Nataly von Eschstruth Jung gefreit Band I Mit Bildern von Wilh. Claudius I. Hast du auch alles Handgepäck, Salome? Vier Stück zählte der Portier in die Droschke – laß sehen, ein Schirmpaket –« »Hier – Tante Klärchen sitzt darauf!« Ein leiser Schrei im höchsten Diskant. Tante Klärchen schnellte empor, daß sich ihr stolzer Schellenbaum von Straußfedern auf dem Hut an dem Wagendach rund wie eine Neune bog. »Ich sitze darauf? – Gott sei Dank, es hat kein Malheur gegeben!« – »Nein, alles in Ordnung, deine fünfundfünfzig Pfund knicken keinen Bambus!« – Die Sprecherin, eine stolze, imposant wuchtige Erscheinung mit leicht ergrautem Lockenhaar über der Stirn, sah mit einem leicht spöttischen Lächeln auf die hagere Schwester nieder, die sie ihr Leben lang als »Nestputtch« – oder »sitzengebliebenen Pudding« verhöhnte. Klärchen streckte die spitze Nase und das spitze Kinn noch spitzer vor und bemerkte anzüglich: »Nein, ebensowenig wie deine zweihundertfünfundfünfzig Pfund jemals eine Linde oder Eiche knicken konnten, liebe Erna!« – Die liebe Erna wurde kirschrot vor Zorn, sowohl im Gedanken an ihre ehemaligen treulosen Verehrer, den Leutnant von Linde und den Assessor Eichberg, als auch über die Taktlosigkeit der Schwester, an diese schmerzlichen Punkte ihres Lebens zu rühren. Sie steckte die Hände mit strammem Ruck in die Taschen ihres Sportjacketts und warf den alten Kopf mit dem jugendlichen Jägerhütchen herausfordernd in den Nacken. »Knicken konnte ? Nicht knicken wollte , meinst du wohl, kleine Giftkröte?« – fuhr sie mit ihrer tiefen Stimme auf: »Es ist allerdings ein billiges Mittel für den Neid – – –« Sie verstummte und schnellte nach der andern Seite herum. Ihre Nachbarin, eine tief verschleierte nonnenhaft in grau gehüllte Erscheinung, hatte sie in den Arm gekniffen. – »Menagiert euch –« klang es tonlos hinter der undurchsichtigen Gaze hervor, »wir sind nicht allein.« Und der Kopf der Sprecherin machte eine feierliche Bewegung gegen das junge, zuerst angeredete Mädchen, das neben Tante Klärchen auf dem Vordersitz der Droschke saß. Salome schien aber gar nicht beachtet zu haben, welch ein Kampf neben ihr zu entbrennen drohte, sie neigte das rosige Gesichtchen unter dem eleganten, sehr einfachen Reisehut dicht an das Wagenfenster, und schien in schwärmerisches Bewundern der prächtigen Magazine und Ladenfenster versunken. »Also das Schirmpaket ist da!« fuhr Erna, die Waffen streckend fort, warf ihrem Gegenüber Klärchen noch einen vernichtenden Blick zu, und nahm sich vor, sie nachher beim Aussteigen tüchtig auf die Füße zu treten. »Nr. 2 war eine kleine Handtasche, wo ist sie?« Salome schlug die blauen Augen sinnend auf. »Hier unten, vor meinen Füßen steht sie, liebe Tante,« sagte sie, weich und mild wie Frühlingswehen. » Bon, und die Hutschachtel?« »Bei dem Kutscher draußen auf dem Bock.« »Aber es waren vier Gepäckstücke!« »Gewiß! Das Paket aus der Buchhandlung, das du für Tante Sidonie mitbringen solltest?« »Richtig – ein kleines Buch schien es ... mein Gott, wo mag es hingeraten sein?« »Steht mal alle auf!« »Unmöglich, Erna – jetzt, in der engen Droschke!« »Willst du sie erst auf den Leisten schlagen lassen? Noch gibt's die Harmonikadroschken erst in den fliegenden Blättern!« »Au! Erna! – Tollpatsch! – Trampele mir doch nicht so mit den Elefantenhufen auf den Füßen herum!« empörte sich Klärchen, bereits jetzt schon der Rache der dicken Schwester zum Opfer fallend. »Elefantenhufe!! – Glaubst du, die indische Kavallerie ließe die Dickhäuter beschlagen? Allerdings – wenn man es im Leben nur bis zur zweiten Klasse gebracht hat –« »Besser als wie in Fett und Weisheit zu ersticken!« Abermals wogte der graue Gazeschleier mahnend auf. – »Bitte, menagiert euch. – Euer Streit schafft das Buch nicht herbei. – Habt ihr es gefunden?« »Nein!« Salome vergaß alle ihre Schwärmerei und tastete mit nervöser Hast umher. – »O Himmel, es wäre schrecklich! Tante Sidonie verzeiht es mir ja nie, sie ist so sonderbar – hält alles für böse Absicht – und Mama ließ in ihrem Briefe durchblicken, daß Tante Sidonie das Buch gewiß zum Konfirmationsgeschenk für Rose bestimmt hat!!« »Selbstverständlich, wieder irgendein so entsetzlich frommer Schmöker! Solchen Unsinn dreht sie jedem ihrer unglücklichen Patenkinder zur Konfirmation an!« »Erna! – Unterlaß solche schamlose Bemerkungen!« Die graue Nonnengestalt an ihrer Seite wurde plötzlich lebendig: »Du weißt, daß du mit deinem Spott über Sidonies fromme Richtung auch mich beleidigst!« Klärchen nickte triumphierend Beifall, Erna aber zog eine ihrer derben Grimassen und lachte hart auf: »Na ja! Ihr habt ja beide denselben Sparren, Pardon – das hatte ich vergessen! – Na, da wirst du diesmal auf dem Gebetbüchlein sitzen und es andächtig ausbrüten! – Sieh da ... hahaha ... da hast du es ja hübsch angewärmt – – edle Seelen finden sich! ... Hahaha ... Hier, Salome! Klärchen »besitzt« das »Überspannte« und Martha mit dem Tränenblick das »Fromme!« – Wenn ich als Kind etwas auswendig lernen wollte, legte ich mir das Buch unter den Kopf – Martha scheint eine andere Methode zu haben – sicherlich die, die gleich ›vor- und rückwärts‹ auswendig hersagen läßt!« Erna warf sich in den Wagen zurück und belachte ihre Witze mit dröhnender Stimme, Klärchen schoß vor und tuschelte über Salome herüber etwas in das Ohr der Verschleierten, deren Hände wie im Fieber bebten. Das junge Mädchen aber nahm hochaufatmend das versiegelte Buch in Empfang, zerrte ihre Handtasche empor und schloß es vorsichtig darin ein. Jetzt hielt der Wagen. Er bildete erst ein paar Minuten in der Reihe der anfahrenden Droschken vor der Bahnhofshalle Spalier, dann riß ein Dienstmann den Schlag auf und rief: »Wollen die Damen noch mit dem Schnellzug ›Halle-Berlin‹ mit? Dann aber marsch, marsch, hurra! Sonst pfeift er Ihnen vor der Nase weg!« – »Um Himmels willen – ich muß noch mitfahren!« schrie Salome entsetzt auf – »ach bitte, bitte, helfen Sie!« »Schon so spät? – Selbstverständlich, Erna mußte ja erst noch eine Stunde lang Löckchen brennen!« »Und Fräulein Kläre frühstückte erst – als ob sie sechs Wochen fasten sollte –.« »Nichtswürdige Verleumdung!« »Und das heilige Marthchen sang noch eine Morgenandacht –.« »Empörend! – Ich sage dir, Erna –« »Ja, meine Damen, wenn Sie erst noch eine Stunde lang streiten wollen, ist der Zug schon in Kassel, bis Sie einsteigen!« Salome faßte den Sprecher beschwörend am Arm. »Wo ist der Billettschalter, lieber guter Herr Dienstmann?« – jammerte sie, und ihre blauen Augen standen vor Angst hoch unter Wasser. »Kommen Sie mal mit, Fräuleinchen – he! Konrad, mal flink das Gepäck hier – und nun vorwärts, vorwärts, meine Damen!« Die drei streitbaren alten Schwestern schossen in ihrer Wut und Eile jede nach einer andern Richtung davon – hielten nach etlichen Schritten und stürmten Salome und dem Dienstmann nach, denn jede war eifersüchtig auf die andere und wollte ihr nicht das Verdienst gönnen, die junge Nichte »sorglich und aufopfernd« behütet und spediert zu haben. Noch einmal entbrannte vor dem Billetschalter der Kampf, wer die Fahrkarte für das »Kind« lösen sollte, aber Salome hatte schon ihr Portemonnaie in die Hand des Dienstmannes gedrückt, und als Martha mit dem Recht der Ältesten den beiden anderen Ohrfeigen anbot, tauchte der blaue Kittel der braven Nummer 25 schon wieder vor ihnen auf und händigte Salome das Billett ein. »Nun zum Gepäck! Kommen Sie mal immer mit, Fräuleinchen! Alle Wetter! Wozu haben Sie denn die drei alten Kollis zur Überfracht hierher mitgebracht?« lachte er in den Bart – »die Damen sind ja viel zu cholerisch für so knappe Zeit! – Lassen Sie den Spektakel nur hinter sich – vielleicht haben wir Glück und verlieren sie im Gedränge!« Diese Hoffnung war eine eitle. Die drei Tanten flatterten in wilder Hast hinter dem, ihrem Schutze anvertrauten Küken her, und waren Gottlob in dem Stadium allerhöchsten Zorns, in dem sie sich nicht mehr die Ehre eines Wortes antaten. Und endlich stand man vor dem Zug, an dem der Schaffner schon die Türen schloß. Zum erstenmal waren die Tanten einig: »In ein Damencoupé!« – schrien sie im Chor. Damencoupé! – Salome seufzte auf, aber sie flog dem winkenden Schaffner entgegen und sprang in den Wagen. Leer! – Gottlob leer! Die Tanten kamen keuchend nach. – Salome trat an das offene Fenster und wollte noch einmal für alle Güte und Gastfreundschaft danken – da pfiff es bereits. »Kind, vergiß nicht, du mußt in Merseburg umsteigen!« – rief Tante Martha mit gellender Stimme, und die beiden anderen ärgerten sich, diese Warnung vergessen zu haben und wiederholten im höchsten Eifer: »In Merseburg umsteigen!« »Ich sagte es dir ja schon vorhin!« – setzte Erna voll Triumph hinzu. »Gestern abend machte ich dich schon darauf aufmerksam!« – überbot Klärchen sie voll giftiger Ironie. »Lüg' doch nicht so –« »Ich lüge nicht – aber gewisse andere Leute.« Die Sprecherinnen verstummten – ein Herr ging langsam an ihnen vorüber und musterte sie. Wie mit einem Zauberschlage verwandelten sich die haßfunkelnden Augen und bösen Mienen. »Tausend Grüße zu Haus, mein Liebling! Hoffentlich hast du dich in unserem traulichen Nestchen wohlgefühlt!« »Es war reizend bei euch, Tantchen!« stotterte Salome und fühlte, wie sie bei dieser Lüge dunkelrot wurde. »Komm bald wieder zu uns Verlassenen – Einsamen!« flötete Klärchen sentimental. »Und bestell' Rose meine treuesten Segenswünsche zur Konfirmation – mein Gebet ist bei ihr!« hauchte die Nonne Martha salbungsvoll. »Zur Konfirmation komme ich nicht! Aber zu deiner Hochzeit, Kleine!« lachte Erna forsch; »ich bin mehr fürs Heiraten!« »Das merkt man!« – zischte Klärchen heimlich: »Willst du dem Herrn da drüben nicht gleich einen Heiratsantrag machen?!« »Nein – wenn du neben mir stehst, nimmt er mich nicht – dein Anblick verdirbt den Geschmack an dem Ewigweiblichen!« Salome wandte abermals das Köpfchen diskret von dieser unerquicklichen Szene ab. Gottlob – die Pfeifen schrillten, der Zug ruckte an. »Also in Merseburg umsteigen!« – tönte es ihr noch einmal dreistimmig nach – und das letzte, was das junge Mädchen von den Tanten sah, war deren zornige Überraschung, den Ruhm dieses gewichtigen Befehls abermals mit den anderen teilen zu müssen. Salome trat hochaufatmend zurück und sank in die Wagenecke nieder. Sie preßte einen Moment die schlanken Händchen gegen die Stirn, als wolle sie alle Gedanken, die während des kurzen Aufenthalts im Hause der Tanten wie scheue Vöglein davongeflattert waren, wieder sammeln. Es war überstanden – die schreckliche Zeit bei diesen ewig zankenden, fried- und freudlosen drei alten Damen lag hinter ihr. Nur zwei Tage waren es gewesen, aber Salome waren deren Stunden so lang geworden, als ob es Jahre gewesen seien, und wenn ihr der Begriff »unverheiratet sein« – schon in der Pension ein recht beängstigender gewesen, der Aufenthalt im Hause der Tanten hatte ihn zum Schreckgespenst gemacht. Salome war noch viel zu jung, um schon die Ausnahmen einer Regel erfassen zu können. Das unglückliche Verhältnis, in dem die drei unverheirateten Tanten lebten, und die daraus entspringende Sucht, einem solchen unerträglichen Zusammenleben noch jetzt durch eine Heirat zu entrinnen, erachtete das Pensionsbackfischchen als Illustration zu jedwedem alten Jungferndasein. Hätte sie Gelegenheit gehabt, in so manch trauliches behaglich schönes Altjungfernstübchen zu schauen, wo die Blumen am Fenster in ewigem Frühling duften, wo es hinter blanken Bronzestäben zwitschert und flötet und überall sichtbar ein Geist der Liebe und des Friedens waltet – sie hätte das Gesichtchen nicht so schaudernd in die Polsterecke der Eisenbahn gedrückt. Und hätte sie gar in manch eleganten Salon geschaut, wo bei Kerzenglanz und üppigem Behagen eine Schar heiterer Gäste schwelgt, wo sich besternte Exzellenzen vor einer alten Jungfer neigen, wo Leutnants bei schäumendem Sektglas für die »famose alte Regimentstante« schwärmen und die jungen Mädchen begeistert die welken Hände ihrer grauhaarigen Freundin küssen, die trotz ihrer Jahre mit der Jugend jung sein und fühlen kann – sie hätte vielleicht die blauen Augen überrascht aufgesperrt und lachend gerufen: »Solch ein Altjungfernleben lasse ich mir gefallen! Das ist ja entzückend und lockt zur Nachahmung!« Aber Salome hatte weder den einsamen Frieden eines Erkerstübchens, noch die lebensfrohe, gastliche Heiterkeit eines eleganten Hauses kennengelernt, in dem eine alte Jungfer es der Welt beweist, daß in vielen Fällen »heiraten gut – aber nicht heiraten noch besser ist!« Salome war in einer Schweizer Pension erzogen. Die Verhältnisse in ihrem Elternhause hatten es seinerzeit bedingt, daß das junge Mädchen den letzten »Schliff der höheren Tochter« fernab von ihrem Elternhause erhielt. Ihr Vater stand dermalen als Major in einer kleinen Garnison, die wenig Gelegenheit bot, eine junge Dame in all den vielen nützlichen und unnützen Wissenschaften auszubilden, die manche moderne Mutter für die Bildung ihrer Töchter als notwendig erachtet. Auch Frau von Welfen erklärte ihrem Gatten mit dem sanftesten Augenaufschlag und ihrem unwiderstehlich liebenswürdigen Lächeln, daß man sich wohl oder übel der allgemeinen Richtung anschließen und Salome für etliche Jahre in Pension schicken müsse. »Aber warum denn, Dora?« seufzte kopfschüttelnd ihr Mann. »Du bist doch sonst ein so vernünftiges, unbeeinflußtes, kluges Frauchen, das sich niemals von der närrischen Mode Gesetze diktieren ließ, warum wurdest du mit einemmal ihr Sklave?!« Frau Dora zog den Sprecher neben sich auf das Sofa nieder und blickte ihn mit den schönen, seelenvollen Augen nachdenklich an. – »Ja, warum, Ernst! – Das habe ich mich selber oft gefragt, in der Hoffnung, mir die so sehr unliebsame und unsympathische Anforderung der Mode ausreden zu können, denn eine Modesache und nichts anderes sind diese leidigen Pensionen, die ein Kind dem Elternhause entfremden. Aber ich bin immer zu demselben Resultat gekommen. Die kleinen Verhältnisse unserer hiesigen Geselligkeit zwingen uns dazu. Alle anderen jungen Mädchen sind in Pensionen geschickt, ehe die eitlen Mütter sich entschlossen, sie auszuführen, und die Kinder kamen mit einer so bestechenden und blendenden ›Politur‹ zurück, daß es für unsere einfach erzogene Salome gar nicht möglich wäre, im Küchenschürzchen neben diesen Salondamen zu bestehen. Wir beiden Alten haben leider keine Talente. Wo sollte unsere Älteste es lernen zu singen, zu malen, Sprachen zu sprechen und mit sonstigem Wissen und andern schönen Künsten zu brillieren, wenn wir sie nicht darin unterrichten lassen?« »Malen – singen – schnitzen – punzen und dausenderlei Gelehrsamkeiten, die eine brave Mutter und Hausfrau nie nötig hat.« »Ganz recht, Männchen! Auch ich halte die meisten dieser Kunststückchen, dieses ›von allem etwas und von allem nichts‹ für sehr überflüssigen Ballast bei einem Mädchen, das bei unseren heutigen sozialen Verhältnissen mehr denn je eine gute Hausfrau sein muß, um ihren Hausstand wacker und verständnisvoll durch all die namenlosen Ansprüche und Anforderungen der heutigen Zeit zu lavieren. Salome ist ein so empfindsames und mimosenhaftes Gemüt, daß sie es nicht ertragen würde, geistig und künstlerisch weit hinter ihren Altersgenossinnen zurückzustehen. Und das würde der Fall sein, wenn ihre Freundinnen alles können, und sie selber nichts. Sie könnte uns mit Recht Vorwürfe machen, daß wir ihre Ausbildung vernachlässigt haben, und einen solchen Vorwurf eines Kindes würde ich nicht ertragen. Wie gesagt, die Verhältnisse hier sind zu eng und klein. – Das Hergebrachte schreibt hier die Gesetze, und sich ihnen entziehen, hieße dem Kinde den Grund und Boden unter den Füßen nehmen. Sie möchte Dinge, die sie in der Geselligkeit einer Großstadt nie begehren würde, sehr schmerzlich hier vermissen, denn in unserm Städtchen bedarf der gesellige Verkehr viel äußerer Anregungsmittel, um erträglich zu sein. Was sollten wir bei all den Abendgesellschaften schließlich noch anfangen, wenn Fräulein von Hauf nicht Zither – Lorchen nicht Klavier – Elschen nicht Geige spielte! – Wenn nicht gesungen und deklamiert, nicht Theater aufgeführt würde und geistreiche Spiele Gelegenheit böten, Schulkenntnisse zur Schau tragen zu können!« Frau von Welfen hielt lächelnd inne und sah ihren Mann forschend an: »Du würdest es ja selber am wenigsten ertragen, Alterchen, wenn dein Liebling als ein ungeschicktes Gänschen bespöttelt und über die Achseln angesehen würde.« Nein, der Major hätte es allerdings nicht ertragen, das sah man schon seinem grimmigen Gesicht an, das er bei den letzten Worten seiner Frau machte. Und so kam es, daß Salome nach Lausanne in ein Pensionat geschickt wurde. Sie schrieb entzückte Briefe. Alles in der neuen Umgebung machte ihr Freude, sogar das Lernen. Und diese Freude am Fleißigsein war es, die die Eltern bestimmte, sie auch ferner dort zu lassen, als sich die Verhältnisse im Hause des Majors ganz unerwartet änderten. Er erbte ein schönes, schuldenfreies Rittergut. Er erhielt es, wie man das große Los gewinnt, unvermutet – über Nacht. Sein Patenonkel hatte durch mehrere, schnell aufeinanderfolgende Unglücksfälle drei blühende Söhne in das Grab sinken sehen. Die einzige Tochter lebte in kinderloser Ehe, wurde Witwe und kränkelte; ein inneres Leiden griff unaufhaltsam um sich und schloß jede Hoffnung auf Genesung aus. Da hatte der tiefgebeugte alte Mann seines Paten gedacht, und den Major von Welfen zum Erben des Grundbesitzes eingesetzt. Und der denkwürdige Tag kam, an dem der Vater Salomes ein Gerichtsschreiben in der Hand hielt, das ihn zum Rittergutsbesitzer machte. Er begriff dieses Glück kaum, er, der sein Leben lang in zwar wohlgeordneten, aber doch sehr bescheidenen Verhältnissen gelebt hatte. – Seine Gesundheit war seit dem Feldzuge nicht immer die beste gewesen, und da er viel praktischen Sinn und Anlage für sparsame Ökonomie hatte, folgte er dem Wunsche seiner Frau, nahm den Abschied und siedelte in die neue Heimat, das herrlich gelegene Jeseritz, über. Wohl fiel es Frau Dora unendlich schwer, die älteste Tochter auch jetzt noch entbehren zu müssen, sie machte den Versuch und redete Salome zu, heimzukommen; aber selbst die interessante Neuheit des Gutes konnte den Zauber von Lausanne nicht brechen. In flehenden Briefen bat sie die Eltern, ihren Aufenthalt in der Pension nicht abzukürzen. »Lola von Mentsikoff, Kitty Ailway und die entzückende kleine Pariserin Juliette Colombier bleiben auch noch ein und ein halbes Jahr hier! Wir können uns nicht trennen, wir sind so sehr, sehr glücklich zusammen, und unser Leben in dem Pensionat ist so unvergleichlich schön! Sei nicht böse, liebes, liebes Herzmuttchen – und du auch nicht, Väterchen! Weihnachten komme ich ja sechs Wochen zu euch – wenn ihr wollt, auch acht –- und dann bringe ich meine Bilder mit, meine ersten Ölbilder, von denen Mr. le professeur sagt, sie sind Proben eines seltenen Talentes! – Oh, und meine Stimme! – Sie entwickelt sich so gut, ich singe schon schwere Arien – Koloratur – auch Oratorien! Wie freue ich mich, in der Dorfkirche mit Begleitung der Orgel das ›Ah rivolgi o casta diva! fausto il ciglio à voti miei!‹ zu singen! Ihr sollt Eure Freude daran haben! Auch mein göttliches, sonniges, wonniges Lausanne! Es gibt nichts Schöneres, als auf den See, den blauen, flimmernden hinauszuträumen, als die weiche Luft dieses Paradieses zu atmen, als den ganzen unbeschreiblichen Zauber solcher unvergleichlichen Stadt zu genießen!« Frau Dora ließ mit tiefem Aufseufzen den Brief sinken. Salome war eine sehr sensible, schwärmerisch veranlagte Natur, leicht beeinflußt und sehr empfänglich für die Eindrücke, die ihr imponieren oder ihre Sentimentalität anregen. Wollte man sie jetzt mit Gewalt zurückholen, würde sie zeitlebens an der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese kranken, sie würde die Sehnsucht der Eltern als grausamen Egoismus empfinden und stets im Herzen vorwurfsvollen Groll hegen, daß man sie mitten aus dem besten Lernen und Studieren herausgerissen. Nein, Frau von Welfen war eine zu klug und logisch denkende Frau, um nicht der Eigenart ihrer Tochter gerecht zu werden. »Salome muß freiwillig und gern in ihr Elternhaus zurückkommen, sonst wird es nicht zum Segen für sie ... Verlassen ihre Freundinnen das Pensionat, kehrt auch sie ungezwungen und dankbar zurück.« Frau Dora hatte nie viel Sympathie für Mädchenpensionate gehabt. Ein erklärliches Gefühl mütterlicher Eifersucht mischte sich jetzt noch in diesen Widerwillen, gepaart mit der Eitelkeit einer guten Hausfrau, die ihre Tochter nicht nur von fremden Lehrern in der Kunst, sondern mit eigenen Händen und eigenem Wissen in den ebenso wichtigen Fächern des Haushaltes ausbilden will. Salome hatte sie von sich geben müssen – ihren kleinen Liebling, ihr Nesthäkchen, die frische, lachende Rose würde sie nie und nimmer in die Welt hinausschicken. Von ihr trennte sie sich nicht. Wenn die älteste Tochter mit all den schönen, idealen Künsten ausgestattet, heimkehrte, sollte Rose ihr zeigen, daß es auch eine gar treffliche Kunst ist, einen guten Braten, Fisch und Pudding auf die Tafel zu liefern, einen Haushalt zu regieren und im Leinenschrank besser Bescheid zu wissen als unter den Klassikern im Bücherspind. Gott sei Lob und Dank, Rose kam all den Wünschen der Mutter mit ausgebreiteten Armen entgegen. Nichts war dem wilden, übermütig frischen Mädel lieber, als in Haus und Hof herumzuwirtschaften. Die Schulbücher haßte sie ebenso innig wie die Gouvernante, die sie damit versorgte; aber in der Küche, im Kuh- und Hühnerstall, im Keller und auf dem Boden war sie in ihrem Element. Niemand hatte sich mehr über die neue Gutsheimat gefreut als Rose. Haus, Garten und Feld waren ihr Wirkungskreis, und mochte Salome in noch so überschwenglich phantastischen Bildern von Lausanne schwärmen – Rose rümpfte spöttisch das Näschen und reckte mit bubenhafter Energie die runden Arme. – »Ich käme um in all dem poetischen Schnickschnack! Ebenso gräßlich schön wie Salomes Briefe duften – riecht es gewiß in dem ganzen Lausanne!... Veranda sitzen – malen... singen ... Konzerte ... französisch plappern ... Pfui Deiwel! – Da lobe ich mir hier meine Freiheit ohne Lackschuhe und Glacéhandschuhe! Mutterchen, wenn du es mir jemals antun würdest, mich in den Pensionskäfig zu sperren – ich spränge am ersten Tage schon in den See!« Frau Dora küßte zärtlich und glückselig ihre wilde, kleine Hummel, aus deren strahlenden Augen die ganze süße Kindlichkeit einer unverdorbenen Natur lachte. Um dieser weichen Arme willen, die sich so ungestüm und doch so zart um ihren Nacken schlangen, um dieser roten Lippen willen, die übermütig keck und dennoch überquellend von Liebe versicherten: »Ich gehe nie von dir fort, Mama – nie!« – verzieh sie ihrer Ältesten, daß ihr Lausanne lieber geworden war als die Heimat. – – – – Salome hatte sich etwas von ihrer Aufregung erholt und tiefaufatmend den weichen Filzhut von den goldblond lockigen Haaren gezogen. Die Hände fest ineinandergeschlungen saß sie ein Weilchen regungslos da, nur erfüllt von dem beseligenden Gefühl, dem entsetzlichen Hause der drei Tanten entronnen zu sein. Welch ein unerträglicher Kontrast zu Lausanne! Dort alles zarteste Feinheit und Eleganz, ideale Freundschaft, Heiterkeit und Lebenslust, Jugend und Frohsinn inmitten einer zauberischen Natur, und hier bei den Tanten schauerliche Prosa, Zank und Streit, saloppe Negligés und Papilloten, Herrschsucht, Neid und Bosheit – und versteckt hinter dem allen die fieberhafte Sucht, trotz der vorgeschrittenen Jahre noch zu heiraten. Der Wechsel war ein zu schroffer gewesen, um nicht auf Salomes weiches Gemüt den Eindruck des Ungeheuerlichen, Unerträglichen zu machen! Die Abschiedstränen hatten ihre Augen sowieso schon verschattet, darum sahen sie alles kohlpechrabenschwarz, was ihnen sonst nur grau –- ja bei einigem guten Humor vielleicht ganz spaßhaft erschienen wäre. Aber Salome sah nur die Existenz dreier alten Jungfern, und der Eindruck, den sie davon empfing, nährte die etwas überspannten und romanhaften Ansichten, die sie im Verkehr mit den internationalen Freundinnen zu den ihren gemacht hatte. Der Einfluß dieser Freundinnen war nicht gerade der beste gewesen. Namentlich die kleine Französin trug viel ungesunde Pariser Luft in das Zimmerchen der drei Pensionärinnen. Sie war es, die die Eitelkeit nährte, oberflächliche und sogar etwas frivole Passionen kultivierte und den natürlichen und idealen Sinn ihrer Genossinnen verdarb. Allzu strenge war die Aufsicht in der Pension nicht, denn die Inhaberin huldigte dem bekannten Prinzip, daß der Zweck die Mittel heilige. Je besser es den jungen Mädchen bei ihr gefiel, desto länger blieben sie, desto mehr schwärmten sie für ihren Aufenthalt und trugen Lob in die Welt hinaus. Sie drückte ein Auge zu – und die zumeist französischen Lehrerinnen lächelten, wenn Studenten oder interessante Touristen mit der Keckheit unbekannt Reisender vor der Villa Fensterparaden machten. Offiziell war man entrüstet, wenn es bemerkt wurde, aber bei der sittlichen Entrüstung blieb es. Ein Courmachen par distance war ja eine harmlose kleine Freude, die man ben großen Mädchen gönnen konnte. Flogen Billetts und Rosen über das Gitter, waren sie aufgesammelt, ehe sie bemerkt wurden. Juliette war ein kokettes, weniger hübsches als pikantes Mädchen, das aus den Salons der Mama eine recht leichte Moral mitgebracht hatte. Sie hatte zu lange schon mit kindlicher Neugier in Paris hinter die Kulissen der Boudoirs eleganter Frauen gelugt, um nicht von deren Gifthauch berührt zu sein. Und nun trug sie die Bazillen dieser moralischen Seuche hinein in die Pension. – Was nützte die »strengste Aufsicht«, die Madame für ihre Pensionärinnen zugesichert, wenn Mlle. Juliette auf den Spaziergängen oder daheim in stiller Abendstunde die schlüpfrigen Geschichten ihrer Pariser Beobachtungen den Mitschülerinnen zum besten gab? – Wenn sie heimlich die verbotenen französischen Romane einschmuggelte und darin exzellierte, Madame ein Schnippchen zu schlagen und hinter dem Rücken der Lehrerinnen kleine Abenteuer zu bestehen? In den Augen der andern jungen Mädchen wurde sie dadurch zur bewunderten Heldin des Tages. Die Russin, deren Familienverhältnis daheim auch nicht die musterhaftesten waren – sie erzählte voll Naivität, daß maman jeden Sommer mit einem Freund in das Bad reise – war begeistert von der »amüsanten« Freundin Juliette, und diese räumte mit dem Reste kindlicher Unschuld auf, die noch in der Seele des frühreifen Mädchens zurückgeblieben war. Die Engländerin war eine wirklich vornehme, etwas phlegmatisch veranlagte Natur, und daß sie sich inniger an Salome anschloß als die beiden andern, war ein Glück für letztere. Es liegt ein Etwas in dem deutschen Blut, das das französische Gift unschädlich macht: Auch Salome hörte die Pariser Erlebnisse und las die Romane von Zola, aber ihr fehlte das tiefere Verständnis dafür, und die Ansteckung glitt an dem Panzer ab, der die sorgsame deutsche Erziehung, die heilige Lauterkeit ihres Vaterhauses, um ihr junges Herz geschmiedet hatte. Salome verstand zu wenig von dem Reiz der Verworfenheit, um ihn verderblich auf sich wirken zu lassen. – Erzählten Juliette und Lola von den pikanten Szenen, die sie abends am Schlüsselloch des Boudoirs erlauscht, ging es wie ein Schauer des Schreckens durch die Seele des deutschen Kindes. Salome sah dann im Geist das fromme, liebe Antlitz der Mutter, wie es sich über ihr Bettchen geneigt, mit dem Liebling zu beten, und dieses ferne, längstgesprochene Gebet bewährte jetzt noch seinen heiligen Zauber, es stellte sich wie eine schützende Mauer zwischen das Herz des jungen Mädchens und das Laster. Der Frieden, die keusche Frömmigkeit und Liebe, die das Elternhaus Salomes geweiht hatten, so lange sie zurückdenken konnte, wurden ihr hier in der Fremde zum Segen. Sie kannte keine Schlechtigkeit und Verworfenheit aus Erfahrung, und die Phantasie fehlte ihr, sich in Situationen hineinzuversetzen, die sie nicht verstand. So prallten die tödlichen Pfeile der Versuchung machtlos an ihr ab, wenngleich noch manch häßlicher Staub in den reinen Kelch der deutschen Lilie flog und seinen ursprünglichen Glanz verdunkelte. Manche verschrobene und ungesunde Idee blieb dennoch in Salomes Köpfchen zurück. Die Eitelkeit. – Juliette hatte gesagt: »Der größte Triumph für ein Mädchen ist, so schnell wie möglich zu heiraten; alte Jungfer werden ist horreur .« Salomes fiebrischer, sehnsüchtiger Wunsch war es nun, so schnell wie möglich diesen Triumph zu feiern und den Freundinnen die Verlobungskarte zu senden. Über den tiefernsten Schritt des Heiratens, über die schwerwiegenden Konsequenzen des ewigen Findens und Bindens war ihr noch nie ein Skrupel gekommen. Man heiratet, um frei zu sein, um sich ohne die lästige Aufsicht der Eltern und den fatalen Zwang der Etikette amüsieren zu können. Als Mädchen muß man sich überall in acht nehmen und den Schein wahren – als Frau kann man tun und lassen, was man will. – So lauteten Juliettes Theorien. Und weil sie Salome imponierten, glaubte sie daran. Ein gut Teil Schwärmerei und die Sentimentalität der achtzehn Jahre kamen bei ihr hinzu. Sie träumte Romane – Romane überspanntester Art. Sie kannte noch keine Männer, hatte keinerlei Menschenkenntnis, sie bildete ihre Romanhelden nach den verschwommenen Bildern, die sie sich aus unverstandener Lektüre mit Hilfe ihrer unreifen und kindischen Phantasie zusammensetzte. Und auch jetzt, als sie allein in der Eisenbahn der Heimat entgegenfuhr, beschäftigten sie die Illusionen, die sie sich von ihrer Reise, von ihrem Eintritt in Welt und Leben machte. Die erste Strecke von Lausanne bis Basel hatte sie eine Lehrerin begleitet. In Basel nahm sie ein verwandtes Ehepaar in Empfang und brachte sie nach endlos langer Fahrt zu einem kurzen Rasten in das schreckliche Haus der drei altjüngferlichen Tanten. Bis dahin war die Reise höchst langweilig und die »Ausruhepause« geradezu fürchterlich gewesen. Jetzt endlich konnte sie allein fahren, die Kraft ihrer jungen Schwingen in selbständigem Fluge prüfen, und gerade jetzt sperrten sie die Tanten in ein Damencoupé, in dem tötende Langeweile und Einsamkeit herrschten. Eine kurze Zeit überlegte Salome, ob sie nicht auf der nächsten Station umsteigen und eine interessante Romanrolle als unglückliche junge Frau in einem Coupé für Nichtraucher spielen solle? Juliette hatte ihnen erzählt, daß sie einst diese kleine Farce in Szene gesetzt und sich himmlisch dabei amüsiert habe – aber ein Gefühl zaghafter Scheu und Bangigkeit hielt Salome davon ab. Sie schämte sich vor dem Schaffner, der sicherlich durch das Benehmen der Tanten auf sie aufmerksam geworden war. Was tun? – Je nun, warten, bis sie in Merseburg umsteigen mußte. Alsdann wollte sie von vornherein mit frauenhaftester Sicherheit auftreten und es – coûte que coûte – durchsetzen, irgendein kleines Abenteuer zu erleben, das sie voll befriedigter Eitelkeit den Freundinnen berichten kann. Liest man nicht in den meisten Romanen von jungen Mädchen, denen durch irgendein kleines Vorkommnis ein Ritter im Eisenbahncoupé erwächst, ein junger, eleganter, flotter Ritter, der sich sterblich verliebt, im zweiten Kapitel schon eine Liebeserklärung macht und die Heldin im dritten heiratet? Und dann beginnt der eigentliche Roman mit der unglücklichen Ehe, der Vetter entführt die unverstandene junge Frau, das Ungeheuer von einem Manne schießt sich mit ihm, beide fallen, und die Heldin heiratet zum Schluß ihren verkannten Jugendfreund, den sie eigentlich immer geliebt hat. Ja, so steht es in den Romanen, und Salome fühlte sich berechtigt, auch einen solchen Roman zu erleben. Sah sie nicht schon würdig und interessant genug aus, wie eine junge Frau? Fräulein von Welfen blickte prüfend an sich nieder, über das sehr elegante zartfarbene Frühlingskleid von Pariser Schick, zartgrün, umwogt von Schleifen und Spitzen, wie eine junge Birke im Schmuck ihres wehenden Laubes steht. Ein sehr hübscher sandfarbener Regenmantel verhüllte es allerdings, doch war er zuvorkommend genug, hier und da zurückzuschlagen, um die Pracht ahnen zu lassen. Die Unterkleider waren nach Juliettes Angaben einzig aus Seide möglich, sie rauschten diskret um die kleinen Füßchen im weichen hochgeknöpften Stiefel. Das junge Mädchen lächelte sehr wohlgefällig und zog einen kleinen Taschenspiegel aus dem Etui. Ihr rosiges, zartes Gesichtchen strahlte ihr mit den großen, träumerischen Blauaugen daraus entgegen, das Näschen hob sich in graziöser Linie über dem Mund, dessen etwas kurze Oberlippe die Vorderzähnchen wie in reizend koketter Schelmerei hervorblinken ließ. Das goldblonde Haar war lockig und sehr schick frisiert, der weiche Filzhut mit dem großgetupften Schleier mit viel Geschmack gewählt. Salome von Welfen lehnte sich behaglich in die Polster zurück. Ja, sie war hübsch, sehr hübsch, sie wußte es, und sie konnte ihren kleinen Roman verlangen! II. Währenddessen hatten die drei feindlichen Tanten dem Zug noch sekundenlang nachgestarrt, als ob sie ihn mit den Blicken aus der großen Glashalle herausschieben müßten, dann drehten sie a tempo die Köpfe, funkelten sich ingrimmig an und rauschten ohne ein versöhnendes Abschiedswort davon – jede in einer anderen Richtung. Wenige Minuten, und keine wußte mehr von der andern, wo sie sich befand. Fräulein Erna stellte sich, ihre groteske Gestalt recht vorteilhaft zu präsentieren, vor einen der großen Fahrpläne in der Durchgangshalle und studierte noch einmal die Route, die Salome soeben genommen. Ihr Blick suchte mechanisch die Station Merseburg, auf der das »Kind« so allein und hilflos den Zug wechseln mußte. – Seltsam ... es war gar keine Zweigbahn dort angegeben ... erst in Halle ... ein tödlicher Schreck ergriff die Tante, sie, die verantwortlich für die Reiseroute der Nichte war. Sollte Martha in ihrer Superklugheit die Stationen verwechselt, und Klara und sie im Eifer nachgeschrien haben, was jene vorschrie? Wie von bösem Geiste geplagt, stürzte Fräulein Erna an den Fahrkartenschalter, sich des Näheren zu erkundigen. Wahrhaftig! Salome mußte erst in Halle umsteigen. Sekundenlang stand das alte Fräulein sprachlos, dann blitzte ein Gedanke durch ihr Hirn und ein Gefühl höchster Genugtuung schwellte ihre Brust. Der Zug war noch nicht weit entfernt –- sie würde an die nächsten vier oder fünf Stationen telegraphieren und Salome von dem Irrtum in Kenntnis setzen. Dann aber würde es eine ganz besondere Freude für sie sein, den weisen Fräulein Schwestern daheim hohnlächelnd zu sagen: »Ich habe euere unglaubliche Dummheit noch rechtzeitig gutgemacht und mir gebührt die Anerkennung, wenn Salome ohne die fatalsten Widerwärtigkeiten, in die sie ein falsches Aussteigen versetzt haben würde, die Heimat erreicht.« Gedacht, getan. Tante Erna stürmte auf die Telegraphenstation des Bahnhofes und gab an die nächsten vier Stationen die wichtige Depesche auf. Währenddessen hatte Fräulein Klara im Geschwindschritt die Straßen durcheilt und wollte ihren Ärger in einer höchst appetitlich aussehenden Konditorei vergessen. Als sie, noch immer etwas erregt, mit dem Teelöffel in der Schokoladentasse rührte, erschien eine bekannte Dame, nahm neben ihr Platz und begann eine Unterhaltung. Klara berichtete von ihrem Opfermut, heute schon um sechs Uhr aufgestanden zu sein, um die kleine Nichte Welfen auf die Bahn zu bringen. Das Kind reise zum erstenmal allein, müßte sogar in Merseburg umsteigen. »In Merseburg? Unmöglich! Merseburg ist ja gar kein Knotenpunkt!«, Klara starrte sie mit offenem Munde an und vergaß vor Schreck weiterzukauen. »Um Gottes willen ... für Magdeburg umsteigen?...« »Muß sie in Halle!« »In Halle?« »Ja, erst in Halle!« Als habe der Blitz vor ihr eingeschlagen, saß Fräulein Klara da, und dann fing sie an, über die Torheit der Schwestern zu toben und das unglückliche verlassene Kind zu beklagen! »Aber meine Teuerste, regen Sie sich doch nicht so unnötig auf! Sie können den fatalen Irrtum Ihrer Fräulein Schwestern sehr leicht gutmachen, wenn Sie der Nichte telegraphieren! Wieviel Uhr ist es? – Eine Stunde ist der Zug erst unterwegs, Sie fassen ihn noch rechtzeitig ab, wenn Sie vielleicht an die sechste, siebente und achte Station depeschieren. Sicherheitshalber können Sie ja an mehrere Stationen zugleich abschicken!« Klaras Augen funkelten Triumph. »Herrliche Idee! Tausend Dank, Liebste! – Ganz in der Nähe auf der Hauptpost ist ja ein Telegraphenamt – ich fliege, die Sache in Ordnung zu bringen – komme gleich zu Ihnen zurück!« – Und die Handschuhe vom Tisch raffend, sauste Fräulein Klara aus der Türe. Welch eine Genugtuung den Schwestern gegenüber, wenn sie deren unerhörten Lapsus noch rechtzeitig bemerkt und wieder gutgemacht hat! Und sie telegraphierte an sechs weitere Stationen. Auch Schwester Martha entdeckte durch einen Zufall den Irrtum. Sie, die solide, fromme, war direkten Weges nach Hause geeilt und fand daselbst auf dem Frühstückstisch einen Brief von Salomes Vater. Er gab noch einmal ausführlich die Reiseroute für die Tochter an, und legte es den Tanten besonders dringend an das Herz, sie darauf aufmerksam zu machen, daß sie in Halle umsteigen müsse. Glühend heiß wallte es durch die Adern der Lesenden. Der Schreck schien sie sekundenlang zu lähmen, dann rang sie in ratloser Verlegenheit die Hände und lief im Zimmer auf und ab, sich mit den grausigsten Phantasien quälend, was für schreckliche Unannehmlichkeiten der Unglücksnichte in Merseburg erwachsen würden! Und sie, sie allein war an dem ganzen Unglück schuld! Wie konnte sie auch nur die Stationen verwechseln! Es war unbegreiflich! Und wie würden die Schwestern höhnen und spotten! In ihrer Hilflosigkeit fing sie an bitterlich zu weinen, und dann bekam sie Herzkrämpfe, klingelte Sturm und jagte das Mädchen zum Arzt. Dieser kam erst nach Stunden. Als er seine Patientin in trostlosem Zustand fand, forschte er nach der Ursache, und Fräulein Martha erzählte ihm mit brechender Stimme die schreckliche Verwechslung von Merseburg und Halle. Der Doktor, ein sonst sehr ernster, teilnehmender Mann, begann so heftig zu lachen, daß Fräulein Martha vor Entrüstung wieder zu Kräften kam, ehe sie aber Worte fand, fuhr der Arzt kopfschüttelnd fort: »Und um solcher Bagatelle willen Ihre kostbare, teure Gesundheit alterieren, mein gnädiges Fräulein? Das ist ja der reine Selbstmord aus Pflichtgefühl! Die Sache ist ja so äußerst einfach, dank unsern Telegraphendrähten! – Wenn Sie gestatten, bringe ich die Angelegenheit sofort auf dem nächsten Amt (hier in unsrer Straße, in der Unfallstation befindet sich ja eines!) in Ordnung. Wenn wir an die letzte Station vor Merseburg oder sicherheitshalber an etliche der letzten Stationen telegraphieren, erreicht die Gegenorder noch völlig rechtzeitig Ihr Fräulein Nichte, und sie kommt wohlbehalten in Halle an!« – Der Sprecher zog sich eiligst hinter den Tisch zurück, denn Fräulein Martha hatte Miene gemacht, ihn in höchstem Entzücken zu umarmen. – Sie war auch sofort wieder so bedeutend viel wohler, daß sie in allen Tonarten die Schwestern anklagen konnte, sich nicht um die Reise der Nichte bekümmert zu haben. »Ich selber lebe ja der Welt so fern« – hauchte sie zum Schluß mit frommem Augenaufschlag, »habe so viel mit meinen Werken christlicher Liebe und der inneren Mission zu tun, daß ich keinen Sinn und keine Gedanken für anderes mehr habe!« Der Doktor bewunderte sie und empfahl sich schleunigst, um eine Depesche für Fräulein von Welfen an die letzten sechs Stationen vor Merseburg zu senden. – – –   Währenddessen hatte der Zug, in dessen einsamer Damencoupéecke Salome die interessantesten Abenteuer ersehnte und unmutig die Stirn krauste, weil sich absolut nichts außergewöhnliches ereignete, die dritte Station nach der Abfahrt erreicht. Fräulein von Welfen lehnte am Fenster und schaute halb belustigt, halb indigniert auf eine sehr übermütige und sichtlich durch einen ergiebigen Frühschoppen höchlichst angeheiterte Gesellschaft. Es war der Männergesangsverein »Waldvöglein«, der mit teilweiser Damenbegleitung eine Kunstreise Unternommen hatte, und nun berauscht durch Erfolg und Alkohol der Heimat wieder entgegendampfte. So erzählte wenigstens ein Herr seinen Mitreisenden; er stand vor der Türe des Nebencoupés und verzehrte eine Schinkensemmel, die er an dem Büffet erstanden. Seine Augen huschten zum öftern zu Salome empor, deren reizendes Gesichtchen nicht nur ihm, sondern auch den fidelen Sangesbrüdern aufzufallen schien. Die »Waldvöglein« flatterten wenigstens recht ausgelassen am Zuge auf und nieder, stürmten Bier- und Butterbrotbüffet und machten es sich zum besonderen Vergnügen, dem jungen Mädchen in dem Damencoupé zuzunicken und zuzutrinken. Zwei der Jünglinge schienen besonders lyrischer Stimmung zu sein. Arm in Arm, bereits etwas unsicher gehend, pendelten sie vor dem Coupé auf und nieder. Der eine, ein hagerer, grobknochiger Mensch, mit langgebogener, vorspringender Nase, die sich anscheinend mit dem spitz nach oben strebenden Kinn ein Rendez-vous geben wollte – Salome dachte mit spöttischem Lächeln: »Aha, der scheint der Kreuzschnabel unter den Waldvöglein zu sein!« und der andere, ein fettes, untersetztes kleines Kerlchen, im karrierten Frack d'amour , aus dem ein roter Taschentuchzipfel kokett hervorwedelte – dieser andere schien fraglos das »Rotschwänzchen« unter den Waldgenossen repräsentieren zu wollen! Fräulein von Welfen mußte unwillkürlich bei diesem Gedanken lachen – und der kleine Dicksack nahm es wohl für eine Avance, denn er breitete jählings die Arme aus, und sang mit schmetternder Stimme zu dem Damencoupé empor: »Komm herab, o Madonna Theresa!« – Lautes Gelächter und Beifall. Des Rotschwänzchens Heiterkeit steckte an, die zurückströmenden Sänger der Kunst winkten huldigend zu der jungen Dame empor und stimmten johlend und gröhlend in den Gesang ein. Da die Ovation harmlos war, lachte das Publikum, auch die Schaffner und der Bahnhofsinspektor, und Salome dachte vergnügt, »mein Gott, es kennt mich ja niemand hier!« und lachte auch mit, eine Freundlichkeit, die sämtliche Waldvöglein zu begeistern schien. In demselben Augenblick aber – »war es Täuschung, ist's ein Wahn?« – hörte sie laut ihren Namen rufen. »Welfen!! Salome von Welfen! – Salome von Welfen!!« – Entsetzt riß sie das Fenster auf und neigte sich heraus. Ein Depeschenbote stürmte an dem Zug entlang. »Sie, Fräulein?« »Ja – ja – ich bin's!« stotterte Salome. »Telegraphische Nachricht. Nicht in Merseburg, sondern erst in Halle umsteigen!« »Danke bestens!« stotterte das junge Mädchen, blutrot vor Verlegenheit, und zog sich hastig zurück, um all den neugierigen Augen, die sie auf dem gefüllten Perron anstarrten, zu entgehen. »Salome! Weeß Knebchen, se heeßt Salome! Hibscher Name! ›Komm herab, o Madonna Salooome!‹« schmettert er abermals los. »Einsteigen! Einsteigen, meine Herren!« – drängte der Schaffner, die Pfeife schrillte – und die Sangesbrüder stürzten in wildem Schwarm nach der dritten Klasse zurück. Gottlob es ging weiter! Salome lachte hell auf. Also doch ein Abenteuer! Ein paar Herren hatten sich vor ihr Coupé gestellt und ihr eine Ovation durch ein Lied gebracht. Das würde guten Effekt in ihrem Briefe an Juliette und Lola machen. – Eine nähere Beschreibung der »Waldvöglein« war ja nicht nötig – »anscheinend waren es Studenten,« würde sie schreiben, Und dann dachte sie über die Depesche nach, und wie sehr gut es doch von den Tanten war, ihr den Irrtum noch rechtzeitig zu melden. Gut? – Je nun – es wäre ja vielleicht ganz amüsant gewesen, an falscher Station auszusteigen, wieviel hätte sich dabei erleben lassen! Sie wäre genötigt gewesen, selbständig in einem Hotel zu übernachten, hätte sich selbstverständlich als russische Fürstin ausgegeben, die nur französisch sprechen kann und das Deutsche so originell und sehr gebrochen mit scharrrfem Rrrr – schnarrt! – Allerliebst! Wie man sie wohl angestarrt und mit devotesten Komplimenten bedient hätte. Entsetzlich dumm von den Tanten, zu telegraphieren. Salome fand die Idee, in Merseburg als russische Fürstin aufzutreten, so ausgezeichnet amüsant, daß sie sich gar nicht wieder davon trennen kann. Unsinn! Wer konnte es denn beweisen, daß ich die Depesche erhalten habe? Ich bekam gar keine! Wo ist sie denn? Was der Mensch mir zuschrie, habe ich in meiner Verwirrung gar nicht verstanden! Ich spiele jetzt schon die Rolle der Fürstin Sobileff und verstehe kein Wort deutsch. Punktum – und in Merseburg steige ich aus. – Die Tanten haben es ja zu verantworten! Salome lachte mit glühenden Wangen vor sich hin. Es war ein sehr spaßhafter Gedanke. Sie träumte sich mit all ihrer schwärmerischen überspannten Phantasie in dieses Abenteuer hinein. Und der Zug sauste rastlos weiter. Dörfer und kleine Stationen flogen vorüber, und nach geraumer Zeit hielt man wieder an einer äußeren Station. Die »Waldvöglein« mußten sich furchtbar durstig gezwitschert haben; kaum daß der Zug hielt, tönte auch schon ihr nicht gerade melodisches Gejohle nach »Kellner! Lagerbier!!« – aus den Wagen heraus, und einen Augenblick später wälzte sich der Schwärm in wüstem Durcheinander nach den Restaurationsräumen. Salome sah den wenig ritterlichen Gestalten nach. Wie ekelhaft sind doch die Leute, wenn sie so zügellos heiter sind. Der deutsche Michel ist doch unverkennbar – wenn er sich »fühlt« und sich amüsiert, kann er nicht anders, er muß über die Stränge schlagen. Seine Heiterkeit wird gar zu leicht Roheit, seine »gehobene Stimmung« Flegelei! Wie anders der französische Schweizer! – Selbst in der Betrunkenheit bleibt er maßvoll. Salome hatte die großen tires fédéraux in Lausanne erlebt. Ungezählte Menschenmassen aus der ganzen Schweiz strömten herbei, ein Volksfest im weitesten Sinne, wo alle Elemente, auch die niedersten und schlechtesten, vertreten waren, und während der ganzen Tage, während all der Nächte voll ungezügelten Lebens – nur zwei Messeraffären, deren Anstifter Italiener gewesen, wie die Zeitungen »stolz« berichteten. – Salome entsann sich noch lebhaft einer kleinen Begebenheit, die ihr tiefen Eindruck gemacht hatte. Es war eine Straßenszene. Eine Menschenmenge drängte sich um zwei »Schützen«, die vor einem Restaurant, auf offner Straße, einen Wortwechsel fortführten, der seine Veranlassung in dem Lokal gefunden hatte. Beide Männer gehörten dem Arbeiterstande an, und beide hatten sichtlich ein Glas über den Durst getrunken. Obwohl sich beide in zitternder Erregung und feindseligster Stimmung befanden, schien doch eine Prügelei ausgeschlossen, da sie sich beide reserviert, in beinahe theatralischer Pose, gegenüberstanden. Der eine schimpfte in französischer Sprache auf den andern ein. »Sie Schuft! Sie Ehrloser! Sie gemeiner Tagedieb! Sie Betrüger!« schrie er ihn mit geballten pausten an, und als er tiefaufatmend Luft schöpfte und eine kleine Pause machte, schob der andere hochmütig die Hand in die Brusttasche und sagte gelassen: »Haben Sie den Mut, vor all diesen anständigen Menschen Ihre unanständigen Worte zu wiederholen?« »Unanständige Worte?« – brauste sein Gegenüber auf. » Wahre Worte sind es! – Und ich sage es Ihnen vor der ganzen Welt ins Gesicht, daß Sie ein erbärmlicher Wicht, ein Nichtswürdiger, ein Taugenichts sind! He, Sie! – Haben Sie verstanden?« »Gewiß, mein Herr« – lächelte der andere verächtlich, »ich habe verstanden und weiß Ihnen nur eines darauf zu erwidern, daß Sie – eine sehr schlechte Erziehung erhalten haben! Bonjour, Monsieur !« sprach's, wandte dem verblüfften Beleidiger stolz den Rücken und schritt davon. Es waren Schweizer – und ein deutscher Herr, der neben Salome die Szene angehört hatte, sagte kopfschüttelnd zu seinen Begleitern: »Unfaßlich. War das nun musterhafte Selbstbeherrschung oder Fischblut, das gegen die größte Schmähung gleichgültig ist? – Kein Schlag, kein Messerstich – so etwas wäre am freien deutschen Rhein undenkbar!« Ein Fremder wandte lächelnd den Kopf nach dem Sprecher. »Weder Fischblut noch Feigheit, mein Herr! Es war die Wohlerzogenheit eines schweizerischen Weinbergarbeiters, der weiß, was die Pflicht des Bürgers von ihm fordert.« Wie ein Blitz kam Salome die Erinnerung an dieses kleine Intermezzo des Lausanner Schützenfestes, als sie die bierseligen »Waldvöglein« so lärmend und rücksichtslos sich ihren Weg durch die Passagiere bahnen sah. Ellbogenstöße, schiefe Mützen, kecke Scherze, ein Hin- und Herschleudern derbster Art. Da nahten auch das Rotschwänzchen und der Kernbeißer, und hinter ihnen noch drei wankende Gestalten. Wie unangenehm – sie steuerten auf Salomes Coupé los, pflanzten sich davor auf und begannen in dreister Weise abermals ihren Gesang: »Komm herab, o Madonna Saloooome!« Das junge Mädchen biß sich auf die Lippen. Die Ovation begann ihr doch unangenehm zu werden. Sie zog sich in den fernsten Winkel des Wagens zurück. Da ... was war das? Wieder tönte von ferne her der Ruf auf dem Perron: »Welfen! Salome von Welfen! –- Salome von Welfen!!« »Hier, hier! In Dämchenskasten sitzt se!« johlten die Männer des Sängerbundes, und der Schaffner riß das Coupé auf. »Salome von Welfen?« »Ja, ja!« stammelte Salome entsetzt. »Was gibt es denn schon wieder?« »Telegraphische Nachricht! – Nicht in Merseburg, sondern in Halle umsteigen!