Der böse Baron von Krosigk Ein Roman aus der Zeit deutscher Schmach und Erhebung Paul Schreckenbach Erstes Buch. I. Die Frühsonne eines hellen Oktobertages lag auf dem alten Herrenhause in Groß-Salze, das im Volksmunde der blaue Hof genannt wurde. Ihre Strahlen ließen die weißgetünchten Mauern des schmucklosen Baues weit hinaus ins flache Magdeburger Land erglänzen, sie glitten wie liebkosend hin über das altersgraue, etwas verwitterte Wappen derer von Schurff über der breiten Tür, sie fluteten in mächtigen Wogen in das halbgeöffnete Fenster hinein, in dem eine schlanke Mädchengestalt lehnte und gespannt in die Ferne hinausblickte. Das freche Volk der Spatzen lärmte laut in dem dichten Epheu, der die Giebelseite des Hauses überzogen hatte, und einige der gefiederten Helden hüpften keck auf das Fensterbrett und schauten das Mädchen neugierig lauernd von der Seite an, ob ihnen nicht ihre Hand das gewohnte Frühmahl spende. Aber sie hatte heute keine Augen für ihre kleinen Kostgänger, sondern unablässig verfolgte ihr Blick einen hochbepackten Reisewagen, der von vier kräftigen Braunen gezogen sich schnell immer weiter und weiter entfernte und endlich nur noch wie ein dunkler Punkt am fernen Horizonte zu sehen war. Mit einem tiefen Atemzuge trat das Mädchen vom Fenster zurück, und dabei fiel ihr Auge auf ein kleines Buch, das auf einem zierlichen Nachttischchen neben ihrem Bette lag. »Losungen der Brüdergemeine für das Jahr 1806« stand in feinen Goldbuchstaben auf dem schwarzen Ledereinbande. Jeder seiner drei Töchter schenkte der alte Major von Schurff dieses Büchlein in gleichem Einbande an einem jeden Neujahrsmorgen, denn er war ein frommer Mann und hielt auf Gottesfurcht in seinem Hause. Außerdem war ein kleiner Aberglaube dabei. Er sah in den Losungen der Stillen im Lande eine Art von Orakel, nach dem er die Geschäfte des Tages einrichtete, und etwas davon war auch auf seine Frau und seine Töchter übergegangen. Heute nun hatte die Älteste es vergessen, beim Aufstehen die heutige Losung nachzulesen, was ihr seit langer Zeit nicht passiert war. Hastig griff daher jetzt ihre Hand nach dem kleinen Buche, um das Versäumte nachzuholen. Sie fand mit leichter Mühe den Spruch des Tages, des siebzehnten Oktobers. Es war das Wort des weisen Salomo: Des Menschen Herz schlägt seinen Weg an, aber der Herr allein giebt, daß er fortgehe. Ein tiefer Ernst prägte sich, als sie das Buch wieder hinlegte, in ihren feinen Zügen aus. Es mochte wohl etwas in dem Schriftworte liegen, was sie besonders bewegte, denn ihre großen graublauen Augen wurden feucht und zwei Tränen rollten über ihre Wangen. Aber feste Schritte, die draußen auf dem Korridore erklangen und ihrer Tür sich näherten, schreckten sie auf. Sie ergriff schnell ein Tuch und suchte die verräterischen Spuren ihrer Gemütsbewegung hastig zu tilgen, was ihr indessen in der Eile nur sehr unvollkommen gelang. Die eintretende Mutter erkannte mit ihrem scharfen Blicke sogleich, daß sie geweint hatte. Sie blieb sehr erstaunt in der Tür stehen und sah ihre Tochter fast verwirrt an. Dann drückte sie rasch die Tür hinter sich ins Schloß, trat lebhaft auf das Mädchen zu und rief mit gedämpfter Stimme: »Wie, Friederike? Du in Tränen? Das ist doch sonst deine Art ganz und gar nicht! Was ist dir denn? Was ist geschehen?« Friederike antwortete nicht. Sie hatte sich abgewendet und war sehr rot geworden. Frau von Schurff betrachtete ihre Tochter eine Weile mit mütterlich besorgtem Blick, dann schüttelte sie halb traurig, halb mißbilligend den Kopf, auf dem die Haare trotz der frühen Morgenstunde zu einem tadellosen Toupet frisiert und schneeweiß gepudert waren. »Kind, Kind!« sagte sie, »Du bist mir ein Rätsel. Dich in Tränen zu finden – vraiment – darauf war ich am wenigsten gefaßt. Wem galten sie denn?« »Keinem Menschen,« erwiderte das Fräulein kurz und trotzig, aber ihre Stimme klang, als ob sie ein Schluchzen unterdrücken wolle. Die Mutter runzelte unwillig die Stirn und setzte sich resolut auf einen der zierlichen Rohrstühle, obwohl er unter ihrer Last bedenklich knackte. »So, mein Döchting,« sagte sie, »nun komm mal her. Hier, setz dich, so, mir gegenüber. Was wir zu bereden haben, läßt sich nicht im Stehen abmachen. Ich will nämlich, daß du endlich einmal Farbe bekennst. Ich verlange, daß du deiner alten Mutter das Vertrauen schenkst, auf das ich, weiß Gott, ein Recht habe. Und deshalb – ohne alle Fisematenten und Winkelzüge: warum hast du meine gute alte Krosigken so meschant behandelt?« Friederike schlug die Augen auf und blickte der Mutter erstaunt in das erregte Gesicht. »Meschant hätte ich die liebe alte Dame behandelt? Aber bestes Mutterchen, das ist wohl ein Mißverständnis. Ich werde eine so viel ältere Dame und nun gar einen Gast unseres Hauses nie anders als mit der größten Höflichkeit, dem höchsten Respekt behandeln.« Die Majorin richtete sich ärgerlich auf. »Du willst mich nicht verstehen und weichst mir aus. Respekt? Höflichkeit? Daran hast du es nicht fehlen lassen. Aber kühl, unnahbar, steif bist du gewesen, wie ein Eiszapfen bist du gewesen. Die gute Krosigken kam dir so freundlich, so liebevoll entgegen, aber nachher war sie ganz erkältet. Als sie ankam, sagte sie mir gleich in der ersten Stunde, wie hübsch und nett sie dich fände; als sie abfuhr, sagte sie gar nichts mehr und sah ganz traurig und bekümmert aus. Und sie fährt direkt nach Poplitz. Was wird sie ihrem Sohne von dir erzählen!« »Das mag sie halten, wie's ihr beliebt!« sagte das junge Mädchen und erhob sich ungestüm. Aber die Mutter ergriff ihre Hand und zog sie mit festem Drucke wieder auf den Sessel nieder. »Nein, nein, Kind, jetzt weichen wir uns einmal nicht aus. Jetzt will ich klar sehen, und du sollst es auch.« Sie machte eine Pause und fuhr dann fort: »Auf dem Balle, den Prinz Louis im Juni in Magdeburg gab, hat Krosigk dich auffallend ausgezeichnet. Er soll sonst kein Mädchen ansehen, mit dir hat er dreimal getanzt. Meine alte Freundin, die Wedell von Piesdorf, war ganz aufgeregt, sie sagte, so hätte sie den Weiberfeind noch nie gesehen. Nachher ist er auch noch hierher gekommen und hat dem Vater seine Aufwartung gemacht« – »Und ist dann nicht wiedergekommen,« warf Friederike bitter ein. »Das ist sehr einfach zu erklären. In der Ernte konnte er von seinen großen Gütern nicht weg, da bleibt ein Landwirt zu Hause. Nachher kam der Krieg.« »Er steht nicht mit im Felde,« sagte Friederike kurz. »Aber er macht sich dem Vaterlande auf andere Weise nützlich und hat damit viel Mühe und Arbeit. Las nicht erst vor wenigen Tagen der Vater aus der Zeitung vor, wie sie drunten im Saalkreise auf sein Betreiben eine Landmiliz ausrüsten? Und sagte der Vater nicht: Dieser Heinrich von Krosigk ist ein Mensch, auf den der ganze preußische Adel stolz sein kann? Meinst du, ich hätte nicht gesehen, wie glücklich du dabei aussahst? Denkst du, Kind, einer Mutter bleibt es verborgen, wenn ein Mann ihrer Tochter gefällt? Ich weiß es längst, wie es um dich steht. Darum möchte ich verhüten, daß du dich aus lauter Trotz und Sprödigkeit selbst unglücklich machst! Du bist leider, leider auf dem besten Wege dazu!« Friederike sah eine Weile starr vor sich hin, dann schlug sie plötzlich beide Hände vor ihr Antlitz und brach in ein bitterliches Weinen aus. »Ach, Mutterchen, warum rühren Sie daran?« stieß sie schluchzend hervor. »Warum quälen Sie mich damit? Es ist ja nichts. Er mag mich ja gar nicht!« Frau von Schurff war zunächst etwas erschrocken über diesen plötzlichen Gefühlsausbruch ihrer sonst so ruhigen und etwas verschlossenen Tochter. Dann aber brach ein Strahl warmer Liebe und Zärtlichkeit aus ihren Augen. Sie stand schnell auf, legte die Arme um den Hals Friederikes und rief: »Ach Kind, endlich, endlich! Wie bin ich glücklich, daß du mich einmal in dein Herz hineinsehen läßt! Du hast mich lange warten lassen.« »Liebste, beste Mutter, ich konnte über solche Dinge nicht sprechen, ich bin nun einmal so. Aber ich wollte auch nicht sprechen. Ich habe gewartet, Tag für Tag, ob er wohl wiederkäme. Er kam nicht. So sollte es aus sein, ich wollte vergessen. Und ich muß es ja auch! Warum nachträglich noch darüber reden?« »Dummes Mädchen,« sagte die Mutter und drückte sie kräftig an sich. »Was soll denn aus sein? Es geht ja erst an. Meinst du etwa, die Geheimrätin, seine Mutter, führe für nichts und wieder nichts über Groß-Salze? Es liegt nicht an ihrem Wege. Die sollte das Terrain sondieren, dazu war sie da. Du hast dir freilich die Sache bös verfahren, aber das läßt sich wieder zurechtziehen.« Friederike löste sich sanft aus der Umarmung ihrer Mutter und erwiderte mit einem ungläubigen Lächeln: »Ach, Mutter, Sie täuschen sich. Meinen Sie, Krosigk würde seine Mutter schicken, wenn er um ein Mädchen werben will? Das sähe ihm ganz unähnlich. Wenn der das wollte, der käme selbst und schickte keinen andern.« Die alte Dame lachte laut und kräftig auf und klopfte ihre Tochter auf die Wange. »Ach, du unerfahrenes Kücken!« rief sie. »Lehre du mich die Männer kennen! In Liebessachen sind die Tapfersten feig wie die Hasen. Der liebe Schurff, dein Vater, was war das für ein wilder Draufgänger! Der fürchtete sich vor dem Teufel nicht. Aber als er um mich werben wollte, stecke er sich doch hinter die alte Tante in Erxleben, und erst als er sicher wußte, daß ich nicht abgeneigt war, erst da kam er aus seinem Verstecke hervor. So sind sie alle, und dein Krosigk wird keine Ausnahme machen. Nur müssen wir ihn ermuntern, denn seine Mutter wird ihm mit ihrem Berichte nicht gerade viel Mut machen. Ich werde mich mal hinter meine gute Trotha in Hecklingen stecken. Die ist die Schwiegermutter seiner Schwester und kommt viel mit ihm zusammen. Er soll ja häusig dort sein. Die kann ihm das Nötige beibringen.« »Mutter, um Gotteswillen, keine Avancen!« rief Friederike mit brennenden Wangen. »Avancen? Gott bewahre!« erwiderte Frau von Schurff behaglich lächelnd. »So etwas traust du mir doch wohl im Ernst nicht zu. Aber was sich liebt, das soll sich finden, und wenn die Männer zu blöde sind, muß man sie auf ihr Glück darauf stupsen. Paß mal auf, mein Kind, du wirst einmal später deiner alten Mutter dafür danken. Und nun mach dir mal dein Haar ordentlich, du hast dich wohl vorhin nur sehr obenhin frisiert; ich schämte mich ein bischen vor meiner guten Krosigken, wie du so strubblich am Wagen standest. Nachher komm in die Küche, es gibt heute mit den Rebhühnern viel zu tun!« Sie gab ihrer Tochter noch einen herzhaften Kuß und verließ das Zimmer. Auch während sie den Korridor und die Treppe hinabschritt, wich das behagliche Lächeln nicht von ihrem Antlitz. Sie hatte ja nun endlich Klarheit über eine Angelegenheit, die sie sehr bewegte, und noch dazu eine erfreuliche Klarheit. Daß der junge Krosigk ein Auge oder auch zwei auf ihre Tochter geworfen hatte, das war ihr keinen Augenblick zweifelhaft. Sie hatte genug gesehen, als er hier weilte, wenn es auch seltsam war und blieb, daß er sich seitdem nicht wieder hatte sehen lassen. Aber der Besuch seiner Mutter, die da so plötzlich wie aus heiterem Himmel ins Haus geschneit war, ließ doch für eine welterfahrene Frau nur eine Deutung zu. Schade, schade, daß Friederike sich so dumm benommen hatte; es würde immerhin Mühe kosten, den fatalen Eindruck zu verwischen. Woher nur das Mädchen das herbe und kühle Wesen hatte, das manchmal geradezu abstieß? Von ihr doch sicherlich nicht und vom lieben Schurff ebensowenig, denn der war ein lebendiger, vergnügter, im festen Glauben an Gottes weise Führung allezeit fröhlicher Mensch, trotz seiner grauen Haare. Wie würde der gute Mann sich freuen, wenn aus der Sache etwas werden sollte, denn der Krosigk gehörte unter die jüngeren Leute, die er am besten leiden konnte. Auch die äußeren Verhältnisse sprachen sehr dafür. Die Schurffs waren ja nicht arm, durchaus nicht. Aber die Zeiten waren schlecht und wurden immer schlechter, der Sohn bei der Armee kostete ein Heidengeld, und es waren drei Töchter zu versorgen, von denen freilich zwei, Minette und Luise, noch halbe Kinder waren. Heinrich von Krosigk aber, der Schloßherr auf Poplitz im Saalkreise, war eine der besten Partien des Herzogtums Magdeburg. Frau von Schurff wußte gar wohl, in wie vielen Familien des Landes er als Eidam höchlichst willkommen gewesen wäre. Ein bischen wild sollte er allerdings sein, ein bischen sehr wild sogar, aber, du lieber Gott, das gab sich schon in der Ehe und mit den Jahren. Und in allen den Geschichten, die man von ihm erzählte, war zwar von Duellen, tollen Ritten und heftigen Zechgelagen die Rede, aber zweierlei schien er total zu meiden, die Weiber und die Würfel. Das war sehr viel wert, denn an diesen beiden W hatte sie schon manchen Edelmann zu Grunde gehen sehen. Das dritte W, der Wein, erschien ihr nicht so gefährlich. Sie begab sich sofort mit aller Eile, die ihre Würde als Edelfrau und Mutter ihr gestattete, in das Untergeschoß des Hauses, um den lieben Schurff mit der frohen Botschaft zu überraschen. Der saß um diese Tageszeit behaglich bei einem Schälchen Kaffee und studierte die Magdeburgische Zeitung. Zuweilen ließ er sie sich auch von seiner Lieblingstochter, dem braunlockigen Minettchen, vorlesen. Er konnte sie ganz ruhig in des Kindes Hand legen, denn in einem wohlregierten Staate merzte eine weise und fürsorgliche Zensur aus den Zeitungen alles aus, was dem Seelenheile eines sechzehnjährigen Mädchens allenfalls hätte Gefahr bringen können. Dazu pflegte er gewöhnlich seine kurze Pfeife zu schmauchen, in deren Tabak er des Wohlgeruches wegen stets einige getrocknete Wacholderbeeren mischte. Heute aber fiel das Auge der eintretenden Gattin nicht auf das gewohnte Bild häuslicher Behaglichkeit. Von den Töchtern war keine im Zimmer, die Pfeife lag auf dem Erdboden, und ihr Mann saß in seinem Lehnstuhle, das Haupt zurückgelehnt und mit einem Ausdruck des Schreckens und des Schmerzes, den seine Frau noch niemals an ihm wahrgenommen hatte. Aufs höchste bestürzt eilte sie auf ihn zu. Sie dachte an einen Schlagfluß. »Mein Gott, Mann, was ist dir!« rief sie und faßte seine Hand. Der Major richtete sich auf, und eine große Träne rann über sein braunrotes Gesicht in den eisgrauen kurzen Schnurrbart. »Da lies selbst,« sagte er mit dumpfer Stimme und schob ihr mit zitternder Hand das Blatt hin. »Es hat dem Publikum nun nach sechs Tagen doch nicht mehr verheimlicht werden können,« setzte er bitter hinzu. Die Zeitung brachte unter Trauerrand in kurzen Worten die Nachricht, daß am 11. Oktober Prinz Louis Ferdinand von Preußen bei einem unglücklichen Gefechte in der Gegend von Saalfeld gefallen sei. Frau von Schurff war zunächst so erschrocken, daß sie gar nichts sagte. Dann fiel sie ihrem Manne um den Hals. Zu weinen vermochte sie nicht, die Tränen kamen ihr zu schwer, aber sie war aufs tiefste erschüttert. »Unser Prinz!« sagte sie leise. »Noch vor sechs Wochen habe ich in Magdeburg auf dem breiten Wege mit ihm gesprochen. Nun ist er tot! Der schöne, ritterliche Mann!« Der Major fuhr sich über die Augen. »Er war mehr als das. Er war der Liebling des gemeinen Mannes, das glänzende Vorbild des Offizierkorps, alle Welt erwartete große Taten von ihm, und man durfte sie auch erwarten. Sein Tod wird lähmend, niederschmetternd wirken auf das Heer. Ach Frau, Frau, wie fängt dieser Feldzug an! Gott schütze Preußen!« Er erhob sich schwerfällig, stülpte die Mütze auf und ergriff den Krückstock. »Laß mich jetzt. Ich muß erst ruhiger werden, kann jetzt nicht darüber sprechen. Ich gehe in den Ellernschlag.« Und indem er ihr über das Haar strich und sich, zur Tür wandte, seufzte er noch einmal aus tiefster Brust: »Gott der Herr schütze Preußen!« Frau von Schurff sah ihm vom Fenster aus nach, wie er, von seinen Hunden gefolgt, über die Stoppelfelder hinschritt. Es war nicht ihre Art, zu sinnen und zu grübeln, aber jetzt kam sie in ihrem Innern nicht los von der Frage, warum dieser bittere Wermutstropfen in den Freudenkelch gefallen sei, den sie ihrem lieben Manne hatte kredenzen wollen. War das eine Vorbedeutung? Jagte sie einem Traumbilde nach? Sollte aus der Verbindung, die sie wünschte, nichts werden, oder sollte ihre Tochter darin kein Glück finden? Lange stand sie in tiefem Nachsinnen. Dann sprach sie leise vor sich hin: »Wie Gott will,« und ging, wenn auch noch mit bekümmerter Miene, doch mit erhobenem Haupte an ihre Arbeit. II. Herr August Christian Werkmeister, wohlbestallter Pfarrer zu Laublingen an der Saale, saß in seinem Studierzimmer und sann über seine Sonntagspredigt nach. Es war ein heller, freundlicher Oktobernachmittag, und die Sonne blickte strahlend durch die kleinen Fensterscheiben herein. Trotzdem brannte im Ofen ein mächtiges Feuer, und der geistliche Herr hatte den hageren Leib in einen dichten Schlafrock gehüllt und die Füße in große Pantoffeln vergraben. Denn er liebte die Wärme sehr und behauptete, daß ihm nur bei voller Behaglichkeit des äußeren Menschen erbauliche und fruchtbare Gedanken kämen. Heute indessen schienen sie sich durchaus nicht herbeizaubern zu lassen. Was sollte man auch immer Neues sagen über die alten Evangelien, besonders wenn man ein strammer Nationalist war und von Wundern und Zeichen absolut nichts wissen wollte! Gerade die Erzählung von der Heilung des Gichtbrüchigen, die am nächsten Sonntage, dem neunzehnten nach Trinitatis, auszulegen war, bot für den vernünftigen und aufgeklärten Leser enorme Schwierigkeiten dar, Schwierigkeiten, die freilich der große Haufe der Beschränkten nicht ahnte, über die der feinere Geist sich jedoch nicht hinwegsetzen konnte. Seufzend schloß er ein Fach seines Sekretärs auf, um nachzuforschen, was er früher über diesen Text gesagt hatte. Er sah die Predigten des vorvorigen Jahres durch, aber er legte sie sogleich zurück, denn der Herr Kantor hatte ein verwünscht gutes Gedächtnis, und es war ihm zuzutrauen, daß er die Wiederholung erkennen und deshalb in der Schänke mit anzüglichen Worten nach seinem Seelsorger zielen werde. Doch halt – vier Jahre vorher, als dieser Kantor noch nicht am Orte war, hatte er ja auch über das Evangelium predigen müssen. So griff er denn nach dem Jahrgange 1802 und fand bald, was er suchte. Aber während des Lesens verdüsterte sich sein Antlitz mehr und mehr. Die Predigt war zu schön gewesen, er entsann sich, sie hatte Eindruck gemacht, besonders die Verse aus Tiedges Urania, die er eingeflochten hatte. Er war sogar deshalb von der Patronatsherrschaft ausdrücklich angeredet und belobt worden. Durfte er es wagen, sie noch einmal aufzutischen? Zwar Herr Baron von Krosigk, so kalkulierte er, würde wohl schwerlich in der Kirche sein, denn mit dem war er seit einiger Zeit ziemlich zerfallen. Aber die beiden Schwestern des Patrons, Fräulein Antoinette und Charlotte, saßen regelmäßig noch im Gutsstuhle, und er entsann sich, daß die schwärmerische Charlotte damals eine Träne getrocknet hatte, als er auf Grund dieses Textes »Über den Wert der treuen Freunde, die uns zu Christus führen« gesprochen hatte. Fatal, sehr fatal, daß er nicht wußte, ob Charlotte gerade im Poplitzer Schlosse zugegen war, oder ob sie, wie in letzter Zeit häufig, ihrem jüngeren Bruder in Gröna haushielt. Nein, er konnte es nicht wagen, das alles zum zweiten Male vorzubringen. Mißmutig schloß er den Schrank wieder zu, ließ sich noch einmal tief aufseufzend in seinen Sorgenstuhl nieder und blies so starken Dampf aus seiner langen Pfeife, daß er endlich in eine undurchdringliche blaue Wolke gehüllt dasaß. Schon beschloß er, zum dritten Male seufzend, diesmal mit einem fremden Kalbe zu pflügen, und streckte die Hand nach seinem Bücherregale aus, um bei Spalding, Sack oder Reinhard eine Anleihe zu machen, als leise und schüchtern an der Tür geklopft wurde. Auf sein »Herein« trat eine ärmlich, aber sauber gekleidete Bauernfrau in die Stube und blieb bescheiden am Eingange stehen. »Sie ist es, Nageln,« sagte Werkmeister ziemlich ungnädig. »Ist es denn etwas Wichtiges? Weiß sie nicht, daß ich mich am Freitag nachmittags ungern stören lasse?« »Ach, Herr Pastor,« erwiderte die Frau, »es ist nur wegen dem Briefe. Ich kann ja nicht mehr lesen, seit mir der Gasten ihre Kinder die Brille zerbrochen haben. Der Herr Pastor sollte doch einmal ein Einsehen haben und die wilde Brut« – »Schon gut, schon gut,« wehrte Werkmeister ab. »Beschwere sie sich beim Schulmeister. Der mag die Bande durch den Backel im Zaume halten. Warum ist sie denn überhaupt nicht zum Kantor gegangen und belästigt mich mit ihrer Sache?« »Der Herr Kantor ist nicht zu Hause.« »Na, dann konnte sie ihn ja aus dem Wirtshause holen, wo er gewiß wieder herumflaniert,« versetzte der Pastor. »In der Schänke ist er nicht, er ist auf dem Radeberg,« erwiderte die Frau eifrig. »Das ganze Dorf ist dort, der Schulze ist auch eben hingegangen. Man hört dort schießen von Halle her, es klingt wie Kanonen.« Der Pastor lachte spöttisch. »In Kriegszeiten hört das Volk immer Kanonendonner. Wie sollte wohl der Napoleon nach Halle kommen! Das hat noch gute Wege. Es wird Hasenjagd sein beim Herrn von Rauchhaupt in der Trebitzer Flur, und alle die Abderiten halten das für Kanonenschüsse. Nun aber gebe sie ihren Brief her, ich will ihn ihr vorlesen. Gewiß wieder von der Großmutter in Dessau?« »Diesmal nicht, Herr Pastor! Er ist von meinem Sohne Christian,« antwortete die Bäuerin. »Von Christian?« rief der Pastor interessiert und streckte geschwind die Hand aus. »Also ein Schreiben aus dem Felde? Da kann man ja etwas Neues erfahren. Gebe sie her. Setze sie sich.« Die Frau nahm gehorsam auf einem Rohrstuhle in der Nähe des Pastors Platz und blickte ihn gespannt und etwas ängstlich von der Seite an. Werkmeister entfaltete den Brief, der mit einem Gothaischen Sechser zugesiegelt war, und las: Blankenhayn, den 11. Oktober 1806. »Sieh, sieh!« brummte er, »also schon sechs Tage alt, denn heute haben wir den siebzehnten.« Geliebte Mutter! Ich schreibe Euch diesen Brief aus dem Städtchen Blankenhayn im Weimarschen, woselbst wir heute mit Sr. Durchlaucht dem Herzog von Braunschweig hermarschiert sind. Der Weg war sehr schlecht, denn es hatte geregnet. Es heißt, die sackermenschten Franzosen währen nur noch ein paar Meilen von hier. Wenn wir nur erst an Sie heran währen, da wollten wir Ihnen schon zeichen, wo Barthel den Most hollt. Der König ist auch hier, ich habe ihn Selbst gesehen. Die Nächte sindt sehr kallt, wir frieren im Biwack an die Beine. Sonst bin ich gesund, was ich auch von Euch hoffe. Gelibte Mutter, womit das ich verbleibe Ihr stäts dankbarer und liebender Sohn Christian Nagel, Gefreiter bei Alt-Larisch. Nachschrift. Es sol gestern ein Gefecht gewesen sein und Prinz Louis soll erschossen sein. Aber ich glaubs nicht, Gott straf mich, ich glaub's nicht. Nachschrift: Sage Julichen, was auf dem Guhte in Poplitz ist, das ich sie schön grüßen lasse und das ich sie trei bleibe. Dein Der Obigte. Der Pfarrer ließ den Brief sinken und blickte nachdenklich vor sich hin. »Es ist nicht viel Neues, was wir da erfahren,« sagte er. »Daß Prinz Louis gefallen ist, wissen wir ja nun sicher.« »Ach Gott, ich bin ja nur froh, daß der Christian gesund ist,« rief die Frau und trocknete sich mit der Schürze die Augen. »Ich will ihr wünschen, daß er noch gesund ist, denn seit sechs Tagen kann sich viel ereignet haben,« entgegnete der Pfarrer mit Nachdruck. »Ja, das wünsche ich ihr wirklich aufrichtig. Doch nun gehe sie, denn ich habe zu arbeiten.« Die Frau entfernte sich mit vielen Dankesworten, und Werkmeister zündete sich seine Pfeife an, die während des Vorlesens kalt geworden war. Aber es war ihm nicht beschieden, zur ruhigen Ausarbeitung seiner Predigt zu gelangen. Denn gleich darauf steckte die Haushälterin, die ihm seit dem Tode seiner seligen Frau die Wirtschaft führte, den Kopf durch die Türspalte und rief mit ihrer kräftigen, schrillen Stimme: »Herr Pastor Moldenhauer aus Peißen und dessen Herr Sohn kommen aufs Haus zu.« Worauf sie eiligst verschwand, denn sie konnte sich in ihrer derangierten Toilette vor den geistlichen Herren unmöglich sehen lassen. Pastor Werkmeister seufzte zum vierten Male an diesem Nachmittage und diesmal aus tiefster Brust. Die Störung war ihm unangenehm, der Besuch noch mehr. Zwar der alte Moldenhauer, der ging noch, mit dem war noch auszukommen, obwohl seine derbe Geradheit manchmal recht unangenehm war. Aber sein Sohn, ein Candidatus Theologiä, der vor kurzem erst von einer weiten Reise zurückgekehrt war und nun im Vaterhause auf eine Stelle wartete, dieser junge Mensch mit den scharfen Augen und der ebenso scharfen Zunge – der war ihm unausstehlich. Kaum ein paar Minuten konnte er ihn in seiner Nähe haben, so befand er sich auch schon in einem gelinden Wortwechsel mit ihm, denn in der ganzen Art des Kandidaten lag etwas, was ihm die Galle aufregte. Leider, ach leider hatte er sich neulich, als er erkrankt gewesen war, von ihm vertreten lassen, und da hatte der Kandidat so schön gepredigt, daß ihm der Patron, Herr von Krosigk, vor allen Leuten die Hand gedrückt und ihn höchlich gelobt hatte. Seitdem nannte Herr Pastor Werkmeister den Kandidaten einen Fuchsschwänzer, der nach seiner Stelle schiele, aber er tat es nur heimlich, denn es schien ihm gar nicht rätlich, mit dem jungen Manne anzubinden. So wünschte er denn bei sich selbst den Besuch zu allen Teufeln, während er schnell seinen Schlafrock von sich warf, um in den schwarzen Rock zu schlüpfen. Leider aber hatte die Haushälterin, dieses liederliche, unzuverlässige Wesen, den Rock nicht wieder an seinen Ort im Schranke gehängt, und so stand er noch in Hemdsärmeln da, als kräftig an die Tür gepocht wurde und die beiden Moldenhauers, ohne sein Herein abzuwarten, in die Stube traten. Der Alte schritt voran, ein stämmiger, rundlicher, munterer Greis, dessen volles schneeweißes Haar förmlich leuchtete, und von dessen behaglichem rosigem Gesichte mit den lebhaften blauen Augen ein heller Schein von Leben und Frische jedem entgegenstrahlte, der mit ihm in Berührung trat. Der viel jüngere Werkmeister sah mit seinem hagern, stubenfarbenen Antlitze ihm gegenüber geradezu alt aus. Hinter ihm trat der Sohn ins Zimmer. Er war nur wenig größer als sein Vater, aber der mächtige Kopf mit den scharf geschnittenen, von dunkelm, lang herabhängendem Haar umrahmten Zügen machte ihn zu einer auf den ersten Blick auffallenden und interessierenden Erscheinung. Der alte Moldenhauer streckte dem verlegen umherfahrenden und nach seinem Rocke suchenden Hausherrn die Hand entgegen und rief in fröhlichem Tone: »Gott zum Gruße, Herr Bruder! Der Tausend, müssen Sie denn immer in Ihrem Baue stecken? Ich glaube. Sie wissen noch gar nicht, was draußen vorgeht.« »Guten Tag, verehrter Herr Amtsbruder,« erwiderte der Angeredete, indem er in den glücklich gefundenen Rock hineinfuhr. »Sie haben mich überrascht. Bitte, nehmen Sie Platz, Sie auch, Herr Kandidat. Meine Haushälterin soll sogleich Kaffee und die Pfeifen –« »Nichts da, nichts da!« sagte der Alte. »Wir wollen uns nicht aufhalten, wollen Sie mitnehmen. Kommen Sie mit uns auf den Radeberg. Es gehen große Dinge vor. Man hört dort ganz deutlich Kanonendonner aus Südosten.« Werkmeister erblaßte. »Kanonendonner?« stotterte er. »Sie auch? Schon vorhin sagte mir eine Frau davon, ich glaubte es nicht. Sollte es wirklich an dem sein?« »Es ist wahrhaftig und wirklich Kanonendonner,« versetzte der jüngere Moldenhauer kurz. »Ach, sollten Sie sich nicht täuschen? Wie könnte denn so etwas in unsere Nähe kommen! Die Heere stehen, wie man weiß, in der Gegend von Weimar und Erfurt.« »Nun, nahe braucht das nicht zu sein,« nahm der Alte das Wort. »Meine Mutter hat den Donner von Roßbach zwei bis drei Stunden hinter Halle gehört.« »Jedenfalls riskieren Sie nichts, wenn Sie uns begleiten,« warf Moldenhauer der Sohn sarkastisch hin. Werkmeister schleuderte ihm einen Zornesblick zu und errötete. Er war von Natur nicht beherzt und wußte das wohl, aber gerade deshalb verletzte ihn nichts so sehr, wie eine auch nur leise Anspielung auf seine Feigheit. »Ich gehe mit Ihnen,« sagte er, zum Alten gewendet. »Denn Sie, Herr Bruder, sind ein Mann von Erfahrung, und wenn Sie mir sagen, daß es Kanonendonner ist, so will ich das glauben, während ich dem Urteile unerfahrener jüngerer Leute kein Gewicht beimesse. Sie entschuldigen, wenn ich mich drüben ankleide.« Kaum war er zur Tür hinaus, so wandte sich der jüngere Moldenhauer mit der Miene höchster Verdrossenheit zu seinem Vater: »Was liegt dir daran, den faulen Patron aus seinem Hause aufzustören? Konnten wir nicht allein unseres Weges gehen?« »Ich habe nachher noch amtlich mit ihm zu reden,« erwiderte der Alte in begütigendem Tone. »Das will ich auf dem Rückwege mit ihm abmachen. Er ist nun einmal mein Nachbar, wir sind vielfach auf einander angewiesen. Bedenke, daß er auch dein Nachbar wird, wenn du mein Substitut und später mein Nachfolger werden solltest, was Gott gebe.« »Mir ist der Mensch wie Gift und Operment!« rief der Sohn und schlug heftig mit seinem Ziegenhainer, den er nicht beiseite gestellt hatte, gegen seine langen Stiefelschäfte. »Du bist in allem zu hitzig und schießest über das Ziel hinaus,« verwies der Alte. »Was hat dir der Mann eigentlich getan?« »Getan hat er mir nichts. Aber die Spinnen und Kröten haben mir auch nichts getan, und doch habe ich gegen sie von klein auf eine Aversion.« »Das ist so ungerecht, daß ich dich tadeln muß,« sagte der Vater, und sein Gesicht rötete sich. »Ich gebe zu, der Bruder ist bequem und weich, wie ich es an einem Manne nicht liebe. Er ist auch eitel, eitler noch, als sein Vorgänger, der selige Inspektor Lange, den Lessing so greulich heruntergeputzt hat. Aber wer hätte nicht seine Fehler? Wir haben sie auch, mein lieber Sohn, und es ist nicht unseres Amtes, einen fremden Knecht zu richten. Wir sollen vielmehr die Fehler unserer Nächsten tragen und sie mit Sanftmut bessern. Siehst du,« schloß er mit einem halben Lächeln, »deshalb bin ich auch hier eingekehrt, um den unverbesserlichen Stubenhocker ein Weilchen an die frische Luft zu führen.« Der Sohn war während dessen aufgestanden und ans Fenster getreten. Erst nach einer kleinen Pause erwiderte er ruhig und ohne Schärfe: »Es liegt mir fern, mit dir zu streiten, lieber Vater. Seine Bequemlichkeit und Eitelkeit sind es überdies nicht, die ihn mir widerwärtig machen. Darüber kann ich mich sogar hin und wieder ergötzen. Viel schlimmer ist in meinen Augen seine Feigheit, am schlimmsten die – ja, wie soll ich sagen – die Ungeradheit seines Charakters, wovon ich schon früher und jetzt, trotz meiner kurzen Anwesenheit, Proben erhalten habe.« Der Alte öffnete eben den Mund zu einer Erwiderung, als der Gegenstand des Gespräches ins Zimmer trat. Bei seinem Anblicke brach Moldenhauer senior in ein lautes, herzliches Lachen aus, und auch Moldenhauer junior konnte ein Lächeln nicht verbergen. Denn Pastor Werkmeister hatte sich ausgerüstet wie zu einer Fahrt nach Sibirien. Die dicken Beinkleider steckten in hohen Stulpenstiefeln, ein schwerer Tuchrock fiel bis über die Knie herab, eine pelzverbrämte Mütze trug er auf dem Kopfe und war eben bemüht, ein unendlich langes, wollenes Halstuch in immer neuen Windungen um den dünnen Hals zu legen. Die Schwäche Werkmeisters war seinem Amtsbruder bekannt; sagte doch der Volkswitz der Gegend, daß der Laublinger Pastor seine Röcke und Hosen nicht nach dem Maße, sondern nach dem Gewicht kaufe. Trotzdem konnte er sich nicht enthalten, zu sagen: »Aber lieber Bruder, Sie sehen ja aus, als wollten Sie in den grimmigen Januar hinaus.« »Sie haben gut reden«, entgegnete Werkmeister, indem er große wollene Handschuhe über seine Finger streifte. »Sie sind ein kerngesunder Mann, dem nichts fehlt, als zuweilen ein Schnupfen. Ich aber habe alle Augenblicke das Reißen und böse Flüsse in den Gliedern.« Dem jungen Moldenhauer schwebte die Bemerkung auf der Zunge: »Wenn Sie sich vernünftiger kleideten, würde wohl das Reißen ausbleiben.« Aber er unterdrückte sie aus Achtung vor seinem Vater und folgte den beiden schweigend die Treppe hinab, redete auch nicht in die amtlichen Gespräche hinein, mit denen die Geistlichen sich den Weg durchs Dorf und den Feldweg entlang würzten. Als man die Anhöhe erreicht hatte, begann die Volksmenge sich bereits zu zerstreuen; nur hie und da standen noch Gruppen beisammen, in denen das aufregende Ereignis mit wichtigen Mienen und kräftigen Worten besprochen wurde. Fast alle waren der Meinung, daß die Affäre sehr weit entfernt sein müsse und in der Tat hörte man nur ganz schwach ein dumpfes Grollen, das immer mehr zu ersterben schien. Desgleichen waren alle überzeugt, daß der Napoleon wahrscheinlich irgendwo von der glorreichen preußischen Armee geschlagen worden sei und sich nun auf dem kläglichen Rückzuge befinde. Als der Schneider von Beesen sich erfrechte, das nicht für ganz sicher zu halten, gab es heftiges Geschrei, und beinahe wäre er zur größeren Ehre des Vaterlandes verprügelt worden. Nur das Erscheinen der geistlichen Herren wandte dieses traurige Schicksal von ihm ab, doch steht zu befürchten, daß es später in der Schänke ihn doch noch ereilte. Die beiden Pastoren traten zu den Leuten heran und knüpften ein Gespräch mit ihnen an, während der jüngere Moldenhauer, mit beiden Händen auf seinen Stock gestützt, vornübergebeugt in die Ferne schaute. »Wer naht sich denn dort?« rief er plötzlich und deutete mit der Hand nach Osten. Drei Reiter kamen in sausender Karriere den welligen Hügel herabgesprengt, der die Grenze des Horizontes bildete. »Weiß Gott,« sagte der Schulze von Beesen nach einer kleinen Pause, »es ist der Herr Baron. Er reitet wieder einmal wie der Teufel.« Pastor Werkmeister zupfte seinen Amtsbruder am Ärmel. »Natürlich der Krosigk,« raunte er ihm ärgerlich zu, »und natürlich nicht wie ein vernünftiger Mensch auf Weg und Steg, sondern gerade durch über Stock und Stein. Ich empfehle mich, Herr Amtsbruder, ich habe in letzter Zeit mancherlei Irrungen mit ihm gehabt und habe keine Lust, mit ihm hier zusammenzustoßen.« »Ach was, dageblieben!« sagte der alte Pastor lachend. »Was sollen denn die Leute denken, wenn Sie so davonlaufen! Glauben Sie etwa, der Baron wird Ihnen hier eine Szene machen? Da kennen Sie ihn schlecht. Er hält auf Autorität.« In der Tat hätte Werkmeister auch kaum noch Zeit gefunden, seinen Rückzug mit Anstand anzutreten, denn die Reiter waren im Nu heran. Alle Häupter entblößten sich, als der stolze, hochgewachsene Mann seinen schweißbedeckten Fuchs auf dem Hügel zum Stehen brachte. »Gott mag wissen, wo das Gefecht stattgefunden hat, Leute,« sagte er mit sonorer, weithin hallender Stimme. »Man kann nichts erkunden, es scheint nördlich von Halle zu sein. Keine Hauptschlacht – da hätte es ganz anders gewettert – aber doch immer ein ernsthaftes Gefecht.« »Gott gebe, daß es für unsere Waffen siegreich gewesen ist!« sprach Pastor Moldenhauer mit lauter Stimme. »Amen!« rief Krosigk und ritt an die Pfarrer heran. Wertmeisters Verbeugung erwiderte er nur mit einem kurzen Lüften seines runden Hutes, dagegen streckte er dem alten Moldenhauer die Hand weit entgegen. »Mein lieber Pastor, ich freue mich, Sie zu sehen. Sie waren vorgestern bei mir und haben mich verfehlt. Hatten Sie ein spezielles Anliegen oder wollten Sie mir nur eine Visite machen?« »Ich wollte um den patronatlichen Konsens gehorsamst bitten, meinen Sohn Philipp zu meinem Substituten machen zu dürfen.« Der junge Moldenhauer trat nun auch mit ein paar raschen Schritten näher und nahm den Hut ab. »Ah,« rief Krosigk, »da ist ja auch der Herr Sohn! Seine Predigt hat mir gut gefallen, ich hab's ihm ja schon gesagt.« Er sprang vom Pferde und reichte dem Kandidaten die Hand, während er wieder mit der ihm eigenen kurzen Bewegung den Hut lüftete. »Breitmann, komm her, führe das Pferd,« wandte er sich an seinen Reitknecht, der hinter ihm hielt. »Sie, meine Herren, begleiten mich ein Stück. Also, mein Herr Kandidat, Sie wollen Ihres Vaters Substitut und Nachfolger werden?« Er faßte ihn an einem Knopfe seines Rockes und sah ihm mit seinen blitzenden braunen Augen scharf ins Gesicht. »Reden können Sie, das habe ich gehört. Sie predigen gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten. Kopf und Lunge – alles gut. Bei wem haben Sie in Halle besonders Kollegien gehört?« »Am meisten und am liebsten bei Professor Schleiermacher.« »So, so, Schleiermacher. Habe auch von ihm gehört, er soll ein ausgezeichnetes Genie sein. Reil hat mir von ihm erzählt. Kennen Sie Reil?« »Von Ansehen,« erwiderte der Kandidat, »sonst war ich nicht an ihn rekommandiert.« »Schade, hätte Sie rekommandieren können. Er ist der klügste von der ganzen Gesellschaft in Halle. Wann haben Sie das Examen gemacht?« »Vor drei Jahren, Herr Baron.« »Und seitdem waren Sie Hofmeister bei Prenzlau? Wie ich hörte, auch lange auf Reisen gewesen? Wo waren Sie denn?« »Wir sind zwei Jahre im Auslande gereist. Erst in der Schweiz, dann in Italien, längere Zeit in Paris, von da nach Holland, einige Monate in England und über Hamburg zurück.« Der Edelmann blieb erstaunt stehen und schlug ihn mit der Hand auf die Schulter. »Dann sind Sie ja ein Wundertier! So weit ist kein Mensch herumgekommen in der ganzen Gegend. Wie lange sind Sie in Paris gewesen?« »Länger als ein halbes Jahr.« »Und wie ich Sie taxiere, haben Sie sich Menschen und Dinge mit scharfen Augen angesehen?« »Ich habe mir wenigstens alle mögliche Mühe gegeben, die fremden Zustände und Institutionen kennen zu lernen und zu verstehen,« antwortete der Kandidat bescheiden. Krosigk nickte und sah ihn wieder scharf prüfend an. »Sie gefallen mir!« rief er und faßte ihn abermals an dem Rockknopfe an. »Sie haben mir gleich beim ersten Anblicke gefallen. Ich glaube, Sie sind mein Mann. Wollen Sie mir einen Dienst erweisen?« »Gewiß, wenn es in meiner Macht steht.« »Es steht in Ihrer Macht.« Er wandte sich rasch um. »Breitmann, steige von deinem Pferde ab!« befahl er. »So, du kannst die halbe Stunde zu Fuße gehen. And nun, Kandidate, man rin in den Sattel!« Moldenhauer sah ihn überrascht an. »Ich soll auf dieses Pferd?« »Warum nicht? Sie sind ja ein Staatsreiter. Ich sah Sie gestern dahinpreschen auf Ihres Vaters alter Rosinante, daß ich mich des Todes verwunderte.« »Ich holte den Doktor zu einem kranken Kinde,« warf der Kandidat ein. »Alle Achtung, alle Achtung!« fuhr Krosigk fort, ohne den Einwurf zu beachten. »Wer den alten, faul gewordenen Klepper zu solchen Sprüngen herankriegt, der muß ein Reiter comme il faut sein. Also steigen Sie getrost auf. Breitmann, halte den Bügel!« »Wohin wollen Sie mich führen, Herr Baron?« fragte der Kandidat lachend, indem er den Fuß in den Steigbügel setzte. »Direkt in das Schloß meiner Väter,« versetzte Krosigk. »Sie kommen sobald nicht wieder fort. Sie sollen mir erzählen von dem Korsen und seinem Reiche, denn was man von dort her hört, ist meist halber Schwindel. Die einen färben aus blindem Haß alles schwarz, die andern sehen alles rosig, weil sie den Kerl vergöttern.« Er schwang sich leicht in den Sattel und bot dem Pastor Moldenhauer die Hand, die der Alte kräftig schüttelte, während Werkmeister ganz verblüfft und mit etwas einfältigem Gesichte zur Seite stand. »Herr Pastor!« rief Krosigk, »ich entführe Ihnen Ihren Sohn. Doch verpflichte ich mich bei den Gebeinen Karls des Großen, ihn in drei Tagen in eigener Person in Ihrem Pfarrhause wieder abzuliefern. Haben Sie dagegen etwas einzuwenden?« »Immer rasch von Entschluß! So kennt man Sie, Herr Baron!« erwiderte der muntere Greis mit Lachen. »Warum denn nicht? Mir kann's recht sein, wenn der Junge will.« »Mit Vergnügen,« sagte Moldenhauer junior. »Das ist schön! Da wären wir ja d'accord,« rief Krosigk. »Also Adieu, mein Herr Pastor. En avant!« Er trieb seinen Gaul an und jagte, ohne des Weges zu achten, über den Stoppelacker; dicht hinter ihm ritt der Kandidat; ein geraumes Stück von beiden, entfernt folgte der Jäger Schröder. Über einen ziemlich breiten Graben setzten die Reiter glatt hinweg. Werkmeister sah es von ferne und entsetzte sich. »Um Gotteswillen, Herr Bruder, was sind das für Geschichten! Was soll ein Kandidat der Theologie auf dem Pferde! Sehen Sie nicht? Er kann den Hals brechen!« »Mein Sohn ist beim Oberamtmann Flügge viel geritten und sitzt gut im Sattel. Er wird nicht gleich herunterfallen,« entgegnete der alte Pastor kaltblütig. »Und haben Sie keine Sorge um das, was ihm auf dem Schlosse passieren kann?« fuhr Werkmeister fort. »Man erzählt ja Wunderdinge von dem, was dort getrunken wird. Dem Krosigk soll es keiner darin zuvortun im ganzen Saalkreise, und es soll ihm ein ganz absonderliches Amüsement sein, seine Gäste unter den Tisch zu trinken.« »Man spricht ja viel, was nicht ganz wahr ist,« sagte Moldenhauer. »Ich pflege von dem, was mir die Leute erzählen, stets die gute Hälfte abzuziehen. Übrigens ist mein Sohn ein alter Konstantist von Halle, der schon etwas verträgt. Auch ist er kein Kind mehr und weiß, was er sich und seinem Stande schuldig ist. Und was den Baron betrifft, so hat man ihm viele Tollheiten, aber nie etwas Schlechtes nachgesagt. Im Gegenteil, es weiß jeder, daß er das Herz auf dem rechten Flecke hat, wenn auch sein wilder Mut und seine unbändige Lebenskraft sich hie und da in einem tollen Streiche austoben. Er ist ja noch ein junger Mann, kaum neunundzwanzig. Noch Most, aber es kann sehr guter Wein daraus werden. Also lassen wir sie in Gottes Namen zusammen reiten.« III. Dem Kandidaten der Theologie Moldenhauer war es zu Mute wie einem fahrenden Ritter, der in ein wundersames, reizvolles Abenteuer hineinreitet. Schon im Sommer war er von seiner Reise zurückgekehrt und war kurz darauf aus seiner Informatorstelle ehrenvoll entlassen worden, da der junge Mann, den er begleitet hatte, eines Lehrers und Mentors nicht mehr bedurfte. Seitdem saß er auf der Pfarrei seines Vaters und hatte wenig zu tun, denn der rüstige Greis vermochte sein Amt trotz seiner siebzig Jahre noch ganz wohl selbst auszufüllen. Als der Krieg ausgebrochen war, hatte er versucht, eine Stelle als Feldprediger zu erhalten, aber sein Gesuch war ohne Antwort geblieben. Nun vertrat er oft seinen Vater oder einen benachbarten Pfarrer in ihren Amtsgeschäften, hielt sich auch häufig in Halle auf, um seinen verehrten Lehrer Schleiermacher zu hören, an den er sich mit der ganzen Glut seines Herzens angeschlossen hatte. Dazwischen las er viel und studierte eifrig, aber das alles befriedigte ihn nicht. Er sehnte sich nach einer Tätigkeit, die seine Kräfte anspannte, sein Leben ausfüllte. Aber wie sollte er sie finden? Noch einmal Informator werden, noch einmal als schlecht bezahlter Diener sich unter fremde Menschen ducken und schmiegen? Er hatte gerade genug davon. Oder sich um eine Pfarre bewerben? Das war fast aussichtslos, wenn nicht ein Zufall zu Hülfe kam; denn damals geschah es wohl, daß die alten Kandidaten einem hohen Konsistorio ihre grauen Haare einsandten, zum Beleg dafür, wie lange sie schon auf eine Stelle warteten. Wurde er Substitut seines Vaters, so hatte er wenigstens sichere Anwartschaft auf eine Pfarre, und da der Alte mit dem Gedanken umging, sich pensionieren zu lassen, so hatte er dem Drängen der Eltern nachgegeben und sich beworben. Aber jede Unterbrechung seines allzu stillen und einförmigen Lebens war ihm willkommen, und die plötzliche Einladung des Barons war ihm mehr als das, sie erfüllte ihn mit freudigem Stolze. Denn Heinrich von Krosigk war zwar ein leutseliger und höflicher Herr, aber er machte es selten einem leicht, an ihn näher heranzukommen. So wenig er von junkerlichem Hochmut an sich hatte, so freundlich er mit jedermann, selbst mit den Ärmsten und Geringsten sprach, so wenig war sein Wesen dazu angetan, jemanden zur vertraulichen Annäherung zu ermutigen. In der ganzen Haltung seiner hohen Gestalt, in dem Ausdrucke des schönen, strengen Antlitzes mit den scharfen, klaren Augen lag etwas Gebietendes, unwillkürlich Respekt Einflößendes, dem sich selbst seine Standesgenossen beugten. Im geheimen freilich schüttelte mancher über ihn den Kopf, und besonders die alten und älteren Damen des Landadels hielten zuweilen ein scharfes Gericht über ihn, wenn sie unter sich waren. Denn was für ein unerklärlicher, seltsamer Mensch war er doch! Obwohl er schon weit über ein Jahr den Abschied genommen hatte und die großen Güter nach dem Tode seines Vaters bewirtschaftete, hatte er sich noch immer nicht umgesehen unter den Töchtern des Landes und behandelte alle jungen Damen seines Kreises mit der gleichen höflichen Kälte. Merkwürdiger Weise hörte man auch von keiner unstandesgemäßen Liaison – der Mann schien ein vollkommener Weiberfeind zu sein. Zwei seiner Schwestern hielten ihm abwechselnd Haus, und seine Mutter kam zuweilen von Halberstadt oder Gröna, um nach dem Rechten zu sehen – der Platz an seiner Seite blieb leer. Das war gewiß merveillös; wer konnte wissen, ob nicht ein Geheimnis dahinter steckte! Aber bedenklicher noch, geradezu skandalös und ridikül war der Geschmack, den er bei der Wahl seiner Freunde bewies. Zwar daß er mit denen von Wedell auf Piesdorf und mit dem von Trotha auf Gänsefurth, seinem Schwager, freundschaftlichen Verkehr pflog, das war ganz in der Ordnung. Aber was sollte man dazu sagen, daß der Sproß des ältesten und reichsten Geschlechtes im Saalkreise mit bürgerlichen Gelehrten in vertrautem Umgang stand! Da war zum Beispiel ein Arzt aus Halle, ein Professor Reil, häufiger Gast auf dem Poplitzer Schlosse, und man sagte, daß der Baron mit ihm oft bis Mitternacht beim Steinweine zusammensitze. Der Mann sollte ja nun freilich eine Berühmtheit sein, aber du lieber Gott, was wollte das besagen! Für einen Krosigk schickte sich der Verkehr trotz alledem ganz und gar nicht, und wie konnte ein Offizier des Königs und großer Grundherr überhaupt Gefallen finden an der Unterhaltung mit solch langweiligem Federfuchser und Büchermenschen! Hätte Heinrich von Krosigk diese Urteile erfahren, so würden sie ihm sicher das größte Vergnügen bereitet haben. Denn der Standeshochmut war ihm greulich zuwider, so stolz er auf seinen alten Adel war, und wenn er den engen und beschränkten Geistern ein Ärgernis geben konnte, so gewährte ihm das eine besondere Herzensfreude. Aber jeder hütete sich, ihm derartiges zu sagen, weil er eine gar zu unangenehme Art hatte, unberufene Mahner und Berater abfallen zu lassen. Übrigens schadete das Gezischel der alten Tanten und Basen seiner Stellung unter den Adeligen des Kreises gar nichts. Er hatte wenige nähere Freunde, aber überall, wo er erschien, übte er durch die Wucht seines geschlossenen Wesens einen bedeutenden Einfluß aus und spielte auf den Ständetagen eine große Rolle. Erst neulich hatte er durch seine feurige Beredsamkeit den Adel des Saalkreises dazu vermocht, dem Könige die Ausrüstung einer Landmiliz anzubieten, und der Monarch hatte den Antrag seiner getreuen Ritterschaft mit gnädigem Danke angenommen. Dadurch war der Name Heinrichs von Krosigk in der ganzen Provinz bekannt geworden; auch die selbst lau und lässig waren, rühmten seine Tatkraft und seine königstreue Gesinnung. Der Kandidat war freilich der Meinung, der König werde solcher Hilfe gar nicht bedürfen, sondern allein mit den Franzosen fertig werden. Aber der Opfermut, der lebendige patriotische Eifer, der aus Krosigks Vorgehen sprach, hatten eine helltönende Saite in seiner Brust berührt. Er fühlte sich mächtig hingezogen zu dem Manne, der ihn so plötzlich in seine Nähe gestellt hatte und neben dem er jetzt dahinritt. Nach kurzer Zeit bog der Baron von den Feldern ab und ließ sein Pferd mit einem Sprunge über den Graben auf die breite Straße setzen, die nach dem Schlosse führte. Dann zügelte er den raschen Lauf des Tieres und schlug ein gemächliches Tempo an. »Wir wollen,« sagte er zu dem jungen Manne, der ihm gefolgt war, »nachher gleich einen Diener nach Peissen schicken, der Wäsche, Bücher und was Sie sonst brauchen und haben wollen, für Sie herüberbringt. Sie sollen einige Tage bei mir leben und werden sich, wie ich hoffe, wohlfühlen.« »Sie sind sehr gütig, Herr Baron, und ich weiß nicht, welchem Umstande ich eigentlich so viele Freundlichkeit verdanke,« erwiderte Moldenhauer bescheiden. »Ich sagte Ihnen ja, Sie gefallen mir!« rief Krosigk. »Wissen Sie, mir geht es mit den Menschen eigentümlich. Es begegnet mir hin und wieder einer, der mir auf den ersten Anblick sympathisch ist, und dann wieder einer, den ich nicht ausstehen kann. Zu dem einen zieht mich etwas Unerklärliches hin, zu dem anderen kann ich mir beim besten Willen kein Herz fassen. Und was das Sonderbarste ist: diese innere Stimme hat mich noch nie betrogen. Mit Ihnen habe ich übrigens noch etwas Besonderes vor, was Sie nachher gleich erfahren werden. – Was ich noch sagen wollte, ehe ich's vergesse: Lassen Sie sich Ihren schwarzen Rock mit herüberkommen. Mir sind Sie so lieber, aber ich habe heute eine kleine Gesellschaft am Abend. Der Landrat ist da und einige andere Herren. Wissen Sie, welchen Gedenktag ich heut feiere?« »Nein.« »Nun, dann kann es Ihnen nachher der Schröder erzählen. Er wird auf Ihr Zimmer kommen, um Ihre Befehle entgegenzunehmen. Er ist sehr redselig und lügt nur wenig. Ich mag Ihnen die Geschichte nicht selbst berichten, denn man soll von seinen Taten so wenig wie möglich reden. Aber erfahren sollen Sie es doch, damit Sie im Bilde sind.« Sie waren während dieser Unterhaltung die große Nußbaumallee entlang geritten, die direkt auf das Schloß zuführte. Der einfache, aber geräumige und vornehme Bau, in dessen Fenstern sich die Abendsonne spiegelte, lag dicht vor ihnen. In der Reitbahn vor dem Hause stand eine große Menge jüngerer Leute, Knechte, Tagelöhner, Förster, Bediente, in Gruppen beieinander. Als die beiden Reiter sichtbar wurden, erschollen kurze Kommandorufe, und die Männer begannen sich in Reihen aufzustellen. »Das sind meine Leute, die ich zur Landmiliz ausgemustert habe,« sagte Krosigk. »Ich will sie nachher dem Landrate vorstellen; er kommt deshalb etwas eher, als die übrigen Gäste. Es sind weit über hundert Mann aus meinen Dörfern. Sehen Sie mal, was für prächtige Kerls darunter sind, die geborenen Grenadiere!« Er nahm die Meldung eines graubärtigen Försters entgegen und ritt dann freundlich grüßend an den Reihen hinab. »Laß er die Leute abtreten, aber paß er auf, wenn der Wagen des Herrn Landrats kommt. Dann wird sofort angetreten!« befahl er und schwang sich vor dem Hause aus dem Sattel. Der Kandidat folgte seinem Beispiele, und der Jäger Schröder führte mit einem rasch herbeispringenden Stallburschen die Tiere hinweg. Als die beiden die Stufen der hohen Freitreppe erstiegen hatten, öffnete sich die Tür des Hauses, und sie standen einer jungen Dame gegenüber. Sie war eine hohe, schlanke Erscheinung, und man hätte sie eine vollendete Schönheit nennen müssen, wenn nicht der Kopf etwas zu groß, der Ausdruck des Gesichtes etwas zu herrisch gewesen wäre. Der Schnitt des Profils, die großen, braunen Augen, der feine Mund – alles das war den Gesichtszügen des Barons so ähnlich, daß jeder in den beiden auf den ersten Blick Geschwister erkennen mußte. »Ich bringe dir hier den Kandidaten, Antoinette, dessen Predigt dich neulich so enchantiert hat,« sagte der Baron. Das Mädchen zog unwillkürlich die dunkeln Brauen ein wenig zusammen und errötete leicht. Wie konnte nur ihr Bruder dem jungen Manne da gleich sagen, wie sie sich über ihn geäußert hatte; der mochte sich ja daraufhin irgend eine Schwachheit einbilden! Sie erwiderte daher die respektvolle Verbeugung Moldenhauers nur mit einem etwas hochmütigen Neigen des Hauptes und versetzte in kühlem Tone: »Die Predigt war wirklich exzellent, und wenn sie ganz auf eigenem Acker gewachsen war, so sage ich, daß Sie Ihr Metier verstehen.« »Aber gnädiges Fräulein!« rief der Kandidat, ganz verblüfft von so viel Offenheit, und errötete nun seinerseits sehr stark. Der Baron lachte. »Eine Schmeichelei war das nicht gerade, liebe Demoiselle Soeur! Der Herr Kandidat könnte sich billig beleidigt fühlen, wenn du ihm ein Plagiat zutraust.« Sie zuckte die Achseln. »Natürlich liegt es mir fern, den Herrn irgendwie zu beleidigen. Ich meine, ein Prediger muß seiner Gemeinde das Beste bieten, was er kennt. Findet er das einmal bei einem anderen, mein Gott, warum sollte er es nicht benutzen? Meinen Sie nicht auch, Herr Kandidat?« Moldenhauer bekam einen ganz roten Kopf. »Nein, mein gnädiges Fräulein,« erwiderte er mit großer Entschiedenheit. »Sie verzeihen, daß ich ganz entgegengesetzter Meinung bin. Ein Prediger muß aus seinem Innersten heraus reden, sonst ist seine Sache nichts. Wer sich Flicken und Lappen von anderen borgt, der ist ein armseliger Wicht.« Das Fräulein wollte sich zu einer Entgegnung anschicken, aber ihr Bruder unterbrach sie, indem er noch stärker lachte. »Wenn ihr disputieren wollt, so geht wenigstens ins warme Zimmer,« rief er. »Die Treppe ist dazu doch zu kühl und zugig. Auch muß es wohl nicht gleich in der ersten Minute sein! Wie?« Das Fräulein und der Kandidat lächelten nun auch; sie fühlten beide, daß ihr Eifer eine etwas komische Situation geschaffen hatte. Antoinette streckte dem jungen Manne die Hand entgegen und sagte: »Mein Bruder hat recht. Wir haben uns ja eigentlich noch gar nicht »Guten Tag« gesagt. So heiße ich Sie denn in unserem Hause willkommen. Ich hoffe, Sie nachher noch zu sehen, wenn ich zurückkehre.« »Der Kandidat bleibt einige Tage hier,« bemerkte der Baron. »So?« sagte das Fräulein nicht eben überrascht, denn solche plötzliche Einladungen kannte sie schon an ihrem Bruder. »Dann können wir uns ja noch tüchtig die Meinung sagen. Jetzt aber muß ich praktisches Christentum üben. Ich gehe zu meinen Kranken.« Sie reichte ihrem Bruder die Hand und neigte wieder das Haupt gegen den Kandidaten, diesmal aber mit einem freundlichen Blicke. »Einstweilen Adieu. Au revoir !« Mit leichten, graziösen Schritten stieg sie die Treppe hinab; der Kandidat sah ihr in Gedanken versunken nach. »Kommen Sie,« sagte Krosigk und faßte ihn am Arme. »Ich will Sie selbst auf Ihr Zimmer führen; nachher mag Schröder bei Ihnen antreten. Bitte, hier herein. Gesegnet sei Ihr Eingang!« Er schüttelte ihm die Hand mit kräftigem Drucke. Ein weiter, geräumiger Vorsaal nahm die beiden auf. Rings an den Wänden hingen von oben bis unten Bilder der Ahnen des Krosigkschen Hauses, die Männer im Prunkharnisch und Allongeperücken, die Damen in der reichen und bunten Tracht, wie sie vor hundert und mehr Jahren bei den Vornehmen Mode gewesen war. Den Kandidaten überkam eine Kindheitserinnerung. »Hier bin ich schon einmal gewesen,« sagte er. »Es mögen nun wohl zwanzig Jahre her sein, da hatte mich mein Vater mit herübergenommen. Ich durfte mit dem kleinen Junker Ernst, Ihrem Bruder, spielen, und bekam dann Schokolade, was mir etwas ganz Neues war. Ist der Herr Leutnant jetzt bei der Armee?« »Mein Bruder Ernst ist zur Zeit noch in Spandau, hofft aber sehnlichst, bald mit ins Feld zu rücken.« »Wenn er nur nicht zu spät kommt!« bemerkte der Kandidat. »Die Würfel dürften wohl in den nächsten Tagen fallen. Vielleicht sind sie schon gefallen.« Krosigk nickte. »Das ist auch seine Sorge. Ich meine aber, es wird auch nach einer Schlacht auf deutschem Boden der Krieg noch lange nicht zu Ende sein. Den Bonaparte und seine Nation schlägt man nicht mit einem Schlage nieder. Bitte, hier links. Sie sollen oben wohnen.« Der Kandidat setzte eben den Fuß auf die unterste Stufe, als aus einer Tür rechts seitwärts wieder ein junges Mädchen heraustrat. Sie machte den Herren eine tiefe Verbeugung und eilte dann leichtfüßig dem Ausgange zu. Sie trug ein weißes Tuch über dem Kopfe, so daß man wenig von ihrem Gesichte erblicken konnte, aber an dem rötlich blonden Lockenhaare, das unter dem Spitzenüberwurf hervorquoll, hatte der Kandidat sie trotzdem erkannt. Mit der Miene höchster Überraschung starrte er dem Schloßherrn ins Antlitz. »Wundert Sie so, daß Mamsell Lisette Schicht in meinem Hause ist?« fragte Krosigk mit einem halben Lächeln. »Wenn ich offen sein soll, ja, Herr Baron,« entgegnete der Kandidat mit einem tiefen Atemzuge. »Was tut sie denn hier?« »Sie ist seit einigen Tagen eine Art von Stütze oder Gesellschafterin meiner Schwester.« »Herr Baron«, sagte Moldenhauer mit gedämpfter Stimme, »kennen Sie nicht die Gerüchte, die in der Gegend über sie verbreitet sind? Für eine Pastorstochter sind sie nicht eben rühmlich, und ihr Vater, der selige Schicht, würde sich wohl in seinem Grabe in Laublingen umdrehen, wenn er sie hören könnte.« »Der gute Mann braucht sich nicht zu derangieren und kann ruhig liegen bleiben,« erwiderte der Baron. »Die Tochter ist nämlich ein ganz braves Frauenzimmer.« »Aber es wird doch allgemein gesagt, sie hätte in sehr intimem Verhältnisse mit dem verstorbenen Amtmann in Brumby gelebt, bei dem sie früher Wirtschafterin war?« warf Moldenhauer ein. »Und die Schwester des Amtmanns, die verwitwete Amtsrätin in Beesen, hat diesen Gerüchten auch nie widersprochen.« »Aber in ihrem Hause hat sie das Mädchen behalten,« sagte der Baron scharf. »Wissen Sie auch, warum? Sie wollte an der armen, hilflosen Waise eine Sklavin haben, an der sie und ihre hochnäsigen Töchter ihre Launen nach Belieben auslassen konnten. Da konnte es ihr ja nur konvenieren, wenn solche Gerüchte kursierten; sie entzogen dem Mädchen die Sympathie.« Er fuchtelte heftig mit seiner Reitpeitsche in der Luft herum und fuhr dann fort, während er langsam die Treppe hinaufstieg: »Glauben Sie mir, es gibt Situationen, in denen kein Mensch lügt, und mag die Wahrheit noch so bitter für ihn sein. In einer solchen Situation habe ich diese Person getroffen – das Nähere geht nur Gott und mich an. Daher weiß ich so sicher, wie dies meine rechte Hand ist, daß alles Klatsch ist, was die Leute über sie sagen, und habe kein Bedenken gehabt, sie meiner Schwester zu empfehlen.« »Es soll mich nur freuen, Herr Baron,« sagte Moldenhauer warm, »wenn das Gerücht nicht die Wahrheit redet. Sind Sie von ihrer Unschuld überzeugt, so haben Sie eine edle Tat getan. Nicht jeder würde das gewagt haben.« Krosigk warf den Kopf in den Nacken. »Gewagt? Ist das ein Wagnis? Ach so – Sie meinen, der Klatsch könne sich nun auch an mich und mein Haus heften? Wissen Sie, darauf pfeif' ich! Was ich für recht halte, das tue ich, und wenn sich jemand darüber ärgert, so ist mir das ein Extrapläsir. Meine Schwester denkt darin ganz ebenso wie ich. – Das ist nämlich nicht immer der Fall,« fügte er lächelnd hinzu. »Sie werden bald bemerken, daß die ihren Kopf für sich hat.« »Ich zweifle nicht daran,« erwiderte der Kandidat, nun gleichfalls lächelnd. Sie hatten während dessen ein hohes und weites Gemach durchschritten, das der Bildersaal genannt wurde, weil es noch mehr als der Vorsaal des Hauses mit Krosigkschen Ahnenbildern behängt war. Vor einem blieb der Kandidat unwillkürlich stehen. Es stellte einen Kriegsmann aus der Zeit des dreißigjährigen Krieges dar. »Mein Gott, welch ein düsteres Gesicht! Der sieht aus, als hätte er nie gelacht.« »Das Bild ist wohl erst nach seinem Tode gemalt, und man hat ihm diesen Ausdruck gegeben, weil er ein so schreckliches Ende hatte,« sagte der Baron nähertretend. »Das ist nämlich mein Namensvetter Heinrich von Krosigk, der 1637 von schwedischen Marodeuren ermordet wurde. Sie kennen wohl die Geschichte; man erzählt sie sich ja jetzt noch in den Spinnstuben der Umgegend. Die Schufte überfielen ihn, als er in der Nacht von Sandersleben nach Hause reiten wollte, schossen ihn tot, nahmen sein Pferd und seine Kleider und ließen den nackten Leichnam auf dem Felde liegen. Als sie aber nachher an die Saalefähre kamen, erkannten die Krosigkschen Knechte das Roß und die blutigen Kleider ihres Herrn. Die Mordbuben wurden gefesselt, nach Alsleben gebracht und dort gerädert. Der dreißigjährige Krieg war überhaupt eine böse Zeit für die Krosigks. Sehen Sie, der dort« – er wies auf ein Bild an der gegenüberstehenden Wand – »hatte kein besseres Schicksal. Er wurde von kaiserlichen Reitern in Löbejün ermordet. Und unten hängt einer, der fiel als Oberst des Böhmenkönigs in der unglücklichen Schlacht am Weißen Berge.« »Gott sei Dank, daß diese Zeiten vorüber sind und wohl auch niemals wiederkehren!« rief der Kandidat. »Meinen Sie?« Der Baron furchte die Stirn und sah den jungen Mann durchdringend an. »Die Spanier und Schweden reiten nicht mehr über unsere Felder, aber den Donner französischer Kanonen haben wir erst vor einer halben Stunde gehört.« Er schwieg eine Weile und fuhr dann langsam fort: »Es ist vielleicht besser, wenn ich Ihnen gleich sage, was ich mit Ihnen vorhabe. Frische Fische, gute Fische! Kommen Sie! Dieses Zimmer habe ich für Sie ausgesucht; es ist nicht übermäßig groß, aber freundlich und hell.« Er öffnete eine Tür an der linken Seite des Saales und lud den Kandidaten durch eine Handbewegung ein, vorauszugehen. »Lassen Sie sich meine Gegenwart noch eine kurze Weile gefallen. Was ich Ihnen zu sagen habe, ist bald gesagt und, wie ich denke, rasch erledigt. Sehen wir uns. And nun beantworten Sie mir zuerst eine Frage, offen, ehrlich und ungeschminkt: Wundern Sie sich nicht, daß ich hier sitze?« »Warum, Herr Baron? Inwiefern?« fragte der Kandidat sehr erstaunt. »Nun, das liegt doch sehr nahe. Der Krieg ist in vollem Gange, draußen wird gekämpft, und ich, ein Kapitän des Königs, ich bin nicht dabei!« »Sie hatten doch nach dem Tode Ihres Herrn Vaters den Dienst quittiert, um die großen Güter zu übernehmen,« bemerkte der Kandidat. »Herrgott, ja! In Friedenszeiten wäre das ja ganz räsonabel. Aber es ist Krieg, und ein Krosigk sitzt auf seiner Scholle. Wie reimen Sie sich das zusammen, Herr?« »Ehrlich gesagt, darüber habe ich nicht nachgedacht,« sagte der Kandidat. »Sie meinten wohl, dem Könige und dem Staate so mehr zu nützen.« »Nein, das meinte ich nicht. Ich will Ihnen sagen, wie's zugeht. Voriges Jahr, ich war kaum ein paar Monate hier, wird Alarm geblasen, das Heer wird mobil gemacht. Ich fahre mit Kurierpferden nach Berlin, Köckeritz verschafft mir eine Kompagnie, wir rücken aus, liegen einige Wochen in Thüringen in Quartier, und dann folgte auf die Fanfare die Schamade. Alles war aus, es ging wieder heimwärts. Der verfluchte Haugwitz hatte den Vertrag von Schönbrunn abgeschlossen. Da quittierte ich den Dienst und schwur, daß mich niemand wieder narren solle. Ich hatte das Vertrauen verloren, daß unsere Regierung jemals den Degen ziehen würde. Darum tat ich nichts, als der König im August mobil machte, und als ich mich vor vierzehn Tagen meldete, konnte man mich nicht brauchen. Zum Könige konnt' ich nicht durchdringen, Hohenlohe wies mich mit höflichen Redensarten ab, denn ich hatte durch unliebsame Äußerungen den Obersten Massenbach gegen mich aufgebracht, und der gilt alles beim Fürsten. Trotzdem denke und hoffe ich, auf andere Art dem Könige zu nützen. Was halten Sie von meinem Plan einer Landmiliz?« Der Kandidat zögerte. »Darf ich ganz offen reden?« »Ich bitte darum.« »Ich halte den Gedanken für exzellent, glaube auch, daß die Institution sehr nützlich wirken könnte, wenn der Krieg sich in die Länge zöge, etwa eine Schlacht ungünstig ausliefe, der Feind unsere Festungen belagerte und Teile unseres Landes okkupierte. Aber verzeihen Sie, daran vermag ich nicht zu glauben.« »Warum nicht?« »Ich glaube fest und sicher, daß Napoleon geschlagen wird. Sollte denn Friedrichs Geist unsere Armee verlassen haben? Wären wir nicht mehr die Preußen von Roßbach und Leuthen? Es ist wahr, wir haben einige Schlappen erlitten, Prinz Louis ist tot. Sollen wir deshalb verzagen? Ist es recht, auch nur zu zweifeln? Sind unsere Soldaten nicht wohlgeübt und kriegstüchtig? Geht unseren Offizieren nicht die Ehre über das Leben? Stehen nicht Männer an unserer Spitze wie Rüchel und Braunschweig, die noch aus Friedrichs Tagen Lorbeeren tragen? Während wir hier reden, Herr Baron, führt vielleicht der geschlagene Napoleon schon sein geborstenes Heer über den Thüringer Wald zurück.« Der Kandidat hatte unwillkürlich die rechte Hand zum Himmel erhoben, und sein Antlitz hatte sich gerötet. Wohlgefällig nickend blickte ihm Krosigk in die erregten Züge. »Sie reden wie ein guter Preuße und redlicher Patriot, und was Sie da sagen, das unterschreibe ich ja Wort für Wort. Das Land, das sieben Jahre lang ganz Europa getrotzt hat, wird sicher dem Korsen nicht erliegen. Nur an eines glaube ich nicht, an ein schnelles Ende des Krieges. Jener Mensch hat ungeheure Hilfsquellen. Wird er geschlagen, so kehrt er sicher zum zweiten Ansturm zurück. Es kann ein Weltkrieg werden, kann Jahre dauern.« »Das verhüte Gott!« warf der Kandidat ein. »Warum? Der Krieg erzieht Männer, Helden! Unser Geschlecht war eben daran, feig und läppisch und weibisch zu werden. Das wird sich nun ändern, wenn der da oben uns in die Zucht nimmt. Der fragt nicht nach unserem Gewinsel, er schickt uns, was uns gut ist. Vielleicht ist der Bonaparte ein Werkzeug Gottes, das uns aufrütteln soll aus unserer Faulheit und Schlaffheit.« »Ein Werkzeug Gottes?« rief der Kandidat. »Glauben Sie, Herr Baron, daß der heilige Gott sich solcher Werkzeuge bedient? Nennen Sie ihn eher ein Werkzeug des Vaters der Lüge!« »Ist nicht der Teufel selbst ein Werkzeug in des Allmächtigen Hand?« sagte Krosigk ruhig. »Ich verachte den Kerl ja auch im Grunde meines Herzens. Er ist ein Mensch ohne alle Liebe und Treue, ohne Glauben und Redlichkeit. Aber sein Geist ist gewaltig und sein harter Wille noch gewaltiger. Glauben Sie mir, der Sieger von Austerlitz ist kein Soubise, der bei Roßbach floh. Er wird uns schwer zu schaffen machen. Sie haben in Frankreich gelebt, haben sein Heer gesehen. Sind das die seidnen Püppchen von 1757? Sind es die verlotterten Sansculotten von 1794?« »Nein,« erwiderte der Kandidat, »ich müßte lügen, wenn ich das behaupten wollte. Aber wenn Sie ein preußisches Bataillon sehen und daneben ein französisches, so werden Sie sagen: Soldaten, wie wir sie haben, hat kein anderes Volk auf Erden.« »Das glaub' ich gern. Aber auch der Schöpfer unserer unvergleichlichen Armee, der alte Fritz, hat nicht immer gesiegt. Denken Sie an Hochkirch und Kunnersdorf! Wenn nun unserer Armee einmal etwas zustieße? Was dann? Wir haben nur die eine im Felde.« »Dann ist Rußland auch noch da, und auch Österreich wird aufstehen,« sagte Moldenhauer. »Rußland ist weit und der Zar ein weicher Jüngling. Österreich wird sich freuen, wenn wir Prügel kriegen. Kennen Sie nicht Ihren Schiller? Wahrlich, er hat nie ein richtigeres Wort gesprochen, als wo er seinen Helden sagen läßt: Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst!« »Sie können einem wirklich das Herz schwer machen, Herr Baron!« rief der Kandidat. Krosigk legte ihm die Hand fest auf die Schulter. »Das will ich nicht. Mit schwerem Herzen sollen Sie nicht mit ans Werk gehen, zu dem ich Sie rufen will, sondern mit zuversichtlichem Mute und fröhlichem Herzen. Zum Arbeiten will ich Sie aufrufen. Sehen Sie sich um im Lande! Überall in den Dörfern, auf den adligen Gütern eine Fülle junger Mannschaft! Darunter Leute wie die Eichbäume, breit und stark. Die wollen wir zusammenbringen, einüben, mit Zorn gegen die Fremden, mit Liebe zum Vaterlande erfüllen, etwas von unserem Haß und unserer Liebe in die trägen Massen einströmen lassen. So schaffen wir dem Könige eine Reserve, eine neue Armee. Reißt der Krieg Lücken, wir füllen sie aus. Eine ungeheure Kraft schlummert im Volke. Wecken wir sie, werfen wir sie in den Kampf! Daran wird Bonapartes Macht zerschellen. Gegen ein Volk hat er noch nie gefochten. Braucht der König unsere Hilfe nicht, um so besser! Wir aber haben doch unsere Pflicht getan, sind nicht träge stillgesessen, wie die Faultiere, haben fürs Vaterland gearbeitet. Und passen Sie auf, man wird uns brauchen.« Die beiden hatten sich erhoben. War's der Schein der Abendsonne, der durch das Fenster brach, war's die innere Bewegung, die in ihnen arbeitete – ihre Gesichter glänzten, und ihre Augen leuchteten. Der Kandidat streckte dem Edelmanne mit einer ungestümen Bewegung beide Hände entgegen. »Sie haben mich, Herr Baron! Ich folge Ihnen! Sagen Sie mir, was ich tun soll, was ich tun kann!« »Feldprediger sollen Sie werden bei unserem Aufgebot, wenn der Sturm losbricht,« rief Krosigk und erfaßte des jungen Mannes Hand mit starkem Drucke. »Mit Gottes Wort ziehn wir hinaus, wenn das Vaterland Männer braucht und der König uns ruft, und Sie sollen es dem Volke verkünden. Sie können das, ich weiß es. Wollen Sie?« »Von Herzen gern, und je eher, je lieber!« »So habe ich mich in Ihnen nicht getäuscht und heiße Sie als Bundesgenossen noch einmal bei mir willkommen. Alles Nähere heut abend nach Tisch und morgen früh. Die Herren, die nachher kommen, bleiben die Nacht hier. Mit ihnen halten wir Kriegsrat. Für jetzt – Gott befohlen.« Noch einmal schüttelte er die Hand des Kandidaten kräftig und schritt dann zur Tür hinaus. Moldenhauer blieb in hoher Erregung zurück. Wie Feuerfunken in dürres Stroh waren die Worte des Barons in sein Inneres gefallen; nun brannte es lichterloh. Ja, hatte der Mann nicht in allem recht? Wie konnte man eigentlich davon träumen, daß eine gewonnene Schlacht die Riesenmacht des Korsen vernichten werde? Eine solche Eiche fiel wohl nicht vom ersten Streiche, und wurde er noch so scharf und wuchtig geführt. Es konnte ein Krieg auf Tod und Leben werden. Dann aber mochte es leicht geschehen, daß das Beispiel, das im Saalkreise gegeben ward, im ganzen Volke zündete. Wer konnte wissen, welche Bewegung von hier aus ihren Anfang nahm! Und er war berufen, an dem Werke mitzuarbeiten. Ihm, der noch heute früh mißmutig über seinen Büchern kauerte, hatte ein günstiges Geschick zugeworfen, wonach er lechzte: eine große Tätigkeit, Leben, Arbeit. Er breitete beide Arme aus, und wenig fehlte, so hätte er ein Jauchzen ausgestoßen. Da tönte von unten herauf Trommelwirbel an sein Ohr. Er eilte ans Fenster und sah, wie die Leute von überall her zusammenliefen und sich ordneten, denn der Wagen rollte bereits in der Allee heran. Der Baron stand auf der Freitreppe und erwartete seine Gäste. IV. Als der Wagen vor dem Schlosse hielt, gab es eine Enttäuschung. Nicht der Landrat entstieg ihm, sondern eine hohe alte Dame, die ganz in Schwarz gekleidet war und eine stattliche Reisehaube auf dem Haupte trug. Der Baron sprang sofort mit allen Zeichen der Überraschung die Treppe hinab, eilte auf sie zu und beugte sich über ihre rechte Hand, während sie ihn mit der anderen an sich zog und ihm einen Kuß auf die Stirn drückte. »Der Tausend – das ist doch die verwitwete Geheimrätin, seine Mutter?« murmelte der Kandidat. »Wo kommt denn die jetzt her? Sie scheint unerwartet einzutreffen.« Er sah, wie der Baron die alte Dame respektvoll an seinem Arme in das Schloß führte, und wie eine Menge Gepäck von dem Reisewagen gehoben und hineingetragen wurde. Gleich darauf aber trat Krosigk wieder heraus, denn der Wagen des Landrats rollte nun wirklich heran, dicht hinter ihm ein zweiter. Der Landrat entstieg dem Gefährt. Er war ein Wedell aus dem Hause Piesdorf, ein ziemlich langer Mann mit schmalem, etwas bleichem Gesichte, in dem ein Paar kluge braune Augen standen. Hinter ihm sprang sein Vetter zur Erde, der Halberstädter Domherr Wilhelm von Wedell. Die beiden hätte man für Brüder halten können; zum mindesten erkannte jeder, daß er Söhne desselben Geschlechtes vor sich habe. Denn beide hatten die gleiche charakteristische große Nase und dieselben ungewöhnlich starken, über der Nasenwurzel fast zusammengewachsenen Augenbrauen. Außer ihnen kannte der Kandidat noch den himmellangen Rauchhaupt aus Trebnitz; die anderen Herren waren ihm unbekannt. Sie wurden von dem Hausherrn in höflicher Weise begrüßt und schritten dann an den Reihen der Leute entlang, wobei der Landrat in einem fort schnupfte, während der Baron auf ihn einsprach. Gerade, als die Musterung beendet war und die Herren sich anschickten, ins Haus zu gehen, wurde kräftig an die Tür des Kandidaten gepocht. Der Jäger Schröder trat ins Zimmer, des Barons vertrautester Diener, ein gedrungener, untersetzter Mann. Er hatte in seiner ganzen Haltung etwas Martialisches und sah viel mehr einem Husarenwachtmeister als einem herrschaftlichen Domestiken ähnlich. Schon der gewaltige graue Schnurrbart unterschied ihn merklich von dem glattrasierten Dienervolke. »Ah, er will Instruktion über das, was er in Peißen holen soll?« sagte der Kandidat. »Jawohl. So hat der Herr befohlen,« antwortete Schröder mit einer Stimme, die eine beträchtliche Ähnlichkeit mit dem Brummen eines Bären hatte. »Soll ich's lieber aufschreiben?« fragte Moldenhauer. »Das wird wohl gut sein. Ich reite nicht selber, der August reitet, was mein Neffe ist. Der Bengel hat einen kurzen Verstand.« Der Kandidat setzte sich ans Fenster und schrieb auf eine ausgerissene Seite seines Notizbuches, während der Jäger kerzengerade an der Tür stehen blieb und sich nicht rührte. »War das nicht die alte gnädige Frau, die vorhin ankam?« fragte Moldenhauer flüchtig aufblickend. »Ganz recht. Die alte Gnädige war's und totalement unverhofft,« erwiderte Schröder. »So, so!« Der Kandidat faltete das Papier zusammen und gab es dem Diener. »Und nun noch eins: Der Herr Baron hatte keine Lust oder keine Zeit, mir selbst zu erzählen, was für ein Fest heute Abend gefeiert werden soll. Er hat mich an ihn gewiesen.« »Ein Fest wirds nicht,« sagte Schröder. »Es sollte ja eigentlich eins werden; der Herr hat den Tag jedes Jahr gefeiert, auch wie wir noch beim Regimente standen. Aber heuer wird's nur ein kleiner Kreis, weil Prinz Louis tot ist und wir noch keine Nachricht weiter von der Armee haben.« »Ja, ja,« entgegnete Moldenhauer etwas ungeduldig. »Das ist Nebensache. Aber was bedeutet denn der Tag? Weiß er das nicht? Der Alte reckte sich, und seine Augen blitzten. »Ob ich's weiß! Ich war ja mit dabei.« »Na, dann lege er los.« Der Kandidat warf sich in das kleine harte Kattunsopha und deutete auf einen Stuhl. »Da setze er sich und erzähle!« »Meinen schönsten Merci. Ich kann stehen. Also Anno fünfundneunzig in der polnischen Kampagne war's. Der Herr war damals Kornet bei Alt-Larisch, und ich war Korporal. Heute sind's gerade elf Jahre. Ein Hundewetter war's an dem Tage, und wir wurden beordert, Korn zu requirieren, der Herr Leutnant von Borke und unser Herr und ich und acht Gemeine. Wir hatten auch zwei Wagen mit Fuhrleuten mit, richtige Polacken, die kaum ein paar Worte Deutsch konnten. Wir mußten durch einen Wald und verfehlten den Weg, oder die Hunde führten uns falsch. Es war aber auch ein Nebel, daß man die Hand nicht vor den Augen sehen konnte, und wie wir stundenlang gefahren waren, wußte keiner mehr, wo wir waren. Es wurde schon fast dunkel, da kamen wir endlich an ein großes Dorf mit elenden Lehmhütten, und darin lag eine Art Schloß mit einem weiten Hofe. Worowo hieß es, wie wir nachher hörten. Da fuhren wir darauf zu, und der Schloßherr kam selbst auf den Hof, ein großer, stattlicher Mann mit einem Schnürenrocke, und machte seine Komplimente und lud die Herren Offiziere auf französisch ein, unter sein schlichtes Dach zu treten, und für uns sollte auch gesorgt werden. Wir konnten nicht mehr zurück, der Regen goß in Strömen, und die Wagen blieben schon alle Minuten im Drecke stecken. Der Herr Leutnant nimmt also an, und die Herren gehen ins Haus. Wir wurden in einem Nebenhause einquartiert, und es gab Speck und Brot und Tabak und vor allem Schnaps die schwere Menge. Gegen Mitternacht hatten wir alle einen Kanonenrausch und legten uns auf die Streu. Einer sollte wachen, schlief aber auch ein. Nach ein paar Stunden wach' ich auf, weil mir die Gelenke weh taten, und da könnt' ich kein Glied nicht rühren, denn die Halunken hatten uns im Schlafe gebunden, und wie ich schreien will, hält mir so ein Kerl die Pike auf die Brust und grunzt mich an: »Hält sich Maul, deutsches Schwein, wird sich sonst erstochen!