätte allerdings gewünscht, daß Herr Morel die Mitteilungen, die ich ihm zu machen habe, aus meinem eigenen Munde vernähme. Gut denn, so erlaube ich mir, Sie um eine Unterredung mit mir in einem anderen Zimmer zu ersuchen. Sie wird sehr kurz sein. Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen zur Last fallen will. Ich bin überzeugt davon, erwiderte der Fremde mit der Höflichkeit eines Mannes von Welt. Aber würden Sie mir nicht vorher gestatten, meine unterbrochene Unterredung mit Herrn Morel ohne Zeugen fortzusetzen? Das ist mir unmöglich, ganz unmöglich! rief Franck-Carré bedauernd. Hätte ich gewußt, daß ich Sie hier finden würde, so hätte ich diese Unterredung vielleicht nicht gestört – ich gestehe es. Jetzt aber darf ich einen so großen Verstoß gegen meine amtliche Pflicht nicht mehr wagen. Wenn es Ihnen also gefällig ist, so kehren wir zusammen zurück. Ich bin bereit dazu, sagte der Fremde und wandte sich zu dem Kapitän. Halt! Was ist das! rief der Staatsanwalt jetzt überrascht. Hören Sie nicht Stimmen? Nicht Geschrei? Was bedeutet das? Fast mit ihm zugleich waren auch die anderen beiden Männer bestürzt aufgefahren. Man hörte in der Tat einen dumpfen Lärm, aus dem zuweilen einzelne schrille und gellende Laute hervorklangen. Zugleich füllte ein rötliches, starkes Licht das Zimmer, das von der Laterne nur spärlich erleuchtet war. Der Staatsanwalt eilte nach der Tür. In demselben Augenblick wurde diese hastig geöffnet, und dasselbe dunkelrote Licht drang stärker hinein. Retten Sie sich, Herr Staatsanwalt! rief der Schließer mit entsetzter Stimme. Es brennt im vorderen Flügel. Franck-Carré schrak zusammen. Aber er war ein Mann von persönlichem Mut. Er ergriff den Schließer und hielt ihn am Arme fest. Ruhig, ruhig, mein Freund! sagte er. Das Feuer wird gelöscht werden. Ich kenne die Lokalitäten dieses Gebäudes nicht genau. Welche Ausgänge gehen nach der Straße? Zeigen Sie sie uns und vergessen Sie Ihr Amt nicht. Öffnen Sie die Gefängnisse nicht eher, als bis die bewaffnete Macht in hinreichender Stärke hier angelangt ist. Es gibt nur einen Ausweg aus diesem Flügel, antwortete der Schließer, an allen Gliedern zitternd. Er führt über die Treppe nach vorn, in den Flügel, der brennt. Und auch die Treppe brennt schon oder wird bald brennen. Es wird nicht so schlimm sein, sagte der Staatsanwalt. Kommen Sie, begleiten Sie mich! Wir werden schon einen Ausweg finden. Diese Worte waren an den Fremden gerichtet. Unterdessen nahm der Feuerschein mit einer rasenden Schnelligkeit zu. Man hörte die Flammen knistern. Man hörte das entsetzliche Geschrei der Gefangenen. Morel erbleichte. Und ich soll hier zurückbleiben und bei lebendigem Leibe verbrennen, Herr Staatsanwalt? fragte er hastig und bitter. Mein Gott, die Gefahr ist nicht so groß, und ich kann nichts weiter tun, als den Leuten Vernunft predigen. Sie verlieren bei solchen Gelegenheiten nur zu leicht den Kopf. Man wird des Feuers Herr werden. Kommen Sie! Dabei wandte sich der Staatsanwalt, ohne sich weiter um Morel zu kümmern, abermals zu dem Fremden. O nein, so ist es nicht gemeint! antwortete dieser hastig. Denken Sie, ich werde meinen jungen Freund verlassen? Dann tun Sie, was Ihnen gut dünkt! rief der Staatsanwalt. Gefahr ist für uns alle vorhanden. Jeder muß an seine eigene Rettung denken. Schließer, öffnen Sie die Türen nicht eher, als bis die Wache gekommen ist. Dabei ging er den schmalen Gang hinunter, der nach der Treppe zuführte. Gefahr war in der Tat vorhanden. Das Knistern und Prasseln der Flammen war stärker geworden. Die Luft wurde schwül und heiß. Viele der Gefangenen, die sich in dem hinteren Flügel des Gebäudes befanden, schienen aus dem Schlafe erwacht zu sein und pochten mit wahnsinniger Gewalt an die Türen. Aus dem vorderen Flügel hörte man wildes Gebrüll, dazwischen die verzweifelten Rufe: Öffnet die Türen! Wir ersticken! Hilfe, Hilfe! Kommen Sie, sagte der Fremde zu Morel, wir müssen uns einen Ausweg suchen, sonst könnte mir dieser nächtliche Besuch das Leben kosten. Kommen Sie, vielleicht gelingt es Ihnen bei dieser Gelegenheit, zu entfliehen. Morel eilte zurück in sein Zimmer, um seinen Hut zu holen. Man hatte ihm seine bürgerliche Kleidung gelassen. Sie haben gehört, was mir der Herr Staatsanwalt befohlen! sagte der Schließer, ihm entgegentretend. Sie müssen hier bleiben. Torheit! rief der Fremde anstatt Morels. Halten Sie uns nicht auf! Man wird Sie entschädigen. Dabei drängte er den Schließer beiseite und eilte, von Morel gefolgt, den Gang hinunter. An seinem Ende leuchtete eine flammende Helle, von der sich eine einzelne schwarze Gestalt deutlich abzeichnete. Es ist der Staatsanwalt, sagte der Fremde. Das ist kein gutes Zeichen. Wenn er nicht hinaus kann, wie sollen wir es dann anfangen, dieses Labyrinth zu verlassen? Wir müssen in seiner Nähe bleiben, das wird das beste sein! Sie traten dicht an ihn heran. Die ganze Gefahr lag jetzt vor ihnen. Die Treppe, die einzige, die, wie vorher der Schließer gesagt hatte, aus diesem Flügel nach den vorderen Gebäuden führte, stand in Flammen, und hätte nicht der Zugwind den Rauch nach einer anderen Richtung getrieben, so wäre schon jetzt der Aufenthalt in dem schmalen Gange unmöglich gewesen. Der vordere Flügel, oder wenigstens ein Teil davon, brannte, und noch hörte und sah man nichts von Feuerwehrleuten, die bemüht gewesen wären, den Flammen Einhalt zu tun. Man hörte nur das gräßliche Geschrei der Gefangenen, die in ihren Zellen vielleicht vom Rauch oder auch von der Glut des Feuers bedrängt wurden. Entsetzlich! sagte Franck-Carré schaudernd. In zehn Minuten wird diese Treppe niedergebrannt sein und die Flammen werden in die Zellen dringen. Die einzige Rettung kann uns nur von der Seite des Kanals kommen. Vom Kanal? Sie meinen den Kanal, der diesen Flügel des Gebäudes umgibt? fragte der Fremde. Ja, antwortete der Staatsanwalt. Aber ehe es uns gelingt, die Gitter an den Fenstern zu zerbrechen, ehe man Leitern angesetzt oder uns Stricke zugeworfen hat, können wir längst erstickt sein. Werden Sie nicht die Zellen der Gefangenen öffnen lassen? fragte der Fremde. Es ist strenger Befehl, dies nicht eher zu tun, als bis eine genügende Wachmannschaft eingetroffen ist. Aber über die brennende Treppe kann sie doch unmöglich heraufgelangen, erwiderte der Herr. Freilich! antwortete Franck-Carré, die Achsel zuckend. Aber kann ich helfen? Selbst auf dem Hofe können sich die Soldaten nicht aufstellen, denn der Wind treibt die Flammen dorthin. Die einzige Rettung kann uns von der Seite des Kanals kommen, wie ich Ihnen sagte, und ich hoffe, daß man dort bereits Anstalten trifft, uns Hilfe zu bringen. Schließer! Kommen Sie her! Ist eine Zelle nach dem Kanal zu leer? Nein, Herr Staatsanwalt, antwortete der Mann, der an allen Gliedern zitterte. So öffnen Sie eine, gleichviel, wer darin ist, sagte Franck-Carré. Wir müssen von dorther um Hilfe rufen. Und die übrigen Zellen? Bleiben verschlossen, bis der Befehl zum Öffnen gegeben wird. Der Schließer eilte voran. Die drei Männer folgten ihm mit einer Hast, die in diesem Augenblick sehr erklärlich war. Der Schließer öffnete eine Zelle und ließ die Herren eintreten. Franck-Carré eilte sogleich an das Fenster. Währenddessen warf Morel einen Blick auf den Gefangenen, der diese Zelle bewohnte. Er war überrascht von seinem Lager aufgesprungen, als er die Tür sich öffnen hörte, und starrte die Eintretenden mit verschlafenen Augen an. Er war von kräftiger Gestalt. Haar und Bart hingen ihm struppig um den Kopf. Sein Anzug war die gewöhnliche Sträflingskleidung, die Morel nicht erhalten hatte, weil er noch nicht durch das Gesetz verurteilt worden. Der Sträfling warf scheue und lüsterne Blicke nach der geöffneten Tür. Wahrscheinlich dachte er sogleich an Flucht. Aber im nächsten Augenblick mochte er sich diese Störung erklären, denn durch die Tür drang der helle Schein des Feuers ein, und er hörte die Stimmen seiner Genossen in den anderen Zellen, die verzweifelt nach Hilfe schrien. Ein Strahl wilder Freude zuckte über sein Gesicht, und er blieb ruhig in seiner Ecke stehen, die Augen von Zeit zu Zeit lauernd auf jeden einzelnen richtend und eine günstige Gelegenheit abwartend, die sich ihm bieten würde. Diese Scheiben! Ich hatte vergessen, daß sie geblendet sind! rief der Staatsanwalt. Man kann nichts sehen! Haha! lachte der Gefangene tückisch. Ja, ja, ich habe mich oft darüber geärgert. Ich muß sie einschlagen! Es hilft nichts! rief Franck-Carré, und stieß gegen die Scheiben. Haha! lachte der Gefangene wieder. Die Wache wird das wohl hören! Wart' nur, mein Bürschchen! Dann aber schien ihm ein Gedanke zu kommen, und er trat rasch auf den Staatsanwalt zu. Hört mal, ihr seid wohl Kameraden und wollt fliehen? rief er und legte dem Beamten die Hand auf die Schulter. Laß mich zufrieden und geh zum Teufel! rief Franck-Carré heftig. Siehst du nicht, daß es brennt? Zum Teufel ginge ich sehr gern! murmelte der Gefangene zurücktretend, und Franck-Carreé steckte den Kopf durch das Gitter. He, Schildwache, rief er hinunter, ich bin der Staatsanwalt. Ruft nach Hilfe, ruft die Pompiers! Zurück! hörte man die Stimme der Wache heraufschallen. Zurück, oder ich schieße! Aber ich bin ja der Staatsanwalt, mein Name ist Franck-Carré! antwortete der Beamte noch heftiger. Ein Schuß und eine Kugel, die dicht über dem Kopf des Staatsanwalts in das Fenster schlug, war die einzige Antwort. Die Scherben fielen klirrend nieder, der Gefangene lachte mit höhnischer Freude auf, und Franck-Carré sprang totenbleich mitten in das Zimmer zurück. Der Kapitän dagegen trat rasch an das Fenster. Ehe er wieder geladen hat, will ich einen Blick hinauswerfen! rief er hastig. Da ist der Kanal, ungefähr sechs Schritte von der Mauer. Da drüben steht eine Menge Menschen, ich glaube die Pompiers zu sehen. Sei nicht töricht, Kamerad! rief er dann zu dem Wachtposten hinab. Ich bin Kapitän Morel von den Spahis, und der Staatsanwalt ist wirklich bei uns. Es brennt im Gebäude! Rufe lieber nach Hilfe, anstatt zu schießen. Aber die Wache schien den Worten nicht zu glauben. Die Instruktionen waren streng und gemessen. Kaum daß Morel Zeit hatte, seinen Kopf zurückzuziehen, und abermals schlug eine Kugel in das Fenster. Das ist ein Dummkopf! rief der Kapitän lachend. Gewiß ist er aus der Provinz. Nun, Herr Staatsanwalt, unsere Sache scheint schlecht zu stehen, und ich glaube, Sie hätten in Ihrem eigenen Interesse besser daran getan, meine Unterredung mit jenem Herrn nicht zu stören. Der Staatsanwalt murmelte einige Worte vor sich hin. Der Gefangene hatte sehr aufmerksam gelauscht. Wenn er so listig war, wie seine Züge beimuten ließen, so mußte er aus Morels Worten entnommen haben, daß auch dieser ein Gefangener war. Er beobachtete den Kapitän mit gesteigerter Neugierde. Draußen tobte und heulte und wimmerte es! Man hörte die Flammen prasseln, die Balken stürzen, ein wüstes Getümmel erfüllte das ganze Gebäude, die Hitze wuchs, zuweilen wälzten sich Dampfwolken in die Zelle, der hintere Flügel schien bereits vom Feuer erfaßt zu sein. Morel fühlte große Schweißtropfen von seiner Stirn rinnen. Jetzt hörte man unten das Klirren von Waffen und eisernen Gerätschaften, dann Kommandorufe. Es sind die Pompiers! rief Franck-Carré aufatmend. Noch zehn Minuten, und wir sind gerettet! Gerettet! Ich hoffentlich auch, murmelte der Gefangene leise. Maximilian Morel eilte an das Fenster. Hierher, meine Freunde! rief er. Der Herr Staatsanwalt befindet sich hier! Zu Hilfe! Ah, ein braves Korps! Jetzt setzen sie über den Kanal! Da haben sie ihre Leitern und Stricke! Hierher, Kameraden! Aber mit der Stimme Morels zugleich ertönte derselbe Hilferuf aus den Fenstern aller anderen Zellen, die nach der Seite des Kanals hinaus lagen. Man hörte das Geschrei schauerlich durch die Nacht klingen. Heiliger Gott! rief Morel, der immer noch am Fenster stand. Es scheint in dem unteren Stock zu brennen. Der Dampf quillt aus den Fenstern. Wenn die Leute nicht eilen, so sind wir verloren. Und es wird Zeit kosten, die Eisenstäbe durchzufeilen. Und drei Stock hoch, da reicht keine Leiter aus. Gott sei uns gnädig! Als er sich umwandte, stand der Gefangene neben ihm. Seine Augen funkelten. Sein blasses Gesicht, das jahrelang keine andere Luft als die des Kerkers geatmet zu haben schien, war von der fliegenden Hitze der Aufregung gerötet und trug einen wilden, entschlossenen Ausdruck. Er ergriff mit der Hand einen von den Eisenstäben. Was diese hier anbetrifft, sagte er, so ist das eine Kleinigkeit. Ich habe das meinige getan. Und mit einem wilden Lachen rüttelte er an dem Stabe, der sogleich zusammenbrach. Jetzt ist Platz, durch eine solche Öffnung kommt man schon durch! sagte er und behielt den Eisenstab in der Hand. Wir sind ja alle schlank. Natürlich werden mir die Herren den Vortritt lassen. Franck-Carré sah den Gefangenen finster an, wagte aber nicht zu widersprechen. Er fühlte sehr gut, daß jetzt die Bande des Gesetzes und der Disziplin gelockert seien, und daß jede menschliche Natur in einer solchen Lage das äußerste daran setzen mußte, das Leben zu retten. Auch Morel und der Fremde schwiegen. Der Kapitän hatte übrigens recht gehabt. Man sah außen Dampfwolken aufwirbeln, die aus dem unteren Stockwerke zu kommen schienen. Diese Rauchwolken versperrten die Aussicht. Man sah nichts mehr von den Pompiers, man hörte nur ihre Kommandorufe. Jetzt legte sich der Gefangene zum Fenster hinaus. Hierher, zur Hilfe! rief er mit einer Donnerstimme. Hier befindet sich der Herr Staatsanwalt! Wir werden ein Tau hinaufwerfen! Paßt auf! rief es von unten. Jetzt! Achtung! Du sollst die Freiheit haben, wenn du das Tau fängst! rief Franck-Carré. Ich danke! erwiderte der Gefangene kurz und höhnisch. Man hörte einen Gegenstand an die Mauer schlagen. Der Gefangene griff hinaus. Aber er hatte das Tau nicht gefaßt. Wahrscheinlich hatten es die Pompiers schlecht geworfen. Die Gefahr wuchs jetzt mit jeder Minute. In der Zelle eine höllische Glut, draußen Dampf und finstere Nacht. Wieder griff der Gefangene hinaus. Er schien etwas erfaßt zu haben. Ich habe es, meine Herren! rief er triumphierend. Nun adieu! Rasch befestigte er den eisernen Haken, der sich an dem oberen Ende des Taues befand, an der Fensterbrüstung, nahm den Eisenstab zwischen die Zähne, schwang sich in das Fenster und verschwand. Er wird nicht weit kommen! sagte Franck-Carré. Sie werden ihn unten festhalten. Die drei Männer drängten sich an das Fenster, um zu sehen, ob der Gefangene glücklich den Boden erreichte. Aber alles war Dampf und Finsternis. Das Tau war straff, dann wurde es wieder lose. Rasch, rasch! rief es von unten. Das Feuer schlägt aus den Fenstern! Das Tau versengt! Eilen Sie, Herr Staatsanwalt! rief der Fremde. Ihnen gebührt das Vorrecht. Vorwärts! Die Gefahr gab dem Staatsanwalt, der sich nicht mehr in der Blüte der Jugend befand, Kraft und Gelenkigkeit. Er kletterte auf die Fensterbrüstung und ergriff das Tau. Dann verschwand er. Eine Minute darauf hörten die beiden Zurückgebliebenen einen Schrei und das Tau zitterte und schwankte. Er wird losgelassen haben und gestürzt sein! sagte Morel. Nun, mein Herr, schnell! Ich will der letzte sein. Adieu! sagte der Fremde. Ich werde mich unter dem Namen Dupont in Ihrer Wohnung nach Ihnen erkundigen. Bei diesen Worten ergriff er das Seil. Morel folgte ihm mit ängstlichen Blicken. Aber er schien sicher hinabgelangt zu sein. Wenigstens bemerkte der Kapitän nichts Auffälliges. Nun schwang er sich selbst in die Fensteröffnung und ergriff das Tau. Von früher her gewöhnt an körperliche Übungen, war es ihm ein leichtes, schnell hinabzuklettern. Die Gefahr begann erst weiter unten. Dort brachen die Flammen bereits aus den Fenstern des untersten Stockwerks. Morel mußte hindurch. Wahrscheinlich war es dort gewesen, wo Franck-Carré das Seil losgelassen hatte und gestürzt war. Auch der Kapitän wurde hier von der Hitze betäubt, das Tau wäre ihm beinahe aus den Händen geglitten. Er rutschte pfeilschnell die letzten zwanzig Fuß hinab. Unten angelangt, stürzte er. Als er sich wieder aufrichtete, sah er den Staatsanwalt auf der Erde liegen. Einige Pompiers waren um ihn beschäftigt. Aber Morel konnte nur wenige Schritte weit sehen. Der schmale Raum zwischen der Mauer des Gefängnisses und dem Kanal war in heiße Dampfwolken gehüllt. Er suchte den Fremden und glaubte ihn in einiger Entfernung zu sehen. Er eilte ihm nach. Aber plötzlich fühlte er einen heftigen, betäubenden Schlag, wie von einer Eisenstange auf den Hinterkopf, taumelte zu Boden und verlor die Besinnung. Als er wieder zu sich kam, befand er sich inmitten eines Vierecks von Soldaten, die eine Schar Gefangener bewachten. Er fühlte einen dumpfen und heftigen Schmerz an seinem Hinterkopf, und als er mit der Hand dort hinfaßte, zog er sie blutig zurück. Zugleich fiel es ihm auf, daß er jetzt mit einer Gefängnisjacke bekleidet war. Verwundert richtete er sich auf und sah sich um. In einiger Entfernung bemerkte er einen hellen Schein und eine Menge Menschen. Das war das brennende Gefängnis. Er wollte nach seiner Uhr sehen; sie fehlte ihm. Er griff nach der Tasche seines Rockes – aber er hatte den Rock nicht mehr. Erstaunt schüttelte er den Kopf, Er fühlte jedoch, daß es unnütz sein würde, Fragen an die Soldaten zu richten. Nur für seine Wunde wollte er einen Verband haben. Kamerad, sagte er zu einem Soldaten, ist kein Wundarzt hier? Ich habe eine Blessur am Hinterkopf. Wer ist sein Kamerad? antwortete der Soldat mürrisch. Hier ist kein Wundarzt. Das wird sich später finden. Der Kapitän setzte sich wieder auf die Erde, denn der Schmerz raubte ihm beinahe die Besinnung und er fürchtete zu fallen. Eine halbe Stunde ungefähr verging, dann kam ein Offizier und sagte: Das Feuer ist gedämpft oder kann wenigstens nicht weiter um sich greifen. Führen Sie die Gefangenen durch das hintere Tor auf den Gefängnishof und lassen Sie niemand entwischen! Morel erhielt einen Kolbenstoß und raffte sich auf. Er schwankte vorwärts. Einer von den Gefangenen schien Mitleid mit ihm zu haben und reichte ihm den Arm. Sie schritten durch ein Tor. Dann befand sich der Kapitän auf dem Hofe des Gefängnisses. Eine noch größere Schar von Soldaten umgab hier die Gefangenen. Morel vermochte nicht zu denken. Er fühlte nur seine Wunde. Zuweilen durchzuckte ihn der Gedanke, daß es ihm doch nicht gelungen, zu fliehen, und er seufzte. Jetzt traten die Gefangenwärter vor. Die Nummern, die sich auf den Jacken der Gefangenen befanden, wurden besichtigt und jeder einzeln abgeführt. Nr. 36! sagte der eine Wärter, einen Blick auf Morels Jacke werfend. Aha, ich weiß schon! Das ist der Schlingel, der dem armen Ballard so viel zu schaffen machte. Am Ende hat er ihn totgeschlagen. Lieber Freund, sagte Morel, seine ganze Kraft zusammennehmend, ich bin nicht Nr. 36. Ich weiß nicht, wie ich zu dieser Jacke komme. Ich bin der Kapitän Morel. Der Herr Staatsanwalt kann es bezeugen. So? Wir haben keinen Kapitän Morel in unseren Listen, erwiderte der Wärter höhnisch. Das wird sich zeigen. Der Herr Staatsanwalt ist übrigens gefährlich gestürzt und jetzt vielleicht schon tot. So kann der Schließer bezeugen, daß ich Kapitän Morel bin, sagte Max. Ich wohnte in Nr. 29. Er wohnte dort? Sehr gut! rief der Wächter lachend. Der Schließer! Jawohl, der arme Ballard ist tot oben gefunden worden. Einer von den Hunden hat ihn erschlagen, vielleicht du selbst! Vorwärts, Marsch! – – – »Ein heftiger Brand hat in der Nacht den mittleren Flügel des Gefängnisses am Bièvre-Kanal zerstört. Wir kennen die Einzelheiten noch nicht genau. Doch versichert man, daß keiner von den Gefangenen entflohen und keiner verbrannt oder beschädigt sei. Dagegen ist ein anderes Unglück zu beklagen. Der Staatsanwalt, Herr Franck-Carré, der sich zu jener Zeit, um einen der Gefangenen zu vernehmen, in dem Gebäude befand und nicht anders als durch ein hinaufgeworfenes Seil gerettet werden konnte, ist, als er beinahe die Erde erreicht hatte, gestürzt und hat sich schwer verwundet. Außerdem ist der Schließer Ballard, wahrscheinlich als er die Zellen der Gefangenen öffnete, erschlagen worden. Der Verdacht trifft den berüchtigten Etienne Rablasy, der sich jedoch glücklicherweise noch in den Händen der Gerechtigkeit befindet, da es ihm nicht gelang, zu entfliehen.« Wie? Was ist das? sagte Don Lotario vor sich hin. Reblasy, so nannte sich ja jener Kerl, und wenn er derselbe ist, so ist er gewiß entflohen. Weshalb sollte ein anderer Mensch den Namen dieses Mörders annehmen? Der junge Mann dachte einige Minuten lang über diesen Umstand nach. Dann aber kam sein Diener, um ihm bei der Toilette zur Hand zu sein, und Don Lotario vergaß über dem, was ihm der Tag bringen sollte, die Ereignisse der Nacht. Einstweilen erwog er, ob er die Erlaubnis, die ihm Therese gegeben, benützen und sie besuchen solle. Er hätte es gern getan, aber er überlegte. Das Leben in Paris war nicht ohne allen Einfluß auf ihn geblieben. Er hatte bereits gelernt, seinem Herzen zu mißtrauen und mehr zu überlegen, als vielleicht nötig war. Auch dachte er jetzt bereits nüchterner über sein nächtliches Abenteuer. Interessant war seine Bekanntschaft gewiß, aber manches Interessante hatte auch seine gefährlichen Seiten. Zur rechten Zeit erinnerte er sich jedoch daran, daß ihm Therese gesagt, sie kenne den Abbé Laguidais. Der Abbé war ein bejahrter, in Paris sehr bekannter und geachteter Mann. Auch er mochte in seiner Jugend weltliche Torheiten gekannt haben, um so mehr, da seine Ansichten in jeder Beziehung sehr weltlich waren – jetzt aber ließ sich kaum annehmen, daß er in einem anderen als freundschaftlichen Verhältnisse zu dieser jungen Dame stehe. Don Lotario wollte sich vorher bei dem Abbé nach ihr erkundigen. Der elegante Mietswagen hielt, wie immer, Punkt zwölf Uhr vor der Tür. Don Lotario lebte gut, aber er war kein Verschwender. Er hatte die Absicht, daß seine zwanzigtausend Dollars für seinen Aufenthalt in Europa genügen sollten. Er wollte dem Lord Hope zeigen, daß er würdig sei, einen solchen Beschützer zu haben. Der Wagen fuhr über die Boulevards; sie waren ziemlich leer. Don Lotario traf keinen Bekannten. Er ließ sich nach dem Café Tortoni fahren. Der erste, den er dort sah, war Loupert, der die Zeitung las. Loupert blickte auf. Don Lotario war noch unentschieden, ob er ihn grüßen solle oder nicht. Wahrscheinlich aber hätte seine natürliche Gutherzigkeit gesiegt, und er hätte die Bekanntschaft mit dem Baron wieder erneuert, wenn nicht Loupert selbst getan hätte, als kenne er den Spanier nicht mehr. Er blickte gleichgültig wieder auf seine Zeitung, und Don Lotario bestellte sein Frühstück, ziemlich verdrießlich über seine Begegnung mit diesem Menschen, den er jetzt verachtete. Ein anderer Bekannter gesellte sich zu dem jungen Spanier, und bald hatte Don Lotario alles andere vergessen. Plötzlich sah er jedoch einen Mann eintreten, den er schon gesehen zu haben glaubte. Er war gewählt und stutzerhaft gekleidet, und das silbergraue Beinkleid belehrte den Spanier, daß er nicht irre, obgleich er kaum seinen Augen zu trauen wagte. Der Eintretende war niemand anders, als Herr Etienne Rablasy, der Flüchtling. Noch war Don Lotario von Rablasy nicht bemerkt worden, und er hatte Zeit, auf seinen Teller zu blicken und seine Überraschung zu verbergen. Diese Frechheit war groß! Lotario konnte keinen Augenblick daran zweifeln, daß der Mensch, den er die Nacht über bei sich beherbergt, ein Dieb, ein Räuber sei. Er hatte es natürlich gefunden, daß dieser Mensch eine andere Kleidung gewählt. Aber an diesem Orte zu erscheinen, dem Versammlungsplatze der feinen Welt – das ging über das Verzeihliche hinaus, und Don Lotario überlegte einige Minuten lang ernsthaft, ob er nicht am besten tun würde, nach der Polizei zu schicken und den Flüchtling verhaften zu lassen. Junge Leute aber sind stets großmütig und mitleidig, selbst da, wo sie es nicht sein sollten, Don Lotario hielt es für überflüssig, sich in diese Angelegenheit zu mischen. Er blieb auf seinem Platze. Dennoch war ihm die Gegenwart dieses Menschen unbehaglich, und er wagte kaum, seine Blicke zu erheben. Es ging ihm, wie den meisten ehrlichen Leuten; er schämte sich anstatt des anderen. Endlich aber ermannte er sich und blickte um sich. Rablasy mußte ihn jetzt längst bemerkt haben, und in der Tat grüßte er Don Lotario, aber so artig und höflich, daß sich der junge Mann genötigt sah, diesen Gruß, wenn auch schwach, zu erwidern. Noch weniger Lust hatte der junge Mann, sich mit Rablasy in ein Gespräch einzulassen; und es war immerhin möglich, daß der Unverschämte ihn anzusprechen wagte. Er erhob sich also schnell, verließ das Café und fuhr nach der Wohnung des Abbés Luguidais. Der Abbé, der sonst regelmäßig bis vier oder fünf Uhr zu sprechen war, hatte heute ausnahmsweise ausgehen müssen. Erwarten wollte ihn Don Lotario nicht. Sollte er zu Mademoiselle Therese fahren, ohne nähere Auskunft über sie zu haben? Er wollte es wagen. Das Haus, in welchem die Dame wohnte, war nicht leicht zu verkennen. Es war das größte in der Nachbarschaft. Mademoiselle Therese zu Hause? fragte er den Portier, der schläfrig in seinem Zimmer saß. Ich glaube, mein Herr. Wollen Sie sich eine Treppe hoch bemühen! Don Lotario ging hinauf. Das Haus war elegant, nicht gerade zu elegant, um die Wohnung einer »verdächtigen« Dame zu sein, aber doch wieder zu einfach und zu sauber, um einen solchen Gedanken aufkommen zu lassen. War Therese wirklich eine »Verlorene«, so mußte sie es jedenfalls verstanden haben, die höchsten Güter des Weibes um einen hohen Preis zu verkaufen. Das Treppengeländer war aus schön geschnitztem Eichenholz, die Stufen mit Teppichen bedeckt. Don Lotario klingelte. Mademoiselle Therese zu sprechen? fragte der junge Mann die freundliche Dienerin. Ihr Name, mein Herr? Don Lotario de Toledo. Treten Sie ein, wenn es Ihnen gefällig ist. Madame ist in ihrem Boudoir. Der junge Mann hatte nicht die plebejische Gewohnheit, mit den Dienerinnen zu sprechen. Aber hier drängte sich ihm eine Frage auf. Hat die Dame mich etwa erwartet, mein schönes Kind? fragte er. Das weiß ich nicht, antwortete die Dienerin. Aber Madame hat mir Ihren Namen genannt – heute früh – und das genügt. Gut, dachte Lotario bei sich selbst, ich bin erwartet worden! Die Dienerin nennt sie Madame – aber so nennt man in Frankreich jede Dame. Sie ist in ihrem Boudoir. Mein Schicksal wird sich entscheiden! Er ging weiter. Das Zimmer, das er betrat, war im feinsten Geschmack ausgestattet, überhaupt hatte die Wohnung nicht das Ansehen einer gemieteten, die man nur auf kurze Zeit bewohnt. Eine geschickte und sinnige Hand schien die Einzelheiten geordnet zu haben. Die Wohnung mußte der Dame gehören. Diese Überzeugung erhöhte das Interesse des jungen Mannes. Therese war allein. Sie saß an einem kleinen Tische am Fenster, in einem leichten und eleganten Morgenanzuge. Aber Don Lotario erschrak. Mitten in der Verbeugung, mitten in seiner Anrede hielt er inne. Das Gesicht der jungen Dame war leichenblaß, ihr Auge starr und gläsern, ihre Hände konvulsivisch zusammengepreßt. Sie bemerkte den Eintretenden nicht oder wollte ihn nicht bemerken. Kein Zug in ihrem Gesicht veränderte sich, sie erhob sich nicht, ihre Lippen waren krampfhaft geschlossen. Lotario glaubte eine Leiche zu sehen, kein lebendes Wesen. Mein Gott! rief er. Was ist Ihnen? Sind Sie krank? Ich werde Ihre Diener rufen. Keine Antwort. Don Lotario zweifelte nicht länger, daß Therese wirklich krank sei, daß sie sich in einer Art von Starrkrampf befinde. Eine Täuschung, selbst eine absichtliche, konnte hier nicht obwalten. Er sah einen Klingelzug und zog heftig daran, dann suchte er nach Wasser, nach einer belebenden Essenz. Madame ist krank! Sie hat einen ihrer Anfälle! rief die Dienerin, die jetzt in das Zimmer stürzte. Aber es wird vorübergehen, ich hoffe es. Ich bitte Sie, verlassen Sie auf einige Minuten das Zimmer, mein Herr! Nur auf einige Minuten. Der Spanier trat zurück. Das war ein seltsamer, beinahe schrecklicher Anfang. Unruhig ging er im Nebenzimmer auf und nieder, während noch eine andere Dienerin kam. Vielleicht hätte er sich ganz zurückziehen müssen. Aber er war unruhig, er wollte wissen, ob dieser Anfall glücklich vorübergegangen sei. Er sah noch immer das geisterbleiche Gesicht, das starre Auge, und ein tiefes Mitleid mischte sich in das flüchtige Interesse, das er bisher für die Dame empfunden hatte. Unterlag sie öfter solchen Anfällen? Hing das zusammen mit ihrer düsteren Gemütsstimmung? Er bedauerte sie. Seine Teilnahme wuchs. Ein leidendes, blasses Gesicht in dem Dämmerlicht eines Krankenzimmers erregt oft mehr unsere Sympathie, als brennende Wangen und leuchtende Augen in einem glänzenden Ballsaal. Er beschloß, zu bleiben. Ungefähr zehn Minuten verstrichen, während Lotario schnell auf und ab ging. Sie sind noch da, Herr Lotario? sagte die eine Dienerin, die jetzt eintrat. Das ist schön. Madame wünscht Sie zu sprechen. Wirklich? rief der Spanier. Aber hat sie sich auch vollständig wieder erholt? Ich bin nur hier geblieben, um Gewißheit darüber zu haben. Sagen Sie Madame, daß ich Sie nicht belästigen will. Nur, wenn sie ganz wohl ist. Der Anfall ist vorüber, und Madame wünscht ausdrücklich. Sie zu sprechen! sagte die Dienerin. Als Don Lotario in das Boudoir trat, saß Therese auf dem Sofa. Ihr Gesicht war noch immer sehr blaß, sehr erschöpft. Man sah in jedem ihrer abgespannten und matten Züge die Spuren der schrecklichen Krisis. Aber ihr Auge hatte jene furchtbare Starrheit verloren, die den jungen Mann vorher so sehr erschreckt. Es war sanfter und milder, wenn auch nicht frisch und glänzend. Verzeihen Sie, Don Lotario. sagte sie, und er bemerkte, daß sie sich absichtlich bemühte, ihre Schwäche zu verbergen – verzeihen Sie, daß ich Sie nicht auf bessere Weise empfing. Die Schuld ist freilich nicht mein. Ich bin zuweilen ein Opfer dieser Anfälle, die ihren Grund in meinen Nerven haben. Setzen Sie sich. Sie haben meine Wohnung gefunden? Wie sollte ich nicht? Ich hatte mir das Haus genau gemerkt, antwortete Lotario. Aber ich bitte Sie, Madame, legen Sie sich keinen Zwang auf, der Ihnen schaden könnte. Wenn Sie der Ruhe bedürfen, so entferne ich mich sogleich. Sie erlauben mir vielleicht, ein andermal zurückzukehren und mich nach Ihnen zu erkundigen. Nein, bleiben Sie, wenn es Ihnen sonst recht ist, sagte Therese. Sobald es vorüber ist, bin ich wieder so kräftig wie vorher. Leider bin ich selbst schuld daran. Gewisse Erinnerungen an die Vergangenheit, die ich oft mit Gewalt heraufbeschwöre, genügen, um mich in jenen Zustand zu versetzen. Ich weiß es, und ich sollte mich davor hüten. Aber manchmal zwingt mich ein dämonischer Zauber, in meinen eigenen Erinnerungen zu wühlen, so lange, bis mich jene entsetzliche Starrheit ergreift, und ich glaube vor den Pforten des Todes zu stehen. Sie haben mich in meinen schlimmsten Augenblicken gesehen – fügte sie mit einem Lächeln hinzu – die Koketterie, die wir ja alle mehr oder weniger besitzen sollen, zwingt mich also, mich Ihnen auch in besseren Momenten zu zeigen. Nicht wahr, ich war häßlich? Ich war ein Bild des Todes, der Krankheit? Sprechen Sie nicht davon! rief Lotario mit aufrichtiger Teilnahme. Ich war tief ergriffen. Wie können Sie noch darüber scherzen wollen? Wie können Sie glauben, daß ein Mensch von Gefühl bei diesem Anblick etwas anderes empfunden hätte, als den tiefsten Schmerz und die innigste Teilnahme! Indessen überhob ein Zwischenfall den jungen Mann der Mühe, diese Unterredung fortzusetzen, die ihm peinlich geworden war, aber freilich sein Interesse für die Dame noch erhöht hatte. Eine Dienerin fragte, ob Madame für den Herrn Grafen zu sprechen sei. Gewiß, antwortete Therese – wenn Don Lotario es wünscht, die Bekanntschaft des Grafen Arenberg zu machen! Arenberg? sagte Lotario. Wenn ich nicht irre, habe ich den Namen schon bei dem Abbé Laguidais gehört. Das ist wohl möglich, erwiderte die Dame. Graf Arenberg ist mein väterlicher Freund, mein Beschützer. Ein alter Herr von mindestens sechzig Jahren – vielleicht viel darüber – trat ein. Er war ohne Hut und Überzieher, sein Anzug verriet, daß er in dem Hause wohne. Seine Figur war schlank, mittelgroß und hager, sein Wesen fein und aristokratisch, sein Gesicht blaß und zart, sein Haar lang und schneeweiß. Niemals hatte Don Lotario ein Gesicht mit einem milderen, ruhigeren Ausdruck gesehen. Das blaue Auge des Grafen war fast überirdisch rein und klar. Es glänzte noch so lebhaft, als sei der Graf ein Jüngling. Und doch war seine Haltung schon gebückt. Graf Arenberg, aus Deutschland – Don Lotario de Toledo, aus Mexiko, sagte Therese, die Herren einander vorstellend. Bis jetzt war es mir noch nicht vergönnt, zwei Herren aus so verschiedenen Gegenden der Welt in meinem Zimmer zu sehen. Der Graf verbeugte sich sehr artig gegen Don Lotario, wandte sich dann aber sogleich und mit großem Interesse zu Therese. Sie sind krank gewesen, meine Freundin, sagte er sanft, und seine Stimme klang wie Musik. Sie haben einen Ihrer traurigen Anfälle gehabt. Wann werden Sie aufhören, sich selbst zu quälen? Wann werden Sie endlich ruhig werden? Nie, nie, mein werter Freund! antwortete Therese mit einem schwachen Lächeln. Doch Sie sehen, es ist vorüber! Ich bin Ihnen dankbar, Don Lotario, daß Sie Mademoiselle Therese in eine bessere Stimmung versetzt haben, sie lächelt wenigstens! sagte der Graf, sich zu dem jungen Spanier wendend. Nein, nein, Therese, Sie dürfen nicht mehr mit dem Abbé sprechen! Seine Anschauungen sind zu düster für Sie. Sie müssen heiterer werden. Ich bin wirklich froh, einmal einen jungen Mann bei Ihnen zu finden, dessen Gesicht nichts von jener Schwermut und nichts von jenem Weltschmerz verrät, die leider jetzt das Erbteil unserer ganzen Jugend zu sein scheinen! In bezug auf den Abbé mögen Sie recht haben, Herr Graf, sagte Lotario. Mir kam derselbe Gedanke. Laguidais ist ein vortrefflicher Mann. Aber er scheint mir mehr dazu geeignet, die Heiteren und Sorglosen an den Ernst des Lebens zu erinnern, als die Unglücklichen zu trösten. Er ist selbst nicht einig mit sich und mit der Ordnung der Welt. Das ist sehr wahr, sagte der Graf. Sie kennen also den Abbé. Ah, ich habe Ihren Namen dort gehört. Richtig. Sie kommen aus Mexiko. Sie sind dem Abbé von Lord Hope empfohlen. Er hat mit großer Anerkennung von Ihnen gesprochen. Der Abbé ist sehr freundlich gewesen, sagte Lotario. Leider bin ich viel zu unerfahren, um seine Verdienste und Talente ganz würdigen zu können. In Lord Hope und in dem Abbé habe ich Männer kennengelernt, die mir den ganzen Abgrund meiner Unwissenheit gezeigt haben. Aber, Gott sei Dank, ich bin noch jung, ich kann noch lernen! Wenn Sie diesen Gedanken haben, dann ist Ihnen schon geholfen! sagte der Graf. Besuchen Sie Mademoiselle Therese nur recht oft. Sie scheinen heiter und froh, Ihr Herz ist gewiß noch nicht zerrissen. Therese braucht solche Männer. Der Abbé und ich – wir sind viel zu alt für sie, und gegen junge Leute hat sie eine unbegreifliche Abneigung. Dann darf ich mir wenig von meinen Bemühungen versprechen, selbst wenn ich sie wagen wollte, sagte Lotario lächelnd. Und sind Sie denn überzeugt davon, daß Mademoiselle Therese mich zu ihrem Seelenarzt annehmen will? Ich erlaube Ihnen wenigstens, den Versuch zu machen, mich zu heilen, sagte Therese. Mehr kann ich doch nicht tun! Das heißt, Sie erlauben mir, Sie öfter zu besuchen? fragte Lotario. Ich werde es gern sehen, wenn Sie oft und zu jeder Zeit, die Ihnen recht ist, kommen, sagte Therese. Gut denn! Es sei! rief der junge Mann, dem der heitere Ton weit mehr zusagte als ein düsteres Gespräch. Sie wurden dem Abbé von Lord Hope empfohlen, also kennen Sie diesen wohl näher? fragte ihn jetzt der Graf. Ich kenne ihn, antwortete Don Lotario, und doch ist das wohl zuviel gesagt. Der Lord scheint mir ein Mann, dessen Wesen schwer zu ergründen ist. Jedenfalls ist es der außerordentlichste Mann, den ich je kennengelernt. Erzählen Sie uns von ihm, sagte Therese. Sie erwähnten seinen Namen in der Nacht nur flüchtig. Der junge Spanier war gern bereit, das wenige zu erzählen, was er von dem Lord wußte. Seine Erzählung erregte jedoch trotz ihrer Kürze das Interesse der beiden Zuhörer. Sagen Sie mir, ist der Graf verheiratet? fragte Therese, als Don Lotario seinen Bericht beendet. Merkwürdig, daß das beinahe immer die erste Frage ist, rief der Spanier lachend. Ich kann Ihnen leider keine Auskunft darüber geben, Mademoiselle. Er wich einer Frage, die ich deshalb an ihn richtete, aus. Doch vermute ich beinahe, daß er sein Kastell mit einem weiblichen Wesen teilt, und ich gestehe, ich hätte die Dame sehen und kennen mögen, die ein Lord Hope seiner Liebe für würdig hält. Dann verabschiedete sich der Graf, indem er sagte: Adieu, mein Kind. Ich bin zufrieden, daß Sie wieder wohl sind. Ich habe ein Geschäft jenseits der Seine und muß Sie verlassen. Adieu, Don Lotario, auf baldiges Wiedersehen! Und vergessen Sie nicht, wenn Sie einmal Mademoiselle Therese nicht antreffen sollten, nach mir zu fragen! Don Lotario verbeugte sich höflich und gab dem Grafen die Versicherung, daß er dies tun werde. Arenberg ging, nachdem er noch einen Blick zärtlicher Teilnahme auf das junge Mädchen geworfen. Kaum war er gegangen und Don Lotario dachte eben entweder an die Anknüpfungspunkte für ein neues Gespräch, oder an die Einleitung zum Abschied, als die Dienerin die Baronin Danglars anmeldete. Sie ist willkommen! antwortete Therese. Kennen Sie die Baronin, Don Lotario? Nein, antwortete der junge Mann. Gehört sie zu Ihren Freundinnen? Ja, es ist sogar die einzige, die ich in Paris besitze, antwortete Therese. Sie ist bedeutend älter als ich und hat viel Kummer gehabt. Nach Ihrer Ansicht müßte ich also den Umgang mit ihr abbrechen. Es ist eine liebenswürdige, geistreiche Frau, und gerade, daß sie Kummer gehabt hat und vielleicht noch hat, macht sie mir lieb. Die Baronin trat ein. In ihrem schwarzen Anzuge – sie trug fast immer Schwarz – sah sie noch blasser, vielleicht auch älter aus als gewöhnlich, und an diesem Morgen war sie so bleich, wie Therese sie nie gesehen. Selbst ihr Schritt war langsam und schwer. Die Baronin schien heute eine Matrone zu sein. Mein Himmel, Baronin, wie leidend sehen Sie heute aus! rief Therese ihr entgegen. Was ist Ihnen widerfahren? Und sie schien willens zu sein, aufzustehen und ihr entgegenzueilen. Aber ihre Kräfte waren noch zu schwach. Sie sank zurück. Bleiben Sie, bleiben Sie! sagte Madame Danglars, sich neben sie setzend. Ich habe eine schlechte Nacht, eine sehr schlechte Nacht gehabt. Das kommt wohl zuweilen vor, und in meinem Alter überwindet man das nicht so leicht. Aber es wird bald vorübergehen. Ich glaubte, Sie seien allein oder der Graf sei bei Ihnen. Ich hoffe doch, daß ich nicht störe. Therese machte Don Lotario und die Baronin miteinander bekannt. Madame Danglars betrachtete den schönen jungen Mann nicht ohne eine gewisse Neugierde. Don Lotario erregte stets die Aufmerksamkeit der Damen. Aber daß er sich hier in diesem Zimmer befand, mochte ihn der Baronin noch interessanter machen. Gewiß kannte sie die Ansichten Theresens und ihr Herz. Er mochte der erste junge Mann sein, den sie bei ihrer jungen Freundin gesehen. Es schien Don Lotario indessen, als habe sie eine vertrauliche Unterredung mit Therese gesucht, und da ohnehin die Zeit gekommen war, in der er sich schicklicherweise entfernen mußte, so erhob er sich. Therese bat den jungen Mann, seinen Besuch zu wiederholen, und Don Lotario versicherte, er werde kommen. Aber es schien, als sei das Versprechen seinerseits aufrichtiger als die Bitte Thereses. Er erhielt noch eine Einladung von Madame Danglars für einen der nächsten Abende und nahm sie an. Dann ging er. Arenberg und Rablasy Don Lotario war, sich selbst fast unbewußt, nach der Wohnung des Abbés Laguidais gegangen. Aber wie der Diener sagte, war der Abbé an diesem Abend in eine Gesellschaft geladen und hatte sich vor einer Stunde dorthin begeben. Lotario mußte weitergehen. Er kam an dem Hause vorbei, in dem Therese wohnte. Er glaubte Licht zu sehen. Aber sollte er der erste sein, der ihr die Nachricht überbrachte, daß ihre Freundin, die Baronin von Danglars, von Herrn von Loupert ermordet worden? Unmöglich! Bei der Aufgeregtheit, der krankhaften Überreiztheit des jungen Mädchens mußte er fürchten, der Urheber und der Zuschauer einer Szene zu sein, wie er sie bei seinem ersten Besuche gesehen. Und das konnte er nicht. Gerade als er langsam an der Tür des Hauses vorüberging, traten zwei Männer heraus, die sich der kühlen Luft wegen dicht in ihre Mäntel gehüllt hatten. Sie gingen ziemlich langsam und achteten nicht darauf, daß Don Lotario – übrigens absichtslos – ihnen folgte. Nach ihrem Gange und ihrer Kleidung waren es Männer vom Stande. Kein Fiaker in der Nähe? sagte der eine. Schade! Wir werden den Weg zu Fuß machen müssen! Mir ganz recht, entgegnete der andere mit einer etwas rauhen Stimme. Ich möchte mich etwas warm laufen. Nun, was halten Sie von diesem Grafen Arenberg? Bah, er ist entweder selbst betrogen, oder er ist ein Betrüger, erwiderte der erste, der zugleich der Kleinere war und dessen Akzent den Pariser und zugleich den gebildeten Mann verriet. Man kennt diese Geschichten. Ah, ich bitte Sie, sagte der Größere. Der Graf ist ein reicher Mann, nicht wahr? Oder ist er es nicht? Er ist es nach allem, was ich gehört habe, erwiderte der erste. Ich wollte auch nicht sagen, daß er des Vorteils wegen betrügt. Graf Arenberg ist reich, das ist mir die Hauptsache, meinte der Größere. Indessen, er wird Paris bald verlassen, wie er Ihnen sagte. Was kann er Ihnen dann nützen? Immer noch genug, denn es ist gar nicht meine Absicht, in Paris zu bleiben. Ich werde auch nach Deutschland gehen. Brrr! Doch, wie es Ihnen paßt. Jeder muß seinen eigenen Weg gehen, und inzwischen bin ich Ihnen sehr dankbar, daß Sie mich mit dem Grafen bekannt gemacht. Er kennt den Abbé Laguidais, und wenn ich durch ihn die Bekanntschaft des Abbés machen kann, so soll mir das ganz lieb sein. Der Abbé hat einen bedeutenden Namen und Einfluß in Paris. Das Gespräch hatte Don Lotario schon von Anfang an interessiert. Er blieb auch jetzt in der Nähe der beiden Männer, die so laut sprachen, daß der junge Mann ihre Worte deutlich verstehen konnte. So halten Sie sich an den Abbé, das ist mir lieb. Ich werde mich an den Grafen halten, sagte jetzt der Größere. Und was glauben Sie von dem jungen blassen Mädchen, das eine Zeitlang bei ihm war? Sie ist niedlich, hat aber keinen großen Eindruck auf mich gemacht, sagte der Kleinere. Wenn ich nicht wüßte, daß der Graf ein reicher Mann ist, so würde ich sie für einen Lockvogel halten. Ich glaube, daß ihre schmachtenden Augen auf überspannte Gemüter Eindruck machen. Vielleicht ist sie seine Maitresse, denn auch die Heiligen haben ihre Schwächen. Beide lachten. Don Lotario bereute es beinahe, den beiden gefolgt zu sein, so scharf und stechend drang ihr Gelächter in sein verwundetes Herz. Welche Worte über das Wesen, das er so glühend liebte! Und wie kam der Graf, wie kam Therese dazu, Umgang mit solchen Leuten zu haben, die jedenfalls tief unter ihnen standen? War denn der Graf so wenig weltklug, das Opfer von Leuten zu werden, die seine religiöse Schwärmerei nur für weltliche Vorteile benutzen wollten? Er wollte die beiden sehen, um sie, wenn er sie einmal zufällig bei dem Grafen träfe, wiederzuerkennen. Er hatte auch noch einen anderen Grund dafür. Wenn der Größere sprach, so überkam ihn stets das eigentümliche Gefühl, das wir empfinden, wenn wir eine Stimme hören, die uns nicht ganz unbekannt ist und von der wir doch nicht genau wissen, wem sie angehört. Er ging also rasch, und da er sah, daß die beiden in eine Nebenstraße einbiegen wollten, an deren Ecke eine Laterne stand, so kreuzte er die Straße und konnte den beiden deutlich ins Gesicht schauen. Den Kleineren erkannte er nicht. Es war ein Mann mit einem feinen, klugen Gesicht. Den Größeren aber erkannte er augenblicklich, trotz des hochgezogenen Mantelkragens. Es war Rablasy, der Flüchtling. Don Lotario beschloß, den Grafen zu warnen. Ein solcher Mensch konnte nur in böswilligen oder eigennützigen Absichten zu ihm gekommen sein. Don Lotario hatte ja die Ansichten, die der Fremde aussprach, gehört, und er bebte bei dem Gedanken, daß Therese mit einem solchen Menschen in Berührung kommen könne. Die beiden Männer hatte er aus dem Auge verloren, denn die Straßen längs der Seine waren belebter. Während er sie noch suchte, befand er sich in der Nähe des Palais Royal. Er erinnerte sich, daß heute der Abend sei, an dem sich dort die Gesellschaft der jungen Leute zum Spiel vereinigte. Seit drei Wochen, seit jenem Abend, an dem er Therese getroffen, war er nicht dort gewesen, hatte er seine Bekanntschaften überhaupt selten gesehen. Jetzt aber fühlte er das Bedürfnis, menschliche Stimmen zu hören. Er mochte nicht mit seinen Gedanken allein sein. Er trat in das Palais Royal. Die Diener kannten ihn und ließen ihn in das Zimmer eintreten, das der Gesellschaft gehörte. Der erste, den Don Lotario bemerkte, war Loupert, der am Spieltisch saß. Entsetzt trat Don Lotario einen Augenblick zurück. Er fühlte sein Blut erstarren. Hier saß der Mann, der vor einer halben Stunde sein Messer in das Herz seiner Mutter gestoßen, hier saß er, unbekümmert um sein Verbrechen, unbekümmert um die Strafe, die ihn jeden Augenblick ereilen konnte. Don Lotario war willens, auf ihn zuzuspringen, ihn niederzuschlagen und dann dem Arme der Gerechtigkeit zu überliefern. Aber er hielt an sich. Nein – erst wollte er sehen, wie weit die Ruchlosigkeit eines solchen Ungeheuers gehen könne. Man hatte ihn ausgesendet, damit er die Welt kennen lerne – gut, er wollte sehen, wie ein Mörder sich vor seinem eigenen Gewissen rettet, er wollte einen Blick in den tiefsten, gräßlichsten Abgrund tun. Guten Abend, meine Herren! sagte er, sich fassend und mit heiterer Miene. Was macht Fortuna? Blöde Augen, wie immer für die hübschesten Kerle! antwortete Chateau-Renaud, der für etwas eitel galt. Ich habe zehntausend Franken verloren. Loupert ist im Gewinnen. Nehmen Sie sich in acht, Baron, Sie werden fallen. An der Börse Glück, im Spiele Glück – das kann nicht lange dauern. Denken Sie an die Zukunft. Es läßt sich leicht erraten, daß Loupert die plötzliche günstige Umgestaltung seiner Vermögensverhältnisse Börsengewinnsten zugeschrieben hatte. Der Baron verschwendete seit einiger Zeit enorme Summen. Deshalb hatte er auch an diesem Abend wieder Zutritt im Palais Royal gefunden. Trösten Sie sich, Herr Graf, antwortete Loupert, ich will nur mein Reisegeld gewinnen, dann höre ich auf. Sie wollen reisen? Wohin? fragte Beauchamp. Hält Sie Ihr Spiel an der Börse nicht fest? Nein, ich muß wegen einer Spekulation nach London, vielleicht morgen schon, antwortete der Baron. Sie sehen ja so blaß und ungemein ernst aus, Don Lotario, sagte jetzt Franz von Epinay. Ich komme aus einem Hause des Todes, entgegnete Lotario ernst. Ich komme aus dem Hause der Baronin Danglars, die soeben in ihrem Boudoir ermordet gefunden worden ist. Alle erbleichten, Lucien Debray, der einstige Geliebte der Baronin, zuckte tief ergriffen zusammen. Lotario ließ seine Blicke über die Versammlung schweifen. Loupert war der Ruhigste geblieben, er hatte nicht einmal die Farbe verändert. Ermordet? Um Gottes willen – das ist ja gräßlich! rief Beauchamp. Und von wem? Wissen Sie das Nähere? Von einem Menschen, der schon einmal in der Nacht bei ihr war und der sie auch heute abend zu sprechen verlangte. Er ist fürs erste geflohen. Auf der Karte, durch die er bei der Baronin Zutritt erlangte, befand sich der Name: Baron von Loupert. Loupert! Die entsetzten Blicke der jungen Männer richteten sich auf den Baron, er schien erstaunt und überrascht. Zum Teufel! rief er. Was sagen Sie da? Baron von Loupert, das ist ja mein Name! Sollte ein Schurke den gemißbraucht haben? Haben Sie auch recht gehört, Don Lotario? Irren Sie sich nicht? Ich glaube nicht, erwiderte der Spanier. Loupert war der Name. Aber mein Gott, weshalb, warum? rief Franz von Epinay. War es ein Raubmord? War es Rache? Es ist eine Beraubung damit verbunden gewesen, erwiderte Lotario. Es fehlen zwanzigtausend Franken und Staatspapiere. Der Mord wird dadurch noch gräßlicher, daß dieser Loupert ein Verwandter, ein naher Verwandter der Baronin gewesen zu sein scheint. Ein Verwandter? fragte Lucien Debray erschüttert. Sie erinnern sich doch jenes Benedetto, des falschen Prinzen Cavalcanti? Gewiß! ertönte es allgemein, und das Erstaunen wuchs. Was hat er damit zu tun? Wo ist er? Er ist jener Baron von Loupert und der Sohn der Baronesse. Ein unglücklicher Zufall machte mich zum Zeugen des Mordes. Wenn aber irgend etwas mein Gemüt erschüttern kann, so ist es der Mord selbst weniger, als die Frechheit des Mörders. Ja, Herr von Loupert, Benedetto – Die Stimme des jungen Mannes zitterte. Seine ganze Gestalt war in Aufregung. Er suchte den Mörder. Wo ist er? Wo ist Loupert? rief er überrascht. Er ist der Mörder! Es trat eine allgemeine Verwirrung ein. Loupert hatte in der Tat das Zimmer verlassen. Er hatte die Gelegenheit benutzt, als alle Blicke auf Don Lotario gerichtet waren, um zu entfliehen. Man eilte ihm nach. Er hatte das Palais Royal verlassen. Auf der Salzsee-Insel Wo steckt er denn nur? Auf der Insel soll er doch sein! Wir müssen endlich hinter seine Schliche kommen! Verdammt, das müssen wir! Ich kann ihn gar nicht mehr leiden, seit er so einsiedlerisch geworden ist. Es sieht beinahe aus, als wolle er sich nicht mehr um uns kümmern! Aber wart' nur, Bursche, wir fassen dich schon! Ein verteufelter Weg, bei Moses und den Propheten! Kaum ein Fleck, wo man mit Sicherheit seinen Fuß hinsetzen kann. Meine alten Füße vertragen solchen Weg nicht mehr. Gib mir deinen Arm, Bruder Hillow! So. Die beiden kletterten weiter. Es waren die Mormonen Doktor Wipky und Hillow, der stämmige Kentuckier. Ah, sagte Wipky jetzt, der keuchte und stöhnte. Hier ist eine Stelle, auf der man ausruhen kann. Und man hat eine ganz hübsche Aussicht von hier, wahrhaftig. Der Junge ist gar nicht so dumm. Aber er könnte etwas Besseres tun, als schöne Aussichten suchen. Ihr Diener, meine Herren! sagte jetzt eine Stimme hinter den beiden. Also macht ihr mir wirklich einmal das Vergnügen? Teufel, da ist er selbst! rief Wipky. Guten Tag, Wolfram, wie geht es dir, mein Junge? Gut! antwortete dieser kurz und reichte den beiden Mormonen die Hand. Wie geht's in der Stadt? Noch alles in Ordnung? Du tätest besser, dich selbst davon zu überzeugen, sagte Hillow. Es ist unrecht, hier auf diesen Felsen zu hocken. Nun, sage uns, was treibst du hier auf dieser Insel? Macht es dir Spaß, den Robinson zu spielen? fragte der Doktor. Vielleicht, antwortete Wolfram, es gefällt mir, allein zu sein, das ist alles! Hm, das ist sehr egoistisch gedacht! meinte Wipky. Du entziehst den Brüdern deine Dienste, nicht wahr, Hillow? Ich weiß nicht, was egoistisch ist, erwiderte der robuste Kentuckier. Aber du könntest uns drüben wohl von Nutzen sein. Hoffentlich bin ich noch Herr meines Willens und kann sein, wo es mir gefällt. Sagt kurz, habt ihr den Auftrag, mich zurückzuführen? Den Auftrag? Nein, antwortete der Doktor. Wir kommen aus eigenem Antriebe, weil wir deine besten Freunde sind. Du mußt befürchten, ausgeschlossen zu werden. Und was soll aus deiner Braut werden? Was aus ihr werden soll? Meine Frau, nichts Besseres und nichts Schlimmeres! Sie muß sich eines Besseren besinnen, wenn sie dich solange nicht sieht, sagte Wipky. Sie hat dich ohnehin in der letzten Zeit nicht mehr so zärtlich angesehen wie früher, und wenn ein anderer kommt, der zärtlicher ist – Zum Teufel, sei ruhig mit deinem Geschwätz! rief Wolfram wütend. Bist du deshalb hierhergekommen, um mich zu ärgern? Bei Gott, wenn das der Fall ist, so kannst du einen Sprung in das Salzwasser machen. Die Einsamkeit scheint keine Lehrerin der Höflichkeit zu sein, sagte Wipky gelassen und kalt. Wenn du mir aber auch drohst, so will ich doch weiter davon sprechen. Ich sage dir die volle Wahrheit. Wir haben keinen Überfluß an Frauen, und es ist die Rede davon gewesen, wenn du die Mormonenbraut nicht in Anspruch nimmst, sie einem anderen anzutrauen. Das fehlte! rief Wolfram bitter lachend. Leider nehme ich Amelie allerdings in Anspruch, und ich möchte es keinem raten, sie mir abspenstig zu machen, übrigens wird das auch keinem gelingen, nicht einmal dir, gelehrter Doktor! Unter uns, im Vertrauen gesagt, deine Geliebte wird einem anderen zugesprochen, wenn du nicht bald zurückkommst und etwas Vernünftiges tust. Wir brauchen Frauen, und die Französin ist hübsch. Laß mich zufrieden! rief Wolfram, zuerst wütend, dann höhnisch lachend. Der Doktor stieg nun mit Hillow den Felsen hinab. Auch der Kentuckier schien von dem Besuche nicht sehr erbaut zu sein. Er ging mürrisch neben Wipky und äußerte seinen Unmut darüber, daß ein so junger und rüstiger Mann seine Zeit mit Grillenfängerei vertändele, während man in Neu-Jerusalem alle Hände notwendig gebrauche. Unterdessen war Wolfram auf einen Felsenvorsprung getreten, um den beiden nachzuschauen. Wieder kreuzte er die Arme, und mit jeder Minute wurde seine Stirn finsterer und seine Brauen zogen sich dichter zusammen. Er war düster schön, wie ein gefallener Engel. Es ist Zeit! sagte Wolfram. Ich will hinüber nach der Stadt. Vielleicht zum letztenmal! Er stieg langsam die Felsen hinab. Unten in einer Bucht lag ein kleines Boot mit einem Ruder. Der junge Mann setzte es in eine Öffnung des Spiegels hinten ein – auf die Weise, wie es die Matrosen in den Häfen tun – und indem er das Ruder in eine schnelle und halb drehende Bewegung versetzte, lenkte er das Boot nach dem östlichen Ufer des Sees. Dann ging Wolfram langsam und die Stellen, an denen er gesehen werden konnte, vermeidend, durch die Niederlassung. Nicht einmal einen Blick warf er auf die erleuchteten Fenster und die Gruppen, die vor oder in den Häusern saßen. Endlich stand er fünfzig Schritt vor einem großen Blockhause still. Es diente zur Wohnung für diejenigen Frauen, die entweder alt oder krank oder zu häßlich waren, um von einem der Mormonen zur Gattin gewählt zu werden. In diesem Hause, obgleich sie zu keiner Art der eben erwähnten Frauen gehörte, befand sich auch Amelie von Morcerf. Sie saß in einem Zimmer, das so einfach war, daß selbst die geschmackvolle und feine Hand der jungen Französin ihm nur wenig Reiz zu verleihen vermocht hatte. Sie saß im Scheine der spärlich brennenden Kerze und hatte den Kopf auf die Hand gestützt. Schon am anderen Tage nach ihrem Besuche auf dem Berge der Wünsche hatte ihr ein Mann, den sie früher nicht bei den Mormonen gesehen, einen Brief des Lords oder Grafen zugestellt. »Denken Sie nicht, Mademoiselle« – so schrieb der Graf – »daß ich Ihnen absichtlich Schmerzen und Kummer bereiten will. Ich fühle vollkommen mit Ihnen, ich erkenne Ihre Lage. Aber ich wiederhole Ihnen, was ich Ihnen schon gesagt. Ihr Aufenthalt bei den Mormonen soll dazu beitragen, einen bestimmten Zweck zu erreichen, der, wie ich hoffe und glaube, auch Ihnen zugute kommen wird. Gegen jede Gefahr schützt Sie mein Versprechen und der Mann, der Ihnen diesen Brief überbracht. Sie haben nicht einmal nötig, sich ihm zu vertrauen. Er kennt meine Befehle und wird über Sie wachen, ohne daß Sie ihn noch besonders aufmerksam zu machen brauchen. Verhalten Sie sich gegen Wolfram ganz, wie es Ihnen Ihr Herz vorschreibt. Ich glaube, daß die Zeit Ihrer Erlösung von den Mormonen nicht fern ist.