Paul Schreckenbach Die von Wintzingerode Ein Roman aus dem sechzehnten Jahrhundert I. Kapitel. Der Martinstag des Jahres 1573 ging über der alten Bischofsstadt Mainz zur Rüste. Die Kälte hatte dieses Jahr früh eingesetzt; ein scharfer Ostwind kräuselte die breite Flut des Rheins und pfiff schneidend durch die Straßen und zerzauste die Kränze und peitschte die Fähnlein, die zu Ehren des heiligen Schutzpatrones der Stadt heute zu seinem Festtage an fast allen Häusern herausgehängt waren. Dazu wirbelte der Schnee in harten, feinen Flocken vom Himmel hernieder und rieselte in dichten Schwaden von den hochgiebligen Dächern herab. Trotzdem waren alle Straßen voll fröhlich geputzter Menschen. Was fochten das frische rheinische Blut die Kälte und der Schnee an! Die war man gewöhnt um diese Jahreszeit, die sollten den guten Mainzern ihren hohen Festtag nicht verderben! Sie hatten früh andächtig in ihren Kirchen gekniet und manchen Rosenkranz gebetet und sich erbaut an dem, was ihnen ihre Priester erzählten von den Taten des ritterlichen Heiligen, der ihre liebe Stadt im Himmel mit seiner Fürbitte vertrat. Nun aber, am Abend, war der Frömmigkeit Genüge getan, nun wollten sie leben! Die ganze Stadt duftete nach dem Braten des Martinsvogels, der Gans, die das ärmere Volk mit kleinen Äpfeln, die Vornehmen aber mit wälschen Kastanien stopften, und Arm und Reich aß in den Häusern und auf den Straßen ein süßes Kringelgebäck, das ebenfalls alter Sage zufolge dem Heiligen lieb war. Mit diesem Gebäck beschenkte man sich heute, suchte sich wohl auch im Straßengedränge die Brezeln zu entreißen, ja auf dem Liebfrauenplatze hinter dem Dome fütterte man zwei Affen damit, die ein brauner Fremdling dort für Geld sehen ließ. Eine große Menschenmasse hatte sich davor aufgestaut, Mädchen in schreiend bunten Röcken und lustige Gesellen aus der Stadt, Landsknechte und dazwischen einige ehrbare Ratsherren in pelzverbrämten Festmänteln. Alle lachten vergnügt über die tollen Grimassen der menschenähnlichen Tiere, die sich so gierig geberdeten. Die Szene beobachtete ein älterer Mann, der an dem halb geöffneten Fenster eines stattlichen Hauses stand. Er trug die einfache Tracht der spanischen Weltgeistlichen, kein Abzeichen, keinen Schmuck, und doch sandte jeder, der ihn dort bemerkte, einen achtungsvollen Gruß hinauf. Denn jedes Kind in Mainz kannte diesen hageren Mann mit dem blassen, scharfgeschnittenen Gesicht und dem fast haarlosen Haupte, das er stets ein wenig nach vorn geneigt trug. Es war der Beichtvater des Kurfürsten, Pater Ludwig Bacharell, Mitglied der Gesellschaft Jesu. Der Pater blickte gleichgültig, fast gelangweilt in das bunte Gewühl hinab. »Wo nur Stralendorf bleibt?« murmelte er vor sich hin. »Es geht stark auf vier Uhr.« Plötzlich aber kam Leben in sein Antlitz. Gespannten Blickes schaute er über die Volksmenge hinweg nach der Richtung hin, wo vom Markte her eine Straße auf den Platz einmündete. Immer finsterer wurde der Ausdruck seiner Mienen, und mit einer jähen Bewegung wandte er sich plötzlich vom Fenster weg. »Da tretet her, Gropper«, sagte er mit harter Stimme, »tretet her und überzeugt Euch von dem, was ich Euch gesagt habe. Da kommt der Nachfolger des heiligen Bonifatius geritten, der erste Prälat des Reiches, ein Erzbischof der heiligen Kirche, mit Jägern und Falken und Hunden! Sagt das dem heiligen Vater, wenn Ihr demnächst nach Rom kommt, damit er sich nicht wundert, daß wir nichts erreichen, und nicht uns der Lässigkeit beschuldigt.« Der Angeredete trat langsam näher – eine große, grobe, starkknochige Gestalt in demselben Gewande wie jener, das Gesicht einer Bulldogge nicht unähnlich. Gespannt und ohne ein Wort zu sprechen, betrachtete er den glänzenden Jagdzug, der sich nahte, voran die Knechte mit der kläffenden Meute, dann der Kurfürst- Erzbischof auf feurigem Rappen in grünem Jagdkleide wie alle seine Begleiter, Ritter und Damen. Nur die wallenden weißen Federn auf seinem Hut und der breite Hermelinbesatz seines Mantels unterschieden ihn von den anderen. Er sprach eifrig mit einem jungen Manne, der ihm zur Seite ritt, grüßte auch hin und wieder einen von den Bürgern, die ehrerbietig das Haupt entblößten, aber kein Blick seiner klugen schwarzen Augen flog empor zu dem Fenster, wo die beiden Jesuiten ihn beobachteten. Der Zug eilte schnell vorüber, hinter ihm schloß sich die Menschenmasse wieder zusammen. Gropper wandte sich vom Fenster ab. »Ein erbaulich Schauspiel!« sagte er spöttisch. »Als Kurfürst Daniel dreißig Jahre alt war, habe ich ihn freilich oft so gesehn. Seitdem, dachte ich, hätte er die Alfanzereien gelassen. Es scheint indessen nicht so. Ist denn dieser Falk ganz unzähmbar? Ich war immer so viel auswärts, daß ich ihn kaum noch kenne. Aber weiland erkannte ich Anlagen in ihm, die Großes versprachen.« Bacharell ließ sich verdrossen in einen Stuhl fallen und entgegnete gereizt: »Soll das ein Hieb gegen mich sein, so trifft er nicht. Vielleicht bin ich zu töricht, vielleicht reicht mein Witz und Verstand nicht weit genug, aber an Eifer, wahrlich, habe ich es nie fehlen lassen.« »Dessen zeihe ich Euch auch nicht«, sagte Gropper ruhig. »Auch seid Ihr, ich weiß es, luminanten Geistes. Und doch – ich staune, daß hier nichts vorwärts geht. Es ist wahr, der Kurfürst hat unseren heiligen Orden hier aufgenommen, er hat uns ein Kollegium errichtet, er hat seine Beichtiger aus unserer Zahl gewählt, er zeigt sich uns auf alle Weise gewogen. Aber das Wichtigste fehlt: Er selbst ist nicht unser. Ein Funke unseres Geistes – wohl, der ist in ihm erglommen. Aber wo bleibt die Glut, die starke Flamme, die das ganze Herz in Brand setzt, daß es sich verzehrt für die Sache Gottes und seiner heiligen Kirche? Ich sehe nichts davon. Wie kommt das?« Der Pater schwieg eine kleine Weile, dann entgegnete er langsam und stockend: »Es war nicht immer so mit Daniel, wie es jetzt ist. Er war auf gutem Wege, ganz der unsere zu werden. Wie brannte sein Herz in Andacht zur gebenedeieten Mutter Gottes! Sogar die geistlichen Exerzitien hat er auf sich genommen und mir entzückt gesagt, er fühle dabei, wie die Ströme göttlicher Gnade sich in sein Herz ergössen und es ganz ausfüllten. Das war noch vor einem Jahre so. Aber in diesem Charakter ist nichts beständig, und was man Jahre hindurch mit Mühe aufgerichtet hat, das wird in einer Stunde niedergerissen durch die Wogen der ungezügelten, unbändigen Sinnlichkeit, die in seiner Natur liegt. In Kurfürst Daniels Seele herrscht das Weib!« Gropper, der während der Rede des anderen langsam durchs Zimmer geschritten war, blieb überrascht stehen. »Wie? Ist Daniel über solche Versuchung nicht hinaus? Zählt er nicht fünfundvierzig Sommer?« Bacharell nickte. »Das wohl. Aber die späte Leidenschaft ist die stärkste. Herbstgewitter sind oft die schwersten.« Beide schwiegen ein paar Sekunden. »Und wer ist die neue Traute des Herrn?« fragte Gropper. »Man sieht, daß Ihr neu angekommen seid«, erwiderte Bacharell. »Hier pfeifens schon längst die Spatzen von den Dächern! Es ist eine von Wintzingerode, ein adeliges Fräulein vom Eichsfeld« – »Bartholds von Wintzingerode Tochter?« fragte Gropper schnell. »Desselben!« Gropper lächelte. Sein Gesicht mit den breiten, wulstigen Lippen nahm einen diabolischen Ausdruck an. »Unglaublich!« rief er. »Dieses Mannes Tochter eines Bischofs Dirne!« Bacharell machte eine abwehrende Bewegung. »Leider nicht«, sagte er finster. »Wäre sie eine von denen, die ohne Ring am Finger hohen Herren gefällig sind, es wäre besser. Für dieses Weib aber geht mit ihrem Willen der Weg ins Brautgemach nur vom Altar aus.« Groppers Gesicht zeigte bei diesen Worten die äußerste Bestürzung. »Was«, stammelte er. »Wie meint Ihr? Sollte Daniel – nicht möglich – ein Apostat werden? Von der heiligen Kirche abfallen« – »Nein«, versetzte Bacharell fest und bestimmt. »Das ist nicht zu befürchten, der heiligen Jungfrau sei Dank. Daniel kann nie ein Ketzer werden, er ginge zu Grunde unter den salbadernden lutherischen Prädikanten mit ihren nüchternen Gottesdiensten in kahlen, schmucklosen Kirchen. Seine Seele verlangt nach dem, was wir haben, nach hohen Domen mit herrlichen Altären, mit Weihrauchduft und Kerzengeflimmer, mit Bildern und Zeichen. Sein Herz glüht in Andacht und Liebe zur allerseligsten Jungfrau. Zu ihr, die von den Ketzern geschmäht wird, richtet er seine Gebete. Und was wäre ein Mann, der so viel auf dem Gewissen trägt, ohne die Beichte, ohne die göttliche Absolution, die allein die Kirche des Apostelfürsten spendet! Nein, ein Ketzer wird Daniel niemals.« »Gelobt sei Gott!« sagte Gropper aufatmend. »Es macht mich ruhig, daß Ihr das so sicher sagt, Ihr müßts ja wissen. Aber wenn nicht, was fürchtet Ihr?« »Sehr vieles!« rief Bacharell. »Eine Gewalttat, die uns ungeheuer schaden wird. Ein Skandalen, wovon man reden wird von Polen bis Hispanien. Wißt Ihr noch, wie die Ketzer vor zwanzig Jahren triumphirten, als Heinz von Wolfenbüttel die schöne Eva von Trott heimlich auf sein Schloß bringen ließ und in Gandersheim an ihrer Statt eine Strohpuppe mit allen kirchlichen Ehren begrub? Ich war damals ein junger Mann, aber ich vergesse mein Lebtag das Gelächter nicht, das die ketzerischen Fürsten in Regensburg anstimmten, als Heinz den Saal betrat. Am lautesten lachte der Hesse, ders am wenigsten Ursache hatte. Gott wird ihn verdammt haben. Und Heinz Wolfenbüttel war ein weltlicher Herzog! Unser Herr ist ein Kirchenfürst, der erste in Germanien! Und er wird nicht abstehen, ich kenne den Herrn. Lange schwänzelt er nicht mehr mit glatten Worten und heißen Augen um die Magd herum. Fühlt er, daß er damit nicht zum Ziele kommt, dann nimmt er sich, was er will, mit Gewalt. Dann wird Anna von Wintzingerode eines Tages verschwunden sein.« Gropper hatte sich schwerfällig in seinen Armstuhl gesetzt und schaute düster zur Decke empor. Es kam wie ein Stöhnen aus seiner Brust, aber er erwiderte kein Wort. »Dann ist ein zwiefaches möglich«, fuhr Bacharell fort, »beides für uns verderblich. Entweder er macht sich das Weib gefügig, und sie bleibt bei ihm. Dann wird sie ihn beherrschen, ich fühle es, denn ich habe sie genau angesehen, obwohl ich sonst den Anblick der Weiber meide, weil nichts gutes dabei herauskommt. Dann ist es mit unserer Macht zu Ende. Oder sie wird wider ihren Willen gefangen gehalten, ihr Vater klagt, die Ritterschaft des Eichsfeldes kommt in Bewegung, Kaiser und Reich wird angerufen – wie wirds enden! Vielleicht überfällt der alte Wolf Barthold unsere Stadt, wie einst sein Kumpan Grumbach Würzburg überfallen hat«. »Das wäre nicht unwahrscheinlich«, fiel Gropper ein. »Schmach und Schande wirds auf jeden Fall. Und mich träfe es am härtesten, denn meines Lebens Ziel müßte dann versinken. Seit zwölf Jahren und länger kenne ich keinen heißeren Wunsch, als die gefährdetste Provinz dieses Mainzer Kirchensprengels wieder zurückzuführen zur allein seligmachenden Kirche. Das Eichsfeld soll wieder katholisch werden. Mit diesem Gedanken habe ich mich jeden Abend zur Ruhe gelegt und bin mit ihm jeden neuen Morgen aufgestanden. Ich habe unzählige Gebete darum zum Himmel gesendet, ich habe meinen Leib gepeinigt, um die Heiligen meinem Plane geneigt zu machen. Nun sollte das alles vergebens sein?« Er hielt inne und starrte finster vor sich nieder. »Sagt einmal, Bacharell«, begann Gropper nach einer kleinen Pause, »woher kommt Eure besondere Liebe für dieses Land? Es gibt im Erzstift, Gott seis geklagt, doch viele Orte, wo die Ketzerei wuchert, Mainz selbst ist voll davon. Warum habt Ihr Euer Absehn gerade auf das Eichsfeld gerichtet?« Bacharells Augen leuchteten auf. »Weil mirs die heilige Jungfrau selbst befohlen hat«, erwiderte er mit starker Stimme. »Die heilige Jungfrau?« fragte Gropper erstaunt. »So hättet Ihr ein Gesicht gehabt?« »Ich armer, sündiger Mensch bin dessen gewürdigt worden«, sagte der Pater geheimnisvoll und mit einem verzückten Ausdruck. Gropper rückte gespannt näher. »Und darf ich wissen und erfahren, was Ihr geschaut?« »Ihr dürft es, Gropper. Wem soll ichs erzählen, wenn nicht Euch? Auch Thyreus weiß es. So hört denn, ich will Euch den Hergang berichten. Vor zwölf Jahren reiste ich in jenem Lande. Ich sollte erkunden, wie es dort stehe. Jammer über Jammer – ich fand den Weinberg Gottes zertreten und verwüstet. Überall Abfall vom wahren Glauben, die geweihten Priester weltlich geworden, die Klöster verödet, allenthalben breit und frech in Stadt und Land die lutherischen Diener am Wort. Schreckliches hörten meine Ohren, Entsetzliches sahen meine Augen. In Heiligenstadt erblickte ich ein herrliches Bild der gebenedeieten Gottesmutter, dem ruchlose Bubenhand einen Nagel in die Stirn getrieben hatte. Mit weinenden Augen zog ich das Eisen aus der Stirn der Holdseligen und setzte ihr ein Kränzlein aufs Haupt, daß es den Frevel bedecke. Mit blutendem Herzen zog ich weiter durchs Land, da kam ich auch in ein Dorf, das hieß Tastungen. Als ich dies Dorf durchschritten hatte, ertönte eine Stimme hinter mir. Es war eines alten Weibes Stimme, die zitternd und kläglich nach mir rief. »Seid Ihr ein Priester der alten Kirche?« fragte sie scheu und ängstlich umherblickend, als ich mich näherte. Ich bejahte. »O, dann erbarmt Euch und nehmt mir meine Beichte ab«, wimmerte sie. »Ich bin vom alten Glauben, und hier gibt es keine Priester Gottes, nur lutherische Prädikanten. Der Herr leidet keine Priester, er hat sie alle vertrieben und sein ganzes Gericht lutherisch gemacht.« – Dieser ihr Herr war der Ritter Barthold von Wintzingerode. – Was sollte ich tun? Sollte ich die Frau in ihren Sünden verderben lassen, eine Seele, die nach Vergebung dürstete? Ich trat ein und nahm dem Weib die Beichte ab. Es dauerte lange. Endlich war sie fertig, und ich verließ das Haus. Da tauchte vor mir hinter dem nächsten Hause ein Pferdekopf auf. »Um Gotteswillen tretet zurück ins Haus«, flüsterte erschreckt das Weib. Aber das Unheil war schon geschehen, der Ritter hielt vor mir, hinter ihm andere vom Adel und viele Knechte. »Verdammt, Westernhagen!« rief er, »zwei böse Vorzeichen für unsere Jagd. Ein Pfaffe und ein altes Weib!« Dann trieb er sein Roß dicht an mich heran und fragte drohend: »Was tust du hier, Pfaff?« Ich erklärte es ihm. Er lachte rauh und höhnisch auf. »Was geht dich die alte Eule an? Solltest sie ruhig in ihren Sünden abfahren lassen. Hierher Urschel! Hast du dem Pfaffen nicht gesagt, daß hier keiner von seinesgleichen geduldet wird? Was, Alte?« Und das Weib, das mich vorher unter Tränen gebeten und mir die Hand geküßt und mich ihren Retter vom Himmel genannt hatte, das winselte jetzt am Boden um Gnade und schob alle Schuld auf mich und sagte, sie hätte mich wohl verwarnt und gesagt, daß der strenge Ritter es verboten habe zu beichten und Beichte zu hören. »So, dann scheer' dich in deinen Bau!« rief er dazwischen, »dann soll der Pfaff allein büßen.« »Herr«, sagte ich, »laßt mich ruhig meine Straße ziehn. Ich bin ein Diener des hochwürdigen Herrn von Mainz, er würde jede Unbill ahnden, die an mir geschieht.« Ich hätte nichts Ungeschickteres sagen können. Denn sein Gesicht färbte sich blutrot, und auf der Stirn erschien eine dicke blaue Zornesader. »Was?« schrie er mit sprühenden Augen. »Schrecken willst du mich mit dem Mainzer Rademachergesellen, dem Fuchse, der meine Vettern um ihr Erbe betrogen hat? Ja, Füchse seid Ihr alle, ihr verwünschten Pfaffen, und wie einen Fuchs will ich dich behandeln! Auf, Leute, ergreift ihn und prellt das Füchslein!« Da holten die Knechte aus dem Hause das Bettlaken des alten Weibes, legten mich darauf und prellten mich, wie man einen Fuchs prellt. Jedesmal, wenn ich beim Anziehen des Tuches in die Höhe flog, wieherten die Ritter und Knechte wie über den köstlichsten Witz. Endlich aber ward man auch dieses Spaßes überdrüssig, man schnellte mich hoch in die Luft, daß ich betäubt zur Seite in einen Graben fiel, dann saßen sie auf, und der ganze Zug ritt unter großem Gelächter von dannen. Elend, krank, zerschlagen an allen Gliedern wankte ich weiter nach Teistungenburg. Dort nahm mich die Äbtissin freundlich auf, die mit wenigen Nonnen in Armut hauste, und wies mir ein Lager an in der Sakristei der Klosterkirche. Ich lag in Halbschlaf lange, lange, den ganzen Nachmittag bis tief in die Nacht hinein. Nach Mitternacht erwachte ich plötzlich. Mir wars, als berühre eine kühle Hand meine Stirn, als flüsterte mir eine Stimme zu: »Steh auf und bete!« Ich schleppte mich mit Mühe beim Schein der ewigen Lampe durch die Kapelle bis zum Altar. Dort sank ich auf die Knie und betete. So habe ich nie sonst gebetet, nicht vorher, nicht nachher. Mein Gebet trug mich aufwärts, ich erlebte das, was Sankt Paulus beschreibt, ward dieser Welt entrückt im Geiste. Die Mutter Gottes sah ich, die neigte sich über mich mit einer Wunde auf der Stirn, wie jenes Bild in Heiligenstadt. Und ein Blutstropfen fiel auf meine Stirn hernieder, und die allerseligste unter den Weibern sprach zu mir: »Gesegnet seist du mein Sohn, und zu einem Segen will ich dich machen für dieses Land. Du sollst wieder bauen, was zerstört ist, und von dir sollen Ströme des Lebens ausgehen über das dürre Erdreich!« Dann war die himmlische Erscheinung verschwunden. Ich erwachte aus meiner Verzückung auf den kalten Steinfliesen vor dem Altar, das Morgenlicht brach durch die halberblindeten Fenster. Da hob ich meine Schwurhand empor und schwur einen Eid bei meiner Seele Seligkeit, daß ich alles tun würde, was in meinen Kräften stände, das Eichsfeld wieder zum alten Glauben zurückzuführen. Und drei Jahre später gab mir Gott ein zweites Zeichen, denn ich, der arme Pater, ward Beichtiger des Kurfürsten. Gott wollte es, ich sollte meinen Schwur erfüllen! Seitdem habe ich gearbeitet Tag für Tag und bin nicht lässig gewesen und habe in des Fürsten Seele leise und allmählich meinen Plan eingesenkt, und was ich gesäet hatte, ging auf und wuchs, und Daniel fing an, ein anderer zu werden, und eine heilige Begierde keimte in ihm auf, die Ketzerei zu zertreten und der Kirche dort zum Siege zu helfen. Nun reitet er wieder wie früher mit Weibern zur Falkenjagd und träumt von weißen Armen und roten Lippen. Aber ich wache, bei Gottes Tod, ich lasse den Schimpf nicht zu, den er auf sich, auf die Kirche laden will! Eher verderbe ich das Weib, das seine Seele verführt hat. Denn ich werde alt, ich will den Tag sehen, an dem die Altäre Gottes wieder stehen auf dem Eichsfelde! Das Land muß wieder katholisch werden!« Er sank in seinen Stuhl zurück wie erschöpft von seiner langen Rede, aber seine sonst so kalten Augen glänzten wie Kohlen. Eine fanatische Glut leuchtete aus ihnen hervor. Es entstand eine Pause. Dann begann Gropper kühl und ruhig: »Ich danke Euch, Bacharell. Was ich gehört, ist in meiner Brust begraben. Und Ihr habt Recht. Jetzt ist es Zeit, dort zu reformieren, vielleicht kommt die Zeit nie wieder. Die ketzerischen Fürsten sind uneins, sie schelten einander Heiden und Türken, Calvinisten hier, Lutheraner dort. So werden sie dem Kurfürsten nicht in den Arm fallen, wenn er in seinem Lande tut, was sein Recht ist. Und was das Hindernis betrifft« – er machte eine Bewegung, als ob er eine Schrift von dem Tische vor sich weglöschen wollte. »Oder scheut Ihr Euch davor?« setzte er nach einer Weile hinzu, da der andere nichts erwiderte. »Sollen Tausende von Seelen um eines Weibes willen verloren gehen?« »Das Äußerste im äußersten Falle!« versetzte Bacharell. »Ich habe da einen Plan, er ist noch nicht reif, aber vertraut mir, ich bin auf der Wacht. Das Mädchen ist einem sächsischen Ritter versprochen, zur Not könnte man den herbeizitieren. Die nächsten Tage müssen das entscheiden. Doch – wir werden unterbrochen.« Auf der Treppe draußen wurden schnelle, sporenklirrende Schritte laut. Es pochte rasch und heftig an die Tür, und ohne einen Hereinruf abzuwarten, stürmte ein junger Mann ins Gemach, derselbe, der vorhin an der Seite des Kurfürsten geritten war. »Ah, Herr Lippold von Stralendorf«, sagte Pater Bacharell. »Wir erwarteten Euch. – Doch, was ist geschehen?« setzte er rasch hinzu, als er das erregte Gesicht des jungen Edelmannes bemerkte. »Etwas Unerhörtes!« schrie Stralendorf und schleuderte Handschuhe und Barett auf den Tisch. »Hätte ichs nicht mit eigenen Ohren gehört, ich glaubt' es nicht. Der Kurfürst will Barthel von Wintzingerode zum Hauptmann des Eichsfelds machen.« Gropper fuhr mit einem unterdrückten Fluch in die Höhe, Bacharell dagegen ließ sich in seinen Sessel zurückfallen und brach in ein krähendes Gelächter aus. »Hauptmann des Eichsfeldes! Das ist ein Witz seiner kurfürstlichen Gnaden, mein lieber Stralendorf. Der Kurfürst liebt zuweilen dergleichen Scherze.« Stralendorf, der wütend im Zimmer umherrannte und Flüche vor sich hinmurmelte, blieb stehen und sagte in barschem Tone: »Ich bin kein Knabe, Herr Pater, und kann Ernst und Scherz gar wohl unterscheiden. Dem Kurfürsten war es heiliger Ernst mit seinem Plane, er hat eine Stunde lang mit mir von nichts anderem gesprochen.« »Und es ist dennoch ein Scherz, sage ich Euch«, fuhr Bacharell mit Nachdruck fort. »Leider freilich ein Scherz wider Willen. Wäre Daniel nicht ganz und gar verblendet – solche Narrheit wäre nie in seinem Geiste aufgetaucht. Er sollte den Mann kennen, wir haben genug mit ihm zu tun gehabt. Es sind nicht drei Jahre vergangen, seit unser letzter Handel mit ihm geschlichtet worden ist. Der Ritter selbst muß den Kurfürsten für wahnsinnig halten, wenn er das hört. Der unglückliche Gesandte, der die Botschaft überbringt –« »Ich selbst solls tun«, unterbrach ihn Stralendorf grimmig. »Ihr? Ei, sieh da! Dann verseht Euch ja zuvor mit freiem Geleit, daß Ihr den Bodenstein ungekränkt wieder verlasset. Wenn Barthold erfährt, daß er die plötzliche Freundschaft unseres Herrn seiner schönen Tochter verdankt, so ist er imstande, Euch tot zu schlagen. Wie sollt Ihr es ihm denn erklären, daß der Kurfürst mit einem Male sein Freund sein will?« »Ich soll ihm sagen, Kurfürst Daniel hätte sichs überlegt, daß es besser sei, mit einem so edeln und tapferen Ritter in Frieden zu leben«, erwiderte Stralendorf knirschend. »Er sei der Mächtigste der Ritterschaft, somit der Passendste, die Person des Landesherrn auf dem Eichsfelde zu vertreten. Der Kurfürst bietet ihm an, Hauptmann zu werden mit größerer Vollmacht als sie vor ihm jemals ein Hauptmann besessen. Seine Späne mit Graf Volkmar Wolf von Hohnstein sollen beigelegt werden. Dazu verspricht er eine jährliche Pension von dreitausend Goldgulden.« »Meiner Treu, das ist viel! Und was soll Barthold dagegen leisten?« warf Bacharell ein. »Von dem, was der Kurfürst in Wahrheit will, von seiner Tochter, ist gar nicht die Rede«, erwiderte Stralendorf. »Wahrscheinlich meinen Seine Gnaden, sein Diener werde dann selbst die Augen zudrücken. Der Preis, den der Ritter für die Gnade des Kurfürsten zahlen soll, ist die Rückkehr in den Schoß unserer allein seligmachenden Kirche.« Bacharell lachte noch greller als zuvor. »Das wollt Ihr ihm sagen? Juckt Euch der Hals?« »Sollte der Ritter darauf nicht eingehen«, fuhr Stralendorf fort, »so will sich der Kurfürst damit begnügen, daß er bei Landestagungen mit zur Messe geht. Vor allem aber soll er es dulden, daß der Kurfürst in den Städten die lutherischen Prädikanten vertreibt und geweihte Priester Gottes dafür einsetzt.« »Von alledem, dessen bin ich ganz sicher, wird der Ritter nichts bewilligen«, sagte Bacharell bestimmt. »Denn er ist ein geborener Ketzer. Es gibt Menschen, die hat der allmächtige Gott nach seinem ewigen Rate, wie's scheint, zur Verdammnis geschaffen. Solch ein Geschöpf des Zornes ist jener Barthold. Er muß die Kirche des Herrn hassen und verfolgen, er kann nicht anders, seine böse Natur treibt ihn dazu. Und wenn ihm Kurfürst Daniel dreißigtausend Goldgulden jährlich böte und noch viel mehr, er würde alles mit Hohn und Spott zurückweisen und ein verstockter, verlorener und verdammter Ketzer bleiben. Wollte Gott, die heilige Kirche hätte viele Söhne, die ihr so treu wären, wie dieser Verworfene seiner Ketzerei!« »Und doch, Freund Bacharell, würde ich mich darauf nicht verlassen, sondern alles tun, um den Kurfürsten auf den rechten Weg zurückzuleiten«, sagte Gropper und erhob sich. »Wer im Fieberwahn auf einen Abgrund zurast, muß zurückgerissen werden.« »Seid dessen gewiß, ich säume keine Stunde«, entgegnete Bacharell. »Und darum, meine Freunde, laßt mich jetzt allein. Ich will zu Gott und der heiligen Jungfrau um Erleuchtung beten, daß mein Fuß den rechten Weg nicht verfehle. Dann will ich an unseren ehrwürdigen Thyreus schreiben, er ist in Speier und kann morgen hier sein. Mit ihm will ich beraten, er ist klüger als ich. Gehet mit Gott, meine Lieben, laßt uns nicht verzagen, die Heerscharen des Himmels sind mit uns! Euch, Gropper, sende ich sogleich Nachricht, wenn Thyreus bei mir eingetroffen ist. Und Euch, Herr von Stralendorf, sage ich noch dies: Ihr gehet jetzt einen schmählichen Gang, aber übers Jahr ziehet Ihr dennoch selbst in Heiligenstadt als Landeshauptmann ein!« II. Kapitel. Wo das Ohmgebirge, das im Osten des Eichsfeldes Grenze bildet, zum Tal des Flüßchens Hahle jäh hinabfällt, da erhob sich auf einer schroffen, kurz vorgestreckten Bergnase die uralte Burg Bodenstein. Wer über die Berge kam, der traf zunächst auf die Vorburg. Dort lagen die Wirtschaftsgebäude, die Gelasse für Knechte und Mägde, die Ställe für die Pferde, deren Ritter Barthold eine große Zahl hielt. Auch das Gebrumm der Rinder war zu vernehmen, und auf dem nur in der Mitte und längs der Gebäude gepflasterten Hofe wälzten sich grunzend unzählige Borstentiere, denen die ungeheuren Eichenwälder der Umgebung überreichliche Mast boten. Schon dieser Teil der Burg war stark befestigt durch einen breiten und tiefen Graben und eine mächtige Ringmauer, die hier und da ein stumpfer, kurzer Rundturm überragte. Nur ein starker und mit Geschütz wohl versehener Feind durfte hoffen, hier den Eingang zu erzwingen, und darum war es dem wilden Bauernheere, das vor achtundvierzig Jahren Thomas Münzer und Heinrich Pfeiffer vor die Burg geführt hatten, nicht gelungen, das Schloß zu stürmen. Mit blutigen Köpfen hatte sie Barthold von Wintzingerode, damals ein Jüngling, dem kaum der Bart sproßte, von seinen Mauern heimgeschickt. Das war die erste Waffentat des Ritters gewesen, und sie hatte den Ruf der Uneinnehmbarkeit, den der Bodenstein von altersher genoß, von neuem befestigt. Drang aber auch wirklich ein Feind in diesen Teil des Schlosses ein, so waren die Herren der Burg noch keineswegs verloren. Sie brauchten sich dann nur über die Zugbrücke zurückzuziehen in die Hauptburg, die auf der vordersten steilen Felsgruppe gewaltig emporragte. Hier, wo einst die wilden Sachsen dem Wodan ihre Opferfeuer entzündet hatten, stand seit mehr als fünfhundert Jahren eine Feste, die ihre Lage fast unüberwindlich machte. Nach drei Seiten fiel der Fels kirchturmtief glatt und steil ins Tal hinab, nach Norden zu in einer Terasse, die etwa dreißig Fuß unter dem Gipfel sich vorschob und durch eine ungeheure Ringmauer mit in den Kreis der Befestigungen eingeschlossen war. Von dieser Seite her mußte jeder feindliche Ansturm vergeblich sein. Nur von Süden her war es möglich, die Burg zu berennen, aber auch hier stellten sich dem Feinde die schwersten Hindernisse entgegen. Stand er dem Brückentor gegenüber, so gähnte zu seinen Füßen ein tiefer Felsengraben, und drüben starrten ihm zwei mächtige Türme entgegen, die links und rechts die Zugbrücke deckten. Wollte man die Burg stürmen, so blieb nichts anderes übrig, als zuvörderst in den Graben hinabzuklettern und dann mit Leitern die Mauern emporzuklimmen – ein schwierig Ding, denn Barthold von Wintzingerode verfügte über eine stattliche Schar von Feldschlangen und Wallbüchsen. So war es denn kein Wunder, daß die von Wintzingerode mit stolzem Selbstgefühl auf ihre feste, unbezwingliche Burg hinblickten. Sie hatten im Laufe der mehr als zwei Jahrhunderte, seitdem sie das Schloß im Besitz hatten, schon manchem mächtigen Feinde hier Trotz geboten, und nie hatte ein feindlicher Fuß ihr Felsennest betreten. Längere Belagerungen hatten ebensowenig jemals zum Ziel geführt, wie plötzliche nächtliche Überfälle. Waren die Wintzingerode auch im Felde nicht immer glücklich, in ihrer festen Burg hatten sie stets eine sichere Zuflucht gefunden. Sie waren meist sehr fehdelustige Herren gewesen, denen das Schwert gar locker in der Scheide hing, und von jeher wenig gewillt sich zu beugen. Sie gingen bei vielen Herren zu Lehn, aber keinem bezeigten sie einen sonderlichen Respekt, und da sie behaupteten, ihr Stammgut Wintzingerode vom Reiche selbst zu Lehn zu tragen, und da ihnen niemand das Gegenteil beweisen konnte, so fühlten sie sich im Innersten den freien Reichsrittern und Dynasten gleich. Der Stolzeste und Eigenwilligste aber von allen, die jemals vom Bodenstein als Herren ins Tal hinabgeblickt hatten, war der jetzige Besitzer der Burg, der Ritter Barthold von Wintzingerode. Er war jetzt fünfundsechzig Jahre alt, aber dem riesenstarken Manne, der das mächtige Haupt mit der Eulennase und den funkelnden Augen so aufrecht auf den breiten Schultern trug, merkte man nur an dem eisgrauen Barte an, daß er schon im Greisenalter stand. Der Schnitt des Bartes gab ihm eine gewisse Ähnlichkeit mit dem alten sächsischen Bekennerkurfürsten Johann Friedrich, und das war des Ritters Stolz. Denn er war ein Rittmeister und treuer Diener dieses unglücklichen Fürsten gewesen. Eine breite, blutrote Narbe, die über die linke Stirnseite hinlief und sich unter dem dichten grauen Haupthaar verlor, zeugte für Zeit seines Lebens von seiner wilden Tapferkeit, die er im Dienste des Kurfürsten bei Mühlberg bewiesen hatte. Im übrigen hatte er in seinem Äußeren wenig von dem dicken, schwerfälligen Johann Friedrich, er war eher hager als beleibt, und alle seine Bewegungen waren rasch, jäh, eckig und herrisch. Heute saß der Ritter im hohen, holzgetäfelten Gemach allein vor dem ungeheueren, wuchtigen Eichenholztisch, an dem die Familie mit ihren Gästen und den reisigen Knechten die Mahlzeiten einzunehmen pflegte. Es war ungefähr zehn Uhr vormittags, und das war eine frühe Tageszeit für einen, der bis nach Mitternacht beim Becher gesessen und im Trinken redlich seinen Mann gestanden hatte. Denn zu Frau Käthes, des Ritters adeliger Hausfrau, heimlichem, aber großem Mißfallen war der gestrige Tag wieder einmal mit einem weidlichen Gelage zu Ende gegangen. Der Bodenstein beherbergte zur Zeit Gäste, soviele wie seit lange nicht. Seit fast zwei Wochen hielt sich in seinen Mauern der polnische Edelmann Casimir Kaminski auf, ein langer, bleicher, stets in tiefstes Schwarz gekleideter Mann mit einem unendlich hochmütigen Ausdruck in den verlebten Zügen. Wollte man seinen Worten trauen, so hatte er freilich alle Ursache, auf das gewöhnliche Menschenvolk voller Hochmut hinabzusehen. Denn er war ein Nekromant, er besaß die tiefste Einsicht in die geheimnisvollen Kräfte der Natur. Gold machen aus unedelm Metall, das konnte er nicht, wie er freimütig zugab. Dagegen war ihm das Geheimnis der Multiplikation aufgegangen, er konnte eine beliebige Masse Goldes verzehnfachen, ja, wenn die Sterne günstig waren, sogar um das hundertfache vermehren. Barthold hatte diesen Wundermann in Nordhausen kennen gelernt und ihn dringend gebeten, mit ihm auf den Bodenstein zu kommen und dort seine Kunst zu erproben. Nach einigem Sträuben war der Pole ihm willfährig geworden und hatte mit einem Diener Einzug in die Burg gehalten, während er den anderen Begleiter und seine Pferde in Nordhausen zurückgelassen hatte. Die Nacht des zwölften Tages im zwölften Monat, die zugleich den Vollmond bringen sollte, hatte er für überaus günstig erklärt und dem Ritter eingeschärft, bis dahin eine möglichst große Summe von Goldgulden zu beschaffen. Der Pole hauste mit seinem Diener in drei Zimmern des rechten Flügels, überdies war ihm noch ein Laboratorium eingerichtet worden in dem Obergeschosse des Kornhauses, das in die Ringmauer der Burg auf der Nordseite eingebaut war. Der fremde Edelmann war jedermann im Schlosse, den Burgherrn allein ausgenommen, unheimlich, und Frau Käthe konnte nie ein Grauen unterdrücken, wenn sein bleiches Gesicht irgendwo auftauchte. Dagegen war gestern ein Gast in den Schloßhof eingeritten, den sie mit heller Freude begrüßt hatte. Das war der junge Ritter Heinrich von Bünau, ein entfernter Verwandter ihrer seligen Mutter. Schon seit mehreren Jahren war ihre älteste Tochter Anna ihm versprochen, und nächstes Frühjahr, an seinem sechsundzwanzigsten Geburtstage, sollte die Hochzeit sein. Der Junker war Frau Käthes erklärter Günstling und auch ihrem Gatten ein hochwillkommener Eidam, denn er war nicht nur begütert und von altem, edeln Geschlecht, sondern auch stattlich von Ansehen und von einem so hellen, freudigen, gehobenen Wesen, daß jeder fröhlich wurde in seiner Gegenwart, und daß ihn männiglich lieb hatte. Er wußte wohl, daß seine Erkorene zur Zeit in Mainz bei einer Patin und Erbtante weilte, die ihrem seligen Heimgang bei großer Leibesschwachheit entgegensah, und daß er sie also auf dem Bodenstein nicht vorfinden werde. Aber da er als Gesandter über das Eichsfeld zog, um dem Herzog von Grubenhagen eine Botschaft seines Kurfürsten zu überbringen, so hatte er den kleinen Umweg nicht gescheut und wollte auf der befreundeten Burg nächtigen. Sein Begleiter, der junge kurfürstliche Rat Doktor Neyher, hatte sich unschwer überreden lassen, von der geraden Heerstraße mit ihm abzuweichen. Er durfte annehmen, daß er als Bünaus Freund jedenfalls willkommen sei, und zudem war die Gastfreundschaft des Bodensteins im ganzen Lande fast sprüchwörtlich. Sie wurden denn auch mit Freuden aufgenommen und mit allem bewirtet, was das Haus darbieten konnte. Frau Käthe erschöpfte sich dabei in Fragen nach dem Wohlergehen unzähliger Vettern und Basen im Sachsenlande, die sie seit Jahren nicht gesehen, und Bünau in seiner freundlichen und liebenswürdigen Weise stand ihr bereitwillig Rede und Antwort. Auch sein Reisegenosse wußte sich durch sein höfliches, vornehmes Wesen ihre Gunst zu erwerben, und mit mütterlichem Stolz bemerkte sie, daß ihre zweite Tochter Sophie, ein hübsches, frisches Kind von siebzehn Jahren, einen unverkennbaren Eindruck auf den hochgelehrten jungen Rat des Kurfürsten hervorbrachte. Was hatte sich aus solch zufälliger Bekanntschaft manchmal schon entsponnen! Wie oft hatten sie zu Verspruch, Brautstand und Hochzeit geführt! Und Reyher war gewiß nicht zu verachten, denn war er auch nicht von altem Adel, die Gunst des Kurfürsten erschloß ihm eine gute, vielleicht sogar glänzende Zukunft. Das Ehestiften galt damals in deutschen Landen für ein höchst löbliches und verdienstliches Werk, fürstliche Damen sahen darin eine ihrer wichtigsten Aufgaben – kein Wunder, daß der guten Edelfrau allsogleich der Gedanke kam, die beiden könnten wohl ein Paar werden. Sie hatte ja drei Töchter zu versorgen und unter die Haube zu bringen, deren jüngste freilich noch ein Kind war. Schade, daß die beiden Freunde nicht Herren ihrer Zeit waren und im Fürstendienste morgen schon weiterreisen mußten. Umsomehr erhoffte sie von dem traulichen Zusammensein am Abend im Familienkreise. Ein tückisches Geschick aber durchkreuzte ihre Pläne. Denn beim Abendgrauen verkündete des Torwächters Horn das Herannahen neuer Gäste, und vier Ritter sprengten auf den Schloßhof. Es waren die Vettern Hans und Heinz von Westernhagen mit ihren erwachsenen Söhnen, sehr ehrenfeste und achtbare Herren, aber alle vier begabt mit ungewöhnlich trunkfesten Kehlen. Der dicke Heinz, der wie eine Tonne auf seinem unförmigen, breiten Schimmel saß, verkündete sogleich mit schallender Stimme, er sei gekommen, um den neuen Frankenwein zu probieren, von dem seines Wissens vorige Woche ein Fuder über Worbis eingetroffen sei, und der lange Hans, der ungern Worte machte, schielte sehnsüchtig nach dem Keller und strich bedeutungsvoll den spitzen, grauen Bart. Unter tiefem Seufzen gab Frau Käthe die schweren Trinkgefäße heraus, die für gewöhnlich in dem massiven, mit Schnitzwerk reich verzierten Prunkschrank aufbewahrt wurden. Sie hatte ja nichts gegen das Trinken der Männer einzuwenden, sie wußte, daß ein fester Ritter auch im Trunke seinen Mann stehen mußte, wollte er nicht als ein Schwächling den andern zum Gespött dienen. Sie hatte sich früher immer herzlich gefreut, wenn ihr erzählt wurde, wie wacker ihr Eheherr bei Landtagen und Festen sich beim Trunke gehalten, wie er anno sechzig zumal bei der Hochzeit des Grafen Günther von Schwarzburg sogar den bechergewaltigen Bürgermeister von Arttstadt unter den Tisch getrunken hatte. Sie wußte, daß er es auch jetzt noch mit dem Jüngsten aufnahm, aber bei seinen Jahren war ihr die Sache bedenklich. Hatte doch erst vor kurzem den trinkfrohen Grafen von Mansfeld, einen Altersgenossen ihres Ritters, mitten in einem großen Zechgelage ein Schlagfluß vom Leben zum Tode gebracht. Und nun mußten diese Westernhagen gerade heute in die Burg einfallen! Indessen als eine kluge Frau fügte sie sich mit Würde in das Unvermeidliche. Sie begrüßte, freilich mit etwas sauersüßer Miene, die ungeladenen Gäste, ließ den Herren wacker auftafeln und zog sich dann mit ihren Töchtern schleunigst in die Frauengemächer zurück. Denn wenn sie auch, wie alle ihresgleichen, einen derben Scherz gar wohl vertragen konnte, so hielt sie es doch für besser, daß Mädchenohren den Gesprächen der Männer beim Weine fern blieben. Der Zwang, den die Herren sich durch die Gegenwart der Frauen in ihren Reden auferlegten, war zumeist sehr gering. Der Abend verlief dann, wie die Abende fast immer zu verlaufen pflegten, wenn rittermäßige Freunde zusammensaßen. Man trank einander unermeßliche Mengen zu, wurde lustig und lärmend, lachte und sang mit rauher Kehle. Der junge Westernhagen trug ein Spottlied vor auf Herzog Alba, den spanischen Hund, der eben durch seine Greueltaten in den Niederlanden den Haß aller Protestanten auf sich geladen hatte. Den Endreim sangen alle mit, indem sie dabei dröhnend und brüllend auf den Tisch hämmerten. Waren die Herren einmal verschiedener Meinung, so prasselten sie mit Worten heftig aufeinander los, und ihre gegenseitigen Bezeichnungen waren durchaus nicht schmeichelhaft. Aber die Eintracht ward bald wieder hergestellt und die Versöhnung durch einen gewaltigen Trunk besiegelt. So hatte man um Mitternacht ein großes Faß des schweren, feurigen Frankenweins bis auf die Neige geleert. Die Folgen waren deutlich sichtbar, alle hatten einen guten Rausch. Aufrecht stehen konnten nur noch Barthold und der lange Hans von Westernhagen, der ernst und schweigsam bei weitem das meiste getrunken hatte. Heinz von Westernhagen lag mit einem glücklichen Lächeln neben seinem Stuhle auf dem Estrich und schnarchte. Er mußte von den Knechten in seine Kammer getragen werden. Auch die anderen bedurften gar sehr des Beistandes kundiger Diener, seine Lagerstätte hätte keiner allein gefunden! Nun schliefen sie alle noch den Schlaf des Gerechten, obwohl der helle Schein der Morgensonne schon längst durch die kleinen grünlichen Butzenscheiben fiel. Nur Barthold hatte sich dem dicken Federpfühle entrungen und sich an den Frühstückstisch gesetzt. Da die andern nicht da waren und kein Mensch sagen konnte, wann sie erscheinen würden, so begann er, den guten Dingen zuzusprechen, die seine Hausfrau aufgetragen hatte. Sein Antlitz war etwas mehr gerötet als sonst, im übrigen war von dem scharfen Trunke der vergangenen Nacht nichts an ihm wahrzunehmen. Mit großem Eifer bearbeitete er den mächtigen Schinken, der vor ihm stand, und trank in starkem Zuge das wohlschmeckende Eierbier, das er früh besonders liebte. Nach einer Weile erschien auch Hans von Westernhagen und begrüßte ihn mit einem Kopfnicken und einem kurzen, unwirschen Gebrumm, da er am Morgen nicht zu sprechen pflegte. Auch er widmete sich mit allem Eifer all dem Gesalzenen und Geräucherten, mit dem der Tisch besetzt war; beim ersten Bissen von einer großen Schlackwurst entfuhr ihm sogar ein kurzes Wort der Anerkennung. »Ein tüchtig Weib ist Frau Käthe, das muß ihr der Neid lassen«, bemerkte er, indem er eine riesige Scheibe der Wurst in seinem großen Munde verschwinden ließ. Vielleicht hätte er kauend noch etwas zu ihrem Lobe hinzugefügt, aber er wurde unterbrochen, denn Bartholds alter Diener Jakob Holstein erschien in der Tür. »Der Gestrenge hat befohlen, daß ich um zehn Uhr den gefangenen Geilhaus herführen soll«, meldete er. »Richtig, das hatt' ich fast vergessen, so führe ihn mit dem Schreiber herein«, erwiderte sein Herr. »Ich will den Schuft heute seiner Haft entledigen«, wandte er sich erklärend an seinen Freund. »Der Kerl hätte den Strang verdient«, bemerkte Westernhagen. «Das hätte er. Aber noch einmal will ich ihm Gnade erweisen, das letzte Mal. Treffe ich ihn wieder auf meiner Wildbahn, dann gnade ihm Gott!« »Gerade den ließe ich hängen, das ist ein gefährlicher Mensch. Ein Schwarmgeist, ein Winkelprophet. Habt schon von ihm gehört. Hast ja den Blutbann auf deinem Grunde«, entgegnete Westernhagen. »Hätt' ich den Kerl auf frischer Tat ertappt, vielleicht hätt' ich ihn im Zorne niedergeschlagen. Du weißt ja, wie ich bin. Aber um einer Wildsau willen einen Menschen an den Galgen hängen und das Gewinsel seines Weibes mit anhören, das mag ich nicht. Er hat mit heute ein halb Jahr im Turm gesessen, das soll genug sein.« »Ein absonderlich Blut, Ihr Wintzingerodes«, bemerkte Westernhagen. »Nach oben hart und starr, nach unten zu weich. Die meisten Menschen sind umgekehrt.« »Milde gegen den armen Mann hat mich noch nie gereut«, erwiderte Barthold. »Warum konnte ich mit meiner Mutter selig allein gegen den Bundschuh mein Schloß halten? Weil keiner von meinen Leuten zu dem Münzer lief. Ich konnte mich auf sie verlassen. Ihr wart doch auch keine Memmen, aber Ihr mußtet Euch ducken, weil Ihr Eurer Leute nicht sicher waret.« »Ja, ja«, sagte der andere verdrießlich, denn er hörte nicht gern von diesen Zeiten reden. »Das hast du schon hundertmal erzählt. Tu', was du willst. Mögs dich nicht gereuen.« Indem wurde der Gefangene ins Zimmer geführt, ein hoch gewachsener Mann, dem das lange Haar und der verwilderte schwarze Bart unheimlich um das gelblich-bleiche, hagere Antlitz hingen. Hände und Füße waren mit starken eisernen Ketten beschwert. Seine Augen hielt er gesenkt, nur verstohlen flog ein stechender Blick hinüber zu dem Ritter, der hinter dem Tisch auf seinem Lehnstuhle saß. »Arnold Geilhaus«, begann Barthold, »du sitzest mit dem heutigen Tage ein halbes Jahr in meinem Turme. Du weißt, daß ich dich richten könnte, denn wer zweimal auf fremder Wildbahn betroffen wird, hat den Strang verdient. Doch noch einmal, das letzte Mal will ich Gnade üben. Willst du beschwören, daß du dich nicht rächen willst weder an mir noch an den Meinen für die gerechte Strafe, die du für deine Missetat erlitten hast?« Ein Blitz zuckte über das finstere Gesicht des Gefragten. »Ich will«, erwiderte er mit dumpfer, gepreßter Stimme. »So nimm ihm die Ketten ab, Jakob!« befahl Barthold, »und du, Schreiber, sprich ihm den Eid vor.« Es geschah. Beilhaus sprach den Eid der Urfehde nach. Das Schriftstück wurde gesiegelt, und da der Gefangene kein Siegel führte, so drückte Hans von Westernhagen sein Petschaft darauf zum Zeugnis dessen, was geschehen war. »Nun erlöse mich von deiner Gegenwart. Jakob, führe ihn zur Burg hinaus. Doch halt!«, rief Barthold, als der Befreite nach der Tür zu schwankte. «Noch einen Rat gebe ich dir, Geilhaus, befolge ihn, wenn du klug bist. Lasse dich von meinen Vettern deines Eides entbinden, wenn auch die Försterstelle gut ist, die du in ihrem Dienste hast. Mache dich fort aus Wintzingerode, die Bodensteiner Luft ist dir nicht gut. Hüte dich, mir wieder zu begegnen, hüte dich!« Geilhaus erwiederte nichts, und Jakob führte ihn zur Tür hinaus. »Ein feiner Vogel, Herr Vater, den Ihr da habt fliegen lassen«, sagte Bünau im Hereintreten. »Der Kerl warf mir einen Blick zu – da lag die Hölle drin.« »Blicke schaden nichts«, sagte Barthold gelassen. »Meinetwegen mag mich einer noch so giftig anstieren, darüber lach' ich nur. Geilhaus wird sich verteufelt hüten, mir noch einmal zu nahe zu kommen. Ich hoffe, daß wir die Bremse bald ganz aus der Gegend verlieren.« Allmählig versammelte sich die ganze Familie mit ihren Gästen am Frühstückstisch. Nur der polnische Edelmann ließ sich entschuldigen, er hatte schweres Kopfweh, denn er trank zwar viel, vertrug aber nichts. Ebenso fehlte Heinz von Westernhagen, der aus seinem Bärenschlafe nicht zu erwecken war. Man beschloß, ihn ruhig liegen zu lassen; mochte er heimreiten, wenn er erwachte und es ihm gefällig war aufzustehen. Die andern rüsteten sich, den beiden Sachsen ein Stück Wegs das Geleite zu geben, denn für die war es die höchste Zeit geworden, abzureiten. »Wenn im Mai der Bodenstein ein hochzeitlich Gewand trägt, so hoffe ich wieder Euer Gast zu sein. Freund Bünau will, daß ich einen seiner Brautführer abgebe«, sagte Reyher, als er auf dem Schloßhofe vom Pferd herab noch einmal der Schloßherrin die Hand zum Abschied reichte. Frau Käthe nickte ihm lächelnd zu, »Ihr werdet stets auf dem Bodenstein willkommen sein, Herr Doktor«, sagte sie fröhlich. »Und ich komme gern wieder hierher!« rief Reyher mit einem so sprechenden Blick auf die zur Seite stehende Sophie, daß ihr das Blut in die Wangen trat und sie sich verwirrt abwendete. »Einstweilen gehabt Euch wohl, hochedle Frau und Jungfrau. Gott halte Euch in seiner Hut!« Donnernd sprengte der Zug über die Brücke, eine stattliche Reiterschar, denn es folgten ihnen noch zehn gewappnete Knechte mit blitzenden Stahlhauben und den Wintzingeroder weiß und roten Feldbinden. Barthold wollte seinen künftigen Schwiegersohn bis Heiligenstadt begleiten, wo er ohnehin mit einem Roßkamme zu handeln hatte, und kehrte vor Dunkelheit schwerlich heim. Deshalb erschien es ihm rätlich, nicht allein zu reiten, denn bei den unruhigen Zeiten war ein einzelner jederzeit einem Überfall ausgesetzt. Auch wußte er gar wohl, daß er da und dort in den Schlössern des Eichsfeldes manchen heimlichen Feind sitzen hatte. Begegnete er einem unversehens, so mochte es leicht zu einem Wortwechsel kommen und dann zu scharfem Schwertschlag. III. Kapitel Leise vor sich hinfluchend hatte der alte Knecht Jakob Holstein den finster blickenden Geilhaus bis ans äußerste Tor der Burg geleitet. Er mißbilligte die Milde gründlich, die sein Herr dem Gefangenen erwiesen hatte, und konnte es nicht verstehen, warum der gestrenge Ritter den Schuft nicht einfach hängen ließ. Anderswo stach man den Kerlen die Augen aus oder hetzte sie auf einen Hirsch geschmiedet zu Tode, die man bei einmaligem Wildfrevel ertappte – dieser Bursche, den man zum zweiten Male auf fremder Wildbahn ergriffen hatte, sollte mit lumpigen sechs Monaten davonkommen! War das erhört? Heiliges Kreuz! Ging da nicht alle Gerechtigkeit zum Teufel? War sein Herr ein altes Weib geworden, daß er solches Gelichter laufen ließ? Jakob Holstein war ernstlich erzürnt und legte das auch dadurch an den Tag, daß er den Wilddieb nicht ruhig zum Tore hinausgehen ließ, sondern ihn mit Tritt und Faustschlag hinaus beförderte und dann das Tor krachend hinter ihm zuschlug. Solches war ihm zwar nicht befohlen, aber ein treuer Knecht tut auch einmal von selbst etwas Gutes. Arnold Geilhaus raffte sich mühsam aus dem Schnee auf und wankte den Berg hinunter. Ihm war zumute wie einem Trunkenen. Er vermochte kaum noch zu gehen, denn er hatte ein halbes Jahr in der engen, halb dunkeln Gefängniszelle gesessen, wo er nur mühsam in seinen Ketten sich drehen und wenden konnte. Dazu hatten ihn Tag und Nacht die finstersten Gedanken gepeinigt. Zwar sein Weib und Kind wußte er versorgt. Sein Brotherr, Ritter Hans von Wintzingerode, war mit seinem Vetter, dem Bodensteiner, verfeindet, wenn auch zurzeit äußerlich Friede war. In seinem Dienste hatte er das Wild verfolgt, das in die Bodensteiner Waldungen hinüber gewechselt war, darum würde er sicher die unglückliche Familie seines Försters nicht im Stich lassen. Um so trüber standen die Dinge für ihn selbst. Der Ritter, in dessen Hand er gefallen war, konnte ihn ohne weiteres hinrichten lassen, das wußte er wohl. Die von Wintzingerode hatten im Gericht Bodenstein das Recht über Leden und Tod, und die peinliche Gerichtsordnung Kaiser Karls V. setzte die Todesstrafe auf sein Verbrechen. Jeden Tag, wenn sein Wärter ihm die karge Nahrung brachte, zitterte er für seinen Hals und meinte, man werde ihn zum Galgen hinausführen. Allmählich war dann diese Furcht verschwunden. Hätte der Ritter seinen Tod gewollt, so hätte er nicht so lange mit seinem Urteil gezögert. Offenbar wollte man seines Lebens schonen, er sollte seine Tat im Kerker büßen. Aber wie lange würde das dauern? Wenn Barthold ihn jahrelang gefangen hielt, ja wenn er ihn im Kerker verfaulen ließ, so würde kein Hahn danach krähen. Eine Fürbitte seines Herrn würde nichts fruchten, und sonst würde sich niemand seiner annehmen; denn er war ein auf handhafter Tat ergriffener Verbrecher, und der Herr, der ihn strafte, war in seinem Recht. Aber war das wirklich Recht, was da an ihm geübt wurde? Wenn die Bauern und die kleinen Leute dieser Gegend, in der er ein Fremdling war, des Abends beim brennenden Kienspan zusammensaßen, dann erzählte manchmal der oder jener von der Zeit, in der es geschienen hatte, als ob alle Rechte der Großen und Gewaltigen in den Staub sinken wollten. Scheu und verstohlen sprachen die ältesten Leute von dem, was damals geschehen war, wie die Herren von Adel alle so klein geworden wären, wie man die Schlösser und Klöster geplündert habe, und wie ein paar Wochen lang der arme Mann Herr gewesen wäre über all seine Bedrücker. Stolze, hochgebietende Grafen wären damals christliche Brüder geworden und hätten die zwölf Artikel beschworen. Diese zwölf Artikel hätten die Gerechtigkeit Gottes enthalten, daß Gott der Herr alle Menschen frei haben wolle, so daß nach seinem Willen keiner des andern Knecht sei, daß Wald und Weide, Jagd und Fischfang allen in gleicher Weise zu eigen sein sollten, und vieles andere mehr, was den Armen und Geringen wie der Gesang der himmlischen Heerscharen erklang. Obwohl Geilhaus das Kleid eines herrschaftlichen Jägers trug, hatte er solche Worte stets mit gierigen Ohren eingesogen, ja er hatte hin und wieder Leute aufgesucht, von denen er hoffen durfte, über diese Lehren mehr zu erfahren. In seinem Dorfe fand er sie nicht, denn die Untertanen derer von Wintzingerode hatten sich anno fünfundzwanzig an dem Aufruhr nicht beteiligt, und deshalb war ihre Ortschaft von der wütenden Pfeifferschen Rotte niedergebrannt werden. Sie klagten zwar auch über mancherlei Lasten, und wenn sie im Kruge zusammensaßen und sich am Dünnbier die Köpfe erhitzten, so schimpften sie wohl einmal über den gestrengen Junker, aber nur, wenn es ganz gewiß niemand hörte. Im allgemeinen herrschte bei einem gewissen Wohlstande unter mildem Regiment auch ziemliche Zufriedenheit bei den Hintersassen der Wintzingerode. Dagegen in Worbis und noch mehr in Duderstadt gab es manchen kümmerlichen kleinen Weber und manchen alten Handwerksgesellen, der einst als blutjunger Mensch mit im Kreise gestanden hatte, wenn Thomas Münzer predigte, und in dessen Seele die Erinnerung an den dämonischen Mann und seine Lehre noch nicht gestorben war. Manche erwarteten noch immer, daß seine Verkündigung wahr werden sollte, und hofften, das Kommen Gottes zum Gericht und den Anbruch des tausendjährigen Reiches nach der Ausrottung der Gottlosen zu erleben. Unter den Gottlosen verstanden diese Leute vornehmlich die Adligen, die Pfaffen und überhaupt alle, die reich und mächtig waren oder schienen. Wie Feuerfunken in einem Haufen Zunder, so zündeten ihre Worte in Arnold Geilhaus´ Seele. Seiner wilden, trotzigen Natur war alles, was Dienstbarkeit und Untertänigkeit hieß, aufs höchste zuwider, er hatte schon manch bitteren Tag erlebt, weil er sich nicht beugen wollte, weil er manchmal vergaß, daß er ein geringer Knecht war. Nun bewies man ihm aus Gottes Wort, daß alle Menschen Brüder seien, und daß nach Jesu Christi ausdrücklichem Gebote keiner des anderen Meister und Herr sein sollte. Alle die harten Fronden, die auf dem armen Manne lasteten, alle die hohen Rechte, die sich die Mächtigen anmaßten, beruhten nur auf Schwert und Gewalt, nicht auf Gottes Willen, sondern Gott wollte sogar die Stolzen im ewigen Gerichte strafen, die sich über seine Kinder zu Herren aufwarfen. Bald war er nicht nur ein Anhänger, er wurde ein Prophet und heimlicher Verkünder dieser Lehren. Er gewann Anhang unter den kleinen Leuten in der Gegend, er war auf dem besten Wege, ein gefährlicher Aufwiegler und Hetzer zu werden. Die Kerkerhaft hatte seinen Trotz keineswegs gebrochen. Was hatte er denn getan, daß man ihn einsperren durfte und in Ketten warf wie ein wildes Tier? Ein Recht hatte er geübt, das jedem zustand, denn Gott hatte zu allen Menschen gesagt: Herrschet über alles Tier, das auf Erden kreucht. Und deshalb riß man ihn fort von Weib und Kind und ließ ihn hier unter der Erde liegen auf halbfaulem Stroh! Warum? Weil die Herren wider Gottes Wort allein haben wollten, was allen gehörte. Räuber und Diebe waren sie, wenn sie auch in stolzen Häusern wohnten und prunkvolle Wappen führten und Ehre genossen im ganzen Lande. Ein wütender Ingrimm gegen die Mächtigen, insbesondere gegen seinen Bedrücker, ein Haß, der sich nicht mit Worten aussprechen ließ, hatte sich immer tiefer in des Gefangenen Seele eingefressen.– Nun war er frei. Die frische, schneidende Winterluft spielte in seinen Haaren und weitete seine Brust. Vor ihm lag die herrliche Landschaft im Glanze der Sonne. Von waldumgebenem Berge grüßte aus der Ferne seines Herrn Burg, der Scharfenstein, herüber, drunten im Tale sah er durch die kahlen Äste der Bäume die schmucken Häuser des Dorfes Wintzingerode schimmern. Einen Augenblick vergaß er all seinen Haß und seine wilden Rachegedanken. Ein jähes Glücksgefühl kam über ihn. Dort wohnten Weib und Kind, die würde er wiedersehen, sein schönes, junges Weib und sein liebes Kind! Der Bube, den er als Säugling zuletzt gesehen, mußte nun über ein Jahr alt sein, konnte wohl schon »Vater« sagen und schwankte ihm vielleicht auf ungeschickten Beinchen entgegen, wenn er heimkam. Mit langen Schritten lief er den Berg hinab, ging durchs Dorf, ohne nach rechts und links zu blicken, immer nur das eine Ziel im Auge, sein Haus, das jenseits der Hahle lag. Hochaufatmend von dem schnellen Laufe blieb er ein kurzes Weilchen stehen, als er vor der langen niederen Hütte stand, dann klinkte er leise die Tür auf. Aber entsetzt taumelte er zurück, als hätte er einen schweren Schlag vor die Stirn erhalten. War das sein Weib, die da so krank mit bleichem, blutlosem Antlitz in den Linnen lag, seine Gertrud, die er so rosig und frisch zurückgelassen? Und da – in der Mitte des Zimmers – heiliger Gott – war es ein Blendwerk, was er sah? Da stand ein kleiner, plump gezimmerter Sarg, und ein abgezehrtes Kindergesicht lag still und friedlich mit wächsernen Zügen auf dem Kissen – sein Kind war tot. Die Frau richtete sich mühsam in die Höhe und sah ihn an. Da stürzte er auf sie zu und sank vor dem ärmlichen Lager auf die Knie. Sie umfaßte mit den Armen sein Haupt und schluchzte laut auf. »Gestern, ach Mann, wärst du gestern gekommen!« sagte sie leise mit müdem Tone. »Da hättest du den Kleinen noch einmal gesehen. Gestern mittag ging's zu Ende. Er hatte die Bräune, sie ist im ganzen Dorfe. Ich habe sie überstanden, aber das Kind war zu schwach.« Geilhaus lag einige Augenblicke regungslos. Dann aber fuhr er mit einem heiseren Schrei in die Höhe. Sein Gesicht war von Wut verzerrt, seine Augen traten aus ihren Höhlen, und seine Hände spreizten sich krampfhaft aus, als wollte er sich auf jemand stürzen und ihn erwürgen. »Hunde!« schrie er, »Mörder sind sie alle, alle! Und diesen Hund, der mich eingesperrt hat, daß ich mein Kind nicht sehen konnte in seiner Todesstunde, – ich erschieße den Hallunken, so wahr Gott lebt, ich schieße ihn nieder! Rache dieser Adelsbrut, Rache!« »Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr«, sagte eine tiefe, klare Stimme hinter ihm. Geilhaus fuhr herum und sah einen Mann in geistlichem Gewand an der Tür stehen. Er blickte in ein paar freundliche und doch scharfe und durchdringende lichtbraune Augen und in ein Antlitz, das eine große Ähnlichkeit mit dem des seligen Doktor Martin Luther aufwies. Es war das Antlitz des Herrn Conrad Schneeganß, Pfarrers zu Kirchohmfeld und Wintzingerode. »Hinaus!« schrie Geilhaus. »Pfaffengewäsch! Das fehlte mir noch! Hinaus!« Seine Frau umklammerte ängstlich seine Hand, die er wie zum Schlage gegen den Pfarrer erhoben hatte. »Um Gottes willen, Mann, versündige dich nicht. Der Herr Pfarrer hat mich jeden Tag besucht und das Kind gepflegt, und seine Frau hat mir viel Gutes getan, ich wäre vielleicht ohne sie gestorben.« Geilhaus ließ den Arm sinken und warf sich mürrisch auf einen Stuhl. »Stehts so, dann dank ich Euch, Herr Pfarrer. Aber nun laßt uns allein. Was wollt Ihr hier Worte machen, wo der Tod eingekehrt ist? Spart das Euch und uns!« »Das Wort, das ich Euch bringe, ist nicht mein Wort, sondern das unseres Gottes. Ich spreche zu Euch im Namen dessen, der die Mühseligen und Beladenen erquicken will«, erwiderte der Pfarrer ernst und freundlich. »Ich kam vom Kirchhofe hinter Euch her und folgte Euch, weil ich glaubte, Ihr würdet nach dem Troste verlangen, den unser Heiland durch meinen Mund Euch bietet.« Geilhaus lachte grell auf. »Da irrt Ihr, Herr. Altweibertrost will ich nicht. – Mich tröstet nur eins«, schrie er in neuausbrechender Wut, »und Gott soll mich verdammen, wenn ich mir diesen Trost nicht suche!« Der Pfarrer blickte dem Rasenden traurig in das haßentstellte Gesicht und fragte dann ruhig: »Ihr wollt Euch an Herrn Barthold rächen?« »Bei dem dreieinigen Gott, das will ich! Sein Blut über ihn!« knirschte Geilhaus. »So wollt Ihr aus einem Wilddiebe zum Mörder werden? Und dies unsinnige und frevelhafte Vorhaben bekräftigt Ihr im Namen des dreieinigen Gottes? Arnold Geilhaus, ich warne dich, ja als dein Mitbruder in Christo bitte ich dich und flehe dich an: Laß die Stimme des Satans nicht mächtig werden in deiner Brust! Jede Rache verbietet der Herr, und deine Rache ist noch dazu auch nach Menschenurteil töricht und ungerecht. Was ist dir denn geschehen? Du hast gefrevelt gegen das Gesetz, davon überzeugt dich dein eigenes Gewissen. Die Obrigkeit hätte dich zum Tode führen können, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Statt dessen läßt der Ritter nach kurzer Haft dich laufen, unverletzt und unbeschädigt. Also nicht nach Recht hat Herr Barthold mit dir gehandelt, sondern nach Gnade!« Der Pfarrer hielt unwillkürlich inne bei diesen Worten, als erwarte er eine heftige Gegenrede des anderen. Aber nichts dergleichen geschah. Über Geilhaus war eine starre Ruhe gekommen, die seltsam, fast unheimlich abstach gegen den rasenden Zorn, den er vorher an den Tag gelegt hatte. Er schaute dem Sprechenden nur unverwandt ins Gesicht mit Augen, die vor Haß und Hohn glitzerten und funkelten. «Daß Euer Kind gestorben ist, während Ihr gefangen saßet, dafür kann kein Mensch«, fuhr der Pfarrer fort. »Das ist Gottes Schickung. Sie hat, wie Euch, das halbe Dorf betroffen. Gott sendet sie Euch, daß Ihr Euch demütigt unter seine gewaltige Hand und Eure Sünde erkennt und von Herzen bereut.« »Ich habe gegen Gottes Gesetz nicht gesündigt«, sagte Geilhaus kalt. Verwundert blickte ihn der Pfarrer an. »Seid Ihr nicht zum zweiten Male auf einer fremden Wildbahn ergriffen worden? Und, Geilhaus, hättet Ihr nicht zwanzig oder dreißig Mal ergriffen werden können?« fragte er. Geilhaus nickte. »Das langt nicht. Fünfzig Mal, hundert Mal.« »So habt Ihr gesündigt wider das siebente Gebot«, sagte der Pfarrer ruhig. »Ihr habt Euch vergriffen an Eures Nächsten Eigentum.« »Eigentum?« fragte Geilhaus spöttisch. »Wo steht denn geschrieben, daß die Tiere des Waldes das Eigentum eines einzelnen Menschen sind? Die heilige Schrift weiß nichts davon.« »Mann!« rief seine Frau, die bisher mit angstvollen Mienen, aber schweigend das Zwiegespräch mit angehört hatte. »Mann! besinne dich! Willst du dem Herrn Pfarrer Gottes Wort erklären?« »Seid ruhig, Frau Gertrud«, sagte der Pfarrer. »Mit Gottes Wort haben wirs hier nicht zu tun. Die heilige Schrift enthält das, was nötig ist zu unserer Seligkeit, weltliche Ordnungen sind nicht in ihr enthalten. Was davon steht in den Büchern des alten Bundes, das war für Israel geschrieben. Unsere Rechte und Gesetze macht unsere Obrigkeit, die nach dem Worte des heiligen Apostels Gewalt über uns hat nach Gottes Willen. Und eben, weil klar und deutlich geschrieben steht, daß Gott unseren Gehorsam will gegen unsere Herren, so haben wir uns ihren Gesetzen zu fügen, selbst wenn sie hart und streng sind. Und das sind sie gar manchmal, ich leugne es nicht. Aber wie sollte in dieser Welt, wo jeder nur auf seinen Vorteil sieht und seiner Lust folgt und seinen Trieben lebt – wie sollte in dieser Welt Friede und Ordnung herrschen ohne Härte und Strenge? Wilde Pferde brauchen ein hart Gebiß.« »Seid Ihr fertig?« fragte Geilhaus höhnisch. «Ich habe keinen Priestermantel an, aber ich will Euch auch einmal predigen. Wißt Ihr, woran die ganze Lutherei noch ersticken und verderben wird? An Eurer Hundedemut, Ihr Herren im schwarzen Rocke. Die alten Pfaffen sind ja Heuchler und Blutsauger, aber sie haben doch einen steifen Nacken. Ihr beugt und schmiegt Euch vor der Obrigkeit, weil sie Gottes Dienerin ist, wie Ihr sagt. Jeder lutherische Pfaff kriecht vor dem kleinsten Herrn im Staube und leckt ihm die Stiefel ab, wenn ers befiehlt. Denn befiehlt er, dann hats Gott befohlen. Aber wie solltet Ihr auch nicht? Was wäret Ihr denn ohne diese Herren? Sie setzen Euch ein in Eure Pfründen und jagen Euch auch wieder fort, wenns ihnen gefällt. Und Ihr armseligen Junker- und Fürstenknechte, Ihr wollt Diener der Kirche des Herrn sein? Was ist denn Eure Kirche? Die Braut des allmächtigen Gottes ist sie nicht, von der der Prophet redet, denn sie ist gegründet auf die Schwerterspitzen der Gewaltigen. Wenn aber der Tag kommen wird, von dem geschrieben steht: Der Herr wird vertilgen die Gottlosen und wird die Gewaltigen vom Throne stoßen, dann werdet Ihr zugleich mit jenen ins ewige Feuer geworfen werden. Denn Ihr habt sie verstockt gemacht in Ihren Sünden.« »Arnold«, ächzte die Frau in ihren Kissen, »hör auf, du tust Sünde.« Der Pfarrer war erblaßt zurückgetreten. «Gott im Himmel – wer redet da aus Euch?« rief er erschrocken. »Das Kraut ist nicht auf Eurem Acker gewachsen! Das ist der Geist aus der Tiefe, der böse Geist von Mühlhaufen, der so unendlichen Jammer über dies Land gebracht hat. Man hat ihn im Blut ersticken wollen, aber er lebt.« »Und er wird leben in Ewigkeit, denn der Geist des Herrn stirbt nicht«, rief Geilhaus. Der Pfarrer schwieg eine Weile, dann sagte er traurig: »Wenn Ihr denn verharren wollt in Eurem bösen Wesen, dann ist es meine heilige Christenpflicht, den Herrn zu warnen vor Euern Mordanschlägen. Das wisset.« »Tut das«, entgegnete Geilhaus. »Ihr werdet ihm damit nichts Neues sagen. Denn daß er glauben sollte, mich bände sein erzwungener Eid, das meint Ihr wohl selber nicht. Im übrigen werde ich mich hüten, sein Land noch einmal zu betreten, und hier stehe ich unter Herrn Hansens Schutz!« »Auch der wird Euch keine Stunde schützen, wenn er erfährt, wes Geistes Kind Ihr seid«, sagte der Pfarrer. »Was Bartholds Pfaffe schwatzt, kümmert Herrn Hans nicht«, versetzte Geilhaus höhnisch. »Indessen tut, was Euch beliebt. Hetzt gegen mich, wen Ihr wollt.« «Ich sehe, mit Euch ist nicht zu reden«, sagte der Pfarrer. »Ihr seid verbissen in Eurem Grimme. Lebt wohl, Frau Gertrud, und betet mit mir, daß Gott der Herr Euern Mann vor schwerer Missetat bewahre.« IV. Kapitel. Herr Barthold von Wintzingerode kehrte früher von seinem Ritte nach Heiligenstadt zurück, als er geglaubt hatte. Man hatte vor dem Rathaus noch einen Satteltrunk gehalten, dann waren die beiden Sachsen mit ihren Dienern abgeritten. Bei dem Roßkamm hatte der Ritter heute kein Glück, denn der Transport schwerer Pferde, von denen er einige erstehen wollte, war noch nicht eingetroffen. So hatte er denn bei dem wohlhabenden und ansehnlichen Manne zu Mittag gegessen, hatte dabei mit dem Händler, der durch seinen Beruf im ganzen Lande herumkam und allerlei Neues hörte, manches gewichtige Wort über die Zeitläufte geredet und hatte nun beizeiten sein Roß heimwärts gewendet. Er zog mit seiner Schar die längere, aber bequemere Straße, die über Beuren führte, denn über den Berg zu reiten war des hohen Schnees wegen untunlich. In tiefen Gedanken ritt er des Wegs dahin, ein Stück hinter ihm seine Knechte, die sich halblaut unterhielten und miteinander scherzten. Plötzlich – man war eben unter der Burg Scharfenstein um eine Waldecke gebogen – verstummte das Gespräch. Barthold fuhr aus seinem Sinnen auf und griff unwillkürlich nach dem Schwerte. Vor ihm in einiger Entfernung hielt mitten auf dem Wege ein Reitertrupp, fast ebenso stark wie der seine, in gleicher Ausrüstung mit demselben Wappen im Fähnlein. »Blitz und Hagel,« brummte Barthold überrascht, »das ist Bertram! Was mag der wollen?« Ein einzelner Reiter löste sich von der Schar und trabte ihm entgegen. Es war ein stattlicher, ritterlicher Mann, dessen Antlitz eine offenbare Ähnlichkeit mit dem Bartholds zeigte, nur war er viel jünger. Aber im Gegensatz zu dessen lebendigem, ungestümem Wesen waren alle seine Bewegungen gemessen, fast langsam, und aus seinem bartlosen Gesichte blickten ein paar ungewöhnlich ruhige, ernsthafte Augen in die Welt. »Ich grüße dich, Barthold«, sagte er. »Erlaube, daß ich dir ein Stück des Weges das Geleit gebe. Ich habe ernste Ursache, mit dir zu reden.« Barthold blickte ihn verwundert von der Seite an. Er stand mit seinem Vetter auf so wenig freundschaftlichen Fuße, daß ihn dieses Ansinnen in Erstaunen setzte. Bei einem anderen hätte er eine Hinterlist vermutet, bei Bertram konnte er das nicht glauben. Denn der hätte lieber eine Hand verloren, als jemandem einen Hinterhalt gestellt, mit dem er in Frieden lebte. Als ein solcher Mann war er auf dem ganzen Eichsfelde bekannt. »Es sei«, entgegnete er. »Die Knechte mögen uns in einiger Entfernung folgen.« Er rief seinen Knechten einige Worte zu und trieb dann sein Pferd an. Bertram tat das gleiche. Als sie außer Hörweite ihrer Leute waren, ließen beide ihre Tiere in langsame Gangart zurückfallen. »Ehe ich dir sage, was ich zu sagen habe, bitte ich dich, mich auf jeden Fall ruhig anzuhören«, begann der Jüngere. »Meine Worte sind dir vielleicht unlieb, aber ich spreche in guter Meinung. Versprichst du mir, mich auf alle Fälle im Frieden ziehen zu lassen?« »Ja, ja«, rief Barthold ungeduldig. »Du siehst ja aus, als wolltest du eine Bußpredigt halten.« »Zum wenigsten will ich Ernstes sagen. Gestern, Barthold, sind fünfzehn Jahre vergangen, seit deine Vormundschaft über mich zu Ende ging. Wir haben seit der Zeit selten ein gutes Wort miteinander geredet, uns viel miteinander gestritten, in Prozessen, in tätlicher Fehde sogar gelegen –« »Deine Schuld und deines Bruders!« warf Barthold grollend dazwischen. »Wir wollen den alten Streit nicht wieder anrühren«, fuhr Bertram ruhig fort. »Wir sind jetzt vertragen, das Alte soll begraben sein. Es war mir nie eine Freude, daß die Wintzingerode untereinander so feind waren. Waren wir einig, wie anders konnten wir dastehen! – Laß mich zu Ende reden«, rief er, als Barthold ihn unterbrechen wollte. »Als wir vor drei Jahren uns die Hände reichten und Urfehde schwuren, bei Gott, da war in mir aller Groll ausgelöscht. Und Hans, das weißt du ja, ist langsamen Geistes, er folgt mir in allem. Wir hatten Streit gehabt mit dir um Mein und Dein. Damals aber dachte ich so bei mir: Wenn mein Vater lebte, müßte ich ja auch warten auf mein Erbe. Und den Jahren nach könntest du gar wohl mein Vater sein. So wollt ich warten, bis mir das Lehn nach deinem Hintritt zufiel als deinem nächsten Schwertmagen, oder, wenn mir nicht, so doch meinen Kindern.« »Da dachtest du töricht, denn ich habe einen Erben meines Blutes«, sagte Barthold rauh. »Um darüber mit dir zu reden, eben deshalb suchte ich dich auf«, entgegnete Bertram. »Ich kann es kaum glauben, was mir Graf Volkmar selbst erzählt hat: du willst Klaus, den Sohn von Sophie Gelling, ins Lehn bringen?« »Er ist ein Wintzingerode, so gut wie du und ich«, rief Barthold. »Daran zweifelt niemand«, sagte Bertram. »Er ist ja dein Abbild. Aber ein Recht zur Lehnsfolge hat er nimmermehr.« »Sophie Gelling war mein Weib vor Gott und vor den Menschen«, erwiderte Barthold kalt. »Sie ist in der Kapelle zu Immingerode mir angetraut durch Herrn Caspar Schmidt. Hans Westernhagen war unter den Zeugen. Der wird und muß es jedermann beschwören.« »Dcs weiß ich«, antwortete Bertram. »Fern sei es von mir, deine Ehe anzuzweifeln. Aber sie war deine Leibeigene, die Meier von Immingerode sind immer unsere Knechte gewesen. Drum hat sie auch deine Mutter niemals für ihre rechte Tochter gehalten, deine Ehe war ihr ein Herzeleid und uns –« er brach ab, als er bemerkte, daß Bartholds Gesicht sich mit dunkler Röte bedeckte. »Euch? Nun, sprich's nur aus, Euch war's eine Schmach!« brach er tiefgereizt los. »Ich war damals ein Knabe«, entgegnete Bertram gelassen, »sie ist ja seit sechsundzwanzig Jahren tot. Laß sie in Frieden ruhn. Ich wollte sagen: Uns kann sie wohl als Schwägerin gelten, aber ihr Kind kann nimmer unser Lehnsverwandter sein.« »Und warum sehen meine Töchter in Klaus ihren rechten Halbbruder? Warum sieht sich meine Hausfrau selber als mein zweites Weib an und erkennt in ihm meinen rechten Sohn?« fragte Barthold ingrimmig. »Frau Käthe würde wohl auch anders denken, wenn sie Söhne hätte. Ihre Töchter kommen so wie so nicht ins Lehn«, versetzte Bertram. »Im übrigen, – ihre Ansicht in allen Ehren, hier aber handelt es sich um andere Dinge. Du bist ein Lehnsmann des Grafen von Hohnstein, und deine Ehe ist nur gültig, wenn der Lehnsherr den Konsens gegeben hat. Den hat dir Graf Ernst seinerzeit verweigert, und Graf Volkmar Wolf denkt nicht anders als sein Vater.« »Dann wird sich zeigen, ob ich den Grafen nicht zu anderen Gedanken bekehren kann!« rief Barthold trotzig und schlug an sein Schwert. »Das Wölfchen weiß aus Erfahrung, daß er sich nur die Zähne ausbricht am Bodenstein, selbst wenn er in der Nacht geschlichen kommt. Du warst ja selber dabei, mein Herr Vetter, in der Palmsonntagsnacht vor fünf Jahren, als der saubere Graf ohne Absage mein Schloß überfiel. Haha! Ich lache jetzt noch, wenn ich daran denke, wie der Herr mit seinen Vasallen Fersengeld gab. Und damals war ich ungerüstet, jetzt bin ich wohl vorbereitet. Seit diesem tückischen Verrate kenne ich keine Pflicht mehr gegen den Hohnsteiner Grafen, ich sage ihm jede Lehnsfolge und allen Gehorsam auf.« »Dann wird er dich dazu zwingen«, sagte Bertram nachdrücklich. »Das werde ich abwarten«, antwortete Barthold stolz. Eine Weile ritten sie schweigend nebeneinander her, dann begann Bertram von neuem: »Der Graf ist in Wahrheit ein kleiner Herr, und du hast ihm gezeigt, daß er dich nicht beugen kann. Denkst du nun, deshalb begibt er sich seiner Herrschaft und läßt dich schalten nach deinem Gefallen? Das glaube nicht. Graf Volkmar ist ein stolzer Mann, der jede Kränkung tief im Herzen fühlt. Es frißt an seinen Eingeweiden, daß ein Lehnsmann ihn so gedemütigt hat, und er wird alles tun und jeden Preis zahlen, um dich zu Boden zu werfen.« »Da wird er wenig Glück haben«, sagte Barthold gleichmütig. »Wer soll ihm helfen? Will er den Sachsenkurfürsten gegen mich in Harnisch bringen? Der käme schon, denn August ist jedem Feind, der Johann Friedrichs Freund war. Aber Graf Volkmar weiß so gut wie ich, daß er dann Zeit seines Lebens betteln gehen müßte. Er könnte nur gleich die ganze Grafschaft für die Kriegskosten zum Pfände geben, denn August tut keinen Schuß umsonst. Mit dem Hessen ist's nicht anders, auch kommt der vor lauter Bedenken zu keinem Entschluß. Stolberg und Schwarzburg sind froh, wenn sie in Ruhe leben, Braunschweig ist mein Freund, wo kann also das Gräfchen Beistand finden?« »Einen hast du vergessen«, erwiderte Bertram ernst. »Den Kurfürsten von Mainz.« Barthold lachte. »Der Mainzer ist ein Pfaffe!« »Aber ein sehr mächtiger und gefährlicher.« »Der Graf ist streng lutherisch. Wie er auch sonst ist, das ist er. Wie könnte er einen katholischen Pfaffen um Hilfe anbetteln?« »Du hältst das für unmöglich? So wisse, daß der Graf schon mit dem Erzbischof unterhandelt.« Barthold zuckte spöttisch die Achseln. »Weibergewäsch! Von wem hast du die Schauermär?« »Vom Grafen selbst.« Barthold fuhr im Sattel empor und warf ihm einen funkelnden Blick zu. »Das lügst du!« rief er drohend. »Du weißt, ich lüge nie«, entgegnete Bertram stolz. »Der Graf hat mit mir zu Lohra geredet. Er bekannte offen, deine Macht sei ihm über den Kopf gewachsen, er müsse sich nach Beistand gegen dich umtun. Den fände er bei keinem andern als bei dem Mainzer Herrn.« »Und den Preis, den der Graf zahlen will?« fragte Barthold mit heiserer Stimme. »Er will den Bodenstein von Mainz zu Lehn nehmen«, erwiderte Bertram gepreßt. »Und das sagst du mir auf dein ritterliches Wort?« »Bei meiner Ehre!« Barthold saß einen Augenblick wie erstarrt. »Unmöglich wär's nicht!