« Derweile hatten sie oben im Herrenhause versucht, die Offiziere unter den Tisch zu trinken. Der Herr Leutnant schlief auch wirklich ein, aber bei unserem Herrn war's nichts. Schnaps trinkt er nicht, und Wein kann er trinken, so viel er will, es schadet ihm gar nichts. Da dauerts dem Polen zu lange. Der Hausherr geht hinaus, die anderen auch, einer nach dem andem. Plötzlich gehen die Türen auf, und bewaffnete Kerle treten ein. »Ergib dich!« brüllen sie. »Noch nicht!« schreit unser Herr, springt zum Fenster, reißt es auf, springt in den Garten, Herr Kandidat, so hoch wie hier, und fällt in eine Dornhecke. Die Dornen haben ihn zerfetzt, aber gebrochen oder verstaucht hat er nichts. Er lief fort, über die Lehmmauer, in die Nacht hinaus. So ist er ein paar Stunden umhergeirrt, da sieht er Feuer von ferne, schleicht sich darauf zu, und sieh, es sind russische Wachtfeuer. Die Russen waren, wie Sie wohl wissen werden, schon damals unsere Freunde. Der russische Oberst läßt himmelfrüh Kosaken aufsitzen und gibt unserem Herrn ein Pferd, und nun rücken sie aus und suchen das Schloß. Und richtig, sie kommen gerade an, wie die Hunde uns wie die Kälber auf Wagen laden, denn sie wollten uns dem Kosciusko ausliefern, der nicht weit war. Das war eine Szene, wie die Kosaken kamen! Die Polen wußten nicht, wohin sie sich verstecken sollten, und der Gutsherr und seine Frau, eine schöne Person, und ihr Sohn, ein junger Mensch von fünfzehn, sechzehn Jahren, die lagen auf den Knien und schrien um Gnade. Aber der Kosakenhauptmann schlug die Frau, die ihm die Knie umfassen wollte, mit dem Kantschu ins Gesicht, und das Schloß ließ er an allen Ecken anzünden, und der Edelmann wurde auf eine Bank geschnallt und mit der Knute gehauen, daß er nicht mehr aufstand.« »Er war tot?« fragte der Kandidat, dem unwillkürlich ein Schauder über den Rücken lief. »Tot,« sagte Schröder. »Und dem verräterischen Schufte geschah nur sein Recht, und wenn unser Herr nicht vorgebeten hätte, dann hätte der Russe die ganze polnische Bande über die Klinge springen lassen.« Der Kandidat schwieg. Die tapfere Tat des jungen Kornets verdiente alles Lob, und daß der Verräter und Schänder des Gastrechts bestraft wurde, war nur recht und billig. Aber die Art der Rache empörte ihn. Einen Mann im Angesichte seines verzweifelnden Weibes und Kindes zu Tode Peitschen, das war gräßlich, barbarisch, das trat alle Gebote des Christentums und der Humanität mit Füßen. Auf sein eben noch so kriegsbegeistertes Gemüt wirkte die Erzählung des alten Soldaten wie der kalte Märzhauch auf den kaum erschlossenen Blumenkelch. Gewiß hatte der Baron recht, wenn er sagte, daß der Krieg Männer und Helden schaffe. Aber welche Greuel hatte er doch im Gefolge, wie viele Anschuldige und Wehrlose trafen wahllos seine furchtbaren Blitze, wieviel Menschenglück zertrat sein erzgepanzerter Fuß! Unwillkürlich gedachte er der Szene in einem Drama seines Lieblingsdichters, in der ein Mann zu seinem Weibe von den Schrecknissen des Krieges redet, und halblaut sprach er die Verse vor sich hin: Wir Männer können tapfer fechtend sterben, Welch Schicksal aber wird das eure sein? Schröder schien wohl eine andere Aufnahme seiner Geschichte erwartet zu haben, denn er räusperte sich stark und fügte in mißmutigem Tone hinzu: »Unser Herr wurde wegen dieser Tat bald darauf Leutnant, und wenig fehlte, so hätte er den pour le mérite gekriegt.« »Den er auch verdient hätte,« sagte der Kandidat und fuhr wie aus einem Traume empor. »Er hat ja die höchste Bravour und Geistesgegenwart an den Tag gelegt.« »Hat der Herr Kandidat noch eine Ordre für mich?« fragte Schröder. »Nein, ich danke.« »Dann soll August auf der Stelle abreiten. In einer guten Stunde kann er wieder da sein. Der Herr Baron läßt bitten, sich um sieben zum Souper bereit zu halten. Licht wird gleich gebracht werden.« Er machte eine kurze Verbeugung und verließ das Zimmer. »Ich danke auch schön für seinen Bericht,« rief der Kandidat ihm nach. »Bitte, keine Ursache,« klang es zurück. Gleich darauf kam ein Diener und stellte einen brennenden Armleuchter auf den Tisch. Moldenhauer nahm aus seinem Flauschrocke den Tabaksbeutel und die kurze Pfeife, die er immer bei sich trug, und setzte sie in Brand. Dann wandelte er mit großen Schritten im Gemache auf und ab und dachte über das Gehörte nach. Merkwürdig, wie die Erzählung ihn beschäftigte! Und seltsam, nicht die rasche, verwegene Tat des damaligen Fahnenjunkers stand ihm dabei immer vor Augen, sondem die schreckliche Racheszene, das brennende Schloß, die verzweifelt sich am Boden windende Frau, der blutüberströmte Körper des zu Tode Gemarterten und ein vor Entsetzen bleiches Knabenangesicht. Er mußte das alles schon einmal gehört haben, ja, sicherlich hatte er es irgendwo gehört. Aber wo und von wem? Hier in der Gegend gewiß nicht. Als er noch hier lebte, sprach man wenig über den Baron, der in Potsdam beim Regimente stand, denn er kam selten ins Elternhaus. Freilich hatten die Leute schon von Heldentaten erzählt, die er in dem unrühmlichen polnischen Feldzuge verrichtet haben sollte, unter anderen auch, daß er aus einem brennenden Schlosse drei Stockwerk hoch auf die Erde gesprungen sei. Der Kandidat entsann sich, daß er vor Jahren über jene Ausgeburt der bäuerlichen Phantasie gelächelt hatte. Diese Geschichte jedoch war ihm anderswo mitgeteilt worden, und zwar von jemand, der sehr gut erzählen konnte, viel besser als der alte Jäger. Aber so viel er auch nachdachte und blaue Rauchwolken in die Luft blies – es wollte ihm durchaus nicht einfallen, wo das gewesen war. Als nach ungefähr einer Stunde der kleine Reitknecht des Barons mit dem Koffer ankam, hatte er's noch immer nicht herausgebracht. Kopfschüttelnd stellte er seine Pfeife beiseite und machte eiligst Toilette. Es war auch die höchste Zeit, denn kurz nach sieben Uhr klopfte es an seine Tür, und der Baron trat über die Schwelle. »Da Sie der Mehrzahl der Gäste unbekannt sind, so will ich Sie selbst in die Gesellschaft introduzieren,« sagte er. »Es ist freilich nur eine kleine Société; wir wären noch weniger, wenn nicht vorhin meine Mutter und eben noch der alte Major von Trotha – Sie wissen: der Hecklinger, der Vater meines Schwagers – angekommen wären. Eigentlich wollte ich heuer eine größere Fête anstellen, aber wer mag denn Feste feiern, wenn draußen die eisernen Würfel rollen? Kommen Sie!« Die Gesellschaft war noch im Wohnzimmer versammelt, als die beiden eintraten. Nur die Damen des Hauses saßen, die Herren standen plaudernd umher, hätten auch sonst in dem verhältnismäßig engen Raum schwerlich Platz gefunden. Der Hausherr führte den neuen Gast zunächst seiner Mutter zu. Die alte Dame, die etwas überaus Liebenswürdiges und Mütterliches in ihrem Wesen hatte, verstrickte den jungen Mann sogleich in ein Gesprach, so daß er, als es zu Tische ging, noch niemand weiter vorgestellt war. Es mußte nun in aller Eile geschehen, dann schritt man durch den Vorsaal und einen langen Korridor nach dem Speisezimmer. Der alte Major von Trotha führte die gnädige Frau, der Landrat das gnädige Fräulein, die anderen Herren folgten paarweise nach. Das letzte Paar waren der Kandidat und der Amtmann Neubaur, Pächter der königlichen Domäne Beesen, ein sonst meist sehr wohlgelaunter, jovialer älterer Herr, der aber heute merkwürdig verstimmt und gedrückt aussah. Nachdem der Hausherr selbst ein kurzes Gebet gesprechen hatte, nahm man an der festlich geschmückten Tafel Platz. Das Gespräch wurde bald sehr lebhaft und allgemein, da ja die heute gehörte Kanonade und die Gerüchte über die Taten und Schicksale des Heeres überreichlichen Stoff boten. Das große Wort führte dabei der Major. Seine Art zu reden sowohl wie seine Kleidung machten ihn zu einer höchst eigenartigen, markanten Persönlichkeit. Alles, was er sprach, kam stoßweise, scharf und bestimmt aus dem fast zahnlosen Munde, als kommandiere er beständig. Sein kurzer eisgrauer Schnurrbart war steif gewichst, ebenso der lange Zopf, der über den Nacken herabhing. Er trug nie ein anderes Gewand als des Königs Rock, und zwar den Rock des Großen Königs, die nun längst altmodisch gewordene Uniform, die er bei Leuthen, Hochkirch und Roßbach getragen hatte. Als der Braten serviert war, brachte Heinrich von Krosigk die Gesundheit des Königs aus, wobei alle sich erhoben. Das geschah nach feststehendem altem Brauche, das erste Hoch gebührte stets dem Landesherrn. Weitere Trinksprüche wurden selten ausgebracht, denn das Reden war nicht die starke Seite dieser Herren; jeder drückte sich darum, wenn er irgend konnte. Heute stand jedoch zu aller Erstaunen der Major auf und feierte den Gastgeber in abgehackten, drastischen Sätzen als das Muster eines altpreußischen Edelmannes, der schon als halber Knabe sich tapfer im Felde gezeigt habe und mit Recht den Tag festlich begehe, der ihm die Epauletten des Offiziers gebracht habe. Dann aber passierte dem alten Herrn, was auch berühmteren Rednern hin und wieder begegnet ist: er redete sich in Eifer und verlor dabei den Gegenstand seiner Rede ganz und gar aus den Augen. Er gab seiner Verachtung der Polen kräftig Ausdruck, kam dann natürlich auf die Schlechtigkeit der Franzosen zu sprechen und brach endlich in eine begeisterte Lobrede des preußischen Heeres und seiner schon unter Friedrich erprobten Führer aus. Besonders die exquisiten Meriten und die vorzügliche Feldherrnqualité des Braunschweigers nahmen ihn gänzlich dahin. Plötzlich aber merkte er, daß das Rößlein seiner Rede sich völlig vergaloppiert hatte, er brach ab, suchte nach einem Rückwege, und es wäre um ein Haar zu einer verlegenen Pause gekommen. Da sprang Krosigk lachend auf und rief: »Bravo, Major! Nicht meiner Wenigkeit ein Lebehoch, sondern dem, der nach des Königs Willen unsere Armee kommandiert. Gott gebe ihm die glänzendste Viktoria! Seine Durchlaucht, der Herzog von Braunschweig, lebe!« Alle erhoben sich und stießen mit den Gläsern an. »Ooch jut!« sagte der Major. »Das haben Sie ganz brav jemacht, lieber Krosigk. Ich wollte zwar eigentlich Ihnen leben lassen, aber der Herzog steht vorm Feind, kann's noch besser jebrauchen.« Er stürzte sein Glas in einem Zuge hinunter und rief dann laut über die ganze Tafel hin: »Nun sagen Sie mir man bloß, mein liebster Neubaur, was fehlt Sie eigentlich? Haben Sie den Podagra, oder ist Ihnen ein Pferd gestürzt, oder ist das Malchen krank jeworden? Irgend was Affreuses ist Ihnen doch arriviert!« Neubaur geriet in Verlegenheit, als er auf einmal die Blicke aller auf sich gerichtet sah. »Ich habe allerdings – ich weiß nicht, es paßt nicht gut hierher –, ich habe, ehe ich von Hause abfuhr, noch eine widerwärtige Nachricht erhalten.« »Widerwärtige Nachricht? Ei, das tut mich leid.« Der Major war Neubaur, der auch von ihm ein Gut in Pacht hatte, sehr gewogen. Zugleich konnte er es absolut nicht leiden, daß er etwas nicht erfahren sollte, was in seiner Umgebung vorging. Teilnahme und Neugier spiegelten sich auf seinem hageren Angesichte, er machte einen langen Hals und rief mit großer Entschiedenheit: »Wenn's Familiengeheimnisse sind, will ich natürlich nicht in Sie dringen. Sonst aber – raus mit Ihrer Nachricht! Sie sind hier unter Freunden!« »Familiengeheimnisse sind es nicht, überhaupt keine Geheimnisse. Aber« – er schielte bedeutsam nach den Dienern hin. »Krosigk, Sie erlauben!« rief der Major. »August und Wilhelm, geht mal raus! So, nun erzählen Sie, was Ihnen aufs Herz jefallen ist!« »Auf Ihren Wunsch, mein Herr Major! Ich hätte viel lieber geschwiegen. So hören Sie: Ich wollte eben in meinen Wagen steigen, da kam Reinicke, der Botenfuhrmann, mit seiner Karre an. Er traf gerade von Bernburg ein, war am Vormittag von dort abgefahren. Der Mann war ganz verstört, sein Wesen fiel mir gleich auf. Wie ich ihn nun frage: ›Was ist ihm denn, Reinicke, ist er krank?‹ da kommt er an den Wagen heran und flüstert mir zu: ›Herr Amtmann, ach, es soll was Schreckliches passiert sein. Wir wollen hoffen, daß es nicht wahr ist, aber in Bernburg hieß es heute früh, unsere Armee wäre im Thüringschen geschlagen und auf voller Flucht.‹« Einen Augenblick saßen alle starr da. Dann sprach und schrie alles entrüstet, fast empört auf den armen Unglücksboten ein. »Eine Niederlage? Flucht? Unerhört! Wer sagt das? Wer darf so etwas sagen! Unglaublich! Impossibel!« So schwirrten die Stimmen durcheinander. Der alte Major schrie nicht mit. Er hatte den Kopf auf die Lehne seines Stuhles zurückgelegt und lachte, daß der Puder von seiner Perücke herniederstäubte. »Kinder!« krähte er, »ein jottvoller Spaß! Nee, Neubaur, das hätt' ich Sie nich zujetraut! Sie sind doch sonst ein janz positiver Mensch. Nu lassen Sie sich von irgend einer alten Unke ins Bockshorn jagen! Da schlage doch Jott den Deiwel tot!« Neubaur war sehr gekränkt. Daß seine Worte einen Sturm hervorrufen würden, hatte er vorher gewußt und bereute es jetzt, daß er seine Weisheit nicht bei sich behalten hatte. Nun warf man ihm auch noch Leichtgläubigkeit vor, ihm, der sein ganzes Leben lang nach dem Ruhme eines vorsichtigen und besonnenen Mannes getrachtet hatte. Darum sagte er, als einigermaßen wieder Stille eingetreten war, mit verdrossener Miene: »Ich habe mit dem Fuhrmann Reinicke seit zwölf Jahren zu tun und kenne ihn als einen verschwiegenen, zuverlässigen Menschen. Auch ist er ein Patriot, wie man sie unter den kleinen Leuten suchen kann. Übrigens habe ich nur geredet, weil Sie mich fragten, Herr Major. Ich hätte wohl besser getan, zu schweigen.« Der Major nickte und wollte eine Antwort geben, als sich der Landrat ins Mittel schlug. »Aber, meine Herren, keine Ombrage! Morgen ist auch ein Tag. Da werden Sie ja sehen, was an dem Gerüchte ist. Jetzt ist alles Streiten fruchtlos. Trinken wir lieber auf das Wohl unseres Gastfreundes. Möge deine Schöpfung, die Landmiliz, lieber Krosigk – doch nein, so lange die Damen bei uns weilen, nichts von Politik und Militär! Ein anderer Wunsch, in den sicher meine hochverehrte Freundin von Herzen mit einstimmt: Möge dir recht bald ein Wesen des anderen Geschlechtes begegnen, das durch seinen Liebreiz dein sprödes Herz besiegt! Stoßen Sie darauf an, meine Herrschaften, daß bald hier eine Hausfrau walte!« Wieder ein allgemeines Bravo und Gläserklingen. »Das haben Sie gut gemacht, werter Freund,« sagte die alte Dame erfreut. »Sie haben ausgesprochen, was mein sehnlichster Wunsch ist. Komm her, Heinrich, und stoße mit deiner alten Mutter an. Wenn du mir nur noch diese Freude machen wolltest!« Der Baron lächelte und neigte sein Glas gegen das ihre, wobei ihm eine leichte Röte ins Antlitz trat. »Warum nicht, teuerste Mutter? Wenn Sie mir die Rechte zeigen, so heirate ich meinetwegen auf der Stelle. Aber die Rechte muß es sein.« »Sie wird wohl bald gefunden sein,« sagte der Landrat schmunzelnd. »Man hört so mancherlei.« In diesem Momente trat der Leibjäger Schröder ein und fragte an, ob die Leute dem gnädigen Herrn ein Vivat bringen dürften. Krosigk erhob sich sogleich. »Ich bewirte heute meine Leute drüben in den Gesindestuben,« erklärte er der Gesellschaft, »dafür wollen sie sich jedenfalls dankbar erweisen. Entschuldigen Sie mich ein paar Minuten!« »Wir kommen alle mit!« rief der Landrat, und die ganze Gesellschaft folgte dem Schloßhernn und stellte sich mit ihm draußen auf die breite Freitreppe. Die Krosigkschen Knechte und Tagelöhner hatten eine Menge von Fackeln angezündet und zogen damit unter Absingung eines patriotischen Liedes mehrmals im Kreise durch den Hof. Dann stellten sie sich vor dem Schlosse in Reihen auf, immer noch singend: »Viktoria, Der preußisch' Adler siegt, Bald hier, bald da – Viktoria!« so klang das Lied aus. Darauf rief der alte Förster Grumer mit laut schallender Stimme: »Unserem gnädigen Herrn zu seinem Ehrentage und unserer ganzen gnädigen Herrschaft wünschen wir Gesundheit und langes Leben. Vivat! unser gnädiger Herr lebe hoch!« Die Leute schrien mit aller Kraft ihrer Lungen Hoch und schwenkten ihre Mützen. Der Schloßherr trat einen Schritt vor und schickte sich eben an, ein paar Worte zu erwidern, da stutzte er und horchte in die Nacht hinaus. Von der Allee her kam einer geritten und bog schon in den Hof ein. Das starke Pferd stampfte mit müden Schritten mitten durch den Menschenhaufen, der rechts und links auseinanderwich, der Reiter schwankte im Sattel und schien sich kaum noch aufrecht halten zu können. Keuchend und zitternd blieb das Tier endlich dicht vor der Treppe stehen. Der Mann, den es trug, machte den Versuch, abzusteigen, verlor aber das Gleichgewicht und wäre auf das Pflaster gestürzt, wenn nicht die Nächststehenden ihn aufgefangen hätten. Unter einem schmutzigen Tuche, das er um den Kopf gebunden hatte, sickerte frisches Blut hervor. »Herrgott! Wer ist das?« rief der Baron bestürzt. »Wartmann, Heinrich Wartmann!« entgegnete eine Stimme. »Von den Henkel-Kürassieren?« Mit zwei Sätzen sprang Krosigk in den Hof und beugte sich über den Reiter, der wie leblos in den Armen zweier Knechte lehnte. Sein Gesicht war so schneebleich wie das des verwundeten Mannes, seines früheren Reitknechtes. »Wartmann! Wo kommst du her? Was ist das?« stieß er hervor. Der Reiter schlug die Lider auf und erkannte seinen Herrn. Er bewegte die Lippen, versuchte zu sprechen – endlich kamen Worte – »Es ist aus, Herr! Die Schlacht verloren – die Armee zersprengt – alles verloren.« Die das Wort hörten, schrien entsetzt auf, und von Mund zu Mund pflanzte sich's fort: »Die Schlacht verloren! Die Armee zersprengt!« Heinrich von Krosigk war in die Knie gesunken und stöhnte laut auf. Angstvoll eilte seine Mutter auf ihn zu und schlang die Anne um seinen Hals. »Heinrich, um Gottes willen, komme zu dir!« Noch eine Gestalt kam die Treppe herab, wankend wie ein Trunkener oder Irrsinniger: der alte Major. »Was sagt der Mensch? Die Schlacht verloren? Ist das erhört? Was erfrecht er sich?« murmelte er vor sich hin. »Wo ist der König und der Herzog?« schrie er auf einmal überlaut. Aber er erhielt keine Antwort. Der Reiter war ohnmächtig geworden. »Hebt ihn auf und tragt ihn in mein Zimmer!« befahl der Baron, der aus seiner Erstarrung erwachte. »Breitmann, mit dem Geschirre nach Alsleben zum Doktor! Schröder, du verbindest ihn einstweilen wieder!« Er löste sich stumm aus den Armen seiner Mutter und schritt, ohne ein Wort zu sprechen, ins Schloß, nach seinem Schlafgemache, das er hinter sich verschloß. Seine Mutter wollte ihm nacheilen, aber der Landrat hielt sie zurück. »Lassen Sie ihn jetzt, verehrte Freundin. Wir kennen ja seine Art, wie er von kindauf war. Er kann jetzt nicht reden, kann keine Menschen sehen. Was ihn ins Herz getroffen hat, muß er allein überwinden. Gott gebe Ihnen Kraft in den schweren Tagen, die nun vielleicht für uns alle kommen.« Darauf empfahl er sich und ließ anspannen. Eine Karosse nach der anderen rollte aus dem Hofe, die ganze Gesellschaft fuhr ab. Nur der alte Trotha und der Kandidat blieben zurück, und beide saßen die ganze Nacht am Lager des Verwundeten, ob sie wohl noch etwas von dem Schrecklichen erfahren möchten, was er zu künden hatte. Aber Wartmann lag im Wundfieber und konnte nichts sagen. Am anderen Tage war sein Zeugnis nicht mehr nötig. Von allen Seiten kamen die Hiobsposten, und man mußte sie wohl glauben, denn die Versprengten von Jena, Hassenhausen und Halle trugen sie durchs Land. Der König war geflohen, Hohenlohe geflohen, der Herzog von Braunschweig auf den Tod verwundet, die Armee in alle Winde zerstreut, Preußens Waffenruhm mit einem Schlage in den Staub geschmettert. V. In der elften Stunde des folgenden Vormittags hielt ein großer Trupp flüchtiger Preußen vor dem Poplitzer Schlosse. Es waren Reiter der verschiedensten Regimenter, der Mehrzahl nach Husaren, aber auch Dragoner und Kürassiere. Der Leutnant, der sie kommandierte, trat ins Haus und fragte nach dem Schloßherrn. Heinrich von Krosigk öffnete auf die Meldung hin sogleich seine Tür und schritt aus dem halb dunklen Korridore in den hellen Vorsaal, wo der Offizier auf ihn wartete. Der Kandidat, der ihn benachrichtigt hatte, erschrak über seinen Anblick, denn er sah bleich und verwüstet aus, und ein Zug verbissenen Schmerzes ließ sein Antlitz um Jahre gealtert erscheinen. Als der Leutnant des Barons ansichtig wurde, hob er beide Hände zum Himmel und rief in höchstem Erstaunen: »Wie? Sie hier, Krosigk? Das. ist Ihr Schloß? Gott sei Dank!« Der Baron stutzte einen Augenblick, dann eilte er auf ihn zu. »Hirschfeld, Sie? So sehen wir uns wieder? Auf der Flucht! Mein Gott!« Der junge Offizier zuckte zusammen, und eine helle Röte flackerte über sein Gesicht. Dann schlug er beide Hände vor die Augen und stieß mit schmerzerstickter Stimme hervor: »Ja, auf der Flucht! Bei Gott, ich habe den Tod gesucht, aber keine Kugel hat mich getroffen. Sie wissen nicht, was wir in den letzten Tagen erlebt haben. Hundertmal besser wäre der Tod! Wenn meine Leute nicht wären – weiß Gott, ich hätte mich erschossen!« »Daß Sie es nicht taten, zeigt, daß Sie ein Mann sind,« sagte Krosigk ernst. »Wieviel Leute haben Sie bei sich?« »Zusammen fast eine Schwadron.« »Wo wollen Sie hin?« »Ich will die Armee erreichen.« »So gibt's also doch noch eine Armee?« rief Krosigk. Er hob das Haupt empor, und sein Auge blitzte. »Wo steht sie? Wo ist der König?« »Das weiß Gott. Aber ich sage mir: Wenn irgend ein Funke gesunden Verstandes in denen ist, die jetzt die Trümmer der Armee führen, so müssen sie sich nach Magdeburg gezogen haben.« »Sie haben recht,« sagte Krosigk bestimmt. »Nach Magdeburg müssen Sie auch. Werden Sie verfolgt?« »Wir haben seit gestem Abend die Fühlung mit dem Feinde verloren.« »Wie ist der Zustand Ihrer Leute?« »Es ist noch Disziplin in der Mannschaft. Wenn die Leute aber noch lange frieren und hungern, so kann ich für nichts stehen.« »Gehungert haben Sie?« fragte Krosigk verwundert. »Wie kommt das? Die ganze Gegend ist doch voll reicher Dörfer.« »Es ist strengster Armeebefehl, alles gewaltsame Requirieren zu vermeiden und nur zu kaufen, was der friedliche Bürger und Bauer hergeben will. Ganz und gar konnten wir das freilich nicht durchsetzen. Ich mußte meinen Leuten gestern Permiß geben, Heu aus den Scheunen zu nehmen und Kartoffelmieten aufzubrechen.« Krosigk stieß ein hartes Gelächter aus. »Ja, so sind sie, unsere Philanthropen in Berlin! Der Soldat kann hungern und frieren, wenn nur die lieben Bauern und Wollhändler nicht bei ihrem teuren Geldsacke angefaßt werden. Zum Teufel mit einem Armeebefehl, bei dem die Armee selbst zum Teufel geht! Lassen Sie Ihre Leute absitzen, sie sollen Brot, Fleisch und Bier bekommen. Stellen Sie Sicherheitswachen aus. Sie rasten ein paar Stunden hier, dann bringe ich Sie nach der Fähre bei Alsleben und lasse Sie übersetzen. Folgt Ihnen der Feind, so machen wir das Fährboot leck, und ehe es ausgebessert wird, vergehen Stunden. Dann haben Sie einen guten Vorsprung. Ich gebe Ihnen auch einen Führer mit, der Weg und Steg kennt.« »Der will ich sein,« sagte eine Stimme hinter ihnen. Der alte Major von Trotha war unbemerkt aus einem Zimmer getreten. »Sagen Sie mir, Herr, ist es denn wahr? Ist unsere Armee besiegt? Wo ist der König und der Herzog von Braunschweig?« »Der König ist geflohen, der Herzog ist ins Auge geschossen und tot.« Dem Major wankten die Knie. Er lehnte sich stöhnend an die Wand. Auch Krosigk machte eine Bewegung des Schreckens. »Ist das sicher?« »Ich habe selbst gesehen, wie man ihn aus der Schlacht geleitete. Er saß blutüberströmt auf dem Pferde. Rechts und links gingen zwei Offiziere und führten ihn hinter die Front. Dort sank er aus dem Sattel.« »Allmächtiger! Dann ist Preußen verloren!« schrie der Major auf. »Das verhüte Gott!« sagte Krosigk. »Preußens Macht sieht nicht auf zwei Augen. Wir sind zu Boden geschlagen, aber mit Gottes Hilfe werden wir wieder aufstehen. Jedenfalls wollen wir tun, was in unseren Kräften steht. Kommen Sie, Hirschfeld! Die Zeit drängt, wir müssen jede Minute benutzen.« – Einige Stunden später war alles zum Aufbruch gerüstet. Auch der Major hatte ein Pferd bestiegen und wollte die Reiter geleiten. Was er noch nützen könne mit seinen alten Knochen, das wolle er nützen, erklärte er starrköpfig, als Krosigk Einwendungen machte. Er kenne die Wege durchs Bernburgsche ganz genau und werde auch mit Gottes Hilfe nach Hecklingen zurückkommen. Schlügen ihn aber die Feinde unterwegs tot, so sei ihm nunmehr auch nichts am Leben gelegen. So mußte ihn der Baron gewähren lassen. »Sie aber, mein lieber Kandidat, gehen nach Hause zurück,« sagte er noch vom Pferde herab zu Moldenhauer und reichte ihm die Sand. »Wenn ich Sie brauche, werde ich Sie rufen. Vorläufig kann niemand wissen, was aus unserem Unternehmen wird. Dagegen kalkuliere ich, daß wir noch heute oder spätestens morgen Franzosen hier sehen werden. Da haben Ihre Eltern ein Recht darauf, Sie bei sich zu haben.« »Ja, das ist jetzt wohl sicher meine nächste Pflicht. Hier bin ich ja ohnehin zunächst überflüssig. Gott gebe, daß ich bald von Ihnen höre, Herr Baron, daß Sie mich bald rufen lassen. Haben Sie vielen Dank für Ihre Güte und leben Sie wohl!« Krosigk drückte ihm fest die Hand und trieb sein Pferd an. Der Kandidat sah ihm und seiner Schar lange nach. Dann wandte er sich mit einem schweren Seufzer um und ging ins Schloß, um sich den Damen zu empfehlen. Das Fräulein Antoinette trat ihm allein entgegen »Die Mutter ist krank und hat sich zu Bett gelegt. Der plötzliche Schreck hat sie niedergeworfen,« sagte sie. Moldenhauer sprach sein Bedauern aus und wünschte baldige Genesung. »Es ist ein unglücklicher Zufall, der sie gerade jetzt hierher geführt hat,« erwiderte Antoinette. »Wäre sie in Halberstadt geblieben, so wäre sie jedenfalls weit sicherer gewesen.« »Sicherer? Fürchten Sie Gefahr?« rief der Kandidat erschrocken. Der Gedanke, daß auch die Bewohner des Herrensitzes gefährdet werden könnten, ebenso wie seinesgleichen, war ihm noch gar nicht gekommen, legte sich nun aber auf einmal wie eine schwere Last auf seine Seele. Sie hatte ja recht. Was würde der Feind nach Rang und Stand fragen! »Mein Gott, gnädiges Fräulein!« rief er, »warum sind Sie mit Ihrer Frau Mutter nicht noch in der Nacht oder früh morgens abgereist?« »Eine Gegenfrage, Herr Kandidat: warum gehen Sie jetzt nach Peißen?« »Weil ich meinen Eltern nahe sein will wenn etwa Gefahr droht.« »Nun sehen Sie, und ich will meinem Bruder nahe sein,« gab sie zurück. »Verzeihen Sie, das ist doch ein ganz anderer Fall,« entgegnete Moldenhauer erregt. »Ich bin ein Mann –« »Und ich ein schwaches Weib,« fiel sie ein. »Sie meinen, da könne ich gar nichts tun, gar nichts nützen. Ja, mein Herr, das will ich Ihnen zugestehen: ich habe es schon oft bedauert, daß ich kein Mann geworden bin, heute bedaure ich's zehnfach. Wie ganz anders stehen die Männer da in solchen Zeiten der Not! Aber wenn ich nun einmal ein Mädchen sein muß, so will ich wenigstens beweisen, daß ich männlichen Mut habe.« Der Kandidat schüttelte den Kopf. »Damit nützen Sie niemandem. Sie wissen, Ihr Herr Bruder braucht keinen Rat und keine Stütze. Gnädiges Fräulein, noch ist es Zeit. Nehmen Sie eine Kutsche mit Vieren und reisen Sie ab! Ist der Weg frei, ins Mecklenburgische. Aber selbst in Magdeburg sind Sie sicherer als hier.« Antoinette warf den Kopf in den Nacken. Es war genau dieselbe Bewegung, die ihr Bruder an sich hatte, und auch ihr Antlitz zeigte denselben Zug harter Entschlossenheit, der seinen Zügen eigen war, als sie erwiderte: »Ich nütze niemandem, wenn ich bleibe? Vielleicht doch, mein Herr. Wir haben hier Hunderte von Untertanen. Sollten sie von uns sagen: unsere Herrschaft ist feige davongelaufen, als die Gefahr drohte? Davongelaufen, obwohl sie in ihrem Schlosse, umringt von treuen Dienern, viel sicherer war als wir in unseren Hütten. Nein, wo Rechte sind, da sind auch Pflichten. Deshalb bleibe ich.« Moldenhauer war ergriffen. Was sie da sprach, klang mächtig in seinem Innern wieder; er sagte sich: das ist edel, stolz und wahrhaft vornehm gedacht. Wie sie so dastand mit blitzenden Augen und erhobenem Haupte, erschien sie ihm wie eine Fürstin. Aber gleich darauf krallte sich wieder der Gedanke in sein Herz ein: was nützt all diese Vornehmheit und Größe des Denkens, wenn die Horden des Korsen einbrechen? Denen steht sie doch nur als Weib gegenüber, und ihre stolze Schönheit kann ihnen ein Anreiz sein zu roher Frechheit. Er schauerte zusammen, und die Erregung raubte ihm fast die Sprache, als er endlich stockend die Worte hervorbrachte: »Gnädiges Fräulein – zürnen Sie nicht! In der Lage, in der wir uns alle befinden, darf ich wohl wagen, Sie zu warnen – betrachten Sie es als einen Freundesrat: haben Sie auch bedacht, daß eine Frau der Brutalität der Feinde ganz anders ausgesetzt ist, als ein Mann?« Antoinette wandte sich ab und wurde glühend rot. Gleich darauf aber hob sie wieder das Haupt empor und sah ihm gerade in die Augen. »Ich danke Ihnen. Ich sehe, Sie sprechen als Freund, und ich zürne Ihnen nicht. Ich will Ihnen auch Antwort geben. Sollte einer etwas gegen mich wagen, den wird mein Bruder niederstoßen, oder ich selbst. Und unterlägen wir der Gewalt, so wissen Sie: ich habe mich an Schillers Dramen nicht nur erfreut und erhoben, um in schönen Worten und Gefühlen zu schwelgen. Ich habe aus ihnen gelernt und das Wort wohl behalten: die letzte Wahl steht auch dem Schwächsten offen.« Sie machte eine Pause und fügte dann in ruhigerem Tone hinzu: »Noch ist es ja nicht so weit. Vorläufig wollen wir auf Gott vertrauen und uns nicht fürchten. Leben Sie wohl, Herr Kandidat; ich denke, wir sagen: ›Auf Wiedersehen in besseren Tagen!‹« Sie reichte Moldenhauer ihre Hand und umspannte die seine mit kräftigem Drucke. Moldenhauer beugte sich schnell darüber und schritt dann, ohne ein Wort zu sprechen, aus dem Zimmer und aus dem Schlosse. Unten hielt bereits der Einspänner, der ihn nach Hause fahren sollte. Er warf sich hinein und sah nicht mehr zurück, sprach auch während der Fahrt kein Wort. Es war ihm, als hätte er etwas Großes erlebt. Er hatte einen Blick in die Seele einer Frau getan, wie sie ihm noch nie im Leben begegnet war. Er hatte freilich bisher den Frauen noch wenig Beachtung geschenkt. Die sittsamen Professoren- und Predigertöchter, die er als Student in Halle und in der Umgegend kennen gelernt hatte, waren ihm stets gleichgültig geblieben; die vornehmen Damen der großen Welt, denen er als Hauslehrer begegnet war, hatten ihn durch ihre leere Frivolität und Eitelkeit sogar abgestoßen. Er, der stets ein ernster Mensch gewesen war, hatte in dem ganzen Geschlechte, das sich putzte, tänzelte, lächelte, kokettierte und bis zur Ehe ohne wirkliche Pflichten und tiefere Gedanken dahinlebte, immer eine Art großer Kinder gesehen, darunter hie und da auch artige, hübsche und wohlzuleidende Kinder. Daß es Frauen höherer Gattung gab, wußte er eigentlich nur aus Büchern. Dort las man von einer Clölia, einer Lukretia und Corinna. Aber die waren ihm stets wie fabelhafte Wesen, wie Geschöpfe aus einer anderen Welt vorgekommen. Nun hatte eine vor ihm gestanden, die jenen ähnlich war, ein lebendiges Weib, hinreißend durch das Feuer, das aus ihren Augen strahlte. Als etwas Unglaubliches, Wunderbares erschien ihm das und regte ihn auf und beunruhigte ihn in einem Maße, daß er es fast als Qual empfand. Dicht vor Beesen riß ihn ein Zufall aus seinen Gedanken. Der alte Mathes hielt den Wagen an und meldete: »Das Pferd hat ein Eisen verloren. Ich will es aufheben, es ist immer noch einen Silbergroschen wert.« »Tue er das,« erwiderte der Kandidat. »Und im Dorfe wollen wir das Tier gleich beschlagen lassen. Es ist nicht gut, wenn es mit bloßem Fuße läuft.« So hielt der Wagen kurz darauf vor der uralten Beckerschen Erbschmiede in Beesen. Während der Gaul ausgespannt wurde, blieb der Kandidat auf dem Wagen sitzen und sah von da aus zu, wie der Schmied Heinrich Becker, ein herkulischer Mann mit grauem Spitzbarte, das Eisen wieder befestigte. Alles, was mit Pferden zusammenhing, interessierte ihn ungemein. »He, Andreas, einen Nagel!« rief der Schmied ins Haus hinein. Ein junger Mensch, der eine Binde über dem linken Auge trug und hinkte, trat in die Tür. Der Kandidat stieß einen Ruf der Überraschung aus. »Das ist doch – ist er nicht Andreas Gast? Wie kommt er hierher? Auch aus dem Felde geflohen? Wo hat er die Uniform?« »Soll ich etwa in der Montur gehen, wenn die Franzosen kommen?« fragte der Angeredete mürrisch. »Braucht er die Franzosen zu erwarten? Mach' er, daß er nach Magdeburg kommt. Der Weg ist noch frei. Da gehört ein preußischer Soldat jetzt hin!« rief Moldenhauer. »Den Teufel will ich tun!« sagte der Knecht mit einem rohen Lachen und spuckte aus. »Ich habe gerade genug. Einen Hieb übern Kopf und Blasen an den Füßen. Fällt mir nicht ein, da hinterher zu laufen.« »Aber zum Donner, Mensch, er hat doch dem Könige den Fahneneid geschworen!« schrie hastig der Kandidat, den die Art des Mannes empörte. Der Knecht spuckte noch einmal aus und entgegnete mit höhnischer Gelassenheit: »Dem Könige? Der ist geflohen, und seine Junkers sind hinter ihm her ausgerissen wie Schafleder. Der Napoleon hat sie verhauen, daß sie nicht wiederkommen, und nun hat die ganze verfluchte Schinderei ein Ende, und es kommt eine andere Zeit!« Damit kehrte er ihm den Rücken und trat wieder ins Haus. Der Kandidat sank auf seinem Sitze zurück. Der Zorn über diese haarsträubende Frechheit raubte ihm für einige Augenblicke die Sprache. »So etwas leidet Ihr in Eurem Hause, Meister?« wandte er sich endlich an den Schmied. Der Alte blickte bekümmert zu ihm empor und lüftete sein Käppchen. »Was will's helfen, Herr Pastor? Ich muß froh sein, daß der Kerl wieder da ist. Alle Hände voll zu tun und keine Leute! Und wenn's auch ein Jammer ist, was er sagte, wahr ist's doch. Es wird wohl keinen König von Preußen mehr geben.« Moldenhauer schlug die Hände über dem Kopfe zusammen. »Da soll doch ein siediges Kreuzdonner – ja so. Meister, was sind das für Reben! Eine Schlacht ist verloren, eine einzige Schlacht. Na, und meinetwegen noch ein paar Gefechte. Und da sprecht Ihr: es gibt keinen König von Preußen mehr? Ist denn unser Staat von Pappe? Paßt auf, hinter Magdeburg wird sich die Armee wieder sammeln, die Russen rücken auch heran, und dann kommt das Davonlaufen an die Franzosen.« Der Schmied kratzte sich bedenklich hinter den Ohren. »Wenn's nur wahr wird, Herr Pastor! Aber ich glaub's kaum. Denn was der Napoleon ist, das ist ein Himmelhund, der ist allen über, den kriegt keiner unter.« »Wenn unsere Soldaten desertieren, dann freilich nicht,« sagte der Kandidat finster. »Ohne sein Volk ist der König verloren. Jetzt müßte jeder seine Treue zeigen und bis zum letzten Atemzuge bei seinem Kriegs- herrn aushalten.« »Ei, so lauft Ihr doch selber der Fahne zu!« ertönte hinter dem Wagen eine schrille Weiberstimme. Moldenhauer wandte sich um und blickte in die starren, zornigen Augen eines kleinen, unsauberen Frauenzimmers, dem ein Paar blitzblaue Frostbacken und ein reisetaschenähnlicher, fest zusammengekniffener Mund zur besonderen Zierde gereichten. Es war die Mutter des entlaufenen Soldaten, ihres Zeichens ehrsame Waschfrau, die beredteste und böseste Frau des ganzen Kirchspiels. Die Mutter Gasten hatte die Hände in die Seiten gestemmt und musterte den Kandidaten mit giftigen Blicken eine Weile schweigend; dann aber brach es von ihren Lippen los wie ein brausendes Hagelwetter: »Da seht den jungen Pastor von Peissen! Was wollt Ihr denn hier bei uns in Beesen? Predigt doch in Eurer Kirche, da braucht Ihr nicht hier auf der Straße zu predigen! Was, mein Sohn ist desertiert? Desertiert sich was von einer Armee, die's nicht mehr gibt! Soll er sich etwa eine Brille aufsetzen und nachsuchen, wo die Armee hingekommen ist? Nee, Herr, damit hat's aufgehört. Die Junkers haben ihre Schmiere gekriegt, Gott sei Dank, daß die hochnäsige Bande endlich geduckt ist. Nun wird's anders. Wenn sie nur erst der Napoleon alle im Sacke hat, nachher wird Friede. Wollt Ihr aber Krieg führen – lauft doch selber hin! Aber da liegt der Hase im Pfeffer. Schwatzen kann jeder und große Reden halten, aber sich hinstellen, wo die Kugeln pfeifen, das gibt's nicht. Dazu sind unsere Jungen da, den großen Herrn ihre Söhne sind dazu viel zu gut. Ihr habt's gerade auf dem Leibe, zu räsonnieren über meinen Sohn! Der ist doch wenigstens mit draußen gewesen und hat sich rumgehauen mit den Franzosen, und Ihr? Ihr saßt so lange hinterm Ofen!« Der Kandidat hatte den Redeschwall über sich ergehen lassen, ohne auch nur den Versuch zu machen, ihn zu unterbrechen. Er betrachtete dabei unverwandt das keifende Weib mit der Miene eines Mannes, der eine häßliche Naturerscheinung betrachtet – nicht ohne Interesse, aber mit Mißfallen. Bei ihren letzten Worten jedoch fühlte er einen Stich im Herzen. Leider, ach leider war darin ein sehr bitteres Körnchen Wahrheit enthalten. Was hatte denn er und seinesgleichen sich zu entrüsten, wenn einer nicht seine Pflicht im Felde tun wollte? Das Vaterland zu verteidigen, das war nicht seine Sache, damit hatte der Sohn des Beamten, der Studierte, der Höhergebildete nichts zu tun. Das hatte man geworbenem Volke und den Söhnen der kleinen Leute, der armen Handwerker und unfreien Tagelöhner überlassen. Die hatte man in die Montur gesteckt und dressiert und gedrillt und gefuchtelt und geglaubt, Soldaten in ihnen zu haben, auf die sich das Vaterland verlassen könne. Nun zeigte sich's, was sie wert waren. Sie waren froh, sich salviert zu haben, und dachten nicht daran, ohne Zwang noch einmal ihre Haut zu Markte zu tragen. Vielleicht – Gott mochte es geben – dachten nicht alle so, aber viele würden sicherlich ganz ähnlich handeln. Mit übermächtiger Gewalt ergriff den Kandidaten bei den Worten des schlechten Weibes der Gedanke, daß die Waffe, die sein geliebtes Preußen verteidigen sollte, veraltet und verrostet sei, und daß die verlorene große Schlacht vielleicht den Anfang eines fürchterlichen Zusammenbruches bedeute, und dieser Gedanke schnürte ihm die Brust zusammen. Er drückte sich die Mütze tief in die Stirn und war froh, als der Wagen sich wieder in Bewegung setzte. Aber er sollte noch nicht nach Peissen gelangen. Kaum ein paar hundert Schritte weit war er gefahren, als die Mittagsglocke zu läuten begann. Das war nun nichts Auffallendes, denn es geschah an jedem Tage, den Gott werden ließ. Aber sonderbar – nach ein paar Glockenschlägen schon brach das Geläut ab, und der Altarmann schrie, nein brüllte aus dem Schallloche des Turmes einige Worte herunter. Das Geschrei pflanzte sich unten fort; Kinder, die in der Nähe des Kirchhofs lärmten, Weiber, die über die Straße gingen, nahmen es auf, rannten schreiend weiter; Fenster klirrten auf, Leute, vom Essen aufgescheucht, stürzten auf die Straße, und überall durch den ganzen Ort erscholl der Ruf: »Die Franzosen kommen!« Moldenhauer fuhr mit einem Ruck empor, mit einem Satze aus dem Wagen. Er stürmte in schnellsten Schritten nach dem Turme, prallte in der Tür mit dem entsetzt flüchtenden Altarmann zusammen und flog die Stufen empor. Richtig. Dort drüben jenseits der Saale, auf der Höhe zwischen Alsleben und Naudorf zogen sie dahin, ein Reiterzug von unabsehbarer Länge, wie eine riesige Schlange, glitzernd und flimmernd im Lichte der Oktobersonne. Aber noch näher war die Gefahr. Von Mötewitz kamen sie heran auf der alten Straße nach Lüneburg, – fünf Minuten noch, und sie mußten den Zoll erreicht haben. Das waren keine Reiter, sondern ein paar Hundert Mann zu Fuß, kleine behende Kerle, wie des Kandidaten scharfes Auge erkannte, die alles Mögliche auf ihre Bajonette gespießt hatten, Gänse, Hühner, Würste, einige auch Schuhe und Stiefeln. Es war die berüchtigte Löffelgarde, das leichte Fußvolk der französischen Armee, zuchtlose Haufen, von deren Greueltaten das Volk haarsträubende Dinge erzählte. Der Kandidat biß die Zähne aufeinander. Er sah sich gewissermaßen gefangen, denn der Weg nach Peißen war ihm abgeschnitten. So wollte er sich wenigstens hier noch so nützlich wie möglich machen. Der Baron in Poplitz sollte ein Zeichen erhalten, daß seinem Dorfe eine schwere Gefahr drohe. Vielleicht wurden auch die feindlichen Reiter aufmerksam und sandten Hilfe gegen die Marodeure. In schnellen Sätzen sprang er die Stiegen hinunter, verriegelte von innen die Tür und klomm dann wieder hinauf. Darauf ergriff er den Klöppel der großen Glocke und läutete Sturm. – Heinrich von Krosigk war inzwischen zurückgekehrt und wollte sich eben zu Tische setzen, als er die Glockenschläge vernahm. Sofort befahl er, die Feuerspritze aus dem Schuppen zu ziehen und nach Laublingen oder Beesen aufzubrechen, denn er vermutete eine Feuersbrunst, wenn auch vor der Hand von einer Rauchwolke nichts zu bemerken war. Er selbst ließ sich sein Pferd vorführen und ritt den anderen voraus. Auf dem kleinen Platze vor der Dorfschmiede, wo kurz vorher Moldenhauers Wagen gehalten hatte, zügelte auch er sein Roß. Nun wußte er mit einem Male, warum da einer Sturm läutete, und was er sah, erfüllte ihn mit so furchtbarem Ingrimm, daß ihm einen Augenblick der Herzschlag stockte. Franzosen, wohin er blickte! Die einen waren schon in die Häuser eingedrungen, und man hörte von dort das Geschrei der Bedrohten und Mißhandelten. Die anderen waren dabei, verschlossene Türen aufzusprengen und die Fenster mit Kolben zu zerschmettern, um auf diesem Wege ins Innere zu gelangen. Überall Schrecken und Verwirrung, rohes Gebrüll, Gelächter und Gejohle. Um ihn, um sein Erscheinen kümmerte sich niemand. Eine Rotte von Kerlen rannte an ihm vorüber, ohne auch nur nach ihm hinzublicken. Da tönte lautes Kreischen aus der Schmiede an sein Ohr. Dort war ein Trupp eingedrungen und hatte den Schmied niedergeschlagen, der ihnen entgegentrat. Vier oder fünf hatten sich ins Haus zerstreut, um Beute zu machen, drei andere hatten die Tochter des Schmiedes in eine Ecke gedrängt. Die kräftige, schwarzhaarige Dirne wehrte sich wie eine Verzweifelte, biß, kratzte und schrie, aber all ihr Widerstand hätte nichts genützt, wenn nicht ein Retter erschienen wäre. Der war vom Pferde gesprungen und stand nun in der Tür. Der Zorn, der in ihm kochte, verdoppelte seine ohnehin schon gewaltigen Kräfte. Er riß den einen der Unholde empor und schleuderte ihn gegen die Wand, daß er wie leblos liegen blieb. Den zweiten schmetterte seine Faust zu Boden. Der dritte schlüpfte, laut um Hilfe schreiend, an ihm vorüber ins Freie. Dort ereilte ihn indessen kein günstiges Los. Denn inzwischen waren französische grüne Husaren in das Dorf eingeritten, hielten auch schon draußen vor der Schmiede und nahmen ihn sogleich fest. Ein junger Offizier, ihr Führer, und mehrere seiner Leute waren eben abgesessen und drangen nun in die Schmiede ein. »Was ist das?« rief der Franzose. »Was haben Sie gemacht, mein Herr? Sie haben angegriffen zwei Soldaten der kaiserlichen Armee!« Er sprach ganz gut Deutsch, nur mit hartem Akzent. »Soldaten?« schrie Krosigk noch immer bebend vor Wut. »Schurken, die sich an einem Weibe vergreifen wollten!« Er wies auf das zitternde Mädchen, das totenbleich und fast ohnmächtig in der Ecke lehnte. »Diable!« rief der Offizier, und sein hübsches Gesicht rötete sich. »Wenn es wahr ist, was Sie sagen, werden erschossen sein die Marodeurs vor dem Abend. Es ist Ordre d'armée Seiner Majestät des Kaisers, daß Plünderung und Gewalt wird bestraft mit dem Tode. Ich habe Ordre, zu hindern in diesem Dorfe die Plünderung. Wie heißen Sie, Monsieur?« Heinrich von Krosigk nannte seinen Namen. Der Offizier verbeugte sich sehr höflich. »Premierleutnant de Boisseliers,« stellte er sich vor. »Sie, Monsieur, bitte ich zu folgen nach Alsleben, wo der Prinz von Ponte Corvo für ein paar Stunden hat genommen Quartier. Sie werden bezeugen, was Sie haben gesehen. Sie werden sehen eine schnelle Justice.« »Und während ich Ihnen folge, mein Herr, stecken mir vielleicht Ihre Löffelgardisten mein Schloß an!« rief Krosigk. »Ihr Schloß, ist es in diesem Ort?« »Es liegt zehn Minuten davon.« »Wir werden reiten nach Ihrem Schloß und dann nach Alsleben,« sagte der Offizier bestimmt. »Dann bin ich bereit,« erwiderte Krosigk, denn er mußte sich sagen, daß der Franzose im Recht sei, und daß ihm ein Widerstand ohnehin gar nichts nützen konnte. So bestieg er sein Pferd und schloß sich den Husaren an, die ihre beiden schwerverletzten Landsleute in einen Wagen hoben, der schnell herbeigeschafft wurde, während sie drei andere verhaftete Marodeure mit gebundenen Händen zu Fuße laufen ließen. In dem Wagen erkannte Krosigk zu seinem größten Erstaunen sein eigenes Geschirr und wunderte sich höchlichst. Aber niemand vermochte ihm Auskunft zu geben, denn der Kandidat stand noch immer auf dem Turm, obwohl er das Läuten eingestellt hatte, und der alte Matthies hatte sich verkrochen. – Nach geraumer Zeit kam Moldenhauer wieder herunter und schlich vorsichtig und nach allen Seiten spähende Blicke werfend die kleine Gasse hinab, die auf die Straße nach Peißen führte. Er sah vom Feinde nichts mehr, das Geschrei war verstummt, die Reiter hatten rasch Ordnung geschafft. Aber auch von den Einwohnern war nichts zu sehen, sie hielten sich scheu in ihren Wohnungen versteckt und wagten sich noch nicht wieder hervor. Nur eine alte Frau lag vor einem kleinen Hause auf der Erde und stöhnte schmerzlich. Sie hielt eine Gans, bei deren Verteidigung sie von den Franzosen braun und blau geschlagen worden war, fest in ihren Armen. »Ja, ja, Mutter Gasten,« sagte der Kandidat, indem er ihr auf half, »Ihr Sohn hat ganz recht gesagt: es kommt eine andere Zeit. Eine bessere scheint es aber nicht zu sein.« Damit wandte er sich und schlug den Weg nach seinem Heimatsdorfe ein. VI. Am Nachmittage ritt Heinrich von Krosigk wieder in den Hof seines Schlosses ein. Er war in tiefen Gedanken, und diese Gedanken waren sehr unerfreulicher Natur. Was er gesehen hatte im Hauptquartiere des Marschalls Bernadotte, Fürsten von Ponte Corvo, das hatte ihn nicht nur überrascht, sondem ihm sogar wider Willen imponiert. Zuvörderst war ihm die straffe Disziplin der Truppen aufgefallen. Als er vorhin die Szene der Plünderung und Gewalt hatte ansehen müssen, da hatte ihn bei allem Ingrimme doch auch eine wilde Genugtuung erfüllt. Ja, so sollten sie sein, so wollte er sie haben, die Soldaten der französischen Armee – eine Räuberhorde unter dem großen Räuberhauptmann, ein trotz aller äußeren Erfolge innerlich demoralisierter Haufe, der früher oder später an seiner eigenen Zuchtlosigkeit zugrunde gehen mußte. Wenn eine Truppe sich so benahm nach einem Siege, was mußte aus ihr werden, wenn auch nur vorübergehend einmal das Glück seinem übermütigen Günstlinge den Rücken drehte? Aber er war eines Besseren belehrt worden, und er hatte sich belehren lassen, denn er gehörte zu den Naturen, die immer sich selbst gegenüber wahr sind, auch wenn ihnen die Wahrheit keine Freude macht. Jene Marodeure waren nur der Abschaum des Heeres und wurden von den übrigen Truppen selbst so beurteilt. Man hatte auch nicht das geringste Federlesen mit ihnen gemacht. Ein Kriegsgericht war sofort zusammengetreten, und die beiden Hauptschuldigen lagen bereits am Rande eines Wäldchens unweit der Saale unter dem Rasen. Der Marschall hatte ihm persönlich sein Bedauern über die rohen Übergriffe ausgesprochen, auch seine Offiziere äußerten darüber nur Worte des schärfsten Tadels. Das hatte er nicht erwartet und auch gar nicht gehofft, vielmehr gemeint, man führe ihn zu einer kriegsgerichtlichen Komödie. Daß dies nicht geschah, war ihm eine unerfreuliche Enttäuschung, denn er mußte dem Verfahren des verhaßten Feindes Anerkennung zollen. Geradezu erschreckt aber hatte ihn die fanatische Siegeszuversicht, die er da drüben bei Hoch und Niedrig wahrgenommen. Der Offizier wie der gemeine Mann – alle durchdrungen von dem festen Bewußtsein, unbesiegbar zu sein unter ihrem Schlachtenkaiser, der Name des einen Mannes auf aller Lippen, der Stolz auf den Ruhm ihrer Nation in aller Herzen! Darin lag die Hauptstärke dieses Heeres und die Hauptgefahr für sein Vaterland. Das erkannte er deutlich. Denn was konnte Preußen dem entgegenstellen? Der große Mann, der einst den preußischen Regimentern denselben Geist eingehaucht hatte, lag seit zwanzig Jahren im Grabe, und die man als seines Geistes Erben betrachtet hatte, die waren auf den Schlachtfeldern Thüringens dem wälschen Cäsar elendiglich erlegen. Braunschweig, Rüchel und Hohenlohe waren tot oder doch zu den Toten geworfen. Kein großer Name leuchtete mehr über Preußen, kein Mann war da, auf den man die Hoffnung setzen konnte, er werde dem fast verlorenen Spiele eine neue Wendung geben. Mit einem bitteren Lächeln dachte Heinrich daran, daß er kurz vor dem Kriege an den vertrautesten Ratgeber des Monarchen geschrieben hatte: Was braucht der König russische Unterstützung, so lange er seinen Adel hat? – Jetzt waren die Russen die letzte Hoffnung; ohne ihre Hilfe war an einen ehrenvollen Frieden nicht zu denken. Würden die Festungen sich halten, bis sie herankommen konnten? Kam die Hilfe nicht zu spät? Wie jäh und wie tief war das Vaterland von seiner stolzen Höhe herabgestürzt! In solchen Gedanken betrat er sein Schloß, und sie ließen ihn nicht mehr los. Sie quälten und peinigten ihn Tag und Nacht; er war nicht imstande, an anderes zu denken. Finster und in sich gekehrt saß er in den nächsten Tagen in seinem Zimmer, fragte nach nichts und kümmerte sich um nichts. Seine Schwester sah ihn nur bei den Mahlzeiten und auch da häufig nicht, denn oft war er zur Essenszeit ausgeritten und kehrte erst nach stundenlanger Abwesenheit zurück. Dann jagte er ziellos über die Felder und Wiesen dahin, als könnte er so den Gedanken entfliehen, die ihn quälten und ihm die Ruhe raubten. Das einzige, was ihn hin und wieder aus seinen düsteren Grübeleien herausriß, war die Besorgnis um seine Mutter, die er zärtlich liebte. Die alte Dame war recht krank geworden, hatte nachts Fieber und lag am Tage meist in einem Zustande halber Bewußtlosigkeit da. An ihrem Lager saß er oft lange Zeit, hielt ihre Hand in der seinen und brütete stumm vor sich hin. Dann mit einem Male sprang er wieder auf, stürmte aus dem Gemache und warf sich aufs Pferd. So ging es tagelang. Als er eines Nachmittags von einem dieser tollen Ritte müde und verdrossen nach Hause zurückkehrte, sah er einen staubbedeckten Reisewagen vor dem Schlosse stehen. Zwei Knechte waren eben daran, ihn abzuschirren und die Pferde in den Stall zu führen. Weder der Wagen noch die Gäule waren ihm bekannt; einem Edelmanne der Gegend konnten sie also nicht gehören. Schon vermutete er irgend welche französische Einquartierung, und seine Stirn zog sich bedrohlich zusammen. Aber sie entwölkte sich rasch, und ein Strahl der Freude flog über sein Gesicht, als der hinzutretende Breitmann meldete: »Herr Professor Reil aus Halle ist angekommen!« »Reil? Donnerwetter! Den führt Gott selbst hierher!« murmelte er und sprang so leicht und elastisch die Treppe hinan, wie seit langem nicht. Als er droben ins Zimmer trat, erhob sich von seinem Sitze ein gewaltiger Mann und schritt ihm rasch entgegen. War Krosigk schon von hohem Wuchse und breiten Schultern, so überragte ihn doch dieser ostfriesische Riese beinahe um Haupteslänge. In eigentümlichem Gegensatze zu der fast groben und ungeschlachten Gestalt stand sein Gesicht, denn das wies feine und durchgeistigte Züge auf, und die großen dunkelblauen Augen hatten einen so leuchtenden und durchdringenden Blick, als ob der Mann gewohnt sei, in den Seelen anderer Menschen zu forschen und zu lesen. Das war Johann Christian Reil, einer der berühmtesten und bedeutendsten Ärzte, die Deutschland besaß. Heinrich eilte auf ihn zu und ergriff seine beiden Hände. »Professor!« rief er, »das ist ja prächtig, daß ich Sie wieder einmal hier habe! Ich hätte in dieser Zeit an alles andere eher gedacht, als an Ihren Besuch.« Reil erwiderte den Händedruck des Barons mit der größten Herzlichkeit und sagte dann in der ruhigen und bedächtigen Art, die ihm eigen war: »Ja, werter Freund, zum Vergnügen bin ich natürlich auch nicht herausgefahren. Dazu sind die Zeiten zu ernst, und es liegt zu viel auf mir. Ich habe sehr gewichtige Gründe. Zunächst komme ich wegen Ihrer Frau Mutter.« – Krosigk machte eine Gebärde der Überraschung. »Mein Gott, woher wissen Sie das?« »Ja, sehen Sie, lieber Freund, es gibt so eigenartige Zufälle,« antwortete der Gelehrte, indem er langsam wieder Platz nahm. »Wenn man nämlich in dieser wunderbaren Welt überhaupt etwas Zufall nennen darf. Ich besuche gestern meinen Freund Steffens, den Naturforscher und Philosophen, finde ihn nicht in seiner Wohnung, höre, daß er sie aus Furcht vor den Franzosen verlassen hat – sie liegt sehr exponiert – und daß er mit Frau und Kind zu Schleiermacher gezogen ist. Ich gehe demnach zu Schleiermacher, finde ihn dort, ebenso Wedell, den Piesdorfer, unseren Landrat, einen ganz prächtigen Mann, den ich bis jetzt nicht näher kannte. Wir hatten ein sehr, sehr ernstes Gespräch, das sich auch mit Ihrer Person sehr stark beschäftigte. Es war die reine Verschwörung – doch davon später. Während wir noch reden, wird ein Kandidat der Theologie aus hiesiger Gegend gemeldet, der sich erkundigen will, wie Schleiermacher durch die Schreckenstage gekommen ist. Der Name ist mir entfallen, war mir auch gleichgültig – Molkenbauer oder so ähnlich –« »Aha, Moldenhauer,« unterbrach ihn Krosigk. »Ein sehr tüchtiger Mensch, fester Patriot.« »Ja, ja, er hat ein vertrauenerweckendes Äußere,« pflichtete Reil bei. »Er sieht mehr aus wie ein Husar in Zivil als wie ein friedlicher Seelenhirt. Dieser Moldenhauer nun also wurde mir vorgestellt; natürlich frage ich nach Ihnen und erfahre auf diese Weise, daß Ihre verehrte Frau Mutter sehr krank ist. Nehmen Sie mir's nicht übel, lieber Krosigk, wenn ich Ihnen sage: ich wollte lieber, ich hätte es auf andere Weise gehört, nicht auf Umwegen, sondern direkt von Ihnen selbst.« »Aber bester Reil!« rief der Baron aufspringend und nochmals seine Hand erfassend. »Das nehmen Sie mir wirklich nicht übel! Wer denkt wohl in solcher Zeit daran, einen Mann wie Sie zu einer Tagfahrt über Land zu bemühen! Was müssen Sie zu tun haben in den Lazaretten!« »Gewiß, es war eine harte Zeit,« erwiderte der Arzt und strich sich über die Stirn, als wollte er einen quälenden Gedanken verscheuchen. »Bilder des menschlichen Elends habe ich gesehen, die sich dem Gedächtnis unauslöschlich einprägen. Aber nun ist das vorbei, wenigstens zum größten Teile; die Unheilbaren sind tot, und zur Beobachtung der Rekonvaleszenten genügen untergeordnete Kräfte. Nein, es war unrecht, daß Sie mich nicht riefen. Sie wissen, wie hoch ich Ihre Mutter schätze – solche feine, klare und dabei doch tatkräftige Frauen sind mir so überaus sympathisch. Auch habe ich sie ja schon früher einmal kuriert. Hatten Sie denn kein Vertrauen zu mir? Dachten Sie, Ihr alter Doktor aus Alsleben könnte das besser als ich?« Krosigk lachte und hielt ihm die Hand hin. »Wer wird den Mond mit der Sonne vergleichen! Wir glaubten nur, daß wir uns diesmal mit dem Monde begnügen müßten. Daß Sie mir nicht bös sind, sehe ich zu meiner Freude an Ihrem Hiersein. Und nun zu meiner Mutter! Es ist ihr, Gott sei Dank, gestern und heute besser ergangen, sie ist viel frischer, und man kann schon hin und wieder mit ihr plaudern.« – Als die beiden Herren am Abend nach dem Essen in des Barons Arbeitszimmer beim Steinwein saßen, begann Reil: »Wie ich Ihnen schon sagte, lieber Krosigk, ist der Zustand Ihrer Frau Mutter nicht gefährlich. Sie befindet sich auf dem Wege der Genesung und wird sich, wenn nicht ein Rückfall kommt, in einigen Wochen ganz erholt haben. Der alte Praktikus aus Alsleben hat sie ganz richtig behandelt; ich war hier in der Tat überflüssig. Und doch, ein Mittel wüßte ich, das die liebe alte Dame schneller als alles andere wieder zu Kräften bringen würde.« »Nun?« fragte Krosigk gespannt. »Ihr Leiden besteht zum guten Teile in einer Depression der Seele,« erläuterte der Professor. »Sie wissen, wie schwer sie der Tod Ihres Herrn Vaters getroffen hat; sie ist ja seit der Zeit nie wieder ganz gesund geworden. Nun sind neue Aufregungen und Sorgen dazugekommen und haben ihr einen gehörigen Nervenchok zugezogen. An dessen Folgen laboriert sie jetzt. Nichts würde sie so rasch und so gründlich kurieren wie eine große Freude.« »Und die, meinen Sie, soll ich ihr machen? Ja, mein Himmel, wenn ich nur wüßte, wie! In dieser Zeit – wer soll sich da freuen? Und woher soll man eine Freude für andere nehmen? In mir lebt nur noch zweierlei: ein entsetzlicher Schmerz und eine ungeheure Scham!« Er fuhr von seinem Sitze auf und stieß den Stuhl so jäh zurück, daß er zu Boden fiel, und indem er den Oberkörper weit vorbeugte und die Hände in den Tisch einkrallte, begann er auf einmal mit glühenden Augen, mit hastigen, stockenden, sich überstürzenden Worten auf den Gegenübersitzenden einzusprechen: »Reil, Sie sind mein Freund! Ihnen vertrau' ich. So hören Sie, was ich endlich einmal einem Menschen sagen muß! Ich kann so nicht leben! Bin ich nicht schon wahnsinnig, so werd' ich's nächstens. In Schanden kann ich nicht existieren. Nein, unterbrechen Sie mich nicht, es muß von der Seele herunter. Sehen Sie, was waren wir, und was sind wir nun? Wir, der Adel, wir waren die Grundmauer, auf der die großen Könige unseren Staat aufgebaut hatten. Sie wissen, ich habe nie jemand gering geachtet, aber es war mein Stolz, ein preußischer Edelmann zu sein. Wohl wußte ich, daß einige unter uns Drohnen waren. Was tat's? Auch die Sonne hat Flecken. Auf die Treue, die Tapferkeit, die Ehrenhaftigkeit meines Standes hätte ich Häuser gebaut. Und nun? Moder und Wurmfraß, wohin ich blicke. Die Generale im Felde – Schwächlinge und Narren, die alles Draufgehen scheuten. Die Kommandanten in den Festungen – von denen lassen Sie mich schweigen. Alles hohl, faul, alt, überlebt! Der alte preußische Adel ist nicht mehr. Preußen selbst wird bald nicht mehr sein, denn der Korse wäre dümmer als er ist, wenn er uns am Leben ließe. Er wird unseren Staat zertreten, wie man einen am Boden liegenden Feuerbrand zertritt. Das will ich nicht erleben, das kann ich nicht. Darum gehe ich zur Armee, sobald ich kann, und suche eine Kugel, damit ich nicht ein Knecht der Fremden werden muß.« Er hielt inne und starrte dem Arzte mit brennenden Blicken ins Gesicht. Reil sah ihm fest in die Augen und versetzte dann mit ungewöhnlicher Schärfe: »Ihren Schmerz verstehe ich. Ihren Entschluß, zur Armee zu gehen, muß ich billigen. Daß Sie aber eine Kugel für sich suchen, finde ich Ihrer gänzlich unwürdig.« »Unwürdig?« Krosigk warf den Kopf in den Nacken. »Finden Sie es würdig, unter allen Umständen an diesem armseligen Dasein zu kleben?« »Nein,« erwiderte Reil. »Es gibt einen Fall, allerdings nur einen, in dem ein Mann den Tod suchen soll. Das ist: wenn er ehrlos geworden ist, nicht nur vor den Menschen, sondern auch vor sich selbst. Das hat mit Ihrer Lage nichts zu tun.« »Ich habe an den Ehren meines Standes partizipiert, so partizipiere ich auch an seiner Schande,« sagte der Edelmann finster. »Erstens einmal,« entgegnete Reil, »ist Ihr Urteil allzu hart und sogar ungerecht. Es ist wahr, die Führung war schlecht, das Verhalten vieler Generale kläglich. Aber was wollen Sie? Die Leute waren Greise, sie waren müde und stumpf. Einer zitternden Greisenhand entsinkt der Degen gar schnell. Aber ist es gerecht, nach ihrer traurigen Schwäche den preußischen Adel zu beurteilen? Haben nicht Hunderte und Tausende von Offizieren bei Hassenhausen und auf den Höhen von Jena bis in den Tod ihre Pflicht getan? Sie sind doch wohl die ungeheure Mehrheit des Adels. Ein solcher Stand ist noch nicht verloren. Er wird sich freilich regenerieren müssen, viel Faules und Krankes muß ausgeschieden werden. Dazu sind uns Männer not, wie Sie, dazu sollen Sie helfen. Das ist Ihrer würdig.« »Herrgott!« rief Krosigk, »wie kann man etwas reformieren, was vielleicht schon in wenigen Wochen nicht mehr ist? Geht der Siegeszug des Korsen so weiter, so ist gegen Weihnachten der König Markgraf von Brandenburg, und es gibt kein Preußen mehr. Er wird wohl reinen Tisch mit uns machen!« »Wenn er könnte, gewiß,« fiel der Gelehrte ein. »Aber er wird es nicht können. Ein Volk kann man nicht vernichten.« »Und Polen?« fragte Krosigk. »Widerlegt Sie das nicht?« »Keineswegs. Polen war kein Volk mehr, noch viel weniger ein Staat. Es bestand ja nur noch aus schnapstrinkenden Slachtitzen, Schacherjuden und vertierten Frohnsklaven, und im ganzen Lande gab es kaum einen Menschen, der ernstlich und ehrlich arbeitete. Das ist bei uns doch etwas ganz anderes. Wir sind ein Volk von Arbeitsbienen, wenn es auch leider viele Drohnen unter uns gibt. Jedermann weiß, wie viel latente Kraft in uns steckt. Er weiß es auch. Was soll er mit uns machen, wenn er uns wirklich ganz niederringt? Preußen zur französischen Provinz machen? Das kann Rußland nie und nimmer dulden. Oder uns aufteilen? Seine Feinde stärken mit unserem Blut? Er wird sich hüten. Er kann wohl Fetzen abreißen von unserem Reiche, aber den Kern muß er bestehen lassen. Und so lange es ein Preußen gibt, Freund, so lange wollen wir für dieses Preußen arbeiten und nicht verzweifeln!« Krosigk saß lange schweigend da, dann richtete er sich mit einem Male straff empor. »Sie haben recht,« sagte er. »Mein Wunsch zu sterben war eine Schwäche. Noch ist es nicht so weit. Ich will den Tod nicht suchen, aber ich will mich ihm entgegenwerfen.« Wieder versank er in tiefes Nachdenken und fuhr dann fort: »Noch einmal: Sie haben recht. Wir sollen nicht verzweifeln. Selbst wenn Preußen unterginge, das Reich der Arglist und Lüge kann auf die Dauer doch nicht bestehen. Es ruht auf der ungeheuren Kraft eines einzigen Mannes, den Gott mit allen Mitteln ausgestattet hat, die Menschen zu betören und zu knechten. Ich habe ihn immer für eine Zuchtrute der Völker gehalten. Nun sollen wir diese Zuchtrute Gottes auch zu fühlen bekommen, und wer weiß, wie lange wir unter ihr bluten werden! Aber wenn wir uns wieder zu dem Herrn kehren, uns aufrütteln lassen aus der weichlichen Schlaffheit und Genußsucht, der dieses Geschlecht verfallen war, so wird der Herr sich auch wieder zu uns kehren. Sie haben recht. Das Vaterland braucht Männer, die eine bessere Zukunft vorbereiten. Es ist oft schwerer zu leben, als zu sterben. Aber hier bleiben kann ich jetzt nicht. Ich muß dahin, wo Preußen seinen Verzweiflungskampf kämpft. Ich gehe zum König, wo er auch ist.« »Doch nicht gleich,« sagte Reil. »Vorausgesetzt, daß Sie tun werden, worum ich Sie in meinem und unserer Freunde Namen bitte.« »Nun, was haben Sie für Pläne?« »Ich sagte Ihnen schon, daß ich mit Steffens, Schleiermacher und Ihrem Freunde Wedell eine sehr ernste Unterredung hatte. Es handelt sich darum, eine Gaunerei, ja, ich kann es nicht anders nennen: eine Schurkerei zu verhindern, die unserem Vaterlande die schwerste Wunde schlagen kann.« Krosigk richtete sich hoch auf. »Da bin ich stets dabei, verfügen Sie über mich. Was ist's?« »Mit einem Worte: Sie sollen, wenn's möglich ist, den Fall von Magdeburg verhindern.« Der Edelmann starrte ihn verständnislos an. »Was soll das heißen?« »Die Sache ist die, lieber Freund,« erklärte Reil. »Magdeburg ist zwar von den Franzosen belagert, aber nicht umschlossen. Noch ist eine Verbindung mit der Festung möglich. Nun sind vor einigen Tagen ein paar Leute von dort in Halle eingetroffen, die behaupten, General Kleist wolle kapitulieren.« »Kapitulieren?« schrie Krosigk. »Er hat ja eine Armee bei sich und Brot und Pulver für ein halbes Jahr! – Nein, Reil,« setzte er ruhiger hinzu, »das kann nichts anderes sein, als ein müßiges Geschwätz.« »Leider, leider glaube ich das nicht,« erwiderte der Gelehrte. »Ihr Freund Wedell kannte den Mann, der die Nachricht brachte. Er hielt ihn für ein durchaus glaubwürdiges Subjekt.« »So ist der General ein Schuft und hat die Kugel verdient!« rief Krosigk. Dann schlug er beide Hände vors Gesicht und stöhnte: »Sehen Sie, Freund, wieder einer! Ein Kleist, ein Sohn des ruhmwürdigsten preußischen Soldatengeschlechtes, wird zum Verräter! Hundert und vierzig Kleiste sind für den großen Friedrich gefallen. Nun ladet ein Sohn dieses Hauses solche Schmach auf sich! Es ist ein Jammer, zu leben!« »Noch ist es nicht so weit,« beruhigte Reil. »Aber Gefahr ist im Verzuge. Der alte General scheint völlig den Kopf verloren zu haben, und die teilweise noch älteren, kranken und hinfälligen Generäle seiner Umgebung sind nicht imstande, seinen gebeugten Mut wieder aufzurichten. Ein Mann muß zu ihm hin, der ihm frisches Feuer in die Adern gießt, und der Mann sollen Sie sein. Wir alle kennen Ihre fortreißende Beredsamkeit und die Gewalt, die Sie auf Menschengemüter ausüben. Von Ihnen geht frisches Leben aus. Sie können einem die Seele erwärmen und erheben. Eilen Sie zu Kleist, wenn es irgend noch möglich ist, in die Stadt zu dringen. Stellen Sie ihm vor, daß dieses Land für Preußen verloren ist, wenn Magdeburg fällt. Sagen Sie ihm, daß eine Armee, die Magdeburg zerniert, einen bösen Stand haben wird, denn wir werden das Landvolk gegen sie aufregen, einen Kleinkrieg in ihrem Rücken eröffnen, ihr die Verbindungen abschneiden. Sagen Sie ihm das alles, und was Ihnen sonst Ihr Herz eingiebt. Sie können damit etwas Großes wirken.« »Ja, bei Gott, ja, das will ich!« rief Krosigk aufspringend, und ein Strahl der Freude brach aus seinen Augen. »Morgen schon reise ich ab. Diese Nacht benutze ich, um meine Anordnungen zu treffen. Haben Sie Dank, teuerster Freund, für Ihr Vertrauen. Ich tue, was ich irgend tun kann.« Reil faßte bewegt seine Hand. »Und nun noch eins, lieber Krosigk. Sie nennen mich Ihren Freund, und ich weiß, daß in Ihrem Munde dieses Wort mehr ist als eine façon de parler . So gestatten Sie mir, daß ich auch Freundesrecht in Anspruch nehme, und halten Sie das nicht für eine Indiskretion, wenn ich Ihnen sage: Sie sollten Ihrer alten Mutter die Herzensfreude machen, hinwärts oder herwärts über Groß-Salze zu reisen.« Krosigk trat etwas zurück, und eine helle Röte stieg ihm ins Antlitz, »Hat Ihnen das meine Mutter gesagt?« »Ihre Mutter hat ganz offen mit mir gesprochen. Sie sagte, es werde das Glück ihres Alters und die Erfüllung ihres höchsten Wunsches sein, Sie noch verheiratet zu sehen. Sie sind, wie ich längst weiß, ihr Liebling, wie Sie der Stolz Ihres Vaters waren. Nun sollen Sie im vorigen Jahre, ja noch im vergangenen Frühjahre Neigung gezeigt haben, ihr diesen Wunsch zu erfüllen, dann aber wieder zurückgetreten sein. Ihre Frau Mutter kann sich das gar nicht erklären, denn das läge doch gar nicht in Ihrem Charakter. Sie seien »einhart«, wie das Volk zu sagen pflegt, das heißt, sie könnten eine einmal ergriffene Sache nie wieder loslassen, verfolgten den einmal eingeschlagenen Weg mit unbeugsamer Hartnäckigkeit. Ich muß gestehen, auch ich habe Sie immer so beurteilt.« »Ja, lieber Reil,« sagte Krosigk nach einigem Besinnen, »da will ich Ihnen denn ganz reinen Wein einschenken. Es ist wahr, ich leugne es nicht: kein weibliches Wesen hat bisher solch einen Eindruck auf mich gemacht, wie Friederike von Schurff. Ich habe auch sehr ernstlich daran gedacht, ihre Lebenswege mit den meinen zu vereinigen. Aber offen gesagt: ich konnte nicht dahinterkommen, ob sie ähnlich denkt wie ich. Sie war bei aller Liebenswürdigkeit von einer kühlen Sprödigkeit, die mich ganz unsicher machte. Manchmal glaubte ich ein wärmeres Gefühl durchbrechen zu sehen, dann wieder – Schnee und Eis. Der Kuckuck komme dahinter!« »Ja, die Frauenherzen sind wie Festungen, und die Herzen der feinen Frauen wie die stärksten Festungen,« sagte Reil mit Lächeln. »Dem Sturm auf sie muß eine sorgfältige Minierarbeit vorausgehen.« »Und sehen Sie, dazu fehlte mir die Zeit,« fiel Krosigk ein. »Wer konnte im Sommer, als mobil gemacht wurde, an solche Dinge denken! Und nun vollends jetzt! Ich gehe von meinem Gute weg in den Kampf fürs Vaterland. Wie sollte ich da Liebesgeschichten im Kopfe haben!« »Hm, hm,« machte Reil nachdenklich. »Sagen Sie einmal, was ist der Vater Ihrer Angebeteten für ein Mann?« »Soweit ich ihn kenne, ein braver, liebenswerter, etwas zu behaglicher Mann. Leider gehört er auch zu den sogenannten Stillen im Lande; es wird für mein Gefühl etwas zu viel gesungen und gebetet in seinem Hause. Aber er ist ein alter Offizier Friedrichs und ein begeisterter Preuße.« »Und haben Sie außer ihm nähere Bekannte in der Gegend von Magdeburg?« fragte Reil weiter. »Daß ich nicht wüßte!« ' »Aber bester Krosigk!« rief der Arzt aufspringend, »dann ist es doch ganz klar, was Sie zu tun haben. Sie reisen nach Groß-Salze und erfüllen damit den Wunsch Ihrer Mutter. Sie nehmen dort die Hilfe des Vaters in Anspruch, um nach Magdeburg hineinzukommen, und wenn Sie dabei der Tochter näherkommen und ihr gefallen, so ist das um so besser. Sie gelangen mit dem Beistande Schurffs in die Stadt und helfen sie ehrenvoll verteidigen, denn dort können Sie dem Könige mehr nützen als in Ostpreußen, das steht fest. Was nachher geschieht, das wollen wir getrost dem lieben Gott überlassen.« Krosigk lachte. »Das ist ja ein ganz romantischer Plan. Die reine Komödie. Aber ich muß gestehen, mir selbst schoß vorhin schon der Gedanke durch den Kopf.« Er ging langsam im Zimmer auf und nieder und blieb dann wieder vor Reil stehen. »Wahrhaftig, die Sache hat Hand und Fuß,« sagte er. »Es muß in der Tat für mich höchst wichtig sein, in der dortigen Gegend einen Beistand und Rückhalt zu finden. Sonst komme ich vielleicht gar nicht in die Festung hinein.« »Sehr möglich,« bestätigte Reil. »Wahrscheinlich folge ich also Ihrem Vorschlage. Aber das will ich erst überlegen, reiflich überlegen und durchdenken. Deshalb, lieber Freund, nehmen Sie mir's nicht übel, wenn ich Sie jetzt verlasse.« »Nicht im geringsten,« erwiderte Reil. »Ich werde mich mit Fräulein Antoinette noch eine Weile unterhalten und dann zu Bett gehen. Bleiben Sie hier und lassen Sie sich nicht stören.« »Noch eines,« sagte Krosigk, »glauben Sie, daß der Kandidat, den Sie in Halle gesprochen haben, wieder nach Hause zurückgekehrt ist?« »Er wollte heute schon bei seinen Eltern sein, wenn ich mich recht erinnere.« »Gut, gut. Ich werde Sie hinübergeleiten. Die Flasche und Ihr Glas nehmen Sie mit. Sie sollen bei mir nicht trocken sitzen.« Als Krosigk wenige Minuten später in sein Zimmer zurückkehrte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und warf einige Zeilen aufs Papier. Dann faltete er das Schreiben zusammen, siegelte es und klingelte dem Diener. »Breitmann reitet sofort nach Peißen und übergibt den Brief Herrn Kandidaten Moldenhauer,« befahl er dem eintretenden Schröder. »Jetzt will ich allein sein und wünsche von niemandem mehr gestört zu werden.« VII. Tiefe Ruhe hatte sich auf den Herrenhof zu Poplitz herniedergesenkt. Kein Laut unterbrach die Stille; nur vom Wirtschaftshofe her klang hin und wieder das dumpfe Brummen eines Rindes oder das Scharren eines Pferdes. Die Fenster des Schlosses sahen freilich aus, als ob sie erleuchtet wären wie zu einem Feste; aber es war der trügerische Widerschein des Mondes, dessen Sichel im untergehen begriffen sich dem Rande des Horizontes zuneigte. Nur in drei Zimmern war noch Licht, droben, wo die kranke Frau Geheimrätin lag, im Erdgeschosse, wo ihr Sohn eifrig schrieb, und im Souterrain, wo aus einem schmalen, vergitterten Fenster der trübe Schimmer einer Öllampe herausleuchtete. Dort spielten die beiden Diener Schröder und Breitmann das allbeliebte Kartenspiel »Schafskopf« miteinander. Aber der junge Reitknecht war nicht recht bei der Sache, er gähnte und blinzelte und schien sich nur durch Züge aus seiner kurzen Tonpfeife noch munter zu erhallen, bis Schröder unwillig die Karten auf den Tisch warf. »Der Teufel spiele mit dir Schafskopf!« knurrte der Alte mit seiner tiefen Stimme. »Das ist ja gar kein Vergnügen, wenn du nicht aufpaßt und dich um deine paar Dreier nur so bemopsen läßt. Was ist denn mit dir? Ich glaube gar, du bist müde?« »Na, ist das etwa ein Wunder?« entgegnete der Reitknecht, indem er sich in seiner Holzbank weit zurücklehnte. »Den Nachmittag zwei, drei Stunden mit dem Herrn wie toll über die Felder geprescht, den Abend bei Tische aufgewartet, dann nach Peißen und zurück – da soll einer nicht müde werden!« Schröder lachte. »So seid ihr jungen Dachse! Euch sollte man alle ein paar Jahre beis Regiment stecken, da würdet ihr euch schon den Schlaf aus den Augen reiben! Das kuriert euch auch am besten von euren gelehrten Mucken.« Breitmann riß seine kleinen braunen, verschlafenen Äuglein weit auf. »Gelehrte Mucken? Was meint Ihr damit, Vater Schröder? Ich habe keine!« Der Alte zog das Schiebefach des Wirtschaftstisches auf, an dem sie saßen, langte ein sehr zerlesenes, von Schmutz starrendes Buch heraus und hielt es in die Höhe. »Was ist das?« rief er mit strafenden Blicken. »Darin hast du gelesen gestern bis in die Nacht, wo du doch schlafen solltest.« »Ach geht!« sagte Breitmann, der mit einem Male ganz munter wurde. »Das hat mit gelehrten Mucken nichts zu tun. Das ist ein schönes Buch, ›Rinaldo Rinaldini, der große Räuberhauptmann‹ heißt's. Meine Muhme aus Alsleben hat mir's geborgt.« »Das alte Tränentier hätte auch was Besseres tun können, als dir solches Zeug in die Hand geben,« entgegnete der Alte mißbilligend, »Und wie kann ein junger Kerl in deinen Jahren sich hinsetzen und lesen, statt sich aufs Ohr zu legen, wenn er müde ist! Das ist ein liederlicher Lebenswandel, mein Sohn, und ich bin dein Pate und sollte das eigentlich gar nicht leiden. In deinen Jahren, wenn man um die zwanzig ist, da spielt man Karten oder raucht Tobak oder tanzt und ist hinter die Mädchens her. Das sind Vergnügen, die sich vor einen jungen forschen Kerl schicken. Aber lesen – pfui Deibel!« – »Was steht denn eigentlich drin?« setzte er nach einer Pause hinzu. »Ha, Mordsgeschichten, Räubergeschichten, Überfälle, Entführungen, daß einem die Haare zu Berge stehen,« rief Breitmann. »Ich sage Euch, Vater Schröder, Ihr würdet Eure helle Freude daran haben! Außerdem erfährt unsereins, wie's in der Welt zugeht. In Italien – das muß eine Mordsbande sein. Gott straf' mich! So was macht gebildet, Vater Schröter.« Der Alte zog die Brauen hoch. »Bildung ist gut,« sprach er ernst und würdevoll, »aber man darf sie nicht übertreiben. Wer rechnen, lesen und schreiben und ordentlich den Katechismus kann, der hat Bildung genug. Ich kann sogar noch das ganze Exerzier-Reglement aus dem Kopfe. Aber solche dicke Schmöker lesen – nee, Gott bewahre mich!« »Das ist nur ein Band, und die Geschichte hat drei!« sagte Breitmann lachend. »Heiliger Brimborius!« rief Schröder ganz erschrocken. »Wer hat nur Zeit und Lust, das ganze Zeug zusammenzuschmieren! Das Schreibervolk muß doch sonst gar nichts zu tun haben.« »Der Mann heißt Vulpius,« versetzte Breitmann, auf den Titel weisend. »Der Kantor in Laublingen kennt ihn persönlich. Er wohnt in Weimar, wo dem Kantor seine Schwester verheiratet ist.« »Weimar! Natürlich!