« Amelie hatte den Mann, der ihr den Brief überbracht, seitdem oft wiedergesehen. Er war ihr aber nie genaht, hatte nie wieder ein Wort mit ihr gesprochen. Er war ein Mann in den dreißiger Jahren, ein Handwerker, wie es schien, und sein offenes, kluges Gesicht, seine freundlichen Augen flößten Vertrauen ein. Man wußte in der Kolonie, daß er vom Lord Hope gekommen. Wie es hieß, hatte ihm der Lord die Erlaubnis gegeben, sich den Mormonen anzuschließen. Er war sehr fleißig, sehr tätig und sehr geschickt, und hatte sich in der Kolonie schon Achtung erworben. Sein Name war Bertois, und es hieß, daß er ein geborener Franzose sei. Wolfram stand unterdessen vor dem Hause und sah düster und gedankenvoll hinauf. Er wußte, daß das Zimmer, in dem noch Licht brannte, seiner Geliebten gehöre. Trotz der Freiheit, die den Mormonen durch ihre Sitten im Umgange mit den Frauen gestattet war, erlaubte es das Gesetz doch nicht, daß ein Mann ohne Begleitung einer Frau dieses Haus betrat. Wolfram aber wollte Amelie allein sprechen. Er klopfte an und bat eine alte Frau, die die Stelle der Dienerin vertrat, Amelie herabzurufen. Nach einigen Minuten erschien eine schlanke Gestalt in einem hellen Mantel auf der Schwelle der Tür. Ich bin es, Amelie, sagte Wolfram mit einer Ruhe, die in diesem Augenblick erkünstelt war. Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie zu stören. Darf ich Sie um eine Unterredung bitten? Geben Sie mir Ihren Arm. Sie hatten sich früher Du genannt. Amelie zögerte einen Augenblick. Dann legte sie ihren Arm in den seinen. Wolfram führte sie schweigend durch die Niederlassung, in der jetzt allmählich das fröhliche Geräusch erstarb. In einiger Entfernung von der Kolonie befand sich ein kleines Wäldchen von Sträuchern und niedrigen Bäumen. Die Mormonen hatten es stolz Park von Neu-Jerusalem getauft und einige Bänke angebracht. Dorthin ging Wolfram mit Amelie. Der wachsende Mond erhob sich hinter den Bergen im Südosten, und sein mattes Licht floß zitternd nieder auf die ruhige, stille Erde. Rings regte sich kein Lüftchen. Die Natur schlief ihren träumerischen Schlaf. Der junge Mann ließ den Arm seiner Begleiterin sinken und setzte sich auf eine von den Bänken. Zögernd setzte sich Amelie neben ihn. Vielleicht zitterte sie vor Frost oder vor Aufregung, denn sie zog ihren Mantel jetzt fester zusammen. Amelie, sagte Wolfram endlich, wir wollen es uns gestehen. Wir haben uns gegenseitig getäuscht. Getäuscht? sagte die Französin mit ihrer schönen und klangvollen Stimme, die aber jetzt zitterte. Getäuscht? Wenn einer von uns getäuscht worden ist, so bin nur ich es gewesen. Doch wohl nicht ganz, sagte Wolfram, der, wie es schien, sich Mühe gab, möglichst ruhig und gelassen zu sprechen. Auch ich habe mich in Ihnen getäuscht, Amelie. Damals, als ich Sie in Paris kennen lernte, glaubte ich, daß Sie dazu geschaffen seien, ein abenteuerliches Leben zu führen, sich in alle Lagen zu finden, und deshalb forderte ich Sie auf, Ihr Schicksal mit dem meinigen zu vereinigen. Ich glaubte damals nicht, daß Sie alte Vorurteile und überspannte Ideen auf die Spitze treiben würden. Ich habe Ihnen vorgeschlagen, meine Gattin zu werden – freilich nur nach dem Ritus der Mormonen. Aber wer unter den Wölfen ist, muß mit ihnen heulen. Ich kann nicht verlangen, daß die Mormonen meinetwegen eine Ausnahme machen. – Ich könnte sie ja verlassen! – Aber Ihre Lage wird sich dann verändern. Sie kennen die Sitten der Mormonen. Sie haben keinen Überfluß an Frauen, und man wird Sie dazu zwingen, einen Mann zu wählen. Zwingen? rief Amelie. Oh, ich möchte den sehen, der mich dazu zwingen will. Ich fürchte mich vor niemand. Was ich tun werde, werde ich aus freien Stücken, nach meinem eigenen Willen tun. Grämen Sie sich darüber nicht! Ich gräme mich nicht, sagte Wolfram finster und etwas gereizt. Aber würden Sie aus freien Stücken einen Mormonen heiraten? Sie setzen eine verneinende Antwort voraus, weil ich es Ihnen abgeschlagen! sagte Amelie beinahe spöttisch. Aber dennoch ist die Möglichkeit vorhanden. Zu Ihnen stand ich in einem anderen Verhältnis, Wolfram, in einem ganz anderen. Ihnen hatte ich meine Zukunft anvertraut, und Sie hatten versprochen, mir die Ihrige zu widmen. Von diesen Mormonen hier habe ich das nicht zu erwarten, kann es auch nicht verlangen. Ich werde meinen Entschluß danach einrichten. Ohne diese Möglichkeit, die Sie andeuteten, würde ich Ihnen allerdings einen anderen Vorschlag gemacht haben. Gut, sprechen Sie. Ich werde Sie anhören. Ich sprach jene Möglichkeit nur aus, ohne sie für eine Gewißheit auszugeben. Ich würde Sie gefragt haben, ob Sie mit mir zusammen die Mormonen verlassen wollten, sagte Wolfram. Ich weiß freilich noch nicht, ob ich es tun werde. Es wird auch schwer sein, diese Flucht auszuführen. Denn die Mormonen glauben, daß ich ihnen zur Dankbarkeit verpflichtet bin, und werden es versuchen, mich zurückzuhalten. Auch dürfte es keine leichte Aufgabe sein, von hier aus andere bewohnte Gegenden zu erreichen. Indessen, das ist Nebensache. Würden Sie mich begleiten? Nur unter einer einzigen Bedingung: daß Sie mir, sobald wir einen bewohnten Ort erreicht haben, die Mittel und die Möglichkeit verschaffen, nach Frankreich zurückzukehren. Das ist Ihre Pflicht. Und, bei Gott, ich verlange nicht zu viel! Und Sie wollen ohne mich nach Frankreich zurückkehren? fragte Wolfram finster. Ich werde Sie nicht hindern, mich zu begleiten, antwortete Amelie kalt. Nun, dann wird es wohl das beste sein, wenn Sie hier zurückbleiben! sagte Wolfram bitter. Ich sehe es ein, es ist das klügste, was Sie tun können. Meine Unterredung ist zu Ende. Ich kam, um jenes Verlangen an Sie zu stellen, und Sie weisen es zurück. Ich weise es zurück, ja, wenn Sie nicht zugleich auf jene Bedingung eingehen, antwortete Amelie. Wolfram zögerte noch eine Minute lang. Dann stand er hastig auf. Lassen Sie uns zurückkehren, Amelie, sagte er. Und wenn es das letztemal ist, daß wir uns gesehen haben, so leben Sie wohl! Leben Sie wohl, Wolfram, antwortete Amelie, und sie mußte ihre ganze Kraft anstrengen, um ihre Ruhe zu bewahren. Mögen Sie an einem anderen Orte die Ruhe finden, die Sie mit mir zusammen nicht finden konnten, und mag Ihr Gewissen durch die Wohltaten, die Sie anderen vielleicht noch erweisen, Sie darüber trösten, daß Sie mich – doch schweigen wir davon! Wolfram ging. Drei Tage darauf saß Wolfram auf einem Felsstück vor der ihm als Wohnstätte dienenden Höhle, das die ganze Insel weit überragte und einen freien Blick über den ganzen See gestattete. Jedem hätte die Veränderung auffallen müssen, die inzwischen in seinen Zügen vor sich gegangen war. Seine Augen waren hohler, seine Wangen magerer geworden. Seine Züge hatten den Ausdruck des Stolzes und der Verachtung nicht verloren. Aber sie waren um vieles düsterer geworden als früher. Eine Art von krankhafter Gereiztheit lag in jeder seiner Mienen. Am Tage nach dem Besuche der beiden Mormonen auf der Insel und der Unterredung mit Amelie war ein Bote von Neu-Jerusalem herübergekommen und hatte den jungen Mann auf offizielle Weise und im Namen des Propheten und obersten Führers Brigham Young aufgefordert, seiner Trägheit zu entsagen und zu den Brüdern zurückzukehren. Wolfram hatte ihnen kaum geantwortet und nur im allgemeinen geäußert, daß er tun und lassen würde, was ihm gut dünke. Wolfram überblickte von seiner Warte aus den ganzen See, und sein Auge war nach der Richtung von Neu-Jerusalem hingewandt. Er bemerkte deshalb auch bald eine kleine Barke, die ihre Richtung nach der Insel nahm. Als sie sich näherte, erkannte Wolframs scharfes Auge zwei Männer in derselben. Er glaubte, es seien abermals Wipky und Hillow. Als die Barke aber näher kam, erkannte er nur Wipky darin. Der andere Mann schien ein Ruderer zu sein, den der Doktor angenommen. Es dauerte geraume Zeit, ehe der Doktor die Felsen erklommen. Er kam allein. Wolfram stand weder auf, um ihm entgegenzugehen, noch würdigte er ihn eines Blickes. He, Freund, rief Wipky, du willst also ewig auf der Insel bleiben? Wenigstens solange es mir hier gefällt! Du weißt aber, wem die Insel gehört? Die Insel? Nun, wem denn? Den Mormonen, glaube ich, sagte Wipky. Nun gut, und was will das sagen? Daß die Insel zum Mormonengebiet gehört und daß also – Daß also – Zum Henker, spanne mich nicht auf die Folter. Daß du sie wirst verlassen müssen, wenn du fortfährst, die Brüder durch deine Teilnahmlosigkeit und deine Trägheit zu reizen! erwiderte der Doktor sanft und ruhig. Wolfram stieß ein kurzes und verächtliches Lächeln aus. Dann sah er den Doktor spöttisch an. Bist du gekommen, um mir meine Verstoßung anzuzeigen? fragte er dann. Auf mein Wort, nein! erwiderte Wipky. Aber die Gemüter sind gegen dich erbittert. Man hat vielleicht zu viel von dir gehofft und ist nun ärgerlich darüber, daß du die Hoffnungen nicht erfüllst. Du fehlst allerorten, denn unsere anderen Baumeister sind nicht viel wert. Aber gerade deshalb wird man strenge gegen dich sein. Und das ist alles? fragte Wolfram. Das habe ich mir längst alles selbst gesagt. Nicht alles, meinte Wipky. Morgen ist Sonntag und nach dem Gottesdienst Versammlung. Zum Henker, ja doch, und was weiter? Und es werden einige Antrauungen stattfinden. Die mir höchst gleichgültig sind! So? vielleicht auch nicht! sagte Wipky. Ich hörte, daß die Französin einem von den Brüdern angetraut werden soll. Die Französin? sagte Wolfram und suchte ruhig zu scheinen. Wem soll sie denn angetraut werden? Darüber weiß ich nichts, antwortete Wipky. Zu Anfang haben wir natürlich alle gedacht, daß sie deine Frau werden würde. Aber seit du uns und sie auf diese Weise vernachlässigst, sind begreiflicherweise andere Bewerber aufgetreten. Ich verzichte auf sie; antwortete Wolfram. Du weißt es ja seit langer Zeit. Und es würde dir gleichgültig sein, wenn ein anderer sich um sie bewürbe? Ganz gleichgültig. Aber nenne mir spaßeshalber die, die in Neu-Jerusalem auf Freiersfüßen gehen! Nun, zuerst ich! sagte Wipky. Du? fuhr Wolfram auf, und sein Gesicht nahm einen ganz eigentümlichen Ausdruck an, einen Ausdruck, vor dem selbst Wipky erschrak. Du scheinst erstaunt, sagte er etwas bitter. Aber ich habe keine Frau, man hat mir schon so oft Vorwürfe darüber gemacht, und ehe ich eine Alte oder Häßliche heirate, weshalb soll ich nicht an die junge und schöne Französin denken? Ich wiederhole dir, es wäre mir nicht eingefallen, wenn du noch Absichten auf sie hättest. Da du aber zurücktrittst, so sehe ich nicht ein – Er unterbrach sich und schwieg. Wolfram hatte sich von ihm abgewendet und sah auf den See hinaus. Du hast recht, vollkommen recht, ich begreife es! sagte er dann mit eisig kalter Stimme. Der Doktor war ohne Zweifel uneinig mit sich selbst darüber, was er von Wolfram denken solle. Sein Äußeres schien eine tiefe Bewegung zu verkünden. Aber seine Worte waren kalt, ruhig, klar und unzweideutig. Die Zeremonie wird morgen stattfinden, sagte er dann. Wirst du zugegen sein? Ich weiß es noch nicht, antwortete Wolfram. Ich werde mich besinnen. Du bist aber auch vorgeladen in deiner eigenen Angelegenheit, erinnerte Wipky. Ich weiß es, und meine Antwort bleibt dieselbe, erwiderte Wolfram. Wipky ging, nicht ohne die Lippen zusammenzupressen und eine Verwünschung über den hochmütigen Burschen zwischen den Zähnen zu murmeln. Die ersten Strahlen der Sonne fielen am folgenden Morgen auf die Spitzen der Felsen, als Wolfram sich anschickte, die Insel zu verlassen. Tiefer Morgen war so klar, rein, duftig, ruhig und schön, wie ihn nur die frommste Phantasie für einen Sonntagmorgen wünschen kann. Der Spiegel des Sees war eben und glatt, wie der blaue und wolkenlose Himmel über ihm. Kein Luftzug kräuselte die Wellen, und als Wolfram langsam sein Boot nach Neu-Jerusalem hinüberruderte, konnte er die glitzernde Furche, die sein Boot zog, bis zurück zu der Insel erkennen. Er wußte, wo sich das Haus befand, in dem Hillow, der Kentuckier, mit seiner Familie wohnte. Es lag so ziemlich an dem Saume der Niederlassung, und Wolfram konnte es erreichen, ohne von vielen bemerkt zu werden. Er richtete also seine Schritte dorthin, und nach einigen Minuten trat er in die Wohnung des Mormonen. In der Stube war alles sauber und reinlich, und Wolframs zerlumpter Anzug bildete einen unangenehmen Kontrast zu der schlichten und reinlichen Eleganz dieses Zimmers. Selbst die Kinder schienen es zu fühlen, denn sie wichen zurück, als Wolfram eintrat, Hillow trat ihm freundlich entgegen. Ei, Bruder Wolfram! sagte er und reichte ihm die Hand, Wirklich einmal bei uns, und am Sonntag? Ja, erwiderte der junge Mann. Und weißt du, weshalb ich komme? Ich kalkuliere, ich soll ein gut Wort für dich einlegen bei dem Propheten und bei den Ältesten. Nein, das eben nicht, sagte Wolfram. Fürs erste wollte ich dich nur bitten, mir einen Anzug zu leihen. Haha, das ist alles? rief der Mormone herzlich lachend. Nun, es ist wahr, nimm es mir nicht übel, du siehst verteufelt abgerissen aus. Geh in das Nebenzimmer. Da steht mein Kleiderschrank; suche dir aus, was du willst. Wolfram trat in das anstoßende Zimmer und kam nach zwanzig Minuten sehr verändert heraus. Allerdings war Hillow ein wenig breitschulteriger als Wolfram, dafür aber war der junge Mann auch größer, und im allgemeinen stand ihm die braune Jacke des Kentuckiers sehr gut. Außerdem hatte sich Wolfram rasiert, bis auf den dunklen Schnurrbart. Alle Wetter, ich kalkuliere, du siehst jetzt aus wie ein echter Gentleman! rief Hillow verwundert und erfreut. Hätte nicht geglaubt, daß meine Jacke so gut aussähe. Nun komm zur Kirche! Ich danke dir, erwiderte Wolfram. Ich werde allein gehen. Und wenn du mir einen Gefallen tun willst, so sage den Brüdern nicht vorher, daß du mich gesehen hast. Wie du willst, sagte der Kentuckier. Mache nur nicht wieder neue Dummheiten! Mit diesem Rat entließ er den jungen Mann, der jetzt aus dem Hause schritt und noch eine Zeitlang am Ufer des Jordan entlangging. Bald darauf hörte er fröhliche Musik von dem Mittelpunkte der Stadt her. Einen Fremden würde diese Musik, die übrigens durchaus nicht schlecht war, überrascht haben. Wolfram aber wußte, daß es bei den Mormonen Sitte war, die Gläubigen, die sich zum Gottesdienst versammelten, mit Musik zu empfangen. Während die Musik noch ertönte, ging Wolfram nach dem Orte der Versammlung. Die Kirche oder vielmehr der Tempel war noch nicht vollendet. Er sollte einst im größten Maßstabe und mit größter Pracht erbaut werden. Für jetzt erhob sich auf dem Raume, der für den zukünftigen Tempel bestimmt war, nichts als ein großer Schuppen, auf dem die Fahnen Nordamerikas und einige andere Fahnen, die von den Mormonen willkürlich aufgepflanzt waren, flatterten. Dieser Schuppen diente indessen nur dazu, der Versammlung bei Regenwetter Schutz zu gewähren. An einem so schönen Sonntage, wie dem heutigen, pflegte die Versammlung der Gläubigen auf langen Bänken Platz zu nehmen, die halbkreisförmig geordnet waren und in deren Mitte sich eine Art von Altar und Kanzel für die Seher und die Priester befanden. Wolfram, der sich unbemerkt genähert hatte, ließ sein Auge über die Versammlung schweifen. Er glaubte Amelie neben einigen alten Frauen zu erkennen. Dann setzte er sich neben einige Greise, die auf der letzten Bank saßen und ihn nicht kannten. Er beugte sich nieder, stützte den Kopf auf beide Hände und erwartete so den Verlauf des Gottesdienstes und der anschließenden Versammlung. Der Prophet Brigham Young, der zugleich die Stelle eines ersten Beamten vertrat, erhob sich und sprach den Segenswunsch über die Versammlung und ihr Beginnen. Gläubige Brüder und Schwestern! Wir haben dieses Land, das Land der Verheißung, Deseret genannt, das heißt: »die Honigbiene«. Wir haben einen Bienenstock zum Symbol unseres Glaubens, des wahren Glaubens, gewählt. Weshalb? Die Antwort ist klar. Wir haben damit andeuten wollen, daß wir ein tätiges Volk seien, daß Arbeit, Tätigkeit und Eifer allein des wahren Gläubigen würdig sind. Die Kirche der wahren Gläubigen, die Kirche der Zukunft muß durch rastlose Bemühungen errichtet werden. Niemand darf die Hände in den Schoß legen und feiern. Gläubige Brüder und Schwestern! Solange ich nach Gottes Gnade und durch die Wahl der Ältesten mein heiliges Amt bekleide, habe ich noch nie Gelegenheit gehabt, euch diesen unseren Grundsatz wegen eines bestimmten Falles in das Gedächtnis zurückzurufen, und ich danke Gott dafür. Heute aber muß ich es tun wegen zweier Personen, die ich nicht mit dem Namen von Gläubigen belegen kann, da sie ihn nicht verdienen. Die erste dieser Personen ist Wolfram. Ihr werdet euch erinnern, wie er nach Nauvoo zu uns kam, wie wir ihn mit Freuden empfingen und wie wir alle glaubten, daß er der Gemeinschaft der Gläubigen durch seinen Eifer und seine Talente nützlich sein werde. Er war ein Architekt und ein tüchtiger Mann, wie wir ihn brauchten. Anfangs entsprach er allen unseren Erwartungen. Aber seit wir in Neu-Jerusalem sind, mußte ich mit Bedauern bemerken, daß er sich mehr und mehr von uns und seinen Verpflichtungen zurückzog. Er hörte auf, tätig zu sein, er vernachlässigte die ihm übertragenen Arbeiten und trug dazu bei, daß sie ins Stocken gerieten. Ich habe ihn freundschaftlich ermahnen und auffordern lassen, zu uns zurückzukehren. Aber er zog es vor, auf einer einsamen Insel zu leben. Ich habe ihn endlich bestimmt auffordern lassen, heute hier zu erscheinen und sich vorher bei mir zu melden, damit ich noch einmal eine gütliche Rücksprache mit ihm nehmen könne. Er hat dies nicht getan, und ich nehme also an, daß er nicht hier ist, daß er auch diese Aufforderung verachtet und mir offen Trotz geboten hat. Es tut mir darum leid, daß es soweit gekommen, fuhr der Prophet fort. Ich bin gewiß der erste, der Wolframs Talente anerkennt. Aber um so unverzeihlicher ist es von ihm, sie zu mißbrauchen und den Gläubigen ein böses Beispiel zu geben. Andererseits ist es meine Pflicht, meine strenge Pflicht, darüber zu wachen, daß die mir anvertraute Gemeinde rein bleibe und daß sich kein räudiges Schaf unter sie mische. Deshalb muß ich in diesem ersten Falle – möge er für immer der einzige bleiben! – die Strenge unserer Gesetze in ihrer ganzen Kraft und in ihrem ganzen Umfange in Anwendung bringen. Wolfram, wo bist du? Er rief diese letzten Worte mit erhobener Stimme. Alles war still. Wolfram rührte sich nicht. Nur Hillow erhob sich abermals und blickte unruhig umher. Er ist nicht hier! sagte der Prophet. So erkläre ich denn auf Grund unserer Gesetze und nach dem Beschlusse der Ältesten besagten Wolfram für ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Gläubigen. Sein Fuß darf nie wieder diese Stätte betreten, er ist aller Rechte und aller Gnadenmittel der wahren Kirche verlustig, er ist ausgestoßen aus dem Gebiete der Gläubigen und geächtet. Was die andere Person anbetrifft, von der ich vorhin sprach, fuhr der Prophet jetzt fort, so ist es die Begleiterin Wolframs, die Französin Amelie, euch bekannt unter dem Namen die Mormonenbraut. Sie hat schon von jeher eine Stellung zu den wahren Gläubigen angenommen, die eher feindlich als freundschaftlich war. Sie hat erklärt, Wolfram nicht nach den Gebräuchen unserer Kirche heiraten zu wollen, sie hat sich von uns zurückgezogen. Nun aber gilt das Gebot des Fleißes und der Tätigkeit bei uns nicht nur für die Männer, sondern auch für die Frauen. Wie der Mann mit dem Beil, mit der Hacke, mit dem Spaten, so muß die Frau im Hause wirtschaften und arbeiten und ein nützliches Glied unserer Gemeinschaft sein. Dieser Zweck kann aber nur dann erreicht werden, wenn sie wirklich eine Frau, wenn sie verheiratet, wenn sie einem wahren Gläubigen angetraut ist. Die Französin ist jung, sie hat seit langer Zeit unseren Schutz genossen, unser Brot gegessen. Sie muß endlich aufhören, eine Müßiggängerin zu sein. Sie muß die Zwecke des Weibes erfüllen. Der erste und einzige Zweck eines Weibes aber ist der, eine Hausfrau und eine Wirtschafterin zu sein. Deshalb fordere ich diejenigen von den unverheirateten Männern, die hier versammelt sind, auf, zu erklären, ob einer von ihnen geneigt ist, die Französin Amelie von Morcerf als sein Weib anzunehmen und sich dieselbe antrauen zu lassen! Das Erstaunen war ziemlich lebhaft und allgemein, als Wipky sich erhob. Zwar ließ sich vermuten, da er eine angesehene und einflußreiche Person war, daß er überhaupt etwas sagen wolle. Du hast eine Aufforderung erlassen, Bruder, wandte er sich an den Propheten, und du findest in mir einen Gläubigen, der sie gehört hat. Es war mein Wille, unverheiratet zu bleiben. Aber ich habe in der letzten Zeit gefühlt, daß meine angegriffene Gesundheit sich gebessert und meine Kraft, statt sich zu vermindern, sich vermehrt hat. Ich glaube noch lange Zeit mit einer Frau glücklich leben zu können. Meine Wahl war schon früher auf Amelie von Morcerf gefallen, und jetzt, nachdem Wolfram ihr nicht mehr zur Seite steht, ist es erstens ein Bedürfnis für sie, jemand zu ihrem besonderen Schutze zu haben, und zweitens eine Pflicht für mich, die Begleiterin meines einstigen Freundes – denn ich nenne ihn noch so – zu beschützen. Deshalb erkläre ich mich bereit, die Französin Amelie von Morcerf als meine Gattin anzunehmen. Hast du etwas dagegen einzuwenden, Schwester Amelie? fragte der Prophet. Die Französin erhob sich. Ihr Gesicht war nie blasser, ihr Auge nie umflorter gewesen, als es sich jetzt nach einem flüchtigen Blick über die Versammlung auf den Propheten richtete. Ich habe einige Worte zu sagen, sagte sie dann mit ihrer schönen Stimme und ihrem französischen Akzent. Ich weiß, daß es den gläubigen Schwestern freisteht, unter mehreren Bewerbern zu wählen, und da ich, wenn auch wider meinen Willen, zu den Gläubigen gerechnet werde, so mache ich von diesem Rechte Gebrauch. Es handelt sich darum, ob noch andere von den Gläubigen auftreten, die nach meiner Hand verlangen. Frage sie! Die Französin ist in ihrem Rechte, sagte der Prophet, wählend Wipky sein Auge rasch über die Versammlung schweifen ließ, als wolle er die Absicht eines jeden Einzelnen erforschen. Gläubige Brüder, sind noch andere unter euch, denen die Hand der Französin wünschenswert erscheint? In der Versammlung erwarteten wohl wenige, daß sich jemand erheben würde. Denn die Zahl der unverheirateten Männer war sehr gering und Wipkys Einfluß war so groß, daß es so leicht niemand wagen konnte, ihm entgegenzutreten. Dennoch erhob sich ein Mann. Er hatte dicht hinter Amelie gesessen und unbemerkt von den anderen ihr kurz zuvor einige Worte zugeflüstert. Er war noch jung, und heute in seinem Feiertagskleide sah er sehr gut aus. Sein gebräuntes Gesicht, seine offene Miene und sein kluges Auge mußten für ihn einnehmen. Ah, es ist Bertois, der Franzose! flüsterte es durch die Reihen. Bei diesen Worten erhob auch Wolfram zum ersten Male sein Gesicht. Bis jetzt hatte er scheinbar teilnahmslos zugehört, denn er hatte vorher gewußt, wie alles kommen würde. Diese Wendung war neu. Es trat jemand gegen Wipky auf. Das hatte er nicht erwartet. Er richtete sein Auge auf den Franzosen, und mit einem Zucken der Eifersucht mußte er sich gestehen, daß dieser vor allen anderen Bewerbern den Vorzug verdiene. Er hatte früher nie auf ihn geachtet, kaum von seiner Ankunft bei den Mormonen gehört, wußte auch nicht einmal, daß er von dem Lord Hope abgesendet worden – denn sonst würde er ihn gehaßt haben. Er war es, den Amelie meinte, die Verräterin! flüsterte in ihm die Stimme der Eifersucht. Er war es, von dem sie sprach. Sie hat es mit ihm abgekartet. Ich verachte sie! Bruder, sagte jetzt der Franzose zu dem Propheten gewendet, da du die Frage an uns richtest, so erkläre ich dir, daß es stets ein stiller Wunsch von mir gewesen ist, meine Landsmännin Amelie von Morcerf zu meiner Gattin zu machen. Wenn sie mein Anerbieten annehmen sollte, so werde ich mich sehr glücklich schätzen, ihr einen Herd und ein sicheres Obdach zu bereiten. Doktor Wipkys Augen waren so klein geworden, daß man fast nichts mehr von ihnen sah. Aber sie waren auf Bertois gerichtet und durchaus nicht freundschaftlich. Enttäuschung und bange Erwartung malten sich in seinen Zügen. Er mochte so gut wie Wolfram fühlen, daß Bertois ein gefährlicher Nebenbuhler sei. Der Bruder Bertois hat uns bis jetzt noch keine Veranlassung zum Tadel, wohl aber zum Lob und zur Anerkennung gegeben, sagte der Prophet. Es läßt sich nichts gegen sein Verlangen einwenden. Sind noch andere unter den gläubigen Brüdern, die auf die Hand der Schwester Amelie Anspruch machen? Es herrschte tiefste Stille. Niemand erhob sich, Wipky und Bertois waren die einzigen Bewerber. Es meldet sich niemand weiter! sagte der Prophet. Gut denn, die Französin wird zwischen beiden zu wählen haben. Der Bruder Wipky ist ein achtbarer und um die Kirche der Gläubigen wohlverdienter Mann. Er hat uns oft mit seinen Ratschlägen zur Seite gestanden. Aber auch der Bruder Bertois verdient unsere Anerkennung. Wir also haben weder für den einen noch für den anderen etwas Günstiges oder Nachteiliges zu sagen. Die Entscheidung liegt in deiner Hand, Schwester Amelie. So erkläre ich, den Antrag des Bruders Bertois anzunehmen! sagte Amelie mit lauter und fester Stimme. Die Schlange! Sie hat mich betrogen! murmelte Wolfram vor sich hin. Wohlan denn, so wollen wir die Schwester Amelie dem Bruder Bertois antrauen! rief Brigham Young. Ich bitte die beiden, vorzutreten und an dem Altar Platz zu nehmen. Halt! rief Wipky jetzt, der seinen Ärger und seine Enttäuschung nur mühsam verbergen konnte. Halt! Ich habe noch eine Einwendung zu machen. Die Zeremonie muß aufgeschoben werden. Ich glaube wohl verlangen zu dürfen, daß man mich anhört. So sprich, sagte der Prophet. Niemand hindert dich daran. Welche Gründe hast du? Ich kann sie den Ältesten nur im geheimen mitteilen und bitte deshalb, daß die Trauung bis auf heute über acht Tage ausgesetzt werde, sagte Wipky. Es lag auf der Hand, daß dies eine leere Ausflucht war, und die meisten mochten so denken. Aber Doktor Wipky war unter den Mormonen ein angesehener und auch gefürchteter Mann. Seine Stimme mußte gehört werden. Der Prophet beriet mit den Ältesten. So bleibt die Trauung ausgesetzt bis auf heute über acht Tage, sagte er dann. Wir werden bis dahin alle Gründe prüfen. Ich entlasse die Versammlung der Gläubigen mit meinem Segen. Gott schenke euch seinen Frieden, jetzt und immerdar. Amen! Die Versammlung wollte sich erheben und auseinandergehen. Das plötzliche Erscheinen Wolframs jedoch hielt sie zurück. Der junge Mann war hastig aufgestanden und schritt jetzt durch einen Gang, der sich zwischen den Bänken befand, rasch bis in die Nähe der Kanzel vor. Dort stand er still, und seine Stellung war so stolz, so herausfordernd und dabei so verächtlich, daß aller Blicke voll Verwunderung auf ihm hafteten. Zuerst einige Worte an jenes Weib! rief er mit erhobener Stimme und mit dem Ingrimm der Verachtung. Sie ist mir aus ihrem Vaterlande gefolgt, sie hat mir Treue geschworen, und jetzt, da ich im Begriffe stehe, diese Stätte der Bosheit zu verlassen, weist sie mich zurück, weil sie mit einem anderen geliebäugelt hat und meiner überdrüssig geworden ist. Wohlan, Amelie, ich danke Ihnen, Sie haben mir eine gute Lektion über Treue der Frauen gegeben! Seien Sie glücklich und amüsieren Sie sich mit Ihrem zukünftigen Gatten, bis es ihm gefällt, eine andere Frau zu nehmen und Sie zu Nummer Zwei zu machen. Für ihn konnten Sie tun, was Sie mir abschlugen. Oh, ich sehe jetzt klar und ich verachte Sie! Jetzt war Amelie bleich geworden. Sie schien ihre Fassung zu verlieren. Dann aber erhob sie sich ein wenig und sagte mit schwacher, aber fester und laut vernehmlicher Stimme, so daß es jeder hören konnte: Sie tun mir unrecht, Wolfram, und Sie werden es eines Tages einsehen. Euch aber, ihr Mormonen! rief Wolfram jetzt wieder mit lauter Stimme, euch sage ich, daß ich mich nicht so wenig um euern Bann, um euern Fluch kümmere, als wenn eine Möwe mir drohen würde, sie wolle mich verschlingen. Ich habe mit meinem Geiste, mit meinem Selbst nie zu euch gehört. Ich bin zu euch gekommen, weil ich nichts Besseres hatte, weil mir alles gleich war. Ich werde wohnen, ich werde bleiben, ich werde tun, was und wo ich will, und wehe dem, der es wagen wird, mich in meinem Beginnen zu stören! Ich bin noch der alte Wolfram, und die Faust, die drei Zentner zu heben vermag, wird auch einen Mormonenschädel zu treffen wissen. Wer hat euch ein Recht gegeben, über mich zu urteilen? Gehört euch dieses Land, dieses Gebiet? Mein ist die Luft, mein ist der See, mein ist der Fels, so gut wie euer. Drohen könnt ihr mir, aber ich will den sehen, der die Drohungen ausführt. Ich sage euch, ich bleibe auf der Insel, und wer sich den Kopf zerschellen will, der mag dort hinkommen und mich vertreiben. Auserwähltes Volk Gottes, ich lache dir ins Gesicht und verachte dich, denn ich kenne die Betrügereien deiner Führer und die kindische Leichtgläubigkeit deiner Frommen. Lüsternheit, Willkür und Eigennutz halten euch zusammen. Sagt den Toren, daß ihr ehrliche Leute seid, nicht mir. Und nun habe ich gesagt, was ich auf dem Herzen hatte. Tut, was ihr wollt, ich werde tun, was mir gut dünkt. Zwischen uns sei Kampf, wenn ihr ihn haben wollt. Wir wollen sehen, wer der Stärkste ist! So wild, so gellend, so drohend waren diese Worte herausgeschleudert, daß ein Entsetzen die ganze Versammlung zu ergreifen schien, daß keine Lippe sich rührte, ihm zu widersprechen, keine Hand sich erhob, um ihn zu Boden zu schlagen. Dann verließ er seinen Platz, nicht hastig und übereilt, sondern langsam und majestätisch, wie ein Held durch die Reihen des bewundernden Volkes schreitet. Ja, es lag eine Majestät in diesem Jüngling, in ihm loderte der prometheische Funken. Aber sollte er zur segenbringenden Flamme oder zum verderblichen Brande auflodern? Niemand hielt ihn zurück. Stumm und entsetzt folgten ihm alle Blicke, bis er hinter den Häusern verschwand und dem See zuschritt. Wolframs einzige Hoffnung während der folgenden Tage war die, daß die Mormonen ihn auf der Insel angreifen, es versuchen würden, ihn zu vertreiben. Mit nicht geringer Überraschung und mit geheimem Grimm sah er am Ende der Woche, die jenem Sonntage gefolgt war, ein Boot der Insel nahen und erkannte mit seinen scharfen Augen in dem Manne, der es schnell und geschickt ruderte, jenen Franzosen, seinen Nebenbuhler Bertois. Weshalb kam dieser Mann? Wollte er zu ihm? Was hatte er ihm mitzuteilen? Das Boot legte in der Tat an der Insel an, und nach einigen Minuten sah Wolfram seinen Nebenbuhler die Felsen heraufsteigen. Er war mit Flinte und Hirschfänger bewaffnet. Das konnte jedoch dem jungen Mann nicht auffallen. Denn die Mormonen entfernten sich nie eine Strecke weit von der Niederlassung, ohne bewaffnet zu sein. Sie hatten stets die Angriffe der Indianer zu fürchten, oder hofften auch, auf ein gutes Stück Wild zu stoßen. Mit einer Miene, in der sich finsterer Stolz und verächtliche Geringschätzung paarten, richtete Wolfram seine Blicke auf den Franzosen. Es ärgerte ihn, daß dieser sich ihm in einer festen und zuversichtlichen Haltung nahte. Er hatte gehofft, ihn verlegen, verwirrt zu sehen. Statt dessen grüßte ihn dieser ruhig und mit einem forschenden, klaren Blicke. Herr Wolfram, sagte er, Sie entschuldigen, daß ich Sie störe. Ich muß es entschuldigen, und was wünschen Sie von mir? sagte Wolfram düster. Ich komme wegen einer Dame, die einst ihrem Herzen nahe stand! sagte Bertois, während er seine Flinte an einen Felsen lehnte. Zwar weiß ich nicht, ob Sie Willens sind, ihr noch irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken. Aber ich hoffe es. Sie hoffen es? sagte Wolfram mit einem verächtlichen Zucken der Lippen. Fürwahr, das ist eine große Uneigennützigkeit. Sie sind derjenige, den sich Amelie ausgewählt hat, Sie sind doch ihr Mann, oder werden es bald sein, und Sie wollen dennoch einem anderen erlauben, sich in die Angelegenheiten ihrer Gattin einzumischen? Sie scheinen gereizt zu sein, Herr Wolfram, sagte Bertois ruhig. Die Sache indessen, die ich Ihnen mitzuteilen habe, fordert die größte Besonnenheit und die klarste Überlegung. Lassen Sie mich deshalb zuerst einen Umstand aufklären, der von Wichtigkeit ist. Amelie wird nie meine Gattin werden! Oho! Was ist das für eine neue Teufelei? rief Wolfram bitter und höhnisch. Keine Teufelei, sondern einfache Wirklichkeit! sagte der Franzose so fest und ernst, daß sich Wolfram beinahe beschämt fühlte. Ich schätze Fräulein Amelie viel zu hoch und habe eine viel zu bescheidene Ansicht von meinem eigenen Verdienst, als daß ich es je wagen könnte, meine Augen zu einer solchen Dame zu erheben. Das Schicksal meiner Landsmännin hatte von jeher mein Interesse erregt, und da ich einzusehen glaubte, daß ihr die Bewerbung Wipkys unangenehm sei, und da ich ferner glaubte, daß eine Wiederannäherung zwischen ihnen beiden nicht in das Reich der Unmöglichkeit gehöre, so trat ich als Bewerber um die Hand Amelies auf, aber nur, um ihr Zeit zu gewähren. Das war bei einfache Grund meiner Bewerbung. Sie sehen in mir weder einen Nebenbuhler noch einen Feind! Viel Interesse! In der Tat, das ist wahr! sagte Wolfram noch immer spöttisch. Dann aber schien er einzusehen, daß er diesem Manne gegenüber keinen Grund habe, den Hochmütigen und Beleidigten zu spielen, und er sagte in aufrichtigem Tone: Wenn dem so ist, so danke ich Ihnen. Aber Sie mußten doch vorher mit Amelie darüber gesprochen haben! Nur wenige Augenblicke vorher, antwortete Bertois. Mein Entschluß stand erst dann fest, als Wipky mit seinem Antrage auftrat, und ich flüsterte Fräulein Amelie meine Absicht zu. Gut, sagte Wolfram. Nun, und was haben Sie mir jetzt mitzuteilen? Nichts Erfreuliches, erwiderte der Franzose. Die Angelegenheit ihrer Begleiterin hat eine schlimme Wendung genommen. Urteilen Sie selbst, ich werde Ihnen den Verlauf der Dinge erzählen. Die Sache ist folgende, fuhr der Franzose dann fort. Ich war von Anfang an überzeugt, daß jener Antrag Wipkys nicht das Resultat einer augenblicklichen Laune oder gar der Großmut, sondern reiflicher Überlegung sei. Der Doktor mochte wissen, daß Sie allen Ansprüchen auf ihre Begleiterin entsagt hatten, und da er, wenn ich nicht irre, ehrgeizig ist und nach höheren Einflüssen strebt, so konnte ihm eine Verbindung mit der klugen und gebildeten Amelie nur von Vorteil sein, nachdem er den ersten Neid der Mormonenfrauen besiegt hatte. Von der Schönheit Amelies will ich weiter nicht sprechen. Genug, ich bereitete mich darauf vor, daß mir Wipky Hindernisse in den Weg legen würde. In der Tat kam er schon am anderen Morgen zu mir und stellte mir mit all der Schlauheit, die ihm eigen ist, vor, daß mir, dem einfachen Handwerksmanne, eine Frau wie Amelie wenig nützen könne, daß er mir eine andere reiche und arbeitsame Frau verschaffen wolle und daß ich meinen Ansprüchen entsagen solle. Ich erwiderte ihm, daß ich das nicht könne, da ich Amelie liebte. Darauf wurde er ärgerlich, erwähnte, daß ich ja erst seit kurzem bei den Mormonen sei und daß es allgemein auffallen würde, wenn ein so neues Mitglied gegen ein altes und bewährtes Haupt der Gemeinde auftreten wolle. Ich erklärte ihm jedoch, daß ich bei meinem Antrage beharre, und er verließ mich sehr mißmutig. Ich sah voraus, daß Wipky gegen mich Ränke schmieden würde, und obgleich ich nur tat, als ob ich ruhig meiner Arbeit nachgehe, so beobachtete ich ihn dennoch ziemlich genau. Er hatte lange Konferenzen mit dem Propheten und mit den einflußreichsten der Ältesten. Gestern früh kam denn auch Brigham Young zu mir und sagte mir nach langen Umschweifen und Entschuldigungen, daß der Rat der Ältesten beschlossen habe, mich darum zu bitten, dem Bruder Wipky meine Ansprüche auf die Hand der Französin abzutreten, und daß er hoffe, ich werde diese Bitte erfüllen. Ich blieb jedoch fest, da ich sehen wollte, wie weit man es treiben würde, und gab dem Propheten dieselbe Antwort wie dem Doktor. Darauf erklärte jener kraft seines Amtes als Gouverneur, daß es ihm allerdings leid tue, streng gegen mich sein zu müssen, daß aber der Beschluß der Ältesten feststehe, und daß Amelie die Gattin Wipkys werden müsse. Er stelle es mir frei, wenn ich sonst wolle, die Gemeinschaft der Gläubigen zu verlassen, hoffe aber, ich würde mich mit einem reichen und schönen Mädchen beruhigen, das er mir nannte und das meine Frau werden solle. Ich weiß nun, daß am nächsten Sonntage die Trauung vollzogen werden soll, und daß Wipky sich gebärdet, als sei er bereits der Gatte Amelies. Heute ist Freitag. Die Zeit zum Überlegen also ist kurz. Ich zweifle keinen Augenblick daran, daß man Amelie Zwingen wird, die Hand jenes Mannes anzunehmen, und die Schurkerei Wipkys ist so groß, daß er wahrscheinlich versuchen wird, durch Gewalt und Betrug seinen Zweck zu erreichen. Leider hindern mich meine Pflichten, offen gegen die Mormonen aufzutreten. Ich gestehe Ihnen im Vertrauen, daß nur gewisse Rücksichten und die Befehle einer Person, der ich diene und die ich verehre, mich bei den Mormonen zurückhalten. Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen. Wenn Sie noch einen Funken von Mitleid oder Interesse für jene Dame haben, so glaube ich fest, ist es jetzt Zeit, zu handeln. In kurzer Zeit würde es zu spät sein! Und was soll ich dabei tun? fragte Wolfram, wie aus tiefen Gedanken erwachend. Das kann ich Ihnen nicht sagen, mein Herr. Da ich Teilnahme für Amelie, vielleicht auch für Sie empfand, so hielt ich es für meine Pflicht, Sie von dem, was vorgefallen, zu benachrichtigen. Das weitere muß ich Ihnen überlassen. Meine Aufgabe ist beendet. Er erwartete vielleicht, daß Wolfram sprechen würde. Aber er sprach nicht. Adieu, sagte der Franzose dann. Ich hoffe, daß der schlimmste Fall nicht eintreten wird. Er ging Wolfram begleitete ihn eine Strecke weit mit langsamen Schritten und, wie es schien, tief in Gedanken versunken. Es war eine mechanische Höflichkeitsbezeigung. – – Es war ganz finster geworden. Von Deseret glänzte auch nicht ein einziges Licht mehr herüber. Wolfram ging nach der Höhle, nahm die Pistolen, die er dort aufbewahrte, untersuchte sie, gürtete den Hirschfänger um und stieg dann hinab zu seinem Boot. Es mochte kurze Zeit vor Mitternacht sein, als er am Ufer von Neu-Jerusalem landete. Die ganze Niederlassung lag in tiefster Ruhe vor ihm. Die wenigen Wachen ausgenommen, die nach der Landseite hin gegen die Indianer ausgestellt waren, mochten alle Mormonen schlafen. Wolfram hatte seinen Plan entworfen. Er schritt in gerader Richtung auf das Haus zu, in dem Amelie bis jetzt gewohnt hatte. Es war kein Licht mehr in diesem Hause. Wolfram hatte es erwartet. Aber er wußte, wo sich das Fenster befand, das zu dem Zimmer Amelies gehörte, und wenn das Haus auch bewacht wurde, so hoffte Wolfram doch, daß es ihm gelingen würde, vermittelst einer Stange das Fenster zu erreichen und dann Amelie zu wecken. Im Begriff, eine solche Stange zu suchen, ging er nach einem benachbarten Zimmerplatz. Herr Wolfram! flüsterte eine Stimme neben ihm. Ja, Sie sind es! Der junge Mann fuhr zusammen und griff nach seinen Pistolen. Eine Gestalt tauchte neben ihm aus dem Dunkel auf. Er erkannte den Franzosen. Ich wußte, daß Sie kommen würden, flüsterte dieser, und ich habe Ihnen eine unangenehme Nachricht mitzuteilen. Amelie ist nicht mehr in diesem Hause. Man hielt sie hier nicht mehr für sicher. Sie ist heute abend nach der Wohnung des Propheten gebracht worden. Hölle und Teufel! murmelte Wolfram. Das ist ein vermaledeiter Zwischenfall! Geben Sie indessen nicht alle Hoffnung auf! flüsterte der Franzose. Kennen Sie die Räumlichkeiten im Hause des Propheten? Oh, gut genug, antwortete Wolfram. Ich bin oft bei ihm gewesen. Aber ohne Zweifel befindet sich Amelie in dem Zimmer der Frauen? Und um zu diesem zu gelangen, muß man das Zimmer passieren, in dem Brigham Young schläft. Ganz richtig, sagte Bertois. Er hat zwei Frauen. Nur das Zimmer der einen stößt an das des Propheten. Amelie befindet sich in dem Zimmer der zweiten Frau. Zu diesem kann man vom Hausflur aus gelangen, besser vielleicht noch vom Hofe, da sich annehmen läßt, daß die Tür nach dem Flur verriegelt ist. Es handelt sich nur darum, in das Haus zu gelangen, das für gewöhnlich verschlossen ist. Und dazu will ich Ihnen helfen. Ich werde Brigham Young wecken und ihm sagen lassen, daß ich ihn notwendig sprechen müßte. Man wird das Haus öffnen, und Sie können die Gelegenheit benutzen, sich einzuschleichen. Was ich mit dem Propheten spreche, das ist meine Sache. Ich werde ihn jedenfalls so lange hinhalten, daß Sie Zeit genug haben, ihr Unternehmen auszuführen. Die beiden schritten nebeneinander durch die Nacht dahin. Nicht ein einziges Licht brannte in ganz Neu-Jerusalem. Wächter auf den Straßen gab es nicht. Jeder Mormone war angewiesen, seine Familie und sein Haus zu schützen, wie er konnte. Auch das Haus des Hauptes der Gemeinde, das sie nach ungefähr fünf Minuten erreichten, lag im tiefsten Schweigen und in der tiefsten Dunkelheit. Treten Sie jetzt zurück und benutzen Sie den günstigen Augenblick! flüsterte Bertois. Dann trat er auf das Haus zu und klopfte laut und rücksichtslos an die Fensterläden. Es währte eine geraume Zeit, ehe es innen lebendig wurde und ehe man nach dem Begehr des nächtlichen Gastes fragte. Dann wurde die Tür geöffnet und Bertois trat ein. Wolfram näherte sich der Tür und fand, daß sie glücklicherweise nicht wieder geschlossen war. Er trat also ohne Scheu in das Haus, ging über den Flur, riegelte die Tür, die nach dem Hof führte, auf, und befand sich nun in einem von Gebäuden umgebenen Raume. Er wußte, daß das eine Frauengemach nach dem Hofe hinaus lag. Die Fenster waren mit rohen hölzernen Läden verschlossen. Glasscheiben befanden sich nicht in den Fenstern. Einen solchen Luxus kannte damals selbst der Gouverneur von Neu-Jerusalem noch nicht. Zwischen den Rahmen des Fensterkreuzes befanden sich nur straff ausgespannte Stücke von Gaze, die dazu dienten, die Insekten abzuhalten. Die Fensterläden schlossen nicht so dicht, daß Wolfram nicht hätte bemerken können, daß sich in dem Zimmer ein matter Lichtschein zeigte, der wahrscheinlich von einer schwach brennenden Nachtlampe herrührte. Wolfram öffnete die Fensterläden, die nur angelehnt waren, und warf einen Blick in das Zimmer. Eine weibliche Gestalt lag in einem Bett und schlief. Es war die zweite Frau des Propheten. Eine andere saß – ob schlafend oder wachend, das konnte Wolfram nicht unterscheiden – an einem Tisch, den Kopf auf die Hand gestützt. An ihren langen, goldblonden Locken erkannte Wolfram Amelie. Außer diesen beiden befand sich niemand im Zimmer. Der junge Mann konnte die Gelegenheit nicht besser wünschen. Er zog sein Messer aus der Tasche, schnitt die Gaze auseinander, öffnete dann von innen den einen Flügel des Fensters und stieg in das Zimmer. Es handelte sich jetzt nur darum, Amelie, die das Gesicht vom Fenster abgewandt hatte, zu benachrichtigen, ohne die andere Schläferin zu wecken. Auf den Zehen schlich Wolfram zu Amelie und flüsterte schnell: Ich bin es, Wolfram. Amelie zuckte zusammen, Wolfram wiederholte hastig seine Worte, indem er gleichzeitig die Nachtlampe ausblies. Keinen Laut, ich bitte, ich beschwöre Sie! flüsterte er. Wecken Sie die Frau nicht und folgen Sie mir durch das Fenster. Wir müssen fliehen, beide! Sie sind es, Wolfram, sind Sie es wirklich? flüsterte Amelie zitternd. Ich bin es. Folgen Sie mir, und schnell! bat er noch einmal und dringender. Amelie war aufgestanden. Er zog sie mit sich fort nach dem Fenster, stieg zuerst hinaus und hob sie dann zu sich hinüber. Aber Wolfram, wohin wollen Sie mich führen? fragte Amelie bebend. Keine Frage jetzt! antwortete der junge Mann kurz und leise. Halten Sie sich dicht neben mir! Ei betrat den Hausflur, und nach wenigen hastigen Schritten befanden sich beide vor dem Hause. Der schwierigste Teil der Aufgabe schien vorüber zu sein. Wolfram nahm Amelies Arm und eilte mit ihr durch die Nacht, dem See zu. Es ließ sich erwarten, daß sie niemand begegnen würden. Dennoch fuhr Wolfram zurück, als er, an einem Hause vorübereilend, die Tür sich öffnen sah, und ein Mann mit einer Laterne heraustrat. Es war Wipky, der Doktor. Das scharfe Auge des Mormonen hatte augenblicklich Wolfram und Amelie erkannt. He, holla, was ist das? Bist du das, Wolfram? rief er mit lauter Stimme. Der junge Mann ließ den Arm seiner Begleiterin fallen und wandte sich zu Wipky. Mit seiner stählernen Faust versetzte er dem Doktor einen Schlag auf die Stirn, dem dieser nicht ausweichen konnte und der ihn betäubt auf die Schwelle seines Hauses niederstreckte. Dann, ohne weiter ein Wort zu sagen, ergriff er von neuem den Arm seiner Begleiterin und eilte mit ihr, so schnell er konnte, nach dem Ufer des Sees und nach der Stelle, wo das Boot lag. Erst hier schien Amelie zur Besinnung zu kommen. Sie zögerte. Wohin wollen Sie mich führen, Wolfram? sagte sie. Fürs erste wollte ich Sie nach der Insel bringen, antwortete Wolfram nach einigem Zögern und mit gepreßter, dumpfer Stimme. Ich dachte nur an Ihre Rettung. Aber versprechen kann ich nichts. Ich will, ich muß diese Gegend verlassen. Begleiten Sie mich, es wird Ihr Glück sein. Mein Glück? Wohl kaum, wenn Sie derselbe Mensch sind wie früher. Ich bin ein anderer geworden, Amelie, ein anderer! sagte Wolfram dumpf und schwer. Noch einmal, wollen Sie mir vertrauen im Glück und Unglück? Ja oder Nein! Und Sie wollen mein Begleiter, mein Beschützer, mein Retter sein, nichts weiter? Nichts weiter – wenn Sie es so wollen! sagte Wolfram. So sei es, und ich rufe Gott zum Zeugen an, daß Sie die Wahrheit sprechen! Wolfram trat in das Boot. Er reichte Amelie seine Hand, und nach einer Minute befand sie sich in dem kleinen Fahrzeuge. Wolfram stieß ab. Die Überfahrt dauerte nicht lange. Der junge Mann überlegte, ob er sogleich die weitere Flucht antreten solle. Jedenfalls aber mußte er seine Waffen von der Insel holen. Auch kannte er den See nicht genug, um in der dunklen Nacht das Wagestück zu unternehmen, ihn in seiner ganzen Breite zu durchschneiden. Er hoffte darauf, daß ihn die Mormonen nicht sogleich verfolgen würden. Während der Überfahrt hatten sie kein Wort miteinander gewechselt. Auch jetzt führte Wolfram seine einstige Geliebte schweigend die Felsen hinauf. In der Höhle angekommen, brannte er eine kleine Lampe an und bat Amelie, sich auf dem Mooslager niederzulegen, das er sich bereitet hatte. Dann trat er hinaus vor die Höhle und sah nach Neu-Jerusalem hinüber. Noch bemerkte er nirgends Licht; man schien also noch nicht an seine Verfolgung zu denken. Wolfram überlegte nun, wohin er fliehen solle. Zuerst handelte es sich darum, den See zu durchschiffen und an einem abgelegenen Punkt zu landen. Dann standen ihm drei Wege offen. Entweder er schlug die Richtung nach Kalifornien ein, oder er wendete sich nordwärts nach dem Oregongebiet, oder er ging nach Osten, um Nebraska und Missouri zu erreichen. Jeder von diesen Wegen war weit und gefährlich, jeder führte durch Einöden und Felsengebirge, die nur von Indianern bewohnt wurden. Das nächste Gebiet war Kalifornien, und Wolfram entschied sich dafür, den Weg dorthin einzuschlagen. Er durfte dann hoffen, in ungefähr drei Wochen einen Hafen zu erreichen, in dem er sich nach Europa oder dem östlichen Nordamerika einschiffen könne. Freilich fehlten ihm die Geldmittel dazu. Aber er mußte im Hafen vorher so lange arbeiten, bis er sie erlangt hatte. Er trat in die Höhle zurück. Amelie saß auf dem Moosbett, und unwillkürlich senkten sich ihre Blicke, als sie denen des jungen Mannes begegneten. Ich habe mich entschlossen, den Weg nach Kalifornien einzuschlagen, sagte er. Es ist ein weiter und gefährlicher Weg. Werden Sie die Mühen und Entbehrungen desselben mit mir teilen wollen? Wie können Sie fragen, Wolfram? fragte Amelie sanft und ruhig. Ich bin entschlossen, alles zu wagen, um diese Menschen, um dieses Land zu verlassen. Gut denn, sagte Wolfram. Es würde sich darum handeln, einen Hafen zu erreichen und uns nach Europa oder sonst wohin einzuschiffen. Doch fehlen mir die Mittel dazu. Besitzen Sie einiges Geld? Nein, antwortete Amelie, und wieder senkten sich ihre Augen. Schon in New York – Sie vollendete ihren Satz nicht. Aber über Wolframs Gesicht flog eine dunkle Röte. Er erinnerte sich, daß Amelie ihm dort ihr letztes Geld gegeben hatte. Ich werde arbeiten! sagte er dann fest und entschlossen. In sechs Wochen werde ich so viel verdienen können, um die Überfahrt für uns beide zu bezahlen. Arbeiten, Wolfram? sagte Amelie mit einem sanften Lächeln, das dem jungen Manne tief in die Seele drang. Das wird Ihnen schwer werden nach so langer Ruhe. Wolfram wandte sich kurz ab, und während er nach seinen Waffen suchte, sie ordnete und instand setzte, lehnte sich Amelie zurück und schien zu versuchen, schlafen zu wollen. So vergingen zwei Stunden. Der Tag konnte nicht mehr fern sein. Vor Tagesanbruch mußten sie die Insel verlassen. Wolfram nahm also außer der Flinte und Munition einzelne Gegenstände, die ihm jetzt von Wert waren, eine Hacke, einen Hammer, eine Jagdtasche, und stieg die Felsen hinab, um sie in das Boot zu legen. Nachdem er alle Vorkehrungen beendet hatte, kehrte er in die Grotte zurück, um Amelie zu wecken, die inzwischen fest geschlafen hatte. Fünf Minuten später glitt das Boot über die blaue Flut des großen Salzsees dahin. Morel oder Rablasy? Ich ermahne Sie, Angeklagter, uns die volle Wahrheit zu sagen, und mache Sie darauf aufmerksam, daß Ihr Leugnen die Strafe nur verstärken wird! Mit diesen Worten begann der Präsident des kleinen Gerichtshofes, vor dem sich Maximilian Morel befand, sein Verhör. Dann fügte er hinzu: Ihr Name, Angeklagter? Maximilian Morel! erwiderte der Kapitän, dessen Gesicht sehr bleich und traurig, dessen Aussehen sehr verwildert war und der noch eine Binde um den Kopf trug. Sie beharren also bei Ihren falschen Behauptungen? Desto schlimmer für Sie! Aber welchen Namen soll ich Ihnen denn angeben? rief Max verzweifelnd. Ich habe keinen anderen, ich weiß keinen anderen. Ich habe in der Voruntersuchung alles genau angegeben. Wie ich dazu gekommen, die Jacke mit der Nummer 36 zu tragen, weiß ich nicht. Irgendein Verbrecher muß mich durch einen Schlag betäubt und mich mit dieser Jacke bekleidet haben, um den Verdacht von sich abzuwälzen. Ich hoffe, der Gerichtshof hat meinem Wunsche genügt und sich die nötigen Aufklärungen von dem Staatsanwalt, Herrn Franck-Carré, erbeten. Dies ist natürlich geschehen, erwiderte der Präsident. Herr Frank-Carré ist jedoch noch immer sehr krank und hat bloß im allgemeinen aussagen können, daß er sich nur sehr dunkel auf die Ereignisse jener Nacht besinnen könne. Wenn Sie aber wirklich der Kapitän Morel wären, so sei es eine Kleinigkeit für Sie, Ihre Identität mit dieser Person zu konstatieren. Sie dürften dann nur den Namen dieses Mannes angeben, nach dem der Herr Staatsanwalt Sie so oft gefragt. Wollen Sie das tun? Herr Franck-Carré hat also trotz seiner Krankheit diese Angelegenheit nicht vergessen! fügte der Kapitän bitter. Und wenn ich den Namen nicht nenne? So wäre dies ein neuer Beweis, daß Sie Etienne Rablasy und nicht Kapitän Morel sind. Und wenn ich Etienne Rablasy wäre, was würde dann mit mir geschehen? Sie würden die Strafe für Ihre Verbrechen erleiden und diese wäre keine geringere als der Tod! Max beugte den Kopf, und sein blasses Gesicht verriet durch feine qualverzogenen Mienen, einen wie schweren und bitteren Kampf er in seinem Innern durchkämpfte. Ich werde den Namen nicht nennen! sagte er endlich mit fester Stimme. Die Gerechtigkeit mag ihren Lauf nehmen, und Gott verzeihe es den Richtern, wenn sie den Schuldigen nicht von den Unschuldigen zu unterscheiden vermögen. Weshalb ist mein Wunsch nicht erfüllt worden? Weshalb hat man meine Frau nicht zu mir geführt? Sie würde mich auf der Stelle erkannt haben! Sehr einfach deshalb nicht, weil es nicht in unserer Ansicht liegen konnte, einem so schweren und verschmitzten Verbrecher Gelegenheit zu geben, mit irgendeiner Person eine Unterredung zu haben, antwortete der Präsident. Außerdem liegt noch ein anderer Grund vor. Wir haben bei Madame Morel anfragen lassen, ob sie wisse, wo sich ihr Mann befinde, und da sie darüber jede Auskunft verweigerte, so haben wir bei ihr vor acht Tagen eine Haussuchung vornehmen lassen. Sehr edel! Bei einer Frau ohne allen Schutz! murmelte Max bitter vor sich hin. Bei dieser Haussuchung ist ein Billett gefunden worden folgenden Inhalts, fuhr der Präsident fort. Ich werde es Ihnen vorlesen, Angeklagter! »Meine liebe Frau! Sei unbesorgt um mein Schicksal! Es ist mir gelungen, glücklich zu entfliehen. Bereite Dich vor, mir zu folgen. Ich werde Dir von London oder von einem anderen Orte aus Nachricht geben. Max Morel.« Der Kapitän starrte den Präsidenten an und schien nicht zu wissen, ob er recht gehört. Unterzeichnet mit meinem Namen? sagte er dann und faßte sich an die Stirn. Ich habe nie ein solches Billett geschrieben, nie! Lassen Sie mich die Handschrift sehen! Ein Gerichtsdiener überreichte das Billett dem Angeklagten. Die Handschrift hat Ähnlichkeit mit der meinigen, ist aber nicht dieselbe! sagte dieser mit unsicherer Stimme. Mein Namenszug ist ein anderer. Diese Handschrift ist nachgemacht! Mein Gott, wer kann einen solchen Betrug und zu welchem Zwecke verübt haben? Er ließ das Billett fallen und versank in eine düstere Träumerei. Währenddessen verlasen die Beamten einige Aktenstücke, und der Anwalt des Staates, sowie der offizielle Verteidiger des Angeklagten wechselten einige Worte miteinander. Angeklagter! sagte der Präsident dann. Der Gerichtshof hat die Überzeugung von Ihrer Schuld gewonnen! Sie sind überführt, während eines Zeitraums von drei Jahren unter verschiedenen Namen und unter verschiedenen Verkleidungen in der Provençe und Dauphiné eine Reihe von Mordtaten, Raubanfällen und Diebstählen begangen zu haben, entweder allein oder mit einer Schar von Spießgesellen. Sie sind ferner überwiesen, sich bei ihrer Gefangennehmung den Dienern der Obrigkeit widersetzt und zwei Gendarmen getötet zu haben. Auch lastet der Verdacht auf Ihnen, der Mörder des Gefängniswärters und Schließers Vallard zu sein. Jedes von diesen Verbrechen allein würde den Tod verdienen. Bereuen Sie und tilgen Sie einen Teil Ihrer Schuld durch ein offenes und reuiges Bekenntnis. Bei diesen Worten, die mit erhobener Summe gesprochen wurden, hatte Morel wieder aufgeblickt. Er vernahm sie wie ein Träumender und schüttelte verwirrt den Kopf. Meine Herren, sagte er dann, noch einmal erkläre ich feierlich und rufe Gott zum Zeugen an, daß mein Name Morel und nicht Rablasy ist und daß ich an den Verbrechen, deren Sie mich beschuldigen, keinen Anteil habe. Das weitere überlasse ich der Barmherzigkeit Gottes! Als er sich erhoben hatte und ehe man ihn in seine Zelle zurückführte, wurden ihm Ketten angelegt. Der Kapitän ließ es mit großer Ruhe geschehen. Er war in einem Zustande der Betäubung, der es ihm nicht einmal erlaubte, seine Lage klar einzusehen. Nur zuweilen schüttelte es ihn wie Fieber, und eine wahnsinnige Wut ergriff ihn. Dies geschah, wenn er an Valentine und sein Kind dachte. Dann schüttelte er seine Ketten und sah mit ohnmächtiger Wut empor nach dem starken Gitter des Fensters. Freilich kannte Valentine seine Lage nicht einmal. Wenn derselbe Verbrecher, der ihm jenen Streich versetzt, später unter Morels Namen an sie geschrieben und ihr die Versicherung gegeben, daß er glücklich geflohen – so mußte sie glauben, ihr Mann sei in Sicherheit, und erwartete wahrscheinlich täglich weitere Nachrichten von ihm. Fast ebensogroß war sein Ingrimm, wenn er daran dachte, daß er an Stelle des gemeinen Verbrechers, eines Mörders und Räubers sterben solle. Konnte es ein gräßlicheres Los geben für einen Mann, dessen größter Schatz von jeher die unbefleckte Ehre gewesen war? Morel wußte nicht, daß es jemand gab, der bemüht war, ihn zu retten, wenn auch nur aus juristischen Gründen. Einer von den Richtern – fast immer im Widerspruch mit seinen Kollegen – war fest von der Unschuld des Angeklagten überzeugt und suchte die Beweise dafür zu sammeln. Er tat es mit großem Scharfsinn. Fürs erste wies er nach, daß in jener Nacht bei dem Brande vier Personen geflohen seien: Herr Franck-Carré, ein unbekannter Herr, den der Staatsanwalt nicht zu kennen vorgab und den er bei einer Unterredung mit Morel überrascht hatte, endlich jener Morel selbst und der Verbrecher Rablasy. Es handelte sich also darum, wer wirklich entflohen sei, Rablasy oder Morel. Der Jurist wies nach, daß ein so verwegener Verbrecher wie Rablasy gewiß die günstige Gelegenheit, die ihm dieses Ereignis darbot, nicht unbenutzt habe lassen können, zu entfliehen. Da er aber voraussichtlich in seiner Sträflingsjacke bald wieder festgenommen worden sein würde, so habe er an eine Gelegenheit denken müssen, sich einen anderen Anzug zu verschaffen. Als Morel, der zuletzt das Seil ergriff, unten angelangt sei, habe er ihn durch einen Schlag mit einer eisernen Stange – wahrscheinlich aus einem Gitter – betäubt, den Bewußtlosen seines Rockes entkleidet und ihm dafür die Sträflingsjacke angezogen. Ferner sei es ihm, da er in dem Rocke wahrscheinlich die Brieftasche des Kapitäns gefunden, ein leichtes gewesen, seine Handschrift nachzuahmen und an Frau Morel zu schreiben. Dadurch hatte er den Zweck erreicht, eine Konfrontation der Gattin mit ihrem Manne zu verhindern, die erstere glauben zu machen, daß ihr Mann geflohen sei, und auf diese Weise Nachforschungen nach ihm (Rablasy) selbst zu verhindern. Die Annahme des Juristen stimmte mit der Wahrheit vollkommen überein, und es war seltsam genug, daß sie nicht schon früher Eindruck auf die Richter gemacht hatte. Diese aber waren überzeugt, daß Rablasy noch in ihrer Gewalt sei, und wollten um keinen Preis die Gelegenheit verlieren, einen so berüchtigten Verbrecher zu verurteilen. Sie wiesen deshalb jene Beweisführung als bloße Vermutungen ab. Der Jurist jedoch, erbittert durch die Hartnäckigkeit seiner Kollegen, blieb dabei nicht stehen. Zuerst versuchte er es, Madame Morel zu sprechen. Diese aber, wahrscheinlich von der Flucht ihres Mannes überzeugt und besorgt, daß die Juristen etwas von seinem Schicksal erfahren wollten, ließ ihn gar nicht vor. Emanuel, ihr Schwager, hatte ihr ein für allemal abgeraten, etwas mit den Juristen zu tun zu haben. Der freiwillige Verteidiger Morels mußte also auf andere Art zum Ziele zu gelangen suchen. Leider war Vallard, der Schließer, der allein die Gefangenen genau gekannt hatte, tot. Der Jurist machte aber darauf aufmerksam, daß das Beinkleid Morels nicht das der Sträflinge sei, wie es Rablasy doch gewiß getragen hatte. Ferner war seine Wäsche feiner, als man es bei Rablasy vermuten durfte. Auch war der Dialekt des Angeklagten nicht derjenige der Provençalen, und Rablasy stammte aus der Provençe. Er setzte es endlich durch, daß er zum offiziellen Verteidiger des Angeklagten bestimmt wurde. In seiner Ehre angegriffen und nur darauf brennend, seine Ansicht durchzufechten, wurde er der Retter Morels. Von solchen Kleinigkeiten hängt oft das Leben eines Menschen ab! Er hatte auch einige Unterredungen mit Morel, und in einer bat er den Kapitän, ihm den Namen jenes Mannes zu nennen, den Franck-Carré bei ihm in der Zelle angetroffen, da derselbe als ein Hauptentlastungszeuge dienen könne. Leider mußte ihm Morel gestehen, daß er den Namen jenes Mannes nicht kenne und daß dieser ihm nur gesagt, er werde sich unter dem Namen Dupont nach ihm erkundigen. Der Jurist sah sich also genötigt, seine Hoffnungen in dieser Beziehung aufzugeben. Es mag seltsam erscheinen, daß weder Monte Christo noch sein Freund in Paris genauere Erkundigungen in dieser Angelegenheit anstellten. Aber erstens wurde der Prozeß sehr rasch geführt, und zweitens war jener angebliche Dupont überzeugt, daß Morel in jener Nacht zugleich mit ihm entflohen sei. Er hatte durch seine Kundschafter erfahren daß Madame Morel jenes Billett erhalten, und war nun seiner Sache vollständig gewiß. Bald darauf verließ er auch Paris. Dennoch war es den Bemühungen des Juristen gelungen, die Überzeugung seiner Kollegen zu erschüttern und einen Aufschub des Todesurteils zu bewirken. Die Mehrzahl hielt zwar immer noch dafür, daß der Angeklagte wirklich jener Rablasy sei und nur alle Mittel der Verstellung aufbiete, sich zu retten. Die Möglichkeit eines Irrtums war jedoch vorhanden, und der angebliche Rablasy wurde deswegen zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe begnadigt. Eugenie Danglars In London angekommen, ging Don Lotario zum Bankier und ließ sich eine bedeutende Summe geben. Er machte keinen Besuch bei den Personen, an die er empfohlen war. Er wollte nichts mehr von dem wissen, was mit seinem früheren Leben im Zusammenhang stand. Auf eigene Hand, nur sich selbst überlassen, wollte er seine nutzlosen Tage hinbringen. Die Erinnerung des Abbés Laguidais, daß er ein tüchtiger Mann werden müsse, wenn er nach Theresens Gunst streben wolle, war ihm nicht mehr in den Sinn gekommen; die Ermahnungen des Lords, die Versicherungen, die er ihm gegeben, waren vergessen. Vierzehn Tage waren seitdem vergangen. Don Lotario befand sich in Gesellschaft bei Donna Eugenia Larsgand, oder wie wir sie nennen wollen, bei Eugenie Danglars. Die Gesellschaft war klein, denn sie bestand nur aus fünf Personen, einem sehr alten und schweigsamen Herrn, der die Sängerin halb aus Liebe zur Kunst, halb aus Lust zum Reisen begleitete und ihr seine Protektion schenkte, aus Eugenie, ihrer Freundin Luise v. Armilly, Don Lotario und Lord Bilser. Eugenie hatte an diesem Abend unter rasendem Beifall des Publikums die Donna Anna in Mozarts »Don Juan« gesungen – und zwar schöner als je. Sie sprach lebhaft über das englische Publikum, und es schien ihr in England sehr zu gefallen. Ihre dunklen Augen – eigentümliche Augen, die verzehrend leuchteten, ohne doch Wärme zu entsenden, wie die Leute behaupteten – strahlten in einem lebhaften Glanze und waren gewöhnlich auf Don Lotario gerichtet, der, wie immer, ruhig und aufmerksam zuhörte, und dessen Gesicht selten einen veränderten Ausdruck bot. Von allen Männern, die Eugenie bisher gesehen und von denen sie Huldigungen und Schmeicheleien empfangen, hatte keiner einen solchen Eindruck auf sie gemacht wie dieser junge Spanier mit seinen traurigen Augen, mit dem ernsten, sinnenden Gesicht, über das zuweilen das Zucken eines tiefen Schmerzes fuhr. Und weshalb? Fürs erste war es ein Irrtum gewesen, Eugenie wirklich für kalt zu halten. Sie war es nicht. Wie hätte sie sonst die große Sängerin sein können! Sie war nur eine von jenen strengen, herben Naturen, die von jeder Schmeichelei, von jeder absichtlichen Huldigung unangenehm berührt werden und scheu zurückweichen. Sie war ja deshalb aus Paris, von ihren Eltern geflohen, weil sie nicht das Joch einer Ehe ertragen wollte, weil ihr der falsche Prinz Cavalcanti zuwider war – zuwider wie ihr wahrscheinlich jeder andere Mann gewesen wäre. Eugenie trug den Geist jener Ungebundenheit und Selbständigkeit in sich, die in dem Manne instinktiv den Herrscher, den Tyrannen sieht und sich ihm nicht beugen will. Sie war kalt, sehr kalt in ihrem Äußeren. Aber in ihrem Herzen war Raum genug für die heftigsten Leidenschaften. Sie liebte Don Lotario mit einer verzehrenden Leidenschaft, die vielleicht nur deshalb weniger in die Augen fiel, weil man bei Künstlerinnen und Sängerinnen an eine leidenschaftlichere Sprache des Mundes und der Augen gewöhnt ist, Luise von Armilly und selbst Lord Bilser ahnten allerdings, was in ihrem Herzen vorging. Aber noch wußte sich Eugenie zu beherrschen, noch harrte sie mit fieberhafter Ungeduld auf irgendein Zeichen, daß ihre Liebe erwidert werde. Dieses Zeichen war ausgeblieben und blieb aus, und so heftig brannte in Eugeniens Herzen die Flamme der Leidenschaft, daß sie in wenigen Tagen sogar ihr Äußeres verändert hatte, denn sie war blasser, unruhiger, nervöser geworden. Don Lotario bemerkte es nicht. Wie hätte er es auch bemerken sollen, er, der an nichts dachte als an Therese. Das Gespräch nahm eine allgemeine Wendung, die jedoch noch im Bereiche der Kunst blieb, und Don Lotario, der verhältnismäßig wenig von der Bühne gesehen und sich nicht gar zu eifrig dafür interessierte, wurde immer zerstreuter und versank zuletzt in vollständige Träumerei. Gereizt und verletzt brach Eugenie mitten in ihrem Gespräche ab. Mylord, sagte sie dann zu Lord Bilser, es tut mir leid, Sie verabschieden zu müssen. Aber ich möchte gern mit Don Lotario einige Worte allein sprechen in bezug auf meine Mutter! Verzeihen Sie mir meine Anmaßung, Don Lotario, sagte Eugenie, als der Lord gegangen war. Aber Sie empfinden gewiß mit mir, wenn ich wünsche, aus Ihrem Munde noch einiges über meine Mutter zu erfahren. Sie waren ja ein Augenzeuge jener gräßlichen Tat! Ich wagte früher nicht, Sie darum zu bitten – aber jetzt, wo wir einander näher kennen – indessen, Luise, willst du nicht nachsehen, ob man mir die Notenhefte gebracht hat? Luise verstand den Wink, auch der alte Herr, und beide gingen. Jenes Ereignis berührt so traurige Saiten in meinen Familienerinnerungen, sagte Eugenie, als sie beide allein waren, daß mein Wunsch gerechtfertigt erscheinen muß, keinen andern zum Zuhörer unseres Gespräches zu machen. Ist es nicht entsetzlich, daß derselbe Mensch, der einst mein Gatte werden sollte, jetzt der Mörder meiner Mutter wurde? Sie wissen noch nicht alles, sagte Don Lotario, und nun erzählte er der Sängerin mit der Schonung, die nötig war, in welchem Verhältnisse Benedetto Loupert zu der Baronin gestanden. Eugenie schauderte. Wie leicht wäre sie die Gattin eines Menschen geworden, der der Sohn ihrer Mutter war! Es war inzwischen spät geworden. Die Kerzen waren herabgebrannt. Eine Dienerin hatte gemeldet, daß Luise schlafen gegangen sei. Je mehr die Erzählung Einzelheiten berührte, desto unruhiger wurde Eugenie, und jeder andere hätte bemerken müssen, daß sie wünschte, von diesem Gegenstands abzubrechen und zu einem anderen überzugehen. Ihre Wangen hatten sich gerötet, ihre schönen Augen waren glänzender und lebhafter geworden. Zuweilen trat dann eine plötzliche Blässe an die Stelle der Röte, und ihre Hand zitterte, wenn sie diese zufällig erhob, um irgendeine Bewegung zu machen. Die Rollen waren hier vertauscht. Eugenie war der unruhigere, aufgeregte Liebhaber, der im Begriffe stand, seine Erklärung zu machen – Don Lotario der Ahnungslose, Unvorbereitete, der durchaus nicht wußte, was in dem Herzen der Sängerin vorging. Nun, Don Lotario, sagte sie endlich, lassen Sie uns von diesem Drama abbrechen. Bei welcher Gelegenheit haben Sie meine Mutter kennengelernt? Bei einer jungen Dame, antwortete Don Lotario, und das Blut wich ihm aus dem Gesicht. Madame Danglars war die einzige Freundin dieser Dame, die infolge des Todes Ihrer Mutter aus Paris abreiste. Man hat mir gesagt, Sie seien nicht lange in Paris gewesen, fuhr Eugenie dann fort. Sie sind ein Mexikaner. Was hat Sie bewogen, ihr Vaterland zu verlassen? Ein Unglück, Mademoiselle! antwortete der junge Mann mit einem trüben Lächeln. Meine Besitzung brannte ab, ich galt für einen ruinierten Mann, und meine Braut kündigte mir infolgedessen ihre Liebe auf. Ich ging nach Europa, um Mexiko zu vergessen. Ah, die Schändliche! rief Eugenie, die jetzt den Grund der Melancholie ihres Freundes zu ahnen glaubte. Pfui, wie abscheulich! Als ob Sie nicht wert wären, Don Lotario, auch ohne Reichtum geliebt zu werden! Was für ein Mädchen muß das gewesen sein! Sie war wie die meisten ihres Geschlechtes! sagte Don Lotario achselzuckend. Wie die meisten, ja! Es mag so sein. Ich verstehe nichts davon. Ich begreife nicht, wie man an einem Manne das Geld lieben kann, während es doch nur die Persönlichkeit ist, die uns glücklich machen kann, auch in den einfachsten Verhältnissen. Und Sie, Don Lotario – verzeihen Sie meine Zudringlichkeit – aber ich begreife nicht, wie der Verlust eines solchen Mädchens Sie so tief hat schmerzen können und noch immer schmerzt. Die Enttäuschung, der Verrat mögen im Augenblick das Herz erschüttern. Aber später muß man doch einsehen, daß man einem unglücklichen Leben entgangen ist. Sie haben wohl recht, aber es schmerzt doch immer! Er ahnte jetzt, daß Eugenie seinen Trübsinn jener Liebe zu Donna Rosalba zuschrieb. Er wollte sie bei diesem Glauben lassen, da es unmöglich in seiner Absicht liegen konnte, der Sängerin sein Verhältnis zu Therese mitzuteilen. Es schmerzt, ja! sagte Eugenie. Aber die gütige Natur hat ein Gegenmittel für diesen Schmerz geschaffen, indem sie die Empfänglichkeit für eine neue Liebe in das Herz der Jugend legte. Ich sollte meinen, Don Lotario, daß Sie jener einen Täuschung wegen noch nicht mit dem Leben und der Liebe abgeschlossen hätten. Ich müßte sonst an der männlichen Kraft Ihrer Seele zweifeln. Ich würde Sie für schwach halten. Ah, sagte Don Lotario lächelnd, wie gut verstehen Sie über die Liebe zu philosophieren! Niemand würde das glauben, denn man sagt immer, daß Sie in diesem Punkte sehr kalt und unerfahren seien. Fast möchte ich das Gegenteil behaupten. Unerfahren? Ja, das bin ich. Aber kalt – nein, gewiß nicht! rief Eugenie, und ihre Blicke richteten sich brennend auf den jungen Mann. Ich weiß gewiß, daß ich den Mann, den ich liebe, glücklich machen würde. Ah! fügte Don Lotario mit einem Seufzer – denn er dachte unwillkürlich daran, wie namenlos glücklich ihn die Liebe Theresens machen würde – ja, es muß ein unendliches Glück sein, wahr und glühend geliebt zu werden. Selig der Mann, dem dieses Glück von Ihrer Seite zuteil wird! Aber Sie sprechen nur von Möglichkeiten, von Theorien, Mademoiselle. Wie können Sie wissen, wie Sie lieben werden, wenn Sie nicht lieben? Und wer sagt Ihnen, daß ich nicht liebe? sagte Eugenie mit leuchtenden Augen. Ah, sagte Don Lotario, der seltsamerweise nichts von diesen Blicken begriff, das ist etwas anderes, und dann muß ich Sie beinahe um Verzeihung bitten. Aber wie gut verstehen Sie es, Ihre Liebe vor der Welt zu verbergen. Niemand weiß etwas davon. Und niemand kann etwas davon wissen, denn sie ist geheim und bis jetzt in meinem Herzen verborgen. So teilen Sie also das Schicksal all der jungen Männer, die nach Ihrer Gunst streben! Sie lieben im geheimen und wagen es nicht zu sagen. Wagen! rief Eugenie. Muß denn ein Weib sagen, daß es liebt? Ist es nicht Sache des Mannes, das erste Wort zu sprechen? Kann die Frau mehr tun als zeigen, daß sie liebt? Und hat er, den Sie lieben, keine Ahnung von Ihrer Liebe? fragte Lotario. Als der junge Mann von geheimer Liebe sprach, hatten sich die Wangen der Sängerin mit dunklem Purpur gefärbt. Jetzt wurden sie blaß, und diese plötzliche Blässe, dieses Zittern mußte selbst Don Lotario auffallen, so wenig er an eine solche Lösung des Rätsels dachte. Eugenie selbst bemerkte, daß dem jungen Manne dieser schwache Augenblick nicht entgangen war, und alles vergessend, drückte sie beide Hände vor das Gesicht. Mademoiselle! rief Don Lotario, der noch glaubte, daß er sich irre. Verzeihen Sie mir. Ich bin zu weit gegangen. Wie konnte ich auch danach fragen! Vielleicht lieben Sie unglücklich? Unglücklich? sagte Eugenie langsam und tonlos. Unglücklich? Das ist möglich! Verzeihung! Verzeihung! rief Don Lotario mit dem aufrichtigsten Bedauern. Ich habe mich vergessen! Ja, ja, ich weiß jetzt, daß ich unglücklich liebe! rief Eugenie, und ihr Haupt sank nieder auf den Tisch, Gott, was habe ich getan! Was soll die Welt von mir glauben! Der junge Mann stand in der peinlichsten Unruhe neben der Sängerin. Die Gewißheit, daß er es sei, den Eugenie liebte, ging ihm allmählich auf. Mademoiselle, rief er, was soll ich Ihnen sagen? Lieben Sie jemand, den ich kenne? Darf ich Ihr Freund, Ihr Vertrauter sein! Vielleicht kann ich mit jenem Manne sprechen, vielleicht irren Sie sich, vielleicht erwidert er Ihre Neigung! Nein, nein! rief Eugenie und erhob sich mit einer letzten Anstrengung ihrer Kraft. Verlassen Sie mich, Don Lotario, gehen Sie, es ist schon spät, schon zu spät! Sie ging einige Schritte nach der nächsten Tür. Dann aber verließ sie ihre Kraft; sie schwankte, schien zu fallen – Don Lotario fing sie auf in seinen Armen. O mein Gott, stehe mir bei! Gib mir Kraft, es zu ertragen! schluchzte Eugenie. Aber es ist schwer, es ist hart! Verschmäht um der Erinnerung an eine Donna Rosalba willen! Don Lotario erbebte. Das Wort war ausgesprochen, fast bewußtlos, denn Eugenie wußte vielleicht nicht einmal, daß sie laut sprach. Er war es, den die Sängerin liebte! Mademoiselle, sagte er, nachdem er die Sängerin auf einen Sessel hatte sinken lassen, ich bin zu stolz und zu aufrichtig, um Sie zu täuschen und Ihr Geständnis zu mißbrauchen. Aber glauben Sie nicht, daß es die Erinnerung an eine Donna Rosalba ist, die mich kalt macht gegen die Verdienste einer so ausgezeichneten Dame wie Sie. Auch ich will aufrichtig sein. Ich liebe eine andere, ich liebe jene Therese, die Freundin Ihrer Mutter! Ah, eine andere! rief Eugenie, und ein neues Feuer, das Feuer der Eifersucht und Rache blitzte aus ihren Augen. Und sie lebt, wo ist sie? Sprechen Sie! Sie lebt, ja, aber wo sie ist, weiß ich nicht! Ich glaube auch nicht, daß sie mich liebt. Aber ich liebe sie! Er liebt sie! flüsterte Eugenie. Ach, es ist gut, es ist genug! Gehen Sie, Don Lotario, ich will Sie nie wiedersehen! Der Spanier grüßte ehrerbietig und ging. Dem unten harrenden Bedienten gab er den Auftrag, mit dem Wagen nach dem Klub zu fahren. Er ging zu Fuß dahin. Nie war die Stimmung des jungen Mannes düsterer und menschenfeindlicher gewesen. Nicht allein, daß er unglücklich war – er hatte noch ein anderes Herz unglücklich gemacht. Zwar ohne seine Schuld; aber er wußte doch, daß Eugenie unglücklich war. Und weshalb waren er und sie elend? Weshalb liebte Eugenie nicht einen anderen, einen Würdigeren, weshalb liebte er Therese? Dunkle, verworrene Fügungen des Schicksals! Wenn das Dasein auf der Erde eine Qual, ein Chaos von unglücklichen Verirrungen war – weshalb es dann fortsetzen? War es dann nicht besser, es so früh als möglich zu beenden? Das ungefähr waren die Gedanken Don Lotarios, als er in den Saal der Gesellschaft der Selbstmörder trat, wo ihn Lord Bilser erwartete. Die Miene des jungen Mannes war so entsetzlich düster und finster, daß ihn alle verwundert anstarrten. Lord Bilser schien ihn fragen zu wollen, hielt aber doch zurück. Schweigend nahm Don Lotario in der Gesellschaft Platz, die eben noch so lärmend gewesen und die bei dem Anblick des jungen Mannes plötzlich verstummte, als ob der Schatten des Todes über sie hingeflogen sei. Ich bitte den Herrn Präsidenten jetzt um meine endgültige Aufnahme in die Gesellschaft! sagte er dann. Ich bin nach reiflicher Überlegung zu diesem Entschlusse gekommen. Es wurde nun für den folgenden Abend eine feierliche Sitzung anberaumt, in welcher Don Lotario förmlich in den Verein aufgenommen werden sollte. Diese Sitzung fand auch statt. Dem jungen Manne wurden die Statuten vorgelesen, und er verpflichtete sich, nirgend anders freiwillig zu sterben, als in dem Vereinsgebäude, und falls er austreten wolle, auf sein Vermögen zu verzichten. Außerdem mußte er versprechen, daß nur ernste und gewichtige Gründe, z.B. eine Heirat aus Liebe, oder die Übernahme eines wichtigen Amtes, ihn zu diesem Austritt bestimmen dürften. Darauf sagte ihm Lord Bilser, daß er ihn am folgenden Morgen mit Graf Ernonville besuchen würde, um sich über seine Vermögensverhältnisse zu unterrichten. Zugleich sagte er ihm, daß er frei über das Vermögen des Vereins verfügen könne und daß ihm auf jeden Fall ein jährliches Einkommen von zwanzigtausend Talern gesichert werde, das ungefähr seinen wirklichen Vermögensverhältnissen entsprach. Falls besondere Fälle ihn zu besonderen Ausgaben verpflichteten, so stände ihm die Kasse des Vereins zu Gebote. Auch war der baldige Eintritt von zwei anderen Engländern angezeigt, von denen jeder ein Privatvermögen von über einer Million besaß. Vollständig zufriedengestellt – daß heißt, sich im Grunde sehr wenig um alle diese Angelegenheiten kümmernd – verließ Don Lotario gegen fünf Uhr morgens das Vereinsgebäude – ein Jüngling, der mit dem Leben nichts mehr zu schaffen, für den diese Welt keinen Reiz mehr hatte. Am Mittag des folgenden Tages hielt der Wagen des Lords vor der Tür Don Lotarios, und Lord Bilser, begleitet von Graf Ernonville, als Kassierer der Gesellschaft, stieg zu dem jungen Spanier hinauf. Da es sich um Geschäftsangelegenheiten handelte, so war der Besuch beinahe förmlich zu nennen. In diesem Augenblick bat der Diener um die Erlaubnis, einen Brief überreichen zu dürfen, der aus Paris eingetroffen sei, mit der Bezeichnung: Eilig! Don Lotario bat seine Gäste um Entschuldigung und erbrach den Brief. Er war vom Abbé Laguidais, der ihm folgendes schrieb: »Mein junger Freund! Ich hoffe, daß Sie bemüht sind, den Unfall, der Sie in Paris betroffen, männlich zu ertragen. Wenigstens wünsche ich das. Graf Arnberg und Therese sind in Berlin eingetroffen und bitten mich, Sie zu grüßen. Außerdem sendet mir Lord Hope einen Brief für Sie, den ich Ihnen schleunigst zusenden soll. Er vermutet Sie noch in Paris. Behalten Sie mich in Ihrer Erinnerung und denken Sie an unsere letzte Unterredung!« – Mit düsterer Miene – denn diese Worte riefen ihm sein ganzes Unglück ins Gedächtnis – erbrach Don Lotario den Brief des Lords. Während er ihn las, wurde er nur einmal ein wenig blaß, dann faßte er sich. Ein seltsames Zusammentreffen! sagte er lächelnd. Hören Sie an, meine Herren. Der Wechsel ist jetzt null und nichtig. Lord Hope erklärt mich bankerott. Er schreibt mir: »Mein werter Don Lotario! Ich habe Ihnen eine traurige Mitteilung zu machen. Ein Etablissement in New York, bei welchem die größere Hälfte meines Vermögens angelegt war, hat falliert. Außerdem haben meine Einrichtungen hier weit größere Summen weggerafft, als ich glaubte, und ich werde mich vielleicht genötigt sehen, einiges von meinem Besitztum zu verkaufen. Sie werden es mir also verzeihen, wenn ich den Kauf zurückzunehmen versuche, den ich, ich gestehe es offen, damals nur abgeschlossen, weil Ihre Lage mein Mitleid erregte. Ich habe die betreffenden Bankiers angewiesen, keine weiteren Zahlungen auf den Wechsel zu leisten, da ich sie nicht decken kann. Es würde mir leid tun, wenn Sie dadurch in eine unangenehme Lage gerieten. Aber Ihre Stellung ist noch nicht ganz verzweifelt. Ich habe das Haus Rothschild in London angewiesen, Ihnen noch zehntausend Dollars auszuzahlen. Wollen sie diese und die bereits empfangenen zwanzigtausend Dollars, die jedenfalls sicher sind, als Kaufsumme für Ihre Hacienda annehmen, so soll es mir lieb sein. Im anderen Falle stelle ich Ihnen Ihr Besitztum ohne weitere Entschädigung wieder zur Disposition. Verzeihen Sie mir, daß es so gekommen, ich bin nicht schuld daran. Und wenn Sie einen Rat von mir annehmen wollen, so ist es der, sich nicht entmutigen zu lassen. Sie können mit dem Reste Ihres Vermögens, der Ihnen noch bleibt, Ihre Studien in London und namentlich in Berlin auf eine sehr anständige Weise beenden, und dann bietet Ihnen Ihr Vaterland andere Hilfsquellen genug. Ich war nicht so reich, als ich jung war, und das Schicksal wird Ihnen nicht so harte Schläge senden wie mir. Folgen Sie also meinem Rate und gehen Sie nach Berlin. Alles andere, was ich Ihnen sonst gesagt, bleibt beim alten, und wenn ich aus jenem Fallissement in New York noch mehr rette, so sollen auch Sie Ihr Teil daran haben. Verlieren Sie nur den Mut nicht! Ihr Lord Hope.« Das ist eine seltsame Geschichte! sagte Graf Ernonville und schüttelte den Kopf. Glauben Sie daran? Warum nicht? Es ist nicht unmöglich! sagte Lord Bilser. Jeder Mensch kann Unglück haben, und die Anerbietungen des Lords sind im Grunde genommen noch gut genug. Wahrscheinlich hat er seine Kräfte überschätzt. Es muß so sein, sagte Don Lotario. Ich für mein Teil halte den Lord für aufrichtig. Aber es schien mir beinahe, als könne ein Mensch solchen Reichtum nicht entfalten, ohne sich zu ruinieren. Jedenfalls ist es ein außerordentlicher Mann. Darauf empfahlen sich die beiden Herren, Graf Ernonville nicht ohne eine gewisse Kälte, und Don Lotario blieb in einer höchst eigentümlichen Stimmung zurück. Was war nun aus ihm geworden, seit er durch einen Mann, den man jetzt als Abenteurer und Betrüger bezeichnete, aus seinem Vaterlande entfernt worden? Er war unglücklich, er war arm. Er hatte keine Kenntnisse, um sich eine eigene Existenz zu schaffen, und er war in der Fremde – niemals war ihm der Gedanke näher gewesen, die Grundsätze des Vereins zu erfüllen, zu dem er jetzt gehörte, und sich das Leben zu nehmen, das ihm eine einzige große Wüste war. Aber er hatte noch Zeit. Er schickte zuerst zu Rothschild, um seine noch übrigen Wechsel sich auszahlen zu lassen, und nach zwei Stunden befand er sich im Besitz von fünfzehntausend Dollars. Das war jetzt sein ganzes Vermögen. Wieviele Menschen wären mit dieser Summe glücklich gewesen. Für ihn hatte sie kaum mehr Wert als fünfzehntausend Pfennige. Er schickte an den Lord und an Eugenie Danglars seine Abschiedskarten und reiste an dem Abend desselben Tages nach Berlin. – Vierzehn Tage später verließ ein anderes Mitglied der Gesellschaft der Selbstmörder London, und zwar noch hastiger. Es war Graf Ernonville, und wahrscheinlich, um den Verein in gutem Andenken zu behalten, hatte er alles, was sich an Wertpapieren in der Kasse befand, – eine bedeutende Summe – mit sich genommen. Die Londoner Polizei war sehr betrübt über diese Abreise. Man hatte nämlich ziemlich sichere Anzeichen erlangt, daß Graf Ernonville kein anderer sei als Benedetto-Loupert. Herr von Ratour Im sogenannten Wintergarten, den Klängen der Musik lauschend, saßen der Professor Wedell, seine Frau und Don Lotario. In den Pausen gingen und kamen neue Gäste. Viele von ihnen grüßten den Professor und knüpften ein flüchtiges Gespräch mit ihm an. Don Lotario schien die Aufmerksamkeit der Damen zu erregen, denn ihre Lorgnetten waren vorzugsweise auf ihn gerichtet. Wahrscheinlich hatte sich schon das Gerücht verbreitet, daß er ein Ausländer sei, und das erhöhte das Interesse für ihn. Plötzlich jedoch und zufällig richteten sich die Blicke des Professors nach einer Seite, die er bis jetzt noch nicht beobachtet hatte, nach einer von den wenigen Logen, in denen sich vornehmere Personen befanden und die durch Vorhänge zum Teil verdeckt waren. Er erschrak, und dieses Erschrecken bei einem so ruhigen Manne mußte auffallen. Er war sogar bleicher geworden, und eine Minute lang wußten seine Blicke nicht, wohin sie sich richten sollten, bis sie endlich auf seiner Frau hafteten, die sein Erschrecken bemerkt hatte. Was hast du, Paul? fragte sie unruhig und in deutscher Sprache, von der Don Lotario bis jetzt noch sehr wenig verstand. Du scheinst etwas Absonderliches bemerkt zu haben? Der Professor machte eine gewaltsame Anstrengung über sich selbst, und es gelang ihm, zu lächeln. Liebe Marie, sagte er, ich möchte es dir beinahe nicht sagen, aber du würdest mir vielleicht zürnen, wenn ich nicht aufrichtig wäre. Ich habe jemand gesehen, den du oft zu sehen gewünscht und gefürchtet hast, und den ich selbst seit langer Zeit nicht gesehen. Ich ahne, es ist Therese! sagte die Professorin erbebend. Ja. es ist so! Du hast es erraten, erwiderte der Professor, und wieder legte sich das Lächeln, aber etwas seltsam, um seine Lippen. Indessen, errege keine Aufmerksamkeit. Sieh nicht sogleich hin. Sie sitzt in der zweiten Loge mit dem Grafen Arenberg und einem andern Herrn. Ja, dort saß Therese, halb verborgen hinter den Vorhängen, und ihr Gesicht, noch immer blaß und leidend, war mit einem unbestimmten und verschlossenen Ausdruck auf das Publikum und den Saal gerichtet. – Am Vormittag des folgendes Tages besuchte Don Lotario den Professor, um ihm eine Arbeit vorzulegen. Später entstand aus dem Gespräch, das sie darüber führten, ein ferneres über Religion. Der Professor hatte gehört, daß Don Lotario mit dem Abbé Laguidais in Paris bekannt gewesen, und fragte den jungen Mann über dessen religiöse Ansichten, Don Lotario antwortete, daß er von diesen wenig mehr wisse, als der Abbé in seinen bekannten Schriften niedergelegt. Der Professor sagte darauf, er habe gehört, daß der Abbé sich in neuerer Zeit von religiösen Streitigkeiten und überhaupt vom öffentlichen Wirken auf diesem Felde ferngehalten. Dagegen erwiderte Don Lotario, daß der Abbé doch noch in Verbindung mit dem Grafen Arenberg stehe, der bekanntlich ein sehr religiöser Mann, vielleicht sogar ein Schwärmer sei. Haben Sie vielleicht zufällig den Grafen Arenberg während Ihres Aufenthaltes in Paris kennengelernt? fragte der Professor aufmerksam, um auf Lotarios Bejahung fortzufahren: Dann kennen Sie auch wohl die junge Dame, die sich in seiner Gesellschaft befindet? Mademoiselle Therese? Ja, ich habe sie einige Male gesehen, antwortete Don Lotario. Und wollen Sie den Grafen nicht wieder in Berlin aufsuchen? fragte Wedell. Ich weiß es noch nicht, sagte der Spanier. Sie würden mir einen Gefallen tun, Don Lotario, sagte der Professor, indem er vertraulich seine Hand auf die Schulter des jungen Mannes legte, wenn Sie Ihre Besuche in der Familie des Grafen fortsetzten. Ich möchte wohl wissen, in welcher Stimmung Therese sich jetzt befindet, wie sie lebt, was sie treibt. Ich habe mich einst sehr, sehr für sie interessiert – ich habe sie geliebt. Mein Wunsch wird Ihnen also natürlich erscheinen. Lotario dankte dem Professor für das Vertrauen, das er ihm bewiesen, versprach ihm, sich nach Therese zu erkundigen, und empfahl sich dann, um nach Hause zu gehen. In der Dämmerung – es war Winter und dämmerte sehr früh – begab sich Don Lotario dorthin. Das Haus des Grafen lag in der Wilhelmstraße, aber nicht unmittelbar an der Straße selbst, denn den Eingang bildete eine hohe Mauer, mit altertümlichen Verzierungen geschmückt, in deren Mitte sich ein großes Tor befand, über dem sich das Wappen des Grafen erhob. Dieses Tor war fest geschlossen, und die Mauer machte inmitten der anderen schönen Gebäude einen eigentümlichen Eindruck von Einsamkeit und Abgeschlossenheit. Neben dem Tor befand sich eine kleine Eingangspforte mit einem Klingelzug. Don Lotario klingelte, und es erschien ein Diener, den er schon in Paris bei dem Grafen bemerkt hatte. Der Herr Graf zu sprechen? fragte Don Lotario. Hier ist meine Karte. Don Lotario de Toledo, wenn ich nicht irre, sagte der alte Diener mit einer Verbeugung. Der Herr Graf hatte mir aufgetragen, mich heute nach Ihrer Wohnung zu erkundigen. Und Mademoiselle Therese? Ist sie zu sprechen? fragte der Spanier. Sie befindet sich wohl, und ich glaube, sie ist bei dem Herrn Grafen, antwortete der Diener. Die Räumlichkeiten im Innern waren durchaus einfach, entbehrten aber nicht einer gewissen altertümlichen Eleganz, die noch aus dem vorigen Jahrhundert zu datieren schien. Der Diener meldete den jungen Mann, und nach einer Minute trat Lotario in ein geräumiges, helles und warmes Zimmer. Der Graf saß mit Therese am Kamin. Sie schienen gelesen zu haben, denn Bücher und Zeitschriften lagen auf einem Tische, der sich neben ihnen befand. Willkommen in Berlin! sagte der Graf, auf Don Lotario zutretend und ihm die Hand schüttelnd. Wir erfuhren erst heute, daß Sie hier seien. Weshalb sind Sie nicht früher gekommen? Don Lotario war bei dem ersten Anblick Thereses, die sich mit dem Grafen zugleich erhob, blaß geworden. Die Anrede des Grafen gab ihm jedoch seine Ruhe und Fassung wieder. Ich wollte erst selbst zur Ruhe kommen und meine Einrichtungen vollendet haben, ehe ich mir erlaubte, die Ruhe anderer zu stören, sagte Don Lotario. Es freut mich, Sie unverändert zu finden, Herr Graf. Und auch Sie, Mademoiselle, hoffe ich – Ja, Don Lotario, Gott sei Dank, mir ist hier in meiner Heimat besser geworden! sagte Therese, ihn unterbrechend und ihm freundlich und offen die Hand reichend, die Don Lotario nicht ohne Bewegung ergriff. Lassen Sie mein erstes Wort eine Bitte um Verzeihung sein! Wir reisten so schnell aus Paris ab, daß es uns nicht einmal vergönnt war, Ihnen Adieu zu sagen. Ach, ich will nicht davon sprechen! Aber der Tod der Madame Danglars, meiner einzigen Freundin, erschütterte mich so tief, daß die Luft von Paris unheimlich auf mir lastete, ich glaubte, Paris müsse über mich zusammenstürzen. Graf Arenberg meinte, das beste sei, in die Heimat zurückzukehren, und ich pflichtete ihm bei. Wirklich, ich habe hier meine Ruhe wiedergefunden. Don Lotario hatte sich währenddessen zu den beiden an den Kamin gesetzt und beobachtete mit unruhiger Teilnahme das Gesicht Theresens. Es war ganz dasselbe wie in Paris. Nur ihre Wangen schienen ein wenig frischer, ihr Auge heller zu sein. Möglicherweise aber war dies die Wirkung der Winterluft oder des Feuers im Kamin. Sonst war das Gesicht des jungen Mädchens vollkommen ruhig, ihre Sprache sanft, angenehm und wohlwollend wie immer. Vergebens suchte sich Don Lotario in ihr jenes Mädchen vorzustellen, das ihm der Professor geschildert. Ein Brief des Abbés meldete mir, daß Sie nach London gereist seien, sagte der Graf dann. Sie hatten gesagt, Sie würden sich dort ein Vierteljahr aufhalten, und wir erwarteten Sie deshalb erst später in Berlin. Es scheint Ihnen also in London nicht gefallen zu haben. Nein, meine Erinnerungen an London sind trüber Art, antwortete Don Lotario. Ich bin froh, jene Stadt hinter mir zu haben. Meine Abreise hatte jedoch noch einen anderen Grund. Das Leben dort wäre mir zu teuer geworden. Lord Hope, von dem meine Vermögensverhältnisse abhängen, hat sich halb und halb für bankerott erklärt. Was Sie mir erzählen, setzt mich in Erstaunen, sagte der Graf. Der Abbé schilderte mir den Lord als einen Mann, der so reich und dessen Vermögen so gut fundiert sei, daß er unmöglich verarmen könne. Indessen, wenn er Ihnen das geschrieben, so muß es sein. Er ist ein ehrenhafter Mann. Ich glaube es, sagte der Spanier. Genug, da ich in London nicht ruhig genug studieren und nicht wohlfeil genug leben konnte, so bin ich nach Berlin gekommen, und ich gestehe, ich bin ganz zufrieden. Nichts zieht mich von meinen Studien ab, und meine Kasse wird nicht zu sehr angegriffen. Sie studieren wahrscheinlich so fleißig, daß man kaum hoffen darf, Sie öfter zu sehen? nagte der Graf. Im Gegenteil, wenn ich Ihnen nicht lästig bin, so komme ich recht oft, erwiderte der junge Mann. Ich habe mir vorgenommen, daß Ihr Haus und das des Professors Wedell die einzigen sein sollen, die ich besuche – natürlich nur, wenn es Ihnen lieb ist. Don Lotario erwartete eine Frage nach dem Professor und hatte seinen Blick auf Therese gerichtet, als er dessen Namen nannte. Aber Thereses Miene blieb unverändert, und jene Frage nach dem Professor erfolgte nicht. Ich hoffe, Sie essen mit uns zu Abend, sagte Graf Arenberg dann. Aber Sie müssen mich entschuldigen, wenn ich Sie eine halbe Stunde mit Therese allein lasse. Der Abbé erwartet eine baldige Antwort von mir, und ich will heute an ihn schreiben. Falls Fräulein Therese meine Gesellschaft nicht