« stieß er dann zwischen den Zähnen hervor, und sein Antlitz färbte sich dunkelrot. Dann aber schoß ihm ein anderer Gedanke durch den Kopf: Das war eine Falle, in der man ihn fangen wollte. Der Graf und sein Vetter, die hatten es zusammen ausgeklügelt, wie man ihn zum Nachgeben zwingen könne. Vielleicht auch war Bertram nur des Grafen unwissendes Werkzeug. Auf keinen Fall aber war die Drohung ernst zu nehmen. Wie war es denn auch nur denkbar, daß ein reichsunmittelbarer Graf sich zum Vasallen erniedrigte, um seinen Lehnsmann zum Gehorsam zu zwingen? Nun noch dazu sollte der evangelische Landesherr ein Gericht seines kleinen Gebietes unter die Oberherrschaft eines römischen Pfaffen stellen, eines Mannes, der von viel weniger edelm Blute war, als er selbst. Ja, wenn Erzbischof Daniel ein Hohenzollern wäre, wie sein Vorvorgänger Albrecht! Aber er war vom Geschlechte der Brendel vom Homburg, die allezeit nur kleine Lehnsträger gewesen waren. Für die Römischen wurde solch ein Mann zum Fürsten, wenn man ihm heiliges Öl auf den Scheitel goß, und wenn der Papst ihm gegen schweres Geld ein Stück geweihter Schafwolle schickte. Aber für einen Diener der reinen Lehre war das alles nur Teufelstrug. Wie konnte ein Hohnsteiner aus freien Stücken der Lehnsmann eines kleinen Pfaffen werden? Undenkbar! Der schlaue Graf wollte ihn nur durch diese Drohung schrecken. Für so dumm hielt er ihn also? Nun, er sollte sich gründlich verrechnet haben. Bertram bemerkte mit Verwunderung, daß seines Vetters Mienen sich immer mehr entwölkten, und als Barthold nun gar in ein donnerndes Gelächter ausbrach, glaubte er einen Augenblick, der Bodensteiner sei plötzlich verrückt geworden. »Mein guter Bertram!« schrie Barthold, noch immer sich vor Lachen schüttelnd. »Was seid Ihr für kluge Leute, du und der Graf! Mit Speck fängt man Mäuse, denkt Ihr! Mich fangt Ihr noch lange nicht!« Bertram war so erstaunt und verblüfft, daß er ihm eine Weile, ohne ein Wort zu sagen, mit offenem Munde ins Gesicht starrte. Darauf war er nicht vorbereitet. Herrgott, war's möglich, sein Vetter glaubte ihm nicht und dachte, er wollte ihn durch eine plumpe List zum Nachgeben zwingen! Wie sollte er ihn nun vom Gegenteil überzeugen? Was sollte er tun, um diesem Hartkopf einleuchtend zu machen, daß nicht alle Menschen so starre Nacken hatten, wie er selbst, und daß es ganz wohl denkbar sei, einen Hohnsteiner als Mainzer Vasallen zu sehen? Barthold würde das nie glauben. Ein bitterer Ärger stieg in Bertrams Seele empor. Er war in der redlichsten Absicht gekommen, hatte seinen Vetter warnen wollen vor dem Unwetter, das drohend über seinem Haupte schwebte. Das tat er, weil trotz aller Feindseligkeiten und Fehden zwischen ihm und Barthold die Zuneigung noch nicht verschwunden war, die er in seiner Kindheit gegen ihn im Herzen getragen hatte. Der Bodensteiner war sein Vormund gewesen, sein erster Lehrer im Waffenhandwerk, sein bewundertes Vorbild in allen ritterlichen Künsten – so etwas vergißt sich nicht so leicht. Nun war nach seiner festen Überzeugung Barthold drauf und dran, in sein helles Verderben zu rennen. Vor kurzem hatte er an seinen Lehnsherrn, den Grafen Volkmar Wolf, das tolle Ansinnen gestellt, seinen Sohn Klaus für lehnsberechtigt zu erklären. In dem Falle wolle er ihn wieder als seinen Lehnsherrn anerkennen und seine Klage wegen Landfriedensbruchs, die er gegen den Hohnsteiner beim Kaiserlichen Kammergerichte anhängig gemacht hatte, zurückziehen. Der tiefgereizte Graf hatte ihn keiner Antwort gewürdigt, hatte vielmehr sogleich Hans und Bertram von Wintzingerode zu sich entboten und ihnen eröffnet, was Barthold im Schilde führe, und daß er gegen ihn den Beistand des Mainzers anrufen müsse. Was sollte aus diesem Handel werden? Für die Wintzingerode konnte auf keinen Fall etwas Gutes herauskommen. Blieb Barthold ohne Beistand anderer, so unterwarf ihn Mainz mit Gewalt, denn ein Kurfürst des Reiches war sicherlich mächtig genug, ein Schloß, und war es noch so fest, zu erobern. Dadurch wären freilich die Gebrüder gleich Herren auf Bodenstein gewesen, aber unter der Oberlehnsherrlichkeit von Mainz. Dann mußten sie vielleicht dulden, daß man ihre Bauern wieder katholisch machte, denn die verdächtigen Anzeichen mehrten sich, daß der Erzbischof und seine Jesuiten das Eichsfeld zum alten Glauben zurückführen wollten. Der Gedanke war Bertram furchtbar, denn er war fest davon überzeugt, daß man nur durch das reine Evangelium selig werden könne. Fand aber Barthold die Hilfe eines Fürsten, etwa eines der Braunschweiger Herzöge, so stand ein Krieg in Aussicht. Dann wurde er mit seinen Helfern ohne Zweifel in des Reiches Acht und Aberacht erklärt, und es konnte ihn leicht das Schicksal Wilhelms von Grumbach treffen, den vor sechs Jahren der Henker auf dem Marktplatze zu Gotha gevierteilt hatte. Und seine Burg und Herrschaft nahm dann der Sieger, der ihn niedergeworfen, als Pfand für die Kriegskosten in Besitz. Gott mochte wissen, ob dann jemals wieder ein Wintzingerode dort als Herr einziehen werde! – Das alles wollte er Barthold vorstellen, wollte ihn beschwören, wenn er nicht an sich selbst dächte, doch um des reinen Evangeliums willen sich seinem rechtmäßigen Lehnsherrn zu unterwerfen. Nun fand er keinen Glauben, wurde um seiner Warnung willen sogar verlacht, Barthold hielt ihn für einen Lügner oder für einen leichtgläubigen Betrogenen, und, was das Schlimmste war, er hatte kein Mittel, seinen Vetter vom Gegenteile zu überzeugen. Er konnte ihm nicht klarmachen, wie tödlich verwundet der Graf in seinem Herrenstolze war und wie er darauf brannte, den hochmütigen und frechen Vasallen zu demütigen. Barthold würde ihm nie Glauben schenken, er konnte es aus seiner Sinnesart heraus überhaupt nicht begreifen, daß der Graf einen solchen Plan gefaßt hatte. Bertram war innerlich wütend, aber äußerlich bewahrte er seine Ruhe und sagte kalt: »Ich habe dich warnen wollen, du willst nicht hören. Vielleicht gelingt mir's noch, dir einen Beweis zu bringen für das, was ich dir sagte, um dir die Augen zu öffnen, ehe es zu spät ist. Für jetzt habe ich dir nichts mehr zu sagen, da du meinen Worten mißtraust. Gehab dich wohl!« Er wandte sein Roß, rief seine Knechte zu sich und ritt von bannen. Barthold blickte ihm mit spöttischem Lächeln nach. Wer ihn fangen wollte, mußte es schlauer anfangen. Indessen – irgend etwas konnte ja daran wahr sein, etwa daß der Mainzer dem Hohnsteiner gegen gute Worte und schweres Geld ein paar Feldschlangen oder ein paar hundert Knechte überließ. Die fürchtete er nicht, und mehr konnte Graf Volkmar gar nicht bezahlen. Aber wenn sein Sohn Klaus von Nordhausen zurückkam, was morgen oder übermorgen zu erwarten stand, dann wollte er ihn doch möglichst bald zu den Braunschweiger Herzögen schicken und sich Gewißheit holen, ob er in der Not auf ihren Beistand rechnen könne. V. Kapitel. Erzbischof Daniel von Mainz besuchte seit einiger Zeit fleißig die Messe, die täglich Vormittag um zehn Uhr im Dome des heiligen Martin zelebriert wurde. Früher hatte er das nur selten getan, und der Teil der Mainzer Hofleute und Bürger, der streng am Alten hing, freute sich dieses neuerwachenden katholischen Glaubenseifers. Der Beichtvater des Kurfürsten bekam manchen Lobspruch zu hören, weil er durch seinen Einfluß den Herrn dazu vermocht hätte. Aber Pater Bacharell hörte solche Reden mit finsterer Miene an und erwiderte nie etwas darauf. Er wußte zu seinem bitteren Leidwesen nur zu gut, daß nicht die Frömmigkeit den Kurfürsten in die Kirche führte. Denn warum wählte er jedesmal den Umweg durch die Fischergasse? Warum flogen dort seine Blicke jedesmal so heiß und brennend empor zu den Fenstern des stattlichen Patrizierhauses, das die Augspurgs bewohnten? Weil er die dort wußte, der seit Wochen sein ganzes Sinnen und Denken galt, Anna von Wintzingerode. Und zeigte sich dann das schöne Mädchenhaupt mit den schweren, schwarzen Flechten am Fenster, so grüßte er so ehrfurchtsvoll hinauf, als wohne dort des Deutschen Reiches Königin. Auch heute war das geschehn. Der Kurfürst war auf seinem prächtigen Zelter vorübergeritten. Anna hatte mit einem anmutigen Neigen des Hauptes den Gruß des hohen Herrn erwidert. Nun trat sie vom Fenster zurück, während noch ein helles Rot auf ihrem Antlitz lag und ihre Augen leuchteten. Die Szene wurde von einem kleinen, weißhaarigen Manne beobachtet, der unhörbar durch eine Seitentür eingetreten war. Ernst und durchdringend ruhten seine scharfen, grauen Augen auf der schlanken Gestalt, die halb abgewandt von ihm, die Hände auf die Brust gedrückt, in Gedanken verloren dastand. »Anna!« rief er plötzlich halblaut. Das Mädchen fuhr erschreckt zusammen und blickte ihm verwirrt ins Gesicht. Unter seinen forschenden Augen schoß ihr das Blut noch lebhafter ins Antlitz. Sie sah aus wie ein Kind, das auf einem Unrecht ertappt wird. Der alte Rat Doktor Johann Augspurg, der die Welt und die Menschen kannte, hatte genug gesehen. Er nickte ein paarmal bedächtig mit dem Kopfe und sagte dann ernst aber freundlich: »Komm herüber zu mir, Kind, ich habe mit dir zu reden.« Als sie seiner Aufforderung gefolgt war, ließ er sich in einen der ledergepolsterten Sessel nieder, deutete auf einen anderen, der ihm gegenüberstand und sagte: »Setze dich dorthin und höre mich an. Damit du verstehst, was ich dir sagen will, muß ich weiter ausholen.« »Als unser voriger Kurfürst noch lebte, Herr Sebastian von Heusenstamm – Gott hab ihn selig –, da schien es, als sollte Mainz evangelisch werden. Der Kurfürst war den Römlingen entfremdet und hielt nichts von ihren Zeremonien und Alfanzereien und litt es ruhig, daß wir uns an Gottes reinem Wort erbauten. Ja, ich weiß es sicher, daß er selbst Doktor Martins Bibel fleißig las. Es gab kaum noch ein paar hundert Leute in Mainz, die vom alten Wesen etwas wissen wollten. Das wurde auch nicht anders, als der alte Herr starb und Erzbischof Daniel ans Regiment kam. Er war damals ein sehr junger Mann, hatte kaum das kanonische Alter. Man hatte ihn gewählt, weil man einen Herrn haben wollte, der alles gehen ließ, wie es ging, dem es gleich war, was die Leute glaubten. Daniel kümmerte sich auch um gar nichts, ließ die Leute ihre Bibeln lesen und die Prädikanten predigen, ihm lagen nur Jagden und Feste und Ergötzlichkeiten im Sinn. Noch zehn Jahre, und das Evangelium war hier nicht mehr auszurotten. Aber der Teufel litt es nicht, daß die grüne Saat gedieh. Die schwarzen Priester kamen ins Land, die mit den viereckigen Hüten, die den Namen des Heilands ihrer Kompagnie beilegen. Erst war einer da, dann kamen zwei, dann zogen sie in Haufen ein. Sie wußten alle Welt zu beschwatzen und zu betören. Die Jugend unterrichteten sie, ohne Geld dafür zu verlangen. Das gefiel den Leuten. An den Krankenbetten nisteten sie sich ein und brachten Tröstung und Zuspruch, den Armen auch Hilfe und Geld und Speise. Das gefiel fast noch mehr. Und reden konnten sie in den Kirchen, das muß ihnen der Neid lassen. Da ging mancher wieder zur Beichte, der früher über die Pfaffen gespottet hatte, besonders die Weiber waren wie toll darauf aus, den lieben, freundlichen, gefälligen Herren ihre Sünden zu erzählen. Vorher war keine Prozession mehr zustande gekommen, jetzt zogen sie wieder mit fliegenden Fahnen und bunten Lichtern durch die Straßen. Es war ein neuer Geist in Mainz eingezogen. Das Schlimmste aber war, daß sie auch den Sinn des Kurfürsten ganz einnahmen und umnebelten. Große Herren tragen mancherlei auf dem Gewissen, und ich weiß, daß den Kurfürsten manche Tat bitter gereut, die er in wilder Jugendzeit getan hat. Man spricht davon – doch das gehört nicht hierher. Kurz gesagt: Sie wußten ihm einen leichten Weg in den Himmel zu zeigen. Wenn er seine Sünden beichtete und zur Mutter Maria betete und ihr alle seine Andacht weihte und die Gesellschaft Jesu, die Streiter für den katholischen Glauben, begünstigte, wo er konnte, so war er Gottes liebes Kind. Erzbischof Daniel hat einen scharfen Verstand in weltlichen Dingen, aber er hat auch einen phantastischen Geist, und das durchschauten die hispanischen Pfaffen gar wohl. So schwatzten sie ihn in den Gedanken hinein, er sei ein Ritter und Rüstzeug der Himmelskönigin; mit Marienbildern und Marienliedern wußten sie ihn ganz einzunehmen. Das war gar bald zu spüren. Die Diener am Worte verschwanden aus der Stadt, wir müssen unsere Bibeln verstecken, es fehlt nicht viel, so nötigt man uns, zur Messe zu gehen. Lange geht das Gerede, der Kurfürst wolle erst wieder das Eichsfeld katholisch machen, dann solle auch in Mainz das Evangelium mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.« »Aber« – der alte Herr reckte sich empor und ein scharfer, leuchtender Blick traf seine Nichte – »die Pfaffen scheinen am Ende ihrer Macht. Sie haben mit einem nicht gerechnet, mit der Gewalt, die den Mann zum Weibe zieht. Vater und Mutter wird der Mann verlassen und an seinem Weibe hangen. So sagt Gottes Wort. Wieviel mehr wird ein Mann die falschen Altäre der Götzen Roms im Stiche lassen, wenn ihn die Stimme eines geliebten Weibes ruft!« Der Greis machte eine Pause, dann beugte er sich weit vor und sagte langsam und nachdrücklich mit einer Stimme, durch die die tiefste Erregung hindurch zitterte: »Wenn eine Frau den Erzbisckof so für sich einnähme, daß er auf Erden nichts begehrte, denn sie allein, dann wäre es möglich, daß er weltlich würde. Dann würde Mainz evangelisch, der Kurfürst ein Herzog oder Fürst, wie einst Albrecht von Preußen. Mich dünkt, du bist von Gott zu diesem Werke ausersehen.« Anna stieß einen Schrei aus und sank totenblaß in den Sessel zurück. Ihr war zumute wie einem Blinden, in dessen Augen plötzlich das grelle, scharfe Tageslicht mit seinem ganzen Glanze einflutet. Was die Erlebnisse der letzten Wochen für ihr Leben bedeuteten, das ward ihr mit einem Male klar. Sie hatte sich im Anfang nach Mädchenart darüber gefreut, daß ihre jugendfrische Schönheit einen so unverkennbaren Eindruck auf den hochgestellten Mann, den Herrn des Landes, hervorbrachte. Lächelnd, in ihrer weiblichen Eitelkeit geschmeichelt, hatte sie, an ihrem Fenster sitzend, die stummen und doch so beredten Grüße des hohen Herrn empfangen und sie freundlich erwidert. Allein dabei war es nicht geblieben. Es gab ja so viel Gelegenheit in der allzeit fröhlichen Rheinstadt, daß der Landesherr mit einer Dame von Adel sich begegnen konnte. In der ersten Zeit mußte sie der erkrankten Tante wegen diese Gelegenheiten meiden, aber nach deren halber Wiedergenesung konnte sie den Festen am Hofe und in der Stadt nicht fern bleiben. So ward sie eines Tages dem Kurfürsten vorgestellt. Sogleich wandte er sich ihr zu, unterhielt sich mit ihr, zeichnete sie so auffällig aus, daß es ihr fast peinlich ward. Und auch wenn sie abseits stand, flogen seine Blicke immer wieder zu ihr hin, und oftmals ruhte sein Auge auf ihrem Antlitz mit verzehrender Glut. Sie ward sich immer mehr bewußt, daß sie eine Macht ausübte über die Seele dieses herrischen Mannes, und auch ihr Herz war nicht kühl geblieben. Seine heißen Blicke hatten sie oft erschauern gemacht, ihre Gedanken hatten sich fast immer mit ihm beschäftigt, wenn sie allein gewesen war. Sein stolzes Bild verfolgte sie selbst bis in ihre Träume hinein. War's Liebe zu ihm, was in ihr emporkeimte? Sie wußte es nicht, sie gab sich auch keine Rechenschaft darüber. Sie lebte wie im Traume dahin, und dieser Traum mußte aufhören, sobald sie in einigen Wochen der Stadt am Rhein Lebewohl sagte und heimkehrte in die stille Burg auf dem Eichsfelde. Denn sie war von ihm durch eine himmelweite Kluft geschieden. Er war ein Fürst der Kirche Roms, der kein Weib haben durfte, sie die Tochter eines lutherischen Ritters, der nichts so grimmig haßte, wie die römische Kirche und ihre Diener. Und sie war eines anderen Mannes verlobte Braut. Man hatte sie zwar nicht viel gefragt, als man ihre Hand in die des jungen Heinrich von Bünau legte, aber sie hatte frohen Herzens die Wahl ihrer Eltern gutgeheißen. Der stattliche Jüngling, der so freudig blickte und so heiter lachte und scherzte, war ihr wie das Urbild eines echten Ritters erschienen, ihm wollte sie gern und vertrauensvoll folgen auf sein fernes Schloß. Wie oft hatte sie an ihn gedacht in der letzten Zeit, das Bild des Verlobten zu Hilfe gerufen gegen die ohne ihr Wollen in ihre Seele eindringenden Gedanken! Vergebens – das düstere Feuer, das aus den Augen des Kurfürsten leuchtete, verdunkelte die Gestalt dessen, der in der Ferne war. Nun sprach ein fremder Mund von dem, was sie niemals klar zu denken gewagt hatte. Der Kurfürst begehrte ihrer, und es gab einen Weg, auf dem sie die Seine werden konnte. Aber welch ein Weg war das! Er führte über gebrochene Eide. Vor ihrem Geiste stieg das Bild ihres Vaters empor, des strengen, ehrenfesten Mannes, dem sein Wort über alles heilig war. Es war ihr, als sähe sie eine Erscheinung, als stände er vor ihr und bohre drohend seinen Blick in ihr Auge mit einem entsetzten Ausdruck in den Zügen, daß seine Tochter es wagen könne, ihr Wort und sein Wort zu schänden. Wie zur Abwehr streckte sie beide Hände aus und stammelte: »O Gott! Mein Vater, mein Vater!« »Dein Vater wird dir schwerlich zürnen«, sagte ihr Oheim, der sie unverwandt beobachtet hatte. »Er als glühender Feind Roms und als treuer Sohn des evangelischen Glaubens, er weiß es, was für uns der Übertritt eines Kurfürsten von Mainz bedeuten würde. Er hat dich ja freilich einem andern versprochen, indessen Verlöbnisse sind nicht unlösbar.« «Mein Vater wird sein Wort niemals brechen!« »Dann wird dieser Junker von Bünau mit sich reden lassen«, erwiderte der Alte gereizt. »Nein!« rief Anna aufspringend. »Ihn würde das ins Herz treffen. Er liebt mich wahr und treu, und ich wollte ihn auch lieben. Nun hat mir's ein anderer angetan, wie bezaubert bin ich, daß ich immer an ihn denken muß! Aber ich will nicht, ich will nicht! Ich breche Heinrich die Treue nicht!« Der Alte geriet in die höchste Aufregung. Er faßte sie beim Handgelenk und drückte sie mit hartem Druck auf ihren Sitz nieder. »Mein Gott, ist denn kein Weib fähig, einen großen Gedanken zu begreifen! Was Teufel kommen die Gefühle eines jungen Fantes in Betracht, wenn es sich darum handelt, ob ein Kurfürstentum evangelisch werden soll oder nicht! Was sage ich, ein Kurfürstentum? Die ganze deutsche Klerisei kommt ins Wanken, denn fällt Mainz, so folgen schleunigst andere nach. Bist du denn blöde? Verstehst du nicht, daß es die Hand Gottes ist, die dich nach Mainz führte? Zu Großem bist du berufen; die Schönheit, die dir Gott verliehen hat, sollst du anwenden zu seiner Ehre! Und der Stimme Gottes gegenüber willst du dich berufen auf ein Verlöbnis? Gott der Herr hat dir die Macht gegeben, Tausende und Abertausende für sein Evangelium zu retten, und du willst seinen Weg nicht gehen, um einen glücklich zu machen, wobei du vielleicht selbst nicht glücklich wirst? Ein erbärmliches, gedrücktes Dasein führen wir Evangelische schon jetzt in Mainz, und wenn die Jesuiten hier ganz und gar die Herren werden, so kann die Zeit kommen, wo das Evangelium in Blut erstickt. Ist nach der Bluthochzeit in Paris diesen Höllenmenschen nicht alles zuzutrauen? Denkst du daran gar nicht? Rührt dich das nicht? O Gott im Himmel, gib meinen Worten Kraft, daß sie in die Seele dieses schwachen, törichten Weibes eindringen!« Anna hatte die Rede des Oheims schweigend mit gesenktem Haupte angehört. Nur das Wogen ihrer Brust deutete an, daß ein heftiger Kampf in ihr tobte. Auch als er geendet hatte, schwieg sie eine Weile. Dann sagte sie: »Ich glaube, Oheim, Eure ganze Rechnung ist falsch.« »Wie meinst du das?« fuhr der Alte auf. Anna sah ihm fest in die Augen, und während eine glühende Röte ihr Gesicht überzog, erwiderte sie: »Ich habe es schon oft gehört, daß Fürsten und Herren ein armes Mädchen betören durch süße Reden und Schmeicheleien und die Unselige dann von sich stoßen, wenn sie ihrer überdrüssig sind. So könnt' es mir auch ergehen, wenn ich dem Kurfürsten nachgeben wollte. Daß er Gefallen an mir findet, seh' ich ja. Ich müßte blind sein, wenn ich's nicht sähe. Aber wer sagt Euch, daß er mich zu seinem Weibe machen will?« »Das ist klug und verständig gesprochen!« rief der Oheim. »Es beweist mir, daß du keine Gans bist, wie die meisten, die lange Haare tragen. Nun, mein liebes Kind, ich will ganz deutsch mit dir reden. Natürlich würde der Kurfürst zufrieden sein, wenn du seine Geliebte würdest. Davor brauche ich dich nicht zu warnen, das weiß ich. Aber gerade, wenn du fest bleibst, wirst du ihn zu allem bringen, was du willst. Kurfürst Daniel ist kein Jüngling mehr, er steht auf der Höhe des Lebens. Kommt über solch einen Mann die Leidenschaft, so ist sie wie ein Strom, der alles niederreißt. Ein kluges Weib weiß dann diesen Strom in die Bahnen zu lenken, die ihr gefallen!« »Genug!« rief Anna und stand mit blitzenden Augen auf. »Ich soll einen Mann, der es nicht redlich mit mir meint, durch Buhlkünste dahin bringen, daß er mich zu seinem Weibe macht! Da sei Gott vor! Das ist ein unwürdiges Spiel!« Augspurg kam jetzt völlig außer Fassung. Der Widerstand, den er so nicht erwartet hatte und der alle seine Pläne zerstörte, brachte ihn in leidenschaftlichen Zorn. »Weib!« schrie er seine Nichte an, »bist du wahnsinnig? Bin ich ein Kuppler? Was verlange ich von dir? Du sollst deine natürlichen Reize wirken lassen, um dadurch unserem heiligen Glauben zu dienen. Ist das viel in einer Zeit, wo Tausende für das Evangelium sterben?« »Lieber sterben, als mich erniedrigen!« rief Anna. »Ach, Redensarten, Redensarten!« schrie der erboste Alte. »Es mutet dir niemand etwas gegen deine Ehre zu –« Er brach plötzlich ab, denn nach kurzem Anklopfen trat der alte Diener des Hauses in die Tür. »Ein Bote Seiner kurfürstlichen Gnaden wartet unten, Herr«, meldete er. »Ich komme«, sagte Augspurg und verließ, noch hochrot vor Zorn und mühsam nach Ruhe ringend, das Gemach. Als Anna allein war, warf sie sich in den Sessel und brach in ein bitterliches Weinen aus. Nein, was ihr Oheim von ihr verlangte, das wollte, das konnte sie nicht tun! Ihre ganze Natur sträubte sich dagegen. Ach, wohl fühlte sie, daß der Kurfürst eine gefährliche Gewalt gewonnen hatte über ihr Herz, seine lodernden Blicke, seine Schmeichelworte hatten ihre Seele in fieberhafte Unruhe und Erregung versetzt. Aber eines fehlte ihr ihm gegenüber: die Sicherheit, das Vertrauen. Ihr Gefühl sagte ihr, daß er nur das Weib in ihr suche, und daß sie elend werden müsse, wenn sie sich seiner Macht nicht entwinde. Niemals konnte sie einen Mann, der sie nur zu seiner Geliebten begehrte, durch berechnete Künste so fesseln, daß er den Kampf mit der Welt aufnahm, um sie zu seinem Weibe zu machen. Es stieg etwas wie Grauen, ja wie Ekel in ihr auf, daß man dergleichen von ihr verlangt hatte. Und war es zehnmal um eines höheren Zweckes willen geschehen, sie empfand es wie eine Schmach. Fort von hier, möglichst bald fort aus dem Banne der heißen, dunkeln Augen, die ihr nicht Ruhe ließen, darin lag ihre Rettung! Das fühlte sie deutlich. Unterdessen empfing Augspurg von dem kurfürstlichen Diener die Meldung, daß Seine kurfürstliche Gnaden am Nachmittag drei Uhr seinen Besuch ansagen lasse. Er erschrak bei dieser Botschaft so, daß er erblaßte. Zwar hatte er längst schon erwartet, daß der Kurfürst einmal in sein Haus kommen werde, aber gerade heute war es ihm äußerst unbehaglich zu Mute bei diesem Gedanken. Es blieb ja keine Zeit, den Starrkopf oben umzustimmen. So stammelte er etwas von hoher Ehre und großer Freude, aber dann stieg er sehr langsamen Schrittes die Stufen empor, um Anna das Unerwartete mitzuteilen. Doch dicht vor der Tür blieb er stehen. War es nicht das Beste, ihr gar nichts zu sagen? Dieses Mädchen war in ihrem harten Eigensinn gar wohl imstande, sich außerhalb des Hauses bei Freunden zu verbergen, und um ihretwillen einzig und allein kam der Kurfürst. Daß er die Münzen und Gemmen besehen wollte, die Augspurg gesammelt hatte, war doch ein gar zu fadenscheiniger Vorwand. Wenn ihr nun der Kurfürst plötzlich und unerwartet entgegentrat, so warf das vielleicht mit einem Schlag alle ihre törichten Mädchenbedenken über den Haufen. Dann konnte sein Plan noch in Erfüllung gehen. Daß sie sich dabei nichts vergeben würde, darauf hätte er einen heiligen Eid geschworen. So ging er, ohne einzutreten, an der Tür vorüber. VI. Kapitel. Pünktlich zur angesetzten Stunde hielt Erzbischof Daniel auf seinem prächtigen Schimmel vor der Tür des Augspurgschen Hauses. Er schwang sich mit jugendlicher Kraft aus dem Sattel, warf dem Reitknecht die Zügel zu und schritt, ohne sich weiter umzublicken, hinein. Keinen seiner zahlreichen Hofherren hatte er mitgenommen, ein Begleiter konnte ihn nur stören. Er war fest entschlossen, heute eine Entscheidung herbeizuführen, denn das Schmachten und Harren der letzten Zeit hatte ihn fast krank gemacht. Die wilde Glut, die in ihm entfacht war, ließ sich nicht mehr dämpfen, er lechzte danach, das Weib, nach dem alle seine Sinne verlangten, in seine Arme zu reißen. An seinem Siege zweifelte er nicht. Er kannte seine Macht über Frauenherzen, und noch immer war er der stattlichste Mann an seinem Hofe, obwohl ihm das Haar an den Schläfen bereits ergraute. Zudem wußte er wohl, welch einen Zauber der Fürstenhut, der ihm die Stirn schmückte, auf weibliche Gemüter ausübte. Warum sollte sie ihm widerstehen? Hatte er nicht genug schon in ihren Augen gelesen? Der Hausherr eilte dem hohen Gast bis zur Mitte der Treppe entgegen und stammelte eine Entschuldigung, daß er Seine kurfürstliche Gnaden nicht am Eingange seines Hauses begrüßt habe. Aber der Kurfürst winkte ungeduldig ab und sagte rasch und erregt: »Keine Umschweife, Augspurg! Ihr wißt, warum ich komme?« »Ich ahne es, kurfürstliche Gnaden.« »Dann führt mich zu Eurer Nichte und laßt mich mit ihr allein!« Augspurg verneigte sich schweigend und schritt dem Herrn voran durch den oberen Vorsaal des Hauses. Dann öffnete er eine Tür und ließ den Kurfürsten eintreten. Anna saß auf einem niedrigen Schemel vor einem schmalen Tische, auf dem ein Stickrahmen mit einer kostbaren Goldstickerei prangte. Aber ihre Hände feierten. Sie fand heute die Ruhe nicht, die feinen Goldfäden durch das Gewebe zu ziehen. Unablässig sann und grübelte sie über der einen Frage: Wie konnte es ihr möglich werden, dieses Haus, diese Stadt baldigst zu verlassen und heimzukehren in das alte Schloß auf dem Eichsfelde? Dort fand sie sicher die Ruhe des Herzens wieder. Blieb sie aber hier und unterlag sie dem Zauber, der unheimlich auf ihr Gemüt wirkte, so war sie ein verlornes Weib. Nun stand auf einmal der Mann vor ihr, gegen den alle ihre Gedanken rangen. War's Wirklichkeit? War's eine Einbildung ihrer aufgeregten Sinne? Jäh erbleichend stand sie auf, ohne zu wissen, was sie tat. Ihr war's, als schwände der Boden unter ihren Füßen. Mit beiden Händen klammerte sie sich an die Tischplatte an und starrte dem Kurfürsten mit großen, weitgeöffneten Augen ins Gesicht. Zu reden vermochte sie nicht. Der Kurfürst eilte mit raschem Schritt auf sie zu. »Um Gott«, rief er, »was ist Euch, liebste Jungfrau? Hat Euch mein Kommen so erschreckt?« Da flog ein Zittern durch ihre Gestalt, es schien, als wolle sie umsinken. Der Kurfürst umfaßte sie, und schwer sank ihr Haupt mit geschlossenen Augen an seine Schulter. Für einige Augenblicke entschwanden ihr die Sinne. Als ihr das Bewußtsein zurückkehrte, fand sie sich in den Armen des Kurfürsten, sah seine heißen schwarzen Augen dicht über ihr Antlitz geneigt und fühlte seinen brennenden Kuß auf ihren Lippen. Da schrie sie wild und gellend auf und stieß ihn mit solcher Kraft vor die Brust, daß er zurücktaumelte. »Herr«, rief sie außer sich, »was wagt Ihr? Wer gibt Euch das Recht, mich zu beschimpfen?« »Anna«, rief der Kurfürst in höchster Erregung. »Was soll das? Wozu dein Sträuben? Siehst du nicht, daß ich dich liebe? Sehe ich nicht, daß du mich liebst? Was hindert uns, glücklich zu sein?« »Meine Ehre«, entgegnete sie mit flammenden Augen und trat einen Schritt zurück, da er von neuem sie umfassen wollte. »Ihr sprecht von Liebe? Das hört ein ehrbares Mädchen nur von dem Manne, der sie zu seinem Weibe machen will. Und nun frage ich Euch: Habt Ihr daran auch nur gedacht?« Der Kurfürst antwortete nicht sogleich. Er war sehr bleich geworden. »Anna«, begann er nach einer Weile, »höre mich an. Du weißt, ich bin ein Fürst, und große Macht ist mein. Das alles soll zu deinen Füßen liegen. Ich will dir jeden deiner Wünsche erfüllen, du sollst die Königin meines Herzens sein« – – Eine gebieterische Handbewegung der Jungfrau ließ ihn verstummen. »Schweigt!« rief sie heftig. »Nicht danach fragte ich Euch. Ich wollte wissen, ob Ihr bei Eurer Werbung den Willen hattet, mich zu Eurem ehelichen Gemahl zu machen.« »Vor der Welt darf ich kein Weib haben«, entgegnete der Kurfürst finster. »Aber so wahr mir Gott helfe und die heilige Jungfrau – vor Gott wollte ich dich als mein Weib halten! Eine heimliche Ehe, eine Gewissensehe sollte uns vereinen.« »Eine heimliche Ehe!« rief Anna. »Vor der Welt sollt' ich also als Dirne gelten? O Gott, was hab' ich getan, daß man mir solche Schande und Sünde zumutet!« »Sünde, für die unsere heilige Kirche reiche Vergebung hat aus dem Schatze der Gnade«, sagte der Kurfürst. »O Kind, du bist aufgewachsen in der lutherischen Ketzerei, wo es keine Gnade, keine Vergebung der Sünde gibt. Du kennst nicht die Seligkeit, die das Herz durchströmt, wenn es in der Beichte rein gewaschen ist von aller Schuld. Du ahnst nicht, wie liebevoll unsere heilige Mutter Kirche ihren Kindern vergibt – sie weiß ja, daß wir sündigen müssen, wir mögen wollen oder nicht. Gott will es sogar selbst, daß wir sündigen, damit seine Gnade an uns um so mächtiger werde. O komm zu uns, werde eine Tochter unserer heiligen apostolischen Kirche. Dann wirst du lernen, daß die Sünde, die ein liebendes Weib begeht, gar leicht verziehen wird von der Königin des Himmels, die selbst ein Weib gewesen ist.« »Nimmermehr!« rief Anna. »Niemand kann mir vergeben, was ich mir selbst nicht vergeben könnte. Wie der Versucher steht Ihr vor mir, und es graut mir vor Euch. Geht, um Gottes willen geht und laßt ab von mir. Niemals, niemals kann ich die Eure werden!« Sie war hinreißend schön in ihrem Zorne, wie sie so dastand mit geröteten Wangen und flammendem Blick. Der Kurfürst sah sie mit funkelnden Augen an, aber nicht nur heißes Begehren sprach aus seinem Blick, sondern auch tödlich verwundeter Stolz. »Anna«, sagte er mit einer Stimme, die vor Aufregung heiser klang. »Ist das dein letztes Wort? Du weist mich schmachvoll ab? Das erträgt kein Fürst. Bedenke, mit wem du redest!« »Und wäret Ihr der Kaiser, ich müßte sagen: Hinweg von mir!« rief Anna. Der Kurfürst zuckte zusammen, als hätte ihn ein Schlag ins Gesicht getroffen, und bleich vor Grimm stieß er hervor: »So wirst du merken, Mädchen, wie ich kindischen Trotz zu brechen weiß!« Dann wandte er sich zu gehen. Aber noch ehe er das Gemach durchschritten hatte, kamen eilige, klirrende Tritte über den Vorsaal, man hörte draußen einen Schrei des alten Augspurg, einen kurzen scharfen Wortwechsel, die Tür ward jählings aufgerissen, und auf der Schwelle stand der Junker Heinrich von Bünau. Ein paar Augenblicke war es ganz still im Zimmer. Der Kurfürst sah überrascht und erstaunt auf den ihm unbekannten Mann, der so plötzlich ungemeldet ins Zimmer trat, der Junker ließ seine Blicke stumm von einem zum andern gehen, und Anna war von neuem fast einer Ohnmacht nahe. War denn Zauberei im Spiel, daß der leibhaftig vor ihr stand, den sie mehr als fünfzig Meilen entfernt wähnte? »Wer seid Ihr?« fragte endlich der Kurfürst kalt. »Ich bin der Junker von Bünau, dieser Jungfrau Verlobter«, antwortete Heinrich. »Oder bin ich's nicht mehr? Kam ich zu spät?« »Heinrich!« schrie Anna und stürzte auf ihn zu. »Nein, du kommst zur rechten Zeit, ach Gott sei Dank, daß du kommst, um mich zu schützen und zu retten!« Sie warf sich an seine Brust, und heftiges Schluchzen erschütterte ihren Körper. Über Bünaus Antlitz flog ein heller Schein, aber gleich darauf zogen sich seine Brauen finster zusammen, und seine Hand fuhr ans Schwert. »Hat dir der Herr Schimpf und Gewalt angetan?« fragte er drohend. »Nein«, sagte Anna und faßte seine Hand. »Laß ihn gehen«, setzte sie leise hinzu, »es ist der Kurfürst.« »Ich weiß es«, versetzte Bünau hart. »Aber, bei Gott, das würde mich nicht hindern, ihn niederzustoßen, wenn er dir Böses getan hätte.« »Gebt Raum, junger Mann, Ihr seid von Sinnen«, sagte der Kurfürst und schritt, ohne ihn anzublicken, dem Ausgang zu. Auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um, und mit einem haßfunkelnden Blicke sagte er: »Vergeßt diese Eure Worte nicht, Junker! Und Ihr, schöne Jungfrau, Ihr hört noch von mir.« Dann fiel die Tür hinter ihm ins Schloß. Bünau strich sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er einen bösen Traum verscheuchen. »Um Gottes willen, Anna, was war das? Wie soll ich das deuten? Was wollte der Kurfürst bei dir?« »Der Kurfürst wollte mich zu seiner heimlichen Liebsten machen!« Bünau fuhr zurück. »Und du?« fragte er atemlos. »Ich wies ihn ab, wie sich's gebührt!« »Aber wie konnte er das wagen?« brach nun Bünau los. »Wie durfte er so niedrig von dir denken! Hier« – er wühlte in der Tasche seines Wamses und brachte ein zerknittertes Schreiben ans Licht, das er mit zitternden Händen entfaltete –, »dieser Brief erreichte mich vor fünf Tagen in Dresden. Wer ihn gesandt hat, weiß ich nicht, aber es muß ein Mann sein, der genau Bescheid weiß. Da ward mir geschrieben, der Kurfürst sei toll und rasend vor Liebe zu dir, er würde dich mit Gewalt auf eines seiner Schlösser schleppen, wenn du dich sträuben solltest. Darauf nahm ich Urlaub, jagte hierher. Ich sehe, der Mann hat nicht gelogen. Wie ist es möglich? Ich glaubte dich hier in guter Hut. Wie kommt der Kurfürst zu dir?« »Heinrich!« rief Anna, »ich will dir alles erzählen und, beim allmächtigen Gott, ich will dir nichts verhehlen, dann richte, ob ich unwürdig bin in deinen Augen!« Und manchmal stockend, dann wieder in fliegender Hast erzählte sie, wie der Kurfürst ihr gehuldigt habe vom ersten Tage an, da er sie erblickt, und wie sie sich anfangs aus Torheit und Eitelkeit das alles gern habe gefallen lassen. Sie klagte sich selbst an, daß sie dem Zauber fast erlegen sei, der von dem fürstlichen Manne ausging, sie verschwieg auch nicht ein Wort von dem, was geschehen war. Bünau hörte regungslos die Beichte seiner Braut an, aber immer lichter wurden seine Züge. »Anna«, sagte er, als sie geendet hatte und voll Scham und Schmerz die Hände vors Antlitz schlug, »komm her und sieh mir in die Augen. Ist das alles, was zwischen dir und dem Kurfürsten geschehen ist?« »Bei meiner Seligkeit«, erwiderte die Jungfrau. »Und nun? Nun ist das abgetan für dich? Kannst du mir sein, was du mir früher gelobt hast, mein liebes Weib?« »Ja«, rief sie aufjubelnd und lag an seiner Brust. »Du bist klar und treu, dir will ich gehören!« Bünau drückte sie fest an sich und küßte sie innig. »Aber nun komm«, sagte er. »Es ist keine Zeit zu verlieren. In einer halben Stunde können die Knechte des verruchten Pfaffen hier sein. Unten halten meine Diener, du reitest sogleich mit mir, hier wärst du verloren. In einer Stunde sind wir auf Pfälzer Boden, da erreicht uns seine Hand nicht mehr.« VII. Kapitel. Am Abend desselben Tages durchschwirrte ganz Mainz das Gerücht, der Kurfürst sei schwer erkrankt. Überall besprach man das Ereignis, auf den Gassen und in den Schenken, mit besonderer Gründlichkeit aber in der Trinkstube am Obermarkt, wo die reichen und vornehmen Bürger verkehrten. Genaueres wußte freilich auch hier niemand. Die einen behaupteten, der Kurfürst sei im Schloßhof mit dem Pferde gestürzt, und man habe ihn für tot vom Platze getragen. Andere berichteten, es habe ihn plötzlich der Schlag gerührt und ihn völlig gelähmt. Einige endlich gaben der Vermutung Raum, es handle sich um bloßes Geschwätz, der Kurfürst werde wohl nur leicht erkrankt sein und bald wieder zur Falkenjagd ausreiten. »Mit Verlaub, ihr Herren, das ist Unsinn«, sagte ein alter, behäbiger Herr mit ehrwürdigen weißen Haaren. »Der Kurfürst ist wirklich schwer erkrankt. Was es ist, weiß auch ich nicht. Aber der Junker von Stralendorf, der bei mir wohnt, ist vorhin überhaupt nicht ins Schloß gelassen worden, obwohl er mit wichtiger Botschaft vom Eichsfelde kam. Das hat etwas zu bedeuten, ihr Herren, denn Stralendorf ist bei Seiner Gnaden sehr beliebt.« In der Tat verhielt es sich so, wie der Alte erzählte. Stralendorf war am Nachmittag von seiner Gesandtschaftsreise nach dem Eichsfelde zurückgekehrt und hatte sich sofort zum Kurfürsten begeben wollen, um ihm Bericht zu erstatten. Aber die Leibwache hatte strengsten Befehl, niemand ins Schloß einzulassen, man wies ihn zurück. Auch Pater Bacharell ließ sich nicht sehen. Er sei am Krankenlager des Herrn und könne nicht abkommen, hieß es. So mußte Stralendorf unverrichteter Sache vor dem Schloßtore wieder umkehren. Mit sehr finsterem Angesicht schritt er nach seiner stattlichen Herberge zurück. Er liebte ja den Kurfürsten nicht eigentlich, denn Daniel war ein Herr von leicht erregbarem Wesen und wechselnden Launen, heute die Gnade selbst, morgen von verletzender Schroffheit. Aber er hatte viel von ihm gehofft. Vor zwei Jahren hatte er im Dome des heiligen Martin seinen evangelischen Glauben abgeschworen, den er aus seiner mecklenburgischen Heimat an den Rhein mitgebracht hatte. Das war nicht nur aus äußerlichen Rücksichten geschehen, die blendende Pracht des katholischen Gottesdienstes hatte seine Sinne gefangen genommen, und die siegreiche Beredsamkeit des Paters Bacharell und des Paters Auer hatte seine bisherige Überzeugung umgestoßen. Aber vor allen Dingen wollte er emporkommen durch diesen Schritt, sein Übertritt sollte ihm die Staffel zu Reichtum und Ehren werden. Der Erzbischof wollte ihm wohl, denn Stralendorf hatte sich durch sein höfisches, geschmeidiges Wesen in seiner Gunst festzusetzen gewußt. Um seinen Günstling insbesondere für den Glaubenswechsel zu belohnen, hatte er seinen Freund, den Abt Balthasar von Fulda, vermocht, ihm die Hand seiner Schwester zu versprechen. Starb aber der Kurfürst, so vergaß vielleicht der Abt jenes Versprechen, und Magdalena von Dernbach, die reiche Erbin, führte ein anderer heim. Dann war sein Ruin besiegelt, denn wer sollte seine Schulden bezahlen, die im Laufe des letzten Jahres zu einer beträchtlichen Höhe angewachsen waren? Dem Günstlinge des Kurfürsten hatte jeder gern gestundet, aber was geschah, wenn der hohe Herr das Zeitliche segnete? Lippold von Stralendorf verbrachte eine sehr unruhige Nacht. Bei jedem Glockenschlage fuhr er angstvoll aus seinen Kissen empor und horchte, ob nicht etwa des Kurfürsten Sterbegeläut beginne. In aller Frühe schon stürmte er nach dem Palaste, aber auch heute verweigerte ihm die Wache im unteren Korridor den Eintritt. Mit einem Fluche wandte sich Stralendorf und wollte das Schloß verlassen. Da knarrte am Ende des langen Ganges eine Tür, und er hörte seinen Namen rufen. Pater Bacharell stand auf der Schwelle und winkte ihn eifrig zu sich heran. Sogleich eilte Stralendorf auf ihn zu. »Was ist mit dem Kurfürsten? Wie geht's Seiner Gnaden?« rief er ihm statt jeder Begrüßung entgegen. »Kommt hier herein«, sagte Bacharell vorsichtig, und als der Junker in das Gemach getreten war, begann er: »Der Kurfürst hat eine große Aufregung gehabt, die Galle ist ihm ins Blut getreten. Der Herr lag lange ohnmächtig in schwerem Fieber, um Mitternacht fürchteten wir das Schlimmste. Nun aber scheint der Zustand sich gebessert zn haben, er ist noch ernst, wie die Ärzte sagen, aber es ist die beste Hoffnung vorhanden.« »Gott sei gedankt!« rief Stralendorf, und es lag ein solcher Jubel in seiner Stimme, daß der Jesuit ihm einen blitzschnellen, scharfen Blick voller Befremdung zuwarf, während ebenso schnell ein spöttisches Lächeln um seine dünnen, schmalen Lippen zuckte. Aber gleich neigte er wieder das Haupt und sagte salbungsvoll: »Ja, Gott und die lieben Heiligen scheinen noch einmal Gnade geben zu wollen. Ihnen sei Preis und Ehre!« »Und kann ich hoffen, Seine kurfürstliche Gnaden bald, vielleicht heute noch zu sprechen?« fragte Stralendorf rasch. »Wo denkt Ihr hin?« erwiderte Bacharell. »Der Kurfürst ist der höchsten Schonung bedürftig, es können Tage, vielleicht Wochen vergehen, ehe er sich wieder an die Geschäfte heranwagen kann. Nehmt einstweilen mit mir vorlieb. Erzählt mir, was Ihr ausgerichtet habt auf dem Bodenstein. Setzt Euch hierher und redet. Ich bin begierig.« »Es ist gar nicht viel zu berichten«, sagte Stralendorf Platz nehmend. »Alles ist so gekommen, wie Ihr, Herr Pater, es vorausgesagt hattet. Oder doch nicht ganz so, noch viel schlimmer. Denkt Euch, dieser Mensch hat es gewagt, mich, den Gesandten des Kurfürsten von Mainz, aus seiner Burg hinauszuwerfen.« Bacharell beugte sich weit vor, als höre er nicht recht. »Hinauszuwerfen?« wiederholt er erstaunt. »Wie geschah das?« »Ich kam am zwanzigsten November in Heiligenstadt an«, erzählte Stralendorf, »wo ich beim Propst Bunthe nächtigte. Ein trefflicher Mann, er empfiehlt sich Euch. Ich befolgte Euern Rat und teilte ihm mit, was ich auf dem Eichsfelde zn verrichten habe, obwohl mir ja Schweigen auferlegt war. Der Propst war außer sich. Er meinte, Gott müsse den Geist des Kurfürsten umnachtet haben, denn Barthold von Wintzingerode zum Hauptmann des Eichsfeldes machen, das wäre ebenso, als wolle man den Großtürken auffordern, den Stuhl Petri zu besteigen. Dann riet er mir dringend, was Ihr mir auch schon geraten, vorher einen Knecht nach dem Bodenstein zu schicken und sicheres Geleit zu erbitten, denn wenn dieser Barthold in Zorn gerate, so frage er nach keinem Menschen. Gut, daß ich den Rat befolgte. So kam ich erst am zweiundzwanzigsten nach dem Schlosse. Der Wintzingerode empfing mich in einer weiten Halle in einem Lehnstuhle sitzend, aus dem er sich, als ich ihn grüßte, kaum erhob. Zu seinen Seiten lagen ein paar große Wolfshunde, bösartige Bestien, in deren Nähe mir's nicht wohl war. Hinter ihm stand ein langer, ungeschlachter junger Mensch, man sah auf den ersten Blick, daß es sein Sohn war. Mit einem widerwärtigen Grinsen musterte mich der Ritter von oben bis unten und sagte dann mit wahrhaft teuflischem Hohn in der Stimme: »Ihr bringt mir Grüße, wie ich höre, von meinem lieben Freunde in Mainz? Nie befindet sich der hochwürdige Seelenhirt? Und wie komme ich alter ketzerischer Sünder zu der Ehre, daß der teure Gottesmann mir einen besonderen Gesandten schickt?« Ich wäre am liebsten auf der Stelle wieder umgekehrt, denn dieses Mannes Art erbitterte mich. Ich hatte das Gefühl, daß er uns nicht nur haßt, fondern daß er uns maßlos verachtet.« »Da habt Ihr recht«, warf Bacharell trocken ein. »Jeder gläubige Katholik ist in seinen Augen ein bemitleidenswerter Dummkopf, jeder Priester ein Hanswurst oder ein Betrüger.« »Ich hielt indessen an mich«, fuhr Stralendorf fort, »und überreichte mein Beglaubigungsschreiben. Er nahm es unwirsch in die Hand, gab es, ohne einen Blick darauf zu werfen, seinem Sohne und sagte: »Sieh nach, Klaus, ob die Krähenfüße des Bischofs in Ordnung sind, und ob die Rademachergesellen richtig gesiegelt haben.« Damit erfrechte sich der Schuft einer spöttischen Anspielung auf unser altehrwürdiges Kurmainzisches Wappen mit dem Rade des heiligen Willigis.« »Das ist einer seiner gewöhnlichen Scherze«, bestätigte Bacharell kopfnickend. »So kurz wie möglich brachte ich dann die Botschaft unseres gnädigen Herrn vor. Ihr hättet sehen sollen, Herr Pater, mit welchem Gesichte der Ritter meine Worte anhörte. Seine Züge wurden geradezu steinern vor Überraschung und Verblüfftheit. Lange erwiderte er nichts, als ich schon geendet hatte und der Antwort harrte. Dann sagte er an mir vorbei ins Leere starrend, als wenn er mit sich selbst spräche: »Unglaublich, ganz unglaublich, auf welche Torheiten die Menschen verfallen. Ich soll Luthers Lehre verfolgen helfen, ich soll zur Messe gehen? Dafür bietet man mir Gold und eine Ehrenstelle im Pfaffendienst und will versuchen, meinen Sohn ins Lehen zu bringen. Es gibt ja viele käufliche Schurken, also muß ich auch einer sein! – – Ist denn Euer Kurfürst des Teufels?« brüllte er mich plötzlich an. »Wie kann er wagen, mir solch ein Anerbieten zu machen? Sagt ihm, wenn Wintzingerode Dienste sucht, so reitet er in eines Fürsten Bestallung. Er aber ist kein Fürst, er ist von kleinerem Adel, als ich selbst. Nein, er ist überhaupt nicht mehr ein adliger Mann, er hat sein altes Schild schimpfiert, weil er sich eine Platte auf den Schädel kratzen ließ. Ich kenne ihn nicht. Dies ist mein letztes Wort!« Ich wandte mich schweigend und schritt dem Ausgange zu. Schon hielt ich die Tür in der Hand, da rief er mich noch einmal zurück. »Halt«, sagte er, »ich vergaß mich. Euch gegenüber vergaß ich mich. Der Jähzorn hat mich übermannt, daß ich dem Boten die Botschaft entgelten ließ. Ich hätte einem Edelmanne nicht so begegnen sollen. Seid Ihr von den Meklenburgischen Stralendorfs?« Ich bejahte. Lebhaft trat er auf mich zu und rief: »Da hab' ich einen Eures Geschlechtes gar wohl gekannt. Er war mit bei Mühlberg. Ein Mann von altem Schrot und Korn, ein tapferer Mann.« »Das war mein Vater«, sagte ich kurz. Höchst überrascht blickte er mich an. »Dann seid Ihr lutherisch?« rief er. »Ich war's«, entgegnete ich. »Jetzt aber bin ich in die alleinseligmachende Kirche zurückgekehrt.« »Da warf er mir einen Blick zu und sprach ein paar Worte. Dann wandte er mir den Rücken. Erlaßt mir, diese Worte zu wiederholen«, rief Stralendorf, und eine brennende Röte flog über sein Gesicht. »Man zahlt einen hohen Preis, Herr Pater, wenn man den Glauben wechselt, dessen seid versichert. So hat mich nie ein Mensch beleidigt, dieser Mann ist mein Todfeind geworden, und nichts kann diesen Schimpf austilgen, nur sein Blut.« Mit dem Ausdruck wilden Hasses im Gesicht starrte er vor sich hin. Der Pater legte ihm die Hand auf den Arm und sagte ruhig: »Die Stunde, die Euch rächt, Herr von Stralendorf, ist näher, als Ihr glaubt. Denn wisset, gestern hat die Jungfrau von Wintzingerode die Stadt verlassen.« Stralendorf fuhr mit einem Laute der Überraschung empor. »Der Kurfürst war in seiner Liebestollheit am Nachmittag zu ihr gegangen. Sie muß ihn abgewiesen haben. Näheres weiß ich nicht, denn Seine Gnaden wurde ohnmächtig, als er vom Pferde steigen wollte. Man sagt, ein Ritter aus Sachsen habe sie geholt. Sie sind hinüber in die Pfalz und werden sicher den Bodenstein erreichen.« Bacharell hielt einen Augenblick inne, als dächte er nach, und sprach dann in kühlem Tone weiter. »Ich brauche Euch nicht zu sagen, daß dieses Ereignis unsern Plänen nur förderlich sein kann. Wollen wir die Ketzerei auf dem Eichsfelde ausrotten, so müssen wir Barthold von Wintzingerode zuvor aus dem Wege räumen, denn dieser Mann ist eine ernste Gefahr für uns. Ich habe von Bunthe und anderen genaueste Berichte vom Eichsfelde. Darin stimmen sie alle überein: Nur dieser Wintzingerode kann einen Führer abgeben im Kampfe wider uns. Denn er ist der einzige, der ohne Scheu zum Schwerte greift, und nur er hat auch in den Städten Anhang und Ansehen. Wollen wir aber siegen, so müssen wir unsere Feinde trennen.« »Gewiß, ohne Frage«, sagte Stralendorf. »Wir haben ja nun schon manches getan in den Städten, um dem Weitergreifen der lutherischen Pest zu steuern«, fuhr der Pater fort. »Der Adel fühlt sich dadurch noch nicht bedroht, nur dieser Wintzingerode hat so haßgeschärfte Augen, daß er einsseht, wohinaus wir wollen. Er hat, wie mir Bunthe schreibt, neulich in Worbis bedenkliche Reden bei einer Adelstagung geführt, er wäre wohl imstande, den Herren die Augen zu öffnen, obwohl ihn mancher unter dem Adel bitter haßt. Ehe wir also kräftiger einsetzen mit unserem Werke, muß er beseitigt werden.« »Dann müßte sich der Kurfürst mit dem Grafen Volkmar von Hohnstein verbinden, der seines Vasallen nicht Herr werden kann«, sagte Stralendorf nachdenklich. »Indessen, was ist dann gewonnen? Der Bodenstein wird von uns belagert, erobert, der Ritter kommt nicht in unsere, sondern in des Grafen Gewalt. Was wird ihm dann geschehen? Er wird eine Zeitlang gefangen gehalten, dann kommen gute Freunde und Vermittler, er unterwirft sich, er gelobt Gehorsam, und ein Jahr später sitzt er wieder auf dem Bodenstein.« »Sehr gut, Stralendorf«, sagte der Pater wohlgefällig. »Ich sehe, ich habe mich in Eurem Ingenium nicht getäuscht. Ihr seid ein klarblickender Kopf und paßt zu Staatsgeschäften. Ja, ganz genau so würde es kommen, wenn nicht – hört und verwundert Euch – wenn nicht der Graf unserm gnädigen Herrn die Oberlehnsherrlichkeit über das Gericht Bodenstein angetragen hätte.« »Unmöglich!« rief Stralendorf, »will der Graf wirklich so hohen Preis für unsere Hülfe zahlen? Ist er denn von Sinnen?« »Das nicht. Er rechnet auch – wie eben solche Herren rechnen«, versetzte Bacharell. »Er will um jeden Preis den Ritter demütigen, der ihn in seinem Fürstenstolz gekränkt habe. So sind ja viele der kleinen Herren im lieben heiligen Reich: Sie wollen die Adler spielen und haben doch nur die Kraft eines Haushahnes. Was soll er nun machen? Er hat mit dem Sachsen gehandelt, der ist allzu gierig. Der Hesse ist zu bedächtig, Schwarzburg und Stolberg zu friedlich, den Braunschweiger kann er nicht rufen, denn er ist mit dem Wintzingerode gut Freund. So bleibt ihm Kurmainz einzig und allein. Er hat ja, wie Ihr wißt, schon lange unsere Hülfe gesucht, wir verhandeln über ein Jahr, jetzt endlich kommt er dahin, wohin ich ihn haben wollte. Natürlich denkt der Graf, die Oberlehnsherrlichkeit werde wenig bedeuten, nur eine Form ohne Inhalt bleiben. Darin wird er sich schwer täuschen. Nehmen wir den Bodenstein, so nehmen wir ihn für uns, fangen wir den Wintzingerode, so kommt er in unsere Hand, und die Ketzerei soll dann ein Ende haben. Euch aber, Herr von Stralendorf, sage ich dasselbe, was ich Euch vor drei Wochen sagte: Ihr werdet noch Landeshauptmann auf dem Eichsfelde. Auf mich, darauf verlaßt Euch, könnt ihr beim Kurfürsten zählen.« VIII. Kapitel. Eine halbe Stunde südöstlich vom Bodenstein liegt auf einem Ausläufer des Ohmgebirges das Dorf Kirchohmfeld. Es gehörte denen von Wintzingerode, die eine Hälfte der Höfe war Barthold, die andere seinen Vettern zins- und lehnpflichtig. Der hochummauerte Gutshof war Ritter Bertrams Eigentum, wo er oft und gern verweilte. Hier war auch die Pfarrei des Herrn Conrad Schneegans gelegen, des Pfarrers, den der Bodensteiner vor wenigen Jahren berufen und für die drei Dörfer Wintzingerode, Kirchohmfeld und Kaltohmfeld als Prediger und Seelsorger aus eigner Machtvollkommenheit eingesetzt hatte. Nach seinem Lehnsherrn pflegte Barthold in solchen Dingen am wenigsten zu fragen. Er hatte früher dem alten, streng katholischen Grafen Ernst zu Trotz aus seinem Gerichte die römischen Priester verjagt und die lutherische Lehre eingeführt, als er selbst noch ein Jüngling war. Sollte er nun als Greis den jungen Grafen um gnädige Erlaubnis angehen, einen Pfarrer einzusetzen? Das kam ihm gar nicht in den Sinn. Er tat in seinem Gerichte, was er wollte. Das Pfarrhaus zu Kirchohmfeld lag unweit des kleinen Gotteshauses unter hohen Bäumen, und zur Sommerszeit mochte man wohl von hier aus eine anmutige Aussicht haben. Heute aber, am ersten Dezember, sah der Pfarrer, als er ans Fenster trat, nichts anderes vor sich als rieselnden, stiebenden Schnee. Graue Wolken hingen bis fast auf die Erde hernieder, und obwohl es kaum drei Uhr nachmittags war, fiel nur noch ein fahles, schwaches Licht durch die trüben, runden Fensterscheiben. Es wäre fast dunkel gewesen in dem engen Gemach, wenn nicht vom Ofen her, in dessen Höhlung mächtige Holzklötze brannten, ein flackernder Schein geleuchtet hätte. »Ihr werdet ein böses Heimreiten haben, Junker«, sagte der Pfarrer zu dem hochgewachsenen jungen Manne, der dicht am Ofen auf dem Ehrenplatze des Hauses saß. »Euer Roß ist zwar ein kräftiges Tier und von edler Zucht, aber heute wird es stampfen und schnauben, wenn Ihr zum Bodenstein emporreitet.« »Wird's nötig, so gehe ich zu Fuß nebenher. Wir beide kommen schon durch«, entgegnete Junker Klaus und reckte seine mächtigen Glieder. Aber gleich ließ er die Arme wieder sinken und blickte düster vor sich nieder. »Was ist ein Weg durch Sturm und Schnee gegen den Weg, den ich bald gehen muß, den Weg in die Fremde!« Der Pfarrer trat auf ihn zu, faßte seine Hand und sah ihm mit warmer Teilnahme ins Gesicht: »Ich gab Euch den Rat um des Gewissens willen, lieber Junker. Wer's wohl meint mit denen auf dem Bodenstein, der kann nicht anders raten«, sagte er. Klaus nickte. »Ihr spracht nur aus, was ich lange schon bei mir dachte. Aber es wird mir schwer, ach, schwer und bitter. Ich liebe meinen Vater mehr als alle anderen Menschen und habe von ihm mehr Liebe empfangen, als von jedem anderen. Nun muß ich ihm den bittersten Schmerz antun.« »Ich fühle mit Euch«, sagte der Pfarrer, »und ich habe Gott den Herrn gebeten, mich zu erleuchten, daß er uns einen anderen Weg zeige, wenn es einen gibt. Ader ich sehe keinen. Alle Irrungen zwischen Eurem Vater und dem Grafen Volkmar Wolf wären beizulegen, wenn Herr Barthold dem Gedanken entsagen wollte, Euch ins Lehn zu bringen. Freiwillig tut er das nimmermehr, er hat sich verrannt und verbissen in diesen Plan, kein Mensch kann ihn davon abbringen. Mich hat er gar nicht angehört, als ich ihn bitten wollte. Predigt Gottes Wort und kümmert Euch nicht um der Welt Händel, gab er mir zur Antwort. Offenbar hat der Teufel den sonst so klugen und wackern Mann verblendet, daß er nicht merkt, welch törichten Handel er angefangen hat. Wie ist es möglich, daß er ernstlich glauben kann, gegen Herkommen und Ordnung des Reiches seinen Kopf durchzusetzen?« »Er rechnet, wie ich Euch schon sagte, fest auf die Hülfe der Braunschweiger Herzöge«, sagte Klaus. »Die Herren haben ihm mancherlei Hoffnungen gemacht.« »Ach, dächte Euer Vater an den Spruch der Schrift: Du sollst auf den Herrn vertrauen und dich nicht verlassen auf Menschen! Die Welfen werden schwerlich um dies arme Ländchen einen Reichskrieg entzünden und ihre Herzogshüte in Gefahr bringen.« »Ich zum wenigsten«, sagte Klaus aufstehend, »will nicht die Ursache sein, daß sich hier noch ein Brand entzündet. Ich breche allem Hader die Spitze ab, ich gehe und verzichte feierlich auf jedes Recht.« Der Pfarrer drückte seine Hand. »Wacker gesprochen. Dann wird noch alles gut werden.« »Ich bin dessen doch nicht ganz sicher«, entgegnete Klaus. »Aber ich habe getan, was ich konnte.« »Nicht sicher? Wie meint Ihr das?« fragte Herr Conrad befremdet. »Herr Pfarrer«, erwiderte Klaus, »der Vater ist aus einer andern Zeit und kann unsere Zeit nicht begreifen. Als er jung war, da gab es Ritter wie Franz von Sickingen, die mächtiger waren als viele Fürsten. Hätt' es der Sickingen klüger angefangen, hätt' er nicht zugleich drei große Fürsten wider sich in den Harnisch gebracht, so wäre er Sieger geblieben. Mit Hessen allein ist er fertig geworden – das hat der Vater oft gesagt. So wie Sickingen fühlt sich der Vater. Hat er nicht so viele Burgen und Dörfer wie der, so ist auch der Hohnsteiner ein viel kleinerer Herr als der Landgraf von Hessen. Darum denkt er, ihm trotzen zu können.« »Der Unterschied ist nur der, daß Sickingen gegen einen fremden Fürsten Krieg führte, während der Hohnsteiner Eures Vaters von Gott verordnete Obrigkeit ist«, warf der Pfarrer dazwischen. »Vergißt er das, so will ich ihn darob so sehr nicht schelten. Die Fürsten vergessen das ja ihrer Obrigkeit, dem Kaiser, gegenüber alle Tage. Der Unterschied ist ein anderer: Die Fürsten sind heute viel mächtiger und vor allem viel klüger. Sie haben gelernt von dem, was geschehen ist, sie lassen keinen vom Adel mehr hochkommen, sie ducken ihn auf der Stelle. Darum findet der Hohnsteiner Bundesgenossen, der Vater findet keinen. Nach Johann Friedrichs und Grumbachs schmählichem Ausgange wagt kein Reichsfürst mehr, für einen Ritter gegen einen anderen Reichsfürsten Partei zu nehmen, der eine würde von den anderen zerhackt. Das wissen auch die Braunschweiger gar wohl. Sie werden sich hüten, Kursachsen und Kurmainz und Gott weiß, wen noch, gegen sich aufzubringen.« »O hätte Euer Vater Eure Einsicht!« seufzte der Pfarrer. »Er steht wie ein Fremdling unter uns allen«, fuhr Klaus traurig fort. »Gar manchmal erscheint er mir wie einer von den Helden, von denen die alten Sagen erzählen, wie der Sachsenherzog Wittekind oder wie Dietrich von Bern. Männer wie er gedeihen nicht in unserer Zeit. Jetzt muß der Adel gehorchen lernen, schmiegen, sich ducken. Das lernt der Vater nimmermehr. Er hat einen eisenharten Sinn, der wohl brechen aber nicht sich beugen kann. Deshalb fürchte ich, wird er mit dem Grafen niemals zum Frieden kommen, auch nicht, wenn ich entsage.« Der Pfarrer schwieg eine Weile, in Gedanken versunken. Dann trat er auf Klaus zu und legte die Hand auf seine Schulter. »Was Eures Vaters Starrsinn herbeiführt, das habt Ihr nicht zu verantworten«, sagte er ernst. »Soviel aber an Euch ist, müßt Ihr dazu beitragen, daß Friede wird zwischen Eurem Vater und seinem Lehnsherrn. Ihr seid es, für dessen vermeintliches Recht Euer Vater die ganze Welt gegen sich aufbringen will. Ihr erweist ihm die höchste Liebe, wenn Ihr selbst diesen schwersten Stein des Anstoßes aus dem Wege räumt. Vielleicht wird es dann doch möglich, daß gute Freunde zwischen ihm und dem Grafen vermitteln. Geschieht es nicht, so ist's zum wenigsten nicht Eure Schuld.« Klaus neigte beistimmend das Haupt. »Wohin gedenkt Ihr Euch zu wenden, Junker?« fragte der Pfarrer. »Ich gehe zum Herzog Johann Wilhelm nach Weimar«, antwortete Klaus. »Wie? Spracht Ihr nicht davon. Ihr wolltet den Pfalzgrafen über den Rhein begleiten?« »Daran dacht' ich«, sagte Klaus, »aber ich habe mir die Sache anders überlegt. Ich warte ab, wie's kommt. Söhnt sich der Vater mit dem Grafen aus, so zieh ich aus und kämpfe irgendwo gegen den römischen Antichrist, in Frankreich oder in den Niederlanden. Fall' ich dort, so wird der Vater meiner gern gedenken, komme ich zurück, so darf ich hoffen, seine Verzeihung zu erlangen.« »Und wenn kein Friede wird?« fragte Herr Conrad. »Dann, Herr Pfarrer, gibt es für mich nur eins zu tun. Ich kehre spornstreichs zurück und bitte meinen Vater, daß ich für ihn kämpfen darf. Und will er den ungehorsamen Sohn nicht mehr an seiner Seite fechten lassen, so will ich als gemeiner Fußknecht das Schloß verteidigen helfen.« »Ihr habt recht«, erwiderte der Pfarrer, »doch – was ist das?« Man hörte das Stampfen und Schnauben eines Rosses dicht vor dem Fenster. Gleich darauf wurde die Tür aufgestoßen, und eine mächtige Gestalt trat ins Gemach, so bedeckt mit Schnee und Eis, daß man bei dem ungewissen Lichte nicht zu erkennen vermochte, wer sich unter dem hochgeschlagenen Mantel verbarg. »Gott zum Gruße, Pfarrer«, sagte die tiefe Stimme Herrn Bartholds. »Du auch hier, Klaus? Bist auf dem Rückwege von Worbis eingekehrt? Gut. Ziehe sogleich dein Pferd aus dem Stall, und Euch, Herr Conrad, muß ich bitten, gleichfalls aufs Roß zu steigen, Jacob steht damit draußen vor der Tür. Nehmt Euern schwarzen Rock mit, es gibt zu tun für Euch auf dem Bodenstein.« »Herr Gott, es ist doch niemand erkrankt?« rief der Pfarrer erschrocken. »Das nicht«, erwiderte Barthold. »Ihr sollt eine Kopulation vollziehen, sollt meine Tochter Anna mit dem Junker von Bünau kopulieren.« Klaus stieß einen Ruf der höchsten Überraschung aus, der Pfarrer starrte dem Ritter ins Gesicht, als zweifle er an seinem Verstande. »Um Gotteswillen, was heißt das? Erklärt mir« – begann er. Aber Herr Barthold schnitt ihm das Wort ab. »Den Teufel auch«, knurrte er unwillig. »Erklären will ich's Euch, gewiß, aber nicht hier, sondern auf dem Schlosse. Kurz nach Mittag kam Bünau mit meiner Tochter an, er hatte sie aus Mainz geholt. Ein Schuft hat seine Hand nach ihr ausgestreckt, ein mächtiger Schuft. Dem will ich sie entziehen. Bünau muß übermorgen nach Sachsen zurück, da soll sie ihn begleiten als sein Weib.« Der Pfarrer stand noch immer regungslos vor Erstaunen. »Und ich soll sie trauen?« fragte er. »Ohne Aufgebot?« »Ach was Aufgebot! Wozu die Faxen?« fuhr ihn Barthold an. »Ihr wißt, sie sind längst miteinander versprochen. Im Frühjahr sollte die Hochzeit sein. Darauf wollen wir nicht warten, wer weiß, wie bis dahin die Welt aussieht. Vielleicht sucht der gefürstete Pfaffe mit Gewalt sich ihrer zu bemächtigen!« Der Pfarrer griff sich an die Stirn. »Der Mainzer Kurfürst ist's, der Eurer Tochter nachstellt?« fragte er bestürzt. »Ja. Wundert Euch das? Mich nicht. Die römischen Pfaffen sind alle des Teufels, und die obersten sind die schlimmsten. Aber nun bitt' ich Euch ernstlich, meine Geduld nicht länger zu proben. Auch du, Klaus, starre mich nicht an, sondern mach dich bereit. Ihr erfahrt alles früh genug.« »Ich komme«, sagte der Pfarrer und rief seine Frau aus der Küche herbei, daß sie ihm den Amtsrock bringe. Kurz darauf saß er in einen dichten Pelz gehüllt neben dem Ritter auf dem Pferde, das für gewöhnlich die Schloßfrau zu reiten pfiegte. »Sorgt Euch nicht, Frau Brigitte, wenn Euer Mann heute nicht heimkehrt. Wir werden ihn die Nacht als Gast auf dem Bodenstein behalten!« rief Herr Barthold im Abreiten der Pfarrerin zu. Dann trabte die kleine Schar aus dem Pfarrhofe hinaus durch den stiebenden Schnee dem Schlosse zu. Es war dunkel geworden, als man dort anlangte. Herr Barthold nahm seinen Sohn und den Pfarrer in sein Gelaß und erzählte ihnen, während man in den Frauengemächern die Braut schmückte, was sich in Mainz begeben hatte. Als er zu Ende gekommen war, stieß Klaus einen heftigen Fluch aus, und der Pfarrer sagte: »Wenn die Dinge so liegen, so ist es freilich das Beste, daß die Jungfrau je eher je lieber des Junkers Gemahl wird. Ich sehe zwar nicht ein«, setzte er mit einem halben Lächeln hinzu, »weshalb die Hochzeit nicht noch einen oder zwei Tage Aufschub vertragen hätte, aber es ist Eure Weise, was Ihr tun wollt, schnell zu tun. Auch wird das junge Paar schwerlich darüber zürnen. So geschehe denn Euer Wille.« Eine Stunde später bewegte sich der kleine Hochzeitszug beim Scheine der Fackeln und Windlichter über den Burghof nach der Kapelle, die in hellem Lichterglanz strahlte. Die einzigen Gäste waren die Westernhagen, die man schnell aus dem benachbarten Teistungen hatte herbeirufen können. Sie waren mit ihren Frauen und Kindern und von zahlreichem Gesinde geleitet noch eben rechtzeitig eingetroffen. Die Braut trug einen Kranz aus Immergrün und Efeublättern, die man am Fuße der Burgmauer aus dem tiefen Schnee herausgegraben hatte, denn anderes Grün war um diese Zeit des Jahres weit und breit nicht zu finden. Aber sie sah in diesem einfachen Schmucke nicht nur schön, sondern auch glücklich aus. Als der Pfarrer in seiner Rede die Anfechtung erwähnte, der sie Widerstand geleistet, und als bei diesen Worten Heinrichs Auge das ihre suchte, da traf ihn ein so inniger, leuchtender Blick, daß er sich mit hoher Freude sagte: Sie hat überwunden, sie kann von ganzem Herzen die deine sein. IX. Kapitel. Zwei Tage später reisten die Neuvermählten ab. Es war Herrn Bartholds Weise nicht, seine Gefühle zu zeigen, aber an seiner grimmigen Miene merkte ihm jeder an, daß ihm der Abschied schwer ward. Und als draußen vor dem Burgtor Anna noch einmal aus dem Wagen sprang, um die weinende Mutter zu trösten, da preßte er seine Lieblingstochter so heftig an seine Brust, daß sie beinahe aufgeschrien hätte, und sagte mit einer Stimme, die vor unterdrückter Bewegung dumpf und heiser klang: »Du hast einen guten Mann. Einem anderen hätte ich dich nicht gegeben. Nun halte dein Glück fest und werde ihm das, was deine Mutter mir ist. Fahre hin mit Gott!« Darauf wandte er sich ab und ging mit langen Schritten in die Burg zurück, ohne sich noch einmal umzusehen. Klaus hatte den Auftrag, die Scheidenden nach Mühlhausen zu geleiten. Er ritt an der Spitze einer sehr stattlichen Schar, deren größere Hälfte ihn freilich wieder verließ und nach dem Bodenstein zurückkehrte, sobald man das Gebiet der freien Reichsstadt erreicht hatte. Denn auf Mühlhauser Boden war kein tückischer Angriff der Mainzer mehr zu befürchten, und die Burg durfte die Nacht über nicht ohne starke Besatzung bleiben. Seit dem Überfall durch den Grafen von Hohnstein war der Ritter sehr vorsichtig geworden. Klaus verabschiedete sich in Mühlhausen von seiner Halbschwester mit tiefer Wehmut, denn gerade ihr hatte er jederzeit sehr nahe gestanden. Aber sein Vorhaben, den Bodenstein zu verlassen und seinem Vater den Kampf dadurch zu ersparen, teilte er nicht ihr und auch nicht seinem neuen Schwager mit. Er wollte seinen Weg allein gehen, genug, daß sein Freund, der Pfarrer, darum wußte. Er blieb die Nacht über in der Stadt, denn er hatte am anderen Tage im Auftrag seines Vaters auf dem Rathause zu tun. Dort wickelten sich seine Geschäfte dank der Bedächtigkeit eines hochweisen, ehrenfesten Rates so langsam ab, daß er zu seinem Verdruß erst nach Mittag den Heimritt antreten konnte. Die Wege waren schlecht und dazu tief verschneit. Den kürzeren Pfad über die Berge einzuschlagen war keine Möglichkeit, man mußte auf der Heerstraße dahinziehen und kam auch so nicht eben schnell vorwärts. Klaus ritt in wenig erfreulichen Gedanken des Weges dahin, und seine Stimmung wurde auch nicht verbessert durch die endlosen Erzählungen des biederen Jacob Holstein, der sein Roß immer dicht an seines Junkers Seite hielt. Am liebsten hätte er dem geschwätzigen Alten den Mund verboten, aber das hätte der treue Knecht, der ihn reiten und fechten gelehrt hatte, doch gar zu übel vermerkt. Jacob lebte jedesmal ganz besonders auf, wenn er in Mühlhausen gewesen war, denn dort hatte er das Licht der Welt erblickt und seine Kindheit verlebt. Diese Kindheit war in die Zeit des großen Bauernkriegs gefallen, er hatte alle die Unruhen mit erlebt, die für die altberühmte Reichsstadt so verhängnisvoll gewesen waren, und da er ein gutes Gedächtnis besaß und kleine Abweichungen von der Wahrheit sein Reitergewissen nicht sonderlich belasteten, so konnte er aus jenen Tagen erzählen, daß es eine Art hatte. Heute nun schilderte er die Hinrichtung der nach der Schlacht bei Frankenhausen nach seiner Vaterstadt gebrachten Bauernführer, wie Pfeiffer trotzig und ohne ein Wort zu sprechen in den Tod gegangen sei, wie dagegen Münzer gezittert habe als ein rechter Hase und vor Angst seine Besinnung so sehr verloren habe, daß ihm Landgraf Philipp noch das letzte Vaterunser habe vorsprechen müssen. Klaus hatte alle diese Geschichten wenigstens vierzigmal schon gehört und achtete kaum darauf. Auch die erbaulichen Nutzanwendungen und kräftige Verfluchung der Aufrührer und Irrlehrer, womit der Alte seine Erzählung schloß, war ihm etwas Geläufiges. Dagegen wunderte es ihn doch, daß Jacob nach einer Weile mit einem schweren Seufzer und feierlicher Grabesstimme hinzufügte: »So möge es auch heute allen denen ergehen, die zu den gottverdammten Täufern und Ketzern gehören!« »Gibt es denn noch welche?« fragte er belustigt und setzte gutmütig spottend hinzu: »Du bringst ja jedesmal noch ein hundert oder zwei mehr um, wenn du wieder einmal deine Geschichten erzählst. Wenn man dir glauben soll, so ist damals die ganze Mühlhäuser Bauernschaft mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden.« Jacob achtete nicht auf den Spott, sondern fuhr ebenso feierlich fort: »Es ist nicht gelungen, das Unkraut ganz auszurotten. Es gibt noch solche Teufelsbraten, und wenn Ihrs wissen wollt, Junker, sie schleichen jetzt heimlich um den Bodenstein herum.« Klaus lachte laut auf. »Du bist närrisch, Jacob. Unsere Bauern haben anno fünfundzwanzig nicht mitgetan, warum sollten sie sich jetzt verhetzen lassen? Mein Vater ist doch immer ein guter Herr gewesen – wo hat es denn der kleine Mann besser als in unserem Gericht?« »Die Esel«, erwiderte Jacob, »die man dick füttert, sind die störrischsten, und wenn ein Hund toll wird, so fällt er den eigenen Herrn an.« »Sie werden sich hüten, meinen Vater anzufallen. Alle Achtung vor dem, der das wagte!« versetzte Klaus trocken. »Aug' in Auge wagts keiner. Aber eine heimliche Kugel trifft manchmal auch ihr Ziel«, sagte Jacob grimmig. Klaus hielt mit einem Ruck sein Pferd an. »Mensch, was faselst du da? Von wem redest du?« rief er erschrocken. Der Alte erwiderte mit großem Nachdruck: »Wenn ich dem Halunken, dem Wilddiebe, dem schleichenden Wolf wieder auf unserer Wildbahn begegne, ja wenn ich ihn auch nur allein im Walde treffe, so schlage ich ihm, bei Gottes Wunden, den Schädel ein!« »Du meinst Geilhaus?« rief Klaus erstaunt. »Den meine ich, Junker, und ich sage Euch, das ist einer! Ein Schurke ist der, so lang er warm ist«, entgegnete Jacob, und geheimnisvoll setzte er hinzu: »Neulich ist ein Mann in Duderstadt gewesen, der hat ihn gekannt. Schöne Dinge hat er von ihm erzählt, bei Gott, Junker, Ihr mögt's glauben oder nicht. In Braunschweigs Hofe haben die Männer gesessen in der Unterstube bei einer Kanne Bier, da geht der Geilhaus draußen vorüber. Potz Donnerwetter! schreit da der Mann, das ist doch Geilhaus? Wie kommt der Kerl hierher? Er ist Förster hierum bei dem von Wintzingerode auf Scharfenstein, sagen die Männer. Alle Tausend! sagt der Mann und trinkt sein Bier aus und kneift seine Augen zusammen und lacht. Muß ein wunderlicher Kauz sein, der den zum Förster macht. Warum? wieso? fragen die Männer und rücken zusammen. Und nun kam's an den Tag: Fortgejagt ist er von dem Grafen zur Lippe, wo er früher Forstknecht war, denn er soll schon dort stark gewildert haben. Und sein Weib, Junker, was die schöne Gertrud ist, das wäre gar nicht sein Weib, die soll nur mit ihm fortgelaufen sein und einen Mann in Westfalen haben. Das machen die Kerls, die verfluchten Täufer, so, da haben die Weiber zwei, drei Männer, und die Männer können zwei, drei Weiber haben. Darauf hat der Mann geschworen und geflucht und gesagt, er wolle in die Hölle fahren, wenn's nicht wahr wäre. Und Grieting, der Alte, der mein Gevatter ist, der hat alles gehört und sagte, als er mir's erzählte: Jacob, sagte er, paß auf den Herrn auf. Der Geilhaus hat neulich im Kruge in Wintzingerode gesagt: Es kommt eine andere Zeit, und einer muß daran glauben. Und dann hat er gräßlich gelästert, weil der liebe Gott die armen Leute treten und aussaugen ließe durch die Junker und Pfaffen. So einen Hund, Junker, soll man bei Zeiten kalt machen, sonst richtet er großes Unheil an!« Erschöpft schwieg der Alte und auch Klaus erwiderte zunächst nichts. Wahrlich, so ganz grundlos war diese Warnung nicht, man durfte sie nicht in den Wind schlagen. Vielleicht drohte seinem Vater wirklich eine Gefahr von dem verwilderten, bösartigen Menschen, dem die meisten gern aus dem Wege gingen. Und warum war das alles? Weil die Familie untereinander uneins war. War man einig mit den Brüdern Hans und Bertram – wie leicht konnte man dann den gefährlichen Burschen entfernen. So aber würden sie keiner Anklage Glauben schenken. Ja, es war Zeit, daß endlich Friede wurde zwischen denen von Wintzingerode, und nichts konnte diesen Frieden wirksamer gründen, als wenn er in die Fremde ging. Daher seufzte er tief auf und sprach: »Wir wollen die Augen offen halten und beten, daß Gottes Hand meinen Vater schütze.« »Amen!« sagte Jacob. »Aber sicherer ist's doch, wenn ich den Kerl bei guter Gelegenheit niederschlage.« Indessen war die Schar in den stattlichen Flecken Dingelstädt eingeritten. Hier hatte man unfähr die Hälfte des Weges zurückgelegt. Deshalb hielt Klaus vor dem langen, einstöckigen Wirtshause an, das an der Straße lag, und erlaubte den Knechten, die hinter ihm ritten, von ihren Rossen eine Weile abzusteigen. Er verspürte einen starken Durst und wollte hier eine kurze Rast halten. Der Krugwirt Jürgen, der ihn gut kannte, kam aus der Tür, über der eine verräucherte Windlaterne hing und ein trübes Licht verbreitete. Er nahte sich dem Junker mit vielen Bücklingen und bat ihn, unter sein schlichtes Dach zu treten. Klaus willfahrte und folgte ihm, aber statt links die Tür zur Schenkstube zu öffnen, ergriff der Wirt den Überraschten hastig am Arm und zog ihn rechts seitwärts in die enge Küche. »Ich muß Euch was sagen, Junker!« flüsterte er aufgeregt, und seine kleinen grauen Augen fuhren unsicher umher. »Drüben die Bauern brauchen's nicht zu hören. Vorhin ist ein Wagen durchgekommen.« »Ich habe die Räderspur im Schnee gesehen«, sagte Klaus. »Auch Reiter sind dabei gewesen. Was habe ich damit zu tun?« »Der Wagen fuhr nach dem Bodenstein«, sagte der Wirt. «Nach dem Bodenstein?« fragte Klaus erstaunt. »Wer saß denn darin?« »Das weiß ich nicht. Ein alter Mann war dabei und neben ihm eine Weibsperson. Sie waren ganz und gar in Decken eingewickelt, und eine Plane war über dem Wagen. Vor dem Dorfe hatte das eine Pferd das Eisen verloren, sie ließen es drüben beim Meister Hannes frisch beschlagen. Die Knechte tranken derweile Bier. Sie wußten selbst nicht, wer die Fremden waren. Der Alte redete mit ganz schwacher Stimme, das junge Frauenzimmer sprach eine Sprache, die ich nicht verstand.« »Sonderbar«, sagte Klaus. »Ich weiß nichts davon, daß der Vater zu dieser Zeit Besuch erwartet. Indessen wird die Sache sich klären, wenn ich heimkehre. Wann ist der Wagen durchgekommen?« »Es mag eine Stunde sein, da sind sie wieder abgefahren«, sagte der Wirt. »Dann treff' ich sie noch auf dem Wege, denn in dem Schnee kommt ein Wagen nur langsam fort«, bemerkte Klaus. »Nun aber schenkt mir einen Trunk ein!« »Ja aber, Junker«, sagte der Wirt ängstlich um sich blickend, »ich wollt' Euch noch etwas hinterbringen. Der schwarze Steffen ist wieder unterwegs.« Klaus zuckte unwillkürlich zusammen. Der schwarze Steffen war ein berüchtigter Straßenräuber, der Schrecken der ganzen Gegend, offenbar das Haupt einer größeren Bande, die bald im nördlichen Thüringen, bald auf den Straßen und in den Dörfern des Südharzes und des Eichsfeldes mit unglaublicher Frechheit ihre Überfälle und Einbrüche verübte. Die Mainzer, die Sachsen und die Braunschweiger fahndeten hart auf ihn und hatten einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt, aber man konnte seiner nicht habhaft werden. Einmal hier, einmal dort tauchte er auf und war dann jedesmal spurlos verschwunden, als hätte ihn die Erde eingeschluckt. Man munkelte, er habe Unterschlupf bei einigen übel beleumdeten, verdorbenen Herren von kleinem Adel, mit denen er seine Beute teile, und auf deren halbverfallenen Burgsitzen er sich verberge. Eine gewisse Wahrscheinlichkeit gewann das Gerücht dadurch, daß er oft mit ein paar Spießgesellen zu Pferde erschien, und verarmte, verzweifelte Edelleute gab es nur zu viele im Lande. Viele hielten ihn selbst für einen heruntergekommenen Edelmann. War er wirklich im Eichsfelde, so konnte es wenig gerüsteten Reisenden übel ergehen. »Woher weißt du, daß er hier umherstreift?