Emil Ertl Im Haus zum Seidenbaum Vorwort Wenn der Titel dieses Buches für einen Roman, der in unsern Tagen spielt, vielleicht etwas biedermeierisch anmutet, so mag er doch dadurch gerechtfertigt erscheinen, daß in den Menschen, von denen ich erzähle, noch heute ein Stück Überlieferung aus der »guten alten Zeit« steckt. Die Seidenweber vom Wiener »Schottenfeld« blicken auf eine Entwicklung von gut anderthalbhundert Jahren zurück, und wenn inzwischen auch längst größere oder ganzgroße Fabriksherren aus ihnen geworden sind, so hausen doch ihrer manche noch heute in den alten Häusern, von denen das Gewerbe einst seinen Ausgang genommen hat, und das eine oder andere von ihnen trägt noch heute, wenn schon nicht amtlich, so doch im Volksmund, seinen alten Hausnamen. Noch heute steht irgendwo in jener Vorstadtgegend, in einem hinter Hausmauern vergrabenen Gartenwinkel, jener stattlich gewachsene »Seidenbaum«, der dem Geschäftshaus der Firma Hocheder und der vorliegenden Erzählung den Namen gegeben hat, und schmückt sich alljährlich mit frischem Grün und zahlreichen kleinen, feinen weißen Blütensternen. Denn er ist kein lebloser, glattgescheuerter Webebaum, wie der Weber Schinnerl eine Zeitlang glaubte, sondern ein wirklicher und lebendiger Baum, ein weißer Maulbeerbaum nämlich, Morus alba , aus der den Seidenraupen vortrefflich mundenden Gattung der Moraceen. Er ist so alt, daß er die Zeit noch miterlebt hat, wo die kleinen Meister am Handwebstuhl sitzend eigenhändig die Weberlade regierten und der noch durchweg handwerksmäßige Gewerbebetrieb eine Angelegenheit der ganzen mithelfenden Familie war. Und hereinragend in dieses vielgepriesene und vielgelästerte Jahrhundert, das sich nicht einmal mehr mit der Großindustrie begnügen will, sondern sie zu den Riesenmaßen der Weltindustrie emporzusteigern berufen scheint, wird jenes in unsern Himmelsstrichen nicht eben häufig anzutreffende Gewächs noch heute frommsinnig geschont und behütet und von Kindern und kleinen Leuten als eine Kuriosität bestaunt. Denn für die großenteils von der Seidenindustrie und ihren Hilfsgewerben lebenden Bewohner der ehemals »Schottischen Freigründe«, auf denen vor lauter Häusern beinahe nichts Grünes mehr Platz hat, bleibt es immer ein merkwürdiges Ereignis, gelegentlich einmal das frisch gepflückte Blatt eines richtigen »Seidenbaumes« zwischen den Fingern zu halten, von welchem die Sage geht, daß es das Lieblingsfutter jenes Wurmes sei, dem vieltausend gewerbfleißige Menschen ihren Unterhalt und manchmal auch einen recht ansehnlichen Wohlstand danken. Was könnte der alte Maulbeerbaum in seiner Mauerecke nicht alles erzählen, wenn er reden könnte! Die Gabe der menschlichen Sprache ist ihm nicht verliehen, und doch ist er auch nicht gänzlich stumm, zum Wissenden spricht er manchmal in deutlich vernehmbaren Worten. Wenn der milde, von den Hängen des Wiener Waldes herniederstreichende Wind ihn bewegt, oder der rauhere, die Donau entlangfegende Sturm ihn schüttelt, dann klingt es bald wie ein trauliches Flüstern und Raunen, bald wieder wie ein ernstes Mahnen oder wildes Grollen aus seiner hochgewölbten Laubkrone. Aber nur wer sozusagen in seinem Schatten aufgewachsen ist, weiß die geheimen Geisterstimmen zu deuten. Und weil dieses bei mir ungefähr zutrifft, der ich der Sohn, Enkel und Urenkel einer alten, auf dem ehemaligen »Schottenfeld« angesessenen Weberfamilie bin, so versäumte ich keine Gelegenheit, meine Ohren zu spitzen, um von dem, was er zu berichten hat, soviel wie möglich zu erlauschen. Der Ertrag meiner Neugierde, meines Wissensdranges, meiner Feinhörigkeit, oder wie man es sonst nennen mag, ist in diesem Roman und in drei andern, die ihm bereits früher vorausgegangen sind, niedergelegt. Sie bilden ein jeder für sich ein abgeschlossenes Ganzes und doch, zur Tetralogie zusammengefaßt, wieder eine untrennbare Einheit. Denn in den Einzelschicksalen von vier verschiedenen Generationen der Weberfamilien vom Wiener »Schottenfeld« spiegeln sie das politische, wirtschaftliche, soziale und völkische Leben Deutsch-Österreichs in vier hervorstechenden Zeitabschnitten wider und stellen damit zugleich den wesentlichen Entwicklungsgang seiner Gesittung dar, vom Beginn des neunzehnten Jahrhunderts bis in unsere Tage. Wer sich mit diesen vier Büchern nachdenklichen Gemüts beschäftigt, der wird die im ganzen so wenig gekannte Geschichte des seit dem Erlöschen der römisch-deutschen Kaiserwürde (1806) vom Brudervolk abgesplitterten deutsch-österreichischen Volkszweiges in ihren wichtigsten Stufen vor sich aufleben sehen und dessen Heimkehr ins Reich als eine durch den Zerfall der alten Monarchie gebotene organische Notwendigkeit empfinden. Er wird auch das wahre Wesen des Österreichers, der dank einem abgeleierten Geschmuse nur zu oft als müßiger Genießer gewertet wird, besser würdigen lernen, seine Tüchtigkeit, seinen Fleiß, seine Beharrlichkeit schätzen und über die Fülle von Lebenskraft sich freuen, die das arbeitsame Wiener Bürgertum in den letzten hundert Jahren bewährt hat und noch heute bewährt. Und er wird endlich die technischen Fortschritte, die das gesamte Leben in diesem verhältnismäßig kurzen Zeitraum gründlicher umgestaltet haben, als ein vorausgegangenes Jahrtausend es vermochte, an der Hand der Veränderungen innerhalb eines bestimmten Industriezweiges als eine Entwicklung begreifen, in der es kein Zurück gibt, und die Gegenwart nicht unnütz schmälen, sondern als ein Feld betrachten, das bestellt werden muß. Wie traut behaglich nimmt sich im ersten Bande dieser meiner Romanreihe das Leben der wackeren Seidenweber noch aus, trotzdem »Die Leute vom Blauen Guguckshaus« unter dem Einbruch der Franzosen in Wien (1809) leiden und Bürgerssöhne die Schlacht bei Aspern mitkämpfen. Noch wird das Gewerbe, das einen goldenen Boden hat, rein handwerksmäßig betrieben, urväterliches Einvernehmen besteht zwischen Meister und Gesellen, und so fleißig beide die Weberschemel treten, die ohne Hast hinfließende Zeit schließt darum eine gewisse Gemächlichkeit des Daseins keineswegs aus. Noch fühlt der Bürger sich als Untertan, überläßt die politischen Sorgen den Behörden und verlegt sich höchstens aufs Schimpfen. Eine nationale Sorge gibt es in jener Zeit des zentralistischen Absolutismus für das Deutschtum überhaupt noch nicht. Dem Bonaparte gegenüber fühlen sich alle Staatsangehörigen gleicherweise als Österreicher. Schon das Sturmjahr 1848, in welchem der zweite Roman »Freiheit, die ich meine« spielt, zerstört diese Idylle. Der Kampf des Handwebestuhls mit dem mechanischen Kraftstuhl setzt ein, die feindselige Maschine beginnt die Werkstatt zur Fabrik, den Handwerksmeister zum Fabriksherrn umzuwandeln. Der neue Stand des Fabriksarbeiters schreibt die Unzufriedenheit auf seine Fahne, die Gegensätze zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber wirken sich politisch aus, und fast plötzlich gibt es eine soziale Frage. Und auch eine nationale Frage gibt es jetzt plötzlich; denn sobald der erste Freiheitstaumel und Verbrüderungsrausch verraucht ist, bleibt die verfassungsmäßige Parlamentsmehrheit zurück, die naturgemäß slawisch sein muß. Gar bald wird sie dahinterkommen, wie einträglich es sei, das Deutschtum niederzustimmen! Der dritte Band, der mit 1866 einsetzt und seine Handlung vorwiegend um die Wirtschaftskrise von 1873 gruppiert, zeigt die nationale Zersetzung um so mehr im Fortschreiten, als die zur Großindustrie angewachsenen Webereibetriebe sich genötigt sehen, die eigentliche Herstellung der Ware mehr und mehr aus der Großstadt in die Provinz zu verlegen. Da hierfür hauptsächlich Gegenden mit halb- oder reinslawischer Arbeiterbevölkerung in Betracht kommen, so kreuzt sich im Roman »Auf der Wegwacht« das soziale mit dem völkischen Zerwürfnis. Dennoch glaubt das Deutschtum noch felsenfest an den dauernden Bestand der alten vielsprachigen Monarchie und erblickt nach wie vor seine Sendung darin, ihre näheren und ferneren Teile mit seinem Geist, seiner Arbeit, seinem Kapital zu durchdringen. Noch der Schluß des Buches versinnbildlicht in den Erlebnissen einer aus zahlreichen tüchtigen Mitgliedern bestehenden deutschen Bürgersfamilie den Gedanken der Kulturaufgabe, die dem deutschen Volksstamm im alten Habsburgerreich zu erfüllen oblag. Die ahnungslose Zuversicht, mit der er sich dieser Aufgabe nach bis knapp vor dem unvorhergesehenen Zusammenbruch hingab, sollte bitter enttäuscht werden. Hier setzt nun, bald nach dem Umsturz und dem Zerfall der Monarchie, der Roman »Im Haus zum Seidenbaum« ein, der die Tetralogie endgültig abschließt. Ihn zu schreiben war mir um so mehr Bedürfnis, je entschiedener die Ausblicke, welche der Schluß des Wegwacht-Romans eröffnete, von der Weltgeschichte verleugnet wurden. Auf den Inhalt des vorliegenden Landes näher einzugehen, erübrigt sich; er mag für sich selbst sprechen. Nur so viel sei bemerkt, daß in ihm wie in den vorhergehenden Bänden die öffentlichen Zustände und Ereignisse selbstverständlich nicht den Hauptgegenstand der Darstellung bilden, sondern gleichsam bloß den Hintergrund, von dem die mehr aus Wahrheit als aus Erfindung gewobene dichterische Handlung sich abhebt, oder, um einen andern Vergleich zu gebrauchen, den Rahmen, der das Zeitgemälde umspannt. Denn überall handelt es sich weder um Haupt- und Staatsaktionen noch war es mir darum zu tun, Geschichtsromane in dem Sinne zu schreiben, daß die Handlung von geschichtlich bezeichneten Persönlichkeiten getragen würde. Es lag mir daran, lebendige Menschen und deren Schicksale in Lebensfülle und darum auch in der Wirklichkeit einer deutlich umschriebenen Zeit und Umgebung darzustellen, und zwar bodenständige Menschen, die tüchtige bürgerliche Arbeit leisten. Sonach beruht es durchaus auf bewußtem künstlerischen Willen, wenn meine Wiener Romane sich nicht in den mehr oder minder international gerichteten, sozusagen heimatlosen Gesellschaftsschichten bewegen, deren es in Wien so gut gibt wie in jeder andern Großstadt. Sie haben nichts mit den nach ästhetischen oder amourösen Sensationen lüsternen Salons der Dame von Welt zu tun, nichts mit den Kreisen, denen Lebensgenuß, sei es in gewöhnlicherem, sei es in geschmackvollerem Zuschnitt, den wesentlichen Inhalt des Daseins bedeutet. Sie sind wienerisch in jedem Sinne, nur freilich nicht in dem jener balzenden Verzückung, die sich, sobald der Name Wien nur genannt wird, ungefähr in der bis zur Ermüdung abgebrauchten Formel: »... Strauß und Lanner ... schöne Frauen ... Burgtheater ...« erschöpft. Sie erzählen vom arbeitenden Volk und wenden sich ans arbeitende Volk. Denn immer hat es der eingebornen Neigung meiner Kunst besser entsprochen, die Tätigen, die schlichte Werte schaffen, bei ihren Sorgen und Mühen teilnehmend zu begleiten, als eine spielerische Gefährtin der Überfeinerten und Überflüssigen abzugeben. Warum hätte ich es ihr verwehren sollen, dieser Neigung nachzugeben? Im Vogelhaus des Herrn gibt's ein Gezwitscher mannigfacher Art, das Gefieder der Gimpel, Kanarien und Drosseln, die sich darin tummeln, spielt in allen Farben, nicht jedem Kostgänger an dem mit Nektar und Ambrosia gefüllten Futternäpfchen der poetischen Inspiration ist der Schnabel gleich gewachsen. Singe jeder, wie es ihm gegeben, ich tue dasselbe. Und mir will es nun einmal scheinen, als verdiente gerade in unsern Tagen das verschollene Wort aus dem Staube wieder hervorgeholt zu werden, wonach es zu den vornehmsten Aufgaben der Dichtung gehöre, das Volk bei seiner Arbeit aufzusuchen. Emil Ertl. Der arme kleine Garten, der mitten im Häusermeer von Wien an das hintere Ende eines langgestreckten holprigen Hofes grenzte, war vom Glück nicht ebenso begünstigt wie die Gärten in Mittel- und Kleinstädten, in Villenvierteln oder gar auf dem Lande. Das Schicksal hatte ihm übel mitgespielt, indem es ihn in eine Umgebung versetzte, die wenig Rücksicht auf seine Bedürfnisse nahm. Baulichkeiten verschiedener Art bedrängten ihn von mehreren Seiten, Lagerschuppen und Speicher machten ihm den Platz streitig, Hinterhäuser und deren Seitentrakte behinderten sein freies Atmen, und die Feuermauern der anstoßenden Zinskasernen, die ihn hoch überragten, neideten ihm jeden Strahl Sonne. Aber beinahe schien's, als sei er sich der Bestimmung bewußt, die es gerade hier, inmitten von totem Gestein, für ihn zu erfüllen gab. Standhaft harrte er der besseren Jahreszeit entgegen, ob nicht doch der Ruf des Lebens auch an ihn wieder ergehen würde. Und es nahte die Zeit, wo die weicheren Lüfte wie von kommenden Blüten duften, wo emsiger als sonst die Dachtraufen tropfen und klingen und selbst in den schattigsten Winkeln die letzten Überreste von Schnee sich in rieselnde Bächlein verwandeln. Da begann auch in dem bedauernswerten kleinen Garten, diesem enterbten Stiefkind der Natur, ein sehnsüchtiges schwellen, Quillen und Sprießen sich zu regen. War es nicht wie ein Wunder, daß der Frühling ihn entdeckte, trotz seiner Verborgenheit hinter ineinandergeschachtelten Hofgebäuden? Und daß der lebenerweckende Hauch, der um Maria Verkündigung von den mittägigen Gebirgen über die Stadt hinwehte, sich nicht verirrte in dem weiten Wald von Rauchfängen, Kirchtürmen und Fabriksessen, sein Ziel nicht verfehlte in diesem ungeheuren Gewirr granitgepflasterter Gassen, Straßen und Gäßchen, sondern schließlich doch, über unzählige Dächer hinweg und zwischen all dem Winkelwerk von Hinterhäusern hindurch, den richtigen Weg zu finden wußte zu dem geduldig wartenden kleinen Garten? War's nicht wie ein Wunder, wunderbarer fast noch, als es jedes Werden und Wachsen schon an sich ist? Aber das Wunder wurde Ereignis, und so schmückte sich denn – eine der winzigen Oasen in der Steinwüste der großen Stadt – der arme kleine Garten erst schüchtern und zaghaft, bald aber beherzter und in Freuden mit frischem, leuchtendem Grün. Schier neidvoll blickte sein Nachbar, der langgestreckte holprige Hof, zu ihm hinüber, er mußte sich notgedrungen damit begnügen, ein paar dürftige Hälmchen Gras zwischen den Bachkieseln hervorzutreiben, mit denen er gepflastert war. Aber er tröstete sich damit, daß der Fleck Erde, auf dem es grünte, und den die Leute Garten nannten, gewissermaßen nur seine Fortsetzung sei, sein Anhang gleichsam, sein natürlicher Abschluß. Und wirklich waren sie ja auch trotz des niedrigen, in lanzenförmige Spitzen auslaufenden Gitterchens, das wie eine Grenzwacht zwischen ihnen aufgerichtet stand, seit je aufs engste miteinander verbunden gewesen, Hof und Garten, und ergänzten sich gegenseitig wie zwei fromme Knechte, von denen der eine mehr für die gröbere Arbeit da ist, während der andere auch ein wenig für den Aufputz zu sorgen hat. Denn beide standen sie in Diensten desselben Herrn, welcher zugleich auch der Herr des Hauses war, zu dem Hof und Garten gehörten. Dieses Haus aber, das in verschollenen Tagen den Hausnamen »Zum Seidenbaum« geführt hatte, war das alte, unscheinbare und in dieser bösen Nachkriegszeit sogar etwas vernachlässigte Geschäfts- und Familienhaus der Samt- und Seidenfabriksfirma Michael Hocheder und Sohn, deren Anfänge bis ins Zeitalter Kaiser Josefs zurückreichten. Damals als kleine, bescheidene Handweberei begründet, war die Firma Hocheder, deren Inhaber durch Generationen derselben Familie angehört und sich immer durch Fleiß und Tüchtigkeit ausgezeichnet hatten, unter dem Einfluß günstiger wirtschaftlicher Verhältnisse allmählich emporgekommen und später vom rein handwerksmäßigen Betrieb großenteils zum mechanischen übergegangen. Sie zählte zwar auch jetzt noch nicht zu den ersten und größten ihrer Branche, genoß aber eines wohlbegründeten Ansehens unter Geschäftsfreunden und Kunden. Mit dem wachsenden Umfang hatte sie die eigentliche Fabrikation mehr und mehr nach auswärts verlegt, der Sitz des Unternehmens aber und seine Oberleitung waren nach wie vor in Wien zusammengefaßt geblieben, und zwar im ursprünglichen Stammhaus, eben jenem alten Haus »Zum Seidenbaum«, das sich in der Schutzengelgasse befand. Im Adreßbuch würde man eine Gasse, die diesen Namen trägt, übrigens vergeblich suchen. Amtlich heißt sie auch gar nicht mehr so, sondern ist schon vor längerer Zeit umgetauft worden, und zwar nach einer einflußreichen Parteigröße, von der aber niemand nichts weiß. In jener gewerbefleißigen Vorstadtgegend gelegen, wo die Wiener Seidenindustrie seit gut anderthalbhundert Jahren zu Hause ist, sieht diese stille und etwas abseitige Gasse noch genau so aus wie zu Urgroßvaters Zeiten, es hat sich seit Menschengedenken nicht das geringste in ihr verändert. Und das ist wohl auch der Grund, warum der neue, künstlich aufgepfropfte Name sich nicht einzuleben vermochte, und warum sie im Volksmund nach heute so heißt, wie sie immer geheißen hat, nämlich Schutzengelgasse.   An diesem klaren Frühlingsvormittag erfreuten sich des hoffnungsvoll erneuten Pflanzenlebens im kleinen Garten hinter dem Hause zwei Frauen, die sich nach Stand, Alter und Gemütsart recht erheblich voneinander unterschieden. Die eine von ihnen, eine junge, schlanke Gestalt in dunkler Biberplüschjacke, verriet in Haltung und Miene etwas wie Schwermut oder doch Freudlosigkeit; die andere dagegen, die bedeutend älter und bereits angegraut war und über dem dürftigen Hauskleid ein abgescheuertes, vielfach verschlissenes Wolltuch von unbestimmter Färbung um die Schultern gelegt hatte, sah aus klugen, lebendigen Augen so munter und aufgeräumt in die Welt, daß man sie für eine innerlich Beruhigte, ja, Glückliche hätte halten mögen, obgleich sie gebrechlich schien und zwischen die Kissen eines Rollstuhls gebettet lag. So gegensätzlich die Erscheinung dieser beiden Frauen aber auch war, so empfanden sie das Wunder des Werdens doch mit der gleichen Ergriffenheit. Und beide bestaunten sie, wenn auch vielleicht nicht aus derselben Gemütsverfassung heraus, gleichsam wie eine Offenbarung jedes Gänseblümlein im Gras, jedes Schneeglöckchen im Gesträuch, die ans Licht drängenden Läublein der Flieder- und Jasminbüsche, die gelben Zweigrispen des frühblütigen Hartriegels. Aber wie frostig war es hier noch, in dem kleinen Garten, trotz der treibenden Kräfte, die in ihm lebendig geworden! Denn er lag fast ganz im Schatten, obgleich der Ausschnitt des Himmels, den man hoch über sich erblicken konnte, in ungetrübter Reinheit erstrahlte. »Die Luft ist noch merkwürdig rauh und herb, ich will Sie lieber in die Sonne fahren«, sagte die schlanke blonde junge Frau, die den Rollstuhl über den Kiesweg vor sich herschob. Die Kranke neigte sich leicht zurück: »Oh, wenn Sie die große Güte haben wollten – aber wird es Ihnen nicht zu anstrengend?« Und als der Rollwagen eine Wendung machte, um die Richtung gegen den besonnten Teil des Gartens einzuschlagen, sagte sie dankbar: »Sie plagen sich so mit mir, Frau Justin'! Tausend Dank! Vergelt's Ihnen Gott!« Die Räder knirschten im Sande. Kaum umfangreicher als die Bodenfläche einer winkeligen Stube, breitete sich, schon näher dem Hof, ein scharf umrissenes grelles Dreieck über Weg und Rasen. Es war die einzige Stelle, wo die rings aufragenden steilen Hausmauern die Sonne nicht abhielten, so daß ihre Strahlen ungehemmt hereinfluten konnten. Wohltuend empfand die ärmlich gekleidete, abgemagerte Frau im Rollstuhl die natürliche Wärme, die ihren leidenden Körper durchflutete. »Hab' ich's nicht immer noch weit besser hier auf der Welt, als ich's verdiene?« wendete sie sich wie neu belebt ihrer Begleiterin zu. »Wie lieb von Ihnen, daß Sie immer wieder an mich denken! Andere Leute machen weite Reisen und erleben oft nicht halb soviel Schönes dabei wie ich, wenn Sie mich aus meinem dumpfen Loch ein bißchen ins Freie kutschieren. Schauen Sie nur einmal da hinauf, Frau Justin'! Was es doch in unserm kleinen Garten alles zu sehen gibt!« Und leise bewegt von dem malerischen Zauber, mit dem der Frühling auch die unscheinbarsten Dinge vergoldete, wies sie mit der schmalen durchscheinenden Hand in die Höhe, wo die sonnbeschienene Feuermauer in fast unwahrscheinlicher Farbigkeit gegen den tiefblauen Himmel stand: »Ist es nicht eine wahre Pracht? Und könnte man nicht beinahe glauben, man wär' in Italien?« »Wissen Sie denn so genau, Frau Staudenmayer, wie es in Italien aussieht?« fragte die Angeredete mit einem schwachen Versuch, zu lächeln. Sie hatte sich einen verwitterten Gartensessel hergelangt und neben dem Rollstuhl Platz genommen. Wie sie so mit dem Rücken gegen die Sonne saß, leuchtete ihre goldene Haarkrone, als wäre sie selbst eine Quelle des Lichts. »Oh, das weiß ich ganz genau«, beteuerte die Kranke eifrig; »wenigstens kann ich mir's vorstellen, wiewohl daß ich nie dort gewesen bin. Ein Drechslergesell, der eine Zeitlang bei meinem Mann konditioniert hat und später ins Italienische abgewandert ist, hat mir vor Jahren einmal, lang vor dem Krieg, eine Ansichtskarte von da unten geschickt. Mauern und Himmel waren darauf, gerade so wie hier, nichts als Mauern und Himmel. Und die Mauern waren ebenso grell von der Sonne bemalt wie hier, und der Himmel war ebenso blau, so daß es ausgesehen hat, wie wenn man eine Pomeranze neben einen Buschen Kornblumen halten würde... übrigens, daß ich bei der Wahrheit bleib'«, schloß sie lächelnd; »ein paar Palmen sind freilich auch noch darauf gewesen, auf der Ansichtskarte.« »Sehen Sie!« sagte die blonde junge Frau, plötzlich wie von einer Wolke überschattet. »Ein klein wenig anders war es halt doch!« Mit schier mütterlich liebevoller Aufmerksamkeit forschte der nachdenkliche Blick der Schwerkranken in den anmutenden Zügen der Jüngeren, die nur an Schönheit zu gewinnen schien, je bekümmerter sie aussah. »Sie sind im Bergland aufgewachsen, Frau Justin', wo der Wind frei über die Höhen streicht, die Enge hier drückt auf Sie, und ich versteh' es. Es hat bei mir auch eine gute Zeit gedauert, eh' daß ich eingewöhnt war in der Stadt. Oft und oft hab' ich müssen an mein Heimatsdorf denken, wo es nicht so schön ist wie in den großen Bergen, aber doch so lieb und traut. Da ist der Himmel groß und weit, da gibt es keine hohen Häuser, die einem bloß ein winziges Zweckerl davon zumessen. Nur Hügel säumen ihn ein, die bei Tag grün und abends blau sind, aber auch die erreicht man erst nach ein paar Stunden Wandern. Es sind mehr als dreißig Jahr' her, daß der Meinige mich genommen hat, so lange bin ich jetzt schon im Haus zum Seidenbaum. Bei Ihnen sind's noch keine drei Jahre, daß Sie verheiratet und hier zu Hause sind, ich weiß es auf den Tag genau, es war noch mitten im Krieg. Und wenn Sie auch schon lange vorher nach Wien gekommen waren, so ist es doch bei uns in der Schutzengelgasse vielleicht noch um ein Stückel enger und eingeschlossener als sonstwo, da kann einem leicht entrisch werden... Und das wird es wohl auch sein,« sagte sie teilnahmsvoll, »warum Sie sich sehnen, Frau Justin', und warum Sie traurig sind?« »Bin ich traurig?« antwortete Justine und wurde rot. »Wirklich trauriger als sonst, trauriger als andere? Oder hat in dieser Stadt, in diesem Hause irgendwer Anlaß dazu, besonders fröhlich zu sein?« »Einen besonderen Anlaß zum Lustigsein hat in dieser Stadt jetzt freilich kein Mensch«, bestätigte die Kranke. Und sie fuhr fort: »Vielleicht hat es sogar nie eine Zeit gegeben, wo so viel Mut und Zuversicht dazu gehört hat, den Kopf nicht hängen zu lassen, wie gerade in unsern Tagen. Halb verhungerte Menschen, hab' ich mir sagen lassen, treiben sich auf allen Straßen herum oder warten in langen Reihen, ihre zerlemperten Töpfe in der Hand, vor irgendeiner Ausspeisung, ob sie vielleicht ein paar Löffel Wassersuppe ergattern können. In der Zeitung, die der Doktor, ich meine den Rumpsack, mir manchmal zu lesen gibt, steht nichts als Mord und Diebstahl, und wie sie die Wälder in der Umgebung plündern, weil mancher nicht mehr kochen könnte oder gar erfrieren müßt', wenn er nicht so viel Holz nach Hause schleppt, als er tragen kann. Dabei hört man bis in die Nacht hinein Gejohl' und Geklimper durch die Straßen und das wüste Lärmschlagen von Betrunkenen. Was ist aus unserer guten Wienerstadt geworden, Frau Justin'! In den langen Jahren, seit ich krank und bettlägerig bin, da hab' ich mich noch manchmal hinausgesehnt aus unserm Hof und Garten, unter andere Menschen, oder gar ins Grüne! Jetzt ist's mir lieber, daß ich von nichts mehr hör' und seh'. Jetzt bin ich dankbar, wenn ich nur still hier in der Sonne sitzen darf, denn leider weiß ich's nur zu gut, wie übel es da draußen hergeht. Sind wir nicht wie der Robinson auf seiner Insel, hier in unserm grünen Garten? Nur daß das Meer rund um uns Schlamm und Jauche ist, Elend, Not und Verluderung... Daran müssen Sie denken, Frau Justin',« schloß sie warm, »wenn Sie sich manchmal wie eingesperrt hier vorkommen und Ihnen vielleicht so recht sehnsüchtig zumut' wird, daß Sie fast meinen, es wär' kaum mehr zu ertragen.« »Daran denk' ich auch, glauben Sie mir's!« beteuerte die junge Frau ehrlich. »Ich bin dem Laurenz dankbar, daß er mich trotz allem, was vorhergegangen war, zu seiner Frau gemacht hat. Ich stände ja sonst ganz allein in der Welt, müßte mich höchstens auf Verwandtenhilfe verlassen. Und bin ich mit der Sehnsucht in die Ferne, die mir nun freilich im Blut liegt, bis jetzt fertig geworden, so werde ich, so Gott will, auch in Zukunft mit ihr fertig werden. Machen Sie sich meinethalben keine Sorgen, Frau Staudenmayer! Wenn nur alles bleibt, wie's ist, so halte ich schon durch!« Es war, als schüttle sie mit Gewalt schwere Gedanken von sich ab. Ein gezwungenes Lächeln trat auf ihre Lippen, und indem sie einen munteren und scherzhaften Ton anzuschlagen sich bemühte, sagte sie, mit ausgestreckter Hand zu der Feuermauer hinaufzeigend: »Was für eine schöne Aussicht haben wir doch von unserer grünen Insel! Man kann sogar bis nach Italien sehen!« Als sie aber nach wie vor den forschenden Blick der Schwerkranken auf sich ruhen fühlte, errötete sie neuerdings und schlug die Augen zu Boden ... Frau Staudenmayer nickte verständnisvoll und sah sie nur immerfort an. »Nun wird's mir erst offenbar,« sagte sie endlich, »daß es nicht die alltägliche Not des Sehnens ist, die Sie ängstigt. Es ist etwas anderes, Ungewöhnlicheres, wollen Sie sich nicht das Herz erleichtern, Frau Justin', und mir's vertrauen?« Halb betreten, halb ergriffen hob Justine den Kopf. Welch seltenen Tiefblick in die Seelen hatte langwieriges Leiden dieser einfachen Frau aus dem Volk verliehen! Und immer noch war sie darauf bedacht, zu trösten und zu helfen, wo sie doch selbst so trost- und hilfsbedürftig schien. Denn wie manchesmal auch schon die junge Frau sich teilnahmsvoll um sie bemüht, ihr beizustehen, ihr Linderung zu verschaffen versucht hatte, letzten Endes war doch meist sie selbst mehr die Beschenkte als die Gebende gewesen. Das hatte sie oft mit Rührung empfunden. Und auch jetzt empfand sie es dankbar, daß die Kranke, ihre Seelennot durchschauend, sich nicht täuschen, sich nicht oberflächlich abweisen ließ, sondern hilfsbereit danach verlangte, ihr als mütterliche Freundin zur Seite zu stehen, wie sie es mehr als einmal getan. Aber Justine gehörte nicht zu denen, die ihr Herz auf der Zunge tragen. Über Dinge, die ihr Innenleben betrafen, fand sie nicht leicht Worte, sich auszusprechen, und selbst in Fällen, wo sie des Rats und Beistands bedurft hätte, kam es sie hart an, eine gewisse Verschlossenheit zu überwinden, die ihr eigen war. Der alten Frau im Rollstuhl entging es keineswegs, daß sie mit sich kämpfte, daß sie sich vergeblich abmühte, ein Wort über die Lippen zu bringen. Sie griff nach Justinens Hand und tätschelte sie warm zwischen ihren Händen. »Lassen Sie's gut sein, Kind, zwingen Sie sich nicht! Es gibt auch manches, das man schweigend tragen muß.« Und als Justine versicherte, es sei nicht Mangel an Vertrauen, im Gegenteil glaube sie selbst, daß es sie erleichtern würde, wenn sie darüber reden könnte, und doch falle es ihr so schwer – da fuhr Frau Staudenmayer fort, ihr zuzusprechen: »Lassen Sie's gut sein! Lassen Sie Zeit darüber hingehen! Es muß nicht jetzt, es muß nicht heute, es braucht überhaupt nicht zu sein. Und wenn, dann müßt' es ganz aus eigenem kommen. Ohne daß Sie sich im geringsten Gewalt antun, Frau Justin', hören Sie? ... Nur daß Sie es wissen; wenn Sie mich brauchen, so haben Sie niemand, der Sie besser verstehen wird als ich.« Justine schwankte. Mit gesenkten Lidern saß sie unter der Last ihrer goldenen Flechten in der warmen Frühlingssonne. Immer mußte sie an die willkommene und doch für sie herzbeklemmende Nachricht denken, die diesen Morgen an Laurenz, ihren Mann, so unerwartet eingetroffen war. Längst Beschwichtigtes, das für immer zur Ruhe gekommen schien, hatte diese neuerdings in ihr aufgewühlt. Sie wußte sich damit noch nicht abzufinden, konnte noch nicht überblicken, welche Folgen für ihr stilles, von Leidenschaften gereinigtes Leben sich daraus ergeben würden. Bald pochte ihr das Herz vor freudiger Erwartung, bald überkam sie etwas wie ein unbestimmtes Bangen, ein Gefühl der Angst vor sich selbst, vor einem Schicksal, das mit zwingender Gewalt in ihren Weg treten könne. Noch kämpfte in ihr die Scheu vor dem ausgesprochenen Wort, das nicht mehr einzuholen ist, mit dem Bedürfnis, ihr Herz zu erleichtern, als jetzt ein vollklingender Ton, der plötzlich die Luft erzittern machte, sie aufschrecken ließ. vom Laurenziturm hatte die große Glocke zu schwingen begonnen. Mit ihrer tiefen Stimme, die trösten und erheben konnte, heute aber zu mahnen, beinahe zu drohen schien, läutete sie den Mittag ein... Da erhob Justine sich schweigend. Gleich einer Schwester, die nach kurzem Vergessen sich ihres Dienstes wieder erinnert, schob sie die Kissen der Leidenden zurecht, machte sie zur Rückkehr in die Krankenstube bereit. Dann trat sie hinter den Rollstuhl und setzte ihn in Bewegung. Nicht ohne Anstrengung ein paarmal mit der ganzen Last des Körpers sich dagegen lehnend, schob sie ihn den Kiesweg des Gartens entlang, steuerte ihn umsichtig durch das Gittertürchen des Gartenzauns. Bis dahin war's leidlich glatt gegangen, nun fing die holprige Pflasterung des Hofes an. Der Wagen humpelte und schwankte, aber seine Führerin war sorglich darauf bedacht, die Stöße aufzufangen, um Erschütterungen möglichst zu vermeiden. So kutschierte sie vorsichtig über die Unebenheiten hinweg bis zu einer jener in den Hofraum mündenden ebenerdigen Kleinwohnungen, deren mehrere sich hier aneinanderreihten. Und erst knapp vor der Schwelle der Eingangstür machte sie halt. Die junge Marfa, ein hübsches, üppiges, braunes Mädel, eilte ihnen daraus entgegen. Als sie die Tür öffnete, vernahm man das Schnarren einer Drehbank, das aber bald aussetzte, denn jetzt kam auch Meister Staudenmayer aus seiner Werkstatt und trat zu ihnen, Frau Justine begrüßend und ihr für die seiner Frau erwiesene Guttat dankend. »Sie wissen, wie gern ich's tue«, lehnte diese freundlich ab. Und dann neigte sie, wie es oft erprobt und geübt war, den Rollstuhl nach vorne, daß die Kranke den empfangsbereiten Armen entgegenglitt. Behutsam trug der Meister sie mit Marfas Unterstützung durch die kleine, ebenerdige Küche ins Schlafzimmer, das rechter Hand an diese anschloß, während links davon die Werkstätte sich befand. Als sie die Frau in einem gepolsterten Lehnstuhl neben dem Bette niedergelassen hatten, sagte Justine: »Ihr könnt wieder an eure Arbeit gehen, ich bringe sie schon allein zur Ruhe.« Sie gehorchten, und bald hörte man Marfa in der Küche weiterhantieren, während von der Werkstatt her das schnarrende Geräusch von vorhin wieder einsetzte. Mit allen nötigen Handreichungen bemühte Justine sich um die Kranke, bis diese endlich versorgt und in die Kissen ihrer dürftigen Liegerstatt gebettet war. Da lag sie nun still auf dem Rücken, fast wie eine Leiche anzusehen, den Blick, wie von jenseitigen Gedanken gebannt, gegen die Decke der niedrigen Stube gerichtet. »Leben Sie wohl, Frau Staudenmayer!« wollte Justine, die noch am Bette stand, sich verabschieden. Die kranke Frau wendete den Kopf und sah sie an wie eine eben erst Erwachte, die sich in ihrer Umgebung noch nicht zurechtzufinden vermag. Justine sagte: »Wenn das Wetter es zuläßt, hole ich Sie morgen um dieselbe Stunde wieder ab.« Ein warmer Strahl voll Dankbarkeit und vergeistigter Freude brach aus dem Auge der Schwerkranken. Gerade als stünde ein gütiger Engel mit einem Lichtschein ums Haupt neben ihr, so empfand sie in diesem Augenblick die Nähe der jungen Frau, die sie so mildtätig betreute. Und mit leiser Genugtuung fühlte diese, wieviel sie der Leidenden sein konnte und war. Da brach sie plötzlich an der Seite des Bettes in die Knie und barg weinend ihr Antlitz in den Händen. »Der Severin lebt und will heimkommen!«   Den darauffolgenden Tag, es war der Palmsonntag, saßen in demselben kleinen Garten drei ehemalige Gymnasialkollegen, jüngere Männer etwa um die dreißig, im sogenannten »Salettl« beisammen. Ein gebrechlicher kleiner Tisch stand zwischen ihnen, der sich einbildete, es sei ihm nun einmal vom Schicksal bestimmt, daß er wackeln müsse. Aber Rumpsack, der Veranstalter dieser Zusammenkunft, belehrte ihn eines besseren, indem er ziemlich viel Literatur opferte und die ganze umfangreiche Sonntagsnummer samt Beilagen einer der gelesensten Tageszeitungen unter das zu kurze Bein schob. Das stärkte dem Tischchen das Rückgrat, eine Mauer war jetzt ein schwankes Rohr dagegen, so wenig rührte es sich, und wenn ein Erdbeben gekommen wäre, die Gegenstände, die darauf standen, ein Schnellsieder, eine Teekanne und drei Tassen, hätten dennoch keinen Schaden genommen, es drohte ihnen nicht die geringste Gefahr mehr. Noch einmal versuchte es der mißtrauische Rumpsack, an der Kante des Tischchens zu rütteln. Der Versuch verlief ergebnislos. Da fühlte er sich als Sieger. Er war ein schnurriger Patron, der zur Beleibtheit neigte. Mediziner von Beruf, war er seinen letzten Rigorosen seit bald zehn Jahren mit Erfolg aus dem Weg gegangen, er hielt es für überflüssig, die Prüfungen nachzutragen, die Schutzengelgasse hatte ihn ohnedies ehrenhalber zum Doktor promoviert. Denn die Schutzengelgasse ist gerecht und klebt nicht an kleinlichem Formenkram. Die Visitenkarte, die mittels zweier Reißnägel an die Tür des Zimmers geheftet war, welches Rumpsack als Aftermieter der Frau Staudenmayer bewohnte, bezeichnete ihn als »stud. med.« . Die Karte sah zwar schon etwas vergilbt aus, doch gab es immer noch Leute, welche sich einer Zeit zu erinnern behaupteten, wo Rumpsack wirklich studiert, ja sogar Kollegien auf der Universität besucht hätte. Die Schutzengelgasse nahm an, daß ihm davon immerhin einiges hängengeblieben sein müsse, darum galt ihr Rumpsack für eine medizinische Kapazität. Und daß er während des Krieges zur Dienstleistung in ein Reservespital einberufen worden war, weil man offenbar ohne ihn sein Auslangen nicht hatte finden können, das wird sicherlich jeden Einsichtigen davon überzeugen, daß die Schutzengelgasse recht hatte. Nachdem er das hinkende Tischchen durch die Prothese aus Feuilletons und Leitartikeln auf die Beine gebracht, zog der Doktor honoris causa Gottlieb Rumpsack eine Zündholzschachtel hervor, entzündete die Spiritusflamme und begann: »Liebe Freunde! ...« »Hört, hört!« unterbrach ihn einer von den beiden andern Anwesenden. »Silentium!« gebot der dritte, dessen Anzug offensichtlich aus einer stark gebrauchten Feldmontur zurechtgeschneidert war. »Liebe Freunde! ...« fing Rumpsack von neuem an. »Nicht so feierlich, wenn ich bitten darf!« warf abermals der »Hört, hört«-Rufer dazwischen, der mit einer gewissen gesuchten Eleganz gekleidet war. »Oder –« fügte er hinzu, »soll am Ende ein Bierschwefel daraus werden?« »Bierschwefel ist gut«, bemerkte trocken der Feldgraue. »Dabei steht da ein Schnellsieder, in dem noch nicht einmal das Wasser kocht!« »Kruzitürken noch einmal, so laßt mich endlich zu Wort kommen!« schrie Rumpsack, mit der Faust auf das Tischchen schlagend. Das Tischchen hielt stand, nur die Tassen klirrten. Da freute sich der schnell wieder versöhnte Ehrendoktor der Schutzengelgasse und vergaß darüber, daß er eigentlich eine Rede hatte schwingen wollen. »Es ist mir schließlich doch gelungen, es zu bändigen«, sagte er voll Stolz und mit innerlichster Befriedigung. Jetzt mahnten aber die beiden Freunde wie aus einem Munde: »Zur Sache! Zur Sache!« Und Hollerer, der elegant Gekleidete, setzte hinzu: »Nur immer heraus mit die tiefen Tön'! Aber merk's, wir sind nur unser zwei, und ein Redner redet leichter für viele als für wenige!« »Lieber Eybel,« sagte Rumpsack, sich an den Feldgrauen wendend, »deine Wickelgamaschen sprechen Bände. Ein Blick auf sie, und ich brauche nach keiner Erklärung dafür zu suchen, warum wir drei einander so lange nicht wiedergesehen haben. Ein Blick auf sie, und die traurige Ursache steht mir eindringlich vor Augen, warum der vierte vom edlen Bund der Heymonskinder unter uns fehlt und leider für immer fehlen wird. Unsere Verabredung, alljährlich am Palmsonntag zusammenzukommen, ist getreulich eingehalten worden, solange wir Herren unserer Entschlüsse waren. Der Krieg hat den schönen Brauch für eine Reihe von Jahren unterbrochen; ihn gänzlich auszurotten, soll ihm nicht gelungen sein, so wahr ich kein ganz grünes Semester mehr bin! Und so wird denn diese ehrwürdige Gepflogenheit, die als ein ehernes Denkmal treuer Jugendfreundschaft noch bis in unser Alter hineinzuragen berufen ist, mit dem heutigen Tage feierlichst wieder aufgenommen.« »Ohne Feierlichkeit tut er's halt nicht! Auch einer von den Zeitgenossen, die nichts gelernt und nichts vergessen haben«, spöttelte August Hollerer, der elegant Gekleidete, Zigaretten anbietend. Von Anfang an hatte er sich's angelegen sein lassen, aus seiner kostbaren Tabatière fleißig Rauchzeug herumzureichen und noch fleißiger sich selbst damit zu versorgen. »Übrigens, wenn du schon so ein gutes Gedächtnis hast,« sagte er jetzt mit kritisch hochgezogenen Brauen, »so möchte ich dich aufmerksam machen, daß der Treffpunkt unserer Zusammenkünfte eigentlich die Wirtschaft auf dem Kahlenberg sein sollte.« »Dann hätte ich mich heute absentieren müssen«, bemerkte Eybel mit verschlossener Miene. »Warum? Der Bund der vier Heymonskinder wurde anläßlich eines Palmsonntag-Ausfluges, als wir alle noch junge Grashüpfer waren und knapp vor der Matura standen, in der Wirtschaft auf dem Kahlenberg begründet. Und die Abrede ging dahin, daß wir jeden Palmsonntag um dieselbe Stunde und an demselben Ort...« »Ist uns natürlich ebensogut bekannt wie dir!« fiel ihm der Feldgraue ins Wort. »Aber wer konnte damals ahnen, wie es kommen würde? Auf den Kahlenberg ist es ein weiter weg und die Tram heute unerschwinglich... Für mich wenigstens«, schloß er mit einem mißtrauischen Blick auf den sein herausstaffierten Genossen. »Für mich nicht minder«, stimmte Rumpsack ihm zu. »Eh' ich nicht einen Haupttreffer mache, benütz' ich keine Tram mehr. Kann's übrigens verschmerzen, ich fahre halt per pedes . Dagegen geht's mir bemoostem Haupt bitter nahe, daß das Bier nachgerade ein Luxusgetränk für Kriegsgewinner geworden ist. Was für eine wunderbare Aussicht über Stadt und Land genießt man von der Wirtschaft auf dem Kahlenberg! Aber wer berappt uns einen solchen Ausflug? Die Entente, die uns statt mit einem richtiggehenden Frieden mit Schuldknechtschaft und Ausverkauf beglückt hat, ist verantwortlich dafür, daß die übriggebliebenen drei Heymonskinder gegen die getroffene Abrede verstoßen und den Schauplatz ihrer ersten Nachkriegstagung in dieses bescheidene Salettl verlegen mußten, wo der Blick rings durch Mauern und Hinterhäuser beengt wird. Und sie wird es auch vor dem sogenannten Richterstuhl der Weltgeschichte, den freilich nach niemand gesehen hat, zu verantworten haben, wenn wir uns durch die Not der Zeit gezwungen sehen, den Trauersalamander auf unsern leider aus dem Krieg nicht mehr heimgekehrten vierten Bundesbruder statt mit edlem Gerstensaft mit einem Gesöff zu reiben, das es verdienen würde, bei den diplomatischen Banketten in Paris an stelle des Champagners kredenzt zu werden.« Das Wasser über der hellblauen Flamme hatte inzwischen zu brodeln begonnen, und Rumpsack, der die Freunde jetzt auf das Schlimmste vorbereitet mußte, schickte sich an, den Tee aufzugießen, welcher in Wahrheit gar kein Tee, sondern bloß Tee-Ersatz war, aus getrockneten Brombeerblättern bestehend. Nachdem er in jede Tasse noch ein Scheibchen Saccharin hatte fallen lassen, schenkte er ein. Hierauf kommandierte er mit feierlicher Miene und unter strengster Einhaltung des studentischen Komments einen solennen Trauersalamander für den schmerzlich vermißten Kameraden. Und die andern beiden taten ernst und schweigsam mit, teils Rumpsack zu Gefallen, teils dem Andenken des verschollenen Bundesbruders zu Ehren, und rieben und schwenkten ihre mit dem zweifelhaften Getränk gefüllten Teetassen nicht minder kommentmäßig, als hätten sie jeder einen schäumenden Krug Bier vor sich. Der vierte im Bunde der Heymonskinder, dessen hier auf studentische Weise so liebreich gedacht wurde, war Severin Hocheder gewesen, der jüngere Sohn des Hauses »Zum Seidenbaum«. Es schien keinem Zweifel zu unterliegen und wurde allgemein angenommen, daß er im Kriege geblieben sei. Niemand dachte anders, niemand hoffte noch auf seine Rückkehr. Und niemand ahnte auch nur, daß gerade am Vortage dieses Palmsonntags ganz unerwartet ein Lebenszeichen von ihm in Gestalt eines Briefes an seinen älteren Bruder Laurenz Hocheder eingetroffen war. Denn diesen bestimmten triftige Gründe, es bis auf weiteres noch geheimzuhalten. Nur Justine, die Gattin des Laurenz, und durch sie ihre verschwiegene Freundin Frau Anna Staudenmayer wußten darum. Sonst war die überraschende Nachricht noch keiner Seele bekannt geworden und bis dahin jedermann verbargen geblieben. Auch die drei Freunde im »Salettl«, einem kleinen Rundbau aus der Biedermeierzeit, der sich dem Garteneingang schräg gegenüber in die Mauerecke duckte, ließen sich nichts davon träumen und glaubten das Gedächtnis eines Toten zu ehren. Vorschriftsmäßig erfüllten sie alle Gebräuche, nur auf dem üblichen Extrinken bestand Rumpsack nicht, er hatte Erbarmen mit sich selbst und den Freunden und sah von der Nagelprobe ab. So nippten sie bloß mit wehmütigen Gefühlen an ihrem Aufguß aus Brombeerblättern, der schon allein genügend zur Trübsal stimmte. Das hergebrachte Rasseln dagegen mit den Trinkgeschirren ließen sie sich nicht nehmen und übertrieben es sogar ein wenig, weil jeder hoffte, von der nach darin befindlichen Flüssigkeit bei dieser Gelegenheit einiges zu verschütten. Und schließlich setzten sie auch noch, wie es sonst mit den Biergläsern geschieht, ihre Tassen mit so einmütigem Knall auf das unentwegt standhafte Tischchen nieder, daß die des Hollerer siegreich in Scherben ging, wodurch er der Verpflichtung, noch weiter Tee zu trinken, vielleicht nicht ohne eigenes listiges Zutun enthoben war. In jener Ergriffenheit, die einem Trauersalamander für einen geliebten Heimgegangenen zu folgen pflegt, hingen sie hierauf eine Zeitlang jeder seinen Gedanken nach, um allmählich wieder zu Gesprächen überzugehen, die sich naturgemäß vorwiegend auf den, wie sie meinten, Gefallenen oder in irgendeinem russischen Gefangenenlager verkommenen Severin Hocheder bezogen. Ernste und heitere Erinnerungen an den Genossen ihrer Jugend waren es, die sie miteinander austauschten. Unter anderem äußerte Eybel, der Feldgraue, gleichsam als abschließendes Ergebnis seiner Nachdenklichkeit: »Der Severin war ein lieber, guter Mensch, nur zu schwach für dieses Leben... Die Musik ist eine gefährliche Kunst. Wer so in ihr aufgeht, wie unser verewigter Kamerad es tat, verfällt leicht der Hemmungslosigkeit. Darum hat sich in seinem Leben auch ein unliebsames Ärgernis ans andere gereiht. Die Sache mit der Justine, der Krach in der Schule, der Bruch mit dem Vater, der es ihm doch nur gut gemeint hat. Ich habe ihn gern gehabt, den Severin, aber ich muß mir sagen, vielleicht ist es zu seinem Besten gewesen, daß er nicht mehr zurückgekommen ist. Es hätte vermutlich doch nichts anderes mehr aus ihm werden können, als was man einen Bratlgeiger nennt.« Für den Ehrendoktor der Schutzengelgasse, dem alle normalen Verläufe, alles Geordnete und Geregelte ein Gräuel war, klangen solche Worte wie eine Herausforderung. »Da redet wieder einmal das mütterliche Blut aus dir,« platzte er aufgebracht los, »die Versippung mit dieser Spießergesellschaft! Denn wenn du auch der Sohn eines Generals bist, im Grunde steckt doch ein ganz bourgeoiser Kerl in dir und dazu ein Philister, wie er im Buche steht! Redest ja rein wie der alte Hocheder selbst! Hätte der nicht so früh die Hand vom Severin gezogen, ich wette, es wäre ein erster Künstler aus ihm geworden. Aber bring so einem höheren Webermeister Vernunft bei! Der bildet sich ja ein, er sei ein kleiner Herrgott vom Grund, weil er ein paar Dutzend Seiden- und Samtstühle laufen hat, die für seinen Geldsack schuften. Daß ein Künstler ein bißchen länger zu seiner Entwicklung und zum Geldverdienen braucht als ein Fabrikant, der bequem in die Schuhe hineinschlüpft, die sein Vater für ihn schon ausgetreten hat, dafür geht diesem Konglomerat aus moralischen Vorurteilen und kapitalistischer Engherzigkeit jedes Verständnis ab. Und du schlägst dich auch noch auf seine Seite und ergreifst für ihn Partei gegen unsern armen Bundesbruder, der ein Opfer dieser spießbürgerlichen Beschränktheit geworden ist? Schäm' dich! Wenn der Severin, bevor er einrücken mußte, in Gasthäusern und Heurigenschenken aufgespielt hat, so geschah's, um sich über Wasser zu halten, weil er in Not war, und daran war nicht er schuld, sondern der Alte, dem sein Dickkopf mehr wert gewesen ist als der eigene Sohn. Ein Bratlgeiger war der Severin deswegen noch lange nicht, der war schon mehr, das kannst du mir glauben, aber auch wenn er's gewesen und nichts anderes aus ihm geworden wäre – ist das was Unrechtes, den Leuten aufspielen, daß sie ihre Freud' dran haben? Was sind denn wir? Was bin denn ich? Den Buben, die in der Schul' nicht fortkommen und eine Nachhilfe brauchen, pauk' ich ums liebe Brot Latein und Griechisch und Mathematik ein, aber Freud' hab' ich damit noch keinem gemacht, wüßt' mich nicht zu erinnern. Und du selbst, Eybel? Was bist denn du? Sag' einmal ehrlich: machst du mit dem, was du treibst, irgendwem eine Freud'? Ich hab' keine Ahnung, was nach dem Krieg eigentlich aus dir geworden ist, aber wie ein Hauptmann vom Generalstab schaust du jetzt nicht mehr aus und nach ochsigen Moneten noch weniger. Und dabei wetzt du dir den Schnabel über den Severin, daß nichts Rechtes aus ihm geworden wär'? Kehr' lieber vor der eigenen Tür! Und noch einmal: Schäm' dich!« Eybel, der zu den zurückhaltenden, stolz empfindlichen Naturen gehörte, war unter dem Eindruck dieser heißspornigen Anrede abwechselnd rot und wieder blaß geworden. Von einem andern hätte er sich so etwas nicht bieten lassen. Von dem alten Schulkollegen aber, dessen im Grunde gutgemeinte, wenn auch hitzige und oft unüberlegte Art er zur Genüge kannte, nahm er es wenigstens äußerlich beherrscht entgegen. Doch zog er sich für's erste in sich selbst zurück wie in ein Schneckenhaus, bockte eine Zeitlang und blickte starr vor sich nieder. Erst eine ganz unscheinbare Begebenheit, die wie ein Hauch an ihm vorüberschwebte, gab den Anstoß dazu, daß er aus dem Schneckenhaus wieder hervorkroch. Vom sogenannten »Salettl«, wo die drei Heymonsbrüder tagten, konnte man nämlich einen Teil jenes hofseitigen Haustrakts überblicken, welcher sich, zwei Stock hoch, im Schatten der dahinter aufragenden Feuermauer bis knapp an den Garten hinzog. Ein Fenster in der langen Doppelreihe hatte leise geklirrt, ein Mädchenkopf beugte sich scheu verstohlen heraus, der wenigstens entfernt an jene bekannte mit ungebrochenen Farben malende Schilderung des Märchens erinnerte: weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz. Als Eybel, der in seinen uneingestandenen geheimsten Gedanken ein solches Klirren längst erhoffte, jetzt rasch aufsah, konnte er gerade nach einen neugierigen Blick aus großen dunklen Augen erhaschen, der zum »Salettl« – vielleicht wohl gar zu ihm? – herüberflog. Und wie ein flüchtiges Sonnenlicht zwischen hinziehenden Wolken über eine Landschaft gleitet und, kaum erblickt, auch schon wieder fort ist, so glaubte er den Schimmer eines holdseligen Lächelns über jener Stelle entschwinden gesehen zu haben, wo nun wieder nichts als Hauswand und Fenster war. Irgendwie stärkte diese liebliche Erscheinung Eybels Widerstandskraft gegen des bemoosten Freundes derben Vorstoß, und er sagte: »Ich kann es nur begrüßen, lieber Rumpsack, daß du dich so warm um den Severin annimmst, denn sei versichert, was ich über ihn sagte, war von teilnehmender Gesinnung eingegeben, nicht von Lieblosigkeit. Es liegt mir ferne, mich zu überheben, auch in meinem Leben hat ein unliebsames Ärgernis eine verhängnisvolle Rolle gespielt, denn ich meinte für immer der Ehre verlustig zu sein, als zuchtlose Soldaten mir die Distinktion vom Kragen rissen. Es dauerte damals eine gute Weile, bevor ich mich wieder zurecht fand, ich getraute mich in keinen Spiegel zu sehen, weil ich meinte, mich anspucken zu müssen. Mit der Zeit aber sagte ich mir: Gerechtigkeit nicht nur für andere, auch für uns selbst, das ist Pflicht! Nicht eigene Unstetigkeit oder Mangel an Selbstzucht war schuld daran, daß ich, plötzlich aus der Bahn geworfen, ohne Pfennig vor dem Nichts stand. Der Zusammenbruch eines ganzen Weltteils war's gewesen, der meine berechtigten Aussichten, all meine Zukunftshoffnungen, zermalmte. Aber gerade weil's über mich hereinbrach wie ein Elementarereignis, an dem ich mich schuldlos wußte, so konnt' es mein eigenstes und innerstes Wesen nicht brechen, das Vertrauen in mich selbst nicht zerstören. Und so entschloß ich mich, von vorne zu beginnen. Hauptmann im Generalstab bin ich jetzt freilich nicht mehr, das hast du richtig erraten, es ist bisher nichts aus mir geworden, als ein bescheidener Anfänger, ein Student der technischen Wissenschaften, der wie ein Junge wieder auf der Schulbank sitzt. Daß ich damit vorderhand keinem Menschen eine Freude mache, wie der Severin mit seinem Geigenspiel es tat, das gebe ich ohne weiteres zu. Aber ein nützliches Glied der Gemeinschaft und ein brauchbarer Bürger des neuen Vaterlandes hoffe ich mit der Zeit dennoch zu werden. Und das genügt mir, mehr erstreb' ich nicht.« Daß in diesem Augenblick abermals jener Mädchenkopf von vorhin sich an einem der hofseitigen Fenster zeigte, das mochte fast für ein Zeichen des Himmels gelten, der die aufrechte Rede Eybels segnete. Wenigstens empfand dieser selbst es so, er meinte darin gleichsam einen Gruß höherer Mächte zu erblicken, die seiner Gesinnung, seinem tätigen Willen ihre Billigung auszusprechen schienen. Und wenn das holde Bild auch ebenso schnell wieder verschwunden war wie das erstemal, so ließ es doch noch einen viel helleren Schein zurück als vorhin, einen verheißungsvollen Schimmer, der weit in die Zukunft hineinleuchtete und bis ins »Salettl« herüberstrahlte, Eybels Herz wie ein wärmender und stärkender Sonnenblick wohltätig berührend. Aber das Unglück wollte es, daß diesmal auch dem Rumpsack die Erscheinung nicht entgangen war. Mit Behagen vergnügte er sich an gutmütigen Neckereien. »Schau, schau! Wer war denn das? Zollte die Mariann Hocheder an einen von uns ihr Herz verloren haben, daß sie so emsig nach dem Salettl herüberlugt? Ich bin's nicht, nach dem sie Ausschau hält, das weiß ich. Und der Hollerer wird's auch nicht sein, der hat sich, nach seiner schönen Tabatière zu schließen, schon mit einer von den wohltätigen Amerikanerinnen verheiratet, die für die hungernden Kinder Kakao kochen, damit ihre Landsleut' ein Schamtüchlein vorzuhängen haben wegen der so unmenschlich verlängerten Blockade. Bleibt also nichts übrig, als auf den Eybel zu raten. Erhebe dich, von Frauengunst Beglückter! Zeig dich in deiner ganzen Länge! Oder beug dich wenigstens ein bißchen ins Freie vor, um nach den Gänseblümchen zu sehen, daß man deine gut gewachsene Gestalt vom Hoffenster aus etwas besser überblicken kann!« Und harmlos belustigt rezitierte er: »Ist das nicht ein Gartenhaus? Ja, das ist ein Gartenhaus. Schaut da nicht ein Kopf heraus? Ja, da schaut ein Kopf heraus. Gartenhaus, Kopf heraus, o du schönes Gartenhaus!« Das eisige Lächeln, mit dem der aufs Korn Genommene antwortete, lehnte es unzweideutig ab, auf Rumpsacks Ton einzugehen, oder dessen Anspielungen, die offenbar Vertrauen erpressen wollten, zu beantworten. Er war zu stolz, es abzuleugnen, daß er den Gedanken an Marianne, die Schwester des Laurenz und Severin Hocheder, wie einen heiligen Hort still in der Brust trug. Und er war zu feinfühlig, ein Geheimnis preiszugeben, das, wie er im stillen hoffte, nicht ihm allein gehörte. Darum schwieg er. Bis weit vor Kriegsbeginn ging das erste Aufkeimen einer zarten Neigung zu dem damals eben erst erblühenden Mädchen zurück. In jener noch so ahnungslosen Zeit schien die glänzende militärische Laufbahn, die ihm winkte, ihn zu der Hoffnung zu berechtigen, daß er eines Tages ihr Schicksal mit dem seinigen würde verknüpfen dürfen. Jetzt stand es anders. Er war ein Entwurzelter, sein künftiges Berufsleben, seine Erwerbsmöglichkeiten noch ein unbeschriebenes Blatt. Jetzt dünkte es ihn gewissenlos, die Seele eines jungen Weibes mit Ungewißheit und Zukunftssorgen zu beschweren. Die Hoffnung auf eine Verbindung schien beinahe aussichtslos, daran konnte auch der Umstand nichts ändern, daß Justine, mit der er mütterlicherseits durch einen gemeinsamen Urahn aus der altbodenständigen Fabrikantenfamilie Leodolter entfernt verwandt war, inzwischen den Laurenz Hocheder geheiratet hatte. Und wenn er dennoch im stillen fortfuhr, Mariannen aus gebührender Entfernung zu lieben, sie sogar um so inniger liebte, je weniger eine Erfüllung winkte – wen ging's was an? Es gab niemand, dem er das Recht eingeräumt hätte, ihm ins Herz zu blicken oder es gar aufzuschließen. Für die Lage, in der er sich augenblicklich befand, zeigte nun August Hollerer mehr Verständnis als der allzu geradlinige und etwas plumpe Rumpsack. Dem bedrängten Freund aus der Verlegenheit zu helfen, bewährte er Lebensart genug, das Gespräch abzulenken und die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu ziehen. »Ihr habt es nötig, einander auch noch zu frozzeln!« sagte er im Tone mitleidiger Geringschätzung. »Geht ihr doch beide durchs Leben wie der dumme Hans, der sich um seinen Goldklumpen einen Feldstein eingetauscht hatte, bis ihm schließlich auch dieser in den Brunnen fiel! Der Goldklumpen in meinem Gleichnis ist das auf der Hochschule erworbene Wissen, die darauf beruhende geistige Leistung; der Feldstein der Lohn, der dafür bezahlt wird, und der fällt auch noch in den Brunnen, wenn einer gerade stellenlos ist oder es einmal wird, oder wenn er im Alter eine Pension bezieht, von der er kaum sein Leben fristen kann, wie es jetzt das Los von vielen Tausenden geistiger Arbeiter ist. Seid ihr denn noch immer die alten Ideologen aus der Vorkriegszeit, denen nüchternes Denken so fremd ist, daß sie das Greifbare hingeben, um Seifenblasen dafür einzutauschen? Wie willst du mit Stundengeben auf einen grünen Zweig kommen, Rumpsack? Und du, Eybel, siehst du wirklich ein Ziel darin, in irgendeiner Kanzlei, nachdem du dich durch ein halbes Jahrzehnt bis zur Ingenieurprüfung durchgehungert haben wirst, tagaus tagein über dem Reißbrett zu schwitzen, damit irgendein Unternehmer, der klüger war als du, ein reicher Mann wird? Seht doch mich an! Bin ich nicht früher einmal auch so ein Esel gewesen, wie ihr es seid? Was hab' ich mich unter Entbehrungen geplagt, jahrelang: Lehramtsprüfung, Doktorat, Probejahr und so weiter bis zum karg entlohnten Supplenten! Jetzt, aus dem Feld heimgekehrt, könnt' ich – welch ein erklommener Gipfel! – Mittelschullehrer sein, immer wieder mensa, mensae deklinieren, mich jahraus, jahrein mit den Buben herumbalgen, und was wär' der Erfolg? Daß ich jeden Heller, bevor ich ihn ausgebe, dreimal umdrehen und dabei vielleicht vor Neid platzen müßt', wenn ich mit langen Zähnen zuschauen muß, wie der nächstbeste hergelaufene Schieber, der es schlauer anzupacken wußte, sich um zwölfhundert Kronen ein Salzstangel kauft. Nein, das muß ich sagen, dafür bedank ich mich. Zum Glück hat der Schützengraben auch mich selbst, nicht bloß die Welt, in der ich lebe, umgestülpt. Heute weiß ich es endlich, daß die akademische Bildung ein Plunder ist, den man am besten an den Nagel hängt. Und das hab' ich denn auch getan und meinen alten Menschen dazu. Anpassungsfähigkeit ist alles, meine lieben Freunde! Öffnet nur die Augen, so werdet ihr's begreifen. Mehr als je kommt's heute aufs Geldverdienen an und auf sonst nichts, alles andere ist Mumpitz! Und das Geld liegt ja auf der Straße, man braucht es nur aufzuheben. Glaubt mir's und macht es wie ich, so werdet ihr florieren, wie ich floriere. Dann wollen wir nächsten Palmsonntag im Auto auf den Kahlenberg fahren und wieder Bier trinken, falls wir nicht etwa Champagner vorziehen.« Die beiden Zuhörer hatten verwundert, wenn auch vielleicht nicht unbedingt bewundernd Mund und Ohren aufgesperrt. Die angewandte Lebensweisheit, die in solcher Fülle von ihres August Hollerer Lippen troff, machte sie staunen und fürs erste sprachlos. »Und wie hast du's denn eigentlich gemacht?« fragte Rumpsack endlich. »Jedenfalls keine Amerikanerin geheiratet«, lautete die Antwort. »vielmehr sind, wie ihr seht, alle meine zehn Finger« – er spreizte sie von sich – »noch unberingt, auch soll mir, so Gott will, der schicksalsschwere glatte Goldreif so bald an keinen kommen! Denn frei sein«, sagte er mit der Zunge schnalzend, »ist heute viel wert, wo jedes hübsche Mädel, sogar aus besten Bürgerkreisen, um Geld zu haben ist.« »Das ist nicht wahr!« brauste Eybel auf, indem er unwillkürlich mit der Rechten an die Hüfte zuckte, wo er einen Säbelkorb zu finden gewohnt war. »Eine solche Beleidigung ehrbarer Mädchen dulde ich nicht!« »No, no, no!« machte Hollerer, ihm eine Zigarette anbietend. »Sei beruhigt, dir komme ich selbstverständlich nicht ins Gehege!« Als er aber bemerkte, daß Eybel zögerte, die Zigarette anzunehmen, lenkte er rasch ein und sagte verbindlich: »Deine Ritterlichkeit in Ehren, lieber Freund! Ich gestehe dir gerne zu, daß es Ausnahmen gibt ... Noch immer nicht zufrieden? ... Nun denn,« gab er endlich klein bei, »so waren vielleicht gerade die Leichtfertigen, von denen ich mir einen Schluß auf die übrigen erlaubte, die Ausnahmen, und die Ehrbaren sind die Regel.« »Das wollen mir hoffen!« brummte Eybel, die Zigarette annehmend. »Seht, wer da kommt!« machte jetzt Rumpsack die Genossen aufmerksam. Eine hohe feste Gestalt mit langem Vollbart betrat vom Hofe her den Garten. Es war Laurenz Hocheder, neben seinem Vater Mitinhaber der Firma, ein ernst blickender Mann in reifen Jahren, der sich, langsam und stetig über den Kiesweg schreitend, dem »Salettl« näherte. »Entschuldigt, meine Herren, wenn ich störe«, sagte er nach kurzer Begrüßung und ohne Platz zu nehmen; »es liegt mir daran zu erfahren, ob vielleicht einer von euch etwas von meinem Bruder Severin gehört hat?« Betroffen starrten sie ihn an. Die Frage kam ihnen unerwartet, wie verfiel er plötzlich darauf, eine solche Möglichkeit in Betracht zu ziehen? Gab es einen äußeren Anlaß dazu? War irgendeine Veränderung eingetreten, eine unvorhergesehene Nachricht eingetroffen? »Wir wissen nichts von ihm«, sagte Eybel, »und nahmen bisher als feststehend an, daß er nicht mehr unter den Lebenden weile. Ihre Worte aber legen die Vermutung nahe, als wäre dem nicht so, und als bestünde doch noch irgendeine, wenn auch entfernte Aussicht oder Hoffnung, daß er erhalten geblieben ist. Sollte Ihnen hierüber etwas bekannt sein, Herr Hocheder, so bitte ich Sie, sagen Sie's uns, Sie wissen, wie wert Ihr Bruder uns gewesen ist.« »Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Hauptmann,« antwortete Laurenz, »wenn ich Ihrem Wunsch nicht entsprechen kann. Umstände nötigten mich, bei den Freunden anzufragen, denen Severin nähergestanden hat als irgendeinem seiner Anverwandten. Umstände nötigen mich nun auch, die Gegenfrage wenigstens für heute unbeantwortet zu lassen.« Damit lenkte er vom Gegenstande ab und zu andern Gesprächen über. Wie es mit dem Bund der Heymonskinder stehe? Aus Severins jungen Tagen konnte er sich noch gut dieser studentischen Gründung erinnern. Schade, daß die elenden Verkehrsverhältnisse einen Ausflug auf den Kahlenberg heutzutage so erschwerten! Wenigstens war das Wetter mild genug, ein Verweilen im »Salettl« schon zu gestatten, obgleich dieses im Schattenwinkel stand ... Noch diese und jene Zeitfrage streifte er flüchtig, dann verabschiedete er sich von den erheblich jüngeren Männern mit der ihm eigenen wortkargen Zurückhaltung, die doch einer gewissen Wärme nicht entbehrte. Und wie er gekommen, so verließ er bedächtigen Schrittes wieder den Garten durch die Gittertür in der Richtung gegen den Hof. Erstaunt, betreten, wie vor ein unlösbares Rätsel gestellt, sahen die Zurückbleibenden einander an. Wie viele Möglichkeiten sich ihnen auch aufdrängten, und wie viele Vermutungen sie aussprachen, die gewünschte Klärung wollte sich nicht einstellen. Aber darin waren sie einig, daß Laurenz Hocheder keineswegs ohne eine bestimmte Veranlassung mit jener Frage an sie herangetreten sein könne. Und daß diese Veranlassung in nichts anderm als in einem von Severin eingetroffenen Lebenszeichen bestehen mußte, schien ihnen eine fast ausgemachte Sache. Unter dem Eindruck der so plötzlich aufscheinenden Aussicht, den verloren geglaubten Freund wiederzusehen, löste sich ihre Spannung allmählich in Zuversicht, um schließlich in ausgelassene Fröhlichkeit umzuschlagen. Und als sie bei hereindämmerndem Abend endlich aufbrachen und mit dem Versprechen voneinander schieden, ein Wiedersehen nicht erst bis zum nächsten Palmsonntag hinauszuschieben, da sagte Hollerer noch: »Hätten wir früher geahnt, was wir jetzt beinahe wissen, so hätten wir uns den Trauersalamander und damit Rumpsacks sogenannten Tee glatt ersparen können. Sobald wir aber unserer Sache völlig sicher sind, wollen wir einen richtigen Jubelsalamander reiben, nur nicht mit Teetassen, bitte! Ich bitte mir aus, daß ihr dann meine Gäste seid – einverstanden?« Was hätte den bierfröhlichen Ehrendoktor der Schutzengelgasse, was den nur zu oft von abgefeimten Hungergefühlen heimgesuchten Hauptmann daran hindern sollen, in die dargebotene Rechte einzuschlagen und mit einem weithin vernehmlichen Ja! zu antworten?   Im ersten Stockwerk des Hauses »Zum Seidenbaum« in der Schutzengelgasse befand sich hofseitig ein Arbeitssaal, nur ein einziger aber recht geräumiger, in welchem noch wie zu Väterszeiten, wenn auch in äußerst beschränktem Umfang, die Handweberei nebst den mit ihr zusammenhängenden Hantierungen in der hergebrachten Weise betrieben wurde. Die übrigen Werksäle waren schon in den sechziger und siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts von Michael Hocheder, dem Vater des gegenwärtigen Seniorchefs, aufgelassen worden, nachdem er in dem mährischen Flecken Klopsdorf eine mechanische Seidenweberei eingerichtet und den Hauptbetrieb der Erzeugung dahin verlegt. Der derzeit regierende Hocheder, der wie sein Vater und Großvater ebenfalls Michael hieß, war damals noch ein ganz junger Mensch und nicht recht einverstanden damit, aber als grüner Anfänger im Geschäft mußte er sich den Anordnungen des Vaters fügen, und später sah er deren Nützlichkeit, ja, Notwendigkeit auch ein. Die Kraftstühle verdrängten mehr und mehr die Handwebestühle, der verschärfte Erwerbskampf heischte billige Arbeitslöhne, wie sie nur in abgelegeneren ländlichen Gegenden noch zu finden. So blieb es schließlich eine Grille, daß Michael Hocheder III. die Kraftstühle nicht leiden mochte und die Handarbeit vorgezogen haben würde. Durch die Tat konnte er dieser seiner Gesinnung niemals Ausdruck verleihen, auch nach dem Tode seines Vaters nicht, als er alleiniger Inhaber der Firma geworden. Und später, als er seinen Sohn Laurenz zum Teilnehmer gemacht und schon lange aufgehört hatte, der »jüngere« Hocheder zu sein, erst recht nicht. Und noch später, als er längst der »alte« Hocheder geworden war, schon gar nicht. Die Kraftstühle erwiesen sich als die stärkeren und trugen den Sieg über seine Grille, oder seinen Sparren, oder wie man es sonst nennen mochte, davon. Aber wer nicht glaubt, daß er einen Sparren hat, sagt das Sprichwort, der hat zwei. Und Michael Hocheder III. glaubte es nicht, vor den Kraftstühlen in Klopsdorf, wohin er sich grundsätzlich niemals in eigener Person begab, mußte er freilich klein beigeben, in der Schutzengelgasse behauptete er seinen Willen, hier wollte er wenigstens spärliche Überreste des Handbetriebs bis an sein Lebensende noch in Gang sehen, wollte die freundlichen Geräusche der Arbeit, die er liebte, in seiner Nähe nicht missen, das dem Webstuhl eigene trauliche Geklapper, das gemütliche Schnurren der Schweifrahmen, das behäbige Kollern der hölzernen Handspulmaschinen. Und es war auch nicht einmal ganz unnütz, daß er seinen Kopf durchgesetzt, man brauchte sich wenigstens nicht mit jeder Ware auf Klopsdorf zu verlassen. Es gab Artikel, die zu stolz waren, sich eine einförmige, gedankenlose Erzeugung gefallen zu lassen, und nach einer besonderen und eigenartigen Herstellung verlangten. Für solche Fälle bewährte sich die Möglichkeit einer persönlichen Überwachung aus unmittelbarer Nähe. So blieb denn in jenem einen und einzigen Saale das Gewerbe in der alten Gestalt noch bestehen, wie es in den Kinder- und Knabenjahren des nun schon mehr als Siebzigjährigen auch alle übrigen Werksäle und überhaupt das ganze Haus in der Schutzengelgasse von oben bis unten mit dem mehr gemächlichen als stürmischen, aber um so stetigeren Lärm einer nutzbringenden Tätigkeit erfüllt hatte. Was aber früher oder später an Räumlichkeiten frei wurde, das beließ man zum Teil leer und ungenützt, zum weitaus größeren Teil aber gab man ihm eine andere Verwendung. Schon seit Jahren vollzog sich fortschreitend diese Wandlung. Die Schreibstuben, Warenlager und Vorratsräume waren erweitert sowie die Wohngelegenheiten der Familienmitglieder den wachsenden Anforderungen entsprechend ausgestaltet worden. Auch die Bedürfnisse einiger Angestellten und sonstiger Anhängsel, die gewissermaßen zum Hause gehörten, fanden Berücksichtigung. Unter diesen stand, wenigstens im Werksaal, obenan die Zwirner-Wettl, nicht sowohl ihrem sozialen Range nach, als vielmehr wegen des Ansehens, das die Erfahrenheit innerhalb ihres Wirkungskreises und die Dauer und Innigkeit ihres Vertrautseins mit dem Haus »Zum Seidenbaum« und mit der Familie Hocheder ihr naturgemäß verliehen. Schon als ganz junges, etwas schief gewachsenes Mädel kam sie ins Geschäft, anfänglich als Hilfsarbeiterin für verschiedene vorbereitende Verrichtungen, die zur Weberei gehören, vielleicht gar als »Bummerl«, wie von den übrigen Arbeitern wenigstens die meisten es sich zurecht legten. Denn diese halsten ihr anfänglich jede Tätigkeit auf, die ihnen selbst zuwider war, und die Zwirner-Wettl ließ es sich mit guter Laune auch gefallen. Aber gerade dadurch, daß sie keine Arbeit scheute, alles, was ihr aufgetragen wurde, beherzt anpackte und überall zugriff, wo es nottat, gewann sie nach und nach Einblick in alle Zweige des Handwerks, verstand sich wie keiner auf die innern Eingeweide der unterschiedlichen Hilfsmaschinen und wußte überall Bescheid. Und da sie überdies auch noch Mutterwitz besaß und über ein gutes Mundwerk verfügte, so wurde aus dem »Bummerl« mit der Zeit eine »rechte Hand«, eine Herrscherin oder doch Statthalterin im Reiche des Werksaales, sachgemäßer ausgedrückt: etwas wie eine Werkführerin, deren natürliches Übergewicht jeder anerkannte. Eine »Erwachsene« aber war eigentlich nie aus ihr geworden, auch mit dem zunehmenden Alter nicht, weil sie nämlich »ausgewachsen« war, das heißt, ihr Lebtag eine kleine, verkrüppelte Person blieb. Mancher Auswärtige, der mit der Seidenweberei nicht näher vertraut war, nahm an, die Zwirner-Wettl heiße deshalb so, weil sie es mit dem Zwirnen der Seidenfäden zu tun habe. Das war aber eine irrige Auffassung, in der Schutzengelgasse gab es nichts zu zwirnen, es wurde zwar auch gezwirnte Seide verwebt, hergestellt aber wurde solche dort keineswegs. Die Zwirner-Wettl hieß Zwirner-Wettl, weil ihr Vater – nein, ihre Mutter, denn der Vatersname kam aus gewissen Gründen leider nicht in Betracht – Zwirner hieß, oder vielmehr geheißen hatte, denn sie war eine Waise. Ihr eigenstes Fach und ihre wichtigste, weil für das Ganze gewissermaßen grundlegende Tätigkeit, war kein Zwirnen, sondern das sogenannte Kavilieren der Seidensträhne. Das besorgte sie ganz ausschließlich allein, und zwar nicht bloß für die Schutzengelgasse, sondern sogar für Klopsdorf. Diese nützlich vorbereitende Arbeit, die gleichsam die Brücke schlägt vom Seidenhändler zum Haspel und von da weiter zur Spulmaschine, zum Schweifrahmen und schließlich zum Webstuhl, betrachtete sie als das ihr und nur ihr recht- und pflichtmäßig zugehörende Hof- und Kammergut, das niemand sonst betreten durfte. Aus der für gewöhnlich so umgänglichen kleinen verwachsenen Person wäre im Handumdrehen eine gereizte Löwin geworden, hätte ein anderer es gewagt, ihr ins Handwerk zu pfuschen. Das duldete sie ganz einfach nicht. Und so fand sie denn auch dieser schöne Frühlingsmorgen bei der gewohnten Arbeit. Es war ein Tag, so rein und sonnenklar, daß Frau Justine Hocheder, die Gattin des Laurenz, ihr Versprechen einlösen und ihr Sorgenkind, die gebrechliche Frau Staudenmayer, abermals in dem kleinen Garten hinter dem Hause an die Sonne fahren konnte. Unsere Zwirner-Wettl aber wußte nichts von Garten und Sonne, nichts von Frühlingsgrün und linden Lüften. In jenem einzig noch vorhandenen, derzeit leider recht verödeten Werksaal, wo sie ihr ganzes Leben zugebracht, saß sie wie immer hinter ihrem Kavilierstock. Doch war sie heute nicht heiter und aufgeräumt wie sonst, wenn ein flotter Geschäftsgang das Ansehen und den Wohlstand des Hauses Hocheder zu mehren versprach, sondern wegen der allgemeinen Unsicherheit und Versumpfung, die jedes geschäftliche Gedeihen zu ersticken drohten, sorgenbedrückt und zornmütig. Und das äußerte sich darin, daß sie ziemlich schroff und unwirsch, wenn auch freilich sachgemäß, mit den blaßgelben Seidensträhnen umsprang, die gehorsam und in ihr Schicksal ergeben an hölzernen Zapfen ihr vor der Nase baumelten. Außerdem befand sich nur noch ein einziger Mensch in dem Gelaß, sonst war es wie ausgestorben und sah mit einer wahren Leichenbittermiene durch seine nichts weniger als blanken Fenster zum blauen Himmel hinauf, der hoch über den Mauern des Hofes sichtbar wurde. Trübselig ließen die Webstühle ihre schlaffgewordenen Korden und Platinen hängen, sie hatten ihren farbigen Schmuck, die lieblich schimmernden Seidenketten, ablegen müssen, man konnte ihnen in Magen und Eingeweide hineinsehen, die sicherlich geknurrt haben würden, hätte es etwas genützt. Nicht besser stand es um die bauchigen Lattengerüste der Schweifrahmen, um die sich keine festlich schillernden Gewinde aus Seide mehr schlangen, auch ihre Bäuche konnte man durch und durchschauen, jede Rippe an ihnen zählen. Und denselben trostlosen Anblick boten die anderen Webereigeräte dar, die alle eine lange, mit Ehren zurückgelegte Dienstzeit hinter sich hatten und jetzt darbten und sich im Stiche gelassen sahen, wie die treuen Diener des alten zugrundegegangenen Staates. Die Industrie lag darnieder, das Geld machte von Tag zu Tag unerhörtere Entwertungen durch, Rohmaterial an Seide und Garn ließ sich nur mit der größten Mühe beschaffen, und der Verkehr mit Klopsdorf, das jetzt auf einmal Klokočov Morava hieß und in der Tschechei, einem fremden, mehr oder weniger feindlich gesinnten Staate lag, war durch Zollplackereien und Grenzbosheiten beinahe unterbunden. Die Firma Michael Hocheder und Sohn kämpfte mit Schwierigkeiten. Sie hatte ihren Betrieb zwar nicht eingestellt, aber doch so tief herunterschrauben müssen, daß er gerade nur mehr einem dürftigen, kaum noch Licht spendenden Flämmchen glich, das jede Zugluft auslöschen konnte. Wenn aber die Zwirner-Wettl ihren Unmut hierüber den Seidensträhnen entgelten ließ, die sie heute so rösch behandelte, als hätte sie grobe Schiffstaue vor sich, so behütete dagegen den Weber Schinnerl, der nebst ihr noch in dem Raume weilte, seine Philosophie vor ähnlichen Ungerechtigkeiten. Er stand über den Dingen und wußte sich seinen Gleichmut zu bewahren. Er webte heute nicht, er feierte. Nicht etwa grundsätzlich, aber tatsächlich. Und überhaupt war er nur scheinbar anwesend, in Wahrheit ging er im fernen China spazieren, zwischen herrlich blühenden Kamelien und Magnoliazeen. Denn während er die Rechte, wie es sich für einen Weber gehört, auf der Weberlade ruhen ließ, hielt er in der Linken ein aufgeschlagenes Buch, in welchem er mit Eifer las. Natürlich war es eine Reisebeschreibung, Reisebeschreibungen waren sein Leibgericht. Er kaufte jährlich deren zwei bei einem kleinen Buchtrödler in der Mariahilferstraße und beschenkte sich selbst damit, einmal zum Namenstag, der in den Sommer fiel, und einmal zum Christkindel, das bekanntlich im Winter erscheint. So hielt er für jedes Halbjahr eine Überraschung bereit, und wenn er die neue Reisebeschreibung ausgelesen hatte, nahm er bis zum nächsten Semester die alten wieder vor. Denn Weber war er nur mit seinem irdischen Teil, mit seiner etwas mageren aber sehnsüchtigen Seele dagegen war er Weltreisender von Beruf. Grausam, wie sie sein konnte, riß ihn jetzt die Zwirner-Wettl von den Ufern des Yang-tse-kiang in die Schutzengelgasse zurück. »Mir scheint, Sie wollen auch zu den unnützen Brotessern gehören, Schinnerl, wie sie jetzt um den Dutzendpreis billig zu haben sind! Warum arbeiten Sie denn nichts?« »Was Sie nicht sagen! Arbeiten tät' ich nichts? Schau, schau! Woher wissen Sie denn das? Müssen es denn partout immer die Händ' sein, mit denen man arbeiten tut? Kann es nicht auch einmal der Kopf sein?« »Hören Sie mir auf!« sagte sie schnöde. »Was wollen denn Sie mit dem Kopf arbeiten?« »Eine Entdeckung hab' ich gemacht, die mehr wert ist als die paar Zentimeter Zeug, die ich in derselben Zeit hätte weben können.« »Und was wär' denn das für eine Entdeckung, wenn man fragen darf?« »Daß unser Haus nicht, wie ich mir bis jetzt immer eingebildet hab', nach dem Baum am Webstuhl zum Seidenbaum heißt, auf dem man die seidenen Ketten aufbäumen tut, verstehen sie, sondern –« »Sondern –?« fragte mitleidig die Zwirner-Wettl. »Sondern nach einem wirklichen Baum, der grüne Blätter hat wie jeder andere gewachsene Baum. Nach dem großen alten Baum nämlich, der in unserm Garten steht. Denn ich bin darauf gekommen, daß das ein Maulbeerbaum ist, wie sie in China wachsen, die Beschreibung stimmt genau, in meinem Buch ist sogar ein Blatt abgezeichnet.« »Na, und –?« machte die Zwirner-Wettl, ohne ihre Geringschätzung zu verbergen. »Was verlangen sie denn noch mehr?« begehrte der Schinnerl auf. »Ist das vielleicht nicht genug? Wollen sie mir's abstreiten, daß das eine wichtige Entdeckung ist? Oder wissen sie nicht einmal so viel von der Naturg'schicht', daß die Seidenwürmer Maulbeerblätter fressen? Warten sie nur bis ich meine Entdeckung dem Pik (er meinte Herrn Michael Hocheder) verraten tu', der macht einen Purzelbaum vor Freud', so alt daß er ist, Sie werden's schon sehen! Denn wenn wir Futter für die Seidenwürmer haben, so können wir uns auch Seidenwürmer einschaffen, dann brauchen wir keine Seide mehr aus China zu beziehen, und dann...« »Sie werden sich doch nicht einbilden,« unterbrach sie ihn, »daß wir die Seide aus China beziehen? Die kommt, merken sie sich's ein für allemal, aus dem Italienischen herauf!« »Woher sie kommt, ist mir Wurscht! Schandbar teuer ist sie jedenfalls, soviel ich weiß. Und wenn wir nur einmal unsere eigenen Seidenwürmer haben,« fuhr er eifrig fort, »so hat die Not ein End', dann brauchen wir den Seidenhändlern nicht mehr die Millionen in den Rachen zu werfen, verstanden? Dann machen wir uns die Seide, die wir zum Weben brauchen, selber!« Die Zwirner-Wettl schlug die Hände zusammen: »Nein, Schinnerl, daß Sie ein solcher Tepp sind, hätt' ich doch nicht geglaubt!« Durch den kraftvollen Ausdruck, mit dem sie ihn bedacht, nun doch etwas unsicher geworden, kraute er sein farbloses Haar und meinte kleinlaut: »Warum soll denn das nicht möglich sein? Warum sollen wir uns nicht unsere eigene Seidenzucht einrichten können, wenn wir im Garten einen Seidenbaum haben?... Grinsen Sie nicht so höhnisch«, platzte er aufgebracht los, »und rücken Sie lieber heraus mit der Sprach', was sich dagegen einwenden läßt!« Als sie aber fortfuhr, ihn schweigend auszulachen, fügte er entsagungsvoll hinzu: »Na ja, das hätt' ich mir denken können! Denn das ist immer so gewesen, wenn einem was Neues einfallen tut, so muß er sich zuerst eine Weil' auslachen lassen, bevor die andern dahinterkommen, daß er doch recht gehabt hat. Den Kolumbus haben die Leut' auch einen Teppen geheißen – auf spanisch natürlich –, eh' daß er von seinem Schiff aus Land! Land! gerufen und dabei ein weiches Ei mit dem spitzigen End' auf den Tisch gestellt hat.« Da hielt es die Zwirner-Wettl denn doch für nötig, mit seinen Hirngespinsten gründlich aufzuräumen, und zögerte nicht länger, ihm die gewünschte Auskunft zu erteilen. »Warum mich Ihre sogenannte Entdeckung nur einen Lacher kostet, wollen Sie wissen? Weil es außer Ihnen jedem Kind im Haus ohnedies bekannt ist, daß der Baum im Garten der Seidenbaum ist, von dem unser Haus seinen Namen hat. Und warum hat ein einziger Baum dem ganzen Haus den Namen geben können? Weil er eine Rarität ist. Und warum ist er eine Rarität? Weil niemand mehr Lust hat, Maulbeerbäume bei uns zu pflanzen. Und warum hat niemand Lust dazu? Weil die Leut', die sich damit abgegeben haben, schon vor hundert Jahren dahintergekommen sind, daß die Seidenraupen bei uns nicht gut fortkommen, daß sie zu leicht krank werden oder zugrundegehen, und daß man nur sein Geld dabei verliert, wenn man in unsern Gegenden eine Seidenzucht einrichten will. So, jetzt wissen Sie's, und jetzt lassen Sie sich heimgeigen mit Ihrer Entdeckung«, schloß sie – »die paar Zentimeter Zeug, die Sie derweil hätten weben können, wären halt doch mehr wert gewesen, ziemt mich!« Der Schinnerl seufzte, legte das Buch weg und fing, ohne weiter ein Wort zu verlieren, mit Weben an. Gut, daß er's tat, denn bald danach öffnete sich die Glastür, die ins anstoßende Warenlager führte, ein hochgewachsener Mann mit kräftig ausgemeißeltem, glattrasiertem Gesicht und dichtem, silberweißem Haarbusch trat in den Saal und näherte sich der Zwirner-Wettl. »Haben Sie den Schlüssel zur Seidenkammer?« Sie sprang dienstfertig auf und glitt, während er mit großen, langsamen Schritten folgte, flink wie ein Mäuschen ans andere Ende des Arbeitsraumes zu einer niedrigen Tür, die sie aufschloß. Er warf einen Blick in die halbdunkle Kammer, in deren Mitte eine kleine Anzahl gelblicher Seidensträhne auf einem Häufchen beisammen lagen. »Ist das alles?« fragte er, die Stirn runzelnd. Mit dem Ausdruck des Bedauerns hob sie die Arme: »Nur was ich noch auf dem Kavilierstock hab'.« »Und so was kostet heute fünf Millionen!« sagte er unmutig. »Eine verrückte Zeit!« Damit wendete er um und trat den Rückweg durch den Werksaal an. Vor einem alten Zampelstuhl, der mit leerem Ketten- und Stoffbaum wie abgetakelt dastand, machte er einen Augenblick halt. Es war der Stuhl, auf dem er vor mehr als fünfzig Jahren sein Meisterstück gewebt. Wie liebkosend legte der alte Mann seine Hand auf die Weberlade. »Eine verrückte Zeit!« wiederholte er in sich gekehrt und leise den Kopf schüttelnd. Mit verschlossener Miene setzte er hierauf seinen Weg fort, warf im Vorbeigehen noch dem fleißig einschließenden und mit der Weberlade auffällig klappernden Schinnerl einen flüchtig prüfenden Blick zu und verschwand wieder hinter derselben Tür, aus der er eingetreten war. Durch die Fenster dieser Tür, die mit durchscheinenden Mullvorhängen verkleidet waren, konnte man ihn noch beobachten, wie er in dem anstoßenden, nach der Gassenseite gehenden Raum, der als Warenlager diente und schlechtweg das »Magazin« genannt wurde, einen von den hohen Schränken nach dem andern öffnete und wieder schloß, als suchte er nach etwas. Mit einem aus tiefster Brust hervorgeholten Seufzer setzte sich die Zwirner-Wettl wieder hinter ihren Kavilierstock. »Sorgen hat er, der alte Herr! Nun sieht er nach, was noch an Ware da ist. Aber das schöne, kostbare Lager ist fast ausverkauft. Und alles um Preise, daß man heut' nicht so viel Laib Brot dafür einhandeln könnt', als es Stück Seide und Samt gewesen sind. An dem allen ist aber nur diese verflixte Enten-Ente schuld!« sagte sie, in gerechten Zorn ausbrechend. »Die hat zwar eine Menge schöne und süße Worte für unser armes Österreich übrig, in Wahrheit aber fackelt sie uns schön langsam aus, bis überhaupt nichts mehr übrigbleiben wird.« Mit der »Enten-Ente«, wie sie sich ausdrückte, meinte sie die Entente der Siegermächte, von der sie einige Male in der Zeitung gelesen hatte. In der Politik aber glaubte der Schinnerl besser Bescheid zu wissen als die Zwirner-Wettl, darum hielt er den Augenblick für gekommen, wo er ihr seine Überlegenheit fühlen lassen konnte, wie sie es vorhin ihm getan. »Man sagt nicht Enten-Ente,« belehrte er sie. »sondern Ant-Ante. Und das ist russisch und bedeutet auf deutsch soviel wie ein stilles Einverständnis.« »No ja, das ist es ja, was ich sag'!« antwortete die Zwirner-Wettl, ohne die geringste Neigung, sich ihn über den Kopf wachsen zu lassen, »wenn zum Beispiel ihrer drei oder noch mehr über einen herfallen und ihn ausplündern, so ist das ein stilles Einverständnis. Und gerade das nenne ich eben die Enten-Ente, weil ich es so und nicht anders mit eigenen Augen gelesen hab', und zwar gedruckt, schwarz auf weiß in der Zeitung, die es vermutlich besser wissen wird als Sie, der sie kein Russisch verstehen.