« Jubelndes Hallo auf dem Perron draußen. »Ei Herjemersch, noch emal die nämlichte Neiigkeit? Freileinchen! Pst! – Freileinchen! Haben Se's nu och bedäppert? Nich in Märseburg umsteigen, erscht in Halle!!« Und dann wieder eine brüllende Lachsalve. Das junge Mädchen biß voll Empörung und Ärger die Zähne zusammen. Infame Situation! Was sollte das heißen, daß die Tanten zweimal dasselbe telegraphieren? Glaubten sie denn, ihre Nichte sei so schwer von Begriffen? »Freileinchen! Heeren Se doch nur! In Halle soll'n Se erscht rausklettern – vergessen Se's och nich?« schallte es von draußen. Es war zum Verzweifeln! Gottlob, der Zug pfiff – in wilder Hast, wie eine Herde blökender Hammel stürmten die Jünger Arions zu ihrem Waggon zurück. Salome saß und starrte ärgerlich vor sich hin. Der schöne, fürstliche Plan für Merseburg war vereitelt, total unmöglich gemacht. Jedermann im ganzen Zuge wußte jetzt, wie sie hieß, und die immer zudringlicher werdenden Ovationen der Sängerbündler fingen an, sie zu kompromittieren. Das Abenteuer verlor sehr an Lustigkeit und fing an, die junge Dame ernstlich zu verstimmen. Wenn doch nur noch andere Mitreisende zu ihr einsteigen wollten! Sonst waren die Damencoupés überfüllt und heute war sie die einzigste Insassin. An der Fensterscheibe erschien der Schaffner und fragte noch einmal nach dem Billett. Sie wies die Fahrkarte vor und fragte schmollend: »Warum sie immer allein im Coupé bliebe?« – »Ja, sehen Sie, mein Fräulein, in Frankfurt war ein solcher Andrang zu dem Damencoupé, daß der Inspektor noch ein zweites, dieses hier, einrichtete, und nun, wo Platz ist, fahren die Damen alle in Nichtraucher! – So; hier die Karte; in Halle umsteigen – na das wissen Sie ja schon!« Und er lachte, legte den Finger an die Mütze und verschwand. Salome nagte an der Lippe und ärgerte sich noch ein Weilchen, dann griff sie zu dem Frühstückskörbchen und versuchte sich auf andere Gedanken zu bringen. Und wieder hielt der Zug. Die Sänger stellten sich ein und sangen zur Abwechslung das Lied von der Dorothee, aber in freier Bearbeitung: »O Salome– o Salome, Wenn ich auf das Ende seh! Die Salome, die ist nicht dumm, Die steigt ja erst in Halle um!« Riesiger Beifall und vergebliches Dazwischentreten des Schaffners und des Inspektors. Umsonst, sie sahen, daß mit den angetrunkenen Musikfreunden nichts anzufangen ist. »I lieber gar, Herr Inschpekter! Seien Se doch gemitlich! Mer missen ja das Freilein dran erinnern, daß se in Halle umsteigen muß!!« »Salome von Welfen!! Salome von Welfen!!« Wie elektrisiert schnellte Salome aus ihrer Ecke auf. Wieder ein Telegraphenbote? Waren die Tanten denn verrückt geworden? Ein unbeschreibliches Gejohle empfing den eiligen Depeschenboten, der diesmal mit einem geschriebenen Telegramm am Zug entlang lief. »Hier! Hier wohnt se!– Immer rann, mei Gutester. Freilein! Se sollen erst in Halle umsteigen! Damit Se's um Gottes willen nicht vergessen!!« Der Depeschenbote starrte sprachlos um sich. Sein Amtsgeheimnis pfiffen hier schon die Spatzen auf dem Dach. »Nanu wird's helle!« schüttelte er sprachlos den Kopf, »wohär wissen denn Sie, meine Herren, was in dem Briefchen hier steht?« Ungeheuere Heiterkeit. Selbst der Inspektor und die Bahnbeamten lachten mit; Salome aber griff gelassen nach dem Telegramm, nickte und zog die Tür hinter sich zu. Dann knäulte sie das Papier in leidenschaftlicher Erbitterung zusammen und stampfte mit den Füßen wie ein ungezogenes Kind. Nein, dieses Abenteuer war entsetzlich, war schauderhaft! Sie verwünschte die Stunde, wo sie sich sehnte eines zu erleben. Während der Fahrt weinte sie bitterlich, voll Verzweiflung. Und die nächsten Stationen mehrten ihre Qual. Der ganze Zug nahm Anteil an dem außergewöhnlichen Ereignis, und weil jeder glaubte, es mit einem Scherz zu tun zu haben, so lachte und ulkte ein jeder mit, ahnungslos, daß das Opfer dieses Spaßes vor Verlegenheit und Scham hätte sterben mögen. Die Abenteuerlust war Fräulein Salome völlig vergangen, sie saß im entferntesten Eckchen zusammengekauert und schluchzte in ihr elegant gesticktes Batisttüchlein. Und wieder nahte eine Station. Mit angstvollen Augen starrte das junge Mädchen auf das Bahnhofsgebäude, das zur rechten Seite auftauchte. Noch immer nicht Halle!! Da wurde hastig die entgegengesetzte Coupétüre aufgerissen. Ein sehr elegant und vornehm aussehender Herr stand mit dem Schaffner davor. Er lüftete den Hut. »Mein gnädiges Fräulein, es ist unmöglich, daß Sie länger in diesem Coupé bleiben; man scheint Sie zum Opfer eines schlechten Witzes oder eines Missverständnisses gemacht zu haben. Darf ich Sie bitten, sich unter meinen Schutz zu stellen. Ich habe die Ehre, mich Ihnen bekanntzumachen – Landrat von Born. Darf ich bitten, mir zu folgen!« – Er hatte die Worte hastig hervorgestoßen. Jenseits des Coupés ertönten schon wieder die Stimmen der Waldvöglein. Ohne sich zu besinnen, halb betäubt vor Aufregung sprang Salome auf den leeren Perron hernieder. Alle Fahrgäste drängten sich an die jenseitigen Fenster – niemand ahnte und sah die Flucht der jungen Dame. Nur wenige Schritte, dann hob der Fremde sie hastig in ein Coupé erster Klasse. »Das Gepäck schmuggle ich nachher herüber, meine Herrschaften!« schmunzelte der Schaffner, »jetzt will ich die betrunkene Bagage erst mal heimjagen!« Die Tür schloß sich leise; Landrat von Born trat an das gegenüberliegende Fenster, lehnte sich breit davor und schien sehr amüsiert und angestrengt zu schauen. »Salome von Welfen! – Salome von Welfen!!« schmetterte schon wieder die Stimme eines Telegraphenboten, und der Radau vor dem Damencoupé steigerte sich zum Tumult. Gelassen öffnete der Schaffner die Türe. »Die junge Dame ist noch auf der letzten Station heimlich ausgestiegen, der Spektakel ist ihr wohl ein bißchen zu arg geworden!« Große Enttäuschung. Dann johlte der Chor noch einmal: »Lebe wohl, o Madonna Salooome!« Der schrille Pfiff des Schaffners, alles stürmte zu den Wagen zurück, und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.   III. Landrat von Born trat von dem Fenster zurück. Er zog abermals den Hut mit einer respektvollen Verbeugung vor der jungen Reisegenossin und lächelte. »Verzeihung, mein gnädiges Fräulein, wenn ich es wagte, Sie Ihren Verehrern so meuchlings zu entrücken! Die Stimmung des wackeren Männergesangvereins drohte jedoch immer bedenklicher auszuarten, und ich hielt es für meine Pflicht, für Sie und Ihren Namen einzutreten!« Die großen, noch immer feuchten Augen Salomes schlugen sich voll zu ihm auf. Sie streckte ihm in jäh aufwallendem Dankesgefühl die kleine Hand in dem eleganten Schwedenhandschuh entgegen. »Wie unbeschreiblich liebenswürdig und gütig von Ihnen!« sagte sie mit halberstickter Stimme, »es war eine entsetzliche Situation, in der ich mich befand, und ich glaube wirklich, lange hätte ich die Fahrt in diesem Zuge nicht mehr ertragen!« Er nahm ihr gegenüber Platz. »Ahnen Sie, mein gnädiges Fräulein, wer sich den Scherz mit den Depeschen erlaubt hat?« Sie grub die Zähnchen in die Lippe. »Alles kann nur auf einem Mißverständnis beruhen, denn meine Tanten sind eigentlich niemals zum Scherzen aufgelegt.« – Und Salome berichtete immer erregter, wie man ihr bei der Abfahrt nachgerufen: »in Merseburg umsteigen,« wie dieser Irrtum dann gewiß hinterher von den Tanten bemerkt und von ihnen wieder gutgemacht worden sei. – »Aber auf jeder Station ein Telegramm! Das ist doch unerhört!« schloß sie mit einem Zornesblitz in den sonst so schwärmerischen Augen. »Ich bin doch kein Baby mehr, das alle zehn Minuten an einen Auftrag erinnert werden muß!« Wieder lächelte er, diesmal etwas schalkhaft. »Die Tanten fürchteten vielleicht, daß Sie einem ersten Debüt im Alleinreisen doch noch nicht ganz gewachsen seien!« Sie blickte ihn überrascht an. Was wußte er, daß sie heute zum erstenmal allein in der Eisenbahn saß? Ihre achtzehnjährige Eitelkeit, die sich in Gedanken schon in der Würde einer russischen Fürstin gesonnt hatte, krümmte sich ein wenig. – Er hatte ihren Namen allerdings gehört, aber kannte er sie etwa darum? Ihre Heimat lag noch weit von hier. Es war zum mindesten etwas keck von ihm, eine derartige Bemerkung zu machen. Das muß sie strafen. Mit einer Miene, die sehr frauenhaft würdig sein sollte, blickte sie ihn an. »Erstes Debüt? – Ach, Sie meinen auf deutschen Bahnen? – Oh, ich spreche ausgezeichnet Deutsch!« Er schien etwas verdutzt, denn er starrte sie groß an. »So sind Sie auf ausländischen Bahnen schon öfters allein gefahren?« Ihre Zähnchen blitzten unter der etwas kurzen Oberlippe. »Gewiß, Herr von Born! Trauen Sie mir das etwa nicht zu?« Er musterte sie sehr ungeniert und schüttelte staunend den Kopf. »Sie kommen doch wohl aus der Pension zurück? Und für gewöhnlich ist es doch nicht Brauch in guten Pensionen, die jungen Damen allein herumreisen zu lassen?« Aus der Pension!! Oh, es war empörend! Also er taxierte sie wahrhaftig auf ein Pensionsbackfischchen! Sie, die schon seit zwei Jahren zu Hause sein könnte, Bälle, Gesellschaften besucht haben – ja womöglich verheiratet sein könnte, wenn sie nur wollte! War das etwa ihr vielbewunderter Pariser Schick, daß sie aussah wie ein Gänschen, dem man das Pensionat auf zehn Schritte weit anmerkte? Salome hatte sich von ihrer ausgestandenen Angst erholt, ihr hohes Selbstgefühl, ihre Eitelkeit waren soeben derart verletzt, daß sie darüber alles vergaß, was vorhergegangen. Ohne sich zu besinnen, war ihr Entschluß gefaßt. Sie wollte sich rächen, sie wollte seine Menschenkenntnis, mit der er anscheinend kokettieren wollte, einmal arg ins Wanken bringen. Und sie zeigte sich als Juliettes gelehrige Schülerin. »Aber ich bitte Sie! Glauben Sie, daß Fremdenpensionen in der Schweiz oder in Frankreich berechtigt sind, ihren Gästen irgendwelche Vorschriften zu machen?« – Aha! Das wirkte; er sah ganz perplex aus, der kluge Menschenkenner! »Fremdenpensionat ... Pardon, meine Gnädigste – ich habe doch vorhin Ihren Namen im Munde des Telegraphenboten recht verstanden: ›Fräulein Salome von Welfen‹?« Da gingen Übermut und Abenteuerlust mit ihr durch. Seine Betroffenheit amüsierte sie himmlisch und reizte sie unwiderstehlich an, sie noch um ein Beträchtliches zu erhöhen. » Frau Salome von Welfen!« lächelte sie graziös, mit einer huldvoll gemessenen Neigung des Köpfchens. Und abermals starrte er sie an, als verstehe er nicht deutsch. Dann ging es plötzlich wie ein Zucken unmerklich um seine Lippen, in seinen Augen blitzte es auf wie bei einem Menschen, der urplötzlich die Pointe eines guten Witzes versteht, es sich aber noch nicht merken lassen will. »Bitte tausendmal um Verzeihung, gnädigste Frau« – sagte er sehr respektvoll mit einer abermaligen Verneigung, »bei dieser reizenden Jugend und Frische – – je nun, eine verheiratete Frau weiß es ja am besten zu beurteilen, welch eine Eloge es ist, für ein Pensionsbackfischchen gehalten zu werden!« Wieder bebte es ganz leise und fein um seine Nasenflügel, aber Salome war so völlig von dem Zauber ihrer neuen Rolle befangen, daß sie es nicht bemerkte. Der Landrat fuhr nach kurzer Pause, wahrend der »Frau« Salome seine Schmeichelei durch ein wohlwollendes Lächeln belohnt hatte: »Gnädige Frau haben im Ausland gelebt? Der Name Welfen hört sich so gut deutsch an!« Sie nickte gefühlvoll vor sich hin. »Er ist es auch. Ich selber aber bin geborene Russin – eine Fürstin Lamanoff.« »Potz Wetter!« hätte er rufen mögen, aber er beherrschte sich und blieb sehr ernst. »Ah – in der Tat? Höchst interessant. Durchlaucht sprechen ein so reines Deutsch, daß man die Ausländerin gar nicht dahinter vermutet!« »Wirrrrklich nicht? Das frrreut mich! Ich sagte es Ihnen ja schon zuvor, daß ich die deutsche Sprache sehrrr gut beherrrsche!« lächelte sie und schnarrte plößlich das »rrr« in ganz echt russischer Weise, so echt, daß es förmlich nach Juchten duftete. Auch er lächelte, und da sein Handschuh hinfiel, mußte er sich tief herabneigen, ihn aufzuheben. Ihr Blick schweifte über seinen dunkelblond lockigen Scheitel und dann über seine Hand. Es war die linke; leider konnte sie nicht sehen, ob er einen Trauring trug, denn den rechten Handschuh behielt er an. »Gnädige Frau sind auf der Reise nach Rußland?« »Nein, ich fahre errst nach Hannover!« log sie freundlich, und ihre Wangen glühten vor Eifer und Entzücken immer höher, es hatte doch etwas Berauschendes, verheiratet und eine geborene russische Fürstin zu sein! »Ihr Herr Gemahl erwartet Sie dort?« Ein leichter Schreck; an den dazu gehörigen Mann hatte sie noch gar nicht gedacht. Ach was da – weg mit ihm! Werft das Ungeheuer in die Wolfsschlucht. – Sie seufzte tief auf und blickte ihn mit tieftraurigen Augen an, »Ich bin Witwe!« hauchte sie. »Auch das noch!!« – hätte er am liebsten ausgerufen, aber er hatte gelernt, Herr seiner selbst zu sein. Er reichte ihr erschüttert die Hand und drückte und schüttelte sie sehr lebhaft, »Unglückliches Weib – ich kondoliere Ihnen!« sagte er mit dem Brustton der Überzeugung, und seine Stimme klang dumpf. »Ich danke Ihnen!« Sekundenlange Pause. Er zwirbelte sehr heftig seinen dunkelblonden Schnurrbart und starrte ins Leere. Dann nickte er. »Gewiß nur sehr kurze Zeit verheiratet gewesen, Durchlaucht? Bei Ihrer so enormen Jugend ist das ja nicht anders möglich.« Die »enorme« Jugend ärgerte sie wieder. »O bitte, ich bin volle sechs Jahre verheiratet gewesen!« sagte sie hastig, und vergaß im Eifer das »r« zu schnarren. »Sechs Jahre!! – Fabelhaft!« – Er strich mit der Hand über das Gesicht, als könne er solche Tatsache gar nicht fassen... Ja, ja, mein Herr Menschenkenner, sechs Jahre! – Nun steh mal Kopf vor Verwunderung! Beinahe tat er's auch. »Haben Durchlaucht etwa auch Kinder?« Sie sah geradezu heroisch aus. Beinahe hätte sie gesagt: »sieben!« glücklicherweise fiel ihr noch rechtzeitig ein, daß sie nur sechs Jahre vermählt war. Sie wollte bescheiden sein. »Vier Stück!« erwiderte sie fest, und schnarrte wieder ganz russisch. »Vier Stück! – Hut ab, Durchlaucht, man muß staunen, wie sehr jung Sie dafür noch aussehen! Ihre Kinderchen sind in Hannover?« »Wo denken Sie hin! – Die Mädchen werden in Lausanne, die Jungen in Lichterfelde erzogen!« Er schrie beinahe auf und wird dunkelrot vor Staunen. »In Lichterfelde? Bereits Kadetten?« Sie erschrak. Fatal, man vergaloppierte sich so leicht beim Lügen! –- »O nein – Kadetten sind sie noch nicht ... ich besitze nämlich eine Villa in Lichterfelde.« »So, so! Das ist etwas anderes! Und die Töchterchen – in Lausanne ... hm, also doch Lausanne!« »Ja, der Sprache wegen. Oh, ich schwärme für Lausanne! Es gibt kein idealeres Stückchen Erde als dieses kleine Paradies! Wie haben wir uns amüsiert! Wie lustig war es in dem Pensionat, diese tollen Streiche all –« »Pensionat?« –- wiederholt er gedehnt. Sie erglühte und machte eine Bewegung, als wolle sie sich selber auf den Mund kloppen. Aber sie faßte sich schnell. »Gewiß: Fremdenpensionat. Beaurivage ! Entzückend! Allerdings vierzehn Franken pro Tag – aber mein Gott –« »Nebensache, Durchlaucht. Als russische Fürstin!! Geld spielt da keine Rolle. Sie lebten erst als Witwe dort?« »Allerdings.« «Ihr Herr Gemahl war Offizier?« Kurze Pause. »Frau« Salome von Welfen wußte im ersten Moment wirklich nicht, was ihr Mann gewesen war. Sie mußte husten und gewann Zeit zum Überlegen. Was war er?! Samiel hilf!!! »Nein, Offizier war er nicht – er war –« und die Sprecherin machte ein äußerst schwärmerisches Gesicht – »Künstler!« »Ah! – Maler?« »Ganz recht.« »Schon alt?« »Sehr alt, mindestens dreißig Jahre.« Nun hustete der Landrat; aber nicht lange, dann fuhr er teilnehmend fort. »Und er starb?« Der Zug hielt wieder auf einer Station und Salome lauschte ängstlich hinaus. »An den Masern!« seufzt sie zerstreut. »An den Masern? Ein alter Mann von dreißig Jahren an den Masern sterben?« Wieder hatte sie sich verplappert. »Nicht direkt – es kam Schwindsucht dazu – als Folgekrankheit.« »Schauderhaft. – Was für Schicksale haben Sie durchgemacht, unglückliche Frau!« Sie lächelt müde. »Nicht wahrr? Und Sie sahen es mirr sogarrr nicht an!« – Sie schnarrte auch wieder, eine Zeitlang hatte sie es absolut vergessen. Draußen erhob sich Lärm, »Erschein' o weiße Dame!« johlte der Männergesangverein Waldvöglein vor dem verwaisten Damencoupé. »Hätt' ich ein rotseidenes Bändchen – Ich bänd' es Salome ums Händchen!« quiekste eine Stimme. Sicherlich das Rotschwänzchen – dieser Elende! Durchlaucht Salome hätte in ihrem Zorn am liebsten die gesamten Waldvögel rupfen und am Spieß braten mögen. Der Landrat war aufgesprungen und versperrte breitschultrig das Fenster. Salome flüchtete in das fernste Eckchen. Sie lauschte mit vorgeneigtem Köpfchen – Richtig! »Salome von Welfen! – Salome von Welfen!« Der Telegraphenbote. Man schien auf ihn gewartet zu haben. Donnerndes Hurra empfing ihn. »Hier, hier, Männeken! Lassen Se man jut sind, wir richten's schon aus!« – und dann biedere Sachsen: »Nu äben – daß se in Halle umsteigen soll –« »Aber meine Herren, die Dame befindet sich sa gar nicht mehr im Zug – Sie wissen doch!« – »Jloben wir nicht!« Der Landrat wendete sich zu Salome. »Empörend, ein Sangesbruder reißt die Coupétüre auf und schaut hinein – Gott sei Dank, daß Ihre Sachen schon herausgenommen sind!« Der Schaffner öffnete in demselben Augenblick die jenseitige Wagentüre und schob die vier Stück Handgepäck herein. »So Fraileinchen! Hier, die angetrunkenen Sänger sind reine des Deiwels, alle sagten se wieder hinter dem Depeschenboten her! Na, nu werden se wohl an Ihre Abwesenheit glauben müssen!« »Danke Ihnen! Sehr freundlich von Ihnen!« – lächelte Herr von Born: » Gnädige Frau ist Ihnen sehr erkenntlich!« – und dabei drückte er dem Mann beschwert die Hand. Dieser starrte einen Moment überrascht aus die gnädige »Frau«, faßte dankend an die Mütze und verschwindet. Der Spektakel draußen aus dem Perron verstummte, man schien sich zu allgemeinem Bedauern davon überzeugt zu haben, daß das Damencoupé tatsächlich leer war. Nun strömten die »sangestrockenen Kehlen« nach der Restauration. Und dann rollte der Zug weiter. Nur wenige Stationen noch, und Halle, das rettende Halle, war erreicht. Ein Gefühl behaglicher Sicherheit überkam Salome, und darein mischte es sich wie Dank und wie... ja – wie ein ganz seltsames Interesse. Als der Landrat am Fenster stand, hatte das junge Mädchen Zeit, sich ihren liebenswürdigen Retter in der Not genau anzusehen. Eigentlich hatte sie in ihren Phantasien stets nur für Männer mit keckem, schwarzem Schnurrbärtchen und dunkel flammenden Augen geschwärmt, aber seltsamerweise mußte sie sich eingestehen, daß dieser Mann mit dem dunkelblondgewellten Haar und dem eleganten, kurzgehaltenen Backenbart doch außerordentlich gut aussah. Sein Gesicht war frisch gerötet und sehr sympathisch. Die Augen klug und doch dabei schalkhaft heiter, der ganze Ausdruck der Züge eher lustig als ernst zu nennen. Das Lachen stand ihm besonders gut, und es schien, er lachte gern. Auch dies entsprach nicht dem Ideal Salomes. Sie hatte stets von einem hochinteressanten, finster bleichen Mann geträumt, einem fliegenden Holländer, dem sie zur aufopfernden, sentimental romantischen Senta werden wollte. Einen Zug ins Überspannte hatten ja all ihre Ideen und Ansichten bekommen, seit der Umgang mit den Pensionsfreundinnen ihre unreife Weltanschauung vollends zu einem Zerrbild gestaltet hatte. Landrat von Borns äußere Erscheinung, so hübsch und stattlich sie war, entsprach im Grunde genommen durchaus nicht dem Bilde, das sich Fräulein von Welfen vor wenig Stunden noch von ihrem Romanhelden im heißersehnten Abenteuer entworfen, aber sie war von dem Nimbus des Interessanten und Außergewöhnlichen umgeben, und das genügte, um Salome dafür zu begeistern. Hätte sie nur gewußt, ob er verheiratet war oder nicht? In Juliettes Erlebnissen machte das allerdings gar keinen Unterschied – ob ein Courmacher den Ring einer anderen am Finger trug oder nicht, was genierte das, wenn er nur seine Rolle in der pikanten kleinen Komödie, die sie just amüsierte, ausfüllte! Auch bei dieser Ansicht verleugnete sich das deutsche Gemüt Salomes nicht. Wenngleich sie in erster Linie ja nur etwas Interessantes, Außergewöhnliches, erleben wollte, war es ihr doch nicht gleichgültig, ob der Held des Abenteuers noch frei sei oder nicht. Sie suchte nicht in frivoler Weise nur einen Courmacher in ihm, sondern berauschte sich lieber an dem poesievollen Grübeln: »Ist er vielleicht jener Herrlichste von allen, der dir zum Geliebten und Gatten bestimmt ist?« Er gefiel ihr, schon darum, weil sie seine Bekanntschaft auf außergewöhnlichem Wege gemacht, weil er sich galant und ritterlich ihrer angenommen hatte, und weil er – last not least – so entzückend dumm auf all ihren Unsinn hereingefallen war. Das war unbeschreiblich amüsant und verwirklichte ja ganz und gar Lolas Ansicht, daß die Frau immer klüger und geistig bedeutender sein müsse als der Mann. Denn nur ein Weib, das den Gatten völlig beherrscht und ihn, sozusagen, um den Dinger wickeln kann, wird in der Ehe glücklich sein. Aus welch zweifelhaftem Roman die kleine Russin diese Weisheit gesogen, wußte Salome nicht, sie hatte auch keinen recht klaren Begriff, wie wohl ein solches »Eheglück« beschaffen sein möchte. Sie dachte überhaupt nicht nach, sondern schrieb sich bloß derlei wichtige und meist unverständliche Schlagworte in ihr elegantes Notizbuch, um sich an dieser Geistesnahrung die Zähnchen stumpf zu kauen, ohne zu wissen, was sie eigentlich in sich aufnahm. Nun hatte sie einen Landrat, einen anscheinend klugen Mann, der sich für einen Menschenkenner hielt, und anfangs wirklich eine Probe dieses Talentes ablegte, großartig düpiert – und dieses stolze Siegesbewußtsein hatte für ihre achtzehn Jahre etwas Berauschendes. Dazu gefiel er ihr von Minute zu Minute besser, was Wunder, wenn die Pseudo Durchlaucht voll glühenden Übermuts all ihre Liebenswürdigkeit aufbot, den netten Fremdling radikal zu erobern. Und es schien ihr zu glücken. Sie merkte es wohl, wie sein Blick entzückt auf ihrem hübschen Gesichtchen ruhte, wie er sich sichtbar bemühte, der armen, früh verwitweten Durchlaucht den günstigsten Eindruck zu machen. Sie versuchte nun ihrerseits, sich über seine Verhältnisse zu orientieren. »Welches ist ihr Reiseziel, Herr von Born?« »Berlin, Durchlaucht. Ich komme soeben von einer leider vergeblichen Expedition zurück!« »Vergeblichen Expedition?« – Sie machte ein neugieriges Gesichtchen und sah ihn erwartungsvoll an. »Ich bin nicht nur Landrat, sondern auch Geheimpolizist.– Als solcher sollte ich die Spuren einer sehr berüchtigten Hochstaplerin, die sich unter falschem Namen in Deutschland aufhält, verfolgen.« Sie starrte ihn atemlos an. »Hochstaplerin – falschen Namen?« stottert sie. Er lächelte verbindlich. »Es gibt derartige unglückliche Existenzen, Durchlaucht; Weiber, die die Abenteurerlust auf die Bahn des Verbrechens getrieben. Das fängt oft ganz harmlos an – eine verdrehte Schrulle, mehr zu scheinen, als man ist, eine kleine Komödie zu spielen, ohne Zweck und Sinn. Und solche Liebhaberei wird zur Passion. Man legt sich einen falschen Namen und Titel zu, wird strafbar und kommt mit der Polizei in Konflikt – Sie haben doch gewiß von den empörenden Schwindeleien gehört, welche jüngst eine Dame in Frankfurt verübt hat?« »Nein – nicht das mindeste!« schüttelt Salome entsetzt den Kopf, sie sah ganz blaß aus und atmete sehr schwer. »Sie verschaffte sich unter sehr vornehmem Damen Zutritt in die besten Familien und verübte daselbst die frechsten Diebstähle!« »Eine Deutsche?« »Nein – geborene Russin. Pardon, Durchlaucht, wenn ich Ihren Landsmänninnen dadurch zu nahe trete.« »Russin!« – Wie ein Schrei des Entsetzens klang es. »Die schöne Betrügerin soll von gewinnendstem Äußern und besten gesellschaftlichen Formen sein. Sie spricht verschiedene Sprachen und hat sich lange in der französischen Schweiz aufgehalten.« »Entsetzlich! – Und man verfolgt sie?« –- Das rosige Gesichtchen der Fragenden hatte all seine Heiterkeit und seinen Humor verloren, wie gelähmt lagen die Händchen in dem Schoß und das »rrr« wurde schon lange nicht mehr russisch geschnarrt. »Ja, man ist ihr auf den Fersen; ich selber arbeitete ja mit an dem guten Werke, sie dingfest zu machen.« »Und dann kommt sie in das Gefängnis?« –- »Zuchthaus!« –- Er zog ein silbernes Zigarrettenetui und bietet ihr galant den Inhalt an. »Als Russin rauchen Sie doch selbstverständlich, Durchlaucht?« Sie wehrte hastig ab. »Was denken Sie! – Ich rauche nie, ich habe ja schon seit frühester Kindheit Rußland verlassen – sozusagen gehöre ich ja gar nicht mehr dorthin!« –- »Je nun –« lächelte er verbindlich, »Ihr Name – Fürstin Lamanoff – verrät die Nationalität! Sie gestatten aber, daß ich selber rauche?« – Zwar war ihr Rauchen ein Greuel, und sie hatte sich fest vorgenommen, es in ihrer Gesellschaft niemals zu dulden, aber sie lächelte wie ein Engel und versicherte, daß sie Tabakswölkchen sehr liebe. Nach einer kurzen Pause fragte sie schüchtern: »Unter welchem Namen reist Ihre Delinquentin?« Er zuckte die Achseln. »Alle paar Tage unter einem anderen – wie solches Gesindel das liebt. – Sie kennen nicht das stolze Glück, einen ehrlichen, guten Vatersnamen zu führen, darum annektieren sie ihn auf dem Wege des Verbrechens.« Sie wurde abwechselnd blaß und rot und neigte das Köpfchen sehr tief, wie höchlichst beschämt zur Brust. Ein herzbeklemmendes Angstgefühl überkam sie, dem Siegesrausche folgte ein verzweifelter Katzenjammer. »Und Sie fanden keine Spur von ihr?« – »Bis jetzt noch nicht. Wie mir ein Detektiv auf einer der letzten Stationen versicherte, soll sie die Richtung Frankfurt- Berlin genommen haben – befindet sich möglicherweise in diesem selben Zuge!« »Allmächtiger Gott!« – Er lachte: »Ich glaube gar, Durchlaucht, Sie fürchten sich vor der schönen Sünderin?« scherzte er harmlos, und Salome lächelte mit farblosen Lippen: »Oh, es ist ein schrecklicher Gedanke! – Ich bereue es doch sehr, allein gereist zu sein!« – »Warum das? Fanden Sie nicht in mir einen Beschützer und Retter?« – fragte er mit leiser, beinahe inniger Stimme. »Ich geleite Sie sicher in Halle zu Ihrem andern Zuge. Zuvor müssen Sie dem Bahnhofsvorstand Ihren Paß zeigen. –« »Paß?!!« »Gewiß, als Ausländerin müssen Sie doch einen Paß bei sich haben – zur Legitimation – es könnten Ihnen ja sonst furchtbare Dinge passieren, man hält Sie womöglich für die Hochstaplerin –« Sie faßte voll Todesangst seinen Arm: »Erbarmen Sie sich meiner – ich besitze keinen Paß – ich bin ja eine Welfin...« »Keinen Paß?« – Er machte ein sehr bedenkliches Gesicht. »Das ist allerdings sehr schlimm. Und gerade in Halle ist man äußerst strenge in dieser Beziehung –« »Helfen Sie mir!« schluchzte sie außer sich. »Selbstverständlich, Durchlaucht –« »Ach nennen Sie mich doch nicht Durchlaucht –« »Aber ich bitte Sie! Wie dürfte ich es anders wagen?« »Es möchte Verdacht wecken!« – »Je nun – Sie besitzen eine Villa in Lichterfelde! Wir telegraphieren nach dort um eine Legitimation!« Sie zitterte wie Espenlaub. »Nein – das geht nicht.« »Warum nicht?« Sie starrte wie hilfeflehend zum Himmel. »Sie ist nicht bewohnt!« – stieß sie hervor. »Schade. Je nun – dann wenden wir uns mit einem Telegramm an Ihre Kinder –« Sie stöhnte nur leise auf, antwortete aber nicht. In seinem Gesicht zuckte es. Dann fuhr er tröstend fort: »Vielleicht gelingt es mir auch, Sie ohne alles Aufsehen in den andern Zug zu bringen. Ich bin ja bekannt in Halle – biete Ihnen den Arm und gebe Sie für eine Verwandte aus. – Allerdings muß ich Ihnen ehrlich sagen, daß die Sache recht gefährlich ist. Als Russin befinden Sie sich in einer äußerst schlimmen Situation! Gebe Gott, daß ich Sie erretten kann!« Sie schlang krampfhaft die Händchen ineinander. »Es weiß ja kein Mensch, daß ich geborene Russin bin!« – Sehr ernst und mit männlicher Würde blickte er sie an. »Ich weiß es, Durchlaucht, und Sie werden begreifen, daß ich als Mann von Ehre die Wahrheit sagen muß, wenn man mich fragt. Ich beklage es unendlich, daß Sie mir davon erzählten. Es ist überhaupt sehr mißlich, in der Eisenbahn oder in einer fremden Stadt ohne Not seinen Namen zu nennen. Sie ahnen nicht, Durchlaucht –« sie zuckte nervös zusammen – »in welch entsetzliche Situation sich eine Dame dadurch leichtsinnigerweise bringen kann! Nehmen Sie nur den Fall an – ich wäre nicht vollkommen davon überzeugt, daß alles, was Sie mir erzählten, lauter Wahrheit sei! Ich würde Verdacht geschöpft haben, würde Sie für die gesuchte Hochstaplerin gehalten und Sie verhaftet haben. Als Opfer meiner Verblendung hätten Sie so lange im Kerker schmachten müssen, bis Ihre Unschuld bewiesen worden wäre. Ich hätte nur nach bester Überzeugung gehandelt, aber Sie hätten es schwer büßen müssen, denn die Sache wäre ja in alle Zeitungen gekommen. Ich besitze eine Kusine ebenso jung und reizend wie Sie, hochverehrte Frau. Als diese allein die Tour von Berlin nach Wien machen mußte, gab ich ihr folgende Lehre mit auf den Weg: ›Höre, wie eine wirklich vornehme, respektable Dame reist: Sie kleidet sich so schlicht wie möglich, sie tritt so bescheiden und anspruchslos auf, wie irgend denkbar. Sie kokettiert nicht mit ihrem vornehmen Namen, sie sucht keine Bekanntschaften und keine amüsanten Erlebnisse – kurzum, eine vornehme Dame ist auf der Reise nur ein Schatten, auf den jede äußere Einwirkung machtlos ist.‹ Meine kleine Kusine richtete sich danach und hat Gottlob über keine unangenehme Erfahrung zu klagen gehabt.« Salome saß mit tiefgeneigtem Haupte da. Während er anscheinend sehr harmlos und heiter plauderte, litt sie alle Qualen tiefster Beschämung und Reue. Es deuchte ihr, eine Hand habe plötzlich einen Schleier von ihren Augen gezogen und sie sehend gemacht. – Ja, sie hatte sich nicht wie eine vornehme Dame benommen, und die Lehren Juliettes waren wohl doch nicht so unfehlbar, wie sie es bis dato angenommen hatte. Der Zug hielt: »Merseburg.« Wieder erklang ihr Namen draußen. Sie hörte ihn kaum, wie geistesabwesend blickte sie vor sich hin in das Leere, Unwillkürlich zog sie den Regenmantel fester um sich her, daß er ihre doch immerhin etwas ausfallende Frühlingstoilette verhüllen möchte. Eine unbeschreibliche Angst quälte sie. Die letzte Station vor Halle – und dann? Wenn es dem Landrat nicht gelang, sie ohne Paß durchzuschmuggeln? Oh, dreimal wehe über ihre kindische, einfältige Sucht, jenem Fremden zu imponieren, ihn, ihren liebenswürdigen Helfer in der Not so ohne Grund und Ursache zu düpieren! Jetzt erlitt sie die gerechte Strafe. Sollte sie ihm alles gestehen, ihre Lügen, ihre törichte Eitelkeit? Nein, sie konnte es nicht, sie würde sterben vor Verlegenheit! Nur im Fall der äußersten Not –! Ja, dann mußte sie ja eine klägliche Beichte ablegen. Er glaubte an sie! – Wie edel, wie großmütig er war! und sie? – Tief zerknirscht preßte sie die Lippen zusammen. Er sollte nicht schlecht von ihr denken, sie ertrug es nicht. Wer wußte, ob sie ihn je im Leben wiedersieht? – Sein Name war ihr völlig unbekannt, und die Welt war so endlos groß; wie sollten sie einander wieder begegnen! – Salome möchte es beklagen, und doch gewährte ihr gerade die Überzeugung, daß sich ihre Wege in Halle für immer trennen sollten, den großen Trost daß sie nie als Lügnerin, als belächelte kleine Pensionseinfalt vor ihm stehen muß. Seine freundliche Stimme schreckte sie aus ihren Gedanken auf. Der Zug würde sich sogleich in Bewegung setzen, und Herr von Born nahm seinen Platz gegenüber der jungen Dame wieder ein. Er begann ein neues Gespräch, über dieses und jenes, lauter harmlose, gleichgültige Dinge. Die Coupétüre wurde aufgerissen, und Salome schrak zitternd zusammen, wie eine Gerichtete, der die Verfolger auf der Spur sind. Ein Säbel rasselte – ein paar heitere Abschiedsworte hin und her und dann sprang ein Husarenoffizier in den Wagen. Er grüßte sehr höflich und warf sich in eine Ecke des Coupés. Sein Blick streifte mit Interesse das junge Paar. Er sah, daß der Landrat eine Zigarette zwischen den Fingern hielt. Die Hand an die Mütze legend, wandte er sich sehr verbindlich an Salome. »Gestatten, gnädigste Frau, daß auch ich meine Zigarre zu Ende rauche?« Die Dame antwortete durch eine stumme Neigung des Köpfchens, sie sah ihn dabei nicht an. Der Husar wandte sich an Herrn von Born: eine Frage über dies und jenes. Der Landrat antwortete, und schnell war ein Gespräch im Gange. Der junge Offizier kam von einem Liebesmahl und schien sehr animiert zu sein. Wieder und wieder huschte sein Blick zu Salome hinüber, ihre auffallend hübsche Erscheinung interessierte ihn. Öfters versuchte er es, auch sie in die Unterhaltung hineinzuziehen und richtete das Wort an sie. Er erhielt nur sehr zurückhaltende, einsilbige Erwiderungen; die junge Dame blickte angelegentlich zum Fenster hinaus und zog den großpunktigen Schleier tief über das Gesichtchen. Ihre übermütige Redseligkeit war wie abgeschnitten, sie beobachtete dem Fremden gegenüber die größte Reserve. Herr von Born bemerkte es, um seine Lippen zuckte es, und in seinen Augen leuchtete es auf. Nur eine kleine Strecke noch, dann tauchten die Türme von Halle auf. Salome erzitterte, als der Pfiff der Lokomotive ertönte. Wie in flehender Angst traf ihr Blick den Landrat – dieser lächelte ermutigend und nickte ihr unmerklich zu. Als der Zug hielt, empfahl sich der Husar so hastig wie er gekommen und sprang auf den Perron. »Bitte solange wie möglich zurückbleiben, Durchlaucht!« flüsterte Born: »Die ›Waldvöglein‹ schwärmen aus und möchten Sie wieder belästigen. Wir haben Zeit; der andere Zug wartet.« – Er winkte einen Dienstmann herzu und reichte ihm das Handgebäck. Sein Blick schweifte scheinbar sorgsam prüfend über die Menschenmenge. »Kommen Sie, der Moment ist günstig!« flüsterte er der leichenblassen Salome zu, hebt sie zur Erde und bot ihr den Arm. »Blicken Sie möglichst wenig um sich – vor allen Dingen kein Aufsehen erregen – nur eine Dame, die durch nichts auffällt, wird respektiert.« Mit zitternden Gliedern und hochklopfendem Herzen schritt sie durch das Menschengewühl. Sie schmiegte sich fester und fester an wie ein Schiffbrüchiger die rettende Planke umklammert, so faßte ihre Hand seinen Arm, in der festen, heilig ernsten Überzeugung: »Er allein rettet dich vor dem Verderben!« Der Landrat führte seine Schutzbefohlene vor die geöffneten Coupés. »Wo befehlen Sie einzusteigen, Durchlaucht?« fragte er noch immer mit etwas gedämpfter Stimme und prüfendem Blick nach allen Seiten: »Coupé für Nichtraucher?« Sie schüttelte heftig das Köpfchen. »Damencoupé!« stieß sie mit bebenden Lippen hervor. Wieder ein Lächeln der Befriedigung auf seinem Gesicht – sie sah es nicht. Er half ihr einsteigen und fertigte den Dienstmann ab. Verlegen wagt sie es, ihm ihr kleines Geldtäschchen dazu anzubieten, Er übersah es absichtlich, auch drängte die Zeit. »Sie haben durchgehendes Billet?« fragte er noch einmal, und als sie hastig nickte, trat er schnell zur Seite an einen kleinen Jungen heran, der Veilchensträuße verkaufte. Er wählte den schönsten und eilte zu seiner Schutzbefohlenen zurück. Andere Damen drängten nach dem Coupé und luden ihr Handgepäck ein – mit bedeutsamem Blick legte Born den Finger an die Lippen. Salome verstand ihn. Mit aufquellender Empfindung reichte sie ihm die Hand. »Fürchten Sie nichts, Herr Landrat –« stammelte sie, »ich glaube, ich werde im ganzen Leben nie wieder über mich und meine Familienangelegenheiten im Eisenbahnwagen und zu den fremden Menschen darin reden!« »Recht so, meine Gnädigste – Sie werden sich selber den größten Dienst damit erweisen!« antwortete er mit seltsamem Gesichtsausdruck. »Einsteigen! Bitte die Herrschaften einzusteigen!« rief der Schaffner. Da neigte sich Herr von Born zu seiner holden Reisegenossin nieder und schaute ihr in die Augen. Ein tiefer, leuchtender Blick. Sein Gesicht war ernst, und doch lachte etwas in diesem Blick und deuchte der jungen Dame rätselhaft und unerklärlich. »Leben Sie wohl, Durchlaucht!« flüsterte er mit weicher Herzlichkeit und überreichte den Veilchenstrauß: »Ich würde glücklich sein, Ihnen im Leben noch einmal zu begegnen. Das Schicksal hat unsere Wege so eigenartig zusammengeführt, es ist vielleicht liebenswürdig genug, es noch ein zweites Mal zu tun!« Sie war noch viel zu benommen und erregt, um seine Worte genügend zu beachten. Sie starrte unverwandt in seine Augen und nahm mechanisch die Veilchen. »Ich danke Ihnen für all Ihre Liebenswürdigkeit!« sagte sie ernst, mit beinahe feierlicher Betonung, »Sie haben mich ja aus großer Gefahr errettet – und das vergesse ich Ihnen nie!« Wieder zuckten seine Lippen. »Ja, nun sind Sie gerettet,« nickte er ebenso feierlich. »Leben Sie wohl!« Und dann mußte er sie in das Coupe heben. Noch einmal reichte sie ihm stumm die Hand durch das offene Fenster – er küßte diese. Die ausgestandene Angst schien sich bei ihr in ein Gefühl wonniger Erleichterung aufzulösen, große Tränen glänzten in den noch immer etwas verstört blickenden Augen. – »Auf Wiedersehen!« rief er und hob den Hut. Dann begannen die Räder sich zu drehen – der Zug setzte sich in Bewegung, Als er den Blicken des Landrats entschwunden, wandte er sich hastig und eilte zu einer Droschke. Sein Gesicht sieht sehr rot ans, wie bei einem Menschen, der sich mühsam das Lachen verbeißt. Das brach erst in schallender Heiterkeit über seine Lippen, als er allein in dem geschlossenen Wagen saß. Und er lachte wie ein Mensch, der sich so recht von Herzen über etwas freut. »So! Ich hoffe sehr, daß Fräulein Salome der Appetit an interessanten kleinen Abenteuern vergangen ist. Russische Fürstin! Witwe! Vier Kinder! – Der kleine Engel log ja gar zu toll ... Das verdiente Strafe. Habe ihr einen kleinen Denkzettel gegeben, zu ihrem eignen Besten. Gott sei Dank, daß sie noch naiv genug war, um sich so schauerlich grob düpieren zu lassen. Aber was half's?! –- Es ist leider eine bedauerliche Tatsache, daß die jungen Mädchen oftmals am strengsten erzogen werden müssen – wenn sie ... das Pensionat verlassen!!«   Salome aber saß still und bescheiden in ihrer Coupéecke und hielt die Augen geschlossen, als schliefe sie. Die Veilchen lagen welkend in ihrer Hand, und so wie sie welkte auch tief innen in dem Herzen des jungen Mädchens ein Pflänzchen von Juliettes giftiger Saat – die Sucht, um jeden Preis ein amüsantes Abenteuer zu erleben. IV. Der Lenz hatte frühen Einzug gehalten. – Alle die tausend Elfchen, die in den warmen Sonnenstrahlen spielen, hatten mit geschäftiger Hand unzählige Blumen in das Prachtgewand der jungen Erde gestickt, hatten ihr Haupt mit Blütenzweigen bekränzt und die Silberbänder von Bächen und Flüssen gar malerisch um die Lächelnde geschlungen! Nun stand sie, eine geschmückte Braut, und bebte gar wonnesam unter dem heißen Kuß des Freiers, und die Menschenkinder, die ein süßes Ahnen all dieses Glückes beschlich, jauchzten hinein in die Frühlingswonne, und fühlten, wie die Herzen weit und groß wurden. – Die Alten wurden jung unter dem Hauche holden Liebeswehens und die Jungen wurden alt genug, um die geheimnisvoll seligen Prophezeiungen zu verstehen, die jeder Blütenduft ihnen zuträgt, die jede aufbrechende Knospe ihnen spiegelt. Auch über dem grauen, ehrwürdigen Gutshause von Jeseritz war es Lenz geworden, und es schien, als ob die leuchtende Sonne nicht nur die Außenmauern vergolde, sondern auch tief innen, vom Keller bis unter das Dach, eine Fülle von Licht und Leben ausgegossen habe. Salome war heimgekehrt. Sie, die stets der verwöhnte Liebling des Vaters gewesen, wurde mit Jubel und Freude empfangen! Girlanden und prächtig gemalte »Willkommen« schaukelten ihr entgegen. Wulf, der ehemalige biedere Grenadier und Bursche des Herrn Majors, der jetzt in Jeseritz die respektable Stelle eines ersten Dieners und Faktotums bekleidete, fühlte das alte Soldatenblut rebellieren. »Wenn das gnädige Fräulein heimkommt, ist es so gut ein Fest wie Sedan!« – sagte er, und löste zu Ehren der friedlichen Salome ein paar Kanonenschläge. Kuchen jeglicher Sorte waren gebacken. Die große Wäsche war des hohen Ereignisses wegen schon vierzehn Tage früher überstanden, alles blitzte und blinkte so recht vergnügt und maienfroh der Tochter des Hauses entgegen, die frisch und wunderhübsch aus dem Wagen sprang und vor Freude lachte und weinte. Rose schlang stürmisch die Arme um die bedeutend größere und schlankere Schwester, und Frau von Welfen, die in überströmendem Glücksgefühl ihre beiden Töchter betrachtete, lächelte zu ihrem Mann empor: »Sieh nur, wie verschieden die beiden Mädels geworden sind!« Und sie hatte recht. Salome blond und zart wie eine Elfengestalt – Rose frisch, brünett, trotz ihrer sechzehn Jahre rund und üppig, beinahe etwas robust. Die erstere sehr elegant und in jeder Bewegung graziös, die letztere keck und lebensfrisch, im einfachen Waschkleidchen, ohne eine Spur von Schwärmerei, natürlich und gerade aus! Salomes Haar lockte sich sehr schick auf dem zierlichen Köpfchen, dieweil der mächtige, nußbraune Zopf der Schwester zumeist zerzaust und halb gelöst, in zügelloser Freiheit auf dem Rücken schaukelte. Die ganze Erscheinung der Ältesten war stets von einem Hauch exquisiten Parfüms umgeben – bei der Kleinen sagte Frau von Welfen höchstens lächelnd: »Dickerchen, zieh dir andere Schuhe an! Du riechst wieder tüchtig nach Kuhstall!« Und so, wie die Schwestern äußerlich die größten Gegensätze verkörperten, so waren sie auch seelisch die verschiedenst veranlagten Wesen, die man sich nur denken konnte. Salome war die geborene Salondame – Rose das wilde, ungefüge Kind vom Land, dem Glacéhandschuhe und Puderquasten stets lächerliche, verhaßte Dinge bleiben werden. Bei jener war alles, was sie tat und unternahm, »ladylike« und von sentimentaler Schwärmerei überhaucht – bei dieser trat alles in urwüchsigster und realistischer Weise zutage. Salome spielte Klavier und Zither – sie sang elegische Lieder, deren Weltschmerz in ihrem Munde eher spaßhaft als rührend wirkte, sie malte und stickte, ja sie dichtete sogar die schwermütigsten Sachen, dieweil sie das Versmaß dazu an den Dingern abzählte und ab und zu einen Federhalter zerkaute. Sie kokettierte mit allen schönen Künsten, ohne in einer einzigen wirklich Befriedigendes zu leisten. Stundenlang lag sie auf dem Sofa und las Romane, studierte die Modenzeitung und schrieb Briefe. Der Haushalt war ihr fremd und gleichgültig, hatte in Lausanne keine Interesse dafür erweckt, und das junge Mädchen so sehr fein erzogen, daß ihr jede »Dienstbotenarbeit« höchst entfremdend und unwürdig deuchte. Rose dagegen war einzig in ihrem Element, wenn sie so recht nach Herzenslust in Küche und Keller herumhantieren konnte. Sie sang dem Vater keine eignen Kompositionen vor und malte Jeseritz weder in Öl noch in Aquarell, aber dafür lieferte sie schon jetzt die saftigsten Braten und genialsten Frikassees auf den Tisch – päppelte die jungen Puten und wies den besten Hühnerhof der ganzen Nachbarschaft auf. – Im Garten dachte sie an alles, und ihr Wetteifern mit dem Gärtner reizte diesen zum eifersüchtigsten Tatendrange an. Sie probierten und verbesserten, sie erzielten die schönsten Erfolge. Und Frau von Welfen strich liebkosend über die glühenden Wangen des kleinen Hausmütterchens und konnte sich nicht genug an ihrem Schaffen freuen. Trotzdem bei Rose alles Sinnen und Denken nur auf das Praktische und Nützliche gerichtet war, und Salome wiederum für nichts anderes als für ihre nobelen Passionen Interesse hatte, war das Einvernehmen der beiden Schwestern dennoch das denkbar beste – wohl gerade um dieser Gegensätze willen. Er herrschte die schönste Harmonie im Hause, und wenn der »Martha« fleißige Händchen am Abend ruhten, so erfreute sie sich an der Maria idealen Gaben der Kunst, die doppelt anerkannt wurden, weil sie vordem im Hanse unbekannt gewesen. Und dennoch blickte Frau von Welfen recht enttäuscht, ja recht voll Sorge auf die Resultate, die durch so viele Geld- und Liebesopfer in der Pension erzielt worden waren. Hatte sie ihre Älteste darum schweren Herzens von sich gegeben, damit sie als verwöhntes, eitles und anspruchsvolles Salondämchen zurückkehre? – Das war nicht ihre bescheidene, gutherzige, kleine Salome von früher! Es war ein ganz fremdes Reis auf dem Stammbaum ihres Hauses. Ein Bäumchen, das nach allen Regeln der Kunst zugestutzt, die Treibhausblüten der Unnatur trug, auf allerlei ungesunde Keime gepfropft waren, die nun trieben und aufschössen, ohne wurzelecht zu sein. Was nützte hier auf dem Lande das vielseitige Wissen, das doch nur in einem Mädchenkopf Stückwerk blieb, und was frommten die schönsten Künste, wenn sie nur Spielerei und Zeitvertreib waren und die Hände für den wahren und echten Frauenberuf untauglich machten? Salome hatte nur die romanhaftesten Gedanken im Kopfe, und dem Mutterauge war es nicht entgangen, daß das brennend ersehnte Ziel all ihrer Träume und Wünsche eine möglichst schnelle Heirat war. Das schmerzte und verletzte die warmherzige und gemütvolle Frau aufs tiefste, und oft stützte sie das Haupt schwer seufzend in die Hand und dachte voll Erbitterung an die Stunde zurück, wo sie ihr Kind vertrauensvoll von sich gegeben, um es, an Herz und Seele entfremdet, wiederzuerhalten. Wohl rechnete sie in ihrer nachsichtigen Güte mit der achtzehnjährigen Eitelkeit, die den Pensionsgenossinnen gegenüber Triumphe feiern will, aber sie hieß sie nicht gut, und hoffte, daß ihr Töchterchen noch durch eine ernste und gewissenhafte Schule im Elternhause gehen würde, ehe sie selber dazukäme, sich den eigenen Herd zu gründen. Ganz unter der Hand wollte sie daran arbeiten, aus der kleinen Salondame eine künftige Hausfrau zu formen. Wie schwer es aber ist, Unkraut aus einem jungen Menschenherzen zu jäten, das lernte sie erst voll bitterer Sorge bei diesem Bemühen kennen. An ihrem Mann fand sie leider in dieser Beziehung gar keine Stütze und Hilfe. Der Major war wie vernarrt in seine kluge Älteste, und fand alles, was seine Frau an ihr tadelte, gerade besonders hübsch und lobenswert. »Ach Unsinn! Hausfrauentalente! Die hat ja unsere Rose aus dem Effeff! Eines schickt sich nicht für alle, und unsere elegante, kunstsinnige Salome paßt nur für einen Salon! Ein Mann, der dem Kinde nicht eine ihr angemessene Existenz bieten kann, kriegt sie eben nicht!« »Und wenn sie sich in einen armen Mann verliebt?« »So albern ist sie nicht!« »Aber Männchen!« »Aber Mutterchen!« »Haben wir uns nicht auch auf die schmale Kaution hin geheiratet?« »Ja, wir zwei! – Du resolutes, fleißiges Prachtfrauchen hast es auch dein Leben lang sauer genug gehabt, weil du mich armen Kerl genommen hast!« Sie legte den Kopf lächelnd an seine Brust, und er küßte sie. »Ich war glücklich, Väterchen! Gebe Gott, daß Salome just so glücklich und zufrieden werden möge!« »Dazu gehört bei dem verwöhnten Racker mehr, als ein Herz und eine Hütte! – Und das weiß sie auch; glaub' mir, das Mädel macht niemals einen dummen Streich, dazu ist ihr Verstand viel zu groß, und ihr Herzchen viel zu klein!« »Leider, leider!« »Papperlapapp! Leider! Ein Glück, daß es so ist. Die Zeiten haben sich geändert. Früher schuf die Liebe das Glück, heute das Geld! Unsere Jugend hat besser gelernt zu rechnen, als wir ehemals. Höre das Kind doch mal reden! Wie ein Buch. Ich verstehe oft nicht und begreife nicht, wo das grüne Gänschen schon solche resignierte Ideen über die Ehe her hat!« »Ich weiß es leider zu gut. – Ach, daß man alle die nichtswürdig frivolen Romane, die unsere Jugend zu Skeptikern und Verächtern alles Hohen und Heiligen macht, verbrennen könnte!« »Na, na, Dorchen, grolle nicht! – 's ist nun mal zeitgemäß, haben das Banner unserer Ansichten durch unsere Jugend getragen, die modernen Kinder tun das gleiche. Predigen und eifern hilft da nichts, die modernen Kinder müssen selber ihre Erfahrungen machen und das Lehrgeld dafür zahlen. Keine Arzenei umsonst; unser fieberkrankes, überreiztes Zeitalter muß noch manchen Heller in des lieben Herrgotts Apotheke tragen, wenn es gesund werden will! – Laß es seinen Gang gehen, und laß Salome nach ihren Ideen heiraten, sie wird sich schon ganz energisch durch das Leben bringen, das Zeug dazu hat sie ja!« »Aber im Haushalt muß ich sie zuvor noch gründlich anweisen, Ernst, es ist meine Pflicht!« »Bilde dir das doch nur nicht ein, Dorchen! – Sie lernt es doch nicht, weil ihr der ganze Kram langweilig und zuwider ist! Wie kann sie mit blauroten Händen Zither spielen? lind ihre Händchen sind meine ganze Augenweide! Es ist mir ein gräßlicher Gedanke, mein blondes Elfenkind als Aschenbrödel zu sehen – geradezu ein gräßlicher! Für meine Salome muß ein Prinz kommen, der sie auf Händen durchs Leben trägt! Für einen anderen bin ich nicht zu Hause, Mutterchen, denn für einen anderen wäre sie viel zu schade!« »Ich merke schon, das Mädel hat dir wieder vorlamentiert, daß ich sie in die Küche befohlen habe!« »Ach was! – Denkt gar nicht daran! Wir haben den ganzen Morgen Graphologie studiert!« »Ernst, ich beschwöre dich, steck' das Kind nicht mit dieser unsinnigen Marotte an!« »Unsinnige Marotte?! Nimm es mir nicht übel, beste Alte, aber davon verstehst du nichts. Wenn man allerdings jede neue, hochinteressante Wissenschaft für Unsinn erklärt, hört die Weit auf, fortzuschreiten. Backe und brate uns was Gutes, mein Dorchen, und laß deine kleine Rose Adjutantendienste dabei tun – ich habe mir die Salome zum Generalsstabsoffizier ausgesucht, und lasse ihn mir nicht abkommandieren, hörst du, Frau Major? Ganzes Bataillon kehrt!!