« fragte Klaus. »Eine Stunde ehe der Wagen kam, in der Dämmerung ritten fünf Reiter vors Haus,« erzählte der Wirt. »Sie brüllten, ich solle ihnen Bier bringen. Sie tranken mit gutem Durst, aber als ich sagte: Die Kanne kostet zwei Mainzer Heller, ihr Herren, da schrie mich der eine an: Halte dein krummes Maul, du Kalb, und sei froh, wenn wir dir nicht den roten Hahn auf dein Strohdach setzen. Damit schlug er mir die Kappe vom Kopfe und wieherte wie der Teufel. Dann ritten die Kerle weiter. Klepper hatten sie, Junker, dürr wie Stangenholz, aber sie sausten dahin wie die wilde Jagd. Und der Schuft, der mir die Kappe herunterschlug, hatte einen struppigen, schwarzen Bart und nur ein Auge. Da weiß jeder, wer das war.« Klaus überlegte. »Bei dem Wagen waren Reiter zum Geleit?« fragte er. »Stadtknechte, Mühlhäuser Kloßfresser,« sagte der Wirt verächtlich. »Die Kerle tragen ihre Haut nicht zu Markte, würde es ihnen auch verdenken. Die reißen aus, so schnell ihre dicken Pferde laufen können.« Klaus griff in die Tasche und reichte dem hoch erfreuten Wirte einen Gulden. »Es ist gut. Jetzt gib mir eine Kanne Bier. Bringe sie vors Haus, wir sitzen auf und reiten sofort weiter.« »Macht Euch fertig!« rief er den Knechten zu. »Es gibt vielleicht noch heute manchen scharfen Hieb.« Damit schwang er sich hastig aufs Pferd, und die reisige Schaar setzte sich wieder in Beweguug. So schnell es auf dem verschneiten Wege möglich war, eilten die wackeren Rosse vorwärts. Die Mondessichel war hinter den Wolken hervorgetreten, so daß man deutlich die Räderspur des Wagens und die Hufspur der Pferde erkennen konnte. Von einer seltsamen, ihm unerklärlichen Unruhe gepackt, strebte Klaus dem Wagen nachzukommen, dessen Insassen in Wahrheit eine schwere Gefahr drohte. Der gefürchtete Landräuber pflegte nicht nur denen, die in seine Gewalt fielen, Geld und Geschmeide abzunehmen, er machte seine Opfer am liebsten für immer stumm, damit sie nicht als Zeugen gegen ihn auftreten konnten. Die Reiter waren noch nicht weit über das Dorf Leinefelde hinausgekommen an eine Krümmung des Weges, wo der Breitenholzer Wald bis dicht an die Straße heranreicht, als Klaus plötzlich sein Roß zügelte, daß es sich zurückbäumte und stand. Man hörte aus der Ferne den schwachen Schrei einer weiblichen Stimme, dann ein rohes Gebrüll aus mehreren Männerkehlen. »Auf, Leute!« schrie Klaus. »Vorwärts, daß wir nicht zu spät kommen!« und gab seinem Pferde die Sporen, daß es in gewaltigen Sätzen dahinsprengte. Ein einzelner Reiter jagte ihm entgegen, so daß er fast mit ihm zusammengeprallt wäre. Es war einer der Mühlhäuser Stadtknechte, dessen Tier wild geworden war und durchging. »Hülfe, Mord!« schrie er und raste vorüber. Ein paar Sekunden später war Klaus auf der Stätte der Gewalttat angelangt. Zwei der Räuber hielten noch auf ihren Gäulen, drei waren abgestiegen. Der eine hatte die Pferde des Wagens am Zügel gefaßt, die schnaubten und stampften, zwei andere hatten die Reisenden herausgerissen und waren damit beschäftigt, sie auszuplündern. Das junge Weib hatte sich über den Mann geworfen, der regungslos im Schnee lag, und schrie verzweifelt auf, als die rohen Kerle sie in die Höhe zu zerren versuchten. Von den Stadtknechten war nichts zu erblicken. »Mach ein Ende, Marx!« brüllte der Anführer der Bande, der vom Pferde aus mit wüstem Gelächter zusah, wie das Mädchen sich wehrte. »Stoße der Gans die Gurgel durch und laß sie liegen!« »Unsinn«, sagte der andere, »die ist zu hübsch, die nehmen wir mit. Das gibt einen Teufelsspaß heute nacht in der Eichenmühle.« »Hunde!« donnerte Klaus, der wie ein Wetterstrahl in die Bande hineinfuhr – ein pfeifender Hieb, und der Strolch, der das Mädchen gepackt hatte, ließ seine Beute fahren und sank ohne Laut rücklings zu Boden. Die beiden Räuber zu Pferde sahen sofort, daß Widerstand unnütz sei. Sie rissen ihre Klepper herum und stoben davon. Der die Pferde gefaßt hatte, ließ die Zügel los und warf sich in den Graben, den vierten noch Lebenden packte Jacob Holsteins derbe Faust, und trotz seines wilden Umsichschlagens und zeternden Geschreies wurde er von den Knechten überwältigt und unter Stößen und Fußtritten gebunden. Während das geschah, setzten sich auf einmal die Pferde vor dem Wagen, auf die kein Mensch geachtet hatte, in rasche Bewegung und sausten mit dem Fahrzeug so unglücklich gegen einen Baum, daß mit Krachen die Deichsel und ein Rad zerbrachen. »Verflucht, Junker!« knurrte Jacob. »Das ist eine schöne Geschichte. Wie sollen wir nun die da vorwärts bringen?« Er deutete auf die beiden mißhandelten Reisenden, die noch am Boden lagen, beide ohnmächtig. »Sie sind doch hoffentlich noch lebendig?« fragte Klaus und sprang vom Pferde. Vorsichtig faßte er das Mädchen an und hob sie empor. Indem schlug sie die Augen auf und stieß einen Schrei aus. »Barmherzigkeit, laßt mich! Ach mein Vater!« rief sie verzweiflungsvoll. Sie hielt den Junker offenbar für einen Räuber. »Seid ruhig«, sagte Klaus. »Wir sind noch zur rechten Zeit gekommen. Ihr seid gerettet. Die Schurken sind fort, und wir bringen Euch sicher, wohin Ihr wollt.« Dabei kniete er neben ihr nieder, nahm eine Hand voll Schnee und rieb dem wie leblos daliegenden Greise die Schläfen damit. Der Alte schlug die Augen auf und versuchte wimmernd und stöhnend sich aufzurichten. Aber es gelang nicht, er sank wieder zurück, auch zu sprechen vermochte er nicht. Mit einem Jubelruf umfaßte seine Tochter sein Haupt und sprach auf ihn ein in einer Sprache, die Klaus nicht verstand. Aber die rührende Freude, die aus den fremden Lauten klang, ergriff ihn mächtig. »Eine niederträchtige Geschichte, das Rad ist ganz entzwei. Die Karre ist nicht vorwärts zu bringen«, meldete Jacob Holstein, der unterdessen den Wagen untersucht hatte. »Dann müssen wir die Fremden zu Pferde nach dem Bodenstein bringen«, entgegnete Klaus. »Hans und Jörg, ihr spannt die Gäule aus!« befahl er. »Ihr anderen durchsucht den Wagen und nehmt alles heraus, was drin ist!« »Eine große Kiste ist drin«, verkündete einer der Knechte. »Sie ist schwer, wir bringen sie nicht fort.« »Dann reiten Ernst und Lips nach Leinefelde zurück und wecken die Bauern. Sie sollen einen festen Wagen mitbringen«, entschied Klaus. »Du Jörg bleibst mit Adam und Märten einstweilen hier zur Wache. Wir anderen reiten fürbaß. Du, Jacob, hast den schwersten Gaul, du nimmst den Alten mit hinauf.« Dann wandte er sich an das Mädchen, das den Greis fest umklammert hielt, und sagte mit aller Zartheit, deren seine Stimme fähig war: »Faßt Euch nun, liebwerte Frau oder Jungfrau, wir müssen Euern Vater aufheben.« Das Mädchen, das noch immer auf den Knien lag, schlug die Augen zu ihm auf und sah mit einem Blicke voll heißer Dankbarkeit zu ihm empor. Sie hatte nun begriffen, daß sie wie durch ein Wunder gerettet war. »O Dank, Dank!« flüsterte sie leise, und ehe er es verhindern konnte, hatte sie seine Hand ergriffen und geküßt. Gleich darauf sank sie wieder zu Boden, da ihr die Sinne aufs neue schwanden. »Sie ist wieder ohnmächtig«, sagte Jacob Holstein entrüstet. »Dieses Weibsvolk ist ein schwaches, trauriges Geschlecht!« »Halte deinen Mund!« versetzte Klaus ungnädig. »Schlag eine Decke um sie und hebe sie zu mir aufs Pferd. Es geht nicht anders, sie kann sich allein nicht im Sattel halten.« Die Jungfrau wurde emporgehoben, und der Zug setzte sich in Bewegung; Klaus voran, dann Jacob mit dem fremden Greise vor sich auf dem Sattel, dahinter vier bewaffnete Knechte. Dem Junker war's eigen ums Herz, wie er so mit seiner schönen Last dahinritt. Denn schön war sie, ganz anders als seine Schwester Anna, die er bisher für das schönste Weib gehalten hatte, aber nicht minder schön. Dicht vor sich sah er im Mondlicht das schmale, feine, totenblasse Gesicht. Etwas Holdseligeres und Lieblicheres als dieses Antlitz hatte er noch nie gesehen, kein anderes Mädchen, das ihm jemals vorgekommen, konnte sich mit dieser Fremden vergleichen. Und sie hatte ihm die Hand geküßt! Dergleichen war dem biederen, ehrlichen Junker noch nie geschehen. Nachdenklich sah er immer wieder auf die Stelle, die ihre Lippen berührt hatten, und bei dem Gedanken daran wallte es heiß in ihm auf. Welch ein Glück, daß gerade er dazu auserfehen war, sie aus der Hand der rohen Unholde zu befreien! Wer sie wohl war? Wenn er den armseligen Wagen nicht gesehen hätte, so hätte er darauf schwören mögen, daß sie eine Prinzessin war. Aber Fürstenkinder reisen nicht in gemieteten Karren von gemieteten Knechten geleitet, sie müßten denn aus ihrem Schlosse vertrieben sein. Vielleicht war sie eine Vertriebene, es mußten ja so viele jetzt in Deutschland das harte Brot der Verbannung essen, die ehemals in Welschland reich und mächtig gewesen waren. Entsetzliche Greuel hörte man aus Frankreich und ebenso aus den spanischen Niederlanden, Tausende flohen von dort über den Rhein und waren froh, wenn sie vor den blutigen Schergen der Päpstlichen das nackte Leben retteten. Wie herrlich mußte es sein, wenn man solch einem armen, schönen Geschöpf eine neue Heimat geben konnte! In solchen Gedanken verloren ritt Klaus dahin und war fast unwillig, als vor ihm die dunkeln Mauern des Bodensteins auftauchten und der gellende Hornruf des Torwartes ihn aus seinen Träumen auffahren ließ. Die Zugbrücke sank rasselnd nieder, und als die Pferdehufe darüber hin donnerten, schlug das Mädchen zum ersten Male die Augen auf und blickte verwirrt um sich. Sie murmelte ein paar Worte in fremder Sprache und fragte dann mit einer ebenfalls fremdländischen Aussprache: »Mein Gott, wo bin ich? Was ist das?« »Das ist die Burg meines Vaters, des Ritters von Wintzingerode«, erwiderte Klaus, und indem ward schon Herrn Bartholds mächtige Gestalt in der Tür sichtbar. Hinter ihm stand ein Knecht mit einem Lichte. »Heda, Klaus, was bringst du da?« rief er erstaunt und trat rasch näher. »Zwei von Räubern Überfallene«, entgegnete Klaus. »Wir retteten sie zwischen Worbis und Leinefelde aus den Klauen des schwarzen Steffen.« Barthold nahm dem Diener das Licht ans der Hand und leuchtete zuerst dem Mädchen ins Gesicht. »Hübsches Kind«, brummte er. Dann ließ er das Licht auf das Antlitz des Greises fallen, prallte aber sogleich erschrocken zurück. »Mein Gott!« schrie er. »Ist's möglich? Das ist ja Philipp von Hoven! Um des Himmels willen, alter Freund, wie kommst du hierher? Und in diesem Zustande! Was heißt das?« Der Alte erwiderte einige unverständliche Worte und mühte sich, ihm die Hand entgegenzustrecken. Sofort umschlang ihn Barthold mit seinen mächtigen Armen und hob ihn vom Rosse herab. »Hinein ins Warme!« gebot er und trug den Greis ins Haus. Frau Käthe, die mit ihren Töchtern am flackernden Kaminfeuer saß und spann, sprang erschrocken auf, als ihr Mann mit seiner Last in der Tür erschien. Aber ein paar Worte genügten, um ihr die Sache verständlich zu machen, und da sie eine erfahrene Frau war, zeigte ihr der erste Blick in das Gesicht des fremden Gastes, daß sie einen Schwererkrankten vor sich hatte. Sie ordnete an, daß er einstweilen auf die breite Bank am Ofen gelegt werde, bis ein Gemach für ihn geheizt und durchwärmt sei. Dann wandte sie sich mit mütterlicher Teilnahme an das junge Mädchen, das, von Klaus gestützt, scheu und zaghaft in das Zimmer getreten war. »Mein liebes Kind«, sagte sie sanft und nahm des Mädchens Hand – »was Euch auch hergeführt hat, seid mir herzlich willkommen!« Als das Mädchen die freundlichen Worte hörte und das gute Gesicht der Schloßfrau dicht über sich gebeugt sah, da schlang sie mit einem Male, einem plötzlichen Antriebe folgend, ihre Arme um deren Hals und brach in lautes, herzzerreißendes Schluchzen aus. Frau Käthe ließ das ruhig geschehn und legte nur liebevoll den Arm um die schlanke, zitternde Gestalt. Herr Barthold war tief erschüttert, stand aber dabei die größte Angst aus, daß ihm jemand seine Ergriffenheit anmerken könnte. Denn das war ihm schrecklich zuwider. Deshalb rannte er stampfend und vor sich hin brummend und fluchend im Hintergrunde auf und nieder, stand aber plötzlich wie angewurzelt still, als vom Ofen her die mit schwacher Stimme hervorgestoßenen Worte »Trinken! Durst!« sein Ohr trafen. »Ha, er will trinken!« schrie er mit Donnerstimme. »Das ist ein gutes Zeichen, er lebt wieder auf!« Dabei riß er einen Zinnkrug von riesiger Größe vom Wandgesims herab und reichte ihn Klaus hin. »Hier, den fülle mit edlem Malvasier!« »Warum nicht gar«, sagte Frau Käthe und nahm Klaus den Humpen aus der Hand. »Ein kleiner Becher mit Wasser und Wein, das ist für einen Kranken das Rechte!« »Dann fülle mir selber den Krug, Klaus«, sagte der Ritter, »denn ich gedenke bei dem Kranken zu wachen. Er hat mir einst bei Düren im Jülicher Kriege das Leben gerettet, ich habe euch die Geschichte ja oft erzählt. Nun gebührt mir's, alles zu tun, um sein Leben zu erhalten.« Aber die kluge Gattin wußte ihn auch davon abzubringen. Sie setzte kein Vertrauen auf ihres Mannes Fähigkeit, eine Nachtwache zu halten. Denn wenn Herr Barthold nicht gerade mit guten Kumpanen fröhlich war, so pflegte er bald nach neun Uhr schon sein Lager aufzusuchen, und wenn er einmal schlief, so war er nur schwer zu erwecken. Darum wurde gestimmt, daß Hedwig, die treue Schließerin, mit ihrem Spinnrocken am Lager des Kranken wachen und den Ritter sogleich wecken solle, wenn irgend etwas Besonderes sich ereignen würde. Die übrigen trieb die Schloßherrin ins Bett, denn sie wollte vor allen Dingen, daß das zu Tode erschöpfte junge Mädchen zur Ruhe käme. »Was zu erzählen ist, kann morgen erzählt werden, morgen ist auch noch ein Tag«, erklärte sie kurz und bündig. In dieser Nacht fand Junker Klaus wenig Schlaf trotz des anstrengenden Rittes, den er am Tage geleistet hatte. Ja es begab sich mehrmals, daß er seinen ungeheuern Federpfühl verließ, das Fenster leise öffnete und hinüber starrte nach dem anderen Flügel des Schlosses, wo die fremde Jungfrau unter der Hut seiner Schwestern schlief. Das war ein töricht Beginnen, denn ihre holdselige Gestalt ruhte da drüben hinter dicken Mauern, und ihn fror dabei mächtig in der kalten Kammer. Aber er konnte nicht anders, die Unruhe in seiner Brust war zu groß, und der Gedanke, daß dieses Mädchen in seiner Nähe, unter einem Dache mit ihm war, erfüllte ihn mit einem Glücksgefühl, wie er es noch niemals in sich getragen hatte. X. Kapitel. In einer Frühstunde des übernächsten Tages saß Ritter Barthold in dem Gemache des Schlosses, das dicht an die Burgkapelle angrenzte, mit einem fremden Manne in eifriger Verhandlung. Beide waren dabei in dicke, schwere Pelze eingehüllt, denn das Zimmer war unheizbar. Es war ein ziemlich schmales, aber recht langgestrecktes Gewölbe. Schon das Vorgemach dieses Raumes war durch eine mächtige, mit Eisen beschlagene Tür abgesperrt, noch riesiger und ungefüger war die eiserne Pforte, die das Zimmer selbst verwahrte. Trat man ein, so mußte sich das Auge erst an das Halbdunkel gewöhnen, das in dem Gemache herrschte. Nur durch zwei Fenster fiel das Tageslicht herein, das eine war eigentlich nichts weiter als eine enge Scharte in der Außenmauer, das andere, von dem aus man in den Burghof blickte, war fest vergittert von oben bis unten. In dieser Kammer lagen die Urkunden und Kostbarkeiten der Familie aufgestapelt. Die hohen Schränke an den Wänden waren von oben bis unten vollgestopft mit Pergamenten und Aktenbündeln, in einigen hingen auch die Staatskleider der Schloßfrau und ihrer Töchter, steife Gewänder aus Brokat und Sammet mit Perlen geziert, in denen die adeligen Frauen und Jungfrauen bei festlichen Anlässen zu erscheinen pflegten. In den Truhen lag manch uraltes, wertvolles Kleinod, auch der Schmuck, den einst das Fräulein Käthe von Rautenberg bei ihrer Vermählung mit Barthold ins Haus gebracht hatte. In einem besonders plumpen und schweren Kasten endlich verwahrte der Schloßherr sein bares Geld. Für gewöhnlich lag es hinter riesigen Vorlegeschlössern, heute aber war der Deckel zurückgeschlagen, und die Lederbeutel standen auf dem Tische, der des besseren Lichtes wegen an das größere der beiden Fenster dicht herangerückt war. Barthold hatte sich in den Stuhl zurückgelehnt und betrachtete aufmerksam das Gebaren seines Genossen. Der war ein kleines, zierliches Männchen, behend in allen seinen Bewegungen. Er trug auf dem dünnen, schlanken Hälschen einen schmalen Kopf mit schon ziemlich ergrauten, krausen Löckchen, während der kurze rötliche Spitzbart noch kaum hier und da ein weißes Haar aufwies. Das Gesicht mit den listigen, glänzenden Augen und den dünnen Lippen hatte eine unverkennbare Ähnlichkeit mit einem Fuchsgesicht und machte entschieden keinen Vertrauen erweckenden Eindruck. Trotzdem gehörte der Mann zu den Leuten, denen Barthold unbedingt vertraute. Conrad Schmid aus Nordhausen, seines Zeichens Roßkamm, Geldwechsler und Wollhändler, hatte vor zweiunddreißig Jahren wegen einer schweren Tat seine Vaterstadt verlassen müssen, war dann sehr ins Elend geraten und hatte damals bei Barthold Schutz und Hilfe gefunden. Der Ritter hatte ihn mehrere Jahre als Schreiber in seinen Diensten behalten, bis über sein Vergehen Gras gewachsen war und er nach Nordhausen hatte heimkehren können. Dort hatte er eine wohlhabende Witfrau gefreit, hatte ihr Geschäft sehr vergrößert und war ein Geldmann geworden, an den sich nicht nur Bürger seiner Stadt, sondern auch darlehnbedürftige Ritter wandten. Sogar zum Ratsbeisassen hatte er's gebracht. Ein unruhiger Kopf aber war er geblieben bis auf den heutigen Tag, Agent, Parteigänger, Vermittler, heimlicher Werber in manches Fürsten und Herrn Bestallung, wobei ihm sein Gewerbe, das ihn weit im Lande umherführte, trefflich zustatten kam. Vor sechs bis sieben Jahren hatte er sich mit Barthold zugleich in die unseligen Grumbachschen Händel verstricken lassen. Beide aber waren noch rechtzeitig dahinter gekommen, daß die Sache des unglücklichen Johann Friedrich schlimm ausgehen mußte, und hatten noch mit genauer Not den Kopf aus der Schlinge gezogen. Seit dieser gemeinsam bestandenen Gefahr behandelte der Ritter den früheren Untergebenen wie einen Vertrauten. Jetzt hatte er ihn nach dem Bodenstein kommen lassen, weil er seines Geldes und seines Rates bedurfte. Conrad Schmid sollte ihm eine namhafte Summe leihen, denn morgen wollte der alchymistische Meister das große Werk der Multiplikation unternehmen. Dazu hatte der Händler sich bereit erklärt. Ferner aber sollte er die Goldstücke auf ihren Gehalt prüfen, die in Bartholds eigener Truhe schlummerten. Denn das verstand er wie der geriebenste Goldschmied. Der Pole hatte erklärt, es dürfe nur echtes, reines Gold zu dem Experiment verwendet werden, jeder Zusatz unedeln Metalles werde das ganze Werk verderben. Mit dieser Untersuchung war Schmid eben beschäftigt. Er hatte vor sich einen ansehnlichen Haufen von Goldstücken liegen, Münzen aus aller Herren Ländern und mit dem verschiedensten Gepräge, die er zu sortieren bemüht war. Manche erkannte er sogleich als vollwichtig an, andere wog er auf einer kleinen Wage, die vor ihm stand, rieb sie wohl auch an einem schwarzen Stein und prüfte dann die Farbe des Striches, indem er den Kiesel gegen das Licht hielt und aufmerksam betrachtete. Das tat er eine geraume Zeit, während Barthold ruhig zusah. Endlich war er fertig und wendete nun sein schlaues Gesicht dem Ritter zu. »Ich möchte doch nur zwölf davon ausscheiden«, sagte er. »Das ist mir lieb zu hören«, versetzte Barthold. »Somit habe ich«, fuhr der andere in geschäftsmäßigem Tone fort, »Euch noch siebenhundertdreiundsechzig Goldgulden zu leihen, wenn die dreitausend voll werden sollen, mit denen der Pole seine Kunst erproben soll.« »Die Ihr, wie ich annehme, bei Euch habt.« »Gewiß«, erwiderte Schmid. »Ich wußte ja, was Ihr von mir wolltet. Indes, Junker, habe ich eine Bitte, die Ihr wohl billig finden werdet.« »Ich bin begierig.« »Eine Liebe ist der andern wert, und umsonst ist nur der Tod«, sagte Schmid. »Ich tue Euch einen Dienst, und dazu gebe ich Euch die Summe ohne Zins oder irgend ein Entgelt. Dafür möchte ich mich selbst bei dem Werke beteiligen dürfen.« »Gern und mit Freuden«, rief Barthold lachend. »Das hatte ich mir schon gedacht. Dem Polen kann's gleich sein, woher das Geld kommt. Und warum soll ich Euch den Vorteil nicht gönnen, wenn ich selber so großen Gewinn habe? Wieviel wollt Ihr dazu hergeben, Meister Conrad?« »Ich dachte, so etwa tausend Goldgulden«, sagte Schmid auf seine mächtige Geldtasche schlagend, die er um den Leib geschnallt hatte. »Potz Wetter!« rief Barthold. »Da sieht man, wo die Dukaten stecken! Lebten wir sechzig Jahre früher, so würde ich gern den Nordhäusern absagen und einige von euch fetten Pfeffersäcken brandschatzen. Es ist ein Jammer, daß der Landfriede zu dieser Zeit so wohl befestigt ist.« »Mir ist's lieber, daß wir jetzt leben«, sagte der andere mit vergnügtem Grinsen. »Doch Scherz beiseite und laßt Euch einen Rat geben. Händigt den Kerlen das gute Geld nicht eher aus, als bis die Sache ihren Anfang nimmt, und seht ihnen auch dann noch scharf auf die Finger!« »Wie?« rief Barthold befremdet, »fürchtet Ihr Betrug? Ihr habt mir doch selbst erzählt, daß Caminsky in Eurem Beisein zwei Lot Gold verdoppelt habe.« »Hm, ja, das habe ich gesehen und kann einen leiblichen Eid darauf schwören«, erwiderte Conrad Schmid. »Der Caminsky hat offenbar die rote Tinktur gefunden. Kleine Mengen Geldes kann er verdoppeln, das ist ohne Zweifel so. Ob er aber große Mengen vermehren kann, das muß sich erst zeigen.« »Warum sollte er das nicht können?« »Ja, es ist ein eigen Ding mit diesen Leuten«, erwiderte Schmid. »In Prag beim Erzherzog Rudolf war einer, der hatte, wie alle Leute sagten, das große Magisterium gefunden. Nicht einmal, drei-, viermal hat er vor dem Erzherzog, ja vor der Kaiserlichen Majestät selbst, aus einem Stückchen Gold so groß wie ein halber Fingernagel ein Klümpchen wachsen lassen, wie eine welsche Nuß. Aber da man ihm zehntausend Goldflorentiner gab, um sie zu vermehren, verschwand der Schuft mit dem Golde. Man muß sich vorsehn, Junker, und die Kerle unter scharfer Bewachung halten. Ich zweifle nicht, daß der Pole das Geheimnis des großen Magisteriums erkundet hat, aber ich möchte verhüten, daß er sich mit dem Golde heimlich davonmacht.« »Was das anbelangt«, sagte Barthold, »so kommt Euer guter Rat zu spät. Wenn Caminsky sein Werk anfängt, ist die Burg geschlossen, und keine Katze kommt hinaus. Mein Sohn wird die Wache halten. Und das Gold trage ich mit diesen meinen Händen in das Kornhaus und wohne selbst der Multiplikation von Anfang bis zu Ende bei.« »Das ist gut! Das ist gut!« rief der andere. »Ich werde dem Polen auf die Finger sehen, verlaßt Euch darauf«, sagte Barthold sich erhebend. »Will er mich betrügen, dann gnade ihm Gott! Doch jetzt wollen wir das Geld wieder an seinen Ort legen und dann hinübergehen zum Imbiß.« Die beiden Männer verschlossen die Truhe und verwahrten das Gewölbe. Barthold nahm die Schlüssel zu sich, und darauf begab er sich mit seinem Gaste hinüber in die große Halle, wo ein kräftiges Frühstück bereit stand. Dort trafen sie den Pfarrer, der in einer Fensternische stehend gewartet hatte und ihnen nun lebhaft entgegeneilte. »Sieh da, Herr Conrad!« rief Barthold. »Was führt Euch um diese Stunde her? Wolltet Ihr frühstücken auf dem Bodenstein?« »Auch dessen bin ich nicht abgeneigt«, sagte der Pfarrer. »Der Weg hier herauf macht hungrig. Aber nicht deshalb komme ich, etwas ganz anderes führt mich her. Eine Nachricht will ich Euch bringen, die Euch schwerlich betrüben wird. Oder wißt Ihr's schon?« »Nichts weiß ich«, versetzte Barthold. »Ihr macht mich neugierig, heraus mit Eurer Zeitung!« »So hört, was mir der Küster, der gestern abend spät von Heiligenstadt zurückkam, erzählt hat. Der Kurfürst von Mainz soll todkrank sein, er läge im Sterben. Im Martinsstift werden Messen gelesen für seine Genesung, aber es soll keine Hoffnung sein, daß er am Leben bleibt.« »Donnerwetter!« rief Barthold und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Das ist wahrhaftig eine Zeitung, die Goldes wert ist. Fährt der Pfaffe von Mainz in seinen Sünden dahin, so kann das ganze Eichsfeld singen: Herr Gott, dich loben wir. Aber ist's auch gewiß? Von wem hatte es der Küster?« »In Heiligenstadt pfeifen es die Spatzen von jedem Dache«, entgegnete der Pfarrer. »Die Pfaffen sollen gar kein Hehl daraus machen. In der Martinskirche liegen die Jesuitenväter Tag und Nacht auf den Knien und beten unaufhörlich zu den Heiligen, daß der Kurfürst nicht sterben möge!« »Ha, das glaube ich wohl«, sagte Barthold und ließ sich schwer in seinen Armstuhl fallen. »Er ist ja der Schutzpatron dieser neumodischen Pfaffen. Seht, Freunde, das ist es, was mir den Mann mehr als alles andere zuwider gemacht hat. Darum hasse ich ihn ärger als um das, was er mir selbst angetan hat. Denn nichts ist widerwärtiger als die Brut, die uns der Teufel aus Hispanien hergeführt hat. Die anderen Mönche in ihren grauen oder schwarzen Kutten taugen ja auch nichts, sind freche Gesellen, Tagediebe, Schlemmer und Weiberjäger, aber sie sind doch Menschen. Die Jesuiten aber sind keine Menschen mehr, sie sind wie Uhrwerke, die aufgezogen werden und nach fremdem Willen gehn, sie sind wie die toten Steine, die selbst nicht wissen, wohin sie fliegen, und doch den Tod bringen. Wie ein Mensch das kann, den eignen Willen töten und sich zum Werkzeug eines anderen machen, nicht gezwungen, mit wachen Sinnen und kaltem Blute – ich begreife es nicht.« »Sie sind die«, warf der Pfarrer ein, »von denen geschrieben steht Matthäi am siebenten: ›Seht euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.‹« »So wollen wir darauf trinken, daß diese Wolfsbrut das Eichsfeld wieder verläßt!« sagte der Ritter und ergriff seinen mächtigen Humpen, gefüllt mit Duderstädter Bier. »Man munkelte schon davon, der Kurfürst wolle ihnen in Heiligenstadt ein Haus errichten. Das wird nun hoffentlich zu Wasser werden.« »Wenn nicht die neue Wahl einen Mann ans Steuer bringt, der Daniel gleich ist«, sagte Schmid. »Das fürcht ich nicht«, entgegnete Barthold. »Im Mainzer Kapitel sind viele, die heimlich Luthers Lehre anhängen. Das ist mir wohlbekannt, kenne selber deren einige. Die hatten sich in Daniel getäuscht, sie werden sich nicht zum zweiten Male verrechnen.« »Das gebe Gott«, sagte der Pfarrer. »Die Zeichen mehren sich, daß man gegen das Evangelium hier zu Lande Schlimmes im Schilde führe. Hat nicht der Pfaffe von Geismar sich erfrecht, dem Jost von Hanstein das ehrliche Begräbnis zu verweigern? Hat man nicht den Hansteinischen Pfarrer aus Rengelrode mit Gewalt verjagt? Wenn man schon denen von Adel solches zu tun wagte, was war da nicht alles noch zu erwarten?« »Der Adel ist an dem allen selber schuld!« rief Barthold und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Humpen klirrten. »Man durfte es so weit gar nicht kommen lassen. Als der Erzbischof anno fünfundsechzig den alten Propst Burghard von Hanstein in Heiligenstadt um seines lutherischen Glaubens willen absetzte, da hätten Ritterschaft und Städte wie ein Mann aufstehen müssen. Die Ritter mußten sich für Burghard ins Zeug legen, weil er ein Hanstein war, die Bürger durften ihn nicht stecken lassen, denn er war ihr Propst. Da hätte der Mainzer Pfaffe zu Kreuze kriechen müssen. Damals habe ich mir fast die Zunge aus dem Halse geredet, um einen Bund gegen den Erzbischof zustande zu bringen. Aber es war nichts zu machen. Die Heiligenstädter hätten ja am liebsten rebelliert, und die Duderstädter hatte mein Freund, der Bürgermeister Christoph von Hagen, auch fast so weit. Die Herren vom Adel aber wollten nicht. Sie mochten nicht mit den Bäckern und Bierbrauern zusammen fechten, sie wollten hoch und vornehm für sich allein bleiben. So sind sie denn auch allein herrlich weit gekommen!« Mit einem grimmigen Lachen ergriff er seinen Becher, trank ihn aus und stieß ihn heftig auf den Tisch. In dem Augenblick öffnete sich die Tür, und eine zierliche Mädchengestalt ward sichtbar. Sie zog sich aber, als sie die fremden Männer bemerkte, sogleich wieder zurück. »Wer war das?« fragte Schmid. »Ach, das war wohl die Jungfrau, die Junker Klaus auf der Landstraße dem schwarzen Steffen abgejagt hat?« rief der Pfarrer. »Ich habe die Geschichte schon gestern gehört und ich muß Euch sagen, Herr, auch um dieser Leute willen bin ich heute auf den Bodenstein gekommen.« Barthold blickte ihn verwundert an. »Was wollt Ihr von ihnen? Kennt Ihr sie?« »Nein, ich kenne sie nicht«, erwiderte der Pfarrer, »aber ich will sie kennen lernen. Es sollen, wie man mir sagte, Vertriebene sein aus Flandern oder Brabant. Dort gibt es ja manch guten Christen, den die hispanischen Bluthunde aus Haus und Hof verjagt haben. Aber die Mehrzahl der Flüchtlinge sind Zwinglianer und Calvinisten. Ich möchte wissen, ob die Leute zu denen gehören.« Barthold blickte dem Pfarrer starr ins Gesicht. »Und wenn sie zu ihnen gehörten?« fragte er. »Dann müßt Ihr den alten Mann auf Eurer Burg verpflegen, bis er wieder genesen ist. Das ist Christenpflicht«, sagte der Pfarrer. »Aber«, fuhr er mit erhobener Stimme fort, »wenn er gesund genug ist, seine Reise fortzusetzen, so ist es gleichfalls Eure Pflicht, ihn zu mahnen, daß er weiterziehe. Denn Ihr habt die Euern zu behüten, daß nicht das calvinische Gift in Euer Haus eindringe.« »So? Meint Ihr?« entgegnete Barthold scharf und spöttisch, indem er den Pfarrer mit unverhohlenem Mißfallen anblickte. »Meint Ihr? Nun – ich glaube, Ihr braucht Euch nicht zu sorgen. Die Leute sind mir wohlbekannt, es ist der Junker von Hoven mit seiner Tochter Barbara. Er war früher lutherisch, und ich traue ihm nicht zu, daß er seinen Glauben gewechselt habe.« »Das gebe Gott«, sagte der Pfarrer. »Sollte es aber geschehen sein, was ich tief beklagen würde«, fuhr Barthold mit großer Schärfe fort, »so würde es mir gleichwohl nicht in den Sinn kommen, ihn über meine Schwelle zu weisen. Ja, wenn er Jude oder Türke geworden wäre – mein Haus stände ihm allezeit offen.« Entsetzt fuhr der Pfarrer empor. »Das wäre Sünde, schwere Sünde!« rief er mit starker Stimme. »Das glaube ich nicht«, entgegnete Barthold sehr kühl. »Der Mann, der jetzt todkrank eine Zuflucht bei mir sucht, hat mich einst vom Tode gerettet. Die Spanier hätten mich erschlagen, wenn er mich nicht aus ihren Händen gerissen hätte. Und dem ich mein Leben danke, den sollte ich jemals aus meinem Hause treiben? Höher, dächte ich, als aller Glaubenshader, steht die Pflicht der Dankbarkeit.« Der Pfarrer schwieg eine Weile und wiegte bedenklich sein Haupt hin und her. »Das glaub' ich doch nicht«, sagte er. »Freilich befindet Ihr Euch da in schwerer Zwiespältigkeit des Gewissens. Wenn jener Mann Euch einst das Leben gerettet hat – was ich nicht wußte –, so muß es Euch ja wohl am Herzen liegen, Euch dankbar zu erweisen. Wo aber Gottes Wort redet, da muß sich ihm alles andere unterordnen. Und die Schrift sagt klar und deutlich: Wenn einer zu euch kommt und bringet diese Lehre nicht, den nehmet nicht zu Hause und grüßet ihn auch nicht.« »Ihr Herrn!« rief lachend Conrad Schmid. »Der ganze Streit ist vielleicht ein Streit um des Kaisers Bart. Fragt doch erst den von Hoven, ob er lutherisch ist oder calvinisch!« »Der ist nicht zu befragen, mein guter Schmid, denn er ist schwer krank«, versetzte Barthold. »Aber Ihr habt recht, warten wir bis dahin. Dann ist es immer noch Zeit, uns auseinanderzusetzen.« »Und dann werde ich, von meinem Gewissen gedrungen, wiederkommen und mit Euch reden, selbst wenn ich fürchten muß, Euern Zorn zu erregen!« rief der Pfarrer. »Ich zürne Euch nicht, aber ich bedaure Euch – Euch und uns alle«, erwiderte Barthold, indem er sich erhob und nach seiner Pelzkappe an der Wand griff. »Wisset, Pfarrer, es gab einst eine Zeit – Ihr laget damals in den Windeln –, da glaubten und hofften die Besten im Volke, der Riß würde sich schließen zwischen Wittenberg und Zürich. Der selige Landgraf von Hessen zum Exempel, der hat sich redliche Mühe gegeben jahrelang, alle, die gegen den Papst waren, zu einigen und zusammenzuschmieden. Wär's ihm gelungen – wo wären wir dann! Diesseits der Alpenberge wäre Roms Macht dahin. Es gelang nicht, die Kluft wird immer breiter. Wohin das noch führen wird, weiß Gott, oder auch der Teufel.« »Aber wir können doch nicht mit denen uns verbünden, die nicht denselben heiligen Glauben haben wie wir!« rief der Pfarrer. »Ach Narrheit, Narrheit!« sagte Barthold. »Wenn Ihr im Flusse am Ertrinken seid, fragt Ihr den, der des Weges kommt, ob er Eures Glaubens ist, oder nicht? Gewiß laßt Ihr Euch von ihm helfen, und wenn er ein Heide ist! Und wahrlich, uns geht die römische Flut fast schon bis an den Hals. Dagegen müßten wir uns alle beistehen. Was geht es uns an, ob die Calvinisten drüben im ewigen Leben zum Teufel fahren, wenn sie uns nur hier gegen den römischen Antichrist helfen. Doch ich habe dem Polen versprochen, um diese Zeit zu ihm zu kommen. Also für heute gehabt Euch wohl.« Er stülpte sich die Mütze über und ging mit mächtigen Schritten zur Tür hinaus. – Unterdessen saßen die beiden Polen in dem Obergeschosse des Kornhauses in lebhafter Unterhaltung beieinander. Sie führten ihr Zwiegespräch im Flüsterton und in einer Sprache, die ein wunderliches Kauderwelsch, gemischt aus deutschen und fremdländisch klingenden Lauten, darstellte. Daß der eine der Herr, der andre der Diener war, hätte niemand wahrnehmen können, denn sie nannten einander bei Namen, die offenbar Spitznamen waren, und duzten sich wie Freunde. »Alles ist bereit, Frosch!« sagte der kleine, behende Bursche, der sonst im Beisein anderer den demütigen, unterwürfigen Diener spielte. »Die Strickleiter, die wir geflochten haben, ist fest und lang genug, vom besten Hanfstrick, sie reißt auf keinen Fall. Und Schlunk wird sicher mit den Pferden zur Stelle sein. Ich habe ihm heute früh in Wintzingerode genau den Platz eingeschärft, wo er halten soll, und er ist der klügste und geriebenste Kerl unter der Sonne. Auf seine Schlauheit können wir uns verlassen.« Der Pole trat mit finsterer Miene an das enge, schmale Fenster und starrte in den Wald hinunter. Es war, als liefe ihm ein Frösteln über den Rücken, denn er schauerte zusammen. »Da hinab müssen wir«, sagte er mit stockender Stimme. »Eine verteufelte Fahrt, wenigstens noch vierzig Ellen.« »Fürchtest dich doch nicht, Frosch?« spottete der andere. »Was ist denn dabei zu wagen auf einer sichern Leiter? Ich dächt', wir hätten schon ganz andere Sachen gemacht. Unser letztes Stück bei dem Goldschmied in Riga war zehnmal so gefährlich.« Der angebliche Pole und Edelmann wandte sich vom Fenster wieder ab und warf sich mißmutig auf eine Bank. »Den Teufel auch!« knurrte er. »Da hast du wohl recht, Molch. Aber ich hab manchmal so Ahnungen. Das kommt über einen, man kann's nicht loswerden. Hätten wir doch diesen verdammten grauen Steinhaufen nicht betreten!« »Dreitausend Goldflorentiner sind ein gutes Ding«, grinste der andere. »Wir machen den alten Esel durch unsern Trunk unschädlich, und während er hier schnarcht und die Nachtmützen vorn die Zugbrücke bewachen, fliegen wir mit dem schönen Golde aus. Doch ich höre den alten Narren kommen. Nimm dich zusammen.« Der Pole stand auf und trat in vornehmer, ritterlicher Haltung Herrn Barthold entgegen. Mit höflichem Lächeln hörte er an, was der Ritter ihm sagte, und ohne mit der Wimper zu zucken, gab er seine Einwilligung, daß Schmid aus Nordhausen sich mit tausend Goldgulden beteiligen dürfe. Herr Barthold verließ ihn mit der Überzeugung, daß ein Verdacht gegen diesen ruhigen, vornehmen Mann doch wahrscheinlich unbegründet sei, und daß man ihm unrecht tue, wenn man ihn beargwöhne. Der angebliche Diener aber sprang, als der Tritt des Ritters auf den untersten Stiegen verklungen war, vor Freude wie ein Besessener in dem Gemach umher und lachte wie ein Kobold. »Jetzt werfen uns diese Hammel noch tausend Gulden hin!« krähte er. »Wir haben Glück, Frosch, unerhörtes Glück!« »Halt's Maul«, knurrte der andere. »Man darf solche Dinge nicht berufen. Von Glück wollen wir erst reden, wenn wir den Berg hinunter sind und vier schnelle Pferdebeine unter uns haben. Dazu verhelfe uns der Himmel!« XI. Kapitel. Die Nacht des zwölften Dezember hatte sich auf den Bodenstein hernieder gesenkt. Der ganze Himmel war mit einem dünnen weißen Wolkenschleier überzogen, so daß die Scheibe des Vollmonds nicht zu sehen war und nur ein fahles, mattes Dämmerlicht verbreitete. Das riesige graue Bergschloß lag in vollkommenem Schweigen, denn die Burgbewohner hatten längst ihre Lagerstätten aufgesucht. Nur in der engen Wachtstube neben der Zugbrücke saßen Junker Klaus und einige Knechte beim trüben Scheine des Kienspanes und vertrieben sich die Zeit mit einem Kartenspiel. In der Vorderburg hielt Jacob Holstein mit ein paar handfesten Kumpanen Wache und stampfte mißvergnügt und leise fluchend durch den Schnee auf und ab. Der mißtrauische Schmid aus Nordhausen hatte es durchgesetzt, daß auch dieser Teil der Burg bewacht wurde, und Herr Barthold hatte ihm den Willen getan, obwohl er über seinen Argwohn spottete. Das große Gemach im Obergeschosse des Kornhauses, wo das geheimnisvolle Werk der Multiplikation vor sich gehen sollte, wurde durch eine einzige Wachskerze erhellt, die an der Wand befestigt war. Das Zimmer bot einen höchst abenteuerlichen Anblick dar. In der Mitte des mächtigen Tisches stand auf einem niedrigen Dreifuß ein Becken mit glühenden Holzkohlen, darüber auf einem anderen höheren Dreifuß eine große eiserne Pfanne. Dahinein entleerte soeben Meister Schmid aus Nordhausen den letzten der gewichtigen Lederbeutel, die er mit Herrn Barthold eigenhändig herübergetragen hatte, während der Pole die riesige Flasche mit der roten Tinktur zu den übrigen Gläsern und Büchsen und Phiolen auf den Tisch stellte. Er und sein Gehilfe waren in weite faltige Gewänder gekleidet, die ihnen ein wunderliches, phantastisches Aussehen verliehen. Herr Barthold sah aufmerksam zu, wie das glänzende Metall zu dem übrigen in die Pfanne rollte. Schmid aber, der seine Augen überall hatte, bemerkte wohl, wie die beiden Fremden beim Aufeinanderklirren der Goldstücke einen raschen, funkelnden Blick austauschten, ja daß ein Ausdruck des Hohnes oder der Schadenfreude über das gemeine Gesicht des polnischen Knechtes hinfuhr. Sein Mißtrauen flammte in ihm von neuem jäh empor. Am liebsten hätte er den Ritter mit den beiden Kerlen gar nicht allein gelassen, denn es war ihm plötzlich zumute, als drohe ihm eine Gefahr. Aber mehr als drei Personen dürften nicht zugegen sein, hatte der Pole fest und bestimmt von Anfang an erklärt, eines vierten Menschen Gegenwart würde auf den Verlauf der Handlung störend einwirken. So mußte er sich denn zum Gehen entschließen. Es war wohl auch eine Torheit, zu wähnen, daß diese beiden windigen Burschen einem Manne wie Barthold etwas anhaben könnten. Der Ritter trug ein Wams aus Elenleder und an der Seite den breiten, scharf geschliffenen Hirschfänger. So bewehrt brauchte der Mann, dessen ungeheuere Körperkraft im ganzen Lande bekannt und gefürchtet war, wohl von zehn solcher armseligen Polacken nichts zu besorgen. Aber trotz alledem – wachen wollte er, diesen Kerlen sollte auf die Finger gesehen werden, so wahr er Conrad Schmid hieß! Und während er Barthold die Hand zum Abschiede reichte und Gottes Segen zum Werke wünschte, kam ihm eine Erleuchtung. Was war das für ein Unsinn, die Ausgänge der Burg vorn bewachen zu lassen, während Barthold mit den beiden Goldmachern hier hinten ganz allein war! Hier mußte man Wachen aufpflanzen, das Kornhaus mußte umstellt werden, daß keine Maus ungesehen heraus und hinein gelangen konnte. Von diesem Gedanken beflügelt, rannte er die Treppe hinab und ließ, unten angelangt, die schwere Tür krachend ins Schloß fallen. Spornstreichs lief er dann zu Junker Klaus und log ihm vor, Herr Barthold habe befohlen, Jacob Holstein und seine Leute statt in der Vorderburg in aller Stille beim Kornhause aufzustellen. Ohne diese Lüge, das wußte er, wäre Klaus niemals von einem ihm selbst erteilten Befehle seines Vaters abgewichen. So führte denn Schmid drei bewaffnete Knechte vor die Tür des Kornhauses und befahl ihnen aufs strengste, auch nicht durch das geringste Geräusch ihre Anwesenheit zu verraten und keinen Menschen aus dem Hause heraus zu lassen außer Herrn Barthold selber. »Und wir, mein alter Jacob«, setzte er dann fiüsternd hinzu, »wir gehen vorn zum Tore hinaus, um die Außenmauer herum, und stellen uns unter die Fenster.« »Seid Ihr des Teufels, Herr?« knurrte der Alte, der an den tiefen Schnee da draußen und an sein Zipperlein dachte. »Was sollen wir vor der Burg? Meint Ihr, die Kerle könnten zum Fenster hinaus springen?« »Ich meine gar nichts, mein guter Jacob«, sagte Schmid leise und scharf. »Herr Barthold hat befohlen, und da gehorchen wir, nicht wahr?« Da gab es nun freilich keine Widerrede. Brummend folgte der Alte dem Voranschreitenden, und die beiden verließen die Burg, schlichen sich vorsichtig tastend und fühlend an der Mauer hin und blieben endlich im Schatten des ersten mächtigen Strebepfeilers stehn, um der Dinge zu harren, die sich vielleicht ereignen könnten. Droben in dem Gemache war es zunächst ganz still, als Meister Schmid gegangen war. Auf einen Wink seines Herrn stellte der Knecht drei kleine Gläser von geschliffenem Glase auf den Tisch, der Pole nahm aus einem Wandschrank eine Flasche und reichte sie Herrn Barthold hin. »Kennt Ihr die Flasche, Junker?« fragte er. »Versteht sich. Das ist von meinem ältesten, besten Ungarwein, ich habe sie Euch auf Eure Bitte selbst gegeben. Was soll sie hier?« »Ihr seht«, sagte der Pole, »vor Euern Augen gieße ich diesen Wein aus der Flasche in die Gläser. Und nun merket auf: Es ist ein alter löblicher Brauch, daß wir uns weihen, bevor wir das Werk beginnen. Wir ergreifen die Gläser, ich lösche das Licht. Dann spricht ein jeder von uns: »Im Namen der heiligen göttlichen Trinität« und leert sein Glas bis auf den Grund. Dadurch schützen wir uns vor dem bösen Feinde und vor den Dämonen des Abgrundes, die uns umlauern und das Werk zerstören möchten. Von da an darf kein Wort mehr geredet werden, nicht von Euch und nicht von meinem Knechte. Ich allein spreche das große Gebet der Kabbala und gieße dabei die Tinktur auf das Gold. Ihr möget derweile auf dem Armstuhl Platz nehmen, der für Euch heraufgebracht ist, denn die Sache mag wohl über eine Stunde währen. Habt Ihr das alles wohl aufgefaßt, und seid Ihr bereit?« »Ich bin bereit«, antwortete Barthold. »So laßt uns die Gläser ergreifen!« sagte der Pole, wandte sich dann um und löschte das Licht. Es war fast dunkel in dem Gemache, nur durchs Fenster fiel ein matter Schimmer, weil eben der Mond hinter einer Wolke hervortrat, und das bläuliche Licht der Holzkohle warf seinen zuckenden Schein nicht über den Tisch hinaus. »Im Namen der heiligen göttlichen Trinität«, sagte der Pole und ließ den Inhalt seines Glases, während er es scheinbar zum Munde führte, in die Falten seines weiten Gewandes rinnen. Sein Diener tat desgleichen, Herr Barthold dagegen stürzte den Wein mit einem einzigen mächtigen Schluck hinunter und ließ sich dann schweigend in seinen Lehnstuhl fallen. Der Pole trat nun an den Tisch heran, und indem er mit singender, eintöniger Stimme Worte in fremder Sprache murmelte, goß er langsam Tropfen für Tropfen der roten Flüssigkeit über das Gold in der Eisenpfanne. Dann goß er aus einer Phiole ein paar Tropfen auf die Kohlen. Eine helle rote Flamme flackerte empor, um gleich wieder zu verlöschen, dann wallte ein weißer Dampf aus dem Becken auf, und ein schwerer, süßer Wohlgeruch verbreitete sich in dem ganzen Gemach. Herrn Barthold wurde es mit jeder Minute wunderlicher zu Sinnen. Eine tiefe, gliederlösende Müdigkeit, deren er sich nicht zu erwehren vermochte, kam über ihn. Es war ihm, als höre er in der Ferne eine liebliche Musik, das wunderbare Klingen kam näher und näher, wie auf einer Wolke fühlte er sich emporgehoben, weit hinweg über die Welt dem Himmel entgegen. Die Augenlider fielen ihm zu, sein Haupt sank ihm schwer vornüber auf die Brust, und seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge taten kund, daß er entschlummert war. Der polnische Diener schlich sich, während sein Herr weiter murmelte, leise zu Barthold hin und beugte sich horchend über ihn. »Teufel, er schläft schon!« frohlockte er mit gedämpfter Stimme. »Unser Mittel hat gewirkt.« Der Pole stellte sogleich sein Beten ein. »Dann wird er so bald nicht wieder aufwachen. Das Opium, das er im Leibe hat, genügt, um ein Pferd zu betäuben. So viel muß man auf einen Deutschen von Adel rechnen. Nun schnell ans Werk, laß uns die Zeit benutzen!« Er zündete ein Licht an, und dann fischten die beiden Gauner die Goldstücke sorgfältig aus der Pfanne, taten sie in lederne Beutel und nähten diese kunstvoll in zusammengelegte Tücher ein. Die selbstgefertigten Geldkatzen knüpften sie sich fest um den Leib und nähten sie sich gegenseitig an ihre Wämser an. Sie arbeiteten dabei ohne jede Hast, denn daß Herr Barthold nicht erwachte, dessen waren sie sicher, und von einer anderen Seite drohte keine Gefahr. Mit der größten Ruhe befestigten sie sodann ihre Strickleiter an dem mächtigen Eichenkloben, der die Tischplatte trug. Darauf hoben sie das Fenster aus, ließen die Strickleiter hinab und schickten sich an, den Weg anzutreten. Mit katzenartiger Behendigkeit schwang sich zuerst Caminsky hinaus und flüsterte seinem Gesellen zu: »Wenn ich unten bin, hörst du einen Eulenschrei. Dann klettre mir nach.« Unterdessen hatte Meister Conrad Schmid mit steigendem Mißvergnügen auf der Lauer gestanden. Oben blieb alles ruhig, man hörte nichts, auch nicht einen Laut. Hatte nicht doch der immerfort leise vor sich hinbrummende und schimpfende Jacob recht, wenn er das Wachehalten hier außerhalb der Burg für eine sündhafte Dummheit erklärte? Wenn die beiden Goldmacher da droben Schwarzkünstler waren, die, wie einst der Doktor Faust, auf ihrem Mantel durch die Lüfte fahren konnten, so vermochte er ihnen das ja auch nicht zu wehren, sondern mußte zusehn, wie sie hohnlachend über seinem Haupte dahinsegelten. Was wollte er also hier? Als nun vollends ein scharfer Sturm einsetzte, der ihm schneidend um die Ohren pfiff, da hatte er das Wachestehn satt und erklärte dem alten Jacob, sie täten wohl am besten, wenn sie in die Burg zurückkehrten. Aber der alte Knecht weigerte sich entschieden. »Wenn es auch zehnmal ein Unsinn ist, daß wir hier stehn müssen, so hat es doch der Junker befohlen, und was mir befohlen ist, das tue ich«, sagte er hartnäckig. »Nun, so bleibe allein stehen, du Dickschädel!« knurrte Schmid und wandte sich, zu gehen. Aber nach wenigen Schritten hielt er an und fuhr herum. Ein seltsamer Schreckenslaut aus Jacob Holsteins Kehle war an sein Ohr gedrungen. Der Alte war in die Knie gesunken und starrte entsetzt mit aufgehobenen Händen an der Schloßmauer empor. »Alle guten Geister – alle guten Geister loben Gott den Herrn! Herrgott schütze uns – das ist der Teufel!« – stammelte er. Was da zwischen Himmel und Erde schwebte, war in der Tat geeignet, ein abergläubisches Herz mit Grauen und Entsetzen zu erfüllen. In dem ungewissen Mondesschimmer sah es aus, als klettere eine riesige Teufelsgestalt mit langem Schwanze gerade an der Mauer empor. Einen Augenblick durchfuhr auch den Nordhäuser Kaufmann ein furchtbarer Schreck, aber nur einen Augenblick. Dann hatte er erkannt, was hier geschah. Mit eiserner Hand packte er den zitternden Knecht und zog ihn zu sich hinter den Pfeiler. »Schweig!« raunte er ihm zu. »Das ist der Pole, er will entfliehen. Laß ihn herunterkommen, den Hund!« Caminsky kletterte vorsichtig weiter und weiter herab, und als er auf den untersten Sprossen angelangt war, klang hell und scharf ein Schrei aus seinem Munde, der täuschend einem Eulenrufe glich. Sogleich tauchte oben im Fenster eine zweite schwarze Gestalt auf und schickte sich an, die Leiter zu besteigen, während unten der Pole auf die Erde sprang. »Verfluchter Schuft!« brüllte Schmid und stürzte mit gezogenem Messer auf den Polen zu. Aber er glitt im Schnee aus und fiel dicht vor seinem Gegner auf die Erde. Sofort riß dieser seinen Dolch aus dem Gürtel und wollte sich auf den Liegenden stürzen. Da sprang Jacob Holstein hinzu und spaltete ihm mit einem wuchtigen Schwerthiebe den Schädel. Der Knecht, der oben auf der Leiter stand, wandte sich gerade in dem Augenblicke um und sah hinunter, als sein Gefährte tot in den Schnee rollte. Bei dem unerwarteten, schrecklichen Anblick verließ ihn die Besinnung, es wurde ihm schwarz vor den Augen, er ließ den Strick los und stürzte mit einem gräßlichen Schrei in die Tiefe. Mit dumpfem Aufprall fiel er dicht neben seinem toten Genossen auf eine hervorstehende Felsplatte und lag sogleich regungslos da. Er hatte das Genick gebrochen. Nun wurde es droben lebendig. Die vor dem Kornhaus aufgestellten Knechte liefen an den Rand der Mauer und fragten hinunter, was es gäbe. »Lauft sofort hinein ins Haus und seht nach Herrn Barthold. Ihm muß ein Unglück geschehen sein, die Hunde haben ihn vielleicht erdrosselt!« schrie Schmid hinauf. »Du Jacob bleibst hier, ich schicke dir auf der Stelle andere her.« Damit machte er selbst sich auf den Weg und eilte, so rasch er konnte, an die Zugbrücke, um Junker Klaus von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Der starrte ihm einen Augenblick fassungslos vor Schrecken ins Gesicht und rannte dann, ohne ein Wort zu sprechen, nach dem Kornhause. Atemlos keuchte Schmid hinter ihm her. Ja, man mußte eilen, vielleicht war Herr Barthold noch zu retten. Höchstwahrscheinlich hatten ihm die Schurken von hinten eine Schlinge über den Kopf geworfen oder sonst ein schändliches, hinterlistiges Bubenstück an ihm verübt, denn wie hätten sie sonst entfliehen können? Aber als sie schlimmster Ahnung voll in das Gemach stürmten, fanden sie Herrn Barthold friedlich schlafend vor. Die Knechte standen um den Lehnstuhl herum und wußten nicht, was sie mit dem gestrengen Junker anfangen sollten. Denn er war nicht zu erwecken, weder durch Schreien und Rufen, noch durch das kräftigste Rütteln und Schütteln. Der Ritter schlief, und zwar so fest und tief, wie er auch beim stärksten Rausche noch nie geschlafen hatte. »Gott sei Dank, er lebt!« schrie Klaus und sank vor Freude weinend vor dem Stuhle seines Vaters in die Knie. »Er lebt und schläft,« bestätigte Schmid noch immer pustend und keuchend. »Ach, diese schlauen Schurken – sie haben ihm einen Schlaftrunk beigebracht! Wie die Kerle das wohl angefangen haben! Aber da wird nichts übrigbleiben, als ihn hinüber in sein Bett zu tragen. Gott gebe, daß er morgen gesund wieder erwacht.« So hob man denn Herrn Barthold behutsam auf und trug ihn die enge Stiege hinab und ins Schloß hinüber. In der Burg war bald alles auf den Beinen; Frau Käthe, die ohnehin nicht geschlafen hatte in der bedeutungsvollen Nacht, kam als erste herbeigelaufen und war so erschüttert, als sie das Geschehene erfuhr, daß sie zunächst kein Wort hervorbringen konnte. Dann fanden sich auch die anderen ein, die Töchter, die Knechte und Mägde, und es war ein Leben und eine Bewegung im Schloß, wie oft am hellen Tage nicht. Was sich nun eigentlich begeben hatte, blieb allen ein Rätsel. Von Herrn Barthold war nichts zu erfahren, denn er war durch nichts zu erwecken. Man konnte ihn nur auf sein Bett legen und warten, bis er aus seinem todesähnlichen Schlafe erwachen würde. Die beiden anderen aber, die das Geheimnis hätten aufdecken können, waren kalt und stumm, ihre Leichname wurden soeben von den Knechten in den Burghof getragen und auf den Fels niedergelegt, der dort nackt zutage trat. Schmid gab Klaus einen Wink und sagte: »Wir können hier nichts weiter tun, Junker, aber draußen wollen wir den toten Gaunern unser Geld wieder abnehmen.« Mit Hülfe einiger Knechte wurden die Toten untersucht und ihnen die Geldkatzen abgenommen. Als dann Schmid drinnen auf dem Tische der großen Halle vor den Augen des Junkers die Tücher auftrennte, kamen alle die Geldsäckchen zum Vorschein, die man den Betrügern anvertraut hatte. Zur größten Überraschung der beiden fand sich außerdem noch ein größeres Paket, dessen lederne Umhüllung mit starken Seidenfäden kunstreich verschnürt war. »Was mag denn das sein? Sollten die Kerle anderswo mit mehr Glück gearbeitet haben? Das Ding fühlt sich ja verdammt schwer an«, brummte Schmid vor sich hin, während er mit seinem Messer die Schnüre zerschnitt. Aber mit einem Schrei des Erstaunens fuhren beide Männer zurück, als der Inhalt des Pakets vor ihren Augen lag. Da glänzten ihnen eine ganze Menge goldner Kleinode entgegen, Ketten, Spangen, Ohrgehänge, Ringe, die zum Teil mit blitzenden Steinen besetzt waren. Der Nordhäuser Kaufmann stand eine Weile wie erstarrt, den funkelnden Blick auf den unerwarteten Fund gerichtet. Dann wandte er sich mit einem vor Erregung bleichen Gesichte zu Klaus und stieß mit heiserer Stimme hervor: »Das ist ein Schatz, Junker, ich sage Euch, ein Schatz, der viele Tausend wert ist! Sind die Steine echt, so ist Herr Barthold der reichste Herr im Lande. Denn das alles ist sein.« »Das weiß ich doch nicht«, sagte Klaus, der sich kaum von seinem Staunen erholen konnte, und schüttelte bedenklich das Haupt: »All dieser Schmuck ist ohne Zweifel gestohlen von den beiden, vielleicht ist ein großer Herr von ihnen ausgeplündert worden. Man muß, denke ich, vor allererst nach dem Eigentümer forschen.« »Ach Larifari, was Eigentümer!« schrie Schmid aufgeregt und erbost. »Das ist, nehmt mir's nicht übel, dummes Zeug und gesprochen wie ein Schwarzrock. Erstens einmal ist das alles erbeutet auf Eures Vaters eigenem Grund und Boden, ist also in ehrlicher Fehde Eures Vaters eigen geworden. Und dann – wo wollt ihr einen Eigentümer finden? Das weiß Gott allein, nachdem diese Schurken tot sind, in welcher Herren Ländern die Sachen zusammen gestohlen sind, ich sehe da niederländische und ich sehe auch welsche Arbeit an den Geschmeiden. Doch halt, eines müssen wir freilich tun als ehrliche Leute. Der Knecht dieser Hallunken ist mit meinen Knechten gestern nach Wintzingerode gekommen und hat dort mit den Pferden Einkehr gehalten und ist auch im Dorfe geblieben. Der Kerl wußte sicher, was seine Spießgesellen vorhatten, und lauert irgendwo auf sie. Schickt Knechte hinunter und laßt ihn festnehmen.« »Das ist gut, da habt ihr recht!« rief Klaus lebhaft. »Ich werde auf der Stelle den Befehl geben!« »Hoffentlich nützt es nichts, aber Ihr habt dann wenigstens Euer zartes Gewissen salviert«, sagte Schmid trocken. »Warum sollen wir den Kerl nicht fangen?« »Weil er ein verteufelt hellhöriger Bursche ist«, versetzte Schmid. »Die ganze Burg ist ja erleuchtet, als würde ein Bankett gefeiert. Auch wird die Stunde längst vorüber sein, die ihm seine Gesellen ungefähr bezeichnet hatten. Da müßte der schlaue Vogel viel dümmer sein, als er ist, wenn er sich nicht schleunigst aus dem Staube gemacht hätte.« Die Voraussagung Meister Schmids, des welt- und menschenkundigen Kaufmanns aus Nordhausen, ging in Erfüllung. Die Schar, die man vom Bodenstein aussandte, kam beim Morgengrauen mit leeren Händen zurück. Holunger Bauern, so hörte man am Nachmittage, hatten einen herrenlosen Gaul gefangen, ein Holzförster hatte einen Mann auf seinem Rosse davonpreschen sehn. Das war alles, was man erkunden konnte, der Mensch war verschwunden. XII. Kapitel. Den ganzen folgenden Tag über änderte sich nichts in Herrn Bartholds Befinden. Was man auch anstellte, – er schlief und war nicht zu erwecken. Frau Käthe hatte gleich am Morgen in ihres Herzens Angst nach Heiligenstadt reitende Boten abgesendet, um den gelehrten Doktor Gabriel Pistorius herbeirufen zu lassen, der auf dem ganzen Eichsfelde als der berühmteste Arzt verehrt wurde. Gegen Mittag keuchten die Pferde des Doktors über die Zugbrücke, und nachdem er sich aus unzähligen Tüchern, Mänteln und Decken herausgeschält hatte, entstieg dem plumpen Schlitten ein langer hagerer Greis, gehüllt in einen pelzverbrämten schwarzen Sammetmantel. Die Schloßfrau, die ihm in den Hof entgegengeeilt war, begrüßte er mit unendlicher Feierlichkeit und Würde, wobei er sein rotes Barett kaum lüftete, teils aus angeborener Unhöflichkeit, teils aus Furcht vor der Zugluft, die seinem gänzlich haarlosen Haupte sehr gefährlich war. Klaus war in einer wichtigen Angelegenheit ausgeritten, denn man hatte gerade am heutigen Tage mit denen von Bülzingslöwen einen Termin angesetzt, in dem man sich über ein streitiges Waldgrundstück einigen wollte. So mußten Meister Schmid und Jacob Holstein die Begebnisse der letzten Nacht erzählen und taten das auch mit der größten Gründlichkeit, während der Doktor schweigend und mit hochgezogenen Brauen zuhörte. Dann ließ er sich an Herrn Bartholds Lager führen, befühlte wiederholt und mit öfterem Kopfschütteln den Puls des Schlafenden und wandte sich endlich ernst und würdevoll zu Frau Käthe, die jeder seiner Bewegungen mit ängstlicher Spannung gefolgt war. »Hier ist meine Kunst am Ende«, sagte er. »Kein Mensch, auch nicht der größte Medikus, kann ergründen, welche Mixtur Eurem Junker eingeflößt worden ist. Indessen beruhigt Euch, werteste Frau. Wenn Euer Eheherr daran hätte sterben sollen, so wäre er schon gestorben. So aber wird er's überstehen und morgen früh wahrscheinlich aufwachen. Dazu will ich ihm ein Pülverchen verschreiben, das tut ihm in heiße Milch und laßt's ihn trinken, damit ihn nicht die Dementia animi, die Gemütsblödigkeit, befalle, wie das auch schon bei solchen Casibus bemerkt worden ist.« »Um Gottes willen!« schrie Frau Käthe auf. »Nun, nun, gute Frau«, sagte der Doktor wohlwollend und herablassend. »Das zu verhüten, bin ich eben da. Gabriel Pistorius hat noch ganz andere Kuren vollbracht.« Mit tränenden Augen drückte Frau Käthe die Hand des großen Mannes und gelobte sich mit dankbarer Freude, daß sie dem Retter ihres geliebten Gatten die beiden größten und fettesten Gänse mit einpacken wolle, die noch auf dem Bodenstein zu finden wären. Darauf wurde Herr Gabriel Pistorius auch an das Bett des kranken Ritters von Hoven geführt. Dort schüttelte er sein Haupt noch viel mehr und machte eine höchst bedenkliche Miene, sagte aber nur, er wolle dem Kranken eine Medizin verschreiben. Denn der berühmte Doktor hatte zwar unter den harten Bauern des Eichsfeldes fast alles zarte Gefühl verloren, aber er sah die dunkeln Augen der jungen Barbara mit so angstvollem und todestraurigem Ausdruck auf sich gerichtet, daß der Anblick selbst sein verknöchertes Herz rührte. Er murmelte einige Worte in lateinischer Sprache und zog sich dann eilig aus dem Gemache zurück. Erst draußen auf dem Korridor erklärte er der Schloßfrau, daß der Mann da drin verloren sei und kaum noch ein paar Tage zu leben habe, und es war, als zittre etwas wie Rührung in seiner Stimme, als er das sagte. Diese ungewohnte Weichheit seines Gemütes hinderte ihn jedoch keineswegs, drüben in der Halle den guten Speisen und Getränken, die ihm Frau Käthe auftrug, in ausgiebigster Weise gerecht zu werden. Es grenzte an das Unglaubliche, welche Mengen von Fisch und Fleisch der hagere Alte in kurzer Zeit zu sich zu nehmen wußte, und dabei stand sein Spitzglas alle Augenblicke leer und mußte mit feurigem Ungarwein gefüllt werden Nach etwa einer Stunde, während der er die Tischgenossen mit wenig sauberen Historien aus seiner ärztlichen Tätigkeit unterhalten hatte, nahm er Abschied, wickelte sich mit großer Umständlichkeit in seine unzähligen Tücher und bestieg das Gefährt. Zwei lebendige Gänse und ein ungeheurer Schinken wurden ihm als Gastgeschenke in seinen Schlitten mitgegeben. Ein reitender Bote war ihm vorausgesprengt, um so schnell wie möglich die verschriebene Medizin aus Heiligenstadt herbeizuholen. Diesem Reiter begegnete Klaus auf seinem Heimritte zwischen Worbis und Wintzingerode. Er hatte das Geschäft mit denen von Bülzingslöwen so rasch wie möglich erledigt und sich durch eiligen Aufbruch dem großen Trinkgelage entzogen, das solchen Verhandlungen unweigerlich zu folgen pflegte. Angst und Sorge um den Vater jagten ihn vorwärts, so daß er seinen starken Fuchs zu ungewöhnlich schnellem Trabe antrieb. Mit hoher Freude hörte er deshalb von dem Knechte, der ihm entgegenkam, daß Herrn Bartholds Befinden nach den Aussprüchen des Arztes zu keinerlei Besorgnis Anlaß gebe, und das Gefühl des Dankes wallte so heiß in seinem Herzen auf, daß er sein Pferd anhielt, die Hände faltete und auf offener Landstraße ein inbrünstiges Dankgebet zum Himmel emporschickte. In demselben Augenblicke fast begannen die Glocken der Dorfkirche zu Wintzingerode zu klingen, obwohl es ein Werktag war. Verwundert horchte der Junker auf und setzte seinen Gaul sogleich wieder in seine vorige schnelle Gangart, um zu erkunden, was das Geläut zu so ungewohnter Stunde bedeute. Einige Bauern, die er am Eingange des Dorfes traf, konnten ihm nur die Auskunft geben, der Pfarrer habe die Gemeinde durch die Kinder in die Kirche entbieten lassen. Den Grund wußten die Leute selbst nicht. Klaus lenkte ohne Zögern sein Roß nach dem Gotteshause hin, gab es dort einigen größeren Knaben zum Halten und trat in den dämmerigen Raum der kleinen Dorfkirche ein, die dicht mit Menschen gefüllt war. Die Leute waren zum Teil in Werktagskleidung herbeigelaufen, auch Hintersassen aus Kirchohmfeld waren darunter, und alle sangen mit schallender Stimme: »Herr Gott dich loben wir«. Dann trat Herr Conrad Schneeganß vor den Altar und hielt eine Ansprache, worin er Gott dankte für die Rettung des Schloßherrn aus großer Gefahr und um seine baldige Genesung betete. Als der Pfarrer geendet hatte und der Gesang der Gemeinde wieder einsetzte, entfernte sich Klaus still und kaum bemerkt, wie er gekommen war. Die Worte seines geistlichen Freundes hatten ihn erschüttert, und fast noch mehr hatte ihm der Anblick der Gemeinde das Herz bewegt. Zwar daß die Frauen bei solch einer Gelegenheit heulten und schluchzten, das war nichts Auffälliges, sondern entsprach altem Gebrauch und Herkommen. Aber verwunderlich war es ihm gewesen, daß er auch in manches harten Mannes Auge eine Träne hatte blinken sehen. Das war durchaus nicht Eichsfelder Bauernart. Klaus wußte freilich längst, welch eine eigentümliche Macht sein Vater auf die Gemüter der Menschen ausübte. Nur die römischen Geistlichen, so viele oder so wenige ihrer noch im Lande waren, standen ihm in finsterem Hasse gegenüber und hatten allerdings allen Grund dazu. Unter seinen Feinden von Adel dagegen war vielleicht keiner, der ihn nicht mit einem gewissen heimlichen Wohlgefallen betrachtete. Sie alle – mochten sie es eingestehen oder nicht – wären gern so gewesen, wie er war. Er stand als einer der ältesten unter ihnen, aber wer im ganzen Lande hätte wohl einen ernsten Waffengang mit ihm gewagt? Seine ungeheure Körperkraft war weder durch das wilde Leben in der Jugend, noch durch die Strapazen vieler Feldzüge, noch durch die Jahre erschüttert worden. Dabei besaß er einen ungewöhnlich scharfen Verstand und eine ebenso ungewöhnliche Redegabe. Er wagte es nicht nur, stolz und unerschrocken da zu reden, wo andre scheu und verlegen schwiegen, er konnte auch Wort und Ausdruck finden für das, was ihn bewegte, und wenn er auf den Ständetagen seine Stimme erhob, so riefen ihm auch die oftmals »Heil« zu, die in früheren Fehden seinen Arm gefühlt hatten und ihm darum eigentlich gram waren. Derselbe Mann war dann auch beim Becher einer der Gewaltigsten, kernfest und ausdauernd wie eine Eiche im Wettersturm, und dabei war in ihm eine unbändige Lust an übermütigen und tollen Streichen und Schwänken lebendig, die selbst jetzt noch im Alter zuweilen durchbrach. Gerade dadurch hatte er sich bei dem Volke, den Bürgern und den Bauern beliebt gemacht. Unzählige Geschichten erzählten sich die Leute von ihm mit Lachen, zum Beispiel sollte er einmal den früheren Bürgermeister von Duderstadt, einen dicken Prahlhans, der beim Trunke seinen Zorn gereizt hatte, plötzlich ergriffen und aus dem offenen Rathausfenster hinausgehalten haben, bis der Geängstigte, der zwischen Himmel und Erde schwebte, für sein Ungebühr mit flehentlichen Worten Abbitte leistete. Zu dem allen hatte er eine freigebige Hand, drückte die kleinen Leute nicht und legte seinen Hintersassen keine Lasten auf außer denen, die sie von alters her trugen. Durch das alles war er der volkstümlichste Mann des Eichsfeldes geworden, und wie insbesondere seine Untertanen an ihm hingen, das hatte seinem Sohne der Anblick in der Kirche offenbart. Klaus seufzte aus tiefster Brust, während er dem Ausgang des Friedhofes zuschritt. Es wäre ein herrlich Ding, dachte er, dieses Erbe seines Vaters anzutreten, hier solch ein Herr zu sein; wie sein Vater war. Unwillkürlich stieg dabei vor seinen Augen das Bild des Mädchens auf, das er aus Räuberhand gerettet, er sah vor sich das feine blasse Gesicht ganz nahe dem seinen wie in jener Nacht, da er sie auf den Bodenstein getragen hatte, die dunkeln Augen geschlossen, die Lippen halb geöffnet, die weißen Zähnchen blitzend im Mondenlicht. Welche Wonne müßte es sein, diesem zarten, heimatlosen Kinde hier eine Heimat bieten zu können, welch eine Seligkeit, sie unter seinen Schutz und an sein Herz nehmen zu dürfen! Aber wie lange noch, dann war er selbst fern von dieser Heimat, an der sein Herz hing! Eine Männerstimme, die hinter ihm seinen Namen rief, schreckte ihn aus seinen Träumen auf. Er wandte sich hastig um und hätte beinah vor Erstaunen und Überraschung laut aufgeschrien, denn der da aus der Kirche getreten war und auf ihn zukam, war sein feindlicher Vetter Bertram von Wintzingerode. »Ihr hier – bei Gott – ich wußte nicht«, stammelte Klaus. »Warum soll ich nicht hier sein?« erwiderte Bertram mit einem ernsten Lächeln. »Ich bin mit dem Pfarrer herübergefahren. Meinst du, ich freue mich nicht, daß dein Vater den Anschlägen der beiden Schurken entgangen ist? Glaubt ihr auf dem Bodenstein, ich laure auf Bartholds Tod?« »Das nicht«, sagte Klaus verlegen. »Aber Ihr seid dem Vater feind.« »Fürs erste«, entgegnete Bertram, »nenne mich immer du. Denn daß du von unserm Blute bist, das habe ich nie geleugnet, und wenn das wahr ist, was mir heute der Pfarrer erzählte, so hast du es schon bewiesen, daß du ein adeliger Mann bist. Sodann irrst du, wenn du in mir einen Feind deines Vaters siehst. Ich muß ihm nur entgegentreten in einer Sache, in der ihn sein sonst so klarer Verstand ganz verlassen zu haben scheint. Gerade deshalb habe ich mit ihm zu reden und wäre heute auf dem Bodenstein erschienen, wenn nicht dein Vater krank läge. Nun will ich dir sagen, was ich zu sagen habe. Hier können wir unser Gespräch nicht fortsetzen, die Bauern werden gleich aus der Kirche kommen. Ich bin bereit, in euern Hof zu treten, wenn du mich hören willst.« »Das versteht sich, gern!« sagte Klaus, ergriff sein Pferd am Zügel und schritt neben Bertram die Dorfstraße hinan nach dem mit einer uralten breiten Mauer umgebenen Hofe, von dem die von Wintzingerode ihren Namen hatten, und der des Geschlechtes ältester Besitz in der Gegend war. Dort trafen sie nur die Mutter des Vogtes an, die anderen waren in der Kirche. Sie ließen sich von der alten Frau in das geheizte Zimmer ihres Sohnes führen, und Klaus befahl, einen Trunk herbeizuschaffen und dafür zu sorgen, daß niemand ihre Unterhaltung in der nächsten Stunde störe. »Der Gesundheit deines Vaters! Möge er noch lange leben!« sagte Bertram, indem er seinen Humpen erhob, und als er ihn geleert hatte, fuhr er sogleich fort: »Ich muß es dir nochmals versichern, Klaus, daß ich nicht den geringsten Groll gegen deinen Vater habe. Wir haben ja in Fehde gelegen um Wald und Feld und Zinsen und Gefälle, aber mir tats leid, daß es so kam, und ich habe mich mit Freuden und von Herzen mit ihm vertragen. Da reitet nun deinen Vater plötzlich der Teufel, daß er sich gegen den Grafen auflehnt und dich in die Lehnsfolge bringen will. Das können wir nicht dulden, ich nicht und mein Bruder ebensowenig. Denn wollten wir selbst unser Recht hintansetzen, unsrer Kinder Recht dürfen wir nicht schmälern lassen. Und was wird daraus, wenn dein Vater starrköpfig bleibt? Kann er das adelige Lehnsrecht ändern wider Kaiser und Reich? Er rennt in sein Verderben!« Klaus neigte zustimmend das Haupt: »Das weiß ich und darum bin ich bereit, selbst zu entsagen«, erwiderte er leise aber fest. Bertram faßte rasch seine Hand. »Das erzählte mir der Pfarrer«, rief er. »Du bist verständig und hochgesinnt!« »Ich kann Herrn Conrad nicht loben«, versetzte Klaus stirnrunzelnd. »Wie durfte er dir erzählen, was ihm anvertraut war!« »Er sagte es mir, weil er tief erschüttert war über das, was ich ihm erzählte«, erwiderte Bertram. »Höre selbst. Ich habe neulich mit deinem Vater gesprochen.« Klaus machte eine Gebärde der Überraschung. »Er hat dir's nicht erzählt?« »Nein.« »Wahrscheinlich, weil ihm meine Nachricht zu albern erschien«, sagte Bertram bitter. »Und doch war es die lauterste Wahrheit, was ich ihm mitteilte. Graf Volkmar Wolf ist über deines Vaters Trotz tief erbittert und will den stolzen Vasallen um jeden Preis demütigen. Merke wohl: um jeden Preis! Dazu braucht er Hülfe. Er findet sie nicht bei Braunschweig und schwerlich bei Hessen, und vor der Habgier der Sachsen graut es ihm. So bleibt Mainz. Und der Grimm des Grafen geht so weit, daß er, der Lutheraner, den katholischen Kirchenfürsten nicht nur zu Hilfe rufen will, nein, – daß er sogar bereit ist, das Gericht unter Mainz zu stellen, um es als Lehnsmann aus des Erzbischofs Händen wieder zu empfangen.« Klaus fuhr zurück und erblaßte. »Unmöglich! Woher weißt du das?« »Nicht unmöglich, sondern die volle Wahrheit«, sagte Bertram. »Ich weiß es nicht nur vom Grafen selbst, ich habe auch Beweise dafür, schriftliche Beweise.« Er zog ein Schreiben aus der Tasche seines Wamses und hielt es Klaus vor das Gesicht. »Kennst du das Siegel?« fragte er. »Auf dem Eichsfelde kennt es jedes Kind, es ist das große Siegel von Mainz. Hier – halte das Papier gegen das Licht«, fuhr er fort und entfaltete das umfangreiche Schriftstück. »Siehst du das Rad im Wasserzeichen? Das ist ein Schreiben aus der Mainzer Kanzlei, geschrieben von der Hand des Paters Bacharell, der dort am Hofe allmächtig ist. Und was es enthält? Den Entwurf eines Lehnsvertrages, den Graf Volkmar Wolf unterzeichnen soll.« Klaus sprang in höchster Erregung von seinem Sitz empor. »Wie konnte das Dokument in deine Hände kommen?« »Das frage nicht, denn ich habe geschworen zu schweigen«, antwortete Bertram. »Ich darf diesen Brief auch nur in deines Vaters Hand legen gegen seinen Eid, ihn unverzüglich mir zurückzugeben. Wenn er aber erfährt, wer ihn mir ausgehändigt hat – ihm darf ichs sagen –, so wird sein letzter Zweifel schwinden.« Klaus setzte sich wieder und sagte, sich mühsam zur Ruhe zwingend: »Sie sagen jetzt überall im Lande, der Kurfürst von Mainz sei sterbenskrank und werde schwerlich das Weihnachtsfest erleben. Dann wird der ganze Plan dahin fallen.« »Das glaube ja nicht!« entgegnete Bertram. »Wer auch den Stuhl von Mainz besteigen wird, diesen Plan läßt er sicher nicht fallen. Übrigens ist Kurfürst Daniel noch nicht tot.« Klaus starrte finster vor sich hin. Dann schlug er hart mit der Faust auf den Tisch. Eine dicke Zornesader trat auf seiner Stirn empor, er sah in diesem Augenblicke seinem Vater noch ähnlicher als sonst. »Hat denn der Graf keine Ehre im Leibe? Will er sich unter den Krummstab ducken? Denkt er nicht an das heilige Evangelium, dem er die ärgste Schmach und den größten Schaden antut?« rief er heftig. »Der Graf«, begann Bertram ernst und ruhig, »denkt: Der Mainzer ist weit und seine Oberherrschaft wird nur ein Schatten bleiben. Er kennt die Jesuiten schlecht. Die nehmen die Hand, wenn man ihnen den kleinen Finger bietet. Aber wir wollen gerecht sein. Kann denn der Graf anders? Wenn er sich unter Mainz stellt, so rettet er doch etwas von seiner Herrschaft. Findet er die Hülfe des Kurfürsten nicht, so geht ihm alles Ansehen verloren, dann herrscht im Bodensteiner Gericht der Lehnsherr nicht mehr, sondern der Vasall. Dein Vater, das weiß ich, würde sich für Luthers Lehre totschlagen lassen, aber durch seinen Trotz bringt er das Evangelium in die allergrößte Gefahr.« Klaus schwieg und senkte das Haupt. Der Vorwurf, den Bertram gegen seinen Vater schleuderte, tat ihm weh, aber er konnte nichts dagegen sagen. Jener sprach ja nur aus, was er selbst längst eingesehen hatte. »Ich bat heute morgen den Pfarrer, deinen Vater zu einer Unterredung mit mir zu bewegen«, fuhr Bertram fort. »Da kam gerade die Kunde von dem, was auf dem Bodenstein geschehen war. Nun bitte ich dich, mich's auf der Stelle wissen zu lassen, wenn dein Vater wieder gesund ist, und ihm zu sagen, ich müsse ihn ohne Verzug in dringend eiliger Sache sprechen. Dieses Papier da muß ihn überzeugen.« »Ich tue, wie du willst, verlaß dich darauf«, sagte Klaus nnd erhob sich. »Ich komme selbst, wenn möglich, zu dir und bringe dir Nachricht.« »Und sage deinem Vater, ich ließe ihm von Herzen gute Genesung wünschen«, sprach Bertram und schritt dem Ausgange zu. Die beiden Männer verließen den Hof und schieden auf der Straße mit festem Händedruck. Bertram ging nach dem Kruge, wo er sein Pferd eingestellt hatte, Klaus ritt nach der anderen Seite den Berg hinan. Als er den Burghof betreten hatte, bemerkte er zu seiner Verwunderung, daß der eine Flügel der Kapellentür nur leise angelehnt war. Wer mochte denn zu dieser ungewöhnlichen Zeit bei einbrechender Dämmerung in dem kleinen Kirchlein etwas zu suchen haben? Neugierig trat er heran uud öffnete die Pforte. Da kniete auf den Stufen des Altars die junge Barbara von Hoven. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen, das war ihm abgewandt, und ebensowenig vermochte er die Worte zu verstehen, die sie sprach, denn sie betete in der Sprache ihrer niederländischen Heimat. Aber trotzdem blieb er wie gespannt stehen, gefesselt durch den süßen Klang ihrer Stimme, die es ihm angetan hatte von dem Augenblicke an, da er den ersten Laut aus ihrem Munde vernahm. Jetzt vollends, wo sie mit solcher Zuversicht und Innigkeit betete, war es ihm, als ob ein Zauber von ihr ausginge, und voller Andacht und Rührung lauschte er den Worten, deren Sinn er nicht verstand. Endlich aber raffte sie sich auf. Es erschien ihm unwürdig, sie so zu belauschen. Er wandte sich, um die Kapelle unbemerkt zu verlassen, aber der Sand unter seinen Füßen knirschte, und die Beterin am Altar fuhr empor. Es stieg ein helles Rot in ihre Wangen, als sie ihn gewahrte, und auch in sein Antlitz schoß tiefe Glut, als er begann: »Verzeiht mir, daß ich Euch gestört habe. Ich wußte nicht, wer hier war, und sah die Tür geöffnet, deshalb trat ich ein.