« sagte Schröder und spuckte verächtlich aus. »Dieses Weimar muß von lauter solche Dichters wimmeln. Einer – er heißt Gothe oder Göthe – ist dort sogar Minister und Exzellenz. Von diesem Gothe oder Göthe las neulich das gnädige Fräulein der alten Gnädigen was vor. Was nur die Herrschaften dabei haben! Verse waren's nicht, denn es reimte sich nichts. Aber ein vernünftiges Deutsch, so wie wir und alle verständigen Menschen sprechen, war's auch nicht. Ich hörte eine ganze Weile zu, aber ich verstand nichts. Muß ein kurioser Kerl sein, dieser Göthe.« »Aber der Mann hat's doch weit gebracht!« erwiederte Breitmann. »Exzellenz geworden! Donnerwetter!« Schröder lächelte verächtlich. »In Weimar! Was will das heißen!« sagte er. »In solchen Kleinstaaten ist alles möglich. Wie groß ist denn dieses Herzogtum? Viel größer als der Saalkreis wird's nicht sein.« »Ach Herrjemineh! Wenn wir Preußen man nicht selber bald so klein werden!« rief Breitmann. »Es sieht, Gott straf' mich, ganz so aus!« Schröders starke weiße Augenbrauen zogen sich finster zusammen. Er stieß mächtige Rauchwolken aus seiner Pfeife, aber er sagte kein Wort. »Es ist ein Jammer,« fuhr Breitmann nach einer Weile fort. »Was ist aus unserem Preußen geworden! Ob wir wohl noch alle französisch werden?« Der Alte schlug mit der Faust auf den Tisch. »Halt's Maul!« knurrte er dumpf. »Erinnere du mich auch noch daran! So wie so muß ich schon immer dran denken Tag und Nacht.« Wieder blies er gewaltige Rauchwolken vor sich hin, dann brummte er grimmig in abgerissenen Sätzen: »Ja, wie ist das möglich! – bei Roßbach haben wir sie gehauen, daß die Lappen flogen – und in der Rheinkampagne – gelaufen sind sie vor uns wie die Hasen – und nun? und nun? – Die verfluchten Parlewuhs sind im Lande und sind die Herren! Schwarz werden möchte man. Die Galle tritt mir ins Blut, wenn ich die Kerle am Hoftor sehe und ihr »Vive Lampröhr« höre!« »Der Napoleon muß doch ein grausam gescheuter Kerl sein, daß ihn kein Mensch besiegen kann,« bemerkte Breitmann. »Eine Kanaille ist er, eine gelbe Kanaille, ein verdammter Zigeuner!« schrie Schröder. »Weißt du, was der Herr sagt? ›Nicht er hat uns geschlagen, wir haben uns selbst geschlagen.‹ Und damit hat er recht. Himmelelement! Steckt nicht das ganze Land bei uns voll Soldaten? Alles voll, aber ausgehoben sind sie nicht.« »Horch!« rief Breitmann. »Was ist das? Ist das der Herr?« Man hörte ein scharfes Pochen aus der Ferne, als ob einer mit dem Stocke kräftig gegen Holz anschlüge. »Das ist nicht der Herr,« sagte Schröder und sprang auf. »Da ist einer am Tore.« »Donnerschlag, sollte das Einquartierung sein?« rief Breitmann. »Unsinn, die würde anders lärmen,« entgegnete Schröder und riß das Fenster auf. »Das ist ein einzelner, aber Gott weiß, wer? Es ist zwischen zehn und elfe. Der alte Ratke hat's schon gehört, er geht mit der Laterne ans Tor. Ich will doch lieber selber einmal nachsehen.« Als der Alte ins Freie trat, kam ihm der späte Gast mit raschen Schritten entgegen. Das Licht der Laterne siel auf das vom Laufen gerötete Gesicht des Kandidaten Moldenhauer. »Guten Abend,« sagte er. »Ich sehe noch Licht im Zimmer des Herrn Barons. Er ist also noch auf. Melde er mich einmal auf der Stelle.« »Ach Gott, Herr Pastor, der Herr Baron erwartet Sie ja, aber erst morgen früh.« »Das tut nichts, seien Sie mir willkommen,« tönte die Stimme des Schloßherrn vom Fenster her. »Führe den Herrn herauf, Schröder.« Sehr erstaunt trat Heinrich von Krosigk dem Kandidaten schon in der Tür seines Zimmers entgegen. »Aber bester Moldenhauer!« rief er, »das eilte denn doch nicht so. Sie können ja kaum Ihre Eltern begrüßt haben.« »Meine Eltern begrüßt haben?« wiederholte Moldenhauer verwundert. »Ich bin gar nicht erst in Peißen gewesen, ich komme direkt von Halle. Woher wissen Sie übrigens –« »Sie kommen direkt von Halle? Sie wissen also nicht, daß ich Sie für morgen früh zu mir gebeten habe? Breitmann hat Sie verfehlt? Sie wurden von Ihren Eltern heute Abend erwartet. Dann nehme ich an, daß Sie mir etwas Wichtiges mitzuteilen haben, wenn Sie von selbst zu so später Stunde kommen.« »Etwas sehr Wichtiges allerdings, Herr Baron,« sagte der Kandidat, indem er näher trat und sich auf einen Wink Krosigks niederließ. »Es ist sonderbar, höchst sonderbar, Herr Baron, was alles sich ereignet, es geht im Leben manchmal so toll oder noch toller zu wie in einem Roman. Wenn mir jemand dieses Zusammentreffen erzählte, ich würde es kaum für wahr halten.« »Sie machen mich neugierig,« sagte Krosigk. »Ich war bei Professor Schleiermacher, meinem verehrten Lehrer, um mich zu erkundigen, wie er die Schreckenstage überstanden habe. Er war mit den Seinen leidlich durchgekommen und wohnte mit seinem Freunde, dem Professor Steffens, zusammen, den Sie ja auch kennen, Herr Baron.« »Gewiß, wenn auch noch nicht näher,« sagte Krosigk. »Ich bin erst einige Male mit ihm zusammengewesen, aber er hat mir sehr gefallen. Er ist zwar ein Däne der Geburt nach, aber dem Kerzen nach ein echter Preuße.« »Dann wissen Sie wohl auch, daß er der Schwiegersohn des berühmten Komponisten Reichardt ist. Reichardt hat sich beim Herannahen der Franzosen eilig aus Halle entfernt, denn man schreibt ihm die Autorschaft eines Pamphletes gegen Napoleon zu. Ob mit Recht oder mit Unrecht, weiß ich nicht.« »Wohl mit Recht,« warf Krosigk ein. »Reichardt ist ein wütender Franzosenfeind. Er hat wohl getan, sich bei Zeiten zu salvieren, denn der französische Kaiser trägt die Rachsucht des korsischen Banditen in seiner gemeinen Seele. Er hat Palm in Nürnberg erschießen lassen, weil er ein Buch verlegt hat, das dem Tyrannen nicht gefiel. Viel weniger noch würde er Reichardt geschont haben, und so wäre wieder ein treuer deutscher Mann auf dem Sandhaufen verblutet.« »Ja,« sagte der Kandidat, »und möglicherweise konnte sein Stiefsohn einer seiner Häscher und Henker sein müssen. Reichardt hat nämlich einen Stiefsohn, der französischer Offizier ist. Er trägt das Kreuz der Ehrenlegion.« Krosigk fuhr zusammen. »Das ist ja entsetzlich für den Mann. Ich wußte das übrigens noch nicht.« »Auch Professor Steffens war ganz entsetzt, als er sich anmelden ließ,« fuhr der Kandidat fort, »denn er hatte keine Ahnung von der Existenz dieses Schwagers. Er war für die Familie verschollen, man hat nie von ihm gesprochen. Die eigene Mutter erkannte ihn nicht, als er vor ihr stand. Aber denken Sie, ich kannte ihn.« »Sie?« »Ich hatte seine Bekanntschaft in Paris gemacht und war dort mit ihm zusammengetroffen. Jetzt sah er mich vor dem Hause auf der Straße, erkannte mich und forderte mich auf, mit ihm in ein Weinhaus zu gehen.« »Sie hätten lieber den Kerl anspucken sollen, der sich nicht schämt, im Dienste des Erbfeindes gegen sein Vaterland zu ziehen,« brummte Krosigk grollend. »Ich sagte ihm ganz ehrlich, daß ich nicht gern mit französischen Offizieren gesehen werden möchte, aber er bestand darauf, ich solle ihn begleiten. Er hat mir in Paris mehrmals Freundlichkeiten erwiesen, ja sogar einen wertvollen Dienst geleistet, als ich in Gefahr stand, wegen eines freimütigen Wortes mit der Polizei in unangenehme Berührung zu kommen. So konnte ich seinen Wunsch nicht abschlagen und ging mit. Es war gut, daß ich das tat, Herr Baron, denn dadurch erfuhr ich etwas sehr Wichtiges.« »Nun?« fragte Krosigk gespannt. »Ich erfuhr, daß Sie einen Todfeind in der französischen Armee haben, und daß dieser Mensch Sie sucht.« »Ich?« rief der Baron verwundert. »Ich einen persönlichen Feind unter der Bande? Ich wüßte nicht, wie ich zu der Ehre käme, denn ich kenne keinen von den Kerls persönlich.« »Und doch haßt Sie ein französischer Offizier, wie mir gesagt wurde, mit einem Hasse, der an Manie grenzt. Sehen Sie, als mir neulich Schröder Ihr Erlebnis aus der polnischen Kampagne erzählte, da wußte ich sicher: das alles hast du schon einmal gehört, aber wo? Aber wo? Ich konnte nicht darüber ins Klare kommen. Jetzt, als ich in Halle in die Weinstube trat, sehe ich an einem Nebentische einen französischen Kapitän der Kavallerie sitzen, einen auffallend schönen Mann, mit einem merkwürdig melancholischen Ausdrucke im Gesicht. And da fiel mir's auf einmal ein: der Mann war mir bereits in Paris gezeigt worden als ein Pole, der in die französische Armee eingetreten sei und nichts so heiß ersehne, wie einen Krieg mit Rußland und Preußen, weil Russen und Preußen ihm den Vater zu Tode geknutet hätten. Alles, was Schröder mir berichtet hatte, war mir schon dort viel phantasievoller ausgeschmückt erzählt worden.« »Das ist allerdings merkwürdig,« sagte Krosigk, »indessen doch nicht so wunderbar, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es sind ja unzählige junge Edelleute aus Polen unter die französischen Adler gelaufen, und ein Todhaß auf Preußen und Russen ist bei allen vorhanden. Woraus schließen Sie nun eigentlich, daß der Mensch gerade mein persönlicher Feind sei?« »Es ist mir direkt gesagt worden,« erwiderte der Kandidat. »Der Pole hat nach der Schlacht bei Jena einen gefangenen preußischen Offizier erschießen wollen, weil er den Namen Krosigk trug.« Der Baron fuhr auf. »Herrgott, so ist also mein Bruder Ludwig Franz gefangen!« Er schritt mit finsterem Antlitze einige Male in dem Zimmer auf und nieder. »Darum hört man nichts von ihm,« murmelte er. »Wissen Sie, ob er verwundet ist?« »Er ist mit dem Pferde gestürzt und wurde besinnungslos gefangen, sagte der französische Offizier.« »Gott sei Dank!« rief Krosigk, und als der Kandidat ihn verwundert anblickte, fuhr er fort: »Ja, Gott sei Dank! So ist ihm wenigstens die Schande erspart geblieben, unverwundet in die Hände der Franzosen zu fallen. Übrigens muß der Mensch, von dem Sie mir da erzählen, eine Kanaille sein. Ein ehrenhafter Soldat vergreift sich nicht an einem Gefangenen, geschweige an einem Verwundeten.« »Man sagte nur, er sei geradezu rasend geworden, als er den Namen Krosigk gehört habe,« berichtete der Kandidat. »Ein Herr von Boisseliers, ein französischer Leutnant oder Kapitän, habe ihm die Waffe aus der Hand gerissen, und der Marschall Ney habe ihm seine schärfste Mißbilligung ausgesprochen.« »Boisseliers?« rief der Baron erstaunt. »Den habe ich ja hier kennen gelernt. Ich war nach Beesen geritten und wollte eine Gewalttat der Löffelgarde verhindern, da kam er dazu und arretierte die Kerls und eskortierte mich und sie zu Bernadotte. Dort wurden die Schufte erschossen. Donnerwetter, jetzt entsinne ich mich auch, daß er mich unterwegs fragte, ob mein Name häufig sei und ob ich einen Verwandten hätte, der den Feldzug gegen Kosciusko mitgemacht habe. Möglich, daß er mich noch mehr fragen und mir noch etwas sagen wollte; ich wunderte mich, daß er so interessiert aussah. Aber da sprengten zwei höhere Offiziere auf uns zu, er mußte seine Meldung machen, und wir wurden getrennt. Ich habe ihn dann nicht wiedergesehen.« Er blickte gedankenvoll zum Fenster hinaus. »Boisseliers! – Ich hatte,« sprach er vor sich hin, »an die Begegnung kaum noch gedacht. Er machte den Eindruck eines honetten Mannes.« »Um so weniger scheint aber sein Kamerad, der Pole, ein honetter Mann zu sein,« sagte der Kandidat mit großem Nachdrucke. »Und, Herr Baron, er kann Ihnen sehr gefährlich werden. Er hat ein kleines Streifkorps zu kommandieren, das zwischen Saale und Harz auf Trümmer unserer Armee fahnden, Kassen in Beschlag nehmen, verdächtige Verbindungen hindern soll. Es sind mehrere solche Korps unterwegs. Streift er in unserer Gegend, so ist zehn gegen eins zu wetten, daß er Ihren Namen erfährt und in irgend einer Weise seine Rachsucht an Ihnen kühlt.« »Das ist allerdings sehr möglich,« sagte der Baron nachdenklich. »Indessen muß er sich dann sehr beeilen, denn ich verlasse Poplitz morgen vormittag.« Der Kandidat sah ihn überrascht an. »Sie wollen verreisen? In dieser Zeit?« »Nicht zu meinem Vergnügen,« erwiderte Krosigk ernst. »Hören Sie zu, ich will Ihnen etwas erzählen.« Er rückte seinen Stuhl dicht neben den des Kandidaten und sprach eine Zeitlang leise und eindringlich auf ihn ein. »Ich wollte eigentlich nach Ostpreußen, aber Sie sehen ein, daß mich die Pflicht nach Magdeburg ruft.« »Selbstverständlich!« rief Moldenhauer und setzte in gedämpftem Tone hinzu: »Gott gebe, daß Ihre Vorstellungen eine gute Stätte finden! Magdeburgs Fall wäre ein entsetzliches Unglück für Preußen.« »Und Ihnen, lieber Moldenhauer, habe ich auch eine Rolle in dem Drama zugedacht,« sagte der Baron. »Sie wissen, meine erwachsenen Brüder sind zum Teil im Kriege, Dedo ist in Halberstadt bei der Regierung, Anton Emil, der jüngste, ist bei ihm. Nun kann ich Haus und Hof nicht ohne männlichen Schutz lassen. Wenn Sie also in Peißen irgend abkömmlich sind, so bitte ich Sie, während meiner Abwesenheit hierher zu kommen und den Damen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Deshalb hatte ich zu Ihnen geschickt.« »Mit tausend Freuden!« rief der Kandidat und ergriff lebhaft die Hand des Barons, die dieser ihm entgegenstreckte. »In Peißen ist jetzt mein Bruder, ich bin vollkommen abkömmlich.« »Ich will Sie nicht bevollmächtigen, mein Vertreter zu sein,« fuhr Krosigk fort, »Sie könnten da leicht in Differenzen mit meiner Schwester kommen. Antoinette ist majorenn und ein Mädchen von fast männlichem Geiste. Eine Bevormundung, und nun gar durch einen Fremden, ertrüge sie nicht, es würde nur Mißhelligkeiten geben.« »Ich werde mich schon mit dem gnädigen Fräulein vertragen,« sagte der Kandidat lächelnd. »Sollte der französische Pole oder polnische Franzose wirklich hierher kommen, – wie hieß doch der Kerl – Worowski, wenn ich nicht irre –« »Pardon, Herr Baron, er heißt jetzt Martignac,« fiel der Kandidat ein. »Martignac? Aber das ist ja gar kein polnischer Name? Sie irren, mein Gedächtnis täuscht mich selten. Er hieß bestimmt Worowski.« »Jetzt heißt er nicht mehr so,« sagte Moldenhauer. »Seine Mutter war eine geborene Französin, und sein Onkel, ihr Bruder, der Oberst Martignac, hat ihn adoptiert.« »So, so. Also wenn der Mensch hierher kommen sollte, so bewaffnen Sie im Notfalle die Dienerschaft. Ich nehme keine mit, auch Schröder nicht. Sie können sich auf alle verlassen, ich habe unter meinen Leuten keinen schlechten Kerl. Doch darüber reden wir morgen früh noch. Jetzt wollen wir an Ihr leibliches Wohl denken. Sie sind von Halle hermarschiert. Ein tüchtiger Weg! Sie werden müde und hungrig sein.« »Müde nicht, aber hungrig,« entgegnete Moldenhauer. Statt der Antwort ergriff der Baron eine Klingelschnur und läutete. »Du wirst zusehen, daß der Herr Kandidat noch eine kleine Kollation bekommt,« sagte er zu dem eintretenden Diener. »Ich kann leider nicht dabei mithalten, denn ich habe noch viel zu tun. Ihr Zimmer steht bereit. Lassen Sie sich's schmecken und schlafen Sie wohl.« Als der Kandidat schon in der Tür stand, eilte ihm Krosigk mit ein paar raschen Schritten nach und erfaßte seine Hand. »Ja so, ich habe ganz vergessen. Ihnen zu danken. Sie haben es gut gemeint, daß Sie so rasch diese Nachricht an mich brachten. Wer weiß, ob sie sich nicht noch einmal als wichtig erweist! Also vielen Dank und noch einmal: Gute Nacht!« VIII. »Ach, lassen Sie mich ungeschoren mit Ihren Berliner Dichtergrößen! Da ist einer so weichlich und verwaschen wie der andere, Schlegel, Tieck und Brentano und wie sie alle heißen. Und nun vollends der gräßliche Jean Paul! Ich habe den Hesperus zu lesen versucht und habe das Buch nach einer Stunde fortgeworfen. Dies ewige Geflimmer von Sternen und Blumen, geistreichen, durcheinander gewirrten Gedanken – es ist nicht zum Aushalten!« So sprach Fräulein Antoinette von Krosigk, die an einem Fenster des Poplitzer Schlosses saß und nähte, zu dem Kandidaten Moldenhauer. Der saß am Tische, vor einem großen Haufen von Büchern, hielt eines in der Hand und hatte ihr offenbar soeben etwas vorgelesen. Während die beiden sich so unterhielten, rieselte draußen der erste Novemberschnee vom Himmel hernieder. Der Kandidat sah ziemlich geärgert aus. Er warf das Buch etwas heftiger, als es sich eigentlich geziemte, auf den Tisch und sagte mit dem Tone leichter Gereiztheit: »Ja, was und wen goutieren Sie nun eigentlich, mein gnädiges Fräulein? Es ist, beim Himmel, schwer, in Ihren Augen Gnade zu finden.« Antoinette lachte. »Wenn ich ganz offen sein soll, so gibt es nur zwei Dichter, die ich wirklich schätze und verehre: Klopstock und Schiller.« »Was? Klopstock? Schiller lasse ich natürlich gelten, aber lieben Sie Goethe gar nicht?« rief der Kandidat erstaunt. »Goethe?« erwiderte das Fräulein. »Wenig, sehr wenig. Einige seiner Lieder gefallen mir sehr, besonders die man singen kann. Auch auf seinen Götz lasse ich nichts kommen. Aber das übrige – nein, ich mag es nicht.« »Und Tasso? Und Iphigenie? Und Egmont?« rief der Kandidat. »Tasso und Iphigenie sprechen nicht zu meinem Herzen,« sagte Antoinette kühl. »Sie stehen vor mir wie prächtige, glatte Marmorbilder, die ich bewundere, bei denen ich aber nichts fühle. Und Egmont? Nun, dieser Held ist mir zu schlapp. Oranien, ja, das ist ein Held! Aber ein Mann, der mitten im Verzweiflungskampfe seines Volkes noch erfüllt ist von Liebesgedanken, der, statt zum Rat und zur Tat zu gehen, zu einem kleinen Bürgermädchen schleicht und von der unglücklichen Liaison nicht loskommt und sich schließlich in kindlicher Sorglosigkeit das Netz über die Ohren werfen läßt – solch ein armer Ritter ist nicht mein Geschmack. Eigentlich ist er überhaupt nichts anderes als eine verbesserte Neuauflage des unausstehlichen Werther.« »Werther können Sie auch nicht leiden?« rief der Kandidat und fuhr sich durch die Haare. »Nun gar den!« entgegnete Antoinette spöttisch. »Wenn ein Weib um seinen Geliebten in den Tod geht, so finde ich das klein, aber ich verstehe es doch, wenigstens zum Teile. Die meisten Frauen sind nun einmal schwach, und außerdem werden sie von dem Gedanken an Liebe und Ehe ganz ausgefüllt. Wenn aber ein Mann in der Kraft des Lebens nicht Herr zu werden vermag über seine sündige Leidenschaft zur Gattin eines Freundes und zur Pistole greift, dann sage ich: Fi done ! und ekle mich. Denn ein Mann hat Amt, Pflicht, Wissenschaft, Beruf, Vaterland – für die soll er leben und, wenn's nottut, sterben. Tötet er sich aber um eines Weibes willen, so ist er ein jämmerlicher Schwächling.« Der Kandidat erwiderte zunächst nichts. Er fühlte sich durch ihre Worte nicht angenehm berührt, ohne daß er sich im letzten Grunde zu sagen wußte, was ihn eigentlich so verstimmte und verletzte. Ihre ganze Art, die so weit von gewöhnlicher Frauenart abwich, zog ihn mächtig an und stieß ihn auf der anderen Seite wieder ab. So erging es ihm die ganze Zeit über, die er in ihrer Gesellschaft verweilte, und es war nun schon der sechste Tag, seit der Baron abgereist war. Die Tage waren äußerlich still vergangen, man war von französischer Einquartierung verschont geblieben, und da die regelmäßige Postverbindung mit der Außenwelt durch die Kriegsläufte ganz aufgehört hatte, und die Nachbarn, immer eines feindlichen Besuchs gewärtig, vorsichtig zu Hause blieben, so waren die Bewohner des Schlosses ganz auf sich selbst angewiesen. Nicht einmal von dem Schloßherrn war bisher eine Nachricht zu ihnen gedrungen; man wußte noch nicht, ob sein Wagnis gelungen, ob er in Magdeburg angekommen oder irgend wo anders hin verschlagen sei. Der Kandidat wunderte sich im stillen oft darüber, mit welcher Fassung die Damen diese Ungewißheit ertrugen, wie die alte Geheimrätin trotz der Sorgen, die sie doch im stillen empfinden mußte, sogar von Tag zu Tag gesunder und kräftiger wurde. Als er eines Tages diesen Gedanken dem Fräulein gegenüber äußerte, zuckte sie mit den Achseln und gab die Antwort: »Was wollen Sie? Meine Mutter ist es gewöhnt, ihre Söhne in allerhand Gefahren zu wissen. Sie gleicht doch nicht der Henne, die Enteneier ausgebrütet hat und nun schreiend am Ufer auf und abläuft, wenn sich die Jungen aufs Wasser wagen. Sie ist im Grunde aus ganz demselben Holze, wie die Männer ihres Blutes, die im Felde stehen. Das ist so unsere Art.« Auch diese in kühlem und, wie es ihm dünkte, etwas hochmütigem Tone gesprochenen Worte hatten dem Kandidaten einen kleinen Stich ins Herz gegeben. Ganz unwillkürlich fiel ihm dabei seine eigene Mutter ein, die kleine behäbige Pfarrfrau von Peißen. Sie war eine liebe, herzensgute Frau, aber von Heroismus lag nicht das geringste in ihrem Charakter, und wenn sich ihr Ältester in solche Abenteuer gestürzt hätte, so wäre sie sicherlich vor Angst fast vergangen. Und sein Vater? Ein prächtiger, an Leib und Seele frischer Greis, ein treuer Seelsorger, der, als die Blattern im Dorfe gewesen waren, an den gefährlichen Krankenbetten redlich seine Pflicht getan hatte. Aber Blut konnte er nicht sehen, und der Gedanke, es könne sich etwa ein feindlicher Gewehrlauf gegen das Haupt eines seiner Angehörigen erheben, hätte ihm sicherlich Angstschweiß ausgepreßt. »Gieb Frieden, Herr, in unseren Tagen!« das war das tägliche Gebet seines Herzens. Wie er, so waren sie eigentlich alle, die Honoratioren der Umgegend, die der Kandidat kannte. Alle diese Pastoren, Ärzte, Apotheker, Richter und Kaufleute waren redliche Männer, mit wenigen Ausnahmen, fleißige Leute und brave Familienväter, aber Helden waren sie nicht. Wäre er selbst mit hinausgezogen, das Vaterland zu verteidigen, so hätte er in diesen Kreisen den Ruf eines Abenteurers erlangt, und seine Eltern wären des tiefsten Mitleides aller Bekannten sicher gewesen. Wie schroff stand diesem Denken und Fühlen die Lebensanschauung der Adelsfamilie gegenüber, in deren Mitte er sich plötzlich versetzt sah! Hier wurde von den Gefahren der drei im Felde stehenden Söhne des Hauses kaum gesprochen, noch viel weniger darüber geklagt und geseufzt. Beide Damen schienen das ganz selbstverständlich zu finden und machten darüber keine Worte. Waren die Leute wirklich von einem anderen, härteren Schlage? Hatten sie mehr Eisen im Blute als die Menschen der Volksschicht, der er entstammte? Bestand vielleicht zwischen ihrer und seiner Naturanlage eine Kluft, die nicht überbrückbar war? Manchmal schien es ihm so, wenn das Fräulein mit schnellem, herbem Urteil Menschen und Bücher und Ideen verwarf, die er für schön und groß hielt, so wie sie es eben getan hatte. Daran merkte er, wie fremd sie ihm innerlich in vielen Dingen gegenüberstand, wie ihre Art so anders war, als die seine. Ach, und er, der Kandidat der Theologie Moldenhauer, hätte gar zu gern die Kluft überbrückt, die zwischen ihm und ihr befestigt war! Das alles schoß ihm jetzt wieder durch den Kopf, als er sie so vor sich sitzen sah. Sie hatte die Augen gesenkt und zog langsam Stich auf Stich durch das Kleidchen aus grobem Linnen, das sie für das Kind einer Arbeiterfamilie nähte. Wie geistesabwesend starrte er nach ihr hin. »Nun, Sie schweigen ja? Worüber denken Sie so nach?« fragte sie und sah ihn an. »Hat Sie mein Urteil über Ihren Göthe gekränkt? Ja, sehen Sie, ich sage stets, was ich denke, wenn ich überhaupt etwas sage.« Der Kandidat seufzte und strich sich über die Stirn. »Wie sollte ich gekränkt sein!? Ich bedaure nur, daß unser Geschmack so verschieden ist.« »Das dürfte wohl bei den meisten Menschen der Fall sein,« sagte das Fräulein. »Sie differieren fast alle im Geschmacke. Die Hauptsache ist aber doch, daß man in seinen moralischen Urteilen übereinstimmt. Nicht?« »Gewiß ist das die Hauptsache,« erwiederte der Kandidat. »Aber im Geschmack müssen die Menschen auch übereinstimmen, sonst werden sie einander unausstehlich.« »I was! Sie sind mir trotz Ihres sonderbaren Geschmackes für Göthe, Wieland, Schlegel usw. gar nicht unausstehlich,« versetzte das Fräulein trocken. Der Kandidat fühlte, daß er errötete, und konnte nicht verhindern, daß er mit einem Male sehr glücklich aussah. Ehe er aber etwas erwidern konnte, fuhr Antoinette lebhaft fort: »Ich kenne nur einen einzigen Menschen, mit dem ich in allen wichtigen Dingen übereinstimme, das ist mein Bruder Heinrich. Wir haben eigentlich alles gemeinsam, dieselben Neigungen und dieselben Antipathien. Er ist zum Beispiel, wie ich auch, ein glühender Verehrer Schillers. Wie Sie sehen, hat er Sprüche von ihm in fast allen Zimmern anbringen lassen. Als er noch Leutnant war, sagte er einmal zu mir: ›Wenn ich einst hier Herr sein sollte, fahre ich nach Weimar mit sechs Pferden und hole diesen Mann einmal hierher.‹ Aber gerade vier Wochen, bevor mein Bruder die Güter übernahm, starb der große Mann.« »Er starb zur rechten Zeit,« sagte der Kandidat nach einer kleinen Pause. »Wie würde es sein Herz zermalmt haben, sein Vaterland zerbrochen und geschändet am Boden liegen zu sehen!« »Für uns aber starb er zu früh!« rief Antoinette mit blitzenden Augen. »Er wäre nun wohl noch mehr geworden, als ein großer Dichter, er hätte der Prophet seines Volkes werden können. Wie würde er jetzt wirken! Wie würde er Tausende entflammen und begeistern, daß sie zu Männern würden und sich gegen die Feinde erhöben!« »Wenn ihn nämlich Napoleon nicht vorher erschießen lassen würde,« bemerkte der Kandidat. »Vielleicht hat ihn sein Tod vor einer französischen Kugel bewahrt, denn, Sie haben recht, geschwiegen und sich geduckt hätte er niemals. Sein » in tyrannos « wäre wieder erklungen, und dann war er geliefert, oder er wurde zum heimatlosen Flüchtling.« »Warum? In Berlin hätte er sicher eine Zuflucht, eine zweite Heimat gefunden.« »Sie vergessen, daß Berlin sich in Feindeshand befindet,« warf der Kandidat ein. »Nein, das vergesse ich wahrlich nie eine Sekunde lang,« erwiederte Antoinette herb. »Aber ich hoffe, daß es zu Weihnachten wieder in der Hand des Königs sein wird. Glauben Sie das nicht auch?« »Wenn ich ehrlich meine Meinung sagen soll: nein.« »Warum nicht? Halten Sie die Franzosen für unbesiegbar? Der Zar hat noch ein gewaltiges, unberührtes Heer, und der Winter wird das Heer des Korsen dezimieren.« »Den Winter,« sagte der Kandidat, »halte ich allerdings für den verläßlicheren der beiden Bundesgenossen. Denn ob der Zar seine Russen dazu bringen wird, mit Ausdauer für uns zu kämpfen, das erscheint mir zweifelhaft. – Aber« – unterbrach er sich – »was ist denn das? Hören Sie nichts?« Er schritt zum Fenster und riß es auf. Hell und klar erklangen die starken vollen Töne des Laublinger Glockengeläutes vom Südwind getragen herüber. »Was hat das jetzt zu bedeuten? Haben Sie gehört, gnädiges Fräulein, ob jemand drüben gestorben ist? Es muß doch ein Begräbnis sein?« »Ich habe absolut nichts gehört,« erwiderte Antoinette. »Übrigens müßte es ein angesehener Mann oder eine reiche Frau sein, denn für die Armen läßt Werkmeister nur mit einer Glocke läuten und auch dann nur, wenn sie ihre sechs Silbergroschen erlegen.« »Schlimm genug,« brummte der Kandidat. »Unter einem halben Taler hält er überhaupt keine Rede,« fuhr das Fräulein fort, »und je mehr er kriegt, um so länger und schöner wird sie, und von zwei Talern an, sagte mein Bruder, ist er von der tiefsten Ergriffenheit und zittert mit der Stimme.« Sie lachte laut auf; aber Moldenhauer runzelte die Stirn und sah mit einem Male sehr finster aus. »Darüber lachen Sie, mein gnädiges Fräulein?« sagte er. »Das wundert mich, denn solche Unwürdigkeit ist etwas Trauriges. Sie ist, Gott sei Dank, auch selten, so blutsauer es vielen Geistlichen wird, sich mit ihren elenden Einkünften durchs Leben zu schlagen. Bei Werkmeister ist sie doppelt verächtlich, denn er hat eine gute Pfründe.« »Sie scheinen ihn nicht gerade zu lieben?« fragte das Fräulein. Moldenhauer machte eine Geberde des Widerwillens. »Nun, sehen Sie, da ist ja schon wieder ein Punkt gefunden, in dem wir übereinstimmen. Sie haben übrigens recht, man sollte über solche Dinge nicht lachen. Aber lassen wir nun den Pastor mit seinem Geläut! Was es bedeutet, werden wir ja erfahren. Entwickeln Sie mir lieber Ihre Ansichten über die Russen weiter, das ist mir zehnmal interessanter.« Aber die Unterredung wurde dennoch unterbrochen, denn die Geheimrätin erschien plötzlich in der Tür. Sie hielt sich noch gebeugt und trug die Spuren der noch nicht ganz überwundenen Krankheit im Antlitz, aber in dem Augenblicke lag auf ihren Wangen ein freudiges Rot, und ihre Augen leuchteten. Antoinette flog auf sie zu und umschlang sie mit beiden Armen. »Mutterchen, Sie sehen ja aus, als wäre Ihnen großes Heil widerfahren!« rief sie. »Das ist auch geschehen,« gab die alte Dame fröhlich zur Antwort. »Denke dir, Kind, denken Sie sich, Herr Kandidat, eben habe ich die sichere Nachricht erhalten, daß mein Sohn glücklich nach Magdeburg hineingelangt ist.« Sie hob ein kleines, vielfach gefaltetes Billet empor. »Das sendet mir meine alte Freundin Schurff aus Groß-Salze. Ein Bote hat es in seine Mütze eingenäht hergetragen. Heinrich ist schon seit fast drei Tagen drin; aber eher konnte sie mir keine Nachricht geben, denn sie hatte keinen ganz zuverlässigen Menschen gerade bei der Hand, und in der ganzen Gegend schwärmen französische Patrouillen. Trotzdem ist er glücklich hineingelangt.« »Das freut mich von Herzen!« rief Antoinette. »Ich bin überzeugt, dort ist er an seinem Platze.« »Gebe Gott, daß er dem alten General wieder etwas Jugendfeuer in die Seele wirft!« sprach Moldenhauer. »Gelingt ihm das, so mag der König ihm seinen höchsten Orden umhängen. Er hat ihm dann eine Provinz zu danken, vielleicht sogar noch mehr. Indessen will ich die Damen jetzt nicht weiter stören. Mit dem Lesen wird's ja heute doch nichts mehr.« Er raffte seine Bücher auf, machte den beiden eine Verbeugung und verließ das Zimmer. »Ein taktvoller Mensch!« sagte die Geheimrätin ihm nachblickend. »Er fühlt, daß wir uns mancherlei zu sagen haben; deshalb läßt er uns allein. Überhaupt ein gescheuter und sympathischer junger Mann. Sieh dich nur vor, daß er dir nicht zu gut gefällt!« »Aber Mutter!« fuhr Antoinette auf, »trauen Sie mir so etwas zu?« »Na, na,« begütigte die Geheimrätin, »nur nicht gleich so wild, es war ja nur ein Scherz. Übrigens haben schon Gräfinnen und Baroninnen ihre Hauslehrer geheiratet.« Antoinette warf den Kopf in den Nacken. »Mir, dessen seien Sie ganz sicher, würde dergleichen nicht passieren. Niemals. Meinen Sie, ich wollte eine Pastorsfrau werden, die täglich ihre Kartoffeln schält und des Sonntags ihrem Manne die Bäffchen umbindet? Gott bewahre mich davor!« »Ach Kind, was redest du da!« sagte die alte Dame lächelnd. »Wie oft, wenn ich zu Hofe mußte in früheren Tagen, habe ich so bei mir gedacht: Ach, wärst du doch keine geborene von Cramm aus dem Hause Samtleben und keine Schloßfrau auf Poplitz, wärst du doch lieber eine Frau, die in stillen, einfachen Verhältnissen lebt und sich nicht alle Wochen ein- oder zweimal in eine Prunktoilette schnüren, pudern und frisieren lassen muß. Auch fühlt sich eine Frau überall wohl, wo sie mit dem geliebten Manne leben darf. Du weißt ja: ›Raum ist in der kleinsten Hütte‹ und so weiter.« »Das verstehe ich nicht,« erwiderte Antoinette. »Doch Gott sei Dank, ich liebe ja auch nicht. Lassen wir das also fallen. Darf ich das Billet lesen, das Ihnen Frau von Schurff geschrieben hat?« »Jawohl, du sollst es sogar.« Sie reichte ihrer Tochter das Blättchen, und Antoinette las nicht ohne Mühe die eng zusammengedrängten Zeilen, geschrieben in einer feinen, kritzligen Damenhand, die ihr sagten, daß ihr Bruder, nachdem er einen Tag auf Groß-Salze geweilt hatte, glücklich an den Ort seiner Bestimmung gelangt sei. »Gott sei gelobt!« sagte sie und ließ das Blatt sinken. Die Geheimrätin nahm es ihr aus der Hand. »Der Brief,« sprach sie »enthält noch etwas besonders Liebes für mich. Siehst du, hier steht: ›Ihr Sohn ist ein herrlicher Mensch, so mutig, so ganz durchdrungen von seiner Pflicht als Edelmann und Patriot. Er hat uns alle ganz entzückt.‹ Das Wörtchen ›alle‹ ist zweimal unterstrichen. Dann heißt es weiter: ›Er war auch offenbar sehr gern hier.‹ Das ›gern‹ ist wieder unterstrichen. Das macht mich überaus glücklich, denn nun will ich dir's sagen, liebes Kind: ich wünsche nichts sehnlicher, als daß Heinrich und Friederike von Schurff ein Paar werden.« Antoinette sah geradezu verblüfft aus, so überraschend kam ihr diese Enthüllung. »Aber bestes Mutterchen!« rief sie aus. »Sie wollen Heinrich zum Ehemann machen? Quelle idée ! Weiß er denn schon etwas davon? Mein Gott, ich bin ganz verwirrt! Warum haben Sie mir das nicht schon lange gesagt? Und warum denn gerade die?« »Sie hat Eindruck auf ihn gemacht,« erwiderte die alte Dame, »ich weiß es bestimmt. Da heißt es, das Eisen schmieden, so lange es warm ist, denn du kennst ihn ja, wie kalt und ablehnend er gegen die Damen ist. Und ich möchte doch so gerne, daß er sich verheiratet. Er kommt an die dreißig und ist noch ledig. Das ist nichts für einen Mann in seiner Position. Da habe ich denn meiner alten Freundin einen kleinen Wink gegeben, und sie war herzlich erfreut darüber.« »Das glaub' ich wohl!« rief Antoinette. »Ich kenne keine Mutter in unseren Kreisen, die das nicht wäre. Denn Heinrich ist ein ganzer Mann! Also Friederike von Schurff soll die Erwählte sein? Ich habe sie einmal in Hohen-Erxleben bei den Krosigks gesehen, und sie hat mir gut gefallen. Hübsch ist sie ohne Zweifel!« »Nicht wahr?« erwiderte die Geheimrätin befriedigt. »Das muß jeder finden. Das reiche dunkle Haar, die strahlenden Augen und das feine Gesicht geben ihr ein apartes Aussehen, sie fällt als Beauté auf, wo sie sich zeigt. Auch in der Gestalt paßt sie sehr gut zu Heinrich. Sie ist ja nicht allzu groß, aber sie trägt sich mit Distinktion.« »Innerlich paßt sie hoffentlich auch zu ihm,« bemerkte Antoinette. Die Geheimrätin nickt«. »Ja, das ist freilich die Hauptsache.« »Wissen Sie etwas Näheres über sie, über ihren Charakter?« forschte die Tochter weiter. »Sie schien mir etwas kühl und verschlossen zu sein.« Die Mutter lächelte. »Ich will dir einen kleinen Zug von ihr erzählen,« sagte sie. »Ehe ich herkam, das weißt du ja, war ich dort. Ich kann nicht sagen, daß ich da den freundlichsten Eindruck von ihr empfangen hätte; sie war höflich und verbindlich, aber ich konnte ihr nicht näher kommen. Etwas deprimiert zog ich mich gegen Abend in mein Zimmer zurück und bereute es fast, die Fahrt gemacht zu haben. Da blicke ich zum Fenster hinaus und sehe gerade, wie ein zwei- bis dreijähriges Kind in den allerdings wohl nur flachen Graben fällt. Ich war so erschrocken, daß ich für den Augenblick nicht zu schreien vermochte. Aber ehe ich einen Ton herausbrachte, war schon Hilfe da. Friederike stiegt hinzu, springt in den Graben – das Wasser ging ihr bis weit über die Knie – zieht das Kind heraus und trägt es aufs Land, und nun schalt sie nicht etwa auf das arme Wurm, sondern sie tröstete es mit freundlichen Worten, übergab es seiner Mutter, der Gärtnersfrau, mit einer Verwarnung, künftig besser aufzupassen. Auch befahl sie ihr, über den Vorfall zu schweigen. Es wurde wirklich den ganzen Abend nicht eine Silbe davon erwähnt; ich bin überzeugt, ihre Eltern haben gar nichts erfahren. Gefällt das dir nicht auch?« »Ja, das war nobel und gut gehandelt!« rief Antoinette. »Das gefällt mir sehr.« »Siehst du,« fuhr die Mutter fort, »darin sah ich ihr ganzes inneres Wesen wie in einem Spiegel. Sie gehört zu den Naturen, die nach außen oft kühl und spröde erscheinen, aber ohne viele Worte das Richtige tun und einen reichen Schatz warmer Liebe in sich tragen. Einem Manne, den sie liebt und vor dem sie ihr Herz enthüllt, wird sie sehr viel sein. So eine Frau paßt zu Heinrich, eine solche braucht er.« »Ob Heinrich überhaupt nach Frauenliebe fragt?« antwortete Antoinette nachdenklich. »Ach Kind, im Grunde sehnt sich jeder Mann danach, wie jede Frau nach der Liebe eines Mannes,« erwiderte die alte Dame, und ein feines Rot flog über ihr Antlitz. »Das ist nun einmal von Gott so eingerichtet. Mann und Weib sollen einander ergänzen. Fehlt das einem Leben, so ist es niemals ein ganz glückliches.« »Ach, bestes Mutterchen, sollte es da nicht Ausnahmen geben? Ich par exemple fühle mich sehr wohl, so wie ich bin, und der Gedanke, einem Manne zu gehören, ist mir einfach gräßlich.« »Weil bei dir der Rechte noch nicht gekommen ist, du junger Kiekindiewelt,« sagte die Geheimrätin. »Und wenn er käme,« rief Antoinette, »wenn er käme, dann müßte er ein Mann wie Heinrich sein, oder wenigstens ein ähnlicher! Kein Gelehrter, kein Büchermensch, sondern einer, der den Säbel in die Faust nimmt und wirklich was tut. Sehen Sie, unser Kandidat hier, der ist so belesen und so gescheut und gibt lauter gute und edle Gedanken von sich. Aber es bleibt immer nur bei Gedanken. Heinrich dagegen geht hin und läßt seinen Zorn und seine Liebe zu Taten werden. Solche Männer imponieren mir!« Sie hielt inne und fügte nach einer Weile hinzu: »Ich habe alle meine Brüder lieb, sie sind alle ehrenhaft und tüchtig. Er aber steht mir doch am nächsten. Möchte Friederike von Schurff wirklich die rechte Frau für ihn sein!« »Gott gebe es!« sagte die Mutter. IX. Während die beiden Damen im Poplitzer Schlosse sich von dem fernen Sohne und Bruder unterhielten, ward auch in der Nachbarschaft eine Unterredung über ihn gepflogen. Dort aber redete nicht die Liebe, sondern der Haß. Pastor Werkmeister stand vor der Tür seines Laublinger Pfarrhauses und fütterte seine Hühner. Er konnte das wagen, obwohl es ziemlich kalt war, denn seine Füße steckten in dicken Filzsocken, und über dem langen, wohlgefütterten Schlafrocke trug er einen wollenen Schal. Er sah wohlgefällig zu, wie sein Hühnervolk die Körner aufpickte, die seine Hand ihm hinstreute. Denn die Hühnerzucht war sein Hauptpläsir, und kein Gericht war ihm lieber, als eine gekochte Henne in dickem Reis. Er faßte einige besonders fette Exemplare ins Auge, die er zur Gewinnung dieser leckeren Speise ausmustern wollte, und schnalzte dabei schon wohlgefällig mit der Zunge. In angenehmen Gedanken, zufrieden mit sich, Gott und der Welt, stand er da. Indessen war es leider im Rate des Schicksals beschlossen, daß die glückliche Stimmung seines Innern keine Dauer haben sollte. Plötzlich schrak er zusammen. Herrgott – was war das? War das nicht Pferdegetrappel, das mit unheimlicher Schnelle näherkam? Ja, da tauchte auch schon ein Pferdekopf über dem Tore auf – noch einer und noch einer – endlich eine ganze Menge. Ein Reiter sprang ab, trat durch die Tür und riß das Tor von innen auf. Ein ganzer Schwarm Franzosen ritt in den Hof ein, die Hühner stoben gackernd und schreiend auseinander, und der arme Pastor stand, halb in die Knie gesunken, ein Bild hilflosen Entsetzens, da und starrte die ungebetenen Gäste an. Es war der erste Besuch dieser Art, den er empfing; bisher hatte man seinen Hof in Ruhe gelassen. Ein Offizier ritt dicht an ihn heran. »Sie sind der Pfarrer dieses Dorfes?« fragte er mit scharfer Stimme. »Zu dienen, Ew. Gnaden, Herr General,« stammelte Werkmeister und riß die Pelzmütze, die er auch jetzt trug, mit einer tiefen Verbeugung vom Kopfe. »Major Martignac,« sagte der Franzose mit einem etwas verächtlichen Lächeln. »Ich bin auf der Streife nach einem Pikett preußischer Husaren. Ein Bauer von dem Dorfe dort sagte, daß sie hierher geritten seien, Haben Sie etwas gesehen? Sind sie hier versteckt?« »Nichts habe ich gesehen, gar nichts, Ew. Gnaden,« erwiderte Werkmeister mit erneuten tiefen Bücklingen. »Belügen Sie mich nicht, Monsieur?« fragte der Offizier in noch schärferem, fast drohendem Tone. »Bei Gott, ich habe nichts gesehen!« beteuerte der Pfarrer mit erhobenen Händen. »Dann hast du mich belogen, Hund!« schrie der Major einen Bauern an, der mit Stricken an ein Pferd gebunden war und so hatte mitlaufen müssen. »Gestehe, cochon prussien , du hast uns belogen!« Der Bauer antwortete nur mit einem haßerfüllten Blicke; seine Lippen blieben trotzig geschlossen. »Ich könnte dich füsilieren lassen, Bursche,« sagte der französische Führer mit einem bösen Lächeln. »Aber ich will dein Hundeblut nicht vergießen. Sergeant! Nous voulons punir ce bougre !« »Befehle der Herr Major ä Baschtonnade?« fragte der Sergeant in unverkennbar schwäbischen Lauten. »Nein,« antwortete Martignac hart, und seine Züge wurden einen Augenblick bleich, »ich liebe nicht dieses genre der Strafe.« Er wies auf ein großes Faß, das mit Regenwasser fast bis zum Rande gefüllt war. »Taucht den Kerl da hinein, und dann laßt ihn liegen!« »Allons, Leut!« rief der Sergeant, »'s ischt ä Hauptschpaaß!« Trotz seines verzweifelten Sträubens wurde der Bauer vorwärts gezerrt, von sechs, acht kräftigen Fäusten im Nu emporgehoben und in das Faß hinabgestoßen. Das Reitervolk kreischte vor Vergnügen, als er prustend, stöhnend und gurgelnd nach einigen Sekunden wieder auftauchte. Sogleich drücke man ihn wieder ins Wasser hernieder und wiederholte das Spiel so lange, bis er nur noch schwache Lebenszeichen von sich gab. Dann gebot der Major: »Werft das Faß um und laßt die Kanaille liegen!« Werkmeister machte unwillkürlich eine Bewegung, dem wie tot Daliegenden beizuspringen. Aber er zog den Fuß rasch wieder zurück. Herr des Himmels – wenn etwa diese Menschen, nein, diese Teufel, eine solche Regung des Mitleids falsch auffaßten und mit ihm, dem Pastor Werkmeister, eine ähnliche Prozedur vornahmen! Kein Mensch hätte ihn schützen können, und ob Gott ihn schützen würde, war mindestens fraglich. Daher blieb er mit einem Gesichte, das zugleich Entsetzen und Unterwürfigkeit ausdrückte, auf der Stelle stehen. »Soldaten!« wandte sich der Major an seine Leute, »wir werden hier Quartier nehmen. Ich selbst bleibe auf dem Pfarrhofe mit zwanzig Mann. Die anderen, Kapitän Ménard, verteilen Sie in die umliegenden Höfe. Leutnant Weitbrecht geht Ihnen zur Hand. Sie stellen Wachen aus und kommen dann zu mir zum Rapport, logieren und soupieren bei mir. – Ihr wißt, Leute, daß die Bauern euch alles im Überflusse zu liefern haben. Gewalttaten aber hat Seine Majestät der Kaiser unter Todesstrafe verboten. Vive l'empereur !« » Vive l'empereur !« schrie der Haufe. Der Major wandte sich Werkmeister zu. »Sie werden die Ehre haben, Herr Pfarrer, diese Nacht einige Offiziere des Kaisers unter Ihrem Dache zu beherbergen,« sagte er. »Ich sehe hier vorzügliche Hühner und Tauben, die können gebraten werden. Haben Sie Wein im Hause?« »Zu dienen, Herr Major, guten Rheinwein,« erwiderte Werkmeister und knickte wieder halb zusammen. » Bon ! Jetzt weisen Sie mir ein Zimmer an. Dann bringen Sie Wein, viel Wein! Ich bin durstig!« Werkmeister führte den Major mit vielen Bücklingen ins Haus, geleitete ihn in die gute Stube, und da sich die Haushälterin, das pflichtvergessene Geschöpf, nicht sehen ließ, mußte er selbst die Flaschen aus dem Keller und die Gläser aus dem Schranke holen, was er unter häufigem und schwerem Seufzen tat. Er fand, als er das Zimmer wieder betrat, den Franzosen mit verschränkten Armen vor einem Wandbilde der Königin Louise stehen. »Ein prächtiges Weib!« sagte er sich umwendend. »Aber in dem schönen Körper wohnt wenig Verstand und eine böse Seele. Sie hat Preußen die Suppe eingebrockt, an der es jetzt erstickt.« So feige Werkmeister auch war, diese Bemerkung empörte ihn und trieb ihm die Zornesröte ins Antlitz. Mit ganz ungewohnter Schärfe sagte er: »Das werden wohl andere Leute gewesen sein.« Der Franzose lachte spöttisch. »Sie sind in die schöne Königin verliebt, wie alle Preußen. Machen Sie sich aber darauf gefaßt, daß sie nicht Ihre Königin bleibt. Der Kaiser hält fest, was er einmal hat, und seit wir Magdeburg haben, ist dieses Land für Preußen verloren.« »Magdeburg? Wieso –« stotterte Werkmeister. »Es kommandiert dort der General von Kleist –« »Hat kommandiert bis gestern,« fiel der Franzose triumphierend ein. »Die Festung hat kapituliert, und die Truppen des Kaisers sind eingerückt.« Der Pfarrer sah den feindlichen Offizier einen Augenblick an, als zweifle er an seinem Verstande. Jedermann wußte ja, daß Magdeburg auf Monate verproviantiert war, und daß eine kleine Armee sich dort befand. Solch eine Festung kapitulierte doch nicht nach ein paar Tagen! Und von einer ernsten Belagerung hatte man überhaupt noch nichts gehört. »Sie zweifeln?« fragte der Franzose. » Parole d'honneur !« Nein, Werkmeister zweifelte schon nicht mehr. Es fiel ihm ein, daß man nach der Kapitulation von Prenzlau, die eben bekannt geworden war, kein Recht mehr hatte, an solchen Vorkommnissen zu zweifeln. Was stand denn in dem unglücklichen Staate noch fest, und worauf konnte man bauen, wenn der General mit dem Reste der Armee ohne jeden Schwertstreich im freien Felde kapitulierte? Außerdem hatte doch der französische Offizier wahrlich nicht den geringsten Grund, ihm, dem Pastor von Laublingen, etwas vorzulügen. So war denn der Staat Friedrichs des Großen verloren. Tiefschmerzlich durchzuckte ihn diese Erkenntnis, denn er war im Glauben an Preußens Größe und in der Verehrung des Königlichen Hauses erzogen worden. Es war ihm, als ginge ein Riß durch seine Seele, und mit blassen Lippen murmelte er: »Dann gibt es kein Preußen mehr!« »Tut Ihnen das leid?« fragte der Franzose mit stechenden Blicken. »Ich bin doch ein Preuße,« erwiderte der Pastor ausweichend. »Ah bah,« rief der Franzose. »Es sind schon noblere Nationen untergegangen als diese! Danken Sie Gott, daß Sie nun zur grande nation gehören werden. Schenken Sie ein, und lassen Sie uns auf die Gesundheit des großen Mannes trinken, der nun bald in dieser Provinz die Segnungen wahrer Zivilisation und Humanität verbreiten wird.« Werkmeister schenkte mit zitternden Händen ein. « Vive l'empereur! «« rief der Franzose und stieß mit ihm an. » Vive l'empereur !« wiederholte der Pastor mit schwacher Stimme. »Sprechen Sie französisch?« fragte der Offizier. »Nur wenig.« »Das ist schade. Wir könnten sonst lieber unser Gespräch in dieser Sprache führen.« »Der Herr Major sprechen ja das Deutsche ausgezeichnet,« bemerkte Werkmeister mit einem untertänigen Lächeln. »Ich hatte Ursache, in meiner Jugend mir die Kenntnis anzueignen,« gab der Franzose zur Antwort und stürzte ein Glas Wein hinunter. »Aber ich spreche es nicht gern, es ist eine Schweinesprache. Da es jedoch in der Armee des Kaisers nicht viele Offiziere gibt, die fließend Deutsch verstehen und sprechen, so hat mir doch die Kenntnis ungewöhnlich früh zu den Majors-Epauletten verholfen. Der Kaiser braucht Leute, die die cochons allemands zu kommandieren verstehen und brauchbare Soldaten aus ihnen machen. Da draußen die Kerls sind alles Deutsche, Elsässer, Schwaben und Rheinländer. Sie sind langsam und dumm, aber sie beißen tüchtig.« Er wieherte laut auf und goß sich das dritte Glas voll. »Apropos, Herr Pfarrer, Sie wissen doch, daß Seine Majestät alle Länder diesseits der Elbe durch Bulletin in Besitz genommen hat?« »Nein,« sagte Werkmeister, »ich wußte es noch nicht.« »So erfahren Sie es denn hiermit durch mich. Sie sind also bereits Untertan des Kaisers. Hoffentlich« – der Franzose sprach das höhnisch und scharf – »wissen Sie die Ehre zu würdigen und freuen sich darüber.« »Für mich als Diener des Wortes gilt der Spruch: Jedermann sei Untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.« Martignac lachte laut auf. »Ja, die Gewalt hat er, der große Mann, und es ist wohlgetan, sich ihr zu beugen. Und wissen Sie, Herr Pfarrer, was ich täte an Ihrer Stelle? Ich ließe sogleich den neuen großen Triumph meines erhabenen Landesherrn durch das Geläut aller Glocken Ihrer Kirche feiern. Ich hoffe. Sie sind der gleichen Meinung.« Werkmeister erblaßte von neuem. Er fühlte wohl, daß eine empörende Roheit in dieser Zumutung lag, und daß es eigentlich seine Pflicht sei, nein zu sagen, komme dann, was da wolle. Aber als er die Augen des Offiziers fest und drohend auf sich gerichtet sah, da verließ ihn der Mut. »Wenn Sie befehlen!« sagte er und wandte sich zum Gehen. »Schicken Sie Ihre Magd zum Küster und kommen Sie dann gleich wieder zu mir!« gebot der Franzose. »Ich habe Sie noch einiges zu fragen.« Draußen wischte sich der geängstigte Pfarrer den Schweiß von der Stirn, und wenig fehlte, so wäre er in Tränen ausgebrochen. Warum mußte er, gerade er diese schreckliche Heimsuchung erfahren? Er sollte als erster läuten lassen für einen Sieg des Franzosenkaisers, der sein eigenes Volk in den Staub geworfen hatte! Was würden die Amtsbrüder sagen und der geistliche Inspektor und das Hochwürdige Konsistorium! Würde man ihn nicht als Vaterlandsverräter ausschreien, vielleicht sogar amtlich gegen ihn vorgehen? Plötzlich aber kam ihm eine Erleuchtung: Wenn es kein Preußen mehr gab, dann gab es jedenfalls auch kein Königliches Konsistorium mehr. »Fällt der Purpur, muß auch der Herzog nach.« Man errichtete nun jedenfalls eine neue Behörde, und die als Patrioten bekannten Leute würde man sicherlich nicht einsetzen. Dann konnte es ihm keineswegs schaden, daß er dem Kaiser gewissermaßen als erster gehuldigt hatte. Wer konnte es wissen – vielleicht gereichte es ihm sogar zum Ruhm und zum Vorteil! Er stand eine Weile in Gedanken versunken auf der Treppe still. Dann schüttelte er sich, als wollte er eine Last von sich abwerfen, und sprach leise vor sich hin: »Mit den Wölfen muß man heulen!« worauf er sich eiligst in die Küche begab, um die Botin an den Küster abzufertigen. Er fand die Magd in sehr verdächtiger Nähe des französischen Sergeanten, und als er ihr seinen Auftrag gab, bot ihr der galante Krieger sogleich den Arm, um sie zu geleiten. »Das verfluchte Weibsbild! Schmeißt sich gleich an den ersten fremden Soldaten weg, der ihr in den Weg läuft!« brummte er vor sich hin, während er die steile Treppe wieder hinaufstieg. Der Franzose hatte indessen auch seine eigenartigen Gedanken gehabt. Auf den ersten Blick hatte er in Werkmeister den schwachen und feigen Charakter erkannt und sofort beschlossen, das auszunützen. »Kommen Sie her,« sagte er ganz kordial, als der Pastor wieder ins Zimmer trat, »trinken Sie noch eine Flasche mit mir!« »Große Ehre,« entgegnete Werkmeister und ließ sich auf der Kante eines Stuhles nieder. »Sie sind schon länger in dieser Gegend?« eröffnete der Franzose die Unterhaltung. »Fast zehn Jahre.« »So kennen Sie also die Leute und die Verhältnisse sehr gut!« »Hm, ja – zum Teil – gewiß,« erwiderte Werkmeister und rutschte unbehaglich auf seinem Sitze hin und her. Das fing ja an, als sollte er verhört werden. »Es liegt hier herum ein Gut mit Namen Piesdorf. Wer ist dort Gutsherr? Wie weit ist es von hier?« »Der Gutsherr ist unser Landrat von Wedell. Zu Pferde können Sie in einer Stunde dort sein.« »Sacre bleu!« rief Martignac, »nach meiner Karte muß es viel weiter sein. Hätt' ich das gewußt, so wäre ich doch noch heute hingeritten.« Er faßte den Pfarrer beim Rocke und sah ihm scharf ins Gesicht. »Von diesem Wedell habe ich schon dies und das gehört und will ihm eine Visite machen. Kennen Sie ihn näher? Was ist er für ein Mann?« »Ich kenne ihn nicht näher, Herr Major. Er ist ein guter, honetter Mann; als Landrat ist er scharf.« »Weiter wissen Sie nichts von ihm?« »Er ist ein strenggläubiger Mann. Die neuere Theologie ist ihm ein Greuel,« fuhr Werkmeister beklommen fort. »Vor allem ist er wohl ein preußischer Patriot comme il faut ?« fragte der Major mit scharfer Betonung. »Das wird er wohl auch sein.« »So kommen wir nicht weiter,« sagte der Franzose streng. Er stand auf und trat vor Werkmeister hin. »Herr Pastor – ohne Umschweife. Sie sollen und können mir und damit der Sache des Kaisers einen Dienst erweisen. Das ist viel Ehre für Sie, mein Herr Pastor. Vergessen Sie also, daß Sie ein Preuße waren. Sie sind es nicht mehr, denn es gibt kein Preußen mehr. Sie sind jetzt kraft des Rechtes, das der siegreiche Degen gibt, Untertan Napoleons des Großen, wie ich auch. Darum beantworten Sie mir meine Fragen, die ich Ihnen vorlege, so eingehend und so präzise, wie es einem guten Untertanen Seiner Majestät geziemt.« »Mein Gott, mein Gott!« jammerte Werkmeister und sank in seinen Stuhl zurück. »Warum denn gerade ich?« »Sie machen den Eindruck der Intelligenz,« entgegnete der Franzose und verzog den Mund. »Man trifft Leute Ihrer Art nicht alle Tage.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Nun, Herr Pfarrer, wollen Sie mir Rede stehen?« »Fragen Sie,« antwortete Werkmeister mit klangloser Stimme. »Ich bin hier in der Gegend,« begann der Franzose, »nicht nur, um die versprengten Reste der preußischen Armee zu verfolgen. Das ist nicht Hauptsache. Ich bin vielmehr hergeschickt, um das Land zu pazifizieren. Das Volk wird hier, wie man sagt, aufgewiegelt von den mauvais sujets , übelgesinnten Edelleuten. Man will die Bauern bewaffnen, einen Guerillakrieg entzünden. Ist es an dem?« »Vor dem Ausbruche des Krieges war allerdings etwas derartiges geplant,« flüsterte Werkmeister. »Eine Gefahr für die siegreiche Armee ist das natürlich nicht,« fuhr der Major fort, »aber es kann unbequem werden. An der Spitze der Konspiration soll eben der Monsieur de Wedell stehen, den Sie nannten.« »Das glaube ich nicht,« sagte Werkmeister. »Nicht? Hat er nicht den König von Preußen um die Erlaubnis gebeten, aus den Bauern der adligen Güter eine Mobilgarde zu bilden?« »Ah!« entfuhr es unwillkürlich den Lippen Werkmeisters, und er richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf. Blitzschnell kreuzten sich die Gedanken in seinem Kopfe. Also der Plan Heinrichs von Krosigk war den Franzosen verraten worden, nur kannten sie seinen eigentlichen Urheber nicht, sondern hielten Wedell für den Schuldigen. Natürlich, denn er als Landrat hatte den Beschluß der Stände dem Könige zu übersenden gehabt. Nun war zwar der strenggläubige Gutsherr von Piesdorf dem rationalistischen Pfarrer von Laublingen ziemlich fatal, denn Werkmeister hielt jeden für einen Finsterling und Feind der Volkswohlfahrt, bei dem er etwas von Pietismus witterte. Aber warum sollte ein Unschuldiger leiden? Der Landrat war ja ein feuriger Patriot und begeisterter Freund jenes Planes gewesen, aber ausgedacht hatte ihn ein anderer, und zwar ein Mann, der dem Pastor noch weit, weit fataler war, sein eigener Patron, der Schloßherr auf Poplitz. Der stolze, schroffe junge Mann, der über die Predigten seines gelehrten Pastors so scharf zu urteilen pflegte und der gerade so ein »Pietist« war, wie sein Freund Wedell auf Piesdorf, der mochte nun zusehen, welche Folgen sein überspannter Patriotismus für ihn zeitigte. Zudem – wem schadete er, wenn er seinen Namen nannte? Der Baron hatte ja sein Schloß verlassen und war zur Armee gegangen und hatte den widerwärtigen Menschen, den Kandidaten Moldenhauer, in Poplitz so quasi als seinen Vertreter eingesetzt. Demnach konnten ihm die Franzosen zunächst gar nichts anhaben, und dem Piesdorfer wurden vielleicht große Unannehmlichkeiten erspart. Es war also ganz in der Ordnung, daß er sagte, was er wußte, ja es war eigentlich Christenpflicht. »Sie wissen etwas,« sagte der Franzose, der ihn scharf beobachtet hatte, »ich sehe es Ihnen an.« »In der Tat,« antwortete Werkmeister, »und ich kann Ihnen ruhig die Wahrheit sagen. Der Plan, von dem Sie sprechen, existierte allerdings in den Köpfen einiger exaltierter Edelleute. Ob er noch existiert, weiß ich nicht, bezweifle es aber. Jedenfalls, dessen können Sie sicher sein, ist der Landrat von Wedell nicht sein Urheber. Er war nur, als erster Beamter des Kreises, der Mund der Kreisstände gegenüber dem Könige. Der Urheber ist ein ganz anderer.« »Und wer?« fragte der Major ungeduldig. »Der Gutsherr von Poplitz, ein Herr von Krosigk,« sagte Werkmeister. – »Mein Gott, was ist Ihnen, Herr Major?« rief er bestürzt, als er sah, wie der Franzose wie von einem Hiebe getroffen zusammenfuhr und ihm einen Blick zuwarf, der ihn entsetzte. »Krosigk! Sagten Sie nicht so?« antwortete Martignac mit seltsam heiserer Stimme. »Gewiß, Herr Major.« »Ist der Mensch preußischer Offizier?« »Er war es. Premierleutnant im Regiment Alt- Larisch. Aber er hat den Abschied genommen und lebt auf seinen Gütern.« »Ein noch jüngerer Mann?« inquirierte der Franzose weiter. »Das kann ich Ihnen genau sagen. Er ist geboren am 23. Februar achtundsiebzig.« Der Major schlug mit der Faust auf den Tisch, so daß der Pastor erschrocken zusammenfuhr. »Wissen Sie, ob dieser Krosigk an einer der preußischen Campagnen in Polen teilgenommen hat?« Natürlich wußte Werkmeister das sehr gut, aber die Frage machte ihn mißtrauisch. Das war ja sonderbar. Der französische Offizier schien etwas von dem Poplitzer Herrn zu wissen, kannte ihn vielleicht sogar. Er erwiderte deshalb: »Ich war damals noch nicht hier, Herr Major, und ich weiß nicht, ob Alt-Larisch mit nach Polen eingerückt ist.« »So, Sie wissen es nicht.« Der Major schritt einige Male in heftiger Erregung auf und nieder und fragte dann: »Wie heißt das Schloß? Wie weit ist es?« »Poplitz liegt zwanzig Minuten von hier. Herr von Krosigk ist Patron und Gutsherr auch hier in Laublingen.« »Was?« rief der Franzose mit blitzenden Augen. »Da müssen Sie ihn ja ganz genau kennen, Und Sie behaupten. Sie wüßten nicht, ob er in Polen gewesen ist?« »Der Herr Baron verkehrt nicht persönlich mit mir,« sagte Werkmeister kurz. »So sind Sie ihm verfeindet?« »Nicht gerade verfeindet, aber er hat sich nie freundlich zu mir gestellt. Sein verstorbener Vater hat mich hier eingesetzt, der Sohn ist mir abgeneigt.« »So, so!« Es war fast ein Blick des Wohlgefallens, den der Franzose dem Pastor gönnte. »Sagen Sie einmal, Herr Pfarrer, es sind doch gewiß Leute im Orte, die diesen Krosigk näher kennen? Schaffen Sie mir solch einen Mann zur Stelle.« »Da ist zum Beispiel der Schulmeister von Beesen,« erwiderte Werkmeister. »Er ist schon lange hier und hat dem jüngsten Sohne auf dem Schlosse Unterricht im Rechnen erteilt.« »Gut, den lassen Sie sofort kommen!« »Aber, ich bitte flehentlich, verraten mich der Herr Major nicht,« bat Werkmeister. »Der Baron von Krosigk ist furchtbar, wenn ihn der Zorn erfaßt.« »Besorgen Sie nichts,« erwiderte Martignac. – Der Schulmeister kam und wurde befragt. Nachdem das Verhör zu Ende war, wurde dem erschrockenen Manne mitgeteilt, daß er die Nacht über unter Bewachung im Pfarrhausese bleiben habe. Der Franzose blieb eine Stunde auf seinem Zimmer, ohne jemand vorzulassen. Werkmeister hörte unten, wie er ruhelos auf und nieder wanderte. Dann kamen die französischen Offiziere, die unwillig nach Speise und Trank verlangten und murrend und fluchend warteten, bis es ihrem Vorgesetzten gefallen wollte, zum Souper zu kommen. »Ein toller Kerl, der Martignac,« sagte der Kapitän auf französisch zum Leutnant. »Kaum drei Tage ist er Major, und schon nimmt er die Allüren eines Marschalls an.« Der zuckte gleichmütig die Achseln. »Dees ischt halt so,« bemerkte er mit philosophischer Ruhe. Endlich erschien der Major. Er sah etwas blasser aus als sonst, aber er war von einer ganz auffallenden Lebendigkeit und Munterkeit. »Sie soupieren in unserer Gesellschaft, Herr Pfarrer,« sagte er zu Werkmeister. »Sie haben der Sache des Kaisers vielleicht einen nicht unwichtigen Dienst erwiesen, indem Sie mich auf diese Spur setzten. Heute bei Nacht und Schnee bringe ich die strapazierten Gäule nicht recht vorwärts, aber morgen in der Frühe nehme ich das Nest aus. Der Vogel wird ja wohl nicht ausgeflogen sein.« Der Pastor wußte wohl, daß er längst ausgeflogen war, aber er hütete sich weislich, es zu sagen. Denn das bessere Wissen wird nicht immer in der Welt nach Gebühr belohnt. X. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als die Franzosen schon vor Poplitz anlangten. Der eine Teil war die Straße entlang geritten, die durch Laublingen und Beesen nach dem Schlosse hinführte; der andere Teil war über eine kleine Brücke der sogenannten Kuhfurt, eines früheren Saalarmes, in den Park eingedrungen und näherte sich also dem mächtigen Gebäude von seiner Rückseite. Man hatte vorher die ersten besten Bauern aus ihren Betten gerissen und sie, notdürftig bekleidet, zur Führung gezwungen. Dabei war den Leuten mit Kolbenstößen eingeschärft worden, daß man sie an die nächste Wand stellen und erschießen werde, falls sie Weg und Steg nicht richtig zeigen würden. Als die Umstellung vollendet war, ritt Martignac mit zehn Reitern vor das Tor und wollte eben anklopfen, als die Seitentür sich öffnete und ein Mann, der eine Pelzkappe auf dem Kopfe, lange Stiefeln an den Beinen und einen mächtigen Knotenstock in der Faust trug, heraustrat. Es war der Kandidat Moldenhauer, der ein begeisterter Frühaufsteher war und eben einen Morgenspaziergang auf den hartgefrorenen Saaledämmen unternehmen wollte. Der Kandidat war sehr erschrocken und fuhr unwillkürlich zurück. Er hatte den französischen Offizier auf den ersten Blick erkannt, und es war wohl möglich, daß auch der ihn wiedererkennen würde, trotzdem er nur hin und wieder flüchtig mit ihm zusammengetroffen war. Aber Martignacs Gesicht blieb ganz kalt und unbeweglich. Er musterte den in der Tür Stehenden nochmals scharf von oben bis unten und fragte dann: »Wer sind Sie?« »Ich bin der Kandidat der Theologie Moldenhauer.« »Kandidat der Theologie? Ha, so sehen Sie nicht aus! Eher wie ein Förster oder Bereiter. Wo wollten Sie hin?« »Spazieren gehen,« sagte Moldenhauer kurz, indem ihm das Blut zu Kopfe stieg über die ungeniert freche und hochmütige Art, mit der man ihn hier ausfragte. »Spazieren gehen? So früh? Seltsam. Nun, leider kann aus Ihrem Spaziergange nichts werden. Sie geleiten mich ins Schloß. Öffnen Sie einmal das Tor!« Moldenhauer mußte sich sagen, daß Ungehorsam oder gar Widerstand hier völlig unsinnig sein würde. Er trat daher schweigend hinein und schob den Riegel zurück, der das Tor verschloß. Die Reiter trabten in den Hof. Ihr Führer ließ auf einer kleinen Pfeife einen scharfen Pfiff ertönen, der von mehreren Seiten erwidert wurde. »Sie sehen, das Schloß ist umstellt,« sagte er zu Moldenhauer. »Wir wollen dem Herrn Baron eine Morgenvisite machen, und Sie werden uns auf der Stelle zu ihm führen.« Aber des Kandidaten Antlitz flog blitzschnell ein triumphierendes Lächeln, und er entgegnete in weit höflicherem Tone als vorher: »Ich bedaure aufrichtig, daß ich Ihrem Wunsche nicht entsprechen kann.« »Was soll das heißen?« fuhr der Franzose auf. »Das soll heißen: Sie werden den Herrn Baron nicht antreffen, denn er ist nicht hier.« Der Major lachte höhnisch. »Nicht daheim? Nun, das kennen wir. Allez! Reizen Sie mich nicht durch Ausflüchte.« »Ich suche keine Ausflüchte,« antwortete Moldenhauer gelassen. »Heute ist der siebente Tag, seit der Herr Baron das Schloß verlassen hat.« Der Franzose sah ihn mit funkelnden Augen an. »Falls Ihre Aussage sich nicht bewahrheitet, lasse ich Sie zwischen zwei Pferde binden und nehme Sie so mit nach Halle!« schrie er. »Zunächst folgen Sie mir als mein Arrestant. Auf, Leute, ins Schloß!« Er sprang vom Pferde und stürmte die Freitreppe empor, die Reiter zum größten Teile ihm nach. Zwei hielten dabei den Kandidaten links und rechts an den Oberarmen gepackt und führten ihn so vorwärts. Der Major öffnete mit gezogenem Säbel die Tür, die links in den Korridor mündete. Er schritt rasch durch eine Zimmerflucht hindurch, blickte in alle Winkel, sogar in die Kamine, kehrte dann wieder um und wollte eine Seitentür des Zimmers öffnen, als Moldenhauer rief: »Nicht hier herein, Herr Major, hier ist der Zugang zu den Zimmern der Damen!« »Schweigen Sie, bis Sie gefragt werden!« herrschte ihn der Franzose an. Er rüttelte an der Tür, sie war verschlossen. »Mein Herr Major,« sagte nun auch der Kapitän Ménard, »bedenken Sie, es sind Damen von Distinktion. Sie werden noch nicht aufgestanden sein, und wir stören sie bei der Toilette.« Der Major trat einen Schritt zurück. »Halten Sie die deutschen Weiber für so sensibel, Ménard?« fragte er rauh. »Das ist ein sehr plumpes Manöver, mon brave . Der Mann steckt sich ins Bett seiner Frau und hofft, daß man ihn da aus Diskretion nicht suchen wird. Dazu sind wir aber nicht dumm genug. Ouvrez la porte, mes dames !« rief er und schlug mit der Faust gegen die Tür. Die öffnete sich nach wenigen Augenblicken. Beide Damen wurden sichtbar, beide völlig angekleidet, beide sehr blaß, aber Fräulein Antoinette trug den Kopf hoch und blitzte den Franzosen zornig und verachtungsvoll an. »Was wünschen Sie, Monsieur?« fragte sie mit schneidendem Hochmut in der Stimme. Ihre Erscheinung verblüffte den Major offenbar etwas, denn er sprach bedeutend artiger: »Madame von Krosigk, wir suchen Ihren Gemahl.« »Der Herr dieses Schlosses ist nicht mein Gemahl, er ist mein Bruder. Was soll er?« »Er ist dringend verdächtig des Hochverrates an Seiner Majestät dem Kaiser,« erwiderte der Franzose. »Wir sind preußische Untertanen,« entgegnete Antoinette schroff. »Das waren Sie,« versetzte der Franzose noch schroffer. »Jetzt herrscht in diesem Lande der Kaiser. Aber ich bin weit davon entfernt, einen Disput mit Damen zu führen; wir wollen Ihren Bruder sehen.« »Mein Bruder ist nicht hier und überhaupt nicht im Schlosse. Mein Ehrenwort!« rief Antoinette. »Das Ehrenwort schöner Frauen mag in galanten Angelegenheiten gelten,« erwiderte Martignac brüsk. »Hier lege ich kein Gewicht darauf. Sie werden es dulden müssen, daß wir Ihre Gemächer durchsuchen!« Antoinette trat, noch tiefer erbleichend, zurück und machte nur eine verächtliche Handbewegung gegen den Sprecher, während ihre Mutter hinter ihr auf einen Stuhl sank und das Angesicht in den Händen verbarg. Nach einer Weile kam Martignac zurück, warf sich finster in einen Sessel und befahl seinen Leuten, die schon das ganze Zimmer und den Vorsaal erfüllten, das Schloß von oben bis unten aufs genaueste zu durchsuchen und keinen Raum und keinen Schrank uneröffnet zu lassen. Das dauerte wohl eine gute halbe Stunde. Während dieser ganzen Zeit saß er da, ohne ein Wort zu sprechen, nagte an seinem kleinen schwarzen Schnurrbarte und nahm von keinem Menschen Notiz. Als aber auch die letzten seiner Soldaten mit der Meldung ins Zimmer traten, ihr Suchen sei vergeblich gewesen, da verzerrte sich sein Gesicht, er stieß einen wilden Fluch aus und zischte durch die zusammengepreßten Zähne: »So werde ich das Haus niederbrennen lassen!« Ein Schreckensruf der Geheimrätin antwortete ihm. Antoinette fuhr empört auf; selbst die französischen Soldaten sahen sich erstaunt und fast erschrocken an. Der Kandidat aber faßte einen verzweifelten Entschluß. Er trat an den Wütenden heran und sagte mit gedämpfter Stimme: »Ehe Sie zu Gewaltmaßregeln schreiten, habe ich Ihnen eine Eröffnung zu machen über den Aufenthalt des Herrn Barons.« »Ah!« ein Blitz zuckte über das Gesicht des Franzosen. »Sie haben mir Eröffnungen zu machen. Sie lassen sich endlich herbei!« »Aber nur Ihnen allein,« fuhr der Kandidat sehr ernst fort. »Ich bitte Sie, mit mir in dieses Zimmer zu treten. – Sie sehen, ich bin unbewaffnet,« setzte er mit einem geringschätzigen Ausdruck in den Mienen hinzu, als der Major zögerte, ihm zu folgen. » Eh bien , ich werde Sie anhören,« sagte Martignac, und schritt hinüber. »Kommen Sie!« »Nun, was haben Sie mir zu sagen?« fragte er, als er sich mit dem Kandidaten allein im Nebengemache befand. Moldenhauer zog einen Schlüssel aus der Tasche. »Dieses Zimmer hier,« begann er, »ist die Arbeitsstube des Barons. Hier ist sein Sekretär. Bevor er abritt, hat er mir den Schlüssel zu einem dieser Fächer übergeben, denn seine Mutter behelligt man mit solchen Angelegenheiten nicht.« Er schloß auf und reichte dem Franzosen ein versiegeltes Dokument. »Sie sehen, das Testament des Leutnants Heinrich Ferdinand von Krosigk. Ich sollte das in die Hände seiner Angehörigen legen in dem Falle, daß er aus dem Felde nicht lebend wiederkehrte. Und das, mein Herr, wird Sie ja wohl davon überzeugen, daß Herr von Krosigk sich nicht hier verborgen hält, sondern daß er zur Armee des Königs abgegangen ist.« Der Franzose betrachtete das Schriftstück angelegentlich und drehte es unentschlossen in den Händen hin und her. Enttäuschung, Unmut, bitterer Ärger spiegelten sich in seinen Zügen wieder. Plötzlich ließ er es sinken und sagte hart: »Wer bürgt mir, daß Sie mir nicht ein abgekartetes Spiel vorspielen?« Der Kandidat stand einen Augenblick erstarrt. Daß auch dieses Mittel nicht verfing, hätte er nicht für möglich gehalten. Aber er faßte sich rasch, und er begriff, daß die höchste Kühnheit hier allein noch helfen konnte. Er erwiderte deshalb, obwohl ihm der Zorn und die Aufregung fast die Kehle zusammenschnürten: »Sie glauben das selbst nicht, mein Herr. Und wenn Sie trotzdem Ihre Drohung wahr machen sollten, so sehe ich mich genötigt, Ihren Offizieren zu eröffnen, daß Sie aus persönlicher Rachsucht handeln, Herr von Worowski.« Unwillkürlich fuhr er nach den letzten Worten zurück, als erwarte er einen tätlichen Angriff. Aber etwas ganz anderes trat ein. Dem Major sanken die Hände schlaff an den Seiten hinab, ein Zittern lief durch seine Gestalt, und es sah fast aus, als wolle er umsinken. »Was ist das? Woher können Sie wissen –« stotterte er. Hastig, ohne Überlegung antwortete der Kandidat, und die Worte sprudelten aus dem Munde des Tieferregten: »Ich kenne Sie von Paris her. Ich war lange in Paris; kenne dort viele französische Offiziere. Einer hat mir Ihre Geschichte erzählt. Dann sah ich Sie vorige Woche bei Sioli in Halle. Kapitän Reichardt machte mich auf Sie aufmerksam. Sie sahen mich nicht, aber ich erkannte Sie –.« Er hielt inne. Eine lange Stille entstand. Dann fuhr der Franzose auf: »Sie haben den Krosigk vor mir gewarnt!« »Das habe ich. Aber er legte keinen Wert darauf. Er konnte nicht warten, bis Sie der Zufall hierher führte, sonst hätte er Ihnen mit jeder Waffe Satisfaktion gegeben. Als ich kam, schrieb er sein Testament. Den andern Tag zog er in den Krieg.« Wieder langes Schweigen. Dann raffte sich der Major auf. »Ich werde das lesen und danach handeln. Gehen Sie hinaus!« Als der Kandidat das Zimmer verlassen hatte, stand der Major noch lange und stierte schweigend vor sich hin. Dann brach er die Siegel des Dokumentes auf und las. Aber schon nach der ersten Seite legte er die Blätter hin, denn was da geschrieben stand, mußte ihm die letzten Zweifel nehmen, wenn er überhaupt noch Zweifel gehabt hatte. So schrieb nur ein Mann, der Abschied nimmt von denen, die er sehr geliebt hat. Schon wandte er sich zum Gehen, da fiel sein Blick auf ein kleines, ebenfalls versiegeltes Billet, das wohl beim Öffnen des großen Briefes heraus auf die Erde geglitten war. Hastig nahm er es auf und las die Aufschrift: »An Fräulein Friederike von Schurff auf Groß-Salze, auszuhändigen, wenn ich nicht mehr bin.« Ohne Bedenken riß er es gleichfalls auf. Im Falle, daß er es ihr nicht mehr sagen könne, stand da geschrieben, sollte das teure Mädchen hierdurch wissen, daß er, Heinrich von Krosigk, sie geliebt habe. Wenn Gott es so füge, daß er im Felde das Leben verliere, so möge sie freundlich seiner gedenken und ihm, dem dann der beste Tod geworden wäre, nicht nachtrauern. Der Franzose sah nachdenklich vor sich hin. Dann trat ein cynischer Ausdruck in sein Gesicht. Er knüllte das Papier zusammen und steckte es in seine Rocktasche. »Friederike von Schurff?« murmelte er. »Merken wir uns das. Wer weiß, wozu es gut ist!« Dann verließ er das Zimmer, schritt mit schnellen Schritten, ohne rechts und links zu blicken, durch das Nebengemach und rief nur in der Tür den Befehl zurück: »Messieurs, wir brechen auf!« Wenige Minuten später hatten die Franzosen sämtlich das Schloß verlassen. »Meine Damen,« sagte der Kandidat Moldenhauer zu der Geheimrätin und dem Fräulein, die erstaunt dasaßen, »bitte, kommen Sie mit in das Zimmer des Herrn Barons. Der Herr Baron hatte mir sein Testament anvertraut. Ein vorsichtiger Mann schreibt so etwas nieder, ehe er ins Feld rückt. Das habe ich dem Franzosen gezeigt. Ich wollte ihn überzeugen, daß der Herr Baron nicht hier, sondern im Felde sei, und es ist geglückt. Ich glaube damit recht getan zu haben.« Die alte Dame ergriff bewegt seine Hand, Antoinette aber rief: »Das war ein sehr guter Gedanke! Sie haben durch Ihre Geistesgegenwart vielleicht das Schloß gerettet!« Sie blickte ihn mit leuchtenden Augen an. So hatte sie ihn noch nie angesehen. Ein großes Glücksgefühl wallte in seiner Seele auf, und die ungeheure Spannung seiner Nerven, die vorausgegangen war, raubte ihm beinahe die Fassung. Er beugte sich auf ihre Hand, um sie zu küssen, und eine Träne fiel darauf nieder. Dann ging er mit einer Verbeugung zur Tür hinaus. »Mein Gott, eben hat er sich als Mann gezeigt, wie mag er nun weinen!« dachte das Fräulein rasch abgekühlt. Ihre Mutter aber sagte sich erschrocken: »Der arme Mensch! Er wird sich doch nicht wirklich etwas in den Kopf gesetzt haben. Das wäre traurig.« Laut aber sprach sie: »Er hat uns einen großen Dienst erwiesen. Wir müssen ihm recht dankbar sein.« Antoinette schwieg ein paar Sekunden, dann entgegnete sie: »Das ist wahr. Auch Heinrich wird ihm danken.« Wie für sich selbst sprechend, fügte sie hinzu: »Schade, jammerschade, daß immer gleich wieder der weiche Mensch zum Durchbruch kommt!« XI. In dem »blauen Hofe«, dem Schurffschen Schlößchen zu Groß-Salze, ging es den Tag nach der Übergabe Magdeburgs zu wie in einem Trauerhause. Die Dienerschaft schlich auf den Zehen über die Treppen und Gänge, niemand wagte ein lautes Wort zu sprechen, nur im Flüsterton verkehrte man miteinander. Denn der Herr des Hauses war plötzlich erkrankt; die unselige Kunde vom schmachvollen Falle der stärksten Festung des Landes hatte den alten preußischen Edelmann aufs Lager geworfen. Er war sonst ein bequemer, etwas indolenter alter Herr, dessen Interessen über seinen Wirtschaftshof nicht weit hinausreichten, und der das Behagen seines Lebens in seiner ausgezeichneten Rebhühnerjagd, einem guten Glase Rotwein und einer wohlgestopften Pfeife fand, Frau und Kinder herzlich liebte, seine Diener wohlwollend behandelte, um den Lauf der Welt und um die Händel des Staates aber sich wenig sorgte. Seines geliebten Preußens Macht und Ehre lag in guten Händen. Zwar Friedrich der Einzige, unter dem er einst als halber Knabe noch ins Feld gezogen war, hatte die strahlenden Königsaugen schon längst geschlossen, aber in Männern wie Braunschweig und Hohenlohe lebte sein Geist noch fort. Daß Preußens Heer das beste und tüchtigste der Welt war, wer mochte das ernsthaft in Zweifel ziehen? Die Staatsmänner nun vollends, die jetzt in Berlin die Zügel in der Hand hielten, waren dem großen Könige, wenn das zu denken erlaubt war, eigentlich sogar überlegen. Denn während er in drei schweren Kriegen eine Provinz erstritten hatte, verdoppelten sie fast den Umfang des Staates durch die Künste des Friedens. Man hatte mit den Feinden des Siebenjährigen Krieges das zerrüttete Polenreich vollends aufgeteilt und dadurch ungeheure Ländermassen gewonnen. Man hatte das reiche Münsterland aus der Erbschaft des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation sich einverleibt. Bedenklich wurde die Sache erst, als man aus Napoleons Hand auch Hannover nahm und dadurch mit den alten Verbündeten des Siebenjährigen Krieges in Feindschaft geriet. Das hatte dem alten Offizier des großen Königs nicht gefallen, das war ein bedenkliches Abweichen von der guten alten Tradition gewesen. Aber immerhin – wenn es zum Kriege kam, dann mußte ja die preußische Glorie in hellem Glanze von neuem erstrahlen. Nun war der Krieg gekommen und mit ihm eine Hiobsbotschaft nach der anderen. Hatte schon die Kunde von Prinz Louis Heldentode den alten Major tief erschüttert, was war das alles gegen die Nachricht, daß in Thüringen das Heer des alten Fritz vor den Franzosen auseinander geborsten war! Und die Schmach wollte nicht enden, die häufte sich immer mehr. Erfurt ergab sich ohne einen Schuß einer französischen Reiterschar, Hohenlohe kapitulierte bei Prenzlau im freien Felde, der Korse zog in Berlin ein, das geliebte Königspaar floh bei Wetter und Sturm nach dem entfernten Osten der Monarchie. Nun war auch Magdeburg gefallen. Nicht einmal eine Belagerung hatte der Kommandant ausgehalten, hatte 24 000 Mann und ungeheure Vorräte einer Heeresmacht ausgeliefert, die nicht stark genug gewesen wäre, die Stadt und Festung ganz und gar einzuschließen. Auf diese Nachricht, die niemand erwartet hatte, war der alte Edelmann in eine wahre Raserei des Zornes verfallen. Er brach in die wildesten Verwünschungen vermischt mit den leidenschaftlichsten Klagen aus, deren Ende ein furchtbarer Weinkrampf bildete. Dann saß er stumpf und teilnahmslos in seinem Lehnstuhle, sprach kein Wort, wollte nicht essen und trinken und warf die geliebte Pfeife, die seine Frau ihm reichte, unwirsch in einen Winkel. So ging es vom frühen Morgen bis zur Abenddämmerung, und wäre Frau von Schurff nicht eine so tapfere und resolute Dame gewesen, so hätte sie längst ihr Herz durch Tränen erleichtert, denn es war ihr weh und jammervoll zu Mute beim Anblicke ihres gebrochenen Mannes. Aber die Tränen saßen bei ihr nicht eben locker. Als die Schatten der Dämmerung sich über das Haus herabsenkten, betrat ein hochgewachsener Mann den weiten, mit Steinfliesen ausgelegten Flur. Er trug die Tracht der Elbschiffer. Die Teerkappe hatte er so tief ins Gesicht gezogen, daß niemand seine Züge zu erkennen vermochte. Ohne sich aufzuhalten, durchschritt er den Raum und stieg die breite Eichenholztreppe empor, die zu dem oberen Vorsaale führte. Dort traf er mit der zweitältesten Tochter des Hauses, Wilhelmine, zusammen, einem hübschen, sechzehnjährigen Mädchen, das von seinen Eltern und den Freunden der Familie allgemein Minettchen genannt wurde. Das junge Fräulein wunderte sich nicht wenig, daß ein Mann in diesem Anzuge so ohne weiteres die Treppe heraufkam und nicht unten wartete, bis ihn jemand bemerkte und nach seinem Begehr fragte. Deshalb rümpfte sie das feine Näschen und fragte etwas von oben herab: »Was will er denn, guter Mann?