Das Buch der 1000 Wunder von Artur Fürst und Alexander Moszkowski     Albert Langen, München, 1920     Die menschliche Wissenschaft gleicht einer Kugel, die ununterbrochen wächst. In dem Maß wie ihr Umfang zunimmt, wächst auch die Zahl ihrer Berührungspunkte mit dem Unbekannten. Pascal.           Nicht ungereimt ist es, daß aus dem Wunderbaren etwas Wunderbares hervorgeht. Eine Verknüpfung aber entgegengesetzter Eigenschaften in Eins ist das Wunderbarste. Nach Aristoteles.           Der Affekt der Überraschung und Verwunderung, der aus Wundern entspringt, ist eine angenehme Gemüthserregung und erzeugt sichtlich den Hang zum Glauben an solche Begebenheiten, an die sie sich knüpft. So weit geht dies, daß sogar diejenigen, denen der Genuß dieses Vergnügens nicht unmittelbar zuteil werden kann, . . . doch gern aus zweiter Hand oder im Reflex an der Lust teilnehmen und ihren Stolz und ihre Freude an der Erregung von Staunen bei andern haben. David Hume.           Statt zu schließen, es gibt keine wahren Wunder, weil es falsche gibt, muß man vielmehr umgekehrt sagen: es gibt falsche Wunder, und darum muß es auch wahre geben. Pascal.           Der Wunder höchstes ist, daß uns die wahren echten Wunder so alltäglich werden können, werden sollen. Lessing.           Das große unzerstörbare Wunder ist der Menschenglaube an Wunder. Jean Paul.             Inhalt         Geleitwort Bauwunder 1.   Die sieben Weltwunder der Alten 2.   Die große Sphinx 3.   Der Riesentempel von Karnak 4.   Der Nilstaudamm von Assuan 5.   Das größte Theater der Welt 6.   Die chinesische Mauer 7.   Ein Traum aus Marmor 8.   Schiefe Türme 9.   Der Koloß von New York 10.   Wolkenkratzer 11.   Die erhöhte Stadt 12.   Riesenbrücken 13.   Eine Eisenbahn durch das Meer 14.   Der längste Tunnel 15.   Die Jungfraubahn 16.   Der größte Bahnhof Europas 17.   Der Eiffelturm Wunder des Menschenlebens 18.   Der Zellriese Mensch 19.   Wunderkinder 20.   Rechenmeister 21.   Laura Bridgman 22.   Die Entzifferung der Hieroglyphen 23.   Blitzschlag der Erkenntnis 24.   Höchste Fruchtbarkeit 25.   Energie des Denkens 26.   Vom wunderbaren Spiel 27.   Das Unglück der Genies 28.   Periodische Tage 29.   Moderne Methusalems 30.   Riesen und Zwerge 31.   Abnormitäten 32.   Genies der Muskeltechnik 33.   Riech-Schnecken 34.   »Gekochte« Menschen 35.   Narkosen 36.   Der elektrische Tod 37.   Formhören 38.   Augenersatz für Blinde 39.   Künstlicher Haarwald 40.   Ein Schritt vom Weg 41.   Lokomotiven-Scheu 42.   Die Lügenmaschine 43.   Die getadelte Natur 44.   Die Knochen als Ingenieurbauten 45.   Aus Wasser bist du 46.   Geschwänzte Menschen 47.   Die letzten Kannibalen 48.   Die Milliardäre 49.   Der Sperlingsvater 50.   Überraschende Höchstpreise 51.   Der Macheïde Wunder der Tierwelt 52.   Die denkenden Pferde von Elberfeld 53.   Der kluge Hans 54.   Wundertiere aus früheren Jahrhunderten 55.   Theorie des Kaviarbrötchens 56.   Der Hummeltrompeter 57.   Der Bienenstaat 58.   Biene und Geometrie 59.   Im Reich der Ameisen 60.   Die Fallgrube des Ameisenlöwen 61.   Der Roman des Bandwurms 62.   Die Odyssee des Leberegels 63.   Die aufgefressene Mutter 64.   Der Bandwurm in der Perle 65.   Geschöpfe nach Willkür 66.   Umänderung des Geschlechts 67.   Ein Kompagnongeschäft auf dem Meeresgrund 68.   Explosivwaffen der Polypen 69.   Sperrvorrichtungen am Tierkörper 70.   Schlangenappetit 71.   Die besten Schwimmer 72.   Springkünstler 73.   Zugleistungen der Vögel 74.   Dichtigkeit eines Schwarms 75.   Das Kuckucksei 76.   Die Affensprache 77.   Der »Freßton« 78.   Eine gestörte Maskerade 79.   Das Pflanzenauge 80.   Das wirbelnde Meerschweinchen 81.   Die Erde als Bakterienhotel 82.   Wie alt werden die Tieren? 83.   Totes Leben 84.   Unsterbliche Tiere 85.   Das vielfach zerteilte Individuum 86.   Geheimnisvolle Eigenschaften Wunder des Wahns 87.   Der Weltuntergang von 1524/25 88.   Perpetuum mobile 89.   Der Hexenwahn 90.   Justiz gegen Tiere 91.   Selbstpeinigungen 92.   Die vervielfachten Heiligen 93.   Fromme Spitzfindigkeiten 94.   Topographie der Hölle 95.   Irrgänge des Aristoteles 96.   Lionardos Tiergarten 97.   Edelstein-Zauber 98.   Die unmöglichen Möglichkeiten 99.   Hat Napoleon gelebt? Mystische Wunder 100.   Richard Wagner und die Zahl 13 101.   Emanuel Swedenborgs Gesicht 102.   Der geträumte Muttermord 103.   Ein Besuch Virgils 104.   Die Seherin von Prevorst 105.   Das vergessene Goldstück 106.   Gedankenlesen 107.   Die Lenormand 108.   Das Unterbewußtsein 109.   Das habe ich doch schon einmal erlebt...! 110.   Die Nähe des Geliebten 111.   Wahrsagende Träume 112.   Schlafwandeln 113.   Der geheimnisvolle Schulaufsatz 114.   Traumschrift 115.   Der Spuk in Hydesville und in Stratford 116.   Flammarions Experimente mit Eusapia Palladino 117.   Die Tricks der Eusapia Palladino 118.   Abila, die Befeuchtete 119.   Selbstbetrug im Trance 120.   Sir William Crookes und das Medium Home 121.   121. Der Geist Katie King 122.   122. Henry Slades Wundertaten Zahlenwunder 123.   Reihenwunder 124.   Die durchbrochene Wahrscheinlichkeit 125.   Des Mathematikers Grabschrift 126.   Die heilige 7 127.   Der Wurm im Buch 128.   Eine ausgezeichnete Zahl. 129.   Erd- und Apfelsinen-Gürtel 130.   Paar oder Unpaar 131.   