verschmäht! sagte Don Lotario, den nichts erwünschter kam. Im Gegenteil, ich wollte Sie nach etwas fragen, sagte Therese. Ich bleibe bei Ihnen. Der Graf ging. Don Lotario befand sich mit Therese allein vor dem Kamin. Der Augenblick, den er so sehr gefürchtet und gewünscht hatte, der Augenblick, in dem er nach seiner Trennung von Paris zum ersten Male wieder mit Therese allein sein würde – er war da! Sie wollten mich nach etwas fragen? begann der junge Mann. Ja, und da ich, wie Sie wissen, die Umschweife nicht liebe und vom ersten Augenblick unserer abenteuerlichen Bekanntschaft an ziemlich offen zu Ihnen gesprochen, so will ich auch jetzt nicht zurückhalten. Ich habe Sie bereits gestern abend gesehen. Gestern abend? rief Don Lotario. Und ich Sie nicht? Wo war das? Sie schienen zu sehr mit Ihrer schönen Nachbarin beschäftigt zu sein, sagte Therese scherzend und mit der größten Unbefangenheit. Ich meine mit der Frau Professorin! Sie waren also in dem Wintergarten? sagte der junge Mann erstaunt. Ich habe Sie nicht dort bemerkt. Wir waren in einer Loge, sagte Therese. Ich sah Sie zusammen mit dem Professor Wedell. Sagen Sie mir aufrichtig, hat er je mit Ihnen über mich gesprochen? Ja, sagte der junge Mann, der nicht erwartet hatte, daß das Gespräch eine so eigentümliche und für ihn so wichtige Wendung nehmen würde – ja, und zwar heute morgen. Und er hat Ihnen gesagt, in welchem Verhältnis er zu mir einst gestanden? Er hat es mir gesagt, erwiderte Don Lotario. Er hat mir alles erzählt. Alles? sagte Therese. Und in welchen Ausdrücken sprach er von mir? Aber seien Sie offen! Ich will es sein! In den Ausdrücken der größten Achtung, der größten Teilnahme. Er schien sehr bewegt zu sein, die Erinnerung schien ihn tief zu ergreifen. Aber Sie sind überzeugt, daß er glücklich ist und eine glückliche Ehe führt? fragte Therese. Ja, ich bin davon überzeugt, antwortete Don Lotario. Nach allem, was ich während meines Aufenthaltes in Berlin gesehen habe – und ich bin täglich in der Familie des Professors gewesen – muß ich schließen, daß seine Ehe eine der glücklichsten ist, die es gibt. Wohl! Wohl! Es freut mich von Herzen, das zu hören! sagte Therese. Don Lotario hatte den Blick nicht von ihr gewendet. Er hätte es nicht gekonnt, um keinen Preis. Und eine ganz leichte Erregung abgerechnet, war ihr Gesicht ruhig, heiter, unverändert geblieben. Sie sagten, der Professor hätte Ihnen alles gesagt, fuhr Therese dann fort. Auf diese Weise sind Sie auch zum Vertrauten meines Geheimnisses geworden. Haben Sie dem Professor gesagt, daß Sie mich kennen, daß Sie mich wieder sehen würden? Ja, ich habe ihm gesagt, daß ich Sie flüchtig von Paris aus kenne. Und sagte er, erwartete er, daß Sie mit mir über jenes Verhältnis sprechen würden? Gesagt hat er es nicht, ob erwartet, daß weiß ich nicht. Aber da Sie Offenheit von mir verlangen und da ich sie Ihnen geben will, so muß ich noch eines hinzufügen. Er bat mich, zu erforschen, in welcher Stimmung Sie sich befänden, ob ihr Herz ruhig sei. Ich vermutete das, sagte Therese. Ich kenne Paul, ich wußte, daß ihm daran gelegen sein würde, das zu erfahren. Und so will ich denn auch offen gegen Sie sein und gebe Ihnen die Erlaubnis, das, was ich Ihnen sage, ihm, aber auch nur ihm mitzuteilen. Also sagen Sie ihm, daß ich ruhig, ganz ruhig bin, daß ich nach langen Kämpfen und nach der vollen Einsicht dessen, was ich verloren, doch endlich dahin gekommen bin, mit klarem Blick in die Welt zu schauen. Sie schwieg. Don Lotario, der mit einer fieberhaften Aufmerksamkeit und mit verhaltenem Atem zugehört, saß schweigend und mit gesenktem Haupte da. Jetzt trat der Graf ein. Sein helles Auge musterte flüchtig die beiden jungen Leute, die immer noch gedankenvoll dasaßen und in das Kaminfeuer starrten. Ich bin lange ausgeblieben, sagte er dann. Aber mein Brief ist beendet, und der Abbé wird sich freuen, daß Don Lotario uns wiedergefunden. Liebe Therese, wir werden heute abend noch mehr Besuch haben. Herr von Ratour hat mir sagen lassen, daß er uns zum Tee besuchen und daß ihn vielleicht Madame Morel begleiten werde. Das erstere ist mir angenehm, das letztere würde mir noch angenehmer sein, sagte Therese. Es würde darauf hindeuten, daß Madame Morel sich besser befindet. Ratour hat mir Aussicht darauf gemacht, daß ihr Schmerz bald in jenes Stadium treten werde, welches man Trauer nennt, sagte der Graf, und ich wünsche es der guten Frau von Herzen. Kennen Sie vielleicht zufällig Herrn von Ratour von Paris her, Don Lotario? Nein, erwiderte der junge Mann. Ich bin nie mit einem Herrn dieses Namens zusammengetroffen. Freilich, Ratour war damals ein Gefangener, sagte der Graf. Nun, Sie werden eine interessante Persönlichkeit kennenlernen. Ratour ist Mediziner, zugleich aber ein religiöser Mann und, was viel sagen will, obendrein ein Mann von Welt. Er hatte das Unglück, in den bonapartistischen Prozeß wegen des Attentates von Boulogne verwickelt zu werden. Aber es gelang ihm, zu entfliehen, und eine eigentümliche Mission führte ihn nach Berlin. Darauf erzählte der Graf dem jungen Manne die Geschichte Morels und seiner Gattin. Don Lotario hörte aufmerksam zu. Das Schicksal dieser unglücklichen Frau interessierte ihn. Wir erwarten täglich den Schwager der Madame Morel, Herrn Herbault, sagte der Graf. Eine gefährliche Krankheit seiner Frau, die Folge einer schweren Niederkunft, hält ihn in Paris zurück. Einen einzigen Fall ausgenommen – der Graf blickte flüchtig auf Therese – habe ich nie einen wahreren und tieferen Schmerz gesehen, als den dieser Frau um ihren Gatten. Herr von Ratour versteht es gewiß in seiner doppelten Eigenschaft als Mann von Gemüt und als Arzt, ein Seelenleiden zu mildern. Aber alle seine Bemühungen bei Madame Morel sind vergeblich gewesen. Es ist die liebenswürdigste Frau, die ich je kennengelernt habe, sagte Therese zu Lotario. Und der Schmerz um ihren Gatten läßt sich erst dann begreifen, wenn man weiß, auf welche Weise sie mit ihm vereint worden. Sie erzählte kurz, was sie von Madame Morel über ihre Liebe zu Max und über ihre Vereinigung mit ihm durch den Grafen Monte Christo erfahren. Don Lotario schüttelte den Kopf. Das klingt allerdings unglaublich! sagte er. Was mich aber bei der ganzen Sache am meisten interessiert, ist eine Entdeckung, die auch mich betrifft. Einige Freunde von mir in London glaubten, daß der Graf Monte Christo und mein Lord Hope dieselbe Person sei. Das ist nicht unmöglich, durchaus nicht, sagte Graf Arenberg. Monte Christo ist plötzlich verschwunden und kann sich wohl nach Kalifornien zurückgezogen haben. Nun, vielleicht bietet sich Ihnen die Gelegenheit, mit Madame Morel über ihn zu sprechen. Ein Diener meldete jetzt die Ankunft des Herrn von Ratour und der Madame Morel, und wenige Minuten darauf traten die beiden ein. Madame Morel war im tiefsten Schwarz. Don Lotario fuhr zusammen. Auf den ersten Blick und trotz der Veränderung, die mit seinem Bekannten von jener Nacht vergangen war, erkannte er Etienne Rablasy, den Flüchtling, denselben, vor dem er den Grafen Arenberg hatte warnen wollen. Ob das Erkennen ein gegenseitiges war, ob Ratour oder Rablasy Don Lotario wiedererkannte, das vermochte der junge Mann nicht zu unterscheiden. Kein Blick, kein Zucken verriet es. Als er Don Lotario vorgestellt wurde, verbeugte er sich mit der größten Ruhe und mit der vollkommenen Höflichkeit eines Mannes von Welt. In seinem Wesen war Herr von Ratour überhaupt sehr verändert. Das war nicht mehr der freche, unverschämte Eindringling jener Nacht, der dem Don Lotario durch seine Kühnheit zu imponieren suchte – er war ein feiner, vollständiger Weltmann geworden. Sein Anzug war der eines Menschen, der etwas auf Kleidung gibt, ohne jedoch auffallen zu wollen, seine Miene aufmerksam, sein Betragen höflich. Er trug einen starken, schwarzen Backenbart, und sein Aussehen war gesund und frisch. Don Lotario sah, daß es ein Mann war, der wenig über dreißig Jahre zählen konnte, und in seinem großen, lebhaften, unruhigen Auge lag etwas, das Interesse erweckte. Bei weitem fesselnder war das Gesicht Valentines für den jungen Mann. Er hatte nie einen solchen Ausdruck von Kummer und Schmerz auf einem Gesichte gesehen, wie auf dem dieser unglücklichen Frau. Ihre Haut war weiß wie Marmor geworden, ihre Augen waren gerötet. Aber es lag etwas ungemein Anziehendes und Liebenswürdiges in diesem Ausdruck des Schmerzes. Das Gespräch war zuerst ein ganz allgemeines und wurde fast nur von dem Grafen, Therese und Ratour geführt. Don Lotario dachte an die Erzählung Thereses, und Valentine Morel saß schweigend und mit gesenkten Augen da. Therese wußte sie jedoch zuletzt ebenfalls in das Gespräch zu ziehen. Madame Morel, sagte der Graf endlich, Don Lotario ist ein Bekannter des Grafen Monte Christo. Dieser Name schien die unglückliche Frau aus ihrer Apathie zu wecken. Ah! sagte sie mit sichtlicher Teilnahme. Kennen Sie diesen ausgezeichneten Mann? Ich glaube ihn zu kennen, erwiderte Don Lotario und führte die Gründe an, die ihn zu dieser Vermutung berechtigten. Madame Morel war fest überzeugt, daß jener Lord Hope ihr Graf von Monte Christo sei. Sie fragte nach Haydee. Lotario hatte sie leider nie gesehen. Nur eins begreife ich nicht, sagte Madame Morel kopfschüttelnd. Der Graf veranlaßte meinen Mann, sich der Sache Ludwig Napoleons anzuschließen, und bei seiner alles berechnenden Voraussicht mußte er es doch für möglich halten, daß Max gefangen werde. Ich begreife nicht, daß er nichts für meinen Mann getan hat, daß er ihn hat sterben lassen. Vielleicht befand sich der Graf Monte Christo selbst in Verlegenheit, sagte Don Lotario und erzählte der jungen Frau, was ihm der Lord über den Wechsel geschrieben. Das wäre möglich! sagte Valentine, während sie sich bemühte, ihre Tränen zurückzuhalten. Aber alles, was mir Max von ihm erzählte, deutete auf einen so großen Reichtum, daß es beinahe unglaublich klingt, wenn man von einem Bankerott dieses Mannes spricht. Dennoch muß dem so sein, sagte Graf Arenberg, und wie Don Lotario ganz richtig sagte, seine eigenen traurigen Angelegenheiten werden Lord Hope verhindert haben, das Schicksal Ihres unglücklichen Gatten zu überwachen. Kennen Sie die Adresse des Grafen? fragte Valentine Don Lotario. Ich möchte an ihn schreiben. Ich kenne sie nicht genau, wohl aber der Abbé Laguidais, antwortete dieser. Der Abbé kann Ihren Brief weiter befördern. Freilich – er kommt leider zu spät! Es trat eine peinliche Pause ein. Don Lotario wollte sie abkürzen. Sie sind Mediziner, Herr von Ratour? sagte er zu dem Franzosen. Mit welchen Krankheiten haben Sie sich vorzugsweise beschäftigt? Oder sind sie überhaupt kein Praktiker? Ich bin einer von den Praktikern, die am wenigsten Gelegenheit haben, ihre Praktik anzuwenden, antwortete Ratour mit einem höflichen Lächeln. Ich habe mich vorzugsweise mit den Krankheiten der Seele beschäftigt. Also mit dem Wahnsinn und der Melancholie? fragte Don Lotario. Mit dem Wahnsinn weniger, erwiderte Ratour, mehr mit der letzteren. Mein Hauptstudium war von jeher, zu erforschen, ob nicht die Krankheiten des Herzens und der Seele zu heilen oder wenigstens abzukürzen seien, dadurch daß man medizinische Mittel anwendet. Man könnte mir allerdings einwenden, daß ich dann die Seele nur als einen Teil des Körpers betrachtete, auf den man medizinisch einwirken könne. Aber das ist doch nicht ganz der Fall. Ich glaube nur, daß durch krankhafte Seelenzustände auch ein krankhafter Zustand des Körpers eintritt, und daß man durch Heilung des letzteren auch den ersteren heben kann. Nun, vielleicht nehme ich Ihre Kunst einst in Anspruch, sagte Don Lotario mit einem trüben Lächeln. Haben Sie schon Kuren ausgeführt und Erfolge erzielt? Ich glaube, ohne anmaßend zu sein, daß Mademoiselle Therese zum Teil durch meine Mittel ein wenig heiterer geworden ist. Nicht so glücklich bin ich bei Madame Morel. Sie verschmäht sogar die Medizin, die ich ihr geben will. Sie machen sich vergebene Mühe, sagte Madame Morel fest. Auch die Homöopathen behaupten, Schmerz, Kummer und Freude durch Arzneien mildern zu können, sagte Graf Arenberg, in der Absicht, das Gespräch auf einen anderen Gegenstand zu lenken. Und was Therese anbetrifft, so ist sie allerdings etwas heiterer geworden, seit wir das Vergnügen haben, Herrn von Ratour zu kennen. Don Lotario fühlte bei diesen Worten ein unangenehmes und stechendes Gefühl in seinem Herzen. Ich weiß wirklich nicht, ob die Medizin des Herrn von Ratour mir geholfen, sagte Therese lächelnd. Vielleicht haben andere Gründe, die in meiner Seele lagen, dazu beigetragen, sie zu erheitern. Ratour warf einen eigentümlichen Seitenblick auf Therese. Don Lotario bemerkte es nicht. Er sah auf den Tisch. Thereses Worte hatten ihn noch schmerzlicher durchzuckt. Sollte er dem Grafen mitteilen, wer dieser Herr von Ratour war? Die Pflicht der Freundschaft verlangte es. Wenigstens mußte Graf Arenberg gewarnt werden. Aber was hatten die Worte Ratours bedeutet? War es seine Medizin gewesen, durch die Therese geheilt worden? Oder – oder – war Ratour der Mann, der ihrem Herzen einen Teil der früheren Heiterkeit zurückgegeben? Dieser letztere Gedanke war dem jungen Manne fast unerträglich. Sollte dieser Mann es sein, der Eindruck auf ein Herz machte, das einst den Professor geliebt? Diesen hätte Don Lotario für würdig gehalten, sein Nebenbuhler zu sein. Ihm wäre er – wenn auch mit schwerem Herzen – gewichen. Aber einem Ratour? Unmöglich! Er wurde in seinen Gedanken gestört, denn Madame Morel erhob sich, um Abschied zu nehmen, und Ratour begleitete sie. Don Lotario mußte sich ebenfalls empfehlen. Ich hoffe, wir werden uns nicht nur hier sehen! sagte Ratour höflich, als er sich Don Lotario empfahl. Wollen Sie mir die Ehre Ihres Besuches gönnen – hier ist meine Karte. Don Lotario mußte diese Artigkeit erwidern und gab dem Franzosen ebenfalls seine Karte, auf der auch seine Wohnung angegeben war. Dann trennten sie sich. Der junge Spanier ging langsam nach Hause. Dieser Tag war für sein Seelenleben ein sehr reicher gewesen. Zuerst die Mitteilung, die ihm der Professor gemacht, dann die Eröffnungen Thereses und nun noch dieses Wiedersehen Rablasys – es war fast zuviel. Er ging nach Hause. – Todmüde, abgespannt bis auf den letzten Funken von Lebenskraft, kehrte er nach seiner Wohnung zurück, setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb an Ratour nichts als die Worte: »Ich werde schweigen.« – Dann fiel ihm jenes Blatt in die Augen, das ihm Lord Hope mit auf den Weg gegeben. Er hatte es in der letzten Zeit oft durchgelesen. Es enthielt allgemeine Lebensregeln, Regeln, die aus einer eigenen, tiefen Erfahrung und aus einer genauen Kenntnis des menschlichen Lebens hervorgegangen waren. Jetzt weilte sein Blick lange auf einer derselben; sie hieß: »Wenn du glaubst, irgendein Unglück oder eine Widerwärtigkeit nicht ertragen zu können, so versuche es wenigstens, ihr zu widerstehen. Siehst du ein, daß deine Kräfte zu schwach sind, oder daß das Unglück zu groß ist, so ist es immer noch Zeit, zu unterliegen!« Ich will es versuchen! sagte Don Lotario mit einem tiefen Seufzer und legte das Blatt fort. – Als Don Lotario am andern Morgen spät erwachte, überreichte ihm sein Diener ein Billett, das vor einer Stunde abgegeben worden war. Es lautete: »Verehrter Don Lotario! Obwohl ich Sie erst seit gestern kenne und wohl weiß, daß ich keine Ansprüche auf einen Freundschaftsdienst von Ihrer Seite habe, so weiß ich doch, daß Sie dem Unglück Ihre Teilnahme nicht versagen werden. Ich bitte Sie deshalb, mich heute zwischen zwölf und ein Uhr zu besuchen. Sollte Herr von Ratour, der in demselben Hause wohnt, Sie bemerken, so bitte ich Sie, ihm zu sagen, daß Ihr Besuch nur ein Höflichkeitsbesuch ist. Ratour wird aber, wie ich hoffe, nicht zu Hause sein. Valentine Morel.« Don Lotario war etwas überrascht. Aber hier half kein langes Besinnen, und da es schon elf Uhr war, so kleidete er sich rasch an. Seine Wohnung war nicht weit entfernt von derjenigen der Madame Morel. Don Lotario wohnte am Gendarmenmarkt, Ratour und Frau Morel in der Behrenstraße in der Nähe der Wilhelmstraße. Nach wenigen Minuten befand sich Don Lotario auf der Treppe, die zu der Wohnung der Madame Morel führte. Ein aller Diener öffnete dem jungen Manne und führte ihn, nachdem er seinen Namen genannt, in das Empfangszimmer Valentines. Die junge Frau schien die Ankunft Don Lotarios mit Ungeduld erwartet zu haben. Sie kam ihm mit einer Miene entgegen, die eine gewisse Aufregung verriet. Ah, mein Herr, rief sie, ich habe den ganzen Morgen meinen Brief bereut. Ich hätte eine andere Gelegenheit abwarten sollen, um meine Bitte an Sie zu richten. Aber es ist geschehen, und ich kann nichts tun, als Sie um Verzeihung bitten. Ihr Vertrauen ehrt mich, Madame! sagte Lotario. Bitte, sprechen Sie! Vertrauen! Ja, es ist Vertrauen, das ich Ihnen schenken will! rief Madame Morel. Wie ich auf den Gedanken gekommen bin, mich gerade Ihnen zu offenbaren, das weiß ich nicht. Vielleicht, weil auch Sie in Verbindung mit dem Grafen Monte Christo stehen, mit diesem Manne, den ich über alles verehre. Doch, mein Herr, verzeihen Sie mir – Ratour kann jeden Augenblick kommen, um mich zu besuchen. Ich muß eilen. Was halten Sie von Herrn von Ratour? Diese Frage war so ernst betont, und Madame Morel schien so gespannt auf die Antwort Don Lotarios, daß der junge Mann bedenklich wurde und stutzte. Madame, sagte er zögernd, ich kenne Herrn von Ratour erst seit gestern abend. Also – Das ist wahr, unterbrach ihn Valentine, deren ganzes Wesen hastig und ängstlich war. Aber man sagt doch immer, daß der erste Eindruck entscheidet. Nun, Madame, wenn Sie die Frage so stellen, sagte Don Lotario, dann muß ich Ihnen antworten, daß Ratour nicht der Mann ist, dem ich mich unbedingt anvertrauen würde. Ah – ganz mein Gefühl! Dasselbe, was ich empfinde! rief Madame Morel und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ja, auch ich kann ihm nicht trauen, ich weiß nicht, weshalb. Dürfte ich doch nur mit dem Grafen Arenberg über ihn sprechen! Aber weshalb dürfen Sie das nicht, Madame? fragte Don Lotario. Weshalb? Oh, er hat sich bei dem Grafen so in Gunst zu setzen gewußt, daß ich es nicht wage irgend etwas über ihn zu sagen! antwortete Valentine. Und was soll ich auch sagen? Ich habe nur ein unbestimmtes Mißtrauen gegen ihn. Ich kann nicht glauben, daß mein Mann, daß Max tot ist! rief die junge Frau weinend. Das bloße Wort Ratours kann mir nicht genügen! Haben Sie denn irgendwelche Gründe, zu glauben, daß ihr Gemahl nicht tot sei? fragte er. Ich hörte gestern abend die Erzählung von seinem Tode. Sie klingt wahrscheinlich. Ja, wahrscheinlich, rief Valentine. Und doch kann ich sie nicht glauben. Ich weiß nicht, ob Ratour mich täuscht, ob er aus bestimmten Gründen mir mehr oder weniger sagt, als er weiß. Aber ich mißtraue ihm. Mein Herz sagt mir, daß Max noch lebt. Sie müssen also doch Verdachtsgründe haben, sagte Don Lotario, den diese Angelegenheit ernstlich zu beschäftigen anfing und der eine Verräterei Ratours durchaus nicht für unmöglich hielt. Es wird mir schwer werden, mich Ihnen klar zu machen, sagte Valentine. Doch will ich es versuchen. Fürs erste kann ich nicht glauben, daß die Regierung Ludwig Philipps grausam genug wäre, einen Mann heimlich hinrichten zu lassen, der fast gar keinen Anteil an dem Vergehen hat, das man ihm zur Last legt. Es ist wahr, daß in politischen Prozessen zuweilen unerhörte Dinge geschehen sind, aber so weit darf man es nicht treiben. Jedenfalls würde man meinem Mann verstattet haben, mich noch einmal vorher zu sehen oder mir einen letzten Brief, ein Abschiedswort zuzusenden. Aber welche Absicht kann Ratour gehabt haben, Sie zu täuschen und hierherzuführen? Vielleicht ist er ein Agent der Regierung, antwortete Madame Morel. Vielleicht will man das letzte Mittel versuchen, meinen Mann zur Nennung eines Namens zu zwingen, den die Regierung wissen will. Vielleicht sagt man ihm, daß er mich nicht eher wiedersehen würde, als bis er den Wunsch der Regierung erfüllt habe. Offen gestanden – das ist sehr unwahrscheinlich. Oder – Ratour handelt für sich allein, fügte Madame Morel zögernd hinzu. Welche Absichten er dabei hat – ich weiß es nicht. Vielleicht kennt er die Lage meines Mannes, vielleicht weiß er, daß Max nicht imstande ist, sich meiner anzunehmen, vielleicht hat er Zwecke, die – doch ich kann darüber nicht sprechen! Sie setzen mich in Erstaunen! unterbrach Lotario die errötende Frau. Dann wäre Ratour ein ganz gemeiner Verbrecher! Aber Sie müssen Gründe haben, einen solchen Verdacht zu hegen! Schenken Sie mir Ihr volles Vertrauen! Sprechen Sie sich darüber aus. Es wird mir schwer, aber ich will es versuchen. Ratour war im Anfang sehr höflich, sehr besorgt für mich, ganz wie ein Freund meines Mannes es gewesen wäre. Als er aber sah, daß mein Schmerz sich nicht milderte, als wir hier in Berlin angelangt waren, änderte er sein Betragen. Er blieb nicht mehr ein Freund, ein Beschützer. Er sprach von anderen Dingen, er ließ Worte mit einfließen, die darauf hindeuteten, daß Max vor seinem Tode gesagt habe, Ratour solle einst der Beschützer seines Kindes, vielleicht auch mein Gatte werden. Er sprach sich nie ganz klar darüber aus, aber ich erriet leicht, was er meinte. Und das hat mich mit Abscheu und Widerwillen gegen ihn erfüllt. Ich die Gattin eines anderen! Und vielleicht ist Max nicht einmal tot! Und selbst, wenn er tot wäre – wie könnte ich je einen anderen Mann lieben? Wie könnte ich daran denken, einem anderen anzugehören, während ich noch das Trauerkleid um den Verlorenen trage! Und spricht Ratour jetzt noch so zu Ihnen? fragte Don Lotario aufmerksam. Nein, antwortete Madame Morel. Er änderte sein Betragen etwas plötzlich, und sein Benehmen gegen mich wurde fast kühl. Er sprach fast nie mehr von Morel, und als ich meinte, ich könne wohl nach Paris zurückreisen, setzte er diesem Wunsche nicht mehr dieselben Gründe entgegen, die er früher stets geäußert. Das bestärkt mich noch mehr in dem Gedanken, daß er mich nur von Paris fortgelockt, um freies Spiel mit mir zu haben, und daß er sich meiner entledigen möchte, nachdem er eingesehen, daß er keine Hoffnung hat. Sollte die junge Frau recht haben? Don Lotario zweifelte kaum daran. Er wußte, was Valentine nur ahnte: daß Ratour ein Betrüger und Verbrecher sei. Er wußte noch mehr. Er kannte das Verhältnis, in welchem Ratour zu Therese stand. Ratour war kalt gegen Madame Morel geworden, als er anfing, auf Therese zu hoffen. Es ist wirklich nicht leicht, sich in einer so eigentümlichen Angelegenheit auszusprechen, sagte er nach einer Pause. Aber Sie haben doch Verwandte in Paris. Haben Sie nicht an diese geschrieben, haben diese keine näheren Erkundigungen eingezogen? Das ist es eben, was mich in meinem Verdachte bestärkt! rief Madame Morel. Ich habe keinen Brief, keine Nachricht von Emanuel und Julie. Und doch habe ich drei Briefe an sie geschrieben. Sie überließen die Besorgung dieser Korrespondenz natürlich Herrn von Ratour? sagte Lotario. Jawohl, antwortete Valentine. Er sagte mir, daß er die Briefe abgesendet und daß er nur eine Antwort von Emanuel erhalten, in der ihm mein Schwager anzeigt, daß er der Krankheit seiner Frau wegen nicht zu mir kommen könne. Aber Ratour hat mir diesen Brief nicht gezeigt. Das ist allerdings verdächtig, sehr verdächtig, sagte Lotario überlegend. Ich sollte jedoch meinen, daß es Ihnen nicht so schwer gewesen wäre, einen Brief ohne Wissen Ratours nach Paris zu senden. Glauben Sie das nicht! antwortete Valentine. Ich werde von ihm bewacht und beobachtet wie eine Gefangene. Er läßt mich nie allein ausgehen, besorgt alles für mich, läßt niemand zu mir, genug, sein Schutz ist für mich ebensoviel wie eine Gefangenschaft. Dies ist die einzige Stunde, in der ich hoffen durfte, Sie allein zu sprechen, weil er um diese Zeit gewöhnlich Mademoiselle Therese und den Grafen besucht. Auch kann er, wenn ich ihm sage, daß Sie hier gewesen, nichts weiter in Ihrem Besuche sehen, als einen Beweis der Höflichkeit. Ratour geht also oft zu dem Grafen? fragte Don Lotario. Jetzt täglich zweimal, antwortete Valentine. Doch, wie ich fürchte, kann er jeden Augenblick wiederkehren. Es ist ein Uhr. Deshalb, Don Lotario, meine Bitte. Schreiben Sie an meinen Schwager – hier ist seine Adresse – schildern Sie ihm meine Lage und bitten Sie ihn, mir schleunigst zu antworten, aber unter Ihrer Adresse. Sagen Sie ihm, er solle sich vor allen Dingen Gewißheit darüber zu verschaffen suchen, ob Max wirklich tot sei. Ich glaube es nicht, ich kann es nicht glauben! Das wäre möglich! sagte Valentine, während sie sich Zeile fehlt im Buch. Re. Schreiben Sie auch an den Abbé Laguidais, oder direkt an Lord Hope, den ich für den Grafen Monte Christo halte, und benachrichtigen Sie ihn von den Schicksalen meines Mannes. Der Graf wird helfen, wenn er helfen kann. Ich werde noch heute Ihren Wunsch erfüllen! sagte Don Lotario. Und seien Sie auf Ihrer Hut gegen Ratour. Ich traue ihm ebenfalls nicht. Ich habe Gründe dazu. Oh, sagen Sie mir, welche? rief Valentine. Ich möchte Gewißheit über ihn haben. Ich darf noch nicht sprechen, antwortete Don Lotario. Dringen Sie also nicht in mich. Adieu! Don Lotario eilte fort. Auf dem Berge der Wünsche Edmund Dantes und Haydee saßen beieinander im Zimmer des ersteren. Die junge Frau hielt auf ihren Armen einen Knaben, der wenig über ein Jahr alt war und in dessen unschuldigen, lieblichen Zügen sich der ruhige Ernst des Vaters und die Anmut der Mutter paarten. Haydee, mein liebes Weib, sagte Dantes zu seiner Gattin, ich habe dir einen wichtigen Entschluß mitzuteilen. Ich bin willens, Kalifornien zu verlassen und nach Europa zurückzukehren. So wollen wir es tun! sagte Haydee. Ich dachte mir längst, daß es dir auf die Dauer in dieser Abgeschiedenheit nicht gefallen könne. Das nicht, erwiderte Monte Christo. Als ich hierherging nach Kalifornien, als ich diesen einsamen Winkel der Welt aufsuchte, dürstete ich nach Einsamkeit und Abgeschiedenheit. Im Kampfe mit der Welt, im Verfolgen meiner Pläne hatte ich meine ganze Kraft aufbieten müssen. Ich hatte mein Ziel erreicht, ich war sogar darüber hinausgegangen, und ich wollte nun mit dir allein sein, um auf die Vergangenheit zurückblicken und neue Pläne für die Zukunft entwerfen zu können. Ich wußte nicht, daß mir der Zufall hier größeren Reichtum geben würde, als ich je besessen. Diese Schätze blieben nicht ohne Einfluß auf meine Pläne. Ich konnte sie erweitern und umgestalten. Jetzt habe ich Schätze gesammelt, wie sie wohl kein anderer Mensch auf der Erde besitzt, ich habe hier eine Kolonie gegründet, die ausdauern und emporblühen wird, wenn ich auch nicht mehr hier bin. Ich bedarf keiner weiteren Schätze für mich und kann also den Berg der Wünsche verlassen. In Europa wird das Andenken an mich erloschen sein. Ich kann dort wieder auftreten, ohne fürchten zu müssen, sogleich erkannt zu werden. Also du willst dich wieder in das Gewühl der großen Welt mischen, Edmund? fragte Haydee. Deine Frage klingt so ängstlich, liebes Weib! Hast du etwas dagegen einzuwenden? O nein, Edmund, nein. Aber in Paris, ich weiß es noch, warst du selten bei mir – Ah, du fürchtest, das Gewirr Europas könnte mich dir entziehen! unterbrach sie Dantes lächelnd. So laß uns nicht mehr daran denken, laß uns von Erfreulicherem sprechen! sagte Haydee. Was ist aus jener Französin geworden, aus der Tochter Morcerfs, die bei den Mormonen war? Noch kann ich über ihre Zukunft kein bestimmtes Urteil fällen, antwortete Dantes. Ihr Glück hängt von dem Betragen des Mannes ab, dem sie sich angeschlossen hat. Aber ich hoffe, sie wird mit ihm glücklich sein. Seltsam, wie mir hierbei der Zufall eine Person in den Weg führte, die ich sonst jahrelang vergebens hätte suchen können. Ich erzählte dir von jenem Wolfram, einem verwegenen Burschen, der es wagte, mir in meinem eigenen Hause zu trotzen. Ich sagte dir schon damals, daß ich trotzdem diesen Menschen in mein Herz geschlossen, denn ich erkannte die Charakterstärke, die Festigkeit seines Willens und ein hohes, wenn auch irregeleitetes Ehrgefühl. Ich beschloß sogleich, mich seiner anzunehmen, und als ich hörte, daß Amelie seine Geliebte sei, sah ich ein, daß er nur durch die Liebe gerettet und gestärkt werden könne. Meine Erwartungen täuschten mich nicht. Ich schickte Amelie zurück zu den Mormonen. Ich sah voraus, in welche Kämpfe Wolfram mit diesen Leuten geraten und daß er mit Amelie fliehen werde. Von Bertois erhielt ich wöchentlich Nachrichten. Ich selbst begab mich einmal dorthin, um mich durch den Augenschein von den Zuständen der Mormonen und von der Lage dieser beiden jungen Leute zu überzeugen. Ich erzählte dir auch die Flucht der beiden aus dem Salzseegebiet und mein Zusammentreffen mit ihnen unterwegs. Nun aber zur Hauptsache. Bertois schrieb mir, Wolfram habe ihn auf seiner Insel um Waffen gebeten und ihm als Gegengeschenk einen Ring gegeben. Da ich ihm aufgetragen, sich nach allem zu erkundigen, was die Verhältnisse Wolframs anbetraf, so schickte er mir diesen Ring, denn darin befand sich ein Name. Dieser Ring ist für Wolfram von der größten Wichtigkeit. Er hat zu Bertois gesagt, daß er seinem Vater gehört habe, und es steht der Name Büchting darin. Büchting hieß der Sterbende, der mir diese Goldminen entdeckte, und Wolfram ist ohne Zweifel sein Sohn. Ich hatte bereits von Berlin und Paris aus Nachricht, daß der Sohn Büchtings, ein gewisser Wolfram, nach Paris und von dort mit einem jungen Mädchen nach Amerika gegangen sei. Es ist also fast eine Gewißheit, daß dieser Wolfram ein Sohn jenes Mannes ist, dem ich die zweite und größere Hälfte meiner Schätze verdanke. Welch seltsames Zusammentreffen! rief Haydee. Aber dann schuldest du ihm einen Teil dieser Schätze! Ohne Zweifel! antwortete Monte Christo. Aber da Wolfram seinen Reichtum noch nicht kennt, und da er meiner Ansicht nach noch nicht in der Lage ist, den richtigen Gebrauch davon zu machen, so werde ich ihm diese Reichtümer erst dann zustellen, wenn sie ihm wirklich nützlich sind, d.h. wenn er über den Wert des Geldes so gleichgültig denkt, daß er den Reichtum nur noch als Mittel betrachtet, der Welt und seinen Mitmenschen zu nützen. Und dieser Augenblick, sagst du, ist noch nicht gekommen? fragte Haydee. Ich glaube nein, erwiderte Monte Christo. Doch du magst dich selbst davon überzeugen. Schon seit einiger Zeit war es mein Wille, dich von meinem Wirken zu unterrichten. Sieh hier, in diesem Fach liegen Briefe von meinen Freunden und Kopien meiner eigenen. Lies diejenigen, die dich am meisten interessieren. Mit wenigen Ausnahmen sind sie in französischer Sprache geschrieben. Vielleicht siehst du dann ein, daß ich in jener Nacht nicht zuviel gewünscht und gehofft hatte. Ich habe nicht alles erreicht, aber doch vieles. – Brief an Fortery. »Geehrter Herr! Als ich zuerst Gelegenheit hatte, Sie kennenzulernen, habe ich Ihnen meine Ansichten über die Kirche der Heiligen des letzten Tages mitgeteilt und, wie ich glaube, auch in Ihnen einige neue Anschauungen erweckt. Ich bezeigte Ihnen meine Teilnahme für die Kirche tatsächlich, indem ich Ihnen hunderttausend Dollars anwies. Ich schicke Ihnen heute die Anweisung auf die doppelte Summe durch einen Mann (Bertois), dem Sie in allem, was meine Angelegenheiten betrifft, unbedingt trauen können. Sie befragen mich, was ich für Sie in New York getan. Ich werde Ihnen bald darüber Auskunft geben können. Noch einmal, halten Sie Zucht und Ordnung und hüten Sie persönlich sich vor Wipky, dem ich mißtraue. Lord Hope.« Der Bankier Nathan in New Orleans an den Lord. »Mylord! Ich ergreife mit Freuden die Gelegenheit, Ihnen einen Dienst zu erweisen, der für mich das größte Glück ist. Ich werde es nie vergessen, Mylord, daß Sie es gewesen sind, der den sinkenden Kredit meines Hauses unterstützte, der mir beistand, meine Zahlungen zu leisten, der mir den Namen eines ehrlichen Mannes wiedergab. Ihre Instruktionen, wie ich mich in bezug auf den jungen Mann, der mir von Ihnen eine Anweisung bringen würde, zu verhalten habe, blieben lange unbenutzt, und ich glaubte schon, daß mir diese Gelegenheit, etwas in Ihrem Auftrage zu tun, entschlüpfen würde. Eines Tages jedoch trat ein junger Mann in unser Kontor, den ich sogleich als den von Ihnen geschilderten Wolfram erkannte. Er war sehr bleich, seine Miene sehr gedrückt und betrübt, sein Anzug jedoch sauber, wenn auch etwas fremdartig. Man sieht ihm den Deutschen an. Mein Herr, sagte er zu mir, haben Sie den Auftrag erhalten, tausend Dollars von jemand, namens Wolfram, für einen Herrn, den ich nicht kenne, in Empfang zu nehmen? Allerdings, antwortete ich. Ich erhielt die Anweisung vor acht Wochen. Ich bin jener Wolfram, sagte er. Es war mir nicht möglich, die tausend Dollars zurückzuzahlen. Ich bin es auch heute nicht imstande. Jener Herr setzte keine bestimmte Frist. Nein, sagte ich, indem ich, wie Sie mir vorgeschrieben, durchaus die Miene des Geschäftsmannes annahm. Aber weshalb können Sie nicht zahlen? Ich habe Unglück gehabt, erwiderte er. Zuerst wurde auf der Reise hierher meine Braut, meine Begleiterin krank, und ich mußte sie drei Wochen lang in einer Wüste pflegen und bewachen. Wir waren dem Untergange nahe, als wir auf einen Reiter trafen, der uns von seinen Vorräten mitteilte und dadurch rettete. Der Mann, der wie ein Quäker aussah, war mir fremd, aber ich hatte schon vorher in der Salzseestadt einige Worte mit ihm gewechselt. Er brachte uns auf den Weg nach Louisiana und wies mich an, von dort nach New Orleans zu gehen und mich in dieser Stadt unter Berufung auf ihn an das Bankhaus Nathan Brothers zu wenden. Zuletzt gab er mir noch eine Tausenddollarnote, und ich versprach ihm, Ihnen das Geld zurückzuerstatten. Als meine Braut und ich aber endlich am oberen Red-River anlangten, war ich so angegriffen, daß ich dort Pferde für mich und meine Braut kaufen mußte. Das raubte einen Teil des Geldes. Zwar verkaufte ich die Pferde wieder, als wir am Mississippi angelangt waren und das Dampfboot benutzen konnten. Aber man gab uns nur die Hälfte dafür. Kaum hier in New-Orleans angelangt, wurde ich selbst krank, und dieser Gang zu Ihnen ist heute mein erster Ausgang. Ich lag am gelben Fieber darnieder, und es ist ein Wunder, daß ich noch lebe. Während dieser Zeit habe ich natürlich nichts verdienen können und in einer fremden Stadt mehr Geld ausgegeben, als ich wohl sonst getan. Von jenen tausend Dollars besitze ich nur noch dreihundert. Wenn ich Ihnen diese jetzt zurückzahlen muß, so bin ich ein Bettler. Jener Herr hat durchaus keine Zeit bestimmt, sagte ich. Behalten Sie deshalb die Summe. Sie sind jetzt gesund, Sie werden arbeiten können. Ich hoffe es, erwiderte er. Aber in einer fremden Stadt, und zumal hier in New Orleans, wo man den Fremden so sehr mißtraut, wird es mir nicht gut möglich sein, eine Anstellung zu erhalten. Jener Herr, dessen Name ich nicht kenne – Mr. Stanley – sagte ich, denn Sie hatten mir aufgetragen, Mylord, Sie so zu bezeichnen. Mr. Stanley also, sagte er, hat mich an Sie gewiesen; er sagte mir, Sie könnten mir vielleicht durch Ihre Protektion Arbeit und Nahrung verschaffen. Mr. Stanley hat mir etwas Ähnliches geschrieben, erwiderte ich, meiner Rolle getreu, noch immer kühl und geschäftsmäßig. Wir wollen sehen, was zu machen ist. Er nannte mir seine Wohnung, in einer Vorstadt, und ging. Sein ganzes Wesen und Betragen hatte einen guten Eindruck auf mich gemacht, Mylord, und ich interessierte mich bereits für diesen jungen Mann. Ich eilte sogleich, mich nach den näheren Umständen zu erkundigen, und erfuhr, daß er mir die volle Wahrheit gesagt. Er hatte drei Wochen lang am gelben Fieber krank gelegen, zwischen Leben und Sterben. Seine Begleiterin oder seine Braut, die als sehr interessante Dame geschildert wird, hatte ihn keine Minute verlassen und soll selbst sehr erschöpft und ermattet sein. Sie wohnten in einer sehr einfachen Wohnung. Ich besuchte sie am folgenden Tage und sagte ihm, daß ich hoffe, er werde bei den Hafenbauten beschäftigt werden. Er schien sehr erfreut; seine Freude sank jedoch ein wenig, als ich ihm die geringe Summe und die untergeordnete Stellung bezeichnete, die er dort erhalten werde. Dennoch sah ich kein Zeichen offenbaren Mißmutes auf seinem Gesicht. Es wurde mir etwas schwer, diesen beiden jungen Leuten gegenüber die Rolle zu spielen, die Sie mir vorgeschrieben haben, Mylord. Aber ich werde es durchsetzen. Seit acht Tagen arbeitet Wolfram als einfacher Arbeiter an Bauten im Hafen. Er hat eine noch bescheidenere Wohnung in der Nähe des Hafens gemietet. Die Luft ist dort schlecht und ich fürchte ernstlich, weder er noch seine Gefährtin werden die Dünste ertragen können. Bis so weit sind die Sachen gediehen. Ich erwarte Ihre weiteren Verhaltungsbefehle, Mylord. John Nathan.« Der Lord an Nathan. »Lieber Freund! Wenn Sie mir schreiben, daß Ihre Gefühle einigermaßen unter dem Eindruck leiden, den das Schicksal dieser beiden jungen Leute auf Sie macht, so gebe ich Ihnen die Versicherung, daß dies bei mir in noch höherem Grade der Fall ist, da ich mich sehr lebhaft für beide interessiere und nichts sehnlicher wünsche, als daß sie in Zukunft wahrhaft glücklich seien. Dieser Wunsch aber ist es, der mir mein jetziges Betragen vorschreibt. Wolfram hat bewiesen, daß er allmählich gelernt, das Unglück zu ertragen. Ob er aber das Glück ertragen kann, hat er noch nicht bewiesen, und meiner Ansicht nach versteht nur der im Glücke zu leben, der möglichst viele Leiden ertragen hat. Verfahren wir also nicht zu rasch! Häufen wir Hindernisse auf Hindernisse, um diesen beiden jungen Leuten das Leben schwer zu machen. Nur dürfen wir nicht zu weit gehen. Ich überlasse es Ihnen, das Ventil zu überwachen, damit der Kessel nicht springe. Krank dürfen sie nicht werden, dafür müssen Sie sorgen. Aber Wolfram muß in einen Zustand versetzt werden, der an Verzweiflung grenzt. Ersparnisse darf er nicht machen, er muß glauben, daß er ewig in Armut und Not bleiben werde. Seine Vorgesetzten müssen ihn quälen. Er darf Amelie nicht heiraten. Hält er das alles aus und bleibt dabei ein ehrenhafter und braver Mann – dann, lieber Freund, dann soll ihm geholfen werden. Noch kann ich ihm nicht trauen. Seine Prüfungszeit war zu kurz. In spätestens sechs Wochen erwarte ich abermals Nachrichten von Ihnen. Bis dahin wird sich etwas Entscheidendes herausgestellt haben. Suchen Sie den Familiennamen des jungen Mannes zu erfahren! Legen Sie auch nicht zu wenig Gewicht auf die Dienste, die Sie mir leisten. Was können Sie Schwereres tun, als gegen Ihr eigenes gutes Herz handeln! Lord Hope.« Nathan an den Lord. »Mylord! Nimmer hätte ich geglaubt, daß es mir so schwer werden würde, Ihnen eine Gefälligkeit – und eine scheinbar so kleine Gefälligkeit – zu erweisen! Nimmer hätte ich auch geglaubt, daß es so schwer sei, sein Herz zu bezwingen und sich vom Helfen und Unterstützen fernzuhalten. Ich besuchte das Paar, bald nachdem ich Ihren zweiten Brief in dieser Angelegenheit erhalten. Ich fand die beiden jungen Leute dem Anscheine nach sehr gefaßt, in der Tat aber sehr traurig gestimmt. Die Schritte, die ich auf Ihre Aufforderung hin getan, hatten bereits zu wirken begonnen. Wolfram wurde von seinen Vorgesetzten, den Hafenbaubeamten, sehr streng behandelt. Er hatte einmal eine Äußerung über einen Fehler getan, der bei dem Entwurf begangen worden, und dies allein schon genügte – meine eigenen Schritte abgerechnet – ihm die Feindschaft seiner Oberen zuzuziehen. Man gibt ihm die schwierigsten und unangenehmsten Arbeiten. Seine Mitarbeiter, zum Teil rohe Menschen, sind ihm gleichfalls nicht wohlgesinnt, da er sich von ihnen abgesondert hat und ihre Schenken nicht besucht. Des Morgens um sechs geht Wolfram an die Arbeit, des Abends um acht Uhr kehrt er zu seiner Gefährtin zurück. Er hat nicht einmal den Trost, in ihrer Nähe arbeiten zu können. Auf meine Vorstellung hat Amelie eine Wohnung genommen, die von dem Flusse entfernt ist. Vor einiger Zeit kam er zu mir und klagte mir, daß man seiner Verheiratung mit Amelie Schwierigkeiten in den Weg lege, weil man die Ehen armer Einwohner von New Orleans hindern wolle. In der Tat existieren hier solche Hindernisse nicht. Man traut jedes Paar, das getraut zu werden verlangt. Ich konnte dem armen jungen Manne nicht sagen, daß ich an diesen Schwierigkeiten schuld sei. Er war sehr traurig. Amelie sagte mir, als ich sie besuchte, daß sie angefangen habe, sich nach Kunden für Handarbeiten umzusehen. Auch diese Hoffnung schlug ich in ihr nieder, indem ich ihr sagte, daß ihr Verhältnis mit Wolfram sie hindern werde. Zutritt in anständigen Familien zu erlangen. Beide waren unsäglich unglücklich. Aber selbst das Schicksal scheint mit Ihnen im Bunde zu sein, verehrter Freund! Vor drei Wochen brach ein Aufruhr unter den Arbeitern im Hafen aus, und obgleich ich mit Bestimmtheit weiß, daß Wolfram sich ganz fern davon gehalten, so schob man ihm doch die Schuld zu – denn seine Oberen können ihn nicht leiden. Die Arbeiter, die, wie gesagt, ebenfalls nicht gut auf ihn zu sprechen sind, gaben sich keine Mühe, ihn zu rechtfertigen, und Wolfram wurde auf acht Tage ins Gefängnis geschickt. Seit dieser Zeit ist er sehr tiefsinnig und sehr verschlossen. Er betrachtet selbst mich, wenn ich komme, mit düsteren Blicken, und manchmal glaube ich, daß er mit dem Gedanken umgeht, sich das Leben zu nehmen. Wahrscheinlich hält ihn nur der Gedanke an Amelie davon ab. Also, Mylord, meiner Ansicht nach sind die Dinge bis aufs äußerste gediehen. Ich werde versuchen, das Springen des Kessels – wie Sie sich ausdrückten – noch einige Zeit lang hinzuhalten. Mag Ihre Antwort nicht zu spät kommen. J. Nathan.« Der Lord an den Abbé. »Mein teurer Abbé! Wir kennen uns nun bereits manche Jahre, wir haben oft genug Gelegenheit gehabt, mündlich oder schriftlich unsere Gesinnungen auszutauschen – und dennoch setze ich mich stets mit erneutem Vergnügen hin, um an Sie zu schreiben; denn ich weiß, daß ich von keinem so aufgefaßt und verstanden werde wie von Ihnen. Ich überlasse Ihnen und dem Herzog die Auswahl derjenigen, die einer Unterstützung würdig erscheinen. Verfahren Sie dabei auf eine vorsichtige Weise. Sind es Handwerker, so geben Sie ihnen bedeutende Aufträge für Arbeiten, sind es Kaufleute, so bestellen Sie bei ihnen große Quantitäten von Waren, sind es Leute in anderen Lebensverhältnissen, so lassen Sie ihnen Erbschaften zukommen, oder dergleichen. Was den Grafen Arenberg anbelangt, so mag er von Ihnen in meine Grundsätze eingeweiht werden und in demselben Sinne in Deutschland wirken, dort, wie überall, namentlich unter dem Handwerker-, dem Arbeiterstand. In dieser Klasse, dem Kern des Volkes, muß der alte gute Glaube wiedererweckt werden, daß Arbeitsamkeit, Zufriedenheit und Gottvertrauen die besten Quellen einer guten irdischen Existenz sind, und daß die Spekulation, die nur auf die Torheit anderer rechnet und alles für sich allein verlangt, kein fester Grund und Boden ist, auf dem die Masse eines ganzen Volkes operieren könne. Sie schreiben mir viel Gutes und Günstiges über Don Lotario, was meine eigene Ansicht über diesen jungen Mann bestätigt. Ich hoffe und glaube, daß er einst eines der tätigsten Mitglieder unserer Vereinigung sein wird. Wir sind alt oder werden alt, und da unsere Aufgabe durch Jahrhunderte fortgeht, so müssen wir beizeiten daran denken, jüngere Leute in unserem Sinne auszubilden. Aber er muß doch durch die Schule der Prüfungen gehen. Er ist von Eisen, aber er soll Stahl werden, und Stahl muß man im Feuer härten. Freilich darf man bei Don Lotario nicht die gewöhnlichen Mittel in Anwendung bringen. Wie ich glaube, ist er gegen die Entbehrungen des Lebens sehr abgehärtet und hat auf seiner Hacienda sehr einfach gelebt. Er muß durch die Schule der geistigen Leiden gehen. Sie schreiben mir, daß er anfange, Neigung für ein junges Mädchen zu zeigen, und daß diese Neigung im Anfange kaum anders als unglücklich sein könne. Desto besser! Später werde ich ihm auch die Mittel entziehen, glänzend in der Welt zu leben. Dann muß er anfangen, geistig zu arbeiten. Er muß an uns allen verzweifeln, so daß er lernt, auf eigenen Füßen zu stehen. Dann ist er unser Mann und kann unser Werk in Zukunft fortsetzen. Sie sprechen in Ihrem Briefe die Vermutung aus, daß es meine Absicht sei, auch Morels Standhaftigkeit noch einmal zu prüfen. Nein, das ist nicht der Fall. Ich kenne Morel. Er ist eine starke und einfache Natur. Aber ich glaube kaum, daß wir ihn jemals tiefer in unsere Geheimnisse einweihen dürfen. Ich riet ihm, die Sache der Bonapartisten zu unterstützen, erstens, weil ich ihm eine Beschäftigung geben wollte, denn er könnte sonst im Nichtstun untergehen, und zweitens, weil ich selbst Napoleonist bin, nicht aus Überzeugung, sondern aus Gefühl. Ich habe in meiner Jugend durch die Bourbonen und für Napoleon gelitten. Deshalb bin ich jetzt für Napoleon gegen die Bourbonen. Zeigt Morel in dieser Aufgabe, die ich ihm gestellt habe, Festigkeit und Energie, so wollen wir später weiter sehen. Weit mehr beschäftigt mich das Schicksal Albert von Morcerfs. In dieser Entsagung, die er und seine Mutter bewiesen, in diesem Verzichtleisten auf alle irdischen Güter, die von seinem Vater für ihn gesammelt waren, liegt eine Energie, eine Charakterstärke, die ich bei diesem jungen Manne am wenigsten erwartet hätte und die zu großen Hoffnungen für die Zukunft berechtigt. Leider sind, wie Sie wissen, alle unsere Versuche, uns ihm zu nähern, an seiner Festigkeit gescheitert. Er hat weder Unterstützungen an Geld noch Protektion annehmen wollen. Auch das nimmt mich sehr für ihn ein. Verlieren Sie ihn nicht aus dem Auge. Gerade auf ihn hoffe ich stark. Wir werden ihn einst noch in unseren Kreis ziehen und für unsere Zwecke gewinnen. Welche schönen Aussichten für die Zukunft: Don Lotario, Wolfram, Albert von Morcerf, der Professor Wedell in Berlin – mit dem ich nun bald in direkte Verbindung treten werde – und vielleicht auch Morel – das werden einst fünf starke Säulen, wenn wir selbst schwach geworden sind. Leben Sie wohl, mein lieber Abbé. Grüßen Sie den Herzog und Graf Arenberg und schreiben Sie bald! Edmund Dantes.« Der Abbé an den Lord. »Mein teurer Graf! Ich habe mit dem Herzog eine lange Besprechung gehabt, und wir haben eine Liste derjenigen Personen entworfen, die in Ihrem Sinne unterstützt werden sollen. Wird die Summe aber nicht zu groß sein? Sie haben mir freilich gesagt, daß Ihre Reichtümer unerschöpflich seien. Zum Besten der Menschheit will ich es glauben und hoffen. Graf Arenberg brennt vor Begierde, einen Brief von Ihnen zu erhalten. Er besitzt zwar nicht praktischen Verstand genug, um Ihre Pläne ganz zu fassen. Aber dieser Mangel wird durch seine Herzensgüte ausgeglichen, und außerdem können Sie unbedingt auf seine Verschwiegenheit rechnen. Was Don Lotario anbetrifft, so behandle ich ihn ganz so, wie Sie mir vorgeschrieben. Er hat eine herrliche Natur. Ja, das ist ein echter Mensch, gut, edel, aufrichtig, feurig, begeistert für alles Hohe. Er ist jetzt sehr unglücklich. Therese, die er liebt, wird infolge des Todes der Madame Danglars – über den Sie der Herzog näher unterrichten wird – Paris verlassen, und ich werde es so einrichten, daß er im Zweifel bleibt, ob sie ihn liebt oder nicht, was ich freilich selbst noch nicht weiß – obgleich ich ersteres hoffe. Ich zweifle jedoch keinen Augenblick daran, daß er diese Prüfung männlich ertragen wird. Sie verlangen Auskunft über jene Therese von mir. Der Graf Arenberg hat sie als Mädchen von ungefähr siebzehn Jahren zu sich genommen, und durch eine frühere unglückliche Liebe ist ihr Geist und ihr Körper geschwächt. Allmählich aber hat sie eine ungemeine Charakterstärke erlangt, und wenn sie Don Lotario lieben sollte, so werden beide einst ein Paar werden, das beinahe so vollkommen sein wird wie Sie und Haydee. Ihren Vaternamen kenne ich nicht. Sie heißt hier nur Mademoiselle Therese. Graf Arenberg, der in einzelnen Dingen eben nur ein Mensch ist, verheimlicht vielleicht absichtlich ihren Namen, da er sie einst adoptieren will. Ich vermute deshalb, daß sie von niederer Herkunft ist und daß dem Grafen daran liegt, dies nicht aller Welt bekanntzumachen. Auch über Morel wird Ihnen der Herzog Näheres mitteilen. Er sagte mir, daß er jetzt Schritte tue, den Kapitän aus dem Gefängnisse zu befreien, in welchem er schmachtet. Über Albert von Morcerf habe ich Ihnen sehr wichtige Mitteilungen zu machen, oder vielmehr, Sie werden sie in den Zeitungsartikeln finden, die ich beilege. Er ist Herrscher eines Reiches in Innerafrika, und alle Welt spricht von ihm. So hat dieser junge Mann den Namen seines Vaters wieder zu Ehren gebracht! Zwar, wie man sagt, hat er auch jetzt noch eine Zeitlang sein Inkognito als Albert Herrera aufrechterhalten wollen. Die Regierung steht im Begriff, mit ihm Verbindungen anzuknüpfen. Wollen Sie nicht dasselbe tun? Dort bietet sich Ihnen ein enormes Feld zur Tätigkeit, und Sie können dem jungen Manne größere Mittel zur Verfügung stellen als unsere Regierung, die ihr Geld zu Parteizwecken braucht. Doch das werden Sie selbst weit besser begreifen als ich. Wollen Sie an Albert von Morcerf schreiben, so senden Sie mir den Brief. Ich weiß jetzt, auf welchem Wege ich ihm Nachrichten schicken kann. Laguidais.