Gisela Etzel Aus Jurte und Kraal Geschichten der Eingeborenen aus Asien und Afrika Vorwort Diese Sammlung von Erzählungen aus Asien und Afrika will in erster Linie ein Unterhaltungsbuch sein. Sie ist eine bunte Auslese aus Werken deutscher, französischer, englischer und italienischer Forscher, Missionare und Folkloristen, aus Büchern also, die einem größeren Leserkreis unbekannt bleiben. Es gibt in Deutschland selbst unter den Gebildeten heute noch viele Leute, die da meinen, die Kunst der Erzählung sei eine Kulturerrungenschaft, von welcher wilde Völker wenig Ahnung hätten; sie wissen nichts davon, daß Poesie auch in Steppe und Urwald lebt und webt, daß sie am Wärmfeuer des sibirischen Nomadenzeltes, der Jurte, ebenso heimisch ist wie im Hottentottendorf, dem heckenumzäunten Kraal, und daß, wie auf dem ganzen Erdball, auch in den weiten Gebieten zwischen Sibirien und Südafrika keine menschliche Ansiedelung liegt, in der Lieder, Mythen, Märchen, Fabeln und andere poesievolle Äußerungen des »Volksmundes« unbekannt wären. Aus der Tatsache, daß Engländer und Franzosen eine stattliche Reihe populärer Geschichtensammlungen aller Völker besitzen, während unsere derartigen Bücher fast an den Fingern einer Hand abzuzählen sind, könnte man schließen, daß in Deutschland weniger Interesse herrsche für fremde Volksliteratur. Aber gewiß wäre das ein Trugschluß. Engländer und Franzosen sind alte Kolonisten; als solche kamen sie schon vor Jahrhunderten mit den Völkern aller Erdgegenden in engere Fühlung und lernten deren Geistesschätze schon kennen, als in Deutschland noch niemand an Kolonialbesitz dachte. Jetzt aber hat sich auch der deutsche Adler in fernen Ländern Nistplätze gesichert und schwarze und gelbe Menschen untertänig gemacht; unsere zivilisatorischen und volkswirtschaftlichen Aufgaben machen es uns zur ernsten Pflicht, immer mehr und besser die fremden und fernen Mitmenschen kennen und verstehen zu lernen, und allein darum schon tut es not, daß auch das deutsche Volk – vor allem die Jugend, die dereinst reiche Erbschaft zu verwalten und zu erhalten haben wird – sich mit dem Gefühls- und Geistesleben fremder Völker mehr und mehr vertraut macht. Möge dieses Buch mit dazu anregen und beitragen! Aber nicht nur in dieser Absicht sind die hier vereinigten Erzählungen herausgegeben; sie sind inmitten unserer einheimischen Erzählungskunst durchaus daseinsberechtigt durch ihren oft erstaunlich hohen poetischen Wert und brauchen sich vor Europäeraugen wahrlich nicht zu schämen. Es ist wundersam, wie diese in Stoff und Aufbau eigenartigen Geschichten, Märchen, Fabeln, Mythen und Schwänke unsere einheimische Volksdichtung an phantastischem Flug und schalkhaftem Humor oft übertreffen. Auch wenn man den besonderen Reiz in Abzug bringt, den das Fremdländische in Ort, Personen und Handlung auf uns ausübt, bleibt z. B. eine Erzählung wie das aus Kleinasien kommende armenische Märchen »König Fuchs« eine poetische Leistung, die der Volksliteratur jeder europäischen Kulturnation zur Zierde gereichen würde. Allerdings blicken die Armenier ja auch auf eine alte Kultur zurück, so daß man an ihre Volkserzählungen, ebenso wie an die der Inder, Chinesen, Japaner und Araber berechtigte höhere Anforderungen stellen darf. Auch in den Erzählungen anderer asiatischer Volksstämme sind Einflüsse benachbarter oder europäischer Kulturvölker so deutlich erkennbar, daß es oft recht schwer fällt, zu entscheiden, was von den Ahnen ererbt und was später von außen hinzugenommen worden ist. Durchaus europäisch beeinflußt erscheint uns z. B. die prächtige humorvolle Tamulen-Erzählung von den »Abenteuern des Guru-Gimpel«; tatsächlich verdankt diese in der Fassung, wie sie uns vorliegt, einem Europäer ihr Dasein. Vor zwei oder drei Jahrhunderten wirkte unter den Tamulen, einem verhältnismäßig kultivierten Volksstamm Vorderindiens und Ceylons, ein gelehrter und dichterisch begabter italienischer Missionar, der alte tamulische Geschichten mit Fabel- und Schwankstoffen seiner europäischen Heimat zu jenem Guru-Gimpel-Buch verarbeitete, das seinen Missionsbrüdern als Übungsbuch zum Erlernen der tamulischen Sprache dienen sollte. Hier also sind die europäischen Eingriffe in alte Eingeborenen-Erzählungen nachgewiesen. Unverfälschte Phantasieprodukte primitiver asiatischer Völker sind dagegen wohl die beiden Betrügergeschichten der Aino auf der nordjapanischen Insel Yezo und der sibirischen Tataren, sowie die Mongolen-Erzählung »Der Vielfraß« aus den hochasiatischen Steppen; letztere ist einem umfangreichen mongolischen Erzählungskreis, den sog. Siddhi-Kür-Geschichten, entnommen. Weit mehr wirklich »Eingeborenes« als die asiatischen Geschichten bieten die afrikanischen, vor allem die aus Mittel- und Südafrika (Nr. 23 bis 34 des Inhaltsverzeichnisses), während die nord- und ostafrikanischen Erzählungen (Nr. 16 bis 22) arabischen Einfluß zeigen und die Mauritius-Geschichten (Nr. 35 bis 41) zumeist solche der dortigen Kreolen sind, also der Nachkommen eingewanderter weißer Kolonisten; diese Kreolen arbeiten sogar schon mit der Satire, wofür Nr. 40 ein hervorragend gelungenes Beispiel ist. Eine merkwürdige Erscheinung ist es, daß eine große Reihe von Erzählungsstoffen weit voneinander getrennten Völkern gemeinsam sind. Dieses Buch, das möglichst vielseitig sein will, war nicht der geeignete Platz, um viele einander auffallend ähnliche Geschichten zur Vergleichung zu vereinigen. Immerhin hat sich auch hier, ohne daß die Absicht vorlag, manches Ähnliche zusammengefunden. Man vergleiche nur, was die Aino in ihrem Geschichtchen Nr. 9 erzählen, mit dem Schelmenstück Nr. 34 aus Madagaskar und beide Erzählungen mit Andersens bekanntem Märchen vom großen Klaus und vom kleinen Klaus; die Tunisier haben ein ähnliches, hier nicht vorgeführtes Geschichtchen. Oder man vergleiche den ersten Streich in vorerwähnter Madagaskar-Erzählung mit dem Tataren-Stückchen Nr. 5; der gleiche Gaunerkniff findet sich auch in alten deutschen Volksschwänken. Der aufmerksame Leser und Literaturkenner wird noch manche andere Stoffe finden, die ihn an Bekanntes erinnern. So wird er bei einigen Negerfabeln (Nr. 20, 29, 30) an »Reineke Fuchs«, bei der hindostanischen Lull-Geschichte (Nr. 14) an ähnliche französische und deutsche Fabeln, bei einer Erzählung der Schilcha-Berber (Nr. 18) an Rabelais' Pantagruel-Schwank von den Papifeigen und dem Teufel denken. Was den inneren Kern der asiatischen und afrikanischen Volkserzählungen betrifft, so fällt vor allem auf, daß der Begriff der Moral in dem Sinne, wie wir ihn haben, fast gänzlich fehlt. Die Idee der Pflicht, der objektiven Gerechtigkeit, der Ehre spielt keine Rolle. Vorherrschend dagegen ist der Triumph der List über die brutale Kraft; gegen die Gewalttätigkeit der Starken bedient sich der Schwache rücksichtslos der Lüge als der einzig erfolgreichen Waffe. Bei Völkern, bei denen Recht und Gerechtigkeit auf schwachen Füßen stehen, ist das Hochstellen der Schlauheit und Schelmerei durchaus begreiflich. In Deutschland war das einmal ebenso, das beweisen uns die alten Volksbücher. Im selben Maße aber, wie man die List feiert, verspottet man natürlich die Dummheit. So begegnet man, wie in allen Volksliteraturen, auch bei Asiaten und Afrikanern immer wieder typischen Vertretern der List wie auch der Einfalt. Eulenspiegel, Schildbürger und Genossen sind auf dem ganzen Erdball zu Hause. So haben die Japaner ihren dummen Tempo (Nr. 11), die Hindu ihren Lull (Nr. 14), die Tamulen ihren Guru-Gimpel (Nr. 16), die Tunisier ihren Dschuha (Nr. 17), die Suaheli ihren Abunawas, die Basuto ihren Hubeana, die Nama-Hottentotten ihren unverbesserlichen Hirtenjungen. Von allen diesen Typen gibt es zahlreiche Schwänke. Auch Kotofetsy und Mahaka von Madagaskar (Nr. 33 und 34) gehören hierhin; ihre Namen bedeuten in der Sprache der Hovas, der Bewohner der Ostküste Madagaskars, »listiger Mann« und »Einer der täuscht«; sie waren zwei gewöhnliche Räuber, manchmal witzig, immer aber faul und boshaft und ohne die ritterliche Seite, die uns so häufig unsere europäischen sagenhaften Banditen so sympathisch macht. Auch in den zahlreichen Tiergeschichten der Afrikaner treten solche immer wiederkehrende Typen auf. Der listigste ist meistens der Hase, der in Nr. 26 »das allerboshafteste Geschöpf auf Erden« genannt wird. Wer aber mit ihm um die Palme der Verschlagenheit wetteifert, das ist die Schildkröte; sie besiegt sogar den Hasen (Nr. 38) und den gleichfalls nicht wenig schlauen Affen (Nr. 36). An den Küsten Guineas ist die Spinne die Vertreterin der List. Der Elefant spielt dagegen die blöde Rolle des Löwen und sogar des Isegrim in unserer Historie vom Reineke Fuchs. Er wird das Opfer des Hasen (Nr. 37, 40 und 41) und der Schildkröte, sogar des Hahnes (Nr. 22). Das Tier aber, das am meisten Widerwillen erregt und am meisten hereinfällt, ist die Hyäne (Nr. 20, 29 und 30). Erstaunlich ist es, wie vollkommen in den afrikanischen Geschichten die Tiere den Platz des Menschen einnehmen. Erklärlich wird dies durch die von Prof. v. d. Steinen bei den Eingeborenen Zentralbrasiliens nachgewiesene Tatsache, daß Naturvölker nicht in unserem Sinne Mensch und Tier als weit voneinander getrennte Wesen anschauen, sondern, unter Verneinung eines Wesensunterschiedes, in beiden nur verschieden ausgestattete Personen erblicken. Diese Wilden sind fest davon überzeugt, daß sich alles einmal genau so zugetragen habe, wie es in den altererbten Geschichten berichtet wird. Zweifelsohne darf man solche Anschauungsweise auch bei den Tiergeschichten afrikanischer Naturvölker zugrundelegen; die Anmerkungen zu Nr. 23 und 28 liefern dafür den Beweis. Der Inhalt dieses Sammelwerkchens besteht zum größten Teil aus eigenen Übersetzungen nach älteren französischen und englischen Werken; einiges andere ist aus älteren deutschen Büchern entnommen, die wohl längst nicht mehr im Buchhandel sind. Außerdem sind noch folgende Quellen benutzt worden: »Anthologie aus der asiatischen Volksliteratur« von A. Seidel, Verlag Emil Felder, Weimar 1898; »Japanische Märchen und Sagen« von P. Brauns, Verlag Wilhelm Friedrich, Leipzig 1885; »Globus«, Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde, Band 69, Verlag Friedrich Vieweg \& Sohn, Braunschweig 1896; »Geschichten und Lieder der Afrikaner« von A. Seidel, Verlag Schall \& Grand, Berlin 1896; »Die Somalisprache« von A. W. Schleicher, Berlin 1892; »Lieder und Geschichten der Suaheli« von C. G. Büttner, Verlag Emil Felder, Berlin 1894; »Märchen der Schluh von Tázerwalt« und »Tunisische Märchen und Geschichten«, beides von Dr. Hans Stumme, Verlag J. C. Hinrichs, Leipzig 1893 und 1895; »Zehn Jahre in Äquatoria und die Rückkehr mit Emin Pascha« von Casati (übersetzt von Reinhardstoettner); »Reineke Fuchs in Afrika« von Bleek, Verlag Hermann Böhlau, Weimar 1870. München, den 31. März 1911. Gisela Etzel Aus Asien König Fuchs Armenisch Eine Witwe hatte zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Die Witwe war arm, sie hatte weder Felder in der Sonne noch goldgefüllte Börsen in der Truhe; sie war das armseligste Wesen im Lande, und sie konnte ihre lieben Kleinen nur dadurch ernähren, daß sie zu den Reichen auf Arbeit ging und oft genug auf Wegen und an den Türen der Häuser die Hand aufhalten mußte. Die arme Witwe war traurig, und ihr Sohn war es nicht weniger, denn er dachte immer nur an das Glück. Er wäre gerne reich geworden, um seiner guten Mutter zu helfen und seine geliebte kleine Schwester glücklich zu machen. Eines Abends, als der Jüngling weinend schlafen gegangen war, so schwarz war das Elend in der armseligen Hütte, hatte er einen Traum. Ein Mann in seltsamer Kleidung erschien vor seinem Lager. »Warum bist du traurig?« sagte er. »Ach, meine Mutter und meine Schwester sind im Elend, und ich bin arm! Es macht mir großen Kummer, meine arme kleine Mutter vor Müdigkeit erschöpft zu sehen und dennoch selbst nicht einmal meine vielgeliebte Schwester ernähren zu können.« »Junger Mann, laß die Trauer, steh auf und geh ins Land; unter einem alten Nußbaum ist dein Glück verborgen.« Nachdem er so gesprochen, verschwand der Unbekannte. Der Knabe erwachte. »Was bin ich unglücklich,« rief er, »dies ist nichts als ein Traum, als ein trügerischer Traum!« Und von neuem ergab er sich seiner Trauer, und er fluchte seinem Unstern, dem es Spaß machte, ihn selbst noch im Schlaf zu quälen. Als er wieder eingeschlafen war, sah er von neuem im Traume den Unbekannten. »Warum grämst du dich noch? Geh hinaus ins Land, und du wirst das Glück finden.« »Fremder, wer bist du?« »Was besagt mein Name. – Steh auf!« Der Knabe erwachte von neuem und begann von neuem zu weinen. »Ach,« sagte er, »wie wahr ist doch das türkische Sprichwort: Ein hungriges Huhn sieht sich im Traum auf dem Gerstenspeicher! –Ich bin elend und arm, und natürlich träume ich von nichts anderem als von plötzlichem Glück!« Und er schlief wieder ein. Der Fremde zeigte sich zum dritten Male. Aber sein Gesicht war streng, und er rief mit befehlender Stimme: »Unvernünftiger, siehst du nicht, daß ich dein guter Geist bin, er, der dich beschützte vom Tage, da du die Augen dem Sonnenlichte öffnetest! Steh auf, ich gebiete es dir! Draußen im Feld ist der alte Nußbaum, und unter den Zweigen dieses Baumes erwartet dich das Glück. Leb wohl, Knabe, denn du wirst mich nicht mehr wiedersehen!« Der Sohn der Witwe erhob sich. »Was mir auch widerfahren mag,« rief er aus, »ich werde gehen, wohin mein guter Geist mich schickt.« Nachdem er sich mit seinen armseligen, alten Lumpen bekleidet hatte, weckte der Knabe die Mutter. »Meine arme, liebe kleine Mutter,« sagte er, »laß mich deine Hand küssen und empfiehl mich der unendlichen Barmherzigkeit Gottes, denn ich werde von dir gehen.« »Von mir gehen? Was sagst du da, mein lieber Kleiner?« »Während ich schlief, ist mein guter Geist zu mir gekommen und hat mir dreimal befohlen aufzustehen und ins Feld zu gehen, um das Glück zu suchen, das mich unter einem Nußbaum erwartet.« »Ach, mein Kind, glaube nicht diesem trügerischen Traum, bleib bei deiner armen Mutter! Wohl sind wir unglücklich, aber unsere Liebe stützt uns im Elend.« »Nein, meine liebe kleine Mutter, ich will fort. Ich will das Glück suchen, und dann wirst du reich und glücklich werden und ein zufriedenes Alter haben.« Dann weckte der Knabe seine Schwester. »Meine arme, liebe kleine Schwester,« sagte er, »laß mich dich auf Mund und Augen küssen. Ich gehe das Glück suchen, das mein guter Geist mir dreimal im Schlaf gezeigt hat. Vielleicht bin ich morgen noch nicht zurück, vielleicht sehe ich dich überhaupt nie mehr wieder. Lebe wohl, geliebte kleine Schwester l« Der Bruder küßte die Schwester innig auf Mund und Augen; dann schritt er hinaus aus der armseligen Hütte. Die Nacht war noch ganz schwarz; kaum daß hie und da neben dicken Wolken ein paar Sterne blitzten. Der Wind heulte; aber der Jüngling, das Herz voll Hoffnung, durchschritt das Dorf, nahm bald diesen Fußsteig, bald jenen und wanderte hin durchs Feld zu dem Nußbaume, den sein guter Geist ihm bezeichnet hatte. Nachdem er lange Zeit gegangen war, kam er zu Füßen des Baumes an. Der Mond stand am Himmel und beleuchtete das Tal; unter dem alten Nußbaume war nichts und niemand zu sehen. Der Knabe setzte sich und weinte. »Warum,« rief er, »warum habe ich nicht auf meine gute kleine Mutter gehört? warum nicht ihre weisen Ratschläge befolgt? Dann wäre ich jetzt bei ihr, um sie in ihrem Elend zu trösten, während ich nun einsam und verlassen in der großen Wüste bin. Wie bin ich unglücklich!« Ermattet von der Enttäuschung und dem Kummer schlief der Knabe ein. Er hatte einen neuen Traum. Ein vollständig bewaffneter Ritter auf einem feurigen, grauen Pferd erschien plötzlich an seiner Seite. Eine Wolke von Rauch entfuhr den Nüstern des Pferdes, und von seinem Leibe troff der Schweiß, als hätte es einen langen Lauf getan. »Knabe,« rief der Ritter, »steig zu mir in den Sattel auf das graue Pferd!« Der Knabe zögerte. »Steig auf, sag' ich dir, oder dieser Dolch wird dir das Herz durchbohren!« Erschrocken gehorchte der Jüngling und schwang sich auf das graue Pferd. Der Tag begann zu dämmern. »Vorwärts,« sagte der Unbekannte, »vorwärts, mein gutes Pferd! Wir müssen noch galoppieren, wenn wir vor Sonnenuntergang ankommen wollen.« Und das graue Pferd schwang sich wie ein Pfeil über Busch und Hecken, über Wiesen und Täler, über Hügel und Berge. Ach, wie es vorwärts eilte, und wie unter seinen Hufschlägen der Staub flog und Feuerblitze aufflammten! Plötzlich hielt das graue Pferd an. Man war auf einer grasbewachsenen und blumendurchblühten Hochebene; ein murmelnder Bach bewässerte diesen wundersamen, wonnigen Ort, und Scharen von Vögeln in Purpur- und Goldgefieder sangen um die Wette in den vollen Büschen. »Steig ab!« befahl der Ritter. Der Knabe ließ sich auf den Rasen gleiten, und der Fremde fuhr fort: »Also höre! Dein Glück befindet sich hier.« Und er gab ihm Bogen und Pfeile und einen Feuerbrand. »Siehst du den großen Vogel auf dem Strauch dort? Der wird heute deine Nahrung sein. Schick ihm deine Pfeile!« Der Knabe spannte den Bogen, zielte auf den Vogel und schoß ab. Ach, er hatte nicht gut gezielt, und als er sich umwandte, war der Ritter verschwunden. Verzweifelter als je wanderte der Sohn der armen Witwe den ganzen Tag, durchlief die Hochebene nach allen Richtungen, sah tausend und tausend Vögel und konnte doch nicht einen töten. Endlich gegen Sonnenuntergang sah er einen kleinen gelben Vogel, schoß seine Pfeile auf ihn ab und tötete ihn. Der Knabe kehrte auf den Platz zurück, wo er sein Feuer angemacht hatte, und nachdem er seine Beute gerupft, briet er sie, aß sie und gedachte nun zu schlafen. Er mußte sich unter freiem Sternenhimmel niederlegen und hatte nur ein Taschentuch, um sich das Gesicht gegen den Nachtfrost zu schützen. Am Morgen des zweiten Tages nahm der Knabe wieder seine Pfeile und begab sich auf die Jagd. Bei Sonnenuntergang kam er mit zwei Vögeln zurück, die er getötet hatte. Er saß vor dem Feuer, auf dem die beiden Tiere brieten, als man ihn anrief: »Gegrüßt seist du, o Fremdling!« Er wandte sich um und sah einen halbverhungerten, abgemagerten, fast sterbenden Fuchs, der sich kaum auf seinen schwankenden Beinen halten konnte. »Sei willkommen, mein Bruder!« erwiderte der Knabe. Der Fuchs näherte sich und ließ sich beim Feuer nieder. »Sieh,« sagte er, »ich sterbe vor Hunger; seit acht Tagen habe ich nichts zu essen gefunden.« »Du sollst mein Gast sein, mein lieber Bruder!« Und als die Vögel gebraten waren, gab der junge Mann einen dem Fuchs und behielt den andern für sich. Der arme Fuchs fraß das ihm von dem Fremden so großmütig gebotene Wildbret und erwachte wieder zum Leben. »Sei recht bedankt, guter junger Mann!« sagte er, »wenn du es gerne willst, so will ich dein Gast und Hüter sein; ich werde während deines Schlafes für dich wachen.« Der Knabe legte sich hin und schlief ein, und der Fuchs bewachte seinen Schlaf. Als der Morgen gekommen war, begab sich der Sohn der armen Witwe auf die Jagd. Bei Sonnenuntergang kam er mit drei Vögeln zurück, die er geschossen hatte. Der Fuchs saß vor dem Feuer, als ein halbverhungerter Wolf daherkam. »Warum vorüberlaufen?« sagte der Fuchs. »Komm her zu mir; ich habe einen sehr guten und mitleidigen Herrn, der mich mit seinem Wildbret nährt und auch für dich sorgen wird.« Da näherte sich der Wolf dem Knaben und sagte: »Gegrüßt seist du, o Fremdling!« »Sei willkommen, mein Bruder!« erwiderte der junge Mann. »Sieh, ich sterbe vor Hunger; seit acht Tagen habe ich nichts zu essen gefunden.« »So sei mein Gast, lieber Bruder!« Und als die Vögel gebraten waren, verteilte sie der junge Mann; er gab einen dem Fuchs, einen andern dem Wolf, und den dritten behielt er für sich selbst. Am vierten Tage tötete der Knabe vier Vögel und verteilte sie unter den Fuchs, den Wolf und den hungernden Bären, den sein Feuer angelockt hatte; das vierte Stück der Jagdbeute behielt er für sich selbst. Am fünften Tage tötete der Knabe fünf Vögel und verteilte sie an den Fuchs, den Wolf, den Bären und den hungernden Affen, den sein Feuer angelockt hatte; das fünfte Stück der Jagdbeute behielt er für sich selbst. Am sechsten Tage tötete der Knabe sechs Vögel, und er verteilte sie unter den Fuchs, den Wolf, den Bären, den Affen und den hungernden Schakal, den sein Feuer angelockt hatte; das sechste Stück der Jagdbeute behielt er für sich selbst. Am siebenten Tage tötete der Knabe sieben Vögel, und er verteilte sie unter den Fuchs, den Wolf, den Bären, den Affen, den Schakal und den grauen Falken, der halbverhungert an sein Feuer gekommen war; das siebente Stück Wildbret behielt er für sich selbst. Der Sohn der Witwe ging jeden Tag zur Jagd, und er schoß sieben Vögel, die ihm und seinen Gästen zur Nahrung dienten. Da sagten diese: »Segen komme über unsern so gütigen, so barmherzigen und so großmütigen Herrn! Gott gebe ihm Glück und langes Leben!« Eines Tages, als der junge Mann auf der Jagd war, versammelte der Fuchs die andern Vierfüßler und den grauen Falken um sich. »Meine lieben Gefährten,« sagte er, »wir haben einen großmütigen Herrn, der uns mit unvergleichlicher Güte behandelt; ohne ihn wären wir Hungers gestorben und unser Leib hätte den Geiern als Speise gedient. Nur eines beschäftigt ihn: für uns zu sorgen; er arbeitet unermüdlich in dieser verlassenen Gegend, um die Vögel zu erbeuten, die uns Nahrung geben sollen. Was aber tun wir für ihn? Nichts. Er hat Mangel an allem; er schläft unter freiem Himmel, ohne Zelt und ohne Wolldecke, die ihn vor dem Nachtfrost schützen könnten; er hat zum Kochen weder Geschirr noch Butter, noch zerstoßenes Getreide, um Pilaw zu bereiten. Überall gönnt sich selbst der Ärmste einen Kaffee, ihm aber ist er versagt.« »Das ist wahr!« stimmten die Vierfüßler bei. »Das ist wahr!« sagte der graue Falke. »Nun also!« fuhr der Fuchs fort, »helfen wir unserem lieben kleinen Wirt; versehen wir ihn mit allem, was er braucht, um ein angenehmes Dasein zu führen. Gerade jetzt ist die Zeit, da die Nomaden ihre Wanderungen antreten; rauben wir ihnen ihre Zelte, ihre Kochgeräte, die Butter und das zerstoßene Getreide!« »Das ist nur gerecht!« stimmten die Vierfüßler bei. »Das ist nur gerecht!« sagte der graue Falke. »Zunächst aber,« sprach der Fuchs weiter, »müssen wir uns einen Herrn erwählen, der uns leitet. Wir müssen einen König ernennen.« »Du sollst unser König sein!« riefen wie aus einem Munde die Vierfühler und der graue Falke. »Bist du nicht schon darum unser Herr, weil du der erste von uns hier warst, hier am Feuer des jungen Mannes?« Der Fuchs wurde also zum König der Tiere ernannt. In der Nähe gewahrte er einen spitzen Baumpfahl. »Dies soll mein Thron sein,« sagte er. »Du, Bär mit den scharfen Krallen, nimm diesen Pfahl und befestige ihn mit Hilfe des Wolfs in der Erde!« Der Bär schleppte das spitze Holz herbei und scharrte die Erde auf; dann errichtete er mit Hilfe des Wolfs den Thron, auf dem der Fuchs sich niederließ. »Auf diese Weise,« dachte der König, »bin ich aus dem Bereich der Klauen meiner Untertanen!« Dann wendete er sich an den Wolf, den Bären, den Affen, den Schakal und den grauen Falken und sagte: »Setzt euch im Kreis um den Thron und laßt uns Rat halten.« Die Tiere gehorchten. »Meine lieben Untertanen,« fuhr der Fuchs fort, »wie ich euch schon gesagt habe, ist jetzt die Wanderzeit der Nomaden. Ziehen wir unsern Vorteil daraus. Du, grauer Falke, erhebst dich in den Himmel und erspähst die Ankunft der Turkomanen; wenn du sie erblickst, so benachrichtigst du uns. Ich, der Fuchs, gehe als erster los, um die Aufmerksamkeit der Frauen, die die Kamele führen, auf mich zu lenken; sie werden sehr erfreut sein, mich zu sehen, und werden sich an meine Verfolgung machen; ich werde langsam gehen, um sie von weitem anzulocken. Du, Wolf, folgst mir in einiger Entfernung; wenn die Turkomanen sich an meine Verfolgung machen, so wirst du wilde Schreie ausstoßen; sie werden erschreckt sein und nach allen Seiten auseinanderlaufen. Du, Schakal, kletterst auf die Kamele, die die Zelte tragen, die Butter und das zerstoßene Korn, und du führst diese Tiere aus der Reihe, indem du ihre Zügel durchbeißest. Du, Bär, und du, Affe mit dem Menschengesicht, ihr führt die Kamele bis hierher, wo wir jetzt unsere Versammlung abhalten.« »Gut gesagt!« riefen die Vierfüßler. »Gut gesagt!« fügte der graue Falke hinzu. Als diese Befehle gegeben waren, sagte der Fuchs: »Grauer Falke, die Stunde ist da, daß du dich in den Himmel erhebst.« »Haou! haou! haou!« machte der graue Falke. Und wie ein von sicherer Hand gesendeter Pfeil stieg er auf und auf und auf und war bald nur ein schwarzer Punkt im All. Eine Stunde später ließ er sich wieder herab. »Fuchs, König, ich habe gesehen!« sagte er. »Vogel, was hast du gesehen?« »Ich habe die Karawane der Turkomanen gesehen, die durch die Wüste zieht; an der Spitze gehen die Frauen, und sie singen Liebeslieder.« »So führe uns, grauer Falke!« Der König Fuchs und der Wolf und der Bär und der Affe und der Schakal zogen einer hinter dem andern hinter dem Falken her, bis man nahe an die Karawane herangekommen war. Der König Fuchs näherte sich den Kamelen. Die Frauen gingen spinnend daher und sangen sanfte Liebeslieder. Als sie den Fuchs gewahrten, riefen die jungen Mädchen: »Ein Fuchs, ein Fuchs! Ihm nach, ihm nach!« Auf diese Schreie erwiderten die alten Frauen: »Ein Fuchs, ein Fuchs! Ihm nach, ihm nach!« Und ihre Spindeln zurücklassend, eilten sie den Kamelen voraus und verfolgten den König Fuchs. Da kam der Wolf und heulte los. »Der Wolf, der Wolf!« riefen die Frauen. Und entsetzt entflohen sie, die einen nach rechts, die andern nach links, um sich zu retten. Der Schakal lauerte. Im Augenblick hatte er die Zügel der Kamele durchbissen, der Bär und der Affe liefen herbei, ergriffen die lang herabhängenden Zügel und zogen die Tiere mit sich zur Hochebene, wo der Sohn der armen Witwe sein Feuer entzündet hatte. Die Männer der Karawane, die hinter den Frauen zurückgeblieben waren, kamen zu spät; es blieben ihnen nur die paar Kamele, die die Frauen am Zügel zurückgehalten hatten. »Verfluchter Wolf!« schimpften die Alten. »Verfluchter Wolf, dem wir es verdanken, daß der Fuchs uns entkommen ist; verflucht seien auch der Bär und der Affe, die uns die Kamele entführten!« Aber ihr Jammern war nutzlos. Als die Tiere mit ihrer Beute auf dem Felde angekommen waren, sagte der König Fuchs: »Grauer Falke, steige zum Himmel auf und sei unser Späher! Die Turkomanen verfolgen uns vielleicht.« Der graue Falke erhob sich zum Himmel. »Jetzt laßt uns die Kamele abladen!« sagte der Fuchs. Der Affe hing sich an die Tragriemen der Kamele und zog mit allen Kräften; der Bär machte den Schrei der Kameltreiber nach: »Ih! ih! ih!« Die Kamele knieten nieder, und der Schakal nahm ihnen die Last ab und löste die Bänder. Dann errichtete man ein prächtiges Zelt und in dem Zelt ein Bett für den jungen Mann. Es nahm der Fuchs das Wort: »Die Turkomanen werden sich an unsere Verfolgung machen, sie werden unsere Spuren finden und uns unsere Beute wieder abjagen. Darum sollen der Bär und der Affe die Kamele beim Halfter nehmen und sie den Nomaden wieder zuführen. Die Turkomanen werden froh sein, ihre Lasttiere wiederzuhaben, und werden auf die Lasten, die wir ihnen abgenommen, verzichten und uns in Frieden lassen.« »Du bist weise!« riefen die Tiere; »in deinem spitzen Kopf herrscht die Klugheit eines erfahrenen Mannes.« Und der Affe und der Bär nahmen die Kamele beim Halfter und führten sie durch ein kleines Wäldchen den Turkomanen wieder zu, die sehr glücklich waren, sie wiederzufinden. Gegen Abend ging der König Fuchs dem jungen Mann entgegen. »Gegrüßt seist du!« sagte er. Und er überhäufte ihn mit Zärtlichkeiten und schwenkte glückselig seinen langen, schleppenden Schwanz, den Besen der Felder. Als der Sohn der armen Witwe auf der Ebene angekommen war, rieb er sich die Augen: ein kostbares Zelt war neben einem strahlenden Feuer errichtet, und im Kreise umher saßen die Tiere. »Was ist das?« dachte er bei sich. »Sind es turkomanische Nomaden, die sich hier niederlassen wollen?« Trotzdem trat er näher, und da er niemanden im Zelte sah, trat er ein. Der König Fuchs folgte ihm, streichelte ihn wieder mit seinem Schwanz, dem Besen der Felder, und sagte: »Lieber Herr, dieses Zelt gehört dir!« »Mir?« »Ja, und auch dieses Bett, auf dem du deine müden Glieder strecken kannst.« Der junge Jäger begriff nicht, woher dies Zelt und dieses Bett ihm kämen. »Was tut's!« sagte er sich; »es gehört mir, denn der Fuchs, mein Gast, hat es mir versichert.« Und er verteilte seine Jagdbeute unter seine Gäste und behielt für sich selbst nur einen Vogel. Ihre Mahlzeiten waren jetzt immer köstlich, da der junge Mann Butter und gemahlenes Getreide besaß und Kochgeschirr, um den Pilaw darin zu bereiten. Jeden Tag ging er auf die Jagd, und jeden Abend brachte er sieben Beutestücke heim: fünf für die vierfüßigen Tiere, eines für den grauen Falken und eines für sich selbst. Wenn der Abend sank, kam ihm der Fuchs entgegen und liebkoste ihn wie einen Freund mit seinem langen, schleppenden Schwanz, dem Besen der Felder. Eines Tages hielt der König Fuchs wieder eine Versammlung. Er setzte sich auf den Thron, den spitzen Pfahl, und sagte zu seinen Untertanen: »Gedenken wir der Wohltaten, mit denen unser lieber kleiner Herr uns überhäuft hat!« »Ja, gedenken wir ihrer!« sagten die Vierfüßler und der graue Falke. »Wir haben,« fuhr der König Fuchs fort, »ein Zelt für unsern Herrn gefunden, und auch ein Bett, Kochtöpfe und gestoßenes Korn, was alles wir den Turkomanen raubten. Unser lieber kleiner Herr hat alles, was er braucht, um angenehm zu leben; dennoch fehlt etwas an seinem Glück.« »Was ist das?« fragten die Tiere und der graue Falke. »Hört zu, meine treuen Untertanen! Unser Herr arbeitet, um uns zu ernähren; und uns ernähren, das heißt uns Freude machen.« »Das ist wahr!« rief der Bär und klopfte sich auf den Bauch. »Darum wäre es richtig, daß auch wir für unsern Gastgeber arbeiten. Wir müssen ihm eine Gefährtin, eine Gattin suchen. Dieses Weib muß göttlich schön sein.« »Ja, suchen wir ihm ein gutes, schönes Weib!« »Möge jeder von uns die Frau vorschlagen, die ihm als die schönste auf Erden erscheint, das junge Mädchen, das unsere Königin und die Gefährtin unseres lieben kleinen Herrn sein könnte.« Die Tiere sagten: »König Fuchs, du hast recht. Sprich du als erster!« Der Fuchs rieb sich die Stirn. »Ich kenne,« sagte er, »eine junge Frau, die schöner ist als der Mond und schöner als die Sterne, die am blauen Himmel stehen. Diese Frau ist wie geschaffen zum Regieren. Unglücklicherweise ist sie einäugig, denn sie hat nur ein Auge, das groß ist wie eine Orange. Wenn ihr damit einverstanden seid, daß sie die Gefährtin unseres Herrn werde, so ginge ich in das Königreich ihres Vaters und würde sie rauben und hierher in unser Lager bringen.« »Nein, nein!« riefen alle die Vierfüßler und der graue Falke einstimmig; »wir wollen keine einäugige Königin!« Der König Fuchs, der listige Schleppenträger, log; er kannte keine einäugige junge Frau, aber er fürchtete, daß er beauftragt werden konnte, die wundersame, reizende Prinzessin herbeizubringen, die er hätte bezeichnen können. Der graue Falke ergriff das Wort: »König Fuchs und ihr, meine Gefährten, hört zu! Auf meinen Reisen habe ich eine herrlich schöne junge Frau gesehen, schöner als jedes andere Menschenweib. Es ist die einzige Tochter des Königs von Marokko.« Die Versammlung sagte: »Die Tochter des Königs von Marokko soll die Gattin unseres Herrn werden. Falke mit den grauen Federn, du, dessen Klauen machtvoll sind, geh, raube die Prinzessin und bring sie in unser Lager!« Der graue Falke bereute, gesprochen zu haben, aber es war zu spät. Er machte sich also auf den Weg, überflog Täler und Ebenen, Hügel und Berge, Flüsse und Meere und kam schließlich in das Königreich Marokko. In dem Garten des Königs erging sich die schöne Prinzessin mit ihren Ehrendamen, hübschen Sklavinnen, die Befehl hatten, allen ihren Wünschen zu gehorchen. Sie war einfach weiß gekleidet, aber wie bezaubernd war sie! Während sie durch die Wiesen lief, gewahrte sie auf einem Rosenstock drei Rosenknospen, die kurz vor dem Aufbrechen waren, und alle drei auf einem Zweig. Sie ging weiter und sagte dann zu ihren Sklavinnen: »Derjenigen unter euch, die auf ein und demselben Zweig drei Rosenknospen findet, die kurz vor dem Aufbrechen sind, und sie mir bringt, schenke ich die Freiheit und noch andere kostbare Dinge.« Die Sklavinnen liefen eilends nach dem Rosenstrauch, um den Zweig mit den drei Knospen zu suchen. Die Tochter des Königs von Marokko blieb allein mitten im Garten zurück. Der Falke mit den grauen Federn stieß vom Himmel herab. Die erschreckte Prinzessin schrie auf. Schon aber hatte sie der Vogel am Gürtel ergriffen und seinen Flug ins Weite begonnen. Er flog und flog, über Meere und Flüsse, Täler und Höhen, und kam schließlich auf der Hochebene beim Zelte seines jungen Herrn an. »Reizende Prinzessin,« sagten die Tiere, »habt keine Angst; dieses Zelt ist die Wohnung unseres Herrn, eines jungen Mannes von schönem Angesicht und unvergleichlich großmütigem Herzen.« Diesen Abend ging der König Fuchs seinem Herrn entgegen und liebkoste ihn lange mit seinem langen, schleppenden Schwanz, dem Besen der Felder. Als der junge Jäger sein Zelt betrat, war er sehr erstaunt und auch sehr entzückt, ein junges, wundersam schönes Mädchen zu sehen, die alle Dinge hübsch in Ordnung gebracht und ein köstliches Mahl bereitet hatte. »Göttliches Mädchen,« sagte er, »wer du auch seist, sei willkommen in meinem Zelte! Willst du mein Weib werden?« »Ich will es, denn du bist schön und hast ein großmütiges Herz!« erwiderte schlicht die Tochter des Königs von Marokko. Der Jäger hatte acht Stück Wildbret heimgebracht, die man zum Hochzeitsmahl verzehrte. Und diesen Abend noch wurde die Prinzessin das Weib des jungen Mannes. Doch lassen wir ein Weilchen die beiden jungen Eheleute und ihre Diener, die Tiere, und kehren wir zum Schloß des Königs von Marokko zurück. Als die Sklavinnen gesehen hatten, wie der graue Falke auf die Prinzessin niederfuhr und sie dann himmelhoch emporhob, stießen sie herzzerreißende Schreie aus. Auf ihre Klagen lief der König herbei und erkundigte sich, was geschehen sei. Der arme Vater liebte seine Tochter zärtlich; er weinte lange und war überzeugt, daß er sein angebetetes Kind nie wiedersehen werde. Dann versammelte er seinen Rat und beriet mit ihm. Es wurde beschlossen, durch das ganze Königreich Marokko und alle benachbarten Länder öffentliche Ausrufer zu schicken, die die Hälfte des Königreichs Marokko demjenigen zusicherten, der die auf so merkwürdige Weise vom grauen Falken entführte Prinzessin lebendig zurückbrächte. Die Ausrufer wanderten also nach allen Seiten fort, aber Tage vergingen und niemand zeigte sich, der das junge Mädchen zurückgebracht hätte. Wie groß war der Kummer des armen Königs! Endlich erschien im Palast ein elendes, armes Mütterchen, schmutzig und zerlumpt, und verlangte den König zu sprechen. Zuerst wies man sie ab, da sie aber hartnäckig auf ihrem Wunsch bestand, so führte man sie in den Thronsaal. »König,« sagte sie, »du hast die Hälfte deines Reiches demjenigen versprochen, der dir deine geliebte Tochter zurückbrächte.« »Ja,« erwiderte er. »Also, ich übernehme es, die Prinzessin wiederzufinden und hierherzuführen. Als Entgelt – denn aus einem Königreich mache ich mir nichts – gibst du mir, was ich brauche, um mein ärmliches Dasein sorglos zu beschließen.« Nachdem sie so gesprochen, verlangte sie einen großen Tontopf und einige kostbare Edelsteine, die sie auf den Boden des Topfes legte. Dann setzte sie sich wie ein Reiter auf den großen Topf, ringelte als Peitsche eine Schlange um ihre Hand, erhob sich in die Luft und flog dahin wie ein mächtig beschwingter Adler. Bei Tagesende kam die alte Höllenzauberin auf der Hochebene an, auf der das Zelt des jungen Paares stand. Sie stieg von ihrem seltsamen Pferd herab und verbarg den Tontopf in einem dichten Myrtengebüsch. Der junge Mann verbrachte seine Zeit sehr angenehm in der süßen und reizenden Gesellschaft der Prinzessin von Marokko. Des Morgens ging er zur Jagd, und er tötete immer acht Vögel, einen für den Fuchs, einen für den Wolf, einen für den Bären, einen für den Schakal, einen für den Affen, einen für den grauen Falken und die beiden letzten für die Prinzessin und sich selbst. Die junge Frau räumte das Zelt auf und kochte; und wenn alles in Ordnung war, so machte sie lange Spaziergänge auf der Ebene oder am Rande des blumenumblühten Flusses, wo reizende kleine Vögel sangen. Eines Morgens war die Tochter des Königs von Marokko nach ihrer Gewohnheit zum Fluß hinuntergegangen, als sich plötzlich dicht neben ihr eine Stimme vernehmen ließ. Zuerst wollte sie entfliehen, dann aber faßte sie ein wenig Mut, trat vor und sagte: »Du, der du zu mir sprichst, bist du ein guter Engel oder ein schwarzer Höllenteufel?« »Ich bin kein Teufel,« erwiderte die Stimme, »ich bin das Geschöpf des Gottes, der mich gemacht hat. Schöne Jungfrau, habe Mitleid mit mir, laß mich nicht auf diesem einsamen Berg allein!« Die Prinzessin hatte Mitleid mit der alten Frau, die aus dem Gesträuch heraustrat. »Komm mit mir, Alte,« sagte sie, »du sollst an diesem einsamen Ort meine Gefährtin sein.« Und sie führte die häßliche Alte, die niemand anders als die vom König von Marokko entsandte Zauberin war, in ihr Zelt. An diesem Tage kehrte der Jäger mit neun Stück Wildbret heim. Jedermann war glücklich auf dem Berge. Die Tiere segneten ihren so guten Herrn, der sie mit seiner Jagdbeute ernährte; die Prinzessin von Marokko war glücklich, einen ebenso schönen wie liebenswürdigen Gatten gefunden zu haben; der junge Mann dankte seinem Schicksal, das ihm aus dem Elend herausgeholfen und eine bezaubernde Frau geschenkt hatte. Jeden Morgen ging die Tochter des Königs von Marokko nach ihrer Gewohnheit spazieren und ließ sich von der alten Frau begleiten, deren ewiges Geschwätz recht unterhaltend war. Eines Tages führte die Alte die Prinzessin zum Flußufer. Plötzlich strauchelte die Hexe, stolperte und wäre beinahe hingefallen. »Was ist?« fragte die junge Frau. »Ich weiß nicht, ich stieß gegen einen Stein, wahrscheinlich.« Und sie tat, als ob sie suchte, und fand den großen Tontopf, auf dem sie hierhergereist war. »Ach,« sagte die Tochter des Königs von Marolle, »das ist ja ein Tontopf!« »Vielleicht ist irgendein Schatz darin verborgen!« Die Prinzessin hob den Deckel vom Topf und sah auf dem Boden etwas leuchten. Sie blickte aufmerksam hinein und rief: »Es sind Edelsteine!« »So nimm sie an dich!« sagte die Zauberin. Die junge Frau steckte den Kopf in die Öffnung des Topfes. Aber alsbald gab ihr die böse Alte einen solchen Stoß, daß sie in den Topf hineinfiel. Und sogleich bestieg die Hexe den Topf, peitschte ihn mit ihrer Schlange, erhob sich in die Luft und segelte der Hauptstadt des Königreichs Marokko zu. Da seine Herrin nicht wiederkehrte, bestieg der Fuchs den spitzen Pfahl und hielt Rat. »Gehen wir auf die Suche nach unserer Königin!« sagte er. Die Tiere zerstreuten sich über den Berg, und der graue Falke stieg in den blauen Himmel hinauf. Vergebliches Suchen! Die Tochter des Königs von Marokko war samt der Alten verschwunden. An diesem Abend ging der Fuchs dem jungen Mann nicht entgegen, denn er war traurig und beschämt, geduldet zu haben, daß man seine Herrin entführte. Der Jäger hatte nur sieben Vögel getötet, und auf seinem Heimweg grämte und ängstigte er sich, weil er dachte, es müsse im Lager irgendein Unglück geschehen sein. »Ach,« sagte er, »zwei meiner treuen Gefährten sind tot, denn der Fuchs kommt nicht, um mich mit seinem langen, schleppenden Schwanz, dem Besen der Felder, zu liebkosen!« Der Fuchs lag mit den anderen Tieren neben dem Zelt, und alle stießen klagende Seufzer aus. Der Jäger trat ins Zelt; es war leer. Da begriff der unglückliche junge Mann, daß er seine geliebte Gefährtin, die Tochter des Königs von Marokko, verloren habe, und er sank auf den Teppich nieder und jammerte die ganze Nacht. Am andern Tag versammelte der König Fuchs die Tiere und den grauen Falken und bestieg den spitzen Thron. »Liebe Gefährten, Untertanen und Minister,« sagte er, »unser lieber, guter kleiner Herr ist traurig, er weint und klagt, denn sein Zelt ist leer; er hat die liebreizende Prinzessin von Marokko, seine liebe kleine Frau, die wir ihm gegeben und die die böse Alte, die Höllenteufelin, ihm entführt hat, verloren.« »Was sollen wir tun?« fragten die Vierfüßler. »Ja, was sollen wir tun?« sagte auch der graue Falke. »Wir werden die Prinzessin wiederfinden und in das Lager unseres Herrn zurückführen. Du, Falke mit den grauen Federn, fliege auf und suche das junge Weib!« »Haou! haou!« machte der graue Falke; »einmal ist es mir geglückt, aber ein zweites Mal wird es mir nicht gelingen. Die Tochter des Königs ist im Marmorpalast der goldenen Stadt gut behütet. Wie sollte ich es anstellen, um sie zu entführen?« »Grauer Falke, du bist listig. Geh, wir wollen es!« »Haou! haou! ich werde gehen, aber ihr müßt mir helfen. Ihr müßt die Prinzessin herauslocken, und ich werde sie entführen.« »Soll geschehen!« sagte der Fuchs. »Wir werden dich begleiten und dir helfen, doch mußt du uns zum Königreich Marokko hintragen.« Nach dieser Abmachung bestiegen der Fuchs, der Wolf, der Bär, der Affe und der Schakal den Rücken des grauen Falken. Der Vogel erhob sich schwerfällig, kam langsam höher und höher, entfaltete seine Schwingen in ihrer ganzen Breite und hatte bald die Hauptstadt des Königreichs Marokko erreicht. Der Fuchs hielt Rat und bestimmte, was geschehen sollte. Man befand sich auf einem abgeernteten Feld, und daneben stand ein verlassener Pflug. Der König Fuchs spannte den Wolf und den Bären vor den Pflug und sagte: »Ihr seid meine Ochsen!« Und er begann das Feld zu pflügen. Der graue Falke erhob sich zum Himmel, bis er nur noch ein schwarzer Punkt im All war. Kam ein Wanderer vorbei. »Welch wundersames Schauspiel!« sagte er, sich die Augen reibend. »Da führt ein Fuchs ein Gespann, wo ein Bär und ein Wolf die Ochsen sind!« Und er lief zur Stadt, um den Leuten die Geschichte zu erzählen. »Du bist toll, alter Narr!« erwiderte man ihm. Da er aber auf seiner Aussage beharrte, so liefen einige vor die Tore und überzeugten sich, daß der Wanderer recht hatte und daß ein Fuchs mit Hilfe eines Bären und eines Wolfes pflügte. Die ganze Stadt wollte dies seltsame Schauspiel sehen. Einige waren sogar entsetzt und meinten: »Das Ende der Welt ist nahe; der Tag des Gerichtes kommt!« Die Rede von dem Ereignis kam bis zu den Ohren der Minister, schließlich sogar zum König von Marokko selbst. »Eine merkwürdige Sache,« sagte der König. »Auch ich will gehen, mir den seltsamen Pflüger zu besehen. Meine Minister sollen mich begleiten und mit ihnen alle Prinzen meiner Familie, meine Frauen und meine Tochter.« Der Fuchs hatte vor dem versammelten Volk immer ruhig weitergepflügt. Er schob den Pflug und peitschte abwechselnd den Bären, der brummte, und den Wolf, der heulte. Der König kam mit der Prinzessin, den Frauen, den Ministern und Hofherren. »Ah,« dachte die Prinzessin, »da sind der Fuchs, der Bär und der Wolf, die Diener meines lieben Mannes! Sicherlich ist es eine List der Tiere, um mich aus dem Palast zu locken. Droben im Himmel ist gewiß der graue Falke, bereit, sich auf mich herabzustürzen und mich davonzutragen. Möchte es ihm doch gelingen!« Und um dem grauen Falken zu helfen, umwand sie sich die Hüften mit drei kräftigen Gürteln; aber so viel sie auch die Augen zum Himmel erhob, sie sah nichts, nichts als einen kleinen, unbeweglichen schwarzen Fleck im All, und sie konnte sich nicht deuten, daß dies der graue Falke sei. Eine Stunde verging; der Fuchs trieb sein Gespann immer schneller und schneller voran, zur großen Verwunderung des Königs und seines Hofes. Plötzlich bemerkte die Prinzessin, daß der schwarze Punkt größer wurde, und bald erkannte sie den grauen Falken, der sie schon einmal davongetragen hatte. »Ich habe ein Bedürfnis,« sagte sie zu ihrem Gefolge. Und sie stieg aus dem Wagen. Doch wie ließ sich das vor allem Volke tun? Die Sklavinnen errichteten ein oben offenes Zelt, und die Tochter des Königs von Marokko zog sich dorthinein zurück. Der Vogel war immer oben im Himmel. Das junge Weib nahm ein weißes Taschentuch und schwenkte es, um den grauen Falken herbeizuwinken. Der Vogel gewahrte das, schoß hernieder, ergriff die Prinzessin bei ihren drei Gürteln und entführte sie wie das erstemal. Die Sklavinnen stießen wilde Schreie aus, aber der Vogel erhob sich zum Himmel und war bald verschwunden. Der König Fuchs hatte gesehen, was sich zutrug. Er ließ den Pflug los, und ohne sich die Mühe zu nehmen, den Bären und den Wolf abzuschirren, machte er sich auf den Weg zur Hochebene, wo er seinen jungen Herrn, den Jäger, zurückgelassen. Der Wolf und der Bär, so elend im Stich gelassen, heulten und brummten schrecklich und versuchten sich aus den Zügeln zu reißen, mit denen sie am Pflug befestigt waren. Es gelang ihnen nur sehr schwer, zunächst dem Bären, denn er war der Stärkere. Der arme Wolf blieb noch gefangen. »Freund Schakal,« beschwor er diesen, »zernage die Zügel, sonst töten mich diese bösen Leute!« Der Schakal lief herbei und zerbiß mit seinen scharfen Zähnen die Zügel. Dann bahnten sich die Tiere in Begleitung des Affen einen Weg durch die Menge und eilten dem Berge zu, wo sie andern Tags ankamen. Während der Abwesenheit seiner Gäste hatte der Jäger nur ein einziges Stück Wild erlegt. Als die Tiere mit der schönen Prinzessin von Marokko auf der Hochebene angekommen waren, machte der Fuchs sich auf, um seinen Herrn zu suchen. Er traf ihn bei Sonnenuntergang und gab ihm tausend und tausend Liebkosungen, indem er fröhlich mit seinem langen, schleppenden Schwanz wedelte, dem Besen der Felder. Der junge Mann, der acht Beutestücke erlegt hatte, begriff, daß ihm ein großes Glück widerfahren sei. Und er beeilte sich, das Zelt zu erreichen. Das Feuer loderte, die Prinzessin bereitete den Pilaw, die Tiere saßen in der Runde um den spitzen Baumpfahl, auf welchem der graue Falke in Erwartung des Fuchses thronte. Ihr könnt euch die Freude des jungen Gatten der Prinzessin von Marokko denken! Als die jungen Gatten sich in ihr Zelt zurückgezogen hatten, um einander selig zu liebkosen, sagte der König Fuchs: »Grauer Falke, steige herab vom Thron, denn ich will Rat halten. Der Falke stieg herab, und der König Fuchs bestieg den spitzen Baumpfahl. »Meine lieben Brüder und Untertanen, Gefährten und Minister,« sagte er, »der König von Marokko könnte sehr wohl von neuem die alte Hexe schicken, die uns schon einmal unsere Königin entführt hat.« »Das ist wahr!« sagten die Vierfüßler. »Haou! haou! das ist wahr!« fügte der graue Falke hinzu. »Wachen wir also zum Heil unserer lieben kleinen Herrin. Wir wollen Tag und Nacht abwechselnd Wache stehen. Kehrt die alte Höllenzauberin noch einmal in unser Lager zurück, so wollen wir sie zerfleischen und töten; hütet euch aber, ihre Kleider zu zerreißen, und laßt den Kopf unversehrt! Dann nageln wir Kopf und Kleider an einen Baum gegenüber dem Zelte unseres lieben Herrn.« Die Tiere versprachen zu gehorchen, und jeder legte sich schlafen, ausgenommen der Bär, der Wache stand. Aber lassen wir die Tiere bei ihrem Späherdienst; lassen wir auch den jungen Mann in glücklicher Unterhaltung mit der Prinzessin in seinem Zelt, und kehren wir zum König von Marokko zurück. Der Herrscher war über den unvorhergesehenen Verlust seiner Tochter sehr betrübt gewesen, aber er hatte sich bald beruhigt, denn die alte Hexe war ihm eingefallen. Er schickte ihr einen Boten und ließ ihr sagen: »Komme in den Palast; der König will dich sprechen.« Die Zauberin lief herbei und übernahm es, die Prinzessin zurückzuführen. Sie bestieg wiederum ihren großen Topf, schlug mit der Schlange als Peitsche dagegen, erhob sich in die Luft und ritt nach dem Berg, wo der junge Mann sein Zelt aufgeschlagen hatte. Die Tiere und der graue Falke wachten unausgesetzt. Als die Reihe an den Fuchs gekommen war, setzte er sich auf den spitzen Baumpfahl, seinen Thron. Auf diese Weise brauchte er nicht zu fürchten, daß er etwa einschliefe, denn sobald der Schlaf ihn übermannte, glitt er herunter, rollte aufs Gras und erwachte. Der Fuchs hielt also Wache, als er bei Tagesanbruch einen kleinen Punkt am Himmel gewahrte, der sich tiefer und tiefer herabsenkte. Es war die Hexe. Sie ritt auf einem großen Tontopf, den sie mit einer um die Hand gewickelten Schlange peitschte, und ließ sich am Flußufer ins Buschwerk nieder. »Da haben wir sie, die niederträchtige Hexe!« dachte der König Fuchs. Und er stieg von seinem spitzen Baumpfahl herunter und lief zum Wolf, zum Bären, zum Affen, zum Schakal und zum Falken und weckte sie. »Die Zauberin ist angekommen, vergeßt nicht, sie zu töten, wie wir es vereinbart haben!« sagte er. Und alle zusammen stürzten sich auf die alte Hexe und zerfleischten sie; doch hüteten sie sich wohl, Kopf und Kleider zu verletzen. »Du, Bär,« sagte der König Fuchs, »nimm den Kopf und die Kleider und nagle sie an einen Baum dicht beim Zelte unseres Herrn!« Dies wurde nach dem Befehl des Königs ausgeführt. Als am Morgen die Prinzessin erwachte und aus dem Zelt trat, sah sie den Kopf der Greisin an einen Baum genagelt und daneben Kleidungsstücke. Da begriff sie, daß diese Alte die böse Hexe gewesen war, die der König von Marokko von neuem geschickt hatte, um sie zu entführen, und sie freute sich in ihrem Herzen über die Hilfe, die die Tiere ihr erwiesen hatten. Die Zauberin hatte aber zum König von Marokko gesagt: »Wenn ich in vierzig Tagen nicht zurückgekehrt bin, so ist mir ein Unglück zugestoßen.« Und sie hatte ihm genau den Ort beschrieben, wo die Prinzessin mit ihrem jungen Jäger und den Tieren lebte. Der König von Marokko erwartete ungeduldig die Rückkehr der alten Hexe. Die vierzig Tage waren schließlich abgelaufen, und die Abgesandte war nicht zurückgekehrt. »Sicherlich,« dachte der König, »ist die Alte bei ihrem Vorhaben umgekommen, und ich werde meine Tochter nicht mehr wiedersehen.« Und er versammelte seine Minister, die beschlossen, eine Armee gegen den Berg loszulassen, wo die Prinzessin gefangen war. Die Armee trat zusammen, und es fand sich, daß sie mehr als hunderttausend Soldaten zählte. Man machte sich auf den Weg; nach einem langen Marsch kam man vor dem Berge an, und es wurde beschlossen, ihn zu belagern. Der graue Falke hatte aber die Armee des Königs von Marokko heranrücken sehen. »Haou! haou! meine Brüder,« sagte er, »da kommt ein so zahlreiches Heer, daß ich nicht einmal die Generäle habe zählen können!« Der König Fuchs hielt Rat. Er bestieg seinen Thron, den spitzen Baumpfahl, und sagte: »Meine Brüder und Untertanen, Gefährten und Minister, halten wir Rat! Wir sechs können den Truppen des Königs von Marokko keinen Widerstand entgegensetzen.« »Meine Zähne sind lang,« sagte der Wolf. »Und die meinen sind spitz,« sagte der Schakal. »Meine mächtigen Tatzen sind stark,« sagte der Bär. »Ich habe mehr als eine List im Kopfe,« sagte der Affe. »Haou! haou! ich wüßte mich wohl nützlich zu erweisen,« sagte der Falke. »Das ist wahr,« erwiderte der König Fuchs, »aber wir sind nicht zahlreich genug. Hört, was wir tun müssen. Du, Wolf, geh zu den Wölfen und bringe alle von deiner Rasse herbei; Bär, mache es ebenso, und so auch du, Schakal, und du, Affe, und du, Falke! Ich selbst werde alle Füchse herbeiholen.« Als die Nacht gekommen war und der Jäger und sein junges Weib bereits unterm Zelt lagen, machten sich die sechs Tiere auf, um alle Tiere ihrer Rasse herbeizuholen. Am anderen Morgen war die Hochebene von sechs Armeen so zahlreich wie die Sterne am Himmel besetzt: dem Heer der Füchse, dem Heer der Wölfe, dem Heer der Bären, dem Heer der Schakale und dem Heer der Affen; oben darüber schwirrte, die Sonne verdunkelnd, das Heer der grauen Falken. Da bestieg der König Fuchs seinen Thron, den spitzen Baumpfahl, und hielt an die versammelten Tiere folgende Ansprache: »Brüder und Untertanen, Gefährten und Minister, seid gegrüßt! Die Armee des Königs von Marokko hat uns umstellt; wir müssen listig vorgehen, wenn wir siegen wollen. Du, grauer Falke, und ihr andern grauen Falken, nehmt schwere Steine in eure Klauen, erhebt euch über die Armee des Feindes, und wenn sie vorrückt, so überfallt sie mit euren Geschossen! Du, Schakal, und du, Affe führt euer Heer in das marokkanische Lager, sobald die Nacht kommt. Zernagt die Halfter, die Riemen und Zügel der Kavallerie, tut das gleiche mit den Gewehr- und Säbelriemen; wir, die Füchse, Bären und Wölfe, wir werden von drei Seiten die Armee des Sultans überfallen.« Jeder schwor Gehorsam. Die marokkanische Armee wurde vom Großvezier, dem ersten Minister des Königs, befehligt. Ehe er den Berg angriff, wollte der Feldherr den jungen Mann auffordern lassen, die Prinzessin zurückzugeben. Und deshalb schickte er ihm einen Gesandten. Die Vorposten der beiden Armeen berührten sich fast. Kaum hatte also der Gesandte des Großveziers die marokkanische Armee verlassen, so mußte er die Heerreihe der Füchse, der Wölfe und Bären passieren. Alle diese Tiere heulten und fauchten, brummten und zeigten die Zähne, was den Gesandten sehr entsetzte. Aber auf Befehl des Königs Fuchs taten sie ihm kein Leides. Der Fuchs empfing den Gesandten mit Höflichkeit und führte ihn ins Zelt des Jägers und seiner Gattin. »Ich komme,« sagte der Gesandte, »als Abgesandter des Großveziers des sehr mächtigen Königs und Sultans von Marokko, um Euch aufzufordern, die junge marokkanische Prinzessin, die Ihr durch Zaubermittel verlockt und entführt habt, wieder herauszugeben. Gehorcht Ihr diesem Befehl, so wird Euch nichts geschehen, und die marokkanische Armee wird sich von Eurem Boden zurückziehen. Andernfalls aber sieht sich der Vezier, mein Herr, genötigt, sich der Prinzessin mit Gewalt zu bemächtigen.« »Sagt dem Vezier, Eurem Herrn, daß wir die Prinzessin um keinen Preis herausgeben. Wir nehmen den Krieg an,« erwiderte der König Fuchs. Darauf wollte der Gesandte wieder in sein Lager zurückreiten. »Geht, Füchse, Bären und Wölfe,« befahl der König der Tiere, »zerreißt das Pferd des Gesandten! Und ihr, Affen und Schakale, lauft und raubt das Pferd des Veziers!« Im Augenblick wurde ihm gehorcht. Als der marokkanische Gesandte aus dem Zelt trat, fand er sein Pferd von den Tieren zerrissen. »Wie komme ich nun ins Lager zurück?« fragte er sich. Aber er gewahrte das Pferd des Großveziers, das die Affen und Schakale geraubt hatten. »Nun gut,« sagte er, »ich werde das Pferd des Großveziers besteigen.« Und er bestieg das Pferd seines Herrn. Der König Fuchs brachte ihn auf den Weg und ließ ihn fortreiten. Die Diener und Sklaven des Großveziers waren sehr beunruhigt und suchten durch das ganze marokkanische Lager den geliebten Renner des Ministers. Als sie den Gesandten auf ihres Herrn Lieblingspferd daherreiten sahen, gerieten sie in große Wut; sie ergriffen den Boten bei seinen Kleidern, zerrten ihn zu Boden und schlugen mit Stecken auf ihn ein. Der Gesandte erhob sich und begab sich trotz alledem in das Zelt des Großveziers. »Der junge Mann weigert sich, die Prinzessin zurückzugeben,« sagte er, »und nimmt den Krieg an.« »Hat er denn ein so mächtiges Heer?« »Ja und nein. Sein Heer besteht aus einer Unzahl von Tieren aller Art: Füchse, Wölfe, Bären, Schakale, Affen und Falken. Sein General ist ein listiger Fuchs, der die Sprache der Menschen redet.« »Hast du die Prinzessin gesehen?« »Ja, und sie scheint sehr glücklich, die Gefangene des jungen Jägers zu sein.« »Wie seltsam! Jedoch wir müssen den Willen unseres mächtigen Sultans ausführen!« Der Vezier gab Befehl, daß am folgenden Morgen früh um 1 Uhr der Krieg zu beginnen habe. Aber die Tiere der feindlichen Armee hatten ihre Pflicht getan. Als die marokkanischen Soldaten erwachten, um sich für den Kampf vorzubereiten, war ihr Erstaunen groß: die Gewehr- und Säbelriemen waren zernagt und zerfetzt und in tausend und abertausend Stücke zerteilt. Sie versuchten wohl die Lederriemen wieder auszubessern, aber es war ihnen unmöglich. Der Großvezier war ungeduldig und gab das Signal zum Vormarsch, und die Soldaten rannten Hals über Kopf dem Feind entgegen. Die Reiter sprangen aufs Pferd, aber beim ersten Abritt rollten sie zu Boden: die Zügel und Halfter, die Sattel- und Steigbügelriemen waren zernagt wie die Riemen der Fußsoldaten. In diesem Augenblick stieß der König der grauen Falken einen lauten Schrei aus. Ein Hagel von Steinen prasselte auf die marokkanische Armee herab, tötete die Pferde, zerquetschte Köpfe und Arme und zersplitterte die Wagen. Eine entsetzliche Verwirrung befiel die Reihen der Marokkaner. Der Vezier verlor den Mut und sah sich genötigt, ins Lager zurückzukehren und dann beschämt zehn Meilen weit davonzufliehen. Der General des Sultans ließ von den Sklaven Riemen und Halfter, Gurte und Zügel aus Leder verfertigen und gab Befehl, sie an die Reiter und Fußsoldaten zu verteilen. Aber der König Fuchs hatte von der Höhe seines Thrones, dem spitzen Baumpfahl, Rat gehalten und hatte gesagt: »Affen und Schakale, die Nacht ist gekommen, kehrt zur Armee des Veziers zurück und reißt und beißt die Lederriemen in Stücke!« Am anderen Morgen, als der Vezier von neuem den Befehl zum Angriff gab, konnten die Reiter sich nicht auf den Pferden halten, und die Fußsoldaten fanden ihre Riemen und Gurte in Fetzen. Der Minister und sein ganzes Heer waren äußerst niedergeschlagen. Die grauen Falken, jeder mit einem mächtigen Stein in den Klauen, stürzten sich auf die Marokkaner und begannen sie von neuem zu bombardieren. Der Vezier zog sich noch einmal zehn Meilen weit zurück. »Dieser Mann ist vom Himmel begünstigt,« sagte sich der Minister; »es nützt mir nichts, gegen ihn anzukämpfen. Was die Prinzessin betrifft, so liebt sie ihren Gatten und wird niemals damit einverstanden sein, ihn zu verlassen. Es wäre vorzuziehen, Frieden zu schließen.« Und er schickte einen neuen Gesandten zum jungen Jäger auf dem Berge. Gleichzeitig schickte er an den König von Marokko einen Kurier, der berichten sollte, was sich ereignet hatte. Der Gesandte des Veziers erreichte die Vorposten der feindlichen Armee und wurde vom König Fuchs zum Zelt geleitet, wo der junge Mann und seine schöne Gattin wohnten. »Was willst du mir sagen?« fragte der Jäger. »Mein Herr, der Großvezier, anerkennt Eure Geschicklichkeit in der Kriegführung und bietet Euch Frieden an.« »Unter welchen Bedingungen?« »Ihr kehrt an den Hof von Marokko zurück und heiratet die Tochter des Königs. Da der Sultan nur dieses eine Kind hat, so werdet Ihr ihm dereinst auf den Thron von Marokko folgen.« Der König Fuchs ergriff das Wort: »Wir könnten das Heer des Sultans zerstören, und es würde nicht ein Soldat heimkehren, um dem Kaiser davon Meldung zu machen. Indessen nehmen wir dein Anerbieten, das du im Namen des Großveziers und des Sultans machst, an. Geh und überbringe diese Nachricht!« Ihr könnt euch die Freude des jungen Jägers und seiner lieben Gefährtin denken! Der König Fuchs bestieg den spitzen Baumpfahl. Er dankte allen Tieren und sagte dann: »Geht!« Und jedes kehrte nach Hause zurück. Der junge Jäger, sein Weib und ihre sechs Gäste begleiteten das Heer des Veziers, und einige Tage später kam man vor dem Palast des Königs von Marokko an. Nachdem der junge Mann eingetreten war, schlossen die Wächter vor den sechs Tieren die Tore. »Haou! haou!« machte der graue Falke. »Ist das der Lohn, den wir verdient haben?« »Schweige!« sagte der König Fuchs. Und er schlug an und machte sich seinem Herrn vernehmbar. »Meine armen Freunde!« rief der junge Mann. »Man öffne meinen Dienern, den Tieren!« Als sie eingetreten waren, sagte der Jäger zu den Sklaven: »Gebt einem jeden meiner Freunde ein Zimmer im Schloß! Auch will ich, daß man ihnen jeden Tag gebratene Hühner und Hammelfleisch vorsetze!« Der Sultan von Marokko umarmte seine Tochter, und als er den hübschen jungen Fremdling gewahrte, rief er aus: »Gott sei gesegnet, der mir einen solchen Schwiegersohn geschenkt hat!« Und er wünschte, daß die Hochzeitsfeierlichkeiten sogleich beginnen sollten, nachdem Mutter und Schwester des Jägers, die man herbeirufen ließ, bei Hofe eingetroffen sein würden. Ah, welch schöne Feste, meine Freunde! Sie dauerten vierzig Tage, wenn ich mich recht erinnere. Und ebenfalls vierzig Tage dauerten die Hochzeitsfeierlichkeiten für den Sohn des Großveziers mit der Schwester des jungen Jägers. Drei Äpfel fielen vom Himmel: der erste für den, der diese Geschichte erfand; der zweite für euch, ihr Maulaffen, die ihr mir zugehört habt; der dritte für mich, den Erzähler. Noah und der Teufel Armenisch Vor der Sündflut erschien der Teufel vor der Arche und sagte zu Noah: »Ich bitte dich, Noah, laß mich in die Arche hinein!« »Nein,« erwiderte ihm der gerechte Mann. »Geh!« Ein wenig später wollte Noah seinen Esel in das rettende Boot hineinschaffen. Das widerspenstige Tier weigerte sich aber. Bitten, schreien, fluchen und schlagen, nichts half. Noah wußte sich keinen Rat mehr. »Gehst du hinein,« schrie er, »Teufel! hinein mit dir!« Der Teufel – der wirkliche – der sich nicht weit von der Arche versteckt hatte, machte nur einen Satz und war drin im Schiff. »Wie,« rief Noah, »wagst du es, ohne meine Erlaubnis in die Arche einzudringen?« »Hast du mir nicht selbst den Befehl erteilt?« »Wann?« »Als du deinen Esel hineinschaffen wolltest, hast du gesagt: Teufel, hinein mit dir! – und ich ging hinein.« So kam es, daß außer Mensch und Tier auch der Teufel die Sündflut überlebte. Der Graubart Arabisch Es war ein Mann, der hatte schon einen etwas weißen Bart. Als er einmal ausging, begegnete ihm ein schönes und reizendes Weib. Da rief er es an: »Höre du! wenn du ohne Mann bist, so möchte ich dich heiraten, und ich gäbe dir, was du dir wünschtest. Wenn du aber verheiratet bist, so hat Gott deinen Mann durch dich beglückt.« Das Weib erwiderte ihm: »Ich habe zwar keinen Mann, allein auf meinem Kopf sind einige weiße Haare, und ich glaube, daß dir solches nicht lieb sein wird.« »Da hast du recht,« erwiderte er und wandte sich von ihr weg. Da rief ihm das Weib nach: »Nur langsam, o du! Ich bin, bei Gott, noch nicht zwanzig Jahr alt, und ist kein weißes Haar auf meinem Haupt. Ich wollte dir aber nur zu wissen tun, daß mir nicht lieb ist an dir, was dir nicht lieb ist an mir.« Eine Türe im Verhör Kurdisch Man erzählt, daß zur Zeit, als Tschedetschi – Abdallah – Pascha der Wali von Erserum war, ein Dieb nächtlicherweile in ein Haus drang und Geld und Waren stahl. Am nächsten Morgen machte der Eigentümer dem Tschedetschi Anzeige, daß während der Nacht Diebe bei ihm eingebrochen wären. Tschedetschi befragte den Mann, ob der Diebstahl mit Einbruch oder wie sonst begangen worden sei. Der Mann gab an, daß die Diebe den Rahmen der Türe ausgebrochen hätten, so eingedrungen wären und den Diebstahl begangen hätten. Tschedetschi befahl ihm, die Türe nebst dem Rahmen auszuheben und sie ihm durch einen Lastträger in den Palast bringen zu lassen. »Ich werde,« sagte er, »die Türe und den Rahmen befragen, so den Dieb entdecken und die gestohlenen Gegenstände wiederfinden.« Der Mann schenkte diesen Worten keinen Glauben, konnte aber dennoch nicht umhin, nach Hause zu gehen und Türe und Rahmen einem Lastträger zu geben, der sie in den Palast brachte und gegen eine Mauer stellte. Tschedetschi hieß nun den Eigentümer fortgehen und am nächsten Tage zur Audienzzeit wiederkommen. »Ich will,« sagte er, »die Türe befragen und werde so den Dieb entdecken und die entwendeten Gegenstände wieder zur Stelle bringen.« Der Eigentümer ging nach Hause, und die Neuigkeit durchlief bald die ganze Stadt. Man erzählte, wie die Sache zusammenhänge, wie Tschedetschi die Türe und den Rahmen nach dem Palast habe bringen lassen, um sie über den Dieb zu verhören. Man war allgemein über solches Verfahren erstaunt und sagte, der Pascha müsse verrückt geworden sein; denn wie konnte eine Türe sprechen und den Urheber des Diebstahls entdecken? Die Diebe hörten gleichfalls von der Sache reden und scherzten untereinander, indem sie sagten: »Wahrlich, unser Pascha hat viel Geist.« So machte man sich über ihn lustig. Am folgenden Tage drängte sich in dem Palasthof eine große Menschenmenge. Tschedetschi sah aus dem Fenster; er stellte neben die besprochene Türe einen Mann mit einer Keule, zu dem er sagte: »Wenn ich dir befehlen werde: Schlage! so gibst du der Türe mehrere Hiebe, dann hältst du inne und legst dein Ohr daran. Darauf werde ich dich fragen: Was sagt die Türe aus? und du antwortest mir: Sie wird gleich sprechen.« So geschah es auch. Die Menge nahm immer mehr zu und lief von allen Seiten herbei, um zu sehen, wie der Pascha die Türe verhörte. Dieser schickte mehrere verkleidete Männer aus, welche sich unter das Volk mischten und beauftragt waren, die Blicke zu beobachten und diejenigen festzunehmen und vor ihn zu bringen, welche, sobald die Türe etwas ausgesagt hätte, Blicke miteinander wechseln würden. Es befanden sich nun auch wirklich zwei von den Dieben unter dem Volke. Der Pascha wandte sich von neuem an den Mann, der den Befehl hatte, die Türe zu schlagen, und rief ihm zu: »Schlage auf die Türe hier zu, damit sie die Diebe entdecke; wenn sie dies nicht tut, so werde ich sie ins Feuer werfen lassen.« Der Beamte schlägt noch einmal so stark auf die Türe los und legt sein Ohr an dieselbe, wie um eine Antwort zu erhalten. Das Volk, dessen Neugierde aufs höchste gespannt war, blickte unverwandt hin, indem es bald laut auflachte, bald seine Verwunderung zu erkennen gab. Plötzlich rief der Beamte: »Ja, Herr, jetzt hat mir die Türe endlich die nähere Beschreibung der Diebe gegeben, sie befinden sich unter den hier Anwesenden, und jeder von ihnen hat eine Schlange um den Arm gewickelt.« Kaum hatte der Beamte, welcher die Türe schlug, diese Aussage gemacht, so warfen die beiden überraschten Diebe einen Blick auf ihre Arme. Als die verkleideten Häscher diese Bewegung bemerkten, nahmen sie jene beiden sogleich fest und führten sie vor den Pascha, indem sie ihm berichteten, daß diese beiden Menschen, als der Beamte, welcher die Türe schlug, die Schlangen erwähnt habe, bestürzt auf ihre Arme geblickt hätten. Der Pascha befahl ihnen, ihr Verbrechen einzugestehen, sonst würde er sie alsbald hinrichten lassen. Darauf bekannten die Spitzbuben, daß sie den Diebstahl begangen hätten, und gaben noch den Ort an, wo ihre zwei Spießgesellen waren, und den, wo die gestohlenen Güter sich befanden. Der Pascha ließ die beiden Spießgesellen aufsuchen, man nahm sie gefangen und führte sie vor, und dann brachte man die entwendeten Gegenstände herbei. Die vier Diebe wurden an den vier Ecken der Festung aufgeknüpft. Der Betrüger und der Helfershelfer Tatarisch Waren einmal ein Alter und eine Alte, die hatten einen einzigen Sohn, der hieß Aldar (Betrüger). Eines Tages sprach er: »Ich bin Meister darin, die Leute zu betrügen; hätte ich doch einen Gefährten, der mir beistehen könnte!« Darauf verließ er seinen Aul und ging zu einem andern Aul. Auf dem Wege begegnete ihm ein Mensch, dieser Mensch grüßte ihn: »He, Aldar, bist du gesund?« Der Betrüger sprach zu ihm: »Vollkommen, Jüplär (Helfershelfer).« Jener Mensch sprach: »Woher weißt du, daß ich ein Helfershelfer bin?« Der Betrüger sprach: »Woher weißt du denn, daß ich ein Betrüger bin?« Der Helfershelfer sprach: »Ich bin ein Meister im Helfen, ich habe nur keinen Gefährten, der das Betrügen versteht.« Der Betrüger sprach: »Ich bin ein Meister im Betrügen, ich habe aber niemand, der mir Helfershelfer sein könnte.« Der Helfershelfer sprach: »Wenn's so ist, so laß uns beide Gefährten sein!« Beide waren nun Gefährten und zogen mit einem Pferde fort. Da kamen sie zum Hause eines Reichen; ihr Pferd spannten sie aus. Als sie ihr Pferd zur Tränke ritten, bestieg der Betrüger das Pferd, und der Helfershelfer führte es am Zaum, bis sie zur Tränke kamen. Nachdem das Pferd Wasser getrunken, stieg der Betrüger vom Pferde. Der Helfershelfer bestieg das Pferd, und der Betrüger führte das Pferd am Zaume fort. Der Wirt des Hauses, wo sie wohnten, sprach bei sich: »Diese Gäste sind sehr dumm.« Darauf übernachteten sie im Hause, wo sie abgestiegen. Am Morgen ging der Wirt eine halbe Werst fort zum Dreschen und arbeitete daselbst. Der Betrüger und der Helfershelfer tränkten ihr Pferd, aßen sich satt, zäumten ihr Pferd auf, und der Betrüger trat ins Haus, um sich von der Frau zu verabschieden. Die Wirtin nahm Abschied und geleitete ihn zum Hause hinaus. Der Betrüger ließ bei dem Helfershelfer seine Mütze zurück und sprach: »Ich will doch zum Wirt gehen und mich verabschieden.« Mit bloßem Kopfe ging er zum Wirt. Der Wirt sprach: »He, Gast, warum gehst du barhäuptig?« Der Betrüger sprach: »Speise und Salz habe ich bei dir genossen, ich bin gekommen, um mich von dir zu verabschieden; daß ich barhäuptig gehe, ist deswegen, weil deine Frau mir meine Mütze nicht gibt. Für Speise und Trank gib Geld, sagte sie und dann nimm deine Mütze!« Der Wirt wurde zornig und sprach: »Sie werden deine Mütze geben, ich werde von hier aus rufen: Gib! Gib!« Der Betrüger kehrte zurück, dann sprach er zur einzigen Tochter des Wirtes: »Steh auf, dein Vater hat dich mir gegeben.« Die Frau sprach: »Für wieviel hat er sie dir gegeben?« Der Betrüger sprach: »Was geht es dich an? Der Wirt hat sie gegeben.« Darauf zerrte er sie zum Hause hinaus und rief dem Wirt zu: »Sie geben sie nicht.« Der Wirt zeigte von weitem seine Schaufel: »Gebet sie in Gutem!« rief er, »wenn ihr sie nicht gebt, werde ich euch töten.« Da fürchtete sich die Frau und gab ihre Tochter. Der Betrüger und sein Helfershelfer zögerten keinen Augenblick, ließen das Mädchen das Pferd besteigen und führten es davon. Als sie aus der Stadt gekommen und ein wenig geritten waren, hütete ein Hirt die Schafe eines Reichen. Der Betrüger sprach zum Hirten: »Gott grüß dich, Grindköpfchen,« denn der Hirt war grindköpfig. Der Hirt sprach: »Ei, Freund, daß du mich Grindköpfchen nennst, das kommt mich sehr schwer an.« Der Betrüger sprach: »Den Grind deines Kopfes will ich sogleich heilen, was gibst du mir?« Der Hirt sprach: »Wenn du ihn heilst, will ich dir fünf Schafe geben.« Der Betrüger sprach: »Wenn's so ist, will ich ihn heilen.« An einer Stelle grub er ein Loch von solcher Tiefe, daß gerade ein Mensch hineinpaßte; da hinein goß er ein wenig Wasser; zum Grindkopf sprach er: »Komm her, beuge dich nieder und schau in mein gegrabenes Loch hinein, ich will dann ausspeien.« Als der Grindkopf da hinabschaute, ergriffen ihn der Betrüger und sein Helfershelfer bei den Beinen und steckten ihn mit dem Kopf ins Loch hinein. Sein Kopf war in der Erde, und seine beiden Beine schlenkerten in der Luft herum; sie aber trieben alle Schafe des Grindkopfes davon. Als sie ein wenig gegangen waren, hatte ein Sart einen Ochsen angespannt und pflügte. Der Betrüger sprach: »Gott grüß, Sart.« Der Sart sprach: »Du bist willkommen, Gast.« Der Betrüger sprach: »He, Alter, laß mich einmal pflügen!« Der Sart gab ihm den Pflug, der Betrüger zog ein paar Furchen. Der Sart sprach: »Du bist ein Meister im Pflügen.« Der Betrüger sprach: »Ich bin sehr hungrig; wenn du mir ein wenig Speise zum Essen herbringst, will ich pflügen.« Der Alte sprach: »Das ist gut,« und ging nach Hause, um Speise zu bringen. Der Betrüger spannte den Ochsen aus dem Pflug, schnitt dem Ochsen den Schwanz am Grunde ab und schickte den Ochsen mit dem Helfershelfer fort. Den Schwanz des Ochsen nahm er in die Hand, steckte ihn in die Erde, setzte sich hin und wartete. Nach einiger Zeit kam der alte Sart. Da klammerte der Betrüger sich an den Schwanz des Ochsen und zog, dann fiel er rückwärts nieder. Er richtete sich wieder auf, faßte die Erde mit den Händen und schlug seine Lenden. Der Sart kam. »Wo ist der Ochse,« fragte er, »wo ist er hingegangen?« Der Betrüger sprach: »Ich pflügte soeben, da ist der Ochse in die Erde hineingekrochen, ich packte ihn beim Schwanze, da ist der Schwanz abgerissen.« Der Sart sprach: »Ich habe selbst gesehn, wie der Schwanz abriß, du hast gut für mich gehandelt.« Der Betrüger sprach: »Der Ochse wird bald ermatten, tief unter die Erde geht er nicht; wenn du mit dem Spaten gräbst, wirst du ihn erreichen.« Der alte Sart holte einen Spaten und grub nach dem Ochsen. Der Betrüger und der Helfershelfer kehrten zum Hause des Betrügers zurück. Nach einiger Zeit kam der Wirt nach Hause. Seine Frau sprach: »Weshalb hast du einem Gast deine Tochter gegeben?« Der Wirt sprach: »Weshalb soll ich ihm meine Tochter geben? Er kam zu mir und sprach: Die Frau gibt mir meine Mütze nicht; für Speise und Trank gib Geld, sagte sie, aber ich habe kein Geld. So sprach er und weinte; ich sagte zu ihm: Geh zurück, ich will von hier aus meine Schaufel zeigen, dann werden sie sie dir geben!« Die Frau sprach: »Als dieser von dir gekommen, verlangte er unsere Tochter: der Wirt hat mir seine Tochter gegeben! Und zerrend gingen wir hinaus. Da riefst du von fern und zeigtest die Schaufel. Gib sie im Guten; wenn du sie nicht gibst, töte ich dich! sagtest du, da gab ich sie.« Da wurde der Wirt zornig und verfolgte den Betrüger. Als er aus der Stadt gekommen und ein wenig gegangen war, steckte da ein Mensch mit dem Kopf nach unten in der Erde, und seine beiden Beine schlenkerten in der Luft. Er ergriff ihn bei den Füßen und zog ihn heraus. Die Haut seines Kopfes war ganz rot geworden, und das Blut quoll hervor. Der Hirt vermochte nicht aufzustehn und sagte an der Stelle, wo er lag: »Ist mein Kopf gesund geworden?« Der Wirt sprach: »Ganz vortrefflich!« Da sprach der Grindkopf: »Du bist ja ein anderer Mensch.« Der Wirt sprach: »Was ist denn mit dir geschehen? Wer hat dich so in die Erde vergraben?« Der Grindkopf sprach: »Ein Mensch versprach mir meinen Kopf zu heilen und mir Arznei zu bereiten.« Der Wirt sprach: »Das ist derselbe Betrüger, er hat auch meine Tochter davongeführt.« Da zogen beide aus, den Betrüger aufzusuchen. Als sie eine Zeitlang gegangen waren, sahen sie, daß ein Sart einen Keller grub. Der Wirt sprach: »He, Alter, weshalb gräbst du abseits von der Stadt einen Keller?« Der Sart sprach: »Ich habe mit meinem Ochsen gepflügt, da kam ein Mensch und sagte: Ich will an deiner Statt pflügen, ich bin hungrig. – Daher ging ich zurück, um Speise zu holen, da ist während der Zeit der Ochse in die Erde hinabgestiegen. Als ich die Speise bringend zurückkehrte, war noch der Schwanz des Ochsen zu sehen, und jener Mensch klammerte sich an den Schwanz an. Da der Ochse nicht nachgab, riß der Schwanz ab.« Der Wirt sprach: »Du, trau ihm nicht! Der Betrüger hat meine Tochter genommen, hat des kahlen Grindkopfs Schafe genommen, er hat auch deinen Ochsen genommen.« Da gingen sie, des Betrügers Wohnsitz und Haus aufzusuchen. Der Betrüger sah sie von seinem Hause aus, kam ihnen entgegen und sprach: »Seid willkommen, reicher Wirt, Hirt und Sart. Jedem von euch habe ich etwas fortgeführt, dem einen die Tochter, dem andern die Schafe, dem dritten den Ochsen, und zwar mit List, aber nur deshalb, weil so Treffliche, wie ihr seid, sonst zu mir nicht zu Gaste kommen würden.« Seine Gäste führte er ins Haus, schlachtete ein Schaf, bereitete Speise und bewirtete sie reichlich. Als es Schlafenszeit war, sprach er: »Ach, Reicher, ach, Hirt, ach, Sart, seid ja vorsichtig, die Gewohnheit des Herrschers dieser Stadt ist eine solche: wenn an irgendeinem Tage ein Gast kommt und übernachtet, so kommen vor Sonnenaufgang Soldaten, und wer nur ein Gast ist, bei dem beschauen sie die Matratze, auf der er gelegen hat; wenn nun der Gast im Schlafe sein Bett verunreinigt hat, dann läßt der Herrscher ihn, ohne irgendein Verhör zu veranstalten, töten.« Jene sprachen: »Behüte Gott, uns passiert so etwas nicht!« Um Mitternacht, als sie eingeschlafen waren, trat der Betrüger ein und legte dem Reichen Schafdünger unter, unter den Grindkopf und den Sart goß er warmes Wasser; diese waren vom Weg ermüdet und schliefen fest. Zu einer Zeit erwachte der Reiche vom Schlafe und fand den Schmutz; furchtsam schleuderte er ihn fort, und der Mist traf den Alten. Der Sart erwachte. »Was ist?« fragte er. Der Reiche sprach: »Sei still, mein Bett ist verunreinigt.« Der Sart sprach: »Das ist eine schöne Geschichte!« Der Reiche sprach: »Schau auch du nach!« Da fühlte der Sart, daß es naß unter ihm war. »Ach, Reicher, auch mir ist so etwas geschehen!« Da weckten sie den Grindkopf und sprachen: »Uns ist es so und so ergangen, wie ist es mit dir?« Der Grindkopf schaute nach, mit ihm war es ebenso. Da sprach der Reiche: »Ehe ich wegen meiner Tochter sterben sollte, mag lieber meine Tochter hier bleiben, ich entfliehe.« Der Hirt sprach: »Ehe ich wegen der Schafe meines Wirtes sterben sollte, will auch ich lieber fliehen.« Der Sart sprach: »Ehe ich wegen eines Ochsen sterben sollte, will auch ich fliehen.« In der Nacht standen sie auf und entflohen. Als der Betrüger am Morgen aufstand, waren alle drei nicht mehr im Hause, sondern sie waren entflohen. Er sprach zum Helfershelfer: »Laß uns das Vieh teilen!« Der Helfershelfer sprach: »Ich brauche kein Vieh, mein Sinn steht nicht nach Vieh; das Mädchen magst du behalten, das Vieh magst du behalten, lebe wohl!« Darauf verließ er ihn. Der Vielfraß Mongolisch Früh vorzeiten lebten in einer Stadt Nordindiens mit Namen Tabun Minggan (die 5000 zählende) ein Greis mit seiner Frau, die kinderlos waren. Sie besaßen keine andere Habe als bloß neun Kühe. Da der Alte ein Liebhaber von Fleisch war, so pflegte er alle Kälber, sobald sie zur Welt gekommen waren, zu schlachten und zu verzehren; die Alte aber pflegte sich nur von der aus der Milch geschlagenen Butter zu nähren. Einmal dachte der Alte bei sich: »Ich will von den neun Kühen eine schlachten und das Fleisch verzehren. Zwischen der Zahl acht und neun, was ist da für ein Unterschied?« Und so schlachtete er eine von seinen Kühen und verzehrte sie. Als er mit dem Verzehren des Fleisches dieser Kuh zu Ende war, schlachtete er abermals eine seiner Kühe. »Sieben oder acht, was macht das wohl für einen Unterschied?« sagte er, schlachtete eine und verzehrte sie. Abermals dachte er: »Zwischen sechs und sieben, was ist da für ein Unterschied?« Und so schlachtete er außer einer Kuh die übrigen ohne Ausnahme und verzehrte sie. Da nur noch eine einzige von allen Kühen übrig war, so konnte es die Alte nicht mehr länger aushalten; wo sie nur immer hinging, da führte sie ihre Kuh mit sich. Einstmals aber, da der Alte betrunken sich schlafen gelegt hatte, ging die Alte aus, um Wasser zu holen, bei welcher Gelegenheit sie die Kuh zu Hause zurückließ. Kaum war sie fortgegangen, so stand der Alte auf und schlachtete die Kuh. Als die Alte mit dem Wasser zurückkam und sah, daß ihre Kuh geschlachtet war, brach sie in Weinen aus und versank in bitteren Kummer. »Womit,« sprach sie, »soll ich mein Leben fristen? Eine einzige Kuh war mir noch übriggeblieben, und die hast du geschlachtet und aufgezehrt!« Während sie bei diesen Worten hastig davonlief, schnitt der Alte von der Kuh seiner Frau noch ein Euter ab und warf es ihr nach. Die Alte hob das Euter auf, begab sich in ihrem Kummer in eine Einöde und gelangte dort zu einer Felsenhöhle. Hier wendete sie sich in aufrichtigem Gebete an die Beherrscher des Himmels und der Erde und flehte zu ihnen also: »Jetzt hat der Alte mich um das Letzte gebracht, was mir zum Unterhalt auf dieser Welt noch übriggeblieben war. Gewähret nun ihr, ihr Götter des Himmels und der Erde, im Vereine miteinander mir gnädig das erforderliche Maß an lebenfristendem Unterhalt!« Dabei schlug sie mit dem Kuheuter an den Felsen; allein sie war nicht mehr imstande, das Euter abzunehmen. Wie sie daran melkte, strömte Milch heraus; indem sie, diese Milch rührend, Butter zu gewinnen suchte, kam in der Tat Butter in reichlicher Menge zum Vorschein. Einstmals dachte die Frau: »Mein Alter könnte vielleicht Hungers sterben« und machte sich mit einem Schlauch Butter auf den Weg. Sie stieg auf das Dach der Wohnung, und als sie durch ein oben befindliches Loch hinabblickte, da war eben der Alte damit beschäftigt, Asche mit einem hölzernen Löffel zu schöpfen und sie in eine Schale zu tun, wobei er die Worte sprach: »Das esse ich heute, und das esse ich morgen.« Da warf sie ihren Butterschlauch von der Decke der Hütte hinab und eilte rasch von dannen. Der Alte aber dachte: »Wer beschert mir diese Gabe, der Himmel oder die Erde?« Nach einiger Zeit kam ihm der Gedanke: »Gewiß hat meine liebreiche Alte, indem sie dachte, daß ihr Alter hätte Hungers sterben können, mich damit überrascht! Wenn heute Nacht Schnee gefallen, will ich ihren Spuren nachgehen.« Und als in der Tat in dieser Nacht Schnee gefallen war, ging er auch sofort den Spuren nach. Er gelangte zu der Felsenhöhle und fand daselbst von der Frau aufgehäufte Butter in reichlicher Menge. Als er das am Felsen haftende Euter gewahrte, schnitt er es ohne Zögern mit dem Messer ab und verzehrte es. Die Alte, hierüber aufgebracht, lief ihm eiligst davon, er aber lud sich sofort die Butter der Frau auf den Rücken und trug sie nach Hause. Die Frau war, nachdem sie flüchtig geworden, an einen ausgedehnten unzugänglichen quellreichen Wiesengrund gelangt, wo ein Rudel Hirschkühe weidete. Obgleich die Alte an die Hirschkühe herantrat, so ergriffen diese doch nicht die Flucht; und wiewohl sie sie an Nase und Mund anfaßte, wurden sie doch nicht scheu. Deshalb machte sie sich daran, die Hindinnen zu melken, und gewann daraus Butter in reichlicher Menge. Nach einiger Zeit nahm die Alte einen Schlauch Butter und ging damit abermals zu ihrem Manne. Als sie in gleicher Weise wie früher zusah und ihn abermals damit beschäftigt fand, die Asche in Portionen für morgen und übermorgen mit dem Löffel einzuteilen, da warf sie ihm durch den Rauchfang der Hütte ihren Schlauch mit Butter zu und eilte rasch davon. Da aber in dieser Nacht Schnee gefallen war, so war er auf den Spuren folgend ihr nachgegangen und gelangte zur Melkstätte der Hirschkühe. Kaum war er angelangt, als er sein Messer hervorzog und den Hindinnen den Garaus machte. Abermals floh die Alte, in heftige Klagen ausbrechend, auf und davon und gelangte auf einer großen sonnigen Berghalde in eine Felskluft, in welcher sie Häute und Fleisch fand, woran sie sich sättigte. Da sie daselbst keine Stelle finden konnte, um sich heimlich zu bergen, so kroch sie in das Heu, das in der Höhle ausgebreitet war, und lagerte sich darin. Diese Felskluft war eine Höhle, wo alle wilden Tiere sich versammelten. So erschienen denn auch in dieser Nacht Löwe, Tiger, Bär und alle dergleichen reißenden Tiere dort zur Versammlung. Der Wächter der Höhle war aber ein Hase. Nach dem Abendessen knisterte das Heu in der Nähe des Hasen. Da sprach er zum Tiger: »Mein Teurer, was war das wohl hier?« »Hast du denn nicht,« erwiderte der Tiger, »das Haus gehütet? Morgen bei Licht wollen wir die Sache aufklären und untersuchen.« Als es hell geworden, wühlten sie im Heu umher und hielten Nachforschung. Und wie sie da die Alte im Heu entdeckten, geriet der Tiger in Zorn und verschlang die Alte mit Haut und Haaren. Da sprach der Hase: »Wenn du die Alte nicht verschlungen hättest, so hätte sie die Wächterin unserer Höhle werden können. Was für einen Vorteil hast du davon, sie verschlungen zu haben?« Der Tiger fand diese Bemerkung des Hasen richtig und würgte die Alte wieder heraus. Weil sie noch lebendig zum Vorschein kam, so bestellten sie die Alte als Wächterin, wobei sie ihr einschärften, über die Felsenhöhle strenge Aufsicht zu führen und, wer auch immer komme, niemanden einzulassen. In der Folge machte sich die Alte wieder einmal bei einer Gelegenheit auf und ging in derselben Weise wie früher zu ihrem Manne, indem sie für ihn einen Wildschlegel mitnahm. Als sie vom Dache der Hütte hinabsah, war der Alte auch diesmal wie früher damit beschäftigt, die Asche mit dem Löffel einzuteilen. Die Alte warf die Keule durch den Rauchfang hinab und eilte wieder von dannen. Da rief der Alte: »Wer sollte diese Gabe hier spenden, der Himmel oder die Erde? Gewiß hat meine liebreiche Alte sie mir beschert.« Da in dieser Nacht Schnee gefallen war, so folgte er wieder den Spuren der Alten und gelangte zur Wildhöhle. Die Alte aber sprach grollend zu ihrem Manne: »Warum bist du hieher gekommen? Hier ist ja der Sammelplatz der reißenden Tiere; sie werden uns alle beide sicherlich auffressen.« »Wenn sie dich nicht aufgefressen haben,« versetzte der Alte, »warum sollten sie da mich auffressen?« Mit diesen Worten trat er ihr entgegen. Sie versteckte den Alten ins Heu. Als nun in der Nacht die wilden Tiere wieder daselbst zusammengekommen waren und sich lagerten, sagte auf einmal der Hase zum Tiger: »Mein Teurer, in unserer Behausung muß irgend etwas liegen, sieh doch einmal zu!« Abermals versetzte dieser: »Was auch immer hier sein mag, wir wollen morgen früh zusehen.« Als es sich nun neuerdings regte, wiederholte der Hase dasselbe wie zuvor. Wiederum sagte der Tiger: »Bei Tagesanbruch wollen wir die Sache aufklären und untersuchen.« Als sie in der Frühe, nachdem es hell geworden, zusahen, fand sich natürlich der Alte. Man zog ihn hervor, und die Versammlung der Tiere erkannte zu Recht: »Wenn noch mehr Menschen außer ihm kommen, so werden sie uns nur Nachteil bringen.« Infolge dieses Urteilsspruches zerfleischten sie beide, den Alten und die Alte, und zerstreuten sich dann, ein jedes nach seinem Lieblingsplatz. Die zwei Teufel Chinesisch In alten Zeiten gab es einmal zwei Teufel, die zusammen einen Korb, einen Stab und einen Schuh besaßen, worüber sie sich zankten, da jeder zwei dieser Dinge haben wollte. Den ganzen lieben Tag haderten sie zusammen, ohne zu einer richtigen Teilung gelangen zu können. Währenddem besuchte sie ein Mann, der sie fragte: »Welche besondere Eigenschaft hat dieser Korb, dieser Stab und dieser Schuh, daß ihr euch so wütend darüber streitet?« Die zwei Teufel antworteten: »Aus diesem Korbe kann man Kleider, Speisen und Getränke, ein Bett, eine Matratze und Nachtzeug holen; kurz, alle Lebensbedürfnisse kommen daraus hervor. Wer diesen Stab in der Hand hält, unterwirft sich damit alle seine Feinde, so daß sie nicht mit ihm zu kämpfen sich unterstehn. Wenn jemand diesen Schuh trägt, so kann er laufen, als ob er flöge, ohne durch etwas gehindert zu sein.« Als der Mann dies gehört hatte, sagte er zu den beiden Teufeln: »Tretet ein wenig auf die Seite, dann werde ich sie gleichmäßig für euch verteilen.« Als die beiden Teufel solches vernahmen, entfernten sie sich sofort eine Strecke. Der Mann hob sogleich den Korb auf, ergriff den Stab und zog den Schuh an, worauf er wegflog. Die zwei Teufel standen ganz verblüfft da, daß sie am Ende gar nichts bekamen, und der Mann rief den Teufeln zu: »Ich habe dasjenige, worüber ihr euch strittet, weggenommen; nun habt ihr keinen Grund mehr, zu zanken.« Der übertragbare Tiger Koreanisch Einstmals reiste ein Mann über Land. Vor ihm stieg ein steiler Berg auf, über den die Straße führte, während zu ihrer Rechten und Linken sich ein Grund mit Blumen und Bäumen aller Art breitete und tiefes weiches Gras den Boden deckte. Vögel und allerlei Kriechtiere trieben darin ein lustiges Wesen, und von einem luftigen Felsen kam ein Perlenstrom herab, in einem Schauer von zehntausend blitzenden Juwelen. Unten sammelte sich das Wasser in einen weiten Teich, an dessen Ufer bedächtig ein alter Fischer saß. Er hatte sein schmutziges Netzwerk beiseite gelegt und sang ein Lied, während auf der anderen Seite des Teiches ein Holzfäller zu seiner Arbeit pfiff. Vom Gesange erfreut und in Betrachtung der Landschaft vergaß der Wanderer die Mühsal seiner Reise und schlenderte so seinen Weg, bald rastend, bald gemächlich vor sich hingehend, als er auf der linken Seite der Landstraße einen tiefen Hohlweg wahrnahm. Wo der wohl hinführe, verwunderte er sich und ließ sich zur Rast auf einen Felsblock nieder, als er, zwischen den Bäumen durchblickend, einen Tiger und einen Menschen sah, die einander gegenüberstanden. Erstaunt über das Fremdartige der Erscheinung trat er näher und sah nun einen Burschen von zwanzig Jahren, der mit einer Hand einen Tiger bei der Kehle hielt, während er mit der anderen den Ast eines nahestehenden Baumes umfaßt hatte. Während der Wanderer so schaute, konnte er wahrnehmen, daß der Tiger ganz erschöpft war. Er berührte nur noch mit einem Hinterbein den Boden. Aber auch der Bursche war ganz von Kräften, und die beiden standen so und schauten einander an. Die Sachlage war die, daß, wenn einer von den beiden wieder zu Kräften kam, dies für den andern sicheren Tod bedeutete. Nun war der Wanderer von Natur ein starker und tapferer Mann, der, als er das sah, dem Jungen helfen wollte, und er trat darum näher. Wie ihn der Bursche erblickte, rief er: »Während ich Holz fällte, geriet ich mit diesem Tiger zusammen. Ich bin nun ganz erschöpft und unfähig, die Bestie auch nur mehr ganz kurze Zeit zu halten. Wenn Ihr so gut sein wollt, ihn an meiner Stelle nur ein Weilchen zu packen, so will ich ihn totschlagen. Was meint Ihr dazu?« Der Wanderer sagte: »Ja, ich will.« Und er nahm sogleich des Burschen Platz ein und griff den Tiger kräftig bei der Gurgel, so daß sich der nicht rühren konnte. Da sagte er zu dem Jungen: »Ich habe Eile weiterzukommen, darum schlage das Vieh schnell tot!« Der antwortete: »Ich habe gar keine Kraft mehr in meinen Armen, wart ein Weilchen, ich will gehen, eine Waffe zu holen, mit der das Vieh zu erschlagen ist.« Während er so sprach, ging er fort; zwei, drei Stunden vergingen, aber er kam nicht wieder. Des Wanderers Kraft ließ bald gleichfalls nach, und da er gar kein Mittel sah, den Tiger zu töten oder ihn laufen zu lassen ohne Gefahr, dachte er bei sich: »Es wäre besser für mich gewesen, weiterzugehen. Den Jungen wollte ich retten, und das ist geglückt, aber mich selbst brachte ich in Gefahr. Hat man so etwas je gehört?« Und er erhob seine Stimme und rief den Burschen, aber es kam keine Antwort. Und jetzt bekam der Tiger seine Kraft wieder, regte sich und rührte sich, ließ seine gelben Augen funkeln und brüllte laut wie Donner. Gerade da kam ein schmutziger Priester den Weg (nicht der Bursche), und da die Bäume dicht standen und er nichts sehen konnte, sagte er bei sich: »Da brüllte irgendwo ein Tiger, aber wenn ich nach ihm schaue, seh' ich ihn nicht und er brüllt auch nicht wieder. Wie sonderbar!« Er blieb stehen zu horchen, guckte dahin und dorthin, als der Reisende ihn zum großen Glück erspähte und rief: »Rettet ein Menschenleben, Hochwürden l« Der Priester ging erstaunt hin, woher das Rufen kam, und fand den Wanderer in größter Gefahr. Er war ein kräftiger Kerl, aber ohne Waffen, so dachte er bei sich: »Nach Priesterregel ist es mir nicht erlaubt, irgend etwas zu beleidigen oder zu töten.« Aber während er dies dachte, war der Mann mit dem Tiger so schwach geworden, daß er daran war, die Bestie laufen zu lassen; wie das der Priester sah, kam er schnell herbei, packte an Stelle des Wanderers den Tiger und sagte: »Sieh hier und höre mein Wort! Nach unserer Priesterregel dürfen wir niemanden ein Leid tun, darum kann ich ihn nicht töten, aber ich will ihn für dich halten. Wenn du dich ein bißchen erholt hast, geh und hol eine Waffe und schlag das Vieh tot!« – Der Wanderer ließ los, lief ein Stückchen vom Orte weg und sagte: »Habt Ihr bloß die buddhistischen Bücher studiert und nicht die Schriften des Manucius gelesen? Darin ist eine Stelle, die besagt: – ›wenn einer einen anderen mit dem Schwerte erschlagen hat und sagt: nicht ich, sondern das Schwert erschlug ihn, so wird die Schuld die des Schwertes und nicht die des Mannes sein.‹ Euer Fall ist ähnlich. Wenn ich auf Eure Worte hörte und den Tiger tötete, so wäre die Schuld nicht meine, sondern Eure, da Ihr mich veranlasset, den Tiger zu erschlagen. Wie könntet Ihr dann sagen, daß Ihr nicht gegen Eure Priesterregel gesündigt hättet? Aber es ist nicht nur um Euretwillen, daß ich diesen Tiger nicht erschlage. Dieser Tiger ist einer, mit denen es Brauch ist, daß sie übertragen werden. Dies bedenke und halt dich an ihm, bis du einen anderen Menschen findest, der ihn von dir nehmen will. Dann tue, wie ich getan, und übertrag den Tiger auf ihn!« Als der Wanderer so gesprochen, lief er davon. Und der Tiger war seither bekannt als der »Übertragbare Tiger«. So gibt es Leute in der Welt, die Wohltaten empfangen haben und dem, der sie ihnen erwiesen, mit Undank lohnen. Man darf sie für Schüler des Mannes halten, der den Tiger übertragen hat. Der schlaue Betrüger Aino auf Vezo Vor langer, langer Zeit war einmal ein Schelm, der in die Berge ging, um Holz zu holen. Er wußte nicht, wie er sich lustig machen sollte, und kletterte hinauf zum Gipfel eines dicken Fichtenbaumes. Er hatte etwas Reis getaut und legte davon rings auf die Zweige, so daß es wie Vogelmist aussah. Dann ging er zum Dorfe zurück, zum Hause des Häuptlings, und sprach zu ihm: »Ich habe eine Stelle gefunden, wo ein schöner Pfauhahn nistet. Komm, laß uns hingehen! Ich bin ein armer Mann und fühle mich unwürdig, mich dem göttlichen Vogel zu nähern; du aber bist ein reicher Mann und sollst den Pfauhahn fangen. Es wird ein großer Schatz für dich sein. Laß uns also gehen!« Der Häuptling ging mit ihm. Als sie hingekommen waren und der Häuptling hinsah, erblickte er wirklich viel Spuren von Vogelmist in der Nähe des Gipfels der hohen Fichte. Er glaubte daher, der Pfauhahn wäre da. Deshalb sprach er: »Ich verstehe es nicht, auf Bäume zu klettern. Du bist zwar arm, aber hiermit weißt du doch Bescheid. Klettere also hinauf und hole den Pfauhahn herunter, ich will dich gut belohnen. Geh und hole den Pfau!« Als er halbwegs oben war, sprach der Schelm: »O Herr, dein Haus scheint in Brand zu stehen.« Der Häuptling war sehr erschrocken und schickte sich an, nach Haus zu eilen. Aber der Schelm sprach zu ihm: »Bis dahin ist dein Haus längst niedergebrannt. Es nützt gar nichts, wenn du jetzt dorthin eilst.« Der reiche Mann dachte bei sich, er wollte irgendwohin gehen, um zu sterben, und ging nach den Bergen zu. Nachdem er eine Strecke gegangen war, dachte er, ich will doch einmal gehen und wenigstens die Trümmer meines verbrannten Hauses sehen. Er ging also hin und sah, daß sein Haus gar nicht verbrannt war. Da wurde er zornig und wollte den Schelmen töten. Der kam gerade herzu. Der Häuptling befahl seinen Leuten und sprach: »Leute! Dieser Mann ist nicht nur ein Bettler, sondern auch ein nichtsnutziger Betrüger. Steckt ihn in eine Matte, wickelt ihn hinein, ohne ihn zu töten, und werft ihn in den Fluß. So geschehe ihm!« Also sprach der Häuptling. Die Leute taten den Schelm in die Matte und banden diese ringsum fest zu. Dann trugen zwei die Bürde an einem Pfahl ans Flußufer. Als sie an den Fluß gekommen waren, sprach der Schelm: »Obgleich ich ein schlechter Mensch bin, so besitze ich doch kostbare Schätze. Geht und holt sie! Wir wollen dann sehen, wie ich solche unter euch verteile. Nachher könnt ihr mich in den Fluß werfen.« Als die beiden diese Worte hörten, machten sie sich auf und gingen nach des Schelmen Hause. Inzwischen kam ein blinder alter Mann des Weges daher und stieß mit dem Fuße gegen etwas, das in eine Matte gewickelt war. Verwundert darüber, befühlte er es mit dem Stock. Da sprach der Schelm: »Blinder Mann, wenn du tust, was ich dir sage, will ich zu den Göttern beten, und deine Augen werden aufgetan werden.« Der alte blinde Mann freute sich sehr, knüpfte die Matte auf und ließ den Schelmen frei. Dieser sah, daß der Mann, obwohl alt und blind, wie ein Gott angekleidet war. Da sprach er zu ihm: »Ziehe deine Kleider aus und entblöße dich, dann werden deine Augen sofort aufgetan werden.« Der Blinde zog seine Kleider aus, der Schelm aber ergriff ihn, steckte ihn nackend in die Matte, schnürte sie ringsum zu, machte sich mit den Kleidern davon und versteckte sich. Kurz darauf kamen die beiden Leute wieder und sprachen: »Du Schelm, du bist wirklich ein Betrüger. Schätze besitzest du zwar nicht, aber Überfluß an Verschlagenheit. Jetzt werden wir dich ins Wasser werfen.« Da sprach der blinde alte Mann: »Ich bin ein blinder alter Mann und nicht jener Schelm. Tötet mich nicht!« Aber schon war er ins Wasser geschleudert worden. Darauf gingen die beiden zu ihrem Herrn nach Hause. Der Schelm zog nun des blinden alten Mannes schöne Kleider an, begab sich zu des Häuptlings Haus und sprach: »Ich habe nur zum Schein wie ein Schelm gehandelt. Die Göttin, welche im Flusse wohnt, hatte mich sehr gern. Sie wünschte meinen Geist zu haben und zu heiraten, wenn ich in den Fluß geworfen und getötet sein würde. Meine Missetaten sind daher alle ihr Werk. Ich kam nun zwar zu jener Göttin, aber ich fühlte mich unwürdig ihr Gemahl zu werden, denn ich bin ein armer Mann. Ich habe mit ihr verabredet, daß du, der Häuptling des Dorfes, zu ihr kommen und sie heiraten würdest, und bin hergekommen, um es dir zu sagen. Daher habe ich auch diese prächtige Kleidung an, weil ich von der Flußgöttin komme.« So sprach er. Als der Dorfhäuptling sah, daß der Schelm in die schönsten Kleider gehüllt war, glaubte er, daß jener die Wahrheit spräche, und sagte: »Gut, laß mich in eine Matte binden und in den Fluß werfen!« So geschah es, und der Häuptling ertrank. Nun wurde der Schelm Häuptling im Dorfe und wohnte im Hause des ertrunkenen Häuptlings. So lebten auch in alten Zeiten sehr böse Menschen, wie erzählt wird. Die beiden Frösche Japanisch Zwei Frösche, von denen der eine ganz nahe bei der Küstenstadt Osaka in einem Graben, der andere dicht bei der schönen Hauptstadt Kioto in einem klaren Bache wohnte, kamen auf den Gedanken, eine Reise zu machen, und zwar wollte der Frosch, der in Kioto wohnte, sich einmal Osaka ansehen, und der andere, der in Osaka wohnte, hatte Sehnsucht, die Kaiserstadt Kioto, wo der Mikado residierte, zu besuchen. Ohne daß sie sich kannten oder auch nur voneinander gehört hatten, machten sie sich daher beide zu derselben Stunde auf den Weg und begannen ihre mühsame Wanderung. Die Reise ging nur langsam von statten, denn ein Berg, dessen Höhe die Hälfte des Weges war, mußte überschritten werden, und diesen Berg zu erklimmen, war für die Frösche ein mühsames Stück Arbeit. Doch endlich war die Spitze erreicht, und siehe da, beide trafen sich, glotzten im ersten Augenblick einander an und fingen dann an, sich zu unterhalten. Als nun einer dem andern den Beweggrund seiner Reise mitteilte, da lachten sie beide vor Vergnügen, setzten sich zusammen in das hohe Gras und beschlossen, erst ein wenig auszuruhen, ehe sie sich trennten. »Wenn wir nur größere Tiere wären,« sprach der eine, »dann könnten wir von hier aus beide Städte sehen und könnten schon jetzt beurteilen, ob es sich der Mühe verlohnt, noch weiter zu wandern.« »Oh, dem ist abzuhelfen,« entgegnete der zweite, »wenn wir das Ziel unserer Reise von hier aus sehen wollen, so können wir uns aneinander aufrichten, und jeder blickt nach der Stadt hin, die er noch nicht kennt.« Dieser Vorschlag leuchtete dem andern Frosche gewaltig ein; und gesagt, getan: die beiden kleinen Kerlchen stellten sich auf ihre langen Hinterfüße und hielten einander mit den Armen umschlungen, damit sie nicht umfielen. Der Frosch, welcher aus Kioto kam, richtete seine Nase nach Osaka zu, und der, welcher aus Osaka kam, wandte die seine nach Kioto. Und so standen sie da, ganz steif, still und versunken in ihre Betrachtungen. Nun hatten die dummen Frösche aber gar nicht bedacht, daß ihre großen Augen, wenn sie den Kopf so hoch in die Luft reckten, wie sie es taten, auf dem Rücken lagen und nach rückwärts blickten, und daß sie daher beide ihre eigene Heimat und die Stadt, von der sie ausgezogen waren, zu Gesicht bekamen. »Ach, was sehe ich?« rief der eine Frosch aus Osaka, »was sehe ich? Kioto sieht ganz so aus wie Osaka; ich kann mir den Weg dahin ersparen!« Und ganz dasselbe sagte der Frosch aus Kioto, und wie beide zu dieser Erkenntnis gekommen waren, da ließen sie einander los, und plumps! fielen sie in das Gras. Dann machten die beiden Frösche einander eine Verbeugung, sagten Lebewohl und wanderten heim. Bis an ihr Lebensende haben sie geglaubt, daß die Städte Kioto und Osaka, die doch so grundverschieden sind, einander so ähnlich wären wie ein Ei dem andern, und nie haben sie ihren Irrtum, der aus ihrer Dummheit entsprang, eingesehen. Der dumme Tempo Japanisch In einem Dorfe lebte ein junges glückliches Ehepaar. Die Frau war sehr klug und konnte lesen und schreiben; aber der Mann war von Natur etwas dumm, und die Leute nannten ihn den Tempo. Eines Tages sagte die Frau zu dem Manne: »Du sollst auch etwas arbeiten; siehe, ich habe für dich zwei Körbe und einen Stock besorgt, damit du von morgen an ein Fischkrämer wirst.« Der Mann war sehr froh und gleich damit einverstanden, weil er sonst alle Tage nichts zu tun hatte. Am nächsten Morgen stand die Frau auf und kaufte für ihren Mann allerlei Fische auf dem Markte. Mit diesen Fischen ging er auf den Handel und blieb den ganzen Tag draußen, doch verkaufte er keinen einzigen Fisch, weil er nur die einsamen Bergstraßen, wo keine Leute waren, aufsuchte. Endlich kam er zurück und erzählte sein trauriges Geschäft. Die kluge Frau merkte sofort aus seinen Erzählungen, daß er den ganzen Tag im Walde herumgelaufen war, und ermahnte ihn, daß er nicht solche einsame Wege aufsuchen, sondern möglichst dahin gehen solle, wo viele Leute beisammen seien. Des andern Tages ging der Mann wieder ermutigt an sein Geschäft. Er besuchte nun nur solche Orte, wo viel Menschen waren, und verkaufte auch einige Fische. Als er darüber sehr erfreut seines Weges zog, kam er zu einem Hausbrande. Da standen eine Menge Leute und spritzten das Wasser auf das Feuer. Der Fischmann hatte aber keine Ahnung, was überhaupt der Brand bedeute, und im Glauben, ein gutes Geschäft machen zu können, schrie er so laut, wie er konnte: »Sakana, Sakana!« (d. h. Fisch, Fisch!). Die Leute, welche dastanden, wurden darüber sehr empört und schickten ihn mit Schlägen und Schimpfen fort. Weinend ging er nun zurück und erzählte seiner Frau sein Schicksal. Die Frau aber tröstete ihn freundlich und sagte: »Wenn du ein anderes Mal wieder an eine solche Stelle kommst, so mußt du zu den Leuten sagen: ›Ich helfe mit!‹ Auf solche Weise machst du dich beliebt bei den Leuten.« Des andern Tages ging Tempo wieder mit den Fischen aus und schrie: »Sakana, Sakana!« Endlich kam er ins Haus eines Schmiedes. Als er das auflodernde Feuer im Schmiedeofen erblickte, glaubte er, es sei ein Brand, und goß Eimer voll Wasser über den Ofen. Der Schmied fühlte sich natürlich bei dieser unerwarteten Hilfe nicht glücklich und dankte dafür dem Manne mit einigen Ohrfeigen. Tief betrübt ging der arme Tempo wieder nach Hause und klagte es seiner Frau, die er dafür verantwortlich machte; denn er glaubte, er sei um ihrer verkehrten Belehrung willen so stark geschlagen worden. Sie redete aber wieder mit ihm sehr freundlich und machte es ihm klar, daß er heute das Schmiedefeuer mit dem Brande verwechselt habe. Sie belehrte ihn weiter folgendermaßen: »Wenn du wieder in ein solches Haus gehst, so mußt du den Leuten helfen und mit schlagen.« In der Hoffnung, einmal doch die Sache recht zu machen und seiner Frau eine Freude machen zu können, ging er des andern Morgens früh wieder mit den Fischen hausieren. Als er eine Strecke seines Weges gegangen, wurde er eine Menge Leute vor einem Hause gewahr. Er hielt sich auch hier auf und guckte ins Haus. Es war da der Streit eines Ehepaares, und beide schlugen einander. Weil der brave Fischmann in seinem Leben noch nie selber eine solche Szene erlebt, glaubte er, es sei hier die Werkstatt eines Schmiedes. Eilend legte er seine Fischkörbe nieder und ging hinein. Er vergaß die Lektion seiner Frau nicht und schlug die zankenden Eheleute so viel, wie er konnte, indem er sagte: »Ich helfe ihnen und schlage mit!« Natürlich wurden die beiden sehr böse auf ihn und schlugen ihn, daß er kaum mehr aufstehen konnte. Als er nach Hause zurückkam und seiner Frau wieder erzählte, wie es ihm heute ergangen, versäumte sie es trotzdem nicht, ihn mit freundlichen Worten zu trösten, so daß er wieder am nächsten Tag ermutigt und zum letzten Male in sein Geschäft ging. Sie ermahnte ihn recht bei seinem Ausgehen und sagte: »Falls du heute wieder solchen zankenden Leuten wie gestern begegnest, darfst du sie ja nicht schlagen, sondern mußt dazwischentreten und freundlich sagen: Machet doch Frieden und tröstet euch wieder!« Da diese Worte ihm zu lang waren, ging er, dieselben wiederholt aussprechend, dahin. Da sah er, wie zwei Ochsen gegeneinander mit ihren Hörnern stießen. Er hielt das für den Streit der Eheleute. Schreiend: »Machet doch Frieden und tröstet euch wieder!« trat er zwischen die beiden Ochsen. Da dieselben sehr wütend waren, stießen sie ihn gleich tot. Dies war das Ende des dummen Tempo. Der Spiegel Annamitisch Hoch in einem Gebirgsdorf lebte ein recht einfältiges Ehepaar. Eines Tages, als die Frau vom Markt heimkehrte, erzählte sie ihrem Gatten, daß sie ein hübsches Weib mit einem wunderbaren Haarkamm gesehen habe, und so einen möchte sie auch haben. Da sie aber das Wort »Kamm« nicht kannte, so sagte sie, es sei ein glitzernder Gegenstand von der Form des Mondes. Da er seiner Frau gern eine Freude machen wollte, begab sich der Mann in die Stadt, um jenen Gegenstand zu taufen. Da aber auch er das Ding nicht zu nennen wußte, so verlangte er eine Sache, die dem Monde gliche; und der Kaufmann gab ihm einen Spiegel, den er kaufte und heimtrug. Als die Frau erfreut den Gegenstand ergriff, um ihn zu betrachten, gewahrte sie darin ein Antlitz, das ihr zulächelte. Da sie nicht begriff, daß es ihr eigenes Bild sei, glaubte sie an einen schlechten Scherz ihres Mannes und sagte zu ihm: »Warum hast du diese Frau hierhergebracht? Willst du sie etwa zu deiner Geliebten machen?« Und sie begann zu weinen und rief ihre Mutter, damit diese Zeuge sei von der Kränkung, die ihr Gatte ihr zufügte. Die Mutter lief herbei, sah ihr Bild im Spiegel und schrie auf: »Wenn er noch eine junge Frau hergebracht hätte! Aber das ist ja eine Beleidigung für uns alle, dies runzlige Gesicht einer alten Vettel ins Haus zu bringen!« Die beiden Frauen fielen über den Mann her und prügelten ihn durch. Der arme Mann konnte mit knapper Not entrinnen und lief zum Mandarin, um sich zu beklagen. Der ließ die beiden Frauen mitsamt dem Spiegel von seinen Soldaten ergreifen. Die Soldaten, die in dem Spiegel andere Soldaten erblickten, glaubten, man wolle mit ihnen Spaß treiben, und schleppten alle Welt vor den Richter. Dieser, der auch nicht gescheiter war als seine Leute und nie einen Spiegel gesehen hatte, nahm den Gegenstand des Streites, und als er sein Bild darin erblickte, glaubte er, es sei der von dem Beklagten herbeigebrachte Verteidiger, der ihm da so frech ins Antlitz sehe. Diese Unschicklichkeit empörte ihn; er schmetterte den Spiegel zur Erde, ließ dem Ehemann die Bastonade geben und warf alle zum Hause hinaus. Das Kamel und die Ratte Hindostanisch Ein Kamel, das seinem Herrn entlaufen war, wanderte auf einsamen Pfaden und schleppte die Nasenleine auf der Erde nach. Wie es nun langsam dahinging, hob eine Ratte das Ende der Leine auf, nahm es ins Maul und lief dem riesigen Tiere vorauf, indem sie unaufhörlich dabei dachte: »Was muß ich doch für Kraft besitzen, daß ich ein Kamel führen kann!« Nach kurzer Zeit kamen sie an das Ufer eines Flusses, der den Weg kreuzte, und hier machte die Ratte halt. Das Kamel sprach: »Bitte, geh doch weiter!« »Nein,« sagte seine Begleiterin, »das Wasser ist zu tief für mich.« »Nun wohl,« erwiderte das Kamel, »laß mich die Tiefe an deiner Stelle versuchen.« Als das Kamel in der Mitte des Stromes angekommen war, blieb es stehen, drehte sich um und rief: »Siehst du, ich hatte recht, das Wasser ist nur knietief, also komm nur hinein!« »Ja,« sagte die Ratte, »aber es ist doch ein kleiner Unterschied zwischen deinen Knien und den meinigen, wie du siehst. Bitte, trage mich hinüber!« »Gestehe deinen Fehler,« erwiderte das Kamel, »sieh ein, daß du hochmütig gewesen bist, und versprich, in Zukunft bescheiden zu sein, dann will ich dich sicher hinüberbringen.« Die Ratte willigte freudig ein, und so kamen die beiden ans andere Ufer. Wie Lull Luftschlösser baute Hindostanisch Lull schlenderte einstmals in den Straßen umher, als ein vorübergehender Soldat ihn beim Arm ergriff und zu ihm sagte: »Höre, Bursche, du kannst diesen Buttertopf für mich tragen, und wenn du deine Sache gut machst, werde ich dir drei Batzen geben.« Lull war darüber sehr erfreut. Er war stark wie ein Pferd; mit einem »Gut, ich will ihn tragen« lud er den Topf auf seine Schultern. Der Topf war ein großer, irdener Krug, und die Butter darin war in flüssigem Zustande, wie Öl. Als Lull die Straße entlang schritt, während der Soldat ihm folgte, begann er Luftschlösser zu bauen. »Wie glücklich ich bin!« dachte er bei sich selbst. »Dieser Mann wird mir drei Batzen geben. Was kann ich damit beginnen? Ich weiß es; ich werde auf den Markt gehen und dafür eine Henne kaufen. Die nehme ich mit nach Hause und füttere sie. Sie wird Eier legen, und ich werde schöne Küchlein bekommen. Die will ich verkaufen und für den Erlös ein Schaf kaufen. Das Schaf wird bald Junge bekommen, und wenn ich die verkaufe, werde ich mir eine Kuh kaufen. Und wenn meine Kuh kalbt, werde ich mir eine Milchkuh kaufen, und wenn diese kalbt, verkaufe ich sie und kaufe mir ein Pferd. Und wenn ich auf meinem Pferd sitze, werden mich alle Leute anschauen und rufen: ›Lull, Lull‹, und die Mädchen werden einander anstoßen und sagen: ›Seht den Lull auf seinem schönen Roß!‹ Habe ich erst einmal ein eigenes Pferd, so werde ich mich bald mit einem hübschen Mädchen mit einem Topf voll Geld verheiraten können und werde vier oder fünf niedliche kleine Kinderchen haben. Und wenn meine Kinder zu mir aufschauen und ›Papa, Papa!‹ rufen, werde ich zu dem einen sagen: ›O du kleiner Liebling!‹ und zu dem andern: ›O du kleiner Schatz!‹ und dabei werde ich ihnen der Reihe nach mit der Hand den Kopf tätscheln.« Und Lull ließ seinem Wort die Tat folgen, vergaß seinen Buttertopf vollständig, nahm seine Hand herab und machte mehrere Bewegungen in der Luft, als wenn er seinen Kindern den Kopf tätschelte. Aber dabei fiel der unglückliche Topf herunter, brach in tausend Stücke, und die kostbare Butter lief in die Straße. Die Abenteuer des Guru Gimpel Tamulisch Erste Geschichte Die Überquerung des Flusses Der Guru Gimpel war ein heiliger Mann, dem fünf Schüler untertan waren: Schädelbrett, Taps, Simpel, Dummerjahn und Tölpel. Sie hatten alle sechs auf der Suche nach weiteren Schülern viele Dörfer durchwandert und befanden sich auf dem Heimweg zu ihrem Mattam, Klosterartige Behausung. als sie eines Tages in der dritten Nachtstunde an ein Flußufer kamen. In der Erwägung, daß dies ein grausamer Strom sei, den man beileibe nicht passieren dürfe, solange er noch wache, beauftragte der Guru den Dummerjahn, festzustellen, ob der Fluß schlafe. Da nahm Dummerjahn einen brennenden Span, näherte sich dem Flusse auf Armeslänge und tauchte die Flamme ins Wasser. Das Wasser rauchte auf und gab einen zischenden Laut – und Dummerjahn eilte holpernd und stolpernd zurück und schrie schon von weitem: »O Meister, Meister, jetzt ist nicht die rechte Zeit, den Fluß zu überqueren! Er ist wach! Kaum hatte ich ihn berührt, als er in Wut geriet, wie eine Giftschlange aufzischte, Dampf ausstieß und nach mir in die Höhe sprang. Es ist ein wahres Wunder, daß ich mit dem Leben davongekommen bin.« Da erwiderte der Guru: »Wie sollten wir uns gegen den göttlichen Willen auflehnen? Wir wollen ein Weilchen warten.« Sie ließen sich also im Schatten eines dichten Buschwerks nieder und erzählten sich, um die Zeit zu verkürzen, allerlei Geschichten über den Fluß. Schädelbrett begann: »Ich habe meinen Großvater oft von der Wildheit und Verschlagenheit dieses Stromes sagen gehört. Mein Großvater war ein tüchtiger Kaufmann. Eines Tages trieben er und ein Gefährte zwei Esel vor sich her, die mit Salzsäcken beladen waren. Als sie den Fluß bis zur Mitte durchquert hatten, wuschen sie sich im kühlen Wasser, das ihnen bis an die Hüften ging; und auch die Esel hielten sie an und badeten sie ebenfalls. Als sie dann am andern Ufer ankamen, sahen sie, daß der Fluß nicht nur das ganze Salz verschlungen, sondern es auch auf ganz wundersame Weise aus den Säcken herausgeholt hatte; denn an den gut vernähten Säcken fand sich auch nicht die kleinste Öffnung. Da beglückwünschten sich die beiden Männer und frohlockten: »Ha ha! Dieser Fluß hat das ganze Salz verschlungen; welch ein Segen für uns, daß er sich nicht auch über uns hergemacht hat!« Da erzählte Simpel ein anderes Abenteuer. »Von den Listen, Tücken und Diebereien des Flusses weiß auch ich ein Stücklein zu erzählen. Hört zu: Ein Hund, der ein gestohlenes Stück Hammelfleisch fest im Maule hielt, schwamm durch den Strom, als der Fluß hinterlistigerweise ein anderes Stück Fleisch im Wasser sichtbar werden ließ. Der Hund stellte fest, daß dies andere Stück größer sei als das seine; er ließ also sein Stück fallen und tauchte unter, um das größere zu packen. Da verschwanden sie alle beide, und der Hund mußte mit leerem Magen abziehen.« Während sie sich so unterhielten, erspähten sie am anderen Ufer einen Reiter, und da der Fluß kaum eine Spanne tief war, blieb der Mann auf seinem Pferde sitzen und trabte ohne alle Furcht eilig hindurch. Als sie das sahen, riefen sie: »Ach, ach! Wenn unser Guru ebenfalls ein Pferd hätte, so könnten sowohl er als wir furchtlos den Fluß überschreiten.« Und sie drangen in ihn: »O Meister, du mußt unbedingt ein Pferd kaufen.« Der Guru Gimpel aber antwortete: »Davon wollen wir später reden.« Als der Tag zu Ende ging und der Abend kam, ließ er wiederum auskundschaften, ob der Fluß schlafe. Da nahm Taps wieder einen brennenden Span, und als er ihn prüfend ins Wasser tauchte, rührte das sich gar nicht, denn die Flamme war schon vorher verlöscht. Er freute sich also sehr und lief eilig zurück: »Jetzt ist die Zeit! Jetzt ist die Zeit! Kommt schnell und macht den Mund nicht auf! Seid ganz leise! Der Fluß liegt im tiefsten Schlummer; wir können ganz unbesorgt sein.« Bei dieser guten Nachricht sprangen sie auf und stiegen alle sechs vorsichtig und ohne ein Wort zu äußern in den Fluß. Sie taten jeden Schritt so leise, daß das Wasser nicht einen Plätscherlaut von sich gab, und hoben den Fuß jedesmal hoch aus dem Wasser. So schritten sie mit Angst und Herzklopfen durch den Fluß. Sobald sie das Ufer erreicht und erstiegen hatten, waren sie ebenso ausgelassen fröhlich wie vorher sorgenvoll, und während sie umhersprangen, machte Tölpel, der hinter ihnen stand, sich daran, sie zu zählen – ohne aber sich selbst mit einzuschließen. Als er nun beim Zählen nur fünf Personen sah, rief er entsetzt: »Wehe, wehe! Einer ist im Fluß geblieben! Sieh selbst, Meister, wir sind unser nur fünf!« Der Guru stellte sie alle in einer Reihe auf und zählte mehrmals nach. Da er aber immer sich selbst nicht mitrechnete, sagte auch er, es seien nur fünf; und so wurde es ihnen zur Gewißheit, daß der Fluß einen verschlungen habe. Da begannen sie bitterlich zu heulen und riefen: »Weh, o weh!« Sie sanken einander in die Arme und klagten: »O du grausamer Fluß! Du bist hartherziger als Stein, raubgieriger als ein Panther. Hast du es doch gewagt, den Schüler des Guru Gimpel, des geachteten, verehrten, hochgeschätzten und berühmten, dessen Name von einem Ende der Welt zum andern erklingt, zu verschlingen! Du Schurke! hast du eine so böse Seele, du Sohn des schwarzen Bären, du Nachkomme des gierigen Tigers? Sollst du dein Unwesen immer weiter treiben? Soll dein gieriger Strom immer neues Unheil stiften? Nein! Möge deine Quelle versiegen und verdorren; möge deine Glut den Sand deines Bettes verzehren; möge Feuer deine Wogen fressen; mögen deine Wiesen welken und veröden und deine Tiefen sich mit Dornen füllen! Ohne Feuchte, ohne Kühle mögest du vergehen in alle Ewigkeit, und nichts soll mehr von deinem einstigen Dasein zeugen!« So schleuderten sie ihre Anklagen und Flüche und reckten die Hände aus gegen den Feind. Infolge ihres albernen Übereifers wußte aber keiner, welchen von ihnen der Fluß eigentlich mit hinweggeführt hatte, und keiner fragte, wer es wohl sein könne. So standen die Dinge, als ein vernünftiger Mann des Weges kam und von Mitleid ergriffen fragte: »Was ist, Herr, was ist? Komm und sage mir den Grund eures Kummers!« Da erzählten sie ihm den ganzen Hergang. Und er, der ihre Dummheit gewahrte, entgegnete: »Was geschehn ist, ist geschehn! Wenn ihr mir eine angemessene Entschädigung geben wollt, so liegt es in meiner Macht, den wieder herbeizuschaffen, den der Fluß entführt hat; denn wißt, ich bin in aller Zauberkunst erfahren.« Da freute sich der Guru und erwiderte: »Wenn du das tun willst, so wollen wir dir 45 Geldstücke geben, die wir uns auf die Reise mitgenommen haben.« Der andere erhob nun einen Stock, den er in der Hand trug, und sagte: »Hierin liegt die Kunst verborgen. Wenn ihr euch in einer Reihe aufstellt und jeder, dem ich einen Schlag auf den Rücken gebe, seinen Namen nennt, will ich euch alle sechs zur Stelle schaffen.« Er stellte sie auf und gab zuerst dem Guru einen Schlag auf den Rücken. »Holla,« rief der, »ich bin's, ich selber, der Guru!« »Eins,« sagte der Mann. Auf diese Weise gab er jedem einen Hieb, und jeder nannte daraufhin seinen Namen. Der Mann zählte, und alle hörten nun, daß keiner von den Sechsen fehlte. Sie verwunderten sich sehr, umringten den Zauberer und lobpriesen ihn. Dann zahlten sie ihm die vereinbarte Summe aus und gingen davon. Zweite Geschichte Der Einkauf des Pferdeeies Als der Guru Gimpel und seine fünf Schüler daheim im Mattam angekommen waren, gingen sie umher und erzählten, wie sehr der Fluß ihnen zugesetzt hatte. Das hörte auch ein altes, einäugiges Weib, das im Mattam Straßenkehrerdienste verrichtete. Nachdem sie sich den Hergang in allen Einzelheiten hatte berichten lassen, sagte sie: »Ich bin der Meinung, daß ihr bei eurer Zählung einen Fehler gemacht habt. Läßt man beim Zusammenzählen sich selbst oder eine andere Person aus, so wird sich eine falsche Summe ergeben. Ich will euch aber ein Verfahren nennen, bei dem ihr ein andermal solchen Irrtum vermeiden könnt. Ihr müßt von der Straße ein wenig Pferdemist aufsammeln und ihn hübsch weich klopfen; dann stellt ihr euch drum herum, bückt euch nieder und taucht die Nasenspitzen in den Dungkuchen. Wenn ihr dann die Vertiefungen nachzählt, die ihr mit euren Nasen hineingegraben habt, so könnt ihr unzweifelhaft feststellen, wieviel ihr seid. Auf eben dieselbe Weise haben wir vor etlichen 50 oder 60 Jahren eine Anzahl Frauen nachgezählt, die beieinander standen.« Da erwiderten sie alle: »Dies ist in der Tat ein trefflicher Plan und kostet kein Geld; leider ist er uns selbst nicht eingefallen. Immerhin wird es für alle Fälle das beste sein, ein Pferd zu kaufen. Meister, du mußt unbedingt ein Pferd kaufen.« Der Guru erkundigte sich, wie hoch der Kaufpreis eines Pferdes sei. Als sie auf ihre Nachfrage hörten, daß man dafür nicht weniger als 60 bis 100 Pagodas zahlen müsse, entschied der Guru, daß er nicht in der Lage sei, so viel zu bezahlen. Die Sache blieb also geraume Zeit auf sich beruhen. Da gewahrten sie eines Tages, daß ihre Milchkuh, die auf die Weide geschickt worden war, zur Abendzeit nicht heimkehrte. Sie suchten sie im ganzen Dorf; da sie aber nicht zu finden war, begab sich Schädelbrett am andern Tag in die umliegenden Ortschaften, um nach ihr zu suchen. Als er am dritten Tage zum Mattam zurücklehrte, ohne sie gefunden zu haben, rief er begeistert: »Meister, die Kuh kann ich nicht finden; das tut aber nichts, denn dafür habe ich ein Pferd für uns entdeckt, das gar billig zu haben ist.« »Wie kommt das? Erzähle!« fragte der Guru eifrig. Darauf berichtete Schädelbrett: »Nachdem ich von Dorf zu Dorf, von Anger zu Anger, von Weidetrift zu Weidetrift nach der Milchkuh gesucht hatte, bemerkte ich vier oder fünf Stuten, die am Ufer eines großen Sees grasten und lagerten. Nicht weit davon kam ich zu einer Stelle, da hingen allenthalben Pferdeeier herab von einer Größe, daß man sie mit beiden Armen nicht umspannen konnte. Ich fragte einen, der des Weges kam, und er bestätigte mir, daß es wirklich Pferdeeier wären, und daß der Preis eines jeden nur vier bis fünf Pagodas sei. Hier ist eine gute Gelegenheit, Meister. Wir kommen so auf bequeme Weise zu einem edlen Pferde, und was seine Gelehrigkeit und Fügsamkeit anlangt, so hängt das allein davon ab, wie wir es aufziehen und zu zähmen wissen.« Alle stimmten diesem Vorschlag bei. Man gab dem Schädelbrett den Taps als Begleiter, händigte ihnen fünf Pagodas aus und schickte sie auf den Weg. Als die beiden fort waren, um das Pferdeei zu kaufen, kamen aber dem Tölpel Bedenken. »Selbst wenn wir nun ein Ei von edler Rasse erhandeln, so kann es doch nur dadurch ausgebrütet werden, daß einer sich darüber setzt. Doch wer in aller Welt soll solche Brüterei zuwege bringen? Er sagt, daß es mit beiden Armen nicht zu umspannen sei; selbst wenn wir also zehn Hennen auf einmal darüber setzen wollten, so würden sie es nicht bedecken können. Was meint ihr nun, was in der Sache zu tun sei?« Als sie diese Worte hörten, sahen alle einander an, und keiner öffnete den Mund zum Sprechen. Nach einer längeren Pause wandte der Guru sich an jeden einzelnen der drei Anwesenden und sagte: »Ich sehe keinen andern Ausweg, als daß einer von uns sich darauf setzt.« Da hatte jeder eine Entschuldigung. »Mein Amt ist es,« sagt einer, »täglich an den Fluß zu gehen und alles Wasser zu holen, das gebraucht wird, und auch zum Dschungel zu gehen und Brennholz zu sammeln; wie könnte ich es also ausbrüten?« Ein anderer sagt: »Tag und Nacht bin ich ununterbrochen in der Küche, koche Wasser und Reis, bereite Fleisch und Pasteten und allerlei Kuchen, richte das Essen und opfere mich für alle am Herd – wie könnte auch noch das Brüten von mir besorgt werden?« Und wieder ein anderer sagt: »Vor Tagesanbruch gehe ich zum Fluß, und wenn ich mir die Zähne geputzt, den Mund gespült, das Gesicht gewaschen, Hände und Füße gesäubert und die gesamte Reinigung nach Vorschrift beendet habe, so muß ich in die Blumengärten gehen, die jungen Knospen holen, sie mit schuldiger Ehrfurcht hierherbringen, Girlanden winden, den Götterbildern Blumen streuen und ihnen opfern und täglich der Götterweihe beiwohnen. Das ist mein Amt, nicht wahr? Wie könnte ich zu alledem noch brüten?« Darauf erwiderte der Guru: »Das ist alles ganz richtig; und auch die zwei, die fortgegangen sind, können die Sache nicht übernehmen. Der eine von ihnen hat mehr Arbeit, als er vollbringen kann, da er die Ein- und Ausgehenden nach ihren Wünschen fragen und ihre Fragen beantworten und die Streitigkeiten schlichten muß, mit denen sie vor ihn kommen. Und endlich Schädelbrett? Ist er nicht bei allen unsern Geschäftsabschlüssen derjenige, der in die Kaufläden und auf die Fahrmärkte und in die Dörfer geht? Es ist also sehr wahr, daß ihr euren Beschäftigungen nachgehen müßt, die beständig eure ganze Aufmerksamkeit erfordern. Was aber mich betrifft – bin ich nicht hier und tue nichts? Ich will das Ei auf den Schoß nehmen, die Arme darum schlingen, mein Kleid darüber decken, es mit meinem Leibe wärmen und zärtlich hüten – und es so ausbrüten. Wir wollen froh sein, daß wir zu einem Pferde kommen, und nicht der Mühe achten, die es kostet.« Während diese Besprechung im Mattam stattfand, kamen Schädelbrett und Taps, die in der dritten Nachtstunde beim Aufgang des Mondes fortgegangen waren, nach einem Marsch von mehr als drei und einer halben Meile in die Gegend, die Schädelbrett als die gesuchte erkannte. Bald fanden sie auch den See und an seinen Ufern eine Überfülle reifer Kürbisse. Dieser Anblick entzückte sie sehr, und sie traten zu dem Landmann, der dort arbeitete, und redeten ihn an: »Herr, wir flehen Euch an: gebt uns eins dieser Eier!« Der Landmann, der ihre Dummheit erkannte, sagte: »Heda! seid ihr denn fähig, so hochgeborne Pferdeeier wie diese hier zu taufen? Sie sind sehr teuer.« Darauf erwiderten sie: »Geht nur zu, Herr, wir wissen ja doch, daß sie fünf Pagodas kosten. Seht her, Freund, nehmt diese fünf Pagodas und gebt uns ein gutes Ei!« Da gab er zur Antwort: »Nun, ihr seid wirklich brave, ehrliche Burschen, und deshalb will ich sie euch für diesen Preis geben. Sucht euch also ein Ei aus und geht eurer Wege, aber erzählt es nicht herum, daß ihr es so leichten Kaufs erhalten habt.« Da wählten sie beide eine Frucht, die die andern an Größe überragte, und machten sich am andern Morgen bei Tagesgrauen auf den Heimweg. Schädelbrett hob das Ei vorsichtig auf und trug es auf dem Kopf; der andere ging voran und wies den Weg. Da entspann sich ein Gespräch zwischen den beiden. Schädelbrett sagte: »Sieh, sieh, unsere Vorfahren sagten: Wer Buße tut, bringt seine Sache vorwärts. Jetzt haben wir den Beweis dafür mit eigenen Augen gesehen. Ist dies nicht der Vorteil, den unser Guru mit seiner beständigen Buße erzielt hat? Ein edles Pferd, das 100 und 160 Pagodas wert ist, haben wir für fünf gekauft!« Worauf Taps erwiderte: »Braucht man darüber nachzudenken? Kennst du nicht den Ausspruch: Allein aus frommen Handlungen sprießt Freude, alles andere ist gering und nicht des Lobes wert. Tugend bringt nicht nur Vorteil, sondern auch Freude. Wo keine Tugend ist, ist eitel Elend und Ungemach. Übte mein Vater nicht lange Zeit alle Tugenden, und schließlich ward ihm Erfolg und Freude, da ich ihm geboren ward!« Der andere entgegnete: »Wie wäre daran zu zweifeln? Hast du je aus einem Rizinusbaum einen Ebenholzbaum entstehen sehen? Aus guten Taten erwächst Gutes, aus bösen Taten Böses.« In solchen Gesprächen hatten sie schon eine ansehnliche Strecke zurückgelegt, als der Kürbis einen tief herabhängenden Baumast streifte, den Händen seines Trägers entglitt und so hart auf die Dornenzweige eines Busches aufschlug, daß er zerplatzte und auseinanderbrach. Ein Hase, der im Busch verborgen gewesen war, sprang auf und lief davon. Da riefen sie entsetzt: »O weh! das Füllen, das im Ei gewesen, ist davongelaufen!« und eilten hinterher, es einzufangen. Aber Hügel und Täler, durch Wiesen und Wälder rannten sie, und ihre Kleider wurden so von Dornen zerrissen, daß sie nur noch in Fetzen an ihrem Leibe hingen. Weiter und weiter ging die Jagd. Ihre Füße bluteten, weil sie auf Steine und Stoppeln traten, die Dornen rissen ihnen blutige Wunden, der Schweiß rann ihnen in Strömen herab, ihre Herzen klopften, die Ohren dröhnten ihnen, sie schnauften vor Erschöpfung, und ihre Bäuche tanzten. Trotz alledem erwischten sie den Hasen nicht – und sanken schließlich ermattet zu Boden. Inzwischen jagte der Hase weiter, und als er nicht mehr zu sehen war, rettete er sich in weite Ferne. Da erhoben sie sich wieder, ungeachtet ihrer Müdigkeit, und hinkten über Stock und Stein und suchten in allen Richtungen. In solchem Zustand wanderten sie den ganzen Tag umher, litten Hunger und Durst und kamen nach Sonnenuntergang nach Hause. Als sie durchs Tor traten, schlugen sie sich auf den Mund, riefen »Ach, ach!« und sanken dann zu Boden. »Was ist, was ist? Ist euch ein Unglück widerfahren?« fragten die andern, die herbeikamen, sie bei der Hand nahmen und auf die Füße stellten. Nachdem die beiden das, was sich zugetragen, in allen Einzelheiten berichtet hatten, sprach Schädelbrett, wie folgt: »O Meister, nie in meinem Leben sah ich ein so schnelles Pferd wie dies! Es war aschgrau und schwarz, hatte Gestalt und Größe eines Hasen und war eine Elle lang. Obschon es noch ein Füllen war, das eben erst aus dem Ei gekrochen, legte es die Ohren zurück, hob den Schwanz, streckte seine vier Veine aus und rannte, das Herz dicht am Boden, mit einer Schnelligkeit und Ausdauer davon, die gar nicht zu beschreiben ist.« Da brachen sie alle in Jammern und Wehklagen aus. Der Guru aber tröstete sie, indem er sagte: »Wahr, die fünf Pagodas sind hin, aber es ist doch gut, daß auch das Füllen hin ist; wenn es schon als Füllen so laufen kann, wer soll dann auf ihm reiten, wenn es ausgewachsen ist? Ich bin ein alter Mann. Ein solches Pferd, meine Freunde, und wenn man es mir als Geschenk anböte, – ich würde es zurückweisen.« Dritte Geschichte Die Reise auf dem gemieteten Ochsen Nach einiger Zeit geschah es, daß sie eine lange Reise machen mußten. Da sie so weit nicht zu Fuß gehen konnten, beschlossen sie, einen Ochsen zu mieten, dem man durch Sengen den Hörnerwuchs entfernt hatte. Als Mietpreis setzten sie pro Tag drei Fanams fest, und nachdem sie den Morgen über noch ihre Angelegenheiten geordnet, machten sie sich auf die Reise. Da es in der heißen Jahreszeit war, so strahlte die Sonne senkrecht auf sie nieder, während sie eine weite Steppe durchquerten, auf der kein Baum, kein Busch, noch sonst ein Schattenspender war. Müde trotteten sie einher, und der Guru schwankte unter dem Druck der unbarmherzigen Hitze wie ein Halm auf seinem Reittiere hin und her und war in Gefahr, herabzufallen. Als seine Schüler das gewahrten, stützten sie ihn und hoben ihn herab, und da kein anderer Schatten da war, setzten sie ihn in den Schatten des Ochsen, den sie am Platze festhielten, und fächelten ihm mit ihren Kleidern Kühlung zu. Nachdem er sich auf diese Weise wieder erholt hatte und eine kühle Briese einsetzte, bestieg er den Ochsen wieder. So wanderten sie langsam weiter und kamen vor Sonnenuntergang zu einem kleinen Dorf, wo Halt gemacht wurde. Sie kehrten in einer einfachen Herberge ein und händigten dem Ochsentreiber seine drei Fanams aus; doch dieser war es nicht zufrieden. »Was willst du noch?« fragten sie. »Haben wir nicht diesen täglichen Mietpreis mit dir ausgemacht?« Der aber entgegnete: »Es ist wahr, daß für Benutzung des Ochsen als Beförderungsmittel dieser Preis vereinbart worden ist; unterwegs aber diente mein Ochse als Schutzmittel gegen die Hitze, als Sonnenschirm; muß ich nicht auch dafür die Miete haben?« Sie sagten, das sei ein betrügerisches Verlangen, und widersetzten sich seiner Forderung. Daraufhin entspann sich eine leidenschaftliche Auseinandersetzung. Der Streit wurde immer heftiger, und die vorübergehenden Dorfbewohner, Männer und Weiber, blieben stehen und umringten die Streitenden. Da trat ein Viehzüchter hinzu, beruhigte die Zankenden und bot sich als Richter an. Er ließ sich den Fall erzählen und fragte, ob sie sich mit seinem Richterspruch zufriedengeben wollten. Dann erzählte er folgende Geschichte: »Als ich einmal auf Reisen war, kehrte ich in einer großen Karawanserei ein, wo man außer dem Nachtlager auf Verlangen und gegen Geld auch mit aller Wegzehrung versehen wurde. Da ich aber nicht genug Reisegeld besaß, so sagte ich, ich bedürfe nichts. Die Herbergsleute brieten nun für die Neuangekommenen einen mächtigen Hammelschlegel am Spieß. Da dieser mit der Zeit gar liebliche Düfte entsandte, kam ich auf den Gedanken, meinen Vorrat gekochten Reises bei diesem kräftigen Bratengeruch zu verzehren, und bat daher um Erlaubnis, den Bratspieß ein wenig drehen zu dürfen. Ich hielt also den Reis in den Rauch, und während ich mit der einen Hand den Spieß drehte, aß ich mit der andern meinen Reis und stärkte mich an dem kräftigen Duft. Als ich dann später gehen wollte, verlangte der Herbergsvater von mir Bezahlung für den Duft, den ich gerochen. Ich erklärte sein Verlangen für ungerechtfertigt, und wir stritten miteinander und brachten die Sache vor den Dorfvorsteher. Dies war ein großer Schriftgelehrter, ein sehr vernünftiger und kluger Mann, der die Gesetze kannte. Hört, welche Entscheidung er fällte: ›Der Preis für das, was als Speise aufgetragen worden, ist Geld, doch der Preis für den Geruch, der der Speise entstieg, ist daher auch nur der Geruch von Geld; dies ist mein Urteilsspruch.‹ Damit rief er den Besitzer der Karawanserei zu sich, drückte ihm einen Sack voll Geld auf die Nase und ließ das Geld im Säckel kräftig tanzen. Der andere rief entsetzt: ›O weh, o weh! Meine Nase wird zerbrechen! Ich bin genug bezahlt!‹ Hört ihr nun? War das nicht recht und gesetzmäßig? Dieses selbe Urteil ist auf euch anzuwenden. Für die Herreise auf dem Ochsen ist der Mietpreis Geld, und für die Ausnutzung des Schattens dieses Ochsen ist der Schatten des Mietpreises ausreichend.« Als er nun auf diese Weise den Klang des Geldes als Preis für den Ochsenschatten festgesetzt hatte, ergriff er den Ochsentreiber, lieh ihm den Geldsack kräftig aufs Ohr fallen und rief: »Hörst du es?« Worauf jener erwiderte: »O ja, Herr! Ja, Herr. Ich hab's gehört; wahrhaftig, ich hab's gehört! O weh, mein Ohr! Genug, Väterchen, genug der Miete!« Nun sagte der Guru: »Was ich bis hierher ausgestanden, genügt mir; ich kann solchen Ärger nicht länger ertragen. Nimm deinen Ochsen weg; die Reise ist nun nicht mehr weit. Morgen gehe ich hübsch zu Fuß weiter.« Mit diesen Worten lohnte er ihn aus. Dann pries und lobte er den Richter, der seinen Streitfall so gut geschlichtet, und entlieh ihn mit seinem Segen. Vierte Geschichte Das Angeln des Pferdes Am folgenden Tage machten sich der Guru und seine Schüler aus Furcht vor der Hitze schon, beim ersten Hahnenschrei auf den Weg. Da sie sehr gemächlich wanderten, so hatten sie kaum zwei Meilen zurückgelegt, als die Hitze sie schon wieder niederdrückte; sie machten also in einer kühlen Höhle Halt. Während sie sich lagerten und erfrischten, zog sich Dummerjahn zurück und ging zu einem nahen Teich, um sich zu waschen. Am Ufer dieses Sees stand ein Ayinār-Tempel, in dessen offener Halle ein großes tönernes Pferdestandbild infolge eines Gelübdes errichtet worden war. Der Teich war hoch voll Wasser, und das Wasser war klar, und so erblickte Dummerjahn das Spiegelbild des Tonpferdes im Teich. Da es ihm unwahrscheinlich vorkam, daß das Pferd im Wasser stehen sollte, und da es in Farbe, Form und Größe dem Tonpferd, das am Ufer stand, glich, kam ihm die Vermutung, daß dies hier unten das Spiegelbild des Tonpferdes sei. Doch eben jetzt wurde das Wasser von einem leichten Wind bewegt, und auch das Pferd darin rührte sich. Dummerjahn, der bei dem Pferd am Ufer auch nicht die kleinste Regung wahrnahm, gewann nun die Überzeugung, daß das Pferd im Wasser ein anderes und lebendiges sei, und um es zu vertreiben, stieß er einen lauten Ruf aus und warf nach ihm mit einem Stein. Dadurch wurde das Wasser heftiger bewegt, und das Pferd darin schien den Kopf zu heben, mit den Füßen auszuschlagen und sich zitternd auf die Hinterbeine zu stellen. Voll Begeisterung lief er zurück zu den andern und erzählte alles, was er gesehen hatte. Daraufhin erhoben sich alle und eilten zu der Stelle, wo sie sich durch Augenschein von der Wahrheit dessen, was Dummerjahn gemeldet hatte, überzeugten. Sie beratschlagten nun, wie wohl das Pferd zu fangen sei; da aber keiner von ihnen ins Wasser gehen wollte, um es einzusaugen, so beschlössen sie nach vielem Hin und Her, daß es das beste wäre, es wie einen Fisch mit einer Angel zu fangen und ans Land zu ziehen. Als Angelhaken nahmen sie eine Sichel, die einer von ihnen bei sich trug, und als Köder hingen sie ein Bündel gekochten Reises daran, während sie als Leine den Turban des Guru verwendeten. Sie steckten also die Sichel durch das Reisbündel, befestigten das Turbantuch daran und warfen die Angel dort ins Wasser, wo das Pferd sichtbar war. Die heftige Wellenbewegung, die der ins Wasser fallende Köder verursachte, teilte sich auch dem Pferde mit; das bäumte sich und schlug aus, und voller Entsetzen lief alles davon. Doch derjenige von ihnen, der den Turban hielt, ließ diesen nicht aus den Händen. Nachdem sich die Wellen wieder gelegt hatten, kam er langsam näher, und da er das Reisbündel wieder ins Wasser warf, kam ein großer Fisch und biß in den Stoffballen. Als der Angler den Ruck fühlte, winkte er die andern herbei und rief: »Seht her, das Pferd hat angebissen!« Als sie nach einem Weilchen den Turban langsam einzogen, waren Tuch und Reis verschwunden, die Sichel aber war in dem breiten Blatt irgend« einer Wasserpflanze unter Wasser stecken geblieben. Da riefen sie alle entzückt: »Ha! Der Angelhaken sitzt im Maul des Pferdes fest; jetzt ist es unser.« Mit vereinten Kräften zogen sie an dem Turban; der war aber schon alt, so daß er zerriß und sie alle auf einmal rücklings zu Boden fielen. Einer, der in diesem Augenblick des Weges kam, fragte, was ihnen zugestoßen sei, und sie erzählten ihm ihr Abenteuer in allen Einzelheiten. Er erkannte ihre Einfalt, verdeckte das Tonpferd am Ufer mit einem Tuch, zeigte ihnen, wie nun auch das Pferd im Wasser verschwunden war, und ließ sie auf diese Weise ihre Selbsttäuschung erkennen. Nun wiesen sie auf den Guru und erzählten dem Mann, wie nötig sie ein Pferd hätten, weil ihr Meister zu bejahrt sei, um zu Fuß zu wandern, und wie sie bereits das Ei eines Pferdes gekauft hätten, wie es aber zerbrochen sei, und welchen Ärger sie durch den gemieteten Ochsen auszustehen gehabt. Er sah, daß es harmlose und aufrichtige Leute waren, und sagte, da er Mitleid mit ihnen hatte: »Ich habe ein altes, lahmes Pferd, das aber für solche Reisen, wie ihr sie vorhabt, noch tauglich sein mag. Ich verlange keine Bezahlung, sondern gebe es euch umsonst. Kommt alle mit mir nach Haus.« So gingen sie mit ihm. Fünfte Geschichte Der Heimzug zu Pferd Der gute Mann führte sie also in das Dorf, in dem er wohnte und das nicht weit entfernt war. Er war kein reicher Mann; er war arm aber mildtätig. So setzte er ihnen ein Mahl vor, bei dem es an Butter und Milch, Nüssen und Betel und Taback und alle dem, woran er Überfluß hatte, nicht mangelte. Am folgenden Morgen ließ er das Pferd, das auf seinen Wiesen weidete, herbeiholen und brachte es dem Guru und schenkte es ihm. Das Pferd, das schon alt war, war auf einem Auge blind, hatte nur noch ein Ohr, und von seinen vier Beinen war eines steif, und auf dem andern hinkte es: es bot also ein Bild, das zu der kläglichen Gestalt des Guru gut paßte. Trotz dieses jammervollen Zustandes waren sie aber alle sehr entzückt, ein Pferd – und noch dazu umsonst – erhalten zu haben. Sie umringten es und überschütteten es mit Zärtlichkeiten; dieser streichelte es, jener nahm ein Bein und bewegte es hin und her; einer ergriff den Schwanz und zerrte daran, ein anderer wischte ihm die Augen, und wieder ein anderer fütterte es, indem er ihm Gras ins Maul stopfte. Da sie nun nach dem Geschirr des Pferdes suchten, gab ihnen der, der ihnen das Pferd zum Geschenk gemacht, einen alten zerrissenen Sattel. Als Schwanzriemen legten sie ihm ein paar Palmhalme an und banden sie fest; und da der Sattel keinen Riemen hatte, verwendeten sie zusammengedrehte Heubündel. Nachdem sie sich lange vergeblich bemüht hatten, Zügel und Bauchriemen herzustellen, begab sich Schädelbrett in die Nachbarschaft und kaufte solche und ein Paar Steigbügel. Als sie auf diese Weise das Pferd angeschirrt hatten und überdies ein Glückstag angebrochen war, benutzten sie, den Gesetzen der Astrologie folgend, einen günstigen Augenblick und hoben den Guru Gimpel aufs Pferd. Das ganze Dorf war zusammengeströmt und schrie und rief ihnen Lebewohl zu. Einer der fünf Schüler ergriff die Zügel und zog voran. Einer ging hinten beim Schwanz, rief Hüh und Hott und trieb das Tier vorwärts. Zwei von ihnen gingen zu beiden Seiten, hielten den Guru an den Beinen und stützten ihn; und einer ging vorneher und rief wie ein Herold: »Seht euch vor, seht euch vor, weicht aus, weicht aus!« Und so zogen sie dahin. Nachdem sie glücklich eine größere Strecke zurückgelegt hatten, kam der Zolleinnehmer der Landstraße auf sie zugelaufen, hielt sie an und verlangte fünf Fanams für das Pferd. Da riefen sie empört: »Was, Zoll für ein Pferd, das ein Guru reitet! Was hat denn das mit dem Handel zu tun? Dies Pferd wurde uns aus Barmherzigkeit von einem geschenkt, der sah, daß der Guru zu alt und schwach ist, um zu Fuß zu gehen. Was sollte darauf für Zoll liegen? Das ist eine Ungerechtigkeit.« Der Mann wollte sie aber nicht ziehen lassen, und da es inzwischen Mittag geworden war, sahen sie keinen andern Ausweg, als ihm die fünf Fanams zu geben. Der Guru, dem einfiel, daß dieser ärgerliche Vorfall sich nicht ereignet hätte, wenn er kein Pferd gehabt hätte, war sehr betrübt. Sie gingen in eine nahe Karawanserei, um sich auszuruhen und zu erfrischen; und einem braven Mann, den er da fand, begann der Guru sein Leid zu klagen. »Seit meiner Geburt,« sagte er, »habe ich noch nie auf einem Pferd gesessen. Und heute nun, bei meinem ersten Ritt, muß mir diese Ungerechtigkeit widerfahren. Soll das Geld, mit dem sie sich so schändlich bereichern, wie Räuber, die unerlaubt den Weg belagern, ihnen etwa zum Guten gedeihen?« Worauf der andere erwiderte: »Das ist der Zug der Zeit, Herr; heutzutage ist Geld der Guru, ist Geld der Gott. Sagt man doch schon seit grauen Zeiten: ›Wenn du nur das Wort Geld nennst, so öffnet selbst eine Leiche den Mund.‹ Heutzutage, Herr, dreht sich alles Sinnen und Trachten um nichts als Geld.« Der Guru antwortete: »Es gibt Leute, die, um zu Geld zu kommen, dasselbe sogar aus dem Kote auflecken würden.« »Daran ist wohl nicht zu zweifeln,« sagte der andere, »und, Herr, es stinkt nicht einmal.« Als sie den Tag mit solchen Reden hingebracht hatten, bestieg der Guru am Abend wieder sein Pferd, und nachdem sie wieder eine Strecke zurückgelegt, machten sie in einem Weiler Halt. Sie banden das Pferd nicht an, sondern ließen es über Nacht sich selbst sein Futter suchen, und als sie es am Morgen zur Weiterreise holen wollten, war es nicht zu finden. Indem sie suchend von Haus zu Haus gingen, trafen sie einen, der hatte das Pferd auf seinen Weideplätzen aufgegriffen, und als sie seine Herausgabe verlangten, erwiderte er: »Die ganze Nacht hat es mein Gras gefressen und mir dadurch viel Schaden zugefügt; ich gebe es daher nicht heraus.« Da ging der Dorfhäuptling selber zu ihm, doch obgleich er ihn durch Zureden wie auch durch Drohungen umzustimmen suchte, sagte er, er gebe das Pferd nur dann heraus, wenn der Schaden wieder gut gemacht werde. Inzwischen hatten sich Leute eingefunden, die den Schaden geprüft und festgestellt hatten, was an Gras niedergetreten und was abgefressen war; diese sagten, der Schaden betrage 10 Fanams, zumindest aber 8 Fanams. Schließlich aber einigte man sich auf vier Fanams; und als der Mann diese erhalten hatte, gab er das Pferd heraus. Der Guru war tief unglücklich. »Was soll mir dies Pferd?« sagte er. »Wieviel Ausgaben, wieviel Sorgen, wieviel Entwürdigung hat es uns auferlegt! Solche Dinge, liebe Freunde, passen nicht zu meinem Rang.« Damit faßte er den festen Entschluß, zu Fuß zu gehen. Da riefen seine Schüler und auch die Dorfbewohner: »Nein, nein! Das ziemt sich nicht für dich! Auch kannst du garnicht zu Fuß gehen.« Das alles hatte ein Betrüger mit angehört und sagte nun: »Grämt euch nicht, Herr! Gewiß sind alle diese Unannehmlichkeiten auf euch gekommen infolge der Sünde, mit der dieses Pferd behaftet ist. Wenn ihr euch ein für allemal davon befreien wollt, so gebt mir fünf Fanams, und ich werde ihm die Sünde austreiben.« In der Überzeugung, daß einer, der Ausgaben scheue, auch kein Geschäft machen könne, waren sie bereit, das Geld zu geben, und baten ihn, die Sünde auszutreiben. Da beschrieb der Betrüger allerlei feierliche Zeremonien, pflückte ein paar grüne Blätter, streute sie über das Pferd und rief: »Moona! Moonat Ah! Oh!« Dann zog er einen Kreis um das Pferd, ging dreimal an seiner rechten Seite entlang, indem er es von Schwanz zu Kopf klopfte und streichelte, und ergriff endlich das einzige Ohr des Tieres. »In dem Ohr hier hat die ganze Sünde ihren Sitz«, sagte er; »aus eben diesem Grunde hat man ihm schon einmal den Sitz der Sünde, das andere Ohr, abgeschnitten. Wenn wir ihm nun auch dieses hier abschneiden, so wird ihm seine jetzige Sündhaftigkeit genommen.« Da hackten sie ihm mit einem scharfen Beil das Ohr ab und trugen es sogleich weit weg, damit die Sünde sich keinem anhänge. Dann gruben sie ein tiefes Loch, legten das Ohr hinein, bedeckten es mit Erde, richteten darüber ein Merkzeichen auf und kehrten wieder zurück. Der Tag war mit alledem vergangen. Am andern Morgen setzten sie ihre Reise fort und kamen nach vieler Mühsal in ihrem Mattam an. Sechste Geschichte Die Prophezeiung des Brahmanen Bald bemächtigte sich des Guru eine tiefe Niedergeschlagenheit. Das geschenkte Pferd hatte so viele Mängel – und demnach war es ein großes Glück für ihn, daß er es umsonst bekommen hatte. Aber trotzdem hing er all den Unglücksfällen nach, die ihm durch den Besitz des Pferdes zugestoßen waren, und er war besorgt und ängstlich. Daher versammelte er seine Schüler und begann ihnen allerlei Ratschläge zu erteilen. »Brüder,« sagte er. »ich sehe täglich mehr und mehr, daß alle Freuden der Welt nichtig sind. Gutes ohne Böses, Süßigkeit ohne Bitternis, Freude ohne Leid sind hier auf Erden unmögliche Dinge. Ach! ach! Waren wir nicht so froh, daß wir durch Güte ein Pferd erlangt hatten, ohne dafür bezahlen zu müssen? Ihr habt die schlimmen Unglücksfälle, die noch am nämlichen Tage dem Glücksfall folgten, mit erlebt. Müssen wir, um einen Tropfen Honig aufzulecken, so viel an Bitternis hinunterschlucken? Ach, selbst das Reiskörnchen ist in seine harte Hülle eingeschlossen, und alle Früchte haben eine Schale und einen Kern. All dies ist wahr; das Übel aber, das ich an einem einzigen Tag erdulden mußte, war allzuviel. Ich meine, es steht mir nicht an, auf einem Pferderücken einherzuziehen. Soll ich die Keckheit haben, mich der höheren Einsicht zu widersetzen? Nein, nein! Es wird demnach das beste sein, das Pferd zurückzusenden.« Da riefen alle die Schüler auf einmal: »Das darf nicht sein! Nein, nein, das darf nicht sein! Sprich nicht so, Herr. Ist dies ein Pferd, das du dir kauftest? Ist dies ein Pferd, das wir herbeigesucht? Nein, es ist ein Pferd, das ganz von selber kam, ein Beistand, den die Vorsehung uns schickte! Wenn wir es zurückschicken, so widersetzen wir uns dem göttlichen Willen; wäre das wohl recht? Das wäre eine Sünde, Herr! Und überdies ist nun kein Grund mehr zur Besorgnis, da doch der Zauberer dem Pferd die Sünde ausgetrieben hat, von der es besessen war.« Während sie diese und viele andere Gründe vorbrachten, war der Guru ein wenig zuversichtlicher geworden und sagte: »So sei es denn, wie ihr gesagt habt. Damit aber das Unglück, das wir neulich hatten, sich nicht in Zukunft wiederhole, ist es nicht angängig, das Pferd des Nachts sein Futter suchen zu lassen, sondern wir müssen es im Hause angebunden halten, und ich weiß keinen Platz für diesen Zweck.« Da sagte Simpel: »Wozu viel überlegen? Ich gehe sofort und schneide ein paar Bananenäste, und in ganz kurzer Zeit werde ich dort in der Ecke einen hübschen Stall errichtet haben.« Kaum hatte er das gesagt, so ging er auch schon hinaus, erstieg einen großen Bananenbaum, der am Wegrand stand, und begann mit einer Axt einen wagerecht ausgestreckten Ast abzuhauen. Er stand aber am äußeren Ende eben dieses Astes und hieb mit der Axt auf jenen Teil, der dem Stamm zunächst war. Das sah ein vorübergehender Brahmane und rief: »Heh, Bruder! Du darfst dich so nicht hinstellen, sonst fällst du mitsamt dem Ast herunter.« Er aber hatte dafür nur die Antwort: »Was bringst du mir so schlimme Botschaft?« Damit schleuderte er ein Messer nach dem Brahmanen, das er in seinem Rock verborgen trug. Der andere dachte: »Mag der Narr durch Erfahrung klug werden,« und machte, daß er davon kam. Simpel aber hackte weiter – genau auf dieselbe Weise wie vorher. Als daher der Ast über die Hälfte durchhauen war, brach er und fiel mit seiner Last zu Boden. »Au weh, au weh!« rief Simpel, »dieser Brahmane ist ein großer Prophet; es ist ganz so eingetroffen, wie er's gesagt hat.« Mit diesen Worten stand er schnell auf und lief dem Brahmanen nach. Als der ihn so daherlaufen sah, blieb er entsetzt stehen, voller Angst vor diesem verrückt gewordenen Kerl. Als Simpel bei ihm angekommen war, verneigte er sich und sagte: »Herr, Ihr seid ein großer Weiser; bitte prophezeit mir nun noch einmal. Ich bin ein Schüler des Guru Gimpel, für den ich eine große Zuneigung habe. Da er schon sehr altersschwach ist, fürchte ich, er könne bald sterben. So sagt mir, bitte, zu meiner Beruhigung, wann sein Ende eintreten wird und was für Anzeichen ihm vorangehen werden.« Der Brahmane, der gern entronnen wäre, machte allerlei Ausflüchte; da ihn der andere aber nicht gehen ließ, sagte er schließlich: »Āsanam shitam jivana nāsham.« »Was heißt das, Herr? Bitte sagt es mir,« fragte der andere ungeduldig. Der Brahmane erwiderte: »An jenem Tage, da Eures Guru Hinterteil kalt wird, ist seine Todesstunde nahe; dies ist das Zeichen.« Simpel verabschiedete sich, holte den abgehauenen Ast und eilte zum Mattam, wo er umständlich erzählte, was sich ereignet hatte. Der Guru wurde darüber sehr traurig und sagte: »Es ist nicht zu leugnen, daß der Brahmane ein großer Prophet ist, denn alles ist genau so eingetroffen, wie er es dir vorhergesagt hatte. So wird auch die Prophezeiung, die er mir durch dich verkündet, sich erfüllen. Āsanam shitam jivana nāsham – ist ein wahrer Ausspruch. Die größte Vorsicht ist vonnöten: Ich muß also an diesem Körperteil jede Waschung vermeiden, und im übrigen – möge der Wille Gottes geschehen.« Siebente Geschichte Der Sturz vom Pferde Nach einiger Zeit machten sie sich wieder auf die Wanderung von Dorf zu Dorf, denn auf diese Weise konnten die Schüler Geld einsammeln, während in ihrem Wohnort keine Einnahme mehr gemacht werden konnte. Eines Tages, als sie wieder auf dem Heimweg waren und der Guru auf dem Pferderücken daherzottelte, fiel ihm der Turban rückwärts vom Kopf, weil er damit gegen einen Baumast gestoßen hatte. In der Annahme, die Schüler hätten ihn aufgehoben, fragte er nach geraumer Weile: »Wo ist mein Turban? Gebt ihn mir, bitte.« Sie erwiderten: »Er liegt dort hinten, wahrscheinlich an der Stelle, wo er niedergefallen ist.« Da wurde er böse und sagte: »Muß man nicht alles aufheben, was hinfällt?« Taps lief also sogleich zurück, nahm den Turban auf und legte etwas weichen Dung hinein, den das Pferd infolge frischen Grasfutters soeben verloren hatte. Dann legte er den Turban dem Guru in die Hände. Der wurde sehr aufgebracht und rief ein über das andere Mal: »Pfui, pfui!« Da riefen sie alle einstimmig: »Wie, Meister, belehrtest du uns nicht vorhin, daß alles, was hinfällt, aufzuheben sei? Und nun, da Taps dieser Vorschrift folgt, gerätst du in Zorn?« Der Guru erwiderte: »Ihr habt mich mißverstanden. Es gibt Dinge, die man aufheben soll, und Dinge, die man nicht aufheben soll. Ihr solltet etwas scharfsinniger vorgehn.« Darauf entgegneten sie: »Wir sind dazu gewiß nicht schlau genug.« Und sie verlangten, er solle ihnen die Dinge aufschreiben, die sie aufheben sollten, und das tat er denn auch. Im Weiterreisen begab es sich aber, daß das lahme Pferd stolperte und hinfiel, und der Guru mit dem Kopf nach unten und den Füßen in der Luft in eine Grube fiel. Er rief um Hilfe und schrie: »Kommt und holt mich heraus.« Die Schüler eilten herbei, und einer von ihnen nahm die Liste, die er ihnen vorhin aufgesetzt und ausgehändigt hatte, und begann vorzulesen: »Aufzuheben ist – ein Turban – ein Überkleid – ein Unterkleid – eine Jacke – ein Beinkleid.« So zogen sie ihm Stück für Stück aus und hoben es auf, bis er nackt in der Grube lag, und trotz seiner Bitten und Drohungen weigerten sie sich, ihn selbst aufzuheben, weil das nicht auf der Liste stand. »Meister,« sagten sie, »wo steht es geschrieben, daß auch du selbst aufzuheben bist? Zeig es uns! Wir wollen alles tun, was geschrieben steht, aber keinesfalls etwas, was nicht geschrieben steht.« Da er ihre Starrköpfigkeit sah und keinen andern Weg zu seiner Rettung wußte, nahm er ein Palmblatt und einen Stift und schrieb in der unbequemen Lage, in der er sich befand: »Und wenn ich hinfalle, so müßt ihr mich aufheben.« Als seine Schüler das Geschriebene sahen, griffen sie alle auf einmal zu und hoben ihn auf. Da sein ganzer Leib mit Kot und Schlamm bedeckt war, wuschen sie ihn gründlich ab. Dann zogen sie ihm seine Kleider wieder an, setzten ihn aufs Pferd und führten ihn nach Hause. Achte Geschichte Das Begräbnis des Guru Bei der Unruhe und Aufregung, die dem Sturz des Guru folgte, erinnerte sich niemand der Prophezeiung des Brahmanen. Erst als er wieder auf dem Pferde saß und fühlte, daß sein Hinterteil kalt geworden war, war es der Guru selbst, der jener Worte gedachte, und er wurde traurig. Dennoch wollte er nichts davon sagen, ehe sie wieder im Mattam angekommen wären. Unter den Folgen des Sturzes konnte der alte Mann in jener Nacht keinen Schlaf finden, sondern warf sich ruhelos umher und dachte voller Angst an die oben erwähnte Prophezeiung. Er wollte es sich selbst nicht zugeben, daß die Schmerzen, die ihn so unruhig machten, von dem schweren Sturz vom Pferderücken in die Grube herrührten; er war vielmehr überzeugt, daß alles nur die Anzeichen des herannahenden Todes wären, der seinen ganzen Rumpf erkalten ließ. Dieser Gedanke entsetzte ihn die ganze Nacht; er konnte kein Auge schließen und ächzte und stöhnte. Und bei Tagesgrauen zwang ihn sein rastloser Geist, seine Schüler rufen zu lassen. Sie kamen und waren sehr verwundert, ihn so verändert zu sehen: seine Augen waren eingesunken, sein Antlitz welk und runzelig und mit kaltem Schweiß bedeckt, sein Mund war ausgedörrt, seine Rede verwirrt, und sein Blick starrte ins Leere. Da stieß er einen tiefen Seufzer aus und sagte: »O, meine Brüder! Legt mich in den Sarg und bereitet mir das Leichenbegängnis.« »Was meinst du, Herr?« fragten sie voll Schrecken. »Was ich meine?« erwiderte der Guru. »Habt ihr denn die Worte vergessen; »Āsanam shitam jivana nāsham? In der Grube, in die ich gestern fiel, war viel Wasser und Morast, wodurch mein Hinterteil naß wurde; ich beachtete es aber nicht. Später fühlte ich, daß meine Hinterbacken sehr kalt waren, und ich dachte an den heiligen Ausspruch des Brahmanen. Die ganze Nacht hindurch hatte ich Schmerzen und Unruhe und kein bißchen Schlaf, sodaß es mir zur Gewißheit wurde, daß mein Tod herannahe. Da ist nichts mehr zu überlegen; ihr müßt schnell die Vorbereitungen zum Begräbnis treffen.« Da gedachten auch sie jener Vorhersage und entsetzten sich. Aber trotz ihres Entsetzens ließen sie ihrem Schmerz nicht freien Lauf, sondern unterdrückten ihn und wandten alle Mittel an, den Guru zu beruhigen. Als sie aber sahen, daß alles, was sie sagten, ihm keinen Frieden bringen konnte, schickten sie zu einem, der hieß Asangadan (der Spötter), Sohn von Achedanamoorti (der Unvernünftige), das war der Wahrsager des Dorfes, und trugen ihm auf, den bösen Geist auszutreiben, von dem ihr Guru besessen sei, und seine Seele zu beruhigen. Als er sich über die vorhergehenden Ereignisse unterrichtet hatte, kam Asangadan; und indem er mit Augen, Mund und Nase fürchterliche Grimassen schnitt, fragte er: »Was ist mit dir, Herr? Sage, welch Leid ist über dich gekommen, welcher Schmerz, welcher Kummer? Mein Guru! Mein Meister! Mein Vater!« Auf alles dies hatte der Guru leine Antwort als nur den Satz: ›Āsanam shitam jivana nāsham.‹ Darauf erwiderte der andere: »Nun gut! der Brahmane hat versichert, das Kaltwerden deines Hinterteils werde deinen Tod herbeiführen, und ich will ihm so einheizen, daß er an der Hitze dieses betreffenden Körperteils zugrunde geht. Nennt mir den Brahmanen; ich will den Reisklopfer Prügelhannes auf ihm tanzen lassen und damit alles Böse austreiben, das durch seine Schuld geschehen ist. Nennt und zeigt ihn mir nur schnell.« »Gibt es einen Reisklopfer solchen Namens?« sagte der Guru. »Ich habe nie einen gesehen noch von ihm gehört; erzähle mir davon.« Darauf erwiderte Asangadan: »Merke gut auf! Es war einmal ein Kaufmann, der war ein großer Shiva-Anbeter, und da er es liebte, täglich die Mönche zu bewirten, so lud er sie zum Essen ein, wann immer er sie traf. Er hatte keine Kinder, und dem Weib, das er sich genommen hatte, war es eine große Plage, tagtäglich den Reis für ein bis zwei Gäste zuzurichten; das Vorgehen ihres Mannes war ihr daher gar nicht angenehm. Da sie aber wußte, daß es zwecklos wäre, wenn sie ihrem Mann darüber Vorstellungen machte, so beschloß sie eine List anzuwenden. Eines Tages, als der Kaufmann im Basar wieder einem Mönch begegnete, sagte er zu ihm: »Herr, ich werde heute in meinem Hause Almosen austeilen«, und da der andere die Einladung annahm, fügte er hinzu: »Ich habe jetzt noch im Basar zu tun; geh du selbst zu meinem Hause, sage meiner Frau Bescheid und warte bis ich komme.« Der Mönch ging fröhlich fort und überbrachte der Frau des Kaufmanns die Botschaft. Darauf erwiderte sie, da sie sah, daß es einer war, der zum ersten Male kam: »Es ist gut, bitte, Herr, nimm hier Platz.« Mit diesen Worten breitete sie eine Matte auf die Türschwelle. Dann begann sie sogleich, den Hof gründlich reinzufegen, besprengte ihn überall mit Kuhdung, reinigte sich Füße und Hände und nahm dann feierlich den Reisklopfer zur Hand. Sie rieb ihn über und über mit Asche ein, und nachdem sie auch sich selbst ganz mit Asche bestreut hatte, legte sie den Reisklopfer in der Mitte des Hofes nieder, verneigte sich dreimal tief vor ihm und flüsterte dabei Beschwörungsformeln. Dies getan, säuberte sie den Reisklopfer wieder und stellte ihn an seinen Platz zurück. Der neue Gast, der alles das mit angesehen hatte, war höchst erstaunt und sagte: »Ich habe jetzt so etwas Wundersames gesehen, wie nie in meinem Leben. Bitte, Frau, was für ein Reisklopfer ist das?« Worauf sie erwiderte: »Das ist ein Klopfer-Prügelhannes, der der Gottheit unserer Kaste zugehört.« Leise, wie im Selbstgespräch, fügte sie hinzu: »Bald wirst du's verstehen; denn wenn du ins Haus gehst, wird es sich auf deinem Haupt erfüllen.« Trotzdem sie so leise sprach, so trafen die Worte doch, ganz wie sie gewollt, das Ohr des Fremdlings. ›Muß ich nicht von Glück sagen, daß ich mit dem Leben davongekommen bin?‹ dachte er. Sobald also die Kaufmannsfrau ins Haus gegangen war, machte er sich geräuschlos auf die Flucht. Kaum war er fort, als der Kaufmann kam. »Weib,« fragte er, »wo ist der gute Mann, den ich hergeschickt?« Sie erwiderte: »Einen schönen guten Mann hast du mir da geschickt. Sowie er kam, verlangte er von mir den Reisklopfer. Ich antwortete ihm, du würdest gleich kommen; ich könne ihn ohne deine Erlaubnis nicht fortgeben; er solle etwas warten. Da siehst du noch die Matte, die ich für ihn hingebreitet habe. Er aber hörte nicht auf mich, sondern machte sich gleich wieder aus dem Staube.« Der Kaufmann entgegnete: »Nicht doch, Weib; was immer die Mönche von dir verlangen mögen, das sollst du ihnen geben.« Mit diesen Worten nahm er den Reisklopfer und ging auf die Straße, den Mönch zu suchen und ihn ihm auszuhändigen. Der Mönch hatte sich in einem Winkel an der Straße verborgen, denn er wollte sehen, welchen Fortgang die Sache nehmen würde; und als er den Kaufmann mit dem Reisklopfer daherkommen sah, dachte er bei sich: »Sieh, sieh! Er kommt, um mir den Prügelhannes auf dem Kopf tanzen zu lassen«, und er rannte davon. Der Kaufmann rannte nun auch, um ihn einzuholen, und rief: »Halt, guter Herr, halt!« während er seinen Lauf immer mehr beschleunigte. Schließlich, als der Kaufmann, der schon in vorgerücktem Alter und ein Dickwanst war, gar nicht mehr konnte, kehrte er um und nach Hause zurück. Das ist die Geschichte vom Reisklopfer Prügelhannes, und Untergang wird nicht eher über dich kommen, Herr, als bis des Brahmanen Hinterteil heiß geworden ist von den Schlägen, mit denen ich ihn zu traktieren gedenke.« Da lachte der Guru Gimpel und sagte: »Mit Recht nannte man dich Asangadan (den Spötter), denn du reißest einen Witz nach dem andern.« Als der andere den Guru lachen sah, ließ er die Scherze und nahm die Rede wieder auf. »Herr, die Worte, die der Brahmane gesprochen, sind in der Tat nicht unrichtig; man muß ihren Sinn nur recht verstehen. Richtig ist es, daß es ein Anzeichen des herannahenden Todes ist, wenn jener Körperteil erkaltet. Aber es ist, wie er sagte: nur wenn dies ohne jede äußere Ursache geschieht, hat dieses Zeichen Gültigkeit. Du bist in Wasser und Morast gefallen: ist es da ein Wunder, daß dein Hinterteil kalt geworden ist? Laß also deinen Kummer fahren. Für die Zukunft aber merke dir: wenn du, ohne dich in den Schlamm zu setzen oder ins Wasser zu fallen, überhaupt ohne jede äußere Ursache, das Āsanam shitam. wahrnimmst, so magst du daraus schließen, daß das jivana nāsham nahe ist. Alles andere, Herr, ist Unsinn.« Was Asangadan sagte, schien dem Guru einleuchtend und vernünftig. Er wurde also wieder heiterer, stand auf und aß und trank und ging umher. Als auf diese Weise ein paar Tage vergangen waren, geschah es, daß eines Nachts, als alles schlief, ein andauernder, heftiger Regen niederging. Die Tropfen fielen durchs Dach auf das Lager des Guru und dicht neben sein Hinterteil; er wußte aber nichts davon, da er fest schlief. Als der Regen und folglich auch das Tropfen aufgehört, wälzte sich der Guru im Schlaf herum und lag nun mit dem Hinterteil in der Nässe. Dadurch wurden seine Hinterbacken kalt, er wachte auf, fand keine äußere Ursache mehr für diese Erscheinung und schloß daraus, daß der Zeitpunkt seines Todes herangekommen sei. Die Schüler, die ebenfalls keine äußere Ursache für dieses Kältegefühl wahrnehmen konnten, schlossen, daß selbst die Kälte des Lagers von der Kälte der Hinterbacken herrühre, und dachten daher, jetzt sei die Zeit der Erfüllung jener Prophezeiung gekommen. Auch alles Volk, das den Guru besuchen kam und auch nicht klüger war als er und seine Schüler, stimmte dieser Ansicht bei, während der Guru auf alle Fragen nur immer antwortete: »Jetzt ist's gewiß: Āsanam shītam jīvana nāsham.« Er war so niedergeschlagen und von Kräften vor tagtäglicher Angst und Sorge, daß er eines Tages in Ohnmacht fiel. Da begannen sie alle zu klagen. Sie schlugen die Hände vors Gesicht und weinten und heulten: »Weh, weh! Er ist verschieden, er ist tot.« Und nachdem sie die Vorbereitungen zum Begräbnis getroffen, nahmen sie die Totenwäsche vor. Zu diesem Zweck füllten sie eine große Grube, die sich im Mattam befand, bis an den Rand mit Wasser, legten den vermeintlichen Leichnam hinein, drückten ihn unter Wasser und begannen ihn abzuwaschen. Dadurch erwachte er aus seiner Ohnmacht; da er aber unter Wasser nicht Atem holen konnte und auch mit Händen und Füßen keine Zeichen geben konnte, denn sie hatten ihm die Glieder zusammengepreßt, so ersoff der Guru Gimpel infolge ihrer Blödigkeit unter den Händen dieser Dummköpfe. Inzwischen hatte sich eine große Menschenmenge angesammelt; man legte ihn in sitzender Stellung auf eine blumengeschmückte Bahre, die schnell von allem Volk umringt wurde. Die Schüler hoben die Bahre auf, und unter Absingung der Worte »Āsanam shītam jīvana nāsham.« trugen sie ihn zu Grabe und begruben ihn. Aus Afrika Der Nachträuber und der Tagräuber Marokko War einmal ein Mann, der hieß der Nachträuber; er war aus Marokko und galt für einen Dieb und schlimmen Gesellen. Ein andrer Mann hieß der Tagräuber; der war aus Fes. Einst wurden beide durch göttliche Fügung zusammengeführt. Sie brachen nun auf und gelangten nach der Stadt eines Königs. Der war sehr streng. In der Stadt befand sich auch ein Kadi; der war ein sehr gerechter Mann. – Es gelangten die beiden in ein Kaffeehaus und setzten sich hin; dann zog ein jeder einen halben Brotfladen hervor und bestellte den Kaffee. Der Nachträuber bat hierauf den Tagräuber: »Bitte, teile mir doch mit, wer du bist!« Der Tagräuber entgegnete: »Ich bin der Tagräuber. Aber wer bist du?« Der Gefragte erwiderte: »Ich bin der Nachträuber. Doch,« fuhr er fort, »laß uns jetzt essen! Bestelle den Kaffee!« Beide bestellten also den Kaffee und zogen je einen halben Brotfladen hervor. Als der erste die Hälfte des Brotes seines Genossen sah, wunderte er sich darüber. Nun betrachteten sie das Brot zusammen. Der Nachträuber fragte: »Woher hast du dies Brot?« Der Tagräuber erwiderte: »Woher hast du das Brot?« Der Nachträuber versetzte: »Ich habe es von meiner Frau.« Der Tagräuber erklärte: »Ich habe es auch von meiner Frau«. Nun fragte der Nachträuber: »Wie heißt denn deine Frau?« Wieder fragte auch der Tagräuber: »Wie heißt denn deine Frau?« Der Nachträuber sprach: »Meine Frau heißt Jemina.« Darauf erklärte der Tagräuber: »Meine Frau heißt ebenfalls Jemina.« Der erste fragte weiter: »Wo wohnt denn deine Frau?« Der zweite tat die Gegenfrage: »Wo wohnt denn deine Frau?« Der erste sprach: »Meine Frau wohnt hier in der Stadt.« Der zweite versetzte: »Meine Frau wohnt ebenfalls hier in der Stadt.« Der erste rief: »Auf zu ihr!« Der zweite rief ebenfalls: »Auf zu ihr!« Nun brachen sie zusammen auf und gelangten nach dem Hause, wo die Frau wohnte. Da rief der Nachträuber: »Hier wohnt meine Frau!« Der Tagräuber erwiderte: »Hier wohnt auch meine Frau.« Die Frau aber hatte zwei Kinder; darum verlosten die beiden Männer die Kinder untereinander, so daß ein jeder ein Kind erhielt, die Frau aber jagten sie fort. Hierauf reisten sie nach einer andern Stadt, die einem Könige gehörte. Als sie in die Stadt gelangt waren, bezogen sie ein Haus. Dann hieß es: »Auf! Laß uns stehlen!« Sie gingen aus und fragten einander: »Wer soll beginnen?« Der Tagräuber versetzte: »Ich will beginnen!« Der andre sprach: »Wohlan denn!« Der erste begann wieder: »Wenn ich stehle, dann paß ja auf, wie ich das tue!« Der andre entgegnete: »Gut!« – Nun gingen sie weiter und trafen einen Mann, der gerade aus seinem Laden kam und das Tor abschloß. Der nahm eine ins Taschentuch eingewickelte Summe Geldes in die Hand und steckte sie dann in seine Tasche. Dann ging er fort, als er die Türe geschlossen hatte. Währenddem entwendete ihm aber der Tagräuber das Geld aus der Tasche und steckte eine Apfelsine in dieselbe und blieb dort in der Nähe des Ladens. Der Mann ging nun die Straße entlang, und als er mit der Hand in die Tasche griff, konnte er das Geld nicht mehr finden. Drum kehrte er nach seinem Laden zurück; denn er dachte, er habe es vergessen. Als er nun in seinen Laden treten wollte, nahm ihm der Tagräuber die Apfelsine wieder aus der Tasche und tat an ihre Stelle das Geld. Der Mann trat in den Laden ein; da fand er das Geld richtig in der Tasche und wunderte sich sehr. Er sprach bei sich: »Ich muß verrückt geworden sein!« Als hierauf der Mann wieder auf die Straße trat, entwendete ihm der Tagräuber zum zweiten Male das Geld und sprach zum Nachträuber: »Komm!« Sie begaben sich hierauf nach Hause. Der Tagräuber fragte seinen Genossen: »Hast du gesehen, was ich fertig bekommen habe?« Sein Kamerad erwiderte: »Bravo! Du verstehst das Stehlen! Heute Nacht,« fuhr er fort, »werden wir wieder auf Diebstahl ausgehen!« Sie verließen nun in der Nacht ihr Haus und begaben sich nach dem eines Mannes; sie schlichen sich hinein und fanden eine Kiste voll Goldstücke. Die zählte der Nachträuber und fand, daß es 900 Pfund Sterling waren. Hundert tat er (von seinem eignen Gelbe) noch hinein, dann schloß er die Kiste wieder zu und machte sich daran, in diesem fremden Haus das Abendbrot zu bereiten. Hierauf begannen die beiden Diebe zu essen, und zwar aß der eine an zwei Stellen in der Schüssel, während der andere die Speise nur von einer Stelle nahm. Nachdem sie gegessen hatten, stellten sie die Schüssel wieder an den Ort, wo sie hingehörte, und begannen dann zu spielen. Da wachte der Besitzer des Hauses auf und fand sie beim Damenspiel. Er fragte sie: »Was tut ihr hier?« Sie antworteten ihm: »Wir spielen.« Jetzt eilte der Mann nach der Tür und rief auf die Straße hinaus. Bald kamen Polizisten und fragten: »Was ist dir geschehen?« Er versetzte: »Zwei Diebe befinden sich in meinem Hause!« Die Polizeisoldaten betraten das Haus und forschten die beiden Räuber aus: »Was tut ihr hier?« Die Gefragten erwiderten: »Wir sind die Gäste dieses Mannes.« Der Mann aber erklärte den Polizisten: »Ich kenne die Leute ganz und gar nicht!« Da befahl der eine Polizist den Räubern: »Verlaßt dieses Haus!« Die beiden erwiderten: »Erst müssen wir unser Geld mitnehmen!« Der Herr des Hauses fragte: »Welches Geld ist dann euer?« Der eine Dieb, der Nachträuber, erklärte: »Die Kiste hier gehört mir!« Hierauf befahl der Polizist: »Verlaßt das Haus bis morgen früh und dann kommt vor Gericht!« Die Räuber erwiderten: »Gut!« Sie verließen nun das Haus und am andern Morgen begaben sie sich vor Gericht; daselbst erklärten sie dem Richter: »Der Mann hier hat uns gestern bei sich aufgenommen; sobald er aber bei uns Geld erblickte, begann er nach der Polizei zu schreien, denn er wollte uns übertölpeln und uns unser Geld abnehmen!« Der Mann aber erklärte: »Ich habe euch beide niemals vorher zu sehen bekommen!« Da erklärten die beiden Räuber: »Wenn ihr Gerichtspersonen uns nicht glaubt, so begebt euch nur nach dem bezeichneten Hause! Daselbst wird sich die Schüssel vorfinden, aus der wir beide mit jenem Manne zusammen gegessen haben!« Man begab sich nach dem Hause und fand daselbst die Schüssel, aus der augenscheinlich drei Personen gegessen haben mußten. Die Räuber erklärten auch gleich: »Die Kiste gehört uns ebenfalls; es befinden sich 1000 Pfund Sterling in ihr.« Der Mann rief: »Die gehört mir ! Übrigens befinden sich in ihr bloß 900 Pfund!« Nun machte man die Kiste auf und fand in der Tat 1000 Pfund darin. Da gab man das Geld den Räubern; den Mann aber nahm man und führte ihn ins Gefängnis. Hierauf begaben sich die beiden Räuber heim. Der Nachträuber fragte den Tagräuber: »Hast du gesehen, wie schön dieser Diebstahl vor sich ging?« Alsdann brachen die beiden auf und reisten nach einer andern Stadt. Als sie des Weges dahin zogen, fanden sie einen Vogel, der Eier gelegt hatte. Der Tagräuber erklärte seinem Genossen: »Ich will die Eier dem Vogel unter dem Leibe wegstehlen!« Hiermit stieg er auf den Baum und nahm die Eier unter dem Vogel weg. Der Nachträuber aber schlich sich ihm nach und nahm sie seinem Freunde wieder aus der Tasche; als er sie ihm alle herausgestohlen hatte, glitt er wieder vom Baume herunter. Dann stieg auch der Tagräuber herunter. Nach einiger Zeit fragte der Nachträuber: »Wo sind denn die Eier, die du geholt hast?« Der Gefragte griff mit der Hand in die Tasche, aber fand keines darin. Da verwunderte er sich. Auf einmal rief der Nachträuber: »Hier sind die Eier, die du geholt hast!« Der Tagräuber erwiderte: »In dieser schlauen Art zu stehlen komme ich dir freilich nicht gleich!« Dschuhas Schatz Tunis Dschuha pflegte die Kühe seiner Verwandten und Nachbarn auf die Weide zu treiben. In der Herde besaß Dschuha ein Kalb als sein Eigentum. Die Kühe der Herde waren nun alle mager, Dschuhas Kalb dagegen war recht fett. Da nahmen es einst seine Verwandten wahr, als Dschuha nicht auf sein Kalb acht gab, und schlachteten es; sie bereiteten und verzehrten es. Als Dschuha heimkam, sah er, wie jene sein Kalb verzehrten. Sie erklärten einfach: »Dein Kalb gefiel uns so sehr; da haben wir es geschlachtet und essen es jetzt!« Dschuha bat sie: »Gebt mir wenigstens das Fell desselben!« Man gab ihm das Kalbfell; er nahm es mit fort und bot es im Basar zum Verkaufe aus. Den ganzen Tag über bot er aus; schließlich verkaufte er es für einen Heller. Er überlegte nun und sprach zu sich: »Was tue ich mit diesem Heller?« Hierauf machte er ein Loch durch den Heller, zog einen roten Faden durch, wickelte sich den Faden um den Finger und ging wieder nach Hause. Da erblickte er zwei Männer vor sich auf der Straße; die hatten einen Kasten voll Goldstücke gefunden; sie maßen das Geld mit einem Maße, um sich darein zu teilen. Dschuha kam von hinten, schlich sich heran, hierauf warf er den Heller mitten in die Goldstücke hinein und rief jenen zu: »Seid gegrüßt!« Jene entgegneten ihm: »Was ist's mit dir?« Er entgegnete: »Was ist's vielmehr mit euch? Teilt ihr euch in das Geld andrer Leute?« Die beiden entgegneten: »Diesen Schatz hat uns Gott geschenkt; wir haben ihn regelrecht durch Zauberei gehoben!« Dschuha aber behauptete: »Der Schatz gehört mir!« Jene fragten: »Wieso ist er dir?« Dschuha entgegnete: »Ich habe ihn gekennzeichnet, und zwar mit einem Heller, durch den ein roter Faden gezogen ist.« Jene suchten nach und fanden den Heller in der Tat; sie sprachen zu Dschuha: »Du hast Recht! Jetzt müssen wir drei teilen!« Dschuha aber erwiderte: »Nein, nehmt ihr eine Hälfte, und ich will eine Hälfte nehmen!« Hiermit nahm er eine Hälfte von den Goldstücken, und jene eine. Er steckte sein Geld in die Falte seines Burnus und ging wieder heim. Die Geschichte vom Wolf, dem Igel und dem Herrn des Gartens Schilcha-Berber Der Wolf machte sich einst mit dem Igel auf – beide waren nämlich Freunde und trieben zusammen Ackerbau – und baute mit ihm Zwiebeln. Als die Zwiebeln reif waren, da fragte der Igel den Wolf: »Was willst du nun? Das Gute und Rechte, das oben ist, oder das Schlechte und Unrechte, das unten ist?« Der Igel wollte ihn nämlich betrügen und ihm die Blätter aufhängen, um selbst die Zwiebeln – die ja unten sind – zu erhalten. Der Wolf versetzte also auf jene Frage: »Ich will das Gute und Rechte; denn was soll ich mit dem Schlechten und Unrechten anfangen?« Jetzt sprach der Igel: »Ich werde dir gegenüber aber nicht zurücktreten!« Der Wolf versetzte: »Ich habe dir nicht gesagt, daß du das tun sollst!« »Nun, dann mähe deine Blätter!« sprach der Igel. Der Wolf schnitt nun die Blätter ab, der Igel aber grub die ihm zukommenden Zwiebeln aus und legte sie nebeneinander in die Sonne. Auch der Wolf legte die Blätter, die er erhalten hatte, nebeneinander hin. Der Igel verließ dann den Wolf. Als nun die Blätter, die der Wolf erhalten hatte, trocken geworden waren, da äußerte der Igel ihm gegenüber: »Ich will meine schöne Ernte nun worfeln.« »Wie willst du das machen?« fragte der Wolf. Der Igel erwiderte: »Heb deine Augen nur auf! Dann wirst du 's schon entdecken!« Der Wolf behielt ihn beständig in den Augen; der Igel wartete nun, bis es einmal sehr windig war: da worfelte er die Zwiebeln. Sogleich machte sich auch der Wolf ans Werk und worfelte jene trockenen Blätter; doch der Wind führte sie ihm allesamt fort. Dann verließ der Igel den Wolf und lachte ihn aus; er nahm seine Zwiebeln, brachte sie nach Hause, schaffte sie an einen guten Platz und aß von ihnen. Der Wolf sprach zu ihm: »Man weiß, was du getan hast!« Der Igel versetzte: »Damit du ja das Rechte bekämst, hatte ich das alles angestellt!« Einst sprach der Wolf zu ihm: »Auf! Wir wollen den Acker wieder in Gemeinschaft bebauen!« »Gott wende alles zum Besten!« versetzte der Igel. Nun pflügten sie und säeten Körner in den Acker. Und als der Weizen reif war, da sprach der Igel zum Wolfe: »Du, sag ja nicht, ich hätte dich betrogen! Wähle selber, was du haben willst! Willst du das Schlechte und Unrechte, was unten ist, oder das Gute und Rechte, das oben ist?« Denn der Igel wußte wohl, daß der Wolf aufpassen würde; er hatte bekanntlich das Untere, der Wolf hatte das Obere erhalten. Der Wolf sprach deshalb: »Einmal trifft's den Mann, aber dann weiß er darum! Ich will also das Schlechte und Unrechte, das unten ist, du kannst das Obere nehmen!« Der Igel versetzte: »Nein, nein! Du mußt das Obere nehmen!« »Zu spät für dich!« erwiderte der Wolf, »du wirst mich diesmal nicht wieder hereinfallen lassen! Ich kenne deine Absicht!« Der Igel tat nun, als ob er weinte und wehklagte. Der Wolf rief ihm zu: »Auf! Zieh du aus. Ich will auch ausziehen!« Da machte sich der Igel ans Werk und zog die Weizenähren oben vom Halme und ließ den Halm für den Wolf stehen; der erntete Halme. Dann verließ ihn der Igel. Doch als der Weizen ausgetrocknet war, da breitete er ihn hin und drosch. Jetzt fielen die Körner aus der Ähre. Auch der Wolf begann zu dreschen, doch er erhielt nur Stroh! Der Igel verzehrte nun seinen Weizen, der Wolf aber weinte und wunderte sich über die Taten des Igels. Einst begann der Wolf: »Laß uns nach einem Garten gehen! Denn sein Besitzer ist fortgegangen und der Garten ist voller Feigen und Trauben.« »Wohlan denn!« entgegnete der Igel. Nun brachen beide zusammen auf und betraten den Garten. Wenn nun der Igel eine Weinbeere fraß, so ging er allemal hin und probierte dort, wo er hereingekrochen war, ob er wieder hinauskönnen würde; denn das Loch, durch das er in den Garten gekommen war, war, wie er sah, eng, und er fürchtete, daß ihn, wenn er zuviel fräße, das Loch nicht mehr durchlassen und daß ihn, wenn er keinen Ausgang fände, der Besitzer des Gartens festnehmen möchte. Der Wolf aber fraß Feigen, bis er sie satt hatte; dann ging er noch zu den Weintrauben und fraß von ihnen, bis sein Bauch wie der eines Ochsen war. Als nun der Igel aus dem Garten hinauskroch, sprach er zum Wolf: »Du Judenkind, da kommt der Herr des Gartens!« Nun lief der Wolf nach der Stelle, wo er hereingekommen war, konnte aber nicht wieder hinauskriechen. Da rief er nach dem Igel und sagte zu ihm: »Wenn du weißt, was rechte Freundschaft und Brüderschaft ist, so mußt du mir jetzt raten, was ich tun soll!« Der Igel versetzte: »Ich kann dir nichts anderes anraten, als dich tot zu stellen und dich in dem Wassergraben hier lang auszustrecken; ferner mußt du dein Maul aufsperren, kurz tun, als ob du tot seist! Wenn dich dann der Herr des Gartens findet, so wird er dich beim Schwanze fassen und dich auf die Seite hier werfen. Dann kannst du ruhig ausreißen!« Der Wolf tat so wie ihm der Igel gesagt hatte, und als der Herr des Gartens kam und den Wolf fand, da rief er aus: »Guter Gott! Guter Gott! Der Herr möge über dich richten, du Plagegeist!« Hiermit nahm er ihn beim Schwanze und warf ihn auf die Außenseite des Gartens. Der Wolf machte sich davon, der Herr des Gartens aber rief ihm nach: »Hah! Ich kenne dich schon unter den Wölfen! Guck dein Schwänzchen an, was mit dem geschehen ist!« Als der Wolf sich nun den Schwanz besah, fand er, daß ihm ein Stück Fell fehlte. Gleich rief er mit Geschrei den Igel herbei und sprach zu ihm: »Ich bin herausgekommen, ich habe so getan wie du mir gesagt hattest, aber der Mann hatte mich beim Schwanze gepackt und hat mir da ein Stück von ihm abgebrochen. Ich habe zu ihm gesagt: »Haha! Ich habe dich angeführt!« Er aber hat zu mir gesagt: »Haha! Ich kenne dich unter den Wölfen! Dein Schwanz ist zerbrochen! Ich werde zum Richter der Wölfe gehen und dich verklagen; und wo du auch sein mögest, er wird dich schon von dort herbeischaffen, und du mußt bezahlen, was du mir im Garten weggefressen hast! Du und die übrigen!« Da sprach der Igel zum Wolfe: »Schön! Sei still! Sage es niemandem! Geh hin, rufe die Wölfe zusammen und sage ihnen: Bei mir soll gedroschen werden, schickt mir Tagelöhner dazu!« An demselben Tage rief denn auch unser Wolf die Wölfe alle zusammen und bat sie, für ihn gegen Tagelohn zu dreschen. Der Igel nahm sie dann insgesamt her und band allen die Schwänze mit einem Seil zusammen, damit sie so der Wolf auf die Tenne triebe. Der Igel ging aber unterdessen zum Windhund und sprach zu ihm: »Komm und sei lustig! Die Wölfe dreschen jetzt!« Der Igel kam nun wieder, lief zuerst zu seinem Freunde, zum Wolf, und sprach zu dem: »Spute dich und reiß aus! Ja, die Windhunde sind da!« Dadurch wollte der Igel nämlich die Wölfe ängstigen, damit der eine den andern am Schwanze zerren möge, so daß die Schwänze aller ein Stück verlieren möchten, wie der seines Freundes; denn dann konnte der Herr des Gartens diesen aus den Wölfen nicht herausfinden. Der Wolf also rannte zu den übrigen und sprach zu ihnen: »Ihr Judenkinder! Windhunde über euch!« Kaum hörten die Wölfe von Windhunden reden, als ein jeder von ihnen nach einer anderen Richtung zerrte und sie sich so gegenseitig die Schwänze abrissen. Einer verletzte den andern und riß ihm den Schwanz ab. Der Besitzer des Gartens hatte sich unterdessen zum Richter der Wölfe begeben und hatte seine Klage vorgebracht. Der Richter fragte ihn: »Kennst du den Gesellen oder nicht?« »Ich kenne ihn,« versetzte der Mann, »sein Schwanz ist abgebrochen. Ich fand den Wolf nämlich in meinem Garten, da tat der Judenjunge, als ob er tot wäre. Ameisen und Fliegen krochen in ihn hinein. Ich nahm ihn beim Schwanze; da ließ er den Schwanz in meiner Hand.« Der Richter der Wölfe ließ nun ausrufen, daß sie allesamt herbeikommen möchten, jeder Wolf und jede Wölfin. Als sie sich eingefunden hatten, da machte der Richter die Entdeckung, daß bei der Hälfte von ihnen der Schwanz abgerissen war. »Ist hier dein Freund?« fragte der Richter der Wölfe, aber der Besitzer des Gartens konnte ihn aus der Schar der übrigen Wölfe nicht herausfinden. Da sprach der Richter: »Ich kann keinen von ihnen in Strafe nehmen.« Der Besitzer des Gartens aber sagte: »Nun, ich will schon aufpassen, bis ich einen von ihnen erwische, der Schadenersatz leistet!« Da sprach der Richter: »Ihr Tiere! Also, wen der Mensch hier bei einem weiteren Diebstahle ertappt, der soll ihm alles das bezahlen, was ihm entwendet worden ist!« Die Wölfe versetzten: »Wen er ertappt, der soll zahlen!« Der Besitzer des Gartens ging nun wieder fort. Dann rührte er Mehl und Pfeffer in Wasser ein und besprengte mit dieser Masse die Weintrauben und die Feigen, damit der, der von den Früchten äße, immer keuchen müsse. Der Wolf ging nun wieder hin und fraß von den Früchten, bis er satt war. Als er hörte, daß der Besitzer des Gartens kam, machte er sich aus dem Staube; dem Besitzer aber rief er noch zu: »Hah! Ich habe dich angeführt, du Lump!« Er schimpfte also auf den Besitzer des Gartens. Der aber rief ihm zu: »Niemand anders ist ein Lump als du, der den Pfeffer gegessen hat. Nun ist's eine Unmöglichkeit, daß dich der Pfeffer in Ruhe ließe und nicht bewirkte, daß du immer keuchend achachachacha ... sagen müßtest, wenn du zu den Leuten kommst! Ich aber werde nun gleich zu dem Richter gehen, damit er alle Wölfe herbeirufe: und derjenige, in dessen Munde er Pfeffer entdeckt, soll mir bezahlen!« Der Wolf ging nun zu seinem Freunde, dem Igel, und sprach zu ihm: »Was denkst du über meine Angelegenheit? Ich habe gepfefferte Trauben gegessen, und es ist mir nun unmöglich, ruhig zu sein und nicht zu keuchen! Der Besitzer des Gartens aber ist nun hingegangen, um mich beim Richter zu verklagen!« Da versetzte der Igel: »Wenn die Reihe an dich kommt, so tritt vor den Richter hin und sage zu ihm: »Mein Herr, wir haben daheim ein Mädchen, das heißt Tattach Jfachachachachacha ...« und bewirke durch die Nennung dieses endlosen Namens, daß sich der Richter und der Herr des Gartens ärgert, und du, ohne weiter angehalten zu werden, bei ihnen vorbeikommst.« Der Richter sandte nun zu den Wölfen und ließ ihnen sagen, daß sie alle zusammenkommen sollten. Das taten die und fanden sich beim Richter ein. Zu ihm sprachen sie: »Befiehl, Herr! Wir hören und gehorchen!« »Wer hat jetzt wieder dem Besitzer des Gartens einen Schaden zugefügt?« fragte nun der Richter. Die Wölfe versetzten: »Gott helfe uns! Wo wir auch sein mögen, der Mann will uns doch immer nur lästig sein! Wir werden ihm das nicht verzeihen, was er an uns verschuldet hat!« Der Richter versetzte: »Sagt das nicht, ihr böse Saat, bevor ihr wißt, ob sein werter Freund sich nicht unter euch befindet! Denn der Betreffende hat Pfeffer gegessen, und es wird ihm unmöglich sein, nicht zu keuchen!« Nun befahl der Richter: »Seht an diesem Manne hier vorüber, einer nach dem anderen!« Das taten sie. Als nun die Reihe an den Traubendieb kam, da mußte der über den Herrn des Gartens und über den Richter lachen. Und als er vor sie trat, begann er, zum Richter gewandt: »Herr, ich habe eine Schwester, die ist sehr schön, sie heißt Tattach Jfachachachacha ...« Da kam er, ohne weiter angehalten zu werden, beim Richter und beim Herrn des Gartens durch. – Lebt wohl! Eine Lügengeschichte Schilcha-Berber Es war einmal ein Mann; der befand sich auf der Reise. Er wanderte weiter und weiter und kam an einen Nußbaum. Er wollte einige Nüsse herunterholen; drum nahm er Steine und warf mit denen, – doch es fielen keines Nüsse. Dann feuerte er einen Schuß ab; es fielen keine Nüsse. Er schleuderte einen Stock; wieder nichts. Er warf seine Flinte nach ihnen; auch jetzt fiel keine herunter. Da nahm er ein Mückenbein her – und nun fielen welche. Er nahm die Nüsse, ging weiter und verzehrte sie unterwegs. Er wanderte, bis er müde wurde; da schlug er sich seine Beine ab, warf sie sich über die Schulter und wanderte weiter. Als er dann wieder müde wurde, schlug er sich den Kopf ab und warf ihn über die Schulter. Und schließlich kam er auf seiner Wanderung nach einem Melonengarten. In dem pflückte er eine Melone; doch als er sie aufschnitt, fiel ihm sein Messer hinein. Da begab er sich ins Innere der Melone und schwamm umher. Als er sein Messer gefunden hatte, kroch er wieder heraus. Der Löwe, die Hyäne und der Fuchs Somali Der Löwe, die Hyäne und der Fuchs unternahmen einen Feldzug. Sie fingen ein Schaf. Da sprach der Löwe: »Wir wollen teilen.« Die Hyäne sprach: »Des Tieres Hinterteil ist mein, das Vorderteil bekommt der Löwe, die Eingeweide und die Füße bekommt der Fuchs!« Da schlug der Löwe der Hyäne mit der Tatze ein Auge aus und sagte zu dem Fuchs: »Teile du!« Der Fuchs aber erschrak und sagte: »Kopf, Eingeweide und Füße sind für mich und die Hyäne, alles übrige bekommt der Löwe.« »Wer hat dich das gelehrt?« fragte der Löwe. »Das Auge der Hyäne,« antwortete der Fuchs. Alibeg Kaschkaschi Suaheli War einmal ein Mann in Kairo, der hieß Alibeg Kaschkaschi. Und er war ein wenig verrückt, und er pflegte in der Stadt Kairo herumzugehen. Und die Kinder in der Stadt gingen hinter ihm her und spotteten über ihn und schrien: Alibeg Kaschkaschi, Alibeg Kaschkaschi; immer in derselben Weise; wenn er ging und wenn er kam, liefen ihm die Kinder von Kairo alle Tage nach. Und an einem Tage von den Tagen wurde es dem Alibeg zuviel, daß ihm die Kinder nachliefen und schrien, und er bückte sich und nahm einen großen Stein in seine Hand und warf den Stein in den Haufen der Kinder hinein. Und der Stein traf ein Kind an den Kopf und schlug ihm ein großes Loch hinein, und das Kind schrie sehr, und da kam sein Vater und sah, daß sein Kind schwer verletzt war. Und er fragte: »Wer hat dich so geschlagen?« Und der Junge sagte: »Alibeg Kaschkaschi hat mich so geschlagen.« Als der Vater die Worte seines Kindes hörte, wurde er darüber sehr böse und faßte den Alibeg und schleppte ihn vor den Richter und sagte dem Richter: »Dieser Alibeg hat meinem Sohne mit einem Steine ein großes Loch in den Kopf geschlagen, und ich habe ihn vor das Gericht gebracht, und du wirst schon mit ihm fertig werden.« Und der Richter fragte den Alibeg: »Warum hast du den Jungen ohne Grund so geschlagen?« Und Alibeg antwortete und sagte zu dem Richter: »Nämlich, o Richter, Gottes Segen über den Propheten.« Und der Richter sagte: »Gott segne ihn und Friede über ihn.« Da sagte er zum zweiten Male: »O Richter, Gottes Segen über den Propheten.« Der Richter sagte: »Der Segen Gottes sei mit ihm und sein Friede.« Da sagte er zum dritten Male: »O Richter, Gottes Segen über den Propheten.« Und der Richter antwortete: »Tausendfacher Segen sei über ihm.« Da sagte er zum vierten Male: »O Richter, Gottes Segen über den Propheten.« Und der Richter wurde des Geschreies von Alibeg satt, wie Alibeg zu ihm sagte: Gottes Segen über den Propheten. Und er sagte: »Ich habe dein Geschrei satt.« Da antwortete Alibeg und sagte: »O Richter, du hast es satt, dem Propheten Segen zu wünschen, wie soll ich es dann nicht satt werden, wenn mir alle Tage nachgeschrien wird, wenn ich auf der Straße gehe; du bist schon von dem einen Male böse geworden, und ich muß es alle Tage leiden.« Da erkannte der Richter, daß Alibeg keine Schuld hatte, und sagte zu ihm: »Ich danke schön, gehe nur nach Hause, Alibeg.« Und der Vater mußte seinen Jungen heilen lassen. Dies ist die Geschichte von Alibeg Kaschkaschi. Der Betrüger Suaheli In einer Stadt wohnte einmal ein Mann, der war ein großer Betrüger. Der mietete die Leute zur Arbeit und versprach ihnen 200 Realen Lohn für den Monat. Am Ende des Monats aber pflegte er ihnen zu sagen: »Geh in die Stadt und bringe mir zwei Dinge; wenn du mir sie nicht bringen kannst, gebe ich dir dein Geld nicht.« So betrog er viele um ihren Lohn, so daß sie ihre Arbeit umsonst verrichten mußten. Eines Tages traf er einen Knaben und machte mit ihm das gleiche Abkommen. Der Knabe wars zufrieden, ging mit ihm und arbeitete den ganzen Monat. Am Ende des Monats verlangte er sein Geld. Sein Herr aber sprach zu ihm: »Geh auf den Markt und hole mir ›Haa, Hii!‹« Der Knabe dachte bei sich: ›Haa, Hii?‹ Was ist das? Was mag ›Haa, Hii‹ sein? Ah! Jetzt weiß ich's! Mein Herr soll es schon bekommen. Und er ging seines Wegs, bis er einen großen Tausendfuß fand, und nahm eine schwarze Flasche und steckte ihn hinein. Darauf ging er weiter und fand einen Skorpion; auch diesen tat er in die Flasche und korkte sie zu. Darauf brachte er die Flasche seinem Herrn und sprach: »Hier ist ›Haa Hii!‹.« Sein Herr sprach: »Was ist ›Haa‹?« Er antwortete ihm: »Stecke nur den Finger hinein!« Und er steckte einen Finger hinein, da stach ihn der Tausendfuß. und er schrie: »Ha-a-a!« Da lachte der Knabe und sprach: »Der Herr hat ›Haa‹ gefunden, ›Hii‹ ist auch noch darin!« Der Herr aber sprach: »Es ist schon gut,« gab ihm sein Geld, und er ging seines Weges. Der Elefant und der Hahn Aus Äquatoria Hahn und Elefant forderten einander eines Tages zum Wettstreit auf, wer von ihnen ein beharrlicherer Fresser wäre. Als sie an dem vereinbarten Orte sich getroffen hatten, machten sie sich sofort ans Werk. Gegen Mittag legte sich der Elefant gesättigt nieder und versank in Schlaf. Nach einigen Stunden wachte er auf und bemerkte zu seinem großen Verwundern den Hahn, wie er immer noch unter dem Grase scharrte und pickte. Auch er begann zu fressen; neuerdings gesättigt, zog er sich zurück, während er mit stets wachsendem Staunen den Hahn immer noch Nahrung zu sich nehmen sah. Als sich die Sonne zum Untergang wendete, beeilte sich der Hahn, sich auf den Rücken des Elefanten zu setzen, der sich mittlerweile gelegt hatte. Kurze Zeit verstrich, da fühlte der Elefant Stiche auf seinem Rücken. »Was machst du da?« rief er halb erschreckt. »Nichts; ich nähre mich von den Insekten, die ich in den Borsten deiner Haut finde.« Entsetzt über eine derartig ausdauernde Gefräßigkeit, erhob sich der Elefant und suchte wie ein Narr das Weite. Und seit diesem Tage flieht der Elefant stets, wenn er das Krähen des Hahnes hört. Bei den Dinkanegern ist dieser Glaube derart eingewurzelt, daß sie jedesmal einen Hahn mitnehmen, wenn sie nachts eine Reise zu unternehmen haben. Der Schakal und der Leopard Aus Äquatoria Der Leopard hatte eine Gazelle gefangen und verzehrt. Das sah der Schakal. »Du bist allerdings gefräßig unter den Tieren,« sagte er zu ihm, »allein es wird dir nicht gelingen, mich an Gefräßigkeit zu übertreffen.« Der Leopard lachte. »Nun zur Probe!« antwortete er. Der Schakal begab sich in ein weites Feld von weißlichen Kürbissen und reinigte sie von den Blättern. Dann ließ er sich in der Mitte nieder, nachdem er sich den Kopf rot gefärbt hatte. Der Leopard kam hinzu und versuchte sich ihm zu nähern; da er aber die Kürbisse wahrnahm und glaubte, es seien Schädel verzehrter Tiere, schritt er, von Schrecken ergriffen, zurück. »Warum kommst du nicht näher?« rief ihm der Schakal zu. »Ach, ich fürchte mich,« versetzte der Leopard, seinen Weg weiter nehmend, »ich erkenne, daß du wilder und blutdürstiger bist als ich.« Das listige Mädchen Bornu-Neger im Sudan Es war einmal ein Mann, der eine schöne Tochter hatte. Er sah, daß sie von allen Jünglingen wegen ihrer Schönheit geliebt wurde. Eines Tages machten sich nun zwei Burschen, die Nebenbuhler waren, auf, gingen zu dem Mädchen und sprachen: »Wir sind zu dir gekommen.« Das Mädchen antwortete: »Was wollt ihr von mir?« Die Burschen sprachen: »Wir lieben dich, deshalb sind wir gekommen.« Da stand das Mädchen auf, ging zu seinem Vater und sprach: »Siehe, es sind zwei Burschen zu mir gekommen.« Der Vater ging hinaus und fragte die Burschen, weshalb sie ihn besuchten. Sie antworteten, sie wären Nebenbuhler und hätten seine Tochter aufgesucht, weil sie sie zum Weibe begehrten. Als der Vater hörte, was die Burschen sagten, riet er ihnen, nach Hause zu gehen, am andern Tage aber wieder zu kommen, dann wollten sie sehen, wer seine Tochter zum Weibe bekäme. Die Burschen hörten auf die Rede des Alten, kehrten zurück und schliefen zu Hause. Am folgenden Morgen standen sie mit Tagesanbruch auf und begaben sich wieder zu dem Vater des Mädchens. »Sieh, hier sind wir,« sagten sie, »wie du uns gestern befohlen hast.« Darauf der Vater: »Bleibt hier und wartet! Ich will ein Stück Tuch auf dem Markte kaufen, und wenn ich es habe, sollt ihr meinen Vorschlag hören.« Die Burschen blieben also da, während der Alte Geld nahm und auf den Markt ging. Er begab sich nach dem Platze, wo Tuch verhandelt wurde, kaufte ein Stück Tuch und brachte es heim zu den jungen Burschen. Zu Hause angelangt, rief er seine Tochter herbei und sagte in deren Gegenwart zu den Burschen: »Liebe Söhne, ihr seid euer zwei; ich habe aber nur eine Tochter. Wem soll ich sie geben und wem verweigern? Seht dieses Stück Tuch an! Ich werde es in zwei Stücke reißen, jedes zu einem Gewand ausreichend, und wer zuerst mit seinem Kleid fertig ist, soll meiner Tochter Gemahl sein.« Die Burschen nahmen ihr Tuch und machten sich ans Nähen, während der Alte ihnen zuschaute. Dann rief er auch seine Tochter herbei und gab ihr Garn mit der Weisung, Zwirn daraus zu drehen und ihn den Burschen zu geben. Das junge Mädchen aber war listig, und was weder ihr Vater noch die Burschen wußten, das wußte sie, nämlich wen von beiden sie liebte. Der Vater begab sich ins Haus, um dort abzuwarten, bis die Burschen ihre Gewänder genäht hätten. Wer zuerst damit fertig wäre, hatte er beschlossen, der sollte des Mädchens Gemahl sein. Das Mädchen begann Zwirn zu drehen, und die Burschen nahmen ihre Nadeln und fingen an zu nähen. Das Mädchen aber war listig. Für den Burschen, den sie liebte, drehte sie kurze Fäden, für den andern lange. So nähten die Burschen, und das Mädchen drehte Zwirn. Zu Mittag waren sie noch nicht fertig, sie fuhr daher fort, Zwirn für sie zu drehen, und beide nähten weiter. Um drei Uhr nachmittags war der Bursche, der die kurzen Fäden bekommen hatte, mit seinem Gewande fertig, der mit den langen aber noch nicht. Der Alte kam heraus zu den Dreien und fragte die Burschen, ob sie immer noch nähten und das Gewand noch nicht fertig hätten. Der eine von ihnen stand auf, nahm sein Gewand und sprach zu des Mädchens Vater: »Vater, siehe, ich bin fertig mit meiner Arbeit.« Da bekam er das Mädchen zum Weibe. Hasenlist Woloffen in Mittelafrika Einst nahte sich der Hase, der das allerboshafteste Geschöpf auf Erden ist, dem Throne des Schöpfers und bat, der Herr möge ihn noch ein wenig geriebener machen. »Geh, geh!« rief der Schöpfer, um sich des zudringlichen Bettlers zu entledigen; »erst fülle deine Kalabasse einmal mit lebendigen Sperlingen.« Der Hase ging und setzte sich sinnend am Ufer einer Quelle nieder. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, die Sonne ging unter; siehe, da kamen alle die Vögel herbei, um sich nach der großen Hitze, die am Tage geherrscht, und während der sie sich verborgen gehalten hatten, zu erfrischen. Die Sperlinge waren lustig und munter, sangen und sprangen und löschten ihren Durst mit dem frischen Quellwasser. Der Hase denkt bei sich: »Nun ists Zeit!« springt auf und murmelt halblaut vor sich hin: »Ja – nein – nein – und doch – o nein, verzeiht – nie und nimmer – es geht nicht – es ist unmöglich – und doch? – o!« Verwundert fragen ihn die Sperlinge, was er denn meine? Er gibt zur Antwort, er wolle gar zu gern wissen, ob alle Sperlinge in seiner Kalabasse Platz hätten. »Gewiß,« war die Antwort der Vögel, »wir sind ja so klein!« Damit schlüpfte eins nach dem andern in die Kalabasse des Hasen. Schnell setzt dieser den Deckel auf und eilt mit seiner Beute zum Thron des Schöpfers. Der aber sagte: »Wollte ich deinen Verstand noch vermehren, so würdest du ja die Welt umkehren. Geh!« Der Leopard und der Widder Hottentotten Als Leopard einst von der Jagd heimkehrte, kam er zufällig an den Kraal eines Widders. Nun hatte der Leopard nie zuvor einen Widder gesehen und näherte sich ihm demzufolge in sehr unterwürfiger Weise, wobei er sagte: »Guten Tag, mein Freund! Wie magst du wohl heißen?« Der Widder erwiderte mit rauher Stimme, indem er sich mit dem Vorderfuß auf die Brust schlug: »Ich bin ein Widder; und wer bist denn du?« – »Ein Leopard,« versetzte der andre, mehr tot als lebendig; dann nahm er Abschied und eilte heim, so schnell er laufen konnte. Nun lebte mit dem Leoparden zusammen ein Schakal, und zu dem ging der Leopard hin und sprach: »Freund Schakal! Ich bin ganz außer Atem und halbtot vor Schrecken, denn ich habe soeben einen fürchterlichen Burschen mit großem, dickem Kopfe gesehen, der mir auf die Frage nach seinem Namen ganz grob erwiderte: Ich bin ein Widder.« »Was bist du doch für ein närrischer Kerl von Leoparden,« rief der Schakal, »daß du solch ein schönes Stück Fleisch fahren läßt! Wie kannst du nur das tun? Aber wir wollen uns morgen auf den Weg machen und es in Gemeinschaft verzehren.« Am folgenden Tage machten sich die beiden nach dem Kraale des Widders auf; als sie nun auf diesen von der Höhe eines Hügels hinabsahen, erblickte sie der Widder, der ausgegangen war, um frische Luft zu schöpfen, und der eben überlegte, wo er wohl heut' den zartesten Salat sich suchen könnte. Da eilte er denn sofort zu seiner Frau und rief ihr zu: »Ich fürchte, daß unser letztes Stündlein geschlagen hat! Der Schakal und Leopard kommen beide auf uns zu. Was sollen wir anfangen?« »Sei nur nicht bange,« meinte sein Weib, »sondern nimm das Kind hier auf den Arm, gehe damit hinaus und kneife es recht tüchtig, sodaß es schreit, als sei es hungrig.« Der Widder gehorchte und ging so den Verbündeten entgegen. Sobald der Leopard den Widder erblickte, bemächtigte Furcht sich abermals seiner, und er wollte wieder umkehren. Der Schakal hatte für diesen Fall schon Vorsorge getroffen, er hatte nämlich den Leoparden mit einem ledernen Riemen an sich festgebunden. So sagte er nun: »So komm doch!« Da kniff der Widder sein Kind recht tüchtig und rief dabei laut: »Das ist recht, Freund Schakal, daß du uns den Leoparden zum Essen bringst; hörst du, wie mein Kind nach Nahrung schreit?« Als der Leopard diese schrecklichen Worte hörte, stürzte er, trotz der Bitten des Schakals, ihn doch los zu lassen, in der größten Angst davon, indem er zugleich den Schakal über Berg und Tal, durch Büsche und über Felsen mit sich fortschleppte und erst dann still hielt und scheu um sich blickte, als er sich selbst und den halbtoten Schakal wieder nach Hause gebracht hatte. Der Ursprung des Todes Hottentotten Einst sandte der Mond den Hasen auf die Erde nieder, um den Menschen zu verkünden, daß, so wie er (nämlich der Mond) hinstürbe und wieder lebendig würde, auch ein jedes Menschenkind sterben und wieder lebendig werden sollte. Anstatt aber nun die Botschaft genau auszurichten, sagte der Hase, sei es nun aus Vergeßlichkeit oder aus Böswilligkeit, den Menschen, daß ebenso wie der Mond erschiene und hinstürbe, auch die Menschen sterben und nicht wieder lebendig werden sollten. Als der Hase dann zum Monde zurückgekehrt war, wurde er von demselben befragt, ob er seine Botschaft ausgerichtet habe. Wie nun der Mond erfuhr, was jener getan, ward er so zornig, daß er ein Beil ergriff, um dem Hasen den Kopf zu spalten. Da der Schlag aber zu kurz geführt wurde, so fiel das Beil auf die Oberlippe des Hasen nieder und verletzte dieselbe nicht unbedeutend. Daher stammt nun die sogenannte Hasenscharte, welche noch jetzt zu sehen ist. Da der Hase über eine solche Behandlung höchst empört war, so nahm er seine Nägel zu Hilfe und zerkratzte damit des Mondes Antlitz. Die dunkeln Partien nun, die wir noch jetzt an der Oberfläche des Mondes wahrnehmen, sind die Schrammen, die er bei dieser Gelegenheit erhielt. Die Namaqua-Hottentotten sind über den Hasen, der sie um das ewige Fortleben betrogen hat, noch heute derart erzürnt, daß sie sein Fleisch nicht essen mögen. Der kranke Löwe Hottentotten Man sagte, der Löwe sei krank; da gingen sie alle, ihn in seinen Leiden zu besuchen; der Schakal aber ging nicht hin, weil die Spuren der Leute, die hingingen, um ihn zu besuchen, nicht wieder zurückkehrten. Da wurde er von der Hyäne bei dem Löwen verklagt: »Obschon ich gekommen bin, dich zu besuchen, will doch der Schakal nicht kommen, dich in deinen Leiden zu besuchen.« Da schickte der Löwe die Hyäne, um den Schakal zu fangen. Das tat sie und brachte ihn vor den Löwen. Der Löwe fragte den Schakal: »Warum kamst du denn nicht, nach mir zu sehen?« Der Schakal gab zur Antwort: »Bitte, lieber Onkel, als ich hörte, daß du so schwer krank seiest, ging ich zum Zauberdoktor, um Rat zu holen und ihn zu fragen, was für eine Arznei meinem Onkel von seinen Schmerzen helfen würde. Der Doktor aber sagte so zu mir: ›Geh und sage deinem Onkel, er möge die Hyäne ergreifen, ihr das Fell abziehen, und es anlegen, wenn es noch warm ist; dann werde es besser werden. Die Hyäne ist so nichtsnutzig, daß sie sich gar nicht um die Leiden meines Onkels kümmert.‹« Der Löwe folgte diesem Rat, ergriff die Hyäne; zog ihr, während sie aus Leibeskräften heulte, das Fell über die Ohren und legte es an. Der Fischdiebstahl Hottentotten An der Grenze der Kolonie lebte ein Schakal, der sah einst einen Wagen von der Küste kommen, der mit Fischen beladen war. Er machte den Versuch, auf den Wagen von hinten hinaufzusteigen, aber es war ihm nicht möglich; da eilte er demselben voraus und legte sich auf den Weg nieder, als wenn er tot wäre. Als der Wagen ihm nahe kam, rief der Leiter des Gespanns dem Kutscher zu: »Da liegt ein schöner Pelz für deine Frau!« – »Wirfs in den Wagen!« rief der Kutscher. So wurde der Schakal in den Wagen geworfen. Während der Wagen in der mondhellen Nacht dahinfuhr, warf der Schakal die Fische auf die Straße, sprang dann selbst hinunter und brachte ein gut Teil in Sicherheit. Aber eine einfältige alte Hyäne, die hinzukam, verzehrte mehr als ihren Anteil, was der Schakal ihr zu gedenken beschloß. So sagte er denn zu ihr: »Du kannst auch Fische genug bekommen, wenn du dich vor einen Wagen legst und, was auch geschehen mag, dich ganz still verhältst.« – »Jawohl!« brummte die Hyäne; darauf streckte sie sich, sobald wieder ein Wagen von der Küste herkam, auf den Weg hin. »Was für ein garstiges Geschöpf ist das?« rief der Leiter und stieß die Hyäne mit dem Fuß an; dann nahm er einen Stock und schlug sie halb tot. Die Hyäne tat, wie ihr der Schakal gesagt hatte, und lag still, solange sie es aushalten konnte. Dann stand sie auf und humpelte davon, um dem Schakal ihr Leid zu klagen, der sie zum Scheine tröstete. »Wie schade!« rief die Hyäne, »daß ich kein so hübsches Fell habe wie du!« Der bemooste Zauberstein Temne-Neger Tief im Walde bemerkte einst die Spinne einen dichtbemoosten Stein. »Welch ein sonderbarer Stein, mit so dichtem Moose bewachsen!« rief sie erstaunt; plötzlich aber stürzte sie zu Boden und verlor das Bewußtsein; erst am Abend kam sie wieder zu sich. Hierauf nun gründete sie einen Plan, den sie gegen andere Tiere ins Werk setzen wollte. Tags darauf lud sie die Buschziege ein, sie auf die Jagd zu begleiten. In der Nähe des Steines angekommen, sagte sie zu ihr: »Geh nur voran und warte meiner an jenem Baumstamm, ich komme gleich nach.« Bald holte die Spinne die Buschziege ein und sagte: »Laß uns nun weitergehen, Freund.« »Sieh nur,« rief die Buschziege, »wie dicht dieser Stein mit Moos bewachsen ist!« In dem nämlichen Augenblick aber stürzte sie bewußtlos zur Erde. Frohlockend schleppte die Spinne den regungslosen Körper nach Hause und zehrte mit ihren Kindern daran. Denselben Streich spielte sie dem Hirsche und der Antilope; sie führte ihre Begleiter stets in die Nähe des Steines und blieb dann unter irgendeinem Vorwande zurück; der bemooste Stein fiel jedem auf, und so sprachen sie ahnungslos die verhängnisvollen Worte. Lagen sie dann neben dem verzauberten Steine ohne Bewußtsein, so schleppte die Spinne sie davon und fraß sie auf. Dem Fillentamba Eine Hirschart. aber fiel es auf, daß keiner von den Jagdgefährten der Spinne zurückgekehrt sei; als daher die Spinne eines Tages die Buschkuh Eine große Antilope. aufforderte, sie auf die Jagd zu begleiten, so folgte ihnen der Fillentamba ungesehen. Er sah, wie die Spinne zurückblieb, hörte die Buschkuh sagen: »Welch ein sonderbarer, dichtbemooster Stein!« und sah, wie sie sofort regungslos niederstürzte. Er bemerkte auch, wie die Spinne versuchte, den Körper der Kuh fortzuschaffen; dies schien ihr aber nicht möglich zu sein, denn sie eilte davon, um bald mit all ihren Kindern zurückzukehren, und mit vereinten Kräften schleppten sie alsdann die Buschkuh davon. »Aha,« dachte der Fillentamba, »nun bist du gewitzigt.« Als nach einiger Zeit die Spinne den Fillentamba aufforderte, mit ihr auf die Jagd zu gehen, war dieser sofort bereit. Bald waren sie in der Nähe des Steines, und die Spinne sagte, wie gewöhnlich: »Ich komme gleich nach; warte eben dort, wo der große Baumstamm liegt, auf mich.« Der Fillentamba aber ging an dem Zauberstein vorüber und blieb erst eine Strecke hinter demselben stehen. Als die Spinne nun kam, rief sie ihm zu: »Warum stehst du denn dort und nicht hier neben dem Baumstamm?« »Hier ist ja wohl der Weg?« entgegnete der Fillentamba. Die Spinne aber rief ihn an ihre Seite; schweigend gehorchte er. Beide standen jetzt neben dem bemoosten Zaubersteine. Dort hatten sie folgendes Gespräch: Die Spinne: »Warum sprichst du nicht?« Der Fillentamba: »Was soll ich denn sagen?« Die Spinne: »Ach, du hast ja keinen Verstand!« Der Fillentamba: »O ja.« (Pause.) Spinne: »Schau hier!« Fillentamba: »Schau hier!« Spinne: »So sprich doch!« Fillentamba: »Was denn?« Spinne: »Aus etwas wächst etwas.« Fillentamba: »Aus etwas wächst etwas.« Spinne: »So sprich doch endlich!« Fillentamba: »So sprich doch endlich!« Spinne: »Du bist wirklich ein sonderbarer Bursche, Meister Fillentamba. So sprich doch endlich!« Fillentamba: »Ja, was soll ich denn sagen?« Spinne: »Sage: Aus einem Stein wuchs Moos hervor.« Fillentamba: »Aus einem Stein wuchs Moos hervor.« Kaum hatten sie diese Worte gesprochen, als beide wie tot niederstürzten. Als sie wieder erwachten, war es bereits Abend. »Was gibts nun?« fragte die Spinne. »Gar nichts,« sagte der Fillentamba. »Was soll ich sagen?« fragte die Spinne weiter, in der Hoffnung, den Fillentamba zu berücken; der aber wiederholte ganz unbefangen: »Was soll ich sagen?« Rasch rief die Spinne: »Sage: Aus einem Stein wuchs Moos hervor!« damit fiel sie bewußtlos zu Boden. Der Fillentamba aber hütete sich wohl, es zu wiederholen, sondern ging heim und warnte alle vor der Spinne und vor dem bemoosten Zaubersteine. Herr Tragmichnicht und Herr Sagmirnicht Angola-Neger Herr Tragmichnicht und Herr Sagmirnicht gingen mit ihren Trägern nach Loanda, um Handel zu treiben. Als sie ihre Geschäfte erledigt hatten, banden sie ihre Körbe zu und hoben sie auf. Sie kamen bis nach Kifuangondo. Da sagt Herr Sagmirnicht: »Freund, laß uns gehen.« Sprach der andere: »Laß mich erst schlafen.« Sie ruhen; der Abend kommt. »Nun, Freund, hast du jetzt ausgeschlafen?« Sagt der andere: »Ich schlief noch nicht.« Sie schlafen; der Morgen kommt. »Laß uns gehen, Freund,« sagt der andere. »Ich kann nicht gehen,« sagt sein Freund. »So laß uns ruhen. Ihr, Träger, geht jetzt heim. Wenn ihr heimkommt, so sagt den alten Leuten in Ambaca: »Herr Tragmichnicht ist krank; wir haben beide, Herrn Tragmichnicht und Herrn Sagmirnicht, in Kifuangondo zurückgelassen. Herr Tragmichnicht ist krank, der andere blieb bei ihm, um ihn zu pflegen, bis die Krankheit vorüber ist.« Die Träger gingen. Die Zurückbleibenden verbrachten den Tag schlafend. Am andern Morgen sagt Herr Sagmirnicht: »Mein Freund, die Krankheit ist schlimm. Laß mich dich tragen, damit wir weiter kommen.« »Man trägt mich nicht – du lügst.« Sagt der andere: »Freund, ich sprach die Wahrheit!« »Man trägt mich nicht,« sagt der andere. »Ich will dich aber doch tragen, sag ich dir.« Sagt der andere: »Man trägt mich wirklich nicht; das ist Gesetz in meiner Familie.« Spricht der erste: »Du lügst, ich werde dich auf alle Fälle tragen.« Er nimmt ihn auf den Rücken. Sie brechen auf. Kommen bis zum Bengo River bei Palma. »Freund, steig ab.« »Ich werde nicht absteigen, ich habe dir gesagt, man trägt mich nicht. Heute an diesem Tag hast du mich getragen, ich kann nicht herunter kommen.« Da schlafen sie; der eine mit dem andern auf dem Rücken, bis Tagesanbruch. Sie brechen wieder auf. Auf dem Weg macht Herr Sagmirnicht Halt, um etwas zu verrichten. Er sagt: »Freund, steig ab, ich muß etwas verrichten.« »Ich habe dir schon gesagt, man trägt mich nicht. Heut' an diesem Tag hast du mich getragen, ich kann nie mehr herunterkommen.« Herr Sagmirnicht verrichtet es stehend. Sie gehen weiter. Kommen bis Pulungo. Spricht Herr Sagmirnicht: »Komm herunter, Freund, damit ich ruhen kann.« Sagt der andere: »Mein Freund, ich werde nie mehr herunterkommen.« Herr Sagmirnicht ißt nichts, trinkt kein Wasser. Herr Tragmichnicht trinkt kein Wasser, ißt keine Speise. Sie brechen auf, sie machen Halt. Herr Sagmirnicht fällt zu Boden. Ihre Verwandten schicken eine Hängematte. Man legt sie in die Hängematte und bringt sie nach Haus. So lebten Herr Sagmirnicht und Herr Tragmichnicht acht Tage. Herr Sagmirnicht starb, Herr Tragmichnicht starb. Der eine, Herr Tragmichnicht, starb auf dem Rücken des andern. Man begrub jeden in seinem Grab. Wenn es auf Erden jemanden gibt, der hört, daß ein anderer sagt, du Freund, tu dies nicht, es wird dir Schwierigkeiten machen, und der dann antwortet, es wird mir nichts schaden, so ist er im Irrtum. Auf Erden muß einer auf den andern hören. Auch du sollst auf deinen Gefährten hören, wenn er spricht; du, der du auf niemand hörst, bist wie ein Tier im Walde, du wirst nur finden, was dich tötet; was dich erhält, wirst du nicht finden. Wie Kotofetsy und Mahaka einen reichen Mann betrogen Aus Madagaskar Kotofetsy und Mahaka bekleideten eines Tages eine Wildkatze mit Hahnenfedern und setzten sie in einen Korb. Darauf begaben sie sich zu einem Mann, von dem sie wußten, daß er sehr reich sei. Sie kamen abends bei ihm an. Man beeilte sich, sie ins Haus zu lassen; dann begrüßte sie der Hausherr: »Was habt ihr denn in eurem Korb?« »Einen Hahn des Königs,« erwiderten sie, »wir sind beauftragt, ihn Euch zuzuführen. Das ist der Grund unserer Reise.« Der reiche Hausherr, von Ehrfurcht vor den Gesandten des Königs erfaßt, ließ ihnen ein Abendessen auftragen und wies ihnen dann ein Nachtlager an. Ehe sie sich schlafen legten, fragten die beiden Schelme den Hausherrn, ob er auch nicht etwa irgendein Tier im Hause habe, das den Hahn des Königs fressen könnte. Er erwiderte, es sei nichts zu fürchten, und alle Welt schlief ein. Um Mitternacht ließen Kotofetsy und Mahaka die Wildkatze aus dem Korb. Das in Freiheit gesetzte Tier begann sofort das ganze Haus zu durchlaufen und kletterte zum Dachfirst hinauf, um eine Öffnung zu suchen, durch die es entfliehen könnte. Sein Hin und Her machten viel Lärm. »Herr,« sagten Kotofetsy und Mahaka, »hört Ihr das Geräusch? Sicherlich frißt einer den Hahn des Königs. Macht Licht, damit wir sehen, was vorgeht.« Kaum leuchtete die Flamme, so erblickte man die große Wildkatze und verstreut auf dem Fußboden die Hahnenfedern. »Seht,« sagten Kotofetsy und Mahaka, »Eure Wildkatze hat den Hahn gefressen, den der König so geliebt hat. Wir werden Euch vor den König führen, damit er Euch eine gehörige Strafe erteilt. Eure böse Absicht in der ganzen Sache ist offenbar, und Ihr habt gelogen, als Ihr sagtet, der königliche Hahn sei hier in Sicherheit. Vorwärts, Ihr müßt mit vor den König.« »Ich weiß wirklich nicht,« sagt der Mann zitternd, »wie die Wildkatze zu mir hereingekommen ist, und ebenso wenig, wie diese Federn zu mir herein kommen.« »Ihr versteift Euch darauf, Euer Verbrechen zu leugnen,« entgegneten Kotofetsy und Mahaka, »aber böse Absicht läßt sich durchaus nicht leugnen. Wir werden Euch also fesseln und Euch vor den König führen, der ganz verzweifelt sein wird, seinen Hahn verloren zu haben.« Der Mann bekam immer mehr Angst. »Liebe Herren,« sagt er, »nehmt diese zehn Piaster und sagt dem König nichts.« »Nein, nein,« erwiderten die andern, »wir wagen nicht unser Leben für zehn Piaster.« Da bot er ihnen zwanzig Piaster; aber durch Weigerung und Drohung erreichten die beiden Schelme, daß er bis auf hundert Piaster hinauf ging, die sie annahmen und freudig davontrugen. Kotofetsy und Mahaka und die Frau des Andriambahoaka Aus Madagaskar Andriambahoaka hatte auf seinen Reisfeldern zu arbeiten. Kotofetsy und Mahaka, die vorübergingen, baten ihn um Arbeit. »Geht und laßt euch von meiner Frau Spaten geben,« sagte ihnen der Pächter. Sie begaben sich in das bezeichnete Haus und sagten zur Frau: »Madame, Andriambahoaka schickt uns, Ihr sollt uns hundert Piaster geben.« »Geht zum Teufel,« erwiderte die Frau, »ihr lügt.« »Wie,« entgegneten die andern, »ihr zweifelt an unserer Wahrhaftigkeit; so kommt mit uns, Andriambahoaka wird euch unsere Worte bestätigen.« Sie gingen zusammen, und auf der Türschwelle angekommen riefen Kotofetsy und Mahaka dem Pächter zu: »Sie will sie uns nicht geben; sie will sie uns nicht geben.« »Gib sie ihnen,« rief Andriambahoaka zu seiner Frau. »Seht Ihr, Madame,« sagten die beiden Gauner, »wir haben nicht gelogen.« Sie gingen wieder ins Haus. Die Frau gab ihnen die hundert Piaster. Als die Arbeiter auf den Hof zurückkehrten, um zu frühstücken, sagte die Frau voller Wut zu ihrem Mann: »Warum hast du mir aufgetragen diesen beiden Männern hundert Piaster zu geben?« »Ich?« entgegnete Andriambahoaka. »Das habe ich dir doch niemals gesagt. Meinst du, ich sei toll? Diese wilden Hunde haben dich hereingelegt.« Voller Wut ließ der Mann Kotofetsy und Mahaka einfangen und in eine Matte einnähen. Man wollte sie in einem Sumpf ertränken. »Laßt sie nur hier am Ufer liegen,« sagten die Arbeiter zum Pächter; »nach dem Frühstück werden wir sie ersäufen.« Während der Mahlzeit kam ein altes Weib, das ein verirrtes Lämmchen suchte, bei der Matte vorbei und jammerte: »Wo ist mein kleines Lämmchen, wo ist mein kleines Lämmchen?« Kotofetsy und Mahaka, die das hörten, riefen: »Bäh! Bäh!« »Mein armes Lämmchen,« sagte die Alte, »hat man dich in eine Matte eingenäht?« Sie öffnete den Sack. Kotofetsy und Mahaka stiegen heraus, ergriffen die Alte und setzen sie an ihre Stelle. Als ihr Mahl beendet, ließen Andriambahoaka und seine Leute den Sack ins Wasser rollen. Da ertönt eine Stimme aus der Matte: »Ich bin es ja gar nicht, ich bin es ja gar nicht!« »Hört nicht auf sie, sagte Andriambahoaka. Sie ahmen die Stimme eines alten Weibes nach, um zu versuchen, frei zu kommen.« Und die arme Alte in der Matte wurde in den Sumpf geworfen und ertrank. Der Hase und der Couroupas Aus Mauritius Papa Hase kam eines Tages an einem Schwarzholzbaume vorbei. Als er zufällig aufblickte, sah er ein Wespennest in einem Zweige hängen. Ich weiß nicht, was ihm durch den Kopf ging, aber er erstieg den Baum, befestigte ein Seil um das Nest, kletterte wieder herunter und setzte sich nieder, das Seil in den Händen. Da blieb er, ohne sich zu rühren. Er saß da unbeweglich, als Gevatter Couroupas vorbeikam. Der sieht ein gutes Weilchen den regungslosen Hasen mit seinem Seil in der Hand an. »Nun, Gevatter,« sagt schließlich der Couroupas, »was machst du denn da mit dem Seil?« »Still, Freund, laß die Kinder arbeiten; weist du nicht, daß hier Schule ist? Ich bin beauftragt, die Glocke zu läuten: um acht Uhr, wenn die Kinder die Klasse betreten, läute ich; um zehn Uhr, wenn sie sie verlassen, läute ich. Sechs Piaster im Monat, einen halben Ballen Reis und Pökelfische. Es ist eine gute Stelle! Unglücklicherweise bin ich genötigt, sie aufzugeben. Mein Arzt hat mir Luftveränderung verordnet, ich gehe aufs Land.« »Nun, Gevatter, da du genötigt bist, fortzugehen, so überlaß mir deine Stelle.« »Ich würde gerne schon heute gehen, wenn ich jemanden fände, der mich ersetzen kann.« »Nun, da bin ich ja!« »Nun, schön, wenn ich dich aber meine Stelle einnehmen lasse, so hüte dich, daß du nicht versäumst, rechtzeitig zu läuten.« »Fürchte nichts, Gevatter, ich werde mir niemals etwas zuschulden kommen lassen. Gib das Seil!« Der Hase gibt ihm das Seil und sagt: »Hör nun zu, es wird gleich zehn Uhr von der Kirche läuten; achte darauf und läute dann auch du!« Der Hase geht, der Couroupas sitzt zu Füßen des Schwarzholzbaumes; er hält das Seil und horcht mit gespitzten Ohren. Die Kirche läutet: der Couroupas zieht an seinem Seil. Nichts! Die Glocke läutet nicht. »Mama, wie geht sie doch schwer, diese Glocke!« Der Couroupas hängt sich ans Seil. Er zerrt und schüttelt. Plötzlich bricht der Zweig und das Nest stürzt herunter. Wütend schwärmen die Wespen aus, stürzen sich auf den Couroupas, zerstechen ihm Gesicht, Hände, Füße, Augen, kurz, übersähen ihn mit Stichen. »Au, Mama!« Der Couroupas läuft davon, die Wespen hängen sich an ihn und stechen und stechen. Ein oder zwei Monate gehen hin. Der Couroupas war geheilt. Eines Tages, als er durch einen Tannenwald ging, bemerkte er den Hasen. Sein Zorn erwachte. »Heda, du Hundesohn, ich muß dich töten!« Aber der Hase war durchtrieben. »Holla, Schwarzer, bist du toll, mich so anzuschreien, weißt du nicht, daß hier die Kirche ist? Schaue die Säule an (es waren die Palmenstämme, auf die er zeigte), ich bin der Kirchendiener und muß dich vor die Türe setzen, wenn du so laut sprichst.« Der gescholtene Couroupas fand kein Wort der Erwiderung. Der Hase kommt und geht in der Kirche, tritt auf den Couroupas zu und sagt: »Hier, Gevatter, koste mal dies Weihwasser!« Es war Honig. Bei seinem Hin und Her hatte der Hase seinen Finger in eine Tasse getaucht, die er unter Farnkraut verborgen hatte. Der Couroupas kostet den Honig und macht große Augen: »Mama, das ist kein gutes Weihwasser! Wo aber befindet sich denn das Weihwasser, hier in der Kirche?« Der Hase führt ihn: »Hier!« Es war ein Bienenstock und die Bienen waren noch darin. Der Hase verläßt den Couroupas und drückt sich. Der Couroupas nähert sich dem Bienenstock. »Ich möchte wohl mein Gebet verrichten, zuerst aber muß man Weihwasser nehmen.« Er taucht die Hand in den Bienenstock: ein Schwarm, ein Schwarm von Bienen erhebt sich; sie stürzen auf ihn und hängen sich ihm wütend an. Er ist rasend, er wälzt sich auf der Erde, er rührt sich nicht mehr, er ist wie tot. Die Bienen halten ihn wirklich für tot und lassen von ihm ab. Zwei oder drei Monate vergehen, der Couroupas ist geheilt. Eines Tages begibt sich der Hase zur Tochter des Königs, um ihr Besuch zu machen, und während der Unterhaltung fragt sie ihn: »Kennt Ihr den Couroupas?« »Ihr fragt, ob ich den Couroupas kenne? Wie sollte ich nicht! Er ist ja mein Pferd. Um vier Uhr, nachher, wenn Ihr am Fenster seid, könnt Ihr mich auf ihm vorbeireiten sehen.« Der Hase verläßt den Königspalast und geht in den Wald. Er kannte die Stelle, wo eine Henne brütete; er geht hin, nimmt drei faule Eier und steckt sie in die Tasche. Dann setzt er sich auf einen Stein am Weg, den der Couroupas zu nehmen pflegte. Der Couroupas kommt und sieht den Hasen: »Elender Lump! Heut sollst du mir nicht entgehen! Ich werde dich töten!« Der Hase tut, als ob er weint: »Ach weh, mein Freund, du brauchst dir nicht die Mühe zu machen, mich zu töten. Ich bin sehr, sehr krank und werde gleich sterben. Weh, weh! Was ich leide! Verzeihe, Gevatter, verzeihe! Komm, hilf mir aufstehen. Ich will versuchen mich ins Krankenhaus zu schleppen; vielleicht kann der Arzt mir Erleichterung verschaffen. Weh, weh! Ich habe ein Feuer in der Brust!« Der Couroupas nähert sich ihm und entsetzt sich über den gräßlichen Geruch: der Hase hatte heimlich ein faules Ei zerbrochen. »Puh, wie du stinkst, du bist wirklich krank, man kann es nicht bei dir aushalten!« »Ja, Bruder, es ist schon die Leiche. Ich werde sterben, ich fange schon an zu stinken. Ach, ich kann ja nicht mehr laufen, trag mich ins Hospital, mein Bruder und Gott wird dir's lohnen! Ach, ach!« Der Couroupas hat ein gutes Herz, er nimmt ihn auf den Rücken. »Gib mir einen Zügel, Bruder; ich bin zu schwach, zu matt, ich würde hinunterfallen.« Der Couroupas gibt ihm einen Zügel. »Gib mir eine Peitsche, lieber Bruder; ich werde dir mit dem Stiel zeigen, wie du zu gehen hast, denn der Weg zum Hospital ist schwer zu finden. Ach, wenn ich spreche, brennt es mich wie Feuer in dem Halse; du mußt mich nicht sprechen machen, lieber Bruder! Als der Hase als Reiter auf dem Couroupas Zügel und Peitsche in der Hand hält, lenkt er ihn zum Königspalast. Der Couroupas geht und geht; es ist so seine Art, langsam zu gehen. Der Hase sagt: »He du, das Hospital schließt um vier, du mußt galoppieren oder wir kommen zu spät.« Der Couroupas bleibt bei seinem Gang. Doch der Zügel geht ihm durchs Maul, und der Hase zieht daran: »He, du, Galopp, wenn ich dir doch sage!« Der Couroupas ärgert sich: »Wenn du nicht ruhig bist, so werfe ich dich ab!« Der Hase lacht: »Versuches, Kamerad, versuch's!« Und der Hase gibt ihm einen Peitschenschlag. Der Couroupas will ihn abwerfen. Unmöglich! Die Zügel schneiden ihm ins Maul, die Peitschenschläge betäuben ihn, er muß sich wohl oder übel in Galopp setzen. So kommen sie an dem Fenster der Königstochter vorbei; der Hase zieht den Hut. Man war nicht weit vom Meeresstrande. Der Hase drängt den Couroupas vorwärts und nötigt ihn mit Hilfe von Peitschenhieben, ins Wasser zu gehen. Der Couroupas, der nicht schwimmen kann, will stehen bleiben. Unmöglich! Der Hase zwingt und zwingt ihn weiter. Das Wasser geht ihm über den Kopf, er hebt die Arme, er öffnet den Mund zum Schreien, er schluckt Wasser und ertrinkt. Der Hase kehrt ans Land zurück. Als seine Kleider trocken sind, geht er zur Tochter des Königs und sagt: »Dieser Couroupas, du weißt schon, war ein trauriges Reittier! Ich habe ihn verkauft.« Der Affe und die Schildkröte Aus Mauritius Es waren einmal ein Affe und eine Schildkröte. Die Schildkröte hatte elf Kinder. Der Affe war ein Vagabund. Die Schildkröte ging arbeiten, und als ihre Arbeit getan war, bekam sie ihren Lohn und ging und kaufte einen Ballen Reis. Auf dem Heimweg ließ sie sich am Wegrand nieder, setzte den Ballen Reis auf die Erde und ging Holz sammeln. Bei ihrer Rückkehr fand sie den Affen auf ihrem Reisballen sitzen. Der Affe sagte zu ihr: »He, Gevatterin, seht, ich habe hier einen Ballen Reis gefunden!« »Dieser Reis ist nicht Euer, Gevatter, das ist Reis, den ich für meine Kinder gekauft habe. Ich habe ihn am Wegrand niedergelegt, um Holz zu sammeln. Aber dieser Reis ist mein, gebt ihn mir zurück!« Der Affe will nichts hören und sagt: »Was gut zu nehmen ist, ist auch gut zu behalten! Ich gebe ihn nicht zurück.« Die Schildkröte ist verzweifelt, aber was tun? Sie sagt zum Affen: »Also, Gevatter, verkauft mir ein Pfund!« »Unmöglich, Gevatterin, mein Reis ist nicht zu verkaufen. Geht zum Chinesen!« »Schön, Gevatter, eines Tages sprechen wir uns wieder.« Eines Tages saß der Affe auf einem Baum, und sein Schwanz hing auf die Erde herab. Die Schildkröte kommt vorbei, sieht den Schwanz, ergreift ihn und ruft: »Ha, was für einen schönen Affenschwanz Hab' ich da gefunden! Was gut zu nehmen ist, ist auch gut zu behalten! Ich gebe ihn nicht zurück.« »He, Gevatterin, Ihr spaßt, nicht wahr? Das da ist mein Schwanz.« »Der Reis am Wege gehört dem, der den Reis nimmt, der Schwanz am Wege dem, der den Schwanz nimmt.« Der Affe ärgert sich. Er zerrt an seinem Schwanz. Die Schildkröte läßt nicht los und folgt dem Schwanz. Der Affe zerrt, die Schildkröte geht mit, und der Affe bringt alle beide vor Gericht. Der Richter saß auf seinem Sitz. Der Affe sagte zu ihm: »Mein Herr Richter, befehlt der Schildkröte, daß sie mir meinen Schwanz wiedergibt.« Die Schildkröte sagte zum Richter: »Mein Herr Richter, befehlt dem Affen, daß er mir meinen Reis wiedergibt.« Der Richter läßt sie erzählen. Als er die ganze Geschichte vernommen, sagte er zu dem Affen: »Wo ist der Reis?« Der Affe lachte, schlug sich auf den Wanst und sagte: »Da drin, mein Herr Richter.« Der Richter ruft einen Diener und befiehlt ihm, einen Klotz herbeizubringen. Der Klotz wird gebracht. Der Richter befiehlt dem Diener, den Schwanz des Affen auf den Klotz zu legen und abzuschlagen. Darauf fällte der Richter sein Urteil: »Was gut zu nehmen ist, ist auch gut zu behalten. Der Affe hat einen Ballen Reis vom Wege genommen, der Ballen Reis gehört ihm. Die Schildkröte hat ein Stück Schwanzende vom Wege mitgenommen, das Schwanzende gehört ihr. Wenn aber der Affe das Schwanzende kaufen will, um es seiner andern Schwanzhälfte wieder anzukleben, so befehle ich der Schildkröte, dem Affen dieses Schwanzende für einen Ballen Reis von Balam zu verlaufen. Ich habe gesprochen, geht!« Der Elefant und der Hase Aus Mauritius Zum Hasen sagte eines Tags der Elefant: »Suchen wir uns ein Fleckchen Erde, damit wir uns einen Garten daraus machen.« Der Hase war einverstanden und sagte zum Elefanten: »Aber laß uns eine Vereinbarung treffen, Gevatter! Derjenige, dessen Hacke sich zuerst lockert, darf sie stets auf dem Kopfe seines Kameraden wieder festhauen.« Der Hase lockerte nun von vornherein den Stiel seiner Hacke, der jeden Augenblick abfiel, und jedesmal rief der Hase dem Elefanten: »Gevatter, meine Hacke ist los, komm, bring mir deinen Kopf, damit ich sie wieder festmache!« Der Elefant lieh seinen Kopf, und der Hase schlug seine Hacke fest. Einmal aber löste sich auch die Hacke des Elefanten. Und der Elefant rief dem Hasen: »Gevatter, meine Hacke hat sich gelockert, bring mir deinen Kopf, damit ich sie festschlage!« Dem Hasen klopfte das Herz. Er sagte zum Elefanten: »Wie, hast du kein Mitleid mit mir, mein Kamerad? So ein kleiner Kopf wie der meinige, beim ersten Hieb wirst du ihn mir zerhauen.« Der Elefant ärgerte sich. »Das geht mich nichts an, Gevatter, wir haben eine Vereinbarung getroffen. Als deine Hacke sich gelockert hatte, habe ich dir meinen Kopf gegeben. Fetzt ist es meine Hacke, die sich gelockert hat, und du mußt mir deinen Kopf geben, um sie festzuschlagen.« Der Hase will seinen Kopf nicht bringen, der Elefant will ihn schlagen. Ein großer Streit entsteht, der Hase flieht. Die Gemeinschaft ist aufgelöst, der Hase und der Elefant arbeiten nicht mehr zusammen. Eines Tages gibt der Elefant einen Ball. Er lädt alle Tiere ein, mit Ausnahme des Hasen. Die Schildkröte macht den Fiedler, und die Violine ist eine Kalebasse. Als der Hase hört, daß die Schildkröte zum Tanz aufspielen wird, sagte er zu ihr: »Gevatterin, setzt mich in Eure Kalebasse, und ich werde für Euch spielen. Aber jedesmal, wenn man Euch zu trinken gibt, und jedesmal, wenn man Euch zu essen gibt, tut ein wenig für mich in die Kalebasse!« Der Ball beginnt, der Hase spielt, die Schildkröte gibt ihm zu trinken. Da wurde der Hase ganz betrunken, denn er hatte sehr viel bekommen und begann zu singen, was ihm in den Sinn kam. Der Elefant horcht und horcht, er erkennt, daß der Hase in der Kalebasse sitzt. Er ärgert sich und stellt die Schildkröte zur Rede, weshalb sie den Hasen in der Kalebasse mitgebracht habe. Er will die Schildkröte schlagen, die Kalebasse fällt zur Erde, zerbricht, und der Hase entflieht. Der Hase und die Schildkröte Aus Mauritius Vor langer, langer Zeit gab es auf Mauritius einen König, der ein großes Badedecken hatte. Dort nahm er jeden Morgen sein Bad, wie sein Arzt es ihm verordnet hatte. Eines Tages, als er bei dem Becken ankam, war das Wasser schmutzig und das Baden unmöglich. Der König ruft den Wärter und schilt ihn aus. Am andern Morgen ist das Wasser schmutzig. Am dritten Tage ist das Wasser schmutzig. Der König packt den Wärter, schüttelt ihn tüchtig und sagt: »Heda, Sohn eines Hundes! Du willst wohl, daß ich in dem Wasser da die Krätze kriege? Wenn das Becken morgen nicht sauber ist, so kannst du etwas erleben!« Der Wärter hat Angst. Als es Abend wird, nimmt er seine Flinte und verbirgt sich in den Büschen am Ufer. Die Nacht war schwarz, kein Mond war zu sehen. Um Mitternacht hörte er, daß man kommt: Tat, tat, tat, es war ein Hase. Ehe der Wächter noch Zeit hat, die Flinte zu heben, kommt der Hase gerade auf ihn zu und sagt: »Guten Tag, guten Tag, Wärter! Wie glücklich bin ich, dich zu sehen! Schon lange wäre ich dir gerne begegnet, denn ich habe dir was Herrliches zu geben. Koste einmal diesen Honig, den meine Eltern mir von den »Drei Inseln« geschickt haben. Dann sollst du mir sagen, ob du jemals so guten Honig gekostet hast.« Der Wärter nimmt die Kalebasse und tut einen tüchtigen Schluck. »Ja gewiß, ausgezeichnet!« Der Wärter klebt an der Kalebasse und leert sie. Aber ich bin gewiß, daß der Hase dem Honig irgendein besonderes Kraut beigemengt hat. Der Wärter hat nur gerade Feit, sich am Rande des Beckens hinzustrecken, als der Schlaf ihn übermannt; er schnarcht. Der Hase zieht sich lachend aus und steckt den Kopf ins Wasser. Dieser Hase war voller Boshaftigkeit. Als er genug hat, steigt er aus dem Becken heraus, bricht sich einen langen Stecken ab, rührt den Schlamm auf, macht aus dem ganzen Becken die reinste Schokoladentasse und trollt sich. Bei Tagesgrauen kommt der König. Er wirft nur einen Blick auf sein Becken. Welch eine Wut! Der Wärter schlief noch immer am Rande des Wassers. Der König nimmt denselben Stecken, dessen sich der Hase bedient hatte, um das Wasser zu trüben, und fällt über den Wärter her. Unter diesem Hagel von Schlägen erwacht der Wärter schnell. And kaum ist er auf, so nimmt er die Beine unter den Arm und reißt aus in den Wald, aus dem er nie mehr zurückkehrte. Der König ließ austrompeten: Ein Wärter für ein Badebecken wird gesucht. Acht Piaster im Monat, einen halben Ballen Reis und Proviant aus den Magazinvorräten. Wenn aber der Wärter gestattet, daß irgendwer das Wasser im Becken trübt, so wird man ihm den Kopf abhauen. Die Tiere, die diese Drohung hören, haben sämtlich Angst. Niemand fragt nach der Stellung: Der Hahn hat Angst, der Hund hat Angst, die Gans hat Angst. Drei Tage gehen hin. Der Hase badet sich und trübt das Wasser. Der König weiß nicht, was beginnen. Er hat ein Jucken am ganzen Körper. Schon sieben Tage hat er sein Bad nicht nehmen können. Am vierten Tage kommt der Offizier des Königs und meldet ihm, daß jemand da ist, um die Stelle des Badewärters zu übernehmen. »Laß ihn eintreten!« Es ist eine ganz gemeine, unbedeutende Schildkröte. Der König sieht sie an und hat große Luft, in Zorn zu geraten. »Meinst du, du könntest die Leute verhindern, mir mein Wasser zu trüben?« »Ja, mein König, ich.« »Du kennst die Bedingungen. Wenn das Wasser trüb ist, so schneide ich dir den Hals ab.« »Ja, mein König, ich kenne die Bedingungen, und da Schildkrötenfleisch ganz wohlschmeckend ist, so kannst du aus mir eine Kurry-Pastete machen. Aber ich glaube nicht, daß du diesmal Aussicht hast, mir Geschmack abzugewinnen. Besser wäre es, du sagtest deinem Koch, daß er eine Henne rupft.« »Gut, Gevatterin, morgen früh werden wir ja sehen. Tritt heute abend deine Stelle an!« Die Schildkröte geht. Sie begibt sich zu einer Freundin und läßt sich von ihr die ganze Schale mit Teer überstreichen. Bei Sonnenuntergang kommt sie am Badebecken an. Sie duckt sich auf den Weg, wo der Hase vorüberkommen muß, und wartet. Tak, tak, tak, der Hase kommt. Der Hase sieht den schwärzlichen Gegenstand in der Mitte des Weges, macht halt und guckt. Die Schildkröte hat den Kopf unter ihre Schale zurückgezogen, nichts rührt sich, sein Herz schlägt wieder ruhiger. Er hat keine Angst mehr und sagt: »Das ist ein Stein! Jetzt bin ich ganz sicher, natürlich ein Stein. Welch ein guter Mann der König doch ist! Sicherlich hat er seinem Diener aufgetragen, diese kleine Bank am Rande des Beckens herzustellen, damit ich etwas habe, auf das ich mich setzen kann, wenn ich mir die Hosen ausziehe, um mich in seinem Wasser zu baden.« Der Hase lacht und setzt sich auf den Stein. Auf einmal rührt sich der. Der Hase merkt es: »Ah,« sagt er, »wie schlecht die Dienstboten doch in Mauritius ihre Arbeit tun! Sie haben vergessen, meinen Sessel festzurammen.« Und er will aufstehen, um unter seine kleine Bank einen Keil zu schieben. Unmöglich! Er ist am Teer festgeleimt. Die Schildkröte steckt den Kopf aus der Schale: »Wie denkst du darüber, Gevatter? Was mich angeht, so meine ich, diesmal hast du dich wohl gefangen.« Der Hase ist reingefallen. Aber man muß doch versuchen, sein Leben zu retten. »He, du, Gevatterin! He, du!« sagt er, »du möchtest gerne einmal lachen, nicht wahr? Ich verstehe den Spaß, wie du siehst, und ich rede sanftmütig. Gib mich frei, sag' ich, gib mich frei, setze mich nicht in Wut!« Die Schildkröte hatte sich in Marsch gesetzt, um ihn vor den König zu tragen. Sie begnügt sich ihm zu sagen: »Wie du willst; sprich, wenn das dich erleichtert!« »Eins! Zwei! Wirst du mich nicht loslassen?« Bamm! Der Hase versetzt ihr einen Schlag mit einem seiner Hinterläufe. Der Lauf klebt fest. Bamm! Der andere Lauf klebt auch. Die Schildkröte kehrt sich nicht daran, sie marschiert und verfolgt ihren Weg. Der Hase sagt zu ihr: »He, du! Ich habe mehr Kraft in meinen Vorderläufen. Also höre zu, gib mich gutwillig frei!« Die Schildkröte marschiert und antwortet nichts. Bumm! Ein Schlag mit dem linken Vorderlauf. Bumm! Ein Schlag mit dem rechten Vorderlauf. Festgeleimt, festgeleimt, alle beide! Der Hase klebt mit seinen vier Pfoten zusammen wie ein Schwein, das der Chinese zum Basar trägt. Aber noch immer müht sich der Unglückliche, sich aus der Falle zu ziehen. Er sagt in drohendem Ton: »Hör zu, ich rede zum letzten Male, alle meine Kraft ist in meinem Kopf. Mein Kopf ist wie ein Eisenhammer. Wenn ich dir einen Schlag damit gebe, so zerquetsche ich dich wie eine reife Melone. Laß mich also, sag' ich dir, laß mich los!« Die Schildkröte marschiert und antwortet nicht. Der Hase hebt den Kopf, so hoch er kann, nimmt alle Kraft zusammen und schlägt zu. Bumm! Der Kopf ist festgeleimt. Da sind sie auch beim König. Die Schildkröte lacht, der Hase weint. Als der König den Hasen so auf der Schildkröte festgeleimt sieht, muß er trotz seines Zornes lachen. Die Schildkröte sagt: »Da ist er, mein König. Ihr werdet zu Eurem Mittagessen also nicht Schildkrötenpastete, sondern Hasenfleisch haben. In Wein gelocht schmeckt es nicht übel.« Der König zieht seinen Säbel, läßt den Kopf des Hasen springen und schickt die Beute in die Küche. Dann ruft er seinen Diener: »He, du, ich gehe ins Bad! Komme, mich im Wasser abzureiben, ich fühle, mein Körper ist sehr schmutzig, ja wirklich sehr!« Der Affe und die Schwalbe Aus Mauritius Gevatter Affe und Gevatterin Schwalbe taten sich eines Tages zusammen, um einen kleinen Spezereiladen zu eröffnen. Aber sie mußten zunächst aus einem anderen Lande Waren beschaffen. Was tun? Man suchte, und der Affe fand einen Ausweg. Er geht zum Basar und kauft eine dicke Gurke, schneidet sie der Länge nach in zwei Teile und ißt die eine Hälfte, die andere Hälfte höhlt er aus, säubert sie, macht ein Boot daraus und setzt es aufs Meer. Sie schiffen sich ein. Die Schwingen der Schwalbe dienen als Segel und der Schwanz des Affen als Ruder. Man segelt ab. Auf halber Fahrt hat der Affe Hunger. Er nagt mit den Zähnen ein Stück des Bootes ab und ißt es auf. Die Schwalbe sagt: »He, du Gevatter, du spaßest wohl? Nimm dich in acht, daß unser Boot nicht umschlägt. Ich, die ich Flügel habe, kann ja davonfliegen, du aber wirst ertrinken, hörst du!« Der Affe lacht nur: »Hab doch keine Angst, Gevatterin, das Boot hatte rückwärts so einen Buckel, den habe ich ihm weggenommen.« Sie fahren und fahren. Der Affe hat Hunger. Von neuem beißt er in das Boot, die Gurke legt sich auf die Seite. Der Affe nagt auf der andern Seite, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Die Gurke schlägt um, der Affe rollt ins Wasser, die Schwalbe fliegt davon. Während der Affe mit den Armen das Wasser schlägt und zu schwimmen versucht, kommt ein Fisch dahergeschwommen. Der Affe ruft ihn an: »He, du Gevatter, wenn du mich ans Land setzest, so schenk ich dir einen Sack voll Geld, und der Gouverneur wird dir ein kleines Medaillon an einem Bündchen geben, dafür daß du jemanden aus dem Wasser gezogen hast. Sag, ist dir's recht?« Der Fisch ist gutmütig; er nimmt den Affen auf den Rücken und trägt ihn ans Land. Nachdem der Affe sich tüchtig geschüttelt hat, sagt er zum Fisch: »Dank, Gevatter, mein Kompliment, du schwimmst gut. Doch wart einen Augenblick, ich will deinen Sack voll Geld holen. Die Geschichte mit der Medaille wird sich schon später ordnen.« Dem Fisch läuft vor Gier das Wasser im Munde zusammen; er bleibt ganz nahe am Ufer, und der Affe läuft nach Haus. Der Affe kommt zurück und trägt einen sehr großen Sack. Auf den Boden des Sackes hat er ein paar große Sous-Stücke hingelegt und eine Menge flache Kiesel. Er schüttelt den Sack tüchtig hin und her, damit die Sous-Stücke gegen die Kiesel klingen. Dann geht er ein Stückchen ins Wasser, öffnet den Sack und sagt zum Fisch: »Komm, zähle!« Der Fisch kriecht in den Sack, der Affe schließt ihn schnell, trägt ihn ans Land, nimmt einen Stecken und tötet den Fisch. Und er hält sich den Bauch vor Lachen. »He, wie dumm ist doch so ein Vieh! Ha, ha, Geld und eine Medaille, ha, ha, wie muß ich lachen!« Dann nimmt der Affe den Sack auf den Rücken und geht ins Land hinein, indem er ausruft: »Fisch, schönen, guten Fisch für Pasteten. Schönen, frischen Fisch für Pasteten!« Er kommt am Hause eines alten Mütterchens vorbei, das auf der Schwelle sitzt. »Braucht ihr keinen Fisch für Pastete? Ich selbst würde sehr gerne so eine Pastete essen, aber ich habe kein Geld dafür. Hört zu! Wenn ihr guten Reis habt, guten Marsala, gutes Piment, so könnten wir einen Handel machen. Ich liefere das Fleisch, und Ihr gebt das andere; Ihr macht die Pastete, und wir essen sie zusammen.« Die gute Frau ist einverstanden und setzt die Pastete ans Feuer; der Affe setzt sich und wartet. Als die Pastete ins Kochen kommt, verbreitet sie einen köstlichen Duft durch das ganze Haus. Der Affe öffnet die Nüstern, und das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. Er sagt zur Alten: »Essen wir jetzt, es hat schon genug gekocht, meine Nase sagt mir das.« »Nein, Herr Affe, es muß noch etwas auf dem Feuer stehen. Wartet einen Augenblick; mein Junge ist trockenes Holz sammeln gegangen, er wird gleich heimkommen, dann essen wir zusammen.« Als der Affe vernimmt, daß sie die Pastete zu dritt teilen sollen, wurmt ihn das sehr. Das ist unmöglich. Er läuft hinaus in den Hof und steigt auf einen hohen Tamarindenbaum. Er tut, als blicke er weit in die Ebene hinaus, und plötzlich schreit er: »Ach, ach, sie werden ihn töten! Gute Frau, gute Frau, es ist Euer Sohn! So lauft doch, man schlägt ihn nieder. He, lauft! Lauft! Sie werden ihn töten.« Die gute Frau läuft hinaus und jagt davon. Der Affe steigt vom Tamarindenbaum herunter und geht in die Küche. In einem Augenblick hat er Reis und Pastete verschlungen. Aber seht, welche Bosheit und Niedertracht! Dieser abscheuliche Affe verunreinigt die Kochtöpfe, setzt sie wieder aufs Feuer und lehrt auf den Tamarindenbaum zurück. Die gute Frau trifft am andern Ende der Ebene mit ihrem Sohne zusammen. Er ist allein und kommt ruhig mit einem Bündel auf dem Kopfe daher. Die gute Frau errät leicht, daß der Affe sie angeführt hat; sie beeilt sich, mit ihrem Sohne heimzukommen. Die gute Frau betritt die Küche. Die Kochtöpfe stehen noch immer auf dem Feuer. Sie verbreiten einen schrecklichen Geruch. »Aber dieser Fisch war doch nicht verdorben!« Sie nimmt einen Topf vom Feuer, hebt den Deckel ab. »Du mein Gott, mein Kochtopf hat sich in einen Nachttopf verwandelt.« Sie sind wütend und suchen den Affen, um ihn zu töten. Der sitzt auf dem Tamarindenbaum und lacht aus vollem Halse. Der Junge hört ihn lachen, blickt auf und ruft ihm zu, herunterzukommen. Der Affe lacht noch mehr. »Lieber sollst du hinauf kommen, dann könnten wir in den Zweigen Versteckens spielen.« Aber die gute Alte ist auch boshaft. Sie kocht einen großen Kessel voll Schiffsteer, nimmt einen Pinsel und bestreicht den ganzen Stamm des Tamarindenbaumes von oben bis unten mit Teer. Dann machen sie zu Füßen des Baumes ein großes Feuer an; als das Feuer flammt, werfen sie grünes Holz und feuchtes Stroh hinein. Der Affe droben kann die Hitze und den Rauch, der ihm die Augen verbrennt, nicht mehr ertragen. Er läßt sich hinuntergleiten und erreicht die Teerschicht: seine Hände, seine Füße, sein Bauch, alles klebt am Baum. Die gute Alte nimmt ihren Reisstößer und versetzt ihm nur einen einzigen Schlag damit. Bumm! Sie bricht ihm das Kreuz. Sie lösen ihn vom Teer los, ziehen ihm die Haut ab und machen ein schönes Ragout aus ihm. Ich gehe vorbei und bitte den Jungen nur um einen Knochen. Er aber gibt mir einen Fußtritt, und ich fliege hierher, um euch diese Geschichte zu erzählen. Der Hase und der König Elefant Aus Mauritius Früher einmal war der Elefant der König der Tiere, aber dieser arme König war so alt, so alt, daß er nichts mehr tun, sich mit nichts mehr befassen konnte. Er ging den ganzen Tag mit offenem Munde geifernd herum wie ein kleines Kind, das zahnt. Ein untauglicher Greis, sag' ich euch. Die Tiere jedoch taten so, als glaubten sie, daß er immer lächle und deshalb den Mund auf habe, und alle sagten sie: Seht doch nur, welch guten König wir haben; er lacht immer, er lacht ununterbrochen. Die trockene Jahreszeit kam. Kein Regen fiel, alles Gras war von der Sonne verbrannt. Der Hase sucht nach Futter und findet nichts. Keinen Salat, keinen Kohl, nichts, gar nichts. Aber ihr wißt, der Hase ist immer voller Bosheit. Als er den offenen Mund des Königs Elefanten sieht, erspäht er den Augenblick, wo niemand ihn sehen kann, und springt dem König in den Mund. Von dort kriecht er ihm in den Bauch und macht sich daran, die Eingeweide zu fressen. Der Elefant fühlt nichts, sein Mund bleibt offen, er lacht, er lacht immer. Der Hase ist ein böses Tier. Nachdem er genug Gedärme gefressen, beginnt er, das Herz des Königs anzunagen. Diesmal hört der alte König mit Lachen auf, er schließt den Mund und stirbt. Als der Hase genug gefressen hat, will er wieder heraus. Unmöglich, das Tor ist zu. Was tun? Er kehrt in die Eingeweide zurück, setzt sich hin und denkt nach. Inzwischen haben draußen die Tiere gemerkt, daß der König tot ist. Sie tun verzweifelt, sie weinen, schreien und seufzen. Der Affe begibt sich zum jungen Elefanten, der seines Vaters, des Königs Nachfolger werden soll, und sagt: »Sir, um unsern Schmerz ein wenig zu lindern, so gestattet, daß wir den Leichnam Eures Vaters mit duftenden Gräsern, Zitronenkraut und Farnkraut umwinden. Dann tragen wir ihn zum Kirchhof. So wird es wenigstens länger dauern, bis er verwest, und wir können uns ein bißchen trösten. Welchen schrecklichen Verlust haben wir gehabt! Und alle Tiere wiederholten im Chor: Ja, Sir! Ja, Sir! Laßt uns den Leichnam Eures Vaters mit Laub umhüllen.« Der junge Elefant ist es zufrieden, er sagt zu ihnen: »Schön, hüllt ihn ein, da ihr es wünscht!« Der Affe sagt zu den andern Tieren: »Geht, sucht Gras und Laub. Ich behalte bei mir die Ratte, die Maus, den Tausendfüßer und den Wurm, um die Leiche zu entleeren. Man muß die Eingeweide herausnehmen und wegwerfen, sonst verwest er zu schnell.« Der Hase, der alles gehört hat, wickelt sich rasch in die Eingeweide. Der Affe läßt sie herausnehmen und weit wegwerfen, damit sie den Palast des Königs nicht mit schlechtem Geruch erfüllen. Als der Hase hört, daß sich alle entfernt haben, kriecht er aus den Eingeweiden heraus, leckt sich und putzt sich und rennt zum Kirchhof, wo man den Verstorbenen eingrub. Der Esel und der Papagei kamen und hielten lange Reden am Rande der Grube. Der Hase tut sehr eilig, stürzt am Grabe hin, hebt die Augen gen Himmel und beginnt: »Weh, weh, meine Brüder! Wie grausam hat Gott uns geschlagen, welch guten König haben wir verloren! Und ich war nicht da, um ihm die Augen zu schließen! Ich war auf den Drei Inseln bei dem Onkel meiner Frau, auch er ist ernstlich krank. Ich komme zurück und höre sagen: der König, unser guter König ist tot. Weh, weh! Laßt mich weinen! Alle seid ihr in Betrübnis, meine Brüder, alle, ich sehe es, fühlt ihr den Verlust. Aber niemand, niemand konnte so wie ich wissen, welch' gutes Herz, welch' ausgezeichnetes Herz unser König hatte. So erlaubt, daß meine Tränen fließen.« Der Hase verläßt den Kirchhof und geht, um sich am Rande des Baches Kresse zu suchen. Vom Hasen. Elefanten und Walfisch Aus Mauritius Vetter Hase ging eines Tags spazieren. Er kommt an den Meeresstrand, und wie er sich so das große Wasser ansieht, sieht er den Walfisch daherschwimmen. Hase, wie er ist, kann er nicht anders, als sich über die Größe dieses Tieres verwundern: »Mama! Welch ungeheures Tier!« Er ruft den Walfisch: »He! He du! Komm ein wenig näher. Ich hab dir ein Wörtchen zu sagen.« Der Walfisch schwimmt ans Ufer, und der Hase sagt zu ihm: »Gewiß, du bist groß und dick, aber nicht die Figur gibt die Kraft, die Sehnen und Muskeln sind es, die Kraft geben. Ich bin ganz klein, nicht wahr? Nun, willst du wetten, daß ich stärker bin als du?« Der Walfisch sieht ihn an und beginnt zu lachen. Der Hase fährt fort: »Hör zu. Ich werde eine große, dicke Leine holen; das eine Ende wirst du um deinen Schwanz befestigen, und das andere Ende schlinge ich mir um die Rippen. Jeder zieht an seiner Seite. Wetten wir, daß ich dich ans Trockene setze!« »Geh und suche dein Seil, mein Kleiner; wir werden sehen.« Der Hase verläßt den Walfisch, er geht in den Wald, sucht den Elefanten und sagt zu ihm: »Riesiger Kopf, ganz kleines Schwänzchen! Niemals haben Leute von solcher Gestalt wirklich Kraft besessen. Ich bin ganz klein, aber wenn wir uns miteinander messen würden, so wette ich, daß ich Sieger bliebe!« Der Elefant besieht sich den Hasen und beginnt zu lachen. Der Hase sagt zu ihm: »Hör zu, ich werde eine große, dicke Leine holen. Du bindest das eine Ende an deine Rippen und ich das andere um die meinigen. Jeder zieht von seiner Seite, und was gilt die Wette, daß ich dich wie einen kleinen Fisch bis an den Meeresstrand ziehe!« »Geh und hole dein Seil, Kamerad; wir werden sehen.« Der Hase geht und holt ein riesiges Seil. Das eine Ende gibt er dem Walfisch und sagt zu ihm: »Binde es gut fest. Wenn ich dir zurufe, ich bin bereit, dann zieh los! So fangen wir beide gleichzeitig an zu ziehen.« Der Walfisch bindet das Seil um seinen Schwanz und wartet. Der Hase bringt das andere Ende des Seiles zum Elefanten und sagt: »Binde es gut fest. Gleich werde ich dir zurufen, daß ich bereit bin, und dann muß jeder von seiner Seite ziehen.« Der Elefant bindet sich das Seil um die Rippen und wartet. Der Hase geht und versteckt sich in den Dornen. Dann ruft er plötzlich: »Ich bin bereit, zieh!« Der Walfisch zieht von hier, der Elefant zieht von dort. Das Seil spannt sich an wie eine Saite auf der Geige. Sie legen beide ihre ganze Kraft hinein; keiner von beiden kann den andern in Bewegung setzen. Sie ziehen! sie ziehen! Plack!!! das Seil reißt. Der Elefant streckt alle Viere in die Luft; der Walfisch gerät ins Korallenriff und verwundet sich. Der Hase läuft zum Elefanten: »Ah, Kamerad! hast du dir weh getan? Warum spielst du aber auch mit einem, der stärker ist als du!« Der Elefant findet kein Wort der Entgegnung. Der Hase läuft zum Walfisch an den Meeresstrand, sieht das vom Blut gerötete Wasser und ruft: »Es tut mir leid, daß du verwundet bist; du hast dir weh getan, und ich bedaure das wirklich. Aber warum rühmst du dich auch, daß du so stark seiest wie ein Hase. Es ist dumm, so stolz zu sein!« Der Walfisch bleibt stumm. Was hätte er auch antworten sollen?