Das Rätsel von Fermat 132.   2 × 2 = 5 133.   Der optische Telegraph 134.   Wie oft kann man ein Geldstück wechseln? 135.   Ein paar Spaziergänge 136.   Der Schlag des Herzens 137.   Versammlung der Menschheit 138.   Die eingepackte Menschheit. 139.   Nur eine Meile 140.   Eine zeitraubende Tischordnung 141.   Der Erfinder des Schachspiels 142.   Mord! Mord! 143.   Ein Volk das nicht bis 3 zählen kann 144.   Million und Billion 145.   Wieviel Skatspiele gibt es? 146.   Wieviel Whistspiele gibt es? 147.   Brahmas Pyramide 148.   Ein Pfennig auf Zinseszins 149.   Im Meer der Zahlen 150.   Die Universalbibliothek 151.   Abracadabra 152.   Silos Grabstein 153.   Die Zahl 91 154.   Die Zahl 37 155.   Die Zahl 3367 156.   Merkwürdige Ergebnisse Wunder der Physik und Chemie 157.   Die Spektralanalyse 158.   Der Zeemann-Effekt 159.   Bausteine des Universums 160.   Die Brownsche Bewegung 161.   Das Allerkleinste und seine Teile 162.   Kann man ein Atom sehend? 163.   Ein Atom als Feuerwerker 164.   Der kostbarste Stoff 165.   Prophezeiung der Elemente 166.   Flüssige Luft 167.   Aus der Luft gegriffen 168.   Allvater Teer 169.   Staub 170.   Das ewige Mendel 171.   Das Kanalpendel 172.   Die Augen-Orgel 173.   Mumienkeller 174.   Wie platzt eine Bombe? 175.   Diamanten im Schiffspanzer 176.   Die kostbarsten Diamanten 177.   Gold im Wasser 178.   Die rätselhaften Schnitte 179.   Ein lebendiges Tier im Weltenraum 180.   Der Panzer aus Dampf 181.   Die versenkte Tafel 182.   Höchste Empfindlichkeit 183.   Vielfache Echos 184.   Künstliche Lebewesen 185.   Der Trompeter auf dem Blitzzug 186.   Der Sprung nach dem Mond 187.   Der Herr Lumen 188.   Äther-Orkan und Michelson-Versuch 189.   Die »Raumzeitwelt« Wunder der Technik 190.   Antike Erfindungen 191.   Verkleidete Apparate 192.   Die Magdeburger Halbkugeln 193.   Unsichtbare Gitter 194.   Die ersten Luftfahrten bei – Wieland 195.   In höchsterHöhe 196.   Kleinschrift 197.   Eine PS-Phantasie 198.   Der atlantische Tunnel 199.   Die größte Glocke der Welt 200.   Ein Sonnenmotor 201.   Schiffsfahrstühle 202.   Das Schloß im Meer 203.   Die Erde im Dienst eines Regenschirms 204.   Kriegswunder 205.   Schnellverkehr im Draht 206.   Telegraphie ohne Draht 207.   Das Fernlenkboot 208.   Hagelbekämpfung durch Funkentelegraphie 209.   Die singende Bogenlampe 210.   Drahtloses Fernsprechen 211.   Das eiserne Telephonfräulein 212.   Das festgehaltene Telephongespräch 213.   Das Licht als Arbeiter 214.   Das Optophon 215.   Das telegraphierte Bild 216.   Zukunftsmusik 217.   Das vertiefte Kino Wunder der Erde 218.   Milliarden Jahre sind wie ein Tag 219.   Das Pendel im Weltenraum 220.   Ebbe und Flut des Meers 221.   Bremsung der Erddrehung 222.   Ebbe und Flut des festen Lands 223.   Der Tod und die Entropie 224.   Das Gewicht der Erde und des Monds 225.   Die schiefe Friedrichstraße 226.   Der Schneephotograph 227.   Der Schmetterling im Hagelkorn 228.   Eisberge 229.   Elektrizität von der Sonne 230.   Das Ende der Alpen 231.   Das Erwachen des Vesuv 232.   Aschen- und Steinregen 233.   Die Glutwolken des Mont Pelée 234.   Geysir-Ausbrüche 235.   Wrack-Fahrten 236.   Die Städte im Plural 237.   Der Wert eines Wasserfalls 238.   Riesenbäume 239.   Biegsame Steine Wunder des Himmels 240.   Der längste Tag 241.   Sonnenfinsternis 242.   Antike Finsternisse 243.   Das wahnsinnige Karussell 244.   Das Treibhauswunder 245.   Wie die Sonne geheilt wird 246.   Sternweiten 247.   Das Sonnensystem an der Spree 248.   Der vorausgeahnte Planet 249.   Jagd auf Planeten 250.   Wärmestrahlung der Fixsterne 251.   Ein Spaziergang auf dem Mond 252.   Die Erde vom Mond gesehen 253.   Der abarische Punkt 254.   Bewohnte Himmelskörper 255.   Die Marskanäle 256.   Der Liliputstern 257.   Jupiter offenbart die Lichtgeschwindigkeit 258.   Seltsame Meteore 259.   Neue Sterne 260.   Der Kometenschweif im Laboratorium Wunder der Sprache 261.   Buchstabenstrategie 262.   Eine rätselhafte Inschrift 263.   Was ist eine Eisenbahn? 264.   Eine klare Definition 265.   Der Bandwurmsatz 266.   Von rechts nach links 267.   Das drohende Echo 268.   Eine falsche Stelle 269.   Tücke des Zufalls Wunder der Schönheit 270.   Phryne und Lais 271.   Lucrezia Borgia 272.   Ninon de Lenelos 273.   Tullia d'Aragona 274.   Madame Roland 275.   Madame Récamier 276.   Maria Theresia Die 1002. Nacht     Geleitwort Man sollte unterscheiden zwischen Lehr büchern und Belehr büchern. Das vorliegende bekennt sich durchaus zur zweiten Art, tritt aber innerhalb dieser Klasse mit einem ganz besonderen Anspruch hervor: sein Feld ist die Welt, wie sie sich im großen und kleinen einem erstaunten Auge darbietet. Einem Lehrbuch liegt die Meinung zugrunde, daß man vom Einfachen aufsteigend mit den Hilfsmitteln eines Systems Höheres und Schwierigeres erreichen, beschreiben, verdeutlichen, wohl gar erklären könne. Dieses Belehrbuch verführt anders. Es löst sich grundsätzlich los von dem Dünkel des Magisters in der Faustschen Schülerszene, der hereintritt mit der Behauptung und dem Beweis: »Es müßte so sein«. Es geht vielmehr in jedem Einzelfall vom Gegenteil aus. »Es müßte nicht so sein!