« »Zu Ihrem Vater will ich, liebes Kind,« erwiderte der Fremde und schob die Mütze aus der Stirn zurück. »Mein Gott, Herr von Krosigk!« schrie das Mädchen leise auf. »Wo kommen Sie denn her und wie sehen Sie aus!« »Ich komme von Magdeburg, bin mit Mühe und Not durchgeschlüpft und der Gefangenschaft entgangen,« antwortete Heinrich von Krosigk in ebenso gedämpftem Tone. »Führen Sie mich gleich zu Ihrem Vater. Ich habe wenig Zeit.« Minette öffnete eine der hohen eichengetäfelten Türen und ließ ihn eintreten. »Guten Abend, gnädige Frau,« sagte er zu Frau von Schurff, die sich eben liebevoll zuredend über ihren Gatten bog und dadurch dem Eintretenden den Anblick des in seinen Lehnstuhl zusammengesunkenen Greises entzog. Sie wandte sich rasch um und erschrak unwillkürlich, als sie dem Gaste ins Antlitz sah. Wohl blitzten seine Augen, aber es war ein düsteres Feuer, das in ihnen flackerte. Das Haar hing wirr um die Schläfen, das Gesicht war blaß und schmal, und auf den ohnehin strengen Zügen lag ein furchtbarer Ernst. »Guten Abend, gnädige Frau,« sagte er noch einmal, »ich bin gekommen, Ihnen und den Ihren Lebewohl zu sagen.« Da richtete sich der alte Major in seinem Stuhle auf, erhob sich mühsam und ging auf ihn zu. Schweigend sahen die beiden Männer einander an, bis mit einem Male der Alte seine Arme um den Jüngeren warf und mit tränenerstickter Stimme schrie: »Krosigk, unser Preußen ist nicht mehr! Alles, alles verloren!« »Noch nicht alles,« sagte Krosigk, indem er ihn freundlich zu einem Stuhle hinführte. »Noch nicht, obgleich, was ich erlebt habe, was meine Augen sehen mußten – die Hunde, die feigen Verräter« – er brach ab und streckte die beiden mächtigen Fäuste vor sich hin, als ob er jemand erdrosseln wollte. Eine dicke Zornesader trat auf seiner Stirn hervor. »Auch Sie konnten die Kapitulation nicht hindern?« fragte Schurff nach einer Pause mit trüber Stimme. »Hindern?« Krosigk lachte schrill auf. »Es wurde von ein paar Stabsoffizieren mit Mühe und Not verhindert, daß der General mich arretieren ließ. Er empfing mich im Kreise seiner Offiziere und hörte meine Rede mit höhnischem Lächeln an, warf manchmal ein »Oh« oder »Ha« dazwischen und erklärte dann kurzer Hand: »Es gibt keine Armee des Königs mehr, wir erhalten keinen Entsatz, und somit muß ich den Platz übergeben.« Ich stellte ihm vor, wie wichtig Magdeburg für die weiteren Kriegsoperationen werden könne, wie der Feind einen großen Teil seiner Truppen vor den Wällen der Festung lassen müsse, und wie dadurch der König Luft bekäme. Antwort: »Soll ich Tausende von Soldaten und Tausende von friedlichen Bürgern für eine Chimäre in den Tod jagen?« Darauf ich: »Die Chimäre heißt Ehre und Vaterland, und wenn dafür Tausende zugrunde gehen, so können sie nicht schöner fallen.« »Ach was!« rief er verächtlich, »mit Ehre und Vaterland und anderen großen Worten macht man die Toten nicht wieder lebendig.« »Was gilt das Leben, wenn die Ehre gerettet wird?« rief ich dagegen. »Wer nicht für sein Vaterland, für Preußen zu sterben weiß, der hat keine Ehre.« »Was wollen Sie damit sagen?« fuhr er auf. »Was ich gesagt habe!« rief ich, und der Zorn kam über mich. »Ich hoffe, daß wenn Sie mich nicht verstehen, Exzellenz, einer der Herren hier mich versteht und dem Könige den Platz erhält!« Die Offiziere sahen mich verdutzt an, und keiner rührte sich, aber der General fing an zu belfern: »Was? Hetzen wollen Sie, die Disziplin untergraben? Hätte mir's denken können, sind ja der Krosigk, der die Krapule bewaffnen will. Scheren Sie sich fort, Herr, sonst lasse ich Sie in Eisen werfen!« Jetzt hätte ich mich auf ihn gestürzt, obwohl ich keinen Degen hatte, aber Tschepe und Alvensleben führten mich hinweg. Ich wollte gleich aus der Stadt heraus, konnte aber nicht mehr, und so mußte ich« – hier sank seine Stimme zu einem heiseren Flüstern herab – »so mußte ich mit ansehen, wie die Reiter des Marschalls Ney in die Festung einzogen, wie die preußischen Adler abgerissen wurden, wie man die Trikolore – doch genug.« Er brach ab und sank auf einen Stuhl, ganz überwältigt und erschöpft. »Mein Gott, Herr von Krosigk, es soll sogleich eine Erfrischung für Sie gebracht werden!« rief Frau von Schurff, in der sich bei diesem Anblicke die sorgliche Sausfrau regte. Er wehrte ab. »Bitte nur ein Glas Wein. Essen mag ich nicht, auch muß ich fort.« »Wie?« rief sie, die Hände zusammenschlagend. »Fort wollen Sie jetzt? Die Nacht ist ja schon fast hereingebrochen.« »Eben die Nacht will ich möglichst benutzen. In Schönbeck hier dicht dabei liegt ein Elbschiff, dessen Kapitän ich gut kenne. Er hat mir diesen Anzug verschafft und nimmt mich mit; von Varby aus komme ich dann mit einem kleineren Schiffe wohl nach Alsleben und von da nach meinem Gute. Dort ordne ich alles für eine längere Abwesenheit und fahre dann als Schiffer die Elbe hinab nach Hamburg. Von dort werde ich leicht nach Memel gelangen und somit zur Armee.« »Sie wollen zur Armee?« rief Frau von Schurff. »Aber, gnädige Frau, Sie können noch fragen?« rief Heinrich von Krosigk stolz. »Jetzt gibt es für einen preußischen Edelmann doch keinen Zweifel, wo er hingehört. Wo der König ist, da ist Preußen. Zu ihm gehe ich, und wenn er nach Rußland übertritt, so folge ich ihm nach Rußland nach.« »Sie Glücklicher!« seufzte der alte Major. »Ach, daß ich wie Sie wäre! Aber ich bin ein morscher Stamm. Schon die Aufregung hat mich krank und elend gemacht. Wie könnte ich einen Winterfeldzug aushalten! So muß ich hinter dem Ofen hocken, während mein König in Todesnot ist!« »Sie haben Ihre Pflicht getan, als Sie jung waren, mein Herr Major; nun ist es an uns Jungen, unsere Pflicht zu tun,« entgegnete Heinrich ernst. Während dessen war Frau von Schurff hinausgegangen und hatte eine Flasche Wein und zwei Gläser mitgebracht. »Es ist die vorletzte Flasche guten Rüdesheimers,« sagte sie. »Ich habe einige im Wandschranke draußen versteckt. Alles übrige hat die französische Einquartierung getrunken.« Schurff goß mit zitternden Händen die Gläser voll, berührte dann mit dem seinigen das Glas seines Gastes und sprach: »Auf Ihr Wohl, Krosigk! Kehren Sie heil aus dem Felde zurück!« »Was liegt an mir! Heil dem Könige und Tod den Franzosen!« rief Krosigk und stürzte sein Glas hinunter. Er ließ ihm rasch noch ein zweites folgen und sagte dann: »Und nun, Herr Major und meine gnädige Frau, noch eine Bitte: vergönnen Sie mir eine Unterredung mit Ihrer Tochter Friederike. Fürchten Sie nicht, daß ich eine sentimentale Rührszene aufführe,« fuhr er fort, als der Major ihn erstaunt ansah, und Frau von Schurff zusammenfuhr. »Ich liebe Ihre Tochter, und wenn wir im Frieden lebten, würde ich heute um ihre Hand bitten. Ich habe daheim einen Brief für sie hinterlassen für den Fall, daß ich sie nicht mehr sehen sollte. Es ist aber, Gott sei Dank, noch Gelegenheit, es ihr mündlich zu sagen, und das möchte ich tun.« »Ach, Herr von Krosigk, nein, jetzt lieber nicht!« rief die alte Dame und rang die Hände. »Sie sind uns ein willkommener Schwiegersohn, und wenn Sie im Lande blieben – mit tausend Freuden! Nun aber gehen Sie in den Krieg. Da bleibt wohl am besten das Wort unausgesprochen, bis Sie – Gott gebe es – zurückkehren.« »Statt aller Antwort frage ich Sie, gnädige Frau, sind Sie der Meinung, daß Ihre Tochter mir auch ihre Neigung entgegenbringt?« »Ich glaube wohl,« murmelte Frau von Schurff. Etwas wie Freude flog über das starre, verstörte Gesicht des Mannes, aber er fuhr sogleich im ernstesten Tone fort: »Sie werden mir zugeben, daß Fräulein Friederike neulich auch bemerkt haben muß, wie zugetan ich ihr bin.« Die alte Dame neigte bejahend ihr Haupt. »Nun sehen Sie,« sagte Krosigk, »dann empfinde ich es als meine Pflicht und ihr Recht, das auch klar und deutlich ihr auszusprechen. Komme ich zurück – meine gnädige Frau, mein erster Gang wird hierher sein. Bleibe ich im Felde, so soll sie einen reinen Schmerz um mich im Herzen tragen. Sie soll nicht an mich denken als an einen, der ihr Avancen gemacht und sie doch im Unklaren gelassen hat. Sie soll es wissen, daß ich sie geliebt habe. Sie wird sich das Leid, wenn es über sie kommen sollte, leichter tragen und überwinden, wenn sie Wahrheit und Klarheit hat. So fühle ich wenigstens, meine gnädige Frau, und so beurteile ich Ihre Tochter. Fühlen und urteilen Sie anders, so füge ich mich und gehe still davon. In Ihrer Hand liegt es, meine Bitte zu gewähren oder zu versagen.« Die alte Dame saß in tiefer Bewegung da. Zwei große Tränen rollten über ihre Wangen. Sie wandte sich zu ihrem Manne und tauschte einen langen Blick mit ihm, und als er ihr freundlich zunickte, da ergriff sie die Hand des Barons und sagte: »Kommen Sie.« »Und Gottes Segen über Sie!« sprach der alte Schurff feierlich. »Er führe Sie gnädig zu uns zurück!« – Friederike saß in ihrem kleinen Mädchenstübchen und hielt ein Nähzeug in der Sand. Aber sie nähte nicht, sie schaute bleich und wie geistesabwesend in das Licht, das vor ihr stand, und fuhr bei jedem Geräusche zusammen, das unten im Hause erklang. Von ihrer Schwester Minette hatte sie erfahren, wer gekommen war, und seitdem schlug ihr das Herz stürmisch und ungestüm. Er kam, um zu gehen, das wußte sie wohl. Ein Mann wie Heinrich von Krosigk konnte nicht anders, er mußte da sein, wo die Not am größten, die Hilfe am nötigsten war. Keine Macht der Erde konnte ihn von dem abhalten, was ihm Pflicht und Ehre geboten. Aber würde er ohne Abschied gehen? Würde er ihr nicht noch etwas sagen von dem, was sie vor einigen Tagen vor Glück im Innersten erbebend in seinen Augen gelesen hatte? Da öffnete sich die Tür, und er trat ein. Frau von Schurff drückte lautlos hinter ihm das Schloß zu und faltete draußen die Sande wie zum Gebete. Dann ging sie hinab zu ihrem Gatten. Friederike sprang auf. Blässe und dunkelste Röte wechselten jäh auf ihrem Antlitz. Sie hob die Augen zu ihm empor, schlug sie aber sogleich nieder, als sein Blick ihr begegnete, in dem die innigste Zärtlichkeit verbunden mit Wehmut und Trauer lag. Langsam trat er auf sie zu und erfaßte endlich ihre Hand, die heftig zitterte. Lange fanden beide keine Worte, dann begann er: »Friederike, ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen. Sie wissen, daß es für mich kein Zaudern geben kann, wenn der König in Not ist. Ich müßte mich selbst verachten und könnte also nicht leben, wenn ich daheim bleiben wollte. Aber Sie haben ein Recht, noch etwas von mir zu hören, ehe ich gehe.« Er atmete ein paar mal tief auf und fuhr dann fort: »Ich darf jetzt nicht die Frage an Sie richten, ob Sie mein Weib werden wollen. Ich darf Ihr Leben nicht an mich ketten, denn ich gehe in den Verzweiflungskampf unseres Volkes, und Gott mag wissen, ob ich zurückkehre. Aber ehe ich gehe, will ich Ihnen noch sagen: ich habe Sie geliebt, Friederike, und werde nie eine andere lieben. Behütet Gott mein Leben, so gehört es Ihnen, wenn Sie es haben wollen. Kehre ich nicht zurück, so werden Sie mich ja wohl beweinen, wenn Sie mir gut sind. Aber lassen Sie die Erinnerung an mich nicht dazwischen treten, wenn sich Ihnen später ein Glück bietet. Das Leben gehört den Lebenden, und ich will, daß Sie ganz, ganz glücklich werden.« Er nahm ihre Hand, die kalt wie Eis in der seinen lag, und wollte sich niederbeugen, sie zu küssen. Sie aber hob die Augen, in denen Tränen standen, mit einem Blicke der tiefsten Hingabe und der innigsten Liebe zu ihm empor und bot ihm die Lippen dar. Da riß er sie an sich und preßte seinen Mund glühend auf den ihren. Gleich darauf aber ließ er sie los und trat zurück. »Verzeihe! Das durfte nicht sein, ich ließ mich hinreißen. Lebe wohl, Friederike. Gott gebe uns ein Wiedersehen!« Wie eine Erscheinung war er entschwunden. Das Mädchen aber sank in die Knie, schlug beide Hände vor ihr Angesicht und weinte bitterlich. Mit tiefgesenktem Haupte und erloschenem Blicke schritt Heinrich von Krosigk die breite Treppe hinab. Drunten in dem Hausflur erwartete ihn die Majorin. »Hier, lieber Krosigk,« sagte sie, »das schenke ich Ihnen, das nehmen Sie mit.« Es war eine kleine Dose, die ihrem Manne gehörte, und auf deren Teckel Friederike als sechzehnjähriges Mädchen abgebildet war. Der Baron küßte ihr die Hand. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Leben Sie wohl,« sagte er. »Gott behüte Sie und führe Sie glücklich zurück. Ich werde für Sie beten, wie für meinen Sohn,« erwiderte Frau von Schurff mit tränenerstickter Stimme. – Heinrich von Krosigk schritt in die Nacht hinaus. Drüben am Hofeingange, wo die acht hohen, wappengeschmückten Sandsteinsäulen standen, wandte er sich noch einmal um und blickte lange, lange zu den beiden Fenstern des oberen Stockes empor, aus denen ein matter Lichtschein drang. Dort ließ er ein Stück seines Herzens zurück. Aber würde er je wiederkehren? Oder war es ihm bestimmt, zu sterben, ehe er recht gelebt hatte? Würde der Schnee des kommenden Winters sein weißes Leichentuch auch über seinem Grabe ausspannen, wie voraussichtlich über den Gräbern unzähliger tapferer Männer? So in ganz ungewohnte Träumerei versunken, ging er die Dorfstraße hinab. Aber die weiche Stimmung seines Gemütes verflog gar rasch, als er an dem hell, erleuchteten Kruge vorbeischritt. Dort sah man Bauern, Schiffer, Handelsleute rauchend und trinkend an einem langen Tische sitzen, und obwohl die Fenster geschlossen waren, verstand der Vorübergehende jedes Wort des Liedes, das da drinnen gesungen oder vielmehr gebrüllt wurde. Es lautete: Fürs Vaterland zu sterben. Wünscht mancher sich. Zehntausend Taler erben. Das wünsch' ich mich. Das Vaterland ist undankbar, Und dafür sterben – o du Narr! Eine Blutwelle schoß dem einsamen Wanderer ins Gesicht, und seine Hände ballten sich zornig. Gleich darauf aber spielte ein bitteres Lächeln um seinen Mund. Das war das Volk, das er hatte bewaffnen wollen! War es nicht in Wahrheit eine armselige Krapule? Waren diese Menschen nicht wie das Vieh, das ruhig von einer Hand in die andere übergeht und zufrieden ist, wenn es nur sein Fressen hat und seinen warmen, behaglichen Stall? Was wußten diese Leute von einem Vaterlande? Sie kannten es nicht, sie höhnten noch darüber. Und waren die Gebildeten etwa besser? Da hatte ein Berliner Professor die Königin Louise in gemeinen Zeitungsartikeln beleidigt, ein Kerl, der früher vor der königlichen Familie im Staube gekrochen war. Da hatte ein anderer Gelehrter den Korsen mit Christus dem Herrn verglichen. Hochgestellte Männer hatten nicht etwa ihre Stellen aufgegeben, waren nicht dem Könige in den Osten gefolgt, sondern besorgten nun die Geschäfte des Feindes und schmeichelten und liebedienerten vor dem, der ihnen den Stiefel auf den Nacken setzte. War dieses Volk nicht durch und durch verdorben, wert dem Mächtigen als Beute zu fallen? War es nicht Unsinn, für die verlorene Nation Blut und Leben hinzugeben? Heinrich von Krosigk richtete sich hoch auf und reckte die Arme, als wollte er die Last solcher Gedanken von sich abschütteln. »Gott wird sie zu Männern erziehen! An uns aber ist es, unsere Pflicht zu tun,« sprach er vor sich hin. Dann ging er mit festen und schnellen Schritten hinüber nach dem Elbhafen. Zweites Buch. I. Das Korn von 1807 stand reif auf dem Halme, und die Landleute in Preußen schickten sich an, es abzumähen. Es war gutes Getreide, schwere, vollwichtige Körner in langen, goldgelben Ähren und eine Erntesonne strahlte vom klaren Himmel hernieder, daß einem richtigen Bauern das Herz im Leibe lachen mußte. Trotzdem fiel es jedem, der durchs Land wanderte, auf, wie ernst und gedrückt die Leute aussahen. Es war ein reicher Erntesegen, aber es fehlte die Freude dabei. Ohne ein Scherzwort arbeiteten die Männer und Frauen auf den Feldern, schichteten die Garben und fuhren sie heim. Sonst hatte sich am Abend die Jugend der Dörfer im Kruge oder unter der Linde zusammengefunden, um des Tages Last und Hitze bei gemeinsamem Gesang, einem Glase dünnen Bieres und mehr oder weniger harmlosen Neckereien zwischen Burschen und Mädchen zu vergessen. Jetzt erscholl selten einmal ein helles Jauchzen oder gar ein Lied durch die Sommernacht. Meist standen die Leute in Gruppen vor den Haustüren, und der Nachbar erörterte mit dem Nachbarn sorgenvoll, was wohl die Zukunft bringen werde, oder man erzählte sich Neuigkeiten, die niemals etwas Gutes verkündigten. So war es auf dem platten Lande, und in den Städten lebten die Menschen auch nicht fröhlicher und sorgloser. Was legte diesen drückenden Bann auf die Gemüter? Was machte die Augen so trübe und die Kerzen so freudlos? War es die Sorge, daß die Kriegsflut über die noch nicht abgeernteten Felder hinbrausen, daß etwa Feindeshand die halbgefüllten Scheunen, die friedlichen Kutten und Häuser in Flammen stecken werde? Nein, es war ja seit einer Woche Friede. Aber welch ein Friede! Zu Tilsit waren sie zusammengetroffen, die drei kriegführenden Häupter, auf einem Flosse mitten auf der Memel, wie sich das Volk erzählte. Dort hatte der unbesiegbare Korse Freundschaft geschlossen mit dem jungen Russenkaiser, und der König hatte stumm zur Seite stehen und zusehen müssen, wie die beiden sich umarmten, und mit anhören müssen, wie sie Europa unter sich verteilten. Für ihn ließen sie nur einen kleinen Teil seiner bisherigen Staaten übrig. Die polnischen Länder im Osten nahm der russische Freund an sich, alle Gebiete im Westen bis zur Elbe riß der französische Kaiser von der Monarchie Friedrichs des Großen ab. Sie gehörten vor der Hand dem Gewaltigen, der sie erobert hatte, sollten aber, wie man hörte, entweder an die Rheinbundfürsten verteilt oder einem Bruder des Siegers als Königreich gegeben werden. Vorläufig waren sie von französischen Truppen überschwemmt, und wenn auch Plünderungen und Gewalttaten fast ganz aufgehört hatten, so richteten die ewigen Requisitionen, Einquartierungen, Fouragierungen, Leistungen von Hand- und Spanndiensten schon fast den Bauern und Handwerker zugrunde. Wie sollte es erst werden, wenn ein ähnlicher Zustand Jahre hindurch anhielt? In Altpreußen, das dem Könige verblieb, stand es nicht besser; denn eine ungeheure, fast unerschwingliche Kontribution war dem schon schwer genug heimgesuchten Lande aufgebürdet, und die Regimenter des Feindes blieben so lange in den Festungen stehen und zehrten vom Schweiße der friedlichen Bürger, bis das letzte Goldstück entrichtet sein sollte. Dazu begannen die unentbehrlichen Kolonialwaren in unerhörter Weise im Preise zu steigen, denn der Kaiser hatte befohlen, alle Häfen des Festlandes gegen England zu verschließen, und der König hatte sich auch diesem Machtspruche unterwerfen müssen. Was sollte werden, wenn man keinen Zucker und Pfeffer und Kaffee mehr kaufen konnte, wenn der fleißige Hausvater am Abend sein geliebtes Pfeifchen Tabak entbehren mußte? Das waren so die Sorgen, die auf die Menschen der Masse, die Stumpfen, die Kleinen, die Armen im Geiste drückten. Viel schwerere Sorgen, viel bitterere Qualen trugen die Höhergesinnten. Es gab doch schon Tausende von Männern und Frauen, die es wie einen unerträglichen Schmerz empfanden, daß der preußische Nationalruhm untergegangen war, daß der Glanz von Roßbach und Leuthen verdunkelt und verblichen war durch die Niederlagen des preußischen Heeres und die noch schmachvolleren Kapitulationen der Festungen. War es nicht wie ein böser, spukhafter Traum, daß an den Toren, die noch Friedrichs Adler trugen, wälsche Truppen Wache hielten und wälsche Kommandoworte widerhallten? War es nicht ein zugleich empörendes und groteskes Schauspiel, wenn man sehen mußte, wie sich die kleinen braunen Kerle aus der Gascogne und der Provence in Lande der märkischen und ostpreußischen Hünen als Herren aufspielten? Viele von denen, die anfangs gleichgültig gewesen waren, wurden nun aufgerüttelt aus ihrem Humanitäts- und Friedensdusel und lernten erkennen, daß die Ehre des Volkes auch jedes einzelnen Volksgenossen Ehre ist. Die scheue oder auch stürmische Bewunderung, die das Genie des »großen« Napoleon gerade bei den Gebildeten so häufig gefunden hatte, schwand dahin wie Schnee vor der Märzsonne, denn man lernte ihn nun kennen nicht nur als erbarmungslosen, sondern auch als gemeinen und rohen Gegner. Manche aber gab es, die trugen des Vaterlandes Demütigung wie ein persönliches Leid; keine Stunde wich aus ihrem Herzen die herbe Trauer und der fressende Grimm über das, was im letzten Jahre geschehen war. Man konnte sie geradezu an dem gramvollen, starren Ausdruck ihrer Gesichter unter den andern Menschen herausfinden. Zu den Leuten dieser Art gehörten offenbar die beiden Männer, die an einem Julimorgen dem Hafen von Memel zuschritten. Sie waren einander sehr ähnlich in ihren Gesichtszügen, aber während der jüngere rüstig und stramm des Weges daherkam, stützte sich der andere schwer auf einen Krückstock und mußte manchmal vor Ermattung stehen bleiben, und die Majorsuniform, die er trug, schlotterte an seinem Leibe. Es war schwer, in diesem hinfälligen Manne mit dem gelblich-bleichen Antlitz den kraftstrotzenden Heinrich von Krosigk wiederzuerkennen, der im Herbste in den Kampf hinausgezogen war. Sein Begleiter war sein jüngerer Bruder Ernst Friedrich, der im Regiment Gardeducorps den unglücklichen Feldzug mitgemacht hatte und nun als Rittmeister a. D. auf einem dänischen Schiffe über Hamburg nach der Heimat zurückkehren wollte. Vor der Landungsbrücke blieb der ältere Krosigk stehen und faßte den Bruder am Arme. »Du reisest also über Groß-Salze und bringst dort die Sache zur Ordnung,« sagte er. »Ich hoffe, daß Schurffs sich nicht weigern werden, Friederike einstweilen nach Poplitz zu unserer Mutter gehen zu lassen. Dort ist sie unter deinem Schutze ganz sicher.« »Gewiß,« entgegnete der Jüngere. »Der Vorschlag ist so richtig und vernünftig, daß niemand etwas dagegen haben kann.« »Und wenn der französische Schuft auch dort noch ihre Kreise stört,« fuhr Heinrich fort, »oder wenn er dir sonstwie in den Weg treten sollte, so weißt du ja, was du dir und unserem Hause schuldig bist.« Ernst von Krosigk tauchte seinen blitzenden Blick tief in die fieberisch glänzenden Augen seines Bruders und sagte dann in einem fast übermütigen Tone: »Die Mahnung wäre überflüssig, lieber Henri. Du weißt, daß mir's ein Vergnügen sein wird, einen dieser Hunde auf noble Manier von der Welt wegzuschaffen, und eine sichere Hand habe ich ja!« »Ja, du warst von jeher ein großer Schütze,« bestätigte Heinrich. »Darin warst du mir über, obwohl ich auch nicht gerade der schlechteste bin. Ach, ob ich wohl je die alten Kräfte und Fertigkeiten wiedererlange?« »Nun, nun, warum nicht?« erwiderte der jüngere Bruder. »Es geht dir doch wieder viel besser, und jeder Tag bringt dich vorwärts in der Genesung. Wer dich noch vor vier Wochen sah, mußte dich für einen Todeskandidaten halten. Jetzt kannst du bereits gehen, und in vier bis sechs Wochen besteigst du vielleicht schon wieder ein Pferd.« »Das gebe Gott! Dieses Krüppeldasein ist unerträglich. Wenn ich nur wenigstens erst meinen Abschied in der Tasche hätte und kräftig genug wäre, heimzukehren.« Ein schrilles, scharfes Läuten, das vom Hinterdecke des Schiffes her erklang, unterbrach ihn. »Das letzte Zeichen zur Abfahrt,« rief Ernst. »Lebe wohl!« »Lebe wohl, grüße alle Lieben daheim!« sagte Heinrich, und die Brüder umarmten sich, beide mit Tränen in den Augen. Dann sprang der Jüngere über die Brücke. »Du kannst dich auf mich verlassen!« war sein letztes Wort. Heinrich stand noch lange auf dem Flecke, wo sie voneinander Abschied genommen hatten, und sah dem Schiffe nach, wie es mit geschwellten Segeln von dannen fuhr. »Es ist schwer, einem anderen das zu überlassen, was man selbst tun möchte, und wenn es der eigene Bruder ist,« dachte er bei sich. Aber allerdings, er konnte sich auf ihn verlassen. Denn dieser Bruder war ihm nicht nur im Äußeren, sondern auch in seinem Charakter überaus ähnlich, ein harter, klarer, tapferer Mensch, nur ohne die Gemütstiefe, die dem älteren Bruder trotz seiner Schärfe eigen war. Endlich drehte er sich mit einem Seufzer um und ging langsam den Strand entlang. Gegenüber dem alten Leuchtturm stand eine einfache Bank aus Holz und Steinen, der strebte er zu und setzte sich nieder. Er hatte sie schon öfter aufgesucht in den letzten Tagen, denn man hatte von hier eine weite Aussicht über die rollenden Wogen der Ostsee, und der Weg, der hierher führte, war von Menschen wenig belebt. Das war ihm besonders lieb, denn er war fast menschenscheu geworden und suchte, wenn er konnte, die Einsamkeit. Er ließ sich schwerfällig nieder, öffnete seinen Uniformrock und entnahm ihm ein Schreiben. Wie oft hatte er in den letzten Tagen die zittrigen Züge der Greisenhand gelesen, die diesen Brief an ihn geschrieben hatte! Er war schon vierzehn Tage alt und war über Kopenhagen befördert worden. Der Schreiber war der alte Major von Schurff auf Groß-Salze, der ihm darin die innigste Teilnahme der ganzen Familie an seiner Verwundung und schweren Krankheit und ihre Freude über seine Wiedergenesung aussprach. Was er aber weiterhin schrieb, war unerfreulich und und widerwärtig genug, und obwohl Heinrich von Krosigk diese Zeilen wohl schon dreißigmal gelesen hatte, versetzten sie ihn auch jetzt wieder in zornige Erregung. Es hieß da: »Nun wird hoffentlich der Friede bald geschlossen werden – gebe der Allmächtige, daß es für uns kein allzu schmachvoller Friede wird, und daß unser Preußen erhalten bleibt! Dann kommen Sie auch wohl bald hierher, lieber Krosigk, und es wird gut sein, wenn Sie kommen. Denn was bei uns passiert, das gefällt mir nicht. Wir werden durch beständige Einquartierung molestiert, der Hof liegt voll gemeines Volk, das Schloß voll Offiziers. Darunter war bis vorige Woche ein Major, ein noch junger, auffallend stattlicher Mensch. Er schien vom ersten Tage an eine heftige Affektion für meine Tochter Friederike zu fassen. Das Mädchen konnte sich während der drei Wochen seiner Galanterie gar nicht erwehren. Auch als ich ihm direkt sagte, sie sei mit einem preußischen Offizier verlobt, ließ er nicht ab von ihr. Endlich reitet er ab mit seiner Schwadron, und ich dankte Gott und machte drei Kreuze hinter ihm und Friederike auch, und am frohesten war meine Frau, die sagte immer: »So muß Luzifer ausgesehen haben,« Aber unser Triumph war zu früh, er war nur bis Magdeburg kommandiert und soll bis auf weitere Ordre in der Festung bleiben. Und nun macht er dem Mädchen von dort aus die Cour, schickt Blumen und Billetts und kommt alle paar Tage unter dem Vorwande, seine Kameraden zu besuchen, von Magdeburg herüber. Was soll man nun machen? Rausschmeißen kann man die Kerls nicht, denn das könnte einem recht schlecht bekommen. Auch bin ich so malade, daß ich viele Tage nicht gehen kann; meine Knie und meine Hände zittern, ich werde es wohl nicht allzu lange mehr treiben auf Erden. Ein Renkontre mit dem Kerl würde deshalb übel ablaufen, auch haben mich Frau und Töchter beschworen, keinen Eklat zu machen. Aber es wäre wohl gut, lieber Krosigk, wenn Sie bald kämen und durch eine Mariage der Sache ein Ende machten. Ich ärgere mich jeden Tag, daß mir die Galle ins Blut tritt.« Dann folgten noch einige Notizen, Grüße, Empfehlungen, Unterschrift, und als Postskriptum war hinzugefügt: »Der französische Offizier, von dem ich oben schrieb, heißt Martignac und ist Major bei den Chasseurs à cheval. Besonders diese Nachschrift war es, die dem einsamen Manne das Herz rascher klopfen machte und ihm die Röte zorniger Erregung in die Stirne trieb. Er wußte nun längst, daß er an diesem Menschen einen Todfeind besaß, daß die Warnung des Kandidaten Moldenhauer keine eitle gewesen war. Daraufhin hatte er bei französischen Offizieren vorsichtig Erkundigungen eingezogen über den Major; es lagen mehrere mit ihm im Lazarett nach der Schlacht bei Eylau, die jenen Wohl kannten. Er war bei seinen Kameraden geschätzt wegen seiner brausenden Tapferkeit, aber unbeliebt wegen seines rücksichtslosen und rachsüchtigen Charakters. Einer erklärte sogar, daß er hin und wieder nicht ganz zurechnungsfähig sei, oder daß er irgend etwas Schweres auf Seele und Gewissen trüge, was ihn zuweilen ganz verstört mache. Heinrich gewann aus dem allen, was er da hörte, die Überzeugung, daß ihm irgendwo und irgendwann mit diesem Menschen noch ein Gang auf Leben und Tod bevorstehe, wenn nicht vorher einer von ihnen beiden in einem Gefechte dahingerafft wurde. Nun war der Kerl in Groß-Salze oder wenigstens nahe dabei. Zufall war das natürlich nicht; er hatte es sicherlich so einzurichten gewußt, daß ihm dieses Quartier und dieses Kommando zuerteilt ward. Ohne Frage hatte er das Billett gelesen, das er, Heinrich von Krosigk, in sein Testament eingeschlossen hatte, denn das fehlte, als ihm Moldenhauer bei seinem kurzen Verweilen auf Poplitz die Ereignisse der letzten Tage erzählte. Der Kandidat hatte von der Existenz eines solchen Briefes überhaupt nichts gewußt. So war jener französische oder polnische Schuft auf unrechtmäßige Weise Mitwisser seines Geheimnisses geworden und beutete das nun aus. Kein Zweifel, er wollte eine Rache an ihm nehmen, wie sie seiner und zugleich teuflischer nicht gedacht werden konnte. Das Weib seiner Wahl, das Mädchen, das er liebte, wollte er ihm abspenstig machen und ihm somit ein Messer ins Herz stoßen. War sie auch sicher vor dem Unholde? Sie war ein reines, stolzes Mädchen; an ihrer Treue zweifelte er nicht. Wie aber, wenn der Franzose mit Gewalt versuchte, was ihm in Güte, durch Schmeichelei und Galanterie nicht gelang? Ihr alter Vater war kein Schutz, ihr junger Bruder im Felde. Ach, hätte er doch auf der Stelle hinreisen können nach Empfang des Briefes, um den Buben zu züchtigen und sein Kleinod in Sicherheit zu bringen! Aber noch band ihn hier sein Fahneneid, noch war sein Dienstverhältnis nicht gelöst, ach, und er war ja sogar jetzt noch zu schwach zum Reisen! Die Rache, die ihm zukam, und die Sorge für die Geliebte hatte er in seines Bruders Hände legen müssen. Gott sei Dank, daß sie da wenigstens gut aufgehoben waren! Denn er kannte seinen Bruder. Wer mit dem feindlich zusammentraf, mochte sich hüten. Mit grimmiger Genugtuung dachte er daran, wie oft der Leutnant Ernst von Krosigk selbst nach einem schweren Gelage das rote Aß aus der Karte geschossen hatte, er war deshalb in der ganzen Armee bekannt und gefürchtet. Der würde dem französischen Polacken hoffentlich einen Denkzettel geben, er war der Mann dazu. Und doch – schlimm, schlimm, daß er nicht selbst fahren konnte. Er preßte die Hände fest über seinem Stocke zusammen und starrte düster vor sich nieder in den Sand. In seinen tiefen Gedanken hatte er dabei überhört, daß Leute in der Nähe aufgetaucht waren, und schrak empor, als dicht neben ihm eine frische Knabenstimme ertönte. Hastig schob er seinen Brief in die Brusttasche des Rockes und wandte den Kopf nach den Spaziergängern um, die schon ziemlich nahe waren. Da ging es wie ein Nuck durch seine Gestalt, er sprang auf, so schnell er vermochte, stellte sich in Positur und grüßte ehrerbietig. Denn die hohe Dame, die, in tiefe Trauer gekleidet, gefolgt von einem Lakaien, langsam daherschritt, war die Königin Luise, und die Knaben an ihrer Seite waren die beiden jüngsten Prinzen Wilhelm und Karl von Preußen. »Bitte, lassen Sie sich nicht stören,« sagte die Königin mit liebenswürdigem Lächeln näher hinzutretend. Mit wem habe ich die Ehre?« »Major von Krosigk, Ew. Majestät.« »Von Krosigk? Der Name ist mir wohlbekannt,« erwiderte die Königin lebhaft. »Ah, ich entsinne mich: in Halle empfing uns bei unserem Einzüge ein Landrat dieses Namens, ein prächtiger alter Herr von auffallend großer Figur mit schneeweißen Haaren. Ist das ein Verwandter von Ihnen?« »Er war mein Vater,« erwiderte Heinrich von Krosigk mit zuckenden Lippen. »Er war? Oh, er ist gestorben?« »Er ruht schon seit zwei Jahren im Grabe.« Die Königin schwieg eine Weile, dann sagte sie: »Ich meine auch, Sie schon gesehen zu haben, mein Herr. Wo war das doch?« »Ich stand früher bei Schwerin, dann bei Alt- Larisch. Aber vielleicht verwechseln mich Majestät mit meinem Bruder bei der Garde du Corps oder mit dem bei Jung-Larisch oder einem meiner Vettern.« »Da scheinen Sie ja einer richtigen Soldatenfamilie anzugehören,« versetzte die Königin lächelnd. »Aber setzen Sie sich, mein Herr,« fuhr sie mit einer anmutigen Handbewegung fort, indem sie selbst auf der Bank Platz nahm. »Sie scheinen krank und angegriffen zu sein.« »Ich kam schon krank hierher infolge einer stürmischen Seereise, wurde dann bei Eylau verwundet und habe mich seitdem noch nicht erholt.« »Eylau?« sagte die Königin halblaut, und ein Schatten flog über ihr Antlitz. Nach einigen Augenblicken fügte sie hinzu: »Entsetzlich, daß auch das vergebens war!« »Es war nicht vergebens, Ew. Majestät,« sagte Heinrich von Krosigk fest. »Der Tag hat die preußische Waffenehre wiederhergestellt, die bei Jena in den Staub gesunken war. Zum ersten Male in diesem Feldzuge flatterten preußische Fahnen über einer siegreichen Truppe. Darum war es ein schöner und großer Tag!« »Aber die furchtbaren Opfer, die vielen Toten!« rief die Königin. »Ach Majestät, konnten sie denn schöner fallen?« entgegnete der Major. »Was kommt darauf an, ob einige Tausend Menschen mehr oder weniger leben, wenn es sich um die Ehre und den Bestand des Vaterlandes handelt! Nichts, gar nichts. Aber das war eben der Fehler unserer Generale, daß sie das kostbare Leben ihrer Leute schonen wollten um jeden Preis. Hätte Hohenlohe bei Jena seine Grenadiere drauf gehen lassen, unbekümmert darum, wie viele über den Haufen geschossen wurden, so ständen wir jetzt, Gott weiß wo! Hier aber sicher nicht.« Di« Königin sah sinnend vor sich nieder. »Sie mögen recht haben,« sagte sie endlich nachdenklich. »Aber es ist furchtbar! Sie waren mit bei Jena?« fragte sie dann mit einem fast scheuen Blicke. »Nein, Ew. Majestät. Ich erhielt die Schreckensnachricht auf meinen Gutem. Ich ging dann nach Magdeburg, um dem Kommandanten ins Gewissen zu reden, aber da war nichts zu machen. Die Festung fiel. Ich entkam und eilte über Hamburg zu Schiffe hierher, um den letzten Kampf mitzukämpfen.« Die Königin hatte sich, während er sprach, ganz zu ihm herumgewendet und sah ihm nun voll ins Gesicht. Ein warmes Leuchten glomm in ihren Augen auf, und sie streckte ihm plötzlich die Hand entgegen. »So sind Sie einer von den Treuen, die in der höchsten Not zum Könige kamen!« rief sie. »Ach, es waren ihrer nicht allzuviele!« »Leider,« entgegnete Heinrich und küßte ehrfurchtsvoll die dargereichte Hand. »Aber, Majestät, wenn die Not und die Schmach die Lauen und Schwachen zu Männern geschmiedet haben wird, dann wird es anders werden. Wir waren ein in Weichheit und Schwäche versunkenes Geschlecht. Aber wir werden wieder hart werden, wie unsere Väter waren, und es werden Tausende und Abertausende zu den Fahnen eilen, wenn der König uns zur Rache aufruft. Dann kommt ein Tag, an dem die Herrlichkeit des Korsen ein Ende mit Schrecken nimmt!« Die Königin sah ihn unverwandt an. »Glauben Sie an einen solchen Tag?« fragte sie leise. »So wahr ich an einen gerechten Gott und an ein besseres Jenseits glaube! Können denn Ew. Majestät wirklich der Meinung sein, daß ein Gebäude Bestand hat, das auf die Lüge, die Ehrsucht, auf alle gemeinen Instinkte der Menschennatur gegründet ist?« »Nein!« rief Luise, und ein prächtiges Feuer strahlte aus ihren großen blauen Augen. »Nein, ich glaube auch wie Sie, daß dieses Reich nicht dauern kann, und hoffe zu Gott, den Tag zu erleben, von dem Sie sprachen. Es wäre Frevel, zu sagen, Gott sei mit Napoleon. Aber offenbar ist er ein Werkzeug in des Allmächtigen Hand, um alles Alte, das kein Leben mehr hat, zu begraben. Es soll eine neue Zeit werden, und er ist gesandt, das Überlebte umzustürzen.« »Majestät!« rief der Major ergriffen, »wie richtig sehen Sie, was Gottes Wege sind! Und was auch kommen mag – Gott der Herr wolle Ihnen und uns allen diesen Glauben erhalten! Es wird und muß doch auf die Nacht das Morgenrot der Freiheit folgen!« Beide schwiegen eine Weile. Dann erhob sich die Königin. »Ich muß nach der Stadt zurück,« sagte sie. »Dort hinten kommt schon die gute Voß, mich zu holen. Werden Sie bei der Armee bleiben, Herr Major?« »Leider muß ich für jetzt den Abschied nehmen, Majestät. Ich habe die großen Güter meiner Familie zu verwalten, die im Saalkreise liegen.« »Im Saalkreise?« wiederholte die Königin mit einem schmerzlichen Lächeln. »Dann sind Sie ja für uns verloren, denn der Kreis ist an Napoleon mit abgetreten.« »Wir müssen uns der Gewalt beugen,« erwiderte Heinrich. »Aber seien Ew. Majestät überzeugt: wo ich auch bin, bleibe ich vor mir und meinem Gewissen ein Vasall des Königs von Preußen. Wir denken alle so, der ganze Adel in unserer Nachbarschaft, die Wedells, die Rauchhaupt, die Trotha und wie sie alle heißen. Kommt der Tag, an dem unser König uns ruft, dann eilen wir über die Elbe zu seinen Fahnen. Nichts kann uns abhalten. Das sage ich Ew. Majestät als ein Gelöbnis.« »So nehmen Sie durch mich den Dank Ihres Königs, und denken Sie auch in Treue an Ihre unglückliche Königin.« »Immer, Majestät, immer!« rief der Major mit Tränen in den Augen und führte noch einmal Luisens dargereichte Hand an die Lippen. Die Königin neigte das Haupt gegen ihn und schritt dann den ankommenden Hofdamen entgegen. Die kleinen Prinzen, die in der Nähe gestanden hatten, lüfteten ihre Mützen und folgten der Mutter. Der Major stand noch lange auf seinen Stock gestützt und schaute ihr nach. »Was sie trägt, tragen wir doch alle nicht,« murmelte er. »Gott lasse sie bessere Tage erleben!« II. Einige Wochen später, in einer stürmischen und regnerischen Augustnacht, kam Heinrich von Krosigk in Magdeburg an. Er war mit Eilpost gereist, und die tagelange Fahrt, auf der die unglücklichen Passagiere auf holprigen Wegen unsanft genug hin- und hergeschüttelt wurden, hatte den noch immer nicht ganz genesenen Mann furchtbar angegriffen. Er war total erschöpft, als er in Magdeburg endlich den großen gelben Kasten verlassen konnte, in den er so lange eingesperrt gewesen war, und als ihn der Posthalter fragte, ob er bei ihm Quartier nehmen wolle, sagte er sofort zu, aß nur ein paar Bissen und warf sich todmüde auf sein Bett. Es war ihm sehr recht, daß er hier Herberge fand; denn er wollte keinen Menschen sehen und sprechen, am wenigsten einem seiner Freunde oder Bekannten begegnen, ehe er in Groß-Salze gewesen war und erfahren hatte, wie es dort eigentlich stand. Denn es mußten sich bei den Schurffs eigentümliche Dinge ereignet haben. Sein Bruder Ernst, der lange in Kopenhagen hatte liegen müssen und offenbar erst vor etwa acht Tagen nach Groß-Salze gelangt war, hatte ihm ein kleines Billett zugehen lassen, aus dem er nicht ganz klug werden konnte. Man tat in jenen Tagen sehr gut daran, wenn man sich in allen Schriftstücken, die man der Post anvertraute, so vorsichtig wie möglich ausdrückte, denn bei der allgemeinen Unsicherheit konnte man nicht wissen, in wessen Hände sie fielen. Ernst von Krosigk aber hatte sein Schreiben doch allzu dunkel gehalten. Der Brief sprach auf zwei Seiten nur von ganz harmlosen Dingen, von seiner Freude, den geliebten Bruder nun bald wiederzusehen, vom Wetter, von der Ernte, vom Befinden verschiedener Verwandten, von der Jagd und ihren diesjährigen Aussichten, und schloß mit den bedeutungsvollen Worten: »Den Fuchs, der unsern Hühnerstall beunruhigte, habe ich glücklich zur Strecke gebracht. An den Hühnern aber kann man sich nicht freuen, sie sind schwächlich und krank; ich glaube, Du tust am besten, sie abzuschaffen.« Die letzten Worte beunruhigten den Major über die Maßen. Wer unter dem Fuchse zu verstehen war, das litt ja keinen Zweifel. Sein Bruder hatte ein blutiges Zusammentreffen mit ihm gehabt und hatte ihn über den Haufen geschossen. Das war beides zu erwarten gewesen und erfüllte ihn mit Befriedigung. Dem Burschen war sein Recht geschehen. Aber was sollte der Zusatz heißen? Hatte Friederike sich irgend, wie nicht ganz würdig benommen, so daß man an ihrem Verhalten keine Freude haben konnte? Oder war es buchstäblich zu nehmen, was sein Bruder schrieb, war sie körperlich krank und siech geworden durch die ewigen Aufregungen, in denen sie gelebt hatte? Darüber grübelte Heinrich, so lange er den Brief besaß, und die Tage und Stunden der Reise erschienen ihm in seiner Ungeduld endlos lang, so sehr brannte er darauf, sich darüber Gewißheit zu verschaffen. Am andern Morgen erfuhr er mit Verdruß, daß die Post erst gegen Mittag abginge. Die mehr als zwei Meilen zu gehen, das traute er seinen geschwächten Kräften noch nicht zu; er wäre sicher ganz erschöpft dort angekommen. So willigte er denn ein, als der Posthalter ihm vorschlug, mit dem Botenfuhrmann zu fahren. Der Mann, der einen Vornehmen in ihm witterte, begleitete ihn selbst nach der kleinen Herberge zum goldenen Eber, von wo aus der alte Boten-Matthies jeden Dienstag, Donnerstag und Sonnabend seine Fahrten nach Schönebeck und Groß-Salze antrat. Der Alte hörte mißtrauisch und verdrossen, daß der fremde Herr mitfahren wollte. »Ihr werdet doch kein Englischer sein?« knurrte er. »Den Englischen passen die Franzosen höllisch auf.« »Beruhige er sich, guter Freund,« sagte Heinrich und drückte ihm einen Taler in die Hand. »Ich habe meinen Paß. Durch mich kann er in keine Ungelegenheiten kommen.« Als der Alte das große Geldstück sah, ging bei ihm die Sonne auf. »Na, denn man zu, Herr!« rief er in seinem derben Platt. »Vor einen Taler kann man sich schon einmal von den Schweinehunden am Tore ankujonieren lassen. Steigen Sie auf, Herr!« Der Planenwagen, vor den ein ungewöhnlich großer, aber ebenso ungewöhnlich dürrer Gaul gespannt war, rasselte schwerfällig über das schreckliche Pflaster dahin, das Magdeburg damals in seinen Nebenstraßen auf. wies. Der Alte fuhr nur durch enge, winklige Gäßchen, die Hauptstraßen möglichst vermeidend, denn das reiche Trinkgeld hatte ihn nur in der Mutmaßung bestärkt, daß mit dem freigebigen Herrn etwas nicht richtig sei, und daß man wohltue, ihn den Blicken der Menschen, soweit es anging, zu entziehen. Am Tore hielt ein französischer Sergeant die Reisenden auf. Der alte Botenfuhrmann war ihm schon bekannt, der brauchte sich nicht zu legitimieren. Aber dem anderen Herrn, der da mitfuhr, forderte er den Paß ab, las ihn durch, schüttelte den Kopf, las ihn nochmals, musterte den Inhaber von oben bis unten und trug das Papier dann in die Wachtstube. Eine Minute später erschien ein französischer Offizier und trat an den Wagen heran. Ein zweiter ward hinter ihm in der Tür sichtbar. »Sie sind der Königlich preußische Major von Krosigk, Monsieur?« fragte der Franzose, der aber seiner Mundart nach ein Rheinhesse war. »Zu dienen,« antwortete Heinrich kühl. »Wie kommt es, Herr Major, daß Sie mit diesem elenden Fahrzeuge reisen?« »Dazu habe ich Gründe, Herr Leutnant, die meine Gründe sind.« Der Offizier wollte auf diese trotzige Antwort hin auffahren, aber als er den Blicken des Majors begegnete, blieb ihm das Wort in der Kehle stecken. Die Augen Krosigks lagen auf ihm mit einem solchen Ausdruck von Haß und Hohn, daß sie ihn geradezu faszinierten. Er trat nach dem Wachthause zurück und sprach leise mit dem anderen Offizier. Beide schauten in den Paß hinein, redeten und tuschelten dann wieder miteinander, zuckten die Achseln, blickten wieder in das Papier, und endlich kam er an den Wagen zurück. »Ihr Paß ist in vollkommenster Ordnung, mein Herr, das Signalement stimmt genau. Wohin fahren Sie zunächst?« »Nach Groß-Salze.« Die beiden Offiziere warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu. »Sie können passieren, mein Herr,« sagte der Leutnant und salutierte. Heinrich von Krosigk griff nachlässig an seine Mütze und murmelte dabei: »Verfluchte Bande!« was der Franzose glücklicherweise nicht verstehen konnte. Denn der alte Matthies hatte bereits seinen Gaul mit lautem Hott und Hüh wieder in Gang gebracht. Die beiden fuhren eine Strecke, ohne ein Wort zu sprechen, die Straße dahin. Heinrich war so in Gedanken versunken, daß er erst nach einer Weile das sonderbare Gebaren des alten Mannes an seiner Seite bemerkte. Kaum waren sie nämlich aus der Hörweite der französischen Wachmannschaft, so fing der Alte an, seinem Begleiter von der Seite die wunderlichsten Blicke zuzuwerfen; seine kleinen, boshaften Äuglein funkelten vor Vergnügen, und er grinste so, daß seine beiden kohlschwarzen Stockzähne hervortraten. Er glich dabei auffallend einem überaus häßlichen alten Affen, der irgend einen bösen Streich zu seiner Zufriedenheit ausgeführt hat. Er grunzte alle möglichen unartikulierten Laute vor sich hin, aus denen sich allmählig die Worte heraushoben: »Dat wunnert mich, dat wunnert mich, Düwel noch mal, dat wunnert mich!« »Was wundert Ihn?« fragte Heinrich erstaunt. »Dat det Rackertüg, de Franzusen, Sei dochlassen hebben.« »Warum?« »Darum, weil Sie doch der Herr von Krosigk sind, der vorig Woche ein' von die Swinegels totgeschossen hat.« »Ah!« Heinrich horchte hoch auf. »Das weiß er?« »Dat weiß jeder in Groß-Salze.« Heinrich schwieg eine Weile, dann sagte er: »Er irrt sich, guter Mann. Nicht ich habe den Franzosen erschossen, es war mein Bruder.« Der Alte schlug eine rauhe Lache auf, grunzte wieder, schlug sich auf die Schenkel, blinzelte den Major pfiffig an und sagte, von neuem die Zähne fletschend: »Hä, hä, nee, Herr! Mi bruken Sei nicks weiß to machen.« Der Major lächelte. »Er ist wohl kein Franzosenfreund, was?« »Hundsfötter, Hundsfötter!« schrie der Alte grimmig und reckte die Faust nach dem Tore zurück. »Mi hebbens dat beste Pird wegnahmen. Nu muß ick mit die olle Schimmähre fahren! Hott, hüh, hüh! Ach, Herr, wenn wir doch den ollen Fritzen noch hätten!« »Da hat er recht,« erwiderte Heinrich von Krosigk. Dann versank er wieder in seine Gedanken. Der wunderliche Alte brummte, schnaubte, grunzte wieder eine Weile, dann prustete er die Worte hervor: »Dat Weibsvolk uff'n blagen Hofe, das kann man all der Düwel holen!« »Wen?« fragte der Major höchst betroffen. »Hm, na ja, die Schurffs-Frölens auf'm blagen Hofe in Salze. Wenn die den Hund nicht plegen täten, er wier all schon krepiert.« Der Major faßte den dürren Arm des Alten mit eisernem Griff. »Was sagt er da? Wen pflegen sie?« »Den französischen Hund, den Sie dotgeschossen hebben.« »Dann ist er nicht tot?« »Nee, hei lebet noch, aber man swack. Hei wier schon dot, wenn ihn dat Fröln nich plegt hätt, wat sin Brut is. Pfui Düwel! Pfui Düwel!« Der Alte spuckte aus, und der Major sank tief erblaßt mit dem Kopfe gegen die harte Leistenlehne zurück. Also die Sachen standen so. Sein Bruder hatte den Franzosen auf den Tod verwundet, und nun pflegte man ihn auf dem Schurffschen Hofe! Friederike und ihre Schwestern pflegten ihn, und sie war dadurch in den Verdacht gekommen, eines Landesfeindes Braut zu sein. Der närrische Greis da an seiner Seite sprach ja nur aus, was als Gerücht im Munde der Leute umlief, und die Leute spuckten also aus und riefen »pfui«, wenn sie von Friederike von Schurff sprachen. Gerechter Himmel, wie war nur so etwas möglich! Waren denn die Schurffs ganz und gar betört und verblendet von Humanitätsschwindel oder sonstigen weichlichen Ideen, daß sie ihren Töchtern das erlaubten? Der alte Schurff, das wußte er, war ein sehr frommer Mann, er gehörte unter die Stillen im Lande. Ging sein Christentum, wie er es verstand, so weit, daß er den Feind, den eine gerechte Strafe getroffen hatte, unter seinem Dache pflegen und warten ließ, und daß er dabei seinen und seiner Töchter Ruf nicht achtete? Ha, zu solchem Christentum war jetzt wahrlich keine Zeit! Wer jetzt die Bibel aufschlug, der sollte die Sprüche lesen, die von der Ausrottung der Feinde Israels redeten. Milde und barmherzige Liebe gegenüber dieser Brut, die das Vaterland knechtete und vom Schweiße und Blute der Landeskinder zehrte, konnte keine Frömmigkeit sein, war armselige weibische Schwäche. Wenn Friederike in solchen Ideen und Gefühlen lebte – wie wenig hatte er sie dann gekannt, wie wenig paßte sie dann zu ihm! Oder sollte gar etwas anderes mitsprechen bei diesem christlichen Werke? Sollte doch das Werben dieses Menschen nicht ohne Eindruck geblieben sein auf ihr Herz? Nein, das – das konnte nicht sein! Er riß sich gewaltsam empor und griff nach seiner Börse. »Sieht er dies Goldstück?« fragte er und hielt einen Louisdor dem Alten vor die Augen. »Hä, hä!« grinste der und schaute begehrlich darauf nieder. »Das kriegt er, wenn er seinen Klepper laufen läßt, was das Zeug hält.« »Hüh!« brüllte der Greis und schlug mit der Peitsche auf das Tier ein. Der Wagen setzte sich in Trab, aber wirklich schnell laufen konnte das alte Pferd nicht mehr. Der Major wäre am liebsten herausgesprungen und zu Fuße weiter gelaufen; aber er wußte wohl, daß er nach tausend Schritten zusammengebrochen wäre. Finster, mit zusammengepreßten Lippen, saß er auf seinem Platze und sprach kein Wort mehr. Endlich war Groß-Salze erreicht. Krosigk griff dem Pferde in die Zügel, daß es sogleich stand. »Es ist gut, Alter. Hier hat er das Geld,« sagte er aussteigend. Mit glänzenden Augen faßte der Greis zu und murmelte dann unzählige Dankesworte. Aber der Major hörte sie nicht mehr, er war schon eine ganze Strecke fort. Ihn drängte es, ins Reine zu kommen, die Wahrheit zu hören. Friederike selbst sollte ihm Rede und Antwort stehen. Als er an den großen Steinsäulen des Eingangs vorüberschritt, kam ihm flüchtig die Erinnerung, mit welch weichen, sehnsüchtigen Gefühlen er bei seinem Abschied hier gestanden und die Wiederkehr erträumt hatte. Es war anders gekommen, als er sich's gedacht hatte. Nicht mit stürmischer Freude eilte er zu ihr, die er damals an sich gerissen hatte, sondern verstimmt und gereizt, mit Bitterkeit im Herzen. Vor dem Hause erkundigte er sich bei einigen Dienstleuten, ob Herr von Schurff zu Hause sei. Ihn wollte er zunächst sprechen. Lag etwa ein väterliches Machtgebot vor, so war ja das eigentümliche Verhalten der Tochter ganz anders zu beurteilen. Dann war sie fast entschuldigt. »Ach Gott, Herr Baron,« sagte Meier, der alte Diener des Kaufes, »Sie wissen noch nicht, daß unseren armen Herrn vor drei Wochen der Schlag gerührt hat?« »Er ist doch nicht tot?« rief Heinrich erschrocken. »Nein, er lebt, er wird auch täglich gesünder, Gott sei Dank. Aber er kann kaum sprechen und ist noch ganz krank.« »So, so,« machte der Major und nagte heftig an seiner Unterlippe. Natürlich war es demnach ausgeschlossen, daß er mit dem Manne über die aufregende Angelegenheit sprechen konnte. »Wo ist die gnädige Frau?« »Die gnädige Frau ist mit den Fräuleins Minettchen und Luischen ausgefahren.« Heinrich stand eine Weile unschlüssig da. Die Eltern hätte er gern gesprochen, ehe er von Friederike eine Erklärung forderte. Nun sah er seinen Plan durchkreuzt. »Fräulein Riekchen ist oben, Herr Baron,« sagte der alte Diener vertraulich. »Entweder pflegt das Fräulein unseren Vater oder« – er dämpfte die Stimme – »den anderen. Ach, Herr Baron, Sie wissen es? Wir haben den Franzosen hier im Hause, den der Herr Bruder dort hinten im Parke über den Haufen geschossen hat. Ach, ist das ein Kreuz und Elend!« Heinrich stand noch immer da, starrte ins Leere und gab keine Antwort. Plötzlich hob er den Kopf empor und erblickte droben Friederike am Fenster. Er sah von unten, wie sie erbleichte und zurücktrat. »Soll ich den Herrn Baron dem gnädigen Fräulein melden?« fragte der Mener. »Es ist gut, Meier,« erwiderte Heinrich. »Ich finde das gnädige Fräulein schon selbst.« Damit ging er schnell ins Haus hinein. Der Alte sah ihm kopfschüttelnd nach. »Mein lieber Herrgott, wie sieht der Herr aus!« dachte er bei sich. »Der Franzose droben kann auch nicht blasser aussehen. Kriegen wir vielleicht den dritten Schwerkranken ins Haus?« Heinrich von Krosigk war inzwischen die Treppen hinaufgestiegen und sah nun Friederike vor sich in einer Türöffnung stehen. Mit einer stummen Handbewegung winkte sie ihm, ins Zimmer zu treten. Er folgte, und als er nun so die Geliebte vor sich stehen sah, blaß, mit blutlosen Lippen, das feine Gesicht so schmal geworden, Züge tiefen Grams im Antlitz, da vergaß er auf einen Augenblick alles, was sein Herz gekränkt hatte. Er streckte ihr die Hände entgegen und rief in tiefer Bewegung: »Friederike!« Sie aber glitt in einen Sessel nieder und brach in ein heißes, herzzerreißendes Weinen aus. Unaufhaltsam flossen ihre Tränen; ein Schmerz von Wochen und Monaten machte sich in ihnen Luft. Keines sprach ein Wort. Erst als ihr wildes, krampfhaftes Schluchzen nachließ, fragte Heinrich ruhig und ernst: »Wollen Sie mir erklären, Friederike, was das bedeutet?« Das Mädchen hob das Haupt empor und sah ihn mit einem Blicke voll Jammer an. »O, Herr von Krosigk, was haben Sie getan?« rief sie. »Ich?« »Sie haben um meinetwillen das Blut eines Menschen vergießen lassen!« »Das Blut eines Feindes!« sagte Heinrich kalt. »Leider mußt' ich's einem andern überlassen. Am liebsten hätte ich's selbst getan.« Friederike starrte ihn mit weitgeöffneten Augen an. »Wie? Ich verstehe Sie nicht,« stammelte sie. »Sie möchten selbst – – –« »Ich möchte selbst in der Lage gewesen sein, meine Pflicht zu tun,« vollendete er. »Ihre Pflicht? O mein Gott!« rief sie und rang die Hände. »Wie kann das Pflicht sein, was Gott der Herr und der Heiland selbst verboten hat?« Heinrich furchte die Stirn. Da war es, was er gefürchtet hatte. Sie sah in ihrem frommen Sinne einen Frevler wider Gottes Gebot in ihm, am Ende sogar einen Mörder, und fühlte sich selbst als Ursache seiner Sünde mit in die Blutschuld verstrickt. Er wußte wohl, daß in manchen adligen Häusern solche Anschauungen herrschten; drüben im Anhaltschen hatte er Vettern und Basen, die akkurat so dachten. Aus Gründen der Humanität und des Christentums erklärten sie sogar den Völkerkrieg für ein barbarisches Überbleibsel aus der Zeit menschlicher Roheit und Unvernunft und träumten davon, daß eine Zeit ewigen Friedens kommen werde, in der alle Nationen friedlich nebeneinander in ihren Grenzen wohnen und um nichts anderes ringen würden, als um die Palme schöner Menschlichkeit. Leider war man ja vorläufig nicht so weit, denn der Napoleon wollte sich nicht zu diesen Ideen bekennen, und unglücklicherweise kam es auf ihn an, ob Friede sein sollte oder nicht. Aber man würde schon noch so weit kommen. Nun gar der Zweikampf zwischen einzelnen Männern erschien ihnen schlechthin als Frevel, als Verletzung des göttlichen Gebotes: du sollst nicht töten. Heinrich hatte für Gedanken solcher Art nie etwas anderes gehabt als ein Achselzucken und ein herbes Wort der Verachtung. Ihm war der Kampf der Vater aller Dinge; alle Fortschritte des Menschengeschlechtes mußten unter ungeheuern Kämpfen errungen werden, und das war gut so. Denn wenn die Menschen nicht mehr fechten und streiten würden, meinte er, so würden ihnen bald die edelsten männlichen Tugenden verloren gehen; der Krieg war die harte Schule, in der die Völker Mut, Entschlossenheit, Ehrliebe und Selbstaufopferung lernten. .' Das war seine Ansicht vom Kriege, er hatte sie unter seinen Freunden oft genug mit feurigen Worten verkündet. Ganz ebenso war er von der Überzeugung durchdrungen, daß der Zweikampf in gewissen Fällen eine Notwendigkeit sei. Er hatte noch niemals einem Gegner im Duell gegenübergestanden, er war kein Raufbold, wie manche seiner jüngeren Kameraden in Potsdam, die gern Händel suchten und sich dann mit ihren Großtaten brüsteten. Jedes Spielen mit dem eigenen oder fremden Leben erschien ihm frivol und verwerflich. Aber Fälle gab es unbedingt, wo ein Mann, besonders ein Edelmann und Offizier, zum Degen oder zur Pistole greifen mußte, und ein Fall dieser Art lag hier vor. Wenn Friederike das verkennen konnte, ja, dann war sie eben in ihrem Denken und Fühlen himmelweit von ihm verschieden, sie lebte dann innerlich in einer anderen Welt als er. War es wohlgetan, zwei Menschen unlösbar aneinander zu binden, die eine verschiedene Anschauung hatten von dem, was ihm das Heiligste war, von der Ehre? Ein Gefühl der Kälte, das er nicht zu bannen vermochte, legte sich über sein Herz. In langem, düsterm Schweigen lehnte er ihr gegenüber an dem Türpfosten, die Arme über der Brust verschränkt, die Lippen fest aufeinandergepreßt. Endlich fragte er: »Hat Ihnen der Mensch einen Antrag gemacht? Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich meine einen wirklichen, ernsten Heiratsantrag.« »Ja.« »Wann war das?« »Einmal schon vor vier Wochen. Dann ein paar Tage, ehe Ihr Bruder eintraf.« »Sie wiesen ihn ohne alle Umschweife klar und bestimmt ab?« »Natürlich! Wie können Sie zweifeln?« rief Friederike fast entrüstet. »Und,« fuhr der Major fort, »Sie ließen ihn auch nicht im unklaren darüber, daß Sie sich bereits einem anderen gegenüber gebunden fühlten?« »Das hat ihm mein Vater mehrmals ganz offen gesagt, einmal auch meine Mutter,« erwiderte Friederike. »Trotzdem also,« sagte Heinrich, »ließ dieser Ehrenmann nicht von Ihnen ab und belästigte Sie weiterhin. Wissen Sie, Friederike, wie ich das nenne? Ich und meinesgleichen nennen das eine Schurkerei. Einem honetten Manne ist die Braut eines anderen unantastbar, auch die Braut des persönlichen Feindes. Denn der Mensch ist mein persönlicher Feind von früher her. Er beehrt mich mit einem fanatischen Hasse, weil ich einmal meine Soldatenpflicht gegen seinen Vater, einen polnischen Halunken, erfüllt habe. Doch das ist hier Nebensache. Jedenfalls hatte mein Bruder Ernst das volle Recht, ihm seine Infamie vorzuhalten, wenn er ihn persönlich traf. Das Weitere ergab sich dann von selbst.« »Mein Gott!« rief Friederike. »Ich war ja bereit, mit Ihrem Bruder zu gehen. Wir alle baten ihn, sich verborgen zu halten, als der Franzose zum Besuche angeritten kam. Aber nein, er trat ihm geradezu in den Weg!« Heinrichs Augen weiteten sich. »Sie alle baten ihn, sich verborgen zu halten? Sie? Nun, das glaube ich. Aber der Herr Major von Schurff zum mindesten mußte wissen, daß ein Krosigk sich nicht versteckt halten durfte, bis es dem Feinde beliebte, das Haus von seiner Gegenwart wieder zu befreien. Nach dieser Auffassung hätte wohl mein Bruder bei Nacht und Nebel mit Ihnen entfliehen sollen?« »Dann wäre wenigstens kein Blut geflossen.« »Allerdings nicht. Dieses kostbare Leben blieb dann erhalten,« sagte Heinrich hart. »Nur schade, daß unsere Ehre das nicht litt!« »Ach, Ehre!« rief Friederike. »Wer kann uns denn die wahre Ehre rauben! Wer recht tut, dem kann kein Mensch seine Ehre nehmen, die er vor Gott und seinem Gewissen hat.« »Vortrefflich,« versetzte Heinrich schneidend, »und wenn ich Diakonus einer Herrnhutergemeinde wäre, so würde ich ohne weiteres Ihnen beistimmen. Ich lebte dann in einem Kreise, in dem ich in höchster Achtung stehen und auch bleiben könnte, wenn ich mich von meinem Feinde beleidigen, selbst tätlich insultieren ließe. Ich lebe aber unter preußischen Edelleuten, und da ist der ehrlos, der eine Beleidigung auf sich sitzen läßt. Vorläufig wenigstens ist das noch so.« »Was geht uns die Meinung anderer an!« entgegnete Friederike. »Sehr viel, mein Fräulein. Ich bin durch meine Geburt in diesen Kreis hineingestellt, darum muß ich mit den Anschauungen dieses Kreises rechnen. Wenn ich mein Haupt nicht mehr hoch tragen kann unter meinesgleichen, dann fehlt mir die Lebensluft, in der ich atmen kann. Ich wäre von dem Momente an ein freudloser, gebrochener Mann, der schwerlich mehr viel Gutes stiften würde. Wäre also der Zweikampf wirklich Sünde, so wäre er doch in der Lage, in der ich mich befinde, das kleinere Übel.« Er machte eine kurze Pause; dann fuhr er fort, indem er sich dabei höher aufrichtete: »Indessen will ich mich nicht etwa mit einer Zwangslage entschuldigen. Davon bin ich weit entfernt. Zwischen uns soll Klarheit sein. Und so sage ich Ihnen denn, Friederike: ich selbst denke so, wie die anderen, und der besondere Ehrbegriff meines Standes hat keinen schärferen Repräsentanten als mich. Wer die Hand nicht jederzeit an der Waffe hat für seine Ehre, der ist mir einfach verächtlich. Das liegt mir so im Blute, das kann mir keiner wegphilosophieren. Wäre ich der Sohn und Enkel von Quäkern oder mährischen Brüdern, so würde ich wohl wie diese sein, kindlich, leidsam und gering. – Mein Geschlecht aber trägt seit tausend Jahren das Schwert, und seine Geschichte ist mit Blut geschrieben. Selbst die Priester meines Hauses waren harte Kriegsleute. Kann ich wie eine Taube denken, wenn ich von Falken oder Adlern abstamme? Ich kann es nicht, und ich will es auch nicht.« Friederike antwortete nichts. Regungslos, die Hände im Schoße gefaltet, saß sie da, nur bei seinen letzten Worten zuckte sie zusammen. »Der Ehrbegriff, der uns im Blute liegt,« fuhr Heinrich fort, »ist stärker als anerzogene Lehren und Grundsätze. Es ist nicht nur beim Manne so. Als ich von Halle zur Armee ging, hatte sich gerade ein junges Mädchen in der Saale ertränkt. Ein Franzose hatte sich an ihr vergangen. Sie war ohne jede Schuld, aber sie konnte nicht leben in ihrer Schmach. Gibt es so eine besondere weibliche Ehre, die nicht nur Gott und uns selbst gegenüber gilt, die uns genommen werden kann ohne unsere Schuld – sollte es da nicht auch eine besondere Mannesehre geben? Für Männer unserer Art sicherlich.« Friederike schwieg noch immer und hielt dabei den Blick gesenkt. Gespannt wartete er auf eine Antwort, aber es erfolgte keine. So begann er denn endlich mit gepreßter Stimme: »Ich sehe, mein Fräulein, wir verstehen uns nicht. Sie erblicken in mir einen Mann, der Blutschuld auf seine Seele geladen hat. Was soll ich Sie da erst noch fragen, was ich fragen wollte! Ich bin umsonst gekommen. So leben Sie wohl!« Friederike erhob sich und blickte ihm ins Auge. Auf ihrem blassen, schönen Antlitz lag ein Zug höchster Entschlossenheit. »Sie irren, Herr von Krosigk,« sagte sie fest. »Ich fürchte, ich irre nicht,« entgegnete er trübe. »Leben Sie wohl, Friederike.« »Nein!« rief sie. »Ihre Gründe überzeugen mich nicht. Aber um meinetwillen haben Sie die Tat auf Ihre Seele genommen. Und soll nicht das Weib« – sie stockte, und tiefe Glut färbte ihr Antlitz – »soll nicht das Weib alles mit dem Manne tragen, den sie – liebt?« Heinrich stand ein paar Augenblicke sprachlos. Daß sie so dachte, überwältigte ihn. Wenn sie ihn so liebte, dann war ja alles, alles gut. Diese starke und hochgesinnte Liebe mußte ja dazu führen, daß sie als sein Weib die anerzogenen schwächlichen und weichen Gedanken überwand und sich in sein Fühlen und Denken vollkommen einlebte. »Friederike!« rief er und breitete die Arme aus. Aber sie trat einen Schritt zurück, und während die Röte langsam aus ihrem Angesichte wich, sagte sie leise: »Noch nicht. Ich habe eine Bitte, die Sie mir gewähren müssen.« »Nun?« »Das Böse, das Sie getan haben, will ich wieder gut machen. Den Mann, den Ihr Bruder niedergeschossen hat, habe ich gepflegt. Wer sollte ihn auch sonst pflegen? Die Mutter ist ja eine tapfere Frau; aber sie kann kein Blut sehen. Minette ist noch ein halbes Kind. Und warum ich das getan habe? Weil ich nicht wollte, daß eine Leiche zwischen mir und Ihnen lag. Gott ist mein Zeuge: aus keinem anderen Grunde. Er ist jetzt noch in Gefahr, in großer Gefahr. Lassen Sie mich, ich bitte Sie, Christenpflicht üben. Lassen Sie mich ihn pflegen, bis er außer Lebensgefahr ist.« Mit einer rührenden Geberde hob sie die Hände zu ihm empor. Heinrich starrte ihr ins Gesicht, als könne er nicht fassen, was ihr Mund eben gesprochen hatte. Die Arme sanken ihm schlaff an der Seite herunter. »Sie wollen« – brachte er mühsam hervor. Dann schoß ihm eine heiße Blutwelle ins Antlitz. »Nimmermehr!« schrie er laut. »Es ist Christenpflicht!« rief sie noch einmal. »Christenpflicht nennen Sie das?« rief er dagegen ganz außer sich. »Christenpflicht? Nein, das sind überspannte, sentimentale Schrullen. Ich bin kein Heide. Ich will nicht, daß der Kerl am Wege stirbt. Aber ins Spital gehört er, dort mag ihn seinesgleichen pflegen. Aus Ihrem Hause muß er heraus, und wissen Sie, warum? Weil er Ihrem Rufe schadet. Man zischelt und tuschelt über Sie, man spuckt aus und ruft pfui, wenn von Ihnen die Rede ist. Denn kein Mensch begreift, wie ein deutsches Mädchen einen schuftigen Franzosen Tag und Nacht pflegen kann, wenn er nicht ihr Liebster ist. So, nun wissen Sie das!« Friederike war unter seinen Worten tief erblaßt. Jetzt zuckte sie zusammen. »Sie wissen wohl, daß das eine Lüge ist,« entgegnete sie mit erstickter Stimme. »Ja, das weiß ich. Aber ich will nicht, daß man die Familie, aus der ich mir mein Weib hole, unter die Freunde der Franzosen rechnet. Ich will nicht, daß man das Mädchen, das ich liebe, ›Franzosenbraut‹ tituliert. Ich lag auf dem Felde von Eylau todwund im Winterschnee eine ganze Nacht. Neben mir tausend Tote, die der korsische Tiger gemetzelt hatte. Da hob ich die Hand zum Himmel und schwur, daß mein Leben, wenn Gott mir's erhalten wolle, der Rache geweiht sein sollte. Rache will ich an diesem Volke, das die Hölle gegen uns entfesselt hat! Und Sie, Sie pflegen einen der Schlächter gesund, auf daß er weiter schlachten kann!« Friederike klammerte sich mit beiden Händen an den Tisch an. »Um Ihretwillen,« murmelte sie tonlos. »Ich kann nicht anders.« »Ich will dieses Opfer nicht! Was ich getan habe, vertrete ich vor meinem Gewissen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu, die Feinde zu lieben und ihnen wohlzutun. Sie schlagen uns sonst vollends tot. Und kurz und gut, ich fordere von Ihnen, daß Sie entweder den Franzosen fortschaffen oder, wenn das nicht geht, das Haus verlassen und zwar unverzüglich. In vier Stunden können Sie mit dem Wagen in Hecklingen sein. Ich selbst werde Sie geleiten. Wollen Sie?« »Nein.« »Das ist Ihr letztes Wort, Friederike?« »Ich könnte nie mit Ihnen glücklich werden, wenn ich nicht alles getan hätte, Ihr Unrecht zu sühnen. Stirbt er, so bin ich bereit, Ihre Schuld mit Ihnen zu tragen,« erwiderte sie leise. »Noch einmal, ohne Umschweife: wollen Sie mir folgen oder nicht?« Sie schüttelte stumm das Haupt. Zu reden vermochte sie nicht. »Dann leben Sie wohl. Ob ich das je verwinden werde – ich weiß es nicht.« Er verbeugte sich stumm und schritt hochaufgerichtet aus dem Zimmer. Draußen aber verließen ihn für ein paar Augenblicke die Kräfte; die Schwäche der Krankheit, die noch nicht ganz überwunden war, kam wieder über ihn. Schwerfällig wie ein alter Mann tastete er sich am Geländer die Treppe hinunter. Mit müden, langsamen Schritten ging er dann über den Hof und die Landstraße entlang nach dem nahen Städtchen Schönebeck. Dort wollte er sich ein Gefährt mieten, das ihn in seine Heimat zurücktragen sollte. III. Am Abend desselbigen Tages saßen in dem großen Gemache neben der Arbeitsstube Heinrichs in Poplitz der Kandidat Moldenhauer und Fräulein Antoinette beim Schachspiele einander gegenüber. Sie hatten einen kleinen Tisch nahe ans Fenster gerückt, und die Abendsonne warf ihre rosigen Strahlen gerade auf das Antlitz der jungen Dame, die über einen schwierigen Zug nachsann. Der Kandidat wandte seine Aufmerksamkeit dem Spiele weniger zu; er beobachtete vielmehr verstohlen seine Partnerin. »Wie ist sie schön!« dachte er, und dabei seufzte er tief auf. Ach, der arme junge Mann hatte in der jüngsten Zeit gar oft und gar tief geseufzt! Er hatte an sich die Schmerzen erfahren, von denen der große Dichter in seinem erhabenen »Trost in Tränen« redet; denn auch für ihn galt ja das Wort: Die Sterne, die begehrt man nicht – man freut sich ihrer Pracht. Leider, leider mußte es gelten, denn seine Neigung war fast hoffnungslos. Das erkannte er ganz klar. Es war eine Schranke zwischen ihnen, die nicht nur Stand und Geburt aufrichteten. Solche Standesschranken waren ja schon früher oft übersprungen worden; der Kandidat kannte mehrere adlige Damen, Freiinnen, Gräfinnen, die gerade Pastoren ihre Hand gereicht hatten. Aber das Fräulein von Krosigk war nicht zur schlichten Pfarrfrau geschaffen, das mußte er mit jedem Tage, den er in ihrer Nähe verbrachte, deutlicher einsehen. Sie achtete das Kleid, das er trug, aber des Königs Rock stand ihr weit höher. Sie sprach mit Interesse über Fragen der Theologie oder des praktischen Christentums mit ihm, aber ganz anders leuchteten ihre Augen, wenn sie von Taten kriegerischen Mutes hörte. Sie lebte ganz in der Geschichte ihres Hauses und erzählte von nichts so gern, wie von Krosigkschen Großtaten im Felde. Dabei konnte sie in wahre Begeisterung geraten. Christian Siegfried von Krosigk, der bei Collin den Heldentod gestorben war und noch im Sterben gerufen hatte: »Kinder, ich kann nicht mehr, ihr müßt das übrige tun!