Nataly von Eschstruth Die Erlkönigin Die Reihe Heyne-Nostalgie-Bibliothek bringt Bestseller der Unterhaltungsliteratur der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Um den Reiz des Originals zu bewahren, wurden am Text keine Änderungen vorgenommen, so daß sich manchmal Widersprüche zu der heutigen Rechtschreibung ergeben können. 1977 Das Mondlicht glänzt auf der Großmutter weißem Scheitel. Droben in den Lindenzweigen duftet's und blüht's, surrt's und summt's, und streift die Blumensterne herab auf die lauschenden Blondköpfchen. Großmütterchen aber erzählt: »Es war einmal ein Königssohn, der wußte nicht, was die Liebe war. Er lehnte an dem Marmorfenster seines Nordlandschlosses und blickte hinaus in die tanzenden Schneeflocken und fragte sie um Rat, aber die schüttelten die weißen Gesichtchen und stoben davon. Darauf blickte er empor zu den Wolken, die mit mächtigen Flügeln über die Schloßtürme flogen, seufzte tief auf und rief: ›Ihr Kinder des Sturmwinds, wißt ihr vielleicht, wo ich die Liebe finde?‹ Aber die Wolken waren düster und stumm, und zogen in wilder Hast zu ihrem Mutterhaus, dem klüftigen Gebirg, dessen Scheitel die Pfosten des Himmels trägt. ›Ich weiß, wo die Liebe ist!‹ sagte ein schüchterner Sonnenstrahl, sich durch das Gewölk stehlend, ›hier oben ist es zu kalt und einsam, hier wohnt nur die Melancholie mit ihren thränenfeuchten Wangen, und der Sturm entblättert die Rose, ehe sich ihr voller Kelch erschloß, die Liebe aber will Glut und Blüten, die Liebe will Licht und Zauberpracht. Komm! Folge mir zur Wiege der Poesie, atme den Duft der flüsternden Musenhaine, bekränze Dein Haupt mit ihrem Lorbeer, und küsse die Lippen, deren Seele ein Lied glühendsten Empfindens ist, blicke empor zu dem leuchtenden Himmelsdom, versinke in dem Auge, dessen Rätselnacht das Geheimnis des Glückes birgt, und Du hast die Liebe gefunden, die Liebe im Glanze des Lichts!‹ Da faßte Sehnsucht das Herz des nordischen Prinzen, er stürmte davon durch Schnee und Eis, und wanderte ohne Rast und Ruh, bis er das Land der Sonne fand! Aber die Glut blendete sein Auge, der Blütenduft betäubte ihn, und der Klang der Mandoline trieb ihm Thränen unverstandenen Wehes in die Augen, der Himmel blitzte und funkelte wie ein stolzes Auge, das kein Mitleid kennt, und die Lippen mit ihrem Hauch der Leidenschaft vergifteten sein Herzblut, wähnte er. Da lag er inmitten der paradiesischen Pracht, unter blühendem Gezweig und jubelnder Vogelschar wie ein Verschmachtender, welcher die Hände gegen die Brust preßt und seufzt: ›nur einen Hauch der frischen Nordlandsluft!‹ Heimweh quälte ihn und trieb ihn aus dem Land des Glückes, in welchem er vergeblich nach Liebe gesucht! Da brauste von neuem der Sturm der Heimat um des Jünglings aufatmende Brust, da schäumte und donnerte das Meer um die einsamen Klippen, und dennoch sproßte an den Zweigen das erste teure Eichengrün! Aufjubelnd schlang der Königssohn die Arme um den deutschen Baum und breitete sich nach dem mächtigen Turmbau seines Vaterhauses aus, und wie er dann vorwärtsstürmend die knospenden Zweige auseinander biegt, da steht er plötzlich wie gebannt vor der schlanken Maid, welche ihm lautlosen Schrittes entgegentritt. Von ihrem Scheitel fließt eitel Sonnengold, ihr weißer Nacken leuchtet wie die Myrthenblüte des Südens und in den Augen strahlte ein tiefblauer Himmel lächelnder Unschuld. Der Königssohn aber fühlt es wie einen Schauer süßer Andacht durch seine Seele wehen, und wie er klopfenden Herzens näher tritt, tief und glückselig in dieses treue Auge schaut, da jubelt er voll wonnigen Entzückens: ›Ja, das bist Du, o Liebe!‹« Großmutter schwieg. Mit glänzendem Blick lauschte die Enkelin, aber das kleine Blondköpfchen auf dem Schoß der Alten war leise herabgesunken, die seidenen Wimpern malten lange Schatten auf die rosigen Wangen und lautlos erhob sich die Erzählerin, um den kleinen Schläfer drinnen im Forsthaus auf weiche Kissen zu betten. Im Schatten der Linde stand Norbert und blickte noch unverwandt nach der mondhellen Front des Försterhauses, in dessen Thür Großmutter soeben eintrat. »Ja, das bist Du, o Liebe!« klang es vor seinen Ohren, und er strich langsam mit der Hand die vollen Haarlocken aus der Stirn. Er hatte sie also gefunden! »Norbert!« flüsterte ein frisches Stimmchen neben ihm, »gehst Du noch nicht mit uns herein? es ist schon spät, Vater wird gleich nach Hause kommen, und dann müssen wir Alle im Bettchen liegen.« »Du bist auch noch ein kleines Mädchen, das zeitig zur Ruhe muß!« entgegnete der junge Mann mit dem Stolz eines Primaners, »ich bleibe noch auf und werde dem Onkel durch den Wald entgegen gehen; gute Nacht, Ännchen!« Ännchen stellte sich auf die Fußspitzen und reichte mit den kleinen Armen in die Höhe, um sie zärtlich um seinen Hals zu schlingen, »Gute Nacht, Norbert«, und ein herzhafter Kuß krönt den Abschied, »mußt mich aber morgen früh gewiß aufwecken, wenn Du fort willst! – ja?« »Ei versteht sich!« nickt der Vetter, sich wieder zu voller Höhe empor richtend, »und wenn ich dann von meinen Reisen zurückkomme, bringe ich Dir schöne Muscheln und einen Papagei mit!« Ännchen jauchzte leise auf, und huschte hierauf wie ein heller Mondstrahl über den Kiesplatz in das Försterhaus. – Norbert aber überlegte noch einen Augenblick, dann schritt er gedankenvoll in den stillen Wald hinein. »... und siehst Du nicht dort Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?« Die Buchenzweige flüsterten ganz leise, als sprächen sie im Traum. Der Waldweg war breit und moosig, malerisches Gestein baute sich hier und da zur Seite auf, umnickt von schlanken Farrenblättern, oder überwuchert von großblättrigen Brombeerranken, welche sich in dichtem Gewirr an den Abhängen hinzogen. Die Heckenrosen blühten und der Duft versteckter Waldblumen wehte süß und schmeichlerisch durch die laue Sommernacht; ein Flöten, Zirpen und Rascheln ging durch die Laubholzwipfel, und fern im Thal lockte noch eine Nachtigall in den Haselnußstauden. Norbert schritt langsam bergab; »Unsinn mit den Märchen!« dachte er und pfiff kopfschüttelnd eine unklare Melodie vor sich hin, »Liebe! bah, was geht mich Liebe an!« und er stimmte mit seiner vollen Baritonstimme an: »Liebchen ade! scheiden thut weh, morgen da geht's in die wogende See!« Das Mondlicht flimmerte wie Nebelduft um die dunkeln Tannenhäupter, ein Nachtschmetterling strich mit schwerfälligem Flügel quer über den Weg, und aus dem Thal kam frischer Windzug, welcher die Gräser der Halde wie Seewellen auf- und niederwogen ließ. Der Wald ward licht und hörte mit rauschender Eichenfront plötzlich auf. Ein enges Thal zog sich am Fuß der Anhöhe hin, durchschnitten von den sprudelnden Wellen eines Gewässers, der Niederkleen, deren ausgespülte Wiesenufer von silbernen Erlen und Weiden beschattet wurden. Man sah die Stämme wie dunkle Gestalten aus dem grauen Nebelmeer tauchen, abenteuerlich und seltsam, wie kleine, bucklige Gnomen, oder tanzende Riesenleiber, deren dürre Glieder haltlos zu wilder Umarmung in einander greifen. Norbert blieb stehen und blickte unentschlossen in den düsteren Kleengrund hinab. Zwei Käuzchen flogen schreiend an ihm vorüber und verschwanden im Dunkel, klagende Unkenstimmen riefen von dem Wasser zu ihm herauf. Da plötzlich blitzte es hell durch den Nebel, dicht unter den Ellern tauchte ein Flämmchen auf, husch, tanzte es unter den Zweigen hin, und dann war es wieder verschwunden wie ein Blitzstrahl! »Ein Irrlicht!« jauchzte Norbert auf, »halt, kleiner Gesell, Dich will ich in der Nähe sehen!« und wie der Sturm setzte er den Hügel hinab über die Wiese. »Irrwisch!« rief er: »Halt ein!« Da stand das Flämmchen auch wirklich still, und je näher Norbert kam, desto größer und deutlicher ward es, endlich konnte er es ganz genau sehen und – doch was war das? So sieht kein Irrlicht aus! Das war ja ein brennendes Kerzenlicht, welches sich in einem Glase spiegelt. »Wer ist denn da?« fragte eine herrische Kinderstimme plötzlich, »macht, daß Ihr ins Schloß zurückkommt und versucht nicht, mich von hier weg zu holen! Ihr habt mir gar nichts zu befehlen, ich thue was ich will, ich bin die Herrin von Altingen!« Die letzten Worte klangen laut und heftig, das Licht kam schnell ein paar Schritte näher, und nun sah Norbert eine kleine, zierliche Mädchengestalt vor sich, im langen, gestickten weißen Nachtkleidchen, welches unachtsam in die Höhe gerafft war und einen nackten Kinderfuß sehen ließ. »Wer bist Du denn?« klang es erstaunt weiter, als der Lichtschein auf Norberts schönes Gesicht fiel, »ich kenne Dich ja gar nicht, was willst Du hier?« »Ich glaubte – ich – ich dachte – es sei ein Irrlicht!« stotterte der junge Mann verwirrt, »ich ahnte nicht, daß um diese Zeit noch eine lebende Seele hier sei.« Sie lachte leise und hart auf. »Das ahnt überhaupt niemand, auch drüben im Schlosse dürfen sie's nicht wissen, wie oft ich hier bin; ich habe aber den Kleengrund gern, und wenn ich den ganzen Tag hier unten bin, dann kann ich's auch zur Nacht sein, kann das ganz machen wie ich will, verstanden?« Damit ließ sie den Arm sinken und das volle Licht fiel auf ihr Gesicht. Brennend vor Neugierde schaute sie Norbert an. Seltsam! Ein Knabenkopf schien auf dem schlanken Hälschen zu thronen, umlockt von schweren goldblonden, aber auf der Stirn kurz verschnittenen Haaren, beseelt durch zwei große, stolzblickende Kinderaugen und markiert von zwei Lippen, um welche Launen und Eigensinn starre, unschöne Falten gezogen hatten. »Wer bist Du denn?« fragte er fast schüchtern. »Kennst Du mich nicht?« klang es hochmütig zurück, und der kleine Kopf ward herausfordernd zurückgeworfen, »ich bin die Erlkönigin! Hier der Kleengrund ist mein Reich, dort der Weidenstamm über dem Wasser mein Thronsessel! Du mußt entweder sehr dumm oder fremd hier sein!« Das große Auge blickte ihn durchdringend an: »Weißt Du denn nicht, daß dort hinter den Eichen Schloß Altingen steht?« »Nein«, sagte er, kalter Schauer war ihm unwillkürlich bei dem Namen ›Erlkönigin‹ durch die Glieder gerieselt. »Wo wohnst Du denn, wie heißt Du?« fuhr sie ungeduldig fort. »Drüben im Forsthaus habe ich meine Großmama besucht, ich heiße Norbert de Sangoulème, und ging noch in den Wald, um meinem Onkel zu begegnen.« »de Sangoulème?« wiederholte sie weich, »ein Franzose? Wie kommst Du nach Deutschland?« Norbert schüttelte den Kopf. »Ich nenne mich gut deutsch, trotz meines ausländischen Namens«, sagte er. »Ja, aber wie kommt denn das?« wiederholte sie mit dem Tone des verzogenen Kindes. »Meine Mutter, die Schwester des hiesigen Oberförsters, war deutsche Gouvernante in Frankreich«, erklärte er gehorsam, »und lernte meinen Vater dort kennen. Sie heirateten sich und wie ich zwei Jahre alt war, starb ihr Gatte. Drauf kam meine Mutter hierher zurück, und ich ward in Deutschland erzogen. Nun ist sie auch tot und ich reise morgen ab, um Seekadett zu werden.« »Gouvernante war sie?« wiederholte Erlkönigin geringschätzig, »und Du willst Kadett werden, warum denn nicht Lieutenant zur See?« »Das werde ich hoffentlich mit der Zeit auch!« entgegnete er etwas gereizt, »aber wer war denn Deine Frau Mutter, Majestät Erlkönigin, daß Du so verächtlich von Erzieherinnen sprichst?« Auch seine Stimme konnte verletzen. »Eine Gräfin von Saaleck-Hardenburg!« klang es schneidend von ihren Lippen, »ich bin Ruth von Altingen und das Schloß da drüben gehört mir! Meine Stiefmutter thut jetzt allerdings, als wäre sie Herrin, Alles hat sie seit vorgestern durcheinander geräumt, die schönen wilden Rosen am Turm und den Epheu will sie auch noch herunter reißen lassen, aber nein! ich leide es nicht! ich kratze ihr die Augen aus, wenn sie sich unterstehen will!« Die Stimme des Kindes war hoch und schrill geworden, jetzt sank sie herab zum dumpfen Grollen. »Sogar den Brechthald von Altingen hat sie aus der Ahnengalerie hängen lassen, weil der Ritter die Hand auf einen Schädel stützt und maman zu nervös für solchen Anblick ist! – Lächerlich, nicht wahr? – O wenn ich der Brechthald wäre, ich erschien ihr jede Nacht als Spukgeist und jagte sie in die Residenz zurück!« – »Und man hat Dich so ganz allein um Mitternacht hier in den Kleegrund gelassen?« fragte Norbert kopfschüttelnd. Ruth warf mit sarkastischem Lachen den Kopf zurück und die gestickten Falbeln ihres Nachtkleidchens zitterten um die mageren kleinen Schultern. »Köstliche Frage! Als ob das überhaupt jemand im Schlosse ahnen dürfte! nein, ich bin heimlich davon geschlichen, um für heute Nacht noch die ›neun Kräuter‹ zu holen, wir haben ja Johannis!« fügte sie wichtig hinzu. »Am Nachmittag hat Mama mich nicht fortgelassen, weil meine Gouvernante die Tafel mit arrangieren mußte, und sie behauptete, es passe sich nicht, wenn ich allein in den Wald ging, Unsinn! ich gehe stets allein! Ich schlich mich ganz heimlich aus dem Zimmer, um meine Erlenzweige zu holen, hier, meine Pantoffel habe ich in dem feuchten Gras ausgezogen, sonst merken sie's morgen früh.« Sie öffnete das zusammengehaltene Kleidchen und wies auf ein paar rote Saffianpantöffelchen, dann faßte sie die Falten behutsam wieder zusammen, damit keins der Zweiglein verloren ging. Norbert lachte: »Die Kräuter muß man unter das Kopfkissen legen, dann geht der Traum in Erfüllung, nicht wahr?« fragte er. Sie nickte. »Suchst Du auch welche?« »Soll ich?« »Gewiß, es ist ja gar zu lustig! und morgen kommst Du wieder hierher und erzählst, was Du geträumt hast, ja?« »Morgen früh reise ich ja nach Kiel«, entgegnete Norbert kleinlaut, und zum ersten Male kam es ihm wie Bedauern darüber. »Das ist dumm!« schalt Ruth eigensinnig, »ich will, daß Du erst Deinen Traum erzählst.« »In ein paar Jahren komme ich wieder, dann erzähle ich!« Ihm deuchte es, als habe sie ihm eine kleine Grimasse geschnitten, dann wandte sie sich um. »Ich gehe jetzt nach Hause!« sagte sie kurz. »Ganz allein? fürchtest Du Dich nicht?« Ruth sah ihn groß an. »Fürchten? in meinem Kleengrund?« und sie zuckte die Achseln, als wollte sie sagen: der ist nicht recht gescheut! »Wo willst Du denn da hin?« rief Norbert, jäh ihren Arm fassend; Erlkönigin bog nämlich die Weidenzweige auseinander und plätscherte versuchend mit dem Füßchen in dem Wasser. »Durchwaten!« antwortete sie lakonisch. »Ich habe hohe Stiefeln an, ich nehme Dich auf den Arm und trage Dich hinüber!« Das kleine Mädchen maß seine schlanke Gestalt mit schnellem Blick. »Dann wärest Du doch zu etwas nütze, Norbert de Sangoulème«, spottete sie, »aber hier kennst Du das Wasser nicht, komm mit dort hinauf, da ist es ganz gleichmäßig.« Sie faßte ungeniert seine Hand und führte ihn am Ufer entlang. Der Bach lag hier freier im hellen Mondschein. Dann blieb sie plötzlich stehen. »Willst Du mich nun hinüber tragen?« Ihr Auge blickte voll zu ihm empor, Norbert sah, daß der Ausdruck dieses Auges wie Aprilwetter wechselte, aber die Farbe desselben zu unterscheiden war unmöglich. Er beugte sich schweigend herab und hob die kleine Gestalt wie eine Feder auf den Arm, der Nebel hatte die weißen Batistfalten feucht und schlaff gemacht, die breiten Spitzen fielen kühl auf seine Hand, und das goldene Kettchen an ihrem Hals flimmerte im Mondlicht. Norbert wähnte, er drücke einen kleinen Nixengeist an seine Brust. Langsam schritt er durch das klare Wasser und trug seine bleiche Last noch ein paar Schritte weiter über das sumpfige Ufer. »Danke«, sagte Ruth und hielt ihm schnell die Hand hin, »nun bin ich gleich zu Haus!« Und gleichzeitig hob sie mit der Linken flink die Laterne empor und leuchtete ihm in das Gesicht. – Eine kurze, scharfe Musterung. »Eil Dich, daß Du Offizier wirst! Seekadett ist dasselbe wie ein gemeiner Matrose, kein Mensch hat Respekt davor, und in Altingen sehen sie Dich vollends über die Schulter an! Als Leutnant aber darfst Du mich wiedersehen!« »Kommst Du denn niemals in das Forsthaus?« Erlkönigin schüttelte heftig die wilden Haare zurück. »Nein! Mademoiselle Marion sagt, das sei kein Umgang für mich, da sei nicht einmal ein Diener, welcher den Kaffee serviert! Aber ...« – und Ruth schien momentan zu überlegen –: »ich werde einmal heimlich hingehen, den Hunden zu lieb, Nimrod und die Diana haben mir längst gefallen. Außerdem kann ich thun was ich will, ich brauche keinen Menschen zu fragen und niemand hat mir zu befehlen, ich bin die Herrin von Altingen!« Wieder zuckte Trotz und Eigensinn um ihre Lippen, dann packte sie die Erlenzweige in ihr Röckchen und reichte ihm abermals die Hand: »Vergiß nicht die neun Kräuter zu sammeln, es ist gewiß kein Unsinn damit! Adieu!« Norbert hielt die schmale Kinderhand für einen Augenblick in der seinen. »Leb wohl!« sagte er, »ich werde von Dir träumen, Erlkönigin.« Sie sah schnell auf, es war ihm, als lache sie, dann nickte sie und wandte sich schnell um. »Gute Nacht!« klang es zurück. Norbert stand unbeweglich und sah ihre weiße Gestalt schemenhaft davon huschen, das Laternchen blitzte noch einmal auf, dann war es hinter den Tannen verschwunden. Langsam schritt er endlich durch das Wasser zurück. »Wenn ich an Märchen glaubte, so würde ich darauf schwören, einem kleinen Kobold begegnet zu sein, aber es ist eitel Lüge mit den Feengeschichten, ich bin kein Kind mehr!« Und er ging gedankenvoll weiter durch die milde Sommernacht. In den Eichen flüsterte es geheimnisvoll, Johanniskäfer schwirrten wie helle Funken über den Waldboden und die Farren am Wege nickten ihm bedeutsam zu, – der junge Mann aber schritt langsam durch das Mondlicht und dachte an den Königssohn, der nicht wußte, was Liebe war! Am andern Morgen stand ein einsamer Wanderer auf der hohen Bergstraße und wartete auf die Post, welche hier vorüberkommen mußte. Er legte die Hand über die Augen und spähte den Weg hinab, dann ging er ungeduldig dem langsamen Gefährt entgegen. Hier macht der Waldweg eine scharfe Wendung und senkt sich jäh abfallend zu dem Thale, Norbert hemmte überrascht den Schritt und blickte voll lebhaften Interesses auf das Bild, welches sich seinem Blicke so unverhofft entrollte. Dort, dicht vor ihm erhob sich ein uraltes Jagdschlößchen aus dem umgrenzenden Eichenwald. Massive, graue Mauern bildeten ein stolzes Quadrat, je an den vier Ecken von einem niederen, runden Turme abgeschlossen, und umzogen von jetzt zwar ausgetrocknetem, aber dennoch schilfbewachsenem Wallgraben, welcher von einer schweren bohligen Zugbrücke überdacht war. Dichtes, fast verwildertes Gerank von Epheu und wilden Rosen umzog die ganze westliche Seite des Schlosses und gab ihm fast das idyllische Ansehen eines Dornröschen-Palastes, nur die grellfarbigen Flaggen, welche von den beiden Fronttürmen wehten, störten den Eindruck der verzauberten Königsburg. Norbert genoß das Bild mit Entzücken. Die prächtigen in Stein gehauenen Hirsche, welche zu beiden Seiten der Freitreppe lagen, das Doppelwappen, welches den Thürknauf krönte, endlich die modernen Spitzenvorhänge des einen Turmzimmers, und die plaudernden Lakaien, welche einen glänzenden Goldfuchs vor den kleinen Wirtschaftswagen spannten, ließen ihn nicht länger in Zweifel, daß er das Heimatschloß der Erlkönigin vor sich habe. Noch lag alles im tiefsten Schlaf in Altingen; die Morgensonne glitzerte über die blühenden Rosenhecken, frische Räderspuren erzählten noch von den Gästen der verflossenen Nacht und drinnen in den seidenen Kissen träumte sich die schöne Stiefmutter zurück in die Residenz und faltete verdrossen die genußdurstigen Lippen, welche noch zwei Monate hier in dieser »Waldspelunke« aushalten mußten. Hell und lustig klang das Posthorn von der Straße herauf und weckte den jungen Mann aus seinen Träumen, vor dem Schloßthor hielt das Gefährt noch einen Augenblick an, ein Diener sprang eilig die Steinstufen herab und eilte quer über Hof und Brücke, um die lederne Brieftasche dem Postillon empor zu reichen, dann knallte es aufmunternd über die drei Braunen, und bald schwankte der gelbe Wagen um den Vorsprung des rauschenden Eichenwaldes. »Leb' wohl, Erlkönigin! Auf Wiedersehen!« rief Norbert mit heller Stimme, dann schwenkte er dem Postillon begrüßend den Hut entgegen und schwang sich zu ihm auf den hohen Kutschersitz. »Liebchen ade, Scheiden thut weh, morgen da gehts in die wogende See!« schallte es jubelnd durch den sonnigen Wald. »Ich liebe Dich, mich reizt Deine schöne Gestalt!« Die Zeit spannte ihre vielfarbenen Flügel aus und flog um Jahre voraus. Der Schnee war geschmolzen. Im Kleengrund ward es grün und licht, warm und frühlingsduftig. Der Rasen sproßte mit bunter Blumenpracht empor, der letzte gelbe Staub der Seidenkätzchen schimmerte über das junge Erlengrün. Von der Straße herauf klang das Posthorn, dann rauschte und knackte es in dem nahen Eichenwald wie flüchtig ziehendes Wild, näher und näher kam es, endlich teilten sich die letzten Büsche. »Grüß Gott, Kleengrund!« rief eine frische Männerstimme, und der hastige Wandersmann trat, die Augen beschattend, auf die Wiese heraus. Hoch und stolz war seine Gestalt, die blaue Jacke auf der Brust geöffnet und das dunkle Auge frisch und treu, und klar und frei, echter Seemannsblick! Langsamer schritt er jetzt daher, und das Haupt sank tiefer und tiefer, bis er endlich wie träumend auf den kleinen Pfad vor seinen Füßen niederschaute. Wie mit einem Zauberschlag wurden lang vergessene Bilder in dem hellen Sonnenlicht lebendig, er hörte das Meerrauschen, den Sturm um die Türme des Nordlandschlosses pfeifen, er sah die versunkene Pracht der Tropen unbedauert hinter sich liegen, er war auch ein Heimkehrender, der die Liebe gesucht, und nicht gefunden hatte! Um die weite Welt war er mit schnellen Segeln gekreist, Palmen und heilige Cedern hatten über seinem Haupte gerauscht, fremde, wundersame Bilder waren gleich einer Fata-Morgana an ihm vorübergezogen und die Wellen ferner Meere hatten um seine Füße gespült. Lieder orientalischer Leidenschaft umrauschten voll Haß und Sehnsucht wundersam sein Ohr, der Flammenblick aus schwarzen Augensternen winkte ihm; schillernd wie gleißender Schlangenleib hatte ihn die giftige Pracht der Zonen umstrickt und dennoch riß er sich los von ihr, dennoch spannte er die Segel stets sehnsuchtsvoller aus und steuerte zurück zu der nordischen Heimat, in deren Wäldern verzauberte Schlösser schlafen und Irrlichter durch den gespenstischen Grund tanzen. Da plötzlich schrickt der Träumer empor und bleibt wie gebannt vor den flüsternden Zweigen stehen: »Verzeihen Sie«, murmelte er betreten. Von dem Stamm einer niederen, verkrüppelten Erle sprang eine junge Dame und trat ihm schnell entgegen. »Verzeihen? Daß ich Sie erschreckt habe, Herr Norbert de Sangoulème?« fragte sie mit verhaltenem Lachen, »bitte, das war sehr gern geschehen!« und nun lachte sie wirklich, laut und melodisch wie Wasserklingen. »Sie dachten wohl gerade an die Gespenstergeschichten des Kleengrundes?« »Wenn Sie die Erlkönigin unter dieselben rechnen, allerdings«, gab er heiter zurück, »und außerdem bin ich ja Seemann, der steif und fest an Nixen und Wassergeister glaubt! Sie kennen mich? Im Mondschein trug ich einst ein Kind auf meinen Armen durch den Bach hier, Jahre sind seitdem vergangen, aber ich habe auch ein gutes Gedächtnis. Sie sind Fräulein von Altingen!« Ruth strich die vollen Haare aus der Stirn. »Das ist gar nicht schmeichelhaft, daß Sie mich wiedererkennen!« neckte sie mit schnellem Seitenblick, »man sagt, ich sei häßlich wie ein kleiner Kobold gewesen, und nun begrüßen Sie mich gar mit solch unverhohlenem Schrecken, daß ich es eigentlich übel nehmen müßte, wenn ich eitel wäre!« »Wissen Sie nicht, daß man auch freudig erschrecken kann?« Sie wandte das Köpfchen hastig um und sah voll zu ihm empor, ein kleiner Weidenzweig glitt aus dem Haar und fiel zwischen die Gänseblümchen auf den Rasen. »O ja!« lachte sie leise, »Sie werden das gleich beobachten können! Kommen Sie nur mit zu Großmütterchen in das Forsthaus, wo alle Stuben gedielt und tapeziert werden, wo der Herd in der Küche abgerissen ist und die Besuchsstube bis unter die Decke voll Möbel, Bettzeug und übriggebliebene Wintervorräte gepackt, Alles andere, nur keinen Gast erwartet! Die werden Augen machen, die guten Leute, wenn plötzlich der Weltumsegler Sangoulème, den man noch bei den Hottentotten glaubt, über die Schwelle tritt!« Norbert blickte amüsiert auf die zierliche Sprecherin hernieder. »Großmutter weiß doch hoffentlich, daß ein Matrose gewöhnt ist, in der Hängematte zu schlafen? Ich finde schon ein Plätzchen, wo ich meine Hütte baue! Aber woher, um Alles in der Welt, wissen Sie so genau Bescheid im Försterhause, giebt es jetzt vielleicht einen Diener da, der den Kaffee serviert?« Ruths schmales Gesichtchen färbte sich höher. »Das klingt ja gerade, als ob ich einmal so gesagt hätte!« entgegnete sie, die Reitgerte balancierend, »früher gefiel es mir allerdings nicht bei Försters, aber seit der Begegnung mit Ihnen bin ich das tägliche Brot dort. Ihre Kousine Annchen ist ja eben so alt wie ich, wir musizieren und lesen zusammen, und im Winter soll sie mich in der Residenz besuchen.« »Annchen in der Residenz? was wird Ihre Frau Mama dazu sagen?« Norberts schönes Auge haftete fest auf den Zügen der jungen Baronesse, um deren Lippen es noch eben eigensinnig zuckte wie damals im Mondenschein. »Die Eltern werden den Winter im Süden verleben, weil Papa schon längere Zeit sehr leidend ist, ich soll ihr Haus in D. bewohnen und unter dem Schutz der Gräfin Lersnek die Geselligkeit mitmachen; ob das geschieht, kommt auf mich an, Ännchen geht aber ganz bestimmt mit mir und nimmt ordentlichen Singunterricht. Und nun kommen Sie, ich möchte am liebsten gleich mit in das Forsthaus, um den Empfang zu sehen, aber zuerst werde ich doch nach Altingen zurückreiten, um ein Besuchszimmer in Stand setzen zu lassen. Sie werden es sich schon gefallen lassen müssen, bei mir zu wohnen, auch Ännchen und der kleine Hans sind seit fünf Tagen meine Gäste!« Ohne eine Gegenrede abzuwarten, schritt sie ihm voraus quer durch die Wiese. Norbert versuchte noch mit ihr über die letzte Bestimmung zu debattieren, aber Ruth von Altingen war nicht der Charakter, sich umstimmen zu lassen, und so folgte er ihr, schweigend – und betrachtend. Ruths ganze Erscheinung war ebenso gewinnend wie seltsam. Sie trug ein dunkles Reitkleid aus schwerem Tuchstoff, welches sich weich und knapp um die zierliche Figur schmiegte und mit langer Schleppe die kleinen Gräser am Wege knickte. Die junge Dame beugte sich nieder und schlang die Falten empornehmend um den Arm. Große Stulphandschuhe trug sie abgestreift in der Hand. Das Haar lockte sich goldblond um die schmale Stirn, und verschlang sich am Hinterkopf zu losem Knoten, welchen ein Zweiglein Erle mit langen, silberglänzenden Blättern, als einziger Schmuck zierte. Die auffallend großen graugrünen Augen kamen Norbert bekannt vor, er hatte einst ein Bild gesehen »Waldgespräch«, auf welchem die Rheinnixe den jungen Ritter mit denselben rätselhaften Augen zum willenlosen Sklaven macht – –. An einer niederästigen Buche der Waldwiese neigte ein Goldfuchs ruhig grasend den Kopf in die wiegenden Halme. »Sehen Sie dort meinen Freund Suwaroff?« wandte sich Ruth lebhaft zurück und hob die Hand mit der Reitgerte, nach der Richtung zu weisen, »den hat mir Papa zu Weihnachten geschenkt, weil mein Pony zu altersschwach wurde! Reiten Sie auch?« Norbert neigte bejahend den Kopf. »Recht gern, aber leider recht herzlich schlecht. Auf dem Schiff gehört das Spazierenreiten zu den angenehmen Träumereien, welche uns meistens ebensofern liegen, wie die ersehnte Küste!« »Ich denke es mir entsetzlich langweilig in solch schwimmendem Stubenarrest!« entgegnete sie mit verächtlichem Achselzucken, »außer Ratten und Zwiebäcken sieht man nichts Interessantes; das einzige eigenwillige Wesen ist der Barometer, und die Hauptverwaltung dreht sich mit der Windrose! Nie und nimmer möchte ich Seemann sein!« »Sie urteilen schnell, Fräulein von Altingen!« Über die Stirn Sangoulèmes flammte es hell auf, »langweilig kann es unter dem Segel nur solchen Menschen sein, welche sich durchaus nicht geistig, nicht mit sich selbst zu beschäftigen wissen! Wer zu seiner Zerstreuung und Unterhaltung allerdings rauschende Vergnügungen und ewig wechselndes Leben braucht, wer verlangt, daß die Welt stets neue Bilder entrolle, um das Auge zu beschäftigen und den Geist anzuregen, wer eben nur sehen, genießen und ausruhen will, nein! für den ist das Schiff ein Grab und Gefängnis, für den wird es nie ein beglückender Boden sein! Ich habe selten, fast nie Langeweile empfunden. So lange wir auf der See waren, gab es genügend Arbeit, um unsere Gedanken zu beschäftigen, es gab Sturm und brausende Wogen, welche gar ernste Psalmen der Ewigkeit singen, und wohl den Sinn auf Höheres lenken, als wie auf ein Vergnügungsregister heiterer Tage! Es gab stilles, blauglänzendes Meer, weit und unermeßlich ausgebreitet wie das sonnige Himmelsall, mit welchem es fern am Horizonte purpurleuchtend in einander schwimmt, es gab eine majestätische Nacht voll klarer Sternbilder, eine Nacht voll träufelnden Nebels, eine Nacht voll Donner und Blitz! Und schließlich, Fräulein von Altingen, haben Sie denn so ganz das Ziel der langen Reisen vergessen? Was kann schöner, was interessanter, was unterhaltender sein, als endlich das ersehnte Land vor Augen zu haben, als die geträumte Herrlichkeit von tausend und einer Nacht wahr und handgreiflich vor sich zu sehen! Von der einsamen Insel trägt uns das Schiff weiter zum bunten lärmenden Handelshafen! Da schwirrt und summt es durcheinander wie toller Maskenscherz, alle Nationen, alle Sprachen, alle Pracht der weiten Erde hält hier ihren glänzenden Jahrmarkt, ein solches Bild hält kein Maler fest! Ich wünschte, Fräulein von Altingen, Sie könnten eine einzige Reise mit uns machen, Sie würden den Seemann nicht mehr bemitleiden, sondern fest zu seiner Flagge schwören!« Mit leuchtenden Augen stand der Seekadett vor Ruth, sein edles Profil zeichnete sich scharf gegen das dunkle Tannengrün ab, Begeisterung hauchte lebhafte Röte über die freie Stirn und die hohe Gestalt schien noch stolzer emporzuwachsen unter dem tiefen Atemzug, welcher die Brust hob. Lachend fuhr er fort: »Und Ratten? Gott Lob und Dank, wenn unsere lieben Ratten bei uns bleiben! Lieber von ihnen aufgefressen, als von ihnen verlassen sein!« – Sie waren an der Eiche angelangt; die Herrin von Altingen stand neben ihrem Fuchs und hatte die behandschuhte Rechte leicht streichelnd auf seinen schlanken Hals gelegt, mit klugen Augen lauschte sie zu dem lebhaften Sprecher empor, still und atemlos wie ein Kind, welchem man Märchen erzählt. »Sie müssen mir noch von Ihren Fahrten erzählen, viel, sehr viel. Es klingt so schön, wenn Sie sprechen, Sie müssen mich oft in Gedanken zum fernen Süden zaubern! Und wenn der Seemann außer seinem tiefen Gemüt, seinen Ratten und Mäusen auch eine feurige Seele zum Schildern hat«, fügte sie schelmisch hinzu, »dann schwör' ich treu zu seiner Fahne!« Schnell warf sie die Zügel in ihre andere Hand und sprang auf den Grasrain, um den kleinen Fuß in den Bügel zu stellen. Schon war Norbert an ihre Seite getreten und reichte helfend seine Hand empor, ungeniert ließ sich Ruth stützen, einen Augenblick ruhten ihre Finger auf seiner Schulter. »Danke! nun geht's, eins – zwei, drei! Sehen Sie? Da saß ich! Wenn Sie sich aber das Großkreuz verdienen wollen, reichen Sie mir meinen Hut dort aus dem Gras – da hinter Ihnen! Ich danke!« Sie nahm den breitkrempigen Federhut aus seiner Hand, drückte ihn achtlos auf das Haar, und nickte kurz zurück; dann fiel die Reitgerte antreibend auf den Hals des edlen Suwaroff, und kerzengerade emporsteigend wandte sich der Goldfuchs, um die Reiterin pfeilgeschwind über die wogende Wiese zu tragen. Lange stand Norbert und schaute ihr nach, wandte sich hastig ab und schritt den felsigen Waldweg entlang. Vor seinen Ohren schwirrten ihre letzten Worte, er sah ihren klugen Blick fest auf seinem Antlitz ruhen, er fühlte ihre kleine Hand in der seinen. »Von ihrem Scheitel floß das Licht der Sonne, ihr Nacken schimmerte weiß, wie Myrthenblüte, und ihr Auge spiegelte Himmelsblau«, hörte er plötzlich Großmütterchens Stimme wieder märchenerzählend unter dem Lindenbaum, »der Königssohn aber jubelte voll seligen Entzückens: ja, das bist Du – o Liebe!« »Ja, das bist Du, o Liebe!« flüsterte Norbert leise, er blieb stehen und wandte sich sinnend zu dem Kleengrund zurück. »Erlkönigin, der Fürstensohn weiß jetzt, wo sein Glück zu suchen ist!« Durch den Wald aber spielten goldene Sonnenlichter, weich wie Maienhauch schmeichelte die Luft um knospendes Gezweig, und auf der Lichtung schaukelten sich neu die Blumenglöckchen über vorjährigem Herbsteslaub. Da blitzte es durch das Grün wie tausend schimmernde Insektenflügel, da tanzten die lustigen Mückenwolken über den Weg, und ringsum sang und klang und schmetterte es tausendstimmigen Akkord glückseliger Frühlingsluft! * »Nun, Großmütterchen, was habt ihr Alle für Augen gemacht, wie plötzlich die Einquartierung von ›Pernambuco‹ eintraf?« rief Baronesse Ruth schon über den Kiesplatz hinüber, lachend faßte sie ihr Kleid zusammen und lavierte sich durch ein Bollwerk von Backtrögen und Waschwannen. »Grüß Gott, liebe Fräulein Ruth!« und die Gefragte trat ihr, eifrig die Hände über die weiße Schürze gleiten lassend, entgegen, »es ist immer noch Sodom und Gomorrah bei uns, verzeihen Sie, wenn der Weg so gewaltig verrammelt aussieht! Ach und nun erst der Junge in all diesen Wirrwarr hinein, ich traue ja meinen Augen nicht, wie er plötzlich da vor mir steht, aber eine Freude war es, o, du mein Herr Jesus, wie habe ich mich über den lieben Schlingel gefreut!« und noch im Andenken wischte die greise Frau die Augen, mit strahlendem Lächeln drückte sie die Hand des jungen Mädchens. »Ich habe ihn bereits im Kleengrund abgefaßt!« lachte Fräulein von Altingen in ihrer geraden Weise, »und ihm aufgetragen, er solle zu Ihrer Beruhigung erst gar nicht seinen Koffer hierher bringen, ach, was da!« schnitt sie kurz ab, als die Oberförsterin verlegen Einwände machen wollte, »wozu stehen denn die Besuchszimmer in Altingen Jahr aus Jahr ein Parade, es ist eine wahre Erholung, wenn man einmal Schritte über sich hört! Wo steckt denn aber der gereiste Herr«, unterbrach sie sich mit schnellem Umblick, »Ännchen muß doch auch schon hier sein?« »Sie sind Beide nach dem Buchenschlag gegangen, um meinen Sohn zu begrüßen«, gab die alte Dame schnell Auskunft und streichelte den Kopf der riesigen Ulmer Dogge, welche mit klugen Augen zu der Sprecherin aufsah. »Der gute Oberförster wird auch sein blaues Wunder schauen, wenn der Norbert ihm entgegentritt!« »Blau allerdings«, lachte Ruth ausgelassen, »der Herr Seekadett überrascht uns ja in Uniform! Verdenken kann man's ihm eigentlich nicht, denn sie steht ihm ganz außerordentlich gut! Ah, da kommt ja mein Freund Hans! richtig, mit dem unvermeidlichen Butterbrot! na, immer näher, kleiner Mann – gukguk! – hier!« Mit allerliebstem Schelm versteckte Ruth ihr Köpfchen hinter Großmütterchen, und jauchzend vor Freude stürmte der kleine Hans auf sie ein, um seine Ärmchen in unumwundener Verehrung um ihre Knie zu schlingen. »Junge! mit Deinen Butterfingern an das schöne Kleid!« wehrte die Oberförsterin erschrocken, aber schon kniete Ruth neben dem wilden Gesellen und drückte einen herzhaften Kuß auf sein Mäulchen, gleicherzeit gab sie der Dogge, welche die Nase schnuppernd nach dem Butterbrot des kleinen Freundes streckte, einen Klapps auf das breite Maul. »Willst Du wohl, Hassan! – Du hast eben erst diniert in Altingen! – – nein, Hänschen, gieb ihm nichts, der Hund soll sich das Betteln nicht angewöhnen!« »Ich habe aber Deinen Hassan lieb, Tante Ruth!« versicherte der Kleine, sein Ärmchen zärtlich um den Nacken des Rüden legend, »er ist so groß und wild, und kann einen ganzen Napf voll Kartoffeln auf einmal ausfressen!« – Er brach sein Brot Stück um Stückchen entzwei und ließ den vierfüßigen Nimmersatt mit spitzen Fingerchen schnappen. »Nun hast Du ja aber nichts mehr zum Kaffee, Du armer Bub!« rief Ruth in die Tasche greifend, »da muß ich wohl Ersatz liefern, – rate, was ich hier habe? – rechte oder linke Hand?« – »Bonbons! gewiß Bonbons! – bitte alle beide Händel« rief der kleine Diplomat eifrig, und arbeitete sich mit strahlenden Augen das süße Geheimnis aus den Fingern der jungen Dame. »O danke! – danke!« – und abermals präsentiert er seine frischen Lippen. »Nun schmeckt das Brot doch wenigstens doppelt gut, da Du die Hälfte losgeworden bist«, nickte sie heiter. »Ach, Fräulein Ruth, nicht einmal Kuchen kann ich zu Norberts Empfang auf den Tisch setzen!« jammerte die Oberförsterin, »hätte er sich nur angemeldet, dann hätte ich eher diese Arbeit hier auf dem Hof über Seite gebracht, aber so habe ich nicht einmal Zeit, ein paar Waffeln zu backen!« »O!« seufzte Hänschen aus tiefstem Herzen. »Waffeln!« rief Fräulein von Altingen eifrig, »die kann ich auch backen! Sehen Sie, Großmütterchen, wie sich eine jede gute That belohnt? Sie haben mich diese edle Kunst gelehrt, damit ich heute beweisen kann, daß ich mich auch damit nützlich zu machen verstehe! Erlauben Sie, daß ich einmal Hausfrau spiele? O, bitte, bitte! ich weiß, wo ich alle Zuthaten finde, Feuer ist ja auf dem Herd und marsch, marsch – hurrah – bis zum Kaffee bin ich lange fertig!« »Hurrah!« jauchzte Hans und leckte schon verstohlen sein Naschmäulchen. Ehe nur die Oberförsterin all ihre Einwände wegen des guten Kleides und der zarten Händchen anbringen konnte, war die junge Dame schon, die Handschuhe abstreifend, und sie mitsamt dem Hut auf die Bank werfend, eilfertig über die Waschbütten gesprungen, und trat nun, gefolgt von Hans und Hassan, in den kühlen Hausflur der Försterwohnung. Wie mit Zauberei ward es lebendig in der Küche. Das Kleid zierlich geschürzt und mit weißer Latzschürze geschützt, hantierte Baronesse Altingen zwischen den Mehl-, Sahn- und Eierschüsseln herum, und führte Schaumbesen und Löffel mit bewundernswerter Geschicklichkeit. Gleich einem flinken Heinzelmännchen huschte Hans kreuz und quer durch die gepflasterte Küche, kramte und suchte, holte herbei und schleppte fort, und wenn man auch oft nur seine zappelnden Beinchen hinter irgend einer Schranktür oder Ecke hervorschauen sah, so bekundete doch sein eilfertiges Gepolter, wie wichtig es ihm um die Waffeln zu thun war. Hassan saß indessen als würdiges Publikum neben dem Herd, spitzte hie und da aufhorchend die Ohren, oder schnappte nach einer zudringlichen Fliege, welche ihn in seinen interessanten Beobachtungen stören wollte. »So! Der Teig ist fertig!« rieb sich Ruth voll Genugthuung die Hände, »jetzt kannst Du mir die Schüssel hierher bringen, Hans, das Eisen ist heiß!« Im Gefühl seiner Unentbehrlichkeit ergriff der kleine Mann mit beiden Händen das Gewünschte, stellte es vorsichtig auf den Herd, und stand alsdann, die Hände auf dem Rücken, andächtig daneben. Mit allerliebstem Geschick waltete die junge Dame ihres Amtes. Schnell und duftend häufte sich das Gebäck auf der blaugeränderten Kuchenschüssel, und Hänschen beobachtete leuchtenden Auges wie's mehr und mehr wurde, dann und wann seine Zunge einen schmunzelnden Bogen über die Lippen beschreiben lassend. Endlich war es so weit! – Hassan hatte ein paar Mal angefangen zu knurren, aber Ruth schickte ihren Adjutanten Hans, ihm einen Klapps auf die ungeduldige Schnauze zu geben. Nun standen die beiden Küchenmeister prüfend vor ihrem delikaten Meisterwerk. – »Du ... Tante Ruth!« – hub Hänschen plötzlich an. »Was denn, mein Junge?« »Muß nicht gekostet werden?« »O behüte! – Ich will froh sein, wenn es hiermit langt! – Was glaubst Du denn, Du Lilliput, was so ein Matrose für Portionen gewöhnt ist! – Ich denke mir, Vetter Norbert hält diese Schüssel überhaupt nur für einen Probehappen, denn die Herren Seeleute essen alle wie die Bären!« – Sie stäubte energisch den Zucker über die Waffeln. »Wie die Bären?«– wiederholte Hans voll Entsetzen; »dann läßt er uns sicher nichts übrig, und wir haben doch gebacken! Bitte, Tante Ruth, – gieb nur Eine, damit ich doch wenigstens weiß, wie sie schmecken!« – Hassan erhob sich knurrend und schaute zur Thür, Ruth befahl ihm ein kurzes: »Kusch!« – »Na so schlimm wird es schon nicht werden!« tröstete sie den niedergeschlagenen Genossen: »Du bekommst schon Deinen Teil, ich sorge dafür, Hänschen!« – Aber Hänschen war mißtrauisch geworden und dachte an den Appetit der Bären in seinem Märchenbuch. – »Sieh mal, hier sind zwei angebrannte Stücken, Tante Ruth!« versuchte er sehr kläglich sein Heil von neuem. »Angebrannt? – Dummer Junge, es denkt nicht daran!« verteidigte sich die Herrin von Altingen etwas pikiert, aber schon sah sie nachgiebiger aus, – »man nennt das etwas gebräunt , hast du mich verstanden? – aber Du hast recht, – es sieht nicht besonders hübsch aus ...« und sie besah die beiden Herzen näher, – »Herr Norbert könnte sie vielleicht auch für angebrannt halten, denn die Männer verstehen ja doch nichts von der feineren Küche, – – ja Hänschen –« und sie überlegte abermals, – »ich glaube, wir kosten diese beiden, nur damit die Schüssel besser aussieht!« fügte sie wie entschuldigend hinzu. Mit strahlenden Augen griff Hans zu, und leistete, auf einem Beinchen vor Ruth herum tanzend, ganz Unglaubliches in der Beweglichkeit seiner Kinnbacken. Auch Fräulein von Altingen vergaß ihre sechzehn würdigen Lebensjahre, und biß mit Herzenslust in das luftige Gebäck, sich vergnüglichst auf dem Hacken herumdrehend, und dann mit schnellem Entschluß einen riskierten Platz auf der Kante des Küchentisches einnehmend. – In diesem Augenblick aber dröhnte Hassans kräftiges Organ anschlagend durch die Küche, er sprang empor und stellte sich angriffsfertig vor die offene Thür. »Gesegnete Mahlzeit!« erscholl es von dieser her, und zwischen den Pfosten stand Norberts hohe Gestalt, schnell näher tretend und Hassan mit freundlichem Zuruf abwehrend. Sein Gesicht bemühte sich, ernsthaft drein zu schauen, aber in den Augen und um den Mund zuckte das verhaltene Lachen, welches auch eine verräterische Röte auf seine Stirn trieb. »Halbpart, Kamerad, dann will ich schweigen!« rezitierte er lustig, »darf man mit von der Partie sein, Fräulein von Altingen?« Zuerst hatte Ruth unwillkürlich das Gefühl gehabt, als müsse sie die Hand mit der Waffel schnell hinter dem Rücken verstecken, jetzt aber preßte sie nur einen Moment wie in jäher Verlegenheit die Lippen zusammen, um dann jedoch sofort mit lustigem Auflachen herzhaft weiter abzubeißen. »Du kehrst zur rechten Stunde, o Wanderer, bei uns ein!« – gab sie heiter zurück, »allerdings sollten wir zur Strafe für diesen Überfall unser schönes Gebäck alleine aufessen, Monsieur de Sangoulème , da aber geteilte Freude doppelte Freude ist, und ich nebenbei recht egoistisch bin, – so mache ich mir ein Vergnügen daraus, Ihnen jetzt schon eine ganze Schüssel voll Herzen anzubieten!« – Graziös hob sie die Waffeln und präsentierte sie ihm. »Herzen?« wiederholte der junge Seemann mit schnellem Blick in ihr Auge, »da muß man allerdings zugreifen, – ich bitte um dieses goldblonde! Wie gut mir Ihre Kunstwerke munden, werde ich hoffentlich noch bei dem Kaffee beweisen können!« – »Ja, Tante Ruth sagt, Du äßest wie ein Bär!« platzte Hänschen aufgeregt heraus, und fuhr gleichzeitig mit lautem Schreckensschrei herum, – Fräulein von Altingen hatte ihn unterbrechend in den Arm gekniffen. – »Das ist noch keine Injurie!