« Was war da zu machen? – Seufzend verließ Frau Nora den Gatten, der seelenvergnügt pfeifend zu dem großen Gartenhut griff, um bei dem Prachtwetter einen Gang durch den Park und die Neuanlagen zu tun. Weiche, balsamische Luft wehte ihm entgegen. Der herrliche Blick, den man von der Freitreppe des schloßartigen Hauses genoß, entzückte den Besitzer stets von neuem. Sammetartig gepflegte Wiesen, von der mannigfaltigen Pracht bunter Teppichbeete durchschnitten, dehnten sich bis zu dem dunkelschattigen Fichtengange, hinter dem, in malerischem Wechsel die Laubwipfel des Parkes, jetzt in die zartesten Schleier inngen Maiengrüns gehüllt, emporragten. Eine graziöse Traueresche, prächtige Rotbuchen, Akazien und Platanen umstanden das Gutshaus in poesievollen Gruppen zu beiden Seiten, und ließen linker Hand den Silberspiegel eines Teiches durchblitzen, auf dem weiße Schwane ihr Gefieder im Sonnenglanz badeten. Hochaufatmend, so recht ein Bild wohligen Behagens, stand der Major, die Hände in den Taschen der grauen Jagdjoppe versenkt, und musterte das kleine ihn umgebende Paradies. Nun begann seine gute Zeit. Er konnte wieder reiten, fahren, auf die Jagd gehen, Fische angeln und Spaziergänge in die Felder wachen – lauter Vergnügungen, die er sich, seines immer heftiger werdenden »Feldzugsrheumatismus« wegen, im Winter nicht mehr erlauben durfte. Und darum war der Winter langweilig; er haßte ihn. Nie nahe kleine Kreisstadt, die umliegenden Garnisonen hatten bisher noch wenig Abwechslung geboten, denn da noch keine Tochter im Hause Welfen ausgeführt wurde, waren es zumeist nur die älteren Herren, die hier und da einmal zum Diner und Whist in Jeseritz einkehrten. Die vielen langen, einsamen Tage aber saß der pensionierte Offizier in seinem bequemen Sessel am Fenster und las sich die Augen müde. Da hatte ihm ein Zufall wissenschaftliche Abhandlungen über die Graphologie in die Hände gespielt. Er las und begeisterte sich. Das war ja eine ganz unglaublich amüsante Beschäftigung, den lieben Nächsten an der Hand etlicher Schriftzüge so genau zu durchschauen, als habe er die ehrlichste Generalbeichte über all seine Mängel und Vorzüge abgelegt. Nielsen war Feuer und Flamme. Er verschrieb sich alle diese Wissenschaft betreffenden Werke, studierte sehr eifrig und war bald ein leidenschaftlicher Graphologe. Kein Zettel, kein Brief – keine Schusterrechnung, keine Einladung, die nicht bis auf das Tippelchen auf dem i untersucht und begutachtet wurde. Was anfänglich ein harmloser und heiterer Sport war, artete bald zur Manie aus. Ein paar absonderliche Schrullen hatte der alte Militär schon zeitlebens gehabt, sie schmolzen jetzt zusammen zu der einen, schier unheimlichen Marotte, die Handschrift von Freund und Feind zu deuten. Und dies blieb nicht eine launige Beschäftigung, sondern artete oft in fatalster Weise aus. Da ein paarmal seine Deutungen das Wahre gestreift hatten, war Welfen nun von seiner hohen Wissenschaft so felsenfest überzeugt und hielt sein Urteil für derart unfehlbar, daß er sich hinreißen ließ, Leute in unmotivierter Weise zu verdammen oder in den Himmel zu heben. Er hatte den Verkehr mit seinem ältesten Jugendfreunde ohne Grund abgebrochen, weil er behauptete, aus dessen Schrift nur Falschheit, Hinterlist und Egoismus zu lesen, und er nahm ohne Besinnen die allgemein sehr gefürchtete Tante Sidonie, die ihm einen höchst boshaften, verleumderischen und giftigen Brief über ihre »unerträglichen« Schwestern schrieb, in sein Haus auf, lediglich, weil er behauptete, in der Handschrift der alten Dame drücke sich sehr viel Herzensgüte, Milde und Charakterfestigkeit aus; sie sei eine verkannte Perle und werde von den Schwestern nichtswürdig behandelt, darum sei es Pflicht, die verfolgte Unschuld vor ihnen zu retten. Frau Dora schüttelte oft sehr mißbilligend den Kopf. »Aber Ernst! Warum beziehst du deine Zigarren nicht mehr aus dem alten Geschäft, das dir nun schon seit zwanzig Jahren den Bedarf zur vollsten Zufriedenheit liefert?« »Weil ich den Kerl als Betrüger erkannt habe! Da hier – sieh seine Schrift an! Keine Spur von einem soliden und reellen Charakter, alles Schwindel. Ich nehme meine Havannas jetzt von Bilderboom \& Compagnie – die Schrift verbürgt volle Ehrenhaftigkeit.« Und er nahm die Zigarren von Bilderboom \& Cie., sie waren bedeutend teurer und entschieden schlechter – Dora fand ihren Geruch nichts weniger als fein. Auch Welfen schien es zu finden. Er rauchte seit der Zeit nur halb so viel wie früher, aber er wäre lieber gestorben, ehe er seine geliebte Graphologie bloßgestellt und zu dem alten Lieferanten zurückgekehrt wäre Gegenüber den Freunden der Graphologie sei ausdrücklich bemerkt, daß die Verfasserin keineswegs eine Verspottung dieser Wissenschaft beabsichtigt, sondern sich, wie aus der weiteren Entwicklung des Romans hervorgehen wird, nur gegen die dilettantische Übertreibung wendet. Die Verlagsbuchhandlung. . Jetzt dachte der Major weder an Schriftzeichen noch verdächtige Schnörkel und Häkchen! Die Natur schreibt ihre Frühlingspsalter nicht mit Feder und Tinte, sie läßt sie von keinem Menschenwitz deuten und enträtseln, ihre wonnigen Verheißungen von urewiger Auferstehung, von der heiligen Majestät des Schöpfers aller Dinge, von dem süßen Geheimnis junger Minne, das sie mit sonnengoldenem Stift in den Kelch der Rose gräbt! Nein, Herr von Welfen dachte zuerst fröhlich schmunzelnd: »Ernst, Ernst! Alter Junge, was hast du für einen Dusel gehabt, daß du dies Jeseriß erbtest!« Und dann überlegte er, daß er ein wenig spazieren reiten wolle, und rief dem just vorübergehenden Gartenarbeiter den Befehl zu, den »Meteor« sofort satteln zu lassen. Als der Alte diensteifrig davoneilte, fiel ihm wieder ein, daß er ja im Garten nach den Vergißmeinnicht hatte sehen wollen, ob sie nun endlich aufgehen würden oder nicht. Es hatte ihn schwer ärgern können, wenn es die Racker nicht getan hätten. Damit hatte es folgende Bewandtnis. Unlängst hatte er einmal in uralten Raritäten gekramt, als seine Frau in längst vergessener Truhe nach dem Taufschein Roses suchte. Sie benötigte diesen zur Konfirmation. Da blickte er über die Schulter seiner Frau und amüsierte sich, was für Kostbarkeiten seine liebe Alte zum ewigen Andenken aufbewahrt hatte, Myrtenkranz, Schleier und Sträußchen – Endchen von Band und Spitzen, vergilbte Menüs und ein »Stammbüchlein« – Salomes erste Schuhchen und Roses Hampelmann, eine zerbrochene Tasse, aus der während eines Manövers König Wilhelm von Preußen getrunken – mit Rosabändchen umwunden ein Packen stark abgegriffener Briefe, »aus unserer Brautzeit« stand daraus. »Und was sind das für welke Blumen?« Frau Dora lächelte wie im Traum und hob den trockenen Strauß empor. »Kennst du ihn nicht wieder, böser Mann?« schalt sie, und ihre schönen Augen sahen gar zu jung zu ihm empor, »diesen Gruß brachtest du mir ja, als wir uns verlobten!« »Wahrhaftig, Schatz?« Er neigte sich gerührt und nahm das Bukettchen zur Hand. »Hm ... lauter Rosen und Vergißmeinnicht!« nickte er zärtlich, »ei – und sieh mal hier, Mutterchen – – an diesen Vergißmeinnicht hängen sogar noch ein paar volle Samenkapseln!!« Er löste die Kapseln ab, und die seinen schwarzen Körnchen rieselten ihm in die Hand. »Nun sieh mal an, Dorchen! Das nenne ich wirklich ein treues Vergißmeinnicht! Ob der Samen wohl noch aufginge, wenn man ihn säen würde?« »Undenkbar!« »Warum? Ich habe neulich noch gelesen, daß ein Kirschkern, der in einer Braunkohle aufgefunden wurde, der also schon Taufende von Jahren verkapselt dagelegen hatte, doch noch gekeimt hat!« »Eine Zeitungsente, Alterchen!« »Wenn man jede Mitteilung anzweifeln soll, braucht man keine Bücher und Zeitungen zu lesen! Ich wette, dieser Samen geht auf!« »Gut, probiere es und säe ihn! Vergißmeinnicht aus unserm Verlobungsstrauß!! Bald zwanzig Jahre alt – das würde geradezu ein Wunder sein!« »Von diesem Vergißmeinnicht sollen unsere Mädels auch ihre Verlobungssträuße geschnitten bekommen!« sagte er feierlich. Frau von Welfen lachte: »Dann sorge nur dafür, daß die Freier mit den Blumen zugleich aus der Erde schießen!!« neckte sie. »Wird schon werden!« Er gab ihr einen Kuß, »wenn Salome erst wieder daheim ist – und die Vergißmeinnicht blühen ... dann schüttelt der liebe Herrgott wohl auch noch einen zweiten Mustermann, wie deinen teuren Gatten hier, aus dem Ärmel – für unsere Älteste!« – und damit entleerte er die Kapseln sorgsam in die hohle Hand und schritt eifrig zur Tür, um den warmen Sonnenschein sofort zu benutzen und das Auferstehungswunder seines Verlobungsstraußes in Szene zu setzen. Das beste, wärmste Plätzchen hatte er dazu im Garten ausgesucht, und er war Tag für Tag dorthin gepilgert, voll Ungeduld, ein paar grüne Spitzchen aus der Erde gucken zu sehen. Es kamen aber keine, und das verdroß ihn gewaltig. Salomes Ankunft, ein neues interessantes Buch und dann etliche Tage Regenwetter hatten diese bereits sehr langen, täglichen Inspektionsbesuche unterbrochen. Heute fielen dem Major die Vergißmeinnicht wieder ein, und obwohl er selber bereits einen gelinden Zweifel in die Leistungsfähigkeit der ehrwürdigen, schwarzen Körnlein gesetzt, schlenderte er dennoch durch die köstlich sonnigen Parkwege, bis hin zu der bemoosten Ruine in den alten Anlagen, wo die Vergißmeinnicht auf ängstlich geheimgehaltenem Beetchen zeigen sollten, was sie konnten. Prüfend neigte sich Herr von Welsen nieder. Ein Stutzen, ein scharfer Ruck, und er lag beinahe bor dem Unglaublichen, Entzückenden auf den Knien! Sie kamen! Sie kamen!! Nein, es war keine Täuschung. Zarte, runde Blättchen kämpften sich aus dem losen Erdreich hervor; zwar nicht viele, aber doch einige! Wirkliche, wahrhaftige Vergißmeinnicht! Ein paar Minuten stand der Major wie in seliger Verzückung! Dann wallte es wie Stolz und Triumph in seinem Herzen auf! Sollte er bis nach seinem Spazierritt warten, ehe er diese Nachricht seiner Frau zukommen ließ? Nein, das wäre rücksichtslos, das wäre ein Verbrechen gewesen! Uns dem nächsten Weg zu ihr! Gewiß war sie jetzt in der Küche, es wurden ja schon eifrig Vorbereitungen zur Konfirmation der kleinen Rose getroffen. Übermorgen sollte sie stattfinden, und fraglos kamen viele Gratulanten aus dem Städtchen und der Umgegend. Da wollten Küche und Speisekammer gerüstet sein, und er hatte es ja ganz genau gehört, wie Nora der Mamsell die Treppe herabgerufen hat: »Die Schnepfen, die Bachmann gestern abend geschossen, wollen wir zu einer kalten Pastete verarbeiten, Minchen! Ich komme nachher und helfe dabei!« Der Besitzer von Jeseritz schmunzelte schon im Gedanken daran; im Geschwindschritt durcheilte er die Kieswege, den Gemüsegarten und den daran stoßenden Geflügelhof. Noch eine kleine Biegung um den Seitenflügel des Hauses, und die vergitterten Souterrainfenster der Küche lagen vor ihm. Er donnerte mit beiden Mausten dagegen. »Dora! – Dora!! Bist du hier?!« Das runde, sonst so mild und freundlich wie der liebe Vollmond glänzende Gesicht der Mamsell Minchen kam angstverzerrt zum Vorschein. »Ach Herr Major! Herr Major! Ist ein Unglück passiert?« »Unsinn! Bei solchem Netter kann sich nur Glückliches ereignen! – Marsch, vorwärts! Rufen Sie mal meine Frau her!« Die Mamsell atmete erleichtert auf und legte den Kochlöffel aus der Hand, um sich die Dinger respektvoll an der blütenweisen Schürze zu reiben. Das war ihrer Ansicht nach »gutes Benehmen«. In Gegenwart der Herrschaft durfte kein Mehlstäubchen an den Dingern haften bleiben. »Die gnädige Frau wurde eben nach oben gerufen, Herr Major!« flüsterte sie mit frommem Augenaufschlag, »der Herr Pfarrer ist gekommen und will mit den Damen noch wegen der Konfirmation sprechen!« »So! – Deibel auch!« – Welsen kraute sich halb verlegen, halb unschlüssig in dem vollen Haar: »Da mag ich nicht stören, diese Unterhaltungen sind so mächtig ernsthaft, und wen der kleine Pastor einmal festnagelt, sitzt er hoffnungslos seine paar Stunden im Sessel ab! Na, Mamsell, da bestellen Sie meiner Frau einstweilen: Die Vergißmeinnicht kämen ! Haben Sie verstanden? – Die Vergißmeinnicht kämen! Extra zur Vorfeier von Roses Konfirmation! Ich würde es ihr gern selbst gesagt haben, aber ich bin eilig, will noch ausreiten, hören Sie Minchen? Gleich bestellen! Na, dann backt und bratet mal was recht Extrafeines zusammen! Kleine Schneckenpastete, he?« – Und mit sehr verschmitztem Lächeln nickte er dem wackeren alten Jungferchen zu und stiefelte wie mit Siebenmeilenstiefeln davon – nach dem Wirtschaftshofe, woselbst der prächtige Goldfuchs schon wartete und voll Lenzeslust und Übermut in das Gebiß schäumte. Mamsell Minchen aber stand noch mit offenem Munde und starrte dem rätselhaften Sprecher nach. Wer kommt? Die Vergißmeinnicht? Wer um Himmels willen ist denn das schon wieder? Und gar zu Tisch – so überraschend – erst um zehn Uhr sich anzumelden!! Und dann verlangt der Herr Major noch was sehr feines Gebratenes auf den Tisch? Ei du lieber Gott! Das ist ja eine schöne Bescherung, gerade heute, wo so viel zu tun ist! Und die treue Seele schlug die Hände über dem Kopf zusammen und stürzte davon, Fräulein Salome einstweilen zu benachrichtigen. V. Gnädiges Fräulein! gnädiges Fräulein!!« Salomes Stimme schnappte beim schönsten hohen Ton der ganzen Gnadenarie über: »Robert! Robert mein Geliebter –« wie herrlich hatte sie es geklagt, und nun muß ihr die verdrehte alte Mine einen so unsinnigen Schrecken in die Glieder jagen! Sie fuhr mit den weißen Händchen hoch in die Luft Und schnellte herum. »Grundgütiger!! Was ist passiert?!!« Mamsell preßte beide Hände gegen den Busen, der nur durch die zwei Stecknadelköpfe der Latzschürze markiert wurde, und rang nach Atem. »Auch das noch, gnädiges Fräulein!« stieß sie hervor, »Plätterei ... Kuchenbacken ... großes Reinemachen vom Keller bis zum Boden, und dazu noch unerwartet Gäste zu Tisch, um deretwillen Umstände gemacht werden müssen!« Salome hatte sich schnell erholt. Bei dem Worte »Gäste« ging es sogar wie ein sehr vergnügliches Ausleuchten über ihr Gesichtchen. »Aber Mamsell, ich bitte Sie! Das ist ja doch riesig nett! Wer kommt denn?« »Nett? Herr des Himmels, auch noch nett finden Sie das! Was wird die gnädige Frau sagen!« jammerte Mine fassungslos. »Freuen wird sie sich! Selbstverständlich nur über angenehmen Besuch! So sagen Sie doch nur, wer es ist?« Mine schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht! Der Herr Major sagte: ,Die Vergißmeinnicht kämen!' Wer aber damit gemeint ist, das werden die Damen wohl besser wissen als ich!« »Nie Vergißmeinnicht?« Salome starrte nachdenklich einen Augenblick geradeaus. Dann lachte sie plötzlich laut auf und schlug wie in höchster Lustigkeit die Hände zusammen. »Die Vergißmeinnicht – oh, ich verstehe! Papa nennt die blauen Husaren im Scherze so! Da werden sich wohl ein paar von den Offizieren zur Schnepfenjagd angemeldet haben!« Mit gottergebenem Ausblick nickte die Alte vor sich hin. »Ja, sa, das wird's sein! Die Herren Offiziere! Os waren ja öfters schon Husaren hier! Aber wegen der Schnepfenjagd kommen sie diesmal nicht, der Major deutete an, es sei zur Vorfeier von Fräulein Roses Konfirmation –« »Wie? Zur Vorfeier? – Das ist ja entzückend! Da haben wir doch wenigstens Vergnügen davon –« »Vergnügen von einer Konfirmation!« Mine sah sehr vorwurfsvoll aus – »aber Fräulein Salome, ich denke doch, die Herren werden nur recht feierlich gratulieren und dann wieder nach Hause fahren!« Das junge Mädchen errötete. »Hier denkt man allerdings sehr strenge darüber!« stimmte sie hastig zu, »in der französischen Schweiz und in Frankreich hat man andere Ansichten! Dort wünschen sich die Konfirmandinnen meistens ein Tanzfest zum Abschluß der Feier, denn sie sagen: sie ist doch hauptsächlich dazu da, daß wir von Stund an für erwachsen gelten und uns amüsieren können wie die großen Leute!« »Oh! Oh! –« wehrte Mamsell entrüstet mit beiden Händen ab, »welch eine gotteslästerliche Sünde! Unser Pfarrer erlaubte dermalen sogar nicht einmal, daß wir zur Konfirmation Geschenke erhielten, denn er sagte: Das lenkt den Sinn nur ab, und beschäftigt bei leichtlebigen und flatterhaften Mädchen Herz und Seele lebhafter, als der Inhalt dieser ernstesten aller Weihen! Aber was schwatze ich da! Das gnädige Fräulein wird ja selbstverständlich bei unserer gut deutschen Ansicht geblieben sein und die nichtsnutzigen französischen Sitten ebenso verachten wie wir! Und die Gäste, Fräulein Salome! Die Gäste! Was fangen wir nun an? Gnädige Frau darf ich doch jetzt nicht stören, und selbständig ein Diner bestimmen darf ich doch auch nicht. Wenn das gnädige Fräulein mir nur sagen wollte, was ich Herrichten soll!« »Papa wollte es besonders sein haben?« Salome sah etwas verlegen aus und schien froh, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können. »Gewiß,« jammerte Mamsell – »sogar die Schnepfenpastete will er heute schon!« »Ist sie denn schon fertig?« »Sie kocht und erkaltet wohl noch bis zu Tisch.« »Nun, dann sind Sie ja sein heraus, Minchen! Ein Braten wird doch schon aufzutreiben sein?« »Das Filet ist noch zu frisch und muß bis zu dem eigentlichen Festtag bleiben!« Das sanfte Gesicht der Sprecherin sah sehr energisch aus. »Von dem Suppenfleisch einen Schmorbraten machen, das ginge wohl, ist aber nicht sehr fein.« »Wir haben ja massenhaft Geflügel auf dem Hof!« »Es ist halb zwölf Uhr. Schlachten und rupfen und gleich in die Pfanne? – So frisches Zeug schmeckt wie Leder.« »Aber bestes Minchen, wenn's doch nichts anderes im Hause gibt, dann machen Sie den Schmorbraten und damit basta!« »Ach, gnädiges Fräulein, Sie nehmen die Sache so leicht, aber mein Renommee! Es fällt ja alles auf die Kochmamsell, wenn's nicht gut ist, o und die Herren Husaren, die sind so schauerlich verwöhnt! – Ich werde lieber den Puter nehmen, der auch zur Konfirmation sollte, und dann einen neuen schlachten lassen – und das Rindfleisch mit einer guten Meerrettichsauce und Brühkartoffeln nach der Suppe – dann einen Fisch – Bachmann muß uns Karpfen aus dem Teich schaffen –« »Wird nicht gehen, Mamsell, die müssen doch auch erst hängen!« »Müssen hängen?« »Natürlich! So frisch geschlachtet und gleich in den Topf, da kochen sie sich am Ende auch wie Leder –« Das alte Jungferchen wurde sehr rot im Gesicht und fing an zu husten, zu gleicher Zeit öffnete sich die Tür, und Frau von Welfen trat ein. Der Pfarrer hatte sich heute sehr bald wieder empfohlen, da er noch verschiedene Visiten vor sich hätte. »Die Mama! – Gottlob die Mama!« Frau Dora blieb verblüfft stehen, als sie ihre Älteste und die Wirtschafterin so eifrig im Gespräche sah, und dann beide in vollster Lebhaftigkeit auf sie einstürmten. »Mama! Die Husaren kommen heute zu Tisch! Haben sich eben angemeldet!« jubelte Salome, den letzten Hauch jener sentimentalen Stimmung, in die sie die Gnadenarie soeben noch versetzt hatte, überwindend. »Die Husaren?!« »Ja, die Husaren! Zur Vorfeier der Konfirmation! Gewiß sind sie am Festtage selber verhindert zu erscheinen und wollen heute schon gratulieren.« Frau von Nielsen schien unangenehm berührt. »Wie überflüssig! Ich liebe solch geräuschvolles Feiern und namentlich ein Vorfeiern absolut nicht. – Werde das den Herren auch sagen und sie bitten, von einer Gratulation abzustehen. Rose erscheint heute nicht in Gesellschaft – ich finde es unpassend.« Sie wandte sich zu Mamsell, der die Genugtuung aus den milden, dunklen Augen strahlte. »Wie viele Personen meldeten sich an, Minchen?« »Das weiß ich nicht, gnädige Frau! Davon sagte Herr Major nichts; er wollte nur alles recht sein haben.« »Salome, lauf' einmal zu Papa und frage, wer käme.« »Ach, der Herr Major ist eben fortgeritten!« »Mein Himmel, wie fatal! Es ist doch ein Unterschied, ob man für zwei oder sechs Personen mehr zu kochen hat!« –^ Ärgerlich schritt Frau von Nielsen im Zimmer auf und nieder. »Es trifft sich gar zu ungelegen! – Gerade heute! – Um wieviel Uhr kommen die Herren?« Fräulein Minchen sah wieder sehr verlegen aus. »Davon sagte Herr Major auch nichts!« flüsterte sie kleinlaut und sichtlich erschreckt. »Keine Zeit bestimmt? Wie rücksichtslos! Auf wann soll man da das Essen einrichten?!« »Die Herren kennen ja unsere Tischstunde, gnädige Frau, sie sind immer um drei Uhr hier gewesen.« »Gut – sagen wir also wie stets, um drei Uhr. – Sieh doch mal Salome, ob Papa Tante Sidonie etwas Näheres darüber gesagt hat!« Das junge Mädchen warf spöttisch das Wäschen zurück. »Suche einer Tante Sidonie! Sie hat die große blaue Brille auf und ist mit der Botanisiertrommel auf einer Studienreise!« »Dann sieh, ob vielleicht in Papas Stube ein Brief liegt aus dem wir das Nötige erfahren können! Und wir wollen in der Küche Kriegsrat halten, Minchen. – Salome!!« Die Einteilende blieb auf der Türschwelle stehen. »Mamachen?« »Es wäre mir lieb, wenn du uns heute ein bißchen in der Küche zur Hand gingest, damit die Mädchen erst noch mit dem Reinemachen fertig werden!« Sie wandte sich um, und sah nicht das unwillige, schmollende Gesicht ihrer Tochter, Mamsell aber kicherte ganz leise und flüsterte: »Ach, gnädige Frau! Was hat unser Salomechen für närrische Sachen in der Pension gelernt! Sie will die Karpfen erst ein paar Tage an die Luft hängen, damit sie mürbe werden!!« Eine große, hastige Tätigkeit entwickelte sich im Hause, die Rose nicht verborgen blieb, als sie ihr Zimmer, in dem sie fleißig Katechismus gelernt, verließ. »Ach Fräulein Rose, es kommen ganz überraschend Gäste zu Tisch!« berichtete das Stubenmädchen, wie eine Rasende mit Besen und Eimer über den Korridor stürmend. »Ein paar Offiziere von den Husaren!!« Das war dem Backfischchen unendlich gleichgültig, denn Rose hatte kein Interesse für junge Herren, und man erzählte sich im Nachbarstädtchen mit viel Vergnügen eine kleine Geschichte von ihr, die sich jüngst zugetragen hatte. »Wenn du nun konfirmiert bist, Rose, mußt du bei Tisch erscheinen, wenn Gesellschaft ist« – hatte ihr Frau von Welfen erklärt, »und nächsten Winter bist du siebzehn Jahre alt und wirst als erwachsenes Mädchen zu Spiel und Tanz ausgeführt!« Wie ein Jammerbild mit tief geneigtem Köpfchen hatte es die Kleine gehört und dann tief aufseufzend die Händchen gerungen »ach Mutter! Nächstes Jahr bereits? Warum so bald schon! Laß mich armes Wurm doch erst noch ein bißchen mein Leben genießen!!« Darunter aber verstand sie sehr naiverweise noch ganz andere, bedeutend harmlosere Vergnügungen, wie Spiel und Tanz im Ballsaal – sie war im vollsten Gegensatz zu Salome noch völlig Kind, las weder Romane, noch träumte solche, tollte in glückseliger Ausgelassenheit wie ein junges Füllen in Feld, Wald und Wiese herum, und hätte gegen eine Tüte Bonbons oder eine Marzipantorte das ganze Husarenregiment kaltblütig eingetauscht. Rose dachte an alles andere mehr, denn an Verloben oder Heiraten. Sie fühlte sich über die Maßen wohl und glücklich daheim und hatte oft mit ungestümer Liebkosung der Mutter versichert: »Weißt du, Mama – ich gehe nie von dir fort! Ich bleibe immer und ewig bei dir!« Voll inniger Zärtlichkeit küßte Frau Dora ihr wildes Kind. »Dann mußt du ja eine alte Jungfer werden, meine Rosel?!« Die Kleine lachte, daß die weißen Perlzähnchen blinkten. »Gewiß! Ist das etwa dumm? Im Gegenteil! Mamsell Mine hat auch nicht gefreit, oh, und wie behaglich und wohl fühlt sie sich! Du solltest mal sehen, wie reizend das droben in ihrem Stübchen ist, wie in einem Schmuckkästchen so sauber und schmuck! Friedlich, still, ohne knurrenden und übellaunigen Herrn der Schöpfung, ohne Zigarrenqualm und Kindergeschrei! – ›Nun leb' ich für mich, und kann tun und lassen was ich will!‹ sagte sie, ›und habe keine Sorge und Not!‹ Schon in der Bibel steht's geschrieben: ›heiraten ist gut, aber nicht heiraten ist besser‹!!« Frau von Welfen hatte gelacht. »Um Gottes willen Kind, die Mine wird doch keine Männerfeinden aus dir machen?« Ja, Mamsell Mine war auf dem besten Wege dazu, nicht durch altjüngferliche Verbissenheit oder grünspanige Ansichten das Ewigmännliche in Roses Augen anfeindend, sondern lediglich durch ihr Beispiel wirkend, wie ein tüchtiges altes Mädchen zufrieden und glücklich sein kann, ohne den Ehering am Finger. Und wie die Schwestern in allen Dingen die grellsten Gegensätze waren, so nahm Rose sich in ihrem herbjungfräulichen Herzchen steif und fest vor, niemals die Sklavenketten eines zu dulden, während Salome nur ein heißes Verlangen kannte, so schnell wie möglich Kranz und Schleier zu tragen. Auf die alarmierende Nachricht von dem überraschenden Besuch hin war Rose in vergnügtester Stimmung sofort in die Küche gestürmt. »Mama! Mama! Ich bin noch nicht konfirmiert! Ich kann doch noch bei Miß Howard essen?« – war die erste, sehr eifrige Frage, »Gewiß mein Kind, es ist mir sehr recht.« Salome blickte überrascht auf, und ein beinahe ironisches Lächeln spielte um ihren Mund. Sie begriff dieses Baby nicht. Rose kannte allerdings nichts anderes als die tödliche Langeweile des Landlebens, aber gerade darum hätte man annehmen sollen, sie sehne sich doppelt nach etwas Abwechslung und Amüsement. Wäre es in Lausanne nicht so herrlich vergnügt und interessant gewesen und hätte man Salowe nicht schon völlig wie ein erwachsenes Mädchen behandelt und ihr alle Vergnügungen, sogar ein allerliebstes Tanzfest gegönnt, sie wäre gewiß nicht bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr in Penston geblieben! »Hattest du eigentlich in Papas Zimmer einen Brief mit der Ansage der Herren gefunden?« »Nein, Mama – nicht einmal das Kuvert im Papierkorb! – Sieh mal ... ist der gräßliche Schnee nun bald steif genug?!« – Sie hielt aufseufzend und unendlich gelangweilt, die Schüssel mit dem Eiweiß hin. – Rose warf einen flüchtigen Blick darauf. »Na, ich danke! – Fließt ja noch! Gib mal her ... so macht man das!« – Und sie nahm mit energischem Griff den Drahtbesen und die Schale zur Hand und begann mächtig den Schnee zu schlagen. »Es ist unerträglich heiß hier!« – stöhnte Salome und wischte sich mit dem duftigen Spitzentüchelchen über die Stirn. »Dann will ich dir mal einen guten Rat geben!« Rose machte im Eifer einen Lärm mit dem Schaumbesen, daß man sie kaum verstand, »geh' du hinauf und kümmere dich ein bißchen um das Tischdecken! Wulf ist gewöhnt, daß ich ihm dabei helfe.« Salome warf der Schwester einen sehr dankbaren Blick zu und band hastig die verhaßte Küchenschürze ab. »Ja, das tue ich gern! Namentlich recht hübsch mit Blumen ausschmücken! Darf ich welche aus dem Treibhaus holen, Mamachen? Es sind so herrliche Hyazynthen und Maiglöckchen da!« Frau von Welsen hatte leise aufgeseufzt. Sie nickte mechanisch vor sich hin: »Ja, geh' nur! Ich sehe schon, du willst nichts bei uns lernen, und heute wäre eine so gute Gelegenheit gewesen, tüchtig hier zuzugreifen!« Salome schmiegte sich zärtlich an die Sprecherin und sah ihr mit den großen Veilchenaugen flehend in das Antlitz: »Mutterchen, sei nicht böse!« schmeichelte sie; »es macht mir wirklich gar kein Vergnügen, in der Küche zu stecken – und gegen seine Aversionen kann der Mensch nicht ankämpfen! Was soll ich hier! Du und Mine und Rose seid wirklich drei Fachkünstler ersten Ranges, und ihr werdet viel schneller fertig, wenn ich euch nicht dazwischen herum pfusche! – Adio, mia bella Napoli!« sang sie schelmisch, nickte der kleinen Schwester, die sich mit lust- und eiferblitzenden Augen die weggeworfene Küchenschürze vorband, noch einmal dankbar zu und eilte hastig hinaus. »Salome!!« »Ja!« »Schick' mir sogleich mal Bachmann her! Er muß Karpfen aus dem Teich holen!« »Sofort, Mamachen! – will's besorgen!« – klang es wie ein Echo zurück. In der Küchentür stand Wulf. »Gnädige Frau, ich bitte um die Schlüssel zum Silberspind ... möchte noch ein wenig nachputzen! Für wieviel Personen darf ich decken?« Frau von Welsen zuckte die Achseln. »Ich ahne nicht, wie viele Herren kommen, Wulf! Decken Sie für vier Gäste, stellen Sie aber noch etliche Gedecke bereit, falls mehr Personen kommen.« »Und wie viele Weingläser pro Kuvert?« »Damit warten Sie lieber, bis der Herr Major zurückkommt. Suppenwein, Tischwein und einen Rheinwein zum Fisch gibt es bestimmt; ob Sekt gereicht werden soll, weiß ich nicht.« »Befehl, gnädige Frau!« »Sie hatten sich wohl gerade zurecht gemacht, um in die Stadt zu fahren und die Einkäufe zu besorgen?« »Befehl, gnädige Frau, der Wagen stand schon bereit.« »Sehr ärgerlich. Im ganzen Leben ist mir noch kein Besuch so ungelegen gekommen wie heute.« Frau Dora lief aufgeregt auf den Flur und rief in das Treppenhaus empor: »Marie! Jette! Wie weit seid ihr mit den Salons?!« »Wir machen eben die Portieren wieder auf, gnädige Frau!« klang es aus weiter Ferne zurück. »Werdet ihr rechtzeitig fertig? Sonst holt euch noch die Schmedemann aus dem Dorf zu Hilfe!« »Danke schön, gnädige Frau! Es wird schon gehen!!« Frau von Welsen eilte noch ein paar Schritte weiter den Korridor entlang: »Miß Howard!!« »Yes!« Eine Tür wurde langsam geöffnet, und die blasse, überschlanke Engländerin erschien auf der Schwelle, ein mächtiges Buchzeichen, in das sie die letzten Buchstaben von Roses Konfirmationsspruch einstickte, in der Hand. »Ich habe sehr viel zu tun, gnädige Frau,« sagte sie sehr phlegmatisch in gebrochenem Deutsch: »ich muß beenden diese Geschenk für Rose dear!« »Unmöglich, beste Miß! – Sie müssen mir heute helfen! Wir haben alle Hände nötig! – Oben in den Zimmern Staub wischen! Fangen Sie da an, wo die Mädchen fertig sind!« » Oh yes ... es seien sehr trostlos!« seufzte die Tochter Albions, und Frau Nora verschwand wieder in der Küche. Währenddessen war Salome in ihr Zimmer geeilt, um sich die Hände gründlichst zu waschen und jede Spur, die die entsetzliche Küche zurückgelassen, eiligst zu verwischen. – Schrecklich! Alles roch nach Zwiebeln, Bratendunst und andern greulich prosaischen Dingen – o und die Hitze und der Wasserschwaden! Wie in einem russischen Dampfbad! – Selbstverständlich, die Stirnlöckchen lösen sich gleich auf, und Mehlstaub auf dem Ärmel ... und ein Eiweißspritzer an der Taille! Es ist zum Verzweifeln! Nun muß sie wieder von Kopf bis Fuß neu Toilette machen! Ein Trost wenigstens, daß sie sich zu Tisch doch hätte umziehen müssen! Nein, die Passion der Mama, sie in die Küche zu sperren, ist grauenhaft, und Salome wird alles aufbieten, sich solcher Lehrzeit zu entziehen. Kochen – lächerlich!! Wozu? Heutzutage hat es keine Dame nötig, das ist Aufgabe der Köchin. Und heiraten, ohne die Mittel zu haben, eine ganz perfekte Köchin zu halten? Niemals! Salome ist viel zu sehr als Kind ihrer Zeit erzogen, um es nicht als Hauptbedingung zu erachten, eine gute Partie zu machen! Gefallen muß ihr der Zukünftige freilich auch, aber von der Liebe allein lebt man nicht, das wissen unsere modernen Damen ebensogut wie die Herren. Ein Herz und eine Hütte gehört zu den veralteten Wertherschwärmereien, über die unsere Jugend ebenso spöttisch lächelt, wie man sie zu Anfang des Jahrhunderts mit Tränen der Rührung feierte. Andere Zeiten, andere Sitten, Als Salome durch den köstlichen Sonnenschein, unter Blütenknospen und maiengrünem Gezweig einherschritt, um im Gewächshaus Blumen für den Tafelschmuck zu holen, schaute sie hochaufatmend um sich, wohlzufrieden und froh der Herrlichkeit ringsum, ohne dennoch den wahren Genuß von dieser Schönheit zu haben. So schwärmerisch sie veranlagt schien, und so sehr sie mit tränenschwimmenden Augen wie in Verzückung zum Himmel emporlächelte, wenn sie Wagnernmusik hörte, einen Roman las, oder sonst ein Kunstwerk bewunderte, ebenso ungerührt eilte sie an der zauberhaftesten Frühlingspracht vorüber, denn diese war ja etwas Selbstverständliches, Natürliches und darum macht man als gebildetes Mädchen kein Aufhebens davon. Man hatte sie nur gelehrt, die Kunst und Unnatur anzuschwärmen, und sie tat es, wie es die Dressur verlangte, mit Augen und Gesten, ohne im tiefsten Herzen das zu empfinden, womit sie kokettierte. Während die Vöglein ihre süßen Lieder junger Liebeswonne über ihr zwitscherten, dachte Salome voll brennenden Interesses einzig darüber nach, ob wohl unter den Husaren ein Graf und Majoratsherr sei, schön, vornehm und reich genug, um ihr begehrenswert zu erscheinen – und als sie in dem Gewächshaus hastig und unbarmherzig die entzückenden Blütenzweige abschnitt und mit kühl musterndem Blick erwog, ob sie wohl genug Effekt auf dem Tisch machen würden, kam ihr kein Gedanke: Wie schön sind diese Blumen! Wie berauschend ihr Duft! – Wie groß die Allmacht und Gnade dessen, der sie erschaffen! – Nein, Salome überlegte nur, welche Toilette sie wohl anlegen solle, um sich so vorteilhaft wie möglich einem etwaigen Freier zu präsentieren. Als sie mit dem hochgefüllten Körbchen in den Garten zurücktrat, überlegte sie einen Augenblick, ob es wohl ratsam sei, direkt nach dem Eßsaal zurückzugehen. Wozu, um womöglich wie eine Kellnerin um den Tisch herumzulaufen und decken zu helfen? – Shocking!! – Erstens hielt sie das absolut unter ihrer Würde, und zweitens war es ja lächerlich, Wulf derart zu verwöhnen! Mama und Rose schienen leider das Prinzip zu haben, überall den Dienstboten die Arbeit abzunehmen. In der Pension hatte sie das nicht gelernt, denn es war eine der ersten und vornehmsten Pensionen, in der die jungen Mädchen für das viele von ihnen bezahlte Geld auch völlig als Damen behandelt und von A bis Z bedient wurden. Den Tisch decken! – Lola und Juliette würden ja Lachkrämpfe bekommen, wenn sie so etwas hörten. In Rußland und Frankreich bekümmern sich die Damen nicht um den Haushalt, nur in dem verbauerten Deutschland arbeitete die musterhafte Hausfrau in Reih und Glied mit den Dienstboten! Nein, Salome würde sich nicht zur Sklavin von Küche, Keller und Kinderstube machen – sie würde Geld haben, um Dienste, die sie verrichtet haben will, zu bezahlen. Schnell entschlossen wandte sie sich um und schritt in den Park hinein, um noch eine kleine Promenade zu machen und die Zeit möglichst zu vertrödeln. Wenn sie heimkam, war wohl der Tisch gedeckt. Langsam schritt sie dahin, und das Sonnengold umfloß ihre reizende Gestalt, die so maienfrisch und jung anzuschauen war, und doch eine so alte, angekränkelte Seele, und ein so kaltes, vom Gifthauch der Welt so früh berührtes Herzchen barg. Ihre Gedanken zogen durch das Köpfchen, und kehrten, wie so oft schon, zurück zu jenem Erlebnis in der Eisenbahn, das ihr für lange Zeit den Geschmack am Reisen verdorben hatte! Noch immer verfolgte sie die Erinnerung an die unbeschreibliche Angst, die sie ausgestanden hatte. Noch immer sah sie das Bild ihres Ritters vor sich, dieses Mannes, dem sie ihre Rettung aus größter Gefahr verdankte. Oh, er sollte ja nicht glauben, daß sie ihn nicht durchschaut hatte! – Salome hatte sich alles in Gedanken zurechtgelegt, und war zu folgendem Resultat gekommen. Der Landrat suchte die Spur der Hochstaplerin – durch die Depeschen war ihm Fräulein von Welfen aufgefallen; möglicherweise hatte ihr Äußeres mit dem Signalement übereingestimmt, und er hatte sie lediglich zu sich in sein Coupé »geflüchtet«, um sie desto sicherer überwachen und in Halle verhaften lassen zu können. Durch ihre Lügerei und Renommage hatte sie ihn völlig in seiner Überzeugung, die Verbrecherin vor sich zu haben, bestärkt, und doch ... doch gab er sie frei und rettete sie! Wie kam das, wie war das möglich? ..-«' , Sehr einfach. Er hatte sich in sie verliebt. – Jene große, gewaltige, alles bezwingende Liebe, die den Kriminalbeamten zum Helfershelfer – ihn selber zum Verbrecher machte. – War das nicht Poesie? War das nicht ein Liebesmotiv, um Zola und Tolstoi zu begeistern? Salome berauschte sich stets von neuem an diesem Gedanken, er entzückte sie immer mehr, je öfter sie ihn ausspann. Welche Leidenschaft hatte sie ihm eingeflößt! Was für eine Tat von ihm! Sie, die schöne Sünderin, hatte er gerettet, mit Einsatz seiner selbst, denn wie leicht hätte es ihm Stellung und Ehre kosten können! Daher seine Erregung und Besorgnis in Halle auf dem Bahnhof! Daher sein wundersames Mienenspiel, das Zucken und Arbeiten seiner Züge ... ein Vulkan der Liebe loderte in ihm, das verzehrende Feuer der Leidenschaft, und er bezwang sich wie ein Held, er preßte seine zitternden Lippen nur auf ihre Hände, er reichte ihr nur die Veilchen dar, gleich einem stummen Aufschrei wilder Liebesqual! Wie oft hatte sie solche Szenen in den Romanen gelesen, wie hatte sie sich mit den Freundinnen in solche Situationen hineingeträumt – und nun erlebte sie selbst den großartigsten aller Romane! – Jetzt – ja jetzt, nach glücklich überstandener Gefahr, war es schön, an dieses Erlebnis zurückzudenken, namenlos schön! Aber ein zweites Mal? Salome schauderte, nein, nie wieder! Sie würde sich eher die Lippe blutig beißen, ehe sie sich mit falschem Namen und Titel schmückte! – Sie hatte von dem Landrat gelernt – viel gelernt ... Er, der mit diesen kriminalistischen Sachen zu tun hatte, wußte und kannte die Gefahr, er hatte sie in zartester und taktvollster Weise gewarnt. – Nie wieder ein Abenteuer auf Reisen! Das hatte Salome sich zugeschworen. Künftighin reiste sie grauverschleiert und stumm, auch in dieser Fasson hochinteressant und doch ungefährdet! Das Rätsel der unaufhörlichen Depeschen hatte sich bald gelöst, als jede der drei Tanten schrieb, die andere als namenlos töricht und gedankenlos anklagte und sich selber beweihräucherte, noch rechtzeitig an die und jene Stationen telegraphiert zu haben! Darüber großes Vergnügen in Jeseritz. »Aber Kind! Dann hast du beinahe auf jeder Station dasselbe Telegramm erhalten?« lachte der Major schallend auf. Ja, das mußte Salome eingestehen, aber von ihrem Erlebnis mit dem Landrat von Born verriet sie keine Silbe. Wie sollte sie auch! Hätte sie nicht Tadel, Vorwurf und Spott geerntet? Die Mutter dachte so strenge über derartige Sachen, und außerdem blamierte sich die geistreiche, studierte Tochter nicht gern. Und dann ... wie schön war gerade dieses Geheimnis! Wie interessant, wie zauberhaft Tag und Nacht an »ihn« – den Retter – zu denken. Wo lebte er? – Dachte er noch an sie? – Würde sie ihn je im Leben wiedersehen? – Welch tiefe, wohlige Seufzer der Wehmut, wenn sie sich dumpf und trostlos sagen mußte – nie! Und doch ... die heimliche, stille Hoffnung! Ein Mann, der sich so über alle Begriffe leidenschaftlich verliebte, konnte nie wieder gesunden. Es würde ihn ruhelos durch die Welt treiben, sie zu suchen, zu finden, sie für Zeit und Ewigkeit zu eigen zu nehmen! Welch ein Roman! – Salomes Wangen glühten, wenn sie daran dachte! – War die Gestalt des Landrats nicht auch völlig dazu angetan, die Heldenrolle in jedem Buche zu spielen? Zwar glich er nicht dem Ideal des jungen Mädchens, aber die lebhafte Phantasie schmückte sein Bild mit den glühendsten Farben und machte ihn wohl oder übel zu dem Ritter sonder Furcht und Tadel, wie er so gern in den Köpfen ganz jugendlicher Fräulein spukt. Selbstverständlich hatte sie Lola und Juliette das ganze Erlebnis unter dem Siegel tiefster Verschwiegenheit mitgeteilt, und die Antworten der beiden Intimas hatten sie recht verstimmt. Juliette schrieb etwas sarkastisch: »Wenn er dich so sinnlos liebte, warum benutzte er nicht das Alleinsein mit dir, um dich zu küssen?« ... Als ob unsere deutschen Männer sich derart frech und frivol benehmen würden, wie ihre Pariser Roués, denen die Ehre einer Dame nicht mehr heilig ist! – Oh, Salome würde ihr schon eine geharnischte Erklärung schicken, daß ihr Beschützer ein sittenreiner, göttlich edler Lohengrin gewesen, der zum Schutze der bedrängten Unschuld das Land durchzieht, kein räuberischer Zampa, der als Bedroher der Unschuld erscheint! ... Und weiter schrieb Juliette: »Wenn er sich wahrlich so bodenlos in dich vernarrte, warum folgte er nicht deiner Spur, warum suchte er dich nicht wieder auf? – Non, non, ma petite phantaste – er liebt dich nicht!« – Das war Neid, nichtsnutziger Neid von diesem infamen Franzosending! – Salome hatte den Brief in tausend kleine Stücke gerissen und der Absenderin gegrollt, ihr, die nicht an die Liebe ihres tugendhaften Retters glauben wollte, selber aber vierzehn Seiten lang renommierte, was für zahllose Eroberungen sie schon in dieser Zeit gemacht habe. – Der Teppich im roten Salon sei von all den Kniefällen schon ganz abgenutzt, und ihre petite maman , die sichtbar Alternde, sei voll rasender Eifersucht auf die Tochter, die ihr alle Courmacher abspenstig mache! Lügen! Nichts als gemeine Lügen! Salome war überzeugt, daß Juliette log, aber sie ärgerte sich trotzdem zum Schlagrühren! Und Lola trieb es nicht viel besser. »Ist die Sache so, wie du schreibst, muß er dir nachkommen und dich heiraten oder entführen. Hält er dich für eine Verbrecherin, muß ihn die Leidenschaft derart überwältigen, daß er an deiner Seite mit dir sündigen – oder mit dir sterben will! –- Lies doch Zola! Lies doch Tolstoi oder Strindberg! Kein Verliebter schreckt vor einer Untat zurück. Wenn dein Held dir nicht nachfolgt und dich nicht zu finden weiß, um dem Roman einen würdigen Schluß zu geben, so hast du dir die ganze Sache nur eingebildet! Er ist Gatte – Vater von fünf Kindern, und denkt nicht mehr an dich!« Empörend! Gatte! Vater! – Oh, dieser Gedanke allein war Verrat an ihrer Freundschaft! Sie hatte zwar unter dem Handschuh keinen Trauring erkennen können, aber das ganze Benehmen des Landrats war unverheiratet! Auf jeden Fall unverheiratet! Aber Lola zweifelte aus Mißgunst, sie ärgerte sich, daß sie höchstens von der sehr dämlichen Verehrung des Hauslehrers berichten konnte, der glühende Gedichte verfaßte, während er ihren kleinen Bruder unterrichtete, und sie in einem Blumenstrauß jeden Tag in das Zimmer legte. Für morgen hatte sie ihm endlich ein Rendezvous in der Stube ihrer Jungfer bewilligt. Wie gemein! – Salome war so angeärgert, daß sie das Benehmen der Freundin mit dem richtigen Worte nannte! Nein, so würde sie sich niemals benehmen; lieber sterben. Sie sah aus den Briefen der beiden Mädchen doch klar, welch verderbte Wesen es waren. Die reine, lautere Luft in Jeseritz hatte unbewußt schon gesundend auf sie gewirkt! Sie hatte nicht umsonst wieder in das Mutterauge geschaut, und etwas von dem Geist gespürt, der in dem deutschen Elternhause waltet. Die Entrüstung über die skeptische Auffassung ihres idealen Traumes wirkte ebenfalls heilsam. Sie streift den Nimbus der Unfehlbarkeit von den bewunderten Genossinnen und beleuchtete sie greller und schärfer als zuvor. Aber der Gedanke! »Warum kommt er nicht? Warum folgt er mir nicht nach, wenn er mich liebt?« blieb dennoch als Stachel in ihrem eiteln Herzen zurück. Was hätte sie für sein Kommen gegeben! Nicht weil es eine große, sehnende Liebe in ihr befriedigte, sondern weil es ein unbezahlbarer Triumph für sie sein würde! »Komm! – Komm!! – Komm!!!« rief Salome unwillkürlich in die stille Frühlingspracht hinaus, und horch ... Dort über die Wiese schallt Antwort. Sie preßte die Hände auf die Brust und lauscht atemlos. O bittere Enttäuschung. Mißchen erscheint mit einem riesigen gelben Sonnenschirm. »Gott sei Dank, daß ich Ihnen entdecken hab'! Die Mister Wulf fraien in ein Uansinniges nach the flowers !« Schade! – Sie war entdeckt. Sie mußte nun wohl oder übel heim. Es wurde wohl auch Zeit, Toilette zu machen. Resigniert schritt sie der Engländerin entgegen und folgte ihr schweigend in das Haus. Sie hatte den Landrat gerufen – konnte ihn ihr Gedanke nicht zwingen, wirkte er nicht wie eine Suggestion auf ihn – so liebte er sie in der Tat nicht und dürfte sich nicht wundern, wenn sie nun nicht länger auf ihn wartete, sondern sich – womöglich heute schon – mit einem schönen, reichen Husarengrafen verlobte.   VI. Als die beiden Damen in den Taxusgang, der geradeswegs durch die neuen Anlagen zu dem Herrenhause führte, eintraten, sahen sie eine seltsame Erscheinung, langsamen Schritts vor sich herwandeln. Eine große, grobknochige Gestalt, mit langen, eckigen Armen und ungelenken Bewegungen. Trotz des Prachtwetters waren die dunklen Röcke hoch, sehr hoch sogar, bis zur Wade geschürzt, und gewährten den Blick auf ein paar derbe Männerstiefel. Bei dem Anblick der Jacke konnte man im Zweifel sein, ob sie ein Damenjackett oder eine regelrechte Herrenlodenjoppe repräsentiere, und der breitrandige Kalabreserhut, der bis auf die Ohren herniederschlappte, ließ dennoch erkennen, daß das Haar unter ihm leicht ergraut und kurzgeschnitten war. So war der ahnungslose Beschauer einen Augenblick ernstlich im Zweifel, ob er einen Mann in Weiberröcken, oder ein Weib in Männerkleidern vor sich habe. Salome aber schien diesen wunderlichen Zwiespalt der Natur schon zu kennen, denn sie schüttelte nur in vielsagender Weise den Kopf und seufzte tief auf: »Nun sehen Sie nur, Mißchen! Tante Sidonie vor uns! Es ist himmelschreiend, wie die verdrehte Person einmal wieder aussieht!« » Yes ... die Frau Professor uird uieder botanisiert haben!« nickte die Engländerin, ohne mit einer Wimper zu zucken. »Selbstverständlich! Die Botanisiertrommel klappert ihr ja auf dem Hüftknochen, und wie es scheint, hat sie just ein sehr interessantes Mistkäferchen unter der Lupe! Sie sieht ja gar nicht rechts noch links!« In der Tat, Tante Sidonie verlangsamte die Schritte noch mehr, daß sie beinahe still stand und beugte den Kopf sehr tief über einen Gegenstand, den Salome als Lupe erkannte. »Warum tragen die Frau Professor so vieles Männerzeug auf ihr Körper?« Salome lächelte ironisch: »Weil sie so geizig ist. Kein Händler bietet ihr genug Geld für die Kleider ihres verstorbenen Joannes, darum verkauft sie die nicht – um aber den Motten ebenfalls ihr Recht zu verkürzen, trägt sie die Sachen selber auf!« »Oh! Oh!! Oh!!!«, entsetzte sich Mißchen mit der dramatischen Steigerung einer Lady Macbeth. »Darum? – Ich dachten stets, es seien eine Marotte von übergeschnapptes Blaustrompf!« »Das mag es noch nebenbei sein. Tante Sidonie bildet sich ja ein, in hohem Grade wissenschaftlich gebildet zu sein. Das Werk, an dem sie arbeitet, hat ihr Mann wohl noch begonnen, sie aber will es vollenden und unsterblichen Ruhm damit ernten. Ich bin überzeugt, daß es total verdrehtes Zeug ist – aber besser, sie ist Tag und Nacht damit beschäftigt, als daß sie uns mit ihren tyrannischen Launen quält!« » Dreadful ! – Sie quält Ihnen?!« Salome legte die Hand schwer auf die Schulter der Fragerin. »Sie sind noch nicht lange hier im Hause, Sie ahnungsloser Engel, und kennen die Frau Professor Raitling kaum mehr, als vom Ansehen! – Lassen Sie erst ihr Buch vollendet sein – dann werden Sie mit Entsetzen bemerken, daß Tante Sidonie sich für alles hochgradig interessiert, was sie gar nichts angeht!« »So ist sie ein bösartiges Charakter?« »Mehr als das. Sie hat ihren Mann nicht nur im Leben, sondern sogar noch im Grabe geärgert.« » Bless me ! Das seien uol unmöglich!« »O nein. Hören Sie. Das Ehepaar bewohnte zu Lebzeiten des Professors ein eigenes Besitztum am Bodensee. Eine große, schöne Kastanienallee, die von der Haustür durch die Länge des Parkes führte, war der ewige Streitapfel. Tante Sidonie schimpfte auf die unnützen Kastanien und wollte statt ihrer rentable Obstbäume anpflanzen, Onkel liebte die Kastanien und duldete nicht, daß sie umgehauen wurden. Als er gestorben war, bestellte seine liebevolle Gattin nicht zuerst die Leichenfeier, sondern die Holzhacker, die Tag und Nacht arbeiten mußten, die Kastanien zu fällen. Zu der größten Genugtuung der Frau Professor bewegte sich der Trauerzug durch die baumlose Allee, die schon am nächsten Tag darauf mit Kirschbäumchen bepflanzt wurde. Tante Sidonie hatte nun zwar ihren Willen durchgesetzt, aber es ließ ihr Tag und Nacht keine Ruhe, daß ihr Mann möglicherweise gar nichts von dieser Abänderung bemerke. Sie fürchtete, er lebe nun vielleicht droben im Himmel herrlich und in Freuden und habe weder Zeit noch Lust, zu ihr herabzuschauen. Diese friedliche Seligkeit wollte sie ihm aber doch versalzen. Sie hörte, daß in einem benachbarten Häuschen ein armer Mann, Vater von vielen Kindern, hoffnungslos krank liege. Sie ging zu ihm und nickte ihm huldvoll zu: ›Na, Herr Lorenz, Sie wollen jetzt sterben?‹ – Der Mann seufzte schwer auf. ›Ach Frau Professor, es wird mir nicht leicht! Die armen Kinder! Für mein Begräbnis müssen sie ihre letzten paar Heller noch opfern!‹ – ›Ich will Ihnen einen Vorschlag machen, Lorenz. Ihr Begräbnis bezahle ich, wenn Sie mir dafür einen Gefallen tun wollen!‹ – ›Ach gnädige Frau, sagen Sie schnell, was könnte ein Sterbender Ihnen noch leisten?!‹ – ›Viel. Geloben Sie mir etwas in die Hand. Wenn Sie tot sind, und in den Himmel kommen, suchen Sie sofort meinen Mann auf, und dann bestellen Sie folgendes: ›Eine schöne Empfehlung von der Frau Professorin, und die Kastanienallee wäre abgehauen und Kirschbäume anstatt ihrer angepflanzt!‹ Verstanden, Lorenz? Wollen Sie das bestellen?^ – Der Kranke begriff zwar diesen seltsamen Wunsch nicht, aber aus Liebe zu Weib und Kind gelobte er, den Auftrag Wort für Wort auszurichten. – Tante Sidonie triumphierte. Sie erinnerte ihn noch zweimal an diese wichtige Aufgabe, und Lorenz versicherte noch mit brechenden Augen, er werde sie erfüllen. Als er tot war, fühlte sich Tante Sidonie sehr zufrieden. Sie war zum erstenmal im Leben generös, denn sie bezahlte nicht nur das Begräbnis, sondern beschenkte auch noch die Witwe mit einem Spargroschen.