« – der war ihr Lieblingsheld. Sie war eben durch und durch ein Soldatenkind, und ein Mann, dessen Beruf das Predigen des Friedens war, konnte ihr niemals in dem Maße imponieren wie einer, der den Degen trug. Ja, sie war ihm unerreichbar, ihre Welt war nicht die seine. Er war vorsichtig und scharfblickend genug, sich das ganz klar jeden Tag zu sagen, und er war zugleich entschlossen und tatkräftig genug, seine Neigung mit Ernst zu bekämpfen. Nichts sollte ihr verraten, was in ihm vorging, er hatte sich ihr Urteil über Werther wohl gemerkt. Aber bei dem täglichen, oft stundenlangen Zusammensein mit ihr hatte er sich doch nicht immer ganz und gar in der Gewalt. Besonders wenn er den Damen vorlas und manchmal in den Versen der Dichter mit geheimem Schrecken seine innersten Gedanken ausgesprochen fand, dann hätte wohl ein anderes Mädchen aus dem bebenden Tonfalle seiner Stimme oder aus einem scheuen Blicke, der verstohlen zu ihr hinüberschweifte, mancherlei erraten können. Antoinette von Krosigk konnte das nicht. Der Gedanke, der Kandidat der Theologie Johann Philipp August Moldenhauer trüge sich ihr gegenüber mit Liebesgedanken, hätte sie ebenso peinlich wie lächerlich berührt, wenn ihn jemand ernstlich ausgesprochen hätte. Sie hielt ihn für einen gescheiten Menschen, mit dem es sich gut reden und disputieren ließ, und der ungewöhnlich belesen und unterrichtet war. Sie sah auch ein, daß sie geistig sehr viel von ihm profitiere, und daß er es in ausgezeichneter Weise verstand, die mannigfachen Lücken ihrer Bildung auszufüllen und sie zu belehren, ohne pedantisch und langweilig zu erscheinen. Sie achtete ihn sogar als Mann, besonders seit er sich dem aufgeregten französischen Major gegenüber kaltblütig und unerschrocken gezeigt hatte. Aber sie vergaß es doch keinen Augenblick, daß ihr Geschlecht unter Karl dem Großen in dieses Land gezogen war, und daß es eine Zeit gegeben hatte, wo die von Krosigk denen von Anhalt und denen von Wettin vollkommen ebenbürtig gewesen waren. Hochmütig war sie bei alledem nicht; ihre Gesellschafterin Lisette Schicht schwärmte für sie und konnte gar nicht genug Rühmens davon machen, wie wohltätig sie in der Stille unter den armen Leuten der Krosigkschen Dörfer wirke. Einer alten Tagelöhnerfrau hatte sie, da der Arzt nicht zur Stelle war, die niedrigsten Wärterinnendienste geleistet, und in dem Hospital, das einer ihrer Vorfahren bei Poplitz gestiftet hatte, war sie täglicher Gast. Aber sie tat das alles, weil sie es für eine Pflicht der adligen Frau hielt, die Elenden und Armen zu unterstützen, und sie war es gewöhnt, ihre Pflichten ernst und streng zu erfüllen. Sie entwickelte dabei sogar die Gabe, liebreich und freundlich mit den Niedrigerstehenden zu reden und ihnen auch mit Worten wohlzutun. Immer aber fühlte sie sich wie eine Fürstin, die Gnaden austeilt, und sah alle Menschen und das ganze Leben durch den Reif der siebenzackigen Krone an. Am allerwenigsten hätte sie je daran gedacht, sich einem Manne hinzugeben, der sie in eine schlichtere oder sogar niedrigere Sphäre des Lebens hinabgeführt hätte. Ebensowenig fiel es ihr ein, daß ein anderer, und nun noch dazu ein verständiger und kluger Mensch, auf derartige Ideen verfallen könne. Deshalb bemerkte sie von der stillen Verehrung Moldenhauers nicht das Geringste und hätte wohl selbst dann nichts davon wahrgenommen, wenn sein Verhalten auffälliger gewesen wäre. Die Geheimrätin dagegen sah gar wohl, welchen Eindruck, die stolze und schöne Tochter auf den jungen Geistlichen hervorbrachte, und sie sah es mit tiefem Bedauern. Im Anfange war es ihr wenig lieb gewesen, daß ihr Sohn den Kandidaten während seiner Abwesenheit nach Poplitz gesetzt hatte, sie wäre viel lieber mit ihrer Tochter allein geblieben. Aber sein höfliches, taktvolles Wesen hatte ihm schnell ihre Gunst erworben. Die gutherzige alte Dame hatte eine nicht ganz geringe Schwäche für äußeren Schliff, für feine Formen des Umganges, und sie sah mit Erstaunen, wie sicher der Kandidat, der beim ersten Anblick einen etwas burschikosen, ländlichen Eindruck machte, die Umgangsformen der guten Gesellschaft beherrschte. Auch die Unterhaltung mit ihm zog sie mehr und mehr an. Sie war sehr verschieden von der Konversation, die in ihren Kreisen gemacht wurde, und die sie eigentlich von Jugend auf gewöhnt war. Religiöse und künstlerische Fragen wurden da kaum gestreift. Die Herren redeten wohl unter sich auch von ernsten Dingen, vor allem von Politik und mehr noch von den Angelegenheiten des Heeres; denn sie waren fast alle entweder noch aktive Offiziere oder hatten doch wenigstens in früheren Jahren den Rock des Königs getragen. In Gegenwart der Damen dagegen war jedes ernste Gespräch verpönt, wenn nicht ein besonderes Ereignis die Gemüter derartig bewegte, daß man es nicht gut umgehen konnte. Man sprach über das, was sich im Kreise zugetragen, über Familienverhältnisse bekannter und verwandter Käufer, besonders gern auch über den Hof und alles, was mit ihm zusammenhing. In leichtem, anmutigem Flusse glitt die Unterhaltung dahin, selten frivol, selten aber auch anregend und erhebend, denn wenn ja einmal eine ernstere Meinungsverschiedenheit zutage trat, so wurde das Gespräch auf der Stelle in ein anderes Fahrwasser gelenkt, damit nur ja kein Mensch sich aigriere und jedes Echauffement peinlichst vermieden werde. So war es daheim gewesen auf Samtleben, dem Gute ihres Vaters, des braunschweigischen Edelherrn von Cramm, so hatte sie es im Saalkreise wiedergefunden. Auch in der Familie kam es selten zu einer eingehenden Behandlung emster Fragen des geistigen Lebens. Ihr Gatte war dazu schon viel zu sehr durch seine Geschäfte in Anspruch genommen; denn er war ein Landrat gewesen, der sich in hervorragender Weise um den Saalkreis verdient gemacht hatte und der von seinem Könige deshalb mit dem Titel eines Geheimen Regierungsrates ausgezeichnet worden war. Außerdem hatte er sieben große Güter zu verwalten, so daß er froh war, wenn er sich bei einem harmlosen kleinen Jeu oder auf der Jagd von seinen Berufslasten erholen konnte. Die erwachsenen Söhne kamen nur selten nach Haus; Dedo, der älteste, bezog früh die Schule, dann die Universität und wurde Jurist bei der Regierung, die anderen traten nach ihrer Konfirmation als Fahnenjunker bei irgend einem Regimente ein. Die Töchter waren viel zu wenig unterrichtet, um schöngeistige Neigungen pflegen zu können, obwohl sie alle von hellem und schnellem Verstande waren. Sie lernten mit Hilfe einer Nonne fließend französisch parlieren, die Schätze der vaterländischen Dichtung blieben ihnen bis ins reife Jungfrauenalter fast unbekannt. Erst durch ihren Bruder Heinrich, der in Berlin Schillers Dramen kennen und verehren gelernt hatte, war Antoinette darauf gebracht worden, die Werte der schönen Literatur zu lesen. Aber sie hatte kein großes Mitteilungsbedürfnis, was sie bewegte und begeisterte, besprach sie nicht gern mit einem andern Menschen, auch nicht mit ihrer Mutter. Nun hatte Moldenhauer die langen Winterabende dazu benutzt, die Damen mit den zahlreichen Erzeugnissen der zeitgenössischen Dichter und Schriftsteller bekannt zu machen, und er hatte damit bei der Geheimrätin noch mehr Anklang gefunden, als bei ihrer Tochter. Der alten Dame war es zunächst eine Wohltat, daß ihre Gedanken in so edler Weise einmal abgelenkt wurden von der unaufhörlichen Sorge um die im Felde stehenden Söhne, eine Sorge, die sie zwar vor Menschenaugen tapfer verbarg, aber doch beständig mit sich herumtrug. Zuerst gelang ihr dieses zeitweilige Vergessen sehr schwer, und sie war eine ziemlich unaufmerksame Zuhörerin. Allmählich aber gewann diese Art der Unterhaltung einen großen Reiz für sie. Mit wahrer Andacht ließ sie sich einführen in die neue Welt, die sich da vor ihren Blicken erschloß, und bald kam es ihr vor, als habe sie bisher etwas Herrliches entbehrt. Sie hatte bei aller Festigkeit des Charakters ein feines, sinniges Gemüt, und sie war trotz ihrer grauen Haare im Innersten jung geblieben. Kein Wunder, daß ihr das Herz aufging bei dem vielen Schönen und Großen, das sie nun kennen lernte. Die tiefe Glaubensinnigkeit der Schleiermacherschen Reden und die bei aller Glätte der Form so machtvolle und lebenswarme Poesie Goethes überwältigte sie in gleichem Maße. Kein Wunder aber auch, daß sie den jungen Mann, der ihr das alles nahe brachte, weit überschätzte. Sie hielt den Kandidaten für einen bedeutenden Menschen, weil er ihr so Bedeutendes mitteilte, und da er zugleich ein so höflicher, stets dienstbereiter Mensch war, betrachtete sie ihn mit einer Art mütterlichen Wohlwollens. Sie sah es wohl, wie er unter seiner tapfer bekämpften Neigung litt, und deshalb behandelte sie ihn mit ganz besonderer Güte und Freundlichkeit, ja mit einer Rücksicht und Zartheit, über die ihre Tochter manchmal die Stirne kraus zog. In den letzten Tagen freilich hatte sich auch zwischen ihr und ihrem Schützling innerlich eine Kluft aufgetan, und zwar seit dem Tage, an dem ihr Sohn Ernst auf Poplitz eingetroffen war. Der Rittmeister kam eines Tages ganz unvermutet an, machte in seinem ganzen Wesen einen überaus aufgeregten Eindruck und schloß sich gleich nach seiner Ankunft mit Mutter und Schwester zu einer stundenlangen Beratung ein. Nachher ward auch der Kandidat ihm vorgestellt, und man dinierte zusammen. Aber es war ein ungemütliches Mahl; die Geheimrätin saß schweigend und gedrückt auf ihrem Stuhle, das Fräulein schien die gewohnte Lebhaftigkeit ganz verloren zu haben, und der heimgekehrte Sohn des Hauses sprach kaum ein paar Worte, starrte zumeist finster vor sich nieder und beachtete den Gast des Hauses so gut wie gar nicht. Gleich nach Tisch zogen die Herrschaften sich wieder zurück, und noch vor Abend verließ der Rittmeister das Schloß so schnell, wie er gekommen war. Für den Rest des Tages blieben die Damen unsichtbar, und in der folgenden Zeit zeigten sie sich wie verwandelt, Antoinette weniger, aber ihre Mutter ganz und gar. Nicht einmal mehr forderte sie den Kandidaten zum Vorlesen auf, blieb viel in ihren Gemächern allein und hatte hin und wieder verweinte Augen. Kein Zweifel, der Rittmeister hatte eine schlimme Nachricht ins Haus gebracht, und die beiden Damen trugen seitdem eine Last auf ihrer Seele. Es kränkte Moldenhauer über die Maßen, daß er von der Ursache ihres Kummers auch nicht ein Sterbenswörtchen erfuhr. Er hätte ihnen so gern mit Rat und Trost und, wenn es sein mußte, auch mit der Tat zur Seite gestanden und empfand ihre Verschlossenheit als Mangel an Vertrauen, auf das er Anspruch zu haben glaubte. Manchmal kam er sich nun so überflüssig vor, und seine Lage erschien ihm so schief und unwürdig, daß er am liebsten auf und davon gegangen wäre. Aber er fühlte sich durch das Versprechen gebunden, das er dem Baron gegeben hatte, und da dessen Rückkehr erwartet wurde, so wollte er nun die paar Wochen auch noch aushalten. Es wäre ihm wohl auch herzlich schwer geworden, aus eigenem Entschlüsse sich von hier loszureißen, und das war wesentlich mit ein Grund seines Bleibens, wenn er sich's auch nicht klar gestand. Glücklicherweise war in den letzten Wochen Werkmeister erkrankt und mußte sich, da kein anderer zur Hand war, wohl oder übel von ihm vertreten lassen. Das gab ihm Arbeit und eine erwünschte Ablenkung seiner Gedanken. Er machte sich viel zu tun und entzog sich nun auch oft der Gesellschaft der Damen, so daß man sich manchmal außer bei den Mahlzeiten überhaupt nicht sah. Heute war es nach langen Tagen das erste Mal, daß ihn Antoinette wieder zum Schachspiel aufgefordert hatte, und daß er wieder einmal so dicht in ihrer Nähe saß. Sie plauderte dabei so heiter und unbefangen mit ihm, wie schon lange nicht, und er fühlte allen Groll und alles Gekränktsein über ihr Schweigen mehr und mehr aus seiner Seele schwinden. Aber auch seine Liebe zu dem schönen Mädchen, die er bisher so tapfer bekämpft hatte, wallte von neuem mächtig in ihm empor. Sie war ihm nie so anmutig und liebreizend erschienen wie jetzt, wo sie vom leuchtenden Abendglanze umflossen ihm gegenüber am Fenster saß, und er preßte die Lippen fest aufeinander, um sich nicht durch ein Wort oder einen Seufzer zu verraten. Seine Augen jedoch hatte er weniger in der Gewalt, und als Antoinette einmal in die Höhe sah, begegnete sie einem Blicke, vor dessen Glut sie den ihren senkte und zusammenzuckte. Der eine Moment brachte sie zur Erkenntnis, daß die mannigfachen bedeutsamen Anspielungen ihrer Mutter, die sie halb lachend, halb ernstlich geärgert stets zurückgewiesen hatte, doch wohl auf Wahrheit beruhten. Dieser Mann, den sie schätzte und werthielt, beging die unbegreifliche Narrheit, sie zu lieben. Der Gedanke hatte für sie etwas unaussprechlich Peinliches; denn von kleinlicher Fraueneitelkeit, die sich eines billigen Triumphes freut, lebte keine Spur in ihr. Es kam ihr vor, als habe er sich in ihren Augen etwas entwürdigt. Sie wollte dergleichen nicht, es war ihr geradezu widerwärtig. Zugleich dachte sie mit lebhaftem Bedauern daran, daß nun die vielen schönen Stunden unbefangenen Geistesaustausches ein Ende haben mußten. Denn nach diesem stummen Bekenntnis seiner – Schwachheit konnte sie nie wieder mit ihm allein verkehren. Das fehlte gerade noch, daß er seine Blicke etwa in Worte übersetzte und somit eine beschämende Zurückweisung provozierte. Das durfte nie geschehen, dazu achtete sie ihn zu sehr, war ihm auch zu viel Dank schuldig. Am liebsten hätte sie sofort das Spiel abgebrochen, aber das ging nicht an. Man mußte diesen Blick ignorieren. Sie begann daher, als hätte sie gar nichts bemerkt, mit forcierter Lebhaftigkeit zu reden über alles, was ihr gerade in den Sinn kam, und wünschte dabei nichts sehnlicher, als ihre Mutter möchte eintreten und die Szene beenden. Das geschah nun zwar nicht, aber die Erlösung nahte in anderer Weise. Es wurde kräftig an die Tür gepocht, und auf ihr Herein erschien statt des Dieners, den sie erwartet hatte, ein langer, schmaler Herr in tadellosem Gesellschaftsanzuge auf der Schwelle. Sie stieß einen kleinen Schrei der Überraschung aus, denn diesen Herr hätte sie am wenigsten hier vermutet. Es war der Besitzer von Piesdorf, Landrat von Wedell, den die Franzosen im Mai mit mehreren anderen hervorragenden Männern des Saalkreises kurzerhand verhaftet und nach Frankreich transportiert hatten. Es hieß damals, er und die anderen hätten mit dem Könige von Preußen heimlich konspiriert, und sie würden wohl allesamt erschossen werden. Daß er nun glücklich zurückgekehrt war, wußte man auf Poplitz noch nicht. Doppelt freudig überrascht sprang deshalb Antoinette auf und rief: »Herr Landrat! Welche Überraschung! Wie sind Sie denn hereingekommen? Wir haben Ihren Wagen gar nicht gehört.« »Ich bin zu Pferde gekommen, meine Gnädigste, und schon in der Allee abgestiegen, wo sich einer Ihrer Reitknechte herumtrieb. In diesem verzauberten Schlosse fand ich niemanden, der mich melden konnte, und so bin ich auf eigene Faust hereingedrungen. Hoffentlich störe ich nicht.« »Aber bitte, es ist mir eine Freude, Sie zu sehen, wohlbehalten wiederzusehen. Darf ich Ihnen diesen Herrn vorstellen? Herr Kandidat Moldenhauer aus Peißen, den uns mein Bruder während seiner Abwesenheit als Schloßhauptmann und Statthalter hier eingesetzt hat.« Wedell neigte das Haupt freundlich gegen den Kandidaten und bot ihm die Hand. »Ja, ich habe Sie schon kennen gelernt, «sagte er; »Krosigk stellte Sie mir an dem Abend vor, an dem wir die Nachricht von Hassenhausen erfuhren. Aber wie sagen Sie, mein gnädiges Fräulein? Während seiner Abwesenheit? Ist er denn noch nicht zurück?« »Leider noch nicht; aber wir können ihn jeden Tag erwarten.« Der Landrat schüttelte den Kopf. »Merkwürdig. Der Pastor Werkmeister, den ich vorhin traf, sagte mir, er hätte ihn vor einigen Tagen an seinen Fenstern vorüberreiten sehen.« »Das war gewiß mein Bruder Ernst!« rief Antoinette. »Aber auch der ist wieder abgereist, und Sie können nur Mutter und mich sprechen.« »Schade, schade!« sagte Wedell. »Pardon, natürlich ist es mir eine Ehre – aber ich hätte Ihren Bruder so gern gesprochen. Es lag mir unendlich viel daran. Sehr bedauerlich, daß ich ihn verfehle. Ihre Frau Mutter ist aber wohl hier? Ist sie nun ganz wiederhergestellt?« »Gott sei Dank, ja,« erwiderte Antoinette, indem sie den Gast zum Sitzen einlud. »Ich darf vielleicht die Frau Geheimrätin von Ihrem Eintreffen benachrichtigen, Herr Landrat?« mischte sich Moldenhauer in das Gespräch. »Es wäre mir sehr lieb, wenn Sie das tun wollten,« entgegnete Wedell. »Zugleich darf ich mich wohl dem Herrn Landrat empfehlen?« »Adieu, mein lieber Herr Kandidat. Hat mich gefreut. Sie zu sehen. Besuchen Sie mich einmal in Piesdorf.« Er drückte ihm die Hand, und Moldenhauer entfernte sich. Während er nun mit der jungen Dame allein saß, erzählte er ihr auf ihre Fragen von seinen Erlebnissen in Frankreich. »Man hat uns,« so schloß er, »niemals brutal, niemals auch nur hart gehalten, vielmehr ließ man uns alle Bequemlichkeiten zuteil werden, die man sich selber gönnte. Ich habe sogar auf diese Weise Paris gesehen und gründlich gesehen, wohin ich sonst wohl nie gekommen wäre. Aber es ist doch ein entsetzliches Zeichen unserer Knechtschaft, daß unsere Abführung überhaupt geschehen konnte. Man reißt hochangesehene Gelehrte wie Niemeyer, Edelleute von Distinktion wie den Major von Heyden und den Geheimen Rat von Madeweiß, nachts aus ihren Betten, schafft sie fort, trennt sie Monate hindurch von ihren Familien, das alles nur aus Mutwillen, ohne irgend eine juristisch begründete Unterlage zu haben. Eine Schmach ist das, mein gnädiges Fräulein, eine Schmach, die ich im Innersten fühle.« Sein gewöhnlich bleiches und ruhiges Antlitz rötete sich vor Zorn. Indem trat rasch und lebhaft die Geheimrätin ein und begrüßte den Gast sehr freundlich und wortreich; denn Wedell gehörte zu den Leuten der jüngeren Generation, die ihr am meisten sympathisch waren. »Sie müssen mit uns vorlieb nehmen, lieber Landrat,« sagte sie; »aber eine Flasche vom Besten sollen Sie doch auch mit uns Damen austrinken. Wir feiern Ihre glückliche Rückkehr aus Feindesland.« »Bitte nicht, meine verehrte Freundin,« wehrte Wedell ab. »Wein um diese Tageszeit ist mir nicht zuträglich. Ich meide ihn deshalb.« »Nun, dann wenigstens ein Täßchen Mokka,« schlug die alte Dame vor. »Wie? Sie haben noch welchen im Hause?« fragte Wedell erstaunt. »Den heben Sie ja auf, er wird rar werden. Setzen Sie ihn von nun an nur Ihren distinguiertesten Gästen vor.« »Sie, lieber Landrat, rechnen wir immer zu unseren distinguiertesten Gästen,« versetzte die Geheimrätin lächelnd. »Nun, gegenwärtig bin ich nur ein armer Landedelmann,« erwiderte Wedell. »Mit der Landräterei ist es nämlich aus.« »Aus? Wieso?« fragte die Geheimrätin bestürzt. »Erstens einmal deshalb, weil man mich wegen meiner bekannten Gesinnung in einer solchen Stellung weiterhin nie dulden würde, zweitens aber deshalb, weil es von nun an links der Elbe keine Landräte mehr gibt. Ja, ja, meine verehrte Freundin, ich muß Ihnen sonderbare Dinge verkündigen.« »Aber bitte, nehmen Sie doch Platz, Herr Land – Herr von Wedell. Mein Gott, was ist denn geschehen?« »Unser gemeinsamer Freund von Schele hat vor ein paar Tagen eine Vorladung nach Cassel erhalten, um mit den drei französischen Regenten zu konferieren. Dort ist ihm mitgeteilt worden, daß alle die Gerüchte auf Wahrheit beruhen, die jetzt im Lande umlaufen. Wir werden nicht zu Sachsen geschlagen, werden auch keine französische Provinz. Es wird vielmehr aus den preußischen Gebieten, Hessen und Braunschweig ein besonderes Königreich gebildet.« »Französisch werden wir nicht? Gott sei Dank! Das wäre doch das Schlimmste!« rief Antoinette. »Meinen Sie?« fragte Wedell. »Nun, da bin ich ganz anderer Ansicht. Das Königreich, das hier entsteht, wird ein Scheingebilde, weder Fleisch noch Fisch. Der König, den der Korse über uns setzt, wird nichts, als ein französischer Präfekt in Purpur. Wir müssen doppelt zahlen, darin besieht unser Vorzug vor den Gebieten, die dem Kaiserreiche direkt einverleibt worden sind. Denken Sie einmal, meine verehrte Frau: die Hälfte der Domänen behält sich der Blutsauger in Paris vor, um seine Marschälle damit zu dotieren. Von der riesigen Kontribution wird kein Pfennig erlassen, kein Pfennig. Und die Zivilliste des neuen Monarchen soll jährlich mindestens fünf Millionen Franks betragen.« »Gerechter Gott!« rief Frau von Krosigk und schlug die Hände zusammen. »Das ist noch nicht alles,« fuhr Wedell fort. »Das Königreich Westfalen – so wird es nämlich sinnloser Weise genannt – stellt rund fünfundzwanzigtausend Mann zum Rheinbund. Und, meine verehrte Freundin, wer muß diese verrückten Summen aufbringen? Auf dem Papiere heißt es: alle Staatsbürger ohne Unterschied. In Wahrheit sind die Hauptleidtragenden wir, der grundbesitzende Adel. Denn unsere Industrie, unser Handel, unser Bergbau sind ja nicht der Rede wert. Der Grundbesitz zahlt also, und damit die Schraube rücksichtslos angezogen werden kann, sieht die Konstitution eine Grundsteuer bis zu zwanzig Prozent der Einkünfte vor. Und dazu, merken Sie wohl, verlieren wir noch einen guten Teil unserer bisherigen Arbeitskräfte, denn von bäuerlichen Hand- und Spanndiensten, von Frohnden und Arbeitsleistungen irgend welcher Art soll nicht mehr die Rede sein. Adelige Untertanen gibt es nicht mehr.« Die beiden Damen sahen ihn jetzt mit starrem Schrecken an. Keine sagte mehr ein Wort. In dem Gesichte Wedells lag ein unheimlicher Ausdruck unterdrückter Wut, der die seinen Züge entstellte. Die Geheimrätin hatte diesen Mann, den sie seit seinen Kinderjahren kannte, noch nie so gesehen. Stets hatte er etwas Gemessenes, Verbindliches, und nie hatte sie wahrgenommen, daß irgend eine Leidenschaft über ihn Herr würde. Nach einer kurzen Weile hatte er sich gefaßt und fuhr fort: »Reformen mußten kommen. Das wußten wir, und ich wäre der letzte gewesen, der sich ihnen widersetzt hätte. Daß sie aber so kommen, Hals über Kopf, unvorbereitet, von heute auf morgen, das ist für uns ein furchtbarer Schade, für die Befreiten selbst ein Fluch. Grundbesitz zu verwalten, dazu gehört langjährige Erziehung. Läßt man Leute selbständig wirtschaften, die nicht zur Selbständigkeit erzogen sind, so stabiliert man die Herrschaft der Hypothekengläubiger und Landwucherer. Und die wird kommen.« Er stierte wieder finster vor sich hin, dann sagte er, wie aus einem Traume auffahrend: »Sie begreifen wohl nun, verehrteste Freundin, weshalb ich unverzüglich nach Poplitz eilen mußte, obwohl meine Frau daheim krank liegt.« Die Geheimrätin sah ihn etwas erstaunt an. »Ich nehme an, doch nur, um mir diese Hiobsposten zu bringen, lieber Wedell,« erwiderte sie. »Nein, aber um das alles mit Heinrich zu besprechen. Ich glaubte, er sei längst zurück. Kommt er, dann bitte ich dringend, ihn zu mir zu senden oder mich seine Ankunft wissen zu lassen.« »Wir werden Sie zu uns bitten, werter Freund; denn Heinrich soll noch recht erholungsbedürftig sein, und die Strapazen der Reise werden ihn wohl sehr zurückbringen,« sagte sie, und in Gedanken setzte sie hinzu: »Anderes, was auf ihn einstürmte, wohl noch viel, viel mehr.« »Wie? Er ist krank? Doch nicht etwa verwundet?« rief Wedell. »Ach, Sie wissen noch nicht, daß er eine Kugel bei Eylau erhalten hat? Es war keine bedeutende Verwundung, aber er war schon vorher sehr geschwächt durch eine furchtbar stürmische Seereise und ging als Halbgenesener in die Schlacht.« »Das sieht ihm ganz ähnlich,« murmelte Wedell. »Er hat dann lange auf dem Schlachtfelde gelegen und tagelang in einer elenden Baracke. Nur Gottes besondere Gnade hat ihn uns erhalten.« »Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen dazu,« antwortete Wedell. »Aber doppelt wünschenswert erscheint es mir nun, daß er alle die Dinge, die ich Ihnen mitteilte, zuerst durch mich erfährt.« »Warum doppelt wünschenswert?« fragte die Geheimrätin verwundert. Wedell zögerte einen Augenblick mit der Antwort; dann sagte er langsam, als ob er jedes einzelne Wort erwöge: »Offen gesagt: ich möchte es verhindern, daß er in der ersten Wut etwas tut, was sich dann schwer oder gar nicht redressieren läßt.« »Aber bester Wedell, Heinrich ist doch kein Knabe mehr!« rief die Geheimrätin fast gekränkt. »Ich bitte, verehrte Frau, verstehen Sie mich nicht falsch. Sie wissen, wie sehr ich Heinrichs eisernen Charakter und seine großen Fähigkeiten schätze und bewundere. Er ist uns allen überlegen, das weiß ich wohl. Aber sein Fehler ist mir auch nicht verborgen, er liegt in seinem stürmischen, leidenschaftlichen Temperament. Für ihn gibt es keine Vermittlung, er ist allzu wenig Diplomat. Sein Haß gegen das Schlechte ist so unbezähmbar, daß er sich vielleicht sofort in schroffsten Gegensatz zu dem Usurpator und seiner Regierung stellt und damit nicht nur sich, sondern auch unserer guten Sache empfindlich schadet. Besonders zu fürchten wäre das alles, wenn er etwa noch krankhaft gereizt sein sollte.« Die alte Dame sah ihn aufmerksam an. »Sie mögen recht haben,« rief sie, und indem sie ihre Hand leicht auf seinen Arm legte, fügte sie hinzu: »Sie sind ein offener und redlicher Freund!« Wedell neigte das Haupt. »Das bin ich, und er weiß das auch. Deshalb, meine ich, wird er auf meinen Freundesrat einiges Gewicht legen, und mein Rat ist der, daß er sich nicht weigert, wenn der Antrag an ihn gestellt wird, in die Dienste des neuen Königreiches zu treten.« Die Geheimrätin fuhr zusammen, und ihn scheu von der Seite anblickend, fragte sie: »Werden Sie das auch tun, Herr von Wedell?« »Nein, aber nur aus dem Grunde, weil man meiner Dienste nicht begehren wird. Ich bin zu graviert. Ihn aber wird Schele, der selbst Unterpräfekt wird, zum Maire des Kantons Alsleben vorschlagen.« Die Geheimrätin schüttelte den Kopf. »Sie meinen, er wird es nicht tun?« fuhr Wedell fort. »Ja, in der ersten Aufwallung des Zornes sicherlich nicht, da wird er vielleicht den brüskieren, der ihm das vorschlägt. Sehen Sie, eben das will ich verhindern. Denn, meine Gnädige, was soll aus dem Volke werden, wenn wir uns von den Staatsgeschäften zurückhalten? Der neue Herr – es wird der jüngste Bruder des Kaisers sein, Hieronymus Bonaparte – ist dann genötigt, alle Stellen mit Franzosen zu besetzen oder mit niedrigen, feilen Kreaturen, die sonst unsere Knechte waren. Nur dann können wir hoffen, eine bessere Zeit mit vorzubereiten und das Volk in geheimer Anhänglichkeit an unseren alten Herrn zu erhalten, wenn wir die Stellungen von Einfluß, soweit möglich, in unserer Hand behalten. Denn Preußen wollen wir im Herzen immer bleiben und wollen es auch einst wieder vor aller Welt werden. Deshalb müssen wir jetzt zunächst alle Verschwörer werden; und wer das nicht kann, der muß es lernen.« Die Geheimrätin war während seiner Rede in ihren Stuhl zurückgesunken und schaute vor sich nieder, ohne etwas zu sagen. Antoinette aber schlug mit der Hand auf den Tisch und rief mit zornblitzenden Augen: »Das ist ja eine ganz niederträchtige, entwürdigende Lage für deutsche Edelleute! Das lernt mein stolzer Bruder niemals!« »Doch,« sagte Wedell, »denn es ist nötig, und Ihr Herr Bruder ist nicht nur stolz und tapfer und ohne Menschenfurcht, er ist auch klug, und er ist vor allem Patriot. Seinem Könige, seinem Vaterlande wird er auch dieses schwerste Opfer bringen. Ich gebe zu –« »Was ist denn das?« unterbrach ihn das Fräulein und trat rasch ans Fenster. Draußen war ein Planenwagen, gezogen von zwei starken Pferden, in den Hof gefahren und hielt nun. Einige Leute waren neugierig nähergetreten, unter ihnen der alle Schröder. Der hatte kaum mit dem Fuhrmann ein paar Worte gewechselt und das Verdeck zurückgeschlagen, als er spornstreichs auf das Schloß zugelaufen kam. »Was ist's, Schröter?« rief Antoinette, das Fenster aufreißend. »Ach Gott, gnädiges Fräulein, der Herr Baron!« antwortete der Alte. »Er scheint sehr krank!« setzte er hinzu, indem ihm die Tränen in den grauen Schnurrbart liefen. In höchster Bestürzung eilte alles hinaus. Der alten Dame wankten die Knie; sie mußte sich schwer auf Wedells Arm stützen. Auf ein paar Bunden Stroh und ein paar Pferdedecken lag Heinrich von Krosigk totenblaß mit geschlossenen Augen. Plötzlich fuhr er empor. »Vorwärts, Grenadiere!« keuchte er. Dann sank er röchelnd zurück. »Tragt ihn ins Schloß!« rief Antoinette, kaum minder bleich als der Kranke. »Und Schröder – sofort zum Arzte.« Sie faßte mit ihren zitternden Händen das Haupt des Bruders und die Schultern an, unterstützt von Moldenhauer, der auch hinzugetreten war. Wenige Minuten später galoppierte Schröder nach Alsleben, und kurz nach ihm preschte der Kandidat auf dem schnellsten Pferde des Stalles in den dämmernden Abend hinein, um Reil, den bewährten Freund und großen Arzt, an das Lager des totkranken Schloßherrn von Poplitz zu holen. IV. Es waren bange, sorgenvolle Tage, die nun folgten. Die Krankheit hatte den durch Strapazen, Verwundung und seelische Erschütterung geschwächten Körper des Majors mit furchtbarer Gewalt gepackt und hielt ihn fest in eiserner Umklammerung. Tagelang lag er im hohen Fieber und erkannte keinen Menschen, der an sein Bett trat. Hin und wieder versank er in eine totenähnliche Erstarrung, so daß man wähnen konnte, er sei schon gestorben oder werde im nächsten Augenblicke abscheiden. Dann wieder raste er in den wildesten Fieberphantasien, schrie laute Kommandoworte, als ob er ein Bataillon zum Vorgehen anfeuern wolle. Oder er rief: »Mutter, Mutter!« oder »Friederike!« und schwur zähneknirschend, daß er den Hund von einem Franzosen über den Haufen schießen werde. Seine alte Mutter litt entsetzlich unter den fortgesetzten schweren Sorgen um das teure Leben ihres Sohnes, und Antoinettes Wangen fingen an blaß und schmal zu werden, denn sie hatte die Hauptlast der Pflege auf sich genommen und gönnte sich täglich kaum ein paar Stunden der Ruhe. Auch Reil saß oft halbe Tage und Nächte am Lager des Kranken; dazwischen fuhr er wieder nach Halle zurück; vier Pferde standen immer zu seiner Bedienung bereit. So schwebte Heinrich von Krosigk mehrere Wochen hindurch zwischen Leben und Tod, bis am Morgen des fünfzehnten Septembers Reil der Geheimrätin und ihrer Tochter mitteilen konnte, daß die Gewalt der Krankheit gebrochen sei, und daß der Patient menschlicher Voraussicht nach dem Leben und der Genesung entgegenschlummere. Beide Damen waren so bewegt, daß sie in Tränen ausbrachen, bei Antoinette ein seltenes Ereignis. Auch Reil wischte sich verstohlen einen feuchten Tropfen ab, der ihm über die Wange rann. »Sie haben ihn gerettet!« rief die Geheimrätin und ergriff in überströmendem Dankgefühle die Hand des Professors. »Wie können wir Ihnen das jemals danken!« Der berühmte Arzt schüttelte ernst das Haupt. »Nein, meine gnädige Frau,« sagte er, »nicht mir gebührt der Dank; denn hier war meine Kunst machtlos. Wir können getrost sagen, ohne daß das fromme Wort zur Phrase wird: das ist von dem Herrn geschehen und ist ein Wunder in unseren Augen.« »Sie aber waren Gottes Werkzeug!« warf die alte Dame ein. »Ich habe getan, was ich konnte, und ich tat es, um mir einen Freund und dem Vaterlande einen Helden zu erhalten. Übrigens, meine Damen, sind wir noch lange nicht über den Berg. Noch ist der Patient sehr schwach, und Ihre Hauptsorge muß es sein, jede Aufregung von ihm fernzuhalten. Sonst ist ein Rückfall sehr wohl möglich.« Er machte eine Pause und fuhr dann bedächtig fort: »Aus den Phantasien des Kranken scheint mir hervorzugehen, daß er einen französischen Offizier im Duell niedergeschossen hat. Das Duell scheint um jenes Fräuleins willen stattgefunden zu haben, von dem Sie mir erzählt haben, gnädige Frau. Diese junge Dame hat nun aber offenbar eine Neigung zu dem Feinde gefaßt, denn Ihr Sohn beschwor sie oftmals in seinen Delirien, doch endlich von dem Franzosen abzulassen und ihm zu folgen.« »Ganz so verhält es sich nicht, lieber Professor,« entgegnete die Geheimrätin und erzählte dem Arzte, was sie von ihrem Sohne Ernst erfahren hatte. »Offenbar ist es auch Heinrichs Zureden nicht gelungen, sie von der Pflege des Verwundeten abzubringen, und höchst wahrscheinlich hat es in Groß-Salze einen schlimmen Auftritt gegeben,« schloß sie ihren Bericht. Reil saß in tiefem Nachdenken da, als sie geendigt hatte. »Ein merkwürdiger Fall,« sagte er endlich, »Und wissen Sie, meine verehrteste Frau, daß mir das Verhalten dieses Fräuleins von Schurff eigentlich gefällt? Sie erinnert mich geradezu an die rührendste Frauengestalt der griechischen Tragödie, die im schweren Konflikte der Pflichten das schöne Wort spricht und nach ihm handelt: Nicht mitzuhassen – mitzulieben weiß ich nur.« Die Geheimrätin fand nicht sogleich eine Antwort; aber Antoinette rief in fast gereiztem Tone: »Wie, Sie finden das schön? Ich finde es empörend weich und weibisch!« »Wenn Sie statt weibisch ›weiblich‹ sagen wollten,« versetzte Reil mit seinem Lächeln, »so würden Sie meiner Ansicht nach das Richtige treffen. Ja, sie ist im höchsten Sinne weiblich, die Scheu, über Blut und ein vernichtetes Leben hinweg zu seinem Glücke zu schreiten. Echt weiblich auch das Bestreben, zu verbinden und zu heilen und gut zu machen, was der Geliebte gefehlt hat.« Halten Sie denn meines Bruders Tat für fehlerhaft?« rief Antoinette. »Ich nicht, mein gnädiges Fräulein. Der feindliche Offizier wußte ganz genau, was er wagte, und daß ein preußischer Offizier und Mann von Adel ihn daraufhin fordern mußte . Er hat sich also sein Schicksal selbst bereitet. Aber es handelt sich auch gar nicht um meine Auffassung, ebenso wenig um die Ihre, sondern um die Auffassung des Fräuleins von Schurff. Sie sagen, verehrte Frau, sie sei in etwas pietistischen Grundsätzen erzogen worden? Nun, diese Grundsätze sind ihr also in Fleisch und Blut übergegangen, und sie handelt danach, tut nach ihrem Gewissen, läßt selbst den Liebsten im Zorne scheiden, ehe sie nachgibt. O, das ist doch auf jeden Fall ein Charakter, und wenn ich ihre Handlungsweise vielleicht ein wenig überspannt fromm nennen möchte, das tut nichts; alle Hochachtung vielmehr vor diesem reinen Willen! Achtungswert in jedem Falle! Ich kann nur wünschen, daß Ihr Sohn sich wieder mit ihr zusammenfindet; denn auf solch ein Herz kann er sein Glück gründen.« Antoinette lehnte sich mit eisiger Miene in ihren Stuhl zurück und sah mit zusammengepreßten Lippen an Reil vorüber zum Fenster hinaus. Ihre Mutter dagegen rief, wie von einer Last befreit aufatmend: »Sehen Sie, lieber Freund, so ähnlich habe ich oft gedacht. Ich getraute mir nur nicht es auszusprechen; ja ich wagte kaum, so zu denken, weil der, den sie pflegte, ein Franzose war. Aber jetzt erkenne ich's und will's nun auch sagen: sie hat edel und christlich gehandelt, sie ist eine bessere Christin, als wir vielleicht alle.« Antoinette erhob sich ungestüm. Ihre Augen funkelten zornig durch Tränen, und sie rief mit erstickter Stimme: »Mutter, Mutter, das sagen Sie? Da drin liegt Ihr Sohn, den die Franzosen beinahe erschossen hätten, und nun soll es Christenpflicht sein, diese Brut zu pflegen! Es ist vielmehr die erste Pflicht für ein deutsches Mädchen, jede Berührung mit der Bande zu vermeiden, und Heinrich hat recht, tausendmal recht, wenn er sie nun laufen läßt. Sie paßt nicht zu ihm!« Ehe ihre Mutter ein Wort erwidern konnte, war sie zur Tür hinausgeeilt. Die Geheimrätin blickte ihr bekümmert nach. »Ja, sehen Sie, was soll man nun sagen?« klagte sie. »Hat sie nicht auch wieder recht mit dem, was sie sagt, wenn auch so harte Worte im Munde eines Mädchens nicht schön klingen? Sie ist ganz wie ihre Brüder, und ich fürchte, Heinrich wird auch so denken und nie wieder eine Brücke nach Groß-Salze finden. Er hatte von Kind auf einen fürchterlich harten und starren Sinn.« »Ja, das müssen wir nun der Zeit überlassen, verehrte gnädige Frau,« gab Reil zur Antwort, »und wenn ich mir einen Rat erlauben darf: rühren Sie nicht an diese Wunde. Sucht er eine Aussprache mit Ihnen, gut, dann sagen Sie ihm ehrlich, wie Sie denken. Vielleicht dauert es lange, ehe er sich dazu entschließt; vielleicht aber erkennt er bald, daß Fräulein von Schurff zwar einen anderen Standpunkt hat als er, aber doch eben auch einen edeln und vornehmen Standpunkt. Dann kann er, falls er das Mädchen wirklich liebt, sehr wohl den Weg zu ihr zurückfinden.« »Wenn sie nur auch wirklich zu ihm paßt!« rief Frau von Krosigk. »So sicher ich das früher glaubte, so groß sind jetzt meine Bedenken.« »Ach, werteste Frau,« erwiderte Reil, »zu einer glücklichen Ehe gehört meiner Ansicht nach nur zweierlei: von beiden Seiten wirkliche Liebe und auf beiden Seiten ein wahrhaft vornehmer Charakter. Auf dieser Basis lassen sich alle Meinungsverschiedenheiten überwinden. Was ist denn die Ehe überhaupt, als ein beständiges Sichineinanderfügen und Sichineinanderfinden zweier ungleichartiger Menschenwesen! Gleichartiges sucht sich selten. Der männlichste Mann sucht immer das weiblichste Weib und umgekehrt.« Er erhob sich. »Stellen wir diese Frage dem anheim, der die Herzen der Menschen lenkt. Jetzt gestatten Sie mir, mich zu empfehlen, liebe gnädige Frau. Sollte irgend eine Komplikation bei unserem Patienten eintreten, so senden Sie mir auf der Stelle Ihr Viergespann. Aber ich glaube es nicht. Wenn ich richtig sehe, wird seine Genesung langsam aber stetig vorschreiten.« – Reils Voraussagung ging in Erfüllung. Die Kräfte des Kranken nahmen mit jedem Tage etwas zu, stiegen erst ganz langsam, dann immer schneller. Seine starke Natur hatte den Sieg davongetragen über die Mächte des Todes. Aber freilich, der bleiche Mann mit den scharfen Zügen und den eingesunkenen Augen, der langsam und mühselig, auf seinen Krückstock oder seiner Schwester Arm gestützt, durch die Zimmer des Schlosses schlich, hatte wenig gemein mit dem wilden Heinrich von Krosigk, der im vorigen Jahre auf schäumenden Pferden durch Wald und Feld dahingejagt war. Vor der Hand war er ein körperlich gebrochener Mann, der sich nicht die geringste Anstrengung zumuten durfte. Aber auch die Schwungkraft seines Geistes schien gelähmt. Er saß meist finster vor sich hinbrütend da und gab auf das, was man ihn fragte, nur kurze, mürrische Antworten. Selten fragte er nach irgend etwas aus freiem Antriebe, und was er fragte, betraf meist Fragen der Politik. Mit großer Schonung brachte ihm seine Schwester bei, was sich ereignet hatte, und mit gesenktem Haupte hörte er an, daß aus den abgetretenen preußischen Gebieten und den Ländern der verjagten Fürsten von Braunschweig und Hessen ein Königreich Westfalen gebildet worden sei. Als aber Antoinette weiter erzählte, der Bruder des Kaisers, Jérôme Bonaparte, werde den neuen Thron besteigen, wurde er blaurot vor Wut, und das Fräulein sprang erschrocken hinzu, weil sie einen Schlaganfall befürchtete. »Also einem Lederhändler aus Baltimore werden wir zu gehorchen haben!« stieß er hervor. »Oder war es Seide, womit er handelte? Schmach über Schmach! Ich dachte, man würde uns wenigstens an einen Wettiner verschenken!« Er schwieg eine Weile und starrte vor sich hin. »Da wird wohl Braunschweig Residenz?« fragte er dann plötzlich. »Nein, Cassel,« erwiderte Antoinette. »Ah so, trefflich spekuliert!« sagte er höhnisch. »Weil der alte Kurfürst der schlechteste war unter den deutschen Landesvätern, so meint der Korse, dort werde das Volk seinem Bruder am meisten zujubeln. Sehr sinnreich gedacht und doch falsch. Denn er kennt die Hessen nicht, den treuesten und zähesten aller deutschen Stämme. Die lassen nie und nimmer von ihrem alten Herrscherhause. Die Sünden des schmierigen Soldatenverkäufers werden bald vergessen sein, aber die Anhänglichkeit an die alte Dynastie wird unter der Fremdherrschaft immer stärker werden.« Nach einer Weile setzte er im Tone tiefster Bitterkeit hinzu: »Also wo Hohenzollern, Welf und Brabant bis jetzt geboten, ziehen ein Advokatensohn und eine amerikanische Kaufmannstochter im Purpur ein. Ekelhafte Zeit!« »In einem irrst du,« versetzte Antoinette. »Königin wird oder ist schon die Prinzessin Katharine von Württemberg.« »So hat sich der frivole Bursche von seinem rechtmäßigen Eheweib scheiden lassen?« »Geschieden sind sie nicht einmal, denn der Papst hat jede Hilfe dazu abgelehnt. Ein Machtspruch des Kaisers hat sie getrennt.« »Und eine deutsche Fürstentochter findet sich dann bereit, bei dem Wessir des großen Sultans die Favoritin zu werden?« knirschte Heinrich. »Ach, wer mag das arme Mädchen gefragt haben, ob sie will oder nicht!« warf Antoinette ein. »Ihr Vater, der König von Napoleons Gnaden, wird aus Furcht vor dem Zorne seines Herrn einfach befohlen haben.« »Kann eine Nation noch tiefer sinken!« sagte ihr Bruder grimmig, erhob sich, und indem er jede Begleitung ablehnte, begab er sich in den Park, um allein zu sein mit seinen finsteren Gedanken. Antoinette beobachtete ihn vom Fenster aus, wie er langsam an seinem Stocke durch die schon halb entlaubten Baumreihen dahinschritt. Den Kopf trug er tief auf die Brust gesenkt, er hatte keinen Blick für die zahmen Hirsche und Rehe, die ihn verwundert beäugten, und die früher seine Lieblinge gewesen waren. Das Herz der Schwester krampfte sich in bitterem Weh zusammen, als sie ihn so gehen sah wie einen Schatten seiner selbst. Wann würde die Zeit kommen, wo er das Haupt wieder hoch trug, wo seine Augen im alten freudigen Glanze wieder leuchteten? Ach, würde sie überhaupt wiederkommen? So lange das Vaterland gedemütigt am Boden lag, kam sie sicher nicht. Am Abend überraschte Heinrich Mutter und Schwester damit, daß er befahl, am andern Morgen den alten Steinmetzen Koch aus Alsleben zu ihm zu rufen. Was er von ihm wolle, sagte er nicht, und sie fragten auch nicht. Aber sie freuten sich beide, daß er endlich wieder von selbst einen Wunsch äußerte, daß er wieder irgend etwas unternehmen wollte. Der Alte stellte sich pünktlich zur angegebenen Zeit im Schlosse ein und wurde vom Baron in seinem Zimmer empfangen. Was die beiden dort miteinander verhandelten, blieb zunächst ein Geheimnis. Aber als der kleine, grauhaarige Mann mit der großen Hornbrille das Schloß wieder verlassen hatte und durch die Allee hinging, blieb er alle Augenblicke kopfschüttelnd stehen und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Endlich setzte er sich auf einen Stein, nahm ein Papier aus seiner Tasche, entfaltete es, schüttelte wieder mit dem Kopfe und sah sehr verlegen und bekümmert aus. So traf ihn Wedell, dessen leichter Jagdwagen langsam die Allee heruntergefahren kam. Der Alte hatte sein Herannahen offenbar gänzlich überhört, denn er fuhr erschrocken zusammen, als ihn die wohlbekannte Stimme des Edelmanns aus nächster Nähe anrief: »Was treibt er denn da, Meister Koch? Er hat wohl schon in der frühen Morgenstunde einen hinter die Binde gegossen?« »Ach nein, Herr Landrat,« sagte der Alte und erhob sich mit einem ungeschickten Kratzfuße. Mit tiefbetrübter Miene trat er an den Schlag heran. »Ach, Herr Landrat,« stöhnte er, »ach, Herr Landrat!« »Na, was zum Henker ist denn los?« rief Wedell. »Ach, der Herr Major von Krosigk haben mir allergnädigst einen gar zu schrecklichen Auftrag gegeben!« »Ihm? Wieso?« »Ach, der Herr Major müssen etwas gehabt haben mit Höchstseinem Herrn Schwager auf Gänsefurth. Und der Herr von Trotha ist doch solch ein lieber gnädiger Herr und hat erst neulich ein teures Grabdenkmal bei mir bestellt. Und nun soll ich ihm helfen so einen großen Schimpf anzutun. Der Herr Major wollen in seinem Parke ein großes Kreuz aus Sandstein aufgerichtet haben, und darauf soll stehen: ,Pfui Monsieur Trotha.« »Was?« schrie Wedell. »Was schwatzt er da für dummes Zeug? Ist er bei lebendigem Leibe übergeschnappt?« »Wenn sich der Herr Landrat untertänigst überzeugen wollen, hier sieht es auf dem Papier. Der Herr Major haben die Gnade gehabt, es selbst aufzuschreiben.« Wedell nahm ihm verwundert das Blatt aus der Hand, warf einen Blick darauf und sank in seinen Sitz zurück. Er lachte, daß ihm die Tränen über die Backen liefen, lachte so kräftig und anhaltend, daß sich der Kutscher auf dem Bocke herumdrehte und dummpfiffig grinste, obwohl er gar nicht wußte, worum sich's handelte. Fuimus Troes stand mit großen lateinischen Schriftzügen auf dem Papiere. Immer noch lachend gab Wedell es dem Meister zurück, der ihn verblüfft anblickte. »Darum sorge er sich nicht, alter Freund,« sagte er, »das hat mit Herrn von Trotha nichts zu tun. Das ist Lateinisch, das versteht er nicht, und wenn ich's ihm erklären wollte, würde er's doch nicht kapieren. Guten Morgen!« Der Wagen rollte weiter, und der biedere Meister stand noch lange auf demselben Flecke und kratzte sich hinter den Ohren. Es mochte ja wohl wahr sein, was der Landrat gesagt hatte, aber er nahm sich doch vor, mit Herrn von Trotha vorsichtig über die Sache zu reden, wenn er ihn einmal treffen sollte. Wedell lachte noch, als sein Wagen in den Hof einbog, aber gleich darauf wurde sein Gesicht sehr ernst. Also eine Säule ließ Heinrich von Krosigk in seinem Parke errichten mit der Inschrift aus Virgil: Fuimus Troes – wir waren einst Troer –, dem Klageworte des Trojaners Panthos, als seine länderbeherrschende Vaterstadt in Trümmer gesunken war. Das mußte sich in der ganzen Gegend herumsprechen, und das wollte der trotzige Schloßherr wohl auch. Er wollte keinen Hehl machen aus seiner Gesinnung; jeder sollte wissen, daß er mit ingrimmiger Trauer an das Gewesene denke und nicht aufhören wolle, Preußens Fall zu beweinen. Daß es bei dem Beweinen nicht bleiben werde, konnte sich dann jeder zusammenreimen, der Heinrich von Krosigk auch nur oberflächlich kannte. Diese Steinsäule sollte eine offene Absage sein an das neue Regiment; und wenn die Machthaber in Kassel davon erfuhren, so konnten ihnen ja über Krosigks Gesinnung nicht die leisesten Zweifel bleiben. Wedell zog die Stirn in Falten. Das war wieder einmal ein Streich, so recht des Poplitzer Feuerkopfes würdig, der aussprach, was er dachte, und sich den Teufel darum scherte, was die anderen dazu sagten. Aber was sollte aus dem Manne werden in der Zeit, der man entgegenging? Wenn der kleine Grundherr des Saalkreises anrennen wollte gegen die neue Ordnung der Dinge, so mußte er sich den Schädel zerbrechen. Denn ein Federstrich des Tyrannen an der Seine, und er verschwand in irgend einen französischen Kerker oder erlitt das Schicksal des Herzogs von Enghien. Während er vom Wagen stieg, sandte er ein Stoßgebet gen Himmel, daß es ihm gelingen möge, die stürmische Seele des Freundes zu besänftigen. Denn er hatte im Auftrage seines Vetters, des Staatsrates von Wolffradt, und seines Freundes von Schele die schwere Mission übernommen, den wilden Franzosenhasser für den Königlich Westfälischen Staatsdienst zu gewinnen, und fürchtete sich fast, ihm damit entgegenzutreten. Krosigk konnte selbst seinen Freunden gegenüber von rücksichtsloser Schärfe sein, wenn sie irgend wie seinen Grundsätzen zu nahe traten. Daher schlug ihm das Herz, als er die Freitreppe emporschritt, er fürchtete eine unangenehme Szene. Aber diese Furcht ging unter und verwandelte sich in das größte Mitleid, als ihm der Freund auf der Diele mit zitternden Knien entgegentrat. Das hatte die französische Kugel von Eylau aus Heinrich von Krosigk gemacht! War das der Mann, den er, der so häufig Kränkliche, um seine Kraft und Frische so oft beneidet hatte? Oder war es sein Geist? Er konnte sich kaum der Tränen enthalten, als er ihn zur Bewillkommnung umarmte, und nahm sich vor, mit dem Kranken gar nicht von dem zu reden, was ihn eigentlich hergeführt hatte. Das mußte Zeit haben; jetzt wollte er ihn nicht mit solchen Dingen aufregen. Aber als er dann dem Freunde bei einem Glase Wein gegenübersaß, änderte er seinen Vorsatz. Der Major war so milde und menschenfreundlich, so ruhig und geklärt, wie er ihn eigentlich noch nie gesehen hatte. Diese Stimmung mußte ein kluger Diplomat benutzen. Auch fragte ihn schließlich Krosigk selbst, ob er Neuigkeiten habe, die ihn interessieren könnten. So begann er denn: »Du hast wohl gehört, daß Wolffradt, mein Verwandter, der braunschweigische Minister, in den Staatsrat nach Cassel berufen werden soll?« »Keine Silbe,« sagte Krosigk. »Ja, er wird voraussichtlich unter dem neuen Regimente eine große Rolle spielen,« fuhr Wedell fort. »Wünsche viel Glück dazu,« warf der Major trocken hin. »Man hat das Bestreben, Leute von anerkannten Talenten im Staatsdienste anzustellen,« redete Wedell weiter, »ein Bestreben, das ich sehr vernünftig finde. Zugleich ist dem neuen Könige offenbar daran gelegen, die Träger alter, angesehener, großer Namen an seinen Hof zu ziehen. Da ihr nun zu den ältesten und angesehensten Familien des Landes gehört, so beauftragte mich Wolffradt, dich zu fragen, ob du irgend ein hohes Hofamt übernehmen willst. Die Wahl soll dir freistehen.« Der Major erwiderte nichts darauf. Er hatte sich in seinen Sessel zurückgelehnt und betrachtete den Sprecher mit der Miene stiller Heiterkeit. Auch Wedell lächelte. »Natürlich wußt' ich, daß du darauf nicht eingehen würdest, fragte also nur pro forma , um Wolffradt berichten zu können.« Krosigk lachte jetzt sogar. »Schreibe deinem Wolffradt, nur ein Hofamt würde für mich Reiz haben. Ich wünsche, Hausknecht zu werden, meinetwegen mit dem Exzellenztitel, aber jedenfalls mit der Berechtigung, alle Franzosen aus dem Schlosse in Cassel hinauszuwerfen. Ein Fußtritt müßte dazu erlaubt sein, für neugebackene Grafen, Herzöge oder Majestäten behielte ich mir deren zwei vor.« »Nun, Gott sei Dank, höre ich dich wenigstens wieder einmal lachen und merke etwas von der alten übermütigen Laune,« versetzte Wedell. »Das ist schon etwas wert. Wie gesagt, ich war der Ablehnung von vornherein sicher und denke darin ganz wie du. Auch ich habe den Kammerherrnschlüssel abgelehnt.« »Bravo!« rief Krosigk. »Ebenso bin ich deiner Ablehnung sicher, wenn ich dich in Wolffradts Auftrage frage, ob du in westfälische Militärdienste treten willst. Man will dir dann ein Gardebataillon verschaffen.« Krosigks Brauen zogen sich finster zusammen, und sein bleiches Gesicht rötete sich. »Diesen Antrag, lieber Freund, kann ich nicht mehr mit Humor auffassen,« sagte er scharf. »Es wäre mir lieber, du hättest seine Ausrichtung einem andern überlassen. Soll ich etwa in die Lage kommen, bei Wiederausbruch des Krieges den preußischen Fahnen gegenüberzustehen? Gott bewahre mich! Mein Vaterland ist und bleibt Preußen, und mein Kriegsherr ist und bleibt Friedrich Wilhelm.« »Lassen wir das also fallen,« sagte Wedell hastig »Verstehe das alles vollkommen und würde das Gegenteil nicht verstehen. Es bleibt mir also nur noch eine Frage. Du weißt, daß das Land in Kantons eingeteilt werden soll! Wir werden hier den Kanton Alsleben bilden, und du sollst als Maire an seine Spitze treten.« Krosigk drehte sich um und nahm ein Schreiben vom Nebentische. »Dasselbe schrieb mir vorgestern Schele, der ja Unterpräfekt in Halle werden soll. Er beschwört mich, das Amt nicht zurückzuweisen, und entwickelt dabei Gründe, deren Berechtigung ich nicht leugnen kann. Aber zum Henker, warum bin ich gerade dazu ausersehen? Warum nicht du? Du bist doch zehn Jahre älter als ich und warst ein Jahr lang Landrat, paßtest also viel besser dazu.« »Vorläufig,« erwiderte Wedell, »bin ich eben unter dem Verdachte einer Verschwörung nach Frankreich transportiert gewesen, wie du ja weißt. Ich bin auch nur deshalb entlassen worden, weil man mir nichts beweisen konnte. Nun sind die Regenten bis zum Einzuge des Königs lauter Franzosen. Denen darf man mich nicht vorschlagen. Später hofft mich Wolffradt in eine Provinzialratstellung hineinzubringen.« »Und du würdest annehmen?« fragte Krosigk. »Ohne Frage. Wenn wir grollend bei Seite stehen, erreichen wir gar nichts. Wollen wir verhindern, daß das Land durch und durch französisch gemacht wird, so müssen wir handeln.« »Und der Eid, den wir unserem Könige geschworen haben?« fragte Krosigk finster. »Seine Majestät hat uns aller unserer Eide und Pflichten entbunden.« »Der Not gehorchend, nicht dem eigenen Trieb.« gab Krosigk zurück. »Und aus demselben Grunde müssen auch wir uns in das Unabänderliche fügen,« versetzte Wedell. »Ich bleibe immer innerlich an das gebunden, was ich geschworen habe. Dem Könige von Preußen habe ich als halber Knabe den Fahneneid, als Mann den Lehnseid geleistet. Ich bin und bleibe deshalb vor Gott und meinem Gewissen ein Vasall der Hohenzollern.« »Ja, lieber Krosigk, das bleiben wir alle,« gab Wedell zur Antwort. »Meinst du, ich würde jemals in meinem Herzen meinem Könige untreu? Niemals! Ich denke nur, gerade dadurch halte ich ihm die rechte Treue, daß ich helfe, diese Provinz vor der Verwälschung zu bewahren. Dazu gibt es nur einen Weg: ich muß mich äußerlich der Gewalt beugen und im geheimen alles daran setzen, für meinen allen Herrn zu wirken. Ich zum wenigsten sehe keinen anderen Weg.« »Vielleicht gibt es doch noch einen anderen, und ich bin bereit, ihn zu gehen,« entgegnete der Major. Wedell erschrak und sah ihn unruhig von der Seite an. Heinrich erriet seine Gedanken und lächelte düster. »Fürchte nicht etwa, daß ich den Weg gehe, von dem niemand zurückkehrt. Soweit bin ich nicht und hoffe mit Gottes Hilfe diese Versuchung stets zu überwinden.« »Was gedenkst du also zu tun?« fragte Wedell. »Das will ich dir Ende dieser Woche sagen,« erwiderte der Major. »Ich komme dann hinüber zu dir nach Piesdorf. Reiten kann ich freilich noch nicht, aber im Wagen wird's schon gehen. Ich bringe dir dann meinen unwiderruflichen Bescheid, und heute, lieber Freund, laß uns nicht mehr darüber reden.« Wedell ehrte den Wunsch des Freundes und kam nicht wieder auf die Frage zurück. Aber zu einer Unterhaltung über gleichgültige Dinge gelangte man nicht, auch nicht bei Tische in Gegenwart der Damen. Was man auch berührte – immer wieder mußte man das erwähnen, was man erlitten hatte, immer wieder tauchte die Frage auf: was wird nun werden? welchen Zeiten, welchen Verhältnissen gehen wir entgegen? Endlich fragte Wedell, um die Gedanken auf etwas anderes zu lenken, wo denn der Kandidat geblieben sei, den er neulich hier getroffen habe. »Er ist nicht mehr hier, leider nicht einmal mehr in der Gegend,« gab der Major zur Antwort. »Der Oberamtmann, bei dem er früher in Stellung war, hat einen verwaisten Neffen ins Haus genommen und Moldenhauer gebeten, noch einmal ein Mentoramt in seinem Hause zu übernehmen. Ich wundere mich, daß er sich wieder dazu entschlossen hat, obwohl er schon Substitut seines Vaters war; das ist nichts für einen so selbständigen Charakter. Freilich scheint er dort das höchste Vertrauen zu genießen.« »Du hattest ihm ja auch ein ganz ungewöhnliches Vertrauen geschenkt,« bemerkte Wedell. »Er hat es in jeder Beziehung gerechtfertigt,« sagte Krosigk und erzählte dem Freunde, wie er sich bei dem Überfalle durch die Franzosen benommen hatte. »Schwerlich hätte der französische Führer mit seiner Drohung wirklich Ernst gemacht,« fügte er hinzu. »Seine Offiziere würden ihn wohl daran gehindert haben. Aber das schmälert Moldenhauers Verdienst nicht. Er hat sich klug und entschlossen gezeigt.« »Gewiß,« pflichtete Wedell bei. »Der Mann gäbe vielleicht einen tüchtigeren Offizier als Seelsorger ab.« »O, er ist ein vorzüglicher Redner und weiß die Leute innerlich anzufassen,« mischte sich die Geheimrätin ins Gespräch. »Auch ist er mit wirklicher Neigung Prediger und wird doch wohl besser einen Pastor als einen Offizier darstellen.« »Und was sagen Sie dazu, mein gnädiges Fräulein?« wandte sich Wedell an Antoinette. »Ich sage: es ist am besten, wenn der Sohn des Pastors wieder Pastor und der Sohn des Edelmanns Offizier wird. Da bleibt jeder in seiner Sphäre.« Wedell lachte. »Sie stehen ja noch auf dem Standpunkte Friedrichs des Großen!« rief er. »Das ist mir eine Ehre,« erwiderte das Fräulein. »Aber jetzt gilt das nicht mehr. Die Offiziersstellen werden auch den Bürgerlichen freigegeben.« »In Westfalen!« sagte Antoinette spöttisch. »Nein, auch in Preußen wird das so.« »Und mit Recht,« fiel der Major ein. »Nicht deshalb, weil viele adlige Offiziere ehrlos geworden sind, manche bürgerliche sich brav geschlagen haben, sondern deshalb, weil Preußen ein Volk in Waffen werden muß. Was Scharnhorst schon vor dem Kriege dem Könige vorgeschlagen hat, daß muß jetzt zur Tat werden. Nur, wenn das ganze Volk aufsteht, kann Preußen noch einmal emporkommen. Und in diesem heiligen Kriege, den ich, so Gott will, noch zu erleben hoffe, da müssen die Söhne der alten Geschlechter zeigen, ob sie noch wert sind, adlig zu heißen, und wer dem Vaterlande am meisten nützt, soll Offizier und meinetwegen General werden!« »Sehr gut!« rief Wedell. »Und doch wunder ich mich, solche Worte aus deinem Munde zu hören. Voriges Jahr nanntest du den Adel das Schwert der Monarchie.« »Dazwischen liegt der Tag von Jena,« erwiderte der Major. »Ich habe gelernt, lieber Wedell, und ich glaube, wir müssen alle noch Vieles und Schweres lernen. Ich hoffe zu Gott, daß unser Stand die Schmach, die er auf sich geladen, mit Blut auslöschen wird, ja ich glaube bestimmt, daß es geschehen wird. Männer wie Blücher, Gneisenau, York, Graf Götzen und hundert andere haben gezeigt, daß es noch nicht aus ist mit uns, daß der preußische Adel noch eine Zukunft hat. Am meisten wird aber der Adel dem Lande jetzt nützen, wenn er seine alten Privilegien aufgibt. Denn jetzt kommt es nur auf das eine an, daß das Vaterland gerettet wird.« »Heinrich!« rief seine Mutter. »Wie bin ich froh, dich wieder so reden zu hören! Sie glauben gar nicht, Herr von Wedell, wie trostlos es war, wenn er so müde und teilnahmslos dasaß. Kommen Sie nur recht bald wieder herüber, Ihre Gesellschaft ist für ihn die beste Arznei.« »Das muß wahr sein,« bestätigte der Major, »denn allerdings habe ich mich lange nicht so frisch gefühlt. Ich hätte sogar Lust, mir eine Pfeife anzustecken, da wir ja wohl nun abgespeist haben.« Die Mutter holte sie ihm selbst herbei mit Tränen in den Augen. »Seit wie lange das erste Mal wieder!« sagte sie leise. Man saß dann noch eine Weile rauchend und plaudernd beieinander. Länger ließ sich Wedell nicht halten, da er heimfahren wollte zu seiner kranken Frau. Beim Abschied, als er mit dem Major allein in der Tür des Hauses stand, faßte er seine Hand und sagte, ihm ernst in die Augen blickend: »Krosigk, denke daran, was du unserem Kreise schuldig bist!« Der Major erwiderte: »Sei versichert, daß ich stets nach bestem Wissen und Gewissen meine Schuldigkeit tun werde!« V. Drei Tage später brachte der Botenfuhrmann Reinicke, der auch die Post von Bernburg aus besorgte, ein rotgesiegeltes Schreiben an den Major ins Haus. Krosigk schien den Brief mit großer Ungeduld erwartet zu haben; denn er riß ihn dem Boten fast aus der Hand, und seine Finger zitterten, während er ihn öffnete. Aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, so verdüsterte sich sein Gesicht, und als er beim Schlusse angekommen war, schleuderte er ihn heftig auf den Tisch. »Der letzte Weg ist mir verbaut,« murmelte er vor sich hin. »Man will mein Opfer nicht.« Lange ging er, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und nieder. In seinen Zügen spiegelte sich ein heftiger innerer Kampf wieder, und sein Atem ging schwer wie bei einem Manne, der eine drückende Last auf seinen Schultern schleppt. Endlich blieb er stehen und nahm das Schreiben wieder auf. Er durchflog es noch einmal und steckte es in die Tasche. Dann klingelte er dem Diener. »Breitmann, spannt die Füchse vor die Kutsche! In zehn Minuten soll er sich bereit halten,« befahl er. »Um Himmelswillen, Heinrich, du willst bei dem Sturm ausfahren?« rief bestürzt seine Mutter, die eben in die Tür trat. »In der geschlossenen Kutsche,« erwiderte er. »Das kann mir nichts schaden.« »Und wohin denn?« »Das will ich dir berichten, wenn ich zurückkomme, Mutter. Ich bin in zwei Stunden wieder hier.« – »Nach Peißen in die Pfarre!« sagte er beim Einsteigen. »Laß die Pferde ausgreifen, die haben lange genug gestanden!« Der alte Pastor Moldenhauer saß in seiner Studierstube auf dem niedrigen alten Kanapee und pfiff unermüdlich die erste Zeile des Liedes »Befiehl du deine Wege« vor sich hin. Er tat das nicht zum Vergnügen, sondern er verfolgte damit einen pädagogischen Zweck, denn auf seinem Zeigefinger saß ein schöner, junger Dompfaff und hörte mit gesenktem Kopfe zu. Solche Tiere zum Gesänge frommer Weisen abzurichten, gehörte zu den Lieblingsvergnügen des geistlichen Herrn, und er besaß darin eine in der ganzen Gegend berühmte Fertigkeit. Als der Major eintrat, hob er den Finger, und der Vogel flog sogleich gehorsam in seinen Bauer. »Guten Tag, Herr Baron! Sie müssen entschuldigen, daß Sie mich in meinem gestickten Hausrocke antreffen,« rief der Pfarrer sich erhebend. »Ich habe das Nahen des Wagens überhört und war der Ehre nicht gewärtig.« Der Major faßte seine Hand. »Guten Tag, mein lieber Herr Pastor,« sagte er. »Bitte, bleiben Sie sitzen. Ihr alter Rock ist mir ganz gleichgültig. Ich suche heute das, was unter diesem Wamse schlägt.« »Ich stehe ganz zu Diensten, Herr Baron. Doch zuvörderst möchte ich Ihnen meine große Freude aussprechen, Sie wiederzusehen!« Er schüttelte ihm lange und herzlich die Hand und räusperte sich heftig, um seine Bewegung zu verbergen. »Ja, lieber Pastor,« erwiderte der Major, »es ist mir bös ergangen. Um ein Haar war es aus mit mir. Doch lassen wir das! Ich möchte heute eine ernste Frage an Sie richten, eine Gewissensfrage.« Er machte eine Pause und fuhr dann fort: »Ich weiß, daß ich als Mann und als Protestant die Entscheidung über meine Lebenswege nach meinem eigenen Gewissen zu treffen habe. Aber einen Rat will ich mir doch holen und zwar von Ihnen. Sie haben einundvierzig Jahre lang Gottes Wort gepredigt, nicht so, wie es heute die Mode verlangt, sondern lauter und rein, und Sie tragen in Ehren Ihr weißes Haar. Ich habe zu Ihnen das Vertrauen, daß Sie mir ganz ehrlich und ohne Umschweife sagen, was Sie für recht halten. Wollen Sie?« Der alte Geistliche ergriff die Rechte des Barons von neuem. In seinen klaren Augen schimmerte es feucht, und sein sonst so fröhliches Antlitz zeigte den tiefsten Ernst. »Wahrhaftig, das will ich nach meinen besten Kräften,« sagte er. »Nun, so hören Sie: es wird an mich das Ansinnen gestellt, der Maire des neugebildeten Kantons Alsleben zu werden. Um dieses Amt antreten zu können, muß ich natürlich den Beamteneid schwören. Dagegen sträubt sich mein ganzes Empfinden.« »Sie glauben den Eid nicht halten zu können?« fragte der Pfarrer. »Nicht können? Nein, ich will ihn nicht halten!« rief Krosigk. »Ich will der Feind der neuen Machthaber sein und bleiben; ich will alles tun, um ihr Regiment zu untergraben und den Tag ihres Sturzes vorzubereiten, alles, was irgend in meiner Macht steht! Ich bin Preuße, und Preußens Feinde werden bis zu meinem letzten Atemzuge auch meine Feinde sein.« Der Pfarrer schwieg eine Weile und entgegnete dann, die Augen fest auf den Baron richtend: »Es gibt wohl noch einen Weg für Sie, dem allen zu entgehen; aber er fordert von Ihnen die höchste Entsagung. Lassen Sie Ihre Güter hier von einem Ihrer Herren Brüder verwalten und gehen Sie hinüber nach Preußen. Sie sind Major, finden also dort einen Wirkungskreis, bis der Tag der Vergeltung kommt.« »Ha!« rief der Major, und seine Augen blitzten auf. »Wie doch die Gedanken aller Gutgesinnten sich begegnen! Sehen Sie, das habe ich gewollt. Ich habe deshalb an Köckeritz geschrieben, aber heute bin ich abschlägig beschieden worden.« Er zog den Brief aus der Brusttasche. »Hier schreibt mir der General, daß es ihm trotz meiner vor dem Feinde bewiesenen Bravour leider unmöglich sei, mein Gesuch zu befürworten. Sie wissen in Königsberg nicht, wie sie ihre eigenen Offiziere unterbringen sollen, müssen Hunderte auf Halbsold setzen, denn sie dürfen ja nur eine kleine Armee halten. Buchstäblich hungern jetzt tausend alte Offiziere mit den Ihrigen. So steht es da drüben, und deshalb ist mir der Weg verschlossen; denn ich kann anderen ehrenwerten Leuten nicht das Brot wegnehmen.« Er starrte finster vor sich nieder. Auch der Pfarrer schwieg lange. Dann begann er: »So befinden Sie sich in einer Zwangslage, wie wir alle. Auch ich muß geloben, dem Usurpator Gehorsam zu leisten bei Verlust meines Amtes. Ich muß das Gotteshaus entwürdigen durch das Kirchengebet für die Fremdherrschaft, während ich in dieser Stube jeden Morgen und jeden Abend für meinen richtigen König bete und für sein Haus. Ich könnte dem ja leicht entgehen, denn ich könnte mich mit meinen einundsiebzig Jahren auf der Stelle emeritieren lassen. Warum tue ich es nicht? Weil ich in die Gemeinde, in der ich seit sechsunddreißig Jahren stehe, nicht einen Fremdling einziehen lassen will. Denn wenn ich aus Gewissensbedenken nicht schwöre, so schwört mein Sohn erst recht nicht. Vielleicht ist dann mein Nachfolger ein klügerer und höher begabter Mensch als ich, vielleicht auch ein gewandterer Prediger. Sicher aber hat er nicht den zehnten Teil des Einflusses auf die Gemeinde, den ich jetzt habe, denn darum muß man Jahrzehnte lang ringen. Er könnte also beim besten Willen das nicht, was ich kann; er könnte nicht in den Leuten die Liebe zum alten Vaterland immer wieder anfachen, den Abscheu gegen wälsche Art und Herrschaft nähren und pflegen. Und das will ich mit meinen letzten Kräften. Ich bin kein Held des Degens wie Sie, Herr Baron, und Großes kann ich nicht verrichten, aber was ich tun kann, das tue ich.« »Und wie vereinigen Sie das mit Ihrem Amtseide?« »Zu vereinigen ist das nicht,« erwiderte der alte Pfarrer. »Ich suche nicht nach Gründen, um mein Tun zu rechtfertigen; sie wären ja doch alle nur Scheingründe. Eidbruch bleibt Eidbruch unter allen Umständen.« Er stockte und fuhr dann leise fort, indem er mit einer schmerzlichen Gebärde die Hand aufs Herz legte: »Ich lüge mir keinen Augenblick etwas vor, Herr Baron. Ich weiß, daß ich sündige, und daß ich einst vor dem Angesicht Gottes von dem allen Rechenschaft ablegen muß. Aber ich nehme die Sünde auf meine Seele und hoffe, daß der allmächtige Gott sie mir vergeben wird. Denn ich sündige nicht aus Selbstsucht oder gar aus Bosheit, sondern aus Liebe zu meinem Vaterlande.« Der Major sah ihn ein paar Augenblicke starr an; dann sprang er auf und umarmte schweigend den alten Mann. Er wußte, was diese Worte in Moldenhauers Munde bedeuteten, denn er kannte seine peinliche Rechtschaffenheit und ängstliche Gewissenhaftigkeit. So sauber er im Äußeren war, so sauber war er auch in seinem Inneren, duldete keine Falten und keine Flecken. Die heitere Fröhlichkeit, die ihn auszeichnete, kam ja eben daher, daß er sich mit seinem Gott im Frieden wußte. Nun nahm er am Ausgange seines Lebens ein bewußtes Unrecht auf seine Seele aus Liebe zu seinem Vaterlande. Wahrlich, kein Mensch konnte ein wertvolleres Opfer bringen als der schlichte Greis, der die Ruhe seines Herzens am Rande des Grabes noch aufs Spiel setzte. Endlich sagte der Baron: »Sie haben mir geholfen, den Weg zu finden, den ich gehen werde. Das vergesse ich Ihnen niemals. Leben Sie wohl.« Der Pfarrer wollte ihm noch die Hand reichen und ein »Behüte Gott« mit auf den Weg geben; aber er hatte schon die Tür hinter sich geschlossen. So schnell, wie er gekommen war, so schnell enteilte er wieder. Unten warf er sich in seinen Wagen, lehnte das Haupt in die Polster zurück und dachte nach über das, was der Pfarrer ihm gesagt hatte. Andere würden sich ja wohl die Sache anders zurecht machen. Sie würden sagen: wenn ich den Amtseid nicht leiste, verliere ich die Stelle, bringe mich und Weib und Kind ums Brot, ergo handle ich unter einem Zwange, ergo ist es keine Sünde, wenn ich schwöre, denn »Erzwungener Eid tut Gott leid«. Aber das war ja doch nur eine Selbstbetäubung des Gewissens. Wenn sie sich nur aus Angst um zeitliche Güter unterwarfen, so bewiesen sie eben dadurch, daß sie Knechte dieser Güter waren. Wie viel redlicher vor sich selbst und wie viel größer war doch der Mann, der sich ehrlich sagte: »Ja, ich tue ein Unrecht; aber weil ich es aus Liebe zu meinem Volke, aus Treue zu meinem Könige tue, so hoffe ich und vertraue darauf, daß Gottes Gnade mir vergeben wird.« So dachte er auch, und wenn dann der Tag herbeikam, den er ersehnte, dann wollte er, wenn es Gott gefiel, sein Unrecht sühnen durch einen ehrlichen Soldatentod. Zu Hause angekommen, setzte er sich sogleich an seinen Schreibtisch und schrieb mit fester Hand ein kurzes Billet an Schele, worin er sich bereit erklärte, das Amt eines Maires zu übernehmen. Dann ging er zu Tische und war so heiter und aufgeräumt, daß seine Mutter sich von Herzen freute. Von jetzt an machte seine Genesung unaufhaltsame Fortschritte, und mit zunehmender Lebenskraft erwachte auch wieder das alte Interesse an seinem großen Besitze und dessen Verwaltung. Erst fuhr er, dann ging er täglich aus, inspizierte seine Felder und Wiesen, die Deichanlagen an der Saale und seine Ziegelei. Nach acht Tagen konnte er sogar wieder das Pferd besteigen, und die erste Reitübung auf seiner Reitbahn fiel so gut aus, daß er schon am andern Tag seinem Freunde Wedell eine Visite hoch zu Roß abstattete. Die ungewöhnlich schönen und milden Tage, die der Oktober fast ununterbrochen brachte, trugen mehr als alles andere dazu bei, ihn zu kräftigen, denn sie erlaubten ihm von früh bis spät den Aufenthalt in der freien Natur. Aber der alte Heinrich von Krosigk ward er trotz alledem nicht wieder. Die frühere Tatkraft war wieder da, die schnelle Entschlossenheit, die man an ihm kannte, blitzte ihm wieder aus den Augen, aber die lebhafte Fröhlichkeit, die ein so hervorleuchtender Zug seines Charakters gewesen war, kehrte nicht zurück. Er tat ernst und schweigsam seine Pflicht; ein Scherzwort fiel selten von seinen Lippen. Nur wenn von dem neuen Königshofe in Cassel die Rede war, und wenn man ihm erzählte, wie der oder jener vom alten Adel des Landes seinen Widerstand aufgegeben und ein Hofamt angenommen hätte, dann floß sein Mund über von den härtesten und schärfsten Sarkasmen. Kein Wort war ihm zu bitter, wenn es galt, die Gesinnung der Überläufer zu brandmarken. So glühend sein Haß gegen die Fremden war, so tief war seine Verachtung gegen die Einheimischen, die sich zu Trabanten und Dienern des welschen Herrschers erniedrigten, und es waren ihrer nur allzuviele. Da war ein Graf von Löwenstein-Wertheim-Freudenberg, den das Wittelsbachische Fürstenblut in seinen Adern nicht hinderte, Kammerherr des gekrönten Advokatensohnes zu werden, und dessen Gemahlin sich mit einer Gräfin Bocholtz um die Ehre stritt, Lieblingsmaitresse des Königs zu sein. Söhne der ältesten Adelsgeschlechter Hessens und Hannovers stellten sich freiwillig in eine Reihe mit den französischen und italienischen Abenteurern, die an dem neugegründeten Hofe Gold, Ehre und Vergnügen suchten. Sie wetteiferten mit diesen verworfenen Fremdlingen an Verschwendungssucht, Frivolität und allen Lastern, ja sie übertrafen bald ihre Lehrer; denn wenn der Deutsche einmal Scham und Zucht verliert, so wird er schlechter als der Wälsche. Schon während dieses ersten Winters wurde der Hof in Cassel eine Brutstätte französischer Sittenlosigkeit, wie sie die deutsche Erde selbst in den Tagen Augusts des Starken und Karl Eugens von Württemberg nicht getragen hatte. Der König war nicht bösartig von Natur und ebensowenig dumm und beschränkt, aber er war ein vollkommener Roué, ein früh entnervter Wüstling, unersättlich im Genuß und in seiner ekelhaften Sinnenlust keine Schranke achtend. Das unverdorbene sechzehnjährige Mädchen und ebenso die verheiratete Frau waren vor seinen Nachstellungen nicht sicher, wenn sie durch Schönheit oder Anmut seine Begierde reizten. Seine ehrbare deutsche Gemahlin behandelte er zwar um ihres Protektors, seines Bruders, willen äußerlich mit Achtung, aber sie war ohne jeden Einfluß, und es hieß, er lebe eigentlich gar nicht mit ihr. Natürlich fand Jérômes Beispiel Nachahmer genug; wie der Sultan lebte, so lebten seine Paschas und Wessire. Hand in Hand mit dieser Liederlichkeit ging eine ans Wahnsinnige grenzende Verschwendung. Der Machthaber in Paris forderte unerbittlich die Zahlung der riesigen Kontributionen, aber sie konnten nur ungenügend geleistet werden, denn die Kassen waren leer. Das Geld, das nach Paris stießen sollte, konnte kaum aufgebracht werden; denn das eigene Heer und der Unterhalt der französischen Truppen, die teils im Lande lagen, teils das Land durchzogen, kosteten schon unerschwingliche Summen. Trotzdem lebte der Hof, als verfüge man über die Schätze in Saladins Zauberberge. Fabelhafte Dotationen gab der König seinen Günstlingen sowie den Damen seines Harems, und ein rauschendes und prunkvolles Fest jagte das andere. Die Steuern stiegen deshalb auf eine unheimliche Höhe. Die Kopfsteuer, die über fünf Franks betrug, wurde zumal von den Armen und Ärmsten als eine unerträgliche Last empfunden, die hohe Grundsteuer lastete schwer auf den Besitzenden. Es war keine übertriebene und gehässige Behauptung, wenn es hieß, der Hof in Kassel nähre sich von dem Schweiße und Blute der Untertanen. Schlimmer aber als alles war, daß die Fremdherrschaft die heiligsten Bande lockerte, die sonst die Menschen untereinander verbinden. Alte Freundschaften lösten sich auf, denn der Freund lernte es, dem Freunde zu mißtrauen; überall gab es Menschen, die sich bei den Regierenden durch Denunziationen zu empfehlen suchten; und da sie willige Ohren und oft auch klingenden Lohn fanden, so mehrte sich ihre Zahl von Tag zu Tag. Einige taten solche Spionendienste nur gelegentlich und von Zeit zu Zeit, andere machten ein Gewerbe daraus und wurden Diener der geheimen Polizei, die man nach französischem Muster in der Hauptstadt einrichtete. Vor ihr war nichts und niemand sicher. Man erbrach die Briefe besonders Höhergestellter und schloß sie wieder mit nachgemachten Siegeln oder ließ sie einfach in den Aktenschränken des schwarzen Kabinetts verschwinden. Später tauchten sie dann in politischen Prozessen als Belastungszeugnisse wieder auf. Ein Briefgeheimnis gab es nicht mehr; und wie man die Korrespondenz überwachte, so überwachte man auch das gesprochene Wort. Keiner war sicher, daß seine Äußerungen nicht weitergetragen wurden dorthin, wo sie ihm schaden, ja zum Verderben gereichen konnten. Manche plötzliche Verhaftung bewies, wie gut die geheime Polizei bedient wurde, und mit welch harter Rücksichtslosigkeit sie arbeitete. So war es denn kein Wunder, daß die große Mehrzahl der Menschen es bald vermied, offen und frei von der Not des Landes und ihrem heimlichen Groll und Schmerz zu reden. Selbst im eigenen Hause sprachen die Glieder der Familie nur scheu und heimlich von dem, was sie bedrückte, denn wer konnte wissen, ob sich nicht unter der Dienerschaft ein bezahltes Subjekt befand, das sein Ohr ans Schlüsselloch legte und das Erlauschte nachher verriet! Nicht einmal den verschwiegenen Blättern des Tagebuches vertraute man seine Gedanken mehr an. So verbrannte in jenen Tagen eine Verwandte Heinrichs von Krosigk, die Frau Auguste Ernestine von Krosigk auf Hohenerxleben, jedes Blatt ihrer Aufzeichnungen, das von politischen Dingen redete, und sie wohnte nicht einmal im Königreich Westfalen, sondern im benachbarten Rheinbundsstaate Anhalt-Bernburg. Aber die französische Polizei, das wußte man, achtete keines Grenzpfahles, wenn sie sich auf der Spur eines Verdächtigen befand oder zu befinden glaubte. Einer aber war im Lande, der es schlechterdings nicht lernen wollte, sich zu schmiegen und zu fügen und vorsichtig den Mund zu halten. Das war der Schloßherr auf Poplitz. Alle Warnungen besonnener Freunde schlug er in den Wind und lachte darüber. Wagte es jemand in seiner Nähe, irgend eine Einrichtung der Fremdherrschaft zu loben, so ergoß er über ihn die bittere Lauge seines Hohnes, und es war ihm ganz gleichgültig dabei, welchem Stande, Alter und Geschlechte der Lobpreisende angehörte. Traf er aber nun gar mit einem zusammen, der ein offener Franzosenfreund war, so warf er ihm irgend eine Grobheit an den Kopf oder spuckte vor ihm aus und drehte ihm den Rücken zu. Natürlich ließ sich das nicht jeder gefallen, vielmehr trug ihm sein Benehmen eine ganze Reihe von Ehrenhändeln ein, aber alle focht er mit Glück und Geschick durch. Denn die alte Kraft und Gewandtheit war ihm wiedergekehrt, ja sie nahm sogar noch zu. Seine Geschicklichkeit im Pistolenschießen wurde bald im ganzen Saalkreise und darüber hinaus ebenso sprichwörtlich wie die seines Bruders Ernst; denn er brachte oft halbe Tage auf seinem Schießstande zu, um sich zu üben. Am Ende der großen Lindenallee an der Nordostseite des Schloßparkes hatte er ihn errichten lassen. Die Scheibe hatte die Gestalt eines kleinen Mannes in grauem Mantel und kleinem Hütchen, dessen Züge eine verdächtige Ähnlichkeit mit denen Napoleons aufwiesen. Merkwürdigerweise blieb er bei alledem den ganzen Winter unbehelligt von der Polizei. Entweder hatte man es in Cassel noch nicht aufgegeben, ihn doch noch zu gewinnen; darauf deuteten die mannigfachen Lockungen von seiten hochgestellter Herren, die er alle mit verblüffender Grobheit abwies, oder die Denunzianten wagten sich an ihn nicht heran. Mut war ja meist nicht die hervorstechende Tugend solcher Leute, und deshalb hüteten sie sich, den Tollkühnen anzugreifen. Von einem Manne, der offenbar sein Leben keinen Pfifferling wert erachtete, mußte man ja erwarten, daß er sich furchtbar rächen werde, wenn es etwa nicht sogleich gelang, ihn ganz unschädlich zu machen. Er sollte geäußert haben, einen Spion würde er niederschießen wie einen tollen Hund und dann nach Preußen oder England gehen. Zuzutrauen war ihm das. Darum verdächtigte man lieber Leute, die weniger rabiat und gefährlich erschienen. Was einem anderen sofort eine Untersuchungskommission auf den Hals geladen hätte, das ging ihm alles straflos durch, weil niemand mit ihm anzubinden wagte. Das Stärkste leistete er sich an dem Dezembertage, an dem ihm seine Bestallung als Maire zugegangen war. Er ließ auf der Stelle durch Trommelschlag bekannt machen, am Nachmittag drei Uhr möchten alle erwachsenen Männer seines Kantons sich in der Poplitzer Reitbahn einfinden, da er ihnen Wichtiges mitzuteilen habe. In hellen Haufen strömte das Volk herbei; denn man kannte den Krosigk und erwartete irgend einen tollen Streich. Darin ward man bestärkt, als man an der rechten Hofseite eine große Menge Bierfässer aufgepflanzt sah, in die der Hahn schon eingeschlagen war; und wie lachten die kleinen Bauern, Tagelöhner und Handwerker, als Schlag drei Uhr der Baron auf die Freitreppe trat und sie mit komischer Feierlichkeit also anredete: »Staatsbürger des Königreichs Westfalen! Seine Majestät der große und erhabene Monarch Hieronymus der Erste hat die hohe Gnade gehabt, mich zu eurem Maire zu ernennen. Ich werde das Amt so führen, wie ich es vor Gott und meinem König verantworten kann. Mein erster Befehl an euch, den ich euch als neuer Maire gebe, betrifft die französische Einquartierung, denn wir haben in den nächsten Monaten wieder Truppendurchzüge zu erwarten. Der König, durchdrungen von der tiefsten Liebe zu euch, wünscht nicht, daß seine Landeskinder von der fremden Rasse ausgesogen werden. Es sind genaue Vorschriften erlassen, wie viel ihr zu geben habt. Keiner gibt mehr und Besseres, als er selbst hat. Wer also nur Schwarzbrot und Kartoffeln hat, der gibt nur Schwarzbrot und Kartoffeln. Werden sie dann etwa unverschämt, so ruft nur auf der Stelle mich, euren Maire, zur Hilfe. Ich will sie schon zur Räson bringen; denn sie haben strengen Befehl, in dem befreundeten Lande jede Gewalttat zu vermeiden. Also keine Liebedienerei, kein Entgegenkommen, keine Gefälligkeit; nichts, als was nach dem Buchstaben des Gesetzes zu leisten ist! Das bitte ich mir aus! Und nun, Staatsbürger des erlauchten Königreiches Westfalen, seht dorthin! Alle diese Fässer habe ich aus Bernburg über die Grenze gepascht, denn es ziemt einem freien Westfalen nicht, den Anhaltinern Zins und Zoll zu zahlen. Aber hebe ich sie auf, so werden sie vielleicht von den Franzosen requiriert. Deshalb stifte ich sie euch, edle und freie Westfalen! Trinkt aus diesen Fässern auf die Gesundheit eures erhabenen Königs, der Königin, seiner durchlauchtigsten Gemahlin, und eures geliebten Maires!« Brausender Beifall, Gebrüll und Gelächter belohnten diese Rede, die bald im ganzen Saalkreise mit mancherlei Ausschmückungen und Zutaten herumgetragen wurde. Aber auch daraufhin geschah dem Baron nichts; es schien, als sei er gefeit. Heinrich von Krosigk hatte übrigens nicht nur zum Scherz und in übermütiger Laune so geredet. Es war ihm ganz ernst mit diesem Widerstände gegen französische Übergriffe, und er sorgte dafür, daß seine Leute das begriffen und darnach handelten. Daher fand die Abteilung französischer Husaren, die Anfang Januar im Dorfe Laublingen auf zwei Tage Quartier nahm, eine Aufnahme, wie sie den hochmütigen Reitern wohl kaum je vorgekommen war. Nur der Leutnant erhielt im Pfarrhause ein gutes Quartier, denn Werkmeister war nicht der Mann, den Anregungen seines Patrons zu folgen, wollte das auch gar nicht; er hatte sich mit der neuen Ordnung der Dinge vollständig ausgesöhnt. Die Unteroffiziere und Gemeinen aber murrten und flüchten über die elende Kost, die man ihnen allenthalben vorsetzte. Das zähe Schwarzbrot konnten ihre Magen nicht vertragen, und die gekochten Kartoffeln in der Schale mit sehr wenig Butter und sehr vielem Salze waren nicht nach ihrem Geschmack. Drohungen fruchteten nichts, darum schritten die Husaren bald zur Selbsthilfe, erbrachen Kisten und Kasten, machten Jagd auf das Federvieh in den Höfen und Ställen und traktierten die Bauern, die das hindern wollten, mit Schlägen. Plötzlich aber erschien Heinrich von Krosigk auf dem Plane mit zwanzig bis dreißig bewaffneten Leuten, überschüttete die Plünderer mit einer Flut von Scheltworten und befahl ihnen mit Donnerstimme, sogleich ihren Raub herauszugeben und sich gesittet und anständig zu betragen. Verdutzt gehorchten die Franzosen, denn der finstere Mann, der mit gezogenem Säbel zu Pferde saß und am Sattel drei geladene Pistolen hängen hatte, flößte ihnen Furcht ein. Aber sie meldeten es ihrem Führer, und der kam nun eiligst heran, ebenfalls zu Pferde, das kleine schwarze Bärtchen unablässig zwirbelnd, während er den Baron und seine Leute hochmütig lächelnd mit den Augen maß. »Mit wem habe ich die Ehre?« fragte er auf französisch. »Die Frage, dächte ich, kommt mir zu,« erwiderte Heinrich von Krosigk schroff. »Doch wozu die Umschweife! Ich bin der Maire dieses Ortes und habe eben kraft meines Amtes Ihre Soldaten in die gebührenden Schranken zurückgewiesen,« »Ihre Bauern haben sich unverschämt betragen,« rief der Leutnant. »Sie haben meinen Leuten nur Schwarzbrot, Kartoffeln und Käse vorgesetzt. Das kann kein Franzose essen.« »Wir haben euch nicht zum Essen eingeladen. Kommt ihr trotzdem, so müßt ihr vorlieb nehmen,« sagte Heinrich trocken. »Die Leute haben übrigens gegen meine Instruktion gehandelt, indem sie auch noch Käse verabreichten. Das war schon viel zu viel.« Der junge Leutnant wurde puterrot. »Was soll das heißen, mein Herr? Das ist kein Benehmen gegenüber der großen Armee.« »Ihre große Armee geht mich nichts an,« versetzte Heinrich kühl. »Ich tue hier meine Pflicht, wache darüber, daß meine Leute nicht mehr geben als sie müssen. Es ist Befehl, daß der Soldat in Freundesland mit dem Essen zufrieden sein muß, das der Quartierwirt selbst genießt. Ihr Kaiser hat dafür gesorgt, daß unsere kleinen Besitzer nur noch Schwarzbrot und Kartoffeln als tägliche Kost genießen. Ihre Soldaten müssen also auch damit vorlieb nehmen.« »Aber sie können dieses Schweinefutter nicht essen!« schrie der erboste Leutnant. »Dann mögen sie hungern,« erwiderte Krosigk wegwerfend. »Mein Herr! Das ist eine Unverschämtheit!« fuhr der Franzose auf. »Grünen jungen Burschen wie Sie, mein Herr Leutnant, steht kein Urteil über mein Verhalten zu,« bemerkte Heinrich gelassen. »Mein Herr! Sie werden mir Satisfaktion geben!« knirschte der Franzose bleich vor Wut. »Mit Vergnügen, wenn ich nur erst weiß, mit wem ich die Ehre habe.« »Ich bin der Leutnant Dumoulin.« Heinrich nahm mit großer Feierlichkeit den Hut ab und sagte: »Sehr erfreut, Ihre werte Bekanntschaft zu machen. Ich bin der Rittergutsbesitzer von Krosigk- Poplitz, Königlich Preußischer Major außer Dienst. Senden Sie mir Ihre Zeugen, Herr Leutnant; in Alsleben sind mehrere französische Offiziere einquartiert. Hier auf der Straße können wir uns nicht schießen. Ich bin den ganzen Nachmittag zu Hause. A revoir, mein Herr Leutnant.« Er machte ihm eine sehr förmliche Verbeugung, warf das Pferd herum und jagte davon. Daheim wartete er von Stunde zu Stunde auf den Besuch des Sekundanten seines Gegners, aber kein Mensch erschien. Daran war Pastor Werkmeister schuld, denn als ihm sein Quartiergast das Renkontre noch in der ersten Wut erzählte, warnte er ihn aufs nachdrücklichste, sich mit dem Baron in einen Zweikampf einzulassen. »Mit dem Säbel,« sagte er, »sind Sie ihm schon gar nicht gewachsen, denn der Baron hat Riesenkräfte, schlägt Ihnen die Klinge einfach aus der Hand. Und was die Pistole anbetrifft – wissen Sie, Herr Leutnant, wer sich vor dem seine Waffe stellt, der ist einfach ein toter Mann. Der Krosigk schießt auf dreißig Ellen ein Licht aus, ohne die Kerze zu berühren. Mein Amtsbruder Conrad in Alsleben hat das selbst mit angesehen. Hüten Sie sich vor dem. Gehen Sie ihm aus dem Wege. Ich rate Ihnen in guter Meinung.« Der Offizier wurde sehr nachdenklich bei seinen Worten. Er war ein blutjunger Mensch, der erst seit wenigen Monaten die Leutnantsepauletten trug. Das Leben lag so rosig vor ihm; eine Braut hatte er auch daheim, die auf die Rückkehr ihres Gaston im schönen Südfrankreich harrte. Sollte er sich hier in einem Winkel dieses kalten, trübseligen Barbarenlandes von der schönen Erde wegfegen und begraben lassen? Nein, er folgte dem Rate dieses wohlgesinnten und verständigen Curé, sammelte seine Leute und zog am Nachmittage still ab nach dem benachbarten Dorfe Mötewitz, um dort Quartier zu nehmen. Am andern Tage verließ man ja die Gegend und würde schwerlich mit dem bösartigen deutschen Bären wieder zusammentreffen. In der folgenden Zeit wiederholten sich ähnliche Auftritte. Innerhalb des französischen Korps, das in Magdeburg und Westfalen stand, erlangte dadurch der Kanton Alsleben bald den Ruf, daß in ihm die miserabelsten Quartiere zu finden seien, und der Maire des Kantons ward überall bekannt als ein Mann, mit dem nicht gut Kirschen essen sei. Deshalb vermieden die Franzosen schließlich den Kanton, so weit es möglich war, und legten ihre Truppen lieber in der Nachbarschaft ins Quartier. Eben das hatte Heinrich von Krosigk gewollt und freute sich mächtig darüber. Ebenso freute er sich unbändig, als er den Beinamen erfuhr, den er durch sein rauhes und hartes Wesen von den Franzosen erhalten hatte. In jener Zeit war nämlich der Marschall Davoust vorübergehend in Magdeburg, und an seiner Tafel brachte einer der Offiziere die Bosheit und Widerborstigkeit des Maires von Alsleben zur Sprache. Der scharfe und strenge Marschall wurde sehr zornig, als er das vernahm, und riet dem General Morio, nun erst recht den Kanton mit starker Einquartierung zu belegen und nötigenfalls dem Widerstände gegenüber Gewalt anzuwenden. Man werde so wohl ce mauvais baron klein kriegen und zahm machen. Der Rat ward nicht ausgeführt, aber der Beiname blieb. »Der böse Baron« hieß Heinrich von Krosigk bei den Franzosen. »Den bösen Baron« nannten ihn bald auch alle die Franzosenfreunde, denen er auf die Zehen getreten hatte, und ihrer waren nicht wenige. »Der böse Baron« hieß er bald landauf, landab; ja selbst seine Freunde nannten ihn scherzweise so, denn er selbst hatte gar nichts dagegen, faßte die Bezeichnung vielmehr als einen Ehrennamen auf. Seine Kantoneingesessenen dachten ähnlich, denn der Ruf ihres bösen Maires schaffte ihnen Erleichterungen und machte, daß sie von den Einquartierungslasten dreimal weniger zu spüren hatten, als die umliegenden Dörfer. War Heinrich von Krosigk schon vorher beim Volke beliebt gewesen, so wurde er nun als böser Baron geradezu eine populäre Gestalt, und schon fing die Volkssage an, sich seiner Person zu bemächtigen. Da waren zum Beispiel zwei Franzosen, die in den Poplitzer Tagelöhnerhäusern, der sogenannten »Reihe«, im Quartier gelegen hatten, über Nacht verschwunden. Man konnte sie nicht wiederfinden, soviel man auch suchte. Flugs hieß es, der böse Baron hätte sie dabei überrascht, wie sie einem Dienstmädchen im Schlosse Gewalt antaten, hätte sie niedergestoßen und im Garten verscharren lassen. Ein großer Hügel in der Westecke hieß seitdem beim Volke das Franzosengrab. Auch diesem Gerede lag etwas Tatsächliches zugrunde. Die beiden Fremdlinge, ihres Zeichens Kuhhirten aus dem Allgäu, waren in die schöne Bergesheimat desertiert und glücklich entkommen. Einer von ihnen hatte am Abend vor seiner Flucht Mamsell Lisette Schicht mit frechen Zudringlichkeiten belästigt, als sie Essen zu einer kranken Wöchnerin trug. Das geängstigte Mädchen hatte sich nicht anders zu helfen gewußt als dadurch, daß sie dem Burschen einen Faustschlag ins Gesicht versetzte. Dabei floß nun wirklich Franzosenblut; denn ihre derbe, arbeitsharte Hand traf den lüsternen Liebhaber mitten auf die Nase und kostete ihm außerdem noch einen Vorderzahn. Der erfreute Baron schenkte ihr dafür einen Louisdor für ihre Sparbüchse, wollte auch, als er die Sache erfuhr, den unverschämten Patron arretieren, fand jedoch das Nest bereits ausgeflogen. Aber das Volk raunte sich trotzdem zu, er habe sie erstochen. Als nun am andern Tage ein großer Grabhügel im Parke sichtbar war, da war kein Zweifel mehr. In Wahrheit hatte der Baron dort sein altes krankes Reitpferd, dem er den Gnadenschuß gegeben, in die Erde senken lassen. Das Volk aber ließ nicht ab von dem Glauben, dort lägen die getöteten Franzosen begraben. Als Heinrich durch Schröder das Gerücht erfuhr, lachte er und schärfte dem Alten ein, ihm ja nicht entgegenzutreten. Der treue Diener grinste verständnisinnig, ging noch an demselben Abend in das Dorfwirtshaus in Laublingen und log den aufhorchenden Bauern haarsträubende Dinge vor, die sein Herr gegen die Franzosen getan haben sollte. Die Damen des Hauses sahen diesem Tun und Treiben des Sohnes und Bruders mit sehr verschiedenen Gefühlen zu. Antoinette lobte und pries alles, was er tat; in ihren Augen wurde er täglich mehr zu einem Helden, wie ihn das Land sonst kaum aufzuweisen hatte. Für sie bestand auch kein Zweifel daran, daß er mit seiner Neigung zu Friederike von Schurff endgültig fertig geworden war. Würde er, ein Mann durch und durch, einem Mädchen nachtrauern, das sich als zu schwach und zu weich erwiesen hatte? Nimmermehr. Die Geheimrätin dagegen dachte anders. Mit den scharfen Augen einer Mutter sah sie, daß ihr Sohn heimlich litt. Nicht nur die Not des Vaterlandes drückte ihn nieder, es war noch etwas anderes da, was seine Seele quälte. Sie erriet das an manchem hingeworfenen Worte, auch an der Art, wie er manches Gespräch abbrach und schnell auf ein anderes Thema hinüberlenkte. Traurig verwandelt erschien er ihr, obwohl er wieder in der Fülle seiner Kraft stand. Etwas Heftiges, Unstätes war in sein Wesen gekommen, und in seinen Augen flackerte oft ein düsteres Feuer. Seine häufigen Ritte nach Halle, die großen Gelage, die er gab und besuchte, seine wilden und trotzigen Ausfälle gegen die Landesfeinde – das alles erschien ihr nur wie ein Mittel, sein liebeverlangendes Herz zu betäuben. Sie kannte ja ihren Sohn. Von dem, was er einmal ergriffen hatte, kam er nimmer wieder los. Es drücke ihr fast das Herz ab, mit ihm darüber zu sprechen, ihm zu helfen wider sein eigenes trotziges Herz. Nur Reils Mahnung verschloß ihr den Mund. Der erfahrene Menschenkenner mochte wohl recht haben; in solchen Dingen mußte ein Mann allein mit sich fertig werden, und nun vollends ein solcher Mann, wie ihr Sohn einer war. Aber als sie ihm am Morgen seines dreißigsten Geburtstages ihre mütterlichen Glückwünsche aussprach, da vermochte sie es nicht mehr über sich, das Schweigen zu bewahren. Sie bat ihn mit Tränen in den Augen, doch nicht sich selbst und eine andere unglücklich zu machen, und sie gab ihm einen Brief, den ihre Freundin, die alte Frau von Schurff, an die Base Krosigk in Hohenerxleben geschrieben hatte. Darin beklagte sie aufs bitterste das Schicksal ihrer Tochter, die von ihrem Bräutigam sitzen gelassen sei, trotzdem noch an ihm hänge und noch kurz vor Weihnachten eine vorteilhafte Partie von der Hand gewiesen habe. Heinrich gab ihr den Brief, nachdem er ihn gelesen hatte, stumm zurück und sah sie mit einem langen Blicke an, in dem eine zornige Qual lag. Dann sagte er: »Rühre nicht daran, Mutter! Vielleicht kommt ein Tag, an dem ich zu ihr gehen kann, vielleicht auch nicht. Noch kann ich's nicht überwinden, was sie getan hat.« »Christenpflicht hat, sie geübt!« rief die Mutter. »Sie hat das Gebot des Heilandes erfüllt: Liebet eure Feinde.« Wieder sah Heinrich sie lange an und entgegnete dann ruhig: »Wer lieben will, muß auch hassen können.« Darauf verließ er das Zimmer. Die Geheimrätin blieb zurück, und schwere Tränen rollten über ihre Wangen. Sie faltete die Hände und betete, Gott wolle ihren Sohn davor behüten, daß er sich durch seinen Starrsinn das höchste Glück des Lebens verscherze. VI. Im Hause des Tribunalrates Dedo von Krosigk zu Halberstadt wurde ein freudiges Familienereignis erwartet. Die Geheimrätin erhielt die Nachricht davon in den ersten Tagen des März und war hocherfreut. Da ihr ältester Sohn gleichzeitig schrieb, daß seine Gemahlin etwas leidend sei, so beschloß sie sogleich, nach Halberstadt zu reisen und der Schwiegertochter in ihrem Hauswesen zu helfen. Der elfte März wurde zum Abreisetage bestimmt. Heinrich sah seine Mutter ungern scheiden; aber er sagte sich, daß zurzeit das Haus seines Bruders ein weit passenderer Aufenthaltsort für die alte Dame war als das Poplitzer Schloß, wo sie aus der Aufregung und Sorge nicht herauskam. Sie hatte dort ein ruhigeres Dasein. Die Frau Tribunalrätin, Tochter des »tollen Hagen« auf Nimburg, war allerdings eine exzentrische Dame, aber damals noch lebenslustig und heiter, und ihr Gemahl hatte nicht das leidenschaftliche Temperament seines Bruders; er war bei aller Entschlossenheit des Charakters eine diplomatische Natur. Zudem war er durch sein Wohnen in der Stadt und seine hohe Beamtenstellung feindlichen Zusammenstößen mit französischen Soldaten viel weniger ausgesetzt als der Gutsherr auf dem Lande. – Am Vormittage des sechsten März kam Heinrich von Krosigk auf den Piesdorfer Gutshof geritten. Er stieg vor dem alten Schloßgebäude ab, über dessen Tür das Doppelwappen der Wedell und der Bülow, der Mönch und die vierzehn Kugeln, in Stein gehauen ist. Von dem Diener, dem er die Zügel zuwarf, erfuhr er, daß der Gutsherr weit draußen auf dem Felde sei, und daß seine Gemahlin noch immer liegen müsse und niemand empfangen könne. Dagegen sei der Herr Präsident von Wedell gestern angekommen. Diese Nachricht erfreute den Baron sehr; denn Wilhelm von Wedell war ganz und gar ein Mann nach seinem Herzen. Er war ein Vetter und zugleich Schwager des früheren Landrates Gottlob von Wedell, der des Präsidenten Schwester, seine Cousine, geheiratet hatte. Trotz seiner jungen Jahre war er vor dem Kriege Präsident der Kriegs- und Domänenkammer in Halberstadt gewesen, hatte aber nach der Aufrichtung des neuen Königreiches auf der Stelle seinen Abschied erbeten und erhalten. Der feurige Mann mit den blitzenden Augen war nicht nur, wie sein Schwager auch, ein Gesinnungsgenosse, sondern recht eigentlich ein Geistesverwandter des bösen Barons. Er haßte die Franzosen mit der gleichen Glut und gab ebenso wie Heinrich seinem Hasse jederzeit ohne alle Scheu den kräftigsten Ausdruck. So war es denn natürlich, daß die beiden sich sehr freudig die Hände schüttelten, als der Major droben ins Zimmer getreten war. Zu ihrer Begrüßung gesellte sich aus dem Nebenzimmer ein dritter, ein untersetzter Mann mit starken, aber etwas stubenfarbenen Zügen und auffallend hellen graublauen Augen. Auch er streckte dem Baron die Hand entgegen, und Krosigk schlug lebhaft ein. »Den Teufel auch! Das nenne ich eine Überraschung!« rief er. »Sie auch hier, Steffens? Bleiben Sie längere Zeit?« »Weiß ich noch nicht,« erwiderte der Angeredete. »Ich bin in Geschäften hier, will das Gestein in den Kupfergruben zwischen hier und Alsleben untersuchen.« »Sind Sie denn wenigstens die nächste Woche noch in Piesdorf? Ja? Dann müssen Sie mit zu mir kommen. Ich bin nämlich auch in Geschäften hier. Ich will euch zu einer Fête einladen.« »Was? Du willst Feste feiern?« fragte der Präsident. »Du wirst dich doch nicht etwa gar verheiraten?« »Nee, nee, da sei unbesorgt,« lachte Krosigk. »Ich möchte nur am zehnten März ein paar Gäste aus der Umgegend bei mir sehen. Am elften reist nämlich meine Mutter ab, und ihr zu Ehren will ich ein solennes Abschiedsessen geben.« Der Präsident erhob warnend den Finger und funkelte den Major mit seinen großen Augen lustig an, indem er ausrief: »Krosigk, Krosigk, du alter, unverbesserlicher Hochverräter! Weißt du nicht, daß es streng verboten ist, den Geburtstag der Königin Luise zu feiern? Wird das bekannt, so mache dich auf ein paar Wochen Festung gefaßt.« »Ei sieh da! Der Geburtstag der Königin,« rief Krosigk mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt. »Nee, so etwas. Richtig. Der trifft mit meiner Fête gerade zusammen. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ein merkwürdiger Zufall.« »Sehr merkwürdig in der Tat,« erwiderte der Präsident und schüttelte sich vor Lachen. »Und nun, da du weißt, wie unpassend der Tag ist, verschiebst du dein Fest natürlich um einen Tag.« »Fällt mir gar nicht ein, lieber Wilhelm. Meine Mutter reist am elften ab und wird am zehnten weggegessen. Honny soit, qui mal y pense . Ihr seid doch von der Partie?« »Ich komme sicher mit Pläsir, und Gottlob wird wohl auch kommen,« gab der Präsident zur Antwort. »Meine Schwester ist leider wieder einmal krank, kann also schwerlich erscheinen. Oder sind nur Herren eingeladen?« »Aber bester Freund, wenn ich meine Mutter fêtiere, kann ich ihr doch nicht nur Herren einladen.« »Ja so,« sagte der Präsident. »Es gilt ja deiner Mutter. Das hatte ich eben schon wieder vergessen. Ich wußte übrigens gar nicht, wie gut du schauspielern kannst. Du bist ja der reine Iffland. Der kann auch so verwünscht harmlose Gesichter machen, wenn er den größten Bösewicht darstellt.« Der Major lachte. »Ja siehst du, es lernt sich alles. Es wächst der Mensch mit seinen höheren Zwecken. Sie kommen doch auch hinüber, lieber Professor?« wandte er sich an Steffens. »Mit Freuden,« antwortete Steffens. »Ich bin sehr neugierig, Ihr Schloß kennen zu lernen, und wäre übrigens auch so gekommen, hatte mir's wenigstens fest vorgenommen.« »Schön, schön. Ein Mann wie Sie, ist mir immer herzlich willkommen. Nun grüße Gottlob, lieber Wedell, und deiner Schwester wünsche ich baldige Genesung. Kann sie mitkommen, so wird uns das natürlich sehr freuen. Und damit Adieu.« »Wie, Mensch, du willst ohne Frühstück fort? Das gibt's nicht,« rief Wedell. »Ich muß,« erwiderte Krosigk, »denn ich habe noch den ganzen Vormittag umherzureiten und einzuladen. Es ist die höchste Zeit. Die Damen in Trebnitz und Merbitz werden sonst nicht mehr mit ihren Chignons und Toiletten fertig. Also ich erwarte euch den zehnten gegen Abend. Um sieben wird gegessen. Gehabt euch wohl.« Wedell sah ihm vom Fenster aus nach, wie er abritt. »Dieser Krosigk,« sagte er, »ist doch ein prächtiger Kerl. Sehen Sie einmal, Professor, wie er zu Pferde sitzt. Nur Marwitz kann mit ihm rivalisieren. Wahrlich, wenn ich ihn sehe, fallen mir immer Leute wie Franz von Sickingen ein. Er gehört eigentlich gar nicht in dieses tintenklexende Säkulum.« »Sehr richtig,« bemerkte Steffens. »Er gehört in die Zeit, in der sein Geschlecht noch mit Reichsfürsten und Erzbischöfen Krieg und Fehde führen konnte. Und deshalb, Herr Präsident, ist er eine tragische Gestalt.« »Tragische Gestalt? Wieso? Wie meinen Sie das?« fragte Wedell verwundert. »Nun,« rief Steffens, »ist es nicht ein tragisches Geschick, wenn ein Mann, dem der unbeugsame Stolz im Blute liegt, in die Zeit der tiefsten Volksschmach hineingeboren ist? Ein Mann, der das Bücken und Schmiegen nicht kann, auch nicht lernen kann, kommt in einer Zeit zur Welt, die kluge Diplomaten verlangt.« »Sollte nicht die Zeit gerade solche Männer brauchen?« fiel Wedell ein. »Wenn alles nur laviert unb diplomatisiert, wie soll es jemals besser werden?« »Ja, wenn er die Macht hätte!« fuhr Steffens fort. »Wäre er König oder Kaiser, er könnte die Welt in andere Bahnen lenken. Aber so? Unbemerkt kann er nicht bleiben, dazu steht er zu hoch, und ändern kann er nichts, dazu fehlt ihm die Kraft. Auf die Dauer wird ihn das aufreiben. Ich nenne deshalb sein Los ein tragisches. Dieses scheinbar festgegründete Dasein trägt die Keime des Untergangs in sich. Am Verhältnisse seines Charakters zur Zeit muß er untergehen.« »Sie sind ein Unglücksprophet, Professor,« erwiderte der Präsident, und nach einigem Nachsinnen setzte er hinzu: »In Ihrem Sinne wäre ich ja dann selbst gewissermaßen solch eine tragische Figur. Denn ich denke ganz wie er, und an Unvorsichtigkeit fehlt es mir leider auch nicht.« »Sie haben doch in viel höherem Maße die Fähigkeiten zum Diplomaten,« wandte Steffens ein. »Ach, Sie meinen, die fehlten Krosigk?« fragte der Präsident. »Da irren Sie sich ganz und gar. Er will sie nur jetzt nicht haben, denn er sieht die Notwendigkeit dazu nicht ein. Aber als Haupt einer Verschwörung wäre er ganz an seinem Platze. Sie glauben das nicht? Sie schütteln mit dem Kopfe? Sie kennen ihn nicht. Er ist z. B. einer der kaltblütigsten und verschwiegensten Menschen, die ich kenne.« »Aber die Vorsicht?« versetzte Steffens. »Die Vorsicht? Die übt er auf der Stelle, wenn er einen großen Zweck damit verfolgt. Jetzt, wie gesagt, sieht er keinen. Er ist der ›böse Baron‹, um sich und seinen Leuten die Franzosen vom Halse zu halten, was ihm ja auch vortrefflich gelingt. Wenn aber einst die preußische Patriotenpartei das hiesige Land unterwühlen will – Sie wissen, Graf Chasot, Oberst Gneisenau und andere planen schon derartiges – dann kann Krosigk ihr bestes Werkzeug werden. Denken Sie einmal an mich, wenn's eintrifft.« »Hm, hm,« machte Steffens und wiegte den Kopf hin und her. »Daran kann etwas Wahres sein. Jedenfalls kennen Sie ihn ja viel besser als ich. Aber dann müßte man alles tun, daß er sich jetzt nicht nutzlos in Verdacht bringt. Sonst sitzt er am Ende gerade in Magdeburg oder Kassel, wenn man ihn braucht.« »Ja, da machen Sie mal etwas!« lachte Wedell. »Wenn Sie ihn von seinen wilden Streichen abhalten wollten, müßten Sie ihm auch gleich sagen können: Lieber Freund, deine Kraft wird anderweit gebraucht. Und das ist ja eben der Jammer, daß Sie das nicht können und ich nicht und niemand. Deshalb, weil er keine großen Ziele sieht, tobt er seine wilde Kraft in einem Kleinkriege gegen die Franzosen aus. Die Geburtstagsfeier der Königin kann ihm immerhin ernstliche Angelegenheiten zuziehen, denn gerade die edle Frau wird von dem Bonapartegeschmeiß mit besonderem Hasse beehrt. Aber hingehen wollen wir doch.« Da der Baron auch sonst nur wenige Absagen erhielt, so durfte er hoffen, eine überaus zahlreiche Gesellschaft in seinem Schlosse zu sehen. Aber noch in letzter Stunde trat ein Ereignis ein, das geeignet schien, den ganzen Plan zu nichte zu machen. Am achten März erhielt er die amtliche Mitteilung, daß mehr als fünfzehnhundert Mann französischer Truppen, Fußvolk und Reiterei, am zehnten in der Umgegend, auch in seinem Kanton, einquartiert werden würden, und daß sein Schloß dazu bestimmt sei, acht Offiziere des Kaisers zu beherbergen. Seit langer Zeit war es das erste Mal wieder, daß ihm solches zugemutet ward, und sein Zorn entbrannte heftig. Seine Laune ward noch weniger rosig, als nun von verschiedenen Seiten noch Absagen eingingen, so natürlich das war, denn die Landedelleute konnten doch die fremden Gäste nicht allein in ihren Schlössern hausen lassen und derweile zu einem Feste in die Nachbarschaft fahren. Manchem kam vielleicht die Abhaltung auch nicht ganz ungelegen. Am Abend des achten traf ein reitender Bote von Piesdorf ein mit einem Billet Gottlobs von Wedell. Der schrieb, ob nicht der Freund nun doch noch sein Fest verlegen oder ganz aufgeben wolle mit Rücksicht darauf, daß die Franzosen kämen, dagegen wohl die Hälfte der Gäste ausbleiben würde. Der Baron antwortete umgehend: »Teuerster Freund! Die Hälfte der Gäste ist noch gerade genug, und die Franzosen sind mir totalement egal. Es bleibt bei der Verabredung. Komme nur herüber mit den Deinen.« Wedell lachte halb ärgerlich, als er dieses Schreiben erhielt. »Der Eisenkopf!« brummte er. »Hätte mir's denken können. Man kann wirklich neugierig sein, wie es ablaufen wird.« So kam der Festtag heran. Kurz vor sieben hielt die ungeheure Piesdorfer Kutsche vor der Freitreppe des Poplitzer Schlosses, und es entstiegen ihr die beiden Schwäger von Wedell, der Professor Steffens und ein junger Vetter der Familie, Albert von Wedell, der als Leutnant in preußische Dienste treten wollte und, um deshalb Rücksprache mit seinen Verwandten zu nehmen, nach Piesdorf gekommen war. Von ihm wußte man, er werde Krosigk auf jeden Fall angenehm sein; darum hatte man ihn sans façon mitgebracht. Ein lautes »Donnerwetter« entfuhr dem Präsidenten, als er den Fuß zur Erde setzte, denn er hatte Poplitz noch nie in solchem Glanze gesehen. Das Schloß war illuminiert von oben bis unten, selbst an den Nebengebäuden funkelten unzählige kleine bunte Lichter. Das Ganze machte einen wirklich prächtigen Eindruck. Dazu steckten eben die Diener eine Reihe von Pechfackeln in der Reitbahn an, so daß es hell wurde, wie bei Tage. Gottlob von Wedell faßte seinen Schwager fest am Arme. »Ich sage dir, dieser Krosigk bringt sich noch um seinen Hals. So sind hier jedes Jahr die Geburtstage des Königs und der Königin gefeiert worden, ich bin gar manchmal mit dabei gewesen. Wenn das nur gut abgeht! Hoffentlich weiß keiner von den Franzosen, welchen Tag heute Preußen feiert, oder es denkt wenigstens keiner dran. Sie müßten sonst diese Feier geradezu als Provokation auffassen.« »Es ist kaum zu glauben, daß sich nicht wenigstens einer des Tages erinnert,« bemerkte Steffens. » Nous verrons ! Komme, was kommen mag!« rief der Präsident und schritt ins Haus hinein. Auf der Diele nahmen die Diener den Herren die Mäntel ab und geleiteten sie die Treppe hinauf in den Bildersaal, wo einstweilen vor dem Essen die Gesellschaft sich versammelt hatte. Hatte sich Gottlob von Wedelt unten über die Keckheit des Freundes verwundert, so erstaunte er noch mehr bei dem sonderbaren Bilde, das sich droben seinen Augen darbot. Auch der Präsident sah geradezu verblüfft aus. Von den älteren Herren des benachbarten Adels waren nur wenige zugegen, von Damen überhaupt nur die Rauchhauptschen aus Trebnitz. Die Herren, die der Einladung gefolgt waren, bestanden zumeist aus den verabschiedeten preußischen Offizieren, die zurzeit in der Gegend lebten. Da war natürlich Friedrich Ernst von Krosigk, der seit einigen Wochen sein Domizil auf dem Gute seiner Familie in Beesedau aufgeschlagen hatte. Da war ein Trotha, der beim Oberamtmann Neubauer lebte, um bei ihm die Landwirtschaft zu erlernen. Da war ein junger Rauchhaupt mit seinem Vetter, dem Rittmeister Timon von Werder, und mehrere andere, ein Alvensleben, ein Kerssenbrock, ein Schulenburg. Sie alle waren in ihren preußischen Uniformen erschienen, der Gastgeber natürlich ebenfalls. Er stand gerade unter dem Kronleuchter in der Mitte des Saales und sprach mit einem Kapitän der französischen grünen Husaren. Dabei lächelte er so verbindlich, als hätte er nie in seinem Leben ein Wässerlein getrübt. Wedell war sprachlos. Wenn im vergangenen Winter französische Offiziere auf dem Schlosse gelegen hatten, so war ihnen der Major stets aus dem Wege gegangen, hatte ihnen den schlechtesten Krätzer vorgesetzt und ihnen die Speisen gesondert auftragen lassen. In einem anderen Zimmer pflegte er dann mit einigen seiner Freunde zu zechen, und zwar den besten Wein, der im Keller lag. Heute nun hatte er sein Benehmen gänzlich geändert; er spielte den ungebetenen Gästen gegenüber den höflichen Wirt, und diese bewegten sich ebenso höflich unter den Einheimischen. Die preußischen Uniformen schienen sie nicht im mindesten zu stören. Als der Baron die Eintretenden bemerkte, brach er mit einem » Pardon Monsieur! « die Unterhaltung mit dem Franzosen ab und eilte auf sie zu. Er streckte ihnen schon von weitem die Hände entgegen und rief: »Endlich! Ihr seid die letzten. Ich fürchtete schon, ihr kämet nicht mehr, um meine Zauberkomödie ›Die Verbrüderung zweier großer Nationen‹ mit anzusehen. Nun soll aber auch gleich gegessen werden. Wilhelm, bitte führe meine Schwester Antoinette zu Tisch, Gottlob, du nimmst die jüngere Rauchhauptin, ich die ältere. Meine Mutter wird mein hochverehrter Freund, Herr Kapitän von Boisseliers, zu Tische führen. Darf ich die Herren miteinander bekannt machen?« Während die beiden Wedells sich vor dem französischen Offizier höflich verbeugten, hatten sie beide denselben Gedanken: entweder ist Krosigk, obwohl dies das erste Mal wäre, total betrunken, oder er hat irgend einen ganz bösen Streich in petto . Steffens schien mindestens etwas sehr Ähnliches zu denken. Nur der jüngste Wedell sah ganz ratlos und dabei sehr zornig aus. Er war ein glühender Patriot, ein wütender Feind der Franzosen und hatte sich deshalb auf die Bekanntschaft Heinrichs von Krosigk von Herzen gefreut. Wie fand er sich betrogen! Das sollte der bekannte böse Baron sein? War er etwa gerade gekommen, um mit zuzusehen, wie er sich mauserte und aus einem bösen ein zahmer Baron wurde? Kurz bevor man hinüberging, gelang es Gottlob von Wedell noch, den Freund in eine Ecke zu ziehen. »Mensch,« raunte er ihm zu, »bist du toll geworden?« »Wieso?« fragte Krosigk kaltblütig. »Was bedeutet das alles? Diese Maskerade?« Der Baron kniff ihn vergnügt in den Oberarm und flüsterte: »Ich will heute Ihrer Majestät eine ganz besondere Ovation bereiten, indem ich sie von französischen Offizieren hochleben lasse. Alle diese Kerle sollen auf das Wohl der Königin Luise trinken!« »Aber das gibt einen Eklat!« »Gott bewahre!« gab Krosigk zurück, verbeugte sich vor der in der Nähe stehenden Frau von Rauchhaupt und bot ihr den Arm, indem er Wedell höchst amüsiert zunickte. Das Souper begann, und die Unterhaltung wurde sehr bald ganz animiert. Man trank damals nicht die leichten Weinsorten von den Ufern der Mosel, sondem man bevorzugte die schweren Rheinweine. Daran erhitzten sich die Köpfe leicht; besonders die Franzosen, die nicht viel vertragen konnten, wurden bald sehr lebendig. Deutsch und Französisch schwirrte durcheinander, denn die meisten der Fremdlinge verstanden die Sprache des Landes, in dem sie weilten, nur sehr mangelhaft, man mußte deshalb in ihrer Sprache mit ihnen reden. Der einzige, der eine Ausnahme machte, war ihr Führer, der Kapitän Claude de Boisselliers. Er sprach das Deutsche ziemlich fließend und unterhielt sich aus Höflichkeit mit der Geheimrätin, die neben ihm saß, in ihrer Muttersprache. »Was ist das, gnädige Frau?« fragte er, auf ein riesiges L aus nachgemachten Kornblumen deutend, das an der Wand befestigt war. »Ich heiße Luise,« erwiderte die alte Dame und errötete dabei, obwohl sie damit die Wahrheit sagte. »Ah!« sagte der Franzose. » Merveilleux ! Wo man hinkommt in diesem Lande, trifft man diesen Namen. Ich war soeben in Quartier vier Wochen in einem Hause, wo eine Tochter diesen Namen trug.« Da man ihm gesagt hatte, die Feier gelte der morgen abreisenden Mutter des Schloßherrn, so faßte er keinen Argwohn. »Wo war denn das, Herr Kapitän?« fragte die Geheimrätin, weniger aus Neugier, als um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben. »In einem Dorfe an der Elbe, Madame. Es waren reizende Leute, die Familie von Schurff.« Die Geheimrätin warf ihm einen erstaunten Blick zu, und der Baron, der die Worte gehört hatte, rückte unruhig seinen Stuhl. Da Frau von Rauchhaupt eine Frage an ihn richtete, so konnte er leider nur das wenigste von dem verstehen, was der Franzose seiner Mutter weiterhin erzählt«. Er hörte nur noch, daß der alte Herr ein scharmanter Mann und seine Gemahlin eine scharmante Dame sei. Die älteste Tochter bezeichnete der Kapitän als eine stolze Schönheit, die jüngste sei noch ein halbes Kind, die zweite aber eine sich entfaltende Knospe von der größten Anmut und Liebenswürdigkeit. Er pries ihre Reize so begeistert, daß jeder merken mußte, welch einen tiefen Eindruck die Rosenknospe Minette von Schurff auf das Herz des fremden Kriegsmannes hervorgebracht hatte. »Ich hoffe, bald wieder einzukehren in dieses Haus,« schloß er seine Rede. Die Geheimrätin hatte wohl bemerkt, daß ihr Sohn bei Erwähnung des Namens Schurff zusammengezuckt war. Sie beobachtete ihn, während der Franzose sprach, verstohlen von der Seite; aber die Unterhaltung mit seiner Nachbarin nahm ihn augenscheinlich ganz in Anspruch. Als der Braten serviert war, stand der Baron auf, ergriff sein Glas und rief mit tönender Stimme: »Meine Damen und Herren! Insbesondere geliebte Nachbarn und Freunde! Sie wissen, wem die Feier dieses Tages gilt. Sie gilt der verehrungswürdigsten Frau, die zur Zeit die Erde trägt. Was auch das Leben noch bringen mag – in meinem, in Ihrer aller Herzen wird der Name ›Luise‹ nie untergehen. Trinken wir auf das Wohl dieser teuren Frau. Gott segne sie und ihr ganzes Geschlecht! Sie lebe hoch!« Ein donnerndes dreifaches Hoch durchbrauste den Saal. Am lautesten schrien die preußischen Offiziere; aber auch die Franzosen hatten sich mit erhoben und stießen mit an. Sie richteten sich dabei nach Boisselliers; denn sie vermochten der deutschen Rede schlecht oder gar nicht zu folgen. Der Kapitän hatte auch jetzt noch keinen Argwohn; denn an den Geburtstag der preußischen Königin zu denken, kam ihm gar nicht in den Sinn. Er fand es freilich sehr auffallend und höchst geschmacklos, daß dieser Edelmann seine eigene Familie, also sich selbst mit, hochleben ließ; aber mein Himmel! – in dem halbzivilisierten Lande mußte man auf solche Verstöße gefaßt sein. Gleich nachdem das Konfekt herumgereicht war, zogen sich die Damen in ein Zimmer jenseits des Korridors zurück. Die Herren blieben beim Wein sitzen und begannen zu rauchen. In kurzem war der Saal in eine riesige blaue Wolke gehüllt, und den Franzosen, die den schauderhaften Kanaster nicht vertragen konnten, wurde der Rauch bald sehr unangenehm. Aber man kümmerte sich nicht darum. Überhaupt war der Ton mit einem Male ein ganz anderer geworden. Von den höflichen Floskeln, mit denen man sich vorhin regaliert hatte, ward nichts mehr vernommen, man schien sich vielmehr wieder darauf zu besinnen, daß man zwei feindlichen Lagern angehöre. Allerdings waren daran die Fremdlinge selbst schuld, oder vielmehr einer von ihnen. Es war ein Premierleutnant, der mit dem Marschall Augereau nicht nur den Namen, sondern auch die kolossale Gestalt und die unflätigen Manieren gemein hatte. Er konnte mehr vertragen, als seine Kameraden, hatte aber auch soviel getrunken, wie drei von ihnen, und befand sich in dem Stadium, wo sich der eigentliche Charakter eines Menschen zu enthüllen pflegt. Da kam denn bei ihm nicht viel Gutes zutage. Er begann zunächst über den miserabeln Tabak zu schimpfen, den der Baron seinen Gästen vorgesetzt habe. Für Deutsche sei ja das Kraut vielleicht ganz gut, aber für Franzosen, Angehörige der grande nation , sei es einfach nicht rauchbar. Mit der größten Seelenruhe erwiderte Heinrich von Krosigk: »Sie haben sehr recht, mein Herr. Der Tabak ist in Wahrheit ganz miserabel. Aber daran sind Sie selber schuld. Sie haben unsern Handel unterbunden, so daß wir unsern Tabak aus der Uckermark beziehen müssen. Essen Sie also gefälligst aus, was Sie sich eingebrockt haben.« Der Franzose murmelte und brummte etwas Undeutliches vor sich hin, räkelte dann seine langen Beine flegelhaft weit von sich und begann nach einer Weile, indem er das vor ihm stehende Glas austrank: »Armseliges Zeug das! Wie ganz anders schmeckt doch der Wein aus der Champagne! Wenn Sie die Ehre haben, Offiziere der großen Armee in Ihrem Hause zu bewirten, so sollten Sie ihnen französische Weine vorsetzen. Oder haben Sie keinen in Ihrem Keller?« »O ja!« entgegnete der Baron mit freundlichem Lächeln. »Aber Sie müssen doch zugeben, daß man die Gesundheit der Königin Luise nicht in französischen Weinen trinken kann.« »Wessen Gesundheit?« fragte der Franzose aufhorchend. »Aber mein Herr,« sagte der Major anscheinend verwundert, »Sie fragen noch? Sie hatten ja doch die Güte, selbst mit anzustoßen auf das Wohl der erhabenen Königin von Preußen, deren Geburtstag wir heute feiern.« Da er französisch und sehr laut sprach, verstanden ihn alle, und wie mit einem Schlage fuhren die Franzosen von ihren Sitzen empor, während die preußischen Offiziere sitzen blieben und lachten. »Sie haben uns düpiert!« rief Boisselliers mit zornbleichem Antlitz. Der betrunkene Augereau aber ergriff eine vor ihm stehende Flasche und schleuderte sie nach Krosigk, verfehlte ihn und traf statt seiner einen Diener, der hinter dem Baron stand. Dabei stieß er gegen die Königin eines der gemeinsten Schimpfworte aus, das die französische Sprache überhaupt besitzt. »Hund!« brüllte der Baron und wollte sich auf ihn stürzen. Aber die Nächsitzenden hielten ihn zurück, und Boisselliers rief mit scharfer, durchdringender Stimme: »Halt, Messieurs! Vergessen Sie nicht, daß Sie Kavaliere sind. Sie haben uns aufs Eis geführt, mein Herr! Sie werden uns Ihre Entschuldigung äußern. Dann wird Herr Premierleutnant Augereau, wie ich hoffe, Ihnen gleichfalls sein Bedauern aussprechen.« Der Baron brach in ein Hohngelächter aus. »Nicht mich hat der Mensch beleidigt, sondern meine Königin. Deshalb will ich sein Blut sehen.« »So tragen Sie die Folgen Ihrer Tat!« antwortete Boisselliers. »Meine Herren Offiziere, Sie folgen mir hinüber in unser Quartier. In weniger als einer Viertelstunde, mein Herr Baron, wird Ihnen Herr Premierleutnant Augereau seine Zeugen zuschicken. Wir sind die Beleidigten, nicht Sie.« Er verbeugte sich kalt und schritt mit seinen Offizieren hinaus. Auf einen Wink des Barons folgte ihnen Schröder und noch ein Diener mit Armleuchtern. Drüben sagte Boisselliers, nachdem er die Tür abgeschlossen hatte, zu den ihn im Kreise umstehenden Offizieren: »Eine sehr fatale Affäre, meine Herren! Ich würde ja am liebsten diesen unverschämten Baron zur Anzeige bringen. Aber davon würden Sie, Augereau, die größten Unannehmlichkeiten haben. Wir leben in Frieden mit Preußen, wenn wir auch innerlich Feinde sind, und Sie haben über die Königin ein Wort gebraucht, das man einer Dame gegenüber unter allen Umständen vermeidet. Sie werden ihn also fordern müssen – für Sie, als trefflichen Schützen, keine schlimme Sache. Herr Leutnant d'Aurignac, gehen Sie hinüber und regeln Sie die Angelegenheit. Ich denke: Pistolen, fünf Schritt, Kugelwechsel bis zur Kampfunfähigkeit des einen. Ich verpflichte Sie alle zum Stillschweigen, meine Herren! Der freche Patron wird schon seine Strafe erhalten.« – Am anderen Tage fielen beim ersten Morgengrauen dicht hintereinander zwei Schüsse im Poplitzer Schloßparke. Kurze Zeit danach trugen die französischen Offiziere ihren Kameraden Augereau in den Seitenflügel des Schlosses, in dem sie einquartiert waren. Er war nicht lebensgefährlich verletzt, hatte nur einen Streifschuß am Kopfe. Eine unwillkürliche Drehung hatte ihm das Leben gerettet. Aber die Wunde blutete stark, und er war ohnmächtig. Heinrich von Krosigk mußte von dem Präsidenten Wedell und seinem Bruder Ernst nach dem Schlosse geführt werden, obwohl er unverwundet war. Die Kugel des Franzosen hatte ihn auf die linke Seite der Brust, dicht unter dem Herzen getroffen, war aber an einem Knopfe oder einer Schnalle abgeprallt. Indessen war ihre Wucht so gewaltig gewesen, daß sie ihn zu Boden geworfen hatte, wo er zum Entsetzen seiner Freunde eine Zeit lang wie leblos liegen geblieben war. Auf der Diele kam ihnen seine Mutter entgegengeeilt. Die in unmittelbarer Nähe des Schlosses fallenden Schüsse hatten sie geweckt, denn ihr Schlafzimmer lag nach der Parkseite. Sie hatte sich rasch ein leichtes Morgengewand übergeworfen und wollte sehen, was in der frühen Stunde geschehen sei. »Mein Gott, Heinrich! Was ist dir?« rief sie aufs höchste bestürzt, als sie sah, daß ihr Sohn sich fest auf seine Begleiter stützte. »Eine Schießerei mit den verdammten Franzosen,« sagte der Baron. »Es ist gut abgegangen, Mutter, wir können Gott danken. Aber ich will doch lieber eine Stunde ruhen.« Die Freunde führten ihn ins Zimmer und halfen ihm, sich auf ein Sopha hinzulegen. Dann gingen sie hinaus. Nun erzählte Heinrich seiner Mutter mit kurzen Worten den Hergang und fügte dann hinzu: »Es spannt mir auf der Brust, Mutter, alles ist mir zu eng. Ich will lieber einmal den Rock ausziehen, da wird's wohl besser werden.« Als die alte Dame den Rock ihres Sohnes aufnahm, um ihn an die Wand zu hängen, fielen zwei harte Gegenstände klappernd zur Erde. Sie bückte sich danach und hob sie auf. Der eine war die französische Kugel, der andere eine kleine Dose aus Silber, auf dessen eingequetschtem Deckel das Bild eines jungen Mädchens gemalt war. Der Geheimrätin schossen die Tränen in die Augen. Sie streckte ihren Fund dem Barone entgegen und rief mit zitternder Stimme: »Das, das hast du bei dir getragen! Und das hat dir das Leben gerettet! Ach, Heinrich, sieh darin Gottes Finger. Überwinde dich! Wirb aufs neue um Friederike!« Der Baron sah lange nachdenklich auf die kleine, stark beschädigte Dose nieder. »Vielleicht, Mutter,« sagte er dann und drehte sich der Wand zu. VII. In den nächsten Wochen war der Haushalt des bösen Barons ganz frauenlos, denn auch seine Schwester Antoinette hatte ihn verlassen. Auf dem Rittergute Groß-Böhla in Sachsen lebte ihr Bruder Friedrich, der, wie alle die anderen Brüder mit Ausnahme des ältesten, noch unbeweibt war. Zu ihm wollte sie auf einige Tage gehen, um dort auch einmal nach dem Rechten zu sehen; aber sie fand so viel zu tun, daß ihr Aufenthalt sich immer mehr verlängerte. Wie der Bruder dem Baron vertraulich schrieb, schien sich zwischen ihr und einem Herrn von Einsiedel, der häufig in Groß-Böhla verkehrte, etwas anzuspinnen. Es war natürlich, daß dem Major während dieser Wochen in seinem einsamen Schlosse die Zeit recht lang wurde und daß er deshalb häufig auswärts weilte. Oft ritt er nach Piesdorf zu seinen Freunden, den Wedells; aber auch lange, weite Ritte unternahm er, besuchte die Trothas auf Hecklingen und Gänsefurth und die Krosigkschen Vettern in Hohenerxleben drüben im Anhaltschen. Ganz besonders oft und gern aber ritt er nach Halle. Die Stadt, die sich schon während des Mittelalters durch ihren kräftigen Bürgertrotz bekannt gemacht hatte, erwarb sich in den Tagen der Fremdherrschaft den Ruhm, unter den von Preußen abgetretenen Städten die treueste zu sein. Nirgendwo anders war der Grimm und der Haß gegen die Franzosen und den verschwenderischen und sittenlosen Hof in Cassel so gleichmäßig in allen Schichten des Volkes verbreitet wie in der alten Salzstadt an der Saale. Liebedienerei gegen die Volksbedrücker, Franzosenfreundschaft gab es hier nicht, sie wagten sich wenigstens nicht ans Tageslicht hervor. Der Verräter und Franzosenknecht würde hier zu Boden gedrückt worden sein durch die Last der allgemeinen Verachtung, ja er wäre kaum seines Lebens sicher gewesen. In Anhänglichkeit an das alte Herrscherhaus wetteiferte Halle mit den treuen Städten Hessens, unter denen Marburg den ersten Rang einnahm. In einem hallischen Wirtshause konnte man ungenierter seine Meinung äußern als an anderen Orten in Privathäusern. Schon deshalb war Heinrich gern in Halle. Beim Anblick der königstreuen Bürgerschaft ging ihm das Herz auf, und der böse Baron, von dessen Grobheit gegen die Fremden so viele Geschichten im Volke umliefen, war auch in der Stadt eine bekannte Persönlichkeit. Fast alle Leute grüßten ihn freundlich und ehrerbietig, wenn er durch die Gassen ritt, oft kam es auch vor, daß ein Rudel Gassenjungen seinem Pferde folgte und ihm weit hinaus das Geleit gab bis zu den Saaleufern hinter Gibichenstein. Dort stand inmitten eines riesigen Gartens das schlichte Landhaus Reils, und dieses Haus war wöchentlich einmal sein Ziel. Hier befand er sich in einem Kreise, der ihn ganz verstand, und in dem er sich völlig heimisch fühlte. Hier konnte er frisch von der Leber weg reden und brauchte nie ein Wort auf die Goldwage zu legen. Wer hier verkehrte, mußte ein Patriot sein, denn Reil, der mit der ganzen Zähigkeit seines ostfriesischen Naturells an Preußen hing, verkehrte mit keinem Menschen näher, der nicht so dachte wie er. So kam es, daß der Poplitzer Schloßherr in keinem Hause des Saalkreises häufiger und lieber verkehrte, als in dem des berühmten Arztes, mit dem ihn trotz ihres großen Altersunterschiedes eine immer festere Freundschaft verband. Gerade an dem Tage aber, an dem die ganze Umgegend in Halle zusammenströmte, dem Tage, da Jérôme einzog, blieb er fern. Der König hatte eine Huldigungsreise durch sein Land angetreten und kam in der zweiten Hälfte des Mai auch nach Halle. Vorher erklärte Heinrich im Reilschen Hause: »Die ganze Woche bekommen Sie mich nicht zu sehen, denn ich werde krank.« »So? fühlen Sie das jetzt schon?« lachte Reil. Dann fügte er in ernsterem Tone hinzu: »Ihr Fernbleiben wird natürlich nicht unbemerkt bleiben. Der König legt, wie Sie wissen, den größten Wert auf die Huldigungen des Adels. In Braunschweig soll ihn nichts so sehr erfreut haben wie die Nobelgarde, die ihm beim Einzug entgegengeritten ist.« »Jämmerliche Gesellschaft!« brummte Krosigk. »Sie sind der größte Grundherr des Kreises und Repräsentant der ältesten Familie. Es wird schon Leute geben, die den König auf Ihre Abwesenheit aufmerksam machen werden.« »Meinetwegen. Will den Kerl nicht sehen mit seinem Hofgeschmeiß. Sind mir alle speifatal,« knurrte der Major. »Und wie wollen Sie sich entschuldigen?« »Gar nicht,« entgegnete Krosigk trotzig. »Werde ich aber befragt, so erkläre ich, meine alte Wunde von Eylau sei wieder aufgebrochen. Sie brennt ja auch in Wahrheit immer, wenn ich an die Bonapartische Rasse denke.« So kam es, daß Heinrich von Krosigk an dem Tage, an dem Jérôme mit großem Gepränge die Hauptstadt des Saalkreises besuchte, seelenruhig auf seinem Schlosse Poplitz verblieb. Als er am Vormittage, die kurze Pfeife im Munde und die Flinte auf dem Rücken, von seinen Wiesen heimging, um zu frühstücken, hörte er in der Ferne starken Kanonendonner. »Die Ehrensalven für die wälsche Majestät!« murmelte er vor sich hin und lächelte verächtlich. Dann stemmte er seinen Stock fest in den Erdboden und blickte, auf ihn gestützt, lange nach der Gegend hin, aus der die Freudenschüsse ertönten. Immer finsterer wurde dabei sein Angesicht. Da drüben beugten sie jetzt ihre Rücken vor dem nichtigen, windigen Patron, dem seines Bruders Laune einen Königsthron geschenkt hatte. Selbst Leute wie Reil und Steffens waren unter denen, die sich dort verneigen und die Prunkreden auf den neuen Vater des Vaterlandes mit anhören mußten. Da pries man mit servilem Lächeln das hohe Glück, das dem Lande widerfahren sei, indem ein so edler, trefflicher, mit jeder Herrschertugend gezierter Monarch die Zügel der Regierung ergriffen habe. Verweile seufzte das Volk unter einem unerschwinglichen Steuerdruck, mußte sich von den fremden Soldaten, die im Lande lagen, aussaugen und quälen lassen und durfte sich nicht einmal laut und offen über sein Elend beklagen. Heinrich knirschte mit den Zähnen bei diesen Gedanken. »Herr Gott, wann wirst du dich unser erbarmen und unsere Ketten brechen helfen?« sprach er vor sich hin. »Untertänigen guten Tag, Herr Baron,« sagte da plötzlich eine klare Stimme hinter ihm. Heinrich fuhr herum und sah einen Bauern in seinem Sonntagsstaate vor sich stehen. Die Filzmütze hatte er abgenommen und blickte den Major respektvoll und etwas vertraulich lächelnd an. Heinrich ließ vor Erstaunen seine Pfeife fallen, als er ihn erkannte, und rief: »Potz Blitz! Das ist doch der Meier aus Groß-Salze. Wie kommt er denn hierher? Und was soll die Verkleidung?« Der alte Diener hob die Pfeife auf und sagte: »Pscht, pscht, Herr Baron, gefälligst nicht so laut, indem daß ich in meinem Inkognito reise! Ich habe eine sehr wichtige Botschaft an den Herrn Baron.« »Donnerwetter, von wem denn?« Meier sah sich vorsichtig nach allen Seiten um und sagte dann leise: »Vom Herrn Leutnant von Hirschfeld.« »Was? Wie kommt er denn zu dem? Ist er nicht mehr in Groß-Salze?« »Natürlich bin ich noch in Groß-Salze, und der Herr Leutnant von Hirschfeld sind auch dort und können nicht 'raus, indem daß die Franzosen und Westfälinger ihm scharf auf den Dienst passen, und wenn sie ihn fangen, da erschießen sie ihn. Da hat er mich denn zu Ihnen geschickt, Herr Baron, ob Sie ihm nicht aus der Klemme helfen wollten. Denn er sagte: ›Der Herr von Krosigk hat einen so anschlägigen Kopf, der wird schon einen Weg finden, mir aus der Patsche zu helfen.‹« Heinrich schüttelte den Kopf. »Das ist ja eine ganz tolle Geschichte! Hat er denn einen Brief an mich, irgend etwas Schriftliches?« »Schriftliches habe ich nicht, indem daß man sich nicht getraut hat, mir was mitzugeben. Was unser gnädiges Fräulein Friederike ist, die sagte zu mir: ›Heinrich‹ – ich heiße nämlich auch Heinrich, Herr Baron – ›Heinrich, auf dich kann man sich verlassen und du wirst das alles merken.‹« In des Majors Augen blitzte es auf. Er ließ sich auf einen Baumstumpf am Wegesrande nieder und wies auf einen andern. »Da setze er sich und erzähle er der Reihe nach, was passiert ist und was ich soll!« »Also,« begann der alte Diener, »ich fahre das gnädige Fräulein vor vier Tagen von Magdeburg nach Hause. Es war schon dämmerig, wie wir an das kleine Gehölz bei Westerhüsen kamen. Plötzlich springt ein Mensch aus dem Gebüsch in einem nassen Rocke; denn er war in der Elbe geschwommen, mit Schmutz bedeckt von oben bis unten. Der schreit: ›Um Gottes willen, meine Gnädige, retten Sie einen Landsmann, der von den Franzosen verfolgt wird!‹ »Unser Fräulein läßt gleich halten und fragt, wie er heißt. ›Ich bin der Leutnant von Hirschfeld, bin aus Magdeburg entsprungen‹, sagte er. »›Kommen Sie‹, sagte unser Fräulein. ›Kriechen Sie unter's Leder, damit Sie niemand sieht. Und nun, Heinrich, fahre zu!‹ »Wie wir in Groß-Salze ankommen, ist es ganz dunkel. Der Herr mußte vorher aussteigen, ehe wir in den Hof einfuhren, und über die Gartenmauer springen. Dann ließ ihn das gnädige Fräulein von hinten ins Haus und versteckte ihn in dem kleinen Alkoven neben ihrem Zimmer.« »Und da ist er noch?« fragte Heinrich. »Da ist er noch,« erwiderte Meier. »Bei Groß-Salze und Schönebeck ist die ganze Gegend voll von Franzosen. Er darf sich nicht herauswagen. Sie sind auch tüchtig hinter ihm her. In allen Häusern haben sie Haussuchungen angestellt.« »Und da haben sie ihn nicht gefunden?« Meier blinzelte schlau. »Bei uns sind sie gar nicht gewesen.« Als ihn der Major erstaunt ansah, fuhr er fort: »Es liegt bei uns im Quartier ein Kapitän von Boisselliers, der schon im Februar fast vier Wochen da war.« »Ah, der!« brummte Krosigk dazwischen. »Der hat Bürgschaft geleistet, daß nichts Verdächtiges im Hause wäre. Da sind sie gleich wieder abgezogen.« Heinrichs Gesicht verdüsterte sich auffallend. »Der Kapitän ist ein Freund der Familie?« fragte er rauh. Meier lächelte wieder verschmitzt und zugleich respektvoll. Dann entgegnete er: »Erlauben der Herr Baron einem alten Diener, der siebenunddreißig Jahre im Hause ist, ein Wort. Der Kapitän hat es auf unser Fräulein Minettchen abgesehen, denn er ist wie der Deuwel hinter ihr her. Und was unser Fräulein ist, Herr Baron, die sieht ihn viel zu gerne. Ich glaube, sie tät ihn vom Flecke weg heiraten, wenn's nur ginge.« »Und warum geht's denn nicht? Solche verdammte Mariagen werden doch jetzt Mode!« rief der Major und stieß grimmig seinen Stock in die Erde. »Darüber läßt sich wohl viel sagen,« versetzte der vorsichtige Meier. »Na, dann rede er mal, wie ihm der Schnabel gewachsen ist!« rief Krosigk. »Mir gegenüber kann er das schon riskieren.« Der alte Diener blicke den Major pfiffig an und entgegnete geheimnisvoll: »Indem daß nämlich die Herren Eltern dagegen sind. Und was unser Fräulein Friederike ist, die ist ganz Gift und Galle. Unsereiner hört mancherlei, Herr Baron. Vor ein paar Tagen hat es eine schreckliche Szene gegeben. Der alte Herr schimpfte und die alte gnädige Frau weinte und Fräulein Friederike wollte das Fräulein Minettchen nach Hecklingen schaffen, wenn erst nur wieder der Herr Major von Trotha zu Hause wären. Sie sagte, es wäre eine Schande.« »Ist es auch,« warf Krosigk ein, sah aber plötzlich sehr erfreut, fast verklärt aus. Meier bemerkte das wohl, und ein noch pfiffigerer Ausdruck trat in sein schlaues Bedientengesicht. O, er war viel klüger, als er aussah; er wußte so ungefähr, wie der Mann da mit seinem gnädigen Fräulein stand! Denn er war zwar eine treue Seele, hatte aber die löbliche Gewohnheit, an den Türschlössern zu horchen, und der Himmel hatte ihn mit einem überaus feinen Gehör begabt. So war ihm nicht verborgen geblieben, weshalb Krosigk nicht wieder auf Groß-Salze erschienen war und weshalb Fräulein Friederike noch immer nicht den Brautkranz getragen hatte. Da mußte etwas geschehen; denn er, August Heinrich Meier, begünstigte diese Manage aus verschiedenen Gründen: erstens bevorzugte er Fräulein Friederike vor allen anderen Kindern des Schurffschen Hauses, zweitens achtete er den Baron hoch wegen seiner Leutseligkeit, die sich zuweilen zu harten Talern verdichtete. Deshalb sprach er jetzt, indem er seinem Gesichte den Ausdruck ehrlichster Einfalt zu geben versuchte: »Und wissen der Herr Baron, was unser gnädiges Fräulein noch sagte? ›Mutter,‹ sagte sie, ›wenn Heinrich von Krosigk den Leutnant von hier fortholt‹ – verzeihen der Herr Baron, aber sie sagte nicht ›Herr Baron‹, sondern ›Heinrich von Krosigk‹ – ›dann, Mutter, wollte ich, er könnte die Minette gleich mitnehmen; denn dort wäre sie doch vor dem Kapitän ganz sicher.‹« »Ha!« rief der Major aufspringend, und seine Augen glänzten, sein ganzes Gesicht strahlte. »Dem Mädchen kann geholfen werden! Komme er. Wir gehen nach dem Schlosse.« Nach ein paar Augenblicken blieb er wieder stehen und fragte mit derselben strahlenden Miene: »Weiß sein gnädiges Fräulein auch, daß sie ein paar Jahre im Gefängnis Wolle zupfen kann, wenn die Geschichte 'raus kommt?« »Freilich, freilich,« flüsterte Meier. »Die Frau Mutter hat auch die größte Angst.« »Das Fräulein nicht?« »Die hat niemals Angst,« erwiderte Meier im Brusttone der Überzeugung. Der Baron faßte seinen Arm so fest, daß er fast geschrien hätte. »Er weiß gar nicht, was er mir gebracht hat,« murmelte er. Dann stürmte er mit mächtigen Schritten vorwärts, machte aber kurz vor dem Eingange der Reitbahn noch einmal Halt. »Ja, welcher von den Hirschfelds ist es denn? Moritz oder Eugen?« rief er. »Das weiß ich freilich nicht, Herr Baron.« »Na, wie sieht er denn aus? Kleiner Mann, gerade Nase, starker schwarzer Schnurrbart? Wie?« »Akkurat so, Herr Baron. Er ist auch schon einmal hier bei dem Herrn Baron gewesen,« sagte Meier. »Also Eugen! Was hat er denn eigentlich verbrochen?« »Er soll in der Festung Magdeburg gespioniert haben,« erwiderte Meier und setzte dann mit gedämpfter Stimme hinzu: »Was die Westfälinger sind, die in Groß-Salze liegen, die sagen, er hätte den Kaiser Napoleon oder wenigstens den König Schärome ermorden gewollt.« Krosigk lachte. »Immer gleich das Wildeste! Wieviele Leute wissen denn übrigens darum, daß Hirschfeld im Schlosse ist?« »Nur die gnädige Herrschaft, das gnädige Fräulein und ich,« sagte Meier mit Selbstgefühl. »Gut!« rief Heinrich von Krosigk. »Ich fahre in einer Stunde nach Groß-Salze, denn ich habe einen Plan. Er bleibt aber hier, bis ich wiederkomme. Er bekommt ein Zimmer und wird gehalten wie ein Landrat. Und wenn die Geschichte gut ausgeht, kann er sich freuen.« Schmunzelnd folgte ihm Meier ins Schloß. »Schröder,« befahl der Baron dem herbei eilenden Diener, »der Mann hier wohnt heute und morgen in demselben Zimmer, das Herr Kandidat Moldenhauer bewohnt hat. Es soll sehr gut für ihn gesorgt werden, hörst du? Vor der Hand erhält er ein ausgezeichnetes Frühstück. Stelle auch eine Flasche Rheinwein dazu. Wenn du das besorgt hast, schickst du Breitmann nach Beesedau zu meinem Bruder Ernst. Ich lasse den Herrn Rittmeister bitten, sofort hierherzukommen. Es wäre etwas Dringliches! – Halt, noch eins: der Herr Rittmeister möchte in einem Anzuge erscheinen, als wäre große Gesellschaft, aber nicht in Uniform!« In der nächsten Stunde beherbergte das Poplitzer Schloß zwei sehr glückliche Menschen. Der eine war der alte Meier, der selig vor seinem Frühstück saß und sich bedienen ließ und eine große Flasche Rüdesheimer vor sich stehen hatte. Gerade dieser Wein war seine Schwäche. Er bekam aber nur zu Geburtstagsfeiern der Herrschaft ein Glas und war sonst auf die Reste angewiesen. Daß er eine ganze Flasche des Göttertrankes sein eigen genannt hatte, war noch nie vorgekommen. Der ungewohnte Genuß des feurigen Getränkes machte ihn so dreist, daß er es wagte, in dem herrschaftlichen Zimmer seine Pfeife zu entzünden. In Hochgefühlen schwelgend, blickte er in die Dampfringel und schwur in seines Gemütes Innerstem dem freigebigen Herrn Baron ewige Freundschaft. Der saß unten in seinem Zimmer, noch weit glücklicher als der alte Diener, und sein Glücksgefühl hatte keine so materiellen Gründe. Wer ihn jetzt erblickt hätte, wie er dasaß, das Auge mit einem träumerischen Ausdruck in die Ferne gerichtet, der hätte den allzeit strengen und herben bösen Baron nicht wiedererkannt. Das ganze Antlitz des Mannes leuchtete in freudigem Glanze – er durfte ja nun die Hand ausstrecken nach dem Glücke, nach dem sein leidenschaftliches Herz so lange schon begehrte, und das ihm sein harter Wille trotz alledem vorenthalten hatte. Nun war der Weg zur Geliebten frei; es war kein schwächlicher Kompromiß nötig zwischen Liebe und Pflicht; alle seine Zweifel waren zerstoben wie Nebel vor der Sonne. Sie hatte gezeigt, daß sie eine wahre Patriotin war, und daß sie Eisen im Blute hatte. Eine Geistesgegenwart, eine Umsicht, einen Mut hatte sie an den Tag gelegt, die ihn entzückten. In eine schwere Gefahr hatte sie sich ohne Zaudern gestürzt, denn was sie getan, ahndete das französische Gesetz oder die französische Willkür mit langer Kerkerstrafe. Was verschlug es dem gegenüber, daß sie in manchen Punkten anders dachte als er? Sie war mit ihm doch einig in dem, was ihm das Höchste war, in der Liebe zum Vaterlande. Setzte sie selbst Ehre und Freiheit aufs Spiel, um einen preußischen Verschwörer zu retten, so würde sie auch nicht dem Gatten mit kleinlichen Bedenken kommen, wenn er sich mit Gleichgesinnten verband, um die Not des Vaterlandes zu wenden. Noch weniger würde sie ihn hindern, Blut und Leben zu wagen, wenn der große Tag der Rache hereinbrach. Er konnte nur eine Lebensgefährtin heimführen, die bereit war, jederzeit bereit, das häusliche Glück auf dem Altare der höheren Pflicht zu opfern, und jetzt durfte er hoffen, in dem Mädchen, das er liebte, solch eine Frau zu finden. Der Eintritt seines Bruders Ernst schreckte ihn aus seiner tiefen Versunkenheit auf. Die beiden Krosigks hielten nun eine kurze, ernste Beratung. Nach einiger Zeit wurden die Diener Schröder und Breitmann in das Zimmer des Herrn entboten und endlich auch noch zwei treue Knechte, die Geschirrführer Naumann und Keller herbeigeholt. Eine halbe Stunde später ward zum höchsten Erstaunen aller auf dem Hofe beschäftigten Leute die große Galakutsche aus der Remise gezogen und mit den vier besten Pferden bespannt. Der Major und sein Bruder nahmen darin Platz. Die Dienstmädchen stießen einander an, kicherten und warfen sich bedeutsame Blicke zu, als sie sahen, daß der Major einen kleinen grünen Strauß an seinen Rock gesteckt hatte. Auch Schröder und Breitmann, die in feinster Livree auf dem Bocke saßen, trugen Sträuße angesteckt und zwar solche von riesigen Dimensionen, und von den Hüten der Vorreiter Keller und Naumann flatterten bunte Bänder. »Eine richtige Hochzeitsfuhre!« bemerkte Ernst von Krosigk, als die Pferde anzogen. »Die soll's ja, so Gott will, auch werden,« erwiderte sein Bruder. »Übrigens je bunter, desto besser. Um so weniger Argwohn erregen wir.« – Am späten Nachmittag langte man in Groß-Salze an. Vor dem Dorfe wurde der Wagen von französischen Zollwächtern angehalten. Die Douanenkette ging hier durch, wo man auf die englischen Waren vigilierte, die etwa ins Land hineingepascht werden sollten. Wie ernsthaft diese Sperre gehandhabt wurde, bezeugte ein großes Feuer, das etwa tausend Schritte vom Zollhause entfernt brannte und schwelte und einen pestilenzialischen Geruch verbreitete. »Was ist denn das?« fragte Ernst von Krosigk. »Leinen und Webereien,« war die Antwort. »Was?« rief der Rittmeister. »Die verbrennt man auf freiem Felde? Konnte man sie nicht wenigstens armen Leuten schenken?« »Befehl Seiner Majestät des Kaisers,« erwiderte mürrisch der Sergeant und gab das Zeichen, daß der Poplitzer Wagen passieren könne. »Verfluchte Schwefelbande!« knurrte Ernst und blickte seinen Bruder an, eine beistimmende Bemerkung erwartend. Aber er sah mit Verwunderung, daß der Major lächelte und offenbar gar nicht zugehört hatte. Er sagte nur: »Nun laßt die Gäule laufen, so schnell sie noch können, und du, Keller, kannst jetzt meinetwegen blasen.« Der treue Keller war in früheren Jahren Postillon gewesen und verstand sehr kunstreich das Posthorn zu blasen. Er war aber auch Trompeter bei Jung-Larisch gewesen, und diese Erinnerung wurde jetzt übermächtig in ihm. Denn statt eines lustigen Liedes blies er das preußische Signal »Zur Attacke, marsch, marsch!« und unter dessen schmetternden Klängen rasselte die Kutsche durch das Tor des blauen Hofes. Als der Baron das Schlößchen betrat, hatte sich die ganze Familie Schurff auf der Diele zusammengefunden. Der alte Major stand da auf seinen Stock gestützt, neben ihm seine Gemahlin, im Hintergrunde die beiden jüngeren Töchter. Friederike trat eben aus einer Seitentür heraus und blieb wie erstarrt stehen, als sie den Eintretenden erblickte. »Friederike!« rief Heinrich und eilte auf sie zu. »Hier bin ich wieder. Willst du mich noch?« Sie gab ihm mit den Lippen keine Antwort, denn sie konnte nicht reden; aber ihre Augen, die sie zu ihm aufschlug, sagten ihm genug. Er riß sie stürmisch an sich und schlang seine mächtigen Arme so fest um ihre schlanke Gestalt, als wolle er sie niemals wieder loslassen. »Nun bist du mein und bleibst mein für immer,« sagte er leise, als er sie endlich wieder freigab. » Mon dieu , was ist das? Sie hier, Herr von Krosigk?« fragte in dem Augenblicke der Kapitän von Boisselliers, der die Treppe herunter kam. »Eine Verlobung,« antwortete Frau von Schurff, indem sie ihre älteste Tochter liebevoll an sich zog. Heinrich von Krosigk aber verbeugte sich höflich gegen den Franzosen und sagte mit einem triumphierenden Ausdruck: »Ich habe mich mit Ihrer gütigen Erlaubnis soeben mit Fräulein Friederike von Schurff verlobt.« Der Kapitän erblaßte leicht. Er hatte sich's ernstlich in den Kopf gesetzt, Minette von Schurff zu heiraten, und war fest entschlossen, mit aller Energie um ihren Besitz zu kämpfen. Die Eltern des geliebten Mädchens, das wußte er, hatten gegen seine Person nichts einzuwenden, sondern nur gegen seine französische Herkunft, und den Widerstand der alten Leute hoffte er mit der Zeit überwinden zu können, ebenso die Abneigung, mit der Minettes ältere Schwester dem Plane gegenüberstand. Nun aber, wenn dieser Mann in die Familie eintrat, mußte sein Kampf dreimal so heiß und heftig werden. Er hatte sich seit seinem Aufenthalte in Poplitz gründlich über den bösen Baron informiert und wußte gerade genug. Indessen war er nicht nur ein Mann von Welt, sondern auch ein wirklich vornehmer Charakter. So überwand er sich denn und sprach seinen Glückwunsch aus. Der an den Baron fiel freilich sehr kurz und frostig aus; aber für die Eltern der Braut fand er verbindliche, sogar herzliche Worte. Noch mehr zeigte er sein feines Taktgefühl dadurch, daß er den ganzen Tag über die Familie sich selber überließ und sich, soweit er nicht außerhalb des Hauses beschäftigt war, ganz auf seine Zimmer beschränkte. Dafür stattete ihm nach Einbruch der Dunkelheit der alte Major von Schurff eine Visite ab. »Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Kapitän;« sagte der Greis, nachdem er Platz genommen hatte. Boisselliers, sehr erfreut, dem Vater Minettes einen Dienst leisten zu können, erwiderte: »Sie ist im voraus gewährt, mein Herr Major, wenn es in meiner Macht steht, sie zu erfüllen.« »So hören Sie denn. Es handelt sich um die Heirat meiner Tochter Friederike. Der Bräutigam, Herr von Krosigk-Poplitz, besteht darauf, sobald wie irgend möglich zu heiraten. Wir haben unsere Gründe, darein zu willigen. Nun muß aber das Brautpaar vorher mindestens zweimal aufgeboten werden, so fordert es die Sitte und die kirchliche Ordnung des Landes. Weil nun morgen als an einem Sonntage das erste Aufgebot schon erfolgen kann, so hat Herr Rittmeister von Krosigk sich erboten, in Begleitung eines Reitknechtes zurückzureiten und es dem Pastor in Laublingen zu überbringen. Ich möchte Sie nun bitten, die beiden durch die Douanenkette zu geleiten, damit sie nicht noch irgend welchen Scherereien und Schikanen ausgesetzt sind.« »Mit Vergnügen,« entgegnete Boisselliers. »Mein Pferd soll sogleich gesattelt werden.« So kam es, daß der Kapitän den im Hause verborgenen Leutnant von Hirschfeld selbst in die Freiheit befördern half. Der junge Offizier hatte Breitmanns Jägerlivree angezogen und saß auf Breitmanns Pferde, hatte sich den Schnurrbart abrasiert und den Dreimaster tief ins Gesicht gedrückt. Da weder Boisselliers noch sonst jemand Breitmanns edle Züge vorher irgend welcher Aufmerksamkeit gewürdigt hatten, so erregte er nicht den geringsten Argwohn und gelangte ohne alle Fährlichkeit nach Poplitz. Von dort halfen ihm Ernst von Krosigk und Wilhelm von Wedell nach Preußen durch. Ungefähr vierzehn Tage später fand in Groß-Salze die Hochzeit Heinrichs von Krosigk mit Friederike statt und zwar im engsten Familienkreise. Nur der älteste Bruder des Barons war mit der hochbeglückten Mutter aus Halberstadt herübergekommen, sonst niemand aus dem ganzen Freundes- und Bekanntenkreise. Bräutigam und Braut hatten es einmütig so gewünscht. »Unser Glück kann eine prunkende Feier nicht steigern,« sagte der böse Baron und sah die errötende Friederike mit Augen an, in denen das alte freudige Leuchten wieder zu erblicken war. »Und rauschende Feste feiern wir erst wieder im befreiten Vaterlande.« Drittes Buch. I. Die Rosen im Poplitzer Schloßgarten waren zum zweiten Male verblüht, seit Friederike von Krosigk als junge Frau ihren Einzug gehalten hatte. Für das unglückliche Königreich Westfalen waren die beiden vergangenen Jahre eine Zeit immer härteren Druckes gewesen. Die nie aufhörenden Aussaugungen des Landes durch die beständigen französischen Einquartierungen, die immer mehr anschwellende Steuerlast, die rohe Willkür der Polizei hatten das Volk so schwer gedrückt und so tief erbittert, daß in einem Teile Westfalens die offene Revolution ausgebrochen war. Als Österreich sich wider Napoleon erhob, da entfaltete der tapfere Oberst von Dörnberg in den hessischen Bergen die Fahne der Empörung; aber er hatte kein Glück, die beginnende Volkserhebung wurde von den bewaffneten Schergen Jérômes sogleich im Blute der Aufständigen erstickt. Um dieselbe Zeit erschien im Magdeburgischen der Major von Schill mit seinem Husarenregimente, um den Volkskrieg zu entzünden. Aber auch seine Hoffnungen erfüllten sich nicht; das Volk stand nicht auf wie ein Mann, und nach anfänglichen kleinen Erfolgen unterlag der tollkühne Reiterführer mit seiner Schar der erdrückenden Übermacht des Imperators. Er fand mit vielen seiner Reiter einen ehrlichen Soldatentod, während elf gefangene Offiziere seines Regiments in Wesel wie Verbrecher erschossen wurden. Unter ihnen befanden sich auch der Leutnant Albert von Wedell, der einst Gast auf dem Poplitzer Schlosse gewesen war, und sein Bruder Karl. Heinrich von Krosigk hatte allen diesen Versuchen, die Ketten der Fremdherrschaft zu zerbrechen, mit verschränkten Armen zugesehen und keine Hand dafür gerührt. Alte Freunde kamen zu ihm, lockten und baten, schalten und drängten, aber er blieb fest. »Auf solche Weise wollt ihr Deutschland retten, Preußen wiederherstellen?« schrieb er an einen Vertrauten, kurz nachdem Schill in Westfalen eingefallen war. »Seid ihr denn ganz von Gott verlassen? Ein Stabsoffizier marschiert los, unbekümmert um seinen Fahneneid, ohne den König zu fragen. Wenn dieser Geist in der unglücklichen kleinen Armee einreißt, dann ist Preußen verloren. Ich erkenne wohl, daß Schill wohlmeinend handelt, und doch ist seine Tat nicht nur unbesonnen, sondern direkt verwerflich, denn die erste Pflicht eines aktiven Militärs ist der Gehorsam. Daher beklage ich aufs tiefste die armen jungen Leute, die sein Exempel verführt; sie werden es hart zu büßen haben, daß sie ihm blindlings folgten.« Ebenso streng urteilte er über den Versuch der Leutnants Katte und Hirschfeld, die Festung Magdeburg zu überrumpeln. Eugen von Hirschfeld erschien selbst in Poplitz, um den Baron für das Unternehmen zu erwerben. Er glaubte leichtes Spiel zu haben, denn er kannte ja Krosigks Franzosenhaß und seine deutsche Gesinnung. Aber er erhielt eine runde Absage. »Ich will gern helfen, Zündstoff zusammenzutragen,« sagte der Baron. »Aber erst dann darf der Brand ins Volk hineingeschleudert werden, wenn Preußen wirklich aufsteht. Erst muß unser alter König frei erklären, daß er den Frieden von Tilsit nicht mehr anerkennt. Erst muß er die jetzt Königlich westfälischen Untertanen, die eigentlich seine Untertanen sind, ihres Eides entbinden. Sonst erheben sich gerade die Besten nicht; nur zuchtloses Volk und abenteuerliches Gesindel läuft uns zu. Damit ist nichts zu machen, und mißglückt der Aufstand, so ist das Land dreimal, ja zehnmal miserabler dran als vorher.« »So hätten wir uns in Ihnen getäuscht? So sind auch Sie, Krosigk, einer von denen geworden, die den Mut verloren haben?« rief Hirschfeld zornig. »Ich denke, ich habe meinen Mut oft genug bewiesen,« erwiderte Heinrich stolz. »Sie wissen wohl, daß mich der Tod nicht schreckt. Aber ich trage eine ganz andere Verantwortung als Sie, und deshalb erkläre ich Ihnen auf das bestimmteste: so lange ich nicht von Männern, die dem Könige nahe stehen und führende Stellen in Preußen einnehmen, Wink und Weisung erhalte, halte ich mich fern von Unternehmungen dieser Art. Sie sind ebenso nutzlos wie verderblich.« Als Hirschfeld dann nach lauem Abschied von dannen fuhr, sah er ihm vom Fenster aus noch lange nach. »Schade, jammerschade,« murmelte er vor sich hin, »daß oft die herrlichsten Jünglinge nicht zu Männern werden! Sie rennen in ihr Verderben,« sagte er sich umwendend zu seiner Frau, »und ich muß sie rennen lassen. Er ist irre geworden an mir, und ich empfinde es als die härteste Prüfung, daß ich zeitweise die Verkennung der besten Patrioten auf mich nehmen muß, wenn ich mir selbst treu bleiben will. Hoffentlich dauert es nicht zu lange mehr, bis Gneisenau oder Hardenberg oder Scharnhorst mich zur Tat aufrufen. Preußen kann nicht lange mehr so existieren und ich auch nicht.« An derartigen Äußerungen merkte Frau Friederike, wie wild noch die unterdrückte Leidenschaft in ihm arbeitete. Sonst waren die zwei Jahre ihrer Ehe merkwürdig ruhig dahingegangen. Zusammenstöße zwischen ihm und der französischen Einquartierung kamen allerdings noch hin und wieder vor. Französische Soldaten, die das landesübliche Schwarzbrot oder das Magdeburger Sauerkraut Schweinefutter nannten, zwang er mit vorgehaltener Pistole, das geschmähte Essen hinabzuwürgen. Dagegen mit Offizieren anzubinden, mangelte mehr und mehr die Gelegenheit, denn sie mieden sein Haus, wenn sie irgend konnten, da sein Ruf als mauvais sujet fest gegründet war. Sie waren keine Feiglinge, aber warum sollten sie sich in den Ruhequartieren täglich ärgern und schließlich wohl gar noch herumschießen mit einem Manne, dessen Treffsicherheit mindestens so groß war wie die ihrige? Friederike empfand das sehr wohltätig; denn noch immer verabscheute sie Händel dieser Art und konnte auf keine Weise von der Überzeugung abgebracht werden, daß der Zweikampf Sünde sei. Das waren so Prinzipienfragen, in denen sie von ihrem Manne abwich. Aber es waren ihrer sehr wenige. In der Hauptsache war sie ganz mit ihm einig, lebte sich mit jedem Tage mehr ein in sein Fühlen und Denken, lernte die Kraft und Größe seiner Natur immer höher schätzen. So konnte der Professor Steffens, der jetzt häufiger Gast im Poplitzer Schlosse war, einstmals von ihr sagen: »Diese Frau ist ihrem Manne mit rührender Innigkeit, ja mit Andacht ergeben. Eine harmonischere Ehe sah ich nie!« Sie war mit einem Worte eine wirklich glückliche Frau geworden, und ihre Mutter sagte ihr das auch eines Tages, als sie von Groß-Salze auf Besuch herübergekommen war und nun in einer Nachmittagsstunde mit ihrer Tochter auf der Veranda faß, die nach der Parkseite hinauslag. Die alte Dame trug Trauerkleidung und ein schwarzes Witwenhäubchen, denn der liebe Schurff hatte sie auf der Welt allein zurückgelassen. Er war wenige Monate nach der Hochzeit seiner ältesten Tochter dahin gegangen, wo er seinen großen König und die entschlafenen Kameraden des Siebenjährigen Krieges wiederzufinden hoffte. »Man soll ein gut Ding nicht berufen; es verkehrt sich sonst leicht ins Gegenteil,« sagte Frau von Schurff. »Aber ich muß es doch einmal aussprechen, wie sehr ich mich deines Glückes freue. Du hast wohl überhaupt keinen Wunsch mehr?« »Aber Mutter!« rief Friederike. »Keinen Wunsch? Und wir leben im Königreiche Westfalen!« »Ach, das meine ich jetzt nicht. Ich meine, als Frau bist du doch vollkommen glücklich?« fragte die Mutter weiter. Aber Friederikes Antlitz huschte ein leichter Schatten. »Man wünscht sich doch noch dies und das,« entgegnete sie. »Was denn zum Beispiel?« »Ein Kind,« erwiderte die junge Frau leise. Die Mutter lachte. »Ach, liebstes Riekchen,« sagte sie, »das hat wohl noch Zeit. Ihr seid ja erst wenig über zwei Jahre verheiratet. Denke an deines Mannes Mutter. Die mußte erst auch ein paar Jährchen warten, und nachher kamen noch – ja wie viele waren es eigentlich? Mit denen, die tot sind, wohl vierzehn. Wovor dich übrigens der liebe Gott in Gnaden bewahre.« Nach einer Weile setzte sie hinzu: »Dein Mann wünscht sich's wohl auch sehr?« »Ja, Mütterchen, obwohl er nie davon spricht,« antwortete Friederike. »Er ist viel zu rücksichtsvoll und zartfühlend, etwas zu äußern, wodurch er mich betrüben oder kränken könnte. Aber ich weiß es doch. Er wünscht sich auch nicht nur deshalb einen Sohn, weil sonst die Güter auf Dedos Kinder übergehen. Er möchte gern noch etwas haben, woran er sich freuen und was er hegen und lieben könnte. Ich bin überzeugt, er würde der liebevollste Vater werden, wie er der liebevollste Gatte ist.« Frau von Schurff sah eine Weile sinnend ins Weite, dann entgegnete sie nachdenklich: »Ein merkwürdiger Charakter ist dein Mann. Ich will dir offen gestehen: damals, als ihr euch getrennt hattet, dachte ich eine Zeitlang, es wäre gut so. Ich hatte die Sorge, sein fürchterlicher Starrsinn würde dich unglücklich machen.