« «Ihr stört mich nicht«, sagte Barbara und streckte ihm ihre Hand entgegen, indem sie mit einem vollen, warmen Blicke zu ihm emporsah. »Ich bin so glücklich!« fuhr sie fort, und ein Freudenschimmer fuhr über ihr Gesicht. »Der Doktor war hier von Heiligenstadt, er hat auch meinen Vater angesehen, und sein finsteres Gesicht zeigte mir, daß er das Schlimmste befürchtete. Ich war so traurig, o so traurig, als er fort war, und weinte und betete immerzu. Auf einmal schlug der Vater die Augen auf und sah mich freundlich und klar an und fragte, wo er wäre. Dann hat er noch mancherlei geredet und eine Milchsuppe gegessen und ist nun in einen ruhigen Schlaf gesunken. Das böse Fieber hat ihn ganz verlassen. Gott sei Lob und Preis – es kann noch alles gut werden. Gott hat ein Wunder getan, dafür habe ich ihm hier auf den Knien gedankt.« Klaus starrte, während sie sprach, hingerissen in ihr Antlitz. Er hatte diese großen Augen bisher fast nur voll Tränen gesehen. Nun, da ein heller Strahl des Glückes ihr Antlitz verklärte und die blassen Wangen rötete, erschien sie ihm noch schöner und begehrenswerter, und sein Gefühl überwältigte ihn so, daß er ihre zarte, schmale Hand in seiner derben Reiterhand mit fast schmerzhaftem Druck preßte. »Das freut mich von ganzem Herzen«, sagte er. »Ich kann Euch die Sorge ja nachfühlen, die Ihr auf der Seele getragen habt, denn ich hätte meinen Vater auch beinah verloren.« »Ach, mir ist mein Vater ja alles, was ich in der Welt habe!« rief Barbara. »Meine Mutter ist tot, meinen Bruder haben die Spanier erschlagen, die Heimat habe ich verloren. Hätte ich den Vater nicht, so stände ich ganz einsam und schutzlos in der Welt.« »Schutzlos? Nimmermehr!« rief Klaus fast heftig. »Mein Vater würde Euch halten wie sein eigenes Kind. Und ich« – er brach ab und schaute traurig vor sich hin. Wie gern hätte er ihr gesagt, daß er selig sein würde, wenn sie sich seinem Schutze anvertrauen wolle fürs ganze Leben! Aber er hatte ihr keine Heimat zu bieten. Deshalb schwieg er. »Ihr?« sagte sie ohne Ahnung von dem, was ihn verstummen machte. »Ihr habt ja schon das Größte für mich getan, habt Euer Leben für mich gewagt. Euch danke ich, daß ich lebe.« »Wenn ich Gott für irgend etwas dankbar bin, so ist es dafür«, versetzte Klaus. »So ist doch mein Leben nicht nutzlos, und ich habe einmal Gottes Arm sein dürfen.« »Ihr werdet das noch oft sein, wenn Ihr erst Herr hier seid. Wie vielen könnt Ihr dann ein Schutz und eine Hülfe werden im Dienste Gottes!« sagte Barbara. »Ich werde niemals Herr sein auf dem Bodenstein«, entgegnete Klaus bitter, und als sie ihn verständnislos anblickte, fuhr er fort: »Ihr begreift das nicht, liebe Jungfrau, aber ich möchte Euch das alles gern offenbaren, schon seit Tagen habe ich die Absicht, mit Euch über diese Dinge zu reden und Euern Rat zu erbitten über das, was ich tun soll.« »Meinen Rat?« rief Barbara fast bestürzt. »Was kann ich törichtes, unwissendes Mädchen Euch raten!« »Es liegt mir viel daran, zu wissen, ob Ihr für recht oder unrecht haltet, was ich tun will«, entgegnete Klaus. »Ich stehe, wenn mein Vater auf seinem Sinn beharrt, vor einer schweren Entscheidung. – Und ich glaube kaum, daß er nachgibt«, setzte er mit einem Seufzer hinzu. In dem Augenblicke hörte man die helle Kinderstimme der kleinen Katharina, die laut und wiederholt im Hofe den Namen Barbaras rief. Klaus stampfte ärgerlich über die unwillkommene Störung mit dem Fuße auf den Boden, aber er faßte sich rasch. »Ihr werdet gerufen – vielleicht zu Euerm Vater, und müßt jetzt gehn«, sagte er. »Aber versprecht mir, daß Ihr wieder hierher kommen wollt, wenn ich Euch bitte, hier sind wir ungestört, da kann ich Euch am besten alles erzählen. Nicht wahr, Ihr kommt, liebe Jungfrau?« Er blickte sie bei diesen Worten so innig und bittend an, daß sie verwirrt die Augen niederschlug. »Ich komme, wenn Ihr es wünscht«, sagte sie leise und schritt schnell an ihm vorüber dem Ausgange zu. Klaus stand noch eine Weile wie träumend auf demselben Flecke und schaute der Enteilenden nach. Dann verließ auch er mit schnellen Schritten die Kapelle und begab sich ins Schloß an das Lager seines Vaters. XIII. Kapitel. Es ist das gemeinsame Schicksal aller Propheten, daß manche ihrer Weissagungen in Erfüllung gehen, manche dagegen nicht. So geschah es auch dem berühmten und hochgelehrten Doktor Gabriel Pistorius. Er hatte des alten Ritters von Hoven baldigsten Tod geweissagt, und von Stund an ward es besser mit ihm. Es war, als ob Gott selbst spräche: Was wißt ihr kurzsichtigen Menschen von dem, was ich tun kann? Ich mache alle Sprüche und Weisheit zuschanden. Als in der Frühe des folgenden Tages Frau Käthe in das Gemach des Ritters trat, um dem kranken Freunde ihres Gemahls ein Morgensüpplein zu bringen, hätte sie vor Schrecken und Staunen beinah die Schüssel aus der Hand fallen lassen. Denn der Greis, für den man nach des Arztes Prophezeiung heute die Sterbeglocke hätte lauten sollen, saß aufrecht in den Kissen, und Barbara flog ihr mit einem Jubelrufe um den Hals. »Das Fieber ist fort! Der Vater wird leben! Gott sei Lob und Dank!« rief sie und lachte und weinte vor Freude in einem Atem. Das scheue, stets traurige und tief darniedergedrückte Kind war wie ausgewechselt und ließ die ganze Bewohnerschaft des Schlosses an seinem Jubel und seiner Glückseligkeit mit teilnehmen. Ihre Freude fand um so mehr Anklang bei den andern, als zu derselben Zeit auch ihnen die Sorge um das Familienhaupt von der Seele hinweggenommen wurde. Denn an Herrn Barthold ging die Vorhersagung des gelehrten Pistorius glücklicherweise in Erfüllung. Während seine Frau und seine Töchter, Klaus und fast die ganze Dienerschaft sich im anderen Flügel der Burg befanden, um das Wunder zu bestaunen, das an seinem Freunde sich ereignet hatte, war er erwacht. Die alte Schließerin Hedwig hatte zwar den strengsten Befehl, sich von dem Lager des Schlafenden keinen Augenblick zu entfernen, aber sie vermochte doch der Neugier nicht zu widerstehen und schlüpfte hinüber, um durch die halb geöffnete Tür den Mann zu sehen, der vom sichern Tode auferstanden war. Selbstverständlich mußte sie auch erst mit den anderen Mägden, die auf dem Korridor standen, ihre Meinung austauschen über den wunderbaren Fall, und so kehrte sie erst nach geraumer Zeit auf ihren Posten zurück. Da saß Herr Barthold gleichfalls wie drüben der Ritter von Hoven aufrecht in seinem Bette und stierte verwirrt und schlaftrunken vor sich hin. Es machte ihm die größte Mühe, einen Gedanken zu fassen, er wußte nicht, wo er sich befand und was ihm geschehen war, und der Kopf brummte und schmerzte ihm gewaltig. Als die Alte den Ritter in dieser Stellung erblickte, fiel sie vor Schreck auf die Knie und erhob ein lautes Gezeter. »Ach du mein lieber Herr Jesus, ach du grundgütiger Heiland!« schrie sie mit gellender Stimme, »da ist ja der gestrenge Junker aufgewacht, und ich war nicht da. Ach, ich konnte ja nichts dafür – ich wollte bloß – ach, mein Gott, wie bin ich erschrocken!« Diese Töne brachten Herrn Barthold halbwegs zur Besinnung. War denn das Weibsbild verrückt geworden, daß sie sich so albern benahm? »Halt den Schnabel, alte Gans!« knurrte er sie grimmig an. »Bist du von Sinnen? Was soll das Getue?« Aber die Alte gab keine Antwort, sondern erhob sich und eilte weiter schreiend und zeternd zur Tür hinaus. Herr Barthold blickte ihr mit weit geöffneten Augen nach und griff an seine Stirn. Die Schließerin Hedwig war seit dreißig Jahren auf der Burg und hatte sich stets vernünftig und ruhig gezeigt. Was war denn nun auf einmal in sie gefahren? Warum schrie sie so und stand ihm nicht Rede und Antwort? Daraus mochte ein anderer klug werden. Aber wie ward ihm nun vollends, als plötzlich seine ganze Familie, gefolgt von den Knechten und Mägden, in das Gemach stürzte, seine Frau ihm weinend um den Hals fiel und seine Töchter jubelnd seine Hände faßten und sich an ihn schmiegten! Ihm schwindelte fast. Was in aller Welt sollte das alles nur bedeuten! »Herrgott! Kinder, laßt mich los!« ächzte er. »Was habt ihr euch denn so? Was ist denn geschehen?« Nun sprachen alle zu gleicher Zeit, so daß es ihm unmöglich war, etwas zu verstehen. »Ruhe, Ruhe!« schrie er. »Klaus, komm her. Sage mir, mein Sohn, was ist das, was soll das Gehabe? Bin ich des Teufels, oder seid ihr's?« Klaus erzählte nun ruhig, wie es seine Art war, alles der Reihe nach, was sich ereignet hatte. Nur die Auffindung des Schatzes der Gauner verschwieg er vorläufig mit Rücksicht auf die dabeistehenden Knechte. Das wollte er seinem Vater allein anvertrauen, wie er mit Schmid verabredet hatte. Dem Ritter kehrte bei seinen Worten Bewußtsein und Gedächtnis allmählich zurück. Er war also um ein Haar das Opfer zweier abgefeimter Schurken geworden, er hatte sich schmählich täuschen lassen und war den beiden schlauen Schuften arglos ins Garn gegangen. Er hatte zwei Nächte und einen ganzen Tag geschlafen, und die Seinen hatten Todesangst um ihn ausgestanden. Ein Gemisch der widersprechendsten Empfindungen wogte durch sein schmerzendes Hirn – Zorn gegen die Frevler, Beschämung, daß er, der welterfahrene Mann, sich so hatte hinters Licht führen lassen, Freude über seine glückliche Rettung und Rührung über die treue Liebe der Seinen. Aber die weicheren Gefühle gewannen in diesem Widerstreite endlich die Oberhand in seiner Seele. Er sank still in das Kissen zurück und legte leise seine Hand auf das Haar seiner Frau, die an der Seite des Bettes kniete und noch immer ihr Schluchzen nicht unterdrücken konnte. »Mein liebes Weib«, sagte er mit ganz ungewöhnlich milder Stimme, »es tut mir leid, daß du so große Angst um mich hast durchmachen müssen. Ich danke dir für deine Liebe und Treue, und auch euch allen danke ich herzlich. Es tut mir wohl, zu sehen, wie ihr euch über meine gnädige Errettung freut. Morgen wollen wir alle Gott dafür auf den Knien danken. Jetzt aber laßt mich allein. Ich bin noch sehr matt und muß Ruhe haben. Dann hoffe ich, morgen wieder ganz gesund zu sein.« Alle verließen nach dieser Anrede sogleich still das Gemach, nur Frau Käthe blieb noch zurück, um ihrem Eheherrn den Trank des Pistorius einzuflößen. Sonst wäre das wohl ein sehr schweres Stück Arbeit gewesen, denn Herr Barthold hielt alle Ärzte und Apotheker für Schwindler und Hanswürste, die dem dummen Volk durch Gauklerkünste das Geld aus dem Beutel zögen. Pistorius war noch der einzige, dem er eine gewisse Achtung zollte, denn der hatte ihm einmal durch einen klugen Rat ein Pferd gerettet. Aber seine Medizin hätte er trotzdem sicherlich an die Wand oder zum Fenster hinaus geworfen, wenn er bei Kräften gewesen wäre. Heute aber war er in weicher, nachgiebiger Stimmung, fühlte sich krank und schwach und wollte vor allem durch eine Weigerung sein liebes Weib nicht kränken und betrüben. Darum schlürfte er, wenn auch murrend und stöhnend, den gallenbittern Trank, den der Arzt ihm verschrieben hatte, und verfiel gleich darauf von neuem in einen tiefen Schlaf. »Gott sei Dank«, sagte am Nachmittag Klaus zum Pfarrer, der auf den Bodenstein gekommen war. »Gott sei Dank, der Vater ist gerettet. Gegen Mittag wachte er noch einmal auf, heftiges Erbrechen trat ein, dann ist er wieder eingeschlummert. Jetzt sitzt Schmid an seinem Lager und wartet auf sein Erwachen.« »So meint Ihr, Junker, daß Euer Vater morgen imstande sein wird, Herrn Bertram anzuhören?« fragte der Pfarrer. »Sicherlich«, antwortete Klaus. »Er war schon heute bei ganz klarem Verstande, seine starke Natur wird ihm bald zur vollkommenen Gesundung verhelfen.« »Das gebe Gott, und er erleuchte ihn«, sagte der Pfarrer. »Die Gefahr ist groß. Unfaßlich, unglaublich erschien es auch mir im Anfang, was Herr Bertram mir erzählte, aber ich habe keinen Zweifel mehr an der Wahrheit seiner Aussage. Der Teufel hat offenbar den Grafen verblendet, daß er Hülfe sucht bei dem Feinde unseres heiligen Glaubens. Schon lange ist mir sein Verkehr mit dem Propste von Nörten verdächtig. Desgleichen ist mir von glaubwürdiger Seite versichert worden, der Graf sei in Person bei dem Erzbischof in Aschaffenburg gewesen und habe mit ihm tagelang verkehrt, wie mit einem Freunde So ist es wohl wahrscheinlich, was Herr Bertram erzählt. Gott verhüte nur, daß der Graf ganz und gar in das römische Netz gezogen wird. Die Jesuiten werden es an Mühe und List nicht fehlen lassen.« Ehe Klaus etwas erwidern konnte, erschien Conrad Schmid und meldete, daß Herr Barthold vor geraumer Zeit erwacht sei. Er habe allerlei Fragen an ihn gerichtet und sei zwar noch matt, aber ganz klaren Geistes. Er verlange, sogleich seinen Sohn zu sprechen. »Ich werde hier warten«, sagte der Pfarrer. »Wenn Euer Vater Lust hat, auch mich zu sehen, so möcht' ich ihn gern begrüßen und ihm Glück wünschen zu seiner Genesung.« Als Klaus mit Schmid das Gemach verlassen hatte, sagte der Nordhäuser Kaufmann: »Ich habe Eurem Vater von dem Fang erzählt, den wir bei den polnischen Schuften gemacht haben, und das belebte ihn sehr. Er wünscht, auf der Stelle die Kleinode zu sehen. Dem Schwarzrocke wollte ich's nicht sagen.« »Damit hättet Ihr wohl noch einen Tag warten können«, sagte Klaus. »Da er es aber nun einmal weiß, so müssen wir seinen Willen tun, um ihn nicht aufzuregen.« – Herr Barthold saß aufrecht in seinem Bette, ließ sich noch einmal das Ende der beiden Goldmacher haarklein erzählen und beschaute währenddessen die goldenen Kleinodien, die man auf einer roten Wolldecke vor ihm ausgebreitet hatte. Nachdem der Bericht beendet war, sprach er eine lange Weile kein Wort. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte: »Das ist die seltsamste Geschichte, die ich bisher erlebt habe, und wenn das Gold unser ist, so sind wir alle reiche Leute. Wenn es unser ist! Aber daran hege ich Zweifel. Man muß den Spießgesellen der Schufte verfolgen lassen und ihn dann peinlich befragen. Dann wird man erfahren, woher die Schätze stammen.« »Das ist nicht mehr möglich!« lief Schmid mit einem triumphierenden Lächeln. »Der Kerl hat sich selbst gerichtet. Heute Früh kam Botschaft vom Schulzen von Giboldehausen. Man hat dort vor dem Dorfe einen Mann gefunden, der tot neben einem gestürzten Pferde lag. Er hatte sich selbst die Gurgel durchgeschnitten. Der Schulze fragte an, ob der Mensch einer von denen sei, die auf Bodenstein den Raub hätten ausführen wollen, was in der ganzen Gegend ruchbar ist. Man solle den Toten in Augenschein nehmen. Ich habe sofort meinen Knecht Balthasar hingeschickt, der den Kerl von Nordhausen her kannte. Vor Abend, denke ich, wird er zurück sein. Mir ist kein Zweifel, daß er's ist, die Beschreibung der Bauern paßt gut auf ihn. Jedenfalls hat er mit dem gestürzten Gaule nicht weiter gekonnt, vielleicht auch selbst Schaden genommen, und deshalb hat er aus Furcht vor Kerker und Folter Hand an sich selbst gelegt.« »So, so«, murmelte der Ritter vor sich hin, »das wäre ja freilich etwas anderes.« Laut setzte er dann hinzu: Ich muß mir die Sache noch überlegen. Schickt doch einmal nach Ohmfeld zum Pfarrer, der hat in solchen Dingen ein gutes Urteil und muß als Gottesgelehrter ja am besten wissen, was recht und unrecht ist.« »Der Pfarrer ist unten und möchte dich ohnehin gern sehn«, sagte Klaus, während Schmid vor Ärger purpurrot wurde und nur mühsam einen Fluch unterdrückte. Er liebte die Diener der Kirche gar nicht und war wütend, daß der Pfarrer hier entscheiden sollte, wo man doch das Recht klar vor Augen sah. Seiner Meinung nach waren die Goldsachen in redlichem Kampfe zwei gefährlichen Schurken abgenommen und gehörten ohne Frage dem glücklichen Sieger. Aber er wagte nicht, Herrn Barthold zu widersprechen. »Das trifft sich ja glücklich«, rief der Ritter. »Gehe hinunter Klaus und hole ihn. Erzähle ihm auch alles klar und deutlich vorher, damit er es weiß und wir nicht noch einmal von vorn anfangen müssen.« Nach einer längeren Weile, während Schmid mißmutig an seinem dünnen roten Schnurrbart nagte und Herr Barthold schweigend die vor ihm liegenden Schmucksachen betrachtete, kam der Pfarrer. Er eilte bewegt auf Herrn Barthold zu und ergriff seine Hände, aber der Ritter schnitt ihm das Wort ab. »Ihr wollt mir Glück wünschen, lieber Pfarrer, und dankt mit mir für Gottes gnädige Durchhülfe. Das freut mich, und ich danke Euch!« rief er. »Ich habe es ja immer gewußt, daß Ihr mir und meinem Hause treu und anhänglich seid. Jetzt aber nichts mehr davon! Sagt einmal ganz ehrlich nach Eurem Gewissen und als Diener Gottes: Was haltet ihr von diesen Sachen? Sind sie unser Eigentum oder nicht?« »Die Sachen«, sagte der Pfarrer, »sind ohne Zweifel gestohlen. Wenn man den Eigentümer wüßte, so müßtet Ihr ihm das Gold zurückgeben und dürftet nur einen Teil für Euch beanspruchen. Bestätigt sich aber die Nachricht vom Tode des dritten Gauners, dann ist keine Möglichkeit, den oder die Eigentümer jemals aufzufinden. Denn man kann nicht in allen deutschen und welschen Ländern, in Ungarn und Böhmen und sonst in der ganzen Welt umherschicken und Nachfrage halten. Dann also gehört Euch die Beute von Rechts wegen.« »Wohl gesprochen!« rief Schmid erfreut. »Ihr redet wie ein kluger Mann.« »Das wird das Richtige sein und ist auch meine Meinung«, sagte Herr Barthold nach einiger Überlegung. »Warten wir also die sichere Nachricht ab. – Wird aber das Gold unser Eigentum, dann muß ich diesen wunderbaren Glücksfall als eine Fügung des Himmels preisen. Gott gibt mir selbst ein Zeichen, daß ich auf dem rechten Wege bin.« »Wie meint Ihr das?« fragte der Pfarrer befremdet. Herr Barthold hielt ein besonders schönes und schweres Armband mit funkelndem Steine prüfend gegen das Licht und erwiderte: »Was denkt Ihr, Pfarrer, was man mit all diesem törichten Tande kaufen kann? Rosse und Knechte, Harnisch und Gewaffen, Feldschlangen, Kraut und Lot, alles die schwere Menge. Bei Gott, ich armiere den Bodenstein, daß keine Burg ihm gleicht! Dann mag der arme Hohnsteiner Graf nur kommen!« Der Pfarrer warf Klaus, der zu Häupten seines Vaters stand, einen erschrockenen Blick zu. Er sah, wie der junge Mann erblaßte und eine rasche Bewegung machte. Da legte er schnell den Finger auf den Mund. »Darüber können wir ja noch viel reden«, sagte er. »Heute aber scheint mir das Beste, wir lassen Euch allein, denn Ihr werdet noch immer der Ruhe sehr bedürfen.« »Da habt Ihr recht«, entgegnete Herr Barthold. »Mir ist, als wären alle meine Knochen zerschlagen, und der Kopf ist mir so schwer wie Blei. Trage die Sachen in das Gewölbe, Klaus, und verwahre sie sorgfältig, morgen wollen wir sie unter uns teilen. Für heute, liebe Freunde, gehabt Euch wohl.« XIV. Kapitel. Frau Käthe von Wintzingerode hatte die Gewohnheit, am Weihnachtsfeste die Armen und Kranken in ihren Dörfern reich zu beschenken. Am Nachmittag vor dem heiligen Abend fanden sie sich alle auf der Burg ein, Große und Kleine, Alte und Junge, um aus ihrer Hand die Gaben zu empfangen. Die Schloßfrau, die einen jeden persönlich kannte, hatte bei der Gelegenheit auch für alle ein freundliches Wort und tat manchem armen alten Weiblein dadurch mehr wohl, als durch ihr Geschenk. Wer im Laufe des letzten Jahres wegen Diebstahls oder eines anderen groben Verbrechens gebüßt worden war, durfte zu Weihnachten nicht mit auf dem Schloß erscheinen, und das galt für eine große Schande unter den Leuten. Wer aber an das Krankenlager gefesselt oder durch seines Leibes Gebrechen verhindert war, den steilen Berg emporzuklimmen, dem wurde ins Haus getragen, was man ihm zugedacht hatte. In früheren Zeiten pflegte Frau Käthe selbst diese Gänge zu besorgen, in den letzten Jahren dagegen hatten sie die erwachsenen Töchter ihr abgenommen. Nun war die Älteste in der Ferne, Sophie, die zweite, konnte nicht alles allein besorgen, und so hatte die Schloßfrau ihren jungen Gast gebeten, den Kranken in Wintzingerode die Gaben des Schlosses zu überbringen, während Sophie nach Ohmfeld wandern sollte. Barbara hatte mit Freuden zugesagt und schritt nun den Schloßberg hinab. In einiger Entfernung folgten ihr zwei handfeste Mägde, die schwerbepackte Körbe trugen, dabei aber trotz ihrer Last eifrig miteinander schwatzten und lachten. Als das junge Mädchen um eine Wegesecke bog, stand plötzlich Klaus vor ihr; er hatte offenbar auf sie gewartet. Er grüßte befangen, und sie dankte verlegen, und es war wohl nicht die scharfe Winterluft allein daran schuld, daß beider Antlitz in heller Röte erstrahlte. »Erlaubt, daß ich Euch auf Eurem Wege das Geleit gebe«, sagte Klaus. Barbara bejahte mit einem stummen Neigen des Hauptes. Nun gingen die beiden jungen Leute eine lange Strecke der Bergstraße nebeneinander dahin, ohne ein Wort zu wechseln. Nur verstohlen streiften sich hin und wieder ihre Blicke, und jedesmal, wenn das geschah, wandten sie schnell den Kopf seitwärts, als ob sie ein Unrecht damit begingen. Endlich begann Klaus mit gepreßter Stimme: »Ich bat Euch neulich, liebe Jungfrau, wieder in die Kapelle zu kommen, wenn ich Euch rufen würde. Entsinnt Ihr Euch?« »Ja freilich«, erwiderte Barbara. »Das ist nun nicht nötig, wenn Ihr mich hier hören wollt«, sprach Klaus weiter. »In den Feiertagen kann ich Euch schwerlich allein sprechen, und gleich nach dem Feste verreise ich.« Barbara blieb einen Augenblick erschrocken stehen. »Ihr wollt verreisen? In dieser Jahreszeit?« »Es ist keine Lustreise«, erwiderte Klaus. »Ich reite nach Wolfenbüttel zum Herzog mit einer eiligen Botschaft meines Vaters, auch nach Münden zu Herzog Erich. Vorher aber möchte ich noch eine Frage an Euch richten, eine Frage, die mir schwer auf dem Herzen liegt. Ich habe kluge Leute sagen hören, daß Frauen in schwierigen Dingen oft einsichtiger urteilen als der weiseste Mann, und überdies habe ich zu Euch das größte Vertrauen.« »Warum sagt Ihr Eurer Mutter nichts davon?« fragte Barbara scheu. »Wenn Ihr meine Geschichte kennt, so werdet Ihr begreifen, daß ich gerade sie nicht damit beschweren kann«, entgegnete Klaus. »Weist Ihr mich aber ab mit meiner Bitte, so zürne ich Euch deshalb nicht. Ich weiß gar wohl, daß ich damit eine Last auch auf Eure Seele lege.« »Nein, so ist es nicht gemeint!« rief Barbara und schaute zum ersten Male ihrem Begleiter voll und fest in die Augen. »Ich glaubte, Eure Mutter sei die nächste, der Ihr vertrauen müßtet. Würdigt Ihr aber mich« – sie brach ab und wurde dunkelrot im Gesicht. Dann setzte sie leise hinzu: »Wie sollte ich Euch Eure Last nicht tragen helfen?« Klaus hätte am liebsten das junge Mädchen an seine Brust gerissen, so überwältigte ihn ihre warme Anteilnahme an seinem Geschick, die er in ihren Augen las. Aber er begnügte sich damit, ihre Hand zu fassen und sie innig zu drücken. »Es ist eine lange Geschichte, die ich Euch erzählen muß«, begann er. »Doch es ist nötig, daß Ihr alles wißt, drum hört mich mit Geduld an. Eine Meile von hier, da drüben jenseits der Höhe liegt das Dörschen Immingerode. Dort ist ein großer Meierhof, denen von Wintzingerode von uralten Zeiten eigen, doch gehörte er nicht zum Bodensteiner Lehn. Auf diesem Hofe sitzt seit mehr als hundert Jahren die Familie Gelling, reiche Bauern, aber hörige Leute. Von ihnen stammte meine Mutter ab. Mein Vater ist, wie mir die Leute erzählt haben, lange Zeit der schönen Meierstochter nachgegangen, aber sie wollte nicht anders sein eigen werden, denn als sein ehrliches Weib. Und weil er ihr wirklich in Liebe zugetan war, so tat er ihr den Willen und führte sie zum Altar. Auf den Bodenstein durfte er sie nicht bringen, denn seine Mutter war eine stolze und harte Frau und war voller Galle gegen die unwillkommene Schwiegertochter. So blieb sie in Immingerode bei ihren Eltern, auch mein Vater lebte mehr dort als auf dem Schlosse und baute den alten Meierhof stattlich aus und kaufte noch viel Hand dazu und schenkte ihr das ganze Gut erb- und eigentümlich. Es wurden zwei Söhne geboren, mein Bruder Heinrich und ich. Der älteste ist lange tot, er starb als zartes Kind, ebenso die einzige Tochter Sophie. Wenige Wochen nach meiner Geburt starb auch meine Mutter, noch jung, nicht dreißig Jahre alt. Meines Vaters Schmerz soll furchtbar gewesen sein. Aber ein Jahr später kam seine Mutter zum Sterben, und auf dem Totenbette nahm sie ihm den Eid ab, sich binnen sechs Monaten ebenbürtig zu vermählen. Mein Vater heiratete das Fräulein Käthe von Rautenberg, die Tochter eines edeln Hauses aus dem hannoverschen Lande. Das ist nun fast sechsundzwanzig Jahre her. Die neue Frau war klug und gut. Sie ehrte das Andenken der ersten Frau ihres Mannes auf jede Weise, ja sie besuchte sogar ihr Grab drüben in Immingerode, und wie sie den kleinen kraushaarigen Buben sah, den die Tote hinterlassen hatte, da beschloß sie auf der Stelle, mich mitzunehmen und mich zu halten wie ein eigenes Kind. Das hat sie getan und blieb sich immer gleich in Güte und Freundlichkeit, und ich liebe sie, wie ein Sohn seine Mutter. Sie hätte freilich nichts Besseres tun können, um meines Vaters Gemüt ganz für sich einzunehmen, denn er liebte mich von klein auf über alle Maßen. Ich bin ihm ja leiblich sehr ähnlich, wie alle Welt sagt, und auch unsere Art ist in vielem die gleiche, wenn ich auch ruhigeren Sinnes und weniger heftig bin. Hätte er in seiner zweiten Ehe einen Sohn gehabt, so wäre ich vielleicht ihm weniger lieb gewesen, aber es wurden ihm nur Töchter geboren. Auch die liebt er herzlich wie ein guter Vater, aber sie sind eben Mädchen, die daheim bei der Mutter sitzen mußten und von ihr erzogen wurden. Mich aber konnte er erziehen und hat es redlich getan nach seiner Art. Als zwölfjähriger Junge ritt ich neben ihm auf wildem Pferde zur Saujagd oder zur Hasenhetze über Stock und Stein, je toller desto besser. Aber auch lesen und schreiben mußte ich lernen und sogar Latein bei dem alten Pfarrer, der damals in Ohmfeld war. Mein Vater wußte gar wohl, daß ich ohne das nicht fortkommen konnte in eines Fürsten Dienst, und in den Hofdienst in Braunschweig oder Gotha sollte ich kommen, denn ich bin zwar ein Wintzingerode, meines Vaters echter Sohn aus ehrlicher Ehe, aber im Ritterlehn kann ich ihm nicht folgen, kann nie Herr werden auf dem Bodenstein, weil meine Mutter nicht aus edelm Hause, sondern eines hörigen Mannes Tochter war.« Er hielt inne und seufzte tief. Das Mädchen sah ihn voller Mitleid an und sagte weich: »So habe ich Euch neulich ohne mein Wissen weh getan, als ich von Eurem Erbe sprach. Verzeiht mir das.« »Ihr achtet mich deshalb nicht geringer?« fragte Klaus gespannt, fast ängstlich. »Meine Mutter war eine Bürgerstochter aus Leyden«, sagte Barbara. »In unserm Lande gilt der Bürger so viel wie der Edelmann.« »Bei uns darf nur der Sohn aus ritterbürtiger Ehe dem Vater im Lehn folgen«, sagte Klaus. »Ich habe es früher auch nie anders gewußt, als daß nach meines Vaters Tode die Scharfensteiner Vettern Herren sein würden auf dem Bodenstein. Ich sollte den Hof in Immingerode erben und dazu mit Geld ausgestattet werden. Dann sollte ich Kriegsdienste tun in eines Fürsten Bestallung, wo man mehr nach einem guten Schwert und einem hellen Kopf fragt, als nach einem reinen Stammbaum. Ich hatte auch alle Lust dazu und träumte davon, ein Feldhauptmann zu werden wie einst Sebastian Schärtlin von Gurtenbach, der nicht einmal eines Ritters, sondern eines ganz geringen Mannes Sohn war. Da kam es meinem Vater in den Sinn, mein Leben anders zu gestalten. Das Gericht Bodenstein tragen die von Wintzingerode von den Grafen von Hohnstein zu Lehn. Graf Volkmal Wolf, der vor siebzehn Jahren zur Herrschaft kam, war meinem Vater niemals wohlgesinnt, denn der Vater versteht es nicht, sich zu ducken und zu schmiegen, und geht nie von dem ab, was er für sein Recht hält. So gab es immer Gehässigkeiten und Widerwärtigkeiten zwischen den beiden, und vor sechs Jahren schlug der Groll, den sie widereinander im Herzen trugen, in hellen Flammen empor. Der Graf hatte in Tastungen einen Pfarrer eingesetzt, obwohl dem Vater das Recht des Patronates ganz ohne Zweifel zustand. Darauf forderte mein Vater von dem Grafen Wahrung und Anerkennung seines alten Rechts, und als er eine höhnische und hochmütige Antwort erhielt, vertrieb er den Pfarrer mit Gewalt. Da kochte die Wut so mächtig in der Seele des Grafen auf, daß sie ihn zu einer Tat hinriß, die ohnegleichen ist. Mitten im Frieden überfiel er bei Nacht den Bodenstein, um meinen Vater in seine Gewalt zu bringen. Aber der Plan mißlang, wir waren auf der Hut, und mit Schimpf und Schande wurden die Hohnsteiner den Berg hinuntergejagt, einige gefangen, mehrere erschlagen. Nun schrieb der Vater dem Grafen einen Absagebrief und sagte sich von jeder Lehnspflicht los, denn der Graf habe an ihm gehandelt wie ein Verräter, Mörder und Landfriedensbrecher. Der Graf verklagte ihn darauf vor dem Kammergerichte des Kaisers wegen Felonie, der Vater antwortete mit einer Klage wegen Landfriedensbruchs. Dabei taten sie sich gegenseitig Schaden, wo sie nur konnten. Aber der Graf war im Nachteil. Mein Vater ist ja nicht übermäßig reich, jener aber ist viel ärmer, steckt tief in Schulden und kann eine größere Menge von Soldknechten nicht bezahlen. Endlich vermittelten die Scharfensteiner und die Hansteins und andere vom Adel einen Vergleich. Der Graf überwand seinen fürstlichen Stolz und kam in Person nach Duderstadt zu einer Tagung, um mit seinem Vasallen zu verhandeln. Der Vater trat ihm dort entgegen nicht wie sein Lehnsmann, sondern wie einer, der ihm gleich ist. Das reizte und erbitterte den Grafen von vornherein, denn er ist ein stolzer Herr, und je kleiner seine Macht ist, um so eifersüchtiger hilt er auf seine Würde. Es ward eine unerfreuliche Tagung. Der Vater bewies ihm mit Brief und Siegel, daß die Hohnsteiner denen von Wintzingerode das Patronatsrecht schon lange abgetreten hatten, und bewies ihm noch vieles andere aus alten Urkunden, was dem Grafen wenig gefiel. Da ließ der sich dann zu der unbedachten Äußerung hinreißen: »Was ein Graf von Hohnstein seinem Dienstmann aus Gnade gegeben hat, das kann ein anderer Graf von Hohnstein in Ungnaden wieder nehmen.« Da hat der Vater ihm steif ins Gesicht geblickt und höhnisch aufgelacht und gesagt: »Eines Landräubers Dienstmann bin ich nicht. Versucht es, ob Ihr mich zwingen könnt. Und merkt es, kleiner Graf von Hohnstein: Es ist wider die Natur, daß der Falk dem Sperber diene.« Darauf hat der Vater sich umgewandt und ist ohne Gruß aus dem Gemache geschritten. Der Graf aber hat bleich vor Zorn seinen Schwurfinger aufgehoben und vor allen Herren von Adel geschworen, er werde dieses Mannes Trotz brechen, es koste, was es wolle. Das war im vorigen Frühling. Der Graf sah sich nun nach Hilfe gegen den Vater um, aber er fand keine. Braunschweig und Hessen sagten ihm sogar ganz unverhohlen, da er zum Landfriedensbrecher geworden sei, seinen Leuten nach Leben und Freiheit trachte und ihre Rechte nicht achten wolle, so dürfe er sich über den Trotz und Widerstand seiner Vasallen nicht wundern. Der Vater aber ward nun ganz sicher und lachte über den Grafen und spielte endlich seinen höchsten Trumpf aus. Noch einmal wollten die Hansteins vermitteln, auch die Schwarzburger Grafen sandten dem Vater ein bewegliches Mahnschreiben. Da antwortete der Vater dem Grafen Johann Günther, der dem Hohnsteiner verwandt ist: Sein früherer Lehnsherr, Graf Volkmar Wolf, habe gegen alles Recht sowie wider Treu und Glauben an ihm gehandelt, und wenn der Herr keine Pflicht kenne, so brauche der Lehnsmann auch keine mehr anzuerkennen. Trotzdem wolle er seine bösen Worte zurücknehmen und den Grafen als seinen Lehnsherrn achten, wenn er ihm eine Bedingung erfülle. Er solle mich, seinen Sohn aus nicht ritterbürtiger Ehe, im Lehn ihm nachfolgen lassen und mein Erbrecht feierlich und ausdrücklich bestätigen, dann sollte alles vergessen sein. Die gleiche Botschaft sandte er dem Hohnsteiner Grafen selbst. Das konnte der Graf nie und nimmermehr tun, selbst wenn er gewollt hätte. Denn wir haben zwei Lehnsvettern, Bertram und Hans auf dem Scharfenstein, treue und vielerprobte Vasallen der Hohnsteiner, deren Recht würde dadurch schwer verletzt. Sie würden des Grafen Feinde werden und ihn verklagen vor Kaiser und Reich. Der Graf kann also nicht nachgeben, und der Vater gibt nicht nach, denn sein Trotz ist eisern. Er hat es sich fest in den Kopf gesetzt, daß sein Fleisch und Blut nach ihm herrschen soll auf dem Bodenstein und nicht die Vettern, denen er ohnehin nicht grün ist. Sie haben nun alle auf ihn eingeredet, die Schwarzburger, Stolberger, die Hagen und Hanstein, der lange Westernhagen und unser Pfarrer, auf deren Rat er sonst viel gibt – aber es ist alles vergeblich. Wenn er sich in einen Plan verbissen hat, so läßt er ihn nicht mehr los, jeder Widerstand bestärkt ihn nur in seinem Vorhaben. So muß es denn zum Kampfe kommen. Der Graf allein ist allerdings ohnmächtig und kann nicht daran denken, den festen Bodenstein in seine Gewalt zu bringen. Deshalb sucht er Hülfe bei anderen Fürsten und scheint sie, Gott sei's geklagt, bei dem Erzbischof von Mainz zu finden. Mainz fordert freilich für seinen Beistand als Preis die Oberlehnsherrschaft über das Gericht, und es mag dem Grafen schwer sein, darauf einzugehen. Aber ich bin vollkommen überzeugt, daß er diesen Preis zahlen wird, denn er weiß sich sonst keinen Rat.« Die Jungfrau blieb stehen und schlug erschrocken die Hände zusammen. »Das verhüte Gott!« rief sie. »Schrecklich, wenn das evangelische Land unter einen römischen Priester käme!« »Wenn jemand den Vater von dieser Gefahr wirklich überzeugen könnte, dann, des bin ich gewiß, würde er nachgeben«, fuhr Klaus fort. »Um des Evangeliums willen würde er auf seinen Lieblingsplan verzichten, und dann könnte doch noch einmal Friede werden zwischen ihm und dem Grafen. Aber das ist es ja eben – kein Mensch vermag den Vater davon zu überzeugen. Weil er selbst lieber sterben würde, als einem römischen Pfaffen huldigen, so glaubt er, auch ein anderer würde das nimmermehr tun, am wenigsten ein freier und hochgeborener Herr, wie der Hohnsteiner. Er glaubt wohl, daß der Graf den Erzbischof um Hilfe gebeten hat, und auch, daß der Erzbischof dem Grafen mit Geschütz und Soldknechten beistehn wird. Aber er weiß aus Erfahrung, daß solche nachbarliche Hilfe selten viel wert ist und nur lau gewährt, gewöhnlich auch bald zurückgezogen wird. Deshalb lacht er darüber. Daß Mainz mit aller Macht kommen wird, das glaubt er nicht. Daß der geistliche Kurfürst der Oberlehnsherr des Grafen werden könnte, glaubt er noch viel weniger. Er meint, der Graf spiegle ihm das nur vor, damit er sich freiwillig unterwerfe. Vor einigen Tagen war Bertram von Wintzingerode auf der Burg und beschwor ihn, nachzugeben, und legte ihm ein Schreiben vor, das der Beichtvater des Kurfürsten, der Jesuitenpater Bacharell, eigenhändig geschrieben und an den Grafen gerichtet hat als den Entwurf eines Lehnsvertrages zwischen Mainz und Hohnstein. Es war aus der Kanzlei des Grafen durch einen Freund in seine Hand gekommen. Aber mein Vater ließ sich auf gar nichts ein. »Die Hand des Paters Bacharell kenne ich nicht«, sagte er spöttisch und wegwerfend, »wie kann mich also der Wisch da überzeugen? Das Papier ist dir jedenfalls mit Wissen und Willen des edeln Grafen in die Hände gespielt worden, mein guter Bertram. Der Graf will mich durchaus auf den Leim locken, aber ein Gimpel bin ich nicht. Glaub's wohl, daß ihm viel daran liegt, ohne Schwertstreich mich zum Nachgeben zu bringen.« Dabei blieb es. Bertram ist in Zorn und Ärger davongeritten. Der Vater ist nicht zu überzeugen und will nicht nachgeben. So steht vielleicht nach Jahresfrist ein Mainzer Heer vor dem Bodenstein, und wenn auch die großen Herren des Reiches immer mit Schulden und Geldnöten zu kämpfen haben, auf die Dauer kann ein Ritter einem Kurfürsten doch nicht widerstehen. Das alles ist so um meinetwillen. Wäre ich nicht, so könnte Friede werden. Darum erhebt sich für mich die Frage, ob ich nicht dem allen selbst ein Ende machen muß. Meine Kindespflicht gebietet mir, den Willen meines Vaters zu ehren und ihm zu gehorchen. Tue ich das aber, so helfe ich ihm zum Verderben. Erweise ich ihm da nicht die höchste Liebe, wenn ich heimlich die Burg verlasse und ihm und dem Grafen und aller Welt zu wissen tue, daß ich selbst verzichte, daß ich das Erbteil, das mir nach der Welt Ordnung nun einmal nicht gehört, auch nicht haben will? Das ist die Frage, die ich an Euch richten wollte, liebe Jungfrau, und nun entscheidet«, schloß Klaus seine lange Rede und hemmte den Schritt, denn sie waren unterdessen an die ersten Häuser des Dorfes gekommen. Barbaras Antlitz war während seiner letzten Worte bleich geworden. »Dazu soll ich Euch raten?« hauchte sie und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach dem Herzen, als durchzuckte sie ein stechender Schmerz. »Ihr sollt mir nur sagen, was Ihr dazu meint«, entgegnete Klaus traurig. »Wir sind nicht mehr allein«, sagte Barbara, auf die Mägde deutend, die mit ihren Körben näher herankamen. »Erwartet mich hier, wenn ich zurückkehre, dann will ich Euch Antwort geben.« Sie wandte sich eilig ab, und es war Klaus, als ob ein heimliches Schluchzen ihre davonschreitende Gestalt erschüttere. – Als Barbara nach einer Stunde von ihrem Liebeswerke zurückkehrte, fand sie den Junker noch auf derselben Stelle vor. Sie hatte offenbar geweint, aber doch leuchteten ihre Augen, als sie ihm entgegentrat, und in dem Blick, den sie auf ihn richtete, lag etwas wie Bewunderung. »Wir werden den Weg zum Schlosse nicht allein machen«, begann sie hastig. »Euer Vater kommt mit Berittenen die Dorfstraße herauf. So will ich Euch nur sagen, Junker Klaus, daß ich Euern Vorsatz edel finde, edler kann kein Fürstensohn denken. Nur eines gefällt mir nicht: Heimlich dürft Ihr die Burg nicht verlassen. Offenheit seid Ihr Eurem Vater schuldig, gerade erst recht, wenn Ihr gegen seinen Willen handeln wollt.« Mit niedergeschlagenen Augen setzte sie leise hinzu: »Auch ich wüßte gern die Stunde, wann Ihr scheiden wollt.« »Ihr sollt sie gewiß erfahren«, sagte Klaus ebenso hastig, denn Herrn Bartholds kräftige Stimme war schon in der Ferne vernehmbar. Er blickte sich scheu nach allen Seiten um. Kein Lauscher war in der Nähe. Sie standen in einem tiefen Hohlwege, den dichtes Gestrüpp umsäumte. Da beugte er sich rasch zu ihr hernieder, und ehe sie's verhindern konnte, küßte er sie auf den Mund. Dann sprang er mit mächtigem Satze den Abhang hinauf und war verschwunden. Barbara stand eine Weile tief erglüht mit fliegendem Atem und wogender Brust. Ein Kuß war ja nichts Sonderliches, er war der Willkommengruß der Frauen, wenn ein geehrter Gast ins Haus eintrat, und beim Spiel mit Pfändern fand niemand etwas dabei, daß Männlein und Weiblein sich küßten. Jetzt aber hatte sie der Mann geküßt, dem sie im innersten Herzen gut war. Sie hatte sich's noch nie gesagt, aber nun wußte sie, daß sie ihn liebte. Wie im Traume schritt sie den Berg hinan und überhörte fast den fröhlichen Anruf Herrn Bartholds, der ihr scherzend riet, zu ihm aufs Pferd zu steigen. XV. Kapitel. Am Nachmittage des 20. Januar 1574 saßen in einem kleinen Eckzimmer des Martinsstiftes zu Heiligenstadt zwei Männer in eifriger Unterhaltung beisammen. Vor ihnen auf dem Tische stand ein großes bauchiges Gefäß mit edelm rheinischen Rotwein, aus dem der ältere von beiden die kleinen Becher eben füllte. Dann hob er sein Trinkgefäß empor und sagte: »Ihr habt mir gute Kunde gebracht, Herr von Stralendorf. Denn darauf kommt es vor allen Dingen an, daß der Erzbischof am Leben bleibt. Alles andere ist Nebensache. Darum stoßt an mit mir auf die Gesundheit unseres erlauchten, hochwürdigen Herrn!« Stralendorf lehnte sich, nachdem er getrunken hatte, in seinen Sessel zurück und entgegnete gewichtig: »Wir haben freilich eine sehr, sehr böse Zeit durchlebt, und ich darf wohl von mir sagen, daß ich am schwersten mit gelitten habe. Pater Bacharell sah bald ein, daß er allein die Pflege des kranken Herrn nicht durchführen könne und schenkte mir das Vertrauen, mich dazu heranzuziehen. Auch hatte der Kurfürst, wie ich erfuhr, selbst nach mir verlangt. Wir haben manche Nacht gesessen und gewacht. Ich sage Euch, es war kein leichtes Werk, den Herrn in diesen Tagen zu behandeln, das glaubt mir, Herr Propst Bunthe.« »Das glaub' ich gern«, sagte der andere, indem er die Becher von neuem füllte. »Es wird aber auch Euer Schade nicht sein, Herr von Stralendorf«, setzte er mit einem lauernden Blicke hinzu. Der junge Edelmann lächelte. »Da dürftet Ihr recht haben, Herr Propst«, entgegnete er mit einem triumphierenden Ausdruck in seinen Mienen. »Ihr seht in mir den künftigen Landeshauptmann des Eichsfeldes. Seine kurfürstliche Gnaden hat es mir fest und feierlich zugesagt.« »Der Tausend!« rief Bunthe und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Das sagt Ihr jetzt erst? Meinen Glückwunsch, Herr von Stralendorf, meinen herzlichen und aufrichtig gemeinten Glückwunsch! Das ist mir hocherfreulich zu hören, da wird bald ein anderer Wind wehn. Der alte Berlepsch ist zu lau in Glaubenssachen, verlangt man von ihm irgendeine schärfere Maßregel gegen die Pest der Ketzerei, so ist er taub. Bei Euch wird das anders sein. Darum auf Euer Wohl, Herr Landeshauptmann in spe!« »Danke, danke, Herr Propst«, sagte Stralendorf, indem er mit ihm anstieß. »Seid gewiß, daß ich Eure Hoffnungen nicht enttäuschen werde. Aber es kommt noch viel besser. Wißt Ihr, was diesmal der Hauptzweck meiner Gesandtschaft auf das Eichsfeld ist?« »Nun?« fragte Bunthe gespannt. »Ich soll mit Euch darüber beraten und ein ausführliches Memorandum einreichen, wie man die lutherische Ketzerei ausrotten und unsern allerheiligsten katholischen Glauben hierzulande ausschließlich zur Herrschaft bringen könne. Es wird Ernst, Herr Propst! Der Kurfürst ist fest entschlossen, dem lutherischen Unfug für immer ein Ende zu machen.« Der Propst hob beide Hände zum Himmel empor, und sein Gesicht glänzte vor Freude. »Gelobt sei Gott!« rief er mit lauter Stimme. »Gelobt sei Gott, daß meine Augen das noch sehen dürfen!« »Nicht nur sehen sollt Ihr das, Herr Propst«, fiel Stralendorf ein. »Ihr sollt vielmehr in diesem Spiel eine sehr wichtige Rolle übernehmen. Es werden zur Unterdrückung der Ketzerei zwei Kommissare ernannt, ein weltlicher und ein geistlicher. Der weltliche bin ich, der geistliche werdet Ihr. Der Kurfürst bezeichnete Euch in meiner Gegenwart als den geeignetsten Mann dazu, dem es weder an Klugheit noch an rücksichtsloser Tatkraft fehle.« »Darin soll sich Seine Gnaden nicht getäuscht haben!« rief der Propst, und der Zug unbeugsamer Härte und Willenskraft, der seinem sonst abstoßend gemeinen Gesicht einen bedeutenden Ausdruck verlieh, trat noch schärfer hervor als gewöhnlich. »Man gebe mir zehn Jahre freie Bahn, und wenn Gott mir das Leben läßt, soll kein Ketzer mehr auf dem Eichsfelde zu finden sein!« »Zunächst will Seine Gnaden selbst hierher kommen«, fuhr Stralendorf fort. »Er will in Heiligenstadt für einige Monate seine Residenz aufschlagen. Hier soll der Ketzerei zuerst ein Ende gemacht werden.« »Wann soll das geschehen?« fragte der Propst schnell. »Das hängt von Verschiedenem ab«, sagte Stralendorf. »Ihr kennt unsere Verhandlungen mit Hohnstein?« »Genau. Ist etwas Neues eingetreten?« »Nein, nichts Neues. Der Graf besteht noch immer darauf, daß wegen der Religion ein Passus in den Vertrag aufgenommen werden soll. Der Kurfürst will darauf nicht eingehen. So sind wir keinen Schritt weiter gekommen.« »Herrgott!« rief Bunthe unmutig, »schreibt doch ruhig in den Vertrag, was dem Grafen beliebt. Worte sind Worte, und wenn sie zehnmal geschrieben und unterschrieben sind. Haben denn die Ketzer ein Recht? Dürfen wir überhaupt, ohne eine Todsünde zu begehen, einen Vertrag halten, der den Ketzern freie Religionsübung zugesteht? Nimmermehr! Also sollte der Kurfürst sich an diesem Passus nicht stoßen.« »Es ist schwer, Seiner Gnaden diese Auffassung beizubringen«, entgegnete Stralendorf. »Hoffen wir, daß es mit der Zeit gelingen möge. Bacharell gibt sich viel Mühe, dem Herrn die Skrupel und Bedenken auszureden.« Der Propst ging langsam in dem Gemache auf und nieder und blieb dann vor Stralendorf stehen. »Wenn ich alles erwäge, so erscheint es mir sogar besser, wenn die lutherische Religion in dem Vertrage salviert wird. Vorausgesetzt, daß man sich an das Dokument nur so lange bindet, als man muß. Denn wenn die Ketzerei in dem Vertrage für das Gericht Bodenstein anerkannt ist, so haben die lutherischen Fürsten keine Ursache sich einzumischen.« »Um so mehr aber haben sie dann später einen Vorwand zum Eingreifen, wenn wir wider den Vertrag die Religion ändern wollen«, bemerkte Stralendorf. »Wir müssen dann freilich eine Zeit abwarten, wo sie gerade uneins sind«, entgegnete Bunthe. »Nun, dem sei, wie es wolle«, sagte Stralendorf, »vorläufig habe ich den Auftrag, den Grafen zum Aufgeben seines Verlangens zu bringen. Der Religion soll gar keine Erwähnung geschehen, weder so noch so. Ich glaube fast, der Hohnsteiner geht uns auch auf diese Art ins Garn, denn wenn er unsre Hülfe nicht erhält, so muß er sich vor dem Wintzingerode demütigen.« »Wenn nur dieser Mensch endlich einmal beseitigt würde!« rief der Propst, und ein Blitz des Hasses zuckte über sein Gesicht. »Ihn niederzuwerfen erkennt der Kurfürst als seine wichtigste Aufgabe«, versetzte Stralendorf. »Deshalb kommt er erst, wenn der Vertrag vollzogen ist. Hier in Heiligenstadt soll Graf Volkmar Wolf ihm vor versammeltem Adel huldigen und das Gericht aus seinen Händen als Lehn zurückerhalten. Dann soll der freche Junker auf dem Bodenstein geduckt werden. Der Kurfürst ladet ihn als sein Oberlehnsherr vor, und wenn er ausbleibt, woran ich nicht zweifle, so wird er auf seiner Burg ausgeräuchert. Und weil das eben geschehen muß, so meine ich, wird bis zum Eintreffen des Kurfürsten auch nach Abschluß des Vertrages noch geraume Zeit verfließen.« »Warum?« fragte Bunthe erstaunt. »Das leidige Geld!« seufzte Stralendorf. »Was meint Ihr, was es kostet, eine Burg wie den Bodenstein zu erobern!« Der Propst brummte mißvergnügt vor sich hin. »Ja, ja«, sagte er ebenfalls seufzend, »da habt Ihr wohl recht. Der Kurfürst muß mit einer starken Macht kommen, denn die von Adel auf dem Eichsfelde helfen ihm nicht gegen den Wintzingerode, die Städte auch nicht. Wir müssen froh sein, wenn sie nicht mit ihm gemeinsame Sache machen.« »Es wäre ein schönes Ding, wenn es gelänge, den Fuchs in eine Falle zu locken. Dadurch würde viel Geld, vielleicht auch viel Blut erspart«, sagte Stralendorf nachdenklich. »Dann wäre aber auch nur die Hälfte erreicht«, erwiderte Bunthe. »Es kommt nicht nur darauf an, diesen Ketzer zu Tode zu bringen. Wir müssen auch seine Burg haben. Fangen wir den Schuft, so müssen wir ihn durch die Tortur zwingen, das feste Schloß bedingungslos uns auszuliefern. Der Kurfürst muß reinen Tisch machen. Das eroberte Schloß darf überhaupt nicht wieder in die Hände der Wintzingerodes kommen, auch die Junker Bertram und Hans dürfen es nicht erhalten!« Stralendorf blickte ihn verwundert an. »Ich denke, diese Leute sind treue Vasallen des Hohnsteiners?« »Das wohl, aber bittere Feinde unserer heiligen Kirche!« rief der Propst. »Darin sind sie alle gleich. Wenn ein Wintzingerode auf dem Bodenstein sitzt, so ist das Gericht niemals katholisch zu machen. Darum fort mit der ganzen Ketzerbrut! Rottet sie aus, wenn's irgend geht! Das ist mein Rat.« Stralendorf erwiderte nichts, er schien über das Gehörte nachzudenken. Der Propst ging von neuem, seiner Gewohnheit folgend, im Zimmer auf und ab. Plötzlich brach er ganz unvermittelt in ein rauhes Lachen aus. Verwundert blickte ihn Stralendorf an. »Was kommt Euch in den Sinn? Warum lacht Ihr?« Der Propst kehrte sich ihm zu und sagte noch immer lachend: »Ich dachte eben daran, Herr von Stralendorf, wie ganz anders Ihr vor zwei Monaten hier saßet. Welcher Wahnsinn hatte doch damals die Seele des Kurfürsten umnebelt, daß er wähnte, durch Gunstbezeigungen und Versprechungen einen wilden Wolf in einen zahmen, nützlichen Hüter des Hauses zu verwandeln!« Stralendorf lachte nun auch. »Es kam, wie es kommen mußte, und wie jeder Einsichtige dem Herrn vorausgesagt hat. Wäre er nicht toll und berauscht gewesen vor Liebe zu der schönen Anna, er wäre nie auf den Gedanken verfallen.« »Toll und berauscht, Ihr redet wahr«, sagte der Propst. »Vielleicht hat sie ihm einen Liebestrank eingeflößt.« »Nicht unmöglich«, erwiderte Stralendorf, »ob wohl sie schön genug war, auch ohne Zauberei einem Manne den Kopf zu verdrehen.« »Ist denn nun wenigstens die Tollheit zu Ende? Hat sie der Herr sich aus dem Sinne geschlagen?« fragte der Propst. »Ich fürchte, nein«, gab Stralendorf zur Antwort, und seine Stimme zum Flüstern dämpfend, fuhr er fort: »Pater Bacharell hat mir streng verboten, mit Seiner Gnaden über das Weib zu reden. Der Herr weiß noch nicht einmal, daß sie die Frau des Junkers von Bünau ist.« Der Propst pfiff durch die Zähne und trat von dem Ritter halb abgewendet ans Fenster. »Es war schade, daß sie dem Kurfürsten entschlüpft ist. Wenn er sie besessen hätte, so wäre er nach ein paar Wochen und Monaten ihrer überdrüssig geworden. Dann war die ganze Sache vorbei.« »Da denkt Ihr anders als Pater Bacharell. Der fürchtete ein großes Ärgernis, Klagen und Querelen vor Kaiser und Reich«, sagte Stralendorf. »Ach Torheit!« erwiderte der Propst. »Als ob einem Fürsten nicht tausend Mittel und Wege zu Gebote ständen, ein Weib sich gefügig zu machen ohne allen Rumor! – Seht einmal«, fuhr er nach einer Pause mit einem boshaften Lächeln fort, »ich sprach zum Exempel vorhin von einem Liebestrunk. Konnte der Kurfürst nicht die Dirne wegen Zauberei ins Gefängnis werfen lassen? Wer unter dieser Anklage steht, der findet nicht viel Hülfe, auch nicht bei Kaiser und Reich, und glaubt mir, ein Hexlein im Kerker wird leicht kirre gemacht. Da wird die sprödeste Jungfer willig, wenn man ihr Rettung verspricht, denn die Tortur ist ein gar böses Ding. Wie hätte ich's dem hochmütigen Schufte auf dem Bodenstein gegönnt, wenn seine Tochter eines Bischofs Dirne wurde! Der ganzen verdammten Sippe wäre es ein unauslöschlicher Schimpf gewesen. Noch besser freilich, wenn sie als Hexe hätte brennen müssen.« Stralendorf schwieg. Er war ein Mann ohne sittliche Grundsätze, von kühler, selbstsüchtiger Natur, der ohne Bedenken bereit war, auch Böses zu tun, wenn es ihm für sein Fortkommen nützlich dünkte, und dem eigentlich nichts auf Erden und im Himmel heilig war. Aber grausam und bösartig war er nicht. Darum schoß ihm, während der Propst seine Ansichten entwickelte, der ketzerische Gedanke durch den Kopf: Wie schauderhaft gemein sind doch die Priester Roms in ihrem Hasse! Aber er hütete sich, etwas davon laut werden zu lassen. Der Propst fuhr, wie mit sich selbst sprechend, halblaut fort: »Die Hanstein, die Wintzingerode, die Hagen, das sind die drei Häuser, die es vor allen zu vertilgen gilt. Aber die Wintzingerode sind die ruchlosesten unter ihnen. Dieser Barthold ist ein Teufel. Gott füge es, daß er und seine ganze Brut unter dem Trümmerschutte des Bodensteins zugrunde geht!« Aber kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da fuhr er erschrocken und erbleichend vom Fenster zurück. Denn dicht vor seinen Augen tauchte das Feldzeichen desselben Geschlechtes auf, das er eben verflucht hatte. Ein starker Haufe berittener Knechte zog draußen vorbei, der Führer voran, hinter ihm ward das wehende Banner getragen. Hätte der Propst die Hand ausgestreckt, so hätte er das weiße Fähnlein mit dem Wappen, der feuerroten, doppelten Hellebardenspitze, zu sich ins Gemach reißen können. »Lupus in fabula!« murmelte er bestürzt. Dann öffnete er eilig das Fenster und lugte vorsichtig den Abreitenden nach. »Das ist der junge Wintzingerode«, flüsterte er, »der Bankert, wißt Ihr, den der Alte ins Lehn bringen will. Er scheint drüben im roten Hirsch Einkehr halten zu wollen. Dann werde ich hoffentlich morgen erfahren, was diese Reise bedeutet.« Er schloß das Fenster wieder und wandte sich seinem Gaste zu. »Kommt, Herr von Stralendorf«, sagte er. »Laßt uns hinuntergehn! Die Stiftsherren versammeln sich um diese Zeit zum Vespertrunk. Sie möchten ungehalten werden, wenn wir uns ihnen ganz entziehen. Ich bin zwar in Nörten, aber nicht hier Propst, soll hier erst Dekan werden und möchte nicht, daß einer Einwendungen gegen mich hätte.« »Ich verstehe und freue mich überdies, daß Ihr einen guten Trunk noch in Ehren haltet«, versetzte Stralendorf und erhob sich. »Das ist es, was ich an Bacharell und allen Vätern der Gesellschaft Jesu tadle: Sie kasteien sich selbst gar zu sehr und wollen auch alle andern kasteien. Ein wohlgefüllter Humpen ist ihnen ein Greuel.« »Das ist der strenge hispanische Geist«, entgegnete der Propst. »Wir finden uns da nicht hinein, sind's anders gewöhnt und können uns nicht mehr ändern. Und auch die hispanischen Priester werden auf deutschem Boden mit ihrer Strenge keinen Erfolg haben. Sie werden selbst anders werden, denn sie sind die klügsten unter allen Menschen und werden bald einsehen, daß unserer Nation mancherlei nachgesehen werden muß. Der Apostel Sankt Paulus ward den Juden ein Jude, den Griechen ein Grieche, so lesen wir. Nun, wer den Deutschen ein Deutscher werden will, der muß mit ihnen saufen, denn das liegt ihnen im Blute. – Bitte, Ihr habt den Vortritt als mein Gast«, setzte er hinzu, als Straleudorf an der Tür stehen blieb, schob ihn mit sanfter Gewalt hinaus und schritt dann neben ihm die breite Treppe hinab, die in den gemeinsamen Speisesaal der Stiftsherren im Erdgeschoß führte. XVI. Kapitel. Die Reise, die Junker Klaus nach dem Willen seines Vaters gleich nach dem Welhnachtsfeste antreten sollte, hatte sich durch ein unvorhergesehenes Ereignis sehr verzögert. Am heiligen Abende nämlich begann es leise und langsam zu schneien und hörte nicht auf das ganze Fest über. Zuerst erlustigten sich die Leute an dem schimmernden Flockengewimmel, als aber der Wind einsetzte und den Schnee zu riesigen Haufen zusammentrieb, da erschien ihnen das Wetter unheimlich, und sie begannen einander scheu und heimlich zu fragen, ob das mit rechten Dingen zugehe, ob nicht etwa eine schädliche Hexe oder gar der böse Feind selbst dem Lande einen Schaden tun wolle. In der Tat führte der große Schneefall einen wirklichen Notstand herbei, denn aller Wandel und Verkehr mußte aufhören. In manchen Dörfern waren die Häuser verschneit bis fast an den Dachfirst, mit größter Mühe grub sich der Nachbar zum Nachbar hindurch. Alle Pfade und Straßen waren ungangbar, besonders die Hohlwege, die auf dem Eichsfelde so häufig sind. Manche Dörfer und Schlösser waren von der Außenwelt ganz abgeschnitten, und die Bewohner mußten tagelang Hunger leiden. Zu diesem Äußersten kam es nun freilich auf dem Bodensteine nicht, denn man war auf der Burg mit Lebensmitteln reich versehen. Aber eingeschneit war man auch hier, nicht einmal in das Dorf Wintzingerode konnte man gelangen. An einen Ritt weit über Land war gar nicht zu denken, und so mußte zu Herrn Bartholds schwerem Ärger und Verdruß die Fahrt zu den braunschweigischen Herzögen vorderhand unterbleiben. Das war überhaupt eine schlimme Zeit für den ungeduldigen, unruhigen Mann, dem nichts schwerer fiel als still zu sitzen. Lieber wollte er eine Belagerung aushalten, meinte er, denn da gebe es doch wenigstens etwas zu tun. Dagegen so eingeschlossen zu sein ohne Sinn und Zweck, das sei einfach zum Tollwerden. So empfand er es als eine Fügung des Himmels, daß sein alter Freund Hoven wieder genesen war und ihm Gesellschaft leisten konnte. Die beiden waren fast ständig beisammen, spielten miteinander Schach oder Würfel und Karten und wurden nicht müde, sich von ihren Kriegsfahrten zu unterhalten. Oft am Abend saß die ganze Familie lauschend um sie herum, die Krüge und Becher wurden immer von neuem gefüllt, und das Schlafengehen ward bis weit über die gewöhnliche Zeit hinausgeschoben. Man würde manchmal wohl bis über Mitternacht aufgesessen sein, wenn nicht der Schloßherr gebieterisch zum Aufbruch gemahnt hätte, besorgt, daß seinem Freunde das lange Aufbleiben schaden könne. Denn Herr von Hoven war ein gebrechlicher Greis, munter, liebenswürdig und gesprächig, aber schwach von Kräften. Barthold war jung geblieben, er war alt geworden. Den Bodensteiner konnte man sich gar wohl noch auf wildem Rosse an der Spitze eines Schlachthaufens vorstellen, ihm dagegen hätte kein Mensch mehr zumuten mögen, in Helm und Harnisch ein Pferd zu besteigen, obwohl er nur zwei Jahre älter war. Wohl gerade deshalb widmete ihm Barthold eine Sorgfalt, die oft fast wie Zärtlichkeit aussah. Denn er konnte nur den lieben, den er schützen und hegen konnte, das lag so in seiner Natur. Die beiden Freunde verhehlten einander nicht das geringste, und so erfuhr Hoven in Kürze auch Bartholds Plan, seinen unebenbürtigen Sohn ins Lehn zu bringen. Wenn aber Klaus gehofft hatte, der erfahrene Greis werde seinem Vater abraten, so sah er sich darin getäuscht. Denn Hoven machte zwar seine schweren Bedenken geltend, aber er übersah die Verhältnisse auf dem Eichsfelde und Bartholds Lage viel zu wenig, um der siegreichen, feurigen Beredsamkeit seines Freundes gegenüber standhalten zu können. Dagegen regte der alte Ritter, allerdings ohne sein Wissen und Wollen, in Herrn Bartholds anschlägigem Geiste einen Gedanken an, den Klaus mit jubelnder Freude begrüßt haben würde, wenn sein Vater damit offen an den Tag getreten wäre. Das ging so zu. Hoven litt manchmal unter schwerer Atemnot, und wenn solch ein Anfall vorüber war, so fühlte er sich vor Mattigkeit und Schwäche dem Tode nahe. So geschah es auch am dritten Weihnachtstage, fast eine Stunde lang rang er nach Luft, es sah aus, als müsse er ersticken. Dann lag er kraftlos in seinem großen Lehnstuhl, das Haupt in die weichen Kissen gelehnt, während Barthold an seiner Seite saß, die mageren Hände in den seinen hielt und ihm liebreich und tröstend zuredete. Plötzlich sagte der Kranke, indem er seine dunkeln Augen fest auf Bartholds Antlitz richtete, mit merkwürdig klarer und kräftiger Stimme: »Ich fühle es wohl, lieber Wintzingerode, daß es mit mir zu Ende geht. Meine Genesung war nur ein letztes Aufflackern der Lebenskraft, jeden Tag kann die schwache Flamme ganz verlöschen. Dann bleibt Barbara, meine liebe Tochter, ganz einsam in der Welt zurück. Versprich mir, daß du immer deine Hand schützend über ihr halten wirst, und daß sie in deinem Hause eine Heimat findet.« Darauf polterte Barthold, um seine Rührung zu verbergen, in rauhem Tone los: »Ach was, dummes Zeug, was für törichte Grillen fängst du da, alter Freund! Schlage dir solche Gedanken aus dem Sinn, du siehst hoffentlich die Sonne noch manches Mal aufgehn!« »Nein, nein!« rief Hoven. »Ich fühle zu genau die Nähe des Todes!« Und fast flehend setzte er hinzu: »Versprich mir auf dein Wort, daß du ihr wie ein Vater sein willst.« »Wenn du es verlangst, so will ich dir einen Eid darauf leisten, aber ich denke, dessen bedarf es nicht«, sagte Barthold mit tiefem Ernst. Er deutete auf Hovens Schulter und fuhr fort: »Meinst du, ich hätte die Narbe vergessen, die du unter dem Wamse trägst? Ich gehöre nicht zu denen, die vergessen. Was mir in Haß oder in Liebe geschehn ist, das bleibt mir auf immer ins Herz eingesenkt. Du kannst auf meine Treue bauen, wie sollte ich da deines Kindes vergessen?« »Ich danke dir«, sagte Hoven und drückte seine Hand mit festem Drucke. »Zur Last fallen wird sie dir übrigens nicht, denn von dem großen Reichtum ihrer Mutter hat Gottes Gnade ihr noch einiges erhalten. Komm, stütze mich und führe mich hinunter in mein Gemach, es ist an der Zeit, dir eine Eröffnung zu machen.« Als man drüben angelangt war, zog Hoven einen Schlüssel aus seinem Wamse, der an einer starken seidenen Schnur um seinen Hals hing. Er schlug dann mühsam den Deckel der Kiste zurück, die er mit auf den Bodenstein gebracht hatte, und bat seinen Freund, eine kleine eiserne Truhe herauszunehmen und auf den Tisch zu stellen. Dann sprach er in feierlichem Ton: »In diesem Kasten liegt der letzte Rest von dem großen Vermögen der Kaufherren van Eyk, deren Sproß meine selige Ehefrau gewesen ist. Das andere haben die spanischen Bluthunde geraubt. Noch reicht es aber aus, um ein Mädchen adelig auszustatten.« Er steckte den Schlüssel ins Schloß, und die Truhe sprang auf. Einige lange Rollen lagen darin und mehrere in Wolle gewickelte Gegenstände. »Diese Rollen, Freund, sind Gold!« sagte er, »jede enthält zweihundert Dukaten. Und diese Perlen« – er wickelte mit seinen zitternden Händen eine Schnur schöner, mattglänzender weißer Kugeln aus der Umhüllung – »diese Perlen, sagte man mir in Köln, sind mehr wert als all dies Gold zusammen.« Mit bodenlosem Erstaunen sah Herr Barthold dem allen zu. Ihm war zumute, als ob er träumte. Er ließ sich auf eine Bank fallen und blickte seinem Freunde mit so ratloser Verblüffung ins Gesicht, daß dieser lachen mußte. »Ja, lieber Wintzingerode, das hattest du wohl nicht erwartet? Noch bin ich kein Bettler, nein, wahrlich nicht«, sagte er nicht ohne Stolz. Barthold schlug sich mit der Faust auf das Knie, daß es laut schallte, und ganz fassungslos platzte er heraus: »Nein, bei Gott, nein, ich dachte, du hättest keinen roten Heller mehr. Das ist ja zum Tollwerden! Sind wir verhext? Haben wir eine Goldhexe auf dem Bodenstein? Vor ein paar Tagen schlagen wir zwei Gauner tot und nehmen ihnen heidenmäßig viel Geld ab! Jetzt kommst du mit Gold und Perlen zum Vorschein! Wir können ja einen Handel anfangen mit Juwelen, wenn's uns beliebt. Mich soll's nicht wundern, wenn es nächstens einmal eine Stunde lang Dukaten regnet auf dem Bodenstein!« »Das wäre ja auch kein Schaden«, entgegnete Hoven lächelnd, indem er seine Perlenschnur wieder einpackte und die Truhe verschloß. »Ich bitte dich, stelle den Kasten wieder an seinen Ort. Morgen kannst du ihn in dein festes Gewölbe schließen, da ist er doch am besten aufgehoben.« Barthold erfüllte den Wunsch seines Freundes und verließ ihn dann, denn Hoven wollte ruhen. Der Ausdruck grenzenlosen Staunens war noch nicht aus seinen Mienen verschwunden, und zuweilen schlug er sich mit der Hand gegen die Stirn, als wolle er sich vergewissern, ob er wache oder träume. Herrgott, war das eine seltsame Überraschung! Der Mann, den er für einen ausgeplünderten Bettler hielt, besaß ein Vermögen, und das Mädchen, das er für arm gehalten hatte wie eine Kirchenmaus, war eine Erbin, wie es nicht allzu viele gab auf dem mageren Eichsfelde. Plötzlich blieb er mitten auf dem Korridor stehn und riß die Augen weit auf, als sähe er etwas ganz Neues, Nieerschautes. Der Gedanke durchzuckte sein Hirn, daß diese fremde Jungfrau ganz gut seine Schwiegertochter werden könnte. Es war schwer, für seinen Sohn unter den alteingesessenen Familien des Landes eine Frau zu finden; denn man nannte ihn zwar Junker, und die jungen Hagen und Westernhagen und selbst die stolzen und reichen Hansteins verkehrten mit ihm wie mit ihresgleichen, aber als ganz ebenbürtig wurde er doch nicht angesehn. Das fühlte Barthold gar wohl, obgleich man es ihm verbarg. Schwerlich hätte eins dieser Geschlechter dem Sohne der Bauernmagd aus Immingerode eine seiner Töchter anvertraut. Nur wenn es gelang, ihn erbfolgeberechtigt zu machen, hätte man wohl über den Fehler seiner Geburt hinweggesehn. Herr Barthold hatte eigentlich noch nie über diese Frage nachgedacht. Heiratspläne für seinen Sohn zu schmieden, das hatte ihm ferngelegen, auch hatte er nie gemerkt, daß Klaus seine Augen auf irgendeine Maid geworfen hätte und mit Liebesgedanken umgegangen wäre. Nun aber ließ ihn der Gedanke nicht mehr los. Er begab sich nach dem Obergeschosse in ein abseits gelegenes großes Gemach, das fast leer stand und von den Schloßbewohnern gern gemieden wurde, weil sich unheimliche Sagen an den Raum knüpften. Dorthin zog sich der Ritter stets zurück, wenn er über irgendeine Sache scharf nachdenken wollte, denn dort störte ihn niemand. Auf und nieder schreitend erwog er bei sich den neugefaßten Plan und prüfte ihn von allen Seiten, und je länger er darüber nachdachte, um so mehr begeisterte er sich dafür. Alle die heiratsfähigen Töchter des Landadels in weitem Umkreise ließ er an seinem innern Auge vorüberziehn. Da war keine, die sich mit der Tochter seines Freundes hätte messen können. Denn der Himmel hatte es in seiner Weisheit so gefügt, daß die hübschen und wohlgestalten arm waren an Schätzen dieser Erde, während die reicheren Erbinnen fast ohne Ausnahme der leiblichen Schönheit bedenklich ermangelten. Jenes fremde Mädchen dagegen war nicht nur wohlhabend, sondern auch ohne Frage eine sehr anmutig gestaltete Person, vielleicht etwas zu fein und schlank für Herrn Bartholds Geschmack, aber wo war auf Erden etwas ganz Vollkommenes zu finden? Zudem hatte sie ein Wesen, das dem Ritter gefiel, es war ihm ein ganz behaglicher Gedanke, sich dieses Mädchen als seine zukünftige Schwiegertochter vorzustellen. Als er nach einer halben Stunde das Gemach verließ, stand es bei ihm fest, daß die beiden ein Paar werden müßten. Er beschloß, Klaus recht bald in seine Pläne einzuweihen, vorher aber die jungen Leute scharf zu beobachten, ob sich vielleicht ohne sein Zutun etwas zwischen ihnen anspinne. Da mußte er nun freilich zu seinem Erstaunen und steigenden Verdrusse wahrnehmen, daß die beiden sich gar nichts auseinander zu machen schienen. Ja, es kam ihm sogar vor, als ob eine Abneigung zwischen ihnen bestände. Betrat Klaus das Gemach, so huschte Barbara meist eilfertig hinaus; war das nicht möglich, so saßen sie stumm und steif da, redeten nicht miteinander, und ihre Blicke mieden sich beharrlich. Wäre Herr Bartholb in Liebessachen kundiger gewesen, oder hätte er auch nur seine kluge und verständige Hausfrau in seine Pläne eingeweiht, so wäre ihm der wahre Sachverhalt nicht lange verborgen geblieben. Denn Frau Käthe hatte mit weiblichem Scharfsinn längst erraten, wie es um die beiden stand. Es war ihr recht, denn sie hatte die junge Barbara schnell ins Herz geschlossen. Aber sie lächelte nur dazu und schwieg. Sollten die beiden sich finden, so fanden sie sich am besten ohne Zutun anderer, auch war sie ihrer Sache doch nicht so ganz sicher. Denn gerade in den letzten Tagen taten die jungen Leute gar so fremd und kühl gegeneinander. In Wahrheit hatte der Kuß im Hohlwege bei Wintzingerode eine Schranke zwischen den beiden aufgerichtet. Barbara konnte des Augenblickes nicht gedenken, ohne befangen und verlegen zu werden. Sie wagte nicht, den heimlich Geliebten anzublicken, damit er nicht in ihren Augen lesen könnte, wie gut sie ihm war. Zugleich war sie befremdet und verletzt, daß er sich seitdem so ganz abseits von ihr hielt, nicht mit ihr sprach, sie kaum zu beachten schien. Das kränkte sie tief, und sie weinte deshalb manche verborgene Träne. Ach, sie wußte nicht, wie bitter der brave Klaus sich selbst anklagte und wie hart er seine Seele strafte, weil er sich von seinem Gefühle so hatte hinreißen lassen! Niemals hätte sie es ja erfahren oder merken dürfen, wie heiß er sie liebte; denn er war ein armer Junker ohne gesicherte Zukunft, und sie war nach seiner Meinung ein Mädchen, für das der reichste Ritter im Lande nicht gut genug war. Er schämte sich, daß er seine hoffnungslose Liebe nicht ganz hatte verbergen können, und das machte ihn ihr gegenüber scheu und blöde. So war er froh, als endlich gegen Mitte des Januar die Straßen wieder passierbar wurden und er die Fahrt ins Braunschweigische antreten konnte. Beim Abschiede stand auch sie mit den anderen unter dem Schloßtor, um ihm das Geleit zu geben, und als er einmal die Augen zu ihr aufschlug, da begegnete er einem so traurigen, vorwurfsvollen Blick, daß es beinah um seine Fassung geschehen wäre. Aber er bezwang sich und grüßte sie nur förmlich und stumm. Hätte er gesehen, daß sie noch lange an den Pfeiler gelehnt dastand, als die andern die Burg wieder aufgesucht hatten, und mit Augen, die voll Tränen standen, ihm nachschaute, er wäre vielleicht umgekehrt und hatte ihr gesagt, wie sehr er sie liebte. Aber er sah es nicht, denn er schaute sich nicht um, sondern ritt düster vor sich hinblickend in schweren Gedanken den Berg hinunter. XVII. Kapitel. Am vierzehnten Januar hatte Klaus den Bodenstein verlassen, am Abend des zwanzigsten ritt er schon, auf der Heimreise begriffen, in Heiligenstadt ein. Er hätte ganz wohl die väterliche Burg noch an diesem Tag erreichen können, aber es dünkte ihm besser zu sein, mit der Kunde, die er heimbrachte, dem Vater in der Tagesfrühe entgegenzutreten. Denn der Bescheid, den ihm die Herzöge gegeben hatten, lautete nicht eben erfreulich für Herrn Barthold. Klaus hatte die braunschweigischen Vettern durch Zufall alle in Wolfenbüttel beisammen gefunden, wo sie sich bei Herzog Julius mit Jagden und allerlei Lustbarkeiten ergötzten. Jeder einzelne hatte ihn angehört, aber keiner hatte ihm auf eigne Hand eine Zusage gegeben, sondern sie hatten sich Bedenkzeit ausgebeten bis zum folgenden Tage. Dann hatte Herzog Julius ihn im Schloß empfangen und ihm den Bescheid gegeben: »Sagt Eurem Vater, daß wir uns seiner guten Dienste gern erinnern. Wir sind bereit, einen günstigen Vergleich zwischen ihm und dem Grafen von Hohnstein mit allem Nachdruck zu vermitteln, wenn er sich des Gedankens entschlägt, Euch ins Lehn zu bringen. Darin kann ihm kein Fürst des Reiches beistehn, denn wer das versucht, würde Kaiser und Reich wider sich aufregen. Euer Vater wagt die Acht und Aberacht der kaiserlichen Majestät, wenn er auf seinem Sinne bestehen will. Übergebt ihm dieses Schreiben. Ich habe ihn darin mit Ernst zu Versöhnlichkeit und pflichtmäßiger Unterordnung unter seinen Lehnsherrn ermahnt.« Klaus war mit einer Verneigung zurückgetreten, um das Zimmer zu verlassen, aber der Herzog hatte ihn noch einmal zurückgerufen. Mit seinen scharfen, durchdringenden Augen dem jungen Manne fest und lange ins Antlitz blickend, hatte er gesagt: »Es sollte mir von Herzen leid sein um Euern Vater, wenn er sich durch seinen starren Trotz selber ein hartes Geschick bereitete. Die Zeiten, wo ein Ritter dem Reiche trotzen konnte, sind vorüber und kommen nicht wieder. Er soll an Wilhelm von Grumbach denken. Sagt ihm, er möge Euch in meine Dienste stellen. Ihr artet, wie ich sehe, ihm nach und dürftet mit der Zeit einen tüchtigen Rittmeister abgeben.« Der überraschte Klaus hatte mit nicht gerade wohlgesetzten, aber ehrlich gemeinten Worten gedankt und dann gefragt: »Werden mich Euer Gnaden auch aufnehmen, wenn ich ohne den Segen meines Vaters komme? Denn bleibt er hart, so muß ich seinem Willen entgegen handeln.« Da hatte ihm der Herzog freudig auf die Schulter geschlagen und gerufen: »Dann erst recht! Ihr seid ein wackerer junger Mann!« Nun war Klaus fest entschlossen, dem Vater seinen Verzicht auszusprechen und, wenn es nötig würde, des Herzogs Hülfe anzunehmen. Am Abend aber mochte er dem alten Herrn nicht mit solchen Dingen vor die Augen kommen, deshalb kehrte er im roten Hirsch zu Heiligenstadt ein und blieb mit seinen Knechten die Nacht in der Herberge. Erst am folgenden Morgen traf er auf dem Bodenstein ein. Er betrat die große Halle, wo um diese Zeit die Familie gewöhnlich beim Frühstück zu sitzen pflegte, aber dort war niemand von den Seinen mehr zu finden. Die Schloßfrau sei mit ihren Töchtern in die Küche gegangen, erzählten die aufwartenden Mädchen, Herr Barthold dagegen habe die kleine Rüstkammer aufsuchen wollen. Dieser Raum lag im östlichen Seitenflügel der Burg gerade über der Schloßkapelle, am Ende eines langen Korridors. Was die Kammer barg, war des Ritters besonderer Stolz, denn hier bewahrte er die schönsten und kostbarsten seiner Waffen auf. Da glänzten Prunkharnische an den Wänden und fein gearbeitete Turnierhelme neben blanken Stahlhauben, da hingen die Schwerter, die seine Ahnen geführt hatten, meist Klingen von gewaltiger Größe und Schwere, eiserne Zeugnisse davon, daß die von Wintzingerode niemals ein Geschlecht von Schwächlingen gewesen waren. Herr Barthold kam oft in dieses Gemach, nicht nur der Ordnung halber, sondern vor allem, um seine Augen zu weiden an dem kriegerischen Glanze. Es gab kaum einen Anblick, der ihm so das Herz erfreute, und wenn sich der Ritter in gehobener Stimmung befand, so pflegte er mit großer Kraft, wenn auch ohne sonderliche Kunst, Volkslieder vor sich hinzupfeifen. Dabei gab er den schwermütigsten Melodien entschieden den Vorzug, und so tönte Klaus schon von weitem, als er die Treppe emporschritt, die düstere Weise entgegen: »Ich Hab' die Nacht geträumet – Wohl einen schweren Traum.« Pfiff Herr Barthold dieses Lied, so war er auf dem Gipfel seines seelischen Wohlbefindens angelangt. Das wußte Klaus gar wohl und deshalb verlangsamte er unwillkürlich seinen Schritt. Es wurde ihm gar zu schwer, gerade jetzt seinem Vater mit seinem Entschluß entgegenzutreten. Aber gleich darauf reckte er sich empor, als gälte es, eine Schwäche abzuschütteln. Was sollte der Aufschub nützen? Jetzt war die Stunde gekommen, in der Klarheit werden mußte zwischen ihm und seinem Vater, und diese Stunde sollte ihn stark finden. Er schickte sich an, die letzten Stufen emporzusteigen, da kam ihm von oben eine weibliche Gestalt mit schnellen, leichten Tritten entgegen, die hastig die Treppe hinabeilen wollte. Ehe er sich's versah, hielt er Barbara in seinen Armen. Einen Augenblick war er wie betäubt, aber auch nur einen Augenblick, dann gingen seine Sinne mit ihm durch. Sie war in heftigem Anprall von oben her an seine Brust angerannt und war offenbar tödlich erschrocken, denn sie stand regungslos wie er selbst. Aber als er so die lebenswarmen Glieder im Arme hielt und den Atem der Geliebten an seiner Wange fühlte, da kam es wie ein Rausch über ihn, alle seine ernsten Vorsätze waren wie hinweggeweht. Er preßte sie mit seinen starken Armen wild an sich und küßte sie heiß und durstig wieder und wieder und flüsterte dazwischen Worte der Liebe, tolle, unzusammenhängende Worte in ihr Ohr. Barbara sträubte sich nicht. Die Seligkeit des Augenblickes überwältigte sie ganz und gar. Sie dachte nicht an das, was zwischen ihnen etwa stehen mochte, nicht an die Schatten der Zukunft, sie empfand nur das eine, daß sie unaussprechlich glücklich war in seiner Liebe. Sie hatte in den letzten Tagen keinen anderen Gedanken gehabt als nur an ihn, sein Bild hatte vor ihrer Seele gestanden im Wachen und Träumen. Sie wußte, daß sie nicht mehr von ihm lassen konnte, daß sie elend werden mußte, wenn sie nicht die Seine würde. Nun lag sie an seinem Herzen, seine Arme umfingen sie und sein Mund flüsterte ihr zu: »Barbara, Liebste! Hast du mich auch lieb? Willst du mein werden, mein Weib?