« Monte Christo an Albert von Morcerf. »Mein lieber Albert! Ich nenne Sie so, weil ich die Erinnerung an die Jahre, die zwischen uns liegen, hinwegwischen und mich nur der Zeit erinnern will, in der wir uns lieb hatten. Ich nenne Sie so, weil ich den Sohn der Mercedes nicht anders nennen kann! Sie gingen nach Afrika und ich – ich zog mich in die Einsamkeit zurück. Gott hatte mich zum Werkzeug seiner Rache gemacht, aber vielleicht war ich weiter gegangen, als ich sollte, vielleicht lastete auf mir die Verantwortlichkeit für manches Herz, das ich gebrochen, ohne es zu wollen. Ich gelobte mir, der ganzen Menschheit zu vergüten, was ich an einzelnen gefrevelt, und darin, daß mir die Vorsehung neue und unermeßliche Schätze in die Hand gab, erblickte ich einen Fingerzeig, daß Gott mir gnädig sei und meine Pläne begünstige. Nachdem ich mir selbst Gerechtigkeit verschafft, versuchte ich nun selbst der Menschheit gerecht zu werden. Stürme, schwere Stürme stehen der Welt bevor. Religion, Kultur und Sitte können in diesen Stürmen untergehen, wenn nicht vorher ein Kern gebildet wird, der die Kräfte hat, diese Umwälzung zu überdauern. Deshalb unternahm ich es mit einigen weisen und einflußreichen Freunden, beizeiten dafür zu sorgen, daß Männer bereit seien, wenn es not tue. Es handelt sich um eine Kräftigung des religiösen Elements, um den Glauben an Gottes Vorsehung, an eine waltende Gerechtigkeit. Wir bemühten uns, diejenigen Männer aufzufinden, die in allen Lagen des Lebens und unter allen Umständen als Säulen der Gesellschaft dienen könnten. Wir unterstützten sie, gaben ihnen äußerliches Ansehen und irdische Güter, machten sie einflußreich. Auf diese Weise haben wir in Europa und Amerika Tausende von Männern gefunden, denen wir vertrauen können, und die dazu beitragen werden, inmitten der allgemeinen Demoralisation eine neue Kirche der Gläubigen und Gerechten zu bilden, gleichviel, unter welchen Formen. Für Afrika fehlten mir aber fast alle Mittel zu einem tätigen Einschreiten. Und doch war es stets einer meiner Lieblingsgedanken gewesen, den armen, von der Natur und den Menschen so übel behandelten Negern das Licht einer besseren, freudigeren Zukunft anzuzünden. Da erfahre ich, daß Sie, Albert, fast durch ein Wunder Zugang in jene Länder gefunden und daß Sie dort eine Stellung einnehmen, wie vielleicht nie ein anderer sie gefunden hätte! Diese Nachricht machte mich unaussprechlich glücklich. Gott hat Sie zu einer wichtigen Mission berufen. Vernachlässigen Sie diese nicht! Und nun biete ich Ihnen zur Durchführung dieser Aufgabe nicht nur meinen Rat, sondern auch die ganze Unterstützung des materiellen Beistandes, den ich Ihnen leisten kann. Weisen Sie diese nicht zurück. Sie ist nicht unbedeutend und gilt nicht Ihrer Person, sondern der Verwirklichung einer meiner schönsten Hoffnungen. Ich bin reicher als je. Ich besitze ungefähr hundertundfünfzig Millionen Dollars in barem Gelde und ich bin fest entschlossen, mein ganzes Vermögen, mit Ausnahme des wenigen, das ich für mich selbst brauche, meinen Plänen zu widmen. Ich stelle Ihnen so viel von dieser Summe, als Sie nur verlangen, zur Verfügung. Lehnen Sie mein Anerbieten nicht ab, Albert, ich beschwöre Sie. Glauben Sie nicht, daß ich Ihre Selbständigkeit antasten will. Nehmen Sie meinen Beistand nicht an, so werden Sie den anderer Menschen gebrauchen müssen. Ganz frei werden Sie niemals sein. In einigen Wochen reise ich nach Europa. Noch hoffe ich, Mercedes wiederzusehen. Also – lassen Sie uns Brüder sein und gemeinsam wirken! Ihre Antwort bitte ich Sie an den Abbé Laguidais oder den Herzog *** in Paris zu richten. Edmund Dantes.« Mr. Stanley Wohnt hier ein junges Mädchen, eine Französin, die mit einem Manne namens Wolfram nach New Orleans gekommen ist? fragte der Herr. Sie wohnt hier, ja, antwortete die Wirtin mit einiger Zurückhaltung. Was wünschen Sie? Sagen Sie ihr, ein Herr wünsche sie zu sprechen, mit dem sie einst in Kalifornien eine Unterredung gehabt. Nach einer Minute kehrte sie zurück und sagte: Treten Sie ein, hier wohnt Fräulein Amelie. Lord Hope – denn er war es – trat in ein helles, kleines Zimmer, das fast der notdürftigsten Gegenstände entbehrte. In der Mitte stand eine hohe weibliche Gestalt. Mademoiselle, sagte er, ich habe es gewagt, Sie aufzusuchen. Ich danke Ihnen, Mylord, antwortete Amelie. Wenige Menschen würden uns in dieser Lage aufgesucht haben. Um so freundlicher ist Ihre Großmut. Setzen Sie sich, Mylord. Mademoiselle, sagte Lord Hope, Ihre Schicksale sind nicht die glücklichsten gewesen, wie man mir gesagt hat. Sie kämpfen mit Entbehrungen, vielleicht mit der Not. Wenn der Mangel an allem Not ist, dann allerdings ja! antwortete Amelie mit einer Ruhe, die nur in der vollständigen Entsagung und Verzweiflung ihre Ursache haben konnte. Aber ich hoffe, daß Ihnen Eines nicht fehlt, die Liebe Wolframs? sagte der Lord. Nein, sie fehlt mir nicht, sagte Amelie. Aber diese Liebe ist kein Trost mehr für mich, denn ich sehe, wie über alle Begriffe unglücklich Wolfram ist, und daß er vielleicht glücklich sein würde, wenn er nicht auch für mich zu sorgen, an mich zu denken hätte. Sie betrachten die Verhältnisse viel zu schwarz! sagte der Lord begütigend. Ein kleiner Zufall kann alles, kann Ihre ganze Lage ändern. Vielleicht kann ich selbst etwas für Sie tun. Scheint Ihnen nicht schon meine Gegenwart ein günstiges Zeichen? Nein, Mylord, wirklich nicht. Weshalb? fragte Amelie. Es liegt aber doch in meiner Hand, Wolfram zu unterstützen! sagte der Lord. Ich glaube kaum, daß er eine solche Unterstützung annehmen würde, erwiderte Amelie. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, sagte der Lord. Wir werden sehen. Ihr Schicksal muß sich in diesen Tagen entscheiden. Ich sehe ein, daß es nicht so bleiben kann. Ich werde mit Wolfram sprechen. Leben Sie wohl! Wenn wir uns das nächstemal wiedersehen – und ich hoffe, es wird bald sein – so werden Sie freudiger und hoffnungsvoller denken. Adieu! Der Lord ging. Sein Gesicht war beinahe finster, als er in die St. Charlesstraße trat und auf das Haus von Nathan Brothers zuging. Er trat nicht in das Kontor, sondern in die große Haustür, und stieg sogleich zu den Privatzimmern Mr. Nathans hinauf. Dort gab er seine Karte ab und wurde eingelassen. Seien Sie mir willkommen, Mylord, tausendmal willkommen! rief Mr. Nathan, auf den Lord zueilend. Es ist hohe Zeit. Ich habe Sie mit Sehnsucht erwartet, seit Ihr Brief mich benachrichtigte, daß Sie angekommen seien. Indessen, Sie sehen sehr ernst aus! Der Lord hatte ihm schweigend die Hand gedrückt und sich dann gesetzt. Ja, Mr. Nathan, sagte er, ich habe Grund dazu. Ich komme von Amelie. Von Amelie! Ich dachte es, und Sie haben sie in Verzweiflung gefunden! rief Nathan. In Verzweiflung – nein, antwortete der Lord. In einer großen Abspannung, in einer solchen Gleichgültigkeit, daß mir selbst beinahe um die Zukunft bange wird. Ah, ich dachte es, ich dachte es! rief Nathan. Ja, Sie sind zu weit gegangen, Mylord. Aber ich weise alle Verantwortlichkeit von mir zurück. Ich bin nicht schuld daran. Ich weiß es, Mr. Nathan, und ich danke Ihnen, sagte der Lord. Aber es wird alles noch gut werden. Lassen Sie die Hoffnung in die Herzen der beiden jungen Leute zurückkehren, und sie werden wieder anfangen zu leben und zu fühlen, wie sonst. Aber eilen Sie, ihnen diese Hoffnung einzuflößen! rief Mr. Nathan. Wirklich, mir liegt es schwer auf dem Herzen, diesen Wolfram bei jenem Bau zu sehen. Ich fürchte immer, es geschieht ein Unglück. Die Gefahr ist nun vorüber, sagte der Lord. Aber ich sehe ein, wir sind auf dem äußersten Punkte mit ihnen. Ich möchte Wolfram sogleich sprechen. Können Sie ihn holen lassen? Die Sache muß zur Entscheidung kommen. Gott sei Dank! rief Nathan. Ich will ihn sogleich holen. Hier, Mylord, lesen Sie unterdessen diese Briefe, die für Sie angekommen sind. Er eilte fort und der Lord nahm gedankenvoll das wohlversiegelte Paket, das der Bankier ihm überreichte und das die Adresse der Gebrüder Nathan trug. Es waren drei Briefe: einer vom Abbé Laguidais, zwei vom Herzog ***. Sie beschäftigten sich beide mit Mutmaßungen über den Tod Morels, über dessen Verbleib sie alle möglichen Untersuchungen angestellt hatten. Der Name Rablasys wurde darin erwähnt, und der Herzog war auf der richtigen Spur, jedoch ohne die ganze Wahrheit zu ahnen. Der Abbé aber meldete: »Endlich haben wir Morel entdeckt. Er wird unter dem Namen Rablasy in einem Irrenhause gefangen gehalten und ist – wahnsinnig. Das ist eine Tatsache, Graf, und ich beschwöre Sie deshalb, zu uns zu kommen und dazu beizutragen, die Verhältnisse, die eine so traurige Gestalt angenommen haben, zu ordnen. Eilen Sie!« Morel wahnsinnig! sagte der Lord mit tiefer und schwerer Stimme und stützte den Kopf auf die Hand. Das ist trauriger, als ich erwartet hatte. Gott stehe mir bei! Er blieb in seiner nachdenklichen Stellung, bis er die Tür gehen hörte. Dann stand er auf, zwang sein Gesicht zur Ruhe und Fassung und blickte den jetzt Eintretenden entgegen. Es waren Mr. Nathan und Wolfram. Der letztere erschien in seinem Arbeitsanzuge, mit Schmutz bedeckt. Er erkannte den Lord sogleich und grüßte ihn flüchtig und gleichgültig. Dann aber schien eine alte Erinnerung in ihm zu erwachen und sein Blick wurde finster. Mr. Wolfram, sagte der Lord, ruhig auf ihn zutretend, wir haben uns bereits gesehen. Jawohl, und es ist nicht gut, diese Erinnerung zurückzurufen, sagte Wolfram rauh. Sie haben recht, erwiderte der Lord. Indessen Sie werden bei ruhiger Überlegung eingesehen haben, daß Sie zu weit gingen und daß ich in meinem Rechte war. Ich meinesteils biete Ihnen von ganzem Herzen die Hand zur Versöhnung. Es wäre mir lieb, wenn ich etwas für Sie tun könnte. Sie sind ein Mann, der berufen ist, eine andere Stellung einzunehmen als die jetzige. Außerdem habe ich vielleicht Verpflichtungen gegen Sie zu erfüllen. Ihr Name ist Büchting, nicht wahr? Wolfram sah den Lord überrascht an, schwieg aber. Nun, Ihr Name ist Büchting, ich glaube es zu wissen, fuhr der Lord fort. Ich habe Ihren Vater gekannt, ich habe ihn sterben sehen und Ihnen ein Vermächtnis von ihm einzuhändigen. Ich müßte vorher die Gewißheit haben, daß Sie es wirklich im Namen meines Vaters tun, sagte Wolfram, und selbst dann wäre es mir lieber, wenn sein Vermächtnis mir durch eine andere Person mitgeteilt würde. Sie sprechen wie ein Mensch, der von Leidenschaften bewegt ist, sagte der Lord ruhig und ernst. Aber ich werde mich dadurch nicht beirren lassen. Daß ich Ihren Vater gesprochen habe, liegt wohl auf der Hand. Woher sollte ich sonst Ihren Namen kennen? Daß Sie und Wolfram Büchting ein und dieselbe Person seien, erfuhr ich durch den Mormonen Bertois, der mir einen Ring zeigte, den Sie ihm gegeben. Wohlan, sagte Wolfram, und was ist das Vermächtnis meines Vaters? Ich traf ihn in der Wüste, als er im Sterben lag, antwortete Lord Hope. Er erzählte mir kurz die Schicksale seines Lebens und bat mich, das, was ich bei ihm finden würde – wenn es mir möglich sei – seinen Kindern zu übersenden. Den Aufenthalt Ihrer Schwester habe ich nicht erfahren können. Auch mit Ihnen bin ich, wie Sie wissen, nur durch einen Zufall bekanntgeworden. Ich fand zehntausend Dollars bei ihm. Diese Summe kann ich Ihnen übergeben. Sorgen Sie dafür, daß Ihre Schwester den Anteil erhält, der ihr davon gebührt. Der Lord zog sein Portefeuille aus der Tasche und legte die Banknoten auf den Tisch. Mylord, sagte Wolfram, finster vor sich hinblickend, die letzten Nachrichten, die wir von unserem Vater erhielten, waren der Art, daß ich ein großes Vermögen bei ihm nicht erwarten darf. Wahrscheinlich ist es Ihre Absicht, Mylord, mich aus Gründen, die ich nicht kenne, zu unterstützen. Zwischen uns kann aber keine Freundschaft sein, und am wenigsten will ich Ihnen Dankbarkeit schulden. Und dennoch müssen Sie mir bereits dankbar sein, sagte der Lord. Ich und jener Mr. Stanley, der Sie hierher nach New Orleans wies, sind dieselbe Person. Wie? rief Wolfram zusammenfahrend. Sie sind Mr. Stanley? Das ist nicht wahr! Ich verstehe es sehr gut, andere Gestalten anzunehmen, sagte der Lord. Mr. Nathan kann es bestätigen. Ja, sagte der Bankier, Lord Hope ist jener Mr. Stanley. Dann, Mylord, dann verwünsche ich Sie! rief Wolfram zornig. Dann verwünsche ich Sie, wie ich jenen Mr. Stanley verwünscht habe, denn er ist schuld an allem unseren Unglück. Dieser Stanley war es, der mir Mittel gab, durch die Wüste zu reisen, und ich danke ihm nicht dafür. Denn wären wir dort verhungert, so hätten wir hier nicht Qualen zu leiden gehabt, die tausendmal mehr sind als Hungertod. Dieser Stanley war es, der mich hierher wies. Soll ich ihm dafür dankbar sein? Wie bin ich hier aufgenommen worden! Welche Leiden waren mein Los! Herr, wenn Sie jener Stanley sind, so werfe ich Ihnen die letzten Dollars, die ich von Ihnen habe, vor die Füße und werde Tag und Nacht arbeiten, um Ihnen das Geld zurückzugeben. Von Ihnen kann ich keinen Cent mehr annehmen. Auf Ihrem Gelde, auf Ihrem Rate lastet der Fluch! Damit wandte er sich um, setzte seinen Hut auf und schritt nach der Tür. Mensch! rief der Lord, ihm nacheilend, hören Sie! Sie gehen in Ihr Unglück! Ich will Ihnen alles sagen! Und dabei ergriff er den Arm des jungen Mannes und wollte ihn zurückhalten. Ich habe genug gehört! rief Wolfram. Lassen Sie mich los, oder – Er schüttelte den Lord ab, faßte den Drücker und warf die Tür hinter sich zu. Der Lord blieb auf derselben Stelle stehen und sah ihm nach. Seine Lippen waren fest geschlossen. Aber sein Gesicht verriet nichts von seinen Gedanken. Wir müssen weitergehen, sagte er dann zu dem Bankier. Wir dürfen dabei nicht stehenbleiben. Er muß alles erfahren. In diesem Menschen liegt eine Kraft der Selbständigkeit, die bewundernswert ist und das Größte leisten kann. Gehen wir ihm nach. Es wird mir gelingen, mich ihm verständlich zu machen. Er wird mich begreifen. Und tut er es nicht, nun, so muß ihm und Amelie auf andere Weise geholfen werden. So kommen Sie, kommen Sie sogleich! rief Nathan. Mir ist entsetzlich bang zumute. Ich fürchte alles von diesem Manne. Bis jetzt hat ihn die Liebe zu Amelie aufrechterhalten. Aber die Verzweiflung – die Verzweiflung – Er hatte schon den Hut auf dem Kopfe und der Lord stieg mit ihm nieder auf die Straße. Es war schon spät, und die Menschen drängten sich so lebhaft durcheinander, daß es den beiden schwer wurde, rasch vorwärts zu kommen. Sie erreichten jedoch bald den Hafendamm und gingen nach der Seite, auf der sich die Arbeiter befanden. Dort sahen sie, wie alles ihnen vorauseilte, Matrosen, Handwerker, Neger, Kommis. Alle rannten nach derselben Richtung, sich gegenseitig zurufend. Was ist geschehen? riefen andere, sich den Eilenden anschließend. Es fiel ein Schuß. Ja, ein Arbeiter ist von einem Aufseher erschossen worden, lautete die hastige Antwort. Mr. Nathan war blaß geworden. Er wagte nicht, mit dem Lord zu sprechen. Beide eilten noch rascher vorwärts, so daß sie die anderen weit hinter sich zurückließen. Vor sich sahen sie bereits eine dichte Menschenschaar, die sich auf dem Damme versammelt hatte und wahrscheinlich den Körper des Getöteten sehen wollte. Es war schwer, diesen Knäuel zu durchbrechen. Aber der Lord gab Mr. Nathan den Arm und beide drangen mit vereinten Kräften vor. Sie hörten ein wirres Gerede rings um sich her. Niemand schien noch recht den Hergang zu kennen. Der Lord fragte auch nicht. Bald hatte er die Menge zurückgedrängt und stand dicht am Hafen. Vor ihnen lag auf einem Karren der Körper eines Mannes, dessen Kleider auf der Brust mit Blut bedeckt waren. Er bewegte sich nicht mehr. Er ist es! Es ist Wolfram! riefen beide zu gleicher Zeit. Um Wolfram herum standen einige Aufseher und Hafenbeamte. Der eine Aufseher hatte noch eine Pistole in der Hand. Wahrscheinlich hatte er den Schuß abgefeuert. Ah, da ist Mr. Nathan! sagte er. Nun ja, Mr. Nathan hat mich oft genug vor diesem Burschen gewarnt und mir gesagt, genau auf ihn acht zu geben. Jawohl, jawohl! sagte der Bankier mit zitternder Stimme. Aber wie ist es gekommen? Nun, ganz einfach, eigentlich durch ein Mißverständnis, antwortete der Aufseher kaltblütig. Aber dieser Wolfram hat doch immer die Schuld. Ich war nach der Stadt gegangen, und als ich zurückkam, hörte ich, daß ein Herr dagewesen sei und Wolfram weggeholt habe. Das ärgerte mich, denn ich hatte dem Burschen noch vorher eingeschärft, fleißig zu arbeiten. Ich fragte ihn also, wer ihm die Erlaubnis gegeben. Er antwortete trotzig: niemand. Darauf vergaß ich mich und gab ihm einen leichten Schlag mit meinem Stock. Er nahm seinen Spaten und wollte mir über den Kopf hauen. Ich sah es seinem grimmigen Gesicht an, daß der Schlag ernsthaft sein sollte. Er konnte mich töten. Ich zog meine Pistole aus der Brusttasche und schoß ihn nieder. Ich selbst war es, der ihn holte. Ich vergaß, ihn zu entschuldigen, sagte der Bankier. Tut mir leid, Mr. Nathan, erwiderte der Aufseher. Aber es ist nun einmal geschehen. Währenddessen war der Lord an Wolfram herangetreten, hatte seine Jacke und das Hemd auseinandergeschlagen und die Wunde untersucht. Bringt Wasser und Leinwand! rief er mit gebieterischer Stimme. Vielleicht ist er noch zu retten. Mr. Nathan, sorgen Sie dafür, daß dieser Mann uns überlassen wird, und treffen Sie Vorkehrungen, daß Amelie dieser Vorfall verschwiegen werde, bis wir Gewißheit haben, ob er tot ist. Wasser und Leinwand, sage ich euch, ihr Leute! Wasser hatte man bereits gebracht. Unbekümmert um das, was um ihn vorging, wusch der Lord die Wunde und beobachtete mit starrem Blick das Gesicht Wolframs. Noch ist Leben in ihm! rief der Lord. Nathan, besorgen Sie eine Sänfte oder Bahre. Eilen Sie! Bei Gott! wenn dieser Mann stirbt, so – so bin ich ein Mörder! Mr. Nathan war schon fortgeeilt, aber die Menge umgab immer noch den Körper des jungen Mannes, von dem man nicht wußte, ob er tot oder nur ohnmächtig sei. Die Hafenbeamten, denen wohl wenig daran gelegen war, diese Sache weiter zu verfolgen, zogen sich zurück und entfernten sich allmählich. Auch von den Zuschauern verlor sich die Hälfte, da es weiter nichts mehr zu sehen und zu hören gab. Während dieser Zeit war der Lord unermüdlich und rastlos mit dem Verwundeten beschäftigt. Da ihm niemand Leinenzeug brachte, so hatte er sein Taschentuch zerschnitten und damit versucht, einen ersten Verband aufzulegen. Jetzt erschienen auch die Leute mit der Bahre, die Mr. Nathan gesendet hatte. Sie bezeichneten dem Lord das Haus, nach welchem Wolfram gebracht werden sollte. Der Lord war selbst dabei tätig, den Verwundeten auf die Bahre zu legen, und folgte den Trägern, die langsam nach dem Hause schritten, das in der Nähe des Hafens lag. Erst als Wolfram dort auf eine Matratze gelegt war, schickte der Lord nach den berühmtesten Wundärzten der Stadt, und ihre Ankunft abwartend, saß er neben Wolfram, dessen Augen immer noch geschlossen waren und der auch nicht das kleinste Zeichen des Lebens von sich gab. Die Tür öffnete sich leise und Mr. Nathan trat auf den Zehen ein. Haben Sie Vorkehrungen getroffen, daß Amelie benachrichtigt wird, ohne die Wahrheit zu erfahren? fragte der Lord flüsternd. Sie darf es auf keinen Fall wissen. Ich habe ihr sagen lassen, daß wir Wolfram für einige Tage in Anspruch nehmen würden, antwortete Nathan. Die Wirtin hat mir versprochen, niemand zu ihr zu lassen. Und was halten Sie selbst von dem Zustand dieses unglücklichen Menschen? Ich weiß es nicht, antwortete der Lord mit gesenktem Blick. Seine Lage ist gefährlich, höchst gefährlich. Aber er wird nicht sterben, nein! Gott kann mich nicht so strafen! Haben Sie die Güte, das Billett, das ich schreiben werde, nach meinem Dampfboot zu schicken, Mr. Nathan. Ich will meine Frau wissen lassen, daß ich die Nacht hierbleiben werde. In der Nacht muß es sich entscheiden. Aber er wird nicht sterben, nein, nein! Der Bankier eilte, den Wunsch seines Freundes zu erfüllen. Während seiner Abwesenheit kamen die Wundärzte, einer nach dem andern. Die Prüfung und die Konsultation begann. Aber die gelehrten Herren konnten nicht einig werden. Einzelne behaupteten, Wolfram sei schon tot oder liege im Sterben. Andere meinten, es sei wunderbar, daß er nicht augenblicklich gestorben sei. Nur einer hielt es für möglich, daß der Verwundete gerettet werden könne. Die große Ader sei jedenfalls verletzt, aber man habe Beispiele, daß sie sich wieder geschlossen und daß auf diese Weise Verwundete durch sorgfältige Behandlung gerettet worden. Der Lord hörte die Ärzte scheinbar ruhig an, bat aber nur den letzten, bei ihm zu bleiben. Sir, sagte er, wenn Sie diesen jungen Mann retten, so erhalten Sie von mir zehntausend Dollars. Ich werde mein möglichstes tun und nicht allein um des Geldes willen, antwortete der Arzt. Nun ließ er seine Instrumente holen, entkleidete den Körper des jungen Mannes vollständig und untersuchte denselben, hauptsächlich aber die Wunde, auf das genaueste. Bei diesen Untersuchungen, die zum Teil mit der Sonde geschahen, zuckte Wolfram zuweilen zusammen und stöhnte. Der Arzt hielt das für ein gutes Zeichen. Er hatte sich auch überzeugt, daß eine innere Verblutung nicht stattfinde. Dennoch wollte er dem Lord keine Garantie für das Leben des Verwundeten geben. Nun, Sir, sagte der Lord, Sie wissen, was ich Ihnen geboten. Ich verlasse mich darauf, daß Sie keine Minute von der Seite dieses Mannes weichen. Geben Sie während der Zeit Ihre anderen Patienten auf. Denn nur unter der Bedingung, daß Sie bei ihm bleiben, vertraue ich den Verwundeten Ihren Händen an. Stirbt er, so weiß ich, daß Sie nicht die Schuld tragen. Wird er gerettet, so sollen Sie Ihr Glück gemacht haben, ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Am andern Morgen erklärte der Arzt, daß er Hoffnung habe, den Patienten am Leben zu erhalten. Gleich darauf erschien auch Mr. Nathan. Der Lord stand nun auf und begab sich mit dem Bankier in ein Nebenzimmer. Ich komme von Amelie, sagte dieser. Das Gerücht ist glücklicherweise nicht bis zu ihr gedrungen und sie ist über das Ausbleiben Wolframs, den sie bei uns glaubt, vollständig ruhig. Nun, wohlan, lassen Sie Amelie glauben, daß wir Wolfram beschäftigen, bis die Frage über Leben und Tod entschieden ist, sagte der Lord. Ich muß Ihnen abermals diese schwierige und unangenehme Angelegenheit überlassen, Mr. Nathan, ich kann nicht anders. Heute nachmittag um vier Uhr muß ich abreisen. Ereignisse, die mich fast ebenso nahe berühren wie das Schicksal dieses jungen Mannes, rufen mich nach Europa. Stirbt Wolfram, so darf es Amelie nie erfahren. Eher noch mag sie glauben, er habe sie verlassen, um anderswo eine bessere Existenz zu finden, und auf seine Rückkehr hoffen. Wenn Wolfram aber nicht stirbt, – und Gott wird mir diese Qual nicht senden! – so bieten Sie alles auf, ihn sicher genesen zu lassen. Ich werde tun, was ich kann, Mylord! sagte Mr. Nathan und drückte dem Lord die Hand. Mit Mr. Nathan zusammen ging der Lord zur festgesetzten Zeit nach dem Hafendamm. Am Fuße der einen Treppe lag eine Gondel, für ihn bestimmt. Er nahm von dem Bankier herzlichen und warmen Abschied. Dann trat er auf die oberste Stufe der Treppe und wollte hinabsteigen. In demselben Augenblick aber sah er einen Menschen vor sich, und ein scheußliches Gesicht, über und über bedeckt mit einem Ausschlage, starrte ihm entgegen. Haben Sie Mitleid, haben Sie Mitleid, Herr, jammerte eine rauhe, hohle Stimme. Gewöhnt an die verschiedenartigsten Dinge des Lebens, an dem Anblick der Herrlichkeit, des Lasters und der Häßlichkeit, bebte der Lord dennoch unwillkürlich vor diesem Aussätzigen zurück, dessen Gesicht nichts Menschliches, selbst nichts Tierisches hatte. Was willst du? rief er schaudernd. Geh mir aus dem Wege, Mensch! Ach, Herr! Hören Sie mich einen Augenblick an, ich bitte Sie um der Wunden Christi willen! rief der Aussätzige. Seit Monaten lebe ich hier in New Orleans, und niemand will sich meiner annehmen, weil ich ein Fremder, ein Franzose bin. Ich weiß, daß ich sterben werde, aber ich möchte in meiner Heimat sterben, und niemand will mich auf sein Schiff nehmen, selbst nicht für Geld. Herr, sagen Sie mir, ob Sie nach Frankreich fahren, und wenn es der Fall ist, so geben Sie mir einen Winkel, tief unten, damit ich noch einmal Frankreich sehen und dann sterben kann. Ach, Herr, Sie mögen so gut und so edel sein, wie nur je ein Mensch, Sie werden doch irgend etwas getan haben, wofür Sie den Himmel um Verzeihung bitten. Er wird sie Ihnen gewähren, wenn Sie sich meiner annehmen. Das ist wahr! flüsterte der Lord vor sich hin, und dieser Gedanke schien ihn zu ergreifen. Gut, Mensch, ich will deine Bitte erfüllen. Steige in die Gondel, ich will dich heilen und nach Frankreich schaffen. Dank, Dank! wimmerte der Aussätzige, sich zu den Füßen des Lords krümmend. Keine Worte! rief dieser und stieg in die Gondel. Der Aussätzige folgte ihm. Nach fünf Minuten legte das Boot bei dem Dampfer an. Der Lord gab seinem Intendanten den Auftrag, den Mann nach dem Krankenzimmer zu führen. Er selbst ging sogleich nach der Kajüte und blieb dort. Unmittelbar darauf dampfte der Schornstein und das Dampfboot verließ den Hafen von New Orleans. – Das Dampfboot lag im Hafen von Cadix. Der Lord war auf kurze Zeit an das Land gegangen. Die Sonne brannte auf das Verdeck, und auf dem Schiffe war alles so ruhig und still wie immer. Der Kranke, Graf Roskowitsch, lag auf dem Verdeck, in der Nähe des Schornsteins. Dort war ihm ein Platz angewiesen worden, auf dem er an schönen Tagen in der Sonne liegen konnte. Vergebens hatte der Lord ihm Mittel gegeben, denen bis jetzt jede ähnliche Krankheit gewichen war. Sie hatten nichts geholfen, aus dem einfachen Grunde, weil der Kranke sie nicht gebrauchte. Der Lord, der unmöglich eine solche Betrügerei ahnen konnte, hatte ihm die Arzneien geschickt, und Roskowitsch hatte sie regelmäßig durch das kleine Fenster der Krankenstube in die See gegossen. Die Überfahrt war schnell gewesen. Tag und Nacht hatte die kleine, aber vortrefflich gebaute Maschine mit vollem Dampf gearbeitet und dem Winde, der eine Zeitlang konträr war, getrotzt. In Cadix mußten neue Kohlen eingenommen werden. Roskowitsch hatte nicht viel auf dem Schiffe bemerken können. Zu Anfang hatte man ihm nicht erlaubt, seine Krankenstube zu verlassen, da das Wetter zu schlecht war; und jetzt, da man ihm an einigen schönen Tagen gestattete, in der Sonne zu liegen, hatte er niemand weiter bemerkt als den Heizer, den Steuermann, zwei Matrosen und den Intendanten Bertuccio. Den Lord selbst sah er äußerst selten. Die Kajüte, in der er sich aufhielt, war immer verschlossen, die Fenster mit Gardinen dicht verhängt. Jetzt lag er da, sein scheußliches Gesicht der Sonne zugekehrt, mit geschlossenen Augen. Plötzlich hörte er ein Schreien, und zwar klar und deutlich. Er fuhr auf, besann sich dann aber, drehte sich langsam und sah nach dem Hinterdeck, wo die Kajüte sich befand. Dort sah er auf dem schmalen Raum vor der Kajüte eine verhüllte Frauengestalt auf und ab gehen, die ein Kind auf ihren Armen trug, das soeben jenes schwache Geschrei ausgestoßen hatte und nun von ihr wieder zur Ruhe geschaukelt wurde. Die verschleierte Frau trug eine eigentümliche fremdartige Kleidung, die Ähnlichkeit mit derjenigen der orientalischen Frauen hatte. Der Kranke bemerkte jetzt auch, daß von dem einen Kajütenfenster die Gardine ein wenig sich verschoben hatte. Er sah ein Gesicht von wundersamer Schönheit, ein Frauengesicht, das glücklich und freudig strahlend zu der anderen Frau hinüberschaute, die das liebliche Kind auf ihren Armen trug. Der Heizer kam jetzt aus dem Maschinenraum herauf, um mit den beiden Matrosen zu sprechen, die auf der anderen Seite des Schiffes beschäftigt waren, die Kohlen in Empfang zu nehmen. Als er langsam zurückgeschlendert kam. wandte sich Roskowitsch ihm zu. Ihr habt also auch Frauen an Bord? sagte er. Das wußte ich noch gar nicht. Der Heizer stand still, sah ihn aber nicht an. Das Gesicht des Aussätzigen mochte ihm Abscheu einflößen. Ja freilich, das ist die Kammerfrau von Mylady, sagte er, mit dem Kinde Mylords. Der Heizer ging. Die verschwollenen, blutunterlaufenen Augen des Kranken wandten sich wieder nach der Frau mit dem Kinde. Es war also die Kammerfrau. Dann mußte die andere Dame, die aus dem Kajütenfenster schaute, die Gattin Mylords sein. Ah, wie schön war sie! Der Kranke hatte nie eine schönere Frau gesehen. Er hat ein Kind! murmelte er dann unhörbar vor sich hin. Gewiß liebt er sein Kind! Roskowitsch suchte wieder das Krankenzimmer auf, das ihm zur Wohnung angewiesen worden. Es war am Vorderteil des Fahrzeuges angemacht und wenn nicht der schönste, doch der luftigste und bequemste Raum. Bald darauf bemerkte er, daß der Dampfer sich wieder in Bewegung setzte. Die Räder und die Maschine begannen zu arbeiten, Cadix verschwand den Blicken des Kranken und das Boot schaukelte wieder auf der hohen See. Er hat ein Kind! murmelte er abermals vor sich hin. Er hat ein schönes Weib! Ich möchte wissen, welches das Ziel seiner Reise ist. Etwa Marseille? Das wäre mir freilich nicht lieb. Hier wurden seine Gedanken durch dumpfe und unverständliche Töne unterbrochen, die aus dem Raume neben seinem Zimmer zu ihm herüberdrangen. Roskowitsch hatte diese Töne schon öfter gehört und sie hatten seine Aufmerksamkeit erregt. Sie waren stets so dumpf gewesen, daß er sie nicht hatte verstehen können. Zuweilen hatte sich eine hellere Stimme mit ihnen vermischt, die er für die des Lords gehalten. Aber er hatte auch diese nie verstehen können. Ebensowenig war es ihm trotz aller Neugierde und Aufmerksamkeit möglich gewesen, zu erfahren, wer sich neben ihm befinde. Fragen hatte er nicht wollen. Die Leute auf dem Schiffe waren ihm nicht gewogen. Schon die Langeweile trieb den Kranken an, sich eine genauere Auskunft zu verschaffen. Heut zum erstenmal aber war ihm noch eine Vermutung in den Sinn gekommen, die seine Neugierde besonders anstachelte. Er untersuchte die Wand, die ihn von dem Nebenzimmer trennte, sehr genau. Sie war sehr gut gearbeitet und bestand aus doppelten Brettern. Daher auch die Dämpfung des Tones, die es ihm bis jetzt nicht möglich gemacht hatte, etwas von dem zu verstehen, was dort gesprochen wurde. Eine Ritze, eine Öffnung befand sich nicht in dieser Wand. Dennoch entdeckte das Auge des Kranken etwas, was einer Tür ähnlich sah. Sie war jedoch so fein eingelegt, daß er sich erst nach längerer Prüfung von der Richtigkeit seiner Vermutung überzeugte. Weder Schloß noch Drücker befanden sich an dieser Tür, nur eine kleine Öffnung, in die wahrscheinlich ein kunstvoll gearbeiteter Schlüssel hineinpaßte. Es mußte schwer sein, dieses geheime Schloß, das ohne Zweifel in der Tür selbst verborgen war, ohne künstliche Instrumente zu öffnen. Aber Roskowitsch verzweifelte nicht daran. Er verriegelte die Tür nach dem Verdeck von innen, verhängte das kleine Fenster, schob das Bett fort, das vor der Tür stand, und machte sich an die Arbeit. Wer ihn dabei gesehen, würde ohne Zweifel sogleich vermutet haben, daß ihm diese Art von Beschäftigung nicht ganz unbekannt sei. Roskowitsch benutzte die verschiedenartigsten Gerätschaften, die sich in seinem Zimmer befanden und die ursprünglich für ganz andere Dinge bestimmt waren, um seinen Zweck zu erreichen. Endlich, da ihm das alles nichts half, schnitt er mit einem feinen Messer ein quadratförmiges Stückchen Holz aus der Tür, dort, wo er das geheime Schloß vermutete. Nun sah er in der Tat ein kleines Schloß, das jetzt leicht mit einem gebogenen Nagel zu öffnen war. Dennoch zögerte Roskowitsch, die Tür zu öffnen. Es konnte Verdacht erregen, wenn er in das Nebenzimmer trat. Er beschloß also, einen anderen Versuch zu machen. Er klopfte an die Bretterwand. Niemand antwortete. Niemand fragte aus dem Nebenraume. Entweder war er also leer, oder es befand sich eine Person dort, die sich um dieses Klopfen nicht kümmerte, die an nichts teilnahm. Jetzt öffnete Roskowitsch leise die Tür und trat ein. Sein Blick fiel auf eine Gestalt, die ganz zusammengekauert, mit verschränkten Armen, auf dem Teppich des Fußbodens saß und die Augen so starr und unheimlich auf den Eintretenden richtete, daß dieser unwillkürlich zurückfuhr. Und er hatte Grund dazu! Denn wenn sein eigenes Gesicht so sehr durch die Krankheit entstellt war, daß es niemand ohne Ekel betrachten konnte, so war das Gesicht dieses Menschen, den er jetzt vor sich sah, kaum weniger abstoßend, nicht durch die Entstellung einer Krankheit, sondern durch seine Blässe, durch seine Fahlheit, durch den unheimlichen Glanz der tiefliegenden gräßlich starren Augen und durch das struppige Haar, das in weißgrauen Spitzen den Kopf, die Wangen und das Kinn umgab. Und wie erschütternd war der Ausdruck dieses ganzen Gesichtes, in dem keine Spur menschlichen Fühlens und Denkens mehr zu finden war, dieses Gesichtes, das zwar die menschliche Form trug, dem aber der Funke des Geistes gewichen war. Aber nur einen Augenblick fuhr Roskowitsch zurück. Dann trat er näher, mit den sichtlichen Zeichen neugieriger Teilnahme und verwunderten Staunens. Er ist es wirklich! sagte er halblaut vor sich hin. Es ist der alte Villefort! Aber zum Teufel, wie sieht er aus! Ja, ja, Alter, das hast du dem auch zu danken! Der Wahnsinnige schien die Gegenwart eines Fremden gar nicht zu beachten. Er hatte die Hände unter den Knien gekreuzt, fast wie jemand, der in den spanischen Bock gespannt ist, und sah immer nur nach derselben Richtung. Roskowitsch konnte deshalb dicht an ihn herantreten, sich sogar neben ihn setzen. He, Alter, woran denkst du denn jetzt? fragte er. Wider Erwarten schien der alte Villefort diese Frage gehört zu haben. Es war ein schönes Kind, ein schöner Knabe, nicht wahr? sagte er mit einer Stimme, die aus dem Grabe zu kommen schien – so hohl und dumpf war sie. Kind? Knabe? Von welchem sprichst du denn? fragte der Aussätzige. Von wem? Von Eduard? Von meinem Sohn. Ah, er hatte einen Sohn dieses Namens! murmelte Roskowitsch vor sich hin. Ja, ja, ich besinne mich. Den vergiftete seine zweite Frau mit sich zugleich. Wo ist denn der Knabe? Du hast ihn ja nicht bei dir, Alter? fügte er dann laut hinzu. Eduard? Eduard ist im Garten und spielt, antwortete Villefort, mit jenem geheimnisvollen Flüsterton, der den Wahnsinnigen oft eigentümlich ist. Ich will ihn nicht stören. Erst werde ich meine Akten durchlesen. Ich habe einen wichtigen Prozeß – den Prozeß gegen den Mörder Benedetto. Ein Prozeß, der mir Ehre bringen wird. Das spukt ihm immer noch im Gehirn! sagte Roskowitsch vor sich hin. Also du glaubst, Alter, Eduard sei im Garten? Du irrst dich, Eduard ist tot. Tot! Eduard tot! sagte Villefort und schüttelte ruhig den Kopf. Nein, Heloise ist tot, meine Frau – auch Valentine, meine gute Tochter, aber Eduard ist nicht tot. Du hast ein schwaches Gedächtnis! sagte Roskowitsch. Erinnere dich doch, Alter, deine Frau hat den Knaben vergiftet und sich selbst auch. Vergiftet! wiederholte Villefort, und diesmal hatte seine Stimme einen bebenden Klang. Wer bist du? Wer spricht von Vergiften? Ich bin der Anwalt des Staates, ich darf das nicht hören. Ich muß eine Anklage erheben. Tue es, meinetwegen! sagte Roskowitsch lustig. Du amüsierst mich, Alter. Sage mal, erinnerst du dich noch des Grafen Monte Christo aus Paris? Du kanntest ihn damals. Monte Christo! Hm, den Namen sollte ich kennen! murmelte Villefort. War der nicht bei uns zum Besuch? Spielte er nicht mit Eduard? Ja, Eduard mochte ihn gut leiden. Du bist ein Narr! rief Roskowitsch. Monte Christo war der Mörder deines Sohnes. Aber diese Worte machten keinen Eindruck auf den Wahnsinnigen, dessen Gedanken in einen bestimmten Kreis fixer Ideen gebannt zu sein schienen. Er schüttelte ruhig den Kopf und sah mit demselben starren Blicke vor sich hin. Erinnerst du dich noch der letzten Sitzung, die du gehalten hast? fragte Roskowitsch dann. Weißt du noch, wie der Prinz Cavalcanti, der Benedetto, dir sagte, daß er dein Sohn sei? Mein Sohn? Ich habe nur einen Sohn, Eduard! antworte Villefort. Benedetto, das ist ja der Mensch, gegen den ich den Prozeß führen soll. Er wird guillotiniert werden. Der alte Narr! Er hat die letzten Tage seiner Vernunft vergessen! sagte Roskowitsch ärgerlich. Ich dachte, ich würde einen Bundesgenossen in ihm finden, trotz seines Wahnsinnes, und er könnte mir die Mühe abnehmen, diesen Monte Christo zu erwürgen. Aber er scheint nicht einmal zu wissen, bei wem er ist. Denkst du noch an die Baronin Danglars, Alter? Danglars? Sei still, sprich nicht so laut davon! flüsterte Villefort. Es braucht niemand zu wissen, daß sie damals meine Geliebte war in Auteuil, und daß ich das Kind eingegraben habe. Nun, ich werde es nicht weiter sagen! rief Roskowitsch, den das kindische Wesen des Alten zu belustigen schien. Du hast das Kind eingegraben, aber es ist wieder zum Vorschein gekommen. Jener Benedetto war ja dein Sohn, das Kind der Baronin Danglars. Nein, nein! flüsterte Villefort kopfschüttelnd. Ich habe nur einen Sohn, Eduard, und der spielt im Garten. Und eine Tochter, Valentine. Aber die ist tot! Der Narr, das ist seine fixe Idee! rief Roskowitsch. Nun, ich sehe wohl, damit ist bei ihm nichts anzufangen. Aber weshalb sagtest du das nicht in der Sitzung? Alle Leute glaubten doch, daß jener Benedetto dein Sohn sei. Weshalb gingst du fort! Und als du nach Hause kamst, fandest du deine Frau und Eduard tot. Diesmal antwortete der Alte nicht. Roskowitsch beobachtete ihn genau. Sollte Villefort sich erinnern? Seine Augen waren immer noch starr auf denselben Punkt gerichtet. Eduard spielt im Garten! sagte er dann ruhig. Wenn ich meine Akten gelesen habe, werde ich zu ihm gehen. Dummkopf! murmelte Roskowitsch. Es ist nichts mit ihm anzufangen. Damit ging er wieder nach der Tür der Krankenstube. Dr. Connard In jenem Zimmer des freundlichen Hauses in der Rue Meslay, in dem wir einst Valentine im innigen Verein mit den Verwandten ihres Gatten gesehen haben, befand sich an diesem Tage nur ein einzelner Mann, Emanuel Herbault, und auch dieser ging unruhig auf und ab, mit blassem Gesicht und verstörter Miene. Seine Frau, krank seit der Entbindung, noch kränker durch die Mitteilung Valentines von dem Tode Morels, die ihr durch einen Zufall verraten worden – keine Nachricht von Valentine und ihrem Beschützer – er selbst durch die Krankheit seiner Frau an Paris gefesselt – das waren Umstände, die ein jedes Herz betrüben und niederdrücken mußten. Ein Diener trat ein, der einen Brief überreichte. Emanuel erbrach ihn und war überrascht, er las ihn verschiedene Male. »Ein Freund ist in Paris angelangt – hieß es in dem Briefe. – Er ist derselbe, dem Ihre Familie von früher her sich zu einigem Danke verpflichtet glaubt. Die Ungunst der Verhältnisse verbietet es ihm, offen zu Ihnen zu kommen wie bei seinem ersten Aufenthalt in Paris. Haben Sie deshalb die Güte, eine Stunde nach dem Empfang dieses Briefes die kleine Pforte in Ihrem Garten zu öffnen und denjenigen, der Ihnen die Worte: Thomson und French nennen wird, einzulassen.« Thomson und French! Ja, ja, er ist es! rief Emanuel freudig. So hieß damals das Bankierhaus, dessen Wechsel der Graf Monte Christo aufkaufte, als er meinen Schwiegervater rettete. Es ist der Graf, es kann kein anderer sein. Gott sei gedankt! Nun ist Hoffnung! Er wollte nach der Tür eilen, besann sich aber und stand still. Nein, nein, für Julie wäre diese Nachricht nichts! Es würde sie nur aufregen. In einer Stunde also! Unruhig verbrachte er die nächsten Viertelstunden im Spiel mit seinen Kindern und am Krankenbett seiner Gattin. Zehn Minuten vor der bestimmten Frist war er an der kleinen Pforte in seinem Garten, der auf eine einsame Straße führte, und pünktlich sechzig Minuten nach Empfang des Briefes klopfte es an die Pforte und eine Stimme sagte die Worte: Thomson und French. Emanuel öffnete augenblicklich. Dennoch fuhr er etwas überrascht zurück. Der vor ihm stand, war nicht der Graf Monte Christo, wenigstens glaubte er es nicht. Es war ein alter Mann in gebückter Haltung, mit bereits grauem Haar und einem sehr einfachen, fast ärmlichen Anzug. Guten Tag, Herr Herbault, sagte er, sogleich eintretend und die Pforte hinter sich schließend. Wir sind doch allein in diesem Garten? Es ist niemand hier, der uns belauschen könnte? Niemand! sagte Emanuel, der noch immer den Fremden betrachtete. Und Sie, mein Herr – was führt Sie zu mir? Erkennen Sie mich nicht in meiner Verkleidung? rief der Fremde lachend. Bin ich so sehr entstellt? desto besser! Ich bin Edmund Dantes, kein anderer! Ja, ja, es ist die Sprache! rief Emanuel freudig und ergriff die Hand des Grafen, die er feurig drückte. Gott sei gedankt, Sie sind es! Ach, Herr Graf, Sie kommen in einer trüben Zeit. – Morel tot, Valentine in der Ferne, meine Frau krank! Eben deshalb komme ich! sagte Graf Monte Christo. Und nun lassen Sie uns in dieses Gartenhäuschen gehen, wo uns niemand sehen und hören kann. Ich möchte Auskunft von Ihnen über das haben, was vorgefallen. Ich kann unmöglich an Morels Tod glauben! Sie gingen in den Pavillon, und nun begann ein langes Gespräch, aus dem Monte Christo jedoch nichts weiter entnehmen konnte, als was er von dem Abbé und von dem Herzog erfahren hatte. Der Brief Valentines war die einzige Quelle, aus der Emanuel bisher geschöpft hatte. Seine Erkundigungen bei der Regierung waren ohne ein bestimmtes Resultat geblieben, obgleich man ihm dort wiederholt die Versicherung gegeben, daß Morel nicht hingerichtet, sondern jedenfalls entflohen sei. Wahrscheinlich hatte die Krankheit Juliens Emanuel Herbault verhindert, weiter nachzuforschen. Sonst würde er gewiß erfahren haben, daß man dem Kapitän anstatt eines Räubers den Prozeß gemacht und ihn jetzt nach einem Irrenhause gebracht habe. Nun, lieber Freund, sagte der Graf, nachdem er Emanuel ruhig angehört, trösten Sie sich. Max ist nicht tot, sondern im Gefängnis, und ich bitte Sie nur um eins: überlassen Sie mir die Sorge, ihn zu befreien. Meine zweite Aufgabe wird dann sein: Gewißheit über Valentines Schicksal zu erlangen und sie mit ihrem Gatten zu vereinen. Sprechen Sie darüber mit niemand. Man darf nicht ahnen, daß ich mich noch in Frankreich oder gar in Paris befinde. Bleiben Sie bei Ihrer Gattin und sorgen Sie vor allen Dingen dafür, daß sie gesund wird. Und nun leben Sie wohl, meine Zeit in Paris ist mir knapp zugemessen! Oh, Herr Graf, Sie sind abermals unser Retter! Gott lohne es Ihnen! rief Emanuel voll Dankbarkeit und mit Tränen in den Augen. Ich darf also nicht hoffen, Sie wiederzusehen? Sie verlassen Paris? Werden Sie nicht mit Max zurückkehren? Alles das kann ich noch nicht bestimmen, mein lieber Freund! erwiderte Monte Christo. Sagen Sie Ihrer Gattin, daß Max nicht tot ist. Diese Arznei wird besser wirken als jede andere. Der Graf ging, begleitet von dem freudig bewegten Emanuel. In einiger Entfernung stand ein Fiaker, der auf den Grafen zu warten schien. In diesen stieg er und gab die Adresse Rue du Grand Chantier. Dort wohnte der Abbé Laguidais und zu ihm eilte der Graf. Ali hatte den Abbé bereits benachrichtigt, daß der Graf zu einer bestimmten Stunde bei ihm sein würde. In der Zwischenzeit hatte Monte Christo sich unkenntlich gemacht. Dieselbe Zwischenzeit hatte der Abbé dazu benutzt, den Herzog *** zu benachrichtigen, daß der Graf angekommen sei, und die beiden erwarteten nun den Mann, zu dessen Vertrauten zu gehören in ihren Augen die größte Ehre war. Das Wiedersehen dieser drei Männer war herzlich, ganz entfernt von aller Zeremonie. Ihre Begrüßung so innig wie diejenige langgetrennter Jugendfreunde. Sie schüttelten sich die Hand, sie sprachen offen ihre Freude aus. Sie erkundigten sich zuerst nach Nebendingen – ganz wie es bei solchem Wiedersehen der Fall zu sein pflegt. Der Graf aber war der erste, der das Gespräch auf wichtigere Dinge lenkte. Mein lieber Abbé, sagte er, sind Briefe für mich eingelaufen? Der Abbé brachte ein ganzes Paket eingegangener Papiere zum Vorschein. Die meisten waren aus näheren oder ferneren Städten und betrafen die religiösen Bemühungen Monte Christos. Für den Augenblick las er nur die Unterschriften und steckte dann das Paket zu sich. Nur einen Brief las er durch. Er war von Mr. Nathan in New Orleans. Der Bankier schrieb ihm – zwei Tage nach der Abreise des Grafen – daß bis dahin noch nicht die geringste Änderung in dem Zustande Wolframs eingetreten sei und daß der Arzt, der sich übrigens mit der größten Sorgfalt des Kranken annehme, es noch nicht wage, bestimmte Hoffnungen zu geben. Amelie habe er gesagt, daß Wolfram verreist sei, und da ihre Wirtin ganz abgesondert von der Welt lebe, so hoffe er, sie werde die Wahrheit nicht erfahren. Übrigens zeige sich jetzt in der Stadt eine gewisse Sympathie für Wolfram, und wenn er genese, so unterliege es keinem Zweifel, daß man sich seiner annehmen und daß eine direkte Unterstützung des Grafen oder des Bankiers kaum nötig sein werde. Der Graf las seinen beiden Freunden dieses Schreiben vor und machte sie überhaupt mit seinem Verhältnisse zu Wolfram bekannt. Ich gestehe es, fügte er hinzu, indem sein Blick sich neigte – daß der Tod dieses jungen Mannes mich für mein ganzes Leben unglücklich gemacht, daß er schwer auf meinem Gewissen gelastet haben würde. Gott hat mir diese Prüfung erspart. Er hat mein Herz erkannt, er weiß, daß ich es mit Wolfram gut meine. Aber er hat Ihnen zugleich einen Fingerzeig gegeben, lieber Graf! sagte der Herzog. Er hat Sie daran erinnern wollen, daß Sie nicht zu weit gehen dürfen. Ich fühle es, ja! sagte Monte Christo. Und noch deutlicher spricht Morels Schicksal. Deshalb bin ich hierher geeilt, um zu helfen, wenn es möglich ist. Und ich hoffe, es wird möglich sein. Teilen Sie mir nur mit, was Sie über Morel erfahren haben. Der Graf erfuhr nun ausführlich die Verwechselung Morels mit Rablasy, seine Anklage, seine Verurteilung, seinen Wahnsinn. Es war dem Herzog gelungen, alle Einzelheiten dieser merkwürdigen Angelegenheit auszukundschaften. Wie aber war es möglich, daß Morel auch nur einen Augenblick lang mit jenem Mörder verwechselt werden konnte? fragte Monte Christo. Sie waren in jener Nacht bei ihm, Herzog. Sie sagen, er sei in einem gewöhnlichen schwarzen Anzug gewesen, und doch gab es bei dem Prozeß den Ausschlag, daß man ihn in der Jacke jenes Rablasy gefunden. Der Herzog – denn er war jene geheimnisvolle Persönlichkeit gewesen – erzählte noch einmal alle einzelnen Umstände jener Nacht, und die drei Männer, zugleich überlegend und beratend, kamen endlich in einer Meinung überein, die der Wahrheit ganz nahe lag. Sie vermuteten Rablasy in jenem Gefangenen, der zugleich mit Morel, dem Herzog und dem Staatsanwalt das Gefängnis verlassen. Sie vermuteten auch, daß Rablasy die Papiere, die er in Morels Kleidung gefunden, dazu benutzt habe, um Valentine zu täuschen und nach dem Auslande zu locken. Für mich steht es nun fest, daß Herr von Ratour jener Rablasy ist. Dieser Mensch kann aber kaum erst in Berlin die Bekanntschaft des Grafen Arenberg gemacht haben. Erinnern Sie sich Laguidais, einem Menschen dieses Namens hier in Paris begegnet zu sein? Ja, sagte der Abbé. Ein Herr von Ratour wurde mir einmal bei dem Grafen vorgestellt. Er galt für einen Bonapartisten, der sich im geheimen hier aufhalte, und legte sich, wenn ich nicht irre, die Eigenschaft eines Arztes bei. Das alles stimmt! sagte Monte Christo. Gut! In kurzer Zeit werden wir darüber im klaren sein, und ich glaube, es wird nicht schwer halten, Valentine aus seinen Händen zu befreien. Ich werde weiter über die Sache nachdenken. Morel selbst verdient jedenfalls jetzt die größere Aufmerksamkeit. Und nun zu Don Lotario. Was wissen Sie von ihm? Nichts Näheres weiter, als daß er Therese liebt und über ihre Kälte gegen ihn unglücklich ist! antwortete Laguidais. Ich kann Ihnen nur wiederholen, Graf, was ich Ihnen geschrieben. Ich wünschte nicht, daß Sie diesen jungen Mann auf eine gar zu harte Probe stellten. Es ist nicht nötig. Ich will es reiflich, sehr reiflich überlegen, erwiderte der Graf gedankenvoll. Ich will nicht weiter gehen, als ich gehen darf. Und ich hoffe, der Himmel, der mir bis jetzt gnädig gewesen, wird mich auch ferner unterstützen und solche Gefahren von dem Haupte derer abwenden, die ich zu Grundsäulen unserer Vereinigung machen möchte. – Südlich von Paris, in einer der schönsten Provinzen und fern von der Landstraße, liegt ein großes und freundliches, aber stark befestigtes und von einem großen Park umgebenes