« »Starrsinnig ist er,« sagte Friederike lächelnd. »Ja, das ist nun einmal sein Fehler, und ich bin nicht blind dagegen. Er geht niemals ab von dem, was er sich vorgenommen; einen Wandel in Haß und Liebe kennt er nicht. Da er sich aber fast immer nur Tüchtiges vornimmt, die Schlechten haßt und die Guten liebt, so ist mit dieser Art Starrsinn schon auszukommen. Sie sehen doch auch, wie beliebt er bei seinen Freunden und bei seinen Leuten ist. Seine Freunde bauen Häuser auf ihn und seine Diener gehen alle für ihn durchs Feuer. Und nicht nur die Leute im Schlosse, auch alle die Arbeiter draußen auf den Gütern. Wo ist aber auch ein Herr, der das für die Seinen tut? Jeder Tagelöhner erhält Haus, Feld, Fruchtgarten zugewiesen, und wenn er eine Reihe von Jahren im Dienste bleibt, so wird's sein Eigentum. Alte und Kranke werden im Spital verpflegt. So schafft er sich einen Stamm von Arbeitern, der seßhaft und treu ist.« »Das kann aber auch nur ein Herr von großen Mitteln,« bemerkte die Mutter. »Man kann auch sagen: er hat die Mittel, weil er so wirtschaftet,« erwiderte Friederike. »Wir haben immer Arbeiter, gute Leute; treues, anhängliches Gesinde. Deshalb leiden wir unter der harten Zeit weniger als viele andere.« Frau von Schurff ergriff die Hand der jungen Frau und rief lebhaft: »Wie ich mich freue, dich so reden zu hören! Kann es für eine Mutter etwas Schöneres geben, als ihre Tochter so glücklich zu sehen? – Glück ist etwas so Seltenes auf Erden,« setzte sie leise seufzend hinzu, »daß man froh sein muß, wenn unter drei Töchtern wenigstens eine ganz glücklich ist.« »Aber Mutter!« rief Friederike, »warum sollen nicht auch die andem glücklich werden?« Der Mutter Antlitz verdüsterte sich, und sie antwortete zögernd: »Luise ist noch ein Kind. Ihr kann es ja noch erblühen. Aber Minette – nein, ich fürchte, die wird niemals glücklich.« »Ach, das fürchte ich nicht,« sagte Friederike bestimmt. »Sie hat einen festen Willen. So hoffe ich, daß sie mit der törichten Verliebtheit in den schönen französischen Kapitän fertig wird.« »Eine Verliebtheit nennst du das?« rief Frau von Schurff. »Nein, mein Kind, da irrst du. Das ist eine Liebe und eine Liebe von der Art, die alles überwindet.« Die junge Frau sah ihre Mutter bestürzt an. »Das wäre wahrhaft schrecklich!« sagte sie. »Ja, wahrhaft schrecklich,« gab Frau von Schurff zurück. »Er gehört doch nun einmal zu den Landesfeinden. Wir können doch keinen Offizier des Korsen in unsere Familie aufnehmen!« »Um Gotteswillen!« rief Friederike. »Wäre er kein Franzose,« fuhr die Mutter fort, »ich wüßte bei Gott keinen Mann, dem ich mein Kind lieber anvertraute. Boisseliers ist einer der vornehmsten und feinsten Menschen, die ich kenne. Er ist der einzige Franzose, bei dem ich wirkliches Gemüt gefunden habe. Auch ist er von gutem Adel, und seine Karriere ist ausgezeichnet. Denke dir, er ist schon Obristleutnant.« »Wie? Das ist allerdings schnell gegangen. Woher wissen Sie das, Mutter?« »Ach, das ist es ja eben. Ich bin deshalb mit hierhergekommen, um mit deinem Manne darüber zu reden. Mein Bruder in Kecklingen riet mir's an. Ich sollte euch fragen, ob ihr Minette nicht im Herbste auf längere Zeit zu euch nehmen wollt.« »Ja natürlich! Aber was ist geschehen?« fragte Friederike hastig. »Denke dir, er hat an sie geschrieben!« »Und der Brief ist in ihre Hand gekommen?« »Ich konnte es nicht verhindern,« antwortete Frau von Schurff. »Aber ich glaube, es ist auch besser so. Sie muß sich doch selbst entscheiden.« »Und was, Mutter, hat er ihr geschrieben?« drängte die Tochter. »Ach, Kind, einen langen Brief. Er schrieb, er sei avanciert und könne nun sehr gut an die Gründung eines standesgemäßen Haushaltes denken. Es sei ihm überdies noch ein kleines Vermögen zugefallen von dem Bruder seiner Mutter. So will er denn im Herbst nach Groß-Salze kommen und sie fragen, ob sie sein Weib werden will.« »Mutter!« rief Friederike ausspringend, »das darf nicht geschehen! – Was sagt denn Minette?« fragte sie dann ruhiger. »Minette,« erwidert« die alte Dame leise, »Minette ist am Ende ihrer Kraft. Sie sagt, sie könne nicht mehr. Und ich glaube ihr das. Zwei Jahre hat sie damit gerungen und ist körperlich krank darüber geworden. Sie will noch kämpfen, aber sie traut sich die Kraft nicht zu, ihn abzuweisen, wenn er vor sie hintritt. Deshalb hält sie selbst es für das Beste, ihn nicht in Groß-Salze zu erwarten. Sie willigt ein, nach Hecklingen oder zu euch zu gehen.« Friederike fiel ihrer Mutter um den Hals. »Schicken Sie sie her, liebe Mutter. Wir nehmen sie jeden Tag auf. Ach, Mutter, welch ein Verhängnis!« Sie brach in Tränen aus und weinte, an die Schulter ihrer Mutter geschmiegt, eine ganze Weile, während die alte Dame, selbst mit ihrer Bewegung kämpfend, ihr liebevoll die Haare streichelte. »Die arme, arme Minette!« schluchzte sie. »Ach, ich kann mich so in ihre Seele verletzen! Wie muß sie leiden unter diesem schrecklichen Konflikte! Aber es kann ja nicht sein, es darf nicht sein! Wie würde Heinrich das ertragen! Ich glaube, es könnte ihn nichts tiefer verwunden. Er würde es nie überwinden. Ach, bestes Mutterchen, wir wollen sie stärken, daß sie nicht schwach wird. Und wir wollen selbst nicht schwach werden. Nicht wahr, liebstes Mutterchen?« »Nein,« sagte Frau von Schurff. »Mir wollen tun, was wir können.« Sie mußte dabei trotz ihres Kummers lächeln, indem sie wahrnahm, wie sich bei dieser jungen Frau doch schließlich alles um ihren Mann drehte. Seiner gedachte sie auch in ihrem Gefühlsausbruche zuerst. Wie er es aufnehmen würde,das war ihre erste Sorge. Ein Geräusch von vielen sich nahenden Männerschritten schreckte da plötzlich die beiden Damen auf. Friederike trocknete rasch ihre Tränen, denn auf dem Damme, der das Schloß umzog und es gegen den Park hin abgrenzte, kam ihr Mann geschritten, gefolgt von etwa fünfzig Arbeitern. Sie trugen die Schurzfelle vorgebunden, hatten Äxte, Beile, Schaufeln und Hacken über die Schultern geworfen und sahen aus, als ob sie eben von der Arbeit kämen oder zur Arbeit gehen wollten. Der Baron winkte den Damen einen Gruß hinüber, als er ihrer ansichtig wurde, und rief: »Ich komme in einer halben Stunde zu euch. Wir wollen den schönen Abend miteinander genießen und im Freien essen!« Dann schritt er weiter nach dem Wirtschaftshofe. »Was hat denn dein Mann mit den vielen Leuten vor?« fragte die alte Dame. »Habt ihr einen Bau?« »Ja, aber nicht hier, drüben zwischen Veesen und Laublingen,« gab Friederike zur Antwort. »Sie haben wohl gehört, daß der König Lustig in Cassel den reichen Kirchen ihr überschüssiges Vermögen wegnimmt. Es wird dann am Hofe verjubelt oder es stießt nach Paris. Dem will Heinrich zuvorkommen und läßt seit einem halben Jahre bauen, was zu bauen geht. Das ganze Kirchenvermögen wird verbaut. Augenblicklich errichtet er ein Predigerwitwenhaus, obwohl gar keine Witwe da ist.« »Welche Zeiten!« seufzte die alte Dame. »Ein König vergreift sich am Kirchenvermögen, um seinen Lüsten zu frönen!« »Dafür ist er auch nur ein König aus lackierter Pappe,« versetzte Friederike verächtlich. »Nichts als eine Marionette ohne eigenes Leben. Ach, lassen wir ihn beiseite, Mutter. Mir ist der Kopf noch ganz wirr von dem, was Sie mir erzählt haben. Hoffentlich gelingt es mir, mich zu fassen, wenn Heinrich kommt. Wir wollen lieber morgen früh mit ihm davon reden; abends ist er jetzt meist müde. Er ist ja den ganzen Tag draußen.« – Unterdessen war der Baron durch den Wirtschaftshof in die Inspektorwohnung getreten. Breitmann hatte ihm gemeldet, daß er dort westfälische Gendarmen vorfinden werde. Das war nichts Auffälliges, denn er hatte als Maire häufig genug mit den Leuten zu tun. Ein für allemal hatte er seinem Inspektor die Weisung gegeben, ihn beim Eintreffen des uniformierten Gesindels vom Felde heimzurufen und die ungebetenen Gäste einstweilen im Nebenhause des Schlosses unterzubringen, wo auch seine Amtsstube lag. Heute aber erwartete der Baron etwas Besonderes und war entschlossen, etwas Besonderes auszuführen. Es schwebte zwischen ihm und der Regierung in Cassel schon seit Wochen ein ärgerlicher Handel. Das ungeheure Geldbedürfnis des Hofes machte das Ausschreiben immer neuer Steuern nötig, und dabei schreckten der gewissenlose Monarch und seine noch gewissenloseren Räte selbst vor offenbarem Rechtsbruche nicht zurück. So bestimmte die vom König beschworene Konstitution, daß die Rittergüter nie mehr als sieben Prozent ihres Reinertrages als Grundsteuer entrichten sollten. Den Machthabern in Cassel war das völlig gleichgültig. Man brauchte das Geld und nahm es daher, wo man's bekommen konnte. Unbekümmert um das, was eidlich festgelegt war, wurde die Grundsteuer auf zehn Prozent des Reinertrages festgesetzt. Das bedeutete natürlich eine kolossale Belastung des Grundbesitzes, die in der schlechten, geldarmen Zeit hart genug empfunden werden mußte. Noch weit mehr aber als der Verlust von einigen hundert Talern empörte den rechtlichen Sinn Heinrichs von Krosigk der frivole Bruch des gegebenen Königswortes. Er hatte seine adeligen Mitstände bewogen, einen sehr scharfen Protest gegen das gesetzwidrige Verfahren der Regierung mit zu unterzeichnen; bittere und gereizte Schreiben waren zwischen Cassel und dem Saaldepartement hin und her gegangen. Endlich hatte die Regierung mit gewaltsamer Exekution gedroht. Darauf waren die anderen zu Kreuze gekrochen und hatten gezahlt. Nur er war fest geblieben, denn es lag in seiner Art, eine einmal begonnene Sache bis zum äußersten zu treiben. Entweder wurde nun die Drohung wahr gemacht, oder die Regierung ließ die Angelegenheit in aller Stille fallen. Doch wußte er wohl, daß dazu wenig Aussicht war. Die wälsche und verwälschte Rotte in Cassel hatte die Macht, und Recht und Gerechtigkeit waren für sie nur leere Begriffe. So wartete er seit mehreren Tagen schon auf das Eintreffen der Exekution, und als ihm heute Breitmann die Ankunft der Gendarmen meldete, ahnte er sofort, was ihr Besuch zu bedeuten habe. Er war fest entschlossen, auch jetzt noch nicht nachzugeben, sondern nun etwas zu tun, wovon man reden würde von einer Grenze des Königreichs Westfalen bis an die andere. Mit frostiger Kälte begrüßte er den Polizeileutnant, der in seinem Amtszimmer auf ihn wartete. Der junge Mann verbeugte sich sehr höflich und überreichte ihm ein offenes Schreiben. »Ich habe die Ehre, Herr Maire,« sagte er, »Ihnen diesen Befehl der Königlichen Regierung zu überbringen. Sie werden darin aufgefordert, die rückständige Grundsteuer Ihrer Güter im Betrag von zweihundertachtundsechzig Franks zwanzig Zentimes zu erlegen. Im Falle des Unvermögens oder des Widerstrebens Ihrerseits habe ich Ordre, Ihr Reitpferd zu pfänden. Ich hoffe, Herr Maire, Sie werden es dazu nicht kommen lassen.« »Nein gewiß nicht,« sagte Heinrich. »Sie werden gleich sehen, daß ich es dazu nicht kommen lasse. Wo sind Ihre Mannschaften?« »Sie werden drunten in der Küche verköstigt.« »So folgen Sie mir und rufen Sie die Leute im Vorbeigehen,« sagte der Baron, entnahm einem Bücherregale ein schmales Schriftchen und schritt unbekümmert um den Fremden zur Tür hinaus und die Treppe hinab. Draußen im Wirtschaftshofe hatten sich zu den Leuten, mit denen der Baron gekommen war, auch noch die Arbeiter gesellt, die eben vom Felde heimkehrten. Mehr als hundert Menschen standen vor der Tür, und der Gendarmerieoffizier sah mit Befremden, daß sie alle mit irgend einem ländlichen Werkzeuge versehen waren. »Was bedeutet diese Zusammenrottung, Herr Maire?« fragte er unruhig. »Das werden Sie auf der Stelle erfahren, mein Herr,« gab der Baron zur Antwort. Er trat ein paar Schritte vor, entfaltete das Schriftstück, das er in der Hand hielt und rief: »Leute! Ich will euch zuvörderst den Artikel unserer Konstitution vorlesen, der von der ländlichen Grundsteuer handelt.« Klar und scharf und für jedermann verständlich hallten seine Worte über den Platz hin. Dann setzte er mit lauter Stimme hinzu: »So sagt unsere Konstitution. Keine Behörde hat das Recht, verfassungswidrige Verfügungen zu erlassen. Die vom Könige beschworene Verfassung bin ich als Untertan und noch mehr als Maire verpflichtet aufrecht zu erhalten.« Darauf wandte er sich zu den Polizeisoldaten und rief noch lauter: »Da ich euch also bei einem verfassungswidrigen Verfahren ergreife, da ihr wider das Recht in mein Haus eingedrungen seid, so verhafte ich euch als Maire des Kantons Alsleben hierdurch im Namen des Gesetzes.« Die Wirkung dieser mit schneidendem Ernst gesprochenen Worte war eine überwältigende. Die umherstehenden Arbeiter brachen in ein jubelndes Beifallsgebrüll aus; die Gendarmen dagegen standen da, verblüfft, bestürzt, wie vom Donner gerührt. Ihr Führer erholte sich zuerst. »Herr Maire,« sprach er mit blassem Gesicht und bebenden Lippen. »Das kann – das ist nicht Ihr Ernst. Das ist wohl einer Ihrer Scherze.« »Ich scherze nie mit Ihresgleichen,« erwiderte Krosigk kalt. »Es ist mir voller Ernst mit dem, was ich sage. Wollen Sie sich meinem Befehle fügen oder nicht?« »Herr Maire, treiben Sie die Sache nicht zu weit!« schrie der Leutnant. Krosigk sah ihn mit durchdringenden Blicken an. »Noch einmal frage ich: wollen Sie, oder soll ich Gewalt brauchen?« Der Leutnant schaute sich ratlos um. Dieser rabiate Landjunker sah aus, als wäre er zu allem fähig. Er war wohl verrückt und hatte seine Leute mit verrückt gemacht, denn alle die handfesten Burschen, die da umherstanden, sahen aus, als ob sie sich mit Freuden auf ihn und seine Leute stürzen würden. Darauf konnte er's nicht ankommen lassen, die Übermacht war allzu groß, es standen da zwanzig gegen einen. Darum erwiderte er mit einem wutfunkelnden Blicke auf den Baron: »Ich weiche der Gewalt.« »So geben Sie Ihre Waffen ab!« gebot Krosigk. Zähneknirschend reichte der Polizeileutnant seinen Degen hin, während seine Leute ihre Faschinenmesser und Karabiner ablegten. »Sie werden es bereuen, mein Herr!« stieß er hervor. »Beruhigen Sie sich!« sagte Krosigk ihm gönnerhaft zunickend. »Nur keine unnützen Aufregungen, sie schaden der Gesundheit. Da Sie ein sogenannter Offizier sind, so werden Sie die Nacht im Inspektorhause zubringen. Die anderen Kerls dort sperrt ins Spritzenhaus. Die Sonne geht schon unter; es ist zu spät, sie heute noch nach Halle zu schaffen. Morgen früh aber, mein lieber Inspektor, nehme er einen Leiterwagen und setze diese bunten Herren darauf und fahre sie unter sicherem Geleit nach Halle. Ich werde ihm ein Briefchen mitgeben an meinen Freund, den Unterpräfekten von Schele. Für heute wünsche ich eine geruhsame Nacht!« Er grüßte ironisch lächelnd und wandte sich dem Parke zu. Im Abgehen rief er noch: »Die Leute erhalten heute noch Wurst und Bier! Die Gendarmen können auch Bier bekommen, müssen es aber auf mein Wohl trinken.« – – – Als er nach der Veranda herüberkam, fand er den Abendtisch schon gedeckt. Er setzte sich nieder und speiste mit größtem Appetit den Schinken mit grünem Salat und die anderen einfachen ländlichen Genüsse, die seine Frau ihm vorgesetzt hatte. Denn einfach ging es außer bei Festen an seinem Tische zu. Nur ein guter Tropfen Wein war stets vorhanden, darauf hielt er. »Was wolltest du denn vorhin im Wirtschaftshofe mit den vielen Leuten?« erkundigte sich seine Frau. Heinrich lehnte sich behaglich zurück, und indem er sein Glas gegen den purpurn glühenden Abendhimmel hielt, erwiderte er: »Etwas Interessantes, liebe Frau, was nicht alle Tage vorkommt.« Und er erzählte den beiden Damen, was geschehen war. Seine Schwiegermutter sah ihn mit schreckensstarren Augen an. Friederike aber rief halb lachend, halb ärgerlich und besorgt: »Heinrich, Heinrich! Das wird dir etwas Schönes kosten!« »Ach was!« sagte der Baron wohlgefällig lächelnd. »Man muß sich in den bösen Zeiten auch einmal ein Vergnügen gönnen. Und nicht nur das. Man muß auch einmal anderen ein Vergnügen machen. Glaube mir, liebstes Kind, über diesen Streich wird Freude sein in Israel von Dan bis Berseba, und unsere Urenkel werden noch darüber lachen.« II. Heinrichs Weissagung ging in Erfüllung. Die Kunde, daß der böse Baron auf Poplitz die Gendarmen des Königs Jérôme ins Spritzenhaus gesperrt habe, erregte bei allen patriotischen Gemütern des Landes eine unbändige Heiterkeit. Man hatte lange nichts mehr von ihm gehört, aber nun war sein Name auf einmal wieder in aller Munde. Man hielt überhaupt im Magdeburgischcn nicht gern mit seiner Meinung hinter dem Berge, aber so frech und trotzig hatte noch niemand das allgemein gehaßte und verachtete Landesregiment in Cassel zu verhöhnen gewagt, wie dieser wilde Krosigk. Es lachte der Adel auf seinen Gütern, es lachten die Bauern in den Dörfern und die Bürger in den Städten, und die hochentzückten Studenten in Halle waren nur schwer von dem Plane abzubringen, ihn durch einen feierlichen Fackelzug zu ehren. Die begeisterten Musensöhne hätten sich, um solches auszuführen, gar nicht erst nach Poplitz zu bemühen brauchen; denn der Baron nahm im Herbste einen sechswöchentlichen Aufenthalt in ihrer eigenen guten Stadt. Freiwillig geschah das allerdings nicht, er saß dort vielmehr eine Haftstrafe ab. Man hatte bis jetzt von Cassel aus sich verwunderlich viel von ihm gefallen lassen, aber diese hagebüchene Grobheit schlug dem Fasse den Boden aus. Er hatte die westfälische Justiz und Polizei zum Gelächter gemacht, dafür mußte er büßen. Ein summarischer Prozeß wurde gegen ihn eingeleitet, und das Urteil lautete, er solle zweitausend Francs Strafe zahlen oder sechs Wochen lang in der Einsamkeit über seine Schandtat nachdenken. Als ihm die Sentenz ausgehändigt wurde, brummte er: »Das fehlte gerade noch, daß ich die Kerle mit meinem guten Gelde bereichere. Ich zahle keinen Heller. Mögen sie mich sechs Wochen in Halle einsperren.« Seine Frau machte auch nicht den leisesten Versuch, ihn zur Zahlung zu bewegen. Sie wußte wohl, daß seine Starrköpfigkeit unbeugsam war, und überdies schien ihm die ganze Sache einen ungeheuren Spaß zu bereiten. So fuhr er denn an einem schönen Septembertage seelenvergnügt mit seinem Diener Breitmann nach Halle, um seine Strafe abzusitzen. »Direkt ins Loch!« schrie er dem alten Pastor Moldenhauer zu, als er an dem Lustwandelnden vorüberfuhr. Er lachte über diese Veranstaltung seiner Behörde, und er hatte allen Grund zu lachen. Seine Haft in Halle war die reine Komödie, denn alle, die ihn bewachen sollten, waren seine guten Freunde und taten, was sie konnten, ihm das Leben zu erleichtern. Reil reichte sogleich ein Memorandum beim Unterpräfekten Schele ein, worin er behauptete, Krosigk habe eine geschwächte Gesundheit und müsse notwendigerweise eine Brunnenkur gebrauchen. Schele hatte nur darauf gewartet und erlaubte ihm nun täglich auszugehen, angeblich um die vor der Stadt gelegene Badeanstalt zu besuchen, in Wahrheit, um ihm so viel Bewegung in freier Luft zu ermöglichen, wie er bedurfte und haben wollte. Allerdings begleitete ihn bei jedem Ausgange ein bewaffneter Gendarm, um ihn am Entweichen zu hindern. Aber das war ihm gleichgültig, denn daran dachte er ganz und gar nicht. Er bewohnte mehrere gemütliche Zimmer in der »Alten Wage«, einem Hause, das der Stadt gehörte und zu Universitätszwecken benutzt wurde, durfte sich selbst verköstigen und verpflegen, sah häufig Freunde bei sich, mit denen er bis in die Nacht beim Weine zusammensaß, und führte also alles in allem in seinem fidelen Gefängnisse ein recht behagliches Leben. Es ward endlich sogar seiner Frau gestattet, zu ihm zu ziehen, und so wurde die Strafe, die von der erbosten Regierung über ihn verhängt war, zur lächerlichen Farce. Eine Buße mußte er aber doch für seinen tollen Streich entrichten, und die traf ihn härter als eine schwere Kerkerhaft. Durch einen unwillkommenen Besuch wurde er daran erinnert, daß es manchmal doch nicht wohlgetan ist, seine Freiheit, wenn auch nur auf kurze Zeit, aufs Spiel zu setzen. Es war ein regnerischer und nebliger Herbstabend. Heinrich saß rauchend und plaudernd in einem Lehnstuhle, während seine Frau mit einer Näharbeit beschäftigt war. Plötzlich näherten sich der Tür sporenklirrende Tritte, eine kräftige Hand klopfte an, und auf des Barons verwundertes »Herein!« trat ein hochgewachsener, in einen dichten Mantel gehüllter Mann ins Zimmer. Der Baron erhob sich erstaunt und erwiderte die höfliche Begrüßung des Fremden ebenso höflich, ohne zu ahnen, wer vor ihm stand. Friederike aber erkannte ihn auf der Stelle. Sie fuhr mit einem leichten Schrei in die Höhe und rief: »Herr von Boisselliers!« »Ah, in der Tat, Herr von Boisselliers. Was verschafft mir die Ehre?« fragte der Baron und nahm eine sehr steife Haltung an. »Ich komme, Herr Baron, um mit Ihnen über eine Angelegenheit zu reden, die mir mehr als alles andere am Herzen liegt,« antwortete der französische Oberstleutnant. »Bitte!« sagte der Baron frostig und wies auf einen Stuhl, indem er gleichzeitig wieder Platz nahm. Friederike raffte ihr Nähzeug zusammen und wollte das Zimmer verlassen, aber ihr Gatte hielt sie zurück. »Ich vermute, die Angelegenheit wird auch dich interessieren,« sprach er. »Außerdem wüßte ich nicht, welche Geheimnisse ich mit Herrn Oberstleutnant von Boisselliers hätte.« Es entstand nach seinen Worten eine kleine Pause. Boisselliers redete nicht sogleich, er suchte offenbar nach Worten. Währenddessen sah ihn Krosigk unverwandt an, und je länger er ihn betrachtete, um so mehr begriff er, daß dieser Mann wohl geeignet sein konnte, einem heißblütigen Mädchen wie Minette eine blinde und tolle Leidenschaft einzustoßen. Boisselliers war keineswegs ein Adonis, nichts Weiches und Weichliches war an ihm. Er war eine kraftvolle, männliche und dabei durchaus aristokratische Erscheinung. Das von Wind und Wetter gebräunte, fast bronzefarbige Antlitz hatte eine nicht geringe Ähnlichkeit mit den Zügen seines großen Imperators, und aus den dunklen Augen leuchtete südliches Feuer. »Nun, was wünschen Sie von mir, mein Herr? Bitte, ohne Umschweife!« begann Krosigk. »Sehr wohl, ohne Umschweife,« erwiderte der Oberstleutnant. »Sie wissen, ich liebe Ihre Schwägerin Wilhelmine.« Krosigk bejahte durch ein kurzes Neigen des Hauptes. »Sie wissen auch, daß mich Wilhelmine ihrer Liebe würdigt.« »Leider ist mir auch das bekannt.« »Ich komme eben von Groß-Salze,« fuhr Boisselliers fort, »wo ich mir das Jawort des Mädchens holen wollte, das ich seit Jahren liebe und an dessen Gegenliebe ich keinen Augenblick zweifeln konnte. Ich finde sie nicht, man hatte sie nach Hecklingen zu ihren Verwandten gebracht.« »Darin irren Sie sich,« unterbrach ihn der Baron. »Minette ist freiwillig gegangen.« »Was heißt in einer solchen Lage: freiwillig –,« versetzte Boisselliers bitter. »Man hat das arme Kind mit Vorwürfen und Bitten gequält, man hat ihr gesagt, ihre Liebe sei Frevel und anderes mehr, und da ist sie dann gegangen.« »Sie mögen nicht ganz unrecht haben,« gab Krosigk ruhig zurück als Antwort. »Nun sagt mir Frau von Schurff, Sie, mein Herr, wären die Seele des Widerstandes gegen meine Bewerbung in Ihrer ganzen Familie. Die alte gute Dame fürchtet sich selbst vor Ihnen, und alle Onkels und Tanten, sagte sie, bangten vor Ihrem Zorn – bitte, lassen Sie mich ausreden!« rief er, als der Baron eine heftige Bewegung machte, ihn zu unterbrechen – »solange Sie dagegen wären, werde sie es nie wagen, in unsere Verbindung zu willigen.« »Das hat meine Mutter gesagt? Das sieht ihr doch gar nicht ähnlich!« rief Friederike dazwischen. »Ich will Ihnen die Erklärung dafür geben, meine gnädige Frau,« sagte Boisselliers, sich leicht auf seinem Sitze gegen sie verneigend. »Es ist zugleich die Erklärung dafür, daß ich hier bin. Ihre Schwester Minette ist erkrankt. Sie soll ja schon länger leidend sein. Frau von Schurff schreibt diese Krankheit den ewigen Aufregungen zu, die das arme Mädchen hat durchmachen müssen. Sie sieht ein, daß diese Liebe ihrer Tochter doch nicht aus dem Kerzen zu reißen ist, und sie ist doch eben die Mutter, die ihr Kind nicht einer Laune oder einem Vorurteile aufopfern will.« Er neigte sich wieder gegen sie, die erblaßt in ihren Stuhl zurückgesunken war, und wandte sich ihrem Gatten zu. »Ja, einem Vorurteile, mein Herr, und um Sie zu fragen, worauf dieses Vorurteil beruht, bin ich hier. Sie sind mein Gegner. So sollen Sie mir Auge in Auge sagen, warum Sie mein Gegner sind. Ist Ihnen irgend etwas zu Ohren gekommen, was meine Ehrenhaftigkeit als Mensch, als Offizier oder als Edelmann in Frage stellt?« Der Baron blickte ihn fast erstaunt an und entgegnete dann ohne alle Karte, aber mit fester Bestimmtheit: »Nein, Herr von Boisselliers, mit Ihrer Person hat meine Abneigung gegen diese Heirat nichts zu tun. Alles, was ich von Ihnen gehört und wahrgenommen habe, läßt mich in Ihnen einen Mann von Ehre sehen. Aber Sie sind Franzose. Deshalb ist zwischen uns und Ihnen eine tiefe Kluft befestigt, und die hinüber und herüber wollen, können nicht.« »Wie?« rief Boisselliers. »Den Unterschied der Nationalität wollen Sie zwischen zwei Herzen stellen? Welche Idee, mein Herr! Das ist also alles, was Sie gegen mich haben? In welchem Zeitalter leben wir denn? Leben wir nicht im Jahrhundert der Intelligenz, wo die Ideen der Humanität und Brüderlichkeit immer mehr und mehr die Welt durchdringen? Wie bald werden alle die Schranken fallen, und alle Menschen werden Brüder sein!« »Ja, Sie haben uns Ihre Humanität und Brüderlichkeit glänzend demonstriert,« sagte Krosigk sarkastisch. »Ich danke dafür. Verzeihen Sie, Herr von Boisselliers, wenn ich das ganze Gerede von humanité und civilisation und fraternité für das halte, was es ist: Phrasengewäsch. Was zwischen unseren Nationen geschehen ist, macht sie für Menschenalter zu Feinden. Da könnten denn die Kinder von Minette und Friederike von Schurff sich auf den Schlachtfeldern gegenüberstehen und einander würgen und morden.« »Sie vergessen,« fiel Boisselliers ein, »daß Sie Westfale sind.« Der Baron machte eine verächtliche Handbewegung. »Westfale? Bah! Ich kann leider augenblicklich nicht Preuße sein; aber ein Deutscher bleibe ich immer. »Deutschland ist nur ein geographischer Begriff!« rief Boisselliers. »Sie gehören einem Staate an, der immer mit Frankreich verbündet bleiben wird.« Krosigk lachte. »Sie irren in allem. Ich gehöre zur Zeit einem Staate an, der nichts ist als ein Kunstprodukt. Ob er in zehn, ja auch nur in fünf Jahren noch besteht, das wissen die Götter. Wenn Ihrem Kaiser heute etwas Menschliches begegnet, gibt es in vierzehn Tagen kein Westfalen mehr. Verläßt ihn einmal das Glück im Felde, und er wird über den Rhein zurückgetrieben, dann hört die ganze Jérômesche Herrlichkeit auch auf.« »Aber mein Herr! Sie sind westfälischer Untertan!« rief Boisselliers. »In Ihrem Munde ist das Hochverrat. Ich will die Worte nicht gehört haben,« setzte er hinzu. »Sehr gütig,« erwiderte Krosigk ironisch. »Das war also Ihr erster Irrtum. Der zweite ist, daß Sie Deutschland für einen bloßen geographischen Begriff halten. Wir sind geteilt, zerspalten, uneins in uns selbst und deshalb eine Beute der Fremden. Aber wir sind eine Nation. Wir haben nicht nur unsere eigenen Sitten und Gebräuche – unsere ganze Denkungsart ist himmelweit verschieden von der Denkungsart anderer Völker, ist durchaus eigenartig.« »Die Denkungsart vornehmer Menschen ist in jedem Volke die gleiche,« warf Boisselliers ein. »Mit einigen Einschränkungen dürfte das richtig sein,« fuhr Krosigk fort. »Aber in Ihrem Volke sind die vornehmen Menschen so dünn gesät, daß man dort zu Lande auf Schritt und Tritt mit Leuten von niedriger Denkungsart zusammenstoßen muß.« »Was soll das heißen? Was wollen Sie damit sagen?« fuhr Boisselliers auf. »Damit will ich sagen: Frankreich hat seinen alten Adel in der Revolutionszeit vernichtet. Ihr Offizierkorps, Ihre höhere Beamtenschaft besteht deshalb fast nur aus Parvenüs. Das mögen zum großen Teile tapfere und gewandte Männer sein, Leute von Erziehung, von vornehmem Charakter sind sie sicherlich nicht. Sie sind Abenteurer aus Frankreich und aller Herren Länder. Ich erinnere Sie nur an einen, den wir beide kennen: Major Martignac.« »Oberstleutnant Martignac gehört der Armee des Kaisers nicht mehr an. Er ist in westfälische Dienste getreten,« entgegnete Boisselliers. »So, so! Das wußte ich noch nicht. Da kann man ja leicht wieder einmal die Ehre haben, mit ihm zusammenzutreffen,« sagte Krosigk. »Aber das ist ganz gleichgültig. Er ist nur einer von vielen. Nehmen Sie doch einmal Ihre höchsten Offiziere, Ihre Marschälle. Sind Leute wie Vandamme und Augereau vornehme Menschen? Nicht einmal Bildung und Lebensart haben sie, wissen kaum anständig zu essen und zu trinken.« Boisselliers biß sich auf die Lippe. »Es geziemt mir nicht, meine höchsten Vorgesetzten zu kritisieren,« versetzte er kurz. »In solche Gesellschaft bringen Sie Ihre Frau,« redete Krosigk weiter. »Sie wird darunter täglich leiden; ja das Leben unter ungebildeten und rohen Menschen muß ihr mit der Zeit zum Ekel und zur Qual werden. Und es sind ja nicht nur die Manieren, die sie abstoßen müssen, es ist der Geist Ihrer Rasse, der uns zuwider ist. So wie sich Ihre Nation in den letzten Jahrzehnten gezeigt hat, ist sie eine Nation ohne Liebe und Treue und Glauben.« »Mein Herr!« rief Boisselliers, »solche Beleidigungen seiner Nation erträgt kein Franzose!« »Sie haben verlangt, meine Meinung zu hören. Ich bin gewohnt, was ich denke, deutlich zu sagen,« erwiderte Krosigk gemessen. »Übrigens bin ich leider noch nicht zu Ende. Ich muß noch eins hinzufügen, nämlich dies: Selbst wenn Ihr Volk das edelste und vorzüglichste auf Erden wäre, es ist nun einmal unser Erbfeind, und zwar unser siegreicher Erbfeind. Darum durfte ein deutsches Mädchen die Liebe zu einem Feinde ihres Vaterlandes gar nicht erst in sich groß werden lassen; sie hätte sie von Anfang an ganz anders bekämpfen müssen. Denn sich einem Landesfeinde an den Hals zu werfen, das ist und bleibt nun einmal für eine Tochter unseres Landes eine Schmach und Schande!« »Monsieur!« schrie Boisselliers. »Das ist eine neue Beleidigung und diesmal auch eine Beleidigung meiner Braut!« Er ballte die Fäuste und knirschte: »Sie sind ein Poltron, mein Herr, ein Raufbold, Sie wollen mich reizen, daß ich mich Ihrer Pistole stelle. Ah, das wäre eine Lösung in Ihrem Sinne!« Krosigk maß den Wütenden mit einem kalten Blicke und entgegnete mit überlegener Ruhe: »Sie irren. Die Absicht, Sie zu beleidigen, lag mir völlig fern. Von meinen Worten aber nehme ich nicht ein einziges zurück und muß es Ihnen überlassen, sich damit abzufinden. Glauben Sie, mich zur Rechenschaft ziehen zu müssen, – bitte, genieren Sie sich nicht!« »Nein,« sagte Boisselliers. »Ich schlage mich nicht mit Ihnen. Um zweier Frauen willen tue ich's nicht. Und wenn das in Ihren Augen eine Schwäche oder eine Feigheit ist – was tut's! Meinen Mut in Zweifel zu ziehen, haben Sie kein Recht. Sie haben Ihre Pflicht in einer Schlacht getan, ich in vierundzwanzig Schlachten und trage das Kreuz der Ehrenlegion. – Sie aber, meine gnädige Frau, frage ich, ob auch Sie die Schwester verdammen.« Friederike erhob sich und trat an die Seite ihres Mannes. Sie war sehr bleich und ihre Lippen zuckten, aber sie erwiderte mit fester Stimme: »Ich verdamme niemand, am wenigsten meine Schwester, und ich werde nicht aufhören, sie zu lieben. Nein, ich beklage ihr Los; denn ich bin ebenso überzeugt wie mein Mann, daß sie unglücklich werden wird, wenn sie sich losreißt von ihrer Familie. Sie weiß es jetzt nicht im Rausche der Leidenschaft, was sie alles opfert um ihrer Liebe willen. Sie aber, Herr von Boisselliers, Sie sollten sich scheuen, solch ein übermenschliches Opfer anzunehmen. Liebten Sie Minette so, daß Ihnen ihre Ruhe, der Friede ihres Herzens über alles ginge, so kreuzten Sie niemals wieder ihren Weg.« Der Franzose sah sie erstarrt an. »Wie sagen Sie? Ich sollte mich und sie unglücklich machen?« rief er leidenschaftlich. »Sie sind ein Mann,« versetzte Friederike. »Sie müssen die Kraft haben, zu entsagen. Und Minette wird mit der Zeit auch überwinden. Jede Flamme erlischt, wenn ihr keine Nahrung zugeführt wird.« »O, Sie wissen nicht, was lieben heißt!« »Ja, ich weiß es!« rief Friederike. »Ich weiß es so sehr, daß ich um meines Mannes willen selbst die Schwester lasse. Wird sie die Frau eines französischen Offiziers, Ihre Frau, Herr von Boisselliers, so ist zwischen uns kein schwesterlicher Verkehr mehr möglich. Gott weiß, was mich das kostet, aber ich kann nicht anders!« Boisselliers stand ein paar Augenblicke regungslos. Er war tief erblaßt, seine Augen funkelten. »Es ist genug!« stieß er endlich hervor. »Mich reut jedes Wort, das ich mit Ihnen gesprochen!« Er wandte sich um und verließ das Zimmer ohne Gruß. Vierzehn Tage später erhielt Friederike einen Brief ihrer Mutter, der vor lauter Tränenspuren kaum zu lesen war. Die alte Dame schrieb, sie habe das Elend Minettes nicht länger ertragen können. Entweder müsse sie mit ansehen, wie ihr Kind dahinsieche und immer schwächer und kränker werde, oder sie müsse es dulden, daß sie dem erwählten Manne folge als sein Weib. Minette hätte nach herzerschütternden Kämpfen gewählt und Boisselliers ihr Jawort gegeben, und sie als Mutter könne ihr Kind nicht verlassen, auch wenn es in der Irre gehe. Die junge Frau gab den Brief stumm ihrem Manne, als sie ihn gelesen hatte, und sah ebenso stumm, wie vernichtet vor sich nieder, während er ihn durchflog. Sie fürchtete einen Ausbruch seines Zornes; aber er blieb ganz still. Erst nach einer Weile sagte er hart und finster: »Es ist gut, daß wir morgen abreisen, denn es ekelt mich an, das den Freunden erzählen zu müssen. Es ist eine Schmach, eine Schmach!« Friederike brach in Tränen aus. »Durch meine Familie!« schluchzte sie. Heinrich legte den Arm um ihre Schulter und sagte ruhig: »Dafür kannst du nichts. Aber bleibe fest.« »Und meine Mutter?« rief Friederike. »Das Verhalten deiner Mutter zu richten steht dir und mir nicht zu,« sagte Heinrich düster. »Deine Schwester aber hat sich von uns geschieden. Als Frau von Boisselliers existiert sie nicht für mich.« »Ja,« sprach Friederike mit tränenerstickter Stimme, indem sie sich an die Brust des Gatten warf. »Sie hat gewählt, und ich habe auch gewählt. Nur wenn sie unglücklich wird und etwa eine Zuflucht sucht, dann, Heinrich, wollen wir ihr das Haus nicht verschlossen halten.« Ihr Mann schwieg eine Weile, dann antwortete er: »In diesem Falle darfst du tun, was du nicht lassen kannst. Vor der Hand aber bitte ich dich, mir nicht mehr von ihr zu reden und ihren Namen nicht zu nennen. Sie soll und muß aus unserem Leben verschwinden.« III. Am folgenden Tage begab sich das Krosigksche Ehepaar schon in der Frühe zu Reil, um Abschied zu nehmen. Der vierspännige Wagen, der sie nach Poplitz tragen sollte, kam eine Stunde später vor das Haus gefahren, aber er mußte noch lange stehen, ehe die Herrschaften endlich von dannen fuhren. Sie blickten immer wieder zurück und winkten mit der Hand, so lange sie das Haus und seine Bewohner noch sehen konnten, als könnten sie sich nur schwer von ihnen trennen. Es war ja auch in der Tat ein ernster Abschied gewesen, ein Abschied vielleicht auf Jahre, denn der berühmte Gelehrte war an die neugegründete Universität nach Berlin berufen worden und sollte schon in wenigen Tagen dorthin übersiedeln. Finster, mit gefurchter Stirn saß Heinrich von Krosigk im Wagen und brütete stumm vor sich hin. Endlich ergriff Friederike seine Hand, als wollte sie ihn daran erinnern, daß sie noch da sei. Diese Berührung schreckte ihn aus seinen Träumen auf. Er drückte ihre Hand und rief, indem er ihr innig in die Augen schaute: »Ja, du mahnst mich mit Recht daran, wie reich ich noch bin. Noch habe ich ja dich. Ich darf nicht trauern, so viele von den besten Freunden mir das Leben auch nach und nach in die Ferne führt!« Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und lehnte ihr Haupt an seine Schulter. Er küßte sie auf ihr dunkles Haar und sagte: »So lange ein Mann eine liebevolle und hochgesinnte Frau an seiner Seite hat, ist er nie ganz unglücklich. Es ist wohl der bitterste Tropfen in dem Wermutskelche, den unser König leeren muß, daß ihm der letzte Sommer auch noch die Königin Luise genommen hat. Das wird er nie überwinden.« Friederikes Augen füllten sich mit Tränen. »Ach, Liebster, wir überwinden es ja alle niemals. Mir gibt es immer wieder einen Stich durchs Herz, wenn ich an ihren Tod denke.« »Ja, sie ist das edelste Opfer des korsischen Tyrannen. Die Schande Preußens hat ihr das Herz gebrochen. Wann endlich wird der Tag kommen, an dem wir ihren Tod rächen?« Er stemmte beide Fäuste auf das Kutschenleder und starrte wieder düster und wie geistesabwesend vor sich hin. Plötzlich aber veränderten sich seine Züge. Er blickte angestrengt den Weg entlang, und seine Augen weiteten sich vor Erstaunen. »Das ist doch Steffens?« rief er, auf einen Mann deutend, der in ziemlicher Entfernung auf einem Meilensteine saß, wo die Straße nach Deutleben abzweigt, und den Wagen offenbar zu erwarten schien. Es war wirklich der Professor. Er schwenkte, als man herankam, schon von weitem den Hut und rief: »Hurra!« »Nun sagen Sie mir bloß, Steffens, was machen Sie hier am frühen Morgen auf dem Meilensteine?« rief Krosigk. »Ich erwarte Sie, Verehrtester,« erwiderte der Gelehrte kaltblütig und verneigte sich mit einem ziemlich mißglückten Kratzfuße vor der Baronin. »Wollen Sie mit nach Poplitz?« Steffens trat dicht an den Wagenschlag heran. »Nicht im entferntesten, teuerster Gönner und Freund. Ich möchte nur ein kleines Kolloquium mit Ihnen halten.« »Wozu die Landstraße sich doch wohl schwerlich eignet!« siel Krosigk ein. »Kommen Sie her, steigen Sie auf!« »Unmöglich!« entgegnete Steffens. »Ich muß Sie vielmehr bitten, einmal aus Ihrer Karosse zu steigen und wie ein gewöhnlicher Sterblicher eine Strecke mit mir zu Fuße zu wandern. Ich habe diese Nacht einen Besuch erhalten, der mir die wichtigsten Nachrichten gebracht hat, ja, ich kann wohl sagen, die allerwichtigsten. Die möchte ich Ihnen gleich mitteilen, und meinen neuen Bekannten möchte ich Ihnen auch vorstellen, er wartet hier in der Nähe. Auf der Landstraße, wo man Umschau halten kann, redet es sich über manche Dinge gefahrloser als sonstwo. Es gibt hier wenigstens keine Wände und Lauscher. Der Baron sah Steffens scharf an. »Von Berlin?« fragte er halblaut. Der Gelehrte nickte. Mit einem Satz war Krosigk aus dem Wagen. Seine Augen blitzten. »Fahre langsam vor uns her, liebes Kind,« sagte er zu Friederike. »Wir holen dich dann wieder ein.« Die beiden Männer blieben in eifriger Unterhaltung zurück. Als Friederike sich einmal nach ihnen umschaute, sah sie zu ihrem Erstaunen, daß ihr Mann den Professor heftig umarmte. Dann kam er mit hastigen Schritten dem Wagen nach. Er befand sich offenbar in der höchsten freudigen Aufregung. »Ich muß dich bitten, liebe Frau,« sagte er, »allein nach Poplitz weiter zu fahren. Ich habe hier in der Nähe eine unaufschiebbare Sache zu erledigen. Das Nähere später. Du schickst mir den Wagen mit den beiden Braunen so, daß er nachmittag vier Uhr vor dem Pfarrhause zu Domnitz hält. Schröder und Breitmann,« wandte er sich an die beiden auf dem Bocke sitzenden Diener, »ihr schweigt davon gegen jedermann. Schröder mag mich hier abholen und Breitmann, du reitest, wenn du gegessen hast, auf der Stelle nach Piesdorf und bittest Herrn von Wedell, heute abend herüber zu kommen und mein Gast zu sein. Es wäre sehr dringend, handelte sich um einen Freundschaftsdienst. Und nun lebe einstweilen wohl, liebes Riekchen. Setze uns etwas recht Gutes vor am Abend. Wir werden wohl Hunger haben.« Er gab seiner Frau noch einen Kuß, und der Wagen rollte von bannen. »Donnerwetter, Steffens,« sagte er, als sie allein waren, »wissen Sie auch, daß Ihre Botschaft mir neue Lebenslust in die Adern gießt? Eben dachte ich darüber nach, ob es nicht das Beste für mich wäre, den ganzen Plunder hier im Stiche zu lassen und nach Preußen zu gehen und, wenn es nicht anders ginge, dem Heere unentgeltlich zu dienen. Nun sagen Sie mir, es soll endlich losgehen, Preußen rührt sich, und wir dürfen uns für Preußen rühren. Ich bin gleich wie neugeboren. Wo haben Sie denn den Mann versteckt, der Ihnen die kostbare Kunde gebracht hat?« »Im Gasthofe zum Sattel. Er ist mir vorausgegangen und erwartet uns dort.« »Nein,« sagte hinter ihm eine tiefe Stimme, »dort ist er nicht, denn dort sind westfälische Gendarmen.« Ein hochgewachsener Mann, den trotz seines Zivilrockes jeder für einen Offizier halten mußte, trat hinter einem Gestrüpp hervor. »Hauptmann von Boltenstern,« stellte er sich mit einer leichten Verbeugung vor. »Ich habe wohl die Ehre, Herrn Major Krosigk vor mir zu sehen?« »Der bin ich,« erwiderte Krosigk und drückte seine Hand mit großer Heftigkeit. »Und wenn ich Ihnen sage, ich freue mich, Sie zu sehen, so ist das ein ganz matter Ausdruck für das, was ich bei Ihrem Anblicke empfinde. Kommen Sie mit Vollmacht vom Könige, so stelle ich Ihnen meine Person und meine Habe zur Verfügung.« »Aber verehrter Herr Major,« rief Boltenstern – »vom Könige? Nein, da erwarten Sie zu viel. Der Monarch kann sich doch nicht in solche Dinge einlassen. Der König kann sich erst erklären, wenn Preußen wirklich losschlägt. Vorläufig komme ich von Gneisenau und Scharnhorst. Genügt Ihnen das nicht?« »Ja, das genügt mir. Sie gehören ja, Gott sei Dank, jetzt zu den nächsten Beratern des Königs. Wenn die uns raten, etwas zu tun, so halte ich mit, denn dann muß allerdings die sichere Aussicht sein auf die nahe Stunde der Befreiung.« Boltenstern wollte etwas erwidern, aber Steffens unterbrach ihn. »Halt,« sagte er, »nicht weiter. Wir wollen die dort erst arbeiten lassen.« Sie waren bei einer Wegbiegung angelangt, die aus einem kleinen Gehölz herausführte. In der Ferne sah man den Wagen des Barons über den Sattelberg dahin fahren. Etwa tausend Schritte vor ihnen lag links seitwärts der Landstraße ein langes, hochgiebliges Gebäude, über dessen Tür eine Laterne und ein Schild mit einem gesattelten Schimmel heraushing. Dies war das uralte Wirtshaus zum Sattel, wo alle Fuhrleute zwischen Halle und Cönnern seit undenklichen Zeiten zu rasten pflegten. Vor dem Sause stand eine hölzerne Krippe, aus der zwei Pferde ihren Hafer fraßen. Die zu ihnen gehörigen Reiter, zwei westfälische Gendarmen, traten eben aus der Tür. Ihr Abzug schien mit einigen Unannehmlichkeiten verknüpft zu sein, denn hinter ihnen erschien eine stämmige Frau mit zornrotem Gesicht, die ihnen eine Fülle saftiger Kernworte nachrief. Die drei Herren beobachteten hinter einem Gebüsche ergötzt die Szene. »Das ist die Ullrichen, ein ganz verteufeltes Weibsbild!« sagte der Baron. »Ich kenne sie seit meiner Kindheit; sie ist das resoluteste Frauenzimmer, das mir jemals vorgekommen ist. Schon zur Zeit des seligen Ullrich hatte sie gar sehr die Hosen an; jetzt als Witwe führt sie ein straffes Regiment in ihrer Wirtschaft.« »Und was an ihr das Löblichste ist,« fügte Steffens hinzu, »sie kann keine Franzosen sehen, ohne daß ihr die Galle überläuft. In ihrem Hause kann man ganz frei reden, wird nicht belauscht, braucht nichts zu fürchten. Deshalb kam mir der Gedanke, unsere Konferenz hier abzuhalten. In Halle wären wir lange nicht so sicher gewesen.« »In Poplitz wären wir noch sicherer. Warum sind Sie nicht ganz einfach mit in meinen Wagen gestiegen?« »Das will ich Ihnen sagen, lieber Krosigk,« entgegnete Steffens. »Ich bin der festen Überzeugung, daß Sie nach den letzten Vorkommnissen stark beobachtet werden. Ich möchte sogar darauf schwören, daß die Kerls dort, die Gendarmen, nicht ganz zufällig hier gewartet haben und nun hinter Ihrem Wagen herreiten.« »Beim Styx!« rief Krosigk, »Sie mögen recht haben. Die Halunken werden sich nicht schlecht wundern, wenn sie nur meine Frau darin sitzen sehen.« »Darum en avant ! Erreichen wir das Haus, ehe sie umkehren; sie sind jetzt hinter den Häusern von Domnitz verschwunden,« mahnte Steffens. »Dort sind wir geborgen. Einkehren werden sie bei der Witwe Ullrich schwerlich zum zweiten Male.« Die rundliche Wirtin stand noch in der Tür und sperrte vor Erstaunen den nicht eben kleinen Mund auf, als sie die drei ansehnlichen Herren in eiligem Lauf auf ihr Haus zukommen sah. »Ach du mein Herrgott!« rief sie, als sie Steffens und Krosigk erkannte, »der Herr Baron und der Herr Professor! Na so was! Das hat sicher was zu bedeuten.« »Hat es auch!« antwortete Krösigk atemlos. »Wir wollen von den beiden Buntröcken nicht gern gesehen werden, die eben abgeritten sind. Der Herr hier ist Preuße und möchte nicht mit westfälischen Gendarmen zusammentreffen.« Die Augen der Wirtin glänzten wie Leuchtkugeln. »Da sind Sie vor die rechte Schmiede gekommen!« flüsterte sie aufgeregt. »Ich habe schon manchem durchgeholfen; Schillsche Leute lagen drei Tage und Nächte im Hause, und keine Katze hat's gemerkt. Wollen Sie ins Heu oder in den Keller?« »Nein nein, gute Frau,« wehrte Krosigk lachend ab. »Der Herr wird nicht verfolgt, sein Paß ist in Ordnung. Führe sie uns in eine Stube, wo wir ganz ungestört sind und bringe sie uns Bier, denn trocken wollen wir nicht sitzen.« »Wird alles gemacht, Herr Baron!« erwiderte die Frau. »Kommen Sie nur mit.« Sie schritt voran durch eine kleine einfenstrige Stube im hinteren nach dem Garten zu gelegenen Teile des Hauses. Dann öffnete sie die Tür zu einem geräumigen Zimmer, in dem ein großer Glasschrank mit bunten Tassen und Tellern, ein Kattunsofa und schreiend bunte Bilder an den Wänden jedem Kundigen anzeigten, daß er sich im Allerheiligsten des Hauses, in der »guten Stube«, befinde. »Hier,« sagte die Wirtin mit einer einladenden Handbewegung, »sind die Herren ungestört. Ich bringe gleich das Bier. Dann können Sie auch die Stube draußen mit von innen abriegeln.« Als sie nach einer Weile mit einem Krug und drei Gläsern wiederkam, wies Steffens auf ein Bild an der Wand, das mit einem Trauerflor umwunden war. Es übertraf alle anderen bei weitem an Größe und stellte die preußische Königsfamilie vor. »Sie hat aber Mut, Frau Ullrich!« rief er. »In diese Stube kommen nur anständige Leute,« erklärte die Wirtin. »Franzosen und Westfälische lasse ich nicht rein. Und wenn ja einmal einer rein käme und wollte frech werden, der sollte die Ullrichen kennen lernen!« Sie fuchtelte mit den derben Fäusten bedrohlich in der Luft herum. Die drei Herren lachten. »Das glaub' ich ihr aufs Wort,« sagte Krosigk. »Was hatten denn vorhin die beiden Landjäger verbrochen?« »Die schimpften über meine hausschlachtene Wurst, und da setzte ich sie an die Luft.« »Recht so!« lobte der Baron. »Man muß sich von der Bande nichts gefallen lassen. Sie kann übrigens einmal aufpassen, ob die Kerle zurück reiten. Es liegt uns daran, das zu wissen.« »Recht sehr gern!« erwiderte die Wirtin und verließ das Zimmer. Steffens goß das goldbraune Bier in die Gläser. »Setzen wir uns hier um den runden Tisch,« rief er. »Und nun, Herr Hauptmann, legen Sie los!« »Ich bin,« begann Boltenstern, »von Scharnhorst, Gneisenau und Chasôt an Herrn Professor Steffens gesendet worden. Sie wissen, Herr Baron, daß diese drei Männer in Berlin an der Spitze der Patrioten stehen. Sie sind die eigentlichen Häupter der Kriegspartei in der Hauptstadt, wie der General von Blücher in Pommern und der Graf Götzen in Schlesien. Oberst Gneisenau ist, wie Ihnen ja wohl ebenfalls bekannt sein dürfte, augenblicklich nicht in aktivem Dienste, weil Napoleon ebenso wie Steins Entlastung auch seine Entlassung gewünscht hat. Der Kaiser sieht in ihm einen seiner gefährlichsten Feinde.« »Und mit Recht,« unterbrach ihn Krosigk. »Doch das ist mir alles bekannt; kommen Sie zur Sache!« »Nun, denn also: Gneisenau und seine Freunde sehen die Zeit für reif an, die Unzufriedenen, die Feinde der Fremdherrschaft in den von Preußen abgetretenen Provinzen zu organisieren. Denn, meine Herren,« – er dämpfte unwillkürlich die Stimme – »wir stehen am Vorabend der größten Ereignisse. Man hat im Kabinette Seiner Majestät in Berlin die genaueste und sicherste Kunde davon, daß der Krieg zwischen Napoleon und dem Zaren unvermeidlich geworden ist.« Krosigk fuhr mit funkelnden Augen empor. »Dann kann die Stunde der Befreiung kommen.« »Sie kann kommen, gewiß, und Gott lasse sie uns schlagen!« fuhr Boltenstern fort. »Zunächst aber befindet sich unser Staat, eingekeilt zwischen die beiden Kolosse, in einer sehr ernsten Lage. Die Situation ist so gefährlich, daß es sehr schwer für den König ist, die richtige Entscheidung zu treffen. Neutral bleiben kann er nicht; das ist absolut unmöglich. Von Petersburg kommt schon jetzt eine geheime Botschaft über die andere, die zur Allianz drängt. Napoleon weiß das auch oder er ahnt es wenigstens. Sobald er gerüstet genug ist – zurzeit scheint er es noch nicht zu sein –, wird er uns die Schicksalsfrage stellen, ob wir für ihn sein wollen oder wider ihn.« »Aber das ist doch ganz unmöglich, daß Preußen für ihn ist!« rief Krosigk. »Der Staat Friedrichs des Großen kann doch nicht die Rolle eines Rheinbundstaates spielen wie Lippe oder Reuß! Das wäre der Gipfel der nationalen Schmach!« »So empfinden die Patrioten in Berlin natürlich auch,« erwiderte Boltenstern, »und deshalb setzen sie alles daran, den König zum Anschluß an Rußland zu bewegen. Aber Sie wissen, wie langsam russische Hilfe herbeizukommen pflegt. Wir alle haben es noch in frischer Erinnerung von Anno sechs her, und der König hat das eben auch nicht vergessen. Deshalb hat Gneisenau keinen leichten Stand, wenn er ihm rät, sich im entscheidenden Augenblicke Rußland in die Arme zu werfen.« Krosigk machte eine heftige Bewegung, als wollte er wieder auffahren. Aber er preßte die Lippen zusammen und schwieg. »Wir wissen nicht,« sprach Boltenstern weiter, »wie weit der Kaiser mit seinen Rüstungen ist. Der Zug gegen Rußland ist ein gigantisches Unternehmen und fordert die ungeheuersten Heeresmassen. So meint Gneisenau, vor Jahresfrist könne er auf keinen Fall fertig sein, vielleicht werde es auch noch länger dauern. Es kommt uns nun sehr viel darauf an, zu wissen, wie Napoleon seine Heeresmassen verstärkt und nach Osten vorschiebt. Wir müssen genaue Nachrichten haben von den Bewegungen der französischen Truppen, ihren Standquartieren, den Anführern und Waffengattungen. Herr Professor Steffens erklärt, ganz und gar außerstande zu sein, derartige Nachrichten sich zu verschaffen und uns zu liefern. Er hat mir Sie, Herr Baron, als den dazu geeigneten Mann bezeichnet. Wollen Sie?« »Das Spionieren,« entgegnete Krosigk, »ist mir ein verhaßtes Geschäft. Aber wenn ich Preußen damit dienen kann, nehme ich auch das auf mich.« »Es ist nur ein Teil der Aufgabe, die Ihrer wartet,« bemerkte Boltenstern. »Viel mehr wird verlangt. Sie sollen Gleichgesinnte werben, so daß ein Bund in Westfalen entsteht von lauter solchen, die einen bewaffneten Aufstand beginnen, wenn von Berlin aus die Weisung erfolgt. Sie müssen sich Kenntnis davon verschaffen, wie viele und welche Waffen sich in Privatbesitz befinden, und müssen diese Waffen, besonders auch Pulver, ohne Aufsehen an bestimmten zweckmäßigen Orten vereinigen. Wollen Sie das?« »Mit tausend Freuden,« rief Krosigk aufspringend. »Ich bin Ihnen von Herzen dankbar, Steffens, daß Sie mich zu dem Werke vorgeschlagen haben.« »Sie sind in allem der geeignete Mann,« versetzte der Gelehrte. »Nur vor einem, um Ihnen das offen zu sagen, bangt mir.« »Nun?« »Vor Ihrer Tollkühnheit. Sie spielen leicht mit der Gefahr.« »In eigener Sache, ja,« versetzte Krosigk ernst. »Anderer Leute Leben und Freiheit setze ich nie leichtsinnig aufs Spiel, darauf können Sie sich verlassen. Darum habe ich mich auch Anno Neun von den Insurgenten ferngehalten, so mächtig mich mein Herz zu Schill und Dörnberg hinzog.« Steffens nickte bestätigend. »Sehen Sie, seit der Zeit habe ich auch erst das richtige Vertrauen zu Ihrer Klugheit gewonnen. Ich glaube seitdem selbst, was mir Wedell einmal sagte, daß Sie ganz das Zeug haben zum Haupte einer Verschwörung. Ihren Mut und Ihre Entschlossenheit habe ich überdies von jeher bewundert.« »Stoßen wir also an. Freunde und Bundesgenossen, auf Preußen, auf den König, auf ein gutes Gelingen unseres Werkes!« rief Krosigk. »Gott sei Lob und Dank, daß endlich die faule Zeit vorüber ist!« Die drei Männer leerten ihre Gläser und gaben sich dann schweigend die Hände. Es war wie ein Gelöbnis ohne Worte. Darauf setzten sie sich wieder an den Tisch und besprachen die Einzelheiten ihres Planes. Nach einer gemeinsamen Mahlzeit, die nur aus Erbsen und Rauchfleisch bestand, trennten sie sich endlich. Steffens ging nach Halle zurück. Boltenstern erbat sich von der Wirtin einen Führer nach dem Gute seines Schwiegervaters, das in der Nähe lag. Krosigk begab sich nach der Pfarrei Domnitz, um dort seinen Wagen zu erwarten. »Ich beginne heute noch meine Arbeit,« sagte er. »Jetzt werbe ich den Pastor von Domnitz; am Abend weihe ich meinen Freund, den Piesdorfer Wedell, in das Geheimnis ein. Beide gehören zu den besten ihres Standes, und auf die Gewinnung der beiden Stände, der Rittergutsbesitzer und Pastoren, müssen wir ein besonderes Gewicht legen. Auf dem Lande ist niemand einflußreicher.« »Ihrem Werkmeister in Laublingen sagen Sie aber ja nichts! Wedell schilderte ihn als enragierten Franzosenfreund,« warnte Steffens. »Der wäre allerdings der letzte,« brummte der Baron. »Er ist aber, Gott sei Dank, eine Ausnahme. Die meisten Geistlichen hier zu Lande sind gute Patrioten, wenn auch manche, besonders die älteren unter ihnen, nicht durch besonderen Mut glänzen. Viele getraue ich mir doch zu gewinnen. Sie, Steffens, hören bald von mir.« Darauf schied er von den anderen mit einem festen Händedruck. Aufrechten Ganges schritt er die Straße dahin, seine Augen leuchteten und seine Wangen brannten vor innerer Erregung. Er fühlte sich so froh und gehoben, wie seit Jahren nicht. Endlich, endlich schimmerte von ferne das Morgenrot der Freiheit, einen herrlichen Tag verkündend, und er durfte diesen Tag, den hunderttausende ersehnten, mit heraufführen. Er durfte wieder arbeiten für sein geliebtes Preußen, sein Leben hatte wieder einen großen Zweck. Heute hatte er überall Glück. Zuerst gewann er den Pfarrer von Domnitz, der ihm freiwillig schwur, alles für die Sache des eigentlichen und wahren Königs zu tun, was er irgend könne. Dann gewann er seinen Freund Wedell, mit dem er bis in die späte Nacht zusammensaß. Endlich, und das erfreute ihn am meisten, gewann er seine Frau für die große Sache. Er fand, als Wedell abgefahren war, Friederike noch angekleidet und in einem Buche blätternd im Schlafzimmer vor. Ohne ihre Frage abzuwägen, setzte er sich zu ihr und erzählte ihr alles. »Du hast mein vollstes Vertrauen, und deiner Verschwiegenheit bin ich sicher. Auch weiß ich, daß dich die Gefahr nicht schrecken wird,« schloß er. Sie warf sich an seine Brust. »Nein, Geliebter, du sollst mich nicht schwach sehen,« sagte sie. »Ich will ja nur dein Glück, und dein Glück ist Gefahr und Kampf und ein Leben für höhere Güter.« IV. Die Jahreszeit war gekommen, in der dem vielgeplagten Landmanne die Ruhe winkt. Das wenige Korn, das man in diesem Sommer geerntet hatte, war ausgedroschen und lag auf den Böden; die Kartoffeln und Rüben waren in den Kellern oder Mieten geborgen. Der Wintersturm fegte über die leeren Felder dahin und trieb die Menschen in ihre schützenden Behausungen. Wer einen wärmenden Ofen besaß, rückte ihm möglichst nahe, denn die Kälte war schlimm, wie seit Jahren nicht. Das sind die Monate, in denen die Landbewohner auch einmal Zeit finden, die Freuden der Geselligkeit zu pflegen, und wie es immer gewesen war, so war es auch dieses Jahr. Die Bauern und Tagelöhner besuchten sich gegenseitig in ihren Spinnstuben, die Honoratioren hielten ihre Kränzchen ab, die Edelleute luden einander zu festlichen Schmausen auf ihre Schlösser oder Güter ein, oder veranstalteten wohl auch einen Ball in der nahe gelegenen Stadt. Aber eines fehlte bei dem allen, was früher auch die einfachste Geselligkeit verschönt und gewürzt hatte, die frohe Laune. Sie war hinweggeschwunden aus den Schlössern, wo die Gutsherren mit finsteren Mienen einander die Not der Zeit klagten, die unerschwingliche Steuerlast, die ewigen Einlagerungen fremden Kriegsvolks, die schlechte Ernte und die ungeheuren Preise aller Erzeugnisse des Handels und der Industrie. Sie war noch viel weniger zu finden in den Hütten der kleinen Leute. Wie lustig war es ehedem oft in den Spinnstuben zugegangen; jetzt wollte ein herzhafter Spaß gar nicht mehr aufkommen. Man sang nicht mehr, wie in vergangenen Tagen, man erzählte einander nicht mehr die alten Schnurren und Schwanke, die immer wieder ein unauslöschliches Gelächter hervorzurufen pflegten, wenn sie unermüdlich von neuem aufs Tapet gebracht wurden. Jetzt wußte man andere Geschichten. Da erzählte der eine, wie die westfälischen Gendarmen seine Gänse oder Schweine gepfändet oder gar seine Kuh aus dem Stalle gezogen hatten, weil er die Kopf- und Grundsteuer nicht hatte entrichten können. Da wußte der andere zu berichten von Frechheiten oder gar Freveltaten, die von den französischen Soldaten gegen Frauen und Mädchen verübt worden waren. Oder man sprach von den Landeskindern, die auf den Befehl des französischen Kaisers hinaus hatten ziehen müssen nach Spanien und nun in dem wilden Lande gegen einen erbarmungslosen Feind kämpften. Die Familien mehrten sich, die Trauer anlegen mußten, weil die Söhne oder Brüder in der Ferne den Tod gefunden hatten. Erst hatte man um jeden dieser Gefallenen, wenn die Trauernachricht eintraf, in den Dörfern die Totenglocken geläutet. Später, als die Fälle sich häuften, verbot die Regierung das Geläute, weil es zur Beunruhigung des Volkes beitrage. So mußte es verstummen. Nur in Laublingen kehrte man sich nicht daran, trotz des Pfarrers ängstlicher Bedenklichkeit. Als dort im Februar 1811 die Nachricht einlief vom Tode zweier Söhne des Dorfes, die in den Pyrenäen erschossen worden waren, ordnete Heinrich von Krosigk an, daß für die beiden drei Tage lang je eine Stunde geläutet wurde, und das geschah auch. Überhaupt fiel es dem Schloßherrn zu Poplitz nicht ein, sein Benehmen zu ändern; er blieb der böse Baron. Er spielte nun die Rolle mit voller Absicht; »denn,« sagte er zu seinen Vertrauten, »je mehr sie mich in Kassel für einen närrischen und tollen Kerl halten, um so weniger werden sie auf den Gedanken kommen, daß ich konspiriere.« Darin täuschte er sich auch keineswegs. Die Geheimpolizei in Westfalen spürte wohl, daß etwas gegen den König im Werke war, daß die »Patrioten«, wie man sie kurzweg nannte, rüstig daran arbeiteten, das Volk aufzuhetzen und den neugeschaffenen Staatsbau zu unterwühlen. Sie gab sich auch alle erdenkliche Mühe und entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit, den geheimnisvollen Umtrieben auf die Spur zu kommen. Aber in keinem der neunmal klugen Herren regte sich der Argwohn, daß die Fäden der Verschwörung in der Hand des tollen Junkers auf Poplitz zusammenliefen. Dazu galt er ihnen als viel zu dumm. Sie hielten ihn für einen bösartigen Grobian, der seinem Hasse in wilden Redensarten und törichten Streichen Luft mache, aber kaum ernst zu nehmen sei. Vielmehr richtete sich der Verdacht gegen den Piesdorfer Wedell. Der galt von jeher als ein enragierter Preußenfreund und zudem als ein kluger Kopf. Ihm mißtraute die Polizei gründlich. Sein Haus wurde mit Spähern umgeben, seine Dienerschaft suchte man zu bestechen; alle Briefe, die in Piesdorf aus- und eingingen, wurden aufs schamloseste erbrochen und durchstöbert. Als Gottlob von Wedell das bemerkte, kam er auf eine sehr sinnreiche Idee, den Verdacht von sich abzulenken. Sein Schwager und Vetter Wilhelm lebte zurzeit in Halberstadt. Dort hatte er eine Stelle als Provinzialrat angenommen, und zwar aus keinem anderen Grunde als dem, der Patriotenpartei im Lande noch besser dienen zu können als bisher. An den ließ Wedell durch einen Freund einen Brief schreiben, in dem er ihn auf den ersten April einlud, einer Versammlung im Schlosse Piesdorf beizuwohnen. Man werde da große Entschlüsse fassen. Die übrigen Verschworenen würden auch anwesend sein. Er sollte nicht vergessen, die überaus wichtigen Akten und Verzeichnisse mitzubringen. Nachmittag drei Uhr werde die Sitzung beginnen. Der Brief war in einer sehr leicht entzifferbaren Chiffreschrift abgefaßt und wurde der westfälischen Partei mit Absicht in die Hände gespielt. Der Erfolg blieb nicht aus. Schlag drei Uhr am Nachmittage des ersten April rückte eine Kompanie Soldaten gegen den Piesdorfer Gutshof heran, besetzte alle Eingänge und ließ keinen Menschen mehr passieren. Der Kapitän mit einem Kriminalkommissar an der Seite und fünfzehn Bajonetten hinter sich stürmte die Treppe empor, um das Verschwörernest auszunehmen. Aber als sie die Tür aufrissen, saß Wedell mit seiner Frau, seiner Schwester und dem Hauslehrer, dem Kandidaten der Theologie Friedrich Christian Schwen, friedlich beim Whistspiele. Er stellte sich ungemein entrüstet über das Eindringen der Polizei in seine Häuslichkeit und protestierte heftig gegen die beabsichtigte Haussuchung. Sie fand trotzdem statt und förderte natürlich nicht das geringste Belastende zutage. Empört erklärte Wedell, er werde sich beim Könige selbst beschweren; sein Vetter, der Graf Wolffradt, werde ihm leicht eine Audienz verschaffen. Die Erwähnung Wolffradts verfehlte ihre Wirkung auf das Gemüt des Kriminalkommissars ebensowenig wie auf die Seele des Kapitäns, denn der Graf stand bei Hofe in höchstem Ansehen, war neulich sogar Minister geworden. Die beiden sahen sich verdutzt an, wurden dann sehr höflich und beklagten das Mißverständnis. »Ich will Ihnen sagen,« rief Wedell anscheinend im höchsten Zorn, »wie solche Mißverständnisse entstehen. Die Polizei hat nach ihrer löblichen Gewohnheit einen Brief erbrochen, in dem ein unverschämter Spaßvogel sich mit meinem Schwager in Halberstadt einen Aprilscherz erlaubt hat. Mein Schwager hat mir den Wisch durch besonderen Boten hergeschickt mit der Anfrage, ob ich denn verrückt geworden sei. Er hat sich also nicht in den April schicken lassen, dagegen ist dieses Malheur einer hohen Polizei passiert. Das sind eben die Folgen davon, wenn man harmlosen Leuten alle möglichen bösen Dinge zutraut. Dann fällt man hinein und blamiert sich unsterblich!« Die beiden Herren verließen das Schloß wie zwei begossene Pudel, und der Bericht des Kommissars nach Kassel lautete so, daß man dort den Verdacht gegen Wedell zum großen Teile fallen ließ. Dagegen wurde nun mit einem Male der Argwohn der Geheimpolizei auf Heinrich von Krosigk gelenkt; denn er war in Dessau mit sehr verdächtigen Personen zusammen gesehen worden. Daß er häufig nach Anhalt hinüberfuhr, hatte niemand beargwöhnt. Auf dem bernburgischen Schlosse Gröna lebte jetzt seine Mutter bei ihrem jüngsten Sohne Anton Emil. Auch seine unverheirateten Schwestern hielten sich zumeist dort auf, und die Hälfte seiner ferneren Verwandten wohnte auf anhaltischen Gütern. Deshalb konnten seine Fahrten über die Grenze nicht weiter auffallen. Nun aber erhielt die geheime Polizei Bericht von einem der französischen Spione, deren es in Dessau ebensoviel gab, wie in jeder anderen deutschen Residenz, der Major von Krosigk habe dort eine Zusammenkunft gehabt mit Leuten, von denen der eine als der Berliner Prediger Schleiermacher, der andere als der Oberst Gneisenau erkannt worden sei. Das war sehr verdächtig, und man beschloß, ein wachsames Auge auf ihn zu haben. Spione wurden ausgesendet, die ihn beobachten sollten. So erschien gegen Ende April ein Mann in Laublingen, der fast einen ganzen Monat im Orte blieb, um im Auftrage der Regierung, wie er sagte, Landkarten der Umgegend aufzunehmen. In Wahrheit war er ein vertrauter Agent des gefürchteten Direktors der Geheimpolizei, des schlauen und rücksichtslosen Legras de Borcogny. Aber er vermochte nur sehr wenig Belastendes über die Tätigkeit Krosigks aufzuspüren, denn er konnte eigentlich gar nicht an ihn herankommen, keinen Einblick in sein Hauswesen, sein Tun und Treiben gewinnen. Die Dienerschaft zu bestechen, wie es anderswo geschah, ging hier nicht an, Krosigks Leute waren viel zu treu und anhänglich, und nur die Treuesten unter den Treuen verwendete er zu gefährlichen Aufträgen. Ja, die wichtigsten Sendungen ließ er durch eine Person ausführen, auf die auch nicht der Schatten eines Verdachtes fiel. Es war Lisette Schicht, die Tochter des verstorbenen Pfarrers von Laublingen, die nach seiner Verheiratung Gesellschafterin und häusliche Stütze seiner Gemahlin geworden war. Das Mädchen war ihm aus Dankbarkeit treu ergeben; denn als sie einst den Tod in der Saale gesucht hatte, weil sie die bösen Nachreden der Menschen nicht mehr zu ertragen vermochte, da hatte er sie nicht ohne eigene Gefahr dem Wasser entrissen und sie dann durch die Aufnahme in sein Haus in den Augen der Leute rehabilitiert. Seitdem verehrte sie ihn mit einer schwärmerischen Bewunderung, von der er freilich nie ein Sterbenswörtchen erfuhr. Sie war selig, daß sie ihm dienen konnte, und da sie einen scharfen und schnellen Verstand besaß, so eignete sie sich vorzüglich zur Verschwörerin. Das Mädchen, das wöchentlich nach Halle oder Bernburg fuhr, um wirtschaftliche Einkäufe zu machen, trug oft die wichtigsten Geheimschriften aus dem Schlosse heraus oder in das Schloß hinein. So mußte sich denn die hohe Polizei in Kassel damit begnügen, Krosigk zu belauern und zu beargwöhnen. Ein Beweis seiner hochverräterischen Umtriebe war nicht zu erbringen, nicht einmal eine Haussuchung konnte irgendwie gerechtfertigt erscheinen. Da mit einem Male brachte der törichte Leichtsinn eines Mitverschworenen den Baron und das ganze Unternehmen in die höchste Gefahr. Es war an einem heißen Augusttage kurz nach dem Mittagsmahle. Frau Friederike hatte sich in einem kühlen Zimmer zu kurzer Ruhe niedergelegt; ihr Gemahl hatte den Park aufgesucht. Dort stand gegenüber der hohen Sandsteinsäule ein aus Felsblöcken und Steinen kunstlos zusammengefügter Ruhesitz, »der Sorgenstuhl« genannt. Dahin zog er sich oftmals zurück, rauchte seine Pfeife und dachte nach oder las. Heute hatte er einmal wieder zu Schillers Dramen gegriffen und wollte sich gerade in die Lagerszene des Wallenstein versenken, als er den Kies des Weges von Schritten knirschen hörte. Er blickte auf und erkannte in dem Näherkommenden, der noch von einem Gebüsch halb verdeckt wurde, zu seinem Erstaunen den Professor Steffens. Der Freund und Bundesgenosse strebte heftig auf ihn zu, und Krosigk sah an seinem erregten und verstörten Antlitze sogleich, daß er ihm eine unwillkommene Kunde bringe. Sofort sprang er auf und eilte ihm entgegen. »Steffens,« rief er. »Wo kommen Sie her? Wie sehen Sie aus? Ist etwas vorgefallen?« Der Gelehrte kam erst ganz nahe an ihn heran und antwortete dann in heiserem Flüstertone: »Ja, allerdings ist etwas vorgefallen, etwas sehr Schlimmes, das Schlimmste. Es läßt sich in die Worte zusammenfassen: wir sind verraten.« Krosigk prallte zurück. »Mein Gott, wie ist das möglich? Was ist geschehen?« Steffens schob seinen Arm unter den des Barons und erwiderte: »Es ist doch hier niemand in der Nähe?« »Keine Menschenseele.« »Nun, dann kommen Sie. Wir wollen uns hier auf die Steine setzen. Ich bin ganz erschöpft von der heißen Fahrt.« Er wischte sich den Schweiß von der Stirn und berichtete dann immer halb flüsternd: »Also hören Sie: Bertram, Sie kennen ihn ja, kommt von einem Ausfluge nach Göttingen zurück. Wir waren gerade in Harthausens Garten und übten uns im Schießen. Der Unglücksmensch war ganz begeistert, weil er uns zufällig beisammen fand. »Freunde,« sagte er, »ich habe auf meiner Reise eine wundervolle Acquisition für unseren Bund gemacht. Ich habe einen alten Jugendfreund angetroffen und ihn angeworben für unsere heilige Sache. Stellt euch vor, welch herrliche Gesinnung den Mann beherrscht: er hat es nicht verschmäht, eine Schmach auf sich zu laden, um desto sicherer in die geheimen Ratschlüsse der Feinde einzudringen. Wir können jetzt viel ruhiger sein als bisher. Jeder Verdacht, der gegen uns entsteht, auch der leiseste, wird uns bekannt, unsere Feinde werden durch meinen Jugendfreund, der ihr vollstes Vertrauen besitzt, auf eine schlaue Weise irregeführt werden, denn Mertens, mein Freund, ist westfälischer Polizeikommissar.« – »Wir sind verraten,« rief ich auf der Stelle aus. »Alles wird der wahrhaft deutsch Gesinnte wagen für die Sache, die ihm heilig ist, die Ehre nie.« Bertram war tief entrüstet über meinen Verdacht und erklärte, die treue und edle Gesinnung seines Jugendfreundes sei über jeden Zweifel erhaben. Ich aber bin fest davon überzeugt, daß wir durch seinen Leichtsinn den Judas in unserer Mitte haben.« »Sie haben ohne Zweifel recht,« erwiderte Krosigk, der ihn ruhig bis zu Ende angehört hatte. »Wer sich herabwürdigen kann zum Werkzeug der geheimen Polizei, wer Tag für Tag teilnehmen kann an ihren systematischen Ruchlosigkeiten und Gemeinheiten, der muß ein Schuft sein.« »Und jede Ungewißheit schwand mir,« unterbrach ihn Steffens, »als ich den Menschen mit eigenen Augen sah.« »Wie? Sie haben ihn gesehen?« »Er hat mich besucht und mir eine Menge Schmeicheleien gesagt in Bezug auf meine Schrift über die Idee der Universitäten, die er, nebenbei gesagt, weder verstanden hat noch überhaupt verstehen kann. Eine widerwärtige Personage, breiter, untersetzter Kerl, plattes Gesicht, tückisch funkelnde kleine Augen. Wir hatten ein reines Lügengespräch miteinander. Er machte mir Komplimente und suchte mich dabei auszuhorchen. Ich dagegen behandelte unser ganzes Unternehmen mit überlegener Ironie, scherzte darüber und machte den Versuch, ihm einzureden, ich hätte mich an der kindischen Spielerei unreifer junger Leute nur beteiligt, um größere Torheiten zu verhindern. Er glaubte mir das nicht, ich sah es ihm an. Ich bin demnach der Geheimpolizei hochverdächtig, kann jeden Tag erwarten, aufgehoben zu werden. Sie können mir nicht verdenken, Krosigk, daß ich mich dem entziehe. Denn wenn ich vielleicht auch nicht überführt werden kann, an einer hochverräterischen Verbindung teilgenommen zu haben – was kümmert das unsere Gerichte? Ist etwa von Paris die Weisung eingetroffen, wieder einmal ein Exempel zu statuieren, dann spricht man mich einfach schuldig und knallt mich über den Haufen. Dazu bin ich mir denn doch zu schade, von meiner Familie gar nicht zu reden.« »Und was wollen Sie tun?« rief Krosigk. »Sie wissen, daß ich einen Ruf nach Breslau habe. Man hat mir lange Bedenkzeit gegeben, und ich habe mich lange bedacht. Nun aber brennt mir der Boden unter den Füßen. Ich bin entschlossen, Halle zu verlassen, habe mich bereits durch Schleiermacher an Schuckmann gewendet und erwarte in den nächsten Tagen das Reisegeld.« »Wieder einer,« sagte der Baron finster. »Ich hoffe, daß Sie mein Entweichen nicht als einen Akt der Feigheit betrachten,« rief Steffens. »Nicht im mindesten. Ich muß vielmehr sagen. Sie tun recht, so bitter es für mich ist, nach Reil nun auch Sie zu verlieren. Ich werde ja immer einsamer. Aber wenn Sie ernstlich kompromittiert sind, haben Sie in der Tat bei der Qualität unserer edlen Gerichte alles zu befürchten.« »Und Sie?« rief Steffens stehen bleibend und seine Hände ergreifend. »Sind Sie nicht in ganz ähnlicher Lage? Wollen Sie nicht auch an Ihre Sicherung denken?« Der Baron schüttelte den Kopf. »Bei mir ist das nicht so leicht wie bei Ihnen. Ich bin mit dem Grund und Boden zu fest verwachsen. Meine großen Güter kann ich nicht so einfach hinter mir lassen wie Sie Ihre Wohnung in Halle. – Aber,« fuhr er nachdenklich fort, »auf eine Flucht vorbereiten will ich mich doch. Ich habe meinen Bruder Ernst in vertraulicher Sendung zum Erbgrafen Heinrich von Stolberg nach Wernigerode geschickt. Morgen erwarte ich ihn zurück und werde ihn dann hier behalten. Muß ich fliehen, so kann er hier administrieren. Fürs erste aber will ich noch etwas aushalten. Beim nächsten verdächtigen Anzeichen bin ich über die Grenze. Sie ist keine halbe Stunde weit, denn jenseits der Saale beginnt das Reich Anhalt-Bernburg.« Steffens versuchte vergeblich, ihn umzustimmen, und verließ ihn mit schwerer Sorge. Aber die Folgezeit schien Krosigk recht zu geben. Verdächtige Anzeichen wurden von keiner Seite her wahrgenommen. Man ließ den Professor ruhig von Halle nach Breslau ziehen; kein Mensch legte ihm bei seinem Abschied etwas in den Weg. Auch sonst wurde niemand behelligt. Krosigk gelangte allmählich zu der Überzeugung, sein Freund Steffens habe die Gefahr doch wohl überschätzt, denn Woche auf Woche und Monat auf Monat verrann, ohne daß irgend etwas sich regte. Deshalb fing er von neuem an, in der Stille Verbindungen anzuknüpfen, und reiste sogar auf weiten Umwegen selbst nach Wernigerode, um mit dem Erbgrafen persönlich zu konferieren. Denn von dem wurden die großen Besitzungen des Hauses Stolberg im Harz zurzeit ganz selbständig verwaltet. Sein Vater, Graf Christian Friedrich, war nach Schlesien gegangen, weil er sich unter die Herrschaft der westfälischen Majestät von Napoleons Gnaden nicht beugen wollte. Auch sein Sohn war ein geschworener Feind der Fremdherrschaft und zeigte sich willig, den Verschworenen mit seiner Macht beizustehen, sowie Preußen losschlüge und der König die westfälischen Untertanen ihres Treueides entbinden werde. So kam wieder der Winter heran. In einer Frühstunde des 9. Dezembers trat Friederike in Reisekleidung in das Arbeitszimmer ihres Gemahls. Sie hatte sich's ausgebeten, zum ersten Male wieder zu ihrer Mutter nach Groß-Salze fahren zu dürfen, und der Baron hatte ohne weiteres seine Billigung ausgesprochen. Ein Zusammentreffen mit dem Boisselliersschen Ehepaare schien ausgeschlossen, denn der Oberstleutnant lebte mit seiner jungen Frau in Stettin. Man wußte nichts von ihnen auf Poplitz. Heinrich hatte seiner Schwiegermutter geschrieben, daß er ihre Haltung zwar nicht billige, aber doch verstehen könne; übrigens komme es ihm nicht zu, ihr Vorschriften zu machen über ihr Tun und Lassen. Dagegen bitte er sich's dringend aus, »die Franzosen« ihm und seiner Frau gegenüber nicht mehr zu erwähnen. Frau von Schurff respektierte den Wunsch ihres Schwiegersohnes, aber es trat doch dadurch ganz unwillkürlich eine leise Entfremdung ein zwischen den Häusern Poplitz und Groß-Salze. Heinrich hatte nie wieder einen Fuß in den blauen Hof gesetzt, die gegenseitigen Briefe wurden kürzer, seltener und kühler. Das schmerzte Friederike tief. Sie hatte sich's vorgenommen, eine Aussprache mit der Mutter herbeizuführen, und da diese übermorgen ihren Geburtstag feierte, so nahm sie das als einen willkommenen Anlaß, wieder einmal hinüber zu fahren. Nun kam sie zu ihrem Manne, um Abschied zu nehmen. »Ich danke dir von Herzen, Heinrich,« sagte sie, »daß du mir die Erlaubnis gegeben hast, nach Groß-Salze zu fahren. Ich hoffe, du verargst sie mir auch in deinem Innern nicht.« »Nein, mein Kind. Dann würde ich dir's offen sagen. Wir beide spielen doch wohl nicht Verstecken voreinander. Ich will dich und deine Mutter nicht trennen, denn Mutter und Kind gehören zusammen. Nur das wundert mich, daß du bei dem miserablen Wetter die Tour nicht verschiebst.« Friederike schlang die Arme um seinen Hals. »Dazu habe ich ganz besondere Gründe, die du jetzt gleich erfahren sollst. Und das soll dein Lohn dafür sein, daß du mich fortläßt.« Sie schmiegte sich noch fester an seine Schulter und sagte leise: »Es wird mir nicht lange mehr möglich sein, solche Fahrten zu machen.