« »Ja, ja!« stammelte sie bebend zurück und schmiegte sich fester an ihn an. »Ich bin dein.« Wieder einten sich ihre Lippen in einem langen, innigen Kuß. Dann sprach Klaus: »Gott hat meine Reise gesegnet. Die Herzöge helfen dem Vater nicht, er muß nachgeben. Bleibt er aber starr, so gehe ich zu Herzog Julius von Wolfenbüttel. Er hat mir's selbst angeboten. Ich soll in seine Dienste treten. Erhalte ich beim Herzog eine Bestallung, so kann ich um dich werben. Dein Vater wird dich mir nicht verweigern. Aber du mußt warten, liebstes Mädchen, willst du?« »Ich will, was du willst!« »Es wird auf jeden Fall das Beste sein, daß ich so bald wie möglich in eines Fürsten Dienst trete«, fuhr Klaus fort. »Ich muß mich selbst vorwärts bringen in der Welt, darum kann ich nicht hier bleiben. Ich will das dem Vater vorstellen, und das soll gleich geschehen. Heute gegen Abend, wenn die Vesperglocke läutet, komm in die Kapelle. Dort sind wir ungestört, da will ich dir kundtun, was ich mit ihm vereinbart habe.« »Ich komme!« flüsterte die Jungfrau. Noch einmal umarmten sich die Liebenden, dann eilte Barbara die Stufen hinab, Klaus dagegen schritt mit schweren Tritten den Korridor entlang, um mit dem Vater über sein Schicksal zu reden. Eine andere Stunde wäre ihm lieber gewesen, denn das Herz war ihm übervoll. Aber er mußte dem Vater doch einmal Rede stehen, sowie er seine Rückkehr erfuhr, und es war ihm lieb, daß die Unterredung ohne Zeugen stattfinden konnte. So trat er denn nach kurzem Zaudern in das Gemach, dessen Tür halb offen war. Herr Barthold stand mit gerötetem Antlitz, eine schwere Sturmhaube auf dem Haupte tragend, mitten in dem Raum und ließ eben eine gewaltige, spiegelblanke Klinge prüfend durch die Luft sausen. Bei seines Sohnes plötzlichem Eintreten brach er sein Pfeifen ab und ließ die Waffe sinken. »Sieh da, Klaus!« rief er höchlich überrascht. »Du bist schon zurück! Das ist ja kaum möglich. Hast du die braunschweigischen Herren nicht getroffen? Oder hast du einen Unfall bei der Reise gehabt? Fast scheint mir so, denn du siehst aus wie Regenwetter. Berichte! Doch zuerst: willkommen!« Klaus legte seine Rechte in die ausgestreckte Hand seines Vaters, mit der Linken zog er aus dem Wams ein versiegeltes Schreiben. »Ich bringe dir unwillkommene Botschaft, Vater«, sagte er. »Die braunschweigischen Herren haben mich abschlägig beschieden. Hier der Brief vom Herzog Julius enthält das Weitere.« »Gib her!« rief Herr Barthold mit gefurchter Stirn und riß ihm das Schreiben aus der Hand. Dann setzte er sich auf die niedrige Bank an der Wand dicht bei dem Fenster und las es, ohne dabei ein Wort zu sprechen, bis zum Ende durch. Er bedurfte lange Zeit, bis er damit fertig geworden war. Dann ballte er es mit einem harten Auflachen zusammen und warf es in eine Ecke. »Das ist die Treue der Fürsten!« sagte er grimmig und stieß mit dem Schwert, das er zwischen den Knien hielt, auf den Estrich. »Es steht geschrieben: Du sollst auf den Herrn vertraun und dich nicht verlassen auf Fürsten. Diese Welfen! Was habe ich für sie getan! Und nun lassen sie mich im Stich. Der Flaumbart Julius predigt mir wie ein Pfarrer Frieden, Versöhnung, Unterwerfung. Aber ich werde euch den Teufel tun, ihr Herren! Gott hat mir die Mittel gegeben, daß ich mich wehren kann. Ich will dem Jammergrafen von Hohnstein schon allein zeigen, was er gegen mich vermag, und wenn er zehnmal die Hülfe des Pfaffen von Mainz erhält.« »Wenn aber der Erzbischof mit seiner ganzen Macht kommt? Was dann?« fragte Klaus eindringlich. Der Ritter zuckte spöttisch die Achseln. »Hast du je gehört, daß sich ein Wolf in den Kampf begibt, um einem andern die Beute zu gewinnen?« »Wenn er nun aber die Beute für sich selbst begehrte?« warf Klaus ein. »Ach Narrheit und Unsinn!« brauste Herr Barthold auf. »Hat dich Bertram angesteckt mit seinen albernen Befürchtungen?« Klaus schwieg eine kleine Weile, dann sagte er mit einem tiefen Atemzuge: »Ja, Vater, ich bin von Bertrams Meinung durchaus überzeugt.« Herr Barthold fuhr von der Bank in die Höhe und warf Klaus einen blitzenden Blick zu, während ihm die Röte des Zornes ins Antlitz stieg. Aber noch beherrschte er sich und sagte mit angenommener Kälte: »Mein Sohn, du hast einen guten, schnellen Verstand. Aber ich bin auch nicht auf den Kopf gefallen und kenne zudem die Welt fast vierzig Jahre länger als du. Ich weiß besser, was möglich und unmöglich ist. Deshalb verlange ich, daß du dich meiner väterlichen Einsicht beugst, und wünsche nicht, von dir oder von Bertram gute Lehren zu empfangen. Darnach richte dich und schweige. Ich will den Unsinn nicht hören. Es tut mir sehr leid, daß du dich von den Schwachköpfen betören läßt.« Klaus trat einen Schritt zurück. Jeder Blutstropfen war aus seinem Gesicht gewichen, und er zitterte am ganzen Körper, als er erwiderte: »Zürne mir nicht, Vater, wenn ich einmal, nur einmal dir nicht gehorche. Ich muß reden, mein Gewissen treibt mich dazu. Du willst etwas tun wider Recht und Ordnung des Reiches – um meinetwillen, aus Liebe zu mir. O wie danke ich dir für deine Liebe! Du weißt, daß auch ich dich liebe, wie nur ein Sohn seinen Vater lieben kann. Aber deshalb darf ich nicht, ich darf nicht zusehn, wie du für mich zugrunde gehst. Du kannst den Kampf nicht bestehn, den du ausfechten willst. Das glaubt jeder, der's mit dir wohlmeint, nur du nicht. Ach, ich bitte dich, von Herzen bitte ich dich, laß uns aus dem Wege schaffen, was den Frieden hindert. Laß mich entsagen, damit Friede werden kann zwischen dir und dem Grafen!« Während Klaus diese Worte hervorstieß, war Herr Barthold fast ebenso tief erblaßt, wie sein Sohn. Mit weitgeöffneten Augen lehnte er sich, auf sein Schwert gestützt, vorwärts und starrte dem hocherregten jungen Manne ins Gesicht, als zweifle er an seinem Verstande. »Was soll das heißen? Was willst du tun?« fragte er endlich mit heiserer Stimme. »Verzichten will ich auf das Erbe, das mir von Rechts wegen nicht gehört!« rief Klaus. »Ich will nicht, daß ein Krieg entsteht und Blut fließt um meinetwillen. Ich will nicht, daß du in Schmach und Tod gehst, wie der fränkische Ritter, den sie in Gotha hingerichtet haben. Ich will allem Hader ein Ende machen, und ich bitte dich, Vater, um Gottes willen, daß du mir das erlaubst.« Herr Barthold sah mit sprühenden Augen seinem Sohne ins Gesicht. »Und wenn ich's nicht erlaube?« »Dann«, entgegnete Klaus fest, »dann muß ich tun, was ich für recht halte und meinen Verzicht aussprechen wider deinen Willen. Gott wird mir die Sünde verzeihen, daß ich gegen meines Vaters Gebot handle.« Bei diesen Worten nahm des Ritters Antlitz einen geradezu furchtbaren Ausdruck an. Es schien wie in Blut getaucht, schwere Zornesadern wölbten sich auf seiner Stirn, und seine Augen flammten. Er sprang mit einem Satze auf Klaus zu und seine Hand krallte sich in das Wams auf seiner Brust. »Bube! Willst du deinen Vater zum Gelächter machen? Habe ich das um dich verdient? Willst du mir trotzen? Sage sofort, daß du gehorchen willst!« »Darin kann ich dir nicht gehorchen!« rief Klaus dagegen. »Vater, höre mich, ich bitte dich!« Aber Herr Barthold schnitt ihm mit einem Wutschrei das Wort ab. »Gehorchen sollst du!« brüllte er. »Gehorchen soll der Sohn dem Vater. Das ist Gottes Gebot. Gib mir dein Wort, daß du wider meinen Willen nichts tun und reden willst! Ich fordere es, ich, dein Vater!« »Ich kann nicht. Ich kann und darf nicht!« rief Klaus und sank auf die Knie. »Vater, ich flehe dich an, laß mich verzichten!« »Du kannst nicht?« schrie Herr Barthold. »So? Du willst mir also Trotz bieten? Nun, mein Söhnchen, ich will dir dazu helfen, daß du zur Besinnung kommst. Noch einmal: Dein Wort, daß du nichts tust ohne meinen Willen!« Klaus schüttelte traurig das Haupt, während er sich von den Knien erhob. Da sprang Herr Barthold mit einem Satze nach der Tür, stürzte hinaus und schlug sie zu. »So, mein Sohn!« knirschte er draußen, während er den starken Eisenriegel vorstieß. »Hier bleibst du, bis du Vernunft angenommen hast. Bei meinem Eide, ich will dich lehren, meinem Willen zu gehorchen!« Er stürmte davon, Klaus hörte seine Schritte die Treppe hinunter poltern und vernahm noch, wie er unten eine Tür schmetternd zuwarf. Dann ward es still. Der Junker stand zuerst da, als träume er. War das möglich? Er war ein Gefangener, der Gefangene seines Vaters? Wie einen Reiterjungen, der Unfug angerichtet, hatte sein Vater ihn eingesperrt. Alles Rütteln an der starken, eisenbeschlagenen Tür nützte nichts, das wußte er von vornherein. Deshalb machte er gar keinen Versuch, sich selbst zu befreien, sondern ließ sich stumm auf der Bank nieder, und mit Schmerz und Groll im Herzen starrte er finster vor sich hin. Was sollte nun werden? Sein Vater gab nicht nach, das wußte er jetzt. Es war dem alten Eisenkopfe wohl zuzutraun, daß er ihn gefangen hielt, und wenn es Jahr und Tag dauerte. Dann nützte sein Entsagen nichts mehr. Konnte er dem Grafen von Hohnstein nicht in den nächsten Wochen Kunde geben von seinem Verzichte, so ward es zu spät. Dann wurde der Vertrag abgeschlossen, und ein römischer Kirchenfürst wurde Oberlehnsherr über den Bodenstein. Wenn sich dann sein Vater nicht unterwarf, so konnte das schwerste Unheil über ihn selbst und das ganze Haus kommen. Und wie war es zu denken, daß der Ritter vor dem so bitter gehaßten Pfaffen von Mainz zu Kreuze kriechen würde! Klaus stöhnte bei diesem Gedanken und sprang jäh von seinem Sitz empor. Wie ein Wahnsinniger rannte er in dem Gemach auf und nieder und rang die Hände und wußte nicht, ob er beten oder fluchen sollte. Plötzlich aber stand er still. Ein scharfer, heller Ton klang durchs Fenster herein. Man läutete die kleine Glocke, die neben dem Tore hing. Damit pflegte der Burgherr den Knechten das Zeichen zu geben, daß sie sich auf dem inneren Burghof zu versammeln hätten. Irgend etwas Wichtiges, Ungewöhnliches mußte vorgefallen sein. Da klirrte der Riegel, die Tür flog auf, und Barbara stand auf der Schwelle, schneebleich bis in die Lippen. »Ich weiß alles! Fliehe, so schnell du kannst!« stieß sie mit fliegendem Atem hervor. »Dein Vater schäumt und tobt unten. Er will dich gefangen halten, bis du nachgibst. Eben läßt er die Leute zusammentreten. Keiner soll dir helfen, aus der Burg zu kommen, bis du gehorchst. Noch ist es Zeit, durch das hintere Pförtchen –« Sie brach ab, preßte die Hand aufs Herz und wankte, als ob sie ohnmächtig hinsinken wolle. Klaus fing sie in seinen Armen auf und zog sie an seine Brust. Einige Augenblicke lag ihr Haupt mit geschlossenen Augen an seiner Schulter, aber sie raffte sich sogleich wieder auf und entwand sich seiner Umarmung. »Flieh, flieh!« rief sie in höchster Angst. »Jetzt ist keine Zeit zu verlieren! Um Gottes willen flieh!« Klaus setzte sich Herrn Bartholds Eisenhaube aufs Haupt und umgürtete sich eilig mit dem Schwerte. Helm und Schwert hatte er unten liegen lassen, im übrigen war er gestiefelt und gespornt. »Du hast recht!« rief er hastig. »Es ist die höchste Zeit. Leb wohl, Liebste, Liebste! Tausend Dank. Du hörst von mir. Ich reite zu Bertram nach dem Scharfenstein, dann zum Herzog.« Noch einmal preßte er sie an sein Herz, dann stürmte er den Korridor entlang, die Stiegen hinunter und gewann ohne jeden Anstoß durch das Hinterpförtchen das Freie. Er eilte durch den Burggraben um die Hauptburg herum nach dem Hofe der Vorderburg. Dort war alles leer, nur der Torwächter lehnte an seinem Spieß. Er durfte seinen Posten unter keinen Umständen verlassen, und war deshalb nicht mit über die Zugbrücke nach der inneren Burg gegangen. Auch im Pferdestalle war kein Mensch. Klans zog seines Vaters riesigen Goldfuchs aus dem Verschlag, legte ihm selbst in fieberhafter Eile Sattelzeug, Zaum und Gebiß an und führte ihn in den Hof. Er schwang sich auf, der Wächter öffnete ihm das Tor, und als ein Flüchtling ritt Junker Klaus aus der Burg seines Vaters hinweg, einem ungewissen Schicksal entgegen. XVIII. Kapitel. Es war wohl die bitterste Stunde in Herrn Bartholds Leben, als er sich von seines Sohnes heimlicher Flucht überzeugen mußte. Als man ihm meldete, der Junker sei verritten, wollte er es zuerst überhaupt nicht glauben, sondern zuckte nur die Achseln und meinte, der Torwärter müsse geschlafen und geträumt haben. Als aber Jacob Holstein bestätigte, der Fuchs sei fort, der das schnellste und stärkste Tier des Stalles war, da fuhr er mit einem grimmigen Scheltwort empor und stürmte nach der kleinen Rüstkammer, wo er den Gefangenen sicher verwahrt wußte. Von dort war er nach Stunden erst zurückgekommen, blaß, stumm, mit erloschenem Blick, war, ohne jemand anzusehen, in sein Gemach geschritten und hatte es hinter sich fest verriegelt. Keinem gewährte er Einlaß, selbst auf die Bitten und Tränen seiner Frau hatte er keine Antwort. Hätte einer in das Zimmer hineinblicken können, so hätte er gesehen, wie der Ritter lang ausgestreckt auf seinem Bett auf dem Rücken lag, die Hände unter dem Haupt verschränkt haltend und mit heißen, brennenden Augen zur Decke aufwärts starrend. Zumeist lag er ganz steif und regungslos, nur zuweilen hob ein tiefer Seufzer die breite Brust, und es klang durch das Gemach wie ein schauriges Stöhnen. Herr Barthold betrauerte seinen Sohn wie einen Toten, ja, was Klaus getan, hatte ihn vielleicht noch tiefer getroffen, als sein Tod es vermocht hätte. Denn nichts haßte der Ritter so sehr, nichts erschien ihm so gemein und verächtlich, wie Untreue und Feigheit, und beides glaubte er in der Tat seines Sohnes zu erkennen. Wie konnte sich denn ein Sohn von seinem Vater lösen? War das nicht wider alles göttliche und menschliche Recht? Wäre er hart und lieblos, ungerecht und tyrannisch mit dem Sohne verfahren, so hätte er ja ein trotziges Aufbegehren des Mißhandelten und Unterdrückten verstehen können. Denn er war Blut von seinem Blute. Aber Klaus war sein Liebling gewesen von frühester Kindheit an, und er hatte ihn auch seine väterliche Liebe und Zuneigung allezeit fühlen lassen. Wie konnte ihm sein Sohn das Herzeleid und die Schmach antun, ihn zu verlassen gerade in der Zeit, wo er einen gefährlichen Kampf auf sich genommen hatte, um eben diesem Sohn das alte Erbe seines Geschlechtes zu verschaffen! War das nicht Felonie? Es sollte kein Kampf geführt werden, kein Blut fließen um seinetwillen, hatte Klaus gesagt. Der Ausdruck tiefster Verachtung trat in Herrn Bartholds Gesicht, als er dieses Wortes gedachte. Sprach so ein Mann, der ein Schwert trug? War das nicht geredet, wie ein altes Weib? Wer den Kampf scheute, der blieb ein Knecht in dieser eisernen Welt und mußte sich ducken. So konnte sein Sohn reden und handeln, sein Sohn, in dem er sein Ebenbild gesehen hatte, dem er niemals auch nur einen Gedanken der Feigheit und der Treulosigkeit zugetraut hätte! Wenn solches geschehen konnte, auf wen mochte man dann überhaupt noch trauen! Gab es noch einen Menschen, auf dessen Treue er sicher bauen konnte? Wenn sein Sohn ihn heimlich im Stich ließ, wer bürgte ihm dafür, daß sein Weib und seine Töchter fester an ihm hingen? Wie war das nur gekommen? Fremde Leute hatten dem jungen Menschen durch ihre glatten Reden das unerfahrene Hirn verwirrt. Klaus hatte schon seit längerer Zeit ein stilles, gedrücktes Wesen zur Schau getragen, und es kam jetzt Herrn Barthold wohl ins Gedächtnis, daß er hier und da Bedenken geäußert hatte, ob man auch stark genug sein werde, die Fehde mit dem Hohnsteiner zu bestehen, und daß er überhaupt nicht der ganzen Sache den Eifer zugewendet hatte, den man wohl hätte erwarten dürfen. Vielleicht hatte schon der Pfarrer solche Gedanken in seiner Seele angeregt, denn Herr Conrad Schneeganß hatte nie ein Hehl daraus gemacht, daß er des Ritters Plan für unrecht und dazu hochgefährlich erachte. Aber erst seit der Unterredung mit Bertram konnte der Entschluß in ihm gereift sein, dem Erbe zu entsagen und damit der Fehde ein Ende zu machen. So hatte denn der schlaue Hohnsteiner sein Ziel erreicht! Wie konnte er sich nun ins Fäustchen lachen! Sein Werkzeug, Bertram, hatte ja ausgezeichnet gearbeitet. Da er ihn, den alten welt- und menschenkundigen Mann, nicht hatte betören können, so hatte er sich an den arglosen Junker herangemacht. Er hatte ihn so zu beschwatzen gewußt, daß er es noch für ein gutes Werk hielt, wenn er seinen Vater im Stiche ließ. Das war eine perfide Hinterlist von Bertram, mochte er nun Betrüger oder selbst Betrogener sein. Eine furchtbare Wut stieg in Herrn Bartholds Seele empor, wenn er daran gedachte. Er hätte den ränkevollen Grafen und den gleißnerischen Vetter mit seinen Händen erdrosseln können, denn Ärgeres hatte ihm noch nie ein Mensch angetan. Aber sie sollten sich verrechnet haben. Nun erst recht sollte von Friede und Unterwerfung keine Rede sein. Schon vorher war er stärker gewesen als sein Lehnsherr, jetzt vollends war er ihm durch den unerhofften großen Geldgewinn entschieden überlegen. Für Geld war ja alles feil, Soldknechte und Harnische, Pferde und Geschosse. Nun wollte er Krieg führen mit dem Hohnsteiner, nicht um ihn zur Nachgiebigkeit zu zwingen, sondern um seine Rache zu kühlen an dem stolzen Herrn, der ihm den Sohn hatte verführen lassen. Vielleicht kam eine Stunde, wo der Graf den Tag verfluchte, an dem er ihm, Barthold von Wintzingerode, zuerst entgegengetreten war, wo er demütig kommen mußte, um den Frieden zu erbitten. Dann mußte er ihm den Bodenstein und das ganze Gericht als freies Eigen überlassen, und Bertram hatte trotz seiner Schlauheit das Nachsehen. Denn wenn nun einmal nach Gottes Willen kein Sohn von ihm auf dem Bodenstein Herr sein sollte, so mochte wenigstens seine Tochter, die stolze, schöne Anna von Bünau, hier nach ihm gebieten. – Als am nächsten Morgen früh die Familie und das Burggesinde in sehr gedrückter Stimmung beim ersten Imbiß saß, öffnete sich plötzlich die Tür, und Herr Barthold trat ein. Ohne ein Wort zu sprechen, ging er mit schnellen Schritten zu seinem gewohnten Sitze, dort blieb er stehen, richtete sich straff zu seiner ganzen Länge empor und ließ seine blitzenden Augen im Kreise umhergehen. »Meine lieben Hausgenossen«, begann er mit einer Stimme, die wie grollender Donner klang. »Wie ihr wißt, ist mein Sohn Klaus mir untreu geworden und ist gegen meinen Willen und Befehl von der Burg gewichen. Somit sage ich mich los von ihm, wie er sich von mir losgesagt hat. Er ist tot für mich, er sei tot für euch! Bei meinem höchsten Zorn verbiete ich jedem, in meiner Gegenwart hinfort seinen Namen zu nennen!« Darauf setzte er sich nieder und griff zum Messer. Das Gesinde saß wie erstarrt da und wagte kaum zu atmen. Über Frau Käthes Antlitz rollten zwei große Tränen, die junge Sophie wurde vor Schrecken ganz weiß und blickte mit ihren großen runden Augen scheu und verstört nach dem Vater hinüber. Alle schwiegen. Barbara aber konnte sich nicht beherrschen, sie brach in ein lautes Weinen aus und eilte zur Tür hinaus. Herr Barthold tat, als bemerke er es nicht. Indessen sollte der Ritter sogleich sehr nachdrücklich daran erinnert werden, daß man einen Menschen sich nicht aus dem Herzen verbannen und aus dem Leben streichen kann, der einem jahrelang einer der Nächsten gewesen ist. Denn noch war das schweigsame Frühmahl nicht beendet, als draußen schnelle Schritte hörbar wurden. Die Tür ward hastig aufgerissen, und der Pfarrer stand erhitzt und atemlos in der Halle. »Ich bringe Euch Nachricht von Eurem Sohne«, rief er Herrn Barthold zu. »Ich habe keinen Sohn«, erwiderte dieser eisig. »Was heißt das?« stammelte der Pfarrer bestürzt. »Das heißt«, sagte Herr Barthold mit schneidender Stimme, »daß der mein Sohn nicht mehr ist, der mich feige verläßt. Er bedanke sich dafür bei denen, die ihn durch Narrenreden verführt haben, worunter – irre ich nicht – auch Ihr gehört, Herr Conrad Schneeganß!« Ein haßfunkelnder Blick aus seinen mächtigen Augen traf dabei den Pfarrer. Der aber hielt ihn ruhig aus, trat unerschrocken an den Tisch heran und sagte ernst und feierlich: »Darüber ein andermal, Herr! Jetzt habe ich anderes zu künden. Gott der Herr selbst will Euer Herz weich machen. Euer Sohn Klaus ist vor noch nicht zwei Stunden am Brunnen unter dem Scharfenstein mit einer schweren Wunde in der Brust leblos aufgefunden worden.« Einen Augenblick war es totenstill nach diesen Worten. Dann aber brach ein unbeschreibliches Getöse aus. Alle fuhren von ihren Sitzen in die Höhe, und Rufe des Entsetzens erschollen von allen Seiten. Auch Herr Barthold taumelte empor, sank aber sogleich in seinen Stuhl zurück. »Er ist tot?« ächzte er. »Gott sei Dank, nicht!« versetzte der Pfarrer. »Die Wunde ist furchtbar, und er hat viel Blut verloren, aber noch ist nicht alle Hoffnung vergeblich. Aber eilt, Herr, eilt! Herr Bertram läßt Euch bitten, sofort hinüberzureiten. Wer weiß, ob Ihr ihn noch am Leben findet.« Herr Barthold saß eine Weile wie gelähmt mit stieren Blicken und fahlem Gesicht da. Auf einmal aber stieß er einen wilden Schrei aus, und ein wahrhaft entsetzlicher Ausdruck von Wut und innerer Qual trat in sein Antlitz. »So? Ich soll hinüberreiten? Wer bürgt mir, daß ich zurückkomme? Erst läßt man den Sohn verführen, dann schlägt man ihn meuchlings im Walde nieder, dann soll der Halbtote den Vater ins Garn locken? Eines Teufels würdig, solch ein Plan! Gott verdamme den Grafen von Hohnstein und alle seine Helfershelfer!« Der Pfarrer trat erschrocken zurück und rang die Hände. Wie sollte er diesen Verdacht entkräften? Der alte Mann, der im Laufe seines Kriegerlebens so viel List und Verrat, Gemeinheit und Teufelei gesehen hatte, war durch bloße Beteuerung nicht zu überzeugen. Was nützte es, wenn er ihn auf den ehrenhaften Charakter Bertrams hinwies? Bertram war für den Tiefgereizten der schlaue Verführer seines Sohnes, dem er, ebenso wie dem Hohnsteiner, jetzt das Schlimmste zutraute. Es entstand eine schwüle Stille. Da öffnete sich wieder die Tür, und Barbara trat herein. Sie hatte draußen von dem Knechte des Pfarrers alles erfahren. Mit versteinerten Zügen und unnatürlich weit geöffneten Augen trat sie an den Tisch heran, wo Herr Barthold saß, und ihm starr ins Gesicht blickend, fragte sie: »Ihr reitet hinüber, Herr?« »Ich kann nicht«, stöhnte der Ritter. »Die Schurken stellen mir eine Falle, sie wollen mich fangen.« »Dann gehe ich hinüber«, sagte die Jungfrau fest. Frau Käthe fiel ihr mit einem halberstickten Schrei um den Hals und brach in Tränen aus. Von allen Seiten erklang dumpfes Beifallsgemurmel. »Du?« rief Herr Barthold. »Wie kommst du dazu?« »Euer Sohn hat mir Leben und Ehre gerettet!« rief Barbara. »Aber das ist es nicht allein, was mich zu ihm treibt. Ich will die Wahrheit sagen.« Sie stockte, und Purpurglut trat ihr ins Antlitz, als sie mit leiser Stimme fortfuhr: »Ich bin Eures Sohnes verlobte Braut, Junker Klaus hat mir gesagt, daß er mich liebe und mich zu seinem Weibe machen wollte. Mein Vater, das wußte ich, hätte mich ihm nie verweigert, denn er dankte ihm ja auch sein Leben. Und auf Euern Segen hofften wir.« Herr Barthold sank stöhnend in seinen Stuhl zurück. »Den hättet ihr gehabt«, sagte er mit erstickter Stimme. »Es war mein Wunsch, euch zu vermählen. Ach Gott, wie hätte alles anders kommen können!« Da stürzte Barbara zu ihm hin, schlang ihre Arme um seinen Hals und rief unter leidenschaftlichem Schluchzen: »Und ich Unselige habe ihn in die Todesgefahr gebracht! Ich billigte seinen Plan, er erschien mir schön und edel! Ich habe die Riegel zurückgeschoben und ihm zur Freiheit verholfen. Ich wollte sein Bestes. Ich konnte nicht anders! O verzeiht mir, verzeiht mir! Ich konnte ja nicht anders!« Herr Barthold saß ganz still da und rührte sich nicht. Er war noch bleicher als vorher, und seine Brust hob und senkte sich unter schweren Atemzügen. Endlich sprach er müde und langsam: »Wer will die Natur ändern? Das Weib muß dem zu Willen sein, den es liebt. Ich zürne dir nicht, Kind, du tatest, was du mußtest. Nun sage deinem Vater, was du tun willst, und dann reite getrost hinüber. Dir droht im Scharfenstein keine Gefahr. Ihr, Pfarrer, werdet ihr das Geleit geben. Jacob und Lips mögen mit Euch reiten.« Barbara löste ihre Arme von seinem Halse und sank vor seinem Stuhl nieder. »Und was soll ich ihm von Euch sagen, wenn er zu Leben und Bewußtsein erwacht?« fragte sie flehend. Der Ritter schwieg eine Weile, und in seinen Zügen arbeitete eine heftige Bewegung. Endlich erwiderte er: »Sage ihm, sein Vater bete stündlich um seine Genesung. Und wenn Gott ihn gesund machen sollte und er als gehorsamer Sohn – verstehe mich wohl – als gehorsamer Sohn zurückkehren wolle, so solle alles vergessen sein.« Barbara erhob sich von den Knien und erfaßte seine Hand. »So lebt wohl«, sagte sie. »Halt!« rief Herr Barthold. »Noch eins. Es ist möglich, daß Bertram meinen Sohn nicht zurückkehren läßt, wenn er mir gehorchen will. Denn der Diener eines Schuftes muß handeln wie ein Schuft, wenn ich auch nicht glaube, daß er um den Mordversuch gewußt hat. Das sähe einem Wintzingerode doch zu unähnlich. Das wird der Wolf von Hohnstein getan haben auf eigne Hand. Will er aber Klaus hindern, seine Sohnespflicht zu erfüllen, wenn Gottes Gnade ihn gesund macht, so sage ihm« – hier nahm des Ritters Stimme den alten stählernen Klang wieder an – »sage ihm, es seien schon zwei Geschütze von Erfurt unterwegs nach dem Bodenstein, denen die Mauern des Scharfensteins nicht drei Tage widerstehen könnten. Und nun gehe! Gott mit dir.« XIX. Kapitel. Düster und still verging für die Bewohner des Bodensteins der Tag. Die Knechte schlichen scheu umher und wagten kein lautes Wort, selbst die Mägde dämpften ihre Stimmen zum Flüstern und waren verhältnismäßig schweigsam. Frau Käthe und ihre Tochter Sophie saßen mit verweinten Augen am Spinnrocken, keine sprach ein Wort, nur hin und wieder ward ein Seufzer hörbar. Drüben aber in seinem Gemache schritt Herr Barthold mit schweren Tritten ruhelos auf und nieder, wie ein alter Löwe in seinem vergitterten Käfig. Barbara hatte ihm versprochen, sogleich Botschaft zu senden, wenn der Bewußtlose zum Leben zurückgekehrt sei, aber diese Botschaft war ausgeblieben, obwohl die sinkende Wintersonne bereits die Wolkensäume purpurn zu färben begann. Zuweilen hielt der Ritter an und horchte auf Schritte, die draußen erklangen, und wenn sie dann verhallten, fuhr er sich verzweiflungsvoll durch das Haar oder ballte die Fäuste in ohnmächtiger Erregung. Er sah seinen Sohn im Geiste blaß und sterbend auf einem Lager liegen, wie er die Hand ausstreckte nach ihm und um seine Vergebung flehte, und er – er konnte nicht hin zu ihm, er mußte ihm in der letzten Stunde fern bleiben. Denn dem Hohnsteiner durfte er nicht in die Hände fallen, vielleicht wäre er nie wieder aus dem Kerker zu Lohra oder Klettenberg ans Tageslicht gekommen. Er hielt den schwergereizten Grafen jeder Teufelei für fähig – und Bertram? Nun, der war sein getreuer Vasall, und Diener stehen ihren Herren zu Befehl. Er war früher ein Ehrenmann gewesen, aber jetzt traute er ihm ganz und gar nicht mehr. »Herrgott, Herrgott, laß meinen Sohn nicht sterben! Führe ihn zurück zu mir!« – Wohl zwanzigmal wiederholte Herr Barthold dieses Gebet und rang dabei verzweifelt die Hände und stürmte durch das Gemach wie einer, der von Sinnen gekommen ist. Endlich erklang draußen ein fester Schritt, der sich dem Zimmer näherte. Sporen klirrten auf den Fliesen, es war wohl ein Bote vom Scharfenstein. Mit einem Satze war Barthold an der Tür und riß sie auf. Aber er prallte zurück, als sähe er einen Geist. Vor ihm stand sein Vetter, Bertram von Wintzingerode. »Bertram! Du?« stammelte der Ritter ganz außer Fassung. Aber gleich darauf schrie er laut auf: »Klaus ist tot?« »Nein, er lebt und wird, so Gott will, leben«, erwiderte Bertram und trat in das Gemach. »Gott sei Dank«, rief Herr Barthold, und ein Freudenblitz fuhr über sein von Schmerz und Gram verwüstetes Gesicht. Unwillkürlich faltete er die Hände. »Nicht allein, um dir das zu sagen, bin ich hierher geritten, das konnte ich auch einem Knechte überlassen«, fuhr Bertram finster fort, und indem er hart vor seinen Vetter hintrat und ihn mit sprühenden Blicken maß, brach der sonst so gemessene und ruhige Mann in furchtbarer Erregung los: »Ich höre vom Pfarrer, du willst nicht kommen, weil du Verrat fürchtest. Verrat von mir! Ich frage dich, Barthold von Wintzingerode, wo nimmst du das Recht her zu diesem schimpflichen Verdachte? Ich habe fünfundvierzig Jahre in Ehren gelebt, der Mann soll auftreten, dem ich nicht Wort und Treue gehalten hätte! Nun sollte ich ein Schurke werden und einen Vater an des Sohnes Krankenlager locken, um ihn dort zu überwältigen. O pfui! Pfui der Schande! Das sagt ein Mann meines Blutes, ein Mann, der meinen Namen trägt, der Älteste meines Geschlechtes, einst mein Vormund! Aber ich bin kein Knabe mehr! Rede und Antwort sollst du mir stehen, und wissen will ich, Barthold, warum du mich mit diesem Verdacht schändest. Sprich!« Er bohrte seine flammenden Blicke in des Ritters Augen, es sah aus, als wolle er sich auf ihn stürzen. Barthold aber zuckte mit keiner Wimper und entgegnete hart: »Willst du leugnen, Bertram, daß du meinen Sohn zur Flucht verführt hast? Wer anders als du hat in seinem arglosen Gemüte den Gedanken angefacht, von mir, seinem Vater, zu weichen?« »Das ist nicht wahr!« schrie Bertram. »Ich habe seinen Plan gebilligt, denn ich sah keinen andern Weg, deinen verrückten Starrsinn zu deinem eigenen Besten zu brechen. Aber meines Rates bedurfte er nicht mehr, längst nicht mehr. Er war fest entschlossen, so zu handeln, wie er nun gehandelt hat.« Herr Barthold zuckte zusammen und sah ihm starr, fast ängstlich ins Gesicht. Es war etwas in Bertrams Worten, in seinem ganzen Auftreten, was ihn unwillkürlich überzeugte. So redete kein Lügner. »Das ist Wahrheit?« fragte er unsicher. Bertram hob die Schwurfinger empor und erwiderte: »So wahr mir der allmächtige Gott helfe, ja!« Dann ließ er die Hand sinken und fuhr düster fort: »Doch was sind Eide? Worte, die niemand überzeugen, der die Welt kennt. Ich aber will dir durch die Tat beweisen, daß du zu Unrecht in mir deinen Feind siehst, daß du meiner Redlichkeit vertrauen darfst.« Er knüpfte sein Wehrgehänge mit dem Schwerte ab und warf es klirrend auf den Tisch. »So begebe ich mich in deine Gewalt, Barthold!« rief er mit lauter Stimme. »Reite hinüber nach dem Scharfenstein und sieh nach deinem Sohne. Ich bleibe derweile in deinem Gewahrsam, bis du zurückkehrst. Siehst du nun, daß dir kein Hinterhalt gestellt wird?« Einen Augenblick war es ganz still. Dann drang aus Herrn Bartholds Brust ein dumpfer Laut, fast einem Schluchzen ähnlich. Plötzlich trat er auf Bertram zu, warf seine mächtigen Arme um seinen Nacken und drückte ihn an seine Brust. Als sich die beiden aus ihrer Umarmung lösten, standen helle Tränen in den Augen des Jüngeren. »Sind wir endlich so weit? Ist endlich Wintzingerode einig in sich selbst?« fragte er. Barthold erfaßte seine Rechte mit eisernem Druck. »Ich denke, uns trennt nichts mehr«, sagte er mit einem freudigen Glanz in den Augen. »Vergib mir meinen schmählichen Verdacht, Bertram. Ich traute dir nicht, weil du ein Vasall des Hohnsteiners bist und bei ihm in Gnade stehst, und von dem muß ich mich des Schlimmsten versehn. Aber ich war verblendet in meinem Mißtrauen. Ich hätte wissen und bedenken sollen, daß du ein Edelmann bist. Nimm dein Schwert und gürte es um dich, wir reiten zusammen hinüber nach dem Scharfenstein, und wenn du mir Quartier geben willst, so lade ich mich für die Nacht bei dir zu Gaste. Auf! Mich verlangt nach meinem Sohne. Doch zuvor soll uns meine Hausfrau noch einen kräftigen Trunk kredenzen.« Er schritt nach der Tür, aber als er sie öffnen wollte, fühlte er einen Gegendruck, und seine Tochter Sophie stand vor ihm. »Was tust du hier? Hast du gehorcht?« knurrte er. »Das ist mir nicht in den Sinn gekommen«, verteidigte sich das Mädchen gekränkt. »Die Mutter schickt mich zu Euch, Vater. Ich sollte Euch melden, daß jemand angekommen ist. Ihr sollt Euch nicht erschrecken, es ist zu verwunderlich.« »Nun, wer ist es denn?« unterbrach sie Herr Barthold und stampfte ärgerlich mit dem Fuße auf, denn lange Einleitungen waren ihm ein Greuel. »Anna«, sagte Sophie. »Anna? Welche Anna?« fragte der Ritter unwirsch. »Unsere Schwester Anna.« Herr Barthold prallte zurück und öffnete die Augen weit vor Erstaunen. »Was sagst du? Unsere Anna? Meine Tochter Anna von Bünau? Das ist unmöglich! Da soll doch gleich ein Donner – da ist etwas geschehn!« »Sie sagt, ihr Mann hätte sie zu Euch gesendet mit ganz, ganz wichtigen Briefen«, antwortete Sophie. »So?« brummte Herr Barthold. »Wichtige Briefe aus Sachsen? Was hätte ich denn von dort zu erwarten? Entschuldige mich, Bertram, eine kleine Weile. Ich muß doch nachsehen, was das bedeutet. Es soll dir einstweilen ein Schluck zur Unterhaltung und Stärkung gebracht werden.« Er schritt mit seiner Tochter zur Tür hinaus. Nach einigen Minuten kam ein Knecht, der einen riesigen Steinkrug gefüllt mit Duderstädter Bier auf den Tisch setzte. Das Bier war gut. Herr Bertram setzte sich und trank und wartete. Er wartete wohl eine Stunde lang – Herr Barthold kam nicht wieder. Die Sonne war längst hinter den Bergen verschwunden, es war fast finster im Gemach, aber niemand ließ sich sehn. Endlich hörte er Schritte auf dem Korridor, langsame, schlürfende Schritte, als ob ein alter Mann sich näherte. Die Tür ging auf, und Barthold trat herein, in der einen Hand ein Licht, in der andern ein Bündel Papier. Aber wie sah er aus! Das Haupt trug er nicht hoch und aufrecht wie sonst, sondern vornüber gebeugt, das Gesicht war aschfahl, und in seinen Augen lag ein Ausdruck der Verwirrung und Hilflosigkeit, der für alle, die den Ritter kannten, etwas Jammervolles haben mußte. Bertram sprang auf und starrte ihn erschrocken an. »Was ist dir, Barthold? Um Gottes willen, bist du krank?« rief er. Der Ritter stellte mit zitternder Hand das Licht auf den Tisch und ließ sich schwerfällig nieder. Dann sagte er mit leiser Stimme, mühsam und stockend, als fehlten ihm Worte und Gedanken: »Du hast mir einmal zugerufen, Bertram, daß ich in die Welt nicht passe. Du magst recht haben. Ich bin wohl zu alt dazu, ich verstehe die Menschen nicht mehr.« Er machte eine lange Pause und schaute trübe ins Licht. Dann fuhr er fort zu reden wie ein Träumender, als spräche er mit sich selbst: »Ja, ich bin alt. Noch nie hab' ich's Wort haben wollen, jetzt fühl' ich's. Ich bin aus einer anderen Zeit. Die Welt hat sich gewandelt seitdem, ich aber bin geblieben, der ich war. Als ich jung war, da lebten Männer wie Hartmut von Kronberg, Gottfried von Berlichingen, Hans von Minckwitz, Franziskus von Sickingen. Das waren Leute von hartem Schlage, Holz, das brach, aber nimmermehr sich bog. Heute beugt sich jeder, selbst der Mächtige bückt sich vor dem, der noch mächtiger ist. Der alte Graf Ernst von Hohnstein war ein starrer Römling, aber was hätte er wohl gesagt, wenn einer ihm geraten hätte, einen Teil seines Landes von einem Pfaffen zu Lehn zu nehmen? Mit der Faust hätte er solch einen Ratgeber niedergeschlagen.« »Barthold, was redest du da?« rief Bertram bestürzt. »Ja so, du kannst das nicht verstehn, ich muß es dir erklären«, fuhr Barthold bitter fort. Er hob ein Dokument, das er mitgebracht hatte, vom Tische auf und hielt es ihm entgegen. »Das sendet mir mein Schwiegersohn Heinrich von Bünau aus der kursächsischen Kanzlei. Er schickt es durch meine Tochter, weil er selbst nicht abkommen kann, damit ich um so weniger zweifle. Nun, ich zweifle gar nicht mehr. Eine Botschaft, die mir von dort kommt, muß ich ja wohl glauben. Mit einem Worte: du hattest mit deiner Warnung recht, Bertram, Ihr alle hattet recht, ich unrecht. Was ich dem Grafen nie zutraute, ist geschehen. Er hat wahrhaftig mit Mainz unterhandelt. Hier ist ein Vertrag vom April vorigen Jahres, aufgesetzt zu Bleicherode, demzufolge er dem Pfaffen das Gericht Bodenstein zum Obereigentum übergeben will und es dann als Lehn zurückerhalten soll.« »Teufel!« rief Bertram wieder von seinem Sitze emporschnellend. »Das ist ja schlimmer, als ich wußte und dachte. Der Vertrag ist bereits geschlossen?« »Er ist nur von den Vertretern des Grafen und des Erzbischofs in Bleicherode verabredet und aufgesetzt worden. Vollzogen ist er nicht. Es haben dann im Herbst des vorigen Jahres andere Verhandlungen stattgefunden, auch die haben nicht zu einem rechten Ende geführt. Nun aber sind wieder neue im Gange, wie mir mein Schwiegersohn sagen läßt. Der verfluchte Stralendorf, des Mainzer Pfaffen rechte Hand, ist mit ein paar Jesuiten nach Lohra zum Grafen unterwegs.« »Nein«, rief Bertram. »Der Graf empfängt ihn nicht in Lohra, er kommt selbst nach Heiligenstadt. Im übrigen bist du ganz recht berichtet. Stralendorf ist da und wohnt im Martinsstift.« Barthold richtete sich mit einem Ruck in die Höhe. »Der Graf kommt nach Heiligenstadt? Wann?« fragte er. »Wenn nichts dazwischen kommt, Mariä Lichtmeß«, erwiderte Bertram. »Woher weißt du das?« »Ich bin selbst hinbestellt mit Hansen, meinem Bruder. Der Graf will mit uns reden.« »Du reitest also hin? Dann reite ich mit«, sagte Barthold. Bertram ergriff seine Hand. »Was willst du tun, Vetter?« fragte er. Barthold zog die Brauen finster zusammen, und indem er das Haupt halb abwandte, sagte er mit verbißnem Grimme: »Ich hasse und verachte den Grafen. Jetzt mehr als je! Dieser Bube, der sich zum Pfaffenknechte erniedrigen will! Könnt' ich ihm an den Hals, ich schlüge ihn tot. Ja bei Gott, ich schlüge ihn tot! Aber es gibt nun für mich keine Wahl. Um jeden Preis muß ich verhindern, daß Mainz seine Hand auf den Bodenstein legt! Denn dann ist die höchste Gefahr, daß wir wieder katholisch werden.« »Hat der Graf die Religion in dem Vertrage nicht salviert?« warf Bertram ein. Herr Barthold stieß ein lautes Hohngelächter aus. »Jawohl, das hat er getan, natürlich! Auf den Papieren steht, daß in Religionssachen nichts geändert werden soll. O über den schwachsinnigen Narren! Als ob die Pfaffen sich jemals an ein Stück Papier kehrten, wenn sie die Macht haben.« Er sprang auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Ich seh' sie wieder herankriechen, die ekelhaften Kreuzspinnen!« schrie er. »Sie kommen alle wieder mit ihren Platten und Rosenkränzen, ihren Kutten und Weihrauchfässern, die Franziskaner und Dominikaner und dazu das neue hispanische Geschmeiß, die Jesuiten! Sie grölen wieder ihren lateinischen Singsang und halten wieder ihre Messe in den Kirchen, wo seit fünfundvierzig Jahren das lautere Gotteswort gepredigt wird. Sie werden mit aller Kraft das reine Evangelium ausrotten und den Greuel des römischen Antichrists wieder aufrichten. Damit das nicht geschieht, bin ich zu dem Schwersten bereit. Ich werde Frieden machen mit dem Hohnsteiner.« Bertram griff aufs neue nach seiner Hand und drückte sie mit mächtiger Kraft, indem er ausrief: »Das ist groß, das ist recht und edel, Barthold! Gott sei gepriesen, der dich zur rechten Zeit erleuchtet hat! Du siehst nun die Lage, wie sie ist, und tust wie ein Mann von Ehre und Gewissen.« Barthold antwortete nicht, sondern starrte nur finster vor sich nieder. »Jedermann weiß, daß du dem Grafen an Macht gleich, wenn nicht überlegen bist«, fuhr Bertram fort. »Darum wird man dich ob deiner Nachgiebigkeit loben und rühmen im ganzen Lande.« »Was kümmert mich das Geschwätz der Leute! Sie mögen reden, was ihnen gefällt«, sagte Barthold dumpf. »Was ich tue, das tue ich aus Liebe zum reinen Evangelium und aus Haß gegen die Baalspfaffen. Und was der Schritt mich kostet« – er brach ab und trat in die dunkle Fensternische und blickte in die Nacht hinaus. Es war Bertram, als erschüttere ein Schluchzen die riesige Gestalt seines Vetters. Beide schwiegen. Nach einer Weile sagte der Jüngere: »Darf ich dir einen Rat geben, Barthold? Unterhandle mit dem Grafen durch Vermittler.« »Das will ich«, erwiderte Barthold. »Herzog Julius hat mir seine Vermittlung zugesagt. Ihr anderen, denke ich, werdet auch nicht säumig sein. Vor allem aber muß er die Änderung meines Sinnes erfahren, damit er seinen Handel mit Mainz abbricht. Deshalb will ich sobald als möglich mit ihm reden.« »Kann ich das nicht auch tun?« fragte Bertram. »Nein, mich gelüstet ihn selbst zu sprechen«, entgegnete Barthold. »Ich will sehen, wie ein Verräter am Evangelium aussieht.« Bertram trat zu ihm und faßte ihn bittend an der Hand. »Barthold«, sagte er, »überlaß mir die Sache. Dir ist es nicht gegeben, deinen Haß zu verbergen. Ich fürchte, du wirst alles durch deine Heftigkeit verderben.« »Das fürchte nicht«, versetzte Barthold. »Ich weiß mich zu bezähmen, wenn's not tut. Ich besorge meine Geschäfte selbst und will den bitteren Kelch bis auf die Neige leeren. Doch wir haben bis Mariä Lichtmeß viel Zeit, das Nähere uns zu überlegen. Jetzt aber laß uns aufbrechen nach deiner Burg. Ich sehne mich nach meinem Sohn. Er hat es gut gemeint und war auf rechtem Wege, wie ich nun sehe. Ich will ihm die Verzeihung seines Vaters bringen.« XX. Kapitel. Volkmar Wolf, Graf und Herr zu Hohnstein, Lohra und Klettenberg, Scharzfeld, Allerberg und Bodenstein, war am ersten Februar mit einem Gefolge von zwanzig Speeren und mehreren Räten und Schreibern in Heiligenstadt eingeritten. Was den hohen Herrn bewog, in eigner Person nach der kurfürstlichen Landstadt zu reisen, war nicht etwa eine besondere Courtoisie gegen den Gesandten des Erzbischofs, sondern die dringende Not trieb ihn dazu. Der Zustand seiner Finanzen war derartig betrüblich, daß er sich gezwungen sah, irgendwo bei Christen oder Juden ein größeres Darlehn aufzunehmen. Das bedeutete nichts Außergewöhnliches, weder im Leben des Grafen Volkmar Wolf, noch in dem seiner erlauchten Standesgenossen. Anno 1574 gab es im heiligen römischen Reiche deutscher Nation eigentlich nur einen Fürsten, der immer Geld hatte, das war Herr Augustus, Kurfürst und Herzog zu Sachsen. Selbst das erhabene weltliche Oberhaupt der Christenheit zu Wien, obwohl in Germanien, Hungarn und Beheim und sonstwo noch König, befand sich beständig in drückendster Geldnot und mußte oft Bäckern, Schneidern und Fleischern jahrelang große Summen schuldig bleiben. So war es kein Wunder, daß der kleine Graf von Hohnstein dasselbe tat, was die großen Herren des Reiches ihm allesamt redlich und getreulich vormachten, daß er nämlich Leute suchte, die ihm auf schriftliche und mündliche Versprechungen und Verpfändungen hin etwas Erkleckliches vorschießen sollten. Bisher war ihm das in Heiligenstadt schon mehrmals trefflich geglückt, nicht nur einzelne reiche Bürger, sondern auch die Stadt selbst zählte ihn unter ihre Schuldner. Diesmal aber schien das Glück dem geldbedürftigen Grafen minder hold zu sein. Es war ihm schon auffällig, wie wenig sich die Leute um seinen Einzug kümmerten. Sonst waren viele der Bürger vor die Haustür getreten und hatten ihre Kappen abgezogen. Heute sah er trotz des prächtigen Winterwetters fast niemand auf den Straßen, nur hie und da wurde ein Fenster aufgestoßen, aber meist sogleich wieder zugeschlagen. Nirgendwo, wie sonst, ein freundliches Gesicht, überall finstere Blicke und mürrische Mienen. Dem Grafen wurde es unfroh und unbehaglich zu Sinne, und er freute sich, als er vor dem Martinsstift vom Pferde steigen und sich in das Haus zurückziehen konnte. Dort bewillkommnete man ihn freilich wie einen ganz besonders werten und teuern Gast. Propst Heinrich Bunthe mit einigen Kanonikern kam ihm bis auf die Straße entgegen und begrüßte ihn mit süßlichem Lächeln und geleitete ihn unter vielen Reverenzen und Artigkeiten die Treppe hinauf nach seinen Gemächern, während zwei Chorherren die gelehrten Begleiter und die Knechte in den Gebäuden des Klosterhofes unterbrachten. Man hatte nicht gespart, dem Grafen die Bequemlichkeit zu bereiten und die Ehre zu erweisen, die man fürstlichem Besuche zu geben pflegte. Auf den Dielen und an den Wänden waren prächtige bunte Teppiche angebracht, in das Feuer des Kamins hatte man Räucherwerk geworfen, so daß ein starker Zimmetduft die Räume erfüllte. Endlich stand auf dem Tische mitten unter kostbaren venetianischen Spitzgläsern, wie eine Henne zwischen ihren Küchlein, eine riesige Kanne voll edeln Malvasiers. Nachdem dieser Willkommentrunk kredenzt und gebührend geprobt worden war, zogen sich der Propst und die ihn begleitenden Stiftsherrn mit tiefen Verbeugungen zurück. Aber trotz dieses freundlichen, ja glänzenden Empfanges war und blieb das Gemüt des Grafen beschwert. Er war im Grunde ein sehr hochfahrender Herr, aber dabei wegen seiner Freigebigkeit bei den Bürgern und kleinen Leuten nicht unbeliebt. So war er es gewöhnt, höflich und ehrerbietig begrüßt zu werden, und es kränkte ihn, wenn es einmal nicht geschah. Die kalten, abweisenden, teilweise sogar spöttischen oder feindseligen Mienen, denen er heute überall in der Stadt begegnet war, zeigten ihm, daß eine Mißstimmung gegen ihn in der Bürgerschaft bestand, die er nicht geahnt hatte. Den Grund dafür konnte er in nichts anderem suchen, als in seiner Annäherung an Mainz. Die Bürger Heiligenstadts waren fast alle lutherisch, man zählte nicht mehr als zwölf Familienhäupter, die noch am alten Glauben festhielten. Wäre der Kurfürst nicht zu fürchten gewesen, sie hätten auf der Stelle die Pfaffen des Martinsstiftes zu allen Teufeln gejagt. Daß nun ein lutherischer Herr der Nachbarschaft bei diesen verhaßten Kuttenträgern einkehrte als ihr Freund und geehrter Gast, das mußte ihnen ein Ärgernis und ein Stein des Anstoßes sein. Das Herz des Grafen wurde bei solchen Erwägungen immer bedrückter, und die starken, dunkeln Brauen über der scharfen Nase zogen sich finster und sorgenvoll zusammen. Was sollte denn unter sotanen Umständen aus seinen Anleiheplänen werden? Hier würde man ihm schwerlich etwas borgen, vielleicht ihm sogar den bisher gewährten Kredit entziehen. Dann befand er sich in einer bösen Klemme und mußte alle seine Hoffnung darauf setzen, daß ihm seine neuen Freunde aus der Not helfen würden. Das ward dann aber ein neues, sehr festes Glied in der Kette, die ihn an den römischen Priester band. Er kam dadurch in eine ganz unwürdige Lage. Dem Grafen stand der Angstschweiß auf der Stirn, als er über das alles nachdachte. Eine außerordentliche Unruhe und Bangigkeit überkam ihn mehr und mehr. Da er eine entschlossene und rasche Natur besaß, so mochte er diesen Zustand nicht lange ertragen. Er klingelte nach seinem Rat und Kämmerer Herrn Valentin Gerstenbergk und entsandte ihn zum Bürgermeister, um diesen zu sich zu entbieten. Doktor Valentin kam schon nach einer Viertelstunde mit sehr langem Gesicht zu seinem Herrn zurück und brachte üble Botschaft. Der Bürgermeister hatte ihn in der Ratsstube in Gegenwart mehrerer Ratsmannen empfangen und kurz und kühl erklärt, das Martinsstift betrete er nicht, wolle der Graf etwas von ihm, so müsse er ihn bitten, aufs Rathaus zu kommen. – »Und ein Ratsherr, ein grober, ungeschlachter Geselle«, fügte der Doktor hinzu, »schlug mit der Faust auf den Tisch und brüllte: Wer den Pfaffen nachläuft, der soll sich an die Pfaffen halten, wenn er etwas will. Wir Heiligenstädter haben für solche Herren nichts übrig!« »Verfluchtes Krämerpack!« knirschte der Graf. »Was tun wir nun, Doktor?« »Wer A sagt, muß auch B sagen, und wer sich die Suppe einbrockt, der muß sie auch auslöffeln,« erwiderte Gerstenbergk gleichgültig. »Ich habe Euer Gnaden stets vor dem Handel mit Mainz gewarnt, denn er schadet Eurer fürstlichen Reputation. Nun haben wir's. Die Lutheraner trauen Euch nicht mehr, meinen wohl gar, Ihr wolltet wieder katholisch werden. Was gilt's, sie werden Euch den Kredit kündigen! So bleiben Euch nur die Pfaffen. Der Mainzer Herr selbst kann Euch schwerlich helfen, denn seine Truhen sind meist nicht voller als die Euern. Versucht's bei Bunthe. Der ist Propst des reichen Nörtener Stiftes und soll hier Dekan werden. Man munkelt, der Kurfürst wolle ihn zu seinem geistlichen Statthalter über das ganze Eichsfeld machen. Solch ein Mann weiß Geldquellen und kann sie flüssig machen.« »Aber wenn er nicht will? Die Summe ist verwünscht hoch«, fragte der Graf mit einem schweren Seufzer. »Umsonst werdet Ihr's freilich nicht haben, gnädiger Herr, Ihr werdet einen Preis zahlen müssen«, sagte Gerstenbergk. »Und welchen meint Ihr?« fragte der Graf finster. »Man wird von Ew. Gnaden verlangen, den Religionsartikel in dem Vertrage fallen zu lassen«, erwiderte Gerstenbergk. »Das kann ich nicht, und das darf ich nicht!« fuhr der Graf auf. »Soll ich mich einen Verräter am Evangelium schelten lassen?« Der Doktor zuckte die Achseln. »Mancher muß tun, was er nicht gern tut«, entgegnete er. Aber seine Befürchtung war unbegründet. Als die Verhandlungen am Nachmittage begannen, legten die Mainzer auf den viel umstrittenen Artikel gar kein Gewicht mehr. Am frühen Morgen war nämlich eine Stafette von Mainz eingelaufen mit der kurzen, aber schwerwiegenden Notiz von der Hand des Paters Bacharell: Der Bleicheroder Vertrag kann ohne Anstoß und Abzug verwilliget werden. Seine kurfürstliche Gnaden hat gegen Artikel IV nichts mehr zu erinnern. Somit war man einig, denn die Klausel, daß die Bewohner des Gerichtes Bodenstein in ihrer lutherischen Religion nicht sollten beunruhigt werden, war ja das einzige gewesen, was ein Übereinkommen gehindert hatte. Der Graf bestätigte durch Unterschrift und beigedrucktes Insiegel alles, was in Bleicherode verabredet war, und der vorsichtige Bunthe sandte das kostbare Dokument sogleich durch einen besonderen Boten nach Mainz. So hatte denn der Kurfürst erreicht, was er seit Jahren begehrte. Der erzbischöfliche Stuhl zu Mainz war über das ketzerische Ländchen erhöht. Bunthe warf Stralendorf, während der Graf unterschrieb, einen Blick zu, der vor triumphierender Freude funkelte. Der Graf bemerkte nichts davon, aber Valentin Gerstenbergk fing ihn auf, und das Herz wandte sich ihm um vor Kummer und Bitterkeit. Er wußte wohl, was in den Seelen dieser beiden vorging, er wußte und fühlte, welch ein verhängnisvoller Augenblick gekommen war, und seine Hand zitterte, als er seinen Namen unter den seines Gebieters setzte. Auch der Graf stand ernst und düster auf, als er unterschrieben hatte, und über seine sonst fahlen Wangen flog ein heißes Rot. Auch er fühlte, wenn er es auch nicht eingestanden hätte, daß dieser Vertrag eines Grafen von Hohnstein unwürdig war. Zudem lastete auf seiner Seele noch die bange Sorge, wie er wohl Geld erlangen könnte, dessen er so dringend bedurfte. Aber wie ward ihm, als Bunthe selbst um die Gunst einer vertraulichen Unterredung bat und ihm dabei ohne alle Umschweife ein namhaftes Darlehn anbot! Der Bund des Grafen mit dem Erzbischof, sagte der schlaue Propst, werde viele vor den Kopf stoßen. In Heiligenstadt sei ihm schon manche befremdliche und bedrohliche Rede zu Ohren gekommen. Da nun ein großer Herr wie der Graf, wie ja jeder wisse, auch große Verbindlichkeiten habe, so erachte er es für seine Ehrenpflicht, etwaige üble Folgen seines Bündnisses mit Mainz von ihm fernzuhalten. Es fehlte nicht viel, so wäre der hocherfreute Graf dem Propst um den Hals gefallen. Mit einem Schlage sah er sich von der Hauptlast befreit, die seine Seele niedergedrückt hatte. Er dankte dem bieder lächelnden Priester mit überschwenglichen Worten und folgte in rosiger Laune seiner Einladung zu einem Imbiß im Speisezimmer des Klosters. Nur Bunthe und die beiden ältesten Kanonici, Stralendorf und der Graf mit seinen beiden Räten saßen um den großen runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand und mit auserlesenen Gerichten und teuren Weinen besetzt war. Ebendiese Weine brachten es dahin, daß die Stimmung der Gesellschaft gar bald zu einer lustigen und lärmenden wurde. Nur der alte Rat Valentin Gerstenbergk nahm an der allgemeinen Fröhlichkeit nicht teil, sondern saß finster und schweigsam auf seinem Platze. Am höchsten dagegen gingen die Wogen der Lust bei seinem Herrn. Die Regung der Scham von vorhin war längst wieder entschwunden aus der Seele des Grafen, er war vielmehr voller Freude, daß er einen großen Kredit gefunden hatte. Darum trank er unmäßig viel und erzählte bald Schwänke und Zoten, die seinem alten, ehrenhaften Rat die Röte ins Gesicht trieben, und die in das Refektorium eines Klosters am allerwenigsten paßten. Aber Bunthe und seine Genossen schienen großen Gefallen daran zu finden, denn sie bogen sich vornüber und wieherten vor Lachen. Eben wollte der Graf eine neue Geschichte zum besten geben, als der Diener erschien, der die Lichter brachte. Hinter ihm kam ein Knecht des Stiftes in den Saal und wandte sich an den Grafen: »Gnädiger Herr«, sagte er, »es steht einer draußen auf dem Gange, der Euer Gnaden sprechen will.« »Ach Larifari, Potz Hagel, sage dem Menschen, ich hätte jetzt keine Zeit, er solle morgen wiederkommen!« rief unwirsch der Graf. »Wer ist es denn?« fragte Bunthe, der die Worte des Grafen gehört hatte, obwohl die Unterhaltung laut und lärmend war. »Ich kenne ihn nicht«, gab der Diener zur Antwort. »Es scheint ein Junker zu sein, hat den Eisenhut tief in die Stirn gedrückt. Das Wappen ist ein roter Spieß mit zweifacher Spitze.« »Ach Donnerwetter!« rief der Graf, »das ist Herr Bertram oder Hans von Wintzingerode. Ich habe die Herren freilich erst für morgen bestellt, aber vielleicht hat er mir Wichtiges zu melden. Den kann ich nicht wohl abweisen. Ist's Euch genehm, Herr Propst, so lassen wir ihn hereinkommen.« »Das versteht sich«, sagte Bunthe und neigte beistimmend das Haupt, aber dabei zog er ein Gesicht, als habe er sauern Essig getrunken. »So führe den Junker herein«, gebot der Graf, der in seiner Weinlaune die Verstimmung seines Gastgebers gar nicht bemerkte. Der Knecht ging hinaus, kehrte aber sogleich wieder zurück. »Der Junker weigert sich«, meldete er. »Er sagt, er müsse Euer Gnaden allein sprechen. Er hat mich gefährlich angeschnaubt.« Der Graf sprang ärgerlich auf. »Halt!« rief Herr Bunthe und legte die Hand auf seinen Arm. »Ihr werdet doch dem Menschen den Willen nicht tun. Das ist ja eine Frechheit. Ja, so sind sie, diese Wintzingerodes! Sagt ihm, er solle in drei Teufels Namen morgen wiederkommen oder gefälligst jetzt da erscheinen, wohin Ihr ihn ladet. Es ist doch wahrlich schon eine Ehre für solch einen kleinen Junker, wenn er mit einem Herrn wie Ihr, mit seinem Herrn, zu Tische sitzen darf.« »Ihr habt recht«, sagte der Graf mit schwerer Zunge, indem er ein neues Glas roten Weines hinunterstürzte. »Sage ihm, er solle hereinkommen oder morgen früh wieder nachfragen.« Der Diener ging zögernd hinaus. Einige Augenblicke vergingen, dann öffnete sich die Tür, und eine gewaltige Gestalt erschien auf der Schwelle, ein Junker in voller Rüstung mit Brustharnisch und Eisenhaube. Er tat langsam ein paar Schritte vorwärts und trat so nahe an den Tisch heran, daß sein Gesicht vom gelben Lichte der Wachskerzen hell beleuchtet ward. Es war Herr Barthold von Wintzingerode. Bei dieser unerwarteten Erscheinung ward es so totenstill im Gemach, wie einst in König Belsazars Saal, als die feurige Schrift an der Wand erschien. Bunthe starrte den Ritter an wie ein grabentstiegenes Gespenst, Stralendorf sank käseweiß in seinen Stuhl zurück, der Graf ließ ein kostbares Glas zur Erde fallen, daß es klirrend zerbrach. Endlich Hub der Ritter mit tiefer Stimme zu reden an: »Ich muß Euch sprechen, Herr Graf von Hohnstein, denn ich habe Euch Wichtiges zu sagen.« Der Graf taumelte empor und tastete nach dem Klingelzuge, der unfern von ihm von der Wand herabhing. »Ein Überfall!« schrie er mit halberstickter Stimme. »Gewalt!« Barthold faßte seinen Arm und drückte ihn auf den Sessel zurück. »Bei Jesu Tod!« sagte er. »Ihr habt keine Gewalttat zu befürchten. Mein Eindringen erschreckt Euch, aber Ihr habt es so gewollt. Meine Rede leidet keinen Aufschub, darum muß ich angesichts dieser Zeugen sprechen, deren ich, weiß Gott, gern entraten möchte.« Er machte eine unaussprechlich verächtliche Bewegung gegen Bunthe und Stralendorf und fuhr dann mit erhobener Stimme fort: »Ich biete Euch den Frieden, Herr! Von der Lehnsfolge meines Sohnes soll nicht mehr die Rede sein. Was wir sonst für Späne haben, die sollen verglichen werden. Ein Schiedsgericht soll darüber seinen Spruch fällen. Meine Klage beim Kammergericht ziehe ich zurück und bin bereit, Euch für Bodenstein als meinen rechten Lehnsherrn anzuerkennen. Dies alles, wenn Ihr mit Mainz fürder nicht mehr unterhandelt.« Nach diesen Worten entstand eine ebenso tiefe Stille wie vorher. Der Graf, auf dessen hagerem Antlitz Röte und Blässe einander jagten, wagte offenbar nichts zu erwidern, sondern rückte nur unruhig auf seinem Sitze hin und her und blickte nicht zu dem Ritter empor. »Was sagt Ihr dazu, Herr Graf von Hohnstein?« fragte Barthold. Der Graf entgegnete noch immer nichts, aber Bunthe hatte sich rasch gefaßt. Warum fürchtete man sich eigentlich? Dieser Wintzingerode, so tollkühn er war, konnte mitten in der volkreichen Stadt und in einem Hause, das von bewaffneten Knechten wimmelte, doch keinen Überfall versuchen. Der Gedanke gab ihm seinen Mut zurück, und indem seine Augen boshaft und spöttisch aufleuchteten, sagte er: »Ihr kommt zu spät, Junker, der Vertrag ist vor zwei Stunden schon unterzeichnet.« Barthold zuckte zusammen, dann wandte er sich mit einer ungestümen Bewegung zu dem Grafen: »Ist's wahr, Herr, was dieser Pfaffe sagt?« »Ihr habt mich ja selbst dazu gezwungen!« erwiderte der Graf ausweichend. Barthold trat einen Schritt zurück, und eine dunkle Röte flammte in seinem Antlitz empor. »Ich habe in ehrlichem Kampfe mit Euch gestanden, Herr! Wie konnte ich glauben, daß Ihr zu unredlichen Waffen greifen würdet! Ihr handelt wie der falsche Franzosenkönig, der den Großtürken gegen den römischen Kaiser zur Hilfe rief!« »Hier ist nicht von dem Türken die Rede, sondern von einem Fürsten des heiligen Reiches!« rief Bunthe scharf. »Halte dein Maul, Pfaff!« donnerte Barthold. »Mit dir rede ich nicht! Noch ein Wort, und du kannst dein Leben quittieren!« Bunthe sank erbleichend in seinen Lehnstuhl zurück und stierte ihn mit Augen an, die vor Haß und Wut glitzerten. Aber den Mund wagte er nicht mehr aufzutun, denn die mächtige Faust des Ritters war ihm gar zu bedrohlich nah. Barthold wandte sich wieder zu dem Grafen, und indem er sich mit aller Kraft zur Ruhe zwang, sagte er: »Habt Ihr auch an Eure Verwandten gedacht, was die dazu sagen werden, die Stolberger und vor allem die ehrenhaften, glaubenstreuen Grafen von Schwarzburg?« »Das ist meine Sache!« sagte der Graf kurz. »Und an das teure Evangelium, Gottes reines Wort, habt Ihr auch nicht gedacht?« fuhr Barthold unbeirrt fort. »Ihr bekennt Euch zu Luthers Lehre und stellt eines Eurer Gebiete unter die Gewalt eines papistischen Pfaffen? O kehrt um, Herr, besinnt Euch!« »Die Religion ist salviert«, versetzte der Graf. »Salviert?« fragte Barthold traurig. »Wodurch? Durch ein Stück Papier? Habt Ihr je gesehen, daß die Pfaffen sich an geschriebene Worte kehren, wenn sie die Macht haben? Die Religion, unser lauteres Evangelium, ist in Gefahr, in der größten Gefahr, und deshalb bin ich hergekommen, um Euch vor dem Bunde mit dem Mainzer Pfaffen zu bewahren.« »Ihr seht, Ihr kommt zu spät!« rief der Graf. »Das steht in Eurer Hand!« sagte Barthold ruhig. »Ich kenne Euern Vertrag. Ihr wollt den Kurfürsten als Oberlehnsherrn anerkennen unter der Bedingung, daß er mich zur Unterwerfung bringt. Diese Bedingung kann er nicht erfüllen, denn ich selbst erfülle sie. Ich begebe mich in Euern Gehorsam aus eigenem, freien Entschlusse. Mainz leistet Euch also gar nichts, somit braucht auch Ihr ihm nichts zu leisten.« »Mainz hat mein Wort und wird sich daran zu halten wissen«, entgegnete der Graf. »Ich habe den Vertrag unterzeichnet, und trete ich nun zurück, so wird der Kurfürst sein Recht mit Waffengewalt suchen.« »Mag er's!« rief Barthold, und indem ein mächtiger Glanz in seinen Augen aufflammte, setzte er freudig hinzu: »Herr, reißt diese Kette entzwei! Laßt's darauf ankommen, daß Mainz zum Schwerte greift. Macht mich zu Eurem Feldhauptmann, und Ihr sollt sehen, wie die Pfaffenknechte laufen! Überall gärt es in Stadt und Land auf dem Eichsfelde. Wenn Ihr Euch der Sache annehmt und Euch an die Spitze der Unzufriedenen stellt – bei Gott, das ganze Land fällt Euch zu, und Ihr könnt zehn mal mächtiger werden als bisher.« »Grumbach!« sagte Bunthe halblaut vor sich hin, aber der Graf hatte das Wort gehört. »Ich bin kein Johann Friedrich von Sachsen«, entgegnete er kalt. »Solche Träume finden bei mir kein Ohr. Ich werde mich hüten, mit einem Kurfürsten anzubinden. Beenden wir diese Unterredung, da sie zwecklos ist. Mainz ist nun einmal Oberlehnsherr vom Bodenstein und bleibt es auch.« Barthold atmete tief auf und sagte mit halb erstickter Stimme: »Und das wäre Euer letztes Wort?« »Mein letztes«, entgegnete der Graf. »So hört auch meines!« schrie Barthold außer sich. »Krieg soll zwischen uns sein, Volkmar Wolf von Hohnstein, elender Verräter des Glaubens, armseliger Pfaffenknecht! Mainz huldige ich nimmermehr, solange ich ein Schwert halten kann. Mag dein Herr, der gekrönte Pfaffe, sehn, wie er den Bodenstein bezwingt! Ich beuge mich ihm niemals, niemals!« Darauf wandte er sich jäh um und stürmte mit dröhnenden Schritten aus dem Gemach und die Treppe hinunter. Draußen schwang er sich auf sein Roß, winkte den Knechten, ihm zu folgen, und ritt spornstreichs auf den Markt zum Hause des Ratsherrn Hugold, seines Freundes, bei dem er eingekehrt war, und wo er Quartier bestellt hatte. »Ich bleibe nicht in Heiligenstadt!« rief er seinem Gastfreund entgegen, als dieser aus der Tür trat, ihn zu begrüßen. Hugold, ein schwarzhaariger, untersetzter Mann von schnellem, ungestümem Wesen, stampfte zornig mit dem Fuße auf. »So ist Euer Anerbieten zurückgewiesen?« schrie er. »Der Graf ist in der Pfaffen Hand«, erwiderte Barthold. »Der Vertrag ist schon vollzogen. Er ist des Mainzers Vasall.« Der Ratsherr sprang mit einem Fluch die Stufe herab, die zu seinem Hause führte, ergriff Bartholds Roß am Zügel und führte es ohne weiteres eine Strecke abseits, während er erregt auf den Ritter einsprach: »Wißt Ihr, was ich nun täte an Eurer Stelle? Hinreiten, das Klosternest überfallen, die Pfaffen totschlagen, den Hohnsteiner gefangen nehmen! Meint Ihr, es rühre sich in Heiligenstadt eine Hand wegen des Stadtfriedens? Kein Mensch stände auf, keiner. Wir wissen wohl, was wir von Mainz zu gewärtigen haben. Die Pfaffen wollen uns alle wieder katholisch machen. Unsere Rechte und Privilegien sollen auch wieder zum Teufel gehen. Wer der Pfaffen Feind ist, wie Ihr, der ist unser Mann. Greift zu! Schafft uns und Euch die Bande vom Halse!« »Ich habe dem Grafen bei meinem Eide und Christi Tod geschworen, keine Gewalttat zu begehen«, erwiderte Barthold. »Glaubt Ihr, die Pfaffen werden Euch einen Eid halten, wenn sie Euch kriegen könnten?« fragte Hugold spöttisch. Herr Barthold schwieg eine kleine Weile, dann sagte er mit einem finstern Lächeln: »Gewiß nicht. Aber zuweilen ist es ein schönes Gefühl, unter Schlangen und Basilisken ein ehrlicher Mann zu sein. Was ich tue, tue ich nicht gegen Eid und Ehre. Ihr Heiligenstädter sollt bald genug von mir hören. Heute gehabt Euch wohl!« Er schüttelte Hugolds Hand mit kräftigem Druck, dann rief er seinen Knechten den Befehl zu, ihm zu folgen, und jagte in gestrecktem Galopp durch das Geisledertor aus der Stadt. XXI. Kapitel. So frei und leicht war es Herrn Barthold seit langer Zeit nicht zumute gewesen, wie jetzt, als er an der Spitze seiner Knechte auf der Heerstraße dahinritt. Die Entscheidung war endlich da: es sollte Krieg sein. Er hatte getan, was er tun konnte, um den Frieden zu erhalten, es war ihm hart genug angekommen, sein stolzes und trotziges Herz zu überwinden und dem Manne, den er haßte und mißachtete, als ein Bittender entgegenzutreten. Nun war sein Opfer verworfen, er mußte zum Schwert greifen um seiner eigenen Sicherheit, um seiner Selbstachtung und um des Evangeliums willen. Seit Jahren hatte er Händel mit Mainz, mancher Knecht des Erzbischofs kannte die Gefängniszellen des Bodensteins nur allzu genau, manches Schreiben voller Hohn und Verachtung hatte er dem Pfaffen am Rhein zugesandt. Dem sollte er sich nun als Vasall unterwerfen, dem Manne, der auch die Ehre seiner Tochter bedroht hatte? Nimmermehr! Dem Mainzer huldigen, das brachte er nie übers Herz, lieber wollte er sterben. Hätte er aber wirklich seinen Stolz so weit erniedrigt, wer bürgte ihm dafür, daß die beleidigten Pfaffen nicht ihre Rachsucht an ihm kühlten, wenn er sich selbst in ihre Gewalt begab? Vor allem aber wollte er das verteidigen, was ihm das Teuerste war, Gottes Wort und Luthers Lehre. Es gab wenig in der Welt, wofür Herr Barthold einen Vorteil an Geld, Ehre und Gütern dahingegeben hätte, und seine adligen Genossen im Eichsfeld dachten nicht anders als er. Aber das Evangelium machte eine Ausnahme, es war diesen Leuten allen heiliger und bitterer Ernst, wenn sie in ihren Kirchen die Worte des lutherischen Trutzliedes sangen: Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, laß fahren dahin – – –. Aber leider, leider – Herr Barthold konnte sich das nicht verhehlen – waren sie alle außer ihm wohl im Notfall zu Leiden bereit, aber vor dem kräftigen, rücksichtslosen Handeln scheuten sie zurück. Das Wort: Seid Untertan der Obrigkeit – alle Obrigkeit ist von Gott verordnet, lähmte ihre Hände. Nicht die Feighcit hielt ihr Schwert in der Scheide, sondern die überängstliche Gewissenhaftigkeit. Gott hatte ihnen nun einmal – freilich im Zorne – diesen Oberherrn gegeben, darum bedeutete eine Rebellion gegen ihn in ihren Augen eine Sünde gegen Gottes Ordnung. Sie glaubten von vornherein nicht an den guten Ausgang einer Sache, die nach ihrer Meinung dem Gebote der Schrift zuwiderlief. Ob es wohl möglich war, wenigstens einige von ihnen aufzurütteln, wenigstens einigen die Augen zu öffnen für die ungeheure Gefahr, in der das Ländchen schwebte? Ob wohl einer es begreifen würde, daß eben das, was heute einem Wintzingerode geschah, morgen einem Hanstein oder Hagen oder Bodenhausen geschehen konnte? Vielleicht begriff das keiner, und es gelang ihm nicht, unter dem landsässigen Adel einen Bundesgenossen zu finden. Dann stand ihm allerdings ein Kampf bevor, mit dem verglichen alle Fehden seines bisherigen Lebens harmlose Scharmützel gewesen waren, ein Kampf auf Leben und Tod. In diesem Falle war er fest entschlossen, bei den Städten des Landes Hülfe zu suchen. Zwar in Worbis war nichts zu machen; das Städtchen war nichts als ein ummauertes großes Dorf. Die Bewohner nannten sich zwar mit großem Stolz Bürger, waren aber nichts anderes als friedliche Bauern. Dagegen in Duderstadt und Heiligenstadt durfte er wohl auf Anhang rechnen. Denn beide Städte waren längst mit dem erzbischöflichen Regiment unzufrieden und durch die Übergriffe der katholischen Priester erbittert und gereizt. Zumal in Heiligenstadt war die Bürgerschaft aufgebracht gegen die Pfaffen; Leute wie Hugold waren dort gar nicht selten. Gelang es, diese Männer zu sammeln und zu einem Bunde zu vereinigen, so ließ sich vielleicht viel mit ihnen ausrichten. Vor allen Dingen aber beschloß Barthold, seine Vettern von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen. Sie waren beide auf dem Scharfenstein, denn sie wollten morgen in der Frühe von dort nach Heiligenstadt reiten. Deshalb bog er am Fuße des Dünberges von der breiten Straße ab und schlug den schmaleren Weg ein, der zu der Burg emporführte. Gegen neun Uhr kam er vor ihrem Tore an, und da der Wächter sträflicherweise schlief, so ward ihm erst nach längerem Rufen und Klopfen aufgetan. Die Frauen der Burgherren mit ihren Kindern, sowie fast das ganze Gesinde, hatten sich schon zur Ruhe begeben, die beiden Junker selbst saßen aber noch beim Schlaftrunk. »Endlich kommst du!« rief ihm Bertram entgegen, als er in das Gemach trat. »Wir haben lange auf dich gewartet, dachten schon, du hättest deinen Plan aufgegeben, mit uns morgen nach Heiligenstadt zu reiten.« »Setze dich hierher«, sagte der dicke, behäbige Hans, ohne sich von der Stelle zu bewegen. »Der Krug langt auch für drei.« »Ich danke Euch!« sagte Barthold näher tretend. »Ein Trunk wird mir allerdings guttun, denn ich bin scharf geritten.« Er nahm den Becher, den ihm Hans eingoß, und stürzte ihn hinab. Dann setzte er ihn fest auf den Tisch. »Verzeiht, Vettern«, fuhr er fort. »Ich reite nicht mit nach Heiligenstadt, denn ich bin eben dort gewesen.« »Du warst in Heiligenstadt?« rief Bertram erstaunt. »Heute schon? Warum?« »Ich dachte, heute den Grafen leichter allein zu treffen als morgen, und überdies hatte meine Sache hohe Eile«, erwiderte Barthold. »Und was hast du erreicht?« fragte Bertram aufs höchste gespannt. »Nichts«, entgegnete Barthold, und indem er jedes einzelne Wort scharf betonte, fuhr er fort: »Der Vertrag zwischen Mainz und Hohnstein ist geschlossen. Ich kam zu spät.« Bertram fuhr mit einem Schreckensruf empor und starrte ihm erbleichend ins Gesicht. Selbst Hans kam etwas aus seiner gewöhnlichen Ruhe und knurrte etwas Undeutliches, das wie »der Teufel auch« klang. Dann schwiegen alle drei einige Augenblicke. »Was nun?« fragte endlich Bertram. Barthold ließ sich in einen Lehnstuhl nieder, verschränkte die Arme über seinem Haupt und sprach langsam und ruhig, indem er ihm dabei voll in die Augen blickte: »Diese Frage, Bertram, hättest du dir selber beantworten können, denn es gibt darauf nur eine Antwort. Du weißt, Ihr wißt es beide, wie ich den Mainzer erbittert und verletzt habe, und was er mir angetan hat. Ich habe keinen schlimmeren Feind und kenne keinen gemeineren Hund als ihn. Dem Manne soll ich huldigen? Das geht mir gegen die Natur wie dem Wolfe das Grasfressen. Und selbst, wenn ich's wollte – was täte ich damit? Ich lieferte mich selbst dem Henker aus. Bekommt mich der Pfaffe in seine Hände, so kann ich der Welt Valet sagen.« Er blickte düster vor sich nieder und fuhr nach einer Pause ebenso langsam und nachdrücklich fort: »Am meisten aber treibt mich zum Kampf die Sorge um unseren Glauben. Ich kann es nicht dulden, daß ein katholischer Pfaff Oberherr wird über mein Gericht. Das darf nie geschehen, denn dann zieht die römische Abgötterei wieder ein. Darum bleibt mir nur eines, und eine Wahl habe ich nicht: Ich muß meine Burg zu halten suchen, so groß auch die Macht ist, die gegen mich heranzieht, ich muß kämpfen bis zum äußersten.« Es war nach diesen Worten wieder still in dem Gemach. Dann begann Bertram: »Daß ich niemals wieder ein Schwert gegen dich aufheben werde, Barthold, das brauche ich dir nicht zu sagen. Hans auch nicht. Keine Lehnspflicht kann uns zwingen, gegen das eigene Blut zu fechten. Aber wir sind geschworene Vasallen des Hohnsteiners. Wir sind auch Mainzer Lehnsträger. Wie dürfen wir wider unseren Eid die Hand gegen unsern Herrn erheben? Der Graf hat uns nie das geringste Leid angetan, nicht einmal einen Vorwand wüßt' ich, ihm die Lehnspflicht aufzukündigen.« »So höre ich sie im Geiste schon alle reden, unsere trefflichen Genossen vom Adel!« sagte Barthold bitter. »Der Eid, der Eid! Das ist das Schild, hinter dem sie sich alle verkriechen!« »Wundert dich das?« fragte Bertram. »Einen adligen Mann bindet sein Eid.« »So bin ich wohl ein Eidbrüchiger in deinen Augen?« fuhr Barthold auf. »Von dir ist nicht die Rede«, entgegnete Bertram ruhig. »Dir hat der Graf an deine Rechte gegriffen, und vieles, was geschehen ist, mußte dich zu seinem Feinde machen. Bei mir, bei fast allen andern ist das etwas ganz anderes. Ich bin Vasall des Hohnsteiners, die meisten Herren auf dem Eichsfelde sind Vasallen des Mainzers. Wohl wünschen sie alle, sie ständen lieber unter einem lutherischen Herrn. Aber sollen sie deshalb Aufruhr beginnen? Dürfen deshalb Untertanen zum Schwert greifen wider ihre gottgeordnete Obrigkeit?« Barthold schlug eine rauhe Lache auf. »Ja, Bertram, wenn du dich zu den Untertanen rechnest, dann können wir uns freilich nicht verstehn!« rief er. »Donnerwetter, Kreuz und Hagel! Wir sind also Untertanen! Bis jetzt dacht' ich, wir wären Leute von edlem Blute, den Fürsten gleich, nur daß die mächtiger sind und reicher als wir. Bei Gott – was ist denn solch ein Fürst weiter, als ein dick und groß gewordener Edelmann! Und wodurch groß und dick geworden? Durch die Faulheit und Schlaffheit der anderen Edelleute, oft durch Lug und Trug!« Bertram schwieg eine Weile, dann entgegnete er nachdenklich: »Es mag so sein. Aber was kann uns das jetzt kümmern? Die Fürsten haben unsern Lehnseid. Daran müssen wir uns halten. Solange der Kurfürst ihren Rechten nicht zu nahe tritt und sie in ihren Freiheiten ungekränkt läßt, sind die Mainzer Lehnsleute gebunden.« »Ist das dein Ernst? Vergißt du, daß der Mainzer ein Pfaff ist?« rief Barthold grimmig. »Und wenn er schon ein Pfaffe ist, ihren Eid müssen sie ihm doch halten«, entgegnete Bertram fest. »Eid ist Eid!« »Nein, Bertram, das leugne ich und leugne es mit Recht!« rief Barthold. »Da hätte ja nie ein Mönch weltlich werden dürfen, denn er hatte nun einmal geschworen, zeitlebens in der Kutte zu stecken! Da hätte nie ein Fürst sich gegen den Kaiser auflehnen dürfen, denn sie hatten ihm alle gehuldigt. Da hätte kein Landesherr und kein Bischof reformieren und die päpstlichen Greuel abtun dürfen, denn er war mit heiligem Eide gebunden. Es gibt aber eben Eide, die nichts als Sünde sind. Das sind die Eide wider Gottes Wort. Nun sage selbst, Vetter: Wer ist denn der Papst? Der Antichrist. Das hat uns der selige Doktor Luther haarscharf bewiesen. Was sind die Bischöfe? Diener des Antichrists, also Teufelsdiener. Wie darf man ihnen Gehorsam geloben? Ist solch ein Eid nicht eine schwere Sünde?