Gebäude. Es war früher ein Schloß, wurde aber von der Regierung vergrößert und in eine Irrenanstalt umgewandelt, in die jedoch nur diejenigen aufgenommen wurden, die ohnehin schon unter der strengen Aufsicht des Staates standen, nämlich die Gefangenen. Bei dem Direktor dieses Gebäudes meldete sich einige Tage nach jener Unterredung in Paris ein ältlicher Herr, mit einfachen und bescheidenen Manieren und zeigte eine Karte vor. die von einem hohen Beamten im Kultus-Ministerium ausgestellt war und durch die der Überbringer derselben – Dr. Connard – dem Direktor der Anstalt empfohlen und dieser gebeten wurde, seinen Gast über alles zu unterrichten, was er zu wissen wünsche. Der Direktor, der in dem Irrenhause, das zu jener Zeit nicht stark besetzt war, ein ziemlich einsames Leben führte, war gern bereit, dem höflichen Dr. Connard jede Auskunft zu erteilen und ihn überall herumzuführen. Der Doktor schien sehr zufrieden mit den zweckmäßigen Einrichtungen der Anstalt, verweilte längere Zeit bei jedem einzelnen Irrsinnigen und schien die eigentümlichen Symptome, in denen sich bei jedem einzelnen die Geistesstörung aussprach, mit großer Aufmerksamkeit zu studieren. Wir haben hier noch einen sehr stillen und gutmütigen Gast, sagte der Direktor, vor einer Tür stehen bleibend und sie öffnend. Er ist sanft und gutmütig wie ein Kind. Und doch ist er mir als ein gefährlicher Charakter bezeichnet worden, bei dem man sogar Verstellungen zu befürchten habe. Es ist der Raubmörder Etienne Rablasy. Rablasy, ja, ich glaube von diesem Manne gehört zu haben, sagte Dr. Connard. Nun, lassen Sie uns sehen! Sie traten in ein geräumiges Zimmer, dessen Fenster hell, aber sehr hoch und außerdem stark vergittert waren. Der Kranke saß vor dem Tisch auf seinem Schemel, ganz in der Stellung eines vernünftigen Menschen, den Kopf auf die Hand gestützt. Sein Aussehen war im ganzen gut. Als der Direktor und der Doktor eintraten, sah er sie groß an, und nachdem er erkannt zu haben schien, daß es nicht sein gewöhnlicher Wärter sei, der ihn besuche, stand er auf, verbeugte sich und schob seinen Schemel hin, als wolle er die Eintretenden einladen, Platz zu nehmen. Nun, wie geht es Ihnen heute, Herr Rablasy? fragte der Direktor. Der Kranke antwortete nicht und sein Gesicht nahm einen düsteren Ausdruck an. Er antwortet nie, wenn man ihn mit Rablasy anredet! flüsterte der Direktor dem Dr. Connard zu. Er hält sich für einen gewissen Kapitän Morel. Nun, Sie werden hören! Gesund und munter, Kapitän Morel? fragte er darauf laut und fröhlich den Kranken. Ich danke Ihnen, mein Herr! erwiderte der Kapitän artig. Ich befinde mich vollkommen wohl. Darf ich Sie fragen, ob mein Prozeß beendet ist? Noch nicht ganz, erwiderte der Direktor. Aber ich hoffe, man wird Sie freisprechen! Freisprechen! Oh, das verlange ich nicht! sagte der Kapitän mit einem unerklärlichen Lächeln der Irrsinnigen, und sein glänzendes, aber ausdrucksloses Auge richtete sich ruhig auf den Direktor. Ich möchte nur meine Frau und mein Kind wiedersehen! Aber, lieber Kapitän, Sie haben ja gar keine Frau und kein Kind! sagte der Direktor. Keine Frau und kein Kind? murmelte Morel vor sich hin, stützte die Hand auf den Tisch und sah stumpf und gleichgültig auf den Boden. Es ist seltsam, ich glaube doch – hm! Wissen Sie, ich will Ihnen etwas sagen! Ja, ja, es ist bestimmt so! Damit winkte er dem Direktor, geheimnisvoll und vertraulich, wie es die Art der Irrsinnigen ist, zu sich heran und näherte sein Gesicht dem Ohr desselben. Ich habe geträumt! flüsterte er, laut genug, daß Dr. Connard es hören konnte. Ich habe geträumt von jenem Augenblicke an, da ich auf der Insel Monte Christo war. Ja, es war nicht Valentine selbst, es war nur ihr Geist, der mir erschien. Ich habe keine Frau, kein Kind gehabt! Ich habe nur geträumt! Nun, was meinen Sie zu diesem Irrsinnigen? wandte sich der Direktor an den Doktor. Halten Sie diesen Wahnsinn für Verstellung? Nein, erwiderte Dr. Connard, das ist keine Verstellung, gewiß nicht. Und wozu sollte sie auch dienen? Dieses Zimmer ist so sehr befestigt, als es nur ein Gefängnis sein kann. Er würde von hier ebensowenig fliehen können als von anderswo. Nun, sagen Sie das nicht, flüsterte der Direktor. Beim Spazierengehen im Park haben die Kranken manche Freiheiten. Darauf verließ er mit dem Doktor die Zelle, zeigte seinem Gaste noch einige andere Kranke und kehrte dann nach seiner Privatwohnung zurück. Dr. Connard, der, wie er sagte, einen Jugendfreund in der Nähe besuchte und bei ihm wohnte, erbat sich die Erlaubnis, zuweilen zurückkehren zu dürfen, und der Direktor gab ihm diese Erlaubnis sehr gern. Darauf verließ der Doktor das Irrenhaus. Am folgenden Tage hätte man ihn in einer eigentümlichen und für einen achtbaren und nicht mehr jungen Arzt durchaus komischen Stellung wiedersehen können. Er befand sich nämlich in dem Wipfel eines Baumes, der in der Nähe der Mauer stand, die den großen Park des Irrenhauses umschloß. Von dort aus beobachtete er aufmerksam und zum Teil mit einem kleinen Fernrohr alle Gänge des Parks. Nachher stieg er sehr vorsichtig von dem Baume herunter und verließ sehr geheimnisvoll den Ort, der zum Glück sehr abgelegen und einsam war, und begab sich nach dem nahen Städtchen, wo er in einem bescheidenen Gasthofe wohnte. Am nächstfolgenden Tage wiederholte er seinen Besuch in dem Irrenhause und war zugegen, als Morel oder Rablasy in Begleitung eines Wärters einen Spaziergang durch den Park machte. Währenddessen richtete er zuweilen einzelne Fragen an den Kranken, mit einer eigentümlichen Betonung der Stimme, so daß dieser jedesmal unruhig wurde und seinen starren Blick auf dem Doktor ruhen ließ. Das Wetter ist nicht angenehm zum Promenieren, sagte der Doktor, als er nachher mit dem Direktor sprach; es war in der Tat sehr kalt und eine leichte Schneedecke lag auf der Erde. Lassen Sie den Kranken alle Tage seinen Spaziergang machen? Alle Tage, antwortete der Direktor. Bewegung muß ihm gut tun. Und mit dem Wärter allein? Ist das nicht gefährlich? O nein. Sie sehen ja, wie gutmütig dieser Mensch ist, und ich glaube nicht, daß er sich verstellt. Ich brauche außerdem meine Wärter für die anderen Wahnsinnigen, die größtenteils wild und unbändig sind. Wie sollte er auch über diese hohe Mauer kommen, da er ohnehin an den Füßen gefesselt ist. Ach ja, das hatte ich vergessen, sagte Dr. Connard. Sie haben recht! Am anderen Tage, kurz vor der Mittagszeit, befand sich der Doktor wieder auf dem Observatorium – nämlich in dem Wipfel jener Tanne, deren dichte Nadeln auch im Winter ein gutes Versteck gewährten. Er blickte durch sein Fernrohr nach dem Irrenhause hin. Sobald er bemerkte, daß zwei Personen es verließen, stieg er von seinem Baume herunter und gab einer Gestalt, die in der Nähe auf einem Baumstumpf saß, ein Zeichen. Die Gestalt erhob sich und das Angesicht eines Negers wurde sichtbar. Dr. Connard sprach einige Minuten lang mit ihm, dann warf er eine Strickleiter bis auf die First der Mauer hinauf und kletterte daran empor, während der Neger eine andere Leiter aus Holz herbeiholte und neben die Strickleiter stellte, der Doktor hielt sich so verborgen, daß man ihn von dem Park aus nicht sehen konnte. Ungefähr zehn Minuten darauf hörte er Schritte, und als er ein wenig über die Mauer blickte, sah er, daß Morel mit seinem Wärter sich nahte. Der Weg, den die beiden zu nehmen hatten, führte dicht an der Mauer vorbei. Morel ging einige Schritte vor dem Wärter, der sich ruhig ein Liedchen pfiff. Gerade, als er sich dicht unter dem Doktor befand, schwang sich dieser ganz auf die Mauer und stürzte sich von ihrer Höhe auf den Wärter. Dieser stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Dann hatte ihn Dr. Connard bereits mit einem Strick die Hände gefesselt und ihm einen Knebel in den Mund gesteckt – alles mit einer Schnelligkeit und Kraft, die bei einem bejahrten Manne in Erstaunen setzen mußte. Darauf band er ihm noch einen Strick um die Füße und wandte sich zu Morel. Dieser hatte sich umgewendet, als er einen Schrei seines Wärters hörte. Sein Gesicht verriet eine gewisse Überraschung, sogar Unwillen. Der Doktor trat rasch auf ihn zu. Morel! sagte er. Wir müssen fliehen! Verstehen Sie mich? Wir müssen zu Valentine, zu dem kleinen Edmond! Schnell, dort ist die Leiter! Sehen Sie! Dabei sprengte er hastig die Fesseln an Morels Füßen. Während Dr. Connard mit dem Wärter beschäftigt gewesen war, hatte der Neger ebenfalls die Strickleiter auf der anderen Seite der Mauer erstiegen und die hölzerne Leiter nach dem Park zu herabgelassen. Morel starrte den Doktor verwirrt an. Bei den Namen Edmund und Valentine zuckte sein Gesicht. Aber er schien den Doktor nicht zu verstehen. Ich sage Ihnen, Morel, der kleine Edmond ruft! Er ist auf der anderen Seite der Mauer. Folgen Sie mir! Hören Sie nicht, wie er Papa ruft! Es ist der kleine Edmond! Edmond! Mein Kind! rief Morel, und sein ganzes Gesicht leuchtete auf. Wo ist mein Kind? Wo ist Valentine? Ja, er ruft – ich höre ihn. Ich komme, ich komme schon! Er sprang auf die Leiter zu und kletterte mit der Geschwindigkeit und Sicherheit eines Nachtwandlers hinauf. Oben angelangt, stand er einen Augenblick aufrecht auf der First der Mauer und schien willens, weiter zu gehen, als wäre er zu ebener Erde. Er hätte hinabstürzen müssen, der Neger aber fing ihn mit seinen kräftigen Armen auf und half ihm die Strickleiter hinab. Dr. Connard war unterdessen dem Kapitän rasch gefolgt, hatte die Leiter emporgezogen und warf sie nach der äußeren Seite der Parkmauer hinunter. Lieber Freund, rief er dem Wärter zu, der voller Entsetzen noch immer auf dem Boden lag und sich nicht rühren konnte, ich habe Sie erschreckt. Man wird Sie vielleicht fortschicken, weil man glaubt, daß Sie mit mir im Einverständnis gewesen seien. Für diesen Fall gehen Sie nach Paris, zu dem Herrn Herbault, Rue Meslay. Er wird Ihnen in meinem Namen zwanzigtausend Franken auszahlen. Damit kletterte er die Strickleiter hinab. Morel war bereits unten angelangt. Wo ist mein Kind? rief er, sich wild nach allen Seiten umschauend. Wo ist Valentine? Kommen Sie nur, da sind sie ja! rief der Doktor, seinen Arm ergreifend und ihn mit sich fortziehend. Fortwährend so sprechend und den Irrsinnigen ermunternd, zog er Morel mit sich fort. Der Neger half, den anderen Arm des Kapitäns ergreifend. Sie eilten durch das Gebüsch. Nach wenigen Minuten standen sie an einer Straße, und auf dieser hielt ein dicht verschlossener, mit sechs Pferden bespannter Reisewagen. Auf dem Bocke saß ein Mann in Postillionskleidung. Dr. Connard hob Morel in den Wagen, Ali schloß ihn, und sogleich ging es im schärfsten Trabe vorwärts, in der Richtung nach Südosten. Der Kapitän schien dem Arzte einigen Widerstand entgegensetzen zu wollen, als er sich in dem geschlossenen Räume des Wagens befand. Der Doktor aber hielt ihm ein Fläschchen vor die Nase, dessen Duft ihn zu betäuben schien. Morel sank zurück, und nun entkleidete ihn der Doktor seiner Gefängnistracht und legte ihm bürgerliche Kleidung an; die alten Sträflingskleider warf er aus dem Fenster der Kutsche. Übrigens verstand es Dr. Connard, ebenso schnell zu reisen, wie der Graf Monte Christo, und dabei war kein Wunder, denn es war der Graf Monte Christo selbst. Begreiflicherweise wählte er diesmal einen anderen Weg, als denjenigen, auf dem er mit dem Polizeirat nach Paris gekommen. Er reiste über Lyon nach Piemont. In der Gegend von Nizza sollte ihn sein Boot erwarten, nicht das Dampfboot – denn er wollte jeden Verdacht vermeiden – sondern ein einfaches Segelboot. Den Kapitän hielt er während dieser ganzen Reise in einem fortwährenden Schlummer, den er durch künstliche Mittel, durch Zusätze zu Wein und Wasser hervorrief. Sonst wäre es unmöglich gewesen, den Wahnsinnigen zum Ausdauern in dem engen Raum der Kutsche zu bewegen. Die Pässe waren vollkommen in Ordnung. Sie lauteten auf den Dr. Connard, einen hohen Kranken, den der Doktor nach Nizza fahren sollte, und dessen Neger. In Nizza angelangt, gab der Graf dem Kapitän die stärkste Dosis und rief dadurch einen so festen Schlaf in ihm hervor, daß er ohne Widerstand in das Boot geschafft werden konnte, das für den Grafen bereit lag. Dieses Boot sollte ihn die Küste entlang bis an den Punkt führen, wo sein eigenes Fahrzeug wartete. Das letztere war an Ort und Stelle. Als der Graf an Bord des Bootes trat, bemerkte er nur düstere und niedergeschlagene Gesichter. Der Steuermann überreichte ihm einen Brief. Der Graf erbrach ihn und las: »Gnädigster Herr! So wahr ein Gott lebt, ich bin nicht schuld an dem Unglück, das geschehen ist. Ich habe es nicht verhindern können, und ich bin bereit, mich den Augenblick zu töten, wenn Sie an meiner Treue zweifeln. Jacopo und zwei andere sind ihm nachgesetzt. Bertuccio.« Was ist geschehen? wiederholte der Graf. Hast du das Sprechen verlernt, Mann? Bertuccio und Jacopo ahnten nicht – die gnädige Frau – niemand dachte so etwas – es müssen arge Schurken gewesen sein – stammelte der Steuermann hervor. Es ist gut! Ich werde warten, bis ich auf der Insel bin! sagte der Graf kurz. Ist Bertuccio dort? Ja, Herr! Jacopo ist ihm nach – dem Räuber nämlich – Monte Christo machte eine Bewegung, daß er schweigen solle, warf einen Blick auf den tiefbetäubten Morel und gab das Zeichen zur Abfahrt. Er trat selbst an das Steuer. Derselbe Nordwind, der den verräterischen Benedetto entführt hatte, blies auch jetzt, aber stärker, fast sturmartig. So verging Stunde auf Stunde, bis die Insel Monte Christo als ein kleiner, heller Punkt über dem Schaum emporragte und endlich ihre felsigen Ufer zeigte. Dieser kranke Herr wird hier nach meinem Wohnzimmer gebracht! rief er den Matrosen zu, während er das Boot auf den Strand laufen ließ. Bertuccio soll zu mir in mein Privatzimmer kommen. Ali wird ihn anmelden! Damit sprang der Graf aus dem Boot und ging ruhig nach dem Wohnhause. Kaum war er in seinem Privatzimmer angelangt, als Ali Bertuccio meldete. Der Intendant trat ein, eine Pistole in der Hand und sich dem Grafen zu Füßen werfend. Den Kopf neigend, hielt er ihm die Waffe entgegen, als wolle er ihn auffordern, ihm den Rest zu geben. Keine Komödie, Signor Bertuccio! sagte der Graf kalt und streng. Was sollen diese Torheiten bedeuten? Geh, melde meiner Frau, daß ich sie besuchen werde. Der Intendant stieß einen tiefen Seufzer aus und ließ den Kopf noch tiefer sinken. Die Gräfin ist nicht hier! stieß er mühsam hervor. Nicht hier? fragte Monte Christo. Sollte sie abgereist sein, ohne mich zu benachrichtigen? Sie ist verschwunden und auch der junge Graf, stammelte Bertuccio. Der Graf setzte sich, aber nicht, weil er die Erzählung Bertuccios ruhig mit anhören wollte, sondern weil ihm die Kraft fehlte, stehenzubleiben. Verschwunden? Wie ist das möglich, und was soll das heißen? Ach, ich bin schuld daran, ja, das bin ich! rief Bertuccio an seine Brust schlagend. Ich hätte vorsichtiger sein können. Aber wer konnte ahnen, daß diese Schmuggler frech genug sein würden, das Eigentum des Grafen zu verletzen! Signor Bertuccio, ich will wissen, was vorgefallen ist, weiter nichts, sagte der Graf. Vorgestern abend – wir waren zu Bett gegangen – meldete Jacopo, dem es Pietro gesagt, daß fremde Männer in die Wohnung der Gräfin eingedrungen seien. Wir eilten bewaffnet dorthin und wurden mit Flintenschüssen empfangen. Es gelang uns bald, die Schmuggler oder Piraten zu töten oder gefangenzunehmen. Aber als wir uns nach dem Schicksal der Frau Gräfin erkundigen wollten, fanden wir sie nicht. Sie war verschwunden mit dem Sohne Ew. Exzellenz, ebenso der Aussätzige. Der Aussätzige? fragte Monte Christo, der seine ganze Fassung zusammennahm. Was hat dieser Mensch mit meiner Gattin und meinem Sohne zu schaffen? Er war es, der den Piraten den Gedanken einflößte, dieses Haus anzugreifen, sagte Bertuccio. Und Exzellenz, wissen Sie, wer es war – Benedetto, jener Benedetto! Am andern Morgen fanden wir da, wo das Fahrzeug der Schmuggler gelegen hatte, den alten Villefort in seinem Blute liegen. Er hatte einen Messerstich in die Brust erhalten. Aber er war nicht tot. Wir haben ihn hierher gebracht, verbunden und gepflegt. Es ist zu hoffen, daß er wieder gesund wird. Und woher weißt du, daß jener Aussätzige Benedetto war? fragte der Graf. Wir haben den Hauptmann jener Schmuggler gefangen. Er nannte mir den Namen und aus dem übrigen, was er mir sagte, konnte ich schließen, daß es jener Benedetto gewesen. Bertuccio verneigte sich und eilte fort. Monte Christo blieb ruhig sitzen. Sein Gesicht veränderte sich nicht, obgleich er allein war. Sein Entschluß war gefaßt. Er mußte die retten, die ihm zunächst waren. Er ging zu Morel, der immer noch in seiner Betäubung lag, und sagte Bertuccio, wie er den Kranken zu behandeln habe. Dann suchte er den alten Villefort auf. Der Greis ruhte in seinem abgeschlossenen Zimmer auf einem weichen Lager. Man hatte nichts unterlassen, um ihn zu retten. Die Wunde, die er empfangen, war gefährlich, aber nicht tödlich. Der Graf untersuchte ihn genau. Was ihn überraschte, war der ruhige, durchaus nicht irrsinnige Blick des Greises. Monte Christo befragte ihn nach einigen Einzelheiten, und der Greis beantwortete sie mit schwacher Stimme, aber vollkommen vernünftig. Er fragte sogar, wo er sich befinde. Die Miene des Grafen war etwas ruhiger und getrösteter, als er Villefort verließ. – Alles war bereits für die Abfahrt angeordnet. Der Dampfer wirbelte seine weißen Wolken in die Luft, Segelboote flogen nach verschiedenen Richtungen. – – – Der Antrag Zeit war verflossen. Die Sängerin Eugenia Larsgand befand sich immer noch in Berlin, und Don Lotario war immer noch ihr beständiger Begleiter, als der Graf von Arenberg eines Nachmittags in Thereses Zimmer trat. Therese saß in der Fensternische, den Kopf tief niedergebeugt und, wie es schien, so tief in Gedanken versunken, daß sie das Eintreten des Grafen und seinen Schritt auf den weichen Teppichen gar nicht hörte. Erst als er sanft seine Hand auf ihre Schulter legte, fuhr sie auf. So träumerisch, so gedankenvoll, mein liebes Kind! sagte er mit seiner herzlichen, wohltuenden Stimme. Was ist das? Was sind das wieder für trübe Gedanken? Es ist nichts, lieber Vater! antwortete Therese – sie nannte ihn oft mit diesem Namen. Und dabei versuchte sie zu lächeln. Aber es gelang ihr nicht, ihr Gesicht blieb wehmütig. Nichts? Ei, das soll ich wohl glauben, wenn Ihnen fast die Tränen in den Augen stehen! sagte der Graf. Nein, Therese, ich weiß es recht gut, seit einiger Zeit haben Sie etwas auf Ihrem Herzen. Ich wollte Sie nicht belästigen. Aber ich kenne Ihre mädchenhafte Scheu. Einmal müssen wir uns doch aussprechen, und besser früher als später. Jedes Weib muß seine Bestimmung erfüllen, Sie die Ihrige. Daß ich mich nie verheiratet habe, hatte seinen Grund in beklagenswerten Umständen. Das Glück und die hohe Wichtigkeit der Ehe aber habe ich stets erkannt, und es würde mich aufs tiefste schmerzen, wenn ich denken sollte, daß Ihnen dieses Glück ewig fremd bliebe. Allerdings ist die Liebe die erste Bedingung der Ehe. Aber da es möglich ist, daß Ihr Herz bereits jenem einen alles gegeben, was es an Liebe besaß, so bleibt Ihnen vielleicht nur die zweite Bedingung: die Achtung. Ich bin der festen Überzeugung, daß man einen Mann, den man achtet, mit der Zeit auch lieben wird. Die Ehe knüpft neue Bande, ruft neue Gefühle hervor, die später süßer und heiliger sind als diejenigen der leidenschaftlichen Liebe. Deshalb, Therese, frage ich Sie nun, ob Sie nie daran gedacht haben, falls Sie niemand finden, den Sie lieben können, einen Mann zu heiraten, den Sie achten? Ich habe nie daran gedacht, bis jetzt! Dann bitte ich Sie, mein liebes Kind, meine Worte in ernste Überlegung zu ziehen! fuhr der Graf mit Wärme und Innigkeit fort. Es hat jemand um Ihre Hand bei mir angehalten, und ich halte es für meine Pflicht, Ihnen das zu sagen. Es ist Herr von Ratour. Wir kennen ihn beide seit längerer Zeit, und ich glaube, daß wir beide nichts Wesentliches an seinem Charakter auszusetzen haben. Er ist bemüht, sich hier eine neue Stellung zu erwerben, nachdem er die alte in seinem Vaterlande dadurch verloren, daß er seiner Überzeugung treu blieb. Ich habe in ihm einen edlen und für alles Schöne begeisterten Menschen kennengelernt, Heute vormittag war er bei mir und machte mir seinen Antrag. Ich hatte etwas Ähnliches schon seit längerer Zeit erwartet, sagte Therese. Ich könnte Sie um Zeit zur Überlegung bitten, aber ich kann Ihnen meine Antwort sogleich geben. Zürnen Sie mir nicht, lieber Vater – ich beschwöre Sie darum. Aber Herr von Ratour wird nie mein Gatte werden, nie! Ich kann nie darin einwilligen! Der Graf antwortete nicht sogleich. In dem Zimmer war es dunkel geworden. Eine längere Pause trat ein. Therese hatte ihr Gesicht abgewendet. Nun aber, mein Kind, zum letztenmal bitte ich Sie, seien Sie aufrichtig gegen mich! sagte der Graf. Therese hatte sich erhoben, unruhig, mit sich selbst kämpfend. Dann plötzlich schlang sie weinend die Arme um die Schulter des Grafen. Es ist Don Lotario, den ich liebe! rief sie im tiefsten Schmerze. Es ist Don Lotario! Und dann riß sie sich los und eilte durch die Tür davon. Ich ahnte es! Ich ahnte es! flüsterte der Graf vor sich hin. Armes Kind, wie sollst du je Ruhe finden! Wie soll dein Herz je genesen! Traurig und bekümmert kehrte er nach dem andern Flügel des Gebäudes zurück, in dem sich seine Zimmer befanden, und erwartete dort in düsterem Nachdenken die Ankunft Ratours, der um sieben Uhr hatte kommen wollen, sich den Bescheid zu holen. – Ratour war schnell bis an das Hauptgebäude geschritten. Dort aber stand er still, um zu überlegen. Er stand lange dort, denn es war nicht leicht, einen Ausweg aus diesem Labyrinth von Gefahren zu finden, in die er sich durch seine Schlauheit gestürzt hatte. Endlich aber war sein Entschluß gefaßt. Hastig trat er in das Gebäude und ging sogleich zu dem Grafen. Herr Graf – rief Ratour mit erkünstelter Entrüstung und zum Teil auch wirklich aufgeregt und zornig – Herr Graf, verzeihen Sie mir, daß ich Sie störe. Aber es ist das letztemal, daß ich dieses Haus betrete. Sie und ich sind schändlich betrogen worden, betrogen von einem Mädchen, das Tugend und Sprödigkeit heuchelte, während sie es nicht für unter ihrer Würde hielt, im geheimen Umgang zu haben mit einem Menschen, von dem jedes andere Mädchen sich zurückziehen würde, um nicht ihre Ehre zu beflecken. Der Graf war aufgesprungen und starrte den Franzosen entsetzt an. Ja, es ist so! rief Ratour bitter und höhnisch. Hören Sie mich nur einen Augenblick an, und urteilen Sie selbst. Ich gestehe mein Unrecht ein. Nicht zufrieden mit der Antwort, die sie in bezug auf meinen Antrag gegeben, beunruhigt und von leidenschaftlicher Liebe erfüllt, wollte ich Therese selbst um eine Erklärung bitten. Ich kam heute abend. Man sagte mir, daß Sie in Ihrem Arbeitszimmer seien und Therese sich in dem Pavillon befände. Ich hielt den Augenblick für günstig. Meine Liebe sollte meine Kühnheit entschuldigen, und ich ging dreist nach dem Pavillon. Ich fand die Tür verriegelt, aber ich hörte Stimmen und Geflüster im Innern, Thereses Stimme und eine Männerstimme, die mir bekannt klang. Von Unruhe und Eifersucht gequält, drückte ich die Scheibe eines Fensters ein und betrat den Pavillon, entschlossen, mir Gewißheit zu verschaffen. Ich sah Therese und Don Lotario in einer Umarmung – Herr Graf, ich kann nicht weiter sprechen! So hat dieses Mädchen Sie und mich getäuscht, und während sie in der Erinnerung an ihren einstigen Geliebten zu leben schien, verschmähte sie es nicht, mit gewöhnlichen Dirnen und der Sängerin, vielleicht auch mit Madame Morel, die Gunstbezeigungen eines Spielers und Abenteurers zu teilen. Das Urteil darüber überlasse ich Ihnen selbst. Man hat mich bemerkt, und wahrscheinlich wird man es versuchen, Ihnen ein Märchen aufzubinden, falls diese beiden ihre Frechheit nicht gar so weit treiben – wie ich fast vermute – auch jetzt noch ihr verbrecherisches Spiel fortzusetzen, darauf hoffend, daß ich meinen Unwillen verbergen und mich entfernen würde. Aber ich konnte es nicht. Ihnen wenigstens wollte ich reinen Wein einschenken, damit Sie Ihre Maßregeln danach treffen können! Es ist unmöglich, unmöglich! rief der alte Graf starr vor Ersetzen. Daß sie Don Lotario liebt, das wußte ich. Aber daß sie so weit gehen könnte – nein, es ist unmöglich! So überzeugen Sie sich selbst! rief Ratour. Es tut mir leid, sehr leid, Herr Graf, nur um Ihretwillen! Ich achte und ehre, ich liebe Sie wie einen Vater, und ich bedaure es tief, daß Ihre Gutmütigkeit dazu benutzt worden ist, um Sie bitter zu täuschen. Ich werde nun Ihr Haus nicht wiedersehen. Adieu! Tun Sie, wie Sie handeln müssen. Der Graf stand noch immer wie betäubt. Er schien diese entsetzliche Anklage nicht glauben zu können. Er zitterte, setzte sich mehrmals nieder, stand dann wieder auf und schien nach Kraft und Fassung zu suchen. Endlich ermannte er sich und eilte in fast jugendlicher Kraft und Hast durch den Garten nach dem Pavillon. Ratour hatte vermuten können, welche Erklärung jenem Auftritte folgen würde. Er hatte vorausgesehen, daß der Graf die beiden in einer Situation treffen würde, die seine Verleumdungen zu bestätigen schien. Als der Graf erhitzt und hastig in das Zimmer trat, hielten sich Don Lotario und Therese glückselig und alles vergessend umarmt. Elender! rief der Graf mit einer Stimme, die niemand bei ihm vermutet hätte, Elender, Sie haben mich getäuscht und betrogen, Sie haben sich bei mir eingeschlichen, um Therese zu verführen. Fort, fort aus meinen Augen! Und auch Sie, Therese, Sie haben mich bitterlich betrogen, ich hätte es nimmer, nimmermehr geglaubt! Don Lotario und Therese waren erschreckt und bestürzt aufgesprungen. Ratour hat uns verraten und verleumdet! rief Lotario. Herr Graf, ich bitte Sie, hören Sie die volle Wahrheit! Ratour hat Sie betrogen, auch mich, auch Therese! Vater, lieber Vater, ja, der Elende hat uns alle getäuscht! rief Therese, und auf den Grafen zueilend, schlang sie liebevoll ihre Arme um ihn, aber dieser stieß sie zurück. Wollt ihr auch jetzt noch mich täuschen? rief er, halb zornig, halb weinend. Schämen Sie sich, Don Lotario, dieses arme Mädchen zu verführen! Und auch Sie, Therese, oh, ich hätte Sie nimmer für so schwach gehalten! Nun folgten hastige Erklärungen. Lotario und Therese überstürzten sich in Beteuerungen, Bitten und Anklagen Ratours. Es war unmöglich, daß der Graf durch dieses Gewirr von Reden auch nur den geringsten Aufschluß erhalten konnte. Er war betäubt, nicht überzeugt. Verlassen Sie dieses Haus augenblicklich, Don Lotario! fügte er fest. Mögen Sie schuldig oder unschuldig sein. Jedenfalls will ich mich überzeugen, wer mich verraten hat. Thereses Ehre verlangt, daß sie keine Minute lang in Ihrer Gesellschaft gesehen wird. Verlassen Sie das Haus und wagen Sie nicht eher zurückzukehren, als bis ich Sie ausdrücklich rufen lasse. Einen Augenblick lang kämpfte Don Lotario mit sich selbst. Dann überwand er den Unmut, der in ihm aufsteigen mochte, grüßte ehrerbietig den Grafen und ging nach dem Vorderhause. Nur einen Blick warf er noch auf Therese, und nur einen Blick erhielt er noch von ihr. Aber dieser Blick reichte aus, ihn für eine Zeitlang glücklich und stark zu machen. Geheime Ränke Valentine, bleicher und trauriger als je, saß noch bei der Lampe und schien zu arbeiten. In der Tat aber weinte und träumte sie. Bei dem Eintreten Ratours fuhr sie erschreckt auf. Beruhigen Sie sich, Madame, und bleiben Sie still sitzen! sagte er, ohne weiteres einen Stuhl nehmend und sich neben sie setzend. Ich mußte Sie heute noch sprechen, und zwar in einer wichtigen Angelegenheit, die Sie so gut betrifft wie mich. Ich höre, antwortete Valentine, nicht ohne inneres Erbeben. Meine Existenz hier in Berlin ist bedroht, sagte Ratour. Die französische Regierung hat ermittelt, daß ich mich hier aufhalte, und da sie mir dieses Asyl nicht gönnt, so sucht sie die preußische Regierung zu veranlassen, mich zu vertreiben. Man wird behaupten, daß ich an einigen politischen Vergehen oder Verbrechen – wie man es nun nennen will – teilgenommen hätte, und wird auf Grund dessen meine Auslieferung oder Ausweisung verlangen. Unglücklicherweise habe ich keinen einzigen Freund oder Bekannten, der hier für mich bürgen könnte. Sie sind die einzige, auf die ich rechnen kann. Ich hoffe, Sie werden mir Ihre Unterstützung nicht versagen, Madame. Gewiß nicht! antwortete Valentine furchtsam und erwartungsvoll. Sie kennen meine Vergangenheit nicht, fuhr Ratour fort, und es ist überflüssig, Sie mit ihr bekanntzumachen. Aber möglicherweise erkundigt sich die hiesige Regierung bei Ihnen nach meinem Verhältnis zu Ihnen. Sie werden dann sagen, daß ich schon früher in Paris mit Ihrem Manne und Ihrer Familie bekannt gewesen, und daß wir uns dort häufig gesehen haben. Das Weitere und wie ich mit Ihrem Manne im Gefängnisse zusammengekommen, wissen Sie ja. Ihr Gewissen werden Sie damit nicht beschweren. Es ist eine gerechtfertigte Notlüge, die ich den falschen Angaben der französischen Regierung entgegensetzen muß. Also – wir und Ihr Mann haben uns in Paris schon gekannt und viel gesehen, ich war damals Arzt. Sie verstehen mich. Ihre Aussagen dürfen keine anderen sein. Sie werden das sagen, wenn man Sie fragt. Sie sind in der letzten Zeit sehr zurückhaltend gegen mich gewesen. Ich muß also fürchten, daß Sie etwas gegen mich haben. Lassen Sie sich durch diese Abneigung – für die ich übrigens keinen Grund weiß – nicht dazu verleiten, meinen Wunsch nicht zu berücksichtigen. Ich gestehe Ihnen offen, daß ich mich dann rächen würde, rächen an Ihnen und an Ihrem Kinde. Merken Sie sich das! Damit erhob er sich, und ohne weiter ein Wort zu sagen, verließ er die erschreckte Frau. Darauf verließ er selbst das Haus und ging nach den Linden. Es war jetzt elf Uhr. Das Hotel du Nord, als eines der größten, war noch geöffnet. Ratour fragte, ob die Sängerin zu Hause sei. Man sagte ihm, sie sei soeben von dem Hofkonzert zurückgekehrt, und bezeichnete ihm ihre Zimmer. Er ging die Treppe hinauf. Mein Name ist Ratour! sagte er zu der Kammerfrau. Ich wünsche Donna Larsgand zu sprechen, und zwar in Sachen Don Lotarios. Sagen Sie ihr das! Die Kammerfrau ging, und nach einer Minute wurde Ratour vorgelassen. Eugenia mochte erwartet haben, Lotario selbst zu sehen. Jetzt kam ein Herr, dessen Namen sie nicht einmal kannte, um mit ihr über ihn zu sprechen. Sie war erschreckt und glaubte, es sei ein Unglück geschehen. Verzeihen Sie, Mademoiselle, daß ich Sie so spät störe! sagte Ratour. Aber ich konnte dem Drange, Ihnen eine Mitteilung zu machen, nicht widerstehen, obgleich ich die Unklugheit meines Schrittes vollkommen einsehe. Ich will mich kurz fassen, Mademoiselle. Sie sind von Don Lotario und ich von Fräulein Therese auf das schändlichste betrogen worden! Die Sängerin erbleichte, behielt aber den Stolz, der ihr einem Unbekannten gegenüber ziemte. Ich weiß, wie ich mich rächen werde! rief Ratour. Daß Therese Don Lotario liebt, daran zweifle ich nicht. Deshalb darf man es nicht dahin kommen lassen, daß sie seiner überdrüssig werde. Sie muß ihn verlieren in dem Augenblick, in dem sie ihn am festesten zu besitzen glaubt, das wird für sie die empfindlichste, die härteste Strafe sein! Aber wie wird das zu bewirken sein? fragte Eugenia. Don Lotario liebt dieses Mädchen gewiß aufrichtig, viel zu aufrichtig. Er wird sich nicht freiwillig von ihr trennen. Lassen Sie das meine Sache sein! rief Ratour. Lassen Sie uns Verbündete sein zu einem gemeinsamen Zweck. Es wird gelingen, ich schwöre es Ihnen. Nur gegen Don Lotario will ich nicht handeln, sagte die Sängerin, sich immer mehr ihrer Leidenschaft hingebend. Er hat mir nie Liebe geheuchelt. Ich beklage und bedauere ihn. Aber ich mag ihn nicht unglücklich wissen. Für ihn kann es kein größeres Glück geben, als von dieser Kokette getrennt zu werden, erwiderte Ratour. Tun Sie den ersten Schritt, Mademoiselle. Lassen Sie Therese nicht in dem Glauben, daß sie unbeschränkte Herrin über Lotario sei. Schreiben Sie ihr, daß Sie ihr gern einen Mann überließen, dessen Sie überdrüssig seien. Das wird die Eitelkeit dieser Kokette verwunden und zugleich ihr Herz stärker zu Don Lotario hinziehen, weil sie ihn nicht für sicher hält. Am andern Tage erhielt Therese folgenden Brief: »Mademoiselle! Sie glauben vielleicht einen großen Triumph errungen zu haben, indem Sie Don Lotario aufs neue in Ihr Joch zwangen. Mir selbst haben Sie einen großen Gefallen damit getan. Don Lotario diente mir nur als Spielzeug für die Langeweile, und gerade jetzt war ich seiner überdrüssig. Amüsieren Sie sich, ich bitte Sie, mit der Puppe, die ich fortgeworfen. Eugenia Larsgand.« Ratour rechnete darauf, durch seine Schlauheit den Erklärungen Don Lotarios wenigstens eine Zeitlang das Gegengewicht halten zu können, um so mehr, da er in einem Verhältnisse zu dem Grafen gestanden hatte, das den letzteren bestimmen mußte, alle Anklagen gegen Ratour mit großer Vorsicht aufzunehmen. Und so war es auch in der Tat. Der Graf, dessen Seele rein und gut war wie die eines Kindes, konnte die Beschuldigungen, die Therese gegen Ratour erhob, nicht so ohne weiteres hinnehmen. Er hatte weit mehr Verdachtsgründe gegen Don Lotario als gegen Ratour. Der Graf nahm deshalb die Erklärungen, die ihm Therese in einer ruhigen Stunde des Tages gab, mit Vorsicht, wenn nicht sogar mit Mißtrauen auf. Welche Beweise konnte Don Lotario für seine Behauptung vorbringen? Es war sogar möglich, daß er sich in der Persönlichkeit Ratours irrte! Und Don Lotario hatte so flüchtig, in einer solchen Aufregung zu Therese gesprochen, daß es dieser sogar schwer wurde, Zusammenhang in seine abgerissenen Mitteilungen zu bringen. Und nun zeigte es sich, wie sehr richtig Ratour spekuliert hatte, als er der Sängerin riet, jenen Brief an Therese zu schreiben. Bei der Lage der Dinge mußte selbst ein solcher an und für sich unbedeutender Brief von großer Wichtigkeit sein. Er ging durch die Hand des Grafen, und Therese las ihn in seiner Gegenwart. Der Ausdruck ihres Gesichtes – überrascht und finster – veranlaßte ihn, nach dem Inhalt zu fragen, und Therese, die dem Grafen versprochen hatte, von nun an, wie früher, vollkommen aufrichtig gegen ihn zu sein, reichte ihm den Brief. Was nun Don Lotario selbst anbetraf, so verlebte er die folgenden Tage, wenn auch aufgeregt, doch in einer Stimmung, die mehr glücklich als unglücklich war. Er wußte, daß Therese ihn liebe, und dieser Gedanke hob ihn über alles, was ihn sonst beunruhigen konnte, hinweg. Er schrieb ein Billett an Donna Eugenia, in dem er sagte, daß das Mißverständnis zwischen ihm und Therese gehoben sei, er bat um Entschuldigung, daß er sie jetzt nicht mehr sehen könne, und dankte ihr für die Freundschaft, die sie ihm bewiesen. Dieses Billett, obgleich in warmen und aufrichtigen Ausdrücken geschrieben, mußte der Sängerin kalt und herzlos erscheinen und sie noch mehr gegen Don Lotario und die verhaßte Nebenbuhlerin einnehmen. Der junge Spanier schrieb auch an den Grafen und setzte ihm klar und zusammenhängend alles das auseinander, was er Therese an jenem Abend nur flüchtig erzählt. Er zweifelte nicht daran, daß ihm dieser Brief den Zugang zu jenem stillen Hause wieder öffnen würde, in dem Therese weilte. Mit um so größerer Überraschung las er die Antwort des Grafen, die er am folgenden Tage darauf erhielt. Der Graf schrieb ihm, daß er alle diese Anklagen gegen einen Mann, der so hoch in seiner Achtung stehe, nicht ohne weiteres für wahr annehmen könne, um so mehr, da sie von einem Manne kämen, dessen Herkunft und Charakter so unbestimmt und zweideutig seien. Es sei möglich, daß Don Lotario recht habe, dann aber möge er sich bemühen, seine Anklagen zu beweisen. Bis dahin halte es der Graf für seine Pflicht, Therese, bei der er nun einmal die Stelle eines Vaters vertrete, von Don Lotario entfernt zu halten. Dieser Brief erfüllte den jungen Mann mit dem höchsten Unwillen. Wahrheitsliebe war stets eine seiner ersten Tugenden gewesen, und sein Stolz fühlte sich aufs höchste beleidigt, daß jemand es wagen könne, auch nur einen Augenblick das geringste an seinen Aussagen zu bezweifeln. Ratour beabsichtigte, den jungen Mann aus Berlin zu entfernen, womöglich unter Umständen, die seine Rückkehr unmöglich machten, und ihn bei dem Grafen und Therese so zu verdächtigen, daß ihm diese ihr Vertrauen vollständig entzogen. Hatte er das erreicht, dann galt es, mit der Sängerin, in deren Vertrauen er sich bereits gänzlich eingeschmeichelt hatte, Berlin zu verlassen und ein angenehmes, lustiges Leben zu führen. Dahin konnte aber nur die Verleumdung führen, und Ratour beschloß sie anzuwenden, soweit es ihm möglich war. Therese erhielt verschiedene Briefe von bekannten leichtfertigen Damen der Stadt, in denen diese, ähnlich wie Donna Eugenia, sich darüber lustig machten, daß Therese sich mit dem begnüge, was sie selbst weggeworfen. Andere Briefe kamen an den Grafen Arenberg, in denen sich einzelne Herren nach Don Lotarios Verhältnissen erkundigten und anfragten, ob sie ihm die bedeutenden Summen kreditieren dürften, die er ihnen schuldig sei. Bei dem Grafen, der einmal gegen Don Lotarto eingenommen war, erreichten die gefälschten Briefe vollkommen ihren Zweck. Therese dagegen vertraute Don Lotario und ahnte sofort, daß diese Briefe von Ratour ausgingen. Obgleich sie dem Grafen das Versprechen gegeben, das Verhältnis zu Don Lotario nicht heimlich weiter zu führen, so konnte sie es doch nicht über sich gewinnen, den Geliebten ohne jede Nachricht zu lassen. Sie beklagte sich bei ihm in einem Briefe – dem ersten, den sie ihm schrieb – daß es ihm nicht möglich sei, die Ränke Ratours aufzudecken. Sie gab ihm die Versicherung, daß sie ihn stets lieben und ihm treu bleiben werde, bat ihn, ruhig auszuharren und das beste zu hoffen, und erinnerte ihn endlich daran, ob er nicht gut tue, die Hilfe des Abbés Laguidais oder des Lords Hope in Anspruch zu nehmen. Dieser Brief war ein heller Stern in dem trüben Leben Don Lotarios. Die Erinnerung an den Abbé war ihm selbst schon gekommen, und er beschloß jetzt, da er keinen Grund mehr hatte, ihm zu zürnen, ganz offen und aufrichtig gegen ihn zu sein. Er schrieb einen langen Brief an den Abbé, der alles enthielt, was ihm seit seiner Abreise von Paris widerfahren, und ihm vollständigen Aufschluß über sein Herz, seine Gedanken und seine augenblickliche Lage gab. Noch eine andere Mitteilung enthielt dieser Brief an den Abbé. Wie erwähnt, war jenes Billett Thereses das erste gewesen, das sie dem jungen Manne geschrieben, und hatte ihre vollständige Namensunterschrift enthalten. Diese lautete: Therese Büchting . Don Lotario bemerkte dies erst, als er den Brief zum vierten oder fünftenmal las. Dann klang ihm der Name bekannt, und er erinnerte sich, daß ihm Lord Hope aufgetragen, bei seinem Aufenthalte in Berlin nach der Familie eines Mannes zu forschen, der diesen Namen geführt hatte. Bei Therese selbst konnte er jetzt nicht gut anfragen. Sie hatte ihm geschrieben, daß sie das Billett heimlich abgeschickt habe. Aber er teilte diese Entdeckung sogleich dem Abbé mit und bat ihn, sie an Lord Hope weiter zu melden. So standen die Dinge, als ein Zufall eine abermalige unerwartete Wendung herbeiführte. Don Lotario, ganz seinem Trübsinn hingegeben, suchte die Pein des qualvollen Verhängnisses, das über ihm waltete, durch angestrengten Fleiß und unablässige Studien ein wenig zu mildern. Er arbeitete unausgesetzt von morgens früh bis drei Uhr. Dann ging er zu Tisch und machte einen kurzen Spaziergang, bevor er abermals zu seinem Arbeitstische zurückkehrte. Diesen Spaziergang hatte er eines Nachmittags beendet. Es dämmerte, und Don Lotario war soeben im Begriff, in die Charlottenstraße einzubiegen und sich nach seiner Wohnung am Gendarmenmarkt zu begeben, als eine verschleierte Dame an ihm vorüberging. Das Erkennen war bei beiden gegenseitig, und unwillkürlich standen beide still. Therese! rief Don Lotario. Ich sehe Sie wirklich noch einmal wieder? Lotario! antwortete das junge Mädchen. Verlassen Sie mich, ich habe keinen Augenblick Zeit. Der Diener wird mir sogleich folgen. Er holt nur etwas aus jenem Hause. Ich habe dem Grafen versprochen, auch nicht eine Minute mit Ihnen allein zu sein. Unmöglich, Therese, das können Sie nicht verlangen! rief Lotario heftig und nur erfüllt von dem Glücke dieses unerwarteten Wiedersehens. So lange habe ich Sie nicht gesehen, so lange, und gerade jetzt, wo ich weiß, daß Sie mich lieben, daß ich glücklich sein darf! Wenigstens einige Minuten lassen Sie uns zusammen sprechen! Ich habe Ihnen so viel, so unendlich viel zu sagen! Therese, gilt Ihnen denn der Unwille des Grafen mehr als unser Glück? So gehen Sie einen Augenblick allein! flüsterte Therese, die nur zu gern dem Drange ihres Herzens nachgab. Ich werde den Diener erwarten und ihn vorausschicken. Dann werde ich Ihnen die Charlottenstraße hinab folgen. Erwarten Sie mich beim Schauspielhause. Dank, tausend Dank! flüsterte Don Lotario und ging die Straße hinab. Nach wenigen Minuten sah er Therese durch die Dämmerung kommen. Sie gingen nebeneinander. Sie tauschten hastige Worte und Erklärungen, aber je hastiger sie sprachen, um so mehr fühlten sie, daß sie einander noch weit mehr zu sagen hätten. Wie lange können Sie noch bleiben? fragte Don Lotario. Vielleicht eine halbe Stunde. Ich habe gesagt, daß ich zu meiner Modistin gehen würde. Der Diener soll mich von dort abholen. Wenn man uns nur nicht erkennt! Therese, wir stehen vor meiner Wohnung! flüsterte Don Lotario. Sie haben recht. Man darf uns nicht sehen. Kommen Sie mit hinauf. Niemand sieht Sie, ich schwöre es Ihnen! Therese wies zuerst den Vorschlag zurück. Aber die Notwendigkeit drängte. Zuletzt gab sie doch nach. Die Liebe kennt keine Bedenken. Für sie verschwinden die Rücksichten gewöhnlicher Naturen. Oben in dem Zimmer Lotarios wurde das Gespräch noch hastiger fortgesetzt. Sie hatten sich ihre Leiden zu schildern, über die Hinterlist Ratours und die Zweifel des Grafen zu klagen. Dann sprachen sie über die Zukunft und ihre Hoffnungen. Die Viertelstunde verging im Fluge. Es klingelte. Don Lotario wollte zuerst nicht öffnen. Dann aber fiel ihm ein, daß er sich Bücher bestellt hatte und diese erwartete. Wahrscheinlich brachte man sie. Therese sah nach der Uhr. Don Lotario ging, um zu öffnen. Der Graf Arenberg stand vor ihm. Don Lotario erschrak. Kam der Graf zufällig? Sollte er ihm Theresens Nähe verbergen? Es war noch ein Zimmer zwischen dem Entree und demjenigen, wo sich Therese befand. Aber der Graf kam nicht zufällig, das sah Don Lotario schon aus der entschlossenen und düsteren Miene des alten Mannes. Ratour hatte einen Menschen gedungen, eigens zu dem Zwecke, jeden Schritt Don Lotarios zu überwachen. Er argwöhnte, daß Therese und Don Lotario sich heimlich sprächen, und er sah ein, von wie großem Vorteil es für ihn sein würde, wenn er den Grafen von einer heimlichen Zusammenkunft der beiden überzeugen könne. Jener Spion benachrichtigte seinen Herrn augenblicklich, daß Don Lotario mit einer Dame von solchem Aussehen und solcher Kleidung in seine Wohnung hinaufgegangen sei. Es konnte keine andere sein als Therese, Ratour wußte, daß Don Lotario keine andere Dame kannte. Er eilte sogleich zu dem Grafen. Herr Graf, sagte er, ich komme abermals als der Überbringer einer traurigen Nachricht. Aber die Dinge stehen nun einmal so, daß ich alles tun muß, um mich in Ihren Augen von jedem Verdacht zu reinigen. Ich habe Ihnen gesagt, daß Don Lotario ein leichtsinniger Mensch ist und daß Therese sich vor ihm zu hüten hat. Ich habe Ihnen auch gesagt, daß Therese um seinetwillen bereits von dem Wege der Ehre abgewichen ist. Sie mögen sich jetzt selbst davon überzeugen. Therese ist bei Don Lotario, auf seinem Zimmer! Der Graf erbleichte und sagte kein Wort. Dann klingelte er und fragte nach dem Diener, der Therese begleitete. Er erfuhr, daß Therese gesagt hatte, man solle sie von ihrer Modistin abholen. Ich danke Ihnen, Herr von Ratour! sagte der Graf. Ich werde jetzt handeln. Damit nahm er seinen Hut und verließ das Palais. Ratour, den der Graf in diesem Augenblick weiter nicht beachtete, folgte ihm in einiger Entfernung. – Mein Herr, sagte der Graf ruhig zu dem jungen Spanier, ist Therese bei Ihnen? Ja, Herr Graf. Aber ich schwöre Ihnen, es ist ein Zufall. – Schwören Sie, wenn Sie es verantworten können, so viel wie Sie wollen. Ich weiß, was ich davon zu halten habe! rief der Graf beinahe zornig. Ich will sie sehen! Damit ging er weiter. Therese trat ihm schon entgegen. Sie wollte gehen. Also Sie sind es wirklich! sagte Arenberg, als Therese tödlich erschreckt zurückfuhr. Nun, Sie haben mich getäuscht. Es ist gut jetzt. Ich wünsche nicht, daß Sie zu mir zurückkehren. Wären Sie meine wirkliche Tochter, so würde ich noch strenger sein. Ich will Ihnen alles gewähren, was ich Ihnen sonst gab. Meine Tochter würde ich enterbt haben. Bei Ihnen will ich das nicht tun. Denn Sie waren mir kein Vertrauen, keine Liebe schuldig. Aber ich wünsche nicht, Sie wiederzusehen. Bleiben Sie bei diesem Manne, bis er Sie verläßt. Therese stand erstarrt vor dem alten Manne, Don Lotarios Blick war finster geworden. Herr Graf, sagte er hastig, als ich Ihnen schrieb, daß Therese jetzt mein sei durch das Recht der Liebe, sagte ich Ihnen nichts weiter, als was ich jetzt noch denke. Lassen Sie sich künftig von Betrügern betrügen, so viel wie Sie wollen. Ich werde mich nicht mehr darum kümmern. Therese ist mein. Sie wird bei mir bleiben – gewiß! Ihre Unterstützung weise ich in Theresens Namen zurück. Ich werde allein für meine Gattin sorgen. Und nun, da Sie mir Ihr Haus verboten, so darf ich es wohl wagen, Sie zu bitten, auch meine Wohnung zu verlassen. Ich will solche Worte gegen meine Braut nicht hören. Sie werden später einsehen, daß Sie getäuscht worden sind. Für jetzt haben wir kein Wort mehr miteinander zu reden. Lotario! – Lieber Vater! rief Therese verzweifelnd. Es ist gut, es ist gut! murmelte Arenberg vor sich hin. Wedell hatte recht, sie zu verlassen. Es liegt im Blut. Ich hätte es wissen können. Der Fluch lastet auf dieser Familie! Damit verließ er das Zimmer, den Kopf tief gesenkt, in seiner ganzen Haltung gebrochen. Eine Minute lang sah ihm Don Lotario finster und drohend nach. Dann trat er zu Therese, die leichenblaß und wie eine Marmorstatue dastand, und schlang den Arm um sie. Therese, meine liebe Therese! rief er glühend, nun bist du mein, ganz mein. Ich danke Gott dafür! Die ganze Welt hat dich und mich verlassen. Nun wollen wir allein den Weg durchs Leben wagen. Du verläßt mich nicht mehr, auf keinen Tag, auf keine Stunde! Ich gebe dich keinem andern mehr, sei er auch, wer er wolle. Tröste dich, liebes Mädchen! Der Graf ist betrogen worden, er wird sein Unrecht einst einsehen, und ehe das nicht geschehen, könnten wir doch nie mehr Freunde mit ihm sein. Hätte Therese nicht in den letzten Jahren Veranlassung genug gehabt, ihr Herz zu stärken und die Schläge des Schicksals zu ertragen, so würde diese ganz unerwartete Wendung ihres Schicksals sie aufs tiefste erschüttert und gebrochen haben. Aber wenn auch ihr Herz aufs tiefste verwundet war, so war doch auch ihr Stolz durch die letzten Worte des Grafen verletzt, und der Gedanke, daß nun ein anderer und geliebter Mann ihr zur Seite stehe, mußte ihr Trost und Ersatz verleihen. Sie fand diesen Trost noch mehr, als Don Lotario ihr seine ganze Lage schilderte, sie zu seiner Vertrauten machte und ihr seine Pläne für die Zukunft mitteilte. Sie sah, daß sie sich in keinem Punkte in ihm geirrt, daß er wirklich der Mann sei, für den sie ihn gehalten und dem sie unbedingt vertrauen könne. Don Lotario hatte die Absicht, Berlin zu verlassen, nach seiner Heimat zurückzukehren und seine Hacienda wieder aufzubauen oder eine neue Niederlassung zu gründen. Seine Studien waren freilich noch nicht beendet. Da aber sein Geist einmal geweckt, sein Interesse für die Wissenschaft und Kunst rege geworden, so hoffte er, sich selbst auch in der Einsamkeit Kaliforniens weiter ausbilden zu können, in jener Einsamkeit, die ihm dann durch die Nähe Thereses zu einem Paradiese werden sollte. An demselben Abend noch ging er zum Professor und teilte diesem alles mit. Wedell war aufs höchste überrascht, wollte aber eine Versöhnung versuchen. Don Lotario riet ihm davon ab und erklärte, daß er bei seinem Entschlusse beharre, nach Mexiko zurückzukehren. Dann ging er nach einem Gasthofe, denn es war ausgemacht, daß Therese diese Nacht allein in der Wohnung Don Lotarios zubringen sollte. Am andern Tage zog er die Gelder ein, die ihm noch zu Gebote standen, und ließ seine Koffer packen. Der Graf hatte die Garderobe Thereses, und was ihr sonst gehörte, gesendet, auch eine nicht unbedeutende Summe in Banknoten beigelegt. Don Lotario schickte die letztere