« lachte Norbert amüsiert, und hob gleichzeitig seine Waffel triumphierend in die Höh, in der Thür erschien nämlich Ännchen, und brachte gottlob eine andere Wendung in das Gespräch. »Wo kann ich mir nun die Hände waschen!« rief Ruth, sich ratlos umsehend. Wie der Blitz rutschte Hänschen vom Stuhl, verschwand gleichzeitig unter dem Küchentisch und schob alsdann ein mächtig zinnernes Waschbecken mit schwarzer Seife vor sich her. »Hier!« rief er eifrig, »hier ist unserer Trine ihr Waschnapf!« »Pfui Kuckuck!« entsetzte sich die Herrin von Altingen, unwillkürlich ihr Kleid zusammen nehmend. »Aber Hans, bist Du denn nicht gescheut!« schalt Ännchen in Norberts Gelächter. »Das kann man doch Fräulein Ruth nicht anbieten!« »Schilt meinen kleinen Mann nicht!« warf sich Ruth in's Mittel, »er hat es gut gemeint! Komm, Hänschen, wir gehen draußen an den Brunnen!« Hänschen ergriff die dargereichte Hand, um die junge Dame im Sturmschritt über die Schwelle zu ziehen. »Komm mit, Onkel Norbert, Du kannst pumpen!« rief er zurück, und noch klang leises Grollen durch sein Stimmchen, welches der unhöflichen Lachlust des Herrn Seekadetten galt. Im Hof stand das ehrbare Brunnenhaus mit seinem grünbemoosten Dächlein, auf welchem gurrend die Tauben einherstolzierten, oder eine freche Spatzenschar lauerte, um im geeigneten Moment raubritternd zwischen die pickende Hühnerschar herabzuhuschen. Ein weitzweigiger Kirschbaum hing tief darüber hin und hüllte den Brunnen augenblicklich in einen Hermelinmantel duftigster Blütenpracht. Ruth streifte die Ärmel empor und löste die schwere Goldspange von dem Handgelenk, dann hielt sie die Hände harrend unter die rostige Röhre. Norbert hob und senkte langsam den Schwengel; sein Blick haftete auf den rosigen Fingerchen, welche ringgeschmückt in der klaren Flut plätscherten, und so emsig jede Mehlspur von den gebogenen Nägeln tilgten. Ruth fühlte seinen Blick und spritzte übermütig die hellen Tropfen zu ihm auf. »Der Herr Matrose ist nicht bei der Sache!« schalt sie, mit der Haltung des stirnrunzelnden Kapitäns, »jetzt haben Sie so viel Kraft aufgewendet, daß Großmütterchens nagelneue Schürze pudelnaß geworden ist!« Norbert schüttelte mit komisch-ernster Miene die Tropfen aus seinem lockigen Haar. »Darum werde ich auch gleich vom Seekadetten zum Matrosen degradiert?« entgegnete er, »seltsam, Fräulein von Altingen, Sie bezeigten mir in einem Augenblick die größte Huld und die erdenklichste Ungnade, welche von Beiden darf ich als die Überwiegende halten?« »Huld?« wiederholte Ruth erstaunt, »ich wüßte nicht, worin die bestanden haben sollte!« »In Malmen halten die Jungfrauen das Wasser heilig!« nickte Sangoulème mit feinem Lächeln, »was sie lieb haben, weihen sie damit. Sie schöpfen aus dem Saluen und begießen ihre wunderkräftigen Blüten, sie stellen ihren Todten die Wasserschale über das Haupt und besprengen mit kühler Flut das Linnen ihres Brautgewandes, die Mädchen von Malmen huldigen einer seltsamen Sitte, sie stäuben Wassertropfen auf das Haupt des erwählten Jünglings und sagen ihm damit: ›Komm und wirb um mich!‹« Erlkönigin erglühte bis unter die blonden Haarwellen, sie trocknete die Hände an ihrem feinen Spitzentuch und sah nicht auf zu ihm, aber um ihre Lippen zuckte es wie damals in dem Kleengrund, als sie voll eigensinnigen Hochmuts aufbrauste: »Ich bin die Herrin von Altingen!« »Es ist gut, daß wir nicht an den Ufern des Saluen wohnen«, erwiderte sie nach einer kleinen Weile; »aber schade, daß unsere Jungfrauen nicht mehr so poetische Gemüter haben! Ah, die herrlichen Kirschblüten!« lenkte sie dann schnell ab, »gelt, Hänschen, das soll wieder einen Spaß geben, wenn wir erst Ernte halten!« »Soll ich Ihnen ein Ästchen abbrechen, Fräulein von Altingen!« und der junge Seemann hob die Hand und bog die schneeigen Blüten herab, wie weiße Flocken wirbelten die Blättchen auf Ruths Scheitel hernieder. »Gott behüte!« wehrte sie fast erschrocken ab, und fuhr lachend fort: »Wer kann denn wissen, was das vielleicht bei den Eskimos oder Zulus zu bedeuten hat? Sie haben mich jetzt mißtrauisch gemacht, mein gelehrter Herr Seekadett, und wenn ich auch leider eine ›wässerige‹ Unvorsichtigkeit beging, so möchte ich sie wenigstens nicht ›verblümt‹ erwidert haben!« Sie hing die Schürze über den niedern Bretterzaun und huschte schnell wie der Gedanke durch die offene Küchenthür. »Bitte, zum Kaffee, Norbert!« rief gleichzeitig Ännchens Stimme vom Fenster her, und der junge Seemann schritt lächelnd zum Haus. »Meine weißen Blüten trägt sie doch!« dachte er im Herzen. * Norbert stieg die breite Freitreppe des Schlosses empor. Die Hirsche lagen stumm und majestätisch zu beiden Seiten, das Doppelwappen prangte unverändert über der steingehauenen Thür, und hinter ihm rasselten die Ketten der Zugbrücke unter der Wucht des Suwaroff'schen Hufes. Ein Fenster im ersten Stock des Turmes war weit geöffnet, die Spitzenvorhänge zitterten im Luftzug, mechanisch hob sich die stickende Hand der Erzieherin Marion und laut und silberhell drang Ännchens Stimme zu dem jungen Mann hernieder. »Warum soll ich denn wandern Mit Andern gleichen Schritt? Ich pass nicht zu den Andern, Und Liebchen geht nicht mit!« So sang sie, und Norbert blieb unwillkürlich stehen und lauschte. Hassan sprang ihm entgegen und leckte die Hand des Freundes, liebkosend strich der Seemann über seinen gewaltigen Kopf, dann trat er langsam durch die Thür und stieg die Treppe empor. »Und Liebchen geht nicht mit!« wiederholte er leise, »warum soll ich allein gehen? Ich blieb am liebsten hier!« Er seufzte unwillkürlich auf und sein Blick flog über die stolzen Geweihe, welche das Treppenhaus schmückten. Norbert öffnete die altertümliche Flügelthür von gebräuntem Eichenholz und trat leise ein. Ännchen wandte sich halb zurück und nickte ihm heiter zu, Mademoiselle Marion erhob sich, reichte ihm begrüßend die Hand und verschwand hinter der Portière, um das Vesper zu besorgen. Norbert trat in die Nebenthür und schob die schweren Damastfalten zur Seite: »Wieder so fleißig, Fräulein Ruth?« Die Herrin von Altingen hob das Köpfchen, sie lehnte sich aufatmend im Stuhl zurück und reichte ihm ebenfalls die kleine Hand freundlich entgegen. »Willkommen!« sagte sie mit vollem Blick zu ihm empor. Norbert war vor die Staffelei getreten und betrachtete interessiert das Gemälde. »Wissen Sie nicht, wen diese Dame vorstellt?« fragte er nachdenklich, »ein seltsames Gesicht; wenn man es lange ansieht, muß man von den dunklen Augen träumen! Sie scheint ein Fräulein zu sein, die weiße Hand trägt keinen Ring, und – wunderbare Idee von einer Frau, eine zerbrochene Klinge empor zu halten. Gewöhnlich findet man Blumen oder Vögel als Symbole in ihren Händen.« Ruth legte den Pinsel zur Seite. »Ich fand das Bild unter alten, langvergessenen Akten und Büchern; der Rahmen war an einer Seite verkohlt, als hätte das Gemälde eine Feuersbrunst mit durchgemacht, von einem Namen fand ich keine Spur. Nur ein lateinischer Satz steht auf der Rückseite, ebenso eigentümlich, wie das Bild selber!« – Sie hob es von der Staffelei und wandte es dem jungen Manne zu. »› Sic eunt fata hominum ‹ – ›So gehen die Schicksale der Menschen‹« las Norbert, die Worte gleichzeitig übersetzend, »das muß allerdings in Beziehung zu der zerbrochenen Waffe stehn. Welch eine geheimnisvolle Geschichte von Liebe und blutigen Streits muß sich an dieses bleiche Antlitz knüpfen!« »Ich habe lange ein würdiges Pendant für meinen lieben Ritter Brechthald gesucht«, erwiderte sie lebhaft, »und nun scheint mir keines passender, als dieses Edelfräulein, welches ebenso absonderlich dreinschaut, wie der Grübler mit dem Totenkopf. Mein Zimmer wird ein wahrhaftes Schmuckkästlein, wenn auch Mama seine Schwelle noch geflissentlicher meiden wird als bisher. Wenn Sie einmal wiederkommen, habe ich vielleicht noch ein paar andere Heiligtümer aufgestöbert; das indianische Muschelhorn und das Panterfell, welches Sie mir geschenkt haben, vervollkommnen ja die Sammlung in appartester Weise!« »Wenn ich wiederkomme!« nickte Norbert vor sich hin, »vor der Hand denke ich nur an den Abschied. Ich wünschte, ich hätte ihn erst überstanden und schaukelte auf meinem endlosen Meer – wie oft werde ich an Altingen zurückdenken!« »O Du Entrissene, mir und meinem Herzen, Sei mir gegrüßt, sei mir geküßt!« sang Ännchen im Nebenzimmer mit herzzerreißender Innigkeit. »Müssen Sie denn so bald schon zum Schiff zurück?« fragte Ruth bedauernd, sie packte ihre Malsachen zusammen und trat an das offene Fenster. »Es wird uns nun recht einsam hier in Altingen vorkommen, wenn Sie abgereist sind, ich glaube, Ännchen und ich sputen uns dann auch, daß wir schon im Herbst nach der Residenz kommen!« »Sie freuen sich darauf?« »O ja, ich möchte gern einen Ball mitmachen, ich möchte viele blitzende Uniformen sehen, ich möchte die Fürstlichkeiten kennen lernen, vor Allem Prinzessin Josephine, bei welcher Mama Hofdame war. Ich denke es mir herrlich, einmal in diesen Glanz von tausend Gasflammen zu schauen, selber zu strahlen in Atlas und Spitzen und umgeben zu sein von einer Flut Menschen, welche aus der Urne des Schicksals die höchsten Lose gezogen haben!« Sie sagte das leichthin, aber vor Norberts Seele tauchte das verwöhnte, hochmütige Kind aus dem Kleengrund auf, er sah ihre stolzen Augen befriedigt den Glanz des Hofballes schauen, und die Lippen dem Bilde der Zukunft entgegenlächeln, welches sich voll üppiger Farbenpracht unter dem Nimbus der vielzackigen Krone vor ihrem Geiste entrollte; und wiederum sah er diese begehrenden Händchen das Waffeleisen in Försters Küche drehen, und sich in anspruchslosester Weise unter dem Röhrenbrunnen die Spuren der Arbeit abspülen! Ruth war ein großer Gegensatz: Das natürliche übermütige Kind, und die eigenwillige, dominierende Herrin von Altingen, die harmlose Freundin der Försterstochter und die stolze, abweisende Aristokratin im schimmernden Ballsaal! »Wie wirst Du sie wiedersehen!« dachte der junge Seemann, mit pochender Glut in den Schläfen, und er neigte sich aus dem Fenster und zerpflückte zerstreut die schaukelnden Rosenranken. Er liebte sie ja, die seltsame Erlkönigin und so treu wie er kein Zweiter mehr! »Zum Trotz der Ferne, die sich feindlich trennend Hat zwischen Dich und mich gedrängt. Dem Neid der Schicksalsmächte zum Verdrusse Sei mir gegrüßt, sei mir geküßt.« sang Ännchen im Turmzimmer. »Erlkönigin hat mir ein Leids gethan!« Sie schritten schweigend durch den mondhellen Schloßgarten. Hassan und Annchen stürmten haschend hinter dem kleinen Hans her: »Warte nur, Du Wildfang!« klang es aus dem blühenden Gebüsch, dann waren sie hinter der Biegung des Weges verschwunden. Norbert blieb stehen und blickte in Ruths Augen. »Zum letzten Mal heute!« sagte er, und sein jugendschönes Haupt sank tiefer auf die Brust. »Wie sind Sie zu beneiden!« antwortete die Herrin von Altingen lebhaft, »Sie werden nun wieder Reisen machen, fremde Länder und Leute sehen, Stürme toben hören und die Wunder der Tropen schauen! O könnte ich mit!« »Ja, könnten Sie mit gehen!« rief er fast ungestüm, »dann möchte ich reisen bis ans Ende der Welt! O Ruth, weißt Du denn nicht, wie ich Dich liebe, ahnst Du nicht, Erlkönigin, wie Du mir Herz und Seele gestohlen hast, wie ich nur noch einen Gedanken habe, nur noch eine Seligkeit kenne, die Deiner Nähe, Deines Besitzes?« Und er lag zu ihren Füßen und preßte ihre Hand an seine zuckenden Lippen. »Erlkönigin habe Mitleid, verstoß mich nicht, mein Herzblut geb ich für ein freundlich Wort von Dir!« Ruth war zurückgewichen, sie stützte die Hand auf das weiße Postament in der Taxuswand und schaute starren Blickes in das erregte Antlitz, welches mondbeleuchtet, ohne Falsch, lauter und treu wie das Schild der Wahrheit zu ihr emporlauschte. Aber die Herrin von Altingen blickte weiter hinab auf die schmucklose Matrosenjacke, unter welcher das dargebotene Herz des Jünglings schlug, sie dachte an die Großmutter Oberförsterin, an die ›Gouvernante‹, welche sie einst im Kleengrund so verächtlich belächelt hatte. »Stehen Sie auf, Norbert!« klang es von ihren Lippen, »ich weiß nicht, was ich von diesem Benehmen halten soll! Sie können doch nicht im Ernst verlangen, daß ich mich mit sechzehn Jahren verloben soll, noch dazu mit einem Manne, dessen Zukunft doch sehr zweifelhaft ist!« Sie wandte sich heftig zurück und zog die hellen Cachemirfalten so ostensibel an sich, als scheue sie jede fernere Berührung mit ihm. Norbert erhob sich, kein Blutstropfen färbte sein versteinertes Gesicht. »Verzeihen Sie, wenn ich Sie beleidigt habe«, sagte er tonlos, ohne ihr mit einem Schritt zu folgen. In seiner Stimme lag ein Ausdruck, welcher Ruths Herz jäh erbeben ließ; sie wandte sich zurück und bot ihm schnell die Hand entgegen. »Ich habe Sie verletzt, verletzen müssen!« flüsterte sie erregt, »warum beschworen Sie aber auch eine Scene herauf, welche sich zwischen uns nicht abspielen durfte? Gehen Sie nicht im Groll von mir, bleiben Sie nach wie vor mein Freund und tragen Sie es Altingen nicht nach, wenn es noch am letzten Abend eine unangenehme Erinnerung an sich knüpfte. Ich kann nichts dazu, gewiß nicht!« Die letzten Worte sprach wieder das eigensinnige Kind aus dem Kleengrund. Norbert sah nicht ihre dargereichte Hand, hoch und stolz stand er vor ihr. »Der Mann ohne Zukunft wird Ihre Wege nicht wieder kreuzen, Baronesse, fürchten Sie nicht, der ›Matrosenjacke‹ dereinst errötend ausweichen zu müssen, Ihre Frau Mutter soll in Altingen vor ihr sicher sein! Im Groll scheide ich nicht, nur in der quälenden Gewißheit, daß ich all Ihre Güte in schlechter Weise gelohnt habe! Behüte Sie Gott, Fräulein Ruth, leben Sie wohl!« Die Herrin von Altingen stand unbeweglich an dem weißen Postamente, ihre Augen folgten seiner stattlichen Gestalt, wie sie erhobenen Hauptes durch das Mondlicht schritt, um drüben hinter dem duftenden Fliedergebüsch zu verschwinden. Sie legte die kleine Hand auf das Herz und sah ihm nach, es war ihr, als müsse sie ihm nacheilen und ihn mit reuigem Wort zurückhalten, aber nein! Sie schüttelte mit finsterem Blick das Haar aus der Stirn, sie warf trotzig die Lippen auf und stützte die Hand fester auf den kalten Stein. »Ich bin die Herrin von Altingen!« stand mit stolzen Lettern auf dem bleichen Angesicht. Der junge Seemann aber stürmte durch den nächtlichen Wald und wandte sich mit keinem Blick zurück. Die schwarzen Schatten warfen sich über den Weg, wetterleuchtend flackerte es über den Himmel, und Totenstille war's ringsum. Da blieb er stehen und preßte die Hände gegen die Brust. Ein Sturm von Gefühlen tobte durch sein Hirn, ungeweinte Thränen drohten ihn mit bitteren Qualen zu ersticken und sein junges Herz blutete zum ersten Mal aus jener tiefen Wunde, welche mitleidslos allein die Liebe schlägt. Dort hinter den Eichen lag Altingen! Dort atmete sie, die seine treue Liebe voll schneidenden Hochmuts zurückgewiesen hatte, die von fernen glänzenden Bildern träumte und wegen der blitzenden Uniform des Höflings die schlichte Jacke des Seemanns mitleidig belächelte, das blaue Tuch ohne Stern und Band, hinter welchem aber ein Herz schlug, wie es in gleich goldener Lauterkeit kein Zweiter ihr entgegenbrachte. »Der Mann ohne Zukunft wird von sich hören lassen, Erlkönigin!« rief er mit zuckender Lippe und das Echo hob sein schlaftrunken Haupt und trug den Klang weiter durch die ernsten Eichenkronen. In dürren Blättern säuselt der Wind! Die Bäume standen fast alle kahl, auf der Promenade der Residenz rauschte das farbige Laub und der Novemberwind kam mit seinem wilden Atem, wirbelte es hoch auf, warf es hin und her in übermütigem Spiel, bis seine bereiften Arme müde wurden und er weiterflog zu dem schauernden Nadelwald, in dessen klüftigem Thalkessel er sein zerzaustes Lager aufgeschlagen hatte. Die dürren Blätter aber lagen zusammengefegt an den Bosquets und Ecksteinen und seufzten leise auf, wenn flüchtige Füßchen über sie hineilten oder mutwillige Kinderschar sie lärmend auseinanderstäubte. Bald aber hatten sie Ruhe. Tiefe Schatten legten sich vermummend über die Erde, einsam und menschenleer ward das vornehme Stadtviertel an dem Schloßpark, und hie und da blitzte eine Laterne auf, welche ihr unsicheres Licht über die aristokratisch bleichen Fronten der Villen warf, kühl und reserviert, von goldenem Spitzengitter umrahmt und selten gestört vom hallenden Fußtritt, oder dem gedämpften Glockenton, welcher nervös und kurzatmig durch das teppichbelegte Vestibül zittert. Wie ein schlafendes, unsagbar stolzes Königskind lag die Villa Olivia inmitten der umringenden Schwestern, eingeschmiegt in die schlanken Wipfel der Parkanlagen, geschmückt mit köstlichem Stuck, in dessen künstlerische Ranken und Arabesken die Marmorreliefs gleich den Edelsteinen in einer Fürstenkrone eingefügt waren, und gestützt von weißschimmernden Säulen, welche die beiden Endbalkons der Vorderfront verbanden. Durch die Spitzengardinen huschte Lichtschein, dann bewegte sich der dunkle Schatten einer Bedientenfigur vor den hohen Scheiben und langsam rollten die Rouleaux hernieder, ein Fenster nach dem andern verhüllte sich, es war totenstill in Villa Olivia. Plötzlich zittert ein weicher Ton durch die Luft, anschwellende Akkorde und die lieblichste Mädchenstimme verschmelzen zu künstlerischer Harmonie, wie Perlen, glockenrein und klar klingen die einzelnen Coloraturen zu der stillen Straße herab. Droben in dem behaglich durchwärmten, mit allem Luxus ausgestatteten Salon liegt eine junge Dame in dem leichtbewegten Schaukelstuhl, den blonden Kopf tief in die Hand gestützt, atemlos lauschend, und von Zeit zu Zeit die Blicke zu der Sängerin erhebend, Ruth von Altingen. Am Klavier sitzt ein junger Mann, er giebt der rosigen Försterstochter Singunterricht. Sein Kopf ist zurückgelehnt, er spielt die Begleitung auswendig, nur ganz verstohlen huscht sein Blick nach Ännchens kleiner Hand, welche sich dicht neben ihm auf das Instrument stützt. Er ist ein genialer, allgemein beliebter Mann, der Kapellmeister Heßbach, seine Lieder singen die jungen Mädchen der Stadt heimlich und öffentlich, seine Nocturnos hört man allerwegen, und seine kurzen, seltsamen Gedichte, glühend und liebejauchzend und rätselhaft wie ihr Verfasser selbst, die ziehen wie ein Traum durch manch liebliches Köpfchen, und wenn es niemand sieht, neigen sich wohl auch ein paar schüchterne Lippen darauf und küssen sehnsuchtsvoll das weiße Titelblatt, just die Stelle, wo der Name Heßbach gedruckt steht. Seine Züge sind frei und edel, das Haar leicht gelockt und in die Stirn fallend, auf deren stolze Wölbung das Genie seinen leuchtenden Stempel gedrückt hat, ein Auge voll Feuer und Begeisterung sprüht darunter, schwarz und groß wie das eines Südländers. Er ist durch und durch Künstler, er ist selber ein brausendes, leidenschaftliches Impromptu, dessen Originalität die Menschen anstaunen, und dessen Seele sie nicht verstehen. Ruth gegenüber am Tische sitzt Mademoiselle Marion; sie näht eifrig an rosa Bandschleifen und hält probeweise die kleinen Sträußchen Apfelblüte darauf, es ist lauter Eigensinn von ihr, sie läßt es sich nicht nehmen, die letzte Hand an die Toilette ihrer jungen Schutzbefohlenen zu legen, noch dazu heute, wo Fräulein von Altingen die große Auszeichnung genießt, zum Familiensouper der Herrschaften befohlen zu sein. »Allez vite, chérie!« winkt sie zärtlich, »ich möchte einmal sehen, ob es sich so gut in Ihrem Haar ausnimmt!« und sie beugte sich eifrig über die bücherbelegte Platte und hebt Band und Blumen empor; ihr schwarzes Seidenkleid knistert und die weißen Spitzen zittern um die mageren Handgelenke. Ruth wehrt energisch ab. »Lassen Sie mich in Ruhe, Mademoiselle! nachher mögen Sie mich aufputzen wie Sie wollen, meinetwegen stecken Sie mir einen ganzen Schellenbaum auf den Kopf, aber bitte, jetzt verschonen Sie mich mit diesem ewigen Anproben, man wird ja selber noch zur reinen Modepuppe!« Fräulein Marion versank beleidigt in ihrem Fauteuil. »Ich begreife nicht, wie ein junges Mädchen so gleichgültig für sein Äußeres sein kann!« schmollte sie, »seit einiger Zeit ist Ihnen jede Stecknadel zu viel, welche Sie anwenden müssen, ich glaube, wenn ich Sie gewähren ließe, Sie gingen im Morgenrock oder Reitkleid an den Hof! Mon Dieu , es ist unfaßlich, wie wenig Interesse Sie für die Wintervergnügungen haben. Ist Ihre Passion für die Residenz schon beim zweiten Jahre so gewaltig herabgeschraubt?« Ruth hob langsam die Augen, es flammte darin, aber ihre Stimme klang leise und ruhig, und um ihren Mund zuckte ein schwer zu deutendes Lächeln. »Jene zwei Jahre haben mir alles gezeigt, was ich sehen wollte, vielleicht noch mehr als mir lieb war. Ich kenne die Residenz und sehne mich heim!« Sie lehnte das Köpfchen zurück und verschlang die Hände um das Knie, Erlkönigin seufzte tief auf. Mademoiselle Marion richtete sich resolut in die Höhe, legte die Arbeit mit energischer Kürze auf den Tisch und wollte eben eine ihrer endlosen Vernunftpredigten über ganz verrückte Ideen und Kinderlaunen beginnen, als sich die Portièren leise öffneten und ein Diener mit tiefer Verneigung eine Visitenkarte auf silbernem Tablet überreichte. Ruth blickte flüchtig auf, ihre Stirn umwölkte sich, mit kurzer Geste wandte sie sich zurück. »In das Balkonzimmer, ich komme.« Auf der Karte standen unter prunkvollem Wappenschild die inhaltschweren Worte: »Alice de Nievendloh van Hollingen, Hofdame Ihrer Hoheit der Prinzessin Josephine zu X.« »Wer ist es denn?« flüsterte Mademoiselle Marion emporschnellend, »die Gräfin schon? mein Gott, es ist erst sechs Uhr!« Und schon hatte sie die Karte annektiert und studierte durch die Lorgnette den Namen. »Ah, Alice!« nickte sie mit jäh verändertem Ausdruck in den hageren Zügen, »das süße Kind! es ist wirklich rührend, wie sie sich an Sie attachiert hat, Ruth, auf zwei Besuche schulden Sie dem guten Mädchen bereits Gegenvisite, und dennoch kommt sie voll unveränderter Freundschaft zum dritten Mal zu uns!« »Und wird ganz gewiß auch noch öfter kommen!« moquierte sich Erlkönigin mit schnellem Blick über die verzückte Miene der Französin. »Sie finden es rührend, ich finde es zudringlich! Deutlicher als ich konnte es ihr kein Mensch zeigen, daß ihre Anwesenheit mir unsympathisch ist, es scheint jedoch auf das subtile Hoffräulein keinen Eindruck zu machen.« Ruth zuckte die Achseln und wandte sich kurz um. Ehe Fräulein Marion nur Zeit zu einer Erwiderung fand, schlugen die Sammetfalten der Portiere hinter Ruth zusammen, und mit graziös auf die Brust gelegten Händen wandte sich die Französin zu dem Kapellmeister und bat tausendmal um Vergebung wegen der Störung, welche der Wortwechsel im Unterricht verursacht hatte. Dann verließ sie das Zimmer und rauschte quer über den Korridor in ihr Boudoir, um für diesen Abend wegen plötzlicher Migräne unsichtbar zu bleiben. Indessen trat Ruth in den Empfangssalon. Von der Decke fiel das gedämpfte Licht zweier Glaskuppeln, einen unsicheren Schein über die tief violette Färbung der Möbel werfend, welche in düsterer Eleganz, nur hie und da gehoben durch das Goldgitter der Stuhllehnen und die schneeigen, auf künstlerischem Sockel thronenden Marmorstatuen, in geschmackvollen Gruppen auf spiegelglattem, teppichlosen Sternparquet zusammengestellt waren. Von den hohen Fenstern und Balkonthüren floß ein zartweißer Spitzenduft, überhangen von den knisternden Atlasfalten, deren Quasten in den Klauen eines schwebenden Bronze-Adlers ruhten. An den Wänden hingen die Reliefbilder der einzelnen Glieder des X'schen Herzoghauses, ein frischer Lorbeerkranz zierte den Rahmen des regierenden Fürsten, ein Kreppflor schlang sich um den der jüngstverstorbenen Herzogin-Mutter. Ruth trat hastig ein, mit wenigen Schritten stand sie vor Fräulein von Nievendloh. »Endlich, liebste Ruth!« klang es ihr vorwurfsvoll entgegen. »Wie können Sie so grausam sein und mich so lange hier in diesem unheimlichen Zimmer allein lassen! puh, ich habe mich gefürchtet wie ein Kind unter dem starren Marmorblick der alten Herzogin da oben, gerade so sah sie aus, wie sie auf dem Paradesarge lag, und die Gräfin Sternow und ich die Ehrenwache hatten!« Das schöne Hoffräulein zog schaudernd die Schultern in die Höhe und schüttelte sich in der Erinnerung, dann warf sie sich wieder in die Sesselpolster zurück, aus welchen sie sich lebhaft bei Ruths Eintritt erhoben hatte. Fräulein Alice mochte am Anfang der dreißiger Jahre sein; ihre Züge waren noch immer hübsch zu nennen, wenn auch mehr piquant als lieblich, allerdings zog sich um die schmalen Lippen schon der scharfe Zug des Verblühens, und die Augenbrauen zeugten von geschicktem Pinsel, auch schienen Poudre und Pariser Rouge keine Fremdlinge auf dem Toilettentisch der jungen Dame zu sein. Unter dem weißen Gazeschleier war der Eindruck jedoch ein überaus reizender, und Ruth mußte momentan an ihre erste Bekanntschaft mit der kleinen Hofdame denken, wo sie diese dunklen Augen und die kecke kleine Nase wahrhaft entzückt hatten. »Verzeihen Sie, Alice, wenn ich vergaß, daß das Unbehagen aus Sekunden oft Minuten macht!« begrüßte sie Ruth voll kühler Höflichkeit, »ich werde mir Ihre Aversion gegen das Balkonzimmer merken und Sie das nächste Mal lieber in meine Räume führen lassen!« »Das nächste Mal! Erst müssen Sie nun zu mir kommen, Sie kleiner Bösewicht!« drohte Alice mit schelmisch erhobenem Finger, dann aber mit schneller Zärtlichkeit die Herrin von Altingen neben sich niederziehend, legte sie den Arm zutraulich um ihre Schulter. »Sie sind ein Schelm, liebe Ruth, Sie denken, wir Mädchen müßten Ihnen auch so den Hof machen wie unsere unglücklichen Kavaliere, welche der Reihe nach zu Ihren Füßen schmachten? eh bien , ich gönne sie Ihnen Alle, nur um heute Abend beneide ich Sie!« Ruth blickte sie groß an. »Um heute Abend?« wiederholte sie fragend. Alice warf sich in die Causeuse zurück und bewegte lebhaft ihren langhaarigen kleinen Muff. »Sie Glückliche sind ja die Einzige, welche aus der Hofgesellschaft zu dem ersten Familiensouper mit Prinz Leopold befohlen sind!« rief sie schnell atmend, »es wird auch so leicht keiner Anderen zu teil, von der Oberhofmarschallin protegiert zu werden. Danken Sie es Ihrem freundlichen Geschick, daß Ihr Herr Vater ein Jugendfreund der alten Lersneck ist, Sie würden mit hundert Widerwärtigkeiten zu kämpfen haben, hätten Sie nicht diese hohe Konnexion!« »Und das wäre zum Beispiel?« Ruth lachte leise vor sich hin. »Nun – mon Dieu , was weiß ich!« zuckte Fräulein van Nievendloh die Achseln, »mit der Oberjägermeisterin haben Sie es zum Beispiel sehr verdorben, beste Ruth, Sie waren so unklug –« »Ihre Traktätchen und Einladungen zu Bibelstunden und beschaulichen und erbaulichen Vorträgen ein für allemal dankend abzulehnen?« fuhr Ruth unterbrechend fort, ein Lächeln, halb sarkastisch, halb amüsiert streifte ihre Nachbarin. »Nein, Alice, ich habe durchaus kein Talent, mich zu den schmutzigen kleinen Proletariern zu setzen, und ihnen geduldig die Maschen aufzunehmen, lieber will ich in die Hölle kommen, wenn nach der Ansicht der Frau Oberlandjägermeisterin nur Strickstunden und fromme Vereine der Weg zur Seligkeit sind.« Das Hoffräulein rümpfte etwas die Nase. »Davon wollen wir ja schließlich ganz abstehen!« entgegnete sie merklich kühler, »aber wenn ich Ihnen raten darf, opponieren Sie wenigstens nicht allzu beleidigend gegen eine religiöse Richtung, welche schließlich der gute Ton erfordert! Die ganze Creme der Gesellschaft hat sich dem neuen Stiftsprediger angeschlossen, welcher durch seine strengen Ansichten die vollsten Sympathieen der vornehmen Welt erworben hat; es ist schließlich eine Form geworden, seine Kirche zu besuchen, welcher sich jedermann unterzieht, um sich quasi in unsern Kreisen ›zu halten‹ oder sich hineinzuschmuggeln, je nach dem! Aber Sie, liebste Ruth, scheinen förmlich etwas darin zu suchen, gegen diese Etiquette zu demonstrieren, es sieht beinahe aus wie Trotz, daß Sie stets zu dem freigeistigen ungeschliffenen Konsistorialrath gehen, welcher sich durch sein wenig devotes Wesen geradezu verhaßt bei der Landjägermeisterin gemacht hat!« »Sein Wesen kann ich nicht beurteilen, ich kenne es nicht; seine Predigten finde ich jedoch so geistreich und apart, so offen, gerad und ehrlich, daß sie meinem Geschmack nach nur wohlthuend gegen den geschniegelten, ängstlich nach hochwohlgeborenen Ideen zugeschnittenen Sermon des Herrn Stiftspfarrers sind. Aber genug davon, es wird eben jeder nach seiner Facon selig. Giebt es nichts Neues in der Residenz?« Ruth verschlang die Hände und schaute gelassen auf. Noch zuckte es wie heftigster Widerspruch in den Zügen der Nievendloh, dann schien ihr diese schnelle Wendung selber willkommen. »Neuigkeiten? en masse !« rief sie lebhaft, »denken Sie doch, Ruth, der schöne, angebetete Lieutenant von Otthardt wird schuldenhalber seinen Abschied nehmen müssen! Er wollte sich durch eine reiche Heirat retten und nach dem leuchtenden Vorbild seines Herrn Chefs einer Knopffabrikantentochter die siebenpunktige Krone aufsetzen, aber er hatte sich geirrt, der Herr Lieutenant, die ›Exportscheinchen‹ hatten keine Lust, seinen schwindsüchtigen Geldbeutel zu kurieren – hahaha!« und Alice warf sich zurück und brach in ein konvulsivisches Gelächter aus. »Ich gönne es ihm von Herzen, dem leichtsinnigen Patron!« fuhr sie mit haßfunkelnden Augen fort, »o, ich habe gejauchzt bei der Nachricht!« »Unmöglich?« wunderte sich Ruth mit leichter Ironie, »noch im letzten Winter waren Sie doch sehr befreundet mit dem armen Otthardt, ja, wenn ich nicht irre, war es sogar Ihr eifriger Courmacher –« »Bah! eine Laune, eine Spielerei!« zuckte Alice die Achseln, aufgeregt ihren Muff auf die Tischplatte werfend, »ich habe mir nie etwas aus ihm gemacht, nie! Mon Dieu , wozu auch, ich habe ja kein Geld!« setzte sie mit hohnvoller Betonung hinzu, »und wo bleibt eine Lieutenantsliebe, wenn sie nicht die Dukatensäckel in Flammen halten? Wissen Sie, Ruth, was ich glaube?« Alice richtete sich jäh empor und faßte Ruths Hand mit eisernem Griff, wie zwei Dolchspitzen scharf und spitz bohrten sich die schwarzen Augen in ihre Züge, »ich glaube, er wird jetzt sein letztes Heil bei Ihnen suchen. Sie sind ja mit allen Glücksgütern gesegnet, Sie sind eine reiche Erbin, unsere jungen Herren reißen sich um die Besitzerin von Altingen! Mit Ihnen wird Keiner so leicht tändeln. Sie werden nicht als langweiliges Spielzeug schließlich in die Ecke geworfen, Sie haben ja Geld, Ruth, Sie sind ja eine gute Partie! Aber nein! lassen Sie sich nicht mißbrauchen, opfern Sie sich nicht einem schändlichen Leichtsinn, welcher Strafe verdient hat, von Gottes und Rechts wegen! Ruth, ich beschwöre Sie bei Allem was Ihnen heilig ist, helfen Sie Otthardt nicht, geloben Sie es mir, ich flehe Sie an!« und in fast wilder Leidenschaft preßte sie die Hand des jungen Mädchens und neigte die Lippen dicht zu ihrem Ohr, die Augen funkelten durch das bleiche Schleiergewebe und schneidend klang das Lachen, welches zu ihr aufgellte. »Er verdient kein Mitleid, er soll elend werden, wie all die tausend Anderen, welche die Nemesis erreicht. Hinüber nach Amerika, mein Herr von Otthardt, das habe ich Ihnen vom Himmel erwünscht!« – und sie gab Ruths Hand mit einem tiefen Atemzuge frei. Ruth wich zurück, voll Abscheu fast traf ihr stolzer Blick das boshafte Gesicht der Sprecherin. »Wenn Herrn von Otthardt nur durch eine Heirat zu helfen ist, so thut es mir aufrichtig leid, sein Schicksal nicht zum Bessern wenden zu können, ich kann ihm nicht einmal borgen, denn ich bin noch nicht mündig.« Alice hatte sich wieder völlig beherrscht. »Es würde auch nur ein Tropfen auf einen heißen Stein sein!« lächelte sie gleichmütig, »er ist vollkommen ruiniert, der letzte Bazar, auf welchem er rein wie toll der schönen Baronin Zirska Kupferstiche abkaufte, hat ihm endgiltig den Hals gebrochen. Wie man's treibt, so geht's.« Alice warf den Kopf zurück und trällerte eine Melodie von Strauß. »Apropos, ich habe noch eine Neuigkeit in petto, raten Sie einmal, was Ihrer heute Abend noch harrt?« »Hoffentlich keine Einladung zu der Landjägermeisterin, sonst ist mir Alles recht!« »Nein, davor sind wir diesen Monat sicher, aber eine neue Bekanntschaft werden Sie Glückskind machen, o, Ruth, wie beneide ich Sie um diesen Abend!« »Prinz Leopold?« fragte die Erlkönigin ruhig aufschauend, »er erzählt hoffentlich recht interessant von seinen Seereisen, zwei Jahre war er unterwegs?« »Zwei Jahre!« nickte Alice. »Er hatte sich doch allein angemeldet, kein Mensch denkt daran, daß er Gäste mitbringen könnte, und heute Morgen, zwei Stunden vor seiner Ankunft telegraphiert er: ›Ein Freund werde ihn begleiten!‹ Ich sah sie von meinem Fenster aus ankommen, chérie , ich sage Ihnen, ein Bild von einem Mann! Der Prinz sieht wie ein sechzehnjähriges Bürschchen gegen ihn aus! Hoch, stolz, eine wahrhaft fürstliche Figur, sehr ernst, fast melancholisch, aber darum doppelt interessant! Ich jagte sofort mein Kammermädchen hinunter, um seinen Namen bei dem Lakai auszuforschen, sehen Sie doch nur dies schlaue Ding an, sie hat sich sogar eine Karte von ihm zu verschaffen gewußt!« Alice griff eilig suchend in die Tasche. »Der Prinz hat sich auf der Reise so sehr mit ihm befreundet – hier – lesen Sie, ist es nicht ein entzückender Name?« Vollkommen gleichgiltig nahm Ruth die Karte und warf einen Blick darauf. Ein jäher, bebender Schreck durchzuckte sie, wie ein Schwindel faßte es ihre Gestalt und jagte das Blut stürmisch in ihre Schläfen. ›De Sangoulème, Lieutenant zur See‹, las sie, dann hob sie das Haupt, ruhig wie Stein waren ihre Züge, fest und sicher die Hand, welche das Blatt zurückreichte. »Allerdings ein schöner Name. Danke, Alice!« Fräulein von Nievendloh preßte die Karte schwärmerisch gegen das Herz. »Der herrlichste Name und der würdigste Träger!« rief sie exaltiert, mit schnellem Auflachen hinzufügend: »Ich glaube wirklich, Ruth, ich bin schon par distance in den interessanten Seemann verliebt, geben Sie einmal Acht, es dauert keine drei Tage, dann ist mein armes Herz rettungslos ›gekapert‹! Der junge Mann kann sich übrigens gratulieren! Prinz Leopold zum Freunde zu haben, heißt ebensoviel wie das Admiralspatent in der Tasche. Die Karriere, welcher er entgegensieht, wird wohl an Schnelligkeit und Auszeichnungen nichts zu wünschen übrig lassen, noch ein paar Jahre, und hier auf der Karte prangt der Kapitän de Sangoulème. Ich brenne darauf, dieses Glückskind kennen zu lernen und könnte mich selber ohrfeigen vor Ärger, daß ich mir den heutigen Abend selber verscherzt habe!« »Schon vorhin wollte ich fragen, warum Sie nicht zugegen sein werden, Alice?« fragte Ruth zerstreut, sie lehnte den Kopf zurück und blickte starr in das matte Kuppellicht. »Die Prinzessin Josephine wird doch auf keinen Fall bei dem ersten Zusammensein mit ihrem Lieblingsneffen fehlen!« Die Hofdame zuckte ärgerlich die Achseln. »Nein, das allerdings nicht, denn seltsamer Weise ist ihr Herzkrampf diesmal unerwartet schnell vorbeigegangen, sonst liegt sie oft Tage lang in den unerträglichsten Zuständen, die ganze Umgebung hat darunter zu leiden!« »Die Unglückliche!« bedauerte Fräulein von Altingen in aufrichtigem Beileid, »o ich habe Hoheit so herzlich lieb und verehre die alte Dame so grenzenlos – es hätte mir unendlich leid gethan, wenn ihr auch diese Freude des Wiedersehens versagt worden wäre. Wie sind Sie doch so glücklich, Alice, diesem edlen, hochherzigen Wesen Ihre Dienste widmen zu können!« »Je nun!« lächelte Fräulein von Nievendloh etwas ironisch, »ich würde Ihnen zeitweise herzlich gern meine Stellung abtreten. Die Prinzessin ist eben eine alte Dame«, fuhr sie schneidend fort, »welche Tag aus, Tag ein in ihrer Epheulaube zwischen vergilbten Herrlichkeiten sitzt, ich finde es oft eine etwas starke Zumutung für ein junges Mädchen meines Temperaments, dieses Nonnenleben mitmachen zu müssen. Gott sei Dank hat Ihre Hoheit manchmal Mitleid mit mir eingesperrtem Vogel und öffnet mir den Käfig. Himmel, wenn ich bedenke, was die Sternows bei der jungen Herzogin für eine glänzende Suite ewiger Amüsements haben, ich bebe oft vor Entrüstung, wenn unten die Equipagen rollen und der linke Schloßflügel in einem Lichtmeer himmlischsten Vergnügens schwimmt, ich aber wie eine Märthyrerin neben der altmodischen Chaiselongue der Prinzessin sitze, und ihr die langweiligsten Tugendromane vorlesen muß!« Fräulein Alice stampfte leidenschaftlich mit dem kleinen Fuß auf das Parquet, und der Ausdruck, welcher momentan ihre Züge beherrschte, machte sie häßlich und alt. Ruth empörte dieser unbemäntelte Gefühlserguß, und das fieberische Verlangen nach Vergnügen und Zerstreuung schien ihr geradezu verächtlich; mit welch scheuem, ehrfurchtsvollen Entzücken hatten sie nicht selber zu den Füßen der hohen Frau gesessen, in dieses milde, gütige Antlitz geschaut, dessen blaue Augen so sanft und geduldig zu ihr herniederlächelten, und dennoch trüb geworden waren unter den zahllosen Thränen, welche Schmerz und Leid darüber hingetaut hatten. Die Prinzessin war für Ruth ein Bild geprüftester, rührendster Geduld und Ergebung, und die liebsten Stunden am Hof waren ihr die Besuche in Josephinens freundlichem Erkerzimmer, wenn die Kranke sich nach einem Hauch frischer Natürlichkeit sehnte und die Herrin von Altingen zu sich befehlen ließ. »Hoheit ist also nicht krank, und trotzdem werden Sie heute Abend nicht zugegen sein?« fragte Ruth nach kurzer Pause. »Nein, nein! Das ist es ja, was mich so ärgert!« rief Alice mißmutig, »die Sache liegt ganz einfach, ich bin eben diesmal hereingefallen! Gestern Nachmittag bekam die Prinzessin nämlich wieder Schwindel und leichten Kopfschmerz, die gewöhnlichen Vorboten ihrer Herzkrämpfe. Wissen Sie, Ruth, hie und da lasse ich mir ja ganz gern ein wenig Krankenpflege gefallen, aber in letzter Zeit bricht es gar nicht mehr ab bei Hoheit! Mon Dieu , ich bin doch keine Diakonissin, die ewig den Puls fühlen muß, und bei diesem kalten Wetter übernehme ein anderer die Nachtwache, ich danke dafür! Und wenn ja auch großmütigerweise nicht verlangt wird, daß ich direkt bei ihr im Zimmer aushalte, ich muß doch nebenan sein, im Fall etwas passiert, eine schöne Ruhe, jeden Laut hört man durch die Thür, an schlafen gar kein Gedanke bei diesem Gestöhne und dazu womöglich noch bei jungen Herzogs Tanzmusik! Glauben Sie etwa, Ruth, die Alterationen und vergeudeten Nächte machten jung und rosig?« Fräulein von Nievendloh lachte gezwungen auf. » Allez vous-en ! ich wüßte nicht, was mich verpflichtet, der Prinzessin meine paar Jugendjahre zu opfern!« und sie warf den Kopf brüsk zurück, nachlässig die Achseln zuckend. »Wie ich jene Unglückstage kommen sah, zog ich mich nach Tisch auf mein Zimmer zurück und ließ mich selber durch mein Kammermädchen krank melden, ich habe auch wirklich Katarrh, seit der letzten Oper, wo ich zu Fuß nach Hause ging. Aber sehen Sie, Kindchen, so geht es, wer Unglück haben soll, der hat es auch, coûte qui coûte ! Ich melde mich krank, die Prinzessin ist am andern Tage wieder wohl und munter, Prinz Leopold und der entzückendste aller Weltumsegler kommen überraschend an, heute Abend dem zu Ehren Familiensouper, und ich bin durch ein Fräulein von Sanden vertreten und muß zu Hause bleiben. Es ist zum Tollwerden!« Ruth lachte. »Das war allerdings eine eigene Wendung der Geschicke, aber unbesorgt, es wird schon mehr Gelegenheit geben, Herrn de Sangoulème kennen zu lernen!« fügte sie mit jäh veränderter Stimme hinzu. Fräulein von Nievendloh erhob sich. »Da drüben singt wohl wieder das ›sentimentale‹ Försterkind?« fragte sie ironisch, mit dem Muff nach der Nebenthür deutend. »Eine ganz passable Stimme, will sie zur Bühne?« »Nein, das hat meine Freundin Gott sei Dank nicht nötig, sie benutzt nur ihren Aufenthalt bei mir, um sich im Gesang auszubilden!« Hoch und stolz aufgerichtet stand Erlkönigin vor dem kleinen Hoffräulein. »Sehen Sie, liebste Ruth, das ist auch einmal wieder eine Ihrer Capricen, mit welcher Sie Anstoß erregen!« warf Alice mit hochmütigem Nasenrümpfen hin. »Die Tochter Ihres Oberförsters, durchaus nicht von Familie, wie ich von der Mademoiselle Marion hörte, auch mit herzlich wenig Manieren, ich bitte Sie um Gottes Willen, bestes Kind, was denken Sie sich eigentlich von diesem Umgang?« »Durch denselben vielleicht mit Ihnen noch inniger befreundet zu werden, falls Herr de Sangoulème Ihr sprödes Herz erringen wird«, klang es voll grausamsten Hohnes von den Lippen der jungen Dame. »Das ›sentimentale‹ Förstertöchterlein ist die leibliche Cousine des prinzlichen Protéges!« »Ruth!« schrie Alice auf, wie elektrisiert den Arm der Sprecherin umklammernd. »Sind Sie bei Sinnen, Sangoulèmes Cousine?« »Ännchens Vater und die Mutter des jungen Seemanns sind Geschwister!« erwiderte Fräulein von Altingen, ziemlich ostensibel die Hand der Nievendloh von ihrem Arm lösend. »Unmöglich! wie könnte das sein?« Auf Alices jäh erbleichtem Antlitz flammte es glühend auf. »Er trägt einen altaristokratischen französischen Namen?« rief sie mit fliegendem Atem. »Weil seine Mutter deutsche Gouvernante in Frankreich war, und sich gegen den Willen der Sangolème'schen Familie mit dem Majoratsherrn und ältesten Bruder ihrer Zöglinge vermählte!« Ruths Blick streifte in kühler Gelassenheit das Gesicht ihres Gegenübers, mit scharfer, fast sarkastischer Betonung klangen die Worte zu ihr nieder. Einen Augenblick biß sich Alice in peinlichster Erregung auf die Lippen, dann der ganzen Sache eine scherzhafte Wendung gebend, lachte sie hell auf. »Es muß auch solche Verhältnisse geben, wo sollte sonst der Stoff zu den Romanen herkommen, liebe Ruth! Der schöne Vetter macht Alles gut, und läßt die kleine ›Waldnymphe‹ um Kirchturmshöhe in meinen Augen steigen. Jetzt habe ich keine Zeit mehr, aber das nächste Mal werde ich Sie sogar bitten, mir Ihr Ännchen vorzustellen. Aber eine Heuchlerin sind Sie, Ruth, eine Heuchlerin par excellence! Schwärme ich Ihnen eine halbe Stunde von dem neuen Adonis vor, und beim Schluß erst, ganz aus Zufall, kommen Sie mit den interessantesten Details über seine Verhältnisse zu Tage. Warten Sie nur, ich schelte Sie noch bei Gelegenheit gründlich aus, jetzt leben Sie wohl, Herzchen, mein Herr Lakai wird sonst ungeduldig! Und vergessen Sie also nicht – mit Otthardt – vous comprenez? Apropos!« und Alice kam schnell zwei Schritte zurück und legte die Hand vertraulich auf Ruths Schulter, »da fällt mir eben ein, daß der gute Mensch vielleicht die Frechheit besitzt und sein Heil bei der Prinzessin Josephine versucht, wenn alle Stricke reißen, zieht er die Flagge der Souvenirs auf und berechnet gar wohl, daß er bei der sentimentalen Hoheit fruchtbaren Boden findet! Aber ich wills ihm versalzen; was in meinen Kräften steht, soll geschehen, daß er keine Audienz bei ihr erhält, es würde mich in den Tod ärgern, wenn sie so schwach wäre, ihm ein Kapital vorzustrecken!« »Die Prinzessin?« fragte Ruth zweifelnd, »warum sollte er sich gerade an diese alte Dame wenden, welche doch bekanntlich die größte Hälfte ihrer Revenuen zu wohlthätigen Zwecken bereits fest bestimmt hat, und von sämtlichen Familienmitgliedern des Fürstenhauses am wenigsten bemittelt ist! Ich dächte, der Gedanke läge näher, daß er sich in dringendster Not an den Fürsten selber wendet, wenn dieser nicht schon von selbst seinem ehemaligen Adjutanten zu Hilfe kommt, man sagt, der Herzog habe ein großes tendre für den schönen, flotten Offizier!