« Bertram schüttelte den Kopf. »Ich erkenne in deinen Worten etwas Wahres, aber ich kann dir nicht folgen«, sagte er. »Du fliegst mir zu hoch. Es mag sein, daß die Gewaltigen der Welt manchmal etwas tun müssen gegen Eid und Gewissen. Ich aber bin ein einfacher Edelmann, kein Großer und Gewaltiger und bin auch schlichten Geistes. Ich komme über einen Eid nicht hinweg, selbst wenn ich ihn einem Schurken geschworen hätte.« »Ist das auch deine Meinung, Vetter?« wandte sich Barthold an Hans. Der blickte ihn bekümmert an, denn es ward dem gutmütigen Manne nichts schwerer, als einem eine Bitte abzuschlagen. »Ja, Barthold, ja«, sagte er. »Auch ich kann dem Grafen meinen Eid nicht brechen. Aber Heeresfolge leiste ich ihm auch nicht, verlaß dich darauf!« Barthold stand auf. »Dann ist es nutzlos, weiter zu reden«, sprach er kalt. »Ich muß mich schon sehr bedanken, daß Ihr Euch nicht verpflichtet fühlt, mit gegen mich das Schwert zu ziehen. Ich stehe ganz allein! Nun, so muß ich sehen, wie ich die Sache allein durchfechte.« Er wandte sich zu gehen. Aber Bertram hielt ihn zurück. »Sei nicht zornig, Barthold«, bat er. »Bei Gott, ich kann nicht anders. Was ich tun kann für dich, das werde ich tun. Kommt's zum äußersten, und willst du Weib und Kind in Sicherheit bringen, so steht dir der Scharfenstein zu Diensten. Suchst du selbst eine Zuflucht – kein Mensch kann mir zumuten, daß ich dich ausliefere. Aber verlange nicht, was gegen mein Gewissen geht!« »Gott gebe, daß ich keine Zuflucht suchen muß! Dann also hebt deine Freundschaft erst an?« versetzte Barthold finster. »Herrgott!« rief Bertram. »Kannst du dich denn gar nicht in anderer Leute Lage denken? Ich kann doch nicht anders, ich kann nicht!« Barthold sah, wie das sonst so ruhige und unbewegliche Antlitz seines Vetters in tiefer Erregung zuckte, und er begriff plötzlich, daß dieser Mann in der Tat nicht anders handeln konnte. Er gehörte nun einmal zu den Naturen, die sich selbst entehrt fühlen, wenn sie einmal abweichen von der schnurgeraden Straße strenger, buchstäblicher Pflichterfüllung, die nie um eines hohen Zieles willen die Schranken des Rechtes und der Ehrbarkeit überspringen. Von einem solchen Charakter war nicht zu verlangen, daß er seinen Lehnseid brechen sollte, um einer späteren Gefährdung des Evangeliums vorzubeugen. Einen derartigen Entschluß vermochte er überhaupt nicht zu fassen. »Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Ich kann nichts anderes von dir fordern, als was du zu geben hast«, sagte Barthold. »Zornig bin ich nicht, ich habe keinen Groll gegen dich. Aber es wird besser sein, wenn wir uns heute trennen. Ich will heimreiten nach meiner Burg.« »Nein, bleibe!« rief Bertram. »Wir wollen Rat halten über deine Sache. Irgendein Ausweg muß zu finden sein.« »Rats bedarf ich nicht, und Auswege suche ich nicht. Es gibt nur einen, der heißt Unterwerfung. Den gehe ich nimmermehr. Gehabt Euch wohl, Vettern!« erwiderte Barthold, winkte ihnen einen Gruß mit der Hand zn und schritt zur Tür. Aber er wandte sich noch einmal um. »Wie geht es Klaus?« fragte er. »Die Besserung hält an, das Fieber ist verschwunden, und die Wunde verheilt«, antwortete Bertram. »Jetzt wird er schlafen.« »Ich will in ein paar Tagen nach ihm sehen. Vermeldet ihm das«, sagte Barthold. »Es geht, wie ich mir's dachte«, murmelte er, als er den steilen Schloßberg wieder hinunterritt. »Mein eigenes Geschlecht steht nicht offen zu mir – was kann ich von den anderen erwarten? Keiner wird mir Hilfe leisten, keiner!« – Darin hatte sich der Ritter nicht getäuscht. Die folgenden Tage zeigten ihm, daß er auf den tatkräftigen Beistand seiner Standesgenossen nicht zu rechnen hatte. Die Hagen, die mächtigen Hansteins, die Westernhagen, die Bodenhausen wollten von einer bewaffneten Erhebung gegen den Erzbischof nichts wissen. Alle erklärten, daß sie nicht gegen ihren Glaubensgenossen fechten würden, aber das Schwert ziehn wollte keiner. Da gab es Barthold auf, Bundesgenossen unter dem Adel zu werben. Wenn Werner von Hanstein, Heinz und Hans von Westernhagen und Wilko von Bodenhausen nichts wagten, so brauchte man bei den übrigen gar nicht erst anzufragen. »Die Herren wollen nicht«, sagte Barthold acht Tage später zu seinem Vertrauten Conrad Schmid, den er auf den Bodenstein entboten hatte. »Sie denken: Laßt den Wintzingerode die heiße Suppe allein ausessen! Bei einigen mögen Gewissensbedenken im Spiele sein, bei anderen Feigheit, bei manchen auch alter Haß gegen mich.« »Ich meine, Junker, Ihr habt trotzdem keinen Grund, den Mut sinken zu lassen«, versetzte Schmid. »Das fällt mir auch gar nicht ein!« rief Barthold. »Seht, Conrad, ich rechne so: Wenn das Land nicht mithält gegen mich, dann kann der Mainzer nicht mehr als zwölfhundert Knechte gegen mich aufbringen. Als ich jung war, kostete der Knecht vier Gulden im Monat, jetzt sind sie kaum für acht zu haben, Reiter kosten zwölf und vierzehn. Macht allein für das Volk im Monat rund zwölftausend Gulden. Werbung, Rüstung und Geschütz kosten gut und gern das Dreifache. Da sind fünfzigtausend Gulden in vier Wochen weg. Das hält vielleicht der Teufel oder August von Sachsen aus, aber nimmermehr der Kurfürst von Mainz. Ich kenne die Finanzen des Erzstiftes. Sie sind des Erbarmens wert.« »Ihr aber könnt den Bodenstein mit hundert Knechten ganz wohl halten«, unterbrach ihn Schmid. »Ich denke etwa hundertundzwanzig zusammenzubringen, und Ihr sollt mir dabei helfen«, entgegnete der Ritter. »Ich weiß, Ihr versteht zu werben.« »Das denk' ich wohl«, versetzte Schmid geschmeichelt lachend, »und ich bin gern bereit dazu. Wäre ich nicht schon tief in Eurer Schuld von früher her, so müßt' ich Euch doch zu Diensten stehn um Eurer neuerlichen Wohltaten willen. Ihr habt mich aus der Beute der beiden Räuber großartig abgefunden, Junker.« »Ihr habt erhalten, was Euch gebührte«, erwiderte Barthold. »Habt's ehrlich verdient und Euch als mein Freund bewiesen. Nun sagt mir – etwa sechzig Fußknechte brauche ich noch und zwei oder drei Büchsenmeister. Werdet Ihr die mir stellen können bis Anfang Mai? Vor Mitte Mai habe ich schwerlich etwas zu besorgen.« »Das glaube ich sicher«, sagte Schmid. »Nordhausen und Mühlhausen, Eisenach und Weimar beherbergen zur Zeit viele abgelohnte Soldknechte. Auch Franken ist voll davon. Da bringe ich leicht sechzig zusammen, besonders wenn's gegen einen Pfaffen geht. Aber das sag' ich Euch im voraus: Ihr werdet einen hohen Satz zahlen müssen, denn es wird schwere Arbeit geben, und es ist der wenigsten Knechte Geschmack, monatelang in einer belagerten Burg zu sitzen. Dies Volk will lieber im freien Felde schweifen.« »Wer sagt Euch, daß sie immer in der Burg hocken sollen?« warf Barthold mit schlauem Augenzwinkern ein. Schmid blickte ihn verwundert an. »Ihr werdet doch nicht die Tollkühnheit haben, den Mainzern im Felde Widerstand zu leisten?« »Da wär' ich freilich ein Narr!« lachte der Ritter. »Aber ich habe einen anderen Plan.« Er ging einige Male mit langen Schritten nachdenklich durch das Gemach. Dann blieb er vor Schmid stehen, und indem er ihm scharf in die Augen blickte, begann er: »Ich brauche Euch auch dazu, Conrad. Ihr habt mir geschworen, daß Ihr mir redlich und treulich in diesem Handel dienen wollt, und ich weiß aus andern Händeln, daß ich mich auf Eure Treue und Willfährigkeit verlassen kann!« »Gott soll mich strafen, wenn ich Euch jemals verrate!« rief Schmid und hob die Hand empor, als wollte er einen Schwur leisten. »Drum will ich Euch meinen Plan mitteilen«, fuhr Barthold fort. »Setzt Euch hierher, nahe zu mir. Möchte wissen, was ein so verschlagener Mann wie Ihr zu meinen Gedanken sagt. Also merkt auf: Der Kurfürst kommt selbst nach Heiligenstadt. Es ist kein Zweifel mehr daran, dem Rate ist die Kunde schon zugegangen. Darob sind die lieben und getreuen Untertanen keineswegs erbaut, ja im Gegenteil, sie fürchten das Schlimmste. Denn der Mainzer Pfaffe hat sofort verlangt, daß die Liebfrauenkirche, in der seit vierzehn Jahren Magister Kaspar Schaumberg predigt, den Römischen zurückgegeben werden soll. Das hat böses Blut gemacht, sehr böses Blut. Ihr glaubt es nicht, wie es unter den Bürgern brodelt und gärt. Denn das muß man den Heiligenstädtern lassen: Sie hassen die römische Lehre wie die Pest. Nun ist einer der ärgsten Pfaffenfeinde in der Stadt mein Lehnsmann Kurt Fiedeler, der in der Ratsmühle sitzt. Ihr wißt, die von Wintzingerode haben ein altes Lehn in Heiligenstadt, ein großes, stattliches Mühlengut an der Geislede bei der Ratsgasse. Den Mann bestellte ich zu mir vor drei Tagen und fragte ihn aus über allerlei, und was die Heiligenstädter über den Kurfürsten und seine Jesuiten dächten. Ich sage Euch, er schimpfte, daß einem das Herz im Leibe lachte. Da sprach ich nachdrücklich und ernsthaft: Was nützt alles Reden und Schreien? Worte helfen zu nichts. Wenn du aber ein so großer Pfaffenfeind bist, Kurt, würdest du da nicht auch einmal etwas tun gegen die verwünschte Brut? Ich sprach das so ein bißchen spöttisch, als zweifelte ich an seinem Ernst und Mut. Er aber wurde ganz blaß und sagte: Ihr wißt offenbar nicht, Herr, was mir in letzter Zeit geschehen ist. Sonst könntet Ihr nicht zweifeln, daß ich mit Freuden diesem kriechenden, schleichenden Gewürm den Kopf zertreten würde. Ich machte große Augen. Nein, beim Himmel, nichts weiß ich! rief ich. Was hat sich denn ereignet? Erzähle mir das! Und nun kam eine wunderliche Geschichte zutage. Der Mann hat eine Tochter, ein schmuckes Geschöpf, aber engen und dabei schwärmerischen Geistes. Die kommt bei katholischen Verwandten – es gibt ja noch Römlinge in Heiligenstadt, wenn auch nur wenige – mit dem Propst Bunthe von Nörten zusammen. Wie man hört, soll er auch in Heiligenstadt Dekan werden. Alle Pfaffen sind mir widerlich, der unter allen am meisten, denn ich kenne ihn von früher her, es gibt einen alten bösen Handel zwischen uns. Sofort wittert der Pfaffe in dem verdrehten Weibsbilde einen fetten Bissen für seine Kirche, zumal da sie von ihrer verstorbenen Mutter ein schönes Stück Geld geerbt hat. Um's kurz zu sagen: Er weiß sie ganz verrückt zu machen, daß sie heimlich zur Beichte geht, allerlei Bußübungen und dergleichen verrichtet und eines Tages fort will, um Nonne zu werden. Ihr Vater ist natürlich außer sich vor Zorn, bittet und beschwört sie, und als alles nichts hilft, gibt er ihr die Peitsche tüchtig zu kosten und sperrt sie ein. Da sitzt sie noch, denn wenn er sie losließe, sagte er, da würde sie auf der Stelle zu den Pfaffen laufen. Die Geschichte paßte mir herrlich in meinen Kram. Kurt, fragt' ich ihn, wenn ich nun gegen die Pfaffen vom Leder ziehe, willst du mir wohl dabei mithelfen? Mit Freuden, Herr, antwortete er. Und gibt es wohl noch andere in Heiligenstadt, die bereit sind, etwas zu wagen? Eine Menge, Herr, sagte er und nannte mir Listemann, Hugold, Herst und noch ein Dutzend andere. Da band ich ihn durch einen schweren Eid, daß er mir dienen solle in meinem Handel mit Mainz als mein geschworener Mann, und daß er auch helfen solle, andere für mich zu werben. Und wißt Ihr, was ich in Absicht habe? Nicht etwa einen Aufruhr anzetteln will ich in Heiligenstadt, sondern in der Nacht in die Stadt einbrechen, den Kurfürsten überfallen, in meine Hand bringen und ihn hierher schaffen. Das will ich.« »Donnerwetter!« entfuhr es dem Munde Conrad Schmids, der mit immer steigendem Erstaunen zugehört hatte. »Das ist ein toller Plan!« »Haltet Ihr ihn für unausführbar?« fragte Barthold mit blitzenden Augen. »Nein, nein! Wohl möglich, daß er glückt!« rief Schmid. »Dachte schon, daß Ihr so etwas im Schilde führt, denn das Stillesitzen ist nicht Eure Sache. Aber keck und verwegen ist der Anschlag, und schlägt er fehl, so kostet's den Kopf.« »Den setzt man im Kriege immer aufs Spiel«, warf Barthold ein. »Wenn's ginge«, fuhr Schmid fort, »so würde ich mich an Eurer Stelle persönlich fern halten und die Sache durch die Knechte und Bürger machen lassen.« »Ich habe mehr Zutrauen, wenn ich selbst dabei bin«, antwortete Barthold. »Bis dahin ist, so Gott will, Klaus wieder genesen und mag derweilen die Burg hüten.« »Es geht dem Junker gut?« fragte Schmid. »Gut noch nicht, aber jeden Tag besser«, erwiderte Barthold. »Und der Mordgeselle, der ihn traf, ist noch immer unbekannt?« »Meint Ihr, der Kerl atmete noch, wenn ich ihn kennte?« rief Barthold. Indem trat Jacob Holstein in das Gemach und meldete einen Kurier, der ihm sogleich auf dem Fuße folgte. Er überreichte Herrn Barthold ein Schreiben, das mit dem Mainzischen Siegel verschlossen war. Der Ritter brach es auf, überflog es mit raschen Blicken und warf es dann lachend auf den Tisch. »Daniel, von Gottes Gnaden Erzbischof von Mainz, Kurfürst des heiligen römischen Reiches und seiner Kaiserlichen Majestät Erzkanzler in Germanien, fordert mich als der nunmehrige Oberlehnsherr des Gerichts Bodenstein auf, mich Anfang Juni in seiner getreuen Stadt Heiligenstadt zur Huldigung einzufinden. Geh in die Küche, junger Mann, und laß dir einen Trunk und Zehrung reichen. Du, Jacob, holst Schultheiß, den Schreiber, herüber. Wir wollen dem hochwürdigen Plattmönch eine Antwort geben, die weder Hörner noch Zähne hat!« XXII. Kapitel. In den nächsten Wochen ging es auf dem Bodenstein zu wie in einem Bienenhause. Boten kamen und ritten wieder fort, größere und kleinere Geschütze wurden auf die Burg gebracht, Proviantfuhren und Pferdetransporte trafen ein, und hin und wieder meldete sich schon einer der verwetterten Kriegsgesellen, die Conrad Schmid im Auftrage des Herrn Barthold in Thüringen und Franken geworben hatte. Die Bauern des ganzen Gerichts und alle, die dem Ritter lehnspflichtig und Untertan waren, mußten Hand- und Spanndienste leisten, denn alle Wälle, Mauern und Gräben der Burg wurden nachgesehen und jede schadhafte Stelle sorgsam ausgebessert. Das war so recht ein Leben nach Herrn Bartholds Sinne, dieses tatkräftige Anordnen und Befehlen von früh bis zum Abend; er kam außer den Mahlzeiten keinen Augenblick zur Ruhe und sank abends oft todmüde auf sein Lager. Sehr entbehrte er dabei freilich die Hilfe seines Sohnes, denn Klaus war noch immer auf dem Scharfenstein. Seine Wunde hatte sich zwar geschlossen, und er war bereits imstande, sich zu erheben. Aber jeder Spaziergang im Zimmer ermüdete ihn noch derartig, daß Herr Barthold seine Anwesenheit auf dem Bodenstein noch nicht wünschte. Das aufregende und anstrengende Leben, meinte er, müsse für einen nur Halbgesunden Gift sein, und daß der pflichteifrige Klaus sich nicht schonen würde, wußte er nur zu gut. Darum trug er die Last lieber allein und trug sie freudig und ungebeugt. Trotz der schweren Gefahr, die über seinem Haupte schwebte, war er fast immer froh und guten Mutes, denn der Kampf war ihm das Liebste in der Welt, und schon die Vorbereitung darauf ließ ihn neu aufleben. Einen großen Anteil an der gehobenen Stimmung seines Gemütes hatte auch der gute Fortgang seiner Sache in Heiligenstadt. Die Bürger waren von jeher ein unruhiges Geschlecht gewesen, die Geschichte der Stadt war reich an Fehden und Krawallen, schneller als an anderen Orten pflegte man hier zum Schwerte zu greifen. Es lebte in den Heiligenstädtern noch etwas von dem trotzigen Sinne ihrer Vorfahren, der alten Sachsen, denen nichts schlimmer deuchte, als Zwang und Gewalt leiden zu müssen. Barthold konnte sicher darauf rechnen, daß sich unter einer solchen Bevölkerung mancher finden müsse, der es wagen würde, mit ihm gemeinsame Sache zu machen. Aber seine kühnsten Hoffnungen wurden noch übertroffen. Kurt Fiedeler, sein Vertrauter, kam Ende Februar auf den Bodenstein und legte ihm eine Liste derer vor, die bereit waren, um des Evangeliums willen sich mit dem Ritter in ein Bündnis zu begeben. Es waren ihrer zwar nicht allzu viel – Fiedeler war sehr vorsichtig zu Werke gegangen –, aber es waren durchweg angesehene Leute, auf die man zählen konnte. Sogar Mitglieder und Häupter mehrerer Rats- und Patrizierfamilien waren darunter, ein Strecker, ein Maul, je zwei Frohne und Kastorp. Am wertvollsten aber erschien die Teilnahme der hochansehnlichen Familie Listemann, denn die besaß ein Haus dicht an der Stadtmauer unweit des Bergtores, durch das man, wenn die Eigentümer im Einverständnis waren, zur Nachtzeit wohl in die Stadt eindringen konnte. Überwältigte man dann die Wachen und schlug das Bergtor auf, so konnte man das Martinsstift leicht überrumpeln, es lag ja nur wenige hundert Schritte davon. Dort aber mußte der Erzbischof jedenfalls wohnen. So eng die Gelasse des Stifts zum großen Teil auch waren, so gab es doch in der ganzen Stadt kein anderes Haus, das einen Reichsfürsten zur Not hätte beherbergen können. Es war kein Zweifel – der tollkühne Gedanke des Ritters ließ sich verwirklichen. Nur Glück mußte man haben, und der Anschlag gelang. Aber das gehört ja schließlich zu jedem kriegerischen Unternehmen. Während Fiedeler auf der Ofenbank sitzend von seinen Bemühungen und Erfolgen erzählte, rannte Barthold mit schnellen Schritten in dem Gemach auf und nieder. Das Herz hämmerte ihm in der Brust, er konnte kaum seine Erregung etwas unterdrücken. Die Aussicht, den bittergehaßten, mächtigen Feind in seine Gewalt zu bekommen und damit die gefährliche Fehde kurzerhand zu beendigen, wirkte berauschend auf ihn. Als der Heiligenstädter seinen Bericht beendet hatte, blieb Barthold neben ihm stehen und faßte ihn mit so eisernem Druck am Arme, daß er einen Schrei nicht zu unterdrücken vermochte. »Kurt Fiedeler!« rief der Ritter. »Das hast du gut gemacht! Weiß Gott, wenn der Schlag gelingt, soll's dein Schade nicht sein! Ha, wenn ich mir denke, der hochmütige Pfaffe hält als Gefangener seinen Einzug auf dem Bodenstein, wo er als Herr und Sieger einreiten wollte! Will's der Himmel, so fang' ich den Hohnsteiner gleich mit! Die sollen mir aber blechen, daß ihnen die Augen übergehn und sie ihr Lebtag nicht wieder an eine Fehde denken!« »Schade, daß es noch nicht so weit ist, Herr!« sagte Fiedeler. »Kommt's aber dahin, und kriegt Ihr den Bunthe mit zu fassen, so erlaubt mir, daß ich den scheinheiligen Schuft mit den Ohren an den nächsten Baum nagele!« »Wir wollen sehen, was sich tun läßt«, versetzte Barthold lachend. »Zunächst aber gilt es, weitere Vorkehrungen zu treffen. Nach Heiligenstadt komme ich noch nicht, die Männer sollen erst alle in meine Hand den Treueid abgelegt haben. Darum fordere sie auf, am – sagen wir am nächsten Montag, also heute über acht Tage, nach Reinholterode zu kommen. Dort habe ich einen Hof von denen von Uslar gekauft und einen treuen Mann zum Vogt eingesetzt. Abends acht Uhr werde ich eintreffen.« »Kommt lieber am hellen, lichten Tage, Herr«, entgegnete Fiedeler. »Am besten zu Mittag. Wenn am Nachmittag oder gegen Abend die Männer zu den verschiedenen Toren wieder in die Stadt zurückkehren, so kann schwerlich jemand Verdacht schöpfen. Dagegen die nächtliche Abwesenheit so vieler Bürger wird leichter bemerkt und könnte da oder dort durch das Hausgesinde besprochen werden.« »Da hast du recht«, gab Barthold nach einigem Besinnen zu. »Also gut, mittag zwölf Uhr. Sie sind alle meine Tischgäste.« Am folgenden Morgen in aller Frühe wollte Fiedeler den Bodenstein wieder verlassen. Sein Leiterwagen mit den beiden schweren Gäulen stand schon angeschirrt im Hofe der Vorderburg. Er hatte eine Fuhre Korn hergebracht und kehrte nun mit den leeren Säcken heim. Daß er noch andere Geschäfte auf dem Schlosse besorgt hatte, konnte ihm kein Mensch ansehen, und es war dringend nötig, daß niemand in Heiligenstadt irgendwelchen Verdacht auf ihn warf. Selbst von des Ritters eigenen Leuten brauchte keiner zu ahnen, daß er der heimliche Vertraute ihres Herrn geworden war. Darum grüßte er Herrn Barthold, der eben von der Hauptburg her in den Hof trat, nur ehrerbietig aus der Ferne und trieb dann seine Pferde durch Peitschenknall und lauten Zuruf zum Ziehen an. Aber er kam nicht weit, er mußte vor dem Tore halten. Denn die schmale Brücke, die ins Freie führte, stand gedrängt voll Menschen. Die Bauern, die zur Arbeit gekommen waren, und die Knechte der Burg hatten sich durcheinander schwatzend und schreiend dort aufgestellt und blickten angelegentlich nach etwas hin, was man von innen nicht sehen konnte. »Was zum Henker ist denn hier los? Was gibt's da zu gaffen?« fragte der Ritter im Näherschreiten. Der alte Jacob trat mit zornrotem Gesicht auf ihn zu. »Es hat sich einer erfrecht, hier etwas anzuschreiben.« »Ei, laß sehen!« rief Barthold und trat auf die Brücke. Da war an einem der steinernen Pfeiler eine roh aus Holz geschnitzte Tafel mit einem Nagel befestigt, auf die eine ungeübte Hand mit Rötel die Worte geschrieben hatte: »Hüt' dich, Bluthund vom Bodenstein, Die Rache Gottes bricht herein.« Darunter standen drei Kreuze und das Bild eines Dolchmessers. Herr Barthold entzifferte die Schrift und lachte laut. »Kindisch!« sagte er. »Reiß das Ding ab, Jacob, und wirf's in den Graben. Geht ruhig an Eure Arbeit, Leute. Das ist Unfug und hat nichts zu bedeuten.« Aber der Ritter hatte sich getäuscht. Ein Feind, der tückisch aus dem Hinterhalt kämpfte, hatte sich damit angemeldet. In der nächsten Nacht brannte die Mühle in Tastungen nieder, die Herrn Bartholds Eigentum war. Zwei Nächte später ging eine große Scheune des Gutes Kalt-Ohmfeld in Flammen auf. Mit größter Mühe wurden die übrigen Gebäude gerettet. Der Ritter tobte und wütete und stellte alle möglichen Untersuchungen und Nachforschungen an, aber keine hatte ein Ergebnis. Er ließ in allen seinen Dörfern eine Belohnung von fünfzig Gulden ausklingeln für den, der ihm den Täter namhaft mache. Auch das war vergeblich. Der geheimnisvolle Feind ließ sich nicht einmal schrecken durch solche Maßregeln, denn in der Nacht, die diesem Tage folgte, heulte wieder die Sturmglocke von Tastungen, und vier Höfe, die dem Ritter gehörten, sanken in Asche. Eine ungeheure Aufregung ergriff nun das ganze Gericht Bodenstein. Die Leute wagten kaum noch sich zur Ruhe niederzulegen, aus Angst, es möchte ihnen im Schlafe das Haus über dem Kopfe angezündet werden. Der Bauer fürchtet ja ohnehin kaum ein anderes Unglück so sehr wie eine Feuersbrunst. Die Aufregung stieg noch, als man erfuhr, daß wieder eine Tafel mit einer Drohung gegen Herrn Barthold angeschlagen war. Diesmal hatte sich der Missetäter nicht bis ans Tor gewagt, sondern sein Geschreibsel an einem nahen Baume angebracht. Dort war zu lesen: »Wintzingerod, der rote Hahn Wird bald auf deinem Dache stahn.« Herr Barthold lachte nicht mehr, als er das las, sondern stieß einen schweren Fluch aus und schwur mit zum Himmel aufgereckter Hand, er werde den Hund rädern lassen, wenn er ihn erst habe. Er hatte eigentlich ins Dorf hinabreiten wollen, aber er kehrte auf der Stelle um und begab sich wieder in sein Gemach. Dort setzte er sich mit gefurchter Stirn in seinen Sorgenstuhl und brütete finster vor sich hin. Wer war der Feind, der aus dem Dunkel der Nacht die Krallen gegen ihn ausstreckte? Gewiß steckten die vermaledeiten Pfaffen dahinter. Aber wie sollte er die Mordbrenner finden und fassen? Während er noch so in düsteren Gedanken da saß, öffnete sich die Tür, und Jacob Holstein trat in das Zimmer. Er stellte sich vor seinen Herrn hin und hub mit der Feierlichkeit, die er in ernsten Augenblicken gern an den Tag legte, zu reden an: »Erlaubt, Gestrenger, daß ich, Euer alter und getreuer Knecht, etwas sage.« »So sprich!« fuhr ihn Barthold an. »Aber ohne alles Gesalbe und Gefasel, das bitt' ich mir aus!« Der Alte zog einen kleinen Gegenstand aus der Tasche, der in ein Tüchlein gewickelt war. Es war ein Feuerstahl in einer Form, die in der dortigen Gegend unbekannt war. »Das Ding ist zehn Schritte von der Brandstätte in Tastungen gefunden worden«, sagte er triumphierend. »Hierzulande hat niemand solch ein Ding. Wenn der Gestrenge befehlen wollte, daß die Leute zusammenkommen und sich das Ding besehn, so weiß vielleicht einer, wem's gehört. So was merkt man sich, wenn man's bei einem sieht. Es ist ein seltenes Stück.« Herr Barthold beschaute den Stahl von allen Seiten. »Wer gab dir das Ding?« fragte er. »Ich hab' es selbst gefunden, denn ich trat zufällig darauf«, erwiderte der alte Knecht. Der Ritter strich sich nachdenklich den Bart. »Nun, den Versuch kann man schon machen«, brummte er. »Viel verspreche ich mir nicht davon, aber vielleicht leitet es doch auf eine Spur. Zeige den Stahl zunächst allen unseren Leuten –« »Das Hab' ich schon getan, es kennt ihn keiner«, unterbrach ihn Jacob. »Dann reite hinunter mit Matthias und Lips oder Blasius und sage dem Heimbürgen Wendel, er solle Schlag neun die Bauern unter der Linde versammeln«, gebot Barthold. »Wir wollen in allen Dörfern ringsum den Stahl zeigen, ob etwa einer weiß, wem er gehört. Ich komme um neun selbst ins Dorf. Also mache dich fort. Hier hast du einen Gulden für das Ding. Er wird sich verhundertfachen, wenn wir den Schuft dadurch etwa fangen.« Jacob Holstein brachte einige Dankesworte hervor und rannte dann, so schnell ihn seine Beine trugen, nach den Pferdeställen. Er befand sich in der größten Aufregung. »Lips und Blasius!« schrie er, »Ihr reitet mit mir sogleich ins Dorf hinunter. Der Herr will den Bauern den Stahl zeigen, den ich gefunden habe. Der Herr meint, der werde sicher auf die Spur der Halunken helfen. Da seht Ihr wieder. Ihr Ölgötzen, was für ein Mann ich bin! Meine alten Augen sehen zehnmal mehr als Eure jungen. Ihr findet niemals nichts, weil Ihr Schlafmützen und Maulwürfe seid!« Einige Minuten später sprengte er den Schloßberg hinab, durchdrungen von dem Bewußtsein seiner ungeheuern Wichtigkeit. Den einen Arm hatte er in die Seite gestemmt, die Lippen fest zusammengekniffen und den Kopf stolz in den Nacken zurückgeworfen. Dazu bemühte er sich, aus seinen kleinen gutmütigen Äuglein nach allen Seiten Blitze zu schießen. Diese Haltung pflegte Herr Barthold anzunehmen, wenn er sehr gereizt und zornig war, und sie genoß Jacob Holsteins Bewunderung so sehr, daß er sie häufig nachahmte. Von fern, meinte er dann, könne ihn der oder jener wohl für den gestrengen Ritter selbst halten. – Schlag neun Uhr kam Herr Barthold mit einem stattlichen Reitergeschwader die Dorfstraße heruntergeritten und lenkte sein Roß nach dem kleinen Platze, den sechs riesige, jetzt freilich kahle Linden umstanden. Dort war die ganze Gemeinde versammelt, vorn waren die Männer aufgestellt, die alten in der ersten Reihe, die jungen hinter ihnen. Die Mehrzahl der Weiber hatte es sich nicht nehmen lassen, gleichfalls zu erscheinen, und die liebe Dorfjugend war natürlich vollzählig zur Stelle und balgte sich außerhalb des Kreises herum, bis sie bei des Ritters Herannahen ein donnernder Zuruf des strengen Erbrichters und Heimbürgen Wendel zur Ruhe brachte. Der Ritter drängte sein Pferd dicht an die vorderste Reihe heran und hob den Feuerstahl hoch empor, so daß er in der Sonne funkelte. »Ihr Männer!« rief er dann laut. »Dieses Ding ist von meinem Knechte Jacob Holstein auf der Brandstätte von Tastungen gefunden. Es ist ein Zündstahl. Möglich, daß damit das Feuer entfacht worden ist. Denn wer kein Feuer anbrennen will, bewahrt seinen Stahl und Zunder im Hause auf und trägt ihn nicht bei sich in der Tasche. Das Ding sieht fremdländisch aus, auf dem Eichsfelde habe ich solch einen Stahl noch niemals gesehen. Ich lasse ihn jetzt von Hand zu Hand gehen, vielleicht weiß jemand von Euch, wem er gehört. Wer etwas weiß, der soll's sagen ohne alle Scheu!« Damit legte er den Stahl in die Hand des Schöffen Curt Grubing, der ihm am nächsten stand. Aber kopfschüttelnd gab ihn der Alte weiter, er kannte ihn nicht. So wanderte das glänzende Ding von einer Hand zur andern durch den ganzen Haufen und sollte schon aus der letzten Reihe wieder nach vorn gegeben werden, als plötzlich eine Dirne laut aufkreischte. »Ach Gott, ach Gott, das Ding kenne ich!« schrie sie. »Ich weiß, wem's gehört.« Es war Bertha, die halbwüchsige Tochter des Gemeindeschäfers, der eben auch herbeigekommen war und, weil er sich verspätet hatte, hinten unter den Weibern stehen geblieben war. »So sprich, Mädchen!« rief Herr Barthold, und aller Augen wandten sich nach der Dirne, die blutrot vor Verlegenheit die Schürze vors Antlitz schlug und schwieg. »Sprich nur, du brauchst dich nicht zu fürchten, ich befehle dir's!« rief der Ritter ungeduldig. »Ach Vater, sagt Ihr's«, raunte das Mädchen dem hageren, verwitterten Manne zu, der neben sie getreten war. »Das will ich«, sagte der Schäfer gelassen. »Zeig her das Ding.« Er nahm den Stahl in die Hand, blickte ihn bedächtig prüfend an und schritt dann langsam durch den Haufen, der ihm willig Platz machte, auf Herrn Barthold zu. »Den Stahl, Herr«, begann er nachdrücklich, »hat meine Tochter vorigen Herbst beim Grummetmähen vor der Hahle gefunden. Ich habe ihn dann lange gebraucht, denn er ist ein sehr guter Stahl, und meiner war alt und abgenutzt. Da tritt einmal mein Nachbar, der Förster Geilhaus, in die Stube, wie ich gerade Feuer anmachen will. »Wo hast du meinen Stahl her?« fährt er mich an. »Den hat meine Tochter gefunden«, sag' ich. »Er gehört mir, gib ihn her!« schreit er und reißt mir das Ding aus der Hand, und fort war er. Dem Geilhaus ist er also, keinem andern.« Herrn Barthold durchzuckte es wie ein Blitz. Ja, das war eine Spur, eine sehr deutliche sogar. Geilhaus war sein Todfeind, der ihm Rache geschworen hatte, er konnte sehr wohl auf diese Weise seinen glühenden Haß befriedigen wollen, da er ihm persönlich nicht ans Leben konnte. Nicht die Pfaffen in Heiligenstadt hatten die Brände anzünden lassen, sondern der verwilderte Mensch, der in seiner wahnwitzigen Rachsucht zu jeder Tat fähig sein mochte. »Ist Arnold Geilhaus hier?« fragte der Ritter mit lauter Stimme. »Er ist nicht hier!« klang es zurück. – »Er ist in seinem Hause!« rief gellend eine alte Frau. »Ich habe ihn vorhin erst gesehen.« »So reitet hinüber, Jacob mit Lips und Blasius, und bringt den Kerl hierher!« befahl Herr Barthold. Mit grimmiger Freude spornte der Alte sein Roß und ritt die Dorfstraße weiter hinab dem einzelnen Hause zu, das jenseits der Hahle stand. Daß es diesem Kerl endlich an den Kragen gehen sollte, war ihm ein wahres Vergnügen, denn nach seiner Meinung hatte der Wildschütz und Aufruhrprediger schon hundertmal den Tod durch Galgen oder Rad verdient. Nach einigen Minuten kam er mit wütender Miene zurückgesprengt. »Der Hund weigert sich, sagt, er brauche Euch nicht zu gehorchen, er stehe auf Herrn Hansens Grund und Boden!« »Zum Henker, was geht's dich an, was der Lump sagt! Warum bringst du ihn nicht?« schrie der Ritter. »Er hat sich eingeschlossen, droht jeden niederzuschießen, der sich dem Hause nähert«, antwortete Jacob, und an Herrn Barthold heranreitend, flüsterte er: »Es liegen zwei Handrohre neben ihm, Herr, hütet Euch, reitet nicht zu nahe heran!« »Alter Esel!« versetzte der Ritter. »Meinst du, daß ich mich vor einem Knechte meiner Vettern fürchte?« Er wandte sich um. »Macht eure Handrohre fertig!« gebot er den Büchsenknechten. »Und nun auf! Wir wollen den Dachs aus seinem Bau treiben.« Er setzte sein Roß in Bewegung, und seine Knechte ritten hinter ihm her. Die ganze Menschenmenge, die auf dem Dorfanger gestanden hatte, wälzte sich mit die Straße hinab über die enge steinerne Brücke, die über den kleinen Hahlefluß führte. Der Ritter machte etwa vierzig Schritte vor dem Hause Halt. Das schwarze, struppige Haupt des Försters blickte zum Fenster heraus. Er stierte den Ritter giftig an und schlug mit einem Mal ein scharfes, höhnisches Gelächter auf, so daß alle, selbst Herr Barthold, sich entsetzten. »Reitet den Kerl der Teufel?« murmelte er vor sich hin, laut aber rief er: »Arnold Geilhaus, du bist dringend verdächtig, zu mehreren Malen Feuer an mein Eigentum gelegt zu haben. Komm heraus und verantworte dich vor mir!« Geilhaus antwortete wieder mit einem brüllenden Hohngelächter und fletschte die Zähne wie ein Besessener. »Pack dich fort, Wintzingerode!« schrie er. »Landfriedensbrecher! Was hast du auf fremdem Gebiet zu suchen?« »Ich zähle bis zwölf«, sagte Herr Barthold mit starrer Ruhe. »Bist du dann noch nicht heraus, so lasse ich dich ausräuchern.« Das helle Kreischen einer Frauenstimme drang nach diesen Worten aus dem Hause heraus. »Verdammt!« knirschte der Ritter. »Er hat das Weib darin. Sorgt, daß sie ins Freie getragen wird, wenn wir brennen müssen.« Er hob an zu zählen. »Eins, zwei, drei –« »Hund!« brüllte Geilhaus. »Wenn ich dran glauben muß, sollst du's auch!« und er griff nach seiner Feuerwaffe. Aber Herr Barthold war schneller. Er riß einem Knecht an seiner Seite das Feuerrohr aus der Hand – ein Blitz – ein Knall, und mit einem heiseren Laute brach Geilhaus zusammen. Einige Augenblicke war es totenstill in der Runde. Nur von drinnen drang ein dumpfes Ächzen und das durchdringende Geschrei der Frau heraus. »Tretet die Tür ein und seht, wie's mit dem Kerl steht!« gebot der Ritter. »Will und kann er noch beichten, so holt den Pfarrer.« Dann reckte er sich hoch in den Bügeln empor und rief: »Ihr alle seid des Zeuge, was hier geschehen ist!« wandte sein Roß und ritt nach dem Bodenstein. – Am Abend trat der Pfarrer bei ihm ein. »Ich komme von Geilhaus, er ist vor einer Stunde verstorben«, begann er. »Das ist das Beste, was ihm geschehen konnte«, versetzte Herr Barthold kurz. »Kam er wieder auf, so verfiel er dem Rade.« Der Pfarrer neigte bejahend das Haupt. »Auch mir ist es unzweifelhaft, daß er der Täter war. Eure Knechte haben noch allerlei gefunden im Hause, Zunder und Schwefelfaden die Menge. Aber schlimmer als alles zeugt gegen ihn das hier.« Er warf ein Jagdmesser, das in seiner Lederscheide steckte, auf den Tisch. »Das hat man bei dem Toten gefunden. Es war das einzige Stück, das Junker Klaus vermißte, als er wieder zu sich kam auf dem Scharfenstein. Ihr habt es ihm geschenkt, als er zwanzig Jahre alt wurde.« Herr Barthold starrte mit funkelnden Blicken das Messer an und ballte die Fäuste. »So war also Geilhaus der Mordbube! Und dieser Mensch durfte durch eines Edelmanns Hände sterben! An den Galgen noch mit seinem Leichnam!« »Laßt ihn in Ruhe, er steht vor seinem Richter«, sagte der Pfarrer. »Es ist auch in anderer Hinsicht sehr zu beklagen, Herr, daß Ihr ihn selbst gerichtet habt.« »Wie meint Ihr das?« fragte Barthold. »Beklagenswert, daß er ohne Geständnis gestorben ist«, fuhr der Pfarrer fort. »Nun kann niemand seine Schuld mehr feststellen, so sicher wir auch daran glauben. Täuscht Euch nicht, Junker, seine Frau, seine Brüder und Verwandten werden Euch als einen Mörder ausschreien und werden eine Klage vor den Kurfürsten von Mainz bringen. Der wird sie mit Freuden annehmen und Euch vor sein Gericht laden.« Herr Barthold lachte. »Guter Pfarrer«, sagte er, »wenn ich mich dem Gerichte meines teuern Freundes Daniel stellen wollte, da wäre ich auf jeden Fall verloren. Es könnte mir gleich sein, ob der Pfaffe mich unter dem oder einem anderen Vorwande köpfen läßt. Darum besorgt Euch nicht. Wie wär's vielmehr, wenn wir ein Kartenspiel begännen? Wollen den alten Hoven dazu herüberholen lassen. Keine Ausrede, Pfarrer, Ihr haltet mit! Hedwig mag uns eine Kanne roten Würzweines bringen. Dabei wollen wir wenigstens am Abend die übeln Händel des Tages vergessen.« XXIII. Kapitel. »Das ist Hülfe in der Not, Stralendorf! Gelobt sei Gott, der Euch hergeführt hat! Nur einen Tag später, und mir hätte es jämmerlich ergehen können!« Mit diesen Worten begrüßte Bunthe in der Mittagsstunde des Sonntags Quasimodogeniti seinen Freund und Verbündeten Stralendorf, der eben als Führer von vierzig Reitern und dreihundertundfünfzig Fußknechten in Heiligenstadt eingerückt war. Der Ritter hielt, während der Propst ihn so anredete, zu Pferde vor der Tür des Martinsstiftes. Dabei schaute er höchlich verwundert um sich, denn es bot sich ihm ein sonderbarer Anblick dar, den er sich nicht zu deuten wußte. »Was Teufel ist denn hier geschehen, Herr Propst? Der ganze Fußboden ist mit Steinen und Scherben übersät, die Tür sieht aus, als sei sie bombardiert worden, und von Euern Fenstern ist kaum eines noch heil! Was hat das zu bedeuten? Hat's einen Aufruhr gegeben in Heiligenstadt?« »Kommt nur herein, da will ich's Euch berichten«, erwiderte Bunthe. »Freilich ist etwas geschehen, etwas Unerhörtes. Ihr werdet Augen machen!« »Gut«, nickte Stralendorf. »Ich wollte eigentlich schnurstracks aufs Rathaus, habe einen Boten vorausgesandt, daß die Herren sich versammeln. Sie sollen Quartier schaffen für diese da. Nun ist's aber doch besser, ich trete erst bei Euch ein und höre Euer Abenteuer. Vielleicht kann ich meine Rede auf dem Rathause darnach einrichten.« Er trat ins Haus und ließ sich von Bunthe in das Gemach leiten, das vor einigen Monaten den Grafen von Hohnstein beherbergt hatte. Dort erzählte ihm der Propst, was vorgegangen war. Er war erst vorgestern von seinem Petersstift in Nörten nach Heiligenstadt zurückgekehrt. Am folgenden Morgen in aller Frühe hatte man ihn geweckt, da ein Weib ihn in dringender Angelegenheit sprechen wollte. Es war Bertha Fiedeler, die Tochter des Ratsmüllers, der es gelungen war, ihrem Vater zu entkommen. Heulend und schreiend hatte sie sich dem Propst zu Füßen geworfen und ihn um Schutz vor ihrem Vater angefleht, der sie mehrmals grausam mit der Peitsche gezüchtigt und wochenlang in eine halbdunkle Kammer eingesperrt habe. Bunthe hatte ihr seinen Schutz zugesagt und sie im Stifte behalten. Bei nächster Gelegenheit sollte sie in ein Frauenkloster nach Erfurt gebracht werden. Aber der wütende Vater hatte ihren Zufluchtsort ausgespürt und war am Abend im Martinsstift erschienen, um unter wilden Drohungen die Herausgabe seiner Tochter zu verlangen. Als man ihn abgewiesen hatte, war das Volk in Rotten vor das Stift gezogen, erst hatte man ärgerliche Lieder gesungen und eine greuliche Katzenmusik gebracht, dann hatte man mit allerlei altem Geschirr, endlich mit schweren Steinen nach Tür und Fenster geworfen, und sicherlich würde es zu einem Sturm auf das Haus gekommen sein, wenn es nicht dem Rate endlich noch gelungen wäre, das empörte Volk zu beruhigen. Er hatte aber den Stiftsherren sagen lassen, daß er für nichts stehen könnte, wenn das Mädchen nicht bis zum nächsten Abend ihrem Vater zurückgegeben wäre. »Donner und Hagel! Eine schöne Obrigkeit!« höhnte Stralendorf. »Sie können für nichts stehen! Nun dafür will ich jetzt auf den Plan treten.« »Den Heiligen sei Dank!« rief der Propst. »Ich will Euch aber nicht verhehlen«, fuhr Stralendorf fort, »daß Seiner Kurfürstlichen Gnaden die Kunde von diesem Aufruhr sehr unlieb sein wird. Er will's zunächst in Güte mit der Stadt versuchen. Ich nehme an, daß Ihr nicht anders handeln konntet. Ist's die Dirne, von der Ihr mir das letztemal erzähltet?« Bunthe bejahte. »Dann ist's ein unglücklicher Zufall. Verwünscht, daß das tolle Weib gerade jetzt zu Euch kam!« »Nein«, unterbrach ihn der Propst, »nicht ein unglücklicher Zufall war es, sondern ein sehr glücklicher, ja mehr noch, eine Fügung Gottes, ein Zeichen des Himmels. Ihr selbst werdet das begreifen, wenn ich Euch die Kunde mitteile, die sie mir gebracht hat.« Stralendorf machte eine abwehrende Handbewegung. »Jetzt aber nicht, ich muß aufs Rathaus, denn meine Knechte haben Quartier nötig, auch ist gerade Essenszeit. Ich werde mich sehr kurz fassen dort, werde den Herren einfach sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Dann muß ich mich bei Euch zu Tische laden. Hoffe, daß Ihr etwas Gutes heut' zum Sonntag in der Pfanne habt.« »Ihr müßt vorlieb nehmen mit dem, was arme Mönche zu bieten haben«, sagte der Propst salbungsvoll. Stralendorf lachte laut auf. »Darauf lasse ich's ankommen! Ihr seht nicht eben aus wie Fasten, und den Tisch des Stiftes habe ich noch in freundlicher Erinnerung. Also auf Wiedersehen in einer Stunde etwa!« Als am Nachmittage die beiden Vertrauten in des Propstes Gemach wieder beisammen saßen, begann Stralendorf: »Nun legt los mit Eurer Nachricht! Ihr habt mich ja beim Essen durch allerlei Andeutungen weidlich neugierig gemacht. Was kann die armselige Frauensperson Euch Wichtiges erzählt haben?« Bunthe legte seine Hand auf Stralendorfs Schulter und sagte nachdrücklich: »Sie hat mir eine Zeitung gebracht, die nicht mit Gold zu bezahlen ist. Habt Ihr in Mainz gehört, wie Barthold von Wintzingerode den Bodenstein befestigen läßt? Ich denke, ich habe der Kurfürstlichen Gnade genau und eingehend darüber Bericht gesandt.« »Ja, ja, ich hab' es natürlich gelesen«, erwiderte Stralendorf. »Das wird ihm alles nichts helfen, denn wir kommen über ihn mit großer Macht. Wir bringen wohl zweitausend Mann zusammen, und Geschütz haben wir –« Bunthe unterbrach ihn. »Das ist alles recht gut und schön. Daß der Kurfürst von Mainz stärker ist als der Junker von Wintzingerode, das ist nicht zu bezweifeln. Aber einen harten Kampf wird's kosten, den alten Geier aus seinem Horst zu werfen. Er ist ein verzweifelter Kerl und sitzt auf einer festen Burg.« »Kugeln oder Hunger bringen auch das stärkste Schloß zu Fall«, sagte Stralendorf. »Ja wohl. Da habt Ihr recht. Mit den Kugeln habt Ihr schwerlich Glück, denn er hat selbst viel Geschütz und kann Euch trotzen. So müßt Ihr's mit dem Hunger versuchen. Das dauert lange, monate lang! Derweile kann viel geschehen.« Stralendorf schlug mit der Hand auf den Tisch. »Es ist ein Rätsel, woher der Schuft das Geld hat. Wahrlich, das muß mit dem Teufel oder sonst mit Höllenzauberei zugehen!« »Darüber zerbrechen sich viele den Kopf«, entgegnete der Propst. »Die einen sagen, er habe einen Prägestock auf dem Bodenstein und mache falsches Geld, die andern reden davon, er habe einen großen Raub ausgeführt.« Scheu und geheimnisvoll fügte er hinzu: »Einige behaupten, er habe sich dem Teufel verschrieben, und der hätte ihn das Geld im Keller finden lassen.« Er bekreuzte sich, und Stralendorf tat desgleichen. »Wenn nur nicht etwa die Braunschweiger Herzöge dahinter stecken!« fuhr Bunthe fort. »Das ist meine Sorge, denn sie sind ihm wohlgeneigt, und daß Mainz den Bodenstein erhalten soll, ist ihnen greulich. Sie machen Anspruch auf die ganze Duderstädter Mark, und das Schloß liegt ihnen vor der Nase.« Stralendorf furchte unmutig die Stirn. »Das ist ein widerwärtiger Gedanke. Ihr seid ein Schwarzseher, Herr Propst.« »Besser, man macht sich auf das Unwillkommene gefaßt. Wer an alles denkt, wird von nichts überrascht«, antwortete der Propst. »Ich wollt' Euch mit dem allem nur zeigen, daß es ein mißlich Ding ist um die Berennung einer so festen Burg. Wie wär's aber« – sein Auge leuchtete triumphierend auf – »wenn Ihr Euch des Menschen bemächtigen könntet, ohne einen Schuß gegen sein Schloß abzufeuern! Wenn er in eine Falle ginge?« Stralendorf fuhr auf. »Ihr wißt, wie man ihn fangen könnte?« »Noch weiß ich nicht alles, was ich wissen möchte. Aber schon das, was ich Euch sagen kann, wird Euch in ungemessenes Erstaunen setzen. Die Kühnheit – ja mehr noch – die wahnsinnige Frechheit dieses Menschen kann einen geradezu verblüffen. Hört zu, Ihr werdet es nicht glauben wollen: Es besteht eine Verschwörung zwischen dem Wintzingerode und einer größeren Zahl hiesiger Bürger. Wenn Seine Gnaden hier weilt, so will man den Kurfürsten, den Grafen von Hohnstein, mich, Euch und noch mehrere andere nächtlicherweile überfallen, aufheben und nach dem Bodenstein schaffen.« Stralendorf prallte zurück. »Donnerwetter, welch ein Wahnsinn! Ist der Wintzingerode verrückt geworden?« »Nicht so ganz – leider!« erwiderte Bunthe trocken. »Ihr haltet das für Wahnsinn? Ich sage Euch, der Plan ist klug eingefädelt und kann sehr wohl gelingen. Sie haben den jüngeren Listemann ihrem Bunde. Dessen Haus stößt an die Stadtmauer, man kann in einer dunkeln Nacht, wenn die Wache nicht sehr scharf aufpaßt, leicht Kriegsleute von außen hereinlassen. In der Nähe ist das Bergtor. Wird das genommen, so ist die Stadt verloren, unser Stift eher als alles andere. Kennen sie dann auch noch unsere Gelasse, was durch Verrat leicht möglich wäre, so kämen wir sicher in ihre Hand. Für schnelle Pferde wird der Bodensteiner schon sorgen. Das, Herr von Stralendorf, ist der saubere Plan. Ich glaube nicht, daß Ihr ihn jetzt noch dumm nennen wollt!« »Nein, bei Gott, nein! Ein verdammt schlauer Gedanke«, sagte Stralendorf, indem er sich nachdenklich den Bart strich. »Ein verdammt schlauer Gedanke«, wiederholte er langsam. »Ich hasse diesen Menschen, denn er hat mich beleidigt, wie kein anderer. Aber doch muß ich seine Verschlagenheit und Tatkraft bewundern.« Bunthe lachte höhnisch. »Klug kann ich ihn in diesem Falle nicht nennen. Zehnmal klüger wäre es, wenn er auf seinem verschanzten Felsenneste sitzen bliebe. Das könnte dem Kurfürsten ein Riesengeld kosten, und der Gewinn wäre noch nicht einmal sicher. Wagt er sich ins Freie, so können wir ihn festnehmen.« »Das ist zu hoffen«, versetzte Stralendorf. »Welch ein glücklicher Zufall, der Euch das offenbart! Wir entgehen dadurch einer großen Gefahr.« »Es ist ein sichtbares Zeichen, daß der allmächtige Gott mit uns ist«, entgegnete Bunthe devot und faltete die Hände. »Wie war nur das Weib imstande, das alles zu erfahren? Ich denke, ihr Vater hielt sie eingesperrt?« fragte Stralendorf. »Sie war eingeschlossen in einer Kammer des oberen Geschosses. Um sich zu befreien, kam sie auf den Gedanken, den Fußboden mit einem stumpfen Messer zu durchgraben, das sie in dem Gemache fand. So hatte sie in der einen Nacht ein tiefes Loch gewühlt und dachte in der folgenden die Decke vollends zu zerstoßen. Aber als sie mit der Arbeit beginnen will, hört sie in dem Zimmer unter sich – es ist sonst vollkommen unbewohnt – laute Männerstimmen. Erkannt hat sie nur drei, denen ich von Herzen den Strick wünsche, ihren Vater, den Färber Hugold und den jungen Listemann. Es sind ihrer aber noch viele andere. Die Schurken sind schon einmal zusammen gewesen in Listemanns Hause. Da haben sie geradezu eine Probe gehalten, haben den Wintzingerode hereingelassen, und alles ist geglückt. So könnte es im Ernste auch ergehn.« »Hat denn das Weib nicht daran gedacht, daß sie ihren Vater um den Hals redet?« fragte Stralendorf. »Gewiß, sie will sich eben dadurch an ihm rächen«, erwiderte Bunthe. »Außerdem« – er machte eine bezeichnende Bewegung nach der Stirn. Stralendorf lachte. »Eine wunderbare Erwerbung, die Ihr da für unsere heilige Kirche gemacht habt.« »Gleichwohl, wie Ihr anerkennen müßt, eine Erwerbung von Wert. Doch jetzt Scherz beiseite. Die Sache bleibt bis auf weiteres noch völlig unter uns; was ein Dritter weiß, das weiß leicht alle Welt. Ihr und ich, wir behalten die Kerle jetzt scharf im Auge, bewachen, ohne aufzufallen, das Listemannsche Haus und beobachten, wer bei Fiedler aus- und eingeht. Erst wenn der Herr hier ist, mag er erfahren, was der Wintzingerode plant. Wann, meint Ihr, wird der Kurfürst hier eintreffen?« »Bestimmt ist das nicht zu sagen«, antwortete Stralendorf. »Seine Gnaden wollen Ende Mai mit dem sächsischen Kurfürsten in Mühlhausen zusammentreffen. Es ist wegen der römischen Königswahl. Niemand kann vorher wissen, wie lange die Tagung dauern könnte. Ich rechne, daß der Herr in der ersten Juniwoche hier einziehen wird.« »Wir müssen dann zu erkunden suchen, welche Nacht die Rebellen zu ihrer Schandtat ausgewählt haben«, fuhr Bunthe fort. »Erfahren wir das, so werden die nötigen Vorkehrungen getroffen, und der alte Wolf geht in eine Falle. Gott gebe, daß er dabei ums Leben kommt!« Stralendorf zuckte zusammen und warf ihm einen eigentümlichen Blick zu. »Leider kann ich zu Eurem letzten Wunsche nicht Amen sagen.« Der Propst hob blitzschnell den Kopf und sah ihn befremdet an. »Warum nicht?« Stralendorf gab zunächst keine Antwort. Dabei schaute er dem Gegenübersitzenden so scharf und fest ins Auge, als wolle er auf dem Grund seiner Seele lesen. »Was ist Euch denn?« fragte Bunthe etwas unbehaglich. »Ist es etwa unchristlich nach Eurer Meinung, solchen Wunsch laut werden zu lassen? Hat der lutherische Hund nicht schon längst den Tod verdient?« »Gewiß, gewiß«, erwiderte Stralendorf. »Das ist es nicht. Herr Propst Bunthe, ich muß Euch etwas mitteilen. Vertrauen gegen Vertrauen, wir beide sind aufeinander angewiesen.« »Natürlich! Sprecht ohne Rückhalt. Meines Schweigens seid Ihr sicher. Auch meiner Hilfe, wenn's not tut.« Stralendorf beugte sich über den Tisch und sagte geheimnisvoll: »Der Kurfürst hat mich vor meiner Abreise noch einmal empfangen. Ganz sekret, Herr Propst, nicht einmal Pater Bacharell weiß etwas davon.« »Potztausend!« rief Bunthe und rückte neugierig näher. »Was wollte denn der Herr von Euch?« »Er gab mir geheime Weisungen. Ich mußte geloben bei der Mutter Gottes, den beiden Jesuitenvätern am Hofe nichts davon zu verraten.« Die Augen des Propstes glänzten wie die einer Katze, die einen leckeren Vogel in der Nähe sitzen sieht. »Was war es, was er Euch sagte? Kommt zur Sache!« mahnte er ungeduldig. »Der Kurfürst gebot mir, wenn's irgend möglich wäre, den Junker von Wintzingerode lebendig in meine Gewalt zu bringen. Versteht Ihr, lebendig!« Der Propst schlug die Hände zusammen. »Herrgott, so dauert der alte Wahn immer noch? Der Kurfürst meint, wenn er den Vater gefangen hält, sich die Tochter gefügig machen zu können?« Stralendorf bejahte. »Ich fange jetzt im Ernst an zu glauben, daß hier Hexerei im Spiele ist«, fuhr Bunthe fort. »Ist das vernünftig zu erklären? Gibt's denn nicht schöne Weiber genug, blonde und schwarze und braune? Aber gerade die eine muß es sein, die und keine andere! Das ist eine Mania, Stralendorf, das deutet auf ein krankes Gehirn!« Stralendorf neigte beistimmend das Haupt. »Ihr sprecht es aus, was ich längst bei mir dachte. Ja, der Kurfürst ist krank. Sonst ist er ganz bei Sinnen, aber in diesem Punkte toll. Ich glaube, er denkt an die Dirne Tag und Nacht.« »Die Frau müßt Ihr sagen«, verbesserte Bunthe. »Ich glaube, er weiß noch immer nicht, daß sie als Gattin eines anderen Mannes in Sachsen lebt.« »Da irrt Ihr. Er hat es erfahren. Durch wen, weiß ich nicht. So viel ist aber sicher: Die Kunde hat seine Glut nicht abgekühlt, sondern ihn noch viel toller gemacht. Er klammert sich an den Gedanken, daß sie freiwillig zu ihm kommen wird, wenn er ihren Vater im Kerker hält. Sie soll sich ihm selbst hingeben als Preis für das Leben und die Freiheit ihres Vaters.« Bunthe stieß einen zornigen Laut aus. »Bei Sankt Aureus und Justinus! Das sind herrliche Aussichten, die sich da eröffnen!« rief er erbost. »Also von eines jungen Weibes Willen kann es vielleicht abhängen, ob die ganze kostspielige Fehde einen Zweck für uns hat oder nicht. Gesetzt, wir fangen den Vogel lebendig – was sehr möglich ist – und gesetzt, die Frau zahlt den Preis, so winkt dem alten Wolfe Leben und Freiheit, vielleicht sogar noch Lob und Ehre. Das kann schön werden, Herr von Stralendorf!« »Die Wintzingerode, wollte sagen die Bünau, galt in Mainz als herb, stolz und spröde. Ich glaube nicht, daß sie um irgendeinen Preis dem Herrn zu Willen sein wird«, entgegnete der Ritter. »Ach, lieber Freund, Ihr seid noch jung, kennt die Welt noch nicht wie ich«, sagte der Propst. »Hundert- und tausendmal ist es vorgekommen, daß auf solche Weise eine Frau ihren Mann, eine Tochter ihren Vater, ja die Schwester den Bruder gerettet hat. Warum sollte das hier nicht auch geschehen? Nein, Stralendorf, diese Gefahr müssen wir beseitigen. Wir müssen dem Kurfürsten das Weib verschaffen. Sie muß sein werden, ehe ihr Vater überwältigt ist.« Stralendorf lachte. »Verzeiht, was Ihr da sagt, hat keinen Sinn. Sollten wir etwa eine Edelfrau mit Gewalt aus Sachsen entführen? Der Handel könnte traurig für uns enden. Kein Reichsfürst hat eine so harte Hand, wie August von Sachsen.« Bunthe lächelte spöttisch. »Lieber Junker, Ihr täuscht Euch wahrlich in mir, wenn Ihr mir solche Narretei zutraut. Von gewaltsamer Entführung ist nicht die Rede. Da gibt es andere Wege! Glaubt mir, wir können es, vorausgesetzt, daß Gott uns beisteht, dahin bringen, daß sie uns selbst ins Garn läuft.« Stralendorf schüttelte ungläubig den Kopf. »Das glaube Euch ein anderer. Habt Ihr Doktor Fausts Höllenzwang, daß Ihr den Teufel zwingen könnt, uns die Frau herzuschaffen?« Bunthe schlug ein Kreuz. »Nichts vom Teufel!« warnte er. »Ich bringe das Weib in unsere Gewalt ohne alle Magie und schwarze Kunst. Soll ich's Euch sagen, wie ich mir das denke?« »Ihr macht mich höchst neugierig«, sagte Stralendorf. »Oder wollt Ihr mir nur einen Scherz erzählen?« Der Propst warf ärgerlich den Kopf in den Nacken. »Torheit! In solchen Dingen scherze ich nicht. Hört zu! Habt Ihr schon etwas von Otto von Pack gehört und von seinen Händeln?« »Gewiß. Ich habe ja ein Semester in Leipzig die hohe Schule besucht.« »Nun, da wißt Ihr auch«, fuhr Bunthe fort, »daß es Menschen gibt, die anderer Leute Handschrift so täuschend nachzumachen verstehen, daß niemand die Fälschung erkennen kann. Was Ihr aber nicht wißt, ist dies: Solch ein wunderbarer Künstler lebt hier auf dem Eichsfelde und ist in meiner Hand. Dem Manne wird es ein Leichtes sein, die groben, weitschweifigen Schriftzüge des Junkers von Wintzingerode nachzuahmen. Wir lassen nun den Ritter an seine Tochter schreiben, sie sollte sogleich in die Heimat kommen, denn die Mutter sei auf den Tod erkrankt. Das Schreiben siegeln wir mit dem Wappen der Wintzingerode, denn nichts ist leichter, als ein Petschaft nachzustechen. Auf diese Nachricht hin kommt sie gewiß. Wir müssen dann genau erkunden, welchen Weg sie nimmt. Über Mainzer Gebiet muß sie auf jeden Fall reisen. Da nehmt Ihr sie in Empfang und bringt sie in sicheren Gewahrsam. Dort stelle ich sie vor die Wahl, entweder des Kurfürsten Liebste zu werden oder als Teufelsliebchen die Folterbank und nachher den Scheiterhaufen zu besteigen. Glaubt mir, ich werde ihr gut zureden und ihr begreiflich machen, welch ein kitzlich Ding die Tortur ist. Dann wird sie sich gern zu allem verstehen, was man von ihr verlangt. Was meint Ihr dazu?« Er schwieg und sah dem Gegenübersitzenden mit triumphierenden Blicken ins Gesicht. Dem Ritter flog ein Schauder über den Rücken. Der Plan war sinnreich und wohldurchdacht und versprach Gelingen. Aber ein letzter Rest von adliger Gesinnung, der noch in seiner Brust lebte, sträubte sich dagegen. Was da getan werden sollte, erschien ihm allzu niederträchtig. Bunthe, der ihn scharf beobachtete, bemerkte wohl, was in ihm vorging, und als der Ritter eine ganze Weile verstreichen ließ, ohne zu antworten, setzte er hinzu: »Soll ich Euch sagen, Stralendorf, was Ihr über meinen Plan denkt? Ihr denkt: Klug, aber gemein.« »Da habt Ihr den Nagel auf den Kopf getroffen«, entfuhr es Stralendorf. Der Propst warf ihm einen bösen Blick zu, aber ganz ruhig und gelassen sagte er: »Ich weiß es selbst, und Ihr braucht es mir nicht erst zu sagen, daß man gegen gut christkatholische Leute nicht so handeln dürfte. Aber wir haben es mit Ketzern zu tun, Herr von Stralendorf, vergeßt das nicht. Unser heiliger Vater Gregor XIII. hat uns geboten, die Pest der Ketzerei auszurotten, und danach tun wir. Diese Menschen sind Gottes Feinde und ewig verdammt und verloren. Ihr – verzeiht, daß ich daran rühre – habt die Ketzerei abgeschworen, in die ihr unwissentlich als Kind verstrickt waret. Nun beweist Euch auch als echten Sohn der alleinseligmachenden Kirche, der das lutherische Unkraut zertritt, wo er kann.« Stralendorf schwieg noch immer. Eine bittere Erkenntnis ging ihm auf in diesem Augenblicke. Seine jetzigen Glaubensgenossen mißtrauten ihm, wenn er irgend Milde walten ließ gegen die Ketzer. Ihr Vertrauen konnte er nur gewinnen, wenn er sie an Härte womöglich noch überbot. Sein Weg war ihm vorgezeichnet, er mußte ihn gehen oder auf seine ehrgeizigen Träume verzichten. »Übrigens«, fuhr Bunthe fort, »bleibt alles mir überlassen, was Euch niedrig dünkt in dem Anschlage. Ich locke das Weib in die Falle, Ihr habt sie nur gefangen zu nehmen. Auch damit könnt Ihr einen Eurer Unterführer betrauen. Doch möchte ich Euch das nicht raten. Denn wie hoch, meint Ihr, wird der in der Gunst des Kurfürsten stehen, der ihm seinen heißesten Wunsch erfüllt? So wie ich den Herrn kenne, wird er das fürstlich belohnen.« Stralendorf wurde sehr nachdenklich. Es war ja Wahrheit, was der Propst sagte. Die Schurkerei übernahm Bunthe, er hatte nur die Tochter des Mannes zu verhaften, mit dem man in Fehde lag. Dafür winkte ihm sicher ein glänzender Lohn. Der Kurfürst war gegen Leute, die ihm einen Dienst geleistet hatten, oftmals sehr freigebig. Und wie nötig hatte er das Geld! Er saß in Schulden bis über die Ohren, und ehe er die ihm zugesagte reiche Braut heimführte, konnte noch geraume Zeit vergehen, ganz abgesehen davon, daß auch diese Angelegenheit in des Kurfürsten Hand lag. Der Jude Manasse in Aschaffenburg hatte sich kaum noch hinhalten lassen, ihn um eine erkleckliche Forderung zu verklagen. Diese Erwägungen brachten sein besseres Empfinden schnell zum Schweigen. »Wenn Ihr mir weiter nichts zumuten wollt als die Verhaftung«, sagte er endlich, »so will ich gegen Euern Plan nichts haben. Wie Ihr das Weib zur Stelle schafft, ist Eure Sache. Ich will davon nichts wissen und übernehme dafür keine Verantwortung.« »Vortrefflich. Ich wußte ja, daß Ihr bald ein Einsehen haben würdet!« rief der Propst mit listigem Lächeln. »Es gibt aber noch eines zu bedenken«, warf Stralendorf mit umwölkter Stirn ein. »Pater Bacharell will nicht, daß die Bünau in die Hand des Kurfürsten kommt. An seiner Feindschaft, das könnt Ihr glauben, liegt mir wahrlich nichts.« »Der liebe Pater fürchtet ein Ärgernis, deshalb ist er dagegen«, gab Bunthe zur Antwort. »Aber seine Furcht ist ohne Grund. Die Frau wird dem Kurfürsten einige Zeit überlassen, wenn er sie satt hat, schickt er sie heim. Sie wird vorher ein Protokoll unterschreiben, in dem sie bekennt, dem Herrn einen Liebestrank beigebracht zu haben. Dann werden die Familien Bünau und Wintzingerode sich wohl hüten, einen Prozeß zu beginnen.« »Wohl, wohl!« sagte Stralendorf. »Ich bin Euer Mann. Indessen –« Hier unterbrach ihn der Eintritt eines Dieners, der meldete, der Bürgermeister und zwei vom Rat wollten den gestrengen Ritter wegen des Quartiers der Knechte sprechen. »Sieh da!« höhnte Bunthe. »Bemühen sich die Herren jetzt unter unser schlechtes Dach? Früher wollten sie das Stift nicht betreten. Sonderbar, was Euer Eintreffen bewirkt hat!« »Sie werden wohl bald noch viel zahmer werden«, sagte Stralendorf und schritt hinter dem Diener her aus dem Gemach. Der Propst blickte ihm gedankenvoll nach. »Auch der im Grunde feig und schwach!« murmelte er. »Aber er kann in meiner Hand etwas werden! Und du, Wintzingerode, hüte dich! Unsere alte Rechnung von Anno vierzig wird beglichen. Mit Zinsen und Zinseszinsen zahle ich dir heim, was ich durch dich erlitten!« XXIV. Kapitel. Ein Söldnerhaufe nach dem andern traf im Laufe des Monats Mai in Heiligenstadt ein. Da sah man Pikeniere und Musketiere, Hellebardiere und Arkebusiere, meist Gestalten in abenteuerlichen, fremdländischen Trachten und mit narbigen Gesichtern, denen man es auf hundert Schritte anmerkte, daß sie in vieler Potentaten Diensten gestanden und auf manchem Schlachtfelde in Deutschland und Welschland gefochten hatten. Reiter waren noch spärlich vertreten. Die meisten sollten erst im Gefolge des Kurfürsten ankommen, und mehr als zweihundert wollte man überhaupt nicht werben. Denn die Herren Lanziers und Kürassiere ließen sich ihr Handwerk gar zu teuer bezahlen. Auch glaubte man ihrer weniger zu bedürfen. Auf einen Kampf im freien Felde konnte es Barthold von Wintzingerode auf keinen Fall ankommen lassen, dazu war die Übermacht, die ihm entgegenstand, zu gewaltig. Er mußte suchen, sein Schloß zu halten, und zur Belagerung einer festen Burg nützten die Gäule der Reiter nichts, da brauchte man Fußvolk und vor allem viel schweres Geschütz. Dafür hatte man trefflich gesorgt. Die guten Bürger von Heiligenstadt sperrten Mund und Augen auf, als am Abend des zwanzigsten Mai sechs große Kartaunen in die Stadt gefahren wurden. Stralendorf selbst war ihnen mit dreihundert Knechten bis an die Grenze des Eichsfeldes entgegengezogen und geleitete sie nach Heiligenstadt. Dort stellte man sie unter scharfer Bewachung auf dem Marktplatz auf und errichtete über ihnen ein Schutzdach gegen den Regen. Sie waren fast beständig tagsüber von einem gaffenden Volkshaufen umlagert, der die gewaltigen Geschütze bestaunte. Die drei größten, sagte man, gehörten dem Kurfürsten von Sachsen und wären dem Erzbischof nur geliehen; sie hätten schon vor Jahren geholfen, die riesigen Mauern der Feste Grimmenstein bei Gotha zu zerschießen. Die vielen Freunde, die Herr Barthold in der Stadt besaß, machten bedenkliche Gesichter und kratzten sich hinter den Ohren. Ob wohl die Feste Bodenstein diesen Kolossen standhalten würde? so fragten sie sich besorgt untereinander. »Kinder«, sagte der alte Bürgermeister Listemann, »habt keine Bange. Mich dünkt; der Kurfürst hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Vom Tal aus kann man den Bodenstein nicht beschießen, dazu liegt er zu hoch. Die Kartaunen müssen auf den Berg gebracht werden, dorthin, wo Anno fünfundzwanzig die Mühlhäuser ihr Lager hatten. Glaubt Ihr, daß der Wintzingerode das leidet? Seine Feldschlangen sind auch nicht von Holz und schießen Männer und Pferde in Grund und Boden, ehe sie nur halb hinaufkommen.« Mit solchen Erwägungen tröstete man einander. Denn die weitaus größte Zahl der Bürger gönnte ihrem Landesherrn durchaus nicht den Sieg, im Gegenteil eine schwere Schlappe. Mit finsteren, ja mit haßerfüllten Blicken sahen sie die gewaltigen kriegerischen Rüstungen, die der Kurfürst gegen den Ritter ins Werk setzte. Der Bodensteiner war bisher vielen gleichgültig gewesen, nur die Einsichtigen hatten auf seiner Seite gestanden. Jetzt erschien er der ganzen Bürgerschaft als der Hort der evangelischen Lehre auf dem Eichsfelde. War dieser Mann erst niedergeworfen, so bekam der Erzbischof freie Hand und brauchte keinen mehr zu fürchten, wenn er gegen das Evangelium feindlich vorging, und daß ein Gewaltstreich gegen die evangelische Lehre beabsichtigt wurde, darüber benahm das Vorgehen des kurfürstlichen Kommissars Bunthe auch den Blödesten jeden Zweifel. Der Propst war nicht erst wieder nach Nörten in sein Petersstift zurückgekehrt, sondern in Heiligenstadt geblieben. Er wußte zwar, daß er in der Stadt verhaßter war, als jeder andere, und daß die Bürgerschaft ihn am liebsten gesteinigt hätte. Aber gerade das war ihm eine Freude, daß er nun endlich diese Leute, die ihn verabscheuten, seine Macht fühlen lassen konnte. Er fühlte sich vollkommen sicher unter den Spießen und Schwertern der Stralendorfschen Soldknechte, und als deren allmählich weit über tausend zusammengekommen waren, ließ er jede Rücksicht fallen. Eines Tages erschien er, geleitet von mehreren Gewaffneten, im Rathause, als die Väter der Stadt einander die schwere Last der Einquartierung mit beweglichen Worten klagten. Mit triumphierendem Lächeln weidete er sich zuerst an der allgemeinen Bestürzung, die sein Eintritt hervorrief, dann sagte er, an der Tür stehen bleibend, langsam und mit großer Schärfe: »Einem wohllöblichen Rate zu Heiligenstadt ist es ja wohl bekannt, daß Seine Kurfürstliche Gnaden mich zum geistlichen Kommissarius in diesem Land ernannt haben. Ich stehe also hier im Namen unseres hochwürdigen gnädigen Herrn. Ich bitte das nicht zu vergessen, wenn dem einen oder dem andern mein Wort unlieb sein sollte. Ich habe dem wohllöblichen Rate dies zu sagen: Seine Gnaden sind fest entschlossen, dem Unfug zu steuern, der in Sachen der Religion in der Stadt um sich gegriffen hat. Der Rat weiß es und muß es wissen, daß der Religionsfriede das Gesetz aufstellt: Cuius regio, eius religio, das heißt, das Land hat sich nach dem Glauben seines Herrn zu richten. Demnach ordne ich an im Namen unseres gnädigsten Herrn, daß von jetzt ab der Gottesdienst in allen Kirchen der Stadt so gehalten wird, wie es unsere allerheiligste, alleinseligmachende Kirche verlangt. Vor allem hört die Spendung des heiligen Sakramentes nach ketzerischem Ritus von heute ab völlig auf. Der Prädikant, Kaspar Schaumberg, verläßt binnen drei Tagen die Stadt, geht auch bis dahin seines Amtes müßig, oder er kann sein Abenteuer erwarten. Die Sankt Ägidienkirche und die Kirche Unserer lieben Frauen werden bis auf weiteres geschlossen, da sie neu zu weihen sind. Dixi. Ich habe gesprochen.« Die Natsherren saßen, als er geendet hatte, zunächst wie versteinert da. Dann brach ein allgemeines Murren des Unwillens aus, das schließlich in ein zorniges Entrüstungsgeschrei überging. Von allen Seiten erklangen Flüche, Schimpfworte und wilde Drohungen. »Ruhe, Ruhe, ihr Herren!« schrie der Bürgermeister, aber man hörte ihn nicht, bis er kirschrot im Gesicht sein Barett ergriff und sich anschickte, den Saal zu verlassen. Da trat endlich Stille ein. »Ruhe, Ruhe!« rief er noch einmal. »Mit Geschrei wird nichts geschafft. Wir werden sogleich über Euer Verlangen beraten, Herr Propst.« Bunthe richtete sich hoch auf und erwiderte mit eisigem Hohne: »Beraten? Was soll das? Der Rat empfängt durch mich die Befehle seiner Obrigkeit und hat zu gehorchen, nicht zu beraten. Ist bis morgen abend nicht geschehn, was ich dem Rate aufgebe, so wird jeder der Herren die Folgen an seinem Beutel, vielleicht an seinem Leibe merken. Der wohllöbliche Rat wolle das ernstlich bedenken!« Darauf neigte er mit einer unendlich geringschätzigen Gebärde das Haupt ein wenig und schritt hinaus. »Wie die Schulbuben!« sagte er spöttisch lachend, als sich hinter ihm derselbe Lärm wie vorhin erhob. »Sie haben zu viel Freiheit gehabt bisher. Es wird ihnen schwer werden, sich an den strengen Magister zu gewöhnen, der von nun an die Rute über ihnen schwingen wird.« In der Tat war der Rat keineswegs gewillt, dem Gebote des verhaßten Priesters Folge zu leisten. Einige ängstliche Gemüter rieten zwar zur Geduld und Nachgiebigkeit, man solle sich scheinbar unterwerfen, bis der Kurfürst käme, und dann den Herrn einmütig bitten, die strengen Befehle seines Vikars wieder aufzuheben. Aber sie waren in der Minderzahl und wurden niedergeschrien, ja es fehlte wenig, daß man ihnen das Unwürdige ihres Standpunktes handgreiflich bewies. So viel erreichten sie aber doch, daß man beschloß, am Nachmittage noch eine Sitzung zu halten und den ganzen Rat dazu einzuladen. Nach altem Heiligenstädter Stadtrecht regierte nämlich immer nur die eine Hälfte der vier Bürgermeister und der zwanzig Ratsherren in einem Jahr, im nächsten kam dann die andere Hälfte ans Regiment. Bei ganz besonders wichtigen Anlässen aber kam der gesamte Rat zusammen, um über das Wohl und Wehe der Stadt zu beraten. Aber auch in dieser Sitzung unterlagen die zum Nachgeben Willigen ganz und gar. Seit anno fünfundzwanzig, hieß es, sei dem Rate nicht eine solche Schmach angetan worden, wie jetzt. Wie sollte denn das fortgehen, wenn man jetzt schon nachgäbe? Wer hätte eigentlich in Heiligenstadt etwas zu sagen, der Rat, der vom Kurfürsten doch auch bestätigt sei, oder der Propst von Nörten? Wie könne man dem Rate zumuten, Herrn Kaspar Schaumberg aus der Stadt zu weisen? Habe ihn der Rat nicht vor sechzehn Jahren selbst zum Pfarrer bestellt, und sei er in seinem Amte als Prediger und Seelsorger nicht allzeit unsträflich und treu erfunden worden? Nur ein Erzschuft könne wagen, an den Rat solch ein Ansinnen zu richten. Als man gegen Abend mit erhitzten Köpfen auseinanderging, hatte der Rat beschlossen, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Man wollte dem Propst überhaupt keine Antwort geben, sondern tun, als wären seine Worte gar nicht gesprochen. Damit waren die guten Väter der Stadt nun freilich bei Bunthe an den Unrechten gekommen. Er hatte in den Wochen des Zusammenseins mit Stralendorf einen solchen Einfluß auf den eiteln, haltlosen jungen Mann erlangt, daß er ihn lenkte, wohin er wollte. Mit Güte zu gewinnen seien die Heiligenstädter doch nicht, predigte er ihm täglich vor, man müsse mit Strenge die Bürgerschaft zum Gehorsam anhalten. Nur dadurch werde man das lutherische Unkraut ausrotten. Der Kurfürst werde froh sein, wenn er eine beruhigte, gehorsame Stadt vorfinde, und werde sicherlich ein tatkräftiges Vorgehen gegen die Ketzerei nur billigen. Stralendorf leuchtete das zwar nicht ganz ein, er wußte, daß der Kurfürst die Zeit zu rücksichtsloser Härte noch nicht für reif hielt. Aber er hatte keinen eigenen Willen mehr. Obwohl es ihm zuweilen in des Propstes Nähe graute, so geriet er doch mit jedem Tage mehr in seinen Bann. Denn Bunthe war ein Mann von Eisen, er ein Rohr, das der Wind bewegt. So lieh er ihm denn seinen Arm. Als am Abend des dritten Tages der Rat den Befehlen des Propstes nicht nachgekommen war, ließ Stralendorf die beiden Kirchen gewaltsam schließen und stellte eine starke Wache vor ihren Türen auf. Noch an demselben Abend ließ er jeden der Ratsherren um fünf Gulden büßen und eröffnete dem Rate, daß er bei weiterem Ungehorsam andere Maßregeln ergreifen werde. Endlich wurde am Morgen des vierten Tages Kaspar Schaumberg, der Pfarrer von St. Ägidien, von den Landsknechten aus seinem Bette gerissen, mit Weib und Kindern notdürftig bekleidet auf einen Karren gesetzt und mit dem Pferde des Schinders aus der Stadt gefahren. Das geschah zu so früher Stunde, daß nur wenige Menschen schon auf der Straße waren. Denn einen Auflauf, bei dem vielleicht Menschen umkamen, wollte Stralendorf vermeiden. Man fuhr den Pfarrer bis an die Grenze des städtischen Weichbildes und eröffnete ihm, daß er den Strang zu gewärtigen habe, wenn er sich einfallen lassen würde, nach Heiligenstadt zurückzukehren. Dann hieß man ihn und die Seinen vom Wagen steigen und ihres Weges ziehn. Die Vertriebenen wandten sich zunächst nach Günterode und fanden dort in einem Bauernhause ihr erstes Unterkommen. Tags darauf drang die Kunde von dem unerhörten Vorgang zu den Ohren Bartholds von Wintzingerode, und auf der Stelle befahl er seinem Vogt in Reinholterode, die unglückliche Pfarrersfamilie nach dem Bodenstein zu bringen. Als sie dort anlangte, saß Herr Barthold mit den Seinen gerade beim Mittagsmahl. Man hatte eben abgespeist, und die Dienerschaft, die an einer besonderen Tafel in demselben Räume zu essen pflegte, hatte das Gemach schon verlassen. Die Familie aber war noch beisammen in fröhlicher, fast feierlicher Stimmung, denn es war heute für alle ein großer Tag. Klaus war am Morgen endlich zurückgekehrt und saß seinem Vater nun wieder gegenüber, zwar noch etwas bleich, aber aufrecht und ungebeugt. An seine Seite hatte man Barbara gesetzt, nunmehr seine erklärte Braut, und wenn die Augen der beiden jungen Leute sich trafen, was nicht selten geschah, so leuchteten sie vor Glück. Auch Herr Barthold war so heiter, wie seit lange nicht. Keine Wolke des Unmutes oder der Sorge lag auf seiner Stirn. Der schweren Gefahr, die ihn und sein ganzes Haus bedrohte, schien er heute gar nicht zu gedenken. Eben hatte er einen tiefen Trunk getan und lehnte sich nun behaglich in seinen Sessel zurück, als sich die Tür öffnete und, von Jacob Holstein geleitet, die Vertriebenen von Heiligenstadt auf der Schwelle erschienen. Voran schritt Herr Kaspar Schaumberg, seinen kleinen Knaben an der Hand, ihm folgte seine weinende Frau mit den beiden halberwachsenen Töchtern. Der Pfarrer nahm das Barett ab, trat an den Tisch heran und begann mit bebender Stimme: »Eurer Einladung sind wir gefolgt, edler und fester Junker, und als ein Exul Christi stehe ich vor Euch. Gott lohn's Euch, daß Ihr uns eine Zuflucht bietet! Wir haben nichts mehr, als was wir auf dem Leibe tragen.« Der Ritter sprang in großer Bewegung auf und bot ihm die Hand. »Willkommen, lieber Pfarrer! Es tut mir von Herzen leid, Euch und die Euern in so traurigem Zustande zu sehen. Kommt, setzt Euch hier an den Tisch, es soll sogleich für Euch aufgetragen werden. Ihr mögt wohl hungrig sein.« Alle begrüßten nun die armen Vertriebenen, besonders herzlich der alte Hoven. Ihm standen die Tränen in den Augen, als er dem Pfarrer die Hände schüttelte. »Wir haben ein gleiches Schicksal«, sagte er, »auch ich habe von Haus und Hof unter schwerer Lebensgefahr fliehen müssen. Doch bin ich immer noch glücklicher als Ihr, denn ich habe doch einen Teil des Meinigen retten können.« »Da ist ja Eure Burg beinahe das, was einst die Ebernburg Franz von Sickingens war, eine Herberge der Gerechtigkeit!« rief der Pfarrer zu Herrn Barthold gewandt. Der Ritter lachte. »Ich möchte aber doch dem Bodenstein ein anderes Schicksal wünschen. Die Ebernburg schossen die Fürsten gar schnell in Trümmer. Hoffentlich erweist mein Schloß sich als fester!« »Das gebe Gott!« rief der Pfarrer. »Ich fürchte die Kartaunen des Kurfürsten nicht, und wenn sie auch vierzig- bis fünfzigpfündige Kugeln schießen«, sagte Barthold. »Ich glaube nicht, daß sie auch nur eine einzige den Berg heraufbringen, und unten sind sie unnütz. Vielleicht«, setzte er mit listigem Lächeln hinzu, »kommen sie nicht einmal unter den Bodenstein.« »Wie sollte das zu hindern sein?« fragte Schaumberg. »Das ist mein Geheimnis. Es ist etwas im Werke, wenn das glückt, so bin ich meiner Feinde ledig, und das Eichsfeld bleibt für immer bei Luthers Lehre. Stoßt an, meine Freunde, daß der Wurf gelingt! Heil und Sieg allen, die das reine Evangelium bekennen, und Tod den Pfaffen!