zurück, sendete Abschiedskarten an alle seine Freunde, nahm von dem Professor persönlichen Abschied und saß am Abend desselben Tages mit Therese in dem Postwagen auf dem Wege nach Paris. Drei Tage darauf erhielt der Graf Arenberg einen langen Brief von dem Abbé in Paris. In diesem Briefe mußten seltsame Dinge gestanden haben, denn die Diener hatten den Grafen nie so verstört und aufgeregt gesehen. Er ließ sich Polizeibeamte holen und eilte mit diesen nach der Wohnung Ratours. Dort erfuhr er, daß man den Franzosen seit gestern abend nicht gesehen habe, und da seine Koffer fehlten, vermutete man, er sei heimlich abgereist. Diese Vermutung bestätigte sich, denn Ratour war nirgends zu finden. Auch Donna Eugenia hatte um dieselbe Zeit Berlin verlassen. Aber daß sich Ratour in ihrer Gesellschaft befunden, das wußte niemand. Glücklich an diesem Tage war nur ein Wesen – Valentine Morel. Der Graf hatte ihr – ebenfalls infolge jenes Briefes des Abbés – mitgeteilt, daß sie das Opfer einer schändlichen Intrige gewesen, und daß ihr Mann noch lebe. Sie wußte sich nicht zu fassen vor Freude und wollte augenblicklich allein nach Paris zurückkehren. Der Graf aber sagte ihr, daß er die Reise ebenfalls machen würde, und daß er bereits Kurierpferde bestellt habe. So trat sie denn am folgenden Tage mit dem Grafen zusammen ihre Reise nach Paris an. Architekt Wolfram Büchting Der Dampfer war bereit zur Abfahrt nach St. Louis. Wolfram nahm zwei Plätze zur Fahrt bis zu der ersten größeren Stadt. Amelie ging in die Damenkajüte hinunter. Wolfram blieb trotz der Bitten Amelies auf dem Deck. Dort stand er, und während die Schaufeln des mächtigen Dampfers die Wellen des Mississippi erschütterten und der Fluß wie ein schwarzer Strom der Unterwelt vorüberrauschte, ließ er Vergangenheit und Gegenwart durch sein bewegtes Herz ziehen. Er erinnerte sich seiner ersten Liebe zu Amelie, ihrer ersten süßen Freuden, ihrer Reise nach Amerika, ihrer Trennung bei den Mormonen, seiner Leiden und ihrer Flucht. Ader durch diese ganze Vergangenheit zog sich wie ein strahlendes Band die Liebe Amelies zu ihm, dem Ungetreuen, Stolzen und Eigensinnigen. Erst jetzt vermochte er diese Liebe in ihrer ganzen Treue, Hingebung und Innigkeit zu würdigen. Da stand er auf dem einsamen Deck, und in seiner Seele bildete sich der feste und unabänderliche Entschluß, von nun an kein anderes Ziel mehr zu verfolgen, als das Glück dieses Weibes, das ihm alles geopfert hatte und ohne das er untergegangen wäre im Wirbel des Lebens. Für sie wollte er arbeiten, nur für sie leben, sie auf seinen Händen tragen – und zum erstenmal, zum erstenmal seit langer, langer Zeit richtete sich sein Blick nach oben, und seine Lippen flüsterten ein Gebet zu dem über den Sternen, daß er seinen Entschluß hören und ihm die Kraft verleihen möge, ihn auszuführen. Dann begab er sich in die Herrenkajüte und schlief so fest und ruhig, daß er erst spät am anderen Tage erwachte. Amelie erwartete ihn bereits auf dem Hinterdeck. Sie las mit besorgten Blicken in seinem Gesicht. Aber die Blässe und eine gewisse Langsamkeit in den Bewegungen abgerechnet, schien Wolfram wirklich geheilt zu sein. Der junge Mann gab seine Absicht auf, in der ersten größeren Stadt ans Land zu steigen, und beschloß, bis St. Louis zu fahren. Dort angelangt, mietete er eine bescheidene, aber nicht ärmliche Wohnung und ließ eine Anzeige in die Zeitung setzen. Er sagte darin, daß ein Architekt aus Paris sich auf einer Studienreise in Amerika befinde und die Gelegenheit benutzen wolle, um Pläne für diejenigen zu entwerfen, die Häuser zu bauen beabsichtigten. Er fügte eine Taxe bei, sehr ausführlich, gab seine Wohnung an und bat die Herren Amerikaner, ihn mit Aufträgen zu beehren. Diese Anzeige, über die Wolfram und Amelie selbst lächelten, war durchaus amerikanisch, namentlich in der speziellen Aufführung der Taxe. Die Amerikaner lieben das Praktische, und es gefiel ihnen, daß dieser Architekt so viel Dollars für den Plan eines einstöckigen Gebäudes, so viel für den eines zweistöckigen usw. verlangte. Schon am ersten Tage erhielt Wolfram Aufträge, und da das Entwerfen von Plänen keine anstrengende Beschäftigung war, so konnte er fast die ganze Tageszeit dazu benutzen. Nach kurzer Zeit hatte Wolfram bereits einen Ruf, um so mehr, da seine Taxe verhältnismäßig sehr gering war. Er erhielt auch Aufträge, den Bau von Häusern zu übernehmen; aber darauf ließ er sich nicht ein, weil seine Zeit es ihm nicht erlaubte. Das Schicksal schien den beiden Liebenden jetzt wirklich ein gütiges Lächeln zu zeigen, nachdem es sie so lange drohend angeblickt. Wolfram konnte die Aufträge, die er erhielt, kaum befriedigen, und da die meisten von derselben Gattung waren, so konnte er beinahe nach der Schablone arbeiten. Nach vier Wochen hatte er schon zweitausend Dollars verdient und reiste nun weiter nach dem Osten. In jeder größeren Stadt verfuhr Wolfram nach demselben Grundsatze. Da in keinem Lande mehr gebaut wird als in Amerika, und da Wolfram jetzt bereits aus den Städten, in denen er gearbeitet, das günstigste Zeugnis mit sich brachte, so strömte ihm die Menge zu. Alle Welt wollte Pläne von dem geschickten Pariser Architekten haben. Wolfram nahm zuletzt nur die größeren Aufträge an, schon deshalb, weil es nicht seine Absicht war, in Amerika reich zu werden, sondern weil er nur fürs erste eine bestimmte Summe zurücklegen wollte. Von Cincinnati aus schickte er dem Bankier die tausend Dollars für Lord Hope, ohne aber anzugeben, wohin er weiterreisen würde. So ging es von Stadt zu Stadt. Es ist in Amerika noch mehr als anderswo der Fall, daß demjenigen, der einen Ruf in gewissen Dingen hat, alles zuströmt. Der Ruf Wolframs war schon bis New York und Boston gedrungen, und man machte ihm dort die vorteilhaftesten Anerbietungen, für immer zu bleiben. Wolfram nahm sie fürs erste nicht an, lehnte sie aber auch nicht unbedingt ab. Auch mit seiner Gesundheit ging es vortrefflich vorwärts. Seine Wangen hatten die frühere Röte wiedergewonnen, er konnte selbst angestrengte Bewegungen machen, ohne mehr den geringsten Schmerz zu empfinden. Und was Amelie anbetraf, so war sie nie so blühend und schön gewesen als jetzt. Das Glück der Liebe, die Wonne der Zufriedenheit strahlten aus jeder ihrer Mienen, aus ihrem Auge, aus ihrem Lächeln. Wenn sie zusammen ausgingen, so bewunderte alle Welt das schöne Paar. Man hielt sie für Mann und Frau, obgleich sie es nicht waren. Wolfram hatte einmal darüber mit Amelie gesprochen und ihr gesagt, daß ihre Verbindung stattfinden solle, sobald er sich entschlossen habe, an einem bestimmten Orte zu bleiben, was nun bald der Fall sein würde. Eines Abends, nachdem Wolfram viel gearbeitet, kam er zu Amelie. Der Plan ist fertig, sagte er lächelnd und sich zu ihr setzend. Es war ein großer Plan für ein öffentliches Gebäude. Es soll der letzte sein, den ich in Amerika gemacht habe. Der letzte? fragte Amelie nicht ohne eine freudige Überraschung. Der letzte in Amerika? Ja, meine teure Amelie! antwortete Wolfram, glaubst du, ich hatte den leisen Wunsch deines Herzens nicht schon lange erraten? Glaubst du, ich wüßte nicht, daß du dich nach Frankreich, deiner Heimat, zurücksehnst? Ach, Wolfram, du erfüllst einen heißen Wunsch meiner Seele, rief Amelie hocherfreut. Aber eines – eines ist doch bedenklich, verzeih mir, wenn ich es sage! Hier hast du einen Namen erworben, in Paris wirst du mit vielen Bewerbern zu kämpfen haben. Ich kenne dich. Es wird dich niederbeugen, dort von vorn anfangen zu müssen! Glaube das nicht, Amelie, sagte Wolfram lächelnd. Ich weiß nicht mehr, was Eitelkeit ist. Und etwas anderes ist es doch nicht, was du denkst. So ganz von vorn brauche ich auch nicht anzufangen. Ich kann es eine Zeitlang mit ansehen. Ich habe in Amerika etwas Geld gespart, mehr als ich dachte. Wieviel glaubst du wohl? Wie soll ich das wissen? Zweitausend Dollars? fragte Amelie lächelnd. Sieh her! sagte Wolfram mit freudestrahlenden Augen. Jedes dieser Papiere ist eine Banknote von tausend Dollars. Nun erschrick nicht, zähle nur. Es sind fünfzig. Unmöglich! Wolfram, ich bitte dich, wie ist das möglich gewesen! Fünfzigtausend Dollars! Das ist ja ein Schatz! Wenigstens ein kleiner! erwiderte Wolfram glückselig. Es sind ungefähr zweimalhundertundfünfzigtausend Franken. Von den Zinsen können zwei Leute auch in dem teuren Paris ganz gut und glücklich leben. Aber ich denke, es wird dabei nicht bleiben. Mein Hauptzweck soll es jetzt freilich sein, auch dem Edlen in meinem Berufe nachzustreben. In Amerika bin ich des Handwerksmäßigen überdrüssig geworden. Mein kleines Vermögen soll mir dazu dienen, mir allmählich einen Namen zu machen. Ich denke, Amelie, wir werden recht glücklich sein. Und in Paris wollen wir uns trauen lassen! Amelie war jetzt schon glücklich. Sie weinte, und Wolfram schloß sie innig in seine Arme. Es war die glücklichste Stunde seit ihrer ersten Bekanntschaft in Paris. Zwei Tage darauf befanden sie sich auf dem Dampfboot nach Havre. Die Fahrt dorthin und die Reise nach Paris wurden glücklich zurückgelegt. Nur acht Tage lang wohnten sie in Paris im Hotel. Währenddessen hatte Wolfram bereits ein Häuschen gekauft und eine eigene Wohnung einrichten lassen. Am neunten Tage wurden sie in Notre-Dame getraut – Wolfram gehörte ebenfalls der katholischen Religion an – und er führte seine Gattin in das freundliche Häuschen, das er gekauft und über dem in einfacher Schrift die Worte standen: »Wolfram Büchting, Architekt«. Die Verfolgung Der Dampf wirbelte in die Luft und zerstob im Augenblick vor dem scharfen Winde. Das Rauschen der Schaufeln mischte sich mit dem Getöse der Wellen, die sich vergebens zu bemühen schienen, das schöne Dampfboot von seiner schnurgeraden Bahn abzulenken. Der Graf saß auf dem Hinterdeck, am Fernrohr. Vor ihm auf einem Tische lagen Karten, in denen er studierte. Es waren Spezialkarten der Inseln des Mittelmeeres, der Inseln Korsika, Sardinien und Sizilien. In einiger Entfernung von ihm saß der Schmuggler mit dem rechten Arm in der Binde. Sein Gesicht war finster und mißmutig. Gewöhnlich sah er starr vor sich hin. Dann wieder aufblickend ließ er das Auge lange über die See schweifen. Zuweilen auch wagte er es, den Grafen anzublicken, und dann zeigte sein Gesicht den Ausdruck scheuer Bewunderung. Monte Christo studierte die Karten mit der äußersten Genauigkeit und schrieb zuweilen den Namen einer Stadt, einer Bucht, eines Berges auf ein Stück Papier, das vor ihm auf dem Tische lag. Dann legte er die Karte von Korsika fort, die er bis jetzt in der Hand gehalten, und tat ebenso mit der Karte von Sardinien und endlich mit der von Sizilien. Währenddessen stiebte der Dampfer mit voller Kraft dem nahen Korsika zu, dessen einzelne Bergspitzen und Küstenfelsen bereits vollkommen sichtbar waren. Tordero! rief er dann. Der Schmuggler sprang sogleich auf und näherte sich unterwürfig dem Grafen. Du würdest dein Fahrzeug überall erkennen, soweit du es erblicken kannst? fragte er. Gewiß, Illustrissimo! antwortete der Schmuggler. Hat es eine besondere Bauart, ein besonderes Kennzeichen, an dem es bemerkbar ist? Nein, Herr Graf. Wir Schmuggler hüten uns wohl, solche Fahrzeuge zu nehmen. Wären sie einmal bekannt, so müßten wir sie verlassen, denn die Zollwächter würden sie unter allen Umständen wiedererkennen. Mein Boot ist ein einfaches kleines Fahrzeug, kaum fest genug für die hohe See und ursprünglich zu Küstenfahrten bestimmt. So glaubst du also nicht, daß Benedetto sich weiter als bis Korsika gewagt hätte? Er muß sehr mutig oder sehr ängstlich gewesen sein, wenn er weiter gegangen ist, als höchstens bis nach Sardinien. Die Fahrt nach Sizilien wäre bei dem scharfen Winde gefährlich gewesen. Laurent! rief der Graf dann mit einer Stimme, die, ohne daß er sie zu erheben brauchte, klar und scharf über das ganze Deck drang. Laurent! Einer von den Bootsleuten, ein ungefähr dreißigjähriger Mann mit einem klugen Gesicht und leichter Haltung, eilte sogleich herbei. Laurent, sagte der Graf, nimm diesen Zettel und diese Börse. Wir werden dich dort an der Küste aussetzen. Du wirst dich erkundigen, ob irgendein Boot mit zwei Männern, einer Frau und einem Kinde gelandet ist. Ich habe die Orte aufgeschrieben, an denen die Landung möglicherweise erfolgt sein kann. Du wirst dich dort hauptsächlich erkundigen, aber auch an allen Punkten die Nachfrage nicht vergessen. Du hast zwei Tage Zeit. Die Frist ist kurz, aber nicht zu kurz. Du brauchst nur im Süden der Insel zu bleiben. Nach dem Norden kann sich Benedetto nicht geflüchtet haben. Er wäre dort nicht sicher. Nach zwei Tagen um dieselbe Zeit werde ich dich hier erwarten. Zu schlafen brauchst du nicht viel in den Nächten, du kannst dich nachher ausruhen. Gelingt es dir, eine Spur, auch nur eine Spur von den Räubern zu entdecken, so erhältst du hunderttausend Franken und kannst später über deinen Aufenthalt selbst bestimmen. Jetzt mache dich bereit. Laurent verneigte sich, nahm das Papier und die Börse und verschwand. Dann hörte das Geräusch der Räder auf, und man sah ein kleines Boot vom Dampfer abstoßen, glücklich die Brandung durchschneiden und Laurent am Ufer aussetzen. Dann kehrte es zurück, die Räder begannen wieder zu arbeiten, und der Dampfer steuerte südlich weiter. Bald war er der Nordostküste Sardiniens ebenso nahe, wie vorher der Küste Korsikas. Der Graf hatte zwei Papiere mit Namen beschrieben. Bertin! Philot! rief er, und zwei Männer, Laurent ähnlich in Kleidung und Aussehen, kamen eilig von verschiedenen Seiten nach dem Hinterdeck. Ich werde euch hier an der Küste von Sardinien aussetzen lassen, sagte der Graf. Du, Bertin, machst die Tour nach Süden. Die Hauptpunkte habe ich dir aufgeschrieben. Du, Philot, gehst um die Nordküste herum so weit nach Westen, als du kommen kannst. Ihr beide habt sechsunddreißig Stunden Zeit, um euch zu erkundigen, ob die Männer, eine Frau und ein Kind an irgendeinem Punkte der Küste gelandet sind. Hier ist Geld für euch beide. Wendet euch womöglich an die Schmuggler und Banditen, die alle Zufluchtsörter kennen. Nach sechsunddreißig Stunden werdet ihr auf derselben Stelle sein, wo ich euch aussetzen lasse, und mir Antwort geben. Derjenige von euch, der eine Spur von den Flüchtlingen entdeckt, erhält hunderttausend Franken und mag selbst bestimmen, ob er bei mir bleiben oder anderswohin gehen will. Wieder hemmte der Dampfer seinen Lauf, wieder durchschnitt das kleine Boot die Brandung, und die beiden Männer wurden ausgesetzt. Dann, als das Boot zurückgekehrt war, eilte der Dampfer mit verdoppelter Kraft weiter. Die ganze Küste der Insel wurde auf der ferneren Fahrt erforscht, allein nirgends war eine Spur von Torderos Boot zu entdecken. Zur festgesetzten Zeit wurden die drei an Land gesetzten Leute an der verabredeten Stelle wieder an Bord genommen. Sie hatten das Menschenmögliche aufgeboten, um ihrem Auftrage zu entsprechen, allein alles war vergeblich gewesen, worüber sie selbst ganz unglücklich waren. Der Graf erduldete unsägliche innere Qualen. Gott, mein Gott! stöhnte er. Herr im Himmel! Strafe mich nicht so sehr! Was habe ich denn verbrochen? Gib sie mir wieder, und mein Leben, mein ganzes Leben soll Reue und Demut sein! Herr, mein Gott, räche meine Schuld nicht an meinem Weibe und meinem Kinde! Diese Worte drängten sich mit entsetzlicher Qual über seine Lippen. Er taumelte und sank dann auf einen Stuhl. Dort blieb er, mit dem Gesicht aus dem Tisch, während der Dampfer langsam weiterfuhr, während die Wellen rauschten und der Wind lustig über das Verdeck hinstrich. Tordero! rief er endlich und erhob sein Haupt und sein Gesicht, das wieder ruhig geworden war. Sage dem Steuermann, daß er zu mir komme. Der Steuermann erschien. Der Graf fragte ihn, ob jemand auf dem Dampfer sei, der das Fahrwasser der Straße von Bonifacio und die Küsten genau kenne. Der Steuermann glaubte es verneinen zu müssen, wollte sich aber vorher erkundigen. Er kam endlich mit der Nachricht zurück, daß niemand dieses Fahrwasser kenne. So laß das große Boot aussetzen und mit sechs Leuten bemannen, sagte der Graf. Laß Ruder und Segel, Waffen und Proviant hineinbringen. Du erwartest mich mit dem Dampfer auf dieser Stelle. Bin ich in drei Tagen nicht zurück, so erkundigst du dich, was aus mir geworden, und für den Fall meines Todes schickst du diesen Brief nach Paris! Er legte vor den Augen des Steuermanns einen Brief auf den Tisch. Dieser, wie es schien, tief erschüttert und bestürzt, verließ das Hinterdeck. Das Boot war bald ausgesetzt und bemannt. Der Graf war in die Kajüte gegangen und lehrte von dort in einem veränderten Anzuge zurück. Niemand hätte ihn erkannt. Er sah vollkommen einem Korsikaner ähnlich. Selbst der Tordero stutzte, als er ihn anrief, und erkannte ihn nur an der Stimme. Nimm diese Sachen und kleide dich damit um! sagte der Graf. Benedetto darf dich nicht wiedererkennen. Mache schnell! Wir müssen noch vor Anbruch der Nacht eine Strecke weit in das Land hinein. Wenn du fertig bist, komm in das Boot. Der Graf stieg hinab in das kleine Fahrzeug und prüfte, ob alles imstande sei. Tordero erschien bald hernach. Auch sein Anzug war jetzt der eines Korsikaners. Den Arm trug er nicht mehr in der Binde, obgleich die Wunde noch nicht geheilt war. Er meinte, es würde schon so gehen, und Benedetto möchte ihn an der Binde erkennen. Das Boot ruderte nun nach der Küste. Der Graf gab den Befehl, nach Westen zu steuern und langsam zu rudern. Das letztere geschah, damit er jeden Punkt der Küste genau beobachten könne. Endlich kam man bei einem Fischerboot vorbei, in dem ein ganz alter Fischer saß, der ruhig seine Netze in das Meer warf und sie mit unermüdlichem Fleiße wieder aufzog, obgleich sie gewöhnlich leer waren. Höre, Alter, sagte der Graf zu dem Fischer. Du kennst wohl jedes Boot hier in der Nachbarschaft? Ich glaube wohl. Sie sind sich alle ähnlich, und doch würde ich jedes einzelne kennen. Dann hast du vielleicht vor einigen Tagen ein Boot bemerkt, daß dir fremd war und in dem zwei Männer und eine Frau saßen? Hm! Ja, mir ist so, erwiderte der Alle nachdenklich. Es kam von dort her – er zeigte nach Osten – und es war ein scharfer Wind. Ich konnte nicht fischen. Da kam ein solches Boot, es war gegen Abend, und es schien mir, als ob die Leute viel wagten, denn die See ging hoch. Wohin steuerten sie? Dorthin, nach Westen. Ich verlor sie bald aus dem Gesicht. Ich weiß nicht einmal, ob sie um die Ecke gekommen sind, denn das ist eine schlimme Stelle. Und wie lange ist das wohl her? Zwei, drei, vier Tage? Es können auch fünf sein, antwortete der Fischer nachsinnend. Und du hast nichts davon gehört, daß diese Männer mit einer Frau irgendwo gelandet sind? Nichts! erwiderte der Alte. Ich vermute, sie liegen auf dem Grunde des Meeres. Sie könnten sich gerettet haben, denn der eine war ein erfahrener Seemann, sagte der Graf. Auch mögen sie nicht offen gelandet sein. Der eine muß sich hüten vor den Zollwächtern und Gendarmen. Schade, ich möchte sie gern recht bald auffinden. Gibt es hier an der Küste keine verborgenen Landungspunkte? Es gibt genug, antwortete der Fischer. Aber die Fremden kennen sie nicht. Ich glaube, daß der eine, von dem ich spreche, hier nicht ganz fremd war. Dann ist es etwas anderes. Aber er muß genau bekannt sein, wenn er sich in den Camere zurechtfinden will. Das ist ein gefährliches Ding. Die Camere? Was ist das? fragte der Graf aufmerksam. Wißt Ihr das nicht? fragte der Alte. Das sind Grotten, Vertiefungen, die das Meer seit einer Ewigkeit in den Kalkfelsen ausgehöhlt hat, zu denen der Zugang aber schwer zu finden ist. Manche sind auch ganz unzugänglich von der Sse aus. Man kann nur von oben, von den Felsen aus hinein. Der Graf schwieg einen Augenblick lang. Diese Auskunft schien ihm zu denken zu geben. Und du kennst diese Grotten wahrscheinlich ganz genau? Die Zugänge – ja. Drin bin ich aber nicht oft gewesen. Nun, Alter, sagte der Graf, dein Fischfang ist ein mühsames Werk und lohnt auch wohl wenig. Hast du Lust, dir ein Goldstück zu verdienen? Herr, ich könnte es wohl brauchen. Gut, so begleite uns und zeige uns die Zugänge zu den Camere, sagte der Graf. Ich gebe dir für jeden Tag einen Louisdor. Das wird deine Mühe wohl aufwiegen. Mehr als das! Ihr seid ein Fremder, der die Insel besehen will? Das nicht. Aber es ist möglich, daß meine Bekannten sich in den Camere befinden, antwortete Monte Christo. Willst du uns also begleiten, so steige in unser Boot. Wie lange denkt Ihr mich zu brauchen? Heute und morgen, wohl nicht länger, antwortete Monte Christo. Nun, dann ist es gut. Er gab einem fernen Fischerboote ein Zeichen, und dieses kam sogleich heran. Der Alte gab seinem Kameraden einen Auftrag für seine Frau, übergab ihm auch sein Boot und sein Fischerzeug und stieg dann in das Boot des Grafen. Diese Camere sind also unzugänglich, wie du sagst? fragte dieser dann. Nicht alle. Sie sind sehr verschieden. Die eine ist sehr groß und oben offen. Die anderen sind bald kleiner, bald größer. In diesen kann man landen, in den anderen nicht. Und ist es noch weit bis dahin? fragte der Graf. Nein. Dort bei San Bonifacio beginnen sie und erstrecken sich die Küste entlang. Der Graf versank in ein tiefes Nachdenken und vergaß sogar, durch sein Fernrohr zu blicken. Vielleicht dachte er daran, daß er am Ziele seiner Reise sei, und vielleicht machte ihn gerade dieser Gedanke unruhig. Währenddessen ruderte das Boot in einiger Entfernung von den Felsen hin. Man konnte San Bonifacio und einige andere Ortschaften deutlich liegen sehen. Ah, Illustissimo! rief jetzt Tordero plötzlich. Da sehe ich etwas! Der Graf fuhr empor. Tordero hatte sein Fernrohr nach einer kleinen Insel gerichtet, die mitten in der Meerenge lag. Auch der Graf blickte sogleich durch das Glas dorthin. Nun, fragte er, was gibt's? Da liegt ein gestrandetes Boot. Ja, und es ist mein Boot! rief Tordero. Es muß mein Boot sein! Es bedurfte nur eines Winkes des Grafen, und das Steuer wendete sich nach der Richtung der Insel. Die Ruderer verdoppelten ihre Anstrengungen. Das Boot schoß durch die glatte See. Nach einer halben Stunde war es bei der Insel. Dort lag an dem allmählich ansteigenden Felsenstrande ein Boot. Es schien auf der See verunglückt zu sein. Die Masten waren zerbrochen, das Steuer zerschlagen, und was der Sturm verschont, schienen die andringenden Wellen vollends zerstört zu haben. Es war ein vollständiges Wrack. Tordero musterte das Boot mit der Genauigkeit und Ängstlichkeit einer Mutter, die ihr totes Kind findet. Endlich stieß er einen tiefen Seufzer aus. Es ist mein Boot! sagte er dann nochmals. Aber wie kommt das Boot hierher? fragte der Graf, dessen Gesicht nicht mehr blaß, sondern beinahe fahl war. haben es die Wellen hierher getrieben? Wahrscheinlich, sagte der alte Fischer. Das ist wohl das Boot, nach dem Ihr mich vorher fragtet? Ja, es muß also hier Schiffbruch gelitten haben. Und wo sind die Menschen? Entweder gerettet und auf der Insel ausgestiegen, sagte der Alte, oder vorher schon von der See verschlungen worden. Ich dachte es mir. Geh hinauf auf die Insel und sieh, ob jemand darauf ist! sagte der Graf zu einem Matrosen. Dieser eilte sogleich fort. Des Grafen Auge schweifte einige Sekunden lang über die klare See, als wolle er dort die Verschwundenen suchen. Sie können gerettet sein! sagte er dann. Irgendein Boot wird sie nach der Küste geführt haben. Das ist wohl möglich! sagte der Alte bedächtig. Aber das Boot kann auch bei dem Sturm in der Meerenge umgeschlagen sein, und die Mannschaft ist ertrunken. Dann läge das Boot ebenfalls auf dem Grunde des Meeres! meinte Tordero. Das ist nicht immer notwendig, sagte der Alte. Das Boot kann sich so tief auf die Seite gelegt haben, daß die Mannschaft herausgestürzt ist, und nachher kann es sich wieder aufgerichtet haben. Unterdessen war jener Matrose von der Spitze der Insel zurückgekehrt. Nichts, Herr, nichts zu sehen! meldete er. Kein menschliches Wesen ist auf der Insel. Nun, es gibt noch eine Möglichkeit, sagte der Graf, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Wir wollen in die Camere hinüber. Vorwärts! Das Boot flog wieder nach der Küste von Korsika. Hier beginnen die ersten kleinen Camere, sagte der Fischer. Dann erreichen wir die große Grotte und dann die eigentlichen Camere. Wollen wir hinein? In alle, ich muß sie alle sehen! sagte der Graf. Aber wie es mir scheint, dürften die Zugänge zu eng sein für unser Boot. Wir werden ein kleineres brauchen. Da könnt Ihr recht haben, ich habe nicht daran gedacht, sagte der Fischer. Aber das schadet nicht. An der Küste sind kleine Boote genug. Wir können eins nehmen. Diese ersten Camere schienen keine guten Schlupfwinkel zu sein. Das Meer hatte hier Vertiefungen in den Felsen gewaschen, die großen Bogengängen glichen. Sie waren weder hoch noch tief und hatten keinen andern Ein- und Ausgang als das Meer. Man konnte sie auch vom Meer aus Überblicken, denn die Eingänge waren weit wie Tore. Dennoch beobachtete und untersuchte der Graf jede einzelne dieser Vertiefungen mit seiner gewöhnlichen Genauigkeit. Zwei Stunden gingen darüber hin. Dann hatten die ersteren Camere ein Ende, und man umschiffte die Spitze eines Felsens, um zu den anderen zu gelangen. Dort ist der Eingang! sagte der Fischer und wies auf eine kleine Höhlung am Fuße eines Felsens, die zuweilen von den Wellen fast ganz bedeckt wurde – denn es hatte sich im Laufe des Vormittags ein leichter Wind erhoben. Nun brauchen wir ein kleines Boot. Es war bald herbeigeholt. An der Küste lagen mehrere, die Fischern gehörten, und da sich der Besitzer des einen Bootes zufällig am Strande befand, so trat er es für eine kleine Entschädigung gern den fremden Reisenden für einige Tage ab. Der Graf, Tordero und der alte Fischer setzten sich in dieses Boot. Der Fischer ruderte. Das große Boot blieb vor der Öffnung zurück. Das kleinere wurde mit geschickter Hand von dem Fischer hindurchgelenkt, und nach einigen Schlägen, die es von den Wellen erhalten, glitt es sanft in eine matt erleuchtete, halbdunkle Grotte. Des Grafen Auge überflog den inneren Raum im Augenblick. Die Grotte war nicht groß, aber das Spiel des Lichtes, das von außen durch die kleine Öffnung einfiel und das Wasser im Innern sowie die Felsenwände erleuchtete, auf ihnen glitzerte und sich in verschiedenen Farben brach, gewahrte einen eigentümlichen und fesselnden Anblick. Das Wasser in der Grotte selbst war ganz still und ruhig. Man konnte klar bis auf den Grund sehen. Übrigens bot diese Grotte in ihrem Innern keinen Raum zum Aussteigen. Die Felsen erhoben sich steil, und nirgends zeigte sich ein Gang, der etwa durch die Felsen nach oben geführt hätte. Der Graf untersuchte alles genau. Dann gab er dem alten Fischer die Weisung, das Boot wieder durch die Öffnung hinauszuführen. War dies die große Grotte, von der du gesprochen? fragte der Graf den Fischer. Nein, Herr. Diese ist eine von den kleineren. Die große Grotte ist noch eine Strecke weit vor uns. Auch kann man nur zur Zeit der Ebbe in sie hineinfahren. Wollt Ihr vorher einige von den kleinen Camere sehen, die zwischen hier und der großen Grotte liegen? Jawohl. Ich sagte dir, daß ich sie alle sehen muß, erwiderte der Graf. Nun begannen dieselben Untersuchungen. Die Camere, die sie jetzt besahen, ähnelten alle der zuletzt gesehenen Grotte. Alle untersuchte der Graf mit derselben Genauigkeit. Aber der Abend machte endlich seinen Nachforschungen ein Ende. Das Boot landete in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes. Drei Matrosen blieben darin. Die anderen gingen an das Ufer und legten sich dort schlafen. Tordero und der alte Fischer folgten ihrem Beispiel. Der Graf setzte sich auf einen Stein und blieb darauf bis zum Anbruch des Morgens. Ob er geschlafen, das konnte niemand wissen. Dieselben Untersuchungen wurden fortgesetzt bis acht Uhr morgens. Das ist das Kap Pertusato? fragte der Graf, indem er auf ein niedriges Vorgebirge deutete, auf dem sich ein Leuchtturm erhob – die südlichste Spitze Korsikas. Ja, Herr, antwortete der Fischer. Wir sind nun bald bei der großen Grotte. Monte Christo verlangte nach einer Flasche Wein, die man für ihn allein in die Vorratskammer des Bootes gelegt hatte. Er öffnete sie, trank aber nur ein kleines Glas davon und aß ein wenig Zwieback dazu. Währenddessen bog das Boot um das Kap Pertusato. Seht, Herr, da ist der Eingang in die große Grotte, von der ich sprach, rief der Fischer. Der Graf erblickte eine Art von Nische, ähnlich einem Portal und fast ganz regelmäßig. Die Wellen rauschten hinein, als strömten sie in das Innere der Felsen. Gibt es von oben ebenfalls einen Eingang in die Grotte? fragte Monte Christo. Es kann sein, antwortete der Fischer. Aber ich weiß es nicht. Und mit dem großen Boote kommen wir nicht in das Innere? Nein, Herr, antwortete der Fischer, flüchtig die Breite des Bootes messend. Wir müssen das kleine nehmen. Und es ist nicht leicht hindurchzukommen. Ihr könnt doch schwimmen? Gewiß. Aber wie ist es mit dir, Tordero? Kannst du schwimmen und willst du mich begleiten. Ich kann schwimmen und will mit Ihnen gehen. Aber nehmen Sie die Waffen vor dem Wasser in acht, Herr! Sie stiegen in das kleine Boot, das sich bald am Eingange der Grotte befand. Wie der Graf schon früher bemerkt, war dieser Eingang eine schmale, längliche Nische, in der die Wellen brausten und schäumend gegen die Felsen brandeten. Der Graf hielt seine Büchse und seine Pistolen so, daß sie vom Schaume nicht benetzt werden konnten. Tordero tat dasselbe. Glücklich gelangten sie in das Innere. Die Wände bestanden aus Tropfstein, der aber hier nicht die bizarren Formen angenommen hatte, in denen er sich sonst bildet, sondern in großen Blöcken ringsumher die Felsen schmückte. Diese erhoben sich nicht steil und senkrecht aus dem Wasser, sondern ließen zwischen diesem und sich einen Raum, auf dem man überall bequem landen und aussteigen konnte. Oben war die Kuppel der Grotte geöffnet und ließ das blaue Licht des Himmels einströmen. Zweige hingen nieder von den obern Felsenwänden, Vögel flatterten herein. Diese Grotte war in der Tat ein Wunderwerk der Natur. Eine Zeitlang schien der Graf die Schönheit dieses Aufenthaltes zu betrachten. Langsam schweifte sein Blick über die Felsenwände. Endlich nahm er auch das Fernrohr. Ein plötzliches Zucken erschütterte ihn. Was haben Sie, Herr Graf? fragte Tordero. Haben Sie etwas bemerkt? Nein, antwortete Monte Christo. Ich bin abgespannt. Meine Nerven zuckten. Darauf gab er dem Fischer den Befehl, zurückzurudern. Als sie das große Boot erreicht hatten, befahl Monte Christo, eine Strecke zurückzurudern und in einer Felsenbucht zu landen, die das Boot vollständig vor jedem Blicke von der See und selbst vom Lande aus verbarg. Wollt Ihr die anderen Camere nicht mehr sehen, Herr? fragte der alte Fischer. Nein, jetzt nicht, antwortete Monte Christo. Gebt mir einen leinenen Anzug. Diese Worte waren an die Matrosen gerichtet. Sie besaßen außer ihrem Anzug von Tuch noch einen leinenen, dessen sie sich bedienten, wenn die Hitze zu groß war. Der Graf wählte einen davon, der für seine Figur passend war, begab sich an das Land und kehrte dann, in diesen einfachen leinenen Anzug gekleidet, zurück. Ihr werdet hier auf mich warten, bis ich zurückkehre, sagte er zu den Matrosen. Nur wenn ihr ein Zeichen mit dieser Pfeife hört – er zeigte die Pfeife, die er auf dem Dampfboote zu seinem Signale gebrauchte – so werdet ihr dorthin eilen, von woher ihr das Pfeifen hört. Pfeife ich einmal, so eilt ihr die Küste entlang in jener Richtung; pfeife ich zweimal, so rudert ihr nach dem Eingang der Grotte, in der wir zuletzt gewesen sind. Herr, Sie sind ihm auf der Spur! Darf ich Sie begleiten? flüsterte Tordero. Später! Jetzt ist es noch nicht so weit. Ich will nur auf Kundschaft gehen! antwortete der Graf. Er ging sehr vorsichtig und hielt sich mit vieler Mühe dicht am Ufer des Meeres. Nie erhob er sich so weit, um vom Lande aus bemerkt werden zu können, und manchmal legte er ganze Strecken kriechend zurück. So gelangte er in die Gegend der oberen Öffnung jener Grotte, die er zuletzt gesehen. Er befand sich jetzt über ihr, auf den Felsen, die die Decke der Kuppel bildeten, hier waren seine Bewegungen noch vorsichtiger, seine Schritte noch unhörbarer, bis er endlich die Öffnung erreichte, durch die das Licht hinab auf die Grotte fiel. Er sah nichts als eine weite Rundung mit steil abfallenden Wänden, an denen hier und da Gesträuch hing, oder Moos und Gräser wucherten. Es war durchaus unmöglich, von hier aus in die Grotte zu gelangen, man hätte sich denn mit einem Seil hinablassen müssen. Endlich, nachdem er sich von der Vergeblichkeit seiner Bemühungen überzeugt, gab er seine Untersuchungen auf dieser Seite auf, stieg vorsichtig wieder die Felsen hinab, bis zum Rande des Meeres, und kletterte auf den Felsen dort so weit entlang, als es ihm das Ufer gestattete. Dann sprang er in das Meer und schwamm nach dem Eingang der Grotte. Als er diesen erreichte, bedeckte ihn eine Flut von Schaum und Wasser. Er mußte sich an einer Felsenspitze halten. Dann wartete er die nächste Welle ab, die von der See aus kam, und ließ sich hinein in die Grotte schleudern. Aber er schwamm nicht lange durch das Wasser derselben, er stieg sogleich an das schmale Ufer, das sich zwischen dem stillen See und den Tropfsteinfelsen hinzog. Still, lautlos, unheimlich, wie ein Geist der Grotte, selbst unsichtbar in seiner Kleidung, die der Farbe des Tropfsteins ähnelte, begann er, an den Felsen emporzuklimmen. Sie waren an einzelnen Stellen nicht nur senkrecht, sondern hingen sogar über. Zuweilen mußte der Graf umkehren und wieder eine Strecke hinabklettern. Dazu kam noch, daß das Gestein schlüpfrig war von dem durchsickernden Wasser und von der Ausdünstung der See. Es schien unmöglich, daß ein Mensch ohne weitere Beihilfe auch nur zehn Fuß hoch emporklimmen könne, und dennoch gelangte der Graf allmählich immer höher hinauf, zuletzt sogar bis zu dem Punkte, den er zu erreichen sich vorgenommen zu haben schien. Es war ein Felsblock, der ein wenig vorstand und eine Art von Ruhesitz bot. Auf diesem kauerte sich der Graf nieder, sich dicht an die Felsen drängend. Dort saß er zehn Minuten lang, teils um sich zu erholen, teils um zu lauschen. Endlich versuchte er, noch weiter emporzuklettern. Aber er gelangte nicht weit. Die Felsen bildeten hier abermals einen hervorspringenden Winkel, der es zur Unmöglichkeit machte, über ihn hinaus zu gelangen. Dennoch schien sich der Graf nicht bei dieser Unmöglichkeit zu beruhigen. Er versuchte so lange, bis er wenigstens an einer anderen Stelle etwas höher hinaufgelangte. Er konnte mit den Händen einen kleinen Tropfsteinblock erreichen, der horizontal aus dem Felsen vorstand. An diesem zog er sich empor, und nun ruhten seine Blicke auf einer Szene, die selbst ihn für einen Augenblick lang zittern ließ. Er sah hinein in eine dunkle Vertiefung, die ungefähr sechs Fuß hoch und nicht ganz so breit war. Am Eingang derselben lag eine kurze, dicke Gestalt schlafend. Es war Danglars. Weiter hinein saß der Aussätzige und hielt ein kleines Wesen in seinen Armen. Es war das Kind des Grafen. Vor ihm, mit den Knien auf der Erde kauernd, saß Haydee, den Blick starr und unverwandt auf das Gesicht Benedettos gerichtet. Ebenso starr und unverwandt ruhte jetzt das Auge des Grafen auf dieser Gruppe. Das Kind schien in den Armen Benedettos zu schlafen. Der Aussätzige hatte sich nicht geändert. Sein Gesicht war womöglich noch gräßlicher geworden, und auf den zarten, weißen Gliedern seines Kindes bemerkte der Graf die Spuren eines beginnenden Ausschlages. Haydee, die schöne Haydee, glich einem Skelett. Ihre Wangen waren eingefallen, ihre Augen hohl. Fesseln trug sie nicht. Aber daß sie bewacht wurde, dafür bürgte Benedettos Blick, der ebenso unverwandt auf Haydee ruhte, wie das Auge der jungen Frau auf dem Aussätzigen. Lange, lange betrachtete der Graf diese Gruppe, die stumm und unbeweglich vor seinen Augen lag. Er hatte keinen anderen Stützpunkt, als seine Hände, die den Felsblock umklammert hielten, der zu klein war, um ihm einen anderen Haltepunkt zu gewähren. Weiter hinauf konnte er auch nicht. Die Felsen bildeten hier eine Fläche, so glatt, als wären sie geschliffen. So sah er nun sein Weib und sein Kind, ohne ihnen helfen zu können. Daß es einen Ausgang durch diese Vertiefung nach der Außenseite des Felsens geben müsse, daran zweifelte der Graf nicht. Aber er mußte sehr klug verborgen sein, denn sonst hätte er ihn gefunden. Daß er ihn bei der zweiten Untersuchung finden würde, daran zweifelte der Graf nicht – wenn man ihm nur Zeit dazu ließ. Jetzt wurden die Atemzüge Danglars noch stärker und er wachte auf. Seine schwerfällige Masse wälzte und dehnte sich eine Zeitlang auf dem Felsen. Dann wandte er sich zu Benedetto. Hast du genug geschlafen, du Ratte? fragte ihn dieser. Nimm dich in acht und wälze dich nicht so, sonst rollst du die Felsen hinunter und fällst in das Wasser. Ja, es ist eine angenehme Lage! Selbst im Schlafe muß man vorsichtig sein! murrte der Bankier! Soll das ewig so andauern? Was nutzen uns die Diamanten und Juwelen, die wir haben, wenn wir sie nicht verwerten können! Laß nur, die Zeit wird kommen, wo wir uns aus diesem Versteck hervorwagen dürfen! sagte Benedetto. Der Graf wird jetzt hier überall herumschwärmen, um uns zu suchen. Wenn er uns nicht findet, so wird er weiter gehen, und wir werden dann nach Spanien oder sonst wohin übersiedeln können. Es ist doch gut, wenn man Gedächtnis hat. Ich bin ein einziges Mal als junger Bursche hier gewesen, als uns die Gendarmen auf der Ferse waren. Freilich fand ich den Eingang nur durch einen Zufall wieder. Ich habe doch eine verteufelte Angst, daß der Graf uns findet! sagte Danglars. Nun, einmal wird er uns schon finden, aber spät genug! Oh, er muß eine wahre Höllenangst ausstehen! Vorhin, als das Boot hier unten war, glaubte ich wirklich den Tordero zu erkennen! Es überlief mich eiskalt. Denke dir, wenn Monte Christo uns hier fände! Nun, und wenn er uns selbst fände, so muß er uns höchstens ein Lösegeld geben! sagte Benedetto lachend. Aber bis dahin ist es noch Zeit. Erst soll er monate-, jahrelang Todesqualen empfinden. So lange werden die Juwelen ausreichen. Und dann das Lösegeld! Selbst wenn er in die Straße von San Bonifacio gekommen ist, so muß er das Boot gefunden haben und glauben, daß wir verunglückt sind. Das war ein kluger Streich von mir! Ja, aber er wird deshalb nicht aufhören, uns zu suchen! sagte Danglars. Das soll er auch nicht. Noch acht Tage will ich es hier aushalten. – Verflucht, daß ich das Fläschchen mit der zweiten Medizin verloren habe! Ich muß am Ende mein Lebtag diesen Aussatz behalten. Nun, wenn wir erst auf dem Festlande sind, so wird sich wohl ein gescheiter Arzt finden, der mich davon kuriert. Das ärgerlichste ist, daß meine Augen davon angegriffen sind. Ich konnte die Leute im Boot vorhin wirklich nicht unterscheiden. Da du aber sagst, daß sie gekleidet waren wie Korsen, so werden es Fischer gewesen sein oder Banditen. Ihren Mann hätte unsere Gefangene gewiß erkannt und gerufen. Ja, aber sie hat nicht hinuntergesehen! sagte Danglars. Ich lag vor ihr. Sei dem, wie ihm wolle, er hat uns nicht entdeckt! sagte Benedetto. Das Kind ist übrigens auch schon von dem Ausschlage angesteckt, meinte Danglars. Das wird wohl wieder heilen! erwiderte Benedetto. Ha, wenn er sein Püppchen sehen könnte, wenn ich es in meinen Armen halte, in diesen Armen, vor denen mich selber ekelt. Und gewiß glaubt er doch auch, daß ich mir zuweilen die Freiheit nehme, seine Frau zu umarmen. Haha! Wie ihm bei dem Gedanken zumute sein muß! Wahnsinn genug, daß du dir von ihr das Messer nehmen ließest! Nun hält sie uns in Schach! murrte Danglars. Du hättest besser acht geben sollen. Oder du! sagte Benedetto. Es war allerdings eine Nachlässigkeit. Aber sie wird bald nicht mehr die Kraft haben, den Arm zu heben. Dann werden wir ihr das Messer wieder nehmen, und ich will dir das Vorrecht lassen, Danglars, dieses Täubchen zu kirren! Die blasse Wange des Grafen flammte glühend auf bei diesen Worten. Seine arme, keusche Frau! Und sie konnte ihr Ohr nicht verschließen vor den Worten dieser Menschen! Und doch – noch hatte sie widerstehen können! Es mußte ihr, wie Benedetto andeutete, gelungen sein, ihre Arme zu befreien und dem Räuber sein Messer zu entreißen. Noch war das Entsetzlichste nicht geschehen! Ein Tropfen Wasser höhlt endlich einen Stein aus! sagte Danglars. Mit der Zeit wird sie schon sanfter werden. Nicht wahr, mein Püppchen? Er streckte den Arm gegen Haydee aus. Aber diese antwortete nur durch eine schnelle Bewegung mit der rechten Hand. Die Schärfe eines Messers blitzte vor den Augen des Bankiers, und er wich bestürzt zurück. Der Teufel hole dieses Weib! murrte er. Sie wäre imstande, mich zu erdolchen. Mit großer Ruhe! sagte Haydee mit entschlossener, aber hohler Stimme. Ihr seid elende Räuber. Gottes Strafe wird euch treffen, und mein Gatte wird euch finden! Oho! Nicht so eilig! sagte Benedetto lachend. Mit der Zeit wirst du wohl einsehen, daß es nicht so leicht ist, zwei Vögel zu fangen, wie mich und Danglars, und du wirst dich aufs Bitten legen, anstatt zu drohen. Wart' es nur ab! Aber was willst du eigentlich? Weshalb hast du mich und das Kind meinem Gatten geraubt? rief Haydee mit einer Stimme, deren Töne dem Grafen das Herz zerrissen. Wenn Bitten dich rühren können, so bitte ich dich, so beschwöre ich dich! Fordere, was du willst, der Graf wird es dir geben. Fordere Millionen, fordere alles! Das werde ich und das will ich auch! Aber jetzt noch nicht! antwortete Benedetto lachend. Du hörst ja – erst will ich ihm noch einige Qualen bereiten, die einzigen, die ich ihm bereiten kann. Daß er uns endlich finden wird, daran zweifle ich nicht. Dann wird er dich zertreten mit einem einzigen Tritte, du Elender! rief Haydee. Oh, oh, das ist leicht gesagt! Dieses Kind lasse ich nicht von mir, nicht aus meinen Armen, und wenn du auch hinter mir herschleichst und auf einen günstigen Augenblick lauerst, solange du willst. Dieses Kind ist meine Macht und meine Stärke, das weiß ich recht gut. Deshalb halte ich es fest wie mein Leben! Und was aus dem Kinde werden wird, das weiß ich noch nicht. Aber, Danglars, ich dächte, du machtest dich nun bald auf den Weg, um uns etwas zu essen zu holen. Denn von der Rache lebt man nicht! Ich soll mich wieder hinauswagen in dieses vermaledeite Land! rief Danglars ärgerlich. Wenn er mich nun trifft? Was dann? Was soll ich ihm sagen? Nichts! Er weiß vielleicht gar nicht, daß du bei mir gewesen bist, denn Tordero ist ganz wahrscheinlich tot. Jedenfalls mußt du uns etwas holen. Ich weiß recht gut, daß du nicht wiederkommen würdest, wenn du nicht müßtest. Deshalb behalte ich auch die Juwelen bei mir. Mach dich an die Arbeit, du Faulenzer! Hunger tut weh! Es ist mir längst leid, daß ich mich von dir habe bereden lassen! murrte der Bankier. Ich hatte damals Lust, mich von den Schmugglern zu trennen und zu meiner Tochter zu gehen. Da kamst du mir in den Weg, und nun bin ich gezwungen, mich mit dir in diesen Felsennestern zu verbergen. Das ist das Schlimmste, was mir passieren konnte. Brumme nur, du alter Maulwurf! lachte Benedetto. Du kannst doch nicht fort. Und ich brauche dich notwendig. Ich kann nicht immer ausgehen, wenn ich dieses Kind tragen soll, und wenn dieses Weib hinter mir ist. Das würde auffallen. Haha! Wer hätte geglaubt, daß ich noch einmal eine Kinderfrau werden würde – und Kinderfrau bei dem Kinde Monte Christos. Es ist lustig, Danglars! Sehr lustig! Der Bankier aber stimmte nicht in das Gelächter ein. Dich verdrießt es wieder, daß du ein paar Schritte gehen sollst! rief Benedetto. Nun, ich werde dir eine Aussicht geben, die dich trösten wird. Hier hast du Geld. Dafür hole uns Fleisch und Brot. Und hier ist noch mehr Geld für Wein und Früchte. Auch Käse kannst du mitbringen. Monte Christo überlegte, was er nun tun solle. Konnte er vielleicht die Abwesenheit Danglars benutzen, um Benedetto zu überfallen? Jedenfalls mußte er vorher den Eingang in die Grotte kennen, denn an dem Felsen konnte er nicht weiter hinauf. Aber er bedurfte wenigstens zehn Minuten, bevor er hinabklettern, die Grotte verlassen und nach der Außenseite des Felsens gelangen konnte. Währenddessen würde Danglars längst außerhalb der Grotte sein. Dann aber mußte er ihn zurückkehren sehen. Oder vielleicht fand er schon während seiner Abwesenheit den Eingang. Vielleicht konnte er mit dem Bankier sprechen, ihn für seinen Plan gewinnen, durch ihn Benedetto in eine Falle locken! Ein plötzlicher Zwischenfall machte diesen Gedanken ein Ende. Der kleine Felsblock, auf welchen der Graf seine Hände stützte und an dem er sich bis jetzt mit fast übermenschlicher Kraft festgehalten, war, wie alle Tropfsteinbildungen, nicht gar zu fest und gab bei der ersten Bewegung, die der Graf jetzt machte, nach. Monte Christo stürzte die ganze Höhe des Felsens hinab, zum Glück nicht auf das harte Gestein unten, sondern in das Wasser. Es war tief genug, um die Gewalt des Falles zu brechen. Betäubt blieb er einen Augenblick lang unter dem Wasser, dann kam er an die Oberfläche. Hier erst erlangte er seine Besinnung wieder, und im nächsten Augenblicke war er vollständig Herr über seine geistigen Kräfte. Absichtlich tauchte er unter und schwamm nach dem Ausgange der Grotte. Hier hielt er einen Augenblick inne und tauchte auf. Er sah zurück nach dem Orte, an dem sich Danglars und Benedetto befunden hatten. Ich sage dir, es ist der Graf, kein anderer! hörte er Danglars rufen. Wir sind verloren! Laß uns fliehen! Ich habe sein Gesicht und sein schwarzes Haar gesehen! Es schien dem Grafen, als sehe er Benedetto sich erheben. Nun war kein Augenblick mehr zu verlieren. Diese Flucht war vielleicht die beste Gelegenheit, den Räuber zu erreichen, sich seiner zu bemächtigen. Ohne weiter an die Gefahr zu denken, die ihm von den brandenden Wellen drohte, arbeitete er sich hindurch durch den Schwall der Wogen und kletterte dann auf das erste Felsstück, das er erreichen konnte. Hier zog er seine Pfeife aus der Tasche, reinigte sie hastig vom Wasser und ließ dann einen einzelnen, gellenden Pfiff ertönen. Dies war das vorher verabredete Zeichen, daß die Matrosen und Tordero die Küste hinaufeilen sollten. Er selbst kletterte hastig über die zackigen Felsen und ließ nach einer Minute abermals den Pfiff ertönen. Dann kletterte er den Felsen hinauf, den die Außenseite der Grotte bildete. Er hatte sich nicht geirrt. Als er oben anlangte, sah er Benedetto und Danglars, gefolgt von Haydee, in einiger Entfernung vor sich hastig nach dem Innern der Insel fliehen. Der Zwischenraum zwischen ihm und den Flüchtlingen war schon bedeutend. Aber die Matrosen waren ebenfalls schon hinter ihnen her und waren weiter voran, als der Graf. Tordero war der vorderste. Eine Gemse konnte nicht schneller über die Felsen fliehen als jetzt der Graf. Bald hatte er die Matrosen erreicht, bald selbst auch Tordero überholt. Andererseits aber schien die Angst auch den Räubern übermenschliche Kräfte zu verleihen. Benedetto floh ebenso schnell wie der Graf, und selbst Danglars hatte seine gewöhnliche Trägheit vergessen. Haydee schien es am schwersten zu werden, den beiden zu folgen. Die Liebe und Angst der Mutter kämpften mit der Ermattung des Weibes, und bald mußte die letztere siegen. Benedetto war den beiden um einige hundert Schritt voraus. Er trug das Kind hoch erhoben in seinen Armen, weil es ihn in dieser Stellung am wenigsten in der freien Bewegung hinderte. Es schien, als wolle er es jeden Augenblick in den Abgrund schleudern oder an den Felsen zerschmettern. Unterdessen hatte der Graf einen anderen Weg eingeschlagen. Er überlegte, daß er Benedetto eher erreichen würde, wenn er ihm den Weg abschnitte und sich ihm in einem Bogen näherte. Er entfernte sich also scheinbar von ihm und setzte seinen Weg auf eigene Hand fort, um ihm dann von der Seite oder gar von vorn entgegenzukommen. Zwischen beiden war eine Entfernung von ungefähr achthundert Schritten. Unterdessen, als der Graf einmal zurückblickte, bemerkte er, daß Danglars und Haydee bereits von den Matrosen erreicht waren, und daß seine Frau, wahrscheinlich ohnmächtig und ermattet, auf dem Felsen lag. Er bemerkte auch, daß die Matrosen ihm Zeichen machten, aber er verstand sie nicht. Tordero war nur einige hundert Schritte hinter Benedetto, aber seine Kräfte schienen allmählich nachzulassen. Der Zwischenraum zwischen beiden vergrößerte sich. Der Graf eilte immer noch in seiner Richtung vorwärts. Jetzt sah sich Benedetto, als er auf einem Hügel angelangt war, um. Er stand sogar einen Augenblick still. Dann ging er noch einige Schritte, sah sich wieder nach allen Seiten um und stand dann abermals still. Darauf kam er dem Grafen entgegen. Der Graf flog auf ihn zu. Er erriet Benedettos Absicht