« Alice lachte leise auf, ein abscheuliches Lachen, »er hatte es, kleine Ruth, allerdings! aber seit ich mir erlaubt habe, Hochdemselben ein wenig die Augen zu öffnen, ist seine Vorliebe bedenklich reduziert, das enfant gâté der Damenwelt hat von dieser Seite nichts mehr zu hoffen! Nein, der letzte Stern am Otthardt'schen Himmel ist die Prinzessin, aber auch vor diesen wird sich eine kleine Wolke schieben, in Gestalt jenes Hoffräuleins, welches als ›so unbedeutendes Spielzeug‹ bei Seite geschoben wird, und womöglich der Laune eines leichtsinnigen Premiers zu Liebe, die Erlaubnis hat, am gebrochenen Herzen zu sterben! Wissen Sie, Ruth, daß Rache süß ist?« Fräulein von Nievendloh sah ihr scharf in die Augen, dann schüttelte sie sarkastisch den hübschen Kopf und fuhr ruhiger fort: » Bêtise! Sie gutes Kind wissen ja nichts Anderes, als die fromm gepredigte Menschenliebe Ihrer kleinen Dorfkirche, wie sollten sich auch nach dem stillen Waldschloß Intriguen und Haß verlaufen! Nicht wahr, in Altingen haben sich alle Menschen lieb, und der Hofhund frißt mit der Hauskatze in unverbrüchlichem Frieden aus einem Napfe? haha!« und sie lachte abermals leise auf, dann nahm sie ein paar Visitenkarten aus der Marmorschale und musterte sie flüchtig durch. »Warum sich Otthardt an die Prinzessin wenden wird, fragen Sie? Kennen Sie denn die Hofchronik so wenig, kleine Weisheit, daß Sie womöglich nach Dingen fragen, welche bereits seit fünfundzwanzig Jahren die Spatzen auf dem Dache pfeifen? Hat man Ihnen denn nie die romantische Jugendgeschichte Ihrer Hoheit erzählt?« »Nein!« rief Ruth hastig, »was ist's damit? o bitte, Alice, sprechen Sie!« »Zwei Jahre in der Residenz und noch keine Ahnung von dem pikantesten Kapitel der fürstlichen Annalen! Entweder sind Sie nicht eine Spur neugierig, oder die bösen Zungen haben ihr Zischen verlernt! Was den Namen Otthardt mit demjenigen der Prinzessin in Verbindung bringt, ist eine einfache, kleine Liaison, ein Stückchen Poesie, welches manche Leute rührend, manche auch abgeschmackt finden, ich halte es mit den Letzteren und fühle keine Passion, mit an dem Glorienmäntelchen zu weben, welches menschenfreundliche Seelen um die ›alte Jungfer!‹ hängen wollen! Um kurz zu sein, Otthardts Vater war Kammerherr bei dem hochseligen Herzog Ernst, ebenso schön, ebenso leichtsinnig, ebenso verschuldet wie jetzt der Herr Sohn! Prinzessin Josephine war nie besonders hübsch, auch nicht übermäßig amüsant oder piquant, aber sie soll eine liebliche zarte Erscheinung, etwas schwärmerisch und leicht erregt gewesen sein. Bald war es Stadtgespräch, daß der junge Höfling die größten Auszeichnungen seitens der Prinzessin genösse, ja, das zarte Verhältnis der beiden war dokumentiert, als die Hofmarschallin bei Anlaß einer Hoffestlichkeit Augenzeugin ward, wie Ihre Hoheit, sich im Wintergarten unbeobachtet wähnend, die Rose von ihrer Brust löste, sie hastig an die Lippen führte und sie alsdann mit beredtem Blick dem schönen Kammerherrn reichte, es tief erglühend leidend, daß Otthardt ihre Hand mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Die Hofmarschallin hatte irgend einen heimlichen Groll auf die Familie von Otthardt, sie hoffte durch die Beobachtung ein Mittel in der Hand zu haben, den allgemein beneideten, vom Herzog aber sehr protegierten Mann zu stürzen. Noch an demselben Abend erfuhr der Herzog die Neigung seiner fürstlichen Tochter und die Vermessenheit des Freiherrn. Serenissimus war ein überaus strenger, despotischer Mann, leicht gereizt und fast erbarmungslos in seiner Härte, die Mitteilung der Hofmarschallin wirkte um so heftiger, als seit kurzem die Bewerbung eines regierenden Fürsten um die Hand Josephinens bei Hofe eingeleitet war. Seltsamer Weise erstreckte sich jedoch der Groll des Herzogs nur auf die Prinzessin, während Otthardt zum Ärger der Anklägerin nach wie vor die volle Gunst des Fürsten genoß. Es kam zu den erregtesten Scenen zwischen Vater und Tochter, und aus der stillen, sanften Josephine entpuppte sich ein energisches, leidenschaftlich liebendes Weib, welches sich sogar zu dem Schwur hinreißen ließ, entweder ihre Verbindung mit Otthardt durchzusetzen, oder nie einem andern Manne ihre Hand zu reichen. Das gab bei dem Herzog den Ausschlag. Die Intrigue, welche eingeleitet wurde, zeigte durch ihren günstigen Erfolg, wie richtig man den schönen Freiherrn beurteilt hatte. Die Gräfin Leubnitz übernahm die allerliebste Mission, Herrn von Otthardt zu wissen zu thun, daß der Herzog ihm seine beträchtlichen Schulden bezahlen würde, wenn sich der Kammerherr bereit erkläre, zwischen heut und acht Tagen seine Verlobung mit einer jungen Dame der Gesellschaft zu publizieren, anderenfalls erwarte ihn seine sofortige Entlassung. Otthardt war ebenso klug als berechnend, die Neigung der Prinzessin war ja eine höchst amüsante, schmeichelhafte Würze seines bunten Hoflebens, mit der Zeit jedoch mußte sie lästig werden, denn sie konnte bei den Ansichten des Herzogs nur Verdruß, Ungnade und Verluste zur Folge haben. Schulden hatte er so wie so, welche jährlich drohender über ihn emporwuchsen und deren Ende er selber nicht abzusehen wußte, welches Glück, wenn die großmütige Hand des Fürsten diesen Stein von seinem Halse band! Otthardt überlegte nicht lang, die Gräfin schied mit wohlgefälligem Lächeln auf dem fetten Gesicht, und überbrachte ihrem gnädigsten Herrn, bis zur Erde geneigt, die wirklich rührend ergebene und demütige Entschließung des jungen Kavaliers. Vier Tage später flogen gedruckte Anzeigen in der Residenz umher, Freiherr von Otthardt zeigte seine Verlobung mit Fräulein Marianne von H. an, der sehr schwerhörigen Erbin der renommirtesten Gewehrfabrik des Herzogtums. ›Bravo!‹ klatschte die boshafte Menge, und die Intriganten am Hof rieben sich die Hände und nickten einander zu: ›Der wäre also glücklich aus dem Wege geräumt, nun wollen wir Hochzeit im Schlosse halten!‹ Aber sie hatten sich verrechnet. Im rechten Flügel des Palastes unterlag Prinzessin Josephine beinahe dem ersten Anfall ihrer Herzkrämpfe. Langsam erholte sie sich, der Name Otthardt durfte nie in ihrer Gegenwart ausgesprochen werden, in den Wintergarten that sie nie einen Schritt mehr. Der fürstliche Freier kam an und hatte auch eine Unterredung mit Hoheit, aber es mußte wohl etwas dazwischen gekommen sein, nach zwei Tagen reiste er wieder ab, und die Hofmarschallin zog ihre Hochzeitstoilette vorsichtshalber zum nächsten Karneval an, der schöne Stoff hätte am Ende Stockflecken bekommen! Die Prinzessin zog sich auf ihren einsamen Schloßflügel zurück, nur die Gräfin Saaleck-Hardenburg, Ihre verstorbene Frau Mutter, Ruth, und Prinz Georg, der Vater des jetzigen Regenten, hatten zu jeder Zeit Zutritt bei ihr. Einen Ballsaal hat sie nie mehr gesehen, und in ihrer Aversion gegen jedes Vergnügen möchte sie auch aus mir am liebsten eine Nonne machen. Aber merci mille fois , ich schwöre zu der Devise: ›Morgen wieder lustig!‹ So! Da haben Sie nun die ganze Geschichte, liebste Ruth, und über all mein Erzählen hat es sieben Uhr geschlagen, eilen Sie sich, petite , daß Sie Toilette machen, kommen Sie, ich gehe schnell einmal mit und sehe mir Ihren Staat an!« Damit nahm Alice Ruths Arm und zog die Herrin von Altingen eilig durch die sammtenen Portièren auf den Korridor. Währenddessen hatte Kapellmeister Heßbach die Noten zusammengelegt und sich erhoben. Zögernd stand er vor Ännchen und reichte ihr die Hand. »Leben Sie wohl, Fräulein Anna, und üben Sie die neue Arie fleißig ein, in vier Wochen spätestens hoffe ich zurück zu sein, und dann wird mein erster Weg der Villa Olivia gelten!« Sie blickte mit ihren hellen Kinderaugen unbefangen zu ihm auf: »Ich werde Ihnen den Daumen halten, daß Ihre neue Oper vielen, vielen Beifall findet!« sagte sie heiter, die kleine Hand in dieser Attitüde zu ihm erhebend, »ich freue mich schon auf die Rezension, und werde ihr zu Liebe sogar die Zeitung lesen, ist das nicht Heroismus?« Er lächelte. »Ich weiß dieses Opfer wenigstens genügend zu würdigen, denn ich kenne Ihre Aversion gegen Druckerschwärze. Apropos, Romane lesen Sie doch gern?« Ännchen machte ein verlegenes Gesicht. »O ja, wenn sie recht hübsch enden und man nicht am Schlüsse weinen muß. Sehen Sie, Herr Heßbach, ich bin ein recht dummes Ding, ich sehe immer zuerst die letzte Seite an, und wenn da von Hochzeit die Rede ist, oder Verlobung, dann fange ich die Geschichte an! Im großen Ganzen lese ich aber sehr wenig, hie und da Journale – ach und schrecklich gern Gedichte!« Sie hatte die Augen voll zu ihm aufgeschlagen und das Lampenlicht glänzte auf dem goldblonden Scheitel. »Sie scheinen Interesse für die heiteren Seiten des Lebens zu haben«, entgegnete Heßbach scherzend, »und nehmen regen Anteil an fremder Leute Lieb und Leid, wissen Sie auch, daß mich das recht wundert?« »Ach? Warum denn?« fragte Försters Töchterlein sehr erstaunt. »Weil Sie selber noch nicht mit der Tiefe des Herzens empfinden, Fräulein Anna!« sagte er ernster, als er eigentlich wollte. »Die Lieder, welche ich Ihnen einstudierte, singen Sie alle wunderschön korrekt und fehlerfrei, aber mit der Seele singen Sie noch nicht, und dennoch wünsche ich so sehnlichst, daß Sie mir ein einziges Mal eine Arie wie diese hier« – und er legte die Hand auf das Notenheft, »so recht mit dem eigensten, tiefsten und innigsten Gefühl vortragen möchten! Aber hoffentlich kommt auch diese Stunde einst, und bis dahin leben Sie wohl – und vergessen Sie mich nicht!« Mit hastiger Bewegung reichte er ihr die Hand entgegen, einen langen, wundersamen Blick in ihre Augen senkend, und ehe nur das blonde Kind eine Antwort finden konnte, verklang sein Schritt auf dem weichen Teppich des Vorzimmers. Ännchen aber stand unbeweglich und starrte mit gefalteten Händen vor sich nieder, als hätten sich die glänzenden Parquettafeln zu ihren Füßen plötzlich zu schwindelndem Abgrund geöffnet. Die dunklen Augen schienen noch vor ihr zu schweben, diese leuchtenden Sterne voll glühender Beredtsamkeit, in welche sie wohl noch niemals so recht andächtig gesehen hatte, oder waren sie bis jetzt noch nie mit solchem Blick auf sie gerichtet gewesen? Und seine Hand hatte die ihre umschlossen, und er hatte gesagt: ›Vergessen Sie mich nicht!‹ Das junge Mädchen legte die kleinen Hände auf die Brust und glühendes Rot flutete über ihre Wangen, ›nein gewiß nicht!‹ klang es in ihrem Herzen, und wie im Traume trat sie an das Instrument und setzte sich davor nieder. ›Diese Arie möchte er einmal mit tiefster Empfindung von mir hören? Seltsam! habe ich denn bisher nie daran gedacht, daß ich selber ja das Wesen bin, welches all diese Worte aus eigenem Herzen singen muß?‹ und sie blätterte in den Noten und legte die Finger auf die Tasten, vor ihr leuchteten zwei schwarze Augen und um sie her zog es wie ein flüsternder, süßer Hauch, ›vergessen Sie mich nicht!‹ Ännchen aber atmete tief und sang: ›O neu Gefühl, das mich beseelet, bist Du der Liebe goldnes Glück?‹ Hätte der Kapellmeister Heßbach seine kleine Schülerin diesmal gehört, er würde wohl nach einer solchen Amazili vergebens auf der Bühne gesucht haben! »Meine Mutter hat manch' gülden Gewand.« Neben dem Feldherrnzimmer des linken Schloßflügels, einem schmalen galerieähnlichen Gemach, welches seinen Namen nach den lebensgroßen Wandgemälden berühmter Schlachtenlenker erhalten hatte, lag das kleine, überaus reizende Turmboudoir der jungen Herzogin, ein Schmuckkästchen voll traulichsten Behagens, umweht von einem Hauch fast mädchenhafter Poesie. Unter einer Gruppe blühender Topfpflanzen, überhangen von graziösen Fächerblättern und mannigfach umrankt von zierlichsten Schlinggewächsen, stand die lichtblaue Atlascauseuse, auf welche sich Prinzessin Josephine zurückgezogen hatte. Auf einem Tabouret zu ihren Füßen saß Ruth von Altingen und erzählte von ihrem lieben, alten, waldversteckten Ritterschloß. Mit fast zärtlichem Ausdruck hing das Auge der Kranken an Erlkönigins lieblicher Gestalt. Sie hob die wachsbleiche Hand und strich kosend über den goldblonden Scheitel des jungen Mädchens: »Wie gern möchte ich einmal Altinger Waldluft atmen!« lächelte sie wehmütig. Ruth trug ein zartrosa Caschmirkleid mit etwas tiefer gefärbtem Plüsch und Goldborden geschmackvoll garniert, einzelne Apfelblüten schmückten Haar und Brust. »Altingen würde nie einen lieberen Gast beherbergen als Hoheit!« rief sie mit leuchtenden Augen, die Finger der Prinzessin an die Lippen ziehend, »und ich bin auch überzeugt, daß sich dieses stille Fleckchen Erde mit all seinem wonnigen Frieden schnell die Sympathieen meiner erlauchten Fürstin erwerben würde! Da giebt es keinen Hader und Zwist wie in der schwülen Luft der Residenz, da kennt man nicht Falschheit noch Intriguen und liegt nicht vor dem Heiland auf den Knieen, um für das Haus seines Nächsten Elend und Fluch herabzuflehen! Die Menschen sind nicht ehrlich und brav hier, Hoheit, sie lächeln einem ins Gesicht und überlegen dabei, wie sie einem am nachhaltigsten schaden können! Ich habe nicht gewußt, daß man aus Berechnung fromm sein muß, und kannte in Altingen keine Menschen, welche jede Bibelstunde und jeden Gottesdienst besuchen, dann aber mit geballten Händen versichern, Rache sei süß!« Josephine lächelte, aber um ihre Lippen spielte ein fremder, fast bitterer Zug. »Meine kleine Ruth ist eine scharfe Rezensentin! Warum ist unsere arme Residenz so in Ungnade gefallen? Haben ein paar spitze Zungen wieder ihr Wesen getrieben und dem Altinger Trotzköpfchen zugemutet, sich dem strengen Szepter der öffentlichen Meinung zu beugen?« Erlkönigin blickte einen Moment unentschlossen in die sanften Augensterne der Fragenden, dann schüttelte sie plötzlich den blonden Kopf und faltete die Hände in den Schoß. »Nein, Hoheit, mir selber hat man nichts zu leide gethan, ich wehre mich auch schon meiner Haut, aber ich sehe doch täglich mit an, wie man gegen andere Leute zu unbarmherzig und hart vorgeht. Wenn ich allein bedenke, wie viel Intriguen und Bosheit den Untergang des armen Herrn von Otthardt heraufbeschworen haben«, fügte sie langsamer hinzu, die Züge Josephinens scharf beobachtend, »ich glaube, es könnte ihm noch geholfen werden, wenn ihm nicht alle Wege durch die Falschheit seiner ehemals so guten Freunde abgeschnitten wären!« »Otthardt?« wiederholte die Prinzessin jäh emporschreckend. Ihr Antlitz ward bleich wie das Battisttuch auf ihren Knieen, »welch ein Otthardt, Kind?« »Der vormalige Adjutant Sr. königlichen Hoheit, Premierlieutenant in dem hiesigen Ulanenregiment«, gab Ruth nicht ohne Herzklopfen die gewünschte Auskunft. Die sichtliche Erregung der hohen Dame ließ sie fast bereuen, die Pläne Alicens durchkreuzen zu wollen, noch war sie jedoch fest entschlossen, die Sache des unglücklichen Offiziers nach Kräften zu vertreten. Die Prinzessin bog einen Oleanderzweig herab und neigte das Gesicht tief in die vollen Blüten. »Also der Sohn des verstorbenen Kammerherrn?« fragte sie mit vibrierender Stimme, »und Sie reden von ›Untergang‹, Ruth, wenn ich recht verstand, was bedeutet das? Sprechen Sie!« Die rosa Blüten rieselten nieder und fielen auf die grauen Atlasfalten ihrer Robe, tief aufatmend gab Josephine den Zweig frei und blickte zu dem jungen Mädchen nieder, leises Erröten flog über die hageren Wangen. »Ich nenne es allerdings den Untergang für einen jungen Offizier, wenn ihm nichts Anderes übrig bleibt als in Amerika seine Existenz durch seiner Hände Arbeit zu fristen, von Hunderten kehrt wohl ein Einziger nur zurück, welcher in der neuen Welt die Verwirklichung seiner Träume und Hoffnungen gefunden hat!« »Nach Amerika! mein Gott, aus welchen Gründen?« rang sich mühsam von den Lippen Ihre Hoheit. Die Herrin von Altingen blickte treuherzig empor. »Er hat Schulden gemacht, Hoheit, welche ihm kein Mensch bezahlen will, und da es meistens Ehrenschulden, teilweise wohl vom Spieltisch sind, so bleibt ihm nichts Anderes übrig, als den bunten Rock auszuziehen und Deutschland für immer Lebewohl zu sagen. Er thut mir unendlich leid, denn ich bin überzeugt, daß seine edlen und braven Eigenschaften den Leichtsinn überwiegen, an welchem wohl das luxuriöse Leben der Residenz und die kostspieligen Anforderungen des Regimentes einen großen Teil Schuld tragen!« Die Prinzessin hob den entfalteten Fächer vor die Lippen. »Hat ihm nicht seine Mutter ein bedeutendes Vermögen hinterlassen?« fragte sie, »so viel ich mich entsinne, war Frau Marianne die Erbin großer Fabriken?« »Welche nach acht Jahren bankerott machten, ganz Recht, Hoheit«, nickte Ruth, »so viel ich hörte, ist nur ein ganz bescheidenes Kapital gerettet!« »O mein Gott!« und Josephine faltete die Hände und neigte das greise Haupt tief auf die Brust. »Ich habe nie von diesen Verhältnissen Näheres gehört«, sagte sie leise. »Dieser Lieutenant soll seinem Vater ähnlich sehen, er ist brünett?« »Und groß und schlank, mit überaus regelmäßigen Zügen und berühmt schönen Augen«, fügte Ruth eifrig hinzu, »er gilt für den schönsten Mann der Garnison!« Die Prinzessin versuchte zu lächeln. »Hat meine kleine Ruth vielleicht in diese gefährlichen Tiefen geschaut und recht oft Walzer mit dem eleganten Ulan getanzt?« scherzte sie mit bleichen Lippen. »Die Angelegenheit des Freiherrn scheint Sie recht lebhaft zu interessieren?« »Insofern, Hoheit, als ich unendliches Mitleid mit ihm habe!« rief Ruth voll überzeugender Herzlichkeit, »stände es in meiner Macht, ihm zu helfen, ich thäte es lieber heute wie morgen, denn es ist nicht mehr viel Zeit zu verlieren!« Die Portieren der Thür regten sich, zwischen ihnen erschien die kernige Gestalt des Prinzen Leopold, sich auf den Stiefelhacken drehend, um noch zurück in das andere Zimmer zu sprechen. Die Prinzessin neigte sich hastig zu Ruth nieder und hob den entfalteten Fächer schützend vor das Gesicht. »Ich erwarte Sie morgen Abend zum Thee bei mir, liebstes Fräulein von Altingen«, flüsterte sie mit schnellem Seitenblick auf den fürstlichen Seefahrer, »es ist hier nicht der geeignete Ort, um über diese Angelegenheit zu sprechen, und ich wünsche doch noch einige Details von Ihnen zu erfahren! Seien Sie um sieben Uhr bei mir, wir werden ungestört sein und – Sie beobachten tiefstes Schweigen über diesen Punkt, Ruth, ich verlasse mich auf Sie!« fügte sie mit fast verlegenem Erröten hinzu. »Hoheit können vollkommen beruhigt sein!« nickte Erlkönigin mit strahlendem Lächeln, »ich werde mich morgen Abend rechtzeitig zur Stelle melden!« Josephine lehnte sich tief aufatmend in die Causeuse zurück, ihre wachsbleiche Hand griff nachlässig in die überhängenden Blattschlingen der wuchernden Epheukoulisse zu ihrer Rechten und ließ die kleinen Ranken in nervöser Unruhe durch die schlanken Finger gleiten. »So freuen Sie sich also auf den nächsten Hofball, liebe Altingen?« fragte sie unbefangen zu dem jungen Mädchen nieder, »so viel ich hörte, soll es ein glänzendes Fest geben, schon zu Ehren meines Neffen Leopold!« Ruth konnte nicht mehr antworten, denn schon stand der Genannte mit schnellen Schritten vor den Damen, und, die Hände in seiner ungenierten Weise in die Hüften stützend, das Haupt aber voll feierlicher Komik wiegend, flog sein lebhafter Blick von einem Gesicht zum andern. »Hm, also hier in der entferntesten kleinen Koje haben die Herrschaften Anker geworfen«, sagte er mit seiner sonoren, etwas von dem heimatlichen Dialekt beherrschten Stimme, »na, weißt Du, Tante, dazu bin ich doch weiß Gott auch nicht nach Hause gekommen, daß ich allein Fliegen an der Wand fange! Georg und die gnädigste Schwägerin haben Sangoulème ins Treffen genommen und lassen sich von ihm meine Schandthaten vorschnurren. Die alte Lersneck wollte mich über die Poesie des Seelebens ausquetschen, und die Komtesse Sternow kocht bereits eine halbe Stunde an ihrem Thee und wenn ich in die Nähe komme, schreit sie wie besessen: ›Um Gotteswillen, Hoheit kippen die Sahne um!‹« – Der Prinz persiflierte mit höchster Fistel die Besorgnis der jungen Dame. »Na, und schließlich der Kammerherr von Meisenheim – da kann doch kein Christenmensch verlangen, daß ich mich mit dieser auswattierten Fledermaus unterhalte! Hahaha! Weißt Du, Tante, wie mir der Kerl vorkommt?« Und Prinz Leopold saß mit schneller Volte neben Josephine auf der Causeuse und schlug sich in unverblümtestem Vergnügen klatschend auf das Knie, »wie ein Hampelmann, dessen Nase den heiligen Beruf hat, unser Parkett zu zerkratzen. Nicht wahr, Fräulein von Altingen, seine Komplimente gefallen Ihnen doch auch?« Ruth lachte laut auf, Prinzessin Josephine aber legte mit mißbilligendem Kopfschütteln ihre Hand auf die des jugendlichen Sprechers. »Du hast Dich in den zwei Jahren zur See wenig verändert, Leopold!« sagte sie mit mildem Ernst, »Du bist noch immer der gerade, rücksichtslos seine Ansicht aussprechende Mensch von ehedem! Meisenheim hat manch' komischen Zug in seinem Wesen, aber er ist der erprobte aufopfernde Freund unseres Hauses, und speziell Deines Bruders Georg, das darfst Du nicht vergessen!« »Du liebes, gutes Tantchen redest ja so vernünftig, als ob Du selber glaubtest, was Du da sagst!« lachte Leopold, den Arm zärtlich um die alte Dame legend, und mit der freien Hand ungeniert ihre Wange klopfend, »daß ich noch der Alte geblieben bin, das ist ja das Allerschönste, was ich Dir mitbringe, siehst Du hier, da sitzt er noch vor Dir, der liebe ungezogene Schlingel, der jeden Tag ein anderes Malheur angestiftet hatte, der den Damen die Schleppen abtrat und den Herren mit Kreide kleine Teufelchen auf die schwarzen Frackbuckel malte! Es ist einmal so, ich bin wie ich bin und da hilft Euch allen kein Gott von! Denk Dir doch mal selber, Tante Josephine, wenn ich nun vor Dir stünde, ein Abbild jenes sanften Jünglings, von welchem Heine singt: Zierlich sitzt ihm Rock und Höschen, Doch noch zierlicher die Binde, Und so kommt er jeden Morgen Fragt, ob ich mich wohl befinde! Dir würde doch selber schlecht bei diesem Anblick, und Du hieltest mich ebenso gut für ein Kameel von Gottes Gnaden, wie ich mich selber dafür halten würde!« »Aber Leopold!« »Nun ja! Jetzt bist Du schon wieder über das Kameel erschrocken, und das ist doch nun so ein schönes ausdrucksvolles Wort, wo noch Saft und Kraft drin liegt! Sieh doch mal da Fräulein von Altingen an! Die lacht doch auch darüber und findet, daß ich einmal wieder ganz recht habe!« Auch die Prinzessin lächelte. »Ich dachte, Du wolltest uns zum Thee holen, Leopold, wie steht es denn damit?« »Leider sehr lumpig!« seufzte Seine Hoheit auf, »Butterbrote haben sie geschnitten, so dünn, daß der Tag durchscheint und für uns Alle eine Kanne Thee, gucke mal, so hoch! Mehr als zwei Liter gehen nicht hinein und auf dem Schiff trank ich allein den halben Kessel aus! Schlimme Aussichten für Einen, der so zweimal drei Finger dick um den ganzen Laib gewöhnt ist. Nein, Tante, es ist nichts bei Euch, erst ignoriert und dann verhungert, laßt Euch einpacken!« »Ja, es ist entsetzlich wie Du behandelt wirst, poor boy !« nickte die Prinzessin amüsiert, seine markige Gestalt mit einem Blick zärtlichen Stolzes messend, »ich werde Sorge tragen, daß der Hofbäcker größere Brote schickt und Dir für diesen Abend den Pumpernickel vis-à-vis stellen! Und nun gieb mir Deinen Arm, mein Liebling, und laß uns sehen, wie weit die Komtesse mit ihrem Thee gekommen ist; sieh an, über einen halben Kopf bist Du in den zwei Jahren gewachsen!« unterbrach sie sich plötzlich, neben ihm stehend und sich fest auf seinen dargereichten Arm stützend, »früher konnte ich Dir noch über die Schulter sehen, jetzt blicke ich zu Dir empor wie an einem stolzen Eichbaum!« Leopold zog ihre schmächtige Gestalt liebkosend an sich. »Ja, Tante, kräftig sind diese beiden Arme geworden, wenn es Dich zu schützen und zu hüten gilt, sogar riesenkräftig! Mein fürstlicher Urahne mütterlicherseits hat einen Bären im Wappen geführt und darunter geschrieben: ›Stärke macht frei!‹ Ich führe nun zwar nicht dieses Schild, aber ich huldige seiner Devise, und wenn die Leute von mir sagen: ›Der ist so plump und derb und ungeschliffen wie ein Bär‹, dann werden die parfümierten Hofjunker mitleidig die Achseln zucken und ›leider ja!‹ hüsteln, wenn aber der Bär mit seinen gewaltigen Pranken einmal zwischen diese Race mit Schlappohren fährt und aufräumt, dann werden sie seiner Stärke ein zitterndes Halleluja singen und das Publikum wird Bravo klatschen und sagen: ›Heil uns, daß er ein Bär ist!‹« Prinz Leopold hatte mit wachsender Erregung gesprochen, sein anfänglicher Scherz war in bitteren Ernst übergegangen. Mit schnellem Lächeln zog er die Hand Josephines an die Lippen. »Und nun laß uns gehen, Tantchen, ich höre schon die Tassen klirren, und dem armen Sangoulème wird mit der Zeit wohl auch der Stoff ausgegangen sein, 's giebt eben zu erbärmlich wenig von mir zu erzählen, Dein Neffe ist ein verzweifelt uninteressanter Kerl, seit sein Humor den fruchtbaren Boden der Residenz entbehren mußte! Bitte, Fräulein von Altingen, folgen Sie errötend unsern Spuren!« Und mit chevaleresker Verneigung schlug er die schwere Atlasportière zurück und führte die alte Dame sorglich durch die anstoßenden Räume in den Salon der Herzogin, in welchem der Thee serviert wurde. Prinz Leopold war ein Original. Hoch und kräftig gebaut, ein Bild strotzender Kraft und Jugendfrische, war er nach zweijähriger Seereise als zwanzigjähriger Lieutenant zur See heimgekehrt, es energisch von sich weisend, durch schnelleres Avancement seine Kameraden zu überflügeln. Seine Züge waren frisch, voll und rosig, ein erster Anflug von Schnurrbart kräuselte sich blond über der Oberlippe, mit dem Haupthaar harmonierend, welches in üppiger, leicht gewellter Fülle auf die hohe, überaus markige Stirn fiel. Ein Zug fast kindlichen Übermuts und Heiterkeit lag auf seinen Zügen, treuherzig, hell und blitzend waren die Augen, und frei und schön gewölbt die dunkeln Brauen, welche sie überspannten. Er hatte eigentümliche Passionen, vor Allem die eine, jede Spur von höfischer Steifheit und Formwesen energisch abzuschütteln: wehe dem armen Opfer, dessen lächerliche Prüderie oder outrierte Etikette den stets schlagfertigen Witz des Prinzen herausforderte und sich für ewige Zeit zum Stichblatt seines Sarkasmus machte. Mit fast leidenschaftlicher Zärtlichkeit hing er an Prinzessin Josephine, welche seit langer Zeit schon Mutterstelle an dem jung verwaisten Knaben vertreten hatte. Wenn er eifrig arbeitete oder schrieb, hatte er die Angewohnheit, leise und hastig vor sich hin zu pfeifen, ritt er spazieren, ging es mit Vorliebe querfeldein, besuchte er die Jagd, so war es meistens allein auf dem Pirschgang oder Anstand, eingelapptes Wild verschmähte er, und passierte er eine glatt und frisch beschneite Stelle unterwegs, so gehörte es zu seiner Eigenheit, spaßhafte Figuren oder fliegende Worte mit seinem Stocke einzuschreiben. Der Prinz hatte viele Freunde, viele Feinde am Hof, welche allerdings ein Mäntlein grinsendster Devotion um ihre geheime Bosheit zu hängen verstanden und wohl berechnet die scharfen Krallen unter dem Sammetfellchen kriechender Schmeichelei zu hüten wußten! Wäre es doch unverzeihlich leichtsinnig gewesen, sich die Gunst des dereinstigen Herrschers zu verderben. Nach menschlichem Berechnen war Prinz Leopold der dereinstige Thronfolger seines bedeutend älteren Bruders Georg. Bereits eine Reihe von Jahren vermählt, war dem jungen Herzogspaare nur eine kleine Prinzessin geboren und Prinz Leopold in Folge dessen der voraussichtliche Thronfolger seines Bruders, ein Umstand, welcher dem jungen Fürsten selber als unwillkommene Schranke seines bisher so freien Lebens vor Augen stand, den Kreaturen des Hofes jedoch die Maske der Klugheit auf die Gesichter zwang, hinter welcher Furcht und Rachsucht ihre ohnmächtigen Pläne schmiedeten. In dem Salon der Herzogin war der Thee eingenommen; noch saßen die hohen Herrschaften um den runden, von Silbergeschirr blitzenden Tisch, über dessen Mitte sich die drei Kuppeln einer Lampe in ihren äußerst geschmackvollen Krystallgehängen wiegten. Im Kamin flackerte ein helles Kienfeuer, in kurzen Zwischenräumen von dem lautlos gleitenden Lakaien geschürt, und auf dem geöffneten Flügel strahlten vielarmige Girandolen, in Gestalt und Farbe mit den Wandleuchtern harmonierend, welche ringsum aus der Atlasdraperie der Wände tauchten. Die Herzogin ließ sich von Comtesse Sternow ihre Handarbeit reichen und zog die bunten Seidenfäden gemächlich durch den feinen Battist, ihre schlanken Hände arbeiteten graziös, und die Brillanten blitzten an ihren Fingern. Fräulein von Sanden formte an einer zartgelben Wachsrose, sich öfters unterbrechend, um das Kunstwerk der Prinzessin Josephine herüberzureichen, welche mit liebenswürdigem Interesse die Geschicklichkeit ihrer Hofdame bewunderte. Sangoulème unterhielt sich fast ausschließlich mit dem Herzog, höflich die zeitweisen Fragen der Damen beantwortend, sich jedoch niemals direkt an Fräulein von Altingen wendend. Er war Ruth vorgestellt worden und hatte sich tief und gemessen verbeugt, ohne das jähe Erbleichen im Antlitz der jungen Dame zu bemerken. Er wurde nicht von ihr angeredet, und so wandte er sich nach kurzer Pause an Herrn von Meisenheim und fragte dieses und jenes, lauter ganz gleichgiltige Dinge. »Sie redete mich nicht an, sie wollte mich also wirklich nicht kennen«, zuckte es ihm jäh schmerzend durch den Sinn – »unbesorgt, Erlkönigin, ich werde Dich nicht mit meiner unliebsamen Gesellschaft belästigen!« Und Ruth biß die Zähne zusammen und dachte: »Er läßt sich mir vorstellen? Er dokumentiert dadurch, daß er mich nicht besser kennen will als jede Fremde!« Jetzt saß sie neben Prinz Leopold und unterhielt sich ganz herrlich. Ihr frisches natürliches Wesen heimelte den jungen Fürsten an, ihre schlagfertigen Antworten amüsierten und die originelle Art ihrer Ansichten interessierte ihn. »Morgen ist Sonntag!« sagte er, die Daumen um einander drehend, »da muß man natürlich fromm sein und in die Kirche gehen! Was ist denn das für ein lumen , der neue Stiftsprediger, welcher sich während meiner Abwesenheit so gewaltige Sympathieen erworben hat?« »Bedaure, Hoheit, keine Auskunft über diesen Punkt geben zu können, ich hörte den Herrn nur ein einziges Mal!« Comtesse Sternow horchte hoch auf und auch Fräulein von Sanden ließ für den Augenblick ihre Rose sinken. »Sie kennen ihn nicht?« wiederholte Leopold mit hellem Lachen. »Alle Wetter! Zwei Jahre hier und nur ein einziges Mal in der Kirche gewesen? Das ist ja famos! Was sagt die Frau Landjägermeisterin dazu, Sie Ketzerin?« Comtesse Sternow's Augen schillerten, sie warf die blonde Locke, welche über ihre Schulter gefallen war, zurück, und rümpfte die Nase. »O bitte um Verzeihung, Hoheit«, verwahrte sich Ruth seelenruhig, »ich gehe jeden Sonntag in die Kirche, aber nicht zu dem Herrn Stiftsprediger!« Das Gesicht des Prinzen ward ernster, lebhafte Spannung malte sich auf seinen Zügen: »Nicht zum Stiftsprediger?« wiederholte er voll scharfer Betonung, »wo gehen Sie sonst hin?« »In die Markuskirche zu dem Konsistorialrat, Hoheit!« klang es gelassen von der Erlkönigin Lippen, »seine Predigt mutet mich mehr an und hat meiner Ansicht nach bedeutend mehr Gehalt und Tiefe, als der glänzende Wortreichtum jenes Fremden.« »Ihre Behauptung ist etwas stark, Fräulein von Altingen!« fuhr Comtesse Sternow mit bissigstem Tone auf, so laut, daß die Herzogin sie hören mußte, »ich habe –« »Haben Sie die Gewogenheit, Comtesse, und schenken Sie mir noch eine Tasse Thee ein!« fiel ihr Prinz Leopold kühl ins Wort, »aber geben Sie Acht, daß er nicht bitter wird! Also in die Markuskirche gehen Sie, Fräulein von Altingen? Sie wagen es, der öffentlichen Meinung und dem Edikt der strenggläubigsten Dame der Residenz keck die Spitze zu bieten? Hut ab vor solcher Kourage! Überhaupt, Fräulein von Altingen, ich habe gleich vom ersten Augenblick an bemerkt, daß Sie sich verteufelt wenig aus der Chronique scandaleuse machen, in welche man mit höchst spitzem Griffel die Konduiten der fremd erscheinenden Gesellschaftselemente zeichnet! Das gefällt mir, wir werden in dieser Beziehung Leidensgenossen sein!« Comtesse Sternow hielt momentan mit Einschenken inne. »Hoheit scheinen unsere arme Residenz mit sehr argwöhnischen Blicken anzusehen!« klang es mit sanftem Augenaufschlag. »Sie führt wahrlich nicht Buch über die vielen Sonderlinge, welche Jahr aus, Jahr ein vor ihren Augen in buntem Schwarm vorüberschwirren, es giebt zu viel wunderbare Heilige in der Welt, um ihre Einzelheiten zu analysieren; wenn man aber merkt, daß gewisse Menschen förmlich etwas darin suchen, aus purer Eitelkeit, vielleicht um sich interessant zu machen, die öffentliche Meinung herauszufordern und ihr direkt entgegen zu handeln, so finde ich es nur verzeihlich und ganz gerechtfertigt, wenn die Gesellschaft solchen Leuten keine besonders freundschaftlichen Gefühle entgegen bringt!« Ruth begegnete lächelnd dem scharfen Seitenblick der Sprecherin, in die Schläfen Leopolds aber stieg leise Röte des Unmuts. »Die Gesellschaft duldet kein fremdes Urteil neben dem ihren«, entgegnete er zurückgelehnt, mit verschränkten Armen, »wenn es auch noch so treffend seine Thesen in Anschlag bringen kann; die Gesellschaft hat eben ihren Leithammel, welchem sie blindlings folgt und nicht lange fragt, mit welchen Sophismen der Weg gepflastert ist, auf welchem er das Häuflein seiner Getreuen führt! Mag sie ihm immerhin folgen, ich wünsche von Herzen Glück dazu, wenn ich nur nicht mit in Reih und Glied zu marschieren brauche und dereinst in einen andern Himmel komme als diese Auserwählten des Geistes. Also in die Markuskirche gehen Sie morgen, Fräulein von Altingen? Da will ich Ihnen mal was sagen, ich gehe mit! Der alte Konsistorialrat ist ein ganz famoser Kunde, der hat Haare auf den Zähnen, und kann zur Not ganz unvernünftig grob werden, der Mann gefällt mir, wir passen zusammen! Aber hören Sie mal«, fuhr er zu Ruth gewendet fort, »Sie bringen das Gesangbuch mit, ich glaube, mein altes ist flöten gegangen, und auswendig kann ich nichts mehr, dann lassen Sie mich mit einsehen bei Ihnen, wie früher, wo der gute Meisenheim da mit mir zusammen Andersens Märchen durcharbeitete!« Der Genannte ließ wie elektrisiert die soeben zur Theetasse erhobene Hand sinken und placierte sie in äußerst graziöser Stellung zärtlichst auf der Brust. »Unvergleichliche Erinnerung!« hauchte er. »Ich werde Hoheit mein Buch ganz zur Verfügung stellen«, versicherte Ruth scherzend, »ich singe nicht und würde sehr glücklich sein, den Kirchenchor um einen Tenor vervollkommnen zu helfen!« »Dann kommen Sie bei mir allerdings an den Rechten!« lachte Leopold amüsiert, »ich singe meistenteils vorbei, und eigentlich nur dann mit Gefühl, wenn ich mich auf meiner Zither begleiten kann, so etwa: ›Es war als hätt' der Hammel die ... Herde still geküßt!‹« und dabei summte er die Melodie leise vor sich hin, »fragen Sie mal Sangoulème, wie oft ich ihn mit solchen musikalischen Momenten zur Verzweiflung gebracht habe!« Allgemeines Gelächter. »Apropos«, rief die Herzogin lebhaft aufschauend, »wenn ich recht unterrichtet bin, so ist Herr de Sangoulème selbst Sänger, und zwar ist er im Besitz einer vortrefflichen Baritonstimme! Geben Sie uns ein Lied zum Besten, Baron!« wandte sie sich direkt an Norbert, »Sie finden ein sehr dankbares und erfreutes Auditorium!« Norbert erhob sich, tiefe Glut flammte über sein bleiches Gesicht. »Halten zu Gnaden, Königliche Hoheit«, entgegnete er leise, »ich singe wohl mit ungeschulter Stimme ein paar einfache Musikstücke, dieselben jedoch auf dem Klavier zu begleiten, ist für meine wetterharten Seemannshände ein unüberwindliches Hindernis!« »Ah, ich stelle meine schwachen Kenntnisse zur Verfügung!« rief Fräulein von Sanden, sich lebhaft erhebend, »dort auf dem Flügel finden wir sicher ein paar bekannte Kompositionen, Schumann, Mendelssohn, Schubert, singen Sie nichts aus den Müllerliedern?« Norbert folgte der jungen Dame, welche mit leichten Schritten an das Instrument trat und die weißen Notenblätter auseinander legte. Schnell wie der Gedanke war auch Herr von Meisenheim zur Stelle, mit nervöser Galanterie möglichst viel Verwirrung zwischen den Heften anzurichten. Endlich hatte der junge Seemann ein bekanntes Lied gefunden, momentan zögernd hielt er es in den Händen und die dunkeln Augenbogen falteten sich auf der stolzen Stirn, dann reichte er die Noten hastig zu Fräulein von Sanden herüber und fragte mit schneller Verneigung: »Würde es Ihnen recht sein, diese Piece zu akkompagnieren?« »›Erinnerung‹ von Freiherr Goeler von Ravensburg« las die Hofdame halblaut, und einen prüfenden Blick auf die Noten werfend, ließ sie sich auf den Klaviersessel nieder und schlug präludierend die einzelnen Akkorde an. Die Herzogin ließ die Arbeit sinken und lauschte zu dem jungen Sänger auf, mit gefalteten Händen und tiefgeneigtem Haupte saß Prinzessin Josephine, und Comtesse Sternow entfaltete einen gewaltigen roten Fächer und bewegte ihn im Takte vor ihrem äußerst gespannten Gesicht auf und nieder. »Nun kann's losgehen, in Gottes Namen!« seufzte Prinz Leopold resigniert, warf sich in seinen Sessel zurück und streckte die Füße weit von sich auf das Parquet, in privater Belustigung die Lichtreflexe auf den nicht allzu kleinen Lackstiefeln studierend. Und Norbert sang. Es war eine wundersame Innigkeit der Empfindung, mit welcher der junge Offizier das köstliche Lied Goelers wiedergab, und Ruth lehnte das blonde Köpfchen zurück und konnte den Blick nicht von ihm losreißen. »Und denk dabei mit Wehmut wieder und doch so gern der alten Zeit!« klang es voll ergreifender Leidenschaft von seinen Lippen, mit jähem Aufblick traf sein dunkles Auge dasjenige der Herrin von Altingen, und es war Ruth, als flamme mit diesem Blick ein nie gekannter Schmerz durch ihre Brust, einsam und allein kam sie sich plötzlich inmitten all der ersehnten Herrlichkeit vor, wie im Traum stieg der nächtliche Park ihres lieben Heimatschlosses vor ihr auf, das weiße Steinbild im Taxusgang, wo jenes schöne Antlitz in treuester innigster Lauterkeit liebeflehend zu ihr aufgeschaut hatte. »Verloren, verloren!« klang es ihr wie fernes Waldesrauschen durch den Sinn, und sie neigte das Haupt und wiederholte tief im Herzen »verloren!« »Süperb! süperb!« klatschte Herr von Meisenheim mit tausend entzückten Komplimenten, lehnte sich auf Ruths Sessel und flüsterte ihr ins Ohr: »Ein Glückskind, dieser Sangoulème, der wird noch die Welt von sich reden machen!« Fräulein von Sanden erhob sich und die Herrschaften überschütteten Sangoulème mit Lob und Beifall. Die Comtesse Sternow ließ den Fächer sinken und spendete dem Sänger die schmachtendsten Blicke. Ruth aber saß stumm und schweigend, was lag dem gefeierten Mann wohl an dem Lobe – einer Fremden? Die Villa Olivia strahlte im sonntäglichen Sonnenglanz. Der Morgen war trübe und kalt gewesen, die ersten Schneeflocken wirbelten durch die Luft und woben einen frostigen Brautschleier um die Stirn der Erde; leise und rastlos fielen sie nieder und die Steinbilder der Altingen'schen Villa hüllten sich in fleckenloses Weiß. Dann jedoch waren einzelne Sonnenstrahlen durch die graue Wolkenschicht gebrochen, scheu und zaghaft erst, allmählich aber anwachsend zu blendenden Strahlengarben, welche tausend helle Diamanten über die schlanken Baumzweige streuten, und schließlich ausflutend in goldenes Licht, dessen freundliche Pracht auch in den Zimmern der Villa Olivia seine heiteren Reflexe weckte. Ruth war aus der Kirche heimgekehrt, sie hatte Hut und Pelz in ihrem Zimmer abgelegt und schritt nun durch eine lange Flucht des Salons, um eine begonnene Malarbeit bei Ännchen zu vollenden. Auf weichem Teppich verhallten ihre Schritte, und wie sie sich der geöffneten Thür näherte, schrak sie jäh zusammen unter dem Klange einer gar wohlbekannten Stimme, welche herzlich und melodisch zu ihr herüber ertönte. Zögernd trat sie zu der Portière und zog sie leicht bei Seite. Am Fenster stand Ännchen im hellen Sonnenlicht, schlank und liebreizend wie die zierlichen Birken am Forsthaus, mit welchen sie um die Wette empor gewachsen war, und neben ihr die hohe Gestalt des Marineoffiziers, versunken in den Anblick des jungen Mädchens und lächelnd in der Freude des Wiedersehens. Tausend zärtliche Worte plauderte das rosige Waldeskind, schlang den Arm um den Nacken des Vetters und lehnte sich so innig an seine Brust, als sei dieser Platz ganz selbstverständlich für sie, als könne ihn ihr kein Mensch auf Gottes weiter Welt streitig machen! Ein schönes Paar, so verschieden und dennoch wie geschaffen für einander. Ein nie gekanntes Gefühl zuckte durch Ruths Seele, es war ihr, als müsse sie sich zwischen die beiden Menschen drängen und in wildem Zorn jenes Mädchen von seinem Herzen reißen in leidenschaftlicher Frage: »Was willst Du hier? Wer giebt Dir das Recht, so neben ihm zu stehen? Mich hat er zuerst geliebt!« Und sie strich langsam mit der Hand über die Stirn und senkte das Haupt. »Er hat mich geliebt, was bin ich ihm jetzt noch?« Dann aber preßte sie die Lippen zusammen, warf das Haupt stolz in den Nacken und verließ das Gemach, lautlos und unbemerkt, wie sie gekommen war. Ännchen sah nach der Uhr. »Ruth muß jetzt aus der Kirche zurück sein«, sagte sie eifrig, »ich werde hinübergehen und sie benachrichtigen, daß Du hier bist, Norbert, wie wird sie sich freuen, Dich wiederzusehen!« Ein schneller Schatten flog über seine Stirn. »Glaubst Du, Kind?« fragte er fast bitter, »bleib hier, mein Besuch möchte die Herrin von Altingen stören, und das sollte mir leid sein. Meine Zeit ist übrigens auch abgelaufen, ich werde im Schloß erwartet. Leb wohl, Bäschen, sei mir nicht böse, wenn ich nicht noch einmal komme, es wird mir bei dem besten Willen nicht möglich sein, oder höchstens nächsten Sonntag während der Kirche.« Und herzlich ihre beiden Hände fassend, fügte er erregt hinzu: »Ich reise in fünf Tagen zu Großmütterchen in den Wald, komm auch heim, Ännchen, zu unseren lieben Tannen und dem dunklen Kleegrund, dort wohnt Frieden und Ruhe, dort sind wir zu Hause, dort gehören wir hin! Hier diese fremde Luft erstickt uns einfache Menschen, sie wird die unschuldige Waldesblume mit falschem Farbenglanz schminken und ihr den Blütenstaub kindlicher Zufriedenheit abstreifen! Es taugt nicht für uns, Ännchen, wenn wir vermessen die Flügel heben wollen, der Falter muß sein Leben lassen, wenn er zum stolzen Lichte strebt und das Herz wird gebrochen, wenn es lieben will, was unerreichbar ist!« Fast heftig preßte er ihre kleine Hand. »Komm heim, Anna, komm heim!« Und mit schnellen Schritten stand er an der Thür, hastig davoneilend, als brenne plötzlich der Boden unter seinen Füßen. Ännchen sah ihm kopfschüttelnd nach, ging hinüber zu Ruth und schlang den Arm um sie. »Eben war Norbert da, er ist so groß und schön geworden, aber glücklich ist er nicht, Ruth, Du bist ja so gut und freundlich zu allen Menschen, frag ihn, was ihm fehlt und hilf ihm!« »Willst feiner Knabe Du mit mir gehen?« In dem Zimmer der Prinzessin Josephine brannte eine gedämpfte Kuppellampe auf dem Tisch. Es war still und friedlich ringsum, nur die leise Stimme Ruths flüsterte eifrig und schnell zu der alten Dame auf, welche tief eingeschmiegt in den altmodischen Lehnstuhl, die bleichen Hände gefaltet im Schöße hielt. Die Rouleaux waren herabgelassen, in den tiefen Fensternischen wölbten sich dichtverwachsene Epheulauben, und die kleinen Sänger in dem großen Goldbauer hatten die Köpfchen unter die Flügel gesteckt und saßen wie kleine Federkugeln eng zusammengeschmiegt auf den Stangen. Büsten und Bilder schmückten die Wände, blühende Blumen dufteten an allen Ecken, überall wehte der Geist traulichen Friedens, zusammengewebt aus tausend kleinen Kostbarkeiten und vergilbten Andenken, welche mit sorglicher Hand auf Etageren, Simsen und Konsolen aufgebaut waren. »Liebe Ruth«, sagte die Prinzessin sich emporrichtend und beide Hände des jungen Mädchens herzlich in die ihren schließend, »ich danke Ihnen für Alles, was Sie mir soeben über die Angelegenheit des Herrn von Otthardt gesagt haben. Sie ahnen vielleicht nicht, wie viel lebhaftes Interesse ich für den jungen Mann hege. Sie sind ein edles, treues Gemüt, Ruth, ich habe Sie lieb gehabt von dem Augenblick an, wo Ihre klare Kinderstimme mir zuerst von dem süßen Frieden der Heimat erzählte, wo mir Ihre lauteren unverdorbenen Ansichten in der tiefsten Seele wohl thaten und ich nicht satt werden konnte, in diese hellen Augen zu sehen, deren Blick noch einen ganzen Himmel glücklichster Unschuld barg. Aber nicht nur erfrischt hat mich Ihre Nähe, Ruth, wie eine herzige Blumenknospe, welche plötzlich ihren Kelch aus den Staubwolken des profanen Marktes erhebt, nein, sie gab mir seit langer Zeit die selige Gewißheit, daß in Ihnen der Geist Ihrer unvergeßlichen Mutter, meiner treuesten Freundin, wieder aufgelebt sei, daß ich in Ihnen meine Wünsche und Hoffnungen verwirklicht sehe, daß ich Ihnen vertrauen darf, wie einst meiner guten Stephanie!« Erlkönigin bedeckte die Hände der Sprecherin mit zärtlichen Küssen. »O Hoheit!« flüsterte sie emporschauend, »welch größeres Glück könnte mir zu Teil werden, als den Platz in einem Herzen zu erringen, welches für meine liebe Mutter der Inbegriff des Lebens war!« »Stephanie hat mein Glück neidlos geteilt, und im Leide treulich bei mir ausgehalten«, flüsterte die Kranke mit weitschweifendem Blick; »sie allein war Zeuge der kurzen Sonnenblicke, welche meinen Lebensmai so spärlich erhellten, sie allein stand mutig an meiner Seite, als das Wetter seine schwarzen Wolken über mir ballte, und nur sie ertrug mit mir die zahllosen Nächte der Qual und Schmerzen, in welchen Leben und Tod ihren furchtbaren Kampf um eine junge Seele kämpften. Das Alles ist vorbei, Stephanie ist tot, ich aber mußte weiter leben, um noch jenen Tag zu sehen, wo meine schwachen Hände den Sohn Otthardts vor dem Abgrund und der Schande retten, und darum lohnt es sich, gelitten und gelebt zu haben. Was weiß der junge Offizier von der alten Frau im Schlosse droben, welche Jahr aus Jahr ein krank und keinem Menschen sichtbar ist? Für ihn bin ich auch tot, denn er kommt nicht und fleht mich um Hilfe an. Oder ist er stolz? So stolz wie einst sein Vater, der lieber das Herz aus der Brust riß, ehe er aufhörte, der Günstling eines Monarchen zu sein? Auch ein solcher Stolz ist etwas wert, die Welt beugt sich vor ihm.« Josephine hielt momentan inne und schrak empor, im Nebenzimmer befahl Fräulein von Nievendloh mit gereizter Stimme das Theewasser und fügte mit Betonung hinzu, daß es bereits sieben Uhr geschlagen habe. »Alice wird ungeduldig«, flüsterte die Prinzessin mit fast ängstlichem Blick nach der Thür, »wir wollen uns kurz fassen, liebe Ruth – ah, was giebt es, Hoveland? Ich wünschte nicht gestört zu sein!« Sie wandte sich nach dem eintretenden Lakaien, welcher zögernd auf der Schwelle stehen blieb und sein silberweißes Haupt tief zur Erde neigte. »Halten zu Gnaden, Hoheit, Herr de Sangoulème kommt im Auftrage seiner Hoheit des Prinzen!« »Führt ihn zu mir, Hoveland!« nickte die alte Dame in momentaner Unschlüssigkeit, »erst aber die Lampe etwas höher schrauben, so! Und nun geht! – Ich bitte ihn, nachher einen Augenblick zu Alice in das Nebenzimmer zu treten«, fuhr sie wie entschuldigend zu Ruth fort, »er wird gewiß meinen Neffen zum Thee anmelden!« Ruth erhob sich hastig und griff nach ihren Handschuhen, sie suchte nach Worten, um die Prinzessin zu bitten, sie für heute zu entlassen, sie wollte plötzlichen Kopfschmerz vorschützen und lieber morgen wiederkommen; aber ehe sie nur einen Gedanken fassen konnte, schlug Hoveland die Portieren zurück und Norberts hohe Gestalt stand ihr gegenüber. Prinzessin Josephine hatte Recht gehabt, Sangoulème war von Leopold vorausgeschickt, um den jungen Fürsten zum Thee im rechten Schloßflügel anzusagen. »Und warum kommt mein Neffe nicht gleich mit Ihnen?« fragte die Kranke mit freundlichem Lächeln, »es ist sonst nicht seine Art, das Ceremoniell in dieser Beziehung zu berücksichtigen!« »Hoheit wurden im letzten Augenblick durch den Landstallmeister aufgehalten«, entgegnete der Seeoffizier heiter, »und da Herr von Meisenheim Seine Excellenz begleitete, war eine so schnelle Erledigung der Angelegenheit kaum vorauszusehen, in Folge dessen meine Funktion als Herold!« »Und dem Zeichen nach als sehr friedlicher!« scherzte die Prinzessin, auf eine köstliche Theerose deutend, welche Sangoulème in Händen hielt, »führen Sie die Rose im Wappen, Herr Baron, oder besitzen Sie die Zauberwurzel aus den Märchenbüchern, mit deren Hilfe man auch aus Eis und Schnee die herrlichsten Blüten lockt?« »Leider gehöre ich nicht zu den Patenkindern gütiger Feen, Hoheit, sonst hätte ich vielleicht schon manches Eis tauen lassen! Aber dennoch war ich glücklich genug, eine Blume am Wege zu finden, welche vielleicht die Auszeichnung genießt, von Ew. Hoheit gütig aufgenommen zu werden!« Er hatte sich erhoben und trat zu dem Sessel der Kranken, um die Rose mit bescheidener Bitte zu überreichen. Die Prinzessin bot ihm dankend die Hand entgegen und atmete entzückt den süßen Duft. »Und Sie wollen die arme Blume verurteilen, bei mir alten Frau ihr kurzes Leben zu verkümmern, Herr de Sangoulème«, lächelte sie zu ihm auf, »das wäre grausam und durchaus nicht zu gestatten! Kommen Sie her, liebe Ruth, knieen Sie neben mir nieder, und seien Sie der schönen Gabe unseres Freundes eine passende Trägerin!« Tiefe Glut flammte über Ruths Gesicht, sie schaute jäh erschrocken empor zu Sangoulème, und abermals begegnete ihr sein rätselhafter Blick, diesmal aber war es ihr, als leuchte helle Freude darin. Mit unsicherer Stimme wagte sie noch einige Einwendungen, Josephine aber hielt ihre Hand und zog sie sanft zu sich hernieder. »Daß ich mit Rosen kränze Dein Haupt! kleiner Figaro!« sagte sie heiter, und befestigte die Blume in dem Goldhaar des jungen Mädchens. »Auch auf diesen Platz kann die Rose stolz sein, Fräulein von Altingen!« sagte Norbert mit leichter Verneigung und unwillkürlich klang seine Stimme erregter als gewöhnlich, »ich danke für die Auszeichnung, welche ihr zu Teil wird.« Es war zum ersten Mal, daß er sich direkt an Ruth wandte, er mußte ihr wohl eine Höflichkeit sagen, wenn sein Benehmen nicht auffallen sollte. »Es heißt jetzt gute Miene zum bösen Spiel machen, Herr de Sangoulème!« scherzte die junge Dame, »ich schmücke mich mit fremden Federn, und trage Blüten, welche nicht für mich gepflückt sind, und Sie finden sich galant und ritterlich in das Unvermeidliche, wir sind also quitt. Heute Morgen habe ich übrigens mit Freude gehört, daß Sie Ihre Cousine Ännchen aufgesucht haben, Sie können hoffentlich nur Gutes von ihrem Befinden im Forsthause berichten und Großmütterchen versichern, daß ihre kleine Waldesblume sich auch bei der Freundin in der Residenz recht glücklich fühlt!« »Anna sprach mit viel Entzücken und Dankbarkeit von ihrem hiesigen Aufenthalt«, entgegnete Norbert hastig, »und soviel ich nach zwei kurzen Liedern beurteilen kann, verdankt sie Ihrer Güte eine fast vollendete künstlerische Ausbildung der Stimme.« »Die junge Dame, welche Fräulein von Altingen hier Gesellschaft leistet, ist Ihre Fräulein Cousine?« fragte die Prinzessin mit freundlichem Aufblick, »Ruth hat mir viel von ihrer herrlichen Stimme erzählt, und auch Fräulein von Nievendloh scheint viel Interesse für sie zu hegen. Sie kennen meine Hofdame noch nicht, Herr de Sangoulème? Eine überaus geistreiche, heitere Gesellschafterin!« Und dem jungen Offizier schnell die Hand entgegenreichend, fügte sie fast bittend hinzu: »Nicht wahr, Sie vergeben mir, bester Baron, wenn ich Sie ersuche, ein paar Augenblicke zu Fräulein von Nievendloh in das Nebenzimmer zu treten, ich habe noch eine Kleinigkeit mit Ruth zu besprechen, und möchte doch bei Ankunft meines Neffen mich ganz der lieben Jugend widmen können!« »Ich bitte, Hoheit, über mich zu befehlen«, entgegnete Norbert, sich über die Hand der Kranken neigend, um sie ehrfurchtsvoll an die Lippen zu ziehen, dann trat er einen Schritt zurück und Josephine rührte die kleine Silberglocke, welche neben ihr auf dem runden Marmortischchen stand. Im Nebenzimmer wurde möglichst hörbar ein Fenster zugeworfen, dann klang der harte Schritt hoher Hackenstiefelchen auf dem Parquet wider und im nächsten Moment teilten sich die Portièren, um die zierliche Gestalt des Fräuleins von Nievendloh in ihrem Rahmen sichtbar werden zu lassen. »Ich habe den Thee soeben zum dritten Mal aufgegossen, Hoheit!« klang es halb mürrisch, halb impertinent von den schönen Lippen, und die Wolke des Unmuths legte sich noch tiefer und häßlicher auf die geschminkte Stirn, »es ist bereits ein halb acht Uhr und der Medizinalrat hat so dringend gebeten, daß die Mahlzeiten pünktlich innegehalten werden, ich wasche meine Hände in Unschuld, wenn Hoheit sich wieder krank machen durch diese Verzögerung!« Sie warf den Kopf in den Nacken und wandte sich kurz um. In die Wangen der Prinzessin stieg leise Röte. »Alice!« rief sie fast zaghaft, »es thut mir leid, wenn Sie durch meine Unterredung mit Fräulein von Altingen heute Abend doppelte Mühe mit dem Thee hatten, aber trotzdem muß ich Sie bitten, ihn noch zum vierten Male aufzugießen, Herr de Sangoulème meldete mir soeben den Prinzen Leopold als Gast an!« Mit leicht gezuckten Schultern hatte sich das Hoffräulein zurückgewandt, ein zorniger Aufblick traf Josephine bei diesem neuen Befehl, als aber die sanfte Stimme der Kranken den Namen Sangoulème nannte und Alice sich wie elektrisiert nach der angegebenen Richtung wandte, wo sie jetzt erst die hohe Gestalt des Marineoffiziers im Schatten der Gummibäume und Tamarinden bemerkte, da schien es, als streife eine unsichtbare Hand über das launische Gesicht, um jedes, selbst das kleinste Fältchen des Zornes darin zu glätten. Wie umgewandelt war Fräulein Alice; der kleine Mund, schon halb geöffnet zu einer scharfen Entgegnung, wölbte sich im reizendsten Lächeln, und die dunklen Augen, eben noch funkelnd vor Aerger und Ungeduld, hoben sich mit einem Blick strahlender Heiterkeit zu dem Genannten; auch in die trotzstarren Glieder kam Leben und Bewegung, ein schelmisches, graziöses, prickelndes Leben! Mit zwei Schritten stand sie in der Mitte des Zimmers, unmittelbar in dem rosigen Licht der Lampe, sich leicht und schnell gegen Sangoulème verneigend, welcher ihr mit zeremoniellem Gruß entgegentrat. »Wenn wir solch hohen und herrlichen Besuch erwarten, Hoheit, braue ich herzlich gern auch noch zum fünften und sechsten Male Thee!« rief sie mit silberhellem Lachen und hob ihre weiße Hand, um die kleinen Lockenringel tiefer in die Stirn zu ziehen. »Das ist ja eine exquisite Ueberraschung, welche uns Prinz Leopold noch zum späten Abend bereitet, und vortrefflich, daß uns Ruths Besuch die gewöhnliche Tischstunde etwas verzögert hat! Dafür umarme ich Sie noch ganz extra, kleine Erlkönigin!« Und sie neigte sich leicht in der Taille und blinzelte Ruth neckisch zu. »Ist das nicht ein aparter Titel, Hoheit?« fuhr sie lebhaft fort, »Erlkönigin ist der Spitzname von Fräulein von Altingen, wie mir Mademoiselle Marion unlängst erzählte, weil die seltsame Schloßherrin die Passion hat, seit kleinauf zwischen Erlen und Weiden zu stecken!« Und Alice lachte noch lauter als zuvor. »Zwischen Erlen und Weiden?« wiederholte Josephine mit schnellem Blick auf Ruth, welche in die Fensternische zurückgetreten war und sich zu dem Vogelbauer neigte, dessen befiederte Bewohner, durch Alicens laute Stimme erschreckt, schlaftrunken gegen die Goldstäbe flatterten. »Ja, ja, Hoheit!« fuhr Alice ausgelassen fort, »bei Schloß Altingen liegt ein ganz unheimliches, kleines Gespensterthal, der Kleengrund genannt, das offizielle Reich der Erlkönigin, in welchem, dicht über dem Bach ein alter Weidenstamm als Thronsessel figuriert. Selbst in der Nacht soll Ruth zeitweise da zu finden sein, und wenn sie jetzt auch ein noch so unschuldiges Gesicht macht, ich bin überzeugt, daß sie auch auf einen unglücklichen Knaben wartet, welchem sie ›ein Leids anthun will‹, wie es ja einmal Sitte bei dieser unheimlichen Königsfamilie ist!« In ihrem Eifer bemerkte Fräulein von Nievendloh nicht, welche Wirkung ihre Worte hervorriefen. Sangoulème starrte bleich zu Ruth hinüber, welche, sich noch tiefer über das Goldgitter des Vogelbauers neigend, lautlos in dem Schatten der Epheulaube verharrte. »Schade, mein gnädiges Fräulein, daß dieser interessanten Mitteilung nicht Flügel gewachsen sind, um die Residenz als reizendste Neuigkeit zu durchflattern«, sagte er mit einem Versuch zu lächeln, »ich bin überzeugt, daß mancher Kavalier den verhängnisvollen Ritt nach dem Kleengrunde unternehmen würde, selbst in der Ueberzeugung, einem Schicksal entgegenzugehen, welches seine heitere Aventüre als Tragödie enden ließe!« Ruth wandte das Haupt, ein seltsam starrer Zug umspielte den kleinen Mund. »Und noch schlimmer als eine Tragödie, Herr de Sangoulème«, entgegnete sie kurz, »mit den Helden moderner Dramen hat man in der Regel Mitleid, über einen Wagehals jedoch, welcher die Geister beschwören will und kecklich die Wege der Erlkönigin durchkreuzt, um eine Aventüre zu erleben, kann man höchstens die Achseln zucken, denn Vermessenheit erweckt keine Sympathie!« Eine tiefe Falte grub sich in Norberts Stirn. »Bis jetzt hat allerdings noch kein Irdischer ungestraft den Kampf mit Geistern aufgenommen, und wie wir uns leider soeben überzeugt haben, ist auch die ›Erlkönigin‹ nicht aus der Art geschlagen, was die Grausamkeit ihrer bleichen Nixenschwestern anbetrifft. Man sagt, wer den gespenstischen Schatten einmal in das Auge geschaut hat, zählt zeitlebens zu ihren Opfern, und es ist wohl möglich, daß die modernen Ritter der Börse und des Sports sich erst gewaltig besinnen würden, ehe sie eine nächtliche Promenade nach dem Kleengrund riskierten, sollte sich aber dennoch jemals ein beherzter Jüngling von ehrgeizigem Wahn bethören lassen, so werde ich nicht ermangeln, ihm die ganze Größe der Gefahr vor Augen zu stellen, es ist leichter den Stein der Weisen zu finden, als einen Funken Erbarmen in dem Herzen der Erlkönigin!« Ruth biß sich leicht auf die Lippe und stützte die Hand schwer auf den kleinen Bronzetisch, die Prinzessin aber hob drohend die Hand gegen Norbert und lächelte. »Sie sprechen, als gründe sich Ihre letzte Hypothese auf schmerzliche Erfahrung, Herr de Sangoulème, gehören Sie vielleicht zu den muthigen Seelen, welche die Wege schöner Wassergeister kreuzen!« »Es wäre wenigstens so glaublich, wenn die Najaden aus ihrer kühlen Meeresflut auftauchten, um unter den jungen Seefahrern Unheil anzurichten!« hauchte Alice mit sprechendem Blick, und lehnte den dunklen Lockenkopf tief in die Blätter einer Agave zurück, die hinter ihr in chinesischem Kübel die Ecke zwischen Schrank und Portière füllte. Norbert blickte vor sich auf die wirren Figuren des Teppichmusters nieder. »Man sollte allerdings voraussetzen, Hoheit, daß ich in den verschiedenen Jahren zur See Gelegenheit gehabt hätte, die gefährliche Bekanntschaft solch schöner Zauberinnen zu machen; unglücklicherweise hat uns jedoch weder Sirenengesang in die Klippen gezogen, noch wurde durch ein grünlockiges Töchterlein Neptuns Sehnsucht in unserem Herzen erweckt. Ich sage unglücklicherweise, denn ich habe meine Armut an mysteriösen Erlebnissen nie aufrichtiger bedauert, als in diesem Augenblick!« »Sie haben in der That niemals ein Abenteuer gehabt?« fragte Alice mit neckischem Seitenblick, »Herr de Sangoulème, sind Sie noch kein einziges Mal etwas Außergewöhnlichem begegnet?« »Wenn Sie Irrlichter zu dieser Spezies rechnen, mein gnädiges Fräulein, dann allerdings!« lächelte Norbert mit schnellem Blick nach Ruth, welche jäh emporschauend aus der Epheuumrahmung trat und sich mit geneigtem Haupt auf die hochgeschnitzte Lehne ihres Sessels stützte. »Einem solchen kleinen Koboldsgeist bin ich dereinstmals begegnet in Sumpf und Wald und ließ mich durch sein wundersames Flämmchen auf einen Weg locken, dessen Ziel Fräulein von Altingen vielleicht auch vermessen nennen würde. Das ist aber schon lange her, und mit dem Irrlicht auf der nächtlichen Heide ist mein Glaube an süße Märchen wie Nebel und Welle verschwunden!« Ruth neigte sich hastig nieder, um das Spitzentuch aufzunehmen, welches von den Knieen Josephinens geglitten war. Alice aber trat schnell einen Schritt näher und schlug mit frischem Lachen die weißen Händchen zusammen. »Großer Gott, über Ihrem Irrlichtflämmchen fällt mir mein Spiritusflämmchen unter dem Theewasser ein – das mag gut drauflos kochen! Ich bitte tausendmal um Vergebung, wenn ich mich für einen Moment zurückziehe, die Pflichten der Hausfrau sind so unerbittlich, wie Arihman gegen seine sündigen Perser! à propos « und sie wandte den Kopf mit allerliebster Wichtigkeit über die Schulter zurück, während ihr Arm bereits die schwere Portiere zurückschlug, »um wie viel Uhr hat sich Hoheit, Prinz Leopold, eigentlich angesagt? soll ich noch ein Weilchen mit dem Aufgießen warten, oder kann Alles bereit gehalten werden?« »Einen Augenblick, Alice«, rief die Prinzessin, die Hand hebend, »ich möchte Sie ersuchen, Herrn de Sangoulème heute Abend das Amt Ihres persönlichen Adjutanten zu übertragen und ihn sofort mit seiner neuen Würde vertraut zu machen, schwer ist der Dienst nicht, cher baron ,« fuhr sie scherzend fort, sich an Norbert wendend, »Fräulein von Nievendloh tyrannisiert durch Liebenswürdigkeit!« »Und ich werde mich bemühen, Wachs in ihren Händen zu sein«, lächelte der junge Offizier verbindlich, verneigte sich respektvoll und folgte der schönen Hofdame, welche ihm mit schmeichelhaftestem Willkommensgruß durch die weichen Sammetfalten des Thürvorhangs voranschlüpfte. »Und nun, liebe Ruth, lassen Sie uns schnell zu Ende kommen«, fuhr Josephine hastig flüsternd fort, »in wenigen Augenblicken kann Leopold hier sein, und ich möchte doch gern heut Abend noch Alles zwischen uns klar legen!« »Gewiß, Hoheit!« nickte Erlkönigin gedankenlos, sie hörte nebenan das übermütige Lachen Alices und biß die Zähne zusammen in dem Gedanken an die verführerischen Augen, welche heute den ganzen Zauber ihrer Blicke auf Sangoulème wirken ließen. Wird er ihnen widerstehen?« »Sie sagen selbst, liebe Ruth, daß Otthardts Angelegenheit keine Verzögerung dulde, und so bin ich entschlossen, sofort zu helfen, mit allen Mitteln, welche mir momentan zu Gebote stehen.« Die Prinzessin hielt zögernd inne und preßte das feine Spitzentuch an die Lippen, dann neigte sie das greise Haupt tief auf die Brust. »Ich habe schon seit Jahren im Geheimen gespart, um für Leopold die Besitzung des Fürsten H. anzukaufen, von dessen Jagden mein Neffe so ganz besonders schwärmt, es war ein Lieblingsgedanke von mir, ihn mit dieser Acquisition an seinem Geburtstage zu überraschen; je nun, wenn es nicht sein kann, so heißt es eben den alten Kopf nach etwas Anderem zerbrechen, was weniger kostspielig ist, und ihm dennoch Freude bereitet, die gute, brave Seele ist ja selbst für das kleinste Liebeszeichen so aufrichtig dankbar!« Ruth neigte stumm bejahend das Haupt, das Klirren der Theetassen drang aus dem Eßzimmer herüber und dazwischen klang Norberts heitere Stimme. »Dieses Kapital habe ich nun flüssig gemacht, um die Schulden des Lieutenants von Otthardt zu decken«, sprach die Prinzessin aufgeregt weiter, »aber ich habe ein Bedenken dabei –« Ruth blickte fragend auf. »In wiefern, Hoheit?« Die alte Dame errötete leicht und schien zu zögern. »Ich wünsche nicht, daß irgend eine Menschenseele von dieser Angelegenheit erfährt, auch Otthardt selber darf nicht ahnen, von welcher Seite ihm Hilfe gekommen ist, sein Dank würde mir im höchsten Grade peinlich sein. Ich kann Ihnen dies Alles nicht so definieren, liebe Altingen, es sind vergilbte Geschichten, welche doch immer wieder bei der leisesten Mahnung aufwachen und schmerzen.« Josephine seufzte tief auf, Thränen traten in ihre Augen. Mit schneller Bewegung kniete Ruth an ihrer Seite und küßte stumm die bleiche Hand der hohen Dame. »So soll auch Otthardt nicht kommen, um sich bei Hoheit zu bedanken?« flüsterte sie leise, »ich hatte es mir so schön gedacht, ihn hierher führen zu können.« Die Hand der Prinzessin zitterte, sie löste dieselbe schnell aus Ruths Fingern und legte sie liebkosend auf den blonden Scheitel des jungen Mädchens. »Nein, nein!« sagte sie hastig, »ich fühle mich nicht wohl genug, um fremde Menschen empfangen zu können, am wenigsten ihn, einen Otthardt. Ich will keinen Dank, denn was ich thue, ist ein Akt der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, welcher geschändet würde, wenn er um das Lob der Menge feilschte. Wer weiß, ob es ihm überhaupt zu Teil würde, die Leute haben böse Zungen und wollen Alles gemein machen und in den Staub ziehen. Ich habe eine Bitte an Sie, kleine Erlkönigin, eine recht große Bitte, werde ich mich vergebens an Sie wenden?« Ruth blickte verwirrt auf. »Wenn es in meiner Macht liegt, dieselbe zu erfüllen, Hoheit ...« Josephine lächelte. »Ganz gewiß, und darum spreche ich sie aus! Sie sind klug und ernst, Ruth, Sie sind Ihrem Alter weit voraus, Sie sind mir ergeben. Früher würde ich mich in gleichem Fall an meine teuere Stephanie gewandt haben, jetzt appelliere ich an das Herz ihres Kindes. Wollen Sie es übernehmen, dem Lieutenant von Otthardt besagtes Kapital zu übermitteln, und, was die Hauptsache ist, die Summe als ein Geschenk von Ihnen gelten lassen?« Sie nahm beide Hände Ruths in die ihren und blickte flehend zu ihr auf. »Alle Welt weiß, daß Sie sehr vermögend sind, mein liebes Kind, auch Otthardt wird es wissen und Ihr Thun und Handeln nicht unmöglich finden, es giebt mehr Beispiele, daß junge Damen Opfer brachten, um einen ihnen nicht gleichgiltigen Cavalier dem Verderben zu entreißen!« »Hoheit!« rief Ruth erschrocken, »um Gotteswillen, wenn Otthardt sich diese unfreiwillige Großmut falsch auslegte?« Die alte Dame blickte tief in die Augen der Sprecherin. »Würde es dann der Erlkönigin so sehr fatal sein?« lächelte sie mit mildem Scherz. »Wenn man so oft mit dem schönsten Offizier der Garnison Walzer tanzt, und so gar genau über seine leuchtenden Augen Bescheid weiß, dann kann solch kleines Mißverständnis doch nicht allzu böse machen! Nicht wahr, ich habe recht, liebe Ruth, und Sie werden mir alten Frau den Gefallen thun und die ganze Angelegenheit in ihre energischen Händchen nehmen?« Wie betäubt kniete Ruth an der Seite der Prinzessin, eine furchtbare Angst preßte ihr plötzlich das Herz zusammen und eine Stimme rief in ihrem Innern: »Zurück, so lange es noch Zeit ist! Du liebst jenen Fremden nicht, Dein Herz gehört dem stolzen Manne, dessen starker Arm Dich einst durch die Wellen der Kleen trug, den Du gekränkt hast bis in die tiefste Seele.« Da klang ein lautes, helles Lachen aus dem Nebenzimmer, Norberts Stimme war es, und wie Ruth jäh emporschreckend auflauschte, da hörte sie ihn auch sprechen. »Seien Sie ohne Sorge, mein gnädiges Fräulein, für Sie gehe ich auch durch Feuer und Wasser!« sagte er, und das Silber klirrte, und Alice antwortete in leisen, ängstlich schmachtenden Tönen. Ruth sprang empor, ihre kleine Hand ballte sich und glühendes Rot stieg in die Schläfen. »Ja, Hoheit«, sagte sie schnell, mit fast erstickter Stimme, »ich werde Alles auf mich nehmen, entstehe daraus, was immerhin will, ich werde auch die Folgen tragen.« Josephine erhob sich, sie legte die Arme um Ruth, zog sanft ihr Köpfchen hernieder und drückte einen innigen Kuß auf die weiße Stirn des jungen Mädchens. »Ich danke Ihnen, mein geliebtes Kind!« sagte sie weich. Dann schritt sie zu der goldmarquetierten Kommode und öffnete das mittelste Schubfach. »Einen Augenblick, Herzchen, ich werde das Betreffende sofort zusammenpacken.« Ruth trat langsam an das offene Kaminfeuer und starrte in die zuckende Flamme, mechanisch faßte sie den eisernen Rateau und schürte die Glut, ihr Arm stützte sich auf das Gußwerk des Bronzeaufsatzes und das geneigte Antlitz war übergossen von dem grellen Widerschein des roten Kienbrandes. So stand sie regungslos und wartete. Unterdessen war Prinz Leopold in den Korridor getreten. »Ei was zum Kuckuck, Hoveland! Ist Er alter Maulwurf denn auch noch am Leben? Na, das freut mich, weiß Gott, von Herzen«, und er schlug den treuen Diener freundlich klatschend auf den tiefgeneigten Rücken, »kann mir Tantens Nestchen auch gar nicht ohne Sein freundliches Schmunzelgesicht denken! Wie ist's denn gegangen seither, he?« In Hövelands Augen standen Thränen der innigsten Freude. »O Hoheit – so viel Gnade –« stotterte er, sein weißes Haupt wieder emporrichtend, »der liebe Gott hat es ja gut mit mir gemeint, daß ich diesen Tag noch erleben durfte!« und er legte die zitternden Hände zusammen und blickte den jungen Fürsten so recht von Herzen glücklich an. »Er hat also manchmal an mich gedacht, Hoveland?« fuhr Leopold mit den Händen auf dem Rücken fort, »ja, ja, Alter, wir sind immer gute Freunde gewesen, das vergessen wir Beide nicht so leicht! Und mit der Gicht? he, wie steht's denn mit Seinen Untergestellen? – besser geworden?« »Man muß zufrieden sein, Hoheit, wenn's ja auch manchmal recht wackelig mit den morschen Knochen scheint, so habe ich bis jetzt doch, gottlob, immer noch auf dem Posten sein können!« »So – hm – recht so! na, und Seine Dompfaffen, die er so famos abgerichtet hat, leben sie noch, haben sie guten Appetit, pfeifen sie noch die ›stille Mitternacht?‹« Hövelands Gesicht glänzte vor Freude. »Hoheit erinnern sich noch? ei ja, hab immer noch die Mucke im Kopf, daß ich mich mit dem Vogelvieh abquäle, zwei Hähnchen sind mir im letzten Winter verloren gegangen, 's war zu kalt am Fenster, und in dem Weihnachtstrubel hatte kein Mensch an die armen Tierchen gedacht. Aber die ›stille Mitternacht‹ pfeifen sie noch – o Du meine Güte, nein, daß sich Hoheit dessen noch erinnern!« »Das will ich meinen, alter Schnurrbart!« lachte der Prinz, sich die Hände reibend, »damals, als Er mir seine zwei besten Prachtexemplare zum Präsent gemacht hatte, haben mich die kleinen Kanaillen mit ihrer stillen Mitternacht fast zur Verzweiflung gebracht; Himmel, wenn ich noch daran denke! Mit dem Tagesgrauen fing der Spektakel an und endete oft erst um die stille Mitternacht. Na, der Spaß dauerte nicht lange, dann geriet eines Tages meine Ulmer Dogge mit ihrer verfluchten Schnobbernase an das Bauer – – und – –« Hoveland machte eine wehmütige Handbewegung und seufzte tief auf. »Diese gottverdammte Bestie!« fuhr es ihm voll tiefster Überzeugung über die Lippen. »Ja, es war schade drum, gute Schläger waren es. Na, und nun sag' Er 'mal, Hoveland, was macht denn Sein Minchen?« »Das Minchen?« wiederholte der Gefragte mit strahlenden Augen, »o, Hoheit erinnern sich auch noch an mein Minchen? Na, Gott sei Lob und Dank, das Minchen ist ja glücklich verheiratet, hat den Hofklempner in der Rathausgasse drunten, kam mitten in ein warmes Nest hinein, ohne Sorge und Kummer! 's ist uns ein großer Trost, meiner Alten und mir, war ja unser Alles, das Minchen, ein gutes Kind, sehr gut –«, und der greise Mann fuhr verstohlen mit der umgewandten Hand über die Augen. »Ja, gut war sie!« nickte der Prinz, mit gespreizten Fingern durch seine lockigen Haare streifend, »und hübsch war sie auch, mit zwei Bäckchen wie lackierte Borsdorfer Äpfel, und Zöpfen, wie ich sie meinem Goldfuchs nicht stattlicher aus dem Schweife flechten konnte, aber weiß Er, alter Graukopf, was das Beste an Seinem Minchen war? Der riesige Speckkuchen, den sie jeden Freitag backte! Hoveland, an den Speckkuchen habe ich noch oft mit Wehmut gedacht, das ist das beste Denkmal, welches sich Sein Minchen in meinem Herzen erbaut hat. Alle Wetter, wenn mein guter Vater geahnt hätte, daß sich sein jüngster Sproß alle Freitag auf dem Küchentisch des Mamsell Minchen seine Hosen durchrutschte, bis endlich der duftende, köstlichste aller Kuchen sein gigantisches Viereck aus dem Ofen schob! Hoveland, ich sage Ihm, jene Stunden in Seiner Küche vergesse ich nicht, und wenn mich der liebe Herrgott zum König von Schlaraffenland machte! Weiß der Kuckuck, noch jetzt schwebt Sein Minchen speckkuchenduftend durch meine angenehmsten Träume!« Und Leopold ließ seine Hand so energisch auf die Schulter des greisen Dieners niederfallen, daß die Wucht dieser fürstlichen Leutseligkeit die altersschwachen Kniee zittern ließ. »Und nun, Hoveland, will ich zur Tante hinein, sonst stehen wir morgen früh noch immer hier und machen dem braven von Meisenheim den Rang als erstes Klatschmaul streitig!« »Ich werde Hoheit sofort anmelden«, und Hoveland machte schnell kehrt und wackelte eilfertig voraus. »Heda, Alter! Wo soll's denn hingehen?« und mit kurz resolviertem Griff hielt ihn der junge Prinz am Rockkragen; »anmelden? – Ihm rappelt's wohl. Ich weiß hier noch ebenso genau Bescheid wie in meiner Rocktasche, und kenne jedes Mauseloch in der ganzen Etage, wenn Ihr sie bis dahin nicht übertüncht habt, heißt das. Still gestanden, nicht vom Fleck gerührt! Sonst soll der Erzengel Michael Seine Dompfaffen alle auf einmal die stille Mitternacht pfeifen lassen! Gott befohlen, Alter!« und leise auf den Fußspitzen schreitend, traversierte der Prinz den langen Korridor, um lautlos in der Thür des Empfangssalons zu verschwinden. Hoveland aber faltete die welken Hände und nickte mit strahlendem Gesicht leise vor sich hin. »Ein so hoher Herr, und so gut und so freundlich, denkt noch an meine Dompfaffen, und an das Minchen und den Speckkuchen, Gott erhalte ihn!« Die weichen Teppiche dämpften Leopolds Schritt, er trat zu der Thür des nächstfolgenden Zimmers und schob leise die Portière zur Seite. Wie angewurzelt stand er und starrte auf das Bild, welches sich seinem Auge darbot, kaum wagte er zu atmen, aus Angst, es voreilig zu zerstören. Noch stand Ruth an dem Kamin und schaute regungslos in die Flammen, helle Glut lohte über ihr Gesicht und zeichnete es scharf von dem dunkelverschwimmenden Hintergrund. Zum ersten Mal im Leben fesselte den Prinzen ein Mädchenkopf. Finster und herb war der Ausdruck in Ruths Zügen, tief die Falte, welche sich zwischen die dunklen Augenbogen legte, und die schmalen Lippen, trotzig zusammengepreßt, trugen den Stempel eiserner Entschlossenheit; gerade das gefiel ihm. Was waren all die lachenden Weiber des großen Karnevals gegen die seltsame Schroffheit dieses Kindergesichtes, was die glänzenden Augen raffinierter Schönheit gegen den Blick voll Stolz und Leidenschaft, welcher sich hier so unbeweglich in das zuckende Meer von Rauch und Funken senkte? Leopold stand regungslos und schaute sie an. Da hob Ruth das Haupt und blickte gedankenlos auf. »Prinz Leopold!« rang es sich fast unbewußt von ihren Lippen, aufschreckend trat sie ihm einen Schritt entgegen und der eiserne Rateau fiel klirrend aus ihrer Hand in die Kohlen nieder. Die hohe Gestalt des Fürsten erschien auf der Schwelle, sein blonder Scheitel streifte fast das bräunliche Gebälk, und auf der Brust flimmerte der goldene Stern des herzoglichen Hausordens. »Albrecht der Bär!« zog es durch Ruths Sinn. »Grüß Gott, meine Damen, habe ich überrascht? Sie sehen mich ja so entsetzt an, Fräulein von Altingen, als gliche ich dem Geiste Julius Cäsars!« und Leopold lachte heiter auf, er zwang sich zu dem übermütigen Ton, welchen man stets an ihm gewohnt war, »eine Hand können Sie mir aber trotzdem geben, oder nennt das die Etikette nicht comme il faut ?« Er reichte ihr die Rechte entgegen und umschloß fest die rosigen Finger der Baronesse, wie eine weiche kleine Flocke verschwand die Hand des jungen Mädchens in seiner gewaltigen Seemannsfaust. »Die Etikette ist nur dazu da, Hoheit, daß man sie zeitweise ignoriert!« lächelte sie unbefangen, »und was die grause Geistererscheinung Shakespeares anbetrifft, so würde sie stets ein willkommener Gast sein, wenn sie der Herold solch liebenswürdigen Besuches wäre!« Leopold legte beide Hände auf die Brust und verneigte sich chevaleresk: »Küß die Hand, meine Gnädige!« Dann wandte er sich hastig um und stand mit wenigen Schritten neben Josephine, welche sich bei seinem Eintritt einen Augenblick von der Kommodenschublade aufgerichtet hatte. »Guten Abend, allerbestes Tantchen«, und er schlang den Arm um sie, hob zärtlich ihr Kinn mit dem Finger und küßte sie auf den Mund, »da bin ich, kannst Du Sangoulème und mich heute Abend brauchen, oder werden wir nach Hause geschickt?« »Nein, mein Herzensjunge, Du bist mir stets willkommen, ebenso alle Deine Freunde, welche Du mir mitbringst«, und Josephine strich liebkosend über seine tiefgeneigte Wange, »aber erstaunt hat mich Deine Anmeldung, recht sehr erstaunt, ich glaubte Dich schon längst und ganz bestimmt im Theater!« »Theater? Heute ist ja ein Ballet, Tante.« »Nun ja, ›Flick und Flock‹, soviel ich weiß, eine der großartigsten Feerien unserer Bühne. Man wird Dich sicher in der Loge erwarten, Deine Ankunft ist allgemein bekannt!« »Und damit die Leute ihre Neugierde befriedigen können, soll ich mich dahin setzen und zusehen, wie sich ein paar Frauenzimmer die Beine verrenken? Nein, Tante, das ist zu viel verlangt. – Was machst Du denn hier über der Kommode? Richtig, die dritte Schublade offen! Weißt Du noch, früher stand hier rechts in der Ecke die Schachtel mit den Macronen, aus welcher ich je nach Verdienst ausbezahlt bekam, und so oft ich an Dich dachte, fielen mir auch stets die Macronen ein, Ihr wäret immer zwei unzertrennbare Begriffe für mich!« »Ungalanter Mensch Du!« schüttelte die Prinzessin mit mildem Lächeln das Haupt, dann wandte sie sich zu Ruth und zeigte ihr zwei versiegelte Couverts. »Hier liebe Ruth, ich lege das Betreffende einstweilen in diese Alabasterschale, denken Sie daran, wenn Sie nachher Abschied nehmen und erinnern Sie mich bitte. Jetzt fehlt mir nur noch eine Kleinigkeit, drüben in meinem Toilettenzimmer in der Schmuckschatulle muß es liegen, ich hole es aber sofort, damit kein Irrtum entsteht, – bitte, lieber Leo, zieh 'mal dort an der Klingelschnur!« Nach wenigen Minuten öffnete sich die Thür, und eine alte Frau im schwarzen Seidenkleid, mit weißem Spitzenhäubchen und unzähligen Falten und Fältchen in dem blassen Gesicht, erschien knixend auf der Schwelle. »Ah, Frau Rössel! Weiß Gott, die Mutter Rösseln!« rief Leopold mit ausgebreiteten Armen, »na, nun fehlt ja gar nichts mehr hier in dem lieben, alten Bau, nun ist die Frau Rösseln auch noch da! He, wie gehts denn? Wohl und munter? Sie sehen ja aus wie ein Backfisch, lieblich und jung wie ein Röschen –« »O Hoheit, gnädigster Prinz!« und die alte Frau neigte sich schnell auf die dargereichte Hand des jungen Mannes, um sie innig zu küssen. »Gott sei Lob und Dank, daß Hoheit wieder gesund und munter bei uns sind!« Fast erschrocken zog Leopold die Hand zurück, und ehe er noch seinem Herzen in ein paar kernigen Worten Luft machen konnte, stand Josephine neben ihm und berührte leicht seinen Arm. »Jetzt keine Begrüßung, mein lieber Junge, dazu ist keine Zeit, nachher, nachher! Führen Sie mich hinüber in mein Ankleidezimmer, liebe Rössel, so – stützen Sie mich fest, jetzt ist's gut! Ich komme gleich zurück und dann trinken wir endlich unseren Thee, Kinder!« Frau Rössel schob ihren Arm sanft unter denjenigen der alten Dame und leitete sie behutsam über die Schwelle. Leopold warf sich in einen Sessel und rieb noch immer seine Hand, Ruth hatte ihm gegenüber Platz genommen. »Glauben Sie denn wohl, Fräulein von Altingen, daß es das erste Mal ist, daß man mir die Hand geküßt hat!« fragte er, bedenklich mit dem Kopf nickend, »nun werden Sie mich guten Kerl auch noch arrogant machen!« »Das ist ja gar nicht möglich, Hoheit«, scherzte Ruth, »und sehr nützlich, wenn man bei Zeiten an Devotionen gewöhnt wird.« »Ja, ja!« seufzte der Prinz plötzlich mit einem Schatten tiefen Ernstes auf der Stirn, dann richtete er sich lebhaft auf. »Wo steckt denn eigentlich Sangoulème? sprach er nicht eben hier im Nebenzimmer?« »Ganz recht, Hoheit, er hilft Fräulein von Nievendloh Thee aufgießen!« Ruth wandte das Köpfchen halb zur Seite, ihre Stimme klang wie bittere Ironie. »Der Nievendloh?« Leopolds Stirn runzelte sich. »Das hätte ich ihm am wenigsten gewünscht.« Und er trommelte ein ungestümes Tempo auf der Tischplatte. »Sangoulème hat noch wenig mit Damen aus der Gesellschaft verkehrt, er wird sich Sand in die Augen streuen lassen und Messing für Gold halten; ah, bah! er ist ja kein Kind mehr.« Und langsam mit der Hand über die Stirn streichend, ruhte sein Blick unverwandt auf dem rosigen Gesichtchen der Erlkönigin. »Welch schöne Rose tragen Sie im Haar, Fräulein von Altingen, Sie werden sie aber gleich verlieren!« »Nicht wahr, sie ist herrlich?« und Ruth hob die Hand, um die Blüte fester zu stecken, »ich bin auch sehr stolz darauf!« Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann erhob er sich schnell und stieß den Sessel zurück. »Fräulein Ruth«, bat er stockend, »schenken Sie mir diese Rose!« Erschrocken blickte sie auf, tiefes Erbleichen flog über das liebliche Gesicht. »Hoheit – ich habe sie soeben selbst erst zum Geschenk erhalten!« »Von wem?« fragte er fast ungestüm. Ruth zögerte momentan. »Ihre Durchlauchtigste Tante hat sie mir in das Haar gesteckt und – nein, ganz gewiß, Hoheit, ich kann die Blume nicht fortgeben!« »Tante Josephine?« Seine finsteren Züge hellten sich auf und lächelten wieder. »Die will ich schon wieder versöhnen und veranlassen, Ihnen Ersatz für dieses Präsent zu schaffen, diese Rose aber muß mein sein. Es ist die erste Bitte, welche ich Ihnen ausspreche, Fräulein von Altingen«, fuhr er leiser fort, »können Sie mir dieselbe wirklich abschlagen?« »Hoheit!« rief Ruth leidenschaftlich, »Alles, was ich zu verschenken habe, mögen Sie fordern, aber nur diese eine nicht, nicht die Rose!« Sie trat hastig einen Schritt zurück und schüttelte das blonde Köpfchen; von der jähen Bewegung glitt die schwere Blüte aus den Haarwellen und fiel, sich leicht entblätternd, auf den Teppich nieder. »Sehen Sie, die Rose will gar nicht länger bei Ihnen bleiben!« rief Leopold, sich eifrig niederbückend und sie fest in den Händen haltend, »nur ein kleiner Zweig ist Ihnen treu geblieben, der, welcher die schärfsten Dornen trägt! Lassen Sie mir nur getrost meine Hälfte, wir haben redlich geteilt, hier, die zarte Blume gehört mir zu und Ihnen bleibt deren ritterlicher Beschützer!« »Der Dorn«, fragte Ruth tonlos. Ihre erhobene Hand war bei den Worten des Prinzen herabgesunken und preßte sich fast unbewußt auf das kleine, zuckende Herz, in welches das Leben zum ersten Mal den Stachel tiefsten Wehes senkte. Nebenan scherzte Sangoulème mit lachendem Munde, und hatte mit dem erloschenen Irrlicht den Traum seiner Liebe zu Grabe gelegt. Was willst Du noch Rosen im Haar tragen, Erlkönigin, welche seine Hand nicht für Dich gepflückt hat? »Und nun machen Sie wieder ein freundliches Gesicht, Fräulein von Altingen!« rief Leopold übermütig und befestigte die duftende Blume in seinem Knopfloch, »glauben Sie mir, Tante Josephine würde Ihnen vielleicht über Alles zürnen, nur nicht darüber, daß Sie ihrem Pflegesohn eine Freude bereitet haben!« »Dieses Bewußtsein dient mir zum Trost, Hoheit«, entgegnete Ruth mit gesenkten Augen, »und ich wünsche von Herzen, daß die Freude nicht ebenso schnell welkt wie ihr Symbol!« Sie lächelte, aber dies Lächeln that ihr weh. Da teilten sich die Thürvorhänge und Alice steckte ihr Lockenköpfchen in das Zimmer. »Ah, Hoheit! Tausendmal willkommen in der Heimat!« und sie legte die kleine Hand graziös auf das Herz und verneigte sich voll schelmischer Devotion bis zur Erde, »ich bin vielleicht die Letzte, welche ihren Glückwunsch zu Füßen legt, aber ich schmücke ihn mit der Devise: Last not least!« »Meinen allerverbindlichsten Dank, gnädiges Fräulein von Nievendloh«, persiflierte sie der Prinz in heiterster Laune, »auch welke Guirlanden erfüllen ihre Pflicht, ein Gruß zu sein! – Bon soir , Sangoulème, der Thee ist doch nicht zu süß geworden?« »Trockene Blumen sind um so leichter zu entbehren, wenn man Auswahl in frischen hat!« kokettierte Alice, mit bedeutsamem Blick auf die Rose an Leopolds Brust, »und keine Knospe entzückt mehr als solche, welche man dem Frühling kühn aus den Händen stiehlt!« »Das würde im November etwas schwer halten, mein gnädiges Fräulein«, zuckte der junge Fürst mit leichter Ironie die Achseln, »und außerdem hoffe ich nicht, daß Sie mir eine solch bedenkliche Fingerfertigkeit zutrauen. Man kann ja auch Rosen geschenkt bekommen, Fräulein Alice, wissen Sie das nicht aus Erfahrung?« Starr wie ein Bild aus Stein stand Norbert, sein Auge suchte Ruth, groß und fest haftete sein Blick auf ihrem geneigten Antlitz, unheimlich fast in dieser Unbeweglichkeit. »Geschenkt?« wiederholte die Hofdame mit leisem Auflachen, »nun, dann gratuliere ich noch einmal, Hoheit!« Und mit fast vertraulichem Tone sich zu ihm hinüberbeugend, fuhr sie leiser fort: »aber solche zarte Gaben gehören doch der Sicherheit halber ins Portefeuille; wie leicht kann solch kostbares Blättchen verloren gehen, oder indiskrete Zungen nach dem Fenster fragen, hinter welchem es aufgeblüht ist!« »So? – Halten Sie das vielleicht so, meine Gnädige?« fragte Leopold mit leisem Zucken der geneigten Mundwinkel, »besten Dank für den freundlichen Wink, ich bin leider Gottes noch sehr unerfahren in solch galanten Finessen, werde mich aber bemühen, Ihr aufmerksamer Schüler zu werden! Und nun wollen wir Tante Josephine am Theetisch erwarten, meine Herrschaften, ich bitte, uns zu folgen!