« Da es aber so ist, wie es ist, wie es hier beschrieben und dargestellt wird, so geraten wir an eine unendliche Kette von Erscheinungen, in der sich jedes Glied als ein Wunder darstellt. Jede sogenannte »Erklärung« ist im Grund der Versuch, des Wunders Herr zu werden; das heißt, das Einzelwunder herauszuheben und es im Wege des Vergleichs einer Reihe von Tatsachen einzuordnen, die uns geläufig geworden sind. Gelingt diese Einordnung, so treten aus der Flut des Staunens – scheinbar – Inseln des Verständnisses hervor, und das Wunder verblaßt, weil es in eine andere Beleuchtung gerückt ist: in die Beleuchtung einer Reihe, eines Systems, einer gewohnten Ordnung. Aber das ist doch nur die eine Betrachtungsweise im Zug eines Denkzwangs, der uns ein Phantom vorspiegelt, der uns verleitet, eine Vermehrung der gewußten Tatsachen für eine Durchbrechung der Denkgrenzen zu nehmen. Die andere Betrachtungsweise wird seltener angetroffen, behauptet aber ihre vollen Rechte. Sie deutet auf die VIII überlegene Erkenntnis, daß jede Menge des Gewußten immer nur auf einen weitaus größeren Kreis des Ungewußten hindeutet; oder anders ausgedrückt, daß sich die Zahl der Wunder immer nur vermehrt, je mehr man sich anstrengt, dem einzelnen oder vielen unter ihnen beizukommen. Diese andere Betrachtungsweise soll dem vorliegenden Buch seine Kennzeichnung geben. Es sucht die Punkte der Erscheinungswelt und Gedankenwelt auf, die aus der Regel herausfallen; die Regel wird wohl angedeutet, in vielen Fällen sogar allgemeinverständlich entwickelt; aber nicht in dem Bestreben, das Wunderbare auszulöschen, sondern, um dem Wunder selbst die übergeordnete Geltung zu sichern. Wir orientieren uns hier nicht nach dem Erklärten, sondern nach dem Rest, der so groß ist wie das Ganze. Wir weichen dem Unfaßbaren nicht aus, wir versuchen auch nicht, es durch eine vorangestellte formelhafte Regel zu bändigen. Nein, wir erwarten, wie Ibsens Nora, das Wunderbare, und es stellt sich ein, wo immer wir die Peripherie abschreiten. Das Unbegreifliche, hier wird es Ereignis. Es heißt das Buch der 1000 Wunder. Die Herausgeber brauchen wohl kaum zu betonen, daß die von ihnen benannte Zahl nur im Sprachsinn zu nehmen ist und nicht arithmetisch, wie die Aufschrift einer Banknote. Die Anzahl der Kapitel mag geringer, die der wunderbaren Einzelheiten größer sein. Darauf kommt es nicht an. Im Verhältnis zum Betrachter, der die Einheit darstellt, sind es überwältigend viele. Und wenn tausend Bücher mit demselben Programm geschrieben würden, so könnten sie alle verschiedenen Inhalts sein, ohne die Wunder zu erschöpfen. Je mehr man erkennt, desto mehr bleiben übrig. Schon das Register der Bauwunder, die hier in absichtlich engem Umfang gleichsam den geschichtlichen Auftakt bilden sollen, könnte bis ins Unabsehbare vergrößert werden. Aber wenn unsere tausend den Anfang bilden, so ist es doch wohl ein brauchbarer Anfang, und der Spaziergang auf diesem Umkreis, der so vielfach die Grenze des Erforschbaren überschneidet, wird sich für den Leser verlohnen. Vor allem wird er eine große Menage von Tatsachen kennen lernen, die mit dem Reiz der Überraschung an ihn herantreten; Erscheinungen und Zusammenhänge, die sich sonst selbst dem Viellesenden verbergen, und die hier als auffallende Schaustücke wie in einem Museum IX ausgebreitet werden; darunter nicht wenige, deren Rätselwesen hier zum ersten Mal als Eigenreiz hervortritt. Die Besonderheit des Buchs weist auf die Art seines Entstehens zurück. Es ist nicht dadurch zustande gekommen, daß sich die beiden Verfasser für eine Wundersuche verabredeten, sondern die zuvor getrennte Arbeit beider fand in dem Buch ihre notwendige Folgerung. In langer Arbeitsvergangenheit hatten sie alles angemerkt, was ihnen selbst als »äußerster Fall« erschienen war, was sich im Gang allgemeiner und besonderer Studien der Regel, der Voraussicht, der Denkgepflogenheit am stärksten widersetzte. Und als diese Register untereinander verglichen wurden, da zeigte sich, daß die Funde des einen in die vom andern offen gelassenen Stellen hineinpaßten. Es galt nur noch aufzureihen, den Wundern ihren Platz anzuweisen und eine möglichst zweckmäßige Darstellung zu gewinnen. Hier konnte die Methode nicht zweifelhaft sein: Leichtfaßlichkeit unter allen Umständen! galt uns als das Leitmotiv bei der gesamten Ausarbeitung. Fachkenntnisse sollten nirgends vorausgesetzt werden. Vielmehr verließen wir uns auf die Eindringlichkeit klarer Menschenrede, die ausreichen muß, um jedes Wunder als solches kenntlich zu machen. Selbst auf manchen schwierigen Gebieten der Geisteswunder glaubten wir mit diesem einfachen Grundsatz der unbedingten Verständlichkeit aus- und durchkommen zu können. Denn im letzten Grund handelt es sich doch darum, überall interessante, weitreichende Ausblicke aufzumachen und die Phantasie des Lesers zum weiteren Verfolg einzuladen. Nicht die vermeintliche Lösung unlösbarer Probleme stand uns im Vordergrund, sondern das Hinstellen der Probleme selbst, in ihrer Urgestalt, die dem Begreifen gegenüber stets wunderhaft war und bleiben wird. Die Einordnung nach Rubriken vollzog sich ohne Ängstlichkeit, also, wie gesagt, nicht im Dienst eines Lehrplans, sondern zur Erleichterung der Übersicht. So störrisch sich auch das Wunder aus der denkläufigen Allgemeinheit abhebt, so willig folgt es gewissen Einteilungsgründen. Es verweigert die Antwort