« XXV. Kapitel. Die Erregung in Heiligenstadt stieg mit jedem Tage. Die Maßregelung des Rates, die Schließung der Kirchen, vor allem die Vertreibung des in der ganzen Stadt beliebten und hochangesehenen Pfarrers hatte die Gemüter erhitzt und die ganze Bürgerschaft mit Ausnahme der wenigen Altgläubigen in helle Wut versetzt. Überall standen die Bürger zusammen auf den Straßen und vor den Haustüren und besprachen mit finsteren Mienen die unglaublichen Vorgänge der letzten Woche. Wenn man den verhaßten Propst mit Blicken hätte töten können, so wäre er keinesfalls mit dem Leben davongekommen; denn wo er auf der Straße ging, schauten ihm wuterfüllte Augen nach. Aber den harten Gottesmann kümmerte das nicht im mindesten, im Gegenteil, die Erbitterung des Volkes belustigte ihn. Mochten sie immerhin die Fäuste in der Tasche ballen, die Hauptsache war, daß keiner die Hand gegen ihn erheben konnte. Wehe den lutherischen Hunden, wenn sie es wagten, sich an ihm zu vergreifen! Stralendorf lag in der Stadt mit nunmehr fast zwölfhundert Knechten, und mit mehr als siebenhundert wurde der Kurfürst in den nächsten Tagen erwartet. Jeder Widerstand war deshalb wahnsinnige Torheit. In diesem Bewußtsein ging er nun noch weiter, wagte den Ketzern noch größeren Schimpf zu bieten. Der alte Andreas Strecker, einer der wohlhabendsten und ehrwürdigsten Bürger der Stadt, lag todkrank, man sah, daß es mit ihm zu Ende gehen werde. Da drang eines Tages Bunthe mit mehreren Priestern an das Sterbelager vor und stellte dem Kranken alle Schrecknisse der Hölle in Aussicht, wenn er nicht noch vor seinem Tode die Wittenbergische Ketzerei abschwöre und in den Schoß der Mutter Kirche zurückkehre. Aber der Greis blieb trotz alles Zeterns und Eiferns bei seinem evangelischen Bekenntnis, und als der Propst am andern Morgen wiederkam, war er schon ruhig entschlafen. Sofort verfügte Bunthe, daß ihm ein ehrliches Begräbnis auf dem Friedhofe der Stadt zu versagen sei. Einem Ketzer, der noch dazu ausdrücklich auf dem Totenbett seinen ketzerischen Glauben bekannt habe und in ihm gestorben sei, dürfe man kein Grab unter den Gräbern guter Christen gewähren. Man solle ihn dort einschaufeln, wo die Selbstmörder lägen, oder ihn sonstwo draußen auf dem Felde einscharren. Dabei blieb es trotz alles Flehens der verzweifelten Witwe und ihrer Kinder. Man sollte klärlich erkennen, sagte der Propst, daß man Ernst machen wolle mit dem Feldzug gegen die lutherische Irrlehre. Wenn überhaupt etwas den Grimm des Volkes noch hatte schüren können, so war es dieser Streich gegen einen Toten, der zu Lebzeiten einer der besten und ehrenfestesten Bürger gewesen war. Einer, der früher mehrmals das Amt des Bürgermeisters der Stadt bekleidet und stets im Rate gesessen hatte, mußte ohne alle letzten Ehren wie ein am Galgen Gestorbener auf einem Leiterwagen zum Stadttor hinausgefahren werden. Jeder Blumenschmuck war streng verboten, keine Glocke durfte geläutet werden, nur den allernächsten Hinterbliebenen war es erlaubt, den Sarg zu geleiten, den auch in der Umgegend kein geweihter Gottesacker aufnehmen durfte. Draußen im Obstgarten seines Landgütchens begrub man den alten Strecker unter einem großen Birnbaum, den er selbst einst als Knabe gepflanzt hatte. Zu Hunderten standen die Leute auf der Straße, als der Sarg vorübergefahren wurde, alle entblößten schweigend ihre Häupter; nur hie und da erklang ein halblauter Fluch gegen den Anstifter dieses noch nie dagewesenen Greuels. Gar viele hatten Tränen in den Augen, Tränen des Schmerzes und des Zornes. Aber die Schmach, die hier von einem Priester Roms allen Evangelischen in ihrem toten Glaubensgenossen angetan wurde, mußte schweigend hinabgewürgt werden, mochte sie auch in den Herzen wie Feuer brennen. Denn Stralendorfs Macht war stark genug, jeden Widerstand im Blute zu ersticken. Dem allem fügte nun Bunthe noch den offenen Hohn hinzu. Er ließ am vierten Juni den Rat auf das Rathaus entbieten und teilte den Stadtvätern mit, daß übermorgen der Einzug des Kurfürsten stattfinden werde. Der Herr werde durch das Geisledertor in die Stadt einrücken, dort habe sich also der gesamte Rat einzufinden und die Schlüssel der Stadt kniend zu überreichen. Das verstehe sich von selbst, aber sie würden wohl noch ein übriges tun wollen. Als treue Untertanen würden sie wohl den Drang in sich fühlen, dem geliebten Landesvater durch Errichtung stattlicher Ehrenpforten, durch reichen Schmuck ihrer Häuser mit Blumenkränzen und Girlanden ihre Freude über sein Kommen zu bezeugen. Diesen Drang des Herzens möchten sie ja nicht unterdrücken, damit nicht etwa Seine Gnaden einen Widerwillen fasse gegen Heiligenstadt und sich demgemäß verhalte. Als er mit dieser versteckten Drohung den Saal verließ, scholl ihm diesmal kein einziger Entrüstungsruf nach, sondern stumm und trotzig gingen die Ratsherren auseinander. Die Mehrzahl war nicht gewillt, der Anregung Folge zu geben, obwohl sie fast einem Befehl gleichkam. Aber im Laufe des folgenden Tages überkam doch viele die Angst, daß ihnen irgend etwas Schlimmes geschehen könne, wenn sie ihre Häuser nicht schmückten, andere beharrten auf ihrem Sinne. So kam es, daß am Morgen des sechsten Juni die Stadt ein wunderliches Aussehen zeigte: die eine Hälfte der Häuser war mit Kränzen behangen, die andere stand kahl und leer da. Bunthe knirschte vor Ärger, als er dies Bild erblickte; denn bei der Zwiespältigkeit, die sich da offenbarte, wäre es weit besser gewesen, von einer Schmückung der Straßen ganz und gar abzusehn. Aber nun war nichts mehr zu ändern. Der Kurfürst hatte schon am fünften Mühlhausen verlassen, doch konnte er nur sehr langsam vorwärts kommen. In seiner Begleitung befand sich nicht nur fast der ganze Hof, viele Geistliche und Kapläne und Jesuiten, sondern er führte auch noch mehrere schwere Geschütze bei sich, die von vielen Pferden auf staubigen Wegen mühselig weiter gebracht wurden. Nicht weniger als siebenhundert Knechte zu Fuß und zu Pferde bildeten seine Bedeckung. Mit dem in Heiligenstadt stationierten Kriegsvolk gebot also der Erzbischof über fast zweitausend Mann. Es war beschlossen, unterwegs noch eine Nachtrast zu halten im Kloster Beuren. Das lag zwar etwas abseits von der geraden Straße nach Heiligenstadt, aber dafür fand dort der hohe Herr wenigstens einige Bequemlichkeit. Freilich war das ehedem wohlbegüterte Kloster nach dem Brande, den die Pfeiferschen Horden im Bauernkrieg angezündet hatten, nur notdürftig wieder aufgebaut worden, und die adligen Jungfrauen dort hatten nicht viel zu beißen und zu brechen, aber es war doch ein besseres Losament als ein Bauernhaus am Wege oder ein Zeltlager unter freiem Himmel. Sowie der Morgen graute, zogen Bunthe und Stralendorf mit über zweihundert Knechten dem Kurfürsten bis Beuren entgegen, und um Mittag näherte sich der glänzende Zug dem Geisledertor. Voran ritten hundert Lanziers in voller Rüstung, dann folgte ein Haufe von Trompetern und Bläsern, darauf der Kurfürst selbst in vollem Ornat, um die Schultern den Mantel von Purpur und Hermelin, rechts von ihm der Graf von Hohnstein in einer vergoldeten Rüstung, links Stralendorf, der schon in Beuren sein Patent als Landeshauptmann empfangen hatte. Von den Hofherren und Geistlichen, die nun kamen, war fast keiner zu Pferde, die meisten saßen in schwerfälligen Karossen, Bunthe mitten unter ihnen neben Pater Bacharell. Dann folgte wieder ein stattlicher Reitertrupp, der Adel des Eichsfeldes. Die Herren waren schon gestern sämtlich nach Heiligenstadt gekommen, hatten am Abend noch eine geheime Sitzung gehalten und waren früh dem Landesherrn bis Beuren entgegengeritten, aber abseits von Stralendorf und seinen Leuten. Die Söldnerhaufen, die der Kurfürst mit sich führte, und die Proviantwagen schlossen den Zug; eine große Menge schaulustigen Landvolkes drängte in die Stadt nach. So zog Kurfürst Daniel unter dem Donner der Mörser und Kartaunen und dem Geläute aller Glocken in die Hauptstadt des Eichsfeldes ein. Es war ein buntes, farbenprächtiges Bild, das da den Leuten vor Augen geführt wurde, ein Bild stolzen Glanzes und fürstlicher Macht. Das eben war auch des Kurfürsten Absicht. Seit dreißig Jahren war kein Mainzer Erzbischof nach dieser entlegenen Provinz gekommen, nun sollte den Eichsfeldern einmal gezeigt werden, welch einem Herrn sie dienten. Solch ein Anblick konnte manchen Übelgesinnten schrecken, manchen Schwankenden vor dem Abfall bewahren und mußte allen, die noch zur alten Lehre hielten, die Herzen stärken. Trotzdem war der Kurfürst nicht frohen und gehobenen Gemüts, sondern schweigsam und verdrossen ritt er auf seinem reichgeschirrten Prunkroß des Weges dahin. Die ihn von früher her kannten und lange nicht gesehen hatten, erschraken über sein Aussehen. Wie ein früh gealterter Mann erschien er ihnen. Die böse Krankheit des vergangenen Winters hatte sein Haar grau, sein Antlitz schlaff und gelb gemacht. Aber er sah nicht nur aus wie ein körperlich Leidender, sondern wie einer, den schwere Sorgen niederdrücken. Und in Wahrheit nagte eine quälende Sorge seit gestern an seinem Herzen und machte ihn finster und trübe. Seine Siegeszuversicht hatte trotz seiner Heeresmacht einen starken Stoß erlitten. Nicht zwei Monate, das wußte er genau, konnte er diese Landsknechte und Reiterfähnlein zusammenhalten. Kein Mensch außer seinen vertrautesten Räten ahnte, wie schwer es gewesen war, das Geld zu diesen kostspieligen Rüstungen aufzutreiben, und wie man im nächsten Monat den Sold aufbringen wollte, war vorläufig ihm selbst ein Rätsel. Es mußte ihm deshalb alles daran liegen, das Unternehmen gegen den Bodenstein rasch zu Ende zu führen. Das war nur möglich, wenn die Ritterschaft des Landes ihm beistand, wenn sie ihn durch ihren Zuzug stärkte und ihm vor allen Dingen Lebensmittel für die Mannschaften und Futter für die Pferde lieferte. Verweigerten die Junker ihm die Hilfe gegen ihren Standesgenosscn, so war seine Lage mißlich, stellten sie sich etwa gar auf die Seite des trotzigen Ritters, so konnte kein Mensch voraussehen, welches Ende dieses Abenteuer nehmen würde. War das nicht sehr wohl möglich? Als er sie heute vor sich gesehen hatte, die Herren, die da hinter ihm im Zuge ritten, hatte ihm ihre Haltung gar nicht gefallen, und ihre Treue war ihm sehr verdächtig erschienen. Sie hatten zwar alle ihm die Hand gereicht und das Knie vor ihm gebeugt als vor ihrem Lehns- und Landesherrn, die Hagen und Hanstein, die Westernhagen und Knorr, die Keudell und Bodenhausen, ja selbst die beiden Wintzingerode, Bartholds Vettern, hatten sich nicht ausgeschlossen. Aber ihre Mienen flößten ihm Besorgnis ein. Finster, abweisend, stocksteif standen sie alle vor ihm, keiner tat den Mund auf, nur kurz und widerwillig gaben sie Antwort auf seine leutseligen Fragen, bis er sich verstimmt und verletzt von ihnen abwandte. Auch an dem Landvolk unterwegs hatte er seine Freude nicht gehabt. Zwar hatte die Schaulust und Neugier große Haufen von Männern, Weibern und Kindern zusammengeführt, die den stolzen Zug verwundert anstierten. Aber unter allen war kein freundliches Gesicht gewesen, kein Hoch aus einem Mund erklungen, kaum, daß die Leute mürrisch ihre Kappen zogen, wenn der Landesherr vorüberritt. Was er nun vollends in Heiligenstadt sah, erbitterte und erschreckte ihn über die Maßen. Am Tore wartete seiner der Rat, um ihm die Schlüssel zu überreichen, wie es Brauch war. Eisig kalt klang aus dem Munde des Sprechers die Begrüßung des Fürsten, kurz und ungnädig war die Antwort. Dann ritt er die lange, breite Straße entlang vom Geisledertor bis zum Martinsstift. Links und rechts standen die Knechte mit ihren in der Sonne blitzenden Spießen und Stahlhauben, sonst war kein Mensch auf der Straße zu sehen. Nur hier und da zeigte sich scheu und verstohlen ein Weiberkopf an den Fenstern, denn bei dem schönen Geschlechte wird die Erbitterung noch durch die Neugier überwogen. Am meisten aber verletzte das verschiedene Aussehen der Häuser den Stolz des Kurfürsten. Der eine Teil der Bürger – das erriet er gar wohl – hatte aus Angst oder irgendwelcher äußeren Rücksicht seine Häuser bekränzt, der andere, und zwar der weitaus größere, wollte ihm offenbar durch Unterlassung solcher Ehrenbezeugung seine Abneigung an den Tag legen. Immer herber und verbissener wurde der Ausdruck seines Gesichts, immer fester preßten sich seine Lippen aufeinander, und Stralendorf, der neben ihm ritt, fing einen Blick auf, vor dem ihm graute. Auch Bacharell schaute erstaunt, ja fast verblüfft umher. Er hatte zwar bei den Eichsfeldern von vornherein nicht viel Freude über des Kurfürsten Ankunft vorausgesetzt, denn er kannte die Stimmung des Landes zur Genüge. Aber diese Haltung des Volkes überraschte ihn dennoch, und er flüsterte Bunthe zu: »Das ist ja gerade, als wenn der Großtürke einzöge in eine eroberte Stadt. Ist etwas Besonderes vorgefallen, was die Leute verstört und zornig gemacht hat?« »Besonderes nicht«, erwiderte der Propst. »Sie sind nur ungehalten, daß die Lutherei nun ein Ende haben soll.« »Ihr habt sie doch nicht etwa vorzeitig gereizt, habt vorderhand Duldung und Schonung geübt?« »Die allergrößte«, log Bunthe frech. »Das ist gut. Der Kurfürst will noch zurückhalten mit scharfen Maßregeln, solange wir die Leute brauchen.« »Wir brauchen sie nicht mehr«, versetzte Bunthe kurz. Bacharell zog erstaunt die Augenbrauen in die Höhe. »Wir brauchen sie nicht mehr? Wieso?« Der Propst legte ihm leicht die Hand auf den Arm und sagte ebenfalls mit gedämpfter Stimme: »Ich bitt' Euch, ehrwürdiger Pater, erwirkt mir sogleich eine Audienz beim Kurfürsten. Will mich der Herr vor Tische nicht mehr hören, dann sobald wie möglich danach und auf jeden Fall, ehe er die Abgeordneten des Rates und der Ritterschaft empfängt. Sein Bescheid auf die Klagen und Fragen des Adels und der Städte wird anders ausfallen, wenn er mich gehört hat. Ich habe ihm Eröffnungen zu machen, die wichtiger sind, als alles andere. Ich kann Seiner Gnaden zusichern, daß die Fehde mit dem Wintzingerode in vier Tagen beendet sein wird.« Bacharell fuhr erschrocken in die Höhe. »Der Mensch will sich doch nicht etwa unterwerfen?« »Durchaus nicht, aber man kann ihn unschädlich machen. Ihr werdet Euch des Todes wundern.« »Ihr werdet der erste sein, den der Herr empfängt, verlaßt Euch darauf«, erwiderte Bacharell. Zunächst schien es freilich, als wolle der Kurfürst am heutigen Tage überhaupt niemand mehr empfangen. Er erklärte sich für ermüdet und angegriffen von dem Ritte, und der war allerdings bei der Junihitze und dem Staub anstrengend genug gewesen. Er zog sich sofort in seine Gemächer zurück und behielt nur Bacharell und Thyreus bei sich, mit denen wollte er speisen. Indessen schon nach einer Stunde hatte Bunthe die Genugtuung, daß man nach ihm schickte, und nach einer weiteren halben Stunde ward auch Stralendorf gerufen. Aus dem gemeinsamen Mahl wurde eine ganz geheime Ratssitzung. Die Diener wurden entfernt, die Türen fest verriegelt, ein Posten auf der Treppe verwehrte jedem den Aufstieg. Erst gegen fünf Uhr verließen Bunthe und Stralendorf das Gemach wieder. Der Kurfürst eilte ihnen noch einmal nach und drückte Bunthe die Hand und nannte ihn seinen lieben Propst und versicherte beide seiner höchsten Gnade und Dankbarkeit. Er war kaum wiederzuerkennen, so frisch und verjüngt sah er aus. »Was ihn am meisten freuen wird, wußte der Herr noch gar nicht«, raunte Bunthe im Hinabsteigen seinem Begleiter zu. »Morgen gegen Abend fällt uns das Weib in die Hände, nach dem er sich verzehrt.« Stralendorf fuhr zusammen. »Ihr habt Nachricht?« »Ich bekam sie vorhin, ehe ich zum Herrn gerufen wurde. Ihr tut gut, noch heute abend alle Wege zu besetzen, die von Westen her aufs Eichsfeld führen. Sehr möglich, daß sie nicht die gerade Straße zieht, sondern den Weg über die Ohmberge wählt. Ein paar hundert Knechte können ja leicht hier abkommen. Sie kann Euch nicht entwischen, wenn Ihr's halbwegs klug anfangt.« »Verdammt! Das trifft sich schlecht!« rief Stralendorf. »Ich kann doch morgen nicht fehlen bei der Lehnshuldigung des Grafen! Was würde Seine Gnaden sagen, wenn der Landeshauptmann derweilen verritten wäre!« Er sagte das mit dem Ausdruck des Ärgers und des Unwillens, innerlich aber freute er sich mächtig. Denn längst hatte er darüber nachgesonnen, ob er nicht unter irgendeinem Verwande wenigstens persönlich dem Bubenstück des Propstes fern bleiben könne. Die Verantwortung für den ruchlosen Überfall mußte er ja mit auf sich nehmen, und er hoffte auch, den klingenden Lohn dafür einzuheimsen. Aber seine eigenen Hände wollte er nicht gern durch die Gewalttat beflecken. So kam ihm Bunthes Nachricht sehr gelegen. »Ihr habt recht«, knurrte der Propst verdrießlich. »Da dürft Ihr freilich nicht fehlen. Schade, schade! Ich hätte Euch den guten Fang gegönnt. Habt Ihr einen unter den Rottenführern oder unter den Rittmeistern, dem Ihr die Arbeit anvertrauen möchtet?« »Mehr als einen«, versetzte Stralendorf. »Da ist vor allem der Stephan Riedinger, ein überaus schlauer, verschlagener Mann, von früher her zudem noch ein Todfeind des Wintzingerode, der ihm bei Sievershausen ein Auge ausgerannt hat.« Bei sich selbst setzte er hinzu: »Außerdem der gewissenloseste, niederträchtigste Halunke, der Gottes Welt durch sein Dasein schändet, der paßt dazu.« »Gut, gut!« murmelte Bunthe. »Gebt ihm ja genau Instruktion. Ein Mißlingen des Anschlages fällt auf Euch zurück und kann Euch die Gnade des Kurfürsten kosten.« »Der Herr weiß ja nichts von dem Plan«, warf Stralendorf ein. »Er wird ohne Zweifel davon erfahren, wenn nicht durch uns, dann durch andere, auch wenn er mißglückt. Ich rate Euch, laßt Euch den Rittmeister sobald als möglich rufen und sendet ihn noch heute abend aus.« »Es soll geschehen«, entgegnete Stralendorf und trennte sich von ihm mit einem Händedruck. Er eilte die letzten Stufen schnell hinab und prallte, als er um die Ecke bog, mit einigen Junkern unsanft zusammen, die eben im Begriff standen, die Treppe zu ersteigen. Es waren die edeln Herren Wilko von Bodenhausen, Heinz und Hans von Westernhagen und Bertram von Wintzingerode. Stralendorf entschuldigte sich höflich und fragte nach ihrem Begehr. »Wir kommen als Abgesandte der Ritterschaft und müssen sogleich Seine Kurfürstlichen Gnaden sprechen«, rief Wilko von Bodenhausen. »Das wird nicht angehen«, sagte Bunthe, der langsam die Treppe hinabkam. »Der Kurfürst ist ermüdet und wünscht Ruhe.« »Hat er ein Ohr für seine Pfaffen, so muß er auch ein Ohr für den Adel haben!« schnaubte der dicke Heinz von Westernhagen. Bunthe warf ihm einen hochmütigen Blick zu. »Über das, was der Herr tut oder läßt, geziemt Euch nicht abzuurteilen.« Der Junker wurde vor Zorn puterrot und griff an sein Schwert. »Willst du mich maßregeln, armseliger Pfaff?« schrie er. »Denkst du, du kannst so mit einem Ritter reden, weil dir dein Herr ein goldnes Kreuz um den Hals gehängt hat? Was bist du denn eigentlich? Nichts als ein entlaufener Knecht Bartholds von Wintzingerode!« Der Propst fuhr zurück, als habe ein schimpflicher Streich seine Wange getroffen, und sein Antlitz erblich. »Das Wort wird Euch gereuen!« stieß er schwer atmend zwischen den Zähnen hervor. »Kommt!« sagte Bertram von Wintzingerode und legte seine Hand auf Westernhagens Arm. »Wir können nicht mit Gewalt zum Kurfürsten dringen. Was wir ihm zu sagen haben, das müssen wir ihm morgen vor seinem ganzen Hofe sagen. Er selbst will es so.« Er neigte flüchtig das Haupt gegen Stralendorf und wandte sich um. Bunthe streifte er mit keinem Blicke. Murrend und fluchend folgten ihm die andern. Bunthe stand noch immer auf derselben Stelle und starrte ihnen nach, wie sie den Hörsaal durchschritten. Als die Tür hinter ihnen ins Schloß fiel, schrak er zusammen, und durch seine Gestalt flog es wie ein Krampf. Stralendorf betrachtete ihn verwundert. So hatte er den Propst noch nie gesehen. »Kommt zu Euch!« sagte er. »Ihr seht ja aus, als habe Euer Geist Euch verlassen.« Bunthe rang mühsam nach Fassung. Er ballte die Fäuste und biß sich die Lippen blutig, um ruhig zu erscheinen. »Verfluchtes Junkerpack!« knirschte er leise. Dies Wort verletzte Stralendorf, und mit einer gewissen spöttischen Neugier fragte er: »Was meinte denn der dicke Halunke, als er Euch einen Knecht des Wintzingerode nannte?« Der Propst ächzte vor Wut. »Eine infame Lüge!« zischte er. »Ich werde Euch die Sache noch erzählen, auf die er anspielt. Jetzt aber nicht, in ein paar Tagen, wenn wir den alten Wolf gefangen haben. Jetzt eilt vielmehr, daß Ihr nichts versäumt! Ich muß allein sein, muß Ruhe haben.« Er winkte ihm mit der Hand zu und trat in ein Seitengemach. Stralendorf entfernte sich kopfschüttelnd. »Das ist ja seltsam, der Teufel werde daraus klug«, murmelte er vor sich hin. XXVI. Kapitel. In der Kirche des heiligen Martin zu Heiligenstadt hatte sich am Vormittag des siebenten Juni eine glänzende Versammlung eingefunden. Von den vier Kirchen und den sechs Kapellen der Stadt war vorher eine volle Stunde lang das Klingen der Glocken und das Gebimmel der Glöckchen zu hören gewesen. Es sollte dem Volke des Eichsfeldes verkünden, daß Volkmar Wolf, Graf zu Hohnstein, heute dem Kurfürsten und Erzbischof von Mainz als seinem Oberlehnsherrn für das Gericht Bodenstein schwören und huldigen wollte. In der Mitte der Kirche zwischen dem Hochaltar und dem Grab der heiligen Märtyrer Aureus und Justinus war ein Holzgerüst errichtet, das mit scharlachrotem Tuch überkleidet war, und zu dem drei Stufen emporführten. Dort saß auf einem vergoldeten Thronsessel der Kirchenfürst, der den Kurhut trug und den reichverzierten Krummstab, das Zeichen seiner hohen geistlichen Würde, in der rechten Hand hielt. Der Graf von Hohnstein saß ihm gegenüber auf einem ähnlichen, aber niedrigeren Gestell, das seine Räte und ritterlichen Vasallen umstanden. Der ganze Raum um den Hochaltar war ausgefüllt von Geistlichen aller Grade. Im Hintergrund standen die gewöhnlichen Pfarrer und Kapläne, vorn spreizten sich die Stifts- und Kapitelherren und neben ihnen die Äbte und Äbtissinnen, die es noch auf dem Eichsfelde gab. Auch die Väter der Gesellschaft Jesu, die von Mainz mitgekommen waren, befanden sich in der ersten Reihe, dicht neben und hinter dem kurfürstlichen Throne. Stralendorf, der neu ernannte Landeshauptmann, hatte seinen Platz vor den Stufen, die zum Sitze seines Herrn hinaufführten. Neben ihm standen zwei Pagen mit gesiegelten Urkunden in den Händen. Der übrige Teil des Gotteshauses war dichtgedrängt voll von den Herren des landsässigen Adels, den Ratsmitgliedern der drei Städte und kurfürstlichen Rittmeistern und Söldnerführern. Auf das gemeine Volk war nicht gerechnet, es hätte auch nirgends mehr Platz gefunden. Eine drückende Schwüle herrschte in dem Gotteshaus, nicht nur veranlaßt durch die Menge der Anwesenden, sondern auch durch den Duft der Weihrauchfässer und der zahllosen Wachskerzen, die man trotz des hellen Sonnenlichtes, das durch die bunten Scheiben flutete, zur Erhöhung der Feierlichkeit angezündet hatte. Ein glänzendes Hochamt leitete den festlichen Akt ein. Es ward von Bunthe, dem neuen Landdechanten, zelebriert. Der Adel hatte sich vorher darüber geeinigt, daß man auch diesem Teil der Feier beiwohnen wolle. Um den Kurfürsten nicht unnötig zu erbittern, hörte man die römische Messe mit an, obwohl sie den Evangelischen als ein abgöttischer, widerchristlicher Greuel galt. Aber von irgendeinem Mittun, einer Teilnahme an der gottesdienstlichen Handlung war keine Rede, der ganze Adel und ebenso die ehrbaren Ratsherren blieben aufrecht stehen, als bei der Wandlung der Erzbischof und alle die Seinen auf die Knie niedersanken. Mancher von den älteren Herren faßte sich an die Stirn und fragte sich, ob er wache oder träume; das, was er sah, erinnerte ihn ja an eine Zeit, die vierzig bis fünfzig Jahre zurücklag, es war ein Bild aus seiner Jugend, da er selbst noch in den Irrtümern der Papstkirche wandelte. Von der jüngeren Generation sahen die einen mit grimmigen Blicken und düster zusammengezogenen Brauen, die andern mit spöttischem Lächeln dem fremden Schauspiel zu. Nach dem Hochamt richtete der Kanzler des Grafen von Hohnstein im Namen seines Herrn eine wohlgesetzte Ansprache an den Kurfürsten, die er von einem Blatt ablas. Aus beweglichen Ursachen, hieß es da, sehe sich der edle und hochgebietende Graf von Hohnstein dazu veranlaßt, dem hochwürdigen Herrn von Mainz die Oberlehnsherrlichkeit über das Gericht Bodenstein anzutragen. Der Kurfürst wolle gnädigst kundgeben, ob er in Gnaden geneigt sei, diesem Antrage zu willfahren. Darauf gab Stralendorf im Namen seines Herrn die Versicherung ab, daß Seine Kurfürstliche Gnaden bereit seien, den Lehnseid des Grafen entgegenzunehmen, und verlas den Vertrag von Bleicherode. Die Stelle, die das Versprechen freier Religionsübung enthielt, sprach er mit ganz besonderem Nachdruck und mit lauter Stimme. Es erhob sich danach ein Gemurmel unter dem versammelten Adel, aber es war nicht zu erkennen, was damit ausgedrückt werden sollte, Zweifel und Mißtrauen oder Beifall. Dann erhob sich der Graf und stieg die Stufen zu dem erzbischöflichen Thron empor. Dort ließ er sich auf ein Knie nieder und sprach den Lehnseid nach, den Stralendorf ihm vorlas. Dann legte der Landeshauptmann das rot-weiße Banner der Herrschaft Bodenstein in die Hand des Kurfürsten, der übergab es dem Grafen, und der Graf reichte es dann, nachdem er es eine kurze Weile in der Hand behalten hatte, an Stralendorf zurück. Damit war der symbolische Akt der Belehnung vollendet, und von dem Augenblick an war der Kurfürst von Mainz Oberlehnsherr über das Gericht, das seit den Tagen der staufischen Kaiser die Grafen von Hohnstein als Lehnsmannen des Reiches beherrscht hatten. Es war wohl keiner unter den anwesenden lutherischen Herren, der die freiwillige Unterwerfung des Grafen unter Mainz irgendwie billigte. Die allermeisten empfanden im Gegenteil den Vorgang, der sich da vor ihren Augen abspielte, als etwas tief Bedauerliches, ja als etwas Schändliches. Es war ihnen peinigend und demütigend, daß sie Zeugen sein mußten, wie ein evangelischer Reichsgraf von uraltem, vornehmem Geschlecht einem römischen Priester den Lehnseid schwur. Als daher jetzt der Kurfürst den knienden Grafen bei der Hand faßte, ihn gnädig aufhob und umarmte, brach wieder ein brausendes Gemurmel los, aber diesmal unterschied man deutlich Rufe des Mißfallens, ja sogar von da oder dort einen kernigen Fluch. Befremdet ließ der Kurfürst seine schwarzen Augen im Kreise umhergehen und winkte mit der Hand. Sogleich trat tiefe Stille ein. »Meine lieben, andächtigen und getreuen Stände!« begann er mit klarer, weittönender Stimme. »Wir hatten, wie Euch bekannt ist, für die nun kommende Stunde eine Tagung angesetzt, um mit Euch zu beraten, was dem Lande nutzt und frommt. Gewichtige Gründe bestimmen Uns aber, für jetzt davon abzusehen. Es wird Uns eine Freude sein, Euch heute und morgen festlich zu bewirten, und Wir laden die edeln Herren von der Landschaft, sowie die Räte Unserer getreuen Städte zuvörderst freundlich ein, nachher im Saale des Rathauses mit Uns zu speisen. Von Geschäften jetzt nichts mehr! Wir werden zu gelegenerer Zeit eine Tagung mit Euch halten.« Er neigte würdevoll das Haupt und schickte sich an, von seinem erhöhten Sitze herabzusteigen. Verwirrt und verdutzt blickten die Ritter einander an. Was sollte denn das heißen? Von der Angelegenheit, die alle Gemüter auf dem Eichsfeld bewegte, der Fehde mit Barthold von Wintzingerode, sollte überhaupt keine Rede sein? Der Kurfürst lud sie zu Schmaus und Bankett ein, ohne sie über ihre Haltung in dem bevorstehenden Kampf auch nur zu befragen! Meinte er denn im Ernst, er könne ihres Beistandes ganz entraten und den festen Bodenstein allein überwältigen? Das war doch kaum denkbar, so verblendet konnte er wahrlich nicht sein. Denn wenn er auch ihres Schwertes nicht bedurfte, ohne willige und ausgiebige Lieferungen der Landschaft an Proviant konnte er eine lange, vielleicht Monate hindurch andauernde Belagerung niemals ausführen. Die hatten sie ihm gewähren wollen, das war in ihrer gestrigen geheimen Sitzung beschlossen worden. Dagegen sollte der Kurfürst feierlich geloben und beschwören, daß er sie ohne alle Kränkung bei Luthers Lehre lassen und die Religionsbedrückung im Lande abstellen wolle. Nun war mit einem Mal der ganze klug ausgedachte Plan durchkreuzt. Der Kurfürst ließ sie achtlos beiseite stehen, gestern hatte er ihre Deputierten nicht empfangen, heute schickte er die ganze Ritterschaft einfach nach Hause. Kein Wunder, daß die stolzen Herren, die sich unentbehrlich gedünkt hatten, im ersten Augenblick wie gelähmt vor Erstaunen und Bestürzung dastanden. Aber ihre Verblüfftheit verwandelte sich bei den meisten sehr rasch in Erbitterung und Zorn. Solch eine Behandlung waren sie nicht gewöhnt, das wollten sie sich doch nicht bieten lassen von diesem hochmütigen Pfaffen, den sie ihren Herrn heißen mußten, obwohl sie ihn und sein ganzes Gelichter im Innersten haßten und verachteten. Mochten die Ellenritter und Käsekrämer in den Städten solche Fußtritte ruhig hinnehmen, der Adel war nicht gewillt, sich als Luft betrachten zu lassen. Martin von Hanstein faßte sich zuerst. Er trat vor und stellte sich dem Kurfürsten gerade in den Weg. »Gnädiger Herr! Erlaubt Euern getreuen Ständen, ein Anliegen vorzubringen!« rief er. Erzbischof Daniel sah ihm kalt ins Gesicht. »Der Junker von Hanstein, wenn ich nicht irre?« fragte er. »Der bin ich, Kurfürstliche Gnaden. Wollet mir erlauben, daß ich im Namen der Ritterschaft eine Bitte vortrage!« Scharf und kurz klang die Gegenfrage: »Hat Euch die adlige Landschaft damit beauftragt?« »Nein!« »So kann ich nicht mit Euch verhandeln, wie Ihr selbst einsehen werdet«, sagte der Kurfürst und wollte an ihm vorüberschreiten. Aber Hanstein ließ sich nicht einschüchtern. Er reckte sich zu seiner ganzen beträchtlichen Länge empor und schrie mit gewaltiger Stimme: »Gebt Ihr mir Vollmacht, edle Herren und Freunde, für Euch mit Seiner Gnaden zu reden?« »Ja! Jawohl! Heil Hanstein! Recht geredet!« erscholl es von allen Seiten. Es entstand einige Augenblicke ein ohrenzerreißendes Getöse, ein Gedränge und Geschiebe, denn jeder wollte möglichst aus nächster Nähe beobachten, wie der Auftritt verlaufen werde. Kurfürst Daniel blickte in alle die finsteren und drohenden Gesichter um ihn her, und es kam ihm die Erkenntnis, daß er dem Verlangen der Ritterschaft nachgeben müsse. Diese Menschen sahen zum Teil aus, als scheuten sie auch vor einer Gewalttat nicht zurück. Außerdem war es ja immerhin möglich, daß Bunthes Anschlag gegen den Bodensteiner mißlang. Dann war er auf die Hülfe des Eichsfelder Adels sehr angewiesen und durfte deshalb die lutherischen Junker nicht allzusehr reizen und erbittern. War erst der verwünschte Wintzingerode sicher niedergeworfen, so konnte man andere Saiten aufziehn. Darum zwang er sich zu einem Lächeln und sagte, als plötzlich wieder Stille eintrat: »Ich sehe, daß die Herren von der Ritterschaft Euch als ihren Sprecher anerkennen. So redet!« »Gnädiger Herr!« begann Hanstein, »laßt mich frei von der Leber weg reden, wie es unsere Art ist auf dem Eichsfeld. Wir alle, der ganze schloßgesessene Adel des Landes, stehen auf dem Augsburgischen Bekenntnis. Die Alten haben es angenommen, die Jüngeren, die meisten sind darin erzogen und groß geworden. Es ist uns lieb und wert und über alles heilig. Nun geht ein Gerücht im Lande, daß Euer Gnaden die Religion ändern wolle, und es ist etliches geschehen, was diesem Gerüchte Nahrung geben kann. Der Propst von Nörten hat einen Pfarrer aus Heiligenstadt vertrieben, der lange Jahre in Segen gewirkt hat. Derselbe Propst von Nörten hat einem in unserem Glauben Verstorbenen das ehrliche Begräbnis verweigert. Wohin soll das führen? Ist das mit Eurem Willen und Beifall geschehen, gnädiger Herr? Soll das Augsburgische Bekenntnis ausgerottet werden im Lande? Was mich anlangt, so werde ich mir eher das Herz aus dem Leibe reißen lassen, als ein Verräter werden an meinem Glauben.« Auf diese tapferen Worte folgte eine tiefe Stille. Der Kurfürst war zunächst sprachlos vor Entrüstung und Empörung. Dieser lutherische Schuft wagte es nicht nur, vor ihm seine Ketzerei ganz öffentlich und frei zu bekennen, er setzte ihn auch durch seine Frage in die peinlichste Verlegenheit. Gab er eine schroff ablehnende Antwort, so konnte er gewärtigen, daß der Landadel in der nächsten Stunde heimritt. Vielleicht machten die verwegenen Gesellen sogar gemeinschaftliche Sache mit ihrem Standes- und Glaubensgenossen auf dem Bodenstein. Versprach er dagegen Abhülfe der ritterschaftlichen Beschwerde, so gab er eine Zusage, an die man ihn stets erinnern konnte, und die er doch nicht halten wollte. Am liebsten hätte er den Frechen, der ihn vor eine solche Wahl stellte, von seinen Trabanten niederstoßen lassen. Aber er faßte sich schnell. Zu lange war er in der Schule des Paters Bacharell gewesen, um nicht zu wissen, was er zu tun hatte. Vor allen Dingen mußte er diese erhitzten Köpfe beschwichtigen. Deshalb gab er ruhig und gemessen zur Antwort: »Ihr hättet Euch die Rede sparen können, Junker von Hanstein. Was der Propst von Nörten getan hat, ist mir unbekannt und nicht von mir befohlen. Ich werde darüber Bericht fordern. Im übrigen versichere ich Euch: Ich denke nicht daran, die herkömmlichen Rechte derer von Adel zu schmälern. Ich werde Ihnen allen in innerlichen Gewissenssachen ein gnädiger Herr sein und die Gewissen frei und unbeschwert lassen. Dies mein Bescheid.« Darauf entstand wieder eine kurze Stille, denn solches zu hören, hatte niemand erwartet. Daß ein Kurfürst des heiligen römischen Reiches eine ganze Adelsversammlung belügen wolle, das war doch schwer zu glauben. Sprach er aber die Wahrheit, so war man einer großen Sorge ledig. So schlug mit einem Mal die Stimmung völlig um. Von allen Seiten erklangen Hoch- und Heilrufe auf den Landesherrn, der sich plötzlich so ganz anders zeigte, als man gefürchtet hatte. Der Kurfürst nickte Martin von Hanstein gnädig zu, neigte sich huldvoll dankend gegen die Umstehenden und schritt, geleitet vom Grafen und Stralendorf, dem Ausgang zu. Das Gotteshaus leerte sich nun sehr rasch, denn jeder war froh, aus dem schweren Weihrauchsduft hinaus in Gottes freie Luft zu kommen. Unter den Letzten, die heraustraten, waren die Gebrüder Wintzingerode und der dicke Heinz von Westernhagen. Der beleibte Junker schwitzte und stöhnte fürchterlich. »Den Teufel auch!« brummte er. »Solch eine Staatsaktion bringt einen ja fast ums Leben. Diese Hitze! Diese Enge! Und dabei der schändliche Geruch, den die Baalspfaffen ausströmen! Zu dem allem trampelt mir der Esel, der Bodenhausen, auf meinem besten Leichdorn herum. Konnte mich kaum des Brüllens enthalten. Kommt, Freunde, begleitet mich in den Ratskeller. Ein frischer Trunk Duderstädter wird uns allen wohltun!« »Das ist ein trefflicher Gedanke, Westernhagen!« rief Hans von Wintzingerode. »Auch mir klebt die Zunge am Gaumen. Ich glaube, ich müßte verdorren, wenn ich bis zu Mittag warten sollte. Auf nach dem Ratskeller!« Bertram erklärte gleichfalls seine Bereitwilligkeit und fügte hinzu: »Es ist vorauszusehen, daß wir viele dort treffen, und ich bin neugierig zu hören, was sie über des Kurfürsten Zusage reden.« »Nun, ich meine, der Herr hat wohlgesprochen! Hätt's ihm, bei Gott, nicht zugetraut!« rief Westernhagen. »Ich weiß doch nicht«, erwiderte Bertram zögernd. »Alles das klang mir zu unbestimmt.« Indem trat ein schlanker, junger Mann, der in die kurfürstlichen Farben gekleidet war, an die Gruppen heran. Er lüftete höflich sein Barett und fragte mit einem verbindlichen Lächeln: »Sehe ich die edeln und gestrengen Junker von Wintzingerode vor mir?« Bertram bejahte. »So möchte ich die Herren bitten, mir zu folgen, denn Seine kurfürstliche Gnaden verlangt Euch zu sprechen.« »Uns?« rief Hans in ehrlichem Schrecken. »Geh du allein, Bertram! Du magst für mich mit reden!« Aber Bertram ergriff ihn am Arm und raunte befehlend: »Du bist nicht recht gescheit! Wenn der Kurfürst uns beide sprechen will, so kann nicht nur einer kommen!« Seufzend folgte ihm Hans nach. Hundertmal lieber wäre er mit Heinz von Westernhagen zum Frühtrunk in den kühlen Keller hinabgestiegen, als vor das Angesicht des Kurfürsten zu treten. Denn der Himmel hatte ihm die Gabe zierlicher und gewandter Rede gänzlich versagt, er wußte im rechten Augenblicke die Worte selten zu finden und hatte deshalb mit den Großen und Gelehrten dieser Welt nicht gern etwas zu tun. Der Kammerjunker des Kurfürsten geleitete die Herren ins Martinsstift, führte sie die Treppe des linken Seitenflügels empor und ließ sie in ein reich ausgestattetes Gemach eintreten. Dort warteten sie wohl eine Viertelstunde lang, so daß beide schließlich ungeduldig vor sich hinschimpften und Hans nur mit Mühe von Bertram zum Bleiben bewogen werden konnte. Endlich öffnete sich eine Seitentür, und beide schnellten von ihren Sitzen empor. Aber nicht der Kurfürst trat ein, wie sie erwartet hatten, sondern Pater Bacharell. »Ich bitte die Herren zu entschuldigen, daß ich sie warten ließ«, begann er in sehr höflichem Ton. »Ich bin an einem solchen Tage stark pressiert. Bitte die Herren, sich der Stühle zu bedienen. Wir können im Stehen nicht gut verhandeln.« Er ließ sich selbst nieder und machte eine einladende Handbewegung, der Hans sogleich folgte. Bertram aber blieb stehen und sagte: »Ich bin gerufen worden, um mit Seiner kurfürstlichen Gnaden zu verhandeln.« »Nehmt immerhin mit mir vorlieb«, entgegnete der Jesuit und lächelte. »Ich bin des Kurfürsten Beichtiger und sein Rat, nehmt, was ich Euch sage, so auf, als hätte Seine Gnaden selbst es gesagt.« »Und der Name des Herrn?« fragte Bertram. »Wie? Ihr kennt mich nicht?« rief der Pater befremdet, und ein flüchtiges Rot huschte über sein fahles Gesicht. »Ich habe den Herrn im Gefolge Seiner Gnaden gesehen, aber den Namen kenne ich nicht.« »Ich heiße Ludwig Bacharell, Pater der Gesellschaft Jesu.« »Ah!« entfuhr es Bertram unwillkürlich. Das war also der Mann, der nach den Nachrichten aus Mainz trotz seines schlichten Gewandes der Erste war am Hofe, und der, wie einige sagten, die Seele des Kurfürsten Daniel nach seinem Willen und Gefallen bog und modelte wie weiches Wachs. Nach der Meinung Bartholds war er der Mittelpunkt aller der Bestrebungen, die sich gegen das Evangelium auf dem Eichsfelde richteten. Wenn er mit dem verhandeln mußte, so galt es, die Ohren offen und den Nacken steif zu halten. Er neigte sich gegen ihn mit kühler Höflichkeit und nahm Platz. »Wir sind bereit, zu hören, was Seine Gnaden uns durch Euern Mund zu wissen tun will.« »So wollen wir ohne Umschweife zur Sache kommen«, begann der Pater. »Der Kurfürst befindet sich in Fehde mit Eurem Vetter Barthold von Wintzingerode. Wie Seine Gnaden in Erfahrung gebracht hat, habt auch Ihr des öfteren mit ihm in Streit gelegen und mancherlei Verdrießlichkeit und Widerwärtigkeit mit ihm gehabt. Ist das an dem, werter Junker?« »Die alten Späne sind geschlichtet. In den letzten Jahren war Friede zwischen uns«, erwiderte Bertram zurückhaltend. »Und doch ist erst in allerjüngster Zeit von Eurem Vetter ein schwerer Übergriff in Euer Recht geschehen«, fuhr Bacharell fort. Er nahm eines von den Dokumenten, die auf einem Seitentische lagen, und reichte es Bertram. »Hier eine Klage dreier Brüder Geilhaus und einer Frau namens Gertrud, daß Barthold von Wintzingerode am hellen lichten Tage ihren Bruder und Gatten erschossen habe. Der Mann war Euer Förster, Ihr Herren. Es hat Seine Gnaden befremdet, daß Ihr Euch nicht mit einer Klage gegen den Landfriedensbrecher gewendet habt.« Bertram stieg das Blut in die Stirn. Dieser Pfaffe erkühnte sich, ihm in versteckter Weise einen Tadel auszusprechen! Am liebsten hätte er erwidert: Das geht weder Euch, noch den Kurfürsten etwas an. Aber er beherrschte sich und sagte ruhig: »Dazu hatten wir begründete Ursache. Der Geilhaus war der Mordbrennerei dringend verdächtig, auch war er, wie wir nachher vernahmen, ein Mensch, der heimlich Mord und Aufruhr predigte. Was ist daran gelegen, wenn solch ein Kerl aus der Welt geschafft wird! Über das alles hat ihn Barthold in der Notwehr erschossen.« »Darin irrt Ihr Euch«, versetzte Bacharell scharf. »Der Ritter von Wintzingerode war nicht die Obrigkeit des Geilhaus, hatte also kein Recht, in sein Haus zu dringen und ihn festzunehmen, auch wenn er sich von ihm geschädigt glaubte. Geilhaus war ganz im Recht, wenn er sich der Verhaftung widersetzte. Er befand sich in der Notwehr, nicht sein Widersacher!« »Ich habe stets gehört, daß jeder einen Verbrecher festhalten kann, wenn die Flucht des Missetäters zu besorgen steht«, bemerkte Bertram. »Ob dieser Geilhaus ein Verbrecher und Missetäter war, mußte erst erwiesen werden. Auf jeden Fall hat Euer Vetter einen Totschlag begangen und wird sich deshalb vor dem peinlichen Gerichte zu verantworten haben.« Bertram blieb stumm. »Ihr wollt Euch also der Klage gegen den Landfriedensbrecher nicht anschließen?« »Ich weigere mich dessen!« »Und Ihr, Junker?« wandte er sich an Hans. Der aber polterte in seiner ungeschliffenen Art los: »Ach, Herr Pater, warum sollen wir klagen? Fängt der Kurfürst den Barthold nicht, so kann er ihn auch nicht richten, fängt er ihn, so hat er ja tausend Gründe, ihn umzubringen. Wozu sind denn die Schreiber und Rechtsverdreher da?« Bacharell zuckte zusammen. Der grobe, ungeschlachte Landjunker hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. Es stieg ein Ärger in ihm auf, daß ein solcher Mann die Pläne des Kurfürsten und die seinen so klar durchschaute, und daß er es noch dazu wagte, ihm die Wahrheit so rückhaltlos ins Gesicht zu sagen. Aber äußerlich bewahrte er seine volle Ruhe, und indem er das Haupt wie verwundert schüttelte, sprach er bedächtig: »Ich bedaure das, Ihr Herren von Wintzingerode, bedaure das sehr! Indessen kann Euch niemand zwingen, Euch einer Klage anzuschließen. Ob Ihr Euer Recht suchen wollt oder nicht, steht in Eurer Hand.« »Somit wäre unsere Unterredung zu Ende«, sagte Bertram und stand auf. »Noch nicht, Junker«, entgegnete Bacharell und warf ihm einen bösen Blick zu. »Ich habe im Auftrage unseres gnädigen Herrn noch eine Frage an Euch zu richten. Wie gedenkt Ihr Euch zu halten in dem Handel, der zwischen unserem Herrn und Eurem Vetter entstanden ist?« »Unser Lehnseid verbietet uns, gegen Hohnstein und Mainz das Schwert zu ziehen«, versetzte Bertram finster. »Wir werden uns in Ruhe auf unseren Gütern halten.« »Das dürfte Seiner Gnaden schwerlich genügen. Euer Lehnseid gebietet Euch auch, Gut und Blut für Euern Lehnsherrn einzusetzen, wenn er Krieg und Fehde zu bestehen hat. Dieser Fall ist jetzt gegeben. So läßt Euch denn Seine Gnaden durch mich fragen, ob Ihr Eure Pflicht als redliche Kriegsleute tun und ihm helfen wollt gegen den Rebellen, der sich wider ihn erhoben hat, oder nicht.« »Das kann der Kurfürst nicht verlangen!« rief Bertram. »Soll ich meinen Blutsverwandten dem Henker überliefern helfen? Das brächte eine Schande im ganzen Lande!« »Unverschämte Zumutung«, knurrte Hans und fuhr nach dem Schwerte. »Mäßigt Euch in Euern Worten und bedenkt, was für Euch auf dem Spiele steht!« sagte der Pater, ergriff die vor ihm liegenden Papiere und schritt nach der Seitentür, durch die er vorhin gekommen war; dort blieb er stehen und sagte ernst und langsam: »Bis morgen früh neun Uhr, Ihr Herren von Wintzingerode, gibt Seine Gnaden Euch Bedenkzeit. Überlegt's wohl, was Ihr tun wollt, und wisset, daß Seine Gnaden einen ungetreuen Vasallen nie und nimmermehr zum Landsassen machen wird auf dem Bodenstein. Von Eurem Entschlusse hängt Euer Lehn ab. Gehabt Euch wohl!« Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß. »Hund!« knirschte Hans und machte Miene, ihm nachzustürzen. Bertram aber hielt ihn zurück. Er war tief erblaßt. Wie ein einziger Blitz eine ganze nächtliche Gegend erhellt, so hatten ihm die letzten Worte des Paters all die Pläne der Mainzer Pfaffen enthüllt. Er sah das alte Erbe seines Geschlechtes aufs schwerste bedroht. Der Kurfürst suchte nach einem Vorwand, denen von Wintzingerode das feste Schloß zu entreißen, es war ihm so wichtig, daß er es in der eigenen Hand behalten wollte. Willigte er in das schimpfliche Ansinnen, das ihm und seinem Bruder gestellt war, so verlor er Ehre und Reputation und wußte doch nicht, ob er das Lehn jemals erhalten würde. »O Barthold, Barthold!« seufzte er. »Gott lasse dich nicht erliegen! du streitest in Wahrheit für uns alle. Der Adel ist nichts mehr, wenn du fällst! Und nun komm, Hans, zum Grafen von Hohnstein. Ich will ihn fragen, ob er um das Bubenstück weiß, das die Pfaffen planen.« XXVII. Kapitel. In der ersten Morgenfrühe des achten Juni, noch ehe der Tag graute, hielt vor dem Martinsstift zu Heiligenstadt ein starker Reiterhaufe, der einen Wagen geleitet hatte. Es war eine der reichverzierten, prächtigen, aber unförmlichen Karossen, in denen vornehme Damen zu reisen pflegten. Aber die Frau, die darin saß, war offenbar nicht auf einer Lustreise begriffen, sondern gewaltsam hierher geschleppt worden. Ihre Hände waren mit dünnen Stricken gefesselt, den Mund hatte man ihr mit einem Tuche zugebunden, und überdies war ihr auch noch eine dunkle Kapuze über das Haupt und den größten Teil des Antlitzes gezogen worden. Selbst bei hellem Tag hätte niemand zu erkennen vermocht, daß es Anna von Bünau war, die hier wie eine Verbrecherin fortgeführt wurde. Der Plan des Propstes war geglückt. Kaum hatte die junge Frau die Nachricht von der tödlichen Erkrankung ihrer geliebten Mutter erhalten, so hatte sie sich auch auf der Stelle zur Reise entschlossen. Ihren Mann konnte sie nicht erst fragen, denn der war im Gefolge seines Kurfürsten in Mühlhausen. Dorthin mochte sie nicht kommen, um nicht etwa mit dem Mainzer Erzbischof zusammenzutreffen. Sie vermied die Stadt, obwohl die bequemste Straße durch sie hindurch führte, und suchte auf einem Umweg nach der väterlichen Burg zu gelangen. Das alles hatte Bunthe vorausgesehen, hatte sie auch zur größeren Sicherheit von zwei Spähern auf dem ganzen Wege beobachten lassen. So war denn der Überfall gelungen. Zwischen Dachrieden und Saalfeld wurde der Wagen, der auf einem Feldweg dahinfuhr, von einer starken Schar Bewaffneter angehalten. Den Geleitsknechten wurde bedeutet, baß sie sich zu entfernen hätten, wenn sie nicht das Schicksal der Hexe teilen wollten, zu deren Schutz sie mitgeritten wären. Dabei entfaltete Stephan Riedinger ein stattliches Pergament und las einen Haftbefehl vor, der vom kurfürstlichen Kommissar unterzeichnet war. Darin stand geschrieben, daß Anna, eine geborene von Wintzingerode, gegenwärtig die Ehefrau des Junkers von Bünau, der Zauberei und des Bündnisses mit dem bösen Feind dringend verdächtig sei und, falls sie auf dem Eichsfeld ergriffen werde, vor das peinliche Gericht zur Befragung gestellt werden solle. Jeder Widerstand wäre der Übermacht gegenüber unnütz gewesen. Er wurde auch gar nicht versucht. Die Knechte wandten sich scheu zur Seite und ritten dann, nachdem sie eine kleine Weile miteinander geflüstert hatten, kopfschüttelnd und fluchend ab. Wer hätte denken können, daß die stolze, schöne Frau, die sie geleitet hatten, eine Hexe sei! Für eine Teufelsbuhle fühlten sie sich nicht verpflichtet, ihr gutes Schwert zu ziehen. Freilich war ja ihre Schuld noch nicht bewiesen, aber wie selten kam es vor, daß ein Weib gegenüber dieser Anklage sich rechtfertigte! Auch Anna von Bünau war viel zu entsetzt, um an einen Widerstand zu denken. Vor Schrecken betäubt und einer Ohnmacht nahe, ließ sie sich ruhig die Hände fesseln und das Gesicht verhüllen. Die ganze stundenlange Nachtfahrt über hatte sie wie erstarrt in einer Ecke des Wagens gesessen. Endlich war das Ziel erreicht. Der Wagen rumpelte über holpriges Pflaster und hielt dann still. Stephan Riedinger rief die Wachen herbei, die vor dem Hauptgebäude des Stiftes standen, und ließ die Tür aufschließen. Dann trat er an den Wagen heran, umfaßte die halb Bewußtlose und trug sie ins Haus, gefolgt von zwei Knechten mit Windlichtern. Er schritt mit seiner Last einen langen Gang dahin und öffnete an dessen Ende eine niedrige, plumpe, eisenbeschlagene Tür. Sie führte zu dem Zimmer, das Bunthe ihm angewiesen hatte, einem schmalen kleinen Raum, dessen Fenster vergittert waren, und der nichts enthielt, als in der einen Ecke ein Betpult mit einem Kruzifix, in der andern ein etwas erhöhtes Lager von harten Brettern. Darauf legte er die Gefangene nieder, löste die Fesseln ihrer Hände und band das Tuch und die Kapuze von ihrem Haupte ab. Dann leuchtete er eigenhändig in dem Gemache herum und schritt hinaus, ohne ein Wort zu sprechen. Draußen schob er den schweren Eisenriegel vor und befahl einem Knechte, Wache zu halten. Anna war allein. Lange lag sie da in dumpfer Betäubung. Als sie erwachte, fiel das Tageslicht schon hell herein durch die halberblindeten Scheiben. Laute Männerstimmen und das Gestampf von Rosseshufen klang an ihr Ohr. Mit einem Schrei fuhr sie empor. All das Gräßliche, was über sie hereingebrochen war, kam ihr mit einem Mal zu vollem Bewußtsein. Sie war in die Hände des Mainzer Kurfürsten gefallen, sie war der Zauberei angeklagt und sollte vor dem peinlichen Richter als Hexe vernommen werden. Die entsetzlichsten Demütigungen, die es für ein ehrbares Weib gab, standen ihr bevor, schaudervolle Qualen würde man über sie verhängen, und das Ende war wahrscheinlich der Feuertod auf dem Scheiterhaufen. Wie eine Wahnsinnige sprang sie von ihrem Lager auf und stand am ganzen Körper zitternd und irre Blicke um sich werfend da. Dann stürzte sie zur Tür und rüttelte daran mit verzweifelter Kraftanstrengung, aber das feste Schloß hätte wohl zwei starken Männern standgehalten. Darauf rannte sie zum Fenster, aber sie vermochte es nicht zu öffnen, außerdem sah sie durch die Scheiben, daß es von außen mit engen Eisengittern verwahrt war. Da sank sie aufstöhnend in die Knie und lehnte die Stirn gegen die kalte Mauer. Jammer und Schmerz überwältigten sie so, daß ihr von neuem fast die Sinne vergingen. Eine Weile lag sie so. Plötzlich fühlte sie sich hart an der Schulter gepackt. Als sie den Blick erhob, sah sie einen Mann in geistlicher Tracht vor sich stehen, dessen tiefliegende graue Augen mit einem seltsamen Ausdruck von Hohn und Lüsternheit auf ihr ruhten. »Steht auf!« sagte er. »Ich bin der kurfürstliche Kommissar Bunthe und habe mit Euch zu reden. Setzt Euch dorthin und hört genau auf das, was ich Euch sage.« Anna gehorchte. Bunthe lehnte sich ihr gegenüber an die Wand, schlug ein Bein über das andere und begann in einem fast behaglichen Tone: »Also, schöne Frau, wir wollen ohne alle Umschweife miteinander reden. Ihr habt in Mainz das Wohlgefallen unseres gnädigen Herrn erregt und habt Euch ihm dann, was weiß ich, aus welchem Grunde, durch eilige Flucht entzogen. Seine Gnaden aber war so in Eure Schönheit vernarrt, daß er daraufhin in eine schwere Krankheit verfiel. Nur ein Wunder der heiligen Jungfrau hat ihn errettet. Das macht Euch verdächtig. Dergleichen rasende, überschwengliche Liebe ist kaum anders zu erklären als durch Zauberei mit Hilfe des bösen Feindes.« Er schlug ein Kreuz. »Ihr werdet, um es kurz zu sagen, bezichtigt, Seiner Gnaden einen Liebestrank beigebracht zu haben.« Anna zuckte entsetzt zusammen. »Niemals!« stieß sie mit halberstickter Stimme hervor. »Das wird sich herausstellen, wenn Ihr deshalb vor Gericht befragt werdet. Jeder Beschuldigte leugnet zunächst, das kennen wir. Aber es gibt Mittel, auch den Verstocktesten zum Geständnis zu bringen. Das bedenkt wohl!« Anna saß ein paar Augenblicke stumm da. Dann warf sie wie rasend die Arme in die Höhe und schrie gellend: »Was hab' ich Euch getan? Was wollt Ihr von mir? Wollt Ihr ein unschuldiges Weib morden? Ihr wißt wohl, daß ich nichts Böses getan habe. Ich bin geflohen, weil Euer Herr meiner Ehre zu nahe trat. Hätt' ich ihn bezaubern wollen, wie wäre ich dann vor ihm entwichen?« Darauf erwiderte der Propst ruhig und gelassen: »Ich will Euch Eure Fragen nach der Reihe beantworten. Ihr habt mir nichts getan. Aber wenn Ihr Euern Vater in diesem Leben noch einmal sehen solltet, so fragt ihn, was er mir getan hat, und warum ich sein Feind bin. Ihr seid seine Tochter, und »das Kalb muß folgen der Kuh«, das ist ein altes Sprichwort. Daß Ihr vor dem Kurfürsten geflohen seid, würde Euch entlasten, wenn Ihr nicht eben dieses Vaters Tochter wäret. Der war stets unseres gnädigen Herrn Feind, manchmal offen, sonst im geheimen, und mag Euch wohl angewiesen haben, dem Herrn mit einem Liebestrank Leib und Seele zu vergiften, und Euch dann davonzumachen. Ich wette, daß Ihr solches mit eigenem Munde noch bekennen werdet.« Anna hatte still dagesessen, während er sprach, die stieren Augen auf den Boden geheftet. Jetzt hob sie mit einem Mal das Haupt, und ein Hoffnungsschimmer leuchtete aus ihren Augen. »Ihr habt überhaupt kein Recht, mich zu richten!« rief sie. »Ich bin die Untertanin Kurfürst Augusts von Sachsen und stehe unter seinem Gericht. Der Kurfürst wird nicht dulden, daß die Frau eines seiner treuesten Diener vor ein fremdes Gericht gestellt wird!« Bunthe machte eine wegwerfende Handbewegung. »Diese Hoffnung laßt fahren! Müssen wir Euch ausliefern, so werden wir dafür sorgen, daß Ihr bis dahin geständig geworden seid. Dann ist der Unterschied für Euch nur der, daß Ihr am sächsischen statt am Mainzer Holz geröstet werdet. Nein, für Euch gibt es nur einen Weg zur Freiheit, und den will ich Euch zeigen. Tut dem gnädigen Herrn seinen Willen und werdet seine Liebste! Das ist mein Rat.« Anna schauderte und rückte unwillkürlich ein Stück von dem Propst hinweg. »Nun?« drängte Bunthe, als sie keine Antwort gab. »Ist mein Rat nicht gut? Glaubt mir, kein Mensch kann Euch einen besseren geben.« Anna schlug die Hände vor ihr Antlitz, und aus tiefster Brust aufstöhnend stammelte sie: »Nie! Nimmermehr! O pfui, pfui! Das sagt ein Priester? Mir, einer Ehefrau? Ich gehöre meinem Manne!« Um Bunthes Mund erschien ein böses, grausames Lächeln. »Nun, schöne Frau«, entgegnete er, »wenn ein Weib sich in Eurer Lage befindet, da muß wohl auch der eifersüchtigste Gatte ihr nachsehen, wenn sie die eheliche Treue bricht. Ihr scheint Euch doch nicht so ganz klar darüber zu sein, was Euch bevorsteht, wenn Ihr Euch den Weg zur Freiheit nicht selbst bahnt. Nicht nur der Tod erwartet Euch dann, nicht nur Schmerzen des Leibes, sondern auch Qualen der Seele. Wenn Ihr so sittsam seid, daß Ihr unserem gnädigen Herrn nicht zu Willen sein wollt – was müßt Ihr dann leiden, wenn der Henker Euch vor den Richtern entkleidet und auf die Folterbank streckt? Glaubt mir – – –« Aber er kam nicht weiter. Anna war aufgesprungen und stand vor ihm totenblaß, mit glühenden Augen und geballten Fäusten. »Elender!« zischte sie. Dann war sie mit einem Satze am Fenster und rüttelte mit Riesenkraft daran. »Bemüht Euch nicht«, sagte Bunthe mit kaltem Hohn, »es ist vernagelt.« Aber dem verzweifelten Weibe war jetzt alles gleich. Wie eine Rasende schlug sie mit beiden Fäusten auf die runden Fensterscheiben los, so daß sie klirrend in Stücke sprangen. Dann preßte sie ihr Gesicht gegen die so entstandene Öffnung und schrie überlaut und kreischend hinaus: »Hülfe, Hülfe! rettet mich!« Der alte Martin von Hanstein war unten im Hof eben vom Pferde gestiegen und blickte überrascht empor, als er die Weiberstimme schreien hörte. Aber seine Überraschung verwandelte sich sofort in die höchste Bestürzung, als er das Gesicht am Fenster erkannte. Er beschattete die Augen mit der Hand und starrte angestrengt hinauf. Narrte ihn ein Spuk am hellen lichten Tage? War das nicht? – das war doch – Bartholds von Wintzingerode Tochter, die in Sachsen verheiratet war? Was war das? Wie kam sie hierher? »Hülfe! Hülfe! Gewalt!« gellte es wieder von oben herab, denn der Propst suchte nun Anna mit aller Kraft vom Fenster hinwegzuziehen. »Wintzingerode!« brüllte Hanstein und noch einmal mit Donnerstimme: »Wintzingerode!« Hans und Bertram, die eben ins Haus getreten waren, um sich zu Bacharell zu begeben, kehrten auf der Stelle um und kamen auf den Hof gelaufen. Hanstein schrie ihnen entgegen: »Es geht was Schändliches hier vor! Eure Base ist hier, die Bünau. Sie schrie nach Hülfe. Folgt mir, daß wir nicht zu spät kommen!« Bertram lachte. »Man ist es nicht an dir gewohnt, Hanstein, daß du früh schon trunken bist.« Hanstein stieß einen Fluch aus. »Ich bin nicht trunken. Ich kann meinen Augen trauen! Kommt! Kommt!« Mit jugendlicher Rüstigkeit lief er ins Haus. Wieder ertönten Schreie von oben, aber nur noch schwach und undeutlich. Es war dem Propst gelungen, die sich heftig Sträubende ins Gemach zurückzuziehen und auf das Bretterlager niederzudrücken. »Es ist ein Weib, das da schreit!« rief Bertram. »Wer's auch sei, wir wollen ihr helfen!« Die beiden stürmten Hanstein nach die Treppe empor. Etliche Knechte schlossen sich ihnen an und folgten in einiger Entfernung, neugierig, was es da oben gäbe. Bunthe, der unter Flüchen und Drohungen mit Anna gerungen hatte, ließ von ihr ab, als er die klirrenden Tritte der näher Kommenden hörte. Blaß und keuchend lehnte er an der Wand. Er bot einen schrecklichen Anblick, denn Anna hatte ihn mit ihren zerschnittenen, blutigen Händen ins Gesicht geschlagen. Über und über war er von ihrem Blute befleckt. Die Tür flog auf. »Was ist das? Was geht hier vor?« rief Hanstein. »Mein Gott, wie kommst du hierher?« schrie hinter ihm Bertram. Anna blieb stumm. Sie vermochte kein Wort hervorzubringen. Bunthe hatte sich inzwischen notdürftig gefaßt. Er richtete sich hoch auf und versuchte eine würdevolle Miene anzunehmen. »Ihr Herren«, sagte er, »ich bitte Euch, laßt die Hand von dieser hier. Ihr wißt nicht, was Ihr tut, wenn Ihr sie schützt. Sie steht im dringendsten Verdacht, Zauberei und Buhlschaft mit dem Fürsten der Hölle getrieben zu haben.« Anna schrie auf. »Lüge, elende Lüge! Man hat mich hierher gebracht, damit ich des Kurfürsten Dirne werden sollte!« Beide Wintzingerode fuhren zugleich mit der Hand nach dem Schwert. »Elender Hund!« rief Hans und riß die Klinge aus der Scheide. Aber er fühlte seine Hand von hinten mit eisernem Drucke festgehalten. »Keine Gewalttat, Ihr Herren!« sagte eine scharfe, klare Stimme. Als er sich umwandte, blickte er in das kalte, unbewegliche Gesicht des Paters Bacharell, der von der offenen Tür aus die Szene beobachtet hatte. »Keine Gewalttat!« wiederholte der Pater und stellte sich zwischen die Ritter und den Propst. »Wie kommt diese Frau hierher?« »Ich habe sie aufheben lassen!« rief Bunthe trotzig. »Und was führt Euch zu dieser Zeit aufs Eichsfeld, Frau von Bünau?« »Ich erhielt brieflich Nachricht, daß meine Mutter tödlich erkrankt sei. Sie wollte mich vor ihrem Ende noch einmal sehen.« »Erstunkene Lügen!« brauste Bertram auf. »Ich habe Frau Käthe noch vor zwei Tagen frisch und gesund gesehen!« Anna nestelte mit zitternder Hand einen Zettel aus ihrem Busen und reichte ihn Bertram. »Meines Vaters eigene Hand«, sagte sie. Aufs höchste betroffen blickte Bertram auf das Schreiben. »Wann erhieltst du das?« fragte er. »Vor vier Tagen.« »Dann ist der Brief gefälscht! Und du, Pfaffe, bist der Fälscher!« brüllte der Ritter und machte Miene, sich auf den Propst zu stürzen. Aber Bacharell breitete beide Arme aus und rief hell und durchdringend: »Halt! Keine Gewalt in des Kurfürsten Behausung! Laßt mich die Sache schlichten. Ihr, Frau von Bünau, seid der Zauberei bezichtigt. Eine schwere Anklage! Aber Ihr steht unter sächsischem Gericht. Gott behüte uns vor Übergriffen in Eures Kurfürsten Rechte! Kehrt heim und erwartet, was gegen Euch geschieht. Und Ihr, Junker von Wintzingerode, bringt Eure Verwandte fort von hier, schnell, eilig, unverzüglich! Unsere Unterredung kann morgen früh stattfinden.« »Er hat recht!« erwiderte Bertram, ergriff seine Base am Arm und zog sie nach sich. Die Ritter schritten hinaus. Der Pater und der Propst blieben allein im Gemach. Bunthe stand in einer Ecke, vor Wut an allen Gliedern bebend, die Zähne knirschend, mit geballten Fäusten. Er sah aus wie ein Raubtier, dem ein stärkeres die Beute entrissen hat. »Das werdet Ihr büßen! Das verzeiht Euch der Kurfürst niemals!« schrie er. »Narr!« erwiderte Bacharell ruhig. »Noch einmal sage ich: Narr! Dankt Gott auf Euern Knien, daß ich Euch vor ewigem Gefängnis bewahrt habe. Denn damit hätte dieses Spiel für Euch geendet. Wißt Ihr, daß Mainz zurzeit die Hülfe Sachsens braucht wie das liebe Brot? Wißt Ihr, daß vielleicht die ganze Zukunft der heiligen Kirche in Germanien davon abhängt, daß der mächtigste Fürst der Ketzer unsere Kreise jetzt nicht stört? Ihr wißt es nicht, denn Ihr kennt nicht die großen Händel des Reiches und der Christenheit. Den Mann wolltet Ihr aufbringen durch eine schnöde Gewalttat, die ja bald ruchbar werden mußte –« »Um ein Weib« – fiel Bunthe ein, aber der Pater schnitt ihm das Wort ab. »Kennt Ihr Augustus von Sachsen, den dämonischen Menschen, der keine Versöhnung, keine Gnade kennt, wenn er gereizt wird, der neulich seinen treuesten Rat zu Tode hat foltern lassen, weil er von dem ketzerischen Glauben seines Herrn abgefallen war in eine andere Ketzerei? Diesen wilden Panther reizen, jetzt reizen! Ihr wäret von Sinnen. Seid versichert: Gelang Euer Werk, so kostete es uns das Eichsfeld, oder der Kurfürst hätte Euch mit demütigender Entschuldigung ausliefern müssen. Dann konntet Ihr in einem sächsischen Kerker oder an einem sächsischen Galgen verfaulen!« Bunthe war während der Rede des Paters sehr blaß geworden und in sich zusammengesunken. »Ich wollte dem gnädigen Herrn gefällig sein, ihm einen Dienst leisten«, brachte er endlich hervor. »Ihr hättet ihm schlecht gedient und schwerlich auf Dank und Lohn rechnen dürfen. Denn, Herr Propst, der Kurfürst hat seine Verirrung bereut und in meine Hände einen heiligen Eid bei der gebenedeiten Gottesmutter und seiner Seele Seligkeit geschworen, daß er von dem Weibe hinfort lassen will. Ehe wir von Mainz abzogen, habe ich ihn endlich dazu vermocht. Daniel gehört jetzt uns mit Leib und Seele. Und wir, die Väter der Gesellschaft Jesu, wir wollen die heilige Kirche reformieren, nicht bloß zum Schein, das merkt Euch wohl! Unsere Priester, unsere Kirchenfürsten sollen nicht Lüstlinge und Fleischesknechte sein, sondern der Welt abgestorbene Seelen, die nur ein Ziel kennen, den Sieg der Kirche Gottes unter den Ungläubigen.« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Ich habe Euch zum geistlichen Kommissar gemacht, ich allein. Ich weiß, daß Euer Herz hart ist wie ein Diamant, und das brauchen wir. Aber nun laßt neben der Härte auch die Besonnenheit zu ihrem Recht kommen und macht, daß ich nicht noch einmal irre werde an Euch.« Er hob drohend die Hand und schritt zurück. Bestürzt und niedergeschmettert, ja völlig fassungslos blieb Bunthe allein. – Unterdessen waren Bertram von Wintzingerode und seine Knechte mit Anna von Bünau eiligst aus der Stadt geritten. Bertram hatte sie nach seiner Burg bringen wollen, ja, er erbot sich sogar, sie nach Mühlhausen geleiten zu lassen. Aber die junge Frau wollte durchaus nach dem Bodenstein. Allen Einwänden, daß dem Schlosse ihres Vaters in der Kürze eine Belagerung drohe, daß sie anderswo weit sicherer aufgehoben sei, schenkte sie kein Gehör. Schließlich mußte sich Bertram ihrem Willen fügen, und so schlug man den näheren Weg über die Berge ein. Da die Feldwege in dieser Jahreszeit gut waren und man die Rosse tüchtig ausgreifen ließ, langte man bereits gegen Mittag auf der Burg an. Mit einem wilden Aufschluchzen stürzte sich Anna ihrem Vater in die Arme. Lange war sie keines Wortes mächtig, Bertram mußte erzählen, was geschehen war. Als er geendet hatte, geriet Herr Barthold in eine wahre Raserei des Zornes. Er warf sich vor seiner Tochter auf die Erde, ergriff ihre notdürftig verbundenen Hände und schrie mit einer Stimme, die allen durch Mark und Bein drang: »So wahr ein Gott im Himmel lebt, das räche ich! Mit meinen Händen erwürge ich den Hund, der das gewagt hat!« Dann sprang er auf und faßte Bertram an beiden Schultern. »Siehst du nun, wie weit der Haß dieser Pfaffen geht? Vergiften und erwürgen möchten sie, was Wintzingerode heißt. Auch du wirst ihrem Gifte nicht entgehen, wenn sie dich auch jetzt umwerben und umschmeicheln!« Bertram lachte rauh auf. »Umwerben und umschmeicheln? Davon sind sie weit entfernt. Sie fühlen sich schon als Herren im Lande und bitten nicht, sie drohen. Wenn ich mich fürder weigere, gegen dich zu ziehen, so wollen sie mir das Lehn entziehn, wollen mir den Bodenstein nicht lassen, wenn sie ihn haben.« »Wenn sie ihn haben! Wenn sie ihn haben!« rief Barthold. »Aber noch ist nicht aller Tage Abend! Noch halte ich einen Trumpf in meiner Hand, der vielleicht Euer Spiel verdirbt, ihr Buben! Du aber, Bertram, schwöre mir: Wenn du nach mir Herr bist auf dem Bodenstein, daß du eher sterben willst als vom Evangelium abweichen, daß du nie bei deinem Leben zugibst, daß die Pfaffen das Land wieder römisch machen!« Bertram ergriff seines Vetters Hand mit festem Druck. »Das schwöre ich dir, Barthold, bei meiner Seligkeit, so wahr mir Gott helfe! Amen!« XXVIII. Kapitel. Am Abend des elften Juni gab der Rat von Heiligenstadt dem Kurfürsten und seinem Hof auf dem Rathause ein Fest. Die Sitte forderte es, daß eine Stadt, die der Landesherr mit seinem Besuche beehrte, ihrem hohen Gaste solche Aufmerksamkeit erwies. Man hatte freilich einigen Zweifel, ob der Kurfürst der Einladung folgen werde. Denn das Verhältnis zwischen ihm und seinen treuen Untertanen hatte sich durch seine persönliche Anwesenheit nicht gebessert. Man hörte nichts davon, daß die strengen Maßregeln des Propstes von Nörten die Mißbilligung seines Herrn gefunden hätten, im Gegenteil, der Kurfürst schien noch viel glaubenseifriger zu sein, als sein Vikar. Er war offenbar ganz und gar im Banne der schwarzen Väter der Gesellschaft Jesu, die nie von seiner Seite wichen, wo er auch ging und stand. Sie galten alles bei ihm, das sah jedes Kind. Der ganzen Bürgerschaft ließ er die Einladung zugehen, die Predigten fleißig zu besuchen, die alltäglich Pater Thyreus in der Liebfrauenkirche hielt, und es hieß in der Stadt, wenn man fortfahre, diese Einladung nicht zu beachten, so werde er den Besuch der katholischen Gottesdienste endlich befehlen. Jedermann traute ihm solche Willkür zu. So traten denn die drei Abgesandten des Rats, die ihm die Einladung überbringen sollten, in sehr gedrückter Stimmung vor sein Angesicht. Sie waren auf einen ungnädigen Bescheid, ja auf eine Absage gefaßt. Aber wider Erwarten wurden sie huldreich aufgenommen. Der Kurfürst erklärte sich ohne Zaudern bereit, der Gast seiner guten Stadt Heiligenstadt zu sein, und auch der Graf von Hohnstein, der anstandshalber mit eingeladen werden mußte, verschmähte es nicht, sein Erscheinen bei dem Gelage zuzusagen. Diese Nacht hatten Barthold und seine Vertrauten zu ihrem großen Schlag ausersehen. Gab die Stadt dem Kurfürsten ein Fest, so konnte es nicht auffallen, wenn man auch die kurfürstlichen Knechte bewirtete. Man konnte, wenn die Herren beim Trunke saßen, auch einige Fässer schweren Bieres den Söldnern hinschaffen, die an den Stadttoren Wache hielten. Da war gewiß keiner unter allen, der das verschmähte, und man vermaß sich, die Wächter bis Mitternacht so trunken zu machen wie Ratten, die in ein Metfaß gefallen sind. Kurz vor Mitternacht pflegte Kurfürst Daniel mit seinen Begleitern aufzubrechen, wenn er irgendwo geladen war. Von den Herren war dann auch keiner mehr nüchtern, darauf konnte man mit Bestimmtheit rechnen. Sie würden gewiß alle sogleich ihr Lager aufsuchen und in Schlaf verfallen. Dann sollte um ein Uhr der Wintzingerode in die Stadt gelassen werden, das Bergtor aufsprengen und mit seinen Reitern das Stift überfallen. Wo der Kurfürst und der Hohnsteiner schliefen, hatte man genau erkundet. Das Gelingen des Anschlages schien auch dadurch noch wahrscheinlicher zu werden, daß der größte Teil der kurfürstlichen Streitmacht zur Zeit nicht in der Stadt lagerte. Die Bürgerschaft, hatte Stralendorf erklärt, könne diese Last auf die Dauer nicht ertragen, und deshalb hatte man die umliegenden Dörfer mit zu Quartieren gemacht. Einen sonderbaren, günstigen Zufall mußten die Verschworenen darin sehen, daß nur die westlich und südlich gelegenen Dörfer mit Knechten belegt wurden. Die Ortschaften, die zwischen der Stadt und dem Bodenstein lagen, waren sämtlich davon frei geblieben. In der Frühe des bedeutungsvollen Tages kam Kurt Fiedeler noch einmal nach dem Schlosse, um dem Ritter den letzten Bericht zu erstatten. Herr Barthold schloß sich mit ihm ein und verhandelte wohl zwei Stunden geheim mit ihm. Dann verließ der Müller den Bodenstein wieder und ritt bis Reinholterode. Von dort ging er zu Fuß in die Stadt zurück, um keinen Argwohn zu erregen. Bei Tische war Herr Barthold von großer Schweigsamkeit, so wortkarg und einsilbig, daß es allen auffiel. Als das Mahl sich dem Ende näherte, winkte er Klaus zu sich heran, trat mit ihm in eine Ecke und gab ihm leise einen Befehl, der den Junker in großes Erstaunen zu setzen schien. Er blickte den Vater verwundert an, aber der sagte kurz: »Du wirst es hernach sogleich erfahren, warum ich das tue.« Gehorsam ging Klaus aus dem Gemach und kehrte erst nach einer längeren Weile zurück. »Es ist geschehen, Vater, was du befohlen hast«, meldete er. Da erhob sich Herr Barthold von seinem Sitze, räusperte sich stark, und alles wurde still. »Liebe Frau, liebe Kinder und Hausgenossen. Ich will Euch etwas künden, was Euch seltsam und verwunderlich dünken wird. Bis jetzt habe ich's in meinem Herzen verborgen gehalten, denn ich wußte nicht, ob es gelingen würde. Aber vorhin hat mir Kurt Fiedeler aus Heiligenstadt gute Kunde gebracht. Nun darf ich hoffen, daß Gottes Segen mit meinen Waffen sein wird.« Darauf enthüllte er bis ins einzelne seinen Plan, den Kurfürsten aufzuheben und nächtlicherweile nach dem Bodenstein zu bringen und schloß mit den Worten: »Ich habe die Burg verschließen lassen und Befehl gegeben, daß kein Mensch das Tor passieren darf. Das bleibt so, bis ich mit Gottes Hülfe zurückkomme. Den Befehl führt, während ich nicht hier bin, mein Sohn Klaus.« Dröhnender Beifall brach unter den reisigen Knechten aus, als er geendet hatte. Frau Käthe aber eilte auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Nacken und rief mit Tränen in den Augen: »Barthold Barthold! in welche Gefahr begibst du dich!« Der Ritter strich ihr liebevoll über das Haar, in dem schon hie und da Silberfäden schimmerten. »Sei ruhig und vertraue auf Gottes Hülfe! Wie oft bin ich in meinem Leben in Gefahr gewesen, manchmal in größerer als heute! Eines Kriegsmannes Weib muß immer einen tapferen Mut behalten.« »Wenn dich die Mainzer fangen, töten sie dich!« klagte Frau Käthe. »Drum eben geb' ich mir Mühe, sie selbst zu fangen!« lachte Herr Barthold. »Vater!« rief Klaus, »laß mich reiten! Ich bin wohl alt genug, ein Reiterfähnlein zu führen! Laß das meine erste Waffentat sein!« »Soll ich dich der Gefahr aussetzen, um mich zu schonen?« fragte der Ritter unwillig. »Für mich ist die Gefahr längst nicht so groß wie für dich. Fällst du in der Pfaffen Hand, so ist es dein Tod. Werde ich gefangen, so habe ich nur eine längere Haft zu gewärtigen.« »Das ist nicht ganz unrichtig«, erwiderte Barthold. »Auch traue ich deinem Mute vollkommen. Aber zu einer ersten Waffentat eignet sich solch ein Überfall schlecht, er fordert gleich das Höchste und Schwerste. Da wäre ein Strauß auf freier Heide besser. Zudem mangelt dir die Ortskenntnis. Du hast das Martinsstift nie betreten, ich bin zuzeiten Albrechts von Brandenburg hundertmal darin gewesen, habe dort mancherlei erlebt, kenne alle Gänge und Schliche. – Und nun, bitte, widerredet mir nicht!« fügte er hinzu, als auch seine Frau und seine Töchter Miene machten, Klaus zu unterstützen. »Ich vertraue dir viel an, mein Sohn, Habe und Ehre deiner Mutter und Schwestern, das feste Schloß, das Leben vieler tapferer Männer. Willst du mir geloben, das alles treulich zu behüten und niemals, so lange du lebst und atmest, die Burg zu übergeben ohne mein Geheiß, wenn ich gefangen werden sollte?« »Ja, Vater, das gelobe ich dir bei Gott und meiner Ehre«, sagte Klaus und reichte ihm seine Rechte. Herr Barthold hielt die Hand fest in der seinen und fügte hinzu: »Und noch eins. Man muß auf alles gefaßt sein. Sollte ich fallen, so wird Bertram hier Herr. Er hat nun einmal das Recht hierzu und hat mir gelobt, mein Testament zu ehren. Ihm übergib die Burg, ihm allein, nicht dem Hohnsteiner. Ist Bertram erst einmal Herr der Burg, so kann ihn niemand hinaustreiben. Dann werden es die Pfaffen dulden müssen, daß die verhaßten Wintzingerodes auch weiter Herren sind auf dem Bodenstein.« »Auch das gelobe ich dir, Vater!« sagte Klaus. »So sollen dir alle Knechte, die zurückbleiben, den Treueid schwören in deine Hand, denn du stehst hier an meiner Statt, solange ich fern bin.« Der Nachmittag verging unter allerlei kriegerischen Vorbereitungen. Gegen sechs Uhr abends trat Herr Barthold in voller Rüstung in das Gemach der Frauen, um Abschied zu nehmen. »Mutter!« rief Anna von Bünau, als Frau Käthe ihren Gatten unter heißen Tränen umfangen hielt und gar nicht wieder loslassen wollte, »Mutter, weine nicht! Gott wird den Vater glücklich zurückführen. Gott weiß es, wäre ich ein Mann, mich sollte niemand abhalten, mit ihm zu reiten!« Aber Frau Käthe war durch nichts zu beruhigen, und die jüngeren Töchter weinten mit, da sie die Mutter so verstört und fassungslos sahen. »Barthold, tue mir's zuliebe und bleibe hier, ich bitte dich! Laß Klaus reiten! Mir ist so bange, zum Sterben bange! Ich habe die letzte Nacht einen wirren, bösen Traum gehabt. Einen großen schwarzen Sarg sah ich auf dem Schloßhof stehen!« »Träume sind Schäume!« sagte Herr Barthold. »Soll ich sterben im Kampf mit Mainz, so kann das auch hier mir begegnen. Wie leicht kann mich ein Geschoß verwunden, wenn die Feinde unser Schloß beschießen sollten! Dann wären wir alle vom Tode bedroht, nicht nur ich allein. Mut, Mut, liebe Frau! Zeige dich tapfer und stark, wie du immer gewesen bist! Gottes Hand wird mit mir sein. Lebe wohl und bete für mich.« Mit der größten Mühe gelang es endlich dem Ritter, die Schluchzende zu beruhigen und sich aus ihrer Umarmung zu lösen. Aber als er gegangen war und sein Schritt draußen verhallte, brach Frau Käthe mit einem lauten Schrei ohnmächtig zusammen. – Mit dreißig Reitern und sechs ledigen Rossen verließ Herr Barthold den Bodenstein. Es war auserlesenes Kriegsvolk, was er mit sich genommen hatte, kaum einer darunter, der nicht schon aus früheren Gefechten Narben im Antlitz trug. Alle hatten das Haupt mit der schweren Eisenhaube bedeckt, doch war grobe graue Leinwand über das blinkende Metall gezogen. Auch über den Panzer hatten der Ritter und die anderen, die Brustharnische trugen, einen Leinenkittel geworfen. Die meisten waren überhaupt nicht geharnischt, sondern ritten im Lederkoller dahin. Das einzige, was alle gemein hatten, waren die breiten rot und weißen Binden, die sie um den Leib und den linken Oberarm geschlungen hatten. Langsam und gemächlich zog die reisige Schar des Weges, denn man hatte Zeit und wollte die Rosse nicht ermüden. In weitem Abstand ritten links und rechts, vorn und hinten einzelne Reiter, damit man eine herannahende Gefahr rechtzeitig bemerken könne. Der Zug ging nicht die offene Landstraße entlang, hielt sich vielmehr weit abseits von ihr und bewegte sich, soweit es irgend möglich war, durch Hohlwege und auf Waldpfaden vorwärts. Alle Ortschaften wurden in weiten Bogen umgangen. Deshalb langte man trotz des frühzeitigen Aufbruches erst nach Einbruch der Dunkelheit beim Heiligenstädter Stadtwald an. Denn da das Bergtor und das Listemannsche Haus im Süden der Stadt lagen, so wollte man auf dem bewaldeten Iberge Rast halten und von dort, wenn von den Türmen die erste Stunde herüberklang, ins Tal hinunterreiten. Das Erscheinen eines roten Lichtes sollte dann das Zeichen sein, daß die Verschworenen bereit seien und dem Überfall nichts im Wege stünde. Als die Schar das kleine Flüßchen Geislede durchschritten hatte und sich dem finsteren Gehölz näherte, klang von dort aus scharf und durchdringend der Ruf eines Käuzchens. Sofort befahl der Ritter, zu halten, und ließ wiederholt einen scharfen Pfiff ertönen. Das Käuzchengeschrei kam darauf immer näher, und endlich traten aus dem Dickicht zwei Männer hervor. Sie waren von Bartholds Freunden in Heiligenstadt abgesandt, um ihm die letzten Nachrichten zu überbringen. »Es ist alles sicher, Herr!« meldeten sie. »Der große Schmaus auf dem Rathause hat schon angefangen, die Tore sind geschlossen. Kein Mensch in der Stadt ahnt, was wir im Schilde führen.« »Gut, gut!« versetzte der Ritter. »Ist die Luft auf dem Iberg rein?« »Die Warte ist unbesetzt. Ihr könnt getrost dort lagern.« »Dann vorwärts. Ihr führt uns den Waldpfad bis vor!« gebot Herr Barthold. »Strecker, Ihr bleibt bei mir, Deinhard führt die Spitze.« Schweigend setzte sich der Zug in Bewegung und schlängelte sich langsam durch das Holz aufwärts, bis man endlich auf einem Vorsprunge des Ibergs unweit einer alten Kapelle Halt machte. Dort ließ Herr Barthold auf einer kleinen Wiese absatteln, stellte Wachen nach allen Seiten aus und befahl, die mitgebrachten Vorräte auszupacken und einen Imbiß einzunehmen. »Die Nacht ist noch lang«, sagte er, »und in etwa drei Stunden werden wir scharfe Arbeit haben.« Er selbst setzte sich mit den beiden Fähnleinführern Rudolf Thiemer und Hans von Zedwitz ganz vorn an den Berghang, wo zwei riesige Linden ihren Schatten warfen. Denn der Vollmond war hinter den Wolken hervorgetreten und übergoß die ganze Gegend mit so hellem Glanz, daß es wohlgetan war, sich im Dunkeln zu halten. Zu einem nächtlichen Überfall paßte das freilich so schlecht wie möglich, aber man hatte sich die Nacht nicht wählen können. Die Stadt lag von hier aus so nahe, daß man nicht nur die Umrisse der Kirchen und ihrer Türme, sondern selbst einzelne Häuser deutlich unterscheiden konnte. Zuweilen kamen auf den Wellen des Windes verworrene Klänge einer Musik herübergeweht. Sie rührten von den Geigen und Flöten her, die auf dem Rathaus zur Erlustierung der erlauchten Gäste gespielt wurden. Stunde auf Stunde verrann. Hier verlosch ein Licht, dort ein anderes, bis fast die ganze Stadt in Dunkel gehüllt war. Kurz nach Mitternacht klang auf einmal laute Musik von drüben her, und man sah, wie sich ein heller rötlicher Schein die alte Ratsgasse entlang bewegte. »Sie geleiten ihren Erzpfaffen mit Pauken und Zimbeln und Fackeln in sein Gelaß. Nun wird bald unsere Stunde kommen!« sagte Herr Barthold. Endlich schlug es vom Turm der Liebfrauenkirche ein Uhr. »Aufsitzen!« gebot der Ritter, und in wenigen Minuten war alles fertig. »Keiner spricht mehr ein Wort, nur wer etwas zu melden hat, der sagt's! Jetzt leise und langsam den Berg hinab!« Die Talsohle war erreicht. Man mußte noch ein Gehölz durchreiten, dann hielt der Reitertrupp auf den Wiesen einige hundert Schritte vor der Stadtmauer. »Zehn Mann, das erste Fähnlein, reiten mit mir zu Listemanns Haus! Die übrigen brechen sofort ins Bergtor ein, wenn ich rufe. Zedwitz, du führst sie!« Rudolf Thiemer drängte sein Roß an Barthold heran. »Herr, seht dort! Was kommt dort von der Stadt her auf uns zu?« Der Ritter hob sich in den Bügeln und blickte gespannt nach vorn. Etwas Wunderliches lief auf sie zu. Hüpfend springend, sich duckend, dann wieder vorwärts schnellend, kam es näher. Es war im dichten Nebel, der aus den Wiesen aufstieg, nicht zu erkennen. »Es ist ein Hase«, sagte Herr Barthold. »Nein, ein Mensch!« riefen Thiemer und Zedwitz wie aus einem Munde. »Er sieht uns! Er will zu uns! Seht, wie er winkt!« Die Gestalt keuchte heran. Es war ein Mann, der in rasender Eile daherstürmte. Ächzend und nach Atem ringend fiel er vor Bartholds Pferd zu Boden. »Zurück, Herr!« stieß er hervor. »Alles verraten, Listemanns Haus besetzt! Sie sind mir auf den Fersen!« Zur Bestätigung seiner Worte dröhnte in demselben Augenblicke dumpfes Getöse vom Bergtor herüber. Barthold war tief erblaßt, faßte sich aber auf der Stelle. »Helft dem Manne aufs Pferd und dann zurück! Fort!« Er wandte sein Roß. »Nicht den Berg hinauf! Über Geisleden«, schrie er. Da tauchte aus dem Gehölz im Rücken ein Reiter auf, dann zwei – drei – zehn – zwanzig und mehr. Überall ward's lebendig. Die Hellebarden und Spieße zahlreicher Fußknechte blitzten im Mondlicht. »Ergebt Euch, Wintzingerode!« rief eine helle Stimme von drüben. Es war Stralendorf, der den Hinterhalt gestellt hatte. »Den Teufel will ich!« brüllte Balthold und spornte sein Roß. »Drauf! Folgt mir! Durch!« Wie ein Sturmwind brauste die Reiterschar auf die Kurfürstlichen los, allen voran der Ritter auf seinem riesigen Fuchs. In furchtbarem Anprall sprengten sie die feindlichen Reiter auseinander, eine breite Gasse mähte Bartholds gewaltiges Schwert. Zwei Berittene hatte er vom Pferde gehauen, die dahinter stehenden Fußknechte stoben auseinander. Die Bahn schien frei. Da jagte noch ein Fähnlein heran, das im Hintertreffen gehalten hatte. »Kennst du mich, Wintzingerode?« schrie der hagere Gesell, der an der Spitze ritt. »Heute nehme ich Rache für Sievershausen!« »Ha! Riedinger!« rief Barthold, und im Nu waren die beiden aneinander. Einen schweren Hieb, den der kurfürstliche Rittmeister herniedersausen ließ, fing Barthold auf, ein zweiter traf seine Stahlhaube, aber er drang nicht durch, und Riedingers Schwert zersprang. Blitzschnell glitt der vom Gaul herab und entging so Bartholds Gegenhieb. Dann duckte er sich und stieß von unten seinen Dolch dem Pferde des Ritters bis an das Heft in die Brust. Hoch auf bäumte sich das edle Tier, schlug wild um sich und brach zusammen. Herr Barthold ward aus dem Sattel mit der Stirn gegen einen Baumstumpf geschleudert und lag regungslos da. Aus einer breiten Wunde strömte das Blut über sein Gesicht. Die Seinen konnten ihn nicht aufnehmen, denn von allen Seiten drängten nun die Mainzer brüllend und schreiend heran. Kaum die Hälfte der Wintzingeroder Knechte vermochte sich zu retten. Die anderen wurden von den Gäulen gehauen und zu Gefangenen gemacht. Als Herr Barthold zur Besinnung kam, fand er sich gefesselt in einem kellerartigen Raum wieder. Vor ihm stand ein Mann, der ein Licht in der Hand hielt, und der ihn mit schadenfrohen Blicken anstarrte. Es war Bunthe. »Erkennt Ihr mich, Edler von Wintzingerode?« höhnte er. »Denkt Ihr noch der Tage, da ich Eures Oheims Schreiber war, und Ihr mir die schöne Sophie Gelling abspenstig machtet? Wißt Ihr noch, wie Ihr mich mit den Hunden hetzen wolltet, als ich Euch entgegentrat? Ich habe das alles wohl im Herzen bewahrt. Nun kommt meine Rache.« Herr Barthold erwiderte nur ein einziges Wort: »Schurke!« Der Propst trat an ihn heran und wollte ihn ins Antlitz schlagen. Aber der Gefesselte warf ihm einen so furchtbaren Blick zu, daß er, wie von einem Grauen ergriffen, zurücktrat und hinauseilte. »Der Kerl hat wahrlich den Teufel in sich«, murmelte er und bekreuzte sich heftig. XXIX. Kapitel. Bestürzt und entsetzt erfuhren am Morgen die Bürger von Heiligenstadt, was sich in der Nacht ereignet hatte. Barthold von Wintzingerode war gefangen! Der Mann, der zur heimlichen Freude aller dem Kurfürsten kühn und trotzig die Stirn geboten, auf dessen zähen und tapferen Widerstand das ganze evangelische Volk des Eichsfeldes so viele Hoffnungen gesetzt hatte, lag in Ketten im Kerker seines erbitterten Feindes. Kein Mensch zweifelte daran, daß ihn der Kurfürst auf dem Schafott zum Tode bringen werde. Viel näher aber ging den Heiligenstädtern das Schicksal seiner Mitverschworenen, und das war ihnen auch wahrlich nicht zu verdenken. Denn ein altes Sprichwort sagt mit Recht: Das Hemd ist näher als der Rock. Es war schlimm, daß der letzte Hort des Evangeliums gefallen war, aber schrecklicher noch, daß über so vielen Kindern ihrer Stadt ein drohendes Blutgericht schwebte. Zwar gerade die beiden am meisten Belasteten, der Ratsmüller Fiedeler und Listemann der Jüngere, waren geflohen und hatten sich somit der Rache des Landesherrn entzogen. Aber zwanzig Bürger waren in der Nacht verhaftet worden und saßen unter starker Bewachung im Ratsgefängnis. Wenn der Kurfürst wollte, so konnte er sie alle hängen oder köpfen lassen, das Recht dazu besaß er ohne Zweifel, denn Majestätsverbrecher hatten das Leben verwirkt. Darum herrschte Schrecken und bange Furcht in fast allen Häusern. Die alteingesessenen Familien waren sämtlich untereinander vervettert und verschwägert, es war kaum einer in der Stadt, der nicht für das Leben eines Verwandten zu fürchten hatte. Diesen schweren Druck ließ Kurfürst Daniel volle drei Tage auf den Gemütern lasten. Die Gefangenen blieben streng von der Außenwelt abgeschnitten. Die heulenden Weiber und Kinder, die sich an das Rathaus herandrängten und nach ihren Gatten und Vätern schrien, wurden unbarmherzig von den Landsknechten zurückgetrieben. Endlich am Abend des dritten Tages öffnete sich der Kerker des Rathauses, und unter starker Bedeckung wurden die Verschworenen in Ketten in den Hof des Stiftes geführt. Mit Zittern und Todesschrecken sahen sie in dessen Mitte einen schwarzverhangenen Holzblock stehen, auf dem ein blankes Richtschwert lag. Nachdem sie eine halbe Stunde lang diesen Anblick gehabt hatten, kam endlich Bunthe aus dem Hause geschritten, trat vor sie hin und redete sie so an: »Seine kurfürstliche Gnaden könnte euch zwar allen mit Fug und Recht die Köpfe vor die Füße legen lassen, denn ihr habt samt und sonders durch euern Verrat und höchste Böswilligkeit das Leben verwirkt. Aus angeborener Güte und Milde will aber unser gnädigster Herr von so harter Leibesstrafe absehen und Gnade walten lassen. Ausgeschlossen davon sind die beiden Haupthelfershelfer des Junkers von Wintzingerode, Listemann und Fiedeler. Wer die fängt und dem peinlichen Richter überliefert, soll für jeden eine Belohnung von hundert Gulden erhalten. Ihr andern sollt um Geld gebüßt werden, jeder nach seinem Gut und Vermögen. Sogleich aber habt ihr hier auf den Knien zu schwören, daß ihr Seiner kurfürstlichen Gnaden eure Haft und Verstrickung nicht nachtragen, sondern von nun an jederzeit treue, in allen Stücken gehorsame Untertanen sein wollt.« Mit Freuden leisteten die Bürger, die für ihren Hals gezittert hatten, diesen Eid und wurden dann unverzüglich zu den Ihrigen heimgeschickt. Ganz Heiligenstadt atmete auf, und überall wurde die Milde des Kurfürsten gepriesen. Vorher hatte man ihn als einen Tyrannen und blutigen Herodes ausgeschrien, jetzt hieß es überall, er sei ein freundlicher, von Herzen gütiger Herr. Mit diesem einen Akt der Gnade hatte er viele seiner Untertanen für sich gewonnen, besonders unter den Weibern und dem niederen Volke. Eben das hatte Pater Bacharell gewollt und richtig vorausgesagt. Er war der Mann, der den Kurfürsten zu so unerhörter Großmut bestimmt hatte. Daniel selbst war geneigt gewesen, wenigstens die Hälfte an Leib und Leben strafen und die ganze Stadt durch außerordentliche Steuern und Auflagen die Schwere seines Zornes fühlen zu lassen. Aber der kluge Pater hatte ihn davon abgebracht. »Bedenkt es wohl, gnädiger Herr«, hatte er gesagt, »welch einen übeln Eindruck solch ein Bluturteil im ganzen Reiche machen wird. Alle Ketzerfürsten werden stutzig, ganz Deutschland schaut hierher. Wir können dann nicht mehr in aller Ruhe und Stille reformieren und die Lutherei ausrotten, jeder Schritt, den wir tun, wird beobachtet und ausposaunt. Kein Mensch wird uns glauben, daß wir die Heiligenstädter wegen ihrer Rebellion gestraft haben, jeder wird meinen, es sei um des Glaubens willen geschehen. Die Ihr zum Tode führen laßt, werden dann überall als treue Blutzeugen der lutherischen Lehre gepriesen. Hütet Euch, Märtyrer zu machen! Alles Blut, das für eine Lehre vergossen wird, hat eine werbende Kraft. Möglichst wenig Blutvergießen, gnädiger Herr! Überwindet Ihr jetzt Euern gerechten Zorn und erweist den Frevlern Gnade, so kommt Ihr auf dem ganzen Eichsfelde, ja im ganzen Reich in den Ruf eines milden, frommen Herrn. Zieht Ihr dann später die Zügel straff und immer straffer, so glaubt es den Leuten niemand, wenn sie über Tyrannei und Bedrückung klagen!« Genau in demselben Sinne sprach sich auch Pater Thyreus aus, und nach langem Widerstreben hatte sich Erzbischof Daniel der überlegenen Weisheit der beiden Jesuiten gefügt. Als er am andern Morgen durch die Stadt fuhr, sah er überall freundliche Gesichter, die Bürger traten nicht mehr eiligst in die Häuser, als sie ihn kommen sahen, sondern rissen schon von weitem ihre Kappen höflich und ehrerbietig von den Köpfen, ja ein Haufe halbwüchsigen Volkes, der auf dem Rathausplatz stand, schwenkte die Mützen und schrie Vivat, als er vorüberzog. Den Kurfürsten freute diese veränderte Haltung des Volkes sichtlich, sein Antlitz war heiterer als seit langer Zeit. Als er die Zurufe vernahm, wandte er sich an den neben ihm sitzenden Bacharell und sah ihn bedeutungsvoll an. »Der erste freiwillige Heilruf des Volkes!« sagte er. »Seht Ihr nun, gnädiger Herr, daß unser Rat gut war? Die alle würden Euch scheu ausweichen, wenn Ihr das Leben ihrer Vettern und Gevattern nicht geschont hättet.« »Jawohl!« bestätigte der Kurfürst. »Ihr seid in Wahrheit der klügste Mensch, den ich je gesehen habe. Und seid Ihr's nicht, so ist's Thyreus. Euresgleichen kann man suchen diesseits der Alpen.« Der Jesuit lächelte geschmeichelt, aber gleich darauf schlug er demütig die Augen nieder und bekreuzte sich. »Gott wolle mich vor dem Teufel des Hochmutes bewahren!« erwiderte er leise. »Wir sind unnütze Knechte und ungetreue Haushalter über die Gaben, die uns die Gnade des Herrn anvertraut hat.« »Wenn ich Euch nicht so notwendig am Rhein brauchte, ließe ich Euch am liebsten hier«, sagte der Kurfürst. »Hierher gehört ein Mann, der mit übermenschlicher Klugheit alle Geschehnisse beurteilt, der sich nie vom Zorne hinreißen, noch von der Leidenschaft blenden läßt, der nur die Sache im Auge hat. Ich fürchte, unser lieber Propst ist doch solch ein Mann nicht.« »Nein«, versetzte Bacharell. »Das ist er nicht. Es fehlt ihm die rechte Klugheit, auch ist er zu zornig und hitzig. Trotzdem ist er für die nächsten Jahre sehr brauchbar, denn er tut alles, was wir selbst nicht gern tun, und was doch getan werden muß. Er wird die Bäume in diesem Wald der Ketzerei rücksichtslos zu Boden schlagen. Das ist nicht jedermanns Sache, aber nötig ist es doch. Schießt er dabei über das Ziel hinaus, so seid Ihr in der angenehmen Lage, seine Maßregeln rückgängig machen zu können. Erregt er das Volk, so wälzt Ihr die Schuld auf ihn, das ist sehr vorteilhaft für Euch, gnädiger Herr. Und wenn wir dann erst ein Kollegium unseres Ordens hier haben, was Eure Huld uns versprochen hat, so werden bald andere kommen, die nicht nur jäten und ausreuten, sondern auch pflanzen und begießen.« »Ihr zeichnet die Art des Mannes gut«, sagte lächelnd der Kurfürst. »Benutzen wir also seine Kraft, solange sie uns taugt und nützt!« – Hätte der Propst dieses Gespräch erlauscht, so wäre er sicherlich höchst betroffen und wenig erbaut davon gewesen. Überhaupt war er recht unzufrieden in seinem Gemüt, denn die letzten Tage hatten seine Erwartungen in keiner Weise erfüllt. Der Wintzingerode war unschädlich gemacht und lag im Turm. Was in aller Welt hinderte nun den Kurfürsten, mit aller Strenge die Rebellen zu bestrafen und dann einfach mit Gewalt die lutherische Lehre zunächst in Heiligenstadt, dann im ganzen Land zu unterdrücken? Wer war noch zu fürchten? Auf wen nahm man Rücksicht? Wie er die Menschen zu kennen glaubte, waren sie durch Furcht und Schrecken alle zu bändigen. Wenn erst so ein Dutzend Köpfe gefallen wären – wie würden dann diese Bürger zu Kreuze kriechen, wie würden sie sich zu den Jesuitenpredigten und zur Beichte drängen! Statt dessen – es war kaum zu glauben – beschwatzte der Pater Bacharell den Kurfürsten, Gnade walten zu lassen, und er, Heinrich Bunthe, der diese weichliche Milde verabscheute, er mußte mit seinem eigenen Munde die kurfürstliche Gnade verkünden! Er fing an, den Mann geradezu zu hassen, dem er doch seine Stellung verdankte. Denn er war ihm überall im Weg, vereitelte seine schönsten Hoffnungen. Zudem paßte es dem ehrgeizigen Priester nicht, daß er in Gegenwart des Paters sich zu der Rolle herabgedrückt sah, die der Schakal neben dem Löwen spielt. Er war zu alt, sich schmiegsam zu ducken, es ward ihm blutsauer, ein lächelndes Gesicht zu zeigen und sich demütig in einen fremden Willen zu fügen, und das blieb ihm nicht erspart. Torheit wäre es gewesen, wenn er gegen den Einfluß Bacharells beim Kurfürsten hätte ankämpfen wollen, denn dieser Einfluß erschien wahrhaft unermeßlich. Daniel hatte sich kurz vor seiner Abreise aus Mainz noch einmal den geistlichen Exerzitien der Gesellschaft Jesu unterworfen. Gott mochte wissen, was da im Beichtstuhl zwischen ihm und dem Pater vorgegangen war! Fast schien es, als habe der Kurfürst ein Gelübde des Gehorsams in die Hände seines geistlichen Führers abgelegt. Tatsächlich sah er nur noch mit Bacharells Augen und hörte nur noch mit Bacharells Ohren. Wenn jemand die Gunst des Paters verlor, so verlor er auch die des Kurfürsten, das sah Bunthe sehr wohl ein, und das erbitterte ihn. Denn er hatte geglaubt, der große Dienst bei der Überwältigung Bartholds werde ihn selbst in der Gnade des Kurfürsten ganz sicherstellen und hoch empor steigen lassen. Nicht minder erboste es ihn, daß gegen den gefangenen Ritter zunächst gar nichts geschah. Freilich lag das mehr an den Verhältnissen, als an den Menschen. Denn als man am Morgen des zwölften Juni nach Herrn Barthold sah, lag er im schwersten Wundfieber. Der sogleich herbeigerufene Leibarzt des Kurfürsten machte ein bedenkliches Gesicht und ordnete an, daß er aus dem dumpfen unterirdischen Loch in ein Helles, luftiges Gemach gebracht werde. Dort wusch und verband er sorgfältig die schwere Wunde an der Stirn und befahl, daß man ihm einige der Pflege kundige Weiber an sein Lager setzte. »Ich kann Euer kurfürstlichen Gnaden nicht verhehlen, daß der Mann an seiner Wunde sterben kann«, sagte er, als er seinem Herrn Bericht erstattete. »Das wäre vielleicht das Beste für ihn und für uns. Meint Ihr nicht, Propst?« wandte sich der Kurfürst an den gerade anwesenden Bunthe. Der ward vor Ärger puterrot und erwiderte in ziemlich gereiztem Ton: »Verzeiht, kurfürstliche Gnaden, wenn ich das bedauern würde. Ein Rebell und Feind unserer heiligen Kirche verdient nicht einen ehrlichen Reitertod, sondern den Tod von der Hand des Henkers. Aber auch um Eurer Gnaden willen wünsche ich nicht, daß er jetzt im Fieber stirbt.« »Um meinetwillen? Wie meint Ihr das?« »Ich meine. Ihr müßt dann den Bodenstein erobern, gnädiger Herr, und das ist kein leichtes Stück. Wie seine Gesellen aussagen, führt sein Sohn Klaus dort den Befehl und hat geschworen, die Burg auf jeden Fall zu halten, wenn ihm nicht sein Vater selbst befiehlt, sie zu übergeben. Könnten wir den Wintzingerode zu diesem Befehl zwingen, so würde viel Arbeit, viel Blut und Geld erspart.« »Ihr meint doch nicht, daß der junge Mensch die Tollkühnheit haben wird, mit mir den Kampf zu wagen?« fragte der Kurfürst mit einem ungläubigen Lächeln. Bunthe zuckte die Achseln. »Ich fürchte, er wird die Keckheit haben. Der Junker – so wird mir glaubwürdig berichtet – soll ein Mensch sein, der starr an seinem Wort hält. Überdies hat er gegen seinen Vater die Treue und Anhänglichkeit eines Hundes. Er wird sich weigern, seinen Eid zu brechen, wenn ihn der Alte nicht ausdrücklich davon entbindet. Der aber ist jetzt ohne Besinnung. Man kann ihn nicht schrecken mit Folter und Hochgericht, daß er seinen Trotz fahren läßt. Ich fürchte, es wird deshalb doch noch zu Kampf und Blutvergießen kommen.« »Ah bah! Ihr seid ein Unglücksrabe, Propst«, erwiderte der Kurfürst. »Ich habe schon einen Herold mit sechs Trompetern hingeschickt. Die Burg wird angeblasen und zur Übergabe aufgefordert bis morgen mittag zwölf Uhr. Werden bis dahin die Tore aufgetan, so erhalten alle freien Abzug. Bleiben die Tore verschlossen, so steht für die Rebellen der Galgen in Aussicht. Da wird der arme Junker schon klein beigeben. Und will er nicht, so werden ihn seine Soldknechte dazu zwingen. Das Volk wird sicherlich nicht seinen Hals für eine verlorene Sache wagen.« Aber der Propst behielt diesmal recht. Zur sprachlosen Überraschung und Entrüstung des Kurfürsten kam sein Herold mit der Botschaft zurück, daß der freche Junker an eine Übergabe der Burg nicht denke. Der Bodenstein gehöre dem Ritter Barthold von Wintzingerode, habe er erklärt, und er sei nur dessen Vogt und Statthalter. Er habe einen Eid geschworen, die Burg ohne Befehl seines Vaters nicht zu übergeben, und er werde diesen Eid halten als ein redlicher Mann. »Und die Knechte, gnädigster Herr, die neben ihm im Tor standen, lachten und höhnten, da ich mit dem Galgen drohte«, fügte der Herold hinzu. »Es scheint eine Rotte verzweifelter Erzbösewichter zu sein, die der Wintzingerode auf seinem Schloße zusammengebracht hat.« Kurfürst Daniel zitterte vor Zorn, als er diese Botschaft vernahm. »So werde ich das Ketzernest zerschießen und die Brut, die dort nistet, an den Galgen hängen!« rief er und befahl, am folgenden Morgen die Einschließung des Bodensteins zu beginnen. Aber er mußte die Erfahrung machen, daß das Glück seine Launen hat. Es hatte ihm überreichlich seine Gunst erwiesen, indem es den verhaßten und gefürchteten Feind in seine Hände fallen ließ. Von nun an jedoch wandte es ihm den Rücken. Ein schweres Mißgeschick folgte dem andern. Am Abend desselben Tages zog ein gewaltiges Gewitter über Heiligenstadt und das ganze Eichsfeld herauf. Gegen acht Uhr war es so finster, daß man die eigene Hand vor den Augen nicht erkennen konnte. Dann entlud sich ein Gewitter, wie es seit Menschengedenken nicht erhört war. Unaufhörlich grollte der Donner, und die Blitze folgten einander mit solcher Schnelligkeit, daß die Nacht fast zum Tage wurde. Zugleich ging ein furchtbarer Wolkenbruch nieder, wahre Regenströme fluteten vom Himmel herab. Alle Gassen standen unter Wasser, die Leine und die sonst so harmlose Geislede traten über ihre Ufer, das Weichbild der Stadt, soweit es im Tale lag, glich einem weiten See. Nun hatte man das Pulver, das vom Volke »Kraut« genannt und mit abergläubischer Scheu betrachtet wurde, in dem Keller eines Hauses vor der unteren Stadt untergebracht. Es wurde Tag und Nacht scharf bewacht, damit niemand eines der kostbaren Fäßchen entwende. Aber alle Wachen waren nicht imstande, das Eindringen der plötzlich heranflutenden Wassermassen zu verhindern» Als man beim Morgengrauen den Schaden besah, waren drei Viertel des ganzen Vorrates unbrauchbar geworden, und mit dem, was übrigblieb, konnte man die riesigen Kartaunen nicht länger als drei Tage bedienen. Ob in so kurzer Zeit die starken Mauern des Bodensteins zerschossen werden konnten, war sehr fraglich, zumal die Burg selbst mit Donnerbüchsen und weittragenden Feldschlangen vorzüglich armiert war. Das war ein schwerer Schlag für den Kurfürsten, denn es konnte wohl eine Woche und länger dauern, bis man Ersatz für das Verlorene schaffte. Nun wollte er wenigstens die Burg einstweilen einschließen lassen, aber auch das erwies sich als undurchführbar. Denn es war kein Gedanke daran, daß man die schweren Geschütze bei diesem Wetter fortbringen konnte. Sie wären einfach im Schlamm stecken geblieben. Der Boden des Eichsfeldes besteht zum größten Teil aus Kalk, Ton und Mergel. Wird diese Erde einmal gründlich aufgeweicht, so erweist sie sich zähe wie flüssiger Leim. Feste Kunststraßen aber gab es gar nicht; selbst die große Straße, die von Mühlhausen nach Heiligenstadt führte, war nichts weiter, als ein breiter, viel befahrener Landweg. Hätte nun wenigstens der Regen mit dieser einen Nacht aufgehört! Aber er wollte und wollte nicht enden. Tag für Tag spannte der Wolkenhimmel sich grau und trübselig über der Erde aus, und immer neue Fluten rauschten hernieder. So mußten die Soldknechte müßig in ihren Quartieren bleiben und sich die Zeit mit Trunk und Spiel verkürzen, anstatt in der Berennung des festen Schlosses ihren kriegerischen Mut zu erproben. Es war daher kein Wunder, daß sich des Kurfürsten und seiner ganzen Umgebung gar bald ein tiefer Mißmut bemächtigte. Selbst Pater Bacharells eherne Züge zeigten häufig einen Ausdruck von Spannung und Unruhe, den sonst niemand an ihm wahrgenommen hatte. Er wußte ja am besten, welche Opfer dieser Kriegszug dem Erzstift auferlegte, und wie ein jeder verlorene Tag Tausende von Gulden kostete. Am zwanzigsten Juni sollte Löhnungstag für die Soldknechte sein. Traf bis dahin das Geld von Mainz nicht ein, so konnte man eine Meuterei gewärtigen. Schon jetzt hatte Stralendorf seine liebe Not, das wüste, zuchtlose und dabei ganz unbeschäftigte Kriegsvolk im Zaume zu halten. Kein Tag verging, an dem sich nicht Gewalttaten ereignet hätten. Die Klagen der Bürger und Bauern über Mißhandlungen, Räubereien und Erpressungen wollten kein Ende nehmen, und keine Frau und kein Mädchen getraute sich in Heiligenstadt allein auf die Straße. So sehnte jeder in der Umgebung des Kurfürsten den Tag herbei, an dem man endlich den gefangenen Ritter verhören und ihn im Guten oder Bösen zum Nachgeben bringen konnte. Der Ungeduldigste und Grimmigste von allen war Bunthe. Als man ihm die Kunde von der teilweisen Vernichtung des Pulvers übermittelt hatte, war er ganz außer sich geraten, hatte die lästerlichsten Flüche ausgestoßen und das alles für Hexerei der Wintzingerodes erklärt, die mit dem Teufel im Bunde ständen. Stralendorf hatte ihn kaum zu beruhigen gewußt. Nachdem rannte er jeden Tag wohl zehnmal zu dem Leibarzt des Kurfürsten, um sich zu erfragen, wie es dem Ritter von Wintzingerode ergehe. Wer sein Verhältnis zu Herrn Barthold nicht kannte, mußte meinen, daß er die zärtlichste Sorge für den Verwundeten im Herzen trage, denn kein Mensch in ganz Heiligenstadt wünschte so brennend seine baldige Genesung. Aber der Ritter tat ihm den Gefallen nicht, sondern lag entweder bewußtlos da oder tobte und raste in wirren Fieberträumen. – Gegen Abend eines dieser grauen Tage hielt vor dem Hansteinschen Hause am Altstädter Kirchhof eine tiefverschleierte Frau im Trauergewand. Das Roß, das sie trug, und das ihres einzigen Begleiters sahen müde und abgetrieben aus und waren über und über mit Kot bespritzt. Sie selbst schien sehr erschöpft zu sein; denn als sie der Knecht aus dem Sattel gehoben hatte, wankte sie mühsam die Steinstufen der Freitreppe empor, und mit matter Stimme gab sie dem herbeieilenden Diener den Befehl, sie zu seinem Herrn zu führen. Ritter Martin von Hanstein war in Heiligenstadt geblieben, während der größte Teil seiner Standesgenossen schon wieder ihre Schlösser aufgesucht hatten. Sie hatten ihn zu ihrem Vertreter gewählt, der in der Nähe des Kurfürsten bleiben sollte, nicht nur, weil die von Hanstein ein Haus in Heiligenstadt besaßen, sondern auch, weil er der Klügste und Tatkräftigste unter ihnen war und schon um seines großen Reichtums willen eine sehr angesehene Stellung einnahm. Eben wollte er sich zum Vesperbrote niedersetzen, und es war ihm sehr unbequem, daß er dabei gestört werden sollte. Verdrießlich gab er dem Diener den Befehl, die Fremde hereinzuführen. Aber erschrocken sprang er von seinem Sitz empor, als die Eintretende den Schleier zurückschlug. Vor ihm stand Frau Käthe von Wintzingerode. »Herr, du mein Gott!« stotterte er. »Ihr hier, werte Frau Base? Beim Strahl, das ist kühn! Was sucht Ihr hier?« »Das fragt Ihr noch?« rief Frau Käthe und sank laut weinend auf einen Stuhl. »Hanstein! Vetter! helft mir! Ich bin die Unglücklichste unter allen Weibern!« Ergriffen und bekümmert blickte der Ritter auf sie nieder. »Was soll ich tun, und wie könnte ich Euch helfen?« »Helft mir zu meinem Manne!« rief Frau Käthe und rang die Hände. »Ich muß zu ihm, er liegt im Turm und soll auf den Tod verwundet sein. Ich will ihn pfiegen, daß er gesund wird. Der Kurfürst kann mir das nicht verweigern, er müßte ja schlimmer sein als ein Heide oder ein Türke. Ich will ihn bitten, wie ich kann, ich will einen Fußfall vor ihm tun! Nur helft mir, daß ich zu ihm dringe!« Hanstein schüttelte den Kopf. »Das werde ich kaum vermögen. Ich bin selbst nicht gut angeschrieben bei dem Herrn, habe ihm neulich unsanft auf die Zehen getreten. Das vergißt so ein Pfaffe schwerlich.« Frau Käthe antwortete nicht. Sie hatte die Arme vor sich auf den Tisch gelegt und das Antlitz darüber geneigt und weinte bitterlich. Hansteins Gesicht nahm einen immer kummervolleren Ausdruck an. Die Tränen der Frau, die er als so fröhlich und sicher und lebendig kannte, erschütterten ihn tief. Er saß da und blickte düster vor sich nieder. Plötzlich blitzte es in seinen Augen auf. »Liebe Base, hört auf zu weinen! Ich habe einen Gedanken, der Euch helfen könnte!« rief er. Frau Käthe hob das Haupt und sah ihn fragend an. »Hört einmal ruhig zu!« begann er. »Ob Euch der Kurfürst vor sich läßt, ist fraglich. Daß er Euch aber auch dann keinen gnädigen Bescheid gäbe, ist mir nicht zweifelhaft. Was Wintzingerode heißt, ist ihm verhaßt. Mit seinem Willen kommt Ihr nicht zu Eurem Manne, so müßt Ihr gegen seinen Willen zu ihm dringen. Habt Ihr Mut dazu?« »Was ich tun kann, bei Gott, das tue ich, und müßt' ich dabei zugrunde gehen!« rief sie leidenschaftlich. »Es gibt einen Schlüssel zu jeder Pforte«, versetzte Hanstein. »Kennt Ihr ihn?« Er warf einen Beutel auf den Tisch. »Damit bringt man Wunder zustande. Seid Ihr mit Geld versehen?« »Ich habe nur wenig bei mir, aber was mein ist –« »Schon gut!« unterbrach sie Hanstein. »Ihr seid eine wohlhabende Frau, habt ein Weibergut, wie wenige im Lande. Ihr werdet mir erstatten, was ich für Euch auslege.« Er machte eine lange Pause und fuhr dann fort: »Der Leibarzt des Kurfürsten, der Euern Mann in Pflege hat, ist ein gieriger, habsüchtiger Mensch. Auch ist er ein Welscher, und die Welschen sind alle bestechlich. Er hat Wärterinnen aus der Stadt an das Lager Eures Mannes gesetzt, die sich immer ablösen. Nicht unmöglich, daß er Euch an Stelle der einen einschiebt, wenn man ihm die Hände tüchtig vergoldet. In seiner Begleitung könnt Ihr sicher durch alle Wachen hindurchgehen. Und kommt's heraus, und Ihr werdet ergriffen – mein Gott, was will der Kurfürst machen? Eine Frau von edelm Geschlecht kann er nicht mißhandeln, das brächte ihm Schande im ganzen Reich, und der Adel würde schwierig. Auch ich würde mich herausreden, ohnehin schwant mir, als würde man ein Darlehen von meiner Hand gern annehmen. Es herrscht verteufelte Klemme bei den Mainzer Herren!« »Hanstein, wenn das gelingt«, rief Frau Käthe, »so will ich's Euch danken mein Leben lang, ja vor Gottes Thron will ich's Euch danken!« »Wenn die Dunkelheit kommt, gehe ich zu dem Welschen. Vielleicht sitzt Ihr heute Nacht schon an Eures Mannes Lager. Jetzt aber setzt Euch zu mir, Frau Base, und nehmt an meinem Vesperbrot teil. Ihr werdet hungrig sein und habt Kräfte nötig. Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen.« XXX. Kapitel. Es kostete Herrn Martin von Hanstein keine allzu große Mühe, den welschen Arzt seinem Plane geneigt zu machen. »Bedenkt Ihr's recht«, sagte er zu ihm, »so ist die Sache für Euch ohne jede Gefahr. Ihr schiebt alles auf mich, sagt, ich hätte Euch die Frau empfohlen. Wer sie ist, könnt Ihr ja auch nicht wissen, denn wie könnt Ihr die Frau von Wintzingerode kennen? Wer kann etwas Arges dabei finden, daß Ihr meiner Empfehlung folgt?« Damit griff er in die Tasche und hielt ihm eine Handvoll Goldflorentiner vors Gesicht. Das wirkte. Der Italiener stierte lüstern auf das Gold wie der Fuchs nach der offenen Tür eines Hühnerstalles. »Gebt Ihr mir Euer Wort als Edelmann, daß Ihr alles auf Euch nehmt?« fragte er. Hanstein schwur mit aufgereckter Hand. »So sei es denn! Ich werde die Frau an das Lager des Junkers führen. Er hat schon hin nnd wieder lichte Stunden. Wohl möglich, daß er bald ganz aus seiner Betäubung aufwacht.« So kam es, daß einige Stunden später Frau Käthe an dem Lager ihres Gatten saß. Der trübe Schein einer Öllampe fiel auf das Antlitz Herrn Bartholds, der im tiefen Schlafe lag. Still mit gefaltenen Händen lehnte sie in ihrem Stuhl und betrachtete unverwandt die Züge des geliebten Mannes. Der starre Schmerz, der in den letzten Tagen und Nächten wie mit eisernen Krallen ihr Herz zusammengeschnürt hatte, löste sich in milde Wehmut auf. Wie sie so dasaß in der Stille der Nacht, und wie die Stunden verrannen, zogen alle die Jahre an ihrer Seele vorüber, die sie an ihres Mannes Seite verlebt hatte. Sie dachte der Tage, da sie als junge Frau auf dem Bodenstein eingezogen war. Damals hatte ihres Mannes Herz noch sehr an der andern gehangen, die er vor ihr geliebt und die ihm der Tod entrissen hatte, aber sie hatte gar bald den Weg zu seinem Herzen gefunden, und die achtungsvolle Freundlichkeit, womit er ihr im Anfang entgegengetreten war, hatte sich bald in Liebe verwandelt, in eine starke, treue Liebe, die nicht viel Worte machte, aber mit jedem Jahr inniger und fester wurde. So war sie eine glückliche Frau gewesen durch ihn alle die Jahre lang. Eine Menge kleiner Züge, durch die er ihr seine Liebe erwiesen hatte, tauchten in ihrer Erinnerung auf, aber es war ihr dabei, als läge das alles unendlich weit dahinten, als sei sie schon gestorben und dächte nun in der Grabesruhe an ihr verwehtes Erdenleben zurück. Ein dumpfer Laut des Kranken ließ sie aus diesem Traumzustande erwachen. »Wasser!« rang es sich stöhnend von Herrn Bartholds Lippen. Sie eilte zu ihm hin und hielt ihm das irdene Trinkgefäß mit zitternden Händen an den Mund. Er griff heftig danach und sog es gierig leer, ohne sie anzusehen. Erst als sie die Schale hinsetzte, schlug er die Augen auf, und ein unbeschreiblicher Ausdruck des Staunens, der Freude und der Bestürzung zeigte sich in seinen Mienen. Er war wach, war bei Sinnen und hatte sie erkannt. Mit einem Ruck fuhr sein dicht verbundenes Haupt aus den Kissen empor. »Träume ich? Wo bin ich? Käthe, Frau, du hier?« »Um Gottes willen, still!« flüsterte Frau Käthe, »daß uns niemand hört! Ich habe mit Hansteins Hülfe den Arzt des Kurfürsten bestochen. Als Krankenwärterin haben mich die Wachen hereingelassen.« Herr Barthold legte sich zurück und schwieg einige Augenblicke. Dann sagte er mit schwacher, aber klarer Stimme: »Ich danke Gott, daß er mich so große Treue in der Welt hat finden lassen, und dir, daß du mir solche Treue gehalten hast!« Aber gleich fuhr er wieder auf: »Wie ist das? Wie konntest du aus der Burg kommen? Ist der Bodenstein nicht belagert? Ist er gefallen?« Frau Käthe drückte ihn sanft in die Kissen nieder und erzählte alles, was sie von Hanstein wußte, von dem Mißgeschick des Kurfürsten, dem bösen Wetter, das eine Beschießung der Burg bisher verhindert hatte, und von der Geldverlegenheit, in der sich der Kurfürst befinde. »Martin von Hanstein meint, er könne sein Fähnlein keine vier Wochen mehr beisammenhalten. Schon jetzt fehle der Sold, und die Knechte wären schon außer Rand und Band.« Herr Barthold hörte still zu, aber seine Augen glänzten. Als sie geendet hatte, tat er einen tiefen Atemzug. »Laß mich eine Weile nachdenken«, sagte er. »Es wird mir schwer, meine Gedanken zu sammeln.« Frau Käthe setzte sich still auf den Bettrand, indem sie seine Hand in der ihren behielt. So saß sie lange, bis endlich Herr Barthold das Schweigen brach. »Es ist Gottes Hand, die dich zu mir geführt hat«, sagte er, »du kannst hier nicht bleiben, aber du kannst das Größte für mich tun, wenn du auf den Bodenstein zurückkehrst. Einen anderen sicheren Boten habe ich ja nicht, werde ihn wohl auch nicht finden. Sage Klaus, er solle die Burg an Bertram übergeben. Gegen Bertram findet der Mainzer Pfaffe von keiner Seite Hülfe. Im Gegenteil, wenn er ihn aus dem Erbe werfen will, wird sich der Adel dazwischenlegen, und die Braunschweiger Herzöge werden das nie dulden. Also hörst du, sofort soll Bertram die Burg besetzen, sofort! Denn mich rettet das vor dem Ärgsten, vor der Folter.« Frau Käthe unterdrückte mit Mühe einen lauten Schrei. Sie warf sich über ihn und umfaßte ihn mit zitternden Händen. »Der Kurfürst will den Bodenstein bedingungslos haben und ihn selbst in der Hand behalten«, fuhr Barthold fort. »Er wird mich also mit allen Mitteln zu zwingen suchen, meinem Sohne die Übergabe an ihn zu befehlen. Dabei würde er auch vor der Tortur nicht zurückschrecken, das weiß ich. Sitzt aber Bertram schon drin, so kann man mir nichts mehr abzwingen und abpressen. Dann wird man mich einfach in festem Gewahrsam halten, ohne mich weiter zu quälen, und mir eines Tages den Kopf vor die Füße legen.« »Barthold!« stöhnte Frau Käthe. »Sprich nicht so, du brichst mir das Herz.« »Vielleicht ist es noch abzuwenden. Klaus soll sofort nach Wolfenbüttel und Grubenhagen reiten, damit die Herzöge für mich beim Kurfürsten vorstellig werden. Bertram soll Hessen und Schwarzburg für mich in Bewegung bringen. Der Landgraf nimmt sich bedrängter Glaubensgenossen gern an, und der biedere Graf Johann Günther schämt sich seines Vetters, des Hohnsteiners, und war mir immer gewogen.« »Könnte nicht Bünau den Kurfürsten von Sachsen bitten, für dich ein gut Wort einzulegen?« »Nein«, unterbrach sie Barthold. »Da ist nichts zu machen. August von Sachsen hilft keinem, der zu den Ernestinern gestanden hat. Es kann eher wundernehmen, daß er Bünau die Heirat mit meiner Tochter nicht nachgetragen hat. O Gott« – ächzte er – »wie wird mir – ich bin so schwach –« Frau Käthe schob ihm liebevoll die Hand unter das Haupt, während er mit geschlossenen Augen dalag und leise röchelte. Große Tränen fielen auf ihn herab, aber er fühlte es nicht. Endlich öffnete er die Augen wieder und begann auch gleich hastig zu sprechen: »Jetzt lösen sie draußen die Wachen ab, hörst du das Getöse? Dann kommt bald der Arzt. Mit dem gehst du fort. Zu Hanstein. Er soll dich aus der Stadt bringen. Danke ihm –« Er brach ab. Dann mit größter Anstrengung, keuchend, stoßweiße brachte er noch hervor: »Lebe wohl, mein liebes Weib. Weiß nicht, ob ich dich wiedersehe. Für dich ist gesorgt, auch für die Kinder – Klaus hat Immingerode. Er soll zum Wolfenbütteler Herzog gehen – Barbara heimführen – bald – Gottes Segen über ihn – Segen über dich – über euch alle – –« Ohnmächtig fiel er in die Kissen zurück. Frau Käthe kniete schluchzend am Lager des Bewußtlosen, bis der Arzt kam und sie wegführte. – Mit tiefer Teilnahme hörte Hanstein ihren Bericht. »Sogleich lasse ich Euch aus der Stadt bringen. Im Wagen, nicht zu Roß, denn Ihr müßt todmüde sein. Und darüber seid ruhig: Die Tortur kann bei Eurem Manne nicht angewandt werden. Euer Mann ist kein Ächter, wie Wilhelm von Grumbach. Das wagt der Kurfürst doch nicht. Überdies ist eine Entfremdung eingetreten zwischen ihm und dem Hohnsteiner. Der Graf ist gereizt, weil Bertram das Lehn nicht haben soll, er hat wohl schon einen Haken in seinem Bunde mit dem Pfaffen gefunden. Und ohne des Grafen Willen können sie Euern Mann nicht richten, nicht einmal peinlich befragen.« Mit diesem Trost fuhr Frau Käthe aus der Stadt. – In einer Frühstunde des drittnächsten Tages – es war der einundzwanzigste Juni – öffnete sich plötzlich die Tür des Gemaches, in dem Herr Barthold lag, und Pater Bacharell trat ein. Der Ritter löffelte gerade seine magere Morgensuppe und blickte verwundert den unbekannten Priester an, der ihn freundlich begrüßte und sich dann ohne weiteres auf dem Stuhl neben seinem Lager niederließ. »Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?« fragte er verdrossen. »Ich bin Ludwig Bacharell, des Kurfürsten Beichtvater und geheimer Rat und möchte mit Euch vertraulich reden.« »Ach der!« rief Barthold und betrachtete ihn aufmerksam. »Ihr seid der Pater Bacharell? Wunderlich! Ich kenne den Pater nicht von Angesicht, von Euch aber möcht' ich wetten, daß Ihr mir schon einmal vor die Augen gekommen seid! Wo war das nur?« Der Pater neigte das Haupt. »Ihr redet recht, doch war's an keinem glücklichen Tage. Laßt das jetzt beiseite! Ihr sollt in einer Stunde in Gegenwart Seiner Gnaden verhört werden. Laßt uns diese Stunde noch für das Heil Eurer Seele ausnützen!« Herr Barthold lachte spöttisch. »Wollt Ihr mich bekehren? Das laßt lieber unterwegs! Spart Euch die unnützen Worte!« »Daß Ihr um Euer Seelenheil wenig sorgen würdet, dachte ich mir schon. Vielleicht aber kümmert Ihr Euch doch darum, wenn ich Euch zu bedenken gebe, wie sehr das Heil Eures Leibes von dem Eurer Seele abhängt«, sagte der Pater ruhig und würdevoll. »Was soll das heißen? Ich verstehe Euch nicht.« »Laßt mich Euch erst einmal klar und deutlich sagen, welcher Art Eure Lage ist«, antwortete Bacharell. »Ihr seid gefangen im Kampfe wider Euern Lehnsherrn, den Grafen von Hohnstein, und wider Euern Oberlehnsherrn, den Kurfürsten von Mainz. Ihr habt einen Mordanschlag gemacht gegen einen der ersten Reichsfürsten, Euern Herrn, und seid dabei gefangen worden. Bei demselben Fürsten seid Ihr auch noch hart verklagt wegen Mordes, verübt an einem Förster, den Ihr auf Hohnsteiner Grund und Boden niedergeschossen habt. Ihr seid wohl nicht im Zweifel darüber, daß Euch das kurfürstliche Gericht für jedes einzelne dieser Verbrechen zum Tode verurteilen wird.« »Ich protestiere gegen das Gericht des Kurfürsten! Habe ich gefehlt gegen die Ordnung des Reiches, so klage man mich an beim Kammergericht der kaiserlichen Majestät. Nicht den Hohnsteiner und nicht den Mainzer erkenne ich als meine Herren an!« rief Barthold trotzig. »Sie werden sich um Eure Anerkennung blutwenig kümmern!« versetzte Bacharell. »Werter Junker von Wintzingerode, ich bitte Euch dringend um Eurer selbst willen, täuscht Euch nicht über Eure Lage. Ihr seid doch wahrlich alt genug, um zu wissen, wie die Welt wirklich ist. Selbst wenn Ihr im Rechte wäret, so seid Ihr in der Hand Eurer Feinde, und niemand kann Euch retten vor Folter und Tod.« »Seid Ihr gekommen, mir das zu sagen?« fragte der Ritter finster. »Ich bin gekommen, Euch zu zeigen, wie Ihr selbst Euch retten könnt.« »Ihr?« rief Herr Barthold. »Ich dächte, für einen, der das schwarze Gewand trägt, müßte mein Tod eine Wonne sein!« »Ihr habt Euch in Eurem Haß ein falsches Bild von den Vätern der Societas Jesu entworfen«, erwiderte der Pater kalt. »Wir, insbesondere ich, hassen die Gewalt. Ich will das Blutvergießen vermeiden, wo es möglich ist. Habt ein Zeugnis dafür! Ich habe den Kurfürsten überredet, Eure Kumpane hier in Heiligenstadt zu begnadigen. Sie sind um eine geringe Summe gebüßt worden, sonst ist ihnen nichts geschehen. Zweifelt Ihr an meinen Worten, so könnt Ihr sie sehen. Nun seid Ihr ja freilich viel schuldiger denn sie, denn Ihr seid der Anstifter und Rädelsführer. Trotzdem getraue ich mich, den Tod durchs Schwert und die Tortur von Euch abzuwenden, wenn Ihr in richtiger Schätzung Eurer Lage auf das eingeht, was ich Euch vorschlage.« »Eure Vorschläge kann ich unschwer erraten. Ich soll meinem Sohne befehlen, Euch den Bodenstein auszuliefern.« Bacharell nickte. »Ihr habt's getroffen. Ich will Euch auch sagen, warum dem Kurfürsten so viel daran liegt, das Schloß auf gütlichem Wege zu bekommen. Als ein Fürst der Kirche will unser gnädiger Herr vermeiden, daß viele tapfere Männer ihr Leben verlieren, wie es bei der Beschießung und Bestürmung einer festen Burg nicht zu umgehen ist.« Barthold schüttelte den Kopf. »Versucht nicht, mich zu täuschen, Herr Pater«, entgegnete er. »Auf das Leben einiger Soldknechte kommt es Eurem Herrn nicht an. Aber er kann sein Kriegsvolk nicht mehr lange bezahlen, denn es fehlt an Geld. Zudem mag er die Burg nicht erst zerschießen, die er für sich behalten will.« »Nehmt das immerhin an«, sagte Bacharell gelassen. »Auf Eure Meinung kommt es unserem gnädigen Herrn nicht an. Für Euch aber ändert das nicht das geringste. Ihr seid in seiner Hand so oder so, und wenn Ihr Euch der Übergabe weigert, so wird man Euch zu zwingen wissen. Warum wollt Ihr Euch auf der Folterbank erst die Glieder verrenken lassen? Gebt freiwillig den Befehl, so macht Ihr Euch frei von Tortur und Schafott!« Der Ritter blieb eine Weile stumm. »Mein Sohn wird keinem Boten Glauben schenken, wenn ich ihm den Befehl auf die Burg schickte«, sagte er dann. »Ich müßte am besten meine Frau unter freiem Geleit hierher kommen lassen, damit sie aus meinem Munde den Befehl empfinge.« Des Paters Augen glänzten. Ein triumphierendes Lächeln glitt über sein Gesicht. Also der trotzige Junker wurde zahm und wollte nachgeben! Das hätte er kaum erwartet, denn er kannte den eisenharten Sinn dieses Mannes. Ja die Furcht vor der Folter, dachte er bei sich, macht doch auch den Starrsten geschmeidig! Laut aber sagte er: »Unser gnädiger Herr wird Eurer Ehefrau mit Freuden sicheres Geleit gewähren. Es sollen sofort Kuriere abgehen nach dem Bodenstein.« Ein Blitz der Freude zuckte aus Herrn Bartholds Augen. So war es denn seiner Frau gelungen, unbemerkt aus Heiligenstadt zu entkommen. Das hatte er wissen wollen. Dann war Bertram höchstwahrscheinlich bereits Herr der Burg, die Pfaffen wußten's nur noch nicht. »Ich will mir's doch noch einmal überlegen«, sagte er. Das Gesicht des Paters verfinsterte sich augenblicklich. »Ich rate Euch, sinniert nicht zu lange! Die Tortur ist ein böses Ding!« rief er scharf. Herr Barthold erwiderte ruhig: »Ihr schreckt mich nicht. Große Qualen werdet Ihr mir nicht mehr antun können, denn ich bin ein kranker, gebrochener Mann und sterbe bald dem Henker unter den Händen. Und vor dem Tode graut mir nicht, ich sterbe gern. Lieber will ich tot sein, als im Kerker verfaulen.« »Auch zur Freiheit fände sich wohl ein Weg«, sagte Bacharell. »Und welcher?« »Demütigt Euch vor unserem gnädigen Herrn. Leistet ihm Abbitte und kehrt in den Schoß unserer heiligen, christkatholischen Kirche zurück.« Herr Barthold blickte ihn fast mitleidig an. »Fiebert's Euch?« fragte er. »Euer Herr kann mich schinden und töten lassen – einen Schrei um Gnade wird er nie aus meinem Munde hören. Und wenn Ihr wüßtet, wie ich über Eure Kirche denke, so würdet Ihr kein Wort an mich richten, das vom Übertritt handelt.« »Ihr haßt sie, ich weiß es«, entgegnete Bacharell. »Und warum haßt Ihr sie? Weil Ihr sie nicht kennt.« Herr Barthold lachte höhnisch. »Ich bin im Papsttum erzogen und war zweiundzwanzig Jahre alt, als ich den römischen Greuel in meinem Gericht abschaffte. Glaubt mir, ich kenne Eure Kirche von Grund aus. Ich habe nichts vergessen von dem, was ich in der Jugend gesehen und erlebt habe!« »Und dennoch kennt Ihr sie nicht!« rief der Pater. »Ich leugne nicht, daß vor vierzig oder fünfzig Jahren die Kirche Christi ein vielfach siecher Leib war. Aber sie hat sich erneuert. Von Hispanien aus ist ein neuer Geist in die Kirche eingezogen. Der große, heilige Gottesmann Ignatius hat ein Geschlecht von Priestern erweckt und erzogen, die in Reinheit wandeln, unter denen Ihr keine Schlemmer und Bauchesdiener findet, wie ehedem unter den Mönchen. Und wir, die wir ihm nachfolgen, haben der ganzen Kirche ein anderes Gepräge gegeben, und durch uns wird sie die ganze Welt erobern!« »Euch persönlich, Herr Pater«, sagte Barthold nach einigem Besinnen, »Euch muß ich wenigstens nachrühmen, daß Ihr an Schandtaten keinen Gefallen habt. Das habt Ihr neulich bewiesen meiner Tochter gegenüber, und das danke ich Euch. Der große, heilige Gottesmann Bunthe scheint dagegen von dem neuen, heiligen Geist noch nicht so ergriffen zu sein. Doch an meinem Glauben ändert die Achtung, die ich der Tat eines einzelnen Priesters zolle, nicht das mindeste. Ich kenne die Heilige Schrift, Gottes lauteres Wort. Da steht geschrieben, daß unser Heiland sein Blut vergossen hat, um uns von Sünde und Teufel zu erlösen, und daß wir selig werden durch den Glauben an ihn. Darauf lebe ich, und darauf will ich sterben. Der römische Papst aber und seine Gesellen lehren, daß man nicht durch den Herrn selig werden soll, sondern durch den Gehorsam gegen den Statthalter Christi und seine Priester und seine Kirche. Darum ist er der Antichrist und bleibt es auch. Ihr mögt leben, wie Ihr wollt, und sagen, was Ihr wollt . .« Der Pater bekreuzte sich. »Ihr redet kühn! Ob Ihr wohl auch noch so sprecht, wenn Ihr ein Jahr im Gefängnis gesessen habt?« »Was auch über mich komme, davon wird mich niemand abwendig machen!« rief Herr Barthold mit starker Stimme. »Ich fürchte mich nicht vor denen, die den Leib töten. Auch um die Freiheit ist mir das Evangelium nicht käuflich!« Hier wurde die Unterredung unterbrochen. Ein Page des Kurfürsten kam, keuchend von eiligem Laufen, in das Gemach gestürzt und rief, sich hastig vor Bacharell verneigend: »Seine Gnaden sendet mich. Ihr sollt sogleich zum gnädigen Herrn kommen.« »Ist etwas vorgefallen?« fragte der Pater bestürzt. »Ich weiß es nicht, ehrwürdiger Vater. Der Junker von Hanstein hat unserem gnädigen Herrn Briefe gebracht und ist noch bei ihm im Gemach. Es scheint üble Zeitung. Der Herr redete heftig.« Bacharell wandte sich dem Ausgang zu. »Das Weitere zu gelegenerer Zeit!« rief er und neigte das Haupt kaum merklich gegen den Ritter. Als er drüben im Stift anlangte, fand er das Vorzimmer des Kurfürsten dichtgedrängt voll Menschen. Es waren die Räte und Rittmeister und Priester, die der Kurfürst eingeladen hatte, dem Verhör des Junkers von Wintzingerode beizuwohnen. Bunthe und Stralendorf waren drinnen beim Kurfürsten. Als der Pater eiligen Schrittes in das Gemach eintrat, sah er seinen Herrn mit zornbleichem Gesicht vor dem Tische stehen, auf dem ein Schreiben lag. Hinter ihm standen seine beiden Landkommissare mit verstörten Mienen, an der Tür der alte Ritter Martin von Hanstein. »Bacharell!« rief der Kurfürst. »Eine unglaubliche Nachricht! Die Junker Bertram und Hans von Wintzingerode haben sich erfrecht, den Bodenstein in Besitz zu nehmen!« »Was?« rief der Pater. »Was soll das heißen?« »Lest selbst!« Der Kurfürst warf ihm das Schreiben mit einer wütenden Bewegung zu. Bacharell nahm es auf und las, und immer blasser wurde sein Gesicht. Die Junker von Wintzingerode teilten dem Kurfürsten mit, daß nach einem wohlbeglaubigten letzten Willen Herr Barthold von Wintzingerode, ihr Vetter, sie zu Herren des Bodensteins eingesetzt habe, falls er sterben oder gefangen werden solle. Der Fall sei eingetreten, und sie hielten sich des Einverständnisses ihres Lehnsherrn, des Grafen von Hohnstein, für versichert. Sie bäten Seine kurfürstliche Gnaden, ihnen nicht zuwider zu sein, sondern die Belehnung gnädigst zu gewähren, damit sie nicht gezwungen seien, den Schutz von Braunschweig anzurufen. Wenn der Kurfürst ihnen willig lassen wolle, was ihr und aller derer von Wintzingerode unzweifelhaftes Recht sei, so wollten sie ihm allzeit treu, hold und gewärtig sein. Bacharell ließ das Blatt sinken. »Wo ist der Graf von Hohnstein?« »Der Graf läßt Seiner kurfürstlichen Gnaden durch mich vermelden, daß er vor ein paar Stunden in unaufschiebbaren, dringenden Geschäften nach Scharzfeld abgeritten ist«, sagte Hanstein. »Dann weiß und billigt er es«, murmelte Bacharell. »Wie kommt's, daß Ihr diese Nachricht überbringt, Junker von Hanstein?« fragte der Kurfürst heftig. »Seid Ihr ein Freund dieser Rebellen?« »Das bin ich auch«, sagte Hanstein fest. »Zudem bin ich ihr Blutsverwandter. Doch nicht als solchen hat Bertram mich angerufen, sondern er wendet sich an mich als den Vertreter der Eichsfelder Ritterschaft. Er begehrt, daß die Ritterschaft zwischen Euch und ihnen vermittele. Und ich bitte Euch, gnädiger Herr, seht von Schritten gegen die beiden Wintzingerode ab. Ich bitte Euch im Namen der ganzen Landschaft.« »Schon gut, schon gut, Herr von Hanstein. Tretet jetzt ab! Ich will die Sache mit meinen Räten bedenken«, erwiderte der Kurfürst und verabschiedete den alten Edelmann mit einer ungnädigen Handbewegung. Als Hanstein gegangen war, entstand eine lange, schwüle Stille. Endlich fragte der Kurfürst: »Was meint Ihr, Bacharell? Sprecht Euch ohne Rückhalt aus!« »Gute Miene zum bösen Spiel machen, gnädiger Herr«, gab der Pater zur Antwort. »Es bleibt Euch gar nichts anderes übrig. Ihr steht nicht mehr gegen Barthold von Wintzingerode im Felde, sondern gegen seine Vettern. Das gibt der Sache ein ganz anderes Gesicht. Was früher für Euch war, wird gegen Euch sein. Der Hohnsteiner hat Euch schon verlassen. Wollen wir gerecht sein, so müssen wir sagen: Er konnte nicht anders um seiner Ehre willen. Ihn werdet Ihr rasch versöhnen, wenn Ihr die Gebrüder im Lehn bestätigt. Sonst erregt Ihr überall Feindschaft und Argwohn. Braunschweig wird offen gegen uns sein, Hessen und Sachsen werden stutzig. Dazu sind unsere Kassen leer, und die Landschaft hilft uns nicht. Das ist das Schlimmste. Ohne Beistand der Ritterschaft können wir keine drei Tage die Burg belagern, denn die Zufuhr würde uns fehlen.« »Wir müßten versuchen, die Landschaft zu zwingen!« warf der Kurfürst ein. »Das dürfte sehr schwer halten, gnädiger Herr. Der Adel des Landes ist ja so miteinander verschwägert und verwandt, daß er einer Filzdecke gleicht. Da zieht keiner gegen den andern ein Schwert, außer wenn ihn der andere persönlich gekränkt hat. Und gerade diese beiden Wintzingerode sind beliebt bei jedermann. Die schloßgesessenen Herren werden sich weigern Mann für Mann, wenn Ihr sie gegen die beiden aufrufen wollt.« »Wolle Eure Gnaden mir ein Wort gestatten!« fiel jetzt Bunthe ein. »Ich meine, die aufgeblasenen Junker kriechen alle zu Kreuze, wenn Ihr ihnen Ernst und Strenge zeigt. Entbietet die gesamte Ritterschaft hierher, gnädiger Herr, und laßt vor ihren Augen dem gefangenen Rebellen und Landfriedensbrecher auf dem Hochgericht das Haupt abschlagen. Ihr werdet sehen, wie sie Euch im ersten Schrecken über solche Justiz alles bewilligen.« »Was meint Ihr, Bacharell?« fragte der Kurfürst. »Das Leben des Junkers von Wintzingerode ist ohne Zweifel dem Henker verfallen. Er hat den Tod verdient, und wir haben keinen Grund, ihn zu schonen, denn er ist für uns wertlos geworden. Ich würde also den Vorschlag unseres lieben Propstes erwägen, wenn nicht seiner Ausführung eines entgegenstände, nämlich unser geheimer Vertrag mit dem Grafen von Hohnstein. Darin haben wir uns eidlich verpflichtet, dem Grafen das Gericht über den Junker zu lassen, ohne seinen Willen ihn nicht zu richten, nicht einmal peinlich zu befragen. Nun fordert ja wohl die ars politica, daß man einen Vertrag auch einmal bricht. Doch nur, wenn der Erfolg über allem Zweifel steht. Das ist hier nicht der Fall, wir wissen nicht, ob wir den Adel durch das Blutgericht nicht mehr schrecken oder mehr erbittern. Dagegen möchte ich Eurer Gnaden den wohlgemeinten Rat geben, den Wintzingerode unverzüglich von hier zu entfernen. Hier könnten immer ein paar tolle Junker oder auch die von Braunschweig versuchen, ihn zu befreien, und in die Freiheit darf er niemals wieder. Schafft ihn nach Mainz. Wo er bewahrt werden soll, darüber sagt der Vertrag nichts. Dort ist er uns sicher, hier ist er eine beständige Gefahr. Gelingt es uns, den Hohnsteiner Grafen uns wieder geneigt und gefügig zu machen – woran ich nicht zweifle –, so werden wir ohne Vertragsbruch das Recht erhalten, ihn hinzurichten. Es ist für uns besser, wenn der gefährliche Mensch von der Erde verschwindet. Wir werden uns dann seiner zu bequemer Zeit entledigen.« Der Rat des klugen Paters drang auch diesmal bei dem Kurfürsten durch. Die Gebrüder von Wintzingerode auf dem Bodenstein erhielten ein gnädiges Schreiben. Barthold dagegen wurde am Morgen des andern Tages auf einem Wagen, dem ein Herold mit vier Trompetern voraufritt, während zwei Reiterfähnlein folgten, aus Heiligenstadt fort nach der kurfürstlichen Residenz am Rhein gebracht. XXXI. Kapitel. An einem schönen, milden Septembermorgen des Jahres 1575 wanderte der Pfarrer Conrad Schneeganß in dem kleinen Gärtchen vor seinem Hause mit langsamen Schritten auf und nieder. Es war ein Sonnabend, und der geistliche Herr bereitete sich auf seine Sonntagspredigt vor. Das pflegte er, wann es irgend möglich war, im Freien zu tun, denn in Luft und Sonnenschein kamen ihm bessere Gedanken als in der engen Studierstube. Hie und da blieb er stehen, in tiefes Nachdenken verloren, dann wieder bei einer besonders nachdrücklichen Stelle schritt er schneller aus und fuchtelte kräftig mit der Hand in der Luft herum. Er war so vertieft in seine Gedanken, daß er eine heransprengende Reiterschar erst gewahrte, als sie dicht vor dem niedrigen Tore des Pfarrhofes Halt machte. »Guten Morgen, Pfarrer!« rief Herr Bertram von Wintzingerode, indem er sich aus dem Sattel schwang. »Ihr denkt gewiß über Eure Predigt nach. Tut mir leid, daß ich Euch darin stören muß, aber mein Anliegen leidet keinen Aufschub.« »Ich bin Euch zu Diensten, Junker!« antwortete der Pfarrer, und auf ein lediges, aber gesatteltes Roß deutend, fuhr er fort: »Es scheint, als ob Ihr mich mitnehmen wolltet. Das paßt mir schlecht, um es offen zu sagen, denn ich bedarf am Sonnabend der Ruhe und der inneren Sammlung. Ich nehme an, daß Ihr eine Amtshandlung von mir begehrt.« »Gewiß, und Ihr werdet Euch ihrer nicht weigern. Doch laßt uns ins Haus treten, ich habe ernste Dinge mit Euch zu besprechen.« Als sie in der kleinen, dämmrigen Studierstube des Pfarrers saßen, begann der Edelmann: »Ihr sollt einen Menschen auf seinen Tod vorbereiten. Wißt Ihr, wen? Meinen Vetter Barthold!« Der Pfarrer schlug erschrocken die Hände zusammen, aber ehe er etwas sagen konnte, fuhr Bertram fort: »Die Pfaffen wollen ihn richten. Der Graf von Hohnstein hat seine Einwilligung gegeben. Wie sie ihn dazu gebracht haben, weiß ich nicht, ich vermute aber, daß der verfluchte Bunthe dahinter steckt, der alles Bösen Eckstein ist. Nur zwei Bedingungen hat der Graf gesetzt und damit gezeigt, daß er noch nicht ganz ein Knecht der Pfaffen ist: Sie dürfen ihn nicht peinlich befragen und müssen ihm gestatten, daß er vor seinem Ende das heilige Abendmahl nach der Weise des Augsburgischen Bekenntnisses nimmt. Den Geistlichen, der es ihm reicht und ihn zum Tode vorbereitet, darf er sich wählen. Er hat Euch gewählt.« Herr Conrad Schneeganß war so erschüttert, daß er zunächst kein Wort fand. Er saß stumm mit gefalteten Händen, und eine Träne rann über sein Angesicht. »So soll ich ihn noch einmal wiedersehen in diesem Leben! Aber wie werd' ich ihn finden? Als einen im Kerker verkümmerten Mann!« »Ihr seid also bereit, ihm diesen letzten Dienst zu erweisen?« »Da könnt Ihr noch fragen? Ich reite auf der Stelle mit Euch!« rief der Pfarrer aufspringend. »Oder sollen mir nur Eure Knechte das Geleit geben?« »Nein, wir machen die Reise zusammen«, erwiderte Bertram. »Ich bin mit dem Kurfürsten vertragen und ausgesöhnt und habe nichts zu befürchten. Auch Klaus habe ich die Nachricht zugesandt. Ich denke, er stößt unterwegs zu uns oder kommt uns nach. Er trägt die Feldbinde eines braunschweigischen Rittmeisters, darum werden es die Pfaffen wohl bleiben lassen, ihn irgendwie anzutasten. Herzog Julius ist in solchen Dingen ein verteufelt kitzlicher Herr.« Kaum eine halbe Stunde später verließ die Reiterschar das Dorf und ritt die Straße nach Westen dahin, die ins Hessische führte. Für den Pfarrer waren die vier Tagereisen bis an den Rhein eine gewaltige Anstrengung. Er war des Reitens recht wohl kundig und hielt sich ganz gut im Sattel, aber er war der Sache ungewohnt. Gleichwohl trieb er stets zur höchsten Eile an, denn der Gedanke peinigte ihn sehr, er könne zu spät eintreffen, und Herr Barthold müsse dann ohne die Tröstungen der Religion seinen letzten Gang antreten. So traf man denn um die Mittagszeit des fünfzehnten September in der Residenz des Kurfürsten ein. In der Herberge zu den drei Raben brachte Herr Bertram die Knechte und die Pferde unter, dann begab er sich mit dem Pfarrer sogleich in das Augspurgische Haus. Der alte Doktor Johann Augspurg war Herrn Bartholds Sachwalter gewesen, denn der Ritter bestieg das Schafott nicht auf einen bloßen kurfürstlichen Machtspruch hin, man hatte ihn vielmehr mit aller Form Rechtens zu Tode prozessiert. Nicht etwa der Felonie hatte man ihn angeklagt, seiner Taten gegen den Hohnsteiner Grafen und den Kurfürsten von Mainz war in der Anklage mit keinem Wort Erwähnung getan. Nur des Mordes, begangen an dem Förster Arnold Geilhaus, hatte man ihn bezichtigt und deshalb das Todesurteil über ihn gesprochen. Das alles erzählte Doktor Augspurg den beiden mit Tränen in den Augen. »Man mied die Anklage wegen Felonie, weil man dadurch dem kaiserlichen Gerichte in seine Rechte eingegriffen hätte«, setzte er hinzu. »Außerdem wollte man sein Gedächtnis schänden für alle Zeit, indem man ihn zu einem gemeinen Mörder macht. Wer jener Geilhaus war, und was er getan hat, danach wurde nicht gefragt. Niemals, Ihr Herren, ist niederträchtigeres Possenspiel mit der heiligen Justitia getrieben worden! Was ich auch einwarf zu seinen Gunsten, das hörte man mit lächelndem Hohne an, denn der endliche Spruch war längst im voraus entschieden.« »Wie haben sie ihn im Gefängnis gehalten?« fragte Bertram mit finster zusammengezogenen Brauen. »Sie hielten ihn in harter Haft. Gequält haben sie ihn nicht, zum wenigsten nicht seinen Leib. Die Seele dagegen marterten sie mit fortwährenden Bekehrungspredigten. Hundertmal ist Bacharell zu ihm gelaufen und hat ihm die Hölle vorgemalt, wenn er bei Luthers Lehre bliebe, und hat ihm das Leben, ja die Freiheit versprochen, wenn er öffentlich seine Ketzerei abschwören wolle. Davon versprachen sich die Jesuiten den größten Triumph. Aber Herr Barthold ist festgeblieben. Sein sehnlichster Wunsch ist, noch einmal den Leib und das Blut des Herrn zu genießen.« »So schaffet, daß wir recht bald zu ihm gelangen!« rief Bertram. Augspurg setzte eine bedenkliche Miene auf. »Ich fürchte, Junker, Euch wird man nicht passieren lassen. Dem Herrn Pfarrer dürfen sie den Zutritt nicht versagen, aber von Euch steht nichts in dem Pakt. Wie ich die Pfaffen kenne, weisen sie Euch rundweg ab.« Diese Voraussetzung erfüllte sich. Zu Bertrams bitterer Enttäuschung bedeutete man ihn, daß man nicht in der Lage sei, seinem Gesuche zu willfahren. Nicht nur mit Zorn und Unmut, sondern mehr noch mit Trauer und Niedergeschlagenheit nahm er den abschlägigen Bescheid entgegen. Er wußte, wie sehr sich Barthold gefreut' haben würde, noch einmal einen von seinem Blut und Geschlecht zu sehen, und nun versagten ihm seine boshaften Feinde und Henker auch noch diese letzte kurze Wohltat. – Gegen Abend wurde der Pfarrer von einem kurfürstlichen Rate und zwei Landsknechten abgeholt, um zu Herrn Barthold geleitet zu werden. Bertram drückte ihm, als er Abschied nahm, heftig die Hand und sagte mit bewegter Stimme: »Wenn Klaus noch kommt – wir nehmen an der Südecke des Marktes Aufstellung. Dort sucht uns mit den Augen und macht meinen Vetter auf uns aufmerksam, wenn er das Schafott betritt. Vielleicht sieht er uns noch einmal. Und sagt ihm von mir und meinem Bruder, wir dächten in Ehren und Treuen seiner und wünschten ihm ein selig Sterbestündlein und eine fröhliche Auferstehung.« Die Stimme brach ihm, und er wandte sich ab. Auf dem Markte ward gerade das Schafott gezimmert, als der Pfarrer den Platz betrat. Eine große Volksmenge hatte sich versammelt und sah zu, wie das schwarze Tuch auf das Holz aufgenagelt wurde. Denn der folgende Tag war zur Hinrichtung bestimmt. Früh in der achten Stunde, wenn das Landvolk zum Markte in die Stadt geströmt war, sollte der Henker seine blutige Arbeit verrichten. Der Gefangene war aus dem dumpfen, feuchten Kerker, in dem man ihn bisher gehalten hatte, in ein kurfürstliches Haus am Markt gebracht worden. Man hatte ihm für die letzte Nacht ein helles, luftiges Gemach angewiesen, das eine Aussicht auf den weiten Platz gewährte. Nicht aus Gnade hatten die Jesuiten das getan, sondern in der Hoffnung, daß ihn der Blick auf das Schafott noch in letzter Stunde mürbe und gefügig machen werde. Noch einmal hatten die Patres Bacharell und Thyreus alle Mittel der Beredsamkeit erschöpft, um seinen starren Sinn zu beugen, aber der Ritter hatte ihnen überhaupt keine Antwort mehr gegeben. So hatten sie ihn endlich als einen unbelehrbaren, ewig verdammten und verlorenen Ketzer seinem Schicksal überlassen. Der Pfarrer mußte durch einen Haufen von Landsknechten hindurchschreiten, die vor der Tür Wache hielten und schwatzend und lachend herumstanden. Selbst auf der breiten Treppe, die zu dem Gemach Herrn Bartholds hinaufführte, lagerten noch Soldknechte, die schreiend und schimpfend um etliche Silberstücke würfelten. Droben ließ der kurfürstliche Rat die Tür aufschließen und forderte den Pfarrer durch eine stumme Handbewegung zum Eintreten auf. Auch auf dem Wege hierher hatte er kein einziges Wort gesprochen. Dann trat er zurück, und sogleich ward von außen der Riegel wieder vorgeschoben. Herr Barthold stand gerade am Fenster und blickte hinunter auf den Platz, von dem der dumpfe Klang der Hämmer heraufschallte. Auf das Geräusch hinter ihm wandte er sich langsam um. Conrad Schneeganß hatte in seinem Beruf schon viel Erschütterndes erlebt und ließ sich nicht leicht von einem äußeren Eindruck überwältigen. Aber was er da vor sich sah, ergriff ihn so tief, daß er das Bündel mit den heiligen Gefäßen achtlos zu Boden fallen ließ. Mit weitgeöffneten Augen und schreckensbleichen Zügen starrte er die Erscheinung an, die auf ihn zutrat. War das Herr Barthold von Wintzingerode? Dieser zusammengesunkene, zittrige Greis, dem langes, schneeweißes Haar um das Haupt hing, und dem ein noch viel längerer, schneeweißer Bart fast bis auf den Gürtel niederwallte? Die Stirn trug er tief vornübergebeugt, das Antlitz war so fahl und bleich wie das Gesicht eines Toten. Nur die Augen funkelten aus ihren tiefen Höhlen so scharf und feurig wie ehedem. »Gott zum Gruße, Pfarrer!« sagte er. »Ihr kennt mich wohl nicht mehr?« Da stürzte Conrad Schneeganß auf ihn zu, fiel zu seinen Füßen nieder und umklammerte seine Knie. Zu reden vermochte er nicht. Tränen erstickten seine Stimme. »Ja, ja! Ich glaub's wohl, daß Ihr mich verändert findet«, fuhr Herr Barthold fort und erfaßte das Haupt des Knienden mit seinen mageren, zitternden Händen. »Fünfzehn Monate im Kerker der Väter Jesu, die machen einen Mann in meinen Jahren zum welken Greise. Ein Greis bin ich geworden, müde, ach müde des Lebens! Ich sehne mich, abzuscheiden und bei Christo zu sein, der mich wohl trotz aller Sünden und Fehler meines Lebens in sein Reich aufnehmen wird.« »Das wird er gewißlich!« sagte der Pfarrer aufstehend und mühsam nach Fassung ringend. »Wer ihm treu ist bis in den Tod, dem will er die Krone des Lebens geben. Und Ihr habt ihm ja die Treue bewährt im Kerker und haltet fest an unserem heiligen Glauben, auch im Angesichte des Hochgerichts. Wollt Ihr, Herr, daß ich Euch das heilige Sakrament sogleich reiche?« »Nein, morgen früh. Es soll mich stärken zum letzten Gange. Ihr dürft die ganze Nacht bei mir bleiben und sollt mich morgen zum Schafott begleiten. Jetzt setzt Euch her zu mir und erzählt mir von dem, woran einzig und allein auf dieser Erde mein Herz noch hingt. Wie lebt mein liebes Weib? Wie geht es ihr?« »Frau Käthe wohnt still und eingezogen mit ihren Töchtern auf dem Hofe in Wintzingerode. Sie trägt den Witwenschleier und klagt viel um Euch.« »Weiß sie es, daß ich morgen zum Tode gehe?« »Nein, Herr Bertram hat es ihr nicht gesagt. Er meint, sie erführe die Trauerkunde noch früh genug.« »Das ist recht!« sagte Herr Barthold. »Warum soll sie sich nutzlos grämen! Sie kann mir ja doch nicht helfen.« »Sie hat in letzter Zeit zweimal große Freude erlebt«, fuhr der Pfarrer fort. »Erst kam aus Sachsen die Kunde, daß Eure Tochter Anna eines gesunden Knäbleins genesen sei –« »Das freut mich sehr!« rief Herr Barthold dazwischen. »Schreibt Ihr, daß ich dem Kinde ein rechtes Glück im Leben wünsche!« »Dann hat sich ein Freier für Eure Tochter Sophie eingefunden, der kursachsische Rat Reyher. Ein stattlicher junger Mann, ich sah ihn neulich.« »Den kenne ich«, sagte Herr Barthold. »Vor etwa zwei Jahren kehrte er mit Bünau bei mir auf dem Bodenstein ein. Er hat mir damals wohlgefallen. Man soll ihm ja das Mädchen geben. Wenn ein Mann sich ein Weib in ihrer Lage zur Gattin wählt, so wird er es ehrlich meinen und ihr die Treue fürs Leben halten. – Wie geht es Klaus?« »Der Junker ist bei Herzog Julius in Wolfenbüttel und soll viel gelten bei dem Herrn. Er hat Barbara von Hoven heimgeführt. Es war eine kleine, stille Hochzeit, ich habe die beiden getraut. Wenige Wochen vorher war der alte Junker von Hoven schlafen gegangen.« »Auch einer, den ich droben wiederzusehen hoffe«, erwiderte Herr Barthold, und mit einem tiefen Atemzug setzte er hinzu: »Nun noch eine Frage, Pfarrer: Wie halten sich meine Vettern, die mich bei meinen Lebzeiten beerbt haben, in Sachen unseres heiligen Glaubens? Stehen sie fest wider die listigen Anläufe der Pfaffen?« »Ja, Herr, das kann ich von ihnen rühmen. Der ganze Adel hat sich ermannt und hält fest zusammen fürs Evangelium. Herr Bertram steht in der vordersten Reihe. Kurz nach Eurer Wegführung kamen katholische Pfaffen nach Wintzingerode und wollten dort ihre Zeremonien ausüben. Die hat er sogleich verjagen lassen und sich an den Braunschweiger um Hülfe gewandt. Darauf hat man den Bodenstein in Ruhe gelassen.« Herrn Bartholds Augen glänzten. »Dafür drückt ihm die Hand in meinem Namen! Und allen, allen, meinem herzlieben Weibe und meinen Kindern allen, die mein Andenken ehren, bringt meinen letzten Gruß und Segenswunsch! Gott der Herr segne und behüte mein ganzes Geschlecht! Er segne auch mein ganzes Gericht und erhalte es bei seinem Worte!« Ein Diener trat ein und brachte die Abendkost und eine Kerze. »Setzt Euch zu mir und laßt uns essen, Pfarrer!« sagte Barthold. »Das wird meine letzte Mahlzeit sein, denn morgen früh genieße ich nichts als Leib und Blut des Heilands.« Als sie gegessen hatten, sprach Herr Barthold mit tiefem Ernst: »Nun nichts mehr von irdischen Dingen! Nehmt Eure Bibel und lest mir die Kunde von unseres Herrn Tode und die tapferen Sprüche des Apostels Paulus und legt sie mir aus.« So saßen sie beisammen, bis nach Mitternacht die Kerze verlosch. Da suchten sie beide ihr Lager auf, und Herr Barthold verfiel bald in einen tiefen Schlaf, während der Pfarrer schlummerlos dalag und hin und wieder kummervoll aufseufzte, bis das Morgenlicht durch die Scheiben brach. Mit Trommeln und Pfeifen zogen draußen die Landsknechte auf, und das Geräusch vieler Stimmen, das durchs Fenster drang, zeigte an, daß sich schon eine große Volksmenge eingefunden hatte. Aber der Ritter schlief so fest, daß er von all dem Lärm nichts vernahm und erst durch die eintretenden Knechte des Nachrichters geweckt wurde. »Es ist hohe Zeit, Pfarrer«, sagte er, »daß Ihr mir die letzte Wegzehrung reicht.« Dann sprach er mit fester Stimme die Worte des lutherischen Beichtbekenntnisses und das Vaterunser und empfing aus Herrn Conrads Hand das heilige Sakrament. Die Henkersknechte hatten dem allen stumpf und blöde zugeschaut. Sie schoren ihm darauf das lange Haupthaar ab und warfen ihm einen Armensünderkittel über. Dann gaben sie ein Zeichen zum Fenster hinaus, und kurz darauf trat derselbe kurfürstliche Rat in die Tür, der gestern den Pfarrer hergeleitet hatte. »Folgt mir zu Eurem letzten Gange!« gebot er. »Der Prädikant mag Euch aufs Schafott geleiten, da Ihr ja doch als ein verstockter Ketzer sterben wollt.« Ruhig und gefaßt schritt Herr Barthold die Treppen hinunter. Als er aus dem Hause trat, wurde er von acht Trompetern angeblasen, die dann weiter blasend vor ihm herschritten, bis er dicht vor dem Schafott stand. Dort hatte der kurfürstliche Offizial auf einem erhöhten Orte Aufstellung genommen, um ihn herum im Halbkreis eine große Menge von kurfürstlichen Räten, Priestern und Jesuiten. Kurfürst Daniel selbst sah aus dem Fenster eines benachbarten Hauses dem düstern Schauspiele zu. Mit lauter Stimme verlas der Offizial das Todesurteil, »daß der peinlich beklagte Barthold von Wlntzingerode wegen seiner Untat den Frommen zu Schutz und den Unfrommen zu einem abschrecklichen Exempel heutigen Tages mit dem Schwerte vom Leben zum Tode gestraft und gerichtet werden solle.« Dann brach er über ihn den Stab. Mit festem Schritt trat Herr Barthold auf das Schafott, neben ihm der Pfarrer. Die Landsknechte wirbelten mit ihren Trommeln, die Trompeten begannen ein lautes Geschmetter. »Seht dorthin, Herr!« raunte der Pfarrer dem Ritter zu und wies auf eine Ecke des Platzes, wo zwei hochgewachsene Männer standen, deren einer die braunschweigischen Farben trug. Herrn Bartholds immer noch scharfe Augen erkannten die beiden. Er hob grüßend die Hand, und über sein Antlitz ging ein helles Leuchten. Dann legte er sein Haupt auf den Block. »Komm, o Herr Jesu!« waren seine letzten Worte. Das Schwert des Henkers sauste hernieder, und das Haupt Bartholds von Wintzingerode rollte in den Sand! Ein lauter Aufschrei gellte durch die Luft, so daß viele erschrocken die Köpfe umwandten. Klaus hatte ihn ausgestoßen und barg nun aufstöhnend sein Antlitz in den beiden Händen. So stand er lange. Endlich legte ihm Bertram die Hand auf die Schulter und sagte: »Komm, Vetter! Das Weinen hilft zu nichts. Wir wollen sehen, daß wir den Leib deines Vaters erhalten, um ihn ehrlich und christlich zu bestatten!« Und finster und drohend fügte er hinzu: »Unser Blut, das Blut der Wintzingerode, ist auf dem Hochgerichte geflossen durch der Pfaffen Hand! Das laß uns nie vergessen! Auch unseren Kindern und Enkeln wollen wir das einschärfen, damit sie fest auf der Wacht stehen gegen die Priester, die den Namen Jesu schänden. Für jeden, der unser Blut in den Adern trägt, muß es fortan gelten, was deines Vaters Wahlspruch war: Allzeit treu dem Evangelium und allzeit wider die Pfaffen!«