« Er wandte sich nach Ruth um, doch zu weit von ihr entfernt, um ihr, ohne gegen Alice beleidigend zu sein, den Arm bieten zu können, offerierte er denselben Fräulein von Nievendloh und schritt mit ihr durch die geöffnete Thür in das Nebenzimmer. Einen Augenblick standen sich Ruth und Norbert gegenüber. Unverwandt hing das Auge des jungen Seemanns an ihren Zügen, es war ein unaussprechlicher Blick, welcher hinab in ihre Seele zu tauchen schien. Langsam hob er den Arm und schlug die Portiere vor ihr zurück, mit keiner Wimper zuckte sein Angesicht, keinen Schritt trat er ihr entgegen, um ihr den Arm zu bieten. Hoch, stumm und stolz verharrte er auf seinem Platz, und wie Ruth an ihm vorüberschritt, und die Schwelle zwischen ihnen lag, da war's als wüchse auch zwischen zwei jungen Herzen eine Scheidewand empor, trennend für Zeit und Ewigkeit. – Das Wohnzimmer des Prinzen Leopold bildete das Eck der beiden linken Seitenflügel des Schloßquadrates. Es schloß sich nach der südlichen Richtung an das Schlafgemach und die jetzt ebenfalls von ihm benutzten Appartements seines ehemaligen Gouverneurs, an der andern Seite jedoch an die lange Flucht der meist unbenutzten Säle an, welche auch die Bibliothek, das Antikenkabinet und einen Teil der nicht unbedeutenden Gemäldegalerie enthielten. Die Fenster gewährten einen freien Ausblick auf einen Teil des Schloßparkes, dessen hochwipfelige Kastanienallee dicht zur Seite an dem uralten, breitflügeligen Gitterthor mündete, welches, nie geöffnet und restauriert, das grünliche Moos versunkener Jahrhunderte in seinen gähnenden Löwenköpfen wuchern ließ; der andere Teil der Fensterfront richtete sich nach dem stets geräuschvollen Marktplatz, dessen Mitte auf ehernem Sockel das Standbild des herzoglichen Ahnherrn und Landesvaters trug. Gegenüber erhob sich die mattglänzende Kuppel des Domes, an welchen sich rechts die lange Säulenfaçade des Museums schloß, links aber Opernhaus und Konservatorium mit weitläufigem Bauwerk den Abschluß bildeten. Das Zimmer des Prinzen war auf dringenden Wunsch Seiner Hoheit völlig unverändert geblieben, und trug bis in die unscheinbarsten Details den Stempel einer kompletten Garçonwohnung. Viel helles Tageslicht strömte durch die hohen Scheiben, mehr umrahmt als verhangen durch derbe langfransige Juttevorhänge von solider Lederfarbe, mit welchen auch das eher bequeme als schöne Sofa und die beiden breitlehnigen Armsessel korrespondierten. Das weitere Ameublement bestand aus hellfarbenem, geschnitzten Eichenholz in den Formen der Renaissance, welche sowohl auf Stühlen wie Schrankaufsätzen das Wappen des herzoglichen Hauses präsentierte. Ein hochgefüllter Bücherschrank, ausgestopfte Vögel und mächtige Hirschgeweihe, Gypsfiguren und alle Arten von Waffen erzählten von den Passionen ihres jungen Besitzers. Ueber dem Sofa hing das gebräunte Oelgemälde seiner Mutter, und in verschiedenen kleineren Rahmen hingen und standen die sonstigen Bilder und Photographieen der herzoglichen Familienmitglieder, vor Allen aber das der Prinzessin Josephine, in genialer Unordnung umher. Der schwere Schraubentisch stand inmitten der Stube auf glattem Parkett, nur vor dem einen Lehnstuhl breitete sich das dickhaarige Fell eines gewaltigen sibirischen Wolfes aus. Prinz Leopold saß rittlings auf der massiven Tischecke und schnitzte mit seinem Taschenmesser an ein paar dünnen Holzstäbchen. ›Du hast Diamanten und Perlen‹, pfiff er dabei leise aber hastig vor sich hin, und seine Hände schafften so eifrig, daß die Spähne flogen. Sangoulème war eben eingetreten. Er lehnte mit gekreuzten Armen neben dem Fürsten und blickte gedankenlos den weißen Splittern nach, welche über das Knie des hohen Arbeiters zum Parkett herniederrieselten. »Was das werden soll, alter Freund?« unterbrach Leopold seine Melodie mit amüsiertem Lächeln, »das ist bald erklärt! Tante Josephine hat in ihrer Stube einen Käfig mit Kanarienvögeln stehen, welchen ein paar gottvergessene Lakaienfinger mit blank polierten Rohrstäben geschmückt haben, eine verfluchte Schinderei für das arme Viehzeug, und ein wahres Wunder, daß sie diesem Jammerthal nicht schon längst Valet gesagt haben!« Der Prinz stemmte die kleine Holzstange gegen die breite Brust und that ein paar tiefe Einschnitte in das äußere Ende. »Ich bin nun heute Morgen unten in den Garten gegangen und habe das halbe Bosquet nach ein paar Hollunderstauden umgewühlt, der Gärtner wird denken, ich hätte Sauhatze in seinen teuren Anlagen gehalten, oder Vogelnestern nachgespürt – seligen Angedenkens. Hier habe ich nun endlich ein paar Knüppel« – wieder flogen die Spähne eifrig zur Erde – »und nachher gehe ich hinüber und beglücke die gequälten Mätze mit der ganzen Humanität und Liebenswürdigkeit eines dereinstigen Herrschers und Landesvaters!« Und der Prinz neigte den Kopf und blies energisch die weißen Fasern von Knie und Aermel, dann griff er voll Seelenruhe nach einem anderen Aestchen und begann es von den kleineren Zweigen zu befreien. Norbert kannte seinen hohen Freund, er lächelte. »Noch vor dem Ball beabsichtigen Hoheit einen Besuch im rechten Schloßflügel zu machen?« fragte er mit schnellem Blick auf seine Uhr, »es wird zeitig dunkel und die befiederten Bewohner der Epheulaube nehmen am Ende keine Visiten mehr an. Es ist halb vier vorbei, dazu bedeckter Himmel und Schnee.« Leopold schaute jäh auf. »Donnerwetter ja, heute ist ja Ball! Das hätte ich doch um ein Haar vergessen, das heißt nein, doch nicht, ich habe ja bereits gestern Abend vorausengagiert! Hahahaha! Sangoulème, wenn das mein Bruder wüßte, daß sein Seebär heute Abend beabsichtigt, das Tanzbein zu schwingen, ja, daß er sogar den ersten Tanz bereits in Numero sicher hat!« Und er sprang auf, legte den Arm um Norberts Nacken und sah ihm lachend in das Gesicht. »Guten Geschmack müßt Ihr mir Alle zugestehen, alter Junge, Ihr holt Euch die blonden und schwarzen Menschentöchterlein von der Seite der chaperonierenden Mutter weg und steuert gottergeben durch die prosaischste Galoppade, ich aber werfe keck meine Netze in den stillen See versunkener Märchenpracht und führe die Erlkönigin zum Tanz!« Eine Wolke lag auf Norberts Stirn, er wandte das Haupt zur Seite und wich Leopolds strahlendem Blick aus. »›Erlkönigin‹ ist ein unheimlicher Klang«, sagte er finster, »es knüpft sich auf ewige Zeiten das Märchen eines sterbenden Knaben daran.« Der Prinz lachte leise auf. »Das Märchen, Sangoulème, ganz recht! Ein nichtiges Phantasiegebild, welches gesunde Nerven nicht schrecken kann, und um das Köpfchen des reizenden Irrgeistes den magischen Zauber der Gefahr webt! Sie waren stets ein träumerischer Bursch, Norbert, welcher vor das heiterste Sonnenlicht die unausbleiblichen Wolken ziehen sah, anstatt den blauen Himmel sorgenlos zu genießen, so lange er Ihnen zulächelte!« Leopold legte beide Hände auf die Schultern des schönen Mannes und blickte ihm forschend in die Augen. »Still und ernst waren Sie, so lange ich mit Ihnen zusammen gewesen bin, Sangoulème, vom ersten Augenblick an bis zu dem letzten; das gerade war es, was mich so unerklärlich zu Ihnen hinzog und das erste Gefühl innigster Freundschaft in meinem Herzen keimen ließ. Seit gestern aber sind Sie verändert, zerstreut, einsilbig, langweilig, die Falte auf Ihrer Stirn sieht aus wie Wettergrollen. Was ist los, alter Junge? Farbe heraus! Sind Sie hungrig oder verliebt? Nur eins von Beiden ist möglich!« Norbert lächelte und faßte die Hand des Sprechers mit herzlichem Druck. »Mein Herz habe ich droben bei den blauen Wellen gelassen, und meine Sehnsucht fliegt mir voraus zu unserem wackeren ›Nelson‹, dessen schaukelnder Boden meine Heimat geworden ist, welche alles Grillenfangen am besten einzuwiegen versteht; – ich habe –« »Thörichte Gedanken!« unterbrach Leopold übermütig, »das ist ja alles, was ich wissen will! In Ihren Augen ist nichts eine Grille als die Liebe – ergo – Sie sind verliebt! Ach papperlapapp, jetzt keine unnützen Worte gemacht, mein guter Junge, die glaubt Ihnen ja doch der Kuckuck! Darum waren der Monsieur auch gestern Abend beim Thee so überaus schweigsam und » vis-à-vis « versunken! Es war wohl recht aufregend, mit Fräulein Alice das Spiritusflämmchen zu bewachen, he? Ja, ja, eine hübsche Person, diese Nievendloh, was hat sie denn für Augen? Schwarz oder braun?« »Entschieden auffallend schöne!« zuckte Norbert mit seltsamem Lächeln die Achseln, »wenn Hoheit sich für die Details interessieren, werde ich mich bemühen, heute Abend eingehende Studien zu machen!« Der Prinz war plötzlich sehr ernst geworden, er wandte sich kurz um und nahm seinen Platz auf der Tischecke wieder ein. »Das werden wir bleiben lassen, Sangoulème«, entgegnete er fast herb, mit energischem Messerschnitt eine Hollunderstange teilend. »Man soll nicht mit Feuer spielen. Ich werde Ihnen einmal etwas ganz aufrichtig und ehrlich sagen, mögen Sie es mir übel nehmen oder nicht. Wenn es hier am Hofe ein Wesen giebt, welches ich mit der ganzen Inbrunst meiner Seele verabscheue, so ist es die Nievendloh. Falsch, intrigant, boshaft wie ein Satan ist das Frauenzimmer, und wenn sie betet, dann lautet es ungefähr so: ›Lieber Gott, beschere mir umgehend einen Mann und laß alle anderen jungen Mädchen alte Jungfern werden. Amen.‹ Nein, Norbert, weiß Gott, lieber möchte ich Sie auf unserem Nelson in das weiße Laken schlagen und Sie den kühlen Wellen gönnen, ehe ich es duldete, daß sich dieser Racker auch nur um Haaresbreite in Ihrem Herzen einnistet!« Leopold hielt einen Augenblick inne und sah in das amüsierte Gesicht des jungen Seemannes empor, dann lachte er plötzlich hell auf. »Wissen Sie, Norbert, da fällt mir eine Geschichte von meinem Großonkel ein, welche ich sofort im Stande wäre, an der Dame Alice aufleben zu lassen. Soll ich Sie Ihnen einmal erzählen?« »Hoheit haben nie ein andächtigeres Publikum gehabt!« Und Sangoulème schritt zum Sofa, warf sich in seine weichen Polster, und stützte den Kopf in die Hand. »Mein Großonkel, Herzog A., war ein überaus heiterer und humorvoller Mann«, begann Leopold, eifrig an der weißen Holzstange schabend, »welcher durch ein paar mißglückte Intrigen einen tiefen Haß auf deren Anstifterin, die Hofdame, Gräfin H., bekommen hatte. Da war es dann eine ganz ähnliche Affaire, wie momentan zwischen Ihnen und Fräulein Alice. Die Gräfin stellte einem jungen Offizier nach, welchem mein Großonkel in warmer Freundschaft zugethan war, und es darum für seine Pflicht hielt, die allgemein vorausgesetzte Verlobung der beiden jungen Leute zu verhindern. Es war ein Ball im Schloß, gerade so wie heute Abend. Die Gräfin beabsichtigte, die Sache bei dieser Gelegenheit zu Ende zu bringen, da ihr unglückliches Opfer wenige Tage darauf eine längere Reise anzutreten beabsichtigte, ganz so wie Sie, cher baron . Da galt es also, die Gräfin fernzuhalten. Mein Großonkel war ebenso geistreich wie unerbittlich, und der Ansicht, daß der Zweck die Mittel heiligt, sein Plan war überaus originell und zweckmäßig. Zu jener Zeit bediente man sich noch der Tragsessel, und auch die Gräfin ließ sich mit Hilfe eines solchen Möbels zum Palais befördern. In großer, raffiniert kostbarer Toilette besteigt sie die Sänfte, und die beiden Träger setzen sich in Bewegung. Plötzlich kracht es, der Boden des Gefährts bricht durch, und mit einem Schrei des Schreckens steht die Gräfin mit ihren weißen Atlasschuhen auf der damals noch ungepflasterten, durch das Thauwetter fürchterlich zugerichteten Straße. Wie auf ein Signal setzen sich die Träger in Trab, und mit verzweiflungsvollem Geschrei muß die Gräfin durch Dick und Dünn mitlaufen, ohne Gnade, ohne Aufenthalt, bis zu dem Schloßportal. Hinter ihr her schleifte die kostbare Brokatschleppe, bis über die Knöchel versank sie in dem schwarzen Kot, und dabei keine Möglichkeit, diesem dahinstürmenden Gefängnis zu entrinnen. Mein Großonkel hatte gewonnen, der durchgesägte Boden der Sänfte hat viel Unglück verhütet, wie es sich durch eine spätere Ehe der schönen Frau bewies, aber bei Gott, so grausam dieser unfreiwillige Dauerlauf der einstigen Hofdame gewesen sein mag, der Nievendloh sägte ich auch mit eigenen Händen die Droschke entzwei!« Leopold stand auf und schüttelte die Holzspähne von sich ab, er lachte noch immer vor sich hin, und Norbert stimmte ihm heiter bei. »Und nun, Sangoulème, die Moral der Geschichte werden Sie begriffen haben. Hand darauf, daß Sie keinen dummen Streich machen wollen heute Abend, wenn das Frauenzimmer auch noch so berückend aussieht, denn das kann sie noch immer!« Leopold reichte ihm die Hand entgegen, mit schnellem, lächelndem Aufblick schlug Norbert ein. »Unbesorgt, Hoheit«, sagte er, und es klang plötzlich wie leise Bitterkeit durch seine sonore Stimme, »Fräulein von Nievendloh wird mir ebenso ungefährlich sein, wie alle anderen Schönheiten, welche heute Abend und je im Leben meinen Weg kreuzen! Menschenherzen gleichen den jungen Frühlingsblüten, tausende entfalten sich im Glanz der heiteren Sonne, tausende bricht der herbe Frost noch in der Knospe. Mein Leben kennt keinen Sonnenschein, Wetter und Sturm war das Wiegenlied meiner Jugend.« Der Prinz blickte ernst zu Boden, eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn. »Der Sturm soll austoben, und was er mitbringt, soll der Lenz des Glücks sein. Ihr Leben kann ich wohl freundlich gestalten, Sangoulème, über Ihr Herz jedoch bestimmt keine irdische Macht, es sei denn die eines edlen Weibes. Und nun will ich noch einen Augenblick zu Tante Josephine hinübergehen. Begleiten Sie mich, oder haben Sie über Ihre Zeit bestimmt, dem Anscheine nach wollen Sie ausgehen?« »Ich beabsichtige noch einen Gang in den Park zu thun«, bestätigte Norbert, nach der Mütze greifend, »das Schneegestöber ist verlockend, wenngleich es bei der warmen Luft die Wege grundlos gemacht haben wird. Voyons, ich werde dem Pfadfinder in das Handwerk pfuschen!« »Manch bunte Blume blüht an dem Strand.« Soeben waren die hohen Herrschaften in den Saal getreten. Hunderte von blendenden Flammen erleuchteten die festlichen Räume, in welchen bereits seit einer halben Stunde das farbenprächtigste, eleganteste Leben flutete, hin- und herwogend in stets wechselnden Bildern, zusammengewürfelt aus der Crème der Gesellschaft. Stimmen schwirrten zu betäubendem Chaos in einander, zeitweise übertönt von der, hinter üppigen Pflanzenpyramiden versteckten Kapelle, deren wiegende Musikklänge die kleinen Füßchen drunten zu beflügeln schienen; dazwischen schob und drängte sich die schaulustige Menge der älteren Gäste, blitzende Uniformen und sterngeschmückte Fracks, Atlas und Diamanten, ein buntes, lebensprühendes Mosaik! Ruth von Altingen war am Arm des Prinzen Leopold zur Polonaise geschritten, ein schönes Paar, auf welchem die meisten Augen weilten; mit strahlendem Blick und hocherhobenem Haupte tanzte der junge Fürst, und wie die weiße Taube, schlank und silberschimmernd, schmiegte sich Erlkönigin in seinen Arm. Gräfin Lersneck hob die Lorgnette und lächelte der reizenden Schutzbefohlenen wohlgefällig zu, ihr fettes Gesicht glänzte vor Zufriedenheit, und die gigantischen Türkisen schaukelten sich auf dem tief dekolletierten Halse. Sangoulème hatte sich abseits auf einen der gelben Damastdivans niedergesetzt und blickte interessiert auf das üppige Bild hernieder. ›Menschen, welche aus der Urne des Schicksals die höchsten Loose gezogen haben‹, klang es vor seinen Ohren, und der stille Schloßpark von Altingen stieg vor ihm auf, mit all seiner Wonne, seinem Herzeleid und seiner Sehnsucht, und dann dachte er an den Prinzen, welcher die Liebe gesucht hatte, und unwillkürlich schweifte sein Blick hinüber zu Ruths lieblichem Köpfchen, sie begegnete aber niemals solch einem Blick, sie war zu sehr in Anspruch genommen, die jungen Herren belagerten ihre Tanzkarte. Da legte sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter. »Sie tanzen nicht, Sangoulème?« fragte Prinz Leopold in heiterster Laune, sich schnell neben ihn niederlassend, »sind Sie blasiert oder faul, oder fürchten Sie einem jungen Strategen ins Gehege zu kommen? Los dafür! heute Abend wird nicht gefeiert!« »Meine Tanzkarte weist bereits drei Namen auf, Hoheit, schon der nächste Walzer wird meine Tanzlust beweisen.« »Alle Wetter! und wer ist die Auserwählte?« »Comtesse Sternow.« Leopold lachte leise auf. »Und dann kommt wohl Fräulein von Sanden an die Reihe? Sie sind ein gewissenhafter Mensch, lieber Freund, Sie tanzen nach dem Alter ab, mit Todesverachtung, wie?« »Es ist mir gleichgiltig, bei welchen Damen ich meiner Pflicht genüge«, lächelte Norbert. »Nun, und Alice?« »Fräulein von Nievendloh hat mir den zweiten Tanz geschenkt.« »Natürlich, bien à-propos , der Herzenstanz!« Der Prinz wandte den Kopf und folgte der reizenden Gestalt der Hofdame mit den Augen, dann fuhr er hastig fort: »Haben Sie Fräulein von Altingen schon engagiert? Ich hoffe, Sie sind bei der nächsten Quadrille mein Vis-à-vis . Ich tanze mit der Herzogin, es läßt sich sehr gut arrangieren, daß wir stets ein Quarré für uns bilden. Dort steht die Erlkönigin, wie eine Schneeflocke taucht sie aus all dem plumpen Farbengewühl moderner Geschmacklosigkeit, ein einfaches, reizendes Rätsel inmitten einer falschen, reizlosen Maskerade ohne Hintergrund. – Also Sie werden die Quadrille mit ihr tanzen –?« »Nein, Hoheit«, entgegnete Norbert voll kühler Bestimmtheit, »ich habe Fräulein von Altingen noch nicht engagiert, und glaube, daß sie jetzt sicherlich keinen einzigen Tanz mehr frei hat.« »Heiliger Bonifacius, jetzt hört denn doch die Weltgeschichte auf!« – alterierte sich der junge Fürst, die Hände zusammenschlagend; »tanzt mit der Sanden und Sternow, und wartet, bis die Erlkönigin die Tanzkarte besetzt hat – Unser Geschmack ist zwar immer grundverschieden gewesen, aber heute bezweifle ich, ob Sie überhaupt welchen haben, alter Freund! – Sofort begleiten Sie mich zu ihr hin, und versuchen es wenigstens mit einer Anfrage«, – – und der Prinz sprang aufgeregt empor und schob seinen Arm in den des jungen Marineoffiziers. »Hoheit« – sagte Norbert, ihn ernst zurückhaltend: »ich hole mir nicht gern einen Korb!« »Diesmal haben Sie ihn verdient, von Gottes und Rechtswegen verdient!« – lachte Leopold zerstreut, »folgen Sie mir!« – Ruth stand in lebhafter Unterhaltung mit einem jungen Referendar, als beide Herren zu ihr hintraten. In weichen, silbergewirkten Falten floß der zarte Duft ihres Kleides um die zierliche Figur, verlaufend in langer Schleppe, welche gleich glitzerndem Wasserstreif über das dunkle Parquet rieselte. Ein schmaler Goldreif lag in dem leicht gewellten Haar, gipfelnd im köstlichen Brillantstern, dessen leuchtende Strahlengarben schon die Stirn der Mutter gekrönt hatten, und welchen Ruth heute zum ersten Male angelegt hatte, um die schlichte Eleganz ihrer Toilette auch nicht durch den geringsten Farbenton zu stören. – Fast erschrocken blickte die junge Baronesse empor, als der Prinz in liebenswürdigem Scherz um einen Tanz für den saumseligen Sünder Sangoulème bat. Dunkle Glut stieg in ihre Wangen und fast zögernd wies sie auf die Tanzkarte hernieder. »Ich bedaure unendlich, Hoheit, meine sämtlichen Tänze sind vergeben.« – Norbert verneigte sich stumm und trat zur Seite, er wollte ein paar höfliche Worte sagen, aber die Kehle schien ihm wie zugeschnürt und vor seinen Augen flirrte eine welke Rose, welche er heute auf dem Schreibtisch des Prinzen gesehen hatte. So überließ er es abermals dem fürstlichen Freund, statt seiner die junge Dame mit Vorwürfen zu überhäufen. »Nehmen Sie mir's nicht übel, mein gnädiges Fräulein, meinem besten Freunde hätten Sie auf alle Fälle einen Tanz reservieren müssen!« schloß Leopold, und Ruth blickte mit seltsamem Blick zu ihm empor. »Das würde riskiert gewesen sein, Hoheit«, entgegnete sie laut, »und leicht möglich, daß dieser Tanz gar nicht gefordert wäre!« – Herr von Meisenheim lavierte sich auf den Fußspitzen durch all die Schleppen, und begrüßte in möglichst umständlicher Weise den jungen Seemann, ihn bald so völlig in Beschlag nehmend, daß Norbert das weitere Gespräch der kleinen Gruppe entging. Fräulein von Nievendloh hatte heute ihren beaujour . Sie lehnte sich auf den Stuhl zurück, hob den leicht entfalteten Fächer neckisch bis unter die Augen und sah Herrn de Sangoulème mit dunkelsprühendem Blick an. Mattgrüne Seidenwogen schmiegten sich eng um die vollendet schöne Figur, überladen fast mit Spitzen und Atlasschleifen, und gehoben von zartweißen Rosenkelchen, welche sich auch taublitzend durch die schwarzen Locken schlangen. Es lag ein Zug schmachtender Sentimentalität in dem ganzen Anzug, harmonierend mit den schmalen Lippen, welche sich oft leicht geöffnet, und gleichsam Luft heischend auf die blendenden Zähnchen legten. »Glauben Sie mir, cher baron «, fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort, sich etwas näher zu Norbert neigend, um die leichte Tanzmelodie zu übertönen, »es herrscht hier eine wahrhaft beängstigende Beschränktheit, was die Vorurteile anbetrifft. Wie ich Ihnen schon sagte, es braucht jemand Fremdes drei Tage hier zu sein, so weiß bereits die halbe Residenz seine Verhältnisse bis in die penibelsten Details, und wenn die Chronique scandaleuse ein Häkchen findet, es mag so klein sein wie es will, so rümpft die gesamte Aristokratie die Nase, und zieht einen dicken Strich durch den Namen ihres unglückseligen Opfers!« – »Entsetzlich!« – lächelte Norbert zerstreut. »Hoffentlich giebt es derer nicht viele!« – »Es ist nie Mangel daran, – auch jetzt nicht!« – Alice sprach mit scharfer Betonung und zog die schöne Stirn in Falten. Es ärgerte sie, daß ihr Tänzer so perpetuierlich nach der Richtung hinschaute, in welcher Fräulein von Altingen in eifrigem Gespräch mit Lieutenant von Otthardt saß. – »Auch jetzt nicht?« – zum ersten Male traf Sangoulème's Blick voll das Auge der Hofdame, »wen hat man denn momentan unter der Hechel, mein gnädiges Fräulein, wenn es nicht indiskret ist zu fragen!« – Alice richtete sich empor. – »Sie!« klang es kurz von ihren Lippen. »Mich?« Norbert lachte gezwungen auf. »Zu viel Ehre, daß sich die Herrschaften mit meiner unbedeutenden Person beschäftigen. Und was für Ungeheuerlichkeiten knüpft man denn an den Namen Sangoulème?« Fräulein von Nievendloh entfaltete zögernd den glitzernden Ballfächer. »O Sie würden mir zürnen, wenn ich das sagen wollte«, sagte sie, langsam die Elfenbeinstäbe auf- und niederbewegend, »es ist ein undankbares Geschäft, jemandem die Gesinnungen seines Nächsten kund zu thun, nicht wahr, Sie würden dann Ihren ganzen Groll auf mich übertragen, oh und das ertrüge ich nicht!« Ein vielsagender Blick flammte hinter dem Fächer zu ihm auf. »Unbesorgt, meine Gnädige, im Gegenteil, von solch schönen Lippen klingt selbst das Furchtbarste mild und freundlicher, ich habe gute Nerven und bin auf Alles vorbereitet!« Er lächelte, aber wiederum schweifte sein Blick hinüber zu der weißen Mädchengestalt, welche im vollen Glanz des Kronleuchters leichtfüßig vorüberschwebte. »Nun also: erstens versucht man es, Ihrer Familiengeschichte zum Vorwurf zu machen, daß Ihre Frau Mutter Gouvernante war«, begann Alice mit gesenktem Haupt, dann aber jäh emporschauend, um fast hastig fortzufahren, »eine geradezu ridikule Ansicht, eine Beschränktheit des Geistes, welche mich empörte. O, ich habe Fräulein von Altingen auch ziemlich unverhohlen meine Ansicht darüber gesagt, ich habe mich namenlos gefreut, eine Gelegenheit zu finden, Ihnen mit Anwendung all der mir zu Gebote stehenden Redekraft die Stange zu halten. Ob Ihre Frau Mutter eine Gouvernante oder eine Herzogin war, finde ich ganz einerlei. Ihr Herr Vater hat sie geliebt und sie durch diese Liebe zu sich emporgehoben in die Sphäre der heiligsten, lautersten Romantik und Poesie, glücklich das Weib, welches das Herz eines Sangoulème so ganz und gar eingenommen hat!« Norbert sah nicht den Ausdruck schmachtendster Hingebung in dem Gesicht der Hofdame, mit glanzlosem Auge, wie geistesabwesend, starrte er empor in die zitternden Gasflammen der Kronleuchter, sie flirrten wild vor seinen Blicken, mengten sich wie hohnlachende kleine Irrlichterfratzen und verschwammen in einem fahlen Nebelmeer, welches ihm die pochende Glut seiner Schläfe vor die Augen trieb. »Fräulein von Altingen verdankt die Residenz diese interessante Kenntnis?« fragte er so leise und zwischen den Zähnen, daß Alice die Worte kaum durch die wirren Musikklänge verstehen konnte. »Natürlich, die Erlkönigin trägt die Natur aller Despoten in sich, sie versucht in den Staub zu ziehen, was neben ihr emporwachsen will.« Eine häßliche Falte spielte um die Mundwinkel der jungen Dame, ebenso häßlich wie der schnelle Seitenblick, welcher hinüber zu der Genannten flog. »Nur Herr von Otthardt scheint eine Ausnahme zu machen und Gnade vor ihren Augen gefunden zu haben. Sehen Sie doch die Vertraulichkeit in der Unterhaltung, es fehlt weiter nichts, als daß der schöne Ulan seine Bewunderung in feurigen Küssen auf ihre Hand schreibt! Warum auch nicht! soviel ich weiß, schwärmt ja Fräulein Ruth für Seefahrten, da könnte sie ja mit dem unwiderstehlichen Cavalier ihre Hochzeitsreise nach Amerika machen!« Und Alice warf sich aufgeregt zurück und lachte sarkastisch auf, ein Lachen, welches dem jungen Marineoffizier wie ein Dolch durch die Seele schnitt. »Die arme Ruth!« fuhr sie plötzlich wie umgewandelt fort und zupfte spielend an den weißen Rosen ihres Kleides, »sie wird niemals glücklich sein und niemals beglücken, sie ist kalt wie Eis, eine Seele hat sie nicht! All die heiße selbstlose Hingabe und Innigkeit eines Weibes, die glühende Leidenschaft, welche die Liebe so stark und adelig macht, daß ihr Namen und Stammbaum des erwählten Mannes nichtige Dinge sind, die wird Ruth niemals kennen, sie würde den Gedanken an die Gouvernante niemals überwinden, und ihr Glück lieber daran scheitern lassen, ehe sie den Stolz zum Sklaven ihres Herzens machte! Was ist Ihnen, Herr de Sangoulème, Sie sehen so entsetzlich böse aus! Oh sehen Sie, Sie zürnen mir doch, ich habe Sie gekränkt durch meine Aufrichtigkeit, und ich wollte Ihnen ja doch nur sagen, wie ganz ich auf Ihrer Seite stehe!« Fräulein von Nievendloh neigte sich vor und blickte mit fieberisch glänzenden Augen zu Norbert auf. Die ganze flammende Leidenschaft ihres Charakters lag in ihren Zügen, auf dem schönen, unheimlichen Gesicht. »Wer könnte Ihnen zürnen, mein gnädiges Fräulein!« erwiderte Norbert mit schnellem Lächeln, heiße Glut brannte auf seinen Wangen und jagte seinen Atem. »Ich schätze Ihre Aufrichtigkeit und danke Ihnen dafür. Mag die Residenz immerhin über meine brave, edle Mutter die Achseln zucken, die ganze Welt ist nicht wert, daß ich sie darum hasse, und von Ihnen nehme ich ja beim Abschied die Gewißheit mit, daß Sie diese engherzigen Ansichten nicht teilen!« Er stand hastig auf und verneigte sich. »Der Tanz wird gleich zu Ende sein, darf ich noch einmal um die Ehre bitten?« Alice erhob sich und legte ihren weißen Arm auf den seinen. »Zürnen Sie der Residenz nicht so sehr, daß Sie ihre Nähe in Zukunft meiden«, flüsterte sie zu ihm empor, »es schlagen Ihnen auch treue Herzen hier, welche zuversichtlich auf ein Wiedersehen hoffen!« Sie senkte den dunklen Lockenkopf, die weißen Rosen zitterten an seiner Brust und süßer Duft stieg betäubend aus den wogenden Spitzen empor. »Ja auf Wiedersehen«, sagte er wie im Traum, und flog auf den weichen Walzerklängen in die bunte Flut des Tanzes hinein. Norbert hatte sich von Alice verabschiedet, er stand inmitten der staunenden Menge und versuchte vergeblich einen Ausweg zu finden. Vor ihm, dicht an die weiße Säule gelehnt, standen zwei Infanterieoffiziere. »Lächerlich, Babendorf!« sagte der Eine, eine auffallend hagere Erscheinung mit krausem Haupthaar und einem Anflug von Bart auf der breiten Oberlippe, »warum sollen wir denn nicht bei den Leuten Besuch machen? Der Alte war ja allerdings ein Pferdehändler, getaufter Jude, hat eben klein angefangen; aber jetzt ist er ein gemachter Kerl, steinreicher Knopp, giebt famose Diners, und seine Töchter sind als Zugabe auch nicht zu verachten.« »Jude! Jude!« näselte Herr von Babendorf mit vergeblichem Versuch, seine kleine Figur emporzurecken, »es ist dem Menschen ja nur darum zu thun, die roten Kragen als nobele Dekoration für seine Salons zu gewinnen, und ich bin der Ansicht, daß wir uns geradezu wegwerfen!« Lieutenant von Frisch zerrte ostensibel an seinen paar Schnurrbarthaaren. »Ich will Ihnen mal etwas sagen, cher ami ,« lächelte er von oben herab, »der junge Offizier muß Besuch machen, wo ein Schornstein dampft, hier oder dort! Was ist schließlich der alte Oberst a. D. von Rodeck besser als ein Hühnerhändler? Er verkaufte seine Eier und Hähne ebenso unverschämt teuer, wie jeder erste, beste Handelsjude, und trotzdem gehen wir sämtlich hin und lassen es uns wohlschmecken in seinem Hause!« – Sangoulème drängte sich mit verzweifelter Anstrengung vorwärts. Ein Gefühl namenloser Bitterkeit und Unlust bemächtigte sich seiner, die Residenz und ihre Bewohner begannen ihm widerwärtig zu werden. Abermals war seine Bahn gehemmt, vor ihm saß die ganze Reihe der chaperonnierenden Ballmütter. »Auffallend! Entsetzlich extravagante Toilette!« zischelte die korpulente Exzellenz ihrer gräflichen Nachbarin zu, »sie will eben absolut etwas herausbeißen! Alles soll neu, Alles soll apart an ihr scheinen, natürlich, dadurch fesselt man die Herren am besten!« »Sie kann sich schließlich alles erlauben, beste Generalin!« sekundierte die andere eifrig, »sie hat ja ihre Dukatensäckel im Hintergrund, da drückt alle Welt die Augen zu! Eine von unseren Töchtern sollte sich einmal so frei benehmen, sich so den Hof machen lassen!« »Wie kommt es denn eigentlich, daß Altingen schon bei Lebzeiten des Vaters ihr gehört?« »Sehr einfach, meine Gute! Der Freiherr heiratete die sehr vermögende Gräfin von Saaleck-Hardenburg, die ehemalige Hofdame der Prinzessin Josephine, welche von ihrem Kapital das damals entsetzlich verschuldete Altingen loskaufte, und es somit zu ihrem Eigentum machte. Nach ihrem Tode erbte Ruth selbstverständlich.« Es war; als wolle die schwüle Luft den jungen Seemann ersticken, mit fast unhöflicher Hast bahnte er sich einen Weg durch die Stühle und belorgnettierenden Damen und stürmte wie ein Fiebernder durch die zwei anstoßenden Räumlichkeiten in den Wintergarten hinaus. Eine feuchtwarme, tropische Luft wehte ihm entgegen, mächtige Palmengruppen erhoben ihre stolzen Kronen bis fast zu der gewölbten Glasdecke des Gewächshauses, umwuchert von mannigfaltigsten Farnen, Draceen und Aralias, unter deren üppigem Grün sich kleine Grotten und Moosbänke traulich versteckten. Norbert schritt über den weichen Sand und teilte die Zweige eines dichten Lorbeer- und Oleandergebüsches. Wie ein Totmüder warf er sich auf den niederen Ruhesitz, stützte den Kopf in die Hand und starrte vor sich nieder auf die kleinen Schlingpflanzen, welche mit saftfrischen Ranken an dem künstlichen Felsgestein emporkletterten. »Also bis zur Verleumdung ließ sich Erlkönigin von ihrem Haß und Hochmut hinreißen!« lachte er fast bitter auf; »so tief hat bereits das Gift der Residenz ihr reines stolzes Mädchenherz durchdrungen, und aus dem süßen Engelskopf der Unschuld ein Zerrbild elendester Heuchelei und Falschheit gemacht! Ihr sonnigen, goldenen Tage jenes ersten Wiedersehens, o wäret ihr mir niemals begegnet, oder hättet ihr mich mit euch versinken lassen, ehe ihr das holde Bild meines Jugendtraumes so grausam zerschmettert!« Die weißen Orangenblüten umwehten ihn mit betäubendem Atem, wie ein Nebelschleier legte es sich über die Augen des jungen Mannes, regungslos verharrte er in seiner Stellung, und die wiegenden Musikklänge schallten wie gedämpftes Echo aus dem Tanzsaal zu ihm herüber. Da klangen leise, hastige Schritte hinter dem Kamelienbosquet, begleitet von dem Rieseln seidener Frauenschleppe. »Und was haben Sie mir nun so Geheimnisvolles zu sagen, Baronesse?« fragte eine sonore Männerstimme in fast vertraulichem Flüsterton, »Sie verlangten, daß ich Sie hierher in den entlegenen Wintergarten führen sollte, und ich gehorchte diesem beglückenden Befehl mit dem stürmischen Wunsche daß Sie mir viel, sehr viel anvertrauen möchten!« Norbert hob das Haupt, durch die grünen Zweige sah er eine weiße Mädchengestalt stehen, das war Ruth und vor ihr in blitzender Ulanenuniform – »Das werde ich allerdings, Herr von Otthardt«, entgegnete Erlkönigin ruhig, »denn das, was ich Ihnen zu geben habe, entscheidet über Ihr Geschick. Hier, nehmen Sie. Es ist vielleicht indiskret von mir, auf diese Weise in Ihre Verhältnisse einzugreifen, aber unter guten Freunden gehört sich vor allen Dingen Aufrichtigkeit. Ihre Lage ist mir nicht unbekannt, ich weiß, daß noch nicht eingelöste Wechsel Ihnen ein Fortdienen in der Armee unmöglich machen, und ich freue mich darum, dem König und Vaterland einen Offizier zu erhalten, welcher ihm hoffentlich noch gute Dienste thun wird; der Inhalt dieses Couverts reicht voraussichtlich, um eine günstige Wendung in Ihrem Schicksal zu bewerkstelligen.« »Mein gnädiges Fräulein – ich begreife nicht –« klang es stotternd von den Lippen des schönen Mannes. Dann knisterte Papier, ein zerrissenes Couvert flog auf die Erde und mit leisem, überraschtem Aufschrei trat Otthardt einen Schritt zurück. »Allmächtiger Himmel, welch eine Summe!« rief er mit erstickter Stimme, »wie soll ich dies deuten, Baronesse, was bedeutet dieses Geld, wie kommen Sie dazu, es mir –« »Ich sagte Ihnen ja, Herr von Otthardt, zu welchem Zweck es bestimmt ist«, sprach Ruth hastig und schnell, »und nun kommen Sie, bitte, und thun Sie mir den Gefallen, diese Angelegenheit mit keiner Silbe mehr zu erwähnen!« »Verlangen Sie Alles, nur das nicht!« rief er stürmisch, »sagen Sie zu einem Verurteilten: »ich löse den Strick von Deinem Hals und schenke Dir das Leben, aber frage nicht warum?« Und reichen Sie dem Verdurstenden den frischen Becher und fügen Sie hinzu: »frage nicht von wem.« Glauben Sie, Fräulein von Altingen, daß man Ihnen gehorcht? nimmermehr! Sie geben mir hier ein Kapital und verlangen, daß ich nicht um den Namen der gütigen Fee bitte, welche ihr Füllhorn so plötzlich über mich ausschüttet? Nein, Baronesse, ich lasse Sie nicht eher von der Stelle, bis Sie ihn mir genannt haben; heißt er Ruth?« Er faßte ihre Hand und preßte sie fast ungestüm in der seinen. Wie schwarze Schatten schwamm es vor Norberts Augen. »Das Geld ist von mir, allerdings«, entgegnete Erlkönigin kühl, es vergeblich versuchend, ihre Hand loszuringen. »Ihren Dank verlange ich aber nicht. Führen Sie mich in den Tanzsaal zurück, ich will es!« »Und abermals muß ich ungehorsam sein, süße, angebetete Ruth!« rief er leidenschaftlich. »Jetzt sollte ich Sie zurück in Tanz und Gewühl führen, wo ich diese Einsamkeit hier vergöttern möchte, daß sie mir gestattet, ein holdes Rätsel ganz zu lösen? Sie opfern mir ein Vermögen, um mich der Welt und der Armee zu erhalten, und wollen mich glauben machen, Sie verlangten keinen Dank dafür? Ruth, man rettet keinen Mann, wenn man ihn nicht liebt, und wenn mich auch diese urplötzliche Erkenntnis meines Glücks fast zu Boden drückt, wenn mir Ihr ganzes Wesen und Verhalten bis jetzt nie einen Funken dieses Gefühls verraten hat, Ihr jetziges Handeln löst einen jeden Zweifel, ja Ruth, Sie lieben mich!« Er preßte ihre Hände gegen seine Brust und bedeckte sie mit glühenden Küssen. »Herr von Otthardt!« es war ein Schrei der Empörung, mit welchem die junge Dame ihre Hände losriß, und ihm leichenblaß, mit bebenden Lippen gegenüberstand. Den Kopf stolz in den Nacken geworfen, mit zornflammendem Auge maß sie seine hohe Gestalt. »Ich verbitte mir Ihre Kühnheiten, Herr von Otthardt«, klang es eisig zu ihm empor, und Ruth wich abermals einen Schritt von ihm zurück, »und ich bedauere jenes Mißverständnis, welches eine so falsche Voraussetzung in Ihrem Herzen weckte. Ich liebe Sie nicht, heute ebensowenig wie je vorher.« »Nein, Ruth, nein! täuschen Sie sich nicht selbst! aus Mitleid opfert kein Weib ein Vermögen, aus Erbarmen verschleudert es keine Summe wie diese, welche Sie mir soeben in die Hand gelegt, ich verstehe und schätze Ihre Zurückhaltung, aber ich glaube nicht daran, so lange mir diese Scheine hier in den Fingern brennen?« Er sprach voll tiefster Innigkeit, und seine dunklen Augen leuchteten noch beredter als die Worte selbst zu ihr hernieder, stürmisch trat er ihr wieder näher, »Ruth«, fuhr er weich fort, »ich habe nie an die Möglichkeit geglaubt, zärtliche Gefühle in Ihnen wecken zu können, und ich habe es auch nie versucht, aus Angst, daß die verleumderische Welt mein Interesse für Sie falsch auslegen könnte, ich muß offen sein, offen und ehrlich, Ruth, wie es jetzt meine Pflicht ist! Ihr ganzes Wesen und Verhalten zu mir zeigte bis jetzt weiter nichts, als eine große, höfliche Gleichgültigkeit, welche sich als natürlichste Schranke sofort jedem Gedanken an ein fades Courmachen entgegenstellte, nun haben Sie dieselbe aber eigenhändig niedergerissen, und endlich den Schleier fallen lassen, welcher das Geheimnis Ihrer Seele so wunderbar versteckt hat, auch jetzt noch ist mir alles ein großes Rätsel, welches ich nicht fassen würde, hielte ich nicht seine Lösung hier in Händen! Leugnen Sie Ihr Empfinden wie Sie wollen, Ruth, jedes dieser kleinen Blätter hier straft Sie Lügen, und beweist mir mit flammender Liebesschrift das Gegenteil!« Mit krampfhaft verschlungenen Händen stand ihm die Herrin von Altingen gegenüber, und der Kampf, welcher so stürmisch in ihrem Herzen tobte, ließ die erbleichten Lippen zucken. »Herr von Otthardt«, rang es sich endlich schnell athmend von dem kleinen Mund, »es waltet hier ein Irrtum, und wenngleich es auch gegen mein heiliges Versprechen ist, ich muß ihn aufklären zu unser beider Heil! Das Geld ist nicht von mir – ich bin nur beauftragt, es Ihnen zu geben.« Ein tiefer Atemzug hob ihre Brust, und die weißen Arme sanken wie erlöst in die silberschimmernden Kleiderwogen nieder, heißes Rot stieg allmählich wieder in das liebliche Antlitz, und die Falte glättete sich auf der stolzen Stirn. »Nicht von Ihnen?« Entgeistert wich der schöne Offizier zurück, »von wem denn sonst?« »Erlassen Sie mir den Namen?« »Nimmermehr! beleidigen Sie mich nicht!« Maßlose Aufregung klang durch seine Stimme, und fast heftig fuhr er fort, »wer dürfte es wagen, mich in solch peinliche Lage zu versetzen? Reden Sie, Fräulein von Altingen, oder ich betrachte Ihre Aussage für – eine Ausrede!« Mit blitzenden Augen sah Ruth auf. »Das Kapital ist von Ihrer Hoheit, der Prinzessin Josephine«, sagte sie kalt. »Von der Prinzessin?« Tiefe Bestürzung malte sich in seinen Zügen, »wie kann Hoheit von meiner Lage wissen, da ja der Name Otthardt nicht vor ihr erwähnt werden darf?« »Ich habe sie davon in Kenntnis gesetzt.« »Sie? – Sie, Ruth? also sind Sie doch der gute Engel, welcher über meinem Schicksal gewacht hat?« rief er stürmisch, die Hände auf die Brust legend, »anstatt den Irrtum zu lösen, verraten Sie mir ein süßes Geheimnis mehr, Ruth – ich schwöre Ihnen – –« »Ah guten Abend, Fräulein von Altingen, also hier endlich findet man die Herrschaften!« Wie aus der Erde gewachsen stand die hohe Gestalt des Prinzen neben der Genannten, und offerierte ihr seinen Arm. »Ich wollte mir eine Extratour ausbitten, Baronesse, und hoffe, daß Herr von Otthardt nichts dagegen einzuwenden hat! Sie gestatten, Baron!« Ein Blick zerschmetterndsten Stolzes flammte auf den jungen Offizier herab, mit schneller Bewegung legte Leopold Ruths Hand auf seinen Arm und führte sie gelassen durch die duftenden Blumenkoulissen in den Tanzsaal. »Ich kam wohl gerade zur rechten Zeit?« murmelte er zwischen den Zähnen zu ihr nieder, »es war unvorsichtig, einem Otthardt in den Wintergarten zu folgen, Sie kennen ja den Fluch, der auf den Schwüren lastet, welche von einem Träger dieses Namens an der Orangengrotte geleistet werden!« »Muß auch der Sohn noch für den Vater leiden?« fragte die Erlkönigin fast vorwurfsvoll. »Hoheit urteilen streng!« »Aber gerecht!« Die Stimme des Prinzen klang wie Wettergrollen, und in den sonst so lachenden Augen erkannte Ruth plötzlich den unbeugsam stolzen Willen des dereinstigen Herrschers; fast heftig preßte er den Arm des jungen Mädchens an sich, und zum ersten Mal im Leben zitterte Ruth unter dem Einfluß des Mannes an ihrer Seite. Norbert aber saß unter den schwankenden Blütenzweigen und starrte empor in die graziösen Fächerkronen der hohen Palmen. »Sie liebt ihn nicht«, klang es ihm durch die Seele, »ebensowenig wie je einen Anderen, ebensowenig wie mich.« Und er stützte das Haupt in die Hand und schloß die Augen wie ein Totmüder. – Drüben im Saal wurde Française getanzt. Herr von Otthardt bildete Ruth's vis-à-vis. »Man hat uns vorhin gestört, Baronesse«, flüsterte er ihr aufgeregt zu, »ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, verschaffen Sie mir eine Audienz bei der Prinzessin, ich habe ihr Dinge von höchster Wichtigkeit zu sagen!« Erlkönigin neigte nur stumm bejahend das Haupt, sie fühlte den beobachtenden Blick des Prinzen, welcher neben dem Sessel der Herzogin lehnte und dem Tanze zusah. Gräfin Lersneck war zu ihrem gefeierten Schützling getreten und hatte viele schöne, zärtliche Worte in das Ohr der jungen Dame geflüstert, dann wandte sie sich zu der Ministerin und wußte viel interessante Neuigkeiten. Da schob sich ein Lakai durch die Menge und trat mit tiefer Verneigung zu Fräulein von Altingen, ihr mit ein paar geflüsterten Worten einen schmalen Zettel überreichend. »Liebe, gnädige Baronesse«, las Ruth hinter dem Fächer, nur mit Mühe die mit Bleistift gekritzelten Worte entziffernd, »verzeihen Sie meine Kühnheit, Sie jetzt mit ein paar Zeilen zu belästigen; Hoheit, die Prinzessin befindet sich in fieberhafter, mir unerklärlicher Aufregung, sie verlangt ohne Unterlaß nach Ihnen und phantasiert ganz wirre Dinge, ich bin in großer Sorge! Da ich Sie nun im Schloß weiß, teuerste Baronesse, wage ich den flehenden Wunsch, einen Augenblick zu Hoheit heraufzukommen. In großer Eile. Ihre ergebene Dienerin Clara Rössel.« Ruth faltete den Zettel eilig zusammen und schob ihn in die Kleidertasche, mit schnellem Blick überflog sie den Ballsaal, es war momentan die Pause, welche der Eröffnung des Büffets voranzugehen pflegt, und schnell entschlossen wandte sie sich zum Ausgang, aber fataler Zufall! Gerade dort stand Prinz Leopold und hielt die Thür im Auge – was thun? Ruth kannte die Räumlichkeiten des Schlosses. Aus dem Wintergarten führten viele kleine labyrinthische Gänge und Stiegen in den von der Prinzessin bewohnten Schloßflügel. Es war allerdings kein angenehmer Weg bei Nacht, noch dazu für eine junge Dame, welche die Sage der weißen Frau kannte, aber was half es, hier war Eile die Hauptsache. Schnell durchschritt Ruth den Saal, und trat, ohne aufgehalten zu werden, durch die Nebensalons in den Wintergarten. Hastig eilte sie durch die Laubgänge, richtig, hier war die Thür, welche hinaus auf die kleine Hintertreppe führt. Zaghaft legte sie die Hand auf die Klinke und öffnete. Kalte Luft wehte ihr entgegen, eine matte Ganglampe warf ihr unsicheres Licht auf die ausgetretenen Holzstiegen, und Totenstille herrschte um sie her. Ruth fröstelte; jetzt erst fiel ihr ein, daß sie vergessen hatte, einen Shawl mitzunehmen, aber noch einmal umkehren? Und außerdem stand ja auch der Prinz nahe der Saalthür, durch welche man nur in die Garderobe gelangen konnte; die junge Dame biß die Zähne zusammen und schritt beherzt vorwärts. Kein Laut um sie her, nur die weiße Schleppe knisterte hinter ihr, und die breiten Goldspangen klirrten leise an dem schlanken Arm. Ein plötzliches Gefühl von Grausen überkam Ruth, sie hemmte momentan den Schritt und preßte die Hand auf das stürmende Herz. Ein langer Korridor dehnte sich schmal und dämmerig vor ihrem Blick, unterbrochen durch viele geschnitzte, von der Zeit fast dunkelbraun gefärbte Thüren, auf deren niederen Pfosten Spinneweben und Staub ihr Lager aufgeschlagen hatten. Das leise Picken der Holzwürmer schlug an ihr Ohr, und aus der nächsten Nische drang das einförmige Klatschen einer schweren Damastgardine, welche der Wind, durch eine zerbrochene Scheibe streichend, auf und nieder bewegte. Wie unheimlich klang Alles in dieser Grabesstille! Ruth schritt langsam weiter, über ihr an der Wand hing ein uraltes Oelbild aus der biblischen Geschichte ›Die Auferweckung des Lazarus‹ mit starren, scharfgezeichneten Gesichtern, deren gelblicher Farbenton in dieser fahlen Beleuchtung den grausigen Eindruck des Lebendigen machte; stieg nicht die Gestalt in den langen Leichentüchern aus dem Rahmen, reckte sie nicht die mageren Hände nach ihr, und folgten ihr nicht die dunklen Augen im Vorbeischreiten? Erlkönigin wandte den Blick zur Seite, sie, die nie das Gefühl der Furcht gekannt hatte, welche zu jeder Zeit daheim in Altingen durch die Ahnengalerie schritt und oft stundenlang mutterseelenallein vor dem Bild des Ritters Brechthald saß, sie fühlte es plötzlich wie kalte Schweißtropfen auf der Stirn, und sich mit aller Willenskraft emporraffend, schritt sie hastig weiter. Sie war aufgeregt und durch die Szene im Wintergarten noch nervöser erregt, wie all die Tage vorher, an welchen Mademoiselle Marion oft ängstlich forschend in die verschleierten Augen ihrer Pflegebefohlenen geschaut. Da schlug es die zwölfte Stunde vom Turm. Wie ein Schlag traf jeder einzelne der dumpfen Klänge die Brust des jungen Mädchens, wie Blei legte es sich in die zitternden Füße, und vor ihren Augen schwirrte die Auferweckung des Lazarus. Sollte nicht um Mitternacht die weiße Frau durch diese Gänge gehen? Richtig, da klingt ja ein Schritt an ihr Ohr, dort vor der Biegung des Ganges – ganz deutlich, und immer näher, gleich, gleich wird sie ihr gegenüberstehen. Ruth klammerte sich mit bleichen Lippen an den Thürpfosten zu ihrer Seite, ihr starrer Blick hing an der Wandecke, auf welche die Schritte näher und näher zuklangen, da naht es, hoch und schwarz und blitzend – mit leisem Aufschrei sank Ruth zusammen, die weißen Arme erhoben, um die Hände schaudernd vor das Gesicht zu schlagen. Regungslos, umwogt von Silberduft, kniete sie an dem dunklen Gebälk. »Barmherziger Gott, Fräulein von Altingen!« klingt es plötzlich so wohlbekannt, so erschrocken und jubelnd zu gleicher Zeit zu ihr nieder. Die Schritte kommen hastig herzu, zwei starke Arme fassen sie und richten sie angstvoll auf. »Um Alles in der Welt, wie kommen Sie um diese Stunde hierher?« Erlkönigin schlägt die Augen auf, vor ihr steht Sangoulème und stützt noch immer die bebende Gestalt. Voll ernster Frage haftet sein Blick auf ihrem Antlitz. »O, Sie – Sie waren es«, ringt es sich stockend von ihren Lippen, »ich danke Ihnen, Herr de Sangoulème! Ich war ein recht thörichtes Kind und glaubte an Gespenster und ließ mich von meiner Furcht übermannen; lachen Sie mich aus, ich verdiene es!« »Aber wie kommen Sie hierher?« rief er fast ungestüm. Ruth hatte sich wieder völlig beherrscht, sie zog den Zettel aus der Tasche und reichte ihn dem jungen Offizier. »Lesen Sie!« sagte sie leise ohne aufzublicken. Norbert überflog den Inhalt der kurzen Zeilen, dann reichte er den Papierstreifen zurück: »Ich verstehe jetzt«, entgegnete er ruhiger, »aber ich finde den Grund noch nicht, warum Sie diese abgelegenen Gänge zu Ihrem Wege wählten.« »Ich konnte ja nicht anders, der Prinz beobachtete die Saalthür, Und ich mußte unbemerkt entkommen, da fiel mir hier der Weg ein.« Ein Frösteln überflog ihre Gestalt und ließ die kleinen Zähne aufeinanderschlagen. Mit schnellem Blick sah Norbert zu ihr nieder. »Und nicht einmal ein Tuch haben Sie umgenommen!« sagte er fast streng, riß seinen Paletot von den Schultern und wollte ihr das Uniformstück darreichen; »das war zum mindesten Leichtsinn, Baronesse, hier, nehmen Sie meinen Mantel!« Glühendes Rot stieg in ihre Wangen, der alte Trotz wachte ungestüm auf, und der Gedanke an die einst so verächtlich bespöttelte Matrosenjacke preßte ihr die Lippen zusammen. »Ich danke!« sagte sie kurz, »ich friere nicht.« Einen Augenblick war es Norbert, als müsse er ihr den Mantel vor die Füße schleudern und diesen hochmütigen Augen für immer den Rücken kehren, dann aber siegte die Vernunft in ihm. »Seien Sie nicht kindisch«, klang es rauh, fast herrisch von seinen Lippen, »und übertragen Sie Ihren Haß nicht auf Dinge, welche unschuldig daran sind, daß sie mir gehören. Sie nehmen den Mantel um, es ist kalt hier«, und ohne eine Antwort abzuwarten, legte er ihn um die Schultern der jungen Dame. »Kommen Sie, man erwartet Sie gewiß voll Angst und Sorge bei der Prinzessin!« Scheu wie ein eingeschüchtertes Kind fügte sich Ruth. Seine gebieterische Weise war ihr fremd, aber sie gefiel ihr, sie paßte zu dieser stolzen Stirn. »Sie wollen mit mir gehen?« wagte sie leise einzuwerfen, »oh, es ist gewiß nicht nötig, ich fürchte mich nicht mehr!« »Ich begleite Sie!« Der Ton seiner Stimme duldete keine Einrede mehr, dennoch blickte Ruth empor und zögerte im Weiterschreiten. »Ich halte Sie auf?« »Nein!« Er sah sie nicht an, kalt und stumm schritt er an ihrer Seite, und die Erlkönigin zog den dunklen Mantel fester um sich her und ging schweigend neben ihm. Die schweren Tuchfalten schlossen sich warm und traulich um Hals und Arm, staunend ob der blühenden Schönheit, welche sie umhüllen durften und kaum noch der Zeit gedenk, wo der wilde Meeressturm, der weiße Gischt der Wellen hoch um sie her gespritzt hatte; Ruths Brust hob sich lebhafter bei dem Gedanken an all die Erlebnisse dieses schlichten Kleidungsstückes, fast zärtlich strich ihre Hand darüber hin, und sie schmiegte sich so innig hinein, wie ein Vögelchen, welches sich nach irrem Flattern endlich in sein heimisches Nestchen duckt. Treppauf und treppab ging es, durch zahllose kleine Gänge und Schlupfwinkel. Keines der Beiden redete ein Wort, nur einmal, als ein vorwitziger Nagel die Silberschleppe der Erlkönigin festhielt, neigte sich Norbert und löste den duftigen Saum. »Danke schön, Herr de Sangoulème, der Fußboden ist hier heimtückisch.« Ruth wartete auf eine Antwort, da der Marineoffizier aber beharrlich schwieg, fuhr sie zögernd fort: »Wie kommt es eigentlich, daß wir uns in diesen abgelegenen Gängen begegnet sind, keine Menschenseele ist außer uns zu hören und zu sehen, und in dieser Richtung liegen doch nur die Zimmer der Prinzessin!« Ein schneller Blick aus seinen Augen streifte die Sprecherin. »Ich hatte denselben Wunsch wie Sie, den Ballsaal unbemerkt zu verlassen«, entgegnete er gleichmütig, »Prinz Leopold beurlaubte mich auf meine dringende Bitte hin, und ein Lakai besorgte mir Säbel und Paletot und beschrieb mir den Weg durch diesen Schloßflügel, falls ich unbemerkt und direkt in die Gemächer des Prinzen gelangen wolle. Ich fand auch im Wintergarten die unverschlossene« Thür und hoffte meinen Weg zu finden. Leider aber hatte mir keine Ariadne einen rettenden Knäuel mitgegeben, und es war mir unmöglich, mich in all den fremden Räumen zu orientieren. Gerade beabsichtigte ich in den Saal zurückzugehen, als ich Sie so unvorbereitet auf dieses Renkontre in dem langen Korridor fand.« »Hier, rechts durch die Thür, Herr de Sangoulème! So, nun bin ich endlich am Ziel, und danke Ihnen bestens für Mantel und Geleit, hoffentlich habe ich Sie nicht allzu lange aufgehalten!« Fräulein von Altingen versuchte den Mantelhaken zu lösen und nestelte mit ungeduldigen Fingerchen an dem Verschluß; es hielt schwer; die Grampen hatten sich in das leicht herabfallende Goldhaar gehakt und trotzten nun jeglichen Bemühungen, welche sie aus diesen holden Banden befreien wollten. »Erlauben Sie, daß ich mein Heil versuche, gnädiges Fräulein«, bot Norbert mit klopfendem Herzen seine Hülfe an, und Ruth hob widerstandslos das rosige Kinn, um ihm seine Mühe zu erleichtern. Für einen Augenblick streifte die Hand des jungen Mannes die sammetweiche Haut ihres Halses, es durchzuckte ihn wie ein Feuerstrom und trieb pochende Glut in seine Schläfen, dennoch zuckte keine Wimper in dem ernsten Gesicht. »Nicht wahr, es geht nicht?« fragte die Herrin von Altingen mit leicht verzogenem Mündchen. »Bemühen Sie sich bitte nicht weiter, Herr de Sangoulème, ich will die Locke opfern, sonst komme ich ja nicht vor ein Uhr in den Saal zurück!« Und mit hastiger Bewegung riß sie den Mantel los und reichte ihn schnell seinem Herrn zurück. »Nochmals besten Dank, hoffentlich habe ich Ihnen keinen Haken abgerissen!« Sie lächelte und zog die Klingelschnur neben der hochgeschnitzten Entreethür, leise Schritte nahten sich im Innern. Norbert warf den Paletot über den Arm. »Sie werden sich von Hoveland zurückbegleiten lassen?« fragte er kurz. »Ich denke ja!« »Guten Abend, Baronesse!« Er wandte sich um und schritt langsam in den dunklen Treppenflur hinab. Leise öffnete sich die Thür, ein paar hastig geflüsterte Worte, und die weiße Gestalt der jungen Dame verschwand hinter den knarrenden Eichenflügeln. Norbert aber trat zur Seite in eine Fensternische und stützte den schönen Kopf harrend in die Hand. Wie leicht war es möglich, daß Hoveland gar nicht mehr anwesend war und Erlkönigin allein zurückgehen mußte, es war auf jeden Fall besser, daß er unbemerkt hier wartete. Der Mond trat hinter den Wolken hervor und warf einen bleichen Strahl durch die runde Fensterscheibe. Er fiel schräg über den Mantel auf Sangoulèmes Arm, und wie der Blick des jungen Mannes ihm folgte, gewahrte er an dem obersten Haken ein paar flimmernde Fäden. Mit fast leidenschaftlicher Hast preßte er die goldenen Haare an seine Lippen, löste sie sorgsam aus ihrer Gefangenschaft und barg sie in dem Taschentuch auf seiner Brust. »Gott weiß, wie lieb ich mein blondes Mädchen habe!« murmelte er leise vor sich hin, und er lehnte die Stirn gegen die kalten Scheiben und wartete. Die dunkelgrünen Atlasgardinen vor dem altertümlichen Himmelbett der Prinzessin waren zurückgeschlagen, aus der Kuppel einer Hängelampe fiel gedämpftes Licht über die Einrichtung des nicht allzugroßen Schlafgemachs und goß einen dämmerig sanften Schein über die glanzumwogte Mädchengestalt, welche im langschleppenden Gewand, wie die Fee aus holden Märchenbüchern, neben dem Lager der Fürstin kniete. Die Prinzessin hatte sich aufgerichtet, mit fast fieberischer Zärtlichkeit streichelte ihre Hand das lockige Köpfchen Ruths, wieder und immer wieder, so schnell wie die leisen Worte, welche unaufhaltsam über ihre Lippen quollen. »Und nun erzählen Sie weiter, geliebtes Kind, nichts sollen Sie mir mehr verheimlichen, ich will Alles wissen. O, jetzt ist das Eis gebrochen, das so lange Jahre hier auf meiner Brust gelastet hat, es wird wieder warm und hell im Herzen, ich höre die Lerche jubeln und sehe Sonnenlicht, und doch ist's Mitternacht und Winter draußen. Sie haben ihm gesagt, daß das Kapital von mir ist, Ruth? Das war unrecht, und dennoch freut es mich wie lange nichts mehr in diesem öden, trübseligen Leben, aber warum haben Sie das Geheimnis verraten, warum denn, Kind? Erriet er es am Ende?« Und Josephine umklammerte die Hände des jungen Mädchens und blickte ihr mit fieberglänzenden Augen in das Gesicht, atemlos, zitternd vor der Antwort. »Nein, Hoheit, leider war ich gezwungen, die Wahrheit betreffs der großmütigen Geberin einzugestehen«, flüsterte Erlkönigin, mit sanftem Kuß auf die Hand der alten Dame. »Ich konnte das Kapital nicht als ein Geschenk von mir ausgeben, weil es sonst unselige Verwickelungen und Irrtümer gestiftet hätte!« Die Prinzessin sank in die Kissen zurück. »Und was für Unheil!« fragte sie leise. »Herr von Otthardt glaubte sich von mir geliebt, Hoheit!« Ruth neigte das Köpfchen tief auf die seidene Decke nieder und die kleine Hand, welche sich auf den dunklen Bettpfosten stützte, zitterte. »Nun, und ist dem denn nicht so?« rief Josephine fast erschrocken; abermals richtete sie sich empor, bog das Gesichtchen des jungen Mädchens zurück und sah ihr tief in die Augen, »ich war fest überzeugt, daß kein anderer als der schöne Ulan das Herz meines Lieblings eingenommen hätte!« »Nein, Hoheit, nein und tausendmal nein!« klang es in leidenschaftlichem Geständnis von Erlkönigins Lippen. Ruth neigte sich leicht zurück und preßte die Hände auf die wogende Brust. »Ich kann ihn nicht lieben, nun und nimmermehr! Hier, Hoheit, hier in meinem Herzen lebt ein Bild, welches für mich zum Inbegriff des Lebens geworden ist, und an welchem ich hänge mit der ganzen Inbrunst und Zärtlichkeit meiner Seele! Ich habe es selber nicht geahnt, wie es um mich stand. Heute Abend erst, wie Otthardt zu mir von Liebe sprach, wie ich an dem Scheideweg meines Lebens stand und vor mir den Abgrund sah, welcher mein Glück verschlingen wollte, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, da wußte ich urplötzlich, wo meine Seeligkeit zu suchen sei. Da wußte ich, daß mein Herz nicht mehr frei war und daß sich trotz aller Kämpfe und allen Sträubens die Liebe dennoch hineingeschlichen hatte, unwandelbar, für alle, alle Ewigkeit!« Einen Augenblick herrschte tiefe Stille in dem nächtlichen Gemach, dann breitete Josephine beide Arme nach der liebreizenden Sprecherin aus, und mit leisem Jubellaut sprang Ruth empor und schmiegte sich an die Brust der fürstlichen Freundin. Thränen glänzten in den Augen der Prinzessin, und ihre Hände falteten sich um den Nacken der Herrin von Altingen. »In welche peinliche Lage habe ich Sie durch meine falsche Meinung gebracht, darling!« flüsterte sie, »vergeben Sie mir, es war gut gemeint! Und nun gehen Sie zurück zu Spiel und Tanz, kleine Fee, gehen Sie zu Otthardt und bestellen Sie ihm, daß ich ihn erwarte; führen Sie ihn morgen Nachmittag zu mir, Ruth, um vier Uhr, da werden wir ganz ungestört sein. Alice fährt in das Kirchenkonzert. Behüte Sie Gott, mein Herzenskind, und tausend, tausend Dank, daß Sie zu mir gekommen sind, nun glaube ich wieder daran, daß der Mensch seine guten Engel hat!« Wie ein Schemen war die flimmernde Gestalt des jungen Mädchens hinter den Portièren verschwunden. Mit starren Augen schaute ihr Josephine nach, und die bleichen Lippen bewegten sich wie in innigem Segenswunsch, dann flog ihr Blick empor zu dem Bilde des gekreuzigten Heilands und mit einem Lächeln rührendster Glückseligkeit neigte sich das greise Haupt und träumte. Draußen auf dem Korridor aber legte Frau Rössel einen warmen Shawl um die Schultern Ruths und küßte ihr dankend die Hand. »Ich gehe mit, Baronesse«, sagte sie leise, »so lange kann mich Hoheit schon entbehren.« Die Gangthür öffnete sich und die beiden Frauen traten auf den mondhellen Flur. »Kommen Sie, liebe Frau Clara, lassen Sie uns hierher gehen zu dem Wintergarteneingang!« bat Erlkönigin plötzlich mit weicher Stimme, »wir wollen uns recht eilen, dann dauert es eben so lange wie durch den Hauptgang.« »Hierher?« wunderte sich die alte Frau. »Ei, Du lieber Gott, wie kommen denn Baronesse auf diese Idee?« »Ich habe den Weg lieb, Frau Clara!« flüsterte Ruth leise, »auch er hat seine Erinnerungen!« Sie bogen hastig um die Ecke, und bald schon verhallte ihr Schritt auf den Stiegen der entlegenen kleinen Treppe. Aus dem Schatten der Fensternische aber trat Norbert und preßte die Hand gegen die Stirn. »Ich habe den Weg lieb, Frau Clara«, murmelte er mit starrem Blick vor sich hin, wieder und immer wieder, als könne er den Sinn dieser Worte nicht fassen, und langsam schritt er durch das bleiche Mondlicht die steinernen Stufen hinab. Von fern her brauste eine feurige Mazurka, helle Flammen schaukelten sich wieder über seinem Haupt und eilige Dienerschaft huschte um ihn her, der junge Seemann aber sah nicht empor, wie im Traum ging er vorüber, und in seinem Herzen lebte nur noch ein Wiederhall: »Ich habe den Weg lieb, Frau Clara!« »Mein Sohn, was birgst Du so bang Dein Gesicht?« »Also unwiderruflich Abschied nehmen wollen Sie, Sangoulème?« rief Prinz Leopold mit umwölkter Stirn, »kaum acht Tage sind Sie hier, und dabei habe ich speziell gar nichts von Ihnen gehabt, denn die ersten Tage muß man sich ja mit der halben Welt in den Armen liegen und »guten Tag sagen! Also Sie wollen nicht, Absolut nicht? Hm ... Ich war im Grunde genommen ein rechter Narr, daß ich Fräulein Alice nicht als süßes Mittel benutzt habe, um Sie auf gute Manier noch etwas länger hier zu fesseln! Werden Sie denn erwartet bei Ihrem Herrn Onkel?« »Ja, Hoheit, ich habe mich bestimmt angemeldet, und halte es wohl auch für meine Pflicht, meiner alten Großmama zu Liebe, den so überaus angenehmen Aufenthalt hier abzukürzen, zwölf Wochen nur, und wir kehren zusammen zu unserem herrlichen Weltmeer zurück, Prinz!« Leopold schüttelte ernst das Haupt. »Das ist es ja, alter Freund, was mich am meisten bei diesem Abschied betrübt«, entgegnete er seufzend, »wir können nicht so bald auf Wiedersehen sagen.« »Hoheit!« »Mein Bruder protestiert energisch gegen meine Rückkehr nach Kiel, und wünscht es unter keiner Bedingung, daß ich mich schon wieder auf zwei Jahre unter Segel begebe; er hat bereits alle Schritte gethan, um mir einen längeren Urlaub zu sichern, und mir dadurch völlig die Hände gebunden. Ach, Sangoulème, das neunfache Unglück soll doch gleich in den ganzen Krempel schlagen, es tobt in mir vor Ungeduld bei dem Gedanken, daß Ihr lieben Jungens ohne mich in See gehen wollt!« Sangoulème senkte das Haupt. »Auch hier heißt es die Pflichten gegen Bruder und Land erfüllen«, sagte er ernst, »aber eine traurige Fahrt wird es ohne Sie geben, Hoheit, ebenso trübe und eintönig wie das Stillliegen in dem Staub der Residenz.« »Auf alle Fälle sehe ich Sie noch vor dem nächsten Kommando, Freund«, rief der junge Fürst hastig, »ich muß dabei sein, wenn der Nelson seine stolzen Schwingen hebt, und gelte es gegen die Hölle selber kämpfen! Ich schreibe Ihnen, geben Sie mir Ihre Adresse. Und nun kommen Sie, ich begleite Sie ein Stück durch die Stadt, Sie wollen voraussichtlich zu Ihrer Fräulein Cousine, um Adieu zu sagen? Ist mir gerade recht, es war so zum Umkommen langweilig in dieser Bude!« Und der Prinz warf das Fenster zu und legte ein langes Blasrohr aus der Hand. »Ich habe vor lauter Verzweiflung schon Katzen und Hunde geschossen«, fuhr er lachend fort, »das gehört noch zu meinen Jugendreminiscenzen und ist der einzige Sport, welcher große und kleine Kinder gleich gut amüsiert. Schade, daß jetzt kein Markt mehr auf diesem Platz abgehalten wird, das war früher der Wirkungskreis meiner Thonkugeln, und ich sage Ihnen, Sangoulème, der biedere Meisenheim hat sich oft auf dem Sopha dort gekrümmt vor Vergnügen, wenn es lebendig unter den Bauerfrauen wurde, – heiliger Bonifacius, konnten die Frauenzimmer schimpfen!« – Leopold rührte die Glocke und befahl dem eintretenden Kammerdiener, Mantel und Hut zu bringen, dann wandte er sich wieder zu Norbert und reichte ihm beide Hände in plötzlich wieder aufquellender Zärtlichkeit. »Na und nun noch einmal, Sangoulème, bleiben Sie noch hier! Wie lieb Sie mir sind, wissen Sie; wie gern gesehen bei Bruder und Schwägerin, bedarf keiner Versicherung, und die Gewißheit, daß Sie mir in allen Ecken und Enden fehlen werden mit Ihrem ernsten, lieben Schulmeistergesicht und den vorwurfsvollen Blicken, welche meinen losen Streichen gefährlicher sind, als alle Vernunftspredigten brüderlicher Autorität, das ist Ihnen ebenso wenig fremd wie mir selber. Versprechen Sie mir wenigstens, daß Sie wiederkommen wollen, begrüßen Sie denn jetzt in Gottes Namen Ihre Angehörigen, wenn Sie so gar keine Ruhe mehr haben, aber lassen Sie mir wenigstens die Hoffnung auf ein längeres Wiedersehen hier!« »Hoheit, lassen Sie mich nichts versprechen, was ich vielleicht nicht halten kann«, rief Norbert mit innigem Blick in das Auge des jungen Mannes, »wie gern ich in Ihrer Nähe bin, weiß Gott; meine Freundschaft und unwandelbarste Zuneigung gehört Ihnen, wenn es mir vielleicht auch versagt ist, meine Sehnsucht durch schnelle That zu beweisen! Aus unserm einsamen Schiff konnten wir uns gegenseitig ungehindert angehören, da konnte ich Ihnen mit Rath und That etwas wert sein, da bedurften Sie meiner, Prinz! Hier in der Residenz drängt sich eine fremde Welt voll bunter Abwechslung zwischen uns, Sie sind umgeben von Liebe und Freundschaft. Sie haben mich nicht mehr nötig und werden mich nicht vermissen; halten Sie mich nicht zurück! Ich bin ein seltsamer Mensch; mein weltvergessenes Schiff auf weitem Ozean war mir lieber als das Treiben der großen Welt, deren Interessen ich nicht teile, und deren Seele ich nicht verstehen kann. Im Wald wird es mir wieder wohler sein, ich sehne mich nach seiner Stille und will arbeiten, der Seemann darf nicht allein sein Wissen in den Händen tragen, die Leiter zur Höhe ist aus strategischer Weisheit zusammengesetzt. Auf Wiedersehen an Bord des Nelson, Hoheit, dort ist der Boden einer wahren Freundschaft!« Der Kammerdiener trat wieder ein, Leopold wies stumm auf einen Sessel, die Sachen niederzulegen, und wartete schweigend bis sich die Thür abermals geschlossen. »Sie sind im Irrtum, Sangoulème, wenn Sie glauben, ich könnte Ihre Freundschaft hier entbehren«, sagte er ernst. »Gerade hier ist ein wahrer Freund doppelt wert, und an treuen Herzen bin ich arm, arm und verlassen wie ein Jeder, welchen das Schicksal auf eine Höhe gestellt hat, welche meist nur der Schmeichler listig erklimmen will, und keinen Fußtritt scheut, der ihm den krummen Buckel zeichnet. Die Wahrheit wagt sich selten an uns heran, und die Aufrichtigkeit erscheint nur in dem sammtnen Mäntlein höfischer Form. Noch einmal, Sangoulème, ich verzichte nicht auf Ihre Freundschaft und lasse Sie ungern ziehen, aber es sei ferne von mir, Ihnen aus meiner Sympathie eine Fessel schmieden zu wollen, reisen Sie in Gottes Namen, aber wenn es möglich ist, kommen Sie zurück!« »Ich verspreche es, Hoheit, mein Wort darauf.« Fest und warm drückte er dem Fürsten die Hand, dann wandte sich Leopold um und griff nach dem Paletot, »ich werde Sie also begleiten.« Norbert trat herzu, ihm behülflich zu sein, zufällig streifte sein Blick den offenen Schreibtisch, und eine jähe Glut stieg ihm in die Schläfen. Dort lag die Rose, welche Ruth so beleidigend aus ihrem Haar verschenkt hatte. Ein wilder Sturm tobte in Norberts Herzen, mit schnellem Entschluß trat er vor den jungen Fürsten hin und blickte ihm fest in die Augen. »Prinz«, sagte er finster, »eine Frage noch vor dem Abschied, und eine offene Antwort!« »Jederzeit, Sangoulème, fragen Sie zu!« »Neulich Abend trugen Sie eine Rose an der Brust, Hoheit, und sagten Fräulein von Nievendloh, sie sei das Geschenk einer Dame. War dem so, oder galt es nur, die Neugierde irrezuführen?« Mit durchdringendem Blick schaute er in das ehrliche Gesicht des Freundes, es schien, als wolle er schon im Voraus die Antwort von den frischen Lippen lesen. »Die Rose?« Leopold knüpfte seelenruhig seinen Paletot über der Brust; »die war von der Erlkönigin, habe ich Ihnen das noch nicht gesagt? Daß sie mir dieselbe aber geschenkt hatte, war aber gelogen, ich wollte nur meine Freundin Nievendloh etwas alterieren. Ach nein, alter Junge!« seufzte er plötzlich voll unwiderstehlicher Komik auf, »ich habe mein Lebtag noch keine Blumen von einer jungen Dame verehrt bekommen, das weiß der große Gott, und selbst die kleine goldige Ruth wehrte sich so verzweifelt, als ob sie einen Zahnarzt vor sich hätte! Aber ich bin auch nicht von gestern, je mehr Werth sie auf ihre Rose legte, desto begehrlicher wurde sie auch mir, und das selbstverständliche Ende der Geschichte war, daß ich die Blume als dereinstiger Herr und Landesvater annektierte und sie zum Andenken an diese erste Selbstständigkeit sogar pressen will, da liegt sie auf dem Schreibtisch – nicht anfassen, wenn ich bitten darf, nur mit den Augen bewundern, cher baron! solche Dinge müssen subtil behandelt werden, nur per Liebe, und da Sie bekanntlich von diesem Gefühl wenig halten, würde die Berührung Ihrer prosaischen Finger nur Entweihung sein! Ja, was ich sagen wollte, Sangoulème, wissen Sie, was mich riesig gewundert hat? Daß Ruth bei meiner Lügerei so ruhig blieb. Wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, ich hätte mich einmal ein bischen blamiert und gesagt: ›Hoheit, bitte recht sehr, flunkern Sie nicht so!‹ Durch Tante Josephine konnte es doch sehr leicht herauskommen, daß die Blume ihr gehört hatte. Apropos, wie kommen Sie denn plötzlich auf die Geschichte, was soll denn das heißen, daß Sie sich wie ein Kriminalbeamter vor mich hinstellen und über die delikatesten Angelegenheiten inquirieren? Hören Sie einmal, alter Freund, dieses Interesse –« »Ist sehr verzeihlich, Hoheit!« unterbrach Norbert fast jubelnd, »die Rose stammte indirekt von mir, und das Benehmen der jungen Dame beleidigte mich. Aber passons lá dessus , ich bin vollständig ausgesöhnt und freue mich von ganzem Herzen, daß der liebe Streitapfel auf diese Weise in Ihrem Portefeuille zur Unsterblichkeit gelangt! Eben schlägt es drei Uhr«, Norbert griff hastig nach seiner Mütze, »und uns zu Ehren schickt die Sonne sogar ein paar Strahlen in den Park, lassen Sie uns den günstigen Moment benutzen, Prinz!« »Aha! von Ihnen war die Rose, amico mio ?« nickte Leopold gedehnt, »und da bleibt der Kerl so ruhig wie ein Stockfisch bei der ganzen Affaire? Alle Achtung, Sangoulème, Sie sind ein Hauptgenie, ich hätte Ihnen im gleichen Falle das Genick umgedreht! Und die Erlkönigin? Stille Wasser sind tief, treibt Ihr Gletscherherz vielleicht doch ein bischen in die Aequatorregionen der Liebe hinab? Na, Norbert, Hand darauf, Ihnen gönne ich die Kleine, der Otthardt aber mag sich auf den Kopf stellen, ich werde stets rechtzeitig zu unterbrechen wissen. Vorwärts denn, die Segel gelichtet!« und der junge Fürst schob seinen Arm in den des Marineoffiziers und zog ihn übermütig mit sich zur Thür hinaus. »Die Damen vom Hofe, so sehr sie sich zier'n, Ach, es gleicht keine einz'ge der Lore, Sie ist mein Gedanke bei Tag und bei Nacht Und wohnt in dem Winkel am Thore!« klang es trällernd durch den stillen Schloßflur. In fast atemloser Hast stürmte Norbert die teppichbelegte Treppe der Villa Olivia empor. Die zwei hohen Bronzekaryatiden zu beiden Seiten des feingegliederten Geländers schienen erstaunt die starren Augen zu wenden, um ihm nachzuschauen, und die tiefhängenden Krystallpenten klirrten leise und melodisch unter seinem festen Schritt zusammen, noch zwei Stufen, und der junge Mann stand vor der luxuriös ornamentierten Entreethür, über welcher in drei purpurnen Wandnischen die kunstvollen Büsten mythologischer Frauengestalten prangten. Norbert zögerte einen Moment, dann zog er entschlossen die Glocke. Auf leisen Sohlen nahte der alte Diener, öffnete bedächtig den schweren Seitenflügel und neigte ehrerbietig sein weißes Haupt. »Ach, Herr Lieutenant!« klang es in herzlicher Freude von seinen Lippen; »darf ich unterthänigst bitten, näher zu treten«, und er hob geschäftig die Hände, um den schweren Mantel von den Schultern des jungen Herrn zu nehmen. »Ist meine Cousine zu sprechen, Lenz?« fragte Norbert schnell, »melden Sie mich, bitte.« »Fräulein Anna ist soeben mit Mademoiselle Marion in die Stadt gegangen, um eine Besorgung zu machen«, gab der Alte vertraulich Auskunft, das Uniformstück sorglich an den Garderobehalter placierend, »aber sie werden in aller Kürze zurück sein, das Fräulein meinte, sie wolle nur nach den bestellten Musikalien fragen.« »Ah! Anna ist nicht da? das bedaure ich«, und Norbert biß sich unschlüssig auf die Lippen. »Baronesse sind aber zu sprechen«, fuhr Lenz beruhigend fort, »es ist zwar eben im Augenblick Besuch bei ihr, das Fräulein von Nievendloh, wie Jean mir sagte, Herr Lieutenant können aber ruhig näher treten und Fräulein Aennchen erwarten, ich werde gleich einmal anfragen.« »Lenz!« rief der junge Seemann schnell, den Alten mit hastiger Bewegung zurückhaltend, »sagen Sie nichts bei Fräulein von Altingen, es möchte stören. Führen Sie mich in irgend ein Zimmer, wo ich ungehindert so lange warten kann, bis meine Cousine zurückkommt.« »Wie der gnädige Herr befehlen«, und der greise Diener ging eilfertig voraus und öffnete die nächste Thür, »bitte schön, treten Sie näher.« Leise knarrte es in den Angeln, die Portièren bewegten sich lautlos und sanken wieder in ihre starren Falten zurück. Norbert aber stand allein in dem stillen Raum, welcher ihm einen süßen Duft einschmeichelnden Parfüms entgegenschickte. Nebenan wurde laut gesprochen, es war die Stimme der schönen Hofdame. »Es ist unbegreiflich, unerklärlich, wie sich seine Angelegenheiten so schnell restaurieren konnten, Ruth!« rief sie mit scharfem Klang in dem sonst so weichen Organ, »ich bin ja wie aus den Wolken gefallen, als mir heute Komtesse Sternow erzählte, Otthardt hätte ein Kommando auf der Reitschule bekommen und würde in aller Kürze nach Hannover abreisen; es muß also wieder gut mit ihm stehen, er muß bezahlt oder geerbt haben, denn daß er Schulden hatte, war Faktum, mein guter Freund Babendorf war orientiert, das können Sie mir glauben!« »Es sollte mich freuen, wenn sich das Gerücht bestätigte«, entgegnete Erlkönigin's Stimme ruhig, »vielleicht hat man die paar ausstehenden Ehrenscheine durch ein Vergrößerungsglas angesehen, und die so gern glaubende Residenz durch outrierte Ungeheuerlichkeiten über den Ruin des Freiherrn vergeblich alteriert.« Es war Norbert fatal, hier wider Willen lauschen zu müssen, er trat einen Schritt zur Seite und blickte auf den elegant ausgestatteten Schreibtisch. Da stand in der Mitte ein äußerst geschmackvoller Rahmen, ein bleiches, stolzes Gesicht blickte ihm daraus entgegen, dessen Züge eine auffallende Aehnlichkeit mit Ruth zeigten, ein kleiner Zweig Cypresse war zur Seite an das Glas gesteckt, allem Anschein nach Gräfin Stephanie von Hardenburg, die verstorbene Mutter des jungen Mädchens. Daneben stand ein kleines Pastellgemälde, ein noch jüngerer Mann in Uniform, mit ernsten, denkenden Falten auf der Stirn, hier ist er noch einmal, älter schon, mit Frack und Stern auf der Brust, und dort in dem Stehrahmen wieder, als alter, ernster, kranker Mann, der Freiherr von Altingen. Neben ihm prangt ein junges Weib, schön wie eine Venus, umgeben von Rosen und Spitzen, mit großen, begehrlichen Schwarzaugen und holdgeschwellten Lippen; um welche das verführerischste Lächeln schwebt, aber auf der Stirn wohnt Leichtsinn und Genußsucht, und die kleine Marmorhand, welche so spielend den Fächer hält, ist gewohnt, die Knute maßloser Leidenschaft und Herrschsucht zu führen. Aha! die schöne Stiefmutter!... Prinzessin Josephine, ein, zwei Mal, hier eine prächtige Photographie von Aennchen, und da Mademoiselle Marion; Norbert richtete sich wieder empor und ließ seine Blicke prüfend durch das Zimmer gleiten. Die Einrichtung war ebenso geschmackvoll wie anmutig, es waltete der Geist einer Dame hier. Mit schnellem Schritt stand Norbert an dem Tisch – richtig, hier lagen die Malsachen der Erlkönigin ausgebreitet, der aufgezeichnete Kopf einer jungen Dame, es soll wohl Aennchen sein, noch aber fehlt viel an der Aehnlichkeit, und da liegt ein rot gebundenes Buch, R. v. A. glänzt in goldenen Lettern darauf, kein Zweifel, Lenz hatte ihn in das Zimmer Ruths geführt! Glühendes Rot des Schreckens stieg in die Schläfen des jungen Mannes, einer plötzlichen Eingebung folgend, wollte er sich umwenden und zurück auf den Korridor flüchten, schon faßt er nach der Thürklinke, da tönt wieder Alicens Stimme zu ihm herüber. »Herr Gott, schon vier Uhr? Da muß ich gehen, Herzchen!« und Norbert hört, wie ein Sessel hastig zurückgestoßen wird, »ich will in das Kirchenkonzert und muß vorher noch Toilette machen, man kann ja nicht wissen, wer da sein könnte!« Sangoulèmes Hand sank schlaff hernieder, wenn er jetzt das Zimmer verließ, mußte er der Hofdame begegnen und gab vielleicht Veranlassung zu unnützen Fragen und Vermuthungen, das war gefährlich für diesen phantasiereichen Mädchenkopf. Er stand ratlos und nagte an der Unterlippe, seine Situation war im höchsten Grade peinlich. »Wie ist denn übrigens der Ball neulich bekommen?« klang es abermals durch die Nebenthür, »o ich sage Ihnen, beste Ruth, ich habe mich himmlisch, süperbe amüsiert! Mein entzückender Seemann hat mir völlig den Kopf verdreht, ich schwärme für ihn und hoffe sehnlich, daß er in dem Konzert sein wird. Ein gefährlicher Mensch, dieser Sangoulème, Ruth, er sagte mir Dinge – ja, wenn ich eitel wäre, ich müßte überzeugt sein, daß ich ihm gefallen habe! und Augen – o mein Himmel, was hat mir der Schlingel für Blicke zugeworfen! Man vermutet es gar nicht hinter dieser ernsten Miene, welch' ein Don Juan sich darunter versteckt.« Norbert schrak jählings empor, es war ihm, als müsse er die Thür aufreißen und jene schamlose Lügnerin zur Rechenschaft ziehen, mit vorgeneigtem Haupt trat er einen Schritt näher und lauschte atemlos. »Bitte, meine süße Ruth, erzählen Sie mir doch etwas von ihm!« schmeichelte die Stimme weiter. »O, Sie sind grausam, Sie kleiner Schelm, jedes Wort muß man Ihnen abkaufen, gerade wie damals die interessanten Details über seine Mutter Gouvernante, es war doch der reine Zufall, daß ich es Ihnen ablockte, Sie hätten mir aus eigenem Antriebe auch nicht eine Silbe gesagt, und wußten doch, wie lebhaft ich mich dafür interessiere! Sein Onkel ist also Oberförster in Ihrer Nähe? Kennen Sie die Leute?« Norberts Lippen bebten, wie schwindelnd schloß er momentan die Augen und preßte die Hände gegen die Schläfen, »also auch das war Lüge? Ruth hat ihn nicht verleumdet, nicht über ihn gespottet?« »Natürlich kenne ich die Familie sehr wohl!« entgegnete Ruth stolz, »es sind meine lieben, vertrauten Freunde, und wenn ich Herrn de Sangoulème um etwas beneide, so ist's um sein liebes, herziges Großmütterchen, welches ich verehre und hochachte wie leicht keine zweite Dame, sei es selbst aus der exquisiten Gesellschaft der unfehlbaren Residenz!« »Wieder Ihre Malicen, petite! Lassen Sie doch nicht immer Ihren Groll an Ihrer eigenen Sphäre aus, Sie schlagen sich ja selbst ins Gesicht damit! Lernen Sie doch endlich vorsichtig werden! Ja, lachen Sie nur soviel Sie wollen, einstmals werden Sie mir doch noch Recht geben! Also Sie kennen Försters? Nett mögen sie ja immerhin sein, das bezweifle ich durchaus nicht, aber doch wohl in dürftigen Verhältnissen? Mein Gott, wenn sich unsereins eine Försterstube vorstellt, so bedarf es keines Phantasieaufwandes, Hunde, Gewehre, Tabakwolken, blaues Kaffeegeschirr, eine urwüchsige Küchengrazie, die nach Kuhstall duftet –« und Alice brach in ein lautes Gelächter aus, »o es ist entsetzlich, Ruth, sich den reizenden Sangoulème in dieser Umgebung zu denken!« »Ich denke, Sie schwärmen für ihn? Wenn ich jemand wahrhaft lieb hätte, würde es mir gleichgiltig sein, in welchem Relief ich sein Bild zu suchen hätte!« Ruths Stimme klang einfach und ruhig. Norbert aber preßte die Hände gegen das stürmende Herz und verschlang die süßen Laute förmlich. ›Spricht so ein Mädchen, welches nie beglücken wird?‹ »Himmel, wie poetisch!« lachte Alice noch immer. »Sie predigen ja die Liebe wie eine sentimentale Schäferin! Unser Zeitalter ist leider Gottes sehr nüchtern, man denkt zuerst immer an die Revenüen und fragt den Geldsack, ob er seine Einwilligung zu der zarten Neigung geben will, das Andere findet sich schon; ich sage Ihnen ja, daß ich Sangoulème herrlich, bezaubernd finde, wenn die sonstigen Angelegenheiten stimmen, würde ich auch schließlich wegen der Verwandtschaft die Augen zudrücken und sie mit in Kauf nehmen, man ist ja weit vom Schuß, und mit einer Anstandsvisite speist man eben ab, was überflüssig ist!« »Schlange!« murmelte Norbert leichenblaß. »Um Gotteswillen Ruth, Sie sehen mich ja an, als ob Sie mich beißen wollten!« moquierte sich die schöne Hofdame übermütig, »ja keine Feindseligkeiten, sonst lade ich Sie nicht zu meiner Hochzeit ein, Kindchen! Und nun leben Sie wohl, ich erwarte Sie in nächster Zeit bei mir zum Kaffee, nicht wahr? Schicken Sie nur Ihr Faktotum Lenz mit einem Billetchen! au revoir also, grüßen Sie das kleine Försterskind Aennchen und die Donna Marion! Die Loose für den Frauenbazar bringt Ihnen Excellenz selber, lassen Sie sich nicht zu viel aufhängen, es sind erbärmliche Gewinne! Adieu, mein Engel!« Die Thür knarrte, auf dem Flur klang noch ein ungeduldiges Befehlen nach dem Lakaien des gnädigen Fräuleins, dann abermals ein zärtlicher Abschied, und auf hart klingenden Hackenschuhchen eilte die Hofdame der Prinzessin die Treppe hinab. Norberts Herz schlug höher, noch zitterte die Aufregung durch seine Seele, und gleichsam um seinen Gedanken das Gleichgewicht wiederzugeben, trat er an das hohe Fenster und blickte auf die belebte Parkstraße hinab. Nebenan klangen gedämpfte Schritte und näherten sich dem Zimmer! Der junge Mann stützte die Hand schwer auf das marmorne Fensterbrett und wandte sich erwartend zurück, mit starrem Blick haftete sein Auge an der Thür, er atmete kaum. Da teilen sich die Portieren und Ruth tritt ein. Mit gesenktem Haupt schreitet sie zu dem Tisch, in tiefe Gedanken verloren. Ein dunkles Kleid fällt in weichen Falten um die schlanke Gestalt, hoch am Hals mit einer weißen Spitzenkrause geschlossen, schlicht und schmucklos wie ein Trauergewand. Norbert blickt regungslos in das geneigte Antlitz, es ist ungewöhnlich bleich und ein nie gekannter Zug tiefsten Seelenleides lagert um den feinen Mund. Sie nimmt die Zeichnung empor und wendet sie dem Licht zu, da bewegen sich die seidenen Fenstergardinen und in lautlosem Schrecken zuckt die erhobene Hand nach dem Herzen. »Herr de Sangoulème!« »Vergebung, Baronesse, ich bin unschuldig an diesem Eindringen in fremdes Gebiet!« ruft Norbert, hastig zu ihr in die Mitte des Zimmers tretend. »Lenz wies mich in dieses Zimmer und verschwieg mir, daß es Ihr Boudoir ist!« Ruth lächelte. »Dies Vergehen ist nicht groß, Herr de Sangoulème, und bedarf keiner Entschuldigung, mein alter Scherasmin ist gewohnt, daß gute Freunde auch in diesen Räumen empfangen werden! Sie erwarten Aennchen? Bitte, nehmen Sie Platz, und vor der Hand mit meiner Gesellschaft vorlieb, die Damen werden bald aus der Stadt zurück sein!« Der junge Seemann stützte sich mit dankender Verneigung auf die geschnitzte Sessellehne. »Ich kam, um den Herrschaften Lebewohl zu sagen«, entgegnete er gedämpft, »und meine Botendienste zur Verfügung zu stellen; wenn es Briefe oder Sendungen für die Heimat giebt, bitte ich, mir dieselben anzuvertrauen!« »Nehmen Sie auch Grüße mit?« fragte Erlkönigin mit reizendem Schelm, sie ergriff den Bleistift und schattierte an Aennchens Augen, »dann habe ich einen ganzen Sack voll für Sie, vielleicht giebt es Ueberfracht. Erstlich also an Großmütterchen und Onkel Oberförster die allergrößten und herzlichsten, dann an meinen kleinen Mann Hans viel Zärtliches, wenn es nicht unbescheiden ist, octroyiere ich Ihnen auch gern eine Residenzzuckerdüte für ihn auf, ferner Freund Nimrod, die alte Dörte, unsere liebe, gemütliche Kaffeekanne. Alle, Alle grüßen Sie viel tausend Mal, und wenn Sie durch den stillen Wald gehen, dann sagen Sie den Eichen und Fichten, ich hätte sie noch nicht vergessen, und wenn Sie gar der Weg durch den Kleengrund führt –« »Nun? Was soll ich ihm ausrichten?« »Daß ich ihn lieb hätte und mich Tag und Nacht zu ihm zurücksehnte!« Ein leidenschaftlicher Blick flammte aus ihrem Auge und traf das Antlitz des jungen Mannes, sie erbebte unter dem Ausdruck, welcher diese Züge momentan beherrschte. »Sie sehnen sich heim? Und warum bleiben Sie hier?« fragte er langsam, unwillkürlich richtete sich seine schlanke Gestalt empor und die Brust hob sich unter einem tiefen Atemzuge. »Noch ist's nicht an der Zeit, um zurückzukehren«, entgegnete sie fast finster, dann herrschte einen Augenblick Schweigen. Da zitterte heller Glockenton durch den Flur. »Jetzt kommt Anna«, rief Ruth, sich hastig erhebend, »ich werde sie gleich hierher rufen!« und sie wandte sich zu der Thür. »Fräulein Ruth!« mit erhobener Hand trat Norbert in ihren Weg und das junge Mädchen zuckte zusammen unter dem Klang seiner Stimme. Sie blieb stehen und blickte zu ihm empor. »Anna wird schnell genug durch Lenz erfahren, daß ich hier bin«, sagte er mit gesenktem Blick, »und sie wird mich aufsuchen; gestatten Sie, daß ich noch ein paar Worte zu Ihnen allein rede, wer weiß, ob ich es jemals im Leben wieder kann.« Voll Leidenschaft preßte er die Hände gegen die Brust und schaute jäh in ihr Auge; »lassen Sie mich nicht abermals im Groll von Ihnen scheiden, Ruth, lassen Sie mich erst die Seele frei beichten und vergeben Sie mir. Ich war unhöflich, ungerecht, verletzend zu Ihnen in diesen Tagen unseres Wiedersehens, ich ließ mich von falschen Gefühlen leiten und trat selbst die lindesten Formen des gesellschaftlichen Verbindlichkeit mit Füßen. Ich glaubte, was ich hätte als Unmöglichkeit verwerfen sollen, und anstatt zu fragen, zweifelte ich lieber, Sie aber waren edel und gut, und wenn mich auch Ihr stolzes Wesen oft gekränkt hat, so war es wohl meine Schuld, daß ich es nicht zu nehmen wußte und einem harten Stein einen noch härteren entgegenstellte. Wir verstehen uns nicht, Ruth, und wenn wir Rosen brechen könnten, greifen wir dennoch in blindem Eigensinn nach den Dornen! Ich gehe jetzt, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Zwar soll der Seemann überall mit leichtem Herzen scheiden und thörichte Gedanken als Ballast über Bord werfen, ich kann es nicht, oder ich müßte eben mein Herz selber aus der Brust reißen und es hinab in die stille Tiefe betten. Der Gedanke, daß Sie meiner im Groll gedenken, hat mich die beiden Jahre zur See wie ein bleiches Gespenst verfolgt. Im Sturm hörte ich Ihre zürnende Stimme, aus den fernglänzenden Wellen stieg es empor wie finstere Bilder, und wenn die Sonne auf den Segeln glänzte, darin war es mir, als trügen sie die schwarzen Lettern jenes Oelbildes: » Sic eunt fata hominum! « Er hielt einen Augenblick inne, dann fuhr er mit weicher Stimme fort: »Mein nächstes Kommando wird ein langes und ernstes sein, es liegt viel Zeit zwischen dem Einst und Jetzt, und die Wogen, welche unser Leben schaukeln, tragen Klippen und Tiefen im dunklen Schoß, heute blauer Himmel, morgen Ungewitter und Flut. Lassen Sie mich diesmal ein freundlicheres Bild mit hinaus in die Einsamkeit nehmen, lassen Sie uns Frieden machen! Nichts will ich von Ihnen als ein gütiges Wort, einen Segenswunsch für die Reise, und ich werde der Zukunft getrost entgegen sehen, mag sie mir immerhin ihre schwarzen Wolken um die Masten ballen! Alles sei vergessen und vergeben, was sich in diesen letzten Tagen feindlich zwischen uns drängte, gedenken Sie meiner wie des Toten, mit welchem man nicht mehr rechtet und richtet, wahren Sie mir die Erinnerung eines fernen Freundes. Wollen Sie es, Ruth, wollen Sie im Frieden von mir scheiden?« Er reichte ihr die Hand entgegen, glühendes Rot der Erregung lohte über die schöne Stirn. Ein Zittern durchflog die Glieder der Erlkönigin, sie löste die krampfhaft verschlungenen Hände und reichte sie ihm hastig entgegen: »Ja, ich will es!« hauchte sie mit tiefgeneigtem Antlitz. Stürmisch ergriff Norbert ihre rosigen Finger, er beugte sich nieder und drückte einen brennenden Kuß darauf. Dann trat er zurück, gab ihre kleinen Hände frei und blickte einen Augenblick fest und regungslos in ihre lieblichen Züge. »Gott behüte Sie«, sagte er tonlos, so leise, daß sich kaum seine Lippen regten, »leben Sie wohl!« Und ehe Ruth die feuchten Augen zu ihm heben konnte, schlugen die schweren Thürvorhänge hinter seiner hohen Gestalt zusammen. »Norbert, ei, da bist Du ja!« klang Aennchens Stimme jubelnd im Korridor. Erlkönigin aber sank auf den Sessel nieder und barg das Antlitz, heiße Thränen rannen über die bleichen Wangen, und das kleine Herz war schwer, zum Brechen schwer von Jammer und Weh. »Auf Nimmerwiedersehen!« rang es sich wie ein jäher Angstschrei von ihren Lippen. Und sie preßte die gefalteten Hände gegen die Brust und schaute mit wirrem Blick empor zu dem düsteren Oelbild, welches sie hierher begleitet hatte, sie lächelte, die bleiche Frau mit der zerbrochenen Waffe in der Hand, die weißen Rosen fielen entblättert aus dem Haar, die Lippen öffneten sich klagend und küßten die blutige Feldbinde am Degengriff: » Sic eunt fata hominum! « Still ward es, totenstill, im Zimmer der Erlkönigin. Totenbleich lehnte Prinzessin Josephine in ihrem Lehnstuhl, Ruth hatte den Arm um sie gelegt und stützte das greise Haupt an ihrer Brust. Ein fast vorwurfsvoll ängstlicher Blick streifte den jungen Offizier, welcher neben der alten Dame auf das Knie gesunken war und ihre Hand mit ungestümen Küssen bedeckte. »Vergebung, Hoheit!