Joseph von Lauff Sankt Anne I »... also Du kommst. Seeluft, Seeluft, mein Junge! Lasse alle schweren Gedanken beiseite. Und wo ich Dich hinführe ...? – Es ist ein ganz verlorener Winkel an der flandrischen Küste. Sei ohne Sorge. Du kommst nicht mit jenem feinen Pöbel zusammen, der die belgische Erde heimsucht, Fleischergesellen, die nach Peau d'Espagne duften. Alles sind stille und einfache Menschen ... und die Natur ist so ruhig wie ein Heideland, wenn der Tod darüber reitet. Nur in stürmischen Herbsttagen sieht das Meer über die Dünen, und dann hörst Du es rauschen. Der Ort liegt eine gute Stunde vom Strande entfernt: ein Fleckchen Erde mit Ziegeldächern. Pappeln kreisen es ein. Stockrosen sehen in die Giebelfenster mit großen Augen – und in der Mitte des Ortes, der gewissermaßen am Boden hinkriecht, reckt sich der helmlose Turm von Sankt Anne wie ein massiger Einarm. Der Ort selbst heißt Sankt Anne und atmet Ruhe und Frieden. Lege Dir diesen Frieden und diese Ruhe ans Herz – und die tote Maria wird ihre Seele in die Hände nehmen und sagen: Endlich gesundet. – Also komme. Ich erwarte Dich und hole Dich im verwunschenen Brügge ab. Dein Heinrich vom Hövel, der kein Freund ist von langen Fisematenten und Ausflüchten – und daher heißt es auch bei Dir: Farbe bekennen.« Der Brief sank ihm aus der Hand und legte sich über das saubere Manuskript eines größeren Werkes, das er erst vor kurzem beendigt hatte. Und dann ging sein Blick aus dem Fenster über die Ziegeldächer der norddeutschen Stadt, die sich bereits von den sanften Farben des Abends illuminieren ließen. Jenseit der Dächer lagen Wiesen und Weiden. Ein violblaues Licht ging darüber, um mehr dem Horizonte zu sich in die Resedafarbe eines feinabgetönten Wasserblattes zu kleiden. Dunkle Punkte schwebten durch die ruhigen Lüfte, begleitet von einem melancholischen Zwitschern. Es war ein Gruß aus verklungenen Zeiten: Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang ... Ja – was die Schwalbe sang ...! – Ein mattes, wehmütiges Lächeln ging über die Züge des vereinsamten Mannes, der so in sich gekehrt dasaß, als wäre die ganze Schwermut des heutigen Sommerabends auf ihn übergegangen. Er hatte das unbestimmte Gefühl, als käme jemand leise ins Zimmer, als legte sich ihm eine feingegliederte Frauenhand sacht auf die Schulter. Und als sie da eine Zeitlang geruht hatte, hob sie sich wieder und deutete rückwärts – und da sie rückwärts deutete ... Ein liebes Wesen mit geschlossenen Augen stand vor ihm. Ein floriger Stoff rieselte von den Schläfen zu Boden und berührte die Dielen. Vom Alkoven her wehte ein weicher Luftzug, der aber noch immer stark genug war, den leichten Stoff sanft in die Höhe zu tragen. Die zarte Gestalt war näher getreten. »Maria!« hauchte er mit zuckenden Lippen, und als er den Namen aussprach, hatten sich ihre Augen geöffnet – die Augen mit ihrem rätselhaften Grau und der unendlichen Tiefe, die Augen, die ihn noch vor zwei Jahren bis ins Herz trafen und dann sich schlossen für ewig. Der florige Stoff wehte noch immer, aber durch den gespenstigen Krepp drang es wie Mondlicht, das immer intensiver wurde, geheimnisvolle Netze spannte und sein Denken und Fühlen in längstverklungene Tage versetzte. Die Erinnerung kehrte zurück – die rätselhafte Frau mit den träumerischen Blicken und der großen Liebe im Herzen. Und sie nahm ihn bei der Hand, lächelte wie im Schlafe und führte ihn dann durch ein weites, dunkles Tor, hinter dem eine weite Landschaft sich streckte. Eine mittelgroße Stadt lag darin. Es war eine lindenumsäumte nordische Stadt mit ehrwürdigen Kirchen, alten Giebelhäusern und einem Glockengeläut, feierlicher und schöner, denn alle Glockenklänge, die er jemals in seinem Leben gehört hatte. Er erinnerte sich genau der einzelnen Töne. Es war im Advent. Der Abend zwinkerte herauf; ein klingender Frost war über die Erde gegangen. Einzelne Flöckchen lösten sich vom verschleierten Himmel – und er, der kraushaarige Oberprimaner Hans Behrend, stand am Fenster und sah in den Abend hinaus, in dessen Grau schon etliche lichtschwache Tupfer standen, die der Laternenmann angezündet hatte. So stand er schon lange und wartete auf seine Kumpane Fritz Heiking und Heinrich vom Hövel, die versprochen hatten, eine Partie Skat auf seiner Bude zu kloppen. Hinter ihm plauderte der rotangelaufene Ofen in geschwätzigen Lauten. Draußen war eine andere Welt lebendig geworden. Vom nordwestlichen Himmel her schob sich eine bleigraue Decke über die Giebeldächer. Den einzelnen Schneeflöckchen gesellten sich hundert, tausend blitzende Wesen; dann war ein einziges Gewimmel vor den angelaufenen Scheiben. Ein steifer Wind saß dahinter, und mit lustigem Gestöber ging es die enge Straßenzeile hinunter. – Im gegenüberliegenden Hause hellten die Fenster auf. Dunstig, wie mit erhelltem Ölpapier überzogen, standen sie in dem krausen Gewirr der betrunkenen Sternchen. Hans Behrend sah hinein, als wenn er durch das maschige Gitter eines Stickrahmens sähe, als wäre da draußen alles in einer flirrenden und flimmernden Bewegung – aber wie dem auch sein mochte: er erkannte deutlich, wie sich hinter dem mittleren Fenster des ersten Stockes eine liebe Mädchengestalt auf- und niederbewegte, das blonde Köpfchen gegen die Scheiben drückte und dann genau, wie er es tat, in das geschäftige Schneetreiben hinaussah. Und seine Jugend, sein ganzes Fühlen und Denken saßen in einem lustigen Schifflein, hatten eine ganze Fracht voller Zukunftspläne an Bord und steuerten geradeswegs in das köstliche Land der Verheißung. Eine rührende Verlegenheit kam über ihn und ein heimliches Sehnen. Allein der selige Zustand währte nicht lange. Eine ältere Dame, mit einem zierlichen Spitzenhäubchen bekleidet, trat in den matterleuchteten Fleck des Fensterrahmens, schien auf das junge Mädchen einzusprechen und ließ dann mit einer gewissen Hast den Vorhang herunter. – Nichts mehr – nur die transparente Fläche der weißen Gardine, das Gepolter im Ofen und das flimmernde Schneegestiebe da draußen ... Ab und zu tönte die heisere Stimme einer aufdringlichen Türklingel herüber. Sie kam aus dem Laden eines schräg gegenüber wohnenden Spezereiwarenhändlers, wo die Leute aus- und eingingen. Ein orangefarbiger Schimmer drängelte sich aus dem Auslagefenster, um sich als breiter Lichtbalken quer über die schneeblaue Decke zu legen. Traumhaft schwebten jetzt die kalten Schneesternchen die dämmerige Straße hinunter. Etliche taumelten gegen die angelaufenen Scheiben, um dort sanft zu zerfließen. Fast lautlose Schritte gingen unten vorüber. Es war so still, so unendlich still geworden; selbst die aufdringliche Klingel im Laden des Spezereiwarenhändlers hatte eine geraume Zeit ihre harte Zunge verloren. Geheimnisvolle Adventschauer zogen über die norddeutsche Stadt hin. Hans Behrend trat vom Fenster zurück, setzte eine Rüböllampe in Brand, zerschnitt ein Zeitungsblatt in eine Anzahl regelrechter Teile, die er, sorgsam gefältelt, in einen Fidibusbecher hineinpraktizierte; hierauf legte er Karten und Skatblock nebeneinander. Die Lampe strömte ein behagliches Licht aus. Es war hinreichend stark genug, das schlichte Mobiliar der einfachen Bude zu erhellen. Auf den verblichenen Tapeten hingen Schildereien in wurmstichigen Rahmen, Stiche von Aldegrever und Ludger tom Ring, wertlose Kopien, die kein besonderes Interesse zu erwecken vermochten, wohingegen ein eigenartiges Bild über dem Sofa von der Hand eines geschickten Radierers zeugte. Markante Striche, ausgeprägte Beleuchtung und dabei eine warme und köstliche Tönung ... Es war das Grabmonument der jungen Maria von Burgund in der Liebfrauenkirche zu Brügge. Der schrullige Gymnasialprofessor Dr. Gert Löbker, bei dem sich Hans Behrend in Kost und Logis getan hatte, ein wunderlicher Kauz, Altphilologe, nebenher Raritätensammler und Goetheforscher, war seinerzeit, und zwar bei Gelegenheit einer flandrischen Ferienreise, auf die nicht uninteressante Radierung gestoßen, hatte sie erstanden, von Stockflecken reinigen und einrahmen lassen und das wohlreparierte Bild eines Tages mit einer gewissen Feierlichkeit über das großblumige Sofa seines Zöglings gehangen. Von diesem Moment an war das Grabmal der armen Maria von Burgund das Prunk- und Paradestück in der kleinen Studentenbude geworden, und jedesmal, wenn der junge Oberprimaner das sanfte Gesicht der Entschlafenen vor Augen bekam, mußte er an die Tochter des Justizrates Fackeldey denken, an die liebliche Maria, die ihm gegenüber wohnte und noch vor wenigen Augenblicken am Fenster gestanden hatte. Dieselben Züge und dasselbe Lächeln um die wehmütigen Lippen! – Das milde Licht der Rüböllampe fiel verklärend über das Gesicht der schönen Maria. Die Buchenscheite im Ofen begannen wieder lauter zu knacken, die Schneekristalle wieder emsiger und flinker zu stieben ... »Noch immer nicht,« sagte Hans Behrend, machte sich an einer Weichselrohrpfeife zu schaffen, setzte hierauf den Tabak mit einem Fidibus in Brand und warf sich alsdann in eine Ecke des geschweiften Sofas, daß es stöhnte und ächzte. Mit übergeschlagenen Beinen blies er die hellen Kanasterwölkchen über den Tisch fort, ließ sich von der Friedsamkeit seines behaglichen Zimmers umschauern und hörte zu, wie die aufgewirbelten Feuerfünkchen in der blankgewichsten Ofenröhre rumorten. Dazu orgelte der Wind in so recht gemütlicher Weise und spielte den kalten Schneeflocken zum Tanz auf. Zierliche Rauchspiralen häkelten sich um den milchweißen Schirm der vor ihm stehenden Lampe, krochen die vergilbten Tapetenmuster entlang, um sich von hier aus durch das Schlüsselloch der niedrigen Stubentüre zu drehen. Hier war's schon zum Aushalten. Pfeifenkringel und selige Träume ...! und dazu die geheimnisvolle Stimmung, die der Advent aufgetan hatte. Hin und wieder klappte im Hause eine neugierige Tür zu. Der gewichste Ofen warf einen scharfumrandeten Lichtfleck auf die gescheuerten Dielen. Lautlos huschte ein Mäuschen darüber, um ebenso lautlos mit seinem zierlichen Schwänzchen in eine verschwiegene Dämmerecke zu schlüpfen. Stimmung, überall Stimmung ...! Hans Behrend streckte die Beine. – Morgen war Sonntag – ein Gefühl, das an warme Apfeltörtchen und eine spendierte Lage von Bierbouteillen erinnerte, ein Gefühl so bekömmlich wie ein wolliges Unterjäckchen in kalten Wintertagen, kurzum eine große Sache, die er wohl zu würdigen verstand und zudem noch mit dem Tuschkasten seiner regen Phantasie immer verlockender ausmalte. Überhaupt so'n Samstagnachmittag mit folgendem Sonntag ...! – Da brauchte man doch nicht die Expektorationen eines galligen Ordinarius der Oberprima über sich ergehen zu lassen, brauchte nicht auf den alten Griechen und Lateinern herumexerzieren und konnte Zeus im Donnergewölk und seine blauäugige Tochter Pallas Athene vergessen – eine himmlische Wohltat, vornehmlich jetzt in dieser behaglichen Stunde und mit der großen und heiligen Pennälerliebe im Herzen. Und in dieser Erkenntnis ... Wie gesagt: Hans Behrend streckte die Beine und hörte auf die Stimmen im Ofen, die immer zutunlicher und vertraulicher wurden. Noch einmal klingelte die Ladenschelle des Spezereiwarenhändlers wie aus weiter Ferne herüber, dann war es so, als gingen sachte Schritte durch die von dünnen Tabakswölkchen umschleierte Stube – und dann eine Stimme, eine matte, fast klagende Stimme ... Sie schien aus dem Bilderrahmen über dem Sofa zu kommen. »Maria!« Wer hatte gerufen? Niemand, keine menschliche Seele hatte gerufen. Er mußte sich geirrt haben – aber da wieder, leise, gespenstisch: »Maria!« und dann noch einmal: »Maria!« Da mußte doch eine menschliche Seele ... oder war es nur ein Träumen gewesen? Dann wieder die einlullende, geheimnisvolle Stille von eben. Sie währte nicht lange. Hastige Schritte kamen die Treppe herauf; das Träumerische zerfloß, während die Tür ging und Fritz Heiking und Heinrich vom Hövel die Stube betraten. Ein nadelscharfer, spitziger Schneehauch drang mit ihnen ins Zimmer. »Tag, Behrend!« Mützen und Paletots wurden heruntergezogen und fanden sich alsbald auf einer bequemen Stuhllehne wieder. »Fiducit!« »Danke,« replizierte Fritz Heiking und schlug die verklammten Hände zusammen, »'ne hahnebüchene Kälte da draußen – Kloben ins Feuer!« »Machen wir!« sagte Heinrich vom Hövel, ein offener Kerl mit blitzenden Augen, aus denen zeitweilig der heilige Funke tiefer Leidenschaft ausbrechen konnte. »Machen wir, Heiking,« und damit schob er auch schon etliche Buchenscheite auf das nur noch schwelende Feuer, wandte sich hierauf und meinte, indem er die Technik des Rauchens mit den Lippen blind durchchargierte: »Sind die Stoffe präpariert?« » Sunt ,« sagte Hans Behrend und deutete auf das Bücherregal, wo etliche gestopfte Pfeifen mit weißen Porzellanköpfen an der Schmalseite hingen. » Optime !« kam es zurück. Die Fidibusse leuchteten auf; mit einem allgemeinen » ad loca !« setzte man sich, mischte die Karten und ließ die erste Skatrunde steigen. »Wenden!« »Halt' ich!« »Los denn dafür!« In kurzen Intervallen, nur von monotonen Zwischenrufen begleitet, die streng zu den Regeln des Spieles gehörten, klatschten die Karten auf den Tisch, während der Wind in der Ofenröhre ächzte und stöhnte und kompakte Rauchfäden die vier Wände immer gemütlicher machten. Von Sankt Kilian hallte die sechste Abendstunde herüber. »Grand!« meldete Heinrich vom Hövel. »Null ouvert!« hielt ihm Fritz Heiling entgegen. »Mit zweien!« überbot ihn sein Gegner. »Dann – passe,« sagte Fritz Heiking, »aber warte, mein Junge – verbumfiedelt wirst du,« und mit einem siegesgewissen, fast hämischen Zug um die Lippen spielte er die Treffelzehn auf. »Behrend, Ohren steif!« Allein Hans Behrend steckte tief in den Bohnen. An all seiner Reinheit und Lebendigkeit trat ihm wieder das liebgewordene Bild vor die Seele. Mit weitabfliegenden Gefühlen entfernte er sich immer mehr von seinen Kumpanen. Eine unsichtbare Gewalt trieb ihn weiter und weiter. Wie eine Heilige, wie ein überirdisches Wesen stand ihm das geliebte Mädchen vor Augen. Das wunderbare Geheimnis der ersten großen, starken Liebe beherrschte ihn völlig. Er sah nur eine von Sonnenlicht überflutete Welt und Wiesen und Weiden. Bunte Falter gaukelten über stille Blumen – und inmitten der Blumen ... Ein duftiger Heugeruch strömte herauf... Das war vor Monaten geschehen – da war er ihr zum ersten Male begegnet. »Herrgott noch mal!« fuhr ihn plötzlich Fritz Heiking an, »hast noch den dritten Jungen in der Pinke und stichst nicht?!« Ja, er hatte geträumt und nicht auf die Finessen seines Partners geachtet. Das Spiel war für den Gegner so gut wie gewonnen. Verstört strich er sich über die Stirne. Die Luft war zum Ersticken, der Tabaksqualm zum Durchschneiden geworden. »Nichts für ungut,« sagte er kleinlaut, »aber mir war so, als hätte soeben eine liebe Stimme gerufen.« »Was für 'ne Stimme – und was sagte die Stimme?« »Maria.« »Menschenskind ...!« Fritz Heiking schlug ein helles Lachen an: »Das da – soeben ...?! – Das war ja die Miesekatze vom ollen Löbker; 'ne veritable Miesekatze mit sammetweichen Pfötchen und 'nem niedlichen Stimmchen ... Im übrigen, Behrend: principiis obsta !« »Warum?« fragte dieser. »Weil ich gleiche Rechte vertrete.« »Du?! – und auf wen denn?« »Auf die Trägerin des Namens, den du soeben genannt hast.« »Was ...?!« sagte Hans Behrend. In starrem Schweigen waren seine Augen auf den Gegner gerichtet. Er wußte nicht mehr, was er antworten sollte. Alle Leidenschaften seiner jungen Tage waren in ihm rege geworden. Fritz Heiking trumpfte auf: »Ja, mein Junge – denn frei ist der Bursch und frei ist das Lied ...« Siegesgewiß fuhr sich der Sprecher durch die Haare. »Und wohlgemerkt,« ergänzte er mit einem spöttischen Zug um die nicht unschönen Lippen, »ich glaube, ältere Rechte beanspruchen zu können.« »Wird beanstandet.« »Wenn auch; ich habe größere Chancen, denn der Sohn eines Geheimen Kommerzienrates ...« »Bleibe mir mit deinem ›Geheimen Kommerzienrat‹ vom Leibe!« rief Behrend und hatte dabei die letzten Karten von sich geworfen. Ärgerlich stieg es in ihm auf. Er fühlte deutlich: er, sein Konpennäler Fritz Heiking, gehörte auch zu denen, die, jedes glühenden Idealismus bar und in den Vorurteilen des Klassengeistes und der Standesprotzen befangen, über Herzen und Seelen zu schreiten vermochten. Ja – über Herzen und Seelen ... das war doch, gelinde gesagt, ein erbärmlicher Standpunkt. »Und da glaubst du,« fragte er herrisch, »weil ich nur der Sohn eines Arztes mit bescheidener Praxis ...?« »Ich glaube nichts,« sagte Heiking, »aber in dubio : Halbpart für uns beide.« »Was verstehst du darunter?« »Auf eigene Kappe poussieren. Morgen will ich mein Glück auf der Eisbahn versuchen; übermorgen du.« »Nein,« sagte Behrend. »Dann mögen über den strittigen Punkt die Karten entscheiden,« legte sich Heinrich vom Hövel ins Mittel. »Gottesorakel! – Einverstanden?« »Einverstanden,« kam es zurück. »Na – denn also,« sagte der salomonische Friedensstifter und mischte die Karten. »Wer die erste Dame erwischt, eröffnet den Reigen,« und damit ging es ihm auch schon fingerfertig von den Händen herunter: »Bube, Neune, Zehne, König, Neune, dito, Achte, Bube, Aß – Coeurdame ...! – Behrend, meinen allerherzlichsten Glückwunsch.« »Verdammt!« sagte Heiking. Eine längst veraltete Narbe, die sich quer über die linke Stirnseite hinzog, begann leise zu flammen. Obgleich er dem blinden Zufall unterlegen war, gab er dennoch das Rennen nicht auf. In seinen gekniffenen Blicken lag eine sieghafte Verachtung. Er wandte sich kurz, stellte die Pfeife beiseite und verließ mit einem hingeworfenen »Guten Abend!« das Zimmer. »Aber, Mensch ...!« rief ihm Hans Behrend nach. »Ich danke,« lautete die frostige Antwort. Heinrich vom Hövel lachte bitter auf und sah seinem Freunde tief in die Augen. »Ich hab's dir ja immer gesagt,« meinte er schließlich, »dicknäsig und arrogant – und du glaubtest, bei dem deine Gesichtskreise erweitern zu können ... ?« »Man kann sich eben irren.« »Das kann man,« versetzte Heinrich vom Hövel. »Im übrigen freue dich auf den morgigen Sonntag – und jetzt: Schwamm über die Sache.« Gemütlich warf sich der blonde Teutone in eine Sofaecke, schlug die Beine übereinander und sagte, indem er den Tabaksrauch seiner Weichselrohrpfeife über die Tischkante fortblies: » Beatus ille, qui proeul negotiis ...! Gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst und grüße mir die schöne Maria.« Der Riß, der die behagliche Abendstimmung zu vernichten drohte, vernarbte wieder. Plaudernd blieben die beiden Freunde zusammen. Im Nebenzimmer, das über der Küche lag, wurde ein Heimchen lebendig. Draußen auf dem Hausflur tickte die heisere Standuhr. Minute reihte sich an Minute, Stunde an Stunde. Gegen acht Uhr trennte man sich. Das Schneegestöber hatte inzwischen nachgelassen, dann gänzlich aufgehört. Die Sterne standen unruhig am Himmel und kündeten einen ständigen, klirrenden Frost an. Die Kälte ging mit erfrorener Nasenspitze umher und hauchte ihren dunstigen Atem gegen die Fensterscheiben, daß sie sich blümten und mit Klöppelwerk und Brabanter Spitzen bedeckten. Die flaumige Schneedecke piepste unter ihren trippelnden Schritten. Die blankgeputzten Sterne gerieten in ein immer nervöseres Zucken. So ging es die Nacht durch, und als der Morgen kam, sah er vor dem Sankt Ägidientor auf eine stahlharte Fläche, die, vom Winde gesäubert und gefegt, sich fast unabsehbar bis zum ›Schwarzen Vorholz‹ erstreckte. Zur Rechten lag die alte Stadt mit ihren Schneehauben und weißen Zipfelmützen. Mit Rauhreif bedeckte Lindenzweige legten ein feinmaschiges Straminnetz darüber. Sonnenfunken standen darauf und brachten alles in ein flirrendes Leuchten. Während der Nachmittagsstunden herrschte ein reges Leben auf der endlosen Bahn. Die Kapelle der vierten Grenadiere spielte den Schlittschuhläufern zum Tanz auf, die sich in zierlichen Künsten gefielen. Zwischen ihnen – Hans und Maria. Hand in Hand und Schulter an Schulter geschmiegt, zogen sie ihre Kreise immer weiter und weiter. Ohne daß sie es selber gewahrten, flogen sie dem feierlichen Licht zu, das über dem ›Schwarzen Vorholz‹ sich ausdehnte. Ja, es war ein seltsames, feierliches Licht, was da brannte, denn es beschien ein großes Geheimnis und das erste Aufflammen einer schönen und heiligen Liebe – und sie erschraken fast beide, als sie sehend wurden und zur Erkenntnis gelangten. Ein banges, seliges Wünschen, ein scheues, verhaltenes Sehnen war in ihnen. Wie von weichen Lüften getragen, glitten sie über den silbernen Spiegel, dessen untere Fläche die schlangenartigen Triebe des Aalkrautes berührten. Jede Spur eines menschlichen Fußes hatte aufgehört. Sie waren allein. Nur aus weiter Ferne hallten die verlorenen Klänge der Musikkapelle herüber. Das ernste Licht am westlichen Himmel war tiefer gesunken. Das ›Schwarze Vorholz‹ lag darauf, als hätte es ein Silhouettenzeichner auf eine goldene Folie geworfen. Einzelne Funken sprühten durch die dunklen Stämme und machten das wirre Blondhaar des lieben Mädchens erstrahlen. Da hielt er den Fuß an. »Was hast du?« fragte sie zögernd. Er tastete nach ihrer Hand und sah in tiefer Verwirrung auf ihren goldigen Scheitel. Dann kam es über ihn. »Du weißt es ja, wie es um mich steht,« sagte er leise, »und du ...?« Tränen waren ihr in die Augen getreten. »Maria...!« Wie unter dem Zwang einer glückseligen Lust war er in die Knie gesunken, hatte ihren Schoß umklammert und sein Gesicht in die Falten ihres Kleides gebettet. Sie waren allein, so ganz allein in der großen Stille, die ihre Augen auftat, als wäre sie aus dem Lande der Märchen gekommen. Und da stammelte er von kommenden Zeiten und der tiefen Liebe, die sein junges Leben beherrschte. Und als er das sagte, beugte sie sich mit stiller Gebärde zu ihm herab und suchte ihn an sich zu ziehen. »Küsse mich,« sagte sie mit verhaltenem Atem. Da riß er sich auf. Mund lag auf Mund, und ihr jugendlicher, biegsamer Körper schmiegte sich an ihn. Ein Leuchten flog über ihr Gesicht. Eine Heilige war sie ihm früher erschienen, jetzt war sie seine Geliebte geworden – und doch alles so rein und so keusch und so unberührt wie ihre kindliche Seele. Ihre kleine, harte Brust drückte sich an ihn. Er fühlte das wunderbare Geheimnis ihres jungfräulichen Leibes. Er schien im Traume zu sein, in stiller Verzückung, und in dieser Verzückung gingen die Tage unter, die Monde und Jahre ... Sein ganzes Fühlen und Denken blieb dasselbe, sowohl auf der Universität, als später, da er sich anschickte, mit heißer Arbeit und heißem Ringen nach der literarischen Palme zu greifen. Der unerbittliche Kampf ums Leben setzte ein, riß ihn mit sich und gab ihm die Schale herber Entbehrung zu kosten. Der große Erfolg wollte nicht kommen. Er gab aber das Ringen nicht auf und arbeitete weiter. Eine Zeit der Selbstkasteiung begann. Die Not trat an seine Seite. Er fühlte den Druck ihrer Hand und das Empfindliche ihrer glanzlosen Blicke, die über ihm standen. Und wäre nicht die Erinnerung an die alten Zeiten geblieben, wäre nicht die liebe Stimme gewesen, die Stimme von damals, was hätte ihn noch bewegen sollen, erhobenen Hauptes in die Zukunft zu blicken und auf bessere Tage zu hoffen? Er hoffte und harrte. Für ihn hatten die Rosen von Pästum noch nicht an ihrem Zauber verloren. Sie blühten wie immer – und in diesem Bewußtsein machte er längstverklungene Glockentöne wieder lebendig, übertrug das geheimnisvolle Wunder der Jerichorose auf sein eigenes Sinnen und Trachten, und so, von inniger Liebe getragen, bequemte sich sein Geist, in den Bildern vergangener Tage wie in einem liebgewonnenen Andachtsbuche zu blättern. Er hatte sie noch etliche Male gesehen. Sie schrieben sich häufig. Aber was sollte das alles? Sie mochten es sich eingestehen oder nicht – die eingeschlagene Laufbahn konnte dem sehnlichen Wünschen, wenigstens auf Jahre hinaus, keine Verwirklichung geben und blieb was es war: nur ein unbestimmtes, dämmerhaftes Tasten nach den Händen des Glückes. Die Glocken, die dereinstmals über die alte Stadt und die blühende Heide geklungen hatten, tönten noch immer, die geheimnisvolle Jerichorose hatte noch nichts von ihren Wundern eingebüßt – gewiß nicht, es war alles wie früher ... aber da eines Tages verloren ihre Briefe an Leben und Tiefe, dann trafen sie spärlicher ein und dann versiechten sie gänzlich. Eine stille Resignation hatte sich seiner bemächtigt. Ein Sturmwind war nötig, um ihn aus seinem dumpfen Brüten zu wecken. Und der Sturmwind kam; der große Wurf war gelungen. Jahre um Jahre hatte er hierzu gebraucht. Immer Aussaat um Aussaat! Immer die vergebliche Hoffnung! Endlich hatte sie Halm und Ähre getrieben. Ein wogendes Kornfeld! – und es war schnittreif geworden. Seinem beharrlichen Schaffen, seinem Namen waren Flügel gewachsen. – Es hielt ihn nicht länger. Ein unbezwingliches Sehnen ergriff ihn. Ums Abendläuten erreichte er das Ziel seiner Wünsche. Nadelscharfe Kristalle tanzten vom Himmel herunter. Die Straßenlaternen standen wie große, dunstige Lichtflecke inmitten der flirrenden Sternchen, gerade wie damals, als er von seiner Stube in das emsige Schneetreiben hinaussah – damals, als er auf seine Kommilitonen Fritz Heiking und Heinrich vom Hövel gewartet. Unwillkürlich dachte er an vergangene Zeiten. »Wo seid ihr, ihr Lieben, mir alle geblieben ...!« Das Herz klopfte ihm hörbar, als er durch die schneeweißen Gassen dahinging. Da lag es vor ihm – das Haus seiner Sehnsucht. Unsicheren Fußes betrat er die Stiegen. Die engbrüstige Fassade war dunkel. Nur in dem Oberfenster der Türe stand ein spärlicher Lichtschein. Jetzt zog er die Klingel. Nach längerem Warten wurde ihm von einem ältlichen Frauenzimmer geöffnet. »Ist der Herr Justizrat zu Hause?« Das Mädchen sah ihn mit großen Augen an. »Sie sind wohl fremd hier?« sagte es schließlich. »Das allerdings – aber ich sollte doch meinen ...« »Der Herr Justizrat sind vor einem halben Jahre verstorben.« »Und Fräulein Maria?« »Ist mit der Mutter und ihrem Verlobten zu den Schwiegereltern gegangen.« »Und wie heißt ihr Verlobter?« »Regierungsrat Heiking.« Er hörte die Worte wie aus weiter Ferne. Er empfand das Rätsel der Frauenseele, das unlösliche Rätsel, das bei subtil veranlagten Naturen zu Tränen zwingt und den Schatten des Todes vorauswirft. Er wandte sich und ging, ohne ein Wort weiter zu sagen, wieder durch die schneeblaue Nacht hin. Das Mädchen sah ihm nach, als hätte es mit einem Irren gesprochen. Noch an demselben Tage fuhr er heimwärts. Von ihr hörte er nichts mehr. Vergebens suchte er die Lösung des Rätsels zu finden. Das ganze Leben schien ihm eine Reihe von Widersprüchen zu sein, die er nicht entziffern konnte. Er suchte Trost in der Arbeit. Neue Entwürfe entstanden. Er wurde gefeiert, aber Vergessen brachte es nicht. Er konnte den Odemzug des täglichen Lebens nicht finden. Sein Geist glich einem stillen Gelände, über welches ein schwermütiges Abendläuten dahinging. – Sein Jugendfreund Heinrich vom Hövel hatte inzwischen die große Nummer gezogen. Frischweg von der Juristerei fort und schon nach glücklich bestandenem Staatsexamen, war er, einem tiefeingewurzelten Drange gehorchend, kurzerhand in die Malerjacke geschlüpft und ließ sich von dem Geheimnis der Sankt Lukasgilde umfangen. Sein Schritt war kein unüberlegter gewesen. Die Zeit brachte Früchte. In einer Kunststadt am Rhein ansässig, verlebte er die Sommer- und Herbstmonate an der flandrischen Küste. Er meisterte diese Gegend mit einem seltsamen Können. Etwas Großzügiges haftete seinem Schaffen an, das, mit dem der alten Niederländer verwandt, dennoch den markanten Pulsschlag des eigenen Ichs nicht zu leugnen vermochte. Maler und Dichter blieben durch die alte Freundschaft verbunden. Mehrmals waren sie zusammen gekommen, und zwar regelmäßig dann, wenn die gemeinsam verlebten und schwerdurchkämpften Stunden des Abiturientenexamens sich jährten. Bei einer solchen Gelegenheit, und zwar bei der letzten, sahen sich die beiden tief in die Augen. Die Gläser klangen durch die Stille der Nacht hin, und als sie verklangen ... »Mensch!« sagte plötzlich Heinrich vom Hövel, »so geht es nicht weiter. Du verblutest ja an der alten Wunde. Der Norden bringt keine Heilung. Versuche es mal mit dem heiteren Süden ...« und Hans Behrend verstand ihn. Während noch im nördlichen Deutschland die Märzschauer regierten, hatte er das Land seiner Jugendträume – Capri – gefunden. Noch am Abend seiner Ankunft ging er in den Park hinaus, der an das ewige Meer stieß. Hinter ihm lag das Hotel Quisisana strahlend erleuchtet. Palmen und Wellingtonien stiegen geheimnisvoll in den tiefblauen Himmel. In den Kirschlorbeerhecken spielten glitzernde Fünkchen. Vom Meer her kamen weiche Saitenklänge; dann ließ sich eine sonore Männerstimme vernehmen: » O dolce Napoli ...« Er war tief bewegt. Die Tränen wollten ihm kommen. Anderen Tages, als er wieder unter dem Gesäusel der Wellingtonien hinschlenderte, trat ihm der Portier des Hauses entgegen. Mit der Linken hob er leicht die goldgeränderte Mütze. »Herr Behrend ...?« »Allerdings.« Hans Behrend warf einen kurzen Blick auf die Adresse des ihm behändeten Briefes. Scheinbar mit verstellter Handschrift verfaßt, wies das Kuvert weder Freimarke noch Poststempel auf. »Von wem?« fragte er leichthin. »Ein Angestellter des Hauses...« »Und sonst...?« Der Portier zuckte die Achseln. »Ich danke.« Er brach das Kuvert auf. Auch hier auf dem zierlichen Bogen die nämlichen Züge – scheinbar verstellt und dennoch mit etlichen Zeichen behaftet, die ihm das Bild einer geliebten Handschrift vorzuspiegeln vermochten. Er las: »Ich habe Sie gestern von meinem Fenster aus gesehen. Jeglichen Traum weise ich von mir; ich kann mich nicht irren. Wollen Sie mich noch einmal begrüßen – nun wohl, so bin ich heute abend gegen sieben Uhr auf dem schmalen Fußpfad zu finden, der von der Punta Tragara zu den Faraglioni hinführt. Leben Sie wohl.« Das war alles. Nichts weiter. Keine Unterschrift, kein sonstiges Zeichen ... alles! – Und dennoch... aber das war ja völlig ausgeschlossen! Er suchte auf andere Gedanken zu kommen, brannte sich eine Zigarre an und folgte den Rauchwölkchen mit forciertem Interesse. Auch das währte nicht lange. Sein Geist ließ sich nicht zwingen; wiederum begann er in dem alten Andachtsbuche zu blättern. Und dann: er hielt Umschau unter den Gästen des Hotels. Er suchte im Park, wo die weichsinnlichen Klänge des Metrawalzers ertönten. Im Speisesaal blickte er bei jedem einschmeichelnden Frou-Frou auf. Er fand nicht, was er suchte. Alles unbekannte Gesichter! – Also gedulden ...! – Ewige Minuten ...! – sie krochen dahin wie Schnecken. – Schon eine geraume Zeit vor der festgesetzten Stunde hatte er den schmalen Fußweg betreten. Der Strand lag vereinsamt. Die Sonne war untergegangen. Wie ein purpurner Scheiterhaufen loderten ihre letzten Strahlen gen Himmel. Das Meer nahm einen violblauen Ton an. Eine weiße, rätselhafte Linie schien die Unendlichkeit der ruhigen Fläche begrenzen zu wollen. Aus dichten Schaummassen wuchsen die Faraglioni sichtbar in den friedlichen Abend. Ein rosiger Kuß haftete noch auf ihren äußersten Klippen. Ein großer, schwarzer Vogel strich langsamen Fluges über sie fort. Noch einmal zuckten die Purpurflammen aufwärts. Dann verloren sie an Farbe und Fülle, um schließlich ganz zu ersterben. Mit ihrem Schwinden stand hinter Anacapri eine silberne Helle. Der Mond war im Aufstieg begriffen. – Mit seinem Aufstieg bewegte sich eine hohe Frauengestalt zwischen Lorbeerbüschen und Klippen, die den engen Fußpfad begrenzten. Ein sanfter Wind blies ihren dunklen Schleier gegen das Meer an. Zögernd war sie näher gekommen. Noch konnte er nicht ihre Züge erkennen, aber er hatte das dumpfe Gefühl, daß ihn die nächste Minute um den Verstand bringen würde. Jetzt stand sie vor ihm. Er hätte aufschreien mögen. »Du – hier?« sagte er heftig. Er glaubte, die Welt müßte sich aus den Angeln heben. Tastend griff er nach ihren Händen. »Ja,« sagte sie leise. »Mir wurde der Süden verordnet; ich gedenke noch einen Monat zu bleiben.« »Und dein Mann?« »Ist glücklich in seinem Berufe.« »Und du?« Sie wandte sich ab und sah über das Meer fort, auf dessen tiefblauer Fläche die ersten Mondfüßchen tanzten. »Und du?« fragte er noch einmal. Sie gab keine Antwort. Unentwegt gingen ihre starren Blicke über die Wunder, die der Abend verschwenderisch aufgetan hatte. Da stieg Bitterkeit in ihm auf. Sein vergangenes Leben und das, was noch kommen würde, lag vor ihm. Ihre Hände waren aus den seinen geglitten. »Dieses Mal werde ich ruhig von dir gehen,« sagte er schließlich, »denn ich glaube dich glücklich zu wissen. Ich will deinen Frieden nicht stören.« Da wandte sie sich. Mit blasser Hand fuhr sie ihm sacht über die Stirn. »Wer hat schwerer zu tragen,« fragte sie ruhig, »du oder ich? – Du hast das Leben noch vor dir, während meine Tage in stiller Trauer dahinziehn.« Die letzten Worte gingen unter in einem verhaltenen Schluchzen. »Und du liebst mich noch immer?« fragte er wie in dumpfer Betäubung. »Ja,« sagte sie leise. »Und mehr wie den andern ...?« Statt einer Antwort nahm sie seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßte ihn lange. Da riß er sie an sich, bog ihren Oberkörper zurück und preßte seinen Mund auf ihre zuckenden Lippen. »Aber dann verstehe ich nicht ...« keuchte er mit rauher Betonung. »Du mußtest doch wissen ...« »Ja,« nickte sie heftig, »aber ich konnte nicht anders.« Sanft, ohne sich seinen Liebkosungen zu entziehen, wand sie sich aus seiner starren Umarmung. Ihre Hände verstrickten sich, und wieder gingen ihre feuchten Blicke über das traumhafte Meer hin. Eine verschwenderische Fülle von Licht rieselte über die endlose Fläche. Und wieder das verhaltene Schluchzen von eben ... und da wußte er, daß sie nach Worten suchte, die den dunklen Punkt aus vergangenen Tagen aufklären sollten. Sie begann tonlos und in abgerissenen Lauten zu sprechen, aber sie sprach in logischer Weise, einzeln die Fäden entwirrend, die, schließlich zu einem Ganzen verflochten, ihre Handlungsweise erklären und das Unerbittliche ihres Schicksals darlegen sollten. Ihre Stimme erstickte fast, als sie zum Schluß kam. »Wäre ein anderer Ausweg möglich gewesen,« sagte sie endlich, »ich hätte mich mit der Verzweiflung einer Ertrinkenden an den kleinsten Strohhalm geklammert. Und wie habe ich nach Rettung geschrien! – Aber konntest du helfen? – Nach dem Tode des Vaters standen wir vor einer gähnenden Leere. Aller Mittel entblößt, ging meine Mutter einem bedauernswerten und freudelosen Dasein entgegen. Ihrem Lebensabend waren nur Kummer und Sorgen geblieben – und um diese zu scheuchen, um den Namen meines Vaters zu retten ... ich tat, was ich mußte, wenn auch der Flügelstaub von meinen Schwingen dahin war. So ist denn alles gekommen, wie es das Schicksal bestimmt hat. Und was es getan hat, das war ehrliche, aber fanatische Arbeit, so daß mir nichts weiter übrig blieb, das Unabänderliche ergeben, wenn auch blutenden Herzens zu dulden. Das ist mir bis heute gelungen, und ich gedenke es auch in Zukunft zu tragen. Du aber,« und ihre Stimme nahm einen schmerzlichen Ton an, »sei stark, handle wie ich und suche dich mit dem abzufinden, was keine Änderung zuläßt. Vergönne mir aber ein verborgenes Plätzchen in deiner Brust, und halte lieb deine arme Maria.« Sie sah ihn mit großen Augen an: »Ja, du – wie du sie damals geliebt hast – damals vor Jahren.« »Und wie ich dich heute noch liebe!« Zäh kamen die Worte von seinen Lippen herunter. Das ganze Ungestüm seines verhaltenen Sehnens war in ihm rege geworden. Er war näher getreten und hatte die Arme gebreitet – und da fanden sie sich in dumpfer Weltvergessenheit und hielten sich lange umschlungen. Der Duft des Weibes war bei ihm. Er fühlte den dämonischen Zauber und alles, was seine Brust bewegte. Da hielt's ihn nicht länger. Gemartert lag er zu ihren Füßen, hielt ihre Knie umarmt und preßte sie an sich, trunkenen Blickes die herrlichen Linien ihres Körpers in sich aufnehmend. »Maria, Maria!« brach es in ihm los, »und was hindert dich jetzt noch, die alten Fesseln zu sprengen?! – Wirf sie von dir und folge mir in das klingende Leben. Jetzt habe ich die Macht, dich glücklich zu machen. Ich will – und du mußt, denn du hast mir eher gehört vor Gott und den Menschen.« In fiebriger Hast packte er wieder ihre Hände und drückte sie krampfhaft. Seine Blicke hingen an ihrem zuckenden Munde. Alles Leben war aus ihrem Antlitz gewichen. »Ich wußte, daß es so kommen würde,« sagte sie mit erkünstelter Ruhe. Was war das? – Was sollten diese Worte bedeuten? Fast zornig war er vom Boden gefahren. »Du willst nicht?« fragte er trocken. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf. Ihre Augen begegneten sich. »Du mußt.« »Nein. Ich kann nicht.« »Aber wenn du mich liebst ...« »Eben deshalb, weil ich dich liebe. Ich habe alles bedacht und alles vorhergesehen, wie es gekommen ist. Während der verflossenen Nacht war die Verzweiflung bei mir. Ich habe gesonnen – und keinen Ausweg gefunden. Ich mußte diese Aussprache haben; das war ich dir schuldig – das bin ich mir schuldig gewesen. Ob sie Erlösung bringt, ob wir unseren Seelenfrieden hierdurch wiedergewinnen – das zu ermessen, ist nicht unseren Kräften gegeben. Ich lebe dumpf und abgehetzt neben ihm her. Ich glaube ihm und glaube ihm nicht. Ich verstehe ihn und verstehe ihn nicht. Manchmal ist mir so, als wenn er mir unrecht täte. Gleich darauf denke ich anders, aber das weiß ich: er wird schwerlich eine Trennung gestatten... und dann du: wir sind nicht mehr dieselben Menschen von früher. Dir ja, dir lacht noch das Leben – aber was habe ich zu erwarten? Und wenn ich auch wollte, du weißt ja: ohne des andern Einwilligung wird keine Ehe geschieden – und um das zu erreichen, vorher deine Geliebte zu werden ...« Sie zuckte schmerzlich zusammen. Sanft hatte sie ihren Arm um seinen Nacken geschlungen. Ihr Mund verzog sich zu einem wehen Lächeln. Dann sah sie ihm jäh und starr in die Augen. »Töte mich lieber,« sagte sie herrisch. »Aber um jenen Preis das Glück zu gewinnen ... Nein, du – das kannst du nicht wollen.« Sie hatte mit einer beinah grausamen Härte gesprochen. »Maria, Maria ...!« Er küßte sie mit gläubiger Inbrunst. Heiße Tränen fielen auf ihre Stirne. »Nein, du,« sagte sie schaudernd, preßte die Hände gegen seine Brust und beugte sich rücklings, »das hieße ja, das Heilige unserer großen Liebe erwürgen. Ich darf so nicht handeln und kann so nicht handeln. Niemals! – Verstehst du? Ich wollte dich noch einmal sehen, noch einmal die Stunde genießen und dann dich bitten: Gehe. – Ich habe keine Kraft und keinen Willen mehr. Sie sind gebrochen in mir; und wenn du bliebest, du würdest mich sündig machen – und das darfst du nicht wollen.« Er vermochte keine Antwort zu geben. »Sei doch stark,« sagte sie unter heftigem Schluchzen, und noch einmal ruhten ihre Lippen zusammen. »So komm,« meinte er gefaßt. Er war still wie ein Kind und gefügig wie ein Kranker geworden. Hand in Hand gingen sie heimwärts. Eine Nachtwandlerin, apathisch, gefühllos, schritt sie an seiner Seite dem ferngelegenen Garten des Hotels Quisisana entgegen. Das Meer rauschte stärker. Am schroffen Fuß der Faraglioni stäubten glitzernde Funken. Auf den Wassern war die sonore Männerstimme von gestern: » O dolce Napoli ...« In der Nähe der ersten Häuser, die verschwiegen unter dem Mond lagen, schlang sie noch einmal die Arme um ihn. Stumm und selbstvergessen sah sie ihn an. Krampfhaft biß er die Lippen zusammen. Dann trennten sie sich. – Anderen Tages ging Gottes herrlichste Sonntagsfrühe über das köstliche Eiland. Hans Behrend machte sich fertig, um mit dem ersten Schiff nach Neapel zu fahren. Meer und Erde lagen in unendlicher Klarheit. Als er die Terrasse verließ, hörte er das Rauschen von Frauengewändern. Er wandte sich. Es war Maria. »Ich seh' dich nicht wieder?« sagte sie mit schmerzlicher Stimme. Er gab ihr die Hand. »Nie mehr,« sagte er ruhig, dann ging er, ohne sich nochmals umzusehen, zur Großen Marina hinunter. Sie sah ihm mit wehen Augen nach – aber es waren Augen, die keine Tränen mehr hatten. Auf Capri wurde die erste Morgenglocke lebendig. – Er war seit Tagen daheim. In Deutschland hatte inzwischen der Frühling seinen Einzug gehalten. – Unter den Hecken und an den Uferrändern war es blau von duftigen Veilchen. Die Waldanemonen schlugen ihre Lider auf, und Narzissensterne schauerten den kommenden Ostern entgegen. Und dann ... Am Abend des dritten Tages saß der Vereinsamte in seinem Arbeitszimmer am Fenster. Im Dämmerlicht überflog er die Zeitung. Es war ein mechanisches Lesen, lediglich dazu angetan, seine innere Unruhe niederzukämpfen. Da las er: »Capri, den 25. März. Am Fuß der Faraglioni wurde die Leiche einer Deutschen gefunden. Man vermutet in ihr die noch jugendliche Frau eines höheren Regierungsbeamten. Wahrscheinlich verunglückte sie auf einem Spaziergang zur Punta Tragara.« Lautlos sank er in die Knie. Er breitete die Arme und versuchte ihren Namen zu rufen; er konnte das Wort nicht mehr finden. Im Fieber sah er die Welt an. Eine brutale Faust warf ihn nieder. Erst nach Wochen genas er. Es war nur ein halbes Genesen. Hoffnung und Zukunftsfreude gingen über die erwachende Erde. Sein Geist aber sah rückwärts. Er fand, was er suchte: sie war abgestürzt am Abend des Tages, wo er Capri verlassen hatte. Seit dieser Erkenntnis war er gezwungen, eine Tote zu lieben. Mehr denn zwei Jahre vergingen. Was die Schwalbe sang, was die Schwalbe sang ... Ja – was die Schwalbe sang ...! – Im wachsenden Dunkel hatte sie ihren Singsang verloren. Ein Duft nach Lindenblüten drang in das vereinsamte Zimmer. Im matten Dämmerlicht glitt sein Auge noch einmal über die Schriftzüge seines Freundes Heinrich vom Hövel. Mit nervöser Hand fuhr er sich über den dunkeln Spitzbart, dann nahm er Stock und Hut und ging in den Abend hinaus. Bald darauf betrat er das Telegraphenamt, verlangte ein Depeschenformular und schrieb: »Montag dort. Erwarte mich mit dem Ostender Expreßzug.« Als er das Telegraphenamt verließ, trat er in leuchtendes Mondlicht. Seine Seele war klar und ruhig geworden. II Wilhelmintje Bottertje ...! Gott, dieser Name ...! – aber sie hieß wirklich Wilhelmintje Bottertje, war eine geborene Oemmertje-Donselaer, hatte im benachbarten Sluis die vier Wände beschrien und saß jetzt vor ihrem khakifarbenen Haus in Sankt Anne, an dessen Längsseiten die Stockrosen so kräftig gediehen, daß sie mit ihren strotzigen Blütenschäften fast das Sims der oberen Fenster berührten. Und die Stockrosen waren von blauschwarzen und hellvioletten Kulören, andere wieder durchliefen die Farbenskala von Zinnoberrot bis zum gesättigten Purpur, während etliche so fromm und fleischfarbig aussahen wie das rundliche Gesicht von Madam Bottertje selber, die mit ihrer mechelschen Haube, den rotgoldenen Ohrgehängen und zusammengefalteten Händen so weltvergessen dasaß, als müsse sie über ein tiefes Geheimnis nachsimulieren. Allein Wilhelmintje Bottertje dachte gar nicht an tiefgründige Sachen, hatte vielmehr Feierabend gemacht, saß in behaglicher Muße auf ihrem Binsenstuhl und ließ sich von dem aus dem Hausflur kommenden Duft nach Spezereiwaren umspielen, aus dem jeder Kundige das Vorhandensein von Zichorien, Käse, Süßholz, Kaffee und Genever herauswittern konnte. Und in der Tat – in dem niedrigen Auslagefenster standen alle diese Dinge in weitbauchigen Gläsern, überragt von einem mächtigen Zuckerhut in blauer Papierlivree, der ebenso insichgekehrt wie Madam Bottertje auf die menschenleere Straße hinaussah und sicher vor Langeweile gegähnt haben würde, wenn es für ihn in dem Bereich des Möglichen gelegen hätte. Was er jedoch nicht vermochte, das besorgte Wilhelmintje Bottertje – sie gähnte, und zwar so kräftig und nachhaltig, daß ihre Weisheitszähne sichtbar wurden, und die langen Ohrgehänge in eine klingende Bewegung gerieten. Dieses sanftmütige Goldgeklingel war das einzige Geräusch in Sankt Anne, wenn man von dem feinen Lispeln der Pappeln absah, die in der Dorfstraße standen und ihre silberigen Blätter kaum wahrnehmbar auf und nieder bewegten. Selige, einschläfernde Ruhe schien überhaupt das Attribut von Sankt Anne, und wäre nicht der Verkehr auf der schmalspurigen Vizinalbahn gewesen, die die Verbindung mit dem nahgelegenen Knocke sur mer, Brügge und dem linken Scheldeufer vermittelte, diese Ruhe hätte an die weiche, schaukelnde Ruhe einer Schleiereule erinnert, die in stillen Sommernächten auf linder Watte dahingleitet. Überhaupt diese Ruhe ...! – Sie lag auf den Türschwellen der niedrigen Häuser, sie haftete an dem mächtigen Ziegelturm, der, stumpfabgeschnitten und mit dreiläppigen Rippen verziert, wie ein massiger holländischer Pastetenbäcker aus dem Boden herauswuchs; sie spazierte in die müden Wiesen hinein, über die benachbarten Dünen, hinter denen das Meer lag, still, groß, alles umfassend – aber wie mit Öl Übergossen. Das Meer träumte. Selbst in den Rispen des sonst so nervösen Strandhafers war nicht die geringste Bewegung. Sankt Anne glich einer schnurrenden Katze, die, halbeingeduselt, kaum noch zu blinzeln vermochte, und der von Zeit zu Zeit eine liebevolle Hand über das schiefersilbrige Fell strich – halb eingeduselt wie Wilhelmintje Bottertje selber, die noch immer dasaß, als hätte ihr eine innere Stimme geboten: »Estimiere die flandrische Stille.« – Na, das besorgte Wilhelmintje denn auch. Ein toter Schellfisch hätte seine Sache nicht perfekter ausführen können. Wilhelmintje Bottertje war wirklich so still wie ein Schellfisch. Ihrem schlichten Anwesen schräg gegenüber lag ein ähnliches Häuschen. Dieselbe Khakifarbe, dieselben blauangestrichenen Fensterläden, Stockrosen von denselben Kulören, die gleichen Klinkertreppen, der nämliche Türgriff, blank wie ein Dobbeltje, das eben aus der Präge hervorklingelt – nur das Auslagefenster enthielt andere Waren. Statt der breiten Geneverbouteillen, der Gläser mit Kristallzucker und Kaffee, präsentierte sich hier eine Serie Brabanter Spitzen, die ihr Dasein der Werktätigkeit und geschickten Hand der wackeren Inhaberin des Häuschens verdankten. Es war gezwirnte Renaissancetüftelei, geklöppelte Gotik, und vor dieser geklöppelten Gotik, neben der Klinkertreppe, stand ein hochlehniger Sessel und vor ihm ein niedriges Tischchen – und dann ging die Tür auf, die blitzblaue Tür mit dem messingenen Handgriff ... Der Zauber der Weltverlorenheit war von Sankt Anne gewichen. Auf der blankgescheuerten Schwelle erschien eine Frauensperson, die ein wohlassortiertes Klöppelkissen im Arm hielt. Beim Anblick dieser Erscheinung wäre jeder Unkundige vor Schreck in die Knie gefallen, denn das leibhaftige Ich der Madam Bottertje war aus dem khakifarbigen Häuschen getreten und nickte über die Straße seinem eigenen Selbst zu. Aber wieso denn ...?! Die beiden Gegenüber glichen sich wie eine Erbse der anderen, wie eine Kaffeebohne der anderen Kaffeebohne, sowohl hinsichtlich des inneren wie des äußeren Menschen: der Komplettigkeit nach und dem Phlegma nach. Sogar der Matronenspeck wies dieselben Falten und Fältchen auf, die rotgoldenen Ohrgehänge hatten ein und dasselbe Geklingel, und es hätte entschieden zu den schwerwiegendsten Komplikationen geführt, wären die Haubenbänder und Rüschen der beiden nicht von verschiedenen Farben gewesen. Es war also ein Spiel der Natur, daß Sankt Anne zwei leibhaftige Wilhelmintje Bottertje aufweisen konnte?! – I, Gott bewahre! – Zwei Wilhelmintje – nein; aber zwei Bottertje – ja, und dazu noch zwei Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, wovon die zuletzt Erschienene, also die mit dem Klöppelkissen, sich Bernadintje schrieb, eine um zwei Stunden elf Minuten jüngere Zwillingsschwester Wilhelmintjes war und sich mit dem Balbierer und Ferkelschneider Basilius Bottertje, dem Mannesbruder ihrer Schwester, verheiratet hatte. Wilhelmintje hatte mit ihrem Jan Glück in der Ehe, während Basilius sich als ein Windschneider herausmusterte, keine Schürze in Ruhe ließ und eines Tages mit der noch jugendlichen Frau des Manufakturisten Luis Gielen aus Lisseweghe auf- und davonging – eine lange und verweinte Geschichte, die aber schließlich Bernadintje veranlaßte, einen Spitzenladen aufzutun und darüber mit weißer Ölfarbe schreiben zu lassen: ›Bernadintje Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, Witwe en Kopmannsfrau te Sankt Anne in Holland.‹ Und so war es bis zum heutigen Tage geblieben ... und Bernadintje trat über die Schwelle, setzte sich auf ihren Binsenstuhl, legte ihre Klöppelei zurecht und rief über die Straße: »Tag, Wilhelmintje!« »Tag, Bernadintje!« »Wie geht's?« »As't üh belieft, Bernadintje?!« »Ich meine, wie's geht!« »Merci. Jan macht nach Brügge.« »Mit seinem Tilbury?« »Nein – mit die Landkutsch.« »Warum denn?« »Er muß 'ne frische Bettstelle holen.« »Hm, hm!« machte Bernadintje und ließ mit einem charakteristischen Geräusch die birnförmigen Holzspulen durcheinander haspeln. Dann fragte sie wieder: »Wilhelmintje, wieso denn?« »Weil uns Mynherr vom Hövel 'nen neuen Inwohner rekommandiert hat.« »Ist denn Mynheer vom Hövel schon hier?« »Seit Freitag.« »Und der Rekommandierte?« »Ist ein Schriftgelehrter aus Deutschland.« »Gratuliere!« »Merci – und deine Inwohners?« »Haben gestern geschrieben.« »Und kommen?« »Ja!« rief Bernadintje, »der deutsche Domine und seine Tochter aus Brügge. In vierzehn Tagen können sie hier sein. Ich freue mir sehr.« »Ich auch,« sagte Wilhelmintje, und dann begannen abermals die Klöppelspulen zu sprechen und die Ohrgehänge zu klingeln, und die Pappelbäume plauderten ganz leise dazwischen, und die große Ruhe von eben stelzte wieder, wie eine graue Spinne mit langen Kankerbeinen, über das weltvergessene Dorf hin, und die steifen Stockrosen standen da wie Myfrouwen im Putz, die sich äußerst staats gemacht hatten und vor lauter Feinheit sich nicht zu setzen vermochten, und Wilhelmintje Bottertje gähnte noch einmal, dann drehte sie sich langsam auf ihrem Untergestell, wie eine holländische Windmühle auf ihrem, Balkenrost, und rief in den Hausflur: »Jan, mach voran! – Wie weit ist die Sache?« Und Jan kam; Jan kam hemdsärmelig in Velvet-Hose und Weste, die Hände so tief in den Hosentaschen vergraben, als müsse er sich in der Gegend der Kniekehlen jucken. Er kam mit ausrasiertem Nacken, mit pomadisierten Polkalocken, über die er eine seidene Schirmmütze gezogen hatte, mit aalglatt halbiertem Kabeljaugesicht, in dessen Mundecke ein Gaudaer Tonstummel saß, dem ein Rauchwölkchen entstieg, das sich übermütig gen Himmel kringelte. Und dieses gekringelte Rauchschwänzchen war das einzige Lustige an Jan Bottertje; sonst alles Resignation und Pomade. Jan war sanft wie Postpapier, die verkörperte Wehleidigleit, eine zu Bein und Fleisch gewordene Treckschuit, die sacht und gemütlich die mit grünen Wasserlinsen bestandenen Kanäle durchwackelt. Jan war eine gedämpfte Trauermusik – aber ein pfiffiger Spezereiwarenhändler, ein viver Ehemann und als Schweinezüchter bekannt in der ganzen Umgebung. Das Kaufmännische verdankte er seiner ganzen Veranlagung, den viven Ehemann der steten Aufmunterung von Wilhelmintje, und was den Schweinezüchter anbetraf, so war er hierzu wie ein Stockfisch zur Polka-Mazurka gekommen. Gott, ne nicht! – sein Bruder Basilius war eben ein Windhund gewesen, hatte bei seiner Liebesaffäre den ›Balbierer‹ und ›Ferkelschneider‹ in Sankt Anne gelassen, und da Jan merkantil veranlagt war, sah er nicht ein, warum er den ›Balbierer‹ und ›Ferkelstecher‹ nicht mitnehmen sollte. Na – das tat er denn auch, verwaltete den Spezereiwarenladen im Nebenamt, legte den Hauptdruckser auf das Balbierer- und Schweinegeschäft und brachte es fertig, sich im Verlaufe weniger Jahre so herauszumustern, daß er in der ganzen Umgegend, und zwar von Brügge bis Heyst, von Blankenberghe bis Sankt Anne ter Muiden nur unter dem Spitznamen ›der Ferkel-Jonkheer‹ bekannt war. Und dieser ›Ferkel-Jonkheer‹ trat über die Schwelle, sah mit seinen wasserhellen Fischaugen verliebt in das etwas aufgeregte Antlitz seines Weibes und fragte: »As't üh belieft, Wilhelmintje?« Die Worte kamen ihm so breit und zäh aus dem Munde, als hätte er jedes einzelne aus einer Sirupschüssel gelöffelt. Das mußte Wilhelmintje nun ärgern, und in dieser Verärgerung kriegte die friedliche Stille von Sankt Anne einen gehörigen Knacks weg. »Jan,« fuhr sie auf, »du bleibst doch immer der nämliche Döskopp.« »Wieso?« fragte Jan, »und wofür die Mouvements, Wilhelmintje?« Jetzt hatten die Worte den Anschein, als seien sie direkt aus einem bereits abgekühlten Leimtopf gekommen. »Mouvements?!« entsetzte sich Wilhelmintje, »wo übermorgen der Schriftgelehrte von Deutschland nach hier kommt? – Mouvements?! – wo wir immer noch keine Bettstellage besitzen? – Mouvements?! – wo diese Bettstellage mit die Landkutsch von Brügge ...? – Heilige Jungfrau von Sankt Anne ter Muiden!« Erregt schlug Wilhelmintje Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, ihre patschigen Hände zusammen, sprang auf und deutete mit ihrem Zeigefinger durch die Haustür: »Nu aber voran, wenn du nicht willst, daß Mynheer vom Hövel dir das Kamisol vermöbelt. Und so ein langsamer Pitt will hier die Tage als Ferkel-Jonkheer verschleißen? – 'ran an die Arbeit.« »Schön,« sagte Jan, drehte bei und ging breitbeinig um die Stockrosen herum dem inneren Hof zu, und es währte nicht lange, da bekam die Stille von Sankt Anne nochmals einen gehörigen Knacks weg. Nicht etwa dadurch, daß Wilhelmintjes Ohrgehänge in ein sanftes Klingeln gerieten, noch weniger dadurch, daß Bernadintje aufs neue mit ihren Klöppelspulen hantierte – ein überlustiges Schweinequieksen ertönte, ein Schweinequieksen so seelenvergnügt wie das Rauchkringelchen von Jan Bottertjes Pfeife, dann ein fröhliches Peitschengeknalle ... und Jan Bottertje kam stolz wie ein Spaniol um die Ecke gefahren. Aber wie?! – Gotts den Donner! – nicht mehr wie Resignation und Pomade. Jan Bottertje kam als Ferkel-Jonkheer in seiner Landkutsch gefahren; vorneweg drei kapitale Mutterschweine im Sielengeschirr, prächtige Vertreter ihres Geschlechts, die auf ihrer Lebenspilgerfahrt wenigstens fünfmal geferkelt hatten und mit den Namen Doortje, Amalie und Sophie aufwarten konnten. Nein – diese Auffahrt! – Amalie ging in der Schere, Doortje und Sophie flankierten, blank im Putz, und das mit einer Andacht, als wären sie schon jahrelang in einer Karosse gegangen. An jedem Schweineschwänzchen kapriolte dazu noch eine seidene Schleife in den niederländischen Farben, blau-weiß-rot – und in diesem Aufzug ging es schlankweg durch die verlorenen Gassen von Sankt Anne ter Muiden. Es war um aus der Haut zu fahren, aber so einer des Glaubens sein mochte, Wilhelmintje und Bernadintje Bottertje hätten sich vor Lachen auf ihren Binsenstühlen geschüttelt, so hätte er sich auf dem Holzweg befunden, denn die beiden hielten das Verhältnis der Bespannung zur Landkutsch für so selbstverständlich, wie die Zugehörigkeit eines Kalbes zur milchenden Kuh, und darum: sie gähnten, klöppelten weiter und ließen, ohne mit der Wimper zu zucken, den Ferkel-Jonkheer, Sophie, Amalie und Doortje mitsamt der niedrigen Landkutsch einfach in das silberige Grau der duftigen Landschaft untertauchen. Jan ratterte weiter, verfolgte die Heerstraße und bog nach kurzer, pläsierlicher Fahrt in den schattigen Landweg ein, der über Oostkerke und Damme, an einem schleichenden Wasser vorbei, gen Brügge führte. Seitwärts des Weges lagen Wiesen und Felder. Darüber hinaus grenzte ein hingehauchter Strich den fernen Horizont ab, aus dem sich, wie hingepinselt, die scharfsilhouettierten Türme von Brügge in den wolkenlosen Himmel erhoben. Tiefblaue Schatten legten sich quer über den Landweg, durchsetzt von abgezirkelten Sonnenreflexen, die dort auf- und niederzitterten und sich gerierten, als seien sie mit dem Sankt Veitstanz behaftet. Und dazu schwefelgelbe Lupinen zur Linken, knallroter Mohn und Roggenfelder zur Rechten, Jan Bottertje mit Amalie, Sophie und Doortje dazwischen! – eine holländische Farbenkirmes, wie sie Jan Steen in seinen besten Träumen nicht lustiger gesehn haben mochte. Und dann eine Biegung ... und als Jan sie passierte, schlug ihm zuerst ein helles Gelächter und dann eine prächtige Männerstimme entgegen: »Seh' ich drei Rosse vor dem Wagen, Gelenkt vom jungen Postillon ... Himmel, Herrgott noch mal! – Moritz, das wäre so dein richtiges Genre! – Das ist ja um die leibhaftige Kränke zu kriegen!« – und als die prächtige Männerstimme das sagte, sprang ein putziges Männchen mit schlenkrigen Armen, die bis zu den Kniekehlen reichten, einen fuchsigen Zylinder von unglaublicher Bauart schief auf dem Kopf, über den Straßengraben, warf Pinsel und Malstock beiseite und gesellte sich dem Sprecher, der hochaufgerichtet und in seiner ganzen männlichen Kraft mitten im Wege stand und sich jetzt vor Lachen den Bauch halten wollte. Über die abgemergelten Züge des Kleinen zog ein lustiges Grinsen. »Fein!« sagte er heiser. »Und ob!« hielt ihm Heinrich vom Hövel fröhlichen Mundes entgegen. – »Moritz, so was gibt's nicht mehr zwischen Himmel und Erde – und du solltest dich wirklich schämen ...« »Leider,« konstatierte das verhutzelte Männchen, wollte noch mehr sagen, schluckte aber in stiller Ergebung das Gewollte herunter und sah zu, wie Jan Bottertje in seinem unmöglichen Gefährt näher kutschierte. »Wohin?« rief ihn Heinrich vom Hövel an. »Nach Brügge.« »Was soll's dort?« »'ne Bettstelle holen.« »Dann glückliche Reise und 'ne schöne Bestellung an den Domine Erasmus van Dornick – ich käme.« »Wann?« »Übermorgen.« »Merci.« »Adjüs denn.« »Adjüs denn,« gab Jan Bottertje zurück und karriolte landeinwärts. »Nein, dieser Zauber!« rief Heinrich vom Hövel und fuhr sich gemächlich durch seinen hellblonden Schnurrbart, »diese genialen Eulenspiegeleien in optima forma ! Und du ...?« Mit einem feinen Schmunzeln und leuchtenden Auges war er näher getreten. »Für dich fallen hier in Sankt Anne die Motive vom Himmel herunter, das reinste Manna, und du bist nur zu faul, es dir regelrecht in die Tasche zu stecken.« »Junge, ich kann nicht anders!« replizierte der unglückliche Zylindermann, dessen greisenhaftes Gesicht in wunderlicher Weise mit der zwergigen Gestalt kontrastierte. »Und wenn ich darüber verrückt werden sollte – ich kann ja nicht anders.« Betrüblich hob er dabei die stakeligen Arme gen Himmel und stierte ins Leere. Dann fiel ein spöttischer Blick auf seine Staffelei, die sich's im Schatten einer breitausgelegten Weide bequem gemacht hatte. »Das weiß ich ja alles. Ich möchte mit dem Kopf durch die Leinwand – Himmel, Herrgott noch mal! – ich möchte ... Aber laufe einer mal Sturm gegen den gebildeten Pöbel?! – Du hast ja die große Nummer gezogen. Dir fressen ja die Könner und Wisser aus der Hand; du bist der Kerl, dem es vergönnt ist, dem verschleierten Weibsbild von Sais unter die Maske zu fahren, während ich ... Hihi! – nichts weiter, guter Freund, als ein malender Helote; nichts weiter. – Marasmus! – Marasmus ...!« Mit einem häßlichen Gelächter riß er sich den fuchsigen Zylinder vom Kopf, wirbelte ihn durch die Luft und stülpte ihn alsdann mit demselben Gemecker wieder über die mausgrauen Haare. Wie beschwörend hob Heinrich vom Hövel die Hand in die Höhe. »Moritz, nicht tragisch, keine dramatischen Szenen; das kleidet dir nicht, das ist nicht auf deinem eigenen Grund und Boden gewachsen. – Lediglich Pose! – und würde mir der Glaube genommen, du wärest nicht in deiner ganzen verrückten Eigenart direktemang aus einem närrischen Bild von Franz Hals oder Adrian Brouwer gepurzelt, hättest nicht das grandioseste Kindergemüt, das sublimste Herz unter der Weste – aus! Ich hätte dir schon längst meine Freundschaft gekündigt.« »Hihi!« machte der Kleine, sprang fixbeinig in den Graben zurück, ließ sich dort nieder und legte den schweren Kopf in die Hände. Heinrich vom Hövel hatte sich an seine Seite begeben. »Es ist traurig, aber wahr,« sagte er heiter, »daß sich an einem blühenden Rosenstock immer die infamsten Blattläuse befinden – und du bist so ein blühender Rosenstock, Moritz.« »Warum das?« fragte der Unglücksmann mit einem erfrorenen Lächeln. »Weil ich es weiß, weil ich mir schon längst dieses Erkenntnislicht aufgesteckt habe. Ich habe so das unbewußte Gefühl: ich bin berufen, Menschenherzen zusammenzurütteln und sie wieder in die richtige Angel zu heben. Übermorgen kommt auch so'n Unglückshuhn mit Raupen im Kopfe. Aber, Moritz, nu mal ernstlich gesprochen. Schon seit zwei Jahren trag' ich's mit mir herum. Heute muß es mir von der Leber herunter, denn sieh mal, mein Junge: du schwebst im Leeren, im Garnichts. Unkünstlerisch verschwendest du dein eigenes, bestes Können an die miserabelsten Dinge. Platte Akademik, Stimmungsduselei, getüpfelte Lyrik! – und bist doch eigentlich geboren, in die breiten Stapfen der alten Niederländer zu treten.« »Marasmus! – Marasmus ...!« lamentierte der Kleine und streckte seine Troglodytenarme in das Licht des sonnigen Himmels. »Hoherpriester – ich bitte um Gnade!« »Die hast du,« gab ihm sein Partner zurück, »aber sieh dir diese Prachtkerle doch einmal genauer an, diese niederländischen Kerle. Nirgends das unsichere Tasten nach Reflexion, keine gequälten Allegorien, alles in Farbe getaucht, pastos, leuchtkräftig, lebendig. Menschen, Gedanken, Naturlaute – nur so aus dem Handgelenk auf die Leinwand gebürstet. Alles erlebt, erliebt und ersündigt! – Menschen wie wir sind! – Menschen, die weinen, Purzelbäume schlagen und lachen – und alle mit einem drolligen Kringelschwänzchen im Nacken. Die Bottertjes, der Seelenmensch, die übrige Kirmes – das schreit ja nach dir, hält dich beim Rock fest. Aber du: immer nur die alten Motive, Bilder ohne Bildwirkung, Dutzendware gewöhnlichster Sorte! – Das geht nicht in die Tiefe hinein, wächst nicht aus der Tiefe heraus. Blutleere Intuitionen, kalkig, kreidig ... Heilige aus der Zeit, wie sie Deger, Ittenbach und Konsorten malten – und dafür bist du nach Sankt Anne gekommen?« »Mensch ...!« schrie der Kleine und fuhr in die Höhe. Mit häßlichem Gemecker schlug er seinen köstlichen Zylinder in diverse Falten und Beulen und stülpte ihn wieder zu seinem früheren Selbst auf. »Mensch, du reißt mir ja das Herz auseinander!« »Das weniger,« sagte Heinrich vom Hövel, »ich will's nur auf die richtige Stelle placieren. Warum ziehst du den alten Adam nicht aus und verlegst dich auf Dinge, die dir und mir imponieren, die die Lachmuskeln in Bewegung setzen und uns in stille Winkel verschlagen?« »Weil's die Menschen nicht wollen,« winselte Moritz in seiner fratzenhaften Häßlichkeit, warf mit einem grimmigen Lachen den Hut nochmals nach oben und fing ihn dann wieder, »weil's die Menschen eben nicht wollen. – Andernfalls lassen sie mich an ihren blauen Lappen nur riechen ... Die Posaunen des Jüngsten Gerichtes über Couponschere und Geldsack!« Mit einem betrübten Seufzer fiel der Ärmste in sich zusammen. »Ich bin nun einmal der Sklave meines erbärmlichen Schicksals und meiner Bestimmung geworden,« sagte er traurig. »Hier liegt ja der Knüppel beim Hunde. Marasmus! – Marasmus...!« »Weiß ich ja alles,« unterbrach ihn Heinrich vom Hövel. »Pfui Deibel nochmal! – Halte doch diesem Ungeschmack eines parfümierten Pöbels die Faust unter die Nase. Die Entwertung des Gegenständlichen, des lachenden Lebens hast du auf dem Kerbholz. Mensch, du kannst das Wunder doch nicht erwarten wollen, indem du die Hände in den Schoß legst! Du gehst ja unter im allesfressenden Schlamm des Alltäglichen. Aus diesem Schlamm dringt die Tatze nicht vor – und du hast eine Tatze. Ja, Moritz, du hast eine Tatze.« »Tatze, Tatze ...!« Mit der Gewandtheit eines Parterreakrobaten war Moritz Dütz-Josum auf die Beine gesprungen. »Tatze, Tatze...!« rief er noch einmal und glitt mit einem wehmütigen Blick über die vorgestreckten Hände fort, deren Finger sich wie die Gliedmaßen eines großen Skorpions bewegten, dann stieß er sich mit der Faust gegen die Stirne und begann wieder zu lachen. Es war ein infernalisches Gelächter, ähnlich dem eines Kauzes, wenn er in mondhellen Nächten um den Turm von Sankt Anne reviert. »Hier, diese Tatze ...! – Ja, du – ich möchte schon anders, ich könnte schon anders! – aber die abgeleierte Phrase: ›Die Kunst geht nach Brotschnitten,‹ ist bei mir zu einer kleinen Bestie geworden. Ich kann sie nicht los werden. Sie sitzt mir am Halse und fingert mir die Kehle zusammen – hier diese Kehle zusammen.« Seine Augen nahmen einen gläsernen Blick an. »Und nur darum und deshalb bin ich ein Tempelschänder geworden,« sagte er tonlos. »Die Bestie will immer Brotschnitten haben, und ich muß sie ihr geben.« Sein Kopf sank nach vorne. Heinrich vom Hövel hatte sich gleichfalls erhoben. Sanft legte er die Hand auf die Schulter des insichgekehrten Mannes und meinte zaghaft und mit umflorter Stimme: »Moritz, das wußte ich nicht.« »Nicht?« fragte der Kleine. »Also wirklich nicht gewußt? – Auch nicht geahnt?« »Nein,« sagte Heinrich vom Hövel, »auch nicht geahnt.« »Dann laß dir's erzählen.« Und Moritz stierte zu Boden, stierte lange zu Boden, dann fuhr er sich mechanisch an den Hals, als sei er gewillt, die schnürenden Finger des kleinen Untiers weniger empfindlich zu machen. »Äh!« sagte er schließlich, »und nun sieh mal, mein Junge: da liegt so 'n weltverlassenes Drecknest zwischen Kleve und Geldern. Vor Jahr und Tag schlurfte und schlappte da eine Webelade. Und hinter dem Webstuhl hockte ein Mann mit kranken Augen und einem Gesicht, das so ziemlich die Mitte hielt zwischen dem einer Spitzmaus und eines Verhungernden. Mit demselben Spitalgesicht konnte auch meine Mutter aufwarten, die neben der Lade saß, bis spät in die Nacht hinein die Flachsspule drehte und immer nach Luft schnappte, wenn so die infamen Wergsplitterchen ihr in die Lunge spazierten. Aber sonst ging's bei uns lustig zu, das heißt bei den Ratten und Mäusen, denn wenn Mutter mal so 'n warmes Weißbrot erwischte, dann sprangen die ekligen Biester auf den Tisch, pfiffen und tanzten und sahen uns mit ihren blutroten Äugelchen an, als wenn sie uns die armseligen Brocken mißgönnten. Das taten auch die infamigen Biester und schlugen mit ihren klebrigen Schwänzen auf die Tischplatte, daß es man so klappte und knallte.« »Aber ich bitte dich, Moritz!« »Ja, so war das, mein Junge,« lächelte der Kleine mit unendlicher Ruhe, »und ich kann dir nur sagen: wir Dütz-Josums waren schon eine feine Gesellschaft. Na – und die klebrigen Schwänze ...?! – Fünfzehn Jahre hindurch hörte ich das ekelhafte Klappen, das Quieksen und das unförmige Gewuchte der Lade – und da eines Tages, so um die Adventzeit herum, machte das Webeschiffchen einen fidelen Hopser, mein Vater streckte beide Arme nach vorne und fiel dann kopfüber. Amen! sagte meine armselige Mutter, und als sie das sagte ... So etwas vergißt sich nie mehr im Leben und klingt akkurat, als wenn jemand mit hartem Finger auf 'nein Sargdeckel knöchelt. Ich hör' es noch heute. Zwei Jahre später hatte auch das alte Spulrad seinen Atem verloren. Da stand ich nun, ein gelernter Pinselmagister, zwischen meinen Geschwistern: rechts von mir Lene, die zwei Flachsköpfe aufpäppeln mußte, aber vergessen hatte, sich nach 'nem regulären Mann umzusehn; links von mir Jakob, mein älterer Bruder, der noch mit seinen zwanzig Jahren vor einer Fliege bang war und mit dem Drehkreisel spielte. Und beide sahen mich mit ihren hungrigen Augen an, als wenn sie sagen wollten: Moritz, wie soll das nun mit den Brotschnitten werden? – Mensch!« schrie plötzlich der Erzähler auf und warf seine Spinnengelenke nach aufwärts, »nur der Brotschnitten halber bin ich ein Schänder im Tempel der Kunst geworden. Nur der Brotschnitten wegen! – und jetzt sage, daß ich ein verpfuschter und ganz miserabler Kerl bin.« Er schnappte nach Atem. »Du verstehst das doch alles?« fragte er traurig. »Ich verstehe,« sagte Heinrich vom Hövel und war dicht an seine Seite getreten. Dann beugte er sich vor und flüsterte ihm eindringliche Worte zu, aber so heimlich und leise, als sollte niemand es hören, die Welt nicht und keine menschliche Seele. Die Roggenfelder begannen stärker zu rauschen und deckten das Geflüster zu, das nur für den braven Moritz bestimmt war. Allein Moritz durchriß diese Stille, gestikulierte mit Armen und Beinen und wollte absolut von den eindringlichen Worten nichts wissen. »Es geht nicht, es geht nicht!« rief er verzweifelt und praktizierte wieder etliche Beulen in seinen grotesken Zylinder. »Und wenn ich dir sage ...« hielt ihm Heinrich vom Hövel flammenden Auges entgegen. »Es muß gehen. Schon der Kunst wegen kannst du meinen ehrlich gemeinten Vorschlag nicht von der Hand weisen. Ich will ja dein Bestes.« Der bedrängte Mensch klappte zusammen. »Es geht nicht,« sagte er leise. »Es ist nicht geschenkt, Moritz, es soll nicht geschenkt sein. Wenn bessere Zeiten kommen, wenn du dem gebildeten Pöbel die Faust unter die Nase gestreckt hast, und er auch bei dir anerkennen muß, was Kunst und was nicht Kunst ist, dann« – und seine Stimme sank herab zu einem heimlichen Sprechen – »dann, Moritz, kannst du's mir ja in einzelnen Raten ...« Er sprach nicht weiter, aber seine herzlichen Worte hatten ein fruchtbares Erdreich gefunden. Über das verschrumpfelte Gesicht des armen Dütz-Josum ging der stille Abglanz einer überirdischen Freude. Große Tränen liefen ihm über die Wangen. Ungeschickt tastete er nach der Hand seines Freundes, und als er sie endlich gefunden hatte, hielt er sie fest, als wollte er sie so halten für immer. »Na, denn ...« sagte er ruhig. Und da standen die beiden inmitten der großen vlämischen Ebene: Moritz Dütz-Josum, der zwergige Mensch, ein fahriges Spiel der Natur, das sie gleichsam aus dem Hohlspiegel genommen und in die Welt gestellt hatte, aber auch der Mensch mit der großen Kunst in dem zerrissenen und nun wieder gesundeten Herzen – und neben ihm der Mann, dessen Gestalt in den Himmel hineinwuchs, der gesunde Teutone, dem das Glück günstig gewesen und dessen Fuß wandelte in dem Paradies herrlichen Schaffens. Um beide schauerte eine heilige Stille. Man hörte die Stille, man fühlte die Stille; sie streckte die Hand aus, und da war es so, als gingen ferne Glockentöne über die Erde, als wäre ein leises, melodisches Klingen lebendig geworden. Waren es die Glocken von Brügge, oder waren es Glockenklänge, die nur die Seelen verstanden? »Komm,« sagte Heinrich vom Hövel, und da packten die beiden ihre Malgeräte zusammen, warfen sich den Rucksack flott über den Rücken und schlenderten dem nahgelegenen Sankt Anne entgegen. Aber die Glocken klangen immer weiter und weiter ... immer weiter und weiter ... und sie klangen noch fort, als Moritz bereits in seine Wohnung geschlüpft war, und Heinrich vom Hövel die Dorfstraße verfolgte, die zu dem Anwesen der Bottertjes führte, woselbst er sich eingetan hatte. Über den khakifarbigen Häuschen standen bläuliche Rauchwölkchen, die sich kerzengerade aus den zuckerweißen Schornsteinen drehten – und vor den Türschwellen saßen die beiden noch immer: Wilhelmintje und Bernadintje, und ihre goldenen Ohrgehänge klingelten fromm und weltverloren durch den seligen Frieden von Sankt Anne ter Mulden. Als nun Wilhelmintje bemerkte, daß ihr Einwohner in Sicht war, erhob sie sich äußerst vornehm und in ihrer ganzen Komplettigkeit von den Binsen, und als er vor ihr stand und lächelnd guten Tag bot, faßte sie mit ihren rundlichen Fingern zwei Fältchen ihres Kleides und knickste und knickste. »Mynheer vom Hövel, heelmoojen Abend! – und wenn ich Sie nach oben invitieren darf, so werden Sie sehen, daß die Zimmer für den rekommandierten Schriftgelehrten aus Deutschland extraordinär parat sind.« »Also schon fertig?« »Bis auf die Bettstellage, Mynheer – aber sonst: alles so proper wie ein Hoenderei, das meine beste Klucke gelegt hat.« »Wilhelmintje, wenn das ist,« freute sich Heinrich vom Hövel, »dann kann ich mir absolut nicht mehr helfen, dann muß ich ...« Mit hellem Lachen hielt er die Arme gebreitet. »Man zu!« kicherte Wilhelmintje in sich hinein. Um ihre Mundwinkel spielte es, als wäre da ein Mäuseschwänzchen lebendig geworden. »Immer man zu,« sagte sie lustig, »mir und meinem Jan schaniert das nicht weiter.« Und da umhalste er sie und gab ihr einen herzhaften Kuß auf das appetitliche Mäulchen. »O! – o! – o!« rief in diesem Augenblick Bernadintje von jenseit der Straße herüber. »Bernadintje,« gab Wilhelmintje vergnügt zurück, »es ist an die richtige Adresse gekommen, und nu, Mynheer vom Hövel, ich bitte – angtree.« Und da gingen die beiden in das trauliche Häuschen, vor dem die Stockrosen blühten, die Stockrosen mit ihrer ganzen Farbenskala vom Zinnoberrot bis zum gesättigten Purpur, und sie ließen die große Stille draußen, die große, heilige Stille mit ihrem unnennbaren Zauber – die große, heilige Stille von Sankt Anne ter Muiden. III »Also um sieben ein halb mit dem Ostender Expreßzug ... Spiegelungen! – Spiegelbilder! – die da kommen, gehen und schwinden – und haften bleiben. Also auch haften bleiben? – Ja, wie Kletten an einem faserigen Wollstoff, wie Fingerabdrucke in weichem Ton ...« Heinrich vom Hövel drückte sich den Hut in die Stirne, trat gemächlich vor den kleinen Spiegel, der an der Schmalseite seines freundlichen Zimmers hing, und hauchte etliche Male gegen die Scheibe. Mit seinem Taschentuch aber nahm er das Hingehauchte wieder eiligst hinweg, wandte sich einem nur lose zusammenhängenden Konglomerat von vergilbten und staubigen Blättern zu, die auf einer niedrigen Anrichte lagen, zog verschiedene Notizen heraus und steckte sie zu sich. »Domine, du wirst Augen machen; dein ganzes Sinnen und Forschen sieht dich mit anderen Blicken an, und Hans Memling bekommt endlich die ewige Ruhe. Requiescat in pace sancta .« Nochmals trat er vor den kleinen, unscheinbaren Spiegel. Von dem Hingehauchten war nichts mehr übrig geblieben. Die schmale Glasfläche strahlte in ihrer früheren Klarheit. »Blank,« sagte er lächelnd, »und wie der hingeworfene Hauch ein leeres Nichts war, so wird auch deinem Erinnern das Traurige, Bedrückende, Gespensterhafte abhanden kommen – und die tote Maria wird ihre Seele in die Hände nehmen und sagen: Endlich gesundet.