« Damit brach sie das Gespräch ab und nahm befriedigt ihre Arbeit wieder auf. Der Schinnerl aber, überzeugt, daß er ihr gegenüber doch immer den Kürzeren ziehen würde, verzichtete auf jede weitere Entgegnung und fuhr so eifrig und leidenschaftlich zu klappern fort, daß man schier versucht gewesen wäre, zu glauben, er hätte eine ganze Fabrik im Leibe. Nur ab und zu hielt er jetzt noch einen Augenblick inne, seine Brust durch einen Seufzer zu erleichtern. Ach, es war ein tristes Leben, das er führte! Die braune Marfa, die hübsche Nichte des Ehepaars Staudenmayer, benahm sich, als gäb' es überhaupt keinen Schinnerl auf der Welt, obgleich er sie von ganzem Herzen liebte. Zwar hatte er sich noch nicht entschließen können, es ihr zu sagen, und getraute sich auch nicht, mit einem Geständnis herauszurücken; wenn sie etwas für ihn übrig gehabt hätte, meinte er, so wäre er doch nicht Luft für sie gewesen! Darum zog er vor. sie nur aus der Ferne zu verehren. Aber in den Freistunden, wenn er nicht webte, zehrte der Liebesgram an ihm. Ihn zu betäuben, unternahm er eben jene ausgedehnten Reisen in die weite Welt hinaus, die ihn zu dem so vielseitig unterrichteten Manne gemacht hatten, für den er sich mit Recht halten zu dürfen glaubte.   Inzwischen hatte der alte Herr seine Nachschau in den schönen, hellen glattpolierten Schränken des »Magazins« vollendet, sie war nicht zu seiner Befriedigung ausgefallen. In manchen Fächern lagen nur mehr ein paar vereinzelte Stück Ware, völlige Leere gähnte ihm aus andern entgegen, er zählte das Vorhandene zusammen, die Ausbeute, die er zur Unterstützung seines Gedächtnisses auf einen Zettel aufzeichnete, ließ zu wünschen übrig. Und gerade jetzt, wo einem neuen, über Nacht aufgeschossenen Reichtum das Geld locker in der Hand saß, hätte sich ein bedeutender Absatz bei steigenden Preisen erzielen lassen. Sorgenvollen Gedanken nachhängend trat Michael Hocheder ans Fenster und blickte auf die stille, wenig belebte Gasse hinunter. Er konnte sich nicht enthalten, nachzurechnen, wieviel er durch den allmählichen Abverkauf des einst so reichhaltigen Warenlagers während der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit verloren. Die Beträge, um die er seine schönen, kostbaren Gewebe hingegeben, kamen ihm hinterher lächerlich geringfügig vor, geradezu verschenkt hatte er seine festen Bestände! Und vielleicht würden in einem weiteren halben Jahr die Preise, die ihn heute angemessen dünkten, abermals nichts als ein Pappenstiel sein – wer konnte es wissen? Es war schwer, sich in dem herrschenden Wirrsal zurechtzufinden. Fest stand nur das eine, daß der Erzeuger zuverlässiger, kernhafter Ware beständig übers Ohr gehauen wurde, wenn er nicht zugleich ein geriebener Valutaspekulant war. Und zum Spekulanten fehlte dem alten Michael Hocheder Lust wie Begabung. Bis heute setzte er den Vorstellungen seines Sohnes, daß das Geld aufgehört habe, ein zuverlässiger Wertmesser zu sein, und man deshalb die Ware nicht mehr zu den hergebrachten Preisen abgeben könne, die unerschütterliche Entscheidung entgegen, um Wucherpreise, wie er es nannte, dürfe unter keinen Umständen verkauft werden, weil es einer ehrbaren Firma unwürdig sei, aus einer mißlichen Lage der allgemeinen Wirtschaft Vorteil zu ziehen. So hielt er die bisher übliche biedere Kalkulation auf Grund der Gestehungskosten aufrecht, um scheinbar Geschäfte zu machen, in Wahrheit aber ein Vermögen zu verschwenden. Erst jetzt, ganz plötzlich, gingen ihm die Augen darüber auf. War denn nicht er selbst samt der Firma schließlich der Bewucherte? Aber durch wen? Wer hatte den unrechtmäßigen Gewinn eingesackt? Oder war dieser überhaupt in blauen Dunst aufgegangen? Er wußte es nicht, er konnte keine andere Antwort darauf finden als den erneuten Stoßseufzer: »Eine verrückte Zeit!« Unmutig wendete er sich ins Zimmer zurück. Sein Blick streifte das Jugendbildnis seines Vaters, das über einem Stehpult an der Wand hing, von Schrotzberg, einem damals noch ganz jungen, erst später berühmt gewordenen Künstler gemalt, in der hellfarbigen, glattvertreibenden, übergefälligen Manier der Biedermeierzeit. Mit frischem, rosigem Antlitz, das Sorglosigkeit und Wohlbehagen ausdrückte, lächelte der Sohn des reichen und mächtigen Österreich aus Metternichs Tagen auf den späten Nachfahr nieder, der sich in diesem Augenblick vorkam wie ein steuerlos Dahintreibender auf den geborstenen Planken eines schiffbrüchigen Vaterlands. »Du hast es gut gehabt!« murmelte er beinahe ingrimmig vor sich hin. Aber selbst wie erschrocken über den unwillkürlich sich aufdrängenden Vergleich, über die in seinem Innern dadurch wachgerufene Erbitterung, die er als Pietätlosigkeit gegen den Verewigten empfand, schnalzte er mit den Fingern, wie er gerne tat, wenn er ungeduldig wurde, und stieß dabei ganz laut, sich selbst gleichsam ermahnend und zugleich ermannend, ein schleierhaftes Wort hervor, das wie eine kabbalistische Beschwörungsformel klang. Es war das Rätselwort »Maria Lichtmeß!«, ein zunächst unverständlicher, weil einem alten Weberbrauch entstammender Ausruf, dessen Sinn erst in der Folge sich näher aufklären wird, wie des Schnalzens mit den Fingern pflegte er sich jener wundertätigen Zauberformel zu bedienen, wenn es galt, aus einer bestimmten, wenig erfreulichen Lage oder Tätigkeit sich aufzuraffen, um alle Bürden von sich zu werfen und in einen befreiten Gemütszustand überzugehen. Die Wirkung war oft erprobt, aus der guten alten Zeit des Handwerks schien dann ein Hauch gemächlicher Heiterkeit herüberzuwehen, vor dem die bösen Geister des unerbittlichen Maschinenzeitalters sich verkrochen. Auch diesmal versagte das sonderbare Geheimmittel nicht, es stärkte ihm das Herz, indem es ihn daran erinnerte, daß die Sorgen des Arbeitstages manchmal schier unerträglich würden, gäbe es dazwischen nicht absichtlich eingestreute Entspannungen, freundliche Lichtblicke eines harmlosen Spazierengehens der Gedanken auf geträumten Frühlingswiesen. Schon einigermaßen beruhigt und erleichtert trat er noch einmal an einen der hohen Warenschränke heran, um ein Stück Webe daraus zu entnehmen, das fürsorglich in glattes Steifpapier gewickelt war, wie es bei kostbaren Zeugen der Brauch. Er entfernte die Umhüllung und ließ den Stoff durch rasches und geschicktes Umdrehen des Wickels in bauschenden Wogen über die sanfte, reine Lindenholzplatte des Ladentisches fluten. Es war schillernde Seide, sogenannter »Changeant«, zwischen tiefblau und hellgrün spielend. Bald glaubte man in einen klaren, zauberhaften Nachthimmel zu blicken, bald auf saftige Matten, über deren erstes Grün das verklärende Licht des Mondes gleitet. Das waren die Frühlingswiesen, auf denen der alte Mann jetzt seine Gedanken spazieren führte. Und wie sein Auge verzückt auf der schimmernden Pracht ruhte und sich daran erfreute, sänftigte sich immer mehr die Erregung von vorhin, die sein Gemüt bis zu neidvollen Vergleichen mit seinem Vorfahr in Leben und Geschäft aufgewühlt hatte. Und allmählich wurde er wieder ganz fest und zuversichtlich. Die Gediegenheit und Schönheit dieses aus seiner Fabrik hervorgegangenen Erzeugnisses einer der ältesten und ehrwürdigsten menschlichen Fertigkeiten schenkte ihm seinen Stolz, sein Selbstbewußtsein wieder und rief jenen hartnäckigen Trotz allen feindlichen Verhältnissen, jeder ihm wider den Strich gehenden Meinung gegenüber unters Gewehr, der ihm eignete, und den viele als Überhebung, als Härte oder auch als Verbohrtheit auszulegen gewohnt waren. Befriedigt wickelte er das Stück Zeug wieder auf, legte es an seinen Platz zurück und begab sich, aufrecht und herrisch ausschreitend wie ein Bauer auf eigenem Grund und Boden, in seine Schreibstube hinüber. Das silberweiße Haupt trug er jetzt hoch erhoben wie sonst, vom Scheitel bis zur Sohle wieder der richtige »Pik«, wie die Leute im Hause ihn scherzweise nannten, wenn sie unter sich waren. Es hing nämlich im Vorzimmer zu seinem Kontor das vergrößerte Lichtbild einer Landschaft, das ein Seidenhändler ihm einmal verehrt, es stellte einen Berg dar, der knapp an einer Meeresküste zum Himmel aufstieg. Einen spitzen, steilen Berg, der seine ganze Umgebung, nicht nur Wasser und Land und die Stadt, die sich an seinen Fuß schmiegte, auch das Gebirge, von dem er ein Teil war, mächtig beherrschte und so hoch überragte, daß er mit seinem weiß verschneiten Gipfel sogar über die Wolken hinauswuchs. Darunter standen in Perlschrift, die wie gestochen aussah und deshalb nur von Herrn Schmal, dem langjährigen Buchhalter des Hauses, herrühren konnte, die Worte geschrieben: »Der Pik von Teneriffa.« Irgendwie war nun der Name des Berges als Spitzname auf Herrn Michael Hocheder, den Seniorchef der Firma übergegangen, vielleicht weil er ebenfalls der höchste in seiner Umgebung war, oder wegen seines schneeweißen Haarschopfes, oder seiner steilen Haltung, vielleicht auch nur aus dem ganz äußerlichen Grunde, daß man, so oft man zu ihm gelangen wollte, im Vorzimmer eben jenes Bild hängen sah und jene Aufschrift las – niemand wußte es bestimmt. Aber im vertrauten Gespräch nannten ihn alle nur den Pik. Und daß der Pik von Teneriffa, wie es hieß, gelegentlich auch sollte Feuer speien können, das stimmte auch, es schien den Übernamen nur um so mehr zu rechtfertigen. Denn Michael Hocheder war trotz seiner siebzig Jahre noch ein rascher und hitziger Mann, wenn er in Zorn geriet, und das war keine Seltenheit, so konnte er ausbrechen wie ein Vulkan, daß die Leute sich vor ihm fürchteten. Darum war es nicht bloß scherzhaft gemeint und ein ungetrübtes Lächeln, wenn sie untereinander vom Pik sprachen. Das steile, knappe, wie ein Peitschenhieb sausende Wort umwitterte zugleich auch eine gewisse Scheu und ein geheimes Bangen, wie man dergleichen vor starken Menschen von schier kindlicher Unbefangenheit empfindet, die ihren ausgeprägten Willen für den selbstverständlich allein richtigen halten und in ihrer Art ebenso unberechenbar wie unvergleichbar sind.   Nun saß der alte Herr wieder an seinem Schreibtisch und beugte sich über die Bücher, um an der Hand des aufgenommenen Bestandes die Richtigkeit der Eintragungen zu überprüfen, da klopfte es an die Tür des Kontors. Sein Sohn Laurenz trat ein, hochgewachsen, fest und aufrecht wie er, aber Schädel und Gesichtsbildung schmäler, länglicher und blässer, das volle dunkelbraune, seitlich gescheitelte Haar noch ungebleicht, nur der mächtige, etwas hellere Bart von einzelnen Silberfäden durchzogen. »Gut, daß du kommst,« rief Michael Hocheder ihm entgegen, »ich wollte ohnedies mit dir sprechen.« Und mit einer Handbewegung auf den neben dem Schreibtisch stehenden Stuhl weisend, legte er in einem Ton, der so erregt klang, daß es fast wie eine Anklage herauskam, ungesäumt los. »Die bisherige Kalkulation ist ein Unsinn! Sie ruiniert uns! Daß da noch keiner draufgekommen ist! In Zeiten, wo der Rohstoff ständig im Preise steigt, kann man doch nicht auf Grund der Gestehungskosten kalkulieren! Oder wollen wir uns umbringen?« »Das ist es ja, Vater, was ich schon immer...« »Rechthaberei gehört nicht zur Sache!« unterbrach er ihn unwirsch. »Ich will auf meine alten Tage nicht Konkurs machen! Woher sollen wir aber die immer noch ansteigenden Wucherpreise für Seide und Garn, woher die erhöhten Arbeitslöhne bezahlen, wenn die Gestehungskosten für abgesetzte Ware auf Grund der früher geltenden, viel niedrigeren Preise und Löhne errechnet sind?« »Das hab' ich dir doch wie oft vorgestellt, Vater, erinnere dich doch! Ich vertrat immer den Standpunkt...« »Welchen Standpunkt du vertreten hast, das bleibt sich jetzt gleich! Tatsache ist, daß wir auf den Hund kommen müssen, wenn wir so weiterwursteln, herumreden führt zu nichts, wir müssen handeln, sprich mit den Herrn drüben, welche Änderungen sich in der Veranschlagung vornehmen ließen, damit wir nicht beständig draufzahlen. Aber der Schmal, der in aller Bescheidenheit immer so genau weiß, wie eine solide Firma sich zu verhalten hat, soll mir nicht zu viel dreinreden! Der ist imstand und will lieber zusperren, als an der hergebrachten Preisbildung etwas ändern.« Laurenz wußte genau, daß der Vater selbst und ganz allein es gewesen, der seinen wiederholt erhobenen Vorstellungen ein taubes Ohr entgegengesetzt und hartnäckig auf Entscheidungen beharrt hatte, deren Unhaltbarkeit er vorausgesehen. Herr Schmal, der Buchhalter, der wirklich die Bescheidenheit selbst war, wäre nie imstand gewesen, ein bündiges Wort auszusprechen, das Verantwortung auferlegte, geschweige einen Anstoß zu geben oder gar eine neue Richtung zu weisen; er konnte höchstens der Meinung des alten Herrn gefällig beigepflichtet haben. Das alles wußte Laurenz. Aber er wußte auch, daß der Vater recht behalten und unter allen Umständen der Vorausschauendere gewesen sein wollte. Es kam ihm nicht darauf an, das stark ausgebildete Selbstbewußtsein des Seniorchefs zu erschüttern, im Gegenteil, er anerkannte dessen Geltung und war nur froh, daß jener, der eine Belehrung von ihm nicht hatte annehmen wollen, inzwischen sich selbst belehrt zu haben schien. Da er überdies darauf brannte, eine andere Angelegenheit zur Sprache zu bringen, die ihm im Augenblick näher am Herzen lag, so verzichtete er gern auf alle überflüssigen Rückblicke und beschränkte sich darauf, streng sachlich auf die neu geschaffene und durch die Gesinnungsänderung des alten Herrn sogar erleichterte Lage einzugehen. »Ich brauche mich nicht erst mit den Herrn zu besprechen, Vater«, sagte er. »Wenn du erlaubst, daß ich dir einen Vorschlag zur Prüfung unterbreite, der mir den derzeit einzig gangbaren Weg zu weisen scheint, so wollen wir bald ins reine kommen. Mein Plan hat den Vorzug einfach zu sein und stößt die Aufrichtigkeit der Kalkulation nicht über den Haufen. Das Wichtigste daran ist kurz folgendes, wir rechnen nach wie vor in jedes Stück Ware, das verkauft wird, ehrliche Gestehungskosten ein; aber nicht die Gestehungskosten dieses selben Stückes, das schon fertig ist, sondern jene, welche die Herstellung eines gleichen Stücks Ware an demselben Tag erfordern würde, an dem wir das erste verkaufen.« »Noch einmal!« sagte der alte Hocheder, der nicht gleich begriffen hatte. »Das ist höhere Mathematik.« Laurenz wiederholte etwas langsamer seinen Vorschlag Wort für Wort und fügte hinzu: »Auf diese Weise sind wir auch bei steigenden Preisen des Rohmaterials und Arbeitslohnes in der Lage, für jedes abverkaufte Stück ein solches derselben Art wiederzuerzeugen. Und es entspricht auch nur der Billigkeit, daß uns der Käufer für die Ware, die wir ihm überlassen, so viel ersetzt, daß wir um den erzielten Kaufpreis wieder neue Ware derselben Art herstellen können. Liegt das nicht auf der Hand? Nun also! Anders läßt sich ein Betrieb überhaupt nicht aufrechterhalten, bei fortwährend sinkendem Geldwert schon gar nicht, das ist doch klar!« »Schau, schau, da steckt Vernunft drin«, machte der Alte, nun anscheinend beruhigt und versöhnt. »Warum hast du denn das nicht früher gesagt? Schon lang hätt's notgetan, daß etwas geschehen wär'. Immer schon hat mir eine ähnliche Lösung vorgeschwebt.« Der Wahrheit gemäß hätte Laurenz erwidern müssen, daß seine mehrfachen Versuche, das Selbstverständliche durchzusetzen, bis dahin nur schroffe Zurückweisung erfahren hätten. Aber es lag ihm daran, den Vater nur um Gotteswillen nicht zu verstimmen, damit das, was er ihm gegenüber noch vertreten wollte, ein geneigtes Ohr fände. Darum baute er vorsichtig eine Brücke von der kaufmännischen Frage zum neuen Gegenstand hinüber, indem er eingestand, seine Gedanken seien in den letzten Tagen mehr von andern als von geschäftlichen Dingen in Anspruch genommen gewesen. Die Dinge aber, um die es sich handle, hätten die größte Bedeutung auch für den Vater und die ganze Familie, weshalb er um die Erlaubnis bitte, sie vorbringen zu dürfen. Und indem er andeutete, daß er etwas ganz Unerwartetes und Erfreuliches zu berichten habe, näherte er sich mehr und mehr dem Kernpunkt, bis er schließlich mit der Eröffnung herausrückte, der Severin sei nicht gefallen, sondern nach am Leben, befinde sich wohlauf und lasse den Vater bitten, wieder in dessen Haus aufgenommen zu werden. Michael Hocheder hatte den Kopf zurückgeworfen, seine hart und undurchdringlich gewordenen Züge verrieten nichts von innerer Bewegung. Es dauerte eine geraume Weile, eh' er das Schweigen brach. Dann entrang sich seinen geschlossenen Lippen die knappe, kühle Frage: »Bereut er?« »Sein Brief«, antwortete Laurenz ausweichend, »deutet darauf hin, daß er um vieles einsichtiger und besonnener geworden ist. Er hat ja auch so Unsägliches durchgemacht. Er wird, wenn Gott und wir ihn nicht im Stiche lassen, wieder auf die Beine kommen und in eine gesunde Bahn einlenken.« »Keine allgemeinen Redensarten, wenn ich bitten darf!« sagte der Alte streng. »Zeig' mir den Brief, ich will ihn lesen.« Laurenz zögerte. Er wußte, daß einzelne Stellen den Vater verletzen, ihn gegen Severin neuerdings aufbringen würden. Darum war er ein paar Tage lang mit dem Brief in der Tasche umhergegangen, immer überlegend, wie er die Sache am glücklichsten einfädeln könne. Außerdem enthielt Severins Schreiben auch Stellen, die Rätsel zu raten gaben. Darum eben hatte er sich an die drei Heymonskinder gewendet, denen er doch wieder nichts Bestimmtes mitteilen wollte, ehe der Vater über die unvorhergesehene Wendung unterrichtet wäre. Aber die Hoffnung, daß der Bruder auch an einen von ihnen geschrieben und sich des näheren über seine Pläne ausgesprochen haben würde, war eine trügerische gewesen. Die Unklarheiten blieben bestehen, vor allem waren dem Brief kaum Andeutungen darüber zu entnehmen, wie Severin sich seine Zukunft vorstellte. Jede unzweideutige Erklärung, daß er seiner Kunst entsagen und in der Frage der Berufswahl sich den wünschen des Vaters fügen wolle, fehlte. Laurenz hätte gewünscht, daß sein Bruder sich in manchen Punkten vorsichtiger, in andern wieder offener und rückhaltloser geäußert hätte. Er sah es nicht gern, daß der alte Herr gleichsam unmittelbar mit Severin in Verbindung treten wollte, es wäre ihm lieber gewesen, wenn er ihn selbst als Mittler angenommen und gelten lassen hätte, wie entzweite Parteien meist aussichtsreicher durch einen Anwalt als geradeswegs miteinander verhandeln. »Der Brief beauftragt mich,« sagte er mit dem Versuch, abzulenken, »Severins Bitte bei dir vorzubringen. Ich tue es in der festen Überzeugung, daß eine Aussöhnung jetzt möglich wäre, und daß eine solche nicht nur ihm, sondern auch dir, uns allen das Herz erleichtern würde. Richten wir unsere Aufmerksamkeit in diesem Augenblicke nicht auf Einzelheiten, es wird sich eine Lösung oder doch eine Ungleichung dafür finden lassen. Denken wir nur ans Große, nur ans Ausschlaggebende! Der verlorene Sohn kommt vom Elend gebeugt zurück und erhebt bittend die gerungenen Hände. Kannst du zögern, Vater, ihn mit ausgebreiteten Armen zu empfangen?« »Eh' wir weiterreden, gib mir den Brief zu lesen!« beharrte in unveränderter Haltung Michael Hocheder. Da blieb Laurenz nichts übrig, als nachzugeben. Bangen Herzens zog er das Schriftstück, dessen Wortlaut er dem Vater lieber vorenthalten hätte, aus der Brusttasche und reichte es hin. Ohne ein äußeres Zeichen von Erregung nahm der alte Herr dieses erste Lebenszeichen seines seit Jahren totgeglaubten Sohnes entgegen und fing still für sich zu lesen an, aufmerksam und bedächtig. Der Brief war aus Triest datiert und auf große Quartblätter geschrieben, die den Aufdruck eines Triestiner Hotels trugen. Lieber Laurenz! Aus russischer Gefangenschaft entflohen und nach längerem Aufenthalt in China auf einem englischen Schiffe eingeschifft, habe ich gestern zum erstenmal nach langen Jahren wieder europäischen Boden betreten, was ich alles erlebt und erlitten, will ich hier nicht berühren. Genug, ich bin wohlauf und entschlossen, den steilen Gipfel des Berges mit der Zeit doch noch zu erklimmen, wenn ich fürs erste nur ein haltbares Felsenband finde, auf das ich meinen Fuß setzen kann. Es dürfte nicht viele Heimkehrer geben, die nicht bestimmt wissen, ob ihre Angehörigen in der Heimat sie auch mit offenen Armen empfangen werden, oder nicht. Ich gehöre wie immer zu den wenigen. Schon lange vor dem Kriege hatte ich kein Vaterhaus mehr und bin mir nicht ganz sicher, ob ich jetzt ein solches haben werde. Aber wie die wild hereinflutenden Wogen des Krieges die verführerisch gleißenden Irrlehren unter den Völkern mit sich gerissen haben, um sie für immer ins Meer des Vergessens zu spülen, so vertraue ich darauf, daß sie auch die Köpfe der einzelnen reingefegt, oder doch wenigstens die stumpfsinnigsten und veraltetsten Vorurteile aus ihnen fortgeschwemmt haben werden, wie ich höre und lese, soll ja jetzt auch in Österreich eine frischere und freiere Luft wehen, verheißungsvoll kündigt eine neue Zeit sich an, und auch die Schutzengelgasse wird ihrem Sturmschritt auf die Dauer nicht widerstehen können. So bitte ich Dich denn, lieber Laurenz, beim Vater anzufragen, ob er ungeachtet der früher bestandenen Mißverständnisse mir die Tür seines Hauses wieder öffnen will. Ich hoffe ihn ebenso wie meine kleine Marianne, aus der inzwischen ein ganz großes Mädchen geworden sein muß, bei bester Gesundheit und wünsche ihm Geduld und Zuversicht in der jetzt vermutlich recht schwierigen Geschäftslage. Es kann nicht lange dauern, so muß über die ganze Welt ein Aufblühen kommen, wie es bisher niemand auch nur geahnt hätte. Was Dich selbst betrifft, lieber Laurenz, den ich ebenfalls wohlauf hoffe, so trage ich keine Sorge, daß Du Dich meiner Heimkehr widersetzen könntest. Du bist mir immer ein treuer und liebreicher Bruder gewesen, hast mir auch in meinem Elend geholfen, so oft ich mich finden ließ, und wenn ich aus Stolz mich nicht finden lassen wollte, bist Du nicht müde geworden mich zu suchen, hast nicht erst gewartet, bis ich bettelnd zu Dir kam, was ich freilich niemals getan hätte. Du wirst auch jetzt den Heimgekehrten nicht von Dir stoßen, ich weiß es. Und daß auch Deine liebe Frau mir die schwärmerische Torheit verziehen haben wird, mit der ich im jugendlichen Alter ihr damals ebenfalls noch so junges Leben beunruhigte, darauf baue ich im Vertrauen auf ihren edelmütigen Charakter, vielleicht gelingt es den aufrichtigen und, ich kann es ehrlich beteuern, lauteren und brüderlichen Gefühlen, die ich für sie hege, ihrem Herzen mit der Zeit jene schwesterliche Neigung abzugewinnen, die mich beglücken würde. Aus den letzten Sätzen ersiehst Du, daß unter den wenigen Nachrichten von zu Hause, die mich im Feld oder im Inferno der verschiedenen sibirischen Konzentrationslager erreicht haben, zum Glück gerade jener Brief sich befand, in welchem Du mir (ich glaube, es war 1916 oder 1917) Deine Vermählung mit Justine Mairold mitgeteilt hast. Ich habe mich darüber gefreut! Ja, ich schwöre es Dir beim Andenken unserer früh verstorbenen Mutter, ich habe mich darüber gefreut! Ich erblickte und erblicke darin etwas wie eine späte Genugtuung für Justine. Und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß die feindliche Kluft, die meine jugendliche Handlungsweise zwischen dem Hause Mairold und dem unsrigen aufgerissen hatte, durch die neuen verwandtschaftlichen Beziehungen wieder friedlich überbrückt worden ist. Sei so gütig, der ungewissen Lage, in der ich mich befinde, durch Deine Antwort, die hieher zu adressieren ich Dich bitte, möglichst bald ein Ende zu machen. Dein treuer Bruder Severin. Michael Hocheder faltete die Blätter zusammen und reichte sie zurück. »Das klingt nicht gerade danach, als hätte die Not ihn mürbe gemacht«, sagte er trocken. »Auch kann ich in dem Brief weder eine an mich gerichtete Bitte noch viel von einer bei ihm gereiften Einsicht entdecken. Jedenfalls hat er es nicht verlernt, seine Fehler und Unüberlegtheiten mit beschönigenden Worten zu verkleistern, wenn er sich aber einbildet, daß bolschewistische Ideen inzwischen auch in der Schutzengelgasse Eingang gefunden hätten, so ist er entschieden auf dem Holzweg. So lange ich am Leben bin, bleibt hier alles, wie es war. Schreib' ihm das und setze hinzu, daß ich für seinen ausreichenden Unterhalt sorgen werde, bis er in der Heimat wieder festen Fuß gefaßt haben wird. Bevor aber nicht eine wild hereinflutende Woge, wie er sich ausdrückt, anders als die gegenwärtige, seinen eigenen Kopf reinfegt und die großen Rosinen fortschwemmt, die er noch immer darin zu haben scheint, eher betritt er dieses Haus nicht!« Laurenz, der seine schlimmsten Befürchtungen übertroffen sah, gab zu bedenken, daß der Brief, der sicherlich anders und ehrerbietiger lauten würde, wäre er unmittelbar an den Vater gerichtet, eigentlich nur für ihn selbst bestimmt sei, daß man unter Brüdern nicht jedes Wort auf die Wagschale lege, und daß aus einzelnen Stellen immerhin auf eine entschiedene Sinnesänderung Severins zu schließen sei. Er fuhr fort, mit Bitten und Vorstellungen in den alten Herrn zu dringen, mit steigender Wärme die Sache des Bruders zu vertreten, und wurde nicht müde, die Beweggründe des Herzens geltend zu machen. »Wie kannst du verlangen, Vater,« schloß er zusammenfassend, »daß Severin genau den Ton treffe, den du von seiner Seite zu hören wünschest? Wie viele Jahre liegen dazwischen, seit er diesem Hause fremd geworden! Was hat er in der Zeit nicht alles erdulden müssen! Schon früher: Hungerndes Künstlertum, das Elend einer unsicheren, vielleicht verfehlten Laufbahn. Dann der Krieg, der schrecklichste, den es je gegeben! Not, Gefahr, Entbehrung, der Schützengraben, die Gefangenschaft! Eine Hölle, eine wahre Hölle! Und dabei die Unberatenheit vom frühen Jünglingsalter an, ohne daß ihm einer von denen, die ihm naturgemäß die Nächsten wären, helfend oder führend zur Seite stehen konnte! Meinst du wirklich, daß dies alles mit einer Geldunterstützung wettgemacht sei? Bedenke, daß Severin um beinahe zehn Jahre jünger ist als ich. Er ist noch bildungs-, noch wandlungsfähig. Gib ihm die Segnungen des Familienlebens zurück, die festen Überlieferungen des Vaterhauses, und es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, wenn die für ihn neue Umgebung ihn mit der Zeit nicht in dem Sinne umwandeln würde, wie du es dir wünschest!« Der alte Herr schien nun doch zu schwanken. Er machte keine Einwendungen mehr. Nur die allerletzten Worte griff er auf und sagte mit einem ungläubigen Lächeln auf den Lippen: »Es wird erzählt, daß einmal ein galizischer Judenbub in eine Wiener Familie aufgenommen worden ist, um ordentlich Deutsch zu lernen. Nach einem halben Jahr soll das ganze Haus jiddisch gesprochen haben.« Laurenz aber überhörte den Zweifel, der in dem halb scherzhaften Vergleich verborgen lag, die Befürchtung, daß mit Severin ins Haus »Zum Seidenbaum« ein neuer Geist einziehen würde, der sich unter Umständen als der stärkere erweisen könne. Es genügte ihm, daß in der Brust des Vaters eine Neigung zur Nachgiebigkeit sich zu regen schien, etwas wie der Wunsch, sich widerlegt zu sehen. Und sein wuchtigstes Gewicht hatte er noch nicht einmal in die Wagschale geworfen. Das tat er nun. »Ich frage nicht dich, und ich frage nicht mich, wie unsere Entscheidung fallen soll, ich frage sie!« Damit wies er auf ein Bild seiner früh verstorbenen Mutter, das dem Schreibtisch gegenüber an der Wand hing. Michael Hocheder hob den Blick. Laurenz bemerkte, daß seine Züge sich entspannten und einen ungewohnt weichen Ausdruck annahmen. Und selbst ergriffen in diesem Augenblick, fügte er hinzu: »Nicht mehr als sieben Jahre zählte Severin, als sie starb. Wenn ich ihr in die Augen schau', so ist mir immer, als ob sie fragen würde: Ihr habt mir den Buben doch nicht verkommen lassen?« Da senkte der alte Hochcheder das weiße Haupt auf die Brust und verharrte schweigend mit geschlossenen Lidern... Als er sich wieder aufrichtete, sagte er: »Du hast recht, die Stimme der Mutter soll nicht überhört werden.« Da aber Laurenz aufatmend, weil er meinte, bereits gesiegt zu haben, ihm danken wollte, fiel er ihm ins Wort: »Indessen hat nicht nur sie, die Mutter, hier mitzusprechen, Es ist noch eine andere Frau, der wir billigerweise eine Stimme einräumen müssen. Deine Frau, Laurenz! Justine! Ich bezweifle, ob sie unter einem Dach mit Severin wird leben wollen. Und ohne ihre ausdrückliche Zustimmung werde ich ihn in mein Haus nicht aufnehmen, das bin ich ihr und der Familie Mairold schuldig.« »Dann darf ich zuversichtlich hoffen, daß ich dem Severin zustimmend antworten kann.« »Hat Justine sich schon geäußert?« »Das nicht, sie hatte auch keinen Anlaß dazu. Doch wie ich sie kenne ... Sie ist die Güte und Milde selbst.« »Warten wir's ab!« »Du wirst sehen, Vater ...« »Erraten läßt sich da nichts. Ob sie zustimmt oder nicht, das wird sich weisen. In beiden Fällen füge ich mich. Es ist das erstemal in meinem Leben, daß ich nicht einfach tue, was ich für richtig halte. In ihren Händen liegt die Entscheidung. Sag' ihr das! Und nun genug! Wir haben zu tun.« Laurenz begriff, daß er entlassen sei, erhob sich sofort und verließ mit einer ehrerbietigen Verneigung die Schreibstube. Im Vorzimmer streifte sein Blick den Pik von Teneriffa, der starr und eisig über die Wolken hinausragte. Und das Wort, das noch in ihm nachklang, kam ihm wie ein unverhofftes Wunder vor: »Ich füge mich!« Das bedeutete ihm soviel wie gewonnenes Spiel. Schon waren seine Gedanken damit beschäftigt, den Brief aufzusetzen, der dem unglücklichen Bruder die erlösende Freudenbotschaft mitteilen, aber freilich auch allerlei wohlmeinende Winke und Mahnungen enthalten sollte. Der alte Hocheder dagegen stand, nachdem er allein geblieben, vom Schreibtisch auf und ging, die Hände auf dem Rücken, in düsteren Gedanken in der Stube auf und nieder. Es wurmte ihn hinterher, daß er nachgegeben. Der Severin konnte zufrieden sein, wenn er ihn mit Geld unterstützte und vor Not bewahrte. Wozu mehr? Hatte der Sohn, den er in seinem Innern ungeraten schalt, mehr verdient? Und ohnedies würde es kein gutes Ende nehmen, wenn er wieder ins Haus zurückkehrte. Davon hielt er sich nach wie vor überzeugt. Immer mehr redete er sich in den Gedanken hinein, daß es für alle Teile besser gewesen wäre, hätte er auf seiner ursprünglichen Meinung beharrt. Und sein ganzes Leben lang wollte er die Erfahrung gemacht haben, daß es immer übel ausgegangen sei, wenn er einmal anders gehandelt, als er eigentlich gewollt. Als schwacher Trost blieb ihm schließlich noch die Erwartung, daß Justine in seinem Sinne entscheiden und mit einem Nein antworten würde. Je mehr er darüber nachdachte, desto wahrscheinlicher kam es ihm vor. Sie konnte ja gar nicht anders! Sie würde doch nur neuerdings mit dem Severin ins Gerede kommen! Und wenn auch nicht, so mußte es ihr selbst peinlich sein, die alten Erinnerungen wieder aufzuwecken. Laurenz, der Arglose, machte sich das offenbar nicht klar, weil er in seiner Gutmütigkeit nur an den Bruder dachte. Aber er, der Erfahrene, durchschaute die Menschen besser ... So bildete er sich's wenigstens ein. Die kleine Biedermeieruhr auf dem Schreibtisch schlug mit silbernem Geklingel die Stunde. Da schüttelte der alte Herr die Gedanken von sich. Mochte die Sache ihren Lauf nehmen, wie sie sollte und mußte. Ihn ging sie bis auf weiteres nichts mehr an. Bei Justine stand die Entscheidung, und die Arbeit drängte. »Maria Lichtmeß!« sagte er mit den Fingern schnalzend und kehrte zu seinen Büchern zurück.   Am Nachmittag des Karfreitag schlenderte Konrad nachdem er über sein Reißbrett gebeugt viele Stunden auf der Technik zugebracht, ohne besonderes Ziel durch die innere Stadt, lediglich in der Absicht, seinem überarbeiteten Kopf erholende Zerstreuung zu gönnen. Am Stock-im-Eisen stand er eine Weile still und ließ wie immer, wenn er an dieser Stelle vorbeikam, den Blick die steile Pyramide des Stefansturmes emporklimmen. Wie zäh und unzerstörbar schien die ungeheure Wucht des gewaltigen Bauwerks mit diesem alten Wiener Boden verwurzelt! Aus breiter Massigkeit strebte es, von kunstvollen Klippen starrend, über die Giebel des Langhauses hinaus bis zum Doppelgiebel der Glockenstube empor, über der dann schlank und leicht das Achteck der Turmspitze aus einem Wald von Fialen in den blauen Himmel hineinschoß. Und ganz oben, über der Kreuzrose, funkelte mit der Leuchtkraft der Scheinwerfer, mit denen man im Krieg das Gelände abgesucht, der mächtige goldene Knauf, Adler und Kreuz tragend, in der frühlingsherben Nachmittagssonne. So oft Eybel diesen strahlenden Lichtpunkt, der wie eine zweite Sonne glitzerte, von einer der Höhen des Wienerwaldes aus aufflammen oder wie jetzt, aus der Nähe, über dem Getriebe der Straßen schweben sah, wurde ihm warm ums Herz. Immer kam es ihm dann vor, als sei ein bedeutsames Leuchtfeuer entfacht auf diesem herrlich aufragenden, weit gegen die mittlere Donau vorgeschobenen ungeheuren Grenzstein, den deutscher Geist und deutsches Fühlen hier aufgerichtet, als ein dauerndes Bollwerk gegen östliche Ungesittetheit und Verluderung. Aber wie ganz anders nahmen sich jetzt die Dinge aus! In den Kot gezerrt, wußte er den deutschen Namen durch neidvoll bösen Willen, der dem unwissenden Pöbel einer Welt den leidigen Schlag des Berliner Handlungsreisenden und Gardeleutnants als angeblich bezeichnendste Vertreter des gesamten deutschen Wesens betrügerisch vorgespiegelt, nur um jene Siedehitze des Hasses zu erzeugen, die allein imstande gewesen, Millionen Gleichgültiger in den blutrünstigsten aller Kriege zu jagen. Und nun, da das verruchte Werk geglückt, das deutsche Volk durch Hunger und Lüge niedergerungen war, nun stellte die Versammlung von Heuchlern am grünen Tisch sich an, als wüßte sie nichts davon, daß es Deutsche gewesen, die die Ostmark begründet und jenen wundervollen Dom gestiftet, den eine deutsche Bauhütte erbaut hatte, und reihte dieses entrechtete schöne Stück Land unter die ihrer Willkür preisgegebenen Balkanstaaten ein, indem es ihm die Heimkehr zum Muttervolk verwehrte und es zu einer Selbständigkeit verurteilte, die Armut, Elend und damit den Hereinbruch eben jener Ungesittetheit und Verluderung bedeuten konnte, gegen die es bis dahin die Grenzmacht gehalten. So spiegelten sich in Konrad Eybels Kopf die großen Entscheidungen der Weltgeschichte. Und mit geheimem Bangen erwog er in seinem Herzen, ob denn eine sichere Gewähr dafür bestehe, daß diesem schamlosesten Anschlag, der je auf die Seele einer hochstehenden Bevölkerung unternommen worden, nicht schließlich ein gewisser Erfolg beschieden sein würde? Unter den Wackeren, die im Schatten von St. Stefan jahrhundertelang gegen Türken und andere östliche Horden sich tapfer behauptet, 1809 den Widerstand gegen den korsischen Eindringling ins Werk gesetzt, 1848 um wahre oder vermeintliche Ideale gerungen hatten, zählte auch er Vorfahren. Und sein eigener Vater, im Range eines Generals verstorben, war es gewesen, der am letzten Oktober des Sturmjahres, damals noch ein blutjunger Leutnant, an der Spitze einer Abteilung Windischgrätz-Grenadiere als erster durchs Burgtor in die innere Stadt eingerückt und auf dem Graben mit begeisterten Hochrufen und wehenden Tüchern aus allen Fenstern begrüßt worden war, weil man den Befreier von der Gewaltherrschaft einer mißverstandenen Freiheit in ihm erblickte. Immer handelte es sich in jenen verwichenen Tagen um die opfermütigen Kämpfe einer aufrechten und volksbewußten Bürgerschaft, der es dann auch in der Zeit des technischen und wirtschaftlichen Aufschwunges glückte, diese Stadt nach dem Fall der einengenden Wälle und Basteien in treuer Arbeit zu einer der stattlichsten, wohlhabendsten und vielleicht schönsten der Welt auszugestalten. Aber entsprach denn auch, so fragte er sich, der Geist der Gegenwart jener ruhmreichen Vergangenheit? War das neue Geschlecht, auf das der ehrwürdige Dom heute herabblickte, der Ahnen würdig? Gab es überhaupt noch ein volksbewußtes und bodenständiges Wiener Bürgertum wie einst, das mit der Stadt und dem Lande auf Leben und Tod sich verwachsen fühlte? Und würde dieses, wenn es noch eines gab, kraftvoll, opferwillig und ehrenfest genug geblieben sein, auch unter den veränderten, ungleich schwierigeren Verhältnissen die Führung sich nicht aus der Hand gleiten zu lassen, die Freiheit aus den Fäusten der Zuchtlosigkeit zu retten und den lauteren Quell des deutschen Geistes, der bis dahin die Herzen des österreichischen Volksstammes vor dem Verdursten bewahrt hatte, sich nicht trüben oder gar abgraben zu lassen? Unter bekümmerten Gedanken setzte Eybel seinen Weg fort, über den Graben gegen die Bognergasse. Überall drängten sich Scharen von Menschen, die Luft war lenzhaft frisch, aber wohltuend, der übliche Gräberbesuch von Kirche zu Kirche hatte unzählige Schaulustige in die innere Stadt gelockt. Kraftwagen sausten vorbei, die Auslagefenster funkelten von kostspieligen Überflüssigkeiten, Blumenverkäuferinnen mit umgehängten Körben hielten schwebende Gärten voll Wohlgeruch und Blütenpracht feil, und das käufliche Laster der Straße, das durch anreizenden Putz die Augen auf sich zu ziehen suchte, scheute den Karfreitag so wenig wie die Stätten der Lustbarkeit mit ihren schreienden Ankündigungen von Kabaretts, blutrünstigen Lichtspielen und Revuen der Nacktheit. Und dies alles, diese ganze üppige Schauseite eines sprühenden Großstadtlebens, stellte für den Tieferblickenden nichts anderes als eine buntbemalte Kulisse dar, dazu bestimmt, den Wüstlingen und Lüstlingen aus aller Welt eine oberflächliche Zerstreuung zu verschaffen, während dahinter die Not und das Elend der einheimischen Bevölkerung zaghaft und verschüchtert sich verbarg! Wo eine elegante Toilette, ein kostbarer Pelzmantel, ein nach der Mode gekleidetes feines Paar an Eybel vorüberglitt, da schlugen auch in der Regel fremdländische Laute an sein Ohr. Und so oft er Käufer in einen Laden treten, eine Gruppe von Menschen die tollen Plakate studieren oder Fahrgäste einer Autodroschke entsteigen sah – fast immer klangen ihm aus ihren Gesprächen Idiome entgegen, die hier nicht zu Hause waren. Raben und Aasgeier, die krächzende Gefolgschaft der Schlachten, hatten sich auf das gefallene Vaterland gestürzt und durchwühlten gierig seine Eingeweide, um sich womöglich noch einen Fetzen herauszureißen und in ihren Hakenschnäbeln davonzuschleppen. Die einheimische Bevölkerung, obwohl bei weitem in der Mehrzahl, verschwand beinahe neben diesem beutelustigen Raubgezücht. Schier lichtscheu drückten die Leute sich die Hauswände entlang, meist rückständig in der Mode und dürftig anzusehen, die Frauen manchmal noch immer mit jenem eingeborenen Geschmack gekleidet, der aus nichts etwas zu machen weiß, die Männer oft bis zur Herabgekommenheit abgeschabt und verwahrlost. Enteignete des Schicksals, die wehrlos zusehen mußten, wie ihr Vermögen sich verflüchtigte, die in Jahrhunderten angesammelten Werte in fremde Hände übergingen; wehrlos zusehen mußten, wie der ehrlichen Arbeit das Wasser abgegraben wurde durch Abenteurer und Spekulanten jeder Spielart, und wie die Stadt ihrer Väter mehr und mehr zum großen Ausverkaufsbasar für weltbürgerliche Kriegsgewinner, zum lockeren Varieté für die Lebemänner des Balkans herabsank. Zwei überaus gepflegte jüngere Damen von erlesener äußerer Erscheinung, Engländerinnen offenbar oder Amerikanerinnen, die das Abzeichen irgendeiner ausländischen Wohltätigkeitsmission trugen und dem trübsinnig vor sich hin sinnenden Eybel in der Bognergasse entgegenkamen, tauschten, als er sich näherte, eine Bemerkung miteinander, die sich anscheinend auf ihn bezog, und lächelten dazu. Er war ein hübscher, hochgewachsener Mensch mit einnehmenden, männlich ausgeprägten, von Sonne und Wetter gebräunten Gesichtszügen, er hätte es nicht nötig gehabt, sich abfällig beurteilt zu fühlen und das Lächeln der beiden Damen, das holdselig genug war, als ein spottlustiges zu deuten. Aber eingeschüchtert durch ihre reizvolle Tadellosigkeit, dachte er in diesem Augenblick nur an seine Wickelgamaschen, nur an seinen abgetragenen Anzug, der die Abstammung von einer altgedienten Feldmontur nicht verleugnete, an den Stiefeln konnte ein scharfes Auge Spuren von Flickarbeit erblicken, trotz des Blendwerks von eitel Glanz, das eine sorgsame Wichsbürste darüber gebreitet, Hut besaß er überhaupt keinen. Darum befiel Feigheit, die er vor Feinden nie gekannt, ihn jetzt unter den Augen der schönen Feindinnen, so daß er sich rascher in Gang setzte, auskneifend die Straße überquerte und im dunklen Drang, sich unsichtbar zu machen, in das enge Gäßchen hinter dem ehemaligen Kriegsministerium einbog. Erst in der Einsamkeit, die ihn dort umfing, gewann er nach und nach so viel Mannesmut zurück, daß er sich auf der andern Seite wieder ins Freie wagte. Etwas beschämt über seine Flucht trat er auf jenen wunderschönen, saalartig geschlossenen alten Platz hinaus, welcher nach der Burg der Markgrafen und Herzöge aus dem Hause Babenberg, die sich im zwölften Jahrhundert hier erhoben hatte, noch heute »der Hof« heißt. War es Zufall, daß die beiden hübschen Engländerinnen ihm in der Bognergasse begegneten und ihn, ohne es zu wollen oder zu ahnen, durchs Seitzergäßchen auf den Hof verscheuchten? Oder war's Bestimmung und höhere Fügung? Fest steht nur das eine, daß er von da an eine Zeitlang etwas wie ein Spielball in der Hand einer unbekannten Macht blieb, die man nach Belieben Zufall oder anders nennen mag. Denn unversehens fand er sich inmitten einer vorwiegend einfachen, ja ärmlichen und ihm deshalb zusagenden Menschenmenge wieder, welche in die auf dem genannten Platz gelegene alte Karmeliterkirche »Zu den neun Chören der Engel« hineinströmte, um an dem wie üblich darin aufgemachten »heiligen Grab« ihre Andacht zu verrichten. Und da er keinen Anlaß sah, gegen den Strom zu schwimmen, so ließ er sich ebenfalls in das Gotteshaus mit hineintreiben. Vor jener von hundert brennenden Kerzen umstrahlten Grotte, in deren geheimnisvollem Dämmer der heilige Leichnam in kunstvoller Nachbildung bestattet lag, stauten sich aber die Beschauer zu einem so undurchdringlichen Block, daß er vorzog, nach der entgegengesetzten Seite des Kirchenschiffes auszuweichen, wo um diese Stunde nur wenige Andächtige sich aufhielten. Ein Zeitenaltar, in dessen Altardecke die Worte gestickt waren: »Heiliger Judas Thaddäus bitt' für uns!« zog daselbst seine Aufmerksamkeit auf sich. Der Name des ihm bis dahin unbekannt gebliebenen Heiligen schien ihm wunderlich und prägte sich ein. Es mußte sich hier um einen Fürbitter und Helfer handeln, der offenbar eine gewisse Volkstümlichkeit genoß. Denn linker Hand von dem eirunden Bildchen über dem Altartisch, das in prächtigem Barockrahmen vermutlich den hilfreichen Wundertäter selbst darstellte, hingen eine Menge Zeichen der Verehrung und Dankbarkeit an der Wand, huldigende Weihegaben aller Art und jeder Größe. Und so wenig Eybel trotz oder gerade infolge eines tiefen religiösen Bedürfnisses, das ihm in der Seele wohnte, für einen derart handgreiflichen, auf Leistung und Gegenleistung gestellten Kult etwas übrig hatte, so empfand er doch das Primitive und Kindliche eines solchen Glaubens in diesem Zeitalter der Not und Herzensangst mit einer gewissen Rührung. Besonders ergriff ihn eine kunstvolle Inschrift, die, mit einem breiten Nahmen umgeben, unter den vielen anderen dem heiligen dargebrachten Geschenken ihm vor allem ins Auge stach. Sie war aus bunt und goldenen Perlen auf Kanevas gestickt, vielleicht von einer blassen, leidvollen Frauenhand in schlaflosen Nächten, und lautete: »Heiliger Judas Thaddäus, beschütze ihn und gib, daß er aus diesem großen Krieg gesund heimkehrt!« Darunter standen die Anfangsbuchstaben M und H , die er nicht sonderlich beachtete, weshalb er sich auch weiter keine Gedanken darüber machte. Aber während er noch so dastand und sich in den Gemütszustand der frommen Stickerin hineindachte, die vielleicht unter Tränen in jeden Stich der Nadel ein Gebetlein für ihren im Felde befindlichen Vater oder Bruder, Gatten oder Bräutigam mit eingenäht, erhob sich eine weibliche Gestalt, die bis dahin an den Stufen des Altars gekniet hatte und ihm vom Rücken aus schon früher ob ihrer hingebenden Haltung und Versunkenheit aufgefallen war, und hängte flugs unter jene gestickte Fürbitte ein zweites, kleineres Rähmchen. Es schien gewissermaßen eine Quittung für treulich geleistete Hilfe darzustellen. Denn ebenfalls in kunstvoller Perlenstickerei enthielt es die kurzen Worte: »Habe Dank!« und darunter standen abermals die Initialen M und H . Als aber nunmehr diese M H nach vollbrachter Tat sich umwendete und, ohne ihn zu bemerken, an ihm vorbei gegen den Kirchenausgang schritt, da erkannte er, daß es Marianne Hocheder war. Die Gefühle, die ihn in diesem Augenblick überfluteten, lähmten dermaßen seine Gelenke, daß er zunächst starr wie eine Salzsäule stehenblieb. Er dachte nicht daran, daß die Sprengstücke der Granaten, die im langwierigen Verlauf des Krieges mehr als einmal rings um ihn in den Boden gefahren waren, ihn möglicherweise nur deshalb nicht getroffen haben mochten, weil der heilige Judas Thaddäus an der fleißigen Nadelarbeit der schönen Stickerin vielleicht Gefallen fand. Und er versäumte es darum auch, sich bei seinem Wohltäter gebührend zu bedanken. Aber nicht aus angeborener Undankbarkeit, beileibe! Bloß aus dem Grunde, weil er überhaupt jedes Gedankens derzeit unfähig und ein Sausen und Brausen in ihm war, gerade als hätte eben jetzt in seiner nächsten Nähe eine Bombe in den Steinboden der Kirche geschlagen, aber eine angenehme. Eine gute Weile verstrich, bevor der durch diese Freudenbombe in ihm ausgelöste Jubelsturm sich in den heißen Wunsch umsetzte, dem geliebten Mädchen die Hände zu drücken. Erst jetzt schaute er wieder nach ihr aus. Er konnte sie gerade noch erblicken, wie sie gegen den Hauptaltar gewendet, über dem in kunstreicher Malerei die neun Chöre der Engel schwebten, sich mit Kreuz und Knicks von diesen verabschiedete. Hierauf machte sie kehrt und war nun endgültig durch die Kirchenpforte verschwunden. Die neun gemalten Chöre bedeuteten ihm nichts mehr gegen den einen, nur allzu rasch unsichtbar gewordenen Engel. Schleunigst lösten sich die Glieder der Salzsäure und gerieten in Bewegung. Und fast ohne sein Zutun steuerten sie ihn mit dem Kurs auf ein lenzhaft helles und doch karfreitägig ernstes Mädchenkleid ins Freie.   Daß es sich nicht gehört, einem Mädchen nachzusteigen, besonders wenn sie jung und hübsch ist – bei einer alten und häßlichen wär's noch eher erlaubt gewesen – das wußte Konrad Eybel natürlich; aber er tat es ja auch gar nicht selbst, nur seine Beine taten's. Was sein eigentlicher und besserer Mensch war, der setzte einem solchen Beginnen sogar gewisse Widerstände entgegen. Auf dem Weg quer über den Hof erwies dieser eigentliche und bessere Mensch sich noch einigermaßen nachgiebig, auf der Freiung aber wollte er sich bereits auflehnen und sagte zu den kräftig ausschreitenden Beinen: »Bildet euch nur ja nicht ein, daß der Kriegsheld, um den sich der heilige Judas Thaddäus annehmen sollte, gerade Konrad Eybel geheißen haben müsse! Es standen doch auch andere Freunde und nahe Verwandte von ihr im Feld, sogar ihr eigener Bruder, der Severin, an den wird sie gewiß in erster Linie gedacht haben! Nun also –?« Das helle Kleid flatterte inzwischen schon in der Nähe der Schottenkirche, übersetzte die Schottengasse und war plötzlich in die Teinfaltstraße verschwunden. »Mach' keine Mördergrube aus deinem Herzen und versäume die günstige Gelegenheit nicht, mit ihr zu sprechen!« äußerten die Beine durch aufgeregt große Schritte ihre Meinung: »Du zweifelst ja doch keinen Augenblick daran, daß du es warst, um den die schöne Stickerin sich beim Heiligen verwendet hat! Dafür mußt du dich natürlich bei ihr bedanken.« »Das könnte mir wohl einen recht blamablen Reinfall zuziehen, wenn dann am Ende doch ein anderer gemeint gewesen wäre«, gab der eigentliche und bessere Mensch zögernd zu bedenken. »Darum würde ich mich nie getrauen, von der Sache anzufangen oder das holde Kind überhaupt anzusprechen. Es verstieße dies auch gegen meinen unerschütterlichen Entschluß, mich ihr nicht zu nähern, bevor nicht etwas Ordentliches aus mir geworden ist. Aber das helle Kleid möcht' ich freilich gerne noch einmal sehen, wenn auch nur ganz aus der Ferne, weiter verlang' ich mir nichts.« Da trugen die Beine ihn in die Teinfaltstraße hinein, doch griffen sie auch jetzt wieder so gewaltig aus, daß sie ungefähr in der Nähe des Burgtheaters das gemächlich dahinwandelnde Mädchen schon fast eingeholt hatten. Wodurch der eigentliche und bessere Mensch sich veranlaßt sah, abermals seine warnende Stimme zu erheben. »Haltet um Himmels willen etwas zurück, ihr Ungestümen, oder noch besser, schlagt überhaupt eine andere Richtung ein! Was müßte sie denken, wenn sie zufällig umblickte und sich von mir verfolgt sähe!« »Gar nichts würde sie denken, freuen würde sie sich!« antworteten mit Überzeugung die allzu eifrigen Beine. »Übrigens überquert sie eben den Ring und biegt in den Rathauspark ein, damit fallen deine Befürchtungen ohnedies in nichts zusammen. Denn im Park, wo die Wege gewunden sind, entziehen dich Gebüsche ihrem Blick, auch wenn sie sich wirklich einmal zufällig umsehen sollte.« »Na, dann tragt mich in Gottesnamen weiter, aber auf eure eigene Verantwortung! Denn, merkt es euch, gesehen will ich auf keinen Fall werden, sie soll nicht wissen, daß ich sie lieb habe, nein, das soll sie wirklich nicht wissen, vorderhand wenigstens nicht und bis auf weiteres, es würde sie nur beunruhigen. Und wenn sie mich erblickte, so könnte ihr doch eine Ahnung davon aufdämmern, weil sie nicht begreifen würde, daß mir nur darum zu tun ist, meine Augen an ihrer anmutigen Gestalt zu weiden, und um sonst nichts. Denn das ist wenig genug, nicht wahr, und das brauch' ich mir doch nicht zu versagen, auch bei der strengsten Gewissenhaftigkeit nicht – oder doch?« »Nein, das brauchst du dir wirklich nicht zu versagen, und im Park hat's ja auch keine Gefahr, wir können sogar ein gut Stück näher hinter ihr her sein als auf der Straße. Im äußersten Fall treten wir rasch hinter einen Baumstamm, so kann sie unmöglich gewahr werden, daß du sie hinterlistig begleitest.« Mit solch beruhigenden Versicherungen wußten Eybels Beine seine Vorsicht einzulullen und setzten es auch wirklich durch, daß sie unentwegt weiterhasten durften. Als er aber um ein Boskett von blühendem Flieder bog, das ihm einen weiteren Ausblick verwehrt hatte, wem stand er da unversehens Aug' in Auge gegenüber? Dem Fräulein Marianne Hocheder, das sich in der Abgeschlossenheit einer grünen Ausbuchtung auf eine Bank niedergelassen hatte, um ein wenig auszuruhen und Frühlingsdüfte einzuatmen. Den Rückzug anzutreten, war es für Eybel zu spät, und nicht einmal ordentlich grüßen konnte er, da ihm jede Spur einer Kopfbedeckung mangelte. Indes ließ sie keine Verlegenheit aufkommen, sondern streckte ihm mit unbefangenen Worten der Begrüßung die Hand entgegen, indem sie ihn zugleich einlud, neben ihr Platz zu nehmen. »Wie freu' ich mich, Sie wiederzusehen, nach so langer, langer Zeit! Was liegt alles dazwischen! Wieviel Not, wieviel Sorge! Welche Umwälzungen haben sich mittlerweile vollzogen! Auch wir, Herr Hauptmann, werden nicht ganz dieselben geblieben sein, die wir waren, aber hoffentlich gut Freund wie einst!« Er dachte jetzt nicht mehr an seine mangelhafte äußere Erscheinung, an seinen schlechten Anzug, seine Wickelgamaschen, sein wenig präsentables Schuhwerk, er dachte auch nicht mehr an seine schönen Grundsätze, er war nur beseligt, Seite an Seite mit ihr auf einer Bank zu sitzen. »Ja, das wollen wir hoffen, mein gnädigstes Fräulein!« antwortete er herzlich. Die Bekanntschaft reichte ziemlich weit zurück, jedenfalls weit hinter Kriegsbeginn. Er war noch ein junger Militärakademiker, dann Leutnant, Marianne ein halbwüchsiges Mädchen, später ein eben erblühtes Röslein, da kannten sie einander schon. Bei befreundeten Familien gab's Gesellschaften, Gartenspiele, Tänze, sie begegneten einander nicht selten, vergnügten sich miteinander und vertrugen sich gut. Warum Eybel sich vor einem Wiedersehen mit ihr wie vor einem entscheidenden Schritt gebangt, begriff er jetzt kaum mehr, seine Schwere verflüchtigte sich vor dem ungezwungen offenen Ton, den sie anzuschlagen wußte, und er sah ein, daß es am natürlichsten sei, den Faden einfach da wieder anzuknüpfen, wo die Weltgeschichte ihn abgerissen hatte. Dankbar wiederholte er ihre Worte: »Gut Freund wie einst, ja, das wollen wir hoffen, so lange wir einander auch nicht wiedersahen bis zu dieser Stunde, die ein glücklicher Zufall mir schenkt!« »Eigentlich hab' ich Sie schon einmal gesehen,« gestand Marianne aufrichtig, »ganz kürzlich, aber nur aus der Ferne, im Salettl, am Palmsonntag, als Sie mit den Freunden beisammensaßen. Ich klirrte ein bissel mit dem Fenster, das war mein Gruß. Aber Sie sind zu stolz gewesen, um aufzublicken.« »Ich war nicht zu stolz,« verteidigte er sich, »ich sah Sie ganz gut, aber Sie waren immer gleich wieder verschwunden, wenn ich anfangen wollte, mich über Ihren Anblick zu freuen.« »Wir Mädchen tun eben alles immer nur halb,« sagte sie lachend, »zum Ganzen fehlt uns schließlich doch der Mut... Übrigens hab' ich es schon viel früher gewußt,« fuhr sie, wieder ernst geworden, fort, »daß Sie glücklich heimgekommen waren. Ich atmete auf, als ich es erfuhr. Wissen Sie, daß ich mich um Sie geängstigt hab'?« »Ich bin glücklich darüber und danke Ihnen«, sagte Eybel, dem ihre Worte wie Musik klangen. Ihr aber schien plötzlich der Mut wieder ausgegangen, sie mochte das Bedürfnis fühlen, ihre vielleicht allzu warmen Äußerungen, die sich fast zu einem Bekenntnis umdeuten ließen, etwas abzuschwächen, und abermals lächelnd fragte sie: »Glücklich darüber, daß ich mich ängstigte?« »Nein, daß Sie aufatmeten.« »Wir müssen dem lieben Gott für jeden dankbar sein, der aus diesem großen Krieg gesund heimkehrt.« Ach, mit dieser letzten Wendung, die auffallend an die gestickte Weihegabe für den heiligen Thaddäus anklang, hatte sie eigentlich alles wieder zurückgenommen, was er vorschnell auf sich allein beziehen zu dürfen geglaubt. Einigermaßen ernüchtert, sagte er ablenkend: »Auf Severins Heimkehr hatten wir kaum mehr zu hoffen gewagt, zu lange Zeit war verstrichen. Ihr Bruder Laurenz machte aber neulich eine Andeutung, als ob es nicht ganz ausgeschlossen wäre –« »Es ist sogar gewiß!« fiel sie ihm lebhaft ins Wort. »Er befindet sich schon in Triest, in den nächsten Tagen dürfte er eintreffen. Und denken Sie, er kommt nicht nur nach Wien zurück, er wird auch wieder in die Familie aufgenommen!« »Der Vater hat ihm also verziehen?« fragte Eybel gespannt. »Vor allem Justine.« »Justine?« »Ihr hatte der Vater die Entscheidung anheimgestellt. Zwei Tage lang ging ich bangend umher, Justine schien zu schwanken, sich nicht recht entschließen zu können. Aber sie ist edel und gut, und schließlich hat sie sich doch beim Vater für ihn eingesetzt. Das vergeß ich ihr nie, ich bin ja so glücklich darüber, ich kann nicht sagen, wie glücklich! Es ist wahr, ich kenn' ihn eigentlich gar nicht mehr, den Severin, aber viele Kindheitserinnerungen hängen an ihm. Und es ist doch auch natürlich, daß ich mich freue, er ist nun einmal mein Bruder. Oder tue ich unrecht daran, mich zu freuen? Meinen denn auch Sie, daß er einen schlechten Charakter hat? Dann wären Sie gewiß nicht Severins Freund gewesen!« »Er ist vielleicht ein schwacher Charakter, aber ein schlechter –? Nein, das bestimmt nicht! Wer hat Ihnen das gesagt?« »Baron Mairold, der General, hat etwas dergleichen durchblicken lassen. Als ich heute in die Stadt ging, begegnete ich ihm auf der Laimgrube. In meiner ersten Freude, weil ich es eben zu Hause erfahren hatte, erzählte ich ihm, daß wir den Severin erwarten. Er ist sonst immer so lieb, gewissermaßen ritterlich zu mir gewesen, diesmal antwortete er scharf und trocken: ›Na, da werden Sie etwas erleben!‹« »Exzellenz Mairold ist unberechenbar, bald übertrieben anerkennend, bald restlos absprechend. Ich kenne ihn genau, während des Krieges war er eine Zeitlang mein Chef. Seither wird seine Art sich eher noch versteift haben. Für einen Feldmarschall-Leutnant noch verhältnismäßig jung, scheint er doch schon zu alt, um sich in die neuen Verhältnisse zu schicken. Die Zeit ist hart für solch hohe Herren, sie fallen nur zu oft der Verbitterung anheim. Übrigens ist er leicht zu gewinnen, sobald er nur seine Autorität anerkannt sieht, und ich bin fast sicher, hätte Justine sich an ihn gewendet und ihn um seinen Rat gebeten, er hätte mit einer Art Leidenschaft für den Severin Partei ergriffen.« »Das möcht' ich bezweifeln«, meinte Marianne, den Kopf wiegend. »Der General muß wohl seine Gründe haben, dem Severin nicht gewogen zu sein. Als ich versuchte, diesen in Schutz zu nehmen, antwortete er ebenso schroff wie das erstemal, kein Mensch ändere sich, und was ein subversiver Charakter sei, der bleibe es auch. Was heißt subversiv eigentlich?« fragte sie. »Etwas Gutes bedeutet es wohl kaum.« »Subversiv!« wiederholte Eybel halb belustigt. »Ein herrliches Wort unseligsten Angedenkens! Für Exzellenz Mairold ist natürlich alles subversiv, das heißt umstürzlerisch, zersetzend, was nicht im altösterreichischen Bürokratismus und Militarismus den Gipfel menschlicher Errungenschaften erblickt. Übrigens können Sie insofern recht haben,« fügte er ernst hinzu, »als man dem alten Herrn, der doch ein Oheim Justinens ist, eine gewisse Berechtigung, über Severin abzusprechen, nicht ganz bestreiten kann.« »Was Severin eigentlich mit der Justine hatte, davon weiß ich nichts«, sagte Marianne bekümmert; »aber es täte mir unsäglich weh, wenn ich ihn darum weniger lieben sollte. War es denn wirklich so schlimm, was er sich damals zuschulden kommen ließ? Ich zählte elf oder zwölf Jahre, als er das Haus verlassen mußte, man hat mir ein Geheimnis daraus gemacht. Sie sind Severins Freund und mit Justine verwandt, wissen Sie Näheres darüber?« »Es handelt sich um ein im Grunde harmlos verlaufenes Abenteuer, aber unglückseligerweise war es in die Öffentlichkeit gedrungen, die Zeitungen bauschten es zu einer romantischen Tragödie auf, die Familien, die die Sache andernfalls wohl in aller Stille beigelegt hätten, fühlten sich verletzt. Die Justine war damals eben als ganz junges Mädel nach Wien gekommen, um sich in Musik auszubilden, weil es dazu auf dem Lande, wo sie aufgewachsen war, in dem Bergnest St. Jodok, oder wie es dort heißt, natürlich keine Gelegenheit gab. Und der Severin, nur ein paar Jahre älter, er stand damals knapp vor der Reifeprüfung, ging ja auch völlig in Musik auf, lebte förmlich in einer andern Welt. Die Musik hatte die beiden zusammengeführt ... Man spricht nicht gern davon,« schloß er, »es ist Gras darüber gewachsen. Unüberlegt hat der Severin sicherlich gehandelt, aber wenn die andern es versäumten, seine Jugend, sein Künstlerblut mit in Rechnung zu stellen, und ihn härter büßen ließen, als er es verdiente, so liegt doch kein Grund dafür vor, warum Sie, liebes Fräulein, ihn deshalb weniger lieben sollten. Gerade der leidenschaftlich hohe Aufschwung, dessen er fähig ist, wurde seiner Jugend zur Gefahr. Inzwischen ist er nicht nur älter, er wird auch reifer und beherrschter geworden sein, und da der Vater und Justine ihm verziehen haben, so dürfen auch Sie ohne Rückhalt und Bedenken sich über seine Heimkehr freuen.« Marianne dankte ihm aufrichtigen Herzens für dieses Wort, das sie sichtlich erleichterte. Die Freude, mit der sie dem Eintreffen des Bruders entgegensah wie ein Kind der Christbescherung, war nun wieder ungetrübt. Und auch Eybel hatte Fortschritte in der Befreiung des Gemütes gemacht, er begriff mehr und mehr, daß es nicht nötig sei, gleich die entscheidenden Fragen der Zukunft zu berühren, es gab, wie sich eben gezeigt, auch in der Gegenwart mancherlei Gelegenheit, dem lieben Mädchen als Freund zur Seite zu stehen, ihr etwas zu sein. Und war's nicht schon genug, daß er ihrer holden Nähe überhaupt genießen durfte? In stillem Entzücken streifte sein Blick über sie hin, und während er sie verstohlen betrachtete, mußte er neuerdings an das Märchen denken, das für die seltene Zusammenstellung von ebenholzschwarzem Haar mit einer überaus zarten Gesichtsfarbe und rosigen Wangen einen so unvergleichlich poetischen Ausdruck findet. Und der ringsum blühende Flieder umhüllte ihre liebreizende Gestalt, die ihm selbst zum Märchen wurde, mit einem festlichen Mantel von Frühlingsfarben und -düften. Indes bleibt die Liebe freilich im Grunde beunruhigt, solange sie ihres Zieles nicht gewiß ist, und die Aufklärung darüber, für wen eigentlich die schöne Stickerei in der Kirche »Zu den neun Chören der Engel« um besondere Berücksichtigung von seiten des heiligen Judas Thaddäus hatte werben wollen, brauchte nach Eybels Meinung nicht auf einen unbestimmten Zeitpunkt vertagt zu werden. Bevor er aber noch die Leimruten unverfänglich scheinender Fragen, mit denen er das Geheimnis nach und nach doch einzufangen hoffte, genügend mit seinem nicht allzu großen Vorrat an Schlauheit und List bestrichen und vorsichtig ausgesteckt hatte, kam Marianne ihm schon mit einem neuen Anliegen zuvor. »Weil das Schicksal mir's heute schon so gut meint,« sagte sie, »einen lieben treuen Freund in meine Nähe zu führen, so läge mir recht sehr daran, noch eine andere Frage beantwortet zu wissen, die mich schon lang beunruhigt.« »Nur immerzu, fragen Sie, liebes Fräulein, ich will ehrlich und nach bestem Wissen antworten!« Wie gerne war Marianne Hocheder bereit zu fragen, wie gerne Konrad Eybel bereit zu antworten! Gehört doch zum Süßesten der noch unausgesprochenen Liebe das halbe Geständnis, das sich zagend noch verbirgt im demütigen Vertrauenschenken und -erbitten, im freundschaftlichen Beraten und willigen Sichberatenlassen. »Fragen Sie, fragen Sie, liebe Marianne!« »Nun denn. Man hört so vielerlei verschiedene Urteile über die Zeit, in der wir leben. Mir will's scheinen, sie sei nicht besser und nicht schlimmer als manche andere, und es komme ganz darauf an, was man aus ihr macht, und wie man sich selbst in ihr verhält und bewährt. Aber da gibt's Leute, die reden, als sei mit dem Umsturz, mit den eingetretenen Verschiebungen im Besitz und mit den neu aufgekommenen Ideen schon das ewige Reich angebrochen. Wenn man wieder andere hört wie etwa den General von Mairold, so sieht alles wieder ganz anders aus, da gibt's nur Schatten im Bilde, Schlechtigkeit, Mangel an Zucht, Ungerechtigkeit und Erniedrigung. Wer hat recht? Welche von den beiden Meinungen ist die richtige? Und bin ich etwa selbst schon vom Geist des Verderbens ergriffen, weil ich das Leben noch immer schön finde und im ganzen mehr fröhlich als traurig bin?« »Sie haben Ihre Frage eigentlich schon selbst beantwortet«, sagte Eybel. »Und in demselben Sinne wie Sie, weit besser als ich dazu imstande wäre, beantwortet sie ein Gedicht, das mir ein günstiger Zufall in die Hände gespielt. Den Dichter kennen Sie, er lebt in Ihrem Hause und gehört ebenfalls zu den mehr heiteren als kopfhängerischen Naturen. Nur behauptet er in seiner schnurrigen Art, gegenwärtig an einer Krankheit zu leiden, die er Sonettitis nennt.« »Sonettitis?« fragte Marianne erschrocken, »was ist das für eine Krankheit?« »Es ist eine Abart der Dichteritis,« scherzte der Hauptmann, »sie besteht in der Zucht, alle Gedanken, die einem einfallen, in vierzehn Verszeilen zu pressen, mit Reimen, die sich nach gewissen Regeln verschlingen. Eben diese Form nennt man ein Sonett, und davon hat auch die Krankheit ihren Namen.« Erleichtert lachte das Mädchen auf: »Nun machen Sie mich aber neugierig. Wer ist der Unglückliche, der von dieser gefährlichen Krankheit befallen ist? In unserm Haus wüßt' ich niemand, den ich für einen Dichter halten könnte.« »Auch für mich war es eine unerwartete Entdeckung, daß der Betreffende sich gelegentlich mit dem Drechseln kunstvoller Verse abgibt. Er tut's nämlich insgeheim und recht verschämt. Als er mich gestern auf meiner Bude besuchte und seine Taschen nach einem Fidibus auskramte, um sich die Pfeife anzustecken, fiel unversehens ein Blatt zu Boden, das ich aufhob – da war er entlarvt und konnte nicht mehr leugnen. Ein paar wirklich wunderschöne Sonette waren auf jenes Blatt gekritzelt, und eines davon beantwortet zufällig Ihre Frage nach dem Wert oder Unwert der Zeit, in der wir leben.« Eybel hatte seiner Brieftasche ein Papier entnommen, Marianne warf einen Blick darauf und rief, wie vor einem blauen Wunder die Hände zusammenschlagend und in unerschöpfliche Rufe des Staunens ausbrechend: »Das ist ja Rumpsacks Schrift!« »Sie kennen sogar seine Schrift?« »Er war doch mein A-B-C-Professor, wie er selbst sich nannte. Aber freilich, über das A-B-C war ich doch schon hinaus, als ihm meine Bildung anvertraut wurde.« »Was haben Sie bei ihm gelernt?« fragte Eybel belustigt. »Nicht viel um ein' Kreuzer«, antwortete sie mit einer Wendung ins Wienerische. »Ein bissel Naturgeschichte, besonders Pflanzenkunde, dann Geschichte, Kunst und dergleichen, höhere Weisheit halt. Auch Literatur, deutsche und fremdsprachige, er ist ein gar vielseitiger Herr. Aber daß er auch selbst dichtet –?!« Sie konnte sich gar nicht genug darüber verwundern und wollte es beinahe nicht glauben. »Nein, das hätt' ich mir nie und nimmer träumen lassen! Wer hätte ihm so etwas zugetraut? Wie ein Dichter sieht der Rumpsack doch wirklich nicht aus!« »Ansehen würde man ihm's freilich nicht. Aber so ruppig er sich gibt, in dem steckt ein feinerer Kerl, als ich bis gestern selbst geahnt. Hören Sie selbst.« Und Eybel las: Versöhnter Gegensatz Schwarzseher klagen, krank sei sie geworden, Die Zeit, und was beglückt, sei ihr entschwunden, Sie könne nie und nimmermehr gesunden, Nichts bleibe übrig, als sich selbst zu morden. Und andre wieder, vom Schönseher-Orden, Preisen die Zeit, blind gegen ihre Wunden, Als wäre sie ein Tanz bekränzter Stunden Zu Zimbelschlag und klingenden Akkorden. Wer wollte solchen Widerstreit entscheiden? In Wahrheit gibt's nur Menschen, keine Zeit, Und Mensch sein heißt, bald froh sein und bald leiden. In beidem sucht die echte Frömmigkeit Nichts von Bestand, das unverrückbar bliebe, Nur einen Weg zu Gottes ewiger Liebe. »Was heißt Schönseher?« fragte Marianne, nachdem er geendet. »Es ist der Gegensatz zum Schwarzseher. Auf deutsch: Optimist und Pessimist.« »Bitte, lesen Sie noch einmal.« Er tat's und schwelgte in den Versen, als hätte er sie selbst gemacht. Er plusterte seine Seele damit auf, die ehrlich und rein, sonst aber etwas nüchtern war, und ließ sie auf Rumpsacks Kosten um das geliebte Mädchen paradieren wie einen werbenden Sperling ... »Die Sonettitis muß eine angenehme Krankheit sein«, sagte Marianne, da er stolz das Blatt wieder zu sich steckte. »Warum?« »Ich stelle mir's als ein wahres Hochgefühl vor, wenn man einen so schönen Gedanken in so formvollendeten Worten aussprechen kann. Das Gedicht hat etwas Befreiendes und Tröstliches. Nicht die Zeit, in der wir leben, ist die Quelle unseres Schicksals, diese liegt in uns selbst. Und wir sind stärker sogar als unser Schicksal, wenn wir in Leid und Freude nicht das letzte Ziel unseres Erdenlebens erblicken, sondern nur einen Weg, der uns zu Gott führt. Wie tief ist diese Erkenntnis und wie richtig! Sie bewahrt den Unglücklichen vor Verzweiflung, den Glücklichen vor Vermessenheit.« Erfreut über ihre lebhafte Auffassung und bewegt von der darin sich offenbarenden Empfänglichkeit ihres Herzens, sagte der Hauptmann: »Es ist die denkbar schönste und einzig einwandfreie Antwort auf die Frage, die Sie beunruhigte. Wie der Adler über der Erde, so erhebt sich der Gedanke an Gott, der die ewige Liebe selbst ist, hoch über Schwarz- und Schönseherei.« Unwillkürlich hatten ihre Hände sich gefunden, ruhten ineinander und tauschten Druck mit Gegendruck. Aber dem unbewachten Eybel ging's zu gut, da erwischte ihn auch schon der Teufel der Vermessenheit beim Schopf. Der heilige Judas Thaddäus fiel ihm wieder ein, und er versuchte eine Leimspindel auszustecken. »Sie waren heute in der innern Stadt, Marianne? Ich sah Sie in einer Kirche.« Mit einer jähen Bewegung entzog sie ihm die Hand und wendete ihm ein sichtlich bestürztes Antlitz zu, in welchem der Schnee der Farbe des Blutes wich. »Im Stefansdom?« fragte sie rasch. »Haben Sie noch andere Kirchen besucht?« antwortete er hinterhältig ausweichend. »Sie wollen zuviel wissen! Wo ich sonst nach war, das sag' ich nicht einmal meinem Beichtvater, dem lieben Pater Wilfrid von St. Laurenz.« »Einem Beichtvater muß man doch alles sagen?« »Nur was eine Sünd' ist. Unrechtes hab' ich nicht getan.« »Warum verschweigen Sie's dann?« »Aus Gründen, die Sie später einmal vielleicht erfahren, heut aber bestimmt nicht!« Ein leichtes Wölklein Unmut war über ihrer reinen Stirn aufgezogen, vielleicht kam's ihr wie gerufen, daß in diesem Augenblick die Uhr vom Rathausturm die Stunde verkündete. Lebhaft sprang sie auf und streckte ihm die Hand entgegen. »Leben Sie wohl, ich habe mich verspätet und muß eilen.« »So bleiben Sie doch ...« »Unmöglich!« »Nur noch zehn Minuten! Nur noch fünf –?« »Wo denken Sie hin, sollen wir zu Haus heut ohne Abendbrot bleiben? Ich muß noch einen Karpfen einkaufen gehen und hätt's beinah vergessen. Auf Wiedersehen!« Schon wehte ihr helles Kleid über den kleinen lauschig abgeschlossenen Kiesplatz, flatterte um die Rundung des Fliederbosketts und war hinter den blühenden Büschen verschwunden. Der Hauptmann aber schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn: Warum hatte er auch das Geheimnis des heiligen Judas Thaddäus nicht auf sich beruhen lassen!   Ein Rohrpostbrief, der tags darauf in Konrad Eybels Bude abgegeben wurde, eröffnete ihm die unerwartete Aussicht, Mariannen schon in kürzester Frist wiederzusehen. Justine Hocheder, die Gattin des Laurenz, lud ihn im eigenen Namen und dem ihres Mannes für Ostermontag zum Mittagessen ein. Er wußte, daß entfernte blutsverwandtschaftliche Beziehungen, die sich von irgendeinem gemeinsamen Urahn herleiteten, zwischen ihm und ihr bestanden; er hatte keinen Kopf für solche Dinge, konnte sich die Zusammenhänge nie recht merken, empfand es aber dankbar, daß sie die Liebenswürdigkeit hatte, ihn mit »Du« und »Lieber Vetter« anzureden, obgleich sie einander persönlich kaum kannten. Man erwartet, schrieb Justine, Severins Eintreffen für Ostermontag früh. Ihr Mann werde ihn vom Bahnhof abholen und nach Hause bringen, wünsche den Heimgekehrten aber erst zu Mittag anläßlich eines gemeinsamen Mahles den übrigen Familienmitgliedern zuzuführen und würde Wert darauf legen, wenn neben einigen andern Nahestehenden auch Eybel als Freund Severins dabei zugegen sein wollte. Der Hauptmann begriff. Offenbar beabsichtigte Laurenz Hocheder, sich vorerst unter vier Augen mit dem Bruder auszusprechen, um ihn mit den Zuständen bekannt zu machen, die er im Hause vorfinden würde. Vermutlich lag ihm auch daran, das erste Zusammentreffen von Vater und Sohn gewissermaßen unter Aufsicht zu stellen, damit nicht irgendein unbedachtes Wort von der einen oder andern Seite den glücklich eingeleiteten Gottesfrieden gleich von Anbeginn wieder bedrohe. Und vielleicht war ihm überdies auch noch darum zu tun, das Wiedersehen zwischen Severin und Justine, das für beide Teile immerhin etwas Peinliches enthalten mochte, dadurch unverfänglicher zu gestalten, daß es in Gegenwart eines kleinen Kreises von Verwandten und Freunden stattfinden sollte. Solchen Gründen konnte Eybel seine Billigung nicht versagen. Es stand für ihn fest, daß er sich der Mitwirkung an dem sauber ausgedachten Versöhnungswerk nicht leicht entziehen könne, er wolle es auch nicht, es war ein Liebesdienst, den man von ihm forderte. Außerdem befeuerte der Gedanke an Marianne seine Bereitwilligkeit. Nur der trübselige Zustand seiner Ausrüstung, mit der er im Rahmen einer so feierlichen Veranstaltung wenig Ehre aufzuheben befürchten mußte, bereitete ihm Sorgen. Einen anständigen Zivilanzug sich anzuschaffen, dessen er schon dringend bedurft hätte, verwehrte ihm die mißliche Vermögenslage, in der er sich befand. Sein Vater, der 1906 in Wien verstorbene General von Eybel, ebenfalls Sohn eines Offiziers und lange Jahre hindurch als Kommandant in Böhmen stationiert, hatte das Licht der Welt in einem damals noch rein deutschen Gebiet Ungarns erblickt, das aber nach dem Friedensschluß an Jugoslawien gefallen war. Infolge von Unklarheiten und Verwicklungen, die irgendwie hiermit zusammenhingen, schwebte die Frage der Zuständigkeit und Heimatberechtigung Konrad Eybels noch unentschieden in der Luft, weshalb ihm vorderhand kein Heller des ihm zukommenden Ruhegenusses ausbezahlt wurde. Die Tschechoslowakei, Ungarn und Jugoslawien schoben einander wechselweise die Verpflichtung zu, diese Zahlung zu leisten, und Österreich, für das er selbst, da er in Wien geboren und aufgewachsen war, optiert hatte, konnte angesichts der noch nicht abgeschlossenen Erhebungen derzeit keine Entscheidung treffen, obgleich es sich in tausend weit fragwürdigeren Fällen nur allzu entgegenkommend erwiesen hatte. So wiederholte sich die Erscheinung vom Streit einer Anzahl griechischer Städte um Homer im umgestülpten Sinne dergestalt, daß vier sonst nichts weniger als einmütige Staatsgebilde sich in dem unrühmlichen Beginnen zusammenfanden, einen wiederholt mit Auszeichnung genannten Generalstabsoffizier ihres früher gemeinsamen Heeres am Hungertuch nagen zu lassen. Das mütterliche Erbe, durch die Geldentwertung fast zu einem Nichts zusammengeschmolzen, bestritt einstweilen noch, wenn auch notdürftig, die ebenfalls beinahe auf ein Nichts herabgesetzten Lebensbedürfnisse des Entwurzelten, drohte sich aber bald völlig zu erschöpfen. Das meiste ging auf die unentbehrlichen Hilfsmittel auf, welche der Lehrbetrieb auf der Hochschule forderte. Für die Erneuerung der äußeren Hülle, die dem Menschen leider nicht angeboren ist wie dem Tiere das Fell oder Federkleid, blieb schlechterdings nichts übrig. Begreiflich, daß unter solchen Umständen die Einladung in die Schutzengelgasse dem an ein adrettes Erscheinen Gewöhnten den Kopf heiß machte. Und schon war er nahe daran, die Hände verzagend in den Schoß zu legen, als er sich gerade noch zur rechten Zeit daran erinnerte, an einem der vielen Trödelläden, die in dem engen Gäßchen zwischen Salzgries und Hohem Markt nisteten, einen Zettel gelesen zu haben, welcher Herren, die eine »Zeitlang« als Kavaliere einherzuschreiten wünschten, höflich einlud, von der günstigen Gelegenheit, sich tadellos sitzende elegante Anzüge tagweise auszuleihen, in ihrem eigenen Interesse recht fleißig Gebrauch zu machen. Für ein derart befristetes modisches Auftreten, das sich mit den fremden Federn des Judengassels schmückte, reichten allenfalls seine Barmittel noch aus. Beschwingt durch die neu eröffnete Aussicht, bedachte er sich nicht länger und beantwortete Justinens Brieflein mit einer mutigen Zusage. In einem frisch aufgebügelten Blendwerk von ausgeschweiftem schwarzem Rock und gestreifter Hose, das sich aus einigem Abstand immerhin noch sehen lassen konnte, fand er sich denn auch am Ostermontag pünktlich zur angesetzten Stunde im Haus »Zum Seidenbaum« ein, wo rechter Hand im zweiten Stock der alte Herr mit seiner Tochter wohnte, während links davon, aber auf demselben Flur, die Wohnung des Laurenz Hocheder und seiner Frau sich anschloß. Das Dienstmädchen, das dem Hauptmann die Tür öffnete, geleitete ihn in ein kleines Empfangszimmer, in welchem bereits einige Gäste versammelt waren. Justine erhob sich, ihn zu begrüßen. In ihrer blonden Schönheit trat sie ihm entgegen, bleich, gemessen in jeder Bewegung, wie man sich etwa das Bild einer Nachtwandlerin vergegenwärtigt. Aber so ernst und leidend sie aussah, so meinte er doch um ihre geschlossenen Lippen jenen eigentümlichen Ausdruck von Unnahbarkeit wahrzunehmen, der ein seelenstarkes Ruhen in sich selbst verrät. Nach einem knappen Wort des Dankes für sein Kommen führte sie ihn einem heiteren alten Herrn zu, der im Gespräch mit Marianne Hocheder am Fenster stand und ein rundes, schwarzes Käppchen auf dem kahlen Scheitel trug. Der bewegliche Greis, den sein geistliches Gewand als katholischen Priester zu erkennen gab, bemächtigte sich sofort der Hand des neuen Ankömmlings, um sie leutselig zu schütteln und so bald nicht wieder loszulassen. Mit der wohlwollenden Gesprächigkeit des Alters begann er etwas weitschweifig zu erzählen, wie er im Jahre 1883, er erinnere sich noch genau, Konrad Eybels Mutter, deren anmutige Erscheinung als Braut er in den artigsten Ausdrücken pries, mit dessen Vater, dem damaligen Oberst von Eybel, in der Kirche von St. Laurenz kopuliert habe. Es war Pater Wilfrid, dessen Marianne ihm gegenüber schon einmal Erwähnung getan, Konventuale des Schottenstiftes und seit langen Jahren als Seelsorger an der Schottenfelder Pfarrkirche tätig, die dem heiligen Laurenz geweiht war und der unmittelbaren Pastoration des Ordenshauses auf der Freiung unterstand. Eybel war froh, als er seine Rechte endlich doch wieder freibekam, um sie dem geliebten Mädchen zu reichen, die mit dem Rücken gegen das Fenster danebenstand, und deren Blicken er sich die ganze Zeit über im hellen Licht des Tages wehrlos ausgesetzt fühlte, was ihn ein wenig beunruhigte. Denn während er dem gütigen alten Herrn die ungeteilteste Aufmerksamkeit zu widmen schien, mußte er im Unterbewußtsein doch immer ein wenig auch an die Fettflecken und Spiegel denken, mit denen sein ausgeliehener schwarzer Rock an der Vorderseite behaftet gewesen. Der wackere Hebräer, dem er ihn verdankte, hatte sie auf seinen Wunsch durch zielbewußte Benzinbehandlung beziehungsweise kunstvolles Ausdunsten beinahe zum Verschwinden gebracht – aber eben nur beinahe. Indessen tat er, das konnte er freilich nicht wissen, Mariannen bitter unrecht, wenn er meinte, sie hätte Aufmerksamkeit für derartige Lappalien übrig. Ihr Auge sah die Welt heute fleckenlos, ein Doppelglanz von Glück blendete es, ausstrahlend von der Hoffnung auf das nahe erwartete Wiedersehen mit dem geliebten Bruder, der in wenigen Minuten vor ihr stehen würde, ausstrahlend auch von der männlich kraftvollen Erscheinung des ihr teuren Mannes, der nun bereits vor ihr stand. Zu reden gab es nicht viel, nur einen Augenblick lang ruhten mit wonnigem Empfinden die Hände ineinander, und Neigung grüßte zu Neigung hinüber. Ein hübsches rundliches Frauchen, etwa anfangs der Dreißig, gesellte sich zu ihnen, das Marianne, da sie vorstellte, als eine Base Justinens bezeichnete, ohne daß der Hauptmann in der Geschwindigkeit hätte Klarheit darüber gewinnen können, wie diese ihm neue Erscheinung, welcher springlebendige Teufelchen aus den dunklen Augen sprühten, aber hoffentlich gutartige, mit der übrigen Familie zusammenhängen mochte. »Ursel Fürst heißt sie, genannt die Principessa«, kam Marianne ihm zu Hilfe. »Mir scheint, Sie kennen sie gar nicht?« »Ich hatte niemals das Vergnügen ...« »Und doch bin ich nicht nur mit Justine, sondern ebenso nah oder ferne wie sie auch mit Ihnen verwandt«, sagte Ursel. »Das freut mich außerordentlich, aber Sie müssen verzeihen, in Genealogie bin ich etwas begriffsstutzig.« »Es ist freilich ein verwickeltes Gebiet, ich habe beinahe ein Studium daraus gemacht und kenne mich aus wie ein Konversationslexikon.« Und sie begann ihm zunächst ihr Verwandtschaftsverhältnis zu Justine zu erklären. Zwei Geschwisterpaare aus den alten, kinderreichen Bürgerhäusern Leodolter und Mairold waren kreuzweise eine Verbindung miteinander eingegangen, indem ein Leodolter eine Mairold und ein Mairold eine Leodolter zur Frau genommen hatte. Flugs ließ sie eine Reihe von Namen aufmarschieren, die sie mit eingestreuten biographischen Abrissen verzierte, und zählte wie am Schnürchen Geburts- und, wo es leider nicht zu umgehen war, auch Todesdaten her. »Um Gottes willen, halten Sie ein!« rief der Hauptmann entsetzt. »Ich werde verrückt, es geht über meine Fassungskraft!« »Daß Sie im Bründlfeld Wienerisch für Irrenhaus. enden, kann ich freilich nicht verantworten, ich will mich kurz fassen. Also: der einen dieser beiden Ehen übers Kreuz, die gottlob kein Ehekreuz mit sich brachten,« sprudelte sie lachend hervor, »entstamme ich, eine geborene Leodolter, der andern Justine, eine geborene Mairold. Wir sind also zwiefach Geschwisterkind, Justine und ich, und sonach ziemlich nahe miteinander verwandt. Weitschichtiger steht die Sache bei Ihnen, da müssen wir schon ein paar Generationen weiter zurückgreifen, aber noch immer bleibt eine Blutsverwandtschaft leicht nachweisbar.« Es bestand offensichtig die Gefahr, daß sie sich nun daranmachen würde, auch noch die ältere Familiengeschichte aufzuwühlen, bis ins fünfte oder sechste Glied hinauf; weshalb Eybel, dem von dem Gehörten ohnedies schon der Kopf schwirrte, ihr entschlossen ins Wort fiel. Zum Glück erinnerte er sich daran, daß unter den Ahnen oder Ahninnen seiner Mutter der Name Leodolter irgendwie eine Rolle spielte. An diesen Namen, der in Ursels Ausführungen wiederholt vorgekommen war, klammerte er sich jetzt mit dem Mut der Verzweiflung und behauptete, er kenne sich bereits über Erwarten gut aus. Der ganze Stammbaum, sagte er, sei Dank ihrer lichtvollen Darstellung durchsichtig geworden wie aus Glas, er berge für ihn keine Dunkelheiten mehr und liefere ihm die einwandfreie Bescheinigung, daß es ihm nicht als Kühnheit oder Anmaßung ausgelegt werden könne, wenn er um die Erlaubnis bitte, sie als Frau Kusine anreden zu dürfen. Und um ihr nur ja keine Gelegenheit zu geben, auch noch die Urgroßväter aus der Grabesruhe aufzustören, fragte er geschwind, wie sie eigentlich zu dem Spitznamen Principessa komme, alles andere sei ihm jetzt völlig klar, nur dieser eine Punkt bedürfe noch der Aufhellung. »Die Anfänge der Firma Fürst und Sohn«, sagte sie, »gehen auf den Großvater meines leider im Kriege gebliebenen Mannes zurück – ich bin nämlich Witwe – auf einen kleinen Garn- und Seidenhändler, der sich zur Zeit, da diese Vorstadt noch Schottenfeld hieß, redlich schund und plagte und vor den Fabrikanten, von denen er abhängig war, fleißig ducken mußte, bevor er es zu einigem Wohlstand brachte. Er hieß ursprünglich Princeps, ein allerdings absonderlicher Name, aber konnte er etwas dafür? Die hohen Herrn jedoch, die Fabrikanten, zogen ihn weidlich damit auf und nannten ihn spottlustig, wie sie immer waren, nicht anders als Prinz Schöps. Das wurmte ihn gewaltig, er kam um Namensänderung ein, und es soll ihn außer vielen Laufereien auch einen Haufen Geld gekostet haben, eh' er die amtliche Erlaubnis erwirkte, den Namen Princeps abzulegen und sich statt dessen Fürst zu nennen und zu schreiben. Im Mund der Leute aber wurde er den alten Namen niemals los. Was man für einen Witz hält, und wenn's noch so schal wäre, daran klebt man bei uns mit bewundernswerter Zähigkeit. Noch heute lebt der Name Princeps unvergessen fort, und ins Weibliche gewendet ist er sogar auf mich übergegangen.