über seinen innersten Kern, aber es gibt Auskunft über seine Heimatsberechtigung in einem bestimmten Stoffgebiet. Und so wurde in Nachbarschaft gefügt, was sich ohne Zwang demselben Herkunftsbezirk zuweisen ließ. X Aber schon ein flüchtiges Durchblättern wird den Leser davon überzeugen, daß innerhalb jeder Abteilung die volle Freiheit und Eigenwilligkeit des Einzelwunders bewahrt wird. Sie reiben sich nicht aneinander, und sie schleifen sich nicht ab. In den »Wundern des Menschenlebens« schöpft eine Darstellung ihren Wunderquell aus dem Zellgewebe, die nächsten aus der Altersforschung, aus besonderen Hirnfähigkeiten, aus dem Zusammenspiel oder dem Fehlen der Sinneskräfte. Über rätselhafte Inschriften hinweg geht es zu einem Blitzschlag der Erkenntnis, über Unbegreiflichkeiten des Spieltriebs zu Abnormitäten, wie sie die Laune der schöpferischen Natur hervorbringt. Anschließend an Nietzsches Werktitel »Jenseits von Gut und Böse« könnte man der Abteilung »Wunder der Tierwelt« die Bezeichnung erteilen »Jenseits von Möglich und Unmöglich«. Das Unmögliche scheint dabei in stärkeren Akzenten vorhanden zu sein, und wenn einzelnes als Roman, als Odyssee eines Tieres behandelt wird, so geschieht es unter dem Vorbehalt: keines Odysseus' Irrfahrt, keiner Phantasiegeburt Roman reicht hier an die zoologische Wirklichkeit heran. Bei den wirbelnden Meerschweinchen und denkenden Vierfüßlern mag das Staunen und Stutzen die höchsten Zweifelsgrade erreichen. Aber das Wunderbuch will ja in der Hauptsache Tatsachen nach einwandfreien Quellen mitteilen und hält zum mindesten daran fest, daß das Vorhandensein solcher Quelle als eine Tatsache zu bewerten ist. Hier endigt die Zuständigkeit unseres Buches: mit der klaren Zurschaustellung des wunderbaren Falls. Der Zukunft bleibt es überlassen, sich mit dem Wunder selbst erklärend oder widerlegend abzufinden. Es liegt nicht im Rahmen eines Geleitworts, möglichst viel aus dem Inhalt vorwegzunehmen; umsoweniger als der leitende Gesichtspunkt sich mit dem einen Wort »Wunder« restlos deckt, und dessen vielfältige Erscheinungsform sich erst aus der Fülle des Dargestellten ergeben soll. Auf einem Vorsatzblatt sind Worte von Aristoteles, Pascal, Lessing und anderen notiert, als Randbemerkungen zu den Mirakeln der Welt, nicht als Noten, aus denen sich ein beherrschendes Leitmotiv ergeben soll. Es gibt kein solches in dem ungeheuren Wunderkreis, den wir durchmessen wollen. Am allerwenigsten fällt es uns bei, eine durchgreifende Gewissens- oder Denkregel von dieser Wanderung heimbringen zu wollen. Nichts XI anstaunen ( nil admirari )! sagt Horaz in Übereinstimmung mit Cicero und Plutarch, und wer sich danach meistern kann, der soll sich unberührt vom Wunder im Gleichgewicht halten. Alles anstaunen! gebietet der Forschungsdrang, und sei es den klappernden Deckel einer Teekanne, aus dem sich die Dampfmaschine entwickeln kann, oder den fallenden Apfel, aus dem sich Newtons Gravitationsgesetz ergibt. Mögen diese Fälle der Legende angehören – gleichviel: die Forschung bleibt die Frucht des Staunens. Das einköpfige Kalb ist kein geringeres Wunder als das zweiköpfige, und der Weise – sagt Fritz Mauthner – staunt über jede Mücke. Wo also liegt der Weisheit letzter Schluß? Auch diese Frage möge zu den ungelösten Rätseln wandern, in das unermeßliche Gebiet, das in den sinnfälligen Wundern nur seine höchsten Signalmaste aufzeigt. Aber eines wird bei alledem unstreitbar bleiben: wer sich die Fähigkeit des Staunens bewahrt hat, der sitzt näher am Weltgenuß als die Unbewegbaren, die mit kühlem Verzicht über alle Wunder hinwegblicken. Und aus tausend Wundern, wie sie ihnen unser Buch verheißt, werden ihnen tausend angenehme Erregungen erwachsen. Die Herausgeber.     Bauwunder 1. Die sieben Weltwunder der Alten Nicht »1000 Wunder«, sondern nur deren sieben kannte die Welt des klassischen Altertums. Sie besaß weit mehr an Schöpfungen, die in unserm Sinn wunderbar waren, aber weder die tiefen Erkenntnisse der Philosophen, noch die ehernen Werke der Dichter oder die Bildsäulen von unsterblicher Schönheit wurden in den engen Kreis der offiziellen Wunder aufgenommen. Diesen ward nur zugerechnet, was ungewöhnlich groß, außerordentlich kostbar war oder die Überwindung besonderer Schwierigkeiten bei seiner Herstellung gefordert hatte. Phidias hatte wahrscheinlich manches Werk geschaffen, das künstlerisch weit wertvoller war als der Zeus von Olympia, aber bei diesem war die größte Menge kostbarer Stoffe verwendet; der Dianatempel zu Ephesus reicht an Schönheit bei weitem nicht an die Akropolis von Athen heran, aber er war viel größer und besaß weit mehr Schmuckfiguren; so wurden diese beiden Schöpfungen vom Volk den Wundern beigesellt. Es sind richtige Volkswunder, die wir hier vor uns haben, von der Menge nach äußerlichen Gesichtspunkten zu der schon damals heiligen Siebenzahl gereiht. Sie geben keinen richtigen Maßstab für den wirklichen Wunderbesitz der altklassischen Welt. In unserer Zeit könnte von diesen sieben Wundern, wenn sie alle erhalten geblieben wären, nur noch ein einziges den gleichen Sonderrang einnehmen. Und dieses eine Wunder gerade besitzen wir wirklich noch heute in fast unveränderter Gestalt. Schon in der klassischen Periode war es Jahrtausende alt, und auch