« flüsterte er zu ihr empor, »ich konnte und durfte ja nicht schweigen, wo die Ehre meines Vaters auf dem Spiele steht!« Ein langer, leuchtender Blick der Kranken traf das schöne Antlitz des Sprechers. »Fahren Sie fort, Herr von Otthardt«, sagte sie leise, das feine Taschentuch, welches Ruth ununterbrochen mit Essigäther besprengte, an die Lippen führend, »die Erinnerung übermannte mich und ließ mich schwach sein, das geht gleich vorüber. Sie sagen, Ihr Herr Vater habe an mich geschrieben?« »Darf ich nicht eine gelegenere Zeit für meine Mitteilungen abwarten, Hoheit?« fragte der Freiherr mit prüfendem Blick in die erregten Züge der hohen Frau, »ich stehe ja jeder Zeit zur Disposition, und so Gott will, ist dieser leichte Schwindelanfall morgen wieder überwunden und vergessen –« »Nein, nein!« wehrte Josephine hastig ab, »verzögern Sie Ihre Eröffnungen keine Minute, wer weiß, was morgen ist, und ich möchte doch nicht gern von dieser Welt scheiden, wie Moses, welcher das gelobte Land vor sich sah und sich seiner doch nicht freuen durfte! Sprechen Sie, Herr von Otthardt, ich ertrage keine Ungewißheit mehr!« Entschlossen richtete sich der junge Mann empor und trat einen Schritt zurück, hoch und stolz zeichnete sich seine elegante Gestalt von der lichten Wandbekleidung ab, und die Aehnlichkeit, welche auffallend zwischen Vater und Sohn herrschte, ließ das Herz der Fürstin stille stehen. Wie im Traum lauschte sie zu ihm empor, und die bleichen Lippen öffneten sich zu seufzendem Laute: »Dietrich!« »Bis jetzt ist es mir unmöglich gewesen, eine Audienz bei Eurer Hoheit zu erlangen«, begann der Offizier mit gesenktem Blick, »so sehr und so energisch ich mich auch seit dem Tag meiner Majorennität darum bemüht habe, überall setzte man mir die eisige Schranke des Hasses entgegen und ließ meine Bitten an der herzlosen Versicherung scheitern, daß mein Name nie, bei Allerhöchster Ungnade vor Eurer Hoheit erwähnt werden dürfe. Als ich bei meiner Mündigerklärung alte Schriften und Briefschaften zur Einsicht aus dem bis dahin versiegelten Sekretär meines verstorbenen Vaters nahm, fiel mir unter Anderem ein festverschlossenes Couvert in die Hände, welches unter vergilbten Andenken in dem Geheimfach des Pultes lag. Es trug keine Adresse, und so öffnete ich es. Verschiedene Schreiben fielen mir entgegen, darunter drei von der Hand meines Vaters. Ich entfaltete sie und las den Inhalt, es war an Eure Hoheit gerichtet und trug die Aufschrift: ›Meine heißgeliebte Josephine!‹« Otthardt hielt einen Moment inne und schaute unschlüssig auf die Prinzessin, welche laut aufschluchzend das Antlitz an der Schulter Ruths barg, mit schneller Handbewegung nötigte sie jedoch zum Weiterreden. »Der Brief enthielt ein zärtliches, leidenschaftliches Versprechen seiner steten Treue und teilte der Adressatin gleichzeitig mit, daß die Oberhofmarschallin im Auftrage des Herzogs eine Unterredung mit ihm gehabt habe, worin dieselbe ihm mitteilte, daß die Prinzessin sich in nächster Zeit standesgemäß verloben würde, und bei Allerhöchster Ungnade hiermit jegliche Annäherung seinerseits strengstens untersagt würde. Mein Vater flehte, ihm durch ein paar Worte nur die Wahrheit dieser Aussage zu bestätigen. In demselben Couvert befand sich ein kleines Billet von fremder Damenschrift, welches folgendermaßen lautete: ›Im Auftrag Ihrer Hoheit der Prinzessin sende ich Ihnen Ihr Schreiben unerbrochen zurück, da Hochdieselbe geneigt ist, sich dem Willen ihres Vaters zu fügen, und folglich jegliche Beziehung einer früheren Neigung gelöst sein muß. Hochachtungsvollst Stephanie, Gräfin von Saalek-Hardenburg.‹« Ein leiser Aufschrei unterbrach ihn, geisterbleich stand Ruth neben dem Freiherrn und umklammerte seinen Arm. »Meine Mutter? O Lüge, schändliche Lüge!« Und sie wandte sich mit blitzendem Auge zurück und faßte die Hand Josephinens mit krampfhaftem Druck: »Hoheit, sagen Sie ihm, daß es unmöglich ist!« rief sie außer sich. Mit starrem Blick schaute Josephine auf Otthardt. »Ruhig, mein Herzenskind«, sagte sie tonlos, Ruths Hände zärtlich drückend, »das ist eine Infamie, eine fast unglaubliche Intrigue! Herr von Otthardt, besitzen Sie diese Briefe noch?« Der Ulanenoffizier griff in die Brusttasche, öffnete sein Portefeuille und nahm einige Couverts heraus. Mit stummer Verneigung überreichte er sie. »Ich habe keinen Moment gezweifelt, daß sowohl Schrift wie Namen gefälscht sind, Hoheit«, entgegnete er ruhig, »denn schon an den folgenden Billets ist die Abweichung und Veränderung der Hand unzweifelbar; nur in leidenschaftlicher Aufregung muß meinem Vater diese verdächtige Unregelmäßigkeit entgangen sein!« Mit zitternden Fingern hielt die Prinzessin das Blatt gegen das Licht. »Sehen Sie auch her, Ruth, ob man vorgeschriebene Bleistiftstriche bemerkt!« sagte sie mit vibrierender Stimme, »hier ist radiert, hier noch einmal, und zwar an denselben Buchstaben, das große ›H‹ ist umgeändert.« »Ja, ich sehe es, Hoheit, abermals eine Begründung meines Verdachtes!« nickte Otthardt herzutretend, während Erlkönigin regungslos auf den Knieen neben der Fürstin verharrte. »Welche verruchte Hand mag dieses Bubenstück ausgeführt haben?« Um die Lippen Josephinens huschte ein irres Lächeln: »Ich weiß es, Herr von Otthardt!« rief sie gellend. »Gott mag es der Verräterin vergeben, was für namenloses Weh sie durch diese gefälschten kleinen Buchstaben über mich heraufbeschworen hat! Elendes Werkzeug eines despotischen Geistes, das seine Seligkeit für den Satansglanz eines Judasgroschens feilbot!« Und abermals starrte sie mit zuckenden Lippen auf das vergilbte Blatt in ihrer Hand. »Die Leubwitz – niemand anders als die Gräfin Leubwitz«, murmelte sie vor sich hin. »Das also bringt Eifersucht zu Wege, und dafür bekommt man Brillanten um den Hals gehängt, o gewiß, sie hatte ja auch ihre Sache so gut gemacht, ein jeder dieser kleinen Schnörkel riß zwei Herzen auseinander und machte die Hölle lachen! Geben Sie mir diese Briefe, lieber Otthardt, ich will Gewißheit haben. Ich werde durch Leopold die Schrift prüfen lassen, es ist ja, Gott sei Dank, Kleinigkeit für unsere moderne Zeit, die Schlechtigkeit der lieben Nächsten zu entlarven. Und Sie, meine geliebte kleine Ruth, werden sich keinen Augenblick Gedanken über diese Fälschung machen. Eher mag die Welt einstürzen, ehe ich an der Treue meiner Stephanie zweifle, reißt mir das Herz heraus, aber laßt mir den Glauben an sie!« Josephine nahm das schlanke Köpfchen der Baronesse zwischen die Hände und küßte die bebenden Lippen. »Wenn Stephanie mich also betrogen hätte, würde sie dann wohl ihr eigenes Kind schicken, diese Schleier all zu lösen? Frisch aufgeschaut, mein Liebling, so Gott will, erhalten wir bald Gewißheit über dieses Lügengewebe. Was enthalten diese weiteren Briefe, Herr von Otthardt?« »Noch drei verzweifelte Versuche meines Vaters, zu Eurer Hoheit zu dringen, mit leidenschaftlichsten Beteurungen und Vorstellungen«, erwiderte der schöne Mann erregt, »und die Antworten jener Pseudohofdame, deren letzte den stolzen, heftigen Sinn meines Vaters allerdings zum äußersten reizen mußte, und wohl auch seine plötzliche Verlobung mit meiner seligen Mutter begreiflich erscheinen läßt! Jenes empörende Stadtgerede, daß Hoheit der Großherzog meinen Vater zu dieser That bestochen hätte, ist eine schändliche Lüge, welche nur in den Köpfen ehrloser Wichte gereift sein kann, noch liegen die Quittungen vor, daß die durchaus nicht beträchtliche Summe, welche mein Vater einzig in einem leichtsinnigen Jahre verspielte, durch ein flüssiges Kapital meines Großvaters, mütterlicherseits, gedeckt worden ist.« Die Lippen der Prinzessin bebten. »Der Welt ist kein Mittel zu schlecht, wenn es die Ehre des Nächsten untergraben hilft«, sagte sie voll ungewohnter Schärfe, »ich wünsche, Herr von Otthardt, daß Sie noch heute Abend eine Unterredung mit meinem Neffen Leopold haben, um sofort die nötigen Schritte zur Klarlegung jener Schriftfälschungen zu thun, ich werde Ihnen ein Billet schreiben, und bitte, daß Sie den Prinzen sofort aufsuchen! Liebe Ruth! Dort auf dem Gueridon liegt ein Bleistift und Papier, geben Sie mir die rote Ledermappe herüber – so! besten Dank, mein Herz, ich werde nicht lange Zeit brauchen – nehmen Sie Platz, Otthardt!« Ruth trat zurück in die Fensternische, der junge Offizier folgte ihr lautlos. Draußen tanzten die Schneeflocken durch die Luft, und der Sturm riß an den weißgereiften Zweigen der Parklinden, finster und bleigrau spannte sich der Himmel aus, und fern, aus hochgelegenen Villen grüßten die ersten Lichter herüber. Otthardt starrte schweigend hinaus, es lag eine stille, fast trotzige Freudigkeit auf den schönen Zügen. Endlich kehrte sein Blick zurück und haftete auf Ruths geneigtem Köpfchen. »Was verdanke ich Ihnen nicht alles, Baronesse«, sagte er mit gepreßter Stimme, »der heutige Tag wird den Namen Otthardt wieder reinwaschen vor der Welt, und den scharfen Wendepunkt meines Lebens bilden. Die Leute hatten Recht, wenn sie mich leicht genannt haben. Niemand hat mich getadelt oder mich ermahnt, man zuckte eben gelassen die Achseln und sagte: ›Er ist ein Otthardt, kann es da anders sein?‹ Ich aber lebte weiter in Saus und Braus, und zehrte von dem ehrlichen Namen eines Verleumdeten. Jetzt soll es anders werden. Mein neues Kommando bringt mich in fremde Verhältnisse und Umgebung, man kennt mich dort nicht und wird sich nicht wundern, wenn ein Sonderling mehr in der Welt herumläuft. Eremit will ich nicht werden, dazu ist es noch immer das Blut eines Kavalleristen, welches in meinen Adern kreist, ich will aber leben wie andere Kameraden, welche sich auch nach der Decke strecken müssen, und was ich nicht bezahlen kann, will ich entbehren lernen. Ihnen aber, Fräulein Ruth, verdanke ich es, wenn ein neues Leben für mich beginnt, und wenn ich auch jetzt weit entfernt bin zu glauben, daß die Liebe Sie barmherzig gemacht hat, so bin ich doch überzeugt, daß Sie aus lauterem, freundschaftlichem Interesse für mich handelten, und dafür lassen Sie mich Ihre kleine Hand küssen! Sie wollten mich durch Ihr großherziges Opfer von dem Abgrunde zurückreißen und stellten mich unbewußt auf eine neue Bahn, deren Ende, so Gott will, nicht zu dem letzten Gruß eines Verschollenen ihr schwarzes Kreuzlein stiftet. Nie in meinem Leben habe ich zu einer Menschenseele so aufrichtig gesprochen, wie in diesem Augenblick zu Ihnen, denn nie bin ich bis jetzt einer gleichen Güte und Freundlichkeit begegnet. Habe ich Sie je in meinem leichten Sinn verletzt, Baronesse, vergeben Sie es mir in dem Gedanken, daß ich es schmerzlich bereue, Gott segne Sie, Fräulein Ruth!« Er neigte sich hastig nieder und zog ihre Hand an die Lippen, dann trat er, ohne ihr Zeit zu einer Entgegnung zu lassen, in das Zimmer zurück und nahm das beschriebene Blatt aus den Händen der Prinzessin in Empfang. »Und nun gehen Sie mit Gott, mein Freund!« sagte Josephine ermattet, »und bringen Sie mir bald, recht bald Nachricht. Kommen Sie oft zu mir, so oft, wie es Ihre Zeit gestattet, ohne Maske, die Welt soll sehen, daß es noch Wunder giebt, und daß auch ein Otthardt wieder als Freund im rechten Schloßflügel aus- und eingehen darf«, sie reichte ihm die bebende Hand entgegen und ihr Blick folgte dem schönen Mann, bis die Portièren sich leise hinter ihm schlossen. Brennende Röte trat auf die eingesunkenen Wangen, schnell und mühsam flog der Atem, und hinter der Stirn jagten wirre Wolkenschatten des Fiebers. »Ruth!« flüsterte sie, »dort in meinem Schreibtisch – das mittelste kleine Fach – sehen Sie? öffnen Sie es, der Schlüssel liegt in der blauen, kleinen Vase rechts – ja da! ziehen Sie ganz auf, immer weiter, so, heben Sie die Briefe auf – es liegt ein Packet da – das geben Sie mir, Kind, ach ja, das ist's – danke, Ruth, danke!« und mit weit geöffneten, glänzenden Augen brach sie die schwarzen Lederwappen und ließ die Papierhüllen sinken. Ein kleines Bild trat ihr entgegen, unversehrt in Farbe und Frische, ein wunderbar schöner Männerkopf, mit leuchtenden, tiefdunklen Augensternen und einer trotzigen, stolzen, leichtgefalteten Stirn. Er lächelt, fast übermütig zuckt es um die Lippen, keck und siegesgewiß, als fordere er das Schicksal selber in die Schranken. – Starr ruht der Blick der fürstlichen Frau auf dem Gemälde. »Dietrich! Dietrich!« klingt es gellend von ihren Lippen, die dürren Rosenblätter rieseln auf ihren Schoß, und bleich wie der Tod, kalt und bewußtlos sinkt sie in den Stuhl zurück,– – mit dumpfem Laut schlug das Pastellbild auf den Boden nieder. »... hält in den Armen das ächzende Kind« Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde in der Residenz, daß Prinzessin Josephine schwer krank am Nervenfieber darnieder liege. Fräulein von Nievendloh war urplötzlich zu einer Tante nach Berlin abgereist, um ihre leidenden Nerven einem geschickten Arzt anzuvertrauen. Man munkelte allerdings, Fräulein Alice habe nie zuvor über dies Gebrechen geklagt, und meinte wohl begütigend: es ist ihr im Grunde nicht zu verdenken, wenn sie der langweiligen Krankenpflege aus dem Wege geht, sie hat einmal nicht das Naturell dazu, und mußte ohnedies schon genug bei der alten Dame aushalten. Ruth von Altingen war sofort in die Stelle der Hofdame eingetreten und bezog noch an demselben Abend, welcher die Fürstin an ihr Schmerzenslager fesselte, die Räume Alicens. Tag und Nacht wich sie nicht von der Seite der Kranken, und wie eine geheimnisvolle Macht wirkte ihre Nähe auf die Fieberträume der Prinzessin; die kleine, kühle Hand legte sich beruhigend auf die pochende Stirn, die leisen Worte klangen mild und besänftigend zu ihr nieder, und Josephine klammerte sich an die schlanke Gestalt und flüsterte mit irrem Lächeln: »O Stephanie, bist Du endlich wieder bei mir!« Prinz Leopold stand Ruth getreulich zur Seite; wie eine Feder hob er die gebrechliche Gestalt der alten Frau empor, trug sie mit fast zaghafter Sorgfalt von der Chaiselongue auf ihre Kissen zurück, bettete sie weich und liebevoll in seine starken Arme und drückte beschwichtigend ihr greises Haupt an seine Brust, wenn das Fieber die schwachen Glieder schüttelte. Draußen heulte der Sturm und jagte den Schnee gegen die Scheiben, die Bäume ächzten und brachen, wie schriller Klagelaut klang die Wetterfahne vom Dach, es war eine wilde, unheimliche Nacht. Josephine horchte auf. »Stephanie? Hörst Du? da draußen ruft er, schon oft, immer wieder; aber niemand macht ihm auf! Geh Du hin, Stephanie, Du hast ja nicht Angst vor den bleichen Geistern, die mit dem Sturmwind fliegen, sie thun auch nichts, sie stöhnen und seufzen nur! Da, hörst Du wieder? jetzt klopfen sie mit ihren Knochenfingern an das Fenster, und die weißen, langen Totenhemden klatschen gegen die Mauer, jage sie fort, liebe Stephanie, mir graut vor ihnen! Huh, wie sie so ungeduldig werden, lachen sie nicht? Ja, das war die Stimme der Gräfin Leubwitz. Hahahaha; hörst Du, wie sie sich über ihr Bubenstück freut? O, und die Brillanten funkeln an ihrem Hals wie eitel Sonnengold, und da kommt plötzlich der Satan mit seinen schwarzen Fittichen, der lacht noch lauter und lustiger wie sie, und der faßt die schöne Demantschnur und zieht sie fest und immer fester um ihren Hals, wie einen Henkerstrick! Huh, wie sie schreit und das Gesicht verzieht, sie stirbt nicht gern, es war ja so schön im Leben, und Otthardt hatte an die kleinen, falschen Schriftzüge geglaubt, juchhe! hör doch, wie die wilde Jagd jetzt über dem Hause hergeht, 's ist heute eine schlimme Nacht, alle Gräber sind offen. Aber geh, Stephanie, laß ihn nicht so lange warten, er wird in dem Wintergarten in der Orangenlaube sitzen und wieder eine rote Rose in den Händen halten! O, er hat nie gelogen, nie! Du hast es ja immer gesagt, Stephanie, daß er nicht schlecht ist, und ich hab' es auch geglaubt! aber die Leubwitz, die hat's verdrossen, daß wir uns so lieb hatten, und da ist sie zur Schlange geworden, die sich um die rote Rose geringelt hat! fort da! fort! jetzt kommt sie zu mir herangekrochen und hat Brillanten um den Hals und sticht mich mit ihrer Zunge hierher, hierher, hier in das Herz, ah, Stephanie!« Mit krampfhaftem Zucken sank Josephine zurück und seufzte tief und schmerzlich auf. Ihre Hände lösten sich von Ruths Arm und sanken schlaff über die seidenen Kissen herab. Thränen standen in den Augen der Erlkönigin, mit schmerzlichem Blick schaute sie zu Leopold empor, welcher, den Kopf in die Hand gestützt, in dem hohen Lehnsessel neben dem Himmelbett saß, er nickte ihr traurig zu und schwieg. Plötzlich richtete sich die Prinzessin empor, ihr Auge war nicht mehr starr und ausdruckslos, ein schnelles Bewußtsein flackerte durch den wirren Geist. »Leopold, Du bist hier, mein Liebling?« fragte sie erstaunt, »was willst Du denn, es ist schon Nacht, die Lampe brennt ja! ach und Ruth! ja, ja, Kinder, ich weiß, warum Ihr hier seid, Du willst mir Bescheid über die Briefe bringen, Leo, nicht wahr, mein Liebling, und Ruth wartet darauf; nun so sag's mir, es war alles gefälscht, Stephanie hat mich nie betrogen?« »Nein, Tante, niemals!« entgegnete der junge Fürst, ihre Hände streichelnd, »es ist erwiesen, daß die Schrift unecht war! daran haben wir auch nie gezweifelt. Aber nun komm, mein Pflegemütterchen, versuch jetzt zu schlafen! willst Du Dich so in meinen Arm legen? siehst Du, ich stütze Dich ganz sicher, und Du bist geborgen wie in Gottes Schoß! Mach Deine Augen zu, ich singe Dir auch das Liedchen, mit welchem Du mich so oft eingewiegt hast!« Mit glückseligem Lächeln sank das Haupt der hohen Frau an seine Schulter und es war rührend, wie der große, ungefüge Mann so zart und behutsam ihre kranken Glieder bettete und seine tiefe Stimme in das leise Summen eines Schlummerliedes zwang. »Aber die Briefe?« zuckte die Prinzessin plötzlich wieder mit unstätem Blick auf. »Die bekommst Du morgen, schlaf' jetzt, Tantchen«, und er legte seine Hand auf ihre brennende Stirn und bat Ruth mit leichter Kopfbewegung, die Gardine etwas vorzuziehen. Erlkönigin schraubte die Lampe noch tiefer und kauerte sich dann auf einen Schemel zu Füßen des Krankenlagers, sie war müde, totmüde. Die Uhr tickte leise und aus der Nebenstube klang das tiefe Atemholen der Schwester, bald wird drunten der Wagen des Medizinalrats vorfahren. Tief und tiefer sank das blonde Köpfchen, und die kleinen Hände falteten sich im Schoß. »Gott sei Dank, sie schläft fest und ruhig«, flüsterte es ihr plötzlich ins Ohr, und Prinz Leopold berührte leise ihre Schulter, »es hat eben zwei Uhr geschlagen, Fräulein Ruth, gehen Sie jetzt zur Ruhe!« Erlkönigin blickte auf und strich das wirre Haar aus der Stirn. »Um drei Uhr wird mich die Diakonissin ablösen, Hoheit, so lange müssen Sie mir erlauben hier zu bleiben, ich werde ein Buch nehmen und lesen, das ist ein gutes Mittel für schläfrige Geister!« Leopold sah ihr voll in das Gesicht. »Ihre Anwesenheit ist nicht nötig, Baronesse, ich bin Wache genug, so lange Tante Josephine schläft, und Sie sehen bleich aus, sehr bleich und abgespannt! Kommen Sie, ich führe Sie über den Korridor!« »Ja, ich bin müde«, entgegnete das junge Mädchen leise, »aber doch gehe ich nur unter einer Bedingung.« »Und die ist?« Er nahm ihre Hand sanft in die seine. »Daß Sie mich sofort rufen, Prinz, wenn Hoheit nach mir verlangt!« »Ich verspreche es!« nickte er hastig und zog die weiße Hand an die Lippen, um sie mit ungestümen Küssen zu bedecken. »O, Fräulein Ruth, wie danke ich Ihnen das große Opfer, welches Sie uns bringen, wie lohne ich Ihnen all' die schlaflosen Nächte, all' die Aufopferung, all' die zärtliche Pflege? Giebt es überhaupt dafür einen Lohn? Einen vielleicht, welcher bis jetzt noch nicht gegeben wurde, das Bekenntnis, Ruth, daß Sie das Ideal verwirklichen, welches mir so märchenhaft und hold vor Augen geschwebt, welches ich Jahre lang vergebens gesucht habe, und welches mir nun so beseligend den Glauben an Treue und Weiblichkeit zurückschenkt!« Josephine regte sich im Schlaf, Leopold verstummte und führte die junge Dame lautlos zur Thür. »Schlafen Sie jetzt, Baronesse«, flüsterte er gepreßt, »Ihre bleichen Wangen schneiden mir in das Herz!« Ruth lächelte. »Die Ruhe hilft dafür nicht, Hoheit, wenn es aber unserer teuren Kranken erst wieder gut geht, wird die Freude darüber die beste Arznei für mich sein! und was den Dank für meine geringe Hilfe anbetrifft, so ist es mir genug Lohn, daß meine Anwesenheit überhaupt gestattet ist! Gute Nacht, Hoheit, ich schlafe nur auf dem Sopha und bin jede Minute bereit!« »So Gott will, bedürfen wir nicht Ihres Beistandes«, seufzte Leopold traurig, »sollte es unbedingt nötig sein, so halte ich Wort und rufe Sie – behüt's Gott denn!« und er drückte ihr schnell die Hand und glitt behutsam durch die Thür zurück. Wie still war es in dem Krankenzimmer, wie öde und einsam, seit der blonde Mädchenkopf nicht mehr neben dem Schmerzenslager wachte! Der Prinz trat über den weichen Teppich an das Fenster und schob die schwere Gardine zurück. Wild zerrissene Wolken trieben an dem Himmel, ein erster Mondstrahl flimmerte über den Schnee, und über den breiten Parkweg jagte der schwarze Schatten eines Gärtnerhundes, die breite Gitterthür knarrte in den rostigen Angeln, und von dem Dom klangen dumpfe Glockenschläge. Leopold blickte regungslos hinaus, dort im Osten wird es bald purpurn aufzucken. Ein Strahlennetz wird sich langsam über den Horizont spannen und die schwarzen Wolkenkolosse mit goldenen Streifen säumen, heller und heller wird es emporflammen, bis endlich der feurige Sonnenball durch die kahlen Baumäste blitzt, um seinen ersten Boten in das einsame Schloßzimmer zu schicken, den müden Wächtern drinnen zu verkünden, daß wieder eine Nacht der Sorge und Angst verstrichen sei. Der junge Prinz seufzte laut auf; er dachte an sein fernes Meer und dessen schäumenden Morgengruß, und er breitete die Arme aus und schloß die Augen wie im Traum, da hörte er die Wogen gegen den Kiel schlagen, hörte das leise Pfeifen des Windes in Segel- und Tauwerk, frische Luft wehte um seine Stirn und unter seinen Füßen schwankte der Boden des treuen ›Nelson.‹ – Da plötzlich aber hob sich aus der krystallenen Flut ein blondes Mädchenhaupt, mit einem Krönlein über der Stirn, darum sich grüne Erlenzweige schlangen, und sie hob die weißen Arme und winkte ihm nach Haus. Leopold schrak empor und starrte hinaus in die Winternacht. Langsam wich das Traumbild zurück, das goldene Krönlein zerfloß in Schaum, und Erlkönigin selber sank hinab in die dunkle Flut – auf leisen Sohlen trat die Diakonissin zu ihm heran und fragte flüsternd, ob er der Kranken vor dem Schlafe die Medizin gereicht habe? – Soeben fuhr drunten der Wagen des Arztes vor. Langsam strich der Prinz über die heiße Stirn. »Alles ein Traum«, murmelte er, »glücklich, wer noch träumen kann!« Langsam, sehr langsam erholte sich Prinzessin Josephine. Schon begann der Schnee zu schmelzen, und die ersten Spitzchen brachen durch das starre Bahrtuch der Erde, als die hohe Frau die ersten Schritte am Arme ihres Neffen durch das Zimmer wagte. Täglich weilte Ruth im Schlosse und wie ein Sonnenstrahl brachte ihre Nähe Heiterkeit und Frohsinn für die alte Dame mit, Leopold war wieder der Alte, sein derb-humoristisches Wesen keimte von neuem in hundert originellen Scherzen und Ideen, welche energisch jeden Zug von seiner Sentimentalität fernhielten, welche sich so urplötzlich in seinem Charakter hatte einnisten wollen. Man schrieb es der Krankheit seiner so innig geliebten Pflegemutter zu und zerbrach sich nicht weiter den Kopf darüber; daß aber der Grund tiefer lag, ja daß er sogar in seinem Herzen gewurzelt hatte, ahnte kein Mensch. Nur Josephine selber wußte, wie es um ihren Liebling stand. Hatte er nicht zu ihren Füßen gesessen und mit finsterer Stirn sein Schicksal verwünscht, welches ihn zum dereinstigen Herrscher bestimmt hatte, beneidete er nicht den ärmsten Unterthan, daß er frei nach Herz und Neigung seine Lebensgefährtin wählen dürfe, während sich um seine Hände die goldene Kette der Knechtschaft wand, deren unlöslichen Ringe die Konvenienz und Etiquette erbarmungslos geschmiedet? Was half es Albrecht dem Bären, daß er die gewaltige Faust erhob und sein trotzig Haupt zurückwarf? Seine Fesseln dehnten sich wohl, aber sie zerrissen nicht; und wenn er vielleicht die rauhen Banden selber energisch gesprengt hätte, so zog sich dennoch ein feiner, haarfeiner Goldfaden zaubermächtig um ihn her, das war die sanfte, überzeugende Stimme der Kranken, welche mit liebevollen Worten ein Netz der Vernunft um den jungen Hitzkopf zu weben wußte, dessen zarten Maschen gegenüber selbst Albrecht der Bär machtlos war. Josephine war es gelungen, die trüben Wolken zu verscheuchen, welche sich so jäh am Himmel des jungen Mannes zusammenzogen, langsam lockte sie Strahl um Strahl des alten Frohsinns wieder hervor, unermüdlich, bis endlich die volle Sonne neuerstrahlt war und der Prinz Erlkönigins Nähe ergeben und heiter wie zuvor suchte. Der Frühlingshimmel lächelte blau und wolkenlos hernieder auf die Residenz, deren hochragende Baumwipfel in Park und Gärten den ersten zartgrünen Hauch der Auferstehung trugen. Im Wintergarten blühte und duftete es aus tausend jung erschlossenen Knospen, in fast blendender Helle flutete das Sonnenlicht durch die gewölbte Glaskuppel und malte die zarten langgeschlitzten Schatten der Palmenwedel auf die Sandwege und kurzverschnittenen Rasenrondels. Leise plätschernd klang der Wasserstrahl in der rotgeaderten Marmorschale, welche zwei übermütige Tritonen hoch über ihr Haupt emporhielten und es voll Wohlbehagen litten, daß die spiegelhelle Flut darüber hinausschoß, um in funkelndem Sprühregen in das weite, von Delphinen bevölkerte Bassin zurückzufallen. In dem Nebensaal klang das leise Rollen eines Fahrstuhls, dann wurde die Thür lautlos geöffnet und gestützt auf den Arm Ruths und der getreuen Frau Rössel, wankte Josephine durch das Duftmeer der bunten Blütenpracht. In der Orangenlaube war es still und dämmrig, zu weichem Polster schmiegte sich das grüne Moos über die niederen Bänke, und die Prinzessin setzte sich mit durchgeistetem Blick unter die schwankenden Zweige nieder. Mit milder Handbewegung wandte sie sich zu ihren Begleiterinnen, und Frau Rössel faßte sanft die Rechte des jungen Mädchens und zog Ruth mit sich fort durch die hohen Bosquets der Oleander und Cedern. Josephine faltete die Hände und lehnte das bleiche Angesicht in das kühle Blattwerk zur Seite, die Orangenblüten dufteten wie dazumal, ein einzelner Sonnenstrahl zitterte zu ihren Füßen und von ihrem Schöße lächelten zwei dunkle Augen zu ihr empor, welche damals in flammendem Blick ihre Liebe geredet, hier auf derselben Stelle. Achtundzwanzig Jahre waren seitdem vergangen, und heute sah sie den Wintergarten zum ersten Male wieder! Die welke Rose auf dem kleinen Pastellbild zitterte wie in unendlicher Wehmut, tiefer neigten sich die Blumenzweige zu ihr nieder, Josephine aber schlug die Hände vor das greise Angesicht und weinte bitterlich. »Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau, Es scheinen die alten Weiden so grau!« Ruth von Altingen stand in ihrem Zimmer und las einen Brief. Glühende Röte jagte über ihre Stirn, und die schmalen Lippen preßten sich auf die Zähne: »Das also ist's!« murmelte sie mit finsterem Blick. »Meine liebe Ruth!« las sie, »Du wirst Dich wundern, von mir ein paar Zeilen zu erhalten, Dein Vater ist jedoch seit einiger Zeit so leidend und hinfällig, daß er weder für Briefe noch für sonst etwas auf der Welt Interesse hat. Er leidet plötzlich an der unbegreiflichen Laune, jetzt schon zurück nach unserer teuren Residenz zu wollen, jetzt, wo ich hier in einem Meer von Vergnügungen und Amüsements schwimme! Er sieht täglich, wie köstlich ich mich in diesem angebeteten Monaco amüsiere, aber seine Willkür grenzt bereits an Rücksichtslosigkeit, er wird eben täglich älter und unliebenswürdiger. Gott bewahre Dich, meine Kleine, davor, daß Du nie den Schwabenstreich begehst, einen alten Mann zu heiraten, dergleichen Märtyreranwandlungen rächen sich stets auf's bitterste! Altingen quält mich entsetzlich, er will sogar, daß ich mit ihm in seinem Zimmer dinieren soll, und dabei habe ich so prächtige Nachbarschaft an der table d'hôte , einen amüsanten Vicomte, welchem ganz Paris zu Füßen liegt und wegen dessen sich schon drei Frauen von ihren pedantischen Gatten scheiden ließen, er nahm natürlich keine von Ihnen – o, es ist zum Totlachen! Ich bin außer mir in dem Gedanken, jetzt von hier abreisen zu müssen, die Menschen verstehen hier so gut sich zu amüsieren: ›Freut euch des Lebens!‹ ist die Devise, dabei absolut keine Klatschereien, man nimmt alles auf die leichte Schulter: ›Das fidele Gefängnis‹ nennen wir im Scherz unser Hotel, guter Witz, nicht wahr?« »Ja, also meine liebe Ruth, wenn Dein Vater wirklich auf seiner Laune besteht und mich als Opferlamm mit sich schleppt, treffen wir in etwa acht Tagen schon in Villa Olivia ein, laß alles vorbereiten und bestelle mir doch auch eine neue, recht elegante Volière. Der Vicomte schenkte mir neulich zwei Inséparables, entzückende kleine Tiere, welche ich natürlich mitbringe. Ich hoffe, Dich noch ein paar Tage bei uns zu sehen, es würde Deinen Vater auch herzlich freuen, er spricht viel von Dir. Deine Försterstochter wirst Du natürlich vorausschicken, solche Gesellschaft kannst Du uns doch nicht zumuten, Herzchen! Also auf Wiedersehen, carissima ; Altingen grüßt Dich tausendmal und ich schicke Dir tous mes amitiés , halte mir den Daumen, daß wir noch hier bleiben! Deine sehr gequälte Mutter Adine von Altingen geb. Freyin von Nordenwerth. NB. Stehen vielleicht noch ein paar Bälle bei Euch in Aussicht, oder heiligen die braven Residenzler die Fastenzeit?« Ruth knitterte den Brief heftig zusammen, Thränen der Empörung blitzten in den reinen Kinderaugen und mit fast verabscheuender Geberde schleuderte sie das duftende Blatt in den Kamin. Dann trat sie heftig zur Seite und rührte die Glocke. »Ich kann's nicht!« rief sie mit leidenschaftlich verschlungenen Händen: »ich ertrage nicht die Nähe dieses Weibes! O Vater, armer, unglücklicher Vater, so lohnt Dir Dein Liebling all die aufopfernde Liebe und Verehrung, so vergilt sie all die tausend Zärtlichkeiten, mit welchen Du ihr Leben so innig gestaltet hast, und läßt Dich allein in Elend und Krankheit, um mit leichtsinnigen Glücksrittern von einem Vergnügen in das andere zu taumeln! Und dennoch, ich vermag es ja nicht, nach so langer Trennung herzlos davon zu eilen, wenn Deine Sehnsucht und Verlassenheit Dich heim treibt, wer macht Dir altem Mann noch eine Freude, wenn ich selbst Deine Nähe fliehe? Um seinetwillen will ich denn erdulden, will die Zähne zusammenbeißen und wenigstens ein paar Stunden lang bei ihm sein, die Frau Gemahlin wird unser Wiedersehen nicht lange stören, es giebt ja zwei Inseparables zu liebkosen! Ja, ja denn, ich bleibe hier und erwarte den Vater, im Hotel wird es noch Platz für Aennchen und mich geben, und der eine Tag wird hoffentlich auch vorüber gehen, wie Alles im Leben, was bisher mein Herz schneller schlagen ließ, und dann geht es zurück, heim in mein liebes, altes Schloß. O, Herr mein Gott, wie werde ich so glücklich sein!« Lenz trat ein. »Ich wünsche Mademoiselle Marion zu sprechen«, sagte Ruth, sich hastig umwendend: »rufen Sie dieselbe her.« Mit tiefer Verneigung zog sich der alte Diener zurück, Erlkönigin aber setzte sich vor ihren Schreibtisch und begann in fliegender Hast die einzelnen Nippes und Rahmen einzupacken. » Mon dieu , was ist denn passiert?« rief die kleine Französin, atemlos die Portieren teilend. »Sie räumen wohl gar ein? Ciel –. wir sollen doch nicht –« »Abreisen? o ja, und zwar schon binnen vierundzwanzig Stunden werden meine Möbel auf dem Wege nach Altingen sein, wir selber bleiben noch bis zum Dienstag hier, dann folgen wir ihnen so eilig wie möglich. Lassen Sie sofort Alles besorgen, beste Marion, hier diese Oelbilder kommen wieder in die große Spiegelkiste und Lenz soll den Schreiner zum Einschrauben bestellen, sonst ist weiter nichts besonderes zu bestimmen.« Fieberhafte Glut stieg in die hagern Wangen der alten Dame, fast nervös spielten ihre Finger mit den weißen Spitzenbarben, welche über die eingesunkene Brust herniederhingen. »Abreisen? Welch ein böser Geist beseelt Sie denn plötzlich, Ruth, jetzt, wo es anfängt so schön hier zu werden, und wo man sich endlich in der Residenz eingelebt hat, jetzt wollen Sie mit einem Mal auf und davon, ohne Ueberlegung, welchen Tausch Sie eingehen?« »Es wird mir absolut keine Zeit zum Ueberlegen gelassen, liebe Mademoiselle«, lächelte die Herrin von Altingen mit schnellem Seitenblick: »in acht Tagen sind meine Eltern wieder hier, und daß ich ohne Not keine Stunde lang mit meiner Stiefmutter dieselbe Luft atme, wissen Sie!« »In acht Tagen die Herrschaften zurück?« Marion taumelte förmlich in die nächste Causeuse. »Herr des Himmels, jetzt schon?« »Wie ich sage, meine Beste!« »Was ist denn passiert? Ist der Herr Baron kränker, oder gefällt es der gnädigen Frau nicht mehr in Italien?« Mit zwei Schritten stand die Französin schon wieder neben Ruth und starrte ihr atemlos in das Gesicht. »Da muß ja etwas ganz Außergewöhnliches vorgefallen sein, o erzählen Sie, Ruth, schnell, erzählen Sie!« Erlkönigin blickte kühl empor: »Dazu ist durchaus keine Zeit jetzt, Mademoiselle«, entgegnete sie kurz, »besorgen Sie Ihre Angelegenheiten und benachrichtigen Sie Aennchen vor allen Dingen, auf Wiedersehen.« Die Französin sah sehr echauffiert aus, es schien, als wollten sich die blassen Lippen öffnen und eine ganze Flut bitterer Anklagen über die junge Dame schütten, dann besann sie sich plötzlich eines Andern, wandte sich eilig um und rauschte sichtlich indigniert aus dem Zimmer. »Lenz! besorgen Sie die Koffer vom Boden!« klang ihre scharfe Stimme durch den Korridor. »Du liebes Kind, komm geh' mit mir!« » Con moto – dolce – bitte noch einmal, Fräulein Anna!« Heßbach blickte zu ihr auf und wandte das Blatt wieder zurück. »Du meiner Seele schönster Traum«, begann das junge Mädchen von Neuem: »Du meiner schönsten –« »Fräulein Anna?« »Ja?« »Warum betonen Sie denn das ›Du‹ so?« »Ich? ach – das habe ich wirklich gar nicht bemerkt –« »So! hm – es war mir so.« »Du meiner schönsten Träume Seele, Du Herz, dem ich mein Heil befehle –« »Fräulein Anna!« »Ja?« »Ich glaube, Sie sangen eben falsch.« »Mir war's, als ob Sie falsch begleitet hätten, Herr Heßbach. Sehen Sie, da liegen Ihre Finger noch auf dem G-Accord.« »Hm. Sagen Sie mal, Fräulein Anna, ich glaube, wir sind heute alle Beide sehr zerstreut.« Försters Töchterlein wurde rot. »Ach nein, nur nicht bei der Sache«, und sie schluckte unvermerkt die Thränen hinunter. »Was genau dasselbe sagen will.« Kleine Pause. »Herr Heßbach!« Der junge Mann blickte eifrig empor, »ja?« »Wir wollen doch weiter singen!« »Singen wir!« »Du meiner Seele schönster Traum!« »Hören Sie einmal, beste Fräulein Anna, ist es mir nur so, oder höre und sehe ich heute nicht richtig, aber es kommt mir immer vor, als sängen Sie: ›Du meiner Seele‹ und als sähen Sie mich dann dabei an!« Heßbach sprang ungestüm auf und schlug die Noten zu. »Anna, wir sind heute alle Beide nicht bei der Sache, und wissen Sie auch warum? weil die Hiobsbotin, Mademoiselle Marion, hereingestürmt kommt und wie ein Blitz aus heiterem Himmel erklärt, daß Sie abreisen müßten!« »Ach ja«, seufzte Aennchen, und diesmal zitterte es auch feucht an den Wimpern. »Ja, das geht ja aber gar nicht! Der Gedanke ist ja ganz unmöglich!« rief der Kapellmeister immer erregter, »bedenken Sie doch, was soll aus Ihrer Stimme werden, wenn ich sie nicht mehr ausbilden kann, Sie singen den ›schönsten Traum‹ noch ganz abscheulich, immer betonen Sie das ›Du‹ und dann begleite ich falsch! Nicht wahr, das sehen Sie doch selber ein, daß das so nicht gehen kann« – »Nun, dann wollen wir schnell noch einmal singen, und ich betone ›Traum‹, denn die Hauptsache im Leben ist ja meistens, daß man träumt«, und Aennchen fuhr sich mit dem Taschentuch über die Augen und konnte gar nicht weiter reden vor Rührung. Auch Heßbach blickte wehmütig vor sich nieder, »nun dann wollen wir's einmal mit dem Traum versuchen«, sagte er ganz kleinlaut, setzte sich wieder vor das Instrument und schlug die Noten auf. »Na also!« »Du meiner Seele schönster Traum –« schluchzte Aennchen voll Todesverachtung. »Fräulein Anna!« »Herr Heßbach?« »Nein, es geht auch so nicht! Sie können nicht spielen und ich kann nicht singen, das heißt, ich wollte sagen, Sie können nicht singen und ich nicht spielen, sehen Sie, ich bin schon ganz verrückt –« »Nun dann könnte ich vielleicht Seele betonen?« »Seele?« Heßbach stand auf und faßte jäh entschlossen beide Hände seiner Schülerin. »Jeder Mensch hat eine Seele, doch wer liebt, hat ihrer zwei, sehen Sie, Anna, mir ist es plötzlich so seelenvoll zu Mute, daß es gar nicht anders sein kann, ich bin verliebt, und wenn ein Kapellmeister einen falschen Akkord greift, wenn eine junge Dame neben ihm steht, dann kommt es daher, daß er sich auf die beiderseitige Harmonie viel zu fest verlassen hat! Anna, ich habe nie falsch gespielt und Sie noch nie falsch gesungen während unseres Unterrichts, jetzt mit einem Mal sind wir Stümper geworden, weil man uns sagt, daß wir getrennt werden sollen. Das ist Unmöglichkeit! Sie sind die goldenen Saiten meiner Seele geworden, reißt man sie los von mir, ist Klang und Leben mit zerrissen, ich kann nicht mehr schaffen und wirken ohne Dich, meine geliebte, kleine Anna, denn Du eben bist meiner Seele schönster Traum.« Mit großen, todesängstlichen Augen blickte das Waldkind zu ihm empor, die Thränen versiegten, wie ein Schwindel brauste es durch ihr Köpfchen, und als der schöne Mann sie an seine Brust zog und Kuß um Kuß auf die frischen Lippen drückte, da breitete sie jauchzend die Arme aus, schlang sie um seinen Nacken und flüsterte ihm in das Ohr: »O wie lieb hab ich Dich!« Mademoiselle Marion wunderte sich, daß gar kein Laut mehr aus dem Musikzimmer herüberschalle, »unterrichtet gewiß theoretisch«, dachte sie, und weil sie gar zu viel zu thun hatte, beruhigte sie sich bei diesem Gedanken. Und der Kapellmeister fuhr auch gewissenhaft erläuternd nebenan fort: »Siehst Du, mein Herzenskind, ich hoffe binnen Jahresfrist sicher eine selbständige Stellung als Kapellmeister am Kurorchester zu R. zu erhalten, dann reise ich flugs hin, richte unser Nestchen ein, und hole mir so schnell als möglich mein Weibchen hinein, bist Du es zufrieden, Schatz?« »Großmütterchen behauptet, ein rechter Brautstand müsse mindestens zwei Jahre dauern!« entgegnete die Kleine etwas ängstlich, »sie sagt, dies sei die schönste Zeit im Leben.« »Auch wenn man getrennt ist?« »O Du kommst sehr, sehr oft, und schreibst alle Tage!« »Und niemals unter zehn Seiten, natürlich; nun, ich werde einmal mit Großmütterchen über den Punkt sprechen!« und Heßbach hob ihr rosiges Kinn und küßte sie abermals, »näh nur fleißig Aussteuer, meine kleine Braut –« »Jetzt kommt Marion, schnell singen –« Heßbach schlug übermütig die volltönenden Akkorde an. »Nun noch einmal, Fräulein Anna«, sagte er sehr laut und ernsthaft, »also dolce, dolce und zeitweise con moto .« Du meiner Seele schönster Traum Du meiner schönsten Träume Seele, Du Herz, dem ich mein Heil befehle, Du Heil, wie ich es ahnte kaum – »Bravo, Fräulein Anna! jetzt singen Sie vortrefflich!« * Ruth hatte von den hohen Herrschaften Abschied genommen. Prinzessin Josephine schied schwer von ihr: »Mein guter Engel verläßt mich ja mit Ihnen«, hatte sie feuchten Auges gelächelt, und leiser hinzugefügt, »lassen Sie mir wenigstens einen Sonnenstrahl zurück und geben Sie öfters Nachricht von Altingen, mein Herzenskind, wenn ich den nächsten Sommer noch erlebe, halte ich Wort und besuche Sie in dem lieben Ritterschloß, dort weht noch Stephanies Geist.« Leopold hatte im Vorzimmer seiner Tante am Fenster gelehnt, aus Zufall wohl. Er sah bleich und ernst aus, um Jahre älter. »Leben Sie wohl, Erlkönigin, und wenn Sie je im Leben eines treuen Freundes bedürfen, so wissen Sie, wo er zu finden ist. Gott segne Sie, kommen Sie bald zu uns zurück.« Und er neigte sich auf ihre Hand nieder und preßte sie hastig an die Lippen. Da trat Fräulein von Nievendloh ein: »Na ja also, wenn Tante Josephine zu Ihnen kommt, müssen Sie mich als Reisemarschall mit in den Kauf nehmen!« fuhr er mit erzwungener Heiterkeit fort, » au revoir denn in Altingen!« Und er grüßte mit schneller Handbewegung und ging. Als Fräulein von Altingen abreiste, duftete ein köstlicher Rosenstrauß in ihrer Hand, von wem er kam, wußte niemand, als aber querfeldein ein einsamer Reiter mit dem Zug um die Wette jagte, da hob Erlkönigin die lieblichen Blumenkelche, neigte sich aus dem Fenster und hob sie ihm grüßend entgegen. »War das nicht Prinz Leopold?« fragte Mademoiselle Marion, eifrig ihre Lorgnette suchend, »ich müßte mich doch sehr geirrt haben!« »Ja, er war es«, nickte Ruth abgewandt, »er reitet gewiß zu den Felddienstübungen hinaus«, und sie lehnte sich in die Wagenecke zurück und schloß die Augen, es schien Aennchen, als mache der Blumenduft die Herrin von Altingen müde. Endlich rauschte es wieder grün über dem Haupt, und frische, harzdurchzogene Waldesluft strich um die Stirn, frei und hoch wölbte sich der Himmel, kein Laut ringsum als jubelnde Vogelstimmen, fern im Thalgrund hütete der alte Petermann seine weidende Schafherde, unverändert, seinen blauen Strumpf in der Hand und den großmächtigen Schlapphut im Nacken. »Petermann!« jauchzte Ruth in ihrer Glückseligkeit auf, hob den hellen Sonnenschirm und schwenkte ihn im offenen Wagen. Der Alte schaute auf und hielt die Hand über die Augen. Das war die Altinger Equipage, welche dort die Chaussee von Kirchbach herrollte, er kennt die beiden Rappen ganz genau, und hinterdrein kommt ein großer Leiterwagen mit Gepäck. – »O Du mein Herrgott, kommt die Erlkönigin endlich zurück?« »Junge!« ruft er seinem halbwüchsigen Buben zu, welcher sich dicht neben ihm in den braunen Haide- und Wachholderbüschen sonnt, »he, ruf einmal ein Vivat hinüber, die Altinger kommen zurück!« und der schwarzäugige Hansjörg springt empor, legt die Hände um den Mund und jauchzt aus voller Kehle. »Juchhe!« hallt es fernhin. Da taucht ein Thurm auf, ein Stückchen Mauer, noch die nächste Wegbiegung, und das liebe Waldschloß liegt vor ihnen. Aennchen steht im Wagen und ist glutrot vor Wonne und Entzücken, Ruth preßt die Hände gegen die Brust und verschlingt das teure Bild mit den Augen. Die Zugbrücke rasselt – der Oberförster, Großmütterchen, Hans, Alle stehen sie im Hof und erwarten ihre heißersehnten Wandervögel. »Daheim! Daheim!« klingt es wie ein jubelnder Aufschrei von Erlkönigins Lippen, mit ausgebreiteten Armen stürmt sie der Heimat entgegen, und wie ein schwerer Bann löst es sich von ihrer Seele, jetzt ist sie wieder Kind, jetzt ist sie wieder glücklich, hier ist ihr Reich, hier gehört sie hin! Wie ein Nebelbild versank die Residenz, und es war Ruth, als sei Alles, Alles nur ein Traum gewesen! »Erreicht den Hof mit Müh und Not.« Eisiger Wind pfiff durch die glitzernden Aeste, jagte mit wildem Lied über die einsame Heide und zauste den dunklen Mantel des Wanderers, welcher gesenkten Hauptes darüber hinschritt. Die Erde war hart gefroren, schimmernde Schneedecke breitete sich flockig über ihr Haupt, und hing gleich bräutlichem Schleier über Gebüsch und Tannenwald, durch dessen winterliche Pracht der Mann mit dem ernsten Antlitz jetzt schritt. Das Dunkel senkte sich tiefer, aber er schien die Gegend zu kennen, sicheren Blickes übersah er den Kleengrund, blieb für Augenblicke stehen und legte zögernd die Hand über die Augen. Es war so still und feierlich rings umher, wie ein steinern Angesicht, auf dessen Wangen heimliche Thränen blinken, schaute das Thal zu ihm herauf. Die grauen Wolken zogen vorbei, höher und dunkler spannte sich der Himmel aus, schon blitzte hie und da ein einzelner Stern. Norbert zog den Mantel fester um die Schultern und kämpfte sich weiter vorwärts gegen den Wind. Bald lichtete sich der Wald, der Fußpfad bog ab, und in seiner frischen Schneedecke gewahrte Norbert den Abdruck eines Pferdehufes, daneben in weiteren Zwischenräumen die Spuren eines begleitenden Hundes. Unwillkürlich flammte es heiß über seine Stirn, aber das Lächeln erstarb auf der Lippe, und er schüttelte mit fast bitterem Ausdruck den Kopf. »Der Onkel ist heimgeritten und Nimrod begleitete ihn« flüsterte er vor sich hin. »Sie! wo ist sie wohl jetzt! Fern in der Residenz, vielleicht bei der glänzenden Toilette für den Hofball, umgeben von Brillanten und Atlaswogen, beneidet von den Freundinnen, umschwärmt von den Kavalieren, bevorzugt von den Fürstlichkeiten, und zufrieden mit sich und ihrem Loos! Ihr Weihnachtsbaum wird strahlender brennen, wie hier im stillen Wald, ihre Festgenossen heiterer sein, wie der Gast im Försterhaus!« Und gedankenvoll schritt er weiter. Da blitzte ein helles Licht durch die Dunkelheit, traulicher Lampenschein winkte durch das Gezweig zu ihm herüber, und hastiger schritt der Wanderer zu und grüßte den freundlichen Glanz! Wieder stand er vor dem alten Haus, unter der kahlen Linde, wo Großmütterchen ihre Märchen erzählte, und leise trat er an das helle Fenster und schaute hinein. Da saß in der Mitte am runden Tisch die greise Frau mit dem lächelnden Antlitz unter dem Silberscheitel, sie nickt der rosigen Anna zu und schickt einen Korb Aepfel erklärend über den Tisch, der junge Mann an der Seite ihrer Enkeltochter greift hinein und wählt die prächtigste Frucht heraus, er legt den Arm um Aennchens Nacken und reicht sie ihr hin. Das war also der glückliche Bräutigam der Försterstochter, der geniale Kapellmeister aus der Residenz, welcher die Stimme des jungen Mädchens ausbildete, und dafür ihr ganzes, überglückliches Herzchen zum Lohne behielt. Und weiter! Nebenan sitzt der große blonde Schlingel Hans, welcher zum zweiten Mal schon Weihnachten aus der Nachbarstadt nach Hause kommt, er wühlt geschäftig in einem Berg Nüsse, schiebt Gold- und Silberschaum herbei und bohrt Stecknadeln mit Schlingen in die harte Schale; doch neben ihm – wer ist das? Eine Dame, tief über den Tisch geneigt, das Lampenlicht glänzt auf dem blonden Scheitel, und eine schmale, weiße Hand greift eifrig nach Hansens Nüssen – sie wendet ihm den Rücken zu, jetzt lacht sie und blickt auf; sie hält dem Kapellmeister eine vergoldete Nuß hin, er bewundert sie, das breite Armband gleitet auf die Hand und sie dreht das Köpfchen und giebt dem Hans einen Klapps auf die Finger, welche heimlich einen stibitzten Apfel zu Munde führen. »Ruth!« ringt es sich von den Lippen des Lauschers; er preßt die erhitzte Stirn gegen die Scheibe und atmet kaum. Welch liebliches Bild vor seinen Augen! Wie anders als er es sich gedacht hatte. Sie, welche er im Glanz und Luxus glaubte, umrauscht von den Vergnügungen der großen Welt, beschäftigt mit flüchtig vorbeiwirbelnden Karnevalbildern, und entfremdet von dem stillen Waldschloß, in dessen frühlingsgrünem Park einst ein leidenschaftlicher Jüngling um ihre Liebe gefleht, sie, welche er sich fern im Kreise von Menschen dachte, welche aus der Urne des Schicksals die höchsten Lose gezogen, sie saß schlicht und bescheiden an dem bürgerlichen Tisch im Försterhaus, anspruchslos und heiter wie ein Kinderherz, welches nie nach Besserem verlangt hat! Die weiße Hand schaffte emsig zwischen Aepfeln und Nüssen, der Goldschaum heftete sich an die Nagelspitzen und verwandelte das junge Mädchen zu der Fee im Märchen, deren kleiner Finger mit verräterischem Glanz den hohen Gast im Bettlergewande verriet. Norbert kann die Blicke nicht losreißen, er will wieder von dannen fliehen und die stolzen Augen meiden, welche ihn mit ihrem unbarmherzigen Blicke verfolgten bis in den tiefsten Traum hinein! und dennoch bleibt er wie gebannt am niedern Fenster stehen und staunt das Wunder an: »Erlkönigin daheim!« Die alten Bilder werden wach in seinem Herzen, er steht vor dem weißen Postament im Schloßpark und beugt in tiefster Innigkeit das Knie, und wendet sich stolz ab und sagt – Norbert preßt die Lippen zusammen und richtet sich hoch empor. »Der Mann ohne Zukunft braucht Dich nicht zu meiden, Herrin von Altingen!« murmelte er fast bitter, »ich habe dich nicht gesucht, Du kreuzest meinen Weg.« Und mit schnellem Entschluß steht er an der Thür und tritt ein, sein Schritt hallt durch den Hausflur, entschlossen faßt er die Klinke und steht auf der Stubenschwelle. »Norbert!« ruft es ihm jubelnd entgegen, Aennchen, Hans und Großmütterchen schließt er wie im Traum in seine Arme, der junge Bräutigam reicht ihm beide Hände dar, nur Eine steht mit starrem Schweigen und stützt sich schwer auf die Stuhllehne – Ruth. Er blickt sie an, der Mantel fällt von der Schulter, auf der Brust glänzt das Kreuz, langsam tritt er ihr entgegen. »Haben Sie keinen Gruß für mich, Fräulein von Altingen!« Da flutet helle Glut über die erbleichten Wangen, hastig reicht sie ihm die Hand: »Grüß Gott, Herr Kapitän, wie freue ich mich, Sie wohlbehalten wieder hier zu sehen!« Baronesse Ruth sagt keine leere Phrase, das sieht er, ihr Auge leuchtet wahr und voll zu ihm empor. »Ich hatte nicht geglaubt, Sie hier im Walde zu finden!« fährt er fort, »ich vermutete Sie inmitten der Saison in der Residenz!« »Ich wohne wieder ganz in Altingen, seit mein Vater tot ist«, entgegnete sie gesenkten Hauptes. »Zwei Jahre schon? und davon schrieb mir Aennchen nie ein Wort!« »Norbert! Du bist ja Kapitän, Du hast einen Orden!« jauchzt Hans dazwischen, und mit dem Interesse des Sextaners geht er an die nähere Besichtigung: »Das ist das Kreuz, welches Du für das gerettete Schiff bekommen hast? nicht wahr? O wir haben es in der Zeitung gelesen, was Du für ein berühmter Mann geworden bist!« Unwillkürlich streift Sangoulèmes Blick das Antlitz Ruths, sie schaut zu Boden und flammende Glut jagt über die Stirn. »Uns wieder so zu überraschen!« schüttelt die Oberförsterin mit umflortem Blick das Haupt. »Warum gönnst Du uns nie die Vorfreude, Du seltsamer Mensch?« Er führt ihre Hand zärtlich an die Lippen. »Ich kam in Wilhelmshaven an, nahm meinen Urlaub und eilte zu Euch, zum Schreiben habe ich keine Ruhe mehr, wenn ich schneller da sein kann, als der Brief!« »Und hier ist mein herzlieber Schatz, Norbert!« ruft Aennchen mit strahlendem Auge, »schau! hast Du ihn Dir so vorgestellt? Kapellmeister! komponiert und dichtet und spielt Geige, Klavier, Cello –« »Skat und Sechsundsechzig!« unterbricht der Gerühmte lachend, »ja, Du bist eine beneidenswerte Braut!« »Komm einmal, Norbert, sieh Dir einmal meine Steinsammlung an!« schiebt sich Hans energisch in den Vordergrund, »schon zweiundachtzig Stück, alle Sorten!« »Nein, erst muß er zu Abend essen!« wehrt das praktische Großmütterchen, »begleite mich hinüber, mein Herzensjunge, mein wackerer Kapitän!« und abermals fühlt sich der junge Seemann von allen Seiten auf's stürmischste umarmt. Welch ein Durcheinander! welch ein Jubel! Endlich sitzen alle wieder um den runden Tisch, auch Onkel Oberförster mit weißgefrorenem Bart ist heimgekommen, und reiht sich als humoristisch biederes Glied zu der traulichen Kette. Da klingt Pferdegetrappel vor dem Fenster. »Der alte Lenz ist mit der Laterne aus Altingen da!« meldet Hans eintretend, »Suwaroff wird eben herausgeführt!« Ruth erhebt sich mit heiterem Abschiedswort. »Darf ich mir erlauben, Sie zu begleiten, Fräulein von Altingen?« Norberts hohe Gestalt steht vor ihr, die ernsten Augen blicken sie forschend an. »O Sie sind sehr gütig!« stammelt Ruth fast erschrocken, »Lenz ist ja bei mir, es passiert mir gewiß nichts, und Sie sind müde!« fährt sie lebhafter fort. »Sie haben heute schon den weiten Weg von Kirchdorf hier heraus gemacht –« »Wenn das Ihre einzige Sorge ist«, er greift lächelnd nach dem Degen, »so halte ich meine Bitte für gewährt, die Nacht ist herrlich, der Mond ist heraufgekommen und auch die Kälte hat nachgelassen, es ist ja eine so seltene Freude für mich, durch deutschen Wald zu gehen.« Das Lebewohl schallt hin und her, Suwaroff scharrt den Boden und Norbert reicht zögernd die Hand hin, um Fräulein von Altingen beim Aufsteigen behilflich zu sein; aber sie wendet sich um. »Lenz!« ruft sie, »führen Sie das Pferd hinterher, ich gehe zu Fuß!« und mit freundlichem Lächeln wendet sie sich zu Sangoulème. »Besten Dank, Herr Kapitän, ich ziehe vor, mit Ihnen auf ebener Erde zu plaudern! Adieu, Hans!« und wie der Blitz beugt sie sich nieder und rafft den Schnee auf. »Zum Andenken!« und der weiße Ball fliegt neckisch auf sein Ziel. »Morgen mit Zinsen zurück!« droht der kleine Mann, und versucht sich umsonst aus Aennchens Händen zu befreien, um den weißen Gruß sofort zurückzusenden. »Die Anne hält mich fest, sonst bombardierte ich sofort los!« »Morgen schicke ich meinen Sekundanten«, ruft Erlkönigin, sich umwendend. »Gute Nacht, kleiner Nußknacker!« und fort war sie, hinter den beschneiten Fichtenzweigen verschwand ihre schlanke Gestalt neben Sangoulème. »Hans scheint nicht höher zu schwören, als bei Ihnen, Fräulein von Altingen«, lächelte der schöne Mann neben ihr, »Sie scheinen sich gut zu verstehen!« »Das will ich meinen!« rief sie lustig, »wir waren stets gute Kameraden, und wenn wir uns unvermutet einen Streich spielen können, so gehört das zu den Hauptvergnügungen in dieser Einsamkeit; ich habe stets gerne geneckt, und bei Hänschen fand ich ein fruchtbares Feld, er huldigt der Devise: ›wie Du mir, so ich Dir!‹« »Sie nannten Ihren Aufenthalt hier Einsamkeit, wenn ich recht verstand, und doch scheinen Sie ihn freiwillig gewählt zu haben. Lebt Ihre Frau Mutter nicht bei Ihnen in Altingen?« Die junge Dame blieb stehen, ein Mondstrahl huschte über ihr Gesicht, zwei finstere Augen blitzten zu ihm auf. »Meine Mutter hat sich wieder verheiratet, ich höre sehr selten von ihr und gebe noch seltener Nachricht von Altingen: wir waren uns nie sympathisch, und ich glaube wohl, daß sie Gott dankt, die lästigen Bande zwischen uns zerrissen zu sehen!« »Und so leben Sie ganz allein hier?« fragte er mit unsicherer Stimme, »warum blieben Sie nicht in der Residenz?« Ruth neigte ihr Köpfchen tief auf die Brust. »Sie wissen ja, drei Winter habe ich dort getanzt und die Geselligkeit mit ihren lauten Freuden in vollen Zügen genossen, aber es widerte mich zuletzt an«, sie hob fast trotzig den Kopf, »es war Vieles so anders, als wie ich es mir gedacht hatte. Ich hasse die Menschen mit den grinsenden Zügen und der Bosheit auf der Zunge, ich durchschaue ihre Intriguen und finde ihr kriechendes Wesen verächtlich! Ich paßte nicht in dieses Leben, wo Maske und Verstellung zum guten Ton gehören, ich war zu aufrichtig, ich sprach aus, was ich dachte, und wohl hätte verschweigen sollen, ich sah, was hundert Andere übersehen mußten, und tadelte, was man vielleicht gelobt verlangte!« »Die Herrin von Altingen war zu stolz, um sich der launischen Welt zu fügen!« setzte er mit scharfer Betonung hinzu. Sie blickte schnell empor, aber sie antwortete nicht. Der Weg teilte sich, hier führte die breite Straße durch den Wald nach Altingen, dort führte der Fußpfad in den Kleengrund hinab. »Wollen wir hier durch das Thal gehen?« fragte Ruth momentan zögernd, »wir sind schneller beim Schloß, wenn auch der Weg beschwerlicher ist! Aber der beschneite Kleengrund sieht so prächtig im Mondlicht aus, und ich möchte Ihnen doch mein Reich in voller Pracht zeigen«, fügte sie scherzend hinzu. »Ich folge Ihnen!« entgegnete er, »es ist wohl auch ein Abenteuer, der Erlkönigin zu begegnen, wenn keine Irrlichter tanzen?« Sie lachte. »Meinen Sie unsere erste Begegnung?« fragte sie heiter zu ihm auf. »Ich dachte jener Nacht, wo ich einen kleinen Nixengeist auf meinen Armen durch den Bach trug! wie viel liegt zwischen einst und heute.« Sie schwieg. Eisiger Wind sauste ihnen aus dem dunklen Grund entgegen und schüttelte den Schnee von den Aesten auf sie herab; noch säumte das Mondlicht nur den Waldesrand mit silbernem Reifschleier, drunten die Erlen standen wie hohe Gestalten, deren weiße Arme den Nahenden schaurig entgegen winkten. Erlkönigin schritt leicht über den knisternden Schnee, der Abhang war glatt und eisig, der Wind zauste ihr wehendes Kleid. Da liegt loses Gestein, über welches der Schnee gefroren ist. Ruth schwankt und greift ängstlich nach den überhängenden Tannenästen, da stützt sie ein starker Arm, die hohe Gestalt des Seemanns tritt dich neben sie und faßt ihre kleine Hand, widerstandslos läßt sie sich von ihm führen. »Bleiben Sie länger hier?« fragt sie fast schüchtern, »als Kapitän haben Sie wohl nicht mehr so viele Freiheit wie ehemals? Sie sind ja jetzt ein berühmter Mann geworden, Ihr Heldenmut ist mit langen Artikeln in der Zeitung gerühmt, und jubelnd brachte mir Aennchen Ihren Brief, in welchem die Freudenpost von dem Ehrenkreuz stand, welches man dem Erretter von der Fregatte ›Nelson‹ auf die Brust geheftet, auch Prinz Leopold schrieb mir davon, und bat um meine Glückwünsche für den Freund.« Der Mann ohne Zukunft lächelte leis vor sich hin, sein edles Profil hob sich scharf gegen den hellen Schneehügel zur Seite ab. »Ich werde nur die Festtage über hier bleiben«, entgegnete er hastig, »ich wollte meinen Urlaub zu einer längeren Reise durch meine Heimatland benutzen und mich später mit Prinz Leopold in Paris treffen.« Wieder herrschte Stille, nur die Erlenzweige klangen im Wind. Sie schritten über den Bach. »Denken Sie an damals?« er neigte sich tief zu ihr hernieder. Das Eis knisterte unter ihren Füßen und sein Mantel wehte beschirmend um ihre schlanke Gestalt. »Ich habe stets daran gedacht, wenn ich hier auf meiner Weide gelesen oder geträumt habe!« flüsterte Erlkönigin, »es verirrt sich selten eine Menschenseele hierher!« Und nun ging es wieder bergan durch die hohen Eichen. Die Eiszacken flimmerten in dem bleichen Licht, und bald grüßten die Lichter von Altingen durch den leichten Nebel. Endlich standen sie vor der Zugbrücke, hinter ihnen von der Landstraße her blitzte die Laterne des alten Lenz, klang der Hufschlag Suwaroffs. »Oberförsters sind morgen alle meine Gäste«, sagte Ruth, »darf ich auch bei Ihnen um das Vergnügen bitten?« Ihre Stimme klingt unsicher und ihre Hand zittert leicht auf seinem Arm. Er hat sich halb zur Seite gewandt, sie zieht leise ihre Hand zurück und greift nach dem Schellenknopf, mit stummer Bitte blickt sie empor. »Würde es Sie beleidigen, wenn ich nicht käme?« fragte er gepreßt, seine Stirn ist finster und sein Blick meidet den ihren. »Es würde mir zeigen, daß Sie unversöhnlich sind!« entgegnete sie mit gesenktem Haupt, »und dennoch sagten Sie bei unserem Abschied in der Residenz, es solle alles vergessen und vergeben sein! schon darum dürfen Sie mich nicht von neuem kränken!« Er reicht ihr die Hand entgegen, fast heftig umschließt er die bebenden Finger der jungen Baronesse. »Nein, das will ich nicht!« erwidert er mit gedämpfter aber leidenschaftlich erregter Stimme. »Sie sagen mir ja, daß ich kommen soll, aus freien Stücken hätte ich Altingen nicht wieder betreten, ich gelobte es Ihnen einst! Nun geben Sie mir mein Wort freiwillig zurück, und ich danke Ihnen für die Erlaubnis, weiter Ihr Freund sein zu dürfen. Gute Nacht, Fräulein Ruth, ich werde die Meinen begleiten!« Er gab ihre Hand frei, griff salutierend an die Mütze und wandte sich mit schnellen Schritten zurück. Wie ein dunkler Schatten verschwand seine stolze Gestalt in dem Düster der Schloßmauer. Ruth aber verschlang die Hände und lehnte regungslos an der gewölbten Pforte, mit starrem Blick sah sie ihm nach, und der Nordwind kam und küßte die Thräne von ihrer Wange; – wie arm war doch die Herrin von Altingen. Da blitzt die Laterne neben ihr, hell wiehernd schüttelt der Goldfuchs die Mähne, und der alte Lenz reißt erschrocken an der Schelle, das gnädige Fräulein hatte warten müssen. »Ein kalter Abend!« sagte er wie entschuldigend, »man kann nicht scharf zugehen bei dem Eis!« Ruth nickt ihm nur schweigend zu und zieht den Mantel fester um die Schulter. Sie hört wie die Kette der Zugbrücke rasselt und die schweren Riegel zurückweichen, dann schreitet sie schnell voran, stürmt über den Hof und eilt die Treppe hinan in ihr Zimmer. Dort liegt ein Pantherfell über dem Sessel, sie sinkt daneben nieder und drückt ihr Gesicht auf die glänzenden Haare; es war wohl nicht das erste Mal, daß Erlkönigin zu dem Andenken des fernen Freundes flüchtete. »Und bist Du nicht willig – so brauch' ich Gewalt!« Wie früh es dunkel geworden ist! Großmütterchen sitzt in dem hohen Sorgenstuhl, welchen der stattliche Enkel vorsorglich neben den Kachelofen gerückt hat, dessen mächtig grünes Viereck behagliche Wärme ausströmt. Auf den schneeweiß gescheuerten Dielen spiegelt sich das flackernde Feuer und wirft tanzende Lichter über die gebeugte Frauengestalt, welche in sonntäglichem Staat, dem schwarzen Seidenkleid und Spitzenhäubchen, auf das Erscheinen der Enkelkinder wartet, um hinüber ins Schloß zur Christbescheerung zu fahren. Neben ihr sitzt Kapitän Norbert. »Erzählst Du jetzt auch noch Märchen in der Dämmerstunde, Großmütterchen?« fragt er, leise und zärtlich die Hand der Greisin streichelnd, »wie lange ist es her, daß ich zum letzten Mal von dem Nordlandsprinzen hörte?« Die Oberförsterin lächelt. »Kinder in Deinem Alter träumen sich selber die Märchen zurecht, und fügen den Schluß nach Belieben hinzu. Ob der verliebte Prinz sich sein Königstöchterlein oder die liebliche Schäferin erstand, und sie wahrlich den Drachen und Riesen des Schicksals abrang, das hängt einzig von Euch selber ab, als trauliches Spiegelbild des eigenen Empfindens.« »Du meinst, es käme nur auf den guten Willen an?« Norberts Stimme klang verändert. »Den guten Willen und den festen Mut, ja, mein Sohn!« nickte die alte Frau fast feierlich, »bei solchen Herzen wenigstens, welche auf nichts weiter angewiesen sind, als die Hoffnung und das Vertrauen auf die Macht ihrer Liebe. Norbert«, fährt sie plötzlich mit rührender Innigkeit fort, sein Haupt sanft zurückwiegend in das Bereich des zuckenden Feuerscheins, »Du bist auch ein Prinz, der die Liebe sucht, der sie gefunden hat – und ihr dennoch den Sieg nicht zugestehen will! Heute Abend zündet Baronesse Ruth die Weihnachtslichter für uns an, die hellen, freundlichen Sterne, bei deren Glanz man im tiefsten Herzen lesen kann, verschließ das Deine nicht, mein Liebling, zeige ihr, daß drinnen noch ein heiligeres Feuer flammt, für sie, und nur für sie allein, – die Liebe!« »Großmutter!« – Der junge Mann wendet das verstörte Antlitz fast heftig aus dem Lichtkreis, um die kalte Hand gegen die Stirn zu pressen, »ich, ich soll von Liebe reden – zu ihr? nimmermehr!« ringt es sich fast leidenschaftlich von seinen Lippen, »mir sagen lassen von der Herrin von Altingen, was nur sie allein so bitter auf treue Liebe zu antworten weiß?« »Du hältst Ruth für stolz, für herzlos!« fährt die Greisin eifrig fort, »o und Du verkennst sie, Du thust ihr bitter Unrecht; kein Kind ist anspruchsloser, aufrichtiger und bescheidener wie sie! Gott weiß, wie lieb ich das Mädchen gewonnen habe, als ein eigen Kind ist es mir in den drei letzten Jahren ans Herz gewachsen, und das kann ich mir auch ohne Vorwurf sagen: was in meinen Kräften stand, habe ich gethan, um der armen Waise eine treue Ratgeberin und Mutter zu sein! Norbert«, die Stimme der Oberförsterin schmolz in Weichheit und Zärtlichkeit, »Du bist mir stets das liebste, das teuerste Enkelkind gewesen, für jene Andern hätte ich mein Leben gelassen, Dir hätte ich selbst die Seligkeit geopfert! Und nun willst Du haltlos von dannen, wieder hinaus in Sturm und Gefahr, um abermals eine Zeit über mich heraufzubeschwören, welche meinem Herzen tausendfache Qualen schafft! Täglich und stündlich war mein Gedenken bei Dir, von dem ich nicht wußte, ob sich der Himmel noch über Deinem Haupte wölbte, ob Dich die tückischen Fluten verschlungen, ob das Fieber durch Deine Adern wühlte, ob treulose Menschen Dich im Elend verlassen! Gott weiß es, Norbert, wie ich bei dieser Ungewißheit litt und schwerlich hätte ich all die sorgenvollen Stunden ertragen, wenn nicht noch eine Seele um Dich gezittert hätte, nicht noch eine Hand für Dich gebetet, nicht ein junges, liebevolles Herz Deine alte Großmutter getröstet und mit ihr in Gedanken all Deine Reisen bis in die fernste Wildnis hinaus verfolgt hätte.« Norbert schrickt empor: »Wer?« schreit er fast auf. Die Oberförsterin beugt sich zu ihm nieder: »Ruth!« sagte sie mit schwerer Betonung. »Ruth!« wiederholt er wie im Traum, sein Blick ruht starr auf der flackernden Glut. »Sieh, Norbert!« flüsterte die alte Dame beschwörend, »Du weißt, wie die Verhältnisse jetzt in Frankreich stehen. Deines Vaters Brüder sind tot, der Aelteste starb kinderlos, der einzige Sohn des Zweiten, Jüngeren, erlag vor einem halben Jahr den Wunden eines Duells. Du bist der rechtmäßige Erbe von Sangoulème, die Gerichte von X. haben Nachforschungen nach Dir angestellt, welche Dein Onkel hier in genügender Weise mit sämtlichen Dokumenten geliefert hat, und die einzige lebende Schwester Deines Vaters, eine stolze, greise Stiftsdame, erklärt sich bereit, Dich versöhnt, als ihren lieben einzigen Neffen zu empfangen.« »Das ist alles Mögliche!« lacht der junge Mann bitter auf. »Für ihren Standpunkt allerdings, mein Sohn«, nickt die alte Frau ernst, »Dein Vater war wegen seiner Mißheirat von der ganzen Familie verstoßen, von seinem Vater sogar enterbt, weil er Deine schöne Mutter, die deutsche Gouvernante, einer Dame der höchsten französischen Aristokratie vorzog, man sagt sogar, es habe Fürstenblut in ihren Adern gerollt. Nun soll das alles vergessen sein. Deine Tante Angelique wünscht Dich zu sehen, Dich in die Rechte Deiner Geburt einzusetzen, sie will Dir mit ihrer verwandtschaftlichen Liebe ein bedeutendes Vermögen schenken, mit welchem Du, kraft Deines Ruhmes und Deines Namens, eine Stellung in der Welt einnehmen kannst, wie sie Tausende wohl träumen, aber nie erreichen! Was aber allein auf dieser Höhe? Dort in Altingen schlägt Dir ein Herz, welches Dich mit Todesangst, mit Sorge und Gebet auf Deinen Wegen begleitet hat, welches Dich verdient hat mit seiner erprobten Treue, wie nie ein anderes Weib auf Erden. Heute ist Weihnachten, Norbert, laß den Christbaum zum Stern Deines jungen Glückes werden, geh zu Ruth und sage ihr, wie heiß Du sie liebst, nimm sie als liebe Gattin mit zu Tante Angelique, mach Deine Hochzeitsreise in die Champagne!« »Großmutter, schweig!« wie ein Aufschrei klang es von seinen Lippen, in furchtbarster Erregung sprang der junge Seemann empor und durchmaß mit hastigen Schritten das Zimmer, seine Hände krampften sich, und die Lippen preßten sich in wildem Trotz so fest zusammen, als fürchte er, das schreckliche Wort: »Ich liebe Dich!« könne sich jäh darüber stehlen. Endlich blieb er vor der Greisin stehen. »Nie, Großmutter!« klang es dumpf von seinen Lippen, »nie werde ich der Herrin von Altingen ein Wort von Liebe sagen. Zu Tante Angelique reise ich morgen früh ab, aber nicht, um Deinem Wunsche nach mir ihr Geld als Kette um die Füße schmieden zu lassen; ich ertrage das Landleben nicht, ich verdurste auf diesem Festland, ich ersticke in diesem engen Horizont, ich muß zurück zu meinem geliebten, weiten, unermeßlichen Weltmeer! Was bangt ihr um mich? Das Meer meint es gut mit mir, am besten – wenn es mich ganz bei sich behält.« »Norbert!« Die Stimme der alten Frau ist fast erstickt mit Thränen. Ein Strahl tiefster Rührung fliegt über seine finsteren Züge, schnell beugt er sich nieder und umschließt die Greisin mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »Vergieb mir, Großmütterchen!« flüstert er aufgeregt, »ich ließ mich von einem Gefühl übermannen, welches ich Thor überwunden glaubte! Verlange Alles von mir, Alles, was in meinen Kräften steht, aber nicht das eine – nur nicht – Ruth!« »Und warum nicht, Du seltsamer Mensch«, fragt sie, leise das Haupt schüttelnd: »Liebst Du sie denn nicht?« Da brandet und schäumt es empor in seiner Seele, wie die langgefesselte Wasserflut, welche endlich die Eisesfesseln sprengt, wild ihre erdrückende Last von sich schleudert, und hervorbricht zum Licht, zum Leben, in tausend ungestümen, hastigen, grundemporquellenden Wogen, welche der weiten Welt mit donnerndem Jubel das unsterbliche Wort der Freiheit verkünden! Das Haupt auf ihren Schoß gesenkt, beichtet Norbert die tiefe Innigkeit seiner Liebe; Wort um Wort berichtet er von jener bittern, qualvollen Stunde im Garten, von diesem Abschied, welchen der Hochmut jener Mädchenseele zu einem ewigen gemacht; und die alte Frau nickt stumm mit dem Kopfe und lächelt leise und seltsam vor sich hin. Nein, Norbert wird nicht zum zweiten Mal von Liebe reden, das sieht sie jetzt ein, und sie legt die Hand auf sein schönes, trotziges Haupt und küßt die Stirn, hinter welcher der Stolz sich so leidenschaftlich gegen die Liebe wehrt: »Fahr hin! Ich kann nicht zweimal knieen, um alles Heil der Welt!« Zu beiden Seiten der Zugbrücke lohten die Pechfackeln, blutroten Schein über die glänzende Schneedecke werfend, um hochaufqualmend, die grauen Mauern in zuckendes, hin- und herschweifendes Feuerlicht zu kleiden. Darüber wölbte sich ein schwerer, sternloser Schneehimmel, welcher unaufhaltsam seine weißen Flocken herniederstreute; lautlos und weich schmeichelten sie um die frierenden Fichten und schmiegten sich fest in das wirre Epheu- und Rosengerank am Schloß, daß es aussah, als habe Erlkönigin ein flimmerndes Spitzengewebe darum hergezogen, aus welchem schneegekrönt die altertümlichen Türme emporstiegen. Blendender Lichterglanz strahlte aus den Fenstern, weiche ernste Klänge der Christhymne und dann ein haltlos lauter Kinderjubel; drunten im Erdgeschoß bekam die Dienerschaft, Groß und Klein, Alt und Jung ihre mannigfachen Tischlein unter dem strahlenden Tannengrün gedeckt. Dann blitzte auch droben im Saal ein Lichtlein nach dem andern am Christbaum auf; Baronesse Ruth glitt leise und emsig unter den duftenden Zweigen hin, hier und da noch mit schlanker Hand die Geschenke ordnend, zufügend und teilend, und schließlich in kurzem Gebet vor der Krippe des Herrn knieend, um den vollsten, herrlichsten Weihnachtssegen auf das ganze Haus herabzuflehen. Lieblicher, stolzer und herzgewinnender hatte die Herrin von Altingen wohl nie ausgesehen, als an diesem Abend. Endlich öffnen sich die hohen Flügelthüren. – »Was fehlt Dir, Norbert?« flüstert Aennchen plötzlich in all dem Jubel und Jauchzen: »Du stehst ja wie ein steinern Bildnis, was hast Du da? O wie schön, wie herrlich, was bedeutet das?« Oberförsters Töchterlein hatte Recht. Der junge Seemann stand regungslos vor dem Platz, zu welchem Ruth ihn errötend geführt. In seiner Hand zitterte ein weißer Karton, ein Aquarellgemälde, auf welchem sein Auge noch immer, mit fast starrem Ausdruck ruhte. Das Bild war eine flüchtige, aber dabei fast künstlerisch entworfene Skizze. Sie stellte einen mächtigen Wiesengrund dar, mit seltsam verkrüppeltem, schattenhaftem Weiden- und Erlengebüsch, welches ein Bach durchbricht, mondbeschienen und glitzernd wie ein Silberband. Mitten in den sprudelnden Wellen aber steht die Gestalt eines Jünglings, hoch und schlank, von dunklem Mantel umflattert, und an seine Brust schmiegt sich ein bleiches Kind im geisterhaft weißen Gewand, mit tiefgesenktem Köpfchen, um welches die wirren Haare wehen – »Erlkönigin« steht kurz darunter. »O wie herrlich! wie herrlich! was soll es vorstellen?« fragt Aennchen abermals über seine Schulter, da läßt er das Blatt sinken und schrickt empor wie aus einem Traum. Sein Blick fliegt zu Ruth hinüber, sie steht neben dem greisen Pfarrer aus Kirchdorf, mit leicht gefalteten Händen und denkend erhobenen Augen, wie ein Heiligenschein schimmert das blonde Haar um ihr Köpfchen und ein schnelles, strahlendes Lächeln fliegt über das süße Gesicht. Er steht mit hastigen Schritten neben ihr: »Haben Sie dieses Bild selber gemalt, Fräulein von Altingen?« Sie blickt empor, der Ausdruck seines Auges treibt glühendes Rot auf ihre Wangen. »Ja, es war die Arbeit meiner Mußestunden, ich wußte nicht, was ich Ihnen Passenderes schenken sollte, und eine Erinnerung an jenen Abend wollte ich Ihnen doch gern auf die nächste Reise mitgeben!« »Ich danke Ihnen!« sagte er einfach, seine Augen aber fanden die ihren. Da kommt Hans und zieht den Onkel-Kapitän ungestüm mit sich fort, all die Schätze zu bewundern, und Aennchens Bräutigam kommt mit glückseligem Gesicht und küßt der Herrin von Altingen dankend die kleine Hand, sein höchster Wunsch, eine prachtvolle Wagnersammlung, sämtliche Werke des großen Meisters, grüßten ihm unter dem Christbaum entgegen. Welch buntes, jauchzendes Leben in dem stillen Ahnensaal zu Altingen! Da bringen Hans und Aennchen plötzlich eine große geheimnisvolle Kiste herbei. Großmütterchen packt aus, lauter herrliche, fremdländische Wunder der Tropen, welche in bunter Pracht, mit lauten Ausrufen des Entzückens begrüßt, aus den schützenden Hüllen tauchen. »Norbert!« ruft die Oberförsterin, »willst Du Deine Geschenke nicht vertheilen?« Der Gerufene wandte sich zurück, er stand abseits vor seinem Bilde. »Ich kenne nicht den Geschmack der Damen!« stotterte er fast verlegen, »ich bitte dringend, daß sich die Herrschaften selbst nach Wunsch und Gefallen wählen!« »Hurrah, dann bekomme ich diesen Dolch, und das Trinkhorn aus Elfenbein!« überschreit sich Hans vor Eifer, »kann ich auch eine Cocosnuß haben? Ach bitte, und ein paar Muscheln, und diesen Seestern«, schon hat er aber alles Genannte mit Beschlag belegt. »Ach, Norbert, für mich diesen Shawl! Himmel, wie prachtvoll! und diese rote Kette, was ist denn das für eine Masse, diese Perlen?« und schon schaukeln sich die bewunderten an Aennchens Hals: »Sag mal, Norbert, diese türkische Wasserpfeife schenkst Du doch meinem Schatz? O und da, die köstlichen Korallen, solch einen Schmuck habe ich mir längst zu meinem rosé Kleid gewünscht.« »Aber Kinder, kommt Ihr etwa zuerst?« entsetzt sich Großmütterchen beinahe ernstlich böse: »bitte, liebe Ruth, mustern Sie erst einmal all die Herrlichkeiten, es bleibt nichts übrig, wenn diese Räuber so weiter in der Kiste hausen.« Ruth blätterte in einem Notenheft des jungen Kapellmeisters, jetzt blickte sie lächelnd zu der alten Dame hinüber und schüttelte neckisch den Kopf: »Was hat eine Gabe wohl für einen Wert, wenn man sie selber wählt? Es würde mir höchstens ein Wunder aus fremdem Land sein, aber nie ein Andenken an den Seefahrer Sangoulème, wenn es nicht von seiner Hand kommt!« Norbert war schnell herzugetreten, mit gesenkten Augen stand er neben ihr und überflog den Inhalt der Kiste, ein plötzliches Lächeln spielte um seine Lippen, und schnell entschlossen nimmt er eine köstlich gearbeitete, seltsam geformte Bronzeschale empor, um sie der jungen Dame mit leiser Bitte zu überreichen. Ueberrascht sah Ruth auf das Geschenk nieder. Lebhaft dankend wandte sie das seltsame Stück nach allen Seiten, umsonst eine Erklärung für die wunderbaren Schnörkel und Arabesken der Gravierung suchend. »Wo stammt dieses Kunstwerk her? was bedeutet es?« fragte sie endlich mit leuchtenden Augen. Da zuckte es abermals über sein ernstes Gesicht. »Es ist dies eine Wasserschale, mit welcher die Mädchen von Malmen am heiligsten Tag aus dem Saluen schöpfen und beim festlichen Zug durch die Stadt den erwählten Jüngling durch die Tropfen zum Werben ermutigen.« Mit bebender Hand hielt Ruth das Verhängnisvolle, tief senkte sie das erglühende Haupt und fragte nicht weiter, aber der Blick, welcher auf seiner Gabe haftete, sprach nicht wie ehemals stolz und zürnend: »Ich bin die Herrin von Altingen!« Der Oberförster war bald nach der Bescheerung heimgeritten, Mademoiselle Marion ließ nebenan die lange Tafel mit Souperresten abnehmen und Großmama Oberförster sprach schon seit einer Viertelstunde ganz heimlich mit Ruth. »Du, Tante Ruth lächelt und hat doch Thränen in den Augen!« flüsterte Hans kopfschüttelnd Schwester Aennchen zu. »Du bist nicht recht gescheut!« war die unzweideutige Antwort, und das kleine Bräutchen fuhr kokett fort, den neuen Crêpeshawl vor dem Spiegel auf alle mögliche Art umzuprobieren. Von Zeit zu Zeit sah sich der Kapellmeister lächelnd nach ihr um, er saß an dem mächtigen Flügel und prälutierte wohl schon eine »halbe Ewigkeit« wie Hans taxierte. Aber Norbert war ein eifriger Zuhörer, er stand auf das Instrument gelehnt und wandte keinen Blick von dem Ritter Brechthald, welcher durch die offene Nebenthür aus Ruths Zimmer herüberschaute, er schied ja so bald wieder, da wollte er wenigstens mit seinen Gedanken so ganz und gar im Schloß der Erlkönigin sein! Hans stand in der Thür zum Nebenzimmer, abwechselnd einen Apfel und einen köstlich mandelgezierten Pfefferkuchen zu Munde führend; trotzdem aber dieses Manöver sehr prompt von statten ging, konzentrierte sich seine Aufmerksamkeit dennoch vollkommen in den Augen, welche, weit geöffnet, auf Großmütterchen und Ruth starrten, die sicherlich ungeheure Geheimnisse da drinnen hatten, und nun war es doch schon nach Weihnachten! »O Sie liebe einzige Großmama!« ruft die junge Dame plötzlich, jäh die Arme um den Hals der alten Frau schlingend, »ja, ja, Sie haben Recht, hier ist es meine Sache zu helfen! aber wie? wie? ja, ich habe es!« jauchzt sie nach kurzem Sinnen auf, so laut und glückselig, daß Hans erschrocken mit beiden Händen zugleich zu Munde fuhr, und Aennchen eifrig in der Thür erschien. »Verlassen Sie sich auf mich, es soll alles gut werden!« flüstert Erlkönigin hastig in's Ohr der Oberförsterin, dann noch ein verstohlener Händedruck und im nächsten Moment hat sie schon dem ahnungslosen Hänschen den Kuchen entführt, und neckt sich mit ihm in fast übermütiger Weise um den Christbaum herum. Da tritt der alte Lenz mit einem Präsentierteller voller Glühwein ein. Wie der Wind ist Ruth an seiner Seite und flüstert ihm etwas zu, sprachlos vor Erstaunen starrt sie der Getreue an, dann lächelt er in verständnislosester Weise und riskiert kopfschüttelnd die Frage: »J gar? Baronesse scherzen bloß!« »Mein voller Ernst!« entgegnete die Herrin von Altingen in einem Ton, welcher keinen Zweifel mehr läßt, »thue wie ich befohlen, verstanden?« Lenz stottert sein »zu Befehl«, läßt sich wie geistesabwesend von Fräulein Marion die Platte abnehmen und geht wie ein Mondsüchtiger zur Thür, sich noch einmal an der Schwelle umschauend, als müsse die Gnädigste diesen unerhörten Befehl redressieren. »Also morgen reisen Sie unwiderruflich ab?« fragt Ruth den fast finster dreinschauenden Kapitän, sie stößt mit ihm an und nippt seelenvergnügt an dem dampfenden Glas. »Ja«, entgegnet er aufschauend, »ich bin bereits in der Champagne angemeldet!« »Wirklich? Und riskieren Sie Arrest, wenn Sie ausbleiben, Herr Kapitän?« Schändlich, sie lacht, und ihm will schier das Herz bei diesem Abschied brechen. »Höchstens Vorwürfe!« entgegnet er kurz, fast trotzig, ihr heiteres Wesen schneidet ihm in die Seele. »Und warum wollen Sie jetzt schon fort, warum warten Sie nicht auf den Schlitten?« »Ich möchte zu Fuß gehen, durch den Kleengrund!« sagt er abgewandt. Selbst das macht keinen Eindruck, Fräulein von Altingen ist plötzlich wie umgewandelt, er erkennt sie kaum wieder. »Durch den Kleengrund? Heute noch? Gott behüte!« kicherte sie mit strahlenden Augen, »da spukt es ja, Herr de Sangoulème, fürchten Sie keine Begegnung mit der Erlkönigin? Nun«, fährt sie schnell, fast aufgeregt fort, da er hartnäckig schweigt, »wenn Sie uns denn durchaus verlassen wollen, wenn Sie eben ein Rencontre mit dem unheimlichen Erlengeist riskieren wollen, wir sind die letzten, welche Sie aufhalten, wenngleich uns Ihr Abschied recht sehr betrübt.« Nein, es ist unerhört, selbst bei diesen Worten zuckt es wie verhaltenes Lachen um ihren Mund, »fort!« Sangoulème beißt die Zähne zusammen und verneigt sich, hastigen Dank stammelnd, vor Ruth, dann fragt er nach Fräulein Marion und eilt in den Eßsaal, sich von ihr zu verabschieden. »Adieu, Herr Kapitän, viel Glück zum Weg!« hört er noch Ruths Stimme, abermals fast vor Lachen erstickt. Er kommt zurück, er reicht Großmütterchen die Hand. Die Herrin von Altingen sieht er nicht mehr. Aus dem Christzimmer schallt Hänschens lärmender Jubel, gewiß scherzt sie dort schon wieder mit dem Knaben und hat vergessen, daß hier zum letztenmal ein Mann auf der Schwelle steht, welcher sein Glück, sein Leben, sein Alles bei ihr im stillen Waldschloß zurückläßt! Mit fiebernden Pulsen stürmt der junge Seemann die Treppe hinab. Bitterkeit erfüllt sein Herz und empört sein redliches Gemüt gegen die spottende Mädchenseele, welche auf solch kränkende Weise mit seinem heiligsten Gefühl gespielt! »Alles war Trug, Alles war Maske an ihr!« stöhnt er auf und öffnet fast rauh die Thür zum Schloßhof. Seltsam, Alles ist so still, drinnen im Haus kein menschliches Wesen, hier im Hof kein Laut, kein Licht, nur dort von der Zugbrücke flackert noch der Schein der verlöschenden Fackeln. Sangoulème hüllt sich fest in den Mantel und schreitet quer über den Hof, nicht einen Blick will er zurück nach ihren Fenstern werfen, aus welchen jetzt ein übermütiger Walzer herabklingt, das war also ihr letzter Gruß, ein Walzer! Mit leidenschaftlicher Heftigkeit eilt er weiter – was ist das? Schwarzer Abgrund gähnt zu seinen Füßen, von der Mauer herab beleuchten die Fackeln jäh aufsteigende schwarze Bohlen und Balken – ha! Die Zugbrücke ist aufgezogen! Wie soll er hinüberkommen? Zurückgehen und Hilfe suchen? wie schmachvoll! Zeigt sich denn keine, keine Menschenseele? »Lenz!« ruft er, sich umwendend, aber niemand hört ihn, niemand kommt. »Gefangen! Also gefangen!« murmelt er, fast unwillkürlich muß er lächeln, »doch nein, Erlkönigin, zu Dir komme ich nicht zurück!« Er thut zwei Schritte, um in den Hof zu gehen, da knirscht der Schnee neben ihm, schnell wie ein Blitz taucht eine Gestalt aus dem tiefen Mauerschatten, und mit erhobenem Arm seinen Weg sperrend, klingt ihm eine süße, ach allzuwohl bekannte Stimme entgegen: »Halt!« Betroffen weicht er einen Schritt zur Seite. »Und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt!« fährt die Stimme fort, »im Namen der Erlkönigin, Herr Kapitän, Sie sind mein Gefangener!« »Ruth, Ruth, welches Spiel treibst Du mit mir?« ruft er bis ins tiefste Herz erbebend, »was soll das?« Da fliegt sie auf ihn zu, schlingt die Arme um seinen Nacken und blickt zu ihm auf. »Was es soll, Du stolzer, hartherziger Mann? Dich fesseln und für immer und ewig in das Schloß der Erlkönigin bannen, deren Kräfte Du unterschätzt hast, die Du verlassen willst, und nicht bedenkst, daß auch die Wassergeister aus dem Kleengrund Mittel und Wege finden, ihr Glück mit keckem Mute festzuhalten!« Der rote Fackelschein flammt über ihr Gesichtchen, der dunkle Schleier sinkt von dem Kopf und die wirbelnden Schneeflocken glitzern in dem Goldhaar. »Ruth! geliebte kleine Ruth!« jauchzt er im Uebermaße der Wonne. Da hebt sie lächelnd die Hand, die Bronzeschale aus Malmen glänzt darin und neckisch die fallenden Schneesternchen fangend und sie über sein herabgeneigtes Haupt sprengend, flüstert sie ihm leise zu: »An heiligerem Tag kann ich kein reiner Wasser schöpfen, komm Du Erwählter, Heißgeliebter, komm und wirb um mich!« »Erlkönigin, Du bist mein, mein für alle Ewigkeit!« Und die Fackeln auf der Mauer glühten hellauf, flackerten, lohten empor zum Himmel und verlöschten unter dem weißen Schneeschleier, welcher lautlos von den Fichtenzweigen stäubte. Drinnen aber im Ahnensaal war es jetzt erst Weihnachten geworden, da breitete die Liebe ihre duftigen Schwingen aus, wehte geheimnisvoll um die grünen Tannenzweige und segnete die jungen Menschenherzen, welche in Liebe und Treue den Bund für Zeit und Ewigkeit geschlossen. Kapitän de Sangoulème sah seine ruhelosen Segel vorläufig zum letztenmal. Das Meer braust nur noch durch seine Träume, und der Sturm pfeift um die Mauern des alten Märchenschlosses, grüßt ihn von den einsamen Dünen und erzählt dem jungen Seemann von dem Prinzen, welcher die Liebe suchte und sie so herrlich und beglückend gefunden hat. Mitternacht war längst vorbeigezogen, fern klangen die Schlittenglocken der Scheidenden, fern aus dem Kleengrund sauste der Nordwind und der Schnee hörte auf zu fallen; ein großer leuchtender Stern strahlte am Himmel über Altingen auf, er wachte über die Träume der Erlkönigin. In der Residenz erregte die Verlobung Ruths große Sensation. Josephine sandte eilends ein langes, herzliches Glückwunschschreiben, Prinz Leopold telegraphierte von Paris aus und zwar in ebenso origineller Weise, wie es bei ihm vorauszusehen war, die Depesche enthielt nur den Ausruf: »Nee, so was!!« Sein Brief folgte bald und meldete den jungen Fürsten zum Brautführer an. Was Fräulein von Nievendloh zu dem unerhörten Ereignis gesagt hat, ist nie an die Oeffentlichkeit gedrungen. So viel ist aber gewiß, daß die schöne Hofdame noch einige Winter unermüdlich von einem Ball zum andern, von Bibelstunden zu frommen Vorträgen, von der Kirche in Oper und Ballet geflattert ist, immer schärfer, immer älter, immer boshafter werdend. Zuletzt hat sie die Tanzschuhe grimmig von den Füßen geschleudert, hat den Rosenkranz zur Hand genommen und sich als heiliger Schatten an die Sohlen der Landjägermeisterin geheftet. Wehe den Unglücklichen, welche sich nicht der Gunst des strengen Fräuleins erfreuten, sie lernten schon bei Lebzeiten erkennen, daß Beelzebub seine Hölle mit bösen Zungen heizt. Endlich durfte auch Alice ausruhen, man erwirkte ihr die Stelle einer Stiftsdame und heftete ihr das Ehrenkreuz für aufopfernde Krankenpflege auf die Brust, ihre Nerven mußten wohl mit der Zeit besser geworden sein. Kapellmeister Heßbach hat sein Aennchen heimgeführt und noch oft den Triumph erlebt, seiner reizenden kleinen Frau nimmerwelkende Lorbeerkränze zu Füßen zu legen. Auch Anna hat öfters in Konzerten gesungen, als aber eines schönen Tages ein kleiner schwarzlockiger Bube in ihren Armen lag und sie mit den leuchtenden Augen des geliebten Gatten anlächelte, da sang Frau Anna andere Weisen und Lieder, und wenn Heßbach glückstrahlend aus dem Nebenzimmer zuhörte, dann dachte er oft kopfschüttelnd: »Nun höre einer den Ausdruck, mit welchem sie jetzt singen kann!« Ruth und Norbert machten ihre Hochzeitsreise zu Schiff. Die Sonne sank glühend in das wogende Naß hinab und warf ihren purpurnen Scheidegruß auf das schöne Paar, welches Arm in Arm am Rand des Bordes stand. Da flüsterte der Wind in den Segeln, da klang es gar wundersam aus den schäumenden Wellen und die weiße Möve hob die Silberschwingen und trug den kleinen Erlenzweig zum Himmel, welchen die junge Frau mit leuchtenden Augen hinab in das Weltmeer hatte gleiten lassen, Erlkönigin grüßte ihre zauberischen Schwestern in der blauen Flut. Jahre sind vergangen, ein junger Matrose schreitet durch den Kleengrund: »Grüß Gott, Altingen!« jauchzt er und bricht für seine Mutter einen schimmernden Erlenstrauß, sein Auge ist dunkel, goldblond sein Lockenhaar, Leopold de Sangoulème heißt er.