« Vielleicht hatte Ursel in der offenen und sicheren Art, die ihr eigen zu sein schien, absichtlich laut und viel gesprochen, um die peinliche Spannung gleichsam zu übertäuben, die in dem kleinen Raume, allen fühlbar, in der Luft lag. Als für einen kurzen Augenblick Stille eintrat, wendete sie sich rasch dem geistlichen Herrn zu, mit dem sie sich in harmloser Weise zu necken begann, wobei sie auch Justine ins Gespräch zu ziehen versuchte. Aber ihre wohlmeinenden Bemühungen, eine Art Betrieb aufrechtzuerhalten, wurden jäh unterbrochen, ein Bangen wie Gewitterschwüle vor ausbrechendem Sturm glitt spukhaft durchs Zimmer und machte sie verstummen. Herr Michael Hocheder war eingetreten, das schneeweiße Haupt gleichsam über die Wolken ragend, vom Scheitel zur Sohle Pik von Teneriffa, eingehüllt in eine Schicht eisigkalter Luft und – wenigstens aus seiner Miene zu schließen – mit starr vergletschertem Herzen. Marianne flog ihm an die Brust und brach in Tränen aus. Sie hätte kaum zu erklären vermocht, weshalb; es überwältigte sie. Der Vater aber erfühlte das Flehen um Milde und Liebe für den Bruder aus diesem hilflosen und törichten Weinen, dem heißen Tau von Mädchentränen widerstand er so wenig wie irgendein Mann. In ungewohnt zärtlicher Bewegung legte die alte runzlige Hand sich auf ihr Haar, das Gletschereis des Pik begann zu schmelzen. Aber es war, als schämte er sich dieser Szene, die er als überspannt empfinden mochte. Sachte löste er sich von der hingegebenen Gestalt und trat auf Pater Wilfrid zu. »Zu weich macht ihr mir das Mädel«, sagte er, ihm mit einer gewissen Lauheit die Hand reichend. Es war, als sei er nicht aufs angenehmste überrascht, den geistlichen Herrn hier zu treffen. Und ohne den Versuch, ein Geheimnis daraus zu machen, fügte er grollend hinzu: »Es tut nicht gut, wenn das Herz mit dem Kopf davonläuft.« »Warum nicht?« gab der Priester, der Mariannens Beichtvater und geistlicher Führer war, lächelnd zur Antwort. »Das Herz weiß den rechten Weg meist besser zu finden als die Klugheit.« »Wozu hat der Herrgott uns Verstand verliehen?« »Vielleicht, damit wir rechtzeitig erkennen, wie wenig wir mit ihm allein unser Auslangen fänden.« Gleichsam eine Verkörperung zweier verschiedener Welten standen die beiden Greise einander gegenüber. Der wuchtige, hochgewachsene mit dem silberweißen Haarbusch ein Kind des wirtschaftlichen Aufschwungs nach achtundvierzig, fest wurzelnd im Tatsächlichen, Freund des freien Spiels der Kräfte, Verächter des Mißerfolgs, der ihm nicht mehr und nicht weniger bedeutete als Untüchtigkeit, stark sich fühlend als einzelner, wenn nur Staat und Kirche die Masse niederhielten; und so bei aller freiheitlichen und aufgeklärten Denkart, die er sich zuschrieb, dennoch hineinragend in diese neue Zeit, die überwiegend sozial und wieder religiös geworden war, wie das versteinerte Überbleibsel einer vorsintflutlichen liberalen Ära, die es längst nicht mehr gab. Der andere dagegen, schmächtiger und gewandter, aber ebensowenig ohne Selbstbewußtsein und Würde, ein Mann, der nach dem Rat des Meisters bei den Tauben und Schlangen in die Schule gegangen war, Anwalt der Seele und ihrer Rechte gegenüber dem Schein und Siegerglanz einer von Motten und Rost gefährdeten Vergänglichkeit, deren Gebrauchswerte er doch zweckmäßig zu nutzen wußte; älter noch um ein paar Jahre als jener und ebenfalls mit weißem Haar, das leicht geringelt rings um das schwarze Käppchen hervorquoll, und dennoch jung geblieben im Gemüt, ja mit jedem Tage gleichsam einer zweiten, himmelsnäheren Jugendblüte sich nähernd, weil er aus den Überlieferungen eines Jahrtausends, denen er sich mit dem Mut der Unbedingtheit verschrieben, die tröstliche Sicherheit und Beruhigung schöpfte, auf dem allein seligmachenden Wege zu sein. So türmten Gegensätze sich zwischen ihnen, einer unübersteigbaren Mauer gleich. Dem Pater Wilfrid indessen lag nicht daran, sie zu betonen, und der alte Hocheder sagte sich, daß er auf diesen weißhaarigen Jüngling, in dem er etwas wie einen unvermeidlichen Tauf-, Trauungs- und Sterbebeamten sah, über kurz oder lang doch noch einmal würde angewiesen sein. Auch er wünschte leidlich mit ihm auszukommen, schon der Ordnung wegen. Nach einer verbindlichen Bemerkung, die den geistlichen Herrn an Nachgiebigkeit glauben machen sollte, aber keineswegs glauben machte, wendete er sich dem Hauptmann zu. »Ihren Großvater Franz Beywald hab' ich noch gut gekannt. War ein tüchtiger Mann, hat das alte Geschäft in der Rittergasse wieder hochgebracht, was nicht ganz leicht war. Der Ruf einer Firma ist heikel wie der einer Frau. Übrigens erinnere ich mich auch noch an Ihren Urgroßvater, der ebenfalls Franz Beywald hieß ...« Er hielt inne, übersprang schonend einige Gedankengänge und fuhr fort: »Das Jahr dreiundsiebzig war ein böses, hat manchem Unglück gebracht. Ich bin damals noch ein junger Mensch gewesen, aber noch heute dank' ich's meinem Vater, daß er mir das Wort eingeprägt hat: Was zu leicht eingeht, geht auch leicht wieder aus. Er wollte damit sagen, daß ein Wohlstand, der nicht mühsam erarbeitet ist, sondern mehr auf Zufallsgewinn beruht ...« Hier unterbrach er sich, völlige Stille war in dem kleinen Zimmer eingetreten. In der Tür stand Laurenz, den Arm um die Schultern des Bruders gelegt. »Da habt ihr ihn endlich!« rief er mit einer vor Freude bebenden Stimme und schob ihn dem plötzlich verstummten alten Herrn entgegen. Scheu irrenden Blicks, daß das Weiße des Auges in dem hageren und bartlosen Gesicht, das braun wie eine gedörrte Birne war, unstet aufleuchtete, stand der Heimgekehrte vor seinem Vater. Die Haltung der in Khaki gekleideten Gestalt hatte etwas mißtrauisch Geducktes, als sei er jeden Augenblick auf eine Mißhandlung vom Rücken her gefaßt, einen Fauststoß ins Kreuz, einen Tritt in die Kniekehlen. Den Kopf hielt er gesenkt, das kurz gehaltene Haar des nicht viel mehr als Dreißigjährigen war an den Schläfen stark angegraut. »Ich bedank' mich schön für die Erlaubnis«, sagte er leise und ohne aufzublicken. »Bist wieder da?« antwortete Michael Hocheder, ihm steif die Hand entgegenstreckend. »Soll mich freuen, wenn's zu unser aller Segen ist.« Und an der festgehaltenen Rechten ihn halb herumdrehend, sagte er mit besonderer Betonung: »Da ist Justine, deine Schwägerin.« Jetzt hob Severin den Kopf und trat einen Schritt auf sie zu. In sichtlicher Bewegung ergriff er ihre beiden Hände und beugte sich nieder, ehrfürchtig seine Lippen darauf zu drücken. Aber Justine hatte sie ihm rasch entzogen. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken und sah ihm ins Auge, das Haupt weit zurückgeneigt, mit einem wundervoll vergeistigten Ausdruck von Mitgefühl und Erbarmen, ein Bild hochherziger Nächstenliebe, so rein und mütterlich mild. »Willkommen in der Heimat!« hauchte sie. Und im Bewußtsein ihrer Lauterkeit, erhaben über jede Furcht vor Mißdeutung, küßte sie ihn auf den Mund. »So ist's recht, Kinder!« rief Laurenz glückstrahlend und umfaßte sie beide mit seinen kräftigen Armen. »Auf gute Freundschaft für immer!« Aber Marianne war ihm unter der Achsel durchgeschlüpft und sprengte den Kreis, den seine Arme um Severin und Justine schlossen, indem sie plötzlich innerhalb desselben auftauchte. »Ich bin auch noch da! Wollt ihr mich gar nicht an ihn heranlassen?« Und wie vorhin am Hals des Vaters, so hing sie jetzt an dem des Bruders, aber nicht weinend, sondern jubelnd und frohlockend, weil sie ihn nur wiederhatte, diesen fast fremden und doch geliebten Menschen, um dessen Andenken die Sehnsucht ihrer Kinder- und Jungmädchenjahre sich gerankt, und den sie längst in einem fernen Massengrab Sibiriens verscharrt gewähnt. Holde Geisterchen der Freude und des Glücks, so selten geworden in dieser Stadt, in diesem Hause, schwebten unsichtbar durch den Raum, die Luft reinfegend von den feindseligen Dämonen der Sorge und schweren Gedanken, die sie stürmisch hinausdrängten und durchs Fenster aufs Straßenpflaster hinabwarfen, wie Beppi, das dienende Mädchen des jüngeren Hocheder-Paares, den Staub aus ihrem Wischtuch auf die Köpfe der Vorübergehenden hinunterbeutelte. Und der sandsteinerne Schutzengel, nach dem die Gasse benannt war, und der ein paar Häuser von da in einer Mauernische Wache hielt, nahm wehrhaft die an die Luft gesetzten Dämonen in Empfang und versuchte sie mit Hilfe des scharfen Nordwest, der an diesem Ostermontag wehte, noch weiter fortzujagen, um sie womöglich gänzlich zu verscheuchen und für immer aus dieser Gegend abzuschaffen. Ein solches Beginnen mußte sich nun freilich an einem halben Erfolg genügen lassen, denn Sorgen und schwere Gedanken sind anhänglicher noch als der Hausschwamm, der schon selten genug ganz zu beseitigen ist, wenn er einmal im Gebälke nistet, und immer wieder dahin zurückkehrt, so oft man ihn auch schon daraus vertrieben. Aber eine Zeitlang immerhin blieb das Haus »Zum Seidenbaum« und seine Bewohner doch verschont von der gewohnten Plage, und für die folgenden Stunden wenigstens behaupteten die guten Geister die Oberhand. Befreiten Gemütes scharten nach gelöster Spannung die Anwesenden sich um den Heimgekehrten, der sich in seine neue Lage noch nicht recht zu schicken wußte, ihn beglückwünschend zu seiner Rückkehr ins Vaterhaus und immer wieder ihrer freudigen Genugtuung über seine Errettung aus den Nöten des Krieges und der Gefangenschaft Ausdruck verleihend. Schon seit längerer Zeit hatte man die erwähnte Beppi, die jeder Freund des Hauses als eine »Perle« kannte und schätzte, nebenan mit Tellern, Gläsern und Bestecken klappern hören. Kaum nahm dieses verheißungsvolle Geräusch ein Ende, so meldete sie, daß angerichtet sei. Justine, die Hausfrau, bat ins anstoßende Speisezimmer, indem sie ihre Gäste zu einer einfachen, der noch immer herrschenden Knappheit an Lebensmitteln angemessenen Mahlzeit einlud. Und doch war es im wahrsten Sinne ein Festmahl, zu dem man sich jetzt in vorbestimmter Reihenfolge um die von Silber und Kristall blinkende und reich mit Blumen geschmückte Tafel niederließ.   Naturgemäß drehte das Tischgespräch sich anfänglich um Severins Erlebnisse. Jeder hatte eine Frage zu tun, wollte bald über dies, bald über jenes unterrichtet sein. Wie oft man auch Einzelheiten oder zusammenhängende Darstellungen aus dem Felde, aus der Gefangenschaft gehört oder gelesen, von den Kämpfen der roten Armee im fernsten Osten, vom Hexenkessel in den Grenzgebieten, wo chinesischer, russischer und japanischer Machtbereich zusammenstößt – einen deutlichen Begriff davon vermochte doch niemand sich zu machen. Aber auch jetzt blieb es den Fragenden versagt, lebendige Eindrücke zu gewinnen. Grausiges, schier Unerträgliches, mochte Severin gerade genug erlebt haben, greifbar jedoch trat aus seinen Äußerungen nichts Wesentliches hervor, sie blieben einsilbig, beschränkten sich auf Andeutungen. Wollte er nicht sprechen, weil die Erinnerung an die ausgestandene Qual ihn quälte? Oder konnte er nicht sprechen, weil er es verlernt hatte sich mitzuteilen, weil die Fähigkeit, sein Herz auszuschütten, ihm abhanden gekommen war? Justine und Marianne, zwischen denen er saß, fühlten bald, daß man ihm Zeit lassen müsse wie einem Schwerkranken, der erst allmählich zum Leben wiedererwacht. Stumpfe Betäubung, hervorgerufen vielleicht durch die unendliche Eintönigkeit der sibirischen Landschaft, etwas wie slawische Erschlaffung, bleiern auf seinem Denken lastend, schien ihm noch in allen Gliedern zu stecken. Dabei haftete ihm unverkennbar eine gewisse Unsicherheit und Befangenheit an wie etwa einem Hinterwäldler, der sich zum erstenmal auf spiegelndem Parkett bewegen soll. Er wußte offenbar nicht mehr, wie man sich in guter Gesellschaft benahm, war sich nicht klar darüber, was man mit den Händen anfing, wenn man an einem gedeckten Tisch saß, ob man sich an die Stuhllehne anlehnen dürfe oder rückenfrei sitzen müsse, blickte verstohlen nach den andern, wie sie Löffel, Gabel, Messer gebrauchten oder sich sonst verhielten, und ließ den scheuen, gleichsam geduckten Blick hie und da wie beängstigt durchs Zimmer schweifen, dessen durchaus nicht ungewöhnliche, nur einfach gut bürgerliche Einrichtung ihm wohl höchst merkwürdig, vielleicht übermäßig prunkvoll, vielleicht auch geschmacklos und lächerlich, jedenfalls fremd und ungewohnt vorkam. Laurenz, neben dem den Ehrenplatz einnehmenden Vater, war voll Zuversicht, der Bann würde bald gebrochen sein. Aufgeräumt plauderte er mit seinem Gegenüber, dem geistlichen Herrn, und mit Ursel, dessen Nachbarin auf der andern Seite, zog auch Justine zu seiner Linken oder Eybel, der ihm schräg gegenüber neben Ursel saß, und Marianne, die am unteren Ende, zwischen Ursel und Severin, des Vaters Widerpart bildete, ins Gespräch, das er vom Bruder abzulenken und ins Fahrwasser unpersönlicher Fragen und öffentlicher Angelegenheiten zu steuern suchte. Es gelang ihm, die Unterhaltung allgemein zu machen und über den ganzen Tisch hin in Gang zu bringen, so daß der im Elternhaus Fremdgewordene, obgleich er da geboren und aufgewachsen war, sich nach Bedürfnis ausschweigen konnte, ohne daß es peinlich auffiel. Die drei Frauen verstanden die Absicht am schnellsten. Mit der mütterlichen Witterung ihres Geschlechts – obzwar nur eine von ihnen, nämlich Ursel, Mutter war, diese aber trotz ihrer zweiunddreißig Jahre von nicht weniger als fünf Kindern – schätzten sie, vielleicht zutreffend, was in Severin vorgehen mochte, als ein Seitenstück jener Wendepunkte in der Kinderseele ein, die man am besten nicht beachtet und bemerkt, weil Einspruch oder Berührung leicht wunde, entzündliche Stellen hervorruft, die gefährlich werden können, während Schonung und Stillschweigen, die vom Manne so selten angewendeten und doch wirksamsten Geheimmittel der Erziehung, ausgleichend darüber hinweghelfen. Ein Gegenstand, der die Aufmerksamkeit fesselte, ward gefunden und festgehalten. Denn eine unliebsame Erfahrung, die man jetzt fast täglich machen konnte, beschäftigte jedes der Menschenliebe offenstehende Gemüt. Blieb denn in dieser ungewöhnlichen Zeit, wo die Erde zu schwanken, die Umwälzung besser der natürlichen Ordnung zu entsprechen schien als das Feststehen, blieb denn unter solchen Bedingungen der sittliche Charakter des Menschen noch das Maß der Dinge? Oder nahm er jede beliebige Gestalt an, welche die äußeren Umstände aus ihm formten, wie eine Flüssigkeit die Umrisse des Gefäßes, in das man sie schüttet? Erst kürzlich wieder hatte man's aus der Nähe miterlebt, wie ein Ehrenmann, das heißt einer, den bis dahin alle dafür gehalten, sich als ungetreu erwiesen. Die durch den Krieg zur Witwe gewordene Ursel, die mit Umsicht dem von ihrem Gatten hinterlassenen Geschäft, einem ausgebreiteten Garn- und Seidenhandel, vorstand, war die Betroffene. Herr Seyfried, der langjährige Prokurist des Hauses Fürst und Sohn, ein Mann in Ehren grau geworden und Nachkomme eines ehrbaren Geschlechts von Mechanikern, die sich mehrere Menschenalter hindurch besonders als geschickte Webstuhlbauer hervorgetan, hatte das in ihn gesetzte Vertrauen mißbraucht und ansehnliche Summen veruntreut. »Man möchte beinahe auf den Gedanken kommen,« sagte Laurenz, »als gäb' es in der Tat, wie die Stoff- und Kraftlehre behauptet, keine freie Entscheidung der Seele mehr, und als genügten ein paar Gramm Mehrgewicht in die Wagschale der Versuchung, um jene der Gegenseite hinaufschnellen zu machen.« »Was befindet sich in der andern Wagschale, das so leicht wiegt?« fragte Ursel. »Die Widerstandsfähigkeit gegen das Böse.« »Die wird immer unwägbar bleiben,« bemerkte Justine, »weil sie vom Willen des Menschen abhängt.« »Hoffen wir's. Aber wenn man einen so bewährten Mann wie Herrn Seyfried unterliegen sieht, so steigen einem fast Zweifel darüber auf, ob es nicht für jeden eine Grenze gibt, über die hinaus seine Widerstandskraft schließlich erlahmen muß. Dann blieb' es freilich noch zu überlegen, ob wir überhaupt von einem freien Willen sprechen dürfen.« »Auf diese Weise kämen wir völlig ins Mechanische«, nahm Hauptmann Eybel das Wort; »und dann könnte auch von einer Schuld nicht mehr die Rede sein. Bei dem einen würden ein paar Gramm genügen, das Gewicht der entgegenstehenden Wagschale zu überwinden, bei dem andern wären vielleicht ein paar Pfund nötig, aber der Schlechtigkeit zugänglich wären sie beide und jeder zu allem fähig, wenn nur die Verlockung groß genug ist.« »Darum muß man eben in die andere Wagschale«, ließ jetzt der Pik von Teneriffa sich vernehmen, »zum guten Willen noch ein paar Hilfen von außen gesellen. So etwa die Verachtung, mit der man vom Betrüger spricht, die Entrüstung, mit der man ihn verurteilt, ausgiebige Strafen nicht zu vergessen, wie Vermögensverlust, Einsperren, Aufhängen, von mir aus auch noch eine Tracht Prügel. Wenn man das alles abschafft, so verzichtet man auf ein wirksames Gegengewicht, und wenn dann auch noch die Frage aufgeworfen wird, ob überhaupt von einer Schuld die Rede sein kann, dann muß freilich zu guter Letzt herauskommen, was tatsächlich bei uns herausgekommen ist: der Saustall. Denn wo ihrer Neunhundertneunundneunzig durch Kniffe und Schliche zu Reichtum und Ansehen gelangt sind, da sieht der Tausendste natürlich nicht ein, warum er es nicht auf dieselbe Art versuchen sollte, wenn weiter keine Gefahr damit verbunden ist.« »Prügelstrafe und Galgen – auch nicht übel«, sagte Pater Wilfrid lachend; »wär's nur so einfach, Herr Hocheder, wie sich's auf den ersten Blick ausnimmt. Aber das Netz der Justiz ist ein grobes Gespinst, bloß die plumpsten Fische bleiben darin hängen, die hurtigen und schlauen schlüpfen gar leicht durch die Maschen. Lieber als auf den Büttel verlass' ich mich auf die Lehre des Herrn, die darauf aus ist, die Gemüter einzufangen, denn nach seiner Weisung sollen wir Menschenfischer sein. Durch Zwangsmittel lassen sich allenfalls die Symptome der Krankheit bessern, aber ihre Ursachen nicht beheben. Volle Heilung, durch die Gottesgabe des freien Willens ins Bereich des Möglichen gerückt, wirkt nur die freiwillige Entscheidung zum Guten. Erleichtert kann diese allerdings werden durch soziale Vorkehrungen, die in der Liebe zur Gemeinschaft wurzeln. Denn die Menschen an sich sind heute nicht besser und schlechter als sonst, sie sind nur elender daran und darum größeren Gefahren ausgesetzt als je. Diese Gefahren lassen sich bekämpfen und mindern, wie es etwa der Gärtner und Winzer bei Obst- oder Weinpflanzungen tut. Das Entscheidende für den einzelnen wird immer die sittliche Triebkraft bleiben, die ihm innewohnt. Und daß diese gottlob in reichem Maße noch vorhanden ist in unserm Volk, dafür zeugen zahlreiche Gegenbeispiele, die sich den jetzt leider häufiger als sonst vorkommenden Fällen von sittlicher Verrottung entgegenstellen lassen.« »Immerhin ist es, um beim Fall Seyfried zu bleiben,« sagte Laurenz, »als würde unser eigenes Wesen erschüttert und in Zweifel gezogen, wenn aus einem vertrauten Gesicht, aus dessen Zügen die Wahrhaftigkeit selbst uns anzublicken schien, urplötzlich Lüge und Falschheit gespensterhaft wie hinter einer Maske hervorlugt.« »Und doch rechne ich es unserer Zeit hoch an,« sagte die kluge und klare Ursel, »daß sie uns so oft das wahre Antlitz der Menschen enthüllt, das in einer gemächlicheren und minder rücksichtslosen Epoche hinter der glatten Maske verborgen geblieben wäre. Das geschieht wie bei Seyfried manchmal zu unserer bitteren Enttäuschung, es gibt aber auch, wie der hochwürdige Herr schon angedeutet, der Fälle genug, und ich habe deren selbst erlebt, wo eine angenehme Überraschung zum Vorschein kommt. Denn mancher und manche, früher kaum beachtet, weil als gleichgültig oder unbedeutend eingeschätzt, entfaltet jetzt plötzlich, vor schwere Entscheidungen und harte Notwendigkeiten gestellt, ein stilles Heldentum, dessen sich niemand von ihm versehen hätte. So kommen wahre Werte zum Vorschein und entschädigen uns reichlich für verlorene falsche Werte, deren trügerischer Schein uns irreführte. Darum hab' ich schon mehr als einmal mir sagen müssen, daß eine Zeit, die, ob auch ungewollt, beharrlich daran arbeitet, das echte Gold vom Katzengold zu scheiden, doch nicht so arg verworfen sein kann, wie es von ihr behauptet wird.« »Und was ist's mit dem falschen Glanz der protzigen Emporkömmlinge?« warf ungehalten der alte Hocheder ein. »Wer sich davon blenden läßt, dem ist nicht zu helfen.« »Die Principessa meint doch wohl nicht den äußeren Erfolg,« nahm jetzt Justine sich Ursels an, »sie denkt an innere Werte.« Marianne aber sagte an Hauptmann Eybel vorbei, gleichsam obenhin zu Ursel hinüber: »Ein ähnlicher Gedanke, wie du ihn aussprichst, steht auch in meinem Stammbuch, in einem wunderschönen Gedicht. Es gehört einem Zyklus von Sonetten an, die sich mit verschiedenen bemerkenswerten Erscheinungen dieser Zeit beschäftigen und darum ›Zeitsonette‹ überschrieben sind.« »Oho –!?« machte Eybel lachend. »Sollte ich dem Herrn Verfasser schon irgendwo begegnet sein?« »Der Verfasser ist ein bedeutender, aber noch nicht genugsam gewürdigter zeitgenössischer Dichter, mit dem ich persönlich gut bekannt bin«, fuhr Marianne, ohne ihn anzusehen, sich zu rühmen fort. »Er hat mir das Gedicht erst gestern eigenhändig hineingeschrieben.« »Unterhältst du so gute Beziehungen zu Dichtern?« lächelte Justine. »Wer ist der große Mann?« »Er will nicht genannt sein, vorderhand dichtet er nur insgeheim.« »Dann darf er sich aber auch nicht darüber beklagen, wenn er noch nicht genügend gewürdigt ist.« »Das fällt ihm auch gar nicht ein, im Gegenteil, man muß sogar allerhand Listen anwenden, um überhaupt etwas von ihm herauszubekommen.« Severins starre Haltung hatte sich plötzlich belebt. »Du mußt mich mit ihm bekanntmachen, Marianne«, raunte er der neben ihm sitzenden Schwester zu. »Ich brauche Texte zum Komponieren.« »Komponierst du auch Lieder? Ich dachte, du spieltest die Geige?« »Ich weiß nicht, ob ich es noch kann. Seit vielen Jahren hatte ich keine Gelegenheit mehr dazu. Aber zur Laute hab' ich viel gesungen. Ich baute sie mir selbst im Gefangenenlager. Mit ihr schlug ich mich durch halb China durch, singend und bettelnd, ein fahrender Sänger. Und auch auf dem Schiff verdiente ich mir Unterhalt und Überfahrt damit.« »Dann trifft es sich ja gut, daß wir einen richtiggehenden Dichter auf Lager haben«, scherzte Eybel. »Wie ich ihn kenne, verbürg' ich mich dafür, daß er dich, lieber Severin, besonders gerne und mit wahrer Freude beliefern wird.« »So bist auch du mit ihm bekannt, Konrad?« »Gewiß! So gut und so lang wie mit dir selbst. Das heißt – wenn deine Schwester es erlaubt, so will ich annehmen, daß es sich um den von mir erst kürzlich als Dichter entlarvten Zeitgenossen handelt, der nun auch der Ehre gewürdigt wurde, des Fräuleins Stammbuch zu bereichern.« »Jawohl,« sagte Marianne, stolz darauf, mit Eybel ein Geheimnis gemein zu haben, »wir beide kennen ihn, der Herr Hauptmann und ich, und sonst niemand.« Sie neigte sich an sein Ohr und flüsterte ihm etwas zu, das er aber nicht verstand. Denn siedend heiß stieg ihm die Sorge zu Kopf, daß sie den muffligen Geruch nach Trödelkram und alten Kleidern wittern könnte, den sein ausgeliehener Rock mit wahrer Tücke, wie er meinte, gerade in diesem Augenblick besonders auffallend ausströmte. »Willst du uns das Gedicht nicht zum besten geben, Marianne?« fragte Ursel zu ihr herüber. »Ich werde es zum Nachtisch servieren lassen, wenn der Herr Hauptmann so freundlich sein will, es vorzulesen. Aber zu dem Zweck muß ich erst noch mein Stammbuch herüberholen, dazu hab' ich jetzt keine Zeit, Laurenz entkorkt eben eine Flasche.« Sie stand auf, dem Bruder das Geschäft des Einschenkens abzunehmen. Als vor jedem ein gefüllter Kelch des einfachen grüngoldenen Grinzinger Landweins funkelte, erhob sich Pater Wilfrid zu einer Tisch- und Festrede, die er mit einem Anklang an das Gleichnis vom verlorenen Sohn einleitete. »Und der Vater sprach«, begann er mit den Worten des Evangeliums: »Lasset uns fröhlich sein, denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig worden; er war verloren und ist gefunden worden ...« So gelte auch diese seltene Oster- und Auferstehungsfeier, sagte er, einem Totgeglaubten und nun doch vom Tode Wiedererstandenen. Einem durch Gottes Fügung aus schwersten Gefahren Erretteten und nach unsäglichen Nöten doch glücklich ins Vaterhaus Heimgekehrten. Noch fühle sich dieser vermutlich als Fremdling im Hause seiner Väter und in der Heimat, müsse sich wohl erst zurechtfinden darin und allmählich wieder einleben, zumal er ja das alte Vaterland nicht mehr vorfinde, das er einst verlassen, und für das er in den Krieg gezogen, sondern ganz neue und ungewohnte Verhältnisse hier antreffe. Das veränderte Gesicht der Zeit fordere eine völlige Neueinstellung von dem aus langjähriger Verschollenheit Zurückgekehrten, aber nicht von ihm allein, auch von jedem andern seiner Volksgenossen, die es in dieser Hinsicht kaum leichter hätten als er. Sei doch auch den Daheimgebliebenen der sichere Bestand eines seit Jahrhunderten festbegründeten und anscheinend für die Ewigkeit gebauten Staatswesens gleichsam unter den Händen zerronnen und wie über Nacht zum Sagenkreis, zur bloßen geschichtlichen Erinnerung geworden. Aus dem bösen Traum des Weltkriegs erwachend, hätten sie sich fast zu ihrer eigenen Überraschung eines Tages wiedergefunden innerhalb der engergezogenen Grenzen ihres angeborenen Volkstums. »So sind wir alle«, rief der geistliche Herr aus, »in einem gewissen Sinne Heimgekehrte! Heimgekehrte aus einem großen, vielgestaltigen und vielsprachigen Vaterland in die engere Gemeinschaft unserer natürlichen Heimat, welche das wahre Mutterland unseres Herzens ist.« »Jeder von uns«, fuhr er fort, »glaubte einst an die Notwendigkeit der alten Österreichisch-ungarischen Monarchie. Trotz der Mängel, die ihr anhafteten, trotz der Reibereien, die es unter ihren Nationen gab, sahen wir in ihr doch den ersten und einzig wahren, auf Gleichberechtigung und gemeinsames Gedeihen gegründeten Völkerbund, den die Weltgeschichte bisher gekannt. Unser Bedürfnis nach Frieden ließ uns einen Segen darin erblicken, daß Streitigkeiten, die andernfalls mit den Waffen hätten ausgetragen werden müssen, innerhalb ihrer Grenzen im Wege des gütlichen Einvernehmens beigelegt werden konnten. Unser Bedürfnis, zu lieben und zu verehren, verband unser Volkstum in echt deutscher Treue mit dem letzten großen Kaiser, der tatsächlich ein liebens- und verehrungswürdiges Vorbild von Gottesfurcht und Pflichtbewußtsein gewesen ist, und durch ihn auch mit der weit größeren, fremdsprachigen und in vieler Hinsicht widerspruchsvollen Gemeinsamkeit. Darum glaubten wir an die alte Monarchie. Und doch hat dieser Glaube uns betrogen. Darum glaubten wir an die Notwendigkeit ihres Bestehens. Aber es war ein Irrtum.« »Ja, ein Irrtum ist es gewesen, und mehr als das, es war auch eine Schuld! ... Ich sehe fragende Blicke auf mich gerichtet: Eine Schuld? Warum?« »Weil die Gemeinschaft, die die alte Monarchie verkörperte, lediglich auf Klugheit und wirtschaftlichem Vorteil aufgebaut gewesen ist und sich auf keine gemeinsamen Ideale zu stützen vermochte.« »Es ist ein Dogma der materialistischen Geschichtsauffassung,« fuhr er fort, »daß das politische, soziale, kulturelle Leben der Völker ausschließlich oder doch vorwiegend durch Gütererzeugung und -bewirtschaftung, durch Handelsstraßen und Verkehrswege bestimmt werde. Dieses Dogma ist falsch, weil es der Seele und dem Geist, dem Unbewußten und Schicksalshaften, das in der Volksseele schlummert, seine Rechte verkümmert. Und darum ist auch die Lehre, die alte Habsburgische Monarchie müsse bestehen, weil der wirtschaftliche Vorteil der ihr angehörenden Völker es erfordere, eine Irrlehre gewesen. Und eine Schuld ist sie gewesen, weil sie auf einer Überschätzung der stofflichen Lebensbedingungen gegenüber den geistigen und seelischen Bedürfnissen der Völker beruhte, und weil sie im Grunde eine seelenlose, eine platte Nützlichkeitslehre war.« »Die höchsten geistigen Güter, deren Trägerin die Muttersprache ist, gedeihen nur innerhalb einer Volkseinheit zur vollen Blüte. Darum kann der übervölkische Staat höchstens eine stoffliche Interessengemeinschaft sein, aber nie und nimmer ein seelenhaft natürliches Gebilde. Hierin liegt die Berechtigung und Weihe des nationalen Gedankens beschlossen und die Heiligkeit des völkischen Staates. Das gemeinsame Weltbild ist ein haltbarerer Kitt als der gemeinsame Futtertrog. Und das Weltbild des deutschen Volkes ist von jeher ein idealistisches gewesen, keine Anbetung der Nützlichkeit, kein Handelsvertrag, kein Stoff- und Kraft-Glaube, keine Krämerweisheit.« »Darum war die alte österreichisch-ungarische Monarchie,« sagte er, »weil durch Kompromisse der Klugheit auf Kosten des Herzensbedürfnisses zusammengehalten, eine Verleugnung des deutschen Wesens. Und darum meine ich, daß es nicht nur ein Irrtum, sondern auch eine Schuld war, wenn wir an ihre Notwendigkeit und Unvergänglichkeit glaubten. Denn ein Volk, das sein Wesen verleugnet, begeht die Sünde wider den Geist.« Nach solch reumütig-politischem Exkurs nahm Pater Wilfrid den Gedanken der Heimkehr aus fremden oder fremdgewordenen Ländern in die traute Hut des angestammten Volkstums wieder auf. Aus dem Herzen der Monarchie waren viele Deutschösterreicher, treu dem alten Staatsgedanken, hinausgezogen in die fremdsprachigen Teile des Reiches, um ausgestattet mit Wissen und Können, Fleiß und Tüchtigkeit die Kulturarbeit fortzusetzen, die ihr Volk seit Jahrhunderten hier geleistet. Jetzt erfanden die balkanisierten Trümmer der einstigen Gemeinschaft sich das Schlagwort von den gesprengten Ketten, um Wohltat mit Unrecht zu vergelten und sich am deutschen Schweiße zu bereichern. Ihres Gutes beraubt, ihrer Stellungen verlustig, betrogen um den Lohn eines arbeitsreichen Lebens, strömten die Entrechteten, sofern sie nicht auf der Strecke geblieben waren, dahin zurück, von wo sie ausgezogen, Heimgekehrte auch sie, zu Bettlern verarmt, in eine bettelarm gewordene Heimat. Aus der Familie Mairold allein, der Justinens Vater und Ursels Mutter entstammten, wußte der geistliche Herr mehrere solcher Schicksale zu erwähnen. Da war Christian Mairold, der Älteste von den noch lebenden Geschwistern, mehr als ein Menschenalter hindurch Hochschullehrer in Prag, der wegen einer Schrift, in der er die Bedeutung des deutschen Volkes für die sittliche Kultur der Slawen nachzuweisen versucht, so viele Anfeindungen, Gehässigkeiten, behördliche Quälereien, sogar tätliche Angriffe erduldet hatte, daß er schließlich unter angeblich »freiwilligem« Verzicht auf alle durch seine Stellung erworbenen Rechte nach Wien zurückgekehrt war, um sich ein, ob auch an Entbehrungen reiches, doch friedfertiges Alter als Privatgelehrter zu sichern. Nicht besser erging's seiner jüngsten, auch schon hoch in Jahren stehenden Schwester Vefi, die Schulvereinslehrerin in Laibach gewesen, aber sofort nach dem Umsturz wie eine Übeltäterin verfolgt und des Landes verwiesen worden war. Franz Mairold, der jüngste von den Brüdern, der als Offizier seine besten Jahre in Bosnien verbracht und sich hingebungsvoll um die Ordnung und Hebung des Landes bemüht hatte, sah sein Andenken an der Stätte seines ehemaligen Wirkens fast täglich von den serbischen Hetzblättern verleumdet, in den Kot gezerrt und gehörte, obgleich General und Exzellenz, nicht minder zu den fast auf nichts gestellten Heimkehrern. Und dem Begründer der großartigen Marmorwerke auf der Wegwacht und in der Lüsen, Justinens Vater; der den ganzen Krieg hindurch mitten im Kanonendonner in jenem südlichen Grenzwinkel ausgeharrt hatte, wo deutsches mit wendischem und welschem Sprachgebiet sich berührte, waren nach gefallener Entscheidung seine Besitztümer von den neuen Machthabern widerrechtlich beschlagnahmt worden. Seines Vermögens verlustig, des moralischen wie materiellen Ertrages aller Mühen und Arbeit beraubt, hatte auch er sich in die alte Heimat geflüchtet, aber den völligen Zusammenbruch seines gesamten Lebenswerkes nicht lange überlebt ... »So sind außer dem Sohn dieses Hauses«, sagte Pater Wilfrid, »noch zahlreiche andere Angehörige des weiteren Familienkreises und viele Tausende unserer Volksgenossen heimgekehrt, aber nicht als Sieger. Und manche, die wir schmerzlich vermissen, sind geblieben im blutigen Kampfe oder unterlegen im unblutigen Wirtschaftskrieg, der fast noch grausamer war als jener, sind nicht mehr heimgekehrt dahin, wo die Möglichkeit für sie bestand, ein neues Leben zu beginnen, und wo die Nation ihrer bewährten Fähigkeiten bedurft hätte. Denn für unser Volk ist der Krieg zwar beendet, aber ein Friede, der auf die Dauer erträglich wäre, noch nicht geschlossen. Heute gilt's die geistigen und wirtschaftlichen Kräfte zusammenzufassen, damit wir stark und würdig werden, das Recht, das uns Gott ins Herz gelegt, auch vor den Menschen durchzusetzen.« »Denn wir sind ein Zweig der alten heiligen deutschen Eiche, der abgetrennt vom Baume nicht leben und gedeihen kann. Und daß an Stelle des unzulänglichen friedlichen Völkerbundes, den die zerschlagene alte Monarchie darstellte, ein neuer, nur viel umfassenderer und vollkommenerer, wahrhaft auf Menschenrecht und Menschenliebe gegründeter Völkerbund ins Leben getreten sei, daran werden wir erst an dem Tage glauben können, an welchem die von allen Häusern dieser Stadt festlich wehenden Flaggen uns eine andere, heißersehnte Heimkehr künden, die Heimkehr ins Reich.« »Auf diesen Tag, meine werten Freunde, laßt uns hoffen. Auf ihn wollen wir im Vertrauen auf Gottes sittliche Weltordnung uns vorbereiten, ein jeder innerhalb seines Wirkungskreises, durch stille, redliche Arbeit, wie es dem Wesen des deutschen Volksstammes in Österreich entspricht und seiner Sendung von jeher entsprochen hat. Denn wenn auch die müßigen Gesellschaftskreise dieser alten, durch Fleiß und Tüchtigkeit zu ihrer heutigen Bedeutung gediehenen Stadt und mit ihnen die unzähligen ausländischen Genüßlinge, die derzeit darin umherlaufen, in Wien nichts anderes als eine Stätte der Vergnügungen und Lustbarkeiten sehen wollen, so hat die bodenständige Bürgerschaft und mit ihr die gesamte Bevölkerung Deutschösterreichs bei aller natürlichen Heiterkeit und harmlosen Lebensfreude doch seit Jahrhunderten ihren Ruhmestitel vorwiegend darin erblickt, mit Gottvertrauen und Tüchtigkeit ein Volk an der Arbeit zu sein.« Der geistliche Herr hob sein Glas, sah rings in der Runde mit heitergütigem Lächeln einem nach dem andern ins Auge und sagte zum Schluß noch mit warmer und inniger gewordener Stimme, gleichsam persönlich sich an jeden einzelnen wendend: »Arbeit und Gottesnähe – keine neue Weisheit, ich geb' es zu, aber die einzige, die Stich hält. Möge sie uns alle dereinst den richtigen Weg leiten bis zu unserer letzten Heimkehr, der Heimkehr zu Gott!« Die Gläser klangen zusammen, man reichte einander die Hände, Aug' in Auge einander zutrinkend. Auch der alte Hocheder hatte sich erhoben. »Der Bürgerstand war immer ein arbeitender Stand«, sagte er. »Man will ihn jetzt an die Wand drücken. Die beste Antwort darauf ist: doppelte und dreifache Arbeit leisten, Bürger und Bürgerssöhne!« Er stieß mit Severin an: »Wer mittun will, der soll mir willkommen sein!« Laurenz drückte den Bruder, der verlegen zu Boden blickte, an die Brust. Justine ließ ihr Glas an das Severins klingen: »Die Musik wollen wir auch nicht ganz vergessen, nicht wahr?« Es war ersichtlich, daß sie ihn aufmuntern, ihm etwas Liebes sagen wollte. Da ging für einen Augenblick ein Aufleuchten über seine Züge, doch sank er bald wieder in eine Art Teilnahmslosigkeit zurück. Ursel trank mit Eybel auf Grund der neu entdeckten Vetterschaft auf du und du, Marianne, die daneben stand, hätte gewünscht, an ihrer Stelle zu sein. Und über den Klang der Gläser hinaus klangen die vernommenen Worte des geistlichen Herrn noch lange nach. Mit unterschiedlich abgestufter Wirkung zwar, je nach der verschiedenen Artung, Empfänglichkeit oder Aufgeschlossenheit der Gemüter; aber aus allen Zügen war doch das Zeugnis abzulesen, daß sie irgendwie ergriffen hatten, oder, wo sie nicht in jedem Sinne Zustimmung fanden wie bei Herrn Michael Hocheder, wenigstens zu Nachdenklichkeit und Beherzigung anregten. Einzig Severins Miene blieb scheu verschleiert. Und doch lag die Vermutung nahe, daß die Mahnung, die Pater Wilfrids Ausführungen enthielten, sich vorwiegend an ihn richtete, der ein neues Leben zu beginnen im Begriffe stand. Hatte die offenkundig wohlmeinende Absicht, ihm gewisse Richtlinien an die Hand zu geben, ihr Ziel verfehlt? Oder die jahrelang geübte notgedrungene Gewohnheit, seine Gedanken ängstlich geheimzuhalten, dem Antlitz die Fähigkeit benommen, Seelenvorgänge widerzuspiegeln? Pater Wilfrid zerbrach sich anscheinend nicht den Kopf darüber, merkte vielleicht nichts oder wollte nichts merken. Vom Predigen her daran gewöhnt, es der Fügung zu überlassen, ob das ausgestreute Wort auf fruchtbaren Boden oder zwischen Sand und Dornen fiel, mochte es ihm genügen, sich die Gedanken von der Seele gesprochen zu haben, die der Anlaß in ihm aufgewühlt. Er machte jetzt den Eindruck eines Mannes, der das Seinige getan hat, wurde heiter und umgänglich und enthob die ganze übrige Gesellschaft der Mühe, sich um unterhaltende Gespräche umzutun. Denn unversehens war er ins Plaudern geraten. Und wie allgemein bekannt, war er ein glänzender Erzähler, wenn er einmal in Zug kam. Seine Laune hatte in ihrer gemütlich lebensbejahenden, gesunden und volkstümlich angehauchten Art etwas im besten Sinne Bäurisches, wie das bei katholischen Geistlichen oft sich findet; denn wie die meisten von diesen war auch er aus ländlichen Umgebungen ins geistliche Seminar und den Priesterstand hineingewachsen. Aber der Umgang mit den heiligen Dingen hatte aus dem groben Holz doch einen feinen Kopf geschnitzt. An der Wand gerade zu seinen Häupten hing ein alter Stich nach Josef Danhausers Sittenbild aus der Biedermeierzeit, das unter dem Namen der Testamentseröffnung bekannt ist. Mit seinem liebenswürdigen Lächeln auf den Lippen glich Pater Wilfrid dem alten, würdigen Pfarrer auf diesem Bilde, der sich eben der bescheiden abseits stehenden armen Verwandten mit der unerwarteten Freudenbotschaft zuwendet, daß sie zur Haupterbin eingesetzt sei. Auf die angenehmste Weise verflog so noch ein Stündchen, währenddessen in bunter Folge lebensvolle Szenen aus dem Leben eines stiftlichen Chorknaben, eines fürstbischöflichen Alumnen, eines jungen Landgeistlichen und schließlich eines großstädtischen Seelsorgers, meist schalkhaft gefärbt und mit schmunzelnder Natürlichkeit vorgetragen, an den erheiterten Gästen vorüberzogen, die sich gerne aufs Zuhören beschränkten. Endlich lud Justine ins anstoßende kleinere Zimmer, wo man sich zuerst versammelt hatte, zum Kaffee. Nun erinnerte Ursel an Mariannes Versprechen, den großen Unbekannten, der noch eine unbekannte Größe war, zu Wort kommen zu lassen. Und Marianne, welche die Gelegenheit gerne ergriff, auch das ihrige zu einer anregenden Geselligkeit beizutragen, und noch lieber den Anlaß wahrnahm, den insgeheim Geliebten vorlesen zu hören und ihn dadurch auch ein wenig ins Licht zu setzen, holte ihr Stammbuch herüber. Lächelnd erkannte Eybel Freund Rumpsacks Schrift, die beiden jungen Leute geheimnisten miteinander, es machte ihnen Spaß, die übrige Gesellschaft in Spannung zu halten. Übrigens gab das Gedicht, nachdem Eybel es vorgetragen hatte, Anlaß zu allerhand Betrachtungen, die sich daran knüpfen ließen. Und da es Eindruck machte und jeder sich zu einer Bemerkung darüber gedrängt fühlte, kehrte das Gespräch im Anschluß daran zu gewissen Zeiterscheinungen zurück, die schon früher berührt worden waren. Denn das Sonett, welches das Leben im Gleichnis eines Maskenfestes widerspiegelte, enthielt tatsächlich Anklänge an Gedanken, die Laurenz und Ursel vorhin geäußert hatten. Nur daß es diese Gedanken durch knappe künstlerische Formung über das Alltägliche hinaushob und gleichsam wesenlos über der Vergänglichkeit der Erscheinung schweben ließ. Es lautete: Redoute Verheißungsvoll, als wollten sie verführen, Blitzen die Augen hinter schwarzem Samt, Verhüllter Reiz hat manches Herz entflammt – Die Stunde schlägt, nun heißt es: Demaskieren! Erhitzte Hoffnung hebt da an zu frieren Vor Häßlichkeiten, schier der Nacht entstammt, Und hehre Schönheit, die der Maske Samt Nicht ahnen ließ, beginnt zu triumphieren. So reißt gar mancher gleißenden Lebenslüge Der Zeiten Not die Maske vom Gesicht, Enthüllend widerlich gemeine Züge. Und Seelenschönheit, die da trat ans Licht, Voll stillen Heldentums in Leid und Nöten, Steht schamhaft da mit lieblichem Erröten.   Unter den Menschen gibt es ihrer mehr, als man glaubt, die sozusagen umgekehrt eingesetzt sind, die Äste nach unten, die Wurzeln in der Luft, wie ein kaltblütiger Pflanzenforscher einmal eine Anzahl Obstbäumchen eingepflanzt haben soll, um seine Beobachtungen daran anzustellen. Die Fähigkeit der Lebewesen, sich auch den widrigsten Umständen anzupassen, ist bewundernswert, und es wird berichtet, daß jene auf den Kopf gestellten Bäumchen ganz leidlich gediehen, indem sie aus der Not eine Tugend machten und sich in die ihnen aufgezwungene Lage zu schicken wußten. Die schwächeren und wehleidigen freilich, die gingen ein, die andern aber entschlossen sich frischen Mutes, den geänderten Verhältnissen Rechnung zu tragen. Ihre Äste und Zweige in der feuchten Dunkelheit da unten setzten allmählich zarte Würzelchen an, mit denen sie die nährenden Säfte aus dem Boden saugen konnten, während die richtigen, die entwurzelten Wurzeln am entgegengesetzten Ende, in Sonnenschein und Regen mit der Zeit ihrer ursprünglichen Bestimmung vergaßen und Blattknospen hervorzutreiben anfingen, aus denen nach und nach allerhand grünes Laub zum Vorschein kam. So gelang mit gutem Willen schließlich eine völlige Umstellung. Was Licht- und Luftorgan gewesen, verwandelte sich in Organe der Tiefe und umgekehrt, was als unterirdischer Saugapparat Feuchtigkeit und Nahrung aus der Erde nach oben gepumpt hatte, ward zum Atmungsorgan im Licht der Sonne. Und ein jedes der also vergewaltigten Lebenswerkzeuge nahm die ihm zugewiesene neue Tätigkeit, so ungewohnt sie war, mit löblichem Eifer auf, dem verdrehten Ganzen zu Nutz und Frommen. Sogar Blüten und Früchte sollen manche dieser Bäumchen hervorgebracht haben. Solange sich niemand meldet, der eine Kirsche, einen Apfel oder eine Pflaume von einem dieser köpflings eingepflanzten Wundergewächse gegessen hat, muß die Verantwortung für die Richtigkeit der angeführten Tatsache der allgemein hochgeschätzten Frau Anna Staudenmayer überlassen werden, der seit Jahren schwerkranken und ans Bett gefesselten Gattin des Spulendrechslers Ignaz Staudenmayer in der Schutzengelgasse, welche die Geschichte von den verkehrt eingesetzten Bäumchen gerne herumerzählt. In ihrer Kindheit, lange bevor sie aus ihrem niederösterreichischen Heimatsdorf in die große Stadt verschlagen wurde, will diese wackere Frau, an deren Glaubwürdigkeit zu zweifeln niemand Ursache hat, jenen naturforschenden Gartenbesitzer und Experimentierer noch selbst gekannt haben, der sein Leben mit solch gewagten Versuchen hinbrachte und zum Lohn dafür von der eingesessenen ländlichen Bevölkerung für verrückt gehalten wurde. Sie bestreitet, daß er verrückt gewesen sei, und will in ihm vielmehr einen edlen Menschenfreund erblicken, dem es sich darum gehandelt hätte, den Nachweis zu erbringen, wieviel Ungemach und Widrigkeiten ein Lebewesen bei gutem Willen ertragen könne, ohne deswegen gleich zugrunde gehen zu müssen. Was übrigens das merkwürdige Ereignis selbst anlangt, so wird dieses von Frau Staudenmayers Zimmerherrn Rumpsack, dem Ehrendoktor der Schutzengelgasse, vollauf bestätigt. Neben vielem andern, das er halb und halb ist und weiß, ist er auch halb und halb Botaniker und hat von dem Manne, der auf die beschriebene Art mit den Bäumchen umsprang, wenigstens aus der Ferne etwas läuten hören. Auf Grund eines aus der feuchtfröhlichen Studentenzeit herübergeretteten Überrestes von Fachwissen bestreitet auch er, daß jener ein Narr gewesen sei; derselbe gelte » au contraire im Gegenteil«, wie er sich ausdrückt, sogar für eine Leuchte der Wissenschaft, dem die Pflanzenforschung eine Reihe wertvoller Aufschlüsse verdanke. Und auch sonst stimmt Rumpsack mit Frau Staudenmayer in manchem Punkte überein. Wie diese hält er nicht nur köpflings, sondern auch in umgekehrter Richtung hervorgebrachte Kirschen, Äpfel und Pflaumen für durchaus nichts Unmögliches. Und wie diese ist er der Meinung, daß es auch unter den Menschen der verdrehten Gewächse genug gebe, und daß insbesondere diese böse Nachkriegszeit eine Unzahl von unschuldig aus ihrem Erdreich gerissenen Existenzen mit dem Kopf nach unten eingesetzt und sie dazu genötigt habe, sich umzustellen, sich anzupassen, die zur Atmung und Ernährung unbrauchbar gewordenen Werkzeuge durch neuerworbene tauglichere zu ersetzen. Sind sich sonach die beiden Genannten darin einig, daß der Obstgarten des Herrn reich sei an naturgeschichtlichen Kuriositäten, so weichen sie doch insofern voneinander ab, als Frau Staudenmayer, die mit dem lieben Gott auf gutem Fuß steht und sich in allem und jedem auf ihn verlassen kann, dessen besondere Weisheit und Führung darin zu erkennen meint, daß er allem Lebendigen Zähigkeit genug verliehen habe, sich auch durch die verkehrteste Behandlung nicht umbringen zu lassen. Wem es einmal gelungen sei, behauptet sie, am eigenen Leibe die an Wunder grenzende Heilkraft des Willens zum Guten zu erweisen, der stehe vor Gottes Angesicht gereinigter und wohlgefälliger da als früher, und gerade auf die Herbeiführung eines so geläuterten Zustandes sei eben der Sinn und die verborgene Absicht aller auferlegten Prüfungen gerichtet. Der Ehrendoktor der Schutzengelgasse hingegen, so wenig er jenem experimentierenden Gelehrten das Recht bestreitet, so viele Bäumchen verkehrt einzusetzen, wie ihm beliebt, will durchaus nicht einsehen, warum der liebe Gott, dem doch wohl kaum an einer Erweiterung seiner naturwissenschaftlichen Fachkenntnisse gelegen sein könne, mit einer ganzen Menge braver Leutchen dasselbe tue. Und um den lieben Gott nicht lästern zu müssen, nimmt er lieber an, daß dieser nur ins Große denke und sich um Einzelheiten wenig kümmere, weshalb wohl auch nicht er selbst es gewesen sei, der einen beträchtlichen Teil der Menschheit auf den Kopf gestellt hätte, sondern vermutlich leichtfertig vermessene irdische Gärtner dahintersteckten, die kühn genug gewesen wären, ihm ins Handwerk zu pfuschen und gegen seinen Willen in die dem Lichte zustrebende Entwicklung einzugreifen, indem sie mit frevler Hand so viel gesundes Gedeihen entwurzelten und so manchem wohlerworbenen Lebensglück das Erdreich abgruben. Begreiflich, daß unter solchen Umständen dem ehrlichen Rumpsack auch jene beneidenswerte Zuversicht abgeht, die Frau Staudenmayer auszeichnet. Denn während diese davon überzeugt ist, daß alles, was der Herrgott zuläßt, wohlgetan sei und schließlich zu einem guten Ende führen müsse, kann jener nicht einsehen, was wohlgetan sein und Gutes dabei herauskommen soll, wenn es in dieser besten aller Welten der Verruchtheit ohne weiteres gestattet ist, der sittlichen Weltordnung ein Schnippchen zu schlagen, so oft es ihr beliebt. Wie allem und jedem in der Natur, meint er, so seien auch dem sieghaften Walten der Lebensenergie gewisse Grenzen gesetzt, und wenn der jedem äußeren wie inneren Gedeihen gleich feindselige Vernichtungswille der Nachkriegszeit noch lange blindlings fortwüte wie bisher, so werde eben schließlich ein Feld der Verwüstung zurückbleiben, wo einst gesundes Wachstum und verheißungsvolles Blühen ans Licht gestrebt. Wie borstig und stachlig sein Fell sich anfühlen mochte, so war im Grunde seine Seele doch eine feinfühlige Prinzessin auf der Erbse. Auch die üppigsten Kissen der angeborenen Frohlaune, die er ihr gerne unterbreitet hätte, reichten nicht hin, den Druck zu mildern, der ihr sagte, daß etwas nicht in Ordnung sei. Er litt unsäglich unter dem Gedanken, sein Volk, das er liebte, geschlagen, verrottet, verderbt, vielleicht für immer von der erreichten Höhe des Geistesadels und der Gesittung herabgeschleudert zu wissen. Und um diesen Kummer weder den Blicken seiner Umgebung auszusetzen, noch ihm zu erliegen, täuschte die Schauseite jenes Rumpsack, welcher der Welt sichtbar blieb, die Schutzfärbung der Spaßhaftigkeit und des Bummelwitzes vor, während er sein Gemütsleben insgeheim in die Einsamkeiten der Poesie flüchtete. Es war ihm peinlich, daß Freund Eybel ihm hinter die Sprünge gekommen war. Und als auch Marianne Hocheder, der er einst höhere Schulweisheit eingetrichtert, sich als Mitwisserin entpuppte und um ein Gedicht ins Stammbuch bat, hatte er die Erfüllung ihres Begehrens von der Zusicherung vollster Verschwiegenheit abhängig gemacht und das anonyme Sonett, welches er ihr widmete, als seinen Schwanengesang bezeichnet. Es sollte das letzte von ihm verfertigte Gedicht und der begonnene Zyklus von Sonetten aus der Zeit für immer unvollendet bleiben, das sei eine abgemachte Sache, beteuerte er, erledigt, basta, Streusand drauf! Denn das Dichten würde er von nun ab überhaupt aufstecken, es brächte ihn sonst noch in Schande, und bisher sei er doch als ein leidlich anständiger Mensch durchs Leben gegangen, hätte sich nie etwas zuschulden kommen lassen, von den paar Versen abgesehen, die er aufrichtig bereue. Aber eine schwache Stunde hätte jeder ab und zu einmal, und wenn Marianne nur so freundlich sein wolle, ein Auge zuzudrücken, so verspreche er feierlich, es auch nie wieder zu tun. Sie wußte schon, daß man seine Äußerungen cum grano salis zu nehmen habe, und sagte zu, was er verlangte. Es hatte auch keine Gefahr um die Literaturgeschichte, so ernst es ihm im Augenblick mit dem beschworenen Verzicht aufs Dichten war. Denn immer aufs neue quillt Hippokrene, die Musenquelle auf, sobald Pegasus nur mit dem Hufe stampft, vielleicht war Rumpsack auch ein zu willensschwacher Mensch, der sich nicht genügend in der Gewalt hatte, jedenfalls dauerte es nicht lang, so wurde er rückfällig. Der Anlaß hierzu kam von außen. Irgendwie war ihm der Mammonsdienst der Zeit, dessen verbrecherische Auswüchse gerade in den himmelschreiendsten Fällen ungesühnt blieben, in einem besonders aufreizenden Beispiel recht augenfällig entgegengetreten, da überwältigte es ihn, als er eines Abends noch kochend vor Entrüstung und bis zum Rande angefüllt mit müdem Wehleid im »Salettl« saß. Er konnte wirklich nichts dafür, es war stärker als er, es dichtete in ihm, es sonnettete ganz von selbst, ob er wollte oder nicht, seine Empörung, sein Schmerz, sein Zorn waren es, die dichteten. Und fast ohne daß er etwas davon wußte, kritzelte seine Hand die Verse, die sich von selbst einstellten, auf die Rückseite eines Zettels, den er gerade bei sich trug. Er erschrak nicht wenig, als er später die Entdeckung machte, daß die Vorderseite dieses Zettels eine geharnischte Strafandrohung enthielt, weil er mit der Einzahlung einer Steuer im Rückstand geblieben war, die ihm für sein kaum zur Stillung des Hungers ausreichendes Einkommen aus karg bezahlten Korrepetitionsstunden vorgeschrieben worden, war es nicht eine Herausforderung des Schicksals, sein Gedicht auf die Rückseite eines Steuermandats zu schreiben? Denn wenn es heißt, Gedanken seien zollfrei, wer konnte wissen, ob sie auch steuerfrei waren und ob man ihm nicht auch für seine Verse eine Steuer vorschreiben würde, um die Stützen des Staates, die reichgewordenen Schieber und Nachkriegsgewinner, ein bißchen zu entlasten? Aber er tröstete sich bald mit dem Gedanken, daß es ihm im Notfall nachzuweisen gelingen würde, wie gänzlich ungedruckt seine Gedichte derzeit noch seien. Die in Verse gekleideten Gedanken, durch die er seine Sammlung von Zeitsonetten um eine leider recht bittere Nummer bereicherte, hatten folgenden Wortlaut: Das goldene Kalb Ehrlich währt doch, denkt mancher unverhohlen, Am längsten – wenn die Bank noch Kapital Aufs Konto leiht. Doch steht's damit fatal, Je nun, so stiehlt man eben wie die Dohlen. Und hat man nicht auch früher schon gestohlen, Ja war der Grund nicht etwa die Moral, Man hatte es nicht nötig dazumal, Drum heuchelte Kotau man vor Idolen. Ums goldne Kalb dreht sich der tolle Tanz, Und dieses platzt beinah vor Arroganz: »Blinde Frau Themis, sind wir denn nicht Schwestern?« Wo gäb's noch was, das nicht um Geld zu kaufen! Die kleinen Diebe hängt man, ganz wie gestern, Die großen aber läßt man heute laufen. Dieser Erguß, in welchem Rumpsacks Unmut sich Luft machte, trug doch nichts dazu bei, sein Herz zu erleichtern. Denn unversehens war dadurch die Frage in ihm aufgewühlt, was denn in einer Zeit, in der die Krankheitserscheinungen sich so beängstigend häuften, er selbst, ein kräftiger, arbeitsfähiger und vielleicht nicht unbegabter Mensch, dazu beitrage, sie gesunden zu machen. Aus den offenstehenden Fenstern des Werksaals im ersten Stock klang das gemächliche aber anhaltende Klappern eines Webstuhls, dort war der Weber Schinnerl an der Arbeit und brachte etwas vom Fleck, das irgendwie zu brauchen war. Auch die Drehbank Staudenmayers hörte man surren, er verfertigte Spulen auf Vorrat, benötigt wurden jetzt keine, wo alles stockte, aber wenn die Zeiten sich besserten, würde doch einmal der Tag kommen, wo man sie brauchen konnte. Und auch die andern Leute im Haus, bis hinauf zu den beiden Hocheder, die mit ihren Angestellten in den Schreibstuben tätig waren, blieben bei der Stange trotz der Ungunst der Zeit und förderten ihr Werk. Er selbst hingegen, Gottlieb Rumpsack, was leistete er für die Allgemeinheit? Worin bestand seine Mitwirkung am Wiederaufbau? Er dichtete! Er ließ den Sumpf sich in Versen bespiegeln und verklärte ihn dadurch mit dem Licht der Schönheit, statt seine Trockenlegung zu betreiben. Würden denn seine Gedichte auch nur im geringsten dazu beitragen, der verrotteten Wirtschaft auf die Beine zu helfen? Und hieß es nicht selbst auf den Nutzen, den sie allenfalls mittelbar stiften konnten, indem sie die Herzen aufrüttelten und ihnen Schwung und Willen verliehen, eigensüchtig verzichten, wenn er sie geheimhielt? Heiß fiel es ihm plötzlich auf die Seele, daß auch er selbst ein verkehrt eingepflanztes Bäumchen sei. Ein Gelehrter hatte er werden wollen, Arzt, Naturforscher, nun fristete er sein Leben mit Einpauken wackliger Schüler und stillte den Hunger seines Gemüts mit Versen. So teilte er das unselige Los der Dichter, der von einem Dämon köpflings Eingesetzten, die mit den Wurzeln in der Luft hängen, während die Organe, die sonst Früchte tragen, sich ins Erdreich wühlen, um von der Welt, wie sie wirklich ist, nichts zu sehen und zu hören ... »Und noch ein verkehrt Eingesetzter!« sagte er mit einem sich selbst verulkenden Auflachen vor sich hin, als jetzt eine Gestalt dem »Salettl« sich näherte. Der Jugendfreund war's, mit dem er sich neuerdings angefreundet, Severin, der jetzt durch den Garten daherkam und sich zu ihm setzte, um auszuruhen von der geisttötenden Beschäftigung seines Arbeitstages. Der alte Hocheder duldete es nicht, daß einer müßig gehe in seinem Hause. Dabei begriff er unter Müßiggang alles ein, was sich nicht unmittelbar bezahlt machte. Dem Heimgekehrten hatte er Hilfsdienste im Geschäft zugewiesen, das Ordnen und gewissenhafte Eintragen von Rechnungen, Frachtzetteln und Lieferscheinen, das Bedienen der Schreibmaschine und ähnliche untergeordnete Verrichtungen. Er entlohnte ihn dafür wie üblich, keineswegs nach einem Vorzugssatze, und es war schon ein übriges, das er tat, wenn er durch die Finger sah und für das Zimmer, das Marianne dem Bruder eingerichtet hatte, keine Miete forderte. Übrigens kamen Vater und Sohn wenig miteinander in Berührung, und es war gut, daß sie sich oft tagelang kaum sahen. Im Schreibstubenleben verschwand der kleine Angestellte wie ein armes, wenig beachtetes winziges Erdhügelchen neben dem Pik von Teneriffa. Im außergeschäftlichen Leben gingen sie mehr unwillkürlich als aus bewußter Absicht erst recht aneinander vorbei. Die Mahlzeiten nahm Severin bei Laurenz und Justine ein, die sich treu, stetig und mild gegen ihn erwiesen wie gegen einen schonungsbedürftigen, dem man lieber Schweigen entgegensetzt als Widerspruch. Denn die Denkart und Gesinnung, die Severin aus dem fernen Osten mitbrachte, hätte allerdings, wenn sie ab und zu einmal sich etwas deutlicher ans Licht wagte, zu Widerspruch herausfordern müssen, wäre man nicht stillschweigend übereingekommen, nichts weiter als eine unhaltbare und darum wohl bald vorübergehende Grille und Wunderlichkeit darin zu erblicken. »Wie gefällt's dir daheim?« fragte Rumpsack. »Beinahe so gut wie in Sibirien!« Grimm lag in dem Wort. Eng und kleinlich erschien ihm hier alles. Dieses bürgerliche Schuften um Gewinn und Erwerb. Diese Freude am Besitz. Das lächerliche Standesbewußtsein, der Mangel an sozialem Gefühl für die Enterbten. Er träumte von einer Neuordnung der Dinge, die nicht mehr lang auf sich warten lassen würde. »Dann wird den Hähnen, von denen jeder auf seinem Misthaufen sitzt und kräht, der stolze Kamm schlapp über die Nase herunterhängen!« »Mir scheint, du bist so etwas wie ein Bolschewike geworden, da drüben?« sagte Rumpsack halb belustigt. »Kommt dir der ausbeuterische Wirtschaftsbetrieb, der die halbe Menschheit zur Sklaverei verurteilt, etwa wie eine letzte Lösung vor?« fragte Severin dagegen. »Vorderhand sieht es sich so an, als ging's nicht anders.« »Es geht auch anders, glaub' mir, muß anders gehen! Jedem das Seine und gleiches Recht für alle! Ich warte und werd' es erleben. Es kommt eine Zeit, die wird jeden auf seinen Platz stellen, und jede Leistung willkommen heißen. Dann wird man einen Künstler nicht mehr zum Zettelklauben verwenden. Man wird ihm die Aufgabe zuweisen, für die er bestimmt und der er gewachsen ist, ein Freudenbringer zu sein!« »Wär' mir schon recht«, sagte Rumpsack. »Dann geh' ich fleißig spazieren und tu' nichts anderes mehr als dichten. Höchstens noch hie und da in der Kneipe sitzen. Wär' das ein Leben! Dann gäb's natürlich auch keine verkehrt eingesetzten Bäumchen mehr, ein jeder macht, was ihn freut, und bezieht dafür seine gesicherten Einkünfte, wenn's einmal zu einer Abstimmung kommt, ich stimme mit dir für den Zukunftsstaat, mein Wort darauf!« Mit der Unfähigkeit des Fanatikers, auch nur zu lächeln, sah Severin ihn an. »Wenn du erfährst, daß es darin keinen Alkohol gibt, mäßigt sich vielleicht deine Begeisterung.« Etwas wie Verachtung klang aus seiner Stimme, wie ein Peitschenhieb saß die knappe Bemerkung. »Hör mal, Severin, du bist ungemütlich geworden!« Hinter des alten Schulfreunds aufgeschwemmtem, mit einer Tiefquart verzierten Gesicht, welches jetzt einen bekümmerten Ausdruck zeigte, war unversehens sein Jungensantlitz zum Vorschein gekommen, das ebenso enttäuscht und betrübt dreingesehen hatte, wenn er eine schlechte Zensur davontrug. Die Erinnerung an unverjährbare Beziehungen aus der Jugendzeit stimmte Severin zur Nachsicht. Er zog Vergleiche zwischen seinen eigenen, von den Stürmen eines fremden Weltteils umbrausten Schicksalen und dem eintönigen, in die engen heimatlichen Grenzen gebannten Lebenstrott des andern. Und trotz der beiden, die er erduldet, regte sich in ihm etwas wie Mitleid mit dem Genossen von einst, er kam ihm vor wie ein müder Gaul, der sein Lebtag mit verbundenen Augen am Göpel gegangen ist. Konnte es wundernehmen, wenn einer, der nie den erfrischenden Hauch der freien Welt geatmet, die stockende Sumpfluft gar nicht merkte, die hier die Brust beklemmte? Aus dem Bedürfnis heraus, sich umgänglicher zu erweisen, lenkte er vom heiklen Gegenstand ab und ersuchte den verkappten Dichter um Verse, sie in Musik zu setzen. Und Rumpsack, der es nachgerade aufgab, auf seiner Verlarvung zu beharren, sagte zu. Hier bot sich Aussicht, in bescheidenem Maße nach außen zu wirken. Es lockte ihn, dies im Wege des Gesanges zu tun, durch den ein Gedicht oft um vieles eindrucksvoller zum Gemüt spricht als gelesen. Sie unterredeten sich noch des näheren darüber und empfanden wohltätig die Gemeinsamkeit einer sachlichen Aufgabe, die Männer enger miteinander verbindet als irgend etwas sonst. So schieden sie schließlich unter stillschweigendem Übersehen der vorhandenen Gegensätze als die alten Freunde, die sie einst gewesen.   Die Jahreszeit war so weit vorgeschritten, daß Justine, wenn sie die bettlägerige Frau Staudenmayer an die Luft fuhr, jetzt nicht mehr die Sonne aufsuchte, sondern den Schattenwinkel des Gartens bevorzugte. Die Feuermauer war dort bis hoch hinauf mit wildem Wein bewachsen, aus dessen Dickicht ein ununterbrochenes Gezwitscher scholl. Denn zahlreiche Sperlinge nisteten darin mit lästermäuligem Geklätsch und Geträtsch, schnäbelten sich, stritten sich, jagten einander die karge Beute ab und trieben es auch sonst ganz wie die Menschen. Aus der feuchtmodrigen Ecke, wo die Mauer mit der Rückwand eines quergestellten Lagerschuppens zusammenstieß, stieg ein überaus lieblicher Duft auf. Maiglöckchen wucherten dort, ein üppiger Wald von spitz zulaufenden eirunden Blättern, über denen die sanft geneigten Stengel sich im schwachen Winde wiegten, mit ihren unschuldsweißen einseitwendigen Blütenträubchen. Ein wonniges Gefühl war es, diesen Wohlgeruch einzuatmen ... »Können Sie sich noch erinnern, Frau Justin',« sagte die Kranke, sich in ihrem Rollstuhl aufrichtend, »wie die Schneeglöcklein noch geblüht haben, da waren Sie in schweren Sorgen, ob Sie es erlauben sollen, daß der Herr Severin wieder ins Haus aufgenommen wird. Sie haben mich damals um Rat gefragt, und meine Antwort war: Was man aus Nächstenliebe tut, ist wohlgetan. Jetzt, wo die Maiglöckerln blühen, sind auch Sie wieder aufgeblüht und sehen befreit, erleichtert, förmlich verjüngt aus. Denken Sie nur, wie bitter es Ihnen nachginge, wenn Sie den armen, zermürbten Menschen hilflos seinem Schicksal überlassen hätten!« Als ganz junges Mädchen hatte Justine den Severin lieb gehabt. Vom Lande, aus der einsamen Berggegend der Lüsen, wo ihr Vater die großen Marmorwerke leitete, war sie nach Wien gekommen, sich in Musik auszubilden. Sie lebte in der Familie ihres Oheims Wolf Mairold, des Fabriksherrn, in der ehemaligen Luftschützgasse, wo das alte Stammhaus der Firma Mairold stand. Der Oheim, ein tüchtiger Verdiener, im übrigen ein gemächlicher Mann und Freund der Künste, nahm die Anwesenheit der Nichte gern zum Anlaß, junge Musiker ins Haus zu ziehen. Es ging gesellig her, man schwelgte im Reich der Töne, und Severin Hocheder, damals ein blutjunger Feuergeist, dem sein Geigenspiel näher am Herzen lag als die griechische Grammatik, mit der er sich noch hätte abgeben sollen, wurde bald der geistige Führer der kleinen Kunstgemeinde. Einmal, als sie mit ihm allein war – sie übten für den Abend das Adagio molto espressivo aus der Frühlingsonate – da übermannte es sie beide, daß sie einander in die Arme sanken, von da ab fanden sie des geheimen Küssens kein Ende. Die Leidenschaft war mit solcher Gewalt über ihre unerfahrenen Herzen hereingebrochen, daß sie sich vor den Leuten Zwang antun mußten, sich nicht zu verraten. Schon wenn sie einander beim Wiedersehen oder Abschiednehmen die Hand reichten, lief es wie ein Schauer durch ihre jungen, heißen Körper. Sie lechzten förmlich nacheinander. In Gesellschaft sahen und hörten sie nichts mehr als er sie, sie ihn. Es war wie ein Wahnsinn, der sie blind und taub machte. So vergaßen sie bald der gebotenen Vorsicht, merkten es nicht einmal, daß sie ihrer vergaßen. Die Notwendigkeit, sich ein freiwilliges Bekenntnis zu versagen, machte sie zu unfreiwilligen Bekennern. Herr Mairold, der sich für die ihm anvertraute Nichte verantwortlich fühlte, verbot dem jungen Hocheder das Haus, Justine wurde streng überwacht. Aber die jungen Leute konnten nicht voneinander lassen. In ihrem Ungestüm faßten sie den abenteuerlichen Entschluß, zu entfliehen. Die Liebe, die die Kräfte erhöht, aber freilich auch leicht ein falsches Kraftgefühl vortäuscht, redete ihnen ein, daß sie imstande sein würden, sich mittels ihrer Kunst durchs Leben zu schlagen. An einem eisigkalten Winterabend trafen sie auf dem Nordbahnhof zusammen, um gemeinsam die Reise in die Welt hinaus, die Fahrt nach der Insel der Seligen, wie sie meinten, anzutreten. Die Rücksicht auf ihre Anverwandten, die keineswegs gänzlich erloschen war, hatte sie veranlaßt, Abschiedsbriefe zu hinterlassen, die ihren Schritt erklären, rechtfertigen sollten. Sie bedachten nicht, um wieviel der Draht schneller ist als der Dampf. Schon an der böhmischen Grenze wurden sie aufgehalten und zurückgebracht. Die von Justinens Behüter und Oheim in der ersten Aufwallung des Unmuts vorschnell gegen Severin erhobene Anklage auf Entführung wurde zwar nach der Aussage des Mädchens sofort wieder zurückgezogen, man bemühte sich, die peinliche Angelegenheit niederzuschlagen. Da nun aber schon die Behörden damit befaßt gewesen, ließ es sich nicht verhüten, daß die eine oder andere Zeitung Notiz davon nahm. Ein Parteiblatt ergriff sogar die Gelegenheit, sein Mütchen an Herrn Wolfgang Mairold zu kühlen, indem es ihn als einen Unterdrücker der Familienangehörigen hinstellte, wie er ein Unterdrücker der Arbeiter sei, und die jugendlich unüberlegte Handlungsweise des verliebten Pärchens als eine befreiende Tat gerechter Notwehr verhimmelte. Solche Nebenumstände, an denen sie unschuldig waren, konnten die Lage der Schuldigen nur verschlimmern. Der alte Hocheder zog seine Hand von dem aus der Schule gestoßenen Sohn. Justine führte Jahre hindurch das Leben einer Büßerin. Seither hatten die beiden einander nicht wiedergesehen. Severin brachte sich als Geiger in Schenken fort, später wurde er Leiter eines aus zwei Fiedeln, einem »Blasbalg« und einem »süßen Hölzel« Wienerisch für Harmonika und Klarinette. bestehenden volkstümlichen Quartetts, das in besseren Lokalen aufspielte. Justine hörte nicht viel von ihm, mehr gerüchtweise verlautete, daß es ihm so übel nicht gehe. An Verdienst wenigstens schien es ihm nicht zu mangeln, in dem mit Tabaksqualm geschwängerten Dunstkreis der Wirtshausmusik konnte er noch seinen Weg machen. In der Familie Mairold wurde seiner mit keinem Wort mehr gedacht. Nur einmal, als ein großer Heurigen-Wirt in Dornbach anläßlich eines Festes, das er ankündigte, als besondere Anziehung die Mitwirkung des rühmlich bekannten Hocheder-Quartetts hervorhob, legte der Oheim verächtlich die Zeitung beiseite und murmelte etwas von einem »Bratlgeiger«, worunter man einen Wirtshausmusikanten niedrigster Sorte versteht. Und Justine wußte nichts zu entgegnen, es tat ihr selbst weh um die vielversprechende Künstlerschaft, die sich im Frondienst aufbrauchte und der Fortbildung ermangelte. Sie erblickte eine Charakterschwäche Severins darin, daß er sich mit vielleicht recht einträglichen, aber wohlfeilen Erfolgen begnügte, statt lieber hungernd und durch Stundengeben sich über Wasser haltend höchste Ziele anzustreben, wie mancher andere mittellose Kunstjünger es tat. Sie selbst ging ernst und in sich gekehrt den vorgezeichneten Weg durch die Musikhochschule, erwarb das Diplom, das zum Lehrberuf berechtigt, und fand im Unterrichten, im Umgang mit der Jugend, Anregung und Ablenkung von quälenden Gedanken. Denn sie bereute. Wenige Jahre nach der Affäre war ihre Mutter Bethy Mairold, eine geborene Leodolter, kaum über fünfzig alt, im sogenannten Klosterschlössel in der Lüsen unerwartet gestorben, auch Justinens Großmutter, die als Vorbild einer aufrechten deutschen Frau verehrte Therese Mairold, die ihre letzten Lebensjahre ebenfalls im Klosterschlössel verlebte, hatte sie bald danach verloren. Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Kummer, den sie den beiden ihr am nächsten stehenden Frauen bereitet, und ihrem Tod bestand nicht, aber sie hatte sie geliebt und dennoch durch jugendliche Unüberlegtheit deren letzte Lebensjahre getrübt. Das nagte an ihr, sie bereute doppelt. Je reifer sie wurde, um so mehr begriff sie, wie unsinnig sie damals gehandelt hatte. Und bei alledem konnte sie doch nicht anders an ihre allmählich verbleichende Neigung zu Severin zurückdenken als an ein verlorenes Glück, das in der gleichen Süße niemals wiederkehren würde. Erst das ungeheure Erlebnis des Krieges brachte Vergessen und trug dazu bei, ihr über die Erinnerung hinwegzuhelfen, wenigstens vorübergehend verdrängten die Bilder des Leidens im Krankensaal, dem sie sich zur Verfügung gestellt hatte, jeden andern Gedanken. An einem Sommertag im Lauf des zweiten Kriegsjahres war es gewesen, daß ihr Onkel Mairold sie zu einem Ausflug in die Brühl beredete. Sie fühlte sich erholungsbedürftig, fast bis zur Erschöpfung angegriffen durch den schweren Dienst, und machte sich frei. In der waldgrünen Umgebung der Höldrichsmühle, die durch Erinnerungen an Franz Schubert geweiht ist, lernte sie in größerer Gesellschaft Laurenz Hocheder kennen. Der ernste, zurückhaltende Mann, das Widerspiel seines Bruders, begegnete ihr mit Ehrerbietung und wohltuendem Zartgefühl. Sie redeten ganz offen über Severin, dessen Spur sich in den Greueln der Kriegsschauplätze und Gefangenenlager verlor. Man schrieb gelegentlich noch an ihn, ohne den rechten Glauben, an einen Lebenden zu schreiben, und hatte es aufgegeben, auf eine Antwort zu hoffen. Auch für Justinens Fühlen war er gestorben. Sie erinnerte sich jetzt seiner fast wie eine Mutter, wenn sie mit ausgeglichener Trauer an ein verlorenes Kind zurückdenkt, das auf keinen Fall zu retten gewesen wäre. Und die Bruderliebe des Laurenz befand sich in einer ähnlichen Lage. Wie durch das Leben Gereifte über einen Unfertigen sprechen, den auch die Ewigkeit nicht vollenden kann, so sprachen sie miteinander über Severin. Und das Gedächtnis des Bedauernswerten, der ihnen beiden so teuer gewesen, und der bei aller hochfliegenden Begabung die friedlosen Gewalten seines Innern doch niemals überwunden haben würde, schloß sie in wehmutsvoller Freundschaft zusammen. Erst viel später erfuhren sie, daß jener Ausflug in die Brühl zwischen dem alten Hocheder und Herrn Wolf Mairold abgekartet gewesen war. Die beiden alten Herrn hatten einander einmal zufällig auf der Straße begegnet, über die Kriegslage und Weltläufte geklagt und erst mit vorgestreckten Fühlern, dann offener ihr Bedauern über die Verstimmung zwischen den Familien ausgesprochen, die sie in einer Zeit als doppelt überflüssig empfanden, wo man ohnedies allüberall auf Feindseligkeiten stieß. Ein Wort gab das andere, und schließlich fand sich der Gedanke ein, das gestörte Einvernehmen durch eine engere Verbindung der beiden Häuser wieder herzustellen und den geschlossenen Frieden, wie es zwischen Fürstenhäusern üblich, durch eine Heirat zu besiegeln. Ohnedies wünschte sich Michael Hocheder längst einen Leibeserben, der seinem Namen und der Firma eine Zukunft sicherte. Er stand damals hoch in den Sechzigern, sein Sohn Laurenz näherte sich bereits den vierzig und war noch immer unbeweibt. Herr Mairold seinerseits fand es auch für Justine hoch an der Zeit, daß sie einen Mann bekomme. Hatte ein Hocheder ihren Ruf gefährdet, so wäre es eine beiderseits befriedigende Lösung gewesen, wenn ein Hocheder ihn wiederherstellte. Nichts hätte die beiden Weißhaarigen natürlicher gedünkt. Sie beschlossen, Vorsehung zu spielen und die Ahnungslosen, deren Schicksal ihnen am Herzen lag, unauffällig einander zu nähern. Der Erfolg war ein vollkommener. Laurenz und Justine, die durch einen freundlichen Zufall einander zugeführt zu sein glaubten, tauschten bald danach die Ringe. Gemeinsames Leid, ernste Lebensauffassung, der Wunsch, in dieser harten Zeit einander hilfreiche Gefährten zu sein, umschlang sie mit dem leidenschaftslosen Band einer auf gegenseitiger Wertschätzung fußenden Ehe. Wer hätte das Unvorhergesehene, das Unwahrscheinliche in die Rechnung miteinstellen können? Mehr als vier lange Jahre hindurch hatte diese Ehe ihren stillen Segen bereits bewährt – da plötzlich die Nachricht, daß Severin noch am Leben sei und heimkehren wolle. Es traf Justinen wie ein betäubender Blitz, schier sündhaft, daß sie sich nicht restlos darüber freuen konnte. Sie fürchtete sich vor ihrer eigenen Unberechenbarkeit. Sie fragte sich, ob sie der Leidenschaft nicht abermals unterliegen würde? Ob der wohltuend friedliche Schlummer, in den die mittlerweile verstrichene Zeit ihre Seele eingewiegt zu haben schien, nicht etwa bloß Verzicht und Ergebung gewesen sei? Es war ihr, als ob ein Grab sich öffne, aus dem Bedrohliches für sie und Laurenz aufstieg, und dabei fühlte sie ihr Herz pochen wie vor namenloser Wonne. Sie wußte ihr eigenes Inneres nicht mehr zu deuten. Und erst nach schweren Kämpfen hatte sie der Aufnahme Severins ins Vaterhaus, die dem Laurenz so selbstverständlich schien, ihre Zustimmung zu erteilen vermocht. Den Mut dazu verlieh ihr schließlich der Entschluß, ihrer Pflicht treu zu bleiben, komme was wolle. Der heilige Wille, das Vertrauen ihres Mannes, des gütigsten aller Menschen, nicht zu enttäuschen. Vielleicht auch die nicht wankende Zuversicht Anna Staudenmayers, ihrer mütterlichen Freundin, daß Gott für eine Tat der Nächstenliebe nicht neue Anfechtungen über sie verhängen, sondern im Gegenteil ihr endgültige Befreiung des Gemütes schenken werde. Und welches Wunder! Die gläubige Voraussage schien wirklich in Erfüllung gegangen! Mehrere Monate lebte nun Severin schon im Haus, man hatte sich ineinander gefunden, ging schonend nebeneinander her, es bedurfte keines Vorsatzes, keines Willens, keiner Überwindung, wie Nebel vor dem werdenden Tag waren die eingebildeten Gefahren ins Nichts zerflossen im Licht der Wirklichkeit. Ganz ebenso wie für Laurenz war auch für Justine der Heimgekehrte ein vom Unglück verfolgter naher Verwandter, nicht weniger, nicht mehr. Man widmete ihm Güte und Fürsorge, suchte seine Eigenheiten nachsichtig zu ertragen, ihm ein Heim zu bieten, ihm und sich selbst angenehm gesellige Stunden zu bereiten, die durch Musik erhöht waren, der Kunst, die alle Meinungsverschiedenheiten des Verstandes überbrückt – das alles machte sich wie von selbst, und die geheime Angst fiel ab von Justinens Herzen. Frau Staudenmayer hatte recht behalten, sie täuschte sich nicht, die junge Frau war in der Tat wie von einem Alp befreit und fühlte sich so leicht und froh wie seit Jahren nicht. Das machte die innere Unberührtheit, mit der sie, fast wider die eigene Erwartung, das nahe Zusammenleben mit dem Geliebten ihrer Jugend vertrug. Sie war ihm wirklich eine Schwester, durfte es sein, vermochte es zu sein. Die für sie beinahe überraschende Erfahrung erlöste sie nun erst endgültig von der Last der Vergangenheit, die noch immer ihr Gewissen beschwert hatte, ihr selbst halb unbewußt. Reinen Herzens sah sie den werdenden Sommer erblühen, in sich und um sich. Süße Lebensfreude, aller Schönheit geheimnisvolle Triebkraft entfaltete ihre festliche Farbenpracht in dem kleinen, hinter Mauern geduckten Garten. Aus den zarten Blütenbechern des Jasmins quollen bezaubernde Wohlgerüche, die sich mit dem Duft der Maiglöckchen mischten, die Kletterrosen, die ums »Salettl« rankten, erschlossen in allen Abschattungen von Rot ihre ersten Blumenbüschel, sogar der alte Maulbeerbaum, der »Seidenbaum«, nach dem das Haus benannt war, hatte sich über und über mit hellen Sternchen geschmückt, deren zierliche Staubfäden, vom Winde bewegt, ein goldiges Flimmern über die ganze Krone verbreiteten. Und auch um das goldige Haupt der wie schuldbefreit aufatmenden jungen Frau wob ein lang entbehrtes Glücksempfinden neue Schönheit ... »Ihr Rat war gut«, sagte sie zu ihrer Vertrauten, der schlichten kranken Frau. »In dem Augenblick, wo er vor mir stand, mit den deutlichen Spuren langjährigen Elends in Antlitz und Haltung, da fiel alle Erinnerung an junge Leidenschaft von mir ab. Ich sah nur mehr den um sein Lebensglück betrogenen Menschen in ihm. Nicht anders war's, als in den ersten Kriegsjahren, da ich noch Pflegeschwester war. Wie damals zu den Schwerverwundeten, so stehe ich jetzt zu ihm.« »So dürfen wir hoffen, daß der Entschluß, den Sie sich mühsam genug abgerungen haben, die Schutzengelgasse reicher macht«, sagte Frau Staudenmayer nicht ohne Genugtuung ... »Ich höre an Abenden, die sonst stumm waren, jetzt öfters edle Musik aus Ihren Zimmern?« »Laurenz freut sich so, wenn wir musizieren.« »Man hört auch den Herrn Severin manchmal auf seinem Zimmer üben, bis tief in die Nacht hinein. Merkwürdig, daß er nach so vielen Jahren im Krieg noch immer so meisterhaft spielt.« »Es ist bewundernswert!« flammte Justine in Begeisterung auf. »Oh, er ist ein großer, großer Künstler!« Auf die Armlehne ihres Fahrstuhls gestützt, forschte Frau Staudenmayer nachdenklich in den Zügen der schönen jungen Frau. Justine wendete den Blick ab und wurde rot. Sie wußte nicht weshalb, aber es war ihr lieb, daß in diesem Augenblick ein Zufall die Aufmerksamkeit der Kranken von ihr ablenkte. Rumpsack, der Ehrendoktor der Schutzengelgasse, hatte den kleinen Garten betreten. Vom Hof kommend näherte er sich, ohne die beiden Frauen zu bemerken, dem großen Maulbeerbaum. Behutsam bog er einen Zweig zu sich herunter, er schien die Blüten zu betrachten, wie versunken in ihren Anblick verweilte er lange unbeweglich in der gleichen Stellung. Und als er sie endlich genügsam betrachtet hatte, hob er vorsichtig den Arm hoch, damit der Zweig nicht gewaltsam in seine natürliche Lage zurückschnelle, wodurch die zarten, empfindlichen Blütenblätter vielleicht hätten Schaden nehmen können. In seiner ganzen Länge streckte er sich auf und gab den Zweig erst frei, nachdem er ihn an seinen richtigen Ort zurückgebracht. Gemächlich und sichtlich vergnügt trat er den Rückweg an. Aber plötzlich, erst knapp vor dem Ausgang bemerkte er, daß er nicht unbeachtet geblieben sei. Er schien zu erschrecken, wurde sichtlich verlegen, grüßte unbeholfen herüber und trollte sich schließlich so rasch, als es mit dem Anstand vereinbar blieb, durch die Gitterpforte in den Hof zurück. Befremdet wiegte Justine das Haupt: »Was benimmt er sich so wunderlich? Stört ihn etwa unsere Anwesenheit?« »Verstehen Sie nicht, was in ihm vorgeht?« fragte Frau Staudenmayer mit einem begreifenden Lächeln. »Nein, das versteh' ich wirklich nicht.« »Man muß ihn kennen. Er kommt sich wie ertappt vor, weil wir Zeuge waren, wie er die Blüten des Seidenbaums angestaunt hat. Das ist bei ihm wie ein Beten, überall sieht er Wunder. Denn im Grunde ist er ein andächtiges Gemüt. Aber er schämt sich, es merken zu lassen.« »Solch ein wunderlicher Heiliger ist er?« »Man muß ihn eben kennen«, wiederholte die Kranke; »dann wird man ihn verstehen und schätzen, wissen Sie, wem wir die Maiglöckerln verdanken, die so wundervoll duften? Und all das wilde Wachstum, das vom ersten Frühling an hier zwischen den Gebüschen hervorsprießt, die Schneeglöckchen, Leberblümchen, den Hundezahn, die Ranunkeln und später die Spiräen? Niemand sonst als dem Doktor Rumpsack! Er war's, der das alles im Wald geholt, mit den Würzelchen ausgegraben und hier auf unserer grünen Insel eingepflanzt hat. Und warum? Weil er die unschuldigen Gewächse so lieb hat. Und noch aus einem andern Grund, weil er weiß, daß ich mein Lebtag in keinen Wald mehr komme und mich freue, wenn ich trotzdem Waldblumen blühen seh'.« »Dies alles hat Rumpsack gepflanzt?« »Alles! Aber immer insgeheim, niemand darf darum wissen. Auch ich muß so tun, als wüßt' ich's nicht, sonst wird er verlegen und schämt sich. Ja, so ist er, das ist nun einmal seine Art.« »Man lernt nicht aus auf unserer grünen Insel«, sagte Justine. »Den Rumpsack hätt' ich eher für kratzbürstig gehalten als für zartbesaitet. Er muß ein beneidenswert reines Gewissen haben.« »Wieso?« »Wenn er keinen andern Grund hat, sich zu schämen!«   Zu den Heimkehrern, von denen Pater Wilfrid gesprochen hatte, gesellte sich im Lauf des Sommers ein neuer. Aber es war keiner von denen, die nur das nötige Fahrgeld in der Tasche zu haben brauchen, um sich auf die Eisenbahn zu setzen, und dann auch schon zu Hause sind. Er mußte erst eine ganze Fabrik in seinen Koffer packen, eh' er endgültig daran denken konnte, der Fremde den Rücken zu zeigen und in die Heimat seiner Väter und seines Herzens zurückzukehren. Darum fand er sich vorläufig nur mit leichtem Gepäck in Wien ein, und das Gewichtigste, was er mit sich führte, waren die Pläne und Grundrisse für ein ungeheuerliches Luftschloß, das er bauen wollte. Sie wogen nicht schwer, denn sie waren nur in seinem Kopf vorhanden, wohlverpackt neben der ernstlichen und gründlich erwogenen Absicht, den Boden des alten und doch neuen Vaterlandes zu prüfen, ob er tragfähig genug wäre für dieses Luftgebilde, wenn es einmal zur nüchternen und greifbaren Wirklichkeit gedeihen sollte. Gegen Mittag war er angekommen, kaum in seinem Hotelzimmer eingerichtet, läutete er auf und legte die Muschel ans Ohr. »Hier Kakabe«, tönte es ihm daraus entgegen. »Wer, bitte?« »Generalsekretariat der Kakabe. Was wünschen Sie?« »Ach ja, ich verstehe. Hier Georg Leodolter, Fabrikbesitzer aus Sebendorf. Kann ich den Herrn Generaldirektor sprechen? Es handelt sich um eine Kreditangelegenheit, er ist bereits brieflich unterrichtet.« »Einen Augenblick!« Lässig an der Wand lehnend, die Hörmuschel am Ohr, lächelte Georg Leodolter, ein schlank gewachsener, trotz der langen Eisenbahnfahrt frisch und gepflegt aussehender junger Mann von etwa fünfunddreißig Jahren, belustigt vor sich hin. Eine niedliche Abkürzung das: »K. K. B.!