« Hierauf warf er die niedrigen Fenster sperrangelweit auf. Blühende Geranienstöcke und Nachtviolen grüßten ins Zimmer, über Skizzen und Schassen eines künstlerisch fühlenden Mannes flutete das Licht eines köstlichen Sommertages. Jenseit der roten Ziegeldächer lagen Wiesen und Roggenfelder. Ein warmer Duft spielte herauf. In den Dorfgassen war noch immer das weltverlorene Säuseln der vergangenen Tage, das Träumen und Sehnen – aber aus dem reifenden Getreide stieg eine Lerche gen Himmel. Spiegelungen! – Spiegelbilder ...! Heinrich vom Hövel begab sich nach draußen, ging der nahegelegenen Vizinalbahn zu, um mit ihr nach Brügge zu fahren. Gegen vier Uhr traf er dort ein; scheinbar ziellos schlenderte er an stillen Grachten und verwunschenen Gebäuden vorbei und verlor sich alsbald in dem Gewirr von Straßen und leblosen Gassen. Im toten Brügge ...! – aber wenn so das Sonnenlicht in die verstohlenen Ecken und Winkel hinabglitt, ein heiterer Himmel die einsamen Türme der Stadt aufleuchten machte, zwar auch dann drang nicht der große Pulsschlag der Welt bis zu ihr, aber die Totenstarre wurde doch für etliche Stunden von ihr genommen. Hinter ihrem florigen Schleier dämmerte ein weltfernes Licht auf, in den abgestorbenen Adern begann erneutes Leben zu fließen, der große Schmerz verging, und die Glocken, die von allen Kirchen riefen, gaben diesem Sonnenlicht einen wärmeren Ton; ihr Geläut erinnerte nicht mehr an die dumpfen Klagen um einen Verstorbenen. Aber dieses aufflackernde Leben währte nicht lange. Es war eitel Schein und ließ den Gedanken an mattes Rauschgold aufkommen, mit dem man die Abgeschiedenen schmückt, an Kirchhofsblumen, die auf Gräbern wachsen; denn sobald sich die Dämmerung auftat, hüllte sie sich wieder in ihre dunklen Kleider, und die Gasflammen der Straßenlaternen gemahnten an Unschlittkerzen, wie sie brennen am Tag Allerseelen. Da war es so, als käme vom Beghinenhofe eine schwarze Nonne gegangen. Sie ging eigentlich nicht, sondern schwebte in aller Heimlichkeit durch die mit Gras bewachsenen Straßen der grauen Stadt hin. In der Hand trug sie eine brennende Kerze. Ein weißes Gebände legte sich um das wächserne Gesicht, dessen Züge ein mattes Lächeln umspielte, aber ihre Augen waren geschlossen. Sie ging am Minnewater vorüber, wo verträumte Schwäne auf dem breiten Spiegel des Wassers wie große Seerosen schwammen, sie ging durch die Sankt Katharinenstraße, durch die Flandrische Straße, sie passierte die Hallen, die Kapelle vom Heiligen Blute, das Johannishospital, in welchem Hans Memling den Reliquienschrein der heiligen Ursula illuminiert hatte, die Liebfrauenkirche mit dem Sarkophag der schönen Maria – immer mit geschlossenen Augen und brennender Kerze, und wo sie vorbei kam, da wurde das Leben zum Schlafe, der Schlaf zum Tod. Hinter den weißen Musselingardinen der geschwärzten Giebel saß das Grauen und sah auf die Straße. Tot – tot – tot ...! – Am Beghinenhofe hatte sie ihren Rundgang beendet. Sie löschte die Kerze – und wenn sie erlosch, war auch das Nönnchen verschwunden. Brügge war wieder das tote Brügge geworden. – Heute aber lebte die alte Stadt; ein kaum wahrnehmbares Pulsen war in ihr. Die sanften Töne eines Harmoniums schwebten durch die Heilige Geist-Straße und wurden von hier aus bis zur Liebfrauenkirche getragen. Sie kamen aus einem düsteren, weitläuftigen Hause, dessen Fenster auf die grauen Dächer und Spitzbogen des Johannishospitales hinausgingen. Es waren Akkorde, lang ausgehalten und wie in den Lüften verschwebend. Schließlich gingen sie in die Melodie eines alten Kirchenliedes über, gewannen an Tonfülle, um dann wieder abzusterben und ganz zu verklingen. Kurz darauf hallte von der Liebfrauenkirche die sechste Abendstunde herüber. Fast gleichzeitig wurde an dem unfreundlichen Hause in der Heiligen Geist-Straße, dessen untere Fenster geblendet waren, die Klingel gezogen. Ein ungewöhnlich harter Ton, der sich wenig der ganzen Umgegend anpaßte, durchgellte das unbewohnte, scheinbar weit ausgedehnte Erdgeschoß, kam von den kahlen Wänden zurück, verstärkte sich und fand in den Räumen des ersten Stockwerkes einen heiseren Nachhall. Heinrich vom Hövel, der kurz vorher der Bibliothek einen längeren Besuch abgestattet hatte und gekommen war, dem Prediger Erasmus van Dornick, mit dem er vor zwei Jahren in Sankt Anne innige Freundschaft geschlossen, seine Aufwartung zu machen, entsetzte sich ordentlich vor dem harten, gellenden Geräusch der infamen Klingel, die noch immer nachvibrierte und ihrer spitzen Zunge nicht Herr werden konnte. Es machte ihn unsicher, nervös. Nach all den ruhigen Tagen stillen Genießens wurde hierdurch seine behagliche Seelenstimmung unliebsam auseinandergerissen. »So was ist ein Unding, eine Dissonanz im Schweigen des Todes,« dachte er unwillkürlich, als auch schon ein Mädchen erschien und ihn mit ihren blanken, runden Augen verwundert ansah. Sie war Grau in Grau gekleidet und trug ein kleines Spitzenhäubchen auf den straff gescheitelten Haaren. Sie kannte ihn wieder. »As't üh belieft, Mynheer vom Hövel?« fragte sie schüchtern. »Ist der Domine zu Hause?« »Bitte, Mynheer,« sagte die Kleine, drückte die Tür ins Schloß und geleitete ihn über eine breit ausgelegte Wendeltreppe in das obere Stockwerk. Der Hauch des Unwirtlichen, Düsteren, Weltabgeschiedenen strömte ihm von allen Seiten entgegen. Die weiten Korridore mit ihren nackten Wänden, das nachgedunkelte Tafelwerk, die Dielen mit ihren klaffenden Fugen und dem leisen Geseufze, die Dämmerung, die in den Ecken saß und wie eine ungeheure Spinne ihre grauen Fäden durcheinander wirrte und ausspannte – alles das mutete ihn an, als sei er in ein Haus getreten, das die Geister bewohnten, und wäre nicht das blonde Mädchen mit dem Spitzenhäubchen gewesen ... »Darf ich Sie melden, Mynheer?« fragte es und deutete auf eine enge Tür, die aus einer weißgekalkten Nische heraussah. In demselben Augenblick nahm das Harmonium wieder seine liebliche Stimme auf und ließ in wundersamer Folge seine herzerhebenden Töne erklingen. Diesen Tönen haftete etwas Körperliches an. Sie erinnerten an weißgekleidete Mädchen mit Buchsbaumkränzlein im Haar, die sich bei den Händen gefaßt hielten und, wie zu einer Prozession gereiht, die weiten Gänge feierlich durchschwebten. Und Weihrauch ging von ihnen aus und der Duft nach frischgebrochenen und verwelkenden Blumen. Ein sanftes Geklingel begleitete die jubilierenden Stimmen. Die Prozession wandelte immerfort und wollte kein Ende nehmen. »Darf ich, Mynheer?« fragte das Mädchen noch einmal. »Nein,« sagte Heinrich vom Hövel und hatte die Klinke der kleinen, zurückgelegenen Tür ergriffen, »ich will nicht stören.« Lautlos trat er ins Zimmer. Ein mäßig großer Raum mit vergilbten Tapeten empfing ihn. Auf dem altmodischen Kamin tickte die Standuhr. Daneben erhob sich ein musivisches Gefäß in langgezogener Kelchform, auf dessen Rand die seltsam geformten Blätter und Staubfäden einer Passionsblume lagen. In diesem Zimmer atmete alles Ruhe und Frieden. Über die Dächer des Sankt Johannishospitals fiel ein warmer Sonnenstrahl schräg in die Stube, und wo er hinfiel, weckte er einen flirrenden Goldglanz, der verklärend über die alten Möbel hinglitt und den Schmelz der getragenen Akkorde noch feierlicher machte. Heinrich vom Hövel fühlte sich wie in dem mystischen Bann einer Kirche. Er ahnte die Gegenwart und den Odem des allmächtigen Gottes. Wie aus einer anderen Welt stammend, mutete ihn diese Musik an. Er wähnte das Rauschen von überirdischen Schwingen zu hören. Auf leisen Zehenspitzen trat er näher. Erasmus van Dornick hatte seiner nicht acht. Den Kopf leicht nach rückwärts gebeugt, hielt er ihm den Rücken gewendet, und seine Finger glitten, wie selber beseligt, über die beinernen Tasten. Das Thema wandelte sich. Es verlor den heiteren Goldglanz, die liebliche Struktur, das sanfte Gefüge; heilige Schauer mischten sich ein, die in ihrer tiefen Wehmut, in ihrem feierlichen Ernst an den Kelch und die Staubfäden der Passionsblume erinnerten. »O Haupt voll Blut und Wunden ...« Ein großes Geheimnis tat sich auf und erzählte sein Leid in klagenden Tönen: »Wie bist du so erbleichet? Wer hat dein Augenlicht, Dem sonst kein Licht mehr gleichet, So schändlich zugericht't ...?« Die Blume im Kelchglas bekam Leben und Odem. Ranke um Ranke entwand sich ihr; ein verschlungenes Gewebe von Blättern und Stielen häkelte sich in ernsten Girlanden von Fenster zu Fenster, und, wie zu einem mystischen Kult, entfaltete sich Blume bei Blume. Da brach plötzlich das Spiel ab. Der Prediger mußte gefühlt haben, daß er nicht mehr allein war. »Domine,« sagte Heinrich vom Hövel. »Lieber Gott ...!« erstaunte sich der Angeredete und streckte seinem Gast beide Hände entgegen. In den versonnenen Augen des vornübergebeugten Mannes leuchtete ein freudiges Licht auf – und dieses Licht konnte Menschenherzen erwärmen. Es war ein Licht des Trostes und ein Licht der Erlösung, und nichts verriet in diesen versonnenen Augen, daß es Zeiten gegeben hatte und noch gab, wo sie vulkanisch aufflammen konnten, als wären sie niemals der Spiegel eines gütigen Herzens und eines milden Denkens gewesen. Und wenn sie es taten, dann geschah es, um wie Flammen zu läutern und Unkraut und böses Gesäme unschädlich zu machen. Erasmus van Dornick hatte feiertägige Augen und wieder Augen, welche vernichten konnten. Er hatte Tage des Glücks durchlebt, aber auch das Leid war nicht spurlos an seiner Schwelle vorübergegangen. Ergeben sah er auf das, was gewesen war und was noch kommen würde – und dennoch: über eine Sache konnte er sich nicht mehr hinwegtäuschen. Gewiß – er hatte mit eigenen Händen den Vorhang darüber gezogen, und seitdem waren Jahre vergangen. Aber was sollte das alles? Immer wieder gedachte er die Hände zu strecken, den Schleier zu heben, das Vergangene noch einmal vor seine Seele zu stellen. Aber dann dachte er wieder: Du mußt auf die richtige Stunde warten; vielleicht kommt sie niemals, vielleicht steht sie schon vor dir – und du kannst den Schleier zerreißen. Und so wartete er auf die richtige Stunde mit stiller Resignation und versonnenen Augen ... und mit diesen versonnenen Augen sah er, überrascht und glücklich, in das Gesicht seines um viele Jahre jüngeren Freundes. Mit einer leichten Bewegung des Kopfes warf er die bereiften, strähnigen Haare, die bis zu den Schultern herabfielen, nach rückwärts, deutete mit seiner weißen, schlanken Hand auf einen altmodischen Sessel und meinte: »Also wieder im Land, Sie lieber, unruhiger Geist! – Und Sie kommen, Meister vom Hövel ...?« »In erster Linie, um Ihnen und Ihrer Fräulein Tochter die Hand zu schütteln, um mich anwehen zu lassen von dem Geheimen und Geheimnisvollen, das Ihre vier Wände bewohnt. In Ihrem Hause ist wohl sein, Domine.« »So, so, so!« lächelte der Prediger, »doch wohl das nicht allein. Aber ich bitte darum: nehmen Sie diesen Zweifel einem alten Manne nicht übel, der ein reges Interesse für Ihr Sinnen und Schaffen hat.« »Na, denn,« sagte Heinrich vom Hövel, »Spiegelungen, Spiegelbilder ...! – So närrisch und seltsam das auch klingen mag, so wenig Ihnen diese Worte auch sagen werden, so wohnt doch in ihnen eine tiefe Bedeutung, ein Etwas, das mich schon seit Jahren beschäftigt und seine geheimnisvollen Fäden bis in meine glückliche Pennälerzeit zurückspinnt. Und ferner – so paradox auch dieses ist: das soeben Gesagte legt mir die Pflicht auf, mich noch mehr denn früher in die Rolle eines Samariters der Seele hineinzuleben.« »Und das wäre?« fragte Erasmus van Dornick. »Sie hören später davon. Zurzeit dürfte noch manches verfrüht sein. In Sankt Anne jedoch werden Sie voraussichtlich Gelegenheit finden, Blicke in ein eigentümliches Menschenschicksal zu tun, das gleichsam mit Dornen umwunden ist, und dem es endlich vergönnt sein möge, anstatt der Dornen Blumen um sich zu wissen. Es sind Spiegelungen, Spiegelbilder, denen eine verhängnisvolle Kraft innewohnt, die nachhaltig wirken und nicht schwinden wollen. Aber eben sie müssen zum Schwinden gebracht werden, und darin liegt für mich das Amt eines Samariters der Seele. Doch genug hiervon. Domine, ich bin noch aus einem anderen Grunde gekommen.« »Nun?« meinte der Prediger und legte seine weißen Hände zusammen. »Darf ich mir zuvor eine Frage erlauben?« »Ich bitte darum.« »Wie weit sind Sie mit Ihren Studien über Hans Memling gekommen? Soviel ich mich erinnere, waren Sie willens, Ihre Forschungen bereits kurz vor der Ostermesse ...« »Allerdings,« fiel Erasmus van Dornick dazwischen, »mißliche Umstände jedoch, das Fehlen wichtiger Handschriften, um dem Werke die Rundung zu geben, machten es mir leider unmöglich, den geplanten Termin innezuhalten.« »Also doch bei der Stange geblieben,« meinte Heinrich vom Hövel, »und ich fürchtete schon ...« »Ich hätte bei meinen Grübeleien den Atem verloren,« lächelte Erasmus van Dornick. »Nein, nein, mein Lieber – es würde mir nicht anstehn, die Sichel aus der Hand zu legen, wenn das Korn nach der Ernte verlangt. Ein wogendes Getreidefeld liegt vor mir, und ich will ernten, mein Lieber. Seitdem gewisse Verhältnisse mich dazu drängten – sagen wir besser: seitdem ich amtsmüde wurde und die leere, kalte Stadt an der Elbe mit Brügge vertauschte, war es ein Herzensbedürfnis für mich, die ehrwürdige Gestalt Hans Memlings von ihrem Staube zu säubern und dem Leben näher zu rücken. Inwiefern mir dieses gelungen ist, dieses zu beurteilen muß ich späteren Tagen und Berufenen überlassen. Aber was mich anbetrifft, ich habe in dieser Arbeit wahre Befriedigung gefunden. Alte Zeiten sahen mich in kindlicher Einfalt an, und während ich schrieb, blickten mir liebe Gesichter über die Schultern. Daß ich's nur sage: Rogier van der Weyden und Hans Memling waren mir nahe in diesen seligen Stunden des Schaffens. Ich fühlte ihre Größe, ich sprach mit ihnen, ich drückte ihnen die Hand – und dazu klang das Glockenspiel von den Hallen herüber. Ich vergaß über der Arbeit so manches, was ich mir vorgenommen hatte zu vergessen und wegen seines Leides doch nur schwer vergessen konnte – und so sind diese Studien für mich Stunden der Erbauung geworden. Wie die Blätter eines Gebetbuches liegen sie vor mir. Aus ihnen strahlt mir das Abendrot meines Lebens entgegen.« Erasmus van Dornick schwieg. »Beneidenswert,« sagte Heinrich vom Hövel, »und glücklich der, wem solches Abendrot beschieden ist.« »Ich danke Ihnen,« nickte der Prediger. »Und das Manuskript selber ...?« fragte Heinrich vom Hövel. »Dort,« sagte van Dornick und deutete auf einen voluminösen Band, der zwischen anderen Büchern auf der obersten Etage eines Repositoriums ruhte. »Getrosten Herzens kann ich es dem Druck übergeben, denn es ist spruchreif geworden. Auch das Subtilste ist von mir nicht außer Obacht gelassen, so daß ich mich wohl zu der Behauptung versteigen darf, etliche Lichtstrahlen, die klärend wirken müssen, in das vielumstrittene Leben dieses eigentümlichen Künstlers der vlämischen Schule geworfen zu haben. Und somit ...« »Auch hinsichtlich seines Geburtsortes?« unterbrach ihn Heinrich vom Hövel. »Gewiß. Schon van Mander erwähnt unter den Meistern von Brügge eines Deutschen Hans, den man mit Hans Singer identifizieren zu können glaubte. Diese Frage ist nunmehr gelöst: der ›Deutsche‹ Hans und Hans Memling ist ein und derselbe, was aber nicht berechtigt, ihn den Unsern beizuzählen, zumal ich die Ansicht vertrete, daß nicht der Geburtsschein, sondern der Stil, sein Fühlen und Denken, den wahren Heimatsausweis für den Künstler abgibt.« »Richtig,« bemerkte Heinrich vom Hövel. »Aber der Geburt nach ist er und bleibt er ein Deutscher,« ergänzte der Prediger, »und Mömlingen bei Aschaffenburg ist nach wie vor als seine Heimat anzusprechen. Ich habe diese Ansicht auch klipp und klar in den vorliegenden Blättern vertreten. Daß Memling unter Karl dem Kühnen bei Nancy gekämpft haben soll, dort verwundet worden sei und aus Dankbarkeit für die ihm bei den Schwestern des hiesigen Johannishospitals erwiesene Pflege seine Kunst fast ausschließlich der frommen Anstalt gewidmet habe – diese bisher vielfach verbreitete Ansicht ist jedoch unbedingt in das Gebiet der Fabel zu weisen.« »Kein Zweifel, Domine,« sagte Heinrich vom Hövel, der mit sichtlichem Interesse den Auslassungen seines Freundes gefolgt war, »allein ich gehe noch weiter. Auch die Ansicht über seinen Geburtsort, die Sie so lebhaft verfechten, ist antiquiert und kann von nun an ihr beschauliches Dasein in der Rumpelkammer verbringen.« »Aber, mein Bester ...!« Mit einer energischen Handbewegung erhob sich Erasmus. »Es werde Licht,« hielt ihm Heinrich vom Hövel bestimmt entgegen, indem er gleichfalls aufstand. »Der verflossene Winter brachte mich nach Mainz. Das ›Warum‹ ist nebensächlich. Es betraf eine Erbregulierung, die mich im Interesse eines nahen Verwandten auf der dortigen Bibliothek nachforschen ließ. Bei dieser Gelegenheit machte mich der Bibliothekar, ein viver Mann in den sechziger Jahren, dem bekannt sein mußte, daß ich mich während der Sommermonate in der Nähe von Brügge aufhielt, mit einem Altenbündel vertraut, das wichtige Aufschlüsse über die vlämische Malerschule enthielt. Ich bat mir die Papiere aus, und bei näherem Studium fand sich, daß sie auf eine Urkunde in der Bibliothek von Saint Omer verwiesen. Ich dachte an Sie, und bei meiner Rückkehr nach hier konnte ich es nicht unterlassen, einen Abstecher nach Saint Omer in der Grafschaft Artois zu machen. An der Hand des mir gewordenen Materials forschte ich unter den Inkunabeln und Handschriften nach und hatte schließlich die Genugtuung, das zu finden, was ich suchte. Und dieses, Domine, ist auch der springende Punkt meines heutigen Kommens gewesen.« »Nun?« fragte Erasmus. Seine Augen leuchteten. »Hier diese Notizen geben Ihnen den näheren Aufschluß,« sagte Heinrich vom Hövel, »und sie wollen nichts anderes, als Ihnen den Beweis erbringen, daß der große Künstler nicht in Mömlingen, sondern in Mainz geboren wurde.« Der Prediger war sprachlos geworden, dann aber fuhr er sich durch die eisgrauen Haare und meinte mit einer Stimme, der man den inneren Jubel anmerken konnte: »Da haben Sie mir einen Dienst erwiesen, Meister vom Hövel – einen Dienst, sage ich Ihnen ...« Er sprach nicht weiter. Etwas wie das Geraschel von Frauenkleidern, das aus dem seitwärts gelegenen Zimmer herkommen mußte, drängte sich unliebsam in seine freudige Stimmung. Eben von einem Spaziergang zurückgekehrt, gesellte sich ihnen die Tochter des Hauses. Der Hauch eines jugendlichen Frauenkörpers, von dem etwas Herbes, Jungfräuliches ausging, zerstreute die Schemen vergangener Tage, den Duft nach alten Handschriften und vergilbten Papieren, die Hypothesen über die alten Meister der vlämischen Schule, denn mit dem Erscheinen der schönen Anna van Dornick war es so, als sei auch dem schwermütigen Hause in der Heiligen Geist-Straße der Puls und das Leben wiedergegeben. Ruhigen und weichen Schrittes, fast ohne die Füße zu heben, war sie näher gekommen. In dem horizontal einfallenden Abendlicht leuchtete ihr schweres Haar, das sie zu einer Krone verflochten hatte, wie flüssiges Gold auf. Ihre stahlgrauen Augen, die, von zarten Schatten umhegt, verträumt und weltverloren in dem weißen Medaillengesicht standen, verlängerten sich zu einem seltsamen Lächeln und erinnerten an jenes rätselhafte Licht, dem es gegeben war, ganz nach Willkür den liebesuchenden Mann auf den Pfad der Glückseligkeit oder den des Todes zu führen. Ohne Gürtel und Spangen legte sich ihr Kleid aus zartem Wollstoff um den geschmeidigen Körper, ließ das Weiche und den Reiz seiner Linien deutlich erkennen und verwischte den Eindruck, als müsse ihre zierliche Taille durch das Gewicht der jungfräulichen Büste ermüden. Etwas von dem, was den Frauengestalten auf den Tafeln niederländischer Meister anhaftet, was sie mit einem Zauber umgibt und das Sehnen wachruft, den Kuß ihres Mundes zu fühlen und nach den Liebkosungen ihrer Hände zu bangen – alles dieses ging auch von Anna van Dornick aus und erfüllte den weiten Raum, den sonst nur der Geist des Sittenstrengen, Forschenden und Suchenden bewohnte, mit dem eigentümlichen Duft einer schweren und narkotischen Welle. Erst hatte sie ihren Fuß an der Schwelle gehalten, gleichsam als fürchte sie, die Unterhaltung zu stören, dann aber, als sie sah, wer angekommen, reichte sie dem Freunde die Hand hin und sagte: »Wenn die Uferränder blau von Veilchen werden, ist der Frühling nicht fern, und wenn die Malven blühen ...« »Ist der Strandmensch von Sankt Anne gekommen,« lachte Heinrich vom Hövel. »›Strandherr‹ wollten Sie sagen,« warf Anna van Dornick dazwischen, »denn wer wie Sie durch Wetter und Wind geht, das Meer belauscht, wenn es schläft, dem Meer gebietet, wenn es aufwacht und höhnisch seine Schaumfetzen ins Land wirft, wer sieht, was alltägliche Augen nicht sehen, und zu deuten weiß, was die Dünen atmen und sinnen, wenn sie verträumt unter dem Mond liegen, ist füglich berechtigt, allen Anspruch auf den Ehrentitel eines Strandherrn zu machen. – Und daher – herzlich willkommen, Herr Strandherr.« »Wird unterschrieben,« dekretierte der Prediger und nahm die Hand seines Freundes, »allein ich lege auch Gewicht darauf, ihn als Pfadfinder in die Erscheinung treten zu lassen, denn du mußt wissen, mein Kind, daß Herr vom Hövel auf dem Gebiete der Forschung ...« »Aber wieso denn?« »Nichts, nichts, nichts – meine Gnädigste. Lediglich die blinde Laune des Zufalls. Aber das mit dem Strandherrn akzeptiere ich in optima forma – und bestimme daher in Kraft meines Amtes: binnen acht Tagen wollen Sie geruhen, Ihren feierlichen Einzug in Sankt Anne zu halten. Alles ist schon zu Ihrem Empfang in die Wege geleitet. Die erste Hofmeisterin, Bernadintje Bottertje, ist bereits in voller Tätigkeit, das Absteigequartier auf das Gentilste und Würdigste herzurichten. Frische Gardinen, blankgescheuerte Dielen! – am Fenster Levkojen und Krauseminze, die ihren Weihrauch spenden, um in schönster Blütenfülle ihrer neuen Herrin zu dienen. Moritz ist zudem mit einem Transparent beschäftigt, die via triumphalis zu schmücken, und Jan Bottertje selber, der köstlichste aller Mynheers, wird es sich nicht nehmen lassen, dero Gnaden eigenhändig in die sauber hergerichtete Sommerresidenz zu kutschieren – und das unter freudigem Gequiekse von Amalie, Sophie und Doortje.« In den Augen des schönen Mädchens zuckte ein heiteres Licht auf. »Wie ich sehe, haben Sie an Ihrer Originalität noch keine Einbuße erlitten, mein Strandherr.« »Wäre auch schade,« gab Heinrich vom Hövel zurück. »Und somit abgemacht, meine Gnädigste?« »Abgemacht,« sagte Anna van Dornick, und ihre Hand drückte herzlich die ihres Besuches. Von der Liebfrauenkirche drang eine weitere Stunde durch die geöffneten Fenster, und als sie mit langsamen Schlägen aushallte, verlor auch das Gesicht Heinrich vom Hövels das Selbstgefällige und den fröhlichen Ausdruck. Für einen Augenblick schloß er wie geistesabwesend die Augen, dann sprach er leise, aber jedes Wort bestimmt unterstreichend, indem er noch immer die ihm gebotene Rechte fest hielt: »Und dann wollen wir wie im verflossenen Sommer über die Dünen gehn – ganz sachte und sinnig, auf daß wir hören, was der Strandhafer plaudert, auf daß wir vernehmen, wie die ferne Glocke von Sankt Anne herübertönt und unter ihren Schwingungen der Friede des Abends sich niedertut, Erde und Menschen deckt und denen Erlösung bringt, die nach Erlösung ringen.« Heinrich vom Hövel war nicht wieder zu kennen. Das einfallende Licht ließ die Schattenpartien seines Gesichtes schärfer hervortreten; er schien älter geworden; seine Worte nahmen einen wärmeren und weicheren Ton an. »Es wäre Zeit für mich,« sagte er wieder, »aber bevor ich gehe, müssen Sie wissen, worauf ich hinauswill. Das ewige Meer, die stillen Dünen und das ferne Läuten tun es allein nicht. Und daher« – und seine Stimme ging über sich selbst fort – »Sie müssen mir helfen; Anna van Dornick, Sie müssen Ihre weißen Hände strecken – die weißen, schönen Hände – und sie ganz sacht und still auf ein krankes Menschenherz legen. Es gehört dem Geschlecht der Ruhelosen an und sehnt sich nach Ruhe.« Erregt trat der Prediger näher. »Was bedeutet das alles?« meinte er unsicher und mit einer fast scheuen Betonung. »Domine, ich kann nur wiederholen, was ich Ihnen vorhin schon sagte. Es handelt sich auch jetzt um die Spiegelungen und Spiegelbilder von eben, und ich glaube ...« Langsam richtete er wieder die Blicke auf Anna van Dornick, »ich glaube, Sie haben die Macht, die ziellose Unruhe eines heimgesuchten Lebens in die richtigen Bahnen zu leiten. Strecken Sie Ihre Hände, Ihre schneeweißen Hände ...!« Er trat einen Schritt zurück. »Von Ihnen geht etwas aus, das alles hinwegnimmt – alles, alles!« Sie sah ihn groß und starr an. Es war so, als flatterte in ihrem Innern etwas wie Angst auf, die Angst vor dem Unbegreiflichen. Unwillkürlich sah sie auf ihre Hände. Alles Blut wich aus ihrem Antlitz. »Von wem sprechen Sie eigentlich?« fragte sie mit fliegender Eile. Ihre Brauen hatten sich aneinander geschoben. Ein eisiger Hauch umwehte sie. Still und traurig begegnete er ihren kalten Augen. »Von meinem Freunde Hans Behrend.« »Von dem Sie früher schon sprachen – und dessen Name ...« »Ja,« sagte er ruhig. Wie eine Erlösung rang es sich von ihrem Herzen herunter. Ihre Blicke weiteten sich. Alles Herbe ging unter. »Und warum glauben Sie das?« Ihre Worte waren weich und zärtlich geworden. »Weil ich es weiß,« sagte er mit derselben Ruhe von eben, »denn wo Meer und Himmel und Sie sind ...« Er streckte ihr die Hand zum Abschied entgegen. »Leben Sie wohl,« sagte sie mit verhaltenem Atem, ohne noch einmal aufzusehen. Dann ging er. In der Tür blieb er noch einmal stehen und wandte sich zu ihr. »Also auf Wiedersehn ...?« »Ja, auf Wiedersehn,« sagte sie leise. Ihre große, schöne, wehe Stimme klang ihm wie aus weiter Ferne herüber. Von Erasmus van Dornick begleitet, der kopfschüttelnd neben ihm ging, verließ er das Zimmer. IV Hochaufgerichtet hörte sie auf die verhallenden Schritte. Sie gingen den Flur entlang, verloren sich allmählich, um gleich darauf auf der Treppe wieder deutlich zu werden. Dann fiel unten die schwere Haustür mit einem dumpfen, eigentümlichen Laut ins Schloß ein, der sich bis in die obersten Gänge fortpflanzte. Als wenn dieses dumpfe Geräusch eine Ewigkeit hätte, so tönte es weiter. Sie konnte es nicht mehr los werden und verfolgte es mit pochendem Herzen. Erasmus van Dornick kam nicht wieder. Scheinbar hatte er seinen Besuch noch ein Stück Weges begleitet. Sie stand noch immer auf der nämlichen Stelle. Was war soeben gewesen? Was wollte er überhaupt von ihr? Berührte sie eine fremde Macht, oder begann hier ein Geheimnis seine unsichtbaren, aber starken und verhängnisvollen Kreise zu ziehen? – Erst jetzt, in der Einsamkeit, wo sie mit sich und ihren Gedanken allein war, nahm das Gesagte die richtige Fassung und Form an und bewegte sie bis auf den tiefsten Grund ihrer Seele. Wie von einem aufsteigenden Grauen gepackt, warf sie sich auf einen Sessel in der Nähe des Fensters. Alles Milde war von ihr gewichen. Mechanisch hob sie die Hände – ihre weißen, fast gespenstischen Hände – und die sollte sie strecken und ganz leise und sacht auf ein krankes Menschenherz legen! – Das Abendlicht spielte darauf und ließ aus dem kalten Weiß das feine Geäder deutlich hervortreten. Von ihr wurde ein Wunder verlangt – und wem galt dieses Wunder? Sie kannte ihn kaum, nur dem Namen nach, von Hörensagen; sie hatte sein Bild nur einmal gesehen. Allerdings – der Flug seines Geistes war zu ihr gedrungen, etwa wie das Flügelrauschen eines gewaltigen Vogels, der mächtig aufwärts strebt, um dann spurlos in ungeahnte Fernen zu schwinden; aber das war auch alles gewesen ... und nun trat er plötzlich wieder in ihren Gesichtskreis und senkte sich talwärts. Was sollten überhaupt die geheimnisvollen Worte bedeuten? Wer hatte ihm, seinem Freunde, das Recht gegeben, so gebieterisch über ihr Tun zu verfügen? Sie hatte ihn kaum noch erkannt; er war so ganz anders geworden, und wie eine zwingende Macht war es von seinen Lippen gekommen: Du sollst die Hände auf ein krankes Menschenherz legen ... Sie hörte sie scharfumrissen – diese zwingenden Worte, sie fanden einen Nachhall in ihr und weckten Eindrücke, die sie mit tiefem Bangen erfüllten. Sie versuchte es, dieses Bangen von sich zu schütteln; aber es blieb und ließ sich nicht scheuchen. Immer wieder drang es auf sie ein und zermarterte ihr Denken und Fühlen. »Er gehört dem Geschlecht der Ruhelosen an und sehnt sich nach Ruhe,« sagte sie tonlos. Sie befand sich wie unter dem Einfluß eines fremden Gestirns, dem sie nicht mehr zu entrinnen vermochte. Sie fing an zu begreifen, daß es entsetzlich sein mußte, immer dieselben Gedanken zu haben. Sie sah in die kommenden Tage. Wollte ein anderer in ihr Leben hineingreifen, es nochmals niederdrücken, knechten und unglücklich machen, wie es schon einmal passiert war – und das jetzt, wo sie endlich aufatmen konnte und die ersehnte Ruhe gefunden hatte? Und was sollte dann werden? Es ist vermessen, mit Empfindungen und Gefühlen zu spielen. »Diese Leere, diese entsetzliche Leere ...!« sagte sie schmerzlich. Eine schwere Beklommenheit legte sich auf sie. Ermattet sanken ihre Hände herab – ihre schneeweißen Hände; dann fuhr sie leidenschaftlich auf und trat ans Fenster. Auf den gegenüberliegenden Ziegeldächern des Johannishospitals spielte der Abend noch mit seinen Lichtern und farbigen Reflexen. Darüber hinaus schoben sich dunkelgraue Massen in den heiteren Himmel. Es waren die Kronen der alten Bäume, die auf dem Hof der Beghinen standen und sich kaum merklich bewegten. Von ihnen ging ein Duft aus, der an Lindenblüten gemahnte; für sie aber war es ein fader Geruch, der langsam über die Stadt hinkroch und das Erinnern wachrief, als fielen welke Rosen von den Dächern herunter. Ihre Blicke hingen an den grauen Baumgruppen und wanderten weiter und weiter bis dorthin, wo der deutsche Wald grünte und auf der Magdeburger Börde die große Stadt lag, in der ihr Vater amtiert hatte. Dort war die Stätte ihres Leides und die ihrer Verfehlung. Auch die ihrer Verfehlung ...? – Es breitete sich wie ein großer, dunkler Schleier darüber, aber unter seinem Gewebe ruhte ein verhaltenes Leuchten, ein Schimmern, das sich stetig hinzog und in der Erinnerung aufflackern konnte wie ein Licht der Verklärung. Und dennoch war Schuld da, und in diesem Bewußtsein gingen ihre Tage dahin, die ein Hauch unendlicher Wehmut umspielte. Gewiß, sie hatte manches vergessen, und vieles war abgeblaßt im Licht des Verklärten, aber dieses Vergessen war für sie kein Weg zur Freiheit geworden. Sie wußte: immer wieder regte sich in ihr das Gedenken an verflossene Stunden, in denen sie sündig geworden. Da war noch etwas übrig geblieben, was sie nicht fortnehmen konnte, was ihr anhaftete wie eine starre Fessel, wie eine liebe, süße Gewalt, die sie abschreckte und dennoch seltsam berauschte. Sie fand keinen Ausweg. Sie konnte lächeln und freudig erregt sein, sie konnte Augenblicke haben, wo sie sich mit dem Leben aussöhnte, aber dann wieder kam der fade Geruch nach verwelkten Rosen geweht, der ihr Inneres trübte und sie in Zwiespalt setzte mit sich und den Menschen. – Sie atmete tief auf. Die alten Baumkronen dahinten – wie sie geheimnisvoll heraufrauschten! – Sie dachte dabei an die grauen Linden, die fern drüben in der alten Stadt die Sankt Ulrichskirche umstanden. In dieser Kirche hatte ihr Vater Jahre um Jahre gepredigt. In Ehren ergraut, in dem mystischen Dunkel der Kirche fast wie ein Heiliger stehend, hatte er Menschenherzen erschüttert und Menschenherzen gen Himmel getragen. Er hatte Liebe gesät und dafür Liebe eingeerntet. Und da eines Tages war er nicht mehr der Alte von früher. Der Tod seines Weibes hatte ihn zwar gebeugt, aber nicht niedergeworfen – und doch war er niedergeworfen. Sein leuchtendes Auge hatte an Glanz, die beredte Zunge an Stärke und Überzeugung verloren. Wegemüde war er mit ihr nach Brügge gepilgert. Er glaubte in dieser Stadt die Widerspiegelung seines eigenen Lebens gefunden zu haben. Das tröstete ihn und machte ihm das Alter erträglich. Er fühlte sich heimisch hier, zumal seine Vorfahren einem niederländischen Geschlechte entstammten. Ja – ein Abglanz seines früheren Daseins kam wieder. Die Menschen aber, die er in der alten Heimat zurückließ, schüttelten die Köpfe und wußten nicht, was sie mit ihm und seinem sonderbaren Verhalten anfangen sollten. Etliche sagten: er sei an seinem Weib verblutet; andere: er wäre der Tochter wegen aus seinem Amte geschieden und habe auf einer entlegenen Scholle den Frieden gesucht und gefunden. Aber was sich auch begeben hatte – Bestimmtes wußte niemand, und somit schien alles nur ein bloßes Gerede gewesen zu sein. Mehr wie zwei Jahre waren darüber vergangen. Die Menschen vergessen so schnell. Erasmus van Dornick und seine Tochter wurden allmählich vergessen. Auch sie hatten nur noch geringe Verbindungen und Berührungspunkte mit der deutschen Heimat. Sie vermieden es, neue anzuknüpfen und blieben vereinsamt. Nur wenige kannten sie, aber die sie kannten, schlossen mit ihnen innige Freundschaft. Jetzt lag die große, tote Stadt um sie beide – und was ihnen anhaftete, verblaßte allmählich und schien an die Ewigkeit grenzen zu wollen. – Sie glaubte wieder das starke Flügelrauschen zu hören. Ihre Unruhe wollte nicht weichen. Sie dachte an früher. Da war noch ein Versprechen übrig geblieben – und dieses Versprechen ... Allein der Tod stand dazwischen, und die Hand ihres Vaters hob sich drohend ... Wie still und abgeklärt war früher ihre Seele gewesen! – Dann war das Hungern nach Liebe gekommen und mit ihm die Schuld, die sie noch tiefer in ihr Elend hineinstieß. Das machte sie herbe, ungerecht, das prägte ihren Zügen eine ungewollte Duldung auf – und Duldung verbittert. Dem Durchlebten stand sie feindlich gegenüber, und doch wollte sie dieses Durchlebte nicht missen. Sie ging in die Irre. Sie suchte und fand nicht den Ausgang, und bei diesem Irregehn prägte sie in ihrer Ratlosigkeit den Gedanken von der Knechtschaft des Weibes. Ah, dieses Ringen in ihr, dieses verzweifelte Ringen ...! – und nun noch das kranke Herz, dem sie ihre Hände auflegen mußte! – Wie sollte das enden ...?! Sie kam aus diesem Zwiespalt nicht heraus. Mit weitaufgerissenen Augen sah sie über die tote Stadt hin, als suche sie ein Märchenland, wo sie ausruhen konnte nach all dem Sehnen und Bangen auf Erden. Aber ein schwimmender Nebel lag vor ihr, und doch gab sich alles so klar und fernsichtig, als wäre ein zartes Goldnetz über die Landschaft gebreitet. Die alten Linden jenseit des Johannishospitals ließen sich von dem zarten Weben des Abends umschauern. Es lag wie ein rosiger Kuß auf den Bäumen, der wie eine verliebte Welle die Blüten beseelte, sie näher brachte und einte, um dann wieder sanft zu ersterben. Es war eine Umarmung zwischen Himmel und Erde, das keusche Spiel einer ewigen Liebe. Jetzt fühlte auch sie den warmen Odem, der aus der Tiefe heraufstieg und sie wie mit Schmetterlingsflügeln berührte. Aber sie hatte kein Teil daran. Da streckte sie die Arme in verzehrender Sehnsucht. Die trunkene Liebeswelle jedoch berührte sie nur, beseelte sie nicht und flutete, ohne ihr Erlösung zu bringen, vorüber, um fern von ihr in den Rausch eines glücklicheren Herzens unterzutauchen. »Nichts, nichts!« flüsterte sie in ihrer Hilflosigkeit. Es lagen Tränen in ihren Worten; ermattet sanken ihre Arme herunter. Dann glaubte sie ... Sie wurde aufgeschreckt. Wiederum wurde die Klingel gezogen, die alle Räume mit ihrer kalten und harten Stimme durchgellte. Sie wußte: jetzt kam der Vater zurück. Sie hörte das Mädchen zur Tür gehen; da wandte sie sich vom geöffneten Fenster. Ihr Goldhaar leuchtete noch einmal auf. In den verlorenen Ecken des weiten Raumes spannte bereits die Dämmerung ihre grauen Tücher, und sie schritt hinein, um sich von ihnen bedecken zu lassen. Die alten Kupferstiche an den Wänden traten zurück. Draußen aber lächelte der Abend und bestreute Giebel und Dächer mit durchsonntem Schaumwerk, das bis zur höchsten Spitze der Liebfrauenkirche aufflatterte und nicht schwinden wollte. Am tiefen Himmel standen noch vereinzelte Wölkchen; auch sie waren vergoldet. Ähnlich ruhen lichte Flitter auf Kissen und Sterbelaken, bis alles vorbei ist, und die dunkle Lade sie fortnimmt. Dann dringt nichts mehr zu ihnen – nichts mehr, nichts mehr. Jetzt gingen Schritte im oberen Hausflur. Bald darauf erschien der Prediger, die Blicke ernst und still auf seine Tochter gerichtet. »Er läßt dich nochmals grüßen,« sagte er nach einiger Weile. »Ich habe ihn bis zu den Hallen begleitet. Wie immer, so fühlte ich mich auch heute wohl in seiner Nähe. Er ist nicht wie alltägliche Menschen. Er ist anders geartet, eine Herrennatur, und erinnert mich an eine kernige Eiche mitten im Heideland. Sein Körper wurzelt tief im Erdreich, und seine Gedanken greifen in den Himmel. Ich glaube, er hat das Zeug in sich, Menschen glücklich zu machen.« »Von wem sprichst du?« fragte sie geistesabwesend. »Von ihm, der hier war,« entgegnete Erasmus in seiner vorigen Ruhe. »Sein Umgang läutert und erhebt, und die Worte sprechen aus ihm, die heilig sind: Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Er ist eben eine kernige Eiche – eine Stätte der Zuflucht, und als er von mir ging, da sagte ich mir: Da geht der Mann, dem ich mein Bestes anvertrauen könnte.« Sie verstand ihn nicht. Sie sah ihn mit großen Augen an. »Was willst du damit sagen?« meinte sie schließlich. »Es gibt Tage,« versetzte der Prediger, »die voller Lerchenschlag sind, die weder Abend noch Nacht kennen, denn es wird nicht dunkel in ihnen – es sind eben heitere Tage, aber es gibt auch solche, die sich frostig anlassen. Sie wissen nichts von einer sanften Dämmerung, sie haben nichts mit dem milden Hinüberträumen freundlicher Sommertage gemeinsam. Ohne Übergang, unvermittelt und kalt bricht plötzlich die Nacht über sie herein, und Finsternis umhüllt sie – und ich glaube, ich habe mit einem solchen Tage zu rechnen.« »Ich weiß nicht, wo du hinauswillst,« sagte sie in tiefer Betäubung. Nie Nähe des Vaters machte sie unsicher. »Du willst mich nicht verstehen,« entgegnete er nach kurzem Besinnen. »Wenn du aber verstehen wolltest, so wäre mir eine dumpfe Last von den Schultern und eine graue Sorge aus dem Herzen genommen. Es ist still um uns, allein diese Stille entspricht keineswegs unserem Lebensbedürfnis. Sie ist die logische Folgerung von dem, was mich tiefer beugte und meinen Scheitel ergraute. Sie mußte kommen; das lag in den Verhältnissen der verflossenen Jahre begründet. Nicht, daß ich über sie grollte. Im Gegenteil: sie hat auch ihr Gutes gehabt. Sie ließ vergessen, und für mich ist sie die Quelle eines neuen Daseins geworden. Ob auch für dich, muß die Zukunft lehren. Jetzt noch mag sie deiner Stimmung genügen, aber meine Stunden sind keine ewigen Stunden. Der Tag, von dem ich vorhin sprach, könnte unvermittelt hereinbrechen – und wenn er käme, so fürchte ich, du wirst an die Worte erinnert: Ich suchte die Stille und bin zufrieden geworden. Jetzt aber, wo ich allein bin, kann ich mein eigen Selbst nicht mehr finden. Ich hoffte auf das Licht, und siehe – es kam nur die Finsternis.« Sie schüttelte kaum merklich den Kopf und senkte die Lider. »Ja – so ist es,« sagte er mit aller Bestimmtheit. »Wenn man seine irdische Sendung nicht richtig bestellt hat, geht man nicht gerne durch das ›dunkle Tor‹, das wohl den Eintritt verstattet, aber keinen zurückläßt. Es wäre mir leichter ums Sterben, wenn ich dich geborgen wüßte. Ich fühle es, du stehst seinem Herzen näher, als du weißt. Was ihn beglückt, könnte auch dich beglücken – und du würdest aufwärts gehoben.« »Du irrst,« sagte sie leise. Ihre Blicke erschlossen sich wieder. »Ich verehre den Menschen in ihm; seine Kunst spricht zu mir, wie die Natur spricht. Es liegt eben etwas Großes in seinem Können und Schaffen, aber das verpflichtet mich nicht, ihn und seine Kunst auch mit den Augen des Weibes zu sehen. Das sind grundverschiedene Dinge. Sie berühren sich nicht und haben keine Gemeinschaft des sinnlichen Empfindens. Es bleibt ein müßiges Unterfangen, vereinen zu wollen, was nicht für einander bestimmt ist.« »Und wenn ich dir sage ...« Das versonnene Licht war aus seinem Antlitz gewichen. »Denke an den Baum im Heideland,« sagte er mit kalter Betonung. »Er breitet die Arme nach dir. In seinem Schatten ist wohl sein. Du hast manches zu tragen.« Ihre Mundwinkel verlängerten sich zu einem schmerzlichen Lächeln. »Ich bedarf seiner nicht und genüge mir selber. Was ich zu verwinden habe, kann ich ohne seine Hilfe verwinden. Das Weib steht ebenbürtig neben dem Manne. Es ist ein Wesen für sich. Es bedarf keiner Stütze, und manches wäre anders gekommen ...« »Das war nicht deine frühere Ansicht.« »Die Jahre bringen das mit sich,« sagte sie frostig. »Du willst dich also auflehnen gegen das, was wir von jeher als überliefert und heilig ansahen?« »Im gewissen Sinne – ja.« »Also dahin zielst du?« sagte er traurig. »Ich sehe, deine Ruhe ist von dir gegangen. Du weißt nicht, daß Liebe das ewige Leben bedeutet.« »Ja,« entgegnete sie hart, »das weiß ich.« »Nein – sonst könntest du dich nicht in diesem Zwiespalt befinden.« Er war dicht an ihre Seite getreten. Es stieg in ihm auf, als müsse er schwerdurchkämpfte Zeiten noch einmal durchleben. Das Müde verlor sich. Der vornübergebeugte Mann streckte sich wieder, und in fieberhafter Hast krampften sich seine Hände zusammen. »Du solltest einen Spiegel befragen,« rief er mit erhobener Stimme, »und du würdest sehn, wie du dich verändert hast im Laufe der Jahre. Was ist von deiner rührenden Einfalt und dem kindlichen Frieden deines Gemütes übrig geblieben? Glaubst du, ich sähe nicht, was in dir vorgeht? Früher – ja, da wähnte ich in dir und deinem Lächeln den Himmel zu finden, da war es mir, als blickte ich in ein sonniges Land voller Blüten, wie sie die Hand des Schöpfers ausgestreut hatte. Jetzt ist das anders geworden. Rauhreif ist über dein Antlitz gefallen, und dein Herz ist voll Bitternis.« Sie gab keine Antwort. Langsam ließ sie den Kopf auf die Brust herabsinken; dann machte sie eine Bewegung, als wollte sie das Zimmer verlassen. »Wohin willst du?« »Dorthin, wo ich dein hartes Wort nicht mehr höre.« »Du bleibst,« sagte er mit zerrissenen Lauten und trat zwischen sie und die Türe. Hochaufgerichtet, mit glühenden Augen und strähnigen Haaren, war er wieder der Alte von früher. So hatte er oft auf der Kanzel in der Sankt Ulrichskirche gestanden, so und nicht anders – wenn es über ihn kam, wenn er an verkehrte Sinne pochte und die Stirnen seiner Zuhörer dem Staube näher brachte. So und nicht anders ... Unentwegt waren seine Blicke auf sie gerichtet. »Daß ich's nur sage,« kam es ihm schartig vom Munde, »denn es muß mir schließlich doch von der Seele herunter. Ich will, daß du dein eigenes Herz wiederfindest, daß du herauskommst aus deiner Zweifelsucht und dem verderblichen Suchen, das dich verzehren muß. Du haderst mit deinem Geschick. Auch in dir regt sich der obstinate Geist der Moderne. Was sie beseelt, ist auch auf dich übergegangen. Es ist der ewige Kampf um die Herrschaft auf Erden. Das moderne Weib mit seinen unheiligen und zersetzenden Anschauungen ist in dir lebendig geworden, welches keine größere Sehnsucht kennt, als die Befreiung von dem, was die Natur ihm vorschreibt und ihm Gottes ewige Gesetze befehlen.« »Du verstehst mich nicht,« sagte sie halblaut, aber mit gekniffenen Lippen, »du irrst dich – du begreifst mich nicht und weißt gar nicht, um was es sich handelt.« »Ich irre mich nicht,« sagte er überlegen. Alles Milde war in seiner Stimme erfroren. »Mit verhaltenem Schmerz, mit Unmut und Bitterkeit blickst auch du auf die geheimnisvolle Stelle der Schrift, welche lautet: Dein Wille soll dem Manne unterworfen sein, und unter Schmerzen sollst du deine Kinder gebären.« »Ich sage dir nochmals ...!« schrie sie entsetzt auf. »So ist es,« dekretierte Erasmus van Dornick. »Statt geduldig und als Märtyrerin hinzunehmen, was ihm das Los bestimmte, will sich das Weib von heute aufbäumen gegen uralte Satzung. Eine Spur davon hat sich auch in dein Wesen, in dein ganzes Verhalten eingeschlichen. Das sah ich kommen – und habe geschwiegen. Das wußte ich lange – und fand nicht den Mut, in deine Wirrnis zu greifen. Aber ich sage dir: Wahn ist alles und jedes. Der Flug der Begeisterung, den die irregeleitete Weiberseele nehmen möchte, wird gehemmt durch eine unerbittliche Fessel. Und diese Fessel ... Sie haftet am Weibe, sie bleibt beim Weibe, und keiner nimmt sie dem Weibe. Es ist lediglich eine elende Phrase, wenn emanzipierte Frauen das Gegenteil sprechen. Sieh dir eine solche an, die stetig entsagte. Das ist kein Weib mehr, das nicht nach dem Stammeln und dem Kuß eines Kindes begehrte... und ich sage dir nochmals: eine solche weiß nicht, daß Liebe das ewige Leben bedeutet.« »Vater...!« Mit einem klagenden Laut war Anna van Dornick aufgefahren. Beide Arme streckte sie von sich. Sie warf den Kopf zurück. In der heftigen Bewegung hatte sich ihr Haar gelöst. Wie eine schwere goldene Welle strömte es nieder, als wollte es auf dem Boden zerfließen. »Ich will nicht entsagen und darf nicht entsagen!« knirschte sie zuckenden Mundes. »Aber das Weib hat das Recht, seine Liebe nach eigenem Ermessen...« Sie verstummte plötzlich, als hätte sie die Sprache verloren – aber was sie gesprochen hatte, lag ihm wie Sturm in den Ohren. Was war das? – Hatte er richtig gehört? – Und da stand sie – seine einzige Tochter. Mit einem Sprung war er bei ihr. Er faßte sie bei den Armen und drückte ihren Oberkörper zurück. »Du,« stöhnte er heiser, »ich kann doch nicht glauben, daß die alte Geschichte ...« Der Blick des Predigers lohte mit finsterem Haß auf. Sein Denken wandte sich rückwärts. Er stand wieder auf der Kanzel in der Sankt Ulrichskirche – er sah die Menschen zu seinen Füßen – er bändigte sie, er führte sie, er triumphierte ... und dann war das heimliche Reden gekommen ... Das trat in sein Gedächtnis zurück; es packte ihn wieder. »Also doch noch die alte Geschichte!« Sie gab keine Antwort. Ein Stürmen und Drängen kam über sie. Sie wollte sich losreißen – weit fort über die Schwelle ... aber ihre Kräfte versagten. Da warf sie die Arme um seinen Hals und schmiegte sich an ihn – kraftlos, verzweifelt. »Lege die Hand nicht in alte Wunden!« jammerte sie auf. Da sah er sie an – und als er sie ansah ... War das noch seine Tochter? Ihr Antlitz war kalt und bleich geworden, als hätte der Tod es berührt. Nur der Schmerz, der ihre Lippen umspielte, wollte nicht sterben. Erasmus van Dornick war weich gegen seinen Willen geworden. Er fühlte ein liebes Herz an seinem schlagen. Da neigte er das Haupt und tastete nach der Hand seines Kindes. Jetzt wußte er: er hatte noch nicht die richtige Stunde gefunden. »Es ist gut,« sagte er leise, »ich will vergessen, denn die Liebe währt ewig.« Noch immer ruhte sie an seiner Brust; ihre Hände legten sich wie eine Fessel um die hämmernden Schläfen, als müßten sie ein altes Erinnern erwürgen. Die beiden sprachen nicht mehr. Die großen, schattenhaften Augen des toten Brügge sahen durchs Fenster. V Inzwischen stampfte und polterte der Ostender Expreßzug durch die vlämische Ebene. Ab und zu ein gellendes Pfeifen, wenn er irgendwo an einem vergessenen Nest vorbeiglitt und mit seinen rasselnden Gliedmaßen durch die offene Landschaft fauchte ... Auf- und niedertanzende Telegraphendrähte, Windmühlen, Landhäuser – alles eilte rückwärts und bewegte sich am Horizont wie auf der Peripherie eines Kreises. So war das schon über eine Stunde gegangen. Dann ein Langsamerwerden, ein Rucken und Halten. Mit tiefem Atemholen stieß die Lokomotive ihren heißen Brodem aus den eisernen Lungen, dabei das bunte Stimmgewirr betäubend, das unter einer weitausgelegten und rußigen Glashalle dahinlief. Damen in den gewagtesten Hüten hasteten den Bahnsteig entlang. Das eigentümliche Frou-Frou ihrer Kleider raschelte hinter ihnen her. Der Duft nach Heliotrop und Puder ließ sekundenlang die brenzlige Ausdünstung der Maschine vergessen. Schwadronieren und Lachen...! – Geistliche in langen Soutanen, impertinente belgische Flaneurs, die Zigarette in einer Mundecke wippend, Seelenverkäuferinnen in frechen Kostümen, halb fine champagne , halb Fusel ausströmend, Professions- und Systemspieler, kurz eine ganze Serie von fragwürdigen und auch soliden Existenzen schnüffelte in die Abteile hinein, nahm schließlich Platz, machte sich's bequem, um heftig gestikulierend und schwatzend das Zeichen der Abfahrt zu erwarten. Der Expreß hatte den letzten Zudrang erhalten. Alles strebte dem Meere zu – aber nur wenige suchten es auf, wo es in seiner großen und ruhigen Majestät unter dem Himmel lag, vor sich die jungfräulichen Dünen und hinter sich den Pulsschlag der Ewigkeit, des Unendlichen. Was galt den übrigen seine gigantische Schönheit, seine Ruhe, sein Zürnen und Aufbäumen? Sie wollten es haben, wo es Patschuli ausströmte, Menschenwerk und niedere Leidenschaften seinen Strand besteckten – wo es entheiligt war. Sie hatten nichts mit ihm und seiner Reinheit zu schaffen – nichts... Die Türen schlossen sich wieder. Langsam arbeitete sich die Maschine aus der hochgegürteten Halle. Nochmals tat sich die unendliche Ebene auf. Gent war passiert. Hans Behrend sah, wie seine Türme sich duckten, kleiner wurden, wie sie, auf einer Goldfolie ruhend, ganz allmählich zerflossen. Nur der Belfried ragte noch in seiner einsamen Größe gen Himmel. Auch er schrumpfte zusammen. Hans Behrend beugte sich in seinem Abteil vor, um ihn noch einmal vor Augen zu haben. Dann lehnte er sich in die Polster zurück. Also das war der ???Bergfried??? Belfried von Gent! – wo der Roland hing – die Sturmglocke – die Stimme von Flandern – der Notschrei des Volkes – die Ruferin einer längstvergangenen Zeit, die eigentümlich, unglücklich und groß war. »Roland, Roland, wenn ich klippe ...!« Unwillkürlich traten ihm diese Worte in den Sinn, von denen er wußte, daß sie als Spruchband um den Kelch der gewaltigen Glocke lagen. Er schloß die Lider und hörte ein fernes Summeln. Das war der Turmgeist, der den weiten Schlagring umspielte. Es war ein verlorenes Tönen, aber immer noch stark genug, sich nicht von dem einförmigen Gerassel des Zuges überbieten zu lassen. Während dieses Gefummels legte ihm die Geschichte sanft die Hand auf die Schulter. Er sah Jakob van Artevelde, Margarete von York, die dritte Gemahlin Karls des Kühnen ... Die alte vlämische Luft wehte ihn an. Er sah, wie die Demokraten von Brügge und Gent die blutige Faust streckten. Er sah die Katastrophe am burgundischen Hof, welcher die Räte d'Himbercourt und Hugonet zum Opfer fielen; er sah die schöne Burgunderin selber. Maria ...! – Und der Roland läutete feierlich und mit freudiger Stimme – und das war, als der jugendliche Erzherzog in Gent einritt und mit der Burgunderin Beilager hielt. Und dann tönte die Glocke mißfarbig und traurig. Die dumpfen Klänge waren mit Flor umkleidet, aber sie hallten weithin bis nach Ypern und Brügge; sie hallten bis in das Herz von Deutschland hinein. Und Lodewyk van Gruithuisen, auf dessen Falkenbeize das Unglück passiert war, drückte dem jungen Herzog die Hand und verhüllte das Gesicht. Die schöne Maria war tot. – Später läutete die Glocke Sturm: »Myn naem is Roland, Als ick klippe, dan is´t brandt; Als ick luyde, dan is´t storm in Vlaenderland.« Der Aufruhr ging durch die Provinzen – die Burgunderin aber ruhte in der Liebfrauenkirche zu Brügge. Alljährlich um die Zeit des Unglücks standen sieben brennende Kerzen zu ihren Häupten und sieben zu ihren Füße, und alljährlich kam eine weiße Taube geflogen und setzte sich auf den Sarkophag, den Peter van Beckere aus Brüssel geschaffen hatte. Eines Tages kam sie nicht wieder, aber die Liebe hielt von nun an die Wacht am Grabmal der schönen Maria. Ein großes Schweigen war um sie. Und jetzt noch, nach Jahrhunderten, wenn die Menschen kommen, um in das ruhige, beseelte Antlitz zu schauen, dämpfen sie unwillkürlich die Stimme, sprechen sie ganz leise und geheimnisvoll, als scheuten sie sich, den Frieden und die Seelenruhe der schönen Maria zu stören. – Noch immer hielt Hans Behrend die Augen geschlossen. Hinter ihm lag das Leid, da lag so vieles, das ihn niedergebeugt hatte – und vor ihm das Unbekannte, von dem er nicht wußte, ob es ihm Trost oder Hoffnungslosigkeit bringen würde, und dennoch: er fuhr einer großen Sehnsucht und einem merkwürdigen Geheimnis entgegen; denn sie, die er geliebt und verloren hatte, die am blauen Meer von Capri ruhte – ihr Ebenbild schlief in der Liebfrauenkirche zu Brügge, in dem mystischen Dunkel der Seitenkapelle, die das Geräusch des Tages nur berührte, wie etwa der scheue Flügel einer Möwe über ein verlorenes Eiland hinstreicht. Hier konnte er sich ihre Züge wieder vergegenwärtigen, die Tote liebkosen, sie anlächeln... hier durfte er seine Lippen auf den kalten Mund drücken, der früher so blühend und heiß gewesen... hier bestand keine Trennung; nichts hinderte ihn, sich dem Wahn einer schönen Täuschung hinzugeben. Hier pochte das Leben an die Pforte des Todes, und der Tod erwachte. In der Seitenkapelle der Liebfrauenkirche hatten sich Tod und Leben gefunden. In seinen Nebelbildern geisterte es an seiner Seele vorüber. Er zog sie an sich und faßte sie zu einem Großen und Ganzen zusammen. Heitere Reflexe fielen darauf. Da kam es ihm vor, als wenn sein Denken und Fühlen in ein ruhigeres Fahrwasser glitte. Wie aus einem Traum erwachend hob er die Lider. Der Expreß nahm wieder volle Fahrt auf. Er raste wie ein scheugewordenes Tier und überlief Dörfer und Flecken. Er witterte Seeluft. Und der Seewind blies ihn an und drückte mit starker Hand die Rauch- und Schwadensäule unbarmherzig in die satten Roggenfelder hinein, die unabsehbar ins Land gingen und sich erst im tiefen Westen bei den Dünen verloren, über diese Felder waren die fürchterlichen Maitage von 1302 gekommen, als das Paßwort ›Schild en Vriend‹ ertönte, und alle Ortschaften die blutige ›Mette‹ anschlugen. Jetzt war alles in reines, flüssiges Sonnenfeuer getaucht. Die weite Niederung hatte weder Anfang noch Ende. Endlich stiegen sie auf, und da standen sie – die vergoldeten Türme von Brügge tief in der Ebene, wie brennende, riesige Kerzen auf einem leuchtenden Teppich. So erheben sich ernste Kandelaber um das Sterbelager einer Märchenprinzessin, die eine Bettlerin wurde, und bei deren Tode die Großen des Landes erst wieder zur Besinnung kommen und zu spät erkennen, daß die Verstorbene eine wirkliche Fürstin gewesen. Ob der vlämischen Stadt brannten die Totenlampen gleich feurigen Zungen. Die Maschine arbeitete tiefer und schwerer. Die Fahrt verlangsamte sich; dann ein langgezogenes Pfeifen – und mit einem dumpfen Geräusch keuchte der Zug in die Bahnhofshalle von Brügge. » Bruges, dix minutes !« Nur vereinzelte Köpfe schoben sich vor. Der Zug wurde geteilt, um auf einem Strange nach Blankenberghe und Heyst, auf dem andern nach Ostende zu laufen. Nur wenige Menschen stiegen aus. Die meisten passierten die Stadt, wie man eben einen Kirchhof passiert. Warum auch nicht? Ernste Betrachtungen haben bleierne Füße; sie ziehen zu Boden. Man wird nicht gerne an Lebensbäume und Friedhofsrosen erinnert. Hans Behrend hatte nicht lange zu suchen. Da stand er und hielt die Arme gebreitet. »Mensch ...!« »Herzensjunge, wie geht's dir?!« »Wie du siehst,« sagte Hans Behrend, »nicht gerade, um vor Freude Bäume auszureißen, aber man lebt doch so weiter,« und da ruhten die beiden Brust an Brust und fanden, daß sie die alten geblieben waren. »Na, da hätten wir dich,« meinte schließlich Heinrich vom Hövel und schob seinen Arm in den des Freundes. »Im übrigen: allerhand Achtung. Bei dir scheinen die Jahre schlechte Geschäfte zu machen. Keine Spur davon. Du bist eben ihr enfant gâté ; nur so 'n bißchen um die Schläfen 'rum ...« »Modesache – die bringt das so mit sich.« »Auch Arbeit?« »Auch die.« »Na, denn ...« meinte Heinrich vom Hövel, »wo die ist ... Und dein neustes Opus ...?« »So ziemlich abgeschlossen. Und du ...?« »Wie immer: ich male. Bilde mich zum civis battavus heraus, spiele den Fremdenführer und habe daneben noch Zeit und Muße, allerhand krausen Menschenkindern eine vernünftige und ankernde Lebensweise beizubringen, was nicht sagen will, daß du gerade damit gemeint wärest. Ich ziele vielmehr auf meinen Freund Moritz. Nebenbei gesagt: ein Original, ein Mensch aus Paradoxen zusammengewürfelt, halb Quasimodo halb Mausefallenhändler, aber mit einem Können und einem Herzen unter der Weste, als wäre er direkt aus dem Himmel gefallen.« Sie hatten den Ausgang des Bahnhofs erreicht. »Und jetzt: auf nach Valencia! – um nicht Sankt Anne ter Muiden zu sagen.« Hans Behrend blieb stehn. »Ich möchte vorher noch ...« sagte er gepreßt. Sie erschien ihm plötzlich wieder – die schöne Maria, unerwartet, in greifbarer Nähe, um dann ebenso schnell im stillen Licht des Abends von ihm zu gehen. »Nun?« fragte vom Hövel. »Zu ihr – zur Stätte, wo sie ruht.« »Na, so was! – Du bist doch eigentlich hier, um deine Langeweile spazieren zu führen, die Dünen abzuklappern und dir den Seewind um die Nase blasen zu lassen, gelinde gesagt, um endlich mal wieder ganz vernünftig zu werden und in dich zu gehen. Und nun willst du, wo die Hühner bereits schlafen wollen... Aber mal ehrlich gesprochen: warum noch heute?« »Weil ich's mir vorgenommen habe, weil es ein Herzensbedürfnis für mich ist.« »Und worin ist der Konnex zwischen dir und der schönen Erbin von Burgund zu finden?« »In dem, was ich dir früher schon sagte: ihre Ähnlichkeit... Du weißt doch: das Bild auf der Löpkerschen Bude... Wenn ich sie gesehen habe, wird es wohl still in mir werden.« Seine Augen leuchteten auf, und seine Stimme nahm einen erregten Ton an. »Ich will endlich Ruhe haben,« sagte er heftig. »Na, denn,« entgegnete vom Hövel, »ändern wir also unseren Plan. Dein Gepäck nimmt den vorgesehenen Tramweg über Dudzeele und Westkapelle, während wir nach unserer romantischen Exkursion, wenn wir wieder realen Boden unter den Füßen haben, uns in eine Droschke werfen und unter sanftem Mondschein nach Sankt Anne gondeln. Ist es so gut gemacht – dann schlag ein, alter Junge.« Lachend hielt er ihm die Hand hin. Ja, Heinrich vom Hövel lachte aus vollem Halse, aber wer genauer zuhörte, der wußte auch bald, daß das kein gewöhnliches Lachen war, daß sich Tränen dahinter verbargen und nur geschah, um ein tiefes Weh und eine große Sorge herunterzuschlucken. Er, Heinrich vom Hövel, war ein viel zu großer und gewiegter Menschenkenner, um nicht zu merken, was in der Brust seines Freundes vorging. Da arbeitete noch immer die tiefe Wunde von früher, das arme, wehe Herz mit dem Dornenkranz, an dem Blutstropfen hingen. Aber er lachte, und das Lachen ging allmählich in ein heiteres Plaudern über, und dann verstummte er plötzlich. Bewegt drückte er die Hand seines Freundes. »Also einverstanden?« fragte er leise. »Ja – es ist gut so,« sagte Hans Behrend. Er horchte auf, er glaubte ferne Stimmen zu hören. In ihnen ging das Gegenwärtige unter, aber die Zukunft wurde unter diesen Stimmen lebendig; sie kam und deutete in das feierliche Licht des Westens. Es war ungefähr um die Zeit, wo Anna van Dornick am Fenster stand, und die alten Baumkronen jenseit des Johannishospitals unter dem rosigen Kuß des Abends erschauerten. »Komm,« mahnte Heinrich vom Hövel. Nachdem sie das Gepäck besorgt und einen Wagen an das Westportal der Liebfrauenkirche bestellt hatten, gingen sie der inneren Stadt zu. Behrend ließ sich willenlos führen. Sein Gesicht war bleich und abgespannt; keine Fiber zuckte darin. Seine Blicke suchten nichts, und seine Ohren wollten nichts aufnehmen. Wortlos schritten die beiden geraume Zeit nebeneinander. Zuerst verloren sie sich in einem Gewirr von niedrigen Häusern, eins so monoton wie das andere. Frauen mit stillen Gesichtern saßen vor den Türen und klöppelten, sahen aber nicht auf, als die beiden vorübergingen. Das Pflaster war grün überlaufen. Nur selten berührte ein Fuß die üppigen Grasspitzen, und keine Hand jätete sie, Auch hier die leidenschaftslose Ruhe und die Ahnung des Todes. Eine Glocke schlug an. Der dumpfe Laut schien aus dem Turm der Erlöserkirche zu kommen. Vielleicht war in ihrem Bannkreis jemand gestorben. Der schwere Fittich der einsamen Glocke ruderte langsam über die Stadt hin. Die Straße verbreiterte sich; die Giebel streckten sich mehr in die Höhe. Bald darauf kamen sie an tiefe Grachten, in denen die Wasser wie trostlose Gedanken fortschlichen. Alte Trauerweiden hingen darüber und ließen die Enden ihres grünen Haares auf der dunklen Fläche treiben – auf der dunklen, rätselhaften Tiefe, die wie geschliffene Lava aussah. Weiterhin zeichneten sich die großen Linien der Liebfrauenkirche scharfumrissen gegen den Abendhimmel ab. Sie wuchs ruhig aus den Schatten ihrer Umgebung; die höchste Turmspitze aber war mit rosigem Schaum überflogen. Hans Behrend sah es. »Herrgott, wie schön!« brach es plötzlich aus ihm heraus, und er deutete auf die schwarzen Wasser, auf das dunkle Grün der Weiden und die zarte Aureole, die zwischen Himmel und Erde zu schweben schien. »Hier müßten wir die Riemen lösen, denn die Stätte, auf der wir stehen, ist heilig. Fühlst du nicht, wie hier in stiller Feier die Poesie durch die Straße geht, wie sie neben uns schreitet und unsere Stirne berührt? – Man sieht sie nicht körperlich – aber man fühlt sie. Das läßt sich nicht wiedergeben, weder durch Worte, noch durch Farben. Das kann nur die Seele begreifen und ist wie eine schöne Frau, die man gewinnen möchte und doch nicht gewinnen kann – an der man zugrunde geht.« Fest richtete er seine Blicke auf Heinrich vom Hövel. »Ja, du, – an der man zugrunde geht.« »So ist es,« sagte dieser und versuchte, einen heiteren Ton anzuschlagen. Fünf Minuten später kamen sie an Ort und Stelle. Das westliche Portal stand trotz der vorgerückten Stunde noch immer geöffnet. Die Kirche selber war leer; nur vor der Predella eines Seitenaltars machte sich der Glöckner zu schaffen und steckte frische Wachskerzen für den anderen Tag auf. Der Mann selber ähnelte einem brennenden Kirchenlicht. Ebenso feierlich und engbrüstig wie dieses, trug er auf den Schultern ein gutmütiges, glattrasiertes Komödiantengesicht, in dem zwei matte Augen standen, die unwillkürlich die Erinnerung an schwindsüchtige Kerzenflämmchen wachriefen. Er duftete nach Weihrauch und Buchsbaum. Heinrich vom Hövel kannte ihn, ließ mit spitzen Fingern ein Geldstück in seine Hand gleiten und ersuchte ihn, die Seitenkapelle zu öffnen. Mit geberischer Würde und dem Bewußtsein, ohne Mittelsperson direkt mit dem lieben Herrgott in Verbindung zu stehn, nickte er etliche Male und forderte die beiden auf, ihm zu folgen. Lautlos glitt er durch die geräumigen Hallen, ab und zu die Hand hebend, als wolle er andeuten, daß er sich eins mit der großen Stille fühle, die sein Reich und das Reich Gottes bewohnte. Das unheimliche Schweigen hielt an. Kein Atemzug wurde hörbar. Es war wirklich so still, daß man den Holzwurm vernahm, der im alten Getäfel sein Wesen trieb. Bereits streckte die Dämmerung die Finger aus. Unter ihrem Einfluß löste sich das Gegenständliche auf und ging sanft in das Wesenlose über. Es war ein Zustand zwischen Wachen und Träumen. Die Epitaphien, die an den Pfeilerbündeln hingen, verschwanden. Die ferner gelegenen Teile der Kirche verdüsterten sich. Nur die hohen Fenster standen wie vergoldete Lichtschäfte in der grauen Umgebung. Am Ende des Hauptschiffes schwebte ein rötlicher Schein ungefähr in Mannshöhe über dem Boden. Es war die ewige Lampe, die mit kränklichem Licht auf dem hohen Chor hin und her pendelte. Wiederum machte der Mann mit dem gutmütigen Komödiantengesicht eine feierliche Handbewegung. Jetzt blieb er stehen. »Hier,« sagte er mit gedämpfter Stimme, öffnete eine Gittertür, die sich geräuschlos in ihren Angeln bewegte, ließ die beiden eintreten, während er selber vor der Seitenkapelle blieb und dort mit leisen Sohlen auf und ab ging. Er kannte das alles. Er sah das tagtäglich, er sah das dreihundertfünfundsechzigmal im Verlauf eines Jahres, und mehr als dreißig Jahre hatte er bereits die Glöcknerstelle hier in der Kirche, also an ein und derselben Stätte, verwaltet. Es war ihm nichts Neues. Gesenkten Hauptes war Hans Behrend näher getreten. Da lag sie ... Er stieß einen verhaltenen Schrei aus. Heinrich vom Hövel hatte sich dicht an seine Seite begeben. Durch das seitwärts gelegene Fenster fiel der letzte Gruß des sterbenden Abends und verbreitete noch eine genügende Helle. Ja – da lag sie mit gefalteten Händen, den Kopf auf ein Kissen gebettet, mit gestreckten Beinen und einem Spiel um die Lippen, das nicht von dieser Welt war. Er sah lange in das friedliche Antlitz. Wie von einem Zwange geleitet, tat auch er die Hände zusammen. So mußte auch sie am Strande des Meeres gelegen haben, dicht am Fußpfad zur Punta Tragara, gerade wie diese, so still und selig und nun bar allen Leides – vom Unglück wie diese gefaßt und jetzt eine Heilige. Und auf den Wassern war eine Stimme, eine sonore Männerstimme, die immer inniger, mächtiger anschwoll: » O dolce Napoli ...« Er fuhr sich still über die Schläfen. Der Hauch der Erinnerung lag über dem Grabmal. »Heinrich,« sagte er mit tränenerstickter Stimme, »wenn es dir recht ist ...« Und da ging Heinrich vom Hövel ernst hinaus – aber auch er hatte gesehen. Er hatte das bestimmte Gefühl von einer Ähnlichkeit, die ihn nicht mehr loslassen wollte. Aber nicht das allein bewegte ihn seltsam. Da war noch was anderes. Geheimnisvolle Saiten klangen ihm zu. Er erschrak ordentlich vor dieser Wahrnehmung, und dennoch erfüllte sie ihn mit jenem sensitiven Bangen, das die Mitte hält zwischen freudiger Wallung und schweren Bedenken. Das war es ja eben: unbewußt hatte er jene Saiten ins Schwingen gebracht, die erst sanft anklingen, dann stärker werden, um schließlich in gegenseitiger Wechselbeziehung die geheimsten Regungen zweier Seelen auszulösen. Der Mann mit dem glattrasierten Gesicht sah ihn merkwürdig an. »Was hat der Herr nur da drinnen?« fragte er mit dem gedämpften Flüstern von eben. Als er keine Antwort erhielt, nahm er seinen Gang wieder auf. »So was kommt vor,« sagte er im Weitergehen und ließ die Schlüssel, die er in den wächsernen Fingern hielt, kaum hörbar gegeneinanderklingen. In der Kapelle stand Hans Behrend noch immer. Er war dicht an die schwarze Marmorlade getreten, auf der sie ruhte. Er vermochte es nicht, sich von den geliebten Zügen zu trennen. Nas Abendlicht, das immer matter und unbestimmter wurde, ließ sie wie lebend erscheinen. Und wieder rauschte das Meer auf. Hinter Anacapri lag eine silberne Helle. Ner Mond war im Aufstieg begriffen. Und dann wieder die sonore Männerstimme über den Wassern: » 0 dolce Napoli... « Vergebens kämpfte er dagegen an. Der alte Traum wollte nicht schwinden. Er glitt sacht über ihr Haar, über die Schläfen; er tastete über die Schultern, er berührte die Stirne und ergriff die gefalteten Hände. Sie waren kalt, eisig, frostig. »Maria!« stöhnte er plötzlich auf, schlang den Arm um sie her und preßte seinen Mund auf die Lippen, die kein Empfinden, kein Leben mehr hatten. »Jetzt darf ich dich küssen,« sagte er schluchzend, »aber auf Capri, damals auf dem Wege zur Punta Tragara – damals ist das Sünde gewesen, aber jetzt darf ich dich küssen.« Langsam sank er in die Knie. Eine Vorahnung von dem, was man Ewigkeit nennt, die weder Anfang noch Ende hat, nahm von seinem Herzen Besitz. Als er sich aufhob, hatte er vieles niedergezwungen. Sein Blick hellte auf, und sein Nacken straffte sich wieder. Noch einmal sah er auf das liebliche Bildnis, noch einmal beugte er sich über das friedliche Antlitz, sichtlich durch den Ausdruck des Leides und der Freude verklärt und mit jenem Hauch überflogen, der Unsterblichkeit gibt; noch einmal küßte er den kalten Mund mit heiligem Schauer, noch einmal glaubte er das wehmütige Rauschen des Meeres zu hören, das die purpurblaue, einsame Küste von Capri umspielte – dann verließ er hochaufgerichtet die Stätte, wo er Trost gefunden, und die zu sehen er schon lange Jahre mit heißer Sehnsucht gewünscht hatte, über seine Züge lief der Abglanz eines holden Wahns, einer befreienden Täuschung. Es war schon richtig: in der Seitenkapelle der Liebfrauenkirche pochte auch für ihn das Leben an die Pforte des Todes, und der Tod erwachte. Hier hatten sich Tod und Leben gefunden, hatten vergessen und waren glücklich gewesen. Das fühlte auch Heinrich vom Hövel, als sein Freund wieder zu ihm trat, und sie beide, vom Glöckner begleitet, die Kirche verließen. Er bemerkte es trotz der Dunkelheit, die sich inzwischen unter den hohen Gewölben wie tiefgraue Fischernetze ausgespannt hatte; es wurde bei ihm zur Gewißheit, als sie ins Freie traten und der letzte Rest des Abendlichtes ihm alles deutlich machte: Hans Behrend hatte sich wiedergefunden. Er sah darin die Vorboten eines neuen Lebens, einer gehobenen Stimmung, wie sie auch die starre Erde empfindet, wenn sich endlich die Tage längen und die Nächte wärmer werden. Fern drüben über einem grauen, eingedunkelten Land regte sich ein verheißungsvolles Licht – und das Licht wurde größer und größer. Es war für ihn die Quelle der Erkenntnis und des Trostes geworden. Der gönnerhafte Mensch mit dem glattrasierten Gesicht winkte den Wagen, der sich seitlich vom Portal aufgestellt hatte, näher heran. Seine Blicke glichen noch immer ermatteten Flämmchen, die an dem Docht einer bleichen Wachskerze zehren. Hierauf machte er eine stumme Verbeugung und grüßte die Abfahrenden mit einer derart pompösen Handbewegung nach, als wenn er sagen wollte: »Ziehet in Frieden. Ich weiß, was ich weiß, denn wer Augen zu sehen hat, der sehe, und wer Ohren hat zum Hören, der höre. Ich habe gehört und gesehen. Hier geschah ein Wunder, oder es kommt noch ein Wunder, denn hier der Grund und Boden...« Er verschluckte die letzten Worte und stand in einer Wolke, die nach Weihrauch und Buchsbaum duftete. Und dieser Duft nach Weihrauch und Buchsbaum nahm stetig an Ausdehnung und Stärke zu. Er schleierte über den Platz der Liebfrauenkirche, drängte sich in die zunächst gelegenen Straßen hinein und deckte schließlich alle Viertel der toten Stadt mit seinen süßlichen und betäubenden Aromen zu. Da nahm auch das schwarze Nönnchen mit ihrer brennenden Kerze am Beghinenhof aufs neue ihre Wanderung auf. Da ging sie... Gespenstisch schwebte sie von Straße zu Straße, von Gasse zu Gasse. Hinter den weißen Mullgardinen aber saß das Grauen und sah zum Fenster hinaus. Inzwischen hatte der Wagen, am Quai du Rosaire vorbei, Richtung auf das Dammer Tor genommen. Bald darauf empfing ihn die offene Landschaft. Rechts von der Straße lag der breite Brügger Kanal. Kein Geräusch war auf ihm, nichts bewegte den schwarzen Spiegel. Unermeßlich dehnte sich die Erde. Ein falber Strich grenzte sie im Westen ab. Eine Sense arbeitete noch im freien Felde. Plötzlich hörte sie auf, die Gräser umzulegen. Dafür ließ sich das Dengeleisen vernehmen. Dann rauschte die Sense wieder durch das endlose Land hin. Ab und zu blinkte sie auf. Weiter zur Linken wetterleuchtete der Abend. Es war nur ein schwaches und kränkliches Leuchten. Heinrich vom Hövel erhob sich im Wagen und deutete auf den Schein, der plötzlich wieder am Himmel stand. »Du,« sagte er leise, »genau dorthin liegt Sankt Anne ter Muiden.« VI In dem Jan Bottertje'schen Anwesen lag rechts von der Flurtür der Spezereiwarenladen mit Theke, Anrichte und den übrigen Utensilien, links davon ein geräumiges Zimmer, proper wie ein blankgeputztes Kastemännchen, mit verschnörkelten Sandfiguren auf den gescheuerten Dielen und einem vlämischen Kamin, auf dessen Kacheln sich die Motive immer wiederholten: eine Mühle in weiter Ebene, ein Kanal, auf welchem ein Schiff lag, ein Reiter, der gemächlich durch eine stilisierte Landschaft trabte, dann wieder der Reiter, der Kanal und die einsame Windmühle, alles Blau in Blau gemalt und mit einer weißlichen, schon etwas rissigen Glasur überzogen. Auf der Kammplatte stand ein messingner Käfig, ein wahres Prachtstück seiner Art, mit Schellchen und Glöckchen verziert, in welchem ein Kanarienvogel saß, der, obgleich er von Porzellanmasse war, dennoch tagtäglich von Wilhelmintje mit frischen Rübsen und Wasser versorgt wurde, jeden zweiten Tag eine neue Lage Streusand erhielt und von ihr angepfiffen, versorgt und geliebkost wurde, als wäre es ein wirklich lebender Kanarienvogel. Für Sankt Anne war dieses Zimmer etwas Außergewöhnliches, etwus Niedagewesenes. Jan Bottertje nannte es ›Thronsaal‹, aber nicht etwa des porzellanenen Kanarienvogels, der feinen Gardinen und der zierlich geflochtenen Strohmatten halber, sondern des großen Öldruckbildes wegen, das im breiten Goldrahmen über dem Binsensofa hing und ›Ons Wilhelmintje‹ in vollem Krönungsornat darstellte. ›Ons Wilhelmintje‹ lächelte aus dem Bilde heraus. Sie lächelte wie ein holländisch Meisje, wie ein Rosenknöspchen, das eben aufbrechen wollte, wie etwa die Veilchen mit ihren blauen Äugelchen lächeln, wenn sie an den verschwiegenen Parkwegen von ›Het Loo‹ erwachen. Dabei stand sie aber so kerzengerade und stramm da wie die schönste Tulpe auf einem prächtigen Beete in Haarlem. In ihrem blonden Haar ruhte ein goldenes Krönchen. Mit der linken Hand hielt sie einen Zipfel ihres Hermelinmantels, mit der anderen das Zepter gefaßt, und rechts in der Ecke erhob sich der niederländische Leu, der die rote Zunge vorstreckte und den geklingelten Schwanz energisch in die Höhe schob. Darunter stand die Devise: ›God zy met ons.‹ ›Ons Wilhelmintje‹ vereinigte auf diesem Bilde Güte und Feierlichkeit, Rosenknöspchen und Tulpe, Menschliches und Königliches – sie repräsentierte. Madam Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, benutzte diesen Thronsaal nur in Ausnahmefällen, und zwar: erstens an allen Sonn- und Feiertagen, zweitens, wenn sie ihre Teestunde hatte, das Mädchen das kupferne Stoofje mit dem glühenden Torfmull auf den Tisch stellte und den Kessel mit kochendem Wasser darüber placierte, und schließlich, wenn sie die Honoratioren zum Besuch erwartete, das heißt, wenn ihre Schwester vorsprach, denn außer Bernadintje gab es für sie keine anderen Honoratioren in Sankt Anne ter Muiden. Heute, so um die Schummerstunde herum, trafen die letzten Voraussetzungen ein: Besuch und Teestunde fielen an diesem Tag zusammen, und so saßen denn die beiden Schwestern im Thronsaal, gerade unter dem Bild von ›Ons Wilhelmintje‹, strickten an großen, wollenen Strümpfen und hörten zu, wie der Teekessel über dem Stoofje immer lustiger wurde, mit dem Deckel klapperte und langatmige Geschichten aus der zierlichen Tülle herausdrehte. Die beiden Fenster des Thronsaals, die auf die Straße sahen, standen geöffnet. Die bunten Stockrosen des schmalen Vorgärtchens grüßten ins Zimmer und hoben sich apart vom Abendhimmel ab, der, obgleich noch völlig entschleiert, schon das geheimnisvolle Ahnen der kommenden Dunkelheit ausströmte. Die gemütliche Sitzung hatte sich über Gebühr in die Länge gezogen, aber das machte, weil Bernadintje unter allen Umständen dabei sein wollte, wenn Wilhelmintje ihrem neuen Mieter die Ehre erwies und ihn die Treppe hinaufkomplimentierte, und so war denn aus der ursprünglichen Teestunde eine pläsierliche Wartezeit geworden, die den Gedankenaustausch der beiden Bottertjes so recht intensiv und mollig gestaltete. Sie saßen wie angeleimt. Nur wenn nebenan die Klingel im Laden laut wurde, erhob sich Wilhelmintje, ging hinter die Theke, verabfolgte ihren Kunden die verlangte Portion an Kandiszucker, Nudeln und Kaneelsborke und begab sich dann wieder in den Thronsaal und unter den Schutz von ›Ons Wilhelmintje‹. Als sie zum fünftenmal dieses Manöver ausführte, rutschte ihre um zwei Stunden elf Minuten jüngere Zwillingsschwester unruhig auf den Binsen herum, sah zum Fenster hinaus und warf dann so verloren über den Tisch fort: »Nu könnten sie kommen.« »As't üh belieft, Bernadintje?« »Ich meine, daß sie nu kommen könnten.« »Meine ich auch, denn der Tram muß nu da sein – und ich freue mir sehr auf die beiden.« »Ich auch,« sagte Bernadintje, »gerade so wie auf meinen Domine in Brügge. Aber,« setzte sie neugierig hinzu, »was er wohl für einer ist?« »Wer denn?« »Nu, ich meine: der Schriftgelehrte aus Deutschland?« »Nobel,« war die kategorische Antwort. »Wieso?« »Weil ihn Mynheer vom Hövel rekommandiert hat,« sagte Wilhelmintje und arbeitete dabei ihre Stricknadeln energisch gegeneinander. »Ja, der!« kam es langgezogen und süßlich zurück, etwa so, als wenn einer Katzengold um die Finger spinnt, »aber Mynheer Dütz-Josum gehört doch auch in dieselbige Freundschaft, und ich kann nicht gerade behaupten ...« »Exküsiert, Bernadintje,« fiel ihr die ältere Schwester ins Wort. »Ein gut ausgemistet Ferkel – ja, aber 'nen Menschen kann man nicht nach seinen äußeren Kulören taxieren. Da gibt es welche, die auf das erste Gesicht hin weiß und pläsierlich erscheinen und doch 'ne schwarze Seele besitzen. Zum Beispiel... Ich will keine Namens nennen, aber er heißt Vasilius und veramüsiert sich...« »O, o, o!« seufzte Bernadintje. Ihre Augen feuchteten sich und sahen traurig in die Vergangenheit zurück. »So 'n Windhund,« sagte sie giftig. »Exküsiert, Bernadintje – wohingegen die andern schwarz und unförmlich erscheinen und dennoch schneeweiß sind und die unschuldvollsten Engels bedeuten – und so ein unschuldsvoller Engel... Bernadintje, da kommt er.« »Wer denn?« Aber nicht Moritz Dütz-Josum, wie zu erwarten stand, sondern Jan Bottertje gab sich die Ehre. Angeheitert trat er ins Zimmer: fidel, die Mütze schief auf dem Polkakopf, überhaupt nicht wiederzuerkennen, und setzte des längeren auseinander, daß Tram und Gepäck inzwischen eingetroffen seien, und er bereits Order gegeben habe, letzteres auf die vermietete Stube zu bringen. »Und Mynheer vom Hövel?« fragte Wilhelmintje. »Noch nicht da.« »Und der rekommandierte Mynheer?« »Desgleichigen dito nicht da.