« » Dearest Miß Salome. – Dieser Geschichten seien aber nur ein erfundenes Märchengeschichte?!« Salome schüttelte den Kopf und legte die Hand beteuernd auf die Brust: »Mein Wort darauf, sie ist wahr! Und nun im Laufschritt an ihr vorüber!« Mißchen setzte sich schauernd in Trab, und die beiden Damen huschten eilig an der Professorin vorüber. »Guten Morgen, Tante Sidonie! Wir erwarten heute Gäste zu Tisch!« Die blauen Brillengläser über der scharfen Hakennase hoben sich momentan. »So? Schon wieder mal? Elende Schmarotzer! Ernst sollte ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen, anstatt diese Blutsauger immer wieder zu traktieren!« Weil keine Antwort erfolgte und die Schritte der Davoneilenden verklangen, neigte die Frau Professor das hagere Antlitz wieder zu der Lupe nieder, und schimpfte noch lange Zeit leise vor sich hin. Als sie außer Hörweite waren, mäßigte Salome lachend ihren Schritt. – »Da ging der Sermon schon wieder los! – Geizig bis zur Gemeinheit, dabei aber alle Sonntage in der Kirche und Andacht früh und Andacht abends! – Ich glaube sie tut es nur, damit sie sich in den Himmel hineinbeten und dort ihren Unglücksmann weiter ärgern will!« »Uarum zog sie von das Bodensee ueg?« Salome lachte übermütig auf: »Weil sie zu wenig Freude an ihren Kirschbäumen erlebte! Anstatt der erhofften großen Ernte hatte sie nur Unannehmlichkeiten und Gerichtskosten. Die Kirschen wurden trotz des wachsamen Hundes gestohlen, die jungen Bäume dabei verletzt und zerbrochen, und weil die Frau Professorin in blindem Zorn sofort diese und jene Personen des Diebstahls beschuldigte, wurde sie verklagt und mußte obendrein die gestohlenen Kirschen tüchtig bezahlen. Ich glaube, im tiefsten Grunde ihres Herzens hat sie die Kastanien des Gatten noch oft zurückersehnt. Dann kam noch etwas anderes dazu. Sie verstand es schon damals, sich den Anschein einer sehr gescheiten Frau zu geben, und weil sie ihre Köchin ein paarmal bei verdorbenem Magen erfolgreich mit Salzsäuretropfen, verbrannte Finger mit einer guten Salbe und Wunden mit Arnika behandelt hatte, erfreute sie sich bei den kleinen Leuten der Umgegend bald eines guten, doktorlichen Renommees. Als ihr Mann nach längerer Krankheit starb, blieben sehr viele große und kleine Arzneireste in den Flaschen zurück. Da sie so viel gekostet, konnte es die Frau Professor nicht über das Herz bringen, diese kostbaren Medikamente fortzuschütten. Sie ordnete die Flaschen fein säuberlich, je nach der Menge des Inhalts, stellte sie in den Schrank, und wartete der Kranken, die diese teueren Tropfen »fertig brauchen« sollten. – Da die Krankheit ihres Mannes aber eine recht seltene war, so konnte sie unmöglich darauf warten, bis ein zweiter Fall gleicher Art im Dorfe vorkam. Und so geschah es, daß sie an dem unglückseligen Fischervolk des Bodensees, ohne Ansehen der Person, der Krankheit und der Flasche darauf loskurierte. Einen gebrochenen Arm behandelte sie innerlich mit Vomitivs, der schnelleren Heilung wegen; ein maserkrankes Kind schluckte auf Tod und Leben Eisenpillen, und ein durch eine Augenentzündung geplagter alter Mann wurde mit Chloral und Chinin beinahe unter die Erde gebracht. Sie können sich denken, was für ein Unheil sie anrichtete. Als die Eltern des maserkranken Kindes heimlich doch noch einen Arzt holten und die Kurpfuscherei der Frau Professor ruchbar wurde, soll sie abermals recht fatale Stunden durchlebt haben, vor allen Dingen machte sich ein gewisser Ingrimm der behandelten Patientin so stark bemerkbar, daß die Frau Professor es vorzog, dieser undankbaren Bevölkerung schleunigst den Rücken zu kehren. Wie sie behauptet, verkaufte sie Villa und Anwesen mit großem Verlust, und dadurch rührte sie den guten Vater, ihr ein Unterkommen bei uns anzubieten, bis sie sich ein neues Heim gegründet hätte.« » Oh what Witlessness !!« entsetzte sich Mißchen: »sie gründet in ihr ganzes Lebtag nich'!« »Nein, davon bin auch ich überzeugt. Schon über ein Jahr lang ›schindet sie hier Lokal‹ und denkt nicht an Lebewohl sagen.« »Ihre Handschrift seien so sehr schön, meint die Herr Major?« Salome zuckte die Achseln. »Vater behauptet, es stehe so viel Gutes darin zu lesen, aber ich glaube, er versteht noch nicht genug davon, oder verstand es damals noch nicht! Denn was nützen mir die herrlichsten Charaktereigenschaften, wenn sie nur in den Buchstaben aber sonst nirgends bemerkbar sind?!« Die jungen Damen waren vor der Freitreppe angelangt. Rose kam ihnen mit glühendem Gesichtchen entgegengelaufen. »Aber Salome, wo um alles in der Welt bleibt ihr! Es ist ja die höchste Zeit! – Gib schnell die Blumen her, ich werde die Tafel schmücken, und du gehst schnell hinauf und ziehst dich um, oder willst du dieses Kleid anbehalten?« »Dieses Kleid? – Ich sterbe lieber! – Gäste im Hause und ein solches Fähnchen?! Nein, petite , ich weiß, was man der Erziehung einer Lausanner Pension schuldig ist! – Hier die Blumen! Du bist ein Engel, Rose, wenn du sie arrangierst! Wo ist Mama?« »Zieht sich auch an, und will dann oben in den Salons fertig Staub wischen, weil sie Miß Howard nach dir schicken mußte. Auch ist sie in allen Zuständen, weil Papa gar nicht wieder kommt, und der Wein herausgegeben werden muß!« »Mein Gott, wie regt ihr euch alle wegen dieser paar Gäste auf!« lachte Salome sorglos! »Laßt sie doch kommen! Verhungern werden sie ja nicht gleich, wenn es ein Stündchen länger dauert!« »Nein, das nicht, aber bedenke, welch eine Blamage für eine Hausfrau! Und heute trifft sich alles hier sehr ungünstig, weil wir gar keine Hilfe in der Küche hatten!« »Ja, ja, deutsche Hausfrauen!« lachte die Schwester abermals, und diesmal ein klein wenig spöttisch. »Aus lauter Pedanterie macht ihr euch das Leben schwer! Ich quäle mich mal nicht so ab, als Hausfrau!« und trällernd schwebte sie die Treppe empor. »Qui Pomelette je vous jure, je suis très fin de nature!« Ja, sie war sehr fein und sehr anspruchsvoll aus der Pension zurückgekommen, das fand selbst Rose, aber es paßte gut zu der Elfengestalt des reizenden Mädchens, und Rose war weit davon entfernt, ihr einen Vorwurf zu machen. Herr von Welfen war währenddessen langsam fürbaß geritten. Über ihm jubelte und zwitscherte es in blauer Luft, um ihn her dufteten Wald und Heide, und der Weg lag so lockend im Sonnenglanz vor ihm, daß der Major gar nicht merkte, wie weit er ritt. Als er endlich auf einer kleinen Anhöhe hielt, lag das kleine, nachbarliche Provinzialstädtchen in der Talebene vor ihm. Die Husarenschwadron hatte auf dem Maß vor dem Tor exerziert, man sah Roß und Reiter wie zierliches Puppenspielzeug aus der Ferne zurückkehren, um in der Kaserne zu verschwinden. Die Turmuhr schlug die Mittagsstunde, und Herr von Welfen überlegte, ob er wohl hinabreiten solle, einen Blick in das Frühstückslokal zu werfen. Um diese Zeit war es dort am amüsantesten. Die Offiziere kehrten ein, der reiche Fabrikbesitzer pflegte sich zu ihnen zu gesellen, der neue Landrat und der Assessor wohl auch. In einer Viertelstunde war er drunten. Welfen ruckte die Zügel an und ritt einen munteren kleinen Trab – es war ihm so vergnüglich zumute, und er freute sich darauf, einmal wieder mit der lustigen Gesellschaft drunten plaudern zu können. Und er fand alle, die er erwartet hatte, außer dem neuen Landrat, von dem kein Mensch wußte, wo er stecken mochte. Man hatte sich lange nicht gesehen, und man schwatzte sich fest. Der Major hatte viel zu erzählen, ein Thema, das die beiden Leutnants und den Assessor besonders eifrig anregte, die lange mit Interesse erwartete Heimkehr Salomes betreffend. Gott sei Dank, eine junge Dame in der Nachbarschaft! Welch ein anregendes, herzerfreuendes Ereignis! »Wann dürfen wir unseren Besuch machen, Herr Major?« fragte Herr von Warneck, sein blondes Schnurrbärtchen zwirbelnd und melodisch die Sporen unter dem Stuhl zusammenklingend. »Wenn Nose konfirmiert ist, meine Herren!« »Dürfen wir dazu gratulieren kommen, Herr Major?« »Am nämlichen Tage nicht, Kinder, das kann meine Frau nicht leiden. Freitag ist Konfirmation, Sonntag wollen wir's zusammen feiern!« »Bravo, am Sonntag! – Gibt's ein größeres Fest, Herr Major?« »Fein mittel!! Ihre Herren Kameraden von der vierten Schwadron in Miltitsch werde ich selbstverständlich auch einladen.« »Sehr liebenswürdig, Herr Major. Die armen Kerle versauern geradezu in dem Heckennest, und der Gutsverkehr ist zur Zeit auch sehr mäßig. Neulich sagte der Rittmeister sowieso schon, sie wollten nächstens mal bei den Herrschaften in Jeseritz einfallen!« »Haha! Der kleine Damenfreund hat auch schon von der Ankunft Ihrer Fräulein Tochter gehört!« »Da halten ihn keine zehn Pferde mehr daheim!« »Lassen Sie die Herren nur antreten, sie sind uns jederzeit willkommen! Und je eher der Rittmeister meine Salome sieht, desto eher ist er von seiner Passion für Damen kuriert!!« Der Sprecher schmunzelte, als er es sagte, und ein lautes Hallo versicherte ihm das Gegenteil, eine Opposition, die ihm außerordentlich zu behagen scheint. Wie der Kater im Sonnenschein saß er vor seinem Weinglase, und das pfiffige Gesicht, mit dem er die Achseln zuckte und den Herren stumm Bescheid tat, hatte etwas so geheimnisvoll selbstbewußtes, daß Leutnant von Warneck seine Hand in das Feuer legen würde, aus Überzeugung: »Fräulein Salome muß bezaubernd sein!« Der Landrat kam immer noch nicht, aber anstatt seiner erschien der Wirt und überreichte dem Herrn Assessor ein Billett. »Aha! – Doch noch eine Nachricht von Born!« nickte er eifrig. »Sie gestatten, meine Herren?« und das steife Kuvert knisterte unter seinen Fingern und fiel auf den Tisch. Mechanisch griff Herr von Welfen danach und warf einen schnellen Blick darauf. Um seine Lippen schlich sich ein eigenartiger Zug von Spannung und Interesse. »Eine ruhige, klare, sympathische Schrift!« bemerkte Warneck, ebenfalls einen Blick auf die geschriebene Adresse werfend: »Es ist in unserem nervösen Zeitalter wirklich eine Seltenheit, noch eine leserliche Männerschrift zu finden!« »So? Klar ... sympathisch ... ruhig?« murmelte der Major, und ein beinahe ironisches Lächeln bewegte seine Schnurrbartspitzen, »was Sie nicht sagen, lieber Warneck!« »Ah richtig! Herr Major sind ja Graphologe!« rief der gegenübersitzende Premier von Elten mit etwas nasaler Stimme und nahm jählings die Zigarre aus dem Mund, als müsse er alle Aufmerksamkeit auf diese eine Tatsache konzentrieren. »Es würde höchst interessant sein, ein kleines Urteil über den Landrat zu hören! Herr Major haben die Güte, den Charakter nach der Schrift zu deuten! Wir bitten inständigst darum!« Alle rückten eifrig näher, und der Assessor schob lachend den Brief herzu. »Noch mehr belastendes Aktenmaterial!« rief er lustig, »es stehen absolut keine Geheimnisse in diesem Brief, meine Herrschaften, lediglich eine Entschuldigung, daß Born heute nicht in unserer Gesellschaft essen kann, er hat Fahrten über Land. – Also, verehrtester Herr Major – wir sind ganz unter uns, und ein altes Wahrwort sagt bereits: ›Der Abwesende hat immer Unrecht‹!« Welfen griff hastig nach dem Briefbogen, und sein scharfer Blick überflog die großen, leicht hingeworfenen Zeilen. Voll ungeteilter Aufmerksamkeit hingen aller Blicke an seinem Antlitz. Der Assessor stieß den Premierleutnant unvermerkt mit dem Fuße an und blinzelte ihm vielsagend zu. Der Ausdruck in den Zügen des Majors war nicht gerade vielverheißend. Er sagte aber nichts, sondern nickte nur leise pfeifend vor sich hin und kraute sich momentan in dem dichten, leicht ergrauten Haar. »Nun, Herr Major?« erinnerte Elten gespannt. »Ja, meine Herren –« Welfen machte eine längere Pause und wiegte das Haupt unschlüssig hin und her: »Das Urteil über den Charakter dieses Briefschreibers ist nicht so einfach, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es kommen da mancherlei Resultanten, mit der ihnen zukommenden, speziellen Synthese in Betracht, die sich nicht so ohne weiteres feststellen lassen. Muß mir das Skriptum noch mal in aller Ruhe und unter der Lupe ansehen! Darf ich den Brief mal mitnehmen, lieber Assessor? Sie erhalten ihn morgen wohlbehalten zurück!« »Selbstverständlich, Herr Major! Bitte, behalten Sie ihn zum Eigentum, falls er eine interessante Studie ist!« »Aber etliche ›Schlager‹ können Sie doch auch so schon lesen, Herr Major? So ein paar Haupttugenden oder hervorstechende Laster, die gleich auf der Hand liegen?« beharrt Elten. »Hm ... hier, die große, gleichmäßig starke Schrift drückt zum Beispiel Stolz aus –« »Stolz! – Sehr stolz! – Stimmt!« jubelte es Antwort. »Die sehr geradlinige Schrift deutet auf Unbeugsamkeit!« »Hahahaha! – Also halsstarrig wie die Niobe bei der dritten Schwadron!!« »Hier – dieser Haarstrich –« Welsen tippte eifrig auf die Anfangslinie eines Buchstabens, »wenn er so schroff und gekrümmt ist wie hier, so läßt das auf Widerspruchsgeist schließen!« Schallendes Gelächter. »Großartig! Sie photographieren ihn, Herr Major!« jubelte Elten mit blitzenden Augen, während Warneck sich harmlos naher beugte und den Kopf schüttelte. »Das hätte ich diesem schönen, eleganten Schnörkel niemals angesehen!« »Sie sind ein sehr schönheitssinniger und ideal veranlagter Mann, lieber Warneck!« spöttelte der Premier, »aber kein Graphologe!« »Weiter, Herr Major! Bitte weiter!« Welfen wandte sich mehr gegen das Licht und runzelte mit großer Wichtigkeit die Stirn. »Hang zu kritischem Tadel und beißendem Spott, mit einem Worte – Kampfeslust!« »Sapristi! Der muß ja ein allerliebster und sehr empfehlenswerter Ehegatte werden!« lachte Elten scharf auf und legte vielen Ausdruck in das Wort Ehegatte! »Ja, ja, der Mann ist ein Blender. Äußerlich hat er sehr viel Gewinnendes, aber bei dem Herrn Major nützt ihm das nicht viel, der schaut tiefer und prüft Herz und Nieren!« stimmte der Assessor höflich bei, was ihm einen sehr wohlwollenden Blick seitens des Graphologen eintrug. »Hier – diese aufrollende Kurve –« fuhr Welfen mit beinahe vernichtender Wucht fort, »bedeutet Anmaßung und Eitelkeit!« »Hm ... hm ... großartig, Herr Major! Ich bin einfach starr, wie es möglich ist, derartig treffende Urteile aus ein paar Buchstaben herauszulesen!« »Aber lieber Elten – ich habe wahrhaftig noch nicht bemerkt, daß der Landrat anmaßend oder eitel sei!« wagte Warneck schüchtern einzuwerfen. Drei eisige Blicke der Verachtung trafen ihn. »Bei Ihrer Jugend kann man noch kein Menschenkenner sein, lieber Leo!« verwies Elten mit beinahe mitleidigem Lächeln, »und uns gegenüber hat Born wenig Gelegenheit, all die schönen Charaktereigenschaften zu enthüllen, die unser hochverehrter Gönner hier so treffend andeutet. Ich habe jedoch Menschen gesprochen, die den Landrat seit Jahren genau kennen und ihm – kaum glaublich, aber wahr – dieselbe Konduite ausstellten, wie wir sie soeben bestätigt hören. – Bitte weiter, bester Herr Major, diese neue Wissenschaft mit ihren eklatanten Beweisen interessiert mich ganz ungemein! So lebhaft, daß ich den dringenden Wunsch empfinde, Ihr sehr gelehriger Schüler zu werden!« »Ausgezeichnet! Brillante Idee!« lobte Welfen schmunzelnd. »Ja, lieber Elten, es gibt nur eine Wissenschaft der Zukunft – und das ist die Graphologie! Welch eine Errungenschaft für die Kriminalistik! Welch ein Verbrecher vermöchte noch Versteck mit uns zu spielen! Ein paar Zeilen von seiner Hand, und sein Charakter liegt so klar an der Sonne, als ob er die umfassendste Beichte abgelegt hätte!« Der Major war bei dem Thema angelangt, das seine leicht erregbare Natur geradezu entflammte. Wehe demjenigen, der zu widersprechen wagte! Er bekämpfte ihn auf Leben und Tod, und was anfänglich nur ein interessanter Zeitvertreib für ihn gewesen, machten Eitelkeit und Hartnäckigkeit zu einem Steckenpferd, das er mit dem Feuereifer des Dilettanten und der krakeelerischen Anmaßung des Selbstbewußtseins ritt. »Nicht nur für die Kriminalistik, sondern für jedwedes private Leben von äußerster Wichtigkeit!« stimmte Elten eifrig bei. »Denken Sie lediglich an den einen Fall, Herr Major! Ein Vater will seine Tochter verheiraten! Er steht einem Freier gegenüber, der ihm persönlich noch recht unbekannt geblieben, was ja bei Verlobungen in Bädern oder der Residenz sehr oft der Fall ist. Der pflichtgetreue Vater will sein Kind selbstverständlich nur einem Manne anvertrauen, dessen Charakter ihm volle Garantie für das Glück des Lieblings bietet. Wie aber soll er den Zukünftigen erforschen? Lob oder Tadel der guten Freunde sind selten maßgebend, es sprechen da so viele Einflüsse mit, die das Urteil nicht unparteiisch ausfallen lassen. Also was tun?! – Ein Mann wie Sie, Herr Major, ist in diesem Falle jedweden Skrupels überhoben, er entlockt dem Freier ein paar Zeilen und sieht sich den Mann in aller Behaglichkeit an, nicht nur wie er scheint , sondern wie er in Wahrheit ist !« Welfen nickte sehr wohlwollend und zustimmend. Diese Idee schien ihm sehr trefflich und beachtenswert, er selber war merkwürdigerweise noch gar nicht auf den guten Gedanken gekommen. Warneck aber rückte seinen Stuhl näher zu dem alten Herrn heran und räusperte sich. Der Blick seiner treuherzigen Kinderaugen hing unverwandt an den Zeilen des Bornschen Briefes. »Und die Schrift sieht so nett und angenehm aus!« fuhr er freundlich fort, »viel zu originell, um lauter böse Eigenschaften zu enthalten! Lesen Sie denn gar nichts Gutes aus ihr heraus, Herr Major?« Welfen nahm den Brief wieder zur Hand. »Etwas Gutes ... hm ... wollen mal sehen –« »Nun, so hervorragend können die guten Eigenschaften wohl gerade nicht sein, wenn man sie erst mit dem Vergrößerungsglase suchen muß, während die weniger empfehlenswerten Charakterzüge so offen auf der Hand liegen!« spottete Elten scharf, und seine grauen, schmalgeschlitzten Augen sandten keinen allzufreundlichen Blick nach dem »jüngsten« Leutnant hinüber, der so unbequeme Fragen tat. »Lieber Elten – Sie sind dem Landrat nicht sehr grün gesonnen!« lachte Warneck harmlos. »Seit Sie nicht mehr allein hier in Feldheim Löwe des Tages sind, bekämpfen Sie den Nebenbuhler mit Feuer und Schwert!« »Mit seinen eigenen Schriftzügen!« zuckte Ellen lächelnd die Achseln– aber sein Lächeln hatte etwas Fatales. »Kleiner König Salomo! Ihre Weisheit ist so verblüffend, und ich würde mir selber leid tun, wenn ich an sie glauben wollte. Ich gönne dem Landrat alles Gute, sogar die besten Kardinaleigenschaften, die man sich denken kann; finden Sie keine, Herr Major? Noch immer nicht?« »Die Seitenränder des Briefes lassen auf viel Gefühl für das Schöne schließen –« »Für die Schönen , Herr Major! Hahahaha!« »Und die geraden Gedankenstriche zeugen von Positivismus und Redlichkeit –« »Pst! – Man kommt!« »Ah ... nicht vor Zeugen –« und Welfen schob den Brief schnell in die Brusttasche und wandte den Kopf, um nach der Wanduhr zu sehen. »Potzwetter, schon ein Uhr durch!« murmelte er, »die höchste Zeit, daß ich heimkomme!« Er erhob sich und begrüßte die neueintretenden Herren, sich gleichzeitig von seiner kleinen Tischrunde verabschiedend. Elten war die verkörperte Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit. Er hastete zur Tür, um nach dem Pferd zu rufen, und geleitete den alten Herrn persönlich bis auf die Straße. »Wenn Herr Major gestatten, komme ich einmal allein nach Jeseritz heraus, um graphologische Studien zu machen!« bat er sehr höflich. »Famos – kommen Sie sooft es Ihnen paßt! Ich werde sehr gern Ihr Instrukteur sein!« »Ich werde mir auch gestatten, an den Rittmeister nach Mititsch zu schreiben, daß der Besuch der Herren vor der Konfirmation nicht erwünscht ist!« »Können Sie machen, lieber Elten! Sehr nett von Ihnen, besten Dank! Na – und Sie kommen trotzdem schon bald einmal heraus! Wissenschaftliche Studien entschuldigen und gehen die Namen gar nichts an! – Auf Wiedersehen, Verehrtester! Gott befohlen!« Die Sporen Eltens klangen zusammen, und sein wohlfrisiertes, aschblondes Haupt neigte sich tief respektvoll zur Brust – dann sah er dem langsam Anreitenden nach, bis er in der schmalen Seitenstraße entschwand, und ein behagliches Lächeln spielte um seine Lippen wie bei einem Menschen, der mit sich selbst zufrieden ist. VII. Herr von Welfen ritt langsam durch die sauberen Straßen von Feldheim, freundlich und guter Dinge, nach allen Seiten nickend und grüßend, hie unb da ein paar heitere Worte zurufend, oder für eine Minute das Pferd anhaltend, um eine Frage in irgendein Fensterlein empor oder an einen Vorüberschreitenden zu richten. Feldheim verkörperte die Vorstellungen von einem kleinen Landstädtchen. Hübsche, breite Straßen, niedere Häuschen mit spitzem, rotem Ziegeldach, weißen Mullgardinen an den Fenstern und prächtig blühenden Stöcken hinter den Scheiben – zwischen den Gebäuden die grünen Gärten oder breiten Tore, die den Einblick in einen Ökonomiehof gewähren, und aus dem friedliche Hühnerscharen strömen, das Gras zwischen den Pflastersteinen abzuzwicken. Das Pflaster war die schlimmste Eigenschaft von Feldheim. Ein poetisch angelegter Husarenleutnant hatte einst eine, längere Dichtung über diese, seine neue Garnison verfaßt, aus der namentlich eine Strophe sehr populär wurde: »Doch das größte deiner Laster, Feldheim, ist dein Straßenpflaster!« eine unleugbare Tatsache, die den Bürgermeister zu Selbstmordgedanken veranlaßt haben sollte. Kaufläden gab es ausreichende und gute – auch zwei Gendarmen und ein Nachtwächter sollten existieren, doch behaupteten böse Zungen, der letztere wäre noch weniger zu sehen als die ersteren. Um zehn Uhr abends tutete es allerdings alle Schaltjahre einmal durch die Straßen von Feldheim, doch behauptete der schlaftrunkene Provisor, der einmal bis zehn Uhr gewacht hatte: das mantelverhüllte Etwas, das nachtwandelnd über den Marktplatz geschritten sei, wäre des Nachtwächters Claus Schwiegermutter, die vereidigte Hebamme gewesen, die einen Gang zu einer Wöchnerin dazu benutzt habe, für die Sicherheit Feldheims zu wachen. – Das war praktisch und bequem, und die Feldheimer Bürger lächelten im Traume, wenn sie das Horn hörten und dachten schadenfroh: »Aha – der Klapperstorch ist bei der Müllern oder Bäckern eingekehrt!« Wozu sollte auch der alte Claus so unnütz seinen Schlaf opfern! Es passierte ja nichts in Feldheim. Die zweite Husarenschwadron lag in Bürgerquartieren, da sich die Kaserne nicht als groß genug erwiesen, um alle Jünger des Mars aufzunehmen. Die Kaserne war nicht etwa eigens für das Militär erbaut, wie ahnungslose Reisende im ersten Moment zur Schamröte der Stadtväter annahmen, sie war nur aus dem alten »Kloster« hergerichtet, denn Feldheim hatte in grauer Vorzeit gute Tage gesehen und war die Residenz einer verwitweten Herzogin gewesen, deren frommer Sinn das Kloster gestiftet, und deren Schlößchen »Fasanerie« noch eine Zeitlang später als Schmollwinkel für fürstliche Herren und Damen diente, die die kleine Residenz durch längere Abwesenheit strafen wollten. Aus jener Zeit stammten auch noch ein paar altherrschaftliche Häuser, die nunmehr zum Landratsamt oder zur Kanzlei geworden waren, oder in welchen verheiratete Offiziere Wohnung genommen hatten. Die Fasanerie stand unverändert altersgrau und verstaubt in ihrem urwaldähnlichen Park, und die weißhaarige Kastellanin saß hinter den bleiverschnörkelten Fenstern und spann einsam den Faden, wie die Schicksalsnorne, die geheimnisvoll ihres Amtes waltet. Nur am Geburtstag des Landesfürsten stand es den Offizieren und Honoratioren des Städtchens frei, mit ihren Damen in der Fasanerie zu tanzen, ein eigenartiges Fest, an dem sich auch die Gutsbesitzer der Umgegend zu beteiligen pflegten. Die Geselligkeit in Feldheim war nicht groß, aber sie wurde auf die Güter und die naheliegende Infanterie-Garnison ausgedehnt, und wenn auch neu nach dort versetzte Offiziere voll Verzweiflung stöhnten, es sei in Feldheim zum Rasendwerden langweilig, so hatte doch auch dieses Landstädtchen seine Freunde und Gönner, die ihm die eigenartigen Reize seiner schönen Umgebung und seine göttliche Ungeniertheit nachrühmten. Herr von Welfen war nicht nur in dem ersten Hotel »Zum Fürsten Adolph«, das sich durch vortreffliche Frühstücksstube auszeichnete, bekannt, sondern überall, bei groß und klein, soweit ein Feldheimer Häuschen stand. Grüßend und nickend ritt er fürbaß, und als er wieder in den Wald einbog, der seine knospenden Zweige und die ehrwürdig rauschenden Tannen über ihm im sonnigen Frühlingsglanz badete, ging es ihm so recht durch den Kopf, was Elten soeben gesagt und angeregt hatte. Ja, er wollte seine künftigen Schwiegersöhne erst prüfen und kennenlernen, ehe er ihnen Jawort und Tochter gab! – Und darum sollten sie erst eine Probe ablegen, wie weiland die Ritter ihren Mut und Edelsinn betätigen mußten, ehe ihnen holder Lohn ward. Heutzutage gab es kein Kämpfen gegen Lindwurm und Mohrenfürst, sondern eine ganz einfache, kleine Schriftprobe genügte, um zu erforschen, was Gutes und Schlechtes an dem Manne war. Daß die Schrift des Landrats keine allzu glänzenden Eigenschaften aufwies, konnte sich der Major schon im voraus denken. Er hatte keine sehr große Vorliebe für Herrn von Born, denn dieser gehörte zu den Menschen, die Herrn von Welfen zu widersprechen wagten und ihre Ansichten obendrein zu Sieg und Ehren durchfochten. Für einen cholerisch veranlagten Herrn, wie den Besitzer von Jeseritz, war solch ein Verkehr recht unerquicklich. – Das Bataillon des Majors hatte isoliert in einer kleinen Garnison gestanden; er war dort oberster Befehlshaber und Beherrscher aller Reußen, und dienstlich wie gesellschaftlich war seine Ansicht maßgebend gewesen. Dadurch hatte er sich ein etwas tyrannisches und rechthaberisches Wesen angeeignet, was in der Oberbefehlshaberstellung eines Gutsherrn eher noch gefördert, als gemildert wurde. Herr von Born wagte es als erster, ihm in manchen Dingen zu opponieren, mit jener lächelnden, stets liebenswürdigen Schlagfertigkeit des geistig Überlegenen, die den Gegner an versetztem Ingrimm die Wände hochgehen läßt. »Der Kerl hat eine verfluchte Manier, einen zu bevormunden!« brauste er oft auf, wenn Frau Dora die Kenntnisse des neuen Landrats pries, der schon in vielen Dingen sehr günstig und geschickt dem alten Schlendrian den Garaus gemacht hatte und im Interesse der bedrängten Agrarier manchem Übelstand abzuhelfen gedachte. Ja, der Landrat wollte immer das Richtige, und das verdroß Herrn von Welfen am meisten, weil er sich steif und fest einbildete, von allen Dingen mehr zu verstehen als andere Leute. Es war zu kleinen Reibereien gekommen, die von seiten Borns stets mit größter Ruhe und Liebenswürdigkeit im Keim erstickt wurden, im Herzen des Majors aber einen nagenden Groll zurückließen, der sich bei jeder Gelegenheit gern Luft machte. So war eine kleine Geschichte passiert, die viel Anlaß zu Gelächter gegeben und dem Landrat, der erst seit dem Monat Februar seinen Posten in Feldheim bekleidete, viele Neckereien eingetragen hatte. Die obligate Frühlingsüberschwemmung hatte die Gegend heimgesucht, und Herr von Born verlangte in einem Artikel des Lokalblattes von den umliegenden Rittergütern Hilfe und Unterstützung für die Notleidenden der bedrängten Stadtviertel. Da erschien andern Tags eine kurze, herrlich poetische Antwort in demselben Blatt, die folgendermaßen lautete: »Mein lieber Herr von Born Von hinten und von vorn, Sind wir, die Landgenossen, Vom Wasser selbst umflossen!« Ob Zufall, oder heitere Absicht – die Interpunktion des Verses war unrichtig; nicht nach Schluß der ersten – sondern erst nach Schluß der zweiten Zeile stand das Komma – was Wunder, wenn man nun in Stadt und Dorf den neuen Landrat nie mehr anders nannte als: »Mein lieber Herr von Born von hinten und von vorn!« Am meisten lachte der Betroffene selbst darüber, denn er hatte viel Sinn für Humor und war überzeugt, daß der Dichter unfreiwillig diese Komik geliefert hatte. Auch war er eine viel zu liebenswürdige Natur, um einer Spitzfindigkeit fähig zu sein und die Sache als Beleidigung aufzufassen. Daß Herr von Welfen der gottbegnadete Lyriker gewesen, pfiffen bald die Spatzen auf dem Dach, und als beide Herren sich das nächste Mal wieder im Frühstückslokal begegneten, ging Born mit ausgestreckten Händen auf seinen Gegner zu und rezitierte lachend: »O möchte treu das feuchte Element dir bleiben, Daß nicht Agrarierstürme auf dich reiben – Will's rettend nicht am Reichstagshimmel blitzen, Kannst auf dem Land du bald recht – trocken sitzen!« Reim gegen Reim! Man lachte über diesen letzteren Reim ebenso vergnügt, wie über den ersten; Herr von Welfen aber sah in der Anspielung auf den Notstand der Landwirtschaft eine hämische Schadenfreude, und das diente nicht dazu, seine inneren Gefühle für den Spötter zu besänftigen. Äußerlich lebte man selbstverständlich in gutem Einvernehmen, denn die Verhältnisse waren zu klein und die Elemente der Gesellschaft zu sehr auf sich angewiesen, um Spaltungen und Zwietracht ertragen zu können. Schon die andern Herrn sorgten für den versöhnenden Ausgleich, und Frau von Welfen, die der ritterlichen Erscheinung Borns stets sympathisch gesonnen gewesen, war eine nicht zu unterschätzende Vermittlerin zwischen dem Gatten und dem wohlgemuten Widersacher. Daß die Besuche Borns unter obwaltenden Verhältnissen aber zu Seltenheiten in Jeseritz gehörten, war selbstverständlich, und da Frau Nora das leicht erregbare Gemüt ihres Mannes kannte, vermied sie es, den Namen Born mehr als notwendig zu nennen. Mit eitel Genugtuung erfüllte es nun den einsam dahinreitenden Major, den verhaßten Herrn mit seinen eigenen Waffen, d.h. mit seiner eigenen Handschrift geschlagen zu haben. Er hatte ihn entlarvt und so, wie er den vortrefflichen Elten kannte, würde der nicht ermangeln, die üble Charakterzeichnung des Landrats unter der Hand in allen maßgebenden Kreisen zu verbreiten. Tat er ihm Unrecht damit? Nicht im mindesten! Daheim lagen elegant gebunden die Werke der berühmtesten Graphologen, er brauchte die betreffenden Stellen nur aufzuschlagen, um die Zweifler an der Hand anerkannter Meister von der Wahrheit des Gesagten zu überzeugen. Dieser Gedanke erfreute ihn ungemein, und lustig das schöne Marschlied pfeifend, das ehemals seine Grenadiere hinter ihm gesungen, ruckte er die Zügel an und trabte durch Gottes Frühlingsherrlichkeit der Heimat zu. Schon von weitem ragte der stumpfe Turm des Gutshauses über die Parkbäume empor. Der Major hob überrascht das Haupt und blickte mit zusammengekniffenen Augen aufmerksam nach dem runden Fensterchen unter dem Schieferdach. Täuscht er sich? Nein, eine Stange schob sich langsam daraus hervor und entrollte die Fahne, er sah es deutlich, der Wind hob sie just empor, und die weißroten Wappenfarben leuchten im Sonnenschein. Inmitten, wie ein dunkler Punkt, prangte das Schild, das die fleißigen Hände seiner Frau und seiner Jüngsten während der langen Wintertage hineingestickt hatten. Die Fahne wehte nur an Sonn- und Festtagen vom Turm, oder sie begrüßte freundlich die Gäste, die in Jeseritz erwartet werden. Heute war weder ein besonderer Feiertag noch waren Einladungen ergangen – kam trotzdem Besuch? Hm, womöglich die Miltitscher Husaren. Elten meldete sie ja gewissermaßen an. So gern Herr von Welfen für gewöhnlich Gäste bei sich sah, heute kamen sie ihm doch ein wenig ungelegen, denn der Ritt und die Frühstücksstunde hatten ihn etwas ermüdet, und er hätte sich vor Tisch gern noch ein halbes Stündchen hinlegen und ausruhen mögen. Aber was half es. Auch ein Vater hatte seine Verpflichtungen und mußte lächelnd zusehen, wenn die Söhne des Landes herzuströmten, den schönen Töchtern zu huldigen. Dieser Gedanke versöhnte ihn, denn Herr von Welfen war eitel auf seine Töchter, besonders auf seine geistreiche, talentvolle Salome, die berechtigt war, sich bewundern und anbeten zu lassen. So ermunterte er seinen eleganten Goldfuchs zu lebhafterer Gangart und hielt in kurzer Zeit vor der Freitreppe, von der Wulf in »erster Garnitur« herabeilte, ihm die Zügel zu halten. Bachmann kam von der Veranda herzu. Auch er trüg gute Livree und machte das beklommen, feierliche Gesicht, das er stets zur Schau trug, wenn sich etwas Außergewöhnliches in Jeseritz ereignen soll. »Ist der Besuch schon da?« »Nein, Herr Major.« »Wer wird denn erwartet?« »Die Herren Husarenoffiziere – zu Befehl.« »Die Miltitscher?« »Verzeihen, Herr Major, das weiß ich nicht.« »Selbstverständlich die Miltitscher –- können ja nur die Miltitscher sein. Um wieviel Uhr werden die Herren kommen?« »So wie gewöhnlich – gnädiger Herr – wohl um zwei ... halb drei ...« Welfen zog hastig die Uhr. – »Potz Wetter, dann muß ich mich ja schleunigst umziehen! – Verfluchte Wirtschaft – bei der warmen Sonne bin ich siedeheiß geworden und nun in den kalten Staat hinein, wird wiederum eine nette Rheuma- Attacke geben!« »Darf ich gehorsamst zuvor um den Wein bitten, Herr Major! Ich muß noch die Karaffen füllen!« »Himmel Schockschwerenot! Auch noch in den eisigen Keller 'runter? –- Undenkbar! Das kann kein Mensch verlangen. Da hier ... alter Maulwurf ... da ist der Schlüssel.« – Und der Sprecher wühlte umständlich ein großes Schlüsselbund ans der Tasche und warf es dem Getreuen zu: »Holt euch mal selber ran, was ihr braucht! – He? Wie viele Herren kommen denn?« Wulf zuckte die Achseln. »Wir dachten, Herr Major wüßten wohl – –« »Na, es können ja nur der Rittmeister und die beiden Leutnants sein! Von den Verheirateten reitet keiner zu Tisch über Land – also sechs rot und sechs weiß ... und eine Flasche Portwein zur Suppe!« »Gnädige Frau wußte nicht genau – ob Sekt?« »Unsinn! Narrheit! Wer sich mir nichts dir nichts hier anmeldet, der nimmt mit einem einfachen Mittag fürlieb. Ohne Sekt – verstanden?« »Befehl, Herr Major!« Wulf stürmte davon, und der Gebieter von Jeseritz stieg etwas steifbeinig die Freitreppe empor. Er merkte es doch, daß er nach langer Winterpause heute zum erstenmal wieder im Sattel gesessen. Im Vorbeischreiten warf er einen Blick in das Eßzimmer. Rose eilte noch geschäftig um den Tisch und steckte in jede Serviette ein Veilchensträußchen. »Gott sei Dank, daß du kommst, Päppschen!« lachte sie ihm in ihrer frischen Weise entgegen: »Mutter war schon in großer Sorge, du könntest zu spät kommen!« »I wo werde ich denn!« – Sein Blick überflog etwas übellaunig die festliche Tafel. »Fünf Gedecke? Ihr seid wohl verdreht, nur die drei Miltitscher kommen!« »Gott sei Dank! Das will ich gleich mal der Mama melden, die hatte schon Todesangst, das ganze Regiment käme!« Rose legte beide Händchen auf die Schultern des alten Herrn: »Du siehst ja gar nicht vergnügt ans, Papachen? Und Salome freut sich so sehr über die Abwechslung!« »Die hat auch nicht den ganzen Morgen auf dem Meteor gesessen! Ich bin verteufelt müde und legte mich gern noch ein Weilchen hin –« »Ob noch Zeit dazu ist? Mamsell sagt, es muß sofort gegessen werden, wenn die Herren kommen, sonst verbretzelt ihr das ganze schöne Menu!« Welfens Antlitz hellte sich etwas auf. »Hm – haben sie drunten gut gekocht, Kleinchen?« schmunzelte er. Sie nickte schalkhaft, – »Wirst du Augen machen!! Da kannst du mal sehen, was zur Not in drei Stunden zustande kommen kann! Aber geh, Väterchen, geh – es wird die höchste Zeit!« - »Wo ist Mama?« »In den Salons und wischt noch Staub. Die Mädchen waren gerade mitten im größten Reinemachen!« »Na, dann gehe ich gleich in mein Ankleidezimmer und rüste mich. Wulf soll kommen und mir die Stiefel ausziehen!« »Gleich, gleich! Ich schicke ihn sofort!«   In dem Gartensalon, von dem eine große, glasgedeckte Veranda in den Park führte, saß Herr von Welfen im bequemen Sessel und las die Zeitung. Er hatte sich umgezogen und schimpfte in allen Tonarten über den Schnupfen, den er sich sicher dabei geholt haben würde, über die dämliche Mode, Gästen zuliebe in einem dünneren Rock frieren zu müssen, und über die Miß, die in allen Zimmern derart parfümiert hätte, daß es ihm rein übel würde! Salomes Erscheinen brachte ihn momentan auf andere Gedanken. Sie sah so reizend aus, daß es selbst den grauköpfigen Vater verblüffte. Die Toilette, ein undefinierbares Gemisch von gebauschtem, cremefarbigem Stoff, weich und seidenglänzend, überwogt von Spitzen und umflattert von Schleifen, hob die rosige Zartheit des Gesichtchens auf das vorteilhafteste, wenngleich Fräulein Salome in diesem Augenblick durchaus nicht ihre vorteilhafteste Miene aufgesetzt hatte. Sie warf sich indigniert in einen Sessel, und zog das Mündchen zu jener scharfen Linie, die die Mama »Trotz und Eigensinn«, der verblendete Vater aber »Energie und Charakter« nannte. »Na, darling – du siehst ja auch in die Welt, als ob du beißen möchtest!« lachte er. »Was ist dir denn über die Leber gelaufen, daß du knurrst, mein Pudelchen?« Statt aller Antwort erhob sich Salome hastig und trat mit aufblitzenden Augen vor den Sprecher hin. Sie warf das Köpfchen zurück und drehte sich langsam herum. »Wie gefällt dir diese Toilette, Papachen? Du verstehst ja etwas davon!« Welfen klemmte den Kneifer auf die Nase. »Hm ... famos! ›Pschütt‹ sagt man ja wohl zu so einer eleganten kleinen Sache! Steht dir übrigens brillant, kleiner Schelm, und das scheinst du auch zu wissen!« Salomes hübsches Gesicht strahlte triumphierend auf. »Und weißt du, was Mama dazu sagt?« »Na?« »Es sei ein durchaus unpassendes Kleid für mich. Eine so kostbare Toilette könne eine junge Frau zu größerer Gesellschaft tragen, aber kein blutjunges Pensionsdämchen hier auf dem Lande, wenn zwei Leutnants kämen! – Oh, Papa – ich habe mich furchtbar geärgert!« und die Sprecherin drückte ihr Spitzentüchelchen gegen die tränenlosen Augen und war – ein wenig theatralisch – außer sich! »Unsinn! Wie kannst du das so ernsthaft nehmen!« alterierte sich der Major. »Du weißt, daß Mama sehr einfach und sparsam ist, und immer über deine hohen Schneiderrechnungen gescholten hat! Sie ist noch aus der alten Schule und kann sich nicht in die Anforderungen der Jetztzeit finden! War ja ein Segen, daß Mutterchen so sparte, um alles, was sie sich selber abknappste, für euch zurückzulegen, aber jetzt geht das nicht mehr und ist auch nicht mehr nötig. Ich liebe hübsche Kleider und sehe sie gern an dir – also! Kopf hoch! Taschentuch herunter! Wir wollen Mamachen schon die Sache plausibel machen, daß ein Mädel wie Salome nicht in Sackleinewand herumlaufen kann!« »O Papa, wenn ich dich nicht hätte!« rief die junge Dame und schlang voll überschwenglicher Zärtlichkeit die Arme um den Bundesgenossen: »Du verstehst mich! Du bist der Einzige, der mich begreift! Oh, wie danke ich dir!« Dann nahm sie, sichtlich beruhigt und bester Laune, ihm gegenüber Platz, warf noch einen schnellen Blick in den gegenüberliegenden Spiegel und griff nach einem Romanbuch, das sie stets an ihren Lieblingsplätzchen bereit liegen hatte. Nebenan im Eßsaal plauderten Rose und Miß Dolly, und man hörte soeben die Stimme der ersteren sehr vernehmlich: »Ich kann nicht mehr warten! Ich sterbe vor Hunger! Wulf! Bitte tun Sie mir die einzige Liebe und bringen Sie uns die Suppe in das Arbeitszimmer! Außerdem alles andere, was Mamsell schon im voraus geben kann!« Der Major sah nach der Uhr. »Das Kind hat recht! Ich bekomme auch einen Löwenhunger. Bereits halb drei Uhr! Weiß der Teufel, wo die Kerle bleiben!« »Ja, es dauert unerträglich lange!« seufzte Salome, »ich habe in der Eile nicht einmal ordentlich frühstücken können!« »Welch ein Unfug! Gehe mal sofort und laß dir auch einen Teller Suppe geben!« »Sie müssen ja jeden Augenblick kommen, Väterchen, so lange halte ich noch aus!« Beide nickten sich zu, der Major brummte noch etwas Unverständliches, und dann lasen sie weiter. Im Eßsaal erschien Frau von Welfen. »Schon halb drei Uhr, Wulf! Ich beginne hungrig zu werden, sehen Sie doch mal am Parktor nach, ob man die Herren noch nicht sieht!« »Befehl, gnädige Frau!« »Sie bringen schon die Suppe, Bachmann?« »Für Fräulein Rose und Miß Dolly, gnädige Frau.« »So so! – Ganz recht, es ist ja entsetzlich, so lange warten zu müssen.« Sie blickte in den Gartensalon. »Die Herren lassen ja furchtbar lange auf sich warten, Ernst!« »Hm – finde ich auch. Mein Magen knurrt bereits in allen Tonarten.« »Ist es denn so weit von Miltitsch bis hierher?« fragte Salome mit verschleiertem Blick. »O ja – eine ganz anständige Strecke Wegs! Aber ich hoffe, sie haben jetzt das längste Stück hinter sich!« »Ja, das wäre wirklich zu wünschen. Hast du einen Kaffeelikör bereit, Ernst?« Herr von Welfen nickte, ohne aufzublicken. »Hm – Rose hat mich schon daran erinnert.« »Rose! – Das Kind denkt doch auch an alles!« Ein weicher, zärtlicher Klang lag in der Stimme der Sprecherin, sie wandte sich und schritt in das Eßzimmer zurück. Um Salomes Lippen zuckte es ein wenig spöttisch. Selbstverständlich denkt Rose an alles, was hat sie denn auch anderes zu tun? Ein derart hausbackenes Landpomeränzchen kennt ja keine höheren Interessen. Mehr denn je revoltierte es in dem eigensinnigen, frühreifen Dämchen. Sie empfand die mütterliche Sorge und Anleitung als unerträgliche Bevormundung, ihre Strenge als Härte, ihre gerechten Vorwürfe als Tyrannei. Nicht einmal anziehen sollte sie sich nach Belieben. Alles war zu teuer, alles unnötig, alles übertriebener Luxus! Das ertrage eine andere! So sehr es in der Pension den Anschein hatte, als ob die jungen Damen streng überwacht würden, so sehr erfreuten sie sich trotzdem der goldensten Freiheit. Sie kleideten sich, wie sie wollten, sie wandten ihr Taschengeld an – je nach dem es ihnen beliebte. – Kein Mansch fragte: Wie teuer ist dieses Parfüm – wie teuer sind diese Handschuhe, was kostet dieser seidene Unterrock, und war es notwendig, ihn anzuschaffen? Madame beschränkte sich auf den Lehrsitz: »Ihr seid verpflichtet, mit euerm Monatsgeld auszukommen, auf Rechnung wird keine Stecknadel in meinem Hause genommen!« Aber Madame fragte nicht weiter danach: »Langte euer Geld auch wirklich?« und wunderte sich auch nicht, und forschte nicht der Ursache nach, warum das Taschengeld von den Eltern immer freigiebiger erhöht ward. Sie las ja nicht die Briefe, in denen die Pensionärinnen über die vielen, teuern Ausgaben klagten, die sie noch extra, neben den Pensionsgebühren, zu begleichen hätten, und fragten die Eltern bei ihr an, »wie das käme?« so schrieb Madame einen charmanten Brief, in dem sie versicherte, »daß die jungen Damen sich nach Kräften einschränkten, daß aber manche Sonderausgabe geboten sei, und daß ein paar besonders reiche und vornehme Pensionärinnen sich Dinge gestatten konnten, die den anderen Mitschülerinnen vielleicht zu kostspielig seien; sie wolle aber künftighin alles auf das gewissenhafteste überwachen und nur das absolut Notwendige gestatten.« – Dann erfolgte eine Rede an die betreffenden jungen Mädchen mit dringender Ermahnung, alles Überflüssige künftighin zu unterlassen. Man gelobte es – und fand nach wie vor, daß die teuersten englischen Parfüms, die Spitzentaschentücher, Lackschuhchen und elegantesten Briefpapiere für eine schicke junge Dame eben durchaus notwendig seien! Und dabei blieb es, und man war schließlich überzeugt, daß die törichtsten Ansprüche nur gerecht und billig seien – fehlte doch die wahrhaft sorgende Mutter, die einer Tochter auch in Kleinigkeiten eine gewissenhafte Lehrmeisterin ist, und durch gutes Beispiel zeigt, was man sparen – und was man vergeuden kann. Nun war es zu spät, um gut zu machen, was fremde Sorglosigkeit und Nachlässigkeit verschuldet hatten. Salome hatte die Pensionsschuhe ausgezogen, und revoltierte gegen jede weitere Erziehung. Sie fand sich überflüssig, gemaßregelt und bevormundet in ihrem Elternhause, sie war exaltiert genug, sich einzubilden, es könne nie zu einem harmonischen Zusammenleben zwischen ihr und der Mutter kommen, und darum schien ihr das einzig wünschenswerte Ziel eine schleunige Heirat, die ihr Freiheit und Selbständigkeit verlieh. Der Erste, der Beste! Warum nur die Husaren so empörend lange auf sich warten ließen. Im Nebenzimmer schlug es drei Uhr – und der Major warf ingrimmig die Zeitung aus der Hand und sprang auf. »Hol der Kuckuck diese saumseligen Bengels!« rief er, hastig auf und nieder schreitend: »Ich habe Hunger! – Ich will essen! Es ist drei Uhr durch! Länger warte ich nicht mehr!« Auch Salome stand auf und trat zu der Tür der Veranda, »Ich begreife gar nicht, was das heißen soll!« schmollte sie und da sie leicht dazu neigte, alles übelzunehmen, fuhr sie erregt fort: »Es ist doch beleidigend, Damen so lange warten zu lassen, zum mindesten liegt in solcher Unpünktlichkeit eine Nichtachtung!« »Na, na, so schlimm ist's nun gerade nicht, es kann jeden Augenblick ein dienstliches Hindernis eintreten, das den Ritt verzögert. Aber darum brauchen wir uns doch nicht die Seele aus dem Leibe zu hungern!!« Frau Nora trat wieder ein – sie sah ganz elend ans vor Abspannung und Hunger. »Lieber Ernst – es ist ja zum Verzweifeln! Wo bleiben die Herren?! Mamsell ringt die Hände und stöhnt, daß das ganze Essen, das wir heute wirklich im Schweiße unseres Angesichts hergerichtet, verbrennt und verbrodelt! Das Fleisch zerfällt, die Suppe kocht ein, der Fisch wird gar, ohne daß er auf dem Feuer war – o es ist wirklich zu arg! Tante Sidonie hat auch schon wieder argen Skandal gemacht, über das unpräzise Essen in diesem Hause, daß ich einfach den Braten anschneiden ließ, um ihr servieren zu lassen. In all dieses Hungern und Absagen auch noch den Ärger über die ewigen Nörgeleien von der verrückten Person!« »Ich bitte euch dringend,« fiel Salome ein, »komplimentiert diesen Störenfried zum Hause hinaus! Man schämt sich ja zu Tode, sie als Tante anerkennen zu müssen!« »Liebes Kind, das verstehst du nicht. Wir können ihr doch nicht die Tür weisen, nachdem wir sie erst eingeladen haben! Nun heißt's, die Suppe ausessen, die wir uns eingebrockt haben!« »Gott sei Dank, daß sie die ihre wenigstens auf ihrem Zimmer ißt!« »So lange es dauert. Ist ihr wissenschaftliches Werk beendet, schenkt sie sich der Welt zurück. Da schlagt es ein Viertel vier Uhr vom Turm!!« Der Major fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. »Anrichten! – Es soll sofort angerichtet werden, Dorchen! Mir wird schon ganz blau und grün vor den Augen!!« »Sieh doch noch einmal nach, für welche Stunde sie sich angemeldet haben!« – nickte Frau von Welfen mit matter Stimme. »Nachsehen? – Wo?!« »Nun in dem Anmeldebrief! – Sie haben doch geschrieben!« »Geschrieben? An mich?!« »Gewiß, an wen sonst? Oder war es ein reitender Bote, der die Schreckenskunde brachte?« Welfen neigte den Kopf vor, als verstehe er nicht recht, »Geschrieben? Reitender Bote? – Ich weiß überhaupt nichts davon!« stieß er barsch hervor. »Aber Ernst! Du hast ja doch den Besuch in der Küche angemeldet!« rief Frau Dora ärgerlich, »und jetzt willst du weder Brief noch Nachricht erhalten haben!« «Ich – habe – den Besuch – angemeldet?« wiederholte der Major langgedehnt mit schwerer Betonung: »Wer behauptet solchen Blödsinn?!« »Nun, die Mamsell! – Wulf! Wulf!« »Befehl gnädige Frau?« »Die Mamsell Mine soll sofort einmal heraufkommen.« Wulf schwenkte eilig ab; auch ihm hing der Magen bis in die Schuhe. Eine dumpfe Pause. Wolfen lief wie ein hungriger Löwe im Käfig auf und nieder, Salome rieb sich die Schläfen mit Eau de Cologne , und Frau Dora harrte, die Augen starr auf die Tür gerichtet, auf Mamsell Mine. Diese erschien mit hochgerötetem Kopf und Augen, die so aufgeregt flackern, daß sie gar nicht so gut und lammfromm wie sonst in die Welt schauten. Als sie eintrat, schallten ihr drei Stimmen in undurchdringlichem Gewirr entgegen. Frau von Welfen aber hob energisch die Hand, und als ihr Mann und Salome verstummten, fragte sie feierlich: »Mamsell, wer hat die Gäste bei Ihnen angemeldet?« Das alte Jungferchen schnappte nach Luft. »Der Herr Major taten es!« knixte sie. »Ich? Sind Sie etwa rappelig geworden?« Mit ein paar langen Schritten stand der Besitzer von Jeseritz vor ihr und sah ihr in das Gesicht, als zweifle er tatsächlich an ihrem gesunden Menschenverstand. Mine entfärbte sich vor Schreck. Sollte es etwa bei dem Major nicht ganz richtig sein? Furchtbarer Gedanke! Aber aufgeregt und wunderlich war er die ganze letzte Zeit schon, und oft seltsam zerstreut. »Herr Major – verehrter Herr Major!« lispelte sie so freundlich und milde, wie es ihr Wesen war: »Wollen Sie sich nicht erinnern, daß Sie an das Souterrainfenster gekommen sind?« »Selbstverständlich entsinne ich mich dessen! Aber was hat das mit den Tischgästen, den Miltitscher Husaren, zu tun?« donnerte Welfen. Mamsell schlug leise wehklagend die Hände zusammen. »Ach Herr Major, bitte entsinnen Sie sich einmal ganz genau – sagten Sie nicht: ›Mamsell, laufen Sie flink einmal zu meiner Frau, und melden Sie ihr: Die Vergißmeinnicht kämen?‹ Und dann sagten Herr Major, wir sollten nur recht gut zukochen ... die Schnepfenpastete...« Die Sprecherin schluchzte in ihrer Herzensangst leise auf –: »Ach, nicht wahr, Herr Major, dessen entsinnen Sie sich doch?« Welfen stand starr und regungslos. Seine Augen wurden unnatürlich groß: »Na ... und weiter? Was sagte ich von Tischbesuch?« Nun weinte Mamsell, in der festen Überzeugung, ihr unglücklicher Herr sei rettungslos krank, dicke Tränen in die Schürze: »Nun – daß die Vergißmeinnicht kommen! – Ach du lieber Gott ... und das gnädige Fräulein erklärte mir, mit den Vergißmeinnicht meinte der Herr Papa die Husaren...