« Fast klang es wie Verrat an der jungen Republik; ein Spaßvogel konnte »Kaiserlich Königliche Bank« übersetzen. Oder bedeutete es vielleicht »Kaufmännische Kredit-Bank«? Oder am Ende gar: »Knifflige Konkursvermittlungs-Bank«? Er lachte auf und beschloß, auf seiner Hut zu sein. Da der »Augenblick« sich in die Länge zog, brachte er das Kunststück zustande, sich mit einer Hand allein eine Zigarette zu drehen. Aber noch ehe sie ganz fertig war, störte ihn die Hörmuschel in seinem Vergnügen. »Hallo! Herr Generaldirektor Lemburg steht Ihnen um vier Uhr zur Verfügung, bis dahin ist er voll besetzt. Er läßt um genaueste Einhaltung der Stunde bitten, um halb fünf hat er eine wichtige Sitzung, bei der er nicht fehlen kann.« »Schön, ich werde pünktlich sein.« Er sah auf die Uhr. Von den nahen Verwandten gedachte er nur seine Schwester Ursel Fürst und seinen Oheim Wolf Mairold aufzusuchen, aber angesagt hatte er sich nicht, so wollte er ihnen nicht in die Suppenschüssel fallen. Er speiste im Haus zu Mittag, begab sich dann in ein Café, einige Zeitungen durchzusehen, bummelte über den Ring durch die Kärntnerstraße, machte wie immer, so oft er nach Wien kam, dem alten Stefansdom einen Besuch und stieg Punkt vier Uhr die prunkvolle Marmortreppe im Palast der »Kakabe« hinan. Im Wartezimmer befanden sich noch einige Herren und Damen, denen er notgedrungen den Vortritt einräumen mußte. Es wurde halb fünf, es wurde fünf, endlich kam die Reihe an ihn, der Diener öffnete ihm die Tür zu einem fürstlich eingerichteten Empfangszimmer. Am Schreibtisch sah Georg ein Jüngelchen, das er auf achtzehn oder neunzehn schätzte, in weißem Tennisanzug sitzen, er nahm an, daß er noch immer erst in einem Vorraum sich befinde und das Herrchen der Sohn des Generaldirektors sei, der vielleicht mit seinem Vater aufs Land fahren wolle und deshalb hier auf ihn warte. Er näherte sich und sagte: »Entschuldigen Sie, junger Mann, ich möchte Ihren Herrn Papa sprechen, den Generaldirektor Lemburg.« Der Angeredete sprang auf, streckte ihm liebenswürdig die Hand entgegen und sagte lachend: »Der bin ich selbst. Bitte, nehmen Sie Platz.« Georg hatte sich die rasch emporgekommenen Milliardäre der Nachkriegszeit vielleicht nicht gerade wie Beelzebube, aber doch wesentlich anders vorgestellt und fühlte sich angenehm überrascht. Rank und schmal wie eine geschmeidige Messerklinge, mit klugem scharf geschnittenem Profil und einem einnehmenden Lächeln um die glatten Lippen, sah der Generaldirektor bei näherem Betrachten zwar nicht ganz so jung aus wie auf den ersten Blick, glich aber in seinem ganzen Wesen doch eher einem frischen und aufgeweckten Studentlein als dem Bilde, das man sich von einem erfolgreichen Börsenmatador zu machen pflegt. »Verzeihen Sie, daß ich Sie in Dreß empfange«, fuhr er verbindlich fort. »Ich sollte eigentlich längst nicht mehr hier sein, ein überaus reizendes junges Mädchen erwartet mich zum Tennis. Da ich Ihnen eine Unterredung zugesichert habe, muß ich nun schon die Gefahr riskieren, in Ungnade zu fallen. Übrigens interessiere ich mich außerordentlich für Ihr Projekt. Ihre Fabrik befindet sich in Sabliczka?« »So heißt es jetzt, früher hieß es Sebendorf und liegt im polnisch gewordenen Schlesien. Ich möchte aus Polen heraus. Die dortigen Verhältnisse sind mir verleidet. Man weist uns die deutschen Arbeiter aus, die polnischen sind nicht zu brauchen, man drangsaliert uns nach Noten, die ganze Wirtschaft paßt mir nicht mehr.« »Man wird Sie auch hier nach Noten drangsalieren«, warf Lemburg lachend dazwischen. »Möglich. Die sozialen Schwierigkeiten werden hier vielleicht noch größer sein, dafür fallen wenigstens die nationalen fort. Wo beide ineinanderspielen, wird die Sache für den Fabriksherrn unerträglich. Außerdem sind wir ja im Grunde eine Wiener Firma, hier ist der Sitz der gesamten Seidenindustrie für das südliche Mitteleuropa und den näheren Osten. Ich suche Anschluß an meinesgleichen. Das neunzehnte Jahrhundert hat das Handwerk zur Industrie, dann die Industrie zur Großindustrie emporgenötigt; um die Mitte des zwanzigsten wird es nur mehr eine Weltindustrie geben, wenn es mir gelänge, eine Anzahl größerer Betriebe durch Vergesellschaftung zusammenzufassen, so ließe sich ein Unternehmen schaffen, das die gigantischen Ausmaße – sagen wir etwa von Krupp in Essen, erreichen könnte. Erst dann werden wir mit Erfolg produzieren und uns den Forderungen der Zeit angepaßt haben.« »Vortrefflich! Vortrefflich!« rief der Generaldirektor. »Die Zukunft der Industrie liegt im Konzern!« »Wenn Sie darunter nicht einen zum Zweck der Preistreiberei geschlossenen Ring verstehen, so stimme ich zu. Der Unternehmer will nicht darben, er will zu frohem bürgerlichen Wohlstand gelangen, aber wenn er nicht bloß trockener Geschäftsmann, sondern darüber hinaus auch ein warm fühlender Mensch ist, so will er noch mehr. Er will, daß nicht nur er selbst, sondern auch alle seine Mithelfer, die Fabriksarbeiter inbegriffen, jeder innerhalb seines Kreises es zu dem seiner Leistung angemessenen Wohlstand bringen kann. Und wenn er auch noch hierüber hinaus etwas wie ein Schöpfer und Künstlergeist ist, so will er noch immer mehr. Dann will er nicht nur Nützlichkeitszwecke für sich und die Seinigen erreichen, er will auch Gemeinschaftsziele verwirklichen. Und das bedeutet innerhalb seines Schaffensgebietes schließlich nichts anderes, als die beste und schönste Ware zum denkbar wohlfeilsten Preis herstellen. Das alles ist heute nur durch eine Vergrößerung der Betriebe ins Riesenhafte erreichbar. Aber dazu braucht man Kapital. Dies der Grund meines Besuches. Ich bemerke hierzu, daß ich noch mit keinem meiner Fachgenossen Rücksprache genommen habe. Es handelt sich vorläufig nur um ein Fühlerausstrecken, um mir selbst darüber klarzuwerden, ob und inwieweit meine Gedanken realisierbar wären.« »Ich kann Ihnen nur wiederholen,« erwiderte der andere, »daß ich persönlich mich für Ihre Pläne ganz außerordentlich interessiere. Die Finanzierung einer Seiden- und Samtfabriks A.-G. von so gewaltigen Dimensionen wäre mir eine äußerst sympathische Aufgabe. Natürlich müßte die Sache erst nach allen Seiten hin erwogen und besprochen werden, auch liegt die Entscheidung nicht bei mir allein. Zu meiner Information erbitte ich inzwischen noch einige Auskünfte.« »Vielleicht würden Sie wünschen, diese Auskünfte, die ich gern erteile, zu einem geeigneteren Zeitpunkt entgegenzunehmen? Sie wollten doch Tennis spielen.« »Gott, wenn ich immer könnte, wie ich wollte, dann säß' ich überhaupt nicht in diesem widerlichen Prunkbau, der mir auf die Nerven geht. Die Leute stellen sich das so vor, als dächt' unsereiner den ganzen Tag an Geldverdienen, Beutelschneiden und Übers-Ohr-Hauen, sie bilden sich ein, wir seien die beneidenswertesten Menschen dabei. Wissen Sie, woran ich denke, wovon ich träume? Von Tennis, Bergsteigen, Reiten, Fliegen, Angeln, Jagen und ähnlichen Dingen, die sich im Freien abspielen. Glauben Sie mir, zu dem verfluchten Mammonsdienst bin ich gekommen wie die Magd zum Kind, mit allem andern möcht' ich mich lieber abgeben als gerade damit. Aber jetzt hat mich nun einmal die Kakabe beim Schopf, und ich komme mit dem besten Willen nicht mehr los.« Es klang so aufrichtig, was er sagte, daß Georg Leodolter eine neue Bestätigung von Rumpsacks Theorie der verkehrt eingesetzten Bäumchen darin erblickt haben würde, hätte er sie gekannt. Da dies nicht der Fall war und ihm auch keine Zeit blieb, sich Gedanken zu machen, weil der Generaldirektor sofort mit Ausfragen begann, so bemühte er sich, ihm möglichst umfassende Einblicke in die Verhältnisse seiner Industrie zu gewähren und nebenher durch Gegenfragen wenigstens in den Umrissen Näheres über die allenfalls in Aussicht genommenen Bedingungen des Geldgebers in Erfahrung zu bringen. Er erschrak ein wenig über den Zinsfuß, ließ sich aber, um die Unterhaltung nicht stocken zu machen, nichts davon merken. Und schließlich, nachdem sie beide annähernd so weit waren, Boden unter den Füßen zu spüren, hielt er es doch für geboten, Herrn Lemburg, mit dem es sich über Erwarten gut gesprochen hatte, nicht länger von seiner Tennispartie abzuhalten, und mahnte zum Aufbruch. »Wohin führt Ihre Straße?« fragte der Generaldirektor, der sichtlich auch an ihm Gefallen gefunden hatte. Und als Georg die Adresse seines Oheims Wolf Mairold nannte, lud er ihn ein, mit ihm zu fahren. »Ich fahre nach Hietzing, der siebente Bezirk liegt fast auf meinem Weg. Wenn Sie erlauben, bring' ich Sie hin.« Dankbar nahm Georg an. Während sie im Auto dahinsausten, erkundigte sich Lemburg, wo die Fabrik sich befunden habe, bevor sie nach Schlesien verlegt worden, und wie alt sie sei. Mit lebhaftem Anteil ließ er sich berichten, wie weit ihre Geschichte zurückreichte, und wie vielfach Georgs Familienbeziehungen sich in die Seidenindustrie verzweigten. Insbesondere fesselte es ihn, zu erfahren, daß die Leodoltersche Fabrik auf dem sogenannten Braunhirschengrund, der später in den Gemeindebezirk Rudolfsheim aufging, zu den ersten gehört habe, die mechanische Webstühle in Verwendung nahm. Gerade deshalb war sie im Sturmjahr achtundvierzig von aufgewiegelten Arbeitern zerstört und in Brand gesteckt worden. Georgs Großvater Leopold Leodolter, der mit der einzigen Tochter der ebenfalls auf dem Braunhirschengrund ansässigen freiherrlichen Familie von Auenwald vermählt gewesen, hatte sie dann wieder aufgebaut, und der Lohn aus dieser Ehe, Georgs Vater Alfred Leodolter, sie in den siebziger Jahren nach Schlesien verlegt. Nur ein kleines Stadtbüro vertrat seither die Firma in Wien. »Und was ist aus dem Fabriksgebäude auf dem Braunhirschengrund geworden?« fragte der Bankdirektor. »Es befindet sich noch heute in unserm Besitz, ist aber als Lagerhaus verpachtet, weil nach modernen Begriffen für eine Fabrik nicht zu brauchen.« »Als Grundstück müßte es doch seinen Wert haben?« »Gewiß, einen bedeutenden sogar. Die Gegend, in der es liegt, gehörte damals zu ›die entern Gründ‹, wie man sagt; heute ist sie eine der verkehrsreichsten der Stadt.« »Nun, da wäre ja Kapital?« »Wenn man bei der fortschreitenden Inflation einen Verkauf von Liegenschaften wagen könnte, kämen auch noch andere Besitztümer in Betracht. Da wäre zum Beispiel der alte Leodoltersche Landsitz, das sogenannte Himmelhaus samt großem Garten, heute ebenfalls der Stadt sehr viel nähergerückt als damals. Und unmittelbar daran anschließend das historische Schloß Auenwald mit prachtvoll altem Park, das Erbe von meiner Großmutter her. Aber wer wollte die Verantwortung auf sich nehmen, derlei Ehrwürdigkeiten in schlechtes Papiergeld umzuwandeln?« Der Kraftwagen machte in einer stillen Gasse vor einem Haustor halt. Georg wollte sich verabschieden, aber Lemburg hielt ihn noch einen Augenblick am Ärmel fest. »Hören Sie meinen Rat, den Rat eines Mannes, der Ihnen ehrlich wohlwill, warten Sie eine wertbeständige Währung ab, dann helfen Sie sich selbst und verschaffen sich das nötige Betriebskapital durch Veräußerung von Grundbesitz. Uns aber lassen Sie links liegen! Sobald die Inflation vorüber ist, krachen wir ja doch ab, nicht nur die Kakabe, auch alle andern.« Verblüfft über diese unerwartete Wendung war Georg ausgestiegen, er hörte, wie der andere ihm noch vergnügt nachrief: »Darf ich meinem Herrn Papa, dem Bankdirektor, Ihren Gruß bestellen? Ja? Danke! Adieu!« Schon hatte das Auto sich in Bewegung gesetzt und sauste davon. Belustigt blickte Georg ihm nach. Es machte ihm Spaß, diesen Mann kennengelernt zu haben, auch wenn nichts weiter dabei herauskam. Der Typ war ihm neu, und doch fühlte er sich irgendwie mit ihm verwandt. Köstlich, wie Arbeitskraft und Geschäftstüchtigkeit sich darin mit einer liebenswürdigen, schier kindlichen Laune vermischten! Eine neue Zeit, noch unfaßbar, unbestimmbar, kündigte sich in diesem Schlag Menschen an, den es früher nicht gegeben hatte. Der siegreiche Atem der Jugend schien sie zu umwehen. Rasch stieg Georg die Treppe des alten Familien- und Geschäftshauses hinauf, aus dem seine Mutter hervorgegangen war. Denn sie war eine geborene Mairold und die Schwester Wolfgang Mairolds, des offenen Gesellschafters und Wiener Vertreters der großen Seidenweberei zu Nedweditz in Mähren, der hier noch in demselben Hause wohnte, wo er vor mehr als sechzig Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Auch Justine Hocheders verstorbener Vater, der sogenannte Wegwacht-Mairold, ebenfalls ein Bruder seiner Mutter, war aus diesem Hause hervorgegangen. Seinen Oheim Wolf traf er in sichtlicher Verstimmung an. Dessen Sohn Thomas, ein untersetzter junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, brav, willig, aber vielleicht etwas zu herrisch erzogen und darum unselbständig, sprunghaft und empfindlich, war eben aus Nedweditz heimgekehrt, wohin er mehrmals des Jahres zu reisen pflegte, um mit der Fabrikation in laufender Verbindung zu bleiben. Er klagte über Zoll- und Grenzplackereien, mehr noch über die inneren Verhältnisse der Fabrik selbst. Zwistigkeiten und Meinungsverschiedenheiten aller Art, die seit Jahrzehnten zwischen der Nedweditzer Firma und ihrer Wiener Niederlassung bestanden, verbitterten dem Vater wie dem Sohn das Leben. »Ich hab' mir immer zuviel gefallen lassen und mich nicht genügend um mein Recht gewehrt«, sagte Onkel Wolfgang, dem Georg zum Herzausschütten gerade zupaß zu kommen schien. »Dein Oheim Dominik, mein Bruder, den wir in der Familie immer nur mit seinem Kindernamen Moini nannten, hatte eine Tschechin geheiratet, Mara Nehuda, eine schöne, glänzende Frau und leidenschaftliche Patriotin. Der Deutsche ist in solchen Fällen immer im Nachteil, sein Volk gibt ihm nicht genug Rückgrat mit, und auch Moini hielt es bald mit den Feinden seiner Nation, wenn er auch später wieder etwas einlenkte. Als Geschäftsmann war er überaus tatkräftig und tüchtig, das muß man sagen, es wird selten einen Fabrikanten gegeben haben, der sein Handwerk so gut verstand. Das verlieh ihm auch ein entsprechendes Bewußtsein, er wurde immer präpotenter, es war eine Kunst, mit ihm auszukommen. Ich hätte ja als gleichberechtigter Gesellschafter auch ein Wörtchen mitzureden gehabt, aber ich wollte meinen Frieden. Wie viele Briefe, die von kritischen und sarkastischen Bemerkungen durchspickt waren, mußte ich stillschweigend schlucken! Ich ließ es mir gefallen und suchte Zerstreuung bei einem Spielchen, bei meiner kleinen Sammlung von Kunstwerken, auch in der Musik, besonders damals, als deine Base Justine in unserm Haus zu Gast war. Es ließ sich noch leidlich an, solange Moini noch lebte. Seit aber sein Sohn Christian, der durch und durch Tscheche ist, in seine Fußtapfen getreten ist, hab' ich keine gute Stunde mehr. Vom älteren Bruder läßt man sich allenfalls noch schuriegeln, wenn der Neffe dasselbe tun will, wächst es einem schließlich zum Hals heraus. Und nun gar, seit mein Thomas in die Firma ...« »Ja, davon muß ich dir erzählen, Georg,« rief Thomas dazwischen, »da wirst du Augen machen ...« »Unterbrich mich nicht und laß mich ausreden!« herrschte ihn wie einen Schuljungen der Vater an, der die Friedfertigkeit vielleicht nur da bevorzugte, wo er einen Stärkeren fühlte. Und er nahm den abgerissenen Faden wieder auf: »Ja, was ich sagen wollte. Seit der Thomas in die Firma eingetreten ist, mit dem springt er um, wie es ihm gerade paßt. Seine letzten Angestellten behandelt er nicht so bagatellmäßig wie seinen eigenen Vetter. Es ist rein, als wollte er uns hinausekeln. Ich spreche im Vertrauen zu dir, lieber Georg, du wirst ja weiter keinen Gebrauch ...« »Zum Beispiel!« fiel Thomas dem Vater nun doch ins Wort. »Nur um dir ein Beispiel zu geben, Georg, wie häßlich sich Christian mir gegenüber benimmt. So sagt er neulich zu mir ...« Und er fing umständlich von irgendeinem peinlichen Vorfall zu erzählen an, der sich zwischen ihm und Christian zugetragen, knüpfte unter Hinzufügung nebensächlicher Einzelheiten ein zweites und drittes Erlebnis daran und wurde nicht müde, die kleinlichsten Streitigkeiten auszukramen und die aus Nedweditz mitgebrachte schmutzige Wäsche vor den Augen des Vetters zu waschen. Gelangweilt und angeödet hörte dieser zu und hatte Mühe, ein Gähnen zu unterdrücken. Schließlich war Christian so gut sein Vetter wie Thomas, er hätte vorgezogen, nicht zum Vertrauten eines Familienzwists gemacht zu werden, der ihn nichts anging, und war überhaupt kein Freund von Gesprächen so wenig aufbauender und fördernder Art, auch selbst noch kaum zu Wort gekommen. Aber plötzlich leuchtete ein Gedanke in ihm auf, der ihm die fast abhanden gekommene Spannkraft zurückgab. Diesem Einfall zulieb nahm er die Einladung gerne an, am Abendbrot der Familie teilzunehmen. Und als man nach Tisch gemütlich beisammensaß, ergriff er die Gelegenheit, seine Pläne von der Zusammenfassung einer Anzahl großer Firmen in einen einzigen Riesenbetrieb auseinanderzusetzen. Daß die Nedweditzer Fabrik, die nun doch unrettbar ein tschechisches Unternehmen geworden war, einen glänzenden Geschäftsgang aufwies, wußte er. Daß man seinem Onkel Wolf und dessen Sohn goldene Brücken bauen, das heißt eine beträchtliche Summe in Tschechokronen auszuzahlen bereit sein würde, wenn sie sich daraus zurückzögen, durfte er nach dem Gehörten und seiner sonstigen Kenntnis der Sachlage annehmen. Damit wäre sonach schon ein erster Grundstock an Kapital für die neue Aktiengesellschaft vorhanden. Andere würden anderes zubringen und er selbst bei eingetretener Festigung der Währung zunächst einmal den Erlös aus den Leodolterschen Braunhirschengründen zuschießen. Dann ließ sich vielleicht wirklich der Rat Lemburgs befolgen, die »Kakabe« und ähnliche, von mörderischen Zinssätzen lebende Kreditgeber gar nicht erst zu bemühen, man wirtschaftete aus Eigenem und vermied die Gefahren, die ein Zusammenbruch der zweifellos vielzuvielen Banken mit sich bringen konnte. Die Aussicht, der Erfüllung seiner Wünsche einen Schritt näher zu rücken, stieg Georg gewaltig zu Kopf. Über den kleinen Bürgerhäusern des ehemaligen »Schottenfeld«, aus denen das lahme Geklapper der Handwebstühle wie ein Gruß aus der Postkutschenzeit herüberklang, wuchs vor seinem geistigen Auge ein ungeheures Fabriksgebäude wolkenkratzerartig zum Himmel. Ein Wald von Schloten schoß daraus empor, helle Fensterreihen spiegelten in der Sonne, und dahinter hörte man die stählerne Weberschütze in ihrem stählernen Rahmen hundertmal in der Minute hin und her sausen, auf viel Hunderten stählerner Webstühle, die alle einem Wink gehorchten und, zur Einheit geordnet, erlöst von der kraftzersplitternden und zeitvergeudenden Eigenbrötelei, den Wettbewerb mit der Weltproduktion aufnahmen. Und dieser ragende Dom der Arbeit stand nicht irgendwo in der Fremde, er wuchs aus dem geheiligten Boden der Heimat, hier, auf der Stätte alter Kultur, in Wien, das die Fertigkeit des Webens, eine der ältesten und ehrwürdigsten aller menschlichen Geschicklichkeiten, seit mehr als einem Jahrhundert fast zur Kunst erhoben hatte. Und Tausende von Menschen, die sonst gedarbt haben würden, fanden Unterschlupf in diesen luftigen Hallen, wo die Spindeln schwirrten, die Spulmaschinen kollerten, die Schweifrahmen sausten! Unzählige wackere Familien verdienten sich in den Zeiten der Arbeitslosigkeit ihr Brot darin und gediehen allmählich zu einem freundlichen Wohlstand ... Lockendes Luftgebilde, wirst du jemals körperliche Gestalt gewinnen? Oder für immer ein Blendwerk und Hirngespinst bleiben? Nein, was an ihm lag, so war Georg dazu entschlossen, den alten Erbfehler des Österreichers, die Lässigkeit, das ungläubige Hände-in-den-Schoß-Legen überwinden zu helfen! »Was vergrämt ihr eure Tage in einem Gesellschaftsverhältnis,« sagte er zu Oheim und Vetter, »das zur Qual wird, sobald es aufgehört hat, auf einmütiger Zusammenarbeit zu beruhen? Kehrt heim ins Vaterhaus, so wie ich heimkehren will dahin, wo die Quelle unserer Kraft einst entsprang! Der Unternehmer ist wie ein Gärtner, wohin er seinen Fleiß, seine Liebe wendet, da beginnt es zu sprießen. Laßt uns im eigenen Volk das Wachstum fördern, so werden wir mit doppelter Freude an der Arbeit sein!« Die Strebsamkeit, mit der er seine Zukunftsträume gleichsam wie ein schon vollendetes Ereignis zu schildern wußte, hatte etwas Mitreißendes. Die wirtschaftlichen Gründe, mit denen er die Vorteile einer in einen einzigen Brennpunkt gesammelten Arbeitsgemeinschaft ins Licht setzte, waren so überzeugend, daß Herr Wolf Mairold, der für sich und seinen Sohn überdies noch die ersehnte Befreiung von den Nedweditzer Fesseln winken sah, nach einigem Schwanken und allmählicher Überwindung dieser und jener Bedenken schließlich mit fliegenden Fahnen in Georgs Lager überging, wohin Thomas in jugendlichem Ungestüm ihm bereits vorausgeeilt war. Man besprach noch bis gegen Mitternacht mit wachsender Wärme verschiedene Einzelheiten, ging auch die Firmen durch, die man allenfalls zu einem Anschluß bestimmen zu können glaubte, und einigte sich dahin, zunächst einmal bei Michael Hocheder und John anzuklopfen. Man wußte, daß sie den schwierig gewordenen Verkehr zwischen Wien und dem zu einem Klokocov Morava gewordenen Klopsdorf, wo sich ihre Fabrik befand, als äußerst hinderlich für ihren Geschäftsbetrieb empfanden. Denn sie verfertigten eine bestimmte Gattung Ware, wo die entsprechend vorgerichtete Kette mit einem bunten Blumenmuster bedruckt wurde, dies aber noch vor dem Verweben des Einschlags, so daß das Farbige nur zart und verschwommen hervorschimmerte wie ein Traum, worin eben der besondere Reiz bestand. Da nur eine einzige Fabrik auf das Bedrucken der Seide eingerichtet war und diese sich in Wien befand, so mußte die Ware her und hin zweimal die neue tschechoslowakische Grenze überschreiten, ehe sie nur auf den Webstuhl kam, was zu unendlichen Plackereien und Weiterungen Anlaß gab. Wolf Mairold, der im Handumdrehen zum Vorkämpfer für das kühnste aller Kartenhäuser geworden war, hoffte in dem Groll, den der alte Hocheder hierüber nährte, einen kräftigen Vorspann zu finden. Hierin aber sollte er sich freilich täuschen. Denn als er am nächsten Vormittag in Begleitung Georg Leodolters bei Herrn Michael Hocheder im Haus »Zum Seidenbaum« vorsprach und die Werbetrommel zu rühren begann, da traf ihn sofort ein ernüchternd eisiger Lufthauch, der vom Pik von Teneriffa herüberwehte. »Eine Amphibie soll ich werden? Eine A.-G., bei der kein Mensch weiß, ob sie ein Fisch oder ein Frosch ist?« Man stellte ihm vor, daß es ohnedies jedermann bekannt sein würde, welche Firmen dahinterstünden. Und daß natürlich auch er selbst im Verwaltungsrat sitzen würde. »Was für eine Ehre!« spottete er. »Aber ich bedank' mich schön dafür. Ich bin mein eigener Verwaltungsrat und laß mir von andern nichts dreinreden!« Auf den Vorhalt, er habe doch selbst wiederholt darüber geklagt, wie lästig es sei, daß seine Fabrik jetzt in einem fremden und in vieler Hinsicht feindseligen Staat liege, entgegnete er: »Freilich ist es z'wider! Aber noch immer laß ich mich lieber von den tschechischen Grenzern sekkieren als von meinen Kompagnons!« »Wie soll unsere Arbeit der Heimat zugute kommen,« rief Georg aus, »wenn wir damit nicht in die Heimat zurückkehren? was wir im Ausland leisten, leisten wir fürs Ausland!« »Die Arbeit kennt keine Heimat«, antwortete der Pik; »sie ist da zu Hause, wo ihr die geringsten Hindernisse in den Weg gelegt werden. In der Tschechei gibt's wenigstens Kohle. Und auch Bajonette, die im Notfall die Arbeiter niederhalten, wie sieht's dagegen bei uns aus, he? Mein hiesiger Zweigbetrieb war nie was anderes als ein Privatvergnügen von mir, dennoch zwingt mich die Organisation, drei Arbeiter darin einzustellen, die ich nicht brauche. Und wenn ich ihnen merken lasse, daß ich der Herr bin und nicht sie, so hetzen sie mir noch den Betriebsrat auf den Hals.« »Das würde sich in einem vereinigten Großbetrieb nach und nach alles einrenken«, tröstete Georg. »Wenn man auf einem Ruderboot über Meer fahren will, spürt man freilich die Wellen; an einem Riesendampfer brechen sie sich.« »Ich bin nicht fürs Amerikanische!« brauste der Alte auf. »Am liebsten schmisse ich den ganzen Krempel von Fabrik zum Teufel und setzte mich für mich allein an meinen alten Zampelstuhl. Da ist der einzige Platz, wo mir vielleicht noch einmal warm würde. Die modernen Verrücktheiten können mir allesamt gestohlen werden! Kommt's denn auf die Größe an? Meinetwegen soll's Walfische geben, so viel es will, sie gehen mich nichts an, ich bin als Karpfen auf die Welt gekommen und bleibe ein Karpfen ... Maria Lichtmeß!« Ungeduldig schnalzte er mit den Fingern. Die Besucher begriffen, daß sie entlassen seien. Sie verzichteten darauf, auch noch mit dem Laurenz Rücksprache zu nehmen. Daß dieser anders denken würde, hielten sie nicht für unwahrscheinlich, aber sie wußten auch, daß er zu zartfühlend war, eine vom Vater getroffene Entscheidung umzustoßen. Der Onkel hing ein wenig den Kopf, es waren ihm nun selbst Bedenken aufgestiegen. Georg aber faßte ihn vergnügt unter und meinte: »Wenn's so leicht wär', hätt's ein anderer schon längst gemacht. Rom ist nicht an einem Tag erbaut worden, auch unser Wolkenkratzer braucht Zeit, nicht nur seine Geburt, auch seine Empfängnis.« Er lachte, was kommen mußte, würde doch kommen, über kurz oder lang. Er war jung und hatte keine Eile. Als sie die Treppe hinunterstiegen, sagte Wolf Mairold zu seinem Neffen: »In dem Punkt muß ich dem alten Hocheder fast recht geben, warm wird einem beim Amerikanismus nicht.« »Meinst du, Onkel? Ich dächte, es käme nur drauf an, wie man's nimmt. Es gibt eine Sorte Amerikanismus, die mehr Wärme um sich verbreitet als die rückständige Sumperei, die es zu nichts bringt. Denk' etwa an einen Ford! Gerade weil er als kühler Rechner ins Riesenmäßige strebt, hat er vielen Tausenden von Menschen eine menschenwürdige Existenz geschaffen, was ist segensreicher: sich wehleidig ans Überlebte klammern und dabei zugrunde gehen, oder klar der Zukunft ins Auge schauen, sich den Notwendigkeiten anpassen und Gedeihen um sich verbreiten? Wenn's auf mich ankommt, so wähle ich das letztere. Mit der Biedermeierei, die unserm Gewerbe und ihren Vertretern noch immer im Blut steckt, muß endlich gebrochen werden! Kein Galvanisieren macht, was endgültig abgestorben ist, wieder lebendig. Ich bin gewiß der letzte, der nicht pietätvoll am Gedächtnis der Väter hängen würde. Aber ihr Verdienst war, daß sie schufen, was ihrer Zeit entsprach. Wir späteren müssen schaffen, was der unserigen entspricht – erst dann werden wir in ihrem Geiste handeln und ihrer würdig sein!« Der Oheim war stehengeblieben und hing schier ergriffen an den Lippen des Neffen. »Es ist rein, als hörte man deine Großmutter Therese Mairold aus dir sprechen! Oder auch deinen Großvater Leopold Leodolter, der ein Mann von seltener Umsicht und Kraft war, solange die vortrefflichen Eigenschaften der Ahnen in den Enkeln wiederkehren wie in dir, solange hat es mit dem Niedergang des Bürgertums, den manche voraussagen, noch seine guten Wege!« Er drückte ihm die Hand. Sie setzten ihren Weg fort, gegen den Torgang. Eine Gestalt, die in den Hausflur einbog, glitt scheu an ihnen vorüber und war in der Richtung gegen die Treppe verschwunden. Wolf Mairold wendete sich um. »War das nicht Severin Hocheder?« »Ich kenne ihn nicht.« »Er soll heimgekehrt sein und seit längerer Zeit wieder im Hause leben. Ich, an Stelle des Laurenz Hocheder, hätte das niemals zugegeben.« »Weshalb?« »Justinens wegen ... Übrigens –« erinnerte er sich, »willst du nicht deiner Cousine einen Besuch machen?« »Meine Zeit ist knapp, es sind noch eine Menge Dinge zu besorgen, und morgen abend muß ich unbedingt abreisen. Das nächstemal, wenn ich herkomme, denn ich habe Justine lieb.« Sie gingen die stille Gasse entlang. »Sie ist auch ein liebenswertes Geschöpf«, sagte der Oheim. Und da sie an dem sandsteinernen Engel vorbeikamen, der traulich in seiner Mauernische Wache hielt, fügte er bedeutungsvoll hinzu: »Hoffen wir, daß sie nicht umsonst gerade in der Schutzengelgasse wohnt.«   Die drei »Organisierten«, die im Werksaal des Hauses »Zum Seidenbaum« ihren Einzug gehalten hatten und jetzt mit dem Weber Schinnerl um die Wette die Schütze durchs Fach warfen, verbreiteten anfangs eine Wolke von Mißtrauen um sich, aber eigentlich ohne ihr Zutun. Man sah in ihnen die Laus, die die große, mächtig gewordene Partei dem Bürgertum in den Pelz gesetzt habe, und beobachtete sie mit scheuer Zurückhaltung, des schlimmsten gewärtig. Nach und nach aber stellte sich heraus, daß sie eher wunderliche Käuze als gefährliche Verschwörer und Geheimbündler waren. Und wie jedermann sonst, litten auch sie unter der Not der Zeit, dachten nicht viel weiter, als ihre Nase reichte, und waren froh, wenn ihnen niemand etwas in den Weg legte und sie ihr kümmerliches Dasein, in Frieden fristen durften. Mit großen Worten, die sie irgendwo aufgelesen, der eine da, der andere dort, warfen sie freilich manchesmal um sich. Das diente aber nur der eigenen Herzstärkung und war so schlimm nicht gemeint. Ein jeder von ihnen hatte seine eigene Gattung von Einbildungskraft, womit er sich über das Einerlei der grauen Aussichtslosigkeit hinwegtäuschte. Das Bedürfnis nach Gemütsbewegung, das auch in der schmächtigsten Seele seinen Platz hat, warf dann farbige Phantasmagorien auf die geduldig ausgespannte Leinwand des Alltags. Der erste von ihnen, der Pimper hieß, hatte mit dem alten Hocheder einst auf du und du gestanden, er war selbst Fabrikbesitzer gewesen, aber vor Jahren zugrunde gegangen. Er gehörte zu den vielen kleineren, die von den Größeren aufgefressen wurden. Daß das technische Wesen nach Zusammenfassung in große und ganz große Gefüge drängt und die fortschreitende Umwandlung jeder Arbeit in ein zwangsläufiges Räderwerk von ungeheurer Verschlungenheit keine Zwergbetriebe mehr duldet, das hatte er am eigenen Leibe erfahren, wäre er nicht ein armer Schlucker und müder alter Mann gewesen, so hätte Georg Leodolter vielleicht einen überzeugten Förderer und Mitarbeiter in ihm gefunden. »Die alte Mühle am Bach, im kühlen Grund,« sagte er gelegentlich, »ist freilich lieb und schön gewesen, aber die neuzeitliche Dampfmühle eine technische Notwendigkeit und für die moderne Wirtschaft unentbehrlich.« Damit sprach er wohl seine wahre und eigentliche Überzeugung aus, genau wußte man übrigens nie, wie man mit ihm daran sei. Gerne bog er dann wieder den Sinn seiner Worte in ihr Gegenteil um und ließ sie in eine bitterironische Spitze auslaufen, indem er hinzufügte: »Denn wenn es keine Dampfmühlen geben würde, könnte doch das Gebäck nicht immer teurer werden und die Zahl der Familien, denen es am täglichen Brot mangelt, nicht in stetem Anwachsen begriffen sein.« Es wohnten eben zwei Seelen in seiner Brust. Die eine konnte es nicht verwinden, daß er mit seinem braven bescheidenen Fabriklein gescheitert war, und hing an lieben alten Erinnerungen; die andere erkannte die Ursachen dieses Scheiterns und redete ihm ein, daß er der rechte Mann gewesen wäre, ins Große zu schaffen, wenn die Umstände nicht einen Riegel vorgeschoben hätten. Der Firma Hocheder und Sohn weissagte er, wenn er seinen apokalyptischen Tag hatte, den unvermeidlichen Untergang, weil sie eine »Pimperl-Firma« sei, wie er sich ausdrückte. Der Laurenz komme zu wenig zu Wort, dem alten Herrn fehle der Weitblick, wenn man ihn, den erfahrenen Geschäftsmann, statt ihn bloß als simplen Handweber zu verwenden, an die Spitze gestellt hätte, dann würde der Wind freilich aus einem andern Loch blasen! Vergebens rechnete die Zwirner-Wettl ihm vor, wie viele Arbeiter es in Klopsdarf gebe, und wie viele Kraftstühle dort liefen, hartnäckig beharrte er: »Zu wenig! viel zu wenig! Zehnmal mehr müßten es sein, hundertmal mehr!« Und großsprecherisch legte er los: »Wenn ich nicht Malheur gehabt hätte; und wenn ich nicht von meinem Vater selig das alte Krempel hätte übernehmen müssen, das nichts wert war, sondern über genügend Kapital verfügt hätte, mich ganz neu einzurichten, mit den neuesten schweizerischen Kraftstühlen, wissen Sie; und wenn ich vielleicht noch außerdem eine reiche Heirat hätte machen können, so daß ich das Geld überhaupt gar nicht hätte anschauen brauchen – dann ... ja, dann ...!« »Na alsdann, was denn dann –?« drängte der Schinnerl. »Dann hätte sich gezeigt, wer ich bin! Dann hätten die Leut' die Augen aufgerissen! Dann hätte man erst begriffen, wie eine moderne Fabrik beschaffen sein muß und hätte eingesehen, was für rückständige Pfründner die Schottenfelder Fabrikanten alle miteinander sind. Denn für einen schöpferischen Organisator, wie er in mir gesteckt hätte, sind alle Fabriken da herum nichts anderes als lächerliche Schnackerlbetriebe!« Siegreich blickte der arme unter die Räder Gekommene von einem zum andern, schneuzte sich befriedigt ohne Taschentuch in die Luft und fuhr dann, schweigsam geworden, zu weben fort, ingrimmig mit den Webertritten klappernd. Der Schinnerl aber sagte weniger zu ihm als zu den andern: »Wär' der Hätte zeitig aufgewacht, hätt' der Hätte nit ins Bette g'macht.« Und dann verfiel er in trübselige Nachdenklichkeit, hatte er Ursache, sich über andere lustig zu machen? Die schwarzbraune Marfa war ihm wieder in den Sinn gekommen. Die war das zentnerschwere Wäre und Hätte, das er selbst zu schleppen hatte ... Der zweite von den Neuen, ein stiller, hagerer Mann, der seines Zeichens eigentlich Leinenweber war, befliß sich einer ganz andern Geistesrichtung, von der Geburt bis zu Kriegsausbruch hatte er im böhmischen Erzgebirge bei seinem ehrsamen Gewerbe wacker gehungert, hierauf im Schützengraben rund zwei Jahre lang nach seinen Begriffen wie der Herrgott in Frankreich gelebt, dann weitere zwei Jahre hindurch das zivile Hungern in Uniform fortgesetzt. Seit dem Umsturz betrieb er es wieder in Zivil. Frühzeitig einer Methodistengemeinde angeschlossen, erwartete er geduldig das Reich Gottes auf Erden. Einmal meinte er bereits, es sei schon da, das war in den ersten Zeiten der Neuordnung. Aber bald erkannte er, daß diese eher eine Neu-Unordnung war. Da begriff er, daß das Reich Gottes offenbar doch anders aussehen müsse, und wartete weiter. Manchmal kam der Geist über ihn, daß er reden mußte. Dann hielt er mit Weben inne und schilderte der erstaunt aufhorchenden Zwirner-Wettl die Wonnen des Paradieses in den gleißendsten Farben. Da er eine nordböhmische Mundart sprach, die mehr Anklänge ans Norddeutsche als ans Bajuvarisch-Österreichische enthielt, galt er der Zwirner-Wettl für einen »Preußen«, und diese konnte sie nicht leiden. Sie hatte auf einer Prater-Bühne einmal eine Posse gesehen, in der ein Berliner verulkt wurde, seither stand ihr Urteil über die »deutschen Brüder« fest. Um so weniger brachte sie die Geduld auf, dem Methodisten, wenn er ins Schwärmen geriet, lange zuzuhören. »Wie es in Zion aussieht, geht mich nichts an«, sagte sie schnöde; »nicht einmal Berlin, diese öde Streusandbüchse, interessiert mich. Gottlob bin ich eine Wienerin, und bei uns ist das so: Zum Predigen sind die Kirchen da, in einem Werksaal aber heißt's arbeiten, wenn ich einen geistlichen Herrn an einen Webstuhl setz', so kommt nichts Gescheites dabei heraus; und noch viel weniger, wenn ein Weber den geistlichen Herrn ins Handwerk pfuschen will. Das lassen Sie sich gesagt sein, Herr Schirmann (so hieß er), denn ich bin Betriebsrätin für ›dat Janze‹ und verantwortlich dafür, daß hier auch was vorwärtsgebracht wird.« Solche allmaßlichen Worte konnten dann den Dritten, der ein waschechter »Roter« war und Toblak hieß, ganz aus dem Häuschen bringen, während die andern beiden der »Organisation« nur aus dem Grunde beigetreten waren, um keine Unannehmlichkeiten zu haben, gehörte er ihr aus Überzeugung an. Diese Überzeugung schoß ihm aber freilich nur sporadisch ein, nebenher und zu andern Zeiten war er auch wieder ein Abtrünniger. Er hatte angestrebt, ins Parteisekretariat zu kommen; da er es nicht erreichte, schimpfte er auf die »Bonzen« auch im eigenen Lager. Mit ausgleichender Gerechtigkeit richtete sein Zorn sich nicht nur gegen das Kapital, sondern gelegentlich auch gegen die entgegengesetzte Seite, je nach dem Anlaß oder der Stimmung des Tages. Zwei Redensarten, über die er verfügte, tummelte er abwechselnd oder auch als Zweigespann wie muntere Steckenpferdchen. Die eine war die Feststellung einer Tatsache und besagte, daß er, Toblak, gewohnt sei, Blut zu sehen. Die andere, die prophetisch klang, bestand in der unheimlich dunklen Drohung, der oder die oder das werde schon noch einmal etwas erleben. Eine Unzahl von Einzelnen, Verbänden oder Begriffen gab es, die noch einmal etwas erleben würden, vom Bundespräsidenten angefangen bis herunter zum Greisler, der ihm eine verdorbene Wurst verkauft hatte, vom Kanzleramt und den verschiedenen Ministerien bis zur Invalidenentschädigungs-Kommission, die ihm keine Unterstützung gewährte, weil die unbedeutende Schramme, die er an der linken Schulter davongetragen, sein Wohlbefinden nicht im geringsten beeinträchtigte. Sie alle würden noch einmal etwas erleben! Außerdem und ganz besonders würde die Bourgeoisie bestimmt noch einmal etwas erleben, aber auch die »Organisation« wegen der korrupten Wirtschaft, die angeblich darin herrsche. Ferner die Parteien überhaupt durch die Bank, wie sie auch heißen mochten. Dann selbstverständlich die »Räte«, alle Räte insgesamt, der Völkerbundrat, der Nationalrat, der Gemeinderat, der Arbeiterrat, der Soldatenrat und so weiter. Alle, alle würden noch einmal etwas erleben, denn allzusammen seien sie das fünfte Rad am Wagen ... Diesmal ging es übrigens nicht über eine öffentliche Einrichtung her, sondern über die Zwirner-Wettl, welche allerdings die herausfordernde Behauptung aufgestellt hatte, sie sei hier Betriebsrätin. »Was Sie da sagen, ist so dumm, daß sich eine Antwort darauf gar nicht auszahlt. Es ist aber auch eine Keckheit und eine Herausforderung der gesamten internationalen Arbeiterschaft. Deswegen werd' ich es dem Doktor Birenz stecken, warten Sie nur! Er muß es im Nationalrat zur Sprache bringen, dann werden Sie etwas erleben! Wir sind drei organisierte Arbeiter und gelernte Weber obendrein, verstanden? Und wenn Sie bei Ihrem Kavilierstock und als Nichtorganisierte sich als unsere Betriebsrätin aufspielen wollen, so ist das eine persönliche Beleidigung, die ich mir nicht gefallen lasse. Die andern sollen machen, was sie wollen, ich bin gewohnt Blut zu sehen, ich werde mich auch noch gegen eine Person, wie Sie eine sind, zu wehren wissen!« Etwas erschrocken rief die Zwirner-Wettl alle weiblichen Listen, die in ihrem verhutzelten Körper Platz hatten, unter die Fahnen und bemühte sich, seinen Grimm auf ein Nebengeleise zu schieben. »Von dem Doktor Birenz hab' ich schon einmal etwas läuten hören, das muß ein sehr lieber Herr sein. Mir kommt vor, er ist auch mit unserer Frau Justin' verwandt, ein Ziehbruder von ihrem Vater selig, oder so etwas dergleichen.« »So –? Davon ist mir nichts bekannt, ich weiß nur, daß er unser Abgeordneter im Nationalrat ist. Den sollten Sie einmal reden hören, dann verging' Ihnen Ihr Übermut! Der erzählt Ihnen haarklein, wie es im Zukunftsstaat aussehen wird, und erklärt Ihnen genau, warum es so nicht bleiben kann, wie es jetzt ist. Denn die kapitalistischen Ausbeuter, die noch immer auf ihrem Geldsack sitzen, die werden noch einmal etwas erleben, das können Sie mir glauben!« »Wenn nur auch Sie und wir alle es noch erleben, daß es wirklich besser wird!« sagte die Zwirner-Wettl, das ins Auge gefaßte Ziel mit Klugheit weiter verfolgend. »Ums Reden ist mir nicht besonders zu tun, geredet wird viel, mir kommt's nur drauf an, ob ich was davon spür', daß das Reden auch etwas genützt hat. Spüren Sie was davon? Hat Ihnen der Doktor Birenz schon einmal zu etwas verholfen?« Da hatte sie ihn auch schon auf dem Punkt, wo sie ihn haben wollte. »Nichts spür' ich! Nichts hat er mir geholfen! Immer bleibt's die alte Metten, immer drehn wir uns auf demselben Fleck herum, wie soll da etwas vorwärtsgehen? Der Birenz ist auch nicht anders als die andern, immer schon hab' ich mir's gedacht, aber jetzt versteh' ich's erst – wenn er sogar mit der Bourgeoisie verwandt ist! Benimmt er sich denn nicht auch danach? Im Auto kommt er vorgefahren und redet dann von der Not des Proletariats! Was weiß denn der von Not? Was weiß er vom Proletariat? Ihm geht's gut, er lebt wie alle diese Herren von den Parteigeldern, das ist freilich bequem! Aber nennt man das nicht Korruption – he? Wenn einer sich von unsern sauer verdienten Groschen ein Auto halten kann? Sie haben ganz recht, mit dem Reden allein ist noch nichts getan, geholfen muß uns werden, darauf kommt's an, und im Notfall werden wir uns halt selber helfen. Ich kenn' mich aus, ich weiß, wie andere sich geholfen haben, ich bin weit herumgekommen in der Welt, tief in Rußland war ich drin, bis nach Sibirien hinein, ich bin gewohnt Blut zu sehen. Und wenn der Doktor Birenz nicht bald dafür sorgt, daß auch für uns etwas geschieht, dann wird er noch einmal etwas erleben!« Der Schinnerl freute sich im stillen, daß es der Zwirner-Wettl gelungen war, den Toblakschen Groll von sich abzulenken und ihm eine andere Richtung zu geben. Er kam ihr jetzt zu Hilfe, indem er sich, opferwillig wie er war, selbst als Blitzableiter aufpflanzte. »Sie wollen weit in der Welt herumgekommen sein?« fragte er von oben herab, »wegen dem bissel Rußland etwa? Oder wegen der kleinen Landpartie nach Sibirien, wo heutzutag schon jeder Zweite gewesen ist? Lassen Sie sich nicht auslachen, das gehört doch alles beinah' noch zu Europa! Weit in der Welt herumgekommen sein – darunter versteh' ich etwas anderes. Waren Sie schon einmal am Yang-tse-kiang, wo die Kamelien wild wachsen wie bei uns die Brennessel? Und wo es schon viertausend Jahr' vor Christi Seidenbäume und darum auch Seidenweber gegeben hat? Waren Sie schon einmal bei den Feuerländern, die sich ein Kravattel mit einer Busennadel umbinden, lange bevor sie an eine Schwimmhose auch nur denken? Oder bei den Negerstämmen in Afrika, wo der Mann sich ins Bett legt und sich pflegen und bedienen läßt, wenn seine Frau in die Wochen kommt? Nein? Na also, wenn Sie noch nirgends gewesen sind als auf diesem armseligen alten Kontinent, was reden Sie dann von Ihren Reisen? Wer nicht übers große Wasser gefahren ist, kennt die Welt überhaupt nicht!« »Sind Sie denn überall da gewesen, Herr Schinnerl, und sogar übers Weltmeer gefahren?« fragte der Methodist, sehr darauf erpicht, Nähers zu erkunden. »Wie war das doch, was Sie eben sagten? Der Mann lege sich ins Bett, wenn die Frau...?« »In die Wochen kommt, ganz richtig. Und das ist nämlich so...« Die erste Frage überhörend – denn er war ja kaum jemals aus der Schutzengelgasse herausgekommen – schickte der Weber Schinnerl sich an, den Wissensdurst des frommen Kollegen zu stillen und sich des breiteren über diese und andere Merkwürdigkeiten auszulassen, die er aus seinen geliebten Reisebeschreibungen kennengelernt hatte; indessen war gerade in diesem Augenblick Severin Hocheder in den Saal getreten, um namens seines Bruders irgendeinen Auftrag an die Zwirner-Wettl zu bestellen. Da verstummte das Gespräch, mit löblichem Eifer widmeten sich alle wieder der ihnen obliegenden Tätigkeit, als hätten sie nie an etwas anderes gedacht. Es gab jetzt, wenn alles ordentlich in Gang war, schon ein recht ansehnliches Geräusch im alten Werksaal, beinahe wie in einer richtigen kleinen Fabrik. Die Zwirner-Wettl freilich, die ihre Seidensträhne kavilierte, machte keinen Lärm, denn diese Tätigkeit ist stumm. Vier Webstühle aber können gar gewaltig klappern, wenn sie wollen, und außer den drei neuen Webern hatte Laurenz auch noch zwei oder drei Fabrikmädchen eingestellt, die die hölzernen Spulmaschinen kollern machten, daß es klang, als stiege ein erdbebenkündendes Grollen aus den Tiefen der Erde auf. Er machte aus der Not eine Tugend und ließ jetzt wenigstens einen Teil jener Ware, deren Kette vor dem Verweben bedruckt werden mußte, in Wien herstellen. So ersparte man sich das wiederholte Hin- und- Herschicken über die Grenze und damit manche Lästigkeit. Für Severin gab's im Werksaal eine Überraschung. Gänzlich unerwartet erkannte er in dem Weber Toblak einen alten Kriegskameraden. Fast ein Jahr lang waren sie miteinander in einem russischen Gefangenenlager interniert gewesen, bis Severin noch weiter nach Sibirien hinein verschickt wurde. Sie hatten sich angefreundet, der schiefgegangene Bürgerssohn und der aus dem Proletariat hervorgewachsene Arbeiter. Gleiches Schicksal wirkte ausgleichend auf die Höhenunterschiede, die zwischen einer heißen, auf menschliche Hochziele gerichteten Künstlerseele und einem nur ans Greifbare denkenden, mit leeren Redensarten vollgehämmerten Durchschnittskopf bestanden. In langen Abendgesprächen krempelten sie die Welt um, die Schwingen, die dem einen wuchsen, hoben auch den andern ein klein wenig über den Staub. Nun fanden sie einander wieder, in enger Abhängigkeit, mit unerfüllten Wünschen. Ungestillt die Sehnsüchte des einen wie des andern, die erreichbaren wie die erdfernen. Enttäuschte beide, zurückgesunken beide in den Staub kleinlicher Alltäglichkeit. »Es ist nicht alles so gekommen, wie wir es uns dachten«, sagte Severin. »Du kannst lachen, du bist der Sohn vom Haus.« »Weiß nicht, ob du mit mir tauschen möchtest...« Der Weber schwieg. Halb unbewußt lastete es plötzlich auf ihm, daß er immer drohte und prahlte und doch ein armes, ohnmächtiges Leben führte, das jeden Aufschwungs entbehrte, seit er heimgekehrt und mit parteimäßiger Unzufriedenheit vollgestopft war. »Was macht denn die Gitarre?« fragte er unvermittelt. »Ist noch immer dieselbe.« »Eigentlich war's schön«, sagte Toblak. »Ja, schön ist es gewesen!« stimmte Severin ihm zu. Die unendliche Eintönigkeit des Lagers tauchte vor ihm auf, wo man so verlassen war, so ganz aus der Welt, fern von jeder Wirklichkeit. Wo man ungestört seine Träume spinnen konnte, von einer maßlosen Sehnsucht erfüllt, die einem das Leben in holderem Lichte zeigte, als hätte man es tatsächlich gelebt, welch eine Freiheit mitten im Elend! Was für kühne, beseligende Bilder von einem höheren Zustand der Menschheit, überwachen Geistes ersonnen in Entbehrung, Knechtschaft und Leid, ohne daß sie auf ernüchternden Widerspruch stießen! Stacheldraht beengte die willkürliche Bewegung der Leiber, aber die Herzen vertieften sich, auf die Knie gezwungen vor der Majestät eines gigantischen Schicksals. Besser, reiner, vielleicht auch – glücklicher war man gewesen im fast urzeitlichen Unglück, als im Dunstkreis der gepriesenen Kultur ... In ähnlicher Richtung, ob auch auf ausgefahrenen Gleisen, mochte auch Toblaks stumpfes Sinnen zu abgeblaßten Erinnerungen zurückstreben und trübselige Vergleiche ziehen mit der Gegenwart und ihren Aussichten. Ingrimmig sagte er: »Die am Steuer sitzen und doch ewig den Kurs nicht in die Sonne nehmen, die werden schon nach einmal etwas erleben! ...« Und dann, gleichsam eine Bürde abwerfend, mit befreiendem Entschluß: »Hol's der Geier! Spielen und singen möcht' ich dich noch einmal hören wie damals. Mehr verlang' ich mir nicht. Dann könnt' ich mir einbilden, ich wär' noch in Sibirien. Und es würde mir wieder wohl.« »Sollst es haben«, sagte Severin. »will dir gern den Gefallen tun, wenn dein Herz dran hängt.« Erwachtes Mitleid hob ihn aus der eigenen Bedrückung. Nein, mit dem tauschte er nicht! Mit keinem! Er spürte Reichtum in sich neben der Leere und Kahlheit des Massengefühls, das er in Toblak witterte. Um wieviel schlimmer war jener daran, der nach wie vor in Ketten der Wirklichkeit schmachtete! Der bedauernswerte Leidensgenosse von einst! Ihm war es nicht gegeben, anderen aus sich selbst etwas zu schenken. Überhaupt waren es die knappen Stunden, wo er ein Gebender sein konnte, die Severin aufrechthielten. Sein Dasein, tagsüber ausgefüllt mit nichtigen Verrichtungen, eingekerkert in einen verkalkten Hausbrauch, der ihm tyrannischer als sibirischer Stacheldraht dünkte, hätte ihn verzweifeln machen, wären die Abende nicht gewesen, wo er, die geliebte Geige oder Laute im Arm, wieder er selbst sein durfte, und hätte er nicht aus untrüglichen Anzeichen merken können, wie reich sein Bruder, seine Schwägerin sich durch die Kunst beschenkt fühlten, die wundersam in ihm wieder aufblühte. Auf Laurenz lasteten geschäftliche Sorgen, niederdrückend, aufreibend. Die Knappheit an Kapital zwang ihn im Lauf des Sommers, einen Teil der Klopsdorfer Fabrik stillzulegen, obgleich der Absatz nichts zu wünschen übrig gelassen hätte. Denn je schlimmer die mittleren, einst wohlhabenden Klassen unters Rad kamen, je beschämender die Tage der geistigen Arbeiter sich gestaltete und je vergeblicher das ängstliche Bemühen hochklingender Namen wurde, die anklopfende Dürftigkeit abzuweisen, um so prahlerischer gebürdeten sich Eitelkeit und Verschwendung in den Kreisen der neuen Reichen. Es hätten sich in Seidenzeugen und Samt jetzt großzügige Geschäfte abschließen lassen. Aber die Arbeiter, zum Teil auch der Rohstoff mußten bar bezahlt werden, die Abnehmer der Ware, Klein- und Großkaufleute, ließen sich mit dem »Regulieren« Zeit, rissen womöglich noch Prozente ab, setzten wohl gar die Miene von Großmütigen auf, wenn sie überhaupt beglichen. Durch die verwandtschaftlichen Beziehungen zu der Garn- und Rohseidenfirma Fürst und Sohn, der die kleine muntere Ursel vorstand, genossen die Hocheders den denkbar weitesten Kredit, doch sahen sie sich gezwungen, wollten sie nicht Einbuße an Kundschaft erleiden, einen noch viel weiteren den Schnittwarenhändlern und Modegeschäften einzuräumen. Unerwartet kamen auf dieser Seite Zahlungsstockungen oder gar -einstellungen vor. Dann wehte Krisenluft durch die Schutzengelgasse, das Haus »Zum Seidenbaum« erbebte in seinen Grundfesten. Es kamen sogar Augenblicke, wo es schwankte und alles in Frage gestellt schien. Rettung, Deckung galt es zu suchen. Immer noch bisher war sie gefunden worden, aber auf der Stirn des Chefs zogen sich düstere Wolken zusammen. Dabei steigerte der alte Herr, statt mit Besonnenheit zu überlegen und zu raten, die Schwierigkeiten eher noch, als daß er sie gemindert hätte. Denn er fing dann gewöhnlich nach irgendeiner Seite hin zu wüten an, überhäufte seine Mitarbeiter mit Vorwürfen, wollte alles vorausgesehen und anders angeordnet haben, als es ausgeführt worden, und verhinderte manche erwünschte Lösung durch Schroffheit und hochfahrendes Wesen den Geschäftsfreunden gegenüber, auf deren Entgegenkommen man angewiesen war. Für Laurenz gesellte sich zu den verantwortungsvollen Entscheidungen, die zu treffen waren, in solchen Fällen auch noch die peinliche Aufgabe, erregte Gemüter zu beschwichtigen und Verstimmungen auszugleichen. Und dieser Zustand der Unsicherheit, der an seinen Nerven zehrte, dieses fast ohnmächtige Ankämpfen gegen zu hoch gehende Wogen, das seine Widerstandskraft zu erschöpfen drohte, trug weniger die Anzeichen einer raschen Vergänglichkeit an sich als die einer nicht abzusehenden Dauer. Ja, es lasteten schwere Sorgen auf Laurenz, niederdrückende, aufreibende Sorgen. In solcher Zeit gab es nur einen Trost für ihn, der ihn tröstete, nur eine Entspannung, die ihn beruhigte. Das war die Musik. Nicht die Konzertsäle oder Bühnen: die traulichere, heimlichere, die an stillen Abenden, nach des Tages Mühen und Beängstigungen, Severin allein oder begleitet von Justine in der gewohnten Umgebung für ihn machte, ausruhend blieb er nach dem Abendbrot gerne noch am Speisetisch sitzen, während aus dem kleineren Nebenzimmer, wo der Flügel stand, hehre Klänge zu ihm herüberwehten und ihn träumerisch umspielten, sich mit dem bläulichen Rauch seiner Zigarre vermischend. Nur selten waren an solchen Abenden andere zugegen. Manchmal allenfalls Ursel Fürst, einst Mitwirkende in jenem musikalischen Kreis im Hause Mairold, wo Severin und Justine einander kennengelernt hatten. Manchmal auch, aber noch seltener Marianne Hocheder, die mit ihrem ganzen Herzen an Severin hing, ihn als Künstler bewunderte und am liebsten den ganzen Tag sich von ihm hätte vorspielen und -singen lassen, aber zu ihrem Leidwesen sich nur ab und zu einmal freimachen konnte; denn der alte Herr sah es nicht gern, wenn sie ihn allein ließ. Zuweilen blieb Laurenz der einzige Zuhörer, und das war ihm gerade recht. Er wollte nicht genötigt sein, eine Unterhaltung zu führen, er wollte nur lauschen und sich in Rhythmen vergessen, verlieren. Mit Dankbarkeit empfand er die Erholung und Erhebung, die von solchen Stunden ausstrahlte, wenn die wortlose und doch so vielsagende Kunst ihn mit dem Frieden einer erhabenen Gedankenentbundenheit segnete, pries er im stillen den Tag, wo er den Vater überredet hatte, Severins Heimkehr zu gestatten. Er liebte Justinen nun doppelt, über ihr Können staunend, das so lange brachgelegen, und ehrfürchtig ihr Urteil und ihre Tiefe bewundernd, die sich ihm nie so überzeugend geoffenbart hatten wie jetzt aus Tönen. Und sie auf der andern Seite und Severin liebten ihn wieder, wie man jeden um so mehr liebt, je mehr Liebes man ihm erweist. Für sie beide gab es ja kein höheres Glück als das einmütige Zusammenwirken, das die in den Werken der großen Tondichter schlummernden Geister und Geisterchen aus einem Gewirr schwarzer Notenköpfe zu rauschendem Leben erlöste. Und sie empfanden es fast als merkwürdig, daß sie mit dem, was sie am liebsten taten, und was ihnen natürlichste und erwünschteste Lebensäußerung war, auch noch dem geplagten Gatten und Bruder gleichsam aus dem Nichts etwas wie eine Oase hervorzuzaubern imstande waren, in der seine entspannten Sinne sich ergehen, an nie versiegenden Brunnen Labsal trinken konnten. Wieder einmal wurde Ereignis, was jedem aus sich heraus Schaffenden schier als ein Wunder erscheint: daß die Früchte am Baum der Kunst, die zu spenden diesem selbst Notwendigkeit und reinster Genuß ist, von dem, der sie pflückt und genießt, mit innigem Dank empfangen und wie ein Verdienst gewertet werden. Es ging schon gegen den Herbst, da geschah es einmal, daß Laurenz über die übliche Stunde hinaus noch in seiner Schreibstube festgehalten war, als Severin sich wie gewöhnlich zum Abendessen einfand, wartend saßen die beiden auf dem Sofa nebeneinander. Sie befanden sich in dem kleinen Empfangszimmer, wo die Versammlung von Verwandten und Freunden den Heimgekehrten am ersten Tage begrüßt und Justine, indem sie die Arme um seinen Nacken legte, ihn zum Willkomm auf den Mund geküßt hatte, wer vermöchte es zu erklären, warum sie sich gerade an diesem Abend hieran erinnerten? Beide dachten sie, ohne daß eins vom andern es wußte oder aus irgendeinem Anzeichen hätte erraten können, zu gleicher Zeit an jenen Augenblick zurück. Sie blätterten dabei gemeinsam in einem Notenheft, in das sie, fast Kopf an Kopf, gleichzeitig hineinblickten, um sich dessen Inhalt im Fluge anzueignen. Und als beim Umblättern ihre Hände sich zufällig berührten, stand unversehens ein stockendes Gefühl der Befangenheit zwischen ihnen auf, das sie unwillkürlich auseinanderrücken machte. Justine erhob sich, klappte das Notenheft zu und legte es auf den Flügel. Dann nahm sie wieder Platz, ihm gegenüber, auf einem Polsterstuhl. »Der arme Laurenz hat jetzt einen schweren Stand«, sagte sie. »Er tut mir leid, wie wir alle ist er um hundert Jahre zu früh auf die Welt gekommen.« »Meinst du, daß es nach hundert Jahren besser wäre?« »Es fehlt in der gesamten Wirtschaft die Gemeinsamkeit«, sagte Severin. »Jeder ist auf eigene Faust Verdiener und Erraffer, jeder der Feind des andern, was für ein wildes, leidenschaftliches Drängen nach dem Allerheiligsten, wo das Götzenbild aufgerichtet steht! Ein jeder stößt den andern zurück mit rücksichtslosen Ellenbogen, wer stolpert und stürzt, wird niedergetreten. Da schlagen die Leute die Hände zusammen über den Krieg, weil er grausam war. Ist das Leben im Frieden vielleicht minder grausam? Wenn man den Krieg abschaffen will, müßte man nicht früher daran denken, eine Gesellschaftsordnung abzuschaffen, die nur deshalb unblutiger ist, weil sie das Erwürgen und Niedertreten an die Stelle der Geschosse und Bomben setzt?« »Glaubst du denn,« fragte Justine, »daß es sich auch anders einrichten ließe?« »Und glaubst du denn,« fragte er dagegen, »daß die Menschheit wirklich so roh und unbelehrbar sein könnte, um ewig in diesem unerträglichen Zustand zu beharren?« »Ich hörte immer sagen, Kampf und Wettbewerb müsse es geben?« »Und warum sollte nicht Zusammenarbeit, gegenseitiges Einvernehmen, Brüderlichkeit an deren Stelle treten können? Muß denn die Welt erfüllt sein mit Neid, Haß, Elend, Verzweiflung, statt mit Liebe, Freudigkeit und allgemeinem Wohlergehen? Wenn alle guten Willens wären, was hinderte uns daran, eines Tages zu beschließen, daß es anders werden muß?« »Vielleicht der Eigennutz der einzelnen«, sagte Justine. Er war aufgestanden und ging erregt, innerlich aufgewühlt, im Zimmer auf und nieder. »Du wirst schon recht haben, so wird es sein. Dann wäre freilich alles vergeblich gewesen. Seit ich daheim bin, seh' ich's immer mehr: alles war vergeblich! Vergeblich das viele Blut, vergeblich die Greuel. Die Menschheit ist wirklich nicht reif genug und viel zu unbelehrbar, um etwas zu ändern. Es bleibt alles beim alten. In Sibirien hatte ich noch meinen Glauben, daheim kommt er mir allmählich abhanden. Es ist traurig, sehr traurig. Mir ekelt vor der Welt! Manchmal überkommt es mich wie Müdigkeit, daß ich am liebsten...« Er ergänzte seine Worte durch eine wegwerfende Handbewegung, während er fortfuhr, unstet auf und ab zu gehen. »Du fühlst dich nicht wohl bei uns!« sagte Justine bekümmert. »Schon. Aber noch wohler wär' mir's, ich wär' im Feld geblieben. Es wäre ein anständiger Abgang gewesen.« Tränen traten ihr in die Augen, Leid würgte sie. Konnte sie ihm denn nicht helfen? War sie ihm nichts? Was sollte sie tun, ihn von dieser Trostlosigkeit zu erlösen? »Hast du in letzter Zeit nichts komponiert?« fragte sie in dem Bestreben, ihn auf andere Gedanken zu bringen, die ihn vielleicht aufrichten würden. »Doch!« Er blieb stehen, faßte nach der Rettungsleine, die sie ihm zuwarf... Ist die Kunst nicht etwas wie Feigheit? ... ging es ihm durch den Kopf ... Flucht vor dem, was ist ... Gestaltung, wichtiger genommen als Erleben... »Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt...« Er hatte sich vor den Flügel gesetzt und nahm die Laute in den Arm, deren Register durch seitlich gespannte Saiten bereichert waren. »Eine dem Komponisten ungewohnte Form«, sagte er. »Ich habe sie ungefähr behandelt wie Stollen und Abgesang.« Dem kleinen Raum entsprechend sang er nur mit halber Stimme: Gebet Durch eine dunkle Pforte eingetreten Fand ich zu diesem Dasein mich verdammt, 's war ein verantwortliches, hartes Amt, Ward nicht gefragt, hab' nicht darum gebeten. Die Zeit stand unter schamlosen Planeten, Ihr müdes Herz, versandet und verschlammt, war mehr für Mammon als für Gott entflammt, Bedacht mehr aufs Genießen als aufs Beten. O Herr, laß mich so unbefleckt und rein, An Leib und Seele ohne ekle Schwären, wie ich hier eintrat einst als Kindelein, Der kranken Sumpfluft dieser Welt entfliehn Und still zur ewigen Lauterkeit heimkehren! Dann will ich danken dir auf meinen Knien. Justine weinte. Er legte die Laute fort und trat an, ihre Seite. Leise strich er ihr mit der Hand übers Haar. »Das war nun auch nicht der Zweck der Übung. Da sprech' ich von Freude, die sich über die Welt ausbreiten soll, und bring' es nicht einmal zustande, dir Freude zu machen. Nicht einmal dir, Justine. Nur Kummer, nur Kummer!« »Warum bist du so unglücklich?« fragte sie unter Tränen. »Fühlst du nicht, wie wir dich lieben?« Er sank neben ihr in die Knie und schlang seine Arme um ihre Mitte: »Du! Du! Liebst du mich?« »Ja!« stieß sie hart und mit dem Zorn der Verzweiflung hervor. »Dich! Dich! Nur dich!« Im Speisezimmer nebenan hörte man die Tür gehen. Laurenz trat ein. Rasch hatte Severin sich erhoben und stand hilflos neben Justine, die ihre noch immer fließenden Tränen zu trocknen suchte. Besorgt und teilnehmend blickte Laurenz von einem zum andern. »Na, warum weint sie denn?« richtete endlich seine Frage sich an den Bruder. »Er hat gesungen«, antwortete Justine statt seiner... »Es hat mich ergriffen.« Beppi, die Magd, trat in die Tür, das Abendessen sei aufgetragen. Ziemlich einsilbig nahmen sie die Mahlzeit ein. Laurenz, voll Milde und Nachsicht gegen seine Frau, bemühte sich, sie durch kleine Scherzworte aufzuheitern. Sie tat sich Zwang an und versuchte darauf einzugehen. Als er etwas wie Erfolg merkte, überwand er mehr und mehr die eigene Schwerblütigkeit. Aber er mußte fast allein die Kosten der Unterhaltung tragen, die sich noch immer zäh und stockend hinschleppte. Zum Nachtisch ließ er eine Flasche Wein kommen, was selten geschah. »Es belebt die Geister«, sagte er, indem er auch Justine nötigte, von dem Weine zu nippen. Severin zu nötigen, konnte er sich sparen. Der trank in großen Zügen und ließ sich gern wieder einschenken, ohne deshalb gesprächiger zu werden. Seine Wangen röteten sich, ein verhaltenes Feuer glühte in den Blicken, mit denen er Justine verschlang. Auch Laurenz sprach dem Glase wacker zu. Der Wein steigerte sein Lebensgefühl, die geschäftlichen Schwierigkeiten, von denen ihm der Kopf voll gewesen, schienen ihm jetzt leichter überwindbar. Er würde schon noch damit fertig werden, morgen war auch ein Tag, der heutige Abend sollte einem wohltätigen Ausspannen gewidmet sein. »Ihr müßt mir noch etwas spielen, Kinder! Etwas ganz Großes und Schönes!« »Gern!« sagte Justine aufatmend, sie wartete schon darauf, wann das für sie heute so peinigende Beisammensein zu dritt ein Ende nehmen würde, »wenn Severin bereit ist – ich bin's.« »Ich möchte heut' was Jubelndes!« sagte Severin. »Auch gut. Aber den Jubel zum Schluß! Zuerst etwas Elegisches, das frei macht und zum andern hinüberleitet. Nach meiner Erfahrung muß die trübselige Stimmung, die unsre Tage mit sich bringen, erst zur Wehmut erhöht und vergeistigt werden, ehe die Freude ihren Einzug halten kann. Das ›Seid umschlungen Millionen‹ steht wohlweislich am Schluß der Neunten, nicht an ihrem Anfang. Als Steigerung wirkt es großartig, als Einleitung würde es wie die Hand aufs Auge passen. Und dieselbe Weisheit, dünkt mich, muß auch bei Zusammenstellung eines Programms walten.« »Schön! Wir danken für den wertvollen Wink, den wir uns zunutze machen wollen.« Justine hatte sich erhoben, froh, endlich loszukommen, und bereit, sogleich mit Musizieren zu beginnen, »Hast du für den Anfang vielleicht einen bestimmten Wunsch?« fragte sie noch. »Du hast's erraten!« sagte Laurenz aufgeräumt. »Meine Theorie, wie ein Konzertprogramm aussehen soll, teilt das Los aller Theorien: sie sind meistens dazu da, zu beweisen, was man schon vorher wußte. So weiß auch ich längst, was ich eigentlich will. Mein Verlangen steht nach einem Musikstück, das ich ganz besonders liebe. Zufällig habt ihr es noch nie gespielt.« »Und das wäre?« »Das Adagio aus der Frühlingssonate.« »Dazu fehlen leider die Noten«, sagte Justine errötend. »Du irrst. Ich fand sie erst unlängst in dem Beethoven-Band, der gewöhnlich auf dem Klavier liegt. Sieh nach, so wirst du dich davon überzeugen.« »Es kann sein, daß ich irre. Aber wenn du nichts dagegen hast, mochte ich lieber etwas anderes spielen.« »Weshalb?« fragte Laurenz verwundert. »Ich liebe das Adagio nicht. Die ganze F-Dur-Sonate mag ich nicht.« »Nun denn«, sagte Laurenz gutmütig. »Künstler haben ihre Launen. Also bitte, was anderes.« »Spielen wir's doch!« rief Severin von seinem Stuhl aufspringend, »Warum nicht? Justine! Spielen wir's doch!« »Nein, ich spiel' es nicht!« »Dann spiel' ich überhaupt heute nicht!« sagte Severin wie ein trotziger Knabe, setzte sich wieder an den Tisch und trank sein Glas aus. Befremdet blickte Laurenz von ihm zu ihr, von ihr zu ihm. »Was habt ihr nur heute, ihr beiden?« Mit fest geschlossenen Lippen stand Justine neben ihrem Stuhl und blickte zu Boden. »So nehmt doch Vernunft an«, mahnte Laurenz, ungeduldig werdend. »Spielt, was ihr wollt, aber spielt schon einmal!« »Er will ja nicht«, sagte Justine, indem sie sich am Kredenztisch zu schaffen machte. »Das Adagio spiel' ich so gern«, sagte Severin. »Und das spiel' ich nun eben nicht!« beharrte Justine. Unmutig langte Laurenz sich das Abendblatt her und begann zu lesen. Justine fuhr fort, in der Kredenz Ordnung zu machen, dann begann sie still und lautlos den Tisch abzuräumen. Severin stand auf, sagte guten Abend und entfernte sich. Kopfschüttelnd sah Laurenz ihm nach. »Was ist mit ihm?« fragte er. Justine zuckte schweigend die Achseln. In solcher Verstimmung wie an diesem Abend war man noch nie auseinander gegangen.   Die in Aussicht genommene und bereits am Palmsonntag halb und halb verabredete Zusammenkunft der vier Haimonskinder auf dem Kahlenberg hatte bis in den Herbst verschoben werden müssen. August Hollerer war die ganze Zeit von Wien abwesend, er schor mittlerweile sein Schäfchen in Berlin, wo eine über den Sommer andauernde Börsenkrise eine reichere Ernte in Aussicht stellte. Überall, wo es schlecht ging, ging es ihm gut. Wenn er über trostlose Geschäftslage klagte, so meinte er damit, daß auf dem Markt eine Erholung eingetreten sei. Wie die Krähen zog er den Leichenfeldern nach und fühlte sich jeweils da am wohlsten, wo es die meisten Bankrotte gab. In Wien hatte sich bis zum Herbst die Wirtschaftslage so verschlechtert, daß er beruhigt heimkehren konnte. Seine äußere Erscheinung, schon früher modisch und gepflegt, hatte noch eine weitere Häutung nach der stutzerhaften Seite hin durchgemacht. Mit seinem wohlgedrillten Haarwuchs und Stutzbärtchen, den funkelnden Steinen an Ringen und Busennadel, der überaus gewählten, etwas zu auffallenden Kleidung, sah er aus wie eben aus dem feinsten Herrenmode-Salon gepellt. Ein Mittelding zwischen Diplomat und Bankgigerl, betrachtete er wohlgefällig seine spiegelnden Fingernägel, wenn er von seinen »Transaktionen« sprach, die er großenteils bei der »Kakabe« vermittelte. Generaldirektor Lemburg bediente sich seiner bei Geschäften, die er selbst nicht gern anfaßte, auch mit Handschuhen nicht. Im übrigen belustigte ihn der Mann, wie er das ganze Zeitgetriebe höchlich amüsant fand. Denn er erblickte darin etwas wie eine Liebhaberbühne, auf der blutige Dilettanten mit der ernsthaftesten Miene von der Welt eine unmögliche Komödie aufführten, ohne daß sie selbst oder die Zuschauer es merkten, wie komisch die ganze Sache sei. Er wartete nur auf das Fallen des Vorhangs, dann würde er sich, wenn er mit einem blauen Auge davonkam, auf seinen Großgrundbesitz zurückziehen, den er auf den Namen seiner Mutter hatte schreiben lassen, und seine Felder selbst bestellen; das heißt, an der Seite eines süßen Mädels aus den Fenstern des Schlosses gemächlich zusehen, wie sie bestellt wurden. August Hollerer seinerseits gehörte allerdings zu den völlig Ahnungslosen, er nahm seine Rolle ernst und kam sich ziemlich wichtig darin vor. Wenn man ihn in seinem Kraftwagen durch die Straßen sausen sah, so hätte man meinen können, er befinde sich auf dem Wege, irgendeiner leitenden Persönlichkeit brühwarm die Botschaft zu überbringen, der Präsident der Vereinigten Staaten habe sich an die Spitze des soeben begründeten Pan-Europa gestellt. Angesichts der Bedeutung, die er selbst seiner Tätigkeit beimaß, verdiente es Anerkennung, daß er für seine Mitbrüder vom Haimonsbunde, die alle drei sozusagen schief gegangen waren und es rein zu gar nichts brachten, überhaupt noch einen Gedanken übrig hatte. Es gereichte seiner kollegialen Gesinnung zur Ehre, daß er, kaum in Wien wieder eingeheimt, sich des gegebenen Versprechens erinnerte, die Genossen in einem Sammelauto einholte und sie auf den Kahlenberg brachte, wo er in derselben Wirtschaft, in der einst der Bund begründet worden, den großzügigen Gastgeber spielte. Auf der weiten Terrasse, die an diesem Wochen- und späten Herbsttag menschenleer war, saßen sie, in den Anblick der ins Unendliche sich verlierenden, von den braunen, gelblichen und goldigen Tinten der späten Jahreszeit überfluteten Landschaft und des darin hingebreiteten ungeheuren Häusermeers versunken, pokulierend beisammen, die vier Schulkameraden von einst, die im Grunde wenig mehr miteinander gemein hatten als ein paar verblassende Jugenderinnerungen. Zu weit waren in den späteren Jahren ihre Wege auseinander gegangen, als daß diese Stunde des Wiedersehens von einer einheitlichen und übereinstimmenden Gemütsverfassung hätte getragen sein können, wirklich vergnügt, oder mindestens aufgekratzt, war eigentlich nur Hollerer selbst, der sich gewaltig fühlte, wie ein bezwungenes Ungetüm schien die in Rauch und Dunst gehüllte Stadt mit ihren unzähligen Schloten, Türmen und Dächern ihm zu Füßen zu liegen. Alles, was sie an Freuden zu bieten hatte, konnte er bezahlen. Das war dem ehemaligen Lehramtskandidaten ein Hochgefühl und der Maßstab, mit dem er seine eigene Herrlichkeit maß. Da er auch noch vom Kahlenberg hinabblickte, überragte seine Größe sogar den Stefansturm. Wieder wie zu Pfingsten im »Salettl« redete er den Freunden zu, ihre Zeit zu verstehen und moderne Menschen, wie er sich ausdrückte, zu werden. »Dem Deutschen steckt die Unwirklichkeit in allen Gliedern«, sagte er. »Das muß überwunden werden. Fort mit den Grundsätzen! Fort mit den platonischen Zielen! Greifbare Zwecke ins Auge gefaßt und dann mit Gerissenheit sich durchgeschlängelt bis – na, sagen wir, bis das Bankkonto ein Aktivum ausweist, von der Milliarde aufwärts!« »Woher hast du eigentlich dein schauderöses Moos, August?« fragte Rumpsack, der von vornherein gereizt war, weil er einen Ehrensalamander auf Severin hatte reiben wollen; aber mit Sekt kam es ihm stilwidrig vor. Durch Direktor Lemburg von der »Kakabe« hatte Hollerer etwas von Georg Leodolters großzügigen Plänen läuten hören. Die Zusammenfassung vieler Einzelfirmen in einen einheitlich geordneten Riesenbetrieb, für die Seidenindustrie noch keine alltägliche Sache, schien dem beständig nach ergiebigen »Transaktionen« Ausblickenden ein Kolumbusei. Hier hoffte er als Unterläufel sich ein schönes Stück Geld zu verdienen, darum bemühte er sich unaufgefordert um die Kapitalsbeschaffung. »Das ist der nächste große Schnitt, den ich auf der Pfanne habe«, sagte er. »Noch spießt sich's an der ablehnenden Haltung des Projektanten, der mit Banken angeblich nichts zu tun haben will. Aber ich bin überzeugt, er stellt sich nur so, um das Geld billiger zu bekommen. Im Grund ist er ein abgebrühter Amerikaner so gut wie ich. Wollen mal sehen, welcher von uns beiden der Pfiffigere ist, und ob ich ihn nicht schließlich doch herumkriege. Rührigkeit, liebe Freunde, ist alles. Macht es wie ich, so werdet ihr hinaufkommen wie ich, es ist heutzutag ein Kinderspiel.« Hauptmann Eybel war unlängst mit Georg bei dessen Schwester Ursel Fürst zusammengetroffen; mit beiden verbanden ihn entfernte verwandtschaftliche Beziehungen. Er hatte von dem jungen Leodolter, der ungefähr in seinem Alter stand, einen ganz anderen Eindruck gewonnen. »Wenn ich ihn richtig beurteile,« sagte er, »so ist das kein Mann, der nur an greifbare Zwecke denkt, wie so deinem Ideal entspricht, August. Der blickt nach den reinsten Zielen aus, das kannst du mir glauben! Und wenn er etwas Amerikanisches an sich hat, so höchstens in dem Sinne der seltenen und hochstehenden Exemplare jener Rasse, die dem Geist dienen, indem sie Praktisches anstreben.« »Laß dich nicht auslachen!« spottete Hollerer belustigt. »Das Leben ist doch keine Geschichte, wie sie in den Schulbücheln steht, wo der Brave für seinen Idealismus belohnt und der Vernünftige für seine Klugheit bestraft wird. Ein flottes, kurzweiliges Spiel ist es, nichts weiter. Merkt ihr nicht endlich, daß die alte Moral heute auf dem Kopf steht? Früher hieß es: Arbeit hat bittre Wurzel, aber süße Frucht, wie lang ist das schon zur Lüge geworden! Die Wahrheit lautet: wer arbeitet, bleibt ein Schlucker, die süße Frucht fällt dem in den Schoß, der die Steine auf dem Damenbrett richtig zu setzen weiß. Erringt er sich gar eine Dame,« sagte er anzüglich, »so geht's doppelt glatt und leicht. Ihr versteht mich. Gute Beziehungen mit einflußreichen Kreisen pflegen, gehört auch zum Geschäft. Der Salon spielt noch immer eine nicht zu unterschätzende Rolle. Du bist Künstler, Severin, und ein einnehmender Junge, wenn auch schon ein bißchen grau geworden. Dir würde es leicht fallen, deinen Weg zu machen in der Gesellschaft dieser angeblich antikapitalistischen Zeit, in der es mehr schwerreiche Gatten und unverstandene schöne Frauen gibt als früher, warum stellst du dein Licht unter den Scheffel? Willst du deine Tage als Kontordiener im Haus zum Seidenbaum beschließen?« »In die Salons passe ich nicht«, sagte Severin verschlossen. »Vielleicht gehe ich wieder in die Kneipen, wo es noch Menschen gibt, die sich nach Zukunft sehnen.« Es war ein wunder Punkt in ihm, den August berührt hatte. Immer schon trug er sich mit dem Gedanken, eines Tages aus der Schutzengelgasse durchzubrennen. Die Arbeit, die ihm der Vater zuteilte, machte ihn krank. Der ganze Luftkreis im Haus, das Geregelte einer bürgerlichen Tätigkeit, der spießerliche Rahmen, in den er sich eingezwängt fühlte, das alles ging ihm auf die Nerven. Aber es war ihm, als könne er nicht mehr leben, ohne Justinen nahe zu sein. Er wußte nicht, was daraus werden sollte, aber er hatte sie lieb. Aufrichtige Gefühle der Dankbarkeit verbanden ihn dem älteren Bruder, der so unwandelbar treu und gütig war, und doch liebte er Justinen. Die Verstimmung jenes Abends war bald verflogen, man hatte sie mit keinem Worte mehr berührt. Die Stunden musikalischer Erhebung kehrten wieder und nahmen ihren gewohnten Fortgang. Aber sie gewährten Severin nicht mehr dieselbe restlose Genugtuung wie früher. Er hatte aufgehört, wunschlos zu sein, seine Gedanken waren nicht mehr bei der Kunst allein, Widersprüche zermarterten ihn. Aus Justinens entschiedener Weigerung, jenes Musikstück mit ihm zu spielen, bei dem sie vor vielen Jahren, als ganz junge Leute, einander in die Arme gesunken waren, spürte er ihre Strenge, ihre Unnahbarkeit und begriff, daß er die bisher eingehaltenen Schranken nicht überschreiten dürfe, wollte er sich im Hause nicht unmöglich machen. Und doch wartete die in seinem Unterbewußtsein erwachte Leidenschaft nur auf die Gelegenheit, diese Schranken zu durchbrechen. Er hielt es für fruchtlos, noch Hoffnungen zu nähren, und hoffte dennoch, worauf? Darüber hätte er keine Rechenschaft abzulegen vermocht. Tag für Tag sagte er sich, daß es besser wäre, die Nähe der geliebten Frau, die die Gattin seines Bruders war, zu fliehen. Und doch brachte er es nicht über sich ... Die leichtfertige Art, in der Hollerer jetzt andeutungsweise von der Liebe gleichsam als von einem Sprungbrett des Erfolges, einem bequemen Mittel zum Fortkommen gesprochen hatte, verletzte ihn. Aber er wollte sich in keinen Wortwechsel einlassen, er fürchtete, sich irgendwie zu verraten, und zog es vor zu schweigen. Indessen hatte sich Rumpsack von einem Nebentisch eine Zeitung herübergelangt und blätterte darin. »Hier steht ein merkwürdiges Gedicht,« sagte er, »das mir nicht übel gefällt. Es könnte beinahe auf dich gemünzt sein, August, aber du brauchst dir nichts daraus zu machen. Der Verfasser, der nicht genannt ist, dürfte dich ebensowenig kennen wie du ihn. Da ihm sonach die Absicht, dich zu kränken, sicherlich ferne lag, so entfällt für dich auch der Anlaß, dich beleidigt zu fühlen. Höre!« Und er las: Gute Gesellschaft Die Müßigen von Beruf mag ich nicht leiden, Die Herren mit den glattpolierten Klauen, Die jourbeflissenen mondänen Frauen, Die eitle Seelenlosigkeit von beiden. Ich ziehe vor, sie wie die Pest zu meiden, Die keiner Not ehrlich ins Auge schauen, Mit Gott auf Hausse oder Baisse bauen, Zu feig, ein Menschenschicksal zu erleiden. Mir scheint der Jobber, dem Gewinn erzielen Beruf, noch als ein Mann aus einem Guß, verglichen mit snobistischen Börsefexen. Ihm drücke ich die Hand, wenn es sein muß. Doch lieber eine Hand mit Tintenklecksen, Am liebsten freilich eine Hand mit Schwielen. Hollerer neigte sich rasch seitüber und blickte ihm in die Zeitung ... Verse hätten sich durch den Satz irgendwie abheben müssen. »Dacht' ich's doch!« rief er mehr belustigt als verärgert. »Mich düpierst du nicht! Aber bilde dir nur ja nicht ein, daß der Verfasser, auch wenn er mir nicht unbekannt sein sollte, mich durch ein solches Reimgeklingel kränken könnte. Erstens bin ich überhaupt nicht leicht zu beleidigen, und zweitens geht es einem Reiter, der zu Pferde sitzt, nicht besonders nahe, wenn ein Hündchen ihm nachkläfft. Ist ihm nun gar das Hündchen lieb, so lächelt er bloß wohlwollend dazu. Und du, Gottlieb – ohne dich im übrigen mit einem Hündchen vergleichen zu wollen – bist mir immer ein lieber, treuer Haimonsbruder gewesen. Warum solltest du mir nicht die Wahrheit ins Gesicht sagen dürfen, wie du sie halt verstehst. Ich weiß, es ist gut gemeint. Leid tut's mir nur deinetwegen, daß du sie eben nicht besser verstehst. Du bist auch einer von jenen, die nach im Traumland leben. Glaub' mir, es geht ganz anders zu in der wirklichen Welt, als du es dir einbildest! Ruf' einen Teufel herbei, der die Dächer von den Tausenden von Häusern da unten abhebt, so wirst du deine blauen Wunder schauen. Ich für mein Teil brauch' nicht einmal den Teufel zu beschwören; wie ich vergnügt da sitze, schau' ich all die vielen Dächer durch und durch. Und was seh ich? Daß unter einem jeden die sieben Todsünden wohnen und sich um so breiter machen, je höher der Giebel, je stattlicher die Kuppel. Dichter, zu deren Gilde ja auch du zu gehören scheinst, haben oft den Blick vom Kahlenberg auf Wien hinunter besungen und sind dann befriedigt wieder nach Hause gegangen, in ihr ungeheiztes Kämmerlein. Wer das Leben kennt wie ich, dem predigt dieser Blick eine andere Weisheit, hol' der Geier alle Ideologie, ich finde ihn nicht nur imposant und zu poetischer Schwärmerei anregend, ich finde ihn auch unterhaltsam und lehrreich. Dächer ab! Seht«, rief er voll Übermut, seinen Kelch gegen die zu Füßen des Kahlenbergs hingebreitete Weltstadt erhebend: »Seht, wie sie sich zanken und raufen, nach Gewinn sich die Füße ablaufen, seht, wie sie fressen und saufen, sich begatten und sich verkaufen – sollst leben, Ameisenhaufen!« Er leerte sein Glas, und schon etwas angeheitert, warf er es hinter sich, daß es zerschellte. »Herr Ober! Einen neuen Kelch! Hab' ich euch nicht bewiesen, daß auch ich Reime improvisieren kann? Auf gute Freundschaft, Brüder! Was sollen wir uns streiten; es gibt des Zanks genug auf diesem runzlichten Planeten. Stehe jeder für das ein, was er für richtig hält. Leben und leben lassen! Mein Kernspruch lautet: Lieber einer unter vielen wohlig im Pfuhl, als ein jenseitiger Schwärmer, der von Wurzeln und Kräutern lebt ...« Aus all den Großsprechereien klang doch ein Unterton, als hätte er das Bedürfnis, sich zu rechtfertigen. Rumpsack, etwas beschämt durch die nette und offene Art, in der August seinen scharfen Angriff aufnahm, fühlte etwas wie Mitleid mit dem Freund sich regen. Er kannte ihn ja durch und durch, wie man eben nur Schulkameraden kennt, er wußte, daß er im Grunde ein ganz anderer war, als er scheinen wollte; die vertrackte Zeit hatte ihm eine Richtung gegeben, die seinem eigentlichen Wesen gar nicht entsprach. Wieder einmal fielen dem Ehrendoktor der Schutzengelgasse die verkehrt eingesetzten Bäumchen ein ... Hollerer aber, voll des süßen Weines, fand noch kein Ende und fuhr zu poltern fort: »Blick' nicht so tragisch drein, Severin, lange vermißtes Haimonskind! Sollst auch leben, hoch! Schaff' dir eine Liebste und laß das Krumme grad sein! Oder gefällt's dir nicht mehr bei uns, in der alten, lustigen Wienerstadt?« »Anders hab' ich sie mir freilich vorgestellt.« »Und wie, wenn man fragen darf?« »Freudiger vielleicht, dafür weniger lustig.« »Haarspalterei! Und du, Konrad, was spähst du so krampfhaft in die Ferne? Sind auch dir die Dächer abgedeckt? Siehst du die sieben Schwestern ihren Reigen schlingen?« Wie ein Geisterseher, das Auge ins Weite gerichtet, hing Eybel, dem ebenfalls der Sekt in den Kopf zu steigen begann, wolkenwandlerischen Erinnerungen nach: »Da draußen, wo die braune Ebene dämmert und veilchenblau mit dem Himmel zusammenfließt, da liegen die Dörfer Aspern und Eßling, wo 1809 die Österreicher den Napoleon schlugen. Auch Verwandte meiner Mutter, Wiener Bürgerssöhne, haben im Schottischen Freikorps dabei mitgetan ... Und weiter drüben, der hoch über dem Dunstkreis schwebende Lichtpunkt, das ist der Knauf des Stefansturms, der in der Sonne funkelt, von seiner Glockenstube aus hat 1848 Messenhauser den Anmarsch des ungarischen Entsatzheeres beobachtet, wenige Tage bevor mein Vater als junger Offizier mit einer Kompagnie Grenadiere als erster in die eroberte Stadt einzog ... Und wieder weiter, wo die Häuserflut in die Praterauen verebbt und der Dunst bläulicher wird, da seh' ich die Rotunde ragen, den Weltausstellungs-Palast von 1873, der noch heute von der Kaiserkrone bekrönt ist, die es nicht mehr gibt. Das Jahr, das ein schweres Krisenjahr war, hat Unglück über einen meiner Ahnen gebracht, aber dessen Sohn stellte die Ehre und den Wohlstand des Hauses wieder her ... Wo bleiben heute Ehre und Wohlstand? Wo ragt ein Denkmal der schier übermenschlichen Leistungen, die diese Stadt und ihre führenden Männer während des Weltkriegs vollbrachten? Noch fehlt es und wird wohl immer fehlen ... Ehre und Wohlstand sind vernichtet, ein vom Übelwollen der Sieger abhängiges Volk sind wir geworden, sogar das Recht der Selbstbestimmung ist uns genommen. Aber wer in Wahrheit erfüllt ist vom Geist einer neuen Zeit, braucht darum nicht zu verzweifeln. Seht ihr, Brüder, da unten, fern, auf dem Rathausturm den eisernen Ritter? Er wird alle, die da guten Willens sind, um sich sammeln. Unter seinem sinnbildlichen Schirm und Schutz werden sie Frieden schließen miteinander, Bürger und Arbeiter, über das Trennende der Parteien hinweg, und sich einträchtig zusammentun zu gemeinsamer segensreicher Arbeit, verjüngt durch den Glauben an die Zukunft, ausgerüstet mit gesteigertem technischen Können, werden sie in freudiger Hingabe an die Gesamtheit den Ruhm und das Wohl dieser Stadt wieder aufbauen, die schmachvollen Fesseln sprengen, die uns knechten, und unserm Volksstamm den Weg ebnen zur Heimkehr ins große, gemeinsame deutsche Vaterland!« »Was für uferlose Utopien!« rief Hollerer entsetzt. Etwas ernüchtert und gleichsam zurückkehrend vom Ausschweifen ins Weite an den wohlbesetzten Tisch der Haimonskinder, wendete Eybel sich dem Gastgeber zu. »Verzeih mir, August, wenn meine Vorstellung von dem, was ein moderner Mensch ist, der deinigen widerspricht. Aber weil du uns nun schon so wohlmeinend raten wolltest, es dir nachzutun, so will auch ich mit meinem Rat nicht zurückhalten. Den Geldverdienern, denen der große Glaube an die Menschheit und ihre Ziele fehlt, wird die Gegenwart nicht lange mehr Unterstand in ihrem Hause gewähren, die Zukunft schon gar nicht. Vergiß nicht, daß wir alle, wie wir hier beisammensitzen, irgendwie aus dem arbeitenden Bürgerstand hervorgegangen sind. Er wird, wie er seit hundert Jahren führend war, auch führend bleiben, wenn er sich nur als genügend entwicklungsfähig erweist.« »Gerade in diesem Wenn steckt der Haken«, griff Severin unerwartet ins Gespräch ein. »Der Bürgerstand ist viel zu engherzig geworden und viel zu beharrend, als daß er noch Führer sein könnte!« »Er erstickt in Vorurteilen und persönlichen Interessen wie vor hundert Jahren der Adel«, stimmte Rumpsack ihm zu. »Er hat Überlieferung, die alte Güter bewahrt. Er hat Religion, die sich mit Erkenntnis verträgt. Es fehlt ihm auch nicht an Fleiß und Tatkraft. Aber er hat es verlernt, über sich selbst hinaus zu denken. Der Fortschritt hat ihn ins Leben gerufen, darum kann er nicht führend bleiben, wenn er nicht in diesem Sinne fortschrittlich bleibt.« »Die Zukunft gehört denen, die nach neuen Zielen Ausschau halten!« ergänzte Severin. »Das tut ja der Arbeiterstand vielleicht in seinen besten Vertretern«, sagte Eybel. »Im großen, ganzen aber sind diese Ziele, wenn wir bei Freund Hollerers Unterscheidung bleiben wollen, doch nur enge, greifbare Zwecke, einseitige Parteizwecke. Außerdem fehlt dem Arbeiterstand die Überlieferung und das Jenseits. Hoffen wir, daß eine Verschmelzung eintritt, eine allmähliche Angleichung. Denn aus vier Elementen braut sich die Kultur der Zukunft: aus der Anhänglichkeit ans Gewesene, soweit es ehrwürdig bleibt; aus der Rückkehr zu einem vertiefteren Gottesbegriff; aus der Beherrschung der zeitgemäßen technischen Arbeit; schließlich aber und vor allem aus der hingebenden Liebe zur großen Gemeinschaft, die eine stete Entwicklung der sozialen Gefühle sichert.« »Das ist mir ein bißchen zu hoch«, sagte Hollerer, der mit einmal ernst und nüchtern geworden war. Und nach kurzem Überlegen fuhr er fort: »Übrigens muß ich offen gestehen, ich spüre mehr aussichtsreiches Leben darin und mehr Sinn als im Kurszettel. Vielleicht bin ich wirklich auf dem Holzweg mit meiner Weisheit, ich will gelegentlich darüber nachdenken. Jedenfalls verbohre ich mich nicht in Rechthaberei, ich weiß, ihr meint es mir so gut wie ich euch. Und darin besteht ja der Wert der Freundschaft, daß sie zur Einkehr mahnt und den Prozeß des steten Umgekrempeltwerdens fördert, dem ein jeder von uns unterliegt, solange er nicht gänzlich verkalkt ist. So laßt uns«, sagte er mit ungewohnter Wärme, »über alle Gegensätze hinweg an unserer treuen Kameradschaft festhalten und hoffen, daß sie uns noch lange erfreue, stärke und, wo es not tut, gelegentlich auch ein bissel gescheiter mache. Der Freundschaftsbund der vier Haimonskinder, er lebe hoch!« Freudig klangen die Becher aneinander. Alle empfanden sie leise bewegt die Unlösbarkeit des Bandes, das sie trotz alledem verknüpfte. Was das Leben einem jeden von ihnen auch gebracht hatte und noch bringen mochte, immer würde doch ein aus den sonnigen Knabenjahren herüberschimmerndes Licht ihr Bündnis verklären, die Verschiedenheit der Meinungen und Schicksale ausgleichend. Die Sonne war früh untergegangen, nachdem sie noch einmal ihr Gold über die herbstliche Landschaft ausgegossen, die nun plötzlich fahl und trüb in Dämmer und Dunst gehüllt lag. Empfindliche Kühle machte sich fühlbar, sie schlugen die Mäntel um ihre Glieder und versanken in Schweigen. In stiller Ergriffenheit beobachteten sie das großartige Schauspiel, das von der Höhe aus gesehen der auf die Stadt Wien sich niedersenkende Abend darbot. Noch stand allein der Abendstern am Himmel und funkelte wie das Blinkfeuer eines Leuchtturms, während die Steinwüste zu ihren Füßen unter graubrauner Trostlosigkeit eingeschlummert schien. Da flammte auf einem wie ein Kinderspielzeug anzusehenden Dampfer, der auf dem breiten Donaustrom dahinzog, ein erstes Licht auf. Dann da und dort ein weiteres. Und plötzlich lange Straßenzeilen entlang Girlanden von Lichtern, unzählige, ins Unendliche sich verlierend, Tausende und aber Tausende von Lichtern, rötliche wie glimmende Leuchtkäfer, schneeweiße wie bläulich strahlende Sonnen. Und an hohen dunklen Hauswänden, die unsichtbar blieben, bunte Lichtreklamen, daß man an ein kunstreiches Feuerwerk hätte denken mögen. Inzwischen hatte auch das ungeheuer hochgewölbte blaudunkelnde Firmament sich mit zahlreichen Sternen geschmückt, großen und kleinen, blassen und kräftig leuchtenden, geruhig stetigen und leidenschaftlich glitzernden. Und da die undurchdringliche Finsternis der Nacht sich auf die weite Ebene niederstürzte, sah es schließlich aus, als spiegelten die Millionen Himmelslichter sich in einem ausgedehnten schwarzen Gewässer millionenfach wider ... Eine wehmütig nachdenkliche Stimmung überkam die Freunde. Es war die Vaterstadt mit lieben, süßen Kindheitserinnerungen, auf die sie hinabblickten. Hatte sie sich mit dem strahlenden Diadem des Lichtgefunkels geschmückt gleich einer Braut, die einem neuen hoffnungsvollen Leben entgegengeht? Lag sie für immer eingesargt in Not und Elend wie jetzt in Finsternis, eine Leiche von ungezählten Totenkerzen umgeben? »Hocheder, ein Lied!« bat Hollerer. »Du hast doch deine Laute mitgebracht?« Dem Freunde den ausdrücklich betonten Wunsch zu versagen, hatte Severin sich nicht entschließen können. Die Laute war zur Stelle und ihm selbst wider Erwarten so eigen ums Herz, daß er es gerne erleichterte. So ließ er sich denn auch nicht lange nötigen und sang: Vergänglichkeit So recht begreifst du's erst, Was Jugend war, Wenn silbern sich bereift Dein dunkles Haar. So recht begreifst du's erst, Was Freunde dir gewesen, Wenn in der Erde Schoß Sie stumm verwesen. So recht begreifst du's erst, Wie warm die Liebe wärmt, Wenn keine Seele mehr um dich Sich sorgt und härmt. Wie wunderschön der Tag, Der dir geschenkt, So recht begreifst du's erst, Wenn sich die Sonne senkt. Den Augenblick genießen –? Vermeßnes Wort! Die Wasser fließen und fließen Und sind fort ... Tief ergriffen hob Eybel sein Glas. Mit gedämpfter Stimme, wie um die eingetretene weihevolle Stille nicht zu stören, sagte er: »Es lebe die Jugend!« »Die Freundschaft soll leben!« ergänzte Rumpsack ebenso, dem Hollerer die Hand über den Tisch entgegenstreckend. Severin, mit gesenktem Haupt, als spräche er zu sich selbst, sagte: »Es lebe die Liebe!« Und August fühlte, daß er wieder Ankergrund gefunden habe in den Herzen der Freunde. Alles Gute und Schöne, das lange verschüttet gewesen, war wieder aufgewühlt in ihm. Und von einer lange entbehrten Woge des Glücks überflutet, sagte er, während die Gläser aneinanderklingten: »Es lebe das Leben!«   Im kleinen Garten hinter dem Haus »Zum Seidenbaum« hatte der Herbst prangende Farben angezündet, in der vom wilden Wein überwucherten Mauerecke, wo einst die Maiglöckchen dufteten, loderte purpurne Röte. Dann kam der triefend nasse Monat, der den Himmel mit bläulichen Schleiern verhängt und die welken Blätter von den Zweigen rieseln macht. Der alte Maulbeerbaum stand kahl wie ein Besen, der Spulendrechsler Staudenmayer, der auch den Gärtner zu spielen hatte, umhüllte mit Rumpsacks Hilfe die entlaubten Kletterrosen am »Salettl« mit bergendem Stroh. Wo eine Wand mit Grün verkleidet gewesen, trat jetzt das Gerippe von Lattenwerk ans Licht, und die Sperlinge, die dahinter genistet hatten, verließen ihre Sommerquartiere und zogen sich, die Behausungen der Menschen mit gewohnter Keckheit als ihr Eigentum betrachtend, hinter Dachgesimse und ähnliche Schlupfwinkel zurück. Und schließlich vergrub ein früher Winter den frierenden kleinen Garten, der längst keine grüne Insel mehr war, unter schneeweiße flaumige Federbetten und hing den Dachtraufen im Hof lange, abenteuerliche Rübezahlbärte von Eiszapfen um, als hätten die Mummereien der Fastnachtszeit schon ihren Anfang genommen. Frau Staudenmayer kam aus ihrer niedrigen Stube jetzt gar nicht mehr heraus, aber Justine versäumte es keinen Tag, nach der Kranken zu sehen. Einmal traf sie sie an dem zu ebener Erde gelegenen Hoffenster ihrer Wohnung sitzend in mühsam gebückter Haltung, den Oberkörper verrenkt, um den blauen Winterhimmel zu erspähen, was nicht ganz leicht war; denn über dem jenseitigen Haustrakt stieg die hohe Feuermauer auf, die gerade nur einen Streifen Himmel über dem Hofe freigab. »Was treiben Sie denn, beste Frau! Gibt's da oben etwas so Merkwürdiges zu sehen?« »Freilich! Ab und zu fliegt eine weiße Wolke vorüber, wie ein großer Schwan oder ein Feenschiff. Dann stell' ich mir immer vor, ich flöge mit.« Die heiter gesprochenen Worte, aus denen, vielleicht unbewußt, verhaltene Sehnsucht klang, rührten Justinen. Solche Gefühle waren ihr nicht fremd. »Wie reich ist mir der Tisch des Gebens doch gedeckt!« fuhr die Kranke zu sprechen fort, »Viele gibt's, die nicht einmal ein so winziges Stück Himmel erblicken können, wie es von meinem Fenster aus sichtbar ist! Und noch ihrer mehr gibt's, die vielleicht den ganzen Himmel sehen könnten und doch nichts damit anzufangen wissen. Mir macht es Freude, so oft eine Wolke gesegelt kommt. Und überhaupt wird unser Hof an Freuden immer reicher. Ich höre Musik so gern. Alles kann ich freilich nicht vernehmen, was Sie mit Herrn Severin spielen. Aber so ganz aus der Ferne fang' ich doch ein bissel was davon auf, und was ausbleibt, denk' ich mir halt dazu. Wenn ich abends nicht einschlafen kann, dann ist es mir oft ein rechter Trost.« »Wir wollen ihnen einmal vorspielen«, sagte Justine; »dann sollen Sie alles, was sie bisher nur halb vernommen haben, ganz und aus der Nähe hören.« Unwillkürlich mußte Sie Vergleiche ziehen zwischen der schlichten kranken Frau und einem andern Kranken, den es seit einiger Zeit im Hause gab. Bei dem alten Hocheder hatten sich besorgniserregende Alterserscheinungen eingestellt. Er litt an Schwindelgefühlen und Kopfschmerz, kam außer Atem, wenn er eine Treppe stieg, und war nicht mehr imstande, die Gedanken festzuhalten, sie liefen ihm davon, verwirrten sich, manchmal war auch das gerade Gegenteil der Fall; dann setzten sie sich mit solcher Zähigkeit in seinem Kopfe fest, daß er wie von einer fixen Idee beherrscht schien. Der Arzt, den er nach wochenlangem, hartnäckigem Widerstand endlich zu Rate gezogen, untersagte jede geistige Anstrengung und geschäftliche Tätigkeit. Das war für ihn, der sein ganzes Leben nicht einen Tag krank gewesen, ein harter Schlag. Zuerst half er sich damit, daß er dem Arzt Unfähigkeit nachsagte und dessen Verordnungen in den Wind schlug. Er gab die Zügel nicht aus der Hand und wollte beweisen, daß er noch immer der ›Pik‹ sei. Aber es sollte ihm übel bekommen. Das geschwächte Urteil hatte das Selbstgefühl noch übersteigert, an dem es ihm nie fehlte, er verlor jetzt völlig die Herrschaft über sein ohnedies reizbares Geblüt. Was seinem Wunsch und Willen in die Quere kam, empfand er als eine ihm angetane Beleidigung. So setzte er sich selbst ins Unrecht, als einmal zu unbequemer Stunde der Prokurist der großen Appreturfirma Woitech einen fälligen Wechsel einkassieren kam; denn nach einer heftigen Auseinandersetzung wies er dem Manne, der nichts tat, als wozu er beauftragt und verpflichtet war, kurzerhand die Tür. Unmittelbar nach diesem Auftritt erlitt er in seiner Schreibstube etwas wie einen Ohnmachtsanfall, der strichweise Lähmungen zurückließ. Zum Glück waren sie nur leichterer Art und verloren sich nach mehrtägiger Bettruhe. Seither aber scheute er selbst davor zurück, seine Schreibstube aufzusuchen, und betraute Laurenz mit seiner Vertretung. Der Gedanke, einer seiner Angestellten könnte ihn im Zustand der Benommenheit und Wehrlosigkeit erblicken, trug zu diesem Entschlusse, der ihm schwer genug fiel, mehr bei als die Einsicht seiner Schonungsbedürftigkeit. Nun verließ er seine Wohnung nur mehr zu dem Zwecke, sich etwas Bewegung zu machen, wozu Marianne ihn jedesmal mit Aufbot aller Schmeichelkünste überreden mußte. ›Spazierengehen‹ bedeutete ihm soviel wie Müßiggang, nichts war ihm widerlicher. Und daß die Tochter es sich nicht nehmen ließ, ihn zu begleiten, brachte ihn gegen sie auf, die ihm doch eine so hingebende Pflegerin war. Mehr wütend als befreiten Gemütes ging er dann wie ein Gefangener an ihrem Arm ein paarmal in der Schutzengelgasse auf und ab, um so bald wie möglich ins Haus zurückzustreben. Übrigens war es zu Hause dann womöglich noch schlimmer, er wußte ja den lieben langen Tag rein gar nichts mit sich anzufangen. Meist saß er untätig am Schreibtisch seiner früh verstorbenen Frau und lauschte den trauten Geräuschen der Arbeit, die aus dem unter seiner Wohnung gelegenen Werksaal zu ihm heraufdrangen. Aber auch dieser karge Becher Trostes war durch Wermutstropfen verbittert. Fortwährend wurmte es ihn, daß man ihn dazu hatte pressen können, die drei ›Organisierten‹ aufzunehmen. Daß Laurenz ganz zufrieden mit ihnen war und sie recht gut brauchen konnte, was Marianne dem Vater wiederholt vorstellte, nahm er nicht zur Kenntnis, bestritt es oder vergaß es immer wieder. Das gute, von Natur aus heitere Mädchen hatte einen schweren Stand neben dem halb gebrochenen alten Mann. Sie hing nicht nur mit kindlicher Liebe an ihm, sie verehrte auch, obgleich nicht blind gegen seine Fehler und Absonderlichkeiten, seine menschliche Erscheinung. Alles in allem war er doch eine kraftvolle, eigenartige Gestalt, die ihren Platz einst voll ausgefüllt hatte und wie aus einer selbstherrlichen Urwelt in dieses schwierige demokratische Zeitalter hereinragte, jetzt freilich zum Schatten dessen abgeblichen, was der Name Michael Hocheder früher einem jeden bedeutete, der ihn kannte. Marianne hielt Umschau, wen sie etwa dazu veranlassen könnte, den kranken Vater öfters zu besuchen, zu zerstreuen. Aber er besaß keine Freunde, nicht einen. Unter den Bekannten oder Verschwägerten kam am ehesten vielleicht Wolfgang Mairold in Betracht, aber abgesehen davon, daß er nicht über viel freie Zeit verfügte, hatte ihn der alte Herr erst unlängst, da er in Begleitung Georg Leodolters bei ihm vorsprach, ziemlich schnöde abblitzen lassen; auch fürchtete sie, er würde zuviel von Geschäften reden, denn immer hatte er den Kopf voll mit Nedweditz. Schließlich verfiel sie auf Franz Mairold, den General, von dem sie wußte, daß er nichts zu tun habe und Geselligkeit suche. Der Einfall war kein schlechter gewesen. Der General, der an Jahren bedeutend jünger, nach seinem Wesen und in seinen Ansichten aber mindestens ebenso alt war wie Hocheder selbst, sprach gut mit dem Kranken und fand sich nun wöchentlich mehrere Male zu einem Plauderstündchen ein, was den alten Herrn von seinem Zustand doch einigermaßen ablenkte. Freudigkeit und Aufmunterung, wie es Mariannen für ihn erwünscht gewesen wäre, strahlte allerdings von diesem Umgang nicht aus. Aber vielleicht war es gerade dies, was Herrn Michael Hocheder daran paßte. Er wollte sich ja gar nicht freuen, er wollte sich ärgern, wollte seine Blitze zucken und seinen Donner grollen lassen über der neuen Zeit, den neuen Menschen, den neuen Verhältnissen. Und dazu war Exzellenz von Mairold der rechte Mann, von dem schon fast an Bigotterie grenzenden, immer formengläubiger werdenden Katholizismus abgesehen, dem er sich seit dem Umsturz und seiner Pensionierung in die Arme geworfen, stimmten seine Gedanken und Überzeugungen mit den schroffen Urteilen des »Pik« vielfach überein. Beide ließen sie an der Gegenwart kein gutes Haar und bemäkelten von ihrem kaisertreuen, ja, absolutistischen Standpunkt, der in der engsten Parteilichkeit befangen blieb, jede auftauchende Frage aufs schärfste, von der Weltpolitik angefangen bis herab zur Straßenpflasterung. Am liebsten hätten sie einen Scheiterhaufen aufgeschichtet, um jene, denen sie die Schuld am wirtschaftlichen Niedergang beimaßen, darauf schmoren zu sehen. Der mit Gehässigkeiten und Verbitterung bis zum Rande angefüllte General, dessen Anschauungen Konrad Eichel einmal mit dem Worte: »Katholizismus minus Christentum« zutreffend umschrieben hatte, war dann noch ein ärgerer Torquemada als Michael Hocheder selbst, der sich doch auch manchmal seiner altliberalen Vergangenheit erinnerte. So blieb es zweifelhaft, ob der Verkehr, der ihm zwar Gelegenheit bot, seinen Unmut auszutoben, ihn aber anderseits wieder bis zur Verbissenheit aufpulverte, für den Kranken mehr von Vorteil oder Nachteil sei. Jedenfalls bot das Bild dieses Krankseins einen ganz andern und ungleich betrüblicheren Anblick dar, als das um soviel hilflosere und doch verklärte Leiden der armen Frau Staudenmayer, die jemals als eine Gesunde gekannt zu haben, sich kaum irgendwer im Hause erinnern konnte. Dieser Gegensatz ward Justinen an jenem Tage besonders anschaulich, wo sie die Frau des Spulendrechslers an ihrem niedrigen Hoffenster sitzen fand, beglückt darüber, hier und da eine Wolke am spärlichen Himmelsausschnitt vorüberziehen zu sehen. Und sie sagte: »Wäre doch der bedauernswerte Vater auch imstande, sich die kleinen Freuden zu pflücken, die es immer noch in der Welt gibt, auch wenn die großen fehlen.« »Die Reichen haben es schwerer als unsereins,« sagte Frau Staudenmayer, »Krankheit ist ihnen ein Übel, das beseitigt werden muß. Uns Armen ist sie ein Übel, das ertragen werden muß.« »Wenn man die Wolke lieb haben kann«, meinte Justine, »und die Blume und den Baum, das erste Grün und den schneeweißen Schnee, so ist das schon ein Glück, das über vieles hinweghilft. Oft war ich betrübt und einsam in mir selbst, in meiner Heimat, die für immer verloren ist, auf der Wegwacht, in der Lüsen ... dann schloß ich Freundschaft mit den Tannen, die dort wachsen, mit den Felsen und Alpenkräutern. Und ich wurde innerlich froh.« »Solche Freundschaften wären dem alten Herrn freilich zu wünschen«, sagte die Kranke. »Ob es damit aber schon getan wäre –?« Sie sann vor sich hin und überlegte. »Was uns die schwachen Gewächse Gottes schenken können,« fuhr sie fort, »das ist viel. Sie haben auch ihre Seele und reden zu uns. Aber wer zu ihnen flieht, weil er mit den Menschen nicht auskommt, der, mein' ich, macht sich's zu leicht. Es ist keine Kunst, die Wolke lieb zu haben, und die Blume, die uns nichts zuleid tun. Schwieriger ist es, die Menschen lieb zu haben, weil es da heißt, auch das uns Entgegenstehende achten und gelten lassen, wenn es nicht vor Gott das Böse ist. Und das ist der Grund, warum Christus, der Herr, kein Naturschwärmer war. Weil es leicht und eine Selbstverständlichkeit ist, die wehrlose Schöpfung zu lieben. Die Liebe, wie er sie meinte, wird erst da zu einer überirdischen Kraft, wo wir nicht uns selbst in den Dingen lieben, sondern eben das andere, das nicht wir selbst sind, das neben uns und trotz uns das gleiche Recht von Gott empfangen hat, zu sein, wie es ist. Darum gelangt im Umgang mit der Natur allein niemand zur wahren Liebe. Er hat immer nur einen Teil davon und nicht den erlesensten. Das Ganze stellt sich erst ein, wenn wir die Menschen lieben, aber nicht aus gezwungenem Willen, nein, so freiwillig und aus eigenem Trieb, wie die Blume und den Baum. Dann erst heben wir uns über uns selbst hinaus ... Ich spreche natürlich von der reinen Liebe,« fügte sie hinzu, »die ohne Schuld ist.« Justine errötete. Sie dachte an Severin. Sie liebte ihn wie in ihren Jungmädchenjahren, mit derselben Leidenschaft. »Kann irgendeine Liebe,« sagte sie, »die aus innerm Drang wie von selbst kommt und von keinem Willen zu bezwingen ist, eine Schuld sein?« Wieder wie schon mehrere Male sonst fühlte sie jenen aufmerksam forschenden Blick auf sich ruhen, der Herz und Nieren zu durchdringen schien. Aber ein Schimmer schmerzvollen Mitleids milderte seine Unerbittlichkeit. »Vor Gott vielleicht nicht«, antwortete die Kranke. »Aber wir sind Menschen und leben mit Menschen.« Sie sprachen an diesem Tage nichts weiter mehr darüber. Justine war einsilbig und nachdenklich geworden. Und Frau Staudenmayer schaute nicht mehr nach der Wolke aus, sie sah bekümmert vor sich nieder und schien älter und hinfälliger als sonst.   Um diese Zeit kam Georg Leodolter wieder einmal nach Wien, die Ausschau nach Möglichkeiten fortzusetzen, die seinen Plänen zur Verwirklichung verhelfen könnten. Die unausgesetzten Umdrehungen des Glücksrades hatten schon in den paar Monaten, die er nicht dagewesen, wieder neue Sterne auf dem Himmel der Finanzen aufleuchten machen; andere waren verblichen, noch andere nahmen sich wenigstens scheinbar matter aus, weil sie von den neuen, leuchtkräftigeren bei weitem überstrahlt wurden. Zu den letzteren gehörte die »Kakabe«. Sie war jetzt nur mehr eine mittlere Bank, und Generaldirektor Lemburg, ihr Hauptmacher, wurde nicht mehr genannt, wenn man die reichsten Leute von Wien herzählte. Indessen hatten beide, Bank und Direktor, weder Verluste erlitten, noch den Krebsgang eingeschlagen, im Gegenteil; für sich allein genommen blühten sie fröhlicher als je. Nur im Verhältnis zu noch weiter ausgreifenden Gründungen und noch erfolgreicher Emporgekommenen waren sie zu Sternen zweiter oder dritter Größe herabgesunken. Ein paar Dutzend Milliarden bedeuteten nichts mehr, es mußten jetzt schon deren hundert oder mehr sein. So rasch verschoben sich die Maßstäbe mit der fortschreitenden Ausplünderung der Wirtschaft und Verarmung breitester Bevölkerungsschichten. Dabei schossen wie Pilze immer wieder Neugründungen aus dem Boden. Bisher unbekannte Persönlichkeiten saßen plötzlich allerorts an der Spritze, bevölkerten die Verwaltungsräte, machten durch fürstlichen Aufwand von sich reden. Niemand wußte, aus welcher Versenkung sie emporgestiegen waren, und durch welche Künste es ihnen eigentlich gelang, sich zu einem Staat über dem Staate aufzuschwingen, zu einer Art Nebenregierung, welche die im Nationalrat sich zankenden Parteien und die durch hundert Kompromisse gebundene eigentliche Regierung so ziemlich im Sack hatte. Unter den neuen Namen, die gleichsam über Nacht in den Vordergrund getreten waren, nannte Wolfgang Mairold seinem Neffen auch den August Hollerers. Georg wunderte sich. Der Mann hatte sich trotz kühler Behandlung wiederholt an ihn herangedrängt, aber nun seit geraumer Zeit nichts mehr von sich hören lassen. Von Konrad Eybel, den er wieder bei seiner Schwester, der Principessa, traf, erfuhr er, Hollerer habe sich der Schwerindustrie zugewendet und auf unaufgeklärte Weise ungeheure Werte in seiner Hand vereinigt. Für Seide interessiere er sich nicht mehr, hätte er geäußert, sie sei ihm ein zu wenig einträglicher Artikel. »Das ist ein Hartgesottener,« sagte Eybel, »dem jedes Mittel recht ist und der seine Seele verkauft, wenn sie ihm genügend bezahlt wird. Diesen Herbst noch, bei einer Kollegenzusammenkunft – er gehört nämlich zu meinen Schulkameraden –, als er knotige Grundsatzlosigkeit predigte und wir ihm zu verstehen gaben, daß er eher ein gewissenloser Schieber als ein großzügiger Amerikaner sei, schien er noch geneigt, Einkehr zu halten. Aber die allgemeine Strömung riß ihn bald wieder mit, und der Erfolg gibt ihm recht. Mittlerweile ist im Handumdrehen ein ganz Großer aus ihm geworden; wohl bekomm's ihm!« Georg verzichtete gerne auf Hollerers Mitwirkung. Er suchte Anschluß an die gleichartige Industrie, und zwar, dem so unbefangen geäußerten Rat des jugendlich frohgelaunten Direktors Lemburg entsprechend, mit möglichster Umgehung der Banken. Seine Anwesenheit in Wien galt diesmal vorwiegend einer persönlichen Aussprache mit Pinkas und Kompanie, einer der größten Seidenfirmen, mit der er bereits in brieflicher Verbindung stand. »Eine jüdische Firma willst du in die Gesellschaft mit aufnehmen?« fragte sein Vetter Thomas Mairold ungehalten. »Ich werde mir die Leute mal ansehen, ich prüfe jeden auf seinen Wert. Wobei ich unter Wert nicht etwa bloß die finanzielle Leistungsfähigkeit verstehe.« Als er im Geschäftshaus Pinkas in der ehemaligen Dreilaufergasse vorsprach, traf er in der Schreibstube eine einzige Dame an der Maschine. Er sah sich um, rechter Hand auf einer kleinen Tür stand der Name Jacques Pinkas. »Bin ich hier recht im Büro, wenn ich fragen darf?« »Gewiß. Aber es besteht nur aus mir und dieser Adler. Alles sonstige besorgen die Herren selbst. Womit kann ich dienen?« Bei näherer Besichtigung entpuppte sich die Dame an der Adler-Schreibmaschine als ein reizendes junges Mädchen, ungefähr etwas über Mitte der Zwanzig. Georg Leodolter, sonst Frauen gegenüber eher kühl abschätzend und zurückhaltend, aber durch diese Erscheinung ganz merkwürdig gefesselt, stellte sich vor. »Mein Name ist Resi Pimper«, sagte sie. »Pimper –? Woher kenn' ich doch den Namen?« »Es hat eine alte Seidenfirma Pimper gegeben. Aber sie besteht schon seit Jahren nicht mehr.« »Ihre Eltern leben wohl noch, Fräulein?« fragte er, weil es ihm Vergnügen machte, mit ihr zu sprechen. »Nur noch mein Vater.« Sie war über und über rot geworden und lenkte ab, indem sie wiederholte: »Womit kann ich dienen?« »Verzeihen Sie, Fräulein, wenn ich Anteil an Ihrer Familie nehme. Entstammt Ihr Vater dem alten Webergeschlecht, das schon zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die kunstvoll gemusterten Seidenzeuge herstellte?« In Wahrheit war es ihm gleichgültig, welchem Geschlecht ihr Vater entstammte. Ihr Anblick, ihr Wesen entzückten ihn dermaßen, daß er nur nach irgendeinem Vorwand suchte, sie im Gespräch festzuhalten. »Sehr liebenswürdig, daß Sie sich dafür interessieren«, sagte Fräulein Resi. »Die Firma geht mindestens so weit zurück wie die Ihrige, aber der Betrieb war zu klein, schon als ich noch Kind war, mußte er eingestellt werden. Ich schäme mich, daß ich vorhin verlegen wurde, als Sie nach meinem Vater fragten. Er bringt sich schon seit vielen Jahren als einfacher Weber durch und steht derzeit bei Michael Hocheder und Jahn in Verwendung. Ist er auch ins Unglück geraten, so habe ich doch alle Ursache, stolz auf ihn zu sein. Es gibt nicht viele, die sich nicht für zu gut halten würden, wieder zur Handarbeit herabzusteigen.« Wie sie für ihren Vater einstand, gefiel ihm. Das war nicht nur ein schönes und liebreizendes, das war auch ein mutiges junges Weib, das das Herz auf dem rechten Fleck hatte! »Es wäre gar nicht nötig,« sagte sie noch, »daß der Vater sein Handwerk noch ausübt. Ich verdiene genug, es würde, bescheiden wie wir leben, für uns beide reichen. Aber davon will er nichts wissen, es ist ihm Bedürfnis geworden, am Webstuhl zu sitzen, obgleich ihm das Gehen manchmal schon sauer fällt, weil er an Podagra leidet.« Er hätte gern gewußt, ab sie auch Sinn für harmlosen Scherz habe, und sagte: »Also, solang er gehen kann, bleibt er sitzen?« Sie lachte auf, die Prüfung war bestanden, das freute ihn. Und wieder ernst geworden, fuhr er fort: »Daß Ihr Vater etwas leisten will, solange sein körperlicher Zustand es zuläßt, macht ihm Ehre und Ihnen, mein Fräulein, nicht minder, daß Sie sich seiner Handarbeit nicht schämen.« »Ich danke Ihnen. Aber Sie werden nicht gekommen sein, mir das zu sagen. Darum möcht' ich mir noch einmal die Frage erlauben, womit ich dienen kann?« »Ich wünschte eigentlich den Chef der Firma zu sprechen, aber es ist nicht gerade dringlich.« Nein, er hatte wirklich keine Eile. Sein Auge weidete sich an ihren lieblichen Zügen, ihrem vollgewellten kastanienbraunen Haar, an der schlanken Gestalt, die überaus einfach und doch mit richtigem Wiener Schick gekleidet war; er fühlte nicht die geringste Neigung, die Nähe dieses Mädchens rascher, als unbedingt nötig, mit der des Herrn Pinkas zu vertauschen. Um noch ein wenig verweilen zu können, warf er eine neue Frage dazwischen. »Wenn ich nicht irre, gibt es zwei Chefs?« »Doktor Felix, der Sohn des alten Herrn, ist hier überhaupt nicht zu sprechen, sein Büro befindet sich draußen in der Fabrik, in Dorotheen-Wiese. Übrigens hab' ich die Briefe an Sie getippt und kenne Ihre Angelegenheit. Sie fällt wie alles Wichtigere ins Ressort des Herrn Jacques Pinkas. Ich muß bitten, sich am Nachmittag noch einmal herzubemühen. Vormittags hält auch er sich in der Fabrik auf.« »Immer?« »Gewiß! Er läßt es sich nicht nehmen, täglich hinauszufahren und selbst nach dem Rechten zu sehen, obwohl es ein weiter Weg ist.« »Das nenn' ich Fleiß! Er soll doch schon ein recht alter Herr sein?« »Er ist weit über achtzig. Aber Winter und Sommer verläßt er sieben Uhr früh die Stadt und findet sich erst gegen drei hier in seiner Schreibstube ein, wo er dann noch bis sieben oder acht Uhr abends zu arbeiten pflegt. Dabei benützt er grundsätzlich nur die Elektrische und Dampftram und legt das letzte Stück Weges bis Dorotheen-Wiese, wohl zwanzig Minuten weit, zu Fuß zurück. Sommer und Winter! Mit der Regelmäßigkeit einer Uhr!« Georg wußte, daß Dorotheen-Wiese, das ausgedehnte Grundstück, auf dem Fabrik und Arbeitersiedlung der Firma Pinkas sich befanden, an den Park des Schlosses Auenwald grenzte, eines Leodolterschen Besitzes, der sich von seiner Großmutter herschrieb. Da dieser Park wieder unmittelbar an den großen Garten des sogenannten Himmelhauses, des seit langer Zeit unbenutzt stehenden ehemaligen Leodolterschen Sommersitzes, angrenzte und beide, Schloß und Himmelhaus, der Stadt bedeutend näher lagen als Dorotheen-Wiese, so konnte er den Weg, den Jacques Pinkas zurückzulegen hatte, ungefähr beurteilen. Er schätzte ihn auf gut anderthalb Stunden. Und dies zweimal täglich, einmal hin, einmal zurück! »Eine anständige Leistung für einen so alten Herrn«, sagte er. »Es muß ein an Leidenschaft grenzender Geschäftseifer in dem Manne stecken?« »Wenn Sie wollen, können Sie's auch Pflichttreue nennen. Oder noch zutreffender vielleicht Liebe zur Sache.« »So ist er also keiner von denen ...« Er stockte. »Sie verstehen mich, Fräulein. Sein verstorbener Bruder, der geadelt war und sich Pinkenfeld nannte, war ein großzügiger Spekulant. Ein paarmal machte er in Seide, dazwischen wieder in allen möglichen andern Dingen, es ging hinauf, hinab und wieder hinauf ... und vielleicht abermals hinunter ...« »Auch der Bruder soll durchaus ein Ehrenmann gewesen sein«, warf sie abweisend dazwischen. »Gewiß, das will ich durchaus nicht bestreiten ... Ich meine nur ... Sie sagten, Liebe zur Sache. Vielleicht wollten Sie sagen: Liebe zum Geldverdienen ... wenn einer Pinkas heißt –?« »Da es sich um meinen Chef handelt,« sagte Fräulein Resi, wie ein Igel ihre Stachel sträubend, »so müßte ich Ihre Frage überhören, könnte ich nicht darauf antworten, daß Ihre Voreingenommenheit so unbegründet wie ungerecht ist. Herr Jacques hängt mit ganzem Herzen an seinem Gewerbe und ist darin nicht bloß im Sinne des Geldverdienens Meister. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß ich es nicht ganz passend finde, wenn Sie in diesem Hause und mir gegenüber zwar nur andeutungsweise, aber doch verständlich genug, abfällige Bemerkungen über einen Mann vorbringen, den ich hochschätze und den Sie noch nicht einmal kennen. Nehmen sie gütigst zur Kenntnis, daß ich keinen vornehmeren Charakter kenne als Jacques Pinkas und niemand wüßte, in dessen Diensten ich lieber stünde als in den seinen.« Der Zorn, der aus ihrem Auge sprühte, entzückte ihn. Er hatte ihr ja gleichsam nur einen Prüfstein hingehalten, um das Gold ihres Herzens einwandfrei festzustellen. Dieses Mädchen bestrickte ihn, er war nicht leicht entzündlich und kein Damenheld, aber schon im Laufe der kurzen Unterredung hatte ein Wirbel von Gefühlen ihn ergriffen, der sich von sterblichem Verliebtsein bis über die Ohren kaum unterschied. »Sie ahnen gar nicht, liebes Fräulein,« rief er aus, »was für eine Freude Sie mir machen! Ich höre aus Ihrem Munde nur bestätigt, was die von mir eingezogenen Erkundigungen und der Eindruck, den ich selbst aus Jacques Pinkas' Briefen empfing, mich erwarten ließen. Das ist mir um der Sache willen, die ich vertrete, höchst willkommen. Ich höre aber aus Ihren Worten noch die Bestätigung einer andern Tatsache heraus, die mir sogar noch wertvoller ist. Darf ich es Ihnen gestehen? Es ist die Gewißheit, daß ich mich in Ihnen nicht täusche. Die mutige und offene Art, in der Sie, wie vorhin für Ihren Vater, so jetzt für Ihren Chef eintraten, nötigt mir Achtung ab und verstärkt noch den günstigen, mich tief berührenden Eindruck, den ich von Ihrem Wesen empfing. Glauben Sie mir's, ich bin nicht gerade ein heuriger Hase und sonst kein Heißsporn, aber Sie haben mir's angetan vom ersten Augenblick an. Und wenn Sie mir gestatten wollten, Sie näher kennenzulernen und auch Ihnen Gelegenheit zu geben, alle meine Fehler und Schwächen an der Quelle zu studieren...« Er hielt inne. Ihre bestürzte Miene jagte ihm Schrecken ein. »Sie sind gebunden!« rief er heißblütig und schlug sich vor die Stirn. »Wie konnte ich auch annehmen, daß soviel Schönheit, Anmut, Klugheit und edle Denkweise noch nicht den verdienten Anwert gefunden haben sollte! Verzeihen Sie mir und vergessen Sie das Gehörte! Ich ziehe mich beschämt zurück, da ich auf fremde Rechte stoße.« »Niemand hat Rechte über mich außer mir selbst«, stieß sie hervor, bleich wie ein Marmorbild. Unbändige Lebensfreude überflutete ihn mit einem Gefühl von Kraft und Sicherheit sondergleichen. »Dann lassen Sie mich's aussprechen: Wenn mich nicht alles trügt, so wären Sie die richtige Frau, mich glücklich zu machen, die ich bisher vergeblich suchte!« Ihr Stolz bäumte sich: »Und ob Sie auch der richtige Mann für mich wären, das fragen Sie gar nicht!« »Warum nicht?« rief er mit dem Übermut des Siegers. »Ich weiß es, weil ich Sie auf Händen tragen würde.« »Und ich bezweifle es vorderhand noch.« »Mit welchem Recht?« »Einer, der so hitzig ins Zeug geht, dem fehlt es offenbar an Besonnenheit.« »Gerade daran fehlt es mir für gewöhnlich durchaus nicht. Aber heut ist kein alltäglicher Tag, da Sie in mein Leben traten. Und es gibt Stichtage des Schicksals, wo der überzeugende Innenblick verläßlicher ist als alle Bedenklichkeit und Überlegung. Warum wär's unbesonnen, wenn ich Sie liebe?« »Ich könnte doch ebensogut eine Gans sein?« sagte sie und mußte lachen, während ihr Tränen in die Augen traten. »Beruhigen Sie sich, soviel Blick trau' ich mir schon noch zu. Übrigens war es doch nur eine Vermutung, die ich aussprach. Ausdrücklich sagte ich: Wenn mich nicht alles trügt ... Die Katz' im Sack brauchen wir beide nicht zu kaufen. Vielleicht sind Sie schließlich doch noch eine Gans. Das wird sich ja mit der Zeit herausstellen, nicht wahr? Und bei mir stellt sich vielleicht heraus, daß ich ein Kalb oder Schaf oder Hornochse bin. Dann bleibt ja immer noch Zeit, Vernunft anzunehmen! Meinen Sie nicht? Nun also! Einstweilen will ich auch nichts anderes von Ihnen wissen, als ob Sie glauben, daß Sie mir vielleicht, unter Umständen, nach genauerer Überlegung und Zurateziehung der Muttergottes von Mariazell oder wer sonst Ihr Vertrauen genießt, möglicherweise allenfalls ein klein bißchen – gut sein könnten?« Sie lachte in ihr Taschentuch, das sie an die Augen geführt hatte, und sagte: »O doch ... vielleicht ... ich glaube schon... Aber etwas gar geschwind marschieren Sie.« »Liebes Fräulein, ich bin Besitzer der Tapferkeitsmedaille. Die hat man sich nicht durch Zögern erobert...« Er streckte ihr die Hand hin: »Also nichts für ungut! Und – wenn es Ihnen recht ist, ehrbare Bekanntschaft auf Probe!« Zögernd, verwirrt, vielleicht gerade durch den fabelhaften Ungestüm seines Stürmens schon halb erobert, legte sie ihre Hand in die seinige. »Nun entfernen Sie sich aber, bitte, und lassen mich Atem schöpfen!« Er hielt Abschied nehmend ihre Hand länger als nötig und üblich fest, bis sie ihm dieselbe entzog. »Auf Nachmittag!« rief er und eilte fort. Wirklich fand er sich am Nachmittag wieder ein, sah zwar heiter und aufgeräumt, sonst aber recht gesetzt aus und fragte in geschäftlichem Ton nach Herrn Jacques Pinkas. »Bitte einzutreten«, antwortete sie ebenso sachlich und wies mit der Hand auf die kleine Tür. Da trat er rasch auf das Tischchen zu, an dem sie saß, und legte ihr eine Rose von auserlesener Schönheit auf die Tasten der Schreibmaschine. Er sprach dabei kein Wort, begab sich hierauf gegen die bezeichnete Tür und pochte an. Auf das von innen hörbare »Herein!« warf er ihr, während er mit der rechten Hand schon auf die Klinke drückte, mit der Linken voll Übermut eine Kußhand zu und war im nächsten Augenblick hinter der kleinen Tür verschwunden. Bald saß er dem Chef der Firma gegenüber. Es war ein schmächtiger, gebeugter Greis, kahlköpfig, Adlernase, schüttere weiße Bartkoteletten, goldener Zwicker an einem beinahe kleinfingerbreiten schwarzen Band. Es stellte sich heraus, daß er stotterte, darum vielleicht seine Wortkargheit. Er füllte die Pausen, die zwischen seinen Worten eintraten, mit endlosem »W–w–w«, es war aber vielleicht nicht bloß ein Zungenfehler; eine fast übermäßige Rücksichtnahme auf die Äußerungen des andern, mit dem er gerade sprach, eine ängstliche Behutsamkeit, die in seiner Natur zu liegen schien, mochten mit die Ursache sein. Er war von allem Wesentlichen bereits unterrichtet und für den Gedanken einer »Union«, wie er es nannte, durchaus eingenommen. Seine Zustimmung übersetzte er ohne viel Worte in die Anschauung, indem er vier, fünf Bleistifte von seinem Schreibtisch langte, wo sie gespitzt bereitlagen, und das kleine Bündel zu brechen versuchte. »Es geht nicht!« sagte er. Und dann alle bis auf einen wieder hinlegend, knickte er den Zurückbehaltenen glatt durch: »So ist's leicht!« – Er lachte vergnügt in sich hinein. »Mir selbst w–w–w–wäre das schwerlich eingefallen. Der Rothschild hat's erfunden. Eine gute Lehre auch für uns!« Gern ließ er sich von Georg, dessen Ehrfurcht vor dem alten Herrn mit jeder Minute zunahm, von den Gedanken und Plänen berichten, die eine Großvereinigung der Seidenindustrie der Verwirklichung näherbringen konnten. Aufklärung oder gar Überredung waren hier überflüssig. Die zutreffenden und manchmal höchst fördernden Bemerkungen, mit denen Herr Jacques Georgs Ausführungen begleitete, überzeugten diesen bald, daß er einen verläßlichen Bundesgenossen in ihm erblicken dürfe, der in allen einschlägigen Fragen Bescheid wußte und auf dem Laufenden war. Daß man eine wertbeständige Währung abwarten müsse, darin waren sie einig. Zur Aufnahme der aus den fremdgewordenen Randstaaten in die Heimat zurückkehrenden Fabriksbetriebe schlug Pinkas Dorotheen-Wiese vor, wo seine eigene Fabrik sich befand. Sebendorf, Nedweditz, auch Klopsdorf, falls es sich doch noch hinzugesellte, und wenn nötig noch andere würden leicht dort unterkommen. Nur müßte freilich Georg sich entschließen, den angrenzenden Besitz von Schloß Auenwald der Erweiterung der Anlagen aufzuopfern. Dem jungen Mann leuchtete diese Lösung als die natürlichste ein. Aber es ging ihm gegen das Gefühl, den alten Familienbesitz zu zerstören. »Qualmende Schlote, wo einst ein herrlicher Park war?« Herr Jacques drehte die elektrische Schreibtischlampe auf. »Qualmt sie?« »Sie meinen –?« »Wenn wir uns neu einrichten, werden wir doch die w–w–w–weiße Kohle nicht links liegen lassen!« Georg schlug sich vor die Stirn. Immer bisher hatte er an einen Wald von Essen gedacht. Erst dieser Greis mußte ihn daran erinnern, wie die Fabrik der Zukunft aussehen würde! Aber Schloß Auenwald als Zentralgebäude und gleichsam Gehirn eines zeitgenössischen Geschäftsunternehmens – der Gedanke wollte ihm nicht in den Kopf, oder, besser: nicht ins Herz. »Die Amerikaner haben es leichter«, sagte er; »überall können sie von vorn anfangen, nirgends stoßen sie auf ehrwürdige Überreste.« »Alles ist voll von Goethe«, antwortete Jacques, »Alles mißversteht ihn. Was heißt das Wort: Hier auch ist Amerika?« Georg empfand selbst den alten feudalen Besitz, der leerstand und eine Überflüssigkeit erster Güte, ja, ein zehrendes Kapital war, als eine Zeitwidrigkeit. Er sagte sich, daß die Brutstätten von kleinen anmaßenden Vizekönigen, als die aus solchen Schlössern hervorgegangene adlige Offiziere und Verwaltungsbeamte sich nur zu oft aufzuspielen beliebten, keiner besseren Bestimmung zugeführt werden könnten, als Sitz und Sammelpunkt eines lebensvollen Gebildes zu werden, das unzähligen Menschen und Familien Wohlstand, Glück, Hinaufkommen durch Arbeit ermöglichte. Und er sagte sich auch, daß es ausgeschlossen sei, hohe geistige, sittliche, seelische Ziele auf der allein standhaltenden Grundlage des wirklichen Lebens aufzubauen, wenn man das Kleine über das Große stelle und dem Gelingen des Ganzen zuliebe nicht einmal ein müßiges ästhetisches Gefühlchen zu unterdrücken bereit sei. Das alles sagte er sich. Und doch ... und doch! ... Sie ließen den strittigen Punkt fallen, es gab ja außerdem noch soviel anderes zu erörtern. Und schließlich lenkte das Gespräch in persönlichere Richtung. Der alte Herr gewährte ihm Einblicke in sein Leben. Ursprünglich hätte er sich völlig im Schlepptau seines älteren und, wie er behauptete, begabteren Bruders Moritz von Pinkenfeld befunden, der nach der Krise von 1873 seine Nedweditzer Fabrik an die Mairolds verkaufen mußte. Damals sei er zur Einsicht gelangt, daß Industrie eine dem Bauerntum verwandte Stetigkeit im Beharren bei einer bestimmten Sache bewähren müsse, wolle sie sich allen Beteiligten und der Allgemeinheit zum Segen in eine gesunde Entwicklung einordnen. Aber erst mit beinahe fünfzig Jahren habe er sich durch eine späte Heirat in die Lage versetzt gesehen, den Traum seines Lebens zu verwirklichen und sich eine eigene Fabrik zu begründen. Seither wisse er erst, wofür er da sei und wozu er schaffe. Und Gott, der Herr, habe es ihm gut gemeint, indem er ihm fast in Abrahams Alter überdies auch noch einen Sohn geschenkt habe... »Es ist ein guter, ein braver, ein tüchtiger Sohn«, sagte er, indem er das Stottern vergaß und ins Mauscheln verfiel. »Er wird meine Arbeit fortsetzen, und die Leute werden sagen: Der alte Jacques Pinkas war der Enkel eines armen Hausierers auf dem Schottenfeld, dem die Herrn Fabrikanten gespuckt haben ins Gesicht. Sein Sohn aber ist Mitglied der großen Seidenunion, die Wohlstand um sich verbreitet und eine gütige Mutter ihrer Arbeiterschaft ist, und der angehören Namen wie Leodolter, Mairold, Beywald, Hocheder und andere von bestem Klang!« Vergnügt lachend fügte er hinzu: »Ein Zukunftsbild... Warum soll es nicht wahr werden?« Und auf die Uhr sehend: »Verzeihen Sie, w–w–w...« machte er, in Verlegenheit geratend. Georg fragte, ob er störe, und erhob sich. Es dauerte eine Weile, bevor Pinkas sich verständlich zu machen wußte. In der Laurenzi-Kirche hielt Pater Wilfrid Adventpredigten, die einen großen Zulauf hatten, und die auch er regelmäßig besuchte. Er versäumte nicht gern eine davon und lud Georg ein, ob er nicht mitkommen wolle. Diesem war der Anlaß willkommen, den berühmten Kanzelredner, dessen Ruhm schon an sein Ohr gedrungen war, sprechen zu hören, er schloß sich gerne an. Im ersten Augenblick mochte er aber ein etwas verdutztes Gesicht gemacht haben, denn als sie Seite an Seite durch den winterlich dämmernden Abend schritten und sich der nur ein paar Straßen weit entfernten Kirche näherten, kam Herr Jacques darauf zurück, indem er sagte: »Sie haben sich gewundert, daß ich in die Kirche geh, weil ich ein Jud' bin? Aber selbstverständlich hab' ich den hochwürdigen Herrn um Erlaubnis gefragt, und er hat es mir gerne w–w–w–gestattet.«   Ein würdigerer Anblick ließ sich kaum denken als Pater Wilfrid, wie er auf die Kanzel heraustrat, sein von Silber umlocktes Haupt entblößte, niederkniete und ein stilles Gebet verrichtete. Als er sich wieder erhob, ließ er das helle, gütige Auge über die Versammlung von Menschen in der hohen, geräumigen Halle hinschweifen. Noch schien er seine Gedanken zu sammeln. Die Kirche war dicht gefüllt, von dem mächtigen, aus rotem Salzburger Marmor aufgebauten Hauptaltar bis zu dem von Posaunenengeln umschwebten Orgelchor. Lautlos und gespannt hing die Menge an des allverehrten Predigers Lippen. »Die Zeit ist krank geworden, liebe Brüder und Schwestern in Christo,« sagte er, »und was uns in diesen Tagen so recht in die Augen fällt, das ist die betrübliche Tatsache, daß der einzelne völlig machtlos gegenübersteht dem Elend der Gemeinschaft. Ohnmächtig muß er zusehen, wie der Gesamtkörper, von dem er doch irgendwie ein Teil ist, hilflos dahinsiecht.« »In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, einer müden und stockenden Zeit, erinnere ich mich, ein Buch gelesen zu haben, das überschrieben war: Der Lebensüberdruß als soziale Massenerscheinung. Heute könnte man ein Buch schreiben mit dem Titel: Die Genußsucht, der hemmungslose Lebenshunger als soziale Massenerscheinung. Und der Untertitel könnte lauten: Die Psychose des falschverstandenen Übermenschentums. Durch tausend unsichtbare Haarröhrchen strömt und sickert der Gedankeninhalt der jeweils führenden Geister, oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt, in die Denkgewohnheiten der breiten Masse. Achtzehnhundertachtzig, Zeit der Lebensmüdigkeit und des Überdrusses – mißverstandener Schopenhauer. Neunzehnhundertzwanzig, Zeit der gesteigerten Ichsucht, des schrankenlosen Sichauslebens um jeden Preis – mißverstandener Nietzsche. Ein knappes Menschenalter, zwanzig Jahre etwa nach dem Tode eines Modeheros, pflegt es zu dauern, bis die Leitsätze seines Werkes, aus dem Zusammenhang gerissen und nach Bequemlichkeit verdreht, reif sind zum Unheilstiften. Dann beginnen sie auf die Menge abzufärben, bis nach weiteren zwanzig Jahren ein neuer Erlöser dem bunten Narrenkleid einen neuen, wieder anders gefärbten Lappen anheftet. Des wahren Erlösers Lehre hat nicht eines, sondern vieler Menschenalter bedurft, ehe sie in die Masse zu dringen vermochte. Dafür aber ist sie heute, nach zweitausend Jahren noch lebendig und das einzige, was Bestand hat im Wechsel der Erscheinungen. Woher nun nach der leidlich erträglichen Scheinkultur der uns unmittelbar vorausgegangenen Generationen dieses plötzliche Hereinbrechen einer rasenden Ichsucht, woher diese Genußgier, in deren Gefolge die Ehrlosigkeit und sittliche Verrohung einherziehen? Woher diese Massenerkrankung, diese Seuche des sittlichen Aussatzes am Gesamtkörper des Volkes? Wenn wir den Ursachen nachgehen, so stoßen wir zunächst auf eine Tatsache, die Wasser auf die Mühle der Stoff- und Kraftlehre zu treiben scheint. Auf den nicht abzuleugnenden Zusammenhang nämlich, der zwischen seelischer Kultur und den Voraussetzungen und Notwendigkeiten des stofflichen Daseins zweifellos besteht. Es geht uns schlecht! Und wenn es richtig ist, was ein zeitgenössischer Seelenforscher einmal ausspricht: daß der Mensch, wenn er ein sittliches Wesen geworden ist, dies nicht zum wenigsten dem Umstand danke, daß diese Erde kein Paradies sei – wenn dies wirklich richtig ist, so steht auf der andern Seite doch auch fest, daß ein Inferno, wie wir es durchgemacht haben und noch heute durchmachen, nicht eben die geeignetste Erziehungsanstalt zur sittlichen Reinheit ist. Kriegerische Zeiten, Zeiten blutiger Parteikämpfe, Zeiten des Umsturzes, der Herabgekommenheit, des Hungers sind stets und überall von Verrohung und Zügellosigkeit begleitet gewesen. Nie und nirgends haben die apokalyptischen Reiter den Samen der Gesittung ausgestreut. So im Dreißigjährigen Krieg nicht. So früher nicht in den Zeiten scharfer mittelalterlicher Wirren. Hat Walther von der Vogelweide auf unsere Zustände angespielt, wenn er, auf einem Steine sitzend, die Wange in die Hand geschmiegt, die allgemeine Unsicherheit und Unehrlichkeit beklagt? Ahnte der Dichter das Schiebertum, die Wucherer unserer Zeit voraus, wenn er darüber klagt, wie schwer weltliche Ehre, Besitz und Gottesnähe in ›einem Schrein‹ sich zusammenfänden? Und können wir ihm nicht nachfühlen, wenn er auf die selbstaufgeworfene Frage, wie man sich sein Leben in dieser trostlosen Zeit einzurichten hätte, freimütig bekennt, sich keinen Rat zu wissen, solange nicht Recht und Ordnung in die Welt zurückgekehrt wären? Wir Deutsche haben uns demnach schon wiederholt in ähnlich verzweifelter Lage befunden wie heute, und es mag ein gewisser Trost darin liegen, daß wir trotzdem wieder zu einem Volk geworden waren, das die Achtung der Welt verdient (wenn auch nicht gewonnen) hat. Aber trotz solch blasser Trostgründe bleibt es schmerzlich genug, die völlige Ohnmacht gegenüber der sittlichen Entartung der Gesellschaft zu empfinden, in die wir gestellt sind. Fehlt uns bloß ein Mann, der stark genug wäre uns zu retten? Und ist die Heilung einer sozialen Massenerkrankung durch einen einzelnen überhaupt denkbar? Ich greife nach dem hehrsten Beispiel, das die Geschichte darbietet, und erinnere an Jesum Christum, unsern Herrn. Vielfach fand er in seiner Zeit denselben Aussatz vor, der unser Volk zerstört: Gierige Raffsucht, maßlose Bereicherung auf Kosten der Schwächeren, mangelnden Gemeinsinn, Gewissenlosigkeit, Lieblosigkeit und Ausschweifungen aller Art. Was konnte er dagegen tun? Was tat er? Er starb! Er starb, und nur einer kleinen, verachteten Sekte hinterließ er den Gedanken des Heils. Aber Jahrhunderte mußten vergehen, ehe dieser Heilsgedanke die verdorrte Kultur mit neuen Säften durchtränkte, daß sie wieder Knospen zu treiben imstande war. So ohnmächtig steht der einzelne, und wäre es ein Gottessohn, der sittlichen Verrottung eines ganzen Zeitalters gegenüber. Wenn nun eine der Hauptursachen der Krankheit, die den Gesellschaftskörper wie ein Fieber schüttelt, darin zu suchen ist, daß es uns schlecht geht, so wurzelt anderseits wieder die materielle Not, die uns bedrängt, vielfach in sittlichen Tatsachen. Vor allem – von der hartherzigen Einsichtslosigkeit der Sieger abgesehen – in dem bei uns selbst schärfer als je hervortretenden Mangel an Gemeinsinn. Diese Erscheinung ist, so viel auch von wirtschaftlichem Sozialismus und von Gemeinwirtschaft geredet wird, als eine Gegenwirkung gegen den sozialen Geist zu betrachten. Als eine ungeduldige und überreizte Abwehrbewegung des einzelnen gegen den Willenszwang, mit dem die bürgerliche Gemeinschaft uns geknebelt hatte. Im Kriege waren wir genötigt, uns hundert Dingen zu fügen, die uns gegen die Gewohnheit, ja, gegen die Natur gingen. Jeder freie Wille war uns genommen, jede persönliche Regung unterdrückt. Ich, Bienenschwarm, hieß es, ich bin's, auf den es ankommt, ich will leben und nicht zugrunde gehen, du, Biene, hast zu gehorchen und zu leisten, was ich dir vorschreibe. Ich, Gesamtheit, Volk, Staat, ich verfüge über dich, Untertan, wie über eine Sache, damit ich bestehe und mich aus dieser Not rette... Gegen solch allzuharte Knechtung geht noch heute ein Aufbäumen durch die Seelen. In hundert Abwandlungen bekommt man es zu hören und zu lesen: Was geht mich die Allgemeinheit an? Ich, einzelner, ich bin's, auf den es ankommt! Ich will leben, nicht zugrunde gehen, was kümmern mich die andern? Die Gemeinschaft ist für den Menschen da, nicht der Mensch für die Gemeinschaft! So sucht ein jeder das Joch, das allzudrückende, abzuschütteln, so gut es gehen mag. Nicht etwa bloß der aufgewiegelte Heimkehrer, der seinem Offizier die Abzeichen vom Kragen reißt. Nicht nur etwa der Mann der groben Hände, der sich gegen geistige Überlegenheit auflehnt. Nicht nur etwa der viertelsgebildete Gleichmacher, der das Wesen der Gemeinwirtschaft darin erblickt, daß nun die andern zur Abwechslung einmal für ihn arbeiten sollen. Auch der Gebildete, auch der geistig Hochstehende schäumt auf gegen den Zwang der ewigen Bevormundung, drückt sich, wo er nur kann, an den überlästigen Verordnungen vorbei und schlägt den allerhand Aufsichtsstellen, die den allgemeinen Nutzen wahrzunehmen hätten, aber nur allzuoft bloß dem eigenen Nutzen dienen, mit wahrer Genugtuung ein Schnippchen. In aller Herzen kocht der Haß gegen diese Gemeinschaft, die den Willen auf Schritt und Tritt knebelt. Auf jedermanns Lippen schwebt die trotzige Forderung: Ich will meine eigenen Wege gehen! Die Biene bestreitet dem Schwarm das Recht, ihr eingesammeltes Wachs zum Bau der gemeinsamen Zellenburg zu beschlagnahmen. Es ist der eingeborene Individualismus, der sich gegen den Sozialismus auflehnt. Wer vermöchte eine so natürliche Abwehrbewegung der eingeschnürten Seele nicht zu verstehen? Der einzelne hat das Recht, hat die Pflicht, sich selbst zu erfüllen, höher als alle Menschengemeinschaft steht der tiefinnerliche Zusammenhang der Seele mit Gott. Wo sie in ihren heiligsten Persönlichkeitswerten beengt und angegriffen wird, da versagt eben der eingeborene Gemeinschaftsdrang. Die Möglichkeit einer gewissen eigenständigen Lebensgestaltung gehört nun einmal zu unsern unabweisbaren Daseinsbedingungen. Dies schon seit den Zeiten eines Sokrates, den man den Entdecker der Persönlichkeit genannt hat. Aber wie streng nimmt es dennoch dieser selbe Sokrates, der die Freiheit seiner Seele so tapfer zu verteidigen weiß, mit den Pflichten gegen die Allgemeinheit! Lest nach, liebe Brüder und Schwestern im Herrn, die Stelle, wo Platon erzählt, wie der zum Giftbecher verurteilte Philosoph die Möglichkeit von sich weist, die sein Freund Kriton ihm durch Bestechung der Wächter an die Hand gibt, sich durch Flucht dem Tode zu entziehen. Lest sie nach diese Stelle und staunt, wie der Entdecker der Persönlichkeit lieber sein persönliches Leben hingibt, als daß er dem Staat und Vaterland durch das Beispiel seiner Unbotmäßigkeit Mißachtung erweisen würde. Der erste große Individualist, den die Geschichte kennt, wußte also scharfe Grenzen zu ziehen zwischen Freiheit und Bürgerpflicht. Wie ganz anders die Stimmung unserer Tage, wo, vom Straßenkehrer angefangen, über die Hand- und Fabriksarbeiter, die öffentlichen Angestellten und Geistesarbeiter hinweg bis hinauf zu den Spitzen der Gesellschaft, den milliardenschweren Schiebern und Bewucherern (denn das sind doch wohl die Spitzen und die Stützen), nur ganz wenige mehr einem andern Gedanken zugänglich sind als dem, sich aus der Gemeinschaft möglichst viel persönlichen Vorteil und Gewinn herauszupressen. Auch eine Auffassung von Persönlichkeit! Einer Abordnung von Arbeitern gibt der Fabriksdirektor zu bedenken, bei noch höher geschraubten Lohnforderungen müsse der Betrieb eingestellt werden. Die achselzuckende Antwort lautet: Wir wollen gut leben! Und mancher Fabriksherr, der sich eben eine Villa gekauft und mit snobistischer Geschmacklosigkeit neu eingerichtet hat, läßt es zum Streik kommen und sagt nicht ebenso laut, aber ebenso deutlich vernehmbar dasselbe: Ich will nach meinen Begriffen gut leben! Jawohl, gut leben, das ist die Losung des Tages, das A und O der Weisheit von heute. Daß es ganze Schichten der Bevölkerung gibt, die froh wären, wüßten sie nur, wie sie überhaupt leben sollen, das kümmert jene andern, die gut leben wollen, wenig. Nach Gesellschaftsklassen und Parteien läßt sich hierbei kaum unterscheiden. In jeder finden sich Gruppen und Kreise von dem Geiste erfüllt, dessen Evangelium lautet: Was ich erraffe und an mich reiße, das ist mein – was kümmern mich die andern? Und immer läuft es aufs Genießen hinaus. Ein Taumel und Sinnenkult wie in den Tagen der ersten französischen Revolution, ein Schwelgen in Zuchtlosigkeit, eine innerlich unsaubere Putzsucht und Emporkömmlings-Geziertheit, als wären die Zeiten der ›I Incroyables ‹ und › Merveilleuses ‹ wiedererwacht! Und sogar eine üppige Dichtung, das Recht der freien Persönlichkeit predigend, macht den Hexensabbat mit, manchmal voll Schwärmerei, Naturnähe und Gottseligkeit, aber immer wieder in die Orgie mündend. Das Erhabensein im Reich der Phantasie über Gemeinsinn und Sitte gilt für des Künstlers gutes Recht – aber ist es zu verwundern, wenn seine ästhetische Losgebundenheit von Pflichten in dumpferen Hirnen und stumpferen Sinnen sich entsprechend vergröbert widerspiegelt? Hier klingt die Losung dann freilich etwas minder ästhetisch: Beute gemacht! Witwen und Waisen den letzten Heller abgeknöpft! Und dann von einer Bar in die andere, es lebe die Orgie des Nachtlokals! Was kümmert den bezechten Individualisten in seinem Lustbarkeitstaumel der Nebenmensch? Er lebt doch nicht für den Bienenschwarm, den die Rückständigen Gesellschaft, Volk, Staat, Gemeinschaft nennen! Alles Gegenwirkung, Rückschlag gegen das unsägliche Elend, das das Unglück der Gemeinschaft über den einzelnen gebracht hat. Die Freiheit der Persönlichkeit, bei Sokrates mit unbedingter Ehrfurcht vor Zucht und Ordnung gepaart, heute zum Zerrbild des Übermenschentums entartet, bald raubtierartig brutal, bald ästhetisch verbrämt, immer aber gipfelnd in selbstherrlicher Losgelöstheit von jedem Gefühle sozialer Verpflichtung. Darum trompetet lauter denn je das Schlagwort, der Staat sei für den Menschen da, nicht der Mensch für den Staat. Als ob uns die Erfahrung irgendwo die Menschengemeinschaft als etwas Gewordenes zeigte! Ist sie nicht überall gewesen, wohin wir auch blicken? Naturwüchsig vielleicht, so daß man sie noch kaum Staat nennen kann, aber Gemeinschaft schon in Kinderschuhen, was wir aber nie und nirgends kannten, das ist der Robinson, der geborene Robinson nämlich, der nicht zufällig auf seine Insel verschlagen, sondern von Haus aus und von jeher dort einheimisch gewesen wäre. Die Menschengemeinschaft ist das Gegebene, von unserer Erfahrung Untrennbare, sie bleibt unkündbar, da sie keineswegs aus Vereinbarungen hervorgegangen ist, wie Rousseaus alter Irrtum vom › Contrat social‹ es erdichtete. Und da sie immer und überall war, so können allenfalls ihre Übergriffe, aber nie und nimmer ihre berechtigten Forderungen es sein, die den Ausbau des edlen Menschentums stören, die Persönlichkeit behindern, die Menschenwürde untergraben. Freilich läßt sich ein noch höheres Menschentum als in der Wirklichkeit in der Einsamkeit eines Paradieses erträumen – aber ist es nicht ein allzu wohlfeiler Traum? Ihre göttliche Weihe empfängt die Sittlichkeit doch gerade dadurch, daß sie sich im Zusammenleben mit Nebenmenschen, unter irdischen und schwierigen Bedingungen ausgebildet hat. Nur innerhalb der Gemeinschaft ist das Reifen des einzelnen zur sittlich hochstehenden Persönlichkeit denkbar. Und jeder Ethik letzte Forderung lautet: Mensch bleiben trotz der Notwendigkeit des Zusammenlebens mit all den mannigfachen Gewächsen, die unseres Herrgotts Treibhaus beherbergt. Also, Mensch bleiben, sage ich, nicht in willkürlich gewählter Einsamkeit, sondern im unvermeidlichen Zusammenleben mit vielen, ist die wesentlichste Forderung der Sittlichkeit. Und Mensch bleiben heißt reinen Herzens sein. Was bedeutet dieses nun aber: reinen Herzens sein? Kann man sich etwas Bestimmtes darunter vorstellen? Ist es ein müßiges Bild? Bloß eine Redensart? Oder ein Greifbares und Tatsächliches? Ich verstehe unter dem Worte: reinen Herzens sein jene Grundstimmung im Menschen, die im Glauben an eine sittliche Weltordnung wurzelt. Die Natur kennt nichts als Nützlichkeiten, Anpassung an naheliegende Zwecke. Darum: Kampf ums Dasein, natürliche Zuchtwahl, Auslese des Geeignetsten, und wie die bekannten Schlagworte alle lauten. Der Stärkere verdrängt den Schwächeren in Tier- und Pflanzenwelt. Das ist natürliche Weltordnung, wir lieben gewiß nicht den bengalischen Tiger, der im Dschungel sein Beutetier anspringt. Wir nennen ihn wohl auch grausam. Aber ernsthaft fällt es doch niemand ein, sein Tun moralisch zu werten. Dagegen unterliegt es zweifellos einer sittlichen Wertung, wenn z.B. ein Staatsmann, dem das Schicksal Weltmacht in den Schoß fallen ließ, den wehrlosen und zur Gutmachung bereiten Gegner ohne Not zum Weißbluten bringt. Es geschieht dem Tier sicherlich Unrecht, wenn wir einen haßerfüllten, rachsüchtigen, ungebändigt grausamen Menschen einen Tiger nennen. Und warum? Weil die Menschenseele zum Unterschied von der Tierseele des Vorrechtes teilhaftig ist, ihren Zusammenhang, ihre Wesenseinheit mit Gottheit und Schöpfung gefühlsmäßig zu erfassen. Hier ist der Ursprung der Liebe im weitesten Sinn, die Quelle der Mitfreude und des Mitleids. Hier ruht der Urkeim des sozialen Triebes über den Bienenschwarm hinaus. Das Wesen der sittlichen Weltordnung erschließt sich im Glauben des Menschen, daß er nicht notwendig den Kürzeren ziehen oder gar zugrunde gehen muß, wenn er sein Tun nicht ausschließlich vom persönlichen Nutzen bestimmen läßt. Und insofern ist sie im gewissen Sinn ein Durchbrechen der natürlichen Weltordnung: Menschheitsziele nicht Einzelzwecke! Individualismus im Dienst der sozialen Gemeinschaft! Individualismus, nicht in Gestalt einer mehr oder minder ästhetischen Eigenbrötelei, nicht Individualismus des Genusses, des Machtbewußtseins, der ausbeuterischen Herrenmoral, sondern als eigenständig und persönlich ausgeprägtes Gefühl der sozialen Verantwortlichkeit. Man hört jetzt nicht selten mit schier spottlustiger Gebärde von den ›Helden‹ sprechen, die mit vaterländischer Begeisterung in den Krieg zogen. Ha, haben sich denn nicht tatsächlich Helden (ohne Anführungszeichen) unter ihnen befunden? Im begreiflichen Streben, endlich wieder zu einem aufrichtigen Frieden des Herzens zu gelangen, tun wir recht daran, das Trennende zu vergessen und das Gemeinsame zu suchen, jedem Gutwilligen auf der Gegenseite die Bruderhand entgegengestreckt. Dem einzelnen Kämpfer aber jetzt nachträglich etwas wie Brudermord in die Schuhe zu schieben, das ist eine ungerechte Verkehrtheit sondergleichen. Die tapfersten Offiziere, die jahrelang an der Front waren, bestätigen es: Der Krieg ist etwas Entsetzliches, man muß Mittel und Wege finden, ihn zu vermeiden, womöglich abzuschaffen. Indessen bleibt, solange er nicht unmöglich geworden ist – und der Völkerbund sieht vorderhand einer Gewaltgruppe ähnlicher als einem Friedensengel – denn doch ein klarer Unterschied zwischen Mord und Totschlag einerseits und der Aufopferung des eigenen Lebens anderseits im ehrlichen Kampf für Heimat und Volk! Hat es nicht in deutschen Landen der ausgeprägten Individualisten, ja der bedeutenden Persönlichkeiten genug gegeben, die in männlicher Entschlossenheit Gesundheit, Leben und Eigenglück der Allgemeinheit willig aufopferten? Und liegt darin nicht Schönheit und Erhabenheit? Vielleicht haben viele für ein falsches Ideal geblutet, es mag sein. Vom Standpunkt der sittlichen Wertung haben sie dennoch das Edelste geleistet, das Menschenkraft vermag: ihre persönlichen Zwecke dem Glauben an die Notwendigkeit sozialer Gemeinschaftsgefühle untergeordnet. Und kann die Überzeugung vom Bestehen einer sittlichen Weltordnung, der Glaube des Menschen, daß er nicht mit Notwendigkeit den Kürzeren ziehen müsse, wenn sein Tun einem andern Leitstern folgt als dem persönlichen Eigennutz – kann ein solcher Glaube nicht auch in der friedlichen Arbeit sich erweisen? Eine jede Art von Arbeit, sei sie geistige oder Handarbeit, läßt sich mit einem Hauch jenes unirdischen Geistes durchseelen, der die Arbeit des echten und wahren Künstlers auszeichnet. Denn wodurch rechtfertigt sich die besondere Wertung, die der begnadete Künstler im allgemeinen Urteil genießt, wenn nicht dadurch, daß er, persönlicher Zwecke vergessend, den Weg nach höheren Gemeinschaftszielen weist? Die ersonnene Welt, die er in Worten, Tönen, Formen aufbaut, ist ihm so überaus wichtig, daß er in der wirklichen Welt zum Fremdling wird. Immer aufs neue wiederholt sich das tragische Erlebnis des Künstlertums, dieses freigebige Sichverschenken an die Undankbarkeit, dieses Verkanntwerden, Darben, in Armut Sterben. Hundert Abstufungen gibt es da, vom Nicht-genügend-Geschätztsein bis zum baren Hungern in der Leidensgeschichte des Genies. Überflüssig, Namen aufzuzählen. Aber keineswegs überflüssig, gegen die Wehleidigkeit Stellung zu nehmen, mit der dieses Mißverhältnis zwischen Leistung und Lohn, ohne daß sich doch jemals das geringste daran geändert hätte, öffentlich beklagt zu werden pflegt. Es gehört nun einmal zum Handwerk, schreckt Unberufene ab, hat sonach auch einiges für sich. Was wäre der Berg-, der Flugsport, wenn es keine Gefahren dabei gäbe! Wohin käme es mit der Kunst, wäre sie von vornherein ein gutes Geschäft, das den Geldsack füllt! Es liegt tragische Schönheit darin, daß der Lichtbringer der Menschheit um so viel unsicherer gestellt ist als der Schweinemetzger oder der Bierbrauer. Wer das nicht begreift, der ahnt eben nicht, wie unendlich viel mehr beglückende Werte die reingeistige Leistung für den Schaffenden in sich birgt als jede andere, stofflichen Zwecken zugewendete Tätigkeit für den, der sie betreibt. Der springende Punkt, auf den es hier ankommt, ist der, daß der Künstler (wenigstens in seinen entscheidenden Augenblicken) der persönlichen Zwecke vergißt, um Menschheitszielen zu dienen: dem Höherkommen des Geistes, einer Auferstehung der Seele. Darum ist eine Lebensauffassung, die den Genuß verherrlicht, niemals eine künstlerische. Denn Genuß, jede Art von Genuß, klebt am Zweck, hat sonach einen Einschlag von Enge, Unfreiheit, Banausentum. Abstufungen natürlich zugegeben, von der rohesten Schwelgerei bis zum reinsten Natur- oder Kunstgenuß – ein wenig verdächtig bleibt das Wort Genießen und die Sache, die dahinter steht, immer. Dagegen ist die leidenschaftlich aufquellende Freudigkeit des Herzens das sicherste Anzeichen dafür, daß der Mensch auf dem Wege ist, seine eigene Persönlichkeit zu vollenden, indem er über die engsten Zwecke hinausdenkt. Nur wo er sich selbst und zugleich seine Aufgaben der Allgemeinheit gegenüber erfüllt, findet sich diese Freudigkeit. Sie ist aber nicht Erbpacht des Künstlers allein, jedes Schaffen, jede Tätigkeit kann davon begleitet sein, die Wissenschaft; die Industrie, das Handwerk, auch die Bauern- und Fabriksarbeit läßt sich mit einem Hauch davon durchseelen, es kommt nur auf den Geist an, in dem die Arbeit getan wird. Jeder, der in seinem Leben irgendeine mechanische, eine sogenannte geisttötende Tätigkeit zu verrichten gezwungen war – und welcher Beruf brächte nicht wenigstens zeitweise eine solche Nötigung mit sich – wird es bestätigen, daß sie sich emporheben, beleben, adeln läßt. Wer von vornherein mit Seufzen an sie herantritt, wer sie nur unter dem Gesichtswinkel persönlicher Zwecke betrachtet, weil er sich eben sein Brot damit verdienen muß, für den ist sie freilich geisttötend. Es läßt sich aber auch ein anderes Verhältnis dazu gewinnen. Man setze zum Beispiel seinen Ehrgeiz darein, diese rein mechanische Arbeit, zu der man im Anfang eine Stunde benötigte, nach und nach in fünfzig, später vielleicht in vierzig oder dreißig Minuten zu leisten, indem man sich eine Art System für Hände und Finger, Auge und Hirn ausdenkt, eine Vereinfachung aller Handgriffe, Körperbewegungen und Denkprozesse; so wird sofort auch die geringwertigste Verrichtung in gewissem Maße anregend. Hier ist Mechanisierung nicht vom Übel, weil sie dem Ziel dient, die mindere der hochwertigen Tätigkeit anzunähern. Weil sie den Menschen dazu erzieht, die ihm obliegende Aufgabe so rasch, geschickt und zuverlässig zu lösen wie nur möglich. So kommt wenigstens eine Spur von Geist selbst in jene über denselben Leisten geschlagene Hantierung, die den Fabriksarbeiter leicht unlustig macht. Es ist zu beklagen, daß der wirtschaftliche Sozialismus dem Arbeiter nichts zu bieten weiß als höheren Lohn und geringere Arbeitszeit. Der Mensch lebt doch nicht vom Brot allein! Auch die unvermeidliche rein mechanische Arbeit läßt sich hinausheben über den nächsten persönlichen Zweck, den Broterwerb; läßt sich eingliedern durch Erziehung und Willen in den reichgestaltigen Bau des geistigen Aufwärtsstrebens der Menschheit. Und zwar je schöpferischer reine Tätigkeit ist, je mehr vom Künstlerischen sie an sich hat, um so viel mehr. Der schöpferische Geist, sagen wir etwa, da diese Kirche auf dem alten Schottenfeld steht, in einer Seidenzeugfabrik, denkt nicht an die Dividende; er denkt auch nicht ans Einherstolzieren der Damen im Seidenkleid; er denkt an eine möglichst vereinfachte Zweckmäßigkeit der Herstellung. Denn je geschickter er seine Aufgabe löst, desto wohlfeiler die Ware, desto größer der Absatz. Und je größer der Absatz, eine desto größere Zahl arbeitslustiger Hände kann er beschäftigen. Desto bessere Löhne kann er bezahlen. Desto mehr Wohlstand um sich verbreiten. Und je mehr Wohlstand er um sich verbreitet, desto mehr hebt er auch den geistigen und sittlichen Stand der Arbeiterschaft, und desto mehr trägt er dazu bei, sein Volk, das er liebt, zu fördern und in seinem bescheidenen Kreise auch der Entwicklung der Menschheit, an die er glaubt, zu dienen. Also auch hier das treibende Gesetz, daß den einzelnen aus dem realen Leben ins Reich des Sittlichen geleitet, und das ich in die Worte fasse: Menschheitsziele, nicht persönliche Zwecke! Aber dieser Gemeinschaftswille, meine lieben Brüder und Schwestern in Christo, diese von der Genußsucht wie Wasser von Feuer unterschiedene Freudigkeit des Herzens in der Hingabe an schaffende Arbeit über den Zweck des persönlichen Wohlstandes hinaus quillt freilich aus einem unbewußten Urquell, und das ist die Liebe. Im Keime ist sie in jedermanns Herz gelegt. Laßt sie nicht verkümmern! Denn ohne sie ginge euch auch der Glaube an eine sittliche Weltordnung verloren. Hegt sie und bringt sie in euch zur Entfaltung, es liegt in eurer Macht, dies zu tun. Denn im Reich der Persönlichkeit waltet Freiheit. Hier ist der einzelne nicht ohnmächtig wie den sozialen Massenerscheinungen gegenüber. Hier findet er dankbaren Boden für den echten und berechtigten Individualismus, der inmitten einer Welt der Verrohung und Entsittlichung sich eine beschützte Stelle freihält, wo die Altäre der Seelenhaftigkeit und des wahrhaften Wesens ragen. Durch Predigen werden wir die kranke Zeit nicht heilen, aber was für den physiologischen, gilt auch für den sozialen Organismus: Von den gesund gebliebenen Zellen geht die Heilung des Gesamtkörpers aus. So eröffnen sich doch wieder Möglichkeiten, aus dem begrenzten Eigenkreis heraus ins Weite zu wirken. Mehr als alles Eifern und Klagen vermag das Beispiel, die Hingebung, die Arbeit, der Glaube an den Wert reiner Gemeinschaftsgefühle und -ziele, und dies alles ist eine Frucht der Liebe. Ohne Liebe sind wir zur Einsamkeit verdammt, und die Einsamkeit macht uns frieren und ängstigt uns. Was dem Menschen aber nottut in Zeiten der Bedrängnis, das ist Mut und Zuversicht! Kehrt nicht in den Evangelien, die aus ähnlicher Herzensnot heraus wie die unserige niedergeschrieben sind, die Mahnung mehrfach wieder: Fürchtet euch nicht! Sorget euch nicht! Denn Furcht und Sorge sind zweifellos die unheilvollsten unter den treibenden Kräften der sittlichen Verwilderung. Furcht, sich nicht behaupten zu können, wenn man nicht mit den Wölfen heule. Sorge, den Kürzeren zu ziehen, wenn man es nicht treibe wie die andern, wenn man es nicht ebenfalls hintenherum versuche, mit ein bißchen Mogelei, Gewissensverhärtung und Schlechtigkeit. Demgegenüber halt wie ein eherner Fels die Überzeugung stand, daß so etwas wie eine sittliche Weltordnung wirklich walte und nichts der inneren Natur des Menschen im Grunde mehr widerspreche als die seelenlose Einstellung auf selbstische Zwecke. Wer diesen Glauben teilt, der sieht, was um ihn vorgeht, weniger mit verbitterten als mit betrübten Augen an und neigt zu der tröstlichen Erkenntnis, daß unsere Zeit nicht so sehr schlecht, als vielmehr unglücklich ist. Und spricht nicht tatsächlich einige Wahrscheinlichkeit dafür, daß von den Erscheinungen, die uns heute bekümmern und erschrecken, ein gut Teil mehr dem Elend als der Bösartigkeit zuzuschreiben sei? Soll denn wirklich der Kern des deutschen Volkes so unheilbar angefault sein, daß Hoffnungslosigkeit gerechtfertigt wäre? Und das alles gleichsam über Nacht? Dies zu glauben, wäre Mangel an vertrauen auf Gott, vielleicht hat er all die schweren Prüfungen nur über uns verhängt, um wieder einmal die Spreu gründlich vom Weizen zu sondern. Eine solche Reinigung würde unserm Volk nur zum Segen gereichen. Und vielleicht stellt sich dann eines Tages heraus, daß nur eine dünne Schicht von Gewissenlosen, Emporkömmlingen und Genüßlingen es war, die unserer Zeit den hippotratischen Zug schwerer Krankheit aufdrückte, daß das eigentliche Volk aber in seiner Mehrheit treu geblieben ist dem Erbe eines Jahrtausends deutscher Geschichte: der Sitte, der Zucht und Rechtschaffenheit. Wer möchte sich nicht an eine solche Hoffnung klammern?« Pater Wilfrid hatte geschlossen. Er sprach noch ein Gebet. Dann verließ er die Kanzel. Erregt und innerlich bewegt verharrten die Zuhörer ein paar Augenblicke lang in stummer Benommenheit. Dann begann die Kirche langsam sich zu leeren. Auf der Straße traf Georg Leodolter Herrn Michael Hocheder. Eine eingetretene Besserung seines Befindens hatte ihn ermutigt, sich an Mariannens Arm in die Kirche zu wagen. Aber die Predigt hatte ihm mißfallen. Er war verärgert. »Wenn schon die geistlichen Herren halb sozialistisch aushängen –!« sagte er ingrimmig. »Dergleichen konnte ich nicht heraushören«, meinte Georg. »Es fehlte gerade noch, daß er zum Streik aufgereizt hätte.« Der alte Pinkas hielt ein seidenes Tuch vor den Mund und vermied das Sprechen, empfindliche Kälte war eingebrochen. Georg begleitete ihn noch bis vor sein Haus in der nahen Dreilaufergasse. Am Tor blieb Herr Jacques stehen und reichte dem jungen Manne, der in der kurzen Zeit beinahe sein Freund geworden war, die Hand zum Abschied. »So wie Pater Wilfrid es meint,« sagte er, »so w– w–w–wollen auch w–w–w–wir es machen!«   An einem Abend knapp vor Weihnachten war's – in Gegenwart des Laurenz, der Principessa und Mariannens hatten Justine und Severin miteinander musiziert, da sagte sie zu ihm: »Ich habe der guten Frau Staudenmayer versprochen, daß wir ihr einmal vorspielen wollen. Die arme Kranke hört nur immer aus der Ferne die verlorenen Töne, die durchs Mauerwerk zu ihr durchsickern. Und schon für diese spärlichen Brosamen, die von unserm Tisch abfallen, ist sie dankbar. Hättest du was dagegen, wenn wir sie einmal zur vollbesetzten Tafel laden würden?« »Im Gegenteil!« erwiderte Severin. »Immer war es meiner Kunst eine höhere Freude, den Armen im Geiste Erhebung zu bringen als den an langer Weile Reichen und ohnedies genugsam Zerstreuten Zerstreuung. Aber da fällt es mir eben siedend heiß auf die Seele, daß ich dem Weber Toblak unten im Werksaal, der mein Kriegskamerad war, etwas Ähnliches versprochen habe. Er möchte mich so gern noch einmal singen hören wie an manchem traurigen und doch an Träumen reichen, unvergeßlichen Abend in Rußland ... Und ich war so schnöde, es gänzlich zu vergessen!« »Das läßt sich ja herrlich vereinen!« rief Ursel Fürst, sofort Feuer und Flamme. »Veranstalten wir ein Konzert, das ganze Haus soll geladen sein, vom Chef bis zum letzten Geschäftsdiener. Auch ein paar Auswärtige allenfalls, in erster Linie natürlich ich –« »Du gehörst zu den Mitwirkenden«, sagte Marianne. »Fällt mir gar nicht ein, Severin und Justine würden sich bedanken.« »Es geht die Sage, daß ihr in früheren Jahren bei Wolf Mairolds öfters miteinander musiziert habt?« »Das ist lange her. Inzwischen ist mein bißchen Geigenkratzen längst auf dem Altar meiner rühmlich bekannten geschäftsmännischen Tüchtigkeit hingeopfert. Nein, mit richtigen Künstlern zusammen laß ich mich halb und halb öffentlich nicht hören, ich würde gar zu sehr abstechen. Aber als auswärtige Zuhörerin, wenn der Kreis nicht streng auf den ›Seidenbaum‹ beschränkt bleiben muß, käm' ich freilich in Betracht. Und außerdem noch vielleicht ...« Sie stellte sich, als dächte sie nach. »Ja – den Hauptmann Eybel möcht' ich auch dazu eingeladen wissen«, sagte sie, an Marianne Hocheder vorbeiblickend, während spitzbübische Teufelchen in ihren Mundwinkeln nisteten ... »Er ist mir ein lieber Vetter und überhaupt ein prächtiger Mensch. Er wird sich freuen, Severin spielen zu hören.« »Gut! Abgemacht!« sagte Severin. »Am Dreikönigstag gegen Abend!« entschied Justine. »Hier im Speisezimmer wird der Tisch zur Seite geschoben und Stühle aufgestellt für die Zuhörer. Im kleinen Zimmer ist das Podium.« Laurenz hielt es für nötig, sich ins Mittel zu legen. »Das müßt ihr euch anders einrichten. Den Vater und den Toblak zusammen einladen, geht keinesfalls an!« »Warum?« fuhr Severin auf. »Er sieht in Toblak etwas wie einen Bolschewiken, ob mit Recht oder Unrecht, weiß ich nicht.« »Dann dürfte er mich auch nicht im Hause behalten!« »Bist du denn ein Bolschewik?« fragte Ursel lachend. »Weiß nicht, was ich bin. Mit Parteien hab' ich mich nie eingelassen Aber diese verknöcherten europäischen Vorurteile gehen mir auf die Nerven. Vergibt er sich vielleicht was damit, wenn er mit dem Toblak in einem Zimmer beisammensitzt? Ist er etwas soviel Besseres, daß er nicht dieselbe Luft mit ihm atmen kann? Ich habe in Sibirien noch mit ganz andern Kerlen dieselbe Luft geatmet und werde einen Menschen, mit dem ich im Gefangenenlager ein Jahr oder länger gute Kameradschaft gehalten habe, jetzt nicht deshalb verleugnen, weil so ein – rückständiger Bourgeois sich einbildet, ein bei ihm beschäftigter Arbeiter sei kein vollwertiger Mensch!« »Severin, du sprichst von deinem Vater!« mahnte Laurenz. »Wir musizieren in erster Linie für die Frau Staudenmayer und den Toblak«, beharrte Severin aufgebracht; »wem das nicht recht ist, der soll fortbleiben!« »Der Gedanke, ein Konzert zu veranstalten,« stimmte Justine ihm bei, »ist doch aus der Absicht hervorgegangen, dem Toblak und der Frau Staudenmayer etwas zu bieten.« Einigermaßen befremdet blickte Laurenz seine Frau an. Er begriff es nicht, daß sie Wasser auf Severins Mühle treiben konnte, wo dieser sich doch unehrerbietig über den Vater geäußert hatte. »Severin kann dem Toblak auch einmal unter vier Augen vorspielen,« sagte er, »wenn er es ihm schon versprochen hat – was er freilich besser unterlassen hätte.« »Warum hätt' ich's unterlassen sollen?« brauste Severin neuerdings auf. »Gott – du bist schließlich der Sohn des Hauses ... Und der Toblak ... Kein Fabriksherr sieht es gern, wenn ihm ein Arbeiter aufgezwungen wird, den er sich selbst nicht aussuchen würde ... Es ist doch ganz begreiflich, wenn der Vater ...« »Ha! Begreiflich findet er das!« lachte Severin auf. Er hatte sich erhoben und geisterte unruhig im Zimmer hin und her. »Das Gottesgnadentum ins Spießerische übersetzt! ... Als ob ein Organisierter, wenn er arbeitslos ist, den Hunger nicht ebenso spüren würde wie jeder andere Mensch! ... Ja, es ist wirklich eine Ehre, der Sohn des Hauses zu sein! ... Überhaupt verdient es diese ganze Gesellschaft, daß sie endlich einmal in die Luft fliegt!« Ein allgemeines Verstummen lastete peinlich auf den Anwesenden. Justine warf dem noch immer auf und ab gehenden Severin einen vielsagenden Blick zu. Sie sagte kein Wort, sie hatte nur seinen Namen ausgesprochen, nichts weiter. Aber es wirkte wie eine Beschwörungsformel. Er nahm sofort am Tisch wieder Platz, ergriff ihre Hand, auf die er einen Kuß drückte, und sagte beschämt und besänftigt: »Nichts für ungut!« Ein stilles Einvernehmen sondergleichen hatte sich in letzter Zeit zwischen den beiden herausgebildet, innig und seelenvoll. Ein Für-sich-allein-Sein gleichsam wie das zweier Verbannter auf einem weit abgelegenen, von keinem sonst gekannten Felseneiland. Niemals seit jenem Abend, wo das von ihm gesungene und, wie er später eingestand, auch von ihm gedichtete »Gebet« sie in Tränen auflöste, hatten sie einander wieder berührt, sie vermieden es sogar in ängstlicher Scheu, sich auch nur die Hände zu reichen, zum Willkomm oder Abschied, wenn sie sich nicht in Gegenwart dritter befanden. Aber in vertrauten Stunden des Beisammenseins, die jenseits jeder Schuld lagen, ging er jetzt oft aus sich heraus, sprach ihr von seiner Vergangenheit und Gegenwart, hatte kein Geheimnis vor ihr. Ein Trümmerfeld fehlgegangener Pläne und zerstörter Hoffnungen tat sich vor ihren Blicken auf, sein Unglück nährte ihre Liebe, und ihr Verständnis dafür die seinige, so daß er mit Othello hätte sagen können: »Sie liebte mich darum, weil ich so litt, ich liebte sie, die meine Leiden fühlte« ... Die trostlosen Unerfülltheiten seiner leidenschaftlichen Künstlersehnsucht trugen den Aufruhr auch in ihr Herz. Sie hatte gelernt, mit ihm zu klagen, da sie nicht helfen konnte, und aus der Klage erhob die Anklage ihr Haupt. So wurde ihr allmählich vertraut und schließlich wie ihm selbst eine Hoffnung, was sie anfänglich als eine fremde, jedes bürgerliche Behagen zerstörende Welt empfunden hatte. Jener verbotene Traum einer neuen Gesellschaftsordnung, die erbgesessenes Unrecht aufheben und darbenden Sinnen und Seelen freie Bahn schaffen würde, um ein natürlicheres und glücklicheres Menschentum zur Wirklichkeit zu erlösen. Mehr und mehr fielen die Ketten der anerzogenen und in ihrer Umgebung hergebrachten Urteile und Vorurteile von ihr ab, fast unmerklich nahmen ihre Gedanken die grellere und kühnere Färbung der seinigen an. Sogar leise Zweifel, ob die Ehe, die Severin eine »bürgerliche Konvention« nannte, nicht besser durch die »freie Liebe« zu ersetzen wäre, pochten manchmal schüchtern an das Herz der Liebenden, aber da war eine Art mitleidsvollen Zartgefühls gegen den ahnungslosen und immer gleich hochherzigen Laurenz, daß sie solche Anwandlungen, über sich selbst erschreckend, abweisen ließ. Und da sie als Weib dem Geliebten aus diesem Grunde nichts sein durfte und wollte, suchte und fand sie einigermaßen Entschädigung darin, daß sie ihm wenigstens den Trost gewähren konnte, um so heißer mit ihrem geistigen Wesen sich ihm hinzugeben. Laurenz in seiner Harmlosigkeit freute sich, daß es nur eines leise mahnenden »Severin!