« »Aber – Jan ...!« rief Madam Bottertje enttäuscht aus und schien wie vor den Kopf geschlagen. Bernadintje, die bei der Ankunft ihres Schwagers wie ein, Stehaufmännchen hochschnellte, hatte bei dieser Nachricht keineswegs die Fassung verloren. »Dann warten wir einfach,« sagte sie kurz angebunden, schob in aller Gemütsruhe ihre hintere Portion in die Binsen Zurück und setzte sich wieder, wohingegen ihre Schwester noch immer mit einem Gesicht dastand, als müsse sie hilflos zusehn, wie sich die Schweine von ganz Sankt Anne ter Muiden in ihrer besten Kappesplantage herumsielten. Jan machte eine pompöse Bewegung. »Nur keine Mouvements, Wilhelmintje,« sagte er mit lustigen Augelchen, »die fahren per Landachs',« aber das Gesagte kam mit einem so konfusen Zungenschlag zum Vorschein, daß die beiden Frauen unwillkürlich aufsahen und Jan etwas genauer unter Beaugenscheinigung nahmen. Frau Votterje schlug die Hände zusammen. »Aber – Jan ...!« rief sie noch einmal. »Aber – Jan ...!« echote Bernadintje von ihren Binsen herunter. »Du hast drei Genever getrunken,« konstatierte Wilhelmintje, und ihre goldenen Ohrgehänge kamen in eine nervöse Erregung. Ihre Zwillingsschwester war derselben Meinung. »Natürlich! – er hat drei Genever getrunken.« »Hab' ich,« gab Jan zurück, »und zur Feier des Tages werde ich mir den vierten genehmigen,« und damit verließ er den Thronsaal, begab sich hinter die Ladentheke, wo diverse Schnäpse in langhalsigen Flaschen standen und langte sich die Geneverbouteille von der Anrichte herunter. »O Gott, o Gott!« stöhnte Madam Bottertje auf, »jetzt sollst du sehn, Bernadintje – nu kommt die alte Geschichte, nu ist er wieder der verdammte Admiral de Ruyter geworden.« In stiller Ergebung legte sie die Hände zusammen. Mittlerweile war es so schummerig geworden, daß das Stoofje schon einen schwachen Schein über den Tisch warf. »Wollen man Licht anmachen,« sagte Bernadintje, erhob sich, setzte die altmodische Moderateurlampe in Brand und stülpte einen japanischen Schirm darüber. Und da lief so ein warmer Schein auf die Straße hinaus, daß die Malvenstöcke ordentlich aufleuchteten; hierauf machte er sich's auch in der Stube bequem und umspielte ›Ons Wilhelmintje‹ und das Schwesternpaar, das jetzt in selbstquälerischer Erwartung dasaß, ob Jan den Thronsaal wohl in seiner Eigenschaft als Admiral de Ruyter beehren würde. Den vierten Genever hatte er soeben hinter seine Velvetweste gegossen – und trotzdem: Jan Bottertje hatte nichts mit einem professionellen Trinker gemein. Er war von dieser niedrigen Leidenschaft soweit entfernt wie Amalie, Sophie und Doortje von einem unreellen Verhältnis. Jan war ein tüchtiger Schweinezüchter, ein viver Ehemann, ein pfiffiger Spezereiwarenhändler – aber kein Trinker. Allerhöchstens gönnte er sich ein Deputat von vier Schnäpsen an ein und demselben Tage, aber auch dann nur, wenn er mit sich zufrieden war und ein Geschäft abgewickelt hatte, das sich sehen lassen konnte. Das traf jetzt ein. Auf dem Schweinemarkt im benachbarten Sluis konnte er im Verlaufe des heutigen Nachmittags einen Profit von dreizehn Gulden in die Tasche stecken, was ihn so amüsierte, daß er von seiner gewohnten Enthaltsamkeit abließ und etliche Genever interpolierte. Aber wie das so in der Natur begründet liegt, sobald einer Dinge betreibt, die nicht in seinen Lebenszirkel hineinpassen, wird er auf einen Grund und Boden geworfen, der ihm unbekannt ist und ihn mit fremden Augen ansieht. So auch bei Jan. Je nach der Anzahl der ungewohnten Gläschen, die er sich leistete, hatte er auch hinsichtlich seines äußeren und inneren Menschen Wandlungen durchzumachen, die genau die Anzahl der genossenen Schnäpse repräsentierten. Beim ersten Gläschen verlor er seine unerschütterliche Resignation und Pomade. Beim zweiten neigte er zu einer Art väterlicher Melancholie. Seine verwässerten Fischaugen gewannen an Glanz – ein Stadium, welches in ihm die ganze Menschenfreundlichkeit und geberische Würde eines Friedensapostels entwickelte. Beim dritten wurde er fidel und patriotisch. Die übrige Welt war ihm wurschtig. Beim vierten und letzten Gläschen schlug er wie ein Pferd über die Stränge. Dann wurde er noch übermütiger und bekam es mit der richtigen Forsche zu tun, denn beim vierten Genever dachte er an seine Militärzeit zurück, die er auf einem alten, braven holländischen Orlogschiff abgedient hatte. Gottverdomie noch mal! – das war doch 'ne große Sache gewesen, wie er so als Matrose im Tauwerk herumkletterte, das erste Kommando ertönte, und – bumbum! – die ehrlichen, eisernen Brummers mal so 'n bißchen das Maul aufrissen. Gottverdomie noch mal! – und dann mußte er, wenn das Schiff so unter fünfundvierzig Grad hin und her balancierte und See auf See schwer überkam, in die Rahen hinein, um so 'n flattriges, fahriges Segel vor Sturm und Wetter beizulegen – und dann: ja dann kam er wieder herunter, und der Kapitän stand stramm und kurzbeinig vor ihm, klopfte ihm auf die Schulter und sagte: Gut gemacht, Jan, brav so, Jan, Jan, ,en Snuifje gefällig?! – und dabei bäumte das Schiff in mächtiger Dünung, und die alten Brummers taten wieder das Maul auf und riefen: Bum, bum, bum! – Ne, da ging das nicht andes: er war höllisch begeistert, und in dieser Begeisterung avancierte er sich selber durch alle militärischen Grade bis zur Stellung eines Admirals hindurch, und, da er einen besonderen Respekt für die alten Seehelden und speziell für den bärbeißigen de Ruyter hatte, glaubte er sich identisch mit ihm, steuerte im Geiste auf die Kommandobrücke los und kommandierte schlankweg: Tops hoch! – Bum, bum, bum! – es lebe de Ruynter! und das alles nach dem vierten Genever. – Und Jan hatte den vierten getrunken, schob die Mütze forsch in den Nacken, steuerte hinter der Theke herum, nahm Kurs auf den Thronsaal, marschierte als Admiral Michiel Adrianszoon de Ruyter direktemang auf die staats aufgetakelten Fregatten Wilhelmintje und Bernadintje Bottertje los und meinte: »Gottverdomie noch mal! – daß ich's nur sage...« »Na, was denn?« fragte Bernadintje und begegnete ihrem Schwager mit lustigen Äugelchen. »Um Gott nicht!« fuhr Wilhelmintje dazwischen, »der Mannskerl ist ja wieder rein aus dem Leimpott. Ich sagte es ja – der olle Genever ...!« »Woso?!« fragte Jan, »wo ich hier als Admiral de Ruyter den Thronsaal beehre? Der geht immer aufs Ganze und macht nicht lange dämliche Mouvements. Denn was so'n richtiger Seeheld bedeutet, hat neben der Kurasch noch'ne verschreckliche Liebe im Herzen, und daher: komm her, Wilhelmintje!« Er hielt die Arme gebreitet und machte klar zum Gefecht, segelte dabei aber auf seine Schwägerin zu, was ihm auch nicht weiter zu verübeln war, da sich die beiden Frauen ähnelten wie ein Ei dem andern, wie eine Erbse der anderen Erbse, bekam sie im Griff und drückte sie an seine stolze Admiralsbrust, daß sie glaubte, Hören und Sehen verlieren zu müssen. »Du irrst dir, du irrst dir!« wehrte sie ab. »Woso?« fragte Jan. »Ich bin ja gar nicht Wilhelmintje! – Ich bin ja dem verfluchten Basilius – dem Schweinemarkör – dem infamen Balbierer ...!« »Auch egal!« dekretierte Jan im Vollgefühl seiner angemaßten Würde, »denn wer wie ich als seebefahrener Mann in India und bei die Türkens Anker geworfen hat, der darf sich auch 'nen Harlem zulegen und zwei Frauens besitzen.« Nu aber Wilhelmintje ...! Ihr Auge gab Feuer wie eine Brandrakete, wenn ein steifer Sturm hinter ihr herläuft. »Du Buttermilchskerl ...! – Du Ferkel-Jonkheer ...!« Mit klingelnden Ohrgehängen war sie vor ihn getreten. »Jan, hast du denn keine Schanierlichkeit gar nicht? Was willst du überhaupt hier anstellen, du schwarzlackierter Pascha von Kochinchina und Konstantinopel? – 'nen richtigen Harlem will sich das Mannsmensch zulegen! – Aber warte, mein Junge, ich werde dir schon den Admiral, de Ruyter austreiben.« Mit einem Ruck setzte sie beide Hände in ihre stämmigen Hüften. »Hier stehe ich,« sagte sie giftig, »und die da steht, ist meine leibhaftige und eingeborene Schwester. Außerdem werde ich's Mynheer vom Hövel noch stechen, und wenn du noch einmal ... Verstanden, du Mehlfaß?« Ja, er hatte verstanden, Jan Bottertje hatte mehr wie verstanden. Stückweise fielen ihm sämtliche Insignien eines holländischen Admirals vom Leibe herunter. Der piekfeine Frack, die goldbesetzten Hosen, die Epauletts, das Seeperspelktiv – alles lag kunterbunt auf den blankgescheuerten Dielen. Ihm blieb nichts weiter übrig, als die Flagge vom Großtopp niederzulassen und von der Kommandobrücke zu steigen. Nur den Admiralshut fühlte er noch in Gestalt einer seidenen Schirmmütze auf dem verbaselten Kopfe. Auch der mußte herunter. »'runter mit ihm!« sagte Jan, packte ihn und schleuderte ihn in die nächste Ecke hinein. Mit dem Ablegen des Hutes war auch der Einfluß des vierten Genevers verschwunden. Von dem ganzen Admiral Michiel Adrianszoon de Ruyter, geboren zu Vlissingen, gestorben in Syrakus nach einem Seetreffen bei Messina, war auch nicht ein Hosenknopf übrig geblieben – nichts, reineweg gar nichts. Der innere und äußere Zustand Jan Bottertjes rückte ein Stadium tiefer. Er gelangte in die dritte Position – in den Zustand also, der durch den Genuß von nur drei Schnäpsen bedingt war. Schritt für Schritt wich er zurück, retirierte, seine noch immer erregte Frau nicht außer acht lassend, bis an das geöffnete Fenster, lehnte seine hintere Breitseite dort an und richtete die Blicke stramm auf ›Qns Wilhelmintje‹, die von dem Reflex des japanischen Lampenschirms wie von einem rosigen Heiligenschein umgeben war. Jan war patriotisch geworden. »Ons Wilhelmintje!« sagte er mit glücklichen Augen. »Ach, ons lief Wilhelmintje!« »Das ist denn eine andere Sache,« konstatierte Madam Bottertje, setzte sich wieder und ließ ihren Unmut unter den Tisch fallen. »Hier steh' ich als Staatsbürger von Sankt Anne ter Muiden,« schwadronierte Jan in seiner patriotischen Begeisterung weiter, »und keine menschliche Seele, nur ons lief Wilhelmintje hat uns hier zu kommandieren – selbst nicht de Koning van Preußen. Und wenn de Koning van Preußen sich mausig machen tun täte, wir machten mobil mit die Schutterij, klabasterten auf die Paardjes und sängen durch ganz Holland, von Sankt Anne bis nach Amsterdam und bis an den Nordpol.« Und dann legte Jan Bottertje los – aber feste: »Zy zullen hem niet temmen, Den fieren vlaemschen leeuw, Al dreigen zy zyn vryheid Mit kluisters en geschreeuw. Zy zullen hem niet temmen, Zoo lang een Vlaming leeft, Zoo lang de leeuw kan klauwen, Zoo lang by tanden heeft.« Donnerwetter noch mal! – das packte. Wilhelmintje und Bernadintje stimmten begeistert mit ein. ›Ons Wilhelmintie‹ lächelte aus dem Bilde heraus, bekam das goldene Zepter fester im Griff, selbst der porzellanene Kanarienvogel hätte vor Freude mitgesungen, wenn er's gekonnt hätte, als nun der Refrain des Liedes dreistimmig und mit allen Schikanen durch den Thronsaal und von hier aus in den schönen, feierlichen Sommerabend hinaustönte: »Zy zullen hem niet temmen, Zoo lang een Vlaming leeft, Zoo lang de leeuw kan klauwen, Zoo lang hy tanden ...« Da war's alle. Die Zunge verstummte plötzlich. Die beiden Frauen fuhren in die Höhe und schrieen entsetzt auf, als sei jeder von ihnen eine Stecknadel durch die Sitzgelegenheit geschoben worden. Jan Bottertje selber, der forsche, patriotische Jan Bottertje klappte zusammen wie ein vollgestopfter Getreidesack, dem das Korn aus allen Nähten herausläuft. Er schrumpfte wieder zu dem ganz gewöhnlichen Jan, zu dem Spezereiwarenhändler, dem Balbierer und Ferkel-Jonkheer zusammen, er war wieder der alte Jan mit dem aalglatten Kabeljaugesicht und den fischigen Augen geworden, nur noch mit einer gehörigen Portion Angstschweiß angerührt, der aus allen Löchern seiner Velvetweste herauswollte. Das Postpapierartige und Pomadige in seiner Veranlagung war mitten durchgerissen, weil eine grobharte und teerige Hand... Herr Gott, was für 'ne Hand denn?! Das war es ja eben! – eine grobharte und teerige Hand hatte sich ihm plötzlich von draußen her auf die Schulter gelegt, denn hinter ihm, mitten im Fensterrahmen, stand ein verwittertes, borkenrissiges Gesicht, das zu einem Menschen gehörte, der über Manneshöhe reichte und auf seinen langen Ständern wie ein Matrose wiewackte. Und er war ein Matrose, der runde, blaue Augen hatte, aber verblaßte, genau so verblaßte, wie sie die Vergißmeinnicht haben, wenn sie im Schatten eines Teichrandes wachsen – und dieser Mensch streckte seine schwieligen Hände ins Zimmer und sagte: »Wie ist das aber jetzt mit die Lichters?« »Pottdorie!« atmete Jan auf, »einen so in die Benautheit zu sagen. Diese Mouvements! – da kann ja unsereiner dran sterben.« »Das kann man,« bestätigte Wilhelmintje. »Aber was soll das nu wieder?« »Je, Madam Bottertje,« fragte die ruhige Stimme von eben, »wie ist denn das mit die Lichters?« »Mit was für Lichters?« »Heute ist doch der fünfzehnte Juli.« »Stimmt.« »Da kommt doch der neue Inwohner.« »Stimmt.« »Da haben wir doch sonst ›Verlichtung‹ gemacht, wenn so einer ankam – fünfzehn Seelenlichters auf fünfzehn Bouteillen, denn heute ist der fünfzehnte Juli, Madam Bottertje.« »Wie kann einer so dumm sein und so was im Koppe nicht haben!« freute sich Wilhelmintje. »Richtig! – das war's ja, wo ich immer dran denken wollte, aber Jan mit seinem dämlichen Admiral de Ruyter ... Richtig: fünfzehn Seelenlichters auf fünfzehn Bouteillen ...!« »Und ich stecke fünfundzwanzig auf, wenn mein Domine ankommt,« warf Bernadintje dazwischen. »Aber dicke, fette Talgkerzen, wenn ich bitten darf,« ließ sich plötzlich eine Meckerstimme vernehmen, »das lieb' ich noch von meiner Rattenzeit her, denn die infamigen Biester ...« Neben dem borkenrissigen Gesicht türmte sich unerwartet ein grotesker Zylinder im Fensterrahmen auf. »Herrje!« rief Wilhelmintje und schlug verwundert die Hände zusammen, »Mynheer Dütz-Iosum ...! – Mynheer, Sie wollen wohl auch den deutschen Schriftgelehrten...?« »Natürlich.« »Dann vorwärts!« dekretierte Madam Bottertje, und alle drei verließen den Thronsaal, um das Nötige für den Empfang und die Illumination vorzubereiten – Wilhelmintje zuletzt und in gehobener Stimmung. Sie hatte den unliebsamen Auftritt von eben ganz vergessen, und ihre noch vor kurzem so aufgeregten Ohrgehänge gerieten in ein liebliches Klingeln, etwa so, wie es ausgereifte Haferähren an sich haben, wenn sie ihre, glasharten, spitzen Glöckchen auf- und niederbewegen, und ein laulicher, sanfter Abendwind über sie fortgeht. Sie klingelten im Flur und um die Theke herum, und dann ließen sie ihr harmonisches Klingeln draußen vernehmen. »So ist's gut,« sagte der lange Matrose, der Mensch mit dem Harmonikagesicht, auf dem hartes Salzwasser und Sturm und bittere Kälte ihre Spuren gelassen hatten, »fünfzehn Lichters auf fünfzehn Boüteillen ...! – Nu kann ich wohl gehn?« Bedächtig steckte er sich ein frisches Priemchen hinter die Backe, schob die Hände in die soliden Hosen hinein und ging dann mit sich und seinen Gedanken in die ruhige Landschaft. Er stakelte dem Meer zu; in tiefen Atemzügen schluckte er den kräftigen Seewind, der etwas von Südwest herkam. Über den fernen Dünen lag ein Stück Wolke, das mit einem Menschenkopf Ähnlichkeit hatte. Zwei gelbliche, schräggezogene Flecke standen darin, aus denen ab und zu ein hämisches Leuchten aufbegehrte. »Das kommt nicht herüber,« sagte der lange Mensch, »das steht, wo es steht und konkurriert nicht mit die fünfzehn Seelenlichters auf die fünfzehn Bouteillen.« Mit großen Schritten ging er des Weges, über ihm blinzelten die ersten Sternchen wie goldene Fliegen am Himmel. – – – – – – – – – – – »Du,« sagte Heinrich vom Hövel, »genau da, wo soeben das matte Licht stand, liegt Sankt Anne ter Muiden.« Er ließ sich zurückfallen und machte sich's wieder bequem in den Wagenkissen. Wortlos saßen sie jetzt nebeneinander, aber sie fühlten, daß die Schwingungen des Abends sie mit weichen, sammetartigen Fingerspitzen berührten. Es war wie das Büscheln einer magnetischen Kraft, wie eine seine Ausstrahlung, unter deren Einfluß sie sich befanden und wechselseitig, ohne zu sprechen, ihre Gedanken errieten. So waren sie durch Damme und in Höhe von Oostkerke gekommen. Aus dem Nebel der Wiesen und Roggenfelder hob sich der Mond auf. Leise wogten die Halme gegen ihn an; seine Strahlen trippelten noch ungewiß über das Gewirr von Myriaden säuselnder Spelze und Ähren. Kaum zu verfolgen, ohne Übergang wuchs der Abend in die Nacht hinein. Es war eine jener seltsamen Sommernächte, die voller Gegensätze sind. Sie war dunkel und doch von jener Helle durchgeistert, die alle Gegenstände mit scharfen Linien umzieht, sie war schweigsam wie der Tod, und dennoch lebten ungezählte Stimmen und Stimmchen in ihr, jene Stimmen, die Luft und Erde bewohnen, die ein Geräusch und doch kein Geräusch sind, die nur die Seele vernimmt, und die dann verzittern, als würden sie von unsichtbaren Schwingen weiter getragen. Es war eine jener seltsamen Nächte, die mit sanfter Hand über die Stirne gleiten, trösten und Vergessen bringen, um dann wieder die Saiten einer schmerzlichen Sehnsucht in ein lautes, nachhaltiges Tönen zu bringen. Sie war rätselhaft, unerforschlich und doch wie ein Kind, dessen Innenleben keine Rätsel aufgibt. Sie schien eine Bettlerin zu sein; trotzdem spendete sie unermüdlich und mit seligen Händen. Hans Vehrend hatte sichtlich unter diesen Gegensätzen zu leiden. Unvermittelt drängten sich einzelne Begebenheiten und Erinnerungen nebeneinander – eine Gedankenflucht, der er nicht Herr werden konnte. »Hast du Nachricht von ihm?« fragte er plötzlich. »Wen meinst du?« »Nun – den Menschen ...« kam es bitter zurück. »Er spielt eine Rolle,« versetzte Heinrich vom Hövel nach einigem Zögern. »Und du bist ihm wieder begegnet?« »Lassen wir das; wir wollen uns doch nicht die Laune verderben.« »Ich möchte es wissen.« Heinrich vom Hövel pfiff leise durch die Zähne. »Ja,« sagte er endlich, »bei einer Assemblee in Berlin, die von hoher Seite inszeniert war. Die Kunstausstellung machte damals von sich reden. Du kennst ja meinen verträumten Kanal ... Ein leidliches Stück; es hat mir jedenfalls die große Staatsmedaille eingebracht. Na, und so weiter ... Kurz, es war auf einer Gesellschaft beim Kultusminister. Bunte Uniformen, hoher und niederer Adel, tiefentblößte Schultern, leidliche und unleidliche Gesichter, darunter Literaten und Pinselleute – mit einem Wort: 'ne große Sache, und ich als simpler Provinzler mitten dazwischen. Gott sei Dank! – anderen Tages konnte ich wieder die niederrheinische Luft einatmen.« »Und du fandest ihn?« »Ja.« »Als was?« »Als Streber. Jedenfalls war er aus dem schlichten Frack eines höheren Regierungsbeamten in den mehr vergoldeten eines Geheimen Legationsrates geschlüpft, eine Metamorphose, die er mit der ganzen Würde eines selbstgefälligen Menschen zu tragen wußte. Du mußt wissen: Elbe und Spree sind heterogene Begriffe. Dort einfache Gasbeleuchtung, hier elektrisches Licht – und so ein Scheinwerfer hat neben seiner magnetischen Kraft noch die Fähigkeit, auch die kleinsten Nuancen schärfer hervortreten zu lassen.« Hans Behrend lächelte. »Und kennst du den eigentlichen Grund seiner Versetzung?« fragte er wieder. »Ja – und nein. Wie gesagt: unsere Begegnung war ebenso flüchtig wie schattenhaft. Sie erinnerte an den Eindruck, den man bei verregneten Herbsttagen empfindet. Man soll jedoch in zweifelhaften, ungewissen Fällen immer das Beste vermuten. Nehmen wir daher seine amtliche Tüchtigkeit als den Beweggrund seiner Versetzung an, obgleich es sub rosa hieß: irgendeine mysteriöse Persönlichkeit, eine Eva natürlich, sei in dieser Versetzungsaffäre unwillkürlich mit tätig gewesen, er habe sich dabei die weiße Weste etwas bekleckert, sei aber seiner ganzen Veranlagung gemäß wieder auf die Beine gefallen und fortgelobt worden – und daher ... Es gibt eben nichts Neues unter der Sonne. Möglich, daß der alte Ben Akiba mit dieser Hypothese den Nagel auf den Kopf getroffen hat – möglich, daß sie im vorliegenden Falle deplaciert erscheint. Ich für meine Person habe mir jedenfalls die Überzeugung gebildet, daß er, abgesehen von seinem wirklichen Können, auch das Zeug und die Energie besitzt, seinen Weg über Leichen zu machen. Lassen wir ihm daher den goldbordierten Frack eines Geheimen Legationsrates. Er hat eben Karriere gemacht und scheint weiter Karriere zu machen. Das ›Wie‹ ist seine Angelegenheit.« »Ich habe gar nichts dagegen,« versetzte Behrend nach einigem Nachdenken. »Der Mann aber interessiert mich; er ist eben das Übel in meinem Leben geworden und brachte es fertig, mir ein Stück Erde, auf dem ich mit allen Fasern und aller Leidenschaft wurzelte, in seiner brutalen Manier zu entreißen. Es ist verloren für mich – unwiederbringlich verloren, denn ein Rätsel, das Weib mit dem Tierkörper, hat sich darüber gelegt und streckt die Tatze ...« Er unterbrach sich mit einem häßlichen Lachen. »Nun aber genug.« Heinrich vom Hövel machte eine unwirsche Handbewegung. » Causa finita ,« sagte er hart. »Du wolltest doch ... Eine Liebe kann nicht über das Grab hinaus leben. Sie ist nicht körperlich mehr und hat somit die Berechtigung des Daseins verloren. Sprechen wir also von anderen Dingen.« »Gut,« sagte Hans Behrend, »sprechen wir nicht mehr davon, obgleich ich am eigenen Leibe die bittere Erfahrung mache, wie die Vergangenheit tagtäglich und stündlich in die gegenwärtigen Tage hineingreift. Leben und Tod hängen mit unsichtbaren Organen zusammen, und diese Organe, so seltsam es auch klingen mag, halten die Seelen von Tod und Leben wechselseitig gefaßt und suchen sie an sich zu reißen. Und wer mächtiger ist ...? Ich kenne Fälle, wo der Tod es war.« »Aber, Mensch ...!« »So ist es. Und jetzt noch eine einzige Frage – die letzte.« »Wirklich die letzte?« »Ja – wirklich die letzte.« »Dann frage, mein Junge.« »Wann erfolgte seine Berufung, oder besser gesagt: um welche Zeit wurde seine Versetzung ausgesprochen?« »Kurz nach der Katastrophe.« »Du willst also sagen?« »Ja – kurz nachdem sie verunglückte.« Hans Behrend sank mit einem dumpfen Laut zurück, über das durchgeistigte Gesicht hatte sich eine eigentümliche Blässe gezogen. Das stärker gewordene Mondlicht ließ sie noch ausgeprägter erscheinen. »Kopf oben behalten!« sagte Heinrich vom Hövel. »Wind- und Wolfszeit sind vorüber. Hier sollst du gesunden.« »Ich will gesunden,« versetzte Hans Behrend und sah in die Landschaft, die immer zauberischer wurde. Warum dieses reizvolle Dämmern und Weben? Warum griff es in seine Seele hinein und ließ sein Herz mächtig erschauern? Himmel und Erde umfingen sich. Silbrig lag es auf den Wassern, leuchtend zitterte es über die endlosen Felder. Ob dem vlämischen Land ruhte eine Fülle des Lichtes. Kein Laut mehr – nur der dumpfe Hufschlag und die monotone Arbeit des Wagens. Sankt Anne war in Silber getaucht, als sie einfuhren. Und da standen sie alle. Moritz Dütz-Josum schwenkte den Hut, und Jan dienerte, was das Zeug halten wollte. Bernadintje und Wilhelmintje hingegen taten verschämt, knicksten aber so herzhaft, daß sie fast vergaßen, die richtigen Worte zu finden. Dann aber ging's proper herunter, und in die erste Begrüßung klingelten die Ohrgehänge der beiden Damen wie zierliche Glöckchen hinein – leise, ganz leise und mit goldenen Stimmchen. »Und die Lichter ...?« fragte Heinrich vom Hövel. »Aber, Mynheer,« sagte Wilhelmintje, »heute ist doch der fünfzehnte Juli – und denn ...« Ihre kregelen Blicke glitten über Hans Behrend. Sie schien zufrieden mit ihm zu sein. Auch Bernadintje war der nämlichen Ansicht. »Fein, Wilhelmintje! – und wer ist auf den Einfall gekommen?« »Auf den mit die fünfzehn Lichters und die fünfzehn Bouteillen?« »Ja.« »Ehrlich, Mynheer – der Seelenmensch.« »Wer ist der Seelenmensch?« fragte Hans Behrend. »Der Mann vom Feuerschiff. Davon später, aber du, mein Junge, sei mir in Sankt Anne herzlich willkommen.« »Ja, Mynheer,« sagte Wilhelmintje und reichte ihm die Hand »hartelijk willkommen.« VII Wer ist der Seelenmensch ...? Er hieß eigentlich Klaas Buhle, war ein weitläuftiger Vetter der Bottertjes, hatte im benachbarten Knocke Station und tat Matrosendienst auf dem vorgeschobenen Leuchtschiff ›Wielingen‹, das Verbindung hielt mit den Seezeichen von Heyst und der Westerschelde – aber alle Welt kannte ihn nur unter dem obigen Namen und wußte, daß er nicht nur die grauen Wellenköpfe durchschaute, wenn sie gegen die geteerten Planken stießen und mit ihren gelblichen Augen über die Reling fortsahen, sondern sie wußte auch, daß er schon seit vielen Jahren eigentümliche Beziehungen mit denen unterhielt, die auf Hobelspänen lagen und mit Kopf und Füßen zwei unscheinbare schwarze Bretter berührten. Er war schwer von Begriff und fahrig in seinen Gedanken. Sein Verhältnis zur Außenwelt wurde wie Triebsand hin- und hergeschoben. Er war geistig verlähmt und doch nicht geistig verlähmt. Er hörte und sah nicht soviel wie andere Menschen, obgleich er Dinge vernahm, von denen die übrige Welt keine Ahnung hatte. Sein Blick ging nach innen. Er glaubte nicht an den Tod. Sterben? – Unsinn! – auf Erden gibt es kein Sterben. Für ihn vernichtete der Tod nicht das Leben, sondern veränderte es nur; es verklärte sich nicht, sondern haftete am Diesseits. Die armen Seelen gingen nach seiner Ansicht gleich Menschen umher, saßen bei Tisch, betrieben Geschäfte und sahen mit frierenden Augen durchs Fenster, unheimlich für die Hinterbliebenen, die deshalb alle Veranlassung hatten, ihnen Gutes zu tun und ihre Wünsche, die sie durch Klopflaute darlegten, in Erfüllung zu bringen. Er verkörperte die Seelen derjenigen, die ihm im Leben nahegestanden hatten. Er sah sie leibhaftig vor sich, rief sie mit Namen an, sprach mit ihnen, erzählte ihnen lange Geschichten von den Dünen, vom Meer und aus seinem eigenen Leben, aber er hatte immer das eigenartige Empfinden dabei, daß sie stören. Vornehmlich im Juli und während der Zeit der heiligen Nächte kam ihm dieser Gedanke. Dann zündete er Talgkerzen an, wo er auch immer sein mochte: an der Reling, in der Kajüte, in seiner Kammer, klopfte mit harten Fingern auf den Tisch oder auf ein Stück Holz und rief dann: »Herein!« – und wenn sie kamen, fragte er sie: »Rum oder Arrak gefällig?« – Allein die armen Seelen wollten von Rum und Arrak nichts wissen, stellten sich um die Lichter und wärmten ihre klammen Hände an den mageren Flämmchen. Sie liebten überhaupt brennende Kerzen, und Klaas Buhle sorgte dafür, daß sie auch bei festlichen Gelegenheiten nicht zu kurz kamen, daß auch sie, wie er sich ausdrückte, Pläsier hätten, wenn sich die Lebenden amüsierten – und so war er denn auch heute auf die fünfzehn Kerzen und die fünfzehn Bouteillen verfallen, um ihnen Freude zu machen. Er hätte auch sicherlich gefragt: »Rum oder Arrak gefällig?« – aber das ging heute nicht; er durfte nicht warten, bis Madam Bottertje die Talglichter angesteckt hatte, denn um Mitternacht mußte er sich auf dem Feuerschiff stellen, da seine zweitägige Landzeit herum war. Und so ging er denn durch die stille Nacht hin mit ruhigen, schlaksigen Schritten, über sich all die winzigen Sonnen und Millionen von Sternen und neben sich die armen Seelen mit bangen Gesichtern und fröstelnden Händen. Das war ein merkwürdiges Gehen in dieser Gesellschaft! – Die Erde hielt den Atem an, als er über sie fortschritt. Vor sich hatte er das Blinkfeuer des Leuchtturms von Knocke und die langgezogenen Dünen, die sich wie ausgebleichte Baumwollsträhnen gegen den Himmel abnahmen. Bald darauf kam er durch rieselnden Sand, und dann lag das Meer unter ihm in seiner bleiernen und gigantischen Ruhe. In Knocke machte er das Wachtboot los, legte sich in die Riemen und fuhr mit der Trift gegen das Leuchtschiff an, das wie ein festgekettetes Ungetüm zwischen der Heyster und Knocker Bank stand, ohne Murren und Stöhnen die eiserne Fessel ertrug und mit wachsamen Augen über das aalglatte Meer sah. Viele Seemeilen blinkte es über die ebene Fläche. Sein Licht rüttelte wie ein Falke in freier Luft und verharrte Stunde um Stunde in der nämlichen Stellung. Klaas Buhle hörte auf das Schlürfen des Wassers und die Arbeit der Riemen, die ein bläuliches Leuchten aufwarfen, als schafften sie in brennendem Fusel. Nach stündiger Fahrt kam er an Bord, während der abgelöste Mann wieder an Land ging. Alles machte sich in großer Heimlichkeit; nur die Bootskette tat einen hastigen Seufzer. »Man Ruhe, man Ruhe,« sagte der Seelenmensch und ging breitbeinig über das glitschrige Deck fort. Dort trat ihm der Kapitän entgegen, der aus der Kajüte kam, um vor dem Schlafengehn das Wetter zu sichten. Sein Punschgesicht war von einem harten Haarkranz umgeben. Im linken Mundwinkel saß ein irdener Stummel mit glimmendem Tabak. »Seelenmensch, Ihr habt heute die Nachtwacht.« »Well, Kap'tän.« »Um zwei Uhr die rote Laterne.« »Well, Kap'tän.« »Was Neues dahinten? Unsereins schwimmt schon vierzehn Tage und kann nicht mitreden.« »Wie das so ist, Kap'tän: arme Seelen und noch ärmere Menschen!« »Ich meine: ob was Neues auf Land ist?« »Bei den Bottertjes – ja. Haben frische Besetzung. Fünfzehn Lichters auf fünfzehn Bouteillen.« »Und sonst?« »Der Domine kommt.« »Der mit dem strammen Weibsbild, das sich ins Meer wirft, wo andere, der mankierenden Kurasch wegen, nicht hingehn?« »Well, Kap'tän.« »Wer sagt das?« »Madam Bernadintje.« »Na, dann ist wieder Leben in Sankt Anne,« sagte der Kapitän und begab sich nach achtern. »Mynheer Kap'tän, soll ich die Luken versichern?« rief ihm Klaas Buhle noch nach. »Wo die See so glatt wie 'ne Hand ist ...?« »Ich meine man.« »Was ist da zu meinen?« »Damit die Seelen von denen, die da unten liegen, nicht 'reinkommen können. Sonst tun sie's und kucken mit langen Gesichtern in den Kajütenspiegel. Und dann ist der Spiegel zum Deuwel.« »Oller Klaas!« sagte der Kapitän, drehte bei und ging schlenkrig nach unten, um den Rest der Rumflasche alle zu machen. »Hat auch keine Religion,« meinte der Zurückgebliebene, flegelte sich mit aufgestützten Armen über die Reling und spuckte ins Wasser, das langsam an den dicken Planken vorbeigurgelte. »Ne – der hat auch keinen Glauben,« sagte er düster, reckte sich hoch und sah mit seinen blassen Vergißmeinnichtaugen durch die sternklare Nacht hin. Der Blick vom Feuerschiff aus konnte viele Seemeilen fassen. Die Nacht war so durchsichtig wie ein Musselingewand, das mehr entschleierte als verhüllte und das Entschleierte noch reizvoller machte. Sie war ein verführerisches Weib, das breithingelagert und mit halbwachen Augen sich vom Sternenlicht überschauern ließ – eine Todbringerin und doch ein Weib, in dessen Armen man das Leben vergaß und sich glücklich schätzte, an dem schönen Leibe sterben zu können. Auch Klaas Buhle sah das, hatte jedoch kein richtiges Verständnis dafür, aber er sah die Lichter von Blankenberghe, Diamantfünkchen zu einer Schnur gereiht, die den Horizont abgrenzten, näher die Perlenkette von Heyst und hart gegen Nordost das große Feuer von Walcheren, das silberweiße Lichtfetzen über die unendliche See warf. Und er sah noch mehr ... Er sah ... alle grauweißen Segel hoch, hatte es Kurs gegen Westen. Es kam von der Schelde. Lautlos, in majestätischer Ruhe, zielbewußt und mit gigantischen Möwenflügeln zog der Ostindienfahrer unter den Sternen. Auf Rufweite ging es vorüber – dann schwand es mit derselben majestätischen Ruhe, mit derselben Feierlichkeit und Andacht, als führe eine große, unaufhaltsame Sehnsucht in das Land der Verheißung. »Auch eine Seele,« sagte der einsame Wächter, zog die teerige Mütze vom Kopf und legte die Hände zusammen. Hierauf warf er einen Blick gen Himmel, wo die goldenen Bilder sich drehten wie Laternen und Flitter in einem langsam kreisenden Karussell, ohne Aufhören, in stets wechselnden Formen, mit sich änderndem Licht, bis sie untertauchten ins Meer und den grauenden Morgen. Aber die stille und große Sehnsucht machte noch die letzten Segel hoch, furchte die See und steuerte dem Land der Verheißung und dem jungen Tag entgegen. – – – Lisbeth, Madam Bottertjes lange Kochinchinahenne, flog auf den Holzzaun und krähte. Eine Henne – und krähen ...? So war es nun einmal: sie gerierte sich wie der beste Hahn in Sankt Anne, hielt aber das Eierlegen für eine überflüssige Angelegenheit, weshalb Moritz Dütz-Josum sie mit jenem Namen beehrte, und zwar im Hinblick auf die englische Königin, die auch ein weibliches Huhn war, aber krähen konnte wie der forscheste Mannskerl, obgleich sie bis an das Ende ihrer Tage in ihrem jungfräulichen Zustand verharrte. – Also Lisbeth flog auf den Hofzaun und krähte – und als sie krähte, da kam auch der junge Morgen über Sankt Anne, stöberte die Lerchen aus dem Heidekraut auf und warf sie mit rosigen Fingern in den wolkenlosen Himmel. Hei – wie sie flogen und sangen! – Und er puderte leichten Goldstaub über die Dächer, ließ eine Handvoll davon über die altmodischen Pappeln rieseln und tat hierauf einen goldenen Blick in das geöffnete Fenster, an dem Hans Behrend stand und über das erwachende Leben hinaussah. Verloren glitt er ihm mit der Hand über die Stirne und sagte: »Herrlich – was?! – es gibt doch nichts Schöneres auf der Welt als so ein herausgeschnittenes Stückchen vlämischer Erde.« Und unten ging Dütz-Josum vorbei, schwenkte seinen Zylinder und begab sich mit seinem Malgerät in die nahegelegenen Wiesen, um Studien an Jan Bottertjes Ferkeln zu machen, die sich hier während der Sommertage vergnügten und es besser hatten als der verlorene Sohn in der Bibel. Der junge Tag aber sah noch freundlicher aus und sagte abermals: »Da geht auch so ein Mensch. Früher war alles Not und Elend in ihm. Gewiß, ein anderes Elend, wie du es hast, aber es war doch ein furchtbares Mißgeschick, so zu verkümmern und an seinem besten Glauben verzagen zu müssen. Jetzt ist er sonnig geworden; er nimmt sein Herz in die Hand und wirft es den Lerchen nach, die in den Himmel fliegen. Gehe hin und tue desgleichen.« Er hörte die goldene Stimme; er hörte sie so deutlich, wie er das Jubellied des unscheinbaren Punktes vernahm, der immer höher kletterte, immer herzinniger sang, um sich schließlich mit dem ewigen Blau zu vereinen. Das Lied jedoch tönte weiter und weiter ... und da reihte sich ein sonniger Tag an den andern, und jeder hatte die nämlichen Worte, und da kam ein stilles Sinnen über ihn und ein Zustand feinen Genießens. Er atmete auf, er fühlte sich wieder, und wenn auch sein Geist ihn des öfteren an die heilige Stätte geleitete, wo die schöne Herzogin ruhte, deren Züge ihm stets das liebe Gesicht der Verstorbenen widerspiegelten – im Sichversenken in die Natur, im Umgang mit Heinrich vom Hövel und Moritz Dütz-Josum, im Fördern seiner eigenen Arbeit fand er das wieder, was von ihm gegangen war, da er verstört und wegemüde sein Bestes für immer verloren glaubte: die Ruhe. Der Wind, der von den Dünen wehte, brachte sie ihm, die große Stille flüsterte sie ihm zu, das brausende Meer legte sie ihm ans Herz; was er durchlebt und durchrungen hatte, löste sich von ihm, gleichwie ein großer, dunkler Vogel die feste Scholle läßt und mit mächtigen Flügeln seewärts streicht, um nie mehr wiederzukehren. Die sonnigen Tage an der vlämischen Küste mit all ihrem Gold und dem Zauber ihrer beredten Sprache taten schon Wunder. Das Böse und Schwere schien hinter ihm zu liegen. Hans Behrend hatte seinen Frieden gefunden; er sah leuchtenden Blickes in das fröhliche Auge seines Freundes und meinte: »Du hast schon recht gehabt – hier gesundet die Seele.« Und da eines Tages .... Das khakifarbige Häuschen, das Bernadintje bewohnte, war total umgewandelt. Man sah es ihm an: es kicherte ordentlich vor eitel Vergnügen, denn es stand so blank im Putz da, daß man die Augen zudrücken mußte, um von all dem Glanz nicht geblendet zu werden. Gott ja! – es war ja immer das reinste Schmuckkästchen gewesen, aber heute übertraf es sich selber. Man hätte es direkt ins Paradies versetzen können, und die dicken Posaunenengel hätten vor lauter Freude gerufen: »Hoch, Bernadintje!« so appetitlich sah es aus, so appetitlich, wie nur ein Häuschen auf der himmlischen Wiese aussehen mochte. Der Messingklopfer blitzte und funkelte wie neugeboren. Hinter den Fensterruten standen frische Vorsetzer und hingen funkelnagelneue Gardinen, davor blühten Geranien und Sommerlevkojen in rotlackierten Töpfen, von der Straße bis zum Hausflur liefen zierliche Figuren aus blauem und weißem Streusand, neben der offenen Haustür reckten sich zwei stattliche Oleanderbäume auf, die noch vor wenigen Tagen im benachbarten Gärtchen placiert waren. Und unter den Oleanderbäumen da stand sie selber – da stand Bernadintje, auch so ein richtiger, ausgewachsener Posaunenengel mit Flügelhaube, Goldspiralen und klingenden Ohrgehängen, drehte sich selbstgefällig in den stattlichen Hüften, tat schön und zierte sich gleich einem weiblichen Fasanenvogel, und dabei erzählte sie jedem Passanten, was sie alles zuwege gebracht hätte: wie sie die Betten mit neuen Federposen gestopft, die Dielen gescheuert, die Glasservante gebohnert, kurz, was sie alles getan habe, um den Einzug des Herrn van Dornick und seiner Fräulein Tochter so glänzend wie nur möglich zu machen. Und dann kam sie auf die beiden zu sprechen, setzte des Längeren auseinander, was für nobele Menschen es wären, wie sie so gar keine Umstände machten, sich ganz wie gewöhnliche Leute betrügen, obgleich die Tochter es mit der größten Schönheit aufnehmen könne, und der Domine so gelehrt wäre, daß er, ohne ein Examen abzulegen, direktemang in den Himmel hineinspazieren dürfe. »Überhaupt die van Dornicks ...!« – mit dieser Wendung schloß sie jedesmal ihre Betrachtung ab und warf dabei ein Kußhändchen in die erste Etage hinein, was lediglich sagen sollte: »Nu wißt ihr's – piekfeine Leute ...!« – und dann begann die Geschichte von vorne, und als schließlich ihre Schwester herüberkam, um auch mal nach dem Rechten zu sehen, stand Bernadintje noch immer unter den Oleanderbäumen und begrüßte sie: »Tag, Wilhelmintje – angtree. Wie gefällt dir die Sache? Meinetwegen können nu meine Inwohners in die Zimmers hineintriumphieren.« Wilhelmintje geizte denn auch gar nicht mit ihrem Lob, war sehr splendid damit und sagte: »Einfach großartig. Das reinste Palä. ›Ons Wilhelmintje‹ kann's nicht feiner in Amsterdam haben.« »Meine ich auch,« entgegnete Bernadintje, und dann tat sie wieder schön wie eine Fasanenhenne und zierte sich, als wenn sie in zu engen Lackschuhen ginge. In diesem Augenblick ließ ihre Schwester einen herzhaften und tiefen Seufzer fahren. »Was los, Wilhelmintje?« Diese gab nur vier Worte zum besten. »Jan und Moritz Dütz-Josum ...!« sagte sie traurig. »Was ist mit die?« »Gott – ja, Bernadintje! – den Admiral de Ruyter hat er ja nu wohl glücklich unter den Tisch fallen lassen, aber wie das mit die Mannsleute so ist: sie kommen immer wieder auf neumodische Sachen. Was unten placiert ist, tut er nach oben, und was oben liegt, steckt er in die unterste Kiste, und ich will nicht Wilhelmintje Bottertje heißen, wenn er nächstens nicht auf den Einfall kommen tun täte, Amalie am Schwanzstück aufzuschirren.« »Aber, Wilhelmintje, wieso denn?« »Heimlichkeiten!« kam es giftig zurück, »ganz infamige Heimlichkeiten! – Ich dachte schon zuerst an Basilius seine Geschichten; aber das war's nicht. Es sind andere Mouvements, und das geht nu schon ganze acht Tage in dem nämlichen Turnus. Kaum ist Lisbeth mobil und kräht von der Hühnerleiter herunter – bums! ist auch mein Jan aus den Posen, steckt sich 'ne Pfeife an, dann 'rin in die Kleider und 'raus auf die Wiesenkoppel hinter die Kirche.« »Er will doch nicht wie der Seelenmensch die Toten beschwören?« »Bernadintje, keine Spur von Idee, aber er macht andere Sprünge, und die mußte ich wissen. Na, denke ich heute morgen so im Schummern: Wilhelmintje, jetzt Achtung. Und richtig, es kam wie an den andern Tagen: Lisbeth kräht – und mein Jan in die Kleider. Ich aber auch 'raus, und als er fort ist, bemühe ich mir ganz stillkes ans Fenster – und wer geht da vorüber? – Moritz Dütz-Josum, und ganz gemütlich geht der unschuldsvolle Hammel vorüber und grüßt noch. Na, denke ich, wart' noch ein bißchen. Und wie ich so warte, kommt das mit ›hü‹ und ›hott‹ um die Ecke herum; Jan auf die Landkutsch, Amalie, Sophie und Doortje vorneweg – und richtig: in voller Plängschaß kutschiert Mynheer Bottertje auf die Wiesenkoppel zu und hinter die Kirche, und das um 'ne Zeit, wo Lisbeth erst zweimal gekräht hatte.« »Herrje noch!« verwunderte sich Bernadintje. »Was tut er denn da? Er darf doch in die Nähe von die Kirche keine Komödiantenstückchen betreiben?!« »Betreibt er auch gar nicht, keine Spur von 'ner Betreibung! – aber er hat andere Raupens im Koppe. Ich also hinter ihm her, und als ich auf die Wiese erscheine ... Bernadintje,« sagte sie so recht tief aus dem Magen heraus, »ich bin schon viel in die Welt herumgekommen, und du weißt auch, daß ich als Meisje bei Mynheer van der Muilen in Stellung war.« »Ja, Wilhelmintje, das warst du.« »Da mußt du auch wissen, daß mir schon das Rarste vor Augen gekommen ist, denn wenn man so in die Welt kuckt, passieren Geschichten ...! – Bernadintje, da habe ich Individuums gesehen, die anstatt mit dem vorderen Teil mit dem Schwanz fraßen, wie zum Beispiel die Olifanten im Beestentuin zu Amsterdam – aber was ich hinter die Kirche erblickte ...!« »Na, was denn?« »Sitzt da mein Dütz-Josum in seiner ganzen Unschuldsvolligkeit mitten auf die Wiesenkoppel und malt, und Jan mit die Landkutsch immer um den Maler herum, immer mit Amalie, Sophie und Doortje um den dämlichen Maler herum – und als ich ihn anrufe, schreit er immerzu: Kunst, Wilhelmintje! – Modell, Wilhelmintje! – und dann ging's wieder los, als müßte er in 'ner Zirkustente hundert Gulden auf einmal verdienen. – Kunst, Wilhelmintje! – Modell, Wilhelmintje! – Ich hielt mir die Ohren zu, ich konnt's nicht mehr anhören.« »Um Gott nicht, was malte der Kerl denn?!« »Was Dummes: »Jan in natura , die Landkutsch natura , Amalie, Sophie und Doortje – alles natura , aber was das Schlimmste bei die Sache war: du und ich – wir beide saßen auch in die Landkutsch, hatten jede 'ne Schnapsbouteille im Arm und sangen gerade so, als wenn wir von 'ner Kirmes kämen ... und so wahr ich hier stehe: ich habe in meinem ganzen Leben keinen Genever getrunken.« »Heilige Jungfrau von Sankt Anne ter Muiden!« lamentierte Bernadintje. »Nein – dieser eklige Moritz!« »Sage ich auch, Bernadintje. Unter die Augens bin ich ihm aber gegangen und habe gesagt: Mynheer, hab' ich gesagt, ist das 'ne Noblesse von Sie, anständige Madams als Säufers zu malen? Tun Sie das man unter die Regentschaft van de Koning van Preußen und nicht unter die Regentschaft van ›Ons Wilhelmintje‹.« »Richtig,« bekräftigte Bernadintje. »Aber was tut nun mein Maler? – Sich auf den Kopf stellen – das tut er und spartelt mit die Beine in den Himmel; na, und du kennst ja die Beine! – und dann kommandierte er: Achtung! – präsentiert das Gewehr! und streckt nur eins in die Höhe, und das alles man so stehenden Koppes herunter, und Jan schreit dazwischen: Kunst, Wilhelmintje! – Modell, Wilhelmintje! – Ich habe mir ja krank darüber geärgert und bin nach Hause gegangen.« Ihre letzten Worte klangen so wehleidig und kamen so gepreßt und langsam von ihrem properen Munde, als hätten sie Pech an den Füßen gehabt, allein Bernadintje begütigte sie und sagte: »Bekriege dich man und trinke bei mir ein Köpje mit Kaffee, dann gibt sich das wieder, und wir können drüber nachsimulieren, wie wir den Koppsteher und das unbedachtsame Herrgottswurm von deinem Ernährer aufs frische in Kurs bringen. Die Bottertjes sind ja komische Menschen! Der deine geht ja noch eben, aber was der meinige war, so ist er ein richtiger Sardanapalus von Konstantinopel, wie ich das mal in 'nem schönen Geschichtenbuch gelesen habe – und nu komm man 'rein, Wilhelmintje,« und sie komplimentierte ihre Schwester über die feingeschnörkelten Sandfiguren in ihr solides Häuschen, drehte sich jedoch, als sie hinter sich Schritte vernahm, noch einmal um und hätte sicherlich die ganze Geschichte von ihrem frisch hergerichten ›Palä‹, dem Domine und seiner Tochter erneut vom Stapel gelassen, wäre der Richtige vorübergegangen. Als sie aber Hans Behrend gewahrte, machte sie nur einen sehr feinen Diener, zeigte auf die beiden Oleanderbäume und dann auf die schneeweißen Gardinen, die hinter allen Fenstern hingen. Sie wollte doch aller Welt ihre gehobene Stimmung ans Herz legen. Allein er verstand nicht, was Bernadintje eigentlich wollte, grüßte zuvorkommend und ging seines Weges. Er schritt über die nahegelegenen Polder, an der großen Mühle vorbei, über Hazegras den Dünen und dem ewigen Meer entgegen. Aus dem Schornstein des netten Häuschens stieg alsbald ein lichtblaues Wölkchen in den sonnigen Himmel hinein, ein Zeichen, daß die beiden Bottertjes in aller Gemütlichkeit dem Kaffee zusprachen. Und sie saßen beim Kaffee wie zwei wohlgenährte, aus derselben Werkstatt hervorgegangene Menschenkinder, so daß Klaartje, die erst vor etlichen Tagen bei Madam Bernadintje in Stellung getreten war, alle Mühe beim Anpräsentieren hatte, die beiden auseinanderzuhalten. Es gelang ihr nur schwach, denn so oft ihr Bernadintje auch vorreden mochte: »Die mit das blaue Schleifchen bin ich, und die mit das rote ist meine ältere Schwester Madam Wilhelmintje« – es half alles nichts: Klaartje wurde absolut nicht findiger dadurch und selbst, als sie nach fünfjähriger, treuer Dienstzeit sich einen eigenen Hausstand in Sankt Anne begründete, war sie nicht klüger als am ersten Tage ihres Diensteintrittes geworden und wunderte sich Stein und Bein darüber, wie es die Menschenmöglichkeit war, daß der liebe Gott es fertig gebracht hatte, zwei so ähnliche Geschöpfe in die Welt gesetzt zu haben. Zwei Fliegen oder zwei Mäuse oder zwei Kaffeebohnen – ja, das ließ sich noch hinnehmen, aber zwei Menschen ...! – Klaartje kam nun einmal über die Sache nicht fort, glaubte doppelt zu sehen und hätte beinahe die teure Milchkanne am Boden zertöppert, wäre ihre Herrin nicht zugesprungen; aber der Kaffee schmeckte, und das war doch wichtiger, als sich über die Dammelei Klaartjes zu ärgern, und weil er so gut schmeckte, wurden die beiden Schwestern auch milder gestimmt und versenkten mit jedem Stückchen Kandiszucker, das sie in die Tassen hineinpraktizierten, auch eine Portion ihres gerechten Unmuts. Eine freundliche Resignation ging über sie fort, und in dieser Resignation sahen sie die ganze Kunst- und Modellgeschichte mit anderen Augen an und dachten gerechter und christlicher über Jan und den fidelen Moritz Dütz-Josum. Bernadintje kam hierauf wieder auf den Domine und seine Tochter zu sprechen und erzählte, daß sie so gegen fünf herum eintreffen müßten, und wie sie alles nobel und splendid gemacht habe – und dabei klingelte sie mit ihrem Kaffeelöffelchen gegen die Tasse, daß es klappte und tönte. Und die liebe Nachmittagssonne sah in die Stube hinein und vergoldete alles: die Geranienstöcke, die Bilder an den Wänden und den schönen Messingkäfig, der blankgeputzt auf der Anrichte stand. Auch der Kanarienvogel hätte vor lauter Freude gesungen, wäre es ihm nur möglich gewesen, denn er war ebenfalls von Porzellan, genau so von Porzellan wie Wilhelmintje ihr Vogel – und Klaartje kam nicht aus der Verwunderung heraus und kicherte immer in sich hinein: »Nein, dieser liebe Gott! – zwei Bernadintjes und zwei Wilhelmintjes!« – und so ging das weiter, bis die Schatten draußen schon lange Beine und spitze Köpfe bekamen, und die Schwalben niedriger flogen. Und als sie das taten und mit ihren Flügelspitzen fast die Grashälmchen zwischen den Pflastersteinen berührten, da schwenkten sie auch um die beiden Oleanderbäume herum und wunderten sich und segelten mit einem langgezogenen »Sriiii!« durch alle Winkel und Ecken von Sankt Anne ter Muiden. – Inzwischen hatte Hans Behrend draußen auf den hohen Dünen gestanden. Das Meer war nicht mehr so ruhig und still wie in der verflossenen Nacht und am Morgen gewesen. Lange, graue Wogen rollten dem Strand zu. Sie kamen daher mit festen, kräftigen Schritten von Mannsleuten, die ein Ziel erreichen und über die vorgelagerten Dünen ins Land wollten. Aber je näher sie kamen, je schwächer wurde der Anmarsch; schließlich trippelten sie nur mit Kinderfüßchen im Sande herum und stießen Muscheln und Seetang spielend vor sich her. Und dennoch packte es: dieses ewige Kommen und Gehen, dieses Pilgern im grauen Gewand und die mächtige Stimme aus der Tiefe heraus, die Himmel und Erde und Wasser mit ihren Klängen erfüllte und weithin wie eine mächtige Domorgel tönte! – Unter ihrem Rauschen und Klingen trat er den Heimweg an. Als er den Kirchturm von Sankt Anne vor Augen hatte, verstummte sie allgemach. Um ihn her regte sich nur das Weben des Abends und das sanfte Geflüster in Halmen und Ähren, das ihn begleitete bis zum Eingang des Dorfes – aber da tönte es wieder, und je weiter er die Straße verfolgte, um so schöner und feierlicher hallten ihm die Klänge entgegen. Waren die großen Stimmen des Meeres wieder heraufgekommen, und kreisten sie jetzt um die Bündelpfeiler des breitausgelegten Kirchturms, der mit dem angeklebten Langschiff wie ein stumpfes Ungetüm aus der nächsten Umgebung herauswuchs? Schon möglich! – aber er wunderte sich doch über das plötzliche Erwachen der Orgel, die sonst nur an Sonn- und Feiertagen gespielt wurde und heute mit einer Tonfülle sich gab, die vermuten ließ, daß nicht gewöhnliche Hände die Register zogen und über die Tasten hinwegglitten. Ein beseligender Odem war in sie gefahren, und überirdische Hände meisterten sie. Da trat er über die grasbewachsene Schwelle. Scheuen Fußes durchschritt er das dunkle Portal; eine welke Helle umfing ihn, die nur in Höhe des Gewölbes von dem milden Glanz der untergehenden Sonne durchsetzt war. Niedrige Schatten kauerten in den Ecken und Nischen. Nur einzelne reckten sich auf und sahen über die Brüstung der Orgelbühne, als wollten sie sich über die Person vergewissern, die zu einer so ungewöhnlichen Zeit alle Register und Pfeifen erklingen machte. Auf leisen Zehenspitzen ging er voran; dann setzte er sich in das zunächst gelegene Kirchengestühl und ließ sich von der Weihe des heiligen Ortes umschauern. Immer voller und inniger brauste es von der Bühne herunter. Aeoline und vox humana waren deutlich erkennbar. Jubelstimmen waren dazwischen; er vermeinte auf den Tonwellen ein mattes Licht zu erblicken, das stetig an Größe zunahm, sich verkörperte und als weißgekleidete Frauengestalt die Kirche durchschwebte. Sie kam mit geschlossenen Füßen, die Augen wie in großer Trauer verschleiert. Um ihre Mundwinkel spielte ein bewegliches Lächeln. Unter dem weichen Stoff des Gewandes entwickelte sich die Linie ihres ganzen Körpers in berückender Schönheit. Ihre weißen Arme hoben sich flehend. Er glaubte ihren Odem zu spüren, er wähnte den berauschenden Duft des geliebten Weibes bei sich zu haben ... Da legte ihm jemand die Hand auf die Schulter. Es war Heinrich vom Hövel. »Hörst du?« fragte ihn dieser mit gedämpfter Stimme. »Ja – ich höre.« »Es ist Erasmus van Dornick.« »Der Prediger?« »Ja – er ist soeben mit seiner Tochter gekommen. Sein erster Gang ist immer zur Orgel. So hat er's alljährlich gehalten.« »Und sie ...?« »Ist bei ihm – da oben.« Hans Behrend sah ihn groß an, dann drückte er sich die Hand vor die Augen, als müsse er das entschwundene Bild und die liebe Gestalt noch einmal beschwören, und siehe: als das brausende Tongewebe in Mozarts Ave verum überging, erschien sie ihm nochmals – unbestimmt und weit auf den Stufen der Empore, von wo aus die schmale Treppe zur Bühne hinaufführte. Sie stand regungslos und hörte auf die himmlischen Klänge, die immer seliger und reiner wurden. Es schien ihm, als wenn die Dämmerung sich verstärkte, als wenn Figuren und Bilder auf den Epitaphien leise zerflössen, und die Engel vom Altare stiegen, um die Alleinstehende mit ihren goldenen Schwingen zu decken. Ein geheimnisvolles Dunkel ließ alles noch wesenloser erscheinen; draußen aber lag der Abend in lieblicher Klarheit, und sein Licht begrüßte Himmel und Erde. Da verstummte die Orgel, und mit ihrem Verstummen löste sich auch die weiße Gestalt von der Empore. Der Prediger gesellte sich ihr; dann kamen sie näher. Hochaufgerichtet, an der Seite ihres Vaters, erschien Anna van Dornick. Sie ahnte, was ihr bevorstand, sie wußte, was nun kommen würde und sollte, denn die Worte traten ihr wieder in den Sinn, die Heinrich vom Hövel noch vor wenigen Tagen gesprochen hatte. Sie war ihm niemals begegnet im Leben – erst heute; sie kannte ihn nur dem Namen nach; nur wie fernes Glockenläuten hatte sie Kunde davon, was die Welt über ihn wußte und dachte – und diese Kunde war ihr wie ein wilder Schwan erschienen, der haltlos dem fernen Norden zustrebte. Unbeachtet hatte sie ihn fliegen sehn, ohne den leisesten Gedanken, seine Spur zu verfolgen. Seit der letzten Auseinandersetzung mit Heinrich vom Hövel aber war das anders geworden. »Er gehört dem Geschlecht der Ruhelosen an und sehnt sich nach Ruhe,« klang es ihr zu, und dieser Ruhelose war jetzt in ihr Leben getreten und wartete auf die Hand, die sie ihm aufs Herz legen sollte, und sagte ihr leise: »Trösten heißt vergessen, und vergessen heißt Liebe gewinnen ...« Es war wie Freude in ihr und doch wie ein heimliches Grauen, dem sie hilflos gegenüber stand. Was sollte das alles? Wohin führte das alles? – Was sollten überhaupt die geheimnisvollen Worte bedeuten? Sie war doch keinem Rechenschaft schuldig, und niemand hatte das Recht, ihr mit dem bestimmten Befehl das Messer auf die Brust zu setzen: Das sollst du. Mochte der Ruhelose doch weiter fliegen, wie der weiße Vogel immer gen Norden, und dort an einem kalten Felsen verbluten ... Auch das konnte erlösen und Trost geben, ebensogut, wie es ihre weißen Hände vermochten, die sie selber so oft gen Himmel streckte, wenn sie vermeinte umzukommen in ihrer tiefen Not und Bedrängnis, und die Sterne nur ein frostiges Lächeln für sie übrig hatten. Ja, trösten heißt vergessen, und vergessen heißt Liebe gewinnen – aber auch sterben. Sie beugte sich vor der Macht des Augenblicks. Sie hörte kaum die geflüsterten Worte, mit denen Heinrich vom Hövel das erste Begegnen einleitete, kaum die Stimme ihres Vaters, die ihn herzlich willkommen hieß und fast den Anschein hatte, als habe sie einen Segen gesprochen. Ihre feinen Nasenflügel bewegten sich leise. Willenlos, mechanisch, kaum wissend, was um sie vorging, reichte sie ihm ihre Hand hin, die weiße, schlanke, wundervolle Hand, die selbst im Dunkel der Kirche noch gespenstisch aufleuchtete – und als er ihre Fingerspitzen berührte ... Er konnte ihr Antlitz nicht sehen, ihre Hand jedoch berührte ihn seltsam, und ein Hauch strömte von ihrem Körper aus, der ihn an jene Tage erinnerte, an die er nur mit namenlosem Glück und mit namenlosem Elend zurückdenken konnte, an jene Stunde, wo die geheimnisvolle Stimme auf dem purpurblauen Meere verzitterte ... Und als sie hinausgingen, als es licht um sie wurde, und die Helle des Abends sich über ihre Stirne legte, über das Medaillengesicht, eingerahmt von der Fülle goldener Haare – als er das alles erkannte und die nämlichen Augen sah – die wundersamen Augen von früher – die Augen, die sich geschlossen hatten für immer und jetzt wieder zum Leben erwachten, da erbleichte er bis in die Lippen hinein, da schien ihm der Boden unter den Füßen fortgerissen zu werden. Wie im Traum ging er neben ihr, wie im Traum verabschiedete er sich bald darauf von ihr und Erasmus van Dornick – und dann, als er mit ihm allein war, mit Heinrich vom Hövel allein war, da zog er ihn mit sich in die Wiesen hinaus, in das umdämmerte Land, wo nur der Himmel über ihnen war, und die endlose Stille ihm sagen konnte: »Hier hört dich keine menschliche Seele ...« Da rang sich ein heißer Schrei von seinem Herzen herunter, und mit wütendem Griff umklammerte er die Hand seines Freundes. »Aber, Mensch ...!« sagte dieser. »Du ...!« stöhnte Hans Behrend, und seine Blicke irrten maßlos ins Weite. »Sei still, da ging sie soeben. – Stille! – Du konntest sie sehen, wie sie bei mir war und durch die vereinsamte Straße einherging. – Verwunschen ...!« »Behrend ...!« »Sie ist mir wiedergegeben. Sie lebt! – Sie ist auferstanden von ihrem Grabmal; sie ist erwacht am italischen Meer!« »Aber du bist ja außer dir.« »Das weiß ich,« sagte er fröstelnd. »Aber sie lebt ja! – Sie lebt! – Das war ja Maria!« Jubelnd und dennoch verzweifelt waren ihm die Worte vom Munde gekommen. Dann stieß er sich mit der Faust gegen die Stirne und weinte bitterlich. »Ich wußte es,« sagte Heinrich vom Hövel mit umflorter Stimme, »und diese Erkenntnis kam mir, als du am Grabmal der jungen Herzogin knietest, als du sie wiederfandest in der Liebfrauenkirche zu Brügge.« »Ja, du,« sagte Hans Behrend, »noch besser: da ich sie wiederfand in Anna van Dornick.« Heinrich vom Hövel schwieg. Fern, hinter den Dünen, war die Sonne untergegangen. VIII Anderen Tages hatte die liebe Morgensonne nur ein verstohlenes Blinzeln, denn es war ihr blau vor den Augen geworden. – Gott ja! – es gibt Dinge auf Erden, die ganz unverschämt und unverfroren in die Welt hinausknallen und das Zeug in sich haben, nicht nur die lieben Mitmenschen zu ärgern und jede mollige Stimmung in die Bohnen zu jagen, sondern, ihrer Knalligkeit wegen, selbst der Frau Sonne ungemütlich und lästig werden können. Zum Beispiel: das frischangetünchte Häuschen in Sankt Anne ter Muiden, dessen niedrige Vorderstube Moritz Dütz-Josum schon seit etlichen Jahren bewohnte. Giebel- und Frontseiten dieses Häuschens waren seit gestern derart in blau gesetzt worden, daß man annehmen mußte, irgendein überspannter Kopf wäre zur Ehrung des blauen Montags auf dieses Kunststück verfallen – so blau war die Sache, so impertinent blau, daß selbst die leuchtenden Farben von Kornblumen und Wäschebläue verschimmelt dagegen aussahen. Diesen ulkigen Tempel nun bewohnte Moritz Dütz-Josum. In der links vom niedrigen Flur gelegenen Stube schlief er, aß er, rauchte er, aber so, daß man Stücke aus der kompakten Rauchmasse heraussäbeln konnte. Hier arbeitete er zwischen altem Gerümpel, Entwürfen, Farbentuben und Spachteln, dachte er an alte Zeiten, wo die ekelhaften Ratten mit ihren klebrigen Schwänzen in seiner elterlichen Wohnung auf den mageren Eßtisch geklopft hatten, hier hatte er einen lustigen Kerl auf das winzige Sofa komplimentiert, der jetzt mit behäbigem Gesicht dasaß, als wollte er sagen: »Herrgott, wie schön ist die Welt!« – Noch vor vierzehn Tagen war das anders gewesen. Da saß ein anderer Kerl, da saß sein Bruder, der grimmige Humor, da – aber den hatte Moritz kurzerhand beim Wickel genommen und vor die Haustür geworfen, und das war geschehen, als er die erste Hand an die Bambocciade legte, dem mit burleskem Unsinn durchtränkten Gemälde, das jetzt, mit einem dunklen Tuch fein säuberlich überdeckt, auf der Staffelei stand und seiner baldigen Vollendung entgegenharrte. Die kleine Malerbude war ordentlich in Freude getaucht. Sie ruhte in dem blauen Unsinn wie ein Weinkern in einem Indigofaß und sah mit ihren herumliegenden Wurstpellen und der etwas defekten Binsenmatte so lustig aus, als sollte sie die Szene für irgendeine Jan Steen'sche oder Adrian Brouwer'sche Schilderung abgeben. Auf der Binsenmatte aber stand ein wackeliges Tischchen, und auf dem Tischchen, neben einem Armvoll dunkelroter Georginen, war ›er‹ placiert – er, der groteske, lächerliche, unmögliche, fuchsige Zylinder aus Filz, und vor diesem Unikum von Zylinder stand Moritz Dütz-Josum in stummer Betrachtung. Fünf Minuten mochte er so gestanden haben, als er mit einem kräftigen Entschluß sein Taschenmesser hervorholte, es aufklappte und Miene machte, selbiges in die Röhre des schäbigen Hutes zu bohren. Im letzten Augenblick jedoch nahm er Abstand davon und vergnügte sich damit, die Georginen zu sortieren, künstlerisch zusammenzustellen und zwei prächtige Sträuße aus ihnen zu binden, nachdem er vorher die schönste Dahlie, und zwar eine schwefelgelbe, beiseite gelegt hatte. Nach Fertigstellung der Sträuße, von denen jeder fünfundzwanzig Blumen enthielt, langte er wieder nach seinem Taschenmesser. »Es muß sein,« sagte er kurz entschlossen, holte zum Stich aus und setzte zwei haarscharfe Schnitte dicht nebeneinander, aber so plötzlich, daß der arme Zylinder unmöglich Zeit finden konnte, seine Empfindung in gehöriger Weise zu äußern. Er piepste nur, und da lächelte Moritz und sagte: »Kurz ist der Schmerz, doch ewig währt die Freude,« wobei er hinter sich griff, die beiseite gelegte Dahlie erwischte und den langen Stengel in die beiden Schlitze hineinpraktizierte. Den also geschmückten Hut schlenkerte er alsdann mit einer gewissen Grandezza auf den Kopf, gab ihm noch einen ordentlichen Druckser nach rückwärts und verließ mit seinen Sträußen die Schwelle des wäscheblauen Häuschens. Ein putziger Georginenkönig stolzierte er hierauf durch die stillen Straßen von Sankt Anne ter Muiden. Er war nicht mehr der armselige Moritz von früher! – Schöner, nein – schöner war Moritz Dütz-Josum in den letzten vierzehn Tagen allerdings nicht geworden. Der aus dem Hohlspiegel ins Leben gestolperte Mensch mit dem zwergigen Körper und den langen Spinnengelenken blieb er auch heute noch, aber bei seiner nun erworbenen Ellenbogenfreiheit fühlte er sich seelisch gehoben, sah er die Welt mit anderen Augen an und kam sich vor wie ein Wiedehopf, der sorgenlos über eine junge Frühlingswiese stelzte und sich in die angenehme Lage versetzt sah, neue Entwürfe, Projekte und ihm zusagende Ideen aus der ergiebigen Erde zu wurmen, eine Rolle, in der er sich trefflich gefiel, und die er durch die aufgesteckte Kaktusdahlie noch lebenskräftiger und wahrscheinlicher machte. Nu aber vorwärts! – und mit dem festen Vorsatz im Herzen, Wilhelmintje und Bernadintje, der Modellsteherei wegen, endgültig zu versöhnen, marschierte er auf das Bottertje'sche Anwesen los, nahm einen feierlichen Gang an und überschritt die ihm zunächstgelegene Schwelle, wo ihn Wilhelmintje empfing und mit allen Ehren in den Thronsaal geleitete. Der Besuch mußte Wunder getan haben, denn als Moritz nach viertelstündiger Anwesenheit das Haus wieder verließ, erschien Wilhelmintje mit dem Strauß in der Hand hinter ihm, blieb zwischen Tür und Angel stehn und wischte sich heiße Tränen von der Wange herunter. »Sie sind ein edler Mensch,« sagte sie leise, »und für Ihre Nobilität bekommen Sie von jetzt an Ihren Zucker für gratis. Ein Viertel Pfund alle Wochens.« Damit steckte sie ihr appetitliches Gesicht in die Georginen hinein, zog es aber mit gelber Nasenspitze wieder heraus, mit einer knallgelben Nasenspitze, die aussah, als wäre sie mit Safran einbalsamiert worden. Gleichzeitig legte eine Drehorgel auf der Dorfstraße los und spielte: »Hab' ich nur deine Liebe ...« Da schluchzte Wilhelmintje vor tiefer Rührung auf, gab Moritz noch einmal die Hand und verfolgte ihn mit feuchten Blicken, bis er hinter den beiden Oleanderbäumen verschwunden war. Bald darauf die nämliche Szene! – Als er eintrat, las Bernadintje im ›Löwen von Flandern‹, wobei sie, der Genauigkeit wegen, die einzelnen Zeilen mit ihrem Zeigefinger verfolgte. Sie klappte das Buch zu. Kerzengrade stand sie in ihrer blankgescheuerten Stube, als Moritz in schöngesetzter Rede seine Entschuldigung vorbrachte und des längeren erklärte, warum er eigentlich erschienen sei. Als er aber mit der Sentimentalität kam, die rührendsten Worte fand, alles nur so hingeschmalzt, und ihr schließlich mit einem ordentlichen ›Avec‹ das Bukett überreichte, da konnte sich Bernadintje auch nicht mehr halten: sie steckte ebenfalls ihr blankes Näschen in die Georginen hinein, brachte es ebenso kanarienvogelgelb, wie es ihrer Schwester passiert war, wieder zum Vorschein und mußte gleichfalls bitterlich weinen. »Ach, Mynheer Moritz ...!« sagte sie schluchzend, indem sie sich abwechselnd mit dem Bukett und dem herausgeholten Taschentuch gegen die Augen tupfte, »ach, Mynheer Moritz ...!« Mehr konnte sie in diesem Augenblick nicht von sich geben; sie konnte dem braven Menschen nur tief in die Augen sehen, und da vergaß sie sich und die Schnapsbouteille auf dem gemalten Bilde, sah nur den genialen Künstler in ihm und die große, ehrliche Seele, die wie eine purpurrote, brennende Rose aus seiner etwas fadenscheinigen und sehr einfachen Weste hervorleuchtete. Gott – ja! – ihre Schwester hatte schon recht, als sie ihn damals schlicht und einfach geschildert und auf seine inneren Vorzüge hingewiesen hatte. Man soll eben einen Menschen nicht nach seinem Äußeren taxieren, vornehmlich dann nicht, wenn er so 'nen feinen Plie und so eine vornehme Gemütsart hatte. Hand aufs Herz, wenn sie ihn so richtig betrachtete, dann war er überhaupt gar nicht so ohne – und diese Erkenntnis nunmehr als selbstverständlich hinnehmend, ging sie mit ihren Gedanken in die Vergangenheit zurück, dachte an Basilius und an das, was er ihr alles angetan hatte, wuscherte so 'n bißchen in der Gegenwart herum, dann wieder guckte sie über ihren dicken Georginenstrauß fort auf Moritz und fand, daß er bei seiner männlichen Schönheit außerdem noch mit einem Ziegenbärtchen und einem properen Schnäuzchen aufwarten konnte. Sie schluckte denn auch ihre Tränen herunter, wurde sprechselig und erzählte, wie sie nun so ganz allein als ›Koopmannsfrau‹ mit ihren ›Inwohners‹, mit Klaartje und ihrem porzellanenen Kanarienvogel in Sankt Anne wohne und sich schlicht und recht über Wasser zu halten verstände. Hierauf kam sie wieder auf Basilius zu sprechen, der mit der noch jungen Ehehälfte des Manufakturisten Luis Gielen aus Lisseweghe auf- und davongegangen sei und sich mit ihr verheiratet habe, und wie sie nun selber als ledige Frau ihr eigenes Vermögen, das, außer dem immobilen Besitz in Sankt Anne, aus zehntausend Gulden bestände, ohne männliche Hilfe verwalten müsse. Sie erzählte immer fort, bis sie aufs neue ins Schluchzen geriet und das gelbe Näschen abermals in den dicken Blumenstrauß hineindrückte, um ihre innere Erregung besser verheimlichen zu können. Moritz hatte auch seine eigenen Gedanken. Er vergegenwärtigte sich seine armselige Jugend, das stickige Zimmer, wo die Lade wuchtete, Vater und Mutter immer hüstelten, und die Ratten mit blutroten Äugelchen um den leeren Brotschrank quieksten und polterten, daß es einem ordentlich in die Beine fuhr. Hatte er überhaupt glückliche Tage gehabt? – Die letzten – ja, aber die übrigen Tage? Das war ja ein Hundeleben gewesen, ohne Ordnung, ohne Lichtblicke, ohne das zarte Walten einer liebevollen Hand, die die Sorgen fortscheuchte und alles zum besten richtete. Hatte ihm überhaupt jemals ein weibliches Wesen gesagt: »Bitte, Moritzchen, nu lege endlich mal deinen Pinsel beiseite und setze dich recht gemütlich in die Sofaecke; ich setze mich zu dir, und dann trinken wir ein leckeres Täßchen Kaffee zusammen?« – Hatte ihm das jemals auch nur eine andeutungsweise gesagt? Niemand hatte ihm so liebevoll zugeredet, geschweige denn ein genügliches Fräuchen – und da sah der Ärmste ganz bedrückt in der Stube umher. Er bemerkte das schöne Sofa und die Kaffeetassen im Glasschrank und den Kanarienvogel im blankgeputzten Messingkäfig und die weißen Gardinen und den warmen Sonnenschein, der in das Zimmer hineinflutete – und er sah, daß alles recht schön war. Noch mehr: er sah Bernadintje vor sich, wie sie dastand mit ihren roten Bäckchen und dem glattgescheitelten Haar und den Goldspiralen, die aus dem zarten Spitzenhäubchen hervorsahen; er fühlte, daß sie trotz ihrer vierzig Jahre noch immer ein respektables Frauenzimmerchen abgab, und da drehte er verlegen seinen schäbigen Hut in den Fingern herum und wußte nicht, was er sagen und anfangen sollte. Was wollte er, der von der Natur so vernachlässigte Mensch überhaupt in dieser Wohnung, bei diesem Weibchen, in diesem häuslichen Frieden? Was sollten im besonderen seine Gedanken bezwecken? Sie konnten nur stören. »Marasmus! – Marasmus ...!« sagte er leise. Sein früheres Elend kam über ihn. Moritz fiel total aus der Rolle des Georginenkönigs und sah betrübt zu Boden. Ja – er konnte nur stören. Bernadintje hingegen war anderer Ansicht. Sie rückte einen Schritt vor, fuhr sich verlegen über die Schürze, klingelte mit ihren goldenen Ohrgehängen und meinte treuherzig: »So ist das denn alles gekommen. Und nu stehe ich hier mit meinem Häuschen und meinen Guldens als ledige Jungfrau, so zu sagen als höchstselige Witwe und muß mir überlegen, wer das alles mal in Erbschaft bekommen soll. Wilhelmintje besitzt keine Kinders, und ich habe auch keine Kinders. Aber Sie müssen mir exküsieren, weil ich das hier so erzählt hab'. Ja, Mynheer, es ist wirklich traurig, keine Kinders zu haben!« Wehmütig blickte sie Moritz an. »Aber, Bernadintje ...!« rief dieser so recht aus dem Herzen heraus. Er hatte nichts Meckeriges mehr in der Stimme. Im Gegenteil: sie war weich und zart wie eine Eiderdune geworden. »Aber, Bernadintje ...!« rief er noch einmal. Da kam das von draußen: »In dem Kostüm, so ganz intim ...« Gerade vor dem kleinen Häuschen hatte sich die Drehorgel postiert. Ihr Walzer drängelte sich lieblich durch die beiden Oleanderbäume in den Hausflur hinein und von da in die Stube, und weil Bernadintje in ihren jugendlichen Jahren mal eine auserwählte Tänzerin gewesen war, auch heute noch auf diese Kunst sich nicht wenig zugute tat, so fuhr ihr die sanfte Melodie durch und durch, und da ging das nicht anders: sie begann erst mit dem Köpfchen zu nicken, dann sich in den Hüften zu drehen und dann sich auf den Füßen zu wiegen. »Ach, wie nett!« sagte sie lieblich und konnte ihrer inneren Unruhe nicht mehr gebieten. Und Moritz sah das; er streckte ihr seine langen Arme entgegen, als wenn er sagen wollte: »Darf ich?« Und Bernadintje nickte: »ja«, und da zog er sie an sich und walzte mit ihr über die schönen, blanken Dielen und dann um den weißgespreiteten Tisch herum und dann in den Hausflur und dann wieder in die Stube hinein, aber fein säuberlich und von dem heimlichen Gedanken beseelt, so mit ihr durchs ganze Leben zu tanzen, um endlich mal glücklich zu werden. »Ach, Bernadintje ...!« »Ach, Moritz ...!« Als die Drehorgel verstummte, legte Bernadintje ihren Kopf an seine Brust, und er küßte sie herzlich, und sie hatten nicht acht darauf, daß jemand leise ins Zimmer getreten war, so selig war der arme Moritz, so freudig bewegt war Bernadintje Bottertje, geborene Oemmertje-Donselaer, so weltvergessen waren beide geworden. »Ach, Moritz ...!« »Ach, Bernadintje ...!« »O! – o! – o!« rief in diesem Augenblick eine zärtliche und doch ernsthafte Stimme. So ähnlich hatte sich vor ungefähr vierzehn Tagen Bernadintje bemerkbar gemacht, als Heinrich vom Hövel ihre Schwester mit einem herzhaften Küßchen beehrte. Jetzt aber rief Wilhelmintje – und da stürzte sich Bernadintje von der Brust Dütz-Josums an das warme und mollige Herz ihrer Schwester. »Ach, Wilhelmintje ...!« »Mynheer,« sagte diese, »exküsiert, aber ich und Ihre liebwerte Braut müssen jetzt ein Stündchen allein sein.« Da machte sich Moritz still auf die Socken. »Ach,« lächelte die Glückliche ihm nach, »er ist ja so 'n lieber Mensch!« und dann setzte sie selbstgefällig hinzu: »Wilhelmintje, er hat auch ein Schnäuzchen.« »Wie ich gesagt hab'.« »Ob er wohl wiederkommt?« »Natürlich,« sagte Wilhelmintje, und da setzte sie sich mit der zukünftigen Madam Dütz-Josum auf das Sofa mit den gehäkelten Schutzdeckchen, liehen sich beide in Gedanken den größten Farbenkasten von Moritz, rührten Kremserweiß und Krapplack gehörig durcheinander und pinselten das Gesicht der Zukunft mit den rosigsten Farben aus. Der porzellanene Kanarienvogel nickte dazu, die liebe Sonne sah immer schöner ins Zimmer hinein, die beiden Oleanderbäume verstreuten weiße und zartrote Blüten über den Eingang, als wenn der Hochzeitszug heute schon losgehen sollte. Aber der Orgelmann war weiter gegangen, drehte aus Leibeskräften und spielte: »Wir winden dir den Jungfernkranz Mit veilchenblauer Sei – ide.