« Und sie flüsterte ihm noch ein paar Worte zu, so leise, daß sie kaum vernehmlich waren. Aber der Baron hatte sie doch verstanden. Er stieß einen Freudenruf aus und drückte sie stürmisch an seine Brust. So hielt er sie lange schweigend umfangen. Als er sie wieder aus seinen Armen ließ, schimmerte es feucht in seinen Augen, und mit einer Stimme, in der seine tiefe innere Bewegung wiederklang, rief er: »Also auch dieses schönste Glück soll uns zu teil werden, wonach wir uns so lange schon sehnen. Herr Gott, wie danke ich dir. Am liebsten ließe ich dich nun gar nicht fort, nachdem du mir das gesagt hast. Aber gehe nur; es ist gut und richtig, daß du eben jetzt zu deiner Mutter gehst. Grüße sie von mir und erzähle ihr von meiner Freude.« Den ganzen Tag über war der Baron so aufgeräumt, daß es jedermann auffiel, aber den Grund seiner Freude erfuhr niemand, auch nicht sein Bruder Ernst. Mit dem saß er heute beim Wein zusammen bis weit über Mitternacht und war so heiter, so gesprächig und scherzhaft aufgelegt, daß sich der Rittmeister über die frohe Laune seines Bruders heimlich wunderte. Eben hatten die Brüder einander gute Nacht gesagt, und Heinrich ergriff den Leuchter, um sich in sein Schlafgemach zu begeben, als vom Hoftore ein lautes Pochen ertönte. Der Baron riß das Fenster auf und fuhr zurück, denn er hatte im Lichte des Mondes, der hinter den jagenden Wolken hervorgetreten war, Uniformknöpfe und Waffen aufblitzen sehen. Mit einem raschen Sprunge stürzte er zu seinem Schreibsekretär und riß aus einem Fache ein Bündel Papiere heraus. Dann ergriff er den Schürhaken und stieß in die schon halb erloschene Glut des Ofens, daß helle Flammen emporzüngelten. Die Briefschaften und Blätter, die er hineinschleuderte, loderten hoch empor. »Bis sie hereindringen, wird alles Asche sein,« murmelte er. »Was ist das, Heinrich?« rief sein Bruder, der auf den Lärm hin umgekehrt war. »Wahrscheinlich Soldaten, die mich verhaften sollen. Komm her, Ernst, und schüre die Glut, daß alles richtig verbrennt. Ich trete ihnen einstweilen im Hausflur entgegen und halte sie auf. Am Gottes willen, alles vernichten!« Er ging mit festen Schritten durch die Zimmer und schloß die Haustür auf. Schon schmetterten Kolbenstöße dagegen, denn die Feinde waren schnell in den Hof gedrungen. Sie stutzten und wichen zurück, als plötzlich die Tür aufflog und der gefürchtete böse Baron auf der Schwelle stand und sie andonnerte: »Was soll das? Wer gibt euch das Recht, hier einzudringen?« Ein Offizier, der eben vom Pferde gesprungen war, kam die Freitreppe herauf. Er stellte sich dem Baron gegenüber und musterte ihn mit höhnischen, triumphierenden Blicken, indem er einem Soldaten die Laterne aus der Hand nahm und sie hoch emporhielt. »Endlich, mein Herr von Krosigk, wird mir die Ehre zuteil, Sie wiederzusehen. Ich war schon einmal hier und hatte nicht das Glück, Sie zu treffen. Jetzt habe ich mir das Kommando ausgebeten, um die Scharte auszuwetzen. Mein Name ist Martignac.« Heinrich sah ihm verächtlich ins Gesicht. »Was wünschen Sie?« fragte er schroff. »Ich denke, das wissen Sie. Im Namen Seiner Majestät des Königs von Westfalen verhafte ich Sie hiermit. Füsiliere, legt dem Arrestanten die Handschellen an.« »Wagt es!« schrie Heinrich und erhob die mächtige Faust. » En avant drauf!« brüllte Martignac. Die Soldaten drängten vorwärts. Ein wildes Ringen entstand. Dann lag Heinrich von Krosigk schwer atmend mit gefesselten Händen auf der Diele seines Hauses. Martignac trat an den Gefangenen heran und zischte: »Meine Rache, Krosigk! Endlich. Sie fallen nicht durch die Kugel eines Kavaliers, Sie werden auf dem Sandhaufen verenden. – Hebt den Arrestanten auf und tragt ihn in den Wagen!« rief er laut den Soldaten zu. Dann wandte er sich wieder dem Gefesselten zu: »Ich selbst habe Befehl, Ihr Schloß zu durchsuchen und einstweilen besetzt zu halten. Haben Sie noch einen Gruß zu bestellen an die Frau Gemahlin? Ich werde ihn ausrichten. Ich werde mit ihr« – er stockte plötzlich und taumelte zurück. Aus der Seitentür war Ernst von Krosigk herausgetreten und stand ihm nun Auge in Auge gegenüber. Der Pole starrte ihn bleich und stumm an, als sähe er einen Geist, während ihm der junge Edelmann mit glühenden Augen unverwandt ins Gesicht blickte. Dann begann Ernst von Krosigk langsam und hohnvoll: »Ah! Monsieur Martignac! Sie hier! Und Sie wollen das Schloß durchsuchen? Vielleicht ziehen Sie es doch vor, das durch einen Ihrer Offiziere besorgen zu lassen!« Dann wandte er sich mit einer brüsken Bewegung von ihm ab und legte die Hand auf seines Bruders Arm. »Lebe wohl, Heinrich. Ich wache. Gott führe dich glücklich zurück.« »Grüße meine Frau und bringe ihr's schonend bei!« erwiderte der Baron. »Lebe wohl!« »Führt den Arrestanten ab!« gebot Martignac mit heiserer Stimme und schritt blaß und mit verstörten Zügen zur Tür hinaus. Nach einigen Minuten kam einer der draußen gebliebenen Offiziere und erklärte dem jüngeren Krosigk höflich, daß er das Schloß besetzt halten und ihn selbst einstweilen in seinem Zimmer unter Aufsicht eines Leutnants und Sergeanten internieren müsse. Herr Oberstleutnant Martignac werde den Gefangenen in eigener Person nach der Festung Magdeburg geleiten. So fuhr Heinrich von Krosigk in der Nacht denselben Weg dahin, den seine Frau am Tage gefahren war. Als in der ersten fahlen Morgendämmerung die Häuser von Groß-Salze auftauchten, seufzte er tief auf. Er dachte derer, die da drüben im Hause ihrer Mutter ahnungslos schlummerte, und an das schwere Herzeleid, das ihr der neu anbrechende Tag bringen mußte, und er faltete die gefesselten Hände zu einem Gebet für sie und das Kind, das sie erwartete. V. In der Zitadelle zu Cassel saß Heinrich von Krosigk als Staatsgefangener. Die Festung Magdeburg hatte ihn nur wenige Tage in ihren Mauern beherbergt, denn es war der hohen Polizei nicht rätlich erschienen, ihn länger dort zu lassen. Bei seiner großen Beliebtheit und seinen zahlreichen Verbindungen im alten Herzogtum Magdeburg war es nicht ausgeschlossen, daß er Gelegenheit zur Flucht erhielt oder daß die gegen das französische Regiment tief erbitterte Bürgerschaft ihn gewaltsam zu befreien versuchte. Darum hatte man ihn bald in die Hauptstadt des Landes überführt, wo man seiner sicher war. Dort wurde er in strenger, wenn auch nicht unwürdiger Einzelhaft gehalten. Es war ihm gestattet, sich selbst zu beköstigen, zu rauchen und zu lesen, freilich nur bis neun Uhr abends, denn dann wurde ihm das Licht entzogen. Er durfte sogar mit seiner Frau korrespondieren, mußte es sich aber gefallen lassen, daß alle Briefe, die aus- und eingingen, vom Kommandanten der Festung gelesen wurden. Ganz ähnlich behandelte man seine elf Mitgefangenen, die alle in derselben Nacht verhaftet worden waren, und unter denen sich der Provinzialrat von Wedell und der Hallesche Prediger Blanc befanden. Übrigens hatte keiner eine Ahnung von der Gefangenschaft des andern, sie waren in ihren Zellen vollkommen isoliert. Nur bei einem hatte man anscheinend eine Ausnahme gemacht. Der junge Bertram, dessen Vertrauensseligkeit das ganze Unheil heraufbeschworen hatte, saß in einem Gelasse, das von der Nebenzelle nur durch eine Holzwand getrennt war. Er entdeckte bald, daß er einen Nachbar hatte, mit dem er sich durch die Wand ganz wohl unterhalten konnte, und wer beschreibt sein Erstaunen, als er in diesem Nachbar seinen Jugendfreund Mertens, den westfälischen Polizeikommissar, erkannte! So hatte er sich also doch nicht in ihm getäuscht. Mertens war kein Verräter, war ebenso unglücklich, wie er selbst. Ja er war, wie er jammernd und weinend erzählte, noch viel unglücklicher, denn ihn als treubrüchigen Beamten erwartete die härteste Strafe. Bertram vergaß seine eigene trübe Lage, die allerdings dem Elend des Freundes gegenüber noch fast rosig erscheinen mußte, tröstete ihn und ließ sich dabei noch allerlei, was ihm von der Verschwörung bekannt war, im Laufe der Unterhaltung entlocken. Er ahnte nicht, daß drüben neben Mertens mehrere Beamte der Geheimpolizei saßen, die seine Geständnisse mit anhörten und sorgfältig niederschrieben. Glücklicherweise war Bertram einer der am wenigsten Eingeweihten, sonst wäre das Schicksal der Gefangenen besiegelt gewesen. Immerhin hatten sie bei ihren Verhören einen schweren Stand und mußten oft mit Schrecken erkennen, wie vieles von ihren Plänen und Entwürfen dem Untersuchungsrichter genau bekannt war. Glücklicherweise aber hatten sie schon früher in ihren Versammlungen eine genaue Parole ausgegeben, wie man sich im Falle eines Verhörs verhalten sollte. Was man absolut nicht leugnen konnte, sollte dem in die Schuhe geschoben werden, der sich vor der westfälischen Polizei in Sicherheit befand. Das war in diesem Falle Steffens, und auf ihn wurde demnach alle Schuld abgewälzt. Selbst ihm aber wurden nur Pläne und Entwürfe nachgesagt, alle hochverräterischen Taten, wie der Verrat militärischer Geheimnisse an Preußen, wurden rundweg in Abrede gestellt. Zu einem Geständnis der eigenen Beteiligung bequemte sich außer Bertram keiner, am allerwenigsten Krosigk. Der erklärte auf alle Fragen, die man an ihn richtete, kurz und bündig: »Über meine innerliche Stellung der westfälischen Regierung gegenüber hat kein Mensch von mir Rechenschaft zu verlangen, denn Gedanken sind zollfrei. Daß ich an den Phantastereien meines Freundes Steffens teilgenommen habe, wolle man mir gefälligst beweisen, ebenso erwarte ich den Beweis einer hochverräterischen Tat.« Diese strikten Beweise seiner Schuld, das wußte er wohl, waren nicht zu erbringen, so sehr sich auch die Polizei darum abmühte. Denn die wenigen Dokumente, die sie hätten bezeugen müssen, waren als verbrannte Papierfetzen durch den Schlot des Poplitzer Schlosses in die Luft geflogen. So hätte man einen Justizmord begehen müssen, wenn man ihn auf die bloßen Verdachtsgründe hin zu Tode bringen wollte. Davor wären nun allerdings die geheime Polizei und ihr ruchloser Chef durchaus nicht zurückgeschreckt, aber der König dachte anders. Der ungeheuren Macht gegenüber, die eben sein Bruder gegen Rußland zusammenzog, schienen ihm die exaltierten Träume, einiger deutscher Schwärmer lächerlich und belanglos. Warum sollte er seine Hände mit dem Blute dieser Narren bestecken, die offenbar über bloßes Reden und Wünschen gar nicht hinausgegangen waren? Man ließ sie eine längere Zeit dafür im Gefängnisse sitzen, das war genug der Strafe für ihre böse Gesinnung. Ja, Jérôme ging noch weiter. »Hören Sie, guter Freund,« sagte er bei einem Abendfeste in Napoleonshöhe zum Grafen Wolffradt, indem er ihn vertraulich beiseite nahm, »ich habe gehört, daß die beiden fous teutoniques , Krosigk und Wedell, von sehr altem Adel sind. Die Familie Krosigk soll schon Kriegsdienste getan haben unter Karl dem Großen. Das wäre ja eine tausendjährige Familie. Sehen Sie einmal zu – Sie sollen ja mit beiden etwas verschwägert sein –, ob ihre schlechte Gesinnung nicht aus gekränktem Ehrgeiz herstammt. Da könnte man sie ja leicht gewinnen. Solche Leute sehe ich gern an meinem Hofe. Sondieren Sie die beiden mauvais sujets morgen einmal und sehen Sie zu, ob sich die frondeurs nicht durch den Kammerherrnschlüssel besänftigen lassen.« Der Minister verbeugte sich mit sehr gemischten Gefühlen und Gedanken. Es war ihm erfreulich, daß der König die Schuld der Verschwörer offenbar nicht sehr streng beurteilte, denn in Wolffradt lebte noch viel von deutscher Gesinnung, trotzdem er ein hoher Beamter des neuen Königreiches geworden war. Auch mußte er innerlich lachen über den beinahe kindlichen Respekt vor alten Stammbäumen, den der königliche Parvenü hier wieder einmal an den Tag legte. Dagegen wurde ihm schwül zumute, wenn er an den Besuch bei Wedell und Krosigk dachte. So wie er die beiden kannte, stand ihm ein übler Empfang bevor. Er täuschte sich nicht. Wedell, zu dem er sich zuerst begab, hörte ihn zwar höflich an, begann dann aber vom Wetter und allen möglichen gleichgültigen Dingen zu sprechen, als hätte der Minister überhaupt nicht geredet. Verblüfft verließ er ihn nach wenigen Minuten und stieg mit Seufzen in das höhere Stockwerk empor, wo Krosigk untergebracht war. Der Baron begrüßte ihn mit einem Kopfnicken und hörte mit ironischem Lächeln an, was er ihm von der Gnade des Königs erzählte. Dann erwiderte er ganz ruhig und freundlich: »Mein verehrter Herr von Wolffradt – die Exzellenz und den Grafentitel erlassen Sie mir wohl, Sie wissen ja so gut wie ich, was daran ist –, Sie meinen es offenbar gut, und deshalb will ich Ihnen antworten auf das, was Sie mir gesagt haben. Sie reihen mich ein in eine Kategorie von Menschen, der ich Gott sei Dank nicht angehöre, nämlich in die Kategorie derer, die keine innere Überzeugung haben. Ihrer ist nun freilich Legion, und Sie werden wohl überhaupt selten solchen begegnet sein, die anders geartet sind. Aber, obwohl Sie das kaum fassen werden: es gibt Menschen, die mit ihrer Überzeugung leben und sterben, ja nur in ihr leben und, wenn nötig, an ihr sterben. Ihre Überzeugung ist der Kern ihres Daseins, ihre eigentliche Seligkeit. Ein Aufgeben ihrer Überzeugung würde für solche Naturen die schimpflichste Selbstvernichtung sein, vor der sie zurückbeben wie die armselige Masse der Schwachen vor dem irdischen Tode. Sehen Sie, zu dieser Art Menschen gehöre ich. Wer das weiß, wird mir eher zumuten, zu sterben, als meine Überzeugung aufzuopfern.« »Und worin besteht diese Ihre Überzeugung?« fragte der Minister kleinlaut. Krosigks Augen glühten in einem mächtigen Feuer auf, als er entgegnete: »Ich glaube an einen gerechten Gott und an eine sittliche Weltordnung. So gewiß ich bin, daß dieses hier meine rechte Hand ist, so gewiß bin ich, daß Gottes Hand die Geschicke der Völker lenkt, und daß also im Völkerleben nur das Bestand haben kann, was auf Gott gegründet ist. Die Franzosen sind jetzt unsere Herren; sie können es nicht bleiben. An Witz und Verstand mögen sie uns ja ebenbürtig sein, aber darauf kommt es nicht an. Der Verstand ist ein untergeordnetes Vermögen, die Urkraft des Gemüts ist stärker als er. Darin sind wir ihnen unermeßlich, unvergleichlich überlegen. Wir sind, Gott sei's geklagt, ein politisch zerspaltenes Volk, aber ein Volk, in dem mehr Glauben und Treue und Liebe und Fähigkeit zur Selbsthingabe liegt, als in allen anderen Nationen. Deshalb glaube ich an das unsterbliche Leben meines Volkes und fühle mich als Gottes Arm, wenn ich zur Wiedergeburt und Befreiung Deutschlands beitrage.« Der Minister blickte fast scheu zu ihm empor. Es lag etwas in Krosigks Worten und in der Art, wie sie gesprochen wurden, was ihn unwillkürlich ergriff. So ähnlich hatte er schon einmal einen Mann reden hören, den Reichsfreiherrn vom Stein. Der sprach auch so stolz und so klar und so frisch von der Leber weg, und seine Gedanken gingen ganz in denselben Bahnen. Der hatte auch so etwas Zwingendes, Niederschmetterndes in seiner Stimme, in seiner ganzen Haltung. Aber die Ergriffenheit Wolffradts dauerte nicht lange. Der Weltmann in ihm kam sogleich wieder zum Durchbruch. Du lieber Himmel – so schön sich das alles anhörte, so wenig stimmte es zu der rauhen Wirklichkeit. Arme Ideologen nannte der große Korse, dem die Hälfte von Europa untertan war, die Leute dieses Schlages und lachte über ihre Träume. Hatte er nicht auch ein Recht, sie zu verlachen? Ein Wink von ihm, und sie mußten aus dem Vaterland entweichen wie Stein, oder sie saßen hinter Kerkermauern wie diese hier. Deshalb erwiderte der Minister nach einer kurzen Pause des Schweigens mit überlegenem Lächeln: »Bester Herr von Krosigk, geben Sie sich keinen Illusionen hin! In die ferne Zukunft kann ja niemand sehen, aber daß die nächsten Jahrzehnte hindurch die Herrschaft des Kaisers unzerbrechlich ist, sieht jeder Vernünftige ein. Wir beide, Sie und ich, werden schwerlich eine Änderung der Dinge erleben. Jetzt eben zieht der große, unbesiegbare Mann über eine halbe Million Soldaten zusammen, um den russischen Koloß zu zertrümmern.« »Vielleicht holt er sich dort sein Jena!« rief Krosigk. »Vielleicht gehen die Hunderttausende in den Schneewüsten zu Grunde, und der Korse kommt als flüchtiger Bettler über die Weichsel zurück.« Wolffradt blickte sich entsetzt um. »Mein Gott, nicht so laut! Man könnte das hören! Sie sind ja toll, rein toll. Wie kann ein Mensch solch wahnsinnige Einfälle haben! Also ich soll wirklich Seiner Majestät die Nachricht bringen, daß Sie die allerhöchste Gnade zurückweisen?« »Nach dem, was Sie soeben gehört haben, mein Herr von Wolffradt, ist das doch selbstverständlich« erwiderte Krosigk und rückte sich steif zusammen. Nachdem der Minister gegangen war, warf er sich müde auf die Pritsche, die nun schon seit Monaten seine Lagerstatt bildete. Aus dem seltsamen Anerbieten, das ihm die westfälische Exzellenz überbracht hatte, war zum wenigsten zu entnehmen, daß man schwerlich an seinen Tod dachte. Dagegen – wie lange würde man ihn wohl noch in der Gefangenschaft halten? Die Zelle, die ihn umschloß, war zehn Schritt lang und sechs Schritt breit. Ihm war darin zumute wie dem Falken, der gewohnt war, unendliche Weiten zu durchfliegen, und sich nun mit einem Male gefesselt im Käfig befindet. Unerträglich langsam schlich ihm die Zeit dahin, vergingen ihm die Stunden, Tage und Wochen. Sollte das vielleicht Jahre dauern? Dann verkam er an Leib und Seele. Und was sollte aus seinem lieben Weibe werden? Sollte er das Kind, dem sie nun bald das Leben geben würde, vielleicht niemals mit Augen sehen? War es zu denken, daß die Frau, die so viel Kummer und Sorgen auf der Seele trug, die schwere Stunde glücklich überstehen würde? Fand er vielleicht ein Grab vor, wenn er endlich nach Hause zurückkehren durfte? Kein anderer Gedanke peinigte und marterte ihn so wie dieser, er brachte ihn manchmal in schlaflosen Nächten bis dicht an die Grenze des Trübsinns. Darum weinte der starke Mann die hellen Freudentränen, als ihm ein Brief von der Hand seiner Mutter die glückliche Geburt einer Tochter meldete. »Friederike ist wohl und gesund,« hieß es in dem Schreiben »und die Kleine ist ganz Dein Ebenbild. Sie ist ein großes und kräftiges Kind. Gott lasse sie wachsen und gedeihen und erhalte ihrer Mutter die Kräfte. Er führe auch Dich, mein geliebter Sohn, recht bald gnädig zu uns zurück.« Wie ein heller Lichtstrahl fiel dieser Brief in seine verdüsterte Seele. Er hatte sich früher oft einen Knaben gewünscht, der einst nach ihm auf Poplitz Herr sein konnte. Jetzt war ihm das ganz gleichgiltig, erschien ihm kleinlich und unwichtig, ging alles unter in dem Glücksbewußtsein, daß Gott ihm seine Frau erhalten und ein liebes Kind geschenkt hatte. Auch weiterhin lauteten die Berichte über die junge Mutter und das neugeborene Töchterlein günstig, und das stärkte ihn und hielt ihn aufrecht. Denn was er im übrigen aus der Heimat erfuhr, lautete trostlos. Einquartierungen über Einquartierungen, Lasten über Lasten, Sorgen über Sorgen! Das bare Geld wurde knapp und immer knapper, es drohte zuletzt ganz auszugehen. Friederike schrieb ihm, als sie wieder zu Kräften gekommen war, in halber Verzweiflung: »Ich weiß ganz und gar nicht, den Arbeitern etwas zu verdienen zu geben; denn es fehlt dazu an Gelde. Es ist wirklich ein großes Elend. Die Armut ist durch die hohen Kornpreise aufs höchste gestiegen.« Heinrich konnte ihr nur darauf erwidern: »Ich vermag nichts zu tun. Mache alles nach Deinem Gutbefinden. Sieh Dich als eine Witwe an, die das Vermögen ihres Kindes besorgt und niemanden hat, den sie um Rat fragen kann.« So mußte er denn befürchten, seine schönen Güter total verwüstet und entwertet wiederzusehen, wenn ihm überhaupt einmal die Stunde der Befreiung schlug. Vor der Hand schien wenig Aussicht darauf zu sein. Man verhörte ihn nicht mehr, kümmerte sich gar nicht mehr um ihn, ließ ihn Woche auf Woche in seinem Kerker dahin vegetieren, ohne ihm irgend welche Gewißheit zu geben, was nun eigentlich über sein Schicksal beschlossen sei. Daher ordnete er auch von Cassel aus an, daß seine Tochter möglichst bald auf den Namen Hedwig getauft werde. Zu Paten wählte er seinen ältesten Bruder Dedo, die beiden Großmütter des Kindes und zwei seiner treuen alten Gutsuntertanen. Pastor Moldenhauer aus Peissen sollte die Taufe vollziehen. Man könne nicht warten, bis er etwa zurückkehre, schrieb er, denn das werde vielleicht erst nach Jahren geschehen. Aber plötzlich erhielt Friederike von Krosigk einen kurzen Brief ihres Gatten, datiert vom 19. August 1812 aus dem Kastell zu Cassel: »Ich kehre übermorgen heim. Ich werde mich einrichten, erst anzukommen, wenn es finster ist; warte nicht eher auf mich. Ich will keinen Menschen sehen oder sprechen als dich und meine Tochter. Zu dem Ende soll das Haus offen sein, daß ich herein kann. Niemand soll mich anreden oder mir im Hause begegnen.« Friederike sank laut aufweinend auf die Knie, als sie diese Nachricht erhielt. Ihr ganzes Herz strömte über von Dank gegen Gott, und die Freude über des heißgeliebten Gatten gnädige Errettung und endliche Rückkehr raubte ihr fast den Atem. Voll heißer Ungeduld zählte sie die einzelnen Stunden bis zu seiner Rückkehr, und als endlich sein Wagen in den dunklen Hof eingefahren war und seine Schritte die Freitreppe heraufkamen, da konnte sie sich nicht mehr halten. Sie riß die Haustüre auf, stürzte ihm entgegen und hing schluchzend an seinem Halse. Heinrich zog die Bebende ins Haus und führte sie an seinem Arm über die unerleuchtete Diele die Treppe empor. Erst droben vor der Wiege des Kindes, das mit hochgezogenen Fäustchen friedlich schlummerte, konnten die Gatten einander ins Antlitz blicken. Friederike erschrak heftig, als sie sah, wie bleich und gedunsen das Gesicht des Gatten in der langen Kerkerhaft geworden war, und den Baron durchfuhr es wie ein stechender Schmerz, als er im Antlitz seiner jungen Frau feine Fältchen erkannte, die der Gram und die Sorgen hineingezeichnet hatten. »Armes, armes Weib, wie mußt du gelitten haben!« murmelte er, indem er sie von neuem in seine Arme zog. »Ach, Heinrich, nun ist ja alles gut. Mir ist's, als wäre ich aus einem entsetzlichen Traum erwacht. Ich habe dich wieder, ich halte dich an meinem Herzen, und nun bin ich wieder glücklich – du nicht auch?« fragte sie, indem sie durch Tränen aufblickend sein Auge suchte. »In dem Gefühle, dich wieder zu haben und mein Kind zu sehen, bin ich glücklich,« erwiderte er. »Sonst aber – wo sollte das Glück herkommen!?« Er setzte sich auf einen Lehnstuhl und zog sie auf sein Knie nieder. »Sieh, meine Friederike, ich bin nun zwar frei, aber sie halten mich an einer Kette fest. Sie haben mich in Cassel einen Revers unterschreiben lassen, dem zufolge ich mit meinem ganzen Vermögen hafte, im Falle ich irgend etwas gegen die westfälische Regierung unternehme. Wird mir auch nur das Geringste nachgewiesen oder entziehe ich mich der Polizeiaufsicht durch die Flucht ins Ausland, so wird sogleich mein großer Besitz konfisziert. Ich bin ein Gefangener der Regierung auf meinen Gütern, der sich alle Wochen bei dem neuen Maire in Alsleben melden muß. Ich bin wie ein Stoßvogel, dem man ein Kette ans Bein geschmiedet hat.« Friederike schwieg eine Weile; dann sagte sie leise aber fest: »Du wirst diese Kette zerreißen, wenn Preußen sich erhebt.« Heinrich lachte hart und schrill auf. »Das ist es ja eben, was mich am tiefsten niederdrückt: auf eine Erhebung Preußens ist auf unabsehbare Zeit nicht zu rechnen. Ich habe in meinem Gefängnisse von den Weltläuften nichts erfahren, als daß der Korse gegen Rußland rüste. Nun war das erste, was ich hörte, daß Preußen sich mit ihm verbündet hat. Unser Preußen ist ein Vasallenstaat dieses Menschen geworden! Ich war wie vom Blitz getroffen. Es war mir, als ob der Himmel über mir zusammenstürzte. Gneisenau entlassen, Scharnhorst und Blücher entlassen! York mit einem Korps den Franzosen zu Hilfe gesandt! Unser alter, ehrenhafter Staat ein Bundesgenosse des korsischen Bluthundes! Dahin ist es mit uns gekommen! O der Schmach, der fürchterlichen Schmach!« Friederike fühlte, daß sein ganzer Körper in Fieberschauern zitterte, während er so sprach. Sie legte ihren Arm fest um seinen Nacken und redete ihm tröstend zu. »Ach, Geliebter, verzweifle nicht! Noch kann sich alles wenden! Wer weiß, was Gott vorhat mit unserem Volke. Sein Rat ist wunderbar, aber er führet es herrlich hinaus. Vielleicht ist Rußland der Fels, an dem sich die Macht der Hölle bricht, und der ungeheure Hochmut kommt vor dem Falle.« Heinrich seufzte tief auf. »Gott gebe, daß du recht hast,« sagte er trübe. »Ich wage kaum noch zu hoffen.« VI. Die trostlose Stimmung, in der Heinrich von Krosigk nach seinem Schlosse und in den Schoß seiner Familie zurückgekehrt war, hielt nicht lange an. Er hatte gar keine Zeit dazu, sich düsteren und gramvollen Gedanken hinzugeben, denn es gab so ungeheuer viel zu tun, daß er kaum zur Besinnung kam. Die Fülle der Arbeit, die sich ihm täglich aufdrängte, lenkte seinen Geist wohltätig ab von dem Grübeln über Preußens Elend und Schmach und über die Not der eisernen Zeit. Allerdings war der Zustand seiner Güter so, daß ihm zunächst auch hier der Mut entsinken wollte. Die geringe Ernte war durch den Durchzug der großen Armee schon fast zur Hälfte wieder aufgezehrt, denn die französischen Reiter hatten den Hafer für ihre Pferde genommen und die Gutsleute gezwungen, das eben gehauene Korn für sie auszudreschen. Der Viehstand war dezimiert, Schafe, Schweine und Rinder geschlachtet, manche der besten Pferde einfach weggeschleppt, andere durch die Überanstrengungen der Spanndienste ruiniert. Am scheußlichsten war die Verwüstung im Parke zu beobachten. Da war der Rasen von Pferdehufen zerstampft, große Brandflecken zeigten an, wo die Lagerfeuer geflammt hatten. Einige scheue Rehe lugten aus dem dichten Gebüsch hervor. Sie waren die Reste der herrlichen Rudel zahmen Wildes, das einst des Schloßherrn besondere Freude gewesen war. Der alte Gärtner Wartmann humpelte ihm entgegen, als er zum ersten Male sein geschändetes Eden wieder betrat. Der Greis, der von den Franzosen bei der Verteidigung der ihm unterstellten Fasanerie übel traktiert worden war, geriet beim Anblick seines Herrn vor Freude ganz außer sich, küßte ihm die Hände und erklärte ein Mal übers andere, daß nun alles gut werden müsse. »Ihr seid wohl schlecht weggekommen, Alter?« fragte Heinrich, auf das lahme Bein deutend. »Herr Baron, die Kerls haben mich verhauen, daß ich dachte, Ostern und Pfingsten fielen auf einen Tag. Aber der liebe Gott wird sie schon strafen,« setzte er geheimnisvoll hinzu. »Passen Sie auf, Herr Baron, die ganze Herrlichkeit hört bald auf. Es nimmt ein Ende mit Schrecken, ich weiß das ganz genau.« »So? Warum denkt Ihr das?« fragte Heinrich, der über das feierliche Wesen des Alten lächeln mußte. »Sie sind zum Gerichte reif. In Laublingen haben sie die Kirche verunreinigt und das Kreuz auf dem Altar zerschlagen. Aber sie haben noch viel größere Sünde getan. Sie haben drüben und in anderen Dörfern die Roggenbrote ausgehöhlt und sind zum Gelächter damit über die Straße gelaufen, als wäre das Brot Schuhwerk. Das ist die größte Sünde. Wer das liebe Brot in den Dreck tritt, den straft der liebe Gott, denn er läßt seine Gabe nicht verachten.« Der Baron schüttelte den Kopf. »Das ist ja ganz unglaublich, Alter. Dies Volk ist ja schlimmer als das Vieh.« »Am ärgsten haben sie in Peißen gehaust,« fuhr der Gärtner fort. »Was der Herr Pastor Moldenhauer ist, der soll krank im Bette liegen.« »Sie haben sich doch an dem ehrwürdigen alten Manne nicht vergriffen?« rief der Baron. »Dieses weniger. Aber sie haben ihm sein ganzes Geld gestohlen. Dreihundert Taler haben sie mitgenommen.« »Unsinn,« sagte Krosigk. »Dreihundert Taler! Die habe ich kaum, und ein armer Dorfpastor hat sie sicher nicht.« »Vielleicht war's nicht so viel,« gab der Gärtner zu. »Aber krank ist der alte Herr, denn der junge vertritt ihn schon seit vierzehn Tagen.« »Ich werde sofort einmal hinüber fahren!« rief der Baron lebhaft und wandte sich dem Schlosse zu. »Ist nicht nötig, Herr Baron,« lachte der alte Gärtner. »Das Sprichwort ist noch immer wahr: Wenn man den Wolf nennt, so kommt er gerennt.« Er deutete auf einen Mann, der vom Wirtschaftshofe her den Damm entlang geschritten kam. Es war der Kandidat Moldenhauer. Der Baron ging rasch auf ihn zu. »Willkommen, lieber Moldenhauer!« rief er ihm schon von weitem entgegen. »Endlich führt Sie Ihr Weg einmal in die Heimat. Ich will allerdings nicht hoffen, daß die Veranlassung dazu eine traurige ist, wie mir eben Wartmann berichtet hat.« Er schüttelte die Hand des jungen Geistlichen kräftig und erzählte ihm die Äußerung des alten Gärtners. »Ich hoffe, daß alles unwahr oder doch stark übertrieben ist.« »Leider nicht,« gab Moldenhauer zur Antwort. »Diesmal hat die Fama in keinem Punkte übertrieben. Die dreihundert Taler waren das Vermögen meiner Eltern. Mein Vater hatte sie schon einmal 1806 im Holzstalle vergraben. Damals wurden sie gerettet, jetzt kann er sie nicht wiederfinden, so viel er auch gesucht hat. Der Schreck hat ihn aufs Krankenlager geworfen; denn der Verlust ist in der schweren Zeit doppelt schmerzlich. Meine Eltern wissen kaum, wie sie sich durchbringen sollen. Hätte ich das gewußt, so wäre ich schon viel früher heimgekehrt, um ihnen beizustehen.« »Offen gestanden,« erwiderte Krosigk, »habe ich weder Ihr Fortgehen noch Ihr Fortbleiben begriffen. Sie hatten doch wahrhaftig lange genug den Präzeptor gespielt! Auch Ihr Vater, mit dem ich darüber sprach, stand vor einem Rätsel.« »Ich hatte schwerwiegende Gründe dazu,« sagte Moldenhauer so ernst, daß der Baron ihn betroffen von der Seite ansah und stehen blieb. »Was, Moldenhauer?« rief er überrascht. »Sollte man da fragen können: Cherchez la femme ?« »Sie haben's erraten, Herr Baron.« »Da seht mir einer den Duckmäuser!« schalt Krosigk lächelnd. »Warum haben Sie mir darüber auch nicht die leiseste Andeutung gegönnt, als Sie damals von mir Abschied nahmen? Ich war Ihnen in der Tat etwas böse, daß Sie aus meinem Reiche wieder verschwanden. Hätte ich geahnt, daß Sie da drüben in der Mark auf Liebespfaden oder auf Freiersfüßen gingen, so hätte ich Ihr Weggehen ja gleich begriffen.« »Sie verstehen mich falsch, Herr Baron,« sagte Moldenhauer mit ernstem Lächeln, »und ich möchte gerade von Ihnen nicht falsch verstanden werden. Es ist mir allerdings vollkommen klar, daß mein hastiger, überstürzter Abschied vor fünf Jahren Ihnen befremdlich vorkommen mußt«. Deshalb liegt es mir am Herzen, Sie darüber aufzuklären. Ich hätte es schon längst gern getan; aber im Königreiche Westfalen weiß man ja nie, in wessen Hände ein abgesandter Brief gerät. Deshalb will ich es Ihnen nun mündlich sagen. Ihrer Verschwiegenheit bin ich ja sicher. Sie sehen aus meinem Geständnis zugleich, daß ich völlig überwunden habe.« »Sie machen mich äußerst gespannt,« erwiderte Krosigk. »Indessen will ich mich nicht etwa in Ihr Vertrauen eindrängen. Wird es Ihnen schwer, über die Sache zu sprechen, so behalten Sie Ihr Geheimnis ruhig für sich. Ein Mensch, den ich achte, behält auch dann meine Achtung, wenn ich einmal seine Beweggründe nicht verstehe.« »Nein, nein, Sie sollen es wissen, denn es liegt abgetan hinter mir. Am es kurz zu sagen: es war mir, als einem jungen Manne von Temperament und lebhafter Phantasie nicht dienlich gewesen, einen ganzen Winter lang mit einem schönen Fräulein in einem Schlosse zu hausen. Ich hatte dadurch das Gleichgewicht der Seele ganz und gar verloren und mußte deshalb gehen.« Krosigk blieb von neuem stehen und sah ihm verblüfft ins Gesicht. »Antoinette?« rief er. »Antoinette? Das, bei Gott, hätte ich nicht für möglich gehalten!« »Warum denn eigentlich nicht, Herr Baron? An Schönheit fehlt es dem Fräulein doch wahrlich nicht, und ich – ja warum sollte ich ein Eiszapfen sein?« »Hm, ja,« sagte der Baron. »Habe trotzdem nie daran gedacht. Sie, ein so verständiger Mensch – aber allerdings, in solchen Dingen entscheidet eben nicht der Verstand. Dagegen haben Sie Ihren Verstand sehr weise walten lassen, indem Sie sich aus dem Staube machten. Denn das war das Beste. Antoinette hätte in ein Pfarrhaus nie und nimmermehr gepaßt; selbst eine große Leidenschaft für Sie hätte sie nicht in eine Pfarrfrau umformen können.« »Das sagte ich mir alles damals schon, Herr Baron, wußte auch, daß ich ihr nur ein freundliches Wohlwollen einflößte und keineswegs eine große Leidenschaft. Darum ging ich weg, denn ich hatte keine Lust, die Rolle der Mücke zu spielen, die ums Licht tanzt. Nun bin ich fertig damit.« Krosigk faßte ihn wieder, wie in früheren Tagen, vertraulich am Rockknopfe. »Sie wissen auch, daß sie die Braut eines Herrn von Einsiedel ist?« »Ich wußte es bis jetzt nicht, aber ich wünsche ihr alles Glück dazu,« versetzte Moldenhauer ruhig. »Nächstes Jahr soll die Hochzeit sein,« fuhr der Baron fort. »Nicht hier, in Gröna. Meine Mutter lebt jetzt ganz dort, meine Schwestern sind auch meist drüben. Natürlich kommen sie auch häufig herüber, vielleicht gerade heute. Da werden Sie ihr doch nicht gut ausweichen können.« »Das kommt mir auch gar nicht in den Sinn!« rief Moldenhauer. »Ich werde mich freuen, mit Ihrer Frau Mutter und dem Fräulein von alten Zeiten zu plaudern.« Krosigk sah ihn scharf an und nickte dann befriedigt. »So ist's recht. Ich sehe. Sie sind mit sich fertig geworden. Sie bleiben natürlich nun ganz hier?« »Wahrscheinlich. Mein Vater ist so matt und schwach, daß er fürs erste nicht daran denken kann, sein Amt zu versehen. Ich fürchte fast, er wird's nie wieder können. Nun bin ich ja schon vor fünf Jahren als sein Substitute ordiniert und eingesetzt worden, kann also ohne weiteres seine Amtsgeschäfte übernehmen.« »Ja, es war gut, daß wir die Sache damals festgemacht haben,« versetzte der Baron. »Müßte ich Sie heute präsentieren, so würden Sie wohl kaum eingesetzt werden, denn mein Name ist stinkend geworden vor der hohen Regierung in Cassel. Aber nun kommen Sie ins Haus. Sie frühstücken mit uns. Wir haben uns wohl viel zu erzählen, und ich muß Sie vor allem meiner Frau vorstellen, die Sie ja noch gar nicht kennt.« – Schon am folgenden Morgen hielt der leichte Jagdwagen des Barons mit den beiden Füchsen vor dem Pfarrhause in Unter-Peißen. Auch Friederike war mitgekommen und plauderte unten in der Wohnstube gemütlich mit der alten Pfarrerin und ihrer unverheirateten Tochter, während der Kandidat den Baron die Treppe hinauf nach dem Zimmer geleitete, in dem der Kranke lag. Pastor Moldenhauer hob sich mit Anstrengung aus seinen Kissen halb empor und streckte dem Eintretenden die beiden Hände entgegen. Dem Baron fiel auf, wie blaß und durchsichtig diese Hände waren, und er erschrak in seinem Innern, als er bemerkte, wie welk und verfallen das sonst so blühende und frische Gesicht des alten Mannes aussah. »Sie finden mich heute in großer Schwachheit, Herr Baron,« sagte der Greis matt lächelnd. »In leiblicher und in seelischer Schwachheit. Ich schäme mich ordentlich darüber. Mehr als vierzig Jahre lang habe ich gepredigt, daß wir uns nicht Schätze sammeln sollen, die die Motten und der Rost fressen, und nun wirft mich der Schrecken um, als ich merke, daß mir mein Geld geraubt ist.« »Sie haben dabei wohl weniger an sich als an die Ihrigen gedacht. Über einen Verlust, den andere erleiden, darf man immerhin Schmerz empfinden,« tröstete Krosigk. Der Pastor seufzte tief. »Ja, das ist schon wahr. Es war der sauer ersparte Notgroschen meiner Frau und Tochter. Ich selbst bedarf von irdischem Geld und Gut nur noch so viel, um einen Sarg daraus zu zimmern. – Sagen Sie nichts, Herr Baron, ich weiß es bestimmt. Ich komme nicht wieder zu Kräften. Nur darum bitte ich Gott den Herrn, daß er mich die Erhebung meines Volkes noch mit Augen sehen läßt.« »Dann dürften Sie noch lange, sehr lange leben,« sagte Krosigk düster. »Nein, Herr Baron. Denken Sie an mich, wenn ich etwa nicht mehr sein sollte: im Frühlinge steht Preußen auf.« »Warum meinen Sie das?« fragte der Baron überrascht. »Das sagt mir eine innere Stimme. Ich glaube, daß der Korse von seinem ungeheuren Heere nicht ein Drittel zurückbringt. Sehen Sie nicht unseres Gottes wunderbare Fügungen? Den Freiherrn vom Stein hat der böse Feind nach Rußland getrieben. Damit hat er sich selbst sein Grab gegraben. Denn nun ist der Mann von Eisen der Ratgeber des schwachen Russenkaisers geworden und stärkt ihm den Willen, daß er nicht nachgibt. Und nur darauf kommt es an, daß der Zar aushält. Weicht das russische Heer immer weiter zurück, so muß der Korse nach, und er kann dann seine Massen nicht ernähren. Wenn vollends der nordische Winter kommt mit seinem Schnee und seiner fürchterlichen Kälte, so wird das große Heer klein werden. Wer weiß, ob er hunderttausend Mann zurückführt. Dann wird und muß sich Preußen mit Rußland verbinden, und der Tag der Befreiung bricht an.« Krosigk blickte ihm starr ins Gesicht und sagte dann, tief aufatmend: »Wunderbar, höchst wunderbar! Mit fast ganz denselben Worten hat mir gestern mein Freund Wedell die Erhebung des Vaterlandes prophezeit. Es scheint also viele zu geben, die auf ein Wunder Gottes hoffen. Ich aber zweifle daran, daß es der Allmächtige uns so leicht machen wird. An einen Sturz des Welttyrannen glaube ich ja auch, ohne solchen Glauben vermöchte ich nicht zu leben. Aber ob er in Wahrheit so nahe ist? Es hat schon einmal so geschienen, als Erzherzog Karl bei Aspern siegte, und wir sind furchtbar enttäuscht worden. Wer kann die Wege Gottes verstehen? Wer kann ahnen, wann seine Langmut zu Ende ist? Wiegen wir uns nicht in allzu schöne Träume ein, damit uns ein bitteres Erwachen erspart bleibe!« So sprach Heinrich von Krosigk am Lager des kranken Pfarrers, und er wiederholte solche Worte in der nächsten Zeit noch oft, wenn von dem russischen Feldzuge Napoleons die Rede war. Aber er sprach nur so, um sein heißes Herz zu zähmen. Er wollte sich selbst zur Ruhe zwingen, wollte die Hoffnungen nicht groß werden lassen, die hundertfältig und mit drängender Gewalt in seiner Seele emporkeimten. Wie sehr er sich indessen auch Mühe gab, äußerlich gleichmütig zu erscheinen, so konnte er es doch vor seinen Vertrauten, besonders vor seiner Frau, nicht immer verbergen, welch wilde Ungeduld in seinem Innern tobte. Friederike erkannte oft mit Schrecken, wie fieberhaft erregt er innerlich war und wie die Hoffnung auf einen nahenden Tag der Vergeltung alle anderen Wünsche und Gedanken in ihm mehr und mehr zurückdrängte. Auch in seinem Benehmen gegenüber der von Zeit zu Zeit in das Schloß einfallenden französischen Einquartierung zeigte er das. In größter Angst bat und beschwor ihn manchmal seine Frau, seiner überaus gefährdeten Lage zu gedenken und den fremden Gästen gegenüber höflicher und verbindlicher zu sein. Vergebens. Sein Haß gegen das französische Wesen war bis zum Widerwillen herangewachsen, er vermochte es nicht mehr über sich, den Offizieren des Kaisers auch nur das geringste Entgegenkommen zu erweisen. Hinauswerfen konnte er sie nicht, mußte sie sogar an seinem Tische dulden. Aber er würdigte sie dabei keines Wortes, saß finster und schweigsam am oberen Ende der Tafel, während er sie ganz unten hin plaziert hatte, und gab auf ihre Fragen nur kurze, widerwillige Antworten. Auch mit dem Essen wurde keinerlei Rücksicht auf den verwöhnten Gaumen der Ausländer genommen. Im Gegenteil, der Baron setzte an solchen Tagen mit Vorliebe Erbsen mit Speck, Rüben oder Sauerkraut mit Pökelfleisch auf den Speisezettel, weil er wußte, wie widerwärtig diese Gerichte einer französischen Zunge zu sein pflegten. Natürlich ließen sich die von Siegesübermut geschwellten französischen Offiziere eine solche Behandlung nicht immer gutwillig gefallen. So lag im September ein Major im Quartier, dem beim Anblick der verhaßten Speisen die Galle überlief. Er stand auf und protestierte in heftigen Worten gegen die maliziöse Behandlung, die er in diesem Hause erfahre, und insbesondere gegen die armselige Art der Bewirtung. »Dieser Fraß,« rief er, »ist ungenießbar für einen Offizier der großen Armee!« »Es ist unser gewöhnliches Mittagessen,« erwiderte der Baron mit eisiger Ruhe. »Doch sollen Sie nach Wunsch befriedigt werden.« Er rief Breitmann, der bei Tische aufwartete, zu sich heran und erteilte ihm leise einen Befehl, worauf der Diener das Zimmer verließ. Nach wenigen Minuten kehrte er mit einer verdeckten Bratenschüssel zurück und präsentierte sie dem Franzosen. Der Major hob den Deckel ab und fuhr zurück; denn in der Schüssel lagen zwei geladene Pistolen. »Wenn es Ihnen beliebt, mein Herr, dieses Gericht mit mir zu verzehren, so stehe ich Ihnen sofort zu Diensten,« sagte Krosigk und richtete seine funkelnden Augen auf den Fremdling. Der Franzose erhob sich leichenblaß, machte eine kurze Verbeugung und verließ das Schloß auf der Stelle. Er kam weder selbst wieder, noch erschienen seine Zeugen. Da er sein Quartier nach der Laublinger Pfarrei verlegte, so steht zu vermuten, daß der Pastor Werkmeister auch ihm durch einen Hinweis auf die Schießkunst des bösen Barons die Rachegedanken aus dem Herzen gescheucht habe. Gegen Ende des Monats hörten derartige Zusammenstöße auf, denn es gab keine französische Einquartierung mehr. Alle Truppen, die irgend verfügbar waren, hatte der Schlachtenkaiser über die russische Grenze geworfen oder bis dicht an die Grenze herangezogen, und atemlos lauschte nun die Welt der Kunde, die aus den unermeßlichen Steppen des nordischen Riesenreiches herüberscholl. Zunächst hörte man das, was man gewohnt war. Die Zeitungen berichteten von neuen, ungeheueren Siegen des Unüberwindlichen. Die russischen Heere wurden geschlagen bis zur Vernichtung, ihre Verluste waren fabelhaft. Der Kaiser stand dicht vor den Toren des heiligen Moskau, und dort, hieß es, werde er dem gedemütigten Zaren den Frieden diktieren. Aber die große Masse des Volkes glaubte solche Nachrichten nicht mehr, so bestimmt sie auch auftraten. Dem kleinen Manne in Stadt und Land stand es fest, daß der Zug nach Rußland ein Ende mit Schrecken nehmen werde. Umsonst hatte der blutrote Komet nicht am Himmel gestanden, als die unendlichen Heeressäulen sich nach dem Osten wälzten. Er hatte sicher etwas zu bedeuten, etwas Furchtbares für die, deren Pfad er erleuchtete. Auch hatte man unheildrohende Stimmen in den Lüften gehört, ungeheure Schwärme von Aasvögeln beobachtet, die der Spur des Heeres folgten, Schattengestalten in den Wolken gesehen, riesige Männer und wild dahinstürmende Rosse. Sie alle zogen nach Osten, nach Osten. Waren das nicht alles Gotteszeichen, daß der Allmächtige sich endlich der geknechteten Völker erbarmen und den Gewaltigen stürzen wollte von seinem goldenen Stuhle? Der einfältige Glaube der armen Leute schien recht zu behalten. Die Siegesfanfaren verstummten allmählich. Dagegen sickerten andere Nachrichten über die Grenze, unsicher zwar, aber die Menschen aufs tiefste erregend. Es verlautete, die große Armee sei durch Krankheiten, Seuchen und Frost in unglaublicher Weise zusammengeschmolzen. Die Russen hielten kaum irgendwo ernstlich stand, lockten das Heer immer tiefer in ihre Länderwüsten hinein, und der Kaiser jagte ihnen nach in wahnsinniger Verblendung, obwohl bei der tollen Hetzjagd täglich mehrere tausend Männer und Pferde zugrunde gingen. Heinrich von Krosigk lebte in diesen Wochen wie in einem beständigen Fieber. Des Nachts schrak er oft aus wirren Träumen empor; des Tages hatte er nirgends Ruhe, warf sich aufs Pferd und jagte über seine leeren Felder. Das einzige, was seine Gedanken hin und wieder wohltätig ablenkte, war die Beschäftigung mit seiner kleinen Tochter. Das Kindchen entwickelte sich frisch und gesund, rosig und reizend, und er war, wie seine Frau einst richtig geahnt hatte, ein überaus zärtlicher Vater. An schönen Herbsttagen genossen die Bewohner von Poplitz gar manchmal das eigenartige Schauspiel, den gestrengen Schloßherrn in hohen Reitstiefeln und mit einem Kindermantel um die Schultern auf den Deichdämmen herumspazieren zu sehen. Er trug dort sein kleines Töchterchen im Sonnenschein auf und nieder. So geschah es auch an einem heiteren Novembernachmittage. Er wandelte, das Kind auf dem Arme, seine Frau an der Seite, auf dem sogenannten »Englischen Fleck«, einer parkartigen Anlage gegenüber der Schloßeinfahrt, unter den hohen, jetzt entlaubten Linden dahin. Plötzlich rief Friederike, die sich zufällig umwandte: »Sieh, dort kommt Wedell!« und wies auf den Piesdorfer Wagen, der vor dem Tore hielt. Gottlob von Wedell hatte offenbar das lustwandelnde Paar erspäht, denn er ließ halten und sprang aus seiner Kutsche heraus. Mit seinen scharfen Augen erkannte der Baron schon von ferne, daß der Freund ungewöhnlich erregt war; denn er eilte mit einer Hast vorwärts, die ganz im Gegensatze stand zu seinem sonst so ruhigen Wesen. Darum legte Krosigk das Kind in die Arme seiner Frau und schritt dem Näherkommenden entgegen. Brachte der etwas Unwillkommenes, so war es ja nicht nötig, daß Friederike die Botschaft unvorbereitet erfuhr. Aber Wedell schrie schon von weitem, indem er den Baron mit der Hand begrüßte: »Krosigk, Krosigk! Halte dein Herz fest! Weißt du das Neueste, das Große?« And dann näher hinzutretend rief er mit hastig sich überstürzenden Worten: »Die Russen haben Moskau verbrannt, ihre eigene Hauptstadt! Der Korse muß umkehren, sein Heer soll schon halb vernichtet sein. Die Russen sind hinter ihm her! Das ist der Anfang von seinem Ende.« Der Baron stand wie erstarrt und sah ihn an. Seine Augen weiteten sich, seine Glieder flogen; der ganze Mann bebte vor ungeheurer Erregung. »Woher hast du das?« stieß er hervor. »Durch Wilhelm über Berlin von Gneisenau.« Da hob Krosigk die gefalteten Hände empor und rief mit einer Stimme, die den andern im Innersten erschütterte: »Herrgott, verzeihe mir, wenn ich an deiner Wundermacht gezweifelt habe! Nun sehe ich, du bist ein Gott, der Wunder tut, und willst dich endlich wieder zu uns kehren. Dir sei Preis und Ehre und Dank in Ewigkeit!« Dann umarmte er stürmisch den Freund, und die beiden Männer hielten sich einige Augenblicke fest umschlungen. »Was willst du tun?« fragte Friederike, die zu ihm getreten war, leise. Ihre Lippen zuckten, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte alles mit angehört. Der Baron legte den Arm um ihre schlanke Gestalt und zog sie mit dem Kinde an sich. »Noch ist nichts zu tun. Erst muß der König rufen, Preußen rüsten. Dann aber – Friederike, möchtest du mich halten?« »Nein,« sagte sie mit bebender Stimme, aber mit einem wunderbar lieblichen Lächeln zu ihm emporschauend. »Das würde dein Tod sein. Und so lange ich dein Weib bin, wußte ich, daß solch eine Stunde der Trennung einmal kommen mußte. Gott wird ja barmherzig sein.« – Die Stunde kam; aber sie kam freilich viel später, als der Baron in seiner glühenden Kriegsbegeisterung hoffte und Frau Friederike fürchtete. Den ganzen Winter über mußte er noch auf seinem Schlosse aushalten. Wenn wenn auch der eiserne York sich noch am Abend des scheidenden Jahres auf eigene Faust mit den Russen verband, so war Preußen doch erst im März so weit gerüstet, daß der König dem übermächtigen Todfeinde offen den Fehdehandschuh hinwerfen konnte. In den letzten Tagen des März gelangte der Aufruf des Königs »An mein Volk!« nach Poplitz, aber zugleich durch Gneisenau ein geheimer Befehl des Königs, der von dem Schloßherrn die härteste Selbstverleugnung forderte. Krosigk sollte im Lande bleiben, die alten geheimen Verbindungen wieder anknüpfen und einen Aufstand der altpreußischen Teile Westfalens vorbereiten. Der sollte dann im Rücken der französischen Armee ausbrechen, wenn die Heere der Verbündeten sich der Elblinie nähern würden. Heinrich fügte sich und blieb. Aber als Napoleon den Sieg bei Groß-Görschen errungen hatte und die Alliierten nach Osten zurückwichen, da konnte ihn nichts mehr in der Heimat halten. Er mußte dabei sein, wo Preußen um sein Dasein rang. Wer mochte wissen, wann das zurückgeschlagene Heer den Grenzen Westfalens wieder nahekommen würde? Vielleicht waren alle die ungeheuren Opfer des preußischen Volkes doch vergeblich, und es stand in Gottes unerforschlichem Ratschlusse fest, daß Bonaparte noch einmal den Sieg erkämpfen sollte. Dann war er entschlossen, den Tod zu suchen und mit Preußen unterzugehen. So riß er sich los von seinem Weibe, das zum zweiten Male Mutter werden sollte, und das er nach Potsdam zu Verwandten in Sicherheit brachte. Er riß sich los von dem zärtlich geliebten Kinde, das kaum das Wort »Vater« mit ungeschickten Lippen stammeln konnte. Bei Nacht und Nebel, um die Wachsamkeit der westfälischen Geheimpolizei zu täuschen, verließ er sein Schloß und eilte zur Armee. Er wußte, daß die Schergen Jérômes das alte Erbe seiner Väter auf der Stelle in Besitz nehmen würden, sobald man in Cassel seine Flucht erfuhr. Er war ein heimatloser Bettler, wenn Preußen unterlag. Aber eine Rückkehr als Besiegter gab es für ihn nicht mehr. VII. Anton Emil von Krosigk, Leutnant beim leichten Garde-Kavallerie-Regiment, an seine Mutter, Frau Geheimrätin von Krosigk in Halberstadt. Feld-Lager bei Liegnitz, am 6. Junius 1813. Meine beste, geliebteste Mutter! Es ist dieses das erste Mal seyd unserer Abreise von Gröna, daß ich die Zeit finde. Ihnen ein Mehreres als ein kurzes Billet zu schicken. Das Gute hat der Waffenstillstand, den wir sonst alle verwünschen, und dem, so Gott will, recht bald wieder der Krieg folgt. Von den zwei Briefchen, die Sie, herzliebste Mutter, an mich geschrieben haben, ist nur das zweyte in meine Hand gekommen. Zu meiner höchsten Freude ersehe ich daraus, daß Sie gesund sind, und ich bitte den lieben Gott, daß er Ihre, uns so teure Gesundheit gnädig erhalten möge. Was mich betrifft, so habe ich die Freude, Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Nesthäkchen zum Offizier befördert worden ist. Nach der Affaire von Heynau, von der Sie, beste Mutter, ohne Zweiffel gehört haben, bin ich zum Lieutnant avanciert. Ich kann es nicht in Abrede stellen, daß mich diese Auszeichnung sehr stolz und glücklich macht. Doch soll sie mir vorzüglich ein Ansporn seyn, meine Pflicht gegen König und Vaterland zu thun in diesem heiligen Kriege. Louis habe ich gestern gesehen. Er läßt Sie grüßen und will Ihnen auch heute oder morgen schreiben. Der Carl Schurff ist zum Eisernen Kreuze vorgeschlagen. Auch Louis wird wohl das Kreuz erhalten. Sie haben sich beyde sehr brav geschlagen bei Bautzen und bei Heynau. Was soll ich aber sagen, beste Mutter, von unserem herrlichen Bruder Henri? Man spricht von ihm als einem der tapfersten Offiziere der Armee. Seine Bravour ist unglaublich. Meine liebste Mutter werden von ihm nicht viel hören, denn er ist so beschäftigt, sein Bataillon zu formieren und zu organisieren, daß er sogar an seine Frau nach Potsdam nur kurze Billets senden kann, wie er mir gestern sagte. Derhalben will ich ein paar von seinen Heldentaten hersetzen, damit Sie wissen, welch einen Sohn Sie besitzen. Am 19. Mai erschien er in seinen Civilkleidern, so wie er von Poplitz kam, auf einem Hügel bei Bautzen, wo Blücher und Gneisenau hielten, und meldete sich zur Stelle. »Herr, zum Deibel, Sie sind ja im Frack! Wie können Sie da die Soldaten seiner Majestät kommandieren!« schreit Blücher lachend. »Soll die Saumseligkeit eines Schneiders mich verhindern, die Franzosen mit zu attaquieren, Excellenz?« fragt Heinrich. Der Alte sieht ihn an und spricht noch immer lachend: »Sie sind doch der Krosigk, der die westfälischen Gendarmen eingesperrt hat? Hat mich sehr gefallen. Na, Sie sollen nicht unnütz hier verkümmern. Binden Sie sich in Gottes Namen eine Feldbinde um und setzen Sie eine Feldmütze auf. Werden Sie schon brauchen können.« Und wie konnten sie ihn brauchen! In der Schlacht war eine Ordre zu überbringen. Die Adjutanten mußten dazu über einen Damm reiten, der vom feindlichen Feuer stark bestrichen wurde. Alle versuchten es in Carrière und wurden über den Haufen geschossen. Da erbietet sich Heinrich zu dem Ritt. Ganz ruhig und gelassen reitet er hinauf, hält das Pferd an und sieht sich um. Dann gibt er seinem Pferde die Sporen und jagt auf der anderen Seite hinunter. Die Franzosen waren so verblüfft über den Mann im schwarzen Frack, der sie so kaltblütig musterte, daß sie keine Kugel abfeuerten. Am andern Tage führte er ein Musquetierbataillon immer noch im Frack, denn eine Uniform war in der Eile nicht zu beschaffen. Er soll an der Spitze dieser Truppen Wunder von Tapferkeit vollbracht haben. Wie unsere Armee schon auf dem Rückzuge war, kehrt er mit seinem Bataillon noch einmal um, wirft die Württemberger von den Kreckwitzer Höhen herunter und rettete ein zurückgebliebenes Geschütz. Die Soldaten sprechen von ihm an den Bivouakfeuern und erzählen sich seine Heldentaten. Passen Sie auf, teuerste Mutter, er wird unseren Namen zu neuen Ehren bringen. Er ist ein Held. Uebrigens hat er einen Streifschuß, der ihm aber nicht viel tut. Ich selbst bin, Gott sei gedankt, nicht blessiert und wohl, da die Strapazen jetzt nicht groß sind. Wir wollen sie aber alle gern ertragen, wenn nur der faule Friede aufhört und es wieder los geht gegen den Bonaparte. Ich grüße Sie, teuerste Mutter, und die lieben Geschwister von ganzem Herzen, und Ihnen allerbestes Wohlsein wünschend, verharre ich als Ihr Sie treuliebender gehorsamer Sohn Anton Emil. Gräfin von Arnim in Potsdam an ihren Neffen, den Major Heinrich von Krosigk, per Adresse: Herrn Major von Schack im Generalstabe des Generals von York Exzellenz. 25. Juli 1813. Mein lieber Krosigk! Heute habe ich die große Freude, Ihnen berichten zu können, daß unser Riekchen diese Nacht eines lieblichen Mädgens genesen ist. Machen Sie sich keinerlei Sorgen, es gehet der jungen Mutter ganz nach Wunsche und das Kindgen ist groß und kräftig und gantz reizend. Riekchen macht sich einige Bekümmernisse darüber, daß es wieder kein Junge ist, weil Sie sich einen Erben und Stammhalter so gewünscht hatten. Lieber Krosigk, ich denk, Sie werden froh seyn, daß Gott Ihrer Frau und Ihnen so gnädig gewesen ist, und werden an seinen Gaben nicht mäkeln. Ihre liebe Mutter erwarten wir stündlich; sie hat wollen zur Pflege kommen. Riekchen freuet sich sehr darüber. Es ist dies keine Zeit zu ausführlichen Briefen. Darum Gott befohlen, lieber Krosigk! Er halte seine vätterliche Hand über Ihrem Haupte. Riekchen grüßt und küßt Sie tausendmal. In alter Freundschaft Ihre Ihnen stets wohlgeneigte Gräfin Arnim. Heinrich von Krosigk an seine Frau, zu Händen der Gräfin Arnim in Potsdam. Lager bei Liegnitz, am 5. August 1813. Meine herzliebste Frau! Wie ich Dir schrieb, habe ich zuerst aus der Zeitung Deine Niederkunft erfahren und war sehr in Sorge über Dein Befinden. Nun kommt der Brief der Gräfin A. – danke ihr dafür herzlich und grüße sie – und benimmt mir diese große Sorge. Mein liebstes Kind, gräme Dich nicht, daß es wieder eine Tochter ist. Das ist nur fatal, weil Poplitz Mannslehn ist. Darum wünschte ich mir einen Sohn. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Ich habe große Sehnsucht, Dich zu sehen und die Kinder, aber ich kann doch nicht während des Waffenstillstandes zu Dir kommen. Das Bataillon hatte ja bei Bautzen die furchtbarsten Verluste gehabt; ich muß es ganz umorganisieren. Es soll, wie es heißt, aus einem Reservebataillon zu einem Füsilierbataillon werden und wird nach dem Frieden bestehen bleiben. Bald werden die Kanonen wieder knallen und es geht los gegen den Bonaparte. Mache Dir keine Sorgen um mich. Der alte Gott lebt noch, er wird mit uns sein und wird mich ja wohl auch behüten. Sprich den Kindern von mir und küsse sie. Adieu Liebste. Ewig Dein Krosigk. Friederike von Krosigk an ihren Gemahl. Ohne Datum. Teuerster, herzlichst geliebter Mann! Seydt fünf Tagen habe ich keine Nachricht von Dir und tröste mich nur damit, daß so viele Briefe unterwegs verloren gehen, wie ja auch von mir schon fünfe verloren sindt. Sonsten müßt ich fürchten, mein Heinrich, daß Du mir irgendwo verwundet lägest. Ach, liebster Mann, ich bestürme Tag und Nacht unseren Gott, er möge Dich mir gesundt und heil wieder heimkehren lassen. Mein Liebster, ich bin ja stolz auf Dich und gratuliere Dir von Herzen, daß Du für Deine Bravour nach der Schlacht bei der Katzbach hast das Kreuz gekriegt und daß Dir der König so gnädig gewesen ist. Aber das Liebste ist mir doch, wenn ich höre, daß Du gesundt bist, und ich bethe alle Tage, daß der große, grausame Krieg möchte bald ein Ende haben und wir in Frieden könnten wieder beyeinander leben. Nun muß ich Dir noch eines erzehlen, liebster Mann. Minette ist in Berlin und trat gestern gantz unvermutet in mein Logis. Wie ich sie so blaß vor mir stehen sah in ihrem schwarzen Wittwenkleyde mit ihrem kleinen Töchterchen auf dem Arme, da wallete mir das Herz auf und ich mußte laut weinen und schloß sie in meine Arme. Ich hoffe. Du wirst sagen, ich habe recht getan. Ihr Mann ist ja tod, alle Hoffnung hat aufgehört; sie weiß es gewiß, daß er in Rußland geblieben ist. Er ist nicht in Gefangenschaft; ein Offizier, der ihn hat fallen sehen, hat ihr auch das Kreuz gebracht, das er auf der Brust getragen. Ich konnte nicht anders, als sie liebreich in meine schwesterlichen Arme nehmen! Die Kinder sind, Gott Lob, wohl. Deine Mutter leget ein Briefgen mit bey. Tausend, tausend Küsse, geliebtester Mann, von Deiner Friederike. Heinrich von Krosigk an seine Frau. Bei Camenz auf dem Marsche. 26. Sept. 13. Liebste! Zwei Worte in Eile. Wegen Minette hast Du recht gehandelt. Der Tod söhnt aus, über die Gräber reichet der Haß nicht. Adieu Herzensfrau. Ewig Dein Krosigk. Derselbe an seine Frau eine Woche später. am 4. Oktober. Diesen Brief schreibe ich in der Morgenfrühe auf der Erde kauernd auf einer Trommel. Der schönste Sieg ist unser. Wir sind bei Wartenburg über die Elbe gegangen. Der Bonaparte flieht vor uns her. Das viele edle Blut, das gestern geflossen, ist nicht umsonst vergossen worden; denn der Sieg ist unser und mit dem welschen Bluthunde geht es zu Ende. Vielleicht schon in einer Woche oder in zweien zwingen wir ihn zur entscheidenden Schlacht. Eben kommt der Schröder an mit Briefen von Dir und Mutter. Ich bin sehr beglückt; meine Freude ist unendlich und ebenso mein Dank gegen Gott. Ich sende Schröder übermorgen zurück, dabei erfährst Du mehr. Mache Dich zur Abreise bereit, sodaß Du jeden Tag aufbrechen kannst. Der York zieht auf Halle, dort können wir uns vielleicht sehen. Ich schreibe Dir alles Nähere. Sowie die Saale von Franzosen frey ist, kehrst Du nach Poplitz zurück. Gott gebe, daß ich Dich hingeleiten kann, doch zweifle ich daran, daß sich dazu die Zeit findet. Also übermorgen mehr. Gott wache über Dir und mir wie bisher und gebe uns ein fröhlich Wiedersehen! Adieu, Liebste! Dein Krosigk. Was beide Gatten kaum zu hoffen gewagt hatten, ward ihnen zuteil: ein Wiedersehen mitten im Kriege. Ja, sie durften sogar die geliebte Heimat gemeinsam wieder betreten. Am zwölften Oktober rückte das Yorksche Korps in Halle ein und durfte hier drei Tage vollkommener Waffenruhe genießen. Man mußte warten, bis die beiden anderen Armeen heran waren; dann erst konnte man den Ansturm wagen gegen den Schlachtengewaltigen, der mit seinen Harsten bei Leipzig stand. Noch am Abend des Einzugstages traf auch Friederike von Krosigk mit ihren Kindern in Halle ein; und am anderen Tage erteilte der gestrenge York selbst dem Major zwölf Stunden Urlaub, damit er die Seinen in das Schloß seiner Väter zurückgeleite. So bogen denn gegen die Mittagsstunde zwei Wagen in die Poplitzer Allee ein. In dem ersten saß Friederike mit ihren beiden kleinen Mädchen und ihrer Schwiegermutter, die das jüngste im Arme hielt. Die alte Dame hatte ihre Schwiegertochter begleitet, um den geliebten Sohn vor den Tagen der Entscheidung noch einmal zu sehen. Auch ihre beiden Töchter Antoinette und Charlotte waren mitgekommen und saßen im zweiten Wagen. Der Baron ritt zur Seite seiner Frau dahin. Die Heimlehrenden waren darauf vorbereitet, von ihrer Dienerschaft begrüßt zu werden, denn sie hatten noch in der Nacht den alten Schröder mit der Meldung ihrer Ankunft vorausgesandt. Aber wie staunten sie, als sie den ganzen Hof dicht gedrängt voll Menschen sahen! Die Kunde, Heinrich von Krosigk kehre zurück, hatte sich in der ganzen näheren Umgebung wie ein Lauffeuer verbreitet, und so waren sie denn gekommen von allen Seiten her, um ihren geliebten Junker, den bösen Baron, den Helden der Gegend, wiederzusehen. Männer und Frauen, Kinder und alte Leute in ihren Feierkleidern hatten sich zu Hunderten auf dem Schloßhofe zusammengefunden. Als die Wagen einbogen, nahmen alle ihre Hüte und Mützen ab, und es entstand eine lautlose Stille. Der junge Pastor Moldenhauer, der im Ornat gekommen war, trat vor, um eine Ansprache zu halten; aber vor Bewegung versagte ihm die Sprache. Da begann neben ihm eine dünne, zitterige Greisenstimme zu singen: Nun danket alle Gott – und mit einem Male fiel die ganze Volksmenge ein. Brausend klangen die Töne des alten, herrlichen Chorals über den Schloßhof hin. Das ganze Lied sangen die Leute, es war keinem zu viel. Heinrich von Krosigk hielt während des Gesanges aufrecht auf seinem Pferde. Das Haupt hatte er entblößt und etwas nach vorn geneigt. In dem ehernen Antlitze zuckte keine Muskel, aber zwei große Tränen rannen ihm über die dunkelbraunen Wangen herab. Das Lied war zu Ende; wieder trat tiefste Stille ein. Heinrich beugte sich weit vor, umarmte den alten Mann, der das Singen begonnen hatte, und drückte einen Kuß auf sein schneeweißes Haar. Da brach ein Jubel aus, wie ihn das Schloß noch nie vernommen hatte. Jauchzend, schreiend, die Hände ausstreckend drängte das Volk vorwärts. Der Baron konnte nicht von seinem Pferde auf die Erde kommen, sie hoben ihn empor, sie trugen ihn die Treppe hinauf ins Schloß hinein. Ein wahrer Rausch, ein Taumel der Freude schien die sonst so ernsten und nüchternen Menschen ergriffen zu haben. Sie umfaßten seine Hände und Füße; sie berichteten ihm auch in fliegenden Worten, was sie ihm alles gerettet hatten, seine Bibliothek vor allem und seinen Weinkeller. Die Möbel des Schlosses freilich hatten sie nicht zu retten vermocht, die hatten die Soldaten Jérômes zerschlagen. Auch viele der wertvollen Ahnenbilder hingen in Fetzen an den Wänden herab, und die Fenster glichen zum Teil noch leeren Höhlen. Gegen Abend übergab der Baron seinem Freunde Gottlob von Wedell, der auch auf ein Stündchen herüber gekommen war, ein versiegeltes Billet. »Für den Fall, daß ich im Felde bleibe, meiner Frau unverzüglich zu übergeben!« fügte er hinzu. Wedell trat erschrocken zurück. »Krosigk, du trägst dich doch nicht mit solchen Gedanken?« »Man muß auf alles gefaßt sein,« erwiderte der Baron. Er schwieg eine Weile und sprach dann tief aufatmend: »Die erste Todesahnung in diesem Feldzuge, Wedell! Bis jetzt war ich frei davon. Aber ist es nicht merkwürdig, daß Gott mir alle noch einmal vor Augen führt, an denen mein Herz hängt, hier die Meinen und meine braven Leute, drüben in Halle die Freunde und Waffengefährten? Soll mir das ein Zeichen sein? Soll ich Abschied nehmen von ihnen?« Dann richtete er sich straff empor. »Es komme, wie es komme, wir werden unsere Pflicht tun. In wenigen Tagen, vielleicht schon übermorgen, beginnt die entscheidende Schlacht, die den Korsen hinwegfegen wird von der deutschen Erde. Falle ich in ihr, so erhält durch dich meine Frau den letzten Gruß von mir und den Wunsch, mich drüben auf dem englischen Flecke zu begraben. Ich will nicht in die Gruft, ich will unter den großen Linden im Freien liegen. Dort habe ich das erste Morgenrot der Befreiung aufleuchten sehen, als du mir den Brand Moskaus verkündigtest. Dort will ich auch begraben sein.« VIII. »Den Anfang, Mitt' und Ende, Herr Gott, zum besten wende!« so betete der eiserne York in der Morgenfrühe des sechzehnten Oktobers, als unter den Fenstern seines Quartiers zu Schkeuditz die Husaren das Signal »Aufsitzen!« bliesen. Denn eine furchtbare Blutarbeit, das wußte er, stand heute ihm und seinen tapferen Truppen bevor. Die Wartenburgstürmer sollten den ersten Stoß tun gegen die französische Stellung, die fast unangreifbar schien. Drüben auf den Talrändern der Elster stand der Marschall Marmont; er hatte das Dorf Möckern zur Verteidigung eingerichtet und rechts auf den Höhen achtzig Geschütze aufgefahren. Dagegen mußten die Preußen anstürmen auf kahlen Feldern ohne Baum und Strauch, ohne irgendwelche Deckung. Es war eine Aufgabe, wie sie nur Truppen gestellt werden kann, deren todverachtender Heldenmut nichts Unmögliches kennt. Das zweite Brandenburgische Füsilierbataillon marschierte auf der großen Straße nach Leipzig hin. Sein Major ritt an der Spitze. Heinrich von Krosigk spürte an diesem Morgen nichts mehr von den Todesahnungen, die in den letzten Tagen öfters seine Seele niedergedrückt hatten. Die finsteren Schatten waren verschwunden, seine Augen blitzten fröhlich und hell, der ganze Mann schien gehoben und verjüngt durch die Nähe der Gefahr. Er war so gesprächig, wie sonst nur selten; sein Adjutant Honig und der neben ihm reitende Hauptmann von Gaffron wunderten sich insgeheim darüber. Hinter Lützschena bog der Marsch von der Straße ab und richtete sich gegen Lindenthal, doch wurde ein paar tausend Schritte vor dem Dorfe halt gemacht. Ein Adjutant des Generals Hünerbein sprengte heran und befahl, das Bataillon solle da stehen bleiben, wo es stand. Heinrich ließ seine Leute auf einem Stoppelfelde in Kompaniekolonne antreten und ritt dann langsam durch die Reihen, indem er mit den Mannschaften redete und sie zur Tapferkeit anfeuerte. Inzwischen zogen die verschiedensten Truppenkörper auf der Straße an, ihnen vorbei; Batterien, Husareneskadrons und Bataillone. »Donnerwetter!« brummte Krosigk, »wir werden doch nicht etwa hier in Reserve bleiben sollen? Das wäre ja eine Mordsgeschichte! Das vergäße ich dem Alten zeitlebens nicht!« »Krosigk, Krosigk!« klang da ein heller Ruf von der Straße her. Heinrich blickte auf und setzte sogleich sein Pferd in Galopp. Dort hielt am Rande der Chaussee sein Freund, der Major Wilhelm von Wedell, der mit seinem Bataillon gerade die Stelle passierte. Die Freunde legten ihre Hände fest ineinander und sahen sich eine Weile schweigend in die Augen. Was sollten sie noch reden in einem Augenblicke, wo schon der Kanonendonner von Osten her den Anfang der Schlacht verkündete? »Lebe wohl!« sagte Wedell leise, als ihre Hände sich wieder lösten. »Auf Wiedersehen, hier oder droben!« erwiderte Krosigk und wandte sein Roß zurück. Sie haben sich auf Erden nie wiedergesehen; denn zwei Stunden später ward Wilhelm von Wedell vom Pferde geschossen. Mit dem Rufe: »Kameraden, rettet das Vaterland!« hauchte er seine Seele aus. Mittlerweile war York mit seinem Stabe herangeritten und nahm ganz in der Nähe Aufstellung. Heinrich konnte jedes Wort verstehen, das er zu seinen Offizieren sprach. »Das Dorf da drüben ist Lindenthal,« hörte er ihn sagen. »Ich kalkuliere, daß es vom Feinde besetzt ist; wir wollen aber der Sicherheit halber eine Patrouille absenden.« »Ist schon geschehen, Exzellenz!« meldete Hünerbein. »Die Husaren haben Feuer gekriegt.« »So muß es genommen werden!« rief York. »Eine schwere Arbeit! Ratzmer! Dort hält Krosigk. Er soll sofort zu mir kommen!« Ohne den Befehl des Adjutanten abzuwarten, sprengte Heinrich heran und hielt salutierend vor dem General. York blickte ihn scharf an. »Major von Krosigk, Sie haben bei Wartenburg in der Reserve bleiben müssen. Darüber haben Sie gebrummt und geschimpft, wie ich hörte. Ist's nicht so?« »Zu Befehl, Exzellenz!« »Na, dann will ich mir nicht wieder Ihre Ungnade zuziehen,« sagte York mit einem grimmigen Lächeln. »Dieses Dorf da drüben ist vom Feinde besetzt. Ich werde es sogleich von der Artillerie beschießen lassen. Dann nehmen Sie es mit Sturm! Verstanden?« »Sehr wohl, Exzellenz!« rief Heinrich, salutierte wieder und jagte mit freudeglänzendem Angesicht zu seinem Bataillon zurück. »Stillgestanden! Das Gewehr über!« kommandierte er. Dann rief er mit laut hallender Stimme: »Wackere Kriegsleute, die Stunde ist da, auf zum Streite! Ihr alle kämpft für eine Sache, für die Freiheit Europas. Alle für einen, jeder für alle! Mit diesem Feldgeschrei eröffnen wir den heiligen Kampf. Wir wollen das Dorf da vor uns mit Sturm nehmen. Bataillon marsch!« In langsamem Schritt setzten sich die Kolonnen in Bewegung, und außer Schußweite hielten sie noch einmal vor dem Dorfe, das jetzt von links her mit einem Eisenhagel eben überschüttet wurde. Plötzlich schwieg das Brüllen der Kanonen. »Marsch, marsch!« schrie Krosigk, riß seinen Säbel aus der Scheide und trieb sein Pferd an. Vorwärts ging's über Tote und Verwundete hinweg, durch einen Teich, der den Soldaten bis über die Knie reichte, über Sturzacker, Hecken, Gräben, die niedrige Dorfmauer hinein in den Ort. Die Franzosen hielten nirgends stand. Ihr Mut, schon erschüttert durch das grauenhafte Feuer der Geschütze, zerbarst vor dem wütenden Ansturm der Füsiliere. In panischem Schrecken flohen sie zum Dorfe hinaus. Der Major hielt auf der Dorfstraße und schrie mit Donnerstimme seine Befehle, um das Bataillon wieder zu sammeln. Da kam wieder ein Adjutant Hünerbeins herangeprescht. »Herr Major von Krosigk, Sie sollen sich mit Ihrem Bataillon hier im Dorf festsetzen, dem Feinde standhalten, aber ohne weitere Ordre auf keinen Fall vorrücken.« »Ich habe verstanden und bin zu Befehl!« rief Heinrich zurück. »Vorworts, Füsiliere! Zum Kirchhof dort. Da wollen wir uns festsetzen!« Aber sein Pferd wollte nicht vorwärts, es bäumte sich schnaubend zurück. Denn quer über den Weg lag ein höherer französischer Offizier, dem beide Schienbeine zerschmettert waren. Auch von der Stirn strömte das Blut über das gräßlich verzerrte Gesicht herab. Der Unglückliche wimmerte wie ein kleines Kind; ein verständliches Wort brachte er nicht mehr heraus. Heinrich beugte sich zu ihm hinab, fuhr zurück und beugte sich dann wieder weit vor, den Liegenden mit stieren Blicken musternd. »Sollte er es sein, Martignac? Ja er ist's.« Dann riß er sein Pferd zur Seite. »Wir können uns jetzt nicht um ihn kümmern. Vorwärts, Füsiliere!« Er ritt in den Friedhof hinein, über halb versunkene Gräber hin, und im Vorwärtsreiten betete er flüsternd: »Nur das nicht Herr! Laß mich nicht zum elenden Krüppel werden. Nimm mich lieber hinweg, wenn's dein Wille ist.« Dann fuhr er wieder auf. »Füsiliere, werft euch nieder! Die Hunde werden gleich schießen!« Die feindliche Infanterie schoß aber nicht, sondern zog sich weiter zurück. Dagegen fingen nun die Franzosen an, das Bataillon mit Granaten zu bewerfen. Ein furchtbares Feuer richtete sich gegen die wackere Schar, aber die Kugeln gingen meist zu hoch, taten wenig Schaden, rissen nur hier und da einen nieder. Eine Kugel fegte den Sattelknopf des Majors hinweg. Krosigk zwang mit eiserner Hand das wild um sich schlagende Tier zur Ruhe und sagte dann gelassen: »Seht, Füsiliere, jetzt hätten sie mich bald erschossen, aber sie sollen mich nicht treffen.« Stunde auf Stunde verrann so. Von rechts her brüllte die Schlacht; dort leitete der alte York selbst den Angriff auf Möckern, das viermal erstürmt, viermal verloren war. Krosigk glühte und bebte vor Kampfeslust. Kaum vermochte er seine Ungeduld zu zügeln, kaum den Befehl zur Attacke zurückzuhalten. Sollten die da drüben siegen ohne ihn? Stumm, mit zusammengepreßten Lippen und starren Blicken, sah er hin auf die ungeheure Dampfwolke, aus der das Geknatter der Gewehre, das Geschrei der Kämpfer, das Geheul und Ächzen der Verwundeten heraustönte. Da erklingt das Signal der Flügelhörner: Avancieren! Offiziere jagen heran und schreien: »Alles mit Sturm! Alles mit Sturm!« »Marsch, marsch!« brüllt Krosigk mit blitzenden Augen und stürmt, allen voran, auf die französische Batterie los. Keine Kugel trifft ihn, wie der Blitz ist er mitten unter die Kanoniere gefahren, haut rechts und links alles nieder, seine Füsiliere stürzen ihm nach, vollenden das Werk, die Batterien sind erobert. Aber dicht dahinter starrt ihm ein Wald von Bajonetten entgegen, ein Viereck der Gardemarine. Einen Augenblick stutzt er, dann gibt er dem Rosse die Sporen, und wie ein Pfeil fliegt das edle Tier in gewaltigem Satze mit seinem Reiter in die blitzenden Spieße hinein. Den Flügelmann schmettert seine mächtige Faust zu Boden, seine Füsiliere, immer hinter ihm, drängen in die Bresche, drehen die Gewehre um, hauen mit den Kolben auf die dicht zusammengepreßten Feinde ein. Kein Schuß ward mehr abgefeuert, kein Schrei ertönt, in stummer Wut schlagen die märkischen Bauernsöhne die Franzosen zu Boden bis auf den letzten Mann. Heinrich von Krosigk sah das alles nur noch mit umflortem Blicke. Aus tödlichen Wunden blutend war er vom Pferde gesunken. Mit Hilfe zweier Füsiliere raffte er sich noch einmal auf und schleppte sich auf einen nahen Erdhügel. »Geht, Kinder!« keuchte er, »mit mir ist's aus! Tut eure Schuldigkeit! Geht und siegt!« In dem Augenblick sprengt der General Hünerbein herbei. »Wie heißt dieses Regiment?« ruft er. »Das zweite Brandenburgische,« klingt es zurück. »Ha, wackere Brandenburger! Der Sieg ist unser! Euer Bataillon gehört unter die Sterne des Himmels!« Da gleitet ein frohes Lächeln über die Züge des sterbenden Führers. Mit der rechten Hand umkrampft er den Säbel fester; die linke erhebt er wie grüßend, die Lippen bewegen sich, als wollte er noch etwas sagen. Aber die Kraft reicht nicht mehr aus, das Haupt sinkt vornüber, ein letztes Zucken noch – – – er ist tot – – –. Und ringsum schmettern die preußischen Flügelhörner: Avancieren! Avancieren! Drei Tage später bewegte sich auf der Straße von Halle nach Cönnern ein langer Wagenzug dahin. Voran fuhr die Poplitzer Galakarosse, mit schwarzen Trauerfloren dicht verhangen. In ihr saßen die Frauen des Krosigkschen Hauses, die ihren toten Helden vom Schlachtfeld geholt hatten, um ihn daheim zu bestatten. Dann folgte der Leichenwagen mit einem mächtigen eichenen Sarge, der keinen anderen Schmuck trug als einen Lorbeerkranz und das auf den schweren Deckel geheftete Eiserne Kreuz erster Klasse. Das hatte der König noch am frühen Morgen durch einen Flügeladjutanten den Hinterbliebenen des Majors von Krosigk nach Halle gesandt. Den Schluß des Zuges bildet eine Reihe von Leiterwagen, auf denen alle Verwundeten des zweiten Brandenburgischen Füsilierbataillons lagen, die irgend transportfähig waren. Friederike von Krosigk wollte die Männer, die ihres Gemahls geliebte blaue Kinder gewesen waren, auf seinem Schlosse gesund pflegen. Als die Wagen das Dorf Domnitz erreichten, war die Dunkelheit längst hereingebrochen. Trotzdem standen alle Bewohner in ihren Sonntagsgewändern auf der Straße und schlossen sich unter dem Geläute der Glocken dem Leichenzuge an. So geschah es in allen Ortschaften, die er weiterhin durchzog, in Dornitz, Garsena, Cönnern und Laublingen. Nach Tausenden zählte am Ende die Menge, die dem Sarge das Geleite gab. Rings von den Bergen und Hügeln leuchteten die Feuer, die ins Land hinaus die Kunde trugen von der Leipziger Schlacht. Von allen Türmen der Gegend klangen die Glocken durch die klare Oktobernacht – ein Freudengeläut für das, was der Herr an seinem Volke getan hatte, und ein Trauergeläut zugleich, weil der edelste Sohn des Saalegaues unter den Opfern war, die des Vaterlandes Befreiung gefordert hatte. So kehrte Heinrich von Krosigk in die Heimat zurück, und unter den uralten Linden, die seiner Ahnen Hand gepflanzt hatte, fand er seine Ruhestätte.