« Ein schallendes, unbändiges Gelächter. Welfen warf sich in den Sessel nieder, streckte die Beine von sich und lachte – lachte, daß er sich gar nicht fassen konnte. »Aber Ernst! Welch ein Unfug! Ich bitte dich dringend, erkläre mir diesen Scherz!« Salome begann zu begreifen; sie drückte einen Moment erschrocken das Taschentuch gegen den Mund, und dann warf sie sich in einen anderen Sessel und lachte mit. Auch Mamsell setzte sich, aber nur, weil ihr vor Angst über den allgemeinen Wahnsinnsausbruch die Knie zitterten. »Ernst, hältst du uns zum Narren?!« »Nein, Dörchen, nein! Aber die Geschichte ist so unbezahlbar komisch, daß ich mich erst erholen muß!« Der Major atmete tief auf, faltete die Hände über dem knurrenden Magen und lehnte erschöpft den Kopf zurück. »Eine unglaubliche Verwechslung, Mutterchen, die Vergißmeinnicht aus deinem Verlobungsbukett!« »Blumen?! – Blumen?! Und keine Husarenoffiziere?« kreischte Mamsell Mine, allen Respekt vergessend, auf. Und nun lachte auch Frau von Welfen. »Welch eine unglaubliche Konfusion! Et tant de bruit pour une omelette !! Alle Arbeit, alle Last und Mühe vergeblich!!« »Unser prachtvolles Diner!« stöhnte Mamsell Mine mit einem Gesicht, als wolle sie der Schlag rühren – sie konnte nicht lachen, nein, sie konnte es nicht. »Ja, das schöne Diner müssen wir nun allein essen!« lachte der Major, plötzlich in vortrefflichster Laune, »o weh, die Vergißmeinnicht sind ohne Freier gekommen! – Na, gleichviel! Lukullus ißt bei Lukullus! Vorwärts, Mamsell, richten Sie schleunigst an! Es soll mir für sechse gutschmecken, und auf das Wohl der Miltitscher Husaren trinken wir ein Glas Sekt! Rose und Miß sollen sich zu uns setzen und noch mal das Menü durchessen! Marsch, meine Herrschaften – die Familie Welfen geht zu Tisch!« Er verneigte sich feierlich vor seiner Gattin und bot ihr galant den Arm, dann wandte er sich und offerierte Salome den andern. Wulf riß diensteifrig die Tür vor den Herrschaften auf. In demselben Augenblick stürmte Bachmann von dem Garten durch die Veranda herein: »Herr Major: Die Equipage ist in Sicht! Die Herren fahren soeben in die Allee ein!« Wie angewurzelt stand die Familie Welfen und starrte sich sprachlos vor Überraschung an. VIII. »Und die Vergißmeinnicht kommen doch und bringen den Freier mit!« triumphierte Mamsell Mine mit strahlenden Augen und stürzte in wilder Hast in die Küche zurück, um endlich, endlich anzurichten. »Ernst, wer mag das sein?« fragte Frau Dora gedehnt und bekam zwei rote Flecken auf den Wangen. »Weiß ich's?« gab der Gatte zurück, »wenn sie eine gute Nase haben, sind es doch die Miltitscher!« Er gab die Arme der Damen frei und schritt auf die Veranda hinaus, die Gäste zu begrüßen. Schon rollte der Wagen herzu, der Kies des Vorplatzes knirschte unter den Rädern. Salome war wie neu belebt. Sie stürmte vor den Spiegel und warf einen schnellen Blick hinein. »Mamachen – ich habe mir die Frisur bei dem albernen Lachen verdorben!« stieß sie hastig hervor, »und die Eau de Cologne hat den Puder verwischt! – Ich komme sofort wieder, will mich nur erst wieder ein wenig zurechtmachen!« Und ohne auf das mißbilligende Gesicht der Mutter zu achten, flog sie wie ein lichter Schein durch das Zimmer, um in dem Eßsaal zu verschwinden. Währenddessen stand Herr von Welfen und blickte dem Wagen erwartungsvoll entgegen. In der Laune, darin er sich just befand, war ihm jeder Gast heute recht, selbst der Doktor mit seiner infamen Marotte, ihm den Wein zu verbieten und bayrisches Bier für die Amme des Rheumatismus zu erklären! Selbst ihn hätte er heute mit offenen Armen willkommen geheißen! Und richtig, keine blaue Husarenmütze schimmerte ihm entgegen, der hohe, elegante Sportwagen des Landrats von Born schwenkt um die Ecke des Hauses, und droben, auf dem luftigen Kutscherbock saß er selber, die schlanke, vornehme Gestalt in dem flatternden Mantel, und kutschierte seine edlen Rapp- Hengste selber. »Pech und Schwefel, der Born von hinten und von vorn!« schoß es blitzartig durch Welfens Gedanken, und einen Augenblick war er doch im Zweifel, ob er sich gerade über diesen Tischgast freuen sollte oder nicht. Im nächsten Moment aber triumphierte seine Eitelkeit. Welche Eile des Herrn Landrats, seine Salome kennenzulernen! Ei, ei, heimlich, hinter dem Rücken der anderen Herren begab er sich hierher, in der arroganten Hoffnung, den lieben Freunden den Rang ablaufen zu können! Ein schadenfrohes Lächeln spielte um die Lippen des Majors. Nur keine Schwachheiten einbilden, verehrter Herr von Born! Die Salome ist gerade die Rechte, um Ihnen gründlich heimzuleuchten! Das Mädel und ein Zivilist!! Lächerlich! Vor einem einzigen blauen Attila schrumpft solch ein schwarzer Landrat wie ein Schatten vor der Sonne zusammen! Das gab ja einen Hauptspaß, wenn sich Herr von Born von hinten und von vorn, als geschlagener Nebenbuhler und verschmähter Freiersmann in sein einsames »Dichterheim« zurückziehen mußte! Dieser Gedanke war dazu angetan, um die Laune des alten Herrn auf den Siedepunkt zu bringen. Lachend, jovial, höflich wie nie zuvor, eilte er die Verandatreppe hinab und begrüßte den Landrat mit derselben Innigkeit, wie in der Fabel der Fuchs den Gickelhahn bittet, gütigst als Gast in seinen Bau einzutreten. »Ik fret em up!« schmunzelte er dabei im Herzen. Und Herr von Born war harmloser Gickelhahn genug, um sich in die Höhle des Feindes hinein zu wagen. »Wenn ich weder Sie noch Ihre verehrten Damen störe, mache ich ein halbes Stündchen Station hier, verehrtester Herr Major!« sagte er höflich, und warf seinem Kutscher auf dem Rücksitz die Zügel zu. »Stören? – Wir lassen uns niemals aus dem Text bringen, bester Born!« lachte Welfen mit tausend feinen Fältchen um den Augen. »Wollen uns eben zu Tisch setzen und bitten Sie, einen Löffel Suppe mitzuessen!« »Sie sind die Güte selber, Herr Major. Aber wie kommt es, daß Sie heute so spät essen? Ich glaubte Sie bald beim Kaffee angelangt?« Der Major weidete sich in Gedanken an der Verblüffung des lieben Gastes, wenn er sehen würde, wie Familie Welfen zu dinieren pflegte. Es war ja brillant, dem Spötter einmal zeigen zu können, daß man in Jeseritz noch lange nicht »auf dem Trocknen« saß. »Ich war in Feldheim und wurde dort lange aufgehalten, Teuerster, daher die Verspätung und ein wahrscheinlich recht verbrodeltes Mittagessen – Sie müssen fürliebnehmen! Dora – der Herr Landrat wird uns die Freude machen, sich mit uns zu Tisch zu setzen.« Die Herren waren in den Gartensalon eingetreten und Born begrüßte mit aufrichtiger Verehrung die Hausfrau, die ihm, wie stets, mit gewinnend liebenswürdigem Lächeln entgegentrat. Ein heiteres Begrüßen hin und her. »Wo steckt Salome?« rief der Major hastig, denn er konnte es gar nicht, erwarten, sich an dem enttäuschten, abfälligen Gesichtchen seiner Ältesten zu weiden, wenn sie anstatt ein paar flotter, schneidiger Husaren diesen schwarzen Mann mit Schlips und Zylinderhut vor sich sehen würde. Die erste Blamage für den selbstbewußten Herrn. »Salome kommt soeben; wenn es Ihnen recht ist, Herr von Born, gehen wir sofort zu Tisch, denn wir haben heute lange auf das Essen warten müssen und sind furchtbar hungrig.« Die Tür öffnete sich. Herr von Welfen strich sich behaglich den Bart und schwelgte schon im voraus in all dem Herzenskummer und Elend, das seinem Gegner aus diesem Augenblick erwachsen würde. Der Tag schien aber ein Tag der Überraschungen und Born ein ausgesprochener Glückspilz zu sein, der lachend über alle Fallgruben und Fußangeln hinwegsprang und die, die ihm eine Grube graben wollten, zum Schluß triumphierend auslachte. Ja, die Tür öffnete sich, und Fräulein Salome trat ein, »stolz, siegesbewußt, Mut in der Brust.« Und sie trat voll koketter Harmlosigkeit ein paar Schritte in das Zimmer und blickte erst auf, als sie dicht vor dem Landrat stand. »Durchlaucht!!« Und dann ein Schrei ihrerseits, hell, durchdringend, halb Schreck und Entsetzen, halb jauchzende Freude. Salome starrte den überraschenden Tischgast an wie eine Vision. Dunkle Glut wechselte mit Leichenblässe auf ihrem Antlitz, und dann drang abermals ein unartikulierter Laut über ihre Lippen, sie schlug die Hände vor das Antlitz und sank wie eine Ohnmächtige auf den nächsten Stuhl nieder. »Salome! Um Gottes willen, was ficht das Kind an?!« rief Frau von Welfen, eilte zu der Tochter und schlang erschrocken die Arme um die Zitternde, der Major aber stand wie vom Donner gerührt und starrte bald auf seine Tochter, bald auf Herrn von Born, als traue er seinen Augen und Ohren nicht. Der Landrat aber blieb vollkommen gelassen und lächelte, ein empörend siegesgewisses, unverschämt eitles Lächeln. Das gab dem Besitzer von Jeseritz die Sprache wieder. Er trat neben Salome und schüttelte sie heftig am Arm. »Was soll das heißen, Mädel? Bist du verrückt geworden, einen fremden Herrn derart zu begrüßen?« Statt aller Antwort preßte Salome das Taschentuch vor das Antlitz und schluchzte herzzerbrechend. »Herr von Born – ich flehe Sie an, was bedeutet diese Szene?!« »Eine Überraschung, gnädige Frau –« »Warum nannten Sie meine Tochter ›Durchlaucht?‹« fragte Welfen durch die Zähne. Der Landrat lächelte unverändert und verneigte sich verbindlich. »Eine Verwechslung, Herr Major!« antwortete er sehr ruhig: »Fräulein Salome verblüffte mich durch ihre auffallende Ähnlichkeit mit einer russischen Fürstin, die ich jüngsthin kennenlernte. Ich verwechselte die Damen im ersten Augenblick, bis ich das gnädige Fräulein erkannte!« »Erkannte? Kennen Sie meine Tochter bereits?« Die Stirn des Majors färbte sich, seine bebenden Hände verrieten die Aufregung, in der er sich befand. Wieder eine leichte Verneigung des Landrats. »Ich hatte allerdings den Vorzug, Ihr Fräulein Tochter während ihrer Reise hierher flüchtig kennenzulernen und bin entzückt, daß sich das gnädige Fräulein meiner noch entsinnt?« »Sie lernten sich kennen – und Salome sagte uns kein Wort davon?« »Wie sollte sie, gnädigste Frau! Es war leider nicht Zeit für mich, ihrem Fräulein Tochter meinen Namen zu nennen! – Nicht war, wein gnädiges Fräulein, ich stellte mich nicht vor?« Salome bewegte heftig den Kopf, es konnte ebensogut ja wie nein heißen. Aber der Landrat faßte es als Verneinung auf. Er trat einen Schritt näher zu der jungen Dame heran und fuhr mit weicher Stimme fort: »Vergeben Sie mir und lassen Sie mich das Versäumte nachholen.« »Zum Kuckuck noch eins, mit solchen Geheimnissen!« fuhr der Major auf: »Bei welcher Angelegenheit bedurfte meine Tochter Ihres Schutzes, Born?!« »Bagatelle, Herr Major! – In dem Gedränge auf dem Bahnhofsperron zu Halle verlor das gnädige Fräulein einen Veilchenstrauß – ich sah ihn und erlaubte mir ihn zu überreichen. Es geschah in der größten Hast – und daher war es unmöglich, mich Ihrem Fräulein Tochter bekanntzumachen, ich mußte eilends den Schnellzug erreichen.« »Und wegen solch einer Lappalie dieses Aufheben, Salowen? bist du rein verrückt geworden?« ärgerte sich der Major ingrimmig, »das kommt von deinen schwachen, überanstrengten Nerven! Gestern machte sie es ebenso, lieber Born, als die neue Haushälterin überraschend vor ihr auftauchte, schrie sie auch auf wie am Spieß und fiel beinahe in Ohnmacht! Schrecklich! Diese Jugend heutzutage! Nichts als Nerven! Das ganze Mädel Nerven!« Der Sprecher log so kaltblütig wie möglich, und doch sah ihn Born mit einem ganz infamen Lächeln an und machte die höchst überflüssige Bemerkung: »Ich glaube es Ihnen, Herr von Welfen!« Frau Dora sprach leise auf das schwachnervige Töchterchen ein, und in der Tür erschien Wulf und meldete, daß angerichtet sei. »Na, dann bitte, vorwärts zu Tisch, meine Herrschaften, sonst falle ich vor Hunger auch noch in Ohnmacht!« drängte der Major ungeduldig. »Wollen Sie meiner Frau den Arm geben, lieber Born – ja so, Teufel, nun habe ich Sie der Salome ja noch gar nicht vorgestellt – hier, du nervöse Zuckerpuppe: der Landrat von Born, den du künftighin etwas zivilisierter begrüßen wirst!« Salome war aufgestanden. Sie erglühte abermals, und ihr Blick flog zu dem jungen Mann empor, so süß, so innig und verständnisvoll – »Zu Tisch!« schrie Welfen ganz gelb vor Ärger. Und der Landrat hob die Hand des jungen Mädchens, die ihm bebend dargereicht wurde, mit vielsagendem Blick an die Lippen, wandte sich galant zu der Hausfrau und führte sie in den Speisesaal. Welfen folgte mit seiner Tochter. »Du wirst den Kerl von jetzt ab wie Luft behandeln! Ich befehle es, verstanden?« raunte er ihr leise ms Ohr. Salome blickte ihn groß an und antwortete nicht. Rose und Miß standen harrend an den Stühlen. Die erstere begrüßte den Landrat mit naiver Herzlichkeit und begann in ihrer lebhaften Weise so animiert zu plaudern, daß über die ersten peinlichen Minuten eine Brücke geschlagen wurde. Salome schien den Vater nicht verstanden zu haben. Sie behandelte den Landrat im Gegenteil mit einer schwärmerischen Innigkeit und holdseligen Güte, daß der Major an seinem Arger zu ersticken glaubte. Und er konnte ihr nicht den kleinsten Wink oder Verweis geben, denn in seiner Zerstreutheit hatte er es beim Platznehmen übersehen, daß Salome nicht an seiner Seite, sondern gegenüber neben Born Platz genommen hatte. Das war ja eine nette Bescherung! Er triumphierte in Gedanken über die nichtswürdige Behandlung, die seine Älteste dem verhaßten Gegner angedeihen lassen würde, und anstatt dessen warf sie sich ihm beinahe an den Hals, schrie auf, erglühte und erbleichte wie bei dem Anblick eines Geliebten, entsann sich mit beinahe kompromittierender Schwärmerei eines kleinen Bahnhofsrenkontres, das der angenehme Herr Landrat als Bagatelle bezeichnete und beinahe vergessen hatte, und nun anstatt die fatale Scharte auszuwetzen und ihn zu behandeln wie es sich gebührte, schmachtete sie ihn mit den zärtlichsten Blicken an und machte ihm mehr die Cour als er ihr! Der Major hätte sich vor Wut die Haare einzeln ausraufen mögen. Er würgte das schöne Essen ohne Verständnis herunter – es schmeckte wie Galle! Und dabei warf ihm der Kerl, der »Born von hinten und von vorn«, immer mal einen Blick zu – so recht höhnisch und triumphierend wie einer, der sich im tiefsten Innern so recht über seinen Gegner lustig macht. Das dumme Ding, die Rose, hatte es selbstverständlich brühwarm erzählt, welch ein alberner Irrtum sich mit den Miltitscher Husaren ereignet hatte, und dadurch wurde er auch um den zweiten Triumph gebracht, dem Landrat durch seine »häuslichen Diners« zu imponieren. Je mehr und besser sich die anderen unterhielten, desto einsilbiger und ingrimmiger stocherte Welfen auf seinem Teller herum, die Anwandlung törichter Großmut verwünschend, in der er den unleidlichen Widersacher eingeladen, Gast des Hauses zu sein. Das schöne Diner! Der schöne Hunger! Und alles vergällt durch den Ärger. Was seine Tochter versäumte, möchte er selber nun durch doppelte Unliebenswürdigkeit nachholen, aber er hatte keine Gelegenheit dazu; man überließ ihn harmlos seiner giftigen Stimmung, und der Landrat war so vollendete Ritterlichkeit gegen die Damen, daß sich nicht der kleinste Anlaß bot, sich an ihm zu reiben. »Welche all dieser zauberkräftigen Feenhändchen haben denn die Tafel so entzückend geschmückt?« fragte er soeben wieder verbindlich, und Rose beeilte sich, die Schwester als Meisterin solcher Kunst zu preisen. »Ja, und nun denken Sie sich unsere Enttäuschung, als dies alles nur für uns selber geschehen sein sollte! Als Mamsell Mine uns erzählte, daß die Vergißmeinnicht keine Husaren bedeutet hätten, war sie so unglücklich, als ob Salome nun wirklich eine alte Jungfer werden müßte. –« »Eine alte Jungfer?« – lachte Born auf, und Frau von Welfen schüttelte den Kopf: »Rose!!« – aber Rose fuhr in naivem Eifer fort: »Na ja, wenn Blumensamen aus einem Brautbukett aufgeht, bedeutet das einen neuen Freier ins Haus, und als die Husaren nicht kamen, glaubte Mine, der Freier für Salome bleibe auch aus!« Frau von Welfen sah sehr verlegen aus, und Salome wurde dunkelrot, Rose aber rieb sich erschrocken den Arm, in den sie der Major ziemlich unsanft gekniffen hatte, Born hob lächelnd das Glas. »Auf daß der holde Aberglaube dennoch recht behalte und wir bald der reizendsten aller Braute huldigen können!« sagte er mit leichter Verneigung gegen die Hausfrau und wandte sich alsdann mit einem Blick zu Salome, der diese erbeben ließ. »Muß der Zukünftige denn auf alle Fälle ein Husar sein, mein gnädiges Fräulein?« fragte er mit einer Stimme, die nur wie harmlose Neckerei klang, zum Entsetzen der Mutter und zum namenlosen Zorn des Vaters, aber ganz anders von Salome aufgefaßt zu werden schien. »Nein! Kein Husar!« schüttelte sie in glühendem Eifer das Köpfchen, »viel lieber ein –« und sie verstummte jäh erschrocken. War auch das Wort »Landrat« noch nicht gefallen, so las man es doch in ihrem Blick. »Ein Grenadier, wie dein Vater auch einer war!« donnerte der Major, unfähig sich zu beherrschen; diese zweite Avance, die seine so jäh verwandelte Tochter dem Verhaßten machte, brachte sein Blut zum Sieden. »Eine Soldatentochter bleibt der Fahne treu und teilt den Geschmack des Vaters! Mir waren Zivilisten mein Leben lang höchst gleichgültig und unsympathisch, und so wie ich dich kenne, Salome, sind sie es dir auch!« Salome senkte das Köpfchen, aber sie lächelte seltsam, und ein äußerst beredter Blick tauchte in die leuchtenden Augen Borns, der ihm ganz das Gegenteil versicherte. Rose löffelte sehr eifrig ihre Schlagsahne mit Pumpernickel. Jetzt blickte sie auf, viel zu sehr noch Kind, um die Absicht in den Worten des Vaters zu erkennen. »O bewahre, Papa! Da irrst du dich doch gewaltig!« lachte sie mit wichtigtuender Schelmerei; »Salome hat mir neulich anvertraut, daß sie sich in einen Zivilisten verliebt habe, der sich ihrer auf der Reise höchst ritterlich angenommen habe! Sie hat sogar ein Veilchensträußchen von ihm bekommen, das liegt gepreßt droben in ihrem Gesangbuch!« Die Wirkung dieser Worte war eine ungeheure. Salome stieß abermals einen kleinen Schrei aus, und Born nahm jählings ihre Hand zwischen die seine und stammelte entzückt: »Salome! Ist das wahr?!« Frau von Welfen preßte in wortlosem Schreck die Hände gegen die Schläfen, und der Major sprang so wütend auf, daß sein Stuhl krachend umfiel. »Rose!« keuchte er mit geballter Hand, aber ein Blick in das erstaunte, völlig harmlose Gesichtchen seiner jüngsten erinnerte ihn daran, daß Rose dem Wiedersehen zwischen der Schwester und dem Landrat nicht beigewohnt hatte, und infolgedessen auch nicht ahnte, wer der »angeschwärmte Ritter« war. Er wandte sich von ihr ab gegen Salome, um die ganze Schale seines Zornes über sie zu entleeren, Born aber kam ihm zuvor. Er war hastig aufgestanden und trat zu dem Zürnenden, seine wutbebende Hand freundlich mit der seinen umschließend. »Herr Major –« »Lassen Sie mich! – Salome soll mir folgen! Ich habe mit dem ehrvergessenen Mädchen abzurechnen!!« schrie Welfen außer sich. »Dieses Benehmen – diese Blamage! Alle Begriffe übersteigt es!!« »Herr Major – ein Wort!« – Der Landrat sah ihm fest in die Augen, mit strahlendem Blick – aber der so übermäßig Gereizte riß sich schroff los, erreichte mit ein paar Schritten die Tür und warf sie schmetternd hinter sich in das Schloß. »Um Gottes willen, lassen Sie ihn, Herr von Born!« flehte Frau Dora, bleich bis in die Lippen: »Mein Mann ist in diesem Augenblick in einer unzurechnungsfähigen Stimmung!« Und dann zwang sie sich zu einem Lächeln und reichte ihrem Gast herzlich die Hand. »Er nimmt jede Kleinigkeit so ernst, selbst die Kinderei! Welch ein junges Mädchen schwärmte nicht! Sie sind Menschenkenner genug, lieber Herr von Born, um zu wissen, daß man mit einem Kinde, das soeben erst die Pension verlassen hat und in das Leben hineinguckt, nicht rechnen darf wie mit einer welterfahrenen Dame! Mir ist dieses törichte Benehmen meiner Ältesten auch sehr peinlich, Herr von Born, aber ich bin vernünftig genug, es so harmlos aufzufassen, wie es gemeint ist, und ich vertraue Ihrer großen Liebenswürdigkeit, daß sie das gleiche tun wird!« Der Landrat neigte sich und küßte respektvoll die Hand der Sprecherin. »Ihr Herr Gemahl ließ mich nicht zu Worte kommen, gnädigste Frau. Darf ich statt dessen nun zu Ihnen sprechen?! Daß ich Fräulein Salome nicht gleichgültig bin, sah ich zu meinem unbeschreiblichen Entzücken bei unserem Wiedersehen.« »Liebe Miß Dolly – bitte führen Sie Rose auf ihr Zimmer!« unterbrach ihn Frau von Welfen beklommen. »Aber Mütterchen! Gerade jetzt – ich möchte so gern hören, was das alles bedeuten soll!« bat Rose niedergeschlagen. »Sei folgsam und geh!« Sofort erhoben sich das Backfischchen und die Engländerin und verließen das Zimmer. Der Landrat aber fuhr hastig fort: »Lassen Sie mich kurz sein, gnädigste Frau! Als ich heute ihr gastfreies Haus betrat, geschah es mit all den zärtlich sehnsuchtsvollen Gedanken des Freiers, den die ›Vergißmeinnicht‹ prophezeiten! Das Bild Ihrer Fräulein Tochter lebte mir im Herzen, und ich kam, mich von der Aufrichtigkeit meiner Gefühle durch ein öfteres Begegnen zu überzeugen und um die Liebe der so heiß Verehrten zu werben. Der Zufall hat mich schneller als ich gedacht in das Herz des geliebten Mädchens blicken lassen, und ich sehe mit namenloser Wonne, daß meine Liebe erwidert wird.« Er neigte sich zärtlich nieder und zog die, Händchen von dem glühenden Antlitz des jungen Mädchens: »Oder täusche ich mich, Salome? Liebst du einen andern?« »Nein! nein! Dich ganz alleine liebe ich!« jauchzte es ihm als Antwort entgegen und Salomes Arme schlangen sich um seinen Hals, und er zog sie stürmisch an die Brust: »Dich liebe ich, dich! Du bist der beste, der edelste, der herrlichste Mann auf Gottes weiter Welt! O wie gut von dir, daß du mich nicht verraten hast!« Frau von Welfen starrte fassungslos auf das fait accompli vor ihren Augen. »Herr von Born – was wird mein Mann sagen! Ich zittere vor ihm!« stöhnte sie, bleich vor Schrecken. »Sein Jawort zu erbitten, soll meine nächste Sorge sein!« rief der Landrat mit freudiger Zuversicht: »Meine Persönlichkeit und meine Verhältnisse garantieren mir sein Wohlwollen!« »Unbesorgt Mamachen! Den Vater erobern wir in fünf Minuten!« jubelte Salome strahlend, glühend in übermütiger Seligkeit: »Kommt, wir wollen ihn sofort aussuchen und uns seine Zustimmung holen. –« »Nein!« – Frau von Welfen trat ihr energisch in den Weg, »das hieße alles verderben. In seiner jetzigen Stimmung ist er jedem guten Einfluß unzugänglich. Gut Ding will Weile haben, wir müssen einen günstigen Moment abwarten, wo er milder gesinnt ist, und das wäre wohl Roses Konfirmation!« »Beste, teuerste Mutter!« Born küßte abermals in inniger Dankbarkeit die Hände der Sprecherin: »Sie sind meinem Werben nicht abhold? Sie segnen unseren Bund und unterstützen unsere Bitte bei Ihrem Herrn Gemahl?« »Mutterchen – süßes Mutterchen, du tust es?!« Voll wehmütigen Ernstes drückte Frau Dora die Hand ihres künftigen Schwiegersohnes. »Sie wissen, Herr von Born, daß ich seit jeher zu Ihren Freunden zählte, wenngleich es mein Mann nicht billigte. Auch jetzt bin ich Ihre Bundesgenossen, die Verhältnisse zwingen mich dazu, diesen überraschenden Vorgängen einen moralischen Hintergrund zu schaffen. Noch kann ich den Gedanken nicht fassen, daß dieses Kind sich schon verloben will, und halte es für sehr notwendig, daß wir die ganze Angelegenheit in Ruhe und Vernunft noch einmal besprechen, denn ein so ernster Schritt darf nicht wie in einem Lustspiel binnen fünf Minuten entschieden und erledigt werden. – Darum bitte ich Sie herzlichst, lieber Herr von Born, uns jetzt zu verlassen; ohne Einwilligung meines Mannes darf ich Ihren Verkehr mit Salome nicht gestatten.« »Mama! – Er soll gehen?!« »Gehen und wiederkommen!« flüsterte Born in das rosige Ohr der Geliebten. »Deine Mutter hat recht, mein Liebling, ich muß scheiden, bis mir die selige Erlaubnis wird, mein Kleinod vor aller Welt zu eigen zu nehmen!« Er wandte sich zu Frau von Welfen und küßte abermals ihre Hände. »Ich folge Ihnen, meine teuerste Gönnerin, und gehe, um in einem Brief an Ihren Herrn Gemahl meine Werbung zu wiederholen und meine Verhältnisse klarzulegen. Ich flehe Sie an, gnädigste Frau, diese Zeilen durch Ihre einflußreiche Fürsprache zu unterstützen, und bitte Sie bei aller Sehnsucht unserer liebekranken Herzen, tun Sie nach Kräften das Ihre, um das Hangen und Bangen in schwebender Pein abzukürzen! Rufen Sie mich bald, recht bald zurück!« »Ich verspreche Ihnen, Ihr treuer Anwalt zu sein!« – nickte Frau von Welfen ganz verwirrt: »O Gott, es ist furchtbar – so plötzlich! – So peinlich für uns ... ich habe mich im ganzen Leben noch nicht so geschämt wie heute!« Und sie rührte mit zitternden Händen die Klingel, um den Wagen des Landrats zu bestellen. »Aber Mamachen, wir lieben uns ja so sehr!« – und Salome führte abermals das Taschentuch an die Augen. »Gnädigste Frau – einen Abschiedskuß!« – flehte Born mit unwiderstehlichen Augen. Frau von Welfen machte eine undefinierbare Handbewegung und trat nervös an das Fenster, um nach dem Wagen zu schauen. Born aber schloß die Braut in die Arme und küßte sie. »Bleib mir treu, mein Liebling!« flüsterte er zärtlich. »Ewig, ewig! Du süßer ... ja sage, wie heißt du eigentlich mit Vornamen?!« – Da lachten sie beide hell auf. »Siegfried! Dein Siegfried!« – Und wieder küßten und kosten sie unter zärtlichen Liebesschwüren. »Der Wagen!« – rief Frau von Welfen! »Leben Sie wohl, Herr von Born!« IX. So sonnenhell und wolkenlos wie sich der Himmel über die Erde spannte, und so maienfroh und lachend wie draußen »der Frühling über die Berge stieg!« so wetterschwül und unheilsschwanger wehte die Luft in dem Herrenhause von Jeseritz, als die flotten Rappen den Wagen des Landrats den Blicken entrückt hatten. Frau von Welfen gehörte zu den Menschen, die erst nachträglich, bei kühlerem Überlegen ein Vorkommnis richtig beurteilen, und eine Sache, die sie im ersten überraschenden Ansturm leicht genommen, mit dem grübelnden Verstand desto schwerer nehmen. Hatte sie rechtgetan, diese Verlobung, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel kam, zu dulden? Hatte sie nicht jede Aussprache verhindern und die jungen Leute rechtzeitig trennen müssen? Wie konnte ein Mädchen wie Salome, die noch keinen Blick in Welt und Leben, noch keinen Blick in die ernsthafte Leitung eines Haushaltes getan, an Heiraten denken! Salome! Das Kind von siebzehn Jahren! – Es war ein unfaßlicher Gedanke! Und ein jahrelanger Brautstand ist in unserer heutigen rast- und ruhelosen Zeit des Vorwärtsstürmens ein trostloser Gedanke. »Jung gefreit hat nie gereut!« sagt ein altes Sprichwort, aber es sagte wohlweislich nichts, ob auch » schnell gefreit nie gereut hat!« Noch keine Viertelstunde kannten sich die jungen Leute und sprachen bereits das bindende Wort! Salome ahnte noch nicht einmal den Vornamen des Erwählten, als sie seinen Kuß erwiderte, war so etwas überhaupt auszudenken? Lese man es in einem Roman, würden die Menschen die Köpfe schütteln und sagen: »wie übertrieben, so etwas passiert nicht in Wirklichkeit!« – – aber es passiert doch, wie das Leben überhaupt recht oft mit krasseren Farben malt, als die Feder eines Schriftstellers. Dieser paßt seine Geschichten dem Geschmack und Begriffsvermögen des Publikums an – das Schicksal ist weniger rücksichtsvoll und wirbelt seine Millionen von Romanfiguren auf dem Erdball in toller Laune hin und her; es fragt nicht: »wird man mir auch glauben , was ich diesem und jenem antue« – es handelt. – »Viel öfters gleicht das Leben einem Roman, als ein Roman dem Leben gleicht.« Warum? Weil ein Schriftsteller zu viel erwägt, klügelt und abmißt, weil er seine Helden zustutzt wie es Mode und Etikette verlangen, weil er ihre Schicksale lenkt, wie es die Geschmacksrichtung vorschreibt, weil er nicht gegen den Strom anschwimmen will, und der realistischen Zeit nur realistisches, der sentimentalen Zeit nur sentimentales Fühlen und Empfinden darbringen darf. Wo bleibt da die gesunde, wahre Menschlichkeit? Der Roman bleibt wohl auch noch ein Spiegel des Lebens, aber er zeigt nur Verrenktes und Verzerrtes. Das Schicksal legt seine handelnden Personen nicht auf das Prokrustesbett einer Zeitrichtung; es schlägt heute wie morgen mit Keulen darein und taucht seinen Pinsel tief in Herzblut, ohne lange zu fragen, ob ein Häuflein wandelnden Staubes über seine Weltgeschichte zu Gericht sitzen wird oder nicht. Frau von Welfen stützte das Haupt schwer seufzend in die Hand und blickte zu Salome hinüber, die immer noch am Fenster stand und mit strahlenden Augen hinauslächelte, als schaue sie immer nach dem letzten Gruß des Scheidenden. Sahen sich die beiden wirklich nur so kurze Zeit auf dem Perron des Bahnhofs in Halle? Wieder und wieder tauchte ihr dieser Gedanke auf, und mit dem Scharfblick der Mutter durchschaute sie das heiße Not, das auf den Wangen der Tochter gebrannt, als der Landrat sie scherzend mit »Durchlaucht« begrüßt hatte. Dahinter stak irgendein kleines Abenteuer, das ihr verheimlicht worden war. Sie erhob sich und trat neben das junge Mädchen. Voll schwärmerischer Seligkeit schlang Salome die Arme um ihren Hals: »Mamachen, ach du liebes, süßes Mamachen, wie bist du doch so gut!« Die Mutter schaute tief in die glänzenden Veilchenaugen der Tochter. »Ja Salome, ich bin gut, viel zu gut gegen euch gewesen, besser, als du es verdienst!« »Als ich es verdiene?« – flüsterte es betroffen zurück. »Ja. Oder findest du es etwa richtig und lobenswert, wenn ein junges Mädchen die eigentümlichsten Erlebnisse auf der Reise hat, und diese der Mutter verheimlicht?« Wieder erglühte Salome betroffen. »Hat er es euch doch erzählt?« fragte sie gedehnt. »Nein, er hat uns nichts erzählt, aber er würde es sicherlich getan haben, wenn er Zeit und Erlaubnis dazu gehabt hätte!« Salome lachte silberhell auf und küßte stürmisch die Lippen der Sprecherin. »Ja, Mamachen, du sollst alles wissen!« flüsterte sie, »du bist ja jetzt unsere Verbündete, und wenn du mich auch tüchtig auslachst, so schadet es nun nichts mehr, ich habe es gründlich verdient! Komm, setze dich dort in das Sofaeckchen! Dann will ich dir beichten.« Und dicht an die Mutter geschmiegt, berichtete Salome wahrheitsgetreu ihr Abenteuer in der Eisenbahn. Frau von Welfen schüttelte zwar bedenklich und vorwurfsvoll den Kopf, aber sie konnte es doch nicht wehren, daß ein immer verräterischeres Lächeln um ihre Lippen zuckte. »Und siehst du, Mama, wie er mir nun plötzlich wieder gegenüberstand, wie er so taktvoll und ritterlich unser Renkontre verschwieg, als er merkte, daß ihr von nichts wußtet, da empfand ich es mit voller leidenschaftlicher Innigkeit, daß ich ihn liebe – über alle Begriffe liebe! Und er muß mein Mann werden, Mütterchen, sonst sterbe ich! Warum soll Papa seine Einwilligung verweigern? Er heiratet ihn ja nicht – also kommt es doch nur darauf an, ob er mir gefällt und ob ich ihn will. Wollen wir zu ihm gehen und ihn bestürmen? Ach ja! Bitte, bitte komm gleich mit!« Frau Dora hielt die Sprecherin sanft zurück. »Nein, Herzenskind – das wäre sehr unklug. Du weißt, daß mit Papa nichts anzufangen ist, wenn er in zorniger Stimmung ist. Erst muß er sich beruhigen. Wenn Born an ihn geschrieben hat, ist der Zeitpunkt gekommen, eher nicht. Und nun gehe du einmal hinaus in den Park, wo du mit unserem lieben Herrgott allein bist. Da prüfe einmal vor ihm dein Herz, ob deine Liebe wirklich so groß und aufrichtig, und dein guter Wille tatsächlich stark genug ist, um dieses fremden Mannes willen dein Elternhaus zu verlassen – um für ihn all das Viele zu erlernen, was dir noch fehlt, um für ihn vieles abzustreifen, was dir noch fehlerhaft anhängt. Auch ich möchte jetzt allein sein und den unfaßlichen Gedanken fassen lernen! Heute abend aber, im traulichen Dämmerstündchen, komm zu mir in mein Zimmer – dann will ich dir sagen, mein Liebling, daß die Ehe kein Zeitvertreib und kein Kinderspiel ist, daß ihre Rosen viele Dornen tragen und vor ihre Sonne viele, dunkle Wolken ziehen. Das Finden und Binden ist leicht, aber das Gebundensein für ein ganzes, langes Menschenleben ist schwer, namenlos schwer. Unter tausenden sind es wohl nur zehn, die in ihrer Ehe so leben, wie es Gott und den Menschen ein Wohlgefallen ist!« Frau Dora seufzte leise auf. Sie blickte in die lachenden Augen ihres Kindes und empfand es, und las es in dem großen, verständnislosen Blick, wie unendlich fern Salome noch alle Gedanken lagen, auf denen einzig und allein das Fundament für eine wahrhaft glückliche Ehe aufgebaut werden kann. Und sie war fest entschlossen, ihre Pflicht zu tun und einem übereilten Schritt zu wehren, so sehr es in ihren Kräften stand. Ein Lichtblick erhellte das bange Dunkel. Was Salome gar nicht geahnt und bemerkt hatte, die kleine Komödie, die Born ihr als »Geheimpolizist« vorgespielt, und die Lektion, welche er ihr damit erteilt, hatte sie, die Mutter, sofort durchschaut und ihren Zweck völlig begriffen. Der Landrat hatte eine vortreffliche Art und Weise, Salome mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und sie auf den rechten Weg zu leiten – besser und einflußreicher, als sie als Mutter es jemals können würde. –- Er, der ernste, geistvolle Mann könnte wieder gutmachen, was in der Fremde an ihr verdorben war – er vielleicht vor allen –- ja Frau von Welfen empfand es wie eine Ahnung im Herzen, nur er allein konnte das Kind zum Weibe erziehen! Salome flatterte wie ein helles Sommerwölkchen in den knospenden Park hinaus – wie ein jubelndes Echo klang ihre Stimme zurück: »Im wunderschönen Monat Mai – als alle Knospen sprangen, da habe ich ihr gestanden – mein Sehnen und Verlangen!!« Sehr lange blieb das junge Bräutchen nicht draußen, sie schien keine Ruhe zu finden, mit ihrem stürmisch klopfenden Herzen die verlangte Zwiesprache zu führen. Wozu auch? – Sie war fest entschlossen, Siegfried von Born zu heiraten, sie liebte ihn! Sie triumphierte in dem stolzen Gefühl, den ersten Mann, der ihren Weg gekreuzt, auf der Stelle erobert zu haben. All ihre Wünsche, all ihr Hoffen war erfüllt. So hatten sie es alle in der Pension erträumt, und wem ist dieser Traum zur Wahrheit geworden, vielleicht ihr allein. Die gute Mutter nahm alles so ernst und schwer. Du liebe Zeit! Sie stand noch mit beiden Füßen in der guten, alten Zeit, wo die Ehen noch im Himmel geschlossen wurden. Heutzutage schloß man sie in den Spalten einer Zeitung, oder im Vorhof der Reichsbank, wo die Stimmen im Winde flüsterten, mit wie viel harten Talern der Weg gepflastert wäre, auf welchem »er« oder »sie« einherwandeln sollten. Alles andere war altmodische Sentimentalität. Wie glücklich traf es sich nun bei ihr, daß Siegfried ein so schöner, stattlicher Mann war, daß er Stellung, Namen, Geld und Gut hatte, daß sie ihn nicht nur »Gatte«, sondern auch Geliebter nennen kann. Ja, das war viel Glück –- Juilette behauptete ja immer, dies alles könne gar kein Mann in sich vereinen. Entweder – oder. Gott sei Dank, daß es doch noch Ausnahmen von der Regel gab. Was würden Juilette und Lola sagen! – Sie würden verkommen vor Neid und Mißgunst! Und welch ein unbeschreiblicher Triumph für sie, nun all der boshaften Zweifelsucht der beiden Dämchen mit der gedruckten Anzeige antworten zu können. Anzeige! – Wäre es nur erst so weit! Salome fieberte vor Ungeduld, diese Anzeigen schwarz auf weiß in die Welt hinauszusenden. Das konnte aber immerhin noch tagelang dauern, darum mußte sie sofort an die Pensionsfreundinnen schreiben und tüchtig damit renommieren, daß »er« ihr nachgefolgt sei, daß er sie treulich gesucht, bis er sie gefunden habe, daß er sie demnach so leidenschaftlich und über alles liebe, wie sie angenommen. Sie hätten sich verlobt – in den nächsten Tagen hoffe man auf die Einwilligung des Vaters, der begreiflicherweise nicht sofort »Ja und Amen« gesagt habe, sondern die Tochter gern noch im Hause behalten möchte. Oh, wie interessant, wie entzückend wichtig waren diese Mitteilungen! Wie würden sie verblüffend wirken, wie machten sie allen Spott und alle Ironie über ihr Abenteuer, das man sicherlich für Erfindung gehalten, zu nichte! Salome jubelte über ihren Triumph, und wäre sie sich klar über ihre Gefühle gewesen, so hatte sie erkennen müssen, daß der Sieg, welchen ihre Eitelkeit den Freundinnen gegenüber errungen hatte, fast das junge, bräutliche Glück, und die Gedanken an den schönen, ritterlichen Freier zurückdrängte. Durch die kleine Nebentür huschte sie heimlich in ihr Zimmer hinauf, setzte sich an den Schreibtisch und verfaßte mit glühenden Wangen die Berichte an Juliette und Lola, die alles übertrafen, was Schwärmerei, Einbildung und Selbstvergötterung eines Pensionsbackfischchens jemals in dieser Beziehung geleistet hatten. Als sie just mit dem Briefe an Juliette fertig geworden war, und sie nun eben daran gehen wollte, ihn für Jola abzuschreiben, pochte es kurz und hart an ihre Tür. Sie schrak leicht zusammen und preßte die Hand auf das Herz: »Herein!« »Aha, da bist du ja; ich habe eine kleine Arbeit vor, bei der du mir helfen kannst.« Der Major stand auf der Schwelle, mit finsterem Gesicht und grimmigem Blick. Er trat an den Schreibtisch, zog sich einen Stuhl heran und ließ sich wuchtig niederfallen. In seiner Hand knisterte ein Brief. »Von ihm!« jauchzte es durch Salomes Seele, und doch schnürte ihr die Angst momentan die Kehle zusammen. Aber sie richtete sich energisch auf. »Durch Kampf zum Sieg!« trotzte es auf ihrer weißen Stirn. Welfen zog ein Buch aus der Tasche. Die Graphologie von Crépieux-Jamin. Salome war überrascht, und erstaunte noch mehr, als der alte Herr in sehr ruhig kühlem, beinahe geschäftsmäßigem Ton jagte: »Ich möchte gern eine Handschrift deuten, mein Kind, du kannst mir dabei helfen.« »Gern – gewiß – zeige nur her!« murmelte sie bitter enttäuscht. Welfen breitete einen Brief auf dem Tische aus, und Salome überlegte, daß es ja eigentlich ganz unmöglich sei, daß Siegfrieds Antrag schon jetzt eingetroffen sein könnte. Ehestens konnte das heute abend oder morgen früh der Fall sein. – Tief aufatmend neigte sie sich und blickte gleichgültig auf das Schreiben. »Mein lieber Assessor –« stand darüber – also etwas furchtbar Gleichgültiges. Welfen schlug langsam und bedächtig den Crépieux auf. »Die Schrift ist sehr groß und dick, stimmt's?« Die Gefragte biß sich auf die Lippe und schielte nach ihrem Brief hinüber. Sie war ärgerlich über die Störung und hätte viel lieber weiter geschrieben. Aber den Vater jetzt verletzen? Unmöglich. Das würde böse Folgen haben können. »Hm – dick und groß –!« nickte sie, »wie mit einem Schwefelholz geschrieben.« »Richtig – hier habe ich's schon – bedeutet großen und maßlosen Stolz. – Sieh her!« »Ja, ich sehe – das kann ich schon auswendig.« »Gut, also stolz.« – Welfen kritzelte das Wort auf ein Stückchen Papier, dann fuhr er mit dem langen, hageren Zeigefinger, an dessen Ende sich ein spitzgeschnittener Nagel krümmte, unter den Zeilen des Briefblattes hin, dessen Unterschrift umgebogen und dadurch unsichtbar war. »Hier dieser Haarstrich, schroff und rückwärtsgebogen, stark markiert ... hier ist er wieder ... hier und hier nochmals – bitte lies mal hier, was er bedeutet!« Salome warf einen flüchtigen Blick in den Crépieux, woselbst die betreffende Stelle bereits rot angestrichen war. »Widerspruchsgeist!« las sie mechanisch. »Hm – schreiben wir's an. Und weiter, hier bitte, vergleiche diese Linien – sie wiederholen sich auch beinahe Wort für Wort, ›Hang zu kritischem Tadel und beißendem Spott – Kampfeslust‹. Nun, ist's richtig so?« »Stimmt vollkommen!« bestätigte Salome immer ungeduldiger werdend, »scheint ja ein recht angenehmer Herr zu sein, dieser Briefschreiber!« fügte sie übellaunig hinzu. Ein Blick des Vaters blitzte zu ihr auf. Halb Triumph und Genugtuung, halb Ironie. »O ja, das ist er! Gut, wenn man sich davon überzeugen kann!« »Ist es denn so wichtig und interessant, einen solchen Menschen kennenzulernen?« fragte sie mit gelangweiltem Ton, ihr Blick hing an ihrem begonnenen Schreiben und ihre Fingerchen zuckten nervös. »Ich denke, ja! Solche Studien sind immer interessant.« »Und nun sieh hier diese sich aufrollenden Kurven an. Wir haben uns erst gestern damit beschäftigt.« »Ja, ja, ich weiß noch – Anmaßung – Eitelkeit – Unbeständigkeit und Gott weiß was alles für abscheuliche Dinge!« Der Major lächelte wie ein Mephisto. »Sehr gut; wird ja immer besser. Netter Junge das. Ferner finden sich in der Schrift vor: Rücksichtslosigkeit, materieller Sinn, der bis zur Brutalität gehen kann – Geiz, Mißtrauen –« Salome hielt sich die Ohren zu und machte eine heftige Bewegung. »Halte ein in deinem Grimm! Dieser Mensch muß ja ein Ungeheuer sein –« »Bitte, überzeuge dich –« »Ich glaube es dir ja, Väterchen –« »Überzeuge dich!« – So barsch und heftig hatte er noch nie zu ihr gesprochen. Betroffen neigte sich Salome und starrte geistesabwesend auf das Buch nieder. Sie war zu aufgeregt, um sehen und lesen zu können, die Buchstaben tanzten wirr vor ihrem Blick. »Nun?« »Ja, es stimmt ganz genau, du hast recht, Papa.« Welfen erhob sich und stand hochaufgerichtet vor seiner Tochter. Er zog die Stirn in finstere Falten: »Und willst du nun auch zur Belohnung wissen, wer dieser so sehr vortrefflich veranlagte Mann, dieser Mustergatte in spe , dieser ideale Liebhaber und Abenteuerheld ist?« fragte er scharf. Salome blickte verwundert auf. »Gewiß! Wenn ich ihn kenne –?« »O ja, du kennst ihn! Da hier – lies!« Und er klappte die untere Hälfte des Briefbogens herum und hielt ihn dicht vor die Augen der Tochter. Diese neigte das Köpfchen und blickte flüchtig darauf nieder, dann zuckte sie zusammen und schrak jäh zurück, als habe sie einen Schlag erhalten. »Von Born – Landrat ...« stammelte sie. Alles Blut wich aus ihren Wangen, sie sah so leichenhaft fahl aus, daß der Major jäh erschrocken näher trat. »Siegfried? Das soll Siegfried sein?« rang es sich wie ein Schrei von ihren Lippen: »Das ist nicht wahr – das ist Lüge – das glaube ich nicht!« rief sie außer sich. Welfen zog drohend die Brauen zusammen. »Du glaubst nicht, was du selber an der Hand der Wissenschaft bewiesen hast?« fragte er scharf. Ein Zittern ging durch Salomes schlanke Gestalt. Wie in wildem Troß schnellte sie empor. »Nun gut! Dann mag es Wahrheit sein! Dann liebe ich ihn mit all seinen Mängeln und Fehlern, und liebe ihn, wenn er selbst ein Teufel in Menschengestalt wäre – und ich heirate ihn! – Papa – hörst du? Ich heirate ihn und wenn er noch zehnmal fürchterlicher schriebe!« Die Heftigkeit der Tochter war ein Erbteil des Vaters und wirkte ansteckend. »Du heiratest ihn nicht! Hörst du auf mich, du Gelbschnabel? « brauste er auf. »Und wenn er ein Engel vom Himmel wäre, du heiratest ihn nicht !« »Ich will es aber ... ich will es!« »Und ich will es nicht.« »Dann heirate ich ohne Erlaubnis!« »Oho! Das bleibt abzuwarten! – Es gibt noch Mittel, um widerspenstige Frauenzimmer zu bändigen!« Salome griff mit beiden Händen nach dem Herzen. »So werde ich sterben!« hauchte ste und sank an dem Vater nieder auf den Teppich. Auf das höchste bestürzt, sprang der Major zu und richtete ihren starren Oberkörper empor. »Kind! Um Gottes willen, mein süßer Liebling!« schrie er auf, voll Entsetzen in ihr starres Gesichtchen schauend, »Salome, komme zu dir, sei doch vernünftig! Bist du denn rein von Sinnen? Kann man denn kein ernstes Wort mehr mit dir reden?!« Aber Salome regte sich nicht, nur ein leiser, zitternder Klagelaut rang sich von ihren Lippen. Welfen hatte noch nie einen derartigen Zustand gesehen und geriet außer sich. Er stürzte nach dem Klingelzug und riß ihn beinahe von der Wand. Und dann eilte er zu Salome zurück und hob sie mit starken Armen empor, sie in einen Sessel zu sehen. »Kind! Herzblättchen –« flehte er in zitternder Angst, »um Himmels willen komm zu dir! Ich habe es sa gar nicht so ernst gemeint – in Gottes Namen sollst du ihn haben, wenn er dich will.« Da schlug sie die Augen ein wenig auf, seufzte und schloß sie abermals. »Vater!« hauchte sie. So cholerisch und heftig der alte Offizier auf der einen Seite war, so weichherzig und zärtlich war er auf der andern. Seine Salome, sein Stolz, sein Liebling, seine Wonne! Und er mordete sie womöglich aus schnöder Rachsucht gegen den Landrat, er wollte ihre junge, sonnige Liebe vernichten, weil ihm der künftige Schwiegersohn nicht in den Kram paßte! Entsetzliche Gewissensbisse zerfleischten sein Herz und marterten ihn mit unbarmherziger Selbstanklage. »Salome! – Öffne die Augen – es soll ja alles gut werden, ich will ja nur, daß du glücklich sein sollst –!« Da richtete sie sich matt empor. »Siegfried! Mein Siegfried soll kommen!« hauchte sie mit erlöschender Stimme. »Gewiß, mein Herzchen! Wir laden ihn zum Sonntag ein!« tröstete der bestürzte Vater. Da schlug sie die Arme um seinen Nacken und drückte das Köpfchen an ihn – sie schluchzte bitterlich. »Ach Papa, lieber guter Papa, du kannst nicht so hart, so unmenschlich zu mir sein.« »Nein, nein, gewiß nicht, mein Püppchen!« atmete Welfen erleichtert auf, »wenn du ihn absolut willst – dann ... nun in Gottes Namen!« und er seufzte schwer auf. Salome richtete sich schon bedeutend wohler und kräftiger empor. »Du versprichst es mir – du gelobst es mir?« flüsterte sie zärtlich. »Gewiß, gewiß! Beruhige dich nur erst und komme wieder zu dir! – Ach – Rose – gut, daß du kommst, schnell ein Glas Wein!« »Nein... ein Brausepulver!« hauchte Salome, »es waren Herzkrämpfe, die ich hatte!« »Herzkrämpfe!!« – Rose war starr vor Staunen. »Ich hole die Mama,« rief sie entsetzt und stürmte davon. »Papa ... wenn mein Siegfried schreibt –« Es ging bei diesen »mein Siegfried« wie ein Stich durch das Herz des gequälten Mannes, aber er nickte lächelnd und wiegte das verzogene Töchterchen so behutsam im Arm wie ein Wickelkind. »Ich versichere dir, mein Herzblättchen, ich lade ihn ein.« »Wir haben uns verlobt – er wird anhalten –« »Verlobt?!! –« »Papachen ... um Gottes willen nicht so laut ... ach mein Herz – ein neuer Stich...« »Nein, nein! Ich war ja nur so überrascht! Um Gottes Willen rege dich nicht wieder auf! Du bekommst schon wieder so schöne, rosige Bäckchen!« »Du gibst dein Jawort, Papa? – Ach ich bin so krank!« »Gewiß, gewiß – er ist ja sonst ein netter Mensch!« »Ach so einzig nett! – So edel, so herrlich – so gut.« Stolz, rechthaberisch, tyrannisch – eitel, brutal –! dachte der Major in Gedanken, und fühlte, wie ihm das Blut wieder in den Kopf schoß, aber er beherrschte sich und nickte nur »hm... hm...« »Und ich liebe ihn so furchtbar, so über alles. –« »Hm, hm...« »Gib mir deine Hand darauf, liebes; süßes, einziges Väterchen – schwöre mir, daß du mein Lebensglück nicht zerstören willst – ich kann ja nicht ohne ihn leben!« »Kind, du kennst ihn ja noch gar nicht!« stöhnte Welfen auf. »Doch, Papa, doch, ich kenne ihn!« »Vor allen Dingen beruhige dich und werde erst wieder gesund. Wenn Born wirklich um dich anhalten sollte, wollen wir mit Mama zusammen alles ganz vernünftig besprechen! Ich weiß ja nicht einmal, in welchen Vermögensverhältnissen er lebt!« »Das ist ja ganz gleichgültig, Väterchen! Ich will voll Wonne trockenes Brot mit ihm essen!« Der Major sah sein anspruchsvolles, verwöhntes Tochterchen betroffen an. Wenn Salome trockenes Brot essen wollte, mußte sie wirklich furchtbar verliebt sein, und sie war es in ihn, den Landrat, den einzigen, den Welfen sich nicht zum Schwiegersohn wünschte. Die Tür wurde behutsam geöffnet, Frau Dora eilte mit allen Zeichen des Schreckens in das Zimmer, Rose folgte mit angstvoll großen Augen und trug ein Glas Brauselimonade in der Hand. »Mama –ach, liebe Mama – ich glaube, ich muß sehr bald sterben!« hauchte ihr Salome wieder sehr leidend entgegen und ängstigte damit dem Vater neue Schweißtropfen auf die Stirn, »ich war ganz bewußtlos, Mama – und hier ... ach, mein Herz ... es tut noch immer so entsetzlich weh!« Frau von Welfen warf einen prüfenden Blick in das Antlitz ihres Kindes. »Hatte sie eine Ohnmacht, Ernst?« fragte sie leise. »Ja, sie fiel um wie vom Blitz getroffen!« stöhnte der Major, »bitte, trockne mir einmal die Stirn, Rose, mir ist so heiß!« »Hattet ihr einen Wortwechsel?« »Hm«... »Ach Mütterchen, Vater verkennt ja meinen Siegfried so sehr ... und ... und ... wenn ich ihn nicht heiraten darf – ach mein Herz!! –« »Rose ... hole einmal den Essigäther aus meinem Schlafzimmer!« Das Backfischchen hatte die Augen weit aufgerissen, ein plötzliches Verstehen wetterleuchtete über das frische Gesichtchen, dann schoß sie diensteifrig davon. »Ich sagte dir doch, Salome, daß du heute jede Aussprache mit Papa vermeiden solltest!« fuhr die Mutter in beinahe strengem Tone fort; sie war merkwürdig ruhig und schien sich nicht halb so aufzuregen und zu bangen wie ihr Mann. »Warum tatest du es doch?!« Das junge Mädchen schloß matt die Augen. »Er kam ja zu mir herauf und fing an davon ... ach wie hat er den unglücklichen Siegfried so entsetzlich schlechtgemacht!« und abermals stürzten Tränen aus ihren Augen. Der Major blickte seine Frau wie ein Gerichteter an. »Ich beurteilte seinen Charakter nach seiner Schrift, und das Kind überzeugte sich, daß ich recht hatte!« »Papa – ich beschwöre dich ... wenn dir mein Leben lieb ist, fange nicht wieder davon an!« »Nein, nein! – Gewiß nicht!« »Am besten ist es, lieber Ernst, du läßt uns jetzt allein! Ich werde Salome zu Bett bringen, daß sie sich erholt und ausruht.« »Du kommst nachher wieder zu mir, Väterchen!« schmeichelte das Töchterchen zärtlich. »Da sollst bei mir sein ... so wie früher an meinem Bett sitzen ... mein liebes, liebes Väterchen!« Welfen neigte sich und küßte seinen Liebling. »Ja, ich komme! Sei nur ruhig, ganz ruhig ... und versuche ein wenig zu schlafen – hörst du, Herzchen?« Sie drückte seine Hand und lächelte ihm so wehmütig zu, daß es ihm durch und durch ging. Frau Dora konnte kaum ein Lächeln unterdrücken. Wie ist das starke Geschlecht doch so wunderlich schwach, wenn das schwache Geschlecht beliebt, in einer Ohnmacht stark zu sein! Der Major, der als Tyrann und Eisenfresser bei seinem Bataillon gefürchtet war, der mit dem Kopf durch die Wand ging, wenn es galt, seinen Willen zu verfechten, er ließ sich von den zarten Händchen seiner Tochter gängeln und kneten wie weiches Wachs; er, der auf dem Schlachtfeld ungerührt über die Sterbenden und Wimmernden hinweggestürmt war, er schwitzte Angst und verkam vor Sorge und Bangigkeit, wenn es einem kleinen Dämchen beliebte, etwas Komödie zu spielen und ohnmächtig zu werden. Frau Dora glaubte nicht recht an Herzkrampf und Ohnmacht, um so weniger, als Salome sich bedeutend frischer und kräftiger emporrichtete, als der Vater das Zimmer verlassen hatte und mit recht lebhaften Augen flüsterte: »Er gibt es doch zu, Muttchen! Er hat schon seine Einwilligung zugesagt!« Armer Ernst – armer Born! Frau von Welfen seufzte unwillkürlich auf. »Ach hätte ich sie nie, nie von mir gegeben! Ach hätte sie nie eine Pension gesehen!« klagte sie sich im eigenen Herzen an. Aus der Hand der Eltern ist sie herausgewachsen, sie sind machtlos über das Kind geworden, nur der Liebe kann es noch gelingen, ihr eine Lehrmeisterin und Erzieherin zu werden – aber das Lehrgeld wird ein teures sein und manche Träne kosten. Welfen rannte währenddessen im einsamsten Teile des Parkes umher. Wer ihn sah, mußte ihn für verrückt halten. Er sprach mit sich selber, gestikulierte, lachte, ballte die Fäuste und köpfte mit wuchtigen Stockhieben die knospenden Zweiglein. Da tobte alles aus, was sich an verhaltenem Groll und Grimm in seinem Herzen aufgespeichert hatte. Zwar wußte er selber keinen triftigen Grund anzugeben, warum ihm der Landrat so unsympathisch war, und ein paarmal war er schon auf dem besten Wege, sich einzugestehen, daß er sich wohl nur aus Opposition in diesen Widerwillen hineingerannt habe. Aber er wollte es noch nicht Wort haben. Er wollte sich sein ganzes Unglück in seiner vollen Größe ausmalen. Ihm mußte so etwas passieren! Anstatt über den Gegner triumphieren zu können, triumphierte der über ihn! – Er kommt als höflich kühler Mann, eine Visite zu machen, und was geschieht? Salome wirft sich ihm sozusagen an den Hals, Rose macht eine indirekte Liebeserklärung für die Schwester und es stellt sich heraus, daß der Herr Landrat bereits auf der Reise ein interessantes kleines Abenteuer mit dem dummen, harmlosen Gänschen erlebt hat. Welch eine Blamage! Welch eine unauslöschliche Schmach! Wahrhaftig, der Major kann Gott auf den Knien danken, wenn Born den Anstand besitzt und noch um die so sehr entgegenkommende junge Dame wirbt! Wenn er perfide, wenn er in der Tat die brutale und rücksichtslose Persönlichkeit ist wie seine Schrift verrät, so geht er jetzt hin, setzt sich an den Biertisch und erzählt den Herren mit Gelächter von dem so eigenartigen Empfang in Jeseritz! Welfen fuchtelt bei diesem Gedanken wie ein Unsinniger mit den Armen durch die Luft und keucht wild auf. Solch eine Schande wäre gar nicht zu überleben! Aber kann er es anders erwarten? Born ist sein Gegner. Er ist von dem Major absichtlich gereizt und stets schlecht behandelt worden, selbst heute noch bei Tisch hat er ihm Unliebenswürdigkeiten gesagt, die jeder andere für Beleidigungen aufgefaßt haben würde. Auch Born tat es vielleicht, er war nur Kavalier genug, im Beisein der Damen einen Streit zu vermeiden. Aber er rächt sich nun vielleicht nachträglich! Er hält den Major jetzt ja vollkommen in der Hand, er ist fähig, seine Tochter in der Gesellschaft unmöglich zu machen, wenn er das Eisenbahnrenkontre und Salomes Benehmen beim Wiedersehen in hämischer Weise beleuchtet und an den Pranger stellt. Der Major fährt sich mit den Händen nach dem Kopf, dieser Gedanke ist unerträglich, ist mordend!! Nun ist es so weit gekommen, daß er auf den Heiratsantrag des Landrats warten muß, wie auf eine Erlösung aus quälender Angst, wie auf eine Gnade, die ihm von dem jungen Herrn erwiesen wird! O Schicksal, so bitter hat noch keiner deiner Leidensbecher dem alten Soldaten geschmeckt. Er steht in dem Fegefeuer und sieht es ein, daß man niemals im Leben seinen Neigungen zügellos nachgeben soll und darf. – Er fühlte sich so sicher, so hoch und erhaben, als er dem jungen Landrat, wo er nur wußte und konnte, ein Bein stellte, ihn verspottete und lächerlich machte, heute noch, als er nicht ohne Zutat von Schadenfreude und Gehässigkeit die Schrift am Frühstückstisch deutete, und das Schlechte hervorhob und das Gute verschwieg. Nun mußte er zur Strafe diesen bös charakterisierten Mann den Herren als lieben Schwiegersohn zuführen, und mußte noch tiefer im Herzen Gott danken, wenn dieser »Herr von Born von hinten und von vorn«, so gütig und herablassend war, diese etwas aufgenötigte Ehre der Sohnesschaft anzunehmen. – Schicksalstücke! Die Schatten sanken tiefer, die Nacht stieg herauf. Der Major wandte sich, um nach dem Herrenhaus zurückzuschreiten. Was er vor wenigen Stunden noch als höchste Anmaßung von sich gewiesen, was Veranlassung gab, sein Kind im Herzkrampf zu morden, jetzt nach ruhiger, oder besser, sehr unruhiger Überlegung, war er dahingekommen, voll fiebernder Ungeduld auf den Heiratsantrag des Landrats zu warten. Er glaubte nicht, daß ein solcher erfolgen würde, und er litt Folterqualen bei diesem Gedanken; was würde dann aus seiner Salome werden? – Sie würde in seinen Armen sterben, und er die Pistolen laden und Herrn von Born über den Haufen schießen. Dieser letzte Gedanke erfüllte ihn mit großer Genugtuung. Ja, so würde es kommen, und morgen am Tage wollte er sein Testament machen. »Herr Major! – Herr Major!!« Man rief ihn, und er zuckte nervös zusammen. Sollte Salome kränker geworden sein? »Hier! Ich komme schon!« antwortete er mit der alten Kommandostimme, aber sie klang heiser, wie eine zerrissene Violinsaite. Wulf kam ihm atemlos entgegen. »Herr Major.« »Was gibt's! Schnell – heraus mit der Sprache!« »Das gnädige Fräulein lassen den Herrn Major dringend bitten, zu kommen!« »Wulf ... ist... sie etwa kränker?!« »Nein, Herr Major, davon weiß ich nichts. Aber es ist ein reitender Bote mit einem Brief von dem Herrn Landrat von Born aus Feldheim da, und das gnädige Fräulein hat ihn in Empfang genommen.« Wie ein Aufatmen nach Todesangst rang es sich aus der Brust des alten Herrn. »Ich komme! Ich komme!« – und dann lachte er vor sich hin, und nickte, und murmelte unverständliches Zeug in den Bart. Wie er lief! Wulf vermochte kaum zu folgen, und sonst klagte der gnädige Herr doch immer über das Reißen in den Knien und konnte kaum noch von der Stelle! Wulf schüttelte unwillkürlich den Kopf.   X. Wieder saß Landrat von Born auf seinem eleganten Sportwagen und bändigte die Rappen mit starker Hand. Die Geschirre blitzten im Sonnenschein, der Veilchenstrauß duftete im Knopfloch, und das große, ein wenig altmodisch in eine Papiermanschette gezwängte Bukett, das schönste, das der verblüffte Gärtner von Feldheim »im Handumdrehen« liefern konnte, harrte diskret in Seidenpapier gehüllt, neben ihm auf dem Sitzpolster liegend, seiner poesievollen Verwendung. Das fröhliche, frischgerötete Antlitz des Freiers lachte mit der Frühlingssonne um die Wette. Die blauen Augen waren wie in behaglichem Sinnen geradeaus gerichtet, auf die breite, schnurgerade Allee, auf der das leichte Gefährt entlang sauste. Rechter Hand säumte junger Fichtenwald den Weg, und all die tausend Frühlingsstimmen, die von Lenz und Liebe sangen, werden laut darin; ein Konzert, wie es verliebte Menschen nie besser und schöner zu hören glauben. So jubiliert und jauchzt es auch tief drinnen in der Brust, so schwingt sich das Herz gar leicht empor, in fremde, zuvor noch nie gekannte Höhen, in ein Paradies, durch das die Liebe als gnadenreiche Sonne glüht. Siegfried von Born hatte es sich selber nicht träumen lassen, daß er heute schon wieder den Weg nach Jeseritz zurücklegen würde – und wie zurücklegen! Als er gestern eben diese Straße entlanggefahren war, ersehnte er mit einer gewissen freudigen Ungeduld und Spannung ein Wiedersehen mit Salome. Er malte sich die Überraschung und den peinlichen Schreck der jungen »Durchlaucht« aus, urplötzlich wie ein Kind auf verbotenem Wege ertappt zu sein. Und er freute sich des vergnüglichen Wortgeplänkels, durch das er die »arme Witwe«, die »Mutter von vier Kindern« weidlich necken wollte. Welch einen reizenden Anlaß bot ihm doch dieses lustige kleine Erlebnis, mit dem jungen Mädchen schneller und intimer bekannt zu werden als die anderen Feldheimer Herren, die auf die Bekanntschaft mit Salome brannten. In dieser damenarmen Gegend war ihr Erscheinen ein Ereignis, und Elten, der Mißgünstige, ewig neidisch Eifersüchtige, arbeitete sicherlich schon irgendeinen Schlachtplan aus, wie er die Festung am schnellsten stürmen und erobern könne. Sonst hatte Born für derartige Anstrengungen stets nur ein amüsiertes Lächeln gehabt, und dem Rivalen von vornherein gern das Feld geräumt. Er hatte sich nicht an dem Wettrennen beteiligt, als die bildhübsche und steinreiche Nichte des Fabrikbesitzers Welton auf Rockwitz zu kurzem Besuch eintraf. So liebenswürdig die junge Dame auch gerade ihn ausgezeichnet hatte, war er doch in dieser Zeit dem gastlichen Hause ferngeblieben, um Herrn von Elten Hahn im Korbe sein zu lassen. Leider hatten dessen Bemühungen keinen Erfolg gehabt, was Born am aufrichtigsten bedauerte. Er wußte, wie sehr der Premierleutnant nach einer Frau suchte und wie brennend er es sich wünschte, mit der Frau die Mittel zu erheiraten, um seinen Abschied nehmen zu können. Das einförmige und reizlose Leben in einem Landstädtchen war ihm in der Seele verhaßt, und er machte keinen Hehl daraus, daß er sich nach elektrischem Licht, Café chantant und Straßenlärm der Residenz schier zu Tode sehne. Herr von Born hätte ihm gern zur Erfüllung seiner Wünsche verholfen, aber Erbinnen waren just in dieser Gegend nicht zu Hause. Man hatte allerdings die Töchter des Majors von Welfen als sehr gute Partien verschrien. Ein Sohn war nicht da, Jeseritz fiel zu gleichen Teilen dereinst an die beiden Mädchen. Born aber wußte genau, wie es um das Gut stand. Es rentierte sich bei den zeitweilig sehr schlechten Ernteaussichten und bei dem üblen Stand der allgemeinen Lage nicht mehr halb so gut als früher. Der Major verstand außerdem zu wenig von der Landwirtschaft, um sich neue Ertragsquellen zu erschließen. Was Jeseritz einbrachte, ging zur Erhaltung des Gutes und des Haushaltes drauf. Ersparnisse wurden nicht gemacht, und große Revenuen konnten auch nicht verzehrt werden. Er hatte Elten diese Verhältnisse früher einmal in diskreter Weise angedeutet, um ihn vor Enttäuschungen zu bewahren. Das etwas großspurige Auftreten Welfens, der sich dank der Jeseritzer Erbschaft und im Vergleich mit seiner früheren finanziellen Lage allerdings wie ein steinreicher Mann vorkam, hatte den Premierleutnant in goldene Zukunftsträume gewiegt, und Born überzeugte sich leider, daß er nicht daraus zu erwecken war. Sein ironisches Lächeln, sein mißtrauischer Seitenblick bewiesen ihm, daß Elten lediglich an ein diplomatisches kleines Manöver des Landrats glaubte, der gefährliche Nebenbuhler durch falsche Angaben von den Fräulein von Welfen zurückschrecken wollte. Born zuckte die Achseln und dachte: »Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht zu helfen!« – und ließ die Sache ihren Gang gehen. Da kam seine Reise und die so überraschende Begegnung mit Salome. Zum erstenmal fesselte ihn der Jugendzauber eines jungen Mädchens. Ihr kecker Übermut reizte ihn, den seinen daran zu messen, und ihre rührende Angst und Reue, ihre Zerknirschung über den harmlosen Backfischstreich, erwärmten ihn mehr und mehr für sie. – Welch ein dankbares, anreizendes Beginnen für einen Mann, diese junge Schmetterlingsseele mit den goldenen Fäden ernster Vernunft zu fesseln und sie in die Bahnen zu lenken, die ihr vorgeschrieben waren. Siegfried von Born war ein Charakter, den der Major vielleicht in einer Schriftlinie annähernd richtig gedeutet hatte. Herrschsüchtig war allerdings von ihm zuviel gesagt, aber ein Zug von Positivismus, Energie und Hang zum Beeinflussen war ihm eigen, und wenn er die Leute auch nur nach bestem Willen und zu ihrem eigenen Vorteil beeinflussen wollte, wurde er doch manchmal mißverstanden, ein Anlaß, der auch zu den kleinen Reibereien zwischen ihm und Welfen den ersten Grund legte. Born hatte es gut gemeint, aber der Major hatte ihn nicht verstanden und geglaubt, er solle bevormundet werden. Gerade dieser Charakterzug fand keine Rechnung bei der Begegnung mit Salome. Der große Erfolg, mit dem er erzieherisch auf die junge Dame einwirkte, entzückte ihn. Ihr weiches, schmiegsames Wesen war just das, was er an dem Weibe am höchsten schätzte. Das Zutrauen, mit dem sie sich zitternd an seinen Arm drückte und ihn mit verklärten Augen ihren »Beschützer« nannte, ließ sein Herz schneller schlagen, seinen Blick immer länger und inniger auf ihr ruhen. Wie liebreizend sie war! Wie amüsant in ihrer naiven Keckheit, wie sinnbetörend in ihrer treuherzigen Hingabe. Siegfried ertappte sich immer wieder bei dem Gedanken an Salome. Oft saß er und träumte lächelnd vor sich hin, wie schön es wohl sein müßte, dieses jungfräuliche Kind sein eigen nennen zu dürfen, sie schützend und haltend durch das ganze Leben zu führen! Gab es wohl eine schönere, lohnendere Aufgabe für einen Mann, als die knospende Seele eines Weibes zur vollen Blüte heranzupflegen, sie so zu modellieren und zu bilden, wie es sein ureigenster Geschmack war? Gerade für den Landrat hatte dieser Gedanke etwas Berauschendes, und so kürzte er seine Reise ab und hastete voll nervöser Unruhe nach Hause. Er wußte selber nicht, was ihn drängte, sofort noch in das »Stammlokal« zu gehen und Herrn von Elten zu fragen, ob er Fräulein von Welfen schon kennengelernt habe. Der Husar war ärgerlich. »Nein! Wie sollte ich wohl? Wir meldeten uns so schnell wie möglich bei den Herrschaften an, erhielten aber eine sehr höfliche Antwort, daß es Frau von Welfen lieber sehen würde, wenn unser Besuch bis nach der Konfirmation ihrer jüngsten Tochter unterbliebe.« Der Landrat atmete auf. War er eifersüchtig gewesen? Seltsam, ihm schien es beinahe selber so. Er war doch sonst nicht hinterlistig zu nennen. Aber er nahm sich vor, unangemeldet bei Welfens vorzufahren und den Herrn der Stammkneipe vorher nichts von diesem Besuch zu verraten. Er fuhr nach Jeseritz – und mit welch einem nie geahnten Erfolg! – Er hätte frei von jedweder menschlichen Eitelkeit sein müssen, wenn ihn das unverhohlene Entzücken, die verräterische Befangenheit und die erglühenden Wangen Salomes bei dem Wiedersehen nicht entzückt hätten. Alle seine geplanten Neckereien schmolzen davor hin wie Schnee in der Frühlingssonne, und er wußte es selber nicht wie – aber der flehende Blick der kleinen »Durchlaucht« veranlaßte ihn, das vor den Eltern verheimlichte Abenteuer auch seinerseits geheim zu halten. Wieder konnte er die interessante Rolle als Beschützer spielen, konnte sich in dem Gefühl, sie abermals verpflichtet zu haben, wohl sein lassen und den vollen Reiz auskosten, Verbündeter der Geliebte« zu sein. Hatte ihn anfänglich die Ahnung, daß er ihr nicht gleichgültig sei, daß sie sein Bild gar wohl im Herzen bewahrt und seiner gedacht hatte, mit einem nie zuvor gekannten Gefühl der Beseligung erfüllt, so blies die harmlose Äußerung Roses, die das süßeste Geheimnis der Schwester verriet, die glimmenden Funken in seinem Herzen jählings zur Glut an! Wer hätte auch dabei kalt und unempfindlich bleiben können! Schon im Reisekostüm, Hut und Mantel, war das junge Mädchen eine auffallend hübsche Erscheinung gewesen, jetzt, in der eleganten Toilette, mit den graziös frisierten, goldigen Haarwellen, die das rosige Gesichtchen mit einem wahren Glorienschein umrahmten, deuchte sie ihm geradezu bezaubernd. Er hatte es früher nie für möglich gehalten, daß er einmal so blitzschnell Feuer fangen könne. Aber es war geschehen, und er, der lediglich in der Absicht gekommen war, eine Erstlingsvisite zu machen, hielt nach kaum einer Stunde schon um die Hand der Tochter des Hauses an. Mit geteilten Gefühlen war er nach Feldheim zurückgefahren. Im Rausch der jungen Liebeswonne konnte er es sich doch nicht verhehlen, daß seine Aussichten, die Geliebte zu erringen, recht zweifelhafte waren. Seltsam, ein Mann wie er – in besten Vermögensverhältnissen, gesicherter Lebensstellung, von tadellosem Ruf und vortrefflicher Familie, er, nach dem schon so manch schönes Auge sehnsuchtsvoll ausgeschaut, er fürchtete einen Korb. Wie kam es, daß er gerade mit Welfen so schlecht stand? War es seine Schuld? Ein besorgtes Herz ist stets geneigt, schwarz zu sehen und sich mit Selbstvorwürfen zu quälen. Auch der Landrat stützte das Haupt sorgenschwer in die Hand, nachdem der gewichtige Anhaltebrief expediert war, und während Welfen im einsamen Park von Jeseritz alle Folterqualen der Selbstkasteiung litt, lag sein Gegner ebenfalls auf dem Marterrost, und verwünschte jeden kleinen Zwist, den er mit dem Major durchgekämpft, anstatt ihn gutmütig und rücksichtsvoll in der Knospe zu ersticken. Da zeigte es sich, daß der schlechteste Frieden auf Erden stets vieltausendmal besser ist als der erfolgreichste Krieg. Selbst der kleinste und geringste Feind kann über Nacht wie aus einem Sandkorn zum Felsen anwachsen, au dem das Glücksschifflein für ewige Zeiten scheitert und untergeht. Und dort wie hier kam ein Brief als rettender Engel! In Jeseritz der Heiratsantrag Borns, und in Feldheim die überraschend liebenswürdige und schnelle Antwort Welfens: »Habe mich sehr über ihren Brief gefreut, lieber Landrat! Ich ersehe aus ihm, daß Sie in der Tat der versöhnliche und vortreffliche Charakter sind, als den man Sie schildert. Kommen Sie, bitte, morgen im Laufe des Vormittags zu mir – ich spreche lieber, als daß ich schreibe. Seien Sie uns von Herzen willkommen.« Der Landrat empfand bei dem Lesen dieser Zeilen wohl dasselbe, was der Schreiber gefühlt hatte. Eine große Herzerleichterung, eine wahre Wohltat ! – So muß es dem Schiffer zumute sein, wenn er sein sinkendes, schon halb verlorenes Fahrzeug im heimatlichen Hafen landet. Und dann war der Landrat zweierlei: erstens ein braver Sohn, der einen jubelnden Brief an die Mutter schrieb, und danach wieder ein Student, ein übermütiger, glückseliger Student. Sein Diener sperrte Augen und Ohren auf und schüttelte den Kopf: »Hanne, wissen Sie nich, was heut für'n Tag is?« fragte er in der Küche. Hanne blickte einen Augenblick sinnend geradeaus, und dann auf den großen Butterweck' im Glasschrank. Er war dreiviertel verbraucht. »Donnerstag!« – nickte sie und rupfte gelassen weiter an der Ente, die sie augenblicklich mehr interessierte als alle Kalender der Welt. »Hanne – hören Sie nichts?« Die Alte schob die Haube vom Ohr und hob mit offenem Mund den Kopf. »'s gröhlt eins!« entschied sie erstaunt. »Der Herr Landrat trinkt schon die vierte Flasche Bayrisches und spektakelt mit dem Glas auf dem Tisch herum und singt: ›Bruder deine Liebste heißt?‹ – Hanne – mir deucht, das ist nicht richtig mit ihm!« »Was soll nicht richtig sein? – Alles ist richtig!« murmelte sie mit zahnlosem Mund und lächelte wie im Traum vor sich hin: »Hat er nicht auch früher gesungen, Gottfried? Und habe ich etwa auch keine Lieder gewußt? – Jung Vieh hat jungen Mut!!« Und sie nickte abermals vor sich hin, und ein langer, dünner, zittriger Ton rang sich über ihre Lippen. »Grundgütiger, sie fängt auch an!« dachte Gottfried entsetzt, raffte seine Pfeife vom Tisch und polterte hastig aus der Küche, die Steintreppe hinauf, um ein wenig vor der Haustür den herrlichen Frühlingsabend zu genießen. Über ihm, im Salon des Landrats, wurde plötzlich das Klavier angeschlagen und eine kräftige Männerstimme hallte durch die stille Straße: »Wach auf du gold'nes Morgenlicht und grüße meine Braut.« Meine Braut? – Zum erstenmal im Leben ließ Gottfried vor Überraschung Nachbars Spitz, den er haßte, ohne einen Fußtritt durch das Hoftor huschen – – – Und nun fuhr der junge Bräutigam durch das goldene Morgenlicht seinem Glück entgegen und wünschte den Rappen Flügel, um es schneller zu erreichen. Man hatte ihn wohl nicht zu so früher Stunde erwartet. Als er in den Gutshof einfuhr, hörte er, daß der Major soeben von dem Förster in den Wald gerufen sei. In einer halben Stunde werde er jedoch zurück sein. Die gnädige Frau hingegen sei sogleich zu sprechen. »Melden Sie mich.« Born nahm sein großes Bukett zur Hand und eilte leichtfüßig die Freitreppe empor. Ein Zimmermädchen huschte im Gartensalon an ihm vorüber und knickste mit einem ausfallend schelmischen Lächeln und einem recht indiskreten Blick nach dem riesenhaften Strauß. Es war doch kein Geburtstag heute, und die Konfirmation erst morgen. Frau Nora trat dem Freier mit einem Gemisch von Ernst und Verlegenheit entgegen. Sie ließ sich mit gütigem Lächeln ihre Hände küssen und sah dem Landrat ehrlich in die Augen. »Ich freue mich, lieber Herr von Born, vor dem entscheidenden Wort mit meinem Mann noch einen Augenblick ungestört mit Ihnen sprechen zu können!« begann sie nicht ohne Befangenheit, und bat durch eine Geste, Platz zu nehmen. »Sie haben sich von dem Wirbelwind der Ereignisse fortreißen lassen und halten um unsere Tochter an, verehrter Herr von Born, ohne sie überhaupt kennengelernt zu haben. Der Gedanke peinigt mich, daß das unüberlegte Benehmen Salomes und die ahnungslose Plauderei von Rose Sie zu einem Schritt gedrängt haben, an den Sie vielleicht nie gedacht hätten, wenn nicht –« »Meine gnädigste Frau – ich versichere Ihnen ...« Die Sprecherin schüttelte ernst den Kopf. »Wir wollen in dieser Stunde wahr sein, lieber Freund. Das Geschehene ist leider nicht mehr zu ändern, und Salome droht mit Sterben und Verderben, wenn wir das Jawort verweigern und ihr Glück zerstören wollten. Darum sehen Sie uns dem verwöhnten Kinde gegenüber heute schwächer als es mir recht ist! – Aber meine Redlichkeit und Aufrichtigkeit verlangen es, daß Sie den ,Hasen nicht im Sack kaufen' daß Sie wissen, welcher Art das Mädchen ist, um das Sie so vertrauensselig werben.« Abermals beugte Born sich auf die Hand der künftigen Schwiegermutter nieder und drückte sie lächelnd an die Lippen. »Meine hochverehrte, gnädige Frau, ich bin Ihnen unendlich dankbar für die liebenswürdige Sorge um mein Lebensglück, ich bin aber felsenfest davon überzeugt, daß Fräulein Salome –« »Bitte kein ›aber‹! Sie sind verliebt – und verliebte Leute sind blind. Gewöhnlich ist es so im Leben, daß die Mutter im Interesse der verliebten Tochter die Augen doppelt weit öffnen muß, sie vor einer Übereilung zu bewahren, da aber bei dieser Verlobung beinahe alles außergewöhnlich ist, so darf es Sie nicht wundern, wenn ich meine Fürsorge nicht dem eigenen Kinde, sondern dem künftigen Schwiegersohn zuteil werden lasse, der ihrer in diesem Falle mehr bedarf wie seine Auserwählte!« »O Sie gütigste aller Schwiegermütter!!« Frau von Welfen lächelte voll Humor. »Da sieht man schon wieder, wie verblendet Sie sind! Welch ein Junggeselle macht sich wohl jemals liebenswürdige Vorstellungen von einer Schwiegermutter!! Aber bleiben wir bei der Sache. Mein Mann kann jeden Augenblick kommen, und er würde mich für eine Rabenmutter erklären, wenn ich seinen Liebling auch nur mit einem Gedanken zu nahe treten wollte. Aber ich muß es, will ich ehrlich sein. Also kurz zusammengefaßt: Obwohl Salome soeben erst aus einem der bestrenommiertesten Pensionate zurückkommt, muß ich es dennoch bekennen, daß sie so gut wie gar nicht erzogen ist. – Sie lächeln! Sie denken an Ihr Abenteuer in der Eisenbahn, und Sie müssen mir recht geben!« »Hat Fräulein Salome noch nachträglich gebeichtet?« »Ja, und ich habe keine bessere Bestätigung für meine Behauptung, als diese Beichte!« »Ein harmloser Backfischscherz, gnädigste Frau!« »Ganz recht, ein Scherz, den man einem Backfisch vielleicht verzeiht, den man aber an der Frau Landrat von Born doch recht scharf tadeln würde. Das sehen Sie ein?« Siegfried schüttelte heiter das Haupt: »Stehe ich nicht an der Seite meiner Frau, um derartige kleine Scherze zu verhüten?« »Nicht immer. Es wäre auch trostlos für Sie, wenn Sie nicht so viel Vertrauen in Ihre Gattin setzen könnten, um sie hier und da selbständig sein zu lassen.« »Das werde ich jederzeit können!« »Und riskieren die unberechenbarsten Einfälle!« »Nein, gnädigste Frau, gewiß nicht!« »Glauben Sie, daß Salome mit dem Häubchen all die nötige Würde und Vernunft am Hochzeitstage anlegt?« Er lachte mit strahlenden Augen: »Wenn auch das nicht; aber sie heiratet dann einen Mann, der sich unterfängt, für all das Fehlende recht bald zu sorgen.« »Mit anderen Worten, Herr von Born, Sie wollen das unerzogene Kind erziehen!« Die Sprecherin seufzte tief auf und blickte dem stattlichen Mann ernst in die Augen. »Das ist ein schwieriges und gewagtes Beginnen! Es ist eine Illusion, die sich sehr schwer verwirklicht. Gerade eine sehr junge Frau, die auf die neue Würde so stolz ist wie ein Schulmädel auf die erste Schleppe, wie ein Quartaner auf die erste Taschenuhr – die hält sich für viel zu vollkommen, um irgendwelchen Rat anzunehmen.« »Auch von ihrem Manne nicht?« »Nein, wenigstens nicht mit Bewußtsein. Gerade weil sie so jung ist und kaum dem Lehrmeister entwachsen, will sie keinen Pädagogen neben sich dulden. In ihren unausgereiften Ideen ist der Mann nur der Geliebte und Romanheld, der sie anbeten – aber nicht erziehen soll.« »Und wenn sie gar nicht merkt, daß sie erzogen wird, gnädigste Frau?« »Dann – ja dann! Ihre Art und Weise, Salome in der Eisenbahn eine Lektion zu erteilen, war vortrefflich; Sie befolgten eine Methode, die Wunder wirkte.« »Nun sehen Sie! Teuerste Mama – welch eine stolze Anerkennung in Ihren Worten, und doch wollen Sie noch Zweifel in ein Gelingen setzen?« Frau Nora wiegte nachdenklich den Kopf. »Ein erstes Sehen zwischen zwei fremden Menschen und ein Verkehr zwischen Ehegatten dürfte doch recht verschiedener Art sein. Der Mann ist nicht stets in der liebenswürdig humoristischen Stimmung des Reisegefährten, seine Frau bleibt nicht die interessante Unbekannte, um deren Wohlwollen er wirbt – und er selber bleibt für seine Frau nicht der fremde Held, den die Phantasie mit einem wahren Nimbus umgibt, er bleibt nicht der geheimnisvolle Verehrer, aus dessen Munde jedes Wort einen besonders fesselnden milden oder mannhaft rauhen Klang hat, er ist eben der Alltagsmensch geworden, den sie wohl zärtlich lieben – dem sie aber nicht immer gehorchen kann!« »Zärtlich lieben! Ein Weib das liebt, ist die Taube an der Brust ihres Beschützers!« »Ein Weib , ganz recht; wie lange aber dauert es noch, bis aus dem blutjungen Kind, dem kaum erwachsenen Mädchen ohne gereifte Ansichten, ohne tiefer gehende Interessen, ohne Erfahrung und Verständnis für den Ernst des Lebens, ein Weib wird, das alles Glück nur an der Brust des treuen Gefährten, und nicht im Wechsel und Wandel heiterer Daseinsfreude findet.« Born blickte ebenfalls ernst zu Boden. Dann hob er in seiner frischen Weise das Haupt: »Ohne Kampf kein Sieg, gnädigste Frau! Es ist das heilige Anrecht der Jugend, daß sie ihr Glück erringen will. Sie greift nicht nach dem, was ihr mühelos in den Schoß fallt, sie verlangt, daß es hoch, fern, unerreichbar sei, damit Ehre und Stolz, es dennoch errungen zu haben, desto größer sind! –- Wohl glaube ich, daß es eine Danaïdenarbeit ist, will ein Mann ein Mädchen, dem Taktlosigkeit, gemeine Gesinnung und Widersetzlichkeit angeboren sind, in der Ehe zu einer Musterfrau erziehen; er scheitert an der Unmöglichkeit, er kann aus einer Sumpfpflanze keine Lilie oder Rose schaffen. Das sehe ich selber ein, gnädige Frau, und bin überzeugt, daß gar mancher, der eine sehr junge Frau nahm, in der Überzeugung, sie nach seinem Geschmack zu erziehen, sehr traurige Erfahrungen machte. Ich aber glaube trotz unserer flüchtigen Bekanntschaft Fräulein Salome richtig zu beurteilen. Sie ist noch ein Kind voll kindlicher Schwächen und Fehler, aber ein Kind, in dessen Herzenstiefe so viele reiche Gaben, so viele köstliche Geistesschätze ruhen, daß es eine Lust sein muß, die schlummernde Psyche in ihr zu wecken, und den übermütigen Puck ein für allemal davonzujagen. Lassen Sie mich mein Heil versuchen, liebe, teuerste Mutter, und ich versichere Ihnen, daß Sie mit meinen Erziehungsresultaten zufrieden sein sollen.« Frau von Welfen schwieg und sah mit verschleiertem Blick vor sich nieder. »Gebe Gott der Allmächtige, daß Sie recht haben. Aber eine Bitte – denken Sie noch nicht so bald an heiraten, lieber Born! Lassen Sie auch mir noch Zeit, vieles, was da fehlt, nachzuholen!« Mit beiden Händen umschloß er ihre schlanke Rechte. »Lassen Sie uns gemeinsam handeln, Mama!« flehte er. »Es ist zu spät und stets ein verfehltes Beginnen, wenn eine junge Frau erst in ihrer eigenen Küche das Kochen lernt. –- Sie leiden am meisten darunter!« Er lachte hell auf. »Die Witze der ,Fliegenden Blätter', die junge Ehemänner über die Kochkünste der kleinen Frauen die Hände ringen läßt, waren mir immer unverständlich!« »Gewiß! Wenn man gerade ein vortreffliches Menu im Hotel gegessen hat.« »Meine vortreffliche Hanne hat schon seit zwei Jahren daheim für mich gekocht, sie wird es unverändert weiter tun, und mein süßes Weibchen soll sich nie einen Finger in der Küche naß machen –« »Siegfried – ich beschwöre Sie – leisten Sie Salomes Aversion gegen das Kochen keinen Vorschub! Es ist eine ganz falsche Annahme, daß gute Köchinnen eine schlechte Hausfrau ersetzen können. Sie werden es nie, niemals tun. Wehe einer jeden Frau, die nicht auf eigenen Füßen steht, die auf den guten Willen und die Ehrlichkeit der Dienstboten angewiesen ist! Glauben Sie mir, gar manche Ehe ist unglücklich, gar manch ein Hausstand ist zugrunde gerichtet worden, weil die Frauen keinen Begriff von der Wirtschaft hatten, weil sie sich träge und gleichmütig betrügen ließen, weil sie keine Aufsicht führen konnten und es hilflos geschehen ließen, daß das ganze Vermögen im Haushalt veruntreut und verloddert wurde!« »Dann trifft die Schuld ebensogut den Mann. Kann seine Frau nicht den an sie gestellten Anforderungen genügen, muß er sich der Wirtschaftskasse annehmen.« »O Sie Phantast! – Lassen Sie einen Offizier, einen Beamten, einen Kaufmann, der von früh bis spät im Dienst oder Geschäft steckt, einen großen, womöglich kinderreichen Hausstand führen! Er muß es ja glauben, was ihm vorgerechnet wird, er kann weder den Verbrauch taxieren noch berechnen. Und welch ein Eheglück! Wenn der Gatte müde und abgearbeitet nach Hause kommt, und findet dort erst die Hauptlast seiner Tagesarbeit zu erledigen. Nein, lieber Born, das ist falsche Gutmütigkeit, die etwas unterschreibt, was sie zuvor gar nicht gelesen und erwogen hat. Mit solcher Nachsicht haben Sie bei Salome von vornherein verspielt, das versichere ich Ihnen. Und wenn Sie verheiratet sind, ist es für mich nicht mehr an der Zeit, meines Amtes zu walten. Die Rolle der ratgebenden und sich in alles einmischenden Schwiegermutter ist mir zu undankbar und unsympathisch!« Sie stimmte in sein Lachen ein und hob abwehrend die Hände gegen seine schmeichelhaften Versicherungen, daß sie stets in seinem Hause der helfende und schirmende gute Geist sein solle. Die Steinstufen der Freitreppe draußen knirschten unter schwerem Schritt. Herr von Welfen trat ein und unterbrach die Unterhaltung. Nie hätte es Herr von Born für möglich gehalten, daß der kampflustige, stets so scharfe und kritische Major so außerordentlich liebenswürdig sein könnte, und Herr von Welfen wiederum war höchst angenehm von der charmanten Art und Weise überrascht, mit der sein Schwiegersohn den Mantel der Liebe über alles hing, was da vergangen war und vergessen sein sollte. Es war eine eigentümliche Situation, in der sich die beiden Herren befanden. Vor wenigen Tagen noch Gegner, die sich gegenseitig allen Schabernack antaten, den sich anständige Menschen, ohne zu weit zu gehen, erlauben dürfen, Widersacher, die sich anspöttelten und das Leben sauer machten, wo es nur irgend anging, und heute Vater und Sohn, Arm in Arm, verbunden durch die zartesten und innigsten Banden, die Menschenwille knüpfen kann. War auch der Kampf stets von seiten des Majors mit ernsthafteren und schärferen Waffen geführt worden als von dem Landrat, so fühlten sich beide in diesem Augenblick gleich schuldig, und ein jeder war innig bemüht, durch doppelt viel Licht den ehemaligen Schatten auszugleichen. Frau Dora war ein wenig überrascht, wie sehr geneigt ihr sonst so starrköpfiger Mann sich dem Willen seines Töchterchens zeigte. War dies alles tatsächlich nur die Wirkung jener Ohnmacht, an die der Scharfblick der Mutter niemals recht geglaubt hatte? Der Major war ganz und gar Zustimmung und gute Laune. Ja, es schien seiner Gattin beinahe, als ob er eine gewisse Hast entwickelte, Salome herzuzurufen und die Hände der jungen Leute in feierlicher Verlobung zu vereinen. Noch einmal machte Frau von Welfen einen etwas hoffnungslosen Versuch, bei dem Freier eine zwei Jahre lange Verlobungszeit auszubedingen, aber sie stieß auf den entschiedenen Widerstand Siegfrieds, den ihr Mann unfaßlicherweise darin unterstützte. Die beiden Herren waren plötzlich ganz und gar d'accord und entwickelten zusammen die haarsträubendsten Ansichten. Ja, der Major schien es mit besonderer Genugtuung aufzunehmen, daß Born seine junge Frau gleichfalls als reizendes Spielzeug, als Schmuck und Zierde für die Salons, nicht aber als tätige und praktische Hausfrau betrachten wollte. »Siegfried hat ganz recht! Wenn ein Mann in so glänzenden Verhältnissen lebt wie er, kann er sich den Luxus einer kleinen Prinzeß gestatten, und braucht nicht Dienstbotenarbeit von seiner Gemahlin zu verlangen! Dazu paßt Salome überhaupt nicht, und ich will, daß mein Kind so leben soll, wie es ihr behagt und angenehm ist!« So sehr glänzend fand nun Dora das Vermögen des Landrats gar nicht. Es war allerdings sechsmal so viel wie das, mit dem sie und Ernst ihren bescheidenen Hausstand begründet hatten, aber die Zeiten waren andere und die Ansprüche Salomes andere, als die ihrer so opferfreudigen Mutter, die Tag und Nacht die fleißigen Hände geregt hatte, um anständig vor der Welt bestehen zu können. Für Unverstand und Verschwendung ist selbst das Vermögen eines Millionärs der Tropfen auf heißem Stein. Das Mutterherz schlug recht besorgt und schwer bei diesem Gedanken, aber die Herren, die beide den Kopf in den Sand steckten wie der Vogel Strauß, wenn er die Gefahr nicht sehen will, überstimmten sie. Der Major selber begab sich in das Zimmer der Tochter, um sie als reizendes Bräutchen in die Arme des Glücklichsten aller Sterblichen zu führen. Als der erste Freudenrausch sich ein wenig gelegt hatte, mußte Frau Dora abermals einen erfolglosen Kampf kämpfen. Sie verlangte, daß Siegfried jetzt nach Hause zurückfahren und die Verlobung bis nach der Konfirmation geheim bleiben solle. Rose sei soeben glücklicherweise in der Stunde bei dem Pfarrer, und es würde doch begreiflicherweise sehr ablenken und zerstreuen, gerade an diesem letzten Tage Verlobungsbilder im Elternhause zu schauen. Diesmal war es Salome, die mit dem ganzen erregbaren Eigensinn ihres Temperamentes dagegen Front machte. Sie steckte Siegfried und den Vater an und wußte die beiden Herren so geschickt zu ihren Verbündeten zu machen, daß die Mutter abermals überstimmt wurde. »Die feierliche Veröffentlichung kann ja meinetwegen erst als Überraschung am Sonntag bei der Konfirmationsfeier stattfinden!« beharrte sie, »aber bis dahin kommt Siegfried alle Tage hierher, und die Anzeigen müssen sofort gedruckt werden. Nicht wahr, Herzensliebster, wir setzen sie gleich auf und schicken sie an Armand Lamm nach Berlin? Oh, wie brenne ich darauf, uns gedruckt zu sehen – es schwarz auf weiß zu lesen, daß ich wirklich ganz und gar dein eigen bin!« – Und sie schmiegte sich zärtlich, herzbetörend an ihn und flüsterte: »Ich habe immer noch eine wahre Todesangst, daß Papa seine Einwilligung bereut, und kann nicht eher ruhig sein, als bis ich weiß, daß er uns offiziell vor allen Menschen als Brautpaar anerkannt hat! Der gute Vater ist so unberechenbar und tadelt im nächsten Augenblick, was er im vorhergehenden gutgeheißen! Ich beschwöre dich, herzliebster Siegfried, hilf mir die Eltern bestimmen, daß wir die Verlobungskarten drucken lassen dürfen!« Und Siegfried half ihr. Er stand als willenloser Sklave unter dem Zauber ihrer Schönheit und Anmut. Und wieder ging ein feines, aber nicht zufriedenes Lächeln um die Lippen der Mutter. Oh, Eitelkeit, dein Name ist Weib! Der Mutter scharfe Augen erkannten es nur zu gut: Das Wichtigste für die Tochter war es, so schnell wie möglich über die Pensionsfreundinnen triumphieren zu können. Darum ihre Eile, aller Welt ihr Glück kundzutun. Aber hat die Eitelkeit nur einen einzigen Namen? Nein! Der andere heißt Mann. Auch Siegfried trieb zum guten Teil die Eitelkeit zu der Verlobung. Er war eitel auf seinen schnellen Erfolg, eitel auf den Eindruck, den er gemacht, eitel auf seine Erziehnngsmaxime. Es ging ihm wie tausend anderen Männern: er wollte seine Frau erziehen und zu sich heranbilden. In der Theorie fühlt er sich als Meister – kann es da in der Praxis fehlen? Vielleicht gelingt es ihm, wenn er ein tüchtiges Lehrgeld zahlt. XI. Der Major entschied, daß heute mittag das Brautpaar dem engsten Familienkreise vorgestellt werden solle. »Aber das bitte ich mir aus!« fügte er mit verschmitztem Augenzwinkern hinzu, »während Roses Anwesenheit wird weder geküßt, noch sonst zärtlich albern getan, verstanden? Wie ernste, sittsame Leute eßt ihr euere Teller leer und empfehlt euch alsdann zu Gnaden. Rose braucht jetzt keine lyrischen Vorstellungen zu genießen, sie wird davon schon genug zu sehen bekommen!« »Gut, dann gehen wir jetzt oben in den blauen Salon und setzen die Verlobungsanzeige auf!« jubelte Salome am Arm ihres Verlobten, »und dann gehen wir in den Park und holen ein paar Erstlingsblättchen von den Vergißmeinnicht!« »Bravo! Die kleinen Propheten dürfen nicht auf dem Verlobungstisch fehlen!« – Siegfried schloß die Geliebte zärtlich an sich: »Die ersten Blättchen zu dem Verlobungsfest und die blühenden Blumen auf die Hochzeitstafel!« »Oho! Macht nicht die Rechnung ohne den Wirt!« »Aber Väterchen, willst du sie für Rose aufheben?« »Papperlapapp! – Und nun kommt, ihr Schlingel, nun gehen wir in den blauen Salon!« Salome und Siegfried sahen ganz überrascht, um nicht zu sagen betroffen, aus. »Du gehst mit uns, Papa?« fragte das Bräutchen gedehnt. »Na gewiß! Soll ich etwa allein hier unten sitzen? Wenn man ein Brautpaar im Hause hat, will man doch auch etwas davon merken!« schmunzelte der Major harmlos. »Aber Ernst – laß sie doch einen Augenblick allein!« »Allein! Wozu allein?! Torheit, sie sind ja verlobt und brauchen sich vor mir nicht zu genieren! Ich werde ja nicht konfirmiert – und meiner Naivität tut es auch keinen Abbruch mehr, wenn zwei sich küssen!« »Aber Papachen–!!« »Denke einmal zurück, lieber Ernst, wäre es dir sehr angenehm gewesen, meinen Vater als ständigen Begleiter an unserem Verlobungstage um dich gehabt zu haben?« »War etwas ganz anderes, Dorchen, wir hatten uns soviel zu sagen –« »Und wir haben uns nichts zu sagen?!« »Ihr? Na, was sollt ihr euch denn mitteilen, ihr kennt euch ja noch gar nicht!« »Um so mehr gibt's zu reden!« »Na, wenn ihr nicht einmal küssen, sondern nur reden wollt, kann ich ja erst recht dabei sein. Siegfried ist's gewohnt, vor Versammlungen zu sprechen, bei einem einzigen Mädel Publikum gibt er sich gar keine Mühe! Marsch vorwärts, gehen wir!« »Halte doch dein Mittagsschläfchen einmal vor dem Essen, Papachen!« »Kann ich nicht.« »Dann begleite mich, bitte, in den Garten, Ernst, und bilde dir ein, wir beide wären auch verlobt!« »Mein Alterchen, mein gutes Dorchen – gib mir 'nen Schmatz! Komm doch auch mit den Kindern mit! Sieh mal, wir haben die Salome nicht mehr lange bei uns, da wollen wir sie doch noch recht genießen –« Die Tür wurde mit hartem Schlag auf die Klinke geöffnet. – Alle wandten erstaunt die Köpfe. »Ah – Tante Sidonie!« – sagte Salome, aber es klang wie ein Aufseufzen. Die Genannte stand auf der Schwelle, ein verschnürtes und versiegeltes kleines Paket in der Hand. – Siegfried hatte sie noch nie gesehen, und trat überrascht einen Schritt vor der außergewöhnlichen Gestalt zurück, die zwar »Tante« genannt wurde, von ihm aber entschieden mit »mein Herr« angeredet worden wäre. Tante Sidonie sah eigenartig wie immer aus. Über dem bekannt sehr kurzen Kleiderrock hing ein weiter Herrnschlafrock aus grauem Tuch mit roten Aufschlägen und Troddeln nieder. Da seine Ärmel zu lang waren, hatte die Besitzerin sie ungeniert umgekrempelt. Ein vor langer Zeit weiß gewesenes Foulard war um den langen Hals geschlungen, und ein mächtiges Taschentuch mit bunter Kante hing lang aus einer der sehr vollgestopften Schlafrocktaschen hernieder. Das kurzgeschnittene graue Haar stand, genial zerwühlt, zu Berge; ein Federhalter stak hinter dem Ohr, und ein Duft zweifelhaftesten Tabaks umwehte die eigenartige Erscheinung. Das Gesicht deuchte dem Landrat vollends wunderlich. Hager, knochig, gelb, sehr große Nase und breiter Mund mit nach innen gekniffenen bläulichen Lippen, schien sein fürnehmlichstes Signalement. Am unsympathischsten deuchten ihm jedoch die Augen. Sie waren von sehr hellem, wässerigem Blau, rund und weit offen, mit dem starren Ausdruck der Glasaugen in einem Porzellanpuppenkopf. Es schien als ob weder Wimpern und Lider dazu gehörten. Tante Sidonie starrte den ihr unbekannten Herrn ungeniert an. Dann fragte sie kurz: »Wer ist das?« Der Major trat sehr höflich näher: »Gestatte, meine liebe Sidonie, daß ich dir ein frisch gebackenes Brautpaar vorstelle! – Mein Schwiegersohn, Landrat von Born. Wir wollten soeben zu dir hinaufgehen und die jungen Leutchen präsentieren, da du doch gewiß Anteil an ihrem Glück nimmst.« Die kalten Augen der Tante stierten den sich verneigenden Bräutigam an, während ihre knöcherne Hand sehr bestimmt die Nichte abwehrte, die Miene machte, ihr um den Hals zu fallen. »Nein – das ist mir sehr gleichgültig,« antwortete sie schroff, »ich halte alles Verloben und Verheiraten für grenzenlosen Unsinn. – Was kommt dabei heraus? Wir Frauen opfern unser Geld, Freiheit, Gesundheit, eigenen Willen und tauschen nichts dafür ein, als einen hohlen Titel. Glück? Lächerlich! – Redensart. – Wahres Glück blüht dem Weibe nur in der Selbständigkeit und absoluten Gleichberechtigung mit einem Wesen, das sich zum Herrscher aufgeworfen hat, ohne im mindesten dazu berechtigt zu sein. Diese Zeit endet mit dem neunzehnten Jahrhundert.« Der Major sah gar nicht beleidigt aus. »Ich weiß, daß du sehr schroff über diesen Punkt denkst, Sidonie, unbegreiflicherweise, da du doch selber so glücklich verheiratet warst.« »Sehr glücklich?« – Die Tante rümpfte höhnisch die Nase: »Nein, das war ich nicht. Denkst du, ich geniere mich vor deinem Schwiegersohn, das zu sagen. Solange wie ich verheiratet war, habe ich mich mit meinem Mann gezankt, denn ich duldete keine Knechtschaft. Jetzt bin ich frei und mein eigener Herr, jetzt ist es mir sehr wohl. In der Stille von Jeseritz kann ich arbeiten – darum bleibe ich noch lange hier.« »Gnädige Frau sind Schriftstellerin?« fragte Born. Er mußte etwas sagen, um das verräterische Zucken seiner Lippen zu verbergen. Ein fast feindseliger Blick traf ihn. »Nein, so etwas Einfältiges bin ich nicht! Was nennt sich heutzutage nicht alles Schriftstellerin! –- Frauenzimmer, die knapp orthographisch schreiben können. Wer sonst nichts zu essen hat, knabbert am Federhalter. Da entstehen dann die lyrischen Gedichte, die Büchlein für höhere Töchter, die Märchenhorte und Kochbücher. Und alles dies nennt sich Schriftstellerin. – Lächerlich! Ich habe weder Zeit noch Interesse, noch Liebe für die unbefiederten Gänse, die solche Geistesnahrung verschlingen. Ich strebe höher.« »Tante Sidonie schreibt ein naturwissenschaftliches Werk, lieber Siegfried.« »Kultur-sozial-naturwissenschaftlich!« verbesserte der weibliche Professor streng, »ich werde es möglich machen, diese drei Begriffe zu verschmelzen.« »Außerordentlich interessant!« verneigte sich Born. »Nicht für Sie! Was versteht ein Landrat von dieser Wissenschaft?! Ich halte sehr wenig von der Stellung eines Landrates; sie ist absolut überflüssig und kostet dem Staat nur unnützes Geld. In den Städten können die Bürgermeister dieses Geschäft mit versehen und auf dem Lande ist jeder Gutsbesitzer der natürlichste und beste Landrat für sich und die ihm zugehörige Ortschaft.« Sie setzte sich einen Kneifer auf und funkelte den neuen Neffen kampfesmutig an. Dieser aber war friedlich gesonnen. »Wohl möglich, gnädigste Frau, daß Anno 1900 der letzte Landrat in Spiritus ins Museum gestellt wird!« sagte er ernsthaft. Der Major hustete und Frau Nora wühlte eifrig in den Zeitungen auf dem Tisch. Tante Sidonie aber musterte den Sprecher mit scharfem Blick. Wagte er etwa sie zu verspotten? Brüsk wandte sie ihm den Rücken und musterte Salome: »Ei, ei, wie affig hast du dich einmal wieder herausgeputzt! Du weißt doch, daß Einfachheit die schönste Tugend der Frau ist.« »Die Einfachheit und Schlichtheit des Gemütes, gnädigste Frau,« lächelte der Landrat sehr verbindlich. »Ich freue mich so sehr des guten Geschmacks meiner Braut, und hoffe, daß sie niemals ihren äußeren Menschen vernachlässigt. Der Körper ist die Hülle der Seele; verkommt der erstere –« der Blick des Sprechers streifte unwillkürlich den durchgestoßenen Ellenbogen ihres Schlafrocks und die verschiedenen Tintenklexe seiner Vorderbahnen, »so leidet auch die andere Schaden, und meiner Ansicht nach gibt es keinen besseren Spiegel für den Geist eines Menschen, als die Gewänder, in welche er sich hüllt!« Der Major stiefelte mit Riesenschritten nach der Verandatür, er sah dunkelrot bis unter die Haare aus und das krampfhafte Zittern seines Schnurrbartes verkündete ein innerliches Gelächter, das heldenmütig unterdrückt war. Er ärgerte sich oft schlagrührend über die Tante, wagte aber nicht Front gegen sie zu machen, um sich nicht als Graphologe zu blamieren. Nun freute es ihn doppelt, daß sie einmal die Meinung gesagt bekam. Frau Dora warf etliche Zeitungen unter den Tisch und bückte sich hastig, sie aufzunehmen, nur Salome reckte das Näschen triumphierend in die Luft und lachte ungeniert auf. Tante Sidonie war einen Augenblick sprachlos. Dann spielte ihr gelber Teint in das Grünliche. »So, mein neuernannter Herr Neffe?« antwortete sie scharf, »Sie unterstützen also noch die sündhafte Putzsucht Ihrer Zukünftigen? Nun, jeder nach seinem Geschmack und seinem Geldbeutel! Ich hoffe, Sie rechnen nicht zu sicher mit dem Vermögen einer Erbtante?« Ihre Stimme wurde sehr schrill und laut. »Ich für meine Person gehöre nicht zu dieser hirnverbrannten Spezies, die es für ihre Pflicht hält, aus lauter Familiensinn einzig nur die teuern Verwandten zu Erben einzusetzen! Ich behalte mir vollkommen freie Hand vor, und vermache mein Geld solchen Leuten, die sich um meine Gunst bemühen, gleichviel wer es ist – selbst eine Schneiderin, eine Kammerjungfer hat Chance, meine Universalerbin zu werden! Verstanden Herr Landrat?« Born stand ihr hochaufgerichtet gegenüber. Sein ganzer Übermut blitzte aus seinen Augen; er sah aus, als ob er sich königlich amüsiere. »Sie tun sehr recht daran, gnädigste Frau!« stimmte er höflich zu; »ich würde sicherlich ebenso handeln, wenn ich mich in Ihrer Lage befände. Ich selber besitze leider keine einzige Erbtante mehr, auf deren Ableben ich mich freuen könnte; sie taten mir schon alle den Gefallen recht jung zu sterben und mich zum Erben einzusetzen!« »Herr Landrat – Sie werden beleidigend!!« »Aber teuerste gnädige Frau, meine Tanten hören es ja nicht mehr!« lächelte Siegfried herzgewinnend. Von der Balkontür herüber erscholl ein undefinierbares Grunzen, der Major trommelte einen Sturmgalopp mit seinen langen Fingernägeln gegen die Scheiben. Ein Blick maßlosen Hasses sprühte aus den Augen der Frau Professor. Sie schnellte den Kopf zurück, daß der Federhalter hinter ihrem Ohr hervorschoß und sich in die Diele spießte. »Sie scheinen ja Ihre Ansichten recht offen und ehrlich auszusprechen – doppelt schade, daß die Tanten es nicht mehr hören können.« »Ich bin immer sehr offen – ebenso offen und rückhaltlos wie Sie, gnädigste Frau, und ich hoffte, Ihnen dadurch doppelt sympathisch zu sein!« »Höchst sympathisch! Daß Gott sich erbarme!« lachte Sidonie mit beißendem Hohn und wandte ihm brüsk den Rücken; sie liebte es nicht, mit Leuten zu diskutieren, die ihr gewachsen waren. »Vetter Ernst!« Der Major wandte sich in das Zimmer zurück, er sah so harmlos aus, als habe er von dem ganzen Gespräch keinen Laut vernommen. »Weiß das Donnerwetter, schneidet der Bachmann die ganze Rosenranken herunter!« schimpfte er, noch einen letzten Blick durch die Tür werfend. Tante Sidonie richtete sich hoch und kalt empor: »Ich habe über die mir höchst widerwärtige Verlobung vollkommen den Grund meines Kommens vergessen! Du weißt, daß ich alle Familienfeste, wo es rührselig hergeht, hasse. Ich werde zu der Konfirmation noch zu dem Verlobungsfest erscheinen. Aber ich möchte meine jüngste Nichte nicht ohne ein Zeichen meiner Anteilnahme lassen. Den Kindern bei solch ernster Weihe Schmuck zu schenken, halte ich für Unsinn, sie werden höchstens Zierpuppen« – ihr Blick flog scharf zu Salome hinüber – »die mit all ihrem Staat nicht auf den schmalen Pfad des Glaubens passen, sondern die Heerstraße der Sünder wandeln. Darum schenke ich ein christliches Erbauungsbuch.« »Gott bewahre! Darum nicht, nur aus Geiz!« raunte Salome in das Ohr des Bräutigams. »Und so bringe ich für Rose hier ein Büchlein, das das Herz läutert und den Geist erhebt. Ich selber kenne es noch nicht, da meine Studien mir jede Lektüre verbieten, aber der Titel sagte mir zu – ich wählte nach ihm das Buch und ließ es besonders für Rose binden. Man sagte mir eben, daß die Kleine nicht zu Hause sei. So bitte ich dich, lieber Ernst, gib dem Kinde heute schon das Buch und sorge, daß sie es zur Erbauung und Vorbereitung für den morgenden Tag liest. – Hier ist es.« Mit hoheitsvoller Geste reichte sie dem Major das versiegelte Paket; dieser murmelte tief ergriffen Worte des Dankes, und auch Frau Dora reichte der Spenderin dankend die Hände entgegen. Tante Sidonie aber liebte keine Rührszenen. »Schon gut!« schnitt sie kurz ab: »Ich habe das Opfer gern gebracht – ich mag Rose am liebsten von euch allen!« Damit schwenkte sie stolz um und wuchtete auf den Stiefelsohlen des seligen Gatten zur Tür hinaus – nicht ohne das Brautpaar zuvor mit einem giftigen Blick zu streifen. »Gott sei Dank! Dieses greuliche Frauenzimmer!« rief Salome noch ganz blaß vor Ärger: »Laß doch sehen, Papa, was für ein Gebetbuch sie geleistet hat!« Der Major trat an den Tisch und schnitt den Bindfaden entzwei. Das tat er nur in großer Erregung und Neugierde, für gewöhnlich wurde jeder Faden sorgsam entknotet und aufbewahrt. »Um Himmels willen, wer war diese bezaubernde Dame?« lachte Born hell auf: »Ich bin in meinem Leben noch nie so viel göttlicher Grobheit begegnet, wie in diesen letzten zehn Minuten, angesichts der Frau Tante!!« Salome machte ein bitterböses Gesichtchen nach der Tür: »Ich begreife euch nicht, Vater und Mutter, daß ihr diese verkörperte Unverschämtheit auch nur noch einen Tag um euch duldet!« Welfen räusperte sich: »Sie ist nicht so schlimm, wie sie scheint, Kinder. Ihr Charakter ist vortrefflich, und ihr Wissen außergewöhnlich und bedeutend. Ich überzeugte mich davon!« »Was nützen mir die besten Eigenschaften, wenn man nie etwas von ihnen merkt!« seufzte Frau Dora, »die Tante hat sich schon im ganzen Hause verhaßt gemacht, ebenso in der Umgegend. Bei ihrem taktlosen Wesen und ihrer Vorliebe, allen Menschen nur die unliebsamsten Grobheiten zu sagen –« »Wahrheitsliebe!!« »Danke schön für solche Wahrheitsliebe! Sie hat mir durch die unerquickliche Szene soeben die ganze Freude dieses Tages verdorben! Ich danke Gott, daß endlich ein Mensch in Siegfried gefunden ist, der diesem Störenfried den längeren Aufenthalt in unserem Hause verleiden wird!« »Da kennst du die geizige, berechnende Person sehr schlecht!« schüttelte das Bräutchen ingrimmig den Kopf. »Siegfried und Salome enterbt sie fraglos!« murrte der Major: »Wenn sie wenigstens Rose bedenken wollte –« »Lieber Ernst – jeden Pfennig, den Rose von ihr erbt, will ich in Gold einwechseln!!« »Ah – das Buch! – Potz Wetter, ein wahrhaft anständiger Einband, welches Wunder!!« Welfen ließ die letzten Seidenpapiere herniederfallen. Ein blausamtenes Buch, das in seiner Mitte ein großes goldenes Kreuz zeigte, tauchte auf. Aller Blicke hafteten daran. – Dann klappte es der Major mit andächtigem Gesicht auf und schaute hinein. Verdutzt neigte er sich näher: »Nanu? Was ist denn das?« Born trat hinter ihn, und Salome neigte sich neugierig über seine Schulter. »Bilder? Ein illustriertes Gebetbuch? Wie seltsam!« Der Landrat bekam plötzlich einen dunkelroten Kopf und auch der Major sah höchst betroffen aus. »Himmelschockbombenelement ... das scheint ja ein recht erbauliches Werk – –« »Lies doch einmal den Titel, Ernst!« Welfen blätterte mit unruhigen Fingern, sein Schwiegersohn aber sah schon jetzt aus wie ein Mensch, der vor innerlichem Lachen sterben will. » Die fromme Helene von Wilhelm Busch –« stotterte der Major, und dann dröhnte ein doppelstimmiges Gelächter durch das Zimmer, so Mark und Bein erschütternd, wie es die Damen noch nie gehört. ›Die fromme Helene!‹ –- »Die fromme Helene!« schrie Born, ganz außer sich vor Vergnügen, und die beiden Herren sanken sich in die Arme und schluchzten vor Lachen. Frau Dora griff entsetzt nach dem Buch: »Welch eine empörende Frivolität ... solch ein Buch einem Backfischchen zur Konfirmation?« »Nette Erhebung der Seele! Angenehme christliche Vorbereitung. Die fromme Helene in blauem Samteinband mit dem goldnen Kreuz darauf!!!« »Zeige doch mal her, Papa –« »Nein, mein Schatz, dieses Buch ist keine Lektüre für junge Mädchen!« – Der Major warf sich behaglich in einen Sessel, wischte sich die Tränen, die er gelacht, aus den Augen, und nahm das eigenartige Konfirmationsgeschenk in die Hand. »Mutterchen, erlaubst du, daß ich lese?« scherzte er: »Einem so alten Knaben wie mir schadet wohl die fromme Helene in blauem Samt nichts mehr??« Siegfried gab seinem Bräutchen hastig einen Wink. »Die Anzeigen!!« flüsterte er, und Salome nickte mit strahlendem Gesichtchen. Arm in Arm huschten sie durch die Tür und eilten in den blauen Salon. »Gott sei Dank, ein Gutes hat uns Tante Sidonie sehr gegen ihren Willen nun doch erwiesen,« scherzte Born: »Sie hat Vater für ein Weilchen auf den Sessel drunten gefesselt!« Er umschlang und küßte die Errötende mit stürmischer Innigkeit, jetzt erst das süße Glück der Verlobung kostend. Durch die offenen Fenster strömte die balsamisch warme Frühlingsluft; die ersten blühenden Kirschbaumzweige nickten aus dem Park herüber wie bräutliche Grüße, und die Vöglein sangen ein ganz neues Lied, das der Königin Minne gar selige Kunde brachte. Frau von Welfen lauschte ihm voll sinnenden Ernstes. Ihr deuchte all das liebetrunkene Blühen und Jauchzen zu früh. Gar mancher Lenz, der ungeduldig und keck der Zeit zuvorgekommen, hat seine holdesten Triebe und Blüten unter dem Rauhreif welken sehen, und hat unter Weh und Leid erst dem Winter abringen müssen, was er eine kurze Weile später freiwillig gegeben hätte! – Und just so ergeht es dem Liebesfrühling. Auch er verlangt, daß die Herzen, in die er einziehen soll, durch Lenzesstürme der Erfahrung und Prüfung vorbereitet sind. Schnee und Eis müssen zuvor schmelzen; alle Selbstsucht, Eitelkeit, Stolz, Launen und kindische Torheit müssen erst vor der Gnadensonne der großen, echten und wahren Liebe dahintauen wie die Schneeflocken vor dem warmen Strahl des Frühlings. In Salomes Herzen aber schien diese rechte Sonne noch nicht, sie mußte sich erst noch durch manch dunkle Wolke hindurcharbeiten, und darum war der Liebeslenz zu früh gekommen. – Je nun, sie vermochte es nicht mehr zu ändern. Es sind gar viele, verschiedene Wege, darauf die Menschen zum Glück wandeln, lange und kurze, dornige und blumige – wenn sie nur auf dem Wege bleiben und nicht abirren, erreichen sie, wenn auch müde und matt, doch endlich das Ziel. Dazu helfe Gott.   Nie hatte eine Verlobung eine derart explosionsartige Überraschung hervorgerufen, als diejenige des Fräulein Salome von Welfen mit dem Landrat von Born. Herr von Elten stand wie Hamlets Geist und starrte auf das Brautpaar, das sich mit dem harmlosesten Lächeln am Sonntag nach Roses Konfirmation den ahnungslosen Gästen präsentierte. Da standen sie so strahlend und traulich Arm in Arm, als sei es ganz selbstverständlich, daß sie sich prima vista für das Leben gefunden, und Herr von Elten hatte den prächtigen Rosenstrauß, mit dem er die junge Dame in der Heimat begrüßen wollte, voll knirschender Wut am liebsten in die Ecke geschleudert. Er hatte jedoch gelernt, sich zu beherrschen, und besaß die Geistesgegenwart, sich aus Situationen, die für ihn lächerlich zu werden drohten, geschickt herauszuwinden. Born durfte nicht über ihn spotten, er am wenigsten. So zwang Elten sein Gesicht in lächelnde Fältchen, verneigte sich sehr höflich vor der jungen Braut und überreichte seinen Strauß. »Da mir indiskreterweise alle Frühlings- und Liebeselfchen das süße Geheimnis schon verraten hatten, gestatte ich mir, meinen Glückwunsch mit ein paar bescheidenen Rosen zu umwinden!« sagte er galant. Die Umstehenden waren starr vor Staunen, und am überraschesten schien der Landrat. »Elten! Verehrtester! Wo um alles in der Welt können Sie das erfahren haben?« Der Premierleutnant zuckte die Achseln. »Höchstens von dem Gärtner, dem alten Klatschmaul, der mich gleich so verschmitzt anschaute, als ich Myrten in meinen Strauß winden ließ! Aber ich habe weder ihm noch sonst einer Menschenseele verraten, für wen er bestimmt war! Elten, tun Sie mir den einzigen Gefallen und nennen Sie mir den Verräter!« »Ich sagte Ihrem Fräulein Braut bereits, daß die Frühlingselfchen –« »Schnickschnack! Zeigen Sie uns erst eins!« Der Assessor klopfte Elten lachend auf die Schulter. »Sie sind eine Spürnase par excellence ! Den dürfen Sie nur zum Eklairieren und Rabuschern gebrauchen, Herr Rittmeister!!« »Soll ein Wort sein! Machen Sie sich auf eine patrouillenreiche Zukunft gefaßt, lieber Elten!« scherzte der kleine Graf mit einem etwas säuerlich süßen Lächeln! Er war innerlich ebenso wütend wie Elten, daß die einzige junge Dame der Gegend, mit der eventuell zu rechnen gewesen wäre, so mir nichts dir nichts von dem Herrn Landrat weggeschnappt war. Lächerlich, wie kann ein so reizendes Mädel einen so unnatürlichen Geschmack haben! Einen Zivilisten nehmen, wenn eine ganze Schar der schönsten blauen Husaren zur Verfügung steht. Je nun, Strafe muß sein! Der kleine Graf war mit dem festen Vorsatz hierhergekommen, Fräulein Salome auf Tod und Leben den Hof zu machen, und ein Mann – ein Wort. Er machte auch den Hof – nur das Motiv war ein anderes geworden. Ehemals hatte er aus Liebe gehuldigt, jetzt tut er es aus Haß. – Was er sonst aus zärtlicher Überzeugung an Worten und Blicken ins Treffen geschickt hätte – jetzt geschah es aus Rache. Das kleine Gänschen sollte seinen Gott erkennen lernen! Sie sollte es bereuen, sich so voreilig gebunden zu haben, sie sollte Vergleiche zwischen ihm und ihrem Tintenkaspar ziehen. Warum nannte man ihn einen gefährlichen Courmacher? Nun wollte er es beweisen! Hatte das harmlose Pensionskind jemals schon im Kreuzfeuer zündender Blicke gestanden? Nein! Sie ahnte überhaupt nicht, was sie mit ihrer Verlobung für eine Torheit begangen hatte, aber sie sollte es einsehen lernen, sie soll für die Rücksichtslosigkeit bestraft werden, sich zu binden, ehe sie den schon längst angemeldeten Besuch des Rittmeisters empfangen. Und der kleine Graf Humbrecht legte sich sofort ins Zeug und machte sich zum Schatten des holden Bräutchens. Aber zu seiner Überraschung war Salome gar nicht das naive Backfischchen, das er vermutet hatte. Sie gebrauchte ihre schönen Augen recht geschickt und verstand es, in schwärmerischer Weise zu kokettieren ... sapristi ! Der Rittmeister war so im Eifer, daß er gar nicht merkte, wie er mehr Feuer fing als sein Opfer! Der Landrat lächelte in seiner heiteren Weise zu den Bemühungen des Kleinen, der sein dunkles Schnurrbärtchen immer spitzer drehte und bei Tisch, an der anderen Seite Salomes, einen immer röteren Kopf bekam. Er konnte sich so viele Schmeicheleien der jungen Dame gegenüber erlauben, denn er hob jedesmal sein Glas dabei sehr verbindlich gegen Born und versicherte eifrig: »Einer Braut gegenüber darf man schon ehrlich sein, nicht wahr, lieber Born? Bei ihr ist jede Huldigung ja nur eine Eloge für den Glücklichsten aller Sterblichen, der sie errungen hat!« Siegfried stimmte harmlos zu. – Die Eitelkeit war seine Ächillesferse – er sonnte sich in dem Triumph, den Vogel abgeschossen zu haben, und sah mit stolzer Genugtuung, wie seine Braut alle Herzen entzückte. Mochten sie ihr die Schleppe tragen als Pagen – die Königin selber war ja sein! Salome amüsierte sich himmlisch. Wie war es doch interessant, Braut zu sein, und es mit grausamem Behagen mit ansehen zu dürfen, wie dennoch alle anderen Männer sie anschmachteten. So mußte es sein! So war es recht und richtig, wie es in den Romanbüchern stand. Graf Humbrecht war jetzt schon rasend in sie verliebt, er würde sich sicherlich zum Schluß aus Verzweiflung erschießen! – Schauderhaft, entsetzlich, aber hoch romantisch! Der Assessor und die anderen Leutnants gaben sich die erdenklichste Mühe, Siegfried eifersüchtig zu machen. Vielleicht kamen etliche kleine Mißverständnisse dazu, wenn die Herren bei ihr im Hause verkehrten und der gnädigen Frau den Hof machten – es kam zu Duellen, sie warf sich im entscheidenden Moment dazwischen – ehe die Pistolen losgingen, denn Knallen konnte sie ein für allemal nicht hören – es gab eine große Versöhnungsszene, sie verzieh ihrem Gatten das kränkende Mißtrauen – o es würde alles, alles werden wie in einem Roman! Nur einer ärgerte sie – Elten. Gerade er, der erst so lyrisch mit Rosen gratulierte, nahm gar keine Notiz von ihr, als sei sie plötzlich Luft geworden. Er saß an Roses rechter Seite und schien ganz Auge und Ohr für die Kleine. Wie er sie mit tiefen Blicken »anleuchtete«, wie sein bleiches Gesicht so interessant aussah, wenn er leidenschaftlich auf sie einredete! Er schien ein unheimlicher Mensch zu sein, ein Mephisto. So einer, der in den Romanen das böse Prinzip verkörpert. Wahre Vampyraugen hatte er! Daß sich Rose nicht vor ihm fürchtete! Mein Gott, das Kind saß so harmlos lächelnd neben ihm wie ein Kaninchen vor der Schlange! Was wußte Rose auch von interessanten Männern! Von Männern, die Tiger sind und stündlich auf den Raub von Frauenherzen ausgehen! Seltsam, warum ignorierte er sie, die ihm als Braut doppelt begehrlich sein müßte? Salome wurde ganz unruhig. Je mehr sie zu ihm hinüberblickte, desto weniger schaute Elten auf sie. Nur manchmal streifte sie ein kalter, unsagbar kalter, starrer Blick. Ob er sie etwa jetzt schon unglücklich liebte? Sie mußte es um jeden Preis ergründen. Nach Tisch wollte sie ihn in ein längeres Gespräch verwickeln und ihn beobachten. »Der Gletscherkönig« nannte sie ihn bereits in Gedanken. Eben wandte er sich an Papa: »Faktisch, Herr Major? Die Verlobung Ihrer Fräulein Tochter war Ihnen schon längere Zeit ein schwer zu hütendes Geheimnis? Die Herrschaften haben sich schon auf der Reise kennengelernt?« – Er lachte. – »Warten Sie nur, Herr Major! So unverzeihlich Versteck mit uns zu spielen! Neulich, als Sie noch die Handschrift Ihres Herrn Schwiegersohnes nach graphologischen Regeln deuteten, hätten wir alle darauf schwören mögen, Sie stünden sich fern wie Himmel und Erde, und statt dessen wußten Sie bereits, daß Sie ihn uns nächstens als Sohn vorstellen würden!« Er hob das Glas: »Ich gestatte mir, Herr Major – die Graphologie soll leben!« Welfen lachte etwas gewaltsam und tat Bescheid. Aber es deuchte Salome, als sehe er ein wenig verlegen aus! Himmel –- er würde doch diesem Herrn Siegfrieds Handschrift nicht ebenso entsetzlich gedeutet haben wie ihr gegenüber? Selbstverständlich, Elten kannte Borns Charakter bereits dadurch, oder bildete sich fälschlich ein, ihn zu kennen, und er beklagte sie jetzt schon als ein tief unglückliches Weib! Himmel – was würde sich daraus noch alles entwickeln! – Grausig – aber höchst romantisch! Dem Oberleutnant war es nicht entgangen, daß die Blicke der holden Braut oft und lange mit wunderlichem Ausdruck auf ihm ruhten, daß sie sichtlich zerstreut auf die faden Schmeicheleien Humbrechts antwortete, und daß ihr Lächeln, dem Landrat gegenüber, kühler war als zuvor. Er täuschte sich nicht. Und er triumphierte. Als man sich zu Tisch gesetzt hatte, waren ihm beinahe dieselben Gedanken durch den Kopf gegangen wie zuvor dem kleinen Grafen. Er war innerlich tief beleidigt, wütend, in all seinen schönsten Hoffnungen und Erwartungen getäuscht. Er lechzte nach Rache. Und er faßte einen ähnlichen Plan wie Humbrecht. Die kleine Braut sollte den Ring am Finger noch als unerträgliche Fessel erachten und dem Heimtücker, dem Herrn Landrat, das Eheleben, das er anderen weggestohlen, zur Hölle machen. Elten war raffinierter als der bedeutend harmlosere Rittmeister. Er verfolgte eine andere Maxime, die mehr Erfolg bei koketten Dämchen versprach; denn daß Salome oberflächlich und kokett sei, glaubte er als »Weiberkenner« auf den ersten Blick erforscht zu haben. Man brauchte ja nur zu sehen, mit welch schmachtenden Augen sie den kleinen Grafen anlächelte – das tat keine Braut, die sich aus glühender Liebe soeben verlobt hatte. Anreizen! – Sich interessant machen! – Die Eitelkeit der Eva wecken! Mit Eis das Feuer schüren! Sich verweigern, um begehrt zu werden! Ein Glutblick – dann wieder zappeln lassen – eine ganze Weile lang. – Bald Frost – bald Hitze! Das machte die Weiber toll. So ungefähr war das Schema, das sich der Don Juan von Feldheim ausgeklügelt hatte. War das Rechenexempel falsch? Nein, es zeigte schon jetzt seine Wirkung. »Wo alles liebte, wollte Karl allein hassen,« um selber dafür desto glühender begehrt zu werden. Nebenbei versuchte er, Eindruck auf die kleine Rose zu machen. Diesmal war er schlau geworden und stellte sich sein Teil auch beizeiten kalt. Hoho, Herr Landrat, Ihre Braut hat ja noch ein Schwesterlein, reichlich so hübsch und begehrenswert wie Salome, wenn nicht noch ein großes Teil mehr. Man brauchte nur in diese klaren, unschuldig treuherzigen Kinderaugen zu sehen – und dagegen Fräulein Salomes wohleinstudierte Blicke zu beobachten, so wußte man, auf welcher Seite das große Los lag. Ein Mann wie Elten war darauf geeicht! Er, der schon in gar verschiedenen Frauen- und Mädchenaugen die Hölle geschaut, wußte den Himmel darinnen desto höher zu schätzen. Die naive, holde Rose an seiner Seite blieb bei all seinen Bemühungen unberührt und kühl bis in ihr Kinderherzchen hinein, das eitle, gefallsüchtige und kokette Fräulein Salome, die so selbstbewußt in den breiten Strom des Lebens hinausschwamm, biß auf den Köder an. Sein farbloses Gesicht färbte sich höher – auch er ersann in Gedanken einen Roman, aber das junge Ehepaar Born spielte eine andere Rolle darin, als Salome es sich träumen ließ. Die Gläser klangen zusammen. Der Rittmeister feierte mit einer wahren Blütenlese von Worten das Brautpaar. Als er mit Elten anstieß, trafen sich ihre Blicke. Ein schnelles, blitzartiges Aufzucken in beider Augen. Sie, die sich nie bisher so recht verstanden hatten, verstanden sich plötzlich. Sie reichten sich sogar die Hand. » Allright , Elten!« » D'accord , Herr Rittmeister!« Sie waren in gemeinsamer Feindschaft zu Freunden geworden. XII. Der Landrat hatte sehr auf Beschleunigung der Hochzeit gedrängt. Spätestens im Herbst sollte sie stattfinden, da er alsdann seinen längeren Urlaub zu einer Hochzeitsreise verwenden konnte, auf die Salome sich ganz besonders freute. »Es wird im Winter langweilig genug in dem kleinen Feldheim werden!« hatte sie geseufzt, »und unsere beste und amüsanteste Zeit wird der Reiseurlaub sein! Ein wahrer Segen, daß Elten für den Winter recht viele kleine Feste und Zerstreuungen plante; das wird doch ein wenig Abwechslung in die Langeweile bringen – glaubst du nicht auch, Siegfried?« Der Landrat zog die Sprecherin zärtlich an sich. »Ich für meinen Teil freue mich ganz besonders auf den Winter, Liebling, und glaube, er wird uns beiden schnell genug vergehen. Denke doch, welch eine Seligkeit in dem eignen Heim, dem trauten Liebesnestchen zu sitzen, ganz für uns – ganz ungestört behaglich Arm in Arm, während das Feuer im Kamin knistert und draußen der Schneesturm um die Fenster braust!« Ganz erschrocken sah sie ihn an. Obwohl ihr die Idylle reizend schien, kam ihr doch ein schrecklicher Gedanke dabei: » Immer wollen wir beide allein sitzen? Den ganzen Winter lang?!« Er lachte hell auf: »Fürchtest du junges Weibchen dich etwa auch vor dieser Langenweile?« Sie umging die Antwort, legte ihm die weißen, wohlgepflegten Händchen auf die Schultern und sah ihm wie mit bangem Forschen in die Augen: »Siegfried – wirst du eifersüchtig sein?« Wieder lachte er sehr vergnüglich. »Nein, Schatz, beim Himmel nicht! Ich habe Gottlob nicht die mindeste Anlage dazu. Du bist mein, dieser Gedanke genügt mir und feit mich gegen alle törichten Skrupel!« »Dann liebst du mich nicht sehr!« Er nahm ihr Trotzköpfchen zwischen beide Hände und küßte den schmollenden kleinen Mund: »Ich glaube gar, du verlangst, daß ich ein Othello werde?« Sie nickte. »Besser als ein gleichgültiger Mann!« »Ich morde jeden, der sich in deine Nähe wagt, und schließe dich Tag und Nacht ein.« »Nein – das wäre schrecklich. Solche Eifersucht ist übertrieben. Wir wollen sogar recht gesellig leben!« »Das verträgt sich aber nicht mit Eifersucht. Mache dir doch einmal klar, daß Eifersucht eine Leidenschaft ist, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft!« Sie schwieg einen Moment, sie verlangte zwei Dinge, die sich schlecht vereinen lassen! – Oh – sie würde dem Herrn Landrat schon beweisen, daß alles möglich sein mußte, was sie wünschte. Wo sollte sich denn die Eifersucht besser und interessanter zeigen, als bei ihrem Verkehr mit anderen Herren? – Aber sie wußte nicht, wie sie ihm das klarmachen sollte, darum fragte sie unvermittelt weiter: »Du liebst keine Gesellschaften?« »Im Gegenteil, außerordentlich. Leben und leben lassen!« »Das ist schön, dann werden wir herrlich zusammenpassen!« – Und in Gedanken malte sie sich den künftigen Winter aus, just so, wie er sich in den Romanen abgespielt hatte, deren Heldinnen junge Frauen waren. Wenn ihr Mann nicht eifersüchtig war, fehlten die interessantesten Momente dabei. Er mußte es sein, und konnte er es noch nicht, mußte er es lernen. Salome hatte sich im stillen längst vorgenommen, sich ihren Mann so zu ziehen, wie sie ihn haben wollte. Sie war verwöhnt und eitel genug, um fest davon überzeugt zu sein, daß ihr Gatte sich all ihren Launen und Ideen willig fügen müsse; tat er es nicht, zeugte das von einem Mangel an Liebe oder von einer gewissen Unerzogenheit, der sie schon abhelfen würde. Siegfried lebte schon zulange auf dem Lande; er war in diesen kleinen Verhältnissen altmodisch geworden und hinter der Zeit zurückgeblieben – da mußte ihr Einfluß energisch abhelfen. Juliette hatte ihr in einem recht neidischen Glückwunschbrief geschrieben: »Binde deinem Löwen nur beizeiten ein festes Gängelband um den Hals; der Bräutigam zeigt sich anders als der Ehemann. Denke dir, meiner Schwester Marion Mann, der sie vor drei Jahren voll wahnsinniger Liebe sogar aus dem Kloster entführte, hat sie jetzt verlassen. Marion war ja vernünftig und tröstete sich mit Vetter Jean, aber sie sagte selbst, daß sie versäumt habe, ihren Mann beizeiten unter den Daumen zu nehmen!« Salome hatte sich durch den Brief so unangenehm berührt gefühlt, daß sie ihn sogleich verbrannte, aber sein Inhalt kam ihr doch nicht so recht aus den Gedanken. Marions Mann war auch niemals eifersüchtig gewesen – ehemals hatte Juliette das sehr an ihm gelobt, und jetzt?   Herr von Elten kam verhältnismäßig oft nach Jeseritz. »Er hat es auf Rose abgesehen!« lachte der Landrat. Das ärgerte Salome. War sie denn ganz und gar zur Null geworden, daß Herr von Elten nicht auch ihretwegen kam? Fast schien es so. Er behandelte sie nach wie vor sehr kühl, ja er übersah sie völlig, wenn die Kleine anwesend war. Das regte alle tausend Teufelchen der Eitelkeit in Salome zum Trotze auf. Sie bemühte sich doppelt, ihm zu gefallen. Umsonst. Er erduldete gelassen ihre bezauberndste Liebenswürdigkeit, ohne sie im mindesten zu erwidern. Nur manchmal, wenn sie ihn ganz unvermutet anblickte, sah sie, daß sein Auge wie in tiefer, düsterer Schwermut auf ihr ruhte. Aber sein Ausdruck wich sofort der gewöhnlichen kalten Gleichgültigkeit, sobald er sich beobachtet fühlte. Salome grübelte dann stundenlang über diesen rätselhaften Blick, und ihre so leicht überspannte Phantasie erging sich bald in den ungeheuerlichsten Vermutungen. Einmal promenierten sie im Garten. Salome hatte den »Gletscherprinzen« sehr geschickt an ihre Seite zu bannen gewußt. Sie bestand darauf, ihm droben in der Ruine den schon sooft genossenen Ausblick auf Jeseritz, just in dieser zauberhaften Abendfärbung zu zeigen, damit er sein Urteil abgebe, ob sie ein Bild in dieser oder besser in einer vollen »Sonnenstimmung« male. Er war langweiliger, das heißt, verschlossener und einsilbiger als je. »Er liebt dich – er leidet um dich!« so hatte Juliette auf eine ihrer langen Auslassungen über Elten geantwortet; – und so war es auch. Als sie allein droben unter den duftigen Blütenzweigen standen, hub just eine Nachtigall an zu schlagen. Sie lauschten schweigend, da wandte er plötzlich das Haupt und sah sie an. Welch ein Blick! Ein wahres Feuermeer der Leidenschaft loderte darin. Aufs höchste verwirrt, senkte sie ihre Augen und schritt hastig zurück. Sie wankte auf den bröckelnden Steinstufen und hielt sich an dem Gemäuer. Ohne eine Silbe zu sagen, faßte er jählings ihre Hand und führte sie die Treppe hinab. Wie in einem Kampf preßte er ihre schlanken Fingerchen in seiner Rechten, und als sie drunten standen, neigte er sich wie ein Mensch, der nicht mehr fähig ist, sich zu beherrschen und küßte ihre Hand, ein-, zwei-, dreimal wie in tollem Rausch. Wie heiß seine Lippen waren, wie sie zitterten! Salome war fassungslos, so daß sie sogar vergaß, ihm die Hand zu entziehen. »Herr von Elten!« wollte sie just stammeln, als er auch schon mit steifem Gruß zurücktrat, so frostig und herb wie noch nie, ein »Pardon« kurz durch die Zähne hervorstieß und ihr in beinahe unhöflicher Hast vorausschritt. Salome war wie betäubt. Ein unbeschreibliches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Stolz! Triumph und siegbewußte Eitelkeit, die mit tiefstem und sentimentalstem Mitgefühl für den Unglücklichen Hand in Hand gingen. »Nun beginnt schon der Roman!« frohlockte sie in Gedanken, und ihre Augen flimmerten vor Interesse daran. Aber sie wurde enttäuscht. Er begann noch nicht. – Den ganzen Rest des Abends hielt sich Herr von Elten ostensibel fern. Er hatte weder einen Blick noch ein Wort für sie, er schien nur noch für Frau von Welfen zu existieren. Zum Schluß trat er noch zu Rose und Miß Howard auf die Terrasse hinaus. Dort konnte sie ihn nicht beobachten, denn Siegfried hatte ihren Arm in den seinen gelegt, dieweil sie nebeneinander auf dem kleinen Ecksofa saßen. Salome schien nervös und unruhig. Sie erhob sich jählings und trat an den Flügel. »Hurra ein Lied, süßer Schatz!« jubelte Born, sprang galant herzu und öffnete das Instrument. Salome sank auf den Klaviersessel nieder. Sie warf erst die Noten unschlüssig auseinander, dann griff sie hastig zu ... »dieses hier – ein Frühlingslied!« »Vortrefflich; ist ja äußerst zeitgemäß!« Er stand neben ihr. »Sieh mich nicht an – sonst kann ich nicht singen!« Er wandte sich lächelnd ab. Sie lehnte das Köpfchen zurück. Mit großen, träumerischen Augen begann sie leise und wehmütig: »Wann der silberne Mond Durch die Gesträuche blinkt Und sein dämmerndes Licht Über den Rasen gießt, Wandle ich einsam von Busch zu Busch. Umhüllet von Laub Gurret ein Taubenpaar Sein Entzücken mir vor – Aber ich wende mich, Suche tiefere Schatten, Und die einsame Träne rinnt. Wann, o lächelndes Bild, Welches wie Morgenrot Durch die Seele mir strahlt, Find' ich auf Erden dich? Und die einsame Träne rinnt Heißer die Wange herab...« Die Klänge erstarben leise, wie in sehnsuchtsvollem Seufzer. Salome selber war überzeugt, besser als je gesungen zu haben. Siegfried schloß sie stürmisch in die Arme und küßte sie, der Major erging sich in begeistertem Lob. Sie hörte ihn nicht und schob den Bräutigam mechanisch beiseite. Ihr Blick haftete wie in ungeduldigem Schauen an der Verandatür. Wo blieb er? Warum kam er nicht? Das Lied galt ihm. Frau von Welfen und Rose traten ein. »Herr von Elten läßt sich allerseits bestens empfehlen! Er wollte den Gesang nicht unterbrechen und nahm darum polnischen Abschied!« »Nanu, warum wartet er denn nicht, bis sein Pferd vorgeführt wird?« fragte der Major überrascht. »Er tut ja, als brenne der Boden unter seinen Füßen! – Na, Pardon Kinder, dann will ich dem Ausreißer mal nachgehen, in den Hof, und sehen, daß er auch glücklich in den Sattel kommt!« »Gott sei Dank, daß er weg ist!« lachte Rose, »er hat es förmlich darauf abgesehen, gerade mich durch seine albernen Redensarten zu langweilen!« »Zu langweilen?« fragte Salome gedehnt – sie saß und schaute mit zusammengepreßten Lippen auf das Wolfsfell vor ihren Füßen nieder. »Ja gewiß! Findest du ihn etwa amüsant mit seinen Augen, die er wie ein Mondsüchtiger verdreht, und seinem grauen, spitzen Gesicht?« »Aber kleine Schwägerin!« unterbrach Siegfried neckend, »das ist ja eine nette Personalbeschreibung für einen Verehrer, für diesen treuen Toggenburg, der sicherlich jetzt rückwärts auf dem Pferde sitzt, um die Blicke nicht von Jeseritz losreißen zu müssen!« Rose warf schnippisch das Näschen zurück: »Verehrer?« spottete sie. »Je nun, in der Not frißt der Teufel Fliegen, und weil Salome nicht mehr zu haben ist, nimmt er mit mir fürlieb – so lange ... je nun, so lange, wie ich es mir noch gefallen lasse!« »Ei, ei – willst du ihm schon einen Korb geben, ehe er angefragt hat?« warf Salome scharf ein. Rose zuckte mit einem etwas eigensinnigen Gesichtchen die Achseln. »Er gefällt mir nicht – ich heirate überhaupt nicht, und ich werde das den Herren beizeiten zu verstehen geben!« » Noli me tangere! – Man ißt nicht so heiß, kleines Fräulein, wie gekocht wird!« neckte Siegfried. »Du kennst doch das alte Liedchen: ›Röslein wehrte sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach – mußt' es eben leiden!‹ Ich fürchte, auch der Rose von Jeseritz ergeht es wie der Schwester auf der Heide! Schnell, Schatz, spiele und singe uns das Heideröslein! Ihr zur Warnung – uns zum Entzücken!« Born trat noch näher zu seiner Braut und legte bittend den Arm um sie. Salome aber machte sich mit einer jähen Bewegung los und schlug den Deckel des Klaviers zu. »Ich beschwöre dich – laß mich, Siegfried, ich habe gar keine Lust mehr zum Singen!« sagte sie mit einer Anwandlung schlechter Laune, die der Landrat schon öfters in letzter Zeit, und meistens ganz unmotiviert, bei ihr wahrgenommen hatte. »Hast du dich vorhin zu sehr angestrengt? Bekamst du Kopfschmerz?« fragte er besorgt, »du siehst auch plötzlich so blaß aus, so verändert ... Sage, Herzlieb, fehlt dir etwas?« Sie zwang sich, liebenswürdig und heiter zu sein. »Es war mir den ganzen Tag nicht sonderlich gut zumute – die Frühlingsluft macht so schlaff und liegt wohl allen Menschen etwas auf den Nerven! Komm, Liebster, wir wollen noch einmal durch den Garten gehen und Mondschein schwärmen! Dann überlegen wir uns, wohin wir reisen wollen, und wie wir unsere Wohnung einrichten – das macht mir so sehr viel Freude! Werden wir auch einmal Theater spielen im Winter? Ich tue es leidenschaftlich gern und werde das Ganze arrangieren, ja?« Dabei nahm sie seinen Arm und schritt an seiner Seite die Treppe der Veranda hinab. »Wenn Elten wiederkommt, wollen wir ihn fragen, ob er mitspielt?« Aber Elten kam nicht. Er schien das Wiederkommen vollständig vergessen zu haben. Anfänglich faßte Salome es als einen Triumph auf. »Er flieht deine Nähe, weil er dich nicht als Braut eines andern sehen kann!« sagte sie zu sich, »wie tief und groß muß seine Leidenschaft sein!« Das schmeichelte ihrer Eitelkeit. Ob es Siegfried gar nicht auffiel? Gewiß; er scheint aber, ebenso wie die Eltern, überzeugt zu sein, daß Rose den Verehrer schlecht behandelt hatte. Roses Verehrer! Lächerlich! – Oh, wenn sie wüßten, wenn sie wüßten, was Salome wußte! Wenn sie den Handkuß, den Blick an der Ruine gesehen hätten! Gut, daß sie es nicht ahnten. Siegfried war zwar durchaus nicht eifersüchtig, er versicherte das ja sooft, aber das interessante kleine Renkontre würde kein Geheimnis mehr sein, und gerade das Geheimnisvolle war dessen Hauptreiz. Ernsthaft verlieben würde sich Salome niemals in Elten, dazu war er erstens zu häßlich und zweitens hatte sie ihren Siegfried aufrichtig gern. Aber es war so amüsant, sich anschwärmen zu lassen, so romanhaft, und sie hatte stets brennend gern französische Romane gelesen, die Juliette in die Pension einschmuggelte. Sie war jedoch nicht so schlecht und leichtsinnig wie die französischen Frauen, sie würde ihren hübschen, guten Schatz niemals verraten und mit einem anderen durchgehen, niemals. Nur ganz harmlos ein wenig kokettieren – ein wenig die platonisch Geliebte und Angebetete sein, ein wenig Interessantes erleben – und schließlich darüber lachen und das Ganze als angenehme Erinnerung in das Tagebuch schreiben! Ja, wenn sich nur etwas erleben ließe! Aber Elten kam nicht. Was ihr zuerst Vergnügen machte, begann bald, sie zu langweilen. Eines Morgens bat und schmeichelte sie so lange bei der Mutter, bis diese erlaubte, daß Salome anspannen ließ, um nach Feldheim zu fahren. Sie sollte den Major am Forsthaus abholen und in seiner Begleitung den Landrat überraschen und zu Tisch nach Jeseritz holen. Das Bräutchen machte sehr sorgfältig Toilette. Sie sah aus wie der verkörperte Frühling, und als sie vor dem Forsthause hielt und lachend die Familie des getreuen Beamten begrüßte, stieß der stolze Vater Welfen seinen Förster schmunzelnd in die Seite und fragte: »Na, alter Graubart, was sagt Ihr zu solch einem Blitzmädel? So schön und so klug! Das ist viel auf einmal!« »Sehr viel, gnädiger Herr!« nickte der Alte voll ehrlichen Entzückens. »Bei Gott, der Herr Landrat braucht mit keinem Kaiser zu tauschen! Die Dina hat ihm niemals viel Heil verliehen, aber die Venus, ja die Venus! Die macht alles wieder gut!« »Da habt Ihr recht, Vollert! Bei den Hasen und Böcken schoß mein Schwiegersohn meistens vorbei, aber mit Amors Flitzbogen traf er den kleinen Goldfasan da mitten ins Herz!« Und sie fuhren nach Feldheim. Der Landrat war nicht zu Hause – er war zu einem Termin auf das Land gefahren, und jetzt erst fiel es Salome wieder ein, daß er ihr gestern Mitteilung davon gemacht hatte. »Wie ärgerlich! Mama hatte nun auf einen Gast gerechnet!« »Na, ist nicht zu ändern. Rechtsum kehrt.« »Vielleicht können wir sonst jemand mitnehmen?« »Wen denn? Den Assessor –?« »Brrrr –!« »Ach so, den magst du nicht sonderlich. Oder einen von den Vergißmeinnicht?« »Haha! Da liegt die Antwort ja schon in dem Namen: Vergiß mein nicht!« »Gut, fahren wir an dem Exerzierplatz vorüber!« »Nicht nötig – da kommt Elten!« »Ausgezeichnet – wollen Rose das Mittagessen verderben und ihn mitnehmen!« Der Premierleutnant schien noch ernster und elegischer als sonst. »Na, Verehrtester, wo haben Sie denn so lange gesteckt?« lachte der Major harmlos. »Haben den Weg nach Jeseritz wohl ganz vergessen?!« »Ich legte ihn allnächtlich im Traume zurück!« antwortete Elten mit verbindlichem Lächeln, und doch flammte ein vielsagender Blick zu Salome empor. »Tagsüber knebelte mich der königliche Dienst –« »Hoho! Sachte mit den jungen Pferden! Nachmittags könnt ihr euch doch freimachen, Kinder!« Wieder einer seiner seltsamen Blicke. »Es gibt auch andere Hindernisse, über die selbst der beste Reiter nicht hinwegkommt, Herr Major!« »Das stimmt. Aber jetzt sind Sie Freiherr?« »Allerdings – –« »Dann steigen Sie ein und kommen Sie mit zu Tisch, meine Frau wird sich freuen!« »Gnädiges Fräulein würden es auch gestatten?« fragte er, kaum verständlich, durch die Zähne, und während der Major ein paar vorübergehende Bürger begrüßte, fuhr er hastig, mit sengendem Blick fort: »Rufen auch Sie mich zurück, gnädiges Fräulein? Nur Ihrem Rufe kann ich noch folgen!« Salome errötete. Aber sie fand sich schnell in ihre romantische Rolle. Sie reichte ihm die kleine Hand in dem rehbraun schwedischen Handschuh, über dem die Goldreifen klirren und zarter Heliotropduft schwebte ihm entgegen: »Kommen Sie!« gab sie leise zur Antwort. Wie sein Auge aufflammte! Lebhaft, jäh verwandelt wandte er sich wieder zu Welfen, die Einladung mit tausend Dank anzunehmen. »Befehlen Herr Major, daß ich vielleicht die Herrschaften nach Hause kutschiere?« »Sehr charmant, lieber Elten! Ist aber schon besser, ich behalte die Zügel der Regierung in Händen. Setzen Sie sich zu Salome auf den Rücksitz, da schwatzt es sich doch wohl amüsanter als hier neben mir altem Kerl! Marsch, Prinzeßchen, laß Wulf hier neben mir auf dem Bock sitzen, und mach du unserem Gaste die Honneurs!« Lachend wechselte Salome den Platz. Wieder hielt Elten ihre Hand mit heißem Druck in der seinen, als er ihr bei dem Einsteigen in den hochräderigen Jagdwagen hilft. Wieder sprechen seine Augen mehr wie seine Lippen. Salome ist bezaubernd liebenswürdig. Der Wagen sauste in scharfem Tempo davon, und der Major mußte zu sehr auf die jungen Pferde achten, um sich viel an der Unterhaltung beteiligen zu können. Diese dreht sich hauptsächlich um Winterpläne. »Ich werde dafür sorgen, daß Sie sich gut amüsieren sollen, gnädiges Fräulein! So gut, wie es in dem entsetzlichen kleinen Nest überhaupt möglich ist! Ohne das bißchen Geselligkeit, das wir mühsam schaffen, ist es zum Verzweifeln langweilig!« Salome seufzte. »Hoffentlich bleibt Siegfried nicht allzulange dort!« Elten zuckte mit wunderlichem Flimmern in den Augen die Achseln. »Ein Landrat ist zumeist dazu verurteilt, in kleinen Krähwinkeln sein Leben zu vertrauern. Wenn er alt und grau ist, versetzt man ihn vielleicht in eine etwas größere Stadt – vielleicht! Wir Offiziere sind in dieser Beziehung sehr viel besser daran. Wenn ich mich zum Beispiel verheiraten würde, und meiner Frau gefiele es nicht sonderlich in Feldheim, würde ich sofort meine Versetzung beantragen. Man käme alsdann in die Residenz oder in sonst eine amüsante Großstadt, wo die Menschen den Begriff ›Leben und leben lassen‹! noch zu würdigen verstehen!« »O Sie Glücklicher!« Der Premierleutnant blickte seiner Nachbarin tief und traurig in die Augen. »Glücklich? – Welch eine Ironie ist dieses Wort für mich, dessen Glück in Trümmer ging!« Salome errötete. »Wie können Sie das sagen! Sie sind noch so jung ... und – ja glauben Sie denn, daß jeder glücklich ist, wenn er einen Ring am Finger trägt?« Sein Blick wurde scharf, er starrte sie wie in atemlosem Lauschen an. Wie sentimental sie aussah! »Man sollte es annehmen! Namentlich, wenn dieser Ring freiwillig angesteckt ward!« Schade, daß Salome dies nicht ableugnen konnte; es wäre der Situation viel angemessener gewesen, wenn der strenge Wille der Eltern ihre Verlobung befohlen. Das war in Romanen stets ein großes Requisit für die betreffende junge Frau, die unglücklich und unverstanden, Trost bei einem Verehrer suchte. Salome wechselte darum das Thema. »Wenn doch Siegfried noch Offizier werden könnte!« »Undenkbar! – Diese Möglichkeit deucht mir ausgeschlossen, denn Herr von Born liebt das Militär nicht einmal sonderlich!« »Aber mir zu Gefallen! Da muß er es doch tun!« Elten lächelte wie ein Mephisto. »Er muß ? – Nicht alle Männer lieben so leidenschaftlich und innig, daß sie ihren Frauen ein Opfer – selbst das kleinste – zu bringen imstande sind!« »Aber Siegfried liebt mich unendlich!« »Alsdann muß ihm Ihr Wunsch allerdings Befehl sein! Wie ich ihn aber kenne, wird er Ihnen sehr geschickt zu verstehen geben, daß es für ihn zu spät und ganz unmöglich sei, noch den Beruf zu wechseln. Außerdem warten Sie doch erst den Winter ab, gnädiges Fräulein, ich bin ja noch in Feldheim und werde alles aufbieten, jeden Ihrer leisesten Wünsche zu befriedigen!« Sie lächelte ihm zu. »Wie reizend liebenswürdig Sie sind!« »Der Liebe würdig. Und dennoch von ihr verschmäht!« Sie errötete abermals unter seinem Blick und wandte das Köpfchen zur Seite. »Wenn ihr Herr Bräutigam mich jetzt sehen würde, hier ... neben Ihnen ... an seinem Platz!« flüsterte er. Salome nestelte an dem rosigen Gazeschleier, den der Luftzug von ihrem Hut löste. »Siegfried ist nicht eifersüchtig!« warf sie gleichmütig hin. »Nicht eifersüchtig? ... Undenkbar!« »Aber Tatsache!« » Pardon für meine Offenheit, gnädiges Fräulein, dann würde es ja kälter als Fischblut durch seine Adern rinnen! – Herr des Himmels – ein Weib wie Sie! Ich glaube, ich würde einen jeden erwürgen, der es wagen wollte, auch nur einen Blick zu viel auf meine Göttin, mein höchstes Kleinod, zu werfen!« »Die Charaktere sind darin sehr verschieden!« murmelte Salome, die Lippen zusammenpressend. »Ja, es muß wohl eine Eigenart des Charakters sein, denn Gleichgültigkeit oder zu großes Selbstbewußtsein sind bei ihrem Herrn Bräutigam doch ausgeschlossen!« lächelte er. »Je nun warten wir es ab. Vielleicht macht der nächste Winter doch noch einen Othello aus ihm!« Elten griff hastig in die blühenden Zweige des Kirschbaumes, unter dem sie etwas langsamer einherfuhren, empor, und brach ein weiß glänzendes Ästchen. Mit tiefem Blick überreichte er es seiner Nachbarin. »Den Blütenschnee meines Liebesfrühlings hat ein tückischer Reif getroffen, darum warte ich auf den Winterschnee, der nicht nur die Welt, sondern auch die Menschenherzen von entschwundenem Glücke träumen läßt!« Dann starrte er jäh verändert vor sich hin, finster wortkarg wie früher. Nur einmal sagte er noch ganz unvermittelt, beinahe heftig: »Singen Sie heute nicht wieder. – Ihre Lieder machen mich rasend!« Salome war entzückt darüber. Das war echt, ganz echt wie in den Romanen! Sie schwelgte mit allen Gedanken so sehr in schwärmerischen Illusionen, daß sie es ganz selbstverständlich fand, als Elten sie in Jeseritz, vor den Augen der anderen, kalt, ja vollkommen gleichgültig behandelte.   XIII. Als man zur Beschaffung der Ausstattung schritt, kam es zu lebhaften Erörterungen. Frau von Welfens echt deutsch gesinntes Herz empörte sich gegen Salomes Verlangen, die meisten Bestellungen in Paris oder in der Schweiz zu machen. Ihre Vorstellungen, wie unpatriotisch und gewissenlos das gegen unsere deutsche Industrie gehandelt sei, und daß es die Pflicht der deutschen Frauen sei, Handel und Gewerbe des Vaterlandes zu unterstützen, blieben ohne jeden Erfolg. Da legte Frau Dora der Tochter eines Tages Proben von Möbelplüschen und Seidenstoffen vor. »Hier dieses ist französisches und schweizerisches – und jenes deutsches Fabrikat, nun wähle.« Salome musterte mit brennendem Interesse, und der Pariser Plüsch und die Schweizer Seide begeisterten sie geradezu. »Tausendmal schöner, schwerer und gediegener als die deutschen Proben, und dabei halb so teuer!« Frau von Welfen lächelte. »Also du hast deine Wahl getroffen und dein Urteil gefallt – von diesen Stoffen soll ich bestellen? Gut; ich muß dir aber zuvor einen kleinen Irrtum aufklären. Aus Versehen habe ich die Proben verwechselt, der herrliche und billige Möbelstoff und Seidenplüsch, den du wähltest, stammt aus der deutschen Fabrik von Weegmann in Bielefeld, und die Seidenstoffproben lieferte Elten und Keußen in Krefeld. – Jene andere, teure Ware, die du so scharf verurteiltest, ist ausländisches Fabrikat.« – Salome errötete, und widersprach nicht mehr, wenn die Mutter bei deutschen Firmen kaufte. – Nun hatte die Vermählung stattgefunden und die ganze Umgegend sprach noch lange von dem herrlichen Fest, das so viele Genüsse jeder Art geboten. Die junge Braut hatte entzückend ausgesehen, und ihr Vater war ihr größter und verblendetster Courmacher gewesen, der dem jungen Ehemann bei dem Diner lachend die alte Fehde wieder ankündigte, aus Eifersucht, aus Zorn und Groll, weil er wie ein Dieb in Jeseritz eingebrochen sei, die schönste aller Perlen zu stehlen! Ja, Salome war der Stolz und Liebling des Vaters seit jeher gewesen. Die meisten der Hochzeitsgäste begriffen diese Vorliebe freilich nicht recht, denn wenn Rose auch nicht so elegant, schick und elfenhaft graziös wie die Schwester war, so entzückte sie gar manches Auge noch mehr durch ihre frische, natürliche Anmut und kindliche Schlichtheit. Sie wurde anläßlich der Hochzeit zum erstenmal als erwachsenes Mädchen der Welt zugeführt und schien die meisten Herzen im Sturm zu erobern, wenngleich sie nicht die mindesten Anstrengungen machte, den Herren zu gefallen. Sie schien die Hochzeit, nächst der Mutter, am ernstesten und feierlichsten zu nehmen. Salome hatte ein sehr überraschtes Gesicht gemacht, als die Kleine am Polterabend den Myrtenkranz überreichte und dabei mit tiefer Empfindung ein paar wehmütig ernsthafte Verse sprach. Als sie später die Schwester bei dem Gutenachtsagen umarmte und küßte, machte sie ein so besorgtes Gesichtchen, daß Salome hell auflachte. »Kind, du hast zu viel getanzt und bekommst jetzt schon Katzenjammer!« Rose schüttelte den Kopf mit den nußbraunen Stirnlöckchen. »Besser, daß ich ihn jetzt habe, als daß du ihn später bekommst!« »Ich?« Die Kleine schwang sich in ihrer alten, ausgelassenen Weise, die wunderlich mit ihrer ernsten Miene kontrastierte, auf den Tisch und baumelte mit den Füßchen. »Es ist mir unbegreiflich, Salome, wie du heiraten kannst! Einen wildfremden Mann – den du vorläufig noch nicht einmal richtig lieb hast –« »Rose!!« »Ja, und wenn du mich noch so empört ansiehst! Ich bin noch ein dummes Ding, aber das Verloben habe ich mir ganz anders gedacht, als wie es bei dir der Fall war, das muß ich dir heute noch ehrlich sagen, Prinzeßchen! Ich glaubte, das sei viel glückseliger, feierlicher, andächtiger; dein und Siegfrieds Wesen hat mir ganz und gar nicht imponiert!« »Inwiefern das, wenn man fragen darf, kleine Jungfer Weisheit?« »Je nun« – Rose begann gelassen die Rosenknospenranken von dem Ausschnitt ihres weißen Tüllkleides zu lösen. »Siegfried tat ja immer sehr zärtlich und verliebt, aber es war ihm andererseits wieder ganz gleichgültig, ob du mit anderen Herren sprachst oder nicht –« Salome lachte etwas gezwungen. »Närrchen! Er ist gottlob nicht eifersüchtig; derartige unmoderne Empfindungen passen nicht in die heutige Zeit.« »Wohl möglich, aber es gefällt mir nicht. Und du? Du kokettiertest mit anderen Herren –« »Was der Tausend! Mit wem denn, wenn ich fragen darf?« »Mit Elten! Ich bin ja noch sehr dumm – aber das habe ich doch gemerkt, und wenn Siegfried nicht so gleichgültig wäre, hätte er es auch merken können!« Nun lachte Salome hell auf, aber nur einen Augenblick, dann trat sie vor die Schwester hin und blickte ihr voll mitleidigen Spottes in das ehrliche Gesichtchen. »Bist du eifersüchtig, Kleinchen?!« »Nein – niemals, und auf Elten zuletzt, das schwöre ich dir. Ich mag ihn nicht leiden. Ehe du kamst, war in Feldheim eine Menagerie, da sah ich einen Schakal, dessen greuliche Augen verfolgten mich bis in den Traum. Solche Augen hat Elten. Und namentlich dich sieht er mit diesem Ausdruck in den Augen an, von denen der Schakalwärter mir sagte: ›Er tut so freundlich, aber er führt doch etwas im Schilde, gehen Sie nicht zu nahe heran!‹« »Einfältiges Geschwätz! – Elten ist nächst Siegfried der netteste Herr hier in der ganzen Gegend, und ich glaube, wenn er um ein gewisses Fräulein Rose anhält, bekommt er trotz seiner Schakalaugen keinen Korb!« »Er bekommt ihn ebenso wie jeder andere. Ich heirate nicht, oder besser gesagt, ich warte es vorläufig ab, wie dir das Eheleben behagen wird. – Vielleicht macht es mir trotz deiner seltsamen Verlobung Mut – vielleicht verstärkt es meinen Widerwillen gegen das Heiraten. Vorläufig tust du mir furchtbar leid, Prinzeßchen, und wenn die Menschen dein Glück auch noch so geräuschvoll feiern, mir deucht es, es muß alles noch ganz anders werden, ehe es wirklich ein Glück ist!« »Gehe zu Bett, kleiner Unglücksrabe, du hast eine seltsame Art und Weise, mir den Abschied zu erleichtern!« Rose warf sich ungestüm an die Brust der Schwester. »Verzeih mir, Salome – ich einfältiges Ding glaubte, ich müßte mir alles noch einmal vom Herzen herunterreden! Sei nicht böse – ich hab's gut gemeint!«   XIV. Herr von Elten hatte ein seltsames Hochzeitsgeschenk gemacht. Er überreichte dem Bräutigam eine sehr schöne, kunstvoll gearbeitete Pistole. Siegfried hielt sie noch bewundernd in der Hand, als der kleine Graf, voll harmloser Heiterkeit herzutrat. »Ha, lieber Born, was haben Sie denn da für ein entsetzliches Mordgewehr?!« lachte er. »Wenn es zwei Stück wären, würde ich auf ein Duell taxieren, eine einzelne Pistole sieht aber nach lauter Lebensüberdruß und Tragödie aus! Pfui Deiwel! werfen Sie das Ungeheuer in die Wolfsschlucht! Selbstmord soll bekannterweise tödlich sein!« Betroffen hatte Salome, die an der Seite ihres Verlobten stand, in Eltens Gesicht geschaut. Wie ein greller, unheimlicher Blitz traf sie sein Auge, dann wandte sich der Premierleutnant mit dem verbindlichsten Lächeln ein paar neuherantretenden Damen zu und war dadurch einer Antwort enthoben. Nach dem Hochzeitsdiner wurde abermals getanzt. Elten war der erste Herr, der nach dem jungen Ehemann dessen bräutliches Weib in den Saal führte. »Ich habe unaufhörlich auf Ihr Glück angestoßen, meine gnädigste Frau!« flüsterte er ihr zu, »vergeben Sie mir, wenn Feuer durch meine Adern rollt und dieser Galopp so stürmisch ausfällt, wie der Lebensreigen, den Sie heute beginnen!« »Sie prophezeien mir Sturm auf den Weg?« lachte sie übermütig entgegen. »Sturm! Gewiß! – Besser ihn, als tötende Stille und Langeweile! Sie sind nicht dazu geschaffen, um hinter dem Ofen zu sitzen und Strümpfe zu stopfen – das Lämpchen in der Kinderstube ist eine Totenkerze für Jugend, Lebenslust und Genuß! Tanzen Sie mit dem Irrlicht um die Wette! Es ist nicht so trügerisch wie sein Ruf, es schwebt nur keck über den Sumpf hinweg, in den die schwerfällige Moral allerdings versinken muß! Darf ich bitten, gnädigste Frau?« Sie tanzten, und es sah aus, als habe schon jetzt ein Sturmwind den Brautschleier gefaßt. »Halten Sie an – meine Schleppe!« – lachte sie, die schweren Atlasfalten aus der Hand verlierend. »Nein, ich gebe Sie noch nicht frei, jetzt gehören Sie mir!« »Die Schleppe ist zu lang, es gibt ein Unglück!« rief sie erschreckt, bog sich von ihm weg und stand still. Ein scharfer Ruck und ein leises Knistern wie ein feiner Wehelaut klang aus dem myrtengestickten Schleier auf. Unter Eltens rücksichtsloser Hand war er zerrissen. »Mit dem Gürtel, mit dem Schleier reißt der schöne Wahn entzwei!« stieß er durch die Zähne hindurch und sein Auge suchte das ihre. »Ist das eine Vorbedeutung?« sagte sie betroffen. »Für Ihren Herrn Gemahl vielleicht!« lachte er; »er wird Mühe haben den schönen, entflohenen Wahn, das scheue Vöglein des Glücks wieder einzufangen!« Wie seltsam er aussah, als sein Blick bei diesen Worten zu Siegfried hinüber triumphierte. Unwillkürlich mußte Salome an den »Schakal« denken. Narrheit! Er liebte sie – da war es natürlich, daß er dem glücklichen Nebenbuhler gram war. Böse meinte er es bei alledem nicht – im Gegenteil, er schritt auch jetzt wieder mit vollem Sektglas zu dem jungen Ehemann und ließ »das Glück, das flüchtige, wandelbare Glück leben, auf daß es dem Hause Born die Treue halte!« Auch fiel es allgemein auf, wie Herr von Elten mehr denn je um die Gunst des Majors warb. Das galt wohl dem Töchterlein Rose, die voll spröder Naivität absolut keine Notiz von seinem Courmachen nahm. Herr von Welfen hatte den Premierleutnant stets sehr gern gehabt, denn Elten verstand es, sich den Interessen und Passionen des alten Herrn anzupassen. Frau Dora schien ihm weniger gewogen, sie ging seinen Aufmerksamkeiten ebenso geschickt aus dem Wege wie ihre jüngste Tochter. Die seltsamste Erscheinung bei der ganzen Hochzeitsgesellschaft, war die Tante Professor. – »Die Erbtante!« wie der kleine Graf schmunzelte. Sie hat sich zur wahren Herzerleichterung der Familie Welfen ganz »menschlich« zurechtgemacht. Sie trug ihr eigenes weißes Hochzeitskleid, das der Mode höchstens um fünfzehn Jahre nachstand, denn Frau Sidonie heiratete spät. Es sah allerdings sehr vergilbt und stockfleckig aus und roch trotz allen Moschusparfüms betäubend nach Kampfer und Naphthalin, aber es war doch ein Damengewand und garantierte der Tante die Anrede: »Gnädige Frau!« Die Schuhe waren zwar gewöhnliche Wichsstiefeletten, aber sie stammten nicht aus dem Nachlaß des lieben Seligen und wenn die Frau Professorin auch selbst zur Feier dieses hohen Festtages keine Brennschere in ihrem Haar duldete, so hatte sie die graumelierten Strippen dennoch mit einem schwarzen Samtband zurückgebunden, auf dem eine köstliche Brillantrosette funkelt. Gleiche Steine glitzern auf der platten Brust und umsäumten die knöchernen Handgelenke, die aus den kurzen, weißseidenen Filethalbhandschuhen hervorstachen. Diese seidenen Handschuhe hatten Salome beinahe zu Tränen entsetzt, es bedurfte der ganzen energischen Warnung der Mutter, heute keine Szene heraufzubeschwören. Die kleine Braut war just in der Stimmung dazu, denn Tante Sidonie hatte ihren Groll gegen das Brautpaar noch nicht vergessen. Ihr Hochzeitsgeschenk bewies es. Eine Schere, eine einfache, ganz gemeine Schneiderschere. »Um die Kupons von den ererbten Staatspapieren einer lieben Tante abzuschneiden!« hatte die Frau Professorin mit beißender Ironie gesagt, als sie das luxuriöse Angebinde überreichte. »Na Kinder, das war bloß ein Witz!« lachte der Major etwas verlegen, »die Tante ist eine geistreiche, schlagfertige Frau, sie wird wohl noch ein anderes schönes Geschenk im Hindergrund haben! Wartet es nur ab – es kommt noch!« Aber es war bis zum Hochzeitstag noch nichts gekommen, so kampfeslustig Salome auch mit zornfunkelnden Äuglein darauf harrte: »Da füttert man die greuliche Person Jahr und Tag, hat sie im Hause sitzen und läßt sich von der Vogelscheuche die ganze Hochzeit schimpfieren und bekommt eine Schere für fünfundsiebzig Pfennige, während sie sich selber mit Brillanten behängt!« Diese Brillanten schienen eine ganz seltsame, geheime Kraft zu besitzen. Sie blendeten selbst den spottlustigsten Gasten die Augen dergestalt, daß sie weder die vergilbte Atlasrobe noch die seidenen Filethandschuhe gewahrten. Nur der kleine Graf klemmte ungeniert sein Monokel ein und musterte die eigenartige Erscheinung. »Alle Wetter! Charleys Tante! Man sieht, meine Herren, weder die Bühne noch ein Roman vermag so stark zu übertreiben, daß sie von den Originalen der Wirklichkeit nicht doch noch übertroffen werden können!« Ein leises Grunzen des Beifalls ringsum. Dann flüsterte der Assessor: »Wenn die Brillanten dieser Tante echt sind, ziehe ich ihr auch noch als Freier den Stuhl weg!!« »Schnacken! Sie tut's billiger. Jagen Sie Welfens den fetten Bissen ab und lassen Sie sich von der alten Schachtel adoptieren!« »Faktisch, bequemer könnte sie gar nicht zu einem Sohn kommen! Entwöhnt sind Sie ja wohl – und gezahnt haben Sie auch schon, nicht wahr, Assessorchen?« »Das versteht sich – er zahnte letzten Winter bereits zum viertenmal!« »Sachte, Elten, stoppen Sie ab! Anatomie sehr mangelhaft!« »Sie glauben es nicht, meine Herren? Rechnen Sie nach: Milchzähne –« »Nummer 1!« »Erster Wechsel –« »Quer geschrieben??!« »Keine faulen Witze! Erster Zahn wechsel!« »Nummer 2!« »Weisheitszähne!« »Na, na – erst sehen – eher glaube ich nicht, daß er welche aufzuweisen hat!!« »Bon, nehmen wir an, die Weisheit sei ihm wahrlich durch die Kinnladen gewachsen! Also Nummer 3! – Und vier? – He? Nummer 4?!« »Die ersten falschen.« »Haut ihn! – Er lügt! – Aus ihm spricht der Neid!!« – Die leise Unterhaltung erstarb in undefinierbarem Kichern und Raunen. Die Frau Professor war herangeschritten und musterte mit ihren kalten »Glaskugelaugen« die Herren, die sich sehr tief und höflich vor ihr verneigten. Vor dem Assessor machte sie halt. »Ich freue mich stets, einen schwarzen Frack zwischen all den Uniformen zu sehen, man gewinnt dadurch die Beruhigung, nicht ganz und gar in den Belagerungszustand versetzt zu sein!« Höflichstes Lachen. »Hüten Sie sich, gnädigste Frau! Sein friedliches Kleid ist der Schafspelz, hinter welchem sich der Wolf – das heißt, der Reserveleutnant versteckt!« Die Professorin schüttelte mißbilligend das Haupt. »Überall Kanonenfutter! – Ich weiß wirklich nicht, warum sich die Mütter noch die Mühe machen, Söhne in die Welt zu setzen! Es sind wirklich nur Tropfen auf den heißen Steinaltar des Vaterlandes!« Noch lebhafteres Lachen. Der kleine Graf zwirbelte mit einem unwiderstehlichen Gesicht das Schnurrbärtchen: »Gnädigste Frau – das klingt ja beinahe, als ob Sie recht wenig Sympathien für das doppelte Tuch hätten?« Tante Sidonie setzte den Kneifer auf: » Wenig Sympathien? – – Überhaupt keine!« erklärte sie kurz und hart. »Gnädigste Frau – Sie vernichten uns!« »Herzlich gern, wenn ich's nur könnte! Kann alles Überflüssige nicht leiden. In der ganzen Welt herrscht seit fünfundzwanzig Jahren Frieden – aber trotzdem starrt der ganze Erdball von Pickelhauben und Schwertern, Kunst und Wissenschaft werden zermalmt dadurch, die Herrschaft der Frau durch brutale Gewalt unterdrückt. – Wozu das viele Militär? Ein Soldat in Friedenszeiten ist wie ein Ofen im Sommer – nützt nichts und nimmt nur Platz weg. – Empfehle mich, meine Herren!« Und Tante Sidonie schwenkte haßerfüllt rechts um und steuerte auf die Mutter des Landrats zu, um der alten Dame die Weihe des Tages dadurch zu erhöhen, daß sie ihr etliche Grobheiten über die höchst mangelhafte Erziehung ihres Sohnes sagte. Die Husaren standen im ersten Augenblick etwas verblüfft und starrten der Frau Professorin nach, dann sahen sie einander an, und lachten noch mehr als zuvor. »Die Alte ist ja einen Taler wert!« jubelte der kleine Graf, »endlich mal ein Original! Etwas anderes als sonst! – Der mache ich die Cour, Kinder, selbst auf das Risiko hin, von ihr totgetreten zu werden! Los dafür, ich klexe mich wieder an!« Tante Sidonie blies den kleinen Verehrer zwar nach wie vor sehr grimmig an und entzückte ihn durch göttliche Grobheit, aber es ging doch wie ein Wetterleuchten der Genugtuung über ihr knochiges Gesicht und das Knurren, das ihr seine Galanterien entlockte, hatte etwas Wohlgefälliges. Auch die Damen, die anfänglich etwas zurückhaltend gegen die seltsame Tante gewesen waren, schienen plötzlich Geschmack an ihrer Originalität zu finden, denn die Frau Professor hatte eine ganz eigenartige Manier, es unter die Leute zu bringen, daß sie Erben für ihr Geld suche. »Mein Gott, sind dazu Welfens nicht die nächststehendsten und berechtigtsten?« fragte man erstaunt, und erfuhr zu heimlicher, hier und da etwas schadenfroher Überraschung, daß die Frau Professor sich durch keinerlei verwandtschaftlicher Beziehungen binden lasse. Die zärtlichen Verwandten seien ihr im Leben fast stets die widerwärtigsten Menschen gewesen, auch das junge Ehepaar Born sei ihr herzlich unsympathisch, darum werde sie ohne Rücksicht und Ansehen der Person ihre Erben unter ihren Freunden wählen. Zu solchem Bekenntnis einer schönen Seele flimmerten die Brillanten gar verheißungsvoll, und unbegreiflich, aber wahr, Tante Sidonie war plötzlich eine charmante, fabelhaft amüsante, eigenartige Frau, deren unumwundene Wahrheiten fast jedermann freundlich lächelnd anhörte, ohne im mindesten verletzt zu sein. Selbstverständlich fehlte die Opposition auch hier nicht, und der Spott bemächtigte sich gar manches »Erbschleichers«, ohne der Beliebtheit der Frau Professorin dadurch Abbruch zu tun. Nur der Superintendent, der das junge Paar getraut hatte, ignorierte die »taktlose Person« vollkommen, seit sie seiner Würde während des Diners bedenklich nahegetreten war. »Ich muß mich nur wundern, wie fabelhaft viel die Leute heute essen und trinken!« sagte sie sehr laut und ungeniert, die Umsitzenden mit kalten Augen musternd, »ja, namentlich auch trinken!« wiederholte sie noch lauter und sah dabei den ihr schräg gegenübersitzenden Geistlichen verweisend an. Dieser trank jedoch gern und ließ sich weder durch die wenig gastfreie Bemerkung noch durch das Kichern und Lippenbeißen der Nachbarn stören. Da erhob Tante Sidonie die Stimme laut wie Trompetenklang. »Herr Pastor, ich will Ihnen mal ein Rätsel aufgeben.« »Ich werde mich bemühen, es zu lösen, meine Gnädige.« »Gut, welche Enten trinken am meisten?« Der geistliche Herr machte eine spöttische Handbewegung, »Alter Witz! – Die Stud–enten!« »Nein – es gibt welche, die's noch toller können, die Superintend–enten!!« Schallendes Gelächter. Tante Sidonie funkelte durch ihre Kneifergläser triumphierend im Kreise herum, und ihr Gegenüber fühlte sich tief verletzt. »Hierauf in gleicher Tonart antworten, hieße ausfallend werden!« sagte er kurz und schenkte sein Glas bis zum Rande voll, ohne es jedoch zu leeren. Die Gastgeber waren außer sich – aber Tante Sidonie hatte die Lacher auf ihrer Seite. Ja, es war eine Hochzeit, von der noch lange Zeit in der ganzen Umgebung gesprochen wurde.   Der warme, trockene Herbst begünstigte die Reise des jungen Paares. Sie hatten erst der Nordsee einen Besuch abgestattet, waren in Paris eingekehrt und reisten alsdann voll glückseliger Ziellosigkeit südwärts in das Wunderland Italien hinein. Die Briefe waren Jubelhymnen, und ein jeder Satz begann: »Mein süßes Weibchen« – oder »Mein herziges Männchen!« – und enthielten kaum etwas anderes, als himmelstürmende Wonne echter, rechter Flitterwochen. Der Major rieb sich die Hände. »Na, Dorchen, du hattest ja immer tausenderlei Bedenken, ob die Kinder tatsächlich zusammenpaßten und glücklich würden! Da hier, lies mal! Die reinen Turteltauben!« Frau von Welfen las, und ihr Gesicht blieb so ernst wie zuvor. »Auf der Hochzeitsreise! Sie leben ja wie in einem Rausch und Taumel und kommen vorläufig noch gar nicht recht zur Besinnung! Diese Überschwenglichkeit deucht mir zu groß, es muß ein Rückschlag kommen; die heimatliche Langeweile wird ihn mitbringen, fürchte ich.« »Na Mutterchen, wenn es dir besonderen Spaß macht, so unke getrost weiter! Ich bin fest überzeugt, daß Siegfried alle Charakterfehler, die seine Handschrift anzeigte, abgelegt hat, seit er liebt. Die Liebe ändert einen Menschen von Grund auf, und der gute Junge ist rasend verliebt. Er wird unser Prinzeßchen auf Händen tragen, sie verhätscheln und glücklich machen!« »Gott gebe es; warten wir's ab.« Die Wandervögel kehrten zurück. Das Landratsamt prangte im Schmuck festlicher Tannengirlanden, aus denen die letzten Astern und Georginen hervorleuchteten. Der Herbststurm zauste sie und wirbelte die Fahnen gegen die grauen Regenwolken empor. Es war ein mürrisches Wetter, mit dem die nordische Heimat die Reisenden empfing, vor deren Blicken sich soeben noch die lachende Blütenpracht der italienischen Sonnenlandschaft ausgedehnt hatte. Dafür war es im eigenen Nestchen desto behaglicher. »So recht kuschelmuschelig!« wie Siegfried behauptete. Alles neu, alles elegant, alles bewundernswert! Die Möbel rochen noch nach Lack, und die Bilder nach dem Firnis, aber just das hatte einen ganz besonderen Reiz. Aller Ecken und Enden gab es zu sehen und zu staunen. Wie schön, wie weich und reich war das eigne Heim! Die Lampen strahlten, Blumen blühten in Nischen und vor den Fenstern; auf dem silberblitzenden Teetisch summte der Samowar ein süß geheimnisvolles Lied von weltfernem Liebesglück. Hanne und Gottfried walteten wie freundlich gute Geister in diesem Zauberreich. Beide hatten mit großen Blumensträußen in der Tür gestanden und das junge Paar begrüßt. Hanne in feierlichem Staat, mit der besten weißen Haube, Gottfried in großer Livree, lind just, wie sie knicksten und die junge Frau in das Haus geleiten wollten, rasselte ein Säbel, und ein schwarzer Schatten fiel breit in das helle Licht auf dem Weg der Jungvermählten. »War das nicht Elten?« Die hohe, in den Mantel gehüllte Gestalt hastete auf dem holprigen Straßenpflaster weiter und verschwand ohne Wort und Gruß in der Dunkelheit. Hanne aber schüttelte heimlich den Kopf. Sie war abergläubisch und wußte, daß es nicht gut ist, wenn auf dem Weg ins eigne Haus ein Schatten vor die Füße der jungen Frau fällt. »Sind denn die Eltern nicht hier?« war Salomes erste Frage. »Nein, gnädige Frau, die Herrschaften sind nach Jeseritz zurück. Sie haben alles hier hergerichtet und den einen Strauß dort auf den Teetisch gestellt – und lassen tausendmal grüßen, und wenn es recht wäre, kamen sie morgen alle zu Tisch!« »Selbstverständlich! Ist ja riesig nett! – Die guten, rührenden Eltern! Hier diese schönen Blumen sind von ihnen? Und jene dort? – Von wem sind sie?« »Der Rosenstock vom Herrn Assessor ... und der Blumenkorb von den Herren Offizieren ... und der von der Frau Bürgermeisterin ... und in der Vase dort von der Frau Doktor ... und ... und ...« »Nun? Noch mehr? Wo denn?!« »Ach, gnädige Frau, einen Strauß hat Hanne in die Küche genommen, sie meinte, da wären ja Totenblumen und Kreuzkraut bei – das brächte Unglück!« Das junge Paar lachte hell auf. »Torheit, Alterchen! Schnell holen Sie die Blumen! Schämen Sie sich doch, Hanne, mit grauen Haaren noch so abergläubisch!« »Gnädigste Herrschaft ... ich ... ich ... na – wenn Sie es denn absolut wollen!« Die biedere Matrone schlurrte etwas beleidigt nach der Tür, um bald daraus mit einem herrlichen Bukett wiederzukommen. »Hier ist das schlechte Zeug!« murrte sie und hielt die Blüten geringschätzig von sich ab. »O wie schön! Wo sind denn die Totenblumen?« lachte Salome neugierig. Die Alte tippte von weitem her. »Hier!« »Die weißen Anemonen?! Hahaha! – Die sind ganz harmlos und blühen in Italien auf allen Wegen! Und das Kreuzkraut?« »Hier! – Der Teufel mag's holen!« »Gefüllter Schwarzdorn – umgeben von Myrten, Rosen, Orangen – wie herrlich! Dieser Strauß ist sicherlich kein Feldheimer Erzeugnis! Wer hat ihn denn eigentlich geschickt?« Hanne hatte es nicht der Mühe wert gehalten, sich diesen Geber zu merken, aber Gottfried meldete, daß der Bursche des Herrn von Elten den Strauß abgegeben habe. »Also doch von ihm!« Salome sah sehr zufrieden aus und schien bester Laune zu sein; der Landrat lachte. »Sieh, er will sich beizeiten einen Platz am Teetisch sichern! Ich glaube, Frauchen, das Kreuzkraut gilt der armen Hanne, die ihre Not haben wird, für so viele liebe Gäste im Hause zu kochen! Mit dem Instinkt des Unbewußten hat sie in Elten den schlimmsten Eßtischmarder gewittert!« »Aber Siegfried, wie unpoetisch!! –« Er küßte sie auf das vorwurfsvolle Mündchen. »Ich soll doch nicht etwa glauben, Liebchen, daß dieses ›Schustern‹ deiner Huld alleine gilt?« neckte er. »Ich bin Menschenkenner und weiß, was ein gemütlich rauchender Schornstein für einen einsamen Junggesellen bedeuten will! Nehme es ihm auch gar nicht übel, sondern würde es selber so machen. An hellem Feuer können sich gar viele wärmen! Und nun gib mir deinen Arm und laß dich zum erstenmal an unseren eigenen Tisch führen! – Daheim! – Zum erstenmal im eigenen Nest! Weißt du, was mir dabei einfällt? Das Liebchen, das die Österreicherin in Luzern sang: Wer a Nestle will baun – Soll aufs Ästle wohl schaun, Daß ka Fuchs es beschleicht Und ka Marder besteigt! – Nun, ich denke, unser Nestchen ist sicher gebaut. Komm, stoßen wir darauf an, daß weder Fuchs noch Marder jemals den Weg zu ihm finden!« Die Gläser klangen zusammen, die Lippen fanden sich. Draußen sauste der Sturm, und eine schwarze Gestalt glitt schattenhaft auf der Straße dahin, den Säbel hochgefaßt, daß er keinen Laut gab, die Augen mit starrem Blick nach den hellen Fenstern gerichtet, hinter dem Glück und Liebe Einkehr gehalten. Daß ka Fuchs es beschleicht Und ka Marder besteigt! –   Hanne war beleidigt. Sie saß in der Küche, hatte die große Hornbrille auf die Nase gesetzt und strickte, daß die Nadeln flogen. Dreißig Jahre lang war sie bei der alten Frau von Born in Diensten gewesen, und die Gnädige hatte sie niemals als »abergläubisch« und »töricht« verspottet, wenn sie sagte: »Dies und jenes darf man nicht tun, gnädige Frau, das bringt Unglück ins Haus!« Die Gnädige respektierte eine treue, alte Magd und nahm guten Rat an – aber hier, das Küken wollte klüger sein als die Henne, stellte sich hin und lachte einer weißhaarigen Frau ins Gesicht. Das konnte ja schön werden! Als Frau von Born die Hanne zu ihrem Sohne schickte, sagte sie: »Hanne, unser Kleiner ist nun groß und flügge geworden, er braucht eine treue Seele, die ihm den Haushalt führt – wer könnte das besser als du, Hanne! Gehe hin und sorge für ihn wie eine Mutter!« Und Hanne hatte es getan. Als sich Herr Siegfried verlobte und heiratete, wollte Hanne zu ihrer Dame zurück. Aber der Landrat sagte: »Liebe, gute Hanne, bleiben Sie bei uns! Mein Frauchen ist so jung und versteht noch gar nichts – Sie müssen sie erst lehren, wie ein Haushalt geführt wird, Sie müssen die Wirtschaft noch eine Zeitlang weiter regieren wie bisher!« Und Frau von Welfen hatte es auch gesagt und Hanne freundlich die Hand gereicht: »Ich bin ja so glücklich, daß ich mein Kind in so treuen Händen weiß!« Da hatte sie nachgegeben, obwohl das gnädige Fräulein Braut ihr nie so recht nach dem Herzen gewesen war. Sie trug das Näschen so hoch und war mit nichts recht zufrieden und so fein und zimperlich ... wie der junge Herr nur solch einen Geschmack haben konnte! Um ein hübsches Lärvchen allein freit man doch nicht ein so grünes, unreifes Ding! Von nichts verstand und wußte sie etwas, und eigensinnig und rechthaberisch war sie auch, das erzählten die Jeseritzer Dienstboten. Ob sie den jungen Herrn wirklich lieb hatte? Je nun, es war noch kein Ernst dahinter. Wie schön und nett hatte Hanne alles hergerichtet und ausgeputzt – und zum Dank stellte sich der kleine Gelbschnabel hin und verhöhnte sie! Nur zu! Nur zu! Wer nicht hören will, muß fühlen. Der Verkehr mit der jungen Frau in den nächsten Tagen war auch nicht dazu angetan, Hanne zu versöhnen. Welch ein Kommandieren und Jagen und Abhetzen! Wenn eine Stecknadel hinunterfiel, klingelte die Gnädige und ließ sie sich aufheben. Aber Hanne wäre viel lieber selber gesprungen und hätte sich selber noch abgerackert, als daß sie dies neue Volk in der Küche geduldet hätte! Davon hatte man ihr vorher keine Silbe gesagt, daß noch eine Jungfer und ein Stubenmädel kommen sollten! Daß Gott erbarm! Sie waren beide Großstädterinnen, durchtriebene, abgefeimte Frauenzimmer, die Hanne mit äußerstem Mißtrauen beobachtete! Steckten die Köpfe zusammen, tuschelten, kicherten und machten sich über die Alte lustig! Die Jungfer war sofort erklärter Liebling bei der gnädigen Frau. Sie schmeichelte ihr, scharwenzelte um sie herum, hatte den Kopf voll kecker Streiche und leichtfertige Ansichten, lachte aus dem Fenster mit den Husaren, huschte abends aus dem Hause ... oh, es war himmelschreiend. Hanne konnte so etwas nicht mit ansehen, sie ging resolut zur Frau Landrätin und verklagte das nichtsnutzige Frauenzimmer. Da kam sie schön an. Salome verbat sich die Klatschereien und Verleumdungen, Betty sei ein äußerst gewandtes und brauchbares Mädchen, sie frisiere ausgezeichnet, schneidere sehr gut und sei lebenslustig und vergnügt! Die Jugend wolle auch ihr Recht haben, es könnten nicht lauter querköpfige alte Griesgrame im Hause herumlaufen. Das ging auf Hanne selbst! Auch das noch. Die alte Frau konnte gar nicht antworten in ihrer gekränkten Würde, sie fing an zu weinen. Da kam der Herr in das Zimmer. Er schien zum erstenmal nicht zufrieden zu sein mit seiner kleinen Frau, wiewohl er sich nichts merken ließ und sich alle Mühe gab, die Sache scherzhaft hinzustellen und Hanne zu versöhnen. Ja, er kam sogar hinter ihr her und redete ihr so recht herzlich zu, Geduld mit seinem kleinen, verwöhnten Prinzeßchen zu haben –- sie sei ja noch das reine Kind, und Hanne eine so ehrwürdige, verständige alte Frau – zum Schluß zog er das Portemonnaie. »Ihre Sonntagshaube braucht ein paar neue violette Seidenbänder, Mutter Hannchen! Ich sehe sie so gern darin!« Na, da gab sie noch einmal nach. Aber Bettys spöttisches Gesicht und ihr schnippisches Wesen ärgerte sie halb krank – das ertrug sie nicht auf die Dauer, und bei der nächsten Veranlassung kündigte sie und ging heim – das stand bombenfest. Auch Gottfried war zu alt, um sich in diese neue heillose Wirtschaft zu finden. Wohin waren die friedlichen, gemütlichen Zeiten dieses Hauses! Welch eine Unruhe! Welch ein Treppauf, Treppab! – Immer Gäste, immer Besuch! Die jungen Herren schienen zu glauben, das Landratsamt sei ein Wirtshaus! Bis spät in die Nacht hinein wurde musiziert, gelacht und geschwätzt, und Gottlieb mußte schlaftrunken in der Küche sitzen und der fidelen Gesellschaft heimleuchten! Hanne schüttelte ingrimmig den Kopf. »Welche Zeiten, welche Sitten! Das will ein junges Liebespaar sein! Das sollen die Honigmonate traulichen Glückes sein! – Ein schönes Glück! Die junge Gnädige putzt sich und kokettiert mit den Verehrern und der Herr Landrat lacht dazu und ladet die Herren selber noch ein!!« Ein paarmal hat es allerdings schon Zwistigkeiten gegeben. Die »liebe, treue« Betty hatte gehorcht und berichtete es im Triumph in der Küche. Dem Landrat merkte man nichts an, er ging pfeifend aus dem Hause und fuhr davon, aber die gnädige Frau hatte verweinte Augen, war schrecklicher Laune und lag mit heftigen Kopfschmerzen auf der Chaiselongue. Nachmittags kam der Herr Major aus Jeseritz, der fast täglich hier vorfuhr. Da schien sie sich bitterlich zu beklagen, denn man hörte den alten Herrn heftig reden und ihr beistimmen. Man merkte es auch tags darauf an seinem Verkehr mit dem Schwiegersohn, daß etwas vorgefallen sei. Hanne nickte resigniert mit dem weißhaarigen Kopf – es mußte ja so kommen. XV. Während das junge Ehepaar seine Hochzeitsreise machte, kam Herr von Welfen auf den lustigen Einfall, auch seinerseits eine »nachträgliche« Hochzeitsreise zu unternehmen. Er überraschte seine Damen durch einen ganz spaßhaften Vorschlag. »Höre, Dorchen: Salome und Siegfried machen ihre Hochzeitsreise rechtzeitig, Rose soll sie vorzeitig – wir wollen sie nachzeitig machen. Packt die Koffer, wir werden das herrliche Herbstwetter benutzen und einen Ausflug nach der Wartburg riskieren!« Gesagt, getan. Rose jubelte. Eine Hochzeitsreise ohne Gatten, das war just nach ihrem Geschmack! Und sie reisten ab, zur Entrüstung der Tante Sidonie, der alles Reisen als törichte Geldverschwendung verhaßt war. »Ihr müßt ja kolossale Revenuen von Jeseritz beziehen, daß ihr derartige Ausgaben machen könnt!« bemerkte sie spitz. »Hunderte von Mark für eine Vergnügungsreise! Je nun – mir kann es ja recht sein, wenngleich ich der Wahrheit gemäß sagen muß, daß ich jede Unüberlegtheit als Dummheit erachte und aufs schärfste tadle!« Zum erstenmal wollte ihr der Major gereizt antworten und sich ihre Unverschämtheit verbitten, aber er besann sich noch rechtzeitig. »Denkst du, mir macht eine solche Unruhe und ein solches Eisenbahngeschüttele Vergnügen? Es ist um der Rose willen – sie muß auch einmal etwas von der Welt sehen!« brummte er und verließ schleunigst das Zimmer. Welch eine unbeschreibliche Wonne für Rose, durch die zauberhafte Lieblichkeit Thüringens zu schweifen. Eine Fußtour reihte sich an die andere, jede neue schöner und lohnender als die vorhergegangene. Der Herbst hatte seine leuchtendsten Farben über den Laubwald gegossen, violette, zarte Dunstschleier wehten um die Berge, bis die Sonne voll sommerlicher Glut emporstieg und die Täler mit goldenem Lichte füllte. Frische Luft auf den Höhen! Harzgeruch und herber Tannenduft im Walde, Gesang und Jubel überall, flatternde Hotelfahnen und lockende Kurhausmusik. Welch ein neues, nie gekanntes Leben! Rose glaubte in eine Wunderwelt versetzt zu sein, und genoß alle Pracht und Schönheit in vollen Zügen. Schade, daß der Papa bald über das viele Geklettere stöhnte und über die hohen Preise der Wagen schimpfte. Er hatte nur auf langes Bitten von Frau und Tochter nachgegeben, die Strecke Wegs von Ruhla bis nach Eisenach noch einmal zu Fuß zurückzulegen. Es war ein besonders heißer Tag, und obwohl man sehr früh aufgebrochen war, brannte die Sonne doch bald recht empfindlich auf die drei Wanderer hernieder. Papas Laune, die anfangs so glänzend gewesen, war recht übel geworden. Er hatte in Ruhla schlecht geschlafen und nachts sogar mit seiner alten Kommandostimme auf den Korridor des Hotels hinausgedonnert: »Ruhe, zum Schockdonnerwetter!« Da ward alles munter, was zuvor geträumt hatte, und der Major hielt dem erschrockenen Kellner eine wütende Philippika, »daß nebenan so ein paar verfluchte Kerls ununterbrochen sängen und spektakelten, und daß man nachts um drei Uhr wohl verlangen könnte, daß solche Globetrotter endlich das Maul hielten!« Das war deutlich, und es wurde still nebenan. Am andern Morgen grollte der Major noch immer. Er fragte den Wirt, wer die Radaubrüder gewesen seien? Der Hotelbesitzer bat unter höflichsten Komplimenten um Entschuldigung. »Die Herren seien spät angekommen und hätten noch sehr fidel gezecht, es schienen wohl Studenten oder Künstler gewesen zu sein – in das Fremdenbuch hätten sie sich nicht eingeschrieben, da sie schon vor zwei Stunden abmarschiert seien, um über die hohe Sonne nach Eisenach zu gelangen!« »Recht niedlich!« höhnte Welfen, »also denselben Weg nach Eisenach! Na, da werde ich heute nacht wohl wieder den Genuß ihrer musikalischen Leistungen haben!« Nun war er müde und ärgerte sich noch immer über die rücksichtslosen Bengels. Dazu bekam er Durst, und vor der hohen Sonne gab's kein Wirtshaus. Schauerlich! Daß er auch vergessen konnte, Wegzehrung mitzunehmen! Alle anderen Tage hatten sie sich damit geschleppt und keinen Gebrauch davon gemacht, es waren kurze Partien und Gasthäuser in schwerer Menge vorhanden – und heute nichts, nichts von allem! Trotz seines cholerischen Temperaments neigte der Major etwas zum Embonpoint. Keuchend und den Schweiß wischend, wanderte er die staubige Fahrstraße zwischen den hohen Tannenwänden dahin. Immer bergan! Und dazu ein Durst! – Ein Durst!! Die Zunge klebte ihm am Gaumen. »Welch ein schönes Plätzchen hier zum Rasten! Hm ... da haben auch soeben noch Touristen gesessen – fettige Butterbrotpapiere und da ... o! ... o!!« Der Major blinzelte voll Gift und Galle nach den Baumzweigen empor –- da hing eine leere Bierflasche!! – Das Wasser lief ihm förmlich im Munde zusammen! Jetzt ein Glas bayerisches Bier!! Der Weg kam ihm noch viel beschwerlicher vor. Er begriff gar nicht, daß Rose aus voller Kehle in die Welt hinein sang, und verbat sich eine derartige Gefühllosigkeit. Immer heißer brannte die Sonne, die Zunge lechzte nach Naß. Da! – Pech und Schwefel – wieder eine Bierflasche oben an einem Ast, just über dem Fahrweg schaukelnd, und dort noch eine ... und abermals eine ... Das war eine Roheit, eine Gemeinheit, eine ganz infame Niedertracht!! Ha! Fraglos waren das auch wieder die verdammten Lümmel gewesen, die ihn heute nacht um den Schlaf gebracht hatten! Nur sie allein waren einer solchen perfiden Nichtswürdigkeit fähig. Selbstverständlich, sie waren ja vor zwei Stunden denselben Weg hier gewandert! Singend, johlend, gut verproviantiert und Bier trinkend! Alle Viertelstunden Bier trinkend! Der Major hätte bersten können vor Wut. Ganz Thüringen war ihm verleidet, er keuchte schwitzend weiter, den Blick starr auf den Boden geheftet, um nicht durch den abermaligen Anblick einer Bierflasche neue Tantalusqualen zu erleiden. Dabei erleichterte er sein Herz, die unbekannten Feinde mit allen Kosenamen, die ehemals auf seinem Kasernenhofe erklungen, zu belegen, denn es lag klar auf der Hand, daß die Bierflaschen zum Hohn für ihn, den Durstenden, hier aufgehängt waren, zur Rache für sein energisches Auftreten heute nacht. Endlich war die hohe Sonne erreicht, und Herr von Welfen suchte sich den schattigsten Platz im Garten, drehte dem schönen Wartburgdurchblick ingrimmig den Rücken zu und schwur hoch und teuer, in den nächsten Stunden sich nicht vom Fleck zu rühren. Er aß und trank – und trank und aß, und Frau Dora und Rose bemühten sich, ihn aufzuheitern. Allmählich gelang es, Papa fühlte sich wieder behaglich und begann seine Quälgeister zu vergessen. Während er sich eine Zigarre anzündete, wanderte Rose, die Nimmermüde, ein Stücklein Wegs nach Wilhelmstal entlang, vielleicht einen Blick auf das Schlößchen zu erspähen. Da sie sich nicht weit entfernen durfte, kehrte sie bald um. Plötzlich blieb sie auflauschend stehen. Eine Nachtigall! – Wahrlich eine Nachtigall! Wie war das möglich? Im Spätherbst hatte Rose noch nie diese holde kleine Sängerin gehört. Dort hinter den Tannen am Weg muß sie sitzen. Wie entzückend, wie herrlich es klingt! Der Wald rings lag in tiefem, feierlichen Frieden, die warmen Sonnenstrahlen spielten in grün goldenen Lichtern auf den moosigen Buchenstämmen, ein süßer Duft wogte geheimnisvoll daher – und nun gar das Lied der Nachtigall! Langsam, ganz versunken in eine ihr sonst so fremde, schwärmerische Träumerei, schritt Rose weiter, näher und näher, vorsichtig spähend, zu den Tannenbüschen heran, aus welcher Philomele klagte. Vielleicht war das Vögelchen krank, saß mit gebrochenem Flügelchen und trauerte um die fernen Genossen, deren Flug nach dem Süden es nicht folgen konnte. Und dann lachte sie über sich selbst. Eine Nachtigall würde gerade ein Menschenkind so nahe an sich herankommen lassen! Nein, keine vergebliche Mühe! Lieber dem Sängerlein mit frischer Stimme geantwortet: »Nachtigall! Nachtigall! Wie süß ist deiner Stimme Schall!« schmetterte sie lustig, alle Sentimentalität abstreifend, in die Tannen hinein. Seltsam! Das sonst so scheue Vögelchen schien nicht zu erschrecken. Es sang unbeirrt weiter, ja, es schien Rose beinahe, als käme es nähergeflogen. Noch einmal sang Rose herzhaft darauflos und trat näher an die Dickung heran. »Nachtigall! Liebe, süße Nachtigall!!« Horch ... dicht vor ihr hinter dem Fels flötete es in schmelzender Weise Antwort! Das war ja merkwürdig! Sicherlich konnte das Vöglein nicht entfliehen, sonst wäre es wohl schon längst davongeflattert! Übermütig sprang das junge Mädchen über den Chausseegraben und trat auf den Felsblock zu. Sie hatte den Hut abgenommen – wie braunes Gold leuchteten ihre lockigen Haare, wie Rosen blühten die Wangen im Gesichtchen, und das helle Sommerkleid leuchtete in der Sonne. »Nachtigall, Nachtigall – Süß ist deiner Stimme Schall!« – jubelte sie noch einmal wie ein ungestümes Kind und lugte neugierig hinter Fels und Tannen. Gleicherzeit ein leiser Schrei des Entsetzens. »Das fand Ihr Herr Vater heute nacht leider nicht, mein gnädiges Fräulein!« sagt eine lächende Stimme, die schlanke Gestalt eines Herrn sprang aus dem Grase empor. Rose war so tödlich erschrocken, daß sie einen Augenblick wie gelähmt dastand. Aus den Büschen zur Seite klang ebenfalls Lachen, die Zweige rauschen und knacken. Die Herren aus Ruhla! Roses Köpfchen schnellte stolz in den Nacken, ihre Augen blitzten den Kecken, der es wagte, sie derart zu düpieren, empört an. »Unverschämt!« stieß sie in ihrer herben Weise kurz hervor, wandte sich und floh wie ein Reh von dannen. Hinter ihr her schallte ein homerisches Gelächter. – – – Atemlos erreichte sie die Eltern. Sollte sie's erzählen? Nein – sie konnte es nicht, sie schämte sich, daß sie sich derart hatte mystifizieren lassen, – Eine Nachtigall im Spätherbst! Wie hatte sie nur auf solch einen Unsinn hereinfallen können! Aber es klang so fabelhaft natürlich, sie hätte wirklich in ihrer Harmlosigkeit geschworen, daß die Natur eine Ausnahme von der Regel gemacht habe! Und was nützte es, darüber zu sprechen? Der Vater war gerade wütend genug auf die frechen Gesellen! Er würde sich noch wehr erregen und womöglich bei nächster Gelegenheit eine Szene heraufbeschwören. »Ihr Herr Vater fand das heute nacht leider nicht!« – sagte er nicht so? Fraglos, es waren die Herren aus Ruhla, und sie wußten, wer sich die Ruhestörung verbeten hatte und kannten sogar die Tochter ihres Widersachers! Dieser freche Scherz mit der Nachtigall war ein Racheakt! O wie mochten sie jetzt lachen und höhnen, und über das dumme Gänschen spotten, das auf einen so plump gestrichenen Leim ging! Rose ballte die kleinen Hände unter dem Tisch und gab eine ganz konfuse Antwort auf die Frage des Majors, »ob sie faktisch noch bis Eisenach zu Fuß gehen könne, oder ob man hier auf einen Wagen warten wolle.« »O diese Esel!« hatte Rose ingrimmig geknirscht, und der Vater sah sie einen Augenblick verdutzt an. »Ja, du hast recht, Esel würden fabelhaft brauchbar hier sein!« nickte er dann, »billiger als Wagen und bequemer wie Schusters Rappen! Aber ich bin überzeugt, daß es hierzulande keine gibt, wenigstens keine vierbeinigen!! – Heda – Kellner – kommen Sie mal 'ran!« Er fragte und bekam die erwartete Antwort. »Na ja!« höhnte er, »weder Wagen noch Esel! Die Saison zu vorgerückt! Die letzte Regenzeit hat den Verkehr beendet und was jetzt noch in diesen paar schönen Tagen kommt, wandert meistens zu Fuß!! – Na, Kinder, dann hilft es nichts, dann müssen wir auch zu Fuß wandern, aber so viel weiß ich – ich beschwere mich bei erster bester Gelegenheit! Das ist ja eine himmelschreiende Wirtschaft in diesem gesegneten Thüringen! Nachts keine Ruhe und tags keine Esel! – Oh, ich werde meine Ansicht darüber aussprechen!« Der Major rief in ärgerlicher Stimmung abermals nach dem Kellner, um zu zahlen. Der dienerte sehr höflich: »Welch ein Mißgeschick, mein Herr! Am Aussichtspunkt hat den ganzen Morgen ein Junge mit drei Eseln gestanden, und vor zehn Minuten haben sie ein paar Touristen gemietet, um nach der Wartburg zu reiten!« Rose blickte jählings auf. »Gleich und gleich gesellt sich gern – und findet sich!!« – dachte sie voll Ironie, »die Herren sind zweifellos die lieben Freunde aus Ruhla!« Welfen schimpfte etliche Kreuzdonnerwetter, bezahlte, und erhob sich stöhnend, die Fußtour fortzusetzen. »Dies ist die letzte, die ich in meinem Leben mache!« grollte er. »Da räsonniert ihr immer über Tante Sidonie, und doch ist sie eine vernünftige, geistreiche Frau, die ganz recht hat, wenn sie das Reisen eine kostspielige Strapaze nennt! Ja, ja, die Graphologie! Es ist doch Verlaß darauf!« Rose lachte. »Väterchen, laß dir doch nicht von ein paar Eseln – zwei- und vierbeinigen – die gute Laune verderben! Wie vergnügt waren wir doch zuvor! Wie reizend unser Wandern durch Berg und Tal! Ah ... rieche einmal diesen Tannenduft! Die Luft weht schon bedeutend kühler, und wenn du den Führer mitnimmst, kommen wir auf den besten und bequemsten Wegen im Handumdrehen auf die Wartburg!« Wieder wanderten sie durch die zauberhafte Stille des Hochwaldes. Felsen bauten sich auf, und Abgründe gähnten zur Seite. Hier und da öffneten sich die romantischen Naturkulissen und gewährten einen Blick auf die schönste und interessanteste aller Burgen, deren Anblick das Herz der Damen höherschlagen ließ. Frau Dora und Rose schritten rüstig voraus – Herr von Welfen folgte mit dem Führer und schimpfte nur dann nicht, wenn dieser mit großer Lebhaftigkeit und Beredsamkeit allerhand Schnurren oder interessante Erlebnisse erzählte. Seine hohe Stimme hallte zu den Damen hinüber, die zumeist schweigsam, in entzücktem Genießen aller Herrlichkeit, Arm in Arm dahinwandelten. Rose war nachdenklich. Der freche Nachtigallsänger kam ihr nicht aus dem Sinn. Wie hatte er eigentlich ausgesehen? In ihrem Schreck und Ärger hatte sie ihn kaum angeschaut. Nur flüchtig – und doch war es ihr gewesen, als ob er recht häßlich gewesen sei. Ein recht unverschämtes Gesicht, mit blitzenden Augen, einem impertinenten Lachen und großen, grellweißen Zähnen unter dem Schnurrbart, wie ein Nußknacker. Sicherlich ein Student – aber was für ein schlimmer! Die Nächte durchtollen, Bier trinken, junge Damen äffen – – pfui! Rose war den Männern noch nie zuvor so gründlich abhold gewesen, wie in diesem Augenblick. Horch, ein Rudel Wild schien durch den Tann zu ziehen! Auch Papa und Wills, der Fremdenführer, blieben stehen und lauschten. Letzterer drückte den Hut mit der breiten Krempe tiefer in die Stirn, sein borstiger Schnurrbart zitterte ganz eigentümlich, wie unter verhaltenem Lachen. »Das müssen Hirsche sein, gnädiger Herr!« sagte er, »es stampft gehörig den Boden! Lassen Sie uns stillstehen und aufpassen, derweil verpusten sich die Herrschaften ein wenig! Das Marschieren ist bei der Hitze heut ein sauer Stück Arbeit, und der gnädige Herr ist es nicht gewohnt! Eine Blase sitzt schon am Fuß? Ja, da ist's ein verteufeltes Fortkommen! Da kann man schon das Blaue vom Himmel herunterfluchen!« »Und nicht einmal ein Esel zu haben!« grollte der Major in vollster Gewitterstimmung. »Solch einen Hirsch satteln, ja, das wäre eine Rettung! – Pst ... das galoppiert ja heran wie die wilde Jagd! – Jetzt ... dort den Waldweg kommt's ... Ah ... Pech und Schwefel! Eselreiter!« – Das letzte Wort klang wie ein Schmerzensschrei! Drei Herren galoppierten herzu – junge, flotte Burschen, die breitkrempigen, weißen Strohhüte weit im Nacken, die Gesichter lachend und urfidel! »Servus, meine Herrschaften! Servus!« lachten sie im Vorbeisausen. »Famoser Spazierritt! In zwanzig Minuten sind wir auf der Wartburg!!« Klang das nicht wie Hohn für den schweißgebadeten Herrn von Welfen, der sich keuchend und stöhnend bergan schleppte? Jetzt hatten die Reiter die Damen erreicht. Sie grüßten und schwenkten die Hüte ... und dann ... Schockmillionen ... was sollte das heißen? ... Blumen? – Blumensträuße warfen sie den Damen zu? Und nun lachten und sangen sie: »Nachtigall – Nachtigall, süß ist deiner Stimme Schall ...« Halb rückwärts saßen sie im Sattel und winkten und lachten, bis die Tannen sie den Blicken entzogen. »Solch eine gottvergessene Frechheit!« schimpfte der Major, hochrot vor Ärger. »Famos Rose! Sehr gut, mein Mädel! Hebt die Blumen nicht auf, sondern stößt sie verächtlich mit dem Fuß beiseite! Ärgert sich auch! Sieht im ganzen Gesichtchen aus wie Purpur!« »Oh, es waren so schöne Blumen!« bedauerte der Fremdenführer. Welfen starrte ihn überrascht an. »Woher wissen Sie denn das?!« Wills macht ein unendlich harmloses Gesicht. »Weil ich sie selber zum Teil gepflückt habe und am Hirschstein feilbot, gnädiger Herr! Da haben sie mir die jungen Herren abgekauft. Ein fideles Völkchen! Sie kommen aus Ruhla, wo sie die Nacht logiert haben. Grundgütiger, wie müssen die unterwegs gezecht haben. Lauter Bayrisches! Und nun sitzen sie fein bequem im Sattel und lassen sich auf die Wartburg tragen!« »Aus Ruhla?« wiederholte der Major gedehnt und sah noch viel röter ans, »ei da soll doch ... da schlage doch ein ... hm ... also die! Also die waren es? Schade, habe sie mir gar nicht recht angesehen, die ver...« Und da sie just an die Stelle kamen, wo die Blumen noch auf der Erde lagen, stampfte er so haßerfüllt auf die armen Sträußchen ein, daß sie als Marmelade ihr Dasein endeten. Wills aber schnaubte sich die Nase und stieß recht eigenartige Töne dabei aus. Von nun an sprach Herr von Welfen kein Wort mehr, aber er gestikulierte so lebhaft und ingrimmig vor sich hin, als sitze er zu Gericht über drei Missetäter, die ihn in einem halben Tag mehr geärgert hatten, als all seine Rekruten während seines halben Lebens! – Endlich, endlich auf der Wartburg! Das erste Wort des Majors an den Restaurateur war die Frage, ob er heute nacht hier logieren könne. Ein glücklicher Zufall ermöglichte es, und zum erstenmal ging es wieder wie ein Sonnenstrahl über die gerunzelte Stirn des alten Herrn. Keine Besichtigung der Burg, kein unnötiger Schritt mehr! Nur ganz still und behaglich auf der Plattform sitzen, tüchtig essen und trinken und dann erst der landschaftlichen Pracht und Schönheit froh werden, die wie ein Feenland zu seinen Füßen lag. Möglichst abseits und unbehelligt hatten sich die drei wegemüden Wanderer niedergesetzt. Es war eine viel zu stramme Leistung; selbst die Damen, die so vorzüglich und unermüdlich zu Fuß waren, spürten den Weg von Ruhla bis zur Wartburg in allen Gliedern! Frau Dora war verhältnismäßig noch am frischesten, aber Rose saß auch schweigsam und etwas blaß auf ihrem Stuhl und starrte gedankenvoll in Berg und Tal hinaus. Hier und da huschte ihr Blick verstohlen über die Plattform, wenn Stimmen laut wurden und neue Fremde oder Eisenacher Spaziergänger erschienen. Auch der Major war anfänglich unruhig gewesen und hatte den Kneifer aufgesetzt, um alle anwesenden Menschen scharf zu mustern. Er fand aber Gott sei Dank nicht, was er suchte, und das beruhigte ihn. Der Gedanke, seine Ruhlaer Feinde hier wieder vorzufinden, hatte ihn ganz nervös und wütend gemacht. Aber sie waren nicht zu erblicken, und das stimmte ihn heiterer. Die Kerle hatten ja durch ihre Esel einen so riesigen Vorsprung, daß sie sich längst einer Führung durch die Burg anschließen konnten, und nun weiter nach Eisenach getrabt waren. Was fragte solch eine Sorte wüster Zechbrüder nach Schönheit und Romantik. Bayrisch Bier! Das war die Idylle, die sie bei ihrer Thüringer Waldfahrt suchten und fanden. Das Essen war ganz vortrefflich, die Getränke tadellos, die Laune der anwesenden Menschen ringsum eine so ansteckend heitere, daß auch die drei Reisenden aus Jeseritz all ihren Ärger und ihre Anstrengung vergaßen, und so recht in vollen Zügen den sie ringsumgebenden Wartburgzauber genossen. Aber trotzdem hielt es Welfen für seine Pflicht, schon im Interesse der anderen Touristen, Wort zu halten, und eine Klage zu erheben, daß so wenig für die Bequemlichkeit und ein gutes »Fortkommen« der Reisenden gesorgt sei. Als der Kellner mit einer neuen Flasche Wein das Fremdenbuch vor den so behäbig aussehenden und sehr nobel auftretenden Herrn niederlegte, funkelten die grauen Äuglein des Majors vor Rachedurst. »Aha! Das kommt mir gelegen!« knurrte er befriedigt in den Bart, und Frau Dora legte etwas betroffen die Hand auf seinen Arm: »Aber Papachen, um Gottes willen, du wirst doch keine Beschwerde hier eintragen?« »Selbstverständlich werde ich!« »Torheit, Ernst! Du blamierst dich ja nur!« »Ich mich blamieren? Soso! Das möchte ich denn doch sehen! Ist es keine Rücksichtslosigkeit, auf der hohen Sonne weder für Wagen noch hinreichende Esel zu sorgen?« »Der Wirt sagte dir, daß die Saison bereits so gut wie vorüber sei! Dieses unvermutet schöne, späte Herbstwetter kann jeden Tag wieder in Sturm und Regen umschlagen! Und du hörtest, daß die Wagen und Esel just vergriffen waren!« »Gleichviel! Ich mußte zu Fuß laufen und dafür will ich meine Rache haben!« »Du schadest damit nur dem netten Wirt hier, der uns so liebenswürdig aufnimmt!« bat Rose mit schmeichelndem Aufblick. »Hm ... das will ich allerdings nicht ... aber, ich kann ja die Sache vielleicht humoristisch einkleiden –« »Ach ja, Papachen! Ein scherzhafter Stoßseufzer!« »Mache einen hübschen Vers, Ernst; gereimte Grobheit, halbe Grobheit!« lachte Frau von Welfen. »Dichten! Gewiß! Warum soll ich nicht dichten können? Habe es zwar noch nie versucht, aber ... Potz Blitz, allzuschwer kann so ein wenig Verseschmieden nicht sein!!« Die Damen lachten. »Also um wartburgisch zu sprechen, ›Wolfram von Eschenbach, beginne‹«. »Es wird bereits recht kühl hier im Freien. Wenn die Sonne untergeht, soll der Kuckuck die Mittagshitze schöner Herbsttage holen! Kommt, Kinder, laßt uns umsiedeln. Drinnen hinter den Bogenfenstern sitzt es sich nun behaglicher. Dort werde ich dichten und alle Namen derer, die einst hier in der Sängerlaube die Harfe gerührt, werden bei diesem ersten Gedicht freundlichst Pate stehen!« Und Herr von Welfen dichtete. Es kostete noch etliche Flaschen Wein und viele weiße Notizbuchblätter, ehe er den Damen, die während dessen mit Entzücken zu der mondscheinbeglänzten Burg hinaus träumten, vorlesen konnte: »Für Männer von meinem Schlage, Ist's 'ne rechte Plage, Müssen sie zu Fuße gehn Und andre † † † reiten sehn! In diesen Bergesschlünden Kein Wagen ist zu finden, Auch Esel gibt's hier nicht zu Lande – Ist das nicht eine Schande??« – Sehr stolz und selbstbewußt trug der Dichter sein erstes Opus vor, und die Zuhörerinnen jubelten Beifall und waren nicht so perfide, die Versfüße an den Fingern nachzuzählen, ob sie stimmten oder nicht! Ja, dieses Gedicht war sehr schön und humorvoll, das konnte niemanden beleidigen, selbst die ungeheure Mäßigung hatte sich Herr von Welfen auferlegt, seine Feinde nicht mit kraftvollstem Kernwort zu belegen, sondern seine Verachtung nur durch drei Kreuze auszudrücken. Das war aller Anerkennung wert! – Die Stimmung des Kleeblattes war eine äußerst vergnügte geworden, und der so sauer und ärgernisreich begonnene Tag endete in einer geradezu genußreichen Abendstunde. Der vorausgegangenen Anstrengung Rechnung tragend, wünschte sich Frau Dora trotzdem zeitig zur Ruhe zu legen, und ihr Gatte stimmte ihr mit herzhaftem Gähnen zu. »Die verfluchten Lümmels aus Ruhla sind Gott sei Dank nicht hier, aber trotzdem weiß man nicht, was für Zimmernachbarn uns das Schicksal heute nacht zumuten wird.« Und man ging zu Bett. Rose war aber noch nicht müde. Voll nie gekannter Wonne und Schwärmerei öffnete sie ihr Fensterchen und blickte in die Nacht hinaus. Vor ihr lag im hellen Mondesglanz, wie ein Gebilde holder, märchenhafter Phantasie die Wartburg, sie, das Ziel all ihrer Sehnsucht und Liebe! – Drunten rauschten die Baumwipfel des Waldes, die Berge ragten aus zarten Nebelschleiern empor, und die Sterne funkelten am Himmel wie vor vielen hundert Jahren, als Elisabeths reine Seele zum Abendstern emporschwebte. Horch ... was war das? – Rose neigte sich jählings vor. Träumte sie? – Täuschte sie sich? – Drunten, vor ihr im Walde schlug eine Nachtigall! Einen Augenblick war sie starr vor Schreck und Empörung, dann wandte sie sich und schlug klirrend das Fenster zu. Tränen blitzten in ihren Augen – all ihre süßen Träume waren zu nichte geworden. Die Nachtigall aber warb in holden Liebestönen die halbe Nacht vor ihrem Fenster. Am anderen Morgen, beim Kaffee, der in der Restauration getrunken wurde, lag das Fremdenbuch auf dem Nebentisch. Der Major, der herrlich geschlafen hatte, griff schmunzelnd danach, um sich noch einmal an seinen schönen Versen zu erfreuen. Aber seine Augen wurden groß und starr. Was war das? Unter seinem Gedicht stand ein anderes: »Ich dachte, um den Esel braucht dir nicht bange sein, Er ist ja stets vorhanden, kommst du ins Land hinein!« Ein gurgelnder Laut der Wut, der Empörung! Mit jähem Griff riß der Major das Blatt heraus und versenkte es hastig in der Brusttasche. »Den will ich finden!« knirschte er. Rose aber wußte bereits, wer es gewesen.