nicht. Er konnte nicht begreifen, weshalb dieser ihm entgegenkam. Er vermutete eine Hinterlist. Aber plötzlich stand er vor einem unüberwindlichen Hindernis. Vor ihm gähnte ein Abgrund, vielleicht zweihundert Fuß tief, mit steilen Wänden. Der Graf hatte ihn aus der Ferne nicht bemerken können, aber Benedetto mußte ihn von seinem höheren Standpunkt aus gesehen haben. Der Graf stand still. Jetzt erriet er im Augenblick die Absicht seines Feindes. Lang und schmal, keine zwölf Fuß breit, zog sich die Schlucht links einige tausend Fuß weit und zur Rechten unabsehbar hin. Wahrscheinlich hatten ihn die Matrosen darauf aufmerksam machen wollen, daß sich diese Schlucht zwischen ihm und Benedetto befinde, der ihren Anfang gerade zu derselben Zeit umgangen hatte, als der Graf auf den Gedanken gekommen war, eine andere Richtung einzuschlagen. In der Tat setzte sich Benedetto ruhig mit dem Kind am Rande des Abgrundes nieder. Zwölf Schritte nur war er von dem Grafen entfernt. Die beiden konnten sich so nahe in die Augen blicken, als ob sie in einem Zimmer einander gegenüberständen. Und doch lag diese entsetzliche Kluft zwischen ihnen! Tordero war unterdessen dem Räuber nahe gekommen. Benedetto bemerkte ihn. Sagen Sie dem Menschen, daß er zurückbleibt! rief er zu dem Grafen hinüber. Wenn er noch einen Schritt vorwärts tut, so schleudere ich das Kind in den Abgrund! Bleib zurück, Tordero! rief der Graf dem Schmuggler zu. Dann setzte er selbst sich ebenfalls am Rande des Abgrundes nieder und beide starrten sich an. Beide mochten überlegen. Eine Viertelstunde lang saßen sie sich einander gegenüber. Die Matrosen standen in der Nähe, zum Teil auf der einen, zum Teil auf der anderen Seite der Kluft. Ein Wink des Grafen hatte sie bedeutet, zurückzubleiben. Das Kind erkannte seinen Vater. Es streckte die Arme nach ihm aus und schrie kläglich. Haydee wurde von einem Matrosen zu dem Grafen geführt. Sie sagte nichts, als sie bei ihm anlangte. Sie sah ihn nur mit einem stummen Blicke an, und er erwiderte diesen Blick ebenso stumm. Dann reichte er ihr die Hand und sie setzte sich neben ihn. Benedetto tat, als kümmere er sich gar nicht um die beiden. Er sprach in rohen Worten bald mürrisch, bald höhnisch zu dem Kinde. Gib ihm alles, alles, was er von dir verlangt, Edmund, flüsterte endlich Haydee. Ich will es, ich will es, mein liebes Weib! antwortete Monte Christo leise. Was willst du nun eigentlich, du elender Mensch? rief er hinüber. Was ich will? antwortete Benedetto heiser lachend. Das ist bald gesagt: du machst mich zu deinem Adoptivsohn, ich führe den Namen Monte Christo und du gibst mir eine jährliche Rente von einer Million Franken. Willst du? Was würde es dir helfen, wenn ich es auch täte? fragte Monte Christo. Die Welt würde aufmerksam werden, sie würde bald erfahren, daß du der Mörder Benedetto bist, man würde dir den Prozeß machen und dich hinrichten. Meinst du? Nun, da ließen sich wohl noch Mittel finden, das zu verhindern! antwortete Benedetto, und als ob er in Gedanken versunken sei, drückte er an der Kehle des unschuldigen Kindes, so daß es zu schreien und sein kleines Gesicht sich dunkelrot zu färben begann. Versprich ihm alles! bat Haydee zitternd. Rette nur das Kind. Nun gut, ich verspreche dir, was du verlangst! sagte Monte Christo. Aber gib mir die Mittel an, die dich den Händen der Gerechtigkeit entziehen können. Ich muß sie dir selbst überlassen, antwortete Benedetto. Für die ersten fünf Jahre behalte ich dieses Kind bei mir als Unterpfand, daß du dein Versprechen hältst, und daß mir kein Haar auf dem Haupte gekrümmt wird. Unmöglich! rief Monte Christo. Mein Kind fünf Jahre in deinen Händen lassen, auf daß es für immer an Leib und Seele verderbt werde? Lieber mag es sterben! Nein, Benedetto, du bist ein eitler Tor. Ich will dir eine Summe geben, so groß, wie du sie verlangst. Geh damit nach Amerika oder Australien, verändere deinen Namen, bemühe dich, ein guter Mensch zu werden. Dann werde ich es versuchen, es vor Gott zu verantworten, daß ich einem Mörder um meines Kindes willen das Leben gerettet! Vor Gott verantworten? Du? rief Benedetto mit aufwallendem Zorn. Narr, wer gibt dir ein Recht dazu, dich auf Gottes Wege zu stellen und dich in die Fügungen der Vorsehung einzumischen? Ich weiß jetzt, weshalb du mich damals nach Paris kommen ließest! Du wolltest dich an Villefort und an Danglars rächen! Wer gab dir ein Recht zu solcher Rache? Ich weiß es wohl, du Narr, du wähntest ein Gott zu sein, allweise und unbesieglich! Aber sieh her, diese aussätzige Hand hat dich niedergeschmettert, hat dir gezeigt, daß du nur ein elender Wurm bist! Nicht du warst ein Werkzeug Gottes – ich bin es! Und er brach in ein wildes Lachen aus und schüttelte das arme Kind in seinen Händen. Es konnte nicht mehr schreien. Es schluchzte nur noch dumpf und schwer. Monte Christo starrte den Aussätzigen an. Sein Blick war eigentümlich. Gab er dem Räuber recht? Oder hielt er die Worte desselben für das, was sie sein sollten, für Hohn und freche Anmaßung? Er stand langsam auf und ging langsam auf dem Felsen auf und ab. Benedetto verwandte keinen Blick von ihm. Höre, sagte er, wieder an den Rand des Abgrundes tretend, du magst in einzelnen Dingen recht haben, aber in einem hast du unrecht. Du hättest dich an mir, nicht an meinem Kinde rächen sollen. Mein Kind ist unschuldig. War nicht die Gattin Villeforts und ihr Sohn Eduard auch unschuldig? höhnte Benedetto. Und hast du sie nicht eingeweiht in die Kunst, Gift zu mischen, und sie alle dadurch zugrunde gerichtet, alle, die Mutter und das unschuldige Kind? Ich habe Valentine dafür dem Tode entrissen, ich habe es mein Leben lang bereut, ich werde es stets bereuen! sagte Monte Christo mit eigentümlicher Stimme, die halb fest, halb reuig klang, und mit einem Blicke, der bald in das Weite schweifte, bald mit einem seltsamen Ausdrucke auf Benedetto ruhte. Dabei entfernte er sich wieder ungefähr zwanzig Schritte von dem Abgrund. Dort stand er still. Bereuen! Das mag jeder sagen! rief Benedetto. Lebst du nicht herrlich und in Freuden? Gibst du nicht jährlich Millionen aus? Hast du nicht das schönste Weib? Und das nennst du bereuen, du scheinheiliger Sünder und Heuchler? Der Graf stieß einen Ruf aus – einen Ruf, der beinahe wie ein Ruf der Verzweiflung, des Wahnsinns klang. Dann rannte er, wie von einer Maschine geschleudert, auf den Abgrund zu, und einen Punkt wählend, an dem das gegenüberliegende Ufer der Kluft niedriger war, sprang er mit einem ungeheuren Schwunge über den Abgrund. Das war in weniger als einer Viertelminute geschehen, und Benedetto hatte nur eben so viel Zeit gehabt, aufzuspringen, als der Graf drei Schritte vor ihm stand. Gib mir mein Kind! rief er mit gellender Stimme. Mein Kind! Im nächsten Augenblick rangen die beiden miteinander. Die Matrosen und Tordero eilten herbei. Benedetto verteidigte sich mit einer Kraft, die man niemals in ihm vermutet hatte, gegen den riesenstarken Grafen. Er hielt dabei das Kind mit dem einen Arm so fest gegen seine Brust gedrückt, daß es vielleicht schon erstickt war, und drängte sich und den Grafen dem Abgrund zu. Gerade, als die Matrosen und Tordero so nahe waren, daß sie Benedetto angreifen konnten, als Tordero sein Messer zum Stoße ausholte, um es Benedetto in die Seite zu stoßen, machte dieser eine verzweifelte, gewaltige Anstrengung, die ihn der Umschlingung des Grafen auf einen Moment entzog, und stürzte sich mit dem Kinde in den Abgrund. – Haydee war die erste, die den nächsten Weg in den Abgrund gefunden, und die zuerst an der Stelle anlangte, wo der Körper Benedettos den Fuß des Abgrundes erreicht hatte. Der Räuber hatte die Augen weit geöffnet, aber im Todeskampfe. Das Kind ruhte noch in seinen Armen. Es war stumm und tot. Haydee sank ohnmächtig nieder. Bald darauf trugen die Matrosen eine Bahre nach der Küste, auf der Haydee mit ihrem toten Kinde ruhte. Finster und schweigend schritt der Graf daneben. Am Ufer trug man Haydee und die kleine Leiche in das Boot, und dann ruderten die Matrosen mit angestrengten Kräften nach dem Ausgange der Straße von San Bonifacio zurück. Der alte Fischer wurde mit einer reichlichen Belohnung entlassen und stieg verwundert und kopfschüttelnd über die seltsamen Dinge, die er gesehen, an das Ufer, an dem er sechsundsechzig Jahre ruhig gelebt. Es war Nacht, als man den Dampfer in der Ferne bemerkte und ein Zeichen gab. Er näherte sich. Haydee hatte sich soweit erholt, um geführt von zwei Matrosen die Treppe hinaufsteigen zu können. Sie trug ihren toten Edmund in den Armen. Entsetzen ergriff alle, als sie jetzt den Grafen im Lichte der Laternen des Dampfbootes erblickten. Sein Gesicht war erdfahl, sein Gang schlotternd, seine Haltung die eines hundertjährigen Mannes. Aus dem schönen, kräftigen Manne schien in diesen wenigen Stunden ein Greis geworden zu sein. Er folgte Haydee in die Kajüte. Danglars wurde in das Krankenzimmer gebracht, in dasselbe, das Benedetto kurze Zeit vorher innegehabt hatte. Er schien sehr schwermütig zu sein und warf scheue Blicke um sich, als ob er überall Verrat und Mord wittere. Tordero hatte ihm einen Faustschlag gegeben und dann um die Erlaubnis gebeten, auf dem Dampfboot nach Monte Christo zurückkehren zu dürfen. Der Steuermann hatte sie auf eigene Hand gegeben. Als das Dampfboot bei der Insel anlangte – es war gegen Morgen – verließen der Graf und Haydee Arm in Arm das Schiff. Man konnte nicht wissen, ob er sich auf seine Gattin, ob sie sich auf ihn stützte. Haydee trug noch immer das Kind in ihren Armen, und so verschwanden sie beide in dem Innern der Gemächer. Dort sah sie niemand mehr, mit Ausnahme Bertuccios und Alis, die nie durch ein Wort oder ein Zeichen verrieten, in welchem Zustande sie ihren Herrn gesehen. Zuweilen wurde auch ein Brief nach Paris abgesendet, und nach einigen Wochen kam ein feiner und vornehmer, schon bejahrter Herr, der sich zwei Tage auf der Insel aufhielt und dann wieder auf dem Dampfboot mit dem Kapitän Morel und Villefort abreiste. Das Dampfboot brachte ihn bis Marseille und kehrte dann zurück. Die Familie Morel In seinem Palast, im Faubourg St. Germain, saß der Herzog *** derselbe, der einst bei jener gefährlichen und verhängnisvollen Flucht aus dem Gefängnisse zugegen gewesen, der praktische und besonnene Freund des Grafen Monte Christo und des Abbés Laguidais. Ein Diener meldete ihm die Ankunft des Doktors Billaud, eines der ersten Arzte von Paris. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit den Krankheiten der Seele und des Geistes und hatte in diesem Fache das Unglaubliche geleistet. Der Herzog empfing ihn mit einer vertraulichen Höflichkeit, die auf ein intimes Verhältnis zwischen beiden hindeutete. Also heute soll der entscheidende Tag sein? fragte er ihn nach den ersten Begrüßungen. Meiner Ansicht nach ist der Kapitän vollständig geheilt und kann alles hören, alles erfahren, alles ertragen. Um so besser! erwiderte der Herzog. Und der alte Villefort? Ist meiner Ansicht nach, solange ich ihn jetzt behandelt habe, nie geisteskrank, sondern höchstens geistesschwach gewesen. Als ich ihn zum ersten Male sah, erriet ich sogleich, was mit ihm vorgegangen. Er ist infolge heftiger, gewaltsamer Gemütsbewegungen irrsinnig, und abermals infolge ähnlicher Bewegungen wieder vernünftig geworden. Die Wunde, die er erhalten, der körperliche Schmerz mag dazu beigetragen haben. Ich glaube, daß er auch imstande ist, alles zu hören. Dann meinen Sie also, ich könne offen sprechen? Ohne Zweifel! Behandeln Sie die beiden wie gesunde Leute, die schwache Nerven haben und denen man jede überraschende Nachricht vorsichtig mitteilen muß. Wohlan denn! Ich hatte Sie nur deshalb gebeten, heute zu mir zu kommen, weil ich wünschte, daß jemand in der Nähe sein möge, falls ärztliche Hilfe nötig sei. Haben Sie also die Güte, Herr Doktor, in diesem Zimmer zu warten, bis alles vorüber ist. Sehr gern! Ich habe mir ein Buch mitgebracht. Kümmern Sie sich weiter nicht um mich, und lassen Sie es mir nur sagen, wenn Sie meiner nicht mehr bedürfen und wenn ich gehen kann. Der Herzog ging nach einem anderen Teile des weitläufigen Gebäudes und fragte einen Diener, ob Kapitän Morel in seinem Zimmer oder im Garten sei. Er war im Zimmer. Der Herzog klopfte an eine Tür. Eine Stimme rief »Herein«. Er trat ein. Kapitän Morel saß am Fenster und las die Zeitung, ganz wie jeder andere Mensch. Sein Aussehen war wohl etwas blaß, wie das von Leuten, die seit langer Zeit das Zimmer nicht verlassen haben. Im allgemeinen aber verriet nichts eine geistige oder körperliche Krankheit bei ihm. Ah, Sie sind es, Herr Doktor! sagte er. noch einen Blick auf die Zeitung werfend. Dann stand er auf, um dem Doktor entgegenzugehen. Ah nein, das ist ein Fremder! rief er dann, den Herzog erblickend. Ein Fremder, Kapitän Morel? fragte dieser lächelnd. Ich dächte doch, wir hätten uns schon einmal gesehen. Erinnern Sie sich meiner nicht mehr? Es ist mir wirklich nicht möglich, mir Ihr Gesicht zurückzurufen, sagte Morel. Ihre Stimme klingt mir zwar bekannt und ich habe eine dunkle Erinnerung – Dunkel mag sie sein, ja, sagte der Herzog, denn wir haben uns nur in der Nacht gesehen! In der Nacht? fragte Morel nachsinnend. In jener unglücklichen Nacht, in der Sie aus dem Gefängnisse fliehen wollten! sagte der Herzog. Morel senkte seinen Blick und legte die Hand vor die Augen, wie jemand, der eine traurige Erinnerung an sich vorüberziehen lassen will. Der Herzog beobachtete ihn scharf und nicht ohne Unruhe. Es hing vieles von diesem Augenblick ab. Ja, sagte Morel dann mit einem tiefen Seufzer, jetzt weiß ich! Sie sind der Herr, der im Namen des Grafen Monte Christo kam, um mit mir über meine Flucht zu beraten. Ganz richtig! sagte der Herzog sichtlich erfreut. Wie ich sehe, erinnern Sie sich noch genau jener Nacht. Nun. jetzt will ich Ihnen meinen Namen nennen. Ich bin der Herzog ***. Morel machte eine sehr ehrerbietige Verbeugung. Ganz Paris kannte diesen Namen. Aber wollen Sie sich nicht setzen, Herr Herzog? sagte er dann. Gern, denn ich möchte einige Worte mit Ihnen sprechen! erwiderte der Herzog, sich Morel gegenübersetzend, und zwar so, daß er sein Gesicht klar sehen konnte. Fürs erste wollte ich Ihnen sagen, daß es mein Haus ist, in dem Sie sich jetzt befinden. Ihr Haus? Oh, Herr Herzog, dann muß ich Ihnen danken für Ihre Gastfreundschaft! rief Morel. Aber weshalb habe ich das nicht früher erfahren? Es würde mich glücklich und ruhig gemacht haben! Ich hätte dann gewußt, daß ich im Schutze eines Freundes sei. Der Doktor sagte Ihnen doch, daß es gelungen sei, Sie während einer schweren Krankheit aus dem Gefängnisse zu befreien? Ja, Herr Herzog. Er sagte mir auch, daß man jetzt wisse, ich sei nicht jener Rablasy, und daß von den Anklagen der Regierung gegen mich nur noch die politische aufrecht erhalten werde. Deshalb, und damit ich nicht aufs neue mit der Regierung in Konflikt komme, möge ich mich in diesem Hause eines Freundes aufhalten. Aber ich gestehe Ihnen, Herr Herzog, die Zeit ist mir sehr lang geworden. Die Regierung suchte nach Ihnen wegen des Attentats von Boulogne. In Frankreich also hätten Sie sich nicht mit Ihrer Frau vereinigen dürfen. Eine Reise nach dem Ausland aber, um dort Ihre Frau zu treffen, war wegen Ihrer zerrütteten Gesundheit nicht möglich. Ich hielt es deshalb für das beste, Sie so lange hier zu behalten, bis ich bei der Regierung Ihre vollständige Begnadigung ausgewirkt – Begnadigung? rief Morel. Aber, Herr Herzog, die verlange, die will ich nicht. Ich will nur mein Recht, und das muß mir werden. Lieber Freund, Sie wollen also ewig, oder wenigstens jahrelang von Ihrer Gattin, von Ihrem Kinde getrennt bleiben? Es ist wahr, mich schaudert bei dem Gedanken! Meine arme Valentine, ich habe sie seit länger als einem Jahr nicht gesehen! Mein armer Edmond! Er muß jetzt schon laufen können! Aber eine Begnadigung – nein – Ich bitte Sie, Herr Kapitän, überlassen Sie die Sorge für Ihre Freiheit Ihren Freunden! Aber meine Freunde können nicht verlangen, daß ich mich entehren soll! Gewiß nicht, das fällt keinem ein! Aber hören Sie! Es war auf Anraten des Grafen Monte Christo, daß Sie die Partei des Prinzen ergriffen? Ja, sein Rat bestimmte mich, meinen Sympathien zu folgen. Nun gut. Der Graf ist es, der jetzt wünscht, daß Sie die Freiheit ohne weitere Bedingung annehmen sollen. Und was die französische Regierung anbetrifft, so lag es ihr nur daran, wie Sie ja wissen, durch Sie einen bestimmten Namen zu erfahren. Vielleicht hat sie ihren Zweck auf andere Weise erreicht. Genug, die französische Regierung hält die Anklage gegen Sie nicht mehr aufrecht. Nun, es sei! Ich will mich dem Wunsche des Grafen fügen! Ich hoffte immer, ich würde ihn einmal in mein Zimmer treten sehen. Aber – Sie werden den Grafen sehen, in kurzer Zeit! erwiderte der Herzog und über sein Gesicht flog ein Schimmer von Traurigkeit. Doch nun zur Hauptsache. Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß der Arzt Sie für vollkommen gesund erklärt hat. Gott sei Dank! rief Morel aufspringend. Dann will ich zu Valentine. Halt! sagte der Herzog. Zuvor will ich Sie noch an jemand erinnern, der mit Ihnen verwandt ist, an eine Person, die ganz allein in der Welt dasteht, an der Schwelle des Greisenalters – Wer kann das sein? fragte der Kapitän unruhig. Ich meine den alten Villefort, den Vater Ihrer Gattin! Wie? Villefort ist nicht tot? Man sagte es doch! Es hieß, er sei wahnsinnig geworden und verschwunden! Er lebt? O mein Gott, wo ist er? Ganz in Ihrer Nähe! Er wurde wahnsinnig, das ist richtig, und da der Graf Monte Christo fühlte, daß er eine schwere Schuld an diesen Mann abzutragen habe, so ließ er ihn sogleich unter sichere Obhut bringen und nahm ihn mit sich nach Amerika, um ihn selbst zu heilen. Aber alle seine Anstrengungen waren vergebens. Nur ein Zufall gab dem armen Manne die Vernunft zurück. Er lebt jetzt mit Ihnen unter einem Dache in meinem Hause. Er weiß nicht, daß er eine Tochter, einen Sohn, einen Enkel hat. Zu diesem Unglücklichen lassen Sie uns gehen, ehe Sie zu Valentine eilen. Der Kapitän verließ mit dem Herzog das Zimmer. Sie gingen durch einen langen Gang und stiegen eine Treppe hinauf. Dort klopfte der Herzog an eine Tür. Eine Stimme rief »Herein«, und der Herzog trat mit dem Kapitän in das Zimmer Villeforts. Der alte Mann saß am Fenster, ebenso wie vorhin Morel mit dem Lesen der Zeitung beschäftigt. Auch er glaubte, der Arzt trete ein. Sie sind es, Herr Doktor! sagte er und stand auf. Guten Morgen! Bleiben Sie ein wenig zurück! flüsterte der Herzog dem Kapitän zu. Dieser setzte sich in der Nähe der Tür auf einen Sessel, die Blicke unverwandt auf Villefort gerichtet. Ah! sagte dieser jetzt, seinen Irrtum erkennend. Das ist ja nicht mein Doktor! Nein, Herr Staatsanwalt! sagte der Herzog. Ich bin der Besitzer dieses Hauses, der Herzog ***. Villefort schien sehr überrascht und verbeugte sich mit der größten Ehrerbietung. In seinem ganzen Wesen lag nichts mehr von Irrsinn. Er hatte das gewöhnliche Aussehen eines alten, schwachen, durch Leiden und Gram niedergebeugten Mannes. Herr Herzog, sagte er, ich bin erstaunt. Ich glaubte mich in der Wohnung des Arztes zu befinden. Hätte ich gewußt, bei wem ich wohne, so würde ich mir gewiß erlaubt haben, Sie aufzusuchen und Ihnen zu danken. Verzeihen Sie, daß – O bitte! Verzeihen Sie mir, daß ich nicht früher zu Ihnen gekommen! sagte der Herzog. Aber der Arzt sagte mir, Sie seien noch immer schwach und angegriffen – Durchaus nicht! Ich bin ganz wohl! Ich mißbrauche Ihre Güte. Sprechen wir nicht davon! Wohin hätten Sie auch gehen wollen? Ja, es ist wahr! sagte Villefort mit einem tiefen Seufzer. Wohin? Wohin? Oh, ich will keine trüben Erinnerungen in Ihnen wecken! sagte der Herzog sanft. Es gibt allerdings eine Stätte, an der Sie sich heimisch fühlen werden. Heimisch! rief Villefort schmerzlich. Nie! Ich habe keinen Ort mehr auf der Welt, wo ich glücklich sein könnte! Und ich darf ihn auch nicht haben! Ich verdiene ihn nicht! Sprechen Sie nicht so! Sie mögen manches begangen haben, was auf Ihrem Gewissen lastet, aber Sie haben es bereut und sind dafür bestraft worden. Auch Ihnen ist noch ein glückliches Alter vorbehalten. Im Kreise Ihrer Kinder – Herr! rief Villefort außer sich vor Aufregung und Schmerz. Sie töten mich mit Ihren Worten! Meine Kinder sind tot, alle – und diesem Bastard, diesem verfluchten Bastard wünsche ich den Tod, wenn er nicht tot ist! Eduard ist tot – Valentine – Valentine lebt! sagte der Herzog, die Hand Villeforts ergreifend. Und das wissen Sie nicht? Ich weiß nichts! Um Gottes willen – ich beschwöre Sie – treiben Sie keinen Scherz mit mir – es wäre zu viel! Valentine soll leben? Ich besitze noch ein Kind? Und ein glückliches Kind! Valentine ist die Gattin eines braven Mannes, des Kapitäns Morel, sie ist Mutter! Hören Sie, Herr von Villefort, Sie sind Großvater! Der Staatsanwalt sank auf einen Sessel, der hinter ihm stand. Der Herzog griff nach dem Fläschchen mit einer starken Essenz, das er für diesen Fall mitgenommen, und sprengte dem alten Manne, der einer Ohnmacht nahe war, einige Tropfen ins Gesicht. Dann wollte er Morel einen Wink geben. Aber das war nicht nötig. Der Kapitän lag bereits vor Villefort auf den Knien. Mein Vater! rief er. Ja, Valentine lebt und ich bin ihr Gatte. Erinnern Sie sich meiner nicht? Auch ich hielt Valentine für tot, auch ich folgte ihrem Leichenzuge. Aber der Graf war es, der sie rettete. Denn sie war nur scheintot. Er vereinte mich mit ihr. Sie waren damals krank, schwer krank. Wir durften es Ihnen nicht sagen! Villefort schien seine geistigen Kräfte zu sammeln. Es war in der Tat eine harte Prüfung. Aber sein Geist mußte in der letzten Zeit wieder ganz genesen sein, denn er bestand sie wie ein kräftiger Mann. Er begriff die Größe seines Glückes und flüsterte: Gott segne den Grafen Monte Christo! Ja! antwortete der Herzog. Wir wollen hinabgehen. Ich werde Sie in meinem Wagen nach den Champs-Elysées schicken. Kommen Sie mit mir hinab. Der Kapitän ergriff den Arm seines Schwiegervaters. Villefort zitterte. Er schien noch immer damit zu kämpfen, etwas Unbegreifliches zu fassen. Auch ihn schien es gewaltig zu drängen, Valentine wiederzusehen. Aber er hatte nicht die körperliche Kraft, um zu eilen. Morel mußte ihn die Treppe hinabführen. Der Herzog öffnete im Vorübergehen die Tür des Zimmers, in dem der Arzt wartete. Ich danke Ihnen, Doktor! rief er. Es ist alles so, wie Sie gesagt haben! Es ist alles gut! Dann bat er den Kapitän und Villefort, ihm zu folgen. Er trat in ein prächtiges Vorzimmer und aus diesem in ein einfacheres Kabinett. In diesem saß ein steinalter Mann regungslos in einem großen und bequemen Rollstuhl. Villefort stutzte, als er ihn ansah. Dann warf er sich ihm mit einem Schrei zu Füßen. Mein Vater! rief er. Ja, Sie sind es, mein Vater! Oh, dann ist Valentine nicht fern! Es war in der Tat der alte Noirtier von Villefort, der Vater des Staatsanwalts. Dieser lag ihm jetzt schluchzend zu Füßen und umfaßte seine Knie. Der alte Noirtier konnte nicht sprechen, sich auch nicht bewegen. Alles an ihm war gelähmt, mit Ausnahme der Augen. Diese richtete er mit unverkennbarem Wohlwollen auf seinen bereits greisen Sohn. Währenddessen traten ein Herr und eine Dame mit zwei Kindern in das Kabinett. Julie! Emanuel! rief der Kapitän mit einem lauten Schrei. Und er stürzte seiner Schwester, seinem Schwager in die Arme, während die Kinder freudig an ihm emporsprangen und jubelnd den Onkel willkommen hießen. Nur eine fehlte noch, um diese Szene zu vervollständigen, und diese eine stand bereits in der geöffneten Tür. Es war Valentine mit ihrem Knaben an der Hand. Weder Villefort noch Morel bemerkten sie in diesem Augenblick. Max war der erste, der sie sah, als sie noch einen Schritt vortrat. Valentine! Mein liebes Weib! Mein Edmond! rief er mit einem Schrei des Entzückens, der allen durch das Herz drang, und im nächsten Augenblick ruhte er an dem Heizen seiner Gattin. Bei dem Rufe Valentine war auch der alte Villefort, dessen Tränen die mageren Hände des alten Noirtier benetzt hatten, emporgeschreckt. Als er Valentine bemerkte, als er sie wirklich sah, die Totgeglaubte, die unter seinen Augen Gestorbene und Begrabene, konnte er einen Ruf der Überraschung nicht zurückhalten. Er richtete sich halb empor und seine Blicke ruhten auf ihr, wie auf einer Erscheinung, auf einer schönen Vision. Seine Züge verklärten sich und nahmen den Ausdruck des höchsten Glückes an. In den ersten Minuten hatte Valentine nur Gedanken für ihren Gatten, und auch Morel dachte an nichts anderes, als Weib und Kind an sein Herz zu drücken. Aber plötzlich fielen die Augen Valentines auf den Staatsanwalt. Sie stieß einen Schrei aus und verfärbte sich. Auch sie glaubte ihren Vater tot. Sie wankte, und Morel, der jetzt den Grund ihrer Überraschung erriet, mußte sie halten. Mein Vater? rief sie dann. Ist das wirklich mein Vater? Er ist es, Valentine! rief Morel. Er lebt! Auch ich habe es erst heute erfahren! Valentine eilte mit einem Schrei und mit erhobenen Armen auf ihn zu. Vater und Tochter sanken einander ans Herz, heftig schluchzend, mit Tränen der Freude. Kommen Sie, Morel! sagte der Herzog. Lassen wir die beiden allein! Solche Szenen bedürfen keiner Zeugen! Kommen Sie! Lassen Sie die beiden sich aussprechen. Der Kapitän fühlte, daß der Herzog recht hatte. Er folgte dem Herzog in den anstoßenden Salon, und auch Emanuel mit seiner Gattin und seinen Kindern zog sich dorthin zurück, Valentine blieb mit ihrem Vater und ihrem Großvater allein. Was sie dort miteinander sprachen und was die beiden fühlten, das wollen wir nicht einmal versuchen zu schildern. Eine lebhafte Phantasie mag sich ausmalen, was zwei Wesen fühlen, die einander totgeglaubt hatten und die sich nun in einem Augenblick des reinsten und höchsten Glückes wiederfanden. Mein teurer Herzog! rief der Kapitän, die Hände des alten Herrn ergreifend und sie mit Wärme drückend. Wie soll ich Ihnen danken? Wie soll ich Ihnen aussprechen, was ich fühle! Sie haben mich unendlich glücklich gemacht. Danken Sie nicht mir, danken Sie dem Grafen Monte Christo! erwiderte der Herzog. In seinem Auftrage habe ich gehandelt. Aber wie soll ich ihm danken? Wo kann ich ihn finden? rief Morel. Er wird bald in Paris sein, antwortete der Herzog. Dann werden Sie ihn sprechen, und vielleicht wird ihm Ihr Dank wohltun, denn er ist durch einen großen Verlust niedergebeugt. Aber lassen Sie uns nicht weiter davon sprechen. Sie werden alles erfahren. Der Herr der Welt Acht Tage darauf hielten fast zu gleicher Zeit mehrere Equipagen vor dem Hotel des Herzogs *** im Faubourg St. Germain. Die Personen, die ihnen entstiegen und in einzelnen Gruppen die Treppen hinaufgingen, wurden von Dienern des Herzogs in einen großen Saal gewiesen. Alle hatten eine dringende Einladung von dem Herzog erhalten, sich an diesem Abend um die bestimmte Zeit einzufinden. Der Herzog hatte hinzugefügt, daß sie dort den Grafen Monte Christo sehen würden, und dieser Grund hatte genügt, alle ohne Ausnahme herbeizuführen. In dem Saal brannten die großen Kronleuchter nicht, sondern nur die Armleuchter an den Wänden, die kaum hinreichten, den großen Raum zu erhellen. An der einen Seite erhob sich eine Art von Kanzel oder Pult, die mit schwarzem Tuch verhangen war. Hinter dieser standen zwei Stühle. Schweigend ordnete sich die Gesellschaft auf den Sesseln, die in mehreren Reihen in der Mitte des Saales aufgestellt waren. In der ersten Reihe saßen Don Lotario, Therese, Wolfram und Amelie – in der zweiten Kapitän Morel, Valentine, Villefort und der alte Noirtier von Villefort, dessen Rollstuhl man in den Saal geschoben – in der dritten der Abbé Laguidais und Graf Arenberg. Der Herzog erschien erst, als alle beisammen waren und Platz genommen hatten. Dann grüßte er die ganze Gesellschaft im allgemeinen und setzte sich neben den Grafen Arenberg und den Abbé Laguidais. Kaum war dies geschehen, als an dem einen Ende des Saales, hinter dem schwarzen Pult eine Tür sich öffnete und zwei Personen erschienen: ein Herr, der eine Dame am Arme führte. Beide waren ganz schwarz gekleidet. Die Dame war verschleiert, und zwar so tief, daß niemand auch nur einen Schein ihres Gesichtes zu erhaschen vermochte. Der Herr führte sie einige Schritte weit vor zu dem einen Sessel und ließ sie darauf Platz nehmen. Dann trat er selbst noch weiter vor, bis hinter das Pult. Alle Anwesenden schienen von einem tiefen Schauer ergriffen zu werden, als sie jetzt das Gesicht dieses Mannes deutlicher erblickten. Es war weiß, weiß wie Marmor oder wie das Antlitz des Todes, und das lange schwarze Haar, das bis auf die Schultern niederfiel, hob noch diese entsetzliche Blässe. Seine Augen waren tief eingefallen, seine Wangen schmal, seine Lippen bleich. Don Lotario und Wolfram, Morel, Valentine und Amelie bemühten sich vergebens, in diesem Manne jenen Grafen Monte Christo oder Lord Hope wiederzuerkennen, der ihnen vor verhältnismäßig kurzer Zeit in der vollen Kraft und Schönheit des Mannesalters, mit der Rüstigkeit und Behendigkeit der Jugend gegenübergetreten war. Die Veränderung wurde noch bemerkbarer dadurch, daß der Graf keinen Bart mehr trug. Aber dieser Umstand allein hätte eine solche Umwandlung nicht hervorrufen können. Jeder sah auf den ersten Blick, daß eine furchtbare, entsetzliche Veränderung mit dem Grafen vorgegangen sein mußte, eine Veränderung, die ihn in der kurzen Zeit weniger Monate in einen Greis umgeschaffen, die jede Spur von seinem früheren Dasein vernichtet hatte. Das große Auge des Grafen schweifte eine halbe Minute lang über die Versammelten. Ich danke Ihnen allen, daß Sie gekommen sind! sagte er dann mit seiner tiefen, sonoren Stimme. Es freut mich, daß ich alle die Gesichter wiedersehe, die mir lieb und wert sind. Das ist ein Trost, ein großer Trost für mich. Ich habe Sie durch den Herzog *** bitten lassen, hierherzukommen, weil meine Zeit viel zu kurz ist, als daß ich mit jedem einzelnen hätte sprechen können. Auch mögen es alle zusammen hören, denn ich glaube und wünsche, daß jeder von Ihnen Teil an dem Schicksal des anderen nimmt. So hören Sie denn die Worte eines Mannes, dessen Reue ebenso groß ist, als sein Streben stolz und vermessen gewesen. Ob und wieweit mein vergangenes Leben den hier Versammelten bekannt ist, darüber will ich in diesem Augenblicke nicht weiter sprechen. In früher Jugend durch den Verrat hinterlistiger Freunde zu ewiger Gefangenschaft verdammt, des Liebsten auf der Erde beraubt, verließ ich meinen Kerker nur, um mich zu rächen. Darin, daß ein Zufall mir unermeßliche Schätze zur Verfügung gestellt, sah ich eine Fügung des Himmels, der Vorsehung. Es schien mir, als ob Gott selbst meine Rache billige und mich zu seinem Werkzeuge mache. Meine Feinde waren mächtig geworden, aber ich noch mächtiger als sie. Es gelang mir, mich zu rächen, empfindlich zu rächen. Aber meine Rache ging weiter, als sie sollte. Sie traf auch die Unschuldigen. Sie traf Albert von Morcerf, sie traf das Weib und die Kinder Villeforts. Sie traf selbst Morel. Schon damals, als ich Europa verließ, stieg der Gedanke in mir auf, daß ich weiter gegangen, als ein Mensch gehen dürfe. Ich bemühte mich, das wieder gutzumachen, was ich noch ändern konnte. Ich nahm Villefort mit mir, um ihn zu heilen. Ich vereinigte Morel und Valentine. Ich suchte für Albert von Morcerf zu sorgen. Aber die Festigkeit des letzteren wies alles zurück, was ich zu seinen Gunsten unternahm. Ich ging nach Amerika, nach Kalifornien. Unterwegs führte mich der Zufall mit einem Sterbenden zusammen, der mir mitteilte, daß er in Kalifornien Goldgruben entdeckt habe. Es war der Vater Wolframs und Theresens. Als ich in Kalifornien angekommen war, fand ich, daß diese Schätze weit bedeutender seien, als ich geglaubt hatte. Die Ausbeutung dieser Goldgruben machte mich zum reichsten Manne auf der Erde. Meine Rache, die mir gelang, der Reichtum, den ich gefunden, die ungeheuren Schätze, die mir ein Zufall in Kalifornien gab, die Menschenkenntnis, die ich erlangte, die Macht, die ich, wie ich selbst deutlich bemerkte, selbst auf hervor, ragende Geister ausübte, alles das ließ allmählich einen Plan in mir erstehen, wie er wohl noch nie in der Brust eines Menschen gereift. Ich wollte von meinem verborgenen Sitze in Kalifornien aus die Menschheit umgestalten. Ich hatte Gelegenheit gehabt, zu sehen, an welchen Übeln sie leidet. Ich faßte also den Gedanken, durch die ungewöhnlichen Mittel, welche die Vorsehung in meiner Hand vereint, an die Stelle der Vorsehung selbst zu treten und die jetzige Menschheit umzubilden. Wie ich meinen Plan ausgeführt, welche Mittel und Wege ich dazu gebraucht, darüber kann ich mich hier nicht aussprechen. Aber es schien mir, als ob ich meinen Zweck erreiche, als ob wirklich ein Mensch das tun könne, was Gott bisher selbst getan. Dieses Streben mag frevelhaft gewesen sein, ich gebe es zu. Damals aber hielt ich mich für vollkommen rein und frei von allem Fehl. Ich hielt mich für berechtigt, das zu tun, wozu mir Gott selbst, wie ich glaubte, die Mittel an die Hand gegeben. Zu der Ausführung meiner Pläne brauchte ich außerordentliche Menschen, Menschen, die durch Leiden und Unglück geläutert und geistig so sehr gereift waren, um auf meine Ideen einzugehen. Ich fand solche Menschen in dem Abbé Laguidais, in dem Herzog *** und in dem Professor Wedell. Aber es lag mir daran, auch jüngere Leute für mich zu gewinnen, junge Männer zu Trägern meiner Gedanken zu machen. Und dazu schien es mir nötig, diese jungen Männer zu bilden, sie eine bestimmte Schule der Prüfung durchlaufen zu lassen, mit einem Worte: ihr Leben ganz nach meinen Gedanken zu gestalten und an die Stelle der Vorsehung zu treten. Ich will zuerst von Ihnen sprechen, Don Lotario. Ich erkannte sogleich in Ihnen das gute Herz, den energischen Charakter, die edle Seele. Ich begriff, daß Sie, am rechten Orte und durch die rechte Schule geläutert, Außerordentliches leisten würden, während Sie in Kalifornien auf Ihrer Hacienda ein gutmütiger, gewöhnlicher Mensch geblieben wären. Es galt also, Sie von dort loszureißen. Als ich Donna Rosalba zum eisten Male sah. begriff ich, weshalb diese Dame Ihre Gattin werden wollte. Ich ließ Ihre Hacienda zerstören, ich ließ Donna Rosalba glauben, daß ich Ihre Stelle bei ihr einnehmen könne – und Sie verließen Kalifornien. Aber das sollte nur der Anfang Ihrer Prüfungen sein. Ich wollte Sie in das große Meer, das man Welt nennt, hinausschleudern und allmählich aller Stützen berauben, so daß Sie zuletzt ganz auf Ihre eigene Kraft angewiesen wären. Ich sah voraus, daß einzelne Umstände mich in meinen Plänen unterstützen würden, und als ich Ihr Verhältnis zu Therese erfuhr, konnte mir nichts erwünschter erscheinen als diese Liebe, deren Beginn notwendig ein unglücklicher sein mußte. In Paris ließ ich Ihnen noch den Gedanken, daß Sie reich seien; in London fing ich bereits an, Ihnen die Hauptstütze Ihres Reichtums zu entziehen. In Berlin wollte ich Sie des letzten Restes Ihres Vermögens berauben. Da kam jener Zwischenfall, von dem ich später sprechen werde, und mein Einfluß auf Sie hörte auf – wohl zu Ihrem Glücke, wie ich jetzt glaube. Ähnlich verfuhr ich mit Ihnen, Wolfram Büchting. Damals, als ich Sie zum ersten Male sah, wußte ich nicht, daß Sie der Sohn jenes Mannes seien, dem ich den größeren Teil meines Reichtums verdanke. Aber ich erkannte in Ihnen eine energische Natur, die nur auf den rechten Weg gelenkt zu werden brauche, um Wunder zu wirken. Daß Amelie von Morcerf in jener Nacht zu mir kam, daß sie zu Ihnen in so nahen Beziehungen stand, das hielt ich abermals für einen Fingerzeig der Vorsehung, der meinen Bestrebungen günstig sei, und ich beschloß, das Schicksal von Ihnen beiden in Zukunft zu lenken. Ich bat Amelie, bei den Mormonen zu bleiben, denn eine Verbindung, wie die Ihrige, durfte auf keinen Fall getrennt werden. Sie wissen selbst, wie alles später gekommen. Mein Werk war es, daß die Mormonen Sie in die Acht erklärten, was sie ohne den Einfluß meines Agenten, des Franzosen Bertois, nicht getan haben würden. Mein Werk war es, daß man Amelie zwingen wollte, Wipky zu heiraten, und sie auf diese Weise zur Flucht drängte. Unser Zusammentreffen aber in der Wüste schien mir ein neuer Beweis, daß ich meinen Einfluß auf Ihr Leben fortsetzen solle. Ich schickte Sie nach New Orleans und ließ es durch Mr. Nathan bewerkstelligen, daß Sie in das größte Elend, die größte Armut gerieten. Ihre Verwundung war der erste Fingerzeig der Vorsehung für mich selbst, auf meinem Wege innezuhalten, und jetzt noch, in diesem Augenblicke, danke ich Gott von ganzer Seele dafür, daß Sie damals nicht starben. Ich hätte mich als Ihren Mörder betrachten müssen, und nichts würde dieses Verbrechen gesühnt haben. Sie sind später Ihren Weg allein gegangen. Sie haben meine Vermutungen bestätigt. Sie sind ein braver Mann geworden und werden es auch in Zukunft bleiben. Ich weiß es. Was Sie nun anbetrifft, Maximilian Morel, so habe ich Sie ebenfalls zum Werkzeug meiner Pläne gemacht und über Ihr Schicksal verfügt. Daß es so traurig werden würde, wie es in der Tat der Fall war, konnte ich nicht ahnen, konnte ich mit meiner menschlichen Berechnung nicht voraussehen. Meine Absicht war es nur, Sie aus Ihrer Untätigkeit aufzurütteln, Sie zum Teilnehmer, zum Träger einer bestimmten Idee zu machen, und da die Erinnerungen Ihrer Familie stets bonapartistisch gewesen waren, so konnte diese Idee nur die des Napoleonismus sein. Für diesen sollten Sie leiden, diesem sollten Sie mit Leib und Seele angehören. Sie sollten gezwungen werden, Frankreich zu verlassen, Sie und Valentine sollten noch einmal die Prüfungen des Lebens erfahren. Die Folge war, daß Zufälligkeiten, die ich nicht berechnen konnte, dazwischentraten. Sie wurden schwermütig, Valentine entging nur durch die Hilfe der wahrhaft göttlichen Vorsehung dem Unglück, von einem elenden Schurken geopfert zu werden. Mein lieber Max, ich habe freventlich an Ihnen gehandelt, ich gestehe es ein. Aber verzeihen Sie mir und bedenken Sie, daß ich den Rest meines Lebens damit verbringen werde, für Ihr Glück zu beten und meine Fehler zu bereuen. Auch noch von einem Abwesenden muß ich hier sprechen, von Albert von Morcerf. Auch ihn wollte ich in den Bereich meiner Pläne ziehen, auch er sollte einer meiner Auserwählten werden. Aber er allein wußte sich meinen Bemühungen zu entziehen, und an seiner Festigkeit scheiterten meine Pläne. Ich sah mich gezwungen, ihn sich selbst zu überlassen, und dennoch war gerade er es, der durch die Fügung der Vorsehung und durch seine eigene Kraft den grüßten und erhabensten meiner Pläne ausführte, in das Innere Afrikas eindrang, um dort die Segnungen der Zivilisation zu verbreiten. Ja, in ihm stellte mir die himmlische Vorsehung ein Beispiel auf, wie sie es verstehe, zu wirken, und wie ihr gegenüber die Weisheit eines Menschen zuschanden werde. Ich sage Ihnen offen, daß diese Beweise des himmlischen Zornes, daß das Schicksal Wolframs, der Wahnsinn Morels, der Erfolg Morcerfs mich vielleicht nicht in meinen Plänen beirrt hätten und daß ich auf meinem Wege weiter geschritten wäre, hätte mich nicht ein Ereignis aufgehalten, in dem sich alles vereinigte, um mich mit einem Male den ganzen Frevel erkennen zu lassen, den ich begangen. Damals, als ich mich an Villefort und Danglars rächen wollte, bedurfte ich eines Menschen, eines lebenden Wesens. Durch einen Zufall hatte ich erfahren, daß der frühere Pflegesohn meines Intendanten Bertuccio ein natürlicher Sohn Villeforts und der Baronin Danglars sei. Diesen Menschen wollte ich zu meinen Zwecken benutzen. Er war ein Galeerensträfling, ein Verbrecher gemeinsten Ranges. Ich ließ ihn nach Paris kommen, als er entflohen war, ich beschloß, seine Vorsehung zu sein und ihn ganz nach meinen Zwecken zu leiten. Ich ließ ihn als Prinz auftreten, ich führte ihn mit der Familie Danglars zusammen, und erst in dem Augenblicke, als er sich mit Eugenie Danglars verbinden sollte, ließ ich ihn entlarven, ihn als Mörder verfolgen, und auch das nur, damit er dem Staatsanwalt Villefort einst gegenübertreten und ihm sagen könne, daß er sein Sohn sei. Dieser Mensch, in dessen Leben ich auf eine für immer entscheidende Weise eingegriffen – dieser sollte mich die ganze entsetzliche Sündhaftigkeit meiner Anmaßung begreifen lassen. Für alles, was er später getan, bin nur ich verantwortlich. Denn ich war es, der ihn von den Galeeren befreite, wo er sein Leben sonst beendet hätte, ohne Gefahr für die Menschheit, ohne weitere Verbrechen. Ich führte ihn in das große Leben, in die große Gesellschaft, und gab ihm die Gelegenheit, andere zu verderben. Zwar glaubte ich damals, daß die Justiz ihn verurteilen würde. Aber ich unterließ es, die Beweise für seinen Mord beizubringen. Es gelang ihm, sich zu befreien. Er ermordete später seine Mutter. Auch das ist mein Werk. Ohne mich wäre er nie in Berührung mit dieser Frau gekommen. Dieser Mensch aber war es auch, in dem die Erkenntnis aufdämmerte, daß ich ein freventliches Spiel mit ihm getrieben, und in diesem verworfenen Gemüte stieg der Gedanke einer Rache auf, die er mit teuflischer Schlauheit und Geschicklichkeit ausführte. Er, den ich einst zu meinem Spielballe gemacht, er stieß mir den Dolch des tiefsten Schmerzes in die Brust – er tötete mein Kind. Er schleuderte den Blitz der Erkenntnis in mein Herz – und anstatt ihm zu fluchen, muß ich ihn segnen. Er ließ mich alle meine Irrtümer, alle meine Fehler erkennen. Er führte mich wieder auf den Weg menschlicher Demut. – Bei diesen Worten senkte der Graf den Kopf. Die tiefste Stille herrschte im Saale. Der Graf schwieg eine Minute lang. Dann begann er von neuem: Meine Freunde – Sie werden mich wahrscheinlich nicht wiedersehen, und wahrscheinlich sind dies die letzten Worte, die Sie aus meinem Munde vernehmen. Verzeihen Sie mir alle und beten Sie für mich! Den Himmlischen dort oben zu versöhnen, den, den ich so schwer beleidigt, das wird meine eigene, meine letzte und schwerste Aufgabe sein! Vereinigen Sie Ihre Gebete mit den meinigen. Ihre Seelen sind rein. Gott wird Ihre Bitten erhören. Der Graf von Monte Christo ist tot für diese Erde. Als Edmund Dantes wird er ein neues Leben beginnen, um Gott zu versöhnen und die Vergangenheit zu bereuen! Der Graf schwieg, neigte sein Haupt und betete. Alle Anwesenden neigten ebenfalls das Haupt und beteten mit ihm. Die Frau im schwarzen Gewande schluchzte. Dann als die Versammelten wieder aufblickten, war die Stelle leer, auf der Monte Christo gestanden. Auch die Dame, seine Gattin Haydee, war mit ihm verschwunden. Das Testament des Grafen Es währte minutenlang, ehe die Versammelten sich fassen konnten. Der Herzog war der erste, der sich erhob. Er hatte ein Papier in der Hand, und mit diesem trat er vor die Versammlung hin. Unser aller Freund, der Graf von Monte Christo, hat mich beauftragt, Ihnen, ehe Sie mich verlassen, noch dieses Dokument vorzulesen. Es ist das Testament des Grafen. Und er las: »Ich, Endesunterzeichneter, Edmund Dantes, Graf von Monte Christo, Lord Wilmore und Lord Hope, verfüge hiermit in Anwesenheit der unterzeichneten Notare und des Herzogs ***, sowie des Abbés Laguidais, wie folgt: Wolfram Büchting und Therese Büchting, Kinder des Herrn Theodor Büchting aus Berlin, erhalten ein jeder die Summe von fünfundzwanzig Millionen Franken in französischen, englischen und nordamerikanischen Staatspapieren. Diese Summe beträgt allerdings nicht den ganzen Gewinn, den ich aus der Benutzung der Goldminen in Kalifornien gezogen habe. Ich bin aber bei der Bestimmung dieser Summen von dem Gedanken ausgegangen, daß es ihrem Vater, Herrn Theodor Büchting, bei seinen beschränkten Mitteln nicht möglich gewesen wäre, seit jener Zeit und seit dem Tage der Entdeckung der Mine ein größeres Resultat aus ihr zu gewinnen, und hoffe demzufolge, daß Herr Wolfram Büchting und Fräulein Therese Büchting sich mit der obigen Summe begnügen werden. Verheiratet sich Fräulein Therese Büchting mit Don Lotario de Toledo, so erhält sie außerdem noch fünf Millionen Franken als Heiratsgut und als eine freiwillige Schenkung. Don Lotario de Toledo erhält fürs erste die vollständige Kaufsumme für seine Hacienda im Betrage von dreimalhundertundachtzigtausend Dollars – da ihm zwanzigtausend Dollars bereits ausgezahlt sind – und außerdem die Summe von zehn Millionen Franken in Staatspapieren. Ferner überlasse ich ihm meine Besitzung auf dem Berge der Wünsche, jedoch nur unter der Bedingung, daß er alsdann wenigstens drei Monate im Jahre dort zubringt und in demjenigen Sinne wirkt, den ich für nötig halte. Meine Ansichten darüber sind in einem Dokument enthalten, das der Herzog *** dem Don Lotario mitteilen wird. Fräulein Amelie von Morcerf erhält die Summe von fünf Millionen Franken in Staatspapieren – Desgleichen der Kapitän Maximilian Morel, in dessen Besitz auch wie es sich von selbst versteht, die Insel Monte Christo, das Schloß in Tréport und die Wohnung in den Champs Elysees verbleiben. – Desgleichen erhält die Summe von fünf Millionen Franken Fräulein Eugenie Danglars. Der Herzog *** wird es übernehmen, sie in meinem Namen um Verzeihung zu bitten für die Beleidigung, die ich ihr früher angetan. Ferner stelle ich eine Summe von fünfundzwanzig Millionen Franken zur unbedingten Verfügung des Herrn Albert von Morcerf. Der Abbé Laguidais und der Herzog *** werden es übernehmen, sie ihm ganz oder teilweise und entweder bar oder in Papieren auszuzahlen. Dieselben Herren werden es ferner übernehmen, die Verpflichtungen zu erfüllen, die ich früher gegen Herrn Albert von Morcerf eingegangen und die sich auf die Lieferung von Waffen, Werkzeugen und Instrumenten und auf die Sendung geeigneter Persönlichkeiten nach dem Innern Afrikas beziehen. Vierzig Millionen Franken bestimme ich ferner zur Verteilung unter meine Dienerschaft. Bertuccio wird das Dreifache, Bertois, Laurent und der Steuermann des Dampfers werden das Doppelte von dem erhalten, was auf jeden einzelnen fällt. Ich bestimme jedoch, daß jeder nur den fünften Teil seines Anteils bar ausgezahlt erhält, und auch dies nur, wenn er es wünscht. Von dem übrigen beziehen sie die Zinsen des Vermögens, das bei sicheren Bankiers verwaltet werden wird. Sie verlieren auch diese Zinsen und das Vermögen überhaupt, sobald sie sich einer notorisch schlechten Handlung schuldig machen. Doch glaube ich nicht, daß dies der Fall sein wird. Ich hoffe, daß sie nützliche Glieder der menschlichen Gesellschaft sein werden. Der Herzog ***, der Abbé Laguidais und die Herren Wolfram Büchting, Don Lotario und Maximilian Morel werden die Aufsicht über diese Leute führen und ihnen dazu verhelfen, einflußreiche Stellungen in der Gesellschaft einzunehmen. Der Rest meines Vermögens, der ungefähr ebensoviel beträgt, als die hier angeführten Legate zusammen, und den ich augenblicklich nicht so genau feststellen kann, wird zu denjenigen Zwecken verwendet werden, die ich mein Leben lang verfolgt habe, und die in der Hebung und Förderung der Sittlichkeit und in der Befestigung der Grundprinzipien des Christentums bestehen. Zu diesem Zwecke werden die Herren Laguidais, der Herzog ***, Don Lotario, Wolfram Büchting, Graf Arenberg, Kapitän Morel und Professor Wedell ein Komitee bilden, das sich mindestens alle drei Jahre einmal in Paris, Berlin oder London zu versammeln hat. Dieses Komitee darf nur mit Einstimmigkeit über die ihm zu Gebote gestellten Summen verfügen und nie mehr als zwanzig Millionen für einen Zweck ausgeben. Die Verwaltung dieser Summe bleibt in den Händen des Bankiers Nathan in New Orleans, der zu diesem Zwecke eine Filiale in Paris errichten wird. Und hiermit nehme ich Abschied von meinen Freunden. Mögen sie mir ein freundliches Andenken bewahren und bedenken, daß ich Gutes zu tun glaubte, und daß meine Gedanken und mein Streben in ihren Anfängen gut waren und erst später den Charakter der Anmaßung und des Frevels annahmen! Gott gebe seinen Segen zu diesen meinen letzten Bestimmungen. Edmund Dantes.«   Als Zeugen: Herzog***.         Abbé Laguidais.         Carreau, Notar.        Villars, Notar.« Sie haben den Inhalt dieses Testaments vernommen! sagte der Herzog dann. Ich erwarte jeden einzelnen, der in diesem Dokument erwähnt ist, in den nächsten Tagen bei mir, um mit mir nähere Rücksprache über die Bestimmungen zu nehmen. Es versteht sich von selbst, daß Sie die Legate ablehnen können. Dann aber würden Sie, wie ich Ihnen bestimmt versichern kann, dem Wunsche des Grafen zuwiderhandeln und ihn tief betrüben. Er hat alles reiflich überlegt. Tun Sie ihm also nicht den Schmerz an, das zurückzuweisen, was gut gemeint ist. Der Herzog verbeugte sich, zum Zeichen, daß er alles gesagt. Die Eingeladenen entfernten sich schweigend und langsam. Wer hätte auch in so kurzer Zeit den ganzen Inhalt dessen, was er gehört und empfangen, begreifen können!