« von seiten Justinens bedurfte, um diesem seine Ungebärdigkeit in Gegenwart Mariannens und Ursels zu verweisen und ihn gleichsam gebändigt an den Tisch zurückzuzwingen. Denn sobald er saß, pflegte er umgänglicher zu sein; immer kündigten Stürme und Gewitter, die in ihm tobten, sich damit an, daß er unstet im Zimmer umherstrich wie ein wildes Tier, das aus seinem Käfig brechen will. »Also was tun wir?« nahm sich die Principessa jetzt des fast vergessenen Konzertplanes wieder an. »Den Vater müssen wir unbedingt einladen, das steht von vornherein fest« ... »Und das könnt ihr auch ohne weiteres!« fiel Marianne ihr ins Wort. »Und jeden andern dazu, den ihr wollt, auch wenn's der Lenin und Trotzki in einer Person wäre. Macht euch keine Sorgen und entzweit euch um nichts und wieder nichts! Der Vater kommt ohnedies nicht herüber, es war von üblen Folgen für ihn begleitet, daß er neulich die Kirche besuchte, um Pater Wilfrid predigen zu hören. General Mairold hatte ihn dazu verleitet. Der sieht in dem lieben hochwürdigen Herrn etwas wie einen Antichrist, und wenn er den Vater beredete, mitzukommen, so verfolgte er keinen andern Zweck damit als den, ihn als Zeugen aufrufen zu können, wenn er über Mißbrauch der Kanzel wettert. Denn neue und hohe Gedanken in sich aufzunehmen, ist er ungeneigt, hält es sogar für eine Art Gesinnungslosigkeit, wenn man es tut. Ich hätte mir's denken können und den Vater zurückhalten sollen, Ruhe ist für ihn am zuträglichsten, und jener Kirchenbesuch und was damit zusammenhing, war vielleicht mit die Ursache, daß sein Zustand sich verschlimmerte. Seither hat er es verschworen, jemals wieder unter Menschen zu gehen. Er wird auch dem geplanten Konzert, zu dem man ihn selbstverständlich einladen muß, fernbleiben, dafür verbürg' ich mich. Im übrigen halte ich's nicht für ausgeschlossen, daß er sich sogar darüber freut, wenn den Angestellten und Hausleuten etwas geboten wird und diese sich einmal selbst davon überzeugen, was der Severin kann. Denn im Grunde schmeichelt es ihm, wenn er den Severin als Künstler rühmen hört.« »Na, davon müßte ich doch schon etwas bemerkt haben«, meinte Severin ungläubig. Aber Marianne beharrte auf ihrer Behauptung: »Ihr kennt ihn alle nicht so genau wie ich. Der Künstler ist ihm zwar etwas Fremdes, gilt ihm aber insgeheim doch gleichsam als ein höheres Wesen. Er schämt sich gewissermaßen, daß er einen Künstler zum Sohn haben sollte, es kommt ihm überheblich vor, daran zu glauben. Daraus wäre vieles zu erklären,« sagte sie, »was Severin und wir andern oft mißverstanden und minder milde ausgelegt haben.« »Eine etwas verwickelte Psychologie«, bemerkte Justine trocken und offenbar nicht geneigt, dem Verschulden des Vaters an der geknickten Laufbahn des Sohnes eine mildere Auslegung zuzubilligen. Man ließ es nun bei der getroffenen Abrede bewenden, auch Laurenz hielt es nicht mehr für nötig, Einspruch zu erheben. Nach den Äußerungen Mariannens, die ja tatsächlich den Vater besser kannte als irgendwer sonst im Haus, glaubte er seine Bedenken fallen lassen zu dürfen ... Am Dreikönigstag fand Eybel sich als erster in der Wohnung des Hocheder-Paares ein, natürlich wieder in einem dem Judengassel entlehnten Kleiderstaat. Die Principessa hatte ihm aufs Herz gebunden, frühzeitig zu erscheinen, weil Marianne seiner Mithilfe beim Herrichten des Zuhörerraumes bedürfe. Es war dies zwar von Ursel frei erfunden, aber wenigstens mit glücklicher Witterung für das Mögliche und Wahrscheinliche. Wirklich traf er Mariannen damit beschäftigt, im Speisezimmer Sperrsitzreihen aus dem Boden zu stampfen, während Severin und Justine im kleineren Zimmer nebenan, dessen Tür durch einen Teppich verhängt war, Noten auswählten und zurechtlegten, um sich ihr Programm zusammenzustellen. Sogleich schickte Eybel sich an, dem geliebten Mädchen bei ihrer nicht gerade hohe Anforderungen an den Geist stellenden, aber um so nützlicheren Tätigkeit behilflich zu sein. Und daß er seine Aufgabe nicht mit Handlangerdiensten erschöpft sah, sondern sich's nebenher auch angelegen sein ließ, ihr ein unterhaltender Gesellschafter zu sein, das versteht sich von selbst. Marianne zu unterhalten, war übrigens keine große Kunst. Von Natur zur Heiterkeit neigend und der Heiterkeit als Gegenwirkung gegen die trübseligen Tage, die sie an der Seite des kranken Vaters verlebte, jetzt doppelt bedürftig, ja, förmlich danach hungernd, war sie so ziemlich das dankbarste Publikum, das ein fröhlicher junger Mann und Liebhaber sich wünschen konnte. Eybel brauchte nur den Mund zu einem Scherzwort aufzutun, so lachte sie schon; er brauchte nur sozusagen mit dem kleinen Finger zu wippen, so fand sie es schon spaßhaft und ergötzlich. Als sie den großen schweren Speisetisch mit vereinten Kräften vom Fleck gerückt und in eine Ecke des Zimmers gelotst hatten, stellte sich heraus, daß der für gewöhnlich darüber hängende Kronleuchter mit einer im Flaschenzug beweglichen elektrischen Lampe nicht so weit hinaufschiebbar war, daß man darunter hätte durchgehen können. Ratlos standen sie davor, wie dem abzuhelfen wäre, bis Eybel meinte, man müsse sich halt vorsehen und dürfe nicht blindlings drauflosstürmen; wer sich anstoße, sei selbst dran schuld, warum mache er nicht einen Bogen, wenn ihm schon ein deutlich genug sichtbarer Fremdkörper vor der Nase baumle. Als er aber eine Minute später, um Stühle herbeizuschleppen, die gefährliche Stelle überquerte, vergaß er im Eifer des Schuftens seiner eigenen guten Lehren und rannte – bum, klirr! – so heftig mit dem Kopf gegen die zu tief hängende Lampe, daß er alle Engel singen hörte. Ein wahres Glück, daß nicht auch noch die Porzellanglocke in Scherben gegangen war. In Mariannen brach nun die Lustbarkeit recht üppig hervor, und in ihrem Übermut schob sie sich einen Stuhl zurecht und setzte sich gerade unter den Kronleuchter: »Ich bleibe ganz einfach hier sitzen! Wer sich den Kopf anstoßen will, müßte vorerst über mich stolpern.« Es hing aber im Kronleuchter noch ein ausgiebiger Mistelzweig vom Christabend her. Und Eybel machte von dem Recht Gebrauch, das dieses Wintergrün gewährt, indem er sich rasch niederbeugte und sie auf den Mund küßte. Selbst bestürzt über sein kühnes Beginnen, trat er hierauf einen Schritt zurück, er war auf Schlimmes gefaßt, seine Augen flehten Verzeihung. Sie lachte jetzt auch wirklich nicht mehr, sondern blickte wo nicht erzürnt, doch erschrocken und ernst geworden zu ihm hinüber. Ein paar bange Augenblicke verstrichen, dann sagte sie mit wiederkehrendem Lächeln, das diesmal besonders anmutig erstrahlte: »Noch einmal!« Dieses »Noch einmal!« ließ er sich selbstverständlich nicht zweimal sagen, es war auch überflüssig, daß sie es ein drittes und viertes Mal wiederholt hätte ... Zu derselben Stunde spielte sich an einer andern Stelle des Hauses eine andere vorbereitende Veranstaltung ab, an der sich die Liebesgöttin, obgleich sie nicht ausdrücklich geladen war, doch ebenfalls ihr Süppchen kochte. Es setzte sich nämlich vom Hof her ein Zug in Bewegung, der in der Absicht unternommen war, die kranke Frau Staudenmayer in die im zweiten Stockwerk des Hauses gelegene Hochedersche Wohnung zu befördern, wo das Konzert stattfinden sollte. Die Kranke saß in ihren Rollstuhl gebettet, der aber nicht wie gewöhnlich auf dem Boden feststand, sondern sich von der Erde gelöst hatte und wunderbar durch die Luft hingeisterte, gehoben und getragen von liebreichen Armen. So schwebte die bleiche alte Frau, verklärt von freudiger Erwartung, den langgestreckten Hof entlang und die Stufen der Treppe empor, als sollte sie eine vorzeitige Himmelfahrt antreten. An dem kleineren Rad vorne schleppte die schwarzbraune Marfa, der größeren Hinterräder hatte sich auf der einen Seite Meister Staudenmayer, auf der andern der Weber Schinnerl bemächtigt. Die Schwierigkeit auf der Treppe bestand darin, daß Marfa tiefzuhalten und darum rückwärts schreitend sich vornüberzubeugen hatte, während die beiden andern ihre Last entsprechend hochstemmen mußten, damit der Rollwagen die gleiche Lage beibehalte, als stünde er auf ebener Fläche, und die Kranke weder nach vorne noch hinten ein Übergewicht bekomme. Das Problem war nicht ganz leicht zu lösen, aber alle drei setzten ihren Ehrgeiz darein, es tadellos zu bewältigen. Frau Staudenmayer hätte eine Wasserwage in Händen halten und streng nachprüfen können, es wäre ihr nicht möglich gewesen, ein Abweichen von der wagerechten Stellung zu erweisen. Ihr fiel es natürlich nicht ein, an ein solches Werkzeug zu denken, dankbar befriedigt stellte sie fest: »Ich fliege wie die Fee Cheristane in ihrem Zauberwagen!« Auf dem ersten Treppenabsatz sagte der etwas engbrüstige Schinnerl, der schon zu keuchen begann: »Fräulein davorne, wird es Ihnen nicht zu schwer, wünschen Sie vielleicht zu rasten?« »Mir –? Zu schwer –?« erwiderte die stolze Marfa. »Wenn's auf mich ankommt, klettere ich ohne Aussetzen die ganze Jakobsleiter hinauf! Aber vielleicht Ihnen, Herr ... Herr ..., na, wie heißen Sie gleich?« »Du wirst doch den Schinnerl kennen?« ermahnte Frau Staudenmayer aus dem Wolkenkahn der Fee Cheristane ihre Nichte. Natürlich kannte sie ihn und wußte auch, wie er hieß. Aber es ärgerte sie, daß er sie immer nur von ferne anschmachtete und sich nicht herantraute. Darum wollte sie es ihm zu verstehen geben, wie gleichgültig ihr ein so unbegehrlicher Bewerber sei. Der Schinnerl nahm all seine Kräfte zusammen und keuchte weiter, um sich nicht spotten zu lassen. Aber er kränkte sich und sagte wehleidig: »Nicht einmal der Müh' wert finden Sie's, sich zu merken, wie ich heiß'?« »Bald zwei Jahr' bin ich bei der Tant' und im Haus«, antwortete Marfa, emsig am Vorderrad schleppend. »Aber immer schleichen Sie an unserer Kuchel vorbei und gucken bloß von außen hinein. Ist denn bei uns drinnen die Pest?« Sie waren im ersten Stock angelangt, das starke, üppige Mädel wollte keine Pause eintreten lassen und strebte trotzig der zweiten Treppe entgegen. Meister Staudenmayer indessen gebot entschlossen Einhalt. »Hier wird abgesetzt und Rast gehalten! So jung wie du sind wir beide doch nicht mehr.« Der Schinnerl atmete erleichtert auf und verschnaufte. »Stücker zwanzig Jahr' bin ich schon nach jünger als Sie, Herr Meister«, beeilte er sich festzustellen. »Aber auch Stücker zwanzig Jahr' älter als die Marfa«, gab der andere zurück. »Das schon, das kann leicht sein. Bei den Irokesen, einem sehr aufgeklärten Volk, das ich auf einer meiner Weltreisen einmal besucht hab', da nimmt man das nicht so genau, um wieviel der Mann älter ist als die Frau. Bei uns, in diesem rückständigen Europa, gibt es viel mehr Vorurteile, wenn da der Mann um zwanzig Jahr' älter ist, sagen die Leut' gleich, das könnt' ihr Vatter sein. Deswegen hab' ich mich auch nicht hineingetraut in die Kuchel.« »Das wär' kein Grund gewesen«, sagte Marfa offenherzig. »Die älteren Männer haben auch was für sich, machen wenigstens keine Seitensprüng' mehr.« »Vorwärts, weiter!« kommandierte der Spulendrechsler, der nicht geneigt war, die Nichte, die ihm die Wirtschaft führte, an einen Gatten abzutreten. »Angepackt! Auf!« Und das Wolkenschiff der Fee Cheristane segelte weiter, steuerte der zweiten Treppe entgegen und mutig die steilen Stufen aufwärts. Auf halber Höhe etwa ließ der wieder atemlos werdende Schinnerl vom Hinterrad her sich plötzlich vernehmen: »Wenn ich Ihnen recht wär', Fräul'n Marfa? Mir wär's eh' recht!« »Warum nicht?« kam pünktlich die Antwort vom Vorderrad; »wenn's dem Onkel und der Tant' recht ist, ist's mir auch recht. Heutzutag schaut unsereins durch die Finger, wenn's nur etwas wie ein Mann ist.« Wie eine himmelhoch jauchzende Liebeserklärung klang das gerade nicht, aber der Schinnerl hörte nur das Ja heraus. Er hätte am liebsten einen Freudensprung gemacht. »Jesses! wär's möglich, daß's möglich wär'?« »Kommen S' halt einmal in die Kuchel, da reden m'r weiter.« Das Hinterrad schwankte bedenklich und mit ihm der ganze in der Luft schwebende Zauberwagen. Frau Staudenmayer, die Gefahr lief, rückwärts überzukippen, schrie erschrocken auf. »Um Gottes willen! Wenn ihr mich fallen laßt, erlaub' ich's nicht!« »Und ich als Onkel leg' überhaupt ein sogenanntes Wetto ein«, sagte der Meister. Da hatten sie das zweite Stockwerk erklommen, die Fee Cheristane war außer Gefahr und landete glatt. Gemeinsam schoben Marfa und Schinnerl den Rollstuhl über Gang und Vorzimmer in den Konzertsaal hinein, einträchtiglich von hinten antauchend. Er wußte es dabei so einzurichten, daß seine auf der Schiebstange ruhende Hand die des Mädchens wohlig berührte. Es war das erste einverständliche Zusammenwirken in ihrem der Gemeinsamkeit entgegengehenden Leben. Und der Fahrstuhl rollte vorbedeutsam glatt dahin wie auf Gummirädern, nur über die Türschwellen gab es manchmal einen kleinen Hoppas. Aber sie fanden das nur natürlich, erblickten kein böses Zeichen darin und schienen sich auch über das sogenannte »Wetto« des Onkels keinen nagenden Sorgen hinzugeben.   Das ausgeräumte Speisezimmer hatte sich schon mit einer ansehnlichen Zahl erwartungsvoller Menschen gefüllt, die gespannt miteinander flüsternd das Muster des die Türöffnung gegen das Podium verkleidenden Teppichs studierten. Und noch immer strömten Erwartungsvolle zu. Im ersten Rang saß bereits Laurenz Hocheder neben Herrn Schmal, dem Buchhalter der Firma, und einer Reihe anderer Angestellter des »Seidenbaums«, auch Konrad Eybel, wie der Hahn im Korb zwischen der Principessa und Marianne. Im zweiten Rang Rumpsack, der Ehrendoktor der Schutzengelgasse, neben der Zwirner-Wettl, ferner kleinere Leute aus dem Geschäft, Kontordiener, Packer, Austräger, Schickmädchen und dergleichen. Dann die beiden Spulerinnen aus dem Werksaal und ein bißchen abgesondert ihrer zwei von den »Organisierten«: Herr Pimper, der entgleiste Fabrikant, der jetzt nichts als ein schlichter Handweber war, aber dem hohen Festtag und besonderen Anlaß zu Ehren sich heute in feierliches Schwarz gekleidet hatte und in seiner atlassenen Halsbinde eine aus der alten Herrlichkeit herübergerettete stattliche Busennadel trug, welche an sich schon für ein wertvolles kleines Kunstwerk gelten konnte, sie stellte das in Gold sachkundig ausgeführte niedliche Modell einer Spulmaschine dar, auf dem von den unzähligen winzigen Spülchen ein jedes wie bei einer richtigen und ausgewachsenen Spulmaschine sich um eine Spindel drehen konnte, so daß es bei der geringsten Bewegung, die Herr Pimper machte, ein feines, zierliches Klirren gab, was das Selbstbewußtsein des unters Rad Gekommenen erheblich stützte. Neben Pimper saß der zweite von den »Organisierten«, ein langer, dünner, halbverhungerter Hering mit gespannten, glaubenseifrigen Gesichtszügen, Herr Schirmann, der Methodist, der in seinem schlotternden und zerschlissenen Sommeranzug aus gebleichtem Drell eher einem vom Geist Gottes erfüllten Badediener als einem Seidenweber glich. Und endlich Beppi, die »Perle«, und viele andere auf Severins Wunsch gerne zugelassene Dienstmädchen aus dem Haus und der Nachbarschaft, in deren botmäßigem Dasein, seit sie Hausgehilfinnen hießen, sich nichts geändert hatte, als daß sie schwerer einen guten Dienstplatz fanden als früher. Diese freuten sich ganz besonders auf den Abend, weil es eine »Musi« geben sollte und sie auch einmal etwas Hübsches, vielleicht sogar Lustiges zu hören bekommen würden. Die dunkle, mächtige Stockuhr in der Zimmerecke zeigte schon beinahe die für den Beginn festgesetzte Stunde, da wendete Marianne Hocheder den Kopf und spähte von ihrem Sitz aus emsig rückwärts. Mit Befriedigung konnte sie feststellen, daß eine der Hauptpersonen noch fehlte, der hochrote Weber Toblak, Severins Kriegskamerad, der Blut zu sehen gewohnt war, wie man sich mit einer wohlig über den Rücken laufenden Gänsehaut im Hause und in der ganzen Schutzengelgasse erzählte, vielleicht würde dieser überhaupt fortbleiben? Das wäre ihr freilich am liebsten gewesen, sie hoffte es, vorderhand wenigstens war noch keine Spur von ihm zu erblicken. Dagegen gewahrte sie, wie Marfa und Schinnerl eben im Begriff standen, den Rollstuhl mit der Frau Staudenmayer, offensichtig auf deren Wunsch und Anordnung, ganz in den Hintergrund, noch hinter die letzte Sesselreihe zu schieben. Marianne erhob sich, um diesem Beginnen Einhalt zu gebieten und der Kranken, als Justinens Freundin, den gebührenden Platz anzuweisen, als sie im gleichen Augenblick bis ins Herz hinein erschrak: des Vaters hohe Gestalt war unvermutet im Rahmen der Eingangstür aufgetaucht. Um Gottes willen, wenn jetzt der Toblak doch noch kam? Der war imstande und sagte dem Vater ins Gesicht, daß er noch einmal etwas erleben würde! Der alte Hocheder stand einen Augenblick still, wie zögernd, ob er nicht lieber wieder umkehren solle; prüfenden Auges überblickte er die Versammlung, dann überschritt er langsam die Schwelle. In der gewohnten aufrechten Haltung von früher, die sein herrischer Wille der Krankheit abzwang, das Haupt mit dem noch immer vollen schneeweißen Haarbusch unnahbar hoch in den Wolken wie der richtige Pik von Teneriffa, betrat er jetzt das Zimmer – niemand hätte ihm angemerkt, daß er ein schwerleidender Mann war. Marianne eilte ihm entgegen. Sie war bestürzt. Er hatte aufs bestimmteste erklärt, dem Konzert nicht beiwohnen zu wollen, im letzten Augenblick mußte er sich anders besonnen haben. Vermutlich ging es ihm wider die Ehre, als einziger zu fehlen, wo das ganze Haus sich versammelte, sie fühlte, daß er es als eine Art Absetzung, als eine Toterklärung noch bei Lebzeiten empfunden haben würde, hätte er auf seiner ursprünglichen Absicht, der Veranstaltung fernzubleiben, beharrt. Sie bereute, durch ihre ausschlaggebende Befürwortung des Unternehmens den geliebten Vater in den Zwiespalt versetzt zu haben, entweder als Vereinsamter und Abgetaner auf seiner Krankenstube zurückzubleiben, oder mit Aufwand aller Kraft und Selbstbeherrschung den Michael Hocheder von einst zu mimen... Das alles schoß ihr, während sie sich niederbeugte, dem alten Herrn die Hand zu küssen, blitzartig durch den Kopf ... Und wenn nun gar am Ende der Toblak doch noch kam –? Es schwindelte ihr bei dem Gedanken. Als sie sich wieder aufrichtete, mußte sie sich mit dem Taschentuch Kühlung zufächeln. Die Zwirner-Wettl hatte den »Pik« kaum erblickt, so schoß sie feierlich von ihrem Sitz auf und verharrte in ehrerbietiger Haltung, wie Kinder in der Schule tun, wenn der Herr Lehrer eintritt. Andere folgten ihrem Beispiel, lautlose Stille war eingetreten unter den Anwesenden. Laurenz, nicht minder erschrocken als Marianne, ging ebenfalls dem Vater entgegen, ihn willkommen zu heißen. Er wollte ihn zum ersten Platz geleiten, dem Vorhang gerade gegenüber, und lud ihn ein, nach vorne zu kommen. Der alte Herr indessen, der die gesamte Lage rasch erfaßt und Frau Staudenmayer in ihrer freiwilligen Verborgenheit entdeckt hatte, bestand darauf, daß sie ebenfalls nach vorne kommen und den Ehrenplatz an seiner Seite einnehmen müsse. Er leitete selbst ihre Überführung nach der angegebenen Stelle und benahm sich überhaupt bei aller gewohnten Steilheit der Haltung vornehm, beinahe zuvorkommend. Von den Gemütern, zu denen außer Laurenz und Marianne auch Ursel gehörte, die bei seinem unerwarteten Erscheinen auf die Möglichkeit böser Verwicklungen gefaßt gewesen waren, begann der Druck zu weichen. Der Toblak war noch immer nicht da. Wenn er nicht im letzten Augenblick noch als unwillkommener Samiel aus der Versenkung aufstieg, so brauchte man wohl vor keiner Gefahr mehr zu bangen. Denn Michael Hocheder schien wie umgewandelt, oder mindestens hatte er heute einen ausnahmsweise sanften und umgänglichen Tag. Vielleicht freute es ihn wirklich, daß dem gesamten »Seidenbaum« etwas geboten werden sollte, es war ein Gedanke, der den Zusammenhalt des Hauses vor allen Geschäftsfreunden und der ganzen Schutzengelgasse erhärtete. Vielleicht wollte er auch betonen, daß er hier, wo es sich nicht ums Geschäft handelte, auf dem gleichsam unseitigen Boden einer Kunst- und edlen Unterhaltungsstätte, sich – vielleicht nicht gerade als Gleicher unter Gleichen – aber doch als Erster unter Gleichen fühle. Überdies mochte die Krankheit gewisse Umwälzungen in seinem Innern nach der gütigen Seite hin bewirkt haben. Jedenfalls empfanden es viele mit einer leisen Rührung, daß nicht wie sonst eisige Gletscherluft von ihm ausging, sondern eher etwas wie der wehmütige Widerschein der erlöschenden Sonne auf einsamem Berggipfel. Er trat sogar in die Sitzreihe, wo Herr Pimper seinen Platz hatte, der um seinen Wohlstand betrogene Fabrikant, mit dem er vor vielen Jahren befreundet gewesen, und richtete einige wohlwollende Worte an den unbeholfen stotternden und mit den Spülchen seiner Busennadel verlegen klirrenden alten Mann, wobei er ihm zum Erstaunen aller Umsitzenden das alte »Du« gab. Inzwischen hatte Marianne erst bemerkt, daß in Gesellschaft ihres Vaters auch Exzellenz von Mairold mitgekommen war. Dieser entschuldigte sich bei ihr, daß er ungeladen hier eindringe, Herr Hocheder, dem er einen Besuch machen wollte, habe ihn durchaus nicht wieder fortgelassen und seine eigene Teilnahme am Konzert davon abhängig gemacht, daß er, der General, ihn begleite. Sie bat ihn ebenfalls in die erste Sitzreihe, der verbohrte und mißmutige Mann aber lehnte ziemlich schroff ab. Aufrichtig gesagt, sei er nicht in der Stimmung, Musik zu hören, und wenn er schon dem alten Herrn zulieb sich genötigt sehe, eine solche »Festivität«, wie er sich ausdrückte, mitzumachen, die nach seiner Meinung ganz und gar nicht in die traurige Zeit passe, so wolle er wenigstens nicht, den Blicken aller preisgegeben, gleichsam auf dem Präsentierteller dasitzen. Durch Mariannens Einwand, es handle sich doch beileibe um kein Fest, sondern lediglich um ein bißchen Musikmachen zur harmlosen Zerstreuung von Leuten, die sich sonst nichts zu gönnen vermöchten, ließ er sich von seiner Meinung nicht abbringen. Der Taumel von Lustbarkeiten, in welchem die leichtfertige Bevölkerung dieser Stadt schwelge, sei ihm verhaßt, sagte er in der offenkundigen Absicht zu verletzen; und mit siegreich strafenden Blicken auf Severins Gesinnung anspielend, über die ihm gerüchtweise einiges zu Ohren gekommen sein mochte, fügte er hinzu: Musik gebe es in der Kirche genug, dazu brauche man sich nicht erst einen subversiven Freigeist aus Sibirien zu verschreiben. Damit verlor er sich, darauf beharrend, er wolle lieber im Verborgenen blühen, unter den Leuten und nahm in einer der hinteren Reihen neben der Zwirner-Wettl Platz. Etwas betreten, daß der Exzellenzherr sie so scharf angelassen und sogar einen tückischen Hieb gegen den geliebten Bruder geführt hatte, kehrte Marianne an Eybels Seite zurück. Der tröstete sie, indem er sagte: »Sie müssen bedenken, liebes Fräulein, daß der General zu den Enttäuschten gehört, denen die Zeit alles genommen hat, woran ihr Herz hing. Es ist ihm nichts geblieben als seine Verbitterung. Tragen Sie ihm nichts nach und lassen Sie uns Gott danken, daß wir noch jung und anpassungsfähig sind.« »Ich kann nicht begreifen,« sagte Marianne, »wie einer, der fortwährend den Glauben, die Religion, besonders aber die Kirche im Munde führt, sich so häßlich über einen Menschen äußern kann, den er kaum kennt, und der in seinem Leben so viel Hartes erfahren hat wie Severin.« »Die wenigsten ahnen,« erwiderte Eybel, »daß es eine Forderung der christlichen Lebensweisheit ist, da zu schweigen, wo man nicht lieben kann. Die feinfühligste Lebenslehre, die es gibt, die Bergpredigt, erkennt den, der tötet, nur des irdischen Gerichts schuldig, während sie denjenigen, der über seinen Nebenmenschen abspricht, des höllischen Feuers schuldig erkennt. Wer aber versäumte es nicht nur allzu oft, diesen Wink zu beherzigen? Wir alle stellen uns unter den sieben Todsünden etwas Ungeheuerliches, gewissermaßen Monumentales vor und bedenken selten, daß wir die eine oder andere von ihnen auf die unscheinbarste Weise täglich und fast stündlich begehen, mit jedem rasch aburteilenden Wort, jedem lieblosen Gedanken, jeder hitzig und flüchtig hingeworfenen Zeile, sogar mit dem oft scheinbar Nebensächlichen, das wir unterlassen, während wir es tun sollten. Könnten wir es dahin bringen, im alltäglichen Leben gegen jedermann stets liebenswürdig zu sein – nicht im Sinne der äußerlichen Geselligkeit, aber im Sinne des Herzens – so wäre dadurch für unser Innenleben vielleicht mehr erreicht, als durch alle kirchliche Strenggläubigkeit, besonders wenn diese sich etwas darauf zugute tut, die alleinige Wahrheit zu besitzen, was dann leicht zur Überhebung über den Andersdenkenden führt, das heißt zur Hoffart, der Königin unter den sieben Todsünden.« »Ähnliches hat mir wohl auch Pater Wilfrid, mein Beichtiger, gelegentlich leise andeuten wollen, wenn ich ihn recht verstanden habe«, sagte Marianne. Frau Staudenmayer war inzwischen auf dem für sie bestimmten Ehrenplatz bestallt und eingerichtet. Herr Michael Hocheder hatte an ihrer Seite Platz genommen. Alles war gespannte Erwartung. Da fiel Mariannen wieder der Weber Toblak ein, der noch immer kommen konnte. Es war ein Gefühl, wie wenn man aus einem kurzen Schlaf erwacht und das Bedrückende, das vorübergehend verdunkelt war, peinigender als früher zurückkehrt. Schon hatte sie sich in einer gewissen Sicherheit gewiegt, an keine Gefahr mehr gedacht. Und nun plötzlich – wenn die Eingangstür sich noch einmal auftat ... wenn der Vater umblickte .., wenn er den Menschen eintreten sah, den sein Auge vermutlich gesucht hatte, als er auf der Schwelle noch zögerte, ob er nicht wieder umkehren solle ... den Abgesandten des Aufruhrs sozusagen, dessen Fehlen in der Versammlung ihn vielleicht in jene seltene freundliche Laune versetzte, die alle erlösend empfanden... den Gegenspieler gleichsam gegen sein Lebenswerk, der auf ihn, wenn nicht ein Wunder geschehen war, wie das rote Tuch auf den Stier wirken mußte ... wenn das Unglück es wollte, daß dies geschah – welch unabsehbare Folgen könnten sich daraus entwickeln! Bis zum Hals herauf spürte Marianne ihr Herz pochen. Ein heißes Stoßgebetlein stieg zum Himmel. Und in ihrer Not versprach sie dem heiligen Judas Thaddäus in der Kirche »Zu den neun Chören der Engel« eine Wachskerze auf die gute Meinung, daß die Sache noch einen guten Ausgang nehmen möchte... Und da fuhr sie schreckhaft zusammen. Hinter dem Vorhang war ein Akkord angeschlagen worden. Und fast gleichzeitig gab es an der Eingangstür einen Knacks. Schnell warf sie den Kopf herum, was bedeutete das? Ein Schlüssel war umgedreht worden, vor der Eingangstür stand wie der Engel mit dem Flammenschwert der Pförtner, Nachtwächter und Hausmeister des Hauses »Zum Seidenbaum«, Tobias Jellen, der das Schlüsselamt im ganzen Haus versah und alle Auf- und Zuschließ-Werkzeuge in seiner Obhut hatte, vom Kellerschlüssel über den Waschküchenschlüssel, den Haustorschlüssel, die Kontorschlüssel und so weiter bis hinauf zum Ladenschlüssel. Es war klar: der Akkord kündigte den Beginn des Conzertes an und war auch zugleich das verabredete Zeichen für Tobias Jellen, die Eingangstür zu verschließen und keinem Zuspätkommenden Einlaß zu gewähren. Ein Stein fiel von Mariannens Herzen, das voll verschwiegenen Jubels war. Und erleichtert aufatmend, während der Vorhang sich langsam und wie von selbst zur Seite schob und Justine am Flügel, in ihrem Goldhaar wie eine Lichterscheinung anzusehen, und Severin mit der Geige in der Hand sichtbar wurden, flüsterte sie dem Hauptmann an ihrer Seite zu: »Jetzt kann von mir aus der Toblak kommen, wenn er mag! Es hat keine Gefahr mehr, er bleibt ausgesperrt ... Gott sei Lob und Dank!« »Und dem heiligen Judas Thaddäus!« gab Konrad lächelnd zurück. Mit dem Ausdruck ratloser Verwunderung sah sie ihn an. Konnte er Gedanken lesen? Lautlose Gebete des Herzens vernehmen? Schaute er sie durch und durch? Es blieb ihr unerklärlich, wie er ihre Beziehungen zum heiligen Judas Thaddäus hatte erraten können. Dem Hauptmann machte es Spaß, sie ein wenig hinzuhalten, auch hielt er die Gelegenheit für günstig, endlich das Geheimnis jener Perlenstickerei in der Kirche am Hof zu lüften, wo er Mariannen damals am Seitenaltar des wundertätigen Heiligen hatte knien sehen. Ganz leise, denn Justine und Severin hatten bereits zu spielen begonnen, sagte er ihr ins Ohr: »Heiliger Thaddäus, beschütze ihn und gib, daß er aus diesem großen Krieg ...« »Woher wissen Sie –?« Sie war vor Staunen fast sprachlos. »Was weiß ich denn? Nicht einmal, für wen der Heilige sich im Krieg verwenden sollte, und das wüßt' ich doch gern.« Sie zögerte einen Augenblick, dann sagte sie ihm leise ins Ohr: »Für dich!« »Du bist lieb und gut«, gab er ebenso leise zurück. Zum erstenmal duzten sie sich. Und diese Vertraulichkeit war mit einem so merkwürdig süßen Prickeln verbunden, daß sie gar nicht aufhören wollten miteinander zu tuscheln, wie ungezogene Schulkinder tun, die während des Unterrichts schwätzen. »Lachst du mich aus?« fragte sie wieder beinahe unhörbar wie vorhin. »Das gerade nicht, aber ...« »Der Heilige hat dich doch auch wirklich in seinen Schutz genommen?« »Wollen wir nicht lieber annehmen, daß es der liebe Gott war?« »Auch gut, die Hauptsache bleibt, daß ich dich habe.« »Und ich dich! Was sagt denn Pater Wilfrid zu deinem wunderlichen Heiligen?« »Um Gottes willen, verrat' mich nicht! Ich glaube, er würde mich auslachen wie du.« »Ich lache dich nicht aus!« »So lächelst du mich wenigstens aus!« »Durchaus nicht! Denn ich nehme an, daß es Gott und dein Glaube waren, die mich beschützten.« Der wispernden Unterredung, die wie ein süßes Kosen und Liebesgetändel war, setzte jetzt das Piano der Spielenden ein jähes Ziel. Es sank allmählich zu einem ätherischen Pianissimo herab, das nur mehr wie ein Hauch durch den Raum zitterte. Und sterbend in Schönheit klang die erste Nummer aus. Konrad und Marianne hatten so gut wie nichts davon vernommen. Aber als jetzt der Beifall losbrach, klatschten sie natürlich kräftig mit. Das Programm war aus leichter, aber nicht minderwertiger Musik zusammengestellt. Das Anmutige und Heitere überwog. Die aus Mozart und Haydn ausgewählten Stücke versetzten auch des einfachsten Zuhörers Seele in rhythmisches Mitschwingen. Noch volkstümlicher sprach der Melodienreichtum Schuberts an, der für Frau Staudenmayer den Inbegriff aller Seligkeiten bedeutete. Das Haupt in ihren Rollstuhl zurückgelehnt, lächelte sie beglückt durch die Zimmerdecke hindurch in den offenstehenden Himmel hinein, und Justine, die sie während des Spielens wiederholt beobachtete, fühlte es mit klarerem Hellblick als je, daß uns keine Kunst so innig mit dem Unirdischen verbindet wie die Musik. Strauß und Lanner, durch die Art des Vortrags zu vollberechtigten Klassikern erhoben, fuhren Jüngeren und Älteren in die Beine, sogar die Zwirner-Wettl wiegte so hingegeben den Oberkörper hin und her, als hätte auch sie in jungen Jahren, gleich ihren glücklicheren Freundinnen von damals, sich im Tanze gedreht und geschwungen. Ach, es war immer ein unerfüllter Traum geblieben! An Tanzen hatte die Verwachsene außer in ihrer Einbildung und mit ihrer Sehnsucht niemals denken dürfen; auf ihrem armen, mühseligen Rücken trug sie ein fremdes Ding mit sich durchs Leben, das Böswillige einen »Buckel« nannten. Zwischen den Klavier- und Geigenvorträgen sang Severin zur Laute, deren Töne füllig wie die einer Harfe klangen, in den vollgriffigen Akkorden manchmal beinahe an eine Orgel erinnern konnten. Er hatte eine unerschöpfliche Auswahl der schönsten und edelsten deutschen Volkslieder zur Verfügung, auch heitere und schmelzende Worte und Weisen aus den österreichischen Alpen. Das ging ins Ohr, das beflügelte, erhob von der Erde, machte weich und liebreich. Immer wieder wurden Zugaben verlangt, und der alte Hocheder war der erste, der jedesmal das Zeichen zum Beifall gab. Er war ja Jahrzehnte hindurch in seiner rastlosen beruflichen Arbeit fast vertrocknet, durch geschäftliche Sorgen der freien, vom Zweck erlösten Bewegung des Herzens entfremdet. Nun fiel die Musik wie befruchtender Regen auf das Weizenkorn des jedem Sterblichen eingeborenen Jenseitsbedürfnisses, das so lange mit seinem zur Mumie erstarrten Menschentum im Felsengrab des engen bürgerlichen Alltags eingeschlossen gewesen. Und irgendwie, ob auch viel zu spät, begann's in ihm zu sprießen und zu wachsen ... Allen zu früh machten die beiden Künstler Schluß, sie hatten die Dauer einer durchschnittlichen Musikvorführung ohnedies schon überschritten und wollten die Zuhörer nicht abstumpfen. Michael Hocheder erhob sich, er trat auf Justine zu, drückte ihr die Hand und küßte sie auf die Stirn, was er noch niemals getan hatte. Dann streckte er auch Severin die Hand entgegen. Die Geste war etwas steif und unfrei, die anerkennenden Worte, die er über die Wahl der Stücke, deren Ausführung, das treffliche Zusammenspiel äußerte, klangen etwas gezwungen und ließen die erwärmende Unmittelbarkeit zwischen Herz und Zunge vermissen. Aber man kannte ihn doch! Es fehlte ihm überhaupt die Fähigkeit, Gefühle auszusprechen. Sein ganzes Wesen sträubte sich dagegen, in sich hineinblicken zu lassen, er pflegte jede Anwandlung von Weichherzigkeit ängstlich zu verbergen und wollte lieber nüchtern, sogar verhärtet erscheinen als empfänglich oder ergriffen. Sonach war es schon alles mögliche, daß er überhaupt die Absicht bekundete, seine Eindrücke in rückhaltlos zustimmende Worte zu kleiden. Und daß diese Eindrücke noch tiefer gewesen sein mußten, als er es auszudrücken vermochte, das ließ sich aus der besonderen Huld erschließen, mit der er den Sohn ersuchte, nun auch noch ein Lied eigener Komposition als Zugabe zu bringen. Severin, wohltuend berührt von dem so ungewohnten wie unerwarteten Strahl väterlicher Gnade, der sein ganzes bisher höchstens geduldetes, wo nicht gar angefeindetes künstlerisches Streben nachträglich zu rechtfertigen und für die Zukunft zu ermutigen schien, war mit schlecht verhehlter Freude gern dazu bereit. Nach kurzer Beratung mit Justine sang er zur Laute: Heumahd Auf blumigem Anger tanzen Ringelreihn Die Kinder, fröhlich singend in der Runde, Und Schnitter, lagernd müd am Meilenstein Zur Mittagsrast, schaun zu mit malmendem Munde. Von Arbeit stumpf, denkt jeder: Junges Blut! Das jauchzt und tollt und dreht sich nur geschwinder, Je heißer Sonne brennt – und könnt' so gut Im Schatten ruhn. Ein seltsam Volk, die Kinder! Gemach! Auch jener Anger kommt bald dran, Dann stockt der Tanz, verstummen jäh die Lieder. Die Sense klingt und setzt zur Heumahd an, Und Gras und Blumen sinken seufzend nieder. Die Komposition, voll packender Harmonien und Dissonanzen, hatte bei aller Eigenart etwas Volksliedmäßiges und drang, während sie sich ins Ohr schmeichelte, unwiderstehlich bis in die Tiefe der Herzen vor. Auch der alte Hocheder schien sichtlich bewegt. Die knappen drei Strophen, die das Gefühl der Vergänglichkeit so ergreifend mit dem Bilde einer harmlos fröhlichen Kindheit verknüpften, mochten Gedanken an seine eigenen Kinderjahre in ihm aufgewühlt haben, Gedanken an sein voraussichtlich nicht mehr fernes Abscheiden von dieser Erde, wo er es versäumt hatte, sich der Blumen zu freuen, weil er nur immer an die Arbeit und den durch sie zu erreichenden Zweck, die Ernte, hatte denken müssen. Tränen standen ihm in den Augen, als er sich von seinem Sitz erhob. Zum erstenmal seit undenklicher Zeit vergaß er zu verschleiern, was in ihm vorging, und folgte ohne Stolz und falsche Scham dem Trieb seines Herzens, indem er den Sohn in seine Arme schloß und an die Brust drückte ... Gegenseitiges Verstehen, Eintracht, Liebe, seltene Gäste unter den Menschen, in den Familien, sogar unter den Nächststehenden, durchsonnt das Haus »Zum Seidenbaum« mit eurem milden Lichte wenigstens für die kurzen Stunden, ehe neue Gewitterwolken über den umgebenden Feuermauern aufziehen und über dem alten schirmenden Dach sich zu düster dräuendem Unheil ballen! ... Der sandsteinerne Engel, das unscheinbare aber ehrwürdige Wahrzeichen der Schutzengelgasse, hatte für ein paar Augenblicke seine Mauernische, ein paar Häuser weiter unten, verlassen, er lugte, neugierig wie er war, dem »Seidenbaum« verstohlen in die Fenster. Er spähte durch die Scheiben in die Zimmer hinein, bald in die Wohnung des jungen Hocheder-Paares, bald in die des alten Herrn Michael Hocheder. Er legte sein Ohr an Ritzen und Spalten und lauschte. Er freute sich und wollte in Jubel ausbrechen, und dann stutzte er wieder, schüttelte den Kopf, erschrak und sorgte sich. Und schließlich zog er sich unhörbar, wie er gekommen, wieder zurück, schlich traurig die Gasse entlang und stieg mit einem schweren Seufzer auf sein altes verwittertes Fußgestell in der Mauernische, mit dem festen Vorsatz, es nie wieder zu verlassen. Dort steht er denn auch noch heute, wie er immer stand, mit segnend ausgestreckter Hand zwar, aber starr, kalt und steinern, als nähme er keinen wahren Anteil mehr an den Menschen und wolle von ihrem ewig gleichen friedlosen Treiben für Zeit und Ewigkeit nichts mehr wissen ... Nachdem die Flut der Gäste sich verlaufen, waren Severin und die Principessa noch bei Laurenz und Justine in deren Wohnung zurückgeblieben. Hauptmann Eybel und Marianne, welche gemeinsam die Einrichtungsgegenstände an die richtigen Plätze zurückgebracht und die gewohnte Ordnung wiederhergestellt hatten, verweilten noch. Man besprach mit Befriedigung den Verlauf des gelungenen Abends. Die anfängliche Sorge über das Erscheinen des alten Herrn war einer ungeteilten Freude und Genugtuung über die unerwartet günstige Aufnahme gewichen, die er dem Dargebotenen hatte zuteil werden lassen. Man glaubte ihn als Menschen gewissermaßen neu entdeckt, oder doch erst richtig erkannt zu haben. Man versprach sich von der zwischen ihm und Severin vollzogenen Annäherung Segen für beide wie für das ganze Haus. Man gab der Hoffnung Ausdruck, daß ihm etwas wie eine neue Welt erschlossen worden sei, aus der fortan ein aufmunterndes Licht in das Düster seines eintönigen und freudlosen Alters fallen würde. Sogar die Erwartung wurde ausgesprochen, daß sein schweres Leiden wo nicht behoben, so doch gelindert und erträglicher gestaltet werden könne, wenn sich vielleicht öfters die Gelegenheit böte, seinem Gemüt durch das Stahlbad der Kunst neue Schwungkraft zu verleihen. Die freudige Erregung spiegelte das Unwahrscheinliche beinahe schon als erfüllte Wirklichkeit vor. Und besonders Marianne, die ja unter dem Zustand des Vaters am bittersten litt, vertraute darauf, daß mit dem heutigen Tage etwas wie ein neuer Abschnitt in seinem und damit auch in ihrem Leben beginnen würde. Als künftige Braut und Gattin ihres Konrad ernstlich gewillt, in jeder Hinsicht stets ein Herz und eine Seele mit ihm zu sein, war sie doch auch nicht minder fest entschlossen, in einem Punkte, einem einzigen nur, sich ein allereigenstes Sonderrecht vorzubehalten und dieses gegen jedermann, auch gegen ihn, wenn es nötig sein sollte, hartnäckig zu verteidigen. Denn dem heiligen Judas Thaddäus, der ihr schon wiederholt in schweren Nöten Treue bewahrt, wollte auch sie Treue halten, was immer auch für spöttische Bedenken der Hauptmann dagegen vorzubringen wüßte. Um die gleiche Stunde saß in der anstoßenden Wohnung des Herrn Michael Hocheder im Haus »Zum Seidenbaum« der General von Mairold plaudernd mit dem alten Herrn zusammen, der ihn eingeladen hatte, zu ihm herüberzukommen und noch eine Zigarre bei ihm zu rauchen. Der Gletscher des »Pik« war überraschend zurückgegangen und zusammengeschmolzen, der alte Herr befand sich in heiterer Stimmung. Melodisch, den tief eingenisteten Unmut überflutend und hinwegspülend, schwangen die gewonnenen Eindrücke in ihm nach. Und nachgenießend erwähnte er und erinnerte er sich mit fortklingendem Anteil derjenigen Lieder und Musikstücke, die ihn am tiefsten berührt hatten. »Es war fein und taktvoll von Severin und Justine,« sagte er unter anderem, »daß sie den Weber Tablak nicht eingeladen haben. Er ist ein Umstürzler, wie mir berichtet wurde, ein Kommunist oder etwas dergleichen. Er hat die Lektion verdient, daß er der einzige vom ganzen Hause war, der nicht zugelassen wurde.« »Wissen Sie so bestimmt, daß er nicht geladen war?« fragte der General mit spöttisch gekniffenen Augen. »Ich wäre noch auf der Schwelle umgekehrt,« sagte Herr Michael, »wenn ich den mir in der Seele verhaßten Kerl unter den Zuhörern erblickt hätte.« »Dann ist es ja gut, daß er aus freien Stücken fortblieb«, bemerkte Exzellenz von Mairold scheinbar trocken und nebenher. »Wieso aus freien stücken? wenn er nicht geladen war, konnte er nicht kämmen!« Jetzt erleichterte endlich der General seine Brust: »Er war aber geladen.« »Woher wissen Sie das?« brauste Michael Hocheder auf. »Ich kam da zufällig neben diese bucklige Person zu sitzen, Werkführerin, oder was sie sonst bei Ihnen ist. Die erzählte mir in einer Pause allerlei Wissenswertes.« »Was erzählte sie?« »Ich würde Ihnen die Antwort schuldig bleiben, um sie nicht unnötig aufzuregen«, sagte mit einer Art Amtsmiene der General – »aber ich darf als Ihr Freund und auch als Freund der Ordnung und Gegner des Umsturzes nicht schweigen, wenn ich zu meinem größten Kummer erfahre, wie Ihrem Sohn Severin seine alten Beziehungen zu subversiven Elementen höher stehen als die Ehre Ihres Hauses. Dieser Toblak ist sein Freund und Kriegskamerad! Und diesem notorischen Bolschewiken zulieb, nicht etwa um Ihnen ein Vergnügen zu bereiten, wurde heute das Konzert veranstaltet, wenn neben Ihnen, Herr Hocheder, auf dem Ehrenplatz nicht auch jener Falott saß, der sich jedermann gegenüber rühmt, daß er gewohnt sei, Blut zu sehen, so danken Sie dies lediglich dem sauberen Herrn Toblak selbst. Denn dieser soll sich im Werksaal vor allen Leuten in den unflätigsten Ausdrücken geäußert haben, er pfeife, mit Respekt zu sagen, auf eine Veranstaltung, wo er Gefahr laufe, mit einem kapitalistischen Fabrikanten, einem Blutsauger, wie Sie einer seien, beisammenzusitzen. wenn jemand sein und taktvoll gehandelt hat, so war es also eher noch dieses gefährliche Subjekt als die Konzertgeber, die die Einladungen ergehen ließen. Der Sozialist, vielleicht sogar Nihilist zeigte als Organisierter wenigstens noch Klassenbewußtsein und Korpsgeist, indem er fernblieb, während die andere Seite beides in bedauerlichem Maße vermissen ließ, kein Wunder, wenn unter diesen Umständen die bürgerliche Gesellschaft dem Untergang entgegengeht!« Er hielt inne, er erschrak selbst über die Wirkung, die seine Worte auf Michael Hocheder ausübten. Das Blut war dem alten Herrn in den Kopf geschossen, seine Augen traten aus den Höhlen, es sah aus, als sollte der Schlag ihn rühren. »Falsche Freunde lieben es, die Dinge zu verschleiern«, sagte der General noch wie zu seiner eigenen Rechtfertigung. »Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es ein schlechter Dienst ist, den man einem damit erweist, und daß die Pflicht des wahren Freunde; es fordert, demjenigen, dem man wohlwill, reinen Wein einzuschenken. Auch die unangenehme Wahrheit, die man zu hören bekommt, ist noch immer wertvoller als die Lüge.« Der alte Herr erwiderte nichts darauf und nickte nur mit dem Kopf, kraftlos in sich zusammengesunken und starr vor sich hinblickend. Exzellenz von Mairold versuchte jetzt das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu lenken, er berührte diesen, er berührte jenen Stoff, warf bald die eine, bald die andere Frage auf, aber stets mit keinem andern Erfolg, als daß er Monologe hielt. Michael Hocheder blieb einsilbig, gab keine einläßlichen Antworten mehr, schien geistesabwesend und verloren, als sei ein eiserner Vorhang vor seinen Sinnen heruntergelassen, der sie von der Außenwelt abschloß, schließlich verabschiedete sich der General und sagte noch: »Lassen Sie sich's nicht nachgehen, der Severin hat's vielleicht so bös nicht gemeint! Und wer weiß, wieviel von der ganzen Sache nichts als ein Geträtsch des Werksaals ist.« »Dann machen Sie nicht den Zwischenträger!« schrie Michael Hocheder ihm plötzlich wutschäumend ins Gesicht und kehrte ihm den Rücken. Ohne ihm noch einmal die Hand zu reichen, schnalzte er mit den Fingern: »Maria Lichtmeß!« Als der General die Treppe hinunterstieg, schäumte auch er vor Wut. Das war der Dank in diesem verkommenen Zeitalter, wenn einer ein ehrlicher, offener und gesinnungstüchtiger Charakter blieb!   Den darauffolgenden Vormittag, einen Werktag, war Justine von ihrem Krankenbesuch bei Frau Staudenmayer, der ihr zum Bedürfnis geworden, eben in ihre Wohnung zurückgekehrt und damit beschäftigt, die frisch gebügelte Wäsche durchzusehen und zu zählen, als Beppi, ihr Mädchen eintrat: Herr Severin wünsche sie zu sprechen. Es ging erst gegen elf Uhr, um diese Zeit konnte für gewöhnlich keiner von den im Geschäft tätigen Herrn von seiner Arbeit abkommen. Die Schreibstuben zu verlassen, bevor der »Schustermichel«, die große Glocke vom Laurenziturm, die Mittagsstunde verkündete, war nicht üblich. Auch für Severin, obgleich die ihm zugewiesenen Verrichtungen nicht gerade zu den wichtigen gehörten, galt diese Regel; es hätte Anstoß erregt, wenn er sich an die bestehende Ordnung nicht gehalten haben würde. Etwas befremdet ging Justine ins Klavierzimmer hinüber und traf ihn am Flügel sitzend, doch spielte er nicht. Auf dem geschlossenen Instrument ruhten seine gekreuzten Arme, in die er sein Gesicht verbarg. Durch ihr Eintreten aufgeschreckt, hob er den Kopf, seine Züge waren bleich und verstört, auf den ersten Blick wußte sie, daß etwas Unliebsames sich ereignet haben mußte. »Nun kommt es endlich zur Entscheidung«, rief er ihr entgegen, ohne ihre Frage abzuwarten oder sie auch nur zu begrüßen. »Ich verlasse für immer das Haus. Der Vater hat mir den Stuhl vor die Tür gesetzt.« In ihrer Bestürzung wußte sie gar nicht, wo sie anfangen sollte zu fragen. »Im Grunde bin ich froh,« sagte er, »daß die Fesseln gesprengt sind. Mir ist zumute wie einem Sträfling, dem der Kerkermeister die eisenbeschlagene Tür öffnet mit den Worten: du darfst nicht länger hier bleiben. Welcher Gefangene wird sich das zweimal sagen lassen?« »War das hier wirklich nur ein Gefängnis?« fragte sie bitter. »Komm mit, dann wirst du sehen, was Freiheit ist!« Sie überhörte geflissentlich die leidenschaftliche Aufforderung, sie konnte noch nicht daran glauben, daß der gewohnte Gang der Dinge so jäh unterbrochen, dem lieben Beisammensein ein so plötzliches Ende bereitet werden sollte. Noch klammerte sie sich an die Hoffnung, daß sein heißes Geblüt sich in uferlosen Übertreibungen gefalle. »Severin, ich bitte dich, brich nicht leichtfertig die Brücken hinter dir ab! Der Vater zeigte sich gestern so überaus wohlwollend, wir alle setzten die größten Hoffnungen darein für dich und deine Zukunft. Es ist nicht möglich, daß er seine Gesinnung über Nacht geändert habe, es kann nur ein Mißverständnis obwalten. Was hat sich zugetragen? Worum handelt es sich bei diesem neuerlichen Zerwürfnis? Ich bin überzeugt, es wird sich durch gütliche Aussprache beilegen lassen. Ich selbst will mit dem Vater reden, er war auch gegen mich gestern gütig wie noch nie, er wird meinen Bitten nicht widerstehen und seine Entscheidung zurücknehmen.« »Vielleicht, obwohl ich es nicht glaube. Jedenfalls werde ich die meinige nicht rückgängig machen. Ich habe mit dem Sozialisten unten im Werksaal, der dem Vater so arg auf die Nerven geht, nichts gemein als Erinnerungen aus der Kriegsgefangenschaft, ich habe auch weiter gar nichts für ihn übrig, er ist ein armer Mensch, wie es deren viele gibt, und sonst ein dummer Kerl, der mich eigentlich nichts angeht. Aber ich bin kein grüner Junge und lasse mir nicht verbieten, mit ihm zu sprechen, wenn es mir beliebt, oder ihn zu einem Konzert einzuladen, wenn ich eins gebe. Wenn ich meine Perlen schon vor die Säue werfe, so gilt mir ein verbissener Bourgeois als Zuhörer genau so viel und nicht um ein Haar mehr als ein verbissener Sozi. Die weltbewegende Frage, ob es vielleicht passender gewesen wäre, nur dem einen vorzuspielen und dem andern nicht, kümmert mich wenig. Mir daraus einen Strick zu drehen, ist eine Lächerlichkeit, die ich eben nicht anders als mit dem gebührenden Lachen beantworten kann. Aber darum handelt es sich jetzt gar nicht mehr, ich habe Wichtigeres und Ernsteres auf dem Herzen ...« Er wollte fortfahren, aber erregt fiel Justine ihm ins Wort. »So ist die gestrige Veranstaltung wirklich der Anlaß so arger Mißhelligkeiten geworden?« rief sie bekümmert. »Dann wären wir ja alle gleichermaßen schuldig, nicht du allein! Erkläre mir, wie der Vater die Sache auffaßt, damit ich seiner Verstimmung begegnen und es verhindern kann, daß eine Lappalie zu einer Staatsaffäre aufgebauscht wird.« »Ich bitte dich, erlaß es mir,« sagte Severin, »den langweiligen Brei noch einmal aufzurühren. Kleine Ursachen haben oft große Wirkungen, und wenn eine Lappalie, wie du es richtig nennst, von irgendeiner Klatschbase in die entsprechende Beleuchtung gerückt, hinreicht, Vater und Sohn für immer voneinander zu scheiden, so beweist das nichts anderes, als daß sie in Wahrheit schon längst, vielleicht seit jeher voneinander geschieden waren und nur ein falscher Schein das Gegenteil vortäuschte.« »Daß Gegensätze zwischen euch seit jeher bestanden,« sagte Justine, noch immer bestrebt, die Mittlerin zu machen, »das wird niemand leugnen. Aber wo gäb' es keine Gegensätze zwischen einander Nahestehenden? Sie lassen sich mit einigem guten Willen meist überbrücken. Der Vater wird mangelhaft unterrichtet gewesen sein, eine von uns vielleicht nicht ganz richtig angefaßte, im ganzen aber doch harmlose Sache wurde ihm vermutlich in falschem Licht dargestellt, sein krankhafter Zustand verhinderte ihn, alle Umstände mit Besonnenheit zu prüfen, und schließlich wirst vielleicht auch du ihm nicht mit jener Mäßigung begegnet sein, die einem kranken alten Mann gegenüber angebracht gewesen wäre. Aus alldem ergibt sich, daß der Bruch nicht unheilbar zu sein braucht. Es wäre unverantwortlich und töricht, mit duldender Untätigkeit dabei zuzusehen, wie ganz ungeheuerliche und nicht auszudenkende Folgen für dich, für uns alle aus einer Verwicklung hervorwachsen, deren tatsächlichen Inhalt du selbst als untergeordnet und belanglos bezeichnest.« »Ich gebe zu,« antwortete Severin, »daß auch ich heftig wurde, ein Wort gab eben das andere, und die Reizbarkeit ist nun einmal mein Erbgut und das Kapital, mit dem ich wuchere. Aber nicht solche und andere Nebensächlichkeiten bestimmen meinen Entschluß, der unerschütterlich feststeht. So gleichgültig mir der Fall an sich wäre, so hat er mir doch die Augen geöffnet über die Unwürdigkeit meiner Stellung in diesem Hause. Und so wenig Bedeutung ich ihm hinsichtlich des Tatsächlichen, das darin steckt, beimessen würde, so bedeutungsvoll ist er als Symptom. Denn er kennzeichnet die Luft, die in diesem Hause weht, und ich bin es satt, Stickluft zu atmen. Ich sehne mich danach, mir den Wind wieder frisch und fröhlich um die Ohren wehen zu lassen! Ich muß heraus aus dieser Enge, die mir den Atem verlegt und mich krank macht! Justine!« rief er aus, indem er ihre Hand ergriff und sie neben sich auf den freistehenden Klaviersessel niederzog, so daß er nun ganz nahe, den Mund fast an ihrem Ohr, zu ihr sprechen konnte. »Justine! Du kannst nicht allein hier zurückbleiben, du mußt mit mir kommen! Ich brauche dich, weil ich dich liebe, es bräche mir das Herz, wenn ich zusehen müßte, wie deine große, freie Seele zwischen diesen Mauern verkümmert, stumpf wird allmählich in dem Einerlei einer spießbürgerlichen Umgebung, für die du so wenig geboren bist wie ich selbst. Folge mir hinaus ins Leben, in die Freiheit! Schon als ganz junge Menschenkinder hat der natürliche Trieb der Herzen uns zueinander gezwungen, das Schicksal hatte uns füreinander bestimmt, Gott selbst, wenn du willst, uns einander in die Arme geführt! Was uns trennte, das waren die Menschen, besser gesagt die Leute, diese verfluchte Vettern- und Basenschaft, die ihr Ziel darin erblickt und immer erblickt hat, keinen Flug zu den Sternen aufkommen zu lassen und den Seelen die Schwingen zu beschneiden, um sie in ihre eigene Beschränktheit herunterzuzwingen. Damals, als wir gemeinsam entfliehen wollten, da war vielleicht noch etwas wie jugendliche Abenteuerlust mit im Spiele, auch ist es möglich, daß wir unsere noch unentwickelten Kräfte überschätzten, wir waren Anfänger in der Kunst, ich gebe zu, vielleicht wären wir gescheitert. Heute, als Reifgewordene in menschlicher und künstlerischer Hinsicht, überblicken und beherrschen wir die Lage mit ungleich größerer Sicherheit. Wir schlagen uns durch, ich schwör' dir's! Verlass' mich nicht in dieser Schicksalsstunde, Justine! Du gehörst zu mir wie ich zu dir, du würdest das kümmerliche Dasein einer Pflanze fristen, der man die Sonne entzogen hat, wolltest du dich von mir sondern und mit der Liebe zu mir und der Sehnsucht nach Leben im Herzen im stockenden Pfuhl der Lüge zurückbleiben. Denk' an die freie Gebirgswelt, in der du aufgewachsen bist! So leicht und frei wie auf himmelsnaher Bergeshöhe werden wir Seite an Seite durchs Leben schreiten, verbunden durch eine jubelnde Kameradschaft im Zeichen der erhabensten aller Künste. Dann wirst du nicht mehr dein eigener Schatten, dann wirst du endlich du selbst, zum erstenmal in deinem Leben du selbst sein! Welches Gefühl des Erlöstseins würde dich dann beseligen! Wie würdest du die Stunde preisen, in der du alle Hemmungen abgeschüttelt und dich für mich, das heißt für dich selbst entschieden hast! Kannst du noch zögern? Dich an den Kerker klammern, wenn das Licht schon durch die aufgesprengte Pforte dringt? Kannst du mich, der dich liebt und den auch du liebst, aus schwächlicher Bedenklichkeit im Stich lassen? Sag', Justine, kannst du das?« Mehr als einmal, während er mit herabgedämpfter Stimme in leidenschaftlich sich überstürzenden Worten auf sie einsprach, hatte sie ihm ihre Hand entziehen, sich von ihm losmachen wollen. Jetzt, da er sie endlich freigab und erwartungsvoll, als hätte sie über Tod oder Leben zu entscheiden, an ihren Lippen hing, erhob sie sich und zog sich fluchtartig aus seiner Nähe zurück. Auf dem kleinen Diwan, der dem Flügel gegenüberstand, ließ sie sich erschöpft und wie entkräftet nieder und starrte ihn mit großen, entgeisterten Augen an. »Du sagst, Gott hätte uns für einander bestimmt, aber vor Gottes heiligem Altar hab' ich gelobt, dem Laurenz ein treues Weib zu sein bis in den Tod. Gibt es einen Gott, vor dem Treubruch nicht eine schwere Sünde wäre?« »Wenn du den Vater befragst und nicht dein Herz, dann bin ich allerdings ein Gott- und Sittenloser.« »Und darf das Herz«, fragte sie von Zweifeln zerrissen, »Entscheidungen treffen, welche die der Pflicht verleugnen? Dann wäre dein Gott, Severin, wenn es ihn überhaupt gibt, ein Spielball in den Händen deines Willens und deiner Leidenschaft.« »Höre, Justine, du sollst mich nicht ungerecht beurteilen wie der Vater«, sagte Severin ruhiger geworden und mit tiefem Ernst. »Auch mir ist die Welt nicht entgottet und entsittlicht, doch ist mein Gott ein göttlicher, kein bürgerlicher Gott und meine Sittlichkeit kein Schnürleib, die Seelen einzuzwängen und zu verkrümmen. In einer Adventpredigt, die wir beide mit anhörten, sprach unlängst Pater Wilfrid, der dir gewiß nicht als ein Gottloser und Zerstörer von Verantwortung und Gewissen gilt, über die Hingabe des einzelnen an die Allgemeinheit und feierte diese Hingabe als oberstes Pflichtgebot. Er erwähnte, daß sie in Zeiten gewaltsamer Störungen von außen, wie es im Weltkrieg der Fall war, als Vaterlandsbegeisterung in die Erscheinung treten kann, als Volksbewußtsein, als Heimatliche. Er erwähnte auch, wie dieselbe Hingabe sich wieder in einer andern Gestalt darstelle, in der im kleinen oder großen schöpferischen Friedensarbeit, in einem sachlichen schaffen, das die Welt durch neue Entfaltungen des Geistes bereichert. Aber er vergaß zu erwähnen, oder wollte als katholischer Priester es in der Kirche nicht erwähnen, daß es auch noch eine dritte Form dieser Hingabe gibt, eine das Unbewußte des Gebens berührende Form, die an Bedeutsamkeit für die Gemeinschaft jenen beiden andern nicht nachsteht. Auch sie vollzieht sich im Zeichen des sittlichen Aufschwungs, in Begeisterung und unvergleichlicher Freudigkeit, wird aber, weil das Triebhafte hier am deutlichsten hervortritt, für gewöhnlich nicht sittlich gewertet. Mit Unrecht! Denn der Trieb, dem sittliche Kraft innewohnt, ist ein zuverlässigerer Führer als alles bewußte Wollen. Und sollte der Liebe – nicht der Liebe im christlichen Sinn, der einzigen, der Pater Wilfrid erwähnte – nein, der Liebe der Geschlechter zueinander, der hohen Leidenschaft der Liebe bis in den Tod, die so naturnah ist, keine sittliche Kraft innewohnen? Sind Romeo und Julie, Werther und Lotte, Abälard und Heloise, Tristan und Isolde, all die großen Heldengestalten der Liebe nicht auch Helden und Blutzeugen einer sittlichen Notwendigkeit? Betrachte, liebe Justine, alle Werke der gestaltenden Einbildungskraft von den ewig dauernden Dichtungen angefangen bis herunter zum alltäglichsten Zeitungsroman, warum siegt allüberall die Liebe, selbst noch im Untergang? warum wird nie und nirgends die Zweckheirat verherrlicht, die Kaufehe, die doch im wirklichen Leben eine so große Rolle spielt? warum nie die kühle Berechnung, der Geldsack, warum immer nur die Liebe? Weil die Glut der Empfängnis in Liebe den wertvollen Menschen der Zukunft verheißt, weil aus der klugen Berechnung ebensowenig wie aus der Orgie der neue Mensch hervorgeht, der eine Steigerung der Art bedeutet. Nur jenes erhabenste Gefühl, das wir Liebe nennen, Beseelung des natürlichen Triebes, ist der zuverlässige Wegweiser zur leiblichen und seelischen Höherentwicklung. Liebe ist der Drang der Gottheit, sich in einer neuen Seele zu offenbaren. Hier dient der einzelne unbewußt dem großen dunklen Geheimnis, welches das Schicksal der Gattung bestimmt. Der persönliche Zweck bleibt ausgeschaltet: Liebe bis in den Tod, wenn tragische Verwicklung es heischt! Das Geschöpf, das da werden will, ist wichtiger als das persönliche Wohl oder wehe der Liebenden. Darum bei dem großen nordischen Dichter das apokalyptische Wort: du hast die Liebe in mir ermordet! Die Liebe in einem Herzen morden um einer Körperehe willen, die keine Seelenehe ist, das ist ihm die Sünde wider den Geist. Das zweckmäßige Berechnen wird zur Unsittlichkeit, wo es sich um einen mit den tiefsten Geheimnissen der körperlichen und seelischen Welt verwobenen Trieb handelt. Und dieser Trieb, der auch von Pflicht und Schuld nichts weiß, ist höchstes Menschentum, Justine, und Gottes sittliches Gebot. Wo die Natur noch taub und stumpf vom Menschengeist nichts ahnt, da gibt's auch die Liebe im menschlichen Sinn noch nicht. Da gibt es nur Anpassung an Zwecke ohne höhere Führung, Zufallsbegattung ohne seelische Weihe, dasselbe, was die Zweck- und Kaufehe leistet. Das göttliche Geheimnis der Seelenhaftigkeit bleibt ausgeschaltet wie aus der Orgie. Die sittliche Weltordnung aber, von der Pater Wilfrid sprach, fordert Ehrfurcht vor der Heiligkeit des durchgeistigten Urtriebes. Und du, Justine, kannst fragen, ob es eine Sünde sei, wenn du dem Ruf deines Herzens folgst? Willst du lieber die Sünde wider den Geist auf dich laden und eines ungeliebten Mannes Weib bleiben? Entscheide dich! Wähle in Freiheit! Noch heute verlasse ich das Haus. So lange magst du mit dir zu Rate gehen. Bis dahin lebe wohl!« Er erhob sich und reichte ihr die Hand. »Kein Abschied für immer, hoff' ich«, sagte er noch. »Nur ein: Auf wiedersehen! Nicht wahr, Justine?« »Verlange in diesem Augenblick keine Entscheidung von mir, Severin!« bat sie inständig. »Ich weiß, ich habe die Ehe schon gebrochen, da ich dich liebe. Und doch ist's bis jetzt bloß eine Gedankenschuld ...« »Die nur durch die Tat gerechtfertigt und geheiligt werden kann!« ergänzte er. »Laß mir Zeit!« fuhr sie fort zu flehen. »Noch weiß ich mich nicht zu sammeln und zu fassen, ich muß erst mit mir und meinem Gott allein sein ...« »Justine!« rief er in Ungeduld ausbrechend, »du wirst doch die Liebe in dir nicht morden?« »Nein!« schrie sie auf, sprang empor und flog ihm an den Hals. »Niemals werde ich sie morden! Immer werden meine Gedanken bei dir sein, immer werde ich dich lieben, immer, immer nur dich, ob du fern bist oder nah! ...« Er riß sie heiß in seine Arme, zweifelnd, ob er hoffen dürfe, ob nicht. In begehrlicher Inbrunst küßten sie einander, vergingen fast an der Glut ihrer Küsse. Beide wußten sie noch nicht, ob die endliche Erfüllung einer lange genährten lechzenden Sehnsucht sich in diesen ausschweifenden Umarmungen ankündigte, oder ob es wirklich ein Abschied für immer sei, dem ein letztes, zügelloses Aufflammen der Leidenschaft noch ruchlose Erinnerungen auf den einsamen Weg der Trennung mitgeben wollte ... Laurenz, aus dem Geschäft kommend, da es inzwischen Mittag geworden, trat ein. Ohne aufzuschrecken oder sonst Bestürzung zu verraten, lösten sie sich voneinander, doch legte Severin seinen Arm wie beschirmend um Justinens Schultern. So standen sie ihm gegenüber, eng aneinandergeschmiegt wie Liebende. Bekümmert ließ Laurenz sich auf einem Polsterstuhl nieder und stützte die Stirn in die Hand. Er wußte bereits von dem Auftritt zwischen Vater und Bruder. Er wußte auch, daß für Severin kein Bleibens mehr in diesem Hause sei. »Nun verliere ich dich wieder, lieber Bruder«, sagte er traurig. »Es hat sich nicht erfüllt, was ich hoffte. Warum konnten wir dich nicht behalten! Es war mir nicht vergönnt, dir den Weg zu ebnen, wie ich es wollte. Den Weg in die große Kunst hinein. So muß ich dich wieder hergeben ... Alles verliere ich, was ich liebe ...« Sie verstanden nicht recht, wie er es meine. Qualvolle Stille brütete in dem kleinen Zimmer, während man nebenan Geräusche hörte, wie der Tisch gedeckt wurde. Endlich sagte Laurenz: »Ich möchte nicht auf meinem Schein bestehen, wo nur der freie Wille Wert hat ... Ich bin ein schlichter, nüchterner Geschäftsmann. Ich konnte dir, Justine, nicht sein, was ich dir gern gewesen wäre. Ich seh' es ja ein ... Und es ist so begreiflich: Die Musik verbindet die Herzen. Ich weiß, daß es euch zueinander zieht und würde euch nicht gerne der Not preisgegeben sehen, was ich in diesen knappen Zeiten erübrigen kann, werde ich dir gerne zuwenden, Severin. Vielleicht machst du doch noch deinen Weg ... Durch Zwang mag ich niemand an meiner Seite festhalten. Justine ist frei. Sie soll wählen, wie ihr Herz es ihr eingibt. Auf mich braucht ihr keine Rücksicht zu nehmen. Ich habe meine Arbeit.« Die Hand, in die die Stirne sich geschmiegt hatte, war herabgeglitten und verbarg jetzt die Augen. Laurenz spürte eine Berührung und blickte rasch auf. Justine kniete zu seinen Füßen und legte die ineinandergefalteten Hände auf sein Knie. »Ich bleibe bei dir, Laurenz, wenn du mich behalten willst!« »Lebt wohl für immer!« rief Severin und stürmte aus dem Gemach.   Und wieder entdeckte der Frühling, als er eines Tages ein schneeweißes Wolkenschiff bestieg und vom Wiener Wald her über die große Stadt dahinfuhr, tief unten im Gewirr der Straßen und Dächer den armen, zwischen Feuermauern und Hofgebäuden vergrabenen kleinen Garten hinter dem Haus in der Schutzengelgasse. Da ließ er Anker werfen, stieg aus und kam herunter. »Beinahe hätte ich ihn vergessen«, sagte der Frühling; »man hat auch gar soviel zu denken und zu sorgen! Aber weil er bescheiden im Winkel steht und nicht murrt und sich nicht unmanierlich vordrängt, so soll er nun doppelt belohnt sein.« Und er zündete an den Fliederbüschen hellgrüne spitze Flämmchen an, hauchte warm hinter die Gebüsche, daß Schneeglöcklein, Leberblümchen, Krokus und andere von Rumpsack insgeheim gepflanzte Wald- und Wiesenrainblumen jäh hervorschossen und zu blühen begannen, holte feinen Farbtopf hervor, bestrich die anmutig geschwungenen Zweigrispen der Forsythien über und über mit einem schönen, grellen Ockergelb und freute sich unbändig, als sie schließlich wie frisch vergoldet in der Sonne leuchteten. Hierauf berührte er die von ihrer schützenden Strohhülle längst befreiten Kletterrosen am »Salettl« mit leisem Finger, daß sie ihre lederglänzenden Blätter entfalteten und aus ihren quillenden Säften einen Duft verbreiteten, der beinahe so süß und stark war, als trügen sie bereits die prangende Last ihrer in allen Spielarten von Rot abgeschatteten Rosentrauben. Und nachdem er auch den großen alten Maulbeerbaum mit einem zarten Schleier von erstem Grün umsponnen und schließlich nach über den Rasen, der unter den weichen Federbetten des Winters ohnedies grün geblieben war, ein paar Handvoll Maßliebchen ausgestreut hatte, schwang er sich mit einem Jauchzer wieder hoch empor in die Lüfte, der leichtbeschwingte Frühling, auf seinen regenbogenschillernden Libellenflügeln, und setzte sich wieder auf seine weiße Wolke, die er in ausgelassener Fröhlichkeit so lange mit beiden Fäusten bearbeitete, bis sie Wasser ausließ und auf den kleinen Garten hinunterzuregnen anfing. Der Erfolg blieb nicht aus, die große Gießkanne tat ihre Wirkung, und eh' man sich's versah, war der kleine Garten wieder eine liebliche Oase in der unendlichen Steinwüste, oder, wie Frau Staudenmayer ihn genannt hatte, eine grüne, weltabgeschiedene Insel, auf der man viel Schönes sehen und erleben konnte, wenn man die Gabe dafür besaß, wie die Kranke sie besessen hatte. Denn, ach, sie besaß sie nicht mehr! Die gute arme Frau Staudenmayer konnte sich dieses neuerwachten Frühlings auf ihrer grünen Insel nicht mehr freuen! Sie hatte sich auf eine noch weltabgeschiedenere Insel zurückgezogen, auf der man unter Umständen vielleicht noch viel Schöneres erleben kann und eine noch viel umfassendere Aussicht genießt. Um diese Zeit hielt wieder Georg Leodolter vorübergehend sich in Wien auf. Die Bekanntschaft auf Probe, die er im Spätherbst mit Fräulein Resi Pimper geschlossen hatte, und die sich während des Winters, so oft er abwesend war, in einem lebhaften Briefwechsel zwischen Sebendorf und Wien fortspann, führte allmählich zu jenem bezaubernden Gefühl des Einandersicherseins, das eine der reizvollsten Begleiterscheinungen junger Liebe ist, und gedieh mit dem Erblühen der ersten Märzveilchen zu dem Beschluß, einander gelegentlich einmal zu heiraten, ohne daß deshalb etwas wie eine Verlobung in aller Form an die große Glocke gehängt worden wäre. Der Vater des Mädchens, Herr Thomas Pimper, der im Werksaal von Hocheder und Sohn beschäftigte ehemalige Fabrikbesitzer, gab gern seinen Segen dazu, doch bedang er sich aus, daß der künftige Schwiegersohn nichts dagegen einwenden dürfe, wenn er seine Tätigkeit als Handweber fortsetze, solange das gichtische Bein es gestatte. Georg indessen, der über eine gutmütige Beharrlichkeit sondergleichen verfügte, wenn es dahinterzukommen galt, wo einen der Schuh drücke, wußte auch aus ihm die Grillen gar bald herauszukitzeln. Er pflegte zu sagen, niemand sei befähigt und berechtigt, Einfluß und Gewicht in der bürgerlichen Gesellschaft zu erlangen, der nicht die Kunst verstünde, jedem, mit dem er irgend in Berührung komme, ein Nein zu nehmen, um ihm dafür ein Ja zu schenken. So bestärkte er nun den an seinem armen Handwebstuhl auf alle Erfolgreichen schmälenden Pimper in dem Gedanken, daß er eigentlich das Zeug zu einem Großunternehmer ersten Ranges in sich gehabt hätte und an der Pleite seines rückständigen Fabrikleins nur widrige Umstände und das Unverständnis einer kleinlichen Umgebung schuld gewesen seien. Und er redete dem mit der Welt Zerfallenen ein, daß er seines bewährten fachmännischen Rates und seiner Mitwirkung bei den großen Plänen bedürfe, die er selbst auf der Pfanne habe, und machte ihn dadurch zum glücklichsten aller Sterblichen. Georgs frommer Betrug verfehlte sein Ziel nicht. Der entgleiste und zermürbte alte Mann begann aufzuleben, er hielt es jetzt für seine Pflicht, keine Kärrnerdienste mehr zu tun, wo er doch berufen sei, den Königen bauen zu helfen. Er ging nicht mehr in die Fabrik, sondern saß in heller Begeisterung in dem Kontor, das Georg gemietet hatte, über Entwürfen, Rissen, Berechnungen, in ziemlich kindlicher Weise mit Wolkengebilden der Zukunft beschäftigt, deren sein schon schwach gewordener Kopf jeden Tag ein neues ausbrütete. Das beste dabei war, daß er wertvolle Arbeit zu leisten glaubte und sich auch ohne Bedenken von Georg dafür besolden ließ. Übrigens verrichtete er wenigstens nebenher, wenn nicht hochwertige, so doch recht erwünschte Arbeit und war keineswegs unnütz; indem er nämlich seiner Tochter mit Abschreiben, Einordnen und sonstigen Hilfsdiensten zur Hand ging. Denn Resi war es eigentlich, für die das Kontor bestand. Sie hatte die Stellung bei Jacques Pinkas und Kompanie gekündigt und führte mit großem Geschick Georgs Geschäfte in Wien. Er hatte nun, was für ihn wertvoll war, ein Büro zur Verfügung, so oft er nach Wien kam, und, da Resi eine kleine Wohnung, die an dieses Büro anschloß, gegen ihre frühere ausgetauscht hatte, auch ein Absteigequartier. Denn er wohnte bei ihr, so oft er kam, und da das durch den Reiz der Neuheit doppelt anziehende Ehemannspielen, das doch mit der größten Freiheit des Kommens und Gehens vereinbar blieb, ihm nicht übel zusagte, so kam er vielleicht öfter und blieb vielleicht länger, als unbedingt nötig gewesen wäre. Trauen wollten sie sich erst lassen, bis über die Zukunft der Fabrik entschieden wäre; vorderhand stand es ja noch nicht einmal fest, an welchem Orte sie sich ihr dauerndes Zusammenleben würden einrichten können. Doch befreundete sich Georg mehr und mehr mit Jacques Pinkas' Vorschlag, die Fabriksanlagen von Dorotheen-Wiese gegen den Auenwaldschen Besitz hin zu erweitern, wenn es wirklich zur »Union« käme. Und eine solche Ortswahl für die Arbeitstätten wäre natürlich auch bestimmend gewesen für die Ansiedlung des persönlichen Hauswesens. Es war die Blütezeit der zwar nicht tödlichsten, aber widerlichsten und aufreizendsten aller Nachkriegsnöte, die Zeit der angeforderten Wohnungen, der Knappheit des Raumes, der aneinandergeschmiedeten Zuchthäusler auf der Strafgaleere der geschändeten Häuslichkeit. Angesichts der herrschenden Wohnungsnot erschien es so gut wie ausgeschlossen, in der Stadt selbst einen entsprechenden Rahmen für den zu gründenden neuen Hausstand zu finden. Unter diesen Umständen deuchte dem Georg und der Resi das alte Leodoltersche »Himmelhaus«, das sich nicht weit von Dorotheen-Wiese befand, für den Fall, daß Dorotheenwiese als Fabriksort wirklich in Betracht kam, nicht nur ein recht günstig gelegenes, sondern auch das denkbar reizvollste Ehenest. Sie vergnügten sich, mit dem Gedanken zu liebäugeln, und da dieser vorderhand noch keine feste Gestalt annehmen konnte, verliehen sie ihm Scheinleben durch ein entschlossenes »Als ob«. So fuhren sie manchmal hinaus, ergingen sich in dem verwahrlosten und verwilderten Garten, in welchem ein kleines Gedächtnismal die merkwürdig an seine eigenen erinnernden Züge von Georgs Urgroßvater Alfred Leodolter in Marmor festhielt, und betraten das alte, verlassene, seit langer Zeit leerstehende biedermeierische Haus. Mit leisem Bangen schritten sie durch die seltsam hallenden Räume, verweilten bei mancher verblichenen Erinnerung und erwogen, wie sich ein neues Lebensreis hier würde aufpfropfen lassen, ohne die überlieferte Erscheinung der altehrwürdigen Daseinsform bis zur Unkenntlichkeit zu verwischen ... Mit der Verwirklichung solch lieblicher Luftschlösser hatte es freilich noch seine guten Wege. Das große vorhaben der Zusammenfassung der Betriebe war ins Stocken geraten. Der Kapitalsmangel hielt an, die Geldentwertung machte noch immer Fortschritte, die Leute an der Spitze, die Sanierungsversuche unternahmen, wurden reicher und verschoben insgeheim Kapitalien in die Schweiz, die Wirtschaft selbst fuhr fort zu verarmen. An einem heiteren Frühlingstag kam Georg ins Haus »Zum Seidenbaum«, um seine Base Justine Hocheder endlich einmal wiederzusehen, die zu besuchen er wegen Zeitmangel länger versäumt hatte, als es ihm lieb war. Es wurde ihm gesagt, Justine befinde sich im Garten. Als er sich durch den Hof dahin begeben wollte, hörte er aus einer zu ebner Erde gelegenen Werkstatt das Schnarren einer Drehbank, wurde neugierig, trat ein und fand den ihm unbekannten Spulendrechsler Staudenmayer an der Arbeit. »Mir scheint, Ihr lebt noch im vorigen Jahrhundert«, sagte er lachend, »werden bei Tuch die Spulen noch mit der Hand gemacht?« Der alte Staudenmayer gab keine Antwort. Er ließ die Schärfe des Eisens am Lindenholz pfeifen, daß man sich am liebsten beide Ohren hätte zuhalten mögen. Georg seinerseits war sich natürlich immer klar darüber gewesen, daß der vergrößerte Betrieb nicht allein die eigentliche Fabrikation, sondern auch alle Hilfsgewerbe, insbesondere Färberei und Appretur umfassen und selbstverständlich auch eine Spulendrechslerei enthalten müsse. Falls Hocheder und Sohn sich dem Konzern doch noch anschlössen, würde man, dachte er, unter vielen andern beuten auch diesen alten Mann irgendwie unterbringen und versorgen müssen. Drum schrie er ihm die Frage ins Ohr: »könnt Ihr zur Not auch mit dem maschinellen Betrieb umgehen?« »Bin heut nit zu sprechen! Hab' zu tun!« schnauzte der Meister ihn kurz ab. Und während er fortfuhr, einen Höllenlärm zu verbringen, behandelte er den Besucher als Luft und gab sich keine Mühe es zu verbergen, daß er nichts als einen lästigen Eindringling in ihm erblicke. Georgs Meinung hierüber, die sich am zutreffendsten in das knappe Wort »Grobian!« hätte zusammenfassen lassen, blieb unausgesprochen, vergleichen vermochte ihm die Laune nicht zu verderben. Scherzweise die Angst eines Fliehenden nachahmend, verließ er belustigt die Werkstatt und trat wieder in den Hof hinaus, um seinen weg nach dem kleinen Garten fortzusetzen. Er traf Justinen im »Salettl«, zu seiner Überraschung trug sie Trauerkleider. Das tiefe Schwarz stand ihr vorzüglich zu der zarten Gesichtsfarbe und dem reichen Goldhaar. »Ich bemerke mit Bedauern – du hast einen Verlust erlitten?« »Eine arme Dulderin, eine seit Jahren schwerkranke Frau, die mir eine mütterliche Freundin war. Sie überragte an Weisheit und vornehmer Gesinnung manchen hochgeborenen und hochgebildeten. Denn ohne eine Spur von Bitterkeit wußte sie Leid zu tragen.« »Wer war sie?« »Die Frau des Spulendrechslers im Hof.« »Ihn fand ich doch eben noch wütend an der Arbeit?« »Schon seit frühem Morgen höre ich seine Drehbank surren, vermutlich weiß er seines Schmerzes anders nicht Herr zu werden. Ich wagte mich noch nicht in seine Nähe, immer wartete ich, daß er aufhören sollte, sein Eisen schrillen zu lassen.« Als wäre dem ausgesprochenen Wort die Macht der Fernwirkung verliehen gewesen, so verstummte in diesem Augenblick das in Hof und Garten widerhallende, nichts weniger als angenehme Geräusch. »Ich mache mir Vorwürfe,« sagte Georg, »daß ich, ahnungslos wie ich war, ihn nach mit Fragen behelligte und mich über seine kurz angebundene Art lustig machte. Falls du dich zu ihm begeben willst, möchte ich dich begleiten, wenn du nichts dawider hast.« »Durchaus nicht. Der Gang fällt mir schwer, ich bin dir dankbar, wenn du mir zur Seite stehst.« Sie begaben sich in den Hof und traten in die kleine Wohnung ebener Erde. In der winzigen Küche stand Marfa am Sparherd und rührte mit der rechten Hand in einem Topf, während sie mit der Linken das Taschentuch an die Augen drückte. Durch die offenstehende Tür der Werkstatt sah man den Meister mit gestützten und ineinandergekrampften Händen auf einer Kiste neben der Drehbank unbeweglich sitzen. Er arbeitete jetzt nicht mehr und betrachtete nur mit dem Ausdruck völliger Ratlosigkeit den Fußboden. Auch die Tür nach der Wohnstube stand offen. Dort lag im Bette, während auf dem Nachttisch eine einsame Kerze brannte, eine weißgekleidete Gestalt mit wächsernem Antlitz und wächsernen, über der Brust gefalteten Händen. So unglaublich ruhig lag sie da, ein ganz leises Lächeln um die fahl gewordenen Lippen, als lausche sie, wie damals beim Konzert dem Melodienreichtum Schuberts, so jetzt irgendwelchen fernen Tönen; oder als beobachte sie eine weiße Wolke, die auf dem schmalen blauen Himmelsausschnitt über dem Hof vorübersegle... Wie treu hatte doch ihr Gott die schlichte, wackere Frau durch ihr Leben geleitet bis zu diesem friedlichen Verstummen! Aber ihre Justinen gegebene Zusicherung, daß dieser Gott eine Tat der christlichen Nächstenliebe nicht mit Versuchungen lohnen werde, war trügerisch geblieben. Nichts als einen Unglücklichen, dasselbe wie in den Schwerverwundeten, die einst ihrer Pflege anvertraut gewesen, hatte Justine damals in Severin gesehen, als sie seine Aufnahme ins Haus befürwortete. Und doch trat die Versuchung an sie heran, vielleicht hielt einem Frau Staudenmayers Herrgott die Treue nur dann, wenn man so kindlich fest in seiner Führung stand wie sie selbst? Nur dann, wenn man der Heiligkeit so nahe kam? Oh, wie fern fühlte Justine sich dieser Heiligkeit. Ach, was für ein schwaches Menschenkind war sie doch! Und für Menschen von Fleisch und Mut eignete sich vielleicht kein anderer Gott als jener entschlossene und stürmische Gott Severins, der dem Willen des Herzens eher gehorchte als gebot. Dieser Toten, die immer ihre vertraute gewesen, bekannte Justine jetzt, was sie noch nicht einmal sich selbst bekannt hatte: daß sie sich nach Severin sehnte und es täglich bereute, ihm nicht gefolgt zu sein... Mittlerweile war Meister Staudenmayer ins Sterbezimmer getreten, Georg Leodalter sprach ihm seine Teilnahme aus und entschuldigte sich wegen seines ahnungslosen Eindringens von vorhin. »Ich hab' gemeint,« sagte der Alte, »wenn die Späne fliegen, daß mir leichter ist...Nützt auch nichts! Ist alles umsonst!« Die Diener der Bestattungsanstalt trafen ein, mit Bahre, Sarg, Kreuz und schwarzen Tüchern. Leute aus dem Haus standen neugierig umher oder lugten aus den Fenstern, durchs offenstehende Tor stahlen sich Nachbarn herbei. Nach einem kurzen Gebet kehrten Justine und Georg in den Garten zurück. Während sie im »Salettl« beisammensaßen, erkundigte er sich um dieses und jenes von den Familienmitgliedern. Durch Herrn Pimper, seinen künftigen Schwäher, hatte er etwas läuten hören von dem Getratsch in Werksaal und Haus, das zu Severins Entfernung geführt hatte. Auch von Herrn Michael Hocheders Wüten gegen den Sohn. Jetzt erfuhr er, daß man von Severin seit Monaten nichts wisse, er war verschollen, man mußte annehmen, er hätte die Stadt verlassen. Der alte Herr führe seither ein Leben, das eher ein Hindösen genannt werden müsse, und sei noch einsamer geworden als früher. Denn auch General von Mairold, den er wie so viele andere vor den Kopf gestoßen, besuchte ihn nicht mehr. »Die arme Marianne!« sagte Justine, »wie mag sie sich nach ihrem Eybel sehnen, den sie oft monatelang nicht zu sehen bekommt. Denn daß er als Bewerber das Haus beträte, daran ist gar nicht zu denken, der Vater würde es nie erlauben!« »Weshalb nicht?« fragte Georg. »Ein Generalstabshauptmann, selbst wenn er noch aktiv wäre, denk' einmal! Und die Tochter eines Schottenfelder Fabrikanten! Kannst du dir eine unebenbürtigere Heirat auch nur vorstellen?« Georg lachte und meinte: »Der Eybel ist ein tüchtiger Mensch, er wird seinen Weg machen. Er spitzt seine maschinentechnischen Studien vorwiegend auf den mechanischen Webstuhl zu, wir haben es schon miteinander besprochen. In der großen A. G. werden wir einen umsichtigen Maschinenmann brauchen, der auf Weberei spezialisiert ist; auch Pinkas ist derselben Meinung... übrigens – die gute Marianne Hocheder und Konrad Eybel...« sagte er, verstummte und sann eine Weile vor sich hin. Der Anblick der toten Frau auf ihrem dürftigen Lager ging ihm nach. Er hatte sie nicht gekannt, es war nicht der Anblick einer bestimmten Toten, was ihn so eigen herzzusammenschnürend berührt hatte und nach halb unbewußt auf ihm lastete. Für ihn war diese Tote das Sinnbild des Todes selbst. Daß Augen, einst lebensprühend, auslöschen können! ... Daß Wangen, einst jugendlich und froh durchblutet, wächsern werden! ... Und es kam über ihn wie Lebensdrang, wie Lebensfreude, der Wunsch, das Bedürfnis, dem Leben zu dienen, alles Leben zu fördern, damit der Tod sich nicht als Sieger dünke. »Warum helft ihr ihnen nicht?« fragte er unvermittelt, mit einer Art von keckem Übermut. »Wem?« fragte Justine erstaunt. »Der Marianne und dem Eybel. Was quält sich das Pärchen, das sich nun einmal gefunden hat, so zwecklos ab? Ich bitte dich, Justine, heutzutage –! Sie könnten sich doch hier und da einmal an drittem Ort treffen und ein bißchen liebhaben? ... Übrigens kommt dort meine Schwester«, sagte er aufgeräumt; »wenn du etwa mit mir nicht übereinstimmst, so dürftest du eine Bundesgenossin in ihr finden. Denn immer behauptet sie, ich hätte keine Moral, ohne daß ich recht dahinter kommen könnte, ob sie mich im Grunde nicht um diesen angeblichen Mangel beneidet.« Wirklich näherte sich jetzt Ursel Fürst durch den Garten. Sie hatte sich eingefunden, Justinen ihr Beileid auszusprechen, denn schon war der Tod Anna Staudenmayers ihr zu Ohren gekommen. Nachdem die beiden jungen Frauen eine Zeitlang gemeinsam die hingeschiedene beklagt und ihr Andenken gebührend geehrt hatten, wurde Georg ungeduldig. Er wollte nicht immer nur vom Tode, er mochte überhaupt nichts mehr von ihm hören, er liebte das Leben! Und abermals brachte er das Gespräch auf das Verhältnis zwischen Eybel und Marianne. »Eine eheliche Verbindung zwischen den beiden«, sagte er, »ist derzeit noch nicht ratsam, man muß den alten Herrn schonen, und der Hauptmann hat seine Studien noch nicht abgeschlossen. Aber ein harmlos heimliches Stelldichein ab und zu –? Mit süßen Küssen und so... Warum denn nicht? Das könntet ihr den guten Leutchen wirklich manchmal gönnen? Ladet sie doch ein, und dann verschwindet! Justine –? Oder du, Ursel? Wer ist die Vorurteilslosere von euch beiden?« Vielleicht hatte er es auch ein wenig darauf abgesehen, den heiligen Eifer seiner Schwester herauszufordern? Immer machte es ihm Spaß, wenn die hübsche kleine junge Witwe sich über ihn entrüstete. Und die Principessa erwies ihm auch pünktlich den Gefallen, die Zumutung, die er an sie stellte, empört von sich zu weisen. Zu »ihrer« Zeit, versicherte sie, hätten junge Mädchen noch auf Anstand und Sitte gehalten, die neuzeitlichen Moden mache sie nicht mit; sie sei zu alt, an ihren ehrbaren Grundsätzen noch etwas zu ändern. »Mit drei- oder vierunddreißig Jahren ist man noch nicht alt und kann noch immer gescheiter werden«, erwiderte Georg mit mephistophelischer Ausbündigkeit. Und um sie recht aus dem Häuschen zu bringen, fuhr er unverfroren fort: »Die Resel Pimper, meine Braut, ist gewiß ein anständiges Mädel, aber eine Zimperliese, wie man zu ›deiner‹ Zeit es war, ist sie gottlob darum noch lange nicht. Und warum sollten wir auch nicht unsere Freude aneinander haben? Wem schadet's? Wen geht's was an? Oder hängt wirklich die Ehrbarkeit des Weibes von der Erfüllung einiger hergebrachter Formalitäten ab? Dann wäre sie wahrlich schwach fundiert. Übrigens magst du dich trösten, Ursel, was die Formsachen sind, denen werden wir schließlich schon noch entsprechen, warum auch nicht? Aber sie laufen uns doch nicht davon! Und so ein Verhältnis, wenn's noch nicht ganz legitim ist, das kannst du mir glauben,« sagte er lachend, »hat einen ganz besonderen Reiz!« Das war nun erst recht ein arger Schock für die gute Principessa, die nur immer an ihre Kinder und die geschäftlichen Sorgen zu denken hatte und es für Ehrenpflicht hielt, die Hüterin des Geziemenden zu spielen. Aufs Entschiedenste beteuerte sie, über Resi Pimper als über ihre künftige Schwägerin gewiß nicht absprechen zu wollen; was hingegen ihre eigene Person anlange, so verstehe sie nun einmal unter Schicklichkeit dasselbe, was man seit jeher und auch noch bis knapp vor dem Krieg in Bürgerkreisen darunter verstanden hätte ... Justinen aber war es bei Georgs leichtfertig klingenden Worten heiß und kalt geworden. Es dämmerte die Erkenntnis in ihr auf, daß ihr Entsagen das Begehren nicht aus der Welt geschafft habe. Und so wenig sie es gewagt hätte, dem Vetter, der sich in Dreistigkeiten gefiel, offen zuzustimmen, so war es ihr doch, als stellten die von ihm angedeuteten Seligkeiten der Erfüllung ein ehrlicheres Bild schöner und freier Menschlichkeit dar, als der vom Gewissen umzäunte schlummernde Wille zur Sünde. Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, fragte Ursel schließlich, wie es mit dem Plan der großen Seiden-Union stehe? Jacques Pinkas, mit dem sie unlängst zusammengetroffen, hätte gemeint, der Seiden- und Garnhandel müsse natürlich auch darin vertreten sein. »Er legte mir nahe,« sagte sie, »meine Firma, wenn's einmal so weit käme, der künftigen A.-G. anzuschließen. Warum nicht? Ich bin nicht abgeneigt, es kommt nur auf die näheren Umstände an, die natürlich noch zu vereinbaren wären. Wir unterhielten uns dann damit, das Kind, noch eh' es geboren ist, zu taufen. Herr Pinkas war gut gelaunt, er zerbrach sich den Kopf, einen passenden Sammelnamen zu konstruieren, indem er bald Anfangs-, bald Endsilben wie üblich aneinanderleimte. Erst versuchte er's mit den Namen der Chefs: Mairold, Leodolter, Pinkas, Beywald, Hocheder und so weiter; dann mit den Namen der Orte, wo die Firmen ihren Sitz haben: Nedweditz, Sebendorf, Dorotheen-Wiese, Klopsdorf und wie sie alle heißen. Aber jedesmal kam ein scheußliches Wortmonstrum zum Vorschein, bis ich selbst mein Kolumbusei auf den Tisch stellte.« »Und welchen Namen schlugst du vor?« fragte Georg gespannt. Auch er hatte sich ebenso wie Pinkas bisher vergebens bemüht, eine befriedigende Lösung zu finden. Eine sinnvolle und dabei klingende Bezeichnung für das ganze erschien ihm keineswegs ganz nebensächlich. »Ich wählte sachlich«, sagte die Principessa, »und dachte gleichzeitig an eine hübsche Fabriks- und Mustermarke, die uns ein geschickter Künstler würde zeichnen können.« »Nun –?« Sie streckte die Hand aus und zeigte auf den Maulbeerbaum, der dem »Salettl« schräg gegenüber im Garten stand. »Der Seidenbaum?« »An so einer Firmenbezeichnung muß doch auch ein bissel was Mystisches sein, das sich nicht auf den ersten Blick von selbst erklärt. Seidenbaum wäre zu platt, hat auch keine Melodie. Der botanische Name aber ist: Morus alba . Darum lautet die von mir vorgeschlagene Firmenbezeichnung: Moralba.« »Vortrefflich!« rief Georg aus. »Ein besserer Name ließe sich nicht finden, der setzt sich zweifellos ganz von selbst durch. Leider haben wir zugleich mit dem Namen nicht auch schon die Sache.« »Wird kommen«, tröstete Ursel. »Du und der Pinkas zusammen, ihr deichselt es. Je eher, mir um so lieber. Als Verwaltungsrätin wird mir zumute sein, als atme ich Höhenluft, die alleinige Verantwortung des Firmenchefs drückt oft schwer auf meinen Barometerstand. Auch möchte ich Eybel und Mariannen baldige Erfüllung ihrer Wünsche gönnen.« »Nun also, warum warst du ungehalten? sagte ich nicht dasselbe?« »Aber in andern Worten, bitte,« eiferte sie, »und auch in anderer Meinung. Ich stehe, wie es von einem verschollenen Angehörigen unserer Familie aus dem Jahr achtundvierzig überliefert ist, stets auf legalem Boden. Und wenn ich meine, eine Frau sollte dem Manne gegenüber immer und überall auf herkommen und Sitte bestehen, so ist das nicht bürgerliche Borniertheit, wie du anzunehmen scheinst. Ich sehe in beidem, in Herkommen und Sitte, die einzige Waffe, die dem leider nur allzu schwachen Geschlecht zu Gebote steht. Läßt es sich diese entwinden, so verfällt es der Rechtlosigkeit. Bei Resi Pimper, die ich liebe und schätze, wird die Gefahr ja nicht übermäßig groß sein, weil du es sicherlich ehrlich mit ihr meinst. Aber grundsätzlich bleibe ich doch bei meiner Meinung.« »Wo hätte es je eine Frau gegeben,« lachte Georg, »die nicht bei ihrer Meinung geblieben wäre!«   Bald danach, während Justine, Georg und Ursel noch im »Salettl« beisammensaßen, trat Tobias Jellen, der Torwart des »Seidenbaums«, in den Garten und meldete Justinen einen Herrn, der um die Erlaubnis bitte, ihr seine Aufwartung machen zu dürfen. Befremdet warf sie einen Blick auf die ihr überreichte Karte, gab sie auch Georg und Ursel zu lesen und sagte: »Ich lasse bitten.« »Ferry Shykenstool« stand gedruckt auf der Karte. »Scheint ein Engländer zu sein«, sagte Georg Leodolter und wollte sich verabschieden. Die Erscheinung des jungen Mannes aber, der sich durch den Garten näherte, fesselte ihn dermaßen, daß er Justinens Aufforderung, noch zu bleiben, gerne entsprach. Herr Shykenstool mochte ungefähr gleichaltrig mit ihm sein, wenn auch die schlanke, knabenhafte Gestalt und das glatte, magere, fast indianerbraune Gesicht, wie beides bei Angelsachsen vorkommt, keinen ganz sicheren Schluß hierüber zuließ. Die Kleidung war aus gediegenstem Stoff, sonst schmucklos praktisch und bar jeder Überflüssigkeit; nicht einmal eine Uhrkette trug er, nur einen gezackten Kautschukring um den Bügel der Uhr, die er, ins ›Salettl‹ tretend, hervorzog, um einen Blick darauf zu werfen. »Verzeihen Sie«, sagte er heiter und ohne jede Befangenheit; »hier speist jeder zu einer andern Stunde. Man muß eigentlich immer zuerst fragen, ob nicht die Suppe inzwischen kalt wird.« Man lachte und war miteinander schon halb und halb bekannt. Justine bot dem Ankömmling, der sie mit gespannter Aufmerksamkeit betrachtete und beinahe nicht aus seinen großen, hellen Augen ließ, einen Stuhl an. »Ich suche Spuren von Ähnlichkeit«, sagte Herr Shykenstool. »Ihre Mutter war eine geborene Leodolter. Und meine Großmutter ebenfalls.« »Dann wäre ich ungefähr Ihre Tante?« fragte Justine, die sich nicht gleich zurechtfand. Er lachte: »O nein, so einfach steht die Sache nicht. Der Stammbaum der Familie Leodolter, den mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat, erweist, daß Ihre Linie hurtiger im Heiraten und Kinderkriegen war als die meinige. Ihr Urgroßvater und meine Großmutter waren Geschwister. Sonach wäre eher ich Ihr Oheim als Sie meine Tante.« »Wie ein Oheim sehen Sie gerade nicht aus«, sagte Ursel trocken. »Aber in Familienchronik bin ich Fachmann. Wie hieß Ihre Großmutter, die geborene Leodolter, mit dem Taufnamen?« »Sie hieß Susanne.« »Dann kenn' ich mich schon aus!« rief Ursel erfreut, denn sie fühlte sich in vertrautem Fahrwasser. »Eine Susanne Leodolter hat in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einen ehemaligen Hauslehrer der Familie geheiratet, der Ferdinand Scheichenstuhl hieß. Es ist derselbe, von dem überliefert ist, daß er stets auf legalem Boden stand. Dennoch scheint er sich in der Revolution von 1848 irgendwie kompromittiert zu haben, vielleicht war es auch die nach den Oktobertagen einsetzende Reaktion, die ihm die Heimat verleidete – kurz, er wanderte bald nach Niederringung der freiheitlichen Bewegung mit seinem jungen Weibe, eben jener Susanne Leodolter, und einem Kinde, das ihm noch hier in Wien geboren worden war, nach Amerika aus und begründete in Peoria im Staate Illinois eine große Kerzen- und Seifenfabrik.« »Ganz recht,« sagte Ferry Shykenstool, »ich bin in Peoria zu Hause, jener Ferdinand Scheichenstuhl war mein Großvater.« »Sind Sie ebenfalls Seifensieder?« fragte die Principessa. »Drei meiner Brüder sind es; sie führen in Gemeinschaft mit meinem noch lebenden Vater, der 1848 in Wien geboren ist, die Kerzen- und Seifenfabrik in Peoria und gehören zu den hervorragendsten Vertretern der Fettindustrie in den Vereinigten Staaten. In mir, dem Viertgeborenen, scheint dagegen ein starker Einschlag Weberblut von der großmütterlichen Seite her wirksam zu sein. Wenigstens hatte ich schon als kleiner Junge eine besondere Vorliebe für die Weberei, die mir immer als das klügste, reinlichste und netteste aller menschlichen Gewerbe erschien. Mein Vater, ein freiheitlich gesinnter Mann, der uns Söhnen auch in der Berufswahl volle Freiheit gewährte, trug meiner Neigung Rechnung, indem er mich der Textilbranche widmete, in der ich nach einer kurzen schulmäßigen Vorbildung mich von der Pike auf hinaufdiente. Nach meiner Lehrzeit, die sich natürlich auch aufs Kaufmännische erstreckte, ermöglichte es mir der gute Vater, eine Seidenwarenfabrik in Peoria zu eröffnen, die so gut gedieh, daß ich schon nach einem Jahrzehnt daran denken konnte, eine Konkurrenzfirma in Chikago an mich zu ziehen, wodurch sich der Umfang meines Unternehmens bedeutend erweiterte. Nun hätte ich mich allenfalls zufrieden geben können, aber Stillstand ist Rückschritt, auch zog ein seelisches Heimweh, vielleicht das Erbe meiner Väter, mich nach dem alten Kontinent hinüber. Ich beschloß, an die Gründung eines Zweiggeschäftes in Europa zu schreiten. Im Lauf dreier arbeitsreicher Jahre ist es mir gelungen, auch diesen Plan zu verwirklichen. Die Fabrik, mit der ich auf deutschem Boden festen Fuß faßte, befindet sich in einem kleinen Industrieort, der Dülken heißt und im Regierungsbezirk Düsseldorf liegt. Aus Dülken, wo ich mich wiederholt aufgehalten und zuletzt ohne Unterbrechung beinahe ein ganzes Jahr zugebracht habe, um den Betrieb so weit in Gang zu bringen, daß er von selbst läuft, komme ich auch eben jetzt.« »Und was führt Sie nach Wien?« fragte Justine. »Das Bedürfnis, die Geburtsstätte meiner Großeltern und meines Vaters kennenzulernen. Der Wunsch, ehrwürdigen Familienbeziehungen nachzuforschen und mit deren Hilfe vielleicht auch Einblick zu gewinnen in die Verhältnisse der österreichischen, beziehungsweise ehemals österreichischen Seidenindustrie. Eigentlich vermutete ich noch die alte Firma Leodolter hier vorzufinden, aus der meine Großmutter hervorgegangen ist. Ich höre, daß diese Firma ihren Sitz schon seit Jahrzehnten nach einem schlesischen Fabriksorte verlegt hat, der nach dem Krieg zum polnischen Gebiet geschlagen wurde und Sabliczka oder so ähnlich heißen soll. Da ich durch einen Zufall erfuhr, daß auch Sie, verehrte gnädige Frau, mütterlicherseits von der Familie Leodolter abstammen, so wollte ich nicht versäumen, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen und Sie als Verwandte unseres Hauses zu begrüßen. Zugleich möchte ich Ihre gütige Auskunft darüber erbitten, welche andern Leodolterschen Nachkommen sonst noch am Leben sind, insbesondere, ob die Seidenfirma Leodolter sich noch im Besitz eines Familienmitgliedes befindet. Für diesen Fall würde ich den Katzensprung nach Polen hinüber nicht scheuen, um den gegenwärtigen Chef der Firma kennenzulernen und meine Gedanken über die allgemeine Lage unserer Industrie mit ihm auszutauschen.« »Sie haben es nicht nötig, erst nach Polen zu reisen«, sagte Justine lächelnd. »Hier, mein Vetter Georg Leodolter ist der Firmeninhaber der Leodolterschen Fabrik in Sebendorf.« »Wenn vorgestellt wird, überhört man leicht die Namen«, lachte Georg, die Entschuldigungen des Amerikaners ablehnend. Und er fuhr fort: »Ursel, meine Schwester, die sich in der Familiengeschichte auskennt wie niemand sonst, wird festzustellen haben, ob ich Herr Vetter zu Ihnen sagen darf, oder respektvoll Herr Onkel sagen müßte. Vorderhand lassen Sie mich nur der freudigen Genugtuung Ausdruck geben, daß Sie eine so liebenswürdige Anhänglichkeit an die Stätte Ihrer Herkunft und die Quellen Ihres Blutes bekunden. Da wir ungefähr im gleichen Alter stehen dürften, so ermutigt mich diese Ihre Gesinnung dazu, Sie um das verwandtschaftliche Du zu bitten.« Sichtlich erfreut schüttelte der Amerikaner ihm die Hand. »Man spricht viel von deutscher Treue,« sagte er, »dabei ist das deutsche Volk im allgemeinen das ungetreueste der Erde. Es ist das einzige, das im Ausland sein Volkstum verleugnet und in kürzester Zeit zu vergessen pflegt. In unserer Familie dagegen, obgleich sie gut amerikanisch geworden ist, wäre ein Aufgeben des angestammten Volkstums ebenso wie ein Verleugnen der Herkunft immer als eine schäbige Charakterlosigkeit empfunden worden. Von dem nebensächlichen Umstand abgesehen, daß wir unsern Namen, um den Mitbürgern die Aussprache zu erleichtern, angelsächsisch schreiben, sind wir gute Deutsche, ja, in unserm Herzen gute Österreicher geblieben, hierin ließen wir uns auch durch die lächerlichen Anfeindungen nicht beirren, die mir während des Weltkriegs zu erdulden hatten. Die englische Lügenhaftigkeit und Verleumdungssucht vermochte den Mob gegen das Deutschtum aufzuhetzen, dem Geist der Menschheit und der Menschlichkeit aber trieb dies nur ein Schamerröten auf die Wangen. Das Volkstum muß für jeden ein heiliger Hort des Herzens bleiben und bleiben dürfen. Und dies wird um so eher der Fall sein können, je mehr die friedliche Arbeit einen übervölkischen, überstaatlichen, weltbürgerlichen Charakter annimmt. Dies ist es, lieber Vetter,« sagte er, »was ich gern mit dir des näheren besprochen hätte.« »Es wird mir ein besonderes Vergnügen sein,« erwiderte Georg, »aus deinen reichen Erfahrungen auf geschäftlichem Gebiete Nutzen zu ziehen, wenn ich dich recht verstehe, so bist du der Meinung, daß vermehrte und gesteigerte internationale wirtschaftliche Zusammenhänge zwischen den Völkern das Nationalgefühl nicht zu verwischen oder gar aufzuheben brauchen.« »Ich halte es für eine ganz müßige, ja schädliche Utopie,« sagte Ferry, »den dauernden Weltfrieden dadurch für erreichbar zu halten, daß die Unterschiede zwischen den Völkern ausgeglichen würden und eine fortschreitende Annäherung zwischen den Nationen gleichsam nivellierend wirkte. Alle Werte der Seele sind in Sprache und Volkstum eingeschlossen; je eigenständiger jede Nation sich entwickelt, um so reicher wird die Menschheit. Somit ist es von höchster Wichtigkeit für diese, daß jedem Volk sein geistiges und kulturelles Eigenleben in vollster Freiheit gewahrt bleibe. Jede Vergewaltigung eines Volkes durch ein anderes ist ein Verbrechen an der Menschheit und darum der Krieg das größte aller Übel. Der Krieg wird aber nicht am grünen Tisch abgeschafft. Er wird in dem Maße unmöglicher, in welchem die wirtschaftlichen Interessengegensätze zwischen den Völkern wegfallen. Sind Kapital, Gütererzeugung und Güteraustausch einmal restlos übervölkische Angelegenheiten geworden, so wird jedes Volk die Güter seines nationalen Lebens unbehelligt ausbilden können. Darum muß auch die Industrie über die Grenzen der Staaten und Völker hinweg zur Einheit streben. In jedem Zweige muß sie zu einer internationalen Welt-Gewerkschaft aufwachsen. Das allein ist es, was den Völkern dauernden Frieden, das heißt Freiheit und Unabhängigkeit beim Auf- und Ausbau ihrer eigenständigen nationalen Kultur sichert.« Etwas wie freudiger Schreck durchrieselte Georg Leodolter bei diesen Worten des Amerikaners. Er meinte aus ihnen seine eigenen Gedanken, in einen erweiterten, weltpolitischen Lichtkreis gerückt, widerklingen zu hören. Auch Justine und Ursel horchten erstaunt auf. waren das nicht ähnliche Ideen, wie sie der geplanten Seiden-Union, der ›Moralba‹, wie die Principessa sie genannt hatte, zugrunde lagen? Gespannt hingen sie an Ferry Shykenstools Lippen, ob er sich noch näher über die berührten Fragen erklären und aussprechen wolle. Da er jetzt schwieg, fragte Georg erwartungsvoll und nicht ohne Ungeduld: »Hältst du, lieber Vetter, auch unsere Industrie für reif genug, die ersten schritte zur Welt-Gewerkschaft zu tun?« »Die Zeit der Eigenbrödelei ist endgültig vorüber, auch für die Seidenindustrie!« antwortete Ferry mit Überzeugung. »Unsere Urgroßväter sahen in einer Fabrik mit zwanzig oder dreißig Handwebstühlen schon einen recht ansehnlichen Betrieb. Unsere Großväter und Väter hielten hundert oder zweihundert mechanische Webstühle schon für etwas Großartiges. Die Zukunft wird sämtliche Seidenkraftstühle der Welt in der Hand einer einzigen großen Innung oder Gewerkschaft vereinigen und nach einem einheitlich ausgebildeten Plane laufen lassen. Sollte die Gegenwart hierfür noch nicht reif sein, so muß vorderhand wenigstens versucht werden, alles, was deutsch ist, über die Grenzen der Staaten hinweg zu einträchtiger Arbeit in industrieller Hinsicht zusammenzuschließen: Deutsch-Amerika, vielleicht auch die deutsche Schweiz, jedenfalls aber das große, arbeitsame und tüchtige Deutschland und das durch den sogenannten Völkerbund widerrechtlich zu politischer Selbständigkeit verurteilte Österreich, auch die in politischer und nationaler Hinsicht so schandbar vergewaltigten reindeutschen Gebiete von Böhmen und Südtirol. Nur eine Erzeugung im allergrößten Maßstab bei entsprechend durchgeführter Gliederung der gesamten Leistung und möglichster Einbeziehung aller Hilfsgewerbe verbürgt die Herstellung denkbar wohlfeilster Ware bei angemessenem Gewinn für Arbeitgeber und Arbeitnehmer ... Ich will aufrichtig sein,« sagte er wie in plötzlicher Entschlossenheit: »einer der Hauptgründe, warum ich nach Wien gekommen bin, war der, Ausschau zu halten, ob nicht der eine oder andere Fabriksbetrieb meines Zweiges sich fände, der sich meinen Unternehmungen in Peoria, Chicago und Dülken anschließen wollte und angliedern ließe. Ich weiß, daß das Kapital hier knapp ist; amerikanisches Geld vermag viel im Lande einer so verheerend entwerteten Währung. Vielleicht ließe sich Tüchtiges und Brauchbares, das der Ungunst der Zeit zu unterliegen droht, retten und für die Gesamtheit fruchtbar machen, schon durch die Angliederung der einen oder andern Wiener Seidenfirma an meinen deutschen Betrieb im Rheinland wäre ein, wenn auch unscheinbarer, erster Schritt getan und die auf die Dauer durch Gewaltmittel doch nicht aufzuhaltende Heimkehr Österreichs ins deutsche Mutterland wenigstens auf dem Gebiete einer bestimmten Industrie durch Zusammenarbeit der österreichischen mit der rheinländischen Seidenweberei sinnbildlich vorbereitet. Weitere Schritte würden nicht ausbleiben, dessen bin ich gewiß. Zusammenschluß ist heute die Losung, nicht Trennung! Keine Konkurrenz vieler gegeneinander, sondern Zusammenarbeit womöglich aller am gleichen, einheitlichen, großen Bau der Weltindustrie! Es wäre mir eine Freude, fände ich hier Gelegenheit, einen Schritt vorwärts zu tun nach dem Ziele, das mir vorschwebt. Und eine besondere Freude wäre es mir, könnte ich Hand in Hand mit jener Seidenfirma, mit der mein eigenes Dasein durch geschichtliche Überlieferungen und Lande des Blutes verknüpft ist, dem hohen Ziele entgegengehen.« »Und wie heißt dieses Ziel?« fragte Georg in höchster Erregung. »Die große deutsche Seiden-Union, die sich später einmal, so Gott will, zu einer Seiden-Weltunion auswachsen soll!« Schweigen trat ein. Ein Staunen, daß der Amerikaner dasselbe Wort ausgesprochen, das seit Georg Leodolters Wirken in diesem Sinne auch hier bereits eine Zukunftshoffnung geworden war, machte alle verstummen. Fragend blickte Ferry rundum. Er begriff nicht recht, warum seine Ausführungen einen sichtlich so großen Eindruck hervorbrachten, verstand den Grund der merkwürdigen Erregung nicht, die sich insbesondere in Georgs Zügen so sprechend ausdrückte. Plötzlich sprang dieser von seinem Sitz auf und schloß den Vetter in seine Arme. »Willkommen! Tausendmal willkommen! Ich wüßte mir keinen Bundesgenossen, dessen Mitarbeit mir erwünschter wäre!« Justine aber wendete sich liebenswürdig an den verblüfft dreinsehenden Ferry und sagte: »Es mag Ihnen zur Aufklärung dienen, daß Sie Gedanken ausgesprochen haben, die uns alle, insbesondere unsern Vetter Georg seit langer Zeit beschäftigen. Die unerwartet sich eröffnende Aussicht einer Zusammenarbeit mit Ihnen wird den daran sich knüpfenden Plänen einen mächtigen Antrieb geben ...« Und sich erhebend, fügte sie hinzu: »Darf ich sie einladen, lieber Vetter, unser einfaches Mahl mit uns zu teilen? Mein Mann wird sich freuen, sie kennenzulernen. Und wenn Georg uns das Vergnügen machen will, auch mit von der Gesellschaft zu sein, so zweifle ich nicht, daß im freundschaftlichen Gespräch die freudigen Erwartungen, die vorderhand erst in schwanken Umrissen sichtbar wurden, bald feste und greifbare Gestalt annehmen werden.« Dankbar nahm Ferry an, und während Justine mit der Principessa vorausschritt, folgte er den beiden Frauen Arm in Arm mit dem neuentdeckten Vetter und Duzbruder Georg.   Zu Beginn des Sommers fand sich im Haus ›Zum Seidenbaum‹ eine Wohnungskommission ein. »Hier ist jemand gestorben«, sagte der Amtsleiter zu Tobias Jellen, dem Torwart und Hausmeister. »Jawohl, leider! Die brave Frau des Spulendrechslers im Hof«, antwortete Tobias, »wollen die Herren die freigewordenen Appartements vielleicht besichtigen?« Der Beamte merkte die Honigelei und erklärte, daß dies allerdings der Fall sei. Er zitierte sogar einen Paragraphen, der den Schlüsselbewahrer des Hauses mit allerhand netten Dingen bedrohte, wenn er sich nicht sofort als Wegweiser und Angeber zur Verfügung zu stellen bereit sei. »No, so kommen S' halt mit«, brummte Tobias und trottete mißvergnügt und schimpfend wie ein Nationalrat durch den langgestreckten Hof voraus. Mit einem Ernst, der einer besseren Sache würdig gewesen wäre, wälzte sich die Kommission, die aus einer Anzahl diätenhungriger Kostgänger der verschiedensten Parteien zusammengewürfelt war, hinter ihm drein. Meister Staudenmayer und dessen Nichte Marfa erschraken nicht wenig, als unversehens eine ganze Hammelherde wimmelnder Amtsbeine den Straßenschmutz der Schutzengelgasse in die sauber gehaltene kleine Küche hereintrug und sich auch in die Werkstatt und das Sterbezimmer der Verewigten ergoß. Rumpsack, der Zimmerherr, der einem in der Schule sitzengebliebenen Fabrikantenssöhnlein aus der Nachbarschaft eben die Verben auf Mi einzutrichtern versuchte, kam aus seiner durch eine Holztreppe erreichbaren Stube herunter, eine lange Studentenpfeife im Mund, das rundlich schwammige Antlitz von allerhand verschwiegenen Humoren durchzuckt. Ein hochnotpeinliches Verhör hub an, die gemachten Angaben wurden durch amtlichen Augenschein streng überprüft, der gesamte Tatbestand gewissenhaft zu Protokoll gebracht. Da sich herausstellte, daß außer dem dunklen Kämmerchen, in welchem Marfa schlief, auch noch eine mit Holzabfällen und verschiedenem Gerümpel angefüllte Kammer neben der Werkstatt vorhanden war, in der allenfalls auch noch ein Mensch, besonders ein Drechslermeister, schlafen konnte, so beantragte der Vorsitzende (der freilich nicht saß, sondern wie die ganze Kommission stehen mußte, weil nur drei Stühle vorhanden waren), das durch Frau Anna Staudenmayers Tod freigewordene Schlafzimmer wohnungsamtlich anzufordern und es einer obdachlosen Untermietspartei zuzusprechen. Vielleicht trug Tobias Jellens Fürwitz schuld an dieser drohenden Entscheidung. Denn der Amtsleiter klopfte ihn auf die schütter und sagte mit siegreicher Gönnermiene: »Sehen Sie, ein Zimmer haben wir doch erwischt, daß es keine Appartements hier gibt, war uns ohnedies bekannt.« Der alte Staudenmayer, seit dem Tode seiner Frau zermürbt und etwas kopfschwach, war zu bestürzt, um Einspruch zu erheben. Er fand nicht die richtigen Worte, sich zu wehren, es fiel ihm auch in der Geschwindigkeit nichts ein, was er hatte vorbringen können. Die Gedanken gingen ihm wirr durcheinander, hilflos versank er in die Kümmernis, das armselige, sonnenlose, aber altvertraute Zimmer, in welchem das Sterbebett seiner Gattin noch unberührt stand, von fremden Leuten besiegelt zu sehen. Aber der Ehrendoktor der Schutzengelgasse erwies sich in diesem gefährlichen Augenblick nun selbst als Schutzengel, indem er für seinen langjährigen Unterstandsgeber dachte und handelte und die bescheidene Stätte, die ihm durch die Güte und Weisheit der Verstorbenen geweiht war, gegen den in Aussicht gestellten behördlichen Übergriff in Schutz nahm. Zum Schrecken des Meisters und zu Marfas eigener Verblüffung machte er geltend, daß die Vermählung von Staudenmayers Nichte mit einem ehrsamen Webersmann namens Schinnerl unmittelbar bevorstehe, weshalb eine Anforderung des einzigen Zimmers, in welchem ein Ehebett Platz hätte, nach Paragraph soundsoviel des Gesetzes vom soundsovielten, Zahl soundsoviel, unzulässig sei. Das angezogene Gesetz samt dem angezogenen Paragraphen hatte er kühn aus der Luft gegriffen, er vertraute darauf, daß die meisten Mitglieder der Kommission sich in den unzähligen bestehenden Gesetzen und Verordnungen als ebensowenig sattelfest erweisen würden, wie er selbst es war. Im übrigen hielt er es in solch kitzligen Lagen für ratsam, womöglich niemand zu Wort kommen zu lassen. Darum fuhr er mit einer Keckheit, die ihm nur das Bewußtsein der guten Sache verleihen konnte, für die er kämpfte, unentwegt zu reden fort und redete beinahe das Blaue vom Himmel herunter, wobei er seiner übermütigen Laune mit Behagen die Zügel schießen ließ. »Denn das Ehebett«, sagte er, »ist gewissermaßen die Säule der Republik, oder, um ein anderes Bild zu gebrauchen, die Ursprungsquelle der künftigen Generationen, auf die Österreich seine Hoffnungen setzt. Wem verdankt der Arbeiter, der den Wohlstand des neuen Vaterlands begründet, seine Existenz? Dem Ehebett! Wem der Wehrmann, der dieses durch den Arbeiter zu besagtem Wohlstand gelangte Vaterland mit Mannesmut gegen den äußeren Feind verteidigt? Ebenfalls dem Ehebett! Und sogar die Führer des Staatswesens, alle leitenden Persönlichkeiten insgesamt, vom Bundeskanzler und Bundespräsidenten angefangen bis hinauf zu den Obmännern und Sekretären der politischen Parteiorganisationen sind auf gleiche Weise, wenn auch auf dem Umweg einer neunmonatigen embryonalen Entwicklung aus einem Ehebett hervorgegangen und sahen sich nur durch den Umstand in die mehr oder weniger angenehme Lage versetzt, das Licht der Welt überhaupt zu erblicken, daß ihre Herren Eltern solch ein nützliches Hausgerät, wie eben ein Ehebett es ist, ihr eigen nannten und auch über den nötigen Raum verfügten, es aufzustellen und in Verwendung zu nehmen. Aus diesem Grunde müßte die Anforderung und Beschlagnahme dieses Zimmers nicht nur als eine antisoziale, sondern geradezu als eine staatsgefährliche Maßregel betrachtet werden. Fräulein Marfa und ihr künftiger Gatte, denen zweifellos wie einem jeden neuvermählten Paare schon kraft der natürlichen Menschenrechte allein der Besitz eines Ehebettes zusteht, würden dann bedauerlicherweise genötigt sein, sich ohne ein solches zu behelfen. Und die schwerwiegenden Folgen davon, wenn man den Einzelfall verallgemeinern wollte, wären doppelter Natur. Erstens, daß nämlich der ordnungsmäßigen Vermehrung der Menschheit im allgemeinen ein Riegel vorgeschoben würde. Und zweitens, was gerade für unsern jungen Bundesstaat empfindlich ins Gewicht fällt, daß im besonderen der wünschenswerte Nachwuchs an überzeugungstreuen Republikanern für längere Zeit hinaus in unverantwortlicher Weise unterbunden bliebe.« Aufs höchste belustigt bemerkte Rumpsack, daß der hochtrabende Stuß, den er von sich gegeben, wenigstens auf einige der Kommissionsmitglieder seine Wirkung nicht verfehlte. Er sah, wie sie zustimmend mit ihren Schafsköpfen nickten, und fuhr noch eine Zeitlang in dem gleichen Tone fort, bis auch der Amtsleiter selbst einigermaßen eingeschüchtert oder doch halbwegs totgeredet schien. Noch wehrte sich in diesem das Vollbewußtsein seiner Geltung gegen eine bedingungslose Waffenstreckung, und einem vielleicht nicht ganz unberechtigten Mißtrauen Raum gebend, wollte er genau wissen, für welchen Zeitpunkt die Trauung des Fräuleins in Aussicht genommen sei. »Heut in vierzehn Tagen ist sie bestimmt schon unter der Haube«, sagte der aus seiner langen Pfeife gemächlich blaue Wölklein paffende Schutzengel mit unumstößlicher Überzeugtheit. »Ich weiß es genau, denn ich bin Trauzeuge und habe schon einen sogenannten Brennaborwagen erstanden, den ich der liebreizenden Braut als Hochzeitsgeschenk zu verehren gedenke.« Der Brennaborwagen mochte die letzten noch vorhandenen Zweifel des leitenden Beamten zerstreut haben, er war jetzt nur noch darauf bedacht, sich einen ehrenvollen Rückzug zu sichern. »Nehmen Sie diese Äußerung zu Protokoll, Fräulein,« befahl er der mitgebrachten Schnellschreiberin, »und merken Sie dazu an, daß heute über vierzehn Tage ein Magistratsbeamter sich persönlich davon zu überzeugen hat, ob dieses Zimmer wirklich von einem Ehepaar namens Schinnerl bewohnt wird.« Damit war die Amtshandlung beendet. Die Mitglieder der Kommission, erschöpft von der geleisteten Geistesarbeit, zerstreuten sich in alle Winde, um ihren irdischen Menschen für neue Taten zu stärken. Denn die Stunde der Mittagsmahlzeit war inzwischen angebrochen. So kam Marfa, obgleich der Oheim sich verschworen hatte, gegen ihre Vermählung mit dem braven Webergesellen und Weltreisenden ein sogenanntes »Wetto« einzulegen, tatsächlich mit einer für alle Beteiligten gleich überraschenden Geschwindigkeit unter die Haube und hieß bereits nach vierzehn Tagen Frau Schinnerl. Pater Wilfrid hatte von dem Rechte Gebrauch gemacht, die einer Trauung vorausgehenden kirchlichen Förmlichkeiten in berücksichtigungswürdigen Fällen abzukürzen. Er brachte es nicht übers Herz, die vor der Wohnungskommission gemachten Aussagen des Ehrendoktors der Schutzengelgasse Lügen zu strafen. Und Meister Staudenmayer fügte sich ins Unabänderliche und hatte es nicht zu bereuen. Das junge Paar, welches das vereinsamte Zimmer der Verstorbenen bezog, sorgte für ihn mit kindlicher Hingebung und Treue und bereitete dem alternden Manne einen beschaulichen und verhältnismäßig sorgenfreien Lebensabend.   Noch denselben Sommer, aber mehr gegen Ende dieser holden, mit blühenden Rosen beginnenden und blühenden Astern endenden Jahreszeit, gab August Hollerer ein Fest zur Einweihung der stattlichen Villa, die er in Dornbach erstanden und von den Wiener Werkstätten aufs kostbarste hatte einrichten lassen. Um Fastnacht war er eine Verbindung mit der einzigen Tochter eines schwerreichen Großhandlungshauses eingegangen. Und da es ihm selbst an Lust, Aufmerksamkeit und Zeit fehlte, einen eigenen Geschmack zu haben, so fiel naturgemäß der hübschen, hochkultivierten jungen Frau die Aufgabe zu, bei der Ausstattung des glänzenden Nestes, das sie sich in eben jener Dornbacher Villa zu bereiten gedachten, die Oberleitung in die Hand zu nehmen, was ihr übrigens nicht schwer ankam. Sie führte die Beratungen mit Architekten und Kunstgewerblern, wählte Wandbezüge, Möbelstoffe, Teppiche, erlesene Gebrauchsgegenstände und all die unzähligen Überflüssigkeiten aus, die den Überfeinerten unentbehrlich sind, bestimmte die Farben- und Formensprache jedes Raumes, steuerte mit einem Wort die ›persönliche Note‹ bei. Nichts entsprach mehr ihren Neigungen als eine solche Tätigkeit. Sie war vielseitig gebildet – was man so Bildung nennt – und in Sachen des Geschmacks so überempfindlich, daß sie zu sagen pflegte, in einem Raume zu wohnen, der nicht ihre ›persönliche Note‹ trage, verschlüge ihr den Atem, lieber wolle sie tot und begraben sein als inmitten der Kulturlosigkeit einer mit Typenmöbeln ausgestatteten Mietwohnung vegetieren. Und da das Mystische und Okkulte in jenen Tagen Trumpf war und die ›Synthese‹ und ›Polarität‹, als Favorit-Modewörter eben in Schwang gekommen, in keinem geistreich sein wollenden Buch, Zeitungsartikel oder Gespräch fehlen durften, so definierte sie ihre ›persönliche Note‹ ebenso zutreffend wie gemeinverständlich als eine ›Synthese von Fra Beato Angelico da Fiesole und Kokoschka unter mystischer Diffusion ihrer immanenten Polarität‹. Von den geistig Minderbemittelten freilich, die zufällig Gelegenheit fanden oder aus Neugierde Gelegenheit suchten, einen Blick auf die im Entstehen begriffenen Wunderwerke der Raumkunst und Innenausstattung zu werfen, ahnten die wenigsten etwas von den tiefgründigen Verzückungen des Geschmacks, die sich darin offenbarten. Gewöhnlich gingen sie nur mit groß aufgerissenen Augen kopfschüttelnd von Zimmer zu Zimmer und dachten oder sagten nichts weiter als höchstens: »Aha, Wiener Werkstätten!« Die geschmackvolle Frau sollte übrigens den Einzug in die mit so viel Hingebung eingerichtete Villa nicht erleben, sie war aber nicht etwa jung verstorben, sondern ihrem Mann inzwischen auf eine eheliche Untreue gekommen, die sie verstimmte. Und da auch er verstimmt war, weil er sie ebenfalls auf einer Eheirrung ertappt hatte, so herrschte ein so inniges Einvernehmen zwischen den Gatten, daß der Scheidung nichts mehr im Wege stand. Gewohnt, jede Mode mitzumachen, wären sich beide vielleicht etwas rückständig vorgekommen, hätte ihr Zusammenleben länger als ein paar Monate gedauert. Und da keines weder schuldiger noch unschuldiger war als das andere und kein Teil sich über eine Störung des Gleichgewichts beklagen konnte, so gingen sie ohne dramatische Szene kalt lächelnd auseinander. August Hollerer bezog allein sein geckisch aufgeschniegeltes Schmuckkästlein in Dornbach und verpflichtete behufs ansehnlicher Vertretung seines Hauses die Witwe nach einem hohen und verdienten Staatsbeamten, eine wahrhaft feine und hochachtbare Frau, die würdig gewesen wäre, dem vornehmsten Hauswesen vorzustehen und doch ihrem Gott dankte, überhaupt untergekommen zu sein; denn sie darbte und hatte unversorgte Kinder, denen sie eine gute Erziehung angedeihen lassen wollte. Das Fest der Hausweihe war in vollstem Gang, als Hauptmann Eybel den mit herrlichen Treibhausgewächsen geschmückten Dielenraum betrat und die in feenhaftem Lichterglanz erstrahlende Freitreppe hinanstieg. Er war sich dessen bewußt, daß er ebenso wie Rumpsack nur in seiner rein menschlichen Eigenschaft als Heymonsbruder geladen sei, und fühlte sich in seiner selbstverständlich wieder aus dem Judengassel stammenden Wichs nicht übermäßig großartig unter den gewissermaßen offiziellen Gästen, welche die Prunkräume bereits bevölkerten, den vielen hervorstechenden Gestalten aus der Großindustrie und Hochfinanz, den nicht minder zahlreich vertretenen stadtbekannten Persönlichkeiten von Rang und Stand. Gleich in einem der ersten Säle, wo eine Jazzband sich hören ließ, traf er einen Bekannten, nach dem er sich übrigens nicht gerade gesehnt hätte. Es war Thomas Mairold, der Sohn Wolfgang Mairolds, ein noch etwas unreifer, zu Kleinkrämerei neigender junger Peinling, der nach einigen allgemeinen Bemerkungen über die glänzende Aufmachung des Abends von geschäftlichen Dingen zu reden anfing. Er wußte, daß Eybel durch Ursel Fürst mit Georg Leodolter in Verbindung stand, daß die beiden sich angefreundet hatten und innige Beziehungen zueinander unterhielten. Unter vielen Klagen über die unleidlich gewordenen Verhältnisse in der Fabrik zu Nedweditz und unter heftigen Anschuldigungen gegen seinen daselbst den Diktator spielenden tschechischen Vetter erkundigte er sich, wie es mit der ›Moralba‹ stehe – der von der Principessa erfundene Name für die geplante Union mehrerer größerer Seidenfirmen hatte sich unter den Nächstbeteiligten bereits eingebürgert. Zerstreut gab Eybel ihm Auskunft. »Ich denke, die Aussichten haben sich gebessert«, sagte er. »Immerhin kann es noch eine gute Weile dauern, ehe die Sache greifbare Gestalt annimmt. Ich würde Ihnen raten, nach Nedweditz zu übersiedeln, im Verhältnis zu Ihrem Vetter das Trennende zurückzustellen, dagegen das Einigende aufzusuchen und so tüchtig in der Fabrik zu arbeiten, daß es Ihrem Verwandten Achtung abnötigt. Aus der Ferne, oder wenn Sie nur ein paarmal im Jahr hinreisen, werden Sie niemals Einfluß gewinnen.« »Ich hänge zu sehr an Wien, ich könnte in Nedweditz nicht leben«, antwortete Thomas. »Wenn Sie ernsten Zielen Ihre empfindsamen Neigungen nicht unterzuordnen imstande sind, dann ist Ihnen nicht zu helfen.« »Ich würde mich ja allenfalls überwinden«, lenkte der junge Mann ein; »aber ich bin seit einem halben Jahr verheiratet, meine Frau ist in der Hoffnung – könnte ich es verantworten, den dauernden Wohnsitz meiner Familie in einen Ort zu verlegen, wo man erst kürzlich die letzte deutsche Schule behördlich gesperrt hat?« »Der Herr Sohn oder das Fräulein Tochter wird wohl nicht sofort nach der Geburt zur Schule gehen wollen«, sagte Eybel lachend; »aber freilich könnt' es Ihnen geschehen, daß Sie dann mit Ihrer Familie für Jahre dort festsitzen. Insofern halte ich den letzterwähnten Grund für stichhaltiger. Bereiten Sie also mittlerweile die Loslösung von Nedweditz vor, Sie können immerhin anfangen, Gelder herauszuziehen. Es dürfte jetzt keine Gefahr mehr damit verbunden sein, denn fast scheint es, als sollte der neuen Regierung das Kunststück gelingen, die Wertbeständigkeit unserer Währung zu sichern. Daß uns in Herrn Ferry Shykenstool, der inzwischen nach Amerika zurückgereist ist, ganz unerwartet ein wertvoller Bundesgenosse erstanden ist, haben Sie wohl erfahren, wenn er nächstes Jahr wieder herüberkommt, wie er es beabsichtigt, so gerät die ›Moralba‹ möglicherweise rascher in Fluß, als wir ursprünglich hoffen durften.« Sie hatten während dieses Gesprächs mehrere Räume durchquert, wo an zeltartig aufgebauten Ständen kalte Küche, Flüchte und Süßigkeiten erlesenster Art, auch Getränke und Erfrischungen von durchwegs reizenden jungen Mädchen gereicht wurden, die einheitlich in Altwiener Tracht gekleidet waren. Viele Gäste, vorwiegend Herren, drängten sich um die in mehr als einer Hinsicht anziehenden Schenk- und Speisetische, während das nächste kleinere, mit üppigen Sitzgelegenheiten ausgestattete Zimmer, das im Schein einer rosigen Ampel dämmerte, fast leer war. Nur wenige einsame Pärchen saßen verstreut in verschwiegenen Winkeln beieinander. Hier stießen sie auf Rumpsack, der ihnen von der andern Seite entgegenkam. Der junge Mairold äußerte sich entzückt über die Innenausstattung des Hauses, die er zwar etwas »outriert«, aber höchst »apart« und sogar »esoterisch« fand. »Die Wiener Werkstätten haben sich selbst übertroffen«, sagte Rumpsack, der seinen Stichel- und Hecheltag hatte; »das Ganze sieht aus wie ein Mittelding zwischen Bordell und Kirche, von einem Morphinisten ausgeklügelt.« Schade, daß der von Hollerer abgetrennten geschmackvolleren Ehehälfte dieses Urteil nicht zu Ohren kam! Sie wäre stolz darauf gewesen. Denn sie hätte eine Bestätigung darin erblickt, daß ihr die »mystische Synthese der Polaritäten« tatsächlich gelungen sei. Thomas Mairold hingegen erblickte einen persönlichen Angriff darin und war gekränkt, während er sich in eine umständliche Rechtfertigung seines Kunstgeschmacks verlor, was wie üblich mit Unfruchtbarkeit geschlagen blieb, kam August, der Gastgeber, in der Nähe vorbei und machte halt, sie herzlich willkommen zu heißen. »Da wären wir ja wieder einmal drei Heymonskinder beisammen«, sagte er; »der vierte fehlt leider schon wieder. In einem der Zimmer des zweiten Stockes konzertiert ein Schrammel-Quartett, leider ist der Severin nicht dabei. Ich ließ ihn in Wien suchen wie eine Stecknadel, ich hielt es nicht für unwahrscheinlich, daß er, wie schon vor dem Krieg einmal, unter einem angenommenen Namen Volksmusik mache, um sich fortzubringen. Aber er ist unaufspürbar, wie vom Erdboden verschwunden. Nicht einmal der findige Ausschnüffler, der sich bei meiner verehrten Gattin so glänzend bewährt hat, wirklich ein Meister seines Faches, vermochte auch nur die flüchtigste Fährte von ihm nachzuweisen ... Was gibt's übrigens Neues im Seidenbaum?« wendete er sich fragend an Rumpsack. »Daß das Wohnungsamt«, sagte dieser, »dem alten Staudenmayer vor einiger Zeit sein einziges menschenwürdiges Zimmer beschlagnahmen wollte und ihm um ein Haar eine Untermietpartei in den ohnedies schon räudig gewordenen Pelz gesetzt hätte. Sag' mal, August, wie stellst du es an, daß dir allein zwanzig oder mehr Wohnräume zum persönlichen Gebrauch verfügbar bleiben, ohne daß sie angefordert werden?« »Vor allem muß man die zwanzig Wohnräume haben«, antwortete Hollerer lachend. »Was sonst noch dazu gehört, das ist mein Geheimnis.« »Du hast schon damals auf dem Kahlenberg«, sagte Eybel, »den Teufel beschworen, der die Dächer abdeckt. Nun wohnst du selbst unter einem solchen Dach.« »Daß ich es tue und tun kann, scheint denn doch zu beweisen,« antwortete Hollerer, »daß ich den Ameisenhaufen, den ich an jenem Abend auf dem Kahlenberge hochleben ließ, richtiger einschätzte als ihr. Die Liebe zur Gemeinschaft, die du, Freund Eybel, damals predigtest, die fortschreitende Entwicklung der sozialen Gefühle, der Grundsatz des gleichen Rechts für alle – das sind Dinge, die sich vielleicht in einem wirklichen Ameisenhaufen finden, in einer Republik der Kerfen, aber nie und nimmer in einer Republik der Menschen! Traurig vielleicht, daß es so ist, aber es ist so. Beinahe hättet ihr mich damals herum- und in die alte Ideologie hineingeredet. Wenn ich überblicke, was ich seither erreicht habe, so beneide ich die Hände, nicht, die Freund Rumpsack wenigstens in Versen so gerne drückt, weder die Hand mit Tintenklecksen, noch die Hand mit Schwielen!« »Aha, das Sonett wurmt ihn noch heute!« lachte Rumpsack auf. »Er kann's halb auswendig!« »Ersieh daraus, lieber Mahner und Merker,« sagte Hollerer, ihn auf die Schulter klopfend, »wie sehr ich Wert darauf legen würde, vor deinem Urteil zu bestehen, wär' nur mein Reich wie das der Dichter nicht von dieser Welt!« Er bat um Entschuldigung, da Hausherrnpflichten seine Anwesenheit an einer andern Stelle nötig machten, und verabschiedete sich für einstweilen, indem er die Hoffnung auf ein erneutes Zusammentreffen im Lauf des Abends aussprach. Im großen Tanzsaal, den sie nun zu dritt betrachten, stellte ein Bekannter sie der Hausdame vor, einer stattlichen, noch schönen weißhaarigen Frau, die eine Anzahl fröhlicher junger Mädchen bemutterte und die Herren sogleich zum Tanzen ermuntern wollte. Bei Rumpsack fielen ihre Bemühungen auf unfruchtbaren Boden, Thomas Mairold verhielt sich noch abwartend, Eybel bedauerte, in den modernen Tänzen nicht bewandert zu sein. Es standen nur Foxtrott, Boston, Shimmy und dergleichen auf der Tanzordnung. »Tanzen Sie gern, oder ist es nur eine Ausrede?« fragte lächelnd die Frau Sektionschef, wie sie genannt wurde. »Ich tanze gern,« erwiderte Eybel, »müßte aber rein von vorne anfangen und wieder Unterricht nehmen. Sie begreifen, gnädige Frau, daß ich mich durch ein unbeholfenes herumhopsen nicht bloßstellen möchte.« »So will ich als nächste Nummer einen Straußschen Walzer einlegen lassen«, sagte sie gütig. Vorläufig war ein Tango im Gang. Die schlanken Tänzer und Tänzerinnen schienen im Reigen mehr zu schreiten, als sich zu schwingen. Der kurze Frauenrock war eben erst in Mode gekommen, das bis dahin nur allzu zimprig gewahrte Geheimnis des weiblichen Beines enthüllte sich in lieblicher Rundung. Fiedeln winselten herzerweichend, Saxophone tuteten kläglich aufreizend, eine tiefe Kniegeige sang ihren Alt dazwischen, das Klavier goß eine klingende Tunke von orchestraler Fülle über das Ganze. Der bewegte Saal bot ein reizvolles Bild der gelassen einander weiterschiebenden jungen Paare. Ein angenehmer Schreck fuhr Eybel durch die Glieder, als er unerwartet Marianne Hocheder, die er seit jenem Konzert am Dreikönigstag nicht wiedergesehen hatte, unter den Tanzenden gewahrte. Geführt von dem ihm nur flüchtig bekannten Doktor Felix Pinkas, dem Sohne des uralten Jacques, der ihm durch Vermittlung Georg Leodolters eine Art Richtschnur für das Studium der Webstuhlmechanik hatte zukommen lassen, bewegte sie sich voll Anmut durch den Saal. Evastochter genug, die neue Mode entschlossen mitzumachen, trug sie das Kleid beinahe kniefrei, und da sie ein großes, schöngewachsenes Mädchen war, so bestrickte ihre nichts weniger als ängstlich verhüllte wundervolle Gestalt den insgeheim mit ihr Verlobten heute mit verdoppeltem Liebreiz. Es ärgerte ihn ein wenig, daß der trotz seiner Jugend leicht etwas grämliche und, wo es sich nicht um das »Aparte« oder »Esoterische«, sondern um das Natürliche handelte, gern zum Absprechen geneigte Thomas Mairold mit pharisäischer Entrüstung über die weibliche Kleidermode zu eifern begann, die er als anstößig, schamlos, unsittlich, als eine geradezu unsaubere Tracht bezeichnete. Er münzte seine Worte zum Glück nicht gerade auf Marianne, von deren Beziehungen zu Eybel er vermutlich nichts ahnte, er sprach nur im allgemeinen und betete gedankenlos manche Bemerkung nach, die man schon irgendwo gelesen zu haben meinte; dennoch empfand der Hauptmann seine Worte wie eine Bekrittelung der Geliebten und freute sich, als Rumpsack jetzt in seiner derben Art dem jungen Manne über den Mund fuhr, ihn einen würdigen Neffen seines Oheims, des Generals, nannte und ihm riet, da er schon ein solcher Stäubchenkläubler sei, doch auch einmal den Staub unters Vergrößerungsglas zu nehmen, den die früheren, nachschleifenden Damenkleider aufgewühlt hätten; dann würde er erst begreifen, welche Tracht die wahrhaft unsaubere sei. Thomas, durch den ihm peinlichen Vergleich mit seinem Oheim herausgefordert, entgegnete gereizt, und da Eybel sich auf die Seite Rumpsacks schlug, gerieten sie in einen Wortwechsel, der hitziger geführt wurde, als der Gegenstand es rechtfertigte. Doch brach er jäh ab, als Marianne, die ihren Liebsten erblickt hatte, plötzlich fast aus den Armen ihres Tänzers auf die drei zuflog. Das verlegene Verstummen fiel ihr auf, sie wollte wissen, worüber die Herren so erregt gestritten hätten? »Über den kniefreien Rock!« gestand Rumpsack unumwunden ein. »Ich hoffe, Sie haben ihn in Schutz genommen, Herr Doktor?« lachte sie belustigt auf. »Das will ich meinen!« »Besingen Sie doch den Vielverlästerten!« bat sie. »Ein hübsches Sonett, nicht wahr?« Und indem sie des Hauptmanns Arm nahm, sagte sie noch im Abgehen, den Kopf über die Schulter zurückgewendet, mit einem holdseligen Lächeln: »Sie werden es mir dann in der lauschigen Grotte vorlesen, die für die Tête-a-têtes bestimmt ist?« Nachdenklich und etwas schweren Herzens verzog sich der Ehrendoktor der Schutzengelgasse aus dem Tanzsaal. Er war sich ja vollkommen klar darüber, daß Mariannens Auftrag nichts als eine nette Form für sie gewesen sei, ihren Hauptmann dem kleinen Kreise zu entführen. Aber zum ersten Male fühlte er es aus der leisen Koketterie ihrer Worte und ihres Lächelns heraus, daß sie um das tiefste und heimlichste Geheimnis seines Lebens wußte. So sorgfältig und ängstlich er es vor ihr, vor jedermann, sogar vor sich selbst immer verborgen hatte, sie wußte es dennoch oder ahnte es wenigstens, daß er in sie, seine ehemalige Schülerin, ach wie hoffnungslos! verliebt war ... Welche List und Geschicklichkeit des Verheimlichen wäre dem gefühlsmäßigen Spürsinn des Weibes gewachsen, wo es um Liebe geht? Sie wußte es, oder ahnte es wenigstens! Und sie hatte so verführerisch gelächelt und ihm mit echt weiblicher Hartherzigkeit sogar etwas wie ein heimeliges Zusammensein unter vier Augen in Aussicht gestellt, nur um ihn auf gute Weise so rasch wie möglich loszuwerden! ... Mit einem Seufzer ließ Rumpsack im abgelegensten der Büfetträume sich an einem einsamen Tischchen nieder. Eine von den reizenden Alt-Wienerinnen brachte ihm ein köstliches Glas Wein, etwas Kaviar in Eis und dergleichen mehr. Und so, nicht übel bestallt und trotz seines Herzenskummers nicht ohne Behagen, begann er gehorsam zu dichten und entfremdete eine kunstvoll gedruckte Weinkarte ihrer ursprünglichen Bestimmung, indem er die unschuldsvolle Reinheit ihrer Rückseite durch das folgende Sonett entjungferte: Der kniefreie Rock So reizvoll kurzgeschürzt wie Artemis Schreiten die schlanken Mädchen heut einher, Die Mucker zetern: 's gibt kein Keuschsein mehr! Man sieht die Beine! Welch ein Ärgernis! So sah die Beine man im Paradies Bei Eva auch, die arglos und leger Ganz nackt ging, als ob's selbstverständlich wär' Und sich erst anzog nach dem Apfelbiß! Wär's ein Pudendum denn, daß wie der Mann So auch das Weib geboren ward mit Beinen? Lernt keuscher schaun, so spart ihr Fluch und Bann! Denn alles ist bekanntlich rein dem Reinen, Und nur den Lüstling kitzelt mit Gelüsten Das pralle Rund von Waden oder Brüsten.   Hauptmann Eybel erging sich inzwischen, beseligt, die süße Last am Arm zu spüren, mit Marianne Hocheder im Tanzsaal. Die Musik hatte ausgesetzt, in trautem Geplauder machten zahlreiche Paare die Runde. »Wie geht's dem Vater?« fragte er. Ach, es ging ihm immer gleich gut und schlecht. Er dämmerte so hin. Nur zeitweise kam es über ihn wie ein Aufleben. Dann konnte plötzlich der alte Eigenwille zurückkehren und ihn zu einem recht schwierigen Patienten machen. »So war's heute morgen«, sagte Marianne. »Zufällig fand er die gedruckte Einladung Hollerers auf meinem Schreibtisch und bestand durchaus darauf, ich müsse auch einmal eine Zerstreuung haben und das Fest mitmachen. Kein Einwand konnte ihn davon abbringen. Meinst du, ich wäre sonst hergekommen?« »Bereust du es?« »Da du hier bist – nein! Seit fast Dreivierteljahren sehnte ich mich nach dir.« »Und ich nach dir. Unserer Liebe ist eine schlimme Zeit beschieden. Du kommst ja kaum einen Schritt mehr vom Vater weg!« »Und du vom Reißbrett.« »Euer Haus zu betreten, wäre mir doch versagt. Der alte Herr bedarf der Schonung. Solange ich nichts weiter bin als ein abgebauter Hauptmann, würde ich nicht wagen, ihm unter die Augen zu treten. Du hast mir sogar untersagt zu schreiben, und ich möchte manchmal fast verzweifeln, wenn ich Wochen und Wochen hindurch nichts von dir höre. Ein Briefchen ab und zu gewechselt – das wäre doch kein so arges Vergehen?« »Es müßte hinter dem Rücken des Vaters geschehen, und das bedrückt mich.« Sie schien zu überlegen, dann sagte sie: »Von Kindheit auf war mir der Wille des Vaters der allein maßgebende. Aber dann dürfte ich dich auch nicht lieb haben und kann doch nicht anders ... Du hast recht,« entschloß sie sich, »ich denke, ich könnt's vor meinem Gewissen verantworten. Es wär' mir ja selbst ein solcher Trost und eine unsagbare Freude, wenn ich hier und da einen Brief von dir hätte und dir auch schreiben könnte.« »Also – sagen wir ...« »Alle vierzehn Tage einmal«, fiel sie ihm ins Wort. »Warum nicht jede Woche einmal?« bat er. »Sagen wir – jeden Sonntag!« »Nun denn,« gestand sie ihm zu, »jeden Sonntag. Wie gut wißt ihr Männer unsere Schwäche auszunützen! ... Was hast du die Zeit her erlebt?« »Ich sagte es schon, ich sehnte mich nach dir!« »Sonst nichts?« »Doch! Zwei gute Nachrichten halte ich dir bereit. Die Frage meiner Staatszugehörigkeit ist entschieden, ich bin Österreicher und beziehe endlich den mir gebührenden Ruhegenuß. Er ist bescheiden genug, reicht aber für meine Bedürfnisse hin und enthebt mich wenigstens der drückendsten Sorgen. Das ist das eine. Und zum zweiten hab' ich meine ersten Vorprüfungen mit gutem Erfolg bestanden und das Modell einer Jacquardmaschine konstruiert, mit der nach dem Urteil technologischer Fachleute eine nicht unbedeutende Kraftersparnis zu erzielen wäre. Du siehst, der Lehrjunge ist nicht müßig, er wird bald Gesell und schließlich Meister sein ... Dann führ' ich dich heim, Mädel,« sagte er fröhlich, »ob du magst oder nicht!« »Von mir aus brauchte der Lehrbub nicht erst Meister werden, ich heiratete ihn, wie er ist, vom Fleck weg. wenn's möglich wär'. Aber dem Vater zulieb müssen wir freilich noch warten, bis die Sache auch ein gewisses Ansehen hat.« »Ja, das müssen wir wohl ...« Er stockte, er schwieg ... Eben erst hatte die Geliebte sich nachgiebig gezeigt, da sie den Widerstand gegen das Wechseln von Briefen aufgab. Der gereichte Finger machte ihn lüstern nach der ganzen Hand. Er sagte: »Es ist viel verlangt, daß ich inzwischen schon in einem kleinen Sonntagsbriefchen einen Fortschritt erblicken soll! In beschriebenem Papier, wenn auch von deiner lieben Hand beschrieben!« Und mit wachsender Kühnheit begann er sie zu bedrängen: »Könnten wir uns denn nicht manchmal auch sehen? Miteinander sprechen? Uns lieb haben?... Marianne überleg' es! ... Ich meine ... ich denke, ob sich's nicht einrichten ließe ... Marianne!...« Mit verliebten Augen sah er sie an. Mehr denn je entsprach die Frische und Schönheit des vom Tanz erhitzten Mädchens der lieblich malenden Schilderung des Märchens: Weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz. Angefacht von ihrem sinnberückenden Anblick im Getriebe der festlichen Umgebung entbrannten seine Wünsche. Die allzulange niedergehaltene Sehnsucht, erhitzt bis zum Ungestüm, wallte auf und erschütterte die gewohnte Besonnenheit und Strenge, daß Glut des Verlangens aus der geübten Entsagung hervorschlug. Und ebenso wie damals nicht Eybel, nur Eybels Beine es gewesen waren, die Mariannen von der Kirche am Hof bis in den Rathauspark verfolgt hatten, so war's auch jetzt nicht er selbst, der zu ihr sprach, es war die Leidenschaft, die aus ihm redete, rasende Verliebtheit, wildaufflackerndes Begehren. »Marianne, sieh, das Leben wäre so schön – unter den Fingern entgleitet es uns! Halten wir es doch fest, wir sind jung und niemand verantwortlich als uns selbst. Ein Stündchen oder zwei ab und zu könntest du dich freimachen, wenn du nur wolltest. Warum kommst du nicht in meine Arme? Wen ginge es was an? Wär's nicht unsere eigene Sache? Das gute Recht der Liebe? Denk', wieviel Freude uns dadurch geschenkt wäre, wieviel Glück! Wie froh und glücklich ist Georg Leodolter mit seiner Resi! Weshalb tun wir's ihnen nicht gleich?« Wahrlich, es war nicht Eybel selbst, der also sprach, der umsichtige, besonnene, still liebende Eybel. Es war die Leidenschaft, die aus ihm redete, rasende Verliebtheit, wildaufflackerndes Begehren! Aber Marianne wußte es nicht, sie glaubte, er selbst hätte zu ihr gesprochen. Darum sah sie so betreten drein. Darum verfärbte sie sich und wurde traurig. »Die treiben's offen,« sagte sie, »wir müßten's heimlich tun.« Aber noch immer redete eine fremde Gewalt aus ihm, als er fortfuhr, in sie zu dringen: »Geheimnisse sind so süß, Marianne! So süß, so unsagbar süß!« Sie aber sah ihm mit ungewohntem Ernst ins Auge und schüttelte den Kopf: »Geheimnisse machen unfrei vor den Menschen!« Das Wort traf ihn wie eine Offenbarung. Der tiefste Grund jener Macht, die Herkommen und Sitte ausüben, schien ihm darin beschlossen und dadurch gerechtfertigt. Wie einer, der mitten im stürmischen Lauf jäh einhält, besann er sich. Die wilde Leidenschaft war verflackert. Es leuchtete wieder die reine, stete Flamme der Liebe. Und nun war es auch wieder er selbst, nicht ein im Grunde Fremdes, das aus ihm gesprochen hätte, Eybel selbst, der die volle Verantwortung trug und tragen konnte für das, was er sagte. »Liebste, was du da aussprachst, ist so schön und wahrhaftig, daß ich niederknien und dir dafür die Hände küssen möchte!« Oh, wie frei atmete Marianne jetzt auf, wie beglückt konnte sie wieder lächeln! »Sogar das Niederknien«, sagte sie heiter, »wirst du dir auf einen günstigeren Zeitpunkt sparen müssen.« Die Musik setzte in diesem Augenblick wieder ein, lockend, holdselig-scherzend, herzbrechend-lustig, ein Walzer, wie es ihn nirgends gibt als hier, auf diesem alten Boden von Wien, wo der fröhlich kichernde Wind der Berge sich mit der schwermutsvollen Glut des weithindämmernden Flachlandes mischt ... Unbändige Lebensfreude, sieghaft wie die ewige Reinheit selbst, durchpulste die Liebenden. Zum Tanz antretend, legte Eybel den Arm um Mariannens Mitte und drückte sie sachte an die Brust. »So viel wird doch wohl noch erlaubt sein?« Aug' in Auge lächelten sie einander zu. Weich und schmelzend, nur aus den vom Klavier untermalten Streichinstrumenten aufklingend, sangen die »Donauwellen« durch den Saal. Und auf ihren wiegenden Fluten trugen sie das Glück zweier liebender Herzen über die ungeklärte Gegenwart hinweg ins Meer der erträumten Seligkeiten hinüber ...   In vorgerückter Stunde traf dann Hauptmann Eybel in der Bar, die in den tiefgelegenen Räumen des Hauses eingerichtet war, mit Felix Pinkas zusammen, dem einzigen Sohn und voraussichtlichen Erben einer der angesehensten Seidenfirmen, der die Fabrik in Dorotheen-Wiese leitete und nur selten nach Wien hereinkam. Er ergriff die Gelegenheit, den jungen Mann, der einige Jahre weniger zählen mochte als er selbst, näher kennenzulernen um so lieber, als er mit dessen Vater Jacques Pinkas durch Vermittlung Georg Leodolters bereits gewisse Beziehungen unterhielt. Felix, der den Doktor der Rechte gemacht hatte, war ein feiner, blasser Mensch von fast weiblicher Anmut und Sanftheit, dem das ziemlich langgewellte schwarze Haar das Aussehen eines Künstlers verlieh, wie man sich einen solchen etwa zur Zeit der Nazarener vorstellte. Im Gespräch ergab sich, daß er an einem innern Zwiespalt litt, er machte Eybel gegenüber, der rasch sein Vertrauen gewonnen zu haben schien, kein Geheimnis daraus. »Die fortschreitende Industrialisierung tut mir im Grunde weh«, sagte er. »Der Gedanke der sogenannten ›Moralba‹, über die ich mich mit meinem Vater wiederholt unterhalten habe, wäre wunderschön, wenn die vereinfachte Organisation sich auswirkte in der Verbilligung der Ware, in der Besserstellung der Arbeiterbevölkerung und damit in der Förderung des Gemeinwohles, wie die Menschen wirklich sind, wird, fürcht' ich, nichts dabei herauskommen als ein Trust, ein Industriellen-Ring, ein Kartell zum Hochhalten der Preise.« »Das wird ganz von den Menschen abhängen, die dabei beteiligt sind«, sagte Eybel. »Georg Leodolter vertritt – meines Erachtens mit Recht – den Gedanken, daß der Industrielle der Zukunft nicht bloß nüchtern rechnender Geschäftsmann, daß er auch etwas wie ein Schöpfer und Künstlergeist sein muß, sein kann, sein wird. Und schöpferisch wie ein Künstler sein, hat Pater Wilfrid in einer Predigt, der auch Ihr Vater beiwohnte, so wunderschön gesagt, bedeutet, der persönlichen Zwecke vergessend, sich selbst verschenken an höhere Gemeinschaftsziele. In dieser großen und mutigen Hingabe seiner selbst wurzelt das unvergleichliche Glücksgefühl, das den Künstler bei seiner Arbeit über das Irdische hinaushebt, das aber auch jeden andern Menschen beseelen und beseligen kann, der in solchem Geiste auf irgendeinem Gebiet ein Schaffender ist. Und wüßten Sie mir denn etwas sonst zu nennen, das den hochstehenden ein mit heißerer Leidenschaft erstrebenswertes Ziel dünken könnte, als ein derartig gesteigertes Glücksgefühl? Warum sollten wir also an die Möglichkeit der ›Moralba‹ als einer auf idealer Grundlage aufgebauten Industrievereinigung nicht glauben dürfen, warum den Gedanken in seiner edelsten Prägung für eine totgeborene Utopie halten, wenn eine so greifbare Verheißung lockt? Aber freilich – ich spreche von Glück im hohen und reinen Sinne, von der Freudigkeit des Herzens, nicht von Genuß, nicht von Gewinn und dergleichen mehr. Die Voraussetzung bleibt der Glaube an eine gesteigerte Erscheinung der menschlichen Gesellschaft, in der der geniale Idealist letzten Endes stärker sein wird als der gerissene Geldverdiener« »Ich verstehe Ihren Glauben und will mich bemühen, ihn zu teilen«, sagte Doktor Felix, das Haupt schwermütig neigend wie eine Gestalt von Overbeck, Veith oder Schnorr. »Für mich selbst freilich wäre höchstes Glück nicht im Wirken erreichbar.« »Worin sonst?« »Im Betrachten. Lachen Sie mich aus, aber könnt' ich, wie ich wollte, so wär' ich Einsiedler auf freier Bergeshöhe, in Himmels- und Wolkennähe, allein mit Gott – Baum, Fels und Tier meine Geschwister.« »Bequemlichkeit!« versetzte Eybel trocken. Felix Pinkas erschrak: »Bequemlichkeit sagen Sie? Ist Gottesnähe Bequemlichkeit?« »In gewissem Sinne vielleicht doch, wenn sie Neigung zu Menschenflucht einschließt. Es ist leichter, als Einsiedler auf einsamer Bergeshöhe ein heiliger, als mitten im tätigen Leben ein tüchtiger Kerl und anständiger Mensch zu sein.« »Sie sind hart. In gewissem Sinne muß ich Ihnen freilich recht geben, und doch – Ihnen vertrau' ich's ganz heimlich – die höchsten Beglückungen schöpfe ich aus mystischer Gottseligkeit. Es ist ein Widerspruch, ich weiß es. aber es ist so: In meinen Freistunden lese ich – ich, der Sohn von Pinkas und Kompanie! – nichts lieber als die alten deutschen Mystiker, auch Angelus Silesius. Welche Entrücktheit von der Erde! Welche Tiefe des Gottempfindens! Gibt es etwas, das so echt und im besten Sinne deutsch wäre?« »War Martin Luther etwa kein echter, kein guter Deutscher?« antwortete Eybel. »Auch er hat die mystische Gottseligkeit nicht über Bord geworfen, Aber er erlöste sie vom mittelalterlichen Müßiggang, indem er ihr das tätige Wirken, die Pflichten gegen die Allgemeinheit paarte und sie dadurch erst wahrhaft wohlgefällig machte.« Aufhorchend und erregt fragte der junge Mann: »So meinen Sie, daß beides vereinbar wäre?« »Gewiß, ich zweifle keinen Augenblick daran! Und für uns Heutige bleibt das wie der Verschmelzung jener scheinbaren Gegensätze sogar die Frage aller Fragen. Es ist verhältnismäßig leicht, sich in die Tiefen der Religion zu versenken. Und es ist ein Kinderspiel, Mensch eines Zeitalters der Technik zu sein. Das Problem, auf dessen Lösung es ankommt, ist schwieriger.« »Und worin besteht dieses Problem?« fragte Doktor Felix gespannt. Es besteht darin, eine vertiefte Religiosität, einen geläuterten und mit der fortgeschrittenen Erkenntnis vereinbarlichen Gottesbegriff hinüberzuretten ins tätige Leben des vom Lärm der Maschinen erfüllten Alltags.« »Sie geben mir viel mit diesem Wort«, sagte Felix Pinkas nachdenklich. »Ich wäre dankbar, könnt' ich öfters mit Ihnen beisammen sein.« Rumpsack war eingetreten und nahm an ihrem Tische Platz. Bald danach kam auch August Hollerer. Es war spät geworden, die Flut der Gäste hatte sich verlaufen. Jetzt fing er erst zu leben an, ließ sich ein Glas Pilsener Bier kredenzen und setzte sich aufatmend zu der übriggebliebenen kleinen Runde. Er war ermüdet durch die quecksilbrig erfüllten Pflichten des Gastgebers und etwas mißmutig, weil er nachträglich die Leerheit dieser Art von Geselligkeit empfand. Auch die folgenden Gedanken des Tages, die ihn seit einiger Zeit verfolgten, meldeten sich jetzt wieder, nachdem der Lärm verhallt war. »Ich fürchte, wir gehen einer schweren Zeit entgegen«, sagte er zu Doktor Felix. »Mit der guten Konjunktur dürfte es vorüber sein.« »Im Gegenteil«, antwortete dieser. »Ich habe Vertrauen zu der neuen Regierung. Wenn irgendeiner, so gelingt es ihr, die Wirtschaft wieder auf gesunden Boden zu stellen.« Aus vollster Überzeugung und mit Wärme trat Konrad Eybel dem jungen Pinkas bei: »Endlich, endlich sehen wir einen wirklichen Staatsmann am Werk! Man merkt schon jetzt, daß die Währung sich zu festigen beginnt.« »Das ist es ja eben, was ich meine!« beharrte Hollerer. »Unser gesamtes wirtschaftliches Leben ist auf die Inflation eingestellt und muß zusammenbrechen, wenn man diese jäh unterbindet!« Betreten schwiegen die andern, Sie merkten, daß es mit dem Herrn dieses Hauses für sie keine Verständigung geben konnte, was ihnen Hoffnung war, war ihm Befürchtung. Rumpsack aber sagte: »Wenn man das Nashorn putzt, müssen die Madenhacker verhungern.« »Was heißt das?« brauste Holleier ungehalten auf. »Na, du wirst doch wissen, August, was ein Madenhacker ist? – Nein? – Also: Der Madenhacker ist ein Vogel, der in Scharen das ostafrikanische Nashorn umkreist und sich von dem Ungeziefer nährt, das in der runzlichen Haut des Dickhäuters nistet, wenn nun ein Mann mit Seife und Bürste käme und das Rhinozeros fein säuberlich reinfegte, so hätten die Madenhacker bald nichts mehr zu beißen. Sonach ist es nur natürlich, wenn diese Art Vögel auf den Mann mit Seife und Bürste nicht gut zu sprechen sind.« »Der Vergleich hinkt auf allen vier Beinen!« sagte August Hollerer erbost. »Durchaus nicht, er läßt sich sogar nach weiter ausspinnen. Das Nashorn nämlich ist ein Säuger, der zwar recht gut hört und wittert, aber an Kurzsichtigkeit leidet. Der Madenhacker dagegen hat wie viele Vögel ein überaus scharfes Auge. Wenn nun der Mann mit Seife und Bürste sich nähern will, so gewahrt er ihn schon auf große Entfernung, stößt Warnungsrufe aus und erhebt ein wüstes Gekreisch. Man kann es dem Madenhacker nicht übelnehmen, er fürchtet sich um sein tägliches Brot. Das dumme Nashorn aber, das nicht weiß, daß der Mann mit Seife und Bürste ihm nur wohlwill, indem er es vom Ungeziefer und damit auch vom Madenhacker befreien möchte, erschrickt gewaltig über das warnende Gekreisch der Vögel. Es meint, ihm selbst drohe Gefahr, und rennt davon, so schnell es kann...« »Das ist der Grund,« schloß Rumpsack, vergnügte Äuglein machend, »warum schon ein ganzer Kerl wie der gegenwärtige Bundeskanzler dazu gehört, um an das von Parasiten verseuchte und von unersättlichen Madenhackern umschwärmte Rhinozeros nur überhaupt heranzukommen.« Der Hausherr hätte es für ebenso unklug wie engherzig gehalten, nicht mitzulachen, doch wahrte er seinen Standpunkt, indem er sagte: »Die schwarzen Köche haben noch nie für jemand andern gekocht als für sich selbst oder für Rom.« Er spielte damit auf das geistliche Gewand an, das der derzeit leitende Staatsmann trug. Konrad Eybel hingegen ließ nun einmal über eine Persönlichkeit, deren seltene Eigenschaften er als überaus wertvoll erkannt zu haben glaubte, nichts kommen. Er bemerkte, daß er sich durch keine von Standes- oder anderen Vorurteilen beeinflußte Redensarten werde behindern lassen, jeden Baum nach seinen Früchten zu beurteilen, und pries sein Vaterland glücklich, dem das Schicksal gerade noch im letzten Augenblick einen besonnenen und weitblickenden Führer geschenkt habe, einen Mann der reinen Hände, der Bedürfnislosigkeit und Uneigennützigkeit in dieser feilen, üppigen und raffsüchtigen Zeit, einen Mann der sachlichen Zielbewußtheit mitten in der zerfahrenen Partei- und Eigennutzwirtschaft. Und Doktor Felix Pinkas sagte: »Nur ein Mensch, der Gottessendung in sich fühlt wie dieser, wird den ungeheuren Schwierigkeiten, die es in diesem verrotteten Staatswesen zu überwinden gibt, gewachsen sein.« Er neigte sein Haupt leidvoll zur Seite, und das dunkle Auge sah dabei so sehnsüchtig in eine unbekannte Ferne, daß Rumpsack die Arme über der Brust kreuzte und ihn verstohlen beobachtete, seltsam berührt und gefesselt durch die schleierhafte Problematik einer schwer zu entziffernden Wesensart. Unwillkürlich mußte er wieder einmal an seine verkehrt eingesetzten Bäumchen denken... Als dann spät Nachts Konrad Eybel und Gottlieb Rumpsack auf dem Heimweg ein Stück gemeinsamen Weges durch die stillen Gassen gingen, zog der Ehrendoktor der Schutzengelgasse ein weißes Blatt aus der Brusttasche »Hier das höheren Orts befohlene Sonett. Sei so gut und gib es ihr.« »Marianne wünschte doch, du solltest es ihr selbst vorlesen?« »Bin nicht dazu gekommen. Ergab mich in Verborgenheit dem stillen Suff.« »So gib's ihr doch selbst im Seidenbaum, du siehst sie eher als ich.« »Ich seh' sie nie!« behauptete Gottlieb in querköpfiger Laune. »Ich bin ihr nah' und doch so fern. Und wenn ich sie wirklich einmal sähe – so höchstens, wie der Frosch im Pfuhl die Sterne sieht, wenn sie in unnahbarem Glanz vom nächtlichen Himmel strahlen. Er freut sich ihrer Pracht, aber er unterhält keine näheren Beziehungen zu ihnen, und sein Quaken dringt nicht bis in ihre Höhe... Du schreibst ihr wohl einmal«, sagte er; »dann schickst du ihr das arme kleine Gedicht, so ist's am einfachsten. Ich ließe mich entschuldigen, daß ich mich nicht von ihr verabschiedet hätte, es täte mir leid, ich hätte ohnedies nach ihr gesucht wie nach einer Stecknadel, aber alkoholisiert, wie ich gewesen, unter den vielen reizenden Mädchenbeinen die ihrigen nicht mehr herauszufinden vermocht.« Sie hatten die Straßenecke erreicht, wo ihre Wege sich trennten. »Gute Nacht!« rief er und bog ab. Konrad blieb nach eine Weile stehen, das ihm aufgedrungene Blatt in der Hand, und sah kopfschüttelnd der dunklen Gestalt nach, wie sie mehr und mehr mit dem Schatten der Häuser in eins zusammenfloß. Und allmählich verhallten auch die Schritte des Freundes auf dem Pflaster.   Ihr hochfahrenden und stattlichen Rechthaber, ihr Unentwegten und Selbstgerechten, die ihr mit gebieterischer Gebärde über andere zu Gericht sitzet und euer absprechendes Urteil aus der Überhebung schöpft, wisset, daß auch für euch der Tag kommt, wo ihr als Angeklagte vor einem Richter stehen werdet, der euch zu hart und streng dünken würde, ließe er ausschließlich Gerechtigkeit und nicht auch Milde und Nachsicht walten. Dann dämmert euch wohl – ach, viel zu spät! – die Erkenntnis auf, daß das vielleicht edle Bestreben, das euch ursprünglich leitete, der Trieb, der Gemeinschaft tätig anzugehören, für sie zu leben, fördernd und bessernd auf sie einzuwirken, ein Vorrecht der Liebe bleibt. Denn nie und nimmer ist der Mensch imstande, anderen etwas zu sein, sie zu beraten, ihnen zu helfen, bevor er nicht in sich selbst den verneinenden Gedanken auszutilgen vermochte, der das Bewußtsein beschwert mit widerwärtigen Eindrücken und Erinnerungen, mit unfruchtbaren Gehässigkeiten und ewig um und um gewalzten Vorwürfen. Nur der Erlöste vermag zu erlösen. Krittliche Worte, die aus einem gereizten Gemüt kommen, peinigen, ohne zu nützen. Dagegen wittert der Bedrückte auch ohne viel Worte die Kraft des aufbauenden Geistes, die ihn tröstet und speist. Denn Wärme und Licht strahlt aus, wo Wärme und Licht ist, aber Kälte und Finsternis herrschen, wo beide fehlen. Solche Gedanken etwa mochten es sein, die Pater Wilfrid beschäftigten, als er ans Sterbebett Exzellenz von Mairolds berufen wurde. Geduldig hörte er die Klagen des Schwerleidenden über das schreiende Unrecht an, das eine verruchte Zeit ihm zugefügt habe, und über den Undank, mit dem ihm die hingebungsvolle Pflichterfüllung eines ganzen Lebens vergolten worden sei. Und er konnte es auch nicht verhindern, daß der General fortfuhr, sein Herz auszuschütten, als die Klagen sich zu leidenschaftlichen Anklagen steigerten, gegen die Mitmenschen, von denen so viele den Mantel nach dem Wind gehängt, ihre politische Überzeugung verleugnet und sich liebedienerisch den neuen Verhältnissen angepaßt hätten. Zu Anklagen gegen die Weltordnung sogar, die dem Gerechten schwerere Leiden auferlege als dem Ungerechten und es zulasse, daß die getreuen Söhne Österreichs und der einzig wahren, der katholischen Kirche, vielfach zurückstehen müßten gegenüber der glaubens- und vaterlandslosen Masse, die durch Gewalt und Bedrohung zu einem so ungebührlich großen Einfluß gelangt sei in diesem unseligen bolschewikischen Staatswesen Dem Kranken, der an einer beiderseitigen Lungenentzündung litt, fiel das Sprechen schwer, nur stoßweise entrangen sich die Worte seinem Munde, manchmal ohne rechten Zusammenhang, mit Seufzen und Stöhnen vermischt, von Pausen der Ermattung unterbrochen. Dennoch blieben die liebevollen Ermahnungen des Geistlichen, sich zu schonen, erfolglos. Der General hatte es sich nicht versagen können, noch sterbend die Rolle des Nörglers und Absprechers zu spielen, die ihm zur zweiten Natur geworden war. Jedem Ungläubigen, jedem Gotteslästerer, dem schwersten Sünder sogar wäre leichter zu helfen gewesen als diesem von der eigenen Tadellosigkeit überzeugten Selbstgerechten, mit dem vielleicht der Heiland selbst nichts anzufangen gewußt haben würde; denn immer hatte dieser in seinem Erdenwallen lieber noch mit Zöllnern Umgang gepflogen als mit Pharisäern. Bekümmert mußte Pater Wilfrid an das von Konrad Eybel geprägte Wort denken, das ihm irgendwie zu Ohren gekommen war: »Katholizismus minus Christentum.« Ratlos stand er vor der schier unlösbaren Aufgabe, diesem Manne, der in seinem verantwortungsvollen militärischen Beruf eine anerkannte Größe gewesen war und sich im Menschlichen so klein und hilflos erwies, etwas wirklich Tröstliches und Stärkendes auf den bitteren Weg zum Tode mitzugeben. Sein ganzes Wesen war derart durchsetzt von endgültig geprägten Urteilen und Vorurteilen der beißendsten Art, daß es ein fast aussichtsloses Beginnen schien, eine fürs Jenseits reife Seele aus diesen zähen Verwachsungen und Verfilzungen lösen zu wollen. Und ein tiefes Mitleid bemächtigte sich des Seelsorgers, wenn er bedachte, wie unendlich viel Wertvolles an Wissen und Können, an Treue und gutem Willen, an Hingebung und Aufopferungsfähigkeit allein schon in diesem kleinen Österreich vom Rad der Weltgeschichte zermalmt, vom gewaltsamen Umsturz und notgedrungenen Abbau verschüttet, der Mitarbeit am Wohl der Gesamtheit für immer entzogen worden sei. »Beruhigen Sie sich in dem Gedanken,« sagte er, »daß Jesus, in seiner irdischen Erscheinung der reinste und vollkommenste aller Menschen, noch ungerechter gelitten hat als Sie selbst und die vielen andern, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen leiden. Und wenn Ihnen heute an Ihrer Zeit und Ihren Mitlebenden so manches tadelnswert, ja verwerflich und verächtlich scheint, so bedenken Sie, daß nur Gott, dem Herrn, eine letzte Entscheidung zusteht über das, was in der Welt vorgehen darf und soll, nicht uns, die wir alle fehlbare und hinfällige Geschöpfe sind. Der Mensch, vom Weibe geboren, so steht es im Buch Hiob, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe: gehet auf wie eine Blume und fällt ab; fleucht wie ein Schatten und bleibt nicht. Niemals ist die Vergänglichkeit, unser aller Erdenlos, schöner und erschöpfender ausgesprochen worden. Und wie wäre es nun möglich, daß das Urteil und Ermessen eines so hinfälligen Wesens ein endgültiges, unumstößliches, unbedingt verläßliches sein sollte? Darum die Worte der Bergpredigt: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden... Es gibt Augenblicke, wo der Ruf an den einzelnen ergeht, einzugreifen in die Speichen des Weltenrades, irgendwie, ein jeder nach seinen Kräften, seien sie groß, seien sie noch so geringfügig. Einer solchen Berufung sich zu entziehen, fällt unter den Begriff der Trägheit zum Guten, welches die siebente der Todsünden ist. Ohne Berufung aber, und nun gar unfruchtbar krittelnd, nicht einmal tätig helfend sich um Dinge bekümmern, die andere angehen, das heißt Gott seinen eigenen Willen aufdrängen wollen, statt sich dem seinigen zu fügen. Von dem Stifter meines Ordens, dem heiligen Benedikt, hat Papst Gregor der Große rühmend gesagt: Er lebte mit sich selbst. Und es gibt eine klar gezogene Linie, wo jeder von uns aufhören muß, ein soziales Wesen zu sein, wo sein eigenstes Krongut beginnt, der Boden, auf dem er mit sich selbst leben kann, leben darf, leben muß – nicht verlassen und allein darum, wenn er nur seinen Gott mitnimmt in die Einsamkeit. Aus dieser gotterfüllten Einsamkeit sprießt auch die Kraft, die Ruhe, die Gelassenheit, die Zuversicht, die Güte, deren wir zum Leben bedürfen. Unablässig des Nachbars Felder im Auge behalten, um daran zu mäkeln, sie zu schmähen, sie herabzusetzen, statt den eigenen Grund und Boden still und in Demut zu bestellen, das macht unzufrieden, friedlos und feindselig. Es steht aber geschrieben: Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.« Streng, vielleicht allzu streng gegen sich selbst, vertraute Pater Wilfrid nicht unbedingt darauf, daß seine Worte imstande sein würden, dem Kranken wenigstens noch in letzter Stunde die wertvollste Gabe zu schenken, mit der jede wahre Religiosität den Menschen segnet, ihm jene über alles Irdische erhabene Freudigkeit des Herzens einzupflanzen, die er geflissentlich und beinahe planmäßig in sich ausgerottet hatte wie Unkraut. Aber je bescheidener er von der Kraft der Gnade dachte, die ihm selbst verliehen war, um so inniger dankte er seinem Schöpfer in diesem Augenblicke, wo das Mitgefühl ihn hilfsbereiter machte denn je, für die Gnadenmittel, welche die jahrtausendalte Überlieferung der Kirche ihm in den Sakramenten an die Hand gab. Das war nicht das willkürliche Tasten eines einzelnen, das ohnmächtig bleiben konnte! Die Weisheit, die Erfahrung, die Menschenkenntnis von Generationen schlummerte darin und vor allem – er glaubte unverbrüchlich daran – Gottes tiefstes Geheimnis. So hörte er denn die Beichte und erteilte die Absolution. So vollzog er ergriffenen Herzens das Wunder der Eucharistie. Und mit frommer Rührung beobachtete er, wie die Tröstungen des Glaubens den anfänglich noch in seinen Haß Verbohrten mehr und mehr über sich selbst hinaushoben, wie dessen Auge, das trotz der körperlichen Leiden noch immer hart und zornerfüllt geblickt hatte, allmählich einen milderen und weicheren Ausdruck annahm. Und nachdem der Kranke auch noch das Sakrament der letzten Ölung empfangen hatte, schien er fast ein anderer Mensch. Oder vielmehr, nun schien er überhaupt erst ein Mensch, ein schwacher, leidender, fühlender, ein menschlicher Mensch, während er bis dahin nichts als ein abgebauter und in seiner Laufbahn bitter enttäuschter Offizier gewesen war. Während er, auf dem Rücken liegend, die Hände über der Brust gefaltet, den verklärten Blick wie ins Jenseits hinein gegen die Zimmerdecke gerichtet hielt, vernahm Pater Wilfrid, der hoffend und bangend und abseits in der Fensternische stehend noch im Krankenzimmer verweilte, eine matte Stimme, die Dankesworte stammelte. Und wie in gottseliger Beruhigung hauchte diese Stimme: »Sie haben mich den rechten Weg gewiesen... Nun lebe ich endlich mit mir selbst...« Den geistlichen Herrn übermannte es mit Glück und Freude. Unweit im Zimmer gewahrte er einen Betschemel vor einem elfenbeinernen Kruzifix. Auf ihm sank Pater Wilfrid in die Knie. Ein heißes Dankgebet stieg zum Himmel, und Tränen rannen ihm über die Wangen. Aber die Ernüchterung sollte nicht ausbleiben... Exzellenz von Mairold hatte einem Gelübde zufolge wie alljährlich so auch in diesem Jahre in der Kirche des heiligen Laurenz an einem bestimmten Tag drei Messen hintereinander lesen lassen. Es war der Gedächtnistag seiner Errettung aus schwerer Gefahr auf einem der russischen Kriegsschauplätze, und dieser fiel mitten in den Winter, der sich diesmal ausnehmend streng anließ. In der Kirche selbst herrschte zwar keine übermäßige Kälte, doch besaß der General, der an nervöser Furcht vor gänzlicher Verarmung litt und darum die Sparsamkeit unnötig übertrieb, keinen Wintermantel, er hatte den drei Messen im Sommerüberzieher beigewohnt und sich bei diesem Anlaß die schwere Erkältung zugezogen, deren Folgen ihm ans Leben gingen. Offenbar beschäftigten jetzt seine Gedanken sich schon mit den Jenseits, er mochte nach Beweismitteln suchen, die ihn vor dem ewigen Richter entlasten konnten. Denn nochmals erhob er die Stimme: »Hochwürden« ... sagte er ... »Messen stiften ... das ist doch verdienstlich?... Das muß mir auch angerechnet werden?« Traurig und bitter enttäuscht erhob sich der Seelsorger von seinem heißen Dankgebet. Augenblicks waren seine Tränen versiegt. Der Formendünkel, der sich in jener Frage aussprach, berührte ihn schmerzlich, wo er doch gewähnt hatte, eine Seele zur Gottesnähe emporgeleitet zu haben. Aber er sah ein, daß es zu spät sei, hier mehr geben zu wollen als behutsame Schonung. »Kein Verdienst wird unbelohnt bleiben«, sagte er müde ausweichend. Und da jener durch die Antwort befriedigt schien, zog Pater Wilfrid sich leise zurück, dem eintretenden Arzt die Tür in die Hand gebend. Das letzte Wort, das er von dem Schwerkranken vernommen, suchte der geistliche Herr aus seinem Gedächtnis zu streichen, er hoffte, daß auch vor Gott nur das andere fortklingen werde, das auf Einkehr ins eigene Innere hatte schließen lassen: »Ich lebe mit mir selbst ...« In der darauffolgenden Nacht starb Exzellenz von Mairold. Sein Tod fiel ziemlich genau mit dem Tag zusammen, an dem drei Jahre vorher, nicht ohne sein Zutun, Severin Hocheder das Haus »Zum Seidenbaum« für immer verlassen hatte. Und wenige Wochen nach dem Heimgang des Generals folgte diesem ein Mann in den Tod, mit dem eine Zeitlang freundschaftliche Beziehungen ihn verknüpft hatten. Aber es war keine Freundschaft gewesen, die jedem Teile den Weg zu seinem besseren Ich gewiesen hätte, wie die wahre und segensvolle Freundschaft es tut. Es war nur ein Bündnis zur Pflege der Selbstgerechtigkeit, zur gegenseitigen Steigerung des Unmuts, zur Verstärkung des Hasses, darum mußte es unfruchtbar bleiben auf den Feldern des Lebens und konnte nichts zeitigen als Zorn, Gram und Unfrieden...   In den ungefähr zweieinhalb Jahren, die hingegangen waren, seit Ferry Shykenstool Justinen im Haus »Zum Seidenbaum« aufgesucht und bei dieser Gelegenheit auch Georg Leodolter und dessen Schwester Ursel Fürst kennengelernt hatte, war der rührige Deutsch-Amerikaner mehrere Male über das große Wasser hin und her gefahren, unermüdlich tätig im Dienste des Gedankens der großen Seiden-Union, den er gleichzeitig mit seinem neuentdeckten Vetter Georg und unabhängig von diesem ausgeheckt hatte und nun auch ohne viel Fackeln in die Tat umzusetzen gedachte. In den sogenannten Siegerstaaten stieß er – nicht ganz unvorhergesehen – auf Widerstände. Die nationalen Gegensätze und Gehässigkeiten gegen alles, was deutsch hieß, überdauerten bei den Völkern, die unter den Begriffen Humanität und Weltbürgertum nur den Imperialismus ihrer eigenen Vorherrschaft verstanden, den Weltkrieg. So wurde Ferry ohne sein Zutun dazu gedrängt, das Augenmerk zunächst nur auf deutsche Firmen oder solche des neutralen Auslands zu lenken. Unter diesen aber fand er ein Verständnis und Entgegenkommen, das seine Erwartungen fast übertraf. Die Vorbesprechungen waren verwickelt und nahmen Zeit in Anspruch. Die österreichische Gruppe vertrat dabei auf Wunsch Georg Leodolters der als Rechtsanwalt gesuchte Doktor Alois Birenz, ein bei seinen mehr als siebzig Jahren noch jugendlich frischer und tatkräftiger Mann, der als Politiker und Parlamentarier das Vertrauen der Arbeiterschaft genoß, aber trotz seiner sozialdemokratischen Einstellung kein so verbissener Parteigänger war, als daß man eine sachliche Behandlung sachlicher Angelegenheiten von ihm nicht hätte erwarten dürfen, Frau Therese Mairold, väterlicherseits Justinens, mütterlicherseits Georgs und Ursel Fürsts Großmutter, hatte ihn zu ihren acht Kindern noch als neuntes an Kindesstatt angenommen, wie ein eigenes erzogen und auch später seiner Vermählung mit ihrer ältesten Tochter Riki, als er um sie freite, kein Hindernis in den Weg gelegt. Selbst Sohn eines Fabrikarbeiters, aber im Hause einer Fabriksbesitzerin aufgewachsen und mit deren Familie versippt, war er sonach ein genauer Kenner nicht nur aller ins Fabrikswesen und Geschäftsleben einschlagenden Fragen, sondern auch der Stimmungen sowohl in Bürger- wie Arbeiterkreisen und wie kaum einer berufen, eine vermittelnde Stellung zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft einzunehmen oder bestehende Gegensätze zum beiderseitigen Nutzen auszugleichen. Er führte denn auch die eingeleiteten, oft recht umständlichen Beratungen mit Ferry Shykenstool und den anderen von diesem aufgebrachten Gruppen mit Sachkenntnis und Geschick und wußte das Ganze auf eine rechtskundlich mögliche Grundlage zu stellen und ihm eine einwandfreie gesetzliche Form zu geben. Und nachdem die Verhandlungen endlich zu einem befriedigenden Abschluß gediehen waren und inzwischen auch die österreichische Währung vorwiegend auf Kosten des Mittelstands die lang ersehnte Wertbeständigkeit erlangt hatte, konnte zur Gründung des großen Verbandes geschritten werden, der eine ganze Reihe von Seidenwarenfabriken und einschlägigen Gewerben verschiedener Staaten in ein möglichst einheitlich ausgestaltetes Gesellschaftsverhältnis zusammenfaßte. Der von Ursel Fürst geprägte Name »Moralba« für diese überstaatliche Aktiengesellschaft hatte Anklang gefunden und wurde in der gründenden Generalversammlung, die in Shykenstools Fabrik zu Dülken bei Düsseldorf stattfand, und in der Doktor Birenz zum Vorsitzenden gewählt wurde, ohne Widerspruch angenommen. Allgemein erblickte man in dem von einem Künstler stilisierten Maulbeerbaum, der in der Botanik » Morus alda « heißt, das geeignetste Sinnbild für das Schild und die Schutzmarke des neuen vielversprechenden Unternehmens. Unter den auswärtigen Gesellschaftern stand in erster Reihe Ferry Shykenstool selbst mit seinen Betrieben in Peoria, Chikago und Dülken, außerdem noch eine zweite deutsch-amerikanische Firma, Ladurner in Philadelphia, deren Chef einer Familie angehörte, welche seit mehreren Menschenaltern mit der Ferrys befreundet war; denn beider Großväter hatten nach den Wiener Oktobertagen von 1848 gemeinsam das Weite gesucht und sich in den Vereinigten Staaten eine neue Existenz gegründet. Kaum minder wertvoll war das große, hauptsächlich überseeische Verbindungen pflegende holländische Seidenwaren-Handelshaus Tekelenburg und Meetkamp in Amsterdam und die vereinigten Seidenwarenfabriken »Aletha« in der Nähe von Zürich, die sich beide als stille Gesellschafter angeschlossen hatten. Endlich war es den Bemühungen Ferrys gelungen, mehrere größere rheinische Unternehmungen, einige kleinere Fabriken im reindeutschen Sprachgebiet der Tschecho-Slowakei und eine angesehene Seidenzucht- und Spinnerei-Anstalt im deutschen Südtirol als Teilnehmer, sowie ein großes Berliner und ein ebensolches Budapester Warenhaus als Geldgeber zu gewinnen. Auf österreichischer Seite schoß, dem Namen des Doktor Birenz vertrauend, ein ausgebreiteter Arbeiter-Sparverein nicht unbedeutende Kapitalien zu und betätigte sich auf diese Weise gewissermaßen als Mitunternehmer. Von beteiligten Firmen fielen unter den Österreichern vor allem ins Gewicht Jacques Pinkas und Sohn, die nebst ihren eigenen ausgedehnten Fabriksanlagen in Dorotheen-Wiese auch noch die daselbst befindlichen freien Grundstücke einbrachten. Dann Georg Leodolter, der die alten Fabriksgebäude auf dem Braunhirschengrund vorteilhaft verkauft und sich nach längerem Zögern endlich doch entschlossen hatte, den von seiner Großmutter herrührenden freiherrlich Auenwaldschen Besitz, der an Dorotheen-Wiese grenzte, der gemeinsamen Sache zu widmen. Er fand sich nach und nach in den Gedanken, daß – soweit es sich um die in der Nähe von Wien vereinigten Betriebe handelte – das schöne alte Schloß Auenwald Mittelpunkt des Ganzen und Sitz der Hauptverwaltung werden sollte. Und je mehr er sich mit dieser Vorstellung vertraut machte, um so mehr freundliche Seiten gewann er ihr ab. Es rollte ja auch in ihm ein Tropfen jenes freiherrlichen Blutes, aber seine Denkrichtung war kastenfeindlich und volksfreiheitlich. »Es ist ein Sinnbild,« sagte er zu der schönen und lieblichen Resi Pimper: »die Vorrechte der vornehmen Nichtstuer fallen. In die Stätte ihres ästhetischen Gähnens zieht die Arbeit ein, die Unzähligen ein gesundes Gedeihen sichert und so viele Kinder in die Welt setzt, daß der Genius der Menschheit eine erkleckliche Auswahl hat, wenn er sich einmal einen ganz Großen heraussuchen will, etwa einen Dichter, Staatsmann, Erfinder und Forscher, oder gar einen neuen Erlöser.« »Lästere nicht,« antwortete die Pimper-Resel, »und sieh lieber zu, daß du selbst endlich einmal Kinder in die Welt setzest; höchste Zeit dafür wär's!« »Damit hast du wirklich recht!« sagte er und sah auf die Uhr. »Wir wissen jetzt, wo wir leben werden und wollen nun bald damit anfangen, das Himmelhaus instand zu setzen. Aber für die nächsten Wochen ist meine Anwesenheit in Sebendorf unerläßlich, du glaubst gar nicht, was alles dazu gehört, die Auflösung und teilweise Übersiedlung einer ganzen Fabrik vorzubereiten. Mein Zug geht um acht Uhr abends, ich habe keine Zeit mehr, sonst hätte ich selbst noch mit Pater Wilfrid gesprochen, vielleicht wärst du so lieb, ihn zu ersuchen, daß er uns inzwischen aufbieten läßt, wenn ich dann zurückkomme, ist er wohl fertig damit, dann lassen wir uns trauen, wenn es dir recht ist.« »Ich habe nichts dagegen einzuwenden. Ich hoffe nur,« sagte Resi mehr ernstlich besorgt als scherzend, »du wirst dann nicht am Ende aufhören, mich lieb zu haben?« »Im Gegenteil!« rief er warm und umarmte sie. »Dann werde ich dich auch noch als die Mutter meiner Kinder lieben – so Gott will, hoffen wir's! Denn es wäre schade, wenn der schöne Garten des Himmelhauses nicht von Kinderstimmen widerhallen würde. Und überhaupt – die Leodolter sind ein guter Schlag, es wäre auch schade, wenn er erlöschen würde.« »Nun, an Selbstbewußtsein fehlt's dir nicht«, sagte sie lachend; »aber ich muß zugeben, es ist etwas daran.« Außer Pinkas und Leodolter gehörten von den Österreichern auch Wolf Mairold und Sohn, die ihr Verhältnis zu Nedweditz gelöst hatten und das daraus gezogene Kapital in Teilzahlungen in das neue Unternehmen einschlossen, der »Moralba« an. Ferner die von Verwandten Eybels geleitete alte Plüsch- und Samtfirma Leywald, die schon in der Franzosenzeit in der Rittergasse bestanden hatte und ebenfalls dem mit Gewalt tschechisierten Nedweditz den Rücken zu kehren wünschte. Dann der rühmlich bekannte Großfärbereibetrieb Kitzinger und Kompanie, die angesehene Appreturfirma Woitech, die Garn- und Seidengroßhandlung Fürst und John, der die Principessa vorstand, und eine Anzahl kleinerer Firmen einschlägiger Zweige, die an Kapitalsknappheit litten und gerne die Gelegenheit ergriffen, im Schatten des neuen »Seidenbaumes« unterzukriechen. Endlich hatten auch Michael Hocheder und Sohn sich für den Anschluß entschieden. Der alte Herr leistete keinen Widerstand mehr, er hatte die Freude an der Macht verloren. wollte keine Entscheidung mehr treffen und keine Verantwortung mehr tragen, überhaupt von Geschäften nichts mehr wissen. Wiederholt ersuchte er seinen Sohn, in jeder Hinsicht nach eigenem Ermessen zu handeln, und Laurenz, der von allem Anfang für die Union eingenommen gewesen war und nur aus Rücksicht für den Vater keine eigene Meinung geäußert hatte, schloß sich ihr jetzt aus vollster Überzeugung an und wurde, obgleich er weder Kapital noch einen mehr als mittleren Betrieb einbringen konnte, doch wegen seiner hervorragenden Fachkenntnisse und seines persönlichen Wertes als eines der wichtigsten Mitglieder betrachtet und mit offenen Armen aufgenommen. Da die Auswärtigen, besonders die Amerikaner, Holländer und Schweizer kapitalkräftig genug waren, so hatte man schon der zweiten Generalversammlung die Pläne und Berechnungen für die Zusammenfassung und vereinheitlichte Ausgestaltung des Wiener Zweiges der »Moralba« vorlegen können und die Genehmigung dafür erhalten. Die Baulichkeiten, die sich an das schon für sich allein recht stattliche Werk von Dorotheen-Wiese anschlossen, waren teils in Angriff genommen, teils bereits vollendet. Sie erstreckten sich auch über gewisse abgelegenere Abschnitte des ehemals Auenwaldschen Schloßgartens. Der eigentliche Park blieb zur kleineren Hälfte unverbaut und als allgemein zugängliche Erholungsstätte erhalten, während in der anderen, größeren Hälfte Arbeiterwohnhäuser erstanden die sich nicht wie Soldaten in Reih und Glied nüchtern eins ans andere schlossen, sondern mit Benützung vorhandener Wäldchen oder Büsche, besonders aber, wo es anging, unter Schonung der schönsten alten Bäume abwechslungsreich und landschaftlich anmutend ins Gelände gestellt waren. Da das Wasserkraftwerk, welches die elektrische Betriebskraft liefern sollte, erst der Vollendung entgegenging und derzeit noch keinen Strom abgeben konnte, so hatte der inzwischen zum Doktor der technischen Wissenschaften promovierte Konrad Eybel, den die Gesellschaft zum Leiter des Maschinenwesens für den österreichischen Betrieb bestellt hatte, Muße genug, die einzelnen Räume, je nachdem sie fertig wurden, zu »bestücken«, wie er es in Erinnerung an seine militärische Laufbahn scherzend nannte. Mit der Einrichtung der Appretur, bei der ein Sohn des Hauses Woitech ihn fachmännisch beriet, kam er zuerst zustande, es war dies die einzige Arbeitsstätte, wo aus bestimmten, mit der Verfahrungsweise zusammenhängenden Gründen eine teilweise Verwendung von Dampfkraft noch für unentbehrlich gehalten wurde. Das nächste war der Einbau der Transformatoren in das dafür bestimmte Haus. Besondere Schwierigkeiten verursachte die Aufrüstung der Elektromotoren, weil die Frage des Einzelantriebes für den Seidenstuhl noch nicht so einwandfrei gelöst war wie für den Baumwollstuhl. Langgestreckte schuppenartige Gebäude mit schrägen Dächern und nach Norden ausgerichteten oberlichtartigen Glaswänden waren dafür bestimmt, die Vorbereitungsmaschinen und Kraftstühle aufzunehmen. Der Weber Schinnerl, der, von der Wißbegierde des Weltreisenden getrieben, einen Sonntagsausflug mit seiner Marfa dazu benützte, Dorotheen-Wiese in Augenschein zu nehmen, und jene für ihn neuartigen Arbeitsschuppen hatte »Sheds« nennen hören, erzählte überall herum, das Ganze sehe aus wie ein Gefangenenlager, nur daß in den Baracken, die man hier »Schätze« nenne, keine Russen untergebracht seien, sondern Webstühle. Auch einen »Schatz« mit mechanischen Schweifrahmen hätte er besichtigt, die stünden aber nicht wie jeder anständige Mensch und jeder richtiggehende Schweifrahmen aufrecht auf ihren Beinen, sondern wälzten sich auf dem Bauch herum, wie er es bisher nur von suhlenden Tapiren in Afrika gesehen hatte. Und Georg Leodolter, wenn er zurückdachte, wie er sich in den Anfängen die neue Großfabrik vorgestellt hatte, damals, als er seinen Plan dem Direktor Lemburg und seinem Oheim Wolf Mairold zum erstenmal vortrug, mußte er hellauf lachen. Ein märchenhafter Riesenbau mit einem Wald ungeheurer Schlote hatte sich in seinen phantastischen Träumen über den kleinen Fabriklein der Biedermeierzeit in die Wolken erhoben, ein wahrhaft tolles Hirngespinst, wenn er es mit der nun zur Tat werdenden Wirklichkeit verglich. Aber diese Wirklichkeit schien ihm nicht nur praktischer und sachentsprechender, sie war ihm auch lieber, obgleich sie nichts Monumentales hatte, vor allem qualmte sie nicht und verbreitete weder Gestank noch Ruß, und manche von den »Schätzen«, wie Schinnerl sie genannt hatte, duckten sich ganz traut unter die alten Bäume des Parkes, von denen viele stehengeblieben waren, um den Arbeitenden Erquickung zu bieten, wenn sie für ein paar Minuten heraustraten und von ihrer Mühsal ausruhten... Die Webereimaschinen bezogen übrigens nicht alle auf einmal und zu gleicher Zeit ihre neuen Wohnungen. Sie rückten nur ganz allgemach in sie ein, je nach den gegebenen Möglichkeiten. Kraftstühle neuesten Baues und auf elektrischen Antrieb eingerichtet, wurden bei den bewährtesten Werkstätten des einschlägigen Faches bestellt und in bestimmten Zeitabschnitten geliefert. Aber auch was aus den in Auflösung begriffenen schlesischen und mährischen Fabriken der Leodolter, Beywald, Mairold und Hocheder noch brauchbar schien und übernommen werden konnte, ward aus den betreffenden Orten allmählich fortgeschafft und langte in planmäßiger Aufeinanderfolge in dem von Wien aus in etwa einer Stunde erreichbaren neuen Fabrikationsorte an, der von der ursprünglichen Gründung den Namen Dorotheen-Wiese übernahm und aller Voraussicht nach bald zu einer kleinen Stadt anzuwachsen versprach, oder, wenn man wollte – drohte. Die Heimkehr ins Vaterhaus, von der Vater Wilfrid damals gesprochen hatte, als Severin Hocheder unerwartet aus Sibirien zurückkam, wurde auf diese Weise auch für eine Reihe von Industrieunternehmungen zur Tatsache. Deutscher Fleiß und deutsche Tüchtigkeit hatten zu Väters- und Großväterszeiten diese Fabriken in Mähren und Schlesien geschaffen, nun zogen sie sich aus dem feindlich gewordenen Ausland, das sie mit völkischer Vergewaltigung bedrohte, wieder zurück auf den Boden, von wo sie ihren Ausgang genommen, in die Heimat ihres Herzens, auf diese ehrwürdige Stätte alter deutscher Kultur.   Während der Zeit, wo aus Klopsdorf eine Anzahl Kraftstühle und Vorbereitungsmaschinen bereits abverfrachtet waren, aber in Dorotheen-Wiese noch nicht wieder hatten in Gang gesetzt werden können, bevölkerte sich der alte Werksaal im Haus »Zum Seidenbaum« in ungewohnter Weise. Den tüchtigsten und bewährtesten seiner Arbeiter und Arbeiterinnen, soweit sie Deutsche waren, hatte Laurenz Hocheder nämlich anheimgestellt, die Übersiedlung nach Wien mitzumachen. Er brachte sie nach Möglichkeit im »Seidenbaum« oder in der Nachbarschaft vorläufig unter und beschäftigte sie, damit sie nicht zu lange arbeitslos wären, im Werksaal, soweit der Raum reichte, und sofern sie sich der Handarbeit nicht völlig entfremdet hatten. Der alte Herr, in dessen trostlosem und gleichmäßig stockendem Dämmerzustand sich all die Jahre her kaum etwas verändert hatte, freute sich, als das gesteigerte Geräusch der Arbeit, das ihm von früher Jugend auf lieb war, in seine Krankenstube drang, während er diesem altgewohnten Gesurre und Geklapper lauschte, schien er aufzuleben, und als wenige Wochen nach dem Tode des Generals von Mairold das Fest Maria Lichtmeß heranrückte, raffte er sich plötzlich noch einmal zusammen, war von heute auf morgen ein anderer, oder vielmehr derselbe, der er sonst gewesen, der alte »Pik« in seiner steilen, aufrechten Haltung und mit seinem ganzen Eigenwillen. Und er bestand darauf, er wolle selbst, er, der noch immer Herr im Hause sei, das Fest nach alter Meistersitte im Werksaal mit seinen Arbeitern und Arbeiterinnen feiern. Am Vorabend des Tages Maria Lichtmeß, der in den Beginn des Monats Februar fällt, war es nämlich in den Zeiten des Handbetriebes alter Weberbrauch gewesen, eine kleine Feier abzuhalten, die vielleicht vorahnend dem kommenden Frühling galt, indem sie den länger werdenden Tag begrüßte. Sie pflegte von den Spulerinnen ihren Ausgang zu nehmen und sich von da auch über die andern Hantierungen zu verbreiten. Die Spulerinnen an den alten hölzernen Spulmaschinen, die noch keinen mechanischen Antrieb kannten, standen nämlich bei ihrer Arbeit auf treppenformigen Schemeln und hielten die Maschine durch Treten mit dem vorragenden Fußballen in Gang. Am Abend vor jenem Feste nun, bei einbrechender Dämmerung, war es in jener guten alten Zeit üblich gewesen, daß der Meister mit Weib und Kindern, die Kuchen, Backwerk und Wein trugen, im Arbeitsraum erschien und den Ruf »Maria Lichtmeß« in den Saal hinein erschallen ließ, worauf die Spulerinnen von ihren Schemeln stiegen, diese hochhoben und auf ein gegebenes Zeichen alle gleichzeitig niederklappen ließen, was natürlich ein ungeheures Getöse verursachte. Dies stellte gewissermaßen den Schlußpunkt dar, den sie hinter die winterliche Arbeit bei Lampenlicht setzten. Denn von diesem Abend angefangen, an dem die Spulerinnen selbst und dann auch die Weber und alle andern Arbeiter und Arbeiterinnen von den Meistersleuten bewirtet wurden, gab es keine Arbeit bei künstlicher Beleuchtung mehr. Es wurde von da ab schon mit einbrechender Dämmerung Feierabend gemacht. Da nun der seltene Fall eingetreten war, daß an diesem Februarabend vor dem Feiertag im großen Werksaal des Hauses »Zum Seidenbaum« alle Handwebestühle, die alten Haspel- und Schweifrahmen und auch die alten hölzernen Spulmaschinen wieder wie einst sich in vollem Betrieb befanden, so hatte Michael Hocheder es sich trotz der Einwände Mariannens nicht ausreden lassen, in eigener Person unter seinen Arbeitern zu erscheinen. Seine Gebrechlichkeit mit äußerster Anspannung aller Kräfte verschleiernd, trat er, nur aufrechterhalten von seinem trotzigen Willen, in den Saal. Marianne, Justine und einige Mägde, die ihn begleiteten, trugen Auftragbretter mit Gugelhupf, Kaffee, Wein und Backwerk verschiedener Art. Und der alte Herr, aufgeräumt und fröhlich wie seit Jahren nicht, in seiner stattlichen Festkleidung fast unverändert aussehend, mit dem Gesundheit vortäuschenden geröteten Gesicht und dem noch immer dichten schneeweißen Haarbusch, verweilte eine kleine Weile an der Eingangstür. Eine ganze Reihe Spulerinnen sah er auf ihren Schemeln an den Spulmaschinen beschäftigt, strahlenden Auges überblickte er das klappernde, rasselnde, kollernde Getriebe der Arbeit, das so recht nach seinem Herzen war. »Maria Lichtmeß!« rief er mit weithin schallender Stimme und schnalzte mit den Fingern in der Luft. Sofort sprangen die Spulerinnen von ihren Schemeln. Wie Kanonendonner dröhnte der Lärm. Staub wirbelte hoch. Die Weber lachten ... Marianne aber schrie auf, die Platten mit Süßigkeiten, die sie trug, klirrten auf den Estrich, während ihre Arme den stürzenden Vater aufzufangen versuchten. Vergeblich. Die Last war zu schwer. Wie ein gefällter Baum krachte der hochgewachsene Mann zu Boden. Man beugte sich über ihn, man lief um Wasser, sandte um den Arzt, rieb ihm die Schläfen, die Pulse. Die Röte des Gesichts war einer wächsernen Blässe gewichen. Er gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Immer hatte er »Maria Lichtmeß!« gerufen und mit den Fingern der rechten Hand geschnalzt, wenn er sagen wollte, etwas sei für ihn erledigt, aus, abgeschlossen. Auch diesmal war der Sinn des Rufes kein anderer. Das Tagewerk war erledigt, der Arbeitstag zu Ende, die Stunde des Feierabends angebrochen. Michael Hocheder III., seit einer langen Reihe von Jahren unumschränkter Gewaltherrscher im Haus »Zum Seidenbaum«, hatte aufgehört zu atmen.   Trostlos und endlos, weit und grau dehnte sich der verhängte Winterhimmel über dem unabsehbaren Friedhof. Unendliche Reihen von Grüften und Gräbern, tief verschneit ... Die langen Zeilen von Kreuzen und Grabsteinen, zwischen denen das Trauergeleite hinter dem Sarge Michael Hocheders sich bewegte, trugen gleichförmig hohe weiße Mützen, sogar die Lebensbäume, die dazwischen standen, beugten traurig ihre Wipfel unter einer Last von Schnee. Am Ziele angelangt, staute sich die Menge um das offene Grab. Vater Wilfrid segnete die Leiche ein, er verrichtete die üblichen Gebete, ein Nachruf unterblieb, als dem katholischen Brauch nicht entsprechend. Das letzte Wort hatte der kirchliche Wechselgesang: » Requiescat in pace « Ehe der geistliche Herr mit seinem Gefolge von Meßdienern und Chorknaben sich zurückzog, trat er auf die nächsten Leidtragenden zu. Er reichte dem Laurenz, der Justinen führte, die Hand und dann der weinenden Marianne, die neben der von Konrad Eybel geführten Principessa stand, und sagte schlicht und warm, mehr als Mensch denn als Priester sprechend: »Er ist heimgegangen in unsere wahre Heimat, in seiner Art ein ganzer Mann, der fortleben wird im Gedächtnis aller, die ihn in seiner ungebrochenen Kraft noch kannten.« Während er sich verabschiedete, polterten schon die ersten Schollen auf den Sarg nieder. Verwandte und Bekannte drängten heran, ein jeder wollte sein sinnbildliches Schäuflein Erde auf die irdischen Überreste des »Pik« hinunterstreuen, der nun stumm und still in seiner metallenen Truhe lag. Etwas abseits standen Laurenz und Justine im Schnee. Sie nahmen die Händedrücke und Beileidsworte der zahlreichen Anwesenden entgegen und warteten. Allmählich lichtete sich die finstere Versammlung von Trauerkleidern und schwarzen Flören. Die kleinen Leute in ihren unscheinbaren Sonntagsanzügen kamen an die Reihe. Die Zwirner-Wettl schluchzte herzbrechend auf, als sie ihre Handvoll Erde mit dumpfem Dröhnen auf den Sargdeckel kollern hörte. Auch viele andere weinten, obgleich sie den alten Herrn mehr gefürchtet als geliebt hatten. Und noch andere wieder, namenlose Bewohner der Schutzengelgasse, Weiber aus der Nachbarschaft, die ihn kaum oder gar nicht gekannt hatten und nur aus Neugierde mitgekommen waren und weil man mit Trauerkutschen nicht gespart hatte, machten innerlich gleichgültig, ob auch mit wichtiger Miene, die üblichen Förmlichkeiten mit und entfernten sich dann, angeregt miteinander plaudernd und ihre Beobachtungen austauschend. »Eine Ähnlichkeit muß mich getäuscht haben«, sagte Laurenz zu seiner Frau. »Einen Augenblick meinte ich, ich hätte den Severin gesehen.« Justine unter ihrem Kreppschleier antwortete nicht. Hatte sie überhört, was Laurenz sagte? Hatte sie es nicht verstanden? Es war ihr, als begriffe sie nichts von allem, was um sie vorging. So erstarrt, so benommen war sie, wie allein und selbst zu Stein geworden unter diesen Tausenden von Leichensteinen, die sich endlos, trostlos um sie scharten. Denn alles war hier endlos, trostlos ... Noch immer standen die beiden wartend zur Seite. Mehr und mehr verliefen sich die Menschen. Marianne mit Ursel Fürst und Eybel mußten von ihnen abgedrängt worden sein und hatten vermutlich den Rückweg zu den wartenden Trauerwagen bereits angetreten. Es waren jetzt nur mehr vereinzelte Nachzügler, die Erde in die Grube streuten. Laurenz wendete sich nach allen Seiten um, spähte umher. »So wollen auch wir die traurige Pflicht erfüllen«, sagte er schließlich und führte Justinen die Erdböschung hinauf. Als letzter von allen ließ nun auch der Sohn Erde auf den Sarg des toten Vaters hinunterrieseln. Er atmete schwer und biß die Zähne aufeinander. Justine trug ein getrocknetes Zweiglein mit Blättern und Blüten des alten Maulbeerbaumes in der Hand, das sie einmal in ein Buch gelegt und gepreßt hatte. Es flatterte in Drehungen durch die Luft und kam durch Zufall gerade auf jene Stelle des Metallsarges zu liegen, unter der sich das Herz des Toten befinden mochte. So sendete der »Seidenbaum« ihm seinen letzten Gruß ... Einsam gingen dann Laurenz und Justine durch die endlosen Zeilen der verschneiten Gräber zurück. »Wenn es wirklich Severin gewesen wäre,« sagte Laurenz, »so hätten wir ihn sehen müssen, als jeder einzeln vortrat.« »Es war Severin«, sagte Justine. »Ich sah ihn.« »Wär's möglich, daß sein Aussehen sich so verändert hätte?« »Es sind Jahre vergangen.« »Er würde doch auch Erde gestreut haben?« »Er wartete, bis alle fort waren.« »Dann müßte er sich ja noch auf dem Friedhof befinden?« »Er ist jetzt beim Grabe des Vaters und weint.« »Woher weißt du das?« »Ich kenne ihn doch.« Laurenz hielt an und löste den Arm Justinens aus dem seinen. »Wenn du es so bestimmt weißt, dann wollen wir noch einmal zurückgehen!« »Das kannst du tun, wenn du es für angezeigt hältst.« »Du kommst nicht mit?« »Ich will mich inzwischen in den Trauerwagen setzen und auf dich warten.« Allein ging sie weiter, dem Ausgang entgegen, während Laurenz umkehrte. Auf dem endlosen Wege begegnete ihr ein neuer Leichenzug, dem nur wenige ärmlich gekleidete Leute folgten. Und bald danach noch einer mit Windlichtern und Lasten von Kränzen, dem eine lange Kette vornehmer Menschen das Geleite gab. Und schließlich, schon nahe am Eingang, noch ein dritter, wieder mehr dürftiger, dem ein Diener der Bestattungsanstalt vorausschritt, ein Kindersärglein im Arm. Noch unter dem Friedhofstor kam ihr schon wieder einer entgegen. Endlos schien das so fortzudauern. Nach ihrem Gefühl war hier alles endlos ... Vor dem Haupteingang fand sie nur mehr die einzige Trauerkutsche vor, alle andern waren bereits abgefahren. Frierend stieg sie ein und schmiegte sich, in ihren Pelz gehuschelt, in die gepolsterte Ecke. Langsam rann die Zeit hin. Endlos lang mußte sie warten. Durchs vereiste Fenster sah sie immer wieder neue Trauerzüge eintreffen. Leichenwagen auf Leichenwagen, vornehme gläserne und armselige sachlich aussehende wie schwarze Munitionskarren, immerzu, immerzu, einer nach dem andern, ein wahrer Massenbetrieb, endlos ... Ja, alles, alles war hier endlos und trostlos... Aber Laurenz kam schließlich doch. Er stieg zu ihr ein. Die Kutsche setzte sich in Bewegung. Laurenz schien ergriffen. Er strich seinen mächtigen Bart, fuhr sich ab und zu mit den Fingern übers Auge. Justine fragte nicht. »Du hast recht gehabt«, sagte er endlich. »Über den Erdhügel geworfen fand ich ihn, schluchzend.« Die langen öden Gassen fuhren sie entlang, an den unzähligen niedrigen Häusern der ausgefransten Großstadt vorbei. Es war ein endloser Weg. Alles war hier endlos ... Justine fragte nicht. »Es hat mich schwere Mühe gekostet, ihn zu überreden«, nahm Laurenz wieder das Wort. »Das war der Grund, warum ich dich so lange warten ließ. Entschuldige!« Nun kamen sie schon in bessere Vorstadtgegenden. Die Häuser wurden höher und stattlicher. Der Wagen ratterte übers Granitpflaster. Gerade, wie mit dem Lineal gezogen, lief die Straße weiter. Häuser rechts und Häuser links, Häuser, nichts als Häuser, endlos ... Justine fragte nicht. »Endlich gelang es mir doch, ihn umzustimmen«, sagte Laurenz. »Er wird uns demnächst besuchen. Er hat es mir versprochen.« »Dazu hättest du ihn nicht überreden sollen«, sagte Justine. »Es ist doch auch wegen der Erbschaft. Es gibt soviel zu verhandeln.« »Das hättet ihr an drittem Orte tun können.« »Er ist mein Bruder, und ich liebe ihn.« »Und ich bin deine Frau,« flammte sie auf, »und liebe ihn auch!« »Wenn ich gewußt hätte, daß es dir nicht recht ist ...« stammelte Laurenz betreten. Von da ab schwiegen sie. Die Häuser wurden noch höher und stattlicher. In langen, langen Zeilen reihten sie sich aneinander. Die Räder ratterten auf dem Granitpflaster. Häuser rechts und Häuser links, Häuser, nichts als Häuser, endlos ... Alles war hier endlos ... Und trostlos ... Justine dachte an die Heimat ihrer Jugend, an St. Jodok in der Lüsen, wo die Gebirgsbäche donnerten und die Tannen rauschten, an die freie Bergeshöhe der Wegwacht, wo der Wind ungebrochen über die Felsen fegt ... Sie fühlte, daß sie nicht ein zweites Mal würde Nein sagen können, wenn Severin abermals in sie drang, mit ihm zu kommen.   Aber Severin hielt das gegebene Versprechen nicht. Nach wie vor blieb er verschollen, ließ sich im Haus »Zum Seidenbaum« nicht blicken, sandte auch keine Nachricht, keine Erklärung seines Fernbleibens. Von Woche zu Woche wartete Laurenz darauf, daß er auftauchen würde. Von Woche zu Woche bangte Justine dem Augenblick entgegen, wo sie nach so langer Zeit dem einst Geliebten wieder gegenüberstehen würde, den sie nicht hatte vergessen können, und nach dem sie sich trotz allem und allem insgeheim sehnte. Wieder einmal flog der Frühling auf seinem großen weißen Wolkenschiff über die Stadt, landete wie einst an der hohen Feuermauer in der Schutzengelgasse, stieg aus und kam herunter in den kleinen Garten hinter dem Haus »Zum Seidenbaum«. Und er lockte neue Halme und schüchterne Maßliebchen aus dem Rasen und umspann die Fliederbüsche, dann auch den alten Maulbeerbaum wieder mit den ersten, noch durchsichtigen grünen Schleiern. Die Waldblumen unter den Gebüschen konnte er freilich nicht mehr zum Blühen erwecken, Rumpsack kümmerte sich nicht mehr um sie, seit Frau Staudenmayer tot war, der zuliebe er sie einst gepflanzt und gehegt. So waren sie nach und nach eingegangen, gestorben wie diese, der sie ein Stück heimatlichen Wald zwischen die öden Hausmauern gezaubert hatten.   Als aber der verheißungsvolle Monat Mai kam und die Sperlinge ihre Winterquartiere verließen, um hinter dem Spalier von wildem Wein unter unendlichem Gezwitscher ihre Nester zu bauen, da fingen in der Mauerecke die zarten weißen Glöckchen, die Frau Staudenmayer so sehr geliebt hatte, wieder zu duften an. Und Justine, wenn sie sich in dem kleinen Garten erging, dachte mit Wehmut an die Hingeschiedene zurück, die ihr keine Beraterin und Helferin mehr sein konnte in ihren Herzensnöten. Gerade jetzt hätte sie ihrer mehr denn je bedurft. Denn alle alten Wünsche, Zweifel und Zerwürfnisse ihres Inneren waren neuerdings aufgewühlt, seit sie beim Begräbnis des alten Herrn den Severin aus der Ferne erblickt hatte. Obgleich er in seiner Verborgenheit verharrte, konnte sie das Gefühl nicht loswerden, daß er sich irgendwo in der Nähe aufhalte.   Um diese Zeit heischten allerlei Schwierigkeiten, die sich bei der im Zuge befindlichen Auflösung des Klopsdorfer Betriebes ergeben hatten, die Anwesenheit Laurenz Hocheders in Mähren. Wann er wieder zurückkehren würde, war vorderhand nicht abzusehen. Er hatte nicht nur in Klopsdorf selbst, er hatte auch bei der Bezirkshauptmannschaft zu tun, zu deren Sprengel der Fabriksort gehörte. Und die Notwendigkeit seines persönlichen Einschreitens bei der Statthalterei in Brünn mußte als mindestens wahrscheinlich in Betracht gezogen werden. Bevor er abreiste, gab er Justinen die Adresse des Notars, der die Verlassenschafts-Abhandlung nach Michael Hocheder führte. Er unterrichtete sie über die wichtigsten schwebenden Fragen. Gegebenenfalls sollte sie ihm über etwa zu treffende Anordnungen oder notwendige Entscheidungen nach Rücksprache mit seinem Rechtsanwalt ausführlich Bericht erstatten. Hierauf kam er noch auf Severin zu sprechen, dessen Aufenthaltsort zu ermitteln die Verlassenschaftsbehörde Schritte unternommen hatte. Für den Fall, daß diesen Bemühungen Erfolg beschieden sein würde, bat er sie, ihm ebenfalls raschest Mitteilung davon zukommen zu lassen. »Vielleicht träfe sich's zufällig,« sagte er, »daß ich ihn im Anschluß an meine Geschäftsreise selbst aufsuchen könnte, um das Wichtigste mit ihm zu besprechen. Möglicherweise hat er in einem der böhmischen Bäder oder da herum eine Verpflichtung für die sommerliche Kurzeit angenommen, oder es führt ihn eine seiner Konzertreisen zufällig in meine Nähe. Denn wie er mir selbst sagte, ist er fast ununterbrochen als Geiger oder Lautensänger unterwegs, wenn nicht vorübergehend ein Engagement ihn irgendwo festhält.« »Glaubst du nicht, daß er sich doch noch in Wien aufhält?« fragte Justine. »Das scheint mir fast ausgeschlossen. Es war der reine Zufall, daß er um die Zeit von Vaters Tode gerade hier konzertierte. Ich bin überzeugt, er hat unsere Stadt längst wieder verlassen.« Aber Laurenz hatte diesmal geirrt, bald nach seiner Abreise stellte sich's heraus. Die polizeilichen Nachforschungen nach seiner Person, die ihm unbequem waren, veranlaßten Severin, der seit Jahresbeginn unter einem angenommenen Künstlernamen in einem feineren Grinzinger Weinlokal konzertierte, sich nun doch im Haus »Zum Seidenbaum« einzufinden. Als Beppi, die »Perle«, ihn meldete, erschrak Justine. Ihn abweisen zu lassen, hätte sie nicht übers Herz gebracht, auch hatte das Mädchen, ahnungslos, wie es war, ihn schon hereingeführt; er stand bereits im Speisezimmer. Aus dem kleineren anschließenden Raume, wo das Klavier sich befand, trat Justine ihm entgegen und bat ihn, näher zu kommen. Wie so oft in früheren Zeiten saßen sie einander im Klavierzimmer gegenüber. Severin blickte um sich, wehmütig lächelnd, und ließ sein Auge schließlich auf dem Flügel ruhen. »Wie oft haben wir hier miteinander Musik gemacht!« sagte er. Die schönen, freuderfüllten Abende tauchten wieder vor ihr auf. Das Weinen stieg ihr in den Hals. Aber sie bezwang sich. »Seither ist die Musik in diesem Haus verstummt«, sagte sie gepreßt. Und es kehrte ihr die Erinnerung zurück, wie sie ihn hier, in diesem Zimmer, umarmt und geküßt hatte, als Laurenz den scheuen, herabgekommenen Heimkehrer den versammelten Verwandten vorführte, hier war es gewesen, wo er jenes erschütternde Lied, das »Gebet« gesungen hatte und ihr, da sie in Tränen ausbrach, zu Füßen gesunken war. Und in diesem Zimmer hatte er sie überreden wollen, mit ihm in die Welt hinaus zu ziehen, hier war es gewesen, wo sie ihrer Liebe Gewalt angetan und sich aus Pflicht und Mitleid für Laurenz entschieden hatte ... Befangen und verlegen schwieg sie. Aber er war inzwischen weltläufiger geworden, schon sein Äußeres, das gepflegter und gesellschaftsfähiger aussah, seine bewußter durchgearbeitete und beherrschte Miene verriet den wenigstens innerhalb seiner Kreise erfolgreichen Künstler, der gewohnt ist, mit Menschen umzugehen. Er benahm sich mit einer gewissen Sicherheit und wußte ein kühles Gespräch zu führen. Mehr höflich als herzlich erkundigte er sich um ihr Befinden, um die Verhältnisse im Hause, erzählte auch von sich selbst, von seinen Reisen und ließ ohne Ruhmredigkeit durchblicken, wie sein Ruf besonders in Deutschland sich gefestigt habe und ihm eine gesicherte Grundlage des Daseins biete. »Entschuldige mich gütigst bei Laurenz«, sagte er; »die Zusammenstellung des kleinen Orchesters, das ich da draußen dirigiere, gab mir so viel zu schaffen, daß ich mit bestem Willen nicht dazukam, ihn aufzusuchen. Überdies sind mir all die Formsachen, die mit einer Verlassenschaft zusammenhängen, in der Seele zuwider. Ich habe hier eine notarielle Vollmacht mitgebracht und lasse ihn bitten, ganz nach seinem Ermessen auch in meinem Namen zu verfahren.« Er zog das Papier aus der Tasche und legte es auf das Tischchen. »Und nun will ich nicht länger stören«, sagte er ungemein frostig und erhob sich. Sie merkte, wie wenig sein Stolz es verwinden konnte, daß sie sich von ihm losgesagt hatte. Fast absichtlich schien er mit seinem Verhalten ihre damals getroffene Entscheidung unterstreichen zu wollen. Vor der Bruderliebe hätte er nicht haltgemacht, vor ihrem freien Willen beugte er sich. Und mit unsäglichem Schmerz fühlte sie, wie die Liebe des einzigen Mannes, den sie in ihrem Leben geliebt hatte, ihr entglitt. Als er sich verabschiedete, reichte sie ihm die Hand, die kalt wie Eis war. Er hielt sie fest, wärmte sie gleichsam in der seinigen, griff nach der andern Hand, und sie überließ ihm beide. So standen sie einander gegenüber, und aus seinem Auge brach wie einst der Strahl der Leidenschaft, der sie verzehrte, daß sie scheu und wie schuldbewußt ihren schmerzerfüllten Blick von ihm abwenden mußte und an ihm vorbei ins Leere sah. »Komm!« flüsterte er, riß sich los und eilte fort. Denselben Nachmittag, gegen Abend, legte sie ihre Trauerkleider ab und schmückte sich in der unauffällig schlichten Weise, die der natürliche Geschmack ihr eingab. Dann verließ sie das Haus und nahm die Tram gegen Grinzing. Sie handelte wie im Schlaf, und die lange Fahrt verging ihr wie im Traum. Er hatte ihr im Gespräch mitgeteilt, unter welchem Namen und an welchem Orte er spielte. Sie wußte nichts, als daß sie ihn hören, daß sie ihn sehen wollte, und daß er ihr zugeflüstert hatte: »Komm!« Es war ein kleinerer, aber mit künstlerischer Erlesenheit ausgestatteter Gastgarten für feine Kreise, wo er ein Orchester von kaum sechs oder acht Mann, aber jeder für sich ein Künstler, leitete und dabei selbst seine Meisterschaft entfaltete. Schon am Eingang erkannte sie den Gesang seiner Geige und nahm am ersten Tischchen Platz, das ihr verborgen genug schien. Zwischen den farbigen Lampen, die durch vornehm gemusterte Seidenbezüge abgedämpft waren, konnte sie ihn erblicken, wie er mit sicherer Bewegung den Bogen über die Saiten gleiten ließ. Die Musik berauschte sie. Alle Sehnsucht und Lebensfreude, alle Wehmut des menschlichen Herzens seufzte aus dieser Schubertschen Weise ... Aber sie hatte sich versäumt, hatte den langen Weg nach Grinzing unterschätzt, war viel zu spät gekommen. Nur die letzten zwei oder drei Nummern hörte sie noch. Dann schien die Veranstaltung zu Ende, die meisten Leute brachen auf und verließen den Vergnügungsort. Doch beobachtete sie ein Flüstern von Eingeweihten, die noch verweilten. Von Mund zu Mund ging es, daß nun erst das Beste und Eigentliche noch bevorstehe. Ein kleinerer Kreis von offenbar erwartungsvollen Kunstfreunden zog sich allmählich nach vorne und verdichtete sich unter dem Podium. Justine hatte begriffen, daß der Künstler nun erst noch zur Laute singen würde, und begierig, ihn zu hören, stahl auch sie sich nach vorne und nahm in einer der ersten Reihen Platz. Es dauerte nicht lange, so erschien auch wirklich Severin auf der kleinen Bühne, die ihr wohlbekannte Laute im Arm. Und wie gut kannte sie auch die Lieder, die er sang, fast alle! Und welche Erinnerungen weckten sie in ihr, welche Erregungen wühlten sie auf! Welch ein Herzpochen! Welch ein Erbleichen! Welch ein Erschauern! Welche Helligkeit und welche Inbrunst! Schon längere Zeit hindurch hatte Severin gesungen, da erblickte er sie in den Reihen der Zuhörer. Ein Aufleuchten glitt über sein Antlitz. Er veränderte seine Stellung, daß er nur mehr sie allein im Auge behielt, präludierte in zitternden, klagenden, jubelnden Akkorden auf der Laute und sang, ausschließlich gegen sie gewendet, das letzte und schönste Lied dieses Abends: Mitschuld Wie manches Mal schon träumt' ich, daß sich meine Lippen – ganz wie jener Pilger tat, Den scheu zum Gnadenbild im Altarschreine wir wallen sahn – den deinigen genaht, Und daß schamübergossen du mir wehrtest, Bis dir die Kraft hinschwand, zu widerstehn, Und du mich selbst noch heißer küssen lehrtest, Als sollten eins im andern wir vergehn. Ruchlose Kuppler sind die Träume, reinen Herzens uns in Not verstrickend und Geheime Mitschuld. Denn auch du in deinen Seligsten Nächten träumst uns Mund an Mund! Woher ich's weiß? Weil, heute von dir scheidend, Ich länger deine eisigen Hände ruhn In meinen fühlte, als sich ziemt, und leidend An mir vorbei du sahst, wie Schuldige tun! In früherer Zeit war es oft unklar gewesen und dunkel geblieben, ob die Worte zu den Liedern, die er sang, von Rumpsack gedichtet waren, oder von ihm selbst herrührten. Diesmal bestand kein Zweifel. Wie tief mußte das vorübergleitende Erlebnis von heute vormittag ihn erschüttert haben, daß seine Schöpferkraft so rasch einen so unvergleichlichen Ausdruck in Wort und Ton dafür hatte finden können! Ergriffen und wie benommen blieb Justine sitzen, als er geendet hatte. Sie trocknete ihre Tränen und sah noch immer auf demselben Platz, als alles aufbrach, der kleine Garten sich nach und nach leerte, als schließlich niemand mehr da war als sie und – er, der die Stufen zu ihr niederstieg. Leuchtend vom Glück des Künstlers und des Menschen trat er ihr entgegen. Sie reichten einander die Hände, beseligt verharrten sie, Aug' in Auge versenkt. Sie sprachen kein Wort. Am Vormittag hatte er ihr zugeflüstert: »Komm!« Und da war sie nun.   Das ehemals Auenwaldsche Schloß, das sich so lange untätig seinen Träumen von verblichener feudaler Herrlichkeit hingegeben, war jetzt nicht nur durch keine Standesvorurteile, sondern auch durch keine Mauer und keinen Park mehr vom Fabriksort und der Arbeitersiedlung Dorotheen-Wiese geschieden. Es stand vielmehr mit beiden in so lebendiger Verbindung wie etwa das Rathaus einer kleinen Stadt mit den zu ihrem Weichbild gehörigen Häusern. Nur daß zwischen den einzelnen Gebäuden dieser kleinen Stadt zahlreiche Rasenflächen erhalten geblieben waren, zum Teil mit Gebüschen, Laubwäldchen oder auch großen alten Bäumen bestanden, in deren Schatten mancher Dachfirst sich traulich hineinduckte. Die ebenerdigen Räume des Schlosses dienten der »Moralba« als Vorratsgewölbe für den Rohstoff und als Niederlagen für die fertige Ware. Im ersten Stock befanden sich die Schreibstuben und Zahlstellen, die Geschäfts- und Sprechzimmer der Oberleitung und ein Sitzungssaal. Im zweiten Stock hatten mehrere von den hervorragenderen Angestellten ihre Wohnungen zugewiesen erhalten. Hier hielten nach einer ganz stillen und heimeligen Hochzeit Konrad Eybel und Marianne Hocheder ihren Einzug. Es war im Sommer nach dem Tode des alten Herrn. Bei seinen Lebzeiten hatten sie aus Gründen, die der Kindesliebe Mariannens und dem Zartgefühl Konrads das ehrendste Zeugnis ausstellten, darauf verzichtet, ihre dauernde Verbindung anzustreben, obgleich Eybel sich als leitender Maschinenfachmann der »Moralba« schon seit längerer Zeit bewährt hatte und seine Stellung deshalb genügend gefestigt gewesen wäre, die Begründung eines eigenen Hausstandes zu gestatten. Aber der Vater hätte die hingebende Pflegerin, die Marianne ihm war, aufs schmerzlichste vermißt; das wollten sie nicht. Und anderseits sollte ihm auch das peinliche Gefühl erspart bleiben, als stünde er dem Glück seiner Tochter hindernd im Wege. Darum hatten sie sich gelobt, einander zu entsagen, solange er lebte. Und sie blieben ihrem Vorsatz treu, so hart es sie ankam, und hielten es vor ihm geheim, daß sie miteinander einig waren. Aber dieses Geheimtun war Liebe und hatte keinen andern Grund als zarte Rücksichtnahme auf seinen Zustand. Am ersten Sonntagnachmittag nach ihrer Trauung saßen sie, des eigenen Heims und der jungen Wirtschaft froh, auf dem Balkon ihrer Wohnung, der ins Grüne ging, und tranken Kaffee. »In ihrer ersten Jungmädchenblüte hast du dein Weib nicht bekommen«, sagte Marianne; »aber daß du gewartet hast, in doppelter Hinsicht gewartet, dafür bin ich dir, Konrad, auch in doppelter Hinsicht dankbar: in des Vaters Namen und – ob das nun ein veraltetes Vorurteil ist oder nicht – im Namen meines eigenen unbeschwerten Bewußtseins. Denn ich bin schon einmal so rückständig, daß es mich dauernd bedrücken würde, hätte ich dir angehört, bevor Pater Wilfrid unsern Bund einsegnete.« »Nenn' es nicht rückständig!« antwortete der besonnene Eybel. »Es hat einen guten Sinn, daß feierliche Satzungen und Gebräuche unsere Wünsche daran hindern, hemmungslos zum Ziel zu eilen, bevor die äußeren Voraussetzungen erfüllt sind, die die Erreichung dieses Zieles erst zum dauernden Segen für uns machen. Nach dem Vorbild des Landwirts, der in ergebungsvoller Zuversicht der Ernte entgegensieht, wenn nur erst das Samenkorn der Erde anvertraut ist, habe ich zwei Dinge als die wichtigsten erprobt in meinem Leben: die Tat des Leistens und die Geduld des Wartens. Und nur in einem einzigen unbeherrschten Augenblick hat diese Geduld mich verlassen. Ich bin dir noch heute dankbar dafür, daß dein lauteres und wahrhaftes Wesen mir damals den Kopf zurechtsetzte. Du hast dir und mir damit das Bewußtsein erhalten, daß kein Blatt im Buch unseres Lebens sich befindet, das ein Geheimnis bergen würde. Um nichts möchte ich das Gefühl von Kraft und Freiheit hingeben, das in diesem Bewußtsein wurzelt. Übrigens schrumpft, wenn man nachträglich zurückschaut, die Zeit des Wartens ohnedies zu einem Nichts zusammen. Und wenn ich dich nicht als ganz junges Mädel heimführen konnte, so besitze ich dafür jetzt eine um so klügere und reifere junge Frau.« »Vielleicht würdest du meine Klugheit und Reife einigermaßen bezweifeln,« sagte Marianne, verschmitzt lächelnd, »wüßtest du um ein Geheimnis, das ich nun doch noch vor dir und den Menschen hege. Denn daß du mich überhaupt bekommen hast, ist nicht dein Verdienst, und nicht meines, sondern das eines andern.« »Wer sollte das sein?« fragte Konrad befremdet. »Es ist ein Wohltäter, den ich nicht verrate, weil du dich schnöderweise schon wiederholt über ihn lustig machtest.« »Am Ende dein alter Gönner, der heilige Judas Thaddäus?« fragte Eybel mitleidig. »Höhne mich nur, ich habe ihm eine schöne Stickerei versprochen, wenn du mich bekommst.« »Wenn ich dich bekomme?« lachte Konrad belustigt auf. »Ein sonderbares Gelübde! Warum versprachst du nicht, ihn dafür zu belohnen, wenn du mich bekommst?« »Ich sage ja ohnedies: wenn du mich bekommst.« »Für gewöhnlich verspricht man doch, um selbst etwas zu bekommen?« »Ach, treibe keine Haarspalterei!« rief sie ungehalten. »Kommt es nicht auf dasselbe hinaus? Und, was die Hauptsache ist: hat der Heilige mir nicht abermals Wort gehalten?« »Nun – auf diesem Wege kann ich dir nicht folgen«, sagte Eybel ernst. »Aber ich gebe zu, daß die Grenzen des Glaubens schwanken. Mancher, der an die Verwandlung der Hostie in den Leib des Herrn glaubt, überhebt sich über den andern, der außerdem auch noch an die unbefleckte Empfängnis glaubt. Als ob ein Wunder glaubwürdiger oder minder glaubwürdig sein könnte als das andere! So will ich mich denn auch dir gegenüber lieber nicht überheben und zufrieden sein, wenn niemals tiefere Klüfte uns voneinander trennen.« »Bist du auch wirklich so zufrieden wie ich es bin?« fragte sie beglückt. Er rückte ganz nahe an sie heran und legte den Arm um ihre Schultern, während sie den Kopf an seine Brust lehnte. Beide schwiegen sie, dem Schlag der Finken in den Laubkronen der hohen Bäume lauschend, die sich ganz nahe unter dem wolkenlosen Himmel wölbten. Ja, Konrad Eybel war zufrieden! Er hatte seine Liebste, sein Heim, seine Arbeit. Und auch diese Arbeit war nach seinem Herzen, was er damals auf dem Kahlenberg, bei der Zusammenkunft der vier Haimonskinder geträumt – dieser Traum war Wirklichkeit geworden oder ging doch der Verwirklichung entgegen, über das Trennende der Parteien hinweg hatten Bürger und Arbeiter sich einträchtig zusammengeschlossen in diesem großen Werk der »Moralba«, dem er sein technisches Können zur Verfügung stellte. Verjüngt durch den Glauben an die Zukunft, dienten sie in freudiger Hingabe an die Gesamtheit gemeinsam dem Ruhm und der Wohlfahrt der geliebten Heimat und Vaterstadt. Und ihre Arbeit, der sie sich im Vereine mit ihren deutschen Brüdern im Rheinland, in Amerika, in der Schweiz, in Deutsch-Böhmen und in Südtirol freudig hingaben, würde dazu beitragen, den deutschen Namen zu Ehren zu bringen in der ganzen Welt, die schmachvollen Fesseln zu sprengen, die das kleine, wehrlose Österreich knechteten und diesem alten deutsch-österreichischen Volksstamm den Weg zu ebnen zur Heimkehr ins große gemeinsame deutsche Vaterland! ... Aus ihrer wunschlosen Versunkenheit aufgeschreckt, lauschten sie beide. Ein Mietauto töff-töffte die Allee heran, die von der Stadt gegen das Schloß führte. Es hielt am Vorgarten an, ein Herr sprang hastig heraus und verschwand im Eingangstor. Schon eine halbe Minute später brachte das Dienstmädchen seine Karte auf den Balkon. »August Hollerer!« rief Eybel erstaunt. Bald saßen sie mit ihm am Kaffeetisch beisammen in der Abendkühle, die von den erhalten gebliebenen Teilen des Parkes und den daselbst befindlichen Teichen herüberwehte. Im Lauf des Geplauders sagte der Besucher, der Mariannen mit ausgesuchter Artigkeit den Hof machte: »Wenn Sie vielleicht zufällig einmal davon hören, gnädige Frau, daß bei der ›Moralba‹ eine Stelle frei wird, so erinnern Sie, bitte, Ihren Mann daran, daß er an mich denke!« »Das wird ausschließlich Konrads Sache sein«, erwiderte Marianne befremdet. »Du suchst eine Stellung?« fragte Eybel erstaunt. »Du lieber Gott, die Zeiten sind mies. Man möchte was Sicheres haben.« »Und welche Stelle etwa hättest du im Auge?« »Nun – irgendeinen Direktionsposten oder so was. Oder wenigstens eine Stelle als Verwaltungsrat, meinetwegen auch als finanzieller Berater oder dergleichen.« »Du kannst gewiß sein,« sagte Konrad, »daß ich einen Haimonsbruder nicht gern im Stich lasse. Aber bei uns sind lauter Fachleute beschäftigt. Stellen, die man ohne besondere Vorkenntnisse ausfüllen könnte, gibt es nicht. Es tut mir wahrhaft leid, dir keine Aussichten machen zu können, und ich hoffe nur, du hast genügend Vermögen angesammelt, um –« »Gerade genug,« fiel Hollerer ihm ins Wort, »um in die Donau zu gehen.« Die jungen Eheleute erschraken. »Es kann sich doch unmöglich...« »Lebst du auf dem Sirius? Du wirst doch wissen, daß Unzählige ruiniert sind? Warum sollte gerade ich eine Ausnahme machen? Beim Zusammenbruch der Kakabe allein habe ich an die acht Milliarden verloren, während Direktor Lemburg, einer der wenigen, die eine gute Nase hatten, auf einem fürstlichen Schloßbesitz mit seinem kleinen Harem von Freundinnen Tennis spielt. Und so was nennt sich Sanierung!« rief er in Wut ausbrechend. »Früher brauchte man nur mit dem Finger ins Kursblatt zu tippen und ein Aktienpaket des betreffenden Papiers auf Bankkredit zu erwerben, so war man ein gemachter Mann. Heute, wenn's einem schief gegangen ist, gibt's überhaupt keine Möglichkeit mehr, sich zu retten. Heißt das wirtschaftliches Gedeihen? Nationalökonamische Borniertheit ist es und echt österreichische Mißwirtschaft!« Konrad Eybel mußte an Rumpsacks Geschichte vom Nashorn und den Madenhackern denken und an den Mann mit Seife und Bürste. Aber der Freund dauerte ihn zu sehr, als daß er sich davon etwas hätte merken lassen. Wie gern wäre er bereit gewesen, ihm etwas Tröstendes und Aufmunterndes auf den weg mitzugeben! »Wenigstens hast du in deinem Haus in Dornbach«, sagte er, »ein bedeutendes Kapital festgelegt, das sich nicht über Nacht verflüchtigen kann. Im Notfall verkaufst du es, so bleibt dir immer noch ein ansehnliches Vermögen.« »Sie werden doch die prachtvolle Villa nicht veräußern?« rief Marianne. »Ich erinnere mich noch mit Dankbarkeit des reizenden Tanzabends anläßlich ihrer Einweihung.« »Ich wurde damals rasend eifersüchtig auf Eybel, so oft ich Sie nur ansah«, sagte Hollerer, seiner Gewohnheit, den Damen Süßholz zu raspeln, auch im Unglück treu bleibend. Er trank seinen Kaffee aus und warf den Rest der Zigarette in den Aschenbecher. »Schön haben Sie's da! Wär' er nicht mein Haimonsbruder, ich würde Ihren Mann beneiden. Eine solche Frau, ein solches Heim, eine so tüchtige und nützliche Tätigkeit, noch dazu in ländlicher Umgebung! ... Ich habe auf die falsche Karte gesetzt ...« Er stand auf und verabschiedete sich unter allerhand scherzhaftem Getändel mit der Gattin des Freundes. Zu Eybel, der ihn bis an die Tür geleitete, sagte er noch: »Wenn dir vielleicht doch etwas unterkäme? ... Meine Adresse ist Spittelauergasse 3, dritter Stock, Tür 26. Schreib' dir's gleich auf ... Die Dornbacher Villa ist nämlich längst beim Teufel.« Teilnahmsvoll bekümmert blieben Konrad und Marianne auf dem Balkon zurück. Sie sannen hin und her, ob man ihm nicht doch irgendeine Verwendung, wenn auch untergeordneter Art, würde verschaffen können. Und Eybel nahm sich vor, bei nächster Gelegenheit mit Doktor Alois Birenz, dem Präsidenten der »Moralba«, darüber zu sprechen. »Besonders aussichtsreich scheint's mir freilich nicht«, sagte er; »denn der Birenz ist als Mann der Eigenkraft persönlichen Einflüssen so gut wie unzugänglich. Und zur sachlichen Unterstützung von Hollerers verlangen läßt sich eigentlich nichts vorbringen.« Wenige Tage später glitt eine Nachricht, die in allen Blättern stand, wie ein Schatten über das Glück des jungen Paares. Eine aus dem Donaukanal gezogene Leiche war als die des ehemaligen Vorsitzenden und Verwaltungsrates mehrerer einst angesehener Industrie- und Handelsgesellschaften agnosziert worden. Die Zeitungen unterdrückten zwar den vollen Namen, aber die Anfangsbuchstaben A.H. ließen keinen Zweifel darüber, daß einer von den vier Haimonsbrüdern mit Selbstmord geendet hatte.   Jener Teil des ehemals Auenmaldschen Besitzes, der als Park erhalten blieb, war nur durch einen still und langsam fließenden Mühlgang von einem anschließenden, ziemlich großen alten Garten getrennt. In diesem Garten lag das sogenannte Himmelhaus, der geräumige, aus der Biedermeierzeit stammende einstige Landsitz der Familie Leodolter. Die »Moralba« hatte es gemietet und im Lauf des Sommers durch entsprechenden Umbau im Innern zwei voneinander getrennte Wohnungen darin bereitstellen lassen, die für die beiden von der Generalversammlung zu Werksdirektoren ernannten geschäftsführenden Verwaltungsräte bestimmt waren. Der eine von diesen, Georg Leodolter, bezog seine Wohnung im Spätsommer und richtete sich mit seiner Resi, die er seit einiger Zeit scherzweise, wenn auch mit vollem Recht, nur mehr »gnädige Frau« oder »Missis Leodolter« titulierte, ein behagliches Nest darin ein. Die andere von den beiden Wohnungen stand noch leer und sollte erst im Herbst bezogen werden. Nächst der Eybelschen war die Leodoltersche die zweite Vermählung, die im engeren Zusammenhang mit der Aufnahme der Geschäfte durch die »Moralba« zustande kam. Aus einer dritten ehelichen Verbindung, um welche die männliche Seite sogar in doppelter Besetzung sich heiß bemühte, konnte leider nichts werden, weil die maßgebende weibliche Seite sich ablehnend verhielt. Es hatte nämlich sowohl Doktor Felix Pinkas wie auch Ferry Shykenstool sich in die kleine, lebhafte Principessa verliebt. Beide wurden sie gefühlsduselig, was sonst nicht ihre Art, besonders nicht die des Deutsch-Amerikaners war, und beide suchten sie sich in stillem, schmachtendem Werben in das Herz der noch immer hübschen und begehrenswerten jungen Witwe einzuschleichen, mit der sie auf Generalversammlungen, anläßlich geschäftlicher Besprechungen und dann auch sonst, bei geselligen Gelegenheiten wiederholt zusammengetroffen waren. Ein jeder von ihnen wäre bereit gewesen, sie samt ihren fünf Kindern beherzt vom Fleck weg zu heiraten, hätte sie nur mit dem kleinen Finger gewinkt. Aber Ursel Fürst winkte nicht. Für die Liebe hatte sie keine Gedanken und auch keine Zeit mehr übrig, die Geschäfte und ihre Kinder nahmen sie vollauf in Anspruch. Und dann gab es noch einen andern Grund, das war vielleicht der eigentliche und wahre, aber sie wußte ihn selbst nicht früher, eh' sie nicht die beiden voneinander so verschiedenen Toggenburge einen jeden mit dem gleichen Korbe heimgeschickt. An der Stelle ihres Herzens, wo sie sterblich war, hing nämlich das Bild ihres Vetters Konrad Eybel. Nicht daß sie ihn liebte – beileibe, so weit war's nicht gekommen. Wenn der aber seine Marianne nicht gehabt hätte – wer weiß, was noch hätte werden können. Aber er hatte nun einmal seine Marianne, und aus diesem Grunde wohl hauptsächlich die Principessa keine Zeit und keinen Gedanken übrig für die Liebe ... Als die Blätter des wilden Weins im kleinen Garten hinter dem Haus »Zum Seidenbaum« sich rot zu färben begannen, rüstete auch Laurenz Hocheder, der zweite der für Dorotheen-Wiese ernannten Werksdirektoren, zum Umzug ins Himmelhaus. Wochen hindurch war Justine damit beschäftigt gewesen, das Einpacken der Kisten und Koffer zu überwachen und jene hunderterlei Anordnungen zu treffen, welche die Auflösung eines von Väterszeiten her bestehenden Heims und Haushalts erfordert, und dessen Verpflanzung in eine neue Umgebung vorzubereiten. Und Tag für Tag harrte sie nun, während die Koffer mit ihren wenigen persönlichen Habseligkeiten, getrennt von dem übrigen verpackt, längst bereitstanden, dem Eintreffen Severins entgegen. Denn mit Sommersende hatte dieser eine Verpflichtung als Konzertmeister für eine mittlere deutsche Stadt eingegangen, und es war verabredet, daß er kommen würde, sie abzuholen. Gemeinsam wollten sie dann vor Laurenz hintreten, ihm offen eingestehen, daß sie einander angehörten, und ihn bitten, daß er sie in Frieden und ohne Groll ziehen lasse, wozu er schon einmal in seiner hochherzigen Selbstlosigkeit, wenn auch schweren Herzens sich bereit gefunden. Die Unaufrichtigkeit, mit der Justine ihrem Mann inzwischen zu begegnen sich genötigt sah, machte ihr das Warten zur Qual. Aber ein Briefschreiber war Severin nicht, und so stand er ihr denn eines Vormittags, obgleich längst sehnlich erwartet, nun doch überraschend unerwartet wieder in jenem kleinen Klavierzimmer gegenüber, das in verschiedenen Zeitabschnitten ihres Lebens eine so große Bedeutung für sie gewonnen hatte. Ergriffen vom schicksalshaften Ernst des Augenblicks, flog Justine ihm an den Hals. »Ich bin bereit!« sagte sie. »Wann reisen wir?« »Heute abend. Ist Laurenz daheim?« »Ich will ihn ersuchen lassen, heraufzukommen. Es ist der bittere Tropfen im Kelch meiner Freuden, daß ich ihm diesen Schmerz bereiten muß. Aber die Lüge ist nicht länger zu ertragen, mich dürstet nach Wahrheit. Und dann – du ahnst nicht, wie endlos mir schon die Tage hingingen, bis du endlich kommen würdest. Severin! Denke nur! ... Du nimmst nicht mich allein mit in die Fremde! ... Ich bin zwei! ... Du nimmst auch dein Kind mit dir hinaus in die weite Welt und in unsere gemeinsame Zukunft!« Er löste sich aus ihren Armen, ging mit unsteten Schritten in dem kleinen Raum umher und ließ sich schließlich auf demselben Stuhl am Klavier nieder, wo er einst das »Gebet« gesungen. Nachdenklich starrte er zu Boden, den linken Arm auf den Deckel des Flügels gestützt. »Du freust dich gar nicht?« mahnte sie vorwurfsvoll. »Freuen –? Freust denn du dich?« Sie gab keine Antwort, verstand nicht, wie er fragen konnte. Mit großen, erstaunten Augen beobachtete sie ihn, wie er mit halber Stimme die von ihm selbst komponierte Weise vor sich hinsummte: »Durch eine dunkle Pforte eingetreten, fand ich zu diesem Dasein mich verdammt ...« Bald erhob er sich wieder und fing abermals an, im Zimmer umherzugeistern. »Kinder in die Welt setzen, ist eine verantwortungsvolle Sache«, sagte er. »Künstler taugen auch nicht zu Vätern, dafür sind die bourgeoisen Stubenhocker gerade die richtigen!« »Ein Kind bringt doch auch Verjüngung, Freude, Hoffnungen ins Haus –?« sagte Justine schüchtern, mit bitterem Weh im Herzen und Tränen in den Augen. »Vor allem Geschrei und Sorgen!« sagte er vor ihr stehenbleibend und sie wild anblickend. »Dann hättest du dich nicht mit mir abgeben dürfen!« rief sie in aufkochendem Zorn. »Das ist gar nicht gesagt!« gab er heftig zurück. »Darum braucht man noch kein Kind zu bekommen! Ich mag keins, und du wirst auch keins bekommen! Heutzutage macht man das anders. Alle machen es so!« »Ich nicht! Ich nicht! Das kannst du mir glauben!« »Warum nicht? Sei vernünftig, Justine! Sieh, ich liebe dich, aber –« »Du liebst mich nicht!« schrie sie auf. »Dir ist das Weib nichts als das Gefäß deiner Lüste!« »Und dir die Liebe nichts als die Kinderstube! Der Mann mit seiner Künstlerschaft, seinen geistigen und seelischen Interessen wiegt dir leichter als eine nasse Windel!« »Wer sagte mir doch einst, das Geschöpf, das da werden will, sei wichtiger als das persönliche Wohl und Wehe der Liebenden?« »Aber nicht wichtiger als ihr Weg zur Vollendung!« »Für eine Mutter gibt es nichts wichtigeres als ihr Kind!« Wieder nahm er sein Umhergehen im Zimmer auf. »Das sind die Vorurteile der bürgerlichen Gesellschaft, die noch in dir spuken!« grollte er vor sich hin. »Ich glaubte dich zur Freiheit erzogen zu haben, aber du kommst nicht los von dem rückständigen Gedankenkreis dieser Lande von Brotsitzern und Ausbeutern!...« Abermals blieb er vor ihr stehen und versuchte einzulenken: »Justine! Höre! Wir lieben einander! Von früher Jugend auf waren wir füreinander bestimmt. Die engherzige Sippschaft hat uns auseinandergerissen. Nun winkt uns endlich Erfüllung. Nun dürfen wir endlich wir selbst sein. Eine freudig lockende Zukunft tut sich vor uns auf. Wir werden unserer Kunst leben! Den Gipfel des Ruhmes erklimmen! Jeder Tag wird ein neuer Glückstag für uns sein! Aber dazu müssen wir auch ausschreiten können, frei und unbeschwert. Ein Kind würde uns ewig ein Hemmschuh bleiben. Man muß es doch nicht haben! Eines Hemmschuhs entledigt man sich eben, wenn es bergauf gehen soll! Das ist heute allgemeiner Brauch. Man ist einsichtsvoller geworden in der Hinsicht. Man läßt die Vernunft walten und nicht den dummen Zufall. Und du bist doch sonst vernünftig genug, hast dich frei gemacht von so vielem, was wie Spinnweb an den Seelen klebt in diesem stickigen Haus, in dieser versumpften Umgebung satter Spießer und Familiengründer, die sich noch mit ihrem letzten Atem an die nichtigsten Vorurteile klammern wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm ... Justine! Du wirst Vernunft annehmen, sag' mir's! Du siehst ein, daß es unmöglich ist? Du verzichtest darauf, mir zulieb? Justine, nicht wahr, du verzichtest darauf!« »Niemals! Niemals!« schrie sie auf. »Geh! Laß mich! Alles, alles wäre ich bereit gewesen für dich hinzugeben, aber mein Kind nicht! Mein Kind nicht!« »Was für große Worte für eine Sache, die Unzählige ohne viel Aufhebens glatt erledigen!« sagte er kühl, »Laß jetzt den Laurenz rufen, daß wir mit ihm reden. Über das andere wollen wir zu gelegenerer Zeit schon einig werden. Nach und nach muß dir doch die Einsicht aufgehen!« »Diese Einsicht nie, darauf wartest du vergebens! Geh, sag' ich! Laß mich! Mein Kind opfere ich dir nicht! Und daß du es nur weißt, ich komme auch nicht mit dir, was immer daraus werden mag! Ich habe nichts mehr mit dir gemein, ich sage mich von dir los! Geh! Mach, daß du fortkommst, ich kenne dich nicht mehr! Geh! Geh!« Im Speisezimmer nebenan ging die Tür. Laurenz, der im Hause erfahren hatte, sein Bruder sei angekommen, trat ein. Wie ein Rasender stürzte Severin an ihm vorbei aus dem Gemach. Befremdet, erschrocken, versuchte er ihn zurückzuhalten. Aber der Enteilende riß sich los, schon schlug die Tür hinter ihm ins Schloß, kein Rufen holte ihn ein. Kopfschüttelnd kehrte Laurenz zurück. Noch gellte in seinen Ohren die erhobene Stimme seiner Gattin nach, die er beim Eintreten und früher, sogar schon im Vorzimmer vernommen. Hatte es einen Wortwechsel gegeben? Er wußte sich nicht zurechtzufinden und blickte ratlos und gepreßten Herzens auf Justine nieder, die an einem Polsterstuhl in die Knie gesunken war und weinend ihr Antlitz in die über das Kissen gekreuzten Arme barg. »Kind! Kind! Sag, was gibt's? Was ist geschehen?« Ihr Schluchzen dauerte an. Schweigend blieb er stehen, voll Mitleid und Gram. Geduldig ließ er Zeit vergehen, bis sie endlich den Kopf hob und ihre Tränen trocknete. Ohne ihre Stellung zu verändern, blickte sie zu ihm auf, noch immer auf den Knien liegend wie eine Büßerin. »Erkläre mir, Justine, was bekümmert dich so sehr?« »Ich muß dir ein Geständnis machen«, sagte sie, ihm offen ins Auge sehend. »Ich habe mich mit Severin vergangen.« Laurenz trat an den Flügel und setzte sich auf denselben Platz, wo eben vorhin noch Severin gesessen. Genau wie dieser stützte er den linken Arm auf den Deckel und starrte umflorten Auges zu Boden. Ganz still war es in dem kleinen Raum, nur eine Uhr hörte man ticken ... »Das hättet ihr mir nicht antun müssen«, sagte er endlich. »Der Bruder! Die eigene Frau! Und hinter meinem Rücken! Schon damals stellte ich dir frei, ihm zu folgen.« »Ich liebte ihn und brachte es doch nicht übers Herz, dich zu verlassen. Das ist meine Schuld.« »Es tut mir weh, daß du nicht offen zu mir warst.« »Eben heute wollten wir vor dich hintreten mit der Bitte, uns ohne Groll ziehen zu lassen.« »Und warum stürmte Severin wie ein Verrückter an mir vorbei und davon?« »Ich gehe nicht mit ihm«, sagte sie. »Aber ich kann auch nicht länger bei dir bleiben.« »Warum gehst du nicht mit ihm?« »Ich bin in der Hoffnung, und er mag kein Kind.« Wieder hörte man die Uhr ticken. Laurenz hatte die Hand über die Augen gebreitet und verharrte unbeweglich. Vielleicht weinte er im stillen? Vielleicht überlegte er nur und suchte sich in der neuen Lage zurechtzufinden? »Und wohin willst du dich wenden,« fragte er endlich, »wenn du nicht mit ihm gehst und auch nicht bei mir bleibst?« »Ich muß eben trachten, mich irgendwie fortzubringen. Mich und das Kind. Viele Mütter sind in der gleichen Lage.« Es verging Zeit. Keines von beiden sprach. Beppi meldete, daß das Mittagessen bereit sei. Sie hörten nicht darauf. Sie verharrten unbeweglich in ihren wühlenden Gedanken. Endlich erhob Justine sich vom Fußboden und strich ihr goldenes Haar zurecht. Sie trat ans Klavier: »Verzeih mir, wenn du kannst! Und lebe wohl!« Laurenz schüttelte den Kopf: »Verzeihen? Ich klage dich nicht an. Ich hätte dich nicht zu meinem Weib machen dürfen.« »Es gab eine Zeit, da war ich dir dankbar dafür.« »Für Frauenliebe bin ich nicht geschaffen. Das hätte ich wissen müssen ...« »Ich liebte dich und liebe dich noch, wenn auch in ganz anderer Art als Severin.« »Vielleicht mehr als Vater?« sagte er. »Dafür würde ich mich freilich besser eignen als zum Liebhaber ... Sag', Justine, was soll nun aus euch werden, aus dir und dem Kind?« »Da Severin nichts von uns wissen will, so brauchst auch du dir keine Sorgen darüber zu machen.« »Du irrst! Das Kind ist vor dem Gesetze mein Kind, wenn ich mich nicht ausdrücklich dagegen verwahre. Diese Verwahrung werde ich nicht einlegen, deinethalben nicht und auch um meiner selbst willen nicht. Es bleibt also vor dem Gesetze mein Kind. Und daß du dieses der Ungewißheit, vielleicht dem Elend preisgeben willst, kann ich nicht zugeben.« »Was soll ich tun?« »Ich denke darüber nach.« »Wie kann ich dir Genugtuung verschaffen? Wie meine Schuld sühnen?« »Jedenfalls nicht dadurch, daß du in deinem Zustand blindlings davonläufst. Weißt du nicht, daß ich dich noch immer liebhabe – trotz alledem? Willst du mir neue Herzensqualen verursachen, indem du mich bangen machst um dich und dein weiteres Ergehen?« »Ich habe das Recht verwirkt, deine Frau zu heißen, und muß dein Haus verlassen.« Er neigte ernst und traurig das Haupt. »Das Recht, meine Frau zu sein, hast du verwirkt. Aber ein Platz in meinem Hause bleibt dir offen, wenn du nicht anders entscheidest.« Neue Tränen traten ihr in die Augen. Die Güte dieses Mannes, den sie betrogen, überwältigte sie. Von Zweifeln zerrissen rang sie um einen Entschluß. »Laß uns dein Kind«, sagte Laurenz, »in gemeinsamer Sorge zu einem guten, reinen und tüchtigen Menschen erziehen. Dann wird es auch mein Kind werden, nicht bloß vor dem Gesetz, auch vor meinem Herzen!« Aufschluchzend sank Justine vor ihm in die Knie wie vor einem heiligen. Und inbrünstig küßte sie seine Hände.   Soeben hat die große Sirene von Dorotheen-Wiese den Feierabend verkündet. Tausende von Arbeitern und Angestellten entströmen den ausgedehnten Fabriksanlagen, die einer ins Grüne gebetteten Gartenstadt gleichen. Gemächlich miteinander plaudernd, zerstreuen sie sich nach allen Seiten in die anschließenden Siedlungen, die in ihrer durch Wiesenplätze und Baumgruppen gelockerten Bauweise an bescheidene, aber nett gehaltene Villenvorstädte erinnern, in denen ein jeder sein Heim, sein Gärtchen, seine Lieben findet. Laurenz Hochedel und Georg Leodolter, beide nach angestrengtem Werktag aus ihren Schreibstuben kommend, treffen unten am Tor des ehemals Auenwaldschen Schlosses zufällig miteinander zusammen und treten gemeinsam den Heimweg nach dem nahegelegenen Himmelhaus an, dessen altgediegene Räume schon in der kurzen Zeit, seit sie es bewohnen, ihnen zu einer neuen trauten Heimat geworden sind. Ein stiller, prangender Herbsttag breitet seinen wolkenlosen Himmel über das Tal und die Hänge des Wiener Waldes aus, in deren grüne Gelände Dorotheen-Wiese sich schmiegt, in kurzer Zeit zu stattlicher Ausdehnung gediehen und noch immer im Anwachsen begriffen. Einer jener Tage, die keine Gärungen und Sehnsüchte bergen wie die drängenden Tage des Frühlings; einer jener gleichsam schweigsam lauschenden Tage, die Beruhigung in sich zu tragen scheinen und einer gottgewollten Erfüllung gleichen. Noch zögert die Sonne über dem Rand der dunkel bewaldeten Hügel, aus den Niederungen aber steigt wohltuende Kühlung auf, lang und schräg fallen die Schatten der Bäume in dem erhalten gebliebenen Teil des Parkes, den die beiden Männer durchqueren. Auf dem Steg des Mühlbachs, der den Park vom Garten des Himmelhauses trennt, machen sie einen Augenblick halt. Tief aufatmend von der Arbeit des Tages, blicken sie übers Geländer gelehnt ins leise ziehende Wasser hinab. Und beide fühlen sie: Abend ... Feierabend ... Liebliche runde Lichter spielen im Wasser, flinke Weißfischchen blinken silbern darin, und unten, auf dem braunen Grunde, sieht man Libellenlarven und winzige Krebslein abenteuerlich hingeistern. Ganz lautlos ist es hier und lauschig. Nur von Zeit zu Zeit macht es »gluck« und abermals »gluck« – von den Fruchtbäumen des Himmelhausgartens, die mit überhängenden Ästen den Bach entlang stehen, ist eine Zwetschge oder Ringelotte ins Wasser gefallen. Die war's, die den leise glucksenden Ton hören ließ, wie einen schmerzvollen Seufzer, daß sie ertrinken muß. Und nun sieht man sie auf dem klaren Grunde liegen, appetitlich blau oder grün bereift, mit ganz reizenden silbernen Luftperlen behangen – und doch der Ernte verloren, der Fäulnis überantwortet. »Schade!« sagte Laurenz. »Der reiche Segen auf den überhängenden Zweigen! Und alles gehört dem Bach?« »Durchaus nicht!« antwortete Georg. »Schon die Ahnen trafen Vorkehrungen dagegen. Von alters her sind Netze vorhanden, die man bei der Ernte darunterhält, wenn man die Bäume schüttelt. Nur freilich, wenn früher ein Sturm dreinfährt, dann geht vieles verloren.« Nachdenklich betrachtete Laurenz die alten, knorrigen Bäume, die blau oder grünlich-gelb vollhingen mit dem Segen des Herbstes. »Tausendfältig läßt der Herr die Früchte reifen«, sagte er. »Tausendfältige Frucht verspricht auch unser neuer Seidenbaum, die Moralba. Wenn kein Sturm dreinfährt – – an Umsicht bei der Ernte wollen wir's nicht fehlen lassen.« »Gegen Stürme ist freilich kein Kräutlein gewachsen. Aber meist sind sie doch örtlich begrenzt. An allen Enden der Welt zugleich geht's selten schief. Ein Verlust da, dort ein Gewinn, es gleicht sich aus. Auch einer von den Vorzügen der gesellschaftlichen Zusammenarbeit im großen. Haben wir einmal die Weltindustrie, die sich ausschließlich nach Geschäftszweigen, nicht mehr nach Völkern und Staaten scheidet, so fällt ein gelegentlicher Schaden nicht schwerer ins Gewicht als ein Fliegenstich für den Elefanten. Darum kann ich's nur billigen, wenn Ihr Shykenstool seine Bemühungen fortsetzt, die Moralba noch weiter und immer weiter auszubauen. Ich hatte heute einen Brief von ihm aus Japan, wo er neue Teilnehmer zu werben hofft.« Zustimmend nickte Laurenz, er freute sich der neuen Aussichten. Und fröhlich ließ er seiner Laune die Zügel schießen. »Wenn diese Pflaumenbäume einem Weltverband angehören würden, so wäre vielleicht auch genügend Kapital verfügbar, die Einrichtung der ausgespannten Netze zu einer dauernden zu machen, die nicht nur für den Erntetag Geltung hätte. Dann brauchte überhaupt keine Frucht mehr verloren zu gehen und umzukommen. Nicht eine einzige!« Damit hatte er dem Vetter das Steckenpferd gesattelt, das dieser so gerne ritt. Lebhaft ergänzte Georg den Gedankengang. »Daß überhaupt nichts verkommen und zwecklos vergeudet werden darf, das wäre eines der obersten Gebote der Religion, die ich vielleicht noch einmal gründe. Wobei ich unter Verkommen auch alles sinnlose und übermäßige persönliche Verbrauchen begreife. Denn die eine große Sünde wenigstens hat der Kapitalismus sicherlich auf dem Gewissen, daß er die Meinung fördert, als sei es einem jeden erlaubt, mit seinem Eigentum nach Belieben umzuspringen; während eine vernünftige Gesellschaftsordnung das Gefühl der Verantwortung dermaßen schärfen müßte, daß keiner in seinem Besitz etwas anderes sähe als ein ihm von Gott zu gewissenhafter Verwaltung anvertrautes Gut.« »Was einem beim Betrachten von Pflaumenbäumen nicht alles einfallen kann!« sagte Laurenz lachend. Seite an Seite setzten sie hierauf ihren Weg fort, durch den wohlgepflegten, etwas ansteigenden Garten, in der Richtung gegen das Haus. »Die schönen Pflaumenbäume,« nahm Georg wieder das Wort, »sind so alt, daß schon mein Urgroßvater, der auch Justinens Urgroßvater war, sie gekannt hat, derselbe Alfred Leodolter, dem oben im Buchenwäldchen unseres Gartens ein Erinnerungsmal errichtet ist. Aber noch älter als diese Pflaumenbäume ist, wenn wir sein Wachstum von den Anfängen an verfolgen wollen, unsere Moralba, der scheinbar so junge neue Seidenbaum. Er ist das schönste Sinnbild dafür, wie eine durch viele Geschlechterfolgen in der gleichen Richtung fortgesetzte Arbeit eine Entwicklung ins Große nehmen kann, um der Zeit vorbildlich voranzuleuchten. Aus den drei oder vier Generationen der Hocheder in der Schutzengelgasse hervorgewachsen, wird dieser in die Zukunft hineinragende Riesenbaum nicht allein von Hochederschem Weberblut genährt; er zieht seine Säfte auch aus andern alten Weberfamilien, wie etwa denen der Leodolter, Mairold und Beywald, denen ich selbst und Ursel, denen auch Ferry Shykenstool, Thom Mairold und Konrad Eybel entstammen. Und da jener Alfred Leodolter, mein Urgroßvater, eine Enkelin des Hauses »Zum Blauen Guguck« in der Zieglergasse und des Hauses »Zum Groben Schroll« in der Kaiserstraße zur Frau hatte, so reichen die Wurzeln unseres neuen Seidenbaums sogar bis ins achtzehnte Jahrhundert zurück. Nur was der Entwicklung dient, hat Zukunft. Und vergleichen wir unsern elektrischen Riesenbetrieb, der schon jetzt mit einer Anzahl großer Seidenfirmen zweier Weltteile zu gemeinsamer Arbeit verbündet ist, mit den handbetriebenen eigenbrötlerischen Fabriklein, aus denen er im Verlauf von anderthalbhundert Jahren hervorgewachsen ist, so dürfen wir uns sagen, daß unsere alten Bürgerfamilien, die sich mit andern zur Moralba zusammenschlossen, es nicht daran fehlen ließen, der natürlichen Entwicklung zu dienen. Sie werden also Zukunft haben in geschäftlicher, in wirtschaftlicher Hinsicht. Ist es verwunderlich, wenn sie auch dem Blute nach eine Zukunft haben möchten, wie sie eine Vergangenheit hatten? Mit Freuden nahm ich in letzter Zeit gewisse Veränderungen an der Gestalt Justinens wahr. Ich wünsche dir Glück dazu! Und, wenn du es noch nicht weißt, so kann ich dir verraten, daß auch Resi sich in denselben Umständen befindet, und daß du mir, wenn du magst, meinen Glückwunsch zurückgeben darfst.« »Das tue ich von ganzem Herzen. Fraglich scheint mir nur, ob der arbeitende Bürgerstand, von dem du sprichst, auch in der Zukunft dieselbe führende Stellung wird behaupten können, die er in den letzten hundert Jahren innehatte.« »Du zweifelst daran?« »Wenigstens dürfte sich darüber nicht ohne einige Wenn und Aber entscheiden lassen«, sagte Laurenz und grüßte nach dem Balkon des Himmelhauses hinauf, dem sie sich inzwischen genähert hatten. Sie fanden Justine und Resi auf diesem Balkon vereinigt, mit dem Tee auf sie wartend. Georg, immer übermütig und aufgeräumt, streckte den jungen Frauen, die an Schönheit miteinander wetteiferten, die Hände entgegen: »Gegrüßet seid mir, ihr beiden, ihr seid voll der Gnaden ...« Schnell legte Resi ihm die Hand auf den Mund: »Es ist ihm nicht leichter, wenn er nicht lästern kann!« Georgs Lippen aber murmelten weiter, auch unter der Hand, man hörte: »... gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht eures ...« Auch die zweite Hand Resis breitete sich jetzt über seinen Mund. »Und anzüglich werden muß er auch, so oft nur die leiseste Möglichkeit sich bietet!« rief sie, halb und halb ernstlich erzürnt, und mußte lachen. Gemeinsam nahmen sie nun den Tee ein. Ein Stündchen verstrich unter angeregtem Geplauder, dessen Kosten hauptsächlich Georg bestritt. Er wurde nicht müde, sich mit seiner liebreizenden jungen Frau zu necken, während er seiner Base Justine, deren zurückhaltendes Wesen wie in leise Wehmut gehüllt schien, mit ausgesuchtem Zartgefühl begegnete. Denn was niemand sonst ahnte, sein Scharfblick hatte es ihm geoffenbart. Später fand sich auch noch Eybel mit Marianne ein. Das Abendrot hinter den sanft geschwungenen Höhenzügen verblich. Schon funkelte im Osten ein erster bleicher Stern. Die Kletterrosen, die den Balkon umrankten, strömten noch süßere Düfte aus als am Tage. Durch ihr schwankes Rahmenwerk von Laub und Blüten konnte man über den etwas abschüssigen Garten des Himmelhauses hinweg die hohen Bäume jenseits des Mühlbaches sehen, die zu den erhalten gebliebenen Teilen des einstigen Schloßparks gehörten. Die Frösche in den daselbst befindlichen Weihern begannen ihr Abendlied zu singen. Gegen Sonnenuntergang aber breitete sich anschließend an diese prächtigen Baumgruppen die neuentstandene Fabriks- und Siedlungsstadt Darotheen-Wiese, in der allmählich die Lichter aufzuscheinen begannen. Es machte den Eindruck, als seien der Lichter in letzter Zeit wieder mehr geworden, schier mit jedem Tag wurden es ihrer mehr. Taufende und Tausende von Menschen atmeten, arbeiteten, liebten und hofften jetzt da drüben, wo früher nichts als ein herrschaftlicher Schloß- und Parkbesitz gewesen war. Sie mehrten ihren Wohlstand, den Wohlstand ihres Vaterlands, sie hatten eine Heimat und dienten der Heimat, sie fühlten sich als Angehörige des großen deutschen Volkes und wirkten mit, ein jeder in seiner Weise und wenn auch in noch so bescheidenem Maße, an dem hohen Ziele, die irdischen und damit auch die geistigen und seelischen Güter des deutschen Volkes zu mehren und dadurch auch die Höherentwicklung der Menschheit zu fördern ... Irgendwie empfanden dies jetzt die durch Bande der Freundschaft und Familienzugehörigkeit auf dem rosenumblühten Balkon des Himmelhauses vereinten Menschen, als sie die unzähligen Lichter da drüben blinken und glitzern sahen, in der gewerbefleißigen neuen Stadt, die nach einem heißen Arbeitstag die Ruhe und den Frieden des Feierabends atmete. Und Georg Leodolter, dem das vorhin mit Laurenz geführte Gespräch noch im Kopfe herumging, sagte: »Dies alles wäre unmöglich gewesen und nie zustande gekommen ohne die große Entschlußkraft der Unternehmer, ohne die Summe tüchtiger Eigenschaften, die man zusammenfassen könnte in dem Worte: Geist des Bürgertums. Hältst auch du, Konrad, es für zweifelhaft, ob der Bürgerstand in Zukunft bestehen und blühen wird? Oder bist du mit mir der Meinung, daß auch der Staat zugrunde gehen müßte, wenn man ihn noch mehr zurückdrängte und entrechtete, als es ohnedies schon geschehen ist?« »Ich glaube, lieber Georg,« sagte Eybel, »an die Sendung des Bürgerstandes, wenn –« »Ich sagte es doch,« fiel Laurenz ihm ins Wort: »ohne ein Wenn läßt sich die Frage nicht entscheiden.« »Also? Wenn –« »Wenn er eben wirklich dem Geiste des Bürgertums treu bleibt, oder vielmehr zu ihm zurückkehrt. Was im täglichen Leben vorübergleitet, hinterläßt keine Spuren. Nur im Gedanken ist Kraft und Dauer. Wodurch hat der Arbeiterstand den großen Einfluß erlangt, den er heute ausübt? Viele würden antworten: durch die Masse. Aber dies wäre ein schwerer Irrtum. Nie und nimmer könnte die Masse allein so große Umwälzungen bewirken. Denn sie bliebe eben Masse, nichts als dumpfe, gestaltlose Masse, wäre sie nicht von einer Idee beseelt, die über den Eigennutz des einzelnen weit hinausgeht. Diese Idee, dieser Gedanke ist der Traum von einem gerechteren Zukunftsstaat, der jedem sein natürliches Menschenrecht gewährleistet und die schandbare Ausbeutung des wirtschaftlich Schwächeren ausschließt. Um dieses Gedanken willens sind viele bereit, selbst ihr Leben hinzugeben. Vom Bürgerstand dagegen wird behauptet, daß er, durch Eigennutz und Wohlleben versumpft, zu wehleidig geworden sei, mit Opfermut einem Gedanken zu dienen. Daß eine solche Erschlaffung vielfach sich bemerkbar macht, unterliegt keinem Zweifel. Daß sie sich aber nicht über den ganzen Bürgerstand erstreckt, das beweist schon allein die Begründung unserer Moralba. Sie nimmt den Gedanken wieder auf, durch den das Bürgertum im neunzehnten Jahrhundert emporgekommen ist, den Gedanken eines realeren Staates, der für viele Raum hat und die Güter des Lebens den breiteren Massen zuführt. Und sie bildet diesen Gedanken im fortschrittlichen Sinne noch weiter, indem sie Hand in Hand mit der Arbeiterschaft mithelfen will, die zwar nicht mechanisch gleichmachende, aber gerechter als bisher abstufende Ausgestaltung der Weltproduktion vorzubereiten. Unter der mächtigen Laubkrone des neuen Seidenbaumes werden alle Platz finden, Bürger und Arbeiter. Und das Bürgertum, das in diesem Geiste mitzuarbeiten bereit ist an der Gestaltung des Kommenden, es wird für die Allgemeinheit sowenig entbehrlich sein, wie es früher entbehrlich war. Über diejenigen aber, die satt und weichlich auf dem Erworbenen beharren, werden die Räder des Fortschritts hinweggehen.« »Du selbst, Georg, sprachst vorhin einen ähnlichen Gedanken aus,« bemerkte Laurenz zustimmend: »Nur was der Entwicklung dient, hat Zukunft.« »Ein anderes Wort, dessen ich mich aus einer Predigt Pater Wilfrids erinnere,« fiel Georg lebhaft ein, »ergänzt den Gedanken. Das Wesen der sittlichen Weltordnung, sagte er ungefähr, wurzle in der festen Überzeugung des Menschen, daß er nicht notwendig den Kürzeren ziehen oder gar zugrunde gehen müsse, wenn er sein Tun nicht ausschließlich vom persönlichen Nutzen bestimmen läßt.« »Und der geistliche Herr,« sagte Eybel, »faßte damals, was er meinte, in eine Mahnung zusammen, die jeder, der wahrhaft fruchtbare Arbeit leisten will, gut täte, sich immer wieder ins Gedächtnis zurückzurufen: Individualismus im Dienste der sozialen Gemeinschaft!« »Ich erinnere mich. Und eine andere, nicht minder beherzigenswerte Mahnung lautete: Menschheitsziele, nicht Einzelzwecke!«   Ende.