der seitdem vorübergerauschte lange Zug der Jahrhunderte hat keine grundlegende Zerstörung daran vollbringen können. Die ägyptischen Pyramiden stehen noch heute fast unverändert da. Wir besitzen ihrer mehr als achtzig. Sie sind sämtlich am Abhang der libyschen Wüste auf der rechten Seite des Nils über eine Strecke von etwa 30 Kilometern aufgereiht. Ihre Ausmaße sind sehr verschieden; die Höhen schwanken zwischen 10 und 150 Metern. Auch das Material, aus dem sie gefügt sind, wechselt; man findet Pyramiden aus sorgfältig bearbeiteten Steinen, solche aus rohen Blöcken und andere, die aus einfachen Nilschlammziegeln aufgemauert sind. Ihre 2 Erbauung fällt etwa in das sechste Jahrtausend v. Chr. Im Innern bargen sie in geräumigen Kammern die Leichname der Pharaonen jener Zeit. Seit langem aber und trotz der sorgfältigsten Verwahrung und Verrammelung sind die meisten Grabkammern von den Arabern ihres Inhalts beraubt, wodurch wertvollstes Material über eine der ältesten Kulturperioden der Menschheit unwiderbringlich verloren ist. Die Pyramiden wurden wahrscheinlich stufenförmig aufgebaut und dann erst von oben nach unten mit bündig aneinanderstoßenden Decksteinen belegt, wodurch die schrägen, glatten Außenwände entstanden. Diese Decksteine sind heute zum größten Teil zerstört, sodaß die ursprüngliche Stufenform wieder zu Tage tritt und zur Besteigung benutzt werden kann. Die Bauwerke sind sämtlich so gestellt, daß die Lage der vier Grundlinien den Himmelsrichtungen entspricht. Die größte der Pyramiden ist die des Cheops bei Giseh, deren Grundfläche ein Quadrat von 232 Metern Seitenlänge ist, und die eine Höhe von 147 Metern hat. Die einstige Spitze ist heute verschwunden, und es hat sich droben eine Plattform gebildet, auf der hundert Personen bequem Platz haben. Die Steinblöcke, aus denen das riesige Bauwerk aufgeführt wurde, haben insgesamt eine Masse von 2½ Millionen Kubikmetern. Nach Herodot sollen bei der Erbauung 100 000 Arbeiter 30 Jahre lang tätig gewesen sein. Allerdings konnte man in jedem Jahr immer nur drei Monate lang arbeiten. Es sind danach also für die Errichtung der Pyramide im ganzen 240 Millionen Arbeitstage aufgewendet worden. Das zweite Weltwunder der Alten dagegen ist so gründlich der Vernichtung anheimgefallen, daß von ihm eigentlich nichts weiter erhalten geblieben ist als der Name. Die hängenden Gärten der Semiramis wurden deswegen bestaunt, weil sie nicht auf dem Boden, sondern hoch droben, wahrscheinlich auf den mit Erde bedeckten Dächern eines terrassenförmig gebauten Palasts lagen; man nennt sie darum auch wohl besser schwebende Gärten. Semiramis ist die sagenhafte Erbauerin von Babylon, wo sie großartige Bauwerke angelegt haben soll, darunter eine gewaltige Stadtmauer von 25 Metern Breite und 100 Metern Höhe, in der sich hundert erzene Tore befanden. Nach der Annahme einiger Forscher sollen die Wundergärten auf dieser Mauer gelegen haben. Vom Tempel der Diana zu Ephesus sind wertvolle Überreste bis auf unsere Tage gekommen. Durch die im Jahre 1870 von dem Engländer Wood aufgefundenen Trümmer können wir uns ein Bild von der Anordnung des gesamten Bauwerks machen. Das riesige Haus von 69 Metern Breite und 130 Metern Länge wurde im sechsten vorchristlichen Jahrhundert von Chersiphon aufgeführt. Es bestand ganz aus weißem, leuchtenden Marmor. 126 prächtig geschmückte jonische Säulen umgaben die Mauern; an der Vorderseite waren die 19 Meter hohen Säulen in drei Reihen angeordnet und reich mit Figuren geschmückt. 3 Der Tempel hat mehrfach schwere Schicksale durchmachen müssen. Herostrat steckte ihn im Jahre 356 vor Chr. in Brand und zwar nur deshalb, weil er seinen Namen auf die Nachwelt bringen wollte; das ist ihm denn auch durch diese heroische Untat gelungen. Deimokrates baute den Tempel in erneuerter und noch erhöhter Schönheit wieder auf. Aber der Kaiser Nero zerstörte ihn wieder, und plünderte ihn gründlich aus. Was danach noch aufrecht stand, wurde 226 n. Chr. von den Ostgoten niedergelegt. Es ist ein guter Beweis für die Widerstandsfähigkeit des griechischen Marmors, daß nach soviel Unglücksfällen heute noch ansehnliche Trümmer des Bauwerks vorhanden sind. Wie der berühmte Zeus von Olympia aussah, wissen wir gleichfalls recht genau, aber nur, weil uns kleine Abbildungen des Werks auf einigen römischen Münzen der Landschaft Elis, in der Olympia liegt, erhalten sind. Die Bildsäule selbst, einst das Nationalheiligtum eines großen Volks, ist bis auf den letzten Rest verschwunden. Und das kann nicht Wunder nehmen, weil das Bildwerk ja aus den sehr kostbaren Materialien Gold und Elfenbein bestand. Phidias hatte den Gott auf einem reich geschmückten, vier Meter hohen Thron sitzend dargestellt; sein Haupt reichte fast bis an die Decke des 18 Meter hohen Tempels. Er hielt in der Rechten eine Siegesgöttin, in der Linken das Szepter mit dem ihm geheiligten Adler. Das Haupt war mit einem Kranz aus Ölzweigen, dem Preis der olympischen Sieger, geziert. Das fünfte Weltwunder der Alten ist das Grabmal des Königs Mausolos von Karien, das diesem um 350 vor Chr. von seiner Gemahlin Artemisia zu Harlikarnassos errichtet wurde, Es bestand aus einem hohen, viereckigen Unterbau, der ein von 36 Säulen umgebenes tempelartiges Grabmal trug. Darauf erhob sich in 24 Stufen