« Von diesem Tage an herrschte ein stilles Glück unter den Dächern des indigoblauen und des khakifarbigen Häuschens, vor dem die beiden Oleanderbäume standen, die noch geraume Zeit hindurch ihre duftigen Blüten verstreuten. Vor der Hand sollte das Verlöbnis noch ein Geheimnis bleiben, zumal die Hochzeit erst für das kommende Frühjahr gedacht war, und Bernadintje jegliches Aufsehn vermeiden wollte. Allein im Mistbeet der Heimlichkeit gedeihen die Rosenstöcke der Liebe am besten. Die beiden standen oft davor und sahen zu, wie das alles blühte und grünte und sich mit herrlichstem Flor gab. – Über Sankt Anne zog ein süßer, schwerer Sommerduft. In den nahegelegenen Roggenfeldern rauschte die Sichel. Unermüdlich, vom frühen Morgen bis zum späten Abend, ging ihr eigentümliches Singen und Näseln über die vlämische Landschaft. Im stetigen Einerlei reihte sich Stunde an Stunde. Noch öfters ertönte das Orgelspiel aus der kleinen Kirche. Mit seiner feierlichen Stimme zog es weit in die Felder hinein; dann hielten die Schnitter mit ihrer Arbeit inne, nahmen ihre Mützen herunter und horchten andächtig auf die frommen Weisen des deutschen Predigers. Ja – ein süßer, schwerer Sommerduft zog über Sankt Anne, die freundlichen Dächer blitzten in der klaren Luft, die blaugrünen Pappeln säuselten so träumerisch und verloren darüber hin, als hätte der Friede hier Heimatsrechte und könnte niemals seines Asyles beraubt werden. So schien es wenigstens, und dennoch war es so, als ginge ein hoher Schatten von unbestimmter Gestalt durch die einsamen Straßen, als bliebe er vor dem Häuschen mit den Oleanderbäumen stehen und sähe von hier aus in die Zimmer, die Erasmus van Dornick mit seiner Tochter bewohnte. Niemand sah diesen Schatten und konnte ihn sehen; trotzdem war er da, reckte sich auf und stierte mit glanzlosen Augen durch die geöffneten Fenster. Seit dem ersten Begegnen in der Kirche von Sankt Anne war eine Woche vergangen. Heinrich vom Hövel täuschte sich nicht. Er sah die geheimnisvolle Arbeit einer rätselhaften Gewalt, die Vergangenes mit den gegenwärtigen Tagen verknüpfte. Wechselbeziehungen eigentümlicher Art traten hier in die Erscheinung, die von der Norm des gewöhnlichen Denkens und Fühlens wesentlich abwichen und unter dem Einfluß eines zwingenden Kultes Tod und Leben, Wirkliches und Wesenloses, Natürliches und Übernatürliches derart vertauschten und ineinander flochten, daß er kaum zu unterscheiden vermochte, wo das wirkliche Leben begann und die Erinnerungen an den Tod von einem gewesenen Dasein erzählten. Er sah das alles und fühlte das alles; aber er hoffte auch auf eine glückliche Lösung der Dinge, auf eine Lösung, die das Leben siegreich machte und es befähigte, endlich mit stiller Resignation das Grab einer verstorbenen Liebe zu schmücken und das Wiedererwachte, das gleichsam aus dem Grabe Erstandene, mit starken Armen an sich zu reißen. Ostern und Auferstehung! – und Heinrich vom Hövel hoffte darauf wie auf eine Offenbarung des seligen Frühlings. – Auferstehung! – auch ihm, Hans Behrend, hatte sich in diesen Tagen eine große Erkenntnis aufgedrängt, die ihn ansah mit ernsten Augen und ihm das Geheimnis der Jerichorose erklärte, jener mystischen Blume, die schöner ist denn alle übrigen Blumen und, wenn auch abgestorben und welk, dennoch wieder zum Leben erwacht, wenn heiße Tränen sie netzen und ein Herz sie begehrt, das inniger und verlangender schlägt, als die Herzen der übrigen Menschen. Schon damals nach dem ersten Begegnen, unter dem Abendhimmel in den endlosen Wiesen, die in Myriaden von Tautropfen ihr Bildnis widerspiegelten, war ihm diese Erkenntnis gekommen, befehlend und scharfumrissen. Er konnte nicht irren: sie ruhte nicht mehr in der Liebfrauenkirche zu Brügge, sie war nicht verunglückt auf dem Wege zur Punta Tragara, am Fuß der Faraglioni, wo jenseit von Anacapri eine silberne Helle sich ausbreitete, die den Golf von Neapel mit Flittersternchen bestickte. Niemals hatte er dort von ihr Abschied genommen. Sie war nicht gestorben, sie hatte überhaupt nicht gelebt. Erst hier war sie ihm zum ersten Male begegnet, vor kurzem erst – und jetzt streifte sie oft in ihrer eigenartigen Schönheit, mit dem feinen Lächeln, das wunderselig und schmerzlich zugleich war, in der Fülle ihres goldenen Haares über die Dünen und die verlorenen Straßen von Sankt Anne ter Muiden. Und wenn er sie sah, wenn ihre weiße Hand ihn berührte ... Noch gestern war er mit ihr, in Gemeinschaft van Dornicks und seines Freundes, durch die weiten Felder und die silberigen Dünen gegangen, den warmen, stillen Sommerabend um sich her und das Säuseln der Halme, das ihm endlos erschien, wie das nahe Rauschen des ewigen Meeres. Mehr denn nötig hatte ihre Hand in der seinen geruht, als er sie auf die höchste Kuppe hinaufzog – und dann standen sie oben, flimmernden Sand zu Füßen, vor sich die unendliche Fläche, von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne vergoldet, und wieder wie damals, als der Seelenmensch über die Reling sah, zog ein Ostindienfahrer mit vollen Segeln vorüber, als führe eine große, unaufhaltsame Sehnsucht in das Land der Verheißung. In wachsender Erregung erschlossen sich ihre Blicke. Das Wasser rauschte herauf. So hatte es auch am Fuße der Faraglioni gesprochen. Regungslos sah sie gen Westen, wo der Abend Rubinenschnüre und helle Perlen verstreute. Er stand dicht neben ihr. Er glaubte in ihr eine Heilige zu sehen, die ihre Hand nur zu strecken brauchte, um alles Leid aus seinem Herzen zu nehmen. Unbewußt traten ihm die Worte in den Sinn, die da lauten: Erquicke mich, denn ich bin krank vor Liebe. Er kannte sie aus dem Hohen Lied Salomonis. Da wandte sie sich. Hatte sie seine Gedanken erraten? Sie mied seinen Blick nicht; sie suchte ihn. Ihre Augen hielten ihm stand; da wußte auch er, was ihr Inneres bewegte. Eine selige Luft stieg in ihm auf. War endlich für ihn die heilige Stunde gekommen? – Plötzlich veränderte sich ihr Antlitz. Sie rang nach Atem, ihre Lippen zuckten, als wenn sie sprechen wollten. Aber sie sprach nicht. Ihre Gedanken schweiften wieder über das weite Meer hin – und da wähnte er ein Dornenkränzlein unter ihrem Schleier zu sehen, das Schläfen und Stirne umgürtete und sich mit der schweren Masse ihres Haares verstrickte. Blutstropfen lagen auf den todbleichen Wangen. Hochaufgerichtet stand sie neben ihm. Ihre Brust hob und senkte sich. Noch einmal suchte er mit ihren Händen in Berührung zu kommen. Da sah sie ihn an mit unendlicher Wehmut. »Nein,« sagte sie mit verhaltener Stimme. Ihre Finger krampften sich. Unauffällig war sie an die Seite ihres Vaters getreten – und dennoch ... Ein neuer Tag kam über Sankt Anne. Es war um die vierte Nachmittagsstunde. Anna van Dornick saß in dem Zimmer, das auf die Dorfstraße hinausging. Der violette Duft des Tages schleierte sich um den Fuß des mächtigen Turmstumpfes, der hinter den niedrigen Dächern aufstieg. Es lag etwas Weiches, Müdes in der Natur, ein melancholisches Träumen, das scheinbar wünschte, sich in den Dämmerungen des Abends zu wissen. Mit offenen, wachen Augen gingen ihre Gedanken zu den Dünen zurück. Sie verfolgte sie bis zu dem weißen Streifen, der die Küste von Walcheren begrenzte. Sie gedachte des gestrigen Abends und des stillen, königlichen Schiffes, das, alle Segel hoch und von einem unwiderstehlichen Verlangen getrieben, in das reine und große Licht der untergehenden Sonne hineinfuhr. Ja – sie sah es auch jetzt noch, sie verfolgte es mit klopfendem Herzen und einem Blick, der etwas Unersättliches hatte. Ach, wenn sie Flügel hätte – sie ließe sich mit ihm und ihrer verzehrenden Sehnsucht an Bord des stillen Schiffes tragen, um dann weiter zu fahren, dem heiligen Licht zu, dem unbekannten Lande entgegen, wo sie allein waren und niemand wußte, daß ihrem eigenen Leben etwas anhaftete, was besser nicht dagewesen wäre. Sie quälte sich in diesem Sinnen und Denken. Lange sah sie auf ihre Hände. Waren sie wundertätig? Würden sie helfen und konnten sie helfen? Durfte sie diese Hände strecken, damit sie ihm und ihr zum Segen gereichten? – Ihre Mundwinkel verzogen sich. Das war ja alles unmöglich! – Sie konnte nicht retten und durfte nicht retten – und, einem unseligen Zwange gehorchend, erinnerte sie sich an vergangene Zeiten, an einen Taumel, an das, was sie mit Schauder erfüllte und erfüllen mußte. Sie fühlte sich fortgetragen über Erde und Wasser, über weite, blühende Heide. Es war dunkel um sie. Sie sah sie nicht mehr, aber sie hörte nahe Kornfelder rauschen, und weit dahinten erblickte sie eine große Stadt mit unzähligen Lichtern. Dann kam das Geläut von Glocken herüber. Deutlich unterschied sie die einzelnen Stimmen. Sie kannte sie alle. So hatten sie schon früher geklungen; sie gab sich keiner Täuschung mehr hin. Es wäre auch vergebens gewesen. Ihr Geist konnte nicht fehlgehn. Er sagte ihr trostlos: »Wo die Lichter brennen, bist du schuldig geworden; da wolltest du über das Glück einer andern hinweg das deine gewinnen. Du erinnerst dich doch?« – und in diesem Erinnern ... Nein – sie verhehlte sich nichts mehr, und dennoch ging eine liebestrunkene Welle über sie fort, die sie berauschte und mit narkotischem Duft umhüllte, als sollte sie noch einmal das klingende Leben genießen, um dann an einem geliebten Munde selig zu sterben. Schon gestern, am Meer, zwischen den Dünen war ihr dieses Begehren gekommen, dieses heiße Verlangen, so süß in seiner Qual und so sündig in seiner Unschuld. – Sie liebte mit der ganzen Macht ihrer Seele. Er mußte genesen ... und dann wieder die Zweifel, die Klagen, das zähe Festhalten an bange, glückliche und doch so unselige Stunden, das Denken an vergangene Tage. Erregt stand sie auf. So fand sie ihr Vater, der aus dem Nebenzimmer trat, wo er gearbeitet hatte und jetzt gesonnen schien, einen Spaziergang zu machen. »Willst du nicht mitgehn?« fragte er mit weicher Betonung. »Unsere Freunde warten schon draußen.« »Nein,« sagte sie ruhig. »Also – du willst nicht?« Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. »Ich kann nicht,« sagte sie endlich. Da strich er sacht über ihr Haar und sah sie mit großer Liebe an, aber auch mit tiefer Betrübnis. Als sie aufblickte, hatte er das Zimmer verlassen. Sie war wieder allein, warf sich auf den Sessel zurück und umspannte die Lehne, als müsse sie unter dieser körperlichen Anstrengung ihre wunden Gedanken weniger schmerzhaft machen. Ihr Geist nahm wieder seine planlose Wanderung auf, unstet wie ein armes Licht, das in die Irre hineingeht. Bald darauf trat Klaartje ins Zimmer. Sie exküsierte sich vielmals wegen der Störung und daß sie nicht ihr Sonntagskleid anhabe, aber das sei ihre Pflicht, sie müsse unter allen Umständen die Sommerlevkojen begießen. Sie tat es denn auch in ihrer geräuschlosen und zierlichen Weise, drehte sich wieder dem Ausgang zu und schloß die Türe, als wären ihre Angeln auf Watte gegangen. Jetzt störte sie niemand mehr. – Als Erasmus nach zweistündiger Abwesenheit zurückkehrte, fand er seine Tochter noch in derselben Verfassung. Da ging ein zuckender Schmerz über sein Antlitz. Er legte Stock und Hut beiseite und trat auf sie zu. »Anna,« sagte er mit weher Stimme. Sie wagte nicht aufzublicken. Sie wußte, was in ihm vorging und bangte vor dem traurigen Blick ihres Vaters. »Anna ...!« Noch einmal klang ihr die liebe Stimme entgegen. Da richtete sie sich jäh und erschreckt auf. »Ich weiß,« sagte er bewegt, »daß das Menschenherz Wandlungen unterworfen ist. Es wäre töricht von mir, dieses verneinen zu wollen. Es kann nicht immer jubeln und Heiterem nachsinnen, es muß auch Tage geben, wo es sich im Traurigen gefällt und Tränen findet – aber dein Herz steht immer in Tränen. Schüttle den Kopf nicht. Weise mich nicht ab. Es ist so. Was ich dir früher schon sagte, die Vermutung, die bei mir als Samenkorn ruhte, hat Wurzeln geschlagen und ist bei mir zur Überzeugung geworden. Mit dieser Überzeugung sehe ich dein armes Herz an und fühle: es hat nicht Ruhe und Rast mehr des Lebens und keinen Gefallen an dem, was das Leben uns bietet. Es ist trostlos geworden, und warum es so wurde, will ich dir unumwunden sagen. Dir fehlt der Friede in Gott. Ein Schatten liegt um dich. Er steht neben dir, er ist über dir, er drängt sich zwischen Vater und Tochter und macht sie fremd und lieblos gegeneinander. Seit gestern ist er übermächtig geworden; er läßt dich am Dasein verzweifeln. Kind, Kind, Kind!« fuhr er auf, »hast du mir denn gar nichts zu sagen?! – Weißt du denn nicht, bei wem du Trost finden könntest?!« Seine Worte erstickten. Bewegt hielt er die Arme gebreitet. »Bei dir, bei dir!« schluchzte sie auf und warf sich an seine Brust. Nun ruhte sie bei ihm, und seine Hand glitt über ihr Haar, als wenn sie über ausgesponnenes Sonnengold ginge; dann begann er auf sie einzureden, ohne sie aus den Armen zu lassen: erst leise, verhalten, dann immer eindringlicher, wachsender, mächtiger werdend, um dann wieder einzulenken und in Flüsterlauten zu sprechen, wie sie der Abendwind hat, wenn er die müde Erde erlösen will von ihrem Sorgen und Schaffen während des Tages. »Drum folge mir,« sagte er ruhig, »Ein frischer Hauch muß über dich gehen. Er muß dich mit seinen Schwingen berühren, damit du lernst, wie man die Welt mit Kinderaugen betrachtet. Sie muß doch endlich kommen – die Stunde, aber sie kommt nur, wenn du wahrhaft gewillt bist, den Frieden Gottes und den eigenen Frieden an dich zu ziehen. Ohne ihn ist alles eitel und nichtig, denn alle, die ihn nicht wollen oder von sich abgewehrt haben, müssen zuschanden werden und elend verderben, denn sie verlassen den Herrn, die Quelle des lebendigen Wassers und den Hort der Betrübten.« Sie warf sich in seinen Armen herum. »Vater ...!« stöhnte sie mit zerrissenen Lauten. »Was soll ich?« »Daß ich mich gräme und keinen Ausweg mehr finde.« »Suche ihn, und du wirst leben.« »Nein – ich kann ihn nicht finden.« »Alle, die guten Willens sind, können ihn finden. Aber du liegst im Zweifel mit dir, mit Gott und den Menschen. Über einen Toten pflegt man zu trauern, denn er hat das Licht nicht mehr. Das ist irrig von den Menschen und ihren Gebräuchen. Man sollte um ihn nicht trauern, denn er ist doch zur Ruhe gekommen, über ein falschgeleitetes Herz aber, das sich besserer Einsicht verschließt, sollte man weinen, denn solches ist schlimmer als der Tod und bringt andere ins Unglück. Mein Kind, wenn ich so alles bedenke, wenn ich ansehn muß, wie dein früher so harmonisches Leben auseinanderflattert, wie unsere wechselseitigen Beziehungen immer lockerer und lockerer werden ...« Er suchte sich aus ihrer Umarmung zu lösen. »Ich will endlich Ruhe haben,« sagte er heftig. Seine Stimme war hart vor innerer Erregung geworden. »Suche den Frieden in Gott. Folge der warnenden Stimme – und wenn du ihn nicht finden kannst, wenn dir der Mut fehlt, es dir hierzu an Kraft gebricht, so sage mir endlich, was dich hindert, das Gleichgewicht deiner Seele zu gewinnen.« Sie antwortete nicht. Immer fester umschlang sie ihn und ließ nicht ab, – ihr Haupt krampfhaft an seine Schulter zu schmiegen. Und wieder das verzweifelte Schluchzen, das Klagen, das Suchen und Tasten in ihr und das bestimmte Wissen von dem, was sie wollte und nicht wollte und doch – was sie mußte ... Und wenn es die ganze Welt gekostet hätte: jetzt nicht mehr; sie war nicht mehr willens, den Kelch ihrer Liebe und ihres Leides bis auf die bittere Hefe zu leeren. Und da erkannte Erasmus. Sie drängten sich an ihn heran: die entsetzlichen Stunden aus vergangenen Tagen mit all ihren Einzelheiten, mit all ihrem Hangen und Bangen, die ihm die Haare ergraut und den Nacken tiefer gebeugt hatten. Er war wieder der Alte mit der flammenden Ader geworden, der Unerschütterliche, der Kanzelredner von früher, der es verstanden hatte, die Menschen zu führen und die Abtrünnigen reuig in die Knie zu zwingen. Das Feuer unter der Asche glühte bedrohlich. Das Vulkanartige in seiner Natur wollte die Oberhand haben. »Du ...!« sagte er flammenden Auges. Mit beiden Händen ergriff er ihre Gelenke, umklammerte sie und drückte sie von sich. Erasmus van Dornick glaubte seine Stunde gekommen. Er reckte sich auf. Mit einem starren Ruck hatte er die Haare in den Nacken geworfen. Nichts Väterliches mehr; der rücksichtslose Prediger trat hervor. Ein lähmender Frost ging von ihm aus. Er berührte sie mit eisigen Fingern. »Was willst du von mir?« fragte sie auffahrend. »Deine und meine Ruhe,« sagte er mit schartiger Stimme, »ich will endlich Einsicht gewinnen von dem, was ist und kommen wird. Noch ist nicht alles verloren. Breite die Falten deines Herzens vor mir aus, aber zwinge mich nicht, daß ich in den Worten Jeremiä zu sprechen habe: Er hat dich geführet und lassen gehen in Finsternis und nicht in das Licht. Er hat mich mit Bitterkeit gesättigt und mit Wermut getränket. Unserer Herzen Freude hat ein Ende und unser Reigen ist in Wehklagen verkehret ... Auf daß ich nicht spreche zur Tiefe: Versiege; zu den Strömen: Vertrocknet, und zu dir: Gehe des Weges; wir haben kein Leben mehr gemeinsam und kein Teil mehr zusammen. – Und nun begegne mir offen, wenn du nicht willst ...« Er ließ ihre Hände fahren. »Ja, du – wenn du nicht willst, daß ich zum Äußersten käme. Ich frage dich jetzt zum letzten Male und im Hinblick auf deine selige Mutter: Willst du den Frieden in Gott – und wenn du ihn willst, wirst du ihn finden?« Sie war rückwärts getreten, und ihre Brust ging schwer. »Nein,« sagte sie heiser, »ich kann ihn nicht finden.« »Warum nicht?« »Weil was zwischen uns steht. Weil ihm der Weg versperrt ist. Über das können er und ich nicht hinüber.« »Über das, was früher passiert ist?« »Ja.« »Also doch wieder die alte Geschichte?!« Seine Stimme brach ab. »Ja,« sagte sie leise. »Dacht' ich's mir doch!« kam es wie ein Schrei aus seiner Brust heraus, »und ich Tor wähnte bis gestern, sie wäre gestorben für immer.« »Wäre sie es,« kam es schmerzlich zurück, »so stände es besser um mich, aber sie ist nicht gestorben für immer.« »Ah – du ...!« Drohend war der Prediger näher getreten. »Ich konnte nicht anders!« schrie sie verzweifelt auf. »Ich war damals ein Kind; wenigstens der Besinnung nach, dem Überlegen nach. Ich war wie betäubt, wie verstört, wie in einem Wahnsinn befangen.« Sie warf sich im Oberkörper zurück. »Nein – ich konnte nicht anders!« »Was ...?!« fuhr er sie an, »du konntest nicht anders? So geht der Mund der Toren, die niemals anders können, wenn sie in Sünden geraten. Für den lauteren Menschen jedoch gibt es keine Leidenschaft, deren Autorität er sich unterwerfen müßte, keine noch so zwingende Begier, die er nicht zu zügeln und zu lenken vermöchte. Und du ...?! – Weißt du nicht, daß der Mensch etwas besitzt, das sich die Stimme des Gewissens nennt?! – und geschrieben steht: Du sollst nicht begehren.« »Vater ...!« »Ja – du hast trotzdem begehrt und wußtest, daß er ein verheirateter Mann war.« »Schuldig, schuldig!« stöhnte sie auf, als habe sie den schmerzhaften Hieb einer Peitsche empfangen. Ihre Brust war zum Zerspringen. Kreuzweise legte sie ihre zuckenden Hände darüber. Unter dem Zwang einer dämonischen Gewalt sank sie langsam in die Knie. Verstörten Gesichtes, wahllos die Worte nehmend, brach es in ihr los. Ihre Gedanken überstürzten sich, malten ihr eigenes Verschulden größer denn nötig. »Ja – ich bin sündig gewesen,« sagte sie wimmernd. »Ich wollte ihn ja damals vergessen, an nichts mehr denken ... Ich bangte vor ihren Augen, vor den Augen seines Weibes ... Da kam sein heißer Kuß über mich ... Ich ließ es geschehen, und aus diesem Geschehen wuchs die Flamme heraus, die uns beide verzehrte ... Ich zerstörte sein Glück ... Ich machte ihn schuldig und muß wieder aufbauen, was ich zerstörte ... Ich weiß ja, daß alles zu nichts führt, aber es muß seinen Gang gehn, wie es auch gehn mag.« Die letzten Worte gingen in ein krampfhaftes Lachen über, und das Lachen wandelte sich in ein herzzerreißendes Schluchzen, das sich nicht beruhigen wollte. Der Prediger verfärbte sich. »Und wußte sie darum, ich meine, wußte sein Weib darum, was alles passiert war? Mir gegenüber hast du damals geschwiegen. Antworte jetzt. Wußte die Ärmste darum?« »Nein,« sagte sie schmerzlich, »erst nach ihrem Tode raunten es sich die Menschen zu, weil sie glaubten, ich hätte das Unglück verschuldet. Erst nach ihrem Tode begann das Gerede.« »Da brach der Skandal los, dem ich zum Opfer fiel,« keuchte Erasmus. Wiederum hatte er das Handgelenk seiner Tochter umspannt und sie an sich gerissen. »Was tust du mit mir?!« schrie sie gellend. »Ja – du, da ging der Skandal los. – Ich duckte mich wie ein Tier. Ich ließ meine Stellung, mein Ansehn, mein Amt, ich ließ meine Kanzel, wo ich mit Gott und den Menschen sprechen durfte, ich ließ das, was mir ans Herz gewachsen war, wie die Borke um die Seele des Baumes, um hier in Brügge deine und meine Minderwertigkeit vor den Blicken der Menschen zu verbergen. Was ich darunter litt, mag nur der ermessen, dem es allein vergönnt ist, zu sagen: Erasmus, komme, mache dich fertig, mit dieser Stunde hat deine irdische Pilgerfahrt Ende und Ziel erreicht. Du kannst dich schlafen legen, deine Zeit ist gekommen. Ich bin dein Herr und Gott. – Und nun ...« Er suchte nach Atem. Seine aufgerissenen Blicke standen über ihr wie zuckende Lichter. »Und nun ...« sagte er drohend, befehlend, mit herrischen Worten, »es muß endlich Klarheit zwischen uns werden. Mehr wie zwei Jahre sind darüber vergangen. Was gedenkst du zu tun?« »Ich weiß keinen Ausweg. Er wollte, wenn alles vorüber, wenn das Gerede aufgehört hätte ... Er versprach mir ...« »So – er versprach dir?! – und du ...?« Ein hartes, trockenes Lachen erschütterte seinen Körper, als er das sagte. »Ich weiß es ja nicht!« schrie sie auf und suchte aus seiner schnürenden Hand zu kommen, die ihr Gelenk wie eine Fessel umstrickte. »Es ist alles zertrümmert.« »Und du hast ihn nicht wiedergesehen?« »Ja – hier in Brügge habe ich ihn wiedergesehen.« »Wann?« »Vor kurzem.« »Bei welcher Gelegenheit?« »Als er vom Auswärtigen Amt nach London versetzt wurde.« »Zur deutschen Botschaft?« »Ja.« »Seitdem hast du ihn nicht mehr gesehen?« »Nein.« Der Prediger atmete auf. »Und du liebst ihn noch immer?« fragte er wieder. »Damals – ja.« »Und jetzt?« Sie gab keine Antwort. »Ich meine, wenn er jetzt käme, wenn er vor dich hintreten sollte und dich an sündige Tage erinnerte, wenn er dir sagen würde: Wir wollen ein anderes Leben beginnen, die Schuld in Unschuld verkehren, aber sie sind doch schön gewesen die sündigen Tage – die kann uns niemand mehr nehmen ... Was würdest du sagen?« Seine Stimme klang fiebrig. Sie war metallos geworden. »Er hat mein Gelöbnis,« sagte sie qualvoll. »Und du gedenkst es zu halten?« Sie suchte nach Worten, sie rang nach Worten; Verzweiflung und Jammer schrien in ihr auf. »Ich muß ja, ich kann ja nicht anders!« Sie streckte die Arme. Machtlos, wie gelähmt sanken sie wieder an ihrem Leibe herunter. »Aber ich wollte ...« »Was wolltest du?« Da sah sie ihn starr und leblos an. »Ich wollte, er käme nicht wieder – oder: ich wäre gestorben.« Das traf. »Her zu mir!« Sie hörte noch die gellenden Worte, die halb Jubel, halb Kummer verrieten. Wie Sturmgeheul, wie das Branden einer endlosen Welle ging es über sie hin. Der Prediger hatte sie an sich gerissen. »So löse das Bündnis!« Wie ein befreiender Ruf klang es ihr zu. »Wenn ich es dürfte ...« »Du darfst – denn tätest du es nicht: ich glaube, du lästertest noch das arme Weib im Grabe, und die Tote ließe dich keine Ruhe mehr finden. Du sollst nicht begehren.« »Schuldig, schuldig!« »Anna, mein Kind!« flüsterte Erasmus van Dornick und seine Arme umstrickten sie fester. »Folge dem, der dich lieb hat.« Seine Stimme wurde milder und milder, seine Hände glitten über ihre duftigen Haare. »Anna, mein Kind! – sei nicht wie ein Falter, der sich immer und immer wieder zur Flamme kehrt, denn die Flamme verzehrt dich. Folge dem ruhigen, stillen und großen Licht der Erkenntnis. Friede in dir – das ist Gottesfriede. Anna, mein Kind! – nur so wirst Du glücklich. Gottesfriede ist Menschenfriede.« Und er beugte sich nieder. Und als er sich beugte, da senkte sich auch der Abend auf Land und Meer, und es war wie von Stimmen der Seligen zwischen Himmel und Erde. IX Wie sollte das enden ...! Still und weich, mit ruhigen Atemzügen ging ein großes Sehnen von Haus zu Haus. Es ging durch die einsamen Straßen, durch die nahen Felder, es verlangte nach der Seligkeit des Vergessens; es ging durch die Dünen und fügte mit emsiger Hand Baustein auf Baustein. Es gefiel sich in den herrlichsten Plänen, aber es achtete nicht darauf, ob der Baugrund auch der richtige wäre. Es sah nur in den Himmel hinein und nicht auf das Geriesel zu seinen Füßen, das erst Korn um Korn entsandte, um dann immer stärker zu werden. Es sagte zu ihm: »Lieben heißt vergessen,« und zu Anna van Dornick: »Vergessen heißt Liebe finden,« und da sahen sie nicht den unsicheren Grund, der unter ihren Füßen dahinglitt; hatten nicht acht darauf, daß sie sich auf Triebsand befanden. Ja, es war ein stilles Sehnen und Sinnen, aber wie die Tage kamen und gingen, wurde aus diesem stillen Sehnen ein hungriges Suchen und ein endliches Finden. Ein stummes Geheimnis, ein noch unausgesprochenes Glück hatte sich an sie geschlichen und ihnen die Schale des Taumels geboten. Und sie tranken sie gierig und mit durstigen Lippen. Sie wandelten nebeneinander her, ohne davon zu sprechen, was ihr Inneres bewegte; sie wurden von Schauern durchrüttelt, ohne es sich einzugestehen; sie sprachen von gleichgültigen Dingen, und dennoch hatte ihnen ein gütiges Geschick Offenbarungen verliehen, wie sie die Erde empfängt, wenn die ersten Frühlingsnächte mit weichen Flügelschlägen über sie fortrauschen. Das war der Anfang ... allein sie scheuten sich lange, das Siegel zu lösen, gerade wie der Frühling zaudert, mit ängstlichen Fingern die ersten Knospen auseinander zu legen. Sie waren gläubig bewegt, und dennoch fürchteten sie sich. Sie gingen durch helles Sonnenlicht und wähnten im Mondschein zu wandeln. Sie waren täglich zusammen und hatten den Mut nicht, sich selber zu finden. Da lag noch immer etwas Unausgesprochenes zwischen ihnen; etwas Dumpfes, Beengendes hielt sie zurück, von dem sie sich keine Rechenschaft zu geben vermochten, etwas Ungewöhnliches mit verschleierten Augen ... und diese Augen folgten ihnen und blickten in ihre Träume hinein – immer mit der nämlichen Starrheit und der nämlichen Ruhe. Aber da eines Tages verloren sie das Gebieterische und Zwingende und alles, was an geheimer Macht in ihnen lag, und da fühlten sich auch die beiden Menschenherzen freier und glaubten, die beengende Fessel verloren zu haben. War das die Höhe des Glückes? Ja, es war die Höhe des Glückes – aber bald darauf rannen die unheimlichen Sandkörner immer stärker. Unter ihren Füßen lief ein stetes Geschiebe, das Kreise und Trichter zog, ein Vorwärtsdrängen, ein ewiges Nachgeben ... Sie gingen auf Triebsand. – Moritz und Bernadintje hingegen hatten tiefgründigen, kompakten Boden unter den Schuhen, der schon ein ordentliches Zukunftsschlößchen vertrug, das sich sehn lassen konnte. Sie bauten es denn auch als niedliches Knusperhäuschen aus, stellten die Wege von Nimweger Moppen her, machten den Estrich von Amsterdamer Spekulatiusmännchen, setzten klare Kandiszuckerscheiben in die Fensterrahmen hinein, bedeckten das Dach mit leckeren Lebkuchenherzen und besteckten es zudem noch mit dicken Tulpen, Sommerlevkojen und dunkelroten Rosen, um dem Ganzen auch einen duftigen Anstrich zu geben. Rechts und links vom Eingang placierten sie je ein schöngeschliffenes Likörglas, füllten die Gläser mit echtem Genever und ließen sie allabendlich als Liebesflambeaus in alle Ferne hinausleuchten. Das Knusperhäuschen verschönten sie noch durch einen weitverzweigten und verschnörkelten Liebesgarten mit versteckten Lauben und Ecken, spazierten darin mit ihren Zukunftsplänen umher und sogen den köstlichen Hauch ein, der ihnen von allen Rabatten entgegenwehte. Das mußte schließlich auffallen – und so kam es denn, daß sie ihre große Heimlichkeit nicht mehr voll halten konnten. Als dann noch die Menschen die Köpfe zusammensteckten, Lisbeth das Geschehnis von ihrem Hühnerstall herunterkrähte, und die Spatzen bereits die feinsten Details in alle Fenster hineinschilpten, da gab sich Moritz einen gehörigen Ruck und sagte: »Bernadintje, so geht das nicht weiter. Wir müssen uns offenkundig benehmen, wenn wir nicht wollen, daß wir uns in die Nesseln der Lästerzungen hineinposamentieren.« Und Bernadintje nickte dazu und sagte: »Wie du meinst, lieber Moritz,« und da bügelte Moritz seinen lustigen Gehrock auf und steckte sich eine schöne Rose ins Knopfloch. Sie aber zog ihr Damastenes an, schmückte sich mit ihrer goldenen Blechhaube und tat eine extrafeine Spitzenholle darüber – und so ausstaffiert gingen die beiden feierlich und mit dem ganzen Anstand eines regelrechten Brautpaares durch die sommerlichen Straßen von Sankt Anne ter Muiden. Als Erasmus van Dornick sie sah, meinte er, indem sich ein feiner Zug um seine Mundwinkel legte: »Gott mit euch, ihr braven Menschen!« Als Heinrich vom Hövel sie sah, lachte er herzlich auf: »Na, Moritz, das hättest du dir nicht träumen lassen!« – und dabei schlug er ihm auf die Schulter, daß es einen ordentlichen Knall gab, aber Anna van Dornick schenkte ihr ein Bukett von selbstgepflückten Feldblumen, und da drückte Bernadintje sie an ihr überreiches Herz, wuschelte über ihre goldenen Haare und flüsterte unter heißen Tränen: »Freule, nu müssen sie aber auch Ihre traurigen Augen verlieren ...« Ja – so ging das von Mund zu Mund, und es war wohl kein Mensch in Sankt Anne, der nicht erstaunt vor dem soliden Knusperhäuschen stand, sich in Gedanken die Nimweger Moppen und die Amsterdamer Spekulatiusmännchen zu Gemüte führte, ein bißchen an den Kandiszuckerscheiben herumschleckte und die beiden Schnapsgläschen betrachtete, die allabendlich so still und sinnig mit ihrem Geneverlicht in die einsamen Wunder der träumenden Gotteswelt hinausleuchteten. Nur der Ferkel-Jonkheer schien anderer Ansicht zu sein. Er war verschnupft und konnte sich mit der vorliegenden Tatsache nicht abfinden, denn wenn Bernadintje auch rechtlich geschieden war, und Basilius sich anderweitig amüsierte, so war sie doch einmal die Frau seines Bruders gewesen, und wenn er auch mit Moritz Dütz-Josum, der aparten Modellsteherei wegen, regelrecht Bruderschaft getrunken hatte, so ging es ihm doch gegen den Strich, den ›Onderdaan van de Koning van Preußen‹ in dem khakifarbigen Häuschen zu wissen, wo sein Windhund von Bruder mal gelebt und balbiert, geliebt und Ferkel abgestochen hatte. Einsichtige Leute meinten freilich, Jan Bottertje wäre ein Dämel, er würde sich mit der Zeit wohl begeben, denn die Zeit rüttle auch die widerborstigsten Köpfe zusammen. Sie sollten recht behalten. Der Ferkel-Jonkheer lenkte schließlich ein und wurde mit den kommenden Tagen der beste Kumpan und der größte Verehrer von Moritz. So schwamm denn der früher so armselige Moritz Dütz-Josum in einem wahren Meer von eitel Lust und Glückseligkeit. Er vergaß die klebrigen Rattenschwänze, das monotone Gewuchte der Webelade, das ekelhafte Gequiekse der Nager mit den blutroten Augen, ja, er vergaß sogar den leeren Brotschrank, den er so oft in seiner Jugend hungrig angestiert hatte, kurz, er fühlte sich glücklich, und in diesem Rausch spielte er seine höchsten Kunsttrümpfe aus. Jetzt war das tagtäglich ein fröhliches Schaffen! Mit Freuden erkannte er, daß die Bambocciade, die der Vollendung entgegenreifte, ihn taumelig und wonnetrunken machte. Die kirmestolle Zeit eines Frans Hals jauchzte durch seine Seele, drängte sich von der Palette in die Pinsel hinein und von hier auf die Leinwand, erfüllte alles um ihn her mit heiterem Gekicher und Karussellgedudel, mit Geneverduft und übermütigem Ferkelgequiekse. Heinrich vom Hövel hatte schon den Nagel auf den Kopf getroffen. Früher – Herrgott, noch mal! – war das ein erbärmliches Spintisieren gewesen! Da hatte so ein durchsichtiges Wesen mit hektischen Wangen hinter ihm gestanden, blutleer, ein kraftloser Schemen, mit einem Kranz im Haar, der nicht Wald- und Wiesenduft ausströmte, vielmehr an verstaubte künstliche Blumen erinnerte, die sich auf langen Drahtstengeln wiegten. Jetzt war das anders geworden. Mit herzerquickendem Lachen beugte sich ein dralles Weibsbild über ihn, das Holzschuhe und eine vlämische Klöppelhaube trug, weizenfarbige Flechten hatte, sich kräftig in den Hüften wiegte und ein Mündchen besaß, dessen Kuß bis in die Zehenspitzen hineinkribbelte. Holzschuhgeklapper und ein niederländisches Frauenzimmer ...! – das animierte und ließ ihn die Welt mit Ausnahme Bernadintjes vergessen. »Moritz, man weiter,« sagte die vlämische Kunst und kitzelte ihn mit Akelei und Tausendschönchen im Nacken, und da arbeitete er vom frischen Morgen bis in den müden Abend hinein und kannte kein Aufhören. Zitronengelbe Falter gaukelten an dem indigoblauen Häuschen vorüber, tänzelten vor dem geöffneten Fenster, berührten sich liebestrunken mit den tausend und abertausend schimmernden Fleckchen ihrer zierlichen Flügel, stäubten eine Prise von Goldstaub ins Zimmer hinein und lockten ins Freie – aber Moritz hatte der verliebten Schmetterlinge nicht acht, dachte nur an Bernadintje und malte. Und wäre feurige Lohe vom Himmel gezüngelt, wäre Sankt Anne einer Katastrophe entgegengegangen – Moritz hätte nur an Bernadintje gedacht und weiter gemalt, denn das dralle, rundliche Weibsbild hinter ihm ließ nicht von ihm ab, munterte ihn auf, zeigte ihm alle Höhen und Tiefen des menschlichen Wissens, bis es ihn schließlich in den richtigen Kunsttempel führte, wo nur wirkliche Könner auf einer Kegelbahn saßen und rauchten. Jetzt war Moritz mitten unter ihnen. Ohne lange Fisematenten zu machen, nahm er die erste beste Kugel, spuckte in die Hände und schrie: »Gut Holz!« – Dann schob er und warf ›alle Neune‹. Da trat ein ernster Mann auf ihn zu, der ein schwarzes Wams trug und einen feingezwirnten Spitzenkragen umgelegt hatte. »Gut gemacht, Moritz,« sagte dieser, »ich heiße Frans Hals.« Dann kam ein zweiter, der wie ein Zahnbrecher aussah. Quer über die Stirne und von hier bis zum linken Ohrläppchen lief ihm eine kaum vernarbte Schmarre, die noch blutrünstig flammte. Möglich, daß er sie bei einer Keilerei davongetragen hatte. »Ich bin meines Zeichens Schilderer in der Sankt Lukasgilde,« sagte er heiser. »Mir gleich, ob gemalt oder geprügelt wird, aber ich gratuliere dir, Moritz. Mein Name ist Adrian Brouwer. Punktum, streu Sand drauf.« Hierauf setzte er sich und spuckte über den Tisch fort. Ein dritter kam. Der balancierte einen Falbelhut auf dem kurzverschnittenen Haar; in der linken Mundecke steckte ihm eine Gaudaer Tonpfeife. Er schwankte mit fidelen Äugelchen, eine mechelsche Kanne im Arm, auf Moritz los. Nachdem er ihm zugetrunken und den Bierkrug wieder beiseite gestellt hatte, sagte er lustig: »Mein Name ist Jan Steen; ich bin Maler und Zapfwirt in Leiden und bilde mir auf meine Hochzeit zu Kana und das Bohnenkönigsfest etwas ein, aber was du gemacht hast, Moritz ... Moritz, deine Sankt Anner Kirmes soll leben!« »Desgleichen die Bottertjes!« lachte Adrian Brouwer. »Amalie, Sophie und Doortje nicht zu vergessen,« sagte Frans Hals. »Moritz, gib mir 'nen Kuß!« rief Jan Steen, und er küßte ihn herzlich. Hierauf schrien sie alle: »Gut Holz und Hurra!« – und Moritz nickte »Merci« und abermals »Merci«, schüttelte ihnen die Hände und schwebte wie Elias in den siebenten Himmel hinein. Es ging etwas wie eine große Verheißung, wie ein befreiendes, unendliches Licht über ihn fort. Der vermickerte Hohlspiegelmann mit dem großen Können unter der Weste glaubte die lieben Engel im Himmel pfeifen zu hören, und als eines Tages Heinrich vom Hövel ins Zimmer trat, das fertige Bild vor Augen bekam, erst stutzte und, wie angewurzelt, von Bodenständigkeit, Gemüt, Eigenart und Sehspezialität redete, etwas von Düsseldorfer und Berliner Ausstellung hinwarf, das Bild immer wieder betrachtete und sich nicht losreißen konnte, dann aber die Arme breitete und mit seiner mächtigen Stimme »Gut Holz!« rief, daß es aus dem indigoblauen Tempel bis weit in die wogenden Ährenfelder hinausklang – da glaubte Moritz selber, daß er mit den alten Niederländern auf der Kegelbahn gewesen sei, daß er forsch auf die Kugel gespuckt und ›alle Neune‹ geschoben habe. Und so war es. Moritz Dütz-Josum hatte wirklich ›alle Neune‹ geschoben. Große Tränen liefen über seine eingefallenen Wangen. Mit seinen Spinnefingern wischte er sie fort. Hierauf tastete er nach der Hand seines Freundes, drückte sie innig und sagte: »Ich danke dir, Heinrich.« Und da standen die beiden, wie sie damals gestanden hatten, als Jan Bottertje auszog, um die Bettstelle mit seiner Landkutsch zu holen. Auch heute umgab sie eine heilige Stille. Hochaufgerichtet sahen sie aus dem niedrigen Fenster in die weite, flache Landschaft hinaus, wo sich alles so feierlich und sonntägig anließ, daß kaum die Bäume es wagten, ihre silbergrauen Blätter auf die Seite zu legen. Sie wollten nicht stören und durften nicht stören. Aber plötzlich ... Gingen da nicht ferne, weltverlorene Töne über die Erde?! Die beiden horchten auf. Waren es die Glocken von Brügge, oder waren es Glockentöne, die nur die Seelen verstanden? Es schienen Töne zu sein, die nur die Seelen verstanden. – Zwei Wochen waren ins Land gegangen, vierzehn lange, sonnige Sommertage, während welcher Erasmus van Dornick sein Werk über Hans Memling druckfertig gemacht und sich mit einem hervorragenden deutschen Verleger in Verbindung gesetzt hatte. Nur noch geringfügige Details, einzelne Daten waren nachzutragen, die er in der Brügger Bibliothek zu finden hoffte. So entschloß man sich im Kreise der Freunde, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, einen Ausflug nach Blankenberghe zu machen und noch selbigen Tages nach dem toten Brügge zu fahren, um das Erforderliche zu erledigen und sich von dem Zauber der geheimnisvollen Stadt umwehen zu lassen. In Blankenberghe befanden sie sich in einer anderen Welt. Ziellos schritten sie an dem belebten Strande auf und nieder, sahen auf das stille, ruhige Meer, das im Morgenlicht strahlte, als wäre der helle Glanz von abertausend elektrischen Lampen auf die spiegelnde Fläche gefallen. Wie träumende Gedanken zogen die Schiffe am tiefen Horizont vorüber. In den Cafés herrschte ein reges Leben. Vom Seesteg her tönten die Weisen einer ungarischen Zigeunerkapelle, über der Promenade lagerte eine Duftwolke von Oppopanax, Heliotrop und Parmaveilchen. Eine welt- und farbenfreudige Eleganz schob sich bunt durcheinander, ließ das Wasser kostbarer Halsgeschmeide aufleuchten und berauschte sich an dem aufdringlichen Patschuligeruch des Demimondänen. In der Nähe des Kursaals nahm das Bild einen berückenden Glanz an. Alles weltmännisch und in Frühlingsfarbe getaucht. Die Damen durchweg in großer Toilette, die Herren im Frack, die unvermeidliche weiße Nelke im Knopfloch. Plaudernd bewegten sich die Menschen in ihrem bunten Sprachengemisch; englische, deutsche und französische Stimmen waren dazwischen – und dabei lag das Meer so unermeßlich und feierlich da, achtete nicht auf das parfümierte Treiben am Strande und redete still und besonnen seine ewige Sprache, die in ihrer sinnberückenden Größe und Schönheit alles hinter sich läßt, was sich wichtig dünkt zwischen Himmel und Erde. Mechanisch ging Anna van Dornick neben Hans Behrend. Die farbigen Bilder um sie her lösten sich auf und flatterten über die leuchtende See fort. Es lag wie ein Schleier vor ihren Augen. Kaum vermochte sie die Unterhaltung aufrecht zu halten, und dennoch waren ihre Gedanken bei dem, der neben ihr ging, der dieselbe Luft atmete wie sie, dem sie zum erstenmal begegnet war in der verschwiegenen Kirche, mit dem sie auf der einsamen Düne gestanden hatte, als der Abend vom hohen Meere heraufkam und ihre Seelen sich bei den Händen nahmen und küßten. In männlicher Schönheit, das markante Gesicht mit dem kurzverschnittenen Spitzbart von der Sommersonne gebräunt, geleitete er sie. Sie fühlte das Selbstherrliche, das Bedeutende in ihm, das Zwingende, das jedem großen Manne innewohnt, selbst dann, wenn der Wurm des Leides sein Inneres verzehrt und ihm gebietet, den Nacken tiefer zu beugen. Sie dachte nicht mehr an den andern. Er war so fern, so fern. Sein Bild schrumpfte zusammen – das Erinnern an ihn und die sündige Stunde von damals. Sie hatte nur mit dem Manne zu schaffen, der neben ihr herschritt. Jetzt hörte sie seinen Namen tuscheln. Als sie die Blicke hob, sah sie, daß die Menschen auf ihn aufmerksam wurden. Einer raunte es dem andern zu. Ein sieghafter Frauenstolz beherrschte sie. Also auch hier kannten sie ihn. Sie wähnte das Rauschen seines gefeierten Namens zu hören, der die Flügel spannte und sie mit mächtigen Schwingen umkreiste. Eine Glutwelle ging über sie hin. Selbstquälerisch horchte sie auf dieses Klingen und Rauschen. Sie hörte es noch, als sie sich den Dünen näherten und die Menschenmenge verschwand. Nur noch weich und gedämpft kamen die Klänge der Zigeunerkapelle herüber. Möwenschwärme gaukelten über den Wassern. Mit ihren Flügelspitzen berührten sie die unendliche Fläche. Erasmus und Heinrich vom Hövel waren weit zurückgeblieben. Die Promenade verlor sich. Sie waren allein. Die alte Sehnsucht kam wieder und gebot ihm, die Stunde auszunutzen. Das entscheidende Wort mußte von den Lippen herunter. Unwillkürlich hielt er den Fuß an. Eine hohe, blonde Göttin, die dem Meere entstiegen, stand sie neben ihm. Sie wußten, sie hatten das bestimmte Gefühl, daß sie zueinandergehörten, daß sie gerade in dieser Stunde zueinandergehörten. Jetzt wollte er sprechen. Als er aber ihre kalten Hände berührte, als er sie ansah, begegnete er ihren stummen, traurigen Blicken und der großen Not, die in ihnen lag – und er sprach nicht. Ein heiserer Schrei war in diesem Augenblick in hoher Luft, und eine lichtweiße Möwe ruderte seewärts. – Bald darauf fuhren sie von Blankenberghe nach Brügge. Gegen fünf Uhr kamen sie dort an. Bei den Hallen trennten sie sich. Her Prediger und Heinrich vom Hövel suchten die Bibliothek auf, während Anna van Dornick vorgab, in der Heiligen Geist-Straße vorsprechen zu müssen. Ums Abendläuten wollten sie in der Liebfrauenkirche zusammentreffen, um von hier aus die Heimfahrt anzutreten. So schied man. Hans Behrend jedoch hatte nichts zu besorgen und nichts zu beschaffen. Ruhelos irrte er durch die verschwiegenen Gassen und Winkel. Einsamkeit wehte ihn an. Er hatte kein Ziel, doch eine innere Gewalt zog ihn weiter und weiter: Zum Hof der Beghinen, wo die alten Bäume von vergessenen Zeiten rauschten und die verträumte Stätte ihn anmutete, als wäre er in einer Kirche, dann zur Kapelle des Heiligen Blutes, zum Palast des ›Freien von Brügge‹, zum Minnewater, wo seufzende Weiden ihr langes Haar strählten und mit grünen Fingerspitzen das weiße Gefieder einsamer Schwäne berührten, aber so scheu und zaghaft, als wären sie mit schwimmenden Geistern in nähere Verbindung gekommen. In tiefem Sinnen gurgelte das schwarze Wasser vorüber. Auf der Flandrischen Straße begegnete ihm Klaas Buhle, der Seelenmensch. Er kam aus einem Kramladen. Seine mattblauen Augen standen in ernster Verzückung. Um den Hals trug er eine sonderbare Kette. Sie bestand aus fünfzig Talgkerzen, deren Dochte mit einer Hanfschnur verknüpft waren. Mit leisem Geräusch klapperten sie gegeneinander. Er nickte gnädig und würdevoll. Die Hände tief in den Hosentaschen vergraben, verschwand er bald darauf in der zunächst gelegenen Straße. Nur der Teergeruch, der langsam hinter ihm herzog, war übrig geblieben. War das wirklich Klaas Buhle? Und was sollten die Lichter bedeuten? Wem gehörten sie? Waren es traurige oder fröhliche Lichter? Hatte er überhaupt richtig gesehen? Es stimmte schon alles. Aus diesem Hause mit der vergoldeten Messingkugel über der Türe, aus diesem Kram- und Kerzenzieherladen war der Seelenmensch wirklich und wahrhaft auf die Straße getreten, hatte noch gnädig und herablassend gegrüßt, um dann mit seinem latschigen Gang und seinen Kanasterwölkchen um die erste Ecke zu biegen. »Komische Menschen!« sagte Hans Behrend und ging weiter. Der Nachmittag zwinkerte bereits, als er die Liebfrauenkirche betrat, und die langen Schatten der hohen Kreuzgewölbe über ihn fortgingen. Er befand sich allein in der Kirche; nur der salbungsvolle Küster mit dem Weihrauch- und Buchsbaumgeruch machte sich an einem der kleinen Seitenaltäre zu schaffen, kam ihm aber bei den ersten Schritten geräuschlos und auf weichen Filzpantoffeln entgegen. Der engbrüstige Mann mit dem glattrasierten Komödiantengesicht kannte ihn wieder. Ohne nach seinen Wünschen zu fragen, machte er dieselbe Geste wie früher, setzte sich stumm in Bewegung, glitt gespenstisch über den Estrich, indem er Richtung auf die Seitenkapelle nahm, wo die Herzogin von Burgund ihren ewigen Schlaf hielt. Mit großer Umständlichkeit schloß er die Tür auf. »Wenn der Herr Erklärungen wünscht....« Der Mann fragte so ruhig, als wenn er mit einem Sargdeckel spräche. Dabei hatte er die sanften Blicke ergebungsvoll niedergeschlagen. »Ich möchte allein sein.« »Das dachte ich mir,« sagte der Küster. Hierauf nahm er wieder seine Beschäftigung auf, nachdem ihm Hans Behrend ein Geldstück in die halbgeöffnete Hand gedrückt hatte. Ein leises Hüsteln zeigte den Weg an, den er einschlug. Er ging zum Altar der ›Sieben Schmerzen Mariä‹, den er für den morgigen Tag ausschmücken wollte. Er störte nicht mehr; nur ein Teil des Duftes nach Weihrauch und Buchsbaum, der ihm anhaftete, war in die matterhellte Seitenkapelle gedrungen... Da nahte sie wieder: die verkörperte Sehnsucht, das unsagbare Leid, das herrliche Wesen, das in seine Träume eindrang und ihm die Tage zur Qual und zur Freude machte. Unter der ehernen Hülle des vor ihm liegenden Weibes war das Leben nicht tot; es schlief nur. Unauffällig drang es in die Fingerspitzen der gefalteten Hände. Er wähnte die halbgeöffneten Lippen sprechen und das Herz unter dem schwergewirkten Kleide klopfen zu hören. Was er geliebt hatte und noch liebte, Vergangenes und Gegenwärtiges, lag in diesen friedlichen Zügen verkörpert. Er brauchte nur die Arme zu strecken, um das tote Leben an sich zu reißen und von starren Lippen den Rausch lebendiger Liebe zu trinken. Eine Goldlinie, die sich stetig erweiterte, fiel über ihr Antlitz. Sie gab ihm den Ausdruck überirdischer Freude und stiller Verklärung. Hans Behrend hatte die gefalteten Hände in die seinen genommen. Er spürte ihren leisen Pulsschlag; er hatte die klare Empfindung davon, daß ihre zierlich geformte Brust sich auf und nieder bewegte. Die eherne Hülle, die darüber lag, schien zu einem fast durchsichtigen Linnengewebe zu werden, das sich bis zu den schmalen Füßen erstreckte. Er sah den wunderseligen Reiz des Körpers und die schöne Seele, die in diesem Körper wohnte. Er atmete tief und schwer auf. Nie Kirchenluft strich ihm mit kühler Hand über die Stirne. Vom hohen Chor kam der dumpfe Pendelschlag der großen Uhr in regelmäßigen Intervallen herüber. Im langsamen Sichverlieren des Geistes nahm das Bildnis vor ihm eine zwingende Macht an. Die weiche Linie des Körpers streckte sich unter dem fließenden Webwerk. Wie das Licht eines grünlichen Seidenfadens flimmerte es zwischen ihren halbgeöffneten Lidern. Lebte das Bildnis ...? Er konnte sich nicht mehr losreißen, und, so in Betrachtung versunken, dachte er an die Auferstehung der Toten. Er dachte an Ostern und die ersten Himmelsschlüssel, die hoffnungsfreudig die erwachende Erde begrüßen. Da hatte er plötzlich die dunkle Empfindung, als wenn jemand hinter ihm stände. Er war sich klar bewußt, daß nichts ihn berührte, und dennoch berührte ihn etwas. Da wandte er sich. Sie stand vor ihm, als wäre sie dem Grabmal entstiegen. Kein Laut drang über seine Lippen, denn jedes gesprochene Wort hätte in diesem Augenblick den seligen Traum verflüchtet – und er glaubte zu träumen. Auch sie sprach kein Wort; auch sie wagte es nicht, die stille Feier und das Geheimnis des Ortes zu stören. Ruhig begegnete sie seinen hungrigen Blicken. Es war keine Trennung mehr zwischen ihnen. Sie dachten gar nicht mehr darüber nach, warum sie hier standen. Die Notwendigkeit des Geschehens handelte nach folgerichtigen Gesetzen. Niemand entrinnt seinem Schicksal. Alles auf dieser Erde geht seiner Bestimmung entgegen. Willenlos hing sie an seinen Zügen. Es lag ein tiefes Leid darin, unendlich tief und doch von männlicher Stärke. Sie beugte sich vor der Größe dieses Leides und vergaß beinahe, daß sie selber des Trostes bedürftig war, mehr denn alle übrigen Menschen. In dem einfallenden Abendlicht funkelte ihr Haar, als wäre es aus vergoldetem Mariengarn gesponnen. Die Qual, die Marter, die aus seinem Wesen heraus brachen, berührten sie übermächtig – und dennoch sah sie ihn an, als wenn sie sagen wollte: »Was tust du hier ...?« Sein Blick umdüsterte sich. Verstört trat er einen Schritt zurück. Er hatte verstanden und ihr die Worte vom Munde genommen. »Was ich hier tue?« fragte er unsicher. Sein Herzblut kochte auf. Sein Gesicht stand dicht vor dem ihren. Mit geballter Faust schlug er auf die Marmorlade, unter der die Herzogin ruhte. Der Sarkophag gab einen dumpfen Laut von sich, der weithin die Kirche durchhallte. »Was ich hier tue?« fragte er wieder. Es war Schmerz und Lachen dann. – »Den Frieden suche ich,« gab er sich selber die Antwort. »Ich suche sie, die hier schläft, die ich verloren habe. Ich suche die, die gestorben ist, und die ich wieder erwecken muß zu neuem Leben.« Er redete mit irren Lauten. Sie verstand ihn nicht. »Von wem sprechen Sie?« fragte sie ängstlich. Ihre Blicke begegneten sich wieder. Da stand sie vor ihm: das Weib seiner Jugendträume, das heiße Begehren schlafloser Nächte. Die halbgeöffneten Lippen konnten sich nicht mehr schließen. Ihre Arme hingen schlaff am Leibe herunter. Sie stand unbeweglich. Mit einem Satz war er bei ihr. Im Taumel hatte er ihre Hände ergriffen. Da kam ihr die Besinnung zurück. Ihr Inneres wehrte sich gegen ihn auf. Ihre Brust hob und senkte sich krampfhaft. Sie dachte an früher, an das, was gewesen war und noch seiner Auflösung harrte. Gleichzeitig ließen sich Schritte vernehmen. Deutlich unterschied sie die Stimme ihres Vaters. Dann vernahm sie auch die des Küsters und die Heinrich vom Hövels. »Nein, nein, nein ...!« stöhnte sie jählings. »Ich kann nicht mehr anders!« knirschte er zwischen den Zähnen. Er war wie verzweifelt. Wütend drückte er einen Kuß auf die schneeweißen Hände. »Hier nicht!« leuchte sie auf. Sie wußte nicht mehr, was sie anfangen sollte. »Aber ich muß!« sagte er abgehackt und zerrissen – ein Mann, der um sein Alles und Letztes kämpft. Seine Augen flammten in ihre hinüber. »Wo kann ich Sie sprechen?« hauchte er tonlos. »Am Meer?! – Zwischen den Dünen?! – Am Phare...?!« Fester umschloß er ihre zuckenden Hände. »Und das morgen...?« »Ja,« nickte sie heftig. »Am Abend?« »Ja,« nickte sie wieder. Da gab er sie frei, aber er tat einen Atemzug, als habe er das ewige Leben getrunken. »Also morgen,« sagte er nochmals. Sie schreckte zusammen. Als ihr Vater und Heinrich vom Hövel in Begleitung des stillen Küsters erschienen, stand sie so ruhig und gefaßt da, als hätte sie endlich den ersehnten Frieden gefunden. Aber Heinrich vom Hövel ließ sich nicht täuschen. Beim Verlassen der Liebfrauenkirche brach auch das schwarze Nönnchen vom Beghinenhof auf. Die Kerze brannte noch nicht. Trotzdem war es ruhiger denn an sonstigen Tagen in Brügge. Auch das Grauen sollte erst kommen, wenn sich das Schweigen ringsum fühlbarer machte. An den vier einsamen Menschen, denen noch der Weihrauchduft der Liebfrauenkirche anhaftete, schwebte die Beghine mit geschlossenen Augen vorüber. Sie sahen sie nicht, aber sie ahnten ihre aufdringliche Nähe. Sie gingen dem Tram zu. Gemeinsam mit ihnen fuhr auch der Seelenmensch nach Sankt Anne ter Muiden. Er saß mit seinem Kerzenkranz ihnen schräg gegenüber; fröstelnd rieb er die Hände zusammen. Zeitweilig sprach er auf sie ein, aber sie verstanden nicht, was er meinte und wollte. Seine Erzählung schien ein Gewirr von Tauknoten, das niemand auflösen konnte. Nur Einzelheiten verstanden sie. Er sprach von Basilius und der schönen Frau aus Lisseweghe; er erzählte eine konfuse Liebes- und Leidensgeschichte. Dabei deutete er geheimnisvoll auf die Kerzen, die er sich umgehängt hatte. Was er wohl haben mochte? In Sankt Anne angekommen, ging er geraden Weges auf das Jan Bottertje'sche Anwesen los. In dem kleinen Laden verschwand er. Die übrigen trennten sich bei den Oleanderbäumen. Sie trennten sich herzlich. Als nunmehr die beiden Freunde allein waren und die Dorfstraße entlang schlenderten, sagte Heinrich vom Hövel: »Hans, ich verstehe – und gebe Gott, daß du dich nicht auch an der da verblutest. Werde glücklich.« In den Zimmern, die Erasmus van Dornick mit seiner Tochter bewohnte, hellten die Fenster auf. Bald darauf hob sich das erste Viertel des Mondes über Sankt Anne, und leise, ganz leise bewegten sich die Malvenblüten im Abendwind. X Wilhelmintje Bottertje stand hinter der Theke, wo sie ihre verspäteten Kunden bediente, die noch Kandiszucker und Zichorienkaffee für den anderen Morgen einkauften, als Klaas Buhle eintrat, ein kleines Geldstück auf die Anrichte legte und eine doppelte Portion Genever verlangte. »Aber, Seelenmensch, bei die heißen Sommertage...?« »'ne doppelte Portion, Wilhelmintje,« dekretierte er ruhig, »ich muß Aufmunterung haben.« »Wieso?« fragte das appetitliche Weibchen. »'ne arme Seele ist bei mir,« sagte er heimlich und deutete mit seinem borkenrissigen Daumen über die Schulter. »Da kuckt sie durchs Fenster.« »'ne frohe oder 'ne traurige Seele?« »'ne traurige,« gab er zurück und schlug ungeduldig mit seiner harten Hand auf die Theke. »Nu aber vorwärts! – 'ne doppelte Portion, Wilhelmintje.« Da gab sie ihm das Verlangte. »Hu!« sagte Klaas Buhle, wippte den wasserhellen Inhalt der beiden Gläschen herunter, knipste eine Kerze von seinem Lichterkranz los, zog den Docht in die Höhe und entzündete ihn mit einem Schwefelholz, das er an seinem teerigen Hosenboden angesteckt hatte. »Adjüs,« sagte er hastig, machte noch eine Bewegung, als wenn er umkehren wollte, tat es aber nicht, sondern ging mit der brennenden Kerze ins Freie. »Wo er nur hingeht?« grübelte Wilhelmintje. Zu gerne wäre sie ihm gefolgt, um seinen heimlichen Gang zu belauschen, nahm jedoch Abstand davon, weil unaufhörlich die Klingel ertönte, und neue Kunden erschienen, die sie bedienen mußte. So blieb sie denn und hantierte geschäftig hinter ihrer properen Anrichte, auf der das Klappern der Kupfer- und kleinen Silbermünzen nicht aufhören wollte. Indessen stakelte der Seelenmensch durch das fahle Mondlicht, das die schmale Sichel über die Straße spreitete. Mit der rechten Hand schirmte er die brennende Kerze und redete unverständliche Worte in sich hinein, unbekümmert um die Menschen, die ihm begegneten. Ab und zu blickte er rückwärts, gleichsam um sich zu vergewissern, ob ihm das Wesen, das er in seiner Begleitung wähnte, auch folge. Langsam und tief atmete er dabei die Luft ein, die von den Dünen wehte. Aus den Tümpeln der nahegelegenen Wiesen klang das Quaken der Frösche herüber. Nach dreißig ruhigen Schritten erreichte er das khakifarbige Häuschen, dessen Eingang die beiden Oleanderbäume flankierten. Bei van Dornicks war Licht, und zu ebener Erde war auch Licht. Er drehte sich wieder. »Gottverdomie!« sagte er unwillig. »Hiergeblieben – oder du sollst die ewige Ruhe nicht haben.« Er sprach so energisch, als hätte es einem störrischen Hunde gegolten. »So ist's gut,« sagte er schließlich. Hierauf putzte er die Schnuppe von der Kerze herunter, reckte sich auf und trat mit einem tiefen Seufzer über die Schwelle des vereinsamten Häuschens. Hinter ihm geisterte das Mondlicht weiter und spann silberne Fäden. – Bernadintje und Moritz Dütz-Josum saßen Hand in Hand auf dem gemütlichen Sofa, ganz durchdrungen von innerem Behagen, das sie scheinbar in eine bessere Welt emporhob, wo sich pausbackige Engel auf rötlich angehauchten Abendwolken ergötzten, Ringelreiherosenkranz spielten und frischgebackene Apfeltörtchen verzehrten. Dann begaben sie sich wieder zur Erde, schlenderten Arm in Arm ihrem verschnörkelten Liebesgarten zu, in welchem sich all die verschwiegenen Lauben befanden, die dicken Rosen und die blühenden Beete, bis sie schließlich auf den Einfall kamen, auch einen kleinen Abstecher in ihren Gemüsegarten zu machen, den Moritz mit den mächtigsten Kohlköpfen, dem feinsten Endiviensalat und sonstigem Gemüse der Neuzeit bestellt hatte – und da lagen sie alle: die wohlgepflegten Rabatten mit den eingefaßten Kieswegen dazwischen, übergossen von dem milden Licht einer Rübsenöllampe und verschönt durch die Anwesenheit eines porzellanenen Kanarienvogels, der leider nicht zu singen vermochte. Vor der allerlängsten Rabatte blieben sie stehen, und Bernadintje machte gerade Anstalten, einen dicken, fetten, violettköpfigen Zukunftsspargel aus dem warmen Erdreich zu heben, während Moritz ihn schon, in wellendem Wasser abgekocht und mit einer delikaten Buttersauce angerichtet, auf einer blendendweißen Assiette vor sich liegen sah – er brauchte ihn nur noch zu schnabulieren ... als etliche Male gegen die Stubentür geklopft wurde. Das war kein gewöhnliches Klopfen, nein, das war kein gewöhnliches Klopfen! Eine Hand, die sich mit überirdischen Dingen beschäftigte, mußte angeklopft haben. »Nanu!« sagte denn auch Moritz Dütz-Josum, sah etwas befangen auf sein stattliches Bräutchen und ließ den schön abgekochten Zukunftsspargel, den er bereits zum Munde geführt hatte, auf den Teller zurückgleiten. Bernadintje erhob sich. »Angtree!« rief sie hastig. Da klinkte die Tür aus. Ein mattes Kerzenlicht kämpfte gegen den rosigen Schein der Lampe an. Die beiden aufgestöberten Menschen hatten das Gefühl von dem Eindringen eines eisigen Lufthauches. Mit ihm trat Klaas Buhle in seiner ganzen Länge ins Zimmer. Noch einmal sah er zurück. »Hierher!« sagte er in befehlendem Ton; dann schloß er wieder die Tür. Als Bernadintje ihn so mit der brennenden Kerze erblickte, gefiel sie sich in seiner eigenen Sprechweise und fragte: »Rum oder Arrak gefällig?« Sie verstummte jedoch vor dem feierlichen Wesen Klaas Buhles, der gemessen näher trat und das Talglicht in den Hals einer Flasche hineinschob, die Moritz kurz zuvor auf das Wohl seiner Coeurdame geleert hatte. »Hierher!« Fröstelnd hielt er die Hände gegen die Kerzenflamme, als habe er es mit einer grimmigen Silvesterkälte zu tun, die das dunstige Wasser an den Fensterscheiben gefrieren ließ. Seine Blicke bewegten sich wie auf Fledermausflügeln. Jetzt begann es auch Bernadintje zu grausen. »Was los?« fragte sie ängstlich. »Er ist tot,« sagte der Eindringling, »und seine Seele ist bei mir. Da steht sie.« Er zeigte mit seinem breiten Daumen über die Schulter. »Was für 'ne Seele?« Unbeweglich stierte Bernadintje auf das knisternde Licht und dann wieder auf Klaas Buhle und dann wieder auf Moritz Dütz-Josum. Klaas Buhle aber fuhr sich mit der Hand über den harten Bartkranz, der sich von Ohrläppchen zu Ohrläppchen hinzog, und sagte: »Madam Bernadintje, die Sache ist also. Er hatte kein Glück in die Welt; sein Lebensboot war ganz erbärmlich kalfatert, aber dennoch und trotzdem ging er mit 'nem auserwählten Stück von Fraumensch davon, das er später heiratete, obgleich er wußte, daß sie 'ne ›Teef‹ war.« Bernadintje fing an zu begreifen. »Man weiter,« sagte sie tonlos. »In Amsterdam taten sie 'ne Tapperij auf – Genever und Schiedamer. Das Weibsbild servierte, sah dabei aber zu tief in zwei Schersantenaugen hinein – und da eines Tages ... das Fraumensch war mit dem doppelten Tuch in die Kolonien gegangen. Da fuhr ihm etwas in die Hand hinein, was man das ewige Gericht nennt, kaufte sich bei einem Ostindienfahrer ein und ging an Deck, um dem Weib die Faust unter die Nase zu halten. So segelte er denn mit seiner Wut gegen India, wo die Paradiesvögel singen. Er war aber noch nicht in den Südpassat und in das Heiße Wasser gekommen, da kriegte er ein steifes Gesicht.« »Wer sagt das?« Bernadintje mußte sich an der Tischkante festhalten. »Wer das sagt?« fragte der Seelenmensch. »Der Knasterbart. Er war mit auf dem Ostindienfahrer, kam gestern zurück und tut jetzt Dienst auf dem Feuerschiff, weil der zweite Matrose den Raptus bekam und es nicht mehr aushalten konnte. Der Knasterbart ist in seine Stelle eingerückt und hat vor 'nem halben Jahr gesehen, wie der andere auf dem Ostindienfahrer 'ne steife Visage machte. Es war alle mit ihm; sie taten ihn auf ein Brett und ließen ihn schwimmen.« »Was heißt das?« Zwei entsetzte Augen waren auf Klaas Buhle gerichtet. Da spreizte er alle zehn Finger und sagte: »Ich bringe den Tod.« »Basilius ...?!« schrie Bernadintje auf. »Jawoll – und seine Seele ist bei mir.« Einige Augenblicke herrschte tiefes Schweigen, dann schluchzte Bernadintje auf, strich sich etliche Male über die Schürze und sagte: »Moritz, er hat kein schlechtes Herz gehabt, aber sein Herz ist in schlechte Hände gekommen. Das war es. Gott sei uns allen gnädig.« Dann weinte sie still vor sich hin. Moritz umfaßte sie zärtlich. »Seelenmensch, das hättet ihr der Ärmsten ersparen können.« »Warum?« fragte dieser. »Laß ihn man, Moritz,« fiel Bernadintje jetzt vollkommen ruhig dazwischen, obgleich ihr abermals heiße Tränen über die Wangen rannen, »er hat es ja gut gemeint.« »Hab' ich,« sagte Klaas Buhle, »und ich wollte seine arme Seele man hier präsentieren. Nu, wo ich's getan habe, kann ich ja gehn. Aber ich nehme sie wieder mit und setze sie hin, wohin sie gehört – aufs Wasser.« Gleichzeitig hatte er die Kerze gelöscht und den Talgstumpf in die Hosentasche gesteckt, wiewackte dem kleinen Spiegel zu, der sich an der Längsseite des Zimmers befand und wischte dreimal mit seinem teerigen Ärmel über die glashelle Fläche. »Es ist man deswegen,« sagte er wehleidig, »daß sie in den Spiegel gekuckt hat. Das können nicht mal die besten Kajütenspiegels vertragen. – Bernadintje, das bin ich mir und dir gegenüber schuldig gewesen. Adjüs denn!« – und damit ging er hinaus, hinaus in den Abend, und die beiden, die zurückblieben, hörten zu, wie der Hall seiner breiten Schritte immer dünner wurde, bis er schließlich gänzlich verstummte. Die Luft machte Musik, und die Talgkerzen klapperten leise zusammen. Die helle Mondsichel stand über ihm, und die arme Seele, die neben ihm ging, erzählte mit weicher Stimme, was in Amsterdam und auf dem großen Ostindienfahrer alles passiert war. Sie erzählte so traurig und sagte endlich: »Ach, wäre ich doch in Sankt Anne und bei Bernadintje geblieben!« Er wähnte den seligen Basilius Bottertje noch unter den Lebenden, so deutlich und bestimmt klangen ihm die geflüsterten Worte zu. Die Gräser rauschten dazwischen, desgleichen die Weidenbäume, die mit ihrem zitterigen Glanz ihn fast bis zum Meer begleiteten. Nach stündigem Marsch kam er auf die Dünen. Ein dumpfes Brausen empfing ihn. Phosphorblaue Schaumstreifen rollten gegen ihn an. Alles groß und unendlich! Der Seelenmensch legte die Hände zusammen. Er fühlte die Nähe der ewigen Gottheit. Sie war neben ihm, sie war auf den Wassern – und wie von ihrem Brandaltar flog das helle Feuer von Walcheren durch die sternklare Nacht hin. – – – Anna van Dornick schrieb bis spät in die Nacht hinein. In langen, nervösen Schriftzügen reihte sie ihre Gedanken nebeneinander. Bald zögernd, bald in hastiger Eile rangen sich die Einzelheiten von ihrem bekümmerten Herzen herunter. Selbstquälerisch sah sie dabei vergangenen Dingen ins Auge, die voller Anklage waren. Ein Hauch schmerzlicher Erinnerung wehte aus den ängstlichen Zeilen. Noch einmal durchlebte sie die verhängnisvollen Augenblicke in der Liebfrauenkirche in Brügge. Sie festigten ihren Willen, ihr Vorhaben. Es mußte ein Ende gemacht werden. Unerbittlich setzte sie Zeile neben Zeile. Sie mußte aus der Sünde heraus, um das Licht der Erkenntnis genießen zu können. Ihr ganzes Empfinden drängte nach glücklichen Bahnen. Das war der Zweck ihres Briefes. Morgen sollte er abgehn. Während des Schreibens fühlte sie die traurigen und dennoch gebieterischen Blicke ihres Vaters auf sich gerichtet. Wie hatten doch seine Worte gelautet? – Du sollst nicht begehren ... Du wußtest doch, daß er ein verheirateter Mann war ... und dann noch die Anrufung der Verstorbenen ... So ähnlich war es; so und nicht anders hatte ihr Vater gesprochen. – Sie schwankte. Es war nur der Bruchteil einer Sekunde gewesen, dann schrieb sie wieder in fieberhafter Eile, ohne Aufhören, unermüdlich, mit heißer Sehnsucht die kommenden Tage umfassend. Andere Bilder standen am Himmel, als sie die Feder beiseite legte. Sie konnte nicht weiter. Der Schluß fehlte noch, aber sie konnte nicht weiter. Ein dumpfes, zwingendes Gefühl stieg in ihr auf. In ihrer Bedrängnis machte sie die Wahmehmung, daß ihre Liebe zur Leidenschaft auswuchs; es galt nicht dem, dem sie schrieb, sondem dem andern, um dessentwillen sie ihre Gedanken niedergelegt hatte. Sie glaubte sich vom Schicksal betrogen. Sie hätte Hand an sich legen können. In flüchtiger Hast durchlief sie die geschriebenen Zeilen. Sie stammelte einzelne Worte, einzelne Sätze. Inmitten des Briefes aber begann sie deutlich zu sprechen. »Ich sehe Fußspuren,« sagte sie leise, »die vom festen Lande abwichen und uns in die Irre hineinführten. Ich sehe sie heute eben so deutlich wie damals, als wir unserer Pflicht nicht gedachten. Ich begreife mich nicht, wenn ich das alles bedenke. Eine andere Empfindungswelt hat sich mir erschlossen. Du weißt ja selber, wie es um uns steht. Damals, vor Jähren, gingen wir durch Sünde in Seligkeit ein. Es war nur eine kurze, bange Stunde, aber ich habe doch an Deinem Munde gehangen, unbekümmert darum, was die Zukunft uns bringen würde. Du versprachst einen entscheidenden Schritt zu tun. Ich schätze mich heute glücklich, daß er nicht geschah. Sie ist darüber gestorben; ob unsertwegen, ob aus einem anderen Grunde – das zu beurteilen, muß ich Dir überlassen. Du sagtest allerdings, sie sei unbefangen geblieben. Ich hoffe zu Gott, daß es so ist, denn wenn es nicht so wäre, ich wüßte nicht mehr, was ich anfangen sollte. Dennoch stehe ich vor einem unergründbaren Rätsel, das mich ständig mit seinen halbverschleierten Augen ansieht – und diese Augen sind furchtbar. Ich habe mich im Laufe der Zeit damit abgefunden, wie man sich an das unheimliche Walten einer schleichenden Krankheit gewöhnt, die unerbittlich ihrer zerstörenden Arbeit nachgeht, um schließlich mit einem triumphierenden Hohn ihre Frucht einzuheimsen. Ich weiß, Du wirst lächeln und mich töricht schelten. Ich sehe Dich lächeln – ja, ich sehe Dich ungläubig lächeln. Du wirst mir sagen: Wir gehören zusammen. Du wirst mir bedeuten, daß man nicht Menschenherzen gleich Blumen vom Wege pflückt, um sie dann achtlos von sich zu werfen. Ich verstehe das alles – aber ich kann die Blicke der Verstorbenen nicht los werden. Ich habe den Mut nicht, mit der ganzen Entschiedenheit eines reinen und abgeklärten Willens vor mein Gelöbnis zu treten. Und dann: es hat sich inzwischen vieles geändert. Um Dir dies klar zu machen, müßte ich mein inneres Leben, meine qualvoll durchwachten Stunden vor Dir ausbreiten. Ich müßte meine geheimsten Regungen sezieren. Du Haft ein Recht darauf – wirst Du sagen. Ich zweifle nicht daran, aber ich habe das Gefühl, als schöben sich Welten zwischen uns, als wäre die Tote mächtiger, furchtbarer geworden. Nicht dieses allein! – da ist noch etwas anderes, was mich zwingt, diese Zeilen niederzulegen, wenn mir auch die Reinheit der Seele fehlt, dorthin den Fuß zu setzen, wo die Schuldlosen weilen. Es ist etwas anderes um eine keusche und etwas anderes um eine sündige Liebe. – Du wirst mich begreifen. Mache alles ungeschehen. Wir wollen Freunde bleiben, herzinnige Freunde – aber ich flehe Dich an, die stillen, toten und doch so furchtbaren Augen von mir zu nehmen.« Mit einem verhaltenen Schrei stierte sie auf die kalten, hastigen Schriftzüge. Sie gaben das nicht wieder, was sie eigentlich sagen wollte und mußte. Sie gaben die herzzerreißende Verzweiflung eines gehetzten Menschen, wie sie war, nicht wieder. Das mußte sie anders fassen, vertiefen; das sah schal und leer aus und war nicht mit dem richtigen Herzblut geschrieben. Er würde sie überhaupt nicht verstehen. Sie war hierdurch keinen Schritt weiter gekommen. Sie mußte die Last von ihren Schultern herunterwälzen, um sich von der Weihe des Friedens berühren zu lassen, über die Schwelle des Paradieses gehen nur solche, die keine Reue mehr spüren. Ein Glanz der Freude war um sie ausgelegt, allein sie bezweifelte, diesen Glanz ertragen zu können. Sie wurde geblendet. Mit nervösen Händen zerknittete sie die engbeschriebenen Bogen und steckte sie zu sich. Dann trat sie ans Fenster. Der tiefe Osten gürtete sich bereits mit mattgrünen Streifen, die Ähnlichkeit mit Grasschwaden zeigten. Sie sah lange in das kalte, resedagrüne Licht, das nicht stärker wurde und nicht an Ausdehnung zunahm. Angekleidet warf sie sich auf die weißen Kissen. Sie suchte den Schlaf und fand ihn endlich. Aber es war kein Schlaf, den sie nötig hatte. Es war ein Begegnen mit dem, dessen gefährliche Nähe sie schon seit Wochen von sich abzuwehren suchte. Die dunkle Vorstellung.von dem, was sie mit durstiger Leidenschaft herbeisehnte, verwirklichte sich im verzehrenden Traum. Ihr Kopf war rückwärts gesunken. In bräutlicher Verwirrung hingen ihre und seine Lippen zusammen. – Sie sind am Strande. Das Meer rauscht herauf. Tage und Nächte vergehen. Aneinandergeschmiegt schreiten sie weiter. Vom bleichen Horizont her winkt es mit duftigen Schleiern. »Willst du mir folgen?« »Ja.« »Wohin ich auch gehe?« »Ja, wohin du auch gehn wirst.« Eine weiße Linie liegt vor ihnen, die die Ewigkeit, das Unendliche abgrenzt. Unbekümmert um sich und die Welt, schreiten sie dem Meere zu – und von hier über die Wogen der weißen Linie entgegen, hinter der es aufleuchtet, als wäre es das Licht der Verheißung gewesen. Und dann kam das Erwachen. Das Licht brannte noch immer. Mit wehen Blicken sah sie in den Morgen hinein. Er stieg immer höher, verwob seine Strahlen mit dem goldenen Korn, das noch auf den Feldern stand und vereinte sich mit dem Blinken der Sensen, die, weitausgeholt von kräftigen Armen, die Halme mit ihren ausgereiften Ähren zu Boden legten. Ein warmer, erquickender Regen war in der ersten Frühe niedergekommen. Myriaden Funken hingen an Bäumen und Gräsern und glitzerten in den jungen Tag hinein, dessen Antlitz wieder so sonnig lächelte, als wären noch kurz zuvor keine Schatten über seine Stirne gegangen. Ein kräftiger Geruch nach Ackerkrume und geworfenem Getreide deckte die Erde. Eine bewegungslose Ruhe, die sich bis über den Mittag hinzog, lag zwischen dem Meer und Sankt Anne ter Muiden. Erst in den späteren Nachmittagsstunden fältelte ein lauer Windhauch die Zweige der Bäume sacht auseinander. Sattere Farben hüllten die Gegenstände ein, die Fernen gaben sich klarer, bestimmter; die Dünen schienen näher zu rücken, zeichneten sich schärfer gegen den Himmel ab, obgleich ihn schon rosige, hingehauchte Federwölkchen träumerischer machten. Jetzt erst kam Anna van Dornick zu rechter Besinnung. Noch unschlüssig darüber, was sie tun sollte, waren ihr die langsamen Stunden wie Ewigkeiten erschienen. Sie dachte an das, was gestern abend passiert war. Hilflos fühlte sie sich in seine Hände gegeben. Sie stand vor einem bangen Ereignis, vor einer gebieterischen Vorherbestimmung, der sie nicht zu entrinnen vermochte. Sie fieberte. Das zusammengeknitterte Schreiben, das sie noch bei sich trug, brannte wie Feuer. – Wenn sie nicht ginge...! – allein sie befand sich in einer rasenden Trift, die kein Halten mehr zuließ, je mehr sie sich anstrengte, aus dem Bereich des gefährlichen Wassers zu kommen. Die ihr gegenüberliegende Turmuhr holte zum Schlag aus. »Halb sechs,« sagte Anna van Dornick. Jetzt hätte sie die Zeit aufhalten mögen. Es war zu spät. Die Minuten kamen ihr vor, als nähmen sie Sturmschritt an. Es schlug ein Viertel ... es schlug sechs Uhr auf der kleinen Torfkirche von Sankt Anne ter Muiden. Gleich mahnenden Stimmen verzitterten die einzelnen Schläge. Sie hallten in ihrem Herzen nach. Sie hörte sie noch, als sie schon längst nicht mehr waren. Sie glaubte den Turmgeist zu sehen, wie er hoch oben auf der Zinne stand und die einzelnen Schläge immer und immer wieder in die weite Ebene hinausrief. Es war kein Irrtum; sie hörte es deutlich: von den weitgelegenen Dünen kamen sie scharf zurück, um sich abermals in verstärkter Weise seewärts zu kehren. Der Turmgeist ließ sich nicht stören. Unermüdlich schaffte seine eherne Stimme. Sie lockte und warnte. Sie ähnelte dem Ruf des letzten Gerichtes. Einzelne Leute gingen unten vorüber. Sie trat vom Fenster zurück, als fürchtete sie, die Menschen könnten ihre innersten Gedanken erraten. Sie war wie betäubt. Noch einmal forschte sie in dem gestern abend Durchlebten. Es waren nur wenige Augenblicke gewesen, allein diese Augenblicke geboten ihr, sich in die Arme des Unabänderlichen zu werfen. Sie hatte ihr Jawort gegeben. Sie durfte nicht wortbrüchig werden. Sie mußte. Noch einmal bäumte sich ihr Inneres dagegen auf. Der Turmgeist lockte und warnte. Wem sollte sie folgen? Sie bangte vor einer unmittelbaren Gefahr, die sie mit klaren, nüchternen Sinnen erkannte. Sie wußte: sie ging einer heißen Sehnsucht und einer großen Liebe, aber auch ihrem Verderben entgegen. Das wußte sie totensicher. Und sie ging doch. – – – Dicht am Meer erhob sich der Leuchtturm von Knocke. Mit dem Tram, der von Sankt Anne über Westkapelle nach dort führte, war er nach kurzer Fahrt zu erreichen. Noch stierte seine mächtige Leuchthaube glanzlos, ein abgestorbenes Auge, der untergehenden Sonne nach, die auf dem toten Wasser zu schwimmen schien. Die violetten Dünste des sinkenden Tages ließen sie allmählich undeutlicher werden. Aber selbst dann noch wollte die intensive Helle, die den Sommertagen anhaftet, nicht an Tiefe verlieren, dem Erlebten während der Tagesstunden vergleichbar, das, vom Traume aufgenommen, sich inniger und verklärter ausspinnt. Ein warmes Licht spreitete sich über die wenigen Hotels und Villen am Strande. Alles ruhte in einer unendlichen Klarheit. Allmählich legte sich der Abend über den kleinen Badeort. Das Treiben auf dem nicht großen Promenadenweg ebbte zurück. Langanhaltende Gongschläge riefen auch die letzten Spaziergänger zu Tisch. Nur einer blieb übrig. Seit einer Stunde wartete er am Fuße des Leuchtturms. Er horchte auf die dumpfe Sprache des Wassers, das kaum Bewegung zeigte. Noch in deutlicher Sehweite ruhte das Feuerschiff zwischen Himmel und Wasser. Hinter der Küste von Walcheren wurde eine dunkle Fläche sichtbar. Sie schien im Vormarsch begriffen. Von dorther kam auch eine leise Brise herauf. Das Meer schlief noch, ein sanftes Kind, dem Arges unbekannt war und in dessen Auge der Himmel wohnte. Und dennoch lief ein ungewisses Bangen zwischen Dämmerung und Abend. Silberweiße Möwen legten sich quer vor den Wind und flogen unsicher die dunkle Wand an, die immer weiter vorkroch. Er hatte keine Ruhe mehr. Vom Leuchtschiff her blinzelte schon ein mattes Licht durch den Abend. Mit aufgerissenen Blicken verfolgte er die lange Straße, die zur Station führte. Er spähte vergebens. Sie kam nicht. Brütend ging er auf und ab. Er zählte die Klinker, die den Bord der Straße begleiteten, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Sein Herz klopfte hörbar. Und sie kam nicht. Da ergriff ihn eine plötzliche Angst. Er wandte sich und ging mit erregten Schritten den Dünen zu, von der vagen Hoffnung beseelt, sie am Strande zu finden. Hastig, den Blick zu Boden gerichtet, irrte sein Fuß über den knirschenden Sand fort. Der Wind war stärker geworden. Jetzt stockte sein Atem. Ein seltsamer Hauch wehte ihn an, derselbe Hauch aus der Liebfrauenkirche zu Brügge ... und gestern war sie wirklich erschienen. Der weite Strand lag in Stille. Nur die Stimme des Meeres erhob sich. Die Augen noch immer zu Boden gerichtet, suchte er die Entscheidung hinzuhalten, in die Länge zu ziehen. Würde sie seinem Rufe folgen? Es war ein schmerzlicher Rausch für ihn, sich selber im Ungewissen zu lassen. Die herbe Enttäuschung konnte für ihn noch immer früh genug kommen. In Gedanken wollte er die Begegnung erzwingen. Er blickte nicht auf, aber eine schmerzliche Sehnsucht zeigte sie ihm, wie sie ängstlich durch das eingedämmerte Land ging. Er sah ihre hohe Gestalt. Der Saum ihres Kleides streifte die salzigen Gräser, die unter der leichten Berührung in ein heimliches Flüstern gerieten. Er beneidete sie darum; er beneidete den rieselnden Sand, der unter dem sanften Druck ihrer Füße dahinglitt. Wie von einer magnetischen Kraft angezogen, fand er sich bald bei den ersten Dünengruppen. Mächtig, fast unvermittelt stiegen sie aufwärts. Bläuliche Disteln umklammerten ihre gebleichten Sandrippen, zogen sich quer nach oben, um von hier aus an den steilen Flanken abwärts zu kriechen. Wiederum glaubte er den Odem des geliebten Weibes zu spüren. Da hielt's ihn nicht länger. Mit einem heftigen Ruck warf er den Kopf zurück. Eine heiße Blutwelle stieg in ihm auf. Da stand sie ... Eine todbange Einsamkeit lag um sie her. Ihre hohe Gestalt, die der Antike nachgebildet schien, hob sich deutlich gegen die fahle Wetterwand ab, die immer bedrohlicher über Walcheren heraufstieg. Ihr dunkler Schleier wehte gegen das Meer an. »Also doch!« kam es von seinen zuckenden Lippen. Sie mußte ihn längst gesehen haben. Ihr bleiches Gesicht war starr auf ihn gerichtet. Mit geschlossenen Füßen schien sie vorwärts zu gehen. Unabänderlich, unwiderstehlich, einem dämonischen Zwange gehorchend, kam sie näher und näher. Jetzt erkannte er ihre vergrämten Züge. Mit einem wilden Satz war er bei ihr. »Anna...!« Seiner selbst nicht mehr Herr, hatte er ihre Hände ergriffen. Sie wehrte ihn ab. »Wenn uns jemand sähe ...« »Du ...!« sagte er heiser. »Mögen sie kommen.« Er erschauerte vor der starren Ruhe, die sich ihrem Antlitz aufgeprägt hatte. Ihre Blicke weiteten sich – wie im Entsetzen. Da fühlte er die Reinheit des Weibes, die ihm gebot, von ihr zu lassen. War das Täuschung gewesen? Bitterkeit stieg in ihm auf. Unnahbar stand sie neben ihm. Ihre Atemzüge berührten sich; aber er wagte nicht mehr ihre Hände zu fassen. Wortlos gingen sie nebeneinander. Wortlos, ohne Verabredung, dem gebieterischen Zuge ihres Herzens folgend, schlugen sie den Weg ein, den sie schon einmal gegangen waren. Kaum vierzehn Tage waren seit jener Stunde verflossen. Sie gingen landeinwärts. Vom Strande her kam ein dumpfes Murren und Rollen. Die fahlumsäumte Wetterwand bäumte sich höher und streckte fünf Finger gen Himmel. Sie hatten nicht acht darauf. Jeder war mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Die glasharten Ähren des Strandhafers raschelten unter ihnen. Stetig ging es bergan. Jetzt waren sie oben. Hier hatten sie schon einmal gestanden. Sie befanden sich auf der nämlichen Stelle. Verstört sahen sie über das unruhige Meer fort. Kurze, bange Minuten. Sie sprachen nicht. Noch lag etwas zwischen ihnen, das sie trennte, das ihre Herzen nicht auslösen konnte. Der Wind war härter geworden. Mit elementarer Gewalt schlug er seine Schwingen um sie, zerrte ihren Schleier auseinander, ballte ihn wieder, um ihn dann schlangenartig um seine Schultern zu legen, gleichsam, als sei er gewillt, die beiden sprachlosen Menschen aneinander zu fesseln. Und da unten – zu ihren Füßen ...! Er begriff schon: genau so sah es in seinem Inneren aus. Das Meer war kein Kind mehr, das mit zierlichen Muscheln spielte und ungelenke Figuren in den Sand schrieb. Sturm rüttelte seine weiten Tiefen auf. Es wurde zum Mann, den ein wildes Herzeleid packte. Es ging über den Strand fort, es grapste mit Gebrüll in die Dünen, raste zurück und warf Schaumfetzen mit heiserem Gelächter über Wogen und Land hin. Hei, wie das tönte und lachte ...! Er begriff das alles. Er hatte lange genug die dumpfe, unheimliche Last mit sich herumgetragen. Jetzt war die Stunde gekommen, sie von sich zu werfen, sein Herzeleid in alle Welt hinauszuschreien. Lieber verderben, als noch fernerhin im Ungewissen herumtappen. Es mußte ein Ende gemacht werden. Finster, gebietend trat er dicht an ihre Seite. Seine Arme hoben sich langsam. Eine plötzliche Angst faßte sie an. Vor der Größe des Augenblicks schienen ihre Kräfte zu schwinden. Sie sah, wie die verhaltene Leidenschaft in ihm ausbrechen wollte. Sie mußte fort, bevor es zur Katastrophe kam. So hatte sie sich das Begegnen nicht gedacht. Sie wollte aus seiner gefährlichen Nähe ... Es war zu spät. Er hatte sie an sich gerissen. Das Meer und die Stimme der drohenden Wand, die fast den halben Himmel bedeckte, verschlangen ihr verzweifeltes Aufstöhnen. Aber das Meer und das ferne Donnern, das darüber hinrollte, hatten seiner Stimme nichts an. »Fühlst du denn nicht, was in mir vorgeht?« fragte er keuchend. »Das mußt du fühlen. Versuche doch, dir es begreiflich zu machen. Ich trage es mit mir herum. Es ist bei mir, wo ich auch sein mag. Ohne dich habe ich nichts auf der Welt; ich stehe allein in der Welt. Das bißchen Ruhm, das mir anklebt, kann doch das Verlangen meiner heißen Seele nicht wett machen. Ich blase es fort, ich gebe es dem Sturm preis, wenn ich dafür deine Liebe gewinne. Ich wurzle auf ihr – dicht neben dem Abgrund. Ich klammere mich an sie, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Sei doch barmherzig und nimm mir nicht den letzten Halt unter den Füßen!« Mit einem rauh ausgestoßenen Laut brach er plötzlich ab. Er erschrak vor seinen eigenen Worten. Tastend hatte er ihre Schläfen umgriffen. »Willst du ...?« Sie gab keine Antwort, sie rührte sich nicht – sie stand neben ihm, als wenn ein ehernes Bildnis neben ihm stände. Nur mechanisch, von einer wesenlosen Kraft in Bewegung gesetzt, schüttelte sie den Kopf, als wenn sie ›nein‹ sagen wollte. »Also du willst nicht?« Da kam Leben in sie. Beide Arme stemmte sie gegen ihn. Ihr Körper beugte sich rückwärts. »Nein,« kam es hart von ihren Lippen herunter. Das traf. Es zerriß ihm die Brust, es packte mit brutaler Faust in sein geträumtes Glück hinein, zerfetzte es, wie der Sturm die Rose zerflattert. Dieses ›nein‹ grub sich in seine Züge, krampfte ihm die Kehle zusammen. Und bei der, die das sagen konnte, hatte er noch soeben um Liebe und Mitleid gebettelt?! Er kam sich verächtlich, von der Welt ausgestoßen vor. Sie hatte nur ihr frevelhaftes Spiehmit ihm getrieben. Alles hohl, töricht und leer! – und diese Erkenntnis machte ihn zu einem anderen Menschen. Er wollte nicht mehr der Verzweifelte sein, der Bitter und Bettler, der gekommen war, um sich von der Majestät des Weibes erniedrigen zu lassen. Die Majestät mußte herunter. Mit festem Griff nahm er ihre Hände und drückte sie nieder. Sein Gesicht war kreidig geworden. Sie bäumte sich unter der Gewalt des unseligen Mannes. »Du willst nicht?!« keuchte er sinnlos. »Du bist also nur gekommen, um mich an den Abgrund zu zerren, um mir dieses entsetzliche ›nein‹ in die Ohren zu rufen? – Warum denn sonst?!« Er lachte wie ein Betrogener auf, dem das Schicksal grimmig auf die Schulter klopft und sagt: Du hast nichts mehr zu hoffen – du Narr, du. »Wahrhaftig, das hättest du dir ersparen können. Oder kamst du nur, mich leiden zu sehen – mich haltlos, verzweifelt zu machen – mir den Fuß in den Nacken zu setzen und sagen zu können: So triumphiert das selbstherrliche Weib über die Begierde und die wahnsinnige Liebe des Mannes?! – Wahrhaftig, es gibt schon Dinge, die vernichtender und grausamer sind, als bei klarem Verstand langsam abzusterben. Solche Dinge kann nur ein Weib ausdenken und sie in die Tat übersetzen. Geh nur – geh nur ...« Mit rauher Gewalt gab er ihre Hände frei. Barhaupt stand er vor ihr. Der Sturm hatte ihm den Hut genommen und in die Tiefe gerissen. »Und du ...!« Er wollte fort – und dann wieder das Lachen, das häßliche Lachen ... »Hans ...!« rief sie gellend. Das kam aus tiefster Seele heraus. So klagte ein Mund, der die langverhaltene Leidenschaft nicht mehr eindämmen konnte. Es war wie ein Todesschrei, den die starre, kalte nordische Erde vernimmt, wenn ein gutgezieltes Geschoß den wilden Schwan aus den hohen Lüften herabholt. Und Anna van Dornick ... Da stand sie, als hätte sie die tödliche Kugel empfangen, um jeden Augenblick niederzustürzen – und dennoch so schön, so unendlich schön und mit der gebietenden Hoheit der Liebe umkleidet. Ein unsägliches, herzzerreißendes Lächeln umspielte ihr Antlitz, gab ihm eine schmerzliche Anmut und spiegelte die Not wider, die ihr Inneres bewegte. Das erschütterte ihn, das drückte ihn nieder, das war stärker, als der finstere Grimm, der ihn noch soeben durchtobt hatte. Bezwungen von der Macht des jungfräulichen Weibes war er in die Knie gesunken. »Du, du, du ...!« ächzte er wie ein gemartertes Tier auf, »mache ein Ende mit mir. Tue mit mir, was du willst, ich will es ertragen. Triumphiere über mich. Mache mich rasend. Setze mir den Fuß ins Genick und tritt mich und mein Verlangen zu dir in den Staub. Schreite über mich fort, als wenn du über einen Verlorenen schrittest. Ich habe nichts mehr vom Leben zu hoffen. Geh deines Weges und lasse mich liegen. Dein Wille geschehe!« Vulkanartig hatten sich die abgehackten Sätze aus seinem Munde gerungen. Wie Lavaströme gingen sie über sie fort – und da beugte sie sich und legte ihm die weißen, schlanken Hände sanft auf die Schulter. »Sei doch nicht so gänzlich verzweifelt,« hauchte sie leise. »Wo du mir das soeben gesagt hast ...?« Er sprach wie ein Irrer. Sie gab keine Antwort; aber sie neigte sich tiefer, immer tiefer und tiefer, sie legte ihre wundertätigen Hände um seine Schläfen – und traumhaft, als müsse sie alles Leid, was sie ihm angetan hatte, von ihm nehmen, drückte sie ihren Mund auf seine gequälte Stirne. »Wo du mir das soeben gesagt hast ...?« Sie küßte ihn wieder. »Also du liebst mich?!« Wie ihr das entgegenklang! Wie ihr das ans Herz griff! Die Tore des Heiles erschlossen sich ihr, als wäre dieser Ruf eine Zauberformel gewesen. Sie brauchte nur durch die geöffnete Pforte zu schreiten, um alle irdische Not für immer hinter sich zu wissen. Ein wildes Verlangen, ein heißer Durst nach Leben durchdrang sie, und wenn es auch nur ein Leben wäre, das das eines Falters nicht überdauerte. Aber so ein Falter lebte doch, schwebte im Sonnenlicht und starb unter Blumen. Nur glücklich leben – für Stunden, für etliche Tage! – selbst auf die Gefahr hin, das glücklich Durchlebte mit vernichtender Reue büßen zu müssen. Sie hatte kein Erinnern mehr an das, was ihr unüberwindlich erschienen. Das Ewige, Unabänderliche machte seine Rechte geltend. Herrisch drückte es die bange Frage nach dem, was war und noch kommen würde, zu Boden. Die Stunde regierte. Mochte kommen, was da wollte! »Ja, ja, ja!« schrie sie auf – und in inniger Umarmung hatten sich die beiden Menschen gefunden, weit von der Welt und ihrem Treiben, nur die Allmacht Gottes um sich und seinen brausenden Odem, der den dunklen Schleier um sie legte, sie einhüllte, sie fesselte, als wollte er sie für immer vereinen. »Anna ...! – Geliebte ...!« »O du, du...!« sagte sie schluchzend, »und wenn ich dir weh getan habe, vergib mir, vergib mir! – Weißt du: ich verehrte dich, als wir uns zum ersten Male sahen; ich liebte dich, als wir zuerst auf dieser Düne standen – und jetzt begehre ich dich. Die Hände will ich dir auf das kranke Herz legen, damit du gesundest – denn du sollt leben um deinetwillen, um meinetwillen!« Und dann wieder das Schluchzen, das bittere Weinen und alles das, was ihren Schmerz und ihre Liebe auslösen konnte. »Leben, nur leben ...!« Sie warf sich in seinen Armen herum; sie suchte ihren Mund dem seinen näher zu bringen. »Also wirklich und wahrhaft?« »Ja. ja, ja!« stöhnte sie innig. »Und es ist kein Träumen mehr?« »Kein Träumen, kein Träumen!« »Und du gehörst mir, was auch kommen mag?« »Was auch kommen mag,« sagte sie fröstelnd. Ihr Leib zuckte schmerzlich zusammen. »Was hast du?« »Nichts, nichts, nichts!« klagte sie auf. »Nur deine Liebe, deine ewige Liebe ...!« »Die hast du, wenn ich deine nur habe! – Ins Land möchte ich mein Glück hinausschreien. Anna, Geliebte ...! – Gefunden, endlich gefunden ...!« Sie streckte sich in seiner wilden Umarmung. Beide Arme hatte sie um seinen Nacken geworfen. Ihre Körper berührten sich, wie sich ihre Gedanken berührten. Sie hatten nur sich auf der Welt; sie berauschten sich im Wahn dieser Stunde. »Küsse mich ...!« Mit fiebrigen Händen bog er ihren Kopf zurück. Kaum noch ließen sich die sanften Züge erkennen, so dunkel war es inzwischen geworden, aber ihre Lippen fanden sich zu einem langen, verzehrenden Kusse. Sie geizten mit jeder Sekunde; der Kuß währte ewig in seiner schmerzhaften Keuschheit. Sie ließen nicht voneinander, gleichsam als fürchteten sie, nach diesem Liebesrausch in den Schatten des Todes treten zu müssen. Mann und Weib in eins verschmolzen – so standen sie unter Gottes brausendem Himmel und ließen sich von seinem gewaltigen Fittich umrauschen. Den Kopf zurückgelehnt, mit geschlossenen Augen, erbebte sie unter seinen Lippen, fühlte sie die zwingende Nähe des Mannes, träumte sie den Traum unsagbaren Glückes, der ihr endlos erschien – und dabei flog es wie ein Liebesfeuer durch den sternlosen, dunklen Abend dahin. Es war plötzlich gekommen, in dem Augenblick, als sie sich zum ersten, langen Kuß vereinten. Vom Sturm hin- und hergerissen, zog es von Walcheren über das aufgewühlte Meer und warf auch einen schwachen Schein über die beiden Menschen, deren Gedanken über Raum und Zeit eilten, dem Feuer gleich, das die Unendlichkeit aufsuchte. Dann ließen sie voneinander ab, um ermattet ihre gegenseitigen Blicke zu finden. Bei den Händen gefaßt, sahen sie sich an, als wären sie aus dem Paradies gekommen. Allein sie erwachten nicht aus ihrem Traum. Immer dasselbe: das hastige Stammeln, das selige »du« und »du« und das durstige Küssen ... und der Jubel in ihnen ... Und gleichsam, als hätte sich das drohende Wetter gescheut, auf das Heilige unter ihm seinen Zorn auszulassen, stieg es nicht höher, kam es nicht herauf, hatte es seine Wut vergessen; nur in feierlichen Blitzen zog es vorüber und warf seinen Feuermantel über alles, was unter ihm rauschte und lebte. Und in diese Lohe hinein ... »So ins Licht, ins Leben hinein ...! – Mit dir, mit dir ...!« rief er jauchzend, und er hob sie mit starken Armen empor und preßte sie an sich, als sei er gewillt, sie der feurigen Lohe entgegenzutragen. »Herrlicher, Einziger ...!« stöhnte sie auf und preßte ihren Mund mit wilder Inbrunst auf seine brennenden Lippen – und so in den Feuermantel gehüllt, das Köstlichste, was der Himmel ihm zu geben vermochte, mit starkem Arm umschließend, verließ er die Düne, schritt er landeinwärts, trug er das Schwererkämpfte, das Heil seines Lebens dem stillen vlämischen Dorf zu, das zwei Menschen aufnehmen sollte, die bislang nach Erlösung gerungen und sie schließlich gefunden hatten. Endlich ließ er sie nieder. Sie gingen weiter – sie an seine Schulter gelehnt, er sie führend, ohne zu sprechen, aus Furcht, das süße Geheimnis zu stören, das sie gegenseitig bewegte. Alles Trostlose lag hinter ihnen. Sie senkte die Lider. Sie wollte nichts sehen. Das Weib, das verlangende Weib war in ihr rege geworden, denn neben ihr ging der Mann, dem sie angehörte, dem sie entgegenharrte, wie die Erde den Sämann und die ersten Frühlmgsstürme erwartet, die ihr gebieten: Deine Zeit ist gekommen, Sie wollte nicht sehen, sie wollte dieses Begehren, dieses Erwachen zum Weibe in Gedanken durchleben. Und ferner: sie durfte die Zweifel, die Vorwürfe, die sie wie gierige Tiere umschlichen, nicht vor Augen haben. Sie konnte ihm heute nichts sagen. Sie durfte das hehre Feuer nicht stören. – Was da kommen würde, darüber wollte sie sich jetzt keine Rechenschaft geben. Bis dahin konnten noch Tage vergehn. Das mußte sie zuerst mit sich abmachen, mit sich allein und dem anderen. Und was das Schicksal auch bringen würde – kämpfen wollte sie für ihre Liebe bis zum letzten Atemzuge; sollte dennoch das unbarmherzige Muß sein Recht verlangen, in Gottes Namen, dann mochte sich wieder der Dornenkranz um ihre Schläfe legen ... Aber heute ruhte die Welt offen vor ihr da; sie wähnte sich von allen Fesseln befreit; heute war ihr Tag, und die Stunde regierte, die sie taumelig machte und zu den Sternen emportrug. Sie befand sich in einem dionysischen Rausch, und in diesem Rausch erstickte auch der letzte Rest von Sehnsucht, der sie noch an vergangene Tage erinnern konnte. Früher – ja ... aber erst an seiner Seite, von dem gebieterischen Ernst seines Leides und seiner Persönlichkeit gefesselt, war in ihr die wirklich reine Liebe zum Manne lebendig geworden. Sie verging in seiner zwingenden Nähe. Sie – die Unbeugsame, Überlegende, mit dem Schicksal Kämpfende, sie – die es gelernt hatte, dem, was in ihr glühte und lohte, das frostige Antlitz starrer Kälte zu geben, sie, die sich in den letzten Jahren an das Seelenleben einer Vestalin gewöhnt hatte, wurde in seinen Armen zu einem gefügigen Werkzeug. Immer fester zog er sie an sich. Selige Träume ...! – Erst die matten Lichter, die vor ihnen auftauchten, die einzelnen kleinen Gehöfte mit ihren Vorgärtchen, in denen Phlox und Feuerbohnen blühten, erzählten ihnen, daß sie sich in der Nähe von Sankt Anne befanden. Noch ein letztes Aufjauchzen ...! – Noch einmal fanden sie sich, als tränken sie gegenseitig von ihren heißen Lippen das ewige Leben. »Geliebte...! – Himmlische...!« »Ach, du, du...!« Und wieder das leise Geflüster, Taumelworte, die das Herz umstrickten und die kleinsten Fibern in ein trunkenes Schwingen versetzten – überrauscht von den alten Bäumen, die sich wie gigantische Schatten im Winde bewegten. Dann gingen sie weiter... aber da – mitten im Dorfe... Er kam auf sie zu... »Mensch...!« sagte Heinrich vom Hövel. Hinter ihm tauchte die hohe Gestalt des Predigers auf. Ein große Not war in ihm. Sein graues Haar wehte um die hämmernden Schläfen. »Kind, Kind...! – wir sorgten um dich...« Aber sie lag bereits an seiner Brust und lachte und weinte. Da verstand auch Erasmus van Nornick. Er sprach kein Wort; in tiefer Bewegung faßte er die Hand des vor ihm stehenden Mannes. – In dieser Nacht stieg ein heißes Gebet zum Lenker aller Geschicke. Es drang aus dem Gemach, wo der alte Prediger wohnte, und wohl selten ist von diesem Fleckchen Erde aus ein so inniges Gebet zum Himmel gestiegen. XI Anderen Tages und in aller Herrgottsfrühe...! Die Sommernebel lagen noch auf den Feldern, hoben sich langsam empor und schwebten wie lange, auf- und niederwallende Leinentücher um den stumpfen Kirchturm von Sankt Anne, der verschläfert über sie fortsah, sich streckte und reckte und Miene machte, die naßkalten Nebel zu verschlingen. Sperrangelweit riß er seine Schallöcher auf und versuchte kräftig zu gähnen, worüber die Elstervögel, die in den umliegenden Baumkronen hockten, laut zu geckern begannen, schwatzten und lärmten, bis sie es schließlich genug hatten und den dunstigen, ziegelroten Ball anflogen, der sich seit einer Stunde bemühte, die kompakten Massen zu verflüchtigen und die Erde in ein flirrendes Goldnetz zu hüllen. Endlich gelang es. Die blanken Fäden durchschnitten die wattebauschigen Tücher, die alsbald wie ermattete Nachtfalter hin- und hertaumelten, noch etliche flügellahme Schwenkungen machten, um sich schließlich zwischen Blumen und Gräser zu betten, deren taubehängte Rispen in allen Farben des Regenbogens erstrahlten. Bald darauf tönte die erste Morgenglocke über Sankt Anne ter Muiden, während der Horizont zu einem Feuermeer wurde, als stände das alte, verwunschene Brügge in Flammen. Mit dem Verstummen der Glockentöne setzte die Orgel ein, die, von Erasmus van Dornick gespielt, den Dank eines befreiten Menschenherzens zu seinem Erlöser emporschickte. Hochaufgerichtet saß der Prediger im Orgelstuhl, von einer breiten Garbe flutenden Sonnenlichtes übergossen. In sich gefestet sprach er mit seinem Heiland. Er wußte sein Kind glücklich. In diesem Bewußtsein erschloß sich ihm ein neues Leben, wähnte er durch selige Gefilde mit traumschönen Blumen zu wandeln, wie im Land Galiläa, wo reine Lilien auf den Bergen blühen und dunkelrote Rosen in den Tälern von Saron. Und an den Ufern des Sees Genezareth erstreckten sich rosige Flachsfelder, den Abendwolken vergleichbar, die über den weißen Gipfeln des Hermongebirges schwebten. Erasmus van Dornick fühlte sich von Lilien und Rosen umduftet. Gab der durchsichtige Himmel nicht Schall, und flüsterten nicht die Weiden von den Jordanwiesen herüber? Ja, es war ein Klingen und Harfen um ihn. Er gefiel sich darin, hebräische Melodien auszumalen und weiterzuspinnen. Die Klänge führten ihn in das heilige Land, wo die Schatten tiefer sind, und das Licht eine größere Helle verbreitet. Er sah viele Straßen, von Oliven beschattet, und festlich gekleidete Menschen wandelten darauf, und alle zogen ihrem Heiltum zu – nach Jeruschalaim. Immer feierlicher, verheißender wurden die Klänge. Er sprach in diese Klänge hinein und sagte: »Die Blumen sind hervorgegangen im Lande; der Lenz ist gekommen, und die Turteltaube läßt sich hören im Lande.« Und dann dachte er an sein Kind, an seine einzige Tochter. Er zog neue Register und ließ Aeoline vox angelica dominieren. »Du bist schön, meine Tochter. Du bist eine Blume zu Saron und eine Rose im Tal – und ich höre dich sprechen: Ich will aufstehn, in der Stadt umhergehen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht.« Die Tonwellen steigerten sich zu seliger Hoffnungsfreudigkeit, und wieder begann Erasmus zu sprechen: »Ich will zum Weihrauchhügel gehn und zum Berge der Myrrhen – und siehe: ich fand ihn und will ihn nicht lassen, bis ich ihn bringe in meiner Mutter Haus und meiner Mutter Kammer. – Aber ich beschwöre euch, ihr Töchter von Jeruschalaim, bei den Rehen oder Hinden auf dem Felde, daß ihr meine Tochter nicht aufweckt, noch reget, es sei denn, daß es ihr selber beliebet.« »Großer Gott, heiliger Gott!« rief der Prediger in die Orgelstimmen hinein, die jetzt anwuchsen, als wären ihnen Schwingen gegeben, »mir ist es so, als wäre für mich die deutsche Weihnacht gekommen. Heiligabend! – und draußen fallen die Schneeflocken, leise, ganz leise; die Straßen duften, als habe sich der deutsche Tannenwald zu Gast geladen bei allen Menschenkindern, die guten Willens sind. Aus allen Fenstern leuchtet das Glück, alle Herzen stehen in Erwartung und harren in gläubiger Einfalt der Schätze, die liebevolle Hände hinter verschlossenen Türen aufbauten. Ich werde meines Jubels nicht Herr – ich löse die Schuhe – ich trete über deine Schwelle – ich sehe deinen Christbaum mit vielen Lichtern gerichtet – ich sehe dich selber, o Herr, unter den duftigen Zweigen – du hast die Arme gebreitet – dein Antlitz lächelt – ich höre dich sprechen. Deine Stimme ist wie Sphärengesang und von unendlichem Wohllaut: Ich gab deinem Kinde die Ruhe und den Frieden. Das ist mein Geschenk, was ich dir zugedacht habe.« Seine Worte jubelten, und aus diesem Jubel heraus entfaltete sich der unsterbliche Lobgesang Beethovens, der mit seinen Tonwellen weit in Gottes stille Morgenfrühe hinauszog: »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre! Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort. Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere, Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort. Wer trägt der Himmel unzählige Sterne? Wer führt die Sonn' aus ihrem Zelt? Sie kommt und leuchtet und lacht uns von ferne Und läuft den Weg gleich als ein Held ...« Die Töne erstarben, säuselten nur leise wie die Palmen von Beth-El und die Weiden am Jordanufer, begleitet von den Worten des Predigers, der sich wieder in das heilige Land versetzte, wo die Schatten tiefer sind, und das Licht eine größere Helle verbreitet. Und silberweiße Lilien blühten auf dem Hermongebirge und dunkelrote Rosen in den Tälern von Saron. Und er sah die Zinnen der großen Stadt und ihren goldenen Tempel, den die Morgensonne beleuchtete. Und er sah die Töchter von Jeruschalaim ... »Aber ich beschwöre euch, ihr Töchter von Jeruschalaim, bei den Rehen auf dem Felde, daß ihr meine Tochter nicht aufweckt noch reget, es sei denn, daß es ihr selber beliebet.« Der Glückliche! Er brauchte keine Sorge zu haben. Sie schlief noch, keiner weckte sie, niemand wagte es, ihren seligen Schlummer zu stören. Nur wie weltferne Akkorde drangen die Orgelstimmen in ihre Traumwelt hinein. Zwei glückliche Menschen hatten sie am Strande gestanden, zwei glückliche Menschen waren sie durch den Abend gegangen – ein Feuermantel lag um sie geworfen – ihre Herzen pochten gegeneinander – und ihre Lippen brannten wie zuckende Flammen ... Und sie schlief noch, als die Orgel längst verstummt war, und Erasmus van Dornick bereits seinen Morgenspaziergang durch die weiten Felder machte, der einsamen Mühle zu, die, an einem malerischen Binnenwasser gelegen, mit der grandiosen Ruhe eines holländischen Weltweisen ihr Tagewerk verrichtete. In ihrer Nähe gedachte er auf Heinrich vom Hövel zu stoßen, der, wie er wußte, auf diesem Erdenwinkel ein neues Motiv für ein groß angelegtes Gemälde entdeckt hatte – und so ging er denn mit feiertägigen Augen und erhobenen Hauptes auf den holländischen Weltweisen zu, dessen mit Segeltuch bespannte Arme ihm schon aus der Ferne entgegenleuchteten. Das Vergangene war tot für ihn. Er hatte vergessen. Seine Lebenssonne war noch nicht untergegangen. Er durfte noch hoffen; er klammerte sich mit allen Fasern an dieses Erhoffte, froh seines Daseins, als wäre die Jugend wieder in ihm lebendig geworden. »Heiliger, Mächtiger ...!« beteten seine Lippen. Er hatte den Hut abgenommen. Der Morgenwind spielte mit seinen eisgrauen Haaren, mit seinen Rockschößen, die er sacht auseinander faltete und wie Schmetterlingsflügel bewegte; er zog weiter landeinwärts und wehte die blauen Rauchwölkchen an, die auf den Schornsteinen standen und Kunde davon gaben, daß in Sankt Anne die Menschen aus den Federn waren, ein Schälchen Kaffee zu schätzen wußten und ihrem Beruf nachgingen. Der erste Tram passierte die Station und keuchte nach Brügge. Gleichzeitig öffneten sich die Türen an den beiden khakifarbigen Häuschen. Auf der einen Türschwelle war ein liebliches Klingeln, auf der anderen Türschwelle war ebenfalls ein liebliches Klingeln. »Tag, Wilhelmintje!« »Tag, Bernadintje!« In der Dorfstraße begegneten sich die sanften Stimmchen der Ohrgehänge, klingelten zum Morgengruß gegeneinander und taten schön wie vier verliebte Haferähren, indes Wilhelmintje mit einem beschriebenen Blatt Tütenpapier über die Schulter deutete und sagte: »Ich weiß was, Bernadintje.« »Ich auch,« sagte diese und zeigte gleichfalls über die Schulter, und zwar auf ihr eigenes Häuschen, wo vor den Fenstern des ersten Stockwerks sich die vollerblühten Geranien im jungen Morgenlicht sonnten. »Drei Bohnen sind heute aus meiner Kaffeemühle gesprungen. Das bedeutet was Gutes, denn es passierte mir auch, als Moritz fragte: Madam Bottertje, darf ich ›du‹ zu dich sagen? – und nu wird auch ›sie‹ wohl ihre traurigen Geschichten bei Wege lassen, denn sie konnte einen immer so verschrecklich benaut ankucken, als wenn sie sagen wollte: Bernadintje, dat Harteleed, dat Harteleed ...!« »Ach, Gott – ne nicht!« seufzte ihr pummeliges vis à vis , während Bernadintje ihrerseits noch einen dickeren Seufzer aus ihrem buntgemusterten Umschlagetuch hervorholte, die Hände ergeben zusammenlegte und meinte: »Und so sind denn über Nacht Pläsier und Leid in gleicher Portion auf meine Dachpfannens geregnet.« »Wieso, Bernadintje?« »Pläsier – von wegen der da, und Leid – von wegen Basilius.« »Exküsiert,« damit legte sich nun Wilhelmintje ganz energisch in ihre stattliche Weste. »Pläsier von wegen der da?« – und sie zeigte auf die schönen Geranienstöcke, hinter welchen Anna van Dornick noch träumte – »stimmt; das kann selbst der Herr Notarius van Sluis unterfertigen. Aber Leid von wegen Basilius? – Die Portion kenne ich; die hätte man auf andere Pfannens regnen sollen. Diese Portion ist von jeher ein infamer Windhund gewesen. Niese Portion soll der leibhaftige Deuwel ...!« Entrüstet trat sie einen Schritt zurück. Sie mußte etliche Male nach Atem schnappen, um ihre innere Erregung niederzuhalten. »Bernadintje,« sagte sie giftig, »wer hat sich um andere Unterröcke gekümmert und das mit 'nem leibhaftigen Ehering am Finger?« Die Gefragte wollte etwas entgegnen. »Exküsiert, Bernadintje. Wer ist mit deinen zweitausend Brabanter Guldens, noch von Mutter selig herstammend, und der seinen Madam aus Lisseweghe abgerutscht? Na – ich frage dir: Wer denn?« »Allerdings, aber ich dachte ...« »Exküsiert, Bernadintje. Wer hat mir beleidigt? Wer hat unsere ganze Familie beleidigt? Wer hat dir in einer Woche alle Taschentüchers naß gemacht, daß du keine mehr hattest, und ich dir aushelfen mußte, obgleich du mit drei Dutzend von die nämliche Sorte aufwarten konntest? Bernadintje, ich will keine Namens nicht nennen ...« und die kleine Frau reckte sich forsch in die Höhe, legte ihre linke Hand auf den stattlichen Busen und sah dabei ihre Schwester so geheimnisvoll und verschlossen an, daß diese wirklich des Glaubens sein mußte, Wilhelmintje würde sich eher die Zunge abbeißen, als den Namen des Ungetreuen preiszugeben. Allein – was sind Vorsätze?! – und wer kann es einem Schwefelhölzchen verdenken, abzubrennen, wenn es kräftig über einen ledernen Hosenboden gestrichen wird? Wilhelmintje explodierte denn auch und polterte los: »Nein, Bernadintje, ich will keine Namens nennen, denn er ist doch mein leibhaftiger Schwager gewesen – aber er schreibt sich Basilius. – So, das wollte ich dir von wegen der einen Portion schlankweg heraussagen. Und nu komm man, laß' Basilius man schwimmen und erfreue dir an deinem Auserwählten, zumal heute, wo er dir und mir und die ganze Schilderei eingepackt hat und rekommandiert an die große Kunstausstellung in Berlin schicken will. De Koning van Preußen interessiert sich sehr für die Sache.« »Wer sagt das?« »Mynheer vom Hövel,« konstatierte Wilhelmintje, wobei sie den ›Mynheer‹ so dick unterstrich, gewissermaßen fett gedruckt in die Erscheinung treten ließ, als wäre dieser ›Mynheer‹ etwas ganz Apartes und ein Unikum unter seinesgleichen gewesen. »Aber, Wilhelmintje – de Koning van Preußen ...?!« »Ich sage dir ja, er interessiert sich sehr für die Sache, denn wenn Mynheer vom Hövel was sagt, so ist das so gut, als wenn ›Ons Wilhelmintje‹ ein Staatsbillett unterfertigt, und der mecklenburgische Hendrick zukuckt. Außerdem hat Jan angeschirrt und kutschiert Schlag Klock acht alles nach die Bahnstation in Brügge. Also – nu komm man.« Da lächelte Bernadintje. Sie lächelte wie eine Drehbrettmadam auf der Kirmes, bei der nach fünfmaligem Herumschnurren der Zeiger auf ›Nix‹ steht, so daß sie den Einsatz behält, und die Spieler mit langen Nasen abziehen müssen. Sie steckte denn auch das letzte Herzweh über den Tod ihres geschiedenen Mannes beruhigt hinter den Spiegel, schob seelenvergnügt ihren Arm unter den Wilhelmintjes – und da gingen die beiden wie zwei duftige Pfingstrosen die lange Dorfstraße entlang und geradeswegs auf das indigoblaue Häuschen zu, wo Moritz bereits mit aufgesetztem Zylinder und untergeschlagenen Armen an einem Türpfosten lehnte, sich die Gegend besah, einen fidibusartig gekniffenen Frachtschein hinter dem linken Ohr stecken hatte und eine Pfeife Tabak in den schönen Sommermorgen hinausrauchte. Neben ihm stand eine breitausgelegte, aber sorgfältig vernagelte Kiste, die auf ihrer Vorderseite mit den Buchstaben B. U. M. V. und der Zahl 13 signiert war – eine sinnige Aufmerksamkeit für Bernadintje; denn als die beiden herankamen, Moritz sie begrüßt und seinem lieben Bräutchen noch ein leckeres Morgenküßchen verabfolgt hatte, Wilhelmintje sich hierauf nach der Bedeutung und dem Zweck der vier Buchstaben erkundigte, da lächelte der armselige Mensch so recht innig in sich hinein, legte seinen Arm um Bernadintjes Taille und sagte: »Äußerlich sind sie lediglich eine vorgeschriebene Frachtsignatur, aber innerlich bedeuten sie: Bernadintje und Moritz, Verlobte, und ich hoffe, daß sie uns Glück bringenwerden.« »Wie lieb!« lächelte Bernadintje und drückte sich inniger an ihn. »Aber die Nummer – das ist doch 'ne Unglückszahl!« warf Wilhelmintje dazwischen und zeigte auf die flott hingepinselte ›13‹. »Das schon,« sagte Moritz, »aber ich bin am 13. geboren, am 13. habe ich mich mit Bernadintje verlobt, am 13. findet die Eröffnung der großen Kunstausstellung statt – und daher bin ich gezwungen, mit der Nummer 13 zu rechnen. Ich estimiere sie drum, habe sie zu meiner Glückszahl erhoben, gerade so, wie man 'nem bissigen Köter 'n Ende Wurst anpräsentiert, damit er einem nicht die schönsten Hosen zuschanden macht. Kinder, verstanden ...?!« Und die beiden nickten »ja«, und Moritz, der Mensch mit dem fröhlichen Herzen, in welchem der liebe Herrgott die schönste und prächtigste Sommersaat zur Reife gebracht hatte, legte nun seinen anderen Arm um die Taille Wilhelmintjes, und er war gerade dabei, seinem Schöpfer für die erwiesene Gnade recht innig zu danken, ihn in so geregelte Verhältnisse hineinposamentiert zu haben, als er plötzlich in ein nicht enden wollendes Gewieher ausbrach. »Was los?« fragte Bernadintje. »Da!« sagte Moritz und deutete auf Jan Bottertje, der in diesem Augenblick mit seiner Landkutsch gefahren kam. »Ich halt's nicht mehr aus! Der Kerl ist ja rein des Teufels geworden! Marasmus! – Marasmus ...!« und er wieherte abermals so lustig in den Morgen hinein, daß die Scheiben des blauen Häuschens zu klirren begannen. Wilhelmintje war über das dämliche Verhalten ihres Mannes versteinert. Und richtig – da kam er. Aber wie kam er daher? – im Trauertempo, mit einem Sargdeckelgesicht, wie der heilige Salbaderus, mit der verstörten, glattrasierten Visage eines Lakaien, der sich plötzlich vor ein verschlossenes Schnaps- und Zigarrenschränkchen gestellt sieht – und dabei trug der Kerl einen Pfeifenstummel in der linken Mundecke, dessen Stiel er mit Trauerflor umwickelt hatte. Sonst ein Draufgänger beim Fahren, erschien er jetzt, als müsse er die sieben mageren und schließlich verhungerten Jahre zum Kirchhof kutschieren, den Kopf vornüber gesenkt, wie ein Briefträger, der bereits fünf Meilen schlechten Landweg hinter sich hatte. Und wie der Herr, so's Gescherr! – denn Amalie, Doortje und Sophie kamen so feierlich an, bammelten so wehleidig mit ihren Schwänzchen, als befänden sie sich auf ihrem letzten Gang, um abgeschlachtet, eingepökelt und verwurstet zu werden. Bei diesem Traueraufzuge wurde Wilhelmintje fuchsteufelswild, während Moritz sich vor Lachen schütteln wollte, und Bernadintje ein Gesicht machte, als seien Ostern und Pfingsten auf einen Tag gefallen. Jan seinerseits blieb die verkörperte Trostlosigkeit. Der bestveranlagte Leichenbitter hätte bei ihm in die Lehre gehn können. »Ich bin parat,« sagte er einfach. Amalie, Doortje und Sophie stimmten ihm bei. Sie ließen ein trauriges, aber gefühlvolles Grunzen vernehmen. »Ich bin parat, Schwager,« sagte er nochmals. »Aber wie!« fuhr seine Frau auf ihn los. »Diese dämlichen Mouvements! – Das ist ja der reinste Hopphei! – und du blamierst mir und dir und deinen vornehmen Schwager.« »Wilhelmintje,« sagte Jan so ruhig wie vorhin, »es ist man von wegen Basilius.« Mit steifen und betrübten Blicken sah er in die sonnige Landschaft. Er sah hinein, als wenn er etwas verloren hätte, als wenn sein verstorbener Bruder jeden Augenblick herankommen müßte. »Na denn,« sagte Wilhelmintje und ließ ihren Unmut fallen. Auch Moritz vergaß sein Lachen, wurde ernst und blickte einem Schmetterling nach, der langsam vorbeischwebte. Bernadintje wischte sich mit ihrem Schürzenzipfel über die Augen, trat auf Jan Bottertje zu und meinte: »Ich danke dir, Schwager,« aber so innig und herzlich, daß Jan immer steifer und betrübter ins Weite sah und sich einen ordentlichen Ruck geben mußte, um Herr über seinen äußeren Menschen zu bleiben, er konnte es aber doch nicht verhindern, daß ihm große, helle Tränen in die Augen traten. Da mußte Wilhelmintje auch weinen, und so unter allgemeiner Bedrängnis und Rührung, von der selbst Moritz nicht freiblieb, wurde die Kiste verstaut und Jan, laut Tütenpapier, angewiesen, zwei Zuckerhüte, 'nen Sack Kaffee und sonstige Artikel wie: Gewürznägelchen, Talglichter, Reis, Sago, Johannisbrot und spanischen Pfeffer in Retourfracht zu nehmen. Jan sagte denn auch zu, alles aufs beste besorgen zu wollen, und nachdem ihm hierauf von seiner Frau noch auf die Seele gebunden war, ja keinen »Admiral de Ruyter« mit nach Hause zu bringen, placierte sich Moritz neben ihn, Amalie, Doortje und Sophie zogen an, und fort ging's auf dem Kommunalweg nach Brügge und das gerade in dem Moment, wo die Kirchturmuhr in Sankt Anne langatmig ausholte und acht schlug. Bernadintje drückte ihr Taschentuch fest gegen die Lippen. Seit ihrer Verlobung war es die erste Trennung gewesen, und wenn sie auch nach menschlichem Ermessen höchstens neun bis zehn Stunden dauern konnte, so kam es ihr doch vor, als hätte sie vor einem Abschied auf Leben und Sterben gestanden. »So 'n lieber Mensch!« sagte sie traurig. »Das ist er,« konstatierte Wilhelmintje, »aber diesmal meine ich Jan.« »Und ich meine Moritz; und hast du wohl gemerkt, Wilhelmintje, was er für 'nen feinen Geruch nach Firnis und Terpentin an sich hat?« »Das hab' ich,« bestätigte die Gefragte – und die beiden Damen wedelten mit ihren Taschentüchern und riefen: »Adjüs, adjüs!« – und Moritz schwenkte seinen Zylinder, bis die Taschentücher so klein wie Kohlweißlinge wurden und schließlich vergingen. Aus, nichts mehr! – nur Gottes heilige Morgenfrühe lag wundertätig ob der vlämischen Landschaft. – Gott! – da saß sie ja selber, die vlämische Landschaft, inmitten der weiten Ebene, und sie saß da als »staatse Myfrouw« mit gefalteten Händen, die einen schöngeblümten Damastrock anhatte, eine warme Genüglichkeit ausströmte und mit einem so recht stillen Behagen in die flache, offene Gegend hinaussah, als wenn sie sagen wollte: »Was habt ihr Menschen denn eigentlich? Ihr kommt ja um in eurer konventionellen Lüge. Eure Flanellseelen fühlen sich nur glücklich, wenn symbolistische Schwärmer mir ein Leids antun und meine derbe, niederländische Gesundheit wie die bizarren Blüten der Orchideen in hohen Gläsern absterben lassen. Alles Unnatur und Verzerrung! – und die neurasthenischen Ganzgroßen halten mich sogar für ein ungebildetes Frauenzimmer, weil ich mal dem braven Paul Potter und David Teniers und den anderen allen auf dem Schoß gesessen habe und mich von ihnen habe abküssen lassen. Aber – Herrgott! – wie schmeckte das prächtig! – Und ihr da, die ihr noch keine Flanellseelen habt, die ihr noch nicht angekränkelt seid von der modernen Wichtigtuerei, die ihr noch eine heilige Lust empfindet, einem ordentlichen Weibsbild um die Taille zu fassen und in ein paar lustige, helle Augen zu blicken – kommt alle her zu mir, setzt euch dicht neben mich und fühlt kindlich, was meine Seele bewegt. Stille, ganz stille!« Und die staatse Myfrouw in dem schöngeblümten Damastrock und der Goldblechhaube streckte die Hand aus und zeigte auf den seidengrauen Himmel, auf die tiefen Wasser, so tief und ruhig wie abgeklärte Menschenherzen, auf die ferngelegenen Dünen mit ihrem Flimmern und Zittern, auf die scheckigen Flecke, die in der Niederung grasten und so malerisch waren, als hätte sie der große Paul Potter hineingepinselt. Über das hübsche Gesicht der einsamen Frau zog ein seliger Abglanz. »Stille, ganz stille!« Ein feiner Hauch ließ die Pappeln, die den Heerweg begleiteten, fast goldig erscheinen. Ein kaum merkliches Säuseln wehte herüber. Die Heupferdchen geigten. Am Wasser rauschte das Schilf auf, und die große Mühle stakelte altfränkisch durch die weiche Luft und raunte ganz leise: »Kinder, gebt mal acht; jetzt will ich euch eine alte Geschichte erzählen. Es war mal eine Amsterdamer Herbergsfrau, die hieß Sigbrit Willums und hatte eine Tochter, die sich so blank und schön wie ein Täubchen anließ, und daher nannten die Leute sie auch Düweke Willums. Allein schön Düweke war hochfahrigen Sinnes und wollte nur einen Königssohn freien. Und der Königssohn kam, und sie küßte ihn scheu und heiß und drückte ihn selig ans Herz, bis Torden Oxe kam, den sie noch scheuer und heißer küßte und noch seliger an die schneeweiße Brust zog. Die Geschichte aber ging weiter und weiter und wurde immer betrübter, bis sie ein schlimmes Ende nahm, und auf Düwekes Vrust drei dunkelrote Blutstropfen standen. Dreimal hatte er zugestoßen. König Kristiern, König Kristiern ...!« seufzte die alte Mühle, und der laue Morgenwind spielte mit ihrem Segeltuch, und da riefen die Segel: »Düweke, Düweke, Düweke ...!« – und von Sluis her setzte das Glockenspiel ein und schickte seine Melodien in krausen, verschnörkelten Figuren über das weite Land fort. »Stille, ganz stille!« Ja – die schmucke Myfrouw und die große Mühle konnten einem schon wunderselige Dinge erzählen. Das mußte jeder fühlen, das fühlten auch Erasmus und Heinrich vom Hövel, die schon seit geraumer Zeit bei einer Roggenmiete standen und davon gesprochen hatten, wie sich die Zukunft der beiden, die ihnen so sehr ans Herz gewachsen waren, gestalten würde. »Gebe Gott, daß du dich nicht auch an der da verblutest...« Heinrich vom Hövel lächelte über seine eigenen Worte, die ihm wieder in den Sinn traten. Jetzt glaubte er noch mehr an den Zauber der wundertätigen Hände. Die Vorsehung wendete alles zum Guten. Vergangenes und Gegenwärtiges berührten sich, flossen sanft ineinander – und die tote Maria durfte ihre arme Seele in die Hände nehmen und sagen: Endlich gesundet. »Ja – endlich gesundet,« sagte er leise, dann legte er Pinsel und Palette beiseite und sprach wiederum auf den Prediger ein, der hochaufgerichtet neben ihm stand und das Sonntägige, das in ihm war und das ihm die Landschaft entgegenwehte, nicht mehr entbehren konnte ... Er schien zwiefach beglückt, denn das, was ihn eigenartig bewegte, was ihm die liebe Frau in der Goldblechhaube erzählte, glaubte er auch in dem Bilde zu finden, das Heinrich vom Hövel in festen Meisterstrichen niedergelegt hatte. Wie groß, wie unendlich...! Er hörte kaum auf die Worte, die neben ihm gesprochen wurden. Jetzt klangen sie eindringlicher. Erasmus van Dornick horchte auf. »Und da glauben Sie ...?« fragte er schließlich. »Natürlich, Domine! – Die Sterne fallen nicht einzeln vom Himmel; jeder glückliche Umstand hat ein anderes Glück im Gefolge. Allerdings – man darf dabei keine Maulaffen feilhalten und lange hin- und herüberlegen. Man muß eben zugreifen.« Erasmus nickte. »Und die Folgerung aus dieser Prämisse?« fragte er zögernd. »Ist diese,« sagte Heinrich vom Hövel. »Kaum, daß ihm der gestrige Abend ein herrliches Loos in die Arme führt, kaum, daß er sich darüber klar wird, was ihm eigentlich geschehn, wie da ein Wesen neben ihm steht, das ihn mit seinen großen Liebesflügeln beschattet, schneit ihm auch schon ein anderes Heil in den Schoß, das zwar eine persönliche Aussprache als wünschenswert hinstellt, sein neuestes Werk aber derart bewertet, daß er ... Na, ich will die Sache nicht ausmalen. Er ist ja an Preise gewöhnt und braucht sich in dieser Hinsicht nicht auf ein Prokrustesbett drücken zu lassen – er kann eben seine Bedingungen stellen, allein das vorliegende Angebot übertrumpft doch alles, was selbst der Allerverwöhnteste ... Na, und so weiter. Die Sache ist einfach glänzend und kann ihn auf einen der ersten Plätze schieben. Dabei gehört er nicht einmal einer Klique an, die nichts weiter zu tun hat, als ihre eigenen Genies zu prägen und in Kurs zu setzen.« »Und da sind auch Sie der Ansicht...?« warf der Prediger hastig dazwischen. »Aber natürlich!« »Und daß er schon heute abreist...?« »Je eher, je besser! – Immer 'ran an die Ramme! – Was man hat, zählt doppelt. Domine, Sie wissen ja selber – aus Ihrer Pennälerzeit her – wie das klang, wenn der Salamander auf den Tischen gerieben wurde ... Schmieden, schmieden! – Eins, zwei, drei – los!« Etwas Leuchtendes war dem Sprecher in die Augen gefahren. Der prächtige Mensch reckte sich auf: »Auf mit dem Hammer, Nieder mit ihm; Schmiedet das Eisen, Solang es noch warm ist, Schmiedet das Eisen, Solang es noch glüht...! So und nicht anders, Domine! – Er muß das Glück beim Wickel fassen. Zugreifen, zugreifen! – Es soll eine Morgengabe für die sein, die seine verzweifelte Seele an sich riß, die ihn wieder zum Menschen machte, ihm den armen Nacken straffte und sagen konnte: Sei doch nicht so furchtbar verzweifelt, denn über dir sind noch die ewigen Sterne.« »Aber, mein Bester!« »Ich weiß, ich weiß,« brach es in Heinrich vom Hövel los, »daß Sie das alles in diesem Augenblick nicht fassen können, nicht begreifen können, es sei denn, Sie wären Jahre um Jahre sein Spielgefährte und Vertrauter gewesen.« Der ganze Mensch bebte vor nervöser Erregung. »Weiß Gott,« sagte er überzeugt, »ich gehöre nicht zu denen, Domine, die bei jeder Gelegenheit den lieben Herrgott anrufen und seinen Namen im Munde spazieren führen; aber ich habe für ihn gebetet, um Erlösung für ihn gebetet, gebetet wie ein Kind, um ihm die quälende Unruhe aus dem Herzen zu nehmen, wo es sich mit den Fängen eines mächtigen Adlers verkrallt hatte. Er lebte eben wie einer, der das Leben satt hat, aber den Mut besitzt, es nicht von sich zu weifen. Domine, das sind rare Menschen, die so was fertig bringen.« Er drängte den Mund dichter an das Ohr des Predigers. »Domine...!« – und seine Stimme klang gepreßt und abgehackt – »was ich Ihnen früher schon sagte: Spiegelungen, Spiegelbilder ...! – die ließen sich nicht so einfach beseitigen. Nichts leichter als das, werden Sie sagen. Man braucht nur aus dem Bereich der spiegelnden Fläche zu treten. Richtig! – aber bei ihm nicht. Dieses Spiegelbild hatte sich in sein Denken und Fühlen, in seine Träume gefressen. Es ließ nicht von ihm; immer war es da: von Jugend an, bis er zum Manne wurde. Auch da noch. – Aus dem lieblichen Mädchenbild war ein wunderbares Frauenbildnis geworden, ein herrliches Weib, das ihn mit der mächtigen Flut des goldenen Haares umhüllen konnte. Wie gerne hätte er die Arme gebreitet! Aber du sollst nicht begehren ... Domine, du sollst nicht begehren ...! – Er triumphierte über seine eigene Leidenschaft – und dennoch vergaß er nicht und mußte sie lieben. – Da eines Tages war sie von ihm gegangen. Aber nur körperlich, nicht seelisch, obgleich ihrem Wesenlosen etwas Körperliches anhaftete, das er mit leiblichen Augen zu sehen vermochte. Spiegelungen, Spiegelbilder ...! – Ihr Odem war bei ihm, sie berührte ihn mit ihren gespenstischen Händen, sie sprach mit ihm und drückte ihren Mund auf seine Lippen ... Wie ein Verzweifelter jagte er diesem Traumbild nach. Er war eben gezwungen eine Tote zu lieben.« Heinrich vom Hövel suchte nach Atem. Es mußte ihm vom Herzen herunter. Es war eine Stimmung in ihm, die ihn an den Klang von Osterglocken erinnerte. »Domine,« sagte er jubelnd, »da eines Tages erwachte die Tote ...« »Wer ich bitte Sie, Meister ...!« Heinrich vom Hövel sah ihm fest in die Augen. »Es war Anna van Dornick.« Tiefes Schweigen folgte. Erasmus verstand. Verloren sah er ins Land hin. War der Tau, der noch auf Bäumen und Gräsern haftete, auf ihn übergegangen? Es schimmerte feucht in seinen Augen. Langsam schlossen sie sich. Er faltete die Hände zum Gebet. Auch er vermeinte ferne Osterglocken zu hören – und dennoch waren Trauerglocken dazwischen. Mußte er nicht die Sonde an verflossene Tage legen? Gebot ihm nicht die Pflicht, in bange, dunkle Stunden hineinzuleuchten? Er fand keine Antwort darauf, wenigstens jetzt nicht. »Amen« sagte er mit verhaltener Stimme.–- Fast um dieselbe Stunde trat Anna van Dornick aus dem Schlafgemach in das Zimmer, das auf die Dorfstraße hinausführte. In ihrem weichen, weißen Morgengewand erschien sie in ihrer ganzen jungfräulichen Schönheit. Ihr loses Haar bedeckte den Rücken, lief in schweren Massen, wie ein goldenes Vlies, bis zu den Knien. Leichten Schrittes ging sie dem geöffneten Fenster zu. Als sie ins Sonnenlicht trat, wurde sie von einem intensiven, fast metallischen Glanz umwoben, und tief aufatmend streckte sie dem allbelebenden Licht ihre Hände entgegen. XII Es war ein schweres, goldenes Vlies und doch das zarte Gefieder, die Schwingen eines majestätischen Vogels, die sich sanft im leichten Morgenwinde bewegten ... Einzelne Fäden irrten durch das geöffnete Fenster, zogen dort flirrende Streifen durch die silbrige Luft, fingen und haschten sich wechselseitig, um dann rückwärts zu schweben und sich in zärtlichen Liebkosungen um den blendendweißen Nacken und die geschmeidigen Linien ihres Körpers zu legen. In dem sonnenwarmen Licht verklärte sich Anna van Dornick. Alles Hochmütige, Abweisende, Herbe war aus ihrem Antlitz gewichen. Der Gedanke, sich im Besitz einer großen Liebe zu wissen, machte sie hingebend und weich wider Willen. Noch einmal durchlebte sie die Stunden des gestrigen Abends. Sie weckte die geringfügigsten Dinge. Nichts entging ihr. Sie war wie ein Künstler, der in sein eigenes Gebilde verliebt ist. Die Erinnerung schien ihr fast köstlicher als die Wirklichkeit selber. Sie wollte nur langsam, folgerichtig genießen. Sie schmückte dieses Erinnern mit duftigen, schweratmenden Blumen und breitete einen Gazeschleier darüber, der alles noch rosiger und verlockender machte. Ihre Blicke weiteten sich in seliger Vergessenheit. »Ob ich schön genug bin, ihn stetig zu fesseln?« dachte sie plötzlich. Mit einer jähen Wendung trat sie vor den Spiegel. Ihr Haar folgte und legte sich flammenartig um sie. Wie das gleißte und glänzte! – In dieser gewellten Flut ruhte ihr Antlitz wie in einem köstlichen Rahmen. Sie betörte sich an ihrem eigenen Bildnis. Aber da kamen sie wieder geschlichen: die wachsenden Zweifel, die Selbstvorwürfe, die eine endlose Kette unerträglichen Elends hinter sich herschleppten. Soviel Schatten in dieser endlosen Sonne! – soviel Leid und Dornen auf dem Wege, den sie zurückgelegt hatte! Eine Schranke stellte sich ihr entgegen, als wäre sie von Giganten aufgetürmt worden. Ihre Liebe war mächtig wie der Tod und konnte Berge versetzen, aber hier wollte ihre Kraft absterben. Und dennoch: sie mußte hinüber, selbst auf die Gefahr hin, daß sie jenseits abstürzen sollte. Sie mußte steigen, immer nur steigen; sie mußte in das Land der Glücklichen. Nur frei sein, frei sein! – In diesem Gedanken stärkte sich ihr Wille und wuchs und wuchs. Sie erwachte aus ihrer brütenden Starrheit. Sie mußte handeln, bevor es zu spät war. Sie dachte an die zerknitterten Zeilen von gestern. Wie nichtig die waren! – Jetzt hatte sie für eine große Liebe zu kämpfen oder – zusammenzubrechen. Das war es ja eben! Kurzentschlossen packte sie in ihre wogende Haarflut, rollte sie auf, schlang sie zu einem mächtigen Knoten zusammen und befestigte ihn mit einem Schildkrotpfeil dicht über dem sanftgewölbten Nacken. Unter ihren Händen knisterte es von elektrischen Funken. Das war wieder Anna van Dornick in ihrer berückenden, herben und dämonischen Schönheit – sie, die so abweisend und herrisch sein konnte und doch zu erschauern vermochte wie die Blüten am Baum, wenn laue Frühlingswinde über sie fortgingen – eine kalte Dulderin und trotzdem eine Frauennatur, die ungeduldig nach der Umarmung des geliebten Mannes verlangte. Aber bevor sie sich diesem Taumel hingeben konnte ... Ihr jetziges Handeln sollte über ihr ganzes Leben entscheiden. Jede Minute war kostbar. Sie durfte nicht warten. In fieberhafter Eile ließ sie sich nieder, fuhr mit energischer Hand über die alten, zerknitterten Blätter, legte neue zurecht und begann eifrig zu schreiben. »Frei sein, nur frei sein ...!« Ihre Schriftzüge gaben sich bestimmter und fester. Sie hatten das Nervöse verloren. Gleichmäßig reihte sich Buchstabe an Buchstabe. Von dem, was sie gestern aufgestellt hatte, merzte sie vieles aus. Anderem gab sie eine tiefere Prägung, und so, unter stetigem Ringen, unter der krampfhaften Anstrengung, sich würdig einer reinen Liebe zu machen, gab sie dem Schreiben seine endgültige Fassung. All ihre Bekenntnisse, Schlüsse und Folgerungen bewegten sich auf der nämlichen Linie, strebten alle einem gemeinsamen Pol zu. Jetzt war sie fertig geworden. Die letzten Zeilen überflog sie noch einmal. »Was ich Dir zu sagen hatte, war nicht anders auszudrücken,« las sie scharfbetonend. »Du mußt alles so hinnehmen, wie es gemeint ist – und sollte es Dir weh tun, vergib mir, aber diese Aussprache bin ich Dir und mir und einem Dritten gegenüber schuldig gewesen. Ich will endlich Licht um mich haben. In diesem stetigen Halbdunkel verkümmert die Seele. Du weißt es ja selber: Deiner jähen Leidenschaftlichkeit bin ich damals zum Opfer gefallen, nicht ohne meinen Willen, gewiß nicht, und das ist das Trostlose in meiner Verfassung – ein Drama, welches eine traurige Lösung heraufbeschwören muß, wenn lein Ende gemacht wird. Die Zeit hierzu ist jetzt gekommen. Was mich bewegt, kann ich Dir nicht länger verhehlen. Ich sage Dir das ganz offen. Die Rätsel einer Frauenseele sind nicht spielend zu lösen. Abgesehen davon, daß ich mich damals über das Glück einer anderen hinwegsetzte und mich noch heute mit den vorwurfsvollen Blicken einer Verstorbenen abzufinden habe, kann ich mein Gelöbnis Dir gegenüber nicht mit reinem Herzen aufrecht erhalten. Zwinge mich nicht zum Äußersten. Wage es nicht, Deine Rechte in unbarmherziger Weise geltend zu machen. Es wäre ein trostloses Leben. Verkümmert und schuldbewußt würde ich neben Dir hergehn, Dein rechtliches Weib zwar – Dein Weib vor dem Gesetz, aber nicht vor mir und meinem Gewissen. Ich vermöchte es nicht, in Deinen Armen den Himmel zu finden – und das wäre schlimmer als sterben. Du kannst mich doch nicht zu einer leblosen Maschine, zu einem gefügigen Werkzeug herabwürdigen – oder könntest Du glauben, daß ein derartiges Nebeneinandersein einen Gewinn für uns abgeben würde? Nein und abermals nein! – Ich bin nicht mehr die, die Du früher kanntest. Ich lebe im Taumel einer schönen Selbstentfremdung, und dennoch: wenn Du hier wärest, wenn Du die Not in mir sähest. Du würdest begreifen, wie es um mich steht. Es geht um Leben und Sterben bei mir. Verstehst Du – um Leben und Sterben! Aus diesem Bekenntnis heraus suchte ich die Freiheit für mich – und habe sie in verzweifeltem Ringen gefunden. Kneble mich nicht aufs neue. Gib auch Du Dich zufrieden. Ich flehe Dich an: gib auch Du mir die Freiheit, wir würden sonst einer verzweifelten Krise entgegengehn. Aber gute Freunde wollen wir bleiben – wirklich gute, uns liebende Freunde. Nicht im Bösen wollen wir scheiden. Ich reiche Dir die Hand übers Meer. Folge einem anderen Stern und versuche glücklich zu werden. Für uns gilt das Wort nicht: Wir können uns nicht selbst entfliehen: Wir müssen es eben. Eine gemeinsame Zukunft gibt es nicht für uns, wenigstens nicht in dem Sinne, wie Du sie Dir vorstellst. Also zwinge mich nicht. Du würdest nur bitteren Tränen begegnen, und daher nochmals gesagt: Folge Deinem Stern – ich folge dem meinen. Und Gott sei mit uns! Deine Anna van Dornick. So – jetzt hatte sie von ihm Abschied genommen. Auch für immer? Sie grübelte nach. Ja. Es hätte an Wahnsinn gegrenzt, eine erwürgte sündige Leidenschaft wieder ins Leben zu rufen. Unmöglich! – die Zeiten der Wunder waren doch lange vorüber, Und das war gut so. Mit einem tiefen Atemzuge kniffte sie die einzelnen Bogen, kuvertierte sie und rief nach Klaartje. Nur fort, fort! – und als Klaartje das Schreiben mit dem Zipfel ihrer Schürze in Empfang genommen hatte und dann hinausgegangen war, folgte sie dem Mädchen mit heißen Gedanken. Sie hätte diese schmucke Person zärtlich umarmen können, trug sie doch ihr grimmiges Herzeleid und ihr letztes Kämpfen und Bangen aus Sankt Anne ter Muiden. Da ging sie. Jetzt mußte sie die nächste Straßenecke erreicht haben – jetzt stand sie vor dem niedrigen Postamt – jetzt war sie über die abgeschliffenen Treppenstufen vor den Schalter getreten – jetzt hatte sie den Brief abgeliefert ... Sie sah das alles, und es erfüllte sich, was sich erfüllen mußte: auch sie war gesundet. Um sie her breitete sich das jauchzende Leben aus, und in dieses jauchzende Leben konnte sie frei von Schuld und Zweifel hineingehn und glücklich werden an einem glücklichen Herzen. In dieser Hoffnungstrunkenheit, in diesem beseligenden Gefühl der Erlösung vergrößerten sich ihre Augen zu einem märchenhaften Erstaunen, als wenn sie erst jetzt die Mysterien einer echten und unüberwindlichen Liebe gewahrten. Sie betete diese reine, große Liebe an. Sie stand wie geblendet und unter dem Banne einer seligen Stunde. Jetzt mochte er kommen ... Sie hörte Schritte. Das waren Klaartjes Schritte. Und Klaartje kam und überreichte ihr einen Strauß dunkelroter, italienischer Rosen. Glitzernde Tautropfen hingen noch an den einzelnen Blüten. »Von wem?!« fragte sie hastig, obgleich sie wußte, wer sie geschickt hatte. Mit geheimer Wonne barg sie ihr Gesicht in die duftenden Rosen. Klaartje gab keine Antwort. Verschämt ging sie der Tür zu, und als sie hinausging, trat Hans Wehrend über die Schwelle. Hinter ihm zog Klaartje die Tür zu – ganz leise und noch durchdrungen von dem, was ihr die wenigen Minuten offenbart hatten. Etliche Pulsschläge hindurch war es in dem kleinen Zimmer totenstill, so still wie in der Nähe des Altarsakramentes, so still wie beim Erwachen eines Frühlingsmorgens, bevor noch die ersten Amselrufe ertönen. Dann aber ging der erste Jubelruf, das junge Licht begrüßend, über die erwachende Landschaft – und zwei Menschen fanden sich wieder in heißer Umarmung, im lechzenden Kusse, im Begegnen ihrer geheimsten Gedanken, die sich wie zärtliche Schmetterlingsflügel berühren. Brust schlägt an Brust. Die blutroten Rosen sind ihren Händen entglitten. Den Kopf zurückgebogen, die Arme um seinen Nacken geschlagen, wähnt sie sich dem Irdischen entrückt, um dann wieder gierige Küsse von seinen Lippen zu trinken. Aus den halbvereinigten Wimpern schimmert ein feiner irisierender Lichtstreifen. Im Taumel des Genießens kann sich ihr Mund nicht mehr schließen. Die Verzückung gleitet an ihrem Körper herunter. Mit heiliger Scheu gewahrt er in ihr die Verklärung und die tiefe Erregung des Weibes. Bewegungslos stehen sie nebeneinander – wie im Gebet, im Erkennen der ewigen Liebe versunken, alles vergessend und umwölkt von schwerem Rosenduft, der langsam und wie eine narkotische Welle an ihnen emporkriecht. Nur durch die Falten des leichten Morgengewandes von dem Geheimnis ihres Leibes geschieden, hört er die Sprache ihres Herzens, die gebieterisch ist wie die Stimme des Todes. Nur der Tod kann scheiden. »Ach, du, du ...!« Mit einem tiefen Seufzer umschlang sie ihn fester. »Und hast du geträumt von mir?« Ihre Worte erstarben in einem verschämten Flüstern. »Ob ich von dir geträumt habe? – du Närrin, du Himmlische ...!« und wieder schloß er ihre halbgeöffneten Lippen. »Die ganze Nacht, bis tief in den Morgen hinein, habe ich dich in meinen Armen gehalten. Ich träume noch immer; ich werde von dir träumen, wenn ich allein mit mir bin, und der deutsche Wald mich mit verschlafenen Augen ansteht.« »Was heißt das?« Sie wurde schwer in seinen Armen. »Weil ich fort muß, weil ich nicht mit leeren Händen kommen will und dir sagen möchte: Ich habe unter Kummer gesät und unter Freuden geerntet. Und diese Ernte soll dein sein, bevor wir noch unsere Schwelle betreten.« »Du mußt fort?« fragte sie wie geistesabwesend. »Ja, ja, ja,« sagte er hastig, »aber nur für wenige Tage, nur um die reife Frucht einzuheimsen und gleich wieder in den Bann deiner wundertätigen Hände zu treten!« – und dann sprach er in abgerissenen Sätzen von seinem Suchen und Schaffen, von seinem neuen Werk, von seinem Kampf in diesem Werk, Tagesgötzen und niedrigen Seelen die ekelhafte Maske vom Antlitz zu reißen, von seiner heiligen Begierde, Gefallene aufzurichten, Gequälten die Dornenkrone zu nehmen. Wegemüden Erquickung zu reichen, gute Menschen bei den Händen zu fassen, sie auf stille Höhen zu führen, wo eine unendliche Klarheit ist, und ihnen das Land der Verheißung zu zeigen. »Es ist ein langes und banges Schaffen gewesen,« sprach er eindringlich weiter, »aber ich glaube, es ist meine beste Arbeit geworden, denn du hast neben mir gestanden und meinem ringenden Menschen Leben und Odem eingeflößt. In schlaflosen Nächten hast du mir über die Schulter gesehen. Dein Hauch umwehte mich. Du hast alles verfolgt, was ich niederschrieb – Zeile für Zeile – Bogen um Bogen, und deine heißen Tränen sind auf die einzelnen Blätter gefallen ... Ich sehe noch die unvergänglichen Spuren; sie sind mir lieb und teuer geworden. Und jetzt, da alles vollendet ist, wo ich hoffen darf, einen warmen Sonnenstrahl über das weite Land und in gefolterte Herzen werfen zu können, sollst auch du in das sonnige Licht hineingehn. Und bei den Händen will ich dich nehmen, auf stille, einsame Höhen will ich dich führen, und sagen will ich: Siehe das Reich meiner Arbeit! – und siehe: wie aus den Schollen, die meine Not gepflügt hat und die von Tränen benetzt sind, die grüne Saat der Hoffnung aufgeht, wie sie in Ohren schießt und gleich einer unabsehbaren, goldenen Flut unter dem Himmel dahinweht. Himmlische, Göttliche ...! – und das hast du alles geschaffen.« Immer fester zog er sie an sich. »Ich?!« fragte sie stammelnd und sah ihn mit Blicken an, die voll süßer Zweifel waren. Sie wußte nicht, was sie mit seinen Worten anfangen sollte. »Ja – du, du!« stöhnte er unter dem Einfluß einer zwingenden Macht, die sich an ihn geworfen hatte. »Weißt du denn nicht, daß wir uns schon lange kannten, daß wir schon Jahre um Jahre zusammengehörten? Damals in der Löbkerschen Bude ...! – Du wohntest mir schräg gegenüber ... und die Schneeflocken fielen leise vom Himmel ... und unsere Liebe war so rein und zart wie die lichten Sternchen, die in unsere Traumwelt hineinspielten ... Weißt du noch? – und in der kleinen Bude hing das Bild der schönen Frau, die jetzt in Brügge unter der schweren Marmorplatte ruht und so früh sterben mußte. Aber sie ist wieder lebendig geworden. Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Die Toten werden wieder lebendig!« Er jubelte in seine Worte hinein. »Aber – Hans, Hans ...!« rief sie flehend. »Das mußt du wissen, das kannst du doch nicht vergessen haben!« Mächtig strömte es aus seiner übervollen Brust. Schwül legte sich der aufsteigende Rosenduft um seine Sinne. Vergangenheit und Gegenwart flössen in eins zusammen. »Das mußt du doch wissen,« flüsterte er ihr ins Ohr. »Ich kann doch nicht darum betteln, daß du dich aller Einzelheiten erinnerst, aber es ist so ... Bald darauf wurden wir auseinander gerissen. Weh dem Besiegten ...! – und aus dieser Not heraus, aus meiner Sehnsucht nach dir wuchs die Liebe zur Menschheit, zu der armen, ringenden, verzweifelten Menschheit. Dumpf und schwer lebte ich hin. Allein du legtest mir die kalte Hand auf die wehe Stirne, und unter ihrem magischen Einfluß hast du mich erst zum wirklich Schaffenden gemacht, hast du mich gelehrt, den Schmerz in die Hände zu nehmen, ihn zu einem Kunstwerk zu formen – und so ist das Hauptwerk meines Lebens entstanden, das jetzt in die Welt hinaus soll ... Weh dem Besiegten! – Das gilt nicht mehr! – Aus dem Besiegten bin ich ein Sieger geworden.« Wütend zog er sie an sich. »Ich verstehe dich nicht,« ächzte sie unter seinen wilden Küssen. »Was machst du aus mir? – Was tust du? – Was bedeutet das alles?!« »Nu mußt doch, begreifen,« rief er sie an. »Ich beklagte die, die mir genommen wurde.« »Und ich ...?« fragte sie schciudemd. Seine Blicke funkelten dicht vor den ihren. »In dir,« hauchte et zärtlich, »hat die Beklagte ihre Auferstehung gefeiert.« Er drückte sie von sich. »Was?! – jetzt begreifst du doch alles!« Na warf sie sich an ihn. »Du Lieber, Guter ...!« Wie eine Befreiung kam es aus ihrem gemarterten Herzen. »Ach, du, du ...!« In stürmischer Hast suchte sie seine Lippen zu finden, und in diesem Bestreben, in dieser jähen Liebkosung entfesselte sich ihr Haar, wogte in losen Massen über Hals und Schultern, wobei es einen schimmernden Glanz von sich gab, als wäre eine unsichtbare Lichtquelle in ihm. In seidenen Wellen rieselte es über seine Hände, berauschte es seine Sinne. Zwei wunderbare Goldmassen legten sich über ihren Busen, der sich heftig auf- und niederbewegte. So war sie ihm schon früher erschienen. Die Toten sind heilig! Es ergriff ihn wie bei der Betrachtung eines Kirchenbildes. In scheuer Erregung lösten sich seine Arme von ihrem Körper. Sie selber war in ihrem leuchtenden Mantel so ruhig und übermächtig wie eine Verzückte geworden. Er trat einen Schritt zurück, ganz versunken in Anbetung dieser irdisch-überirdischen Schönheit. Einige Augenblicke vergingen. Und wieder die Stille von eben! – die Stille, die das kleinste Geräusch tönend macht, die Stille in der Nähe des Altarsakramentes, und die dem Morgengrauen vorhergeht, bevor noch die ersten Amselrufe erwachen ... In dieser feierlichen Stille sprach die Hohheit des Weibes zu ihm mit beredten Zungen, ließ ihn die Welt vergessen und machte ihn kleinlaut, wie beim Anblick einer Heiligen, in deren Gegenwart man die Riemen lösen muß. Er wagte es nicht, sich von der Stelle zu rühren. Jede Bewegung hätte den geheimnisvollen Zauber gebrochen. Die Toten sind heilig! Er wagte kaum noch zu atmen, aus Furcht, die Erscheinung würde zerfließen – würde von ihm gehn, um nie wieder zu kommen. Sie stand vor ihm – wirklich und wahrhaft. Sie lebte. Jetzt brauchte er um keine Tote mehr zu trauern. Sie war erwacht, sie war bei ihm, sie strömte den Hauch der entschlafenen Geliebten aus. Sie lächelte wie ein Kind. Genauso hatte die andere gelächelt – und dennoch bewunderte er in ihr die langsame Entfaltung der jungfräulichen Sinne. Da hielt's ihn nicht länger. Er mußte in diese Goldflut hinein. »Herrgott, wie schön...!« Seine Hände gruben sich tief in die weichen, welligen Massen, die jetzt über ihn fortgingen und ihn mit glitzernden Fäden umstrickten. Und durch diese Goldflut hindurch küßte er ihren schlanken Hals, der blendend aus den weißen Rüschen hervorsah – und durch diese Goldflut hindurch küßte er ihre Stirne, ihre Augen, ihren Mund, die weiße Hand, die sie ihm aufs Herz gelegt hatte. »Anna-Maria...!« hauchte er, noch im Taumel der vergangenen Jahre schwelgend. Sie war ihm wiedergegeben. – Endlich gefunden! – Da ruhte sie an seiner Brust – der Verstorbenen so ähnlich an Gestalt, an Wohllaut der Sprache, an dem sanften Feuer der Augen, daß er unwillkürlich den Namen der Heißgeliebten mit dem der Toten verflechten mußte. Tod und Leben berührten sich, gingen ineinander über und gaben sich die Hände. »Anna-Maria...!« rief er noch einmal. Kein Flüstern, kein Hauchen...! – Nein! – wie ein Jubelschrei wurde der Name von seinem Munde gerissen. »Aber was hast du...?« Sie warf sich starr in seinen Armen zurück. Ihr Gesicht bekam einen seltsamen Ausdruck. »Wer ist diese Anna-Maria?« fragte sie heiser und mit einer Betonung, als wenn sie sich vor einer Beantwortung graute. »Du – und sie...!« »Sie...?!« rief sie mit erkünstelter Ruhe. »Ja – du! – die Tote... das Weib meiner Träume...!« – Mit unruhiger Hand strich er über ihr Haar. – »Die tote Maria...! – um derentwillen ich ein Verzweifelter, ein Ruheloser wurde, um derentwillen ich am Leben verzagte. – Und nun höre zu, ich will dir von der schönen Maria erzählen. Sie ist gestorben und doch nicht gestorben. Sie lebt! – und bei den Faraglioni, in den purpurblauen Wogen des Mittelmeeres tauchte sie unter, um hier an der vlämischen Küste sich wieder in meine Arme zu stürzen. Jetzt hab' ich dich! – Anna-Maria! – Anna-Maria...!« Er war rasend in seinem Doppelleben geworden. Sie bäumte sich in seiner Umstrickung. Ihre Brust stürmte, als hätten dämonische Fäuste dort hineingegriffen. »Und sie, und sie...!« Sie rang nach Worten. Sie wurde sehend: der Zusammenhang der Dinge zeigte sein vernichtendes Antlitz. Ihre eisigen Hände umfaßten die seinen. Sie hielt ihn fest mit ihren gespenstischen Augen. »Und sie da – die Tote...?! – Wer war sie...?!« »Das Weib meines Freundes.« »Heiking...?!« schrie sie auf. Ihre Stimme flatterte wie ein losgerissenes Segel. »Ja.« Ihr Haupt sank nach vorne. Aber dann ein Aufschrei, als wäre sie hinterrücks von einem Messer getroffen. »Mein Gott und mein Heiland!« Mit hellem Gelächter, ihr Haar über die Brust zerrend, flüchtete sie in eine Ecke des Zimmers. Kreidig schimmerte ihr Gesicht aus den goldenen Strähnen. Im Entsetzen war es auf ihn gerichtet. Er stand wie gelähmt. Nur drei Herzschläge hindurch. »Anna-Maria...!« Mit einem mächtigen Satz war er bei ihr. Dieser Wandel in ihr. – Er begriff nicht. Er zermarterte sein Hirn. Es war alles so plötzlich gekommen. Das Weib mit dem Tierkörper regte sich wieder. »Geliebte, Einzige...!« Leidenschaftlich stieß sie ihn zurück. »Ich bin doch kein Narr!« sagte er bitter. Er drang auf sie ein. »Rühre mich nicht an!« schrie sie gellend. »Was willst du?! – Ich gehöre dir nicht! – Du hast kein Recht auf mich! – Die tote Maria...! – Die Faraglioni...! – Heiliger Gott, ich bin deiner nicht würdig!« Es war ein wütendes Bestreben in ihr, aus seiner Nähe zu kommen. Sie zeigte auf die blutroten Rosen, die am Boden lagen. »Das sind Sterbeblumen geworden.« »Geliebte...!« »Niemals...!« Mit beiden Händen griff sie ins Leere. Sie drohte niederzusinken, aber, von seinen Armen umfangen, sank sie an seine Brust tastete sie nach seinem Herzen und weinte bitterlich. Das brachte Erlösung. Sein Mund ruhte auf ihrem duftigen Scheitel. Ein unsäglicher Schmerz verschönte ihr Antlitz. »Geh nicht,« flüsterte sie wie eine Sterbende. »Jetzt nicht... erbarme dich meiner... ich muß dir doch erst von der toten Maria und von mir... Und wenn ich dir alles gesagt habe, dann kommt das Vergessen und – der Tod.« Sie sprach nicht weiter. Ein immer stärker werdendes Dunkel legte sich um ihre kranken Sinne und webte Schleier um Schleier. Die Außenwelt war gestorben für sie. Nur wie das Rauschen des fernen deutschen Waldes klang es in ihre Traumwelt hinein. Sie horchte darauf. »Weißt du, daß ich bei dir bin?« fragte er zärtlich. Sie gab keine Antwort. »Mein Weib, mein alles...!« Sie hörte ihn nicht mehr. Immer näher kam das Brausen und Rauschen. Da ging leise die Türe. Erasmus trat ins Zimmer. Ein schmerzlicher Zug flog über sein Antlitz. Er sah, was sich begeben hatte und was kommen mußte. Er wollte doch selber... Er gab Behrend ein stummes Zeichen, und dieser verstand ihn. In stiller Milde war er näher getreten und nahm seine Tochter aus dem Arm des Geliebten. Er sah: hier stand ein armes Menschenherz vor einem Geständnis – und konnte das Geständnis nicht finden. »Und Sie reisen noch heute?« fragte er mit gedämpfter Stimme. »Heute nicht mehr,« kam es von gepreßten Lippen. »Dann möchte ich um eine Unterredung bitten – später, wenn sie sich beruhigt hat, wenn alles vorüber ist. Es ist besser so. Ich bin Ihnen Aufklärung schuldig. Wollen Sie?« Hans Behrend nickte wie ein im Traum Befangener. »Heute ums Abendläuten auf der Priesterkoppel – wo wir allein sind...?« »Ja,« sagte Hans Behrend. Ihm war das Herz zum Zerspringen. Dann ging er. Als er das Zimmer verließ, schlug sie die Blicke auf und versuchte, ihm die Arme entgegenzustrecken. »Hans!« rief sie schluchzend, »geh nicht fort. Ich muß ja – ich muß ja... Habe doch Erbarmen mit mir!« »Er kommt wieder,« sagte Erasmus van Dornick. XIII Es war an demselben Tage, allein der Abend ging schon in Schlafrock und Plüschpantoffeln herum, trug ein gesticktes Troddelmützchen und qualmte seine Pfeife Tabak durch die stillen Felder. Er rauchte ,Abraham Berg en Zoon'. Es lag wie Haarrauch in der Luft. Mit langen Stelzbeinen häkelte er sich über Bäume und Gräser. Es war nur ein feinmaschiger Hauch, aber stark genug, der Landschaft ein ungewöhnliches Aussehen zu geben – und das kam daher, weil der Mann im Schlafrock »Abraham Verg en Zoon« rauchte und in aller Forschheit dichte Wölkchen verpaffte. Die Wetterfahnen zeigten Nordostwind. Irgendwo in Gelderland mußten sie Heide verbrennen. Die langen Stelzbeine arbeiteten weiter; die Gegend nahm einen zartblauen Duft an. Die Malvenstöcke blühten nicht mehr, dafür standen die prächtigsten Sonnenblumen vor den Häusern und in den kleinen Vorgärten – pausbäckige Damen, so eine Art von Kuhstalldragonern in der Pflanzenwelt, die sich für die Kirmes herausgeputzt hatten, und wenn Moritz Dütz-Josum irgendwo auf ein auserwähltes Stück von Frauenzimmer stieß, pflegte er immer zu sagen: »Aufgeschirrt wie 'ne Sonnenblume von Sankt Anne ter Muiden.« Und das von Rechts wegen. Die schönste jedoch sah in den Thronsaal hinein, wo an diesem Abend Wilhelmintje und Bernadintje hinter ihrem plaudernden Teekessel saßen, und der Seelenmensch seine stakeligen Beine bequem unter den Tisch streckte. Vor knapp einer Stunde an Land gegangen, hatte er hier in Erwartung Jan Bottertjes Anker geworfen, um nach dessen Rückkehr eine Portion Proviant, bestehend in Zucker, Salz, Pfeffer und Kaffeebohnen, an Bord des Feuerschiffes zu lotsen. So saßen denn die drei köstlichen Menschen im Thronsaal, hatten Gott im Herzen und ›Ons Wilhelmintje‹ über sich und warteten mit Sehnsucht auf die Ankunft der längst fälligen Landkutsch. Sie sprachen nicht viel, warfen nur ab und zu ein verlorenes Wort hin, wobei jeder von ihnen gewissermaßen auf seiner eigenen Reepschlägerei stand, Schritt für Schritt rückwärts ging und seine Gedanken zu einem stattlichen Tau aushaspelte. Wilhelmintje simulierte darüber nach, ob Jan mit einem oder zwei, mit drei oder vier Genever nach Haus kommen würde. Alles war ihr gleichgültig – allein mit dem vierten Genever intus durfte er ihr nicht unter die Augen treten; denn wenn er es täte, wenn er wiederum als Admiral de Ruyter anschwimmen sollte ... Herrgott, noch mal! – die Sache war überhaupt nicht auszudenken, dann konnte ein Unglück passieren ... Als sie aber ihr Gedankenwerk näher besah, da waren Knuppen und Knoten darin, und jeder dieser Knuppen und Knoten erinnerte sie an den vierten Genever. Bernadintje ließ vier Stricknadeln gegeneinander klappern. Sie arbeitete an Moritz' Hochzeitsstrümpfen und spann dabei ihre Betrachtungen zu einem aalglatten Tau aus, zwischen dessen Fäden sie einzelne Vergißmeinnichtsträußchen steckte, die ihr die kommenden Jahre vergegenwärtigen sollten. Eins war so schön wie das andere. Das fünfundzwanzigste jedoch hatte einen besonders liebevollen Aufputz erhalten, denn es war mit silbernen Ähren und drei Rosenknöspchen geschmückt, eine sinnige Anspielung auf ihre zukünftige silberne Hochzeit und drei ganz kleine Dütz-Josums. »Ach, wie lief, wie lief!« lächelte Bernadintje, tat ordentlich verschämt, wie ein heuriges Häschen, strickte weiter und klingelte mit ihren Ohrgehängen, während der Seelenmensch ab und zu einen gehörigen Schluck Grog zu sich nahm, den ihm Wilhelmintje in einem hohen Stengelglas angesetzt hatte, und darüber nachgrübelte, wann er wohl den tiefsten Pegelstand erreicht haben würde. Ja – die drei hatten schon ihre eigenen Gedanken, Admiral de Runter-, Liebes- und Groggedanken, während der kupferne Teekessel allerhand närrische Geschichten erzählte, und ,Ons Wilhelmintje' sich in ihrem Krönungsornat auf den Zehen hob, um sich drei Zoll größer zu machen, geradeso, als wenn sie sagen wollte: Ihr drei da unten – du, Wilhelmintje, und du, Klaas Buhle, und du, Bernadintje – ihr alle drei seid schon prächtige Menschen! Habt man keine Bange! – Wir, Wilhelmintje von Gottes Gnaden, werden euch Unseren Königlichen Schutz angedeihen lassen, und wenn ihr mal so in die Nähe von Amsterdam oder »Het Loo« kommt, dann geniert euch man gar nicht, kommt man 'rein und trinkt mit mir ein leckeres Täßchen Kaffee zusammen. Na, das war denn auch alles sehr schön, und der Seelenmensch nickte »Ja und Amen« dazu, und die dicke Sonnenblumendragonermamsell grüßte freundlich ins Zimmer, und der Abend ging im behäbigen Nankingschlafrock und Troddelmützchen am Fenster vorüber, tat äußerst gemütlich und rauchte seinen »Abraham Berg en Zoon« in so strammen Zügen aus seiner langen Pfeife, daß selbst die schnellen Schwalben benebelt wurden und höheren Flug nahmen. Auch das machte sich recht schön, allein der Seelenmensch fand ein Haar darin, denn wie der Abend so dicknäsig am Fenster vorbeispazierte und etliche Wölkchen in den Thronsaal hineinblies, setzte Klaas Buhle ein äußerst muffeliges Gesicht auf, zog die Brauen bedenklich in die Höhe und sagte so verloren vor sich hin: »Gefällt mir gar nicht – die Sache.« »Woso nicht?« fragte Bernadintje, indem sie Hände und Strickstrumpf erwartungsvoll in den Schoß legte. »Haarrauch!« erwiderte Klaas Buhle. »Mögen wir Seemänners nicht. Bringt konträrigen Wind, deckt die Feuer ein und setzt frische Seelen aufs Wasser.« »Gott bewahr uns!« entsetzte sich Wilhelmintje, »du willst uns doch hier keine graulichen Geschichten erzählen?!« »Gar nicht! – Aber daß ich's man sage. Das war um die nämliche Zeit vorm Jahr. Oder war's später? – Ja, .es war später und ging auf Nacht zu. Gott's den Donner noch mal! – da kam auch so 'ne dicke Watte vom Land her, und vor uns war Licht, aber man dösig. – Schiff in Sicht, Kap'tän! – Mit richtigem Kurs? – Gottverdomie, kein Hand mehr zu sehen! – Nur Watte, Watte! – und dann ein Racken und Brechen – und dann sahen vierundzwanzig Seelen über die Reling. Die fünfundzwanzigste kam an Land und ist die vom Bestmann gewesen. Kann alle Tage noch einmal passieren. Der Klabautermann ist wieder unruhig geworden.« »Bei Euch?« fragte Wilhelmintie. »Jawoll. Der liebt so 'ne stickige Luft nicht. Die fühlt er voraus, und dann kann er keine Lichters vertragen. Und daß ich's man sage: mir soll's egal sein, wenn er immer die Lichters auspustet.« »Und dann passiert was?« fragte Wilhelmintje entsetzt. »Immer,« entgegnete Klaas Buhle mit unerschütterlicher Ruhe. »Kann noch vierzehn Tage dauern – aber kommen tut's, so wahr ich die Feuers bediene.« »Wo?!« riefen die beiden Frauen fast gleichzeitig. »In der Henster Bucht. Brauchen nicht gerade vierundzwanzig zu sein. Das Wasser ist auch mit einer zufrieden.« »Aber, Seelenmensch ...!« »Jawoll, Wilhelmintje! – Früher fraß er uns aus der Hand, aber nu ist der Klabautermann des Deuwels geworden. Kariolt in den Wanten 'rum, sitzt stundenlang im mittelsten Feuerkorb und spuckt uns ins Essen hinein, nur aus purem Schmerz wegen des Malörs, das ihn langsam ankriecht. Das kann auch der Knasterbart eidlich beschwören. Ist ihm auch auf dem Ostindienfahrer passiert, als sie Basilius schwimmen ließen. Nu schwimmt er im Heißen Wasser herum – vor dem Passatwind. Glückliche Reise!« Er spreizte plötzlich alle zehn Finger; seine weit aufgerissenen Augen sahen aus, als wären sie glasig geworden. »Hu ...!« sagte er leise. Über die beiden Frauen kroch ein lähmendes Gefühl. Wilhelmintje vergaß ihre Knuppen und Knoten, die ihr bisher den verfluchten Admiral vor Augen gehalten hatten, während Bernadintje so in Not und Angst geriet, daß ihr selbst die Erinnerung an die Vergißmeinnichtsträußchen und die ganz kleinen Dütz-Josums keine Aufmunterung brachte. Sie war rein verbaselt. Der Mensch machte ja heute die tollsten Geschichten! Was hatte er überhaupt den Klabautermann in den Thronsaal zu bringen? Der gehörte draußen aufs Meer, zwischen die fettigen Teerjacken, aber nicht hier in den sorglosen Frieden, wo »Ons Wilhelmintje« eitel Pläsier und Genüglichkeit ausstrahlte und sie so liebevoll und ganz ohne königliche Allüren invitiert hatte, gelegentlich bei ihr ein Schälchen Kaffee zu trinken. Das wollte sie ja auch alles herzlich gerne besorgen, womöglich auch noch ihren lieben Moritz mitbringen – und jetzt war da so plötzlich der Seelenmensch mit seinen verrückten Geschichten dazwischen gekommen ... Nein – dieser Klaas Buhle! »Ach, was!« meinte sie ängstlich, »das sind man alles dämliche Mouvements.« »Gott's den Donner noch mal! – dämliche Mouvements, Bernadintje...?!« In seiner ganzen Länge begehrte der Seelenmensch auf. Die blaßblauen Augen schimmerten wie transparente Glasscherben. »Mouvements, Bernadintje ...?!« Der Mann sah aus, als wenn er mit seinem zerrissenen Gesicht und im triefenden Ölrock in Wetter und Sturm stände. Sturzwellen gingen über ihn fort – er sah zerfetzte Großmarssegel im Wind – die Sirene stieß ihren entsetzlichen Ton aus ... »Mouvements, Bernadintje ... ?! – Dann wartet mal ab, wenn erst die Feuer auf Steuerbordseite munter werden, und 'ne weiße See über die Back geht! – und wenn dann die armen Seelen ...!« »Hör' auf!« rief Wilhelmintje und hielt sich die Ohren zu, »da friert einem ja das Vaterunser im Munde zusammen!« »Soll's auch!« versicherte der stakelige Mensch und schlug dabei mit seiner harten Hand so fest auf die Tischplatte, daß sie in allen Fugen krachte und stöhnte, und die Teetassen ängstlich zusammenklirrten. »Hu ...!« – und wieder spreizte er alle zehn Finger – »dann kostet's was! – 'ne Seele mindestens. Unter dem tut's die Heyster Bucht nicht und wenn's eine von Sankt Anne sein müßte!« »Aber, Seelemnensch ...!« »Jawoll!« rief Klaas Buhle, »und wenn's eine von Sankt Anne sein müßte!« Schwer sank er auf den Stuhl zurück; hastig griff er nach seinem Stengelglas. Nachdem er getrunken hatte, schob er ein neues Priemchen hinter die Backe. Er war wieder so ruhig wie eine ölglatte Fläche geworden, und sein Geist fuhr darüber hin wie ein schöner, schlanker Gaffelschoner vor flauer Brise, der, um besser vorwärts zu kommen, alle Leesegel hoch gemacht hatte. Kein Schaukeln und vages Denken war in ihm. Er hatte den Klabautermann und die Heyster Bucht und die armen Seelen vergessen. Das schwere Wetter lag hinter ihm. Er spuckte gemächlich aus und rückte Wilhelmintje sein Glas hin. »Wilhelmintje, wenn ich noch um 'nen Grog bitten dürfte. Us't üh belieft ...! – aber 'nen steifen.« Er sah sie groß an. Die beiden Frauen rührten sich nicht. Sie befanden sich noch immer unter dem unheimlichen Druck des soeben Gehörten: Es ging ihnen etwas verquer. Nie richtige Stimmung wollte nicht aufkommen, und dabei schummerte der Abend immer stärker und dunkler ins Zimmer. Die dicke, fette Sonnenblume bewegte sich leise im Wind; ihr rundes Vollmondgesicht leuchtete zwischen dem Fensterrahmen. Hinter ihr waren die Kanasterwölkchen noch intensiver geworden. Die Welt lag in Schmaltebläue getaucht. Vereinzelte Schwalben segelten die Dorfstraße entlang. Aus den nahen Wiesen rauschten die Bäume herauf; kaum wahrnehmbar, aber in weichen und feierlichen Tönen hallte die Abendglocke herüber. »Hm!« sagte Klaas Buhle und trillerte mit seinen harten Fingern auf der Tischkante herum. Er machte sich wieder an seinem Glase zu schaffen. Gemächlich schob er es näher an die Rumflasche heran. »As't üh belieft, Wilhelmintje.« Die regte und rührte sich nicht. Auch Bernadintje reagierte auf nichts mehr. Der einfältige Mensch hatte ihnen mit seinem Klabautermann und der weißen, wütigen See, die alljährlich ein armes Menschenleben gierig an ihre Brust zog, den ganzen Abend verdorben. »Wilhelmintje...!« Keine Antwort erfolgte. »Denn nicht,« sagte Klaas Buhle in seiner unerschütterlichen Gemütsruhe, räkelte sich hoch und ging ans Fenster. Stumm und stur, ab und zu den Saft seines Priemchens in scharfen Spritzern auf die Straße befördernd, sah er in den Abend. Von seinem Platz aus konnte er den Brügger Weg bis zur Bizinalbahn verfolgen. Die Straße war menschenleer; nur in der Ferne wurde luftig gesungen. Donnerschlag noch mal! – er kannte doch die lustigen Stimmen. »Höhö!« rief er plötzlich. Das brachte Leben in die Bude. »Was gibt's?« fragte Wilhelmintje. Gummiballartig schnellte sie in die Höhe. »Die Landkutsch ...! – Die Reisenden kommen!« Bernadintje wollte schon hinaus, um Moritz an ihre übervolle Brust zu drücken; ihre Schwester jedoch vertrat ihr den Weg und sagte: »Keinen Schritt, Bernadintje ...! – Wo die Mannskerle so spät vorfahren – nur ja nicht mit die Gefühle über den Zaun weg. Nur ja nichts merken lassen ...« und in Erwartung der Dinge, die sich ihr bald präsentieren sollten, stellte sie ihre Hände in die stämmigen Hüften. Ihr ahnte Böses. Stocksteif waren ihre Blicke auf die Türe des Thronsaales gerichtet. Und richtig – sie kamen. »Hurra!« und nochmals »Hurra!« ging das auf der Straße. »All right!« lachte der Seelenmensch zum Fenster hinaus. Wilhelmintje rührte sich nicht. »Laß sie man kommen,« meinte sie bissig. Vom Bock aus grüßte Moritz fidel mit seinem Zylinder, während Jan, die Mütze schief auf dem Kopf und unter stetigem ›Hurra‹, die Landkutsch auf den hinteren Hofraum zu lenken versuchte. Im scharfen Trabe nahm er die Biegung, nahm sie aber zu kurz; die Räder stuckerten auf, und ein prächtiger Zuckerhut wurde hoch im Bogen aus dem Wagen geschleudert. »Gott's den Donner!« rief Klaas Buhle. »Egal!« brüllte Jan und fegte um die Ecke herum. Wilhelmintje stand wie angeschmiedet. Ein Kaffeesack folgte, platzte auf und verstreute seinen köstlichen Inhalt. »Gott's den Donner!« rief Klaas Buhle zum andern, stürzte aus dem Zimmer, um noch zu retten, was zu retten war. Mit je einem halben Zuckerhut unter den Armen, den schmächtigen Kaffeesack an den Leib pressend, beehrte er kurz darauf wieder den Thronsaal, deponierte die geretteten Kolonialwaren auf den Tisch und sagte: »Gut gefahren – aber man von dämlichen Kerls. Wer keinen Schnaps vertragen kann, soll brackiges Seewasser saufen. Was, Wilhelmintje ...?!« Er schlug die Hände zusammen. »Laß sie man kommen,« sagte diese, ohne mit den Wimpern zu zucken. Mitdem ließen sich auch schon die Stimmen der beiden Kistenreisenden im Hausflur vernehmen. Die von Jan dröhnte, als schriee er in ein leeres Bierfaß hinein. »Moritz, gib mir 'nen Kuß!« rief er lauthals. »Was, Moritz?! – Wir zwei beide ...! – Pottdorie noch mal, solche Kerls gibt's überhaupt nicht mehr zwischen hier und dem Nordpol. Du – der beste Freund van de Koning van Preußen, und ich ... Aber jetzt man 'rein in den Thronsaal!« – und die Tür ging dabei so feierlich auf, als seien die alten Zeiten von 1653 wieder aufgewacht, und Admiral und Ratspensionär träten vor die Großen der Union, um ihnen zu melden, daß sie den verfluchten Engländern so 'n bißchen den Daumen in die Visage gedrückt hätten und jetzt alles seine Richtigkeit habe. Jan legte die Hand an die Mütze und meldete: »Admiral de Ruyter ...!« – Hinter ihm schwankte Moritz ins Zimmer. »Ne, diese Kerle!« grinste Klaas Buhle. »Nu wird's Zeit, Wilhelmintje.« Allein Madam Bottertje, geborene Demmertje-Donselaer, hatte keine Antwort für ihn. Ihre ganze Takelage war von unten bis oben mit Eis überlaufen. Nur ihre Äugelchen blieben kregel. Diese nahmen denn auch die beiden Eindringlinge energisch aufs Korn, genau so, wie es eine Tierbändigerin im Amsterdamer Bestentuin an sich hat, wenn sie zwei rebellische Biester in ihre Schranken weisen will. »Alle Mann auf Deck!« kommandierte Jan und schwenkte seinen Admiralshut. »Los mit die eisernen Brummers! – Bum – bum – bum ...!« Jetzt wollte sie ihm in die Parade fahren. Aber sie hatte kein Glück damit, denn Moritz vertat sich, wie sich auch mal Jan vertan hatte, weil er des Glaubens sein mochte, in Wilhelmintje seine leibhaftige Braut vor sich zu haben. »Komm her, Bernadintje!« sagte er lallend, steuerte mit gebreiteten Armen auf seine zukünftige Schwägerin los und klebte ihr einen herzhaften Kuß auf. »Herrjeses!« fuhr nun Bernadintje dazwischen. »Moritz, du irrst dir, du irrst dir!« zog ihn kurzentschlossen an ihren weichen Busen, redete ihm gut zu, und da sie eine resolute Frau war, führte sie ihn, ohne lange Umstände zu machen, aus dem gefährlichen Bereich ihrer Schwester auf die Straße hinaus und von hier dem knallblauen Häuschen und den heimischen Penaten entgegen. Der Admiral de Runter lachte ihm nach: »Gut gemacht, Moritz! – Brav gemacht, Moritz! – Los mit die eisernen Brummers!« »Du – Schafskopp!« Wilhelmintje hatte die erlösende Formel gefunden. Die Jacke wurde ihr zu eng. Sie hätte aus der Haut fahren mögen und schien willens, ihm den Admiralshut vom Kopfe zu holen. »Woso?« fragte Jan. »Daß du ein Peijatz bist!« sagte sie giftig. »Admiral bin ich und kommandiere das Ganze,« rief er und legte sich forsch in die Weste. »Tops hoch! – und – weiß der Deuwel! – Moritz hat recht, weil er dir mächtig geküßt hat, denn alle seebefahrenen Männers und solche, die sich aufs Malen verstehen, haben das in der Angewohnheit, und weil ich der Oberste davon bin, tu ich dasselbige dito und erkläre Antje van Dornick für meine Geliebte.« »Wen?!« schrie sie auf. Sie glaubte nicht recht gehört zu haben. Aus ihren Augen spritzten glühende Fünkchen. »Antje van Dornick,« sagte Jan patzig. Da war's alle mit ihr. Schritt für Schritt ging sie rückwärts, wie vor einem wildgewordenen Dromedar. »Auch das noch, auch das noch!« rief sie verzweifelt aus und streckte beide Arme zur Decke. »Heilige Jungfrau von Sankt Anne ter Muiden ...!« schlug sich die Hände vors Gesicht und wankte gebrochen dem Sofa. zu. Der ganze Thronsaal mitsamt dem Inventar, die Lampe mit dem japanischen Schirm und der porzellanene Kanarienvogel kamen ihr drehkrank vor. »Mein Gott und mein Leben!« »Höhö!« lachte in diesem Augenblick der Seelenmensch auf, »ich fürchte mir nicht; wollen mal den Admiral in die Koje besorgen,« nahm Jan ins Schlepptau und bugsierte ihn zur Türe hinaus über den Flur in die Kammer hinein, wo hinter einer buntgeblümten Gardine die hochaufgestapelte und zweispännige Bettlade träumte. Noch einmal hörte Madam Bottertje, wie Jan kommandierte: »Fregatte auf Steuerbordseite! – Tops hoch! – Los mit die Brummers!« – dann stoppte das allmählich ab, als hätte eine hungrige Welle den Admiral de Ruyter mit seinem Orlogschiff und all seinen prächtigen Flaggen in die Tiefe gezogen, und eine ruhige, glatte See läge jetzt über dem Helden und seinem Tagewerk. Nur von der Küche her fiedelte ein Heimchen – immer dasselbe, immer dasselbe! – und es fiedelte noch, als Klaas Buhle nach zehn Minuten mit einem schmunzelnden Gesicht zurückkehrte und seine verwitterte Hand sanft auf Madam Bottertjes Schulter legte. »Seelenmensch, der olle Genever ...!« sagte sie durch ihre Tränen hindurch. »Es geht keinen guten Gang mit dem ollen Genever!« »Man ruhig, er schnarcht schon,« sprach er begütigend auf sie ein, »und wenn ich nicht irre, ist er noch morgen früh bei die nämliche Arbeit. Und nu, Wilhelmintje, bitte ich darum, mir mit Zucker, Pfeffer und Kaffeebohnen bedienen zu wollen. Ich muß fort; sonst steckt mir die See Watte ins Maul, und ich kann nicht hinüber.« »Na, denn...« sagte Wilhelmintje, bekriegte sich wieder, verschob ihren Ärger auf spätere Zeiten und ging mit Klaas Buhle zur Theke, um ihn dort zu bedienen. Beim Betreten des Hausflurs drangen langgezogene, monotone Laute aus der Nebenkammer. Der Admiral schnarchte wie ein Gangspill bei voller Arbeit, das einen zwei Tons schweren Rüstanker an Bord holen mußte. »Bald hat er ihn hoch,« griemelte Klaas Buhle in sich hinein, nahm hierauf die ihm zugemessenen Rationen in Empfang und ging in den Abend, dem Strand und dem Feuerschiff zu, dessen Licht, als er eine Stunde später dort anlangte, wie ein ziegelroter Stoßvogel im Nebel rüttelte. In Sankt Anne selber fand er die kleine Etage, die Erasmus van Dornick bewohnte, erleuchtet. Auch andere Fenster hellten auf. Der Haarrauch war stärker geworden. Von den alten Bäumen rieselten lange Gewänder. Bei der Priesterkoppel begegneten ihm zwei hohe Gestalten, die der Dorfstraße zugingen. Er kannte sie. Es waren Hans Behrend und Erasmus van Dornick. Mit einer grotesken Handbewegung riß er die Mütze vom Kopfe. »Heelmoijen Abend, Mynheers!« Bald darauf verschwand er in den dichten Schwaden, die hinter ihm zusammenschlugen. Sein harter Schritt tönte noch geraume Zeit auf dem einsamen Fußweg. Kein Mensch begegnete ihm; nur arme Seelen waren in seiner Gefolgschaft. In weiße Tücher gehüllt, schritt er dem Meer zu, dem geheimnisvollen Meer und den bleichen, flockigen Massen, die auf ihm ruhten. Die beiden Männer blieben wie auf Verabredung stehen. Nichts war um sie: nur das Wallen des Nebels und das träumerische, gelassene Rauschen der Bäume. Sie hörten wechselseitig ihren hämmernden Pulsschlag. Noch einmal erhob der Prediger seine Stimme. Sie war wund und zerrissen, und als er sprach, streckte er seine Arme aufwärts, gleichsam als müsse er die Gnade des Himmels herabflehen. Ermattet sanken sie ihm am Leibe herunter. »Nun wissen Sie alles,« sagte er wie ein Mann, der in seiner Not die Tür des Herzens sperrangelweit geöffnet hatte, um auch die geheimste Falte darin offenkundig zu machen, »und so wahr mir Gott helfe! – es fehlt kein Glied in der Kette meiner langen Erzählung. Ein häßlicher Sturmwind zerrte die Saiten eines glücklichen Daseins, daß sie jämmerlich aufschrien; jetzt klingen sie wieder in früherer Reinheit. Das ganze Leben meiner Tochter liegt vor Ihnen: ihr Sehnen und Suchen, ihr menschliches Fehlen – auch das, was sie Ihnen begehrenswert machte. Es ist ein langes und banges Ringen auf Erden gewesen, aber sie hat endlich die Palme des Sieges und die Palme der Liebe gefunden. – Was jetzt geschehen soll und muß – das ist Ihres Amtes.« »Domine...!« Mit tränenerstickter Stimme klang es in die Worte des Predigers hinein. Erasmus van Dornick machte eine leichte Handbewegung. Er war noch nicht zu Ende. Er mußte noch seine Schlußfolgerung ziehen. »Wie Sie auch entscheiden mögen,« sagte er gefaßt, »der Herr sei mit Ihnen und gebe uns allen seinen Frieden. Ich lege Ihnen kein Hindernis in den Weg. Glauben Sie, trotz der vergangenen Tage, an ihrer Seite glücklich zu werden, kann Ihre Liebe Berge versetzen – ich hebe freudig die Hände gen Himmel; wollen Sie mein Kind in meine Arme zurücklegen – Ihr Wille geschehe, denn er ist menschlich begreifbar. Ich hege keinen Groll gegen Sie, ich vergesse Sie nicht und bin Ihnen dankbar für den kurzen Traum, den Sie in einer armen Seele aufkommen ließen – und seien Sie überzeugt: die Hand, die Sie aus der Ihrigen taten, wird Sie dennoch segnen für immer.« Er sprach nicht weiter, aber ein verhaltener Schrei, dem Schrei eines verdurstenden Tieres gleich, das endlich die ersehnte Quelle gefunden, drang aus der Brust des neben ihm stehenden Mannes. In langen durstigen Zügen trank er das köstliche Wasser und mit ihm das Heil der Genesung. Und er streckte sich auf. Noch sah er ein Gesicht im Nebel: das Gesicht dessen, der ihm schon einmal mit brutaler Gewalt ... Er hatte einen Fluch auf den Lippen; aber der Fluch versiechte vor einer zarten Erscheinung, die ihm das Bild der Geliebten vorspiegelte, die ihm zuwinkte, als wenn sie sagen wollte: Nun komme doch endlich; es ist ja alles gut zwischen uns beiden. So schön und rein wie in dieser Stunde war sie ihm noch niemals begegnet. – Und wieder rauschte das Meer auf, das Meer an der italischen Küste. Die Faraglioni lagen im Mondlicht, und auf den Wassern war eine Stimme, eine sonore Männerstimme, die immer mächtiger anschwoll: » 0 dolce Napoli ...« und er hörte die Stimme, als er Hand in Hand mit dem Prediger auf die erleuchteten Fenster zuschritt, als sie über die Schwelle gingen – er hörte sie noch, als sie die niedrige Stube betraten, die ein feines Netzwerk umspielte. Er wagte kaum vorwärts zu gehen. Etwas Kirchliches wehte ihn an. Und sie... Sie saß in der gedämpften Helle. So hatte sie schon seit vielen Stunden gesessen: ohne Bewegung, mit einer Verklärung auf den blutleeren Zügen, die nicht von dieser Erde war. Das Haupt zurückgelehnt, die Hände im Schoß, die mit ihren wächsernen Fingern die blutroten Rosen umgriffen, sah sie einer Sterbenden ähnlich. Hans Behrend glaubte ein Traumbild zu haben. Auf Zehenspitzen trat er näher. Er wagte kaum zu atmen. Er befand sich auf geweihter Stätte und hatte die liebe Stimme des Predigers neben sich, welche sprach: »Die Blumen sind hervorgegangen im Lande; der Lenz ist gekommen, und die Turteltaube läßt sich hören im Lande.« Da schlug sie die Blicke auf. »Hans,« sagte sie mit weher Betonung, »ich dachte schon, du wärest nicht wiedergekommen.« Da hielt's ihn nicht länger. In demselben Augenblick lag er vor ihr auf den Knien und hatte sein Gesicht in ihren Schoß gebettet. Die Arme um ihren Leib geschlagen, zog er sie an sich. »Nicht wiederkommen ...?!« stöhnte er auf. »Und hätte ich im Grabe gelegen, und hätte das Meer mich verschlungen – ich wäre wiedergekommen!« Sie umklammerte seine Schläfen. »Komm näher – immer näher ...! – Geh nicht fort. Halte mich, fasse mich, sonst bin ich verloren! – So ist's gut, Hans! – Ach, wie gut du bist, wie lieb du bist!« und sie legte ihm ihre weißen Hände aufs Haupt und umgriff seine Stirne. Und sie beugte sich unter Tränen immer tiefer und tiefer, bis ihr heißer Mund seinen Scheitel berührte; und da war alles von ihr genommen, alles, alles. »Hans...!« Sie bog seinen Kopf zurück. Er riß sie auf. Sie erstickte fast in seiner wilden Umarmung. »Die Tote lebt! – Die Tote ist auferstanden! – und du bist doch meine Anna-Maria!« »Ja,« hauchte sie unter seinem verzehrenden Kuß, »ja – ich bin deine Anna-Maria!« Der Duft der blutroten Rosen war bei ihnen. – Und der Nebel stieg und stieg. Der letzte Odem des kränklichen Abendlichtes verzehrte sich. Eine Stunde später stand der Seelenmensch an Bord und sah über die Reling. Die Wanten des Schiffes waren kaum zu erkennen. Ein greifbares, langsam hinziehendes Grau lag um ihn gebreitet, über ihm rüttelte der ziegelrote Stoßvogel und konnte keine Fernsicht gewinnen, unter ihm aber krochen die Wellen gleich mächtigen Urwelttieren und verschlangen sich gegenseitig. Einige sahen mit gelben Augen über die Reling. Klaas Buhle machte eine Bewegung, als wenn er sie mit seinem Fuß zurückstoßen wollte. »Wartet man ab,« sagte er keuchend, »ihr sollt eure Seele schon haben.« Und der Nebel stieg und stieg ... und es war kein Stern unter dem Himmel. XIV Der Seelenmensch hatte vor der Hand falsch prophezeit. Anderen Tages stand wieder eine schöne, klare Sonne am Himmel. Der Admiral jedoch schnarchte bis spät in den Morgen hinein. Im Traum befand er sich auf einem mächtigen Orlogschiff und wütete gegen sein eigenes Interesse, indem er sich alle Mühe gab, in frevelhafter Weise Hand an den schönen Fockmast zu legen. Die Säge schnarchte und stöhnte und fraß immer tiefer und tiefer. So gegen neun Uhr herum gab's denn auch ein infernalisches Nacken und Brechen und dann ein Krachen, das sich anhörte, als hätten sämtliche Stücke Salve abgegeben – und siehe da: langsam legte sich der Mast mit der gesamten Takelage, mit Salings und Marsen auf die Seite, tat noch einen letzten, herzhaften Seufzer und war dann über Bord ins Wasser gefallen. Vor dem donnerähnlichen Geplumpse fuhr der Admiral aus der Traumwelt in das wirkliche Leben zurück, saß jetzt als veritabler Jan Bottertje, als Spezereiwarenhändler, Balbierer und Ferkel-Jonkheer auf der Bettkante und simulierte in seinem konfusen Schädel darüber nach, was ihm alles passiert war. Herrgott, noch mal, war das gestern eine fidele Reise gewesen! – und wie so allmählich die verbaselten Lebensgeister klarsichtiger wurden und nicht mehr nötig hatten, jeden Laternenpfahl mitzunehmen, um noch eben Balance zu halten, da erinnerte sich auch Jan Bottertje der verschiedenen Einzelheiten und zählte bedachtsam an den Fingern herunter: »Erstens: Glatte Abfahrt von Sankt Anne ter Muiden nach Brügge. Schöne Morgenbeleuchtung. Im übrigen nichts zu erwähnen. Prompte Ankunft und Ablieferung der Kiste mit Gemälde im Packhof. Hierauf Geschäft, Einkauf en gros, laut Tütenpapier, bei Wilms und Söhne und Verpackung fraglicher Gegenstände in die leer gewordene Landkutsch. Einstellung von Amalie, Sophie und Doortje in eine unbekannte Destille am Quai de la Potterie. Zur Belohnung – erster Genever.« Jan besann sich; dann nahm er wieder den Faden auf. »Zum andern: Moritz schlägt vor – auf nach Valencia! – eine Redensart, die übrigens auch Mynheer vom Hövel in die Gewohnheit hat und die meist was Pläsierliches bedeutet. Schön! – wir also zur ,Schwarzen Katz', 'nem Lokal, wo ähnliche Leute wie Moritz verkehren: Maler, Bildhauer und solche, die's werden wollen, aber zurzeit noch in den Eierschalen sind. Im übrigen aber: alles pläsierliche Menschen, und daher – der zweite Genever. Moritz trinkt Brüderschaft mit fünfzehn Kunstgenossen und behauptet beim dritten Genever, Bernadintje sei das schönste Weib unter Sonne, und weil ihm keiner in der »Schwarzen Katz« das Gegenteil beweisen konnte, blieb es dabei, und ich, als Schwager von ihr, wurde gleichfalls fetiert, stelle beim dritten Genever Wilhelmintje auch in die richtige Beleuchtung, krieg's mit die Begeisterung und singe: Zj zullen hem niet temmen. Den fieren vlaemschen leeuw... und zwar so forsch, daß die Kunstgenossen vor lauter Anerkennung drei Bierlagen spendieren. Der Ferkel-Jonlheer soll leben und Moritz daneben! – worauf der Oberste von Moritz seinen neuen Duzbrüdern auf den Einfall kommt, der Blissinger Estaminet unsere Aufwartung zu machen – ein Vorschlag zur Güte – ganz meine Meinung – Moritz ist der nämlichen Ansicht... Also zum dritten: Auf nach die Blissinger Estaminet! – um die nächste Ecke herum – auf die erste Etage ... und siehe da: ein ähnliches Lokal wie die »Schwarze Katz«, nur mit dem Unterschied, daß alles verräucherter ist, die Kunstgenossen lange Tonpfeifen rauchen, allerhand aufgetakeltes Schiffswerk von der Decke herabbammelt und einem größere Gläser anpräsentiert werden. Auch hier lauter pläsierliche Menschen, und da ging das nicht anders – der vierte Genever, und – weiß der Deuwel warum! – ich kommandiere das Ganze, steige als Admiral de Runter auf Deck, lasse honorig vier Bierlagen anfahren, kann des schweren Seegangs wegen nur schlecht mein Beinwerk regieren, will aufs Heck, vertu' mich aber und segle die Fallreeptreppe herunter ... komme aber mit heilen Knochen davon, und da nehmen uns der Oberste von die »Schwarze Katz« und der von die Vlissinger Estaminet mit allen Kunstgenossen ins Schlepptau, verstauen uns bei der Destille am Quai de la Potterie in die Landkutsch und rufen noch: Wiederkommen! – Wiederkommen! – Jawoll! schreit Moritz und schwenkt seinen Zylinder. Wir also los mit Amalie, Sophie und Doortje. Unterwegs schwerer Seegang, aber schöne Abendbeleuchtung. Im übrigen nichts zu bemerken. Nur Moritz behauptet, so in Höhe von Damme herum sei einer von die beiden Zuckerhüte, von wegen schlechter Verfrachtung, über Bord gegangen. Kann immer passieren, aber das weiß ich selber: miserable Einfahrt gehabt – aufgestuckert – ein zweiter Zuckerhut zum Deuwel – Mann über Bord – die Kaffeebohnen fliegen man so ... und dann Triumphzug in den Thronsaal: ich und der Freund van de Koning van Preußen. Aber fidel war's doch! – wäre nur das nicht mit die verteufelten Brummers ...« Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne, warf sich gemächlich in Velvethose und Weste, lächelte bittersüß und begab sich, nicht ohne Sorge, Madam Wilhelmintje vor Augen zu treten, erst auf den Hofraum, sah mit lautem Geräusch nach der Wirtschaft, kommandierte in den Schweineställen herum, erzählte hierauf seinem Nachbar, daß er gestern ein großartiges Geschäft in Brügge gemacht habe, log dieselbe Geschichte noch einmal vor seiner eigenen Haustür einem Kunden vor, der soeben den Laden verlassen hatte, aber so lungenkräftig, daß ein Toter davon hätte aufwachen können, und das alles nur, um den Dummen zu spielen und seine hundserbärmliche Angst in die Wicken zu jagen – und dann erst, nachdem er auf diese Art den Boden vorbereitet, gab er Hals her und steuerte in die Höhle der Löwin. Aber wie das so oft im Leben passiert: wo die Not am größten ist, legen die Hühner die dicksten Eier ... denn als Jan den Thronsaal beehrte, war Moritz schon anwesend, erzählte Wilhelmintje, die noch immer fuchsteufelswild war, eine lange Geschichte über die Erlebnisse des gestrigen Tages, setzte des weiteren auseinander, daß Jan sich nur pro gloria et patria , aufgeopfert habe, denn so 'ne kleine Kneiperei wäre Mode, wenn ein Bild, das mal berufen sei, die ganze Familie honorig zu machen, an die königlich preußische Kunstausstellung in Berlin geschickt würde, und es könne äußerst übel vermerkt werden, und zwar an allerhöchster Stelle, falls man die ganze Kunstaffäre vorher nicht gründlich eingeseift hätte. Das sei nun geschehen, und Jan wäre ihm dabei ein treuer Bundesgenosse gewesen, habe sich überhaupt als Gentleman gezeigt, und er könne dem lieben Gott nur aus tiefster Seele für die Gnade danken, ihm einen solchen Schwager gegeben zu haben. Dabei schilderte Moritz in so glänzenden Farben, lobte die Fähigkeiten und den trinkfesten Opfermut seines Reisegefährten derart in den Himmel hinein, daß Wilhelmintje schließlich mit leuchtenden Augen auf Jan sah und sich die bittersten Vorwürfe machte, ein solches Exemplar von einem Helden und Menschen bis dato nicht richtig taxiert zu haben. Ja – als später die Bambocciade wirklich Furore machte, erzählte sie noch nach Jahren davon, daß eigentlich das Glück des Bildes durch die Bravour ihres Mannes, betätigt in der ›Schwarzen Katz‹ und der Vlissinger Estaminet, begründet worden sei – und das war ihr Mann, ihr angetraut vor Gott und den Menschen ... Wilhelmintje drehte sich um und um. Das ging ja über alle Begriffe! – und als Moritz hierauf noch so einen feierlichen Diener machte und ein Nelkensträußchen, das er bislang auf dem Rücken verborgen gehalten, hervorholte und ihr anpräsentierte, da war's alle mit Wilhelmintje. Mit klopfendem Busen ging sie auf Jan und Moritz gleichzeitig los, drückte beide an ihre Brust und konnte im Überschwange der Gefühle keine Worte mehr finden. Als dann noch Bernadintje erschien, sich noch einmal die Sache referieren ließ, war auch sie mit allem einverstanden und sanktionierte in aller Feier und Form die gestrige Reise. Jetzt erst wurde der letzte Nagel in die Versöhnungskiste geschlagen, was Wilhelmintje wiederum veranlaßte, eine Flasche Morgenwein zu traktieren, um auch äußerlich das gute Einverständnis zu bezeugen. Moritz war denn auch gleich bei der Sache, klingte an und sagte: »Es gibt höhere Pflichten als die Pflichten des Herzens – Pflichten, die an die Männerrippen klopfen, Pflichten, die dem Manne gebieten, im Dienste der Menschheit, im Dienste der Kunst und der höheren Lebensauffassung sich ein Gläschen über den Durst zu genehmigen. Was wollen dagegen ein geplatzter Kaffeesack, ein zertöpperter und ein verlorener Zuckerhut besagen?! – Wo die höchsten Dinge des Volkes auf dem Spiele stehen, darf man auf Bagatellen nicht sehen. Wo gehobelt wird, fallen Späne. Mögen sie fallen! – Das haben die Damen auch eingesehen. Sie haben einen ehrlichen und glorreichen Frieden geschlossen – und daher: es lebe der Damenfriede von Sankt Anne ter Muiden!« »Brav so,« nickte Jan Bottertje. Durch die Redensarten seines Schwagers geriet er derart aus dem Häuschen, daß er nicht mehr imstande war, Dichtung und Wahrheit auseinander zu halten, infolgedessen er sich kurzweg auf die Seite der Dichtung schlug, alles für bare Münze hinnahm, was Moritz aufgetischt hatte, sich für einen Ausbund von Welterlöser hielt und auch in dem Glauben selig gestorben ist, seinen Schwager zu einer Berühmtheit allerersten Ranges gemacht zu haben. »Also – der Damenfriede von Sankt Anne ter Muiden...!« »Hoch und abermals hoch!« riefen die Damen. Bernadintje hörte die Engel im Himmel musizieren. »Auch reden kann er.« meinte sie glücklich. »Herrgott, was kann Moritz nicht alles!« und sie machte dazu ein Gesicht, als wenn es jetzt die allerhöchste Zeit wäre, ihren Verlobten in die erste Kammer der Generalstaaten wählen zu lassen, wenn das holländische Volk nicht seines besten Vertreters und Sprechers beraubt werden sollte. Besonders das mit dem »Damenfrieden« gefiel ihr. Immer nobel gegen die Damen! – eine Devise, die Hand und Fuß hatte und ihr verriet, daß bei Moritz das Herz auf dem richtigen Fleck saß ... und so, unter dem Damenfrieden von Sankt Anne ter Muiden stehend, verlebten die ehelichen und bräutlichen Menschen nur glückliche Tage, voller Lerchenschlag und Sonnenschein, Tage, von denen man sagen konnte: Sie gefallen mir, und wer sie lieb hat, der hat das Leben lieb; wer sie fleißig suchet, wird große Freude haben – und sie hätten die seligen Tage auch bis zur Neige ausgekostet, wäre nicht wieder der graue Schatten von früher aufgetaucht, der sich von neuem reckte und streckte, vor dem Häuschen mit den Oleanderbäumen stehen blieb und in die erste Etage hineinsah. Und es waren häßliche, lauernde Augen, mit welchen er in die geöffneten Fenster hineinsah, ähnlich denen eines fernen Wetters, das murrend am tiefen Horizont liegt, ab und zu die alten, tückischen Lichter aufreißt und heraufkommen möchte. Noch achtete niemand auf ihn. Unbeobachtet ging er einsame Wege, über stille Felder, die schon in der Stoppel standen. Er machte sich noch nicht breit genug, um deutlich gesehen zu werden. Sein Gang war heimlich und tagscheu. Er ging wie auf Socken und schwebte wie auf Fledermausflügeln. Er war ein unheimlicher Gast, der ruhig die Entwicklung der Dinge verfolgt, scheinbar ohne Teilnahme dasitzt, kein Lächeln findet und mit insichgekehrten, regungslosen Zügen wartet und wartet, um schließlich die kalte, dürre Hand mit einem höhnischen Lachen über den Tisch der Freude zu strecken. Und wenn er sie ausstreckt ... Noch war es nicht so weit, aber das sollte bald kommen. – Im stillen Austausch von Gedanken und Plänen gingen den Liebenden die Tage hin. Sichtlich erholte sich Anna van Dornick. Mit jedem neuen Morgen, der über Sankt Anne kam, wachten in ihr neue Wunder auf. Anfangs hatte sie vor ihnen gebangt, aus Furcht, ihr Glück stände auf tönernen Füßen und über Nacht könnte sich alles in Scherben wandeln. Sie hatte die Stunden gezählt, die nach ihrer Berechnung verfließen mußten, um das abgesandte Schreiben in seine Hände zu legen. Sie verfolgte es über die vlämische Ebene, über das graue, weite Meer. Sie verfolgte es bis zur deutschen Botschaft in London. Jetzt war es in seinem Besitz. Jetzt mußte er handeln, wenn es überhaupt in seiner Absicht lag, sich ihr gegenüber für verpflichtet zu halten. Und sollte er wirklich gesonnen sein, seine Rechte geltend zu machen – der Morgen erschien, der ihr die gefürchtete Antwort ins Haus bringen konnte. Aber sieben lange und bange Tage vergingen – und die Antwort kam nicht. Er hatte sich also gefügt und konnte vergessen; vielleicht fesselte ihn eine anderweitige Neigung. Ach, wenn es so wäre ...! – und, indem sie ihre unausgesprochenen Gedanken als Tatsache hinnahm, fiel es ihr mit Bergeslasten von der Seele herunter. Mochte er glücklich werden! – Sie wollte ja beten für ihn – beten, immer nur beten ...! – aber er durfte ihre eigene Liebe nicht stören, das Meer mußte zwischen ihnen bleiben – groß, tief und unendlich. Ein sieghaftes Bewußtsein war in ihr. Noch nie waren ihr die Tage an der, vlämischen Küste so strahlend erschienen. Jetzt erst glaubte sie an den Stern ihres Lebens. Sie schmückte sich wieder und wählte Farben mit freudiger Stimmung. Reich wie eine Königin kam sie sich vor in ihrer Liebe; sie befand sich in einer Welt voll jubelnder Helle; die mißfarbigen Töne des Alltags berührten sie kaum noch. Was sie bewegte, bewegte auch ihn. Ein Blick ihrer Augen genügte, ihn wonnetrunken zu machen. Was früher geschehn war, erwähnte er mit keinem Wort. Nur seinem Freunde vom Hövel gegenüber hatte er sich in bangen Stunden ausgesprochen. Der zarte Schmelz ihrer Flügel war nicht verloren gegangen. Sie blieb eine Heilige für ihn. Er kam über ihre Vergangenheit hinweg, wie ein Vogel das Meer überfliegt, um sich auf einem fernen paradiesischen Eiland niederzulassen. Sie lebten wie auf einer glücklichen Insel, und wenn er kam, und sie sich in seine Arme hineinwarf, wenn sie am Strande weilten, das Wasser aufrauschte und ihnen erzählte, daß sie sich hier zwischen den Dünen gefunden hatten, wenn sie dann die stolzen Schiffe sahen, die so still und ruhig wie ihre eigenen Wünsche dahinfuhren – dann fühlten sie sich losgelöst von allem Irdischen, berauscht in sich und überflutet von der Welle einer glücklichen Zukunft. So vergingen Tage um Tage – und die Antwort kam nicht. Immer schöner blühte sie an seiner Seite auf, immer wieder verschob er seine dringliche Reise nach Deutschland, so schwer wurde es ihm, sich von dem Zauber des herrlichen Weibes zu trennen, denn die Spätsommertage waren so köstlich und die dunklen Abende so voll glänzender Sterne ...! – An einem solchen Abend war es auch, wo er ihr endlich gestand, daß er fort müsse. Dabei hatte er ihre Haare gelöst und sein Antlitz in die goldigen Wellen vergraben. Sie standen auf der nämlichen Düne, und die Feuer von Walcheren lagen gigantisch unter dem sternbesäten Himmel. Gottes Hand hatte ihnen die Liebesfackel entzündet; es war ein Schimmern und Zucken und ein Leuchten voller Reinheit. In glitzernden Fäden wehten ihre Haare gegen das Licht an. »Also morgen ...« sägte er zärtlich. Erst sah sie ihn erschrocken an, dann aber lag sie plötzlich an seiner Brust, die Hände fest um seinen Nacken geschlungen. »Wenn du gehen mußt, so gehe,« sagte sie schluchzend, »aber bleibe nicht lange.« »Anna-Maria ...!« »Geliebter ...!« »Liebst du mich, Anna-Maria?« »Mehr als mein Leben!« Da küßte er ihre schimmernden Augen. »Mein Weib, mein Weib!« »Ewig die deine!« Weithin klang es über das Meer fort. Die Lichter von Heyst und Blankenberghe taten ihre Perlenschnüre aus; die Flut rauschte stärker und lieh dem Abend ihre ewige Stimme. Die seligen Menschen ...! – und dennoch war es für sie der letzte glückliche Abend am Strand und unter diesem Himmel gewesen. Anderen Tages lag alles verödet. Dichte Nebel hüllten das Wasser ein. Ein feiner Regen sprühte über die Landschaft; alles gab sich Grau in Grau – und da war für sie der Abschied gekommen. – Anna van Dornick, der Prediger und Heinrich vom Hövel gaben ihm das Geleit bis nach Brügge. Als sie dort ankamen, ging bereits die schwarze Beghine durch die eingedunkelten Straßen. Sie kam vom Quai du Rosaire und schwebte an den Hallen vorüber. Sie querte die Spanische und die Flandrische Straße. Sie hatte die Augen wie immer geschlossen. Auf ihrem bleichen Wachsstock stand ein zuckendes Flämmchen. Brügge war tot. Die Laternen brannten, als wenn sie hinter Kreppschleiern ständen. Die gestaute Flut in den Kanälen schien noch unheimlicher denn an sonstigen Tagen; langsam seufzte sie an den hängenden Weiden vorüber. Hinter den Fenstern aber saß das Grauen und sah mit glanzlosen Augen durch die matten Scheiben, und da wurde das Leben zum Schlaf, der Schlaf zum Tod – und Trauerflore wehten über die vereinsamte Stadt hin. Noch einen letzten Blick warf Hans Behrend auf die verschwommenen Umrisse der Liebfrauenkirche, deren Turmspitze ungewiß in den nächtigen Himmel emporstieg. Sein Denken war dort. Es kam ihm schwer an, von der geweihten Stätte Abschied zu nehmen. »Die Liebfrauenkirche ...!« sagte er leise und drückte zärtlich den Arm der Geliebten, die schweigend neben ihm herschritt. Er beugte sich nieder und küßte ihre Stirn. Sie aber hielt ihm die Lippen hin; da fanden sie sich noch einmal im Leben. »Komme bald wieder,« sagte sie flehend und von banger Ahnung gepeinigt. Schweigend gingen sie weiter. So waren sie bis zum Bahnhof gekommen. Erasmus und Heinrich vom Hövel wandelten bereits unter der großen Halle auf und nieder. Es mochte auf neun gehn. Sie stand dicht neben ihm. Eine beklemmende Unruhe war zwischen ihnen. Kurze, bange Minuten, die sich selber zur Last fielen. Sie verfolgte die feurigen Schienenstränge, die sich im Ungewissen verloren. Von dorther mußte er kommen, der ihn forttragen sollte. Sie sagte etwas, aber der Wind verwehte die einzelnen Worte. Punkt neun Uhr brauste von Ostende der Berliner Expreß ein. »Schon so früh!« sagte sie schmerzlich. Tränen verdunkelten ihre Blicke. Ein letztes Abschiednehmen. Sie wußte nicht warum, aber alle Zuversicht war aus ihrem schönen Antlitz gewichen. »Lebe wohl!« hauchte sie tonlos und preßte ihr Taschentuch gegen die Lippen. Auch Heinrich vom Hövel war ernst und schweigsam wider Willen geworden. »Aber, Kind!« sagte Erasmus, »du weinst ja, als wenn dir jemand das Herz abstoßen wollte.« Es sollte heiter gemeint sein, um über die erste Trennung hinwegzuhelfen, und dennoch lag auch ihm ein tiefer Schmerz in der Kehle. »Fertig ...!« Bei dem harten Zuschlagen der Türe wähnte sie die Pforte ihres Lebens für immer geschlossen. Da stand sie und sah mit verweinten Augen dem Zug nach, der langsam in die Nacht hinauspolterte. Immer ferner tönte die monotone, dumpfe Musik, immer ferner und ferner. Dann verstummte sie gänzlich. Die freigewordenen, regenfeuchten Schienenstränge blitzten von neuem auf. Die Menschen verloren sich; sie aber konnte den Ausgang nicht finden. Minuten um Minuten vergingen. Insichgekehrt verharrte sie auf derselben Stelle. Das arme Herz wollte zerspringen. Jetzt fühlte sie ihre Schulter berührt. »Komm,« sagte ihr Vater. Da drückte sie ihr Taschentuch fester gegen die Lippen. Als sie die Halle verließen, traten sie in einen fließenden Nebel. Sie gingen dem Tram zu. Es fröstelte sie; immer neue Kreppschleier zogen über die tote, verwunschene Stadt hin. –. Öde, trostlose Tage folgten. Ein stetiger Wind kam von Westen her. Der grapste in die Bäume hinein und wirbelte überständige Blätter zu Boden. Ab und zu wurde hoher Seegang gemeldet. An den Molen von Hoek van Holland war ein stolzer Gaffelschoner in die Tiefe gegangen. So geschah es auch einem Dreimastvollschiff, das in die Scheidemündung hineinwollte. Einundzwanzig Menschen sahen dabei den Tag nicht wieder; der Kapitän war der letzte gewesen. Da kam Trauer nach dem benachbarten Sluis; der Verunglückte war dort geboren und war mit Jan Bottertje und Klaus Buhle in die Schule gegangen. Das brachte große Not ins Land. Auch Wilhelmintje und Bernadintje steckten ängstlich die Köpfe zusammen, denn sie mußten unwillkürlich an die Heyster Bucht denken und an die unheimlichen Geschichten, die ihnen damals vom Seelenmenschen erzählt worden waren. Er selber ließ sich nur wenig blicken. Mehr denn sonst hatte das Feuerschiff seine Mannschaft vonnöten. Es strammte die verrosteten Ketten; immer waren die Mastkörbe hoch; See auf See holte über, und in nächtigen Stunden war sein Licht wie ein gequälter Geist, der keine Ruhe mehr hatte, sich wie ein Hund auf das graue, wüste Wasser duckte, um dann wieder siegreich und wie eine blutigrote Brandrakete gen Himmel zu fliegen. Die Feuer von Knocke und Walcheren taten dasselbe. Tag und Nacht das ewige Schaukeln, das Poltern und Stampfen. Wie verfolgte Schemen kamen und verschwanden einzelne Schiffe. Nur die Sturmsegel hoch ...! – Bugspriet und Vordersteven bäumten auf und sanken dann wieder. So ging das seit Tagen. In den Wanten war ein böses Gesause. Der Kapitän mit dem Punschgesicht kam aus der Kajüte gekrochen. Er guckte über das weite, wütige Meer fort. »Goddam!« sagte er knurrig, »erst September und schon Wasser auf Großdeck.« »Je,« meinte Klaas Buhle. »Hoek van Holland hat's schon gehabt, desgleichen dito die Vlissinger. Jetzt ist's in der Heyster Bucht fällig geworden.« »Was ist fällig geworden?« »'ne Seele.« »Dann laß sie endlich vorwärts machen,« sagte der kurzbeinige Mensch, »daß wir Ruhe bekommen.« Damit zog er sich die Mütze mit dem Sturmriemen tief über die Ohren. »Man soll keine Seele berufen,« trumpfte Klaas Buhle auf, »die kommt von alleine.« » All right !« sagte der Kapitän, ließ eine schwere See über sich fortgehn und zog wieder nach achtern. Klaas Buhle streckte die Faust hinter ihm her. »Der Mensch will Seelen berufen,« meinte er heftig, »und hat keine Andacht im Herzen! Wenn's man seine nicht ist, die bald in der Heyster Bucht 'rum schwimmt und in die Kajüte 'rein will.« Er lachte grimmig auf. »Ne, keine Andacht im Herzen; aber Rum und Arrak – die hat er und ein großes Maulwerk dazu. Aber wenn sie 'rein will, wenn seine Seele 'rein will – laß sie man kommen ...« Er mußte sich an der Reling festhalten, so trotzte das Schiff auf. »Hö! – und dann ist der Spiegel zum Deuwel! – dann ist der piekfeine Spiegel zum Deuwel ...!« Das Gesause in den Wanten verschlang seine Worte. Er hielt sich breitbeinig, um nicht auf Deck geschlagen zu werden. Vor ihm lief eine riesige Welle. Die reichte von Heyst bis zur Westerschelde. Da holte er ein Glas aus dem Ölrock und sah gegen Land an. Er sah alles wüst und leer und sah, wie die See gegen die Küste stürmte, sich verzweifelt festhielt und ihren grauweißen Geifer weit durch die Lüfte warf. Viele Herzschläge hindurch klammerte sie sich an die sandigen Rippen und stierte landeinwärts. »Jetzt weiß ich's!« schrie der Seelenmensch, »die kuckt nach Sankt Anne! – Gotts den Donner, die kuckt nach Sankt Anne ...!« »Wer?!« rief der Knasterbart von Backbordseite her. »Die See!« »Wieso?!« »Kann's nicht abwarten,« sagte Klaas Buhle und steckte das Glas wieder an Ort. »Da muß einer wohl schwimmen?« »Muß er!« ächzte der Seelenmensch und geisterte mit seinen gespenstischen Augen über die aufgewühlte Tiefe. »Wenn nicht heute – dann kommt's noch.« » All right !« sagte der Knasterbart und torkelte näher. Es war ihm unheimlich auf Backbordseite geworden. »Hast du wen auf dem Kieker?« »Jawoll,« sagte Klaas Buhle. »Jemand vom Schiff?« »Ne! – hab's zuerst gemeint, aber das stimmt nicht.« Er deutete auf die mittelste Dünenreihe. »Einer von dorther,« sagte er ruhig. »Na, denn man zu,« damit gab sich der Knasterbart zufrieden und ging wieder auf Posten. »Wenn ich's nicht bin – mir kann's egal sein.« »Mir auch,« sagte Klaas Buhle. Seine Blicke waren stumpf und gläsern. Er dachte anders, wie er gesprochen hatte. Ja – er dachte ganz anders. Fast gleichzeitig sank das gierige, wilde Wasser von den Dünen zurück und schluckte eine andere Welle auf, die in derselben Breite den Strand anrollte. Gischtfetzen wurden über die Tiefen geworfen. Das gepeinigte Meer brüllte auf. Bis in Sankt Anne hinein mußte man die Gewalt des Wetters und das Stöhnen und Ächzen der Schaumköpfe vernehmen. Und so war es auch. Sie hörten es dumpf und verworren in Sankt Anne ter Muiden. Sie hörten es, als käme jemand und schlüge mit harter Faust gegen die Fensterläden, um aufzutrumpfen. Auch Erasmus van Dornick hörte es. Die letzten Tage war er nicht ausgegangen. Es war zu stürmisch und wetterwendisch gewesen. Dafür aber saß er stundenlang bei der Arbeit, eifrig damit beschäftigt, die Korrekturen in Schick und Richte zu bringen. Von befreundeter Seite gingen ihm schätzenswerte Anregungen zu, die ihn befähigten, auch den subtilsten Details seiner langjährigen Forschung Rechnung zu tragen. Gute Dienste leisteten ihm besonders die Ermittelungen Heinrich vom Hövels. Was dieser in der Bibliothek von Sankt Omer aufgetan hatte, gab zu denken und lenkte die Beurteilung über den großen Meister in ganz andere Bahnen. Die vorgelegten Auszüge und Notizen wurden von Erasmus erwogen und scharfsinnig begründet; was überholt und antiquiert erschien, zum alten Gerümpel geworfen. Die Druckbogen bedeckten sich mit enggeschriebenen Zusätzen. Er war im reinen mit allem. Sein Schaffen zeitigte eine gesegnete Fülle; die Nachlese war mehr wie ergiebig gewesen – und so, von innerer Befriedigung getragen, wuchs sein Lebenswerk über Hans Memling zu einem stattlichen Band aus. Er gönnte sich keine Ruhe. Die Arbeit erquickte ihn, aber bei seinem Sinnen und Denken vergaß er fast das Glück und die Bängnis seiner eigenen Tochter. Die graue Sorge saß bei ihr. Mit hämischer Freude raunte sie ihr Dinge ins Ohr, die sie immer haltloser machten. – Seit dem traurigen Abschied war mehr denn eine Woche vergangen. Länger als beabsichtigt hielten Behrend die geschäftlichen Pflichten fern von Sankt Anne, aber er sprach in seinen letzten Briefen davon, daß er bald zurückkehren würde. Seine Zeilen waren voll inniger und jubelnder Freude, und dennoch ... sie hatte keinen Anteil daran, vermochte es nicht, sich über ihre Ahnungen hinwegzusetzen; sie ging grübelnd umher und wußte mit ihren schweren Gedanken nichts anzufangen. Das kranke, bleierne Grau der Spätsommertage erdrückte sie. Besonders heute. Fahrig ging sie nach draußen. Ein steifer Wind hastete die Dorfstraße entlang. Bernadintje stand an der Haustür und wartete auf Moritz Dütz-Josum. Es war noch nicht Abend geworden. »Von da kann man's sehn,« sagte Bernadintje und zeigte auf den schwerfälligen Kirchturm, der in seiner ganzen gedrungenen Wucht aus den schwankenden Baumkronen aufstieg. »Was kann man sehen?« fragte Anna van Dornick. »Das Meer; es will über die Dünen.« »Aber, Bernadintje ...!« »Das wissen Sie nicht, Fräulein van Dornick? – Verschrecklich sieht es herüber und immer nach Sankt Anne ter Muiden ... und der Seelenmensch sagt ...« Wiederum zog ein fernes, dumpfes Brausen landeinwärts. Anna van Dornick ging weiter. Sie schlug den Weg ein, der zum Turm führte. Sie kannte den Eingang und war schon öfters auf der Plattform gewesen. Was wollte sie oben? Sie wußte es selbst nicht. Vielleicht fand sie Ruhe zwischen Himmel und Erde! – Als sie das Portal erreichte, trieb ihr ein Schauer abgerissener Blätter entgegen. Sie orientierte sich: erst über die Wendeltreppe, dann über die hölzernen Stiegen, die kein Geländer mehr hatten. Ihr Herz pochte unter dem hastigen Aufstieg. Endlich ...! – Nur noch einige Stufen ...! – In den Schalllöchern rumorte der Turmgeist und machte die Glocken leise erklingen. Die Töne folgten ihr mit summender Stimme; sie ließen erst von ihr ab, als sie die niedrige Ausgangstür erreichte. Jetzt stand sie oben – frei zwischen Himmel und Erde. Der Sturmwind empfing sie mit seinen luftigen Schwingen. Herrisch wurde ihr Kleid über die Plattform getrieben. Kühl wehte es um ihre heißen Schläfen. Ha! – wie das wohl tat. Seitlich lag Brügge, tief in der unendlichen Ebene. Von dort aus war er von ihr gegangen. Und vor ihr ... Ein blänkendes, ab und zu wechselndes Licht flog über die Gegend. Deutlich konnte sie die vorgelagerten Dünen erkennen und mitten dazwischen eine grauweiße Kuppe ... Sie kannte sie wieder. Dort hatte sie in ihrer glücklichsten Stunde gestanden, von dort aus hatte er sie talwärts getragen. Sie wies jede Täuschung von sich. Sie vermochte die Düne zu greifen. Sehnsüchtig beugte sie sich vor und stierte ins Weite. Es war genau um die Zeit, als der Seelenmensch auf Deck stand, und die große Welle gegen die starren Sandrippen anschlug. Just um dieselbe Stunde; keine Minute fehlte daran ... Mit grauen, glasigen Augen sah die See über die Kuppe, als suchte sie etwas, als trüge sie Verlangen nach einem menschlichen Leben. Ja – es war genau um dieselbe Stunde, da Klaas Buhle auf Deck war. Und Anna van Dornick sah die gierige Welle. Sie glaubte eine Stimme zu hören – die Stimme des Seelenmenschen. »Hö!« schrie die entsetzliche Stimme. »Die kuckt nach Sankt Anne! – Gotts den Donner, die kuckt nach Sankt Anne ...!« Verstört wankte Anna van Dornick die Stiegen hinunter. Als sie unten ankam, war Bernadintje von der Haustür verschwunden. Da straffte sie den Nacken und vergaß die häßliche Stimme, erwartete sie doch mit der Abendpost Nachricht aus Deutschland – von ihm. XV Was wollte überhaupt die furchtbare Welle! ... Nichts, gar nichts! – sie wollte nur Umschau halten, sich ein bißchen amüsieren, dann fiel sie zurück und hatte eine andere mit in die Tiefe gerissen. Was suchte auch das Meer in Sankt Anne ter Muiden? Rein gar nichts! – Klaas Buhle blieb nun einmal, was er war: ein übersinniger Prophet und Gespensterseher, der nur die Leute verdreht machte und ihnen allerlei Raupen in die Köpfe hineinfingerte. Hier gab's keine seebefahrenen Menschen, die ihr Leben für das tägliche Brot aufs Spiel setzen mußten, um Weib und Kind über Wasser zu halten; nein – von hier aus stach keiner in See, ausgenommen Jan Bottertje, aber auch dann nur, wenn er den vierten Genever hinter sich hatte und sich berufen fühlte, den Admiral de Ruyter zu spielen. Die übrigen waren alle landeingesessene Leute, die sich auf Fennen und Koppeln zu schaffen machten, ihren kleinen Handel betrieben, der Viehzucht oblagen und sich glücklich schätzten, nicht als Garnelen- und Schollenfischer in die Boote zu müssen. So ließen sie denn auch ruhig Gottes Wasser über Gottes Sand und Dünen laufen, freuten sich ihres Lebens und nahmen die Dinge eben hin, wie sie waren, gerade wie Moritz es tat, der ums Abendläuten in dem traulichen Häuschen vorsprach, um noch vor Schlafengehen ein gemütliches Liebes- und Plauderstündchen mit Bernadintje zu halten. Es war pudelbehaglich in der niedlichen Stube; der porzellanene Kanarienvogel sah äußerst pläsierlich durch die Messingtraljen, während die beiden Zeiger der Standuhr langsam auf dem mit ziegelroten Nelken bemalten Zifferblatt vorrückten, und der schwere Perpendikel jeden Hingang einer Sekunde mit lautem Tacken markierte. Aber den Glücklichen schlug keine Stunde. Dicht nebeneinander gerückt, fühlten sie den Abend kommen und horchten auf das Seufzen des Windes, der an den Fensterläden herumrappelte, allerhand konfuses Zeug erzählte und durch die Ofenröhre näselte, als wenn er auf einer Schweinsblase dudelte. Einzelne Leute gingen schattenhaft am Fenster vorüber. Mit vorgebeugtem Oberkörper steuerten sie gegen den Wind an. Bald mußte auch der Postbote kommen. Moritz hatte sich ein Pfeifchen angebrannt. Den rechten Arm um die stattliche Taille Bernadintjes gelegt, gab er sich angemessenen Betrachtungen hin, die alle darauf hinausliefen, bald Hochzeit zu machen und sich einen eigenen Hausstand zu gründen. Nichts störte ihn bei seinem Sinnen und Denken. Nur ab und zu drang der heisere Schrei eines verschlagenen Seevogels herunter, der hoch durch die Lüfte fuhr. Innig an seine Brust geschmiegt, setzte Bernadintje so recht verliebte und kregele Äugelchen auf, drängelte sich näher an ihn heran und sagte, indem sie ihm mit dem Zeigefinger in die kurzen Rippen tippte: »Moritz, du simulierst über 'ne schöne Geschichte.« »Ach, Bernadintje ...!« »Du meinst also ...?« Natürlich meinte Moritz. »Und ob!« rief er zärtlich und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf, »denn sieh mal: wir haben zwar verabredet, erst im Frühjahr zu heiraten – aber wenn ich das so überdenke, dann ist es mir gerade, als sollten wir zuerst nach dem Mond reisen, bevor wir so recht gemütlich ... und da habe ich mir denn überlegt, Bernadintje ...« Sie hatte sich noch näher gedrängelt. »Was hast du dir denn überlegt?« fragte sie mit verschämtem Lächeln. »Daß wir schon so um Niklas herum ... Weißt du: da ist so ein recht knuspriges Wetter, und die feinsten Ehen werden im Winter geschlossen.« Und nun legte Moritz los und schilderte die Vorzüge des Winters in den gewagtesten Redewendungen. Herrgott – sollte das ein Leben und eine Hochzeit werden! Selbstverständlich wurde im Thronsaal gefeiert – und das mit allen Schikanen. Außerdem mußte Jan sein Fuhrwerk hergeben, um eine kleine Hochzeitsreise machen zu können. Und wenn dann Weihnachten kam, die Kälte bissig durch die Schlüssellöcher vigilierte, und die Sterne im kalten Mondschein erfrieren wollten – und wenn dann die ganz kleinen Wachslichtchen am Tannenbaum brannten, und ein schöner, harziger Winterduft in die Nasen kribbelte, dann saßen sie so recht bedachtsam am Kamin und sangen dazu: Stille Nacht, heilige Nacht ...! – und sie knackten Walnüsse und Mandeln hinterher und tranken dazu Punsch aus einer großen Suppenterrine. Das war überhaupt gar nicht auszudenken – die Sache! »Was, Bernadintje?!« rief Moritz und wartete darauf, was sein Bräutchen zu all den geschilderten Herrlichkeiten sagen würde. Aber Bernadintje sagte überhaupt gar nichts. Beide Arme um Moritz' Nacken geschlungen, ruhte sie wie ein kleines Mädchen an seiner Brust, das in einen großen Guckkasten hineinsah und all die schönen Bilder bewunderte, die in stetiger Folge an den glücklichsten Augen vorbeizogen. Moritz hatte noch viele Dutzend solcher Bilder auf Lager. Er war gerade dabei, eins der niedlichsten vor die Augenlinse zu schieben – ein Bild, das vom kommenden Frühling, von Primeln und blauen Veilchen erzählte, als der Bote am Fenster vorbeikam und dem Hausflur zusteuerte. »Was da für uns?« fragte Moritz, indem er die Flurtür öffnete. Der Briefträger blätterte in seiner Ledertasche zwischen den Postsachen herum. »Nix, Mynheer,« sagte er endlich, »aber 'ne eingeschriebene Sache für Fräulein van Dornick.« Gemächlich ging er den eingedunkelten Hausflur entlang und stieg dann nach oben. Nochmals ließ sich der heisere Schrei des verschlagenen Seevogels hören. Er schwebte jetzt genau über dem kleinen Häuschen, aber tiefer, viel tiefer ... Unbewußt horchten die beiden auf den einsamen Flieger. Moritz hatte sich wieder an die Seite Bernadintjes begeben. Es war mittlerweile so dunkel geworden, daß sie kaum die einzelnen Gegenstände im Zimmer zu unterscheiden vermochten. Nur das Fenster stand mit seinen weißen Gardinen fleckartig in der grauen Umgebung. Einem Liebeslaternchen nicht unähnlich, leuchtete der glimmende Tabak aus der Sofaecke heraus und tänzelte dort auf und nieder, je nachdem sich der Kopf der kleinen Pfeife bewegte. »Herrgott, Bernadintje ...!« Immer neue Bilder! Moritz half nach. Seine Palette schien unerschöpflich geworden. Die feinsten Kulören setzte er in das Liebesidyll und in die Frühlingslandschaft hinein. Bernadintje spürte ordentlich den Duft von Primeln und Veilchen. Auch Gänseblümchen und Waldanemonen waren dazwischen. Pfingstrosen erhoben ihre strotzigen Köpfe, Akelei und Jelängerjelieber blühten auf schön abgezirkelten Rabatten; sie brauchte nur zuzugreifen, um all die lieblichen Frühlingskinder zu einem Strauß zu vereinen ... »Herrgott, Bernadintje ...! – und wenn dann der Deckel von der piekfeinen Ehekiste zugemacht ist, dann wird in Sankt Anne geblieben, so 'n nettes Atelierchen wird angebaut, und du brauchst nur die Schürze aufzuhalten, um den Mammon mit 'nem schönen Knicks in Empfang zu nehmen. Hosianna – uns Menschenkindern!« Glückstrahlend hob er das propere Weibchen in die Höhe. »Du erdrückst mir! – ich kann ja keinen Atem mehr kriegen ...! Aber schön ist's doch!« – und da standen die beiden Leutchen in der umdüsterten Stube, hatten nur sich, dachten nur an sich, ließen den Sturm brausen und achteten nicht darauf, daß die Tonpfeife am Boden zerschellt war, und die glimmenden Tabakspartikelchen sich wie Glühwürmchen in die Binsenmatte eingelegt hatten. Bernadintje wollte vor innerer Seligkeit aufjubeln, hätte es auch wirklich getan, wäre da nicht plötzlich eine unliebsame Störung gekommen. Eiskalt lief es ihr über den Rücken. »Moritz, da draußen ...!« Mit hartem Knöchel wurde gegen die Scheiben getrommelt – und dann eine Stimme: »Herzensjunge, Mensch, du veritabler Glückspilz ...!« Es klang so, als riefe eine Donnerstimme gegen den Wind an. Die beiden im Zimmer standen sprachlos. ›Der veritable Glückspilz‹ wiederholte sich noch etliche Male in derselben Stärke: erst draußen, dann im Hausflur, hierauf zwischen Tür und Angel – und dann präsentierte sich Heinrich vom Hövel, den Hut auf dem Kopf und mit einer zusammengeknifften voluminösen Zeitung hin- und hergestikulierend. »Was los?!« rief Moritz, aber so verdutzt, als wäre sein Freund direkt aus den Wolken gefallen. »Kommt noch!« replizierte dieser, »aber erst Licht, Licht, Licht – Bernadintje!« Ungeduldig schlug er mit dem gefalzten Zeitungsblatt auf den Tisch. Bernadintje konnte zuerst die Streichhölzer nicht finden. Der Schreck war ihr in die Glieder gefahren, – Endlich! – jetzt blitzte ein helles Licht auf, jetzt brannte die Lampe – und da stand Heinrich vom Hövel schon da wie einer, der einen Herzogsmantel zu vergeben hatte. Die Zeitung auseinandergespreitet, begann er: »Gut Holz, Moritz! – Moritz, du hast ›alle Neune‹ geschoben! – Honnör über Honnör! – Von A bis Z ein einziger Dithyrambus, eine Hymne, eine Psalmodie mit Pauken und Harfen! – Aufgepaßt ...!« – und dann gab er stoßweise etliche herausgegriffene Sätze und Schlagwörter der ausführlichen Besprechung zum besten. »Also! – Keine unreifen Pubertätssentimentalitäten ...! – In Parenthese: wörtlich, mein Junge. – Entfernt von abgegrasten Chausseegräben wandelt er seine eigenen Pfade. Keine schmutzige Spekulation auf Verblüffung des Kunstpöbels ... Alles mit festen Strichen niedergelegt. Das lacht, wiehert und jubelt einem entgegen. Hic Rhodus, hic salta – aber wie tanzt der Mensch auch! – Keine gangbare Alltagsware, kein trostloser Zopf, keine gequälten Allegorien ... Geschaute Natur bis in die Zehenspitzen hinein, und das mit einem Können hingepinselt ...« »Herrjeses!« rief Moritz. »Abwarten! – es kommt immer noch besser,« gab der Vorleser zurück und ließ den Rücken seiner rechten Hand auf das Papier knallen. Dann schöpfte er tief Atem, gleichsam um das, was noch zu sagen war, mit der richtigen Verve vorlesen zu können. »Also weiter im Text! – Der ganze Farbenauftrag: pastos, schummrig ... Eine prachtvolle Fanfare altniederländischen Behagens und grotesken Humors ... Kompagnie Jan Steen und Moritz Dütz-Josum ... Endlich mal eine bodenständige Kunst ... Hut ab! – ein Apostel der Zukunft und eines neuen Evangeliums ist mit diesem Meister in die Erscheinung getreten ...« »Hör' auf!« fiel ihm Moritz ins Wort. »Mit den Lorbeerblättern kann man ja fünfundzwanzig Sauerbraten frisieren und garnieren.« »Aber schön ist's doch,« schmunzelte Bernadintje in sich hinein und schob den rechten Arm in den ihres Geliebten. »Es kommt immer noch besser ...!« »Dann man weiter,« sagte Bernadintje und stand so siegesgewiß und geehrt da, als sei der Oberzeremonienmeister der Königin von Holland mit dem Auftrag erschienen, sie müsse sofort ihr Bestes anziehn und mit nach dem Haag kommen, denn ›Ons Wilhelmintje‹ könne ohne sie absolut nicht mehr fertig werden und wolle sie partout zur ersten Hofdame machen. Erwartungsvoll und mit glücklichen Augen sah sie auf Heinrich vom Hövel. »Und somit zum Schluß,« sagte dieser. »Nochmals in Parenthese: alles wörtlich, mein Junge. – Was andere nicht konnten, er hat's fertig gebracht. In seiner ungestümen, burlesken Schöpfungskraft verhilft er uns zu einem allbefreienden Lachen. Endlich die Kunst der Erlösung ...! – Was wollen die Neueren gegen ihn? – Adolf Schrödter in seiner Dulzinea Toboso? Nicht übel – man lächelt. Hasenclever in seiner Jobsiade? Desgleichen – man kichert. Aber Moritz Dütz-Josum ...? – Wer kannte bis heute Moritz Dütz-Josum?! – Wallfahrtet zu ihm! – Pilgert nach seiner Bambocciade, und ihr werdet´s mir zu danken wissen. Beim Anblick dieses saftig vlämischen Bildes kommt man nicht in die Verlegenheit, entweder lächeln oder schmunzeln zu müssen. Von diesem Erzeugnis geht eben ein kategorisches Muß aus, und daher: man schwankt mit offenem Munde, man wälzt sich und wird erschüttert unter einem eruptiven Gewieher. Kurzum – das Ganze ist mit einer Selbstherrlichkeit und gleichsam aus einer treffsicheren Pistole auf die farbenfreudige Leinwand geschossen, und somit kann es nicht wundernehmen, daß sogar die Dreimalheiligen einer königlichen Nationalgalerie sich bemüßigt fühlen dürften, die Finger zu strecken, wenn sie nicht wollen, daß irgendein Dollarbanause ... Das Werk dieses Genies muß eben im Lande bleiben. Es wäre sonst ein trostloser Zustand. Und dieses Genie ...« Heinrich vom Hövel hielt sich nicht länger. »Gratulor, Moritz ...! – Kegelkönig ...! – Moritz, du hast ›alle Neune‹ geschoben!« »Marasmus!« schrie Moritz und lag an der Brust seines Freundes. »Und das heißt ...?« fragte er, nachdem er einigermaßen aufatmen konnte. »Daß du ein Kerl bist.« »Menschenskind, das hab' ich dir zu verdanken!« brach es aus ihm heraus. »Nein – du, aber deinem verteufelten Können.« »Die Landkutsch ist es gewesen!« »Meinetwegen, mit Inbegriff von Amalie, Sophie und Doortje!« »Und der da!« rief Moritz, machte sich frei und faßte Bernadintje rund um die Taille. »Ach, Gott – ich!« sagte diese und wischte sich mit ihrem Schürzenzipfel über die Augen. Sie wagte den Gefeierten kaum anzusehn, so überirdisch kam er ihr vor. Sie hatte schon Angst, Moritz wäre zu gut für sie und die profane Erde, er würde kleine, goldene Flügel bekommen, um in seiner ganzen Herrlichkeit aufwärts zu fahren – aber Moritz dachte gar nicht ans Fortfliegen, er stand so ruhig und sinnig da, wie er damals gestanden hatte, als Jan Bottertje auszog, um die Bettstelle aus Brügge zu holen. Auch jetzt horchte er auf weltverlorene Töne, nickte seinem Freunde zu und meinte: »Ich danke dir, Heinrich.« Die hellste Lebensfreude überzog sein armseliges Gesicht. Auch dieses Glück ging vorüber. Lautlos und auf Strümpfen hatte es sich aus der Türe geschlichen. Die drei sahen sich plötzlich und wie auf Verabredung an, denn über ihnen wurden heftige und erregte Männerschritte hörbar. Alle kannten die Art und Weise des Predigers, aber in einer solchen nervösen Hast war er noch niemals auf- und niedergegangen. Es war ein unheimliches Gehen und Schreiten. Ab und zu verstummte es,um dann wieder mit erneuter Heftigkeit zu ertönen. Vereinzelte, kurz herausgestoßene Worte drangen nach unten, die trotz des Unverständlichen, was sie an sich hatten, doch eine tiefe und schwere Erregung verrieten. Bernadintje schaute ängstlich zur Decke. »Da muß was passiert sein,« sagte sie kleinlaut, indem sie Heinrich vom Hövel ansah. Der aber schwieg und tat so, als höre er auf das Winseln des Sturmes, das immer beklommener wurde. Auch das harte Gehen verlor sich. Eine qualvolle Stille folgte, die jäh durch einen wehen Schrei zerrissen wurde. »Mein Gott und mein Heiland!« rief Bernadintje. »Moritz, was war das?« fragte Heinrich vom Hövel. Auch er schien besorgt. »Das war schon soeben,« erwiderte Moritz, »und kommt jetzt von der Priesterkoppel her. Der verschlagene Vogel kann nicht gegen das Meer an.« »Ach, was!« sagte vom Hövel. Er riß einen Fensterflügel auf und horchte hinaus. »Nie und nimmer,« meinte er schließlich, »das kommt von hier oben.« Mit dem war auch Klaartje ganz verstört ins Zimmer getreten. »Was bedeutet das, Klaartje?« »Mynheer,« sagte sie ängstlich, »ich weiß es ja selber nicht. Aber es hat da oben angefangen, seitdem der Briefträger fortging. Ich mußte die Postsachen 'reintragen. Auch 'ne Depesche war drunter. Und dann ist das Elend gekommen.« Heinrich vom Hövel verfärbte sich. Ein dumpfes Empfinden kam über ihn. Er ahnte das Vorgefallene, allein seine Gedanken wurden wie steuerlahme Schiffe aus der Richtung geworfen. Bernadintje legte ihm die Hand auf die Schulter. »Mynheer, wollen Sie nicht einmal 'raufgehn?« Auch Moritz kam näher. »Du kennst sie ja besser, als wir alle zusammengenommen ...« »Nein,« sagte Heinrich vom Hövel und machte eine abwehrende Bewegung. »Wo man nicht helfen kann, soll man Verblutende allein lassen.« »Was willst du damit andeuten?« fragte Moritz Dütz-Josum. Er verstand nicht den Sinn der hingeworfenen Worte, aber soviel fühlte er doch heraus, daß sein Freund mehr wußte, als er zu sagen gewillt war. Heinrich vom Hövel ergriff seine Hand. »Du hörst später davon,« sagte er leise; dann trat er ins Freie. Er ging dem Postamt zu. – Trübgraue Wolken räkelten sich über ihn fort; nur vereinzelte Steine waren dazwischen. Der Wind kam noch immer steif aus Westen, aber er war flauer geworden. Die wenigen Laternen in Sankt Anne warfen ein flackeriges Licht über die Straße. Trotz der vorgerückten Stunde tönte noch öfters die Klingel im Jan Bottertje'schen Anwesen. Leute kamen und gingen, um für den morgigen Tag ihre Einkäufe zu machen. Wilhelmintje hantierte hinter der Theke, wog Grießmehl und Kaffeebohnen ab und knüllte die Papiertüten zusammen. Alles ging ihr fingerfertig von den Händen herunter. Heinrich vom Hövel warf einen flüchtigen Blick in den Laden. Als er das kleine Haus hinter sich hatte, lief gerade der Tram ein, der Verbindung mit dem Ostender und Blankenbergher Express hielt. Es mochte auf neun gehn. Gleich darauf stampfte und polterte der Zug wieder durch den trübseligen Abend. Er fuhr über Westkapelle nach Knocke. Gleich einer Schlange glitt er vorüber. Heinrich vom Hövel konnte ihn lange verfolgen. Er sah es an den erleuchteten Bäumen, die mit dem Schienenstrang liefen. Lichte Funken wurden aus der Maschine gen Himmel geschleudert. Noch lange gellte das Stampfen in seinen Ohren nach. Beim Postamt begegneten ihm die Passagiere des eben abgefahrenen Zuges. Es waren nur wenige Leute, die schwerfällig gegen den Seewind ankämpften. Er kannte niemanden von ihnen. Was kümmerten ihn auch die wildfremden Menschen ? – aber da was es ihm plötzlich, als wenn sein Puls aussetzen wollte. Wie aus dem Nebel eines Traumes erwachend, stand ein scharfumrissenes Stück Vergangenheit vor ihm, aber so deutlich, daß er es mit den Händen greifen konnte. Unter dem Licht der letzten Straßenlaterne traten ihm bekannte Augen gegenüber. Und diese Augen ... Blitzartig flogen sie in die seinen und schienen ihn festzuhalten. Die beiden Männer, die vor langen Jahren mal die nämliche Schulbank gedrückt und Freundschaft geschlossen hatten, erkannten sich wieder. Keine drei Schritte trennten sie auf vlämischer Erde – aber Heinrich vom Hövel ging weiter. Er hatte einen Fluch zwischen den Zähnen. »Der fehlte noch,« sagte er heiser und schlug sich mit der Faust gegen die Stirne. »Mensch, deine Anna-Maria ...!« Er verschluckte die letzten Worte. Es saß ihm wie eine würgende Schlinge an der Kehle. Er sah Funken und Feuer. Klopfenden Herzens betrat er das Postamt, wußte sich, trotz der späten Zeit, noch Gehör zu verschaffen, riß ein Depeschenformular vom Block und schrieb in fliegender Hast. Nur wenige Worte ... dann las er: »Dringlich! – Sofortige Rückkehr geboten. Dein Heinrich vom Hövel.« Als er das Postamt verließ, holte die Uhr aus. Mit langen Schlägen zog die neunte Abendstunde über Sankt Anne ter Muiden. – – – Der Prediger hatte seinen Rundgang wieder aufgenommen. Er war allein in der Stube. Wie ein Tier im Käfig ging er im Zimmer auf und nieder, hastige Worte zwischen den eingekniffenen Lippen zernagend. Über sein glattrasiertes Gesicht lief ein gramvolles Lächeln, das zeitweilig einen verzweifelten Charakter annahm. So war er schon seit einer halben Stunde gegangen. Jetzt blieb er stehen. Er hörte auf die einzelnen Schläge der Turmuhr. »Neun Uhr,« sagte Erasmus van Dornick, verstrickte die Hände und nahm wieder seinen rastlosen Gang auf. In der Mitte eines kleinen Tisches stand eine brennende Unschlittkerze. Sie tropfte und weckte ein klingendes Geräusch auf der Schale des Messingleuchters. Vor diesem Licht drängte der gigantische Schatten des Predigers gegen die Wand an, streckte sich bis zur Decke, um dann wieder in sich zusammen zu schrumpfen und über die Dielen zu kriechen. Der Prediger glossierte über seinen eigenen Schatten. Er erinnerte ihn an ein Begebnis aus vergangenen Tagen. Wie jener so schlich auch dieses hinter ihm her, duckte sich hündisch, um dann plötzlich aufzubäumen, als sei es gewillt, sich mit brutaler Gewalt auf ihn zu stürzen. Das alte Grauen war wieder da, die Angst vor einem Unglück, das sich aufgerafft hatte und drohend emporstieg. Mit einer ruckweisen Bewegung fuhr er sich durch die grauen Haare. Sein Blick umfaßte ein schlichtes Stück Papier, das neben dem Leuchter auf dem niedrigen Tisch lag. Es verursachte ihm ein schmerzhaftes, qualvolles Gefühl. Krampfhaft stöhnte er auf. Der Untergang seines Hauses trat ihm vor die Seele. Er tastete danach – er hatte die Depesche ergriffen, zerknitterte sie mit unbarmherzigen Fingern und warf das Zerknüllte in eine Ecke des Zimmers. Erasmus hatte gute Augen und den Blick eines Kindes. In ihm ruhte eine selige Unbefangenheit und der ganze Friede eines schuldlosen Herzens. Aber er konnte aufflammen wie eine drohende Wolke. Und jetzt flammte sein Blick auf. Starr war er auf die Türe gerichtet. Im unsteten Kerzenlicht schienen seine Züge aus Holz geschnitten. Keine Fiber zuckte darin. Er war wieder der Alte – der Alte von früher, der auf der Kanzel stand, in Menschenleben hineinwetterte und den Abtrünnigen gebot: In die Knie – ich will es. Auch sein Schatten hatte das Nervöse verloren; ruhig lehnte er sich gegen die Wand und wartete darauf, ob und wann sein Herr den Rundgang wieder beginnen würde. Aber der stand am Boden geschmiedet. Erregte und rührte sich nicht. Eine eisige Kälte glitt an seinem Körper herunter. Unter dieser eisigen Kälte wurden seine Züge noch härter denn vorhin. Die Knöchel der rechten Hand auf die Tischkante gestützt, neben sich das Flackerlicht der Kerze, stierte er die Tür an, als müsse er sich durch die Bretter hindurch vergewissern, ob jemand draußen stände. Er erwartete jemand – und in dieser Erwartung ähnelte sein Antlitz dem eines Mannes, der sich mit geballter Faust gegen die Brust klopft und in die Worte ausbricht: Ich weiß, was kommen wird – und das ist furchtbar. So auch Erasmus. Er sah in den gegenüberliegenden Spiegel, er sah, wie sich seine Lippen bewegten; er las sich selber das Wort von den Lippen herunter. Eine Stelle aus dem Buche Hiob trat ihm in den Sinn. Er zitierte die Stelle. Seine Worte waren eckig und kantig und hart, und also sprach er: »Ich wollte nur das Gute – und es kam das Böse. Ich hoffte auf das Licht, und siehe – es kam die Finsternis.« Er tat einen tiefen Atemzug. »Und es kam nur die Finsternis,« sagte er herbe. Gleich darauf hörte er unten die Klingel. Dann kamen hastige Schritte. Er vernahm Klaartjes Stimme – und noch eine andere Stimme. Wider Willen überlief ihn ein fröstelnder Schauder. Er fürchtete die Nähe einer unsichtbaren Gewalt, die Macht über ihn hatte und ihn zu beugen versuchte. Allein er beugte sich nicht. Nicht er, sondern sie mußte sich ducken. »In die Knie – ich will es.« Jetzt hörte er nichts mehr. Der Sturm, der fast eingeschlafen war, hatte sich nochmals erhoben. Er orgelte im Hausflur und rüttelte an den Fensterkreuzen. Der Prediger warf einen flüchtigen Blick durch die Scheiben. Eine plötzliche Mondhelle durchbrach die vorüberjagenden Wolken. Er sah die gegenüberliegenden Häuser aufleuchten. Weiterhin standen tiefschwarze Bäume. Die Helle aber währte nicht lange. So schnell wie sie gekommen war, ebenso verschwand sie auch wieder. Das vorige Dunkel fiel auf die Dächer zurück. Mit finsteren Augen sah der Abend ins Zimmer. Jetzt waren die Schritte auf den Stiegen. Die Stimmen kämpften vereint gegen den Sturm an. Sie kamen näher. Jetzt waren sie im oberen Hausflur. Der Prediger lachte bitter und gequält auf. Draußen fragte Klaartje: »Mynheer, soll ich vielleicht ...?« Eine unverständliche Antwort erfolgte. Sie mußte aber verneinend gewesen sein, denn ein gedämpftes Klappern von Holzschuhen ging wieder nach unten. Der Prediger sah durch die Planken hindurch, wie sich die Hand des Eindringlings auf die Türklinke legte. Dann klopfte es an. »Herein!« sagte Erasmus van Dornick. XVI Als hätte ihn der Odem des wieder abflauenden Sturmes ins Zimmer getragen ... Unheimlich standen sich die beiden Männer gegenüber: er – Fritz Heiking und Erasmus van Dornick, jeder die Frage auf den Lippen: Was soll nun werden? Keiner schien die Antwort zu finden. Sekunde reihte sich an Sekunde; das Schweigen hielt an, zeitweilig unterbrochen von dem melancholischen Seufzen des Windes, der, in sich zusammengefallen, nur greisenhaft zu winseln vermochte. Das Kerzenlicht warf eine matte Helle über die einsamen Menschen. Sie kannten sich nur flüchtig, persönlich nur flüchtig; die gegenwärtige Stunde sollte sie näher zusammenbringen. Die Stille wurde quälend. Unaufhörlich spann sie ihre trostlosen Fäden. Aber schließlich mußten sie reißen – und Erasmus zerriß sie. »Also Sie, Herr Geheimrat ...?« Seine rechte Hand umspannte krampfhaft die Tischkante, als er die wenigen Worte herausgebracht hatte. Der Angeredete fand eine zeremonielle Neigung des Kopfes; im übrigen verharrte er in seiner vornehmen Gelassentheit. Und wieder das dumpfe Brüten von eben. Einen Augenblick beugte sich der Prediger vor dieser Ruhe. Aber seine Blicke waren die alten geblieben; sie sahen dem Eindringling bis in die innerste Seele. Es gibt Menschengesichter, die einschmeicheln, die etwas Anziehendes haben und dennoch mit scharfen Linien durchpflügt sind. Sie üben eine magische Kraft aus und spiegeln die Leidenschaft wider, die, alle Rücksicht beiseite schiebend, lediglich die eigene Tat anbetet und im Weib nur ein gefügiges Werkzeug vermutet. Es sind Janusgesichter. Sie atmen Lebensfreude und haben dennoch ein hippokratisches Lächeln. Sie sind zu faszinierend, um schön zu sein. Sie haben einen klassischen Anflug. Sie sind gefährlich wie Rätsel. Ein solches Gesicht zeigte sich ihm. Der Prediger reckte sich auf. Unter seinen harten Brauen lag etwas Starres, Brennendes. Er hatte um das Glück seines Kindes zu würfeln – und da stand der Mensch, der es ihm streitig machte. »Und der Zweck Ihres Kommens ...?« fragte er heftig. »Dürften Sie wissen,« kam es frostig zurück. »Brief und Depesche sind klar und deutlich gewesen. Sie müssen den Ernst, der darin liegt, herausgefühlt haben.« »Und das so spät, Herr Geheimrat? – wo Sie doch in einer klaren Begründung benachrichtigt wurden ... wo man Ihnen nahelegte ... Offen gestanden: Sie wurden nicht mehr erwartet.« »Also nicht mehr erwartet. Ich meine: auch von ihr nicht ...? – Ich bitte darum, Ihnen Erklärung geben zu dürfen. Eine dringliche Mission, lediglich politischer Natur, rief mich ganz unvorhergesehen von der englischen Botschaft. Ich will mich deutlicher ausdrücken. Der mir unverständliche Brief Ihrer Fräulein Tochter hatte das zweifelhafte Glück, seine Reise nach Berlin über London zu nehmen. Tage um Tage vergingen. Das stürmische Wetter setzte dem Unheil die Krone auf. – Er gelangte zu spät in meine Hände – sonst: ich wäre früher gekommen.« »Und Sie gedenken auch jetzt noch ...?« »Gewiß. Andernfalls wäre es unbesonnen von mir, mich dieser heiklen Situation auszusetzen. Sie ist mehr als verzweifelt, und es erübrigt nur, der vorgerückten Stunde wegen um Nachsicht zu bitten.« »Die Stunde ist gut. Stündlich, bis tief in die Nacht hinein, sind mir liebe Menschen willkommen. Sie aber« – und die Stimme des Predigers nahm einen schärferen Ton an – »Sie führt nichts weiter nach hier, als unsern Frieden zu stören.« »Sie irren. Ich kam, um Ihnen den Frieden zu bringen.« Ein herbes, kurzes Lachen schlug ihm entgegen. »Eine seltsame Logik! – eine Logik, die Sie, Herr Geheimrat, schon vor etlichen Jahren in die Tat übersetzten, als Sie ein harmloses Menschenleben zu betören versuchten – und leider betörten, und dieses Menschenleben die Kraft nicht besaß, Sie in die Schranken zu weisen.« »Hochwürden ...!« »Ich ersuche Sie, mich nicht zu unterbrechen. Was soll das Erstaunen? Legen wir doch alle konventionellen Floskeln beiseite – auch die des Erstaunens. Jonglieren wir nicht mit diplomatischen Künsten, vornehmlich dann nicht, wenn sie total aus der Rolle fallen und fallen müssen. Um was es sich handelt, das wissen wir beide – Sie so gut als ich, und deshalb sind alle Zickzackgänge vom Übel. Der gerade Weg ist der beste. Kurz und bündig: auf das, was Sie fertig gebracht haben, können Sie stolz sein. Ich gratuliere.« Heiking fuhr kurz auf. Gereizt hatte er seinen Zylinder auf den Kaminsims geschoben. Seine Züge jedoch blieben kalt und bewegungslos. »Und die Begründung der aufgestellten Voraussetzung ...?« »Ist diese,« sagte Erasmus. »Sie wollen sich und mir eine qualvolle Stunde bereiten; es sei denn. Sie wissen, wie ich gleich beim ersten Entstehen die verderbte Leidenschaft aufgefaßt habe: sie war sündig bis in den Wurzelstock hinein und hat es fertig gebracht, unsägliches Elend über mich und mein Haus zu bringen. Glauben Sie mir: hier sitzt das und würgt das, und mein ganzes Dasein hat darüber Schaden genommen. Ich bin der letzte, der meine Tochter verteidigt, der sie verteidigen möchte. Das steht mir nicht an und darf mir nicht anstehn. Auch sie hat ehrlich dafür gesorgt, eine verfängliche Situation zu schaffen – aber Sie, Herr Geheimrat ...« Er verflocht seine Fingergelenke. »Aber Sie, Herr Geheimrat, luden sich eine doppelte Schuld auf – gegen mein Kind und der gegenüber, von der ich nicht annehmen will, daß sie das Opfer dieser Verfehlung geworden ist. Gebe der Herr, daß sie nicht am gebrochenen Herzen dahinging.« Es lag etwas in der Luft wie vor einem Gewitter. Unsicher vor sich hinblickend, klemmte Heiking die Unterlippe zwischen die Zähne. Die zusammengelegten Handschuhe zog er langsam durch die aristokratischen Finger. Er fühlte die Blicke des Predigers auf sich gerichtet. Aus den soeben gehörten Worten wuchs die Anklage heraus – immer größer und größer ... Sie war drohend geworden. »Ihren Standpunkt in Ehren,« meinte er schließlich, »aber was soll das alles? Lassen wir doch das Peinliche der vergangenen Tage. Es bringt uns nicht weiter. Was tot ist, ist tot. Das müssen auch Sie begreifen. Ich hab's überwunden.« »Sie – aber nicht ich. – Nein, Herr Geheimrat, im Punkt der Ehre und der Moral erkenne ich nur einen Kodex an. Darüber hinaus liegt die Sündflut – und mir liegt es ob, gewissenhaft nach seinen Regeln und Normen zu handeln.« »Das soll also heißen ...?« »Die Folgerung daraus überlasse ich Ihrem Ermessen.« »Hm, pardon! – wenn Sie damit sagen wollen, Hochwürden, daß ich mich auf wankendem Boden befand – damals, als die Liebe sturmartig über mich hereinbrach, als ich trotz meiner Schuld vom Besten beherrscht war: Sie mögen recht haben, und ich unterfange mich nicht, Ihnen dieses abdisputieren zu wollen.« »Wäre auch fruchtlos. Die Anklage besteht, sie haftet Ihnen als Makel an, sie läßt sich durch nichts beschönigen – und es wäre besser gewesen, Sie hätten die Schwäche des Herzens, das Ungezügelte einer verdammenswerten Neigung im Interesse der Moral und einer gesunden Vernunft zu unterdrücken verstanden.« »Noch besser, Hochwürden, wir ließen die Vergangenheit ruhen.« Heiking verfärbte sich. Eine flackernde Röte warf sich jäh über sein Antlitz. Er zuckte die Achseln. »Ich habe nur menschlich gehandelt.« »Allerdings, sagte Erasmus mit bitterer Schärfe, »aber es gibt Menschliches, das hart am Verbrechen und der göttlichen Satzung vorbeistreift.« »Hochwürden, ich habe gebüßt,« und die Faust des Sprechers fuhr gegen das Herz. »Was ich besitze oder zu besitzen glaube, ist aus tiefem Leid hervorgegangen, und jetzt, wo ich Erdreich unter den Füßen habe, liegt mir der Wille und die heilige Pflicht ob ...« »Was – heilige Pflicht?!« hielt ihm der Prediger mit wachsender Stimme entgegen, »höchstens eine eingebildete Pflicht, eine verkehrte Pflicht, die jämmerlich zusammenbrechen muß, wenn ich mich gezwungen sehe, meinen Appell an die Tote zu richten.« Mit beinah starrem Ausdruck sah er seinem Gegner ins Auge. Unwillkürlich wich Heiking dem richterlichen Blick aus. Sekundenlang beugte er sich vor der Gewalt des Mannes, in dem er einen Hasser und Vergelter gefunden hatte, und der jetzt mit seinen gebleichten Haaren und dem hartgemeißelten Antlitz vor ihm stand, als wäre er ein Rufer des Alten Testamentes. Die Not kroch in allen Ecken herum; es war so, als sänke ein schwarzer Schleier von der Decke herunter. Heiking fühlte das Körperliche dieses niedersinkenden Schleiers. Von der Hand des Todes berührt, mochten seine Gedanken in die Vergangenheit abirren. Vielleicht standen ihm in diesem Augenblicke die nackten Felsen von Capri vor Augen – und das sonnentrunkene Meer – und ein stilles, verklärtes Frauenantlitz, das nicht mehr aufwachen konnte. Vielleicht auch ... Waren nicht schon genug Tränen um ihn geflossen? Sollte die Ernte noch immer reichlicher werden? Was war überhaupt der Zweck seines Kommens? Eine begehrliche Liebe – gewiß! – aber auch eine Liebe, von der er wissen mußte, daß sie, mit allen Mitteln durchgefochten, das Zerstörungswerk bis ins kleinste hinein vollenden würde. Die verstand schon gründliche Arbeit, die hatte ihn noch niemals betrogen und ging über Leichen. Dieser Gedanke war bei ihm. Er wehrte ihn nicht ab; er hielt ihn fest und war gewillt, seine Leidenschaft über das niedergeworfene Glück anderer Menschen siegreich hinweg zu tragen. Und was auch kommen würde und mußte: Ellenbogenfreiheit für seine eigene Person – das blieb Trumpf in der langen Kette seiner Erwägungen. Er war schon mit anderen Dingen fertig geworden – und er erinnerte sich nicht, nach seinen Erfolgen eine unbequeme Reue empfunden zu haben. Warum auch? Er gehörte eben nicht zu den weichlichen Naturen, die das Prinzip der Entsagung verfechten. Alles schlichten, glätten, versöhnen – rein lachhaft! – Es fiel ihm nicht ein, durch die reale Welt der Sinne wie in einem Traum zu wandeln. Seine Lebensphilosophie wies einen kernigen Inhalt auf. Nur kein Vegetieren im Dämmern! – Nein, aber das Leben entfesseln, es an die Brust reißen – das war es. Eine bezwingende Sehnsucht nach ihr ... ein heißes Wollen ... eine rücksichtslose Begierde ... aber kein forciertes Entbehren: diesen Normen gemäß hatte er sein Verhalten einzurichten, und ein wilder Drang, den Blick ihres schönen Auges herauszufordern, ergriff ihn. Über seinem Gefühlsleben lag nur eine leichte Decke gespreitet. Der leiseste Wind konnte sie heben. Heiking erkannte das. Er ließ sich nicht einschüchtern. Seine hohe Gestalt dehnte sich in dem eleganten Zweireiher mit den glockenförmigen Schößen, als sei er wieder Herr über die zerflatterten Augenblicke geworden. Und er war es. Die Tote lag ruhig am Gestade des Meeres; sie störte ihn nicht mehr. »Hochwürden, nach dem soeben Gehörten ...« sagte er überlegen, »wir verstehen uns nicht und werden uns niemals verstehen.« »Weil Sie gewohnt sind, nur nach vagen Impulsen zu handeln.« Heiking erbebte. Hatte er recht gehört? – Nur nach vagen Impulsen ... Er zwang sich zur Ruhe. »Irr' ich mich – oder ...?« Er fixierte den Prediger. »Schon richtig.« »Hochwürden, dann bitte ich mir einen anderen Ton aus. Wenn eins mir fern liegt, so ist es die Betätigung Ihrer kühnen Behauptung. Ich gehöre nicht in die Kategorie derjenigen, die überhaupt nach Impulsen ihr Lebensglück auzubauen gedenken. Meine Entschlüsse sind die konsequenten Folgerungen eines langen Kampfes und einer tiefen Erwägung gewesen; sie handeln nach unbeugsamen Gesetzen. Da gibt es kein Abschweifen. Der Weg, den ich betreten habe, ist mir vorgezeichnet, und seien Sie überzeugt, ich weiß mein Ziel zu erreichen.« »Oder nicht.« »Ja – Hochwürden, ich werde, ich werde.« »Und ich sage Ihnen, Sie werden es nicht, oder es sei denn ...« Mit der geballten Hand schlug der Prediger auf den Tisch. »Sie geben sich doch nicht dem Wahn hin,« fuhr er bedrohlich fort, »ich könnte all das Durchlebte und die Tote vergessen? Sie glauben doch nicht, die Welt würde lächelndenen Mundes über die neue Skandalaffäre hinweggehn? Es wäre ein irriger Glaube. Es gibt Dinge, die nach Gewalt schreien. So dich ein Auge ärgert, reiß es aus ...« Er mußte an sich halten. »Mag die Welt über mich denken, was sie will,« entgegnete Heiking. »Das ist Ihre Maxime, und Sie bezwecken nichts weiter, als uns zugrunde zu richten.« »Ich setze meine Selbstsucht der Ihren entgegen. Ich habe Unrecht in Recht zu verkehren und nehme den Kampf auf.« Erasmus trat näher. Er ging wie ein Verzweifelnder. »Herr! – und wissen Sie, was es heißt und bedeutet, einen Kampf aufzunehmen, um sündige Rechte geltend zu machen?« »Ich? – ja,« sagte Heiking. Über seine Züge flog ein kaustisches Lächeln. Den langfadigen Schnurrbart ließ er langsam durch die Finger gleiten. »Hochwürden, die Entscheidung darüber müssen Sie schon mir überlassen.« »So sage ich Ihnen, daß Sie Ihre Kraft überschätzen. Sie wissen doch, was inzwischen alles passiert ist, und daran werden Ihre Maßnahmen zerschellen.« »Sie werden es nicht. Der Zweck meines Hierseins ist eben der, Ihnen dies begreiflich zu machen. Hochwürden, Sie haben Ihr Leben – ich habe das meine zu leben, und aus einer zwingenden Verpflichtung heraus ist die Konsequenz dieser meiner Handlungsweise entstanden.« »Keineswegs,« wies ihn Erasmns schroff zurück, »zumal nicht, wo Ihnen doch deutlich dargetan wurde, sich dieser angemaßten Verpflichtung zu entschlagen.« »Dargetan ...! – allerdings, aber worauf denn?« Heiking machte eine Bewegung, als müsse er etwas Widerwärtiges beiseite schieben. »Lediglich auf Grund eines krankhaften Empfindens und einer leeren Intrige.« »Herr Geheimrat...!« »Hochwürden, reden wir doch vernünftig zusammen. Was soll das Versteckspielen? Sie wissen ebensogut als ich: wenn alles nicht täuscht, ist sie einer mir unbegreiflichen Hypnose zum Opfer gefallen. Das ›Wie‹ allerdings muß noch eruiert werden. Ich komme später darauf zurück. Gut! – die Tatsache besteht: sie wurde mir von der Seite gerissen – scheinbar von der Seite gerissen, und das in dem Augenblick, wo ich felsenfest auf sie gebaut hatte; aber ich bin Manns genug, mich in meiner Position zu behaupten und sie mir zurückzuerobern.« Er streckte die Hand aus und krampfte sie. »Hochwürden, jedem sein Recht! – Ich lasse mich nicht zum Popanz einer psychologischen Studie machen. Ich habe das Drama entriert und bin auch willens, es zu Ende zu führen, selbst auf die Gefahr hin, es könnte sich zu einem Trauerspiel auswachsen.« Erasmus sah ihn an, als habe er einen Wahnsinnigen vor sich. Aber er sah nur die Mienen eines gefesteten Mannes, für den es keine Überraschungen mehr gab. Immer derselbe unveränderliche Ausdruck: kalt, entschlossen, berechnend. »Auch dann noch,« schrie er auf, als stände das Entsetzen hinter ihm, »wo sich eine lautere Neigung des Herzens meiner Tochter bemächtigt hat, wo sie in den Armen Ihres Freundes, wenigstens Ihres früheren Freundes....« Seine Stimme schlug um: »Auch da können Sie die Stirne noch haben?!« Mit kräftiger Faust ergriff er das Handgelenk des Eindringlings. »Auch jetzt noch?!« Seine Augen gluteten. Man hörte den Atem der beiden, so still und einsam war es mittlerweile geworden. »Ja,« nickte Heiking, »auch dann noch.« Totenbleich fuhr der Prediger zurück. »Versetzen Sie sich in meine Lage,« keuchte er in seiner Marter auf, »in die meiner Tochter. – Haben Sie doch Mitleid mit uns. Ich will Sie segnen, wenn Sie es haben. Machen Sie es ihr doch leichter, den Weg zurückzufinden, der zur wahrhaften Ruhe führt – und finden Sie selber eine glückliche Stunde ....« Seine Worte erstickten. Er war schwach gegen seine Überzeugung geworden; er war wie ein Bettler. »Ich kann Früheres nicht ungeschehen machen,« versetzte Heiking. »Ich will sie erlösen.« Der Prediger taumelte. »Das wollen Sie nicht. Sie richten zugrunde, was Sie zu erretten gedenken. – Herr!« rief er aus und schmiß sein Bettlertum beiseite, »hier ist ein Haus, das wieder aufwärts will. Hier sind Seelen, die nach Befreiung ringen. Hier ist ein Herz, das auf dem Wege zum Himmel ist. Bringen Sie es mir nicht wieder herunter. Verstehen Sie mich...?!« Er warf den Kopf zurück. Sein Schatten wuchs bei dem niederen Licht bis hoch an die Decke. In Erasmus lag etwas, das an sein früheres Amt erinnerte, als er noch gebieten konnte: Auf die Knie – ich will es. Heiking stand unerschütterlich; aber er hatte sein überlegenes Lächeln verloren. Er sagte: »Sie sind irre an Ihrer eigenen Tochter geworden, sonst könnten Sie mir nicht so unverantwortlich begegnen.« »Nein!« rief Erasmus, »ich bin nicht irre an ihr. Sie aber ... Lassen Sie sie los! – Geben Sie sie frei! – Wie kommen Sie überhaupt dazu ...?!« Seine Stimme dröhnte wie der wehe Ton einer geborstenen Glocke. Er sprach vergebens. Die beiden Männer standen sich hart gegenüber. Der Prediger streckte beide Arme. »Sie verharren trotz alledem auf Ihrem bisherigen Standpunkt?« »Unbedingt.« Da sanken dem greisen Manne die Arme am Leibe herunter. Heiking sah in sich. Er dachte an vieles; er dachte an unumschränkten Besitz, der ihm streitig gemacht wurde. Er suchte in alten Erinnerungen; sie waren nicht tot für ihn, sie waren wie lebendige Flammen. Seine aufgerüttelten Sinne wurden begierig. Eine süße Qual drängte sich an ihn, ein heißes Zurückbesinnen auf vergangene Tage. Er fühlte das Schluchzen ihres Körpers, ihr Widerstreben, ihre verzehrenden Küsse. Er dachte an ihr feuriges Herzblut. Er hörte ihre Worte in seinen Ohren nachklingen: Ich kann ja nicht leben ohne dich .... Sie umfing ihn wie mit eisernen Klammern. Er hatte in ihr das Weib gefunden, das Weib, nach dem er durstig lechzte – das Weib, das er heimzuführen gedachte, wenn sich die Sturmflut des Skandals ganz sachte ausgetobt hatte. Jetzt war sie verlaufen – und da war eine andere Sturmflut gekommen. Mit elementarer Gewalt brauste sie gegen ihn an. »Hochwürden, Sie können doch nicht wollen, daß ich an meiner Liebe vergehe!« Zum ersten Male klangen Herzenstöne aus seinen verzweifelten Worten. Hinter ihm lag der Tod, vor ihm das Leben. »Hochwürden, da liegt es – das sonnige Leben! – Ich bleibe, ich fordere es heraus. Sie verstehen mich nicht, Sie verstehen nicht Ihre eigene Tochter. Aber weil ich es vermag, weiche ich nicht um Zollbreite. Jeder von uns muß wissen, was er zu tun hat; auch sie – die ich liebe. Mein Los ist auch das ihre geworden. Ohne mich ist ihr Schicksal nicht zu lösen. – Nehmen Sie einem Baum das Erdreich – er stirbt.« Ein dumpfer Laut entrang sich der Brust des Predigers. Ihn packte ein Grauen vor dieser Stirn und dem stahlharten Leuchten der fest auf ihn gerichteten Blicke. Aber nur für die Dauer weniger Sekunden verharrte er in dieser plötzlichen Schwäche. Er drückte das Grauen zu Boden. Er fand sich wieder. Er peitschte die zusammengebrochene Kraft auf. Seine tief in die Höhlen zurückgesunkenen Augen schienen zu glühen. »Gut denn – Herr Geheimrat! – ich weiß es ja, ich gebe mich keiner Täuschung mehr hin. Aber was wollen Sie jetzt? Was ist der eigentliche Grund Ihres Erscheinens?« »Einfach der: eine Aussprache mit ihr zu haben.« »Und das jetzt – in diesem Zimmer?« »Ja – ich werde hier mit ihr sprechen.« »Das werden Sie nicht.« Erasmus brach in ein höhnisches Lachen aus, um dann wieder mit wunder Stimme zu sprechen: »Ihr und mir sind diese Räume unverletzlich geworden. Hier begann für sie ein neues Glück Wurzeln zu schlagen; hier sammelte sie die Trümmer ihres früheren Lebens, um es unter Preisgabe des Vergangenen neu zu errichten ... und wenn Sie gekommen sind, es mit Füßen zu treten, seien Sie überzeugt: in diesem Hause wird es nicht geschehen.« Heiking fuhr zusammen. Um seine Lippen spielte wieder der Sarkasmus von früher. »Also heute nicht?! – aber Sie, Herr Pastor, werden mir anderweitig Gelegenheit geben, Ihr Fräulein Tochter unter vier Augen zu sehen, widrigenfalls ich mich genötigt sähe, mir ein Begegnen zu erzwingen.« »Es sei denn,« sagte Erasmus hart und trocken. »Die Schuld zieht ihre Konsequenzen. Sie kennt keine Rücksichten. Unerbittlich setzt sie einem den Fuß in den Nacken. Ich bin machtlos dagegen. Ich bescheide mich – und zwar unter einer Bedingung.« »Und diese wäre? »Sich ihrem Entschlusse zu fügen – unwiderruflich. Meine Tochter hat das letzte Wort in dieser Angelegenheit. Es sei auch Ihnen heilig.« Heiking ließ unmerklich die Augenlider herunter. »Und Sie befehlen die Aussprache?« »Morgen ... übermorgen ... wenn ich Ihnen Nachricht zukommen lasse.« »Und wo?« fragte Heiking. Er lächelte auf eigene Weise: »Verzeihen Sie, allein in der seltsamen Lage, in der ich mich zurzeit befinde, ist es unbedingt erforderlich, auch den realen Dingen ins Auge zu sehen.« »In unserer Wohnung in Brügge,« sagte Erasmus. »Und meine Nachricht erreicht Sie... ?« »Hotel de Londres.« »In Brügge?« »Ja.« Für einige Augenblicke herrschte die Ruhe des Kalvarienberges zwischen ihnen. Der Wind hatte sein Seufzen eingestellt und zerrte nicht mehr an den Fensterläden herum. Dichte, weiße Nebel zogen an den angelaufenen Scheiben vorüber. Nichts regte sich. Es war so still, als seien Sterbelaken auf das kleine Haus in Sankt Anne gefallen. Da – ganz leise... Im Nebengemach rauschte es wie von Frauenkleidern. Heiking horchte auf, dann machte er Miene... »Keinen Schritt, Herr Geheimrat. – Was jetzt noch mit meiner Tochter zu bereden ist, das steht mir allein zu.« »Ich bescheide mich,« entgegnete Heiking. »Die Affäre ist somit erledigt, wenigstens zwischen uns erledigt. Aber, Hochwürden« – und er deutete scharf auf die Tür des Nebenzimmers – »nicht zwischen mir und der da erledigt, und wenn Sie hier fertig sind, so werde ich mir in Brügge die Ehre geben, verbriefte Rechte meiner Braut gegenüber geltend zu machen.« Er wandte sich und langte nach seinem Hut. Erasmus zitterte bis in die Knochen hinein. Da packte es ihn, als hätten Dämonen in seine Brust getastet. »Herr!« schrie er auf und ergriff den Leuchter. Flüssiger Talg tropfte zu Boden. Verzweifelt hielt er das brennende Licht seinem Widersacher entgegen. »Also so sieht der Mann aus,« sagte er mit fast schreiender Stimme, »der gewillt ist, über Leichen zu gehen! Ich glaube, Sie gehören zu den Menschen, die einem den Tod ins Haus bringen.« Mit einem wehen, jämmerlichen Laut brach er ab. Dann stierte er zu Boden. Als er aufsah, hatte ihn Heiking verlassen. »Aus!« sagte Erasmus. Seine Schläfen hämmerten. Er stellte das Licht wieder auf den Tisch. Hierauf ging er schwankenden Schrittes der mittleren Tür zu. XVII Nun, war es also doch noch gekommen, wie ein kalter, tödlicher Reif in all die Frühlingspracht hinein ... und die Freude und das Glück, die während kurzer Sommertage bei den Menschen in Sankt Anne weilten, gedachten Abschied zu nehmen, Abschied wie die Schwalben, die sich bereits zusammentaten, um gen Süden zu fliegen. – Und der Abend ging hin, und die Nacht ging hin. Es war eine lange und bange Nacht gewesen, eine Nacht voller Herzeleid und Not; aber die Not hatte so rechtschaffene Arbeit gemacht, daß die bedrängten Menschen keine Tränen mehr finden konnten. Tränenlose, harte, verzweifelte Stunden...! – ohne Trost und Erlösung. Sie zermalmen und führen uns hinter stille Gatter, wo langes Gras im Winde weht, und wenn sie gegangen sind, ist ein betäubender Duft nach Buchs- und Lebensbäumen übrig geblieben. »Was nun?« sagte Erasmus. Er sah in den grauenden Morgen. Die Kerze neben ihm war zu einem Lichtstumpf geworden. Da gedachte der Prediger des gestrigen Abends. Nichts entging ihm. Sein Geist arbeitete mit einer unheimlichen Klarheit. Ja – er erinnerte sich .... Er sah sich selber, wie er schwankenden Ganges das Zimmer seiner Tochter betrat. Sie saß auf der Bettkante und hob verwirrt den Kopf in die Höhe. Er erzählte ihr alles. Als er gesprochen hatte, kam es über sie wie eine Empörung im Angesicht des Todes. Die Unmöglichkeit zu begreifen, daß alles ein Ende haben sollte, daß nichts mehr zu hoffen war, machte sie sprachlos. Was hatte sie besessen? – selige Stunden mit gebrochenen Flügeln. Was besaß sie jetzt? – das Elend. Was sollte noch kommen? – das Grauen. Sie löste ihr Haar, um es gleich darauf wieder zusammen zu nesteln. Sie erhob sich, um kraftlos rückwärts zu fallen. Sie betrachtete ihre Hände, die so weiß wie Kirschenblüte waren. Sie sah lange darauf. Von diesen Händen wurde ein Wunder verlangt. Sie sollte sie strecken und ganz sacht und still auf ein krankes Menschenherz legen. Es gehörte dem Geschlecht der Ruhelosen an und verlangte nach Ruhe. – Und sie streckte die Hände und das Wunder kam ... und doch war alles eitel und nichts gewesen. Das wußte sie jetzt, und sie wußte noch mehr: sie hatte ihr Schicksal mit dem eines Dritten verkettet; das Unglück war größer geworden. Da barg sie ihre wundertätigen Hände, die sie betrogen hatten. Ein trauriges, weltfremdes Lächeln umspielte ihr Antlitz, und das Lächeln blieb, bis sie auf die Kissen zurücksank. Er beugte sich über sie. »Und hast du mir gar nichts zu sagen?« Sie verharrte in ihrem Schweigen. »Nein,« sagte sie endlich. Sorgsam ordnete er die Falten ihres weißen Kleides und verließ das Zimmer. Aber das Lächeln verfolgte ihn. Da warf er sich in einen Lehnstuhl. Die Arme hingen schlaff herab. Nur die Fingerspitzen krampften sich gegeneinander. So war der Morgen gekommen – ein vergrämelter Morgen, der nicht Tag wurde. Es hing wie graue Tücher in der Luft. Die alten Bäume, die auf der Priesterkoppel standen, ließen ein schwermütiges Rauschen vernehmen. In den breitausgelegten Kronen blieb es dunkel. Keine heiteren Reflexe zogen ihre wechselnden Fäden hindurch. Nichts tönte sich ab. Nichts Körperliches; die Konturen erweiterten sich nicht, gingen nicht in die Tiefe hinein. Es war nur ein Schattenspiel da draußen. Gottes allbefreiendes Licht wollte nicht kommen. Regungslos saß der Insichgekehrte im Lehnstuhl. Er zählte die Viertelstunden, die von der nahegelegenen Kirche herüberklangen. Es mochte auf sechs gehn, und da saß er noch immer mit übernächtigen Augen, mit einem herben Zug um die Lippen und wartete auf das Licht. Aber das Licht kam nicht, und er selbst war nicht mehr kindergläubig genug, sich ein inneres Licht zu schaffen. Er hatte eben seinen Kinderglauben und den Glauben an die Zukunft verloren. Langsam legte er die Hände zusammen. »Nun ist alles dahingegangen,« sagte er mit gekniffenen Lippen, »dahingegangen wie ein Schatten und wie ein Geschrei, das dahinfährt. Oder wie ein Vogel, der durch die Luft fliegt, da man seines Weges keine Spur finden kann.« Er umkrampfte die Lehnen. »Ich wandte mich,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »und sah alle, die unrecht leiden unter der Sonne; und die ihnen unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Tröster haben konnten. Da lobte ich die Toten, die schon gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das Leben hatten.« Erasmus erhob sich. Das Bewußtsein, noch Odem zu haben, seine Tage weiter schleppen zu müssen, erfüllte ihn mit einem heimlichen Bangen. Er berührte auch die Vergangenheit nicht mehr; es war doch alles vergebens, und was da noch zerfetzt am Boden lag, verlohnte nicht der Mühe, es aus dem Staube zu heben. Er öffnete das Fenster. Die Morgenluft drang ihm frisch entgegen. Von Sluis her läuteten die ersten Glocken. Leise angeschlagen, wurden sie immer stärker und stärker. Auch Sankt Anne nahm das Geläut auf. Es ging wie ein Jubelruf über die weite Niederung. Das waren die Glocken des Lebens. »Auch für dich?« fragte ihn eine innere Stimme. »Nein,« sagte Erasmus. Für ihn hatten sie ihr Klingen verloren – aber er sah, wie sich der Nebel zerteilte. Die Fernen hellten auf; hinter den Dächern und den verschwommenen Bäumen stand ein glorreicher Schein. Strahlengarben stiegen gen Himmel. Und das Licht wuchs und wuchs. Das war die Quelle des erwachenden Lebens. »Auch für dich?« fragte ihn eine innere Stimme. »Nein,« sagte Erasmus. Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Ich habe kein Licht mehr.« Und das Licht wuchs und wuchs, und die Stunden vergingen ... und Erasmus dachte an seine arme Tochter, an ein weites, stilles Ährenfeld, das ein Wetter niedergelegt hatte. In so einem Ährenfeld ruht die Hoffnung eines Jahres am Boden. Nur vereinzelte Halme stehen noch aufrecht; an diesen haften die Regentropfen der vergangenen Nacht wie glitzernde Tränen. Aber was will so ein verwüsteter Acker gegen ein zerstörtes Menschenleben bedeuten? Die Scholle grünt wieder; aus der frischgeworfenen Saat ringt sich eine neue goldene Fülle, die dankbar den Himmel anweht und mit geheimnisvollem Wispern und Rauschen die Sichel erwartet. Der vernichtete Segen eines Jahres läßt sich verschmerzen. Es kommen auch bessere Tage, die eine dreißigfältige Ernte versprechen. Aber so ein Menschenleben, so ein auf den Tod getroffenes Menschenleben ...! – da ist auch Ruhe darin, dieselbe Ruhe wie in einem Ährenfeld, das ein Gewitter zerstampfte. Und dennoch ist es eine ganz andere Ruhe. Jene wandelt sich in Freude, wenn neue Frühlingswinde singen und sagen, und die ersten Lerchen gen Himmel steigen; diese hingegen kennt kein Erwachen, kennt keine Freude mehr; sie währt ewig, und die graue Sorge steht bei ihr. – Klaartje ging auf Zehenspitzen umher, aus Furcht, durch ein starkes Auftreten das lauernde Geschick aufzuscheuchen und noch unbarmherziger zu machen, denn ein Widerhall von dem, was sich gestern abend bei den van Dornicks abgespielt hatte, war auch ins Erdgeschoß gedrungen. Klaartje hatte den fremden Mann von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sie wußte sich an alles zu erinnern. Als er anklingelte, hatte sie ihm ängstlich die Türe geöffnet und ihn dann nach oben begleitet; als er das Haus eine Stunde später darauf wieder verließ, war sie mit ihm auf die Straße gegangen und hatte ihn dort zurecht gewiesen, damit er nicht fehl ginge. Er bedankte sich zuvorkommend; auch fühlte sie ein hartes Geldstück zwischen den Fingern. Der Mann war freundlich gewesen. Aber sein Gesicht, die Ruhe darauf und die eisige Kälte ... das konnte sie nicht mehr los werden im Leben. Sie bewegte sich denn auch ganz verstört im Hause herum, tat wirr ihre Arbeit und mußte immer an das schöne, kalte Gesicht und den gestrigen Abend denken. Auch brannte ihr das Geschenk zwischen den Fingern. Als sie es in ihre Kommode legte, schien es gegen die Lade zu klopfen. Es kam ihr wie ein unrechtes Gut vor. Sie glaubte, es würde das Unglück unter die Dachpfannen rufen. Da ging sie hin, blickte sich scheu um, ob niemand sie sähe, und warf das Geld in den Brunnen. Und Bernadintje ...? – Ach, Bernadintje ...! – Ihre rosigen Zukunftsbänder, die noch gestern abend wie Schmetterlinge ihr gaukelndes Spiel trieben, lagen heute verwaschen und matt am Boden. Das mußte so kommen, denn die Freude geliebter Menschen war auch ihre Freude, deren Bekümmernis war auch ihre Bekümmernis, und die in ihrem bescheidenen Hause wohnten, liebte sie vor allen übrigen Menschen. Sie tappte in Finsternis, aber sie vernahm noch immer die entsetzlichen Worte. Die Stimme des Predigers hallte zu schrecklich .... Ich glaube, Sie gehören zu denen, die einem den Tod ins Haus bringen .... Jedes Wort kam deutlich herunter. Die Nacht schärfte das Ohr, der Sturm schwieg gerade – und das geschah in dem Augenblick, als Erasmus das Licht ergriff und es dem Fremden entgegenhielt. So schreit ein Baum in der Winternacht, wenn der Frost klingt und sich gierig ins Kernholz frißt. So ein armer Baum muß zerspalten. Diese entsetzliche Stimme ...! – Sie kam aus einem Herzen, das man zerreißen wollte – aus einem sterbenden Herzen. »Nein,« sagte Bernadintje und hielt sich die Ohren zu, »ich kann's nicht vergessen ...« und als bald darauf Moritz und Wilhelmintje vorsprachen, wußte sie in ihrer tiefen Not nichts anderes zu tun, als nach oben zu zeigen. Ohne weitere Redensarten zu machen, verhandelten sie das gestrige Begebnis, legten in großen Zügen den Zusammenhang fest und hatten bange Fragen an die kommenden Tage. Wilhelmintje dachte dabei an Klaas Buhle und die Heyster Bucht, ohne darüber ins klare zu kommen, was der Seelenmensch und die Heyster Bucht überhaupt mit dem Geschick der van Dornicks zu tun hatten. Reineweg gar nichts! – das war ja alles dummes Zeug, was Klaas Buhle aus seinem verbaselten Kopf hervorgebracht hatte, und trotzdem: es haftete wie Kletten an ihr, ängstigte sie bis aufs Blut und packte sie immer fester und fester, je mehr sie sich bemühte, es von sich zu schütteln. Herrgott, dieser Seelenmensch! – und als dann noch Klaartje anklopfte, ganz benommen hereinkam und ängstlich versicherte, die Herrschaften wollten noch heute nach Brügge, kämen aber in einiger Zeit zurück, und der Domine wünsche Mynheer vom Hövel zu sprechen, das Fräulein aber säße wie eine Tote im Lehnstuhl, da glaubten alle, das Haus müsse zusammenbrechen und sie unter seinen Trümmern begraben. »Mußt dir aber beeilen,« flüsterte Wilhelmintje ihr zu, »denn Mynheer vom Hövel ... Er will ja auch wohl nach Brügge. Herrgott, der arme Mensch!« rief sie aus und schlug die Hände zusammen, »der kann auch den Tag nicht mehr finden.« Da ging Klaartje auf die Straße hinaus und zu Heinrich vom Hövel. »Moritz,« sagte Bernadintje und weinte still vor sich hin, »nun glaube ich, ich bin auf Karfreitag geboren, denn alle, die auf Karfreitag geboren sind und das vierzigste Jahr hinter sich haben, sind arme Menschen und haben kein Lachen mehr.« »Aber, Bernadintje ...!« »Ja, Moritz,« sagte sie traurig und sah durch die Scheiben. Mit Klaartje kam auch Heinrich vom Hövel und begab sich nach oben. Eine Viertelstunde später verließ er mit Anna van Dornick das Haus. Er mußte sie führen. Sie hatte einen dunklen Schleier umgelegt, der das Gesicht völlig bedeckte. Ihrer müden Gestalt haftete etwas von Todesbereitschaft an, etwas von dem, was an Lilien erinnerte, die im Schatten blühen. Bernadintje stand am Fenster, hatte jedoch Mühe, sich aufrecht zu halten. Jetzt erschien auch der Prediger. Gott, wie war der Mann in den wenigen Stunden gealtert! Nein, der wurde nicht wieder. Dem waren über Nacht Bergeslasten auf die Schultern gefallen, dem waren die Blicke abgestorben – und er hatte doch in seinen guten Tagen sagen können: Rüttelt nicht an mir. Was wollt ihr? Eure Mühe ist umsonst. Ich bin ein Fels im Meer und ein Pharus des Lebens. So ihr mir vertraut, leite ich euch in den sicheren Port; so ihr aber wider mich seid, werden eure Pläne an meiner Stirne zerschellen. Auf die Knie – ich will es. – Das war nun alles dahin – unwiderbringlich, und hätte einer mit Engelszungen geredet und wäre wundertätig gewesen – nein, der Mann wurde nicht wieder; dem konnte keiner mehr helfen. Und hätte selbst der Heiland gesagt: Erasmus, es kommen noch bessere Tage ... es wäre vergebens gewesen. Erasmus hatte seinen Glauben an Gott und die Menschheit verloren. Er trat auf die Straße hinaus – und da war es Bernadintje, als ob er die Hände emporhöbe, um ihr kleines Häuschen zu segnen. Aber sie sah auch, daß er kaum noch die Kraft dazu hatte. Er schüttelte traurig den Kopf und ging der nahen Station zu. Sie sah ihm noch lange nach. Da kam es über sie. »Ich weiß es,« sagte sie vor sich hin, »ich habe kein Lachen mehr.« Mit heftigem Schluchzen drückte sie ihr Tuch gegen die Augen. – – – Es war wie Eulenflug. Weich und lautlos war es gekommen – unaufhaltsam und ohne in seinem Fliegen innezuhalten: über den Kanal, über das Meer, über die vlämische Ebene. Genau so still und geräuschlos senkte es sich jetzt auf das düstere Haus in der Heiligen Geist-Straße, wo noch vor wenigen Stunden die Blenden vorlagen, und die Klingel so stumm hing, als hätte sie niemals geklungen. Jetzt war das anders geworden. Das Geschick hemmte die Schwingen, betrat die vereinsamte Schwelle und machte das abgestorbene Haus wieder lebendig. Da hellten die Flure auf; die weißen Gardinen kamen wieder zum Vorschein. Das blonde Mädchen mit dem straffgescheitelten Haar, das in Abwesenheit der Herrschaft bei seiner Mutter im Armenviertel ausgeholfen hatte, stieß die Läden zurück und sorgte in aller Eile dafür, daß der Geist des Unwirtlichen die Wohnung verließ und Raum für den warmen Odem gab, der von draußen hereinwehte. Da flutete Gottes Sonnenlicht über die Dielen, vergoldete die verblichenen Möbel und legte einen milden Glorienschein um den Erlöser, der über dem Harmonium hing und die Arme breitete, als wenn er sagen wollte: Wer überwindet, dem werde ich zu essen geben vom Baum des Lebens .... Worte so köstlich wie Balsam, Worte aus dem Paradies! – aber hier waren sie gleich flammenden Schwertern, die die Herzen siebenfach durchbohrten, überwinden – ja; aber essen vom Baume des Lebens ...? – Mußten die Wände bei diesem Ansinnen nicht auflachen, mußte sich nicht auf den Korridoren eine Stimme erheben, die da sagte: Lasset alles hinter euch, ihr, die ihr diese Schwelle betretet, denn dieses Haus ist ein Haus der Trauer geworden. Dies fühlte auch Erasmus, als er das Bildnis betrachtete. Worauf noch hoffen? Nichts erquickte ihn mehr; er war beladen genug, und kein Simon von Kyrene erschien, ihm das schwere Kreuz von den Schultern zu nehmen. Warum auch? – Und wenn er erschiene, es wäre überflüssig gewesen. Schon öffnete sich ihm die ewige Pforte. Da waren viele barmherzige Hände, die nahmen ihm das Kreuz ab, die befreiten ihn von den Dornen, die kühlten seine zerrissenen Füße und träufelten linderndes Öl auf die Wunden seiner Seele, denn er wußte: es konnte nicht lange mehr dauern; seine irdische Pilgerfahrt ging ihrem Ende entgegen, und daher: er bedurfte keines Simon von Kyrene, der die schwere Last mit ihm teilte. Er hatte mit der Welt abgeschlossen. Sie bot ihm nichts mehr; sie hatte ihm nur wenig geboten. Sein Lebensbaum, der in früher Jugend so herrlich gewesen war, der oft in Blüte stand und weithin schattete, hatte nur wenig Früchte getragen. Und wie steht geschrieben ...? Ruhig konnte er die Axt an den Stamm legen – wäre nur sein Kind nicht gewesen ... Ja – sein Kind. Dessen Angelegenheit harrte noch der Erledigung. »Also morgen,« sagte er bitter, schleppte sich müde zum Schreibtisch und warf etliche flüchtige Zeilen aufs Papier. Hierauf schloß er das Kuvert und machte sich fertig zum Ausgehn. Er wollte es selbst überbringen. Er nahm Stock und Hut. Als er der Tür zuging, trat seine Tochter aus dem Nebenzimmer, noch in demselben Anzug, wie sie Sankt Anne verlassen hatte. Nur der Schleier war zurückgeschlagen. »Für ihn,« sagte sie bewegt, kaum ihrer Stimme mächtig. Sie gab ihm ein versiegeltes Schreiben. »Für Behrend?« »Ja,« sagte sie leise. »Es soll durch Heinrich vom Hövel besorgt werden.« »Hoffentlich bald.« »Sobald er zurück ist; er empfängt ihn am Bahnhof.« Ihre Brust hob sich stürmisch. »Und wann kommt er zurück?« fragte sie hastig. »Diese Nacht.« »So spät?« Da sah der Prediger sie bekümmert an. Er wollte ihr Trost zusprechen. Sie aber wehrte ab. »Es ist gut.« versetzte sie ruhig. Sie war mit sich im reinen und hatte nichts mehr zu sagen. Fast bewegungsunfähig, einen herben Zug um die Lippen, verließ Erasmus das Haus, um Heiking den morgigen Tag für die Regelung seiner Angelegenheit zur Verfügung zu stellen. Er ließ die Salvatorkirche links liegen, ging die schmale Sandstraße entlang nach dem Stationsgebäude. Von hier aus erreichte er in wenigen Schritten das Hotel de Londres. Er sprach vergebens vor. Da händigte er das Schreiben dem Portier ein und begab sich zu Heinrich vom Hövel, von dem er wußte, daß er ihn um diese Zeit auf der Bibliothek antreffen würde. Zuweilen nötigte ihn die Schwäche, stehen zu bleiben. Als er dort ankam und schweren Fußes die Treppe erstieg, schlug der Glockenspieler auf den Hallen die sechste Abendstunde an. Weich und gedämpft wurden die einzelnen Klänge in die Ferne getragen. – Anna van Dornick legte Hut und Schleier beiseite. Sie verschränkte die Hände. Leblos, wie von einer inneren Maschine in Bewegung gesetzt, trat sie an das geöffnete Fenster. Eine zarte Stimmung lag in der Luft, ein feinmaschiges Netzwerk, dem der süßliche Duft nach Weihrauch anhaftete. Als käme eine Prozession von der Kapelle des Heiligen Blutes gezogen, als nähme sie ihren Weg dicht am Hause vorüber, als würden alle Weihrauchfässer der benachbarten Kirchen in Bewegung gesetzt, so duftete es: fade, an den Geruch absterbender Rosenblätter erinnernd und die Sinne benehmend. Der süßliche, kranke Hauch lastete auf ihr. Hier rief ihr nichts mehr das Gedenken an das weite, ewige Meer zurück, an das freudige Licht der endlosen Ebene und an die Menschen, die unter einem glücklichen Himmel wohnten. Hier löste sich das Gegenständliche auf. Leben und Tod berührten sich innig. Hier gingen die Schritte gedämpft wie in einem Krankenzimmer. Die Freude am Dasein schrumpfte unter diesen Zeichen zusammen, wurde zum Krüppel, um elend am Boden zu kriechen. Horch, wie sie rauschen, die Pappeln im weiten, sonnigen Vorland! Wie anders sprechen sie, wenn die bange Nacht sie in ihre Arme schließt. Ein krankes Herz wird nur von Saiten berührt, die denselben Grundton wiedergeben. – Hier war alles vereinigt. Daran dachte auch Anna van Dornick. Sie war wieder in Brügge, in der verwunschenen Stadt, wo selbst die Glocken, wenn sie den Mund auftun, etwas Lautloses an sich haben, wo die Wasser stetig fließen, um nicht von der Stelle zu kommen. Der Grundakkord ihrer Seele war eins mit dem, der schwermütig über die tote Stadt zitterte. Er war ohne Anfang und Ende und erzählte von dem, was war und noch kommen würde. Ihr Blick ruhte auf den Baumkronen, die hinter dem Johannishospital aufragten. Nicht der geringste Laut ließ sich in der schmalen Gasse vernehmen. Die Schatten wurden länger und legten sich über die Dächer der gegenüberliegenden Häuser. Langsam krochen sie weiter. Der intensive Duft nach Weihrauch und welken, Rosenblättern war stärker geworden. Sie mußte die Fenster schließen, so betäubend und aufdringlich wurde er. Noch einmal sah sie die Straße hinauf. Da wich alles Blut nach ihrem Herzen zurück. In der Totenstille hörte sie die Schritte eines einzelnen Menschen. Sie kamen ihr bekannt vor. Sie horchte mit geschlossenen Augen. – Heute? – Und das jetzt? Er wurde doch erst morgen erwartet. – Er wagte doch nicht...? – Und wieder beugte sie sich vor, um auf die andere Seite hinüberzustarren. Da warf sie das Fenster zu. Aufgeschreckt, das kommende Verhängnis sehend, trat sie in die Mitte des Zimmers, unentwegt die Blicke auf die Tür gerichtet. Unten schlug die Klingel im Hausflur an. Eine Flucht von Gedanken und Empfindungen drängte auf sie ein, beschleunigte ihren Puls und hob ihre Brust, als wenn sie das Mieder sprengen wollte. Unerträglich reihte sich Sekunde an Sekunde. Jetzt klopfte es an. Sie hatte kein Ohr, keinen Laut dafür. Aber da stand er schon – ihr nah gegenüber. Ihre Folgerungen reihten sich haarscharf nebeneinander, schlossen sich zu einem Kreis, in dessen Mitte sie selbst war, unfähig, auch nur einen Schritt aus dem Bann dieses Ringes zu kommen. Jetzt war er dicht vor ihr, so dicht wie damals, als die Lindenblüten ihren betäubenden Duft verstreuten und kosend ihre Stirn umspielten. Ja – damals ...! – In der Ferne hallte Musik, träumerische, einschmeichelnde Musik. Bunte Papierballons leuchteten verführerisch durch das dichte Grün der Bäume; liebestrunkene Falter taumelten über die verschwiegenen Wege. Sie waren allein; nichts störte sie. Die große Einsamkeit redete eine geheime Sprache, und er verstand sie zu deutlich. Du hast es ja lange gewußt, sagte er fiebernd. Er faßte ihre Hand. Da verlosch das Licht ihrer Erkenntnis. Die Scham schlug ihr ins Gesicht. Sie lag an einem schuldigen Herzen – aber sie liebte. Sie liebte mit einer verzweifelten Angst, wie eine, die dem Ertrinken nahe ist und ihren Tod vor Augen sieht. So vergingen die Tage. Die Menschen wurden kundig. Sie wußten es selber nicht. Mit traurigem Mut blickten sie dem Unabänderlichen ins Gesicht und trugen die Last einer gemeinsamen Schuld mit dem Bangen und dem doch süßen Empfinden, die dem Genuß der Sünde anhaften. Eine ungewisse Hast kam über sie beide, eine berückende Gier, die köstlichen Minuten einer verbotenen Neigung nicht ungenützt verstreichen zu lassen. Sie bauten auf die kommenden Tage, auf den Stern ihres Geschickes, der dunstig über dem Abgrund hing, unbekümmert darum, daß ihr Weg dorthin führen mußte. Liebestrunkene Falter und gaukelnde Lichter – und die Stunde der Sünde ...! In diesem Augenblick sah sie alles, fühlte sie alles ... und jetzt stand er vor ihr. »Mein Gott! – und Sie kommen ...« sagte sie niedergebrochen. Sie tastete hinter sich, um Halt zu gewinnen. »Ja,« sagte er kühl, ohne jede Erregung. Nichts verriet, was ihn herführte. Scheinbar gefaßt und mit den Allüren eines Weltmannes streifte er die Handschuhe ab, glättete sie und legte Hut und Handschuhe beiseite. Dieses Selbstverständliche, diese empörende Ruhe! – Sie mußte sich Gewalt antun, um nicht den Zerstörer ihres Glückes ... Aber war sie selber nicht schuldig ...? – Hebe den Stein auf! – Sie hatte das Recht verwirkt, den Stein vom Boden zu heben. Nur mit reinen Händen ... und ihre Hände hatten die Reinheit verloren. »Sie wagen es,« stieß sie hervor, »und mußten doch wissen ...« Er unterbrach sie. Absichtlich überhörte er die letzten Worte. »Ich weiß, was du sagen willst,« entgegnete er mit erkünstelter Gelassenheit. »Du wirst mir vorhalten, ich hätte die Aufforderung deines Vaters abwarten müssen. Kein Zweifel: es hätte mehr der konventionellen Lüge entsprochen. Daß ich mich darüber hinwegsetze und hinwegsetzen mußte, liegt in meiner augenblicklichen Lage begründet. Man tanzt nicht auf dem Seil, wenn man den Tod im Herzen spürt. – Du wirst mir noch einmal vorhalten, was du mir bereits des längeren in deinem Briefe auseinandergelegt hast. Du wirst mir von Fußspuren erzählen, die vom Wege der Pflicht abwichen und sich im Sande verliefen, um heimlich das Reich der sündigen Liebe zu suchen. Ich kenne das. Du wirst mir sagen wollen: die Rätsel einer Frauenseele sind nicht spielend zu lösen. Gewiß nicht. Das Ringen nach Lösung derartiger Probleme kann ins Pantheon oder ins Irrenhaus führen. Ich kenne Beispiele, die diese Behauptung glänzend illustrieren. Ich persönlich bin weit davon entfernt. Du bist kein verschleiertes Bild. Bei dir sind keine Rätsel zu lösen; wenigstens für mich nicht. Deine Seele ist für mich ein klares Wasser, das auch die kleinsten Schwingungen verrät und den Blick bis auf die tiefsten Tiefen verstattet. Deine Blicke, deine Küsse redeten eine zu deutliche Sprache – und jetzt willst du kommen ...« Er lachte bitter auf. »Nein, du – so leichten Kaufes werden doch keine Verträge gebrochen. Ich fühle noch immer deine heißen Lippen. Die lügen nicht. Ich glaube daran; ich habe auch jetzt noch nicht diesen Glauben verloren. Wo um das Leben gewürfelt wird« – seine Stimme nahm an Schärfe zu – »und wir haben um das Leben gewürfelt, läßt man sich nicht mit Steinen abspeisen. Ich will meinen Einsatz und den Gewinn dazu – und wenn es zum Äußersten käme ...« Sie wollte sprechen. Sie wollte ihm etwas erwidern. Krampfhaft verflocht sie die Hände. Er machte eine abwehrende Bewegung. »Nein. Laß mich zu Ende reden – ohne Unterbrechung. Was ich dir zu sagen habe ist nur eine Wiederholung dessen, was ich dir schon früher sagte. Ich pflege nicht im Taumel zu handeln. Ich bin kein Jüngling mehr und möchte ausdrücklich betonen: unsere Doktrin, daß ein hohes, edles Gefühl das Unstatthafte, Strafbare unserer Gemeinschaft; wenn auch nicht vor der gesellschaftlichen und staatlichen Schablone, so doch vor unserer Moral und unserem Gewissen gerechtfertigt erscheinen lassen kann, ist noch immer lebendig in mir – so lebendig wie damals, als ich sie dir auseinandersetzte und du sie mir mit einem heißen Kusse vom Munde nahmst.« »Und wenn ich dir sage ...« Es flammte in ihr auf. Die Nägel in die Handflächen gebohrt, reckte sie ihre hohe Gestalt. Er wagte es, ihr den Spiegel vor Augen zu halten, sie in ihrer weiblichen Ehre zu kränken, ihr das, worüber sie fast den Verstand verloren, noch einmal vor die Sinne zu stellen. Das empörte sie. »Du weißt doch, was in mir vorgeht,« sagte sie heftig. »Erinnere mich nicht an Dinge, die etwas Quälendes und Verletzendes für mich haben und stets haben werden. Aber abgesehen davon: alles Bestehende ist einem Wechsel unterworfen. Nicht das Greifbare, Faßbare allein – auch die Seele weist Schwingungen auf, die sich im Laufe der Tage verändern. Bei mir ist es eingetreten; ich bekenne es offen. Es wäre frevelhaft, dies verhehlen zu wollen. Ich irrte mich eben; ich war nicht klar über mein Handeln; ich war nicht imstande, seine ganze Tragweite zu ermessen. Ich wußte nicht, daß der Rausch, der einen heute emporträgt, morgen ernüchtert am Boden liegt – und er liegt ernüchtert am Boden... Durch tiefes Leid bin ich zur Erkenntnis gelangt, und wenn ich dich bitte... Nimm mir doch nicht den Glauben an deine Ritterlichkeit. Ich möchte von dir gehen, ohne mit Beschämung an dich denken zu müssen. Wir wollen uns die Hand geben und Menschen werden, die sich unbefangen ins Auge sehen können – eine Sühne für das, was wir, verschuldet haben.« »Nein,« sagte er ruhig. »So hilf mir doch! – Habe doch Erbarmen mit mir...!« Ihre Stimme erstickte unter Tränen. »Ich lass' dich nicht frei,« gab er bestimmt zurück. »Auch dann nicht, wenn ich nochmals bestätige, was ich dir in meinem Brief schon sagte?« »Auch dann nicht – weil ich anders darüber denke. Man bereitet dem Verhängnis keinen fruchtbaren Boden. Wir wollen nichts beschönigen, aber auch nichts in den Schmutz ziehn. Was uns damals zusammenführte, die Folgerungen hieraus, das ist alles unser gemeinsames Erbteil geworden. Wir gehören nun einmal zusammen: unserer Vergangenheit nach und unserem Schicksal gemäß. Dieses Erbe zerstören, hieße uns selbst verderben. Du – ich achte zu sehr die unbefleckte Reinheit des Weibes in dir. Eine andere Deutung lehne ich ab. Sie fiele aus mich selbst zurück, sie wäre verbrecherisch und würde dich kompromittieren. In dieser Brust ist kein Raum für eine derartige Deutung. Frage dich doch selbst, was du wolltest. Erinnere dich. Du wolltest mein Weib sein und nicht....« »Was...?!« Ihre Augen blitzten. »Was wollte ich nicht sein?!« fragte sie gierig. »Nicht meine Geliebte.« »Barmherziger Gott!« schrie sie auf. »Oder solltest du....« Sein Gesicht entstellte sich. »Ich muß es fast annehmen, wie ich mich auch dagegen sträube,« sagte er mit eisiger Berechnung, jedes Wort abwägend und gleichsam wie ein scharfes Messer in ihre Seele hineinstoßend, »sonst könntest du nicht... Ja – du, ist deine Laune etwa befriedigt? Ist dir das Abenteuer zwischen uns langweilig geworden? Hat es seinen Reiz und seinen Duft verloren? – und ich, ich habe nach dir gejammert und mich verzehrt in meiner Liebe.« »Nenne nicht Liebe, was bei dir Leidenschaft war,« sagte sie schaudernd. »Präge nichts Falsches, sonst: der Gedanke liegt nahe, ich würde beiseite geschoben, um dasselbe Spiel bei einem andern erleben zu müssen. In diesem Falle könnte ich dich bedauern.« »Hör' auf!« rief sie verzweifelt und suchte von ihm zu kommen. »Was machst du aus mir ...!« Sie taumelte rücklings und griff in ihr Haar, als wenn sie es aufreißen wollte. Das waren dieselben Haare von früher, die ihn so oft betört hatten. Das blitzte und gleißte! – Wie es aufleuchtete in dem warmen Sonnenstrahl, der voll darüber hinglitt und die Bernsteinfarbe erst ins Leben rief, daß es Funken gab! – Welch geheimer Reiz in diesem Körper ruhte, in dieser Biegung des Nackens, so weich und doch so königlich...! – Sein Blut war ins Stürmen geraten. Er drang auf sie ein. Brust schlug an Brust. Wie das klopfte und pochte! Diesen Herzschlag...! – den kannte er. Der gehörte ihm, das war sein Eigentum, den ließ er nicht wieder. Sie straffte ihren Leib, um seine Fessel zu brechen. »Laß mich los!« wehrte sie sich in seiner Umstrickung. Es war alles vergebens. Seine Liebe glimmte nicht wie Asche, die ein leichter Fuß austreten konnte. Sie war eine Flamme, eine unbezähmbare Flamme – und das war sie immer gewesen. »Wenn ich dich nicht so wahnsinnig liebte...!« keuchte er atemlos. Sie mußte seine suchenden Blicke ertragen. »Ich gehöre dir nicht...!« »Das ist ja alles nicht wahr,« sagte er heiser. »Und wenn es wahr wäre, so ist trotzdem mein Recht nicht hinfällig geworden. Ohne dich würde ich in mein Nichts zurückgeworfen. Das Wesensinnere läßt sich nicht abschütteln, wie man den Staub der Scholle abschüttelt. Ich werde doch nicht mein eigenes Leben zerstören, oder könntest du glauben, ich hätte alle Brücken hinter mir abgebrochen, um das Ersehnte nicht bis zur Anspannung des letzten Nervs zu verfolgen? Ein Sturz vom Leukadischen Felsen würde mir keine Ruhe bringen. Ich habe Jahre gewartet. Was uns anhaftete, mußte schwinden. Die Menschen sollten uns vergessen. Zermürbt durch Arbeit und mondäne Pflichten, habe ich nur deinetwegen gerungen, habe die Stunde erwartet – und jetzt ist die Stunde gekommen.« Wütend suchte er ihre halbgeöffneten Lippen. Noch ein letztes Ringen von ihrer Seite, obgleich sie wußte: es ist alles umsonst; er ist in seinem Recht; du kannst ihm nicht entgehen... Da stieß sie ihn von sich. »Nein!« schrie sie gellend. Er war totenblaß geworden. »Entweder du folgst mir,« sagte er mit einer Selbstbeherrschung und Entschlossenheit, die auch sie bis ins Tiefste erschütterte, »oder...« Der letzte Appell setzte ein. »Hast du noch nicht genug an der Toten...? Sprechen die Felsen der Faraglioni nicht eine vernichtende Sprache? Bist du eins mit dem Weib, das nach immer neuen Freiern lechzt, um ihr Herzblut auszutrinken und die Entseelten in den Abgrund zu stürzen?« Lautlos brach sie zusammen, und, den Kopf gegen die Dielen gedrückt, jammerte sie auf, als würde ihr Letztes, ihre Ehre, zum Kirchhof gefahren. Er war dicht vor sie getreten. »Es gibt Augenblicke,« sagte er vornübergebeugt und zwischen den Zähnen, »über die man nicht mehr hinweg kann, die einen wahnwitzig anstieren und gebieterisch an die Männerrippen pochen. Und diesseits steht eine höhnische Gewalt – und lächelt – und drückt einem ein hartes, blankes Ding in die Hand... Fertig; mache ein Ende. – Weißt du, was es heißt, dieser unabwendbaren Gewalt zu begegnen? Weißt du, was es bedeutet, das Dasein,einer anderen gemein^ sam niederzutreten, um darüber hinweg ein neues zu gründen? – Gut, wir taten's und haben die Konsequenzen zu tragen ... und nun willst du mir, wo ich alles um deinetwegen hingab, die Tür weisen und sagen: Erbettle dir ein andres Weib. Ich habe mich inzwischen besonnen. Ich suche neue Genüsse. Ich habe genug von dir und gehe über die Tote, über den Betrogenen in ein anderes Glück ein.« Das saß wie ein brennender Striemen. »Du...!« schrie sie auf. Sie hatte sich vom Boden gehoben. »Du willst die Tote gegen mich aufrufen...?! – Du könntest...! – Du willst sie mir vor Augen stellen, ich soll ihren Blicken begegnen...! – Sei doch barmherzig!« Sie griff an die Brust, als wollte sie ihr Mieder zerreißen. »Du bist ja nie ohne Waffe. Du trägst sie stets bei dir. Wenn du mich wirklich so liebst, wie du sagst, dann mache ein Ende und schieße mich über den Haufen. Das ist besser denn leben.« »Nein – leben sollst du!« Wieder umstrickte er sie. »Und bin ich schuldig geworden,« rief er gepeinigt, »so erlöse mich, rette mich, hilf mir...! – Rette mich vor der, die nicht mehr ist, die wir verrieten. Eine gemeinsame Schuld trägt sich besser gemeinsam! – Anna, Geliebte...!« Das klang ja, als hätte sein Inneres um Hilfe geschrien. Wie ein Verzweifelter hatte er ihre Lippen gefunden. Da gab sie den Kampf auf. Sie wußte ja längst: sie opferte ihre Kraft einer verlorenen Sache. Das wußte sie, bevor sie ihn noch gesprochen und den letzten Brief an den andern abgeschickt hatte. Das war ihr Geschick. Sie hatte es vorausgesehen. Sie erstarrte in seinen Armen; ihr Gesicht nahm jenen welken Ausdruck an, den der Tod den Abgeschiedenen verleiht. Da ließ er von ihr ab. Wie leblos stand sie vor ihm. Er erwartete eine Aufwallung ihres Herzens, einen Liebesschrei, ein tödliches Wort... Nichts von dem geschah. Sie verharrte in ihrer entsetzlichen Ruhe. Nur ihre durchsichtigen Nasenflügel bewegten sich leise. Mit einer fast religiösen Scheu betrachtete er die plötzlich eingetretene Leidenschaftslosigkeit in diesem weiblichen Körper. Jetzt wollte sie sprechen... jetzt sprach sie... »Es ist gut,« sagte sie endlich. »Ich sehe ein, wir können die Vergangenheit nicht abstreifen. Sie ist zu mächtig. Du kannst über das, was an mir sterblich ist, gänzlich verfügen. Du zwingst mich, vor mein Gelöbnis zu treten. Du hast ein Recht darauf – und ich folge mit dem Pflichtbewußtsein eines Soldaten, dem es obliegt, bis zum letzten Atemzuge auf seinem verzweifelten Posten zu bleiben. – Du hast die Tote gegen mich aufgerufen... Ich verzeihe dir; auch sie wird verzeihen... Geh jetzt und komme bald wieder. Es ist noch vieles zu ordnen. Habe keine Sorge: ich folge dir, ohne Groll im Herzen, ohne die Absicht, dich jemals an diese Stunde erinnern zu wollen. Was sonst kommen wird – das allerdings ist eine andere Sache. Darüber zu entscheiden, steht nicht in meiner Kraft. Geh jetzt. Du sollst dich über nichts beklagen. Was mir obliegt, werde ich mit peinlicher Sorgfalt erfüllen. Und nun ist's genug. Das bißchen bettelarme Leben, das mir noch übrig bleibt, magst du nach deinem Ermessen verwerten.« Sie wandte sich ab. Er ergriff ihre Hände. »Ich finde dich zu einer gelegneren Stunde...« »Geh jetzt,« sagte sie ruhig. Da küßte er ihr Hände und Stirne und Augen... dann ging er. Sie verfolgte seine Schritte, bis sie auf der leeren Straße verhallten. Die Bäume, die auf dem Beghinenhof standen, hatten sich in Purpur gehüllt. Der Abend sah mit großen, erstaunten Augen ins Zimmer. Bald darauf kam Erasmus nach Hause. Er fand seine Tochter in derselben Verfassung, in der sie Heiking verlassen hatte. Sie stand noch auf der nämlichen Stelle – wie vorhin. Als er auf sie zutrat, wußte er alles. »Er war hier, trotzdem er erst morgen kommen sollte?« fragte er verstört. »Ja,« sagte sie, ohne eine Träne zu finden. »Und du hast gewählt?« »Ja – ich habe gewählt, und was ich ihm schrieb, was ich Behrend schrieb, deckt sich mit dem, was kommen mußte und kam.« Da wankte der Prediger in ein anderes Zimmer und ließ sich dort nieder. Dann schlug er die Hände vors Gesicht. Er wollte zu Heinrich vom Hövel. Warum das? Es war doch nichts mehr zu retten und nichts mehr zu helfen. Da blieb er und suchte nach Lösung der Dinge und konnte die Lösung der Dinge nicht finden und nichts mehr, was Licht hatte unter dem Himmel – und doch stand die ganze Welt in leuchtendem Purpur. Aber er sah es nicht. »Es wird öde und still um mich her,« sagte Erasmus. XVIII Der Turm der Brügger Hallen ragte trotzig in den nächtigen Himmel. Noch vor wenigen Stunden war alles klarsichtig gewesen; jetzt stieg finsteres Gewölk auf. Von einem Frontzimmer des Hotels du Commerce schimmerte ein erhelltes Fenster über den Großen Platz hin, auf dem die Hallen lagen und die ehernen Gestalten Jan Brendels und de Konincks die Fahnenwacht hielten. Abgesehen von einzelnen Laternen, deren Flammen unruhig hin und her flackerten, war es wohl der einzige Lichtschein in der ganzen Umgebung. Ringsum eine bedrückende Ruhe und ein schweigsames Dunkel... Selbst der Portier des Hotels hatte in seiner kleinen Loge den Gashahn abgedreht und sich niedergelegt; keine Gäste standen mehr aus. Morgen war auch ein Tag, an dem er frische Gelder einheimsen konnte. Der Nachtzug Berlin-Köln-Ostende dampfte schon längst dem Meer zu, und die wenigen Passagiere, die er mitgeführt und in Brügge abgefetzt hatte, ließen sich von dem schlummermüden Hauch der alten Stadt und ihrer Mystik umweben. Das Hotel du Commerce war abgestorben, abgestorben wie die alten Fassaden, Kirchen und Türme, die phantastisch von der toten Stätte in die Nacht hineinwuchsen, die steinernen Häupter mit grauer Asche bedeckt, bar des Pulsschlages einer früheren Zeit und nur vom Schmerz umgittert, der um die Vergangenheit klagte. Schlug eine Uhr an, so schleppten sich die einzelnen Töne müde über die lichtlosen Häuser, um sich in irgendeinem entlegenen Winkel zu verkriechen. So verlassen wie in dieser Stunde war die Stadt noch niemals gewesen; nur das Frontzimmer im ersten Stock des weitläufigen Hotels blieb erleuchtet, wollte die Lider nicht schließen und sah wie ein heißes, fieberkrankes Auge, das den Schlaf nicht finden konnte, nach dem Glockenturm der Hallen hinüber. Seit dem Einlaufen des Nachtzuges Berlin-Köln-Ostende war mehr denn eine Stunde verflossen. – Alte Kupferstiche in vergilbten Barockrahmen hingen an den Wänden des saalartigen Raumes, von dessen kassettierter Decke die erleuchtete Krone schwebte. Auf dem Kamin mit den flandrischen Säulen tickte eine Stutzuhr, die schon längst Mitternacht hinter sich hatte. Die eingedunkelten Tapeten schluckten das Licht auf, so daß man kaum das breite Himmelbett gewahrte, das in seiner urväterlichen Gestalt und den schwer niederfallenden Gobelins fast die ganze, dem Fenster gegenüberliegende Schmalseite des Zimmers einnahm. Ein weicher Teppich dämpfte die Schritte; sie gingen wie auf einer dichten Schneedecke. Alle Winkel und Ecken lagen umdüstert; nur auf dem gespreiteten Tisch ruhte ein tagheller Schein, unter dem ein lautes Schluchzen war, das plötzlich abbrach, als die Hand des verzweifelten Mannes das Papier berührte, das ihm alles genommen. Er preßte die hämmernde Stirn gegen die Tischkante; schreien konnte er nicht. Der Schmerz stieß ihm den Ton immer wieder in die Kehle zurück. »Was soll das jetzt?! – Was soll das nur werden...?!« Es war Hans Behrend. Vom jungen Morgen bis spät in die Nacht hineingefahren, war er seit einer Stunde wieder in Brügge. In aller Herrgottsfrühe hörte er die märkischen Kiefern rauschen, sah den märkischen Sand – dann stampften die westfälischen Eisenhämmer – er sah Lippe und Ruhr – links von ihm zogen die monotonen Höhen des Haarstrangs vorüber – dann winkte der Rhein – der ewige Dom stieg auf... Er achtete nicht darauf, so schön und mächtig sich auch die gegliederten Steine wie riesenhafte Kristalle aufschichteten. Am Spätnachmittage passierte der Zug die stolze Kaiserstadt an der belgischen Grenze. Dann kam wallonische Erde. In Lüttich rauchten die Schlote. Brüssel, Gent...! – Es war späte Nacht geworden. Die matte Gasflamme an der Decke des Wagenabteils wollte nicht zur Ruhe kommen. Er saß allein zwischen den Polstern und zählte die Lichter, die noch in Gent brannten. Aber der Roland schwieg. Damals läutete er, und seine Schläge erzählten ihm die ernste Geschichte des vlämischen Volkes – auch die der schönen Maria von Burgund. Heute fehlte der großen, gewaltigen Glocke die Stimme. Der Zug polterte durch die sternlose Nacht hin. Die weite Ebene rollte sich unter dem klingenden Räderwerk auf. Er raste durch ein eingeschlafenes Land. Die Sekunden wurden zu Minuten, die Minuten zu endlosen Stunden... Dann kam Brügge, ausgestorben: – die tote Stadt unter dem mächtigen Bahrtuch. Hans Behrend sah nur wenige Leute auf dem verödeten Bahnsteig. Er suchte mit bangem Herzen die Stelle, wo er Abschied von ihr genommen hatte. Heinrich vom Hövel empfing ihn. Nach Sankt Anne zu kommen, war keine Gelegenheit mehr. Es lag auch nicht in der Absicht Heinrich vom Hövels. Sie gingen dem Hotel du Commerce zu. In dem saalartigen Gemach mit der kassettierten Decke erfuhr er alles. Da überkam ihn die Zeit seiner Jugend und die Zeit seiner hoffnungslosen Liebe und die Zeit seiner heißen, wirklichen Liebe, an der er zu genesen gedachte – und mußte nun sehen, daß alles umsonst war und eine entsetzliche Hand ihn dem Abgrund zustieß. »Der Tod ist hinter mir...!« schrie er auf, dann brach er zusammen, die Stirn gegen die Tischkante gedrückt, mit der Rechten das Papier zerknitternd, das sie ihm durch Heinrich vom Hövel zugestellt hatte. Keine Tränen; nur ein jämmerliches Schluchzen – sonst gar nichts. Lange, endlos lange Minuten vergingen. Heinrich vom Hövel schritt über den geräuschlosen Teppich. Mit aller Gewalt brachte er den Aufruhr, der in ihm tobte, zum Schweigen; doch wie er auch grübeln und nachsinnen mochte – er fand keinen Ausweg und fürchtete, daß es für den Ärmsten keine Rettung mehr gab, daß er ein verlorener Mann war, dem nur erübrigte, das endgültige Fazit unter sein Leben zu setzen. Vielleicht konnte er ein neues Dasein beginnen, konnte hinüber retten, was noch zu retten war, konnte aus den Trümmern wieder aufbauen, aber auf einer anderen Stätte, geführt von einer weiblichen Hand, die ihm die Erinnerung von der Stirne strich, die stärker als die wundertätige Hand war, die ihn zu heilen gedachte und doch nicht zu heilen vermochte ... vielleicht auch nicht ... Dennoch versuchte er es, ihm den armen, gebeugten Nacken zu strecken. »Hans,« sagte er mit selbstquälerischer Fassung, mit einer Ruhe, hinter der der Henker mit dem Strick stand, um sie noch stiller zu machen, »sei doch nicht so ganz niedergeworfen. Nur nicht gleich mit der Flinte ins Korn. Arbeite, schaffe – das gibt Ablenkung. Hier hilft kein Mundspitzen; es muß eben gepfiffen werden. Die Augen auf! Windzeit und Wolfszeit wollen kommen. Begegne ihnen. Wer sich verloren gibt, ist schon vor der Katastrophe gerichtet. Also ruhig, mein Junge, und denke daran, daß sich auch die widerspenstigsten Gelenke einrenken lassen. Man muß nur wollen.« Da streckte sich Hans Behrend. »Was?!« stöhnte er auf. Mit glanzlosen Augen sah er den Sprecher an. »Man muß nur wollen?! – Was verstehst du darunter?« Mit der Faust knöchelte er auf den Tisch. »Wo das hier geschrieben steht – von ihr ...? – Wo du mir das selbst in die Hand gedrückt hast? – Wo ihre schmalen, reinen Finger das niedergelegt haben? – Mensch, das ist ja mit ihrem Herzblut geschrieben!« Er verfärbte sich und packte das zerknitterte Stück Papier, so wie man irgendein furchtbares Ding anpackt, das einem das Leben absprechen will. Dann las er mit fliegendem Atem, was er schon zehnmal gelesen hatte: »Hans, verzeih' mir; ich flehe Dich an, mich begreifen zu wollen. Du bist noch immer bei mir, und das ist das Furchtbare in meiner gegenwärtigen Lage. Ich habe ausgehalten wie eine Verzweifelte. Nun ist trotzdem gekommen, was ich befürchtete. Das Schicksal ist eben stärker, gewalttätiger als ein gequältes Menschendasein. Ich liege am Boden. Das Unabänderliche geht seinen Gang. Ich wundere mich, daß ich noch lebe – aber ich kann unter den obwaltenden Umständen nicht anders handeln. Es muß sein, damit ich ehrlich bleibe; ich will es, so wahr mir Gott helfe, so wahr ich hoffe, selig zu werden. Suche nicht an meiner Entscheidung zu rütteln. Es wäre vergebens. Er ist wiedergekommen und verlangt sein Recht. Ich muß es ihm geben. Mein Entschluß ist unabänderlich, obgleich ich hierdurch meinem ersehnten Glück unbarmherzig die Tür weise. Die Gründe hierfür sprechen zu deutlich. Aber ich greife nach Deiner Hand und bitte Dich auf den Knien: Komme nicht wieder. Wir dürfen uns nicht mehr sehen; Du würdest mir sonst das Herz abstoßen. Gewiß – das ist nicht das Schlimmste. Gewiß nicht! – allein ich kann Deinen Anblick nicht mehr ertragen. Du würdest mich irrsinnig machen. Ich fühle es, das langsame Sterben kommt. Eine Verzweiflungstat meiner seits – das wirst du nicht wollen. Lebe wohl, Hans, und vergiß Deine arme Anna-Maria.« Seine Faust fiel schwer auf den Tisch. »Und da willst du mir vorreden wollen ...« Wie ein Trunkener war er in die Höhe gefahren. »Heinrich, und da sprichst du mir von widerspenstigen Gelenken, die sich einrenken lassen?!« Die beiden Männer standen sich dicht gegenüber. »Hans, du hast mich nicht richtig verstanden.« »Warum nicht?« »Ich wollte nur sagen: laufe nicht Sturm gegen Dinge, die vorläufig unüberwindlich erscheinen. Suche in erster Linie den Burgfrieden deines Innern wiederzufinden. Das steht an vorderster Stelle. Es gibt in der Welt größere Aufgaben zu verfechten, als solche, die lediglich dem Heizen entspringen. Laß unter dem Messer deiner Leidenschaft nicht die große Liebe zur Kunst und zu deinem Volk verhauchen. Das bist du dir schuldig, das bist du der Menschheit schuldig. Sie haben ein heiliges Anrecht darauf. Nein Geist darf nicht untergehn. Du darfst ihn und seine Schaffenskraft nicht selbstquälerisch vernichten. Das mußt du begreifen und wirst du begreifen. Du hast keine Verfügung darüber. Was in dir ruht, bestimmt, dem Schönen und der Wahrheit zu dienen, Gedanken zu formen und aufwärts zu heben, das ist nicht dein unmittelbares Eigentum. Beileibe nicht! Es ist weiter nichts, als ein dir von einer höheren Gewalt übertragenes Lehn, das du nach bestem Wissen und Wollen zu schützen hast, selbst auf die Gefahr hin, auf der Strecke liegen zu bleiben. Das allein hast du als Richtschnur deines künftigen Lebens zu betrachten. Und wirft dich der Jammer zu Boden, stößt dich die Not mit Füßen – die Fahne deines Geistes muß fliegen. Zerre sie nicht in den Staub. Du bist ein Priester der Kunst, der Offenbarung; es wäre ein Frevel, die heilige Flamme des Opferaltars kleinmütig niederzudrücken, einer Leidenschaft wegen löschen zu wollen. Du bist auf dem besten Wege dazu, wenn du nicht deiner haltlosen Stimmung gebietest.« In jäher Hast faßte er die Hand seines Freundes und packte sie, als wollte er sie zerbrechen. »Hans, höre mich: das allein wollte ich sagen; ich meine es ehrlich mit dir.« »Und sie ...?« fragte Hans Behrend. Alles Blut war aus seinem Antlitz gewichen. »Du,« stöhnte er auf, »hat sie nicht in mein Leben gegriffen – ohne Ahnung, was eigentlich die Liebe eines Mannes bedeutet, was es heißt, die Brust eines Mannes langsam, wenn auch unbewußt, mit reinen Lilienfingern zu zerfleischen? Anna-Maria! – Anna-Maria...!« Er tastete in die leere Luft, als müsse er Halt gewinnen, um nicht niederzustürzen. »Und jetzt ist dieser Mensch noch gekommen ...! – Mein Gott und mein Himmel ...!« Heinrich vom Hövel mußte ihn halten. »Und was willst du mit ihm?« fragte er düster. Da schlug ihm ein blinder Zorn entgegen. »Was ich mit ihm will?« kam es ingrimmig zurück. »Ich will ihm an den Hals. Entweder er oder ich – das will ich.« »Das wirst du nicht,« sagte Heinrich vom Hövel mit aller Bestimmtheit. Fast scharf, zurückweisend hielt er ihm diese seine Meinung entgegen. Hans Behrend trat einen Schritt vor. »Wie kommst du dazu, dich so kategorisch in meine Angelegenheit zu mischen?« »Weil ich dein Bestes will.« »Und wenn ich behaupte...« »Das verfängt nicht bei mir.« »Und wenn ich mich genötigt sehe, Rechenschaft von ihm zu fordern?« »Dann sage ich dir klipp und klar: du hast kein Recht dazu. Es wäre ein törichtes Draufgehn und stände ganz außerhalb deiner und meiner Verstandesbegriffe. Nein, Hans, man darf sich nicht lächerlich machen. Lege dir die Sachlage doch mal auseinander, seziere sie bis in die innersten Fasern, gehe auf den Ursprung der Dinge zurück – nein, bitte, laß mich ausreden – wäge mit dem Verstand und nicht mit dem Herzen, und du wirst zugeben müssen, daß es töricht wäre, ihn für den Entschluß Anna van Dornicks verantwortlich zu machen. Vergib dich doch nicht. Zerschelle doch nicht an einein Menschen, der, im Licht besehen, kaum würdig ist, dir die Riemen zu lösen, dem es fern lag, dir an die Ehre zu kommen. Frage dich selber: was ist der Zweck seines Hierseins, was will er? Nur verbriefte Titel besitzen. Er pocht auf seinen Schein und verfolgt seinen Weg mit der verfluchten Sicherheit eines Mannes, der gewohnt ist auf einem straffgespannten Draht zu spazieren. – Daß es so kommen mußte, ist furchtbar; dennoch muß ich dir gegenüber nochmals ausdrücklich betonen, daß er zweifellos in seinem Recht ist und eigentlich nichts getan hat, dein Ehrgefühl auch nur in etwa zu tangieren. Auch ihr Brief bestätigt diese meine Auffassung – und daher ...« Hans Behrend glaubte nicht richtig zu hören. »Und daher... ? fragte er vor sich hinbrütend »Liegt die Entscheidung bei ihr und nirgendwo anders – und sie hat schn entschieden. Finde dich damit ab, besinne dich auf dich selbst. Nur der unbesonnene geht am Weibe zugrunde – und sollte es dir passieren: es wäre ein Jammer für die Kunst und die Menschheit. Was aber auch kommen mag: der andere bleibt aus dem Spiel, wird aus dieser Affäre einfach ausgeschaltet, hat überhaupt mit der ganzen Sachlage nichts zu schaffen, und solltest du dennoch den verzweifelten Mut haben – Mensch, ich weiß, was ich tue.« »Soll das eine Drohung sein?« Der Gequälte wurde bleich bis in die Lippen hinein. »Das überlasse ich deinem Ermessen. Aber, Hans, Hans, Hans...! – du großes, liebes Kind, sei doch vernünftig und höre auf den, der dich kennt bis in die innersten Nieren und dich von jeher liebte, als wärest du sein eigener Bruder gewesen!« Er warf die Arme um ihn. »Sei doch vernünftig, sei wieder ein Mann, der nach Arbeit verlangt und Kampf und Sieg und dem harten Leben! – Nur so gesundest du, nur so geht dein Stern nicht unter, der ins graue, ewige Meer will.« Die Stimme versagte ihm. Hans Behrend wankte. Mit einem kurzen Laut brach er in sich zusammen, faßte sich aber. Den Kopf zurückgeworfen, sah er Heinrich vom Hövel an. »Es ist gut so,« sagte er endlich. »Du wirst recht haben; der Mensch mag die Luft weiter genießen, die mich anekelt. Er mag an ihrer Überfülle ersticken.« »Das ist mal verdammt schön und vernünftig gesprochen! Gut Ding, was sich bessert.« »Aber eins mußt du mir doch schon gestatten,« sagte Behrend nach einigem Zögern. »Hans – und das wäre?« »Ich will morgen zu ihr. »Trotz des Briefes?« »Ja – trotz ihres Briefes; aber frage nicht weiter. Das ist meine letzte Bedingung.« Heinrich vom Hövel atmet tief auf. »Dann gehe,« sagte er schließlich, »ich will dich nicht halten und kann dich nicht halten. Die Seemenschen sagen: Es ist freiwillige Tat ... aber« – und seine Stimme nahm etwas Drohendes an, wie eben – »mag die Entscheidung auch fallen wie sie will: Du gehst nicht über Bord. Das erwarte ich von dir. Nicht mehr und nicht weniger.« »Heinrich – ich gehe nicht über Bord.« Vom Hövel streckte ihm die Hand hin: »Also bis morgen. Und wo treffen wir uns?« »Am Minnewater.« »Um welche Stunde?« »Gegen elf.« »Gute Nacht.« Da verließ er ihn und zog leise die Tür hinter sich ins Schloß. Seine Schritte verhallten in den endlosen Gängen. Hans Behrend drehte das Licht ab. Unausgekleidet warf er sich aufs Bett. Vom Großen Markt her malte eine Laterne ihren gelblichen Schein auf die dunklen Tapeten. Das breit hingelagerte Brügge sah gespenstisch ins Zimmer. Der Turm der weiten Hallen wurde immer größer und größer. Hin und wieder tat er den Mund auf. Dann fielen die einzelnen Schläge gleich matten, ehernen Vögeln auf die tote Stadt hin, die, von düsteren Mauern umgeben und von einem sternlosen Himmel überdeckt, wie in einem riesigen Sarg lag. Hans Behrend hörte auf die einzelnen Stunden. Die Müdigkeit wollte sich nicht einstellen. Erst gegen Morgen schlief er ein. Er durchlebte im Traum noch einmal die Tage einer glücklichen Kindheit. Sommervögel gaukelten über Blätter und Blüten, der Wind fuhr mit leisen Fingern durch nickende Roggenähren und spielte darauf wie auf goldenen Saiten. Später fand er sich wieder in der Löbkerschen Bude. Draußen fielen die Schneeflocken – leise, ganz leise. Die Leute gingen kaum hörbar vorüber. Im eisernen Kanonenofen knatterte ein lustiges Feuer. Auf der großgemusterten Tapete hing das Bild der schönen Maria, der Herzogin von Burgund, die so jung sterben mußte. Ihr Bild wurde lebendig. Es trat aus dem Rahmen heraus, nahm ihn bei der Hand und führte ihn durch die verschneiten Straßen bis gegen das Meer, das die vlämische Küste bespülte. Als er das Meer sah war Sommerzeit, und die Malven blühten an den niedrigen Giebelfronten der Häuser von Sankt Anne ter Muiden. Er selbst aber war zum Manne gereift, sein Name tönte, und das Schicksal hatte ihm silberne Fäden um Bart und Schläfen gesponnen. Und sein Herz war schwer. Blutstropfen hingen daran. Sie waren rot wie flammende Rosen, die im Sommerwind wehen. Er hörte den Fall der einzelnen Tropfen, und er wäre niedergebrochen, wäre nicht die schöne Anna-Maria gewesen, denn siehe: sie öffnete ihm mit reinen Händen die Pforten des Heiles. Er sah in einen paradiesischen Garten. Da war keine Not darin, und fehlten Tränen und Herzeleid und alle Sorgen, die den Fuß straucheln machten. Sie aber schritt voraus und winkte ihm mit ihren wundertätigen Händen – und winkte und winkte ... Da er aber folgen wollte,hob sich ein Sturm und sauste und brauste und packte mit eisernem Griff die Pforten an und spielte damit, als wären sie ein Gerät für Kinder gewesen – und schloß sie für immer. Es war ein fernes, dumpfes Gepolter. »Anna-Maria! – Anna-Maria ...! Er glaubte, ein gemarterter Frauenkörper sei hinter den zugeworfenen Planken niedergefallen. Dumpf und schwer redete der Hallenturm in seine Traumwelt hinein. Da fuhr er auf. Das erste, bange Leben regte sich in den Straßen von Brügge. Verschlafen sah der Morgen ins Zimmer. – Und der ernste, bittere Gang kam für ihn. Er hatte einen Klang im Ohr, als würde ihm das Armesünderglöckchen geläutet. Er konnte ihn nicht los werden. Wie von unsichtbaren Händen in Bewegung gesetzt, tönte ihm das trostlose Glöckchen von allen Seiten entgegen. Es schien aus dem mit Gras bewachsenen Straßenpstaster zu klingen. Es hallte ihm nach, als er die Heilige Blutskapelle passierte. »Kehr' um, kehr' um – du bist doch verloren, verloren, verloren ...!« Erst jetzt bemerkte er, daß er einen Umweg machte. Da ging er nach den Hallen zurück und folgte der winkeligen Häuserzeile, die am Dyver vorbeiführte. Aber wohin er sich auch wenden mochte – das aufdringliche Läuten und Klingeln wollte nicht absterben. Er sah sich um, ob vielleicht ein Priester mit den Heilssakramenten käme. Er wußte: vor der goldenen Kapsel wurde stets eine Schelle geläutet, um die Vorübergehenden in die Knie zu zwingen, geschah es doch des Allerhöchsten wegen, der zu einem Sterbenden wollte. Ganz in semer Nähe hallten die Klänge. Der Priester mußte jeden Augenblick um die nächste Ecke biegen; aber niemand kam, keine menschliche Seele – und das eherne Zünglein tönte weiter und weiter. Jetzt schien es von der Liebfrauenkirche zu kommen. Es verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde; es nahm einen grollenden Ton an. Es war kein Glöckchen mehr, was die Luft erzittern machte; es war eine Glocke geworden. »Kehr' um, kehr' um – du bist doch verloren, verloren, verloren ...!« Die gewaltigen Klänge drückten seinen Nacken tiefer. Nur mit Mühe vermochte er sich aufrecht zu halten. Er schleppte sich weiter. Die Heilige Geist-Straße nahm ihn auf. Etliche Frauengesichter mit Klöppelhauben auf den zurückgestrichenen Haaren standen hinter den Fenstern. Niemand vernahm die mächtige Glocke; nur er vernahm sie, nur er konnte sie hören. »Kehr' um, kehr' um ...!« Es war zu spät. Da lag schon das düstere Haus mit den ausgetretenen Treppenfliesen und der abgebröckelten Klinkerfassade. Traurig, wie die übrigen Häuser der nächsten Umgebung, sah ihn auch dieses Haus an, das alles umfaßte, was ihm lieb und teuer war auf dieser Erde. Seine Liebe, seine einzige Liebe! – die eine entstellende Larve vorgelegt hatte, um ihn unerkannt und unbarmherzig niederzustoßen. Die Tür stand geöffnet; er brauchte keine Klingel zu ziehen. Noch einmal überkam ihn das Gefühl seiner gänzlichen Ohnmacht und seines Alleinseins. Er hatte Angst vor dem Tode und dennoch Scheu vor dem Dasein. Der Gedanke erfaßte ihn: könnte ich schon sagen, ich habe ausgelitten, wenn auch mit Schmerzen; aber ich bin wunschlos geworden. Ich habe das Leben versäumt, meine Tage sind nichtig gewesen; meine Arbeit zerflattert wie Spreu vor dem Winde. Es ist gut so und besser als leben, denn ich habe keine Furcht vor meinem eigenen Selbst mehr. Sie ist mir genommen; Gott war barmherzig. Hoffnungslos ging er über die Schwelle. Er trat in ein verwunschenes Haus ein. Die weiten Korridore mit ihren kahlen, getünchten Wänden, die hallenden Treppenstiegen, die öden Nischen mit ihrer Nacktheit, die jedes Geräusch in Geisterstimmen zurückgaben – alles das mutete ihn an, als habe er eine Stätte betreten, die herbstlich absterben wollte. Hier konnte man Tote aufbahren. Niemand begrüßte ihn, niemand empfing ihn. Er erreichte die erste Etage, wandte sich hierauf der nächsten Tür zu und legte, nachdem er leise angepocht hatte, die Hand auf den Drücker. Aber niemand gab Antwort. Da riß er die Tür auf ... Er wollte ja gar nichts. Er wußte zu genau, was eintreffen würde. Hier gab's keine Überraschung für ihn, ebensowenig wie einer Überraschungen fürchtet, der bei klarem Verstande über ein schwelendes Moor geht. Unter ihm wankt der Boden, die graue, gähnende Tiefe tut sich auf, zuckende Flämmchen spielen um seine versinkenden Füße – das ist so alltäglich. Und wenn der Tod selbst käme, und wenn der Wahnsinn erschiene – was verschlug das noch weiter? Mochten sie kommen. Er hätte sie als Erlöser betrachtet. Das weite Zimmer lag in endlosem Frieden. Er sah nichts und hörte nichts. Nur ein gedämpftes Tageslicht fiel über die verblichenen Möbel. Ein Fenster stand offen. Kaum merklich bewegte sich die Gardine im Luftzug. Auch das gewahrte er nicht. Er hatte nur das unbestimmte Bewußtsein, als wenn sich eine schlanke Hand langsam erhöbe, um nach seinem Herzen zu greifen. Jetzt sah er ... Er starrte das Weib an, das totenblaß und mit verstörten Mienen sich erhob. »Also du kommst?« Sie hielt sich fest und schaute zu Boden. Dann schlug sie die Blicke auf. Erstaunt und mit einem fast kindlichen Ausdruck sah sie den Weg entlang, den er gegangen war. Er rührte sich nicht von der Stelle. Mechanisch rang sich ihr Name von den kalten Lippen herunter. »Anna-Maria ...!« »Die bin ich nicht mehr, sagte sie mit vernichtender Ruhe, »aber ich bin die, die du suchst – und du hast ein Recht darauf, mich für ehrlos zu halten.« »Anna-Maria, hast du kein liebes Wort für mich, ein einziges Wort nur?« Sie sah ihn mit leeren Blicken an, und er fühlte, wie sie auf ihn geheftet waren – diese entsetzlichen Blicke. »Nein – ich habe dir nichts mehr zu sagen.« »Ach, du – denke doch an mich, denke an die Verstorbene.« »Hans, ich habe dir nichts mehr zu sagen.« »Und was wird aus mir?« Er stierte in ein endloses Dunkel. »Vergiß und suche glücklich zu werden. Was aus mir wird, das weiß ich. Frage an über Jahr und Tag – und sie werden die Antwort geben. Ich wollte dir und mir diese Stunde ersparen – und du bist dennoch gekommen.« Ihre Worte erlahmten. »Also das ist das Ende?« Sie nickte stumm. Über ihre vergrämten Züge irrte ein krampfhaftes Zucken. Sie schloß die Augen mit einem seltsamen Mienenspiel, das plötzlich erlosch. Sie erinnerte sich ... So hatte sie auch zum ersten Male mit ihm auf der großen Düne gestanden. Das Meer rauschte herauf, und ein Ostindienfahrer schwebte am tiefen Horizont mit vollen Segeln vorüber. »Ja,« sagte sie endlich, »das ist das Ende.« »Ich wußte es.« Sein Bild stand in dem gegenüberhängenden Spiegel, und er sah, wie ein jäher Riß sein Antlitz entstellte, den der Schmerz hineingepflügt hatte. Mit einer furchtbaren Klarheit lag die Stunde vor ihm. Er hob den Kopf in die Höhe. Er hatte sie zum letzten Male gesehen. Noch einmal streckte sie ihm die Hand entgegen. Er achtete nicht darauf. Er wandte sich und verließ das Zimmer. Die Tür schloß sich hinter ihm – mit einem dumpfen Geräusch. Er hörte den Ton, als wenn er immer mächtiger würde. Er hatte ihn schon im Traum vernommen. Da ging er durch die vereinsamten Gänge, den tödlichen Pfeil in der Brust. Er brauchte ihn nur herauszuziehen, um still zu verbluten. Auf der Treppe kamen ihm Schritte entgegen. Er glaubte ... Sein Herz setzte aus. Die Wunde erstarrte. Jahre mußten überbrückt werden, lange, qualvolle Jahre – und zwei Menschen begegneten sich ... Hans Behrend hielt sich am Treppengeländer. Damals auf der Löbkerschen Bude – damals und jetzt ...! – Wie das durch sein Gehirn flog! – wie ein Schiff in Not, wie ein zerrissenes Segel im Sturm ... Die Stunde verlangte nach Ausgleich. Sie schrie danach, wie ein weidwund geschossenes Tier auf der Strecke schreit. Hei, wie das zerrissene Segel im Sturm flog ...! Aber Hand ans Steuer ... Er dachte an Heinrich vom Hövel und sah seinem Gegner starr in die Augen. Und dennoch ... »Du,« kam es aus ihm heraus, jäh, zerfetzt, wie verzweifelt, – »nein, du – ich klage nicht um sie, ich klage nicht um mich. Ich habe keinen Haß für sie; auch das Mitleid ist abgestorben wie Halme, die die Sense umgelegt hat. Aber du...« Eine wütige Verstörung hatte sich an ihn geworfen. »Ich ziehe die Bilanz der verflossenen Jahre bis heute – und sie ist erbärmlich gewesen. Zum zweitenmal greifst du brutal in mein Leben, zum zweitenmal setzt du mir den kalten Lauf vor die Stirne ... Aber glaube nicht, du seist Sieger geblieben. Der Sieger bin ich!« Er beugte sich rücklings und hielt ihm die Faust vors Gesicht. »Was wollen Sie von mir?« stammelte Heiking. Er war erdfahl geworden. Hei, wie das zerrissene Segel im Sturm flog ...! »Der Sieger bin ich! – Mich hat sie geliebt – die tote Maria! – und für mich ist sie gestorben auf dem Wege zur Punta Tragara. Verstehst du: auf dem Wege zur Punta Tragara. Die Liebe bleibt über die Ewigkeit hinaus. Ewig ist sie bei mir – die tote Maria!« Ein Schiff in Not – aber die Hand lag am Steuer ... Da lachte Heiking auf. Er beherrschte den Augenblick. Er stand über den Reden eines irren Mannes. Gleich Nadelkristallen schoß es aus seinen gekniffenen Augen. Er reckte sich auf. Er hatte nur wenige Worte, aber die trafen. »Ein Pyrrhussieg,« sagte er mit herbem Sarkasmus. »Eim Pakt mit dem Tode – auch nicht übel. Und trotzdem: das Leben hat recht. An diesem Leben bist du gescheitert. Ich aber lebe und freue mich dessen.« Und seine Hand ging nach der Türe, hinter der Anna van Nornick weilte. »Und sie ist das Leben!« Das saß wie ein Axthieb. »Sie ...?!« schrie Behrend. Also das war der Ausgleich? Er hörte ein dumpfes Brausen, er vernahm selbstgefällige Schritte, die aufwärts stiegen und sich auf dem oberen Flur langsam verloren. Nann war es ihm, als hätte eine ferne, weltfremde Stimme gerufen ... Und die Stimme war so süß und verhieß ihm das Licht und das Vergessen und alles das, was er auf Erden nicht finden konnte. Er hörte das Armsünderglöckchen nicht mehr. Etwas Befreiendes ging über ihn fort. Er war sich klar darüber, was geschehen mußte. Noch einmal wähnte er den Duft blutroter Rosen zu spüren. Es waren die Rosen von damals, die so heiß wie ihre Liebe geblüht hatten. Er entsann sich ganz genau, es waren dieselben Rosen. Er strich mit der Hand durch die Luft, als wolle er sich des aufdringlichen Duftes erwehren, dann ging er still und gefaßt und ohne jede Erregung dem Minnewater zu. Seelenruhig folgte er den verödeten Straßen. Hier hatte ihr Fuß gewandelt, dieselbe Luft hatte hier ihre Stirn umfächelt – er dachte kaum noch daran. Sein Erinnern versagte, obgleich er fühlte: unheimliche Krallen bohrten sich immer tiefer und tiefer. Seine Ruhe war scheinbar. Jetzt tauchte der weite Spiegel auf. Alte Weiden schaukelten ihr grünes Haar ob dem tiefschwarzen Wasser. Darüber hinaus erhob sich die Liebfrauenkirche. Ein letzter, weher Blick ... Dort ruhte die schöne Maria. – Am Minnewater stand Heinrich vom Hövel. Als dieser des Freundes ansichtig wurde, ging er ihm entgegen und legte den Arm in den seinen. »So wäre auch das erledigt,« sagte er mit einer Betonung, die das Gegenteil befürchtete. »Auch wirklich alles erledigt, mein Junge?« »Alles,« war die bündige Antwort. »Nur eins nicht. Und ich möchte nicht gerne ... Weißt du: da ist noch etwas, was ich verpaßt habe, was mir nachträglich leid tut. Sie reichte mir die Hand hin. Ich sah diese Hand nicht und wollte nicht sehen. Das war unrecht von mir. Ich hätte sie annehmen sollen. So scheidet man nicht, wenn man weiß, daß alles vorbei ist und man sich nie wiedersieht in diesem Leben.« Er atmete auf. »Heinrich, willst du mir einen letzten Dienst erweisen? Es ist wirklich der letzte.« »Jetzt?« »Ja – noch in dieser Stunde. Gehe zu ihr und bringe ihr meine Grüße.« »Hans,« sagte vom Hövel und faßte ihn fester am Arm, »du kommst mir so unheimlich still und gefaßt vor. Du gibst mir Rätsel zu lösen.« »Wie sollte ich nicht, wo ich das Schlimmste hinter mir habe. Ich will in die Heimat.« »Was nennst du ›Heimat‹?« »Das, was Vergessen bringt; in der Heimat vergißt man.« »Mensch, du hast doch keine dummen Geschichten im Kopfe?!« »Sei außer Sorge – und ich frage dich nur: willst du hingehn oder nicht?« »Wenn es denn sein muß: ich gehe, aber du mußt mir versprechen, den Kampfplatz des Lebens nicht wie ein Schelm zu verlassen.« »Ich verstehe dich nicht.« »Tu willst mich nicht verstehen,« sagte Heinrich vom Hövel. Sein Blick flammte auf. »Verstehst du mich jetzt?« »Ja, ich verstehe.« »Und du erwartest mich hier – hier am Minnewater?« Hans Behrend biß die Zähne zusammen. »Ja – ich erwarte dich hier,« sagte er schließlich. »Gib mir die Hand drauf.« »Warum das?« »Du sollst mir die Hand drauf geben.« Die Stimme klang gebieterisch, fast drohend. »Früher gehe ich nicht von der Stelle. So wahr mir Gott helfe!« Da gab ihm der Ärmste zögernd die Rechte. »Also es bleibt dabei,« sagte Heinrich vom Hövel, sah seinen Freund noch einmal lange und traurig an, dann ging er zu Anna van Dornick, während die weißen Schwäne Kreise um Kreise zogen, und das Minnewater wie flüssige Lava vorübergurgelte. Die große Glocke in der Liebfrauenkirche läutete die Mittagsstunde ein. Die ehernen Klänge suchten in den Himmel zu steigen; aber die dicke Luft drückte sie nieder. Sie fielen immer tiefer und tiefer, bis sie schließlich in der flüssigen Lava des Minnewaters versanken. Im Wetter war ein stetiger Wandel. Seit einer guten Stunde rollte die See wieder. Alle Fischkutter hatten die Garnelengründe verlassen und lagen vertaut zwischen den Buhnen, von Knocke bis Henst hin, wenigstens an fünfzig Stück, die Segel eingebracht und unruhig stampfend. Auch die Ausflüglerboote hatten sich in ruhigeres Wasser begeben. Der Himmel war fernsichtig. Ab und zu blänkerte unter kurzer Sonne das Meer auf. Dann taten die Wellenköpfe so, als lägen sie in Frieden mit Gott und den Menschen; sie freuten sich und lächelten und waren doch tückische Hunde, die das Weiße ihrer Augen zeigten und nur drauf warteten, sich wie eine gierige Meute auf Deck zu werfen, um ihren Anteil zu holen. Alle sahen es nicht, aber ein Kundiger sah, wie ein straffer Nordwest hinter ihnen war, sie aufhetzte und mit weitausgeholter Peitsche traktierte. Unter der Peitsche lief ein kurzes Gebelfer, lange Striemen fegten über das Wasser, bis es schließlich in der grauen Tiefe aufmurrte, und auch die Sorglosen und Unkundigen nachdenklich wurden und lange Gesichter machten. Es war so um sechs Uhr herum. Die Sonne drückte nach unten. Von Walcheren bis Blankenberghe lag der Strand unter ihrem kurzen Blinkfeuer. Mürrische Wellen unterliefen die Bäuche der verstauten Ewer und Fischkutter. Die meisten Besitzer hatten sich wieder an Bord begeben, sahen mit stahlharten Blicken ins Wetter und warfen doppeltes Ankergeschirr aus. Zehn Minuten später ... Keine Änderung trat ein. Eine rotangestrichene Masse, schwankte das Leuchtschiff ›Wielingen‹ zwischen der Heyster und Knocker Bank, hatte alle Körbe hoch und machte Miene, sich von den Ketten loszureißen. Unermüdlich torkelte der Kapitän mit dem Punschgesicht über die Planken. Er hatte einen dunstigen Kopf und wollte die bohrenden Geister in der frischen Luft los werden. Sein Ölrock schlug im Wind und klatschte ihm wie ein nasses Stück Segel um die unsicheren Beine. Er war miserabel gestimmt. Seit zwölf Stunden war er nicht aus dem verfluchten Ölrock gekommen – und dann das Poltern im Kopfe ... Immer auf und ab, immer hin und her ... Die See nahm ein böses Gesicht an. Klaas Buhle kauerte auf dem Gangspill und priemte. Er dachte an seine Mutter, die er heute vor zwölf Jahren in die schwarze Lade getan hatte. Gegen Abend erschien ihre Seele. Dann sollte sie sich in der Kajüte an einem Kerzenlicht wärmen. Er saß schwer in Gedanken und simulierte sich eine schöne Rede aus, die er bei der brennenden Kerze zu halten gedachte. Er wollte ihr sagen, daß er noch immer gut beiwege sei, daß bald etwas in der Heyster Bucht passieren würde und so ... das wollte er sagen. Darüber grübelte er nach, während der Knasterbart als Wachthabender auf Achterdeck stand und strenge Order hatte, alles Neue, was er vor Augen kriegte, ungesäumt anzurufen. Und wieder waren zehn Minuten vergangen. Die Sonne duckte sich unter. Im steifen Wettermantel zog es über das blauschwarze Wasser. Das Feuerschiff wiegte und wogte. Es knackte in den Ketten wie in Fingergelenken. Da bog etwas in Richtung von Heyst her. Immer näher, immer näher ... Mit weißen Kämmen rollte die See an. Der Kapitän wurde auf die Seite geworfen. Da kam es von achtern: »Boot in Sicht!« »Wo?!« brüllte das Punschgesicht. »Backbord voraus!« Der Seelenmensch war an die Reling getreten. Auch der Kapitän. Das Wasser röchelte und gurgelte. Fünf Minuten später ... Der Kapitän hob breitbeinig das Glas auf. »Gotts den Donner!« rief er mit einmal, »das ist ja...« »Was los?!« keuchte Klaas Buhle. »Hoho! – das ist ja dem dicken Banning sein ›Meisje‹!« »Und alles Tuch gibt der Mensch her!« schrie Klaas Buhle dazwischen. Der Kapitän war nüchtern geworden. Er ließ das Glas herunter. »Bei diesem Wetter ...! – Gottssträflich ...! – Wie kann er sein ›Meisje‹ verleihen ...?!« Das Sprietsegel hoch, schoß das Boot durch das kochende Wasser. Jetzt sah man es nicht mehr. Da hob es sich wieder... Alle Matrosen waren an die Reling gelaufen. »'ne Seele, 'ne menschliche Seele ...!« Klaas Buhle hatte gerufen und streckte dabei die Hände, als müsse er ein Unglück beschwören. Jedem stand das Herz still. Wieder zwei Minuten ... Nur ein Mann war in dem schwachen Fahrzeug zu sehen. Wie eine Nußschale wurde es hin- und hergeschleudert ... noch eine Minute: und dann ein Krachen und Splittern. Das Segelgeschirr war gebrochen. »Mann in Not!« rief der Kapitän und gebot: »Jolle klar!« Jetzt sah man nichts mehr. Das Boot rasselte an der Leeseite nieder. »Freiwillige Tat – wer mitgeht ...!« Das Kommando jagte wie zündendes Feuer über Bord hin. Da sprangen der Knasterbart, Klaas Buhle und die halbe Mannschaft nach. »Mit Gott!« rief das Punschgesicht und mußte sich halten, um nicht umgeschmissen zu werden. »All right!« »All right!« kam es zurück, aber da kroch es plötzlich wie dicke, weiße Watte von allen Seiten heran. Schwaden bei Schwaden ... und fast keine Hand mehr vor Augen zu sehen. Der Kapitän und die übrige Mannschaft stierten und stierten, aber sie hörten nur die Arbeit der Riemen und das Stöhnen des Meeres ... und plötzlich ein helles Gelächter, als wenn ein Wahnsinniger gelacht hätte. »Gottverdammich ...!« Dem Kapitän kroch eine schwere Angst über den Ölrock. Die Watte wurde immer dichter und dichter. Sie hörten und sahen nichts mehr. Her Kapitän ließ die Lichter aufmachen, obgleich es noch Tag war. Hoch flogen sie von Backbordseite gen Himmel. Und sie kamen nicht wieder und kamen nicht wieder... Nach etlichen Stunden verging der Nebel. Der Wind jedoch war stärker geworden. Er neigte auf Sturm zu, konnte aber hierbei den richtigen Atem nicht finden, obgleich das Wetter schwer und bedrohlich blieb. Erst spät in der Nacht kehrte die Mannschaft zurück. Der Seelenmensch aber und der Knasterbart waren an Land geblieben. XIX An diesem Abend war Moritz Dütz-Josum merkwürdig unruhig. Er setzte eine Pfeife Tabak in Brand, lehnte sich ins Fenster und sah den grauen Wolken nach, die straff und stetig über das eingedunkelte Land marschierten. Auf der nahen Station der Trambahn brannten bereits die Petroleumlampen. Das Licht einer Laterne flankierte den Eingang. Moritz hielt sich nicht länger. Es gibt Gedanken, die einen nicht loslassen, die immer wiederkommen wie Viehbremsen. Er klopfte die Pfeife aus und zündete sich eine Zigarre an, um doch etwas anderes zu haben. Auch das brachte das Gleichgewicht seines inneren Menschen nicht wieder. Heinrich vom Hövel blieb aus; von Brügge kam überhaupt keine Nachricht. »Die van Dornicks ... na, ja – das ließ sich erklären, die wollten doch erst in einigen Tagen, aber Hans Behrend ... Moritz legte seine Zigarre beiseite. – Herrgott, noch mal! – der befand sich doch in einer ekelhaften Assiette. Wenn einem so was passierte ...! – so was konnte einen ja in den Wahnsinn hineinfoltern und einem die Frage nahelegen, ob es nicht besser wäre ... Unter Umständen gibt es eine Notwendigkeit der Selbstvernichtung. Der Mensch kann ein gerüttelt Maß voll Unglück und Seelenpein ertragen, aber was darüber hinausgeht ... Diese verfluchten Viehbremsengedanken! – Da pfiff er: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus ...« hielt aber gleich nach den ersten Takten damit inne, weil er sich einredete, etwas Dummes gemacht und so eine Art von Anspielung gepfiffen zu haben. Na – denn was neues! – Er verfiel auf den Dessauer Marsch: »So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ...« nahm Stock und Hut und begab sich zu Jan Bottertje. Dabei schlug er ein flirrendes Rädchen, das sich wie das Summeln einer fetten Hornisse anhörte. »So leben wir, so leben wir ...« Auf diese Weise gelang's doch, die verflixten Grillen für eine kurze Zeit in die Wicken zu jagen; außerdem hoffte er, bei Jan und den Damen auch vom Hövel anzutreffen und auf vergnügtere Sinne zu kommen, denn so ein infames Alleinsein macht wirbelsinnig im Kopf und Gespenster sehen, die überhaupt gar nicht vorhanden sind. Also los denn dafür! Den Rockkragen hochgeschlagen, pfiff er sich fidel an das khakifarbige Häuschen heran, hatte aber dabei das unbestimmte Gefühl, als wenn die lustige Melodie durch das scheußliche Gequiekse von Ratten begleitet würde – eine Ideenverbindung, die ihm plötzlich kam und immer da war, wenn eine große Sorge Kompanie mit ihm machte. Diese Biester! – also der Dessauer Marsch tat's auch nicht. Aber was tat's denn? – So blieb ihm nur noch sein zukünftiger Schwager übrig. Vielleicht hatte der Kerl vier Genever getrunken, war puppenmunter und ließ wieder die eisernen Brummers forsch über Deck rollen. Das gab doch zu lachen und konnte einen ordentlich aufmuntern. Da lag schon das Häuschen. Der sture Wind nahm ihm fast die Tür aus der Hand. Die Damen saßen im Thronsaal unter der sanften Helle des japanischen Lampenschirms. Auch Jan war bei ihnen. »Na, Kinder ...!« Moritz schlug einen jovialen Ton an. Mit gequälter Vergnügtheit rieb er die Hände zusammen. Er kam sich vor wie ein armseliger Komödiant, der lachenden Mundes zu mimen hat, obgleich er weiß, daß der Tod hinter ihm steht, ihn ständig belauert und bei der lustigsten Stelle in die Worte ausbricht: Schön, Männecken, man so weiter; das ist fein gemacht, le roi s'amuse – aber in vierzehn Tagen fahren wir deine Frau auf den Kirchhof. So was Ähnliches hatte auch Moritz an sich; trotzdem wollte er vergnügt sein. Gotts den Donner! – er wollte doch die ekelhaften Gedanken quitt werden. »Na, Jan – Ferkel-Jonkheer, Admiral de Ruyter ...!« Er scharwenzte um Bernadintje herum und drückte ihr einen herzhaften Kuß auf, er tat noch ein übriges und ging soweit, Heinrich vom Hövel und Hans Behrend als ganz kleine, allerliebste Suitiers hinzustellen, die sich in Ostende und Blankenberghe amüsierten, denen es nicht darauf ankam, eine Hand voll blanker Goldfüchse über den grünen Tisch springen zu lassen – und das alles nur, um einen anderen Dreh in die miserable Stimmung zu bringen. Aber nichts wollte anschlagen. Bei den Bottertjes war dieselbe Geschichte, dieselbe Verstörtheit. Auch hier hing etwas in der Luft, etwas Unausgesprochenes, etwas, was greifbar nahe lag, das man aber nicht zu berühren wagte, aus purer Angst, die Wirklichkeit könnte sich noch schlimmer als das Befürchtete herausstellen. Die beiden Frauen saßen mit gefalteten Händen und hörten auf die näselnde Stimme der Lampe. Jan war der verkörperte Denker, aber ein schwermütiger, der, sozusagen mit einem Trauerflor um den Hut und mit schwarzen Baumwollhandschuhen ausstaffiert, sich den tiefsinnigsten Betrachtungen hingab, ab und zu an seiner Tonpfeife saugte, ständig in sich hineinsimulierte und zur Kräftigung seiner Denktätigkeit den Rauchwölkchen nachsah, die in länglichen Kringeln zur Decke stiegen. Warum – das wußte er selbst nicht, aber all seine Grübeleien hatten lange Beine und liefen dem Winde konträr nach den Dünen – und so kam es denn schließlich, daß er die Stimmung mit diesen und dem Meere in Verbindung brachte und die Fülle seiner Gedanken nicht mehr in sich aufzuspeichern vermochte. Er mußte sie an den Mann bringen. Unruhig rutschte er auf seinem Binsenstuhl herum. »Was los?« fragte Moritz. »Je,« meinte Jan, »wenn jetzt einer auf See ist, bei diesem schweren Wetter auf See ist, und wenn dann das graue Wasser kommt, und wenn dann so einer etwas verzweifelt im Kopf ist – Moritz, der kann auch den richtigen Schlaf nicht finden.« »Aber, Schwager – du willst ein seebefahrener Mensch sein, so'ne Art von Admiral de Ruyter ... Ne, mein Junge, da habe ich doch mehr Kurasch in den Knochen. So leben wir, so leben wir, so leben wir alle Tage ... Mann Gottes, laß dich auslachen.« »Wenn auch,« replizierte Jan und zuckte mit den Schultern. »Ich sage bloß, wenn jetzt einer auf See schwimmt ...« »Herr Jeses!« legte sich nun Wilhelmintje ins Mittel, »du willst doch hier keine Behauptungen aufstellen?!« »Ich sage bloß, wenn jetzt einer auf See schwimmt ...« »Du willst uns doch hier nicht wie der Seelenmensch kommen?!« »Wilhelmintje, ich sage bloß ...« »Dann sag' was, aber Gnade dir Gott, wenn's von die Heyster Bucht ist.« »Jawoll,« platzte er los, »das von die Heyster Bucht wollte ich sagen.« »Christus ...!« rief Wilhelmintje, »Dämels seid ihr alle zwei beide.« »Wer?« »Du und Klaas Buhle.« »Gottverdomie noch mal!« meinte er giftig und schlug auf den Tisch, »Weib, ich kann meine eigenen Gedanken doch haben!« »Gewiß,« sagte Moritz, »das kannst du,« und legte ihm die Hand begütigend auf die Polkahaare, aber alle empfanden in diesem Augenblick, daß Jan nur das ausgesprochen hatte, was sie selber in Unruhe versetzte, und da rückten sie näher zusammen, sahen sich an und sprachen von Anna van Tornick, dem deutschen Schriftgelehrten und dem vornehmen Menschen, der nur gekommen war, um alles auseinander zu bringen, nannten die Dinge beim richtigen Namen, um dann wieder Vermutungen auszusprechen, die im Bereich des Unmöglichen lagen. Wilhelmintje wollte sogar die arme Herzogin von Vurgund für die traurige Sache verantwortlich machen. Steif sah sie ins Licht. Ihre Hände gerieten in eine nervöse Bewegung. »Nur von der kommt's her,« sagte sie, »nur von dem schönen Fraumensch in Brügge. Sie sieht akkurat aus wie die Predigertochter; und was er ist: er lief immer dahin und machte komische Anstalten in die Kirche. Dasselbe wird wohl mit dem andern passiert sein: auch verliebt in das schöne Fraumensch in Brügge und in Fräulein van Tornick – na, und wenn zwei die nämliche Liebe, gleichzeitig haben, 'ne tote und 'ne lebendige Liebe, da geht das nicht anders – da springt immer Malör 'raus.« »O Gott! – O Gott ...!« seufzte Bernadintje und horchte auf den Wind, der an den Fensterkreuzen herumfingerte, sich an den Schlüssellöchern zu schaffen machte und leise im Hausflur fiedelte, als müsse er dem Gespräch auch die richtige Begleitung zukommen lassen. »Stimmt,« sagte Jan Bottertje, »denn wenn jetzt einer auf See schwimmt – ne, der kann auch nicht mehr schlafen.« Draußen gingen Schritte. »Aber jetzt ...« sagte Moritz. Kurzentschlossen verließ er das Zimmer, ohne sich um die andern zu kümmern, die klopfenden Herzens zurückblieben. Er sah Heinrich vom Hövel vor sich und las ihm die Frage von den verstörten Zügen. »Nein, Heinrich, er ist noch immer nicht da.« Da mußte sich Heinrich vom Hövel am Türpfosten halten. »Moritz, komm mit nach oben,« sagte er verloren vor sich hin. »Die hier unten erfahren es noch früh genug. Die müssen noch warten.« »Also – du glaubst ...?« »Ja, der geht an seiner Liebe zugrunde, und es liegt schwer auf mir, daß ich es war, der ihm den Zipfel des schwarzen Tuches anbot.« Moritz wähnte die Auslassungen eines Verrückten zu hören. »Um Himmelswillen ...!« »Und das erdrückt mich,« ergänzte Heinrich vom Hövel, und da gingen sie hinauf und zündeten Licht an, und als die Lampe ihren freundlichen Schein durch die Stube warf, als Moritz mit bangen Augen an den Lippen seines Freundes hing, da umgriff dieser die Tischkante und erzählte alles, was er inzwischen erlebt hatte. »Ja,« sagte er endlich, und die Worte kamen ihm eng und gepreßt vom Munde, »daß er nicht hier ist, daß er meinen letzten Zuspruch nicht abgewartet hat, läßt mir alles möglich erscheinen. Wolle Gott, daß ich mich irre, aber ich kann den Gedanken nicht los werden: er hat das Theaterspielen satt und läßt den Vorhang herunter. Moritz,« brach es in ihm los, »wie ein Hund bin ich von Pontius zu Pilatus gelaufen. Erst zu ihm – nach der Katastrophe – und habe ihm das Versprechen abgenommen, auf mich zu warten und keine Dummheit zu machen. Dann zu ihr und dann wieder zu ihm, aber er hatte sein Wort nicht gehalten, und da sagte ich mir: Es geht um Leben und Sterben. Was treibt er jetzt? Was wird er morgen beginnen? Das begriff auch sie, als ich ihr das vorstellte, als ich ihr das auseinandersetzte – und aus dieser Stimmung heraus gab sie mir dies offene Schreiben. Wie im Wahnsinn, von einem Zweifel in den anderen geworfen, vertraute sie die schnell hingekritzelten Zeilen dem Papier an, unbekümmert darum, was nun kommen würde. – »Moritz!« – und er packte den Arm des vor ihm stehenden Mannes, der selber meinte, ihm würde ein Totenhemd über die Ohren gezogen: »Moritz, ich glaube, der Brief ist an einen gerichtet, der es nicht mehr nötig hat, sich in seinen Inhalt zu vertiefen. Der hört auch diesen Verzweiflungsschrei nicht mehr.« Hastig entfaltete er das Schreiben und las mit zeitweilig stockendem Atem: »So darfst Du nicht fort. Unter keiner Bedingung. Bevor alles aus ist, muß ich Dich noch einmal sprechen. Versteh mich doch: ich war nicht Herr über mein Denken. Es klang wie Sterbeglocken in mir – auch jetzt noch. Ich muß Dir alles bestimmter und genauer erklären. Ich muß Dir die Hand aufs Herz legen und Dir sagen, wie ich noch immer um eine verlorene Liebe bettle. Sei doch stark, vielleicht wird alles dann besser. Tu keinen unbesonnenen Schritt. Möglich, daß noch eine größere Not über mich kommt. Wer soll mir dann helfen? Ich fürchte, ich verliere den Verstand. Wenn Du Dich beruhigt hast, komme ich nach dort; wenn angängig morgen schon. Bis dahin halte wenigstens aus. Gehe nicht wie ein Verzweifelter aus dem Leben. Mein Schicksal ist härter. Schleiche Dich nicht heimlich fort. Du hast ja noch immer meine Seele. Sei stark und tue nichts, was ich hier und im Jenseits nicht wehr los werden könnte. Ich küsse Dich ...« Das Blatt sank ihm am Leibe herunter. »Moritz, das schrieb sie. Dann war ihre Kraft zu Ende. Ich vergesse die Stunde nicht. Ich vergesse die Ärmste nicht. Sie warf Anker um Anker, aber keiner wollte Boden fassen. Ich sah, wie das Schicksal aus dem Abend heraufstieg. Brügge ist eine tote Stadt; in ihr wird der Tod geboren. Unwillkürlich drängte sich mir dieser Gedanke auf. Dann wieder trat mir Sankt Anne in den Sinn. Ihn hier zu finden, war meine letzte Hoffnung. Auch die ist dahin gegangen. Was jetzt kommen soll? – ich weiß es nicht. Heute ist nichts mehr zu machen. Vielleicht morgen; aber ich glaube ...« Er sprach nicht mehr. Still setzte er sich zu Moritz, der wie ein Betrunkener zum Sofa gewankt war und sich dort niedergelassen hatte. Es hielt ihn nicht lange. Unruhig erhob er sich wieder. »Also bis morgen,« meinte er mit flackeriger Stimme. »Bis morgen,« sagte Moritz, ohne zu wissen, was er eigentlich sagte. Er hatte seine Fassung gänzlich verloren. Dann trennten sie sich. Auch die anderen gingen bald auseinander. Verbrämte Wolken flogen unter dem Himmel, um zeitweilig eine plötzliche Mondhelle auftauchen zu lassen – nur für die Geschwindigkeit eines Gedankens, denn so eilig sie kam, so unvermittelt ging sie auch wieder. Die Bäume verflochten ängstlich ihre Kronen, die kleinen Häuser von Sankt Anne ter Muiden duckten sich unter dem Wind. Ab und zu schlug ein Hund an. Die Nacht hörte ihren eigenen Herzschlag, bedrängt durch verwunderliche, prophetische Stimmen zwischen Himmel und Erde und das graue, fliegende Wasser jenseit der Dünen, das sich aufbäumte, um wieder zusammenzufallen, das aufjauchzte, um bittere Tränen zu weinen, als erwecke es Reue und Leid über ein Unglück, das es angestellt hatte, schadenfroh und dennoch knirschend, unermeßlich, unerforschlich, gierig, lachend über sein Opfer – und doch eine zärtliche Mutter, um es wie ein Kind in ihren starken Armen zu wiegen. Ja – die Nacht hörte ihren eigenen Herzschlag; sie schlief nicht, sie ruhte nicht, sie brachte den Menschen keine Erlösung und reihte Stunden an Stunden, die sich lendenlahm fortschleppten und Gesichter hatten wie die elende Sorge und vertrocknete Blätter. Jan Bottertje wälzte sich in den Kissen und horchte auf die Sprache des Kirchturms. Zwölf Uhr; dann ging es auf Morgen: ein Uhr, zwei Uhr ... bald darauf hallte die dritte Morgenstunde herüber. »Gottverdomie, ich kann meine eigenen Gedanken doch haben! – Wenn jetzt einer auf See schwimmt...« Da erhob sich Jan Bottertje, kleidete sich notdürftig an, nahm eine Kerze und tappte unruhig und ohne Zweck und Ziel durch die einzelnen Zimmer. Langsam ging es über Treppen und Stiegen. Sein Schatten zog mit, machte drollige Männchen und flegelte sich übermütig über das schmale Geländer, während er selbst vor lauter Angst und Sorge kaum noch aus und ein wußte. Vor einer niedrigen Tür machte er halt, horchte einige Zeit und klopfte dann an. Niemand gab Antwort. Er wußte genau, daß keiner »herein« rufen würde, daß niemand da war – und trotzdem mußte er anklopfen. Als keine Antwort erfolgte, klinkte er die Tür auf und leuchtete in die Stube, die sonst von Hans Behrend bewohnt war. Ein kalter Luftzug schlug ihm entgegen. Er fühlte eine eisige, schmale Hand auf der Stirne ... Da machte er kehrt und stieg zur kleinen Giebelkammer hinauf, die nach Nordwesten lag und über das Vorland hinwegsehen konnte. Er stellte das Licht beiseite und lehnte sich zum Fenster hinaus. Ab und zu ein fliegendes Leuchten, dann wieder greifbares Dunkel ... Die Bäume rauschten stärker; unter ihrem Rauschen wurden die Nebel geboren, die gleich Schlangen am Boden krochen, sich wie weißes Gewürm untereinander mischten, sich lautlos entwirrten, um geheimnisvoll in die nahen Wiesen zu gleiten. Über ihm zogen wandernde Tücher. Alle gingen landeinwärts. Scharf nach Nordwest flammte ein Schein auf. Weiter zur Linken ein zweiter. Er sah sie erst jetzt, obgleich sie jeden Abend dort standen und ums Morgengrauen erloschen. Es waren die Feuer von Walcheren und Knocke. Er konnte sich von den Feuern nicht trennen. Immer sah er darauf – stundenlang und mit klopfendem Herzen. Sie erschienen ihm wie ungeheure Kerzen, wie Totenlampen, die weithin das Meer absuchten. Er hörte die Uhren schlagen, die von Sluis und Sankt Anne ter Muiden. Fünf Uhr, sechs Uhr ... Die hellen Scheine waren schon lange vergangen. Grau in grau lag die Landschaft. Er konnte sich nicht vom Fenster losreißen. Mit übernächtigen Augen verfolgte er den Weg, der dem Meere zuführte, während die Krähenvögel schon auf der Koppel rumorten. Der erste Morgenfrühzug stampfte von Knocke durch die vorgelagerten Polder auf Sankt Anne zu. Wiederum vergingen lange Minuten, Alle bewegten sich schwerfällig. Jan harrte noch immer auf das Schicksal des anderen. Es war ein vergebliches Harren. Allmählich wurde ihm klar, ja – er fühlte es deutlich: auf den er wartete, den er herbeisehnte, der dachte an keine Heimkehr mehr, oder aber er hatte das Wiederkommen vergessen; da ging er und drückte das hinter ihm stehende Licht aus. Sieben Uhr ... Gleichzeitig schlugen die Uhren von Sluis und Sankt Anne ter Muiden. Ruhig wie vorhin hallten die einzelnen Schläge über die noch immer eintönige Ebene, die kein Licht finden konnte. Aber es war Morgen geworden. Die Welt dachte an Arbeit. Auch Jan dachte daran. Unter ihm gingen Schritte. Heinrich vom Hövel mußte schon auf sein. Auch das Haus wurde rege. Jan wollte gerade zur Treppe, als ihm der Atem aussetzte. Ein heulender Ton zerteilte die naßgraue Luft; es klang so, als wenn ein Tier geheult hätte. Er taumelte vorwärts. »Ist jemand unten?« rief er in den Flur hinab. In unartikulierten Lauten antwortete eine heisere Stimme durch die offene Haustür. Eine quälende Stille folgte. »Da soll doch ...« Als er unten ankam und auf die Straße hinausstürzte, waren Wilhelmintje und Heinrich vom Hövel schon da. Vor ihnen stand der Seelenmensch mit verwehten Haaren und einem Gesicht, in welchem Tang und Seegras klebten. Neugierige drängten sich in die gegenüberliegenden Fenster. Auch sie hatten den heulenden, tierischen Ton gehört, wie die meisten es gehört haben mußten, die in der Umgegend wohnten. Sprachlos sahen sie auf den Ankömmling, dessen Züge eckiger wurden, dessen Mundwinkel sich einzogen, dessen Zunge stumm war; aber sie mußte bald sprechen – das erkannten alle. In banger Gewißheit trat Heinrich vom Hövel näher. Da warf Klaas Buhle beide Hände aufwärts, um sie gleich darauf wieder fallen Zu lassen. »Mynheer vom Hövel,« sagte er ruhig und deutete mit dem breiten Daumen über die Schulter, » all right! – der hat kein Logis mehr. An der großen Düne – da liegt er.« »Aber, Seelenmensch ...!« Der kniff die Lippen schmal und spreizte die Finger. »Nix to beschaffen, Mynheer,« sagte er grausig, »er ist tot.« Da war es Heinrich vom Hövel, als würde er niedergeschlagen. Alle schrieen auf. Es war ein einziger Aufschrei. »Jawoll,« erhob nun auch Klaas Buhle seine kranke Stimme, »nix mehr to beschaffen, und seine Seele – die kommt bald.« Wilhelmintje war in die Knie gesunken. Der Seelenmensch trat auf sie zu, sah sie mit hartem Ausdruck an, als wenn er sie an alte Worte erinnern müßte. Dann streckte er die Rechte – mächtig, gebietend, fast drohend ... »Was, Wilhelmintje ...! – Was ich gesagt hab': wenn die Feuer auf Backbordseite erst fliegen! – dann kostet's was, und wenn's eine Seele von Sankt Anne sein müßte. Na, und ist's keine Seele von Sankt Anne gewesen?« Seine glasigen Blicke flammten auf. »Ja, ja, ja!« stöhnte Wilhelmintje und warf sich die Schürze über die Augen. Da lief eine wilde Not von einem zum andern und preßte die Herzen zusammen. Auch Heinrich vom Hövel war bleich wie die gekalkte Wand und meinte: »Und an der großen Düne – da liegt er?« »All right,« sagte der Seelenmensch, »und die Frage ist nur, ob er nach hier soll, ob er bei die Bottertjes in das weiße Laken hinein soll ...« Nochmals deutete der vierschrötige Mensch über die Schulter. Da hing es wie Schwaden in der Luft, da war es, als käme der weiche, süßliche Weihrauchduft von Brügge herüber, als röche es nach Firnis und Wachskerzen, als würde ganz leise, kaum hörbar, aus weiter, verlorener Ferne die Totenglocke geläutet, und Heinrich vom Hövel beugte sich über Wilhelmintje, hob sie zu sich empor und fragte: »Ist es so recht, Wilhelmintje?« »Aber, Mynheer ...« sagte diese und wischte sich die Tränen herunter; und da waltete er seines traurigen Amtes, ordnete das Nötige an, schickte nach dem Küster und etlichen handfesten Leuten und sagte ihnen, daß sie sich nach einer Stunde an der Kirchentür einfinden sollten. Das weitere würden sie dort alles erfahren. Hierauf begab er sich selbst nach dem Postamt, aber er ging wie einer, der nach überstandener Krankheit, die ihn hart an den Rand des Grabes geführt hatte, seine ersten Gehversuche machte. Öfters mußte er den Fuß anhalten, um zu sich zu kommen. Als er die Depesche besorgt und wieder ins Freie hinaustrat, begegnete ihm Moritz Dütz-Josum, der bereits alles wußte und gerade zu ihm und den Bottertjes wollte. Die beiden reichten sich stumm die Hände. Endlich sagte Heinrich vom Hövel: »Moritz, ich irrte mich, wenn ich mich unterfing, die schwere Last von ihm zu nehmen. Selbst die wundertätigen Hände konnten nicht helfen. Es ist schon richtig: niemand entgeht seinem Schicksal. Nun hat er das Geschlecht der Ruhelosen hinter sich gelassen – und das bringt Ruhe. Er hat sie sich selber gegeben.« Moritz griff sich an die Stirne. Und wenn ihm gesagt worden wäre, er sei des Kopfes verlustig erklärt, könne sich aber durch ein einziges Wort vom Tode erretten – es wäre ungesprochen geblieben, denn obgleich er kein Unwissender war und der Überzeugung lebte, daß schon gestern abend nichts mehr zu hoffen übrig blieb, so machte ihn doch die schlichte Bestätigung durch den Mund seines Freundes sprachlos. Nein, Moritz Dütz-Josum hatte keine Worte mehr und konnte nichts sagen – und da stand der brave Mensch, der großzügige Künstler, der armselige Tropf, der in früheren Zeiten den Ratten die Brotschnitten abjagen mußte, um sein Leben zu fristen, so ganz bedrückt und beklommen unter dem Himmel und hörte das Meer rauschen und den Strandhafer und sah ein bleiches Gesicht und ein stilles Herz, das nicht mehr zu suchen und zu sorgen brauchte ... »Komm, Moritz ...« und als sie zu den Bottertjes kamen, war Wilhelmintje damit beschäftigt, ihren großen Spiegel mit einem Tuch abzublenden. »Das wollen die Toten so haben,« sagte sie schmerzlich, dann zeigte sie auf die blanken Melen: »Mynheer vom Hövel, hier kommt er zu liegen, hier in meinem Thronsaal, unter ›Ons Wilhelmintje‹. Besser kann's doch einer nicht haben.« Heinrich vom Hövel drehte sich um. »Moritz,« sagte er leise, »und da behaupten die Menschen: Nur der, den die Liebe ganz verlassen hat, sucht die Selbstvernichtung. Aber das stimmt nicht – wenigstens hier nicht.« »Weiß Gott nicht!« versetzte Wilhelmintje. »Liebe – die hat er gehabt im Leben, mehr wie die anderen Menschen; die hat er auch jetzt noch. Daß er darüber sterben mußte – das ist eine andere Sache.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und ihre Ohrgehänge klingelten – traurig, ganz traurig, als wenn sich die Flitter von Rauschgold bewegten. Sonst hörte man nichts mehr ... und sie klingelten noch, als sich die Aufgebotenen am Kirchenportal versammelt hatten. Keiner fehlte. Alle waren gekommen. Da hob Klaas Buhle die Hand auf. »Los denn dafür,« sagte er heimlich. XX So gingen sie durch das trübfeuchte Land hin. An vielen Stellen war die Erde schon aufgebrochen, um neue Saat zu empfangen. Andere Strecken standen noch in der rauhen Stoppel, aber über alles dampfte der Geruch nach Scholle und Wintersaat, ein gutes Zeichen für das kommende Frühjahr, für Hoffnung und Auferstehungsfreude. Nach kurzem Marsch kam weite Heide, die sich weich um die Füße schmiegte und den Schritten nicht gestattete, laut zu werden. Einförmig, nur von einzelnen Gehöften und Windmühlen durchsetzt, lief sie gegen das Meer an und schluckte gleichsam die düsteren Wolken ein, die niedrig über sie fortzogen. In der Ferne erhob sich die große Düne. Sie unterschied sich deutlich von den andern Höhen. Ein fahles Licht lag darauf, das stetig heller wurde. Ohne auf die Wege zu achten, stakelte Klaas Buhle darauf los. Seine Geleitsmänner vermochten ihm nur mit Mühe zu folgen, so nachhaltig zog er mit langen Beinen querfeldein und rollte ein Stück Heideland nach dem andern auf. Zehn Schritt war er immer voraus. Er marschierte so rank und aufrecht wie eine Wachskerze, die einer Prozession vorgetragen wurde, ohne Aufhören, unermüdlich, nur die große Düne vor Augen und das fahle Licht, das sie immer deutlicher machte. Er überragte alle, die hinter ihm gingen, nicht nur an Leibesgröße, sondern auch an Gedanken. Aber die Gedanken waren wirr und unstet und flogen fahrig nach oben. Wie Hunde trabten ein paar Dutzend Seelen neben ihm her, die er öfters ansprach, bald freundlich, bald in einem Ton, der ihnen gebot, nicht von seiner Seite zu weichen. Er kannte sie alle; auch die von Basilius war darunter; nur eine fehlte noch. Die schwebte zwischen Himmel und Erde und über dem Wasser und wußte nicht, wohin sie ihren Weg nehmen sollte. Es hatte keine Not: bald würde auch sie ihm Gefolgschaft leisten. – Wie der Wind wehte ...! Noch einmal querten sie fruchtbare Erde: langgestreckte Häuserkomplexe und saftige Wiesen, auf denen buntgescheckte Kühe weideten. Es waren die alten Liegenschaften von Hazegras. Stille Menschen gingen mit blanken Melkgefäßen vorüber. Wie der Wind wehte ...! Er wurde stärker. Hinter Hazegras wellte sich das Gelände allmählich gegen die Dünen vor. Schon erklang der gleichmäßige Pulsschlag des ewigen Meeres. Da verlangsamte Klaas Buhle seine Schritte und blieb schließlich auf einer vorgeschobenen Kuppe stehen, die noch etliche Büchsenschußweiten vom Strande entfernt lag. Hier streckte er den Hals wie eine alte Trappe im niedrigen Roggen und sichtete mit seinen mattblauen Augen nach der großen Düne hinüber, auf deren Spitze sich die Gestalt eines untersetzten Mannes bemerkbar machte. »Hat wer 'nen Schnaps da?« fragte Klaas Buhle. »Ich und der Knasterbart haben die ganze Nacht bei ihm Wache gestanden.« Niemand hatte gebranntes Wasser bei sich. »Denn nicht,« sagte Klaas Buhle und drückte sein Priemchen auf die andere Seite, »aber daß ich's man sage ...« Er wollte Aufklärung geben. Er hatte es lange genug mit sich herumgetragen; jetzt mußte er reden, es mußte ihm vom Herzen herunter. Er wandte sich an Heinrich vom Hövel. »Mynheer,« sagte er kantig, »bei den Frauensleuten war's nicht angebracht, die können solche Geschichten nicht vertragen, aber hier muß ich sprechen, und wenn Sie glauben, es wäre per Unglück passiert, und wir wären nicht auf Posten gewesen – all right ! – für meinetswegen ... aber ich sage: Mynheer, es ist nicht per Unglück passiert, daß er jetzt auf dem Strandhafer liegt, denn was wir Seemänners sind, wir waren auf Posten. Mynheer!« – und seine Augen brannten wieder wie erleuchtete Glasscherben – »ich und der Knasterbart haben es kommen sehen. – Was los?! – Das weiß der Deuwel, aber es war gestern abend komisch in der Heyster Bucht. Sechs Uhr! – oder um so was herum, da rief der Knasterbart von achtern: Boot in Sicht! – Wo? – Am Klüverbaum links! – Gotts den Donner noch mal! – gerade auf das Feuerschiff los – und war ein Ausreißer in strammer See. Das ganze Geschirr heruntergebrochen ... Hoho! da war's alle ... 'ne schwere See holte über, und seitwärts ging's ... Und der Mensch da drüben lachte und lachte ... Mynheer, er lachte, als müsse er sich in den Himmel hineinlachen ... Boot klar! – Die halbe Mannschaft mit 'runter. – Riemen ein! – aber nichts mehr zu machen. Er wollte nicht – ums Verrecken nicht ... Na, und zwei Stunden später haben wir ihn an der großen Düne gefunden; da findet sich alles, was zwischen Scheide und Heyster Bank treibt.« »So 'n Malör!« stöhnte Jan Bottertje auf und fror bis in die Zehenspitzen hinein. »Malör ... ?!« fragte der Seelenmensch mit spöttischem Anflug. »Ne, Jan, das war kein Malör nicht. Was hat er überhaupt bei so schwerem Wetter zu segeln? So 'n unbefahrener Mensch – er ...! – In der Bucht ging's noch; aber hier draußen – da kann's nicht mal unsereiner riskieren. Gottverdammich noch mal! – ich weiß schon, was so 'n reguläres Malör ist und weiß auch, daß der da ... Der pfiff aufs Segeln, der wollte sein Leben quitt sein, der wollte ins Wasser. Aber wir« – und er schlug sich kräftig auf die Brust – »wir waren auf Posten. Und was der Tote ist: wie 'n Seeheld ist er untergegangen. – Nu kommt man, aber das mußte ich sagen von wegen unserer seemännischen Honorigkeit und von wegen, daß wir jetzt unter uns Männers allein sind. Nu kommt man.« Da nahm er wieder seinen stakeligen Schritt auf. Die anderen folgten und gingen durch Disteln und Strandhafer ihrem traurigen Ziel zu und sahen, wie der Knasterbart ihnen von der großen Düne aus Signal über Signal gab. »Marasmus ...!« seufzte Moritz. So elend war es ihm niemals in seinem erbärmlichen Leben gewesen. Er konnte kaum weiter. Nur mit Mühe vermochte er sich voranzuschleppen. Bald darauf lag das weite Meer vor ihnen – grau und wüst und unendlich, und lange, schaumige Streifen rollten gegen den Strand an, wo der Friede saß, und eine arme Seele sich geflüchtet hatte unter seine barmherigen Flügel, die da schatteten von Mittag bis Mitternacht, von Morgen bis Abend ... und war eine tiefe Ruhe unter seinen gewaltigen Schwingen. – – – Inzwischen hatten Wilhelmintje und BVernadintje alles bereitet. Er, der Verstorbene, war seinerzeit mit offenem Herzen gekommen und war ihnen ein lieber Hausgenosse geworden, jetzt, wo er fort mußte, sollte er auch von dem traulichen Häuschen aus, in dem er sich wohlgefühlt hatte, die letzte Wanderung antreten – und so sorgten sie denn und weinten dazwischen und schmückten den Thronsaal mit allem aus, was der Herbst noch hergeben konnte. Um die Mittagszeit kam die Lichtjungfer vom benachbarten Sluis herüber, ein behäbiges Mädchen in den fünfziger Jahren, die aber, ihres Ansehens wegen, ›Myfrouw‹ genannt wurde und auch streng darauf hielt, daß dieser Ehrentitel aufs peinlichste estimiert wurde. Trotz ihrer Komplettigkeit und ihres traurigen Berufs schwebte sie dennoch wie eine weiche Daunenfeder dahin und hatte einen stets freundlichen Zug um die Lippen, herrührend von ihren dicken Filzgaloschen und der Überzeugung, daß ein Toter nur heiteren Mundes aufgebahrt werden dürfe, wenn man nicht wolle, daß er in der Ewigkeit unter den Traurigen und Stillen säße. Das erste, was sie vornahm, war, daß sie den porzellanenen Kanarienvogel entfernte, dann richtete sie das Lager her, dann legte sie das Weißzeug zurecht, das sie mitgebracht hatte, dann ging sie in die Küche und ließ sich, der Benauigkeit wegen, einen doppelten Schiedamer mit gestoßenem Kandiszucker präsentieren, den sie hinter ihr Busentuch wippte, als wäre es pures Brunnenwasser gewesen. So – nun war alles in der richtigen Ordnung, und da stellte sie sich breit und völlig in die Haustür, nickte freundlich mit ihrer weißen Bänderfladuse und wartete auf den, der bald kommen mußte. Und er kam ... Sechs Männer trugen ihn auf einer in aller Eile hergerichteten Bahre. Sein Kopf lag zur Seite. Ein Mantel war über seinen Körper gebreitet. So zogen sie ernst und gefaßt nach Sankt Anne ter Muiden, und wo er vorbeikam, da nahmen die Männer, die im Felde schafften, die Mützen herunter und beugten sich vor der Majestät des Todes, der in seiner ganzen Unnahbarkeit und Größe durch das frisch pulsierende Leben dahinschritt. Entsetzlich! – so aus dem vollen Dasein herausgerissen zu werden ...Der Pflug stand still, und die Ackerpferde wurden angehalten, wo der ruhige Mann mit seiner Gefolgschaft vorbei mußte, und als sie die Dorfstraße passierten, da lief es den Menschen, die auf den Türschwellen standen, kalt über die Herzen, und die Kinder führten ihre Schürzen zum Mund, und die Bäume der Priesterkoppel neigten sich im Wind, als müßten sie den Geist des Abgeschiedenen anrauschen, der von nun an ob vlämischer Erde schweben sollte. Und er kam ... Eine Stunde später hatte die dicke Myfrouw aus Sluis alles aufs beste geordnet. Wenn auch aus den benachbarten Zimmern ein gedämpftes Sprechen und ein trostloses Schluchzen herüberdrang, ab und zu die Leute an der Schwelle stehn blieben, um nach dem deutschen Schriftgelehrten und den Einzelheiten des Unglücks zu fragen – sie hatte sich in keiner Weise beirren lassen; ohne seelische Aufregung, mit linder Sorgfalt und lächelnden Mundes hatte sie alles erledigt. Sie hatte nur ein Amt und keine Tränen. Warum auch? Sie war in ihrer Tätigkeit wie eine Blume, die nicht danach fragt, wo der Gärtner sie hinpflanzt, wenn sie nur die Bedingungen erhält, sich entfalten zu können, gleichviel, ob sie auf Gräbern oder Zierbeeten ihr Erdreich findet. Und die dicke Myfrouw aus Sluis hatte ihr Erdreich gefunden – und dieses Erdreich duftete nach Schollen, wie der Totengräber sie aufwirft, über die sich Trauerweiden neigen, die leise erbeben und Harfen und singen und von einem Wiederfinden erzählen – von einem Wiederfinden in einem besseren Leben, das ohne Anfang ist und ohne Aufhören. Es stimmte schon: die Lichtjungfer ähnelte einer Blume auf dem Kirchhof. Sie blühte, um zu blühen, sie waltete ihres Amtes, um ihres Amtes zu walten, und hatte alles sehr schön gemacht. Die Vorhänge waren niedergelassen. Im Thronsaal herrschte eine gedämpfte Helle; es roch nach Astern und zerschnittenem Kalmus. Bernadintje hatte ihre beiden Oleanderbäume gestiftet. Sie standen zu Häupten des schlichten, weißgespreiteten Bettes, das in die Mitte des Zimmers gerückt war. Dazwischen erhob sich ein hoher Kirchenleuchter, den Moritz herbeigeschafft hatte. ,Ons Wilhelmintje' konnte gerade über den Leuchter fortsehn. Kaum merklich flackerte eine geweihte Kerze im Zugwind, deren gelbliches Licht ein Totenantlitz beschien, friedlich, verklärt, ohne den Kampf des Todes, von jener Zuversicht beseelt, die über alle Erdennot triumphierte und zu sprechen schien: Vergebt mir; ich habe zwar nicht die Prüfung bestanden, aber was mir die Erde nicht geben konnte, das fand ich: ich habe vergessen. Ja – er hatte vergessen und abgeschlossen mit allem, was ihm das Dasein zur Qual machen mußte ... und die Leute, die etwas zu besorgen hatten, kamen und gingen wie in der Kirche; sie wollten die Ruhe nicht stören ... und so eng und schmal das Häuschen auch sein mochte, unter dessen Sparren der Verstorbene ruhte – für ihn war es ein majestätischer Tempel geworden mit mächtigen Säulenhallen und ragenden Pforten, und die größte von ihnen war aufgetan und öffnete sich immer weiter und weiter. Durch sie hindurch, nach heißem Kampf und langem Ringen, schritt die erlöste Seele in die ewige Freiheit. Er war mächtiger denn alle gewesen: Mors Imperator ... und sein graues Bannertuch flog siegreich über das noch immer aufgewühlte und düstere Meer hin – weithin schattend und ewig gebietend ... Ums Dunkelwerden kam niemand mehr und ging niemand mehr. Was zu erledigen war, hatte seine Erledigung gefunden: der Schreiner wußte Bescheid, der Küster hatte Auftrag erhalten, der Prediger wollte ein übriges tun, und auf dem Friedhof hatte man eine Stätte gewählt, von der aus ein kundiges Auge die Düne zu erkennen vermochte, wo sich Lust und Leid die Hände gereicht hatten, und doch nur die Trauer übriggeblieben war, um heiße Tränen in den spärlichen Strandhafer zu weinen. Nein – es ging niemand mehr in das kleine Häuschen von Sankt Anne ter Muiden; aber die behäbige Madam aus Sluis stand mit sanftem Blinzeln und in ihrer großen Bänderfladuse auf der Hausschwelle und nickte und nickte – und dennoch kam jemand ... Die Bäume schwammen im Nebel; wie ein riesiger Schatten ragte der stumpfe Kirchturm gen Himmel. Herbstblumen und Sträucher waren in Naß getaucht, die Dohlenvögel hatten niedrigen Flug; wie langsame, schwerfällige Gedanken, matt und flügellahm flogen sie über die jämmerliche Erde, die weinen wollte und doch nicht zu weinen vermochte ... und alle ruderten gegen das Meer an, gegen das finstere, ewige Meer an, unter sich den schwimmenden Nebel und das Elend der Menschen. Die dicke Person bewegte sich nicht von der Stelle. Es war noch nicht völlig dunkel geworden. Auf der herabgelassenen Gardine ruhte ein matter Reflex, der von der Sterbekerze herrührte, die immer heller wurde, je länger sie brannte, die über das Antlitz des Abgeschiedenen hinwegsah, als müsse sie seiner Seele leuchten und sie geleiten in das Land der Verheißung. Strahlte das Licht nicht auf, wuchs es nicht ins Riesenhafte, ins Unendliche, wurde es nicht zur leuchtenden Flamme, suchte es nicht, wie der ewige Glaube, Himmel und Erde zu einen ...? – und schien aus ihm nicht eine Stimme zu tönen, die da lautete: Wer kein Erbarmen kennt, der hat selber niemals gelitten! – und zog es nicht mit unwiderstehlicher Gewalt ein schlagendes Herz immer näher und näher, um es zu einem andern zu führen, das so verlassen und einsam war wie das des großen Dulders auf dem Kalvarienberge ...? – Die Sterbekerze war übermächtig geworden. Die Klingel an der Haustür gab einen Ton von sich. Im Flur regte sich nichts. Niemand kam und ging – und dennoch kam jemand ... Sie war von Brügge gekommen – allein; niemand war bei ihr. Die dicke Myfrouw drehte den Kopf, als sie die unbekannten Schritte hörte – und nickte und nickte. Ihr Blick überflog die Verspätete, die, ihrer Haltung und der vornehmen Gestalt nach, nicht nach Sankt Anne gehörte. Über Haar und Gesicht hatte sie einen schwarzen Spitzenschleier geworfen. Als sie an der Lichtjungfer vorbeikam, strich sie mit beiden Händen langsam an ihrem Kleide herunter. Ohne sich weiter um die Erstaunte zu kümmern, trat sie über die Schwelle und schritt der Zimmertür zu, die sie, ohne Klopfen, sacht in ihren Angeln bewegte, wußte sie doch, daß sie hier willkommen war und niemand sie zurückweisen würde. Ein intensiver Duft nach Wachs und frischen Blumen drang ihr entgegen. Anna van Dornick trat ins Sterbezimmer, groß und gefaßt und mit einer grausamen Härte auf den scharfgemeißelten Zügen – eine grausame Härte, die mehr erzählte denn alles, was Tränen hatte und Zeugnis ablegen konnte. Das wahre, gigantische Unglück kennt keine sanften Übergänge. Es verachtet sie, es weist sie von sich. Was die innersten Tiefen bewegt und aufwühlt, schlägt es mit wuchtigem Hammer und unerbittlichem Meißel in die Menschengesichter hinein, unbekümmert darum, ob sich die Welt darüber entsetzt, gleichsam vor ein Rätsel gestellt – hart und unerforschlich, an dessen Lösung ihre Verstandeskräfte zerschellen. Und Anna van Dornick trat ins Sterbezimmer ... Noch einmal wandte sie sich, um die Türe geräuschlos ins Schloß fallen zu lassen. Dann ging sie über Kalmus und zerschnittenen Buchsbaum. Da lag er, fast unverändert, zwischen den Kissen, die Hände bleich und wächsern und auf einer übergespreiteten Decke gefaltet. Nichts Fremdartiges haftete ihm an. Der Tod war barmherzig gewesen. Eine herbe Geringschätzung des Daseins hatte sich um seine Mundwinkel gegraben, jene Geringschätzung, die alles auf eine Karte setzte – nichts oder alles, und dennoch: in seinen Zügen lag auch das furchtbare Geständnis, wie schwer es ihm geworden war, vom Irdischen und seiner Liebe zu scheiden. Das Licht der Wachskerze, das mild über ihn fortglitt, weckte die kalten Lippen zu einem scheinbaren Leben. Umkleideten sie sich nicht mit einer spielenden Röte? Schienen sie sich nicht leise zu öffnen? Sprachen sie nicht? Ja – sie sprachen; sie hörte es deutlich. »Anna-Maria,« sagten sie heimlich, »hast du nicht ein sündiges Spiel mit mir getrieben? – Was willst du jetzt hier? – Anna-Maria, ich habe um deine Liebe gebettelt wie ein Hungriger um ein Stück Brot und wollte Trost bei dir suchen – aber du hast mich von dir gestoßen. – Anna-Maria, ich habe nach dir geschrien wie ein durstiges Tier in der Wüste – aber du hast nicht gehört, oder du wolltest nicht hören. Du hast mich einsam gemacht. Du ließest mich allein mit meinen trüben Gedanken. Was sollte ich in der Einsamkeit schaffen? Wohin sollte mein irrer Fuß gehn? Ich fand mir selber nicht Rat und mußte daher an meiner großen Liebe sterben. – Anna-Maria, ich liege jetzt hier um deinetwillen ...« Starr und entsetzt sah sie auf das Antlitz des Toten. Sie suchte ihm die Worte vom bleichen Munde zu lesen. Sie war vorwärts gewankt und hatte den Schleier zurückgeschlagen. »Hans, sieh mich noch einmal an ...« sagte sie fröstelnd. Sie beugte sich vor ... sie tastete nach den eisigen Händen ... Aber seine Augen blieben für immer geschlossen. Da warf das gigantische Unglück Hammer und Meißel beiseite. Es war kein Trugbild: da lag er ... Mit beiden Händen hatte sie die Pfosten des Bettes ergriffen und sich dann über den Toten geworfen. Bis weit über die Nachbarschaft hinaus mußten sie den entsetzlichen Aufschrei hören ... Der dicken Myfrouw aus Sluis, die immer noch mit unterschlagenen Armen auf der Schwelle stand und in den Abend hinaussah, wollten die Knie versagen. Es lag ihr wie Blei in den Gliedern; allein sie hatte noch immer Kraft genug nach der stillen Kammer zu wanken, die plötzlich ihre Ruhe verloren hatte. Da kamen Schritte von oben. Gleich darauf sah sie sich einem ernsten Manne gegenüber. Es war Heinrich vom Hövel. »Es ist gut,« sagte dieser, hieß die behäbige Madam zu Wilhelmintje gehen, die ganz verstört in der Küche hantierte, und begab sich selbst zum abgeschiedenen Freunde. Wilhelmintje hielt sich das arme Herz fest, als die Lichtjungfer so unerwartet erschien. Die wollte doch nicht schon wieder einen Schiedamer haben – so einen recht steifen mit ausgelassenem Zucker? – Als sie aber das entsetzte Gesicht sah, als sie des Aufschreis gedachte ... »Nu weiß ich's,« sagte sie bedrückt, »jetzt ist Fräulein van Dornick gekommen ...« und da weinte sie still vor sich hin – und die Gardinen, auf denen das Licht der Wachskerze ruhte, wurden immer heller und heller – der Duft nach zerschnittenem Kalmus wurde immer stärker und stärker – der Schmerz saß auf den Fliesen des kleinen Häuschens und verhüllte sein Antlitz, und Jan Bottertje selber war so fassungslos, daß er nicht imstande war, Feuer zu schlagen. Mit der kalten Pfeife im Munde torkelte er von Zimmer zu Zimmer. In Sankt Anne aber wurde die Sterbeglocke geläutet; ihre Stimme bewegte alle, die des verstorbenen Mannes gedachten. Wie Anna van Dornick gekommen war, so ging sie auch wieder: gefaßt, ohne jede sichtliche Erregung, völlig abgeklärt und befreit von allem, was sie noch kurz zuvor in selbstquälerischer Weise erduldet hatte. Ohren und Nasenflügel schimmerten durchsichtig. Ihr war nichts mehr geblieben. Alles zerfloß ihr unter den Händen wie rieselnder Dünensand, wie mit der hohlen Hand geschöpftes Wasser, aber ein verwunderter Blick ging in die Vergangenheit zurück und dann in die kommenden Tage. Sie schweifte nicht mehr vom Wege ab. Sie war einer Nachtwandlerin ähnlich, die trotz ihres traumhaften Zustandes nicht fehl ging. Die Zukunft hatte für sie ihre Schrecken verloren. Sie fürchtete nichts mehr: keine Fragen, keine Schwierigkeiten, keine Zweifel. Anna van Dornick wußte, was sie zu tun hatte. In stiller Ergebung pflückte sie am Straßenrain die Blumen tiefer Erkenntnis, die denen nur blühen, die nichts mehr zu sorgen und zu suchen haben. Sie hatte ihn zum letzten Male gesehen. Der schwarze Schleier bedeckte ihr Antlitz. Heinrich vom Hövel führte sie. Noch einmal warf sie einen feuchten Blick auf die erhellten Gardinen, hinter denen die Wachskerze brannte. Hierauf begab sie sich zu Bernadintje in ihre frühere Wohnung, wo sie die Nacht zu verbringen gedachte. Anderen Tages wollte sie wieder nach Brügge, um ihren klarsichtigen Geist zu betören und sich für immer den Kreppschleier über die Augen zu werfen. – Ruhig ging die Nacht über die weiten Lande. Der Wind legte sich; die Müdigkeit wandelte schweren Fußes um die Häuser der Menschen. Ab und zu blinzelte am dunklen Himmel ein verlorenes Licht auf. Alle Feuerstellen schlossen die Augen. Kein Schein irrte mehr über die vereinsamten Straßen. Nur auf der Frontseite des Jan Bottertje'schen Anwesens standen zwei weiße Flecke. Dort lag der Thronsaal. Sie schwanden nicht und blieben bis zum hellichten Morgen. Anna van Dornick warf sich angekleidet in einen Lehnstuhl. Wachen Sinnes verfolgte sie das heute Durchlebte. Sie war sich klar darüber, was ihr am Morgen begegnen würde. Sie machte sich kein Hehl daraus. Folgerichtig fügte sie Schake an Schake, bis die Kette ihrer Erwägungen geschlossen war und keine Lücke mehr aufwies. So vergingen die Stunden. Ein kleiner Vogel revierte ständig vor den erleuchteten Fenstern. Minutenlang ließ er seine klagende Stimme ertönen. Als würde er auf lindem Flaum getragen, so wiegte er sich. Ohne Aufhören schwebte er ab und zu. Als sich der tiefe Horizont mit bleichen Streifen gürtete, stellte er seine Flugkünste ein. Kalt und fröstelnd sah der Morgen ins Zimmer. Die Spatzen schilpten; mit klammen Fingern tastete sich das Licht über die Erde. Gegen neun Uhr kam Klaartje, sah nach dem Rechten und ging dann wieder. Anna van Dornick hatte nichts zu besorgen. Sie schlief mit offenen Augen wie eine, die die wirklichen Sinneseindrücke noch nicht verlieren konnte. Ihr Geist schwebte zwischen Wachen und Träumen. Dann sah sie auf ihre Hände. Das fahle Morgenlicht spielte darüber und weckte das bläuliche Netzwerk des feinen Geäders. Sie ruhte vornübergebeugt. Plötzlich fuhr sie auf. Sie war starr und ehern. »Ich wußte, daß er kommen würde,« sagte sie mit eisigem Lächeln ... und da trat auch schon Fritz Heiking ins Zimmer. Von innerer Unruhe getrieben, wollte er bereits gestern abend vorsprechen und sie mit sich führen. Er hatte sich aber anders besonnen und hoffte jetzt eine Umwandlung in ihr, eine Zärtlichkeit zu finden. Er täuschte sich. Sie stand unbeweglich; ihre Blicke trafen ihn, als erinnere sie sich nicht, ihn jemals gesehen zu haben. Er wartete einen Augenblick, dann versuchte er, sie an sich zu ziehen. Mit einer Gebärde des Hasses wies sie ihn von sich. Da schien auch er zu begreifen. Die Umwandlung der Dinge packte ihn mit kalter Faust in den Nacken. »Und du bist bei ihm gewesen ...?« meinte er endlich, ohne zu wissen, wie er zu dieser Frage kam. Er entsetzte sich vor ihrer Ruhe, die wie eine Resignation bei der Betätigung des letzten Willens erschien. Sie schaute ihn fest an. »Ja – ich bin bei ihm gewesen.« »Und du liebst ihn noch?« Er war wie verstört. Das Blut hämmerte ihm gegen die Stirne. Die Schärfe in seinem Wesen wurde brüchig wie tönerne Scherben – und vor ihm das Weib in seiner herben, unfaßbaren Schönheit und der Größe im Herzen ... »Du weißt, was mich bewegt,« sagte sie mit einer Offenheit, die nichts mehr zu verheimlichen hatte. »In der verflossenen Nacht sah ich eine Perlenschnur vor mir. Es waren die aufgereihten Tränen, die er um mich geweint hatte. – Ich tat, was ich mußte. Ich drückte ihm die Augen zu, daß er meine Liebe noch fühle ...« »Und jetzt ...?! In ihm schrie etwas auf, als müsse er Hand an sie legen. »Was meinst du damit?« Ihre Blicke gingen über ihn fort und verloren sich ziellos ins Weite. Ein unsagbarer Schmerz zog ihre Lider in die Länge. Dann erstarrte sie wieder. Der Gedanke an den Tod hatte sie ergriffen. »Du glaubst doch nicht ...« sagte sie endlich, ohne den Gedanken auszuführen. Auch ihre Stimme klang wie erstickt, wie abgebrochen, wie von einem heimlichen Grauen durchzittert. »Ja,« stieß er rauh hervor, »daß wir zusammen gehören.« Sie schüttelte leise den Kopf. »Nein – du, seit gestern nicht mehr. Das ist anders geworden, seit gestern abend anders geworden. Höre mich ruhig an. Was ich jetzt sage und tue, das sage und tue ich mit voller Klarheit und vollem Bewußtsein.« Sie verschränkte die Hände. Ein Bangen ging über sie hin; dann stand sie wieder vor ihm in ihrer unnahbaren Hoheit und Würde. »Du weißt es ja selber,« fuhr sie unbeirrt fort, »unsere Seelen sind schon längst auseinandergerissen – und waren es seit dem Augenblick, wo ich erkannte und sehend wurde, wo eine innere Stimme mir sagte, wem ich eigentlich gehörte. Das warst du nicht. Der es war, ist still und ruhig geworden und kennt das Vergessen. – Ich liebte dich, als wir in der Sünde waren, als mir das Selbstvertrauen fehlte, und die Würde des Weibes in mir das Antlitz verhüllte. – Ich liebte dich nicht mehr, als die reine, selbstlose, aufopfernde Liebe kam, bei mir anpochte und sagte: Tu auf, tu auf, tu auf! – und ihr ward aufgetan. Ich hatte kein Recht dazu, das weiß ich, denn ich war dir verpflichtet, wenn auch sündig verpflichtet ... und du hattest den traurigen Mut, diese meine Verpflichtung bis auf den letzten Heller, und zwar unter Anrufung deines armen Weibes, zu fordern. Ich tat es und löste mein Wort ein – und das ist mein und des Verstorbenen Schicksal gewesen. Unbarmherzig ging es über uns fort und trat uns zu Boden. – Jetzt aber« – und über ihr Gesicht legte sich ein Leuchten, als wenn ein inneres Licht aus ihr bräche – »der Tod steht zwischen uns und zerreißt meine Verpflichtung dir gegenüber wie ein Stück Papier, das seines Wertes beraubt ist. Es ist nichtig geworden. Der Tod gleicht den Tod aus – und die Abgeschiedene hat ihre Sühne gefunden. Das trennt uns. – Ich habe mich damit abgefunden vor Gott und meinem Gewissen und denen, die unseretwegen dahingegangen sind. – Das war's, was ich dir zu sagen hatte. Alles Schmerzgefühl ist mir genommen. Nichts bedrängt mich. Ich bin keinem mehr Rechenschaft schuldig; auch dir nicht. Lebe wohl, denn du siehst mich nicht wieder ...« Ungebeugt verließ sie das Zimmer. Er wollte ihr folgen; aber er sah nur noch ihren flüchtigen Schatten. Da erkannte er, daß alles umsonst war. Er hatte nichts mehr zu hoffen. Er stieß einen Fluch aus und ging und biß die Zähne zusammen. Ein Blutstropfen lag auf seinen fahlen Lippen. Bald darauf kam Heinrich vom Hövel. – Er aber, der Gebieter jenseit der Dünen, war mächtiger denn alle gewesen: Mors Imperator ... und sein graues Bannertuch wehte über die Heyster Bucht und das Meer hin, weithin schattend und ewig gebietend, siegreich und herrisch und doch für viele ein Zeichen des allbarmherzigen Gottes. XXI Am dritten Tage wurde Hans Behrend beerdigt. Es war eine stille und einfache Feier. Ein heimliches Regen zog über den kleinen Gottesacker, als die Leidtragenden mit der schlichten Lade, auf der nur ein Lorbeerzweig ruhte, über die schmalen Sandwege gingen. Die alten Bäume der Priesterkoppel rauschten traurig auf, ein Grasmückchen saß im Gebüsch und dämmerte seine anspruchslose Strophe in den Abend hinein. Die halbe Einwohnerschaft von Sankt Anne ter Muiden stand an der frischgeworfenen Grube. Auch der Seelenmensch hatte es sich nicht nehmen lassen, dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre zu erweisen. Er hatte das, was sterblich von ihm war, den Armen des Meeres genommen, jetzt wollte er auch sehen, wie ihn die Erde zudeckte. Mit borkigen Händen grapste er an seiner Schirmmütze herum, während die verwaschenen Augen über die Stätte des Todes gespensterten. Dann fuhr er mit der rechten Hand bedächtig und langsam durch die Luft, gerade so, als wenn die Seele des Verstorbenen neben ihm stände, und er sie streicheln müsse. Wilhelmintje und Bernadintje waren in Schwarz. Sie mußten sich gegenseitig stützen. Heinrich vom Hövel und Moritz standen dicht bei der aufgetürmten Erde. Als erste ließen sie die duftenden Schollen niederfallen, dann gingen sie unter die nahgelegenen Bäume, um ihren Schmerz zu verbeißen. Sie wollten nicht weinen. Ein großer Seevogel revierte hoch in den Lüften. Unermüdlich zog er Kreise um Kreise. Ab und zu stieß er einen heiseren Schrei aus. Das weite Land dunkelte ein. Gegen sieben Uhr war alles vorüber. – An demselben Abend waren die vereinsamten Menschen zusammen. Sie saßen im Thronsaal. Eine Flasche Burgunder stand vor ihnen. Jan Bottertje war eitel Würde und Weihe. Mit verschnittenen Polkahaaren und glattrasiertem Gesicht schenkte er ein. Es ging ihm schwer von der Hand. Es wollte ihm nun einmal nicht in den Kopf hinein, daß der deutsche Schriftgelehrte nicht mehr unter ihnen weilte. »Wie'n seebefahrener Held auf 'nem Orlogschiff ist er untergegangen,« dachte er für sich und schluckte energisch seine Trauer hinter die Halsbinde. Endlich war er mit seiner Arbeit fertig geworden. »Aber forsch war's doch,« setzte er leise hinzu. Da erhob sich Heinrich vom Hövel und sagte: »Er ist von uns gegangen, weil seine Liebe zu groß war. Sein Tod bezwang die irdische Liebe. Ein stilles Glas dem abgeschiedenen Freunde.« »Dem Meister,« fiel Moritz so ganz verloren dazwischen und hob die Hand und ließ sie dumpf auf den Tisch fallen. »Dem lieben Menschen,« sagte Bernadintje. Sie mußte an sich halten, um Herr über ihre Stimme zu bleiben. »Gott habe ihn selig.« Wilhelmintje hatte gesprochen. Und da sahen sie sich alle an und tranken. – Klaas Buhle aber stand in später Nacht an der Reling. Neben ihm befanden sich fünfunddreißig brennende Kerzen. Sie leuchteten so regungslos wie im Zimmer. Kein Windhauch erschreckte die matten Flämmchen. Am Strande von Heyst und Blankenberghe glitzerten die Lichtketten. Ein großer Ostindienfahrer zog am tiefen Horizont mit erhellten Luken vorüber. Wie eine unendliche Sehnsucht fuhr das einsame Schiff in das Land des ewigen Friedens. Myriaden von Sternen! – und die Feuer von Knocke und Walcheren flogen ruhig über das schaukelnde Meer hin. – Vom Kirchturm von Sankt Anne aus sieht man sie leuchten – und zu seinen Füßen und ihm hoch zu Häupten werden viele Stimmen lebendig, die nur die verstehen, die mit wehem Herzen der Geschichte von Hans Behrend und der schönen Anna-Maria gefolgt sind. Die alten Bäume erzählen davon, die Gräser flüstern es, die schwermütigen Glocken rufen es weiter: Nun ruhen sie beide unter dem kühlen Rasen und horchen auf die verlorene Sprache des Windes, der vom Meere heraufweht: sie an der tiefblauen Flut, die Capri umspielt, nicht weit von den Faraglioni entfernt, wo allabendlich die sonore Männerstimme singt: O dolce Napoli ... – und er auf dem grauen, kleinen Kirchhof von Sankt Anne ter Muiden. An ihrer großen Liebe gingen sie und die dritte zugrunde. Anna-Maria! – Was sollte Sie noch? – Von ihrem großen Reichtum der Seele, von all ihrem Kämpfen und Ringen war ihr nur die Erinnerung und ein schmerzliches Lächeln übrig geblieben. Ihre Mission nahte sich dem Ende. Sie brauchte hienieden nicht mehr zu schaffen; sie hatte nur noch die Hände zu falten und auf die Barmherzigkeit Gottes zu warten. Ganz allmählich ging es dem Spätherbst zu. Wetterkundige Leute prophezeiten einen harten Winter. Früher denn sonst schüttelten die Bäume ihre Blätter herunter. Wildgänse und Seevögel kamen zeitig vom hohen Norden und fielen in die Heyster Bucht ein. Bis weit ins Land hin tönte ihr helles Trompeten. Astern und Levkojen, die in den Vorgärtchen standen, ließen die Köpfe hängen und fielen auf die Rabatten zurück. Dann hing es wie von Eisnadeln in der Luft. Die Zeit war nicht mehr fern, wo Sinter Klaas sein Rößlein schirrte, um durch das vlämische Land zu reiten. Die Kinder von Sankt Anne machten schon große Augen, und ihre Näschen glühten vor eitel Erwartung und Freude wie blanke Köhlchen. Moritz war kein Kind von Sankt Anne ter Muiden; dennoch hatte er die größten Augen und die rötesten Backen. Ein schöner, warmer Sonnenstrahl fiel in das khakifarbige Häuschen, und da war der heilige Mann gekommen und hatte ihm sein Bernadintje ans Herz gelegt. Da ging eine stille, selige Freude über sein Antlitz, die mehr erzählte denn ein ganzer Band Liebesgedichte. »Ach, Moritz ...!« »Ach, Bernadintje ...!« Erasmus und Anna van Dornick fehlten allerdings bei der einfachen Feier. Nur ein schlichtes Briefchen lag von ihr vor; darin schrieb sie: »Gott grüß' Euch, Ihr guten Menschen! Werdet so glücklich, wie ich unglücklich wurde und haltet lieb Eure Anna van Dornick.« Der Prediger aus dem benachbarten Sluis besorgte die Trauung. Heinrich vom Hövel war Zeuge, fuhr aber anderen Tages in die Kunststadt am Niederrhein, um, wie er versicherte, bei der Rückkehr der Schwalben wieder seinen Einzug zu halten. Sein Herz hing nun einmal an Sankt Anne ter Muiden, wo der Strandhafer sprachekundig ist, und ihn jedes Fleckchen Erde daran erinnerte, was groß und schön und heilig war und dann in voller Blüte absterben mußte. Am Hochzeitstage selber paradierte Moritz in einem funkelnagelneuen Zylinder. Bernadintje hatte ihr Damastenes an und klingelte lieblich mit ihren goldenen Ohrgehängen herum, als müsse sie mit ihnen wie mit Schneeglöckchen den Frühling ihres Lebens einläuten. Aber diese Schneeglöckchen hörte nur Moritz. Da wollte auch er ein übriges tun und legte ein blankes, rundes Ding auf den Tisch, das wie eine geschlagene Münze aussah. Ein heiterer Sonnenstrahl, der durch die weißen Gardinen äugelte, weckte seinen Schmelz und ließ es hell aufleuchten. »Was ist das?« erstaunte sich Bernadintje. »Die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft,« erwiderte Moritz, aber er sagte es sacht und bescheiden und nicht mit der Wichtigtuerei derjenigen, die ihr eigenes Lob als pompöse Affiche zum Fenster hinaushängen. Da bekam auch Jan einen gewaltigen Respekt vor seinem Schwager. Er ähnelte einem spitzbäuchigen Kommerzienrat, dem bei der Bilanz eine fünfundzwanzigprozentige Dividende vor Augen tanzt. »Van de Konink van Preußen?« fragte er aufgekratzt. »Ja,« lächelte Moritz, und sein Geist tauchte unter in die Glückseligkeiten der kommenden Tage. – Und die Erde schneite ein und grünte dann wieder. Als die Haselkätzchen darauf ihren goldenen Puder verstäubten, kam Anna van Dornick mit verweinten Augen herüber und pflanzte einen Rosenstock auf den Hügel des stillen Mannes, dem sie nicht angehören sollte im Leben. Ums Osterläuten ging ein heimliches Verwundern über die Erde, denn noch einmal fiel Flocke bei Flocke, und sie legten eine helle Spreite über die aufgewachten Narzissensterne und über alles, was grünen und blühen wollte. Die alten Giebeldächer in Brügge trugen lichte Schleier, wie sie die Beghinen tragen, wenn sie zum Tisch des Herrn gehn, und sahen mit ernsten Gesichtern in das dunkle Wasser, das langsam vorbeigurgelte. Es war ums Abenddämmern. Das schwarze Nönnchen hatte bereits seinen Rundgang aufgenommen. Vom Turm der Hallen aus begleitete der Glockenspieler die siebente Stunde mit getragenen Klängen. Durch das Schneewehen drangen sie leise und gedämpft herüber. Erasmus saß an diesem Abend am Fenster seiner Wohnung in der Heiligen Geist-Straße. Mit zusammengelegten Händen und gesenkten Hauptes folgte er den weichen Flocken, die stetig niederfielen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser hellten allmählich auf, und die weißen Musselingardinen bekamen eine vergoldete Färbung. Erasmus saß wie im Traum. Vor ihm lagen die Korrekturbogen seines Werkes über Hans Memling. Ein beschriebenes Stück Papier ruhte daneben. Darauf standen die Worte verzeichnet: »So mich der Herr vorzeitig abberufen sollte, bitte ich meinen Freund Heinrich vom Hövel sich meiner Lebens- und Lieblingsidee getreulich anzunehmen, das Buch zu fördern und es zu einem glücklichen Abschluß zu bringen. So wird die Erinnerung an mich nicht ganz aus dem Gedächtnis der Menschen getilgt sein, und meine Tage sind nicht vergebens gewesen. Gott lohn's ihm und schenke ihm dereinstmals eine leichte und glückliche Stunde. Brügge, am Tage, so der Herr einzog in Jerusalem. Erasmus van Dornick.« Und die weichen Flocken fielen stetig und immer. Erasmus lächelte. »Weiße Ostern,« sagte er mit einer Stimme, die fast das Jenseits berührte, und da war es ihm so, als wenn der Schnee über ihn käme, als wenn die glitzernden Sternchen dichter und dichter würden und ihn lautlos bedeckten. »Weiße Ostern, selige Ostern ...!« Er tastete mit unsicheren Fingern über die Decke, die er über sich wähnte, die ihn warm und wohlig und wie ein Sterbelaken umhüllte. Noch einmal versuchte er die Hände zu falten, allein die Kräfte versagten. »Herr, dein Wille geschehe ...!« In diesem Augenblick trat seine Tochter ins Zimmer – da sah sie: aus der weißen Schneedecke wuchsen bereits die Schatten des Todes. Sie brach lautlos zusammen und barg ihr Antlitz in den Schoß ihres Vaters. Mit letzter Kraft legte er ihr die Hand auf den goldenen Scheitel. »Lebe ihm und seinem Andenken ...!« Ein heiterer Abglanz flog über die verklärten Züge. » Ostende nobis, Domine, misericordiam tuam ,« sagte er mit gebrochenen Lauten. Da konnte sie ihm die Augen zudrücken, denn sein ruhiges Antlitz war voller Frieden und Freude. Unten aber – auf der dunklen Straße ging das schwarze Nönnchen mit brennender Kerze vorüber, und da lagerte sich auch über das verwunschene Brügge das Schweigen des Todes. – Seinen letzten Aufzeichnungen gemäß wurde Erasmus neben Hans Behrend bestattet. – – – Wandel und Wechsel! – Noch mehrere Male schneite die Erde ein und grünte dann wieder. Es waren Jahre vergangen. Moritz hatte schon längst das projektierte Atelier errichtet und sein Häuschen ausbauen lassen. Er war nicht mehr der arme Schlucker von früher. Pompös sah es bei ihm aus, und Bernadintje sorgte dafür, daß er mit jedem Tage seliger wurde. – über ihnen aber wohnte ein lieber Gast, den sie nicht mehr missen konnten. Es war Anna van Dornick. Ihren Hausstand hatte sie in Brügge aufgelöst und war für immer nach Sankt Anne gezogen. Hier lebte sie nur seinem Gedächtnis und der geweihten Stätte, wo er die ersehnte Ruhe – endlich die ersehnte Ruhe gefunden hatte. Hier konnte sie am besten die Schwingen seines Geistes und seiner Liebe verfolgen, und wenn sie durch die Felder und die einsamen Straßen schritt, dann grüßten die Leute sie ehrerbietig, zerdrückten auch wohl eine Träne und flüsterten verstohlen: »Da geht die schöne Frau, die den deutschen Schriftgelehrten betrauert.« Am meisten aber war sie auf den Dünen zu finden, auf den weltverlorenen, einsamen Dünen – und sah den Schiffen nach, die vorüberzogen. – – – Ich habe sie öfters gesehen. – Vornehmlich wenn das Meer weithin ins Land ruft, zwischen Dämmer und Abend, wenn die Leuchtfeuer anfangen zu blinken – geht ihre hohe Gestalt allein über Wiesen und Deiche. Und dann streckt sie traurig ihre Hände, ihre schneeweißen Hände; ihre Augen stehen in überirdischem Licht, und ihr schwarzer Schleier weht Himmel und Meer an. So geht sie seit Jahren, so wird sie gehen, bis sie neben ihm ruht auf dem kleinen Kirchhof von Sankt Anne ter Muiden, wo der Strandhafer flüstert ... Arme Anna-Maria! – Der Friede sei mit dir!