Benno Rüttenauer Frau Saga Historien und Legenden   München bei Georg Müller Copyright 1930 by Georg Müller Verlag Aktiengesellschaft, München Printed in Germany     Dem Freund Wilhelm Schäfer zugeeignet     Das Weib des Dataphernes In den östlichsten Gegenden des von ihm erbeuteten Persischen Reiches war's, nicht weit mehr von den Grenzen des heiligen Indien, wohin so lange schon die ungeduldige Sehnsucht seiner abenteuerlichen Seele ihn lockte, und der fast fabelhafte und auch fast jünglinghafte Eroberer stand von neuem im Feldlager, diesmal gegen einen, der sich ihm noch kurz zuvor unterworfen und in Freundschaft verbunden hatte. Jetzt aber nannte er sich selber einen König der Perser, und in gewaltig verschanztem Lager und mit seinem furchtbaren Heer aller Unzufriedenen aus Margianien, aus Sogdianien, aus Baktrien und aus dem Parapanesischen Gebirgsland verstellte er dem fremden Vordringling den Weg, auf dem ihm seine eigenen Krieger bereits nur dumpf murrend und widerstrebend folgten; denn ihnen, den Phantasielosen, stand nur die Gegenwart mit ihren unmenschlichen Leiden und Mühseligkeiten vor Augen, und kein Gott in ihrem Innern zeigte ihnen, wie ihrem jugendlichen Führer und König, die Wunder der Verheißung. Wieder einmal sah sich Alexander in einer schwierigen und fast verzweiflungsvollen Lage. Aber wie so oft die Großen und Größten dem Glück mehr zu verdanken hatten als ihrem Vermögen, wenn man nicht sagen will, daß eben auch das Glück ein Teil ihrer selbst ist: ebenso erfuhr es jetzt Alexander. Schon am frühesten Morgen, nachdem er sich aus den ihn umschlingenden Armen des Exkipinos sanft gelöst hatte, sanft und vorsichtig, um den schönen Liebling und Lagergenossen nicht zu erwecken, hatte er sich von seiner elfenbeinernen Lagerstätte erhoben. Von zwei nackten schwarzen Sklaven ließ er sich baden und salben und trat dann in den Ankleideraum seines weitläufigen königlichen Gezelts, wo zwölf adelige Jünglinge aus Makedonien, denen dies als Ehrendienst oblag, seiner harrten. Sie hielten bereits auf hochgestengelten bronzenen Dreifüßen die einzelnen Stücke seiner Rüstung in Bereitschaft, die sie ihm nun mit freudigem Eifer anzulegen begannen, zuerst die Stiefel von grünem Leder mit goldenen Sohlen und Schnürwerk, dann die geringten Beinschienen und Armspangen, zuletzt den Harnisch, alles in schwerübergoldetem Silber ... Noch nicht lange trug er solche Prunkrüstung; erst seitdem er dem Goldland Indien näher und näher rückte, hatte er nicht nur sich selber, sondern auch seine Feldherren damit ausgestattet, er wolle, sagte er, nicht ärmlich erscheinen vor dem Glanz der indischen Könige, die von ihm den Eindruck haben sollten, daß er nicht um Beute käme, sondern allein des Ruhmes halber. Als man ihm jetzt den Schild mit dem goldenen Bild der strahlenden Sonne und den stählernen, mit Gold eingelegten, von schneeigweißen Straußfedern überwallten Helm reichen wollte, winkte er ab, ließ sich in die Purpurkissen seines elfenbeinernen Stuhles nieder, in stummen Gedanken vor sich hinbrütend, nicht achtend, daß vor dem Zelt sein Schlachtroß wieherte und ihn zum Morgen grüßte für den bevorstehenden Kampf. Wie würde er ausgehen? An fester Verschanzung und an Zahl war ihm der Feind weit überlegen. Zwar an seinem Glück konnte ein Alexander nicht zweifeln nach all den Wundern, womit er den ganzen Erdball in Erstaunen versetzt hatte. Seine schwierige Lage aber mißkannte er nicht. Und der böseste Teil davon war ihm ein bis jetzt noch nicht Gekanntes: die heimliche Feindseligkeit eines großen Teils seiner eigenen Truppen. Oh, dieser Dataphernes! Sollte es diesem Elenden vergönnt sein, dem Siegeslauf eines Alexanders Einhalt zu tun und die Erfüllung seiner schönsten und letzten Träume zu verhindern? Auf diesem nämlichen Stuhl von Elfenbein mit den goldenen Löwentatzen zu Füßen und den goldenen Falken, diesem makedonischen Symbol, auf seinen Knäufen, hatte er vor kaum halber Jahresfrist diesen Dataphernes vor sich empfangen, der ihm den Afterkönig Bessus, den ruchlosen Mörder des großen Darius, gefesselt überbracht hatte, womit er sich die Gnade Alexanders zu gewinnen gedachte. Noch sieht dieser, wie gegenwärtig, den ehemaligen Satrapen des Darius vor sich auf den Knien liegen, die Stirne an den Boden gedrückt, bänglich harrend auf ein freundliches Wort Alexanders; denselben Dataphernes, der dann schon nach drei Wochen abtrünnig wurde, sich selber an des Bessus Statt zum König ausrufen ließ von den aufrührerischen Völkern und jetzt mit ihnen dem feindlich entgegenstand, der ihn vor diesem Stuhl mit gütiger Hand aus dem Staub aufgehoben und mit Freundschaft und Wohltaten überhäuft hat ... Solches alles dachte Alexander in seinem Hinbrüten, als er plötzlich in unwirsch heftiger Bewegung (daß man seine Locken rauschen hörte, würde vielleicht ein Dichter sagen) das gesenkte Haupt erhob und zornig fragenden Blicks nach dem Eingang des Gemachs schaute. Dort stand bereits eine kleine Spanne Zeit, den aufgehobenen Vorhang aus persischem Goldgewebe und smaragdgrüner Seide mit der Linken haltend, der Makedonier Pausippos, einer der königlichen Leibwächter, und hatte jetzt mit seinem Speerschaft merklich auf den Boden gepocht, den ein dicker, reichgemusterter persischer Teppich bedeckte. »Was soll's?« fragte Alexander barsch, der, nun einmal mißtrauisch geworden, weil er wirklich viele Makedonier widersetzlich gesinnt wußte, bald in jedem von ihnen, auch dem treuesten, einen Feind vermutete. »Ein Weib von großer Schönheit und königlichem Ansehen, aus dem feindlichen Lager kommend,« antwortete der Krieger, »bittet um die Gnade, vor dein Angesicht geführt zu werden, König.« Mit einem Augenwink gab Alexander seine Zustimmung, und ehe er die eintretende, tief verschleierte Erscheinung recht ins Auge fassen konnte, hatte sie sich auch schon vor ihm niedergeworfen, die Stirne auf den Boden gedrückt. »Erhebe dich,« sprach der König, zwar freundlich, aber doch gebieterisch, »und vor allem«, setzte er hinzu, als sie sich langsam und feierlich aufgerichtet hatte, »tu deinen Schleier hinweg.« Diesem Befehl leistete sie zögernd Folge, und Alexander, betroffen von einem unheimlichen Geruch frischen Blutes und den purpurklebrigen Flecken in den zart-feinen Geweben aus Gold und Weiß ihrer königlichen Gewänder, doch zugleich sichtbar hingenommen von des fremden Weibes seltener Schönheit und hoheitlicher Erscheinung, fand nicht gleich ein Wort. Doch nur kühlen Blickes betrachtete er sie. Denn eine einzige frauliche Schönheit nur besaß augenblicklich Gewalt über ihn (die schöne Unbekannte sollte es bald in grausamster Weise erfahren), nämlich die Schönheit der jungen Roxane, der Tochter des von ihm besiegten Königs Axyartes, der sich zu vermählen Alexander bereits fest entschlossen wußte, was auch seine Makedonier dazu sagen mochten, welche diese Verbindung ihres Königs mit einer Kriegsgefangenen und Sklavin, denn das galt für eins und dasselbe, wie eine Schmach empfanden, die ihnen der König anzutun im Begriff stand. Und wahrlich, allgewaltig mußte die junge Schönheit sein Gemüt oder seine Sinne beherrschen; denn kein Kleines war's, was er mit der geplanten Vermählung wagte, seinem ganzen Heere zum Trotz. Damit hatte die Unbekannte nicht gerechnet, und eingeschüchtert von seinen kalten Blicken, senkte sie verlegen die Augen. »Wer bist du und was begehrst du von mir?« fragte endlich in halb freundlich, halb strengem Tone der junge König und Herr der Welt. »Erkennst du nicht deine Magd, großer König?« gab das Weib dawider. »Und doch hat einmal deine Göttlichkeit mich begnadigt und hat dein göttliches Auge mich mit gütigem Wohlgefallen wahrzunehmen geruht.« »Weib, du bist kühn«, entgegnete ihr Alexander mit betonter Strenge. »Pochst du auf deine Schönheit? Ich frage, und statt zu antworten kommst du mir mit deinen eigenen Fragen. Wer bist du? Und was bedeuten die blutigen Flecken deines Kleides? Wirst du mich endlich einer Antwort würdigen?« Jetzt erhob die Unbekannte den Blick zu ihm auf, und ein leises Zittern schien die Pracht ihres Körpers unter den spinnwebfeinen Gewändern zu durchrieseln. »Ich bin das Weib des Dataphernes.« In Alexanders Blick spiegelte sich ein auftauchendes Erinnern, verbunden mit heftigem Erstaunen. »Wahrlich, ich entsinne mich,« sprach er, »zu Marakanda war's in den Gemächern deines Gemahls, der mich damals an seine verräterische Freundschaft glauben ließ; er selber hat dich vor mich geführt.« »Und dein göttliches Auge ruhte wohlgefällig auf deiner Magd,« fiel das Weib ein, »du fandest mich begehrenswert.« Alexander blickte mit kalter Strenge. »Wo hinaus willst du?« fragte er. »Was schaffst du in meinem Lager, du Weib des Verräters?« »Um dir zu sagen, König, daß er dich allein um meinetwillen verraten hat. Ich allein bin die Ursache seines verräterischen Abfalls.« Alexander horchte auf. »Was soll das? Bereut Dataphernes? Will er zu mir zurückkehren? Kommst du als Mittlerin? Aber warum ist dein Kleid befleckt mit Blut?« »Gefällt es dir, o König,« sprach jetzt das Weib des Dataphernes, »deiner Magd zuzuhören, so laß diese Jünglinge erst von dir hinausgehen.« Und auf einen Wink Alexanders entfernten sich die jungen Makedonier. »Ich sagte dir schon, Göttlicher,« fuhr sie darauf fort, »daß ich allein die Ursache bin an dem Abfall meines Gemahls von seinem hohen König und gnädigen Freund.« »Du willst ihn reinwaschen von seiner Schuld, von seinem stinkenden Verrat?« unterbrach Alexander. »Diesen Verdacht«, entgegnete sie, »wirst du nicht mehr hegen und wirst deine Magd, die vor dir im Staube liegt, gnädig anblicken, wenn du mich erst zu Ende gehört hast. Dataphernes liebte mich. Oh, selten ist ein Weib so geliebt worden. Er genoß keinen ruhigen Augenblick, wenn er mich nicht in seiner Nähe wußte. Ich mußte ihn überall hin begleiten, und so nahm er mich damals auch mit an dein Hoflager zu Marakanda ... Er war ganz unbändig stolz auf mich, und jedermann sollte ihn beneiden um sein Weib. Sogar du, du Göttlicher. Darum hat er mich vor dein Angesicht gebracht. Aber das reute ihn schnell. Er hatte dein Wohlgefallen für mich bemerkt und er fürchtete um mich. Oh, er gebärdete sich wie ein Rasender damals. Er hielt mich schon für verloren. Und darum fing er an, dich zu hassen, vor dem er sich gebeugt hatte als vor einem Gott, und immer heftiger haßte und fürchtete er dich: daß er heimlich von dir entwich, und aus deinem Anbeter wurde er dein bitterster Feind ... So bestimmte es sein Schicksal, in das er nun ganze Völker mit hineinzog, die alle, ohne ihn, zu deinen Füßen lagen und sich beglückt fühlten, deine Sklaven sein zu dürfen. Und auch mich, deine Magd, die jetzt in Zittern und Zagen vor dir steht, zog er mit hinein ... Doch nur über meinen Körper hatte er Gewalt, nicht über meine Seele. Und doch hatte ich ihn geliebt. Und hielt ihn für den stärksten und schönsten Mann des ganzen persischen Reiches und habe ihm zwei Söhne geboren, die noch unter der Obhut ihrer Amme stehen. Aber dann sah ich dich, Göttlicher!« Hier unterbrach Alexander sie, wenn auch auf höchst freundliche Weise. »Weib, ich bin kein Perser,« sprach er, »ich bin ein Makedonier, und wenn du meines Wohlwollens bedarfst und ich dich seiner würdig finde, bedarf es nicht der Schmeichelrede, die die größte Feindin ist der Könige.« »Du nennst dich einen Makedonier,« gab sie ihm zurück, »aber der Gott Ammon, oder Zeus, oder wie ihr ihn sonst nennt, euren höchsten Gott und der dort unten im Ägypterland seinen Tempel hat, wo du ihn aufsuchtest, er hat ein anderes Zeugnis für dich ausgesprochen. Danach bist du ein Olympier. Willst du den Gott Lügen strafen? ... Ich bin nur deine niedrige Magd, aber von dem Augenblick an, wo ich dein göttliches Angesicht schauen durfte, stand es für mich fest, du kannst nur der Sohn eines großen Gottes sein und selber ein Gott, und wußte ich, daß keine irdische Macht, wie stark sie auch sei, dir je zu widerstehen vermöge. Und wer auch der arme Sterbliche sei, der sich dir zu widersetzen erkühnt, du wirst ihn zermalmen, wie eures Iovis Blitz alles zermalmt, wo er einschlägt, die Hütte des Bauern wie die hohen und festen Türme der Könige ... Und darum zitterte ich für meinen Gemahl. Ich liebte ihn ja. Sollte ich es ruhig mit ansehen können, wie er sich selber, der Blinde, kopfüber in sein Verderben stürzte? Aber freilich, der Dämon, der ihn verblendete, Eifersucht nennt man ihn, ist schwer überwindbar, ich fürchtete nicht umsonst, daß ich ihm unterliegen könnte ... Aber nach langem Zögern fand ich doch den Mut, und mit meinen beiden Söhnlein auf dem Arm trat ich zu ihm hinein und warf mich vor ihm in den Staub, und während die Kinder weinend seine Knie umklammerten, flehte ich ihn an mit aller Kraft meiner Liebe – noch liebte ich ihn – doch endlich seine Verblendung abzulegen und abzustehen von dem Wege, der uns alle ins Verderben stürzen müsse. Und auch von dir, o König, redete ich ihm und von deiner göttlichen Milde und Großherzigkeit, und wieviel besser es sei, dich zum Freund zu haben als zum Feind.« »Du sprachst wahr«, bemerkte Alexander. »Ja,« fuhr das Weib des Dataphernes fort, »aber lauter und vernehmlicher, als ich für das Ohr meines Gemahls, sprach jener Dämon mit unheilvollen Einflüsterungen. Und wohl merkte ich, wie mein Gemahl diesen Zuflüsterungen begierig lauschte ... Er erbleichte; sein Gesicht verzerrte sich. ›Ha,‹ schrie er, ›so mußte mich der Liebesgott äffen, daß ich am Busen eine Schlange hegte, die mir nach dem Leben stellt. Aber nun hast du dich selber verraten. Nach dem Bett jenes Makedoniers steht dein Sinn und ihm willst du mich verraten und verkaufen. Hinweg aus meinen Augen, du Buhldirne, du Hündin.‹ Damit stieß er mit dem Fuß nach meiner Brust, zugleich zückte er sein Schwert gegen mich, und wenn nicht auf seinen Wutschrei hin meine beiden Brüder zu meiner Hilfe herbeigestürzt wären, er hätte mich erwürgt wie ein böses Tier. Aber meiner Kinder sollte ich beraubt sein und sollte verbannt sein aus seinem Angesicht unter Todesstrafe. Und ›geile Hündin‹ lautete das letzte Wort, das ich hörte aus seinem schäumenden Munde.« »Und da kamst du zu mir?« fragte Alexander. »Was aber begehrst du von mir?« »Nicht also«, sprach sie. »Ohne Opfergabe und mit leeren Händen vor ihrem Herrn und Gott zu erscheinen hätte deine Magd nie gewagt. Es kam auch anders, als ich erwarten konnte. Dataphernes mußte erfahren, daß er ohne mich nicht leben konnte. Zwar waren ihm genug Weiber zu Willen und groß die Zahl seiner Sklavinnen, und sehr schöne fanden sich darunter, ganz helle aus Kaukasien und Hyrkanien, die des größten Schönheitsrufs genießen, und dunkle aus Äthiopien und braune aus dem heiligen Indien. Aber keine mochte er berühren. Seine schäumende Wut auf mich hatte die Gewalt des Liebesgottes nicht überwältigt ... Und krank in tiefster Seele vor unbezwinglichem Verlangen nach mir, überwand er endlich seinen Stolz und schickte meine Brüder zu mir, mich mit ihm zu versöhnen. Bei mir aber stand es fest, daß ich den Anblick des Mannes, der mich wie ein Aas vom Schindanger behandelt hatte, nicht mehr zu ertragen fähig sei. Dennoch ließ ich mich nicht lange bitten und kehrte gehorsam zu ihm zurück. Und mit einem großen Freudenmahl feierte er unser Wiedersehen. Das war am gestrigen Abend ...« Hier hielt sie zögernd inne. »Doch wenn du geruhst, o König,« sagte sie dann, »mein Sklave harrt vor dem Zelt; mit deiner Bewilligung wird er die Gabe hereinbringen, die ich dir zugedacht habe.« »Weib, mich kommt ein Grauen an vor dir«, rief Alexander, »was steckt für ein Sinn hinter deinen geheimnisvollen Worten und was bedeutet der Blutgeruch und die Flecken deines Kleides?« Sie wollte antworten, aber da wurde der Vorhang aufgehoben und zwei makedonische Leibwächter traten ein und führten einen Sklaven mit einem Korb am Arm vor Alexander. »Dieser verdächtige Mensch«, sprach einer der Leibtrabanten, »weigerte sich, uns zu zeigen, was er da in seinem Korbe trägt, nur vor dem König dürfe er den Korb öffnen, so sei es die Weisung seiner Herrin. Sollte er Waffen darin verborgen haben?« Der fremde Sklave hatte während dieser Rede seinen Korb auf einen niedern Dreifuß gestellt und mit einem Blick auf seine Herrin entfernte er jetzt den Deckel. Die beiden Makedonier fuhren entsetzt zurück. Ein abgeschnittener Kopf, das Gesicht gräßlich verzerrt, mit Blut überrieselt und von verklebten Haarsträhnen halb verdeckt, grinste ihnen entgegen. Der Mund mit den gelben Zähnen stand weit offen über dem dichtschwarzen, keilförmigen Kinnbart. Streng fragend traf Alexanders Blick – auch ihm sah man das Entsetzen an – das fremde königliche Weib vor ihm. »Kennst du ihn nicht?« sprach sie; »seine Züge sind freilich entstellt, aber betrachte seine goldenen Ohrgehänge mit den hellgrünen Smaragden aus Ceylon. Schau nur, wie sie leuchten aus der Lache von rotem Blut. Du selber hast sie ihm eigenhändig geschenkt, als er zu Marakanda, nachdem er dir den gefesselten Bessus überlieferte, an deinem Gastgelage teilnahm. Er war damals der erste, der dich als Gott angeredet hat, und es hat dir heimlich gefallen; aber seine Rede war Lüge, denn wie hätte er sonst vermocht, sich gegen dich zu empören.« Alexanders entsetzte Augen starrten auf den blutbesudelten Kopf seines Feindes. »So siehst du nun aus, du tückischer Perser,« murmelte er, »du wirst mir also nicht mehr weiter in den Weg treten. »Aber du, sein Weib,« wandte er sich an die königliche Frau, »wie hast du das vollbracht?« »Deine Magd, o König, sagte dir schon,« antwortete sie, »daß gestern Dataphernes zur Feier seiner Versöhnung mit mir ein großes Freudenmahl veranstaltete, und ich, an seiner Rechten gelagert, mußte daran teilnehmen. Er war sonst kein Säufer und Schlemmer, du weißt es, o König, er hielt auf strenge Sitten, mehr als es sonst bei Persern üblich ist. Aber in seinem gestrigen Glück – ich selber empfand nur ein tiefes Grauen dabei – in seinem berauschenden Glück vergaß er sich und genoß zu viel des schweren Weines und mußte besinnungslos von seinen Trabanten in die Schlafkammer und auf sein Lager gebracht werden. Doch als ich nach kurzem Verweilen, wie er es von meiner Ergebenheit erwartete, bei ihm eintrat, wurde er noch einmal wach und zog mich mit Ungestüm zu sich nieder auf das eheliche Bett, und doch fühlte ich meine Seele allein erfüllt von Ekel und Verachtung und Haß ... Er versank bald wieder in besinnungslosen Schlaf. Da erhob ich mich. An dem ehernen Pfosten des Lagers hing sein Wehrgehänge. Rasch zog ich das Schwert aus der Scheide, so vollbrachte ich es.« Mit grauenhaftem Staunen vernahm Alexander diesen unheimlichen Bericht, die beiden makedonischen Leibwächter aber traten vor der königlichen Mörderin zurück wie vor etwas Unheimlichem, er selber blickte in heftiger Erregung stumm vor sich nieder. Doch nicht der grausige Vorgang im Schlafgemach des Dataphernes stand ihm vor der Seele. Etwas anderes sah er wie leibhaftig vor sich, wovon er aber noch tiefer und schmerzlicher erschüttert wurde; eine Vision hatte er, die er endlich verbannt zu haben glaubte mit der Kraft seiner Seele und die sich immer wieder wie ein Gespenst vor ihm aufrichtete. Einen blutüberströmten Körper sah er hingestreckt zu seinen Füßen. Auch in dessen Kopf stand der Mund weit offen, doch das Kinn reckte sich bartlos in die Höhe, ein bereits ergrautes Haar bedeckte das Haupt. Er, der König, hielt eine blutige Lanze in der Hand, damit hatte er den andern erstochen, seinen besten Freund, den Bruder seiner geliebten Amme, den alten Klithus ... Er tat es freilich im Rausch, und der Freund hatte ihn unmenschlich gereizt, während jene dort kalten Blutes gehandelt. Dennoch ... er konnte den Gedanken nicht abweisen einer Verwandtschaft der einen Tat mit der andern, und der Schauer seines Gewissens schüttelte ihn von innen heraus. Schon damals, vor kaum neun Monden, hatte er unsagbar gelitten, und drei Tage alle Nahrung verweigernd, war er entschlossen, zu sterben. Aber was hatte es genützt, daß er in Verzweiflung über sein Tun sich die Nägel ins Fleisch grub, Klithus blieb tot. Endlich besann er sich, daß das Weib des Dataphernes auf ein Wort von ihm wartete. Er sah sie an wie in Mitleid. »Weib,« so sprach er, »du hast mir einen großen Dienst getan. Du hast mir den Weg frei gemacht in das Land meiner kühnsten Träume. Aber ich kann dir's nicht lohnen. Deine Tat ist allzu abscheulich. Und an deine unschuldigen, an deine geliebten Kinder hast du nicht gedacht, als du im Begriffe standest, ihren Vater zu erwürgen?« »Mit meiner Tat«, sprach das Weib, »habe ich sie vor dem Verderben gerettet, und ganze Völker habe ich vom Tod und Verderben gerettet durch mein Tun.« Alexander schwieg einen Augenblick. »Du kannst nicht bei uns verweilen,« sprach er endlich, und ohne Strenge sagte er es, »nein, nein, deine Gegenwart wäre ein Ärgernis in den Augen meines Volkes und seinen sanfteren Sitten eine Gefahr. Kehre zurück in euer Lager und möge dein eigenes Volk dir gnädig sein.« Er hatte aber noch kaum ausgesprochen, da war das Weib des Dataphernes plötzlich auf den Boden niedergeschlagen und zufällig so, daß ihr schönes Haupt über dem abgeschlagenen Kopf ihres Gemahls ruhte, mit dem Gesicht nach unten wie zum Kuß. Nämlich schneller und gewandter als man denken konnte und ehe die hinzustürzenden Leibwächter sie zu verhindern vermochten, hatte sie sich einen behutsam versteckten Dolch tief in das Herz gedrückt, daß jetzt das Blut ihre Gewänder durchsickerte und sich vermischte mit dem ihres Gemahls wie zu einer mystischen Vermählung. Auch ein Begräbnis bewilligte ihr Alexander nicht. Er befahl aber, ihren Leichnam den Ihrigen zurückzubringen. Aber sie hatte wohl gewußt, was sie tat, als sie von dem Dolch Gebrauch machte. Ihre eigenen Brüder verurteilten sie, und ihr noch halbwarmes Fleisch wurde den Hunden und Schakalen zum Fraß. So endete das Weib, das an der Schwelle des heiligen Indien dem fast fabelhaften und auch fast jünglinghaften Welteroberer das Tor aufgetan und den Weg frei gemacht hat, wozu der alte Chronist die Bemerkung macht, daß ein großer Mann zwar in erster Linie groß ist durch seine Tugend, doch auch oft genug darauf angewiesen ist, gute Beziehungen zu haben mit der launenhaften und wetterwendischen Göttin, die man das Glück nennt – man müßte denn annehmen, wie es schon ausgesprochen wurde, daß eben das Glück zur Größe gehört wie das Ei zum Dotter, wie der Stern zum Auge. Der Königssohn In meinem Chronikbuch »Bertrade« habe ich einiges von jenem französischen König erzählt, den seine Zeitgenossen, zwar nicht das gemeine Volk und die Bürger, aber die Großen des Reiches den »schlimmen Lutz« nannten, dem aber der Papst zu Rom, und er mußte wohl wissen warum, den Titel des Rex christianissimus , des Allerchristlichsten Königs verliehen hat, denn erst von Ludwig dem Elften her schreibt sich dieser Titel. Wie aber dieser König gestorben ist, dem das Königtum und Volk von Frankreich wahrlich nicht wenig verdanken, so unerhört unmenschlich, ja teuflisch er durch manche seiner Charakteräußerungen wirken mochte, das will ich nun heut, wenn man mir Gehör schenken mag, gern, wie man zu sagen pflegt, zum besten geben, wenn es auch sonst nicht gerade vom Besten sein sollte. Unter unaufhörlichen Plackereien mit den selbstherrischen Großen des Königreichs, unter unzähligen gefahrvollen Kämpfen mit inneren und äußeren Feinden, bezeichnet durch blutgedüngte Felder und Hunderte zerbrochener Burgen und zerstörter Städte, unter unermüdlicher und ins kleinste gehender Arbeit an den mannigfaltigsten Reformen der Verwaltung und sonstiger Pflege der Staatswohlfahrt, unter unsagbaren Ausschweifungen auch und rohen Vergnügungen der schmutzigsten Art in der Gesellschaft gemeinsten und verworfensten Gesindels: unter all dem war der Tiger alt geworden. Seine Lunge begann zu eitern, er hustete bedenklich, unter Auswurf von Blut und noch Schlimmerem, und wenn sein Arzt Coctier auch nur verstohlen die Achsel zuckte, der ewig mißtrauische König merkte es doch. Da bekam er es mit der Angst und er lag häufiger als je auf den Knien vor dem Bilde Unserer Lieben Frau von Embrun, die er als seine besondere Beschützerin verehrte. Sogar zum Kriegsobersten seiner Armee hatte er sie förmlich ernannt und zeichnete alle militärischen Erlasse und Verordnungen und Anstellungspatente prokuratorisch in ihrem Namen. Einen verkleinerten bleiernen Abguß von ihrem Bild hatte er sich auf sein altes abgetragenes Hütchen geheftet, so daß er dieses nur vor sich auf einen Stuhl zu legen brauchte, um überall den Altar zur Hand zu haben, vor dem er sich auf die Knie werfen konnte. Ja, er trug sogar eine ganze Anzahl ähnlicher Bildchen auf seinem Hütchen, und wie er dieses drehte, stand ihm immer eine andere Muttergottes vor seinen Augen, zu der er beten konnte, wie etwa Unsere Liebe Frau von Cléry oder Unsere Liebe Frau vom Schnee zu St. Esprit und andere. Aber sein höchstes Vertrauen setzte er doch in die göttliche Frau von Embrun, für die er die zärtlichsten Schmeichelworte zu finden wußte, wie sonst nur ein Verliebter für seine geliebte Herrin. Aber das Husten und das Stechen in der Brust hörte über all seinem Beten nicht auf, so daß er sich entschloß, wenn es ihm auch in seinem jetzigen Zustand recht schwer fallen mochte, noch einmal, wie er schon oft getan, die Fahrt nach den fernen Hochalpen anzutreten, wo sich über der wildrauschenden Durance das hohe Münster Unserer Lieben Frau von Embrun erhob, in welchem er schon in frühen Jahren Kanonikus geworden war. Seinem persönlichen Andrängen konnte die Heilige gewiß nicht widerstehen. Wie einer seiner ärmsten Untertanen gekleidet, das Pilgermäntelchen mit den symbolischen Muscheln bedeckt, so begab er sich auf die Wallfahrt, und nur drei Personen folgten ihm, vor allen der unvermeidliche Tristan L'Hermit, sein Henker und Scharfrichter und liebster Freund, dann sein Arzt Coctier und endlich der Mönch Jehan Le Loncheur, sein Beichtvater; denn drei Dinge fürchtete dieser König: die Menschen, den Tod und das ewige Gericht. Seine Gottesfurcht war freilich von eigentümlicher Beschaffenheit. Wenn eine ruchlose Tat ihm das Gewissen bedrückte, so glaubte er sich durch eine Pilgerfahrt, durch Kirchenbauten, Klostergründungen, Schenkungen an die Geistlichkeit und ähnliche Werke so billig als möglich loszukaufen und mit Gott handelseinig zu werden, selbst wenn er auch dabei nicht ganz ehrlich verfuhr, und von den angebotenen Leistungen oder Zahlungen nachträglich ein gut Teil wieder abzwackte. Wenn er auf diese Weise und nicht ohne kleine Überlistungen des lieben Gottes zum eigenen pekuniären Vorteil einen Handel ins reine gebracht hatte, schlug er vergnügt ein Schnippchen und dachte nicht weiter daran. Nur eine Handlung seines Lebens reckte sich immer wieder gespenstisch vor ihm auf, in schlaflosen Nächten, sein unmenschlich grausames Verfahren gegen Jakob von Armagnac, Herzog von Nemours. Zwar beschuldigte er diesen Großen vielleicht nicht mit Unrecht der Felonie, der Empörung gegen seinen Oberherrn und König, aber die Art, wie er den Empörer dann bestraft hat, einst der innigste Freund seiner Knabenjahre, konnte nun doch mit den Regeln der christlichen Barmherzigkeit nicht recht in Übereinstimmung gebracht werden. Besonders von dem, was er den Kindern des Unseligen getan hatte, konnte man sagen, es sei der Ausfluß gewesen einer unmenschlichen Grausamkeit. Als man den Herzog auf das Blutgerüst führte, in der Stadt Paris auf dem Greveplatz, da wo der Fluß vorbeifließt, auf dasselbe Gerüst, wo noch der scheußliche Kopf und Rumpf eines gemeinen Raubmörders im Blute lag: da hatte man schon vorher die beiden unerwachsenen Söhne des Verurteilten ebenfalls dahingebracht, barhäuptig und in weiße Gewänder gekleidet. Und in dem Augenblick, da oben der Vater sein Haupt auf den schmierigen Block legte, stießen zwei scheußliche Henkersknechte die Kinder unter das schmachvolle Gerüst, daß das Blut ihres Vaters niederrann auf ihre unschuldigen blonden Häupter. Wenn ihn aber auch diese wenig anmutige Erinnerung nun öfter heimsuchte in bösen schlaflosen Nächten, daß er angstvoll das Bild Seiner Lieben Frau von Embrun den blutigen Gespenstern beschwörend entgegenstreckte, so hinderte ihn das doch nicht, den ältesten Sohn jenes Herzogs noch immer in den unterirdischen Gewölben seines Schlosses Plessis-les-Tours in strenger Gefangenschaft zu halten. * An den Ufern des Flusses Cher, kurz bevor dieser sich bei der Stadt Tours in die breithinwellende Loire ergießt, am Rand eines uralten Waldes, erhob sich jene seltsame königliche Residenz, die mit ihren drei hohen Schutzmauern, eine höher als die andere, von dicken runden Türmen flankiert und mit tiefen Wassergräben zwischen sich, eher einem fürchterlichen Gefängnis glich als der Wohnung eines großen und reichen Königs. Denn auch der Kern des Ganzen, das eigentliche innere Schloß mit seinem gewaltigen quadratischen Turm in der Mitte, zeigte nur schwarze Mauern, an denen nirgendwo ein Fenster (diese öffneten sich alle nach den eingeschlossenen Höfen) von einem lebendigen Innern sprach, wie das Auge des Körpers von der innewohnenden Seele. War dieses Schloß überhaupt ein Haus des Lebens, oder war es eine Festung des Todes? Auf der weiten Terrasse vor der äußeren Schutzmauer stand einsam ein uralter halbverdorrter Eichbaum, der seine kahlen Äste nach allen Seiten hin gespenstisch in die Luft streckte. Kahle Äste, aber doch nicht eigentlich kahl. Sie trugen sogar, wie es schien, ein seltsames kohlschwarzes Blattwerk. Unzählige Raben waren das, und wenn sie nicht still hockten und verdauten, umkreisten sie tote Menschenleiber und hackten ihnen die Augen aus dem Kopf und die Eingeweide aus dem Bauch. Denn der alte Eichbaum diente als Galgen und stand nie leer von armen Gehenkten. Keine lichten Fenster, wie gesagt, zeigte das ungeheure Schloß; auch die zahlreichen schmalen Scharten, sehr unregelmäßig verteilt, wiesen kaum darauf hin, daß das finstere Mauerwerk atembedürftige Wesen umschließen mochte, vielleicht Wesen mit warmem Pulsschlag und lichtdurstigen, lichtfrohen Augen. Ein solches war dennoch, von einem andern jetzt abgesehen, der Königssohn Karl, der recht wie ein Märchenprinz sich dazu verdammt sah, in einem der schwarzen Türme seine jugendlichen Tage einsam und verlassen hinzuträumen. Das zärtliche Mutterauge, in dessen warmem Strahl seine Seele sich hätte wärmen können, war längst für ihn erloschen. Auch keine leichte schwesterliche Hand gab es für ihn, die er in Freundschaft ergreifen konnte. Er hatte zwei viel ältere Stiefschwestern, die lebten mit ihren Männern, und außerdem haßten sie giftig den späten Nachkömmling, der ihnen die eigene Aussicht auf den Thron versperrte. Und zum Vater hatte er Ludwig den Elften, womit alles gesagt ist. Zwar Vater Bonifaz, sein Mentor, war eine goldige Seele, aber der gute Priester, viel zu alt, um einem dreizehnjährigen Knaben ein Kamerad und Gespiele zu sein, vermochte nur sehr unzulänglich die Gemütsbedürfnisse des Königskindes zu befriedigen. Und ein gebleichter Greis war auch der Kämmerer des Prinzen, der etwas zitterige Robert Leriche, dem Königssohn zwar mit Leib und Seele ergeben, aber wortkarg und fast stumm bei seinen dienstlichen Verrichtungen. Nur dessen kurze dickliche Frau, mit dem märchenhaften Namen Rotrude, bedeutete für den Königssohn etwas mehr als eine Dienerin. Denn sie wußte, ob sie gleich nicht lesen konnte und ungeachtet ihres grauborstigen Bartwuchses um Lippen und Kinn, wundersame Märchen, wie die Historie von den vier Haimonskindern und ihrem Roß Bayard und noch viele andere alte Rittergeschichten, die sie dem phantasievollen Knaben immer wieder von neuem erzählen mußte, wie auch die von dem gräulichen Riesen Ogre oder Humigour, auch Croquemitaine genannt, der lebendige Kinder fraß und vor dem doch der kleine Däumling sich und seine Geschwister durch besondere Klugheit zu erretten wußte. Diese Geschichten fand der phantasiebegabte Königssohn tausendmal unterhaltender als den ganzen Inhalt des Rosier du Guerrier ; denn dieses Werk Ludwigs des Elften, von dem König selber für seinen Sohn und also recht eigentlich in usum Delphini verfaßt (dieser Tausendsassa von einem König schriftstellerte nämlich auch), war wirklich trotz seines lieblichen Titels und seiner kunstreichen Initialen in Blau und Rot mit Blumenranken und Figuren auf den gelben Pergamentblättern bei weitem nicht so lustig wie die Hundert Neuen Novellen, von demselben königlichen Verfasser, aber gar nicht in usum Delphini gedacht (wer sie kennt, wird davon überzeugt sein) und darum dem Königssohn keineswegs zugänglich. Außer dem genannten Rosier oder Rosenkranz – er hatte mehr Dornen als Rosen – stand von Büchern dem Knaben Karl nur noch ein lateinisches Evangelium zur Verfügung. Das hatte noch schönere Initialen in Rot und Blau und Gold mit noch schöneren Blumenranken und Figuren, und wenn er aus jenem die Sprache seines Volkes und die Kunst und Wissenschaft der Kriegführung lernen sollte, so aus diesem das Christentum und die Sprache der Kirche. Aber beide Bücher, trotz ihrer farbig verzierten Initialen, langweilten auf die Dauer den gefangenen Königssohn; denn die Reit- und Fechtübungen bei seinem schottischen Waffenmeister in der großen gotischen Halle, dem einzigen lauten und lärmigen Ort des ungeheuren Schlosses, weil da die schottische Leibwache des Königs ihr Wesen trieb, dauerten eben doch, wegen der schwächlichen Gesundheit des Prinzen, täglich nur eine streng gemessene Stunde oder sechzig Minuten, und ihrer mehr als tausend hat der Tag, sagt der Dichter. Also, daß es nicht nur die dicken Mauern waren und die dicke Luft seines Turmgemachs, die den jungen Königssohn blaß und kränklich machten, die Langeweile tat auch ihr Teil dazu und die totenhafte Stille, die in diesen Obergeschossen des Schlosses herrschte, zu denen nicht der leiseste Laut hinaufdrang von den Waffenübungen und Saufgelagen der dreihundert bärbeißigen Bergschotten, denen die Sicherheit des königlichen Hauses und der königlichen Person anvertraut war. Für sein Leben gern hätte Karl einmal den Meister Galeotti Marti de Martivalle besucht, den Astrologen des Königs, der den Turm auf der Mittagsseite des Schlosses bewohnte, den selten jemand zu Gesicht bekam, von dem aber die wunderlichsten Gerüchte umgingen und durch die alte Rotrude auch dem Königssohn zu Ohren kamen. Danach war dieser Italiener, der zuvor dem König Matthias Corvin von Ungarn gedient hatte, durch Aufwendung einer fabelhaften Summe von Ludwig für sich gewonnen worden, welcher den geheimnisvollen Fremdling nicht anders anredete als mit den ehrfurchtsvollen Worten »mein Vater«, wogegen Galeotti oder Galeotto dem König die Ehre antat, ihn seinen Bruder zu nennen. Schier Unglaubliches erzählte man sich von seiner äußeren Erscheinung. Der Mann mit dem langen schwarzen Bart war größer und dicker als je ein Mensch gesehen worden. Seinen Talar von scharlachrotem genuesischen Samt mit goldenen Agraffen und königlichem Hermelinbesatz umspannte ein breiter Gürtel aus Pergament mit den zwölf Zeichen des Tierkreises in der Farbe des Zinnobers. Das silberne Astrolabium, das er auf der Mitte seines gewaltigen runden Tisches immer vor sich hatte, galt für ein Geschenk des Kaisers, und seinen Aronstab aus schwarzem Ebenholz, reich mit Gold eingelegt, rühmte er sich von dem regierenden Papst Sixtus IV. eigenhändig empfangen zu haben, nachdem es diesem gelungen, den großen Sterndeuter, Alchimisten und Nekromanten aus den Kerkern des heiligen Offiziums, will sagen, der hochnotpeinlichen römischen Inquisition zu befreien. Und also mag man sich vorstellen, wie diese unsichtbare und von allen Schauern des Geheimnisses umwobene Persönlichkeit die Phantasie des Königssohns aufregte, der fast außer aller Wirklichkeit lebte und dem darum das Phantastische wie zur zweiten Natur geworden war. Ein Besuch bei dem Astrologen hätte ihn vielleicht ernüchtert, aber der Vater Bonifaz, der an das Geschenk und die Freundschaft des Papstes nicht glaubte und der Galeotti für einen Gesellen und Verbündeten des höllischen Satans hielt, verwies dem Prinzen streng seine sündhafte Lüsternheit. Und doch mußte gerade er es sein, der seinem Zögling, gleichsam zum Ersatz dafür, nun eine vielleicht nicht gerade sündhafte, aber doch viel gefährlichere Abenteuerlichkeit und Lüsternheit in die Seele pflanzte, wie sich in folgendem zeigen wird. Außer seiner offenkundigen Gesellschafterin, der dicken Rotrude nämlich, empfing der Prinz täglich und äußerst heimlich den Besuch einer anderen Freundin, in nichts der alten Schaffnerin ähnlich, eines zarten Fräuleins, das dem Königssohn zwar keine Rittermären und dergleichen erzählte, mit der er aber dafür ganz wunderbare Märchen höchsteigen erlebte, so daß er darüber die gute Rotrude mit dem borstigen Bart um Lippe und Kinn ein wenig undankbar vernachlässigte, womit er sich zwar als echter Königssohn auswies, die Alte aber nicht wenig unglücklich machte. Noch andere vernachlässigte er darüber. Zwei Freunde hatte der Königssohn noch außer den bereits genannten. Der eine war der etwas zwerghafte und auch ein wenig buckelige königliche Barbier, genannt Meister Olivier le Daim, mächtiger an diesem ungewöhnlichen Königshofe als irgendein anderer, Meister Tristan nicht ausgenommen, der es aber liebte, die größte Demut und Bescheidenheit an den Tag zu legen und gegen jedermann den Harmlosen und Dienstwilligen zu spielen, sogar gegenüber dem Königssohn, den er oft besuchte und mit seinen Spaßen nicht schlecht unterhielt. Seit einiger Zeit aber wurde ihm der Zutritt verweigert, denn der Prinz glaubte bemerkt zu haben, daß die Kateraugen des Meister Olivier seiner geheimen Freundin nur geringes Vertrauen einflößten. Und noch schlimmer erging es dem Falken des Prinzen, genannt Goldklaue. Auch dieser doch so königliche Vogel fand wenig Gnade vor den Augen der heimlichen Prinzessin und wurde darum in einen dunklen Nebenraum verbannt, wo er blind und krank wurde vor finsterem Elend. Wer aber war die geheimnisvolle junge Freundin des Prinzen? Eine Maus war es, hinter der Tapete war sie eines Tages hervorgekommen, zuerst noch ganz ängstlich und mit großer Schüchternheit, immer wieder zögernd, ob sie es wage und ob der Herr Königssohn es auch nicht übelnähme, wenn sie sich bei ihm zum Frühstück einlade. Dieser frühstückte nämlich gern mit allerlei mürbem Gebäck, und sehr nachlässig war er auch im Essen, wie alle einsamen Träumer, so daß immer der Boden zu seinen Füßen voll lag der leckeren Brosamen, und man kann sich denken, wie die dem Mäuslein in die Augen und in die Nase stachen, daß es an seinem ganzen kleinen Körper nur so zitterte vor Begierde. Lange übersah der Prinz, wie hohe Herren sind, die graziöse Besucherin, die aber diese Unaufmerksamkeit nicht allzu übel aufnahm. Einmal mußte aber doch sein Blick auf sie fallen, und da freute er sich sehr der neuen Gesellschaft. Die Kleine war bereits an ihn gewöhnt, sie hatte schon gar keine Angst mehr vor ihm, und also wurden sie bald ein paar gute Kameraden. Denn Mademoiselle Fifi , so nannte sie der Königssohn, war wirklich ein allerliebstes Persönchen, das ihm nicht nur in kurzer Zeit aus der Hand aß mit schelmischem Blinzeln der schwarzen Äuglein und wollüstigem Zittern ihrer seidenen Schnurrhaare; auch an der hochsteilen Lehne seines rotausgeschlagenen Stuhles mit den reichen Skulpturen kletterte sie gern mit anmutiger Gewandtheit empor, und manchmal auch an seinen etwas dünnen Beinen mit den hohen weißen Strümpfen und dem Komisol von himmelblauem Atlas, und setzte sich ihm auf die Schulter und flüsterte ihm süße Dinge ins Ohr, die er jedoch nicht verstand, denn er war leider kein Sonntagskind trotz seiner Prinzlichkeit. Daß sie aber süße Dinge lispelte, daran zweifelte er nicht in seinem gläubigen Gemüt, und auch daran nicht, daß er es mit gar keiner gemeinen Maus zu tun habe – wozu wäre er denn sonst ein Königssohn gewesen –, sondern vielmehr mit einer guten Fee, die ihn in dieser Gestalt besuchte, oder noch besser mit einer Prinzessin, die eine böse Fee in eine Maus verwandelt hatte, und in diesem schönen Glauben und Besitz eines so wunderbaren Geheimnisses fühlte sich der junge Königssohn zum erstenmal als ein glücklicher Mensch. Und wer wüßte nicht, daß das Glück so gern zu kühnen Taten fortreißt oder, wenn diese untunlich, die Seele wenigstens mit kühnen Träumen erfüllt. Seiner heimlichen Prinzessin ein wunderbares Königreich zu erobern schien ihm das Geringste, was er tun konnte, und das bedeutete nicht einmal einen allzu phantastischen Gedanken, er ruhte sogar auf einer strammen Säule, auf der Säule, die die Politiker oder andere politischen Leute das historische Recht nennen. Karl hatte in der Wiege auch den Titel eines Herzogs von Anjou und damit den Anspruch auf das erledigte Königreich Neapel erhalten, dessen letzter angiovinischer König noch auf dem Totenbett den jungen Karl zu seinem Nachfolger bestimmt haben sollte, wenigstens war es dem Königssohn von seiner Amme so erzählt worden. Neapel aber, das deuchte ihn ein Königreich, wie er es brauchte für seine verzauberte Prinzessin, ein Königreich, wo alle Straßen und Plätze voll Musik waren, wo es keine Häuser und Hütten gab, sondern nur Paläste aus weißem leuchtenden Marmor, und wo alle Bäume und Gebüsche voll goldener Pomeranzen hingen. Ja, dieses Königreich wollte er erobern, seiner Prinzessin zur Morgengabe! Der arme und ein wenig kranke Karl hatte von der Herrgottswelt nichts gelesen als den Rosenkranz des Kriegers und das Evangelium und wußte nichts von einem gewissen anderen bleichen Königssohn, namens Konradin, der dieses nämliche Königreich ebenfalls als sein Erbe betrachtet und ausgezogen war, um es zu erobern, aber dabei seinen Kopf verloren, nicht etwa nur bildlich, sondern blutig auf dem Block von Henkershand und auf Befehl gerade eines Angioviners und Urahnen des Königssohnes von Plessis-les-Tours. Karl wußte davon nichts, aber auch wenn er es gewußt hätte, würde es ihn doch nicht in seinem Traum und Vorsatz irre gemacht haben, auf welchem Gebiet die Kühnheit keine Kunst ist, ja nicht einmal in seinem wirklichen Tun, wie es die Zukunft gezeigt hat. Seine einstweiligen Träume und Vorsätze aber erzählte er eines Tages seiner Prinzessin Maus. Er nannte sie aber nicht so. Er nannte sie nicht einmal mehr Mademoiselle Fifi , er nannte sie jetzt Madame la Princesse . Sie saß in seiner hohlen Hand, und er streichelte zärtlich ihr braunes Fellchen, dabei ganz vertieft in seine Träumereien, und wie es schien, die Maus nicht weniger, und so merkten beide nicht, daß Vater Bonifaz, der auf Filzsohlen ging, unvermutet in das Gemach getreten war. Erst als der strenge Mentor nahe vor ihnen stand, erschraken sie beide. Die Maus machte einen Sprung auf den Boden und verschwand hinter ihrer Tapete, der Königssohn aber sah den etwas gebeugten Greis mit den spärlichen weißen Locken zaghaft an wie ein Schulknabe, den der Lehrer über einer Allotria ertappt hat, und in seiner Verlegenheit kratzte er sich sogar sehr unprinzlich hinter den Ohren, wo ihm das schwarze, über der blassen Stirn kurzgeschnittene Haar in langen Strähnen herunterfloß. Der betagte Priester aber, sichtlich erschöpft nach seinem mühsamen Erklimmen der steilen Schneckentreppe in dem prinzlichen Turm, ließ sich in einen Sessel sinken und sagte wie in tiefem Sinnen oder Erstaunen wiederholt rätselhafte Worte vor sich hin: »Wundersame Parallele!« Der bleichgesichtige Karl grübelte umsonst darüber nach, was diese geheimnisvollen Worte bedeuten mochten. Er faßte sich endlich ein Herz und wagte eine Frage. Aber der ehrwürdige Priester schüttelte sein Haupt mit den spärlichen weißen Locken und schwieg. Da bat der Königssohn inständiger, er setzte sich dem Mentor sanft auf die Knie, schwer war er nicht, und streichelte zärtlich das greise Faltengesicht. Der gute Priester konnte auf die Länge nicht widerstehen. »Ich sollte vielleicht nicht reden,« begann er zögernd, »aber da ich nun einmal die Neugierde Eurer Gnaden so unvorsichtig aufgeregt habe, so wird mir kein anderer Ausweg bleiben, als sie nun auch zu befriedigen. Euer Gnaden wissen, daß sich unter den Gefangenen des Königs, Gott schütze ihn, auch der junge Heinrich von Armagnac befindet, der sechzehnjährige Herzog von Nemours. Ihr kennt auch, hoher Prinz, die tiefe Frömmigkeit der königlichen Majestät, der nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Seelenheil seiner Untergebenen mehr als alles am Herzen liegt. So ist es denn der Wille und Befehl des Königs, daß alle seine Gefangenen jeden letzten Tag der Woche nach abgelegter Beichte den hochheiligen Leib des Herrn empfangen. Der Herzog von Nemours aber ist der Seelsorge meiner eigenen geringen Person anvertraut. Ich sehe ihn also jeden Samstag, und denken Euer Gnaden nur, der junge Nemours erhält in seinem Kerker einen ähnlichen Besuch und wird getröstet durch eine ähnliche Kameradschaft wie Ihr selber. Nur ist es bei ihm eine weiße Maus, wahrlich weiß wie Schnee, die von seinem schwarzen Brote ißt und von seinem Wasserkrug trinkt und mit der er redet wie mit einem menschlichen Wesen ...« Hier unterbrach sich der Priester in seiner Rede, er sah, daß der Königssohn ihn erst traurig und dann mit unguten Augen zornig anblickte. Da aber Karl in kaltem Schweigen verharrte, nahm er noch einmal das Wort. »Warum blicken Eure Gnaden so bös?« fragte er. »Ich hätte Euch die Sache besser doch nicht erzählen sollen. Aber da es nun geschehen ist, bitte ich Eure Gnaden inständig, keiner Seele etwas zu verraten, denn außer mir weiß niemand davon, und wenn der Gevatter Tristan dem Ding auf die Spur käme, er würde sicher die weiße Maus umbringen lassen, denn das ist so einer, der keinem Menschen die leiseste Wohltat gönnt.« So der priesterliche Mentor. Das Gesicht seines prinzlichen Zöglings hatte er richtig gedeutet. Karl war über die weiße Maus des gefangenen Heinrichs von Armagnac erst traurig und dann zornig geworden. Ein wenig eifersüchtig war er schon immer gewesen auf diesen Vetter Heinrich, der sich die Freiheit genommen, drei Jahre älter zu sein als er. Wirklich, darin lag etwas Beleidigendes, daß ein abgesetzter Herzog, der doch länger Knabe zu bleiben hat als ein Königssohn, schon drei Jahre älter sein wollte. Und nun hatte er auch noch eine vornehmere Freundin. Zu Karl, dem Königssohn, kam eine gewöhnliche braune, und zu Vetter Heinrich kam eine weiße Maus. Der Prinz fand das empörend. Den ganzen Tag und auch noch, als er schon in seinem prinzlichen Bette lag, hatte er die weiße Maus vor Augen und kam nicht davon los mit seinen Gedanken. Er hatte noch nie eine weiße Maus gesehen und auch immer geglaubt, daß es das nur gäbe im Reiche der Feen und anderer Märchenwelten. Sie war auch gewiß eine Fee oder verzauberte Prinzessin, aber seine eigene, das unansehnliche braune Ding, war doch wohl nur eine gewöhnliche Maus. Immer heftiger entbrannte in ihm die Eifersucht, und zum erstenmal in seinem Leben konnte er die ganze Nacht keinen Schlaf in die Augen bekommen: Gegen Morgen aber faßte er einen Entschluß. Diese weiße Maus mußte er sehen, koste es, was es wolle. * Leicht fiel die Sache nicht. Die Gefangenen von Plessis-les-Tours, das wußte Karl nur zu gut, wurden peinlicher behütet und bewacht, als Gefangene in der Welt je behütet und bewacht worden sind. Karl dachte zuerst an seinen Kämmerer Robert le Riche, den er sich mit Leib und Seele ergeben wußte. Aber der war ein alter Diener des Königs und diesem wahrscheinlich doch noch mehr ergeben als dem Sohn. Auch lag in der Wortkargheit des Alten schon etwas Abweisendes. Nein, Karl fand nicht den Mut, sich ihm zu offenbaren. Noch weniger wagte er es, den strengen Mentor in seinen abenteuerlichen Wunsch einzuweihen, denn abenteuerlich war in der Tat sein Gelüst, sogar mehr als er selber ahnte. Der Versuch mit Vater Bonifaz hätte ihm keine kleine Rüge eingetragen, und diese Art Konfekt stand ihm nicht nach dem Gaumen. Er seufzte. »Ach Gott,« sagte er sich, »man muß König sein, um etwas zu bedeuten; ein Königsohn zu sein, das ist noch gar nichts.« In seiner Not fiel ihm die gute Rotrude ein. Das könnte gehen, dachte er. Wenigstens fühlte die gute Schaffnerin sich wirklich nicht wenig geschmeichelt, als sie merkte, daß der Königssohn von neuem sich ihrer Freundschaft bedürftig zeigte. Auch ging ihr Karl gehörig um den Bart – die Redensart ist ja bei ihr nicht unangebracht – und wandte seine ganze schmeichlerische Liebenswürdigkeit auf, das Märchenmütterlein damit einzusalben. Sie erschrak freilich sehr, als sie erfuhr, was man von ihr verlangte. Aber Karl tat alles, um der guten alten Freundin – seine neue, die braune Maus, war ihm etwas gleichgültig geworden – ihre Bedenken auszureden. »Höre, was ich sage,« flüsterte er, »Meister Gorgias und du seid Gevattersleute, ich weiß, daß er viel auf dich hält. Sage nicht nein, süßes Mütterchen. Er wird dir gewiß einen kleinen Liebesdienst nicht abschlagen.« »Kleinen Liebesdienst,« rief die Schaffnerin entsetzt, »ist das ein kleiner Dienst, wo es uns um den Hals geht. Eure Gnaden wissen, die königliche Majestät ist schrecklich, wenn es sich um die Übertretung ihrer Befehle handelt.« »Es wird dem herzigen Peter nicht um den Hals gehen«, versetzte der Königssohn, indem er in den Ton seiner Stimme soviel Zuversicht als möglich zu legen suchte. »Der König ist sehr krank, mehr als ihr alle wißt. Sag' das dem Peter Gorgias von mir aus, und auch noch das, daß ich einen Brief erhalten habe von meinem Schwager Ludwig von Orléans. Danach hat sich die Krankheit des Königs auf der Reise noch bedenklich verschlimmert, mein Schwager glaubt nicht, daß der König überhaupt in der Lage sei, wieder hierher zurückzukehren. Du weißt, er wird längst zurückerwartet. So mag es seine Gründe haben, daß er noch immer ausbleibt.« Diese Rede des Königssohnes stimmte mit der Wahrheit nicht ganz überein, doch wie sollte eine arme alte Schaffnerin auf den Gedanken kommen, daß ein so schöner Königssohn und süßer Prinz einer Lüge fähig sei. Und natürlich hätte Karl sonst gewiß nicht gelogen, aber hier, wo es sich um die weiße Maus handelte ... Kurz, es gelang dem Prinzen wirklich, die Alte für seine Pläne zu gewinnen. * König Ludwig, obwohl er das Weib als solches, bei Gott, nichts weniger als verschmäht hat in seinem langen Leben, hegte eine bodenlose Verachtung für die moralische Seite der Frau. Zu ernsten Dingen ist die Frau nicht zu gebrauchen, an diesen Satz glaubte er fester als an das Evangelium und seine Heiligen, und niemand wird die Stärke dieses Glaubens bei ihm in Zweifel ziehen. Er handelte auch diesem Satz gemäß. Kaum daß er mit seinen Töchtern zeitweilig eine Ausnahme gemacht hat. Seit langer Zeit duldete er auf Plessig-les-Tours nichts Weibliches, die Rotrude aber hielt er wegen ihres Alters und ein wenig vielleicht auch wegen ihres Bartes offenbar für gar kein Weib. Sie aber verriet ihn nun, woraus man ersieht, daß ein Grundsatz zu gar nichts nützt, wenn man auch nur im geringsten von ihm abweicht. Nicht nur die Rotrude verriet ihren König, auch den Kerkerknecht, den herzigen Peter Gorgias, wie der Prinz sich ausdrückte, überredete sie, und Gott mag wissen, wie sie das bei diesem furchtbaren Kerl anfing. Wie sie es aber auch angefangen hat, und den Ausschlag mag wohl die Überzeugung gegeben haben, daß die königliche Majestät wirklich kränker sei, als die Welt wisse, daß Unsere Liebe Frau von Embrun zwar viel vermag, aber doch wohl nichts an der Tatsache ändern kann, wonach auch ein König sterblich ist, und daß vielleicht gar, wer konnte es wissen, der kleine Prinz bereits die königliche Krone, wenn auch noch unsichtbar, auf seinem Kindskopf trug, wo dann eine Unbotmäßigkeit zu bösen Häusern führen konnte; mit einem Wort: die Alte wußte mit ihren Gründen durchzudringen, und der schöne Peter mit den baumdicken Säbelbeinen und der entsetzlichen Narbe quer über das ganze Gesicht kam wirklich in der folgenden Nacht und führte den Prinzen auf nur ihm bekannten Stiegen und Schlupfwegen hinunter nach den unterirdischen Verliesen, zu denen er allein die Schlüssel am Gürtel trug. Die letzte Schneckentreppe, die sie hinunterstiegen, Peter Gorgias mit der Pechfackel voran und der Königssohn hinterdrein, war so schmierig von den Ausschwitzungen der uralten Steine, daß Karl Mühe hatte, nicht auszuglitschen und Arme und Beine zu brechen. Seine empfindlichen Sinne, die die Sinne waren eines Prinzen und fast eines Kindes, kam ein Grauen an, aber seine Romantikerphantasie fühlte sich befriedigt. Und altklug, wie er auch war trotz etwas beschränkten Verstandes, dachte er: »Es ist doch gut, daß ich mir's zu unternehmen getraute, denn ich werde einmal König sein, und ein König muß alles gesehen haben.« Zu unterst an der Treppe schloß der Kerkerknecht mit drei verschiedenen Schlüsseln drei verschiedene Schlösser auf unter heftig ächzendem Geknarre der rostigen Riegel und drückte dann mit Hilfe seiner stämmigen Schultern eine schwere Tür zurück, worauf er weiter dem Prinzen in einem feuchten Gang mit seiner Pechfackel voranleuchtete, die aber öfter vollständig zu erlöschen drohte, bald von dem nassen Schmutz, der von der Decke tropfte, bald von den Flügelschlägen gespenstischer Fledermäuse, die in großer Zahl über ihren Köpfen hin und her huschten. Ein erhöhtes Grausen überlief den Prinzen, und fröstelnd zog er seinen Mantel enger um sich. Sie kamen an mehreren schwer beschlagenen Türen vorbei mit winzigen, aber fest verschlossenen Klappenöffnungen, und bei einer derselben hielt Gorgias an. Diese Tür versperrte ausnahmsweise ein einfaches Schloß. Gorgias öffnete sie mit Hilfe eines gewaltigen Schlüssels, trat in einen finsteren Raum, steckte seine Leuchte innen an einen eisernen Fackelhalter der Mauerwand und trat dann mit einer Verbeugung gegen den Prinzen auf eine ziemliche Entfernung in den Gang zurück. Da er dem »jungen König« einmal gefällig sein wollte, mochte er gern noch ein Übriges an Höflichkeit dreingeben. Karl machte zögernd einige Schritte vorwärts bei dem flackernden Licht der Pechfackel, und da faßte ihn ein solches Entsetzen, daß ihm die Knie zitterten. Er sah nicht, wie er es erwartet, einen einfach angeketteten Gefangenen vor sich, sondern er stand vor einem Käfig aus schweren Eisenbarren, so schmal und so niedrig, daß sich ein Mensch darin weder ausstrecken noch aufrecht halten konnte. Hinter diesen Eisenstäben auf einem Schemel saß ein hohlwangiger, zum Skelett abgemagerter Knabe mit ungekämmtem, struppigem Haar. Wirklich noch ganz kinderhaft sah er aus, der sechzehnjährige Herzog von Nemours. Die Kerkerluft und Kerkerkost in Verbindung mit dem Mangel an jeder Art Bewegung hatte seine Entwicklung vollständig zurückgehalten, und doch mußte ihm eine geradezu wunderbare Lebenskraft innewohnen, die nach fünf langen Jahren diesem Zustand noch immer Widerstand zu leisten vermochte. Trotz seines Entsetzens durchfuhr das Gehirn des kindischen Karl doch der befriedigende Gedanke: »Er ist ja gar nicht älter als ich.« Unter dem Geräusch von bewegten Ketten erhob sich der Herzog, in seine starren Augen trat ein freundliches Licht. »Bist du der Engel der Barmherzigkeit?« redete er den Prinzen an. »Ich bin Karl«, antwortete dieser. »Du bist der Sohn des Königs,« sprach Heinrich von Armagnac mit bereits wieder verfinsterten Blicken, »so bist du gekommen, wie auch dein liebreicher Vater manchmal hierherkommt, um sich eine teuflische Schadenfreude zu geben. Und ich konnte den Sohn Ludwigs für einen Engel der Barmherzigkeit halten, den Sohn des Königs, der meinen Vater geschlachtet hat.« Er hielt inne. Er sah, wie dem Königssohn große Tropfen in die Augen traten. »Ich bin gekommen,« versetzte Karl, »weil ich mir die Ehre geben wollte, sowohl meinen Vetter Heinrich als auch seine weiße Freundin kennenzulernen, auf die ich, daß ich's nur gestehe, nicht wenig eifersüchtig bin.« Der junge Herzog von Nemours fuhr erschreckt zusammen. »Von meiner süßen Blancheflor redest du,« sprach er, »von meiner lieben Freundin und Schwester. Wie kommst du dazu? Ich glaubte, das sei ein Geheimnis für jedermann. O Gott, nun ist sie verloren. Du wirst sie dem Meister Tristan verraten. Der wird sie an ein Kreuz heften und mir die Gemarterte zum Hohn vor meinem Käfig aufhängen. Aber nein, du hast so sanfte Augen, du hast einen lieben Kinderblick, du wirst das nicht tun, du wirst mich nicht meines einzigen Trostes berauben wollen. Sieh sie nur an, wie schön sie ist, und wie verständig sie aus ihren schwarzen Augen blickt, fast wie ein Mensch.« Der junge Herzog griff bei diesen Worten in seinen Busen und hielt nun in seiner Hand streichelnd die weiße Maus, die sich bei Annäherung des Gorgias unter seine Kleider versteckt hatte. »Sieh sie an,« sagte er wieder, »du müßtest ein Unmensch sein, um sie zu verraten oder sie gar jenem unmenschlichen Henker auszuliefern.« Karl hatte Mühe, ein lautes Aufjauchzen zu unterdrücken. Er hatte schon befürchtet, sie gar nicht zu sehen, er hatte sogar schon an ihrer Existenz gezweifelt. Und nun sah er sie ganz nahe vor seinen leibhaftigen Augen. »Beruhige dich, Vetter Nemours,« sprach er, »ich werde die Dame Blancheflor nicht verraten, um so weniger, als ich wahrhaftig selber sterblich in sie verliebt bin, so sehr verliebt, daß ich dich zum Zweikampf fordern möchte um sie, wenn du ein freier Mann wärest.« »Leider bin ich es nicht«, seufzte Heinrich, und sein Auge blickte in tiefster, trostlosester Traurigkeit. »Du sollst es werden!« rief Karl, »sobald ich König bin, will ich dich mit eigener Hand herausführen aus deinem Marterkäfig, darauf gebe ich dir mein Ehrenwort. Gestern war ich ja sehr zornig auf dich, als mir Vater Bonifaz das erste Wort sagte von deiner weißen Freundin, denn mein Stolz glaubte es nicht ertragen zu können, daß mich, den Königssohn, nur eine gemeine braune Maus besucht, dich aber, meinen zukünftigen Untertan, eine weiße, die doch etwas viel Vornehmeres ist. Seitdem ich dich jedoch gesehen habe, hat sich dieser Groll in mir gelegt, und ich muß dich lieben. Ach schon um der Dame Blancheflor willen muß ich dich lieben. Aber das hindert nicht, daß wir miteinander eine Lanze brechen um diese Dame, sobald du frei sein wirst, so ist es ritterlich.« Der junge Herzog mußte lächeln bei all seinem tiefen Elend. »Die Worte Euer Gnaden,« sagte er, »riechen nicht nach Ludwig dem Elften. Der hat so in seinem Leben nicht gesprochen. Er hat in seinem Vokabularium das Wort Ritterlichkeit dick ausgestrichen.« Und beide Knaben kamen ins Plaudern, während die Dame Blancheflor auf der Achsel des jungen Herzogs ein Biskuit knusperte, das ihr der Königssohn galant überreicht hatte. »Und was wird Euer Gnaden erste Sorge in der Regierung sein?« fragte der Herzog von Nemours. »Dich der Freiheit wiederzugeben, Vetter Nemours.« »Gut,« versetzte der unglückliche Armagnac, den man zwar einen kleinen Zipfel seiner Freiheit sehen ließ, aber Gott mochte wissen, in welcher unmenschlichen Ferne, »gut, aber dann?« »Aber dann?« fragte Karl dagegen in etwas kindischem Eifer. »Du bist sonderbar, Vetter Heinrich, hast du denn nicht den Rosenkranz des Kriegers gelesen? Selbstverständlich werde ich einen ruhmreichen Krieg führen. Du weißt, daß mir durch den Tod des letzten Anjou das Königreich Neapel, das jetzt die Aragonier widerrechtlich besetzt halten, erb- und eigentümlich zugehört. Das ist ein Königreich, wo alle Straßen und Plätze voll Musik sind, wo es keine Hütten und Häuser gibt, sondern nur Paläste aus weißleuchtendem Marmor, und wo alle Bäume und Gebüsche voll goldener Pomeranzen hängen. Dieses Königreich werde ich mir erobern.« Denn Karl hatte das Versprechen nicht vergessen, das er der Mademoiselle Fifi gegeben, und wenn ihm auch dieses Persönchen, weil eben nur eine gemeine braune Maus und keine weiße, bereits recht gleichgültig geworden, so wußte er doch auch, was ein gegebenes Ritterwort zu bedeuten hat. »Und an die Handhabung von Gerechtigkeit und Menschlichkeit in Ihrem Reich denken Eure Gnaden nicht?« fragte Heinrich von Armagnac wieder. »Ob ich daran denke,« erwiderte Karl, »dem Gevatter Tristan werde ich Befehl geben, als in letzter Betätigung seines Amtes, sich unverzüglich selber aufzuhängen, und alle anderen Henker des Reiches werde ich ebenfalls abschaffen durch ein königliches Dekret. Und« – das sagte er mit einer artigen Verbeugung gegen die Dame Blancheflor – »abschaffen auch werde ich im Reich alle Kater und Katzen.