eine Pyramide, deren Spitze durch ein mächtiges Riesengespann mit den Kolossalbildern des Mausolos und der Artemisia geschmückt war. Das ganze war 44 Meter hoch. Die Architekten des Bauwerks waren Satiros und Pythes; ihnen hatten fünf Bildhauer zur Seite gestanden, von denen je einer die bildnerische Ausschmückung jeder der vier Seitenflächen, der fünfte die Herstellung des figürlichen Schmucks für den Aufbau ausgeführt hatte. Der byzantinische Bischof Eusthatios teilt noch im zwölften Jahrhundert mit, daß das Werk wohlerhalten sei; in dem folgenden Jahrhundert aber ging der Oberbau fast ganz zugrunde, und im Jahre 1522 benutzten die Johanniter die Reste als Steinbruch zum Ausbau ihrer Ordensgebäude. Newton machte 1857 Ausgrabungen an der Stätte, wobei er die beiden drei Meter hohen Figuren des 4 Mausolos und der Artemisia, sowie Reliefplatten und einen Amazonenfries auffand. Die Stücke befinden sich jetzt im Britischen Museum. Nach diesem Wunderwerk nennen wir noch heute die Begräbnishäuser der Fürsten Mausoleen. Das größte der Kolossalbildwerke des Altertums war der Koloß von Rhodos , eine aus Bronze gegossene und innen ausgemauerte Figur, die 70 Ellen oder etwa 32 Meter hoch gewesen ist. Der Bildhauer Chares hat dieses Standbild des Sonnengotts im Jahre 290 v. Chr. hergestellt. Die Sage erzählt, der Koloß habe so über der Einfahrt des Hafens von Rhodos gestanden, daß die Schiffe unter den ausgespreizten Beinen aus- und einfuhren. Diese Angabe ist jedoch historisch nicht erweislich. Wahrscheinlich war die Figur auf einem Felsen neben der Hafeneinfahrt aufgestellt. Sie fiel sehr bald der Vernichtung anheim, denn schon 56 Jahre nach ihrer Entstehung wurde sie durch ein Erdbeben umgeworfen und ins Meer gestürzt. Fast tausend Jahre lang haben die riesigen Trümmer dann im Wasser gelegen; als die Araber Rhodos eroberten, verkauften sie die Bronzestücke an einen Händler, der 900 Kamele damit beladen haben soll. Als letztes der antiken Wunder gilt der berühmteste Leuchtturm des Altertums, der auf der Ostseite der Insel Pharos vor Alexandria stand. Er wurde unter der Regierung des Ptolemäos Philadelphos durch Sostratos erbaut. Seinem acht Stockwerke, die bis zu der gewaltigen Höhe von 160 Metern aufstiegen, waren ganz aus Marmor gefügt. Droben brannte ein offenes Feuer, das aus eine Entfernung von 300 Stadien oder 55 Kilometern sichtbar gewesen sein soll. Auch dieses längst verschwundene Wunderwerk des Altertums lebt mit seinem Namen noch heute fort; vielfach bezeichnen wir nach ihm oder vielmehr nach seinem einstigen Standort einen Leuchtturm als Pharus. Alle sieben Weltwunder des Altertums sind Erzeugnisse der bildenden Kunst. In unserer Zeit nehmen die Bauwunder nur einen kleinen Bezirk im Reich des Wunderbaren ein. Aber in ehrfurchtsvoller Anlehnung an die Wunderwelt der Alten widmen wir ihnen die erste Abteilung dieses Buchs. So wenig wie jene berühmtesten Bauten einer längst vergangenen Zeit nach ihrer Schönheit gewertet wurden, wollen wir einen ästhetischen Maßstab an die im Folgenden erwähnten Bauwerke legen. Wir greifen vielmehr nur einiges technisch Großartige und räumlich Kolossale aus der Fülle neuzeitlicher Stein- und Eisenschöpfungen und uns erhaltener alter Bauten heraus. 5 2. Die große Sphinx Geheimnisvoll lächelnd heute noch wie vor tausend Jahren ist in der Nähe der Pyramiden, mächtig in den Wüstensand hingelagert, die Kolossalgestalt der großen Sphinx zu sehen. Sie stellt einen Löwen dar, der den Kopf eines Königs trägt, des Pharao Chefren wahrscheinlich, der das Steinbild, ebenso wie die zweitgrößte der Pyramiden, erbaut hat. Die Sphinx ist 55 Meter lang, bis zum Scheitel 20 Meter hoch; die Breite des Antlitzes beträgt über vier Meter. Die Gestalt ist aus dem natürlichen Felsen herausgehauen, der freilich hier und da durch Einfügung passender Steine ergänzt werden mußte. Obgleich das Antlitz der Sphinx im Lauf der Jahrtausende stark gelitten hat, sodaß der Bart gänzlich, die Nase zum Teil fehlen, ist es doch noch heute von wundersamer Wirkung; der majestätische Blick dieses von allen Schauern ungeheurer Erlebnisse umwobenen Kolosses hat auf Erden nicht seinesgleichen. 3. Der Riesentempel von Karnak Quelle: Ernst von Hesse-Wartegg: »Die Wunder der Welt«. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Der gewaltigste Tempelbau auf der Erde, mit dessen Abmessungen sich kein zweites Heiligtum vergleichen kann, ist der Tempel des Ammon zu Karnak, der am rechten Ufer des Nils den Ruinen des alten Theben gerade gegenüber liegt. Die ganze Tempelanlage bedeckt fast ein Quadratkilometer. Lange Alleen, die von riesigen Widdersphinxen eingesäumt sind, führen zum Ammontempel hin. Seine Halle ist so ungeheuer groß, daß man bequem den ganzen Kölner Dom hineinstellen könnte. Aber seltsam! Trotz dieser Ausdehnung vermag der Raum doch kaum ein paar hundert Menschen zu fassen. Denn dicht gedrängt erheben sich in seinem Innern ungeheure turmgleiche Säulen, die fast die ganze Halle ausfüllen. Einzelne der Säulen sind 25 Meter hoch und messen 10 Meter im Umfang. In den Höfen sieht man gewaltige Steinkolosse, die Herrscher über längst versunkene Geschlechter teils in verzerrten Bildungen, teils in lebensfrischen Wiedergaben darstellen. Die Denkmäler sind so fest gefügt, daß es weder dem Ansturm der Zeit, noch den wechselnden Völkern, die daran vorübergezogen sind, den Assyrern, Persern, Griechen, Römern und Sarazenen gelungen ist, sie zu vernichten. Selbst den Erdbeben haben die steinernen Türme Widerstand geleistet. Nur die Nasen und Bärte sind abgeschlagen, sonst aber lächeln diese steinernen Gesichter unverändert über Jahrtausende hinweg noch bis in unsere Zeit hinein. 