« Er mußte selber lachen über seinen Einfall. Aber ein seltsames Echo antwortete ihm aus dem Dunkel heraus. Es war auch ein Lachen, aber ein viel gröberes und rauheres. Der Prinz und der Herzog erstarrten in jähem Schreck. * Die beiden kinderhaften Jünglinge hatten, ach, keine Ahnung von den neuesten Ereignissen im Schloß. König Ludwig war von seiner Pilgerfahrt zurückgekehrt. Schon kurz nach Einbruch der Abenddämmerung war er, wie aus dem Boden gewachsen, plötzlich im Schloß aufgetaucht. Solche Überraschungen liebte er. Auch noch jetzt wollte er seine Ankunft geheim halten, und außer der verschwiegenen schottischen Wache bekam ihn niemand zu Gesicht. Er fühlte sich sehr erschöpft und ließ sich von seinen Gevattern Tristan und Olivier und seinem Arzt Coctier zu Bette bringen. Später, längst nach Mitternacht, war er dann aufgewacht und verlangte – nicht etwa seinen Sohn – sondern den Gorgias zu sehen, und als dieser Kerkerknecht dann in seiner Behausung bei den Gefängnissen nicht gefunden wurde, geriet der König in eine furchtbare Aufregung, die ihm einen so heftigen Hustenanfall zuzog, daß selbst der Gevatter Tristan erbleichte. »Man bringe mir meinen Sohn«, befahl der König mit matter Stimme. Aber auch den Königssohn fand man nicht in seinen Gemächern, sein Bett aber unberührt. Bei dieser Nachricht erhob sich der König stracks von seinem Lager, man mußte ihn ankleiden, und dann winkte er seinen Getreuen, ihm zu folgen. Sein sprichwörtlich gewordenes Mißtrauen hatte sich in ihm wie zu einem sechsten Sinn, zum schärfsten von allen, ausgebildet, der ihn zwar manchmal falsch, aber meistens, wie einen Jagdhund sein Geruch, richtig leitete. Heute jedenfalls tat er's. Denn das rauh lachende Echo, das dem kindlichen Lachen des Königssohns vor dem Käfig des Herzogs von Nemours aus dem Dunkel hervor geantwortet hatte, war kein anderes gewesen als das des Königs. Dann stand er plötzlich wie ein Gespenst vor dem zitternden Königssohn und dem auf seinem Schemel in Ketten klirrend zurückgesunkenen Herzog von Nemours. Tristan L'Hermit, Olivier le Daim, der Arzt Coctier und zwei Kriegsleute mit aufgestemmter Hellebarde und umhängender Armbrust hielten sich hinter ihm, Tristan mit blutigem Schwert – der hatte vorher den Gorgias, ohne weiteres Federlesen, in Stücke gehauen. »Wie, mein schönes Herrlein,« knirschte der König zwischen den wenigen Zahnstumpen hervor, »wie, du läßt dir beifallen, zu meinen Lebzeiten nach meiner Krone zu schielen? Du fühlst sie vielleicht schon leibhaftig auf deinem Kindskopf. Willst du nicht einmal danach greifen? Ein halsbrecherisches Spiel, das du da spieltest. ›Wenn ich König sein werde‹ und immer wieder ›wenn ich König sein werde‹, Corpus Christi , du wirst es niemals sein, hörst du, niemals; deinen Degen, Karl der Kronenräuber!« An Widerstand war da nicht zu denken, und am wenigsten dachte der kleine Karl daran. Er wies aber dennoch mit einer selbstbewußten Gebärde den Meister Tristan, der sich ihm genähert hatte, hinweg, und überreichte seinen Degen einem der schottischen Hauptleute, der ein Edelmann war, worauf die beiden Kriegsmänner ihn als ihren Gefangenen abführten. König Ludwig warf einen einzigen giftigen Blick auf den zusammengesunkenen Herzog von Nemours und näherte dann seinen Mund dem Ohr des Scharfrichters. Gevatter Tristan antwortete mit Grinsen: »Ja, es ist Zeit, ein Ende zu machen.« Er schlug dabei mit der steilgerichteten Rechten auf seine flache Linke, und diese furchtbar deutliche Zeichensprache verstand nicht nur der König, sondern auch der junge Heinrich von Armagnac in seinem eisernen Käfig, wo ihn, nachdem sich Ludwig mit seinen sonderbaren Freunden unter einem heftigen Hustenanfall entfernt hatte, wieder eine vollkommene Stille in dicker Finsternis umgab. Ein Strahl von Hoffnung war ihm für einen Augenblick gezeigt worden und hatte ihm lockende lichte Bilder des Lebens und der Freiheit vorgegaukelt, und seine junge gläubige Seele hatte sie schon für gewiß genommen. Aber dann war sie ihm umgetauscht worden in eine andere Gewißheit, die bleierne Gewißheit des nahen Todes. An Widerstand war auch da nicht zu denken, und dem Unglücklichen blieb nur eins, sich zu ergeben in den Willen Gottes, so entsetzlich es sein mochte, zu sterben, ohne gelebt zu haben. Er hegte schon kaum mehr einen Wunsch, so bleiern lag es auf ihm. Oder wenn er einen hegte, so war es der, daß ihm die Todesqual verkürzt werden, daß der Henker so wenig als möglich auf sich warten lassen möchte. Mancher wird es nicht glauben, daß man mit sehnsüchtiger Ungeduld auf seinen Henker warten kann, weil auch ein allerletzter, wenn auch noch so schwacher Schimmer der Hoffnung auch dann noch in einem Winkel der Seele zurückbleibt, wenn sie sich ganz in die fürchterliche Gewißheit ergeben zu haben glaubt. Aber wie dem auch sei, den Knaben Heinrich dünkte es bereits eine Ewigkeit der Qual, seitdem er horchend harrte. Er hatte anfänglich geglaubt, ein halbes Stündchen höchstens werde es dauern, nun kam es ihm vor, als ob schon viele Stunden darüber hingegangen waren. Hundertmal war er bei einem fernen Geräusch oder vermeintlichen Geräusch emporgeschreckt, es war aber jedesmal eine Täuschung gewesen. Und jetzt wieder – er lauschte. Sollte es abermals eine Halluzination sein? Nein, die Geräusche verstärkten sich. Und das klang zu deutlich wie Tritte eine Treppe herunter mit klirrenden Sporen und aufschlagenden Degenscheiden. Sogar ein ferner Schein von Licht brach schon, wenn auch noch so schwach, durch die Dunkelheit. Aber nein, der Schein war schon gar nicht mehr schwach, er wurde stärker, und hörbar wurde vielfältiges Stimmengewirr. War denn das gleich eine ganze Prozession von Scharfrichtern, was da hörbar immer näher kam in dem langen Gang? Und immer heller wurde es auch durch das enge Barrengitterchen der Kerkertür, und nun kreischte der Riegel im Schloß, die schwere Tür öffnete sich mit Ächzen, und sechs fackeltragende Pagen, farbig bestrumpft und in seidenen Kamisolen, gefolgt von vier Hellebardenträgern, traten ein und reihten sich beiderseits der Mauern. Ein einzelner Mann aber, vielmehr ein zarter Jüngling, näherte sich den Käfigstangen des Gefangenen. Vor drei Stunden hieß er der Königssohn Karl, der vor den Blicken seines Vaters am liebsten in den Boden gesunken wäre. Nun ging er fest auftretenden Schrittes und stolz aufgerichteter Haltung und schien gut einen Kopf gewachsen, seit er sich König von Frankreich nannte, seit man seinen Vater, mehr an seiner Wut als an seinem Husten erstickt, auf die Bahre gestreckt hatte. »Herzog von Nemours,« so sprach er jetzt, »du bist frei. Verzeihe meinem Vater und bete für seine arme Seele.« »Hoch lebe König Karl!« rief, Hüte und Tücher schwenkend, eine mehr als zwanzig Köpfe starke Gefolgschaft vornehmer Herren und Damen mit Ludwig von Orléans und Heinrich von Bourbon, genannt Herr von Beaujeu, den beiden Schwägern Karls und ihren Gemahlinnen an der Spitze. Man müßte sich wundern, wo all der Hofstaat herkam, wenn es nicht bekannt wäre, daß diese Herrschaften, wenn auch von König Ludwig nicht in seiner persönlichen Nähe gelitten, doch gezwungen waren, in der nahen Stadt Tours ihre Wohnung zu haben, um jeden Augenblick dem König zu Befehl zu stehen. Diesem Befehl waren sie in dieser Nacht zum letztenmal gefolgt, hatten aber den rufenden König dann nur noch als Leiche vorgefunden. Außer seinem Hofstaat waren tüchtige Werkleute aus der Waffenschmiede der Burg mit dem König heruntergekommen. Diese machten sich jetzt an die Arbeit, im Nu sah man die Eisenstangen durchsägt, und dann führte Karl an eigener Hand den befreiten Herzog hinauf an das Licht des Tages. Merkwürdigerweise fragte er mit keinem Wort nach der weißen Maus. Er war eben jetzt König und wußte, was sich für einen König gehörte in seinem öffentlichen Auftreten. * So also verlief die erste Regierungshandlung Karls VIII. In diesem Punkt hat er seine Zusage unverbrüchlich eingelöst. Auch was das Versprechen anbelangt, das er der braunen Maus verpfändet hat, obwohl ihm diese nun ein wenig in Vergessenheit, ja sogar ein wenig in Geringschätzung geraten war, auch zu dessen Erfüllung machte er wenigstens einen großartig aussehenden Versuch. Er zog, trotzdem ihm unterdessen das Schicksal jenes unglücklichen blonden Konradin nicht unbekannt geblieben, er zog wirklich nach Neapel, entging auch dem blutigen Ende jenes Königssohns aus Schwaben, mußte aber bald mit leerem Beutel und abgesägten Hosen, wie man zu sagen pflegt, wieder umkehren unter dem Spottgelächter der immer zum Lachen aufgelegten Italiener; denn es ist eben eine eigentümliche Sache mit Gelöbnissen, die man den Ausgeburten seiner eigenen Phantasie gemacht hat. Und noch schlimmer stand es mit der Ausführung seines dritten Versprechens, obwohl dieses der weißen Maus und nicht einer gleichgültigen braunen gegeben war. Er konnte die Henker nicht hindern, auch weiterhin ihres Amtes zu walten, und noch weniger vermochte er die Kater und Katzen aus der Welt zu schaffen, was ihm großen Kummer bereitete, der seinen unbeträchtlichen Geist und schwachen, kränklichen Körper frühzeitig aufzehrte, so daß er bereits in dem zarten Alter von siebenundzwanzig Jahren in die Grube sank. Er war eben kein starker König und ein ganz schwacher Philosoph und wußte nicht, daß das Böse ein wesentlicher Teil der Welt ist und vielleicht sogar ihrer Schönheit, und daß die Welt zu ändern auch die Macht eines Königs nicht hinreicht. Die Äbtissin von La Joye Die großen Barone waren es eben, die im Laufe des Mittelalters die zahllosen weiblichen Abteien gegründet und so reichlich und überreichlich begabt hatten, und wenn nun in späteren Jahrhunderten dieselbe hohe Aristokratie dieselben reichen Abteien ein wenig als ihr Eigentum und als Versorgungsanstalt für ihre überzähligen Töchter betrachteten, ließ sich dagegen vom Standpunkt der weltlichen Gerechtigkeit nicht viel einwenden; eine Aristokratie darf ihre Besitztümer nicht zersplittern, wenn sie sich nicht selber schwächen und zuletzt gar vernichten will. Freilich sollte der Eintritt in ein Kloster im Sinn einer religiösen Selbstopferung geschehen, der ein sehr strenger Sinn ist. Daß aber ein solcher bei den zahllosen Aristokratentöchtern, fürstlichen, herzoglichen, gräflichen und so weiter zuletzt sehr oft fehlte, weil man sich mit einer Abtei vor allem gut und standesgemäß versorgen wollte, und daß also mit der weltlichen Gerechtigkeit auch ein ausgesprochen weltlicher Sinn in die Klöster seinen Einzug hielt, das ließ sich nun einmal nicht vermeiden in einer Welt, wo auch die göttlichen Dinge (wenn wir sie so nennen wollen) von menschlichen Händen verwaltet werden und seien es auch Hände von Königstöchtern und noch so reinliche und zarte und durchgeistigte Hände, als welche aber, wie alles Köstliche, immer ein wenig zu den Ausnahmen und Seltenheiten gehören. Ob die hochehrwürdige Äbtissin von La Joye in der Stadt Auxerre sie besaß? Eine Königstochter war sie nicht, aber immerhin aus hohem herzoglichen Hause und gewiß nicht schlechter als viele andere, die vor ihrem Unglück bewahrt geblieben sind. Und wenn auch ihr Kloster sich des schönen Namens La Joye erfreute, den ein wüster Frechling sogar mit dem deutschen Namen Freudenhaus in Beziehung bringen könnte, so hätte doch in der ganzen Stadt Auxerre niemand gewagt, ihr reiches Haus, und es war sehr reich, irgendwie der Unsittlichkeit oder auch nur der Unordentlichkeit zu zeihen. Doch freilich etwas weltlich, wie eben überall damals, verlief das Leben auch in La Joye, besonders in der Prälatur, der üppig ausgestatteten Abbatialwohnung ihrer Hochehrwürden, denn so nannte man die Äbtissin trotz ihres zarten Alters von zweiundzwanzig Jahren und aller sonstigen Zartheiten und Gebrechlichkeiten, die in einem solchen Fall unter den faltenreichen, keuschen Gewändern des Ordens der heiligen Ursula versteckt sein mochten. Ja, etwas weltlich ging es zu. Die Herrin dieser reichen Abtei gehörte, und nicht nur als Äbtissin mit fürstlichem Einkommen, sondern noch mehr als das Kind einer alten herzoglichen Familie, zu den vornehmsten Persönlichkeiten der Stadt, die jedes Haus hoch beehrte, das sie gastlich zu besuchen sich herabließ. Und bei der selber gesellschaftlich zu verkehren, bedeutete in der altangerauchten Stadt Auxerre kaum weniger als der Verkehr bei Hof für den Hochadel von Versailles, ganz abgesehen von dem bezaubernden Reiz der jungen, zarten Wirtin, ihrer Hochehrwürdigkeit zum Trotz. Als echte französische Herzogstochter – ihr Vater galt mit Recht für die glänzendste Persönlichkeit am Hofe des vierzehnten Ludwig, was etwas heißen will – verfügte sie reichlich über alle die Talente, welche auch die verfeinertste Geselligkeit an den Menschen stellen kann, und doch glänzte sie nicht so sehr durch Geist, diesem bekannten Vorzug ihrer Rasse, ihrer Familie und ihres Herkommens, worin es ihr aber andere zuvortaten: als durch ihre Begabung und Leidenschaft für Musik, für die sie, und böse Menschen haben ja keine Lieder, vor allem zu leben schien. Wer sich in dieser Neigung und entsprechendem Talent ihr verwandt fühlte, gewann leichter ihre Freundschaft als die übrigen, und dieses Vorzugs durfte sich besonders der Marquis von Lavardin rühmen, der als blutjunger Leutnant bei dem Regiment Gaston zu Auxerre in Garnison stand und der so entzückend die Laute spielte, daß sogar der alte Heidengott Apollo auf ihn hätte neidisch werden können, um so mehr, als der angehende Krieger in seiner Uniform in Rot und Weiß dem Schinder des armen Flötenbläsers Marsyas auch an jugendlichem Schönheitszauber kaum nachstand. Er wurde darum von vielen beneidet; denn die hochehrwürdige Äbtissin von La Joye mit ihren zweiundzwanzig Jahren begnügte sich bald nicht mehr damit, und das war gewiß eine große Unvorsichtigkeit, den süßen Lautenschläger niemals bei ihren größeren oder kleineren Gesellschaften fehlen zu lassen, sie berief ihn auch in außergesellschaftlichen Stunden immer häufiger zu sich in ihre privatesten Gemächer, nicht gerade, um mit ihm den Rosenkranz zu beten, denn Uno con una non dicunt pater noster , aber um ihren Gesang, der ihr das halbe Leben bedeutete, durch sein zartes Saitenspiel zu beleben und zu erhöhen. Und da konnte es denn nicht fehlen, daß zwischen der hochehrwürdigen Mutter Äbtissin, unter deren heiligen Gewändern sich nun einmal ein junges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren verbarg, und dem apollohaften Leutnant ganz langsam jene nicht gerade seltene aber vorkommendenfalls immer wieder wie ein Himmelswunder angestaunte Blume aufwuchs, deren mächtig gewaltiger Duft auf Sinn und Gemüt eine so beglückende und berückende, ja manchmal verhängnisvolle Wirkung übt, die zu unsagbarer und unfaßbarer Beseligung, zum jauchzenden Höchstgefühl des Lebens, zu den glühendsten Gipfeln alles Daseins oder auch, je nach Ort und Umständen, und ein Kloster besonders ist ein solcher Ort, in Schmach und Schande, in Tod und Verdammnis führen kann. Denn es steht nun einmal so, und nicht nur die Gärtner wissen dies, daß wir uns gerade bei den wundersamsten Blumen und Blüten vielfach mit deren Schönheit und Duft gern begnügen und an ihre Frucht vielleicht nicht einmal denken; ja Ort und Umstände, und ein Kloster besonders ist ein solcher Ort, mögen es mit sich bringen, daß eben der Gedanke an die Frucht sich sehr wenig erfreulich ausweist und sogar, sobald er zur Gewißheit zu werden droht, mit Schrecken und Entsetzen erfüllt. Und mit Schrecken und Entsetzen bekam es auch die Äbtissin von La Joye, als durch erst kaum merkliche, dann aber immer deutlichere Anzeichen die unerbetene Frucht sich derart in Aussicht stellte, daß dem guten Herzogentöchterlein kaum noch ein Zweifel, aber um so mehr Hoffnung, sozusagen gute Hoffnung blieb, die aber dennoch, dem Ort und den Umständen gemäß, für sie keine gute bedeutete. Vielmehr geriet sie darüber in die äußerste Verzweiflung, um so mehr, als ihr noch obendrein die Möglichkeit fehlte, sich mit dem Marquis von Lavardin vertraulich auszusprechen und dabei einigen Rat und Trost einzuheimsen. Denn der Frühling war angebrochen – die Äbtissin machte aber deswegen doch keinen Schritt mehr in ihren Garten, so prangend und verlockend er da drunten lag, sie mochte keine Blumen mehr ansehen, und die stolzen weißen Lilien, aus deren Grund es wie mit goldenen Sporen hervorstach und die sie einst so sehr geliebt, sie machten ihr das Herz weh, seitdem sie ihr Geheimnis verstand. – Der Frühling war angebrochen und mit ihm blühten nicht nur die friedlichen Blumen neu auf, die leuchtenden goldenen Schlüsselblumen und sanften blauen Veilchen, sondern auch die Schwertlilien und Rittersporne und Eisenhüte, da es damals keinen Frühling gab in Frankreich ohne Feldzug, sei es über den Rhein oder die Pyrenäen, sei es an die Schelde oder in den Jura, und auch der Marquis von Lavardin war mit seinem Regiment ins Feld gezogen. Da wurde die junge Äbtissin von Tag zu Tag blasser und leidender aussehend, sie sang keinen einzigen Ton mehr, wie sehr auch die Amseln und Drosseln von den hohen Baumwipfeln des Parks herüber sie aufzufordern schienen. Auch ihre Einladungen gab sie auf wie ihre Besuche in der Stadt und hielt sich streng zurückgezogen in ihren innersten Gemächern. Die Nonnen hielten sie für schwerkrank, doch wollte sie von keinem Arzt hören, nur als man ihr von einer Badereise sprach – sie pflegte alljährlich eine solche zu machen, wenn auch zu späterer Jahreszeit, und zwar in die Bäder von Bourbonne – schien ihr der Vorschlag einzuleuchten. Doch schob sie die Reise immer wieder hinaus, sei es wegen der Bangigkeit ihres Zustandes oder aus falschen Berechnungen oder sonstwelchen Gründen. So vergingen denn mehrere Monate, ehe sie endgültig ihren Entschluß faßte, der Frau Priorin die nötigen Vollmachten ausstellte und dann den Reisewagen rüsten und ihren Koffer packen ließ; wobei sie von seiten ihrer guten Kinder, der Nonnen nämlich, trotz deren Ahnungslosigkeit dem zärtlichen Vorwurf nicht entging, daß sie in unverantwortlicher Weise und wahrscheinlich zu ihrem Schaden viel zu lang gezögert habe. Und damit hatte es denn auch seine Richtigkeit, wie sie dies aufs grausamste nur allzubald erfahren mußte. Doch nun befand sie sich auf dem Weg, wohlverpackt mit den zwei dienenden Schwestern in dem geräumigen, hochgetürmten Wagen – auf dem Weg nach den Bädern von Bourbonne. Doch schon bei der nächsten Straßenkreuzung, nach ungefähr einer Stunde Fahrens, befahl sie dem Kutscher, nordwärts abzulenken und den Weg auf Fontainebleau zu nehmen, wo sie ein Geschäft zu erledigen habe. Sie wollte nicht nach den Bädern von Bourbonne, sie hatte sich die Sache anders überlegt. Ihre Gedanken standen auf Paris, als ihren Absichten dienlicher als der kleine vielbesuchte Badeort, wo man sie von früher her kannte und wo außerdem in einigen Wochen die große Welt zusammenkam, was sie damals, in jenen lustigen Tagen und mit dem Nachtigallengesang in ihrer Kehle sehr erfreulich fand, ihr aber in ihrer jetzigen gar nicht mehr lustigen und gar nicht mehr singerlichen Stimmung nicht anstand. Bei dieser Überlegung war ihr die alte Pensionsfreundin in den Sinn gekommen, ihre Herzensvertraute von ehemals im Kloster zu Chaillot, mit der sie noch immer hie und da Briefe wechselte. Diese hatte sich unterdessen verheiratet, war dann früh Witwe geworden und lebte nun, zwar von gutem Adel aber arm, zu Paris in großer Zurückgezogenheit und höchst beschränkten Verhältnissen. Bei ihr sicherer als irgendwo, hoffte sie von ihren Wehen und Ängsten zu genesen. Drei Tage Fahrens auf schotternden Wegen und sechsmaligen Pferdewechsels bedurfte es, bis sie bei einbrechender Nacht endlich den kleinen Ort Fontainebleau erreichte, von wo sie des andern Tags allein und mit Benutzung des Postwagens die letzte Strecke nach Paris zurückzulegen gedachte. Ein noch kleinerer Ort als heute war damals Fontainebleau, doch vornehm, und bequeme Gasthäuser gab es da in erklecklicher Anzahl; denn wenn, wie es im Jahr zweimal geschah, der Hof dort weilte, da reichten die Räume des alten zierlichen Königsschlosses bei weitem nicht aus, all das Volk zu beherbergen, all diese glänzenden und vornehmen Herrschaften mit ihrem Bediententroß, das alles dem König folgte überallhin und ihn in ewiger Aufgeregtheit umdrängte wie ein Bienenschwarm. Zum Unglück der Äbtissin von La Joye weilte nun gerade auch jetzt der Hof zu Fontainebleau, infolgedessen sie alle besseren und mittleren Gasthäuser vollgepfropft fand von oben bis unten mit Herrschaften und Dienerschaften und zuletzt froh sein mußte, in der sehr volksmäßigen Hotellerie zu den zwei Schwertern noch ein einziges notdürftiges Zimmer zu ihrer Verfügung zu finden, und auch dieses Haus wimmelte von Lakaien aller Art. Wo nun aber der König Hof hielt, da durfte am wenigsten der Mann fehlen, der uns von den deutschen Höfen und Höfchen her unter dem Titel des Oberhofmarschalls bekannt ist. Unter dem vierzehnten Ludwig hieß er des Königs Großkämmerer. Und wer war dieser Mann? Man begegnet ihm bei den Chronisten der Zeit bald unter dem Namen des Herzogs von Beauvilliers, bald unter dem des Herzogs von Saint-Aignan, denn der König hatte auch dessen Grafschaft von Saint-Aignan zum Herzogtum erhoben, hatte ihn überhaupt reich und mächtig gemacht über alle und selbst seine Töchter dabei nicht vergessen, von denen die zwei jüngsten mit den reichsten Abteien ausgestattet worden, die außer dem königlichen Maubuisson damals in Frankreich zu vergeben standen. Und selbstverständlich (in jener Zeit) bekleidete der allmächtige Hofmann noch eine Menge anderer Ämter außer dem des Großkämmerers, er besaß den Generalsrang in der Armee, bezog die Einkünfte zweier Statthalterschaften und wurde öfter zu vorübergehenden heimlichen oder öffentlichen Botschaften verwendet; kurz, er war ein ganz Großer und überdies der persönliche Liebling und Vertraute des Königs, der keinen andern seiner Höflinge so angenehm unterhaltend fand als diesen Herzog von Beauvilliers, als welcher immer die letzten und pikantesten Neuigkeiten aufzutischen und höchst spaßhaft aufzutischen verstand, worin höchstens noch der andere Liebling des Königs mit ihm zu rivalisieren vermochte, jener etwas abenteuerliche Herzog von Lauzun, von dem damals sogar hinsichtlich einer Base des Königs, der sogenannten Grande Mademoiselle , die seltsamsten Gerüchte umgingen. Auch waren beide sich ihrer Gegnerschaft wohl bewußt und haßten sich gegenseitig herzlich bei aller noch so vollendeten Liebenswürdigkeit der Formen. Im großen und ganzen aber wußte der zwar in der Tat weniger geistreiche aber umtulichere und vor allem weniger wählerische Beauvilliers, wie das meistens so geht, den Vogel abzuschießen und den heikleren Lauzun zu übertrumpfen. Nur in dem vorliegenden Fall ist ihm sein Triumph ein wenig daneben geraten. Es geschah das am Morgen nach der Ankunft der Äbtissin von La Joye zu Fontainebleau. Schon lang nicht mehr hatte der königliche Großkämmerer, während ihn seine Diener ankleideten, so unzufrieden und verdrießlich vor sich hingeblickt; denn in einer halben Stunde bereits sollte er beim großen » Lever « des Königs erscheinen (hinter welchem geheimnisvollen Wort sich etwas so königlich Vornehmes versteckt, daß es in unserer gut bürgerlichen deutschen Sprache gar nicht auszudrücken ist), sollte erscheinen und wußte nicht die geringste Neuigkeit, nicht die kleinste Anekdote, keinen einzigen Witz, kurz, einfach nichts, um seine Majestät damit zu regalieren. Bei Gott, er fühlte sich in einer mehr als peinlichen Lage. Aber wo die Not am größten, da ist Gott am nächsten, sagt das gemeine Sprichwort, und das sollte auch der Herzog von Beauvilliers erfahren. Seine Verzweiflung näherte sich bereits ihrem Höhepunkt, wie das Ankleidegeschäft seiner Vollendung, da, als gerade sein erster Kammerdiener am Boden kniend ihm als letztes die weißen Atlasschuhe mit den gewaltigen Schleifen an die Füße zu streifen im Begriff stand, da trat plötzlich sein Fourier herein, und das grinsende Gesicht und die ganze Person des kleinen Kerlchens zeigte an, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein müsse. »Was Neues? lieber Lenoire,« rief ihm der königliche Großkämmerer bereits erleichtert entgegen; »wahrhaftig, es scheint dir aus allen Poren zu schwitzen. Aber nun schnell, was gibt's?« Eine tolle Geschichte gab's. Eine Geschichte zum Totlachen. Eine ganz unerhört närrische Geschichte. Auch war sie gewiß noch nicht in das Schloß gedrungen, und abgesehen von einigen Lakaien, die wie der Erzähler selber in den Zwei Schwertern wohnten, wußte gewiß noch niemand etwas davon außerhalb jenes Hauses, die Kameraden aber hatten ihm Verschwiegenheit gelobt. Der allmächtige Doppelherzog mußte sich Gewalt antun, um dem herzigen Lenoire nicht vor freudiger Dankbarkeit um den Hals zu fallen. Nun, Gott sei Dank, nun hatte er seine Neuigkeit. Und was für eine! Und mit gehobener Brust wie ein Triumphator und siegstrahlend im ganzen Gesicht machte er sich auf – er wohnte als königlicher Großkämmerer natürlich im Schloß – machte er sich auf nach den Vorzimmern des Königs, die er bereits dicht erfüllt vorfand von Ministern, Generalen und Marschällen, von Grafen, Herzögen und Fürsten. Sein Eintritt rief eine kleine Bewegung hervor. Alle sahen es ihm sofort an, daß er etwas Ungewöhnliches in petto haben müsse! Und von allen Seiten umringte man ihn. »Was ist los, liebster Herzog, was bringen Sie? Was haben Sie wieder einmal aufgefischt, Sie Glücklichster der Sterblichen.« Und der Großkämmerer mit Würde: »Ja, meine Herren, Sie raten richtig. Eine Geschichte habe ich, Sie werden sich bucklig lachen.« »Bitte, erzählen!« rief's von allen Seiten. »Bitte, allerliebster Herzog.« Aber der königliche Großkämmerer machte die Miene schmerzlichen Bedauerns: »Ich muß Sie leider um Geduld bitten, meine Herren, erst vor Seiner Majestät.« Ein fast kleines, aber äußerst zierlich gebildetes Herrlein mit schmal ausrasiertem blonden Bärtchen auf der Oberlippe, der Herzog von Lauzun, ergriff das Wort. »Was wetten Sie, mein lieber Beauvilliers,« sagte er boshaft lächelnd, »was wetten Sie, ich weiß Ihre Neuigkeit.« »Unmöglich,« rief der Großkämmerer leicht erblassend, »unmöglich; ich habe sie eben frisch aus der Quelle geschöpft.« Aber da flüsterte der kleine Lauzun dem Großkämmerer leise etwas ins Ohr, wovon die Nahestehenden nur das Wort Äbtissin verstanden und worüber der Herzog von Beauvilliers einen Augenblick wie vernichtet stand. Mit aufgesperrtem Mund und fast blödsinnig aussehend stand er da, bevor er endlich den Gebrauch seiner Zunge wiederfand. »Aber liebster Freund,« stotterte er, »Sie werden doch nicht, Sie werden mir doch das Vorrecht nicht streitig machen wollen.« Der Herzog von Lauzun lachte lustig. »Wo denken Sie hin, mein Lieber,« antwortete er, »bin ich denn so einer, der die andern um ihr Eigentum betrügt. Beruhigen Sie sich, ich erhebe keine Ansprüche, ich will Sie nicht um Ihr Autorenrecht bringen.« In diesem Augenblick öffneten sich die Flügeltüren nach dem Schlafgemach des Königs und die Höflinge nahmen ihren Eintritt, streng nach der Rangordnung und unter Beobachtung der vorgeschriebenen Schritte, so viel nach links und so viel nach rechts nebst den dazugehörigen Kratzfüßen und tiefen Verbeugungen. Seine Majestät hatte sich schon erhoben und auch die Nachtmütze mit der hohen Perücke vertauscht. Und wie beim Meßopfer am Altar vollzog sich die Händewaschung, der erste Kammerdiener hielt das goldene Becken unter, der zweite Kammerdiener goß vorsichtig das warme Wasser über die königlichen Finger, der diensthabende erste Kammerherr reichte das Handtuch. Dann wurde, wieder vom ersten Kammerdiener, feingefältet gleich der priesterlichen Alba, das Hemd gereicht, aber nicht dem König, sondern dem Herzog von Bourbon, dem vornehmsten im Rang unter den Anwesenden, der es seinerseits dem König nicht eben nur darbot, sondern ihn auch, über die hohe gepuderte Perücke hinweg, wobei er sich auf die Zehenspitzen strecken mußte, damit bekleidete, während die Majestät das Nachthemd darunter zu Boden gleiten ließ. Die Strümpfe, man konnte sich fast wundern, zog sich der König höchst eigenhändig an, in den amethystfarbenen seidenen Schlafrock half ihm wieder der erste Kammerdiener, worauf sich Seine Majestät an einem kleinen Tischchen zu Ihrer Schokolade setzte mit dem gemütlichen: »Nun, meine Herren, was gibt's Neues?« In Wahrheit ging es nicht so rasch, noch vielerlei peinliche und sogar einige nicht ganz reinliche und mehr oder weniger umständliche Zeremonien mußten ebenfalls erledigt werden, doch haben diese mit der Geschichte weiter nichts zu tun, kurz, der König saß endlich vor seiner Schokolade, auf goldener Platte in goldener Tasse dargereicht, und geruhte endlich an diesem Tag sein erstes Wort zu sprechen, das gleiche und unvermeidliche wie an jedem Morgen: »Nun, meine Herren, was gibt es Neues?« Auf diesen Augenblick hatte der Herzog von Beauvilliers mit brennender Ungeduld gewartet, und innerlich zitternd vor Angst, der kleine Lauzun könnte ihm doch noch zuvorkommen, schoß er nun los. »Sire,« begann er unvermittelt, »darf man den Ohren Eurer Majestät eine heikle Geschichte zu Gehör bringen, eine etwas allzu skandalöse Geschichte, die sich heute nacht nur wenige hundert Schritte von hier zugetragen hat?« Der König blickte streng. »Ein Mord? Ein neues Duell, dem wieder einmal einer meiner Tapferen zum Opfer gefallen ist?« »Kein Mord, Sire,« fiel hier zum Schrecken des Großkämmerers der Herzog von Lauzun ein, »kein Mord, eine Geburt, die Geburt eines gesunden, drallen Jungen, wie es in den Anzeigen zu heißen pflegt; aber Verzeihung, mein lieber Beauvilliers, Ihr habt das Wort.« Und dieser, mit einer dankbaren Verbeugung gegen seinen Rivalen: »So ist es, Sire,« bestätigte er, »aber jedes Ding hat einen Anfang und ein Ende, und ich weiß nicht, ob man Eurer Majestät einen Gefallen tut, indem man eine Geschichte von hinten anfängt, wie es meinem geistreichen Freund, dem Herzog von Lauzun beliebt, der es vielleicht sogar fertigbringt, bei seinem Pferd, wenn man es aufzäumt, mit dem Schwanz anzufangen. Nein, nicht um den drallen Jungen handelt es sich zunächst, sondern um eine hochehrwürdige Mutter Äbtissin, eine reiche und vornehme ihrem ganzen Aufzug nach, vielleicht einer der besten Familien von Frankreich angehörig, und fast noch ein Kind an Jahren. Gestern abend in später Nachtstunde kam sie hier an, und nur noch in der elenden Dienerherberge zu den Zwei Schwertern fand sich noch ein Zimmerchen für sie, ein elendes, notdürftiges Zimmerchen, für sie und ihre zwei Dienerinnen. Nun, in der Not ... Aber was geschieht dann in der Nacht? Man hört Schreie, Mark und Bein durchdringende Schreie. Ermordete man die Äbtissin? Ihre beiden Nönnlein rufen entsetzt um Hilfe. Und bei Gott, es brauchte der Hilfe, wie es der Wirt und die Kellner und ein halbes Dutzend Schlafgäste und was nur alles hinzueilte mit Lichtern und Laternen, nur gar zu schnell erkannten. Aber was für einer Hilfe? Einer ganz absonderlichen Hilfe. Nichts als ein paar gelehrter und erprobter Frauenhände, und dann – ja aber zum Teufel, was red' ich denn noch, das ist ja nur noch schlapprige Milch, von der mir mein verehrter Freund Lauzun den Rahm bereits abgeschöpft hat.« Und alles lachte, und nicht nur über die drollige Schlußwendung und das ebenso drollige Gesicht des Großkämmerers (als ob er es vorher vor dem Spiegel einstudiert hätte), sondern auch über die Geschichte an sich, und zwar der König zuerst, denn er war damals noch jung und noch nicht der strenge Sittenrichter, zu dem er sich später unter den Auspizien der Marquise von Maintenon ausgewachsen hat. Der Herzog von Beauvilliers konnte zufrieden sein. Alles lachte. Nur zum Lachen fand man den schmerzlichen Vorfall. Nur das lächerlich Allzumenschliche, nur das blamabel Komische sahen diese hohen Herren in der bitteren Bedrängnis einer Verunglückten, der eigenen satyrhaften Roheit ahnungslos in ihrer oberflächlichen Heiterkeit. Sie lachten. Hatten sie nie etwas vernommen von jener doch gar nicht so seltenen, aber vorkommendenfalls immer wieder wie ein Himmelswunder angestaunten Blume, deren mächtig gewaltiger Duft auf Sinne und Gemüt eine so beglückende und berückende, ja manchmal verhängnisvolle Wirkung übt, die zu unsagbarer und unfaßbarer Beseligung, zum jauchzenden Höchstgefühl des Lebens und den glühendsten Gipfeln alles Daseins wie zu Schmach und Schande, zu Tod und Verdammnis führen kann? Sie lachten. Keiner dachte an Mitleid mit der Ärmsten, die eine augenblickliche Bezauberung, ein augenblickliches Selbstvergessen so schwer büßen mußte und auf ihrer scheuen und schamvollen Flucht nach einem fernen und heimlichen Versteck gerade in den bösesten Hofklatsch und seine laute Schadenfreude mitten hineinfallen mußte. Und doch sollte ein anderer dabei noch böser hineinfallen. Denn an den königlichen Großkämmerer wandte sich jetzt von neuem der Herzog von Lauzun mit einem Ausdruck im Gesicht, der nichts Gutes ahnen ließ. »Bravo, mein Bester,« rief er, »habt's gut, ganz prächtig habt Ihr's gemacht. Nur den Vorwurf für mich hättet Ihr behalten sollen. Ich soll Euch den Rahm abgeschöpft haben von Eurer Milch. Im Gegenteil, ich will sogar gern dazu beitragen, Eure Milch erst recht fett zu machen.« »Keinen Zank, meine Herren, auf eine so heitere Geschichte hin«, mahnte der König scherzhaft. Der Herzog von Lauzun verbeugte sich tief. »Sire,« sagte er, »unser Verhalten wäre schon strafbar, wenn es auch nur die leiseste Mahnung von seiten Eurer Majestät bedürfte. Nur eine harmlose Frage an meinen lieben Beauvilliers möge mir gestattet sein.« »Fragt denn, fragt«, antwortete der König etwas ungeduldig. »Also, mein Allerliebster,« wandte sich mit liebenswürdigstem Lächeln der Herzog von Lauzun an den Großkämmerer, »also wer ist die Äbtissin? Das habt Ihr zu sagen vergessen. Aber ich bitte Euch, Teuerster, fuhr er mit verbindlichster Freundlichkeit fort, ich bitte Euch, schaut mich nicht so bös an. Ich weiß wirklich ein Wort mehr als Ihr, und so wollet denn die Güte haben, mir zu erlauben, daß auch ich mein Wörtlein sage, der Majestät und auch Euch und allen Anwesenden. Die Äbtissin, von der Ihr so eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen wußtet, ist die ehrwürdige Frau von La Joye zu Auxerre.« Diese wie harmlos und in aller Form feinster höfischer Höflichkeit hingesprochenen Worte wirkten gleich einem Donnerschlag aus heiterem Himmel, der König fuhr förmlich von seinem Sitz in die Höhe, alle Anwesenden zuckten in sich zusammen wie von einer elektrischen Berührung, der Herzog von Beauvilliers und Saint-Aignan stand totenblaß. Die hochehrwürdige Frau von La Joye war seine eigene leibliche Tochter. Pandolfino I. Die weltgeschichtlich großen Sünderinnen, wie zuletzt alle übergroßen und blendenden Gestalten der Vorzeit, haben freilich ihre Wurzeln im Boden der gemeinen Wirklichkeit, aber ihr letztes Ausmaß, den letzten Höhenwuchs ihrer Gestalt, womit sie ins Übermenschliche und Unmenschliche hineinragen, verdanken sie doch einer Macht außer ihnen; sie verdanken sie dem Kuß der Frau Saga , nämlich jener mythenbildenden Kraft der Volksphantasie, aus der auch alle Kunst und Dichtung aufsprießt, deren tiefstes Wesen es ist, nicht eigentlich zu verschönern im schwächlichen Sinn des Wortes, sondern zu vergrößern, zu bereichern, zu steigern, emporzutreiben aus dem Gemeinen ins Ungemeine, aus dem Gewöhnlichen ins Außergewöhnliche, aus dem Vernunftbaren ins Wunderbare, aus dem Natürlichen ins Übernatürliche und Widernatürliche, aus dem Menschlichen ins Göttliche oder Teuflische, mit einem Wort über den Menschen hinaus in den Übermenschen. Und wehe, wenn dann ein Dichter, der nicht Größe genug hat, verführt von der dämonischen Schönheit solcher mythischen Volksschöpfungen, sich ihrer zu seinen Zwecken bemächtigt, dann entstehen notwendig, ästhetisch, nicht moralisch gesprochen, nur widerliche Ungeheuer und Scheusale. Man weiß, was auf diesem Weg aus jener so unglücklichen Johanna geworden ist, jener letzten angiovinischen Königin von Neapel, von der sogar die nüchterne Geschichtsschreibung, freilich ohne sie zu verstehen, eine schöne und große Liebe erzählt, aber natürlich, ihres Nichtbegreifens wegen, schlecht und unverständlich erzählt. Diese Königstochter war mit sechzehn Jahren an den kränklichen Erzherzog Wilhelm von Österreich vermählt worden, der, eben seiner kranken Lunge wegen, in dem windgeschützten Meran, der Landeshauptstadt seiner neuerworbenen Grafschaft Tirol, seinen Aufenthalt genommen hatte. Und in diesen hochummauerten, horizontlosen Gebirgskessel sah sich nun die Tochter des lichtweiten parthenopeischen Golfs, sah sich die sozusagen königliche Palme vom Fuß des meerumblauten Posilipo verpflanzt und in einem weltverlorenen, dorfartigen Winkelstädtchen einem siechen Manne, den bereits der Tod gezeichnet, zur Genossin bestellt, die von dem glanzvollsten und üppigsten Hofleben kam, das die Welt damals kannte. Die rohen Kriegsmänner in der Umgebung ihres Gemahls, denen Kampf und Trunk das Leben bedeutete, schmeichelten weder ihren zarten Sinnen noch ihrem seinen Geist, also daß es nicht zu verwundern ist, wenn das blutjunge Königskind fast kränker wurde als ihr lungensüchtiger, käsegesichtiger Ehegespons – krank im Herzen vor nagendem Heimweh; und krank zu krank gesellt, gibt eine traurige Musik. Jene andere Musik aber, die das Königskind aus dem Sonnenland als Erinnerung in tiefverschlossener Seele trug, war nicht nur das Gegenteil davon, sondern von so heißem Klang, daß sie nicht daran denken durfte, wenn ihr nicht unter den langen schwarzseidenen Wimpern auch die Blicke heiß werden sollten wie lodernde Flammen. Aber von so südlichem oder sündlichem Klang sollte dennoch eines Tages auch ihr äußeres Ohr einen wenn auch noch so unvollkommenen Widerhall vernehmen, und dieses scheinbar geringfügige musikalische Erleben wurde nicht nur ihr, sondern noch mehr drei Männern dergestalt verhängnisvoll, daß es zweien davon um den Kopf und dem andern um die Krone ging. An einem Sonntagnachmittag im April war's, und die junge Erzherzogin befand sich mit zahlreichem Gefolge auf dem Weg zur Hauptkirche der Stadt, um die Vesper zu hören. An ihrer Linken schritt die spitznasige blonde Gräfin von Trachenstein aus der Steiermark, die gestrenge Frau Oberhofmeisterin; zwei buntscheckige knirpsige Pagen trugen, wohl in fünf Schritten Abstand, das schwere Schleppkleid der Fürstin, die übrigen Herren und Damen folgten hinterdrein. Aus den dunklen Feueraugen der Angiovinerin blickte es wie zorniger Mißmut. Die bäuerisch plumpen Pfeiler der Gewerbelauben, unter denen sie herschritt, spotteten ihrer schlanken grazilen Gestalt, und wie einen Druck empfand sie die dunklen, allzu niederen Gewölbe, die eine hohe stolze Aufgerichtetheit unmöglich zu machen schienen, zwar nicht gerade für ihre Gestalt an sich, aber für ihre ellenhohe zuckerhutförmige Haube, von langen Schleiern leicht umflattert. Doch mochten es vielleicht auch andere, mehr innerliche Dinge sein, die sie mißgelaunt stimmten, daß ihre dunklen Augen fast zornig böse Blicke warfen, die sich aber dann plötzlich sonnenhaft erhellten. Das wurde bewirkt durch eine Musik, die plötzlich in einiger Entfernung anhub, wie die verstoßene Tochter der parthenopeischen Nymphe in diesem Land der Hyperboräer nie gehört hatte, woran sie aber die Erinnerung aus frühester Kindheit in sich trug. Die hohen quirlenden Töne eines Dudelsacks waren es, und die sich überhastenden, sich übersteigenden und manchmal sich frech überschreienden Triller konnten, so schien es ihr, nur die Begleitung sein zu jenem wilden napolitanischen Volkstanz, dem die königliche Prinzessin als Kind einige Male zugeschaut hatte. Bei dieser Erinnerung verschwanden die stumpfen, klotzigen Pfeiler zu ihrer Seite und die schwarzen, schmutzigen Mauern und niederen Gewölbedecken, und vor ihr weitete sich unter unendlicher Lichtblaue der gelbe Strand von Santa Lucia, der den perlmutterschimmernden Spiegel des unabsehbaren Golfs wie ein goldener Rahmen umschmiegte. Aber das war natürlich nur ein augenblickliches Traumgesicht. In Wahrheit stieß der Zug der fürstlichen Kirchgänger auf einen gedrängten bäuerlichen Volkshaufen, der mit aufgesperrten Mäulern dieser unerhörten, wilden Tanzmusik lauschte. Den Tanz selber mußte man sich dazudenken, es sei denn, daß man die grimassenhaften Sprünge und Pantomimen eines grasgrün bekleideten Äffchens auf der Schulter des Dudelsackpfeifers dafür nehmen wollte. »Platz, Platz! ihr Leute«, riefen jetzt die Hoftrabanten die Menge an, die sofort ehrfurchtsvoll auseinanderwich, daß der fremde Spielmann der Fürstin frei vor Augen stand, ein hagerer brauner Junge mit roter Schlappmütze auf dem schwarzen Hinterkopf und schwarzem Faltenmantel über rotem Hemd, kurz, ein unverkennbarer allerliebster Neapolitanerbengel, der beim Anblick der jungen Erzherzogin sich die Mütze herunterriß und in beide Knie niedersank, während er, die feurigen Blicke auf die Fürstin geheftet, die schrillen und hastenden und sich überstürzenden Triller seiner wilden Tanzweise sehr wirksam in ein sanftes Adagio überleitete in langgezogenen, fast klagenden Tönen, womit auf dem Golf von Neapel in hellen Mondnächten die Fischer auf unendliche Entfernungen hin im Zwiegesang Strophe und Gegenstrophe einander zusenden. Die Erzherzogin Johanna stand eine kleine Weile wie im Bann. Und deutlich war ihr anzusehen, wie sehr sie Lust verspürte, den tönegewaltigen Sendboten der Heimat zu sich heranzurufen, um auch in seinen Worten den süßen Gruß der Heimat zu hören; aber das spitznasige schmale Gesicht der hageren, blonden Frau Oberhofmeisterin nahm einen solchen Ausdruck von Strenge und Härte an, daß der jungen Erzherzogin gänzlich der Mut entfiel. Sie griff nur noch rasch in ihre Gürteltasche und warf ihrem kleinen Landsmann ein Geldstück zu, der es geschickt auffing und inbrünstig küßte, was auch das grasgrün bekleidete Äffchen pantomimisch nachahmte, und bei welchem Anblick die Nase der Frau Gräfin von Trachenstein noch spitziger wurde. Denn diese Dame war offenbar die Großmutter oder Urgroßmutter jener Spottgeburt von höfischem Ungeheuer, das später unter dem Namen der spanisch-habsburgischen Hofetikette über zwei Jahrhunderte lang die Fama von ganz Europa in Atem hielt; was nun freilich, wenngleich in anderm Sinn, auch dem Königskind Johanna widerfuhr, infolgedessen ein schwaches menschliches Wesen zur eingefleischten Teufelin werden mußte – im Munde eben jener Frau Fama. Und so kann man sagen, daß die beiden Frauen, wie sie jetzt, den beglückten Dudelsackpfeifer hinter sich lassend, dem spitzbogigen Kirchenportal zuschritten, recht eigentlich die Symbole zweier feindlicher Mächte darstellten, die besonders in den höheren und höchsten Regionen der menschlichen Gesellschaft seit ewig um den Sieg miteinander kämpfen, der doch, wenn er, auf der einen oder andern Seite, ein letztgültig vollständiger je werden sollte, das Menschentum in diesen Regionen so oder so mit gleicher Sicherheit vernichten müßte. Für diesmal aber hatte das eine Prinzip, das der Gouvernante, einstweilen gesiegt, und es siegte auch noch einmal am darauffolgenden Sonntag, wo sich der gleiche musikalische Auftritt wiederholte, ohne zu etwas Weiterem zu führen. Eine andere Gestalt aber bekam dann die Sache am Montag danach bei dem vormittägigen Messegang der Herzogin. Wieder staute sich eine Volksmenge vor der Kirche, aber was sie umstanden und umgafften, war jetzt, wenn schon dieselbe Person, kein lustiger Pfeifer mehr und Spielmann, sondern ein ertappter Dieb, ganz ohne seinen geliebten Dudelsack und ohne das grasgrün bekleidete Äffchen. Der junge Neapolitaner hatte nämlich unter den Lauben am offenen Bäckerladen ein Weizenbrötchen stibitzt, dabei war er ertappt worden und sollte nun dafür öffentlich ausgepeitscht werden. Die Stockknechte hatten ihm bereits die Kleider vom Leib gerissen; wie sie ihn aber nun ergreifen wollten in seiner wundervollen braunen Nacktheit, um ihn auf die Schranne niederzuzerren, da stieß er einen Schrei des Entsetzens aus. Hatte er das Herannahen der Erzherzogin bemerkt? Sie jedenfalls wurde von seinem Schrei getroffen, und diesmal tat sie, alle äußeren Rücksichten vergessend und nur dem inneren Antrieb folgend, nicht beachtend auch die dünnen verkniffenen Lippen und spitze Nase der hagerblonden Frau Oberhofmeisterin, tat sie so rasche Schritte gegen den gaffenden Volkshaufen – trotz der unbequemen langen Schnabelschuhe –, daß sogar der eine der kleinen Pagen, der zugleich ihr Stundenbuch trug, sich ihre Schleppe aus der Hand entfahren ließ. Doch das hatte nichts zu bedeuten, auch die bäuerliche Menge wartete nicht erst auf einen Heroldsruf, sondern wich von selber zu einer breiten Gasse auseinander. Ein Leuchten wie von einem Blitz unter den langen schwarzseidenen Wimpern der Fürstin hervor, begleitet von einer heftig abwehrenden Bewegung des Armes – daß ihr langer spitzer Hängeärmel dabei wie ein gnadenverkündendes Fähnlein flatterte –, scheuchte die betroffenen Henkersknechte weit hinweg von dem Körper des nackten Adonis, der jetzt nicht ohne Grazie in die Knie sank und zu seiner Retterin seine Arme ausgebreitet emporhob. Die erregte Königstochter sprach kein Wort, aber mit ihren Fingerspitzen, wie sie rosig aus den gehäkelten Halbhandschuhen hervorschauten, berührte sie die Schulter des Knaben; damit weihte sie ihn zu ihrem Eigentum und machte ihn unberührbar und unnahbar für die schmutzige Bratze eines kommunalen Schergen. Mit einem Semmeldiebstahl also machte diesmal ein Mann seinen Eintritt in die Weltgeschichte; denn daß Herr Pandolfo Graf von Alopo dieser für alle Zeiten angehört, wird niemand bestreiten. Für seinen Semmeldiebstahl wurde ihm die Strafe trotzdem nicht geschenkt, er erhielt sie sogar ins Ungeheure vergrößert und in demselben Ausmaß, wie sein seltsames Schicksal sich seither ausgewachsen hat, aber bis dahin hatte es noch weite Wege. Pandolfino oder auch kurz Dolfino nannte ihn mit schmeichlerischem Diminutivum das Königskind aus Neapel, das seltsamerweise, und wer weiß von was für Mächten, dazu bestellt worden, auf der landesfürstlichen Burg zu Meran eine Zeitlang die Rolle einer Erzherzogin von Österreich zu spielen, und das war doch eigentlich nicht so recht ihr Fach. Pandolfino nannte sie ihn, und er war ihr Page geworden, trotz der Oberhofmeisterin Gräfin von Trachenstein; denn der kranke Wilhelm von Österreich hatte keinen Grund oder auch vielleicht nur nicht den Mut gefunden, seiner Gattin, die ihn so selten mit einer Bitte beehrte, in einer so geringfügigen Sache wider Willen zu sein, also daß jetzt, zur Abwechslung, das Prinzip der Gouvernante dem andern, dem entgegengesetzten, das Feld räumen mußte. Pandolfino nannte ihn das Königskind Johanna, wenn er das Knie vor ihr beugte und sie ihm die Wange streichelte, der aber auch ein gar so hübscher und gar so aufmerksamer Page war und mit dem sie – es bedeutete dies kein Kleines – in den süßen Lauten ihrer Kinderheimat plaudern konnte und ganz anders als mit ihrer zahnlosen alten Amme, die in dem nordischen Klima von Tag zu Tag schwerhöriger wurde, und ganz anders auch als mit dem sehr dienstwilligen, doch leider etwas säbelbeinigen Ser Martino Petruccini, der ihr als ihr Oberstallmeister nach Meran gefolgt, aber immer nur von Dingen redete (und geredet haben wollte), die nun einmal dem Königskind kein Vergnügen machten. Aber konnte sie denn ein Gefallen finden an dem, was in knabenhafter Ruhmredigkeit Pandolfino an sie daherplauderte und mit fast komisch leidenschaftlichen Versicherungen und Schwüren untermischte? Nämlich ganz und gar nicht aus Zufall sei er nach Meran gekommen, sondern als elfjähriger Knabe habe er die Prinzessin Johanna bei ihrer Abreise von Neapel zum erstenmal erblickt, draußen am Hafen, als sie aus ihrer Sänfte trat und, geführt von der Hand ihres königlichen Bruders, die steil ansteigende Brücke zu dem weißleuchtenden hohen Meerschiff, einer venetianischen Galeone, hinaufstieg. Da war es wie ein Zauber über ihn gekommen, und er hatte sich geschworen, wenn er größer geworden, ihr zu folgen, sie aufzusuchen, wo es auch sei, und in ihrem Dienst, wenn sie ihn genehmigen wollte, das höchste Glück seines Lebens zu finden. Und auch das leckere goldene Weizenbrötchen hatte er nur entwendet, um die Aufmerksamkeit der Erzherzogin mit Gewalt auf sich zu lenken. In all dem steckte nicht das geringste Körnchen Wahrheit, es war reine Lüge; aber wie er die Lüge vortrug, wurde sie zum Gedicht und wurde er zum Dichter; ja, berauscht von der feurigen Kühnheit der eigenen Rede und dreimal schön in solchen Augenblicken, wurde er leicht glaubend an sich selber; kein Wunder, wenn er Glauben weckte. Natürlich sorgte die junge Erzherzogin für seine Erziehung. Sie hatte sich von dem gelehrten Kardinal-Erzbischof von Brixen, der ihr manchmal den Hof machte, einen gewandten Kleriker ausgebeten, von Geburt Toskaner, der mit dem Knaben aus Neapel die Fiametta des Boccaccio und die Sonette des Petrarca las und seinen Zögling in allen sieben Künsten unterrichtete. An diesem Unterricht durften auch die vier übrigen Pagen teilnehmen; aber diese blieben neben dem Neapolitaner, dessen Geist sich wie eine prachtvolle exotische Blüte entfaltete, nur arme bescheidene Schattenblümchen, daß man sie mehr für die untertänigen Diener als für die Kameraden des Pandolfino gehalten hätte. Drei Jahre dauerte dies. Dann eines Tages erlag der Erzherzog Wilhelm seiner Lungenkrankheit und machte seine kinderlose junge Witwe zur eigenen Herrin ihres Schicksals. Sie trug ein Vierteljahr lang in großer Zurückgezogenheit und frommer Herkömmlichkeit Trauer um den Verstorbenen, dann holte sie von neuem ihre goldschimmernden Gewänder von farbiger Seide, von schwerem Brokat hervor, und bald entwickelte sich auf der landesherrlichen Burg zu Meran ein ungewohntes reges Treiben. Das Königskind rüstete sich, unterstützt von Ser Martino Petruccini, ihrem Oberstallmeister, zur Rückreise nach Neapel. Die kurze Strecke nach Venedig wurde in glanzvollem Zug über das Gebirge zurückgelegt, und dabei tat nun das Königskind etwas, womit sie dem heiligen Prinzip der Gouvernante, um diesen symbolischen Ausdruck beizubehalten, in geradezu unerhörter Weise ins Gesicht schlug. Daß die blondhagere und spitznäsige Gräfin von Trachenstein aus der Steiermark von der Fahrt ausgeschlossen wurde, wird wohl niemand verwundern; aber daß die junge Johanna außer ihrer Kammerfrau (soviel Zugeständnis machte sie dem genannten Prinzip) noch jemanden in ihre prunkvolle königliche Sänfte nahm, die von vier Maultieren getragen wurde, und daß dieser Jemand kein anderer war als ihr Pandolfino, den sie zu ihrem Mundschenken erhoben hatte, das verdarb dem allzeit dienstbereiten, aber leider ein wenig säbelbeinigen Ser Martino bedenklich die Laune, so sehr er sich auf diese Reise gefreut hatte wie seine junge glänzende Herrin selber. Zu Venedig bestieg die Gesellschaft das Schiff, eine weißleuchtende hohe Galeere, fast der Galeone ähnlich, worauf das Königskind von Neapel her ihrem kränkelnden Gemahl zugeführt worden war. Möge aber niemand hier falschen Vermutungen Raum geben. Die schöne Johanna hat, solange Herr Wilhelm von Österreich die reine Luft von Meran mit seinem verpesteten Atem verunreinigte, dem Elenden pünktlich die Treue gehalten – wenn auch nur wegen der strengen Wachsamkeit der mehrgenannten Gräfin von Trachenstein. Denn das heilige Prinzip der Gouvernante ist nicht immer eine verächtliche Spottgeburt und lächerliches Ungeheuer, sondern ebensooft auch eine wirkliche moralische Person hohen Ranges, die nur leider nicht immer ihren Zweck erreicht, weil eben das andere, das ihr entgegenstehende Prinzip, zwar vielleicht weniger moralisch ist, aber seine Quellen aus einer Macht herschreibt, als welche von den Herren Theologen und Moralpredigern anders genannt wird als von den Philosophen, sofern diese etwa, wie dies wohl zuzeiten kommen mag, nicht selber Moralprediger und Theologen sind. Der Novellist aber, als die dritte Art Richter und souveränste von allen, möchte von den beiden Mächten, die in der menschlichen Gesellschaft, besonders in deren hohen und höchsten Regionen, seit ewig um den Sieg miteinander kämpfen, der Novellist möchte beileibe keiner von beiden zu nahe treten, weil, wie gesagt, der letztgültig vollständige Sieg einer der beiden das Menschentum in diesen Regionen, so oder so, in gleicher Weise vernichten müßte. Aber freilich, ohne den ewigen Kampf beider würde es weder Novellisten noch Novellen geben. Auf der Burg zu Meran hätte also, ich sagte es schon, auch das schärfste Späherauge nichts entdecken können, was nicht zu dem Verhältnis von Herrin und Diener gepaßt hätte. Aber wie sie jetzt auf dem Deck der hohen weißleuchtenden Galeere von Sankt Markus über die stillen Fluten der blauen Adria dahinglitten, die ehemalige Erzherzogin (wenigstens hatte sie diese Rolle gespielt) in einen hochlehnigen, reichskulptierten Sessel geschmiegt, ihre mit spitzen Schnabelschuhen bekleideten Füße auf einem reichgestickten Kissen, während Dolfino neben diesen Füßen und Kissen, wie ein gezähmter Panther graziös hingestreckt, aus seinen napolitanischen Glutaugen schmachtende Blicke zu ihr emporrichtete: da konnte selbst ein wenig scharfsichtiges Auge unzweifelhaft erkennen, daß das Verhältnis der beiden zueinander ein anderes geworden war, als wie es auf der Burg zu Meran bestanden hatte. Denn es gibt nun einmal menschliche Beziehungen, die ein Königskind einem Bauernkind seltsam ähnlich machen, bis aufs Kleid, das nun gerade in den genannten Beziehungen am wenigsten mitzureden hat. Und wenn die menschlichen Gesetze es der Frau Politik erlauben, die blühende Schönheit und Fülle der Jugend an Siechheit und Unvermögen zu verkuppeln, so ist doch noch nicht ausgemacht, daß auch die höheren göttlichen Gesetze ihre Sanktion dazu geben, da ja auch das mehrfach genannte Prinzip der Gouvernante doch mehr menschlichen als göttlichen Ursprungs ist. »Schau' nur, Dolfino,« sagte das Königskind, »wie die geschmeidigen Delphine so lustig unsern Kiel umtanzen, als ob sie mit uns im Einverständnis wären und uns einen Hochzeitsreigen aufführen wollten; soll ich dich in Zukunft Delfino nennen?« Dazu lächelte sie geheimnisvoll, und ein tiefer vielsagender Blick des Pandolfino dankte ihr. Und beide schwiegen wieder, und nur mit stummen Blicken fuhren sie fort, sich heimlich in der Seele miteinander zu unterhalten. II. Zu Neapel erwartete die junge Königstochter ein jubelnder Empfang. Denn alles, wonach sein Sinnen stand, versprach sich dies Volk, hoch und niedrig, von der künftigen Herrschaft der schönen jungen Fürstin, überreiche Gnaden und Geschenke und prunkvoll glänzende Feste. Nur König Ladislas, ihr Bruder – wie er zu dem befremdenden Namen kam, gehört nicht zur Sache –, war nicht dabei vertreten. Er lag, anders wie einst Wilhelm von Österreich, aber in ebenso rettungsloser Siechheit danieder, und zwar an einer Krankheit – warum sollte das nicht gesagt werden –, die man damals in Europa, wo sie noch neu, die napolitanische nannte. Er war vergiftet worden auf Anstiften der Florentiner, als welche sich von dem ebenso ehrgeizig tatkräftigen wie ausschweifenden König alles versehen mußten, der mit seinem Wahlspruch › Aut Caesar aut nihil ‹ nichts Geringeres als die Herrschaft über ganz Italien anstrebte. Mittels einer ungeheuren Summe hatten sie den Peruginer Arzt Uccellaccio bestochen, der durch das Medium seiner eigenen Tochter dem König das Gift beibrachte, das ihn vernichten sollte. Wahrlich, die Welt, in welche die jungverwitwete Erzherzogin hier in Neapel eintrat, war eine andere als jene, welche sie zu Meran im heiligen Land Tirol verlassen hatte. Der König also konnte sich bei dem triumphalen Empfang seiner Schwester, jetzt vom ganzen Volke als seine zukünftige Königin umjubelt in ihrer jugendlich strahlenden Schönheit, nicht persönlich einstellen; aber er ließ ihr, da zwei Hofhaltungen in demselben Palast nicht königlich gewesen wären, im Nordosten der Stadt, in dem gewaltigen Capuaner Kastell, ihre Residenz anweisen, wo ein glänzender Hofstaat sie erwartete. Von diesem jedoch schloß sich ihr mürrischer Reisemarschall, der Oberstallmeister Martino Petruccini, freiwillig aus, weil er die Rolle, die dem Mundschenken Pandolfino, dem kleinen Semmeldieb aus Meran, hier zugeteilt wurde, nicht mit ansehen mochte. Denn es blieb bis in die weitesten Volkskreise hinein nicht unsichtbar, daß der genannte Pandolfino, den viele als den Sohn des armen Dudelsackpfeifers Peppo noch gut in Erinnerung hatten, bei ihrer zukünftigen Königin noch einen andern Posten einnahm als den des Mundschenken. Wenn das Volk auch nicht wissen konnte, daß es hinter den massigen Rundtürmen des Capuaner Kastells eine geheime Wendeltreppe gab, die auf verborgenen Umwegen zu dem Schlafgemach der jungen Fürstin führte, denn außer der verwitweten jungen Erzherzogin wußte das allein der süße Dolfino, so wurde doch vieles von dem Treiben in jenem Schlafgemach bald allgemeines Gerede. Wenn da zur Stunde des Morgengebetes der Kaplan in psalmodierendem Ton die Horen las, was der schönen Johanna sichtbar nur ein geringes Vergnügen machte, wahrscheinlich, weil sie die lateinischen Psalmverse und Antiphonen eben doch nur halb verstand, da suchte wie oft ihr gelangweilter Blick in verstohlener Sehnsucht nach dem des Pandolfino, der in erheuchelter Andacht neben der Frau Oberhofmeisterin – aber es war nicht mehr die Gräfin von Trachenstein – hinter dem Priester kniete. Und ihre Haltung vor dem gar nicht unbequemen schmalen Betstuhl aus zierlich durchbrochenem schwarzen Holz und roten Kissen wurde sichtlich immer ungeduldiger, wie die eines kleinen Mädchens in einer langweiligen Unterrichtsstunde, und ihr Herz freute sich schon jetzt auf den leckeren geistigen Nachtisch. Da zeigte sich die Szene verwandelt, der schwarze Kaplan verschwunden, das Königskind behaglich hingeschmiegt in seinem hohen thronartigen Sessel, wie der Betstuhl von schwarzem, durchbrochenem Holz und roten Kissen; und auf zierlichem Schemel zu ihren Füßen saß Pandolfino und las ihr mit seiner einschmeichelnden Stimme und im reinsten toskanischen Klang die wunderbar rhythmischen Perioden, in die Meister Boccaccio seine graziösen Novellen zu kleiden gewußt hat, an denen sich damals, als noch neu, mehr als je die ganze Welt entzückte. Und wenn sie dann ihre königliche Sänfte bestieg, weil sie den dicken dumpfen Mauern entfliehen und des goldenen Lichtes und der seidenweichen Lüfte des napolitanischen Himmels froh werden wollte und des Anblicks von Meer und Inseln und palmentragender Vorgebirge – ihre Sänfte bestieg, um sich nach dem gelben Strand von Santa Lucia tragen zu lassen, die volksbunte Hauptstraße hinunter, die später der Corso von Toledo hieß und heute wieder einen andern Namen trägt: da saß ihr Oberstallmeister – und es war nicht mehr der säbelbeinige Ser Martino – und saß ihre Frau Oberhofmeisterin (aber auch nicht mehr die Gräfin von Trachenstein) bescheiden auf dem schmalen Vorderbänkchen, und ihr bequem zur Seite und herablassend lächelnd saß ihr Ganymed, ihr göttlicher Mundschenk, ahnungslos, daß einst in derselben Straße die Hunde sein Fleisch fressen würden. Denn die Liebe einer Königin, die zum süßesten heimlichen Entzücken noch den höchsten Rausch menschlichen Daseins, den Rausch der öffentlichen Macht verleiht, vermag auch zu Ausgängen von so furchtbarer Tragik zu führen, daß ... doch bis dahin hat es noch weite Wege. Pandolfino also saß glückdurchschauert an der Seite der stolzen Königstochter, leutselig herablächelnd auf das Volk, unter dem er einst als kleiner verlumpter Bettelmusikant seine Laufbahn begonnen. Dieses Volk aber machte ehrfurchtsvoll Platz und riß die Mützen vom Haupt und begrüßte jubelnd, zusammen mit seiner schönen zukünftigen Königin, auch ihren lockigen Mundschenken, denn das war wirklich noch ein gutes Volk, das nichts Arges darin fand, wenn sich eine junge Witwe zu trösten suchte wie sie eben konnte. Waren sie wirklich ein gutes Volk, diese wildleidenschaftlichen, lärmigen Halbafrikaner des neapolitanischen Golfs, denen doch das, was wir Treue nennen, nie eigentlich so recht im Blute lag? Jedenfalls war es noch eine gute Zeit – für Könige; eine Zeit, wo den Völkern das Blut derer, die es einmal als seine Herren anerkannte von Geschlecht zu Geschlecht, eine unverletzliche heilige Sache bedeutete, die nach dem allgemeinen Gefühl selbst von Schuld und Sünde der Person nicht leicht besudelt und verunehrt werden konnte. Und man weiß ja, was dieses Volk sich erwartete von seiner Fürstin. Wie hätte es also ernstlich verstimmt werden können beim Anblick einer leichtfertigen Unbekümmertheit, die seinen Hoffnungen nur um so reichere Nahrung bot? Wo aber hatte sich das Prinzip der Gouvernante jetzt verkauert? Ach, es war gar nicht so sehr verkauert und versteckt, es stand sogar in leibhaftiger Gestalt und als gewaltige Macht, dem Pandolfino zum Trotz, zur Seite der jungen Fürstin. Es gehörten dazu die Ersten unter den Großen des Reiches, in vorderster Linie Julius Cäsar, Graf von Durazzo und Herr von Capua, ihr leiblicher Vetter, ferner dessen Schwager, der Graf von Gerace, und endlich der besonders trotzige und stolze Graf von Troja, der oberste Seneschall des Reiches, ebenfalls ein Vetter der jungen Fürstin. Diese hatten ein ganz besonderes Interesse an der Thronfolge der Prinzessin Johanna; denn sie war ja nur von ihrer Mutter her eine Angiovinerin, durch ihren Vater aber, Karl III., war sie eine Durazzo. Wenn sie den Thron bestieg, bestieg ihn mit ihr zum drittenmal das Haus Durazzo, welches durch König Karl III. dem Hause Anjou gleichsam aufgepfropft war. Diese starke sogenannte Partei der Durazzi übte, wie sie die mächtigste Stütze der jungen Fürstin und Thronprätendentin bildete, eben deswegen eine Art Recht der Vormundschaft über sie aus, und wenn darin das Prinzip der Gouvernante auch nicht wie der Zipfel eines Taschentuches zwischen biedermeierlichen Rockschößen hervorguckte, so steckte es doch darin. Die Durazzi hatten zugleich den nach dem König mächtigsten Mann des Reiches auf ihrer Seite, den Kondottiere und Großkonnetabel Sforza. Was für den Pandolfino die Göttin der Liebe, das hatte für den Sforza, den Begründer des späteren Mailänder Herrscherhauses, die Bellona, die gewaltige Kriegsgöttin vollbracht. Öfter als irgendwo hat man es in Italien erlebt, daß sich Söhne selbst der alleruntersten Volksschichten zu machtvollen Ämtern, ja zu fürstlich souveränen Würden erhoben haben, denn Italien ist das Land, wo sogar der Sohn eines Schweinezüchters den höchsten Thron der Welt besteigen und ihm Ehre machen konnte, was nur möglich ist in einer Rasse und in einem Volk, wo Vorurteile wenig, die verwegene Kühnheit aber, wenn ihr Kraft und Begabung zur Seite stehen, alles gelten. Öfter als irgendwo sind in Italien Spitznamen zu weltgeschichtlichen Namen geworden. Der Konnetabel Sforza hieß eigentlich Mutius Attendoli. Schon seine äußere Erscheinung verriet ihn als Ausländer, wenigstens für Neapel. Seine hohe Gestalt, die die kleinen fettlichen Neapolitaner um drei Kopflängen überragte, sowie sein dicker und lang herabhängender ganz blonder Schnurrbart ließen an die ehemaligen Normannen denken, die einst die sizilianischen und napolitanischen Lande beherrscht hatten. Aber noch von anderem Blute her wachsen solche Gestalten auf dem Boden Italiens, nämlich unter den Romagnolen von longobardischer Abstammung. In der Tat war Mutius Attendoli, genannt Sforza, ein Bauernsohn aus einem Dorf der Romagna, bei der Stadt Faenza. Als er einmal, ein sechzehnjähriger Knabe, im Garten seines Vaters hart arbeiten mußte, überkam ihn der Unmut über die knechtische Mühseligkeit, und mit einem Schwur warf er seine Hacke hinauf zu dem Feigenbaum über ihm. Geschworen hatte er innerlich: fällt sie wieder herunter, so ist es der Wille Gottes, daß ich weiterarbeite, bleibt sie aber hängen, usw. Die Hacke verfing sich leicht in dem schlangenartigen Geäst des Feigenbaumes, Mutius aber stahl in der Nacht darauf ein Pferd aus dem Stalle seines Vaters, ritt damit heimlich davon, nahm Kriegsdienste, und wenn er in Ausübung dieses Handwerks bei der Beuteverteilung meist sehr gewalttätig vorging, so hat ihm dies zwar seinen Spitznamen eingetragen, den späteren Namen einer mächtigen Dynastie, aber ihn nicht daran gehindert, ein gewaltiger Feldhauptmann und zuletzt der Großkonnetabel des Königreichs Neapel zu werden. Oder ist er dazu gar noch der Nebenbuhler des Semmeldiebes aus Meran, des göttlichen Mundschenken Dolfino geworden? Das wird die Geschichte zeigen. Wenn also wirklich das Prinzip der Gouvernante von der Partei der Durazzi vertreten wurde, so lag es wahrscheinlich in starken Händen. Einstweilen jedoch, wie bereits angedeutet, merkte man nicht viel davon. Diese Großen des Reiches dachten zwar anders als das gemeine Volk über das Verhältnis ihrer Fürstin zu ihrem Ganymed, doch sie machten, nach dem bekannten Sprichwort, dieselbe Miene dazu. Sie dachten: Gönnen wir dem verzogenen Königskind einstweilen seine Possen (als ob die Liebe eine Posse wäre); wird sie einmal erst den königlichen Thron bestiegen haben, wird sie auch begreifen, was sie diesem, was sie uns und sich selber schuldig ist, und der kleine Adonis von Mundschenk wird von ihr absinken wie ein vernutzter Kleiderlappen und wird wieder ein Lump und Bettler sein, wie er immer gewesen. So dachten sie. Aber das Prinzip der Gouvernante hat sich, wie die Weltgeschichte lehrt, öfter gröblich verrechnet. Und ein weltgeschichtlicher Tag war es, da König Ladislas von Neapel endlich seinem innerlichen Gift erlag. Wie schon erwähnt, hatte ihn Florenz vergiftet, weil es in ihm seine größte Gefahr erblickte. Damit wurde zugleich einem näheren und darum noch dringlicher bedrohten Herrscher ein großer Dienst erwiesen; denn wer weiß, was aus dem ohnedies arg zerrütteten Patrimonium Petri geworden wäre ohne die Erkrankung des ehrgeizigen Königs? Es stand dort schlimm, und an dem Tag, da das genannte Gift im Castello Nuovo zu Neapel seine letzte endgültige Wirkung tat, mußte zu Rom der alte napolitanische Seeräuber Baltasar Cossa, der als Johann XXII. den Statthalter Christi auf Erden darstellte, in der Nacht heimlich die Flucht ergreifen, um seinen seltsam umgekehrten Gang nach Canossa anzutreten. Denn nicht der Kaiser machte diesmal den Bußgänger, sondern der Papst, und nicht dem Süden entgegen ging die Reise, sondern dem Norden. Konstanz hieß sein Canossa, und es harrte dort seiner auf dem Konzil ein beträchtlich schlimmerer Empfang, als ihn jener vierte Heinrich einst auf dem finsteren Bergschloß der schönen Markgräfin Mathilde erfahren hat. Seltsamerweise war es die vereinsamte und verödete Burg zu Meran – das Königskind vom Parthenopeischen Golf war ja längst ausgeflogen –, die dem obersten König der Christenheit ein letztes Nachtquartier diesseits der Alpen darbot. Auf einem schwarzen Maulesel, aber anders wie einst der Göttliche, dessen Statthalter er sich nannte, begann er in der Frühdämmerung des andern Morgens, nur von zwei Getreuen begleitet, seinen mühseligen und gefahrvollen Ritt über die Reschen-Scheideck und Finstere Minz auf die Landseck zu, ein lamentabler Zug für den Inhaber einer Würde, die über allen Würden stand auf dieser Welt. Einen andern Aufzug sah zu derselben Zeit die Stadt Neapel. Durch die volksbunte Hauptstraße, die später der Korso von Toledo genannt wurde und heute wieder einen andern Namen trägt, bewegte sich ein wundersamer goldener Wagen, von sechs weißen Rossen gezogen, geführt an den goldenen Zügeln von den höchsten Würdenträgern des Reiches, das vorderste Paar von dem Grafen von Troja, dem obersten Seneschall, das zweite von Julius Cäsar von Capua, dem Großgonfaloniere, und das dritte von dem Grafen von Gerace, an Stelle des Erzkämmerers, dessen Amt, augenblicklich unbesetzt, für das vornehmste galt von allen. In dem bekränzten Wagen aber, in königlicher Einsamkeit – denn diesmal fehlte Pandolfino – saß die junge Königin Johanna und hielt ihren Triumphzug von dem Capuaner Kastell nach dem Königsschloß, das noch heute, so schwarz und finster es auch aussieht vor Alter, das Neue Kastell heißt. Damals aber war es wirklich noch neu und stieg mit seinen gewaltigen runden Türmen weißleuchtend wie ein Märchenbild aus den blauen Fluten des Golfs empor an derselben Stelle, wo einst griechische Fischer – sie trugen auf ihren schwarzen Haarschöpfen schon dieselben roten und nach vorn oder nach der Seite lappenartig umhängenden Tuchmützen – einen seltsamen Fisch in ihren Netzen gefangen haben, der nichts anderes war als der schlohweiße Leichnam der homerischen Nymphe Parthenope, die manche auch eine Sirene nennen. Ein wirklicher Triumphzug war's, und an jeder Seggia der Stadt, nämlich den offenen antiktheaterartigen Gerichtsplätzen, hielt der Wagen, und der Sprecher des Adels aus der jeweiligen Region hielt eine wohlgesetzte Begrüßungsrede. Und ein ungeheurer Jubel des Volkes umtoste jedesmal die neue erbberechtigte Herrscherin von Neapel. Und sein Jubelrausch erlitt keine Enttäuschung, noch vor Abend öffneten sich alle Gefängnisse und gaben ihre Gefangenen frei, und in allen Regionen der Stadt wurde unter das gemeine Volk Geld ausgeteilt und leckere Speisen und Wein. Auch die Großen des Reiches, besonders die Partei der Durazzi, waren zufrieden. Die Königin war ja gewissermaßen ihr Werk, und wenn dieses mit so außerordentlichem Pomp in Szene gesetzte Werk mit Jubel begrüßt wurde von der Welt, so konnten sie darin nur ihre eigene Genugtuung finden. Sie dauerte leider nicht lange. Am dritten Tage nach dem Regierungsantritt der Königin Johanna, das heißt in der Nacht nach diesem Tag, befand sich im Stadtpalast des Grafen Julius Cäsar von Capua eine vierköpfige Versammlung von Männern beieinander, auf deren Gesichtern, auch ohne daß man erst ihre Reden hörte, Ärger und Empörung deutlich genug zu lesen standen. Außer dem noch jugendlichen Julius Cäsar befanden sich da die Grafen von Troja und Gerace, zwei schon greisenhafte Gestalten, und der hochstämmige Sforza, der allseitig gefürchtete Kondottiere. Die Angelegenheit, die besprochen wurde, betraf am nächsten und persönlichsten den Grafen Gerace. Dieser hatte bei dem prunkhaften Einzug der Fürstin in das Königsschloß den Platz des Großkämmerers eingenommen und darum auf die Verleihung dieses Amtes mit Sicherheit gerechnet. Aber die Königin hatte nun einen andern mit dieser höchsten Würde bekleidet, nämlich, zum Unrecht das schreiende Ärgernis fügend, den neugebackenen Grafen von Alopo, den Ser Pandolfo, genannt Pandolfino, Semmeldieb und Schleppenträger meranischen Angedenkens. Dieses Allerschlimmsten hatten sich die Grafen wahrlich nicht versehen. Sie fühlten sich wie vor den Kopf geschlagen. So furchtbar war ihre Entrüstung, daß sie kaum Worte fanden. Nur ihre verstörten Gesichter zeigten an, daß sie vor dem Unerhörten sich wie rettungslos Verlorene fühlten, wie Leute, die in einen plötzlich aufgähnenden Abgrund starren, der sie zu verschlingen droht. Aber noch schlimmer als dieser Schlag traf sie die Enttäuschung, die der schnauzbärtige Kriegshäuptling, der hochstämmige Sforza und Großkonnetabel, ihnen bereitete. Sie hatten nicht anders gemeint, als daß er ihre Auffassung vollauf teilen werde. Aber er zeigte sich anderer Meinung, wenigstens nahm er das für sie Ungeheuerliche ganz und gar auf die leichte Achsel, die er dabei ein wenig verächtlich zuckte. Von ausgesprochen königlichem Sinn, will sagen königlicher Klugheit, so meinte Sforza, zeuge allerdings das Gehaben der Königin Johanna nicht. Nein, eigentlich königlich könne man ihr Handeln nicht nennen. »Aber«, so fuhr er fort, mit einem fast verächtlichen Lächeln unter dem herabhängenden, bereits leicht ergrauenden Lippenbart, »warum will man auch aus einem Weib eine Königin machen? Ist das nicht gegen die Natur? Man kennt die Namen berühmter Königinnen. Semiramis hieß die eine, Tamyris die andere, Kleopatra die dritte. Waren das aber Frauen nach der Natur des Weibes oder nicht vielmehr ihr entgegen? Unsere schöne Königin Johanna aber, hat sie nicht, wenn auch vielleicht wenig königlich, so gerade darum echt weiblich gehandelt? Ist es nicht echt weiblich, daß die Frau, was sie liebt, gern groß und herrlich sehen möchte vor der Welt, die das Knie beugen soll vor dem, dem sie selber Untertan ist?« »Ja«, schrie hier der noch jugendliche Cäsar von Capua heraus; »aber es müßte ein Würdiger sein. Ist es jedoch erlaubt, daß eine Königin einen Knecht liebe?« »Ich gebe dir deine Frage zurück, Julius Cäsar,« rief der Sforza, »ich frage: darfst du den einen Knecht nennen, den deine Königin liebt? Ich habe nicht die Ehre, dem Ser Pandolfo, Grafen von Alopo, näherzustehen, aber man sagt: ihn habe die Muse geküßt, ehe es unsere Königin getan hat. Das ist vielleicht kein allzu großes Verdienst, aber Ihr, Graf von Troja, müßt doch wissen, daß Ihr sogar Euren Namen letzten Endes einem Manne verdankt, den man, wenn er heute lebte, sehr wegwerfend einen Bänkelsänger nennen würde.« Der alte Graf von Troja hob unwirsch den Kopf, während seine auf dem Tisch liegende knöcherne Hand sich unwillkürlich zur Faust ballte. »Herr Konnetabel, Ihr sprecht in Rätseln, ich verstehe Euch nicht,« sprach er mit verhaltenem Ingrimm, »ich höre aber: Ihr geht weit in Euren Reden.« Der lange Sforza zuckte wieder verächtlich mit der Achsel. Er sagte: »Ich bin eines Bauern Sohn.« Und dabei warf er den dreien einen Blick hin, den sie nicht mißverstehen konnten; daß er aber seine Laufbahn mit einem Pferdediebstahl begonnen, fügte er nicht hinzu. Kurz, die geheime Zusammenkunft der vier Männer nahm für drei unter ihnen einen höchst unbefriedigenden Verlauf. Sie hatten den Großkonnetabel für ihren Verbündeten gehalten, und als er nun weggegangen, zweifelten sie nicht, daß er ihnen entgegenstand, daß sie zum mindesten auf ihn nicht rechnen durften. Er aber erhielt dafür, daß er so freimütig und allerdings vielleicht nur aus einer augenblicklichen Laune heraus den Anwalt der Königin und ihres Günstlings gemacht hatte, schon nach wenigen Tagen seinen Lohn, freilich so, wie er ihn kaum mochte erwartet haben. Er wurde am Morgen darauf von der Königin in Audienz empfangen, die von der geheimen nächtlichen Zusammenkunft nichts wußte. Sie behandelte ihren Feldhauptmann mit großer Huld, der sich nicht genug wundern konnte über die Wohlunterrichtetheit der jungen Monarchin in allen Fragen der Politik und der Regierung, also daß auch er, wie er überhaupt als Kriegsmann mit Potentaten pflegte, frei von der Leber redete und sogar bald eine recht heikle Frage berührte. »Ihr werdet auf einen Gemahl denken müssen, hohe Frau«, sagte er; »wie Euer eigener Sinn steht, weiß ich nicht, aber das Volk erwartet von Euch einen Erben des Reiches, und Eure Großen werden es sich nicht nehmen lassen, Euch die Möglichkeit dazu recht bald zu verschaffen.« Die Königin, zurückgesunken in die goldgestickten schwarzen Kissen ihres steillehnigen hohen Stuhles, zeigte dem Sprecher ein unmutiges Gesicht, ja unter den langen, schwarzseidenen Wimpern hervor traf ein fast feindseliger, böser Blick den Sprecher, der deswegen aber seine Rede nicht bereute. »Ihr habt recht,« antwortete Johanna endlich, »man wird mir deshalb bald genug und lästig genug in den Ohren liegen. Aber gerade du, mein Sforza, sollst mir nicht davon reden. Oder soll ich den Stiel umdrehen? Hättest du nicht zu allererst die Pflicht in deiner Stellung, dich nach einer neuen Hausfrau umzusehen? Du bist jetzt schon im dritten Jahr Witwer, ein großes Haus wie das deine bedarf einer Herrin.« »Ihr spottet meines grauen Bartes, schöne Königin«, versetzte der Konnetabel in überzeugtem Ton. »Was du redest, mein Mutio,« rief Johanna in heiterer Vertraulichkeit, wie sie ihr eigen sein konnte, indem sie sich gegen den vor ihr stehenden Kriegsmann weit vorneigte, »was du redest! Willst du deine Königin zu Komplimenten herausfordern? Nimmt dich in acht! Stelle mich nicht auf die Probe!« Es war mit Scherz gesprochen. Es konnte aber auch als Ernst gehört werden. Und vielleicht haben es zwei Ohren so gehört – die Ohren des Ser Pandolfo, Grafen von Alopo. Als Großkämmerer des Reiches hatte er jederzeit Zutritt zu der Person der Königin. Und so stand er jetzt im langen brokatenen Gewand unter dem erhobenen Vorhang des Eingangs, die Lippen aufeinander beißend, lauernd. Mutio Sforza schien ihm offenbar kein ungefährlicher Nebenbuhler. Er räusperte sich jetzt, sei es unwillkürlich oder willkürlich, und der Sforza begrüßte den Großkämmerer mit stummer Verbeugung. »Ich habe Euch schon zu lange belästigt, hohe Frau«, wandte er sich an die Königin, beugte das Knie, und mit einem leichten Kuß auf die dargereichte lilienweiße Hand verabschiedete er sich. Aber das lockenumwallte, apollohafte Antlitz des Herrn Pandolfo, Grafen von Alopo, erheiterte sich auch jetzt nicht. Seine dunklen, leicht verschleierten Augen ruhten wie mit tiefem Kummer auf der Gestalt der jungen Königin. Sie hatte sich wieder behaglich, fast katzenartig in die goldgestickten schwarzen Kissen ihres steillehnigen Stuhles zurückgeschmiegt. Die von seinen Silberfäden durchwobene amethystfarbene Seide ihres Kleides hob sich wundervoll davon ab, ihr Hängeärmel war zurückgestreift, ihr schimmernder Arm lag lässig auf der hohen Armlehne ihres braunen Holzgestühls. Sie schien auf eine Anrede zu warten. III. »Was ist dir, Pandolfino?« fragte die Königin endlich, befremdet von dem düsteren Schweigen ihres Lieblings. »Königin,« antwortete dieser, »Ihr nährt eine Natter an Eurem Busen.« »Pfui, Pandolfino, du sprichst ja wie ein schlechter Poet,« versetzte sie lachend, »ich bin doch keine Kleopatra von Ägypten.« Aber Herr Pandolfo blieb ernst. Und ernst wurde bald auch das zarte Nymphengesicht der Königin, während der Kämmerer, aufrecht vor ihr stehend, die Linke im Gürtel seines lichtgrün-goldblumigen Gewandes, seinen gar nicht harmlosen Bericht erstattete. Dieser betraf die geheime nächtliche Zusammenkunft der drei Häupter der Durazzischen Partei im Stadtpalast des Grafen Julius Cäsar von Capua. Herr Pandolfo war durch seine zahlreichen Späher genau davon unterrichtet. Zwar den Inhalt der Verhandlungen kannte er nicht. Aber nach den Gesichtern, die die Herren geschnitten hatten bei der letzten Audienz, ließ sich nur Schlimmes vermuten. Auch der lange Sforza war beobachtet worden, wie er, ohne alle Begleitung, durch die dunkelsten Treppengäßchen sich nach jenem Palast geschlichen und durch ein Hinterpförtchen in ihn eingetreten war. Und Herr Pandolfo zweifelte nicht, daß es sich dabei um eine gefährliche Verschwörung handelte, bei welcher der Konnetabel wahrscheinlich die aktivste Rolle übernommen habe. Wirklich, die Königin war ernst geworden, und auf ihren samtenen Pfirsichwangen lag jetzt fast die Blässe der Angst. Der Herr Pandolfo sprach zuletzt nicht mehr wie ein schlechter Dichter, sondern wie ein guter, der, weil selber ergriffen, ergreifende und überzeugende Worte findet. Das Leben ihres Lieblings stand offenbar in ernster Gefahr. Und diese Angst bestimmte ihre Haltung. Ohne viel Besinnen gab sie dem Großkämmerer jede gewünschte Vollmacht mit der Versicherung, alle Schritte zu billigen, die er zu seiner Sicherheit unternehmen werde. Und als der Großkonnetabel nach drei Tagen sich aufs neue zu einer Audienz meldete, wurde ihm bedeutet, daß sich die Königin auf den Turm Beverella verfügt habe, um einem Flottenmanöver zuzuschauen, das ihr auf dem Golf zu Füßen des Kastells vorgeführt werde – was denn freilich mit den hochgebauten weißen Gallionen und Galeeren und Karavellen mit ihren langbewehrten Ruderern ein wunderbares Schaustück gewesen sein mag – wenn es nicht eine bloße Lüge war wie überhaupt die Anwesenheit der Königin in dem genannten Turm an der Seeseite des Kastells. Denn kaum war Mutio Sforza, nachdem er an der Schloßkirche von St. Barbara vorüber den ungeheuern Hof des Kastells überschritten hatte, in die nichts weniger als zur Lust erbaute Beverella eingetreten, so wurde er schon von vier Schergen ergriffen, gefesselt und in die unterirdischen, eigentlich unterseeischen Verliese dieser runden Quaderfeste hinuntergeschleppt. So hatte es Pandolfino gedichtet, so wurde es ausgeführt. Pandolfino hoffte dadurch die Mitverschworenen in Furcht und Schrecken zu erhalten. Daß er sie damit sogar versöhnen würde, konnte er nicht ahnen. Er hatte dabei mehr Glück, als er wußte. Sein Gewaltstreich gegen einen der mächtigsten Männer des Königreichs konnte ihm übel bekommen, wenn die Durazzi nicht Grund gehabt hätten, jetzt sogar, wenigstens für den Augenblick, seine Mitverschworenen zu werden. Denn da sie seit jener Nacht den Sforza als einen Verräter an ihrer Sache betrachteten, fanden sie keine kleine Genugtuung darin, daß der Großkonnetabel wie ein rechter Gimpel dem Mann in die Schlinge gegangen und zum Opfer geworden, dem er so großmütig das Wort geredet hatte, und sie konnten darum dem Großkämmerer gar nicht so recht böse sein. Nicht, daß sie ihren Plan, ihn zu entfernen, aufgegeben hätten, aber dieses Geschäft sollte nun ein anderer besorgen. Sogar einer, der in gewissem Sinn einstweilen noch gar nicht existierte, nämlich der Gemahl der Königin. Mit diesem rechnete nun das Prinzip der Gouvernante, und diesmal machte es für lange Zeit keine Falschrechnung, obwohl der gedachte Gemahl erst gesucht und gefunden und vor allem von der Königin entgegengenommen werden mußte. Diese Bemühungen übernahmen jetzt die Durazzi, die damit keine Verschworenen mehr waren, sondern die ehrlichen Förderer des Staatsinteresses und ergebene Diener ihrer Monarchin, als welche, wie die Dinge nun einmal lagen, zu dem bösen Spiel eine gute Miene machen, ja überdies gegen ihre Vettern von königlichen Dankesworten überfließen mußte für ihre Sorge um das Heil der Monarchie und der Monarchin. Nichtsdestoweniger lehnte die Königin eine Reihe von Vorschlägen und Anträgen sehr energisch ab, vielleicht nur, um Zeit zu gewinnen und ihre aufgedrungenen Vormünder zu ermüden. Auch mußte man öfter ihre Gründe gutheißen als politisch nicht ohne Sinn und Vernunft. Nur einmal wurde ihre Weigerung als allgemeines Ärgernis empfunden. Da erschien eines Tages – der alte Graf von Troja hatte es so eingefädelt – eine glänzende Gesellschaft, Ritter und Prälaten, von seiten des Königs Ferdinand von Aragonien, um feierlich um die Hand der Königin zu werben für den Prinzen Don Juan, den zweiten Sohn des Königs. Diesmal gab es keine vernünftigen Gründe zur Ablehnung. Vielmehr sprach die Politik, wenn für irgendeine, so für diese Verbindung. Die Aragonesen waren bereits die Herren von Sizilien. Eine Wiedervereinigung der beiden Königreiche Sizilien stand durch diese Heirat in sicherer Aussicht. Sie lag sogar bereits im Plan der weltgeschichtlichen Vorsehung und fand tatsächlich, wie jedermann weiß, und dem Widerstand der Königin Johanna zum Trotz, nicht viel später ihre Verwirklichung. Einstweilen aber schien sie endgültig zu scheitern an dem kinderhaften Trotz Johannas. Und was konnte sie diesmal für Gründe anführen? Der aragonesische Prinz war erst achtzehn Jahre. Sie erklärte, daß sie sich schämen müßte, einen Knaben zu heiraten. Fast mit sittlicher Entrüstung sprach sie dieses Wort, indem sie sich in ihrem Stuhl stolz emporrichtete, und über ihr nymphenhaftes Gesicht legte sich ein kalter Trotz. Der Graf von Troja, der diese Unterhandlungen mit ihr führte, senkte, vor ihr stehend, bekümmert sein greises Haupt. Es stieg ihm wohl eine Antwort auf die Lippen, eine bitterböse, und man kann sich leicht denken, auf welche Persönlichkeit sich diese Antwort bezog. Aber wie hätte er so gröblich den Respekt gegen die Monarchin verletzten dürfen? Dieser Respekt zwang ihn, seine Antwort in sich hineinzuwürgen, und wenn er es noch nicht gewußt hatte, jetzt blieb ihm kein Zweifel mehr daran: daß wohl er und seine Freunde in dem schwierigen Fadengewirr der Politik gelegentlich ihre Hand und ihre Finger haben durften, daß aber allein der Graf von Alopo, Großkämmerer des Reiches, mehr oder weniger König war von Neapel, wenn auch sozusagen auf heimliche Weise. Und also mußte, denn so war es le bon plaisir des Herrn Pandolfo, die glänzende Gesandtschaft des Königs Ferdinand von Aragonien, Ritter und Prälaten, mit einem höchst ärgerlichen Korb und nicht wenig gekränkt in ihrem spanischen Stolz, auf ihrer weißbesegelten Karavelle nach Barcelona zurückzukehren. Aber nicht nur die spanischen Gesandten fühlten sich gekränkt, noch mehr die Magnaten von Neapel, ja selbst das harmlose Volk murrte, und Johanna fühlte wohl, daß sie einen Streich wie diesen nicht wiederholen dürfe, weil selbst Ser Pandolfo dabei seine Rechnung nicht finden würde. Auch sehr mächtige Monarchen sind nicht allmächtig. Und als darum der alte Graf von Troja und Julius Cäsar von Capua mit einem neuen Heiratsplan vor ihr erschienen, da schien es, wie wenn ihre trotzige Königin sich in ein schüchternes Pensionsmädel verwandelt hätte. »Meine lieben Vettern,« sagte sie mit einem etwas müden Lächeln auf den sonst so trotzigen Lippen, »ihr wißt, daß ich euch in allem gern zu Willen bin, insofern damit nicht meinen königlichen Rechten und meiner Frauenehre zu nahe getreten wird.« Über die »Frauenehre« hätte hier wieder der alte Troja gern eine Bemerkung gemacht, jedoch wie früher unterdrückte er auch jetzt seine Meinung. »Eines will ich euch nicht verhehlen,« fuhr die Königin fort, »ihr steht hier vor eurer rechtmäßigen Herrin, eurem angestammten, anererbten König, vertreten durch meine arme, schwache Person. Bedenkt dies wohl! Meine ererbten Königsrechte zu schützen gegen jedermann, das ist eure Pflicht als meine Untertanen und Verwandte, die ihr seid. Schickt nun immerhin eure Abgesandten an den Grafen von La Marche. Er ist ja wohl ein Bourbone und also vom Blut der Könige von Frankreich, aber seine Residenz Gueret – wer hätte auch nur je den Namen gehört? – ist doch nicht viel mehr als ein Dorf in den Auvergner Bergen, wo er jetzt, wie ich höre, damit beschäftigt ist, sich ein prunkvolles Schloß zu bauen, weil er sonst nichts zu tun hat. Denn mit seinem Vetter von Frankreich soll er nicht zum besten stehen. Er wird sich also bewußt sein, wie weit er in seinen Ansprüchen gehen darf. Ich will ihn als meinen Gemahl freundlich empfangen, und wenn er es zufrieden ist, heiße er der Generalvikar des Königreichs von Neapel; das ist gewiß ein schöner Titel.« Von den Lippen der Königin war das müde Lächeln verschwunden und ein strenger, herrischer Zug an seine Stelle getreten. Sie selbst hatte sich hoheitsvoll emporgerichtet auf ihrem Stuhl. Ihre Herren Vettern beugten sich tief vor ihr. Sie fühlten etwas wie Drohung in dem Blick ihrer wundersamen Augen. Und das hätte sie eigentlich nicht gedemütigt, es hätte sie eher mit Stolz erfüllt, denn sie fühlten gern in Johanna ihren Herrn und König. Mit Genugtuung hätten sie sich als ihre Untertanen empfunden, wenn sie selber frei gewesen wäre. Aber statt dessen war sie, wie es die Vettern nahmen, die Sklavin eines andern, eines Niedriggeborenen. Dieser Gedanke dünkte ihnen unerträglich, und so setzten sie auf den Grafen von La Marche heimliche Hoffnungen, von denen aber die Königin einstweilen nichts zu ahnen brauchte. Sie waren wirklich im Herzen entschlossen, ihre Königin, oder richtiger: ihren König zu verraten. Sie waren schon jetzt Hochverräter in ihrer Seele, während Johanna sie für ehrliche Untertanen hielt. Ihre Motive mochten ihren Verrat entschuldigen, ja rechtfertigen, aber die kommenden Dinge haben gezeigt, daß sie sich in ihrem Mittel vergriffen hatten. Und dann war's einige Monate nach dieser Audienz, da trat einmal gegen Abend der Graf von Alopo in großer Aufregung in das Gemach der Königin, die, harmlos mit ihren Frauen plaudernd, am Stickrahmen saß, von dem ihre Augen sich von Zeit zu Zeit erhoben, um durch das offene Fenster mit den zierlichen Doppelsäulchen aus rotem Porphyr in die lichte Ferne hinauszuschweifen, hinweg über den opalfarbenen Golf zum Posilip, der mit seinem weißen Gefels aus den Wogen emporwuchs und auf dessen Absturz einige schlanke Palmen schwarz gegen die lichtseidene Bläue des Himmels standen. Das Erscheinen des Großkämmerers und seine verstörte Miene riß sie aus ihrer kindlichen Harmlosigkeit. »Was ist dir, Pandolfino?« fragte sie besorgt. »Ich bringe schlimme Nachricht, Königin,« antwortete er mit einer Stimme, in der seine innere Erregung zitterte, »der neue Herr naht.« »Herr?« wiederholte Johanna. »Ich kenne keinen Herrn über mir an. Keinen,« fügte sie schelmisch lächelnd hinzu, »als den ich mir selber gesetzt habe.« Das war stolz königlich gesprochen. War es auch weiblich gesprochen? Und darf der Mann sein Herrentum haben aus der Gnade der Frau? Doch dem Großkämmerer von Neapel lagen im Augenblick solche Spitzfindigkeiten fern, er hegte andere Sorgen. »Ihr steht im Begriff, ihn zum Herrn zu machen«, versetzte er fast barsch. »Und einstweilen spielt er ihn, ohne Euch gefragt zu haben.« »Von wem redest du, Pandolfino?« fragte die Königin mit der unschuldigsten Miene von der Welt. »Von wem anders,« versetzte Herr Pandolfo, »als von dem Bauerngrafen Jakob von Bourbon! Er ist in Venedig eingetroffen und hat es sich nicht versagt, in seiner französischen Eitelkeit sich dort einen königlichen Empfang zu bestellen. Er ist ja sehr reich. Der Doge der Republik des Heiligen Markus ist ihm sogar auf dem hochgebauten goldenen Bucentoro in großem Pomp entgegengefahren, und ganz Venedig hat ihn als den König von Neapel begrüßt.« »Er ist ein Narr,« versetzte die Königin im wegwerfendsten Ton, der ihr zur Verfügung stand, »ein echter französischer, eitler Narr; aber lassen wir das Männlein nur kommen!« Hier entstand eine Pause. Herr Pandolfo schien nachzudenken. Und was er dann sagte, überraschte die Königin nicht wenig. War auch ihr Pandolfino unter die Politiker gegangen? »Wir haben eine Unüberlegtheit begangen«, sprach er. »Ich denke an den Sforza.« »Wie?« versetzte etwas boshaft Johanna. »Ihr habt meiner rasenden Eifersucht allzu willig Gehör geliehen.« »Da kannst du recht haben, mein Dolfino«, meinte das liebe Hannchen und machte ein verzweifelt altkluges Gesicht dazu; »wenn ein Mann eifersüchtig ist, ist er immer ein Tor, und man sollte überhaupt nicht auf ihn achten.« »Laß uns nicht streiten, schöne Herrin,« bat der Großkämmerer, »wir leben in einem zu gefährlichen Augenblick. Leider kommen zu den heimischen Sorgen auch noch bedrohliche Aussichten der äußeren Politik. Die Konzilherren zu Kostnitz haben unter Mitwirkung des Kaisers Sigismund unsern guten Landsmann, den Papst Johann, zur Abdankung gezwungen und den Otto Colonna als Papst Martin den Fünften auf den Stuhl Petri erhoben. Dieser gewalttätige und herrschsüchtige Römer wird uns ein weniger bequemer Nachbar sein als sein Vorgänger (diese Voraussagung hat sich seither auffallend bewahrheitet), und Eure Majestät, Königin, wird wahrscheinlich nur allzubald eines mächtigen Feldhauptmanns bedürfen. Ihr seht, schöne Herrin, daß es also naheliegt, an den Großkonnetabel zu denken, dessen in Tricarico müßig liegende Heerhaufen sich immer mehr aufführen wie der böse Feind, ohne daß eine starke Hand da wäre, ihnen zu wehren. Bis vor die Tore von Neapel verheeren und verwüsten sie das Land.« Die Königin seufzte. »Meine Vettern haben leider anderes zu tun, als ihre Königin vor ihren Bedrängern zu schützen.« »Sie sind selber Eure ärgsten Bedränger«, ergänzte der Großkämmerer. »Über den Konnetabel aber ist mir erstaunliche Kundschaft geworden, und daraus ist mir ein Plan erwachsen. Der Sforza war gar nicht, wie ich gemeint hatte, von der Partei der Durazzi. Er hat sich sogar in der Nacht jener heimlichen Zusammenkunft offen mit ihnen überworfen und ist als Feind von ihnen geschieden, weshalb sie denn auch seine Einkerkerung so ruhig hingenommen haben. Er kann noch unser Verbündeter werden. Gebt ihm die Freiheit, Königin, und ...« »Wir haben ihn schwer gekränkt«, fiel ihm Johanna ins Wort; »wird er sich so leicht versöhnen lassen?« »Haltet Ihr es für möglich, daß er, Euer Untertan und Dienstmann, Eure königliche Huld von sich weise?« »Er ist stolz und hochfahrend.« »Mehr noch ist er etwas anderes,« beeilte sich der Großkämmerer hinzuzufügen, »nämlich habsüchtig. Er ist nicht umsonst ein geborener Bauer; seine Reichtümer zu vermehren, war ihm noch immer jede Gelegenheit willkommen. Und diese Gelegenheit hat diesmal ein allerliebstes Gesicht. Eure Freigebigkeit, Königin, hat meine Schwester Catarina Alopo, heute außer Euch das schönste Weib in Neapel, zur reichsten Partie des Königreichs gemacht, ich werde dem Sforza ihre Hand anbieten.« »Ei, mein Pandolfino,« antwortete die Königin mit einem klugen Augenaufschlag, »du hast wirklich manchmal einen verflucht gescheiten Gedanken, wie man ihn einem Musensohn, der du bist, gar nicht zutrauen sollte.« Der Großkämmerer beugte das Knie und küßte der Königin die Hand. »Ich eile, den Mann in seinem Kerker aufzusuchen.« Unterwegs aber hatte er noch ein kleines Zwischenspiel zu bestehen, nämlich bei Überquerung des langgestreckten weiträumigen Burghofs, so weiträumig, daß er einem ganzen Heerlager Platz gegeben hätte und daß die gar nicht kleine Kirche von Sankt Barbara sich inmitten des ungeheuren und auch ungeheuer hohen Schachtes wie ein kleines zierliches Kapellchen ausnahm. Zwischen den Strebepfeilern dieser Kirche aber waren jetzt gelbe Zelttücher aufgespannt; grob zugehauene Marmorblöcke von bald schmal länglicher, bald kubischer Gestalt lagen übereinandergehäuft, an einzelnen von ihnen meißelten rüstige Gesellen, und hier und da war bereits zu erkennen, wie pflanzliche und tierische Formen oder auch der Ansatz zu einer menschlichen Figur, nach vorliegenden Rötelzeichnungen auf glatten Holztafeln, sich aus dem harten Gestein heraushoben. Vor einem mächtigen Reißbrett aber stand in anliegend gestrickten braunroten Beinkleidern und dunkelgrünem, gegürtetem Tuchkamisol der Meister Andreas aus Florenz und zog in sinnendem Schauen seine Rötelstriche. Mit seinem kurzen weißen Bart und dem gleichfarbigen dreigeteilten Haargelock, unbedeckt von dem zurückgeschobenen gelben Lederkäppchen, glich sein mächtiger Kopf fast dem des heiligen Petrus, wenigstens so wie man ihn oft abgebildet sieht. Der Großkämmerer wollte grußlos an ihm vorüber, der Meister aber vertrat ihm den Weg. »Ein Wort, wenn Eure Gnaden erlauben möchten!« »Scher' dich zum Teufel, Maurer,« herrschte der Graf von Alopo ihn an, »ich habe Wichtigeres im Kopf.« Die Hand des berühmten Bildners machte eine Bewegung nach seinem Dolchgürtel. Doch er beherrschte sich, und stolz erhobenen Kopfes trat er an sein Reißbrett zurück. Es ist so, wie man mir in Florenz sagte, dachte er, diese Napolitaner sind keine Christenmenschen; Afrikaner sind es, Heiden, Barbaren, mit einem Wort Bestien. Und dann hantierte bereits wieder sein Rötelstift in bald zögernden, bald hastig zufahrenden Strichen über das weißgeglättete Pappelholz vor ihm. Die Schritte des Großkämmerers aber hatten sich verlangsamt. Diese verdammten Florentiner, dachte er, zuerst haben sie uns gezwungen, ihre Sprache zu sprechen und zu schreiben, und nun sollen wir auch einzig beten vor ihren Götterbildern, womit sie ganz Italien überschwemmen, und doch sind wir, wir Napolitaner, die Söhne Griechenlands. Aber diese Toskaner haben böse Zungen, die überall gehört werden, und wer sich ihnen nicht beugt zwischen Verona und Palermo, den bringen sie in ein übles Geschrei. Die Königin wird mein barsches Betragen zu entgelten haben und wird es mir übel anrechnen. Sapristi, ich liebe ihre Gardinenpredigten nicht. Und an dem Alten hat sie gar ihren Narren gefressen. Er hatte einen Augenblick im Gehen angehalten, und jetzt kehrte er um. Mit liebenswürdigster Freundlichkeit näherte er sich von neuem dem Meister Andreas. »Verzeiht, Meister,« sprach er, »ich habe schwere Dinge im Kopf und war ungeduldig gegen Euch; aber wolltet nicht glauben, daß ich den größten Meister in der Kunst, dessen Italien sich heute rühmt, nicht zu schätzen wüßte! Habt Ihr ein Anliegen an mich, Meister Andreas?« Solchen Schmeichelreden konnte der Bildner nicht widerstehen. »Hoher Herr,« sprach er, »Eure schöne Königin, Gott erhalte sie glücklich, hat mir eine Ehre angetan, wie noch keinem Künstler unserer Zeit widerfahren ist. Das Grabmal des Königs Ladislas, das sie zu schaffen mich berufen hat, soll an Größe und Reichtum und Schönheit alles übertreffen, daß es seinesgleichen nicht haben wird in der ganzen Christenheit. Ihr dient der größten und großmütigsten Königin der Welt, hoher Herr. Aber die Großen übersehen gern das Kleine. Ein Großes ist das Werk des Künstlers, ein Kleines ist das Geld. Eure schöne Königin sollte doch daran auch denken, denn meine Gehilfen laufen mir weg, wenn ich sie nicht bezahlen kann. Unsere herrschenden Geschlechter von Florenz sind keine Könige, sind nur einfache Bürger, aber für die Künstler haben sie einen stets offenen und bei Gott auch vollen Beutel, besonders der junge Cosimo aus dem Haus der Medici.« Ei, du bettelhafter florentinischer Großsprecher, dachte Herr Pandolfo, doch seine schönen Adonisaugen heuchelten staunende Bewunderung. »Es ist mir eine große Ehre, dir zu dienen, Meister Andreas,« sagte er; »ich werde noch diesen Abend mit der Königin reden; mein Freund, du sollst mit mir zufrieden sein.« Und mit einem verbindlichen Kopfnicken verabschiedete er sich. Wenn es mir nur auch gelingt, den schnauzbärtigen Romagnolen so leicht zu begütigen wie diesen Florentiner Handwerker! dachte er. Wenigstens soll es mir ein gutes Vorzeichen bedeuten, wenn ich auch bei dem Sforza ganz andere Schulden auf dem Kerbholz habe. Und wirklich muß ihm sein Besuch in der Beverella, deren unterirdische oder vielmehr unterseeische Verliese gewiß nicht auf Heiterkeit zu stimmen angetan waren, ganz nach Erwarten geglückt sein. Denn als er am Abend zu Santa Lucia, als napolitanischer Fischer verkleidet, in dem Hause eines engen Winkelgäßchens mit einem hübschen Liebchen bei einer Flasche Falerner zusammensaß – denn er hielt der Königin Johanna keineswegs die Treue –, da mußte ihm die schlangengeschmeidige Assunta gestehen, daß sie ihn seit Wochen nicht in solcher Aufgeräumtheit gekannt habe. »Du würdest dich nicht wundern,« sagte er lachend, »wenn du wüßtest, was für ein Mordsfisch mir heute in die Angel gebissen hat, ein Fisch, sage ich dir, mein Schätzchen, den der stolze Cäsar von Capua mit seiner halben Grafschaft nicht zu teuer bezahlen würde. Ich habe ihn der Königin gebracht, und so glücklich wie über seinen Anblick haben ihre strahlenden Augen schon lange nicht geleuchtet.« »Hat sie ihn denn aber auch gut bezahlt?« fragte die schlangengeschmeidige Assunta mit begehrlichem Blick. »Mit einem Kuß von ihren stolzen Lippen«, antwortete trocken der geheimnisvolle Menschenfischer. Die Assunta schien enttäuscht: »Du bist einmal ein lumpiger Aufschneider«, versetzte sie schnippisch, indem sie mit ihrem Glas, in dem der Wein vor der flackernden Öllampe funkelte wie flüssiger Bernstein, an das seinige stieß. Dem wiederausgesöhnten Großkonnetabel aber wurde von der Königin eine große Genugtuung zugedacht. Ihr zukünftiger, bereits prokuratorisch ihr angetrauter Gemahl hatte ihr eine Botschaft zugehen lassen. Danach war er zu Manfredonia an der Adria und also auf napoletanischem Boden gelandet, und Johanna bestellte den Sforza zum Führer der feierlichen Gesandtschaft, die dem Königsgemahl nach Benevent entgegenkommen sollte. Alle ihre getreuen Barone nahmen daran teil, Sforza erhielt für die Formen der Begrüßung ganz besondere geheime Instruktionen. Aber jetzt kam der heimliche Verrat ihrer Vettern zum offenen Ausbruch. Ohne Vorwissen der Königin waren sie, Julius Cäsar von Capua, der Graf von Troja und der Graf von Gerace, mit zahlreichen andern Großen des Reiches, die ihren Anhang bildeten, schon drei Tage früher zum Empfang des von ihnen sehnlich Erwarteten aufgebrochen, dem sie weit über Benevent hinaus entgegenkamen. An den Ostabhängen des Apennins, wo die weite apulische Ebene beginnt, liegt das Städtchen Troja, von dessen Besitz der Seneschall von Neapel seinen Grafentitel führte. Der Ort selber schreibt seinen Namen von den Griechen her, die einst an dieser Stelle die Langobarden besiegt haben. Im Osten dieser Stadt, vor dem Foggianer Tor, erwarteten die Barone des Königreichs Neapel in feierlicher Aufstellung den Zug des Jakob von Bourbon, Grafen von La Marche, der eine so große und glänzende französische Gefolgschaft mit sich führte, daß sie wahrlich auch eines gekrönten Königs nicht unwürdig erscheinen mochte. Der Bourbone, wie ihn die Italiener nannten, ein stattlicher Mann in der Mitte der Vierziger, mit spitzzulaufendem, braunem Bart, ritt auf einem schwarzen Berberhengst seiner Begleitschaft um einige Schrittlängen voran. Als er nun näher kam, stieg der greise Seneschall, der Graf von Troja, als der Gastherr dieses Bodens, vom Pferd und kam dem von La Marche zu Fuß entgegen. Er sprach: »Erlauchter König! Eure Majestät sei uns allen willkommen.« Daraufhin, wie auf ein gegebenes Losungswort, stiegen alle Barone von ihren Pferden, verbeugten sich tief und begrüßten Jakob von Bourbon als ihren König. Dieser aber schien sich von den Hochverrätern an ihrer Königin und Herrin nicht sehr imponieren zu lassen. Er lüftete nur leicht sein Hütchen und setzte ohne Aufenthalt seinen Ritt fort auf die Stadt Benevent. Julius Cäsar von Capua und der Graf von Troja ritten ihm zur Seite und verfehlten nicht, ihren neuen Herrn und König über die Verhältnisse in Neapel und die Gesinnung der Königin mit kaum verschleiernden Reden aufzuklären, in die, wenn auch vorsichtig, der Name des Großkämmerers gelegentlich verflochten wurde, ohne daß bei all dem Jakob von Bourbon auch nur eine Miene verzog und kaum daß je ein Wort von seinem Munde kam. Er verbarg sogar nicht, wenn es die andern auch vielleicht nicht merkten, daß er, hierin kein schlechter Franzose, die Verräter ein wenig verachtete. Einige Enttäuschung freilich malte sich schon jetzt auf den Gesichtern der Neapolitaner; sie hatten sich einen Franzosen gesprächiger gedacht. Auf französische Geistreichigkeit schien dieser nicht erpicht zu sein. Nein, man war innerlich nicht ganz zufrieden, und der greise Troja, der ja nach seiner Meinung noch näher als die andern von den Griechen abstammte, dachte sogar heimlich im Herzen an die äsopische Fabel von den Fröschen, die um jeden Preis einen König haben wollten. Vor den Toren von Benevent gab es einen andern Auftritt. Hier hatte sich der Sforza mit den Seinigen aufgestellt, ganz wie die andern vor Troja; sein Herold, in den Farben von Anjou und Durazzo bunt ausstaffiert, ritt dem Ankommenden entgegen, und nachdem sein Bläser dreimal in die Trompete gestoßen, wie bei Ankündigung einer Schlacht, rief er mit lauter Stimme: »Hier ist der Großkonnetabel von Neapel!« Dieser aber stieg nicht vom Pferde, er verneigte sich nur leicht gegen Jakob von Bourbon und sprach: »Erlauchter Graf! Die Königin, deine Gemahlin, erfreut sich deiner Ankunft und erwartet dich mit Ungeduld.« Hier wurde also der Graf von La Marche auf einmal nicht mehr als König genommen. Er schien aber nicht darauf zu achten; er fragte nur: »Wie geht es der Königin?« Im Thronsaal des königlichen Schlosses zu Benevent aber bestieg er den hohen Stuhl unter dem purpurnen Thronhimmel und ließ sich von den Baronen huldigen, die ihm kniend die Hand küßten. Da erkannte der Konnetabel, welche Art Suppe die Durazzi ihrer Königin und ihm selber eingebrockt hatten, und wenn auch im Herzen nicht willens, sie aufzuessen, so mußte er doch dergleichen tun. Für den Augenblick wenigstens sah er keinen andern Ausweg, als sich den gegebenen Umständen scheinbar zu fügen. Aber vor der Tür zum Thronsaal trat ihm Julius Cäsar von Capua in den Weg. »Zurück!« rief er ihn an. »Elender Schurke, der als Fremdling, als Bauernsohn aus der Romagna, es wagen konnte, sich gegen unsern König zu empören.« Und wohl war es sein König, er hatte ihn selber dazu gemacht. Der Konnetabel aber warf dem Capuaner statt aller Antwort seinen Hut vor die Füße. Das gleiche tat Julius Cäsar. Aber nur der Sforza bückte sich nach dem Hut seines Gegners, zugleich entblößte er sein Schwert. In demselben Augenblick trat, wie er es mit seinem Vetter von Capua verabredet hatte, der Graf von Troja hinzu mit zwei eisengepanzerten Rittern hinter sich. Als oberster königlicher Seneschall waltete er also nur seines Amtes, wenn er durch seine Begleiter den Konnetabel mit Gewalt festnehmen ließ, der, so konnte es scheinen, im Begriff gestanden, mit gezücktem Schwert in den Thronsaal einzudringen und sich auf den König zu werfen. Und also wurde dieser Sforza, der berufen war, eine mächtige Herrscherdynastie zu gründen, kaum befreit, zum zweitenmal eingekerkert, denn so lag es damals, zu den Zeiten der Könige, im Stil des Lebens, es lebte sich da noch abenteuerlicher und gefährlicher als später in der Zeit der Bürger. Der Schlag der Durazzi gegen den Großkonnetabel war wohlüberlegt, er traf zugleich die Königin, die damit ihres starken Armes beraubt wurde. Sie begriff ihre Lage, und mit der Geschmeidigkeit, die in ihrer Natur lag, fand sie sich schnell in die neue Rolle, die ihr durch den Verrat ihrer Vettern zugeteilt worden, wohlunterrichtet, wie die Dinge in Troja und Benevent verlaufen und wie Jakob von Bourbon weiterhin in allen Städten, durch die er kam, als König empfangen wurde und als solcher auftrat. So ließ sie in aller Eile einen prunkvollen Baldachin herstellen und ordnete an, daß ihr Hofmarschall, der Graf von Prajano, und die zwölf vornehmsten Ritter ihres Hofdienstes ihrem neuen König vor das Capuaner Tor entgegenzogen. Sie setzte selber dem Hofmarschall die Rede auf, Wort für Wort, womit er den König, nachdem die Ritter den königlichen Baldachin über ihm entfaltet, begrüßen sollte; Jakob von Bourbon durfte mit ihr zufrieden sein. Wie aber war es, als der Bourbone darauf, überschattet von dem königlichen Baldachin mit seinen vier mächtigen Büscheln von Straußfedern über den goldenen Tragstangen, durch die sozusagen einzige Straße des damaligen Neapels ritt, die später der Korso von Toledo hieß? Ja, wie war es da? So war es, daß der Ruf »Es lebe unser König!« wohl allenthalben erscholl; aber der freudige jauchzende Jubel wie einst bei dem Zug der Königin kam nicht darin zum Ausdruck. Zu den Seiten des Königs ritten – aber nicht mehr unter dem Baldachin – zur Rechten der königliche Seneschall Graf von Troja und zur Linken der Großgonfaloniere Julius Cäsar, Graf von Capua, und das gemeine Volk, so fern es den inneren Hofkabalen stehen mochte, wußte doch nur zu gut, daß die beiden der Königin nicht freundlich gesinnt waren. Dieses Volk aber liebte seine Königin, die, jung und schön, prunkhafte Ritterspiele gab und fette Volksbelustigungen. Es liebte auch den glänzenden Grafen Alopo, den Großkämmerer, der, als eifriger Begünstiger des tollen Lebtags, sich dem Volk freundlich und leutselig zeigte, wo sich nur die Gelegenheit gab. Beide, die Königin und ihr Günstling, lebten in den Sinnen und der Phantasie des Volkes wie in einer Art Verklärung. Was hätte dagegen der finsterstolze Graf Julius Cäsar und der greisenhafte zittrige Seneschall der Phantasie zu bieten vermocht? Jakob von Bourbon aber fühlte aus all dem so viel heraus, daß die beiden Königsmacher keinen allzu großen Rückhalt hatten im Volk, und beschloß bei sich, sein Betragen danach einzurichten. Sympathisch hatten ihn die Verräter ohnedies nicht berührt von der ersten Begegnung an. Auf der Hängebrücke, die vom Hafenplatz zum Tor des königlichen Kastells führte, begrüßte ihn der junge strahlende Graf Alopo, des Reiches Großkämmerer; er ließ sich vor seinem neuen König aufs Knie nieder und küßte ihm den Fuß in tiefster Unterwürfigkeit. Jakob von Bourbon aber sah freundlich und leicht spöttisch lächelnd auf den Knienden nieder, von dem er wohl wußte, daß er bis jetzt für den mächtigsten Mann des Königreichs gegolten. Die Königin erwartete ihren Gemahl oben im großen Prunksaal, auf dem Thron sitzend und umgeben von ihrem Hofstaat, den Erzbischof von Nola, ihren Kanzler, stehend zu ihrer Rechten. Der König schritt mit seinem Anstand langsam auf sie zu und verbeugte sich dreimal vor ihr. Die Königin Johanna sprach: »Wer mich liebt und das Haus Durazzo, der begrüße diesen meinen Gemahl als seinen König.« Und alle riefen: »Es lebe die Königin Johanna und der König Jakob, unsere Herren!« Der Franzose antwortete nur: »Ich danke Eurer Majestät« und küßte, sich verbeugend, der Königin die Hand, wonach er ihr die Damen und Herren seines Gefolges in der Reihenfolge ihres Ranges vorstellte. Auf diesen ersten Akt folgte in der an den Saal anstoßenden Kapelle die kirchliche Trauung durch den Erzbischof von Nola. Johanna entschuldigte gegen ihren Gemahl die etwas unzeremoniöse Kürze dieser Handlung. Sie habe, der Stimme ihres Herzens folgend, gewünscht, daß die heilige Weihe der Kirche ihrem Bund nicht länger fehle, und da der König müde sein werde von seinem langen Ritt, habe sie ihm die Umständlichkeiten einer großen Zeremonie in Santa Barbara oder am Grabe des hl. Januarius ersparen wollen. Dabei sah sie den Bourbonen an mit einem Blick wie dem einer sehnsuchtsvollen kleinen Braut. Der König erwiderte fast wie in Verlegenheit, er habe eine so eilige Beschleunigung nicht zu erwarten gewagt und sei darum der Königin um so mehr zu Dank verpflichtet. Sie sind beide gute Komödianten, dachte Julius Cäsar von Capua, indem er dem König die Hand reichte zum Gang nach der Kapelle. Voran schritt die Königin an der Hand ihres Großkämmerers, des Herrn Pandolfo, Grafen von Alopo, auf dessen Gesicht kein anderer Ausdruck zu lesen stand als der einer kalten Würde, die, mit seiner Jugendlichkeit in seltsamem Widerspruch, in der Königin aber den Gedanken weckte, daß sie sich wahrlich des Erwählten ihres Herzens nicht zu schämen brauche. Sehr verschieden davon verliefen die Gedanken in dem Gehirn des greisen Seneschalls Grafen von Troja, der der Herzogin von Tarent, der obersten Palastdame der Königin, die Hand gereicht hatte und als Dritter in der Reihe folgte. Ist das Franzosenart, so dachte er, oder ist dieser Jakob von Bourbon nur ein Hanswurst von einem Franzosen? Wie kann er diesen Skandal ertragen? Er hätte den süßen Pandolfino gleich unten auf der Zugbrücke verhaften lassen sollen; er ist doch wahrlich genügend unterrichtet worden von uns. Nach der Trauung begab man sich zur Tafel im sogenannten Rittersaal, und hier saß dann zur Linken der Königin, nach dem Recht seiner Würde, der Erzbischof von Nola, zur Rechten des Königs aber, nach altem Herkommen, sein Großkämmerer, und diesem gegenüber, Aug' in Auge, der Großgonfaloniere Julius Cäsar von Capua. Der Graf von Troja und die übrigen anwesenden Barone des Reiches nebst den vornehmsten Franzosen im Gefolge des Königs schlossen sich an mit den Damen in bunter Reihe. Für zwei keineswegs gleichgültige Gäste fehlten die Stühle, sie saßen dennoch mit zu oberst an der Tafel: der Ritter Verrat und die Dame Verstellung. Man sah sie nicht, aber man spürte sie, ihr Hauch machte die Luft giftig, und dies mochte der Grund sein, daß in dieser glänzenden Gesellschaft nur die leuchtenden Farben der Prachtgewänder und die üppigen Rosensträuße in kupfernen und achatblauen Gefäßen eine hochzeitlich helle Freudigkeit ausdrückten. Nur von dem blitzenden Gefunkel des mannigfachen Edelgesteins in dem zierlichen Goldkrönchen der Königin, in Gürtelschnallen, Schwertknäufen und Mantelspangen, wie des hellgrünen Smaragds, des zartblauen Berylls, des blutroten Rubins, und nur von dem buntfiedrigen Gevögel zwischen phantastischen Blumen, eingewirkt in die flandrischen Teppiche und Behänge der Saalwände, ging es aus wie ein hochzeitliches Jubilieren, kaum aber von den zurückhaltenden und gedämpften Reden der Gäste mit Ausnahme eines Trinkspruchs, kurz gehalten, aber sprühend von Geist und übermütiger Laune, den der Graf von Alopo ausbrachte, der aber doch nicht allen gefallen wollte. Der Graf Julius Cäsar, dem Sprecher gegenübersitzend, wurde merklich bleich vor Wut. Der Großkämmerer hatte sich da etwas herausgenommen, was doch allein ihm, dem nächsten Verwandten der Königin, zugestanden hätte. Aber so fein wär's ihm freilich nicht gelungen. Und vollends düster blickte der Graf von Troja auf seinen Teller nieder. Diese Rede setzte nach seiner Meinung dem Skandal die Krone auf. Um so freudiger strahlte dabei das Auge der jungen Königin. Der Beherrscher ihres Herzens hatte sich durch seine geistige Überlegenheit auch als der Beherrscher einer Lage gezeigt, in der doch das Schreckgespenst der Gefahr ihm nur allzunahe entgegengrinste. Dachte das auch der König? Er lächelte vor sich hin wie einer, der einen schönen Augenblick genießt. Er war offenbar kein Hasser einer ironischen Situation. Dagegen seinen Geist leuchten zu lassen in feingeschliffener Rede, wie es sonst französische Art ist, fühlte er entweder kein Bedürfnis oder keine Befähigung. Seine Wortkargheit machte die Neapolitaner förmlich betroffen; dieser lederne Geselle war wahrlich kein König nach ihrem Sinn. Er erhob sich auch überraschend früh, bat die widerwillig sich erhebenden und erstaunt dreinblickenden Gäste, ihn mit seiner Müdigkeit zu entschuldigen, sich aber in keiner Weise stören zu lassen, und ergriff unter tiefer Verbeugung die Hand der Königin, die von dem übereilten Aufbruch sichtlich am unangenehmsten berührt schien. Dem Großkämmerer hätte es obgelegen, nach Brauch und Herkommen dem königlichen Paar nach dem Schlafgemach voranzuschreiten. Doch diesmal wies ihn der König mit einer leichten Handbewegung zurück, allerdings nicht ihn allein, sondern auch die übrigen Herren des hohen und höchsten Ehrendienstes, so daß nur die Herzogin von Tarent als oberste Palastdame und der Hofmarschall Graf von Prajano nebst Pagen und Trabanten den hohen Neuvermählten folgten und mit den verblüfften Würdenträgern auch ein altüberkommenes umständliches Zeremoniell gleichsam wesenlos beiseite geschoben war. Im Saal fanden sich zuerst die Franzosen und ihre Damen, die den überhasteten Aufbruch des königlichen Paares von der scherzhaften Seite nahmen, zuerst auf ihre Sitze und in das gastliche Behagen zurück. Zu ihnen gesellte sich jetzt der Graf von Alopo und wußte diese selbstgefälligen Eindringlinge schnell so zu bezaubern, daß sie alle erklärten, der Großkämmerer sei der einzige Neapolitaner mit Geist. Und wie Herr Pandolfo den Franzosen, so näherte sich gleichzeitig einer von diesen, Herr Tristan von Clermont, den Häuptern der Durazzischen Partei. Die stolzen Vettern der Königin hatten es, als ihrer Würde nicht entsprechend, verschmäht, in Abwesenheit des Königs weiterzutafeln; sie standen in einem einsamen Nebensaal und sprachen über Politik. Der greise Seneschall, Graf von Troja, konnte jetzt seinem Unmut rückhaltlos Luft machen über den König, der die skandalöse Gegenwart des Grafen Alopo bei der heutigen Feier nicht verhindert hatte, worin ihm Herr Julius Cäsar und der Graf von Gerace lebhaft beistimmten. In diesem Augenblick trat zu ihnen Herr Tristan von Clermont, von dem sie wohl wußten, daß er der nächste Vertraute des Königs war. »Ihr kommt uns gerade recht,« raunte ihm, nicht ohne einen flüchtigen Blick des Mißtrauens, der Capuaner zu, »offen gestanden, wir beklagten uns gerade über den König.« Die Lippen des Herrn Tristan umspielte ein spöttisches Lächeln, das er keineswegs zu verbergen trachtete. »So früh schon, meine Herren?« sagte er boshaft. »Und das in einem Augenblick, wo der König in den Armen der Liebe gewiß an alles eher denkt als an die Politik? Da werden ihm ja die Ohren läuten, und das könnte leicht ein Unglück geben. Oder wäre es nicht schlimm, wenn der zukünftige Thronfolger von Neapel mit läutenden Ohren auf die Welt käme und damit behaftet bliebe sein Leben lang? Er würde darüber vielleicht verrückt werden, und das müßte notwendig noch ein größeres Unheil über den Staat bringen als die noch so tollen Verliebtheiten einer hübschen jungen Königin.« Diese Rede des Franzosen war nicht angetan, die kabbalistischen Gesichter der andern aufzuheitern! »Herr Ritter,« sprach finster der greise Seneschall, »wir sind in diesem Augenblick nicht aufgelegt zu spaßen, am wenigsten über die heiligen Geheimnisse einer königlichen Brautnacht, woran auch nur mit Gedanken zu rühren uns ein Crimen laesse majestatis bedeuten würde.« »Puh!« machte Herr Tristan, wie wenn es ihn schauderte bei so großen Worten. »Übrigens,« fügte er bei, indem er mit Daumen und Zeigefinger sein seidenweiches Knebelbärtchen zwirbelte und ein boshafter Blick in seine lustigen Augen trat, »übrigens, wer sagt euch denn, daß ich scherze, ihr gestrengen Herren? Ich gedachte vielmehr, euren feierlichen Herrlichkeiten eine durchaus ernste Warnung zukommen zu lassen.« Dies klang zweideutig, und die Neapolitaner witterten einen versteckten Sinn, eine Art Drohung darin. Der nervösen, nicht sehr großen Gestalt des gelbgesichtigen Julius Cäsar gab es innerlich einen Ruck; er dachte heimlich: Mit dir nehme ich es noch auf, Freundchen. Aber Herr Tristan spielte ganz und gar den Harmlosen. »Haben Eure Herrlichkeiten eben aus dem Saal die begeisterten Zurufe gehört?« fragte er. »Sie galten eurem Erzkämmerer, dem Grafen von Alopo. Er scheint meine Landsleute gänzlich bezaubert zu haben. Und wahrlich, er ist ein wunderbarer Mann. Das Schwert des Todes schwebt über seinem Haupt, er weiß es, dennoch ...« Julius Cäsar von Capua unterbrach die Rede. »Herr Ritter,« fiel er ein, »solange ein Schwert über einem Haupt schwebt, kann es auch noch, unter Umständen, ein anderes Haupt verletzen, vielleicht gar ein königliches.« »Hallo,« rief Herr Tristan, » Crimen laesae majestatis .« »Es gibt Leute, denen man alles zutrauen darf«, bemerkte der leicht bucklige, im allgemeinen schweigsame Graf von Gerace. »Wirklich?« fragte der Franzose, und abermals blitzte es boshaft aus seinen lustigen Augen. Seine unverkennbar spöttische Frage ärgerte den Grafen von Capua. »Wir Neapolitaner«, sagte er fast herrisch zurechtweisend, »sind keine Freunde von spitzen Reden – –« Eher von spitzen Dolchen, dachte Herr Tristan. »Ihr aber, Herr Ritter,« sprach der Capuaner weiter, »Ihr wißt sehr wohl, auf wen mein Vetter Gerace mit seinem Wort deutete; es ist der Mann, dem ja auch Ihr außerordentliche Fähigkeiten zuzutrauen scheint.« »Ich halte ihn sogar für fähig, sich die Gunst des Königs zu gewinnen.« Herr Tristan warf dies leicht hin, aber man sah ihm an, daß er wohl wußte, was für ein schweres und niederschmetterndes Wort es für die Neapolitaner bedeutete. Und wirklich, die dreie standen sprachlos. Herr Tristan lachte. »Beruhigen sich Eure Herrlichkeiten! Jakob von Bourbon ist nicht ohne einigen Verstand.« Der Graf von Gerace wagte von neuem ein Wort, er sagte: »Die Rolle, die dieser Graf von Alopo heute abend gespielt hat, war uns allen ein Ärgernis.« »Das glaube ich,« antwortete Herr Tristan, »denn eigentlich hättet Ihr, Herr Graf, an seiner Stelle sein sollen, nach Eurer Meinung.« »Eure Anspielung, Herr Ritter, mißfällt mir,« sprach Julius Cäsar scharf, »für uns handelt es sich nicht um unsern eigenen persönlichen Vorteil, sondern einzig und allein um das Heil unseres Königs. Herr Tristan machte ihm eine stumme Verbeugung. »Und darum können wir nicht begreifen,« nahm wieder der greise Seneschall, Graf von Troja, das Wort, »daß der König es zu diesem Skandal kommen ließ, statt unsere Ratschläge zu befolgen, die wir ihm deutlich genug zu verstehen gegeben haben.« »Aber unter welchem Vorwand sollte Seine Majestät den Grafen verhaften lassen?« fragte Herr Tristan. »Vorwand?« rief der Capuaner. »Braucht es eines Vorwandes, wo so schwere Gründe vorliegen?« Tristan von Clermont nahm jetzt plötzlich einen ernsteren Ton an als seither. »Ihr, meine Herren,« sagte er, »ihr mit dem afrikanischen Blut in euren Adern ...« Die Neapolitaner machten eine Bewegung des Unwillens. »Wenn es euch lieber ist,« fuhr Herr Tristan fort, »sagen wir griechisches Blut. Also ihr mit dem griechischen Blut in euren Adern seht diese Dinge anders an als wir Franken. Die Verhaftung des Herrn Erzkämmerers hätte einen Prozeß zur Notwendigkeit gemacht, und dieser Prozeß hätte in ärgerlichster Weise die Königin bloßgestellt. So ungalant gegen seine Gemahlin zu handeln, dessen ist kein Franzose fähig, gar als König; aber glaubt mir, der König ist ein besonnener und kluger Mann« (er hielt sich wenigstens in hohem Grad für einen solchen), »ein kluger Mann, er wird seine Sache schon gut machen.« In diesem Augenblick betrat der Großkämmerer von Neapel von dem großen Saal her das Gemach und näherte sich der Gruppe mit einer solchen Unbefangenheit und Selbstsicherheit, daß Herr Tristan nicht anders konnte, als den befeindeten und gefährdeten Mann aufs neue heimlich zu bewundern; die andern, obwohl voll von Haß und Grauen, begegneten ihm mit ausgesuchter Höflichkeit, von Politik wurde nicht mehr gesprochen! Daß aber Tristan von Clermont sich in der Ausdeutung seines königlichen Beschützers nicht geirrt hatte (wenigstens meinte er es so), zeigten die nächsten Tage; der Graf von Alopo blieb unbehelligt in seinem Amt und in seiner Freiheit. Er hatte wie zuvor jederzeit freien Zutritt zur Königin, aber freilich, sie je wieder unter vier Augen zu sprechen, blieb ihm versagt. Der König hatte seiner Gemahlin einen neuen Stallmeister bestellt in der Person eines alten Franzosen, namens La Berlinguère, den die Neapolitaner Berlinghiero nannten, und der, wenn nicht der König zugegen, die Königin nicht einen Augenblick aus den Augen lassen durfte, die also in ihren eigenen Gemächern wie eine Gefangene behandelt wurde. Und das bedeutete nun freilich keine Erfreulichkeit für den süßen Pandolfino. Noch Schlimmeres traf ihn. In der Öffentlichkeit behandelte ihn der König mit all den Formen der Höflichkeit, die seiner hohen Würde zukamen; aber im Alleinsein mit ihm oder auch, was noch schlimmer, in Gegenwart der Königin, zeigte er ihm die äußerste Geringschätzung und Verachtung und überschüttete ihn förmlich mit beißendem Hohn. Wie blutige Geißelhiebe trafen seine kurz hingeworfenen Worte die verwundete Seele des armen Pandolfino, der doch nur mit tiefster Unterwürfigkeit darauf erwidern durfte. Aber noch andere erlebten keinen kleinen Ärger mit dem König. Den bestgehaßten Feind der Durazzi, den Großkonnetabel Sforza, von dem alten Seneschall so heimtückisch eingekerkert, gab König Jakob zwar zunächst nicht frei, aber er gewährte ihm ein sehr bequemes ritterliches Gefängnis, und seiner jungen Gemahlin, Katarina Alopo, die sich in das Kloster von Sankt Clara geflüchtet, erlaubte er, frei in ihren Palast zurückzukehren. Er ernannte sogar den Herrn Francesco, den ältesten Sohn des Konnetabels und späteren Herzog von Mailand, zum obersten Befehlshaber der ganzen napolitanischen Heeresmacht; gegen die Durazzi aber, die ihn zum König gemacht hatten, bewahrte dieser merkwürdig anständige, aber allerdings und vielleicht eben deswegen nicht allzu kluge König (wie sehr er sich auch dafür hielt) die ursprüngliche Abneigung, die sie durch ihren aufdringlichen Verrat in ihm erweckt hatten. Das Wort vom Undank der Könige ist uralt, aber bei diesem Jakob von Bourbon war es noch etwas anderes. Je unsicherer er sich letzten Grundes in seiner Lage fühlte, um so deutlicher glaubte er zeigen zu müssen, daß er sich aus eigener Kraft den Schwierigkeiten gewachsen fühle. Er traute sich große Dinge zu. Und daß die Durazzi ziemlich anmaßend auftraten, stieß vollends dem Faß den Boden ein. Eine Anzahl ihrer Barone wurde plötzlich verhaftet. Dem greisen Troja ließ der König sagen, daß ihn sein Alter nicht geeignet scheinen lasse, als oberster Richter des Königreichs zu fungieren, und daß er deshalb hiermit aufgefordert sei, sein Amt als oberster Seneschall des Königreichs dem Herrn Tristan von Clermont abzutreten. Überhaupt ging der König rücksichtslos darauf aus, alle höheren Würden des Reiches einzig den Franzosen vorzubehalten, mit denen er sich ausschließlich umgab. Das verfängliche Fabula docet des äsopischen Froschteichs – der alte Troja dachte jetzt mit Bitterkeit daran – traf die Durazzi täglich härter. Der stolze Julius Cäsar von Capua sah sich vom König gänzlich auf die Seite geschoben, und seine ehrgeizige Seele füllte sich immer mehr mit giftigem Haß gegen den fremden Eindringling, wie er jetzt den König nannte, den er doch selber, um den Preis des Hochverrats an der angestammten Monarchin, zu so hoher Würde und Machtvollkommenheit erhoben hatte. So stand er denn mit seinem innerlichsten Gefühl jetzt keinem so nahe als dem einst so verachteten Grafen von Alopo, und nicht allzulange dauerte es, daß sie sich auch äußerlich zusammenfanden, so daß diesmal, was nicht allzuhäufig vorkommt, die Liebe und die Politik sich zu gemeinsamem Tun die Hand reichten. Julius Cäsar hatte voll Mißmut Neapel verlassen, wo das Prinzip der Gouvernante abermals in neue Hände übergegangen war, und saß trutzend wie ein fauchender Uhu auf seinem alten Bergschloß zu Marcone bei Capua. Hier ließ sich eines Tages ein armer napolitanischer Fischer bei ihm melden mit der Begründung, daß er ihm eine wichtige Sache aus Neapel zu melden habe, und das war niemand anders als der Großkämmerer Pandolfo Graf von Alopo in Person. Über die zu vollbringende Tat stimmten die beiden ehemaligen Feinde von allem Anfang an überein. Und sie zu beschließen, war freilich leicht; ihre Ausführung indessen schien fast unmöglich. Doch Herr Pandolfo, dessen seelische Spannkraft und sonstigen geistigen Fähigkeiten Herr Tristan von Clermont nicht umsonst so bewundert hatte, würde sich für einen erbärmlichen Tropf gehalten haben, wenn ihn seine poetische Erfindungskraft, wie er ein wenig ironisch die Sache nannte, jetzt im Stich gelassen hätte. Und so wußte er, noch vor Weihnachten, dem Grafen von Capua einen Vorschlag zu unterbreiten, dem man tatsächlich eine gewisse Poesie nicht absprechen konnte, und dem dann auch Julius Cäsar, wenn er schon die Gefahren darin nicht verkannte, nach einigem Bedenken seine Zustimmung gab. Die größte Schwierigkeit bei der Ausführung seines sinnigen Vorschlags lag darin, daß die Königin im voraus davon unterrichtet sein mußte. Nun war Herr Pandolfo zwar nicht ganz ohne geheime Verbindung mit der Königin verblieben. Eine ihm geneigte Zofe hatte ihm von seiner erhabenen Geliebten wiederholt kleine Zettelchen überbracht, knappe hieroglyphisch gehaltene Versicherungen von Liebe und Treue, und Pandolfino hatte diese in ähnlichen abgerissenen Rätselworten erwidert; aber so tollkühn ließ er sich doch nicht hinreißen, um auch nur einen einzigen Augenblick bei dem Gedanken zu verweilen, dieser verhältnismäßig unschuldigen Geheimpost seine halsbrecherischen Absichten anzuvertrauen. Wen jedoch das allmächtige Schicksal erheben oder auch vernichten will, dem ebnet es auch den Weg zu dem Ende hin, das ihm unwiderruflich vorbestimmt ist. Und auch ein König fällt nicht von Mörderhand, wenn die Götter oder die Vorsehung ihm ein anderes Los bestimmt haben, mag auch der Anschlag noch so sinnig ausgedacht, der Dolchstoß von noch so sicherer Hand geführt sein. So schien denn ein geradezu wunderbar aussehender Zufall den Pandolfino in überraschender Weise zu begünstigen. Denn da er jetzt eines Tages, wie stets zweimal in der Woche, der Königin seine dienstliche Aufwartung machte, erlebte er das Unglaubliche, daß der alte Berlinghiero, entgegen allem Brauch, mit einer stummen Verbeugung gegen ihn das Gemach verließ. Der Fall kam so unerwartet, daß Pandolfo fast darüber seine Fassung verlor. In dieser Verblüffung verwechselte er, wie das öfter geschieht, den Teufel mit dem lieben Gott. Er stürzte der Königin zu Füßen. »Johanna,« flüsterte er, »der König muß sterben: Gott selber ist mit uns im Bunde.« In den schönen Augen der Königin malte sich ein ungeheucheltes Erschrecken. Sie sagte: »Pandolfino, du rasest. Erhebe dich, der Berlinghiero wird jeden Augenblick eintreten!« Pandolfino erhob sich und stand nun in ehrfürchtiger Haltung vor der Königin, die, wie man es auf alten Bildern steht, begünstigt von der hochsteilen Lehne ihres Stuhles, in steifer Würde schweigend verharrte. Und flüsternd entwickelte ihr Pandolfo seinen Plan. Alljährlich am Abend vor der Heiligen Nacht pflegten die Verwandten der Königin, und andere Reichsbarone, der Monarchin in feierlicher Weise ein Geschenk zu überbringen, das diese, so wollte es ein altes Herkommen, nur von ihren Frauen umgeben entgegennahm. »Dieses Mal wird es«, erläuterte Pandolfo, »ein kunstvoll geformtes Backwerk sein, den alten maurischen Palast in Granada, die Alhambra genannt, darstellend. Das Ganze wird von solcher Pracht und zugleich von solcher Größe sein, daß zehn Jünglinge in der weißen Standestracht von Zuckerbäckern es abwechselnd tragen werden. Die Grafen von Troja und Gerace, wie auch die andern Barone, die an dieser Huldigung sich beteiligen, werden ahnungslos sein. Nur Julius Cäsar von Capua wird die geheime Bedeutung des Geschenks kennen. Mit ihm ist bereits alles verabredet.« Johanna horchte gespannt aus. Pandolfo fuhr in etwas erregterem Ton fort. »Nun höre, Johanna!« raunte er. »Einer der als Zuckerbäcker weiß verkleideten Diener wird dein Pandolfino sein, und während sie lärmend das Vivat ausbringen, wird er sich unvermerkt auf die Seite machen und hinter den zurückgeschobenen Türvorhängen unsichtbar werden. So wird er die Ankunft des Königs erwarten, der nach Abzug der feierlichen Huldigungsgesellschaft nicht verfehlen wird, dich zu deinem Weihnachtsgeschenk zu beglückwünschen. Du kennst meinen Dolch. Der König wird die Heilige Nacht nicht überleben. In dem Augenblick, wo ich sein blutiges Haupt aus dem Fenster werfe, wird Julius Cäsar mit seinen Kriegsleuten das Tor des Kastells erbrechen, dann wird das ganze Franzosengesindel niedergemetzelt, und die hier als Untertanin und Gefangene des französischen Usurpators schmachtete, wird aufs neue als die souveräne Königin von Neapel proklamiert werden unter dem Jubel alles Volkes, das dich mehr liebt, als du ahnst, süße Königin.« Pandolfo hielt inne. Auch Johanna sah mit starren Augen eine Weile schweigend vor sich hin. Dann sagte sie, nicht ohne einen merklichen Ton des Vorwurfs: »Warum plauderst du mir das aus, Pandolfino? Du hättest mich in Unwissenheit lassen sollen.« »Ich hätte dir die Mitwissenschaft gern erspart«, antwortete der Großkämmerer. »Aber das war nicht rätlich; du möchtest leicht in der Überrumpelung unser Werk vereitelt haben.« Johanna senkte schweigend den Blick zu Boden. Von ihren Wangen war der mattrötliche Schimmer eines flaumigen Pfirsichs verschwunden, eine fast tödliche Blässe lag über ihrem Gesicht. Sie schien nach einer Antwort zu suchen; aber sie fand keine, und stumm reichte sie ihrem Großkämmerer ihre weiße, schmale Hand zum Kuß. Vergeblich suchte der Graf ihrem Blick noch einmal zu begegnen. Aber wenn ihm das auch nicht gelang, so verließ er doch das Gemach mit großer Befriedigung. Pandolfo machte danach auch dem König seine Aufwartung. Jakob von Bourbon saß mit seinem Vertrauten, dem obersten Seneschall Tristan von Clermont, beim Schachspiel. Er empfing den Großkämmerer freundlicher als je zuvor. Er sprach Worte, die den Herrn Pandolfo von neuem in höchstes Erstaunen versetzten. »Mein lieber Alopo,« sagte der König fast kameradschaftlich, »der Herr Seneschall hier, der, wie du wohl weißt, dein Freund ist, hat mir immer Vorwürfe gemacht, daß ich deine Verdienste nicht genug zu schätzen wüßte. Er hat mich hundertmal deiner Treue und Ergebenheit versichert, und es ist ihm gelungen, mich endlich zu überzeugen. Du kommst von der Königin. Ich weiß, du kannst das Gesicht des alten La Berlinguère nicht leiden, ich werde darum Fürsorge treffen, daß du ihm nicht mehr bei Ihrer huldvollen Majestät begegnen sollst.« Damit wendete sich König Jakob wieder zu dem Spiel, und der erstaunte Großkämmerer war entlassen, ohne zu ahnen, wie fürchterlich wahr der König, wenigstens im letzten Teil seiner Rede, gesprochen hatte. Als er unten in den Schloßhof hinaustrat, hielt sein Page, der hier die Pferde auf und ab führte, gerade bei den Zelten des Meisters Andreas an der Längswand der Sankt-Barbara-Kirche. Der Knabe, mit den Gesellen des Florentiners scherzhafte Reden tauschend, bemerkte, wie es schien, seinen Herrn nicht gleich, der nun selber auf die Gruppe zuschritt. Unter den gelben Zelten war die Arbeit bereits ein gutes Stück gediehen. Kniende und stehende Rittergestalten und ein reicher Zierat von Tier- und Pflanzenformen hatten sich aus den rohen Blöcken herausgeschält, auf einem gewaltigen Sarkophag lag, ausgestreckt in voller Rüstung, die Arme mit den Stahlnetzhandschuhen über der Brust gekreuzt, der selige König Ladislas, kurz, eine ganze Anzahl von Einzelbestandteilen des umfangreichen und vielfach zusammengesetzten Bildwerks, wie es noch heute in der Kirche von St. Johann zu den Kohlbrennern zu sehen ist, fanden sich bereits im groben herausgearbeitet. Meister Andreas, der mit vorgebundenem Schurzfell selber an dem königlichen Sarkophag meißelte, legte Hammer und Eisen beiseite, und sein gelbes Lederkäppchen hinter dem dreigeteilten weißen Haargelock lüftend, grüßte er mit beflissener Unterwürfigkeit den Großkämmerer. »Geht's gut, Meister?« fragte dieser, der heute bedeutend freierer Laune zu sein schien als damals auf seinem Gang nach der Beverella zum Besuch des gefangenen Sforza. »Der König«, antwortete der Florentiner, »hat meine Arbeiten noch keines Blickes gewürdigt; diese Franzosen sind in Sachen der Kunst reine Bestien.« »So vergeltet eben gleiches mit gleichem, stolzer Republikaner«, scherzte Pandolfo. »Kann ich aber auch dem König den Brotkorb höher hängen«, entgegnete der Meister in gleichem Ton, wenn auch eine Note schärfer, denn er schien wieder einmal sehr unzufrieden. Diese Florentiner Steinmetzen, dachte Herr Pandolfo, spielen die Hochmütigen, aber ihre Geldgier ist noch größer als ihr Stolz. »Übrigens«, nahm der Bildhauer noch einmal das Wort, »auch Ihr, hoher Herr, scheint mir einigen Grund zu haben ...« Graf Alopo dachte: Nun stellt sich der staubige Lump auch noch auf eine Stufe mit mir. »Du hast eine allzu lose Zunge, Mann aus Florenz«, unterbrach er unwirsch den Meister – (ach, daß ihm doch selber die Zunge heute nicht so locker gesessen hätte!) – »Und wie du dich irrst! Der König ist mir ein sehr huldvoller Herr.« Bei diesen Worten stand er bereits mit einem Fuß im Steigbügel. Zugleich aber fühlte er sich an der Achsel gepackt und zurückgeworfen. Vier Schwerbewaffnete bemächtigten sich seiner, fesselten ihn und stülpten einen weiten, schwarzen Sack über seine Gestalt. Dann fühlte er sich mit Gewalt auf ein Pferd gehoben zwischen zwei andern Pferden, und so ging es galoppierend davon, wer weiß wohin. Seine Vergewaltiger freilich wußten es. Nicht fern von dem gelben Strand von Santa Lucia, der den perlmutterschimmernden Spiegel des unabsehbaren Golfs wie ein goldener Rahmen umschmiegt, ragte seit ewigen Zeiten aus den blauen Wogen ein schwarzer Fels, den die Griechen die Insel Megaris nannten und auf der später ein europäischer Kaiser und König von Sizilien, genannt Friedrich der Zweite von Hohenstaufen, ein festes Kastell errichtet hat, aus schwarzem Gestein, wie der Fels selber, furchtbar finster dastehend in der lichten Bläue von Himmel und Meer, und die Leute hießen es Il Castello dell' Ovo , von seinem eiförmigen Umriß. Hinter dessen Mauern verschwand Herr Pandolfo, Graf von Alopo, des Königreichs Neapel Großkämmerer. Auch der Graf Julius Cäsar von Capua, der um der bewußten Geschäfte willen nach Neapel gekommen, hielt hier kaum eine halbe Stunde später ebenfalls seinen unfreiwilligen Einzug. Und wie das so gekommen war? Die Entfernung des Berlinghiero aus dem Gemach der Königin hatte für den Grafen Alopo eine Probe bedeutet oder eine Falle, und er ist hineingefallen. Der König selber, die Rolle eines gewissen Herrn aus Dänemark namens Polonius spielend, zusammen mit seinem Seneschall, dem Herrn Tristan von Clermont (die Vorbereitungen und Bedingungen dazu waren mit großer Sorgfalt und Heimlichkeit ins Werk gesetzt worden), hatte den Pandolfino hinter der Tapete belauscht in seinem heimlichen Gespräch mit der Königin. Der Prozeß der beiden Grafen nahm nicht viel Zeit in Anspruch, und auch das Urteil wurde ohne Aufschub vollzogen. Sie wurden auf dem neuen Markt vor dem Tor von Capua enthauptet, im Angesicht des weiten und massigen Kastells Cupuana, wo einst der junge Pandolfino, schon hinlänglich berauscht aus dem Becher der Liebe, von dem betörenden Trank der Macht zum erstenmal genippt hatte. Der unermüdliche Kabalenspinner Julius Cäsar von Capua und ehemalige Hochverräter an seiner Königin, wurde aus Rücksicht auf sein verwandtes Blut in der Kirche der Annunziata ritterlich bestattet, der Leichnam des Pandolfo aber, durch den Spruch der Richter von allen seinen Würden entkleidet, wurde auf dem Schindanger verscharrt und sein Kopf vor der genannten Kirche auf einer Stange allem Volk zur Schau aufgesteckt. Doch schon in der folgenden Nacht riß ein Sturm ihn zu Boden, und die Hunde machten sich darüber her und fraßen ihm das Fleisch aus dem Gesicht und fraßen die geschwellten Lippen, die so oft in liebestollen und lustvollen Nächten von der schönsten Königin der Welt geküßt worden waren. * Das ist die wahrhafte Geschichte des Pandolfino und der schönen Königin Johanna von Neapel, nicht was durch die Jahrhunderte über sie phantasiert wurde, sondern was die Geschichtschreibung von ihr erzählt, wenn auch schon nicht, wie sie es erzählt. Denn, die einst zu den Tagen des Herodotos eine junge Göttin war, gleichgeschwisterig mit der epischen Muse, ist unterdessen ein altes zahnloses Weib geworden, das trotz seiner Zahnlosigkeit ewig alles benagen und benörgeln muß, und es ist zum Davonlaufen, wenn sie uns selbstgefällig ihr Gekäue vorsetzt. Wie aber Johanna von Neapel den Tod ihres Lieblings gerächt hat, wie sie nun in der Kraft ihrer rächenden Aufgabe stark wurde und, ihres vergewaltigten Königtums sich mit kräftiger Hand bemächtigend, den anmaßlichen Bourbonen, nachdem er sich allzulange mausig gemacht hatte, in heimlichem Einverständnis des Papstes aus dem Lande jagte mit Hilfe des Mutio Sforza und anderer kühner Ritter – sie wurde noch immer wie nur je geliebt und angebetet –, daß er eines Tages als armer Flüchtling zu Venedig landete, wo ihm kein Doge und kein goldener Bucentoro mehr entgegenkam, also daß er, geknickt in seinem mittelmäßigen Geist, im Kloster der Franziskaner zu Besançon in der Freigrafschaft Burgund unerkannt sich vor der Welt verbarg in seiner Scham: das steht in einem andern Kapitel des unzusammenhängenden und oft so sinnlosen Buches, das sich die Weltgeschichte nennt. Der König und sein Sekretär Politik ohne Religion, das mag es geben; aber auch Religion ohne Politik und politische Wirkungen? Ei, schlagt doch einmal die Geschichtsbücher irgendeiner Religion auf irgendeiner Seite nach und seht, was da geschrieben steht, vielleicht findet ihr auf einer dieser Seiten zufällig auch die folgende Geschichte. Im Quirinalpalast am Monte Cavallo zu Rom, wo heute der arme König von Italien wohnt, residierte damals Papst Clemens VIII., der den Vatikan nicht liebte. Er pflegte, halb im Scherz, halb im Ernst, zu sagen, es sei ihm unheimlich, mit soviel Heiden und Heidengöttern unter einem Dach zu wohnen, womit er die antiken Statuen meinte. Denn der Geist der Renaissance war längst wieder heruntergestiegen von Sankt Petri Stuhl, und der Geist Luthers hatte, um in lutherischer Sprache zu reden, sogar den Teufel selber, nämlich den Papst, ein wenig angesteckt. Besonders der hier in Rede stehende befleißigte sich großer Frömmigkeit, katholischer Frömmigkeit natürlich, soweit eben Frömmigkeit mit der Sorge um die Weltregierung zusammengehen mag. Dieser Papst Clemens saß eines Morgens, den gedachten weltregierlichen Geschäften obliegend, in seinem weiträumigen, mehr als königlich ausgestatteten Arbeitszimmer, dessen Fenster auf die kunstreich abgezirkelten Gärten des Palastes hinausgingen, die dem eifrig frommen Hohenpriester einen lieberen Anblick darboten, als die heidnisch nackten Rossebändiger vor der Straßenfront der barockgegliederten weitschichtigen Baumasse. Das päpstliche Arbeitszimmer lag außerdem nach der Morgensonne hinaus, die der arbeitsfreudige Träger der dreifachen Krone besonders liebte, und gerade jetzt fielen ihre Strahlen schräg von oben in das Gemach, daß die etwas verblichenen Wandteppiche aus Flandern wie neu belebt farbig aufblühten. Sie erzählten die Geschichte des Königs Saul mit dem jungen David und dem Hohenpriester Samuel, der das Schicksal des unglücklichen Königs wie Wachs in seiner Hand formte, was freilich der Künstler nicht in seiner Darstellung anbringen, aber doch vom Papst herausgelesen werden konnte. Clemens hat später aus Frömmigkeit allen Prunk aus diesem Gemach entfernt und ihn durch viele Bücher und sieben Totenschädel ersetzt, doch diese kostbaren flandrischen Teppiche ließ er an den Wänden, ihre Bilder galten ihm als bedeutungsvolle Symbole seiner eigenen hohenpriesterlichen Macht. Nur eine Person befand sich in Gesellschaft Seiner Heiligkeit, eine unansehnliche, fast verkümmerte Jünglingsgestalt – trotz der scharlachroten weitfaltigen Kardinalsgewänder – mit noch bartlosem, pockennarbigem Rundgesicht, als Staatskanzler und zugleich Neffe des Papstes der mächtigste Mann am römischen Hof: der Kardinal Pietro Aldobrandini. In ehrfurchtsvoller, tiefste Ergebenheit ausdrückender Haltung stand der Rotmantel vor dem greisen Papst, der unter vielfachem freudigen Erstaunen einen langen Brief durchlesen hatte und sich jetzt in seinem goldenen, mit rotem Damast ausgeschlagenen Sessel zurücklehnte. Und so in zurückgelehnter und etwas gestreckter Haltung bot er freilich ein anderes Bild als der schwarz gesträhnte kleine Aldobrandini. Seine weißen Gewänder standen in vornehmer Farbwirkung zu dem Rot und Gold des Sessels, und seinem großflächigen Greisengesicht, von feinstilisiertem weißen Bart umrahmt, fehlte nicht der Ausdruck hoheitsvoller Würde. »Ein erstaunlicher Brief«, sagte er jetzt vor sich hin und wie zu sich selbst sprechend. Der Kardinal blieb stumm erwartungsvoll. »Wen nanntet Ihr als seinen Überbringer?« fragte der Papst. Und der Kardinal: »Er will einer von den schottischen Jesuiten sein, die in ihrem Vaterland im geheimen wirken, da ihnen jedes offene Auftreten bei Todesstrafe verboten ist. Mit Namen nennt er sich ›John Ogilwy‹, wenn ich anders die barbarischen Laute richtig verstanden habe; der Beichtvater der schottischen Königin sei ihm ein vertrauter Freund, er harrt im Vorsaal der Befehle Eurer Heiligkeit.« Mit einer Bewegung seines Zeigefingers befahl der Papst die Vorlassung des Jesuiten, und eilfertig öffnete der geschmeidige Aldobrandini die Tür nach dem Vorsaal. Ein junger Mensch in schlichtestem priesterlichen Gewand trat ein. Nach drei Schritten ließ er sich auf ein Knie nieder, und der Papst erteilte ihm den Segen. Nach abermals drei Schritten geschah dies zum zweitenmal, darauf noch ein drittes Mal. Vor dem Papst angelangt, sank er in beide Knie. Der jünglinghafte Kardinal, jetzt sich wie ein Kammerdiener gebärdend, hob drei Finger breit das Gewand des Papstes, der Schwarzberockte küßte inbrünstig den roten Pantoffel, dann verharrte er mit aufgehobenen gefalteten Händen wie zur Anbetung. Der Papst betrachtete ihn eine Weile mit prüfendem Blick. »Kennst du persönlich die Königin von Schottland«, fragte er plötzlich und unvermittelt. »Wie geht es unserer vielgeliebten Tochter?« In sicherem Latein antwortete der Jesuit: »Ich sehe Ihre Königliche Hoheit allwöchentlich – sie konnte mir jedoch keinen Auftrag an Eure Heiligkeit mitgeben, sie durfte von meiner Reise hierher nichts erfahren.« »Aus wessen Hand empfingst du den königlichen Brief?« forschte der Papst. »Aus eigener Hand Seiner Königlichen Hoheit.« Hier wechselten der Papst und der Kardinal Staatssekretär einen bedeutungsvollen Blick. »Bist du auch bereit,« wandte sich der Papst wieder an den Jesuiten, »deine Aussage mit einem Eid zu bekräftigen?« »Mit dem feierlichsten, den Eure Heiligkeit von mir verlangt.« »Gut,« antwortete der Papst, »darüber wird vielleicht noch zu reden sein, für jetzt bist du entlassen, mein Sohn.« Und mit rückwärtigem Gehen und nicht ohne die drei Kniebeugungen, wie bei seinem Kommen, gewann der Schwarzberockte die Tür. Der Papst hatte den Brief wieder zur Hand genommen. »Wie er schmeicheln kann, dieser ketzerische König von Schottland. In diesem Punkt ist er ein echter Sohn der Maria Stuart. ›Heiligster Vater‹, redet er uns an, und mit ›Eurer Heiligkeit allerergebenster Sohn‹ schließt er. Und welche ungeheure Sache er uns so zwischen den Zeilen in Aussicht stellt, nichts Geringeres als die Katholisierung von ganz England. Bei Gottes Gnade und Barmherzigkeit ist ja alles möglich, aber ... Wir wären ja der glorreichste aller Päpste, wenn diese Aussicht unter unserem Pontifikat in Erfüllung ginge. Und übrigens, war nicht Heinrich von Frankreich ein noch viel ärgerer Ketzer, und doch hat uns der allmächtige Gott – er sei gepriesen in Ewigkeit – die Gnade erwiesen, den reuig Umkehrenden von neuem in den alleinseligmachenden Schoß unserer heiligen Kirche aufzunehmen.« »Leider,« warf der junge Aldobrandini hier ein, und ein Schimmer von Geist huschte über sein sonst so unbedeutend aussehendes Rundgesicht, »leider erzählt man sich im Volk ein wenig erbauliches Wort von diesem vierten Heinrich.« »Daß Paris wohl eine Messe wert sei«, brummte unwillig der Papst; »ach ja, wir müssen bei einem mächtigen König über vieles wegsehen, wenn seine Macht unseren heiligen Zwecken und Absichten dient.« »Am Ende wohl,« meinte der Kardinalneffe, »aber bis dieses erreicht ist, empfiehlt sich äußerste Vorsicht. Wer verbürgt uns, daß der Schotte nicht auch so ein Sprüchlein im geheimen hegt, wie etwa, daß das mächtige England gut hundert Lügen wert sein möchte. Wenigstens zum Heucheln, bald herüber, bald hinüber, wird ihm in der ganzen Welt kein kleines Talent nachgesagt.« Über das großflächige blasse Gesicht des römischen Pontifex legte sich ein düsterer Schatten. »Mein geliebter Sohn,« sprach er ernst, »ich tadle dein Mißtrauen nicht. Aber du solltest darin auch nicht zu weit gehen. Schau her, ist das nicht eine rührende Stelle. Hier, der König schreibt: Meine Gemahlin, die Königin, empfiehlt sich noch ganz im besonderen Euerer Heiligkeit Gnade. Sie setzt alles daran, ihre Kinder, soweit es bei den schwierigen Verhältnissen hier möglich ist, in der heiligen katholischen Religion zu erziehen und bittet Eure Heiligkeit in diesem Sinn um Ihr Gebet und hohenpriesterlichen Beistand.« »Ja, das klingt sehr rührend«, meinte mit leisem Lächeln der einundzwanzigjährige päpstliche Außenminister. »Sehr rührend, aber nach allem, was wir von dem Schottenkönig wissen, begünstigt er die Ketzer weit mehr als die Katholiken, Eure Heiligkeit hat sich darüber oft genug schmerzlich beklagt. Und dann treibt sich hier immer noch sein heimlicher Gesandter oder Agent herum, dieser Herr Drümond, der bittet nicht um Euer Gebet. Der verlangt von Eurer Heiligkeit ganz andere Dinge: monatliche Subsidien in barem Geld und die Geltendmachung Eures Einflusses bei den katholischen Mächten.« »So ist es«, rief der Papst, und triumphierend sich im Sessel emporrichtend, fuhr er fort: »Ja, mein Sohn, so ist es, aber ich muß dir gestehen, daß mich solche Forderungen mit frommer Genugtuung erfüllen: denn siehst du, mein geliebter Sohn, so sind diese verruchten Ketzer. Erheben ein groß Geschrei vor der ganzen Welt, daß es vorbei sei mit unserer Macht, und kommen doch und betteln bei uns.« »Der Drümond«, versetzte Aldobrandini, »verlangt im Namen seines Königs, Eure Heiligkeit weiß es, noch etwas anderes. Eure Heiligkeit soll alle exkommunizieren, die seiner Thronfolge in England entgegen sind.« »Warum nicht«, sprach feierlich der Mann der dreifachen Krone, und ein Ausdruck von Herrscherstolz tat sich kund nicht nur in seinem vornehmen Greisengesicht, sondern in seiner ganzen ehrwürdigen Person; »warum denn nicht, wenn diese Maßnahmen uns ein katholisches England mit einem katholischen König wiederzubringen imstande sein sollten. Aber ein zweischneidiges Schwert ist eine gefährliche Waffe. Und wenn diese Zumutung nicht etwa unter der Hirnschale des Herrn Drümond gewachsen ist, wenn sie wirklich vom König ausgeht, so ist sie ein schlechtes Zeugnis für die politische Befähigung des königlichen Thronprätendanten von England. In diesem Punkt hat es ja auch schon bei seiner Mutter, der verewigten Maria Stuart, erheblich gefehlt.« Über das sonst etwas blöd aussehende Blatterngesicht des Kardinals glitt jetzt ein wirklich feines Lächeln. »Der Brief da auf dem Tisch«, brachte er mit fast leiser Stimme hervor, »ist auch kein besseres Zeugnis.« Der Papst antwortete nur mit einem verwundert fragenden Augenaufschlag, und dem jünglinghaften Neffen sah man deutlich an, daß er sich in diesem Augenblick von einem erhöhten Selbstbewußtsein beglückt fühlte. »Wieso?« fragte jetzt der Papst. »Eure Heiligkeit will mich auf die Probe stellen«, lautete des Neffen Antwort. »Denn natürlich ist es Eurer Heiligkeit so wenig entgangen wie mir, daß der König mit diesem Brief sich ganz in Eure Hand gibt. Die Mitteilung dieses Schreibens an die Königin Elisabeth von England und die anglikanischen Lords macht Jakob unmöglich als Nachfolger auf dem englischen Thron.« »Mein vielgeliebter Sohn«, gab der Papst zurück, »ich bin wenigstens stolz darauf, daß ich immer an dich geglaubt habe trotz deines einfältigen Knabengesichts.« Nach diesen Worten ergriff der Papst Clemens eine Lupe und prüfte durch das Glas noch einmal die Unterschrift des schottischen Königs. »Es ist gut,« sagte er, »daß wir sie kennen, sie ist echt. Doch was wird jetzt unser nächstes Obliegen sein? Wir wollen ja den armen König nicht seinen Feinden opfern, sondern ihn für uns gewinnen. Ich denke, wir werden ihm entgegenkommend antworten und eine Gesandtschaft an ihn abordnen. Eure Meinung, Herr Kardinal?« »Die Eure, heiliger Vater.« Und Aldobrandini verbeugte sich tief. »Und wen werden wir schicken? Eine unbedeutende Persönlichkeit darf es nicht sein. Was meinst du von Bellarmin?« »Wenn es ein Jesuit sein soll,« meinte Pietro Aldobrandini, »ist er sicher die geeignetste Persönlichkeit. Er gilt in ganz Europa für den gelehrtesten Theologen unserer Zeit, und von seiner diplomatischen Begabung besitzen wir hinlängliche Beweise. Aber wer heute nach Schottland geht als Diener des Heiligen Römischen Stuhles, wagt seinen Kopf, und außerordentlich beschwerlich ist die Reise auf jeden Fall. Wird dieser Mensch der Bücher und der Studierstube nicht davor zurückschrecken?« »Geliebter Pietro«, sprach lächelnd der Heilige Vater, »in Ordensdingen scheinst du ja auffallend unwissend zu sein. Weißt du denn nicht; daß die Jesuiten, außer den drei übrigen, noch ein besonderes Gelübde ablegen, das des unbedingten Gehorsams gegen den Papst. Wo wir sie auch hinschicken, sie müssen gehorchen. Wozu hätten wir sie denn sonst; sie fallen uns oft genug unbequem. Den roten Hut meinetwegen mag sich der Bellarmin damit noch obendrein verdienen.« So wurde die Reise des berühmten Bellarmin nach Schottland beschlossen und bald ausgeführt, zu deren Wirkungen auch das grauenvolle Schicksal eines Unschuldigen gehört, worüber sich eines Tages ganz Europa entsetzte. Aber was will, so werden politische Leute sagen, was will das Privatschicksal eines einzelnen bedeuten in einem Kampf, wo es sich um die Macht der Weltkirche auf der einen und um ein großes Königreich auf der andern Seite handelt? Und so mag allerdings auch König Jakob von Schottland in seinem alten hochgiebeligen Schloß zu Edinburg gedacht haben. Auch er saß eines Vormittags in seinem Arbeitszimmer; aber keine strahlende Morgensonne fiel hinein. Nur ein graues Nebellicht erhellte die schmalhohen spitzzulaufenden Fenster, so daß die Glasbilder darauf, aus farbigen Scherben zusammengesetzt, fast schwarz wirkten und die hohen Gewölbe mit ihren bemalten Feldern und Bogenrippen ganz im Dunkeln blieben. Der König aber an seinem Arbeitstisch saß im roten Glühlicht des lodernden Kaminfeuers, in dem die sechs Kerzenlichter über ihren goldenen Leuchtern wie in Scham erblaßten. Um so stolzer leuchteten und funkelten die Perlen und Diamanten in dem ungeheuren Ordensstern auf dem linken Ärmel des Königs unter dem weißen Spitzenkragen, der bis über die Schultern ging und die halbe Brust bedeckte. Und fast ebenso tief herunter fiel das reiche blondbraune, in der Mitte gescheitelte Haar des Königs, zwischen dem das ovale Gesicht auffallend lang und schmal erschien und trotz des gedrillten Lippen- und spitzen Kinnbärtchens einen weichlich weiblichen Eindruck machte, wie es denn unverkennbar an die unglückliche Maria Stuart, die Mutter des Königs, erinnerte. Zwei ungewöhnlich große mattleuchtende Perlen, die ihm, mit goldenen Ringen in den Ohrläppchen befestigt, zu beiden Seiten der Wangen heruntertropften, gaben diesem Eindruck einen letzten bestimmenden Akzent. Unter der schmalhohen weißen Stirne mochten peinliche Gedanken ihr Wesen treiben. Denn die gewöhnlich sanft blickenden Augen gewannen von Zeit zu Zeit einen düsteren Ausdruck von Beängstigung, von Härte, ja Grausamkeit, wie ja ähnliches auch von der schönen Maria Stuart berichtet wird. Und womit beschäftigten sich so lebhaft die Gedanken des Königs? Sie beschäftigten sich mit jenem Brief an Papst Clemens VIII. Diese dumme Sache lag dem König schon lang im Magen. Er hatte sie gleich hinterher bitter bereut, die Gefahr erkennend, die sich darin verbarg. Jetzt aber hatte sich der berühmte Jesuit Bellarmin als Gesandter des Papstes zur Audienz gemeldet, und der König ahnte im Geist schon all die gefährlichen Verwickelungen, in die ein solcher Meister der Diplomatie ihn hineinziehen konnte. Lang saß er so in brütender Überlegung. Dann trat auf einmal ein ganz böser Blick in seine schönen Augen, sie waren nun gar nicht mehr schön, zugleich griff er nach der Klingel vor sich auf dem Tisch. Ein Ordonnanzoffizier erschien unter der Tür. »Mein Geheimschreiber Balmore«, befahl der König. Und herein trat alsbald ein junger Mann mit blondem Lockenkopf, ganz in Schwarz mit einziger Ausnahme des schmalen weißen Kragens um den Hals. Er machte schon bei der Tür eine tiefe Verbeugung, eine zweite in der Mitte des Gemachs, dann in der Nähe des Tisches eine dritte und stand darauf in Erwartung der kommenden Dinge. Das dauerte eine Weile, der König schien mühsam nach Worten zu suchen. Von der feinen Wurzel seiner dünnrückigen Nase zog sich eine Furche die sonst platte Stirne hinauf. »Mein lieber Freund,« begann er endlich, »ich muß mit dir reden in einer sehr peinlichen Sache. Du wirst dich erinnern,« fuhr er sanft und liebreich fort, »daß du eines Tages einen Brief kalligraphiert hast, gerichtet an Papst Clemens den Achten. Du erinnerst dich doch? Gut, unter diesem Brief stand später meine Unterschrift. Ich selber habe sie nicht darunter gesetzt. Demnach hast du es getan. Nun wirst du totenblaß, mein Freund. Dazu ist kein Grund. Du brauchst keine Angst zu haben. Aber wie es dir dein König sagt, der dir sehr gnädig ist, so verhält es sich, so muß es sich verhalten. Und was wichtiger ist, so muß es der päpstliche Gesandte aus deinem Munde erfahren. Ich selber darf dabei nicht gegenwärtig sein. In meiner Gegenwart könnte dein Geständnis verdächtig erscheinen. Überlege dir also genau die Worte, die du dem Gesandten sagen willst.« Der königliche Geheimschreiber schickte sich zu einer Erwiderung an, aber der König hielt sich die Fingerspitzen vor die Lippen. »Kein Wort«, sprach er in einem etwas weniger freundschaftlichen Ton als seither. »Kein Wort. Du siehst es ja, ich bin dir sehr gnädig, ich grolle dir nicht. Nur rechne ich auf deine Treue und Ergebenheit. Auch das noch bedenke: Lange kann es nicht mehr dauern, und ich werde in der Lage sein, alle die fetten Bistümer und Erzbistümer von England an meine Günstlinge zu vergeben, ich werde dabei den nicht vergessen, der, du weißt schon. Und nun melde dem Gesandten, daß ich ihn erwarte, und geleite ihn herein. Mit wiederum dreimaligen Verbeugungen verschwand der Sekretär. »Wenn dieser Balmore tapfer ist, bin ich gerettet«, dachte der König. Doch schon erschien der päpstliche Gesandte unter der Tür, als Weltmann gekleidet in der damaligen spanischen Tracht, auch das Gesicht etwas gefärbt, so daß sein bester Freund ihn kaum erkannt haben würde. »Tretet näher, Hochwürdiger Herr«, rief ihm der König zu. Und, »ah, setzte er hinzu, Ihr erscheint als Kavalier; nun ja, meine braven Schotten können gelegentlich recht unmanierlich werden, und der Anblick eines römischen Priesterkleides wirkt auf sie wie ein rotes Tuch auf den Stier, seitdem ihnen ihr Abgott, der unbändige Knox, seine Flöhe ins Ohr gesetzt hat. Trotzdem gibt es aber auch noch viele gute Katholiken in Schottland, und ich zweifle nicht, daß man eines Tages auch seinen König dazu rechnen wird.« Der Gesandte verneigte sich dankend. »Aber macht es Euch doch bequem«, fuhr der König fort und wies auf einen Stuhl an der Seite des monumentalen Kamins. »Wir sind ja kein römischer Papst und auch noch weit davon entfernt,« dazu lächelte er vieldeutig, »ein englischer zu werden. Nehmt Platz«, wiederholte er, »wir nehmen es hier mit Zeremonien nicht so peinlich als, aber Ihr wißt schon.« »Eure Gnaden mögen verzeihen,« antwortete der Gesandte, »aber ich bin kein päpstlicher Kardinal-Legat, nur ein einfacher und geringer Abgesandter, dem es übel anstünde, in Gegenwart Eurer königlichen Person zu sitzen.« »Nun ja,« meinte der König, und wieder mit sehr eigentümlichem Lächeln, »Ihr gehört zu den Söhnen des großen Ignatius, und deren Demut und Bescheidenheit ist weltbekannt. Ihr könnt es aber deswegen doch nicht ändern, Herr Pater, daß Ihr ein berühmter Mann seid. Ich habe selber Eure gelehrten Bücher gelesen, ich glaube sogar, nicht ohne Nutzen.« Darauf antwortete Pater Bellarmin mit einer Frage: »Seid Ihr der Treue Eures Sekretärs sicher?« »Wie meiner eigenen,« versetzte der König – ein seltsames Wort war das – »und also sagt, Herr Pater, was hat der Heilige Vater zu Rom mir mitzuteilen?« Pater Bellarmin entnahm einer Tasche von feinstem Maroquinleder in Weiß und Gold einen Brief mit einem großen roten Siegel. »Wenn Ihr erlaubt«, sagte er, »gebe ich vor allem das Breve seiner Heiligkeit zu Händen Eurer Königlichen Gnaden. Wollet also geruhen, es von mir entgegen zunehmen.« »Das tue ich«, sprach der König, »mit Dank gegen Seine Heiligkeit, die wie ich überzeugt bin, in allem mein Bestes will.« Und er überreichte das Schriftstück seinem Sekretär: »Hier, mein treuer Balmore, öffnet und lest, wir werden in Andacht zuhören, in Andacht und Ehrfurcht, als ob der Heilige Vater persönlich zu uns spräche.« »Teurer geliebter Sohn«, begann der Sekretär und las dann weiter, das kuriale römische Latein mit seiner lächerlichen schottischen Aussprache derart entstellend, daß sich dem Ballarmin, dem Sohn der romanischen Zunge, die Eingeweide im Leibe herumdrehten. Der König aber hörte zu mit großer Aufmerksamkeit. Etwa zwei Drittel des päpstlichen Breve mochten gelesen sein, da, plötzlich schoß der König von seinem Sitz empor, und ein zorniges »Halt!« brachte den Sekretär zum Schweigen. Mit seinem bösesten Blick aus seinen sonst so sanften Augen wandte er sich zu dem Gesandten. »Wer sind Wir?« herrschte er diesen an, »sind Wir gesalbter und gekrönter König von Schottland und künftiger König von England oder sind Wir der Schulbube dieses hochmütigen römischen Priesters? Von einem Brief spricht er, den er von Uns empfangen haben will. Wir wissen nichts von diesem Brief, und natürlich ist das eine der beliebten römischen Fälschungen. Und wie der Oberpfaff sich spreizt in seiner eingebildeten Allmacht. Ein dummer Pfau kann es nicht besser, aber schöner kann er's. Und gar mit Drohungen kommt er mir. Die anglikanische Partei Englands, den ganzen englischen Adel will er gegen mich aufhetzen. Oh, er soll es versuchen! Kurz, unsere königliche Würde erlaubt uns nicht, seine Unverschämtheiten länger mit anzuhören. Balmore, gib den Wisch seinem Überbringer zurück. Wir betrachten ihn als nicht empfangen. Lebt wohl, Herr Jesuit!« Unter diesen Worten wandte sich der König zu einer seitlichen Geheimtür, der Sekretär wollte ihm folgen. Mit einem heftigen »Bleib« wurde er zurückgehalten, der König selber verschwand hinter der Tür, die aber halb geöffnet blieb. »Herr Geheimschreiber,« wandte sich Bellarmin an den königlichen Sekretär, »sofern es nicht gegen Eure Pflicht verstößt, mit mir so schnöd Abgewiesenem noch Worte zu wechseln ...« Durch eine ehrfurchtsvolle Verbeugung bezeigte jener seine Dienstfertigkeit. »Ihr seht mich betreten«, fuhr der andere fort, »und tief beschämt über die mir zuteil gewordene unerhörte Mißhandlung. So wie mir heute von seiten Ihrer Königlichen Hoheit, ist noch niemals, solang es eine Diplomatie gibt, dem Gesandten eines Souveräns begegnet worden. Doch an dieser Stelle ist nicht der Ort, mich zu beklagen. Ich habe aber hier ein zweites Schriftstück, die notariell beglaubigte Abschrift jenes Briefes, wovon in dem Schreiben Seiner Heiligkeit die Rede ist, und wenn es Eurer Pflicht gegen Seine königliche Hoheit nicht zuwiderläuft, bitte ich Euch, die Sache anzusehen und Eurem Herrn darüber zu berichten.« Der Gesandte sprach nicht weiter, er hatte unter den letzten Worten dem königlichen Geheimsekretär das Dokument überreicht, der den Inhalt flüchtig überflog. »Diesen Text kenne ich wohl«, sagte er aufblickend, »ich habe ihn selber verfaßt, und das Original ist von meiner eigenen Hand geschrieben.« Darauf Bellarmin mit besonderer Betonung. »So wißt Ihr wohl, daß das Original die Unterschrift des Königs trägt?« Frech und ohne Scham stieß der Geheimschreiber hervor: »Sie ist ebenfalls von mir, diese Unterschrift, sie ist meine Fälschung.« Bellarmin erbleichte trotz seiner Schminke. Das war ja ein heilloses Geständnis. Aber noch ein anderer Schrecken fuhr ihm durch die Glieder. Er erblickte plötzlich hinter dem Blondkopf des Sekretärs den weitläufigen Spitzenkragen und darüber das Lockenhaupt des Königs Jakob. »Schurke, Fälscher,« rief der König, »du bist des Todes.« Bei diesen Worten klatschte er mit den Händen, und zwei Häscher des Hohen Gerichtshofs zeigten sich in der Öffnung jener Geheimtür. »Verhaftet den Hochverräter«, befahl der Sohn der Maria Stuart, dann wandte er sich zu dem Boten des römischen Papstes. »Ehrwürdiger Vater«, begann er, »Ihr seht mich beschämt vor Euch stehen. Ich habe vorhin der römischen Kurie eine Fälschung zugeschoben, und siehe, diese schamlose verbrecherische Tat fällt nun auf einen, der mir selber am nächsten stand. Und wie tun sie mir nun von Herzen leid, die bösen Worte, die ich in meinem ungerechten Zorn gegen Euch und Euren Herrn ausgestoßen habe. Ach, wie schwer habe ich mich versündigt an Seiner Heiligkeit, die ich im Herzen tief verehre. Der Zorn ist doch der größte Feind des Menschen. Vergesset alles, ich bitte Euch inständig. Vergeltet, wie Heilige tun, vergeltet Böses mit Gutem. Auch seht Ihr mich bereit, alles, was mir der Heilige Vater zu sagen hat, in Ehrfurcht anzuhören, als ein getreuer Sohn Seiner Heiligkeit.« Trotz dieser demütigen Aufforderung von seiten des Königs ist es nicht wahrscheinlich, daß der gewandte Jesuit bei dergestalt veränderter Sachlage Seiner Königlichen Hoheit nun alles das vortrug und alles das sagte, um dessentwillen er doch die weite und mühevolle Reise gemacht hatte. Die ganze Audienz dauerte kaum länger als eine halbe Stunde. Auch das hochnotpeinliche Verfahren gegen den königlichen Geheimsekretär Balmore wegen Fälschung und Hochverrat wurde fast hastig abgetan, trotz großer juristischer Schwierigkeiten. Balmore machte und wiederholte stets die gleiche Aussage: Weder den Brief noch die Unterschrift habe er gefälscht, eine falsche, verlogene Aussage aber sei sein Geständnis dem Bellarmin gegenüber, damit habe er gemeint, seinem geliebten König einen Dienst zu erweisen. In der so gestalteten Aussage aber steckte, wenn auch unausgesprochen, eine schwere Anklage gegen diesen geliebten König, und daß der unglückliche Balmore damit die königlichen Richter nicht für sich gewann, liegt auf der Hand; man schritt, wie damals noch allgemein üblich, zu dem menschenfreundlichen Mittel der Folter, die man aber nicht so grob heraus, sondern einigermaßen beschwichtigend, die »Peinliche Frage« nannte. In der dazu bestimmten Kammer wurde Balmore zuerst vollständig entkleidet und dann unter einen Rollenzug gestellt, von dem ein nach unten zweiteiliges Seil herunterhing. Diese beiden Seilenden wurden ihm nun um die Handgelenke geknotet; zugleich wurden ihm an den Fußgelenken eiserne Gewichte befestigt. Der zarte weiße Körper des jungen Gelehrten schüttelte sich vor Frost und noch mehr vor Angst und Entsetzen. Die vier Richter in ihren schwarzen Talaren und weißen Bäffchen standen ihm mit ruhigen kalten Blicken gegenüber, und der Älteste richtete die Frage an ihn, ob er endlich der Wahrheit die Ehre geben wolle. Balmore antwortete: »Ich habe in meinem Leben nur einmal gelogen, und das war, als ich dem Bellarmin eine Fälschung bestätigte, die ich nicht begangen habe.« Da winkte der Älteste, die drei Henkersknechte hinter dem Rollenzug zogen an, und schon schwebte ein nackter Mensch in fürchterlicher Qual zwischen Himmel und Erde. Ein Schrei, ein Todesschrei entrang sich seiner Brust und seine verzerrten Lippen suchten Worte hervorzubringen. »Ihr wollt gestehen?« fragte der Älteste. Balmore nickte mit dem Kopf. Ein Zeichen des Richters und er stand, wenn auch schlotternd, wieder auf seinen Beinen, auf seinen erbärmlich zugerichteten Füßen. Die Richter zogen sich in den Saal zurück, Balmore selber wurde, nachdem er angekleidet worden, dahin geleitet von zwei Gerichtsdienern, die ihn fast tragen mußten. Und dann – gestand er die »Wahrheit«, indem er log. In seinem Innern regten sich freilich Gewissensbisse. Aber er beruhigte sie. So viele Edle und Vornehme, sagte er sich, sterben in der Schlacht für des Königs Ruhm und Größe. Ich zwar sterbe nicht wie sie auf dem Felde der Ehre, sondern in der Schande, und doch, auch ich sterbe für des Königs Ruhm und Größe, ich tue dasselbe wie sie; ich tue mehr als sie, weil ich noch obendrein die Schande mit in Kauf nehme. Es ist möglich, daß ihm diese schönen Gedanken nicht einzig von seinem guten Geist zugeflüstert wurden, sondern halb und halb auch von jenem gräßlichen Gespenst, das die Zeitgenossen so beschwichtigend »die peinliche Frage« nannten. Doch er hätte gewiß eine solche Vermutung entrüstet zurückgewiesen. Er glaubte so fest an seine schönen Gedanken, wie er fest an seine Unschuld glaubte. Balmore wurde zum Tod am Galgen verurteilt, sein noch warmer Leichnam wurde gevierteilt und auf den Schindanger geworfen. Derart war es dem König gelungen, mit dem Blut eines treuen Dieners – denn Blut ist ein besonderer Saft – die papistische Tinktur von sich abzuwaschen. Ganz genügte ihm das nicht, er brauchte noch mehr Blut; mit der fast eilfertigen Hinrichtung einiger vornehmer schottischer Katholiken aber und noch einigen ähnlichen politischen Maßnahmen setzte er sich vollends in guten Geruch bei seiner lieben Base Elisabeth und der mächtigen anglikanischen Partei in England. Darüber starb zu London die jungfräuliche Königin, und er wurde ein noch viel größerer König als seither, der Papst zu Rom hatte das Spiel endgültig verloren. Der Sohn der schönen Isotta Viel Grauenvolles hat sich zu alten Zeiten in der guten Stadt Rimini am gartenreichen Gestade der blauen Adria zugetragen, als welche das Geschlecht der Malatesta großartig fürchterlichen Angedenkens sich zu seinem Fürstensitz erkoren und erobert hatte. Hier war es, wo Giovanni Malatesta, genannt Lancelotto, eines abends seine junge Frau, Francesca da Rimini, zusammen mit seinem Bruder Paolo, im Ehebruch überrascht und beide mit seinem gewaltigen Schlachtschwert auf einen Streich getötet, aber ihrem Namen damit und zugleich dem der guten Stadt Rimini zur unverlöschlichen Unsterblichkeit verholfen hat in dem göttlichen Gesang des großen Dante. Aber dieses weitkundige Ereignis, durch die stahlblanken Terzinen jenes poetischen Weltrichters dem Gedächtnis der Menschheit für ewige Zeiten eingeprägt, hat doch die Stadt Rimini damals sicherlich nicht in so ungeheure Aufregung versetzt, wie zweihundert Jahre später gewisse andere malatestaische Vorgänge daselbst, die im folgenden in bescheidener Prosa erzählt werden sollen. An einem selbst dortzuland ungewöhnlich heißen Sommertag, nämlich am fünften August 1471, wurde bei dem romagnolischen Dorf Vigliano unfern der hochragenden Burg von Malazena eine der blutigsten Schlachten jener Zeit geschlagen. Die beiden obersten Feldhauptleute auf der einen Seite, der päpstliche Großgonfaloniere Napoleon Orsini und der Generalfeldhauptmann der mit Rom verbündeten Mailänder Truppen, Alexander Sforza, wurden schwer verwundet, der Legat des Papstes, Kardinal-Erzbischof von Spoleto, sozusagen der Vertreter des obersten Kriegsherrn auf dieser Seite, konnte sich mit knapper Not hinter die Mauern der Stadt Cesena in Sicherheit bringen, die ganze Streitmacht des apostolischen Stuhles und seiner mailändischen und sonstigen Verbündeten löste sich in Flucht und Verwirrung auf. Und noch etwas Größeres geschah dem Sieger des Tages. Ein Kurier aus Rom überbrachte ihm ein freundschaftlich abgefaßtes Breve des eben neugewählten Papstes Sixtus IV. nebst der Bulle, die den siegreichen jungen Helden in seinem Fürstentum Rimini als Vikar der heiligen römischen Kirche feierlich bestätigte. Mehr unverhofftes Glück konnte einem Manne an einem Tage nicht begegnen. Und wer war dieser Mann? Man nannte ihn Robert den Prächtigen, oder den Großwaltenden, nämlich Roberto Malatesta il Magnifico, und ganz Italien lebte von diesem Tage an in der Überzeugung, daß dieser kaum sechsundzwanzigjährige Sohn des Sigismondo Malatesta des Schrecklichen und der sanften Vanetta dei Toschi seinen Vater an kriegerischem Ruhm noch weit übertreffen werde. Dieser Vater aber hatte ihn in feierlichem Testament enterbt. Er hatte sogar dieses Testament, um ihm jede mögliche Kraft zu verleihen, in der päpstlichen Kanzlei zu Rom, von zwei Notaren beglaubigt, niederlegen lassen und war dann in dem guten Glauben gestorben, damit seiner vielgeliebten zweiten Gemahlin, der weithin genannten schönen Isotta die Regentschaft und ihrem und seinem Sohn Salusto die Nachfolge auf dem Thron gesichert zu haben. Und tatsächlich behaupteten die beiden bis zum Tag von Vigliano unbestritten die Herrschaft über Rimini. Zu seinen Lebzeiten hatte Sigismondo dieser schönen und auch sonst ungewöhnlich begabten Frau, damals noch seine Geliebte, ehe sie seine Gemahlin wurde, durch den berühmtesten Baumeister der Zeit, den großen Leo Battista Alberti, einen prachtvollen Marmortempel errichten lassen, wie einst die alten Heiden taten. Dieses eigenartige Gotteshaus, der heutige Dom von St. Francesco zu Rimini, von Sigismund Templum Malatestinum genannt, zeigte in seinem tausendfältigen und überreichen Skulpturenschmuck kein kleinstes Zeichen unserer heiligen christlichen Religion, aber dafür vielhundertmal die ineinander verschlungenen Buchstaben S und I, die Initialen von Sigismondo und Isotta der Göttlichen, denn so und nicht anders nannte er sie, wo immer er ihren Namen in Marmor graben ließ oder in geprägtem Edelmetall verewigte. Auch ihr Bildnis, – und wer kennt es nicht? – ließ er durch den unvergeßlichen Pisanello und den als Künstler kaum weniger ausgezeichneten Matteo dei Pasti in zahlreichen Medaillen nachbilden, die noch heut zu den höchstgeschätzten Kleinodien ihrer glücklichen Besitzer gehören. »Durch Schönheit und Tugend der Schmuck Italiens« lautet die Legende auf einem dieser kostbaren Rundbilder. Zugleich ließ er ihr in dem Pantheon seines vergöttlichten Geschlechts, in jenem malatestianischen Marmortempel ein monumentales Grabmal errichten und das zu Lebzeiten seiner ersten Gemahlin Polixena Sforza. Die Überreste dieser sucht man heute vergeblich in jenem Tempel des Gedächtnisses, sie sind in irgendeinem Winkel im Boden versenkt und die Platte, die sie bedeckt, ist glattgetreten unter den Nagelschuhen des frommen Volkes oder war überhaupt ohne Inschrift geblieben. Der mächtige Sarkophag der Isotta aber hat seinen Platz neben dem Altar der Erzengelkapelle, hoch an der Wand; zwei gewaltige Elefanten, die Wappentiere der Malatesta, tragen ihn auf ihrem Rücken, und auf seiner Vorderseite auf einem erhaben gearbeiteten, von zwei Genien gehaltenen Schild liest man die Inschrift DIVAE. ISOTTAE. ARIMINENSIS. SACRUM. Das Heiligtum der göttlichen Isotta von Rimini. Sein Sohn Robert aber, Roberto il Magnifico, fünf Jahre älter als Salusto, entstammte einer früheren Liebe, seine Mutter war jene Vanetta dei Toschi, die Sanfte genannt, die aber später, der Himmel mag wissen in welch einem Anfall von Laune, mit einem Dolchstoß in ihr sanftes Herz von Sigismondo, man hieß ihn den Schrecklichen, ermordet wurde. So erklärt sich vielleicht das erwähnte Testament des Sigismund, dessen Gutheißung durch den Papst Paul II., als den Oberherrn von Rimini wie der ganzen Romagna, er mit so großem Eifer betrieben hat. Aber wenn auch die Kirche unsterblich ist, die Päpste sind es keineswegs. Sie regieren sogar meistens kürzere Zeit als andere Herrscher, und die wenigsten Päpste, man weiß es, haben allen Entschließungen ihres Vorgängers Folge gegeben, wie ja denn auch tatsächlich die besagte Bulle des neugewählten Papstes Sixtus IV. der Geneigtheit Pauls II. gegen Isotta von Rimini ein gründliches Nichtsdavonwissenwollen entgegensetzte. Die zahlreichen großen und kleinen Tyrannen jener Zeit, wenn sie gleich ihre nach innen unbeschränkte Gewalt mit größter Härte, ja Grausamkeit ausübten, hatten ihre Feinde doch nur unter ihresgleichen. Die Masse des Volks schaute eher mit staunender oder stupider Bewunderung zu ihnen auf, besonders wenn diese Fürchterlichen durch glänzende Taten, natürlich kriegerischer Natur, und ein noch glänzenderes persönliches Auftreten, verbunden mit imponierender Körperlichkeit, einen oft geradezu magischen Zauber auf die Phantasie der begeisterungslustigen Menge ausübten. Und das diabolische Geschlecht der Malatesta von Rimini übertraf hier vielleicht alle andern. Zwar Roberto Malatesta trug über seiner hohen Gestalt und den mächtigen Schultern den antiken Imperatorenkopf seines Vaters mit dem breitrunden Kinn und der kräftig vorspringenden Nase, nicht mehr in voller Reinheit, drei große Warzen, ein schiefes Dreieck bildend, verunzierten seine linke Wange, aber er verdiente doch seinen Beinamen il Magnifico, der sich, der ganzen Empfindungsweise dortzulande entsprechend, weit mehr auf Körperliches als auf Seelisches bezog. * Sein Einzug in der guten Stadt Rimini am Tage nach der Schlacht von Vigliano durch die marmorne, aber im Verlauf der Jahrhunderte schwarz gewordene Porta Romana des Caesar Augustus, dem schönsten Bogen der Welt, gestaltete sich denn auch für ihn zu einer wahrhaft triumphalen Genugtuung. Er fand die Stadt geschmückt wie nie, seinen Weg mit Rosen bestreut, sieben rosengeschmückte Siegespforten aufgerichtet und alle Gasten mit kostbaren Teppichen überspannt zum Schutz gegen die Sonnenhitze, das ganze Volk wie toll vor Stolz und Jubel, ganz vergessend, daß in der Burg mit den acht Türmen, der sogenannten Rocca Malatestiana, eine Frau saß, die dieses gleiche Volk noch kurz zuvor nicht nur als Regentin und Herrin verehrt, sondern auch menschlich wahrhaft geliebt hatte. War sie wirklich vergessen, die schöne Isotta? Der Magnifico mußte es denken. Die achtfach getürmte Burg lag jetzt vor ihm. Ohne die strengen architektonischen Linien würde sie einem gewaltigen Felsgebirge geglichen haben. Das gelbliche Gestein leuchtete in der Augustsonne und stand wie aus Gold gegen den blauen Himmel. Vor dem seeartig breiten Wasser, das die massigen, oben gezahnten Ringmauern umspiegelte, mußte er haltmachen auf seinem hohen schwarzen Streitroß und mit ihm das ganze kriegerische Gefolge seiner Leibtruppe; sein übriges Heer kampierte in festen Lagern weit draußen in der Ebene. Einen Augenblick lang überkam ihn kein kleiner Verdruß. Doch dieser legte sich wieder, als er bemerkte, daß die enge Schloßpforte drüben gleichfalls im Rosenschmuck prangte, und schon rasselte auch die hoch in der Luft stehende Brücke an schweren Ketten nieder, die nun sein spiegelblanker schwarzer Hengst vorsichtigen Schrittes betrat. Unter der Pforte stand Isotta mit ihrem Sohn, dem einundzwanzigjährigen Herrn Salusto. Robertos Züge erheiterten sich vollends. »Ei, Madonna,« sprach er scherzend, »Ihr steht ja hier, als ob Ihr mir den Eintritt in das Haus meines Vaters verwehren wolltet.« Isotta antwortete: »Erlauchter Herr, wir beide, Euer Bruder und ich, stehen hier, um Euch den Willkomm zu bringen.« Er dachte: Auf den Knien wäre dieser Willkomm mir willkommener gewesen. Zu einem gültigen Sakrament gehört ja nicht nur die innere Gesinnung, sondern auch das äußere Zeichen. Laut aber sprach er: »Wir danken Euch, Madonna, und werden uns Euch auch in Zukunft als ehrfurchtsvoller Sohn erzeigen, und Ihr, Salusto, wißt, daß Wir Euch immer als Bruder geliebt haben, wenn Ihr auch ein wenig allzusehr das Muttersöhnchen spieltet und freilich Unseren Wunsch nicht erraten habt, als Ihr zu Hause bliebt, während wir dem Feind und großer Gefahr entgegenzogen.« Damit hielt er die Formen des Empfanges für beendet. Drei Tage später aber erlebte die gute Stadt Rimini ein anderes Schauspiel. Das war im Monat August der achte, und da geschah es, daß Roberto Malatesta beim frühesten Morgengrauen aus dem Schlaf, wenn er wirklich geschlafen hatte, unsanft aufgestört wurde durch den Anführer seiner Leibwache, einem Mann mit kurzem schwarzen Krausbart und mit halb abgehauener, wüst vernarbter Nase im fahlen Gesicht, dessen verstörter Ausdruck im voraus eine schlimme Botschaft vermuten ließ. Und folgendermaßen lautete sie. Auf ein ungestümes Klopfen am Burgtor war der Hauptmann an das höhergelegene Sprechgitter geeilt und hatte da Schreckliches vernommen. Ein Trüppchen Leute aus dem niedersten Volk, mehr Weiber als Männer, meldeten unter Wehklagen und wüstem Geheul, nicht weit von der Burg in der Gasse der Augustiner, auf dem halbrunden Platz mit dem Ziehbrunnen hätten sie den jungen Herrn Salusto tot in seinem Blut gefunden. Eure Magnifizenz wissen, fügte der Berichterstatter bei, es ist das der Brunnen vor dem Hause des Giannozzo Marcheselli, dessen Bruder in der Schlacht bei Vigliano auf seiten Eurer Feinde gekämpft hat; er ist Euer einziger erbitterter Widersacher unter den Bürgern von Rimini. Der Malatesta schwieg, wie es schien, in tiefster Erschütterung. Nur ein dumpfes Stöhnen entrang sich von Zeit zu Zeit seiner Brust, so machte er den Eindruck eines Schwergetroffenen. »O ihr Götter, ihr neidischen,« brach es dann einmal plötzlich aus ihm hervor, »so teuer laßt ihr mir meinen Sieg bezahlen, ich hatte keine liebere Seele auf dieser Welt.« Während des Ankleidens aber mit Hilfe zweier Trabanten wandte er sich einmal an den schwarzbärtigen Hauptmann mit der verstümmelten Nase: »Du warst schnell mit deiner Zunge und sprachst mir ein wenig voreilig von dem Fähnrich Tito, dem Bruder des Giannozzo Marcheselli; hat er aber nicht auch eine Schwester, die man die blonde Beatrice nennt?« Der Hauptmann machte zu dieser Frage ein etwas einfältiges Gesicht. »Ich wußte nicht,« brachte er zögernd hervor, »daß man davon sprechen darf, und freilich erzählen sich die Leute, daß der erlauchte Signor Salusto von ihr heimlich geliebt wurde.« Er erhielt eine strenge Antwort: »Du wirst ihr das hoffentlich nicht zur Schande anrechnen wollen.« »Gott bewahre,« beteuerte der Fahlgesichtige mit dem schwarzen Krausbart; »aber vielleicht hatte der Giannozzo diese Kühnheit ...« »Und wollte«, brauste der Malatesta aus, »die Schande seiner Schwester mit dem erlauchten Blut des Herrn Salusto abwaschen! Meintest du so?« »Verzeiht, hoher Herr,« antwortete der Gefragte, »es gibt Fälle, wo man am besten tut, überhaupt keine Meinung zu haben.« »Das möcht' ich dir auch anraten, Meister Bartolo der Vorsichtige«, donnerte der Malatesta ihn an. »Aber ein anderes ist Meinen und ein anderes ist Wissen. Und was du bestimmt weißt, das sollst du mir sagen. Vergiß dabei nicht, daß es um deinen Kopf geht. Sprich, und laut, daß es in alle Ohren gellt, die gegenwärtig sind.« Und der Hauptmann berichtete. In der verflossenen Nacht um die zweiundzwanzigste Stunde von einem Weibsbild in der Frauengasse zurückkehrend durch die Gasse der Augustiner, hatte ihn eine entgegenkommende Gestalt veranlaßt, sich rasch in eine dunkle Ecke zu drücken, gerade gegenüber dem Hause der Marcheselli. Jene Gestalt aber, ein Liedchen vor sich hinpfeifend, kam nahe an ihm vorüber, und er erkannte sie sehr wohl trotz des schwarzen Kapuzenmantels. Bei dem Ziehbrunnen überschritt sie den Platz und näherte sich dem Pförtchen, das seitwärts des Hauses der Marcheselli in den Garten führt. Dieses Pförtchen öffnete sich allsobald wie von selbst, und unter einem dunkeln Frauengewand hervor streckte sich ein weißer Arm dem Ankommenden entgegen, worauf beide Erscheinungen hinter der Pforte verschwanden. »Woran aber willst du die Gestalt im Kapuzenmantel so sicher erkannt haben?« fragte der Malatesta. Meister Bartolo gab Antwort: »An dem Liedlein, das sie vor sich hinpfiff. Das pfeift kein anderer Mensch in Rimini, aber von dem erlauchten Herrn Salusto hatte ich es erst am Vormittag gehört, als er im hintern Burggarten zu Füßen des ehernen Herkules saß, ein geschlossenes Büchlein in der Hand und die Diana, sein Lieblingswindspiel, zur Seite.« All diese Reden zwischen dem Fürsten und dem Hauptmann seiner Leibwache wurde nicht nur im fürstlichen Schlafgemach vernommen. Die Doppeltüre dieses stand zum Vorsaal hinaus weit offen, von wo ein großer Teil der Burgleute hineinhorchte; sie alle mußten glauben, daß über den Mörder und seine Tat kaum noch ein Zweifel walten könne, und diese Überzeugung wurde bald noch mehr bestärkt und von allem Volke geteilt, bei dem der Sohn der schönen Isotta, und nicht zum wenigsten seiner blühenden Jugend wegen, sich der größten Beliebtheit erfreut hatte. Auf dem halbrunden Brunnenplatz der sonst engen Gasse der Augustiner, wo bereits ein großer Menschenhaufen den durch mehrfache Wunden so übel zugerichteten Leichnam umdrängten, kam dies deutlich genug zum Ausdruck in den bestürzten Gesichtern der Männer wie in den Klagerufen und dem Jammergeschrei der Weiber, deren aus allen Türen und Winkeln immer noch mehr in frühmorgendlicher Aufgestörtheit und kaum verhüllten Blößen herbeieilten, wobei es sich wieder zeigte, wie leicht das gemeine Volk die Sache seines Herrschers zu seiner eigenen macht, selbst wenn dieser Herrscher ein Mann der Willkür und böser Grausamkeit ist. Man vernahm aber bald noch andere Laute als die von menschlichen Stimmen. Wie von fernem Waffengeklirr erklang es, und durch die Menge lief ein Gemurmel: der Fürst. Er nahete. Nicht hoch zu Roß kam er. In einen seidenen Trauermantel gehüllt, ohne andere Kopfbedeckung als das sehr kunstreich gearbeitete schmale Diadem, mit niedergeneigtem Haupt und sichtbar in tiefen Schmerz versunken, schritt er zwischen seiner gepanzerten Leibwache, die Bevölkerung von halb Rimini hinter sich. Um die Leiche herum entstand nun ein weiter Raum; nur das kleine Völklein auf dem gelbmarmornen Brunnenrand und dem hoch darüber stehenden Querbalken mit der Eimerrolle, in den sonderbarsten hockenden und kauernden Haltungen und Umklammerungen, alles kaum behoste halbwüchsige Buben und ebensolche Dirnlein, die einen mit scheuen, die andern mit frechen Gesichtern, diese allein machten keine Anstalt, ihre kühnlich eroberten Vorteile preiszugeben. Doch Roberto Malatesta, der Mann mit den drei Warzen auf der linken Wange, trat jetzt an die blutige Leiche seines Bruders. Er ließ sich auf ein Knie nieder, dann küßte er mit großer Innigkeit den verblichenen schönen Mund des jugendlichen Toten. Dabei wiederholte er, und diesmal unter reichlichen Tränen, die Worte, die ihm schon einmal vom Munde gegangen: »Du liebste Seele, die mir auf der Welt gelebt hat. Deine Mutter freilich, jetzt die ärmste der Welt, glaubt das alleinige Vorrecht zu haben, dich zu lieben. Gott tröste sie.« Er erhob sich, mit tränenden Augen um sich blickend. Es schien, als ob er sprechen wollte, aber sich dessen nicht fähig fühlte vor Schmerz und Herzeleid. Das umstehende zahlreiche Volk ehrte sein Unglück mit stummem Schweigen. Doch plötzlich entstand eine Bewegung. An der einspringenden Ecke beim Zusammenstoßen der Marchesellischen Gartenmauer mit dem Nachbarhause fanden sich zwei hohe Reisigbündel angelehnt und hinter denselben hatte ein Bewaffneter des Fürsten ein blutiges Schwert hervorgezogen, das er jetzt seinem Herrn überbrachte. Dieser winkte einen Mann in ledernem Schurzfell mit langem roten Bart zu sich heran, einen bekannten Schwertfeger der Stadt Rimini. »Kennst du vielleicht diese Waffe, Meister?« fragte ihn der Malatesta laut und durchdringlich. »Allerdings,« antwortete der Beschurzte, »ich habe sie erst vor acht Tagen geschliffen, es ist das Schwert des Giannozzo Marcheselli.« Und »Mörder! Mörder!« rief es aus vielhundert Kehlen. Daß nun ein solcher sein blutiges Werkzeug auf dem Schauplatz seiner Tat zurückließ, konnte, wenn man es überlegt hätte, eigentlich unglaublich scheinen. Doch hier überlegte niemand, und obwohl der Fürst keinen Befehl gegeben, sah man im Handumdrehen das Tor des Hauses Marcheselli erbrochen. Und nicht viel länger dauerte es, daß die eingedrungenen Soldaten und Bürger wieder herausstürzten. Sie führten einen gefesselten Menschen mit sich, fast nackt, nur mit einem blutigen Hemd bekleidet, blutig auch an Händen und Gesicht. »Der Mörder! Der gottlose Mörder!« schrie ihm das wütende Volk entgegen. Erst auf eine herrische Befehlshabergeste des Malatesta verstummte das Wutgeschrei. Der blutige Mann im Hemd, die Arme auf den Rücken gebunden, wurde von dem Hauptmann der Leibwache, dem Meister Bartolo mit der abgehauenen Nase, am Arm gehalten, wenige Schritte vor dem Fürsten. »Wer ist der Mensch?« fragte dieser den Hauptmann. »Es ist Giannozzo Marcheselli.« »Mörder! Gottverdammter Mörder!« schrie es wieder von allen Seiten. Doch ein Zeichen des Siegers von Vigliano ließ die Menge aufs neue verstummen. Der Gefesselte bot einen grauenerregenden Anblick dar. Unheimlich rollte er seine Augen, die wie auf Stielen aus ihren Höhlen traten. Er schien sich wie gegen einen unüberwindlichen Schlaf zu wehren und unbewußt alles dessen zu sein, was mit ihm und um ihn vorging. So erregte er den Eindruck eines Irrsinnigen. »Es ist Giannozzo Marcheselli«, nahm Meister Bartolo das Wort wieder auf. »So wie Eure Magnifizenz ihn vor sich sieht, fanden wir ihn in seinem Bett! Die Hände blutig, das Gesicht blutig, die Bettücher voller Blutflecken.« »Mörder, Mörder!« brüllte es wieder von allen Seiten, und jetzt mochte Roberto Malatesta gegenüber der allgemeinen Volkswut sich ohnmächtig fühlen. Das Schauerliche geschah. Die Menge schien wie in eine einzige wilde Bestie verwandelt. Ganz wie eine solche stürzte sie sich auf den elenden Giannozzo, und nicht lange dauerte es, so wurde da und dort, hier ein Bein, da ein Fuß, der Kopf sogar, auch ganz unförmliche Stücke Fleisches von ihm als blutige Trophäen in die Höhe gehoben, oder mit Füßen zerstampft, oder den schnuppernden Hunden zum Fraß hingeworfen. Doch selbst diese scheußliche Metzgerei tat dem guten Volk noch nicht genug. Es stürzte sich jetzt auf das Haus des Marcheselli, erst raubend und plündernd, dann mit Feuerbränden, daß bald die roten Flammen aus den Dachluken züngelten und zuletzt nur noch kahle schwarze Mauern zum blauen Augusthimmel emporstarrten. Wenigstens aber hatte die Dienerschaft entweichen können, auch das Suchen nach der blonden Beatrice blieb ergebnislos, und erst lange Zeit nachher erfuhr man, daß es ihr gelungen war, sich zu den benachbarten Clarissinnen zu flüchten, deren frommes Haus sie auch in ihrem ganzen Leben nie wieder verlassen hat. Die Bürger der guten Stadt Rimini jedoch erhielten am darauffolgenden Tage einen neuen beliebten Schmaus. In dem marmornen Prachtbau, dem Templum Malatestianum, von Sigismondo dem Schrecklichen der eigenen Göttlichkeit und der der schönen Isotta errichtet, die er so oft in hochbegeisterten Gedichten besang, durften sie den Aufbau eines gewaltigen Katafalks bewundern, der an Reichtum und Schönheit alles übertraf, was bis dahin in Rimini gesehen worden. Einen solchen mehr als königlichen Aufwand von seiten Robertos zu Ehren des toten Stiefbruders Salusto fanden sie wahrhaft ruhmwürdig, und vielleicht datiert sein Beiname il Magnifico von diesem Tag. Doch als nach Verlauf einer Woche die Beisetzung und die Obsequien mit sogar noch größerem Pomp begangen wurden, beteiligten sich die guten Riminianer dabei mit etwas gemischten Gefühlen. Der Magnifico hatte ihnen, und von einem Magnifico war das vielleicht wirklich nicht schön, ein wenig in die Suppe gespuckt. Nämlich in Rimini stand damals noch der alte gotische Signorenpalast, ähnlich dem Palazzo Vecchio in Florenz, als stolzer Zeuge jener Zeit, wo das souveräne Volk sich noch selber seine Herren gab. Und gerade an dem wettergrauen, vom Zahn der Zeit bedenklich angenagten Tor dieses alten Palastes fanden sie am Vorabend der genannten Obsequien ein malatestaisches Edikt angeschlagen, was ihnen nur halb gefiel. Ihr rächender Eifer beim Tod des Herrn Salusto, wofür sie von seiten des Fürsten den wärmsten Dank erwartet haben mochten, wurde darin keineswegs gelobt; er wurde sogar streng gerügt und dem Volk zu solch eigenmächtigem Beginnen jede Berechtigung abgesprochen, ja, die ganze Sache als eine grobe Unbotmäßigkeit gegen den Fürsten dargestellt. »Dem Volke, was des Volkes, aber dem Fürsten, was des Fürsten ist«, lautete ein Satz und klang hart in den Herzen der guten Untertanen. Nicht dem Volk stehe die Ausübung der Gerechtigkeit zu, sondern allein dem Fürsten. Dessen Absicht sei es gewesen, den Mörder seines erlauchten Bruders den verordneten Richtern zu übergeben und die ganze Angelegenheit nach allen Regeln einer peinlichen Justiz klarstellen zu lassen, wobei es dann auch an den Tag kommen mußte, ob nicht noch andere Personen, wie es fast den Anschein habe, in den Mordanschlag verwickelt waren, was nun alles durch die bestialische Einmischung zuchtloser Untertanen abgeschnitten worden. Und mit schwerdrohenden Warnungen vor allenfallsiger Wiederholung der gleichen Unordnung schloß das Edikt. Von der schönen Isotta aber hat der Erzähler gar nichts zu berichten? Doch. Die Ermordung ihres Lieblings änderte ihr seitheriges, immer noch mehr oder weniger freundschaftliches Verhältnis zu Roberto Malatesta vollständig. Sie wohnte zwar auch weiterhin auf der Burg, schloß sich aber mit nur geringer Dienerschaft in ihre Gemächer ein und ließ niemand vor sich, auch den Fürsten nicht, der ihr den Ausdruck seines tiefsten Beileids und eigenen Schmerzes darbringen wollte. Jedoch einen Brief von Roberto zu empfangen konnte sie sich nicht weigern. Diese Frau, die so lange und auch schon bevor sie seine Gemahlin wurde, die Herrschaft mit dem allmächtigen Sigismund geteilt hatte, zeigte sich keineswegs gesonnen, nun mit einem Schlag auf alle Politik gänzlich zu verzichten. Und eben darauf bezog sich der genannte Brief des neuen Gewaltherrschers. Zweierlei wollte er ihr zu verstehen geben. Das eine sei dies: Wenn Isotta glaube, ihre geheimen Verhandlungen mit der Republik des hl. Markus, Verhandlungen mit einem ihm feindlichen, kurz hochverräterischen Sinn und Inhalt, wären ihm verborgen geblieben, so lebe sie in einem verhängnisvollen Irrtum, und er wolle sie damit ernstlich gewarnt haben. Und das Zweite: Über die Ermordung des erlauchten Herrn Salusto, seines vielgeliebten Bruders, seien ihm schon wiederholt gewisse Gerüchte zu Ohren gekommen, und Isotta werde wohl wissen, warum er ihr dies schreibe. Er sei, wie immer, ihr ergebener Sohn, und darum wolle er es auch in diesem Punkt nicht an einer leisen Warnung fehlen lassen. Die letzte Anspielung findet sich noch in einem andern Brief des Herrn Roberto Malatesta. Diesen schrieb er gleich nach der Ermordung seines Stiefbruders, er ist datiert vom 9. August 1471 und gerichtet an den Hohen Rat der großmächtigen Republik von Florenz, dem er damit die schreckliche Bluttat an dem hocherlauchten Herrn, dem Herrn Salusto, seinem vielgeliebten Bruder, kund und zu wissen tat. In diesem Schreiben steht folgender merkwürdiger Satz: »Obwohl an dieser verabscheuungswürdigen Missetat oder irgendeiner Beihilfe dazu natürlich vollkommen unschuldig, muß ich doch befürchten, daß gewisse Personen, die auf meinen Untergang ausgehen, es sicher versuchen werden, Gerüchte darüber auszustreuen, die mich bei Eurer Herrlichkeit in ein falsches Licht stellen könnten; aber Gott, der gerecht ist und die Wahrheit aller Dinge kennt, wird es nie zulassen, daß ein Unschuldiger für den Schuldigen einstehen muß.« Der letzte Absatz besonders, wie sich bald zeigen wird, enthält eine wahrhaft kühne Ironie; doch soll hier dem Gang der Ereignisse nicht vorgegriffen werden. Die schöne Isotta – sie war es immer noch, denn ihre Art Schönheit grenzte ein wenig ans Männliche, lag vorherrschend in der großen reinen Linie statt in den Reizen des Zubehörs, als welche die leicht verletzlichen, die leicht verwelklichen sind – und also die schöne Isotta hatte mehrfache Gründe, warum sie den Roberto Malatesta nicht mehr vor Augen sehen wollte. Anfänglich folgte sie dabei nur einem dunklen weiblichen Gefühl, dem sie sich nach Frauenart vollständig hingab, doch mit der Zeit kam ihr auch der helle Verstand dabei zu Hilfe. Zwei Dinge vor allem fand sie doch eigentlich ganz unbegreiflich. Einmal, daß ein Mörder sein eigenes blutiges Schwert bei der Leiche zurückläßt, und zweitens, daß er auch sonst nicht im geringsten darauf bedacht sein sollte, die Spuren seiner Tat zu beseitigen, vielmehr sich blutbesudelt zur Ruhe begibt, als wenn nichts geschehen wäre. Nur ein Irrsinniger könnte so handeln. Kurz, ein einigermaßen klares Nachdenken bestätigte die Logik der aufgeregten Volksmasse keineswegs. Anderes wieder blieb freilich in einem andern Sinn unerklärlich. In diesen Tagen erschien auf der Burg ein päpstlicher Gesandter mit einem schwerwiegenden Auftrag. Der Herzog Alfons von Kalabrien war in den Kirchenstaat eingebrochen, er bedrohte sogar die Heilige Stadt mit einem Überfall, und die Aufgabe des römischen Gesandten bestand in nichts Geringerem, als den kriegskundigen und kriegsberühmten Malatesta mit seinen gefürchteten Scharen für den Heiligen Vater zu gewinnen und in Sold zu nehmen. Denn dieser Malatesta war bekanntlich nicht nur ein kleiner Fürst von Rimini, sondern auch und noch mehr, wie man das dortzulande nannte, ein großer Kondottiere, oder Söldnerhauptmann auf deutsch, in bezahltem Dienst allen kriegführenden Mächten zu Gebote stehend, die ihn haben wollten und ihm genügend Beutegewinn und anderen Vorteil in Aussicht stellen konnten. Die Besprechungen des Malatesta mit dem päpstlichen Unterhändler gingen nicht sehr glatt vonstatten, und der sich daraus ergebende Vertrag mit seinen Hunderten von Paragraphen nahm den Fürsten von Rimini oft bis tief in die Nacht hinein so in Anspruch, daß ihm tagelang für nichts anderes mehr weder Ohr noch Auge blieb. Denn auch bei den größten Geschäften dieser Welt geht es im Grund nicht viel anders zu, als wenn der Jud mit dem Bauern um seine Kuh handelt, nur eben viel schwieriger und langwieriger. Und während nun wieder einmal bis über Mitternacht hinaus der Fürst und sein Kanzler mit dem Bevollmächtigten des römischen Stuhles feilschten, fand, im tiefsten Geheimnis, auch bei Frau Isotta eine nicht alltägliche Unterredung statt. Sie saß in einem hochlehnigen Stuhl mit reichem Schnitzwerk an der Seite ihres Webrahmens. Ein Mann in brauner Kapuzinerkutte, die Kapuze weit über das Gesicht vorgezogen, stand vor ihr. »Zeig' dein Gesicht!« befahl sie. Der Kapuziner schob die Kapuze zurück und zeigte das fahle Bartgesicht mit der verstümmelten Nase des Hauptmanns Bartolo. Isotta nahm das Wort: »Du willst mir eine Mitteilung zu machen haben, die mich nahe angehe; brichst du damit nicht die Treue gegen deinen Fürsten?« »Verzeiht, Madonna,« antwortete er, »ich habe sie ihm bis jetzt nur allzu buchstäblich gehalten, ich war ihm treu bis zur Unmenschlichkeit. Auch habe ich ihn geliebt, wie nur ein Knecht seinen stolzen Herrn lieben kann. Er wußte es wohl. In allen seinen Schlachten habe ich an seiner Seite gekämpft, ich habe ihm zweimal das Leben gerettet. Aber seit meinem letzten Dienst, den ich ihm erwiesen habe, seit dieser grauenhaften Sache ...« Isotta unterbrach ihn. »Schrecklicher Mensch du!« rief ihr Schmerz aus ihr heraus, »ich ahne, um was es sich handelt; aber sprich es nicht aus, denn wie sollte ich sonst dein scheußliches Angesicht noch einen Augenblick länger ertragen können.« Der Tagliaferro, wie er sich gern nennen hörte, drückte die rechte Hand wider seine Brust; er sprach: »Ja, Madonna, ich bin vielleicht ein Scheusal; doch begreife ich, was in Euch vorgeht. So will ich es nicht aussprechen, wenn Ihr Euch entsetzt. Aber seht, seit dieser Sache bekomme ich kein gutes Wort mehr von ihm und keinen guten Blick; so habe ich es auch bis heute nicht gewagt, ihn an meinen Lohn zu erinnern, den er mir versprochen hat. Eine Summe Geldes hat er mir allerdings gegeben, aber nicht in Gnade, nur so wie man einem Hund einen Brocken hinwirft, und ich halte ihn für fähig, mir ins Gesicht vorzuwerfen, das alles sei bloß meine Erfindung, um ihm noch mehr Geld abzupressen. Ich lese es in seinem Blick, wie er mich haßt und vielleicht fürchtet. Ja, so ist es, mein bloßes Dasein macht ihm angst. Ich bin wohl keine Stunde bei Tag und Nacht meines Lebens sicher. Und ohne die Ankunft der päpstlichen Gesandtschaft, wer weiß, was bereits geschehen wäre. Aber nun will ich es nicht länger darauf ankommen lassen, und mit Hilfe des allmächtigen Gottes ...« Isotta machte eine Bewegung des äußersten Erstaunens. »Mensch, was sagst du? Mit einem ungeheuren Verbrechen auf der Seele vertraust du noch auf die Hilfe Gottes?« Der falsche Kapuziner faltete die Hände: »Gott wird mir nicht anrechnen, was mir mein Herr und Fürst befohlen hat. Denn ohne Gottes Barmherzigkeit, wer könnte bestehen? Dennoch soll man sich auf Gott nur verlassen, wenn man selber das Nötige nicht versäumt hat. Nur dem hilft Gott, der sich selber hilft. Mein Entrinnen aus Burg und Stadt ist aber sorgfältig vorbereitet, und schon morgen, ehe die weitbogige Augustsonne die Hälfte ihres sechzehnstündigen Weges zurückgelegt, hoffe ich, vor seinem Erbfeind, dem Herrn Friedrich von Urbino, zu stehen, er wird mich mit Freuden aufnehmen.« »Wirst du auch ihm dein Verbrechen bekennen?« fragte Isotta. »Nein,« lautete die Antwort, »auch Friedrich ist ein Fürst, und Fürsten brauchen zwar die Mörder, aber sie lieben sie nicht.« Isotta forschte weiter. »Aber mir gegenüber hattest du keine Scheu; war dir denn das ein leichtes, der Mutter des Ermordeten mit deinem Bekenntnis unter die Augen zu treten?« »Erlauchte Frau,« antwortete Bartolo, »es war mir der schwerste Gang meines Lebens, aber ich gedachte damit einen Teil meiner Schuld abzubüßen. Ich gedachte auch, Euch damit einen Dienst zu tun. Und daran knüpfte ich eine Hoffnung; macht sie nicht zuschanden, Madonna.« Er sank in beide Knie, die Hände erhebend: »Könnt Ihr mir verzeihen, hohe Frau?« Isotta zögerte. »Du verlangst mehr, als ein in den Tod verwundetes Mutterherz vermag.« »Seid Ihr keine Christin?« Die Gesichtsblässe der Isotta verstärkte sich noch um einen Grad, wie im Kampf mit sich selber antwortete sie: »Im Denken und Reden war ich stets eine Heidin; wir haben ein Gotteshaus gebaut, aber haben es einzig mit heidnischen Zeichen und Symbolen ausgestattet. Das war vielleicht Gotteslästerung. Auch die Gelehrten und Poeten, die uns so zahlreich umgaben, redeten nur von Juno und Aphrodite, von Jupiter, von Mars und Apollo. Vieles, was uns widerfahren ist, deutet auf ein Strafgericht des erzürnten Gottes. Aber gebetet habe ich immer nach den Vorschriften der Heiligen Kirche. So hoffe ich, Gott möge mich stärken, und dann will ich beten für das Heil deiner armen Seele, mehr kann ich dir nicht zusagen. Aber jetzt erhebe dich, und dann gib mir noch Antwort auf eine Frage.« Und als der Tagliaferro wieder vor ihr stand: »Es ist so viel Seltsames im Verlauf jener Vorgänge«, begann sie nachdenklich, »vor allem das blutige Schwert des Giannozzo Marcheselli, aufgefunden in der Nähe des Toten und wie man, bei schon taghellem Morgen, ihn selber in seinem Bette fand mit den überreichen Spuren einer blutigen Tat, kannst du mir das erklären?« »Aber war denn das nicht,« antwortete der Krausbärtige, »war denn das nicht für das dumme Gesindel von Volk fein ausgesonnen? Um das zu begreifen, erlauchte Frau, müßt Ihr wissen, daß ein leiblicher Bruder von mir dem fast einsiedlerisch lebenden Marcheselli als Koch diente, der mir, gegen gute Belohnung, gern einen kleinen Dienst erweisen wollte. Er mischte seinem Herrn einen solchen Schlaftrunk, daß auch die Posaunen des jüngsten Gerichts ihn zu erwecken kaum imstande gewesen wären. Er schlachtete darauf einen Stallhasen, und mit dessen Blut richtete er den entkleideten und zu Bett gebrachten Giannozzo so zu, wie wir ihn am andern Morgen aufgefunden haben. Mit der gleichen roten Salbe beschmierte er auch das Schwert des Marcheselli und steckte es hinter jene Reisigbündel. Das alles wurde, nach dem wohlausgedachten Plan des Fürsten, zwischen mir und meinem Bruder verabredet und ausgeführt, und sagt selber, hocherlauchte Frau und Herrin, war das nicht ein wahrhaft spitzbübisches Stücklein?« »Genug, genug,« rief die entsetzte Isotta, »aber nun geh', und die Madonna begleite dich, wenn es ihr nicht allzusehr vor dir graut.« Diese merkwürdige Unterhaltung zerstörte freilich auch die letzten Zweifel im Kopf und Herzen der schönen Isotta, aber zum Heil gereichte ihr das nicht. Roberto Malatesta erfuhr am andern Tag die Entweichung des Bartolo; er sah nun wohl ein, daß er einen schweren Fehler begangen, daß er den Mann falsch behandelt und sozusagen selber in die Flucht getrieben hatte. Aber daran blieb nichts mehr zu verbessern, und statt des entronnenen Mörders erschreckte ihn jetzt ein anderes drohendes Gespenst und raubte ihm den Schlaf. Er hatte nämlich auch die nächtliche Zusammenkunft seines Hauptmanns mit Isotta in Erfahrung gebracht, und so bedeutete jetzt die verhaßte Stiefmutter für ihn eine größere Gefahr als je, wenigstens schien ihm ein weiteres Zusammenleben mit der herrischgewohnten Frau unerträglich – man fand sie eines Morgens erdrosselt in ihrem Bett. Von diesem Tod wurde in der Öffentlichkeit wohl manches gemunkelt, aber laut sprach niemand davon. Um so mehr Rühmens machte man, und noch nach vielen Jahren und durch halb Italien hin, von der rührenden Totenfeier für die schöne Isotta, von dem unerhörten Trauerpomp ihrer Beisetzung im Templum Malatestianum, dem heutigen Dom von Sankt Francesco. Der ungeheure Aufwand dabei übertraf noch bei weitem den für den unglücklichen Salusto einige Monate zuvor, Roberto Malatesta hieß wahrlich nicht umsonst il Magnifico . Der mit den kostbarsten Spezereien und mit ausgesuchtester Kunst gepflegte Körper der schönen Isotta fand seine letzte Ruhe auch durchaus nach den Wünschen und Bestimmungen dessen, dem sie so lange die teure Geliebte war, ehe sie seine Gemahlin wurde und der dieser Göttlichen, denn so und nie anders nannte er sie, wo immer er auch ihren Namen in Marmor graben ließ – der ihr in dem Tempel seiner eigenen Göttlichkeit, in jener Kapelle, die man später die Kapelle von Sankt Archangelo nannte, aus weißem Marmor einen königlichen Sarkophag errichtet hat, wie er heute noch zu sehen ist, hoch an der Wand, auf dem Rücken zweier Elefanten ruhend. Auf seiner Vorderseite ist ein Schild erhaben gemeißelt, von zwei Genien gehalten, und die Inschrift darauf lautet: DIVAE. ISOTTAE. ARIMINENSIS. SACRUM. Das Heiligtum der göttlichen Isotta von Rimini. Damit ist eigentlich die Geschichte zu Ende. Aber nicht nur Kinder allein, denen man ein Märchen erzählt hat, möchten danach gern noch weiter erzählt haben, und in der Tat ist hier vielleicht über den Magnifico noch ein letztes Wort zu sagen, wobei nun freilich ein neuer Name zu nennen ist, wenn auch keine neue Person. Denn um keine andere Persönlichkeit handelt es sich, als um den mehrerwähnten päpstlichen Bevollmächtigten bei Roberto Malatesta auf der festen Burg zu Rimini. Dieser Mann lebte noch wenige Jahre zuvor als ein armer Gewürzkrämer in einer feuchtdumpfen Gasse zu Savona im Piemontesischen. Da bestieg eines Tages sein mütterlicher Oheim, ein ehemaliger Franziskanermönch, als Papst Sixtus IV. den höchsten Thron der Welt, und aus dem Krämer wurde ein Graf, Girolamo Riario genannt. Dieser mochte nun finden, daß der stahlharte Roberto die augenblickliche Not des heiligen Vaters allzu selbstsüchtig ausnützte, indem er sich von seinen harten Bedingungen und Forderungen auch nicht einen Deut abhandeln ließ, was den Riario befürchten lassen mußte, von dem päpstlichen Oheim zu Rom wie ein Schulbub empfangen zu werden, der seine Aufgabe nur sehr mittelmäßig gelöst hat. Aber die schwierigen und langwierigen Verhandlungen mit dem fürstlichen Söldner- und Bandenführer von Rimini verhinderten den neugebackenen Grafen nicht, sich dazwischen auch dessen Stadt ein wenig anzusehen, und siehe da, sie gefiel ihm. Nach einem solchen Fürstentum stand auch ihm der Sinn, und bei Gott und seinem hohenpriesterlichen Stellvertreter war viel mehr möglich als eine solche Kleinigkeit. Zu Rom führte der Graf Girolamo ein wüstes Leben, noch in einem hohen Grad wüster als alle andern, der Gedanke aber an das Fürstentum Rimini verließ ihn keinen Augenblick mehr, und als er eines Tages an seiner üppigen Tafel nebst andern Kirchen- und Kriegsfürsten auch den Roberto Malatesta, den ruhmreichen Befreier Roms bewirtete, da bemächtigte sich dieser Gedanke mit erhöhter Macht seiner ehrgeizigen Seele. Und da die Stärke dieser wilden Seele eines frechen Emporkömmlings nicht darin bestand, einer ihr schmeichelnden Versuchung zu widerstehen, und außerdem, wie man sehen wird, noch ein anderer böser Wurm in ihm fraß, so – doch nun ein wenig Geduld. Wirklich war Roberto Malatesta wieder einmal der Held des Tages geworden wie noch nie, selbst den glanzvollen Tag von Vigliano mit eingerechnet. Er hatte bei Nettuno, oder wenn man lieber will bei Porto d'Anzio, südlich von Rom den Herzog Alfons von Kalabrien in kurzer heftiger Schlacht fast vollständig vernichtet trotz der skandalösen Ungeschicklichkeiten des päpstlichen Neffen, Girolamo Riario nämlich, dem auf dem äußersten linken Flügel die eigentlichen pontifikalen Truppen unterstanden. Und als Roberto Malatesta danach auf der denkmalreichen Via Appia und durch die Porta Sankt Sebastiano seinen Einzug hielt in die ewige Stadt, da empfingen ihn an diesem Tor fünfunddreißig Kardinäle, gekleidet in ihre reichsten Scharlachgewänder. Die zwei jüngsten unter ihnen führten sein Pferd an den Zügeln, die andern folgten ihm hoch zu Roß. Und so, in niegesehenem überreichen Rüstzeug und Gewandschmuck in Gold und leuchtend blauer Seide, über der das ganze Pferd wie ein Mantel umhüllenden Schabracke von schwerem Silberbrokat trat er unter unbeschreiblichem Jubel des Volkes einen Triumphzug an, anders zwar und in anderer Aufmachung als die alten Cäsaren, aber nicht mit geringerer Ehre. Tausendfältig erscholl es: »Es lebe Roberto Malatesta. Es lebe der Magnifico. Es lebe der Erretter Roms.« Am Kolosseum ging der Zug vorüber und über das alte Forum und über die Tiberbrücke, vorbei dann an dem zu einer gewaltigen Festung ausgebauten Grabmal des Hadrian. Und nie endeten die tausendstimmigen stürmischen Rufe: Es lebe der Befreier Roms! Es lebe der große Malatesta! Es lebe der Magnifico, der alles überstrahlende! Auf den Stufen vor dem Rundbogenportal der Basilika des heiligen Petrus, nicht der heutigen, der ehemaligen uralten aber, angeglüht von der römischen Sonne, goldig funkelnd im Schmuck ihrer heiligen Mosaiken, erwartete und empfing Papst Sixtus IV. den Sieger von Porto d'Anzio. Der römische König in weißem Priestergewand nannte ihn laut den größten Sohn der Kirche. Er verglich ihn mit dem göttlichsten Helden der Christenheit, dem strahlenden Erzengel Michael. Der fürstliche Krieger beugte sein Knie, um dem Stellvertreter Gottes die Füße zu küssen; dieser aber hob ihn zu sich empor und umarmte ihn unter Tränen der Freude. Sieben Tage dauerte dieser Triumph. Dann, an einem Septembermorgen mit leis niederrieselndem Regen, fanden die immer noch in Begeisterung lodernden Römer an jenem stark verstümmelten antiken Marmorbild bei der Piazza Navona, das man den Pasquino nannte, einen Zettel angeheftet mit einem flüchtig gezeichneten Reiter und darunter eine dem erhabenen Dante nachgebildete Terzine, die also lautete: Roberto son io, che venni, vidi, e vinsi L'inclito Duca, e Roma liberai, E lui d'honnor, e me di vita spinsi. Was man etwa so lesen mag: Ich bin Roberto, ich kam, sah, siegte, ich schlug, ihn wehrlos und ehrlos machend, den weit gefürchteten Herzog Alfons, und rettete Rom, da holte mich der Teufel. Der Triumphator hatte seinen Tod gefunden und keinen sehr reinlichen. Eine abscheuliche Dysenterie machte in drei Tagen seinem Leben ein Ende. Und diese Krankheit kam ihm von einer vergifteten Feige an der üppigen Tafel des Grafen Girolamo Riario, von der er ohnmächtig weggetragen werden mußte. So wenigstens erzählt es der florentinische Staatsmann und Geschichtsschreiber Nicolo Machiavelli viel umstrittenen Angedenkens, der aber in derlei Historien sich öfter als gut unterrichtet dargetan hat. Unter dem Feigenbaum Vor den Toren von Forli, etwa in einer halben Wegstunde Entfernung, erhob sich einst, die Stadt beherrschend, das schwermassige Kastell von Rivaldino, und in dessen gut gehegtem Garten an der hintersten Mauer, bei dem gewaltigen quadratischen Eckturm, stand, halb aus dem Gemäuer hervorgewachsen und gegen die Nordwinde wohl geschützt, ein uralter Feigenbaum, dessen honigsüße Feigen seit Menschengedenken berühmt waren weit im Land. Zweimal in sieben Jahren aber hat, wenn auch sehr uneigentlich gesprochen, dieser Baum bittergiftige Frucht getragen. Unter ihm wurde am 13. August 1493 auf Anstiften der Caterina Sforza, Gräfin von Forli und Immola, deren verhätschelter Günstling Giacomo Fevo, nachdem er sieben Jahre lang das Land und seine Fürstin beherrscht hatte, von einem seiner Hauptleute, mit Namen Gianghetti, meuchlings ermordet, weil er der jungen Gräfin zu mächtig und mit seinem anmaßenden Wesen unbequem geworden war; und eine zwar anders geartete, aber vielleicht noch viel schauervollere Szene sah dieser Baum mit dem schlangenartig verschlungenen Geäst bereits sieben Jahre zuvor, nämlich bald nach jenem blutigen Aufstand der Brüder Orsi, bei dem der Graf Girolamo Riario, der Neffe des frommen Papstes Sixtus IV. und der Gemahl der Caterina Sforza, in so entsetzlicher Weise seinen Tod gefunden hat. Anfang Juli war's diesmal, als eines Morgens in der Frühe der Gouverneur von Rivaldino Tomaso Bruzzone durch einen berittenen Boten die Nachricht erhielt, daß seine Herrin auf dem Wege sei, ihn auf dem Kastell zu besuchen, worüber er in eine Aufregung geriet, die ihn selber in Erstaunen setzte. Er hatte es sich bisher nicht eingestehen wollen, der gereifte, ernste Mann ausgangs der Vierziger, nun aber konnte er sich's nicht mehr verhehlen, schaudernd wurde es ihm zur Gewißheit: er hegte für die angesagte Besucherin heimliche Gefühle im Herzen, die mit seinem Dienstverhältnis zu ihr nichts zu tun hatten, ja, eigentlich damit in Widerspruch standen. Was bei ihren Verwandten in Mailand und Bologna, wie nicht weniger am römischen Hofe längst geredet wurde, daß die schöne Gräfin von Forli zur Zeit das gefährlichste Weib sei durch ganz Italien, ein Weib, dessen verführerischer Macht kein Mann zu widerstehen vermöge, das wurde ihm nun selber zur Erfahrung, seitdem es ihm am verflossenen 14. April geglückt war, mit eigener höchster Lebensgefahr seine Herrin von schimpflichem Tode zu erretten; mit Grausen dachte er zurück an jene entsetzliche Nacht. Folgendergestalt aber haben sich damals die Dinge abgespielt. Die Verschwörung der beiden Brüder Orsi, Ludovico und Cecco, gegen den Grafen Girolamo Riario war trotz großen Anhanges so geheim betrieben worden, daß der Graf und seine Familie ahnungslos geblieben. Und dann, am Abend des 14. April, als der Graf mit seinem Kanzler im sogenannten Nymphensaal seines Stadtpalastes in einer Beratung zusammensaß, trat plötzlich Cecco Orsi in den Saal, er hatte in seiner Eigenschaft als Schloßhauptmann allzeit freien Zutritt. Sich verbeugend, näherte er sich dem Grafen, um ihm, wie er sagte, einen wichtigen Brief eines Freundes zu zeigen. Er hielt den Brief in seiner linken Hand, aber seine Rechte griff nicht nach der Hand des Grafen, die ihm dieser zum Willkomm freundlich entgegenstreckte, sondern faßte nach dem Dolch unter dem Mantel und, kurz zustoßend, traf er den Grafen mitten in die Brust. »Verräter!« schrie Herr Girolamo und flüchtete sich hinter den schweren eichenen Tisch, aber da stürzten auch schon Ludovico Orsi und zwei weitere Mitverschworene in den Saal, und bald nach kurzem Ringen lag der Graf entseelt am Boden. Cecco Orsi aber riß den Fensterflügel auf und verkündete seinem Anhang, der unten den ganzen Platz erfüllte, den Tod des Tyrannen; ein tausendfaches wildes Freudengeschrei erhob sich in der Menge. Der tote Graf hatte keine Freunde mehr – außer einem, dem Messer Tomaso Bruzzone, aber der saß als Gouverneur auf Rivaldino und ließ sich nichts träumen von den grausigen Vorgängen in der Stadt, alle andern hielten es mit den Aufständischen, seine nächsten Günstlinge sogar bemächtigten sich seines blutenden Körpers und warfen ihn, wie man wütenden Hunden einen Fraß zuwirft, hinunter aufs Pflaster, wo alsbald die tobende Menge über ihn herfiel, ihn seiner kostbaren Kleider beraubte und den nackten Leib in unflätigster Weise schändete. So verlief das Ende des Herrn Girolamo Riario, des Papstneffen, dessen vormaliges unglaublich schwelgerisches, unglaublich skandalöses Leben zu Rom alles weit überbot, was sogar in dieser Stadt je gehört worden. Unterdessen suchten die beiden Brüder Orsi und ihre Gehilfen nach der Gräfin, auch ihren Leichnam forderte der Pöbel. Aber ob man gleich alle Gemächer und alle Winkel durchstöberte, alle Kasten zertrümmerte und selbst die Matratzen zerschnitt, Caterina Sforza wurde nicht gefunden. Diese Bastardtochter des Herzogs von Mailand hat sich zu ihrer Zeit die widersprechendsten Beurteilungen zugezogen, und dessen wird sich niemand wundern, wer ihre Geschichte sich auch nur oberflächlich angesehen hat. Alle noch so ungeheuerlichen Ungereimtheiten der Renaissance, alles Schöne und Starke wie alles Unheimliche und Schreckliche der Zeit fand sich in ihr verkörpert. Ein Gesandter der Republik des heiligen Markus nannte sie in einem Schreiben an seine Signoria » La semenza della serpe indiavolata «, den Samen der Schlange, die den Menschen um das Paradies gebracht hat, aber der fromme Maler Piero di Cosimo hat sie gemalt mit einem Heiligenschein um das stolze Haupt, auf einem Bilde, das noch heute im Museum zu Altenburg zu sehen ist. Sie war fromm, wie ihre Zeit die Frömmigkeit verstand. Sie hat zu Forli und Imola, das ihr ebenfalls gehörte, prachtvolle Kirchen gebaut und reiche Klöster gestiftet. Ihre Lieblingsstiftung aber bildete das Kloster der Klarissinnen bei San Biagio zu Forli, und deren Normen war sie eine besonders liebe Patronin und pflegte oft bei ihnen vorzusprechen. Und siehe, das hat ihr Segen gebracht, denn in diesem Kloster verweilte sie, während ihre wildgewordenen lieben Untertanen im Schloß ihr Bett durchwühlten und alles zuoberst und zuunterst kehrten, weil sie ihr an die stolze Seele wollten und an den schlohweißen Leib. Sie aber hatte in der Dämmerung in einfacher Aufmachung und tiefverschleiert, auch nur von einer einzigen Kammerfrau begleitet, das Schloß verlassen, um die frommen Töchter der heiligen Klara zu einem Zuspruch zu besuchen. Dort im Kloster traf sie die Nachricht des Vorgefallenen. Natürlich konnte sie nicht daran denken, zurückzukehren. Aber auch das Kloster bot ihr keinen ungefährdeten Aufenthalt. Nur eine einzige Hoffnung auf sichere Rettung gab es für sie: das war der würdige Tomaso Bruzzone, der Kastellan von Nivaldino, dessen treue Ergebenheit keinem Zweifel unterlag. Zu ihm schickte sie einen Boten und bat ihn um Rat und Beistand. Sie hatte richtig geurteilt und gehandelt. Tomaso Bruzzone kam noch in der Nacht, kunstreich als altes Weib vermummt, in das Kloster von San Biagio und brachte die Gräfin in gleicher Vermummung glücklich aus der Stadt, die sich dem Jubel ihrer Befreiung in tollen Schwelgereien überließ, und auf ihr festes Kastell vor dem Bologneser Tor, von wo sie unverweilt Stafetten ausschickte an den Oheim ihres ermordeten Gemahls, den römischen Papst, an ihre eigenen Verwandten in Mailand und an die Bentivogli in Bologna, ihre Verbündeten. Aber bis ihr von diesen verschiedenen Seiten her Hilfe werden konnte, verstrich eine geraume Zeit, und unterdessen mußte sie eine Gefangene bleiben auf ihrem eigenen Kastell, von ihren lieben Untertanen hart belagert. Rivaldino erwies sich wohl als eine gute Festung mit den neuesten Geschützen und zahlreicher Bemannung, aber gerade deswegen als keinen sehr vergnüglichen Aufenthaltsort. Die Gräfin ließ sich in dem nördlichen Eckturm, der nach der dreieckigen hohen Gartenterrasse ein Pförtchen hatte (nahe jenem Feigenbaum), so gut es gehen wollte, ein Gemach einrichten; aber außer der schönen Aussicht nach allen Seiten hin, besonders hinunter aus ihre aufrührerische Stadt Forli, mangelte es hier an allem und jedem. Hart entbehrte sie ihre gefüllten Wäsche- und Kleiderschränke und ihren mit tausenderlei Notwendigkeiten ausgestatteten Putztisch, denn sie galt in diesem Fach als eine große Künstlerin, weit berühmt in ganz Italien. Auch ihre Kammerfrauen fehlten ihr, die alte Aufwärterin des Herrn Kastellans bildete die einzige weibliche Bedienung, die ihr zur Verfügung stand. Nein, das war kein Leben für die schöne Caterina Sforza. Sie verstand sich auf viele Künste, nur nicht auf die des Alleinseins. Zu Messer Tomaso, dem Kastellan oder Gouverneur des Schlosses, hatte Caterina bis jetzt in keiner persönlichen Beziehung gestanden; er war schon in Rom der Dienstmann ihres Gemahls gewesen, seine ganze Anhänglichkeit und Ergebenheit hatte immer ausschließlich dem Grafen gegolten, die Gräfin dagegen war dem soldatischen Mann, dem zum Hofmann so gut wie alles fehlte, fast unbekannt geblieben, von seiner Gesellschaft konnte sie sich wenig versprechen. Er ließ sie sogar anfangs sein rauhes Wesen nur allzusehr fühlen. Denn als Geschöpf ihres ermordeten Gemahls, dem er angehangen wie ein Hund seinem Herrn, fühlte er sich innerlich mehr als Feind denn als Freund dieses Weibes, das nach seinem Empfinden die Feindin ihres Gemahls gewesen und durch ihre despotische Herrschaft den Untergang des, wenn auch von Rom her übelberufenen, so doch mild und leutselig gearteten Grafen hauptsächlich herbeigeführt hatte. Bruzzone war also wohl ihr Retter geworden, aber keineswegs ihr zuliebe. Sie selber haßte er fast. Und sie merkte das sehr schnell: und daß er ihr gegenüber nur seine Dienstmannspflicht gegen den Herrn Girolamo erfüllt hatte, nicht aber eine freundschaftliche Tat gegen sie, jetzt seine Herrin, aber allerdings in gewissem Sinne auch seine Gefangene, das demütigte und verletzte sie tief. Aber er bildete einstweilen ihren einzigen Verteidiger, ihren starken Schild und war überhaupt seit dem Tode ihres Gemahls der mächtigste Mann im Lande, von dem für jetzt ihr ganzes Schicksal abhing. So zeigte sie sich ihm schon aus politischer Berechnung von ihrer liebenswürdigsten Seite und ging recht eigentlich darauf aus, ihn mit dem berückenden Zauber ihrer außerordentlichen Persönlichkeit ganz und gar einzuspinnen, was ihr schneller gelang, als sie gedacht hatte. Das bereitete ihr in ihrer augenblicklichen, höchst bedrohten Lage keine kleine Genugtuung. Diesen sonst recht unmanierlichen Bären von einem Kriegsmann mit dem leicht angegrauten Bart sich im Handumdrehen zu einem wedelnden und gefügigen Schoßhündchen umgewandelt zu haben, bereitete ihr fast ein kindisches Vergnügen. Der würdige Tomaso Bruzzone besaß übrigens in ihren Augen noch ein besonderes Verdienst, das war sein Neffe Giacomo Fevo, ein achtzehnjähriger Adonis, nicht nur der schönste Jüngling, den die Gräfin je vor Augen bekommen hatte, sondern auch sonst mit überraschenden Talenten ausgestattet. Er wußte meisterhaft die Laute zu schlagen und sang dazu mit einer Stimme wie ein Cherub. Ganz geringer Leute Kind und in großer Armut aufgewachsen, bevor der Oheim sich seiner erbarmt hatte, verfügte er doch über ein Betragen so frei und unbefangen wie das eines wahrhaftigen Prinzen. Er wußte sich mit einer solchen Grazie vor der Gräfin zu verbeugen, daß sie sich nicht genug darüber verwundern konnte, und wenn er dabei einen Blick lang seine leuchtenden Mandelaugen anbetend zu ihr aufschlug, so meinte die Gräfin oder wenigstens das Weib in ihr, in ihrem Leben keine schönere Huldigung empfangen zu haben; ihr heimliches Bewußtsein, einen brummigen Bären so kurzerhand gezähmt zu haben, bildete also nicht ihr einziges kindisches Vergnügen. Und also fühlte sie sich bereits nach einigen Wochen lang nicht mehr so unglücklich. Den grauenhaften Tod des Grafen Riario, ihres Gemahls, empfand sie nämlich, wie Messer Tomaso es richtig herausgefühlt, keineswegs so schmerzlich, als man etwa glauben möchte. Zu sagen, sie habe ihn nicht geliebt, wäre zu schwach ausgedrückt; sie hatte ihn (Thomas Bruzzone war gut beraten) gründlich verachtet, den Mann, der in seiner Jugend zu Savona ein elender Krämer gewesen und mit Schuhwichse gehandelt hatte. Nur weil dann sein Oheim, der gelehrte Franziskanermönch Della Rovere, zu Rom auf den höchsten Thron der Welt berufen worden, sah er sich plötzlich aus verächtlicher Niedrigkeit zu fürstlichem Rang emporgehoben. Das war das Schicksal vieler in jener Zeit. Und viele sind dadurch wirklich Große geworden. Diesem Papstneffen aber fehlte dazu das Zeug. Er blieb, zuerst in niedriger und gemeiner Sphäre, dann auf der Höhe ungeheurer Reichtümer, zu sehr der Mann des gemeinen Vergnügens, um je ein Mann der Tat zu werden. Nach dem schönen Fürstentum Rimini hatte er wohl zu schielen, aber es sich zu erringen hatte er nicht vermocht; ein Verbrechen hatte er gewagt, aber damit sein Pulver nur wirkungslos in der Luft verknallt. So beschaffen erwies sich die Vergangenheit dieser schönen Frau, die einst zu Rom an der Spitze ihres Söldnerheeres, während ihr Gemahl anderen Dingen nachging, sich der Engelsburg bemächtigt, den Papst selber bedroht und die Kardinäle zur Annahme ihrer Bedingungen genötigt hatte, wobei sie von den begeisterten Römern fast wie ein überirdisches Wesen angestaunt und in Hunderten von guten und schlechten Sonetten besungen wurde. Sie aber sah jetzt nicht zurück in die Vergangenheit, nur der Zukunft galt ihre Sorge. Der Tod ihres Gemahls, wie gesagt, schmerzte sie wenig als Weib, aber die Pflicht der Rache, von der allgemeinen Sitte der Zeit ihr als Fürstin auferlegt, gedachte sie deswegen nicht abzulehnen; sie sann im Gegenteil auf nichts anderes, und wenn trotzdem das Betragen zweier Männer ihr öfter, als man es glauben sollte, ein kindisches Vergnügen bereitete, so zeigte das nur, daß ihr stolzes Fürstenwesen ihrem Weibtum wenig Abbruch tat. Wochen um Wochen dauerte dieser Zustand, aber endlich nahte doch die Stunde, die aus der Gefangenen eine Freie machen sollte und aus der Duldenden eine Frau der rächenden und vergeltenden Tat. Zwar der Papst-Oheim zu Rom war plötzlich gestorben, als sich ihr Bote zu ihm noch unterwegs befand, nicht aber versagten ihre Verwandten und Verbündeten zu Mailand und Bologna. Deren Söldnerheere, geführt von dem weit gefürchteten Galeazzo von Aragon-Sanseverino, konnte die Stadt Forli nur kurz Widerstand leisten; schon nach drei Tagen mußte sie sich ergeben und Caterina Sforza hielt an der Seite des schrecklichen Kondottiere auf weißem Zelter triumphierend ihren Einzug in die zitternde Stadt. Sie erwies sich gnädig, ja huldvoll gegen die gemeine Bevölkerung und verbot ihren Mailändern, die sich doch nach Sitte und Herkommen vollkommen dazu berechtigt glauben durften, alles Plündern und Mordbrennen aufs strengste. Die adeligen Verschwörer jedoch strafte sie fürchterlich; sie blieb ihnen keine ihrer Unmenschlichkeiten schuldig, ihr Oberprofoß, der berüchtigte Badone, hatte drei Monate lang harte Arbeit, die Gräfin aber wurde seit jenen Tagen an den Höfen Italiens in zynischem Scherz die Tigerin von Forli genannt. Ihren Mailänder und Bologneser Freunden aber gab sie derart prunkhafte Festgelage, dergleichen man in der guten Stadt Forli nie erlebt hatte, und wobei selbst der goldene Schmuck der Poesie, wie der Südländer sie versteht, nicht zu kurz kam. Wahrlich, sie verstand es, Fürstin zu sein im Stil ihrer Zeit, der nun einmal die wildeste Grausamkeit als würzende Zugabe galt in dem rosenbekränzten Becher ihres überschäumenden unbändigen Lebensgefühls. Und diese »Tigerin von Forli« (auch durch ihre faszinierende Schönheit einer solchen vergleichbar) befand sich nun auf dem Weg, den wenig gelenken Bären zu besuchen, den leicht angegrauten Tomaso Bruzzone auf Rivaldino, und ein sphinxhaftes Lächeln umspielte die roten Lippen der gefürchteten Frau beim Gedanken an dieses Wiedersehen. Denn wenn Messer Tomaso es vielleicht wirklich noch nicht wußte, daß seine Herrin es ihm bedenklich angetan hatte, sie selber wußte es um so besser. Der von ihrer Ankunft benachrichtigte und aufs höchste verblüffte Tomaso schickte zu allererst nach seinem Neffen. Dieser schien über die ungewöhnliche Botschaft weit weniger erstaunt. »Nun ja,« meinte er mit einem kindlich unschuldsvollen Blick aus seinen großen Mandelaugen, »Ihr müßt es doch gemerkt haben, Onkel, daß sie Euch während ihrer Gefangenschaft hier ordentlich liebgewonnen hat, und auch Ihr machtet keineswegs ein verdrießliches Gesicht, wenn sie Euch sozusagen den Bart kraute, so wenig Ihr sonst daran gewöhnt sein mochtet.« Tomaso hatte Mühe, über diese treuherzigen Worte des Knaben nicht zu erröten. »Hier ist der Schlüssel zur Pforte des Nordturms,« sagte er, »steige hinauf auf seine höchste Zinne, und wenn du die nahende Herrin erblickst, gib uns ein Zeichen mit deinem Tuch.« »Gut,« dachte der schöne Giacomo, »auf die Turmzinne wollte ich gerade hinaufsteigen, das ist mein Posten, und es ist fast komisch, daß mich nun auch mein Oheim selber hinaufschickt.« In der Halle winkte er einem schwerbewaffneten jungen Freiwilligen namens Gianghetti, der auf ihn wartete. Beide begaben sich nach dem bezeichneten Turm. Tomaso aber befahl der Schloßbemannung, sich eiligst in ihren Paradestaat zu werfen und sich bereit zu halten. Er selber sah in eigener Person nach den Geschützen, den blitzblanken und reichverzierten bronzenen Mörsern, ob auch alles in Ordnung sei, dann postierte er seine bunt aufgeputzte Mannschaft vor dem großen Eingangstor und ließ sie eine Gasse bilden, zwischen welcher er nervös erregt auf und ab schritt, immer nach der Turmzinne blickend. Endlich sah er den Neffen sein Tuch schwenken. Er gab einen Befehl, und schon im nächsten Augenblick krachte der erste Salutschuß. Nach fünf Minuten krachte ein zweiter und so sieben hintereinander. Unterdessen näherte sich die Gräfin. Sie saß auf einem reich aufgeschirrten weißen Zelter, zwei schmucke Pagen hielten die Zügel ihres Pferdes, ihre Leibwache, zwölf bis zu den Zähnen bewaffnete Lanzenknechte mit ihrem Hauptmann zu Pferde, folgten ihr. Sie trug ein rotes Atlaskleid, über und über mit Edelsteinen besetzt, und darüber einen Mantel von schwarzem Damast und Goldbrokat. Herr Bruzzone schritt ihr mit Würde entgegen, und drei Schritt vor ihr beugte er das Knie; sie lächelte huldvoll auf ihn hernieder. Es war seltsam und eigentlich kaum zu begreifen, wie von diesem Frauengesicht mit der übergroßen Nase, so daß es im Profil fast einem Raubvogel glich, ein so bezwingender Liebreiz ausgehen konnte. Daß sie freilich auch erschreckend zu blicken verstand, hat mancher erfahren. Die Pagen traten zurück. Herr Bruzzone ergriff selber die goldenen Zügel und geleitete seine Herrin durch die unbewegliche bunte Gasse der Schloßbemannung und die schweren massigen Torbogen hinein nach dem inneren Hof. Wußte er, wen er so unvorsichtig in seine wohlverwahrte Festung einführte? Er wußte es nicht. Noch war zu seinen unschuldigen Ohren das höfisch-höhnische Wort nicht gedrungen, das Wort von der Tigerin von Forli. Er hielt ihr jetzt die Steigbügel, sie stützte ihre Hand auf seine Schulter, und so stand sie vor ihm, zu Fuß noch majestätischer wirkend als zu Pferde. »Ich habe Wichtiges mit Euch zu besprechen, mein Freund,« sagte sie, »lasset uns nach dem Garten gehen, es ist der Ort, an den ich meine liebsten Erinnerungen habe aus der Zeit meiner traurigen Gefangenschaft, die mir nur durch Euch einigermaßen erträglich geworden ist. An der hintersten Mauer steht ein Feigenbaum mit einer steinernen Bank darunter, dort werden wir ungestört sein.« Unter schweren Gewölben, durch dunkle Gänge und einige hochummauerte Höfe gelangten sie hinaus auf die lichte dreieckige Gartenterrasse, ebenfalls von dicken Mauern hoch umschlossen und flankiert von dem mehrfach genannten quadratischen Eckturm. Auf die Steinbank unter dem Feigenbaum setzte sich die Gräfin und winkte ihrem Gouverneur, an ihrer Seite Platz zu nehmen. Aber daß sie wichtige Dinge mit ihm zu besprechen hatte, schien ihr offenbar in Vergessenheit geraten; sie verharrte in rätselhaftem Stillschweigen. Doch von Zeit zu Zeit sah sie ihm forschend in die Augen. Tief versenkte sie ihren Blick in den seinen, wie voll Begierde, das aber- und abermalen in seinem Innern zu lesen, was sie doch längst auswendig wußte. Solche Blicke, daß sie ihm Mark und Bein durchdrangen und sein Blut derart in Aufruhr brachten, daß es ihn Mühe kostete, an sich zu halten. Dann begann sie plötzlich, von ihrem gemordeten Gemahl zu erzählen, dem gehaßten Papstneffen, unschöne Dinge, und ihre Rede klang ihm wie eine Herausforderung. Es wunderte ihn auch, daß sie mit keinem Wort nach seinem Neffen fragte, für den sie seinerzeit doch soviel Teilnahme gezeigt hatte; aber er war dessen wohl zufrieden. Eine reife Feige fiel vom Baum, weich in den gefransten Blätterbusch eines Akanthus. Er erhob sich, um sie aufzunehmen. Sie war nur wenig verletzt, ein kurzer Sprung nur zeigte das weißlich-rosafarbene Fleisch unter der grün-gelben Hülle. »Es ist die Erstlingin des Jahres,« sprach er, »darf ich sie Eurer Herrlichkeit anbieten?« »Die Frucht, die der Venus geweiht ist«, versetzte sie mit fragendem Blick. Dann griff sie danach, und ihre zierlichen spitzen Zähne bissen in das saftige Fleisch. »Sie ist wie Honig,« versicherte sie, »versucht nur.« Damit hielt sie ihm die angebissene Frucht entgegen. Und wahrlich, er wäre der erste Adam gewesen, obgleich er mit Namen Thomas hieß, der nicht eifrig nach der Frucht gelangt hätte, welche zuvor die Zähne der Eva blutig gebissen hatten. Er nahm sich also zusammen und tat nach ihrem Geheiß. Aber dann lag er plötzlich zu ihren Füßen und umklammerte ihre Knie. Wie in jähem Schreck erhob sie sich und eilte nach dem offengebliebenen Pförtchen des Turmes. Dort oben hatte sie einst gewohnt, dort stand ihr Schlafgemach, noch unberührt, wie sie es vor drei Monaten verlassen hatte. Sollte sie? ... War ihr Aufbruch eine Flucht oder vielmehr eine Einladung? Er entschied sich für das letztere, er erhob sich und folgte ihr ... Du folgtest ihr wirklich, Herr Thomas? Oh, daß dein heiliger Patron dir etwas von seiner Ungläubigkeit vererbt hätte. So warst du allzu gläubig. Aber freilich konntest du nicht wissen, was im geheimen seit drei Monaten vor sich gegangen, daß dein Neffe Giacomo wiederholte Brieflein von der Gräfin erhalten und sogar in ihrem Stadtschloß von ihr empfangen worden war. Du warst allzu unwissend, Herr Thomas mit dem angegrauten Bart ... Er folgte ihr. Er fürchtete nur eines, daß er die Tür oben verschlossen und verriegelt finden könnte. Aber er fand sie angelehnt und er stürmte hinein. Die Gräfin stand am Fenster und blickte wie in sehnsüchtigen Träumen in das weite Land hinaus; ihr kühnes Profil und ihr wunderbar schlanker, weißer Hals über dem schwarz-goldenen Brokat hoben sich prachtvoll ab gegen das einfallende Licht. Herr Bruzzone beugte das Knie vor ihr und ergriff ihre entblößte weiße Hand. Sie entzog sie ihm nicht, sie blickte mit einem zärtlichen Blick zu ihm nieder. Er las in ihm die letzte Bestätigung seiner Hoffnungen. Mit machtvollen Armen ergriff er ihre hohe Gestalt und trug sie zu der kaum geordneten Lagerstätte – da stieß sie einen gellenden Hilferuf aus, und im gleichen Augenblick stürzten der junge Giacomo und sein Geselle Gianghetti, beide mit entblößten Dolchen, in das Gemach. Der Gianghetti stürzte sich unverweilt über den Kastellan, der sich in diesem Augenblick am wenigsten eines Schlimmen versehen haben mochte. Er fühlte sich vollständig überrumpelt, er gelangte kaum zur Gegenwehr; schon nach wenigen Minuten lag er mit durchschnittener Kehle auf dem blutbesudelten Ruhebett, wo er so ganz anders zu liegen gehofft hatte. Also hatten es die Gräfin und ihr Adonis sich ausgedacht. Tomaso war sonach als Übeltäter gefallen, als Opfer seines ruchlosen Angriffes auf die Ehre und den Leib seiner Landesfürstin. Und die Gräfin ließ es an Dankbarkeit gegen ihren Retter nicht fehlen. Sie ernannte ihn zunächst zum Nachfolger des Gemordeten, und die finstere Festung von Rivaldino erfreute sich nun auffallend oft der Gegenwart ihrer strahlenden Schönheit. Immer höher stieg Giacomo Fevo in ihrer Gunst; ja, sie machte ihn zuletzt zum Generalgouverneur und Vizeregenten ihrer Staaten, und er besaß bald nicht weniger Macht und Einfluß, als wenn er der Graf selber gewesen wäre. Das Volk sprach von einer heimlichen Ehe zwischen ihm und der Gräfin. Kaiser und Könige begannen mit ihm zu rechnen. Karl VIII. von Frankreich, der damals auf seinem abenteuerlichen Zug nach Neapel begriffen, in Oberitalien weilte, empfing ihn huldvollst und ernannte ihn zu einem Baron von Frankreich. Da fing er an, hochmütig zu werden und seinen Einfluß zu mißbrauchen, die Gräfin selber bekam Angst vor ihm. Immer mehr legte er alle Mäßigung ab; sogar seinen alten Vertrauten Gianghetti, den er zum Schloßhauptmann hatte machen lassen, beleidigte er eines Tages, der sich nun, wie einst der Giacomo, selber der Gräfin zum Werkzeug anbot; so erfüllte sich das Schicksal des Giacomo Fevo, er fiel durch die gleiche Hand, deren er sich vor sieben Jahren gegen seinen Oheim bedient, und der nämliche alte Feigenbaum, der damals die verliebte Betörtheit des ehrlichen Tomaso mit seinen schamhaften Blättern überschattet hat, wurde der Zeuge auch seines blutigen Todes. Den erhofften Lohn erlangte Gianghetti nicht, Caterina Sforza verehelichte sich mit Giovanni dei Medici, genannt Popolano; in ihm fand sie ihren Meister und wurde und blieb ihm eine gehorsame und ehrsame Ehefrau bis an ihr geruhiges Ende. Der Pilgrim und sein Gastfreund In der kleinen lombardischen Stadt Novara führt eine geradlinige Mittelstraße von dem Mailänder Tor zu dem von Turin. Sie ist heute wohl nach dem König Viktor Emanuel oder nach Garibaldi oder Cavour benannt, wie das so seit einem halben Jahrhundert in ganz Italien hochpatriotischer Brauch ist. Oder sollte sie gar, unmöglich ist es nicht, mit dem Namen des jungen Mannes geehrt sein, der vor mehreren Halbjahrhunderten auf ihr seines Weges zog? An einem schönen Frühnachmittag im September war es, und der angedeutete junge Mann erregte einiges Aufsehen in dieser Hauptstraße der kleinen Landstadt. Der kaum Dreißigjährige machte auf den ersten Blick einen fast greisenhaften Eindruck in seinem mit Muscheln besetzten, vielfach beschmutzten und am untern Rand erbärmlich zerfransten Pilgermantel: so müde und schleppend war sein Gang, so hohl und eingefallen seine blassen Wangen, so tief in den Höhlen liegend seine großen schwarzen Augen, so schlaff über die Mundwinkel herabhängend sein schwarzes Lippenbärtchen, so kraftlos sein spärlich behaartes Kinn, so weit schon über der hohen bleichen Stirn zurückweichend der kurzgeschnittene Haarwuchs. Der Mann ging nämlich barhäuptig, sein Pilgerhut hing ihm an einer Schnur im Nacken, und wie seine Schritte setzte er den hohen, oben umgebogenen Stab schwach und zögernd vor sich hin. Wahrlich, er erregte Aufsehen. Von den Haustüren und offenen Gewölben deutete man nach ihm mit Blicken und Gebärden, Kindergruppen blieben vor ihm stehen und begafften ihn. Ein schlanker Priestergreis mit dem seidenflaumigen Rundhut über den weißen Locken bemerkte zu der jungen Dame, mit der er sich unterhielt: »Schaut diesen Pilgrim, Signora, der ist entweder ein großer Heiliger oder ein großer Sünder.« »Oder gar ein großer Narr«, warf ein Vorübergehender in Ratsherrentracht dazwischen. Die Signora antwortete: »Möge die Madonna ihm gnädig sein!« Dieser, wie ein zum Tod Ermatteter, hielt jetzt inne im Schreiten, und er redete einen Knaben an, der sich vor ihn hingestellt hatte. Von dem Knaben geleitet, bog er dann in eine enge Seitengasse. Es dauerte eine Weile, bis er wieder hervorkam, jetzt zu Roß, ein Vetturino vor ihm herschreitend. Er wollte heute noch die Stadt Vercelli erreichen und hatte wohl gefühlt, daß ihm das zu Fuß nicht mehr möglich sei, so hatte er sich bei einem Wagen- und Pferdeverleiher den Gaul gemietet. Nun sah er auf einmal jünger aus, er hielt sich auf seinem Klepper in stolzer, gut-ritterlicher Haltung, ganz wie ein vornehmer Edelmann, der es nicht anders gewohnt ist, nur daß freilich der Gaul kaum dazu paßte. Vor dem nahen Turiner Tor befahl er seinem Führer, einen Seitenweg zu nehmen, vor den großen Straßen schien er eine eigentümliche Scheu zu haben. Wirklich wußte der Vetturino einen guten Weg. Auf weichem Boden, zwischen fruchtstrotzendem Gelände ging es dahin in gerader Richtung auf die penninischen Alpen zu, deren weiße Gipfel und Kuppen gleich einer Fata Morgana hoch am abendlichen Himmel standen, so daß der Blick kaum achtete der nahen Überfülle und Üppigkeit der gottgesegneten lombardischen Erde: wie weithin die gewaltige Rebe sich von Ulme zu Ulme schwang, überschwer belastet von der mehrpfündigen lombardischen Traube in Gold und Schwarz zwischen dem kupferigen Laub, während am Boden die Maisfrucht reifte und zwischen dem gelbbraunen Gehüls die mächtigen goldenen Kolben hervorstreckte. Der Mann zu Pferde mit den verstaubten Füßen und dem verschlissenen Mantel hatte lang mit düsterem, fast totem Blick vor sich hingeträumt. Nach und nach aber erhellte sich sein Auge, es wurde schön. Und schön auch wurde das blasse vermagerte Gesicht. Und auf die schmalen Lippen, die man so schmerzlich zucken sah, legte sich der holde Schein eines leisen Lächelns. Dann schien er mit sich selber zu sprechen. Oder war es ein leises Singen, das ihm süß vom Munde ging? »Sei mir gegrüßt, du Göttergeschenk, Rebe, und gesegnet sei der Boden, dem du entsprossest, du große Trösterin der elenden Menschheit. Und gepriesen sei über alle Länder der Erde du mein Heimatland, das du uns die Rebe gibst und den heiligen Wein in solcher Fülle, daß auch die ärmsten deiner Söhne ihn nicht zu entbehren brauchen, sondern sich in ihm Linderung trinken dürfen, wenn die Müdigkeit sie ermattet und der Kummer sie niederdrückt. Und sei auch mir günstig, deinem irrenden Sohn, du edles Land, du Land meiner Heimat, auf dem liebevoller als auf andere Länder die holden Blicke der gnädigen Götter ruhen. Auch du sei gegrüßt, du demütig nah an der Erde Stehende, du Ernährerin der Armen, du strotzende Maisfrucht, weniger edel du, als das heilige Weizenkorn, aber füllereicher, du, vom göttlichen Kolumbus von den Grenzen der Welt her zu uns gebracht. So haben denn auch unsere heidnischen Vorfahren in diesem Lande dich noch nicht gekannt. Sie hätten dich sonst ihrem absonderlichen Gartengott zum Attribut gegeben. Oder vielleicht hätten sie überhaupt sein Bild nach dir gestaltet, und es wäre weniger heidnisch ausgefallen.« Also der Mann zu Pferde. Aber schon dämmerte der Abend, und die Schleier der Dunkelheit schwebten heran, da wurde ihm plötzlich das Wort wie vom Munde abgeschnitten; ein Geschrei, ein heftiges Hundegekläff erhob sich hinter ihm. Er drehte sich im Sattel um, da sah er zwei Windspiele bellend mit heißem Atem hinter einem Rehbock herjagen; schon ganz nahe bei ihm, und dann, gerade zur Seite seines Pferdes, stürzte das verwundete Tier röchelnd zusammen und die Hunde über es her, sich in ihr Opfer verbeißend. Der fromme Pilgrim schien mit Mißfallen auf das blutige Schauspiel zu blicken, und er wollte eben seinem Pferd die Sporen geben. Da stand in Jagdausrüstung ein junger Mann vor ihm, ein Jüngling eher, schön in der Schlankheit und Nervigkeit seiner jungen Glieder, das Gesicht strahlend vom blühenden Blut seiner achtzehn oder zwanzig Jahre. Dieser, ohne einstweilen des Reiters zu achten, machte sich daran, die Hunde aus ihrer Verbissenheit loszureißen. Er hatte keine kleine Mühe damit, doch gelang es ihm zuletzt, dann winkte er einem Bauernburschen, der in einigem Abstand gewartet hatte; dieser lud sich den Bock auf die Schultern und trug ihn davon. Jetzt erst schien der Jüngling den Reiter zu bemerken. »Darf ich Euch fragen,« wandte er sich an ihn, »wohin Eure Reise geht?« Und der Reiter: »Ich möchte wohl noch Vercelli heute abend erreichen, wenn es möglich ist.« »Ihr könntet wohl vor Nacht noch hingelangen,« sprach der andere, »aber nun ist leider der Fluß hoch angeschwollen, der nicht weit von hier vorüberzieht und die Grenze bildet zwischen Piemont und dem Gebiet von Mailand. Ich höre, gar zum reißendem Strom sei er geworden durch einen Wolkenbruch in den Bergen, und Ihr werdet ihn schwerlich überschreiten können. Darum möchte ich Euch raten, bei mir zu übernachten; es steht mir ein bescheidenes Haus zu diesseits des Flusses, und Ihr werdet darin weniger schlecht aufgehoben sein als an einem andern Ort dieser Gegend.« So der Jüngling. Aber der Mann zu Pferd musterte ihn mit höchst mißtrauischen Blicken. Doch konnte er zuletzt nichts Verdächtiges an ihm finden, und in Wahrheit mußte der Reitersmann sehr argwöhnischen Gemütes sein, um hinter dem freundlichen, schmucken Jäger Schlimmes zu befürchten. Das Gegenteil davon sprang in die Augen; aber freilich, es war unterdessen fast vollständig Nacht geworden. Doch schwang der Reiter sich jetzt aus dem Sattel, um dem zu Fuß als gleich und gleich gegenüberzustehen, sein Pferd überließ er dem Vetturino. Zu dem Jäger sagte er: »Wenn es Euch gefällt, so wollen wir uns den Fluß erst ansehen, daß ich mich dann entscheide, was zu tun ist.« Dann ging der Jäger voraus und der Pilger folgte ihm. »Wollet meinen Vortritt«, sprach der Jüngling, sich zurückwendend, »nicht als eine Anmaßung von Rang und Ehre auffassen; es geschieht allein, um Euch auf dem finsteren Weg als Führer zu dienen.« »So hat mir wahrlich«, erwiderte der Pilger, »das Glück einen allzu vornehmen Führer zugesellt, und möchte es Gott gefallen, mich in allen Lagen des Lebens so zu begünstigen.« Eine Zeitlang schwiegen beide; doch wandte sich der Jäger wiederholt nach seinem Schützling um, wie einer, der gern etwas fragen möchte, aber doch nicht zudringlich sein will. Dies erriet der Pilger und fühlte sich verpflichtet, ihm mit einiger Auskunft entgegenzukommen. »Ich war noch nie in dieser Gegend,« sagte er, »obwohl ich einmal auf einer Reise nach Frankreich durch Piemont gekommen bin; aber ich machte damals einen andern Weg. Doch habe ich keinen Grund, meinen jetzigen zu bereuen, da das Land angenehm und seine Bewohner von einer so ungewöhnlichen Höflichkeit sind, wie man sie nicht überall antrifft.« Diese Worte machten dem andern Mut. »Und wolltet Ihr«, begann er, »mir nicht die Ehre erweisen und mir sagen, wer Ihr seid, welches Euer Vaterland ist und was Euch in diese Gegend geführt hat?« Darauf antwortete der Pilger: »Ich bin im Königreich Neapel geboren – einer in ganz Italien wohlbekannten Stadt, auch meine Mutter entstammt diesem Königreich, mein väterliches Geschlecht aber geht in seiner Wurzel zurück auf Bergamo, einer Stadt in der Lombardei. Meinen Namen und Beinamen verschweige ich als ganz bedeutungslos und unwichtig, so daß Ihr, wenn ich sie Euch nennte, damit nicht mehr wüßtet als zuvor. Ich bin ein Flüchtling. Ein launischer Fürst und die gleichgeartete Glücksgöttin sind in Zorn gegen mich entbrannt, und nun wende ich mich in die Staaten des Herzogs von Savoyen.« »In ihm«, warf der Jäger ein, »werdet Ihr einen großmütigen, gerechten und gnädigen Fürsten finden.« Weitere Fragen über die Verhältnisse des Fremden enthielt er sich, da er wohl bemerkt hatte, daß dieser nur ungern darauf eingehe. Sie näherten sich übrigens jetzt dem Fluß. Reißend schoß dessen Wasser dahin und ging außerdem weit über die hohen Ufer. Eine Gruppe Bauern, die dem Schauspiel zuschauten, erklärten ihnen, daß der Fährmann sich weigere überzusetzen. Einige französische Herren hätten ihm jeden Preis geboten, er habe aber selbst das höchste Anerbieten abgelehnt. Da wandte sich der Pilger an den, der ihn begleitet und geführt hatte. »Die Notwendigkeit zwingt mich,« sprach er, »ein Erbieten anzunehmen, das ich bisher nur abgelehnt habe, weil ich Euch nicht gern lästig falle.« Und der andere: »Wohl würde ich diese Ehre lieber Eurem ungezwungenen freien Entschluß verdankt haben, als dem sinnlos wütenden Element; dennoch will ich auch diesem gern dankbar sein, denn er tut mir wahrlich einen großen Gefallen.« Darauf antwortete der Pilger nicht sogleich. Er zögerte von neuem und prüfte wieder und wieder den Jäger mit argwöhnischen Blicken oder sah verlegen vor sich hin. Endlich aber faßte er einen Entschluß: »Ihr wollt mir eine Herberge zeigen,« sagte er fast unfreundlich, »auf denn, je eher, je lieber.« »So laßt es Euch gefallen, mir zu folgen,« sprach der Jäger sichtlich erfreut; »dort das Haus nahe am Ufer ist es, wo ich Euch hinführen will.« Dieses Haus überragte an Ausdehnung und Höhe weit alle anderen des kleinen Ortes, wo man sich befand, ein Garten hinter hohen Mauern trennte es von diesem und gab ihm ganz das Aussehen eines ländlichen herrschaftlichen Palastes. Ein halbrunder Platz davor, von Prellsteinen und rund zugeschnittenen Bäumen umgeben, bildete den Zugang zu einer Freitreppe, die in breiter Doppelstaffel von zwei Seiten her zu einer Gartenterrasse emporführte. Durch eine offene Tür betraten die beiden einen hohen quadratischen Saal, an den sich rechts und links eine Anzahl Gemächer anschlossen. Der Eingangstür gegenüber führte eine andere breite und bequeme Treppe, zweiseitig wie die vordern, nach dem inneren Hof hinunter. Reiche Ledertapeten bekleideten die Wände des Saales, und davor, in symmetrischer Verteilung, standen weiße Marmorbüsten auf schwarzen Sockeln. Ein mächtiger Tisch, zum abendlichen Mahl gerichtet, nahm die Mitte des Saales ein, und von der Kredenz her, an der hinteren Saalwand, leuchteten in Gefäßen von Ton und Kupfer hoch aufgetürmt alle verlockenden Gaben des dortzuland so reichen Herbstes. »Ihr versteht zu überraschen«, also wandte sich lächelnd der Fremde an seinen Führer. »Das sieht ganz aus nach dem reichen Landsitz eines vornehmen Edelmanns, der in luftigem Haus und weiträumigem Garten die gepriesenen Annehmlichkeiten der großen Stadt gern vergißt. Seid Ihr gar selber der Herr des Hauses?« »Ich nicht,« gab der Gefragte Antwort, »aber mein Vater – Gott gebe ihm ein langes und glückliches Leben! – ist hier der Herr und Besitzer. Er wird es nicht verleugnen, einer der ersten Edelleute unserer Gegend und auch sonst an Höfen und in der großen Welt bewandert zu sein, wenn er auch die meiste Zeit das Landleben dem Hofleben vorgezogen hat, obwohl von ihm ein Bruder am römischen Hofe lebt, den der Kardinal Vercelli, man darf wohl sagen, mit großer Hochachtung und Freundschaft behandelt.« In diesem Augenblick öffnete sich links eine Flügeltür. Zwei Diener stellten sich auf zu beiden Seiten und der Hausherr betrat den Saal – ein Mann, den Sechzigern näher als den Fünfzigern, mit ergrauendem Haupt und Bart, ganz in Schwarz gekleidet. Er wandte sich an seinen Sohn: »Woher kommt uns dieser Gast, den ich je gesehen zu haben mich nicht erinnere, weder hier noch anderswo?« Statt des Sohnes antwortete der Fremde, indem er sich zugleich ehrfurchtsvoll vor dem Hausherrn verbeugte. »Erweist mir die Gnade«, sprach er, »und erlaubt mir, daß ich meinen Namen verschweige, er ist zu geringfügig, um Euch etwas sagen zu können. Das aber mögt Ihr erfahren: Ich komme von der Stadt Mantua, wo ich mich einige Zeit aufhielt. Ihr wißt vielleicht, daß dort vor kurzem der junge Vicenzo zur Regierung gelangt ist, der einst, wie ich wohl sagen darf, auf der Universität von Bologna zu meinen Freunden gehört hat. Auch wurde ich zu Mantua gar freundlich von ihm empfangen, so daß ich mir wohl Hoffnung machen durfte auf eine ehrenvolle Stelle an seinem Hof. An diesem Hof aber lebte mir ein gehässiger Feind, und der stand in großer Gunst bei dem jungen Herzog, so daß ich es zuletzt nicht mehr mit meiner Ehre vereinbar fand und ... aber gestattet, Herr, daß ich hier schweige. Nur soviel noch: Mein Weg von hier geht nach Turin.« »Seinen Gast auszuforschen«, antwortete der Angeredete, »wäre eine üble Sitte und verkehrte die wahre Gastlichkeit fast in ihr häßliches Gegenteil. Und so, wer Ihr auch sein mögt, seid willkommen in diesem Hause, wo man immer darauf bedacht gewesen ist, den Fremden Dienst und Ehre zu erweisen.« Hier trat dem Gast eine Träne ins Auge, die er aber zu unterdrücken suchte; eine hektische Röte zeigte sich auf seinen eingefallenen Wangen, ein eigentümliches Zucken spielte um seine schmalen Mundwinkel, das dünne Lippenbärtchen zitterte. »Ich nehme Eure großmütige Gastfreundschaft an,« sagte er; »möge es Gott gefallen, daß ich mich dafür eines Tages dankbar erweisen könnte.« Zugleich traten aus dem Hintergrund her drei Diener in den Saal mit kupfernen Becken und reinlichen Tüchern; die drei Männer wuschen sich die Hände, und dann setzte man sich zu Tisch. Die ersten Gespräche ergingen sich im Täglichen, über die Jagd des Sohnes, über die unerhörte Anschwellung des Flusses und anderes, aber als die goldig gebräunten Trauben, die flaumigen Pfirsiche, die saftstrotzenden Bergamotten und der grau und grünlich geäderte heimatliche Gorgonzola vor die Speisenden hingestellt wurden, zusammen mit einem andern, einem goldenen Wein statt des schwarzen, da gab der Hausvater den Reden eine neue Wendung. »Ihr habt von Mantua gesprochen,« so wandte er sich an den Gast, »damit habt Ihr alte Erinnerungen in mir aufgerufen; werdet Ihr, der von sich selber nicht reden mag, mir in Güte es nachsehen, wenn ich mich nun über diese Erinnerungen ein wenig auslasse?« »Wir können es Euch nur danken«, antwortete der Gast; »denn nur Angenehmes und Belehrendes steht aus Eurem Munde zu erwarten.« »Vielleicht Schmerzliches«, versetzte der Alte, indem er mit der rechten Hand seinen Bart umspannt hielt. »So viel habe ich schon bemerkt,« fuhr er fort, »daß Euch gewiß die Werke der Dichter, alter und neuerer, nicht fremd geblieben sind?« Bei dieser Frage oder Halbfrage trat in die großen tiefliegenden Augen des Fremden etwas wie ein Blick des Unmuts, doch er antwortete: »Ich höre gern reden von den Dichtern und ihren göttlichen Geschenken an die Menschen.« »Das sei Euch gedankt«, antwortete darauf der Vater. »Denn nun bin ich sicher, Ihr kennt auch den Namen und die Gesänge des großen Bernardo Tasso?« Über das blasse hohlwangige Gesicht des Gastes lief es wie ein jähes Erschrecken, in seine tiefen Augen trat ein aufflackerndes Licht, das konnte auch seinem Gegenüber nicht entgehen. Doch der Fremde beruhigte ihn. »Laßt Euch nicht beirren,« sagte er, »ich kenne freilich die Werke des genannten Bernardo; sein großes Helden- und Liebesgedicht, sein Amadigi, wenn es auch dem des Meisters Ludwig nicht gleichkommt, ist meiner Seele teuer; und für den Dichter selber empfinde ich eine hohe Verehrung wie wahrlich für keinen andern Sterblichen.« »Ihr macht mich glücklich,« versicherte der Hausherr; »denn wisset: diesem Meister Bernardo, diesem großen Dichter Bernardo Tasso verdanke ich persönlich die schönsten Tage meiner Jünglingszeit. Darf ich Euch erzählen?« »Ich bitte Euch inständig darum.« »So hört: Als zweiter Sohn – mein älterer Bruder, Gott sei's geklagt, ist später gestorben – hatte ich nach unserem Hausgesetz nur geringe Erbansprüche; so schickte mich mein Vater auf die Hohe Schule von Salerno, er wollte einen berühmten Arzt aus mir machen. Doch mein Sinn stand nicht danach. Ihr wißt vielleicht, daß damals der Fürst Ferrante Sanseverino im Fürstentum Salerno regierte; der hatte zu seinem obersten Ratgeber keinen anderen als unseren Bernardo Tasso, und ich – wie es sich zugetragen hat mag der Kürze wegen beiseite bleiben – und ich, der Euch in diesem Augenblick gegenübersitzt, kam als Privatsekretär in dessen Dienste, genau in dem Alter des jungen Jägers da an meiner Seite.« Der Erzähler machte eine Pause. Der Gast ihm gegenüber saß stumm mit erglühten Wangen und zu Boden gehefteten Augen. Der Sohn sah besorgt zu ihm hin. »Liebster Vater,« sagte er, »wirst du unseren Gast nicht ermüden?« Doch dieser fuhr jäh in die Höhe. »Nein, nein«, rief er fast heftig; »ich bitte Euch um Gottes willen, erzählt weiter, wenn es Euch nicht belästigt. Ihr erweist mir eine große Wohltat.« Und der Gastfreund fuhr in seiner Erzählung fort: »Bernardo Tasso stand auf der Höhe seines Lebens, als ich das hohe Glück hatte, in sein Haus einzutreten. Die spätere Absetzung und Beraubung seines fürstlichen Herrn und seine eigene Verbannung und Armut warfen noch nicht den leisesten Schatten voraus. Es war dies kurz nach seiner spanischen Reise an den Hof des Kaisers Karl als bevollmächtigter Gesandter des Fürsten von Salerno. Diese wichtige Mission erfüllte er zur vollsten Zufriedenheit seines gütigen Regenten, der ihm nicht nur seine Einkünfte verdoppelte und ihn von da an mehr als seinen Freund denn als Diener behandelte. Er tat noch mehr für ihn. Er schenkte ihm in der schönen Stadt Sorrent ein Haus auf lotrecht steiler Wand, hoch über dem blauen Meer und erlaubte ihm, mit seiner Familie dort zu wohnen und fern von den Geschäften – procul negotiis , wie der alte Horatius Flaccus es ausdrückte, – ganz seiner Dichtung und seinen Studien zu leben. Und ich durfte sein Hausgenosse sein. Die ersten Gesänge des Amadigi entstanden damals. Von diesen die sauberen Abschriften herzustellen, die er seinen Freunden schickte, bildete meine beglückende, lustvolle Arbeit neben gelegentlichen geschäftlichen Dingen. Ich wohnte wie im Haus des Glücks. Der Sohn Torquato war noch nicht geboren, aber eine Tochter, Cornelia geheißen, blühte bereits heran und versprach der Mutter liebliches Ebenbild zu werden. Wenn ich aber an diese denke, die schöne Signora Porzia, da bewegt sich mir noch heute das Herz im Leibe. Mit größerer Zärtlichkeit hat nie ein Weib ihren Mann geliebt; ihre Schönheit und große Güte beglückte zugleich alles Hausgesinde, mich selber behandelte sie wie das eigene Kind. In diesem Jahr des hellsten Glücks trug sie ihren Sohn Torquato unter dem Herzen, das machte sie noch liebreicher als sonst, wie wenn sie sich bewußt gewesen wäre, daß sie dem Jahrhundert den größten Dichter schenken werde. Wer mir damals gesagt hätte, daß diese göttliche Frau einst, abgetrennt von Sohn und Gemahl, im Elend der Verbannung und harter Arbeit sterben werde, den hätte ich getötet ...« Der Erzähler hielt erschrocken inne, aufs höchste bestürzt durch das, was sich seinen Augen darbot. Der Gast gegenüber hatte sein Antlitz mit beiden Händen bedeckt, eine heftige Erschütterung durchzuckte ihn, und trotz der Verhüllung sah man, daß er bitterlich weinte. »Gütiger Gott,« rief der Gastfreund, »was ist Euch, Herr?« Und der junge Jäger sah in stummer Betroffenheit zu seinem Vater hin. Der Fremde konnte nicht sogleich antworten. Erst allmählich beruhigte er sich, und mit einer Stimme voll Schmerz und Trauer erklärte er sein Betragen. »Ihr edlen Wohltäter,« wandte er sich an die Tischgenossen, »verzeiht meine unmännliche Aufführung; aber Eure letzten Worte, würdiger Herr und Gastfreund, haben mir wie Messer ins Herz geschnitten, ich mußte meiner eigenen armen Mutter gedenken, die ich in zarter Kindheit verloren habe. Wollet nun aber auf das zu reden kommen, was Ihr, wenn ich recht verstanden habe, mich über Mantua zu fragen im Sinne trugt. Mir ahnt, daß Eure Frage den unglücklichen Bernardo Tasso betreffen mag.« »So ist es,« bestätigte der Hausvater, »und Ihr wißt nun, was mir der Mann in meiner Jugend bedeutet hat; nämlich die reinste Erscheinung hohen Menschentums, der ich im Leben begegnet bin. Nach seiner Verbannung aus dem Königreich Neapel vernahm ich viele Jahre lang nichts Sicheres über ihn, dann aber hörte ich, daß ihn der Herzog von Mantua, der Vorgänger des jetzigen Fürsten, zu seinem Staatssekretär ernannt hat. Lebt er noch und ist er noch immer in dieser hohen Stellung?« Und der Gast: »In dieser Stellung ist er nicht lange verblieben, ihre Bürde fiel seinem hohen Alter zu schwer. Er hat sich auf eine kleine Statthalterschaft zurückgezogen, nach Ostiglia, aber die Fieberluft des kleinen Ortes in den Niederungen des Po ...« »Hat ihn doch nicht ...« »Hat ihn getötet; er ist in meinen Armen gestorben.« »In Euren Armen?« rief der andere voll kindlicher Rührung. »In Euren Armen, der große Dichter! Erlaubt, daß ich Euch die geheiligten Hände küsse!« Und er erhob sich. »Nicht doch«, wehrte der Gast; »setzt Euch, ich bitte, zurück auf Euren Stuhl, Edler, Würdiger, und hört mich.« Der Alte setzte sich, und Vater und Sohn hielten die Augen in voller Erwartung auf den Gast gerichtet. »Ich stehe bei Euch tief in Schuld«, begann dieser, indem er sich an den Vater wandte; »der arme Pilger, den Ihr in so großmütiger Gastfreundschaft in Euer Haus genommen habt, hat sich wenig dankbar dafür erzeigt, indem er Euch gegenüber nicht aus seinem Versteck heraustrat, wie er es sich auf dieser Wanderschaft zur Regel gemacht hat; aber Eure schönen Worte, Eure Worte über die beiden Toten Bernardo Tasso und seine Gemahlin, machen mich Euch mehr geneigt, als ich anfangs gedacht hatte. So wisset: Der vor Euch sitzt, ist des unglücklichen Bernardo tausendmal unglücklicher Sohn!« Da war nun freilich das Erstaunen der anderen groß. »Du bist Torquato?« rief der Vater, »Torquato Tasso, den ich als Kind in meinen Armen gehalten, der Dichter des »Rinaldo« und des »Befreiten Jerusalem«? »Dieser Unglückliche bin ich!« sprach der Dichter in einem Ton voll Schmerz und Trauer. Es behielt aber seine Rede weiterhin nicht diese Färbung; sie wurde bitter, als der Dichter, wenn auch nur mit karg andeutenden Worten auf Ferrara und dessen Herzog zu sprechen kam, auf seinen Kerker dort und seine Ketten, durch neun jammervolle Jahre in der schönsten Blütezeit seiner Jugend, dann auf seine Flüchtlingsjahre, die er mit seiner wahrscheinlich wirklich kranken Phantasie grell genug beleuchtete. Und auch auf das Schicksal seines Gedichts kam er zu sprechen, das man ihm wegnahm mit List und Gewalt und unfertig und verstümmelt in Druck gab, daß es ihm vor allen Verständigen Schande bereiten und seinen Ruhm im Keime ersticken sollte. Die Hörer ergriff mächtig das Geschick des Unglücklichen. Der Vater aber glaubte einen Trost zu haben: »Edler Torquato,« sprach er, »höre nun auf mich! Mir ist von Gott Großes widerfahren, dafür werde ich ihm nie genug danken können. In mein Haus hat er mir den Sohn des verehrtesten Mannes geschickt, den ich im Leben kannte, den Dichter Torquato Tasso, den Italien und Europa bewundert! So hat Gott mich begnadet. Nun tue auch du mir ein Kleines; betrachte mein Haus als das deinige, ruhe dich aus bei mir, heile deine wunden Füße. Du hast hartes Leid erfahren; deine körperlichen Kräfte sind erschöpft. Bleibe bei mir, und in meiner Liebe und Pflege komme du von neuem zu Kraft und Gesundheit. Der Herzog von Savoyen, wenn er auch mein Lehensherr ist, mag eine Weile warten. Bei diesen Worten schnellte der Dichter von seinem Stuhl empor und brach los: »Armer Alter, du kennst mich nicht. Du vermagst von den Dichtern zu schwärmen wie ein Knabe; aber du ahnst nicht, was ein Dichter ist. Du hältst mich gar für deinesgleichen. Den freien Sänger, den Gesandten Gottes, der den Menschen erst ihre Freiheit lehrte und ihre Würde, den willst du in deinen Käfig einfangen und einsperren? Und den Dichter, an das Mahl der Götter gewohnt, willst du mit deinen Bohnen mästen und zu einem Krautjunker erniedrigen. Oh, ich durchschaue dich! Du bist mit meinen ärgsten Feinden im Bund, wie konnt' ich dir nur so blind in die Schlinge gehen? Du wußtest, daß der Herzog von Savoyen mich erwartet, so hast du deinen Knaben als Jäger nach mir ausgesandt. Sehr schlau hast du das eingefädelt. Und fest sehe ich deine Tür verschlossen. Oh, wer zeigt mir den Weg in die finstere Nacht hinaus? Ich darf es nicht versuchen; du würdest mich von deinen Knechten greifen und fesseln lassen. Ich will keine Fesseln, ich will nicht gebunden sein. Junger Mann, führe mich zu meinem Lager!« Der junge Jäger erhob sich, totenbleich und zitternd; der Dichter folgte ihm auf dem Fuße; der Alte sank wie vernichtet in seinen Sessel. Der Sohn kehrte blaß und stumm zurück; und erst nach einer Weile fand der Vater ein Wort: »Es mag,« begann er, »es mag an unserer ländlichen Lebensweise liegen, daß das höfische Leben uns mehr abstößt als anzieht. Dieser Torquato aber, zuerst am Hofe erzogen und dann immer an Höfen lebend, kann sich ein anderes Leben gar nicht denken; und kaum einem Hof und einer harten und stellenweise unmenschlichen Behandlung entflohen, ist er schon wieder auf der Suche nach einem neuen Hof. In Pesaro-Urbino und in Mantua ist es ihm mißlungen; nun hofft er auf Savoyen. Uns mag das wie ein Wahnsinn erscheinen, aber wir haben unrecht! Die Höfe sind eben doch wirklich die große Welt, und nicht selten sind sie auch Brennpunkte des höheren geistigen Lebens.« Am anderen Morgen begrüßte Tasso seinen Gastfreund in steifer Feierlichkeit, und mit ausgesucht höfischen Worten wiederholte er seinen Dank. Eine Einladung zum Morgenimbiß lehnte er ab, und vor der Tür schüttelte er den Staub von seinen Füßen und zog dann seine Straße, ohne auch nur einen Blick auf das gastliche Haus zurückzuwerfen. Es steht aber der alte Palast, wo sich dieses alles zugetragen hat, noch heute in dem ländlichen Ort Borgo Vercelli auf dem linken Ufer der Sesia, und der Fremde wird von den Einwohnern darauf aufmerksam gemacht. Aber den Namen und die Person des hochherzigen Gastfreundes konnten Historiker und Biographen seltsamerweise nicht feststellen. Überhaupt wäre ihnen dieser Vorfall im Leben des unglücklichen Dichters verborgen geblieben, wenn nicht Torquato Tasso eben selber ausführlich davon gesprochen hätte, und zwar in einem seiner zahlreichen philosophischen Dialoge, dessen italienischer Titel mit demjenigen dieser Geschichte »Der Pilgrim und sein Gastfreund«, wenn auch nur annähernd, wiedergegeben ist. Prinz Muley Hassan In den Annalen der spanischen Inquisition erscheint der Großinquisitor Don Juan de Somosierra – ob das nun viel oder wenig heißen will – als einer der menschlichsten und mildesten Inhaber dieses bei gewissen Leuten etwas in Verruf gekommenen hohen Amtes; folgendes aber ist seine Geschichte. Im Sommer 1732 errangen die Spanier in ihrem tausendjährigen Krieg gegen die Mauren einen letzten glänzenden Erfolg mit der Eroberung der Stadt Oran. Seit Anfangs Januar belagerten sie die Stadt, gegen Mitte Juni fielen die Festungswerke des Dschabel Murdschadscho sowie die Burg Roskalkar in ihre Hände, und am ersten Juli endlich erstürmten sie die Stadt. Furchtbare Grausamkeiten begleiteten den Sieg. Das Blut floß wirklich in Strömen durch die krummen Gassen der maurischen Altstadt. Das ganze Geschlecht des Sultans oder Dey von Oran wurde ausgerottet mit Ausnahme des Prinzen Muley Hassan, der in Gefangenschaft geriet. Er hatte seinen Vater und seine Brüder erwürgen sehen, seine Schwestern geschändet und mißhandelt, die Burg und den Palast in Asche verwandelt, alles Land umher in grauenhafter Zerstörung und fand sich nun auf den entsetzlichen spanischen Galeeren nackt an die Ruderbank geschmiedet dem Spott und Hohn roher Soldaten, der Züchtigung mit eisernen Ruten und aller Art schmachvollen Mißhandlungen preisgegeben. Doch nicht lange verharrte er in dieser entsetzlichen Lage. Der Befehlshaber der spanischen Expedition erfuhr erst nachträglich seine Gefangennahme und Behandlung. Es war dies Don Juan de Somosierra, Herzog von Logrono, im Volk gewöhnlich Don Juan d'Asturia genannt, nicht nur, weil er von Abstammung ein Asturier, sondern noch mehr: weil die Statthalterschaft dieser Provinz schon zweimal in seiner Familie vom Vater auf den Sohn übergegangen und fast wie erblich zu seinem Hause gehörig betrachtet wurde. Sein Name hatte also einen merkwürdigen Gleichklang mit einem andern berühmten Sieger gegen die Mauren vor nun bald zweihundert Jahren, mit jenem Don Juan d'Austria, dem Sieger von Lepanto. Auch fast in dessen jugendlichem Alter stand er; aber wenn der glänzende Sieg jenes Früheren fast zu keinem greifbaren Erfolg geführt hatte, bedeutete die Eroberung von Oran, so nahmen wenigstens die Spanier die Sache, eine endgültige Erlösung von der jahrtausendlangen Bedrohung des Landes durch die Afrikaner, so daß man sich nicht zu verwundern braucht, wenn das ganze spanische Volk in überströmender nationaler Begeisterung dem Sieger des Tages eine jubelnde Dankbarkeit entgegenbrachte. Und noch mehr als über diesen allgemeinen Erfolg fühlte der junge Herzog von Logrono sich beglückt über einen ganz besonderen. Durch sein kaltblütiges und fast tollkühnes Eingreifen hatte er seinen liebsten Freund vom Tode errettet. Bei der letzten verzweifelten Verteidigung der Mauren in einem der inneren Höfe der festen Kasba, der alten Burg des Chaireddin Barbarossa, sah er den Freund bereits von einem halben Dutzend Turbanen eng umringt und von ebensoviel Säbeln umzückt. Nur durch die persönliche Todesverachtung des Heerführers wurde jener gerettet. Für dieses Glück gegenüber einer so furchtbaren Gefahr fühlte sich Don Juan dem Himmel vor allem dankbar, denn jener Freund war ihm der vertrauteste und liebste Mensch auf dieser Welt, wenn er gleich im äußeren Rang weit von ihm abstand. Und also weich gestimmt, empfand er es peinlich, den gefangenen Prinzen, der zufällig den Namen trug des letzten maurischen Königs auf spanischem Boden vor dritthalbhundert Jahren, in harter Sklaverei und schmachvollem Elend zu wissen. Er gab darum den Befehl, daß Muley Hassan von den Galeeren zurückgebracht und königlich gekleidet werde. Darauf ließ er sich den Prinzen persönlich vorführen. Er saß in seinem Arbeitsgemach mit seinem Freund Leandro, Gegenwärtiges und Künftiges besprechend. Besonders um persönliche, und zwar Liebesangelegenheiten des Freundes handelte es sich. Denn Don Leandro war verlobt und liebte. Daß der Herzog ihm das Leben gerettet hatte, bedeutete ihm lange nicht so viel, als daß er mit ihm von Donna Jimena reden konnte, seiner vergötterten Braut, die in seinen Augen, ganz abgesehen von ihrer allgemein gepriesenen außerordentlichen Schönheit, alle Vorzüge besaß des Geistes und Gemütes und nur einen einzigen Fehler, nämlich den, ihm nur selten und auch dann nur kurze und knappe Brieflein zu schreiben, voll kühler Zurückhaltung; so mochte sie dies, als die stolze Tochter des reichen Marques von Villar, ihrer würdig finden, und auch in der allgemeinen Sitte mochte sie damit stehen und nicht ahnen, daß ihr Verlobter es ganz anders von ihr erwarten zu dürfen glaubte. Von dieser Dame also hatten die beiden Freunde auch jetzt wieder zusammen gesprochen und darüber den erwarteten Mauren ein wenig vergessen. Der junge Prinz trat ein, ganz nach maurischer Art in reiche weiße Gewänder gehüllt, den gelbweißen Turban auf dem Haupt; nur das Schwert an seiner Seite fehlte. Muley Hassan, märchenhaft schön mit seinen zweiundzwanzig Jahren, hoch und schlank gewachsen, führte die Rechte an seine königliche Stirne und verneigte sich tief. »Was willst du?« fragte wie gleichgültig der Herzog von Logrono. »Die Befehle meines Herrn entgegennehmen«, antwortete der Prinz. Don Juan d'Asturia faßte einen Augenblick den Mauren scharf ins Auge. Er dachte, es ist gut, daß ich nicht stehe; denn der körperliche Wuchs des Spaniers mußte gegen den des Mohammedaners beträchtlich zurückstehen, und von Don Leandro galt das gleiche. Oder waren es bloß die langfaltigen weißen Gewänder und der Turban, die den Mauren soviel größer erscheinen ließen gegenüber den schwarzen Strümpfen und Schenkelbauschen und Wämsern der Spanier, von denen der Kopf sich durch die fächerartige weiße Halskrause gleichsam abgeschnitten zeigte. Wie dem auch sei, der Herzog, der auch sonst gerade keine Schönheit darstellte, mit seiner etwas gedrückten Nase und dem breiten Mund, mußte eine kleine Empfindlichkeit erst unterdrücken, ehe er antwortete. »Ich wollte dir sagen,« sprach er, »daß ich willens bin, dir dein Los so erträglich als möglich zu machen.« Er sagte das in dem Ton, in dem ein wohlwollender Höherer zu einem Niederen spricht. Muley Hassan blieb stumm und regungslos. »Hast du mich nicht gehört?« fragte Don Juan d'Asturia etwas barscher. »Welchen Dank erwartest du von mir, Herr?« fragte der Prinz. »Dank?« versetzte Don Juan. »Ich habe noch nie Dank dafür verlangt, wenn ich ein Almosen gab.« »Du tust wohl daran, Herr«, gab Muley Hassan zur Antwort. Sanft und ruhig sprach er das. Kein Laut der wenigen Worte gab ein Anzeichen von seinem glühenden Haß und seiner lodernden Entrüstung gegen den barbarischen Zerstörer seines Reiches und seiner Familie. Auch der Herzog von Logrono ließ sich täuschen. »Du gefällst mir,« sprach er, »du sollst in meiner nächsten Umgebung bleiben. Ich will dich behandeln wie einen Freund. Vergiß, was ich dir Übles getan. (Als ob ein Maure das je könnte.) Die Deinigen sind jahrhundertelang mit uns viel schlimmer verfahren. Du wirst es wissen. Und nun geh und laß dir im Palast dein Gemach anweisen; sobald mich mein Freund verlassen hat, werde ich selber nachschauen, ob es dir an nichts fehlt.« Muley Hassan machte wieder, die Rechte an die Stirn gelegt, eine tiefe Verbeugung, dann schritt er hocherhobenen Hauptes aus dem Gemach, dessen leichter Vorhang aus kunstreicher farbiger Seidenstickerei sich hinter ihm schloß. »Was meinst du von ihm, Leandro?« fragte Don Juan seinen Freund. »Der Prinz scheint mir von sanfter melancholischer Gemütsart«, antwortete der, dem der Herzog das Leben gerettet hatte. Mit seinem vollen Namen hieß er Don Leandro, Graf von Monreal y Calamocha. Trotz des doppelten Namens aber war seine Grafschaft sehr geringfügig, und wenn er nicht von einem mütterlichen Onkel in Argentinien oder sonstwo in dem südlichen Amerika reiche Besitztümer geerbt hätte, würde er zu den unzähligen spanischen Titulados mit sehr langen Namen und sehr kurzen Einkünften gehört haben. Aber nicht nur, daß er sich durch die amerikanische Erbschaft dieses glänzenden Elends enthoben sah, der Himmel hatte ihm außerdem zwei unendlich wertvollere Güter sozusagen in den Schoß geworfen, die treue Freundschaft, die ihm der Herzog von Logrono entgegenbrachte, einer der reichsten Granden des Königreichs und seit einigen Tagen der höchste Stolz der spanischen Nation, und die Liebe der schönen Donna Jimena, die ihm begreiflicherweise noch höher galt als die genannte Freundschaft, deren Wert er deswegen keineswegs unterschätzte. Vollkommen brüderlich war diese Freundschaft trotz des großen Abstandes, der die beiden Freunde in der Welt voneinander trennte. Sie schrieb sich von der Schule zu Salamanca her, wo die gleiche Studienrichtung, Übereinstimmung in ihren Sitten und verwandte geistige Bedürfnisse beide zusammengeführt hatte zu fünfjährigem innigen Verkehr, wie er überhaupt nur in diesem Lebensalter sich herausbildet. Aber auch die folgende Zeit riß die Unzertrennlichen nicht auseinander. Sie traten, wenn auch in sehr verschiedener Stellung, zu Madrid gleichzeitig in den Hofdienst, und als der Herzog später Gouverneur von Asturien wurde und zugleich in die Armee eintrat, machte er Don Leandro zu seinem Adjutanten und verschaffte ihm bald ein eigenes Regiment, ohne je den Freund durch seine Gunstbezeigungen zu demütigen, indem er der Freundschaft desselben offenkundig einen so hohen Wert beimaß, daß der Stolz und das hohe Selbstgefühl des Don Leandro dabei durchaus auf ihre Rechnung kamen. Und also waren sie auch zusammen nach Afrika gekommen, doch stand ihnen jetzt eine längere Trennung bevor. Schon wenige Tage nach dem Auftritt mit Muley Hassan geschah es, daß Don Leandro den Freund, der ihn zum Frühstück gebeten hatte, nicht ganz so aufgeräumt fand wie in den letzten Tagen. Er wollte deswegen eine Bemerkung machen, zog es dann aber vor, zu warten, bis Don Juan selber redete. Dieser ließ aber den Grafen von Monreal zuerst das gebratene Hühnchen verzehren, er hatte ihm die goldigste Hälfte auf den Teller gelegt, und erst als sie das knusprige Gebäck und die honiggelben Datteln in Anspruch nahmen und ein edler Wein in den Gläsern funkelte, auch der aufwartende Diener weggeschickt war, rückte der Herzog mit der Sprache heraus. »Ich weiß, du hast es nie getan,« begann er, »aber diesmal wirst du mich beneiden.« »Das sei ferne von mir, lieber Freund,« beteuerte Don Leandro. »Du wirst mich beneiden«, wiederholte Don Juan, und die Augen des Don Leandro gewannen fast einen drohenden Ausdruck. »Du mißverstehst mich, lieber Bruder,« fuhr jener fort, »ich bin vollkommen überzeugt, man könnte mir ein Königreich schenken, du wärst gewiß der einzige, du Guter, der mich aufrichtig beglückwünschte. Aber die Nachricht, die ich vor einer Stunde aus Madrid erhalten habe, und was sie für mich einschließt, die wird dich neidisch machen. Das hättest du dir lieber selber gewünscht. Es würde dir ja auch mehr bedeuten. Kurz, ich bekam den Befehl, mich schon morgen nach Madrid auf die Reise zu machen.« »Das ist ja herrlich,« rief Don Leandro voll Feuer, »so werde ich ja in der Lage sein, mich in Kürze meiner Braut zu Füßen zu werfen.« »Eben nicht«, versetzte der Herzog voller Teilnahme. »Du wirst mich nicht begleiten. Du bist an meiner Stelle zum vorläufigen Statthalter hier ernannt.« Dabei zog er aus der Tasche seines Wamses einen großen Brief mit dem königlichen Siegel in rotem Wachs und hielt ihn dem Freund vor die Augen. Don Leandro blickte bestürzt. »Ihr hattet recht,« sagte er dann voll Wehmut, »ich beneide Euch. Ich beneide Euch um die Luft von Madrid ... Aber nun nichts weiter von Neid. Du bist ja mein Freund, Juan, du wirst Donna Jimena in meinem Namen aufsuchen, du wirst sie von mir unterhalten, und sie wird ein wenig das Gefühl haben, als ob ich selber gekommen sei, willst du, Freund Juan? Es wird der größte Dienst sein, den du mir je erwiesen hast, oder verlange ich zuviel von dir? Alle Welt wird sich zu Madrid um dich balgen, aber zu einem Dienst der Freundschaft, wie ich dich kenne, wirst du vielleicht hie und da ein Stündchen erübrigen.« Der Herzog von Logrono mußte lächeln. »Ich fürchte nur,« antwortete er, »ich werde dir ein mangelhafter Botschafter sein. Du weißt, abgesehen von meiner guten Mutter, auf deren Wiedersehen ich mich über alles freue, habe ich außerhalb der steifen Hofgesellschaft den Verkehr mit Damen wenig gepflegt, ein dunkler Instinkt schreckte mich davon ab, ich hielt mich zu ungeschickt dafür, oder ich fühlte einfach kein Bedürfnis danach, – nein, es war wirklich ein Gefühl von Ungeschicklichkeit. Mein Wesen war allezeit ein etwas schwerfälliger Ernst, ein leichtfertiger Scherz stand mir nie zur Verfügung. Vor schönen Frauenaugen verstummte ich gern, und das modische Gitarregeklimper vor verschlossenen Fensterläden dünkte mich eine läppische Afferei. Man hat mir diesen Mangel, und es war ja wohl einer, oft genug zum Vorwurf gemacht, schon auf der Schule zu Salamanka. Denn die Wölfe wollen, daß man mit ihnen heule. Auch boshaft gewitzelt hat man darüber, obwohl in der Regel nur, wenn man sich außer der Reichweite meiner Degenspitze wußte. Nur einer hat es mir einmal ins Gesicht gesagt, der Vizgraf von Moncada, erinnerst du dich noch? Es war, bevor er damals den Skandal hatte mit der losen Luise, der Schauspielerin. Dem habe ich heimgeleuchtet, er hat sechs Wochen lang den Arm in der Schlinge getragen. Du selber hast mich oft damit geneckt und mir diese angeborene Scheu, oder sagen wir Gleichgültigkeit gegenüber dem schönen Geschlecht als den einzigen Fehler bezeichnet, dessen du mich zu zeihen hättest, was ich natürlich immer noch für sehr schmeichelhaft hielte, wenn ich es glauben könnte. Kurz, ich fürchte, ich werde vor Donna Jimena eine schlechte Figur machen und deine Erwartungen nur unvollkommen erfüllen.« Don Leandro, obwohl er das Vorgebrachte nicht bestreiten konnte, teilte dennoch diese Befürchtung nicht, sondern bekämpfte sie mit der allgemeinen Bemerkung, daß wir alle weniger schüchtern zu sein pflegen, wenn wir die Sache eines andern, als wenn wir die unsrige vertreten. Und also übernahm der junge Herzog seinem Freund zuliebe das ihm persönlich nicht ganz willkommene Botschafteramt, und am andern Morgen schiffte er sich ein. Den Prinzen Muley Hassan führte er mit, zunächst aus politischen Gründen, aber auch aus andern, denn es stand so, er hatte an diesem Mauren, wie man zu sagen pflegt, ein wenig den Narren gefressen. Was ihm daraus für Verdauungsstörungen erwachsen sollten, konnte er nicht ahnen. Schon zu Valencia, wo er den spanischen Boden betrat, wurde er von den königlichen Behörden und dem Volk als der neue Nationalheld begrüßt, und sein Ritt von hier nach Madrid gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug. Tausende von Sonetten wurden auf ihn gedichtet und flogen ihm zu oder wurden auf öffentlichen Anschlägen, an Kirchenportalen und sonst vom zusammenlaufenden Volk gelesen, und all die Dichter verglichen ihn mit dem Cid, dem großen Campeador, oder machten zahlreiche Wortspiele auf seine Namensverwandtschaft mit dem Sieger von Lepanto. Im Alkazar wurde er vom König und der Königin umarmt. Der König ernannte ihn zum Generalkapitän von Spanien und verlieh ihm zu seiner Provinz Asturien noch die Statthalterschaft von Kastilien. Die Königin überreichte ihm einen Ehrendegen und die schöne Herzogin Des Ursins, die damals, obgleich Französin, nicht unzutreffend die spanische Montespan genannt wurde, schenkte ihm einen goldenen Ring in der Form einer Lorbeerkrone. Und mehrere Tage dauerten die Feste und Hofbälle und Stierkämpfe, die man ihm zu Ehren veranstaltete. Bei einer dieser Gelegenheiten begegnete er auch dem alten Marques von Villar, dem Vater der Donna Jimena, den er oberflächlich kannte. Ihn beauftragte er einstweilen mit den Grüßen des Grafen von Monreal an Donna Jimena und bat um die Ehre, dieser persönlich seine Aufwartung machen zu dürfen. Dem reichen Marques von Villar, der ein kleines schmächtiges Männlein darstellte, zitterte förmlich das graue Kinnbärtchen bei dieser Eröffnung. Er galt für geizig und hielt sein Haus lieber verschlossen als offen; aber den mächtigen Herzog und Eroberer von Oran vor allen andern in seinem Palast empfangen zu dürfen, schmeichelte ihm ungeheuer, und vielleicht, wer weiß, gewann in seinem berechnenden Geiste ein gewisser Plan die erste, wenn auch noch kaum erkennbare Gestalt. Donna Jimena jubelte über diese Ankündigung. Nun war sie erst stolz auf ihren Verlobten. Einen solchen Liebesboten konnte nicht leicht ein anderer seiner Braut schicken. Und wie ihre Freundinnen sie beneiden würden um diesen Besuch, dem ihr Herzchen, man begreift es, nun mit zitternder Ungeduld entgegenharrte, vor allem natürlich wegen der in Aussicht stehenden näheren Nachrichten über ihren Verlobten, ein wenig aber auch wegen der Berühmtheit, ja Einzigheit des Überbringers. Ihr Vater, der Marques von Villar, beurteilte allerdings den letzten Umstand als den gewichtigsten. Sein weitläufiger Palast an der Plaza Mayor gehörte wohl zu den vornehmsten der Stadt, lag aber dennoch etwas verödet. Der geizige Alte empfing selten, und an Gesellschaften gab er eine einzige im ganzen Jahr, am Namensfest seiner Tochter. Und diesem verlassenen Palast, mit Hintansetzung aller noch so glänzenden Häuser vieler Großen, sollte nun die Ehre widerfahren, den gefeiertsten Mann des Königreichs vor allen anderen in seinen Mauern zu empfangen. Dem alten Marques ging es darum ähnlich wie seiner Tochter, er empfand einen jetzt noch erhöhten Stolz auf diese Tochter, und dem Männlein machte es nichts, daß sich dahinter ein kleiner Mangel an Logik versteckte, indem eigentlich nicht sein Kind, sondern sein Schwiegersohn ihm diese Ehre verschaffte. Indessen steigerte sich die Ungeduld der leidenschaftlichen Jimena ins Grenzenlose. Bei jedem Eintreten eines Lakaien in ihr Gemach geriet sie jedesmal in ein heftiges Zittern, weil sie meinte, er werde die Anmeldung bringen, so daß die alte Inez, die unvermeidliche Duenna, die in einem bequemen Polstersessel im Hintergrund des Gemachs an einem seidenen Schal strickte, alle Mühe hatte, sie zu beruhigen. Sie trug in diesen Erwartungsstunden ihr neuestes Pariser Kleid von gesticktem perlgrauen Atlas mit hochgesteckten Falten und steifem Mieder, reichlich mit zart rosafarbenen Schleifen und Schlupfen überdeckt; denn seit dem Bourbonenkönig Philipp V. entrichteten auch die spanischen Damen ihren Tribut der französischen Mode oder vielmehr der Mode von Versailles, und nur die schwarze Mantilla von feinsten Valencianer Spitzen über Kopf und Schultern kennzeichnete die Spanierin, als welche man übrigens die Donna Jimena in jedem noch so fremden Kostüm erkannt hätte. Auf ihrem ausgeschweiften Sofa in Gold und Blaßgrün bequem hingelagert, hielt sie nun zwar immer ein zierliches Goldschnittbändchen in rotem Saffian zur Hand, eine Sammlung von hundert Sonetten des augenblicklichen Modedichters auf den neuen spanischen »Campeador«; aber öfter, als sie in dem Büchlein blätterte, entfaltete sie ihren zartskulptierten Elfenbeinfächer zu fleißigem Gebrauch oder ordnete die Falten ihrer Mantilla, da sich so was im Liegen ja leicht verschiebt. Und mit diesem Geschäft war sie gerade wieder einmal glücklich zurechtgekommen, als der Heißerwartete endlich wirklich gemeldet wurde und dann nach wenigen Augenblicken vor ihr stand. »Bei San Jago, sie ist schön«, das war der erste Gedanke, der den jungen Herzog durchzuckte. Und Donna Jimena war nicht nur schön, schön als vollendeter Ausdruck ihrer Rasse; ihr lebhafter Geist und ein, wenn auch noch mädchenhaft gebundenes leidenschaftliches Temperament verliehen dem zierlichen glutäugigen Kind des Südens, denn sie war eine Andalusierin und nannte das aus Palmengärten weißleuchtende Sevilla ihre Mutterstadt, einen noch höheren Reiz und Zauber, womit sie jetzt sogar die Sinne des für froschblütig geltenden jungen Herzogs, dieses nordischen Asturiers mit einem noch unentdeckten Vulkan im tiefsten Innern, unentrinnbar umsponnen hielt. Den Gegenstand ihrer beiderseitigen Reden bildete aber einzig Don Leandro. Der Herzog von Logrono rühmte sehr freigebig den nicht unwesentlichen Anteil des Grafen von Monreal y Calamocha an dem Gelingen des ganzen gefahrvollen Unternehmens, und mit besonders lebhaften Farben schilderte er das letzte Ringen in den inneren Höfen des Kasba und die schauerliche Gefahr, der sich Don Leandro ausgesetzt sah, bis ein tapferer Spanier (sich selber verleugnete der Herzog hier) ihm zu Hilfe kam und ihn glücklich herausschlug aus dem halben Dutzend von Turbanen, die ihn mit ihren krummen Säbeln von allen Seiten bedrohten. Donna Jimena und die alte Inez im Hintergrund stießen gleichzeitig einen Schrei aus. Die schöne Herrin schien einer Ohnmacht nahe und der junge Herzog sah sich schon nach einer Klingel um. Doch Donna Jimena wehrte ab, sie hielt wohl noch die Hand gepreßt auf das stockende Herz, aber ihre Fassung hatte sie bereits wieder gewonnen. Diesem ersten Besuch folgte bald ein zweiter, und dann ein dritter und noch mehrere. Das erstemal war er mit seiner Staatskarosse vorgefahren, später kam er zu Fuß, er hatte von seinem Palast bei San Antonio durch die Calle del Prado, an San Tamaso vorüber, nur einen ganz kurzen Weg nach der Plaza Mayor. Begleiten ließ er sich dabei nur von zwei Dienern und dem Mauren Muley Hassan, den er sich überhaupt gern zur Seite sah. Einmal machten der Turban und faltenreiche weiße Burnus des Araberfürsten einen guten Gegensatz zu seiner eigenen streng spanischen Tracht in Schwarz, aus dem nur, von der fächerartigen weißen Halskrause abgesehen, das goldene Gefäß seines Toledaner Degens und der gelbliche Handschuh ein wenig hervorstachen; vielleicht aber schmeichelte es auch ein ganz klein wenig seiner Eitelkeit, einen maurischen Fürsten zum Trabanten und sozusagen zum Sklaven zu haben. Immer häufiger wiederholte er seine Besuche im Palast des Marques von Villar. Seine gute Mutter in dem einsamen Palast bei San Antonio in der Calle del Prado nahm ihn nicht übermäßig in Anspruch, und an den Hof ging er nicht öfter als unumgänglich nötig. Dieser, ganz von den Landsleuten des Königs, den Franzosen, beherrscht, verdroß den stolzen Herzog. Fast nur der Groß-Marschall des Königs oder Majordomus-Mayor, wie er dortzuland genannt wurde, der Graf von Moncada, Herzog von Ossona, war noch ein Spanier, aber dieser grollte dem Sieger von Oran, der ihm einst zu Salamanca um ein Haar den einzigen Sohn getötet hätte. Auch dem allmächtigen Italiener (noch einmal ein Ausländer), dem Kardinalminister Alberoni, ging der neue Campeador viel lieber aus dem Weg, als daß er ihn aufsuchte. Don Juan d'Asturia, der in seinen Arbeiten und Lieblingsstudien immer seine schönste Befriedigung gefunden hatte, fühlte sich nun einmal kein Hofmann, seine Macht lag in seiner Popularität und sein Glück in der Freundschaft. Er war nicht nur kein Hofmann, sondern auch kein Freund großer Gesellschaften, die seinem nach innen gekehrten Wesen niemals genug taten, und auch einen intimeren Verkehr, mit Frauen besonders, pflegte er kaum. Sein inniges Freundschaftsverhältnis zu Don Leandro mag sich gerade daraus erklären, und vielleicht noch etwas anderes, das nun bald hervortreten wird. So geschah es nämlich, und damit erfüllte er ja zugleich eine heilige Freundschaftspflicht, daß er bald täglich ein Stündchen und auch länger bei Donna Jimena verweilte zur großen Befriedigung der alten Inez, die dabei nie leer ausging und zur ebenso großen der Herrin, die man noch lang nicht verleumdet, wenn man gesteht, daß sie sich in dem öden Palast ihres Vaters etwas mehr langweilte als es einer so schönen jungen Dame gesund ist. Hinsichtlich dieser schönen Person aber glaubte Don Juan schon nach kurzem eine Entdeckung gemacht zu haben, die ihn sehr erschreckte und aufrichtig schmerzte. Das Erschrecken bezog sich auf ihn selber, der Schmerz auf seinen Freund. Er glaubte nämlich entdeckt zu haben, daß sein Freund Leandro leider im Irrtum lebte, indem er sich von Donna Jimena geliebt glaubte, wenigstens in dem Sinn, wie er es meinte. Oh, gewiß, sie zeigte sich ihm nicht abgeneigt. Man hatte sie mit ihm verlobt, eine Angelegenheit des Vaters, und der junge Graf von Monreal hatte seine eigene leidenschaftliche Liebe zu der schönen Jimena auch bei ihr vorausgesetzt, die ihn aber doch nur so liebte, wie eben eine wohlerzogene Tochter den ihr bestimmten Mann zu lieben nach Sitte und Herkommen sich verpflichtet fühlen wird, mit jener Art Pflichtliebe, sozusagen offizieller Liebe, womit sich die meisten Männer ja auch begnügen, wenn nur die Partie nichts zu wünschen übrigläßt. Der Herzog von Logrono aber kannte seinen Freund als aus anderem Holz geschnitzt; dieser unterstand – Don Juan besaß dafür genügende Proben – ganz ernstlich einem verhängnisvollen Irrtum, der Arme. Dies die schmerzliche Seite an seiner Entdeckung, und er litt darunter mehr als man sagen kann. Was aber erschreckte ihn daran? Dies betraf nicht mehr den Freund, sondern ihn selber. Er hatte entdeckt, fast zu seinem Entsetzen, daß er nahe daran stand, der Verräter an seinem Freund zu werden, ja daß er, noch ehe er sich's bewußt wurde, schon mitten in den Verrat eingetreten war. Er hatte sich's lange geleugnet. Heute aber, wenn er kein erbärmlicher Lügner sein wollte vor sich selber, mußte er sich's eingestehen. Er liebte Donna Jimena. Es war seine erste Liebe, und sie war mit einer Gewalt über ihn gekommen, wie eben allmächtige Naturgewalten über den Menschen hereinbrechen. Eine Zeitlang beruhigte er sich mit der Hoffnung, daß seine Liebe nur sein eigenes Unglück sei und seinen Freund nicht zu berühren brauche. Da glaubte er noch an die Liebe Jimenas zu Don Leandro. Als ihm aber dann dieser Wahn zerstört wurde, als er erkannte, daß Donna Jimena seinen armen Freund nie geliebt hatte, daß sie ihn heut weniger liebte als je, daß vielmehr seine, seine selbsteigene Leidenschaft von ihr geteilt wurde, da sah er nur einen einzigen Ausweg, um ehrlich zu bleiben, und zu dem nahm er nun unverweilt seine Zuflucht. Er bewirkte beim König die Rückberufung des Grafen von Monreal. Er selber schrieb dem Freund und bat ihn, wenn es ihn auch schwer ankomme, bei ihm in seinem Palast abzusteigen, ehe er an der Plaza Mayor seine Aufwartung mache. »Nimm meine Bitte«, so schloß er, »nicht für den Ausfluß von freundschaftlichem Egoismus. Unser beider Ehre und Glück hängen davon ab.« Er ahnte wohl, wie sehr er den Freund damit erschreckte, aber er durfte ihm das nicht ersparen. Denn wenn es auch ihm bei seiner Denkungsart für selbstverständlich galt, daß er Donna Jimena nicht mehr sah, so wußte er eben noch nicht, daß die auferlegte Selbstüberwindung seine Kräfte bei weitem überstieg. Und wenigstens reden mußte er von ihr. Ihren süßen Namen mußte er von Zeit zu Zeit auf den Lippen führen. Muley Hassan ward sein Vertrauter. Dieser nahm die Sache natürlich so, wie eben ein Maure und Mohammedaner sie nehmen mußte, vielleicht aber hegte er dabei auch irgendeinen Hintergedanken. »Verzeihe, Herr,« so sprach er, »aber wir andern, wir finden eure christlichen Sitten lächerlich. Wenn wir ein Weib lieben, so verbergen wir diesen kostbaren Schatz sorgfältig vor jedem andern Mann, und sei er auch unser bester Freund. Ein Eunuche natürlich ist kein Mann, aber einem andern als einem solchen ein geliebtes Weib anzuvertrauen, würden wir als die größte Narrheit betrachten, die ein Mensch begehen kann. Tröste dich also, Herr, dein Freund liebt dieses Weib gewiß nicht, er hätte sonst meinen Herrn nicht als Boten zu ihm geschickt.« Diese mohammedanische Rede blieb, namentlich in ihren letzten Worten, nicht ganz ohne Wirkung bei dem Herzog. Man glaubt leicht, was man wünscht. Nicht geradezu glauben konnte Don Juan, nein, gewiß nicht; aber daß er es gern gewünscht hätte, verriet eben eine im geheimsten Innern gehegte Hoffnung, die er sich nicht eingestehen mochte, er meinte ja, mit seinem heroischen Fernbleiben ein für allemal alles überwunden zu haben. Der Graf von Monreal kam an, brennend nach Aufklärung über den erschreckenden Brief des Freundes. »Ach, mein lieber Leandro,« sprach Don Juan, »mir ist ein großes, ein furchtbares Unglück widerfahren.« Und dann machte er dem bestürzten Grafen sein Geständnis. »Was aber das schlimmste ist,« fügte er hinzu, »ich muß fürchten, daß man meine unselige Liebe erwidert, daß ich, ein verworfener Verräter, dich aus dem Herzen deiner Braut verdrängt habe. Doch das ist gewiß nur eine selbstgefällige Täuschung meiner blinden Leidenschaft. In einer augenblicklichen Verirrung mag ich Donna Jimena verlockt haben, aber ich zweifle nicht, du brauchst nur vor ihr zu erscheinen, um mich für immer wie einen wesenlosen Schemen aus ihren Gedanken zu verscheuchen.« Der bestürzte Graf eilte zu seiner Braut, und wie ein Vernichteter kehrte er zurück. Donna Jimena hatte ihn nicht unfreundlich, aber mit kühler Zurückhaltung empfangen. Aber das war vielleicht bräutliche Scheu; wer vermöchte an ein Furchtbares so leichthin zu denken? Und der Graf ließ den Marques von Villar um eine Unterredung bitten. Sie entschied alles. Der alte Reichling machte gar keine Umstände; schonungslos erklärte er dem Ärmsten, daß er die Verlobung für aufgelöst zu betrachten habe. Ganz fassungslos hörte Don Juan, der Herzog von Logrono, die Botschaft. Es mag sein, daß in den unbewußten dunklen Regionen seiner Seele etwas jubelte. Aber der Schreck überwog. Das tiefe Leid des Freundes schnitt ihm in die Seele. Und eine Linderung seines zerrissenen Gemütes fand er nicht etwa in den verbrecherischen Hoffnungen, die er trotz all dem uneingestanden in sich hegte, sondern in einem andern Umstand, der nun zutage trat. Nicht etwa zarte Rücksichtnahme auf die Herzensneigungen seiner Tochter – er war nicht der Mann, der mit Herzen rechnete –, sondern nur geschäftliche, nur weltlich ehrgeizige Berechnungen bildeten bei dem Marques von Villar die Grundlage seiner Entschließungen. Was der Graf von Monreal erst jetzt erfuhr, daß seine reichen überseeischen Besitztümer durch verhängnisvolle Umwälzungen in den dortigen Ländern für ihn verlorengegangen, der Marques von Villar wußte es schon seit drei Wochen. Und daß damit seine Familienpolitik hinsichtlich der geplanten Verehelichung eine Veränderung zu erleiden habe, fand er ganz selbstverständlich. Um so mehr, als er um die leidenschaftliche Neigung des Herzogs von Logrono wohl wußte, wenn er auch gar nichts zu merken schien. Auf ihn setzte er jetzt seine Hoffnungen, einen glänzenderen Schwiegersohn hätte ihm ganz Spanien nicht zu bieten vermocht. Aber auch ohne diese Aussicht auf den Sieger von Oran und reichen Günstling des Königs würde er doch die Verlobung seiner Tochter mit dem verarmten Grafen von Monreal unter allen Umständen gelöst haben. Es gab da noch einen anderen glänzenden Bewerber. Don Fernando, der Vizgraf von Osona und einziger Sohn des Grafen von Osona, Herzogs von Moncado, hatte schon zweimal vorsichtig anpochen lassen. Aber allerdings dieser Vizgraf und königlicher Kämmerer, ein lockeres und tief verschuldetes Herrchen bei noch rüstigem Alter seines Vaters, konnte nur im Notfall in Betracht kommen, wenn die Kombination mit dem Herzog von Logrono fehlschlagen sollte. Nicht daß der Marques von Villar davon deutlich gesprochen hätte. Nur wie in entfallenen halben Worten verriet er sich gelegentlich. Dieses alles vernahm auf Umwegen auch der Herzog von Logrono, und nicht für sich, sondern für seinen Freund schöpfte er daraus neue Hoffnung. »Glaube mir, lieber Bruder,« sagte er, »du hast das Spiel noch lange nicht verloren. Also sei guten Muts. Ich sehe schon ganz deutlich den Ausgang aus dieser Sackgasse.« Don Leandro blickte sehr ungläubig. Ihm schien seine Sache hoffnungslos, und sie war es in der Tat noch mehr, als er dachte. Um so mehr vertraute der Herzog von Logrono auf seinen geheimen Plan; er hatte die Interessen seiner eigenen Leidenschaft im Augenblick ganz vergessen, nur noch erfüllt von dem Bewußtsein, an dem Glück seines Freundes mit Erfolg zu arbeiten. »Den Kopf hoch,« wiederholte er, »ich sehe ihn wirklich schon ganz nahe und deutlich vor mir, den glücklichen Ausweg. Du weißt, ich werde jetzt in Alkazar erwartet. In einigen Tagen sehen wir uns wieder.« Damit verabschiedete er sich von dem erstaunten Freund. Am dritten Tag darauf, spät am Abend, kam der Herzog von Alkazar zurück, und in seinem Palast angelangt, eilte er unverzüglich nach den Zimmern des Grafen von Monreal. Er fand ihn in dumpfem Brüten vor seinem Arbeitstisch, und ohne ein Wort entfaltete er vor ihm auf der Tischplatte ein mächtiges Pergament mit wunderbar verzierten und verschnörkelten Initialbuchstaben in den oberen Zeilen und dem an zweifarbigen Schnüren befestigten großen Königlichen Siegel in rotem Wachs. »Das ist mehr, weit mehr als deine ehemaligen Einkünfte aus Südamerika«, sagte er endlich. Es war ein Königliches Patent, nämlich die Ernennung des Grafen von Monreal y Calamocha zum Statthalter von Kastilien. Der Herzog von Logrono war freiwillig von dieser Statthalterschaft zurückgetreten und hatte vom König die Gnade verlangt, daß sie dem Grafen übertragen würde als Belohnung für seine Verdienste bei der afrikanischen Expedition. Don Leandro stand tief erschüttert und gerührt. Er stotterte Worte des Dankes. »Kein Wort deswegen«, unterbrach ihn der Herzog; »mich freut nur, daß es Kastilien ist, so wirst du deinen künftigen Wohnsitz in Madrid haben und wir brauchen uns nicht zu trennen. Das ist noch zu allem für mich das schönste. Im übrigen bin ich es, der deine Nachsicht und Verzeihung braucht, indem ich noch etwas anderes tat, etwas das ich eigentlich nicht ohne deine Erlaubnis tun durfte. Ich hoffe, du wirst mir deswegen nicht grollen. Ich habe nämlich deinen Bevollmächtigten gespielt und deinen Freiwerber gemacht. Ich habe eine notarielle Abschrift dieses Patents an den Herrn Marques von Villar abgeschickt und ein eigenhändiges Schreiben beigefügt, worin ich um die Hand seiner Tochter anhalte für meinen nächsten Freund, den neu ernannten Statthalter von Kastilien. Du wirst sehen, ich bekomme keinen Korb für dich.« Wieder blickte Don Leandro ungläubig. Eine jählings getötete Glückshoffnung erwacht nicht so leicht wieder zu neuem Leben. Und der Herzog von Logrono, von dieser Mutlosigkeit des Freundes enttäuscht und fast verletzt, konnte einen sanften Vorwurf nicht zurückhalten. Don Leandro erwiderte mit einem einzigen Wort. Es klang verzweiflungsvoll: »Sie liebt mich nicht.« Schlimme Ahnungen treten häufiger ein als freudige Hoffnungen. Wie wenig er auch darauf gefaßt sein mochte, der Herzog bekam einen Korb für seinen Freund. Das ablehnende Schreiben des Marques von Villar hielt sich in den Ausdrücken untertänigster Höflichkeit, ja des lebhaftesten Bedauerns, und einen gewissen delikaten Punkt schien der alte Mann besonders wichtig zu nehmen, nämlich, daß in seinem Verhalten zu dem Herrn Grafen von Monreal y Calamocha in keiner Weise dessen ökonomische Verhältnisse in Betracht gekommen wären, sondern einzig und allein gewisse Herzenswünsche und Neigungen, die ein um das Glück seines Kindes besorgter Vater nicht ganz außer acht lassen dürfe. Er hielt es also wenigstens für schicklich, wie ja die meisten es gern tun, die handfesten Brocken seiner allein auf das Reale gehenden Berechnungen in idealer Sauce zu servieren. Dieses Schreiben hatte der Herzog seinem Freund vorgelesen, sie saßen einander gegenüber, und lange Zeit schwiegen beide. Die Seele des Herzogs fühlte sich wie mit sich selbst entzweit. – In heftigstem Widerstreit bekämpften sich in ihm die widersprechendsten Gefühle. Um Don Leandro stand es einfacher. Über sein Glück war das Todesurteil endgültig ausgesprochen worden. Er fand zuerst das Wort. »Lieber Juan,« begann er, »du hast dich nicht getäuscht, Donna Jimena liebt dich. Nimm sie hin. Nicht von mir oder meiner Freundschaft, denn hingeben kann nur, wer besitzt. Aber da mir, was ich so heiß ersehnt, nun einmal unerreichbar ist, zu meinem Unglück, so wird es mir wenigstens ein Trost sein, das versichere ich dir mit heiligem Wort, dieses mir Versagte im Besitz meines teuersten Freundes zu wissen, eines Freundes auch, von dessen Loyalität ich vollkommen überzeugt bin und der glänzenden Beweise dafür gar nicht bedurft hätte wie du sie mir gegeben hast, Juan d'Asturia.« Dieser unterdrückte mannhaft ein Gefühl des Jubels, das in ihm aufsteigen wollte; er äußerte eine traurig ablehnende Gebärde. »Du verlangst Unmögliches von mir,« sprach er, »denn wie kann ein Mensch glücklich werden auf Kosten eines andern? Die meisten Menschen glauben es wohl. Aber ich, ich sollte glücklich werden auf deine Kosten, Leandro.« »So willst du,« versetzte der Graf von Monreal fast sarkastisch, »so willst du, daß sie, die in sich deiner Seele Leben trägt, zu der es dich drängt mit allen deinen Kräften, für die dein leibliches Leben hinzugeben dir nichts wäre, willst du, daß sie von einem Windhund in Besitz genommen werde, von jenem lächerlichen Don Fernando, den du verachtest ...« So verliefen die Vorgänge, wie sie sich zugetragen haben vor der Vermählung des Don Juan de Somosierra, Herzogs von Logrono, mit Donna Jimena, der Tochter des Marques von Villar. Das oben berichtete Gespräch der beiden Freunde ist natürlich nicht als die letzte und endgültige Entscheidung der Dinge anzusehen – noch mancher schmerzlichen Auseinandersetzungen bedurfte es dazu –, aber es bildete doch den ersten Schritt und lockerte entscheidend den Widerstand des Herzogs. Anfangs November fand die Hochzeit statt. Sie gestaltete sich zu einer der glänzendsten, die man seit lange in Madrid erlebt hatte. Drei Menschen feierten Triumph. Groß war der des alten Marques von Villar. Kühnes war seinem ehrgeizigen und habsüchtigen Streben gelungen. Aber mehr bedeutete der Sieg zweien jungen leidenschaftlichen Herzen und wurde von ihnen als ein um so größeres Glück empfunden, da der Weg zu diesem Sieg, dem einen wenigstens, furchtbare innere Kämpfe gekostet hatte. Doch ganz vollkommen ist nichts in dieser Welt, und auch die Glückserfüllung des Herzogs von Logrono erfuhr eine Trübung durch den Umstand, daß gerade sein innigster Freund der Hochzeit fernblieb. Es konnte ja nicht anders sein, und der Herzog war weder so unverständig, noch so ungerecht, um die Gründe seines Freundes nicht zu billigen. Diesem mußte es natürlich in hohem Grade schmerzhaft, ja fast unmöglich sein, derjenigen unter die Augen zu treten, die er einst angebetet und die ihn dann kalt verworfen hatte. Aber auch wenn er zu dieser ungeheuren Selbstverleugnung fähig gewesen wäre, gebot ihm doch die Rücksicht auf die Gemahlin seines Freundes sein Fernbleiben, denn auch ihr mußte ein Zusammentreffen mit ihm peinlich sein in mehr als einem Sinn. So sah also der Herzog von Logrono seinen Freund nur noch, wenn er ihn selber, was allerdings häufig geschah, im kastilianischen Statthalterpalast bei San Francesco el Grande aufsuchte oder sie sonst sich trafen, bei Hof oder anderweitig in großer Gesellschaft. Bei solchen Gelegenheiten blieb natürlich auch ein Zusammentreffen zwischen Donna Jimena und dem Grafen von Monreal unvermeidlich, doch die Äußerlichkeiten und Förmlichkeiten der großen Welt erleichterten es hier, sich gegenseitig wie Freunde zu behandeln. Peinlich empfand dies nur der Herzog. Sein Freund hatte natürlich sein Betragen dem der Herzogin gemäß einzurichten, aber von seiner Gemahlin hätte der Herzog gewünscht, daß sie seinem Freund freundlicher entgegenkäme und ihr möglichstes täte, die Kluft zu überbrücken und die ärgerliche Vergangenheit allmählich leise zu übertuschen. Er verfehlte nicht, sich in diesem Sinn, wenn auch mit diplomatischer Vorsicht, gegen seine Gemahlin auszusprechen. Sie wollte ihn nicht verstehen. Äußerlich nahm sie seine Zumutungen leicht hin, wie eine Sache, die eigentlich nicht der Rede wert ist, er merkte aber, daß sich dahinter eine fast leidenschaftliche Ablehnung versteckte. Dieses Betragen der Herzogin kränkte ihn mehr als er sich eingestand. Und in noch einer Sache kam es zwischen ihnen zu einem kleinen Zwist, und wenn in dem vorigen die Gemahlin sich als die Weigernde erwies, so war es nun der Herzog, der den Kopf aufsetzte. Die Herzogin konnte nämlich den Afrikaner, den Muley Hassan, nicht leiden. Sie behauptete, der Maure habe so etwas Heilloses im Blick, etwas Unheildrohendes, und sie könne des Gefühls nicht ledig werden, als ob in der Seele dieses Mohammedaners etwas Grauenhaftes unheimlich brüte, ja sie habe schon einigemal ganz schreckliche Dinge von ihm geträumt. Bei der Frühschokolade war's, die Herzogin sah wahrhaft bezaubernd aus in ihrem Gewölk von feinstem weißen Tüll mit der schwarzen Mantilla über Haupt und Schultern, und die angstvolle Erregtheit ihrer Seele gab ihren großen Augen einen Ausdruck von fast übermenschlicher Poesie. Aber der Herzog achtete gerade heute nicht darauf. Er schien zu sehr mit seinem weichen Ei beschäftigt, das er mit dem goldenen Löffelchen behutsam ausschöpfte. »Warst du vielleicht auch schon bei einer Traumdeuterin und Kartenschlägerin deswegen?« spottete er, der auf seinen prinzlichen Diener viel zu hohe Stücke hielt, um die abergläubische Gespensterfurcht eines erregten Weibergehirns, wie er sich ausdrückte, auch nur um ein Haarbreit ernst zu nehmen. »Lacht immerhin über mich,« antwortete die Herzogin sichtlich verletzt, indem sie die schwarze Mantilla sich enger um die bloßen Schultern zog, »lacht immerhin, eines Tages werdet Ihr es bereuen, nicht auf mich gehört und den Mohammedaner nicht rechtzeitig entlassen zu haben.« Dies alles mißfiel dem Herzog aufs äußerste, und mit etwas kühler Höflichkeit erklärte er seiner Gemahlin, in allem stehe er ihr zu Diensten, aber über seine eigenen alten Diener müsse er leider ihr Gutachten von der Hand weisen. Die Herzogin kam auf diese Sache nicht mehr zurück, wenigstens nicht in offener Rede; nur in ihrem stummen Betragen ließ sie den Gemahl öfter merken, was sie quälte und bedrückte, der ihr dafür wieder seinerseits heimlich grollte, da er in allem nichts als einen albernen Aberglauben sah oder gar das Fühlerausstrecken weiblicher Herrschaftslaune, welcher er, bei all seiner leidenschaftlichen Liebe zu der täglich schöner werdenden Donna Jimena, seinen männlichen festen Grundsätzen gemäß, nicht entgegenkommen wollte; wie sie ja auch ihrerseits in ihrem äußeren Betragen gegen den Grafen von Monreal seinem liebsten Wunsch einen Widerstand entgegensetzte, den er nicht für möglich gehalten hatte. Das Eheglück zu stören oder auch im geringsten zu trüben, vermochten diese kleinen Zwistigkeiten zwar nicht, aber eine gewisse dunkel gefühlte Spannung in den beiden Gemütern erzeugten sie doch. Und gerade um diese Zeit gegen das Frühjahr zu machte der Herzog eine unglaubliche Entdeckung, eine solche, die nun wirklich seinem Glück einen ersten tödlichen Stoß versetzte. Er hatte in irgendeinem auf einer Kommode im großen Saal herumliegenden Buch seiner Frau geblättert, einem feinen Goldschnittbändchen in rotem Saffian, dem nämlichen, womit er sie zum erstenmal gesehen hatte, mit den hundert Sonetten auf den Sieger von Oran. Ein Lächeln, mehr verächtlich als wohlgefällig oder gar selbstgefällig, umspielte seine Lippen, da fiel aus dem Bändchen heraus ein Brief zu Boden. Er hob ihn auf und erkannte darin die Handschrift seines Freundes Leandro, des Grafen von Monreal. Eine Unterschrift fehlte. An sich enthielt der Brief nichts Verbrecherisches. Er enthielt nur, in den ehrfurchtsvollen Ausdrücken, eine Versicherung ewiger Liebe und Hochschätzung von seiten des Schreibers für die Empfängerin. Auch deren Name war nicht genannt. Aber der Brief lag in einem Buch, das der Herzogin gehörte und worin sie öfter zu lesen schien. Der Herzog stand ratlos. Don Juan pflegte im allgemeinen sehr selbständig zu handeln, aber diesmal vermochte er nicht zu einem Entschluß zu kommen, nein, er wußte nicht aus noch ein mit seinen Gedanken, der Schlag hatte ihn wie betäubt. Er brauchte eines Menschen Rat und Meinung. Und wie schon einmal nahm er seine Zuflucht zu seinem Afrikaner, der ihm gerade durch seine schweigsame Verschlossenheit Vertrauen einflößte. »Ich sehe in der Sache nichts Strafbares, Herr«, sagte Muley Hassan in seinem unerschütterlichen Gleichmut. »Nichts Strafbares«, stöhnte es aus dem Herzog. »Sie bedürften nicht des Geheimnisses, wenn sie sich nicht des Verrates bewußt wären.« »Verzeihe, Herr,« versetzte der Maure mit bedeutungsvoller Betonung, »aber du selber hast in verhängnisvoller Weise deinem Freund das Recht gegeben, daß er erwarten darf, mit Nachsicht von dir behandelt zu werden, du stehst in seiner Schuld.« Dieses Wort schien freilich zutreffend, der Herzog fühlte es tief, aber einen Trost konnte er deswegen nicht daraus gewinnen. Er kam aber nach und nach zu einiger Ruhe und Besonnenheit in seinen Gedanken. Er sagte sich: »Sie halten vielleicht beide die Sache für ganz unschuldig; sie werden mir ein offenes Geständnis ablegen und damit möge es gut sein.« Er fand es schicklich, sich zuerst an seine Gemahlin zu wenden. Die Abendtafel wurde gemeldet, und da kein Gast für den Abend erwartet wurde, wenn auch alle Kerzen brannten in den schweren, vielarmigen silbernen Leuchtern, wollte er gleich heute diese Gelegenheit benützen. Er mußte freilich den Nachtisch und die Entfernung der Dienerschaft abwarten, ehe er reden konnte, und daß es in der ganzen Zeit seiner Gemahlin gar nicht auffiel, wie er kaum die Speisen berührte, und überhaupt ihr auffallend zerstreutes Wesen wirkte nicht gerade ermutigend auf ihn. Er faßte sich doch endlich ein Herz. »Was ich dich fragen wollte,« begann er in so harmlosem Ton als möglich, »ja, seit einiger Zeit her wollte ich dich schon immer fragen, nämlich, ob du seit unserer Verheiratung nicht einmal einen Brief von dem Grafen Monreal erhalten hast, den du mir vielleicht aus begreiflicher zarter Rücksicht nicht zeigen mochtest.« Die schöne Donna Jimena hob einen Blick äußerster Verständnislosigkeit zu ihm auf. »Wie sollte ich dazu kommen?« antwortete sie kurz und kühl. Nun ja, dachte er, wer zu einer unehrlichen Verheimlichung fähig ist, wie sollte der nicht auch fähig sein zur direkten Lüge! Er trug nun zwar in seiner Tasche das Dokument, womit er die Herzogin mit einem Schlag überführen konnte, aber ein derartig brutales Vorgehen entsprach nicht seinem Charakter. Auch fand er ihre Lüge einigermaßen entschuldbar. Sie wußte, wie er an seinem Jugendfreund hing mit tausend Fasern seines Wesens und wollte es nicht auf sich nehmen, wollte nicht die Ursache sein, einen schmerzlichen Bruch herbeizuführen. Und daß sie im Innersten gekränkt sein mußte von seiner Frage, ja, daß etwas wie Verachtung in ihr keimen mußte für ihn, wenn ... Was, wenn? Wenn die Frage unbegründet war? Aber er trug doch den Brief in der Tasche ... Nun, bei seinem Freunde wollte er anders verfahren. Ihm wollte er den Brief vor Augen halten. Konnte er ihm ins Angesicht seine Handschrift verleugnen? Aber der Herzog fand nicht sofort den Mut zu diesem Schritt. Und dann trat eine äußerliche Abhaltung dazu. Der Graf von Monreal mußte in Amtsgeschäften verreisen. Dem Herzog selber stand eine ähnliche Reise bevor. Er genoß zwar die Vergünstigung, sich in seiner Provinz für gewöhnlich durch einen Beamten hohen Ranges vertreten zu lassen, doch gewisse Repräsentationspflichten erforderten doch zweimal im Jahr seine persönliche Gegenwart bei dem Provinzialpräsidium zu Oviedo. Diese Verpflichtung war jetzt unaufschiebbar. Er wußte auch, daß die Titulados der Provinz damit rechneten, bei dieser Gelegenheit der jungen Frau Herzogin vorgestellt zu werden; und daß nun Donna Jimena eine heftige Abneigung gegen diese Reise zeigte, kam ihm höchst ungelegen. Eine ermüdende Sache war es ja und mit tausenderlei beschwerlichen Opfern verbunden; aber von jedem Menschen in öffentlicher Stellung werden Opfer verlangt, und er hatte darum die Teilnahme seiner Gemahlin ohne weiteres vorausgesetzt. Da sie nun aber sehr ernstlich ihre Gesundheit vorschützte und das regnerisch kalte Frühlingswetter bei zum Teil mangelhaften Straßen in diesen nördlichen Gegenden ihm selber schwere Bedenken einflößte, unterließ er es, ein Machtwort zu sprechen und reiste dann, wiewohl nicht wenig verärgert, ohne seine Gemahlin ab. Denn wenn er es auch begreiflich fand, daß die stolze Donna Jimena über die lächerlichen Ansprüche des weltverhockten Provinzadels in dem abgelegenen rauhen Asturien mit seinen beschneiten Gebirgen die Nase rümpfte, so fand er doch auch wieder, daß sie, wenn sie ihn liebte, seinen wohlbegründeten Wunsch nicht so leicht hätte in den Wind schlagen dürfen. Gewiß wollte er nichts erzwingen von ihr, aber nie hätte er auch geglaubt, daß ihr ein Wunsch von ihm so wenig bedeuten könnte. Aber Muley Hassan, der nach und nach immer mehr sein Vertrauter geworden, sprach ihm mit Worten zu, denen er nicht jede Berechtigung absprechen konnte. »Wenn du deinem Knecht nicht zürnen willst, Herr,« so sprach er, »möchte er gerne reden.« »Sprich!« befahl der Herzog. »Ihr Christen«, sprach der Mohammedaner, »seid in vielen Dingen unvernünftig, aber am unvernünftigsten im Betragen gegen eure Frauen. Ihr zerrt diese zarten und schwachen Geschöpfe in Dinge und mutet ihnen Kräfte und Pflichten zu, die doch allein Sache der Männer sind. Wir andern halten unsere Frauen wohlbehütet vor Versuchungen und allem, was über ihr Vermögen geht. Die Frau ist ein schwaches Wesen, die Frau ist auch ein krankes Wesen. Sie ist öfter krank als der Mann weiß. Deine Frau, Herr, hat dich gewiß nicht belogen.« Diese Rede verfehlte nicht, den Herzog einigermaßen zu beruhigen und milder zu stimmen gegen seine Gemahlin, die er ohnedies über den vielfältigen gesellschaftlichen und amtlichen Verpflichtungen zu Oviedo fast ein wenig vergaß, was er sich aber auch wieder zum Vorwurf machte; fast unglaublich und unheimlich erschien es ihm, nun schon mehrere Wochen in dieser Trennung von der Heißgeliebten zu leben, von der sich entfernt zu denken er wie den Tod betrachtet hatte. Nein, er hatte sie auch gewiß nicht vergessen, und er hätte nicht so furchtbar an sie erinnert zu werden brauchen. Ein Brief tat das. Nicht von ihr. Ein anonymer, abscheulicher Brief: »Ahnt der weitgepriesene Sieger von Oran die Schmach, die ihm in Madrid angetan wird von einem Weibe, das man zweimal bei trüber Abenddämmerung in tiefer Vermummung ihren Palast verlassen sah, dem man gefolgt ist, bis es im Garten eines gewissen Statthalterpalastes verschwand?« Dem Herzog fiel das Blatt aus der zitternden Hand, und Muley Hassan, der sich unbeweglich wie eine weiße Bildsäule im Hintergrund des Gemachs gehalten hatte, beeilte sich, es aufzuheben; der Herzog gab ihm einen Wink, es zu lesen. Und der Mohammedaner, nachdem er einen Blick darauf geworfen, zerriß das Blatt ruhig und bedächtig in tausend Fetzen. »Mein Herr wird sich«, sprach er, »von den niederträchtigen Verleumdungen eines Schurken, der sich versteckt, nicht den Kopf warm machen lassen.« Der Herzog stöhnte förmlich; krampfhaft fuhr er sich mit der Rechten nach seinem Herzen. »Hoher Herr,« sprach Muley Hassan wieder, »dein Stolz wird es dir verbieten, deine Gedanken auch nur einen Augenblick länger mit diesem schmutzigen Wisch zu beschäftigen.« Ein schmutziger Wisch war's freilich, der Herzog aber hatte gut all seinen Stolz zu Hilfe zu nehmen, aus seinen Gedanken brachte er das Ding deswegen doch nicht. Jener andere Brief aus dem Buch der Herzogin hatte nur erst ganz schwach und leise an dem Gitter gerüttelt, hinter dem, in dem goldenen Palast der Liebe, die rasende Bestie der Eifersucht angekettet liegt. Nun aber fühlte er sie entfesselt, fühlte bereits ihre furchtbaren Krallen, die ihm das Herz zerfleischten. Das Widerstreben seiner Gemahlin, ihn auf dieser Reise zu begleiten, wodurch sie doch geradezu der öffentlichen Meinung ins Gesicht schlug, rückte für ihn jetzt in ein furchtbares Licht. Aber das war nicht der erste Herzenswunsch von ihm, gegen den sie sich fast trotzig aufgelehnt hatte. Und auch in jene erste Weigerung, seinem Freund Leandro weniger fremd und ablehnend zu begegnen und ein freundliches Verhältnis zu ihm allmählich wieder anzubahnen, deutete er jetzt einen Sinn hinein, den er niemals darin gesucht hatte. Jetzt begriff er, wie fein es von ihr berechnet war, ihre heimliche, sträfliche Liebe mit dem Mantel einer öffentlich zur Schau getragenen Entfremdung geschickt zu verdecken. Auch der Zwist um seinen afrikanischen Falken, wie er den Prinzen Muley Hassan nannte, und jener ganze ärgerliche Auftritt bei der Morgenschokolade wurde ihm wieder lebendig, und erst jetzt glaubte er den wahren Zusammenhang zu erfassen. Die scharfen Späheraugen des Mauren hatten die Herzogin geängstigt, darum wollte sie ihn aus dem Hause haben. Oh, war er denn nicht seinerzeit ganz und gar mit Blindheit geschlagen, wenn er geglaubt hatte, daß sie ihren damaligen Verlobten nicht liebte? Don Leandro war sicherer gewesen in seinem Gefühl. Sie hatte ihn wirklich geliebt. Ihren ersten Verlobten allein hatte sie immer geliebt. Ihrem nachmaligen Gemahl hatte sie geheuchelt, um ihn zur Ehe einzufangen, mit seinem Namen, seinem Reichtum und seiner Stellung, sie, die echte Tochter ihres Vaters. Und etwas passierte dann dem Herzog, dessen er sich selber schämte. Er betraf sich gelegentlich darüber, daß er im Saal vor dem schwer in Gold gerahmten Spiegel innehielt. Und ganz verdüsterte Blicke warf er da nach seinem eigenen Bild. Wie hätte sie auch, sagte er sich innerlich, diese breite Nase und diesen fast bäuerischen Mund den feingeschnittenen Formen des Grafen von Monreal vorziehen sollen? Ja, die Liebe macht blind. Blind macht sie uns vor uns selber. Und in welchen Wahn bin ich hineingetölpelt in meiner Blindheit! Nicht daß der Herzog diesen häßlichen Gedanken immer Audienz gab, aber wie er sie auch abwies, sie meldeten sich immer wieder an, bei Tag und bei Nacht, sie erschienen ihm wie Gespenster mitten in Konferenzen und feierlichen Empfängen, und im Schlaf fielen sie über ihn her als giftige Träume und machten ihn elend. Nur wenige Tage hielt er es aus. Dann brach er auf von Oviedo unter irgendeinem Vorwand. Konnte er denn hoffen, daß die bösen Geister hinter ihm zurückbleiben würden? Er hoffte wirklich auf etwas Ähnliches, er hoffte zu Madrid auf ein Wunder, von dessen Kraft die quälenden Unholde wie hohler Spuk zerfließen und zerstieben mußten. Also hatte demnach die wilde Bestie Eifersucht noch nicht den letzten Rest von Glauben in ihm verschlungen? Nein, noch nicht. Aber viel hatte sie nicht übriggelassen. Er fuhr mit wie oft gewechselten Pferden ohne Aufenthalt. Als man sich, es mochte zur zweiten oder dritten Nachtstunde sein, der Hauptstadt näherte, bedachte er, daß es nicht schicklich sei, seine Gemahlin so unerwartet zu überrumpeln. Er schickte also den Muley Hassan als reitenden Boten voraus, um sich anmelden zu lassen. Und dieser kam ihm dann auch vor seinem Palast an den Wagenschlag entgegen mit der Meldung, daß die Frau Herzogin auf einen Ball der französischen Botschaft gefahren sei. In etwas gedankenloser irrer Hast, aber wie von Furien verfolgt, hatte er die Heimfahrt betrieben, und nun, wie seltsam, atmete er fast erleichtert auf, daß er den Augenblick, seiner Gemahlin unter die Augen treten zu müssen, noch um eine Weile hinausgeschoben sah. Auch Muley Hassan ließ ein Wort fallen, das sich so deuten ließ, wie wenn er die Abwesenheit der Herzogin als einen Gott weiß wie glücklichen Zufall betrachte. Man deckte die Abendtafel für den Herzog. Wie zu einem Fest wurde gedeckt für den doppelt Einsamen. Über den schweren vielarmigen Leuchtern brannten zahlreiche Kerzen und weckten Blitzlichter aus dem vergoldeten Silbergeschirr und dem Kristall der Karaffen; aber der Herzog saß davor, ohne von den Speisen und Getränken etwas anzurühren. Lange saß er so in unheilvollem Brüten, die Dienerschaft hatte sich auf seinen stummen Wink entfernt. Da merkte er wohl, daß die bösen Geister ihm auf den Fersen gefolgt waren. Und glaubte er auch jetzt noch an das Wunder, vor dessen Kraft die quälenden Unholde zerfließen und zerstieben mußten? Er stierte wie blöd vor sich hin. Es mußte schlimm mit ihm stehen, nicht einmal nach der geliebten Mutter fragte er, die im oberen Stock des Palastes ihre Wohnung hatte. Er hielt es endlich nicht mehr aus in der Ruhe. Er mußte sich Bewegung machen. Alle Räume schienen ihm zu eng in der weiten hellbeleuchteten Wohnung. So geschah es, daß er auch das eheliche Schlafgemach betrat. Hoffte er hier auf das Wunder? Aber nicht, was er, allerdings nur sehr schwach, gehofft, sondern vielmehr was er sehr stark befürchtet hatte, ereignete sich. Die Geister seiner quälenden schreckenden Gedanken zerflossen nicht, aber flossen zusammen, ballten sich zusammen zu einem einzigen Ungetüm. Dieses entriß ihn mit einem Schlag den marternden Zweifeln und stieß ihn hart an den Abgrund einer bodenlosen Gewißheit. Und wie kam das? Das traulich reiche Gemach mit der vergoldeten Lagerstatt unter dem baldachinartigen Betthimmel in Blau und Gold erweckte nicht süße Erinnerung in ihm, sondern ließ ihn sein Elend nur bitterer fühlen. Ganz mechanisch nahm er da und dort einen Gegenstand zur Hand, einen Fächer oder eine Trinkschale, oder stierte stehenbleibend und wie blödsinnig auf die zierlichen weißen Pantöffelchen unter dem Kopfende der pompösen Bettstatt. Und dann auf einmal fiel ihm auf dem Putztisch der Herzogin eine Schatulle ins Auge, ein kunstreich skulptiertes gelbelfenbeinernes Ding, es zeigte sich unverschlossen, und darin zwischen dem schwarzseidenen Gepolster und über verschiedenen Gegenständen lag ein Brief und ein kleines ovales Bildnis – das Bildnis des Grafen Monreal. Und auch der Brief trug wieder seine Handschrift. Es war aber eine andere Art Brief als jener erste. Er stammelte von Liebesgenuß, genossenem und zu erhoffendem. Den Herzog fiel es an wie Wahnsinn. Und als ihm in diese purpurne Verfinsterung wieder ein Strahl klar dämmernden Bewußtseins fiel, da stand er vor der Leiche seiner unglückseligen Gemahlin. Vor ihm auf dem Teppich und dem zerknüllten, mit Hermelin gedoppelten Mantel lag sie in ihrem perlgrauen Atlaskleid, ganz ähnlich demjenigen, in dem er sie einst zum erstenmal sah im Hause ihres Vaters an der Plaza Mayor. Auch die schwarze Mantilla aus Valenzianer Spitzen umhüllte wieder ihr kunstreich aufgestecktes Haargebäude, mit dem funkelnden Brillanten über die Stirne, das silbergestickte Mieder ließ die weiße Brust zur Hälfte entblößt. Geronnenes Blut staute sich in dem Mieder und unter der linken Schulter; nur mit dem goldenen Griff aus der bläulich angeschwollenen Wunde hervorragend, stak, tief eingedrungen, ein zierlicher Frauendolch, wie ihn die Spanierinnen jener Zeit gern zur Hand zu haben pflegten. Er hatte seine Frau nicht ermordet, sie war ihm zuvorgekommen in ihrem Entsetzen vor dem Dolch in seiner Hand und dem haßerfüllten Blick seiner wie im Irrsinn flirrenden Augen. »Nein,« hatte sie gerufen, »das sollst du nicht, du sollst nicht der Mörder deines Kindes werden.« Und wie konnte dieses Ungeheuerliche geschehen? Um die dritte Stunde etwa nach Mitternacht kehrte die Herzogin vom Ball zurück. Ihr Haushofmeister empfing sie am Wagenschlag, und noch ehe er ihr die Hand reichte zum Aussteigen, meldete er ihr die plötzliche Ankunft des Herzogs. Und sonderbar, es gab ihr einen Stich ins Herz. War es jähes Glück der Liebe, das sie anrührte, oder war es ein böses Erschrecken? Sie hatte ihren Gemahl erst in einigen Wochen zurückerwartet; was mochte der Grund sein von dieser unvorhergesehenen und unangemeldeten Verkürzung seiner dienstlichen Abwesenheit? Sehnsucht der Liebe? Wenn sie das geglaubt hätte, wäre sie da so erschrocken? Aufjubeln hätte sie müssen in hellem Glück. Aber ihr ahnte Schlimmes. Sie zitterte am ganzen Körper beim Verlassen des Wagens. In der Halle, unten an der großen Treppe, stand, einer weißen Bildsäule gleich, der verhaßte Maure. Sein Anblick steigerte noch ihre Angst. Ihre Ahnungen wurden noch finsterer. Und so furchtbar und durchbohrend stierte er sie an, daß er sie faszinierte, daß er sie bannte, wie der Blick der Klapperschlange ein armes zitterndes Vögelchen. So stand sie einen Augenblick wie festgewurzelt vor ihm. Und er: »Herrin,« flüsterte er ihr zu, »steige nicht hinauf, du eilst dem Tod in die Arme, er wartet schon auf dich. Deine Schändlichkeiten sind entdeckt. Der Herr hat alle Beweise in seiner Hand, fliehe, wenn dir dein Leben lieb ist ...« Die Herzogin hatte in Muley Hassan immer den bösen Geist ihres Hauses gesehen, und da stand sie nun plötzlich vor der Bewahrheitung ihrer unheimlichen Vermutungen, offen trat er gegen sie auf als ihr Verderber. Und so groß war die magnetische Gewalt des Afrikaners über ihre erschreckte Seele, daß sie schon an gar kein Entrinnen mehr glaubte. Sie gab sich schon ganz für verloren. Nur einen Blick stolzer Verachtung brachte sie noch auf. Ganz vernichtet war sie also noch nicht, sie winkte auch ihre Frauen zurück und, wenn auch schwankend und mit zitternden Knien, erstieg sie doch die Treppe. Die Tür zu dem ehelichen Gemach war offen geblieben, so stand sie plötzlich vor dem Gemahl. Er war in einen Sessel gesunken, wie ein Verdammter vor sich hinstierend, seine Rechte umklammerte einen Dolch. Wie ein Tiger sprang er auf bei ihrem Anblick. Sie kam ihm zuvor. »Nein,« rief sie, »das sollst du nicht, du sollst nicht der Mörder deines Kindes werden.« Dieser Ruf, allzu spät, brachte ihn zur Besinnung. Enthielt er die Wahrheit? War's der Schrei der gemordeten Unschuld? Oder war es der Ausbruch eines letzten Hasses und ein wohlgezielter Schlag, der im Augenblick ihres Todes ihn selber tödlich treffen sollte? Nein, feindlich hatten die Worte nicht geklungen. Eher hatte die Verzweiflung der Liebe aus ihr hervorgeschrien. Und sollte ein Mensch, sollte ein Weib so schauerlich lügen im Angesicht der Ewigkeit? Ein Fieberfrost schüttelte ihn. Offenbar enthielten ihre Worte die Andeutung dessen, was sie ihm schamhaft verheimlicht hatte in der Begründung ihres widerstrebenden Verhaltens gegen die Reise nach Oviedo! Ein gelles Lachen riß ihn empor aus seiner Vernichtung, und vor ihm stand, wie aus dem Boden emporgetaucht, der Afrikaner Muley Hassan. »Armes Gehirnchen,« sagte er, »ja, sie war unschuldig, du hast dein eigenes besseres Leben gemordet. Zwiefach hast du es gemordet, wie sie dir selber mit ihrem letzten Atem bezeugt hat. Ich war es, der die beiden Briefe in der Handschrift deines Freundes hergestellt hat. Auch sein Bildnis habe ich in die Schatulle dort praktiziert. Auch den anonymen Brief von Oviedo habe ich geschrieben.« Teufel von einem Schurken, schrie es auf in der getretenen Seele des Herzogs; aber er war zu sehr erstarrt in Entsetzen, um einen Laut hervorzubringen. »Armes Gehirnchen«, wiederholte der Mohammedaner mit eisigem Hohn. »Vater und Mutter hast du mir erwürgt und meine Brüder und meine Schwestern; meine königliche Burg hast du zerstört und mein blühendes Land verwüstet und alle meine Untertanen und mich selber hast du zu Sklaven gemacht und glaubtest, daß ich vergessen könnte, daß ich dein Freund sein könnte, du armer Tropf, der nicht wußte, daß ein Maure nicht vergißt. Glühend habe ich dich gehaßt mit allem Leben, das in mir ist, gehaßt und verachtet. Du wußtest nie, was ein Maure ist, du Hund von einem Christen. Du hast mir alles genommen und mir doch die Gelegenheit zur Rache gegeben. Du hast mich elend gemacht und zugleich zum glücklichsten aller Menschen. Ich habe dich vernichtet. Dein Weib starb in Abscheu vor dir, dein Freund wird dir ins Angesicht speien. Magst du leben, wenn du kannst. Und magst du deinen Christenhunden von meiner Rache erzählen. Sie werden schaudern in ihren Weiberseelen. Ihr zahmen kühlen Europäer, was wißt ihr von der Kraft und Schönheit einer überlegenen Rasse, der die Rache eine Tugend bedeutet. Lebe, Hund, wenn du kannst. Ich sterbe als der Sieger.« Er erdolchte sich. * Und hier nun, zum Schluß, wenn es einem Ungeschickten einfallen sollte, mit dummen Theatererinnerungen daherzustolpern – Apage, Satana! Eine Novelle ist kein Theater und soll keines sein, so wenig wie ein Bild ein Theater sein soll. Der göttliche Shakespeare freilich läßt uns mit Grauen und Entsetzen dabei zusehen, wie der vortreffliche Mohr in aller Kaltblütigkeit (ich glaube sogar, schlechte Witze reißt er dabei) die schöne Desdemona zu Tode würgt. Das durfte ein großer Dichter. Neben ihm ist aber der Novellenerzähler eben halt nur ein Erzähler, der einfach die Begebenheit nach der Wahrheit berichtet, wie er sie gehört hat (gesehen hat er sie selten) und nichts daran aufbauschen und aufblähen soll. Und so hätte nach dem Rezept des Theaters auch der Herzog von Logrono sich erdolchen müssen. In Wahrheit aber tat er es nicht. Seine strenge spanisch-katholische Frömmigkeit hielt ihn davon zurück. Er sagte der Welt, in der er, seinem heldischen Ruhm zum Trotz, nun einmal nicht zurechtkam, auf andere Weise Valet, er trat in den Orden des heiligen Dominikus. Später wurde er Ordensgeneral und Großinquisitor des hl. Offiziums; und wenn es damals in Spanien noch versteckte und verstockte Mohammedaner auszurotten gegeben hätte, wäre er vielleicht, und man wird es begreifen, einer der eifrigsten geworden in diesem Geschäft. Wer da nun der letzte sich bereits selber entleibt, auch manches andere sich mit der Zeit in Spanien und sonst in der Welt gewandelt hatte, blieb ihm nur wenig zu tun übrig, und so erscheint in den Annalen der spanischen Inquisition der Großinquisitor Don Juan de Somosierra, ob das nun viel oder wenig heißen will, als einer der menschlichsten und mildesten Inhaber dieses bei gewissen Leuten etwas in Verruf geratenen hohen Amtes. Die Heilige Jungfrau und der Gehenkte Lieber Meister Gottfried, du hast uns doch einige so wundersame und ergötzliche Abenteuer der Hl. Jungfrau erzählt, die wir auch Unsere Liebe Frau nennen: ein wenig schnurrig, wie es deine Art ist, und doch so überaus köstlich weißt du von der hohen himmlischen Frau zu berichten, wie wenn du, der hartgesottene Züricher Ketzer, selber dabei gewesen wärst, als sie so männlich tapfer und ohne alle weibliche Ziererei mit dem leibhaftigen Teufel rang und dann gar als geharnischter Ritter in die Schranken ritt, hoch zu Roß, und zwei übermütigen Maulhelden so übel mitspielte, hernach aber in einem armen Klösterlein ein halbes Menschenalter lang die demütigen Dienste der Küsterin verrichtete, alles, als wenn du dabeigewesen wärst. Warum erzähltest du also nicht auch die uralte Geschichte von der Hl. Jungfrau und dem Gehenkten? Du hättest es besser gekonnt als irgendein anderer. Ein paar Schöppchen Hallauer Noten weniger und es wäre getan gewesen. Da du es aber verschmäht hast, muß nun der Geselle daran, so zaghaft es ihm auch zumute ist, doch weil es nun einmal sein soll, will er keine weiteren Umschweife machen und beginnt in Gottes Namen also. Vor vielen hundert Jahren verweilte am Hof des Kaisers ein reicher Graf namens Herr Leuthold, und zwar stand er im besonderen Dienst der Kaiserin als deren oberster Marschall. Dieser Graf Leuthold lebte mit seiner Gemahlin in kinderloser Ehe, und der Gedanke, ohne Leibeserben zu altern, bedrückte ihn schwer, ja in solchem Grad, daß seine frühere Liebe zu der Gemahlin mehr und mehr erkaltete und ein dumpfer Grimm gegen die Unglückliche in ihm aufwuchs, und das war nun freilich nicht sehr christlich. Auch kämpfte er herzhaft dagegen an und nahm dabei im Gebet seine Zuflucht zu der Hl. Jungfrau Maria, seiner besonderen Patronin, als welche sie ihm einst von seiner frommen Mutter anempfohlen worden. Aber die himmlische Patronin vergaß er doch ganz und gar in Gegenwart der schönen Gertrude vom Stein, dem ersten Edelfräulein der Kaiserin, und sein Amt brachte es mit sich, daß ihm diese Gegenwart in den Gemächern der Kaiserin öfter beschieden wurde als die seiner Gemahlin. »Ach,« seufzte er dann oft heimlich, »welch ein glücklicher Mann könnte ich werden ohne diese unglückliche Gebundenheit an die Unfruchtbare.« Er dachte sich dabei weiter nichts Böses. Aber so etwas wie eine Warnung von seinem guten Engel verspürte er doch in seinem Gewissen, und als er dann um diese Zeit von der Kaiserin einen Auftrag bekam an ihren Bruder, den Erzbischof von Köln, freute er sich ehrlich darüber, denn er nahm es wirklich ernst mit seiner Christenpflicht. Auch dagegen sträubte er sich nicht, weder äußerlich noch innerlich, daß die Kaiserin wünschte – sie mochte so ihre heimlichen Gedanken dabei hegen –, er möge den Ritt nach dem Heiligen Köln nicht allein antreten, vielmehr sollte seine Gemahlin ihn dahin begleiten. Und so geschah es. Ob diese Reise sehr lustig oder gar nicht lustig vor sich ging, mag dahingestellt bleiben, jedenfalls kamen beide mit ihrem Gefolge wohlbehalten an in der erzbischöflichen Stadt, wo aber gerade eine unheimliche Pestilenz umschlich, die man das Rote Fieber nannte. Davon wurde die Gemahlin des Grafen schon am dritten Tag überfallen, und wiederum nach drei Tagen klopfte auch schon der Tod an ihre Kammertür, das ist aber ein unhöflicher Gast, der, wenn er anklopft, nicht zu warten pflegt, bis jemand Herein ruft. Im Münster zu Sankt Marien im Kapitol ließ Herr Leuthold die Verblichene mit großem Pomp beisetzen. An die schöne Gertrude vom Stein dachte er dabei nicht, das brauchte er sich nicht vorzuwerfen, es war ja auch noch Zeit genug dazu auf dem langen Weg der Heimfahrt. Diese freilich ließ er dann nicht unbenutzt, und tausendmal rief's da empor aus seiner Seele: Du bist frei, du bist frei. Er wußte, das Fräulein Gertrude war ein sehr armes Fräulein. Das betrübte ihn aber keineswegs. Um so besser, sagte er sich, so werde ich wenigstens von ihrem alten Vater keinen Widerstand zu erfahren haben. Mit diesen Gedanken hatte er seinen Heimritt angetreten, mit diesen Gedanken ritt er eines Tages zur Zeit des abendlichen Aveläutens durch die Tore der kaiserlichen Burg, wo er denn nicht säumte, seiner hohen Herrin der Kaiserin aufzuwarten. Aber die schöne Gertrude vom Stein sah er nicht, wie sonst immer, um die Person der Kaiserin, und das war ihm eine recht schmerzliche Enttäuschung und wie eine üble Vorbedeutung. Diese erfüllte sich nur allzusehr. Wie ein Donnerschlag trafen ihn die Neuigkeiten, die er nun erfuhr, nachdem er selber über seine Reise Bericht erstattet und auch die Kundgebungen ihres Beileids über seinen so plötzlichen schweren Verlust aus dem Munde der Kaiserin mit, man wird wohl sagen dürfen, mit etwas geheuchelter Betrübnis entgegengenommen. Da war, so erzählte die Kaiserin, gleich nach dem Wegritt des Grafen Leuthold der Ritter vom Stein auf der Kaiserburg erschienen, um seine Tochter nach Hause zu holen und ihrem Gatten, den er für sie bestimmt, entgegenzuführen. »Und was meint Ihr,« fragte die Kaiserin fast zornig, »wer der ist, dem meine liebe Gertrude heute als Ehefrau zugehört? Ihr kennt ihn. Es ist kein anderer als Kunzo von Argeneck auf Burg Argeneck, kaum vier Meilen von uns. Aber ach, an ihm ist nur allzuviel Arges. An die sechzig hat er sicher auf dem Buckel. Ehemals war er ein gefürchteter Haudegen und wüster Raufbold, dem es nichts verschlug, wenn er wochenlang nicht aus dem Sattel kam. Aber davon ist ihm auch das Zipperlein angefahren, daß er nun hinkt wie ein lahmer Hund.« »Um Gottes und aller Heiligen willen,« rief Herr Leuthold; »aber wie konnte das geschehen?« »Das konnte geschehen,« antwortete die Kaiserin düster, »weil der vom Stein sich als ganz entblößter armer Schwartenhals hinschleppt, und dem Ritter Kunzo hat seine Verstorbene ein halbes Dutzend der schönsten Meierhöfe hinterlassen; außerdem soll er sich, unter dem letzten Kaiser, bei den Sarazenen und Seldschucken einen großmächtigen Haufen roten Goldes erbeutet haben, denn er war ja in seinen jungen Jahren ein mörderischer Draufgänger, und mit einem Teil des geraubten Goldes wird er dem Schnapphahn und Elendsritter vom Stein meine liebe und schöne Gertrude abgekauft haben.« So verhielt es sich in der Tat. Eine solche Sache ist aber ein Verbrechen gegen die Natur, und da Gott selber ja die Natur geschaffen und ihre Gesetze eingerichtet hat, so ist jede Sünde gegen die Natur, abgesehen von den Einrichtungen unserer heiligen Kirche, eine noch größere Sünde gegen die göttliche Majestät selber. Solches mochte auch der Graf Leuthold denken, und wenn nicht, an eines dachte er Tag und Nacht, an das lichte Goldhaar der schönen Gertrude, und eines stand bei ihm fest: noch einmal wenigstens mußte er sie wiedersehen. Er überlegte nicht, was dabei alles auf dem Spiele stand. Da er übrigens den Ritter von Argeneck von früher her kannte, erschien nichts natürlicher als ein Besuch auf seiner Burg, in deren Nähe er ohnedies öfter der Jagd oblag und wo er denn auch von dem greisen Burgherrn in aller Unbefangenheit und Gastfreundschaft aufgenommen wurde. Etwas anders empfing ihn die junge Schloßfrau; dem Grafen Leuthold wollte es fast scheinen, da der Ritter Kunzo ihn zu seiner Gemahlin hineinführte, als ob ein leises Erblassen über ihre frischen Wangen liefe; in ihren schönen Augen lag es wie ein unwillkürliches plötzliches Erschrecken, und die Spindel mit dem goldenen Wirtel fiel ihr jählings zu Boden. Doch faßte sie sich schnell und vergab in nichts der gastlichen Ehre des Hauses. Bei diesem ersten Besuch blieb es nicht, Herr Leuthold wiederholte ihn von Zeit zu Zeit in gemessenen Abständen, aber in keinen allzu großen. Er tat es nicht ohne heimliche Gewissensbisse, aber er tat es wie einer, der unter einem übermächtigen Zwange steht. Und ob er dann wohl beim Empfang von seiten der Schloßherrin eine Änderung mit Bewußtsein wahrnahm? Wenigstens dem Ritter Kunzo entging sie nicht. Er hatte auch schon beim erstenmal das Erblassen und jähe Erschrecken seiner Frau mit dem scharfen Blick eines Mißtrauischen wohl aufgefangen, später aber glaubte er zu bemerken, daß sie beim Eintritt des Besuchers eher errötete und ihr Auge wie in Beglückung strahlte. Und er verfehlte nicht, daraus seine Schlüsse zu ziehen, dahingehend, daß zwischen den beiden ein geheimes Einverständnis bestehen müsse, ja, daß ohne allen Zweifel ein solches schon vor seiner Ehe bestanden hatte. Diese Feststellung aber, ob sie nun auf Wahrheit oder Irrtum beruhte, wirkte wie ein Tropfen tödlichen Giftes in dem trüben Wein seines greisenhaften Glückes. Ein einziger solcher Tropfen genügte bei ihm. Der brachte sein laues Blut noch einmal, wie in seinen jugendlichen Zeiten, in schäumenden Aufruhr; die tolle Mordgier seiner Vergangenheit wurde von neuem mächtig in ihm, er faßte einen grauenhaften Entschluß. Herr Leuthold blieb ahnungslos. Aber mit ungeheurem Erstaunen erfüllte ihn eines Tages ein Brieflein aus der Burg Argeneck. Wenigstens im ersten Augenblick empfand er keineswegs den seligen Glücksjubel der Liebe. Vielmehr stand er verblüfft, und wenigstens seine Seele erbleichte, wenn man so sagen kann. Die Sache kam ihm zu unerwartet. Er hatte wohl seit einiger Zeit schon nicht mehr gezweifelt an der stillen Neigung derer, die er heimlich im Herzen anbetete. Aber gerade weil sie ihm heilig war wie eine Göttin, verwirrte das enggekritzelte Brieflein ihm jetzt den Sinn mehr als es ihn beseligte. Aber die Herrin rief ihn, er durfte nicht zaudern. Er glaubte, es sei das ritterliche Ehrgefühl, das so in ihm sprach; es war aber die allmächtige Liebe mit ihrer unwiderstehlichen Beredsamkeit. Das überlegte sich der Graf indessen kaum, und noch weniger dachte er jetzt mit dem kleinsten Gedanken an die Hl. Jungfrau, seine himmlische Patronin, die bereits auf ein schönes Wunder sann, auf ein solches, das keiner so leicht erraten würde. Zu später Nachtstunde verließ Herr Leuthold zu Pferd die kaiserliche Pfalz. Eine stürmische Septembernacht war's. Wie schwarze Pferdemähnen stoben die Wolken über dem Reiter hin und verdunkelten in dicken Zügen die Helle des vollen Mondes. Und so sah es auch aus in seiner Seele; mit dem freudigen Licht unsagbarer Hoffnungen kämpfte eine unerklärliche dumpfe Traurigkeit und Bangigkeit. Traurig auch und wie wimmernd, gleichsam mit sturmzerfetzten Klängen, tönte von fern ein Glöcklein, und der Graf in seiner eigentümlichen Seelennot gedachte jetzt doch seiner himmlischen Patronin und fast mechanisch und doch inbrünstig betete er Ave Maria gratia plena ... In diesem Augenblick zerriß der Sturm die Wolken und es ward ganz hell über ihm. Aber wie erschrak er, als er aufschaute. Er mußte den Weg verfehlt haben. Denn seltsame Glocken hingen da über ihm und baumelten im Sturm heftig bewegt, aber läuteten nicht. Mit ängstlichem Schnuppern wie vor etwas Unheimlichem scheute sein Pferd zurück. Der Graf hielt unter dem Hochgericht. Die Glocken waren die grauenhaften Leiber der Gehenkten, die einen abgenagt zu Skeletten, daß ihre Knochen klapperten im Wind, die andern halb zerfressen vom Raubgeziefer mit heraushängenden Gedärmen, nur einer unter ihnen noch frisch und unversehrt. Auch die Galgenvögel fehlten nicht; als schwarze Raben hockten sie auf den Balken, nickend mit dem Kopf in müder Sattigkeit, nur hie und da einer mit den seitlichen Augen schläfrig blinzelnd. Eine solche Begegnung hätte auch dem Sichersten als verhängnisvolle üble Vorbedeutung erscheinen mögen. In hellem Entsetzen riß der Graf sein Pferd herum. Da hörte er sich angerufen. »Haltet an,« rief es von einem Galgen herunter, »haltet an, Herr, erbarmt Euch eines Elenden, um der Heiligen Jungfrau willen erbarmt Euch.« Wenn etwas den Herrn Leuthold bewegen konnte, so war es die Berufung auf seine himmlische Patronin. Er kehrte sich im Sattel um. »Erbarmt Euch,« rief von neuem der Gehenkte, »ich bin unschuldig, ich bin aus Versehen gehenkt worden, um der Heiligen Jungfrau willen erbarmt Euch.« Nur mit Mühe bezwang der Graf sein Pferd und brachte es unter den Galgen. Dann zog er sein Schwert und durchschnitt damit den Strick des Gehenkten. Was aber danach geschah, das verblüffte den Herrn Leuthold mehr als alles andere. Der abgeschnittene Kadaver, wie ein geschickter Akrobat, machte in der Luft einen Schneller, und wupps! saß er hinter dem Grafen auf dem Pferd. Das ging, wie unsere Vorfahren zu sagen pflegten, dem Grafen über das Bohnenlied. »Daß dich der leibhaftige Satan hol'!« rief er in Grausen und Empörung zugleich. Der andere aber schien sich wenig um seinen Zorn und um sein Grauen zu kümmern. »Bst,« machte er, »fluchet nicht, Herr Graf Leuthold, damit betrübt Ihr die Hl. Jungfrau, die hohe Königin des Himmels, Eure Patronin.« Diese Ermahnung traf den Herrn Leuthold in der Seele. Er wagte nicht mehr zu schelten. »Woher weißt du denn meinen Namen, du Rabenaas?« fragte er fast kleinlaut. »Das sollt Ihr später erfahren,« antwortete der Gehenkte, »und jetzt reitet los, ich habe Euch allzulang schon aufgehalten, Ihr könntet Euer Stelldichein verfehlen.« Der Graf fand keine Worte mehr. Was sollte er von alledem denken? Ihm wirbelte der Kopf. Aber wie einer, der unter einem höheren Befehle steht, ohne es selbst zu wissen, und über dem eine unsichtbare Macht waltet, fügte er sich stumm, gab seinem Pferd die Sporen, und dahin ging's in der schwarzen Sturmnacht über Schluchten und Hecken und Wasserbäche; in sausendem Galopp weiter ging es, zuerst durch offenes Feld, dann durch dichten Wald. Nie in seinem Leben hatte der Graf einen so wilden Ritt getan. Sollte er den Gottseibeiuns hinter seinem Rücken haben? Ihn schauderte bei dem Gedanken, und dieser kam auch nur von seinem bösen Gewissen, wie es sich bald zeigen sollte. Eh' er es dachte, sah sich der Graf am Ziel, er hielt vor der aufgezogenen Hängebrücke der Burg Argeneck, und hoch ragten zu beiden Seiten die Mauern und Türme. Sein schauerlicher Begleiter war bereits abgesprungen und hielt ihm dienstwillig den Steigbügel. Nun galt es für den Grafen, die Strickleiter zu entdecken, von der in jenem gekritzelten Brieflein geschrieben stand. Von der Brücke rechts ab, zehn Schritte sollte er messen. Dort fand er wirklich, indem er mit den Händen die Mauer abtastete, die hänfene Leiter und machte sich unverzüglich daran, an ihr hinaufzusteigen. Er fühlte sich aber am Ärmel gepackt, und da wollte er wieder zornig werden. »Bst!« machte der Gehenkte neben ihm, »nicht laut, nicht laut; aber im Namen der Hl. Jungfrau, laßt mich erst eine Probe machen, man kann nicht wissen.« Im Namen der Hl. Jungfrau sprach er, das genügte, der Ritter fügte sich. Und flink wie eine Eidechse kletterte der Leichnam des Gehenkten an den Stricken in die Höhe, aber an der Zinne der Mauer angelangt, stieß er einen Mark und Bein durchdringenden Schrei aus und purzelte kopfüber aus seiner luftigen Höhe hernieder. Der Graf wich höchlichst erschrocken zur Seite. Der Ermordete hatte aber kaum den Boden berührt, so sprang er schon wieder trotz seiner weitklaffenden Kopfwunde, wie ein Steh-Umfall-Männchen, flink auf seine Beine. »Zum Teufel, was bedeutet das?« flüsterte der Graf. »Nein,« wurde ihm geantwortet, »der Teufel war's nicht, aber wahrscheinlich der Ritter Kunzo, der Euch einen Empfang nach seiner Phantasie, seiner schnauzbärtigen, zugedacht hatte. Und also ward dem Grafen durch einen Gehenkten das Leben gerettet. * Wie das alles aber zusammenhing, das erfuhr er nun auf dem nachdenklichen Heimritt, denn wirklich an Stoff zum Nachdenken fehlte es ihm da nicht. Jedoch sein Gefährte, er hatte sich wieder hinter ihm aufs Pferd geschwungen, ließ ihm nicht lange Zeit dazu. Der hatte ja eine Geschichte zu erzählen. Wer aber eine Geschichte zu erzählen hat, – nun ja, darüber weiß am besten unsereiner Bescheid. Außerdem betraf seine Geschichte den Herrn Leuthold persönlich, kein Wunder, wenn dieser dem Gesellen, der nun gar sein Lebensretter geworden, ein williges Ohr lieh. Und folgendes ist die Geschichte des Gehenkten. »Wie ich an den Galgen kam und wie sich das alles zutrug,« so ungefähr begann er, »wäre zu lang zu berichten. Kurz, ich wurde, wie es ja manchmal vorkommen soll, aus Versehen gehenkt. Nachdem mich der Henker von der Leiter gestoßen, zappelte und strampelte ich noch ein kleines Weilchen, dann – ja dann – dann stand ich nun plötzlich vor dem Himmelstor und inwendig rasselte der Hl. Petrus mit den Schlüsseln und das Tor tat sich auf. Ich sagte ›Grüß Gott, heiliger Petrus‹. Er machte aber gar kein freundliches Gesicht dazu und knurrte nur so etwas in seinen schneeweißen Krausbart. Da sagte ich: ›Ich bin der Hansjörg, den sie aus Versehen gehenkt haben.‹ ›Ich weiß, ich weiß,‹ antwortete der brummige Sanktpeter, ›du bist unschuldigerweise gehenkt worden; aber du hast dafür einige andere Sünden auf dem Kerbholz, und siehe, gleich da links geht der Weg zum Tor des Fegfeuers, das ist vorerst deine Bestimmung, und nun mach', daß du weiterkommst.‹ Ich stand ordentlich verdattert. Aber da hörte ich eine wundersam liebliche Stimme rufen. ›Einen Augenblick, heiliger Petrus!‹ Und da stand sie auch schon vor mir, die Heilige Jungfrau, die hohe leuchtende Königin des Himmels, und lächelte mich gar holdselig an. Zu dem heiligen Petrus aber sagte sie – ›Freund,‹ sagte sie, ›du wirst immer härter mit dem Alter. Der gute Hansjörg ist unschuldig stranguliert worden, er hat da genug ausgestanden, das wiegt schon ein Häufchen Sünden auf. Ach, die weltlichen Richter, die kennen auch gar keine Barmherzigkeit, willst auch du diese Grausamen nachahmen, o heiliger Petrus?‹ Also die hohe Himmelskönigin. Mir kamen die Tränen, ich stürzte ihr zu Füßen und wollte ihr den Saum ihres Mantels küssen, leuchtend weiß wie Schnee und mit goldenen Sternen besät; er war aber als aus reinem Licht gewoben, nur zu sehen, nicht zu fühlen. Die hohe himmlische Frau nahm mich liebreich bei der Hand und hob mich auf. Sie sprach: ›Lieber Hansjörg, du kommst mir wie gerufen. Du kannst mir einen großen Dienst erweisen. Mein treuer Verehrer, der Graf Leuthold, wandelt trotz seines guten Herzens auf ungeraden Wegen. Ihm droht heute nacht auf Schloß Argeneck Gefahr des Lebens, aber ich will nicht, daß er umkomme und sterbe auf der Straße, die zur Hölle führt.‹ Ja, so sagte die Hl. Jungfrau, und meiner Treu, Herr Graf, auf dem Pfad der Tugend und Frömmigkeit seid Ihr heute nicht geritten; denn als ich noch nicht sechs Jahre zählte, hat es mir der Mönch Anselm schon ernstlich eingeprägt: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Ihr könnt darum der Hl. Jungfrau nicht dankbar genug sein, daß sie sich rechtzeitig für Euch ins Mittel gelegt hat. Sie befahl mir nämlich, schnurstracks in meinen Leichnam zurückzukehren. ›Und wenn der Graf Leuthold dann‹, so sagte sie weiter zu mir, ›am Hochgericht vorüberkommt, so rufe ihn an in meinem Namen, rufe ihn an, sich deiner zu erbarmen und dich abzulösen von dem Marterholz. Denn du sollst ihm heute das Leben retten. –‹ Und auch alles, was sich nachher zugetragen, hat mir die Hl. Jungfrau zum voraus angezeigt.« Also erzählte der Gehenkte im Rücken des Herrn Leuthold, dieser aber verharrte in stummer Ergriffenheit. »Herr Graf, Herr Graf,« rief plötzlich der Erzähler, »wir sind am Ziel, nicht an dem Euren, aber an dem meinigen. Auch das Tagesgrauen bricht schon an, und seht Ihr, die schwarzen Glockenschwengel baumeln im Morgenwind? Ach Gott, die armen Kerle. Aber wie auch alle Kreatur schauert zu dieser Stunde, frieren werden die nicht mehr, trotz all ihrer Nacktheit. Und hier, seht, das ist der Galgen, der auf mich wartet. Da muß ich wieder hinauf, die Hl. Jungfrau könnte es sonst mit dem hochnotpeinlichen Gericht zu tun bekommen. Diese Herren sind sehr eifersüchtig auf ihre schönen Rechte und Vorrechte. Und so habe ich, Euer Lebensretter – und Ihr werdet nicht den Undankbaren spielen wollen –, habe ich eine letzte Bitte an Euch. Im Namen der Hl. Jungfrau bitte ich Euch, knüpft mich nun wieder da auf, wo Ihr mich heruntergeschnitten habt.« Dem Herrn Leuthold gruselte. Aber was tun? Wer den frommen Grafen im Namen der Hl. Jungfrau um etwas bat, der durfte keine Fehlbitte getan haben. Als aber das grauenhafte Geschäft dann vollbracht war, da kam ihm erst dessen Bedeutung zum Bewußtsein. »Da hast du ja nun den Henker gespielt,« sprach er zu sich selber, »und nach den Gesetzen dieser Welt bist du nun unrein, bist du unehrlich geworden, du bist ein Ausgestoßener, du bist ein verlorener Mann, du kannst dem Kaiser kein ehrlicher Ritter mehr sein.« So ritt er seines Weges in tiefer Bekümmernis. Plötzlich aber ward ihm eine wunderbare Erscheinung. Zu seiner Rechten, über dem hohen schwarzen Wald stieg am bleichen Himmel der schöne Morgenstern empor, der damals auch Mariae Stella , der Stern der Hl. Jungfrau genannt wurde. Bei diesem Anblick wurde es auch in der Seele des Grafen plötzlich wieder Licht. Und nicht mehr fast mechanisch, aus tiefstem Herzen betete er: Ave Maria gratia plena ... »Nun weiß ich Rat und Tat«, sprach er heiter vor sich hin. »Nun verstehe ich meiner hohen Patronin Absehen. Ihr Ritter, so will sie es, soll ich fortan sein. Denn sie, die Göttliche steht hoch über dem albernen Urteilen und Richten der Menschen, und gegen ihren Ritterschlag ist der des Kaisers so, wie wenn Kinder mit hölzernen Schwertern spielen.« Diesergestalt sprach der Graf zu sich selber, und danach handelte er. Er nahm Urlaub von der Kaiserin und auch vom Kaiser und verfügte sich in seine Grafschaft. In deren Nähe lag das Kloster Mariä Gnadental, in dem arme Söhne des heiligen Benedikt dem Herrn und seiner glorreichen Mutter dienten mit Beten und harter Arbeit. Diesem zuvor noch armen Kloster vermachte er alle seine Güter und – – – * Hier gehen die beiden Niederschriften der Legende auseinander. Die jüngere Schrift, deren Schreiber sich einen ritterbürtigen Jungherrn von Süßholz nennt, schweift von der älteren hier weitläufig ab. Nach diesem späteren Schreiber wurde der Herr Leuthold, nach der Abtretung seiner Güter an das Kloster Gnadental, ein frommer Einsiedler, und zwei Meilen von der Burg Argeneck entfernt erbaute er sich seine Einsiedelei, die der Jungherr von Süßholz so bis auf die kleinste Kleinigkeit ausmalt, als ob er sie mit eigenen leibhaftigen Augen gesehen hätte mit allen Requisiten, die bei einer solchen Siedlerklause nun einmal herkömmlich sind, woraus denn mancher gar den Verdacht schöpfen mag, der Jungherr von Süßholz werde wohl so nebenbei ein wenig in das bedenkliche Handwerk der Dichterei hineingepfuscht haben. Auch läßt er den Herrn Leuthold in einem falschen Bart, weil er nicht erkannt sein wollte in seinem Kapuzenkleid, jeden Morgen auf eine Höhe hinaufsteigen, wo er in der Ferne die Zinnen und Türme der Burg Argeneck aufragen sah. Da saß er tagtäglich vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang, und sein zahmes Rehlein lag neben ihm, und in seinen frommen Augen konnte man deutlich lesen das tiefe Mitleid des zarten Geschöpfes mit dem heimlichen Kummer seines Herrn. Auch blieb diesem lieben Tierlein eine wichtige Rolle vorbehalten. Diese Kreatur Gottes begegnet einst im Wald, nicht weit von der Burg Argeneck einer schlanken Frau von außerordentlicher Schönheit mit goldenem Haargeflecht. Vor ihr ergriff das Reh zwar nicht die Flucht, doch kehrte es um und trat langsam seinen Rückzug an, und die schöne Frau, wie von einer magischen Gewalt gezogen, folgte ihm, folgte ihm bis zur Klause des heiligen Einsiedlers, der sogleich seine Geliebte erkannte, die schöne Gertrude vom Stein, und – kurz der Graf gab sich zu erkennen, und da der Ritter Kunzo bereits an die drei Monate sich in der Gruft seiner Ahnen von seinem wenig frommen Leben ausruhte, stand einer fröhlichen Hochzeit nichts im Wege, womit dann die Legende schließt. Und das ist ja freilich ein schöner Schluß, und der ritterbürtige Jungherr von Süßholz – sein Geschlecht besteht und blüht noch heute – hat damit gewiß ein allerliebstes Mühmchen oder Bräutchen nicht wenig beglückt, was er wohl vor allem angestrebt hat. Aber kann es zu rechtfertigen sein, daß man eines allerliebsten Bräutchens oder Mühmchens oder sonstiger Allerliebstheiten wegen von der Wahrheit abweicht? Der ritterbürtige Jungherr von Süßholz hat eines nicht bedacht: daß, wer nicht ein ehrlicher Ritter sein kann vor dem Kaiser, es noch weniger sein kann vor der Dame seines Herzens, und er sich also eine Herrin suchen muß, die hocherhaben ist über den Kleinlichkeiten unserer gebrechlichen Welteinrichtung. Aus diesem Grund – und niemand wird seine Richtigkeit bestreiten wollen – können wir nur dem älteren Schreiber Glauben schenken, ob wir gleich über seinen Namen und Stand nichts wissen. Nach ihm aber hat Herr Leuthold dem Abt von Mariä Gnadental nicht nur seine Güter, sondern auch seine Person vermacht und anvertraut und hat in dem demütigen Gewand der Mönche seiner hohen himmlischen Herrin Ritterdienst getan all sein Leben lang. Die schöne Gertrude vom Stein hat er dennoch wiedergesehen, aber erst in späteren Jahren. Da war er selber Abt geworden und mußte nun von Amtes wegen neben andern auch das Frauenkloster Maria Trost, in einem stillen Seitentälchen versteckt gelegen, manchmal besuchen. Hier fand er Gertrude vom Stein wieder. Sie war denselben Weg gegangen wie ihr einstiger Geliebter. Sie sahen sich nun oft, aber wie Heilige sich sehen und sprechen zur Erbauung und Stärkung ihrer Seelen. Und im Rufe der Heiligkeit sind auch beide in hohen Jahren aus dieser Welt geschieden und einer noch höheren Vereinigung entgegengegangen; das ist der Legende wahres und wahrhaftiges Ende. Der Heilige und der Papst Wer die Blümlein des heiligen Franziskus gelesen hat, der möge über das Folgende sich nicht ärgern, was schon sich nicht christlich und dreifach unangebracht und im höchsten Grad unschicklich wäre in der Nähe dieses sanften Heiligen. Unzählig – daß jedoch niemand unselig verstehe – unzählig aber sind die, die diese seltsamen Wunderblümlein nicht kennen; sie werden vielleicht durch das Nachfolgende bewogen, sie kennenzulernen, und wenn sie dann unglücklicherweise vielleicht nicht finden, was sie suchen, so kann das ebensowohl an ihnen liegen wie an den armen Blümlein. * Am oberen Tiberfluß, etwa anderthalb römische Meilen unterhalb Perugia liegt der Ort Bosco, und auf der Straße dahin, linker Hand auf einem sonnigen Hügel, war einst ein kleines Gehöft zu erblicken, das dem reichen und edlen Herrn Bernhard von Quintovalle gehörte, wo aber nun eine Anzahl Brüder des heiligen Franziskus wohnten, die dieser von seinem nicht allzu fernen Portiuncula her von Zeit zu Zeit zu besuchen pflegte. So geschah es, daß er auch am fünfzehnten Juli im Jahr des Heils eintausendzweihundertundsechzehn an diesem Orte weilte. Er hatte sich mit der Sommersonne früh von seinem Lager erhoben, das in nichts weiter bestand als dem bloßen Erdboden, und war dann hinausgeschritten in den goldig durchglitzerten Lorbeerhain, der sich über dem Ölgarten den Hügel hinauf erstreckte. Und vielleicht hat er an diesem Morgen seinen berühmten Hymnus an die Schwester Sonne gedichtet. Die da webt und flicht In den Tag ihr goldenes Licht Und schön ist und in ihrem Schild, O Herr, Spiegelt dein strahlendes Ebenbild. Und da, in seiner poetischen Verzückung, widerfuhr dem Dichter und Heiligen eine Unachtsamkeit. Eine Spinne hatte zwischen zwei Lorbeerkronen ein wundersames Netz ausgespannt, an dem die Tautropfen in der Sonne funkelten wie Diamanten. Franziskus aber war mit seinem Ärmel daran gestreift und hatte das unsagbar feine Gewebe zerrissen, daß die Spinne, die zuvor in seinem Mittelpunkt saß, erschreckt die Flucht ergriffen und sich auf ein Lorbeerblatt gerettet hatte. Noch mehr aber als die Spinne war Franziskus erschrocken. »Was habe ich getan, ich Tölpel,« rief er aus; »mit plumpem Dareinfahren habe ich eine wunderbare Schöpfung Gottes zerstört und habe meine Schwester Spinne gekränkt, die Kunstreiche, die es mir so sichtbar vor die Augen gestellt, welche unbegreiflichen Wunder der Schöpfer wirkt in seinen Geschöpfen. Ich Unglücklicher! Zerstören konnte ich das wundersam zarte Werk, aber es wiederherzustellen vermag ich nicht. Denn unnachahmlich, wie er sich auch vermessen mag, sind dem Menschen die Werke des allmächtigen Gottes im Größten wie im Kleinsten.« Ein Geräusch in der Nähe zog seine Blicke seitwärts, und da sah er, von Bruder Juniperus geführt, zwei römische Priester in violenfarbenem Kleid auf sich zukommen, solche, die sich von den Leuten Monsignore anreden lassen. »Bruder Franz,« rief ihm einer derselben zu, »wir kommen als Boten Seiner Heiligkeit des Papstes; er ist schwer erkrankt und sehnt sich, dein Angesicht zu sehen und deine Stimme zu hören. Es verlangt ihn nach einem Trostwort aus deinem Munde.« »Seltsam,« sagte Franziskus vor sich hin, »da geht es ja dem Bruder Papst wie der Schwester Spinne. Auch er hat ein Netz gesponnen, von feinen und groben Fäden, ein kunstreiches und gewaltiges, die ganze Erde umspannend, und nun streckt der Tod seine Hand aus, die knöcherne, um ihm dareinzufahren, nicht achtend aller Heiligkeit und Majestät.« »Lieber Bruder Franz,« sprach der andere Priester, »verliere nicht deine Zeit mit einfältigen Reden, komm und folge uns, so ist es dir durch uns von seiner Heiligkeit befohlen.« »Meine Schwester Spinne, die ich schwer gekränkt habe,« sprach Franziskus, »bedürfte freilich meines Trostes mehr als der allmächtige Papst – allmächtig in dieser Welt – und ich sollte sie wohl jetzt nicht allein lassen in ihrer Bekümmertheit. Denn seht, ihr Herren, der Papst trägt zwar auf der Brust ebenfalls das Kreuz, ein Kreuz von Gold und Edelgestein, aber es ist gemacht von Menschenhand, der Spinne jedoch ist dieses heilige Zeichen aufgedrückt von Gott selber; ein dergestalt ausgezeichnetes Geschöpf ist die Schwester Spinne, und so werdet ihr begreifen, daß mir das Herz schwer ist um ihre Betrübnis. Aber ich empfinde auch ein tiefes Mitleid mit meinem kranken Bruder Innozenz, und Gehorsam schulde ich dem Vater der Christenheit, so laßt uns gehen und zu ihm eilen.« Und also machten sie sich auf den Weg, und es bot einen seltsamen Anblick, wie sie auf der weißen steilen Straße hinaufstiegen, zur Seite die beiden Violetten und zwischen ihnen Franziskus in seiner rostbraunen, aus alten Säcken zusammengeflickten Kutte, hinauf zur hochragenden Stadt Perugia, von deren weißen Türmen und Zinnen die höher steigende umbrische Sonne blendend zurückfunkelte. Die beiden Priester in ihren violenfarbenen langen Gewändern konnten nur langsam schreiten, und so kam es, daß ein ländlicher Jüngling sie zu überholen im Begriff stand. Er sah fast phantastisch aus mit seiner kurzen dunkelgrünen Hose und rotem Hemd, sonst trug er nichts am Leib, aber am Arm hing ihm ein Weidenkorb, ganz angefüllt mit jungen Turteltauben. Den zartrosafarbenen Vögeln mit den schwarzen Halskrägelchen waren die Flügel über dem Rücken verbunden, und in ergebener Angst, aber wie zitternd schauten die Gefangenen aus ihren zinnoberroten Augen. Bei ihrem Anblick gab es dem heiligen Franziskus einen Stich durchs Herz, und ohne sich um seine Begleiter zu kümmern, schritt er auf den Knaben zu. »Lieber Bruder,« sagte er, »gib mir die Vögel, die Menschen in der Stadt, denen du sie bringen willst, werden sie grausam schlachten und ihr armes Blut vergießen, das wäre ein Jammer.« Der Knabe sah den Heiligen erst verblüfft an, dann aber, als ob es ihm Gott selber befohlen hätte, reichte er seinen Korb dem Fordernden, den er recht wohl kannte. Franziskus aber setzte sich nieder an der Böschung des Weges, nahm die Tauben heraus auf seinen Schoß und streichelte sie liebreich. »Ihr Turteltauben, meine Schwestern,« sprach er, »ihr sanften, unschuldigen und reinen, warum habt ihr euch fangen lassen? Ihr seid es, mit denen die Heilige Schrift die keuschen Seelen vergleicht, die frommen und arglosen. So will ich euch nun vor dem bitteren Tode bewahren und euch Nester bereiten, daß ihr Frucht bringet und euch mehret nach dem Gebot des Schöpfers.« Und dann, sich an die Violetten wendend: »Blickt nicht mit so bösen Augen, ihr guten Herren; ich habe meinen Bruder, den Papst, nicht vergessen; aber ihn den Knochenhänden des Todes zu entreißen, sofern Gott diesem Gewalt gegeben hat, steht nicht in meiner Macht. Diese meine süßen Schwestern aber vermag ich zu retten. Grüßet den Heiligen Vater von mir, ich werde zu ihm eilen, sobald ich meine lieben Schützlinge geborgen habe, das wird nicht lange sein.« Damit erhob er sich, ließ die Priester stehen, denen das Gebaren des Heiligen ganz den Mund verschlagen hatte, und schritt eilig den Weg zurück zur Behausung seiner Brüder. Also mußten die beiden Priester ohne den Heiligen zu ihrem Papst zurückkehren, der im erzbischöflichen Palast zu Perugia auf hoch aufgeschichteten Matratzen gebettet, den Todesschweiß auf der Stirn, schon deutlich die Hand vor dem Gesicht sah, die der Knöcherne nach ihm ausstreckte, und der nun fast zornige Augen machte, als ihm seine Boten von den kindischen Albernheiten des verrückten Bettelheiligen berichteten, wie sie sich ausdrückten. Er war aber einer der großen Päpste, der ganz großen, von keinem je übertroffen, die auf dem Stuhl des heiligen Petrus oder wie man vielleicht richtiger sagen würde, auf dem Stuhl der römischen Cäsaren einander gefolgt sind. Sogar jener furchtbare Freigeist Friedrich, König von Sizilien und Kaiser der Deutschen, der Stolzeste der stolzen Hohenstaufen, hat vor dem gewaltigen Innozenz das Haupt gebeugt. Den höchsten Gipfel menschlicher Größe, was die Welt so nennt, hatte dieser Papst erklommen. Königinnen hatte er aus dem königlichen Ehebett vertrieben und andere, Ausgestoßene, in ihre ehelichen Rechte wieder eingesetzt. Vier Könige, darunter die Beherrscher des stolzen Albion, hatten ihre Reiche aus seiner Hand zu Lehen empfangen und ihm Tribut und Gehorsam gelobt, und wahrlich, der unwissende Franz von Assisi, der reine Tor, hat wahr gesprochen mit seinem Bilde von dem gewaltigen Netz, das Innozenz gesponnen, die ganze christliche Welt umspannend, die ihn als ihren obersten Richter anerkannte und anrief bis zu den entlegensten Gegenden hinaus. Und noch stand Innozenz in der Blüte des Mannesalters. Und mitten in der Ausübung seines Weltrichteramtes hatte es ihn niedergeworfen. Die zwei mächtigsten Handelsstaaten der damaligen Welt, Pisa und Genua, bekämpften sich auf Leben und Tod; da war Innozenz von Rom aufgebrochen, um mit der ganzen Kraft seiner Seele und seiner Persönlichkeit den erbitterten Feinden in den Arm zu fallen. Aber ein Mächtigerer als er, so schien es, war nun zwischen ihn und seinen Vorsatz getreten. In der großen Sommerhitze an den Ufern des Trasimenischen Sees hinreitend, hatte ihn in seinem Durst nach einer Melone gelüstet, deren ein Bauer einen Korb voll des Weges trug. Darauf war ihm übel geworden, und als er gegen Abend im erzbischöflichen Palast zu Perugia anlangte, fühlte er sich ein vom Fieber geschüttelter todkranker Mann. Wohl hatte er dazwischen auch erleichterte Stunden, wo ihm die Zunge zwar auch wie gelähmt am Gaumen klebte, aber doch die Geister des Fiebers seinen starken Geist nicht betäubten, sondern ihn zu erhöhter Regsamkeit aufstachelten, daß die Tage und Taten seines erfolgreichen Lebens mit überraschender Lebendigkeit und Gegenwärtigkeit an ihm vorüberzogen, während hart an seinem Lager die arabischen Ärzte sich untereinander zankten in ihrem Kauderwelsch und die Priester mechanisch Gebete psalmodierten, die rotbemäntelten Kardinäle aber im Hintergrunde leise zusammen tuschelten, daß der Papst es zwar nicht hören, aber in ihren Mienen lesen konnte, wie man bereits schon nicht mehr mit ihm rechnete. Von dem hochgeschichteten Matratzenlager schweifte sein Auge manchmal durch das Fenster hinaus in die sonnenlichten Fernen von Umbrien, und besonders nach einem Punkt richtete er oft den Blick. Ein kleines Bergstädtchen ragte dort. Das war Assisi. Und wie er sich das sagte, da kam eine ganz besondere Erinnerung über ihn. Kein welterschütterndes, welterstaunendes Ereignis, fast ein Nichts war es, und er kam doch mit seinen Gedanken nicht davon los, und jedes Wort, das dabei gefallen war, wachte in ihm auf, wie wenn sich der Vorfall nicht vor neun Jahren, sondern vor drei Stunden zugetragen hätte. Es war nämlich damals im lateranischen Palast zu Rom ein junger Mann mit zwei Gefährten vor ihn getreten, ein Mann im Bettlergewand, aber von sanft liebreizendem Antlitz und schönem braunen Bart, ganz wie die Maler unsern Herrn und Heiland abzubilden pflegen. Und dieser Mann hatte ihn gefragt: »Erlaubst du, Heiliger Vater, daß wir alles abtun, rein alles, wonach der Welt Begehren steht, und von der Armut leben?« »Was ist das für eine Nahrung«, hatte der Papst spöttisch geantwortet. »Sie ist unsere süße Braut, deren wir uns zu vermählen gedenken mit deinem Segen, Heiliger Vater.« Und der Papst hatte gelacht. »So seid ihr gekommen, den Papst einzuladen auf eure Bettelhochzeit? Geht in Frieden, Kinder, ich will euch meinen Segen nicht verweigern, aber bedenkt, daß es ein Frevel ist, wenn sich der Mensch Dinge unterfängt, die über seine natürlichen Kräfte gehen!« Und gesenkten Hauptes haben sich die drei hinweggeschlichen. Was half es damals dem Papst, daß ihm die drei Weggeschickten in der Seele leid taten; wenn sie auch zurückgekehrt wären, er würde doch wieder nicht anders gehandelt haben. Er verstand sie nicht. Er traute ihnen vor allem nicht. Ein Jahrzehnt früher würde er sie vielleicht verstanden haben. Da war er selber ein weltabgezogener schwärmerischer Jüngling gewesen, der in einem kleinsten Kämmerlein des stolzen Grafenschlosses Anagni und dann in seiner Studienzelle an der Pariser Sorbonne und der Hohen Schule zu Bologna sich mit der getrübten Lampe des Aristoteles in dem labyrinthischen Turm der Scholastik heillos verstiegen hatte. Da hat er selber ein kleines Büchlein verfaßt, de contemptu mundi . Von der Verachtung der Welt. Wer aber sollte sein eigenes Reich verachten? Und war indessen die Welt nicht sein Reich geworden, in dem er schaltete als der oberste Machthaber? Aber des päpstlichen Widerspruchs ungeachtet, hatte Franziskus dann doch seine Gemeinde gegründet, deren Mitglieder schon zu vielen Tausenden zählten, und hatte seine Jünger ausgesandt in alle Welt, zwei und zwei, wie einst sein Herr und Heiland, in die Lombardei, nach Frankreich und Spanien, nach Deutschland, Böhmen und Ungarn. In diesem Einfältigen lebte und wirkte also eine wunderbare Kraft. Das ging dem Papst, der auf den Tod darniederlag, plötzlich auf, als wenn ein neues Licht über ihn gekommen wäre. Und mit dem Licht zugleich entbrannte in ihm der Wunsch, den Heiligen noch einmal zu schauen von Angesicht zu Angesicht, ob er vielleicht diesmal das Geheimnis zu lesen und zu verstehen vermöchte, das jener in der Seele trug, und aus seinem Munde vielleicht ein tröstliches Wort zu hören in dem Augenblick, wo aller Trost der Welt ihn verließ, ein Wort der Zuversicht und vielleicht auch der Verzeihung. Denn wirklich, es schien dem Papst, als ob er dem einfältigen Franz Abbitte zu leisten hätte. Denn die Erinnerung seiner Spottworte, wenn sie auch menschenfreundlich gesprochen waren, drückte mehr und mehr seine Seele. Und siehe, der heftige Wunsch löste zugleich seine Zunge. »Ist der Bruder Franz von Assisi hier?« fragte er plötzlich mit laut vernehmlicher Stimme, als ob eine hellseherische Kraft über ihn gekommen wäre, um ihm Ungewußtes zu offenbaren. Die psalmodierenden Priester verstummten. Sie wußten von dem Besuch des Franziskus bei seinen Brüdern in dem Ölgarten des Quintovalle; wer hatte es aber dem Papst gesagt? »Man rufe ihn her«, befahl der Papst. So war es geschehen, daß jene Violenfarbenen in den frühmorgendlichen golddurchwirkten Lorbeerhain kamen, um den Bruder Franz zu suchen; und fast zornige Augen machte der große Papst dann, als die beiden Priester ohne den Heiligen zu ihm zurückkehrten. Böse Gedanken durchzogen seine Seele. »Gewiß, er trägt dir's nach, daß du ihm die Bulle verweigert hast, verweigert hast Schrift und Insiegel, er will sich rächen an dir. Rache ist süß. Gewiß sind auch die Heiligen rachsüchtig, denn wie sollte ein Mensch dahin gelangen, kein Mensch mehr zu sein?« So dachte der große Papst; er hatte in seinem geräuschvollen und geschäftlich erfüllten Leben viel mit den Kindern der Welt und nie mit einem Heiligen zu tun bekommen. Doch dann kam dem Papst eine Anwandlung frömmerer Gedanken. »Ich habe sie verachtet und von mir gestoßen, die heilige Armut,« so dachte er, »nun rufe ich sie und sie kommt nicht zu mir. Und bin doch nun ärmer als der Ärmste unter allen. Oh, Franziskus, Franziskus, du hast den besseren Teil erwählt.« Doch diese Stimmung hielt nicht an. Von neuem bekam der Zorn in ihm die Oberhand. »Aber was wollen sie mit ihrer Armut?« fuhr's ihm durch den Sinn. »Macht wollen sie, Macht über die Welt und die Menschen, wie wir alle. Sie streben nach dem gleichen wie wir, nur mit andern Mitteln. Nach Macht strebt das Leben, in der niedersten und in der höchsten Kreatur. Macht ist der Sinn des Lebens, und es müßte einmal ein Philosoph kommen, der diese Wahrheit offen anerkännte und ausspräche. Nein, ich hatte recht, diesen Predigern der Armut ist nicht zu trauen. Dieser Franziskus, will er wirklich der Kirche dienen in Niedrigkeit oder heuchelt er das nur, und will er nicht gar die Kirche untergraben und unterhöhlen und an sich reißen ihre Macht über die Seelen? Ich kann nicht sterben ohne eine Antwort auf diese Frage. Ich muß ihn zur Rede stellen. Mit scharfem Griff will ich hineingreifen in das Geheimnis seiner Seele. Oh, Franziskus, Franziskus. Aber er kommt nicht. Ich bin ja ein sterbender Mann, ich habe keine Macht mehr zu vergeben.« Und die Augen des großen Papstes blickten hilflos von einer Personengruppe zur andern in dem weiten Raum. »Schickt mich, Heiliger Vater, ich werde alles versuchen, den Bruder Franz vor Eurer Heiligkeit Angesicht zu bringen.« Das sprach ein priesterlicher Mann, der sich zu Häupten des Papstes hielt und ihn von Zeit zu Zeit mit einem Batisttüchlein den kalten Schweiß von der Stirn wischte, der Hofkaplan des Papstes, der Vertrauteste seiner Seele. Der Papst nickte zustimmend. Zugleich erhob sich der greise Erzbischof von Perugia, der zu des Papstes Füßen saß. »Ich werde Euch begleiten«, sprach er. Und die beiden Priester, der Greis und der Jüngling, machten sich auf den Weg. Nicht weit vor dem Tor, genannt von Agobio, erblickten sie in der Ferne den Bruder Franz, der, nachdem er seine Turteltäubchen versorgt und geborgen wußte, sich eiligst auf den Weg gemacht hatte, um dem Ruf des Heiligen Vaters zu folgen. Aber sie fanden ihn nicht allein. Zwei Männer in feierlich schwarzer Ratsherrentracht standen vor ihm in ehrfürchtiger Haltung. Sie schienen ihm ein Anliegen vorzutragen. Der greise Erzbischof von Perugia war nur langsamen Gehens fähig, so geschah es, ehe die Botschafter des Papstes die Gruppe mit Franziskus erreicht hatten, daß diese, zum höchsten Erstaunen jener, sich in der Richtung auf den Ort Bosco in Bewegung setzten. Da bat der päpstliche Kaplan den Erzbischof um Entschuldigung, und dann eilte er mit mächtigen Schritten den Davonwandelnden nach und rief mit lauter Stimme den Heiligen mit seinem Namen. Dieser hielt inne in seinem Gehen, und nach einem Wort an seine Gefährten wandte er sich zurück und kam dem Kaplan entgegen, dem die hellen Schweißtropfen von der Stirne rannen, denn schon hatte die feuerheiße Julisonne den halben Weg zu ihrem Zenith zurückgelegt. »Was setzt dich so in Hast? Priester Gottes,« fragte Franziskus, »und ist das nicht unser ehrwürdiger Herr Erzbischof, den du da hinten zurückgelassen hast, und hat euch der Heilige Vater gesandt? Ach, der arme Bruder Innozenz hat sich auch an die zehn Jahre mit einer argen Wölfin herumgebissen, und seine Seele hat schwere Wunden davongetragen. Welt heißt sie, die Wölfin. Aber dem Heiligen Vater droht keine Gefahr mehr von ihr. Zwischen ihr und ihm hat der Bruder Tod seine gewaltige Hand vorgestreckt und so hat die Welt keine Gewalt mehr über Bruder Innozenz. Für ihn ist keine Gefahr mehr zu fürchten, darum wird er es mir verzeihen, wenn mein Kommen noch einmal einen Verzug erleidet; denn noch muß ich zuvor ein Wort reden mit meinem Bruder Wolf von Agobio, vor dem eine ganze Stadt zittert in tödlicher Angst. Mich jammert der Frauen und unschuldigen Kindlein, die er täglich tötet, so will ich ihn unentwegt aufsuchen und ihm ins Gewissen reden. Seht dort, jene stolzen Herren in ihren Ratsgewändern, sie haben mich unter Tränen angefleht, ich mußte Erbarmen haben mit ihnen, seine Heiligkeit, der Papst; wird das einsehen und mir wegen einer kleinen Verzögerung nicht böse sein.« Während dieser Worte hatten sich jene Schwarzsamtenen mit abgezogenen Baretten und tiefbesorgten Gesichtern dem Heiligen wieder genähert. »Ja, brechen wir auf«, sagte dieser zu ihnen, und ehe noch der Kaplan des Papstes in seiner Bestürztheit ein Wort der Entgegnung fand, war auch schon jede Rede nutzlos geworden und hatten sich die drei dunklen Schattengestalten hinter einer Biegung der Straße seinen Augen entzogen. Auch der greise Erzbischof kam inzwischen heran, es blieb ihm aber nichts übrig, als sich mit dem päpstlichen Liebling auf den heißen Rückweg zu machen, schweren Herzens im Hinblick auf ihren Empfang durch den Papst und nicht ohne menschliche Entrüstung über die Schrullen dieses Narren von Assisi, dem aber aller Orten das dumme Volk nachlief, ganz beglückt, ihm den schmierigen Ärmel zu küssen, wie wenn er der Herr Jesus gewesen wäre in eigener Person. Unterdessen schritt Franziskus, die beiden Ratsherren zu seiner Seite, die Straße hinauf gegen die kleine Stadt Agobio in der unwirtlichsten Region des umbrischen Gebirges. Durch schwarzgraue Felsenschlünde ging der Weg, als ob hier einmal ein höllisches Feuer für ewige Zeit alles Leben weggeleckt habe, daß nur noch der Tod mit aufgesperrtem Rachen gähnte und es dem Wanderer schaudernd überrieselte vor der unmenschlichen Wüste. Denn so steht es mit der Beschaffenheit des dortigen Landes, daß oft neben paradiesisch üppigen Gefilden die heillose Öde starrt. Im Weiterschreiten erzählten die beiden Ratsherren dem heiligen Franziskus noch Näheres von den Untaten des Wolfes von Agobio, und wie alle, wenn sie die Stadt verließen, nur noch in Waffen gingen, als ob sie zu einer Schlacht auszögen; wie aber dennoch der Wolf jeden überwältigte, den er allein traf, so daß fast niemand mehr den Mut fand, sich vor die Stadt hinauszuwagen. Während dieser Erzählungen näherten sie sich der Stadt, die man zwar noch nicht erblickte, weil immer noch das felsige Geklüft den Blick ummauerte, aber kleine Pflanzungen, wo sich nur ein Stückchen Erdkrume bot und hie und da ein Fruchtbaum deuteten auf menschliche Nähe. Und lag nicht auch schon etwas wie lebendiges Atmen in der Luft und hatte einer der Ratsherren den Hauch gespürt? Er wandte den Kopf, und in demselben Augenblick stieß er einen Schrei des Entsetzens aus: »Der Wolf!« Zum Glück stand ganz nahe ein Feigenbaum. Diesen erkletterten im Nu die beiden Ratsherren mit einer Geschmeidigkeit, die man ihnen nicht zugetraut hätte. In scharfem Trott sah Franziskus den Wolf näherkommen, und das war freilich kein zutraulicher Anblick. Vernehmlich schnob der Bestie der heiße Odem des Hungers aus dem aufgesperrten Rachen, wo ihm zwischen den gelben Zähnen weit die Zunge heraushing, flatternd wie ein rotes Fähnlein. Franziskus ging dem Tier ruhig entgegen. Der Wolf schien darüber verdutzt, er hielt an in seinem Lauf. Nur ganz langsam und zögernden Schrittes näherte er sich dem Heiligen. Franziskus machte das Zeichen des Kreuzes über der Bestie. »Mein Bruder Wolf,« sprach er, »ich befehle dir im Namen des Herrn Jesus, dich deiner Gewalttaten für immer zu entschlagen und nie wieder einem Menschen ein Leid anzutun.« Seine Worte bewirkten ein unglaubliches Wunder. Ganz eingeschüchtert, wie ein sanftes Lamm, kam der Wolf herzu und legte sich, wedelnd mit dem Schweif, zu den Füßen des Heiligen. »Bruder Wolf,« sprach Franziskus mit liebvollem Ernst, »du hast in dieser Gegend große Missetaten verübt. Du hast die Tiere getötet, die der Menschen Freunde und Helfer sind, ja die Menschen selber hast du vielfach nicht verschont, die ein Gleichnis sind und Ebenbild des allerhöchsten Gottes. Dadurch bist du des Galgens schuldig als ein ruchloser Räuber und Mörder. Alles Volk schreit gegen dich als gegen den Brecher des Landfriedens im Weichbild dieser Stadt. Alle sind deine erbitterten Feinde und haben deinen Untergang beschworen. Ich aber, mein Bruder Wolf, will Frieden machen zwischen dir und ihnen. Du sollst ablassen von Mord und Gewalt, sie aber werden deiner vergangenen Untaten dich entbinden und dich deretwegen nicht zur Rechenschaft ziehen.« Der Wolf, dem kein anderes Mittel zu Gebote stand, sich verständlich zu machen, wedelte heftiger und freudiger mit seinem Schweif, um anzudeuten, daß er den Vorschlag des Heiligen gern annehme und alles pünktlich halten wolle, was ihm der Mann Gottes auferlegte. Franziskus aber ergriff von neuem das Wort. »Dieweil du nun, mein Bruder Wolf,« so sprach er, »freudig annimmst, was ich dir vorschlage, so will ich Sorge tragen und verspreche dir, daß dir die andern alles freiwillig zukommen lassen, was nötig ist, deinen Hunger zu stillen; denn allein dein Hunger ist es, der dich zu deinen Missetaten angetrieben hat. Da aber nicht einmal die vernünftigen Menschen dem Hunger zu widerstehen vermögen, wie sollte es ein unvernünftiger Wolf. Unsere Brüder von Agobio hätten das begreifen sollen. Du aber, Bruder Wolf, versprich mir ausdrücklich, daß du auch wirklich alles halten und keine Kreatur mehr mit Gewalt anfallen willst, weder Mensch noch Tier.« Der Wolf sagte durch Neigen seines Kopfes, daß er verspreche. »Wohlan denn, Bruder Wolf,« versetzte Franziskus, »so will ich, daß du dein Versprechen beschwörst und besiegelst durch deinen Handschlag.« Franziskus reichte seine Hand dar und unverzüglich erhob die Bestie den Fuß und legte ihre rauhe haarige Bratze in die schmale weiße Hand des Heiligen. »Schön, Bruder Wolf,« fuhr Franziskus fort, »und nun befehle ich dir im Namen unseres Herrn Jesus, daß du mit mir kommst in die Stadt, auf daß wir dort vor der ganzen Gemeinde den beschlossenen Frieden kundtun und bekräftigen.« Damit machte sich Franziskus auf den Weg, und der Wolf folgte ihm; die beiden Ratsherren aber, die Franziskus ganz vergessen hatte, wußten sich vor Erstaunen gar nicht zu fassen über alles, was sie gesehen hatten. Sie kletterten jetzt bedächtig von ihrem Feigenbaum herunter, und in einem vorsichtigen Abstand und mit furchtsamem Zögern schritten sie den beiden nach durch das Perugianer Tor in die Stadt. Dort ergriff zuerst alles die Flucht bei dem Anblick des Wolfs. Kinder, Frauen und Bürger, alles verschwand von der Gasse, wie wenn ein Sturmwind sie weggefegt hätte. Als sie dann aber, durch die Türspalten und Fenster lugend, mit Augen sahen, wie der Wolf fromm geworden war, da kamen sie wieder hervor, und alles Volk, Mann und Weib, klein und groß, drängte sich hinterdrein nach dem Markt und staunten alle über das große Wunder. Als dann alles Volk versammelt war und Franziskus nicht ohne Mühe vermocht hatte, daß die Ratsherren der Stadt, auch jene beiden vom Feigenbaum, sich um ihn herstellten, da erhob er gewaltig seine Stimme. »Liebe Brüder und Bürger von Agobio,« so sprach er, »ihr zittert vor diesem Wolf, der doch nur den Leib zerreißen, der Seele aber keinen Schaden antun kann. Die Bestien aber, die in euch selber wohnen und euch die Seele zerreißen und dem ewigen Tod überliefern, die Bestien in eurer Brust, nämlich eure Laster und Leidenschaften, sie machen euch keine Sorgen, sie hegt und hätschelt ihr und sind doch schlimmere Ungeheuer als alle Wölfe der Wildnis. Ihr wollt sie nicht kennen, diese wilden Tiere. So will ich euch ihre Namen ins Gesicht sagen. Sieben sind es, und von diesen sind zwei böser als alle übrigen, das gefräßige Tier Habsucht und sein Geschwister der giftige Neid. Vor ihnen zittert! Ihrer sucht euch zu entledigen. Der Bruder Wolf aber, der hier vor euch steht, hat mir versprochen und mir sein Wort verpfändet, mit euch Frieden zu halten und sich aller Gewalttat gegen euch zu entschlagen, sofern ihr euch verpflichtet, ihm das zukommen zu lassen, dessen er bedarf. Und ich stelle mich als Bürgen für ihn, daß er den Pakt des Friedens halten wird.« Da versprach das ganze Volk einstimmig, den Wolf auf gemeine Kosten zu verpflegen. »Und du, Bruder Wolf,« wandte sich Franziskus an das Tier, »versprichst du ihnen, den Frieden zu halten und Mord und Gewalt von dir abzutun?« Der Wolf ließ sich auf die Knie nieder und senkte den Kopf zum Zeichen, daß er verspreche. »So tretet näher, Meister Bartolo,« wandte sich Franziskus an den Ältesten vom Rat, »Euch, als dem Regenten dieser Gemeinde, wird Bruder Wolf sein Wort verpfänden durch Handschlag und ihr ihm das Eurige.« Der Angeredete, ganz blaß im Gesicht, machte eine angstvoll abwehrende Gebärde, als er aber merkte, daß in den nächsten Reihen ein freches Lachen sich erhob, faßte er sich ein Herz, trat hervor gegen den Wolf und streckte ihm zitternd die Hand entgegen, und in sie hinein legte der Wolf seine haarige Pfote. Und niemand dachte mehr daran, noch weiter über die bleiche Angst des Regenten zu lachen, wie groß auch die Lust dazu gewesen war. Der frechste Mutwille verstummte vor dem Wunder. Alles drängte hinzu und liebkoste und streichelte den Wolf, und nur darüber entstand noch ein Streit, wer das fromm gewordene Tier zuerst bei sich füttern dürfe. Franziskus aber wandte sich jetzt an die Nachstehenden im Gedränge des großen Haufens. »Meine Brüder,« sprach er, »wenn ihr mir eine Liebe antun wollt, so leihe mir einer unter euch eine Eselin. Zwar geziemt es dem Bruder der heiligen Armut und Diener unseres Herrn Jesus, einzig zu Fuß zu wandeln auf dieser Erde. Doch hat er, der nicht so viel besaß, wohin er sein Haupt legte, einmal eine Eselin bestiegen, als die stolze Tochter Zion sich zu seinem Empfang bereitete. Mich aber erwartet zu Perugia der Vater der Christenheit. Zwar braucht er mich nicht, da sich Gott selber seiner erbarmt hat, aber er hat gerufen, und es geziemt mir, daß ich seinem Ruf folge.« Mehrere Esel waren herangebracht worden, den unansehnlichsten bestieg Franziskus. In diesem Augenblick entstand eine Bewegung. Wie in Angst und Scheu wich das Volk auseinander, eine Gasse entstand, und durch sie hindurch bewegten sich nun langsam und feierlich eine Anzahl Reitergestalten, wie das arme Agobio sie noch niemals gesehen hatte. An der Spitze ritten auf blankweißen Rossen zwei Männer in weiten faltenreichen Scharlachmänteln, und von der gleichen Farbe waren ihre flachen breitrandigen Hüte mit kunstvoll verknoteten Schnüren. Ihnen folgten vier gewaffnete Kriegsleute und dann ein Knecht, der ein loses gesatteltes Pferd an der Hand führte. Das Volk umher, vom ersten Erstaunen erholt, fiel in die Knie, mit emporgestreckten Händen um Segen flehend. Franziskus allein schien sich über die Erscheinung nicht im geringsten zu verwundern. Er wartete auch nicht erst, bis er angeredet wurde. »Ich bin bereit,« rief er den Kardinälen entgegen, »eures Pferdes bedarf ich auch nicht erst, wie ihr sehet, der demütige Bruder Esel ist mir ein näherer Bruder, und also laßt uns aufbrechen, mein Bruder Innozenz möchte mir böse werden, wenn ich ihn noch länger warten lasse.« Nicht aus Ehrfurcht, beileibe, aber weil sie als gute Italiener die Symmetrie liebten, nahmen die stolzen Kirchenfürsten den Franziskus und seine Eselin in ihre Mitte, und so setzte sich der Zug in Bewegung, die einzige, hochaufgemauerte Stadtgasse hinunter zum Perugianer Tor, dessen niedere rundbogige Wölbung die Reiter einen nach dem andern verschluckte. Die Sonne hatte längst ihren Zenith überschritten, und bis die Reiter bei dem Dorfe Bosco den Tiberfluß erreichten, dämmerte bereits der Abend. Die beiden rotbemäntelten päpstlichen Botschafter auf ihren weißen Rossen hatten den ganzen langen Weg kein Wort mit Franziskus gesprochen, so blieb ihm Zeit, ungestört seinen Gedanken nachzuhängen. In seinem vorwegnehmenden Geiste ward ihm Zukünftiges bereits zu leibhaftiger Gegenwart. Er stand an dem Sterbelager des großen Papstes, der über die westliche Menschheit, welche die ganze Menschheit bedeutet für jene Zeit, so unbedingt geherrscht hatte, wie nie ein König oder Kaiser vor ihm. Mit verzerrten Zügen, kalte Schweißtropfen auf der blassen Stirn, lag da auf den hochgeschichteten Matratzen der machtgewaltige Nachfolger der römischen Cäsaren (denn dies war er mehr als der Nachfolger des armen Fischers vom See Genezareth) und die Strahlen der schon niedergehenden Sonne fielen durch die hohen Bogenfenster in das Gemach und lockten ein Geleucht von farbigen Blitzen aus den Rubinen, Smaragden und Diamanten der gewaltigen dreifachen Krone, die zu Häupten des Papstes prunkhaft aufgepflanzt stand. »Hebt dieses Ding hinweg,« bat Franziskus den Kardinal, der ihn vor das Sterbelager geführt hatte, »meine Augen sind solche Blitze nicht gewöhnt, hebt es hinweg, daß ich zu dem spreche, der unser und der ganzen Christenheit Heiliger Vater ist.« Und sinnend stand dann Franziskus noch eine kleine Weile, stumm vertieft in Betrachtung des todverzerrten Antlitzes, aus dem ihn zwei weitaufgerissene Augen wie in flehentlicher Angst anblickten, während der einst allgebietende Mund, mit schmutzigem Schaum umrändert, schon kein Wort mehr zu formen vermochte. »So darf ich dich endlich glücklich preisen, Heiliger Vater,« sprach dann sanft der Bruder Franz, »denn schon hat meine süße Braut, die heilige Armut, deine Hand erfaßt. Du hast sie immer noch nicht erkannt in ihrer wahren Gestalt, erschrocken und angstvoll ist noch immer dein Blick, aber bald wird es dir wie Schuppen von den Augen fallen und du wirst selig ihre Schönheit schauen. Einst hast du sie verlästert, meine süße Braut. Denn wie hast du damals gesprochen, freundlich zwar, und doch nicht ohne Hohn. Das waren deine Worte: ›Ihr wollt euch der Armut vermählen, aber eitel seid ihr auch, darum kommt ihr zu mir, den Papst zu eurer Bettelhochzeit einzuladen.‹ Du wußtest nicht, was dein Mund sprach, du standest im Bann der Welt. Und ein groß Wesen hast du in dieser Welt gemacht, ein lautes lärmiges, gewaltiges Wesen. Aber Gott wird dir verzeihen. Er hat dir schon verziehen. Denn du hast auch ein kleines, stilles Werk getan. Dies wird bleiben, wenn all das Getöse, womit du die Welt erfüllt hast, verstummt und verschollen sein wird. Dieses stille Werk wird auch dein Fürsprecher sein vor deinem ewigen Richter. Ich saß einst in dem prunkvollen Lustgarten hinter dem Hause meines Vaters und las in einem kleinen Buche, und dieses Buch ließ mich zum erstenmal die Schönheit meiner Braut erkennen, daß ich aufsprang mit dem festen Entschluß, ihr zu folgen und ihr treu zu bleiben immerdar. De contemptu mundi stand auf dem Deckel des Buches und darunter stand dein Name. Und siehst du, Bruder Innozenz, schon wird lichter und zuversichtlicher der Blick deiner Augen.« – Kein Wort sprachen die beiden rotbemäntelten Kirchenfürsten auf dem ganzen Wege mit dem Bruder Franziskus; sie hegten keinen kleinen Haß gegen ihn um des beschwerlichen Rittes willen, den sie ihm zur Schuld legten. Und so hatte auch Franziskus geschwiegen; jetzt aber, während sie diesseits der Tiberbrücke die Straße gegen das hochragende Perugia hinausritten und er plötzlich links von den hohen Mauern der Stadt die Sonne erblickte, wie sie blutrot in bläulicher Tiefe versank, da konnte er einen närrischen Einfall nicht zurückhalten. »Seht, ihr stolzen Herren,« sprach er zu den Kardinälen, »seht meine Schwester, die Sonne, die erhabenste, die nächste am Thron Gottes, sie sogar huldigt euch. Eurer Herrlichkeit die Ehre anzutun, hat sie sich in eure eminenzlichen Farben gekleidet.« Derartigen neckischen Scherzen war Franziskus, in dem doch auch ein Stück von einem Troubadour steckte, keineswegs abgeneigt. Um so abgeneigter waren die Rotmäntel zu seiner Seite, auch nur mit dem leisesten Lächeln darauf einzugehen. Erst nach längerer Weile nahm einer der Kardinäle, zu dem anderen sich hinwendend, das Wort. »Sehen, Eure Herrlichkeit,« sprach er, »die Sonne hat sich in einen violetten Mantel gehüllt, das ist die Farbe, die wir tragen, wenn wir Trauer anlegen, sollte Lothar Conti gestorben sein?« Dieser Kirchenfürst nannte den Papst schon nicht mehr Papst, sondern nannte ihn mit dem Namen seiner vorpäpstlichen Vergangenheit. Franziskus aber dachte heimlich: Nein, mein Bruder Innozenz ist gewiß nicht weggegangen, da er doch weiß, daß sein Bruder Franz zu ihm auf dem Wege ist. Er dachte aber anders, als sie eine halbe Stunde darauf in den Säulenhof des erzbischöflichen Palastes einritten und dort vor der inneren Palasttreppe abstiegen. Die aufgeregte Geschäftigkeit, wie die Menschen hier, Priester, Edelleute, Ritter und Dienerschaft, aneinander vorüberhasteten, mit verstörten und giererregten Gesichtern, verkündete allzu deutlich das Ereignis. Der große Papst war gestorben. Beim letzten Scheideblick der niedergehenden Sonne auf sein hochgeschichtetes Lager hat er seinen letzten schmerzlichen Seufzer ausgehaucht. Groß war dieser Papst Innozenz, und nicht gering ist sein Ruhm in der Welt noch heute, doch weit überstrahlt wird dieser Ruhmesglanz von dem einfachen Heiligenschein des seltsamen Bettlers von Assisi, der den Wolf seinen Bruder und die Spinne seine Schwester nannte. Meister Ambrogios Himmelfahrt (Aus einer alten Prager Mönchschronik.) I. September, den 21., am Feste des hl. Matthäus, Apostels und Evangelisten. Ich will diesen Tag, den mir Gott zu so vielen andern in der Fülle seiner Gnade geschenkt hat, damit beschließen, daß ich das wunderbare Erlebnis eines frommen Künstlers aufzeichne, das später einmal den Söhnen des hl. Franziskus, bei ihren Predigten für das christliche Volk, als ein auffälliges Beispiel dienen möge, was bei der hl. Jungfrau Maria, der Mutter unseres göttlichen Herrn und Heilandes, ein unermüdliches und herzhaftes Gebet vermag, wenn es aus einem gläubigen und einfältigen Herzen stammt. Als vor einem Jahr und drei Monaten der großmächtigste römische Kaiser, unser geliebter König Karl, von seiner zweiten Romfahrt heimkehrte, wo er, ein treuer Sohn der Kirche, den Papst gegen die römischen Fürsten beschützt hat, als welche sich zu öftermalen gleich wilden Heiden gegen den Stellvertreter Gottes auf Erden betragen haben, da kam der große Kaiser, wie durch viele andere Orte, auch durch die weitgerühmte Stadt Venetia. Und der Herr der Christenheit sah hier mit Erstaunen die zahlreichen und hochrühmlichen Werke der Kunst, in Kirchen und Klöstern, besonders jene Bildereien, die nicht durch Auftragung von Farben, sondern durch unzählige farbige Steinchen hergestellt werden, welche wundersame Kunst die Venetianer von den Griechen gelernt haben. Solches sah der Kaiser. Und da gedachte der großmächtigste Herr seines Münsters zu Sankt Veit in seiner Stadt Prag, das er durch den Meister Mathias von Arras im fränkischen Lande und den andern berühmten Meister, Peter Arler aus Schwaben, seit dreißig Jahren erbauen und durch viele gewandte Künstler aus deutschen und welschen Landen freigebig ausschmücken läßt. Faßte also der eifrige Herr den Vorsatz, ein solches griechisches Gebild, das die Italiener opera in mosaico nennen, und wie man in Städten germanischer Nation keines je gesehen, an seinem Münster zu Sankt Veit anbringen zu lassen, zur Mehrung eigenen Verdienstes wie allermeist zur Verherrlichung Gottes und seiner heiligsten Mutter. Redete also der Kaiser mit einem Meister dieser Kunst, der sich ihm Ambrogio da Bovolenta nannte, und dung ihn mit samt seinen zwei Gesellen, Luigi und Gaudenzio, und nahm alle drei Männer mit sich in seine Stadt Prag, die der König liebt vor allen Städten der Welt. Und ließ ein Gerüst aufschlagen, am Querschiff des Münsters, an der Wand, die gen Mittag schaut, und übergab die Wand dem welschen Meister, daß er sie ausfülle mit seiner kunstreichen und seltenen Bilderei, die, wie das kaiserliche Dekret es wörtlich sagt, » quanto plus per pluviam abluitur tanto mundior et clarior efficitur «, d. h., die um so glänzender und helleuchtender wird, je mehr der Regen sie abwäscht. Die höchste Erfüllung der göttlichen Weltschöpfung sollte der fromme Meister auf der weiten Wand sorglich und getreu abbilden, nämlich Christus den Herrn im jüngsten Gericht, wo auf seinen Ruf die Toten auferstehen, die Gerechten zur Gnade und Herrlichkeit, die Bösen aber zur ewigen Verdammnis. 2. Und seit Jahr und Tag arbeitet der Meister Ambrogio herzhaftig an seinem Werk. Zwar wenige Leute in unserer Stadt mögen sich denken, was Wunder ihre Augen eines Tages schauen sollen. Denn Ambrogio da Bovolenta ist ein eigensinniger Meister, der keine Zuschauer um sich leiden mag und nicht geschehen läßt, daß jemand zu ihm auf das Gerüst steige: einmal, weil er sehr emsig ist und nicht gehindert sein will, zum andern, weil er vielleicht fürchtet, daß einer ihm das Geheimnis seiner Kunst und seiner Handgriffe ablausche, und letztlich, weil er das Werk nur in seiner ganzen Vollendung schauen lassen mag. Zu mir aber faßte der Meister seit mehrerer Zeit eine Freundschaft. Denn eines Tages, als er gerade auf der Leiter stand, rief ich ihn in seiner welschen Sprache an, die man auch in meiner tridentinischen Heimat redet. Und da freute er sich über die Maßen, sein liebes Welsch in dem fremden Lande zu hören, und lud mich ein, ihn auf seiner Werkstatt (womit er das Gerüst meinte) heimzusuchen, wo er mir jegliches zeigen wolle, was nur seine Kunst betreffe, so gerne als dem Kaiser selber. Wir Söhne des hl. Franz aber sehen in der Kunst eine fromme Magd unserer Mutter, der heiligen Kirche, wie unseres heiligen Ordens selber; denn mehr noch als durch das Wort, so von den Lippen fließt, wird das Leben und Wirken unseres hochheiligen Stifters durch sichtbare Schildereien allem Volke in Auge und Seele geprägt, wie es eine gemeine Erfahrung ist, daß der Mensch, was er sieht, lieber glaubt, als was er hört. Also hielt ich den Antrieb, die Kunst und das Werk des Meisters Ambrogio anzusehen, nicht für sündige Neugierde, weil beide, der Meister und sein Werk, den Ruhm Gottes verkündigen. Und stieg nun einige Male hinauf, um zu sehen, was der Meister schaffe, und wie weit sein Werk gediehen sei. Und war jedesmal voll heiligen Erstaunens über das was ich sah. Schon viele fertige Gestalten hatte er mit seinen Steinchen zusammengesetzt, und es ist schier unbegreiflich, wie ein Mensch das alles in so wenig Zeit vollbringen mag. Da thront zu oberst, in der Mitte, Christus der Herr, der Richter aller Lebendigen und Toten, und um ihn, im Glorienlicht, schweben die himmlischen Heerscharen: die Engel, die Erzengel, die Cherubim, die Seraphim, die Thronen, die Herrschaften. Darunter sieht man den hl. Veit, den hl. Wenzel, die hl. Ludmilla und die anderen Schutzheiligen des Landes Böhmen, in Gestalt und Gewandung, wie die Legende sie beschreibt, und weiter unten, in Anbetung begriffen, den Kaiser Karl selber, wie er leibt und lebt, mit seinen menschlichen Zügen, daß jeder ihn erkennen mag, wie auch mit allen Abzeichen seiner kaiserlichen Würde und Macht. Zur Seite Karls aber kniet, in anmutig frommer Haltung, die holdselige und gnädige Frau Elisabeth, des Kaisers fromme Gemahlin. Auch die rechte Seite der Schilderei ist ganz vollendet. Dort gewahrt man zu oberst, nahe der göttlichen Herrlichkeiten, die Jungfrau Maria, die Mutter des Sohnes, und hinter ihr sechs heilige Apostel, und weiter nach unten, von der Erde her, die Gerechten, die vom Tode erweckt werden und gerufen zum ewigen Leben. Der Jungfrau gegenüber steht der Täufer mit den sechs anderen heiligen Aposteln. An den Gestalten darunter arbeitet noch der Meister: es ist die Darstellung der Verdammten, die von den Teufeln in das ewige Feuer geschleppt werden. Wenn aber das Auge lange genug mit staunender Andacht auf der heiligen Schilderei verweilt hat, dann mag es sich gerne auch dem Meister zuwenden und sehen, wie er emsig hantiert und wie das Werk, das die spätesten Enkel bewundern sollen, Zoll um Zoll seiner Vollendung entgegenwächst. Man steht da, wie alles entsteht, recht als eine eigenherrliche Schöpfung, die höllischen Flammen aus feuerroten Glasblättchen, die Teufel aber, mit ihren Klauen und Hörnern, aus kleinen Steinwürfeln von der Farbe des Pechs. Nur die Zähne, die aus ihren Mäulern blecken, bildet der Meister von weißem Marmor, und bildet sie groß und blendend, desgleichen die Augen, womit die Höllenhunde nach den Verdammten umherspähen, daß es erschrecklich anzusehen ist. 3. Der Meister hat drei Gehilfen. Zu den beiden Gesellen Luigi und Gaudenzio, die er schon aus Welschland mit sich brachte, nahm er noch einen Böhmen, mit Namen Wenzel. Dieser muß dem Meister die Steine hinreichen, die der Gesell Luigi auswählt, nach dem Muster, das der Meister auf einer großen Schiefertafel vorgezeichnet hat. Der Gesell Gaudenzio aber mischt aus verschiedenen Erden, die ein Geheimnis sind, und aus feingehacktem Stroh sorgfältig den Mörtel, wozu er selber viel Kunst und Aufmerksamkeit braucht. Dessenungeachtet ist dieser Gesell Gaudenzio nicht so ernst wie sein Meister. Er hat seinen Namen nicht umsonst. Ihm gehen immer allerhand Späße durch den Kopf, die er an den Mann bringen muß und wodurch er seine Mitgesellen jeden Augenblick zu heftigem Lachen bewegt, also, daß ihn der strenge Meister oft schilt und zurechtweist. Denn der Meister Ambrogio hat nichts im Sinn als seine Arbeit. Er verharrt oft tagelang in unausgesetztem Schweigen, daß selbst ein Mönch von ihm lernen könnte. Wenn er aber redet, so gehen nur ernste Wort aus seinem Munde hervor. Am liebsten lenkt er die Unterhaltung auf seine Kunst, und gesprächig wird er, wenn er von den herrlichen Werken erzählt, die der große Andrea Tafi in der Täuferkirche der Stadt Florenz ausgeführt hat, in einer wunderbaren Kuppel, das ganze Leben unseres Herrn und Heilandes darstellend, von seiner Empfängnis im Schoße der Jungfrau Maria bis zu seiner Auffahrt in die Herrlichkeit Gottes; und dann von andern, noch herrlicheren Werken in Venetia selber, von den symbolischen Bildern aus dem alten Testament auf dem Umgang zu San Marco, von den Schildereien in der Kapelle San Zeno und im Dom zu Torcello; auch von einer Krönung in Santa Maria del Fiore zu Florenz und eine Himmelfahrt Mariä im Dom zu Pisa; vor allem aber von seinen eigenen Werken in vielen Kirchen und Klöstern der Republik Venetia, die alle noch viel schöner und vollkommener seien als das gegenwärtige. Denn Meister Ambrogio meint, daß er eben allgemach altere, daß seine Hände anfingen zitterig zu werden und sein Gesicht trüb. Auch werde er von dem Kaiser lange nicht so reichlich belohnt als in Venetia von den Klöstern und Bruderschaften, und er sehe jetzt ein, wie man recht habe, wenn man in Italien behauptete, daß der Kaiser wohl der erste Mann in der Christenheit, aber doch ein armer Teufel sei. Nur eine schlimme Eigenschaft hat der Meister Ambrogio. Von dem Malen mit Farben will er nichts wissen. Das sei ein Geschmier und ohne Bestand. Ein Balbierer, der ein Gesicht einseift, sei ein ebenso großer Künstler wie diese Farbenkleckser. Mit unsäglicher Verachtung spricht er von den ersten Malern unserer Stadt, von dem Meister Niklas Wurmser aus Straßburg, und von Kunz und Theodorich, den beiden Pragern, die doch auf Tafeln und auf den Wänden so mancher Kapelle viel fleißige und reinliche Schildereien gemalt haben. Der Meister von Bovolenta will davon nichts gelten lassen; er sagt, ihre Heiligen seien versoffene Stallknechte, die sich zum Fasching angezogen hätten, und die ehrenwerten Meister selber heißt er elende Sudler und dumme Säue. Ich habe ihm zu öftermalen seine unchristliche Rede sanft verwiesen, aber er wollte nichts hören; er meinte, in seiner Kunst müsse er besser Bescheid wissen als ein Pfaffe. 4. Und nun kommt heute, nach der Feierabendstunde, Meister Ambrogio zu mir in die Sakristei, und hat den linken Arm schwer verbunden, und hinkt auch ein wenig mit dem Fuß, also daß ich dachte, der alte Mann sei vom Gerüst gefallen und habe sich dabei ein Leid getan. Und so sprach ich es aus. Aber der Meister schüttelte den Kopf. Das mit dem Arm wolle nicht viel bedeuten, und sein Fuß sei nur ein klein wenig verstaucht. Er komme, um mir zu beichten. Er habe gegen die Heilige Jungfrau eine schwere Sünde auf dem Gewissen, die ihm keine Ruhe lasse, bis er Absolution empfangen. Und ich sprach dem Manne Trost ein und forderte ihn auf, mir seine Sünden zu nennen. Da erzählte Ambrogio, er sei gegen die Heilige Jungfrau in heftigem Zorn entbrannt, und im Aufruhr seines Gemüts habe er sich so vergessen, daß er die Heilige Jungfrau ins Angesicht gelästert habe, ärger als ein Heide. Die Heilige Jungfrau wird es mir nie verzeihen, sprach der Mann ganz verzweifelt; denn ich war außer mir, ich habe die Mutter unseres Herrn und Heilandes eine ... Madonna geheißen – – Wie ich das Wort hörte, das der Mann aussprach, da erschrak ich freilich sehr; denn eine größere Lästerung kann ein Mensch nicht aussprechen, und man wollte mir meinen Kopf nehmen, so möchte ich in der heiligen Sprache unserer Kirche doch niemals den Ausdruck nennen, in Schrift oder Rede, den der Meister in seiner unheiligen welschen Mundart auszustoßen sich erkühnt hat. Aber die Welschen sind so; wie gute Christen sie sonst sein mögen. Ich habe selber bei meiner Pilgerfahrt nach Rom gar Vieles gesehen, was mein Gemüt mit tiefer Betrübnis erfüllt hat, und einmal habe ich mich so entsetzt, daß mir die Zähne im Munde klapperten. Da ließ mich, weil mir die Füße bluteten vom Gehen, ein Fuhrmann aufsitzen, ein alter Mann mit einem elenden Klepper vor seinem Karren, auf den der Mensch immerfort so wütend einhieb, daß es mir unwohl zumute wurde und daß ich froh gewesen wäre, dieses erbärmlichen Fahrens ledig zu sein. Ich mußte an unsern heiligen Vater Franz denken, der die armen Tiere liebte als seine Brüder und Schwestern, der den Fischen und Vögeln die Liebe Gottes predigte und zu dem bösen Wolf redete wie ein Vater zu seinem Sohne. Aus diesen Gedanken wurde ich plötzlich herausgerissen. Denn es gab im Fahren einen Halt, und ich sah, wie der alte Karrengaul einen Bocker machte und vornüberpurzelte, dann kläglich röchelte und darauf alle viere steif von sich streckte. Er war verreckt. Der Fuhrmann sprang vom Wagen und versuchte, ob er sein Tier noch rette. Er nahm den Gaul am Kopf und streichelte ihn und gab ihm die süßesten Worte und versprach ihm tausend gute Sachen, wenn er wieder aufstehen wolle. Als er aber sah, daß es aus und vorbei sei, da ergriff ihn eine blinde Wut. Da riß er seine rote Wollmütze vom grauen Haupt und rief die Namen der Heiligen Jungfrau und vieler anderer Heiligen, die er sonst vor allen verehren mochte, in die Höhlung der Mütze und schmiß die Mütze auf den Boden und trampelte mit den Füßen darauf herum, der armselige Mensch, als ob er die Heiligen Gottes züchtigen müsse, weil sie ihm sein Tier, das er selber zu Tode gehetzt, nicht lebendig machen wollten. So betrug sich ein roher Mensch von der Straße, ein Fuhrknecht, der Gott und seine Heiligen eben nur so vom Hörensagen kennen mochte. Wie aber konnte der Meister Ambrogio sich so hinreißen lassen, die Heilige Jungfrau zu lästern, deren holdseliges himmlisches Angesicht er selber oft gebildet hat zur Erbauung aller gläubigen Christen. Auch erfüllte sein Bekenntnis meine Seele mit tiefer Trauer, und ich sprach also zu dem Meister. »Wie mochtet Ihr, lieber Meister«, redete ich zu ihm, »mit solchen entsetzlichen Worten die Heilige Jungfrau schmähen, deren unendliche Gnade Ihr so oft erfahren und deren mütterliche Güte Ihr nun für immer verscherzt habt! Ein so entsetzliches Unglück wäre Euch nicht geschehen, wenn Ihr auf meine Ermahnungen geachtet hättet, da ich Euch zu bedenken gab, wie sündhaft es schon sei, Eure christlichen Brüder, die deutschen Maler, mit so unflätigen Namen zu benennen, als Ihr immerfort tut. Denn so hat Euer Mund sich an die gottlosen Namen gewöhnt, daß sie Euch fort und fort auf die Zunge kommen und daß Ihr sie zuletzt Gott selber ins allerheiligste Angesicht schleudert.« Aber wie ich also redete, ging dem Meister schon wieder die Geduld zu Ende. »Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« rief er mit Heftigkeit, »daß ich Eure heiligen Worte unterbreche. Ihr seid ein Diener Gottes und ich nenne Euch Vater, obwohl Ihr mein Sohn sein könntet, weil es die Kirche befiehlt und weil Ihr berufen seid zu binden und zu lösen an Gottes Statt. Aber Ihr seid kein Künstler, und was die Seele eines Meisters erregt, wenn er die heilige Kunst von unwissenden Tölpeln gemißbraucht sieht, das vermögt Ihr nicht zu ermessen. Diese deutschen Sudelhänse beleidigen durch ihre plumpen und rohen Schildereien die Heiligen Gottes mehr, als es durch ein flüchtiges Wort geschehen mag, das ein eifriger Mann in der Hitze ausstößt, und niemand soll mir wehren, diese Barbaren, die den Tempel des Herrn schänden, dumme Säue zu heißen. Das ist mein Recht als Meister. Vor der Heiligen Jungfrau aber bin ich ein armer Sünder, wenn ich auch zur Minderung meiner Schuld anführen könnte, daß die Heilige Jungfrau sich fast unvernünftig betragen und den Spaß ein wenig weit getrieben hat ...« »Haltet ein,« rief ich, »denn Ihr fügt neue Lästerungen zu den alten.« Aber Meister Ambrogio wollte nicht darauf achten und bat mich, seine Geschichte anzuhören, auf daß ich selber urteilte, ob jemals einem sterblichen Menschen ein gleiches widerfahren sei. 5. »Ihr kennt mich, ehrwürdiger Vater,« begann er, »ich bin ein frommer Künstler; ich bin ein Christ und diene Gott nicht nur mit den Werken meiner Kunst, sondern auch mit meinem Leben, soviel daran ist. Denn seht, ich gehöre nicht zu denen, die des Tages über in den Kirchen und Klöstern die Geheimnisse unserer heiligen Religion in Bildern darstellen und am Abend mit wilden Kriegsknechten und anderen schlimmen Gesellen in den Weinschenken herumliegen und sich vollsaufen wie die Schwämme und die Würfel rollen lassen und das Blaue vom Himmel herunterfluchen, und darauf in jene Gassen ziehen, wo die schlimmen Weiber wohnen. Solch ein gottloses Leben habe ich immer verabscheut. Der Wein lockt mich wenig. Mit den Würfeln verliert der Mann sein mühsam gewonnenes Gut und Geld. Was aber das Weib anbelangt, hab' ich mich immer mit Frau Theresa, meiner christlichen Ehefrau, begnügt, die Gott gleichwohl nicht zur Freude des Mannes gebildet hatte, denn sie war von Körper schiefhüftig und hatte ein fast heftiges Gemüt. Und auch seitdem Gott sie in sein Paradies versetzt, vor nun fünfzehn Jahren, bin ich niemals über die Schwelle einer jener Priesterinnen der Unzucht getreten, noch habe ich sonst ein Weib in mein Haus genommen. Ich lebte vielmehr in christlicher Enthaltsamkeit, und kein noch so freches Dirnlein mag sich rühmen, von dem Erwerb meiner Tage auch nur einen Heller in ihre Tasche gesteckt zu haben. Ich mußte deshalb viel Spott von meinen Freunden erfahren, die sich ärgerten, daß mir das Geld in der Tasche blieb, indessen das ihrige in schlechte Häuser wanderte. Und so hielt ich auch meine Gesellen in christlicher Zucht. Und da der Wein des Menschen Herz zum Übermut stimmt, hielt ich ihn fern von unseren Mahlzeiten und machte nur an Sonntagen eine Ausnahme und genoß nur die einfachste Nahrung mit meinen Leuten, daß sie nicht üppig würden vom guten Essen. Und der Herr fand ein Wohlgefallen an unserem christlichen Leben und segnete mich, wie es die Kirche denen verheißt, die ihre Gebote halten. Denn so müd' ich auch immer war von der harten Arbeit des Tages, schlief ich doch nie ein, ohne zur heiligen Jungfrau, meiner Patronin, ein frommes Gebet zu richten. Ich sprach: ›Heilige Jungfrau, Mutter Gottes, die du durch deine unendlichen Verdienste von dieser Erde in den Himmel aufgenommen worden bist, reiche mir armen Sünder gnädig deine Hand und ziehe mich empor zu deinem goldenen Stuhle, auf dem du sitzest als Königin der Engel und aller Heiligen.‹ So betete ich jede Nacht in meinem Bette, genau wie es mich ein frommer Mönch Eures Ordens in meiner Kindheit gelehrt hatte. Und ich machte dabei nicht ein faules, undeutliches Gemurmel oder ein schwaches Lispeln, wie einer, der darüber einschläft; ich betete mit vollem Herzen und mit lauter, deutlicher Stimme, auf daß mein Gebet auch recht hinaufdringen möchte zum Thron der göttlichen Mutter. Und jede Nacht betete ich so und dachte nicht, daß die Heilige Jungfrau meines Betens satt werden könnte. Aber es muß ihr dennoch, durch all die Jahre, zu lang geworden sein, also daß sie ein Ende machen wollte. Und so geschah das Unerhörte. Denn vor drei Tagen, als ich wieder mein Gebet sprach und als gerade das letzte Wort über meine Lippen gedrungen war, da fing mein Bett, das sonst ruhig und fest auf seinen vier Füßen stand, zu wanken und zu wackeln an und sich vom Boden zu erheben, langsam und ächzend, und immer höher und höher, daß ich baß erschrak. Denn ich begriff plötzlich, daß die Heilige Jungfrau mein Gebet erhören und mich leibhaftig in den Himmel aufheben wolle. So ernst hatte ich es nicht gemeint. Des versicherte ich die göttliche Mutter und stellte ihr vor, daß ich meine Schilderei zu St. Veit noch erst vollenden müsse, allwo die linke Ecke, die Verdammnis der Bösen, kaum zur Hälfte fertig ist; und daß ich von der reichen Belohnung, so mir der Kaiser versprochen, bis jetzt sehr wenig erhalten hätte; und wie es gerecht und billig sei, daß ein ehrlicher Arbeiter nicht um den Lohn betrogen werde, der ihm zukomme. Das alles stellte ich der Heiligen Jungfrau vor, demütiglich und flehentlich, und bat sie mit lauter Stimme, daß sie ablasse von ihrem Beginnen. Aber die Königin der Engel geruhte, nicht auf mein Flehen zu hören, und da sich mein Bett immerfort hob, daß ich mich schon den Sparren des Daches näherte, unter dem ich schlafe, da wandte ich mich an unseren Herrn Jesum Christum, daß er sich meiner erbarmen und seiner Mutter Maria in die Arme fallen möge. Denn wenn sie so fortmache, werde sie dem Meister Hans sein ganzes Dach zerreißen, der sich dann mit meinem Gelde bezahlt halten würde. Denn mir fiel es heiß ein, daß ich gerade am Tage zuvor mein Geldsäcklein aus dem Bettstroh herausgenommen hatte, um es hinter einem Dachsparren zwischen Holz und Ziegel zu verstecken. Aber auch meine Anrufung des göttlichen Sohnes blieb unerhört. Und so wandte ich mich zurück zur Mutter, indem ich immer höher stieg und mit mir meine Angst. Und da ich schon die Pfosten meiner Bettlade an das Dach ankrachen hörte, verlor ich alle Besinnung und war im tiefsten ergrimmt gegen die Heilige Jungfrau, die auch gar keine Vernunft annehmen mochte, also daß ich, gleich einem Rasenden, in unbedachten Ausdrücken gegen sie losbrach, wie ich Euch bereits bekannt habe, ehrwürdiger Vater. Ich hatte aber kaum die schrecklichen Worte ausgesprochen, als ich, wie von einem Sturmwind erfaßt, unter schrecklichem Krachen und Gepfeif und unter dem Hohngelächter der Teufel, die ich deutlich hörte, mit Blitzesschnelle in die Tiefe fuhr, als ob es in den Abgrund der Hölle ging. Das glaubte ich sicher und verlor vor Schrecken das Bewußtsein meiner selber. Bald aber kam ich soweit wieder zu mir, daß ich ein heftiges Brennen in meinen Lenden und in den Gliedern fühlte und nicht mehr zweifelte, daß ich inmitten des höllischen Feuers liege; denn meine Schmerzen waren groß. Ich wollte vor Angst und Verzweiflung einen Schrei ausstoßen, aber meine Zähne, das heißt die wenigen, die ich noch im Munde habe, waren so fest aneinandergeklackt, daß ich keinen Laut hervorbringen, sondern nur innerlich stöhnen konnte; und es war mir, als ob alle Teufel an mir herumzerrten, indes andere mich mit ihren glühenden Zangen zwickten. Es herrschte aber die höllische Nacht um mich her, daß ich nichts zu sehen vermochte. Nur Funken stoben im Finstern. Dann auf einmal schlug eine Flamme an, und es ward helle um mich. Und ich sah statt der Teufel meine Gesellen um mich her, wie sie sich bemühten, mich aus dem Stroh und den zerbrochenen Brettern meiner Lagerstatt hervorzuziehen. Und schienen alle in großer Besorgtheit um mich und fragten, was mir geschehen sei in dieser Nacht, daß mein Bett also in Trümmern lag. Und hätten auch vor kurzem einen Knall gehört, und ein Krachen, wie von einem Blitzschlag, und ein Pfeifen und ein höhnisches Lachen wie von bösen Geistern. Ich aber vermochte kaum zu reden und bat die Gesellen, mehr mit Zeichen als mit Worten, daß sie mir die Hüfte mit Salbe einreiben und das linke Bein und den Arm verbinden sollten, worauf ich ihnen alles gerne erzählen würde, wie es mir begegnet sei. Und also taten sie. Und ich erholte mich ein wenig von meinen ärgsten Schmerzen und erzählte meinen Gesellen alles was mir zugestoßen war. Und gestand ihnen auch die Lästerworte gegen die Heilige Jungfrau, worüber die guten Burschen sehr erschraken und meinten, daß ich schwer gesündigt hätte; also daß ich mir vornahm zu beichten, sobald ich wieder auf geraden Füßen gehen konnte ...« 6. Solchergestalt berichtete der Meister Ambrogio. Ich aber betete in meinem Herzen das Wunder an, das unser Herr und Heiland durch seine allerheiligste Mutter an dem armen Manne vollbracht hat und worin die unerschöpfliche Gnade und Barmherzigkeit der göttlichen Mutter wieder einmal recht deutlich offenbar worden ist. Und ich deutete mir in Demut den Sinn des göttlichen Wunders. Die Heilige Jungfrau, in ihrer unendlichen Güte und Gnade, konnte nicht länger mit ansehen, wie eine arme Seele, durch allzu heftige Liebe zum Gelde, in fortwährender Gefahr ewiger Verdammnis schwebte; es schmerzte sie tief, daß ein so häßliches Laster gerade die Seele des Ambrogio beflecken mußte, der doch zu ihr, der Reinen und Heiligen, eine tiefe Verehrung hegte, und der ihr, durch seine Schildereien, schon viele Herzen der Christenheit zugewandt hatte. Ihr Auge hätte gern mit ganzem Wohlgefallen auf einem christlichen Meister geruht, der ihre irdische und himmlische Gestalt so lieblich bildete, der zu ihrer Verherrlichung auf Erden so viele und glänzende Werke schuf. Darum wollte sie gerne ein Wunder tun, um den Meister aus seiner sündigen Geldliebe herauszureißen, nicht ahnend, welch böse Erfahrungen sie damit machen würde; denn so viel der göttlichen Mutter auch offenbar sein mag, so ist sie doch nicht allwissend wie Gott selber. In diesem Sinne sprach ich dem Meister zu, stellte ihm vor, wie ungeheuerlich seine Sünde sei, die ich nicht zu lösen getraute, er habe denn bevor Genugtuung getan. Und trug ihm auf, an jedem Sonntag bei Unserer lieben Frauen im Schnee die Messe zu hören und für die Pfarrarmen einen Prager Groschen in den Opferstock zu werfen, sieben Wochen lang, und auch sonst während dieser Zeit jedem Bettler, der ihn im Namen der Heiligen Jungfrau anflehte – und ich will einige meiner Brüder in Christo darüber verständigen – nicht ohne Tröstung und Schenkung von sich zu weisen. Und nur, wenn er solches getreu innehalte, möge er nach sieben Wochen kommen und ich wolle ihn lösen von seiner Sünde. 7. September, den 27., am Feste der hl. Märtyrer Kosmus und Damian. Gottes Absichten sind unerforschlich, und der Mensch, der sich weise dünkt, ist nur ein Werkzeug in der Hand des Allmächtigen, der sich des Bösen bedient wie des Guten zur Offenbarung seiner ewigen Gnade und Barmherzigkeit. Von den sieben Wochen, die ich dem Meister Ambrogio gesetzt zur Reue und Sühne seiner Schuld, sind heute gerade sieben Tage verflossen. Ich kam aus dem Karlshofer Siechenhaus, wo viel des armen Volkes an einer ekelhaften Krankheit, die man die Blattern heißt, daniederliegt, also daß sie gar sehr des Trostes bedürfen. Und das Volk auf dem Wege entblößte das Haupt, wo ich vorüberwandelte, und segnete meinen Gang; denn sie kennen meine Liebe zu den Kindern der Menschen. Und die Frauen und Mägdlein sprachen: »Gelobt sei Jesus Christus!« und ich antwortete: »In Ewigkeit, Amen!« Aber an der Ecke der Kreuzherrengasse trat mir ein alter Jude in den Weg und ballte die Fäuste gegen mich und fluchte über mich. Denn er erkannte nicht mein Gewand und meinte, ich sei einer von den Söhnen des hl. Dominikus, die er im Verdacht hat, daß sie ihm sein Söhnlein wegnehmen ließen, auf daß sie es tauften und zu einem Christen erzögen, worüber er voll Schmerz und Verzweiflung ist, also daß er sich mit wilden Gebärden die Haare und den Bart raufte und seine Kleider zerriß, die ihm ohnehin schon als schmutzige Lumpen um den Leib hingen. Denn die Juden, wie arm und elend sie seien, hegen stets eine große Liebe und Zärtlichkeit für ihre Kinder, von denen sie sich auch in der bittersten Not nicht trennen mögen, dermaßen, daß wohl einmal ein Jude seinen allbarmherzigen Gott um dreißig Silberlinge verraten hat, es aber noch nicht erhört worden ist, daß einer sein eigenes Kind verkauft hätte, wie es doch bei Christen des öfteren vorkommt. Hatte ich also Mitleid mit dem armen Mann und seinem Schmerz, konnte ihn aber nicht trösten. In meinem Herzen tadelte ich die Brüder Dominikaner wegen solcher Gewalttat, weil nach der Lehre unseres heiligen Vaters Franz das Reich Christi allein in der Liebe ist und nicht in der Gewalt, also daß ein wahrer Sohn unseres heiligen Ordens nie Gewalt übet, auch nicht gegen die Juden, wiewohl diese Gottes eigenen Sohn weggenommen und ans Kreuz geschlagen haben. Kam mir dann auch das goldene Kalb in den Sinn, um welches das Judenvolk einst mit wüstem Schreien herumgetanzt, indessen sein Prophet und Führer auf dem Berge Sinai vor dem Angesichte des allmächtigen Gottes stand. Über dem goldenen Kalb fiel mir aber plötzlich der Meister Ambrogio ein, der kein Jude ist, sondern ein frommer Christ, und der doch bei seiner eigenen Himmelfahrt nach seinem elenden Gelde geschrien hat, was noch niemals von einem Juden berichtet worden ist. Und mit betrübtem Herzen betete ich zu Gott, er möge doch wirken, daß die allerheiligste Gottesgebärerin ihr schönes Wunder nicht umsonst vollbracht habe, daß vielmehr Meister Ambrogio aus der Erschütterung seines Gemütes mit gleichsam wiedergeborener und von Geldgier gereinigter Seele hervorgehe. So betete ich. Und ich faßte Hoffnung zu dem Herrn, sah ich doch, wie er durch Trübsal das Volk der Juden, seine einst auserwählten Kinder, trotz ihrer Hartnäckigkeit, zum Heile führte, dermaßen, daß wir sie sehen, wie sie in ihrem Elend den Allerhöchsten preisen, mit zufriedenem Herzen, und sich geflissentlich in das Gewand der Armut hüllen, die ihnen allgemach zur Freundin und Geliebten geworden ist, wie unserem Heiligen Vater Franziskus, der sich ihr als seiner süßen Braut verlobt hat mit allen seinen Söhnen. Unter solchen Gedanken trat ich in unser Kirchlein vor dem Kloster, als ein junger Mann zu mir hintrat und mir sagte, daß er auf mich gewartet habe, weil er meinen Rat und Beistand suche wegen einer Sünde, die ihm auf der Seele laste. Ich hieß ihn, mir in die Sakristei zu folgen. Hier war es heller als in der Kirche, und ich erkannte in ihm den Gesellen Gandenzio, den Gehilfen des Meisters Ambrogio. 8. Und der Gesell Gaudenzio redete also: »Ehrwürdiger Vater,« begann er, »Ihr kennt wohl unseren Meister, den ehrsamen Künstler Ambrogio. Er ist, wie jedermann weiß, ein frommer Christ, der Gott fürchtet, und den ich verehre wegen seiner Kunst. Die meisten Laster, die so viele christliche Künstler verunstalten, sind ihm fremd. Er ist kein Säufer und kein Hurer vor dem Herrn. Er ist streng und gerecht. Er ist nur allzu streng, insbesondere gegen seine Gehilfen, die er bei dem geringsten Versehen, wenn ihn der Zorn übermannt, hart anläßt und oft gar mit Schlägen und Fußtritten mißhandelt. Solches nun möchte man einem berühmten Meister wohl nachsehen; aber Ambrogio ist auch, wie ich glaube, geizig. Ganz gewißlich ist er ein arger Knicker, der niemals einen Fußtritt durch einen Krug Wein, oder einen Nasenstümper durch eine gesalzene Wurst zu versüßen trachtete. Und das erst verdrießt uns. Überhaupt hält uns der Meister so knapp in Speise und Trank, deren er selber in seinem hohen Alter und mit seinen wenigen Zähnen, die ihm noch im Munde stehen, in geringem Maße bedarf, und meine Mitgesellen möchten gar oft mißmutig werden in ihrem Hunger, wenn ich sie nicht mit meinen Späßen fütterte, daß sie lachen müssen, ihrem knurrenden Magen zum Trotz. Und wie mit der Nahrung, knausert der Meister auch mit der Wohnung. Um jeden Heller in seiner Tasche zu behalten, mochte er nicht eine Stube mieten für sich, und für uns Gesellen eine Kammer; vielmehr mietete er den bloßen Speicher des Wagnermeisters Hans Mühling in der Schneckengasse, wo er den öden Raum durch einen kopfhohen Bretterverschlag abteilte, und wo wir nun zusammen schlafen, der Meister hinter den Brettern und wir Gesellen davor. Und es nützte nichts, daß wir gegen eine solche Wohnung laut murrten, zumal in diesem erbärmlichen Lande der Winter ein so wüster Gesell ist, und uns durch lange vier Monate, was sag' ich, durch fünf, sechs Monate mit einem so rauhen Atem durch die Ziegel hindurch ins Gesicht hauchte, daß er uns Nasen und Ohren zu erfrieren drohte. Erwiderte der Meister unseren Klagen bloß, daß es wider göttliches und menschliches Recht sei, wenn es der Knecht besser haben wolle als der Herr. Da wir nun aber auf diesem Speicher so hart beieinander unser Lager haben, so mag man hinüber und herüber jedes laute Wort leichtlich vernehmen. Und also vergeht kein Abend, daß wir nicht den Meister hören, wie er sein Gebet spricht: ›Heilige Jungfrau, Mutter Gottes, die du durch deine unendlichen Verdienste von dieser Erde in den Himmel aufgenommen worden bist, reiche mir armen Sünder gnädig deine Hand und ziehe mich empor zu deinem goldenen Stuhle, auf dem du sitzest als Königin aller Engel und Heiligen.‹ Und nicht heimlich und mit Lispeln spricht der Meister diese Worte, sondern blärrt sie laut heraus, mit seltsamen Tönen wie die Komödianten, wenn sie die Fastnachtsspiele agieren oder die Leidensgeschichte des Herrn in der Charwoche, daß wir vielmals unter uns lachen müssen und manchmal auch, tief unter die Decke versteckt, im geheimen miteinander ratschlagten, wie wir es beginnen möchten, um dem Meister einen Possen zu spielen, darüber wir lachen und uns schadlos halten könnten für alles Üble, das wir von dem Meister erdulden müssen. Und meine Mitgesellen machten allerlei alberne Vorschläge. Ich aber hatte einen Gedanken für mich und behielt ihn geheim. Und eines Tages, während der Arbeit am Münster, stahl ich mich heimlich vom Gerüst, weil ich meine Mitgesellen überraschen wollte. Ich rüstete alles her, wie ich es zu meinem Plan brauchte. Und am Abend, nachdem wir gemeinschaftlich unsere Zwiebelsuppe verzehrt hatten und unser Lager aufsuchten, da ergriff ich im Dunkeln die Hände des Gesellen Luigi und des anderen Gehilfen und führte ihre Hände an ein dickes Tau, das von der Höhe herniederging, und sprach: ›Liebe Freunde, ihr wolltet schon lange unserem Meister, der uns halb verhungern läßt, einen Possen spielen. Ich kann euch dazu helfen. Darum, sobald ihr seine Stimme vernehmt und hört, wie er sein Gebetsprüchlein aufsagt, so zieht mit Leibeskräften an diesem Tau, und ihr sollt ein blaues Wunder erleben.‹ Denn ich hatte mir des Tags über eine Aufziehrolle verschafft und dieses Tau, und hatte die Rolle am obersten Giebelholz des Daches befestigt und das Tau an vier festen Seilen, die ich wiederum an den vier Pfosten des Bettes festband, das dem Meister als Lager dient. Und brauchte nicht zu fürchten, daß Meister Ambrogio solcher tückischen Vorkehrungen gewahr werden möchte, weil er die Gewohnheit hat, sich im Dunkeln zu entkleiden, um Feuerschwamm und Licht zu sparen. Und wie nun jenseits des Vorschlages der Meister sein Gebet begann, da faßten wir diesseits das Tau und huben an zu ziehen und zogen aus Leibeskräften.« * Das alles und noch mehr sprach der Geselle Gandenzio und erzählte mir in seiner Weise, was sein Meister vor sieben Tagen mit viel mehr Frömmigkeit berichtet hatte. * »Und so mußten wir,« fuhr der Geselle fort, »als der Meister letztlich vom Himmel so plötzlich in die Hölle fuhr, aus vollem Halse lachen, daß er selber das Hohngelächter der Teufel zu vernehmen meinte. Als ich ihn dann aber sah in seinem Schmerz und wie ihm die Glieder zerquetscht waren, da reute mich meine Tat, um so mehr, als sie uns allen nur großen Schaden brachte. Denn da Ihr, ehrwürdiger Vater, den Meister in schwere Buße getan habt, worüber er sich sehr betrübt zeigte, so kam er, um sich zu getrösten, auf den Ausweg, das Bußgeld uns Gesellen am Leibe abzusparen. Und wenn er uns früher zum wenigsten an den Sonn- und Festtagen eine Stütze Wein kaufte, so müssen wir uns von nun an mit klarem Brunnenwasser begnügen, und wenn er bis jetzt für unsere Polenta am Freitag vier Eier hergab, so sagte er uns vorgestern, daß wir statt der Eier nur immer ein halbes Quentchen Safran nehmen möchten, wovon die Polenta gelber würde als von den schönsten Eidottern – – – « Hier unterbrach ich den Gesellen und sprach zu ihm Worte, wie sie mir für sein leichtsinnig-sinnliches Gemüt heilsam deuchten. Still in meinem Herzen aber überlegte ich die Unbegreiflichkeit der Wege Gottes und seiner heiligsten Mutter, deren Gnadeneifer kein Mittel unversucht läßt, sondern sich sogar, wie diese Aufzeichnung dartut, der Schalkerei eines mutwilligen Menschen bedient, um eine christliche Seele aus dem Pfuhl des Lasters zu reißen, allwas ihrer unendlichen Barmherzigkeit aber nicht immer gelingt, denn des Menschen Wille ist frei und seine Neigung geht mehr zum Bösen als zum Guten.