6 4. Der Nilstaudamm von Assuan Als die Pyramidenbauer vor tausenden von Jahren die Steinblöcke aus den Randgebirgen des Nils brachen, um ihre mächtigen heiligen Bauten daraus zu errichten, da mißglückte ihnen wohl auch einmal die Formung einer Quader; sie ließen sie dann halb bearbeitet am Fuß des Gebirges liegen. Manch einer dieser Blöcke, behauen von Händen, deren Zeitalter längst unter dem Horizont der Geschichte versunken ist, manche Quader, die das Grab eines Pharao beschützen sollte, hat nun bei einem hochmodernen Bauwerk Verwendung gefunden. Die altehrwürdigen Steine haben aber dabei keinen unangemessenen Platz erhalten, denn was da von neuzeitlichen Europäern im Tal des ägyptischen Stroms erbaut worden ist, darf sich an Großartigkeit mit den Pyramiden beinahe messen; man könnte auch sagen, daß es sie an Nützlichkeit weit übertrifft, wenn dieser Vergleichsmaßstab hier angebracht wäre. Der Nil ist noch heute, wie in den biblischen Zeiten, der Spender des Reichtums für Ägypten. Die modernen Produkte des sonnendurchglühten Landes, wie Baumwolle, Weizen oder Zuckerrohr, gedeihen nur da, wo das Wasser des Stroms Schlamm und genügende Feuchtigkeit hinträgt. Nun ist der Wasserstand des Nils außerordentlich wechselnd. Wenn in den Gebirgen seines innerafrikanischen Quellgebiets der Schnee schmilzt, wälzt der Fluß ungeheure Wassermengen dahin. Er tritt weit über seine Ufer, aber es konnte früher durchaus nicht alles Wasser der guten Monate ausgenutzt werden, sondern ein großer Teil rann in diesen Zeiten des Überflusses ungenutzt ins Meer. Wenige Monate später lagen dann weite Strecken verdurstet da und vermochten keiner Pflanze Leben zu spenden. Hier war es also nutzbringend, einen Ausgleich zu schaffen, eine Einrichtung, die gestattete, das überflüssige Wasser zur Zeit der Flut zu sammeln und seine Segnungen möglichst über das ganze Jahr zu verteilen. Eine solche Sparbüchse für Wasser ist der heutigen Technik nichts Unbekanntes; man nennt sie eine Talsperre. Der mächtigste dieser Bauten steht heute am oberen Nil in der Nähe der Stadt Assuan. Das Tal des Nils ist hier zwischen den einsäumenden Gebirgen 2000 Meter breit. Um das Flutwasser anstauen zu können, wurde eine steinerne Mauer von kolossalen Abmessungen errichtet, die das ganze Tal absperrt. Das Material hierzu wurde in den benachbarten Gebirgen gebrochen, und so ruht heute mancher Block, der ursprünglich bestimmt war, als Bestandteil einer Pyramide in der Sonnenglut der Wüste zu liegen, auf dem Grund des Stroms. Die Sperrmauer, die fast senkrecht zur Flußachse gezogen wurde, ist 2 Kilometer lang, oben 12, unten 35 Meter breit und – nach der vor kurzem vollendeten Erhöhung – 7 fast 50 Meter hoch. Ihre Staukraft reicht 225 Kilometer flußaufwärts. Der künstlich gebildete See vermag jetzt bei gänzlicher Füllung wohl 2⅓ Milliarden Kubikmeter Wasser zu fassen. Damit man die Wassermassen nach Belieben abfließen lassen kann, sind in der Sperrmauer 180 tunnelartige Öffnungen freigelassen, die durch Schützentore gesperrt werden können. Diese Tore haben bei voller Stauung einen sehr hohen Druck auszuhalten; er geht bei den Toren der untersten Reihen bis zu 210 000 Kilogramm. Einige Zeit nach Beginn des Hochwassers auf dem Fluß – wenn die oberste schlammführende Schicht abgelaufen ist – werden sie alle geschlossen und bleiben nun drei Monate lang in diesem Zustand; denn so lange Zeit braucht der riesige See, um sich aufzufüllen. Eine sehr eigenartige Folge der Nilanstauung durch den Damm von Assuan ist es, daß die alten Tempel, die auf der Nilinsel Phylae stehen, dadurch während des größten Teils des Jahrs unter Wasser liegen. Der Hathortempel mit seiner reizvollen Darstellung antiker Tänzer und Musiker, der berühmte »Kiosk«, den Kaiser Augustus begonnen, Kaiser Trajan vollendet hat, sie werden regelmäßig von den Fluten begraben und sind so sicherer allmählicher Zerstörung verfallen. Nur der hochgelegene Isistempel mit seinen riesigen Pylonen ragt immer über den Wasserspiegel hinaus als ein Grabdenkmal untergegangener Schönheit. 5. Das größte Theater der Welt Viele Millionen Menschen haben während längst vergangener Jahrhunderte in dem Kolosseum zu Rom gesessen und den nach unserm Geschmack höchst barbarischen Schauspielen zugesehen, die in der ungeheuren Arena dargeboten wurden. Viel Menschenblut ist dort drinnen unter wütendem Beifall der Massen vergossen worden; noch größer aber war das Morden unter wilden Tieren. Als der Kaiser Titus den von Vespasian begonnenen Bau im Jahre 80 n. Chr. einweihte, fanden hundert Tage lang ununterbrochen Schaustellungen statt; hierbei allein verloren 5000 wilde Tiere ihr Leben. Für die außerordentlichen Dimensionen dieses Baus, der an Stelle eines künstlichen Sees bei der goldenen Villa des Nero errichtet wurde, spricht nichts deutlicher als die Tatsache, daß er nach manchen Zerstörungen durch Unwetter, Blitzschläge und Erdbeben lange Zeit als Steinbruch gedient, daß der Palazzo di Venezia, die Cancelaria, Palazzo Farnese, der Ripetta-Hafen aus Steinen 8 des Kolosseums errichtet wurden, und daß das gewaltige Gebäude doch heute noch in überwältigender Größe dasteht. Fast die Hälfte dieses Denkmals der römischen Größe zur Blütezeit des Kaisertums ist verschwunden, aber immer noch künden die erhabenen Reste die Großartigkeit dessen, was einst dort gewesen. Das Theater hatte vier gewaltige Geschosse aus Travertinquadern von fast 50 Metern Höhe. Der Umkreis des elliptisch geformten Baus beirägt einen halben Kilometer. 80 Eingangsportale, die in Bogenform zwischen den riesigen Tragpfeilern ausgespart waren, sorgten dafür, daß 85 000 Besucher bequem Ein- und Ausgang finden konnten. Alle Sitze waren mit Marmor belegt; von diesem Material ist heute kein Bröckelchen mehr vorhanden. Neuere Ausgrabungen haben unter der Arena großartige maschinelle Theatereinrichtungen bloßgelegt. Man fand die Vorrichtungen, die das Anfüllen des Schauplatzes mit Wasser für die sehr beliebten Seeschlachten gestatteten, und auch die Käfige, in denen die wilden Tiere bis zu ihrem »Auftreten« untergebracht wurden. Alles zusammen zeigt, daß dieses Wunderwerk der Antike ebenso groß als Kunstleistung wie als zweckmäßig eingerichtetes Theatergebäude gewesen ist. 6. Die chinesische Mauer Quelle: Ernst von Hesse-Wartegg: »Die Wunder der Welt«. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. — Wo sich innerhalb des Texts wörtliche Zitate befinden, sind diese durch besondere Zeichen („. . . .”) hervorgehoben. Das riesenhafteste Verteidigungswerk, das es auf der Erde gibt, zugleich der räumlich gewaltigste Bau, den je Menschenhände geschaffen haben, ist von den Chinesen an der Nordgrenze ihres Reichs aufgerichtet worden. 200 Jahre vor Christi Geburt, also vor mehr als zwei Jahrtausenden bereits, ist der Bau zur Regierungszeit des Kaisers Schihoangti begonnen worden, und noch heute steht er gewaltig trotzend da und scheint fähig, weitere Jahrtausende zu überdauern. Die Mauer wurde einst errichtet, um die Einfälle der wilden, äußerst kriegslustigen Mongolen in das chinesische Gebiet abzuhalten. Der bekannte Weltreisende Ernst von Hesse-Wartegg schreibt über das Riesenwerk: „Elf bis zwölf Meter hoch, am Fuß zehn, oben über sieben Meter breit, aus mächtigen Granitquadern ausgeführt, zieht sich die Mauer auf dem Gebirgskamm dahin nach Ost und West, in unabsehbare Fernen, die steilsten Höhen empor, in tiefe Täler hinab, manchmal in den die Bergspitzen verhüllenden Wolken verschwindend, streckenweise durch andere vorliegende Höhen dem Blick entzogen, um dann wieder in ihrer Mächtigkeit für meilenlange Strecken hervorzutreten. Kein Hindernis war groß genug, daß es nicht überwunden wurde. Welche Riesenarbeit, um dieses Bollwerk zu errichten, das sich von den 9 Küsten des Gelben Meers bis weit in das Innere der Wüste Gobi hinzieht und mit seinen Abzweigungen eine Gesamtlänge von über dreitausend Kilometern erreicht. Eine Mauer von dreitausend Kilometern Länge! In Europa errichtet, würde sie von Schottland bis an die Dardanellen oder von der Krim bis in das nördliche Eismeer reichen. Staunend habe ich wiederholt vor einem anderen Riesenwerk, der großen Cheopspyramide, gestanden, zu deren Erbauung nach Herodot hunderttausend Menschen und dreißig Jahre Zeit erforderlich waren, und die zweieinhalb Millionen Kubikmeter Steine umfaßt. Aber dieses Werk verschwindet geradezu im Vergleich zu der chinesischen Mauer, die nicht zweieinhalb, sondern dreihundert Millionen Kubikmeter umfaßt, also so viel Material enthält wie hundertzwanzig Cheopspyramiden. Wer sich das vor Augen hält, kann sich einen Begriff von der Riesenhaftigkeit der chinesischen Mauer machen. Wie lange daran gebaut wurde? Wie viele Millionen Menschen dabei beschäftigt waren? Wer könnte das heute sagen. Und wie beschwerlich muß dieser Bau gewesen sein. Die Mauer liegt ja nicht in einer fruchtbaren Ebene wie die Cheopspyramide, und es gab dort keinen Wasserweg wie den Nil zur Herbeischaffung des Materials. Auf dem größten Teil ihrer Ausdehnung führt sie über unwirtliche, kahle Gebirge, durch unbewohntes Land, und jeder der Millionen von Quadersteinen mußte erst mühselig herbeigeschafft werden, auf fast unzugängliche Höhen hinauf bis zu zweitausend Meter über dem Meeresspiegel, in steile Schluchten hinab, über Wasserläufe hinweg.” Schon seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, als die Mandschu-Dynastie die alten Ming-Kaiser verdrängte, ist die Mauer bedeutungslos geworden, und da, wo früher hunderttausende von Soldaten auf der Wacht standen, herrscht jetzt Einsamkeit und nur von wandernden Karawanen unterbrochene Stille. 7. Ein Traum aus Marmor Der mächtige Großmogul Dschehan in Indien hatte ein schönes Mädchen, Ardschamand Banu Begam, geheiratet, die das Glück seines Lebens wurde, sodaß er sie Mumtaz-i-Mahal, das heißt Auserwählte des Palasts, nannte. Als sie ihm das achte Kind gebar, starb sie und ließ den Kaiser in unermeßlichem Schmerz zurück. Er beschloß, über dem Leib der Toten ein Grabmal 10 emporzuwölben, wie es kein schöneres auf Erden gäbe. Und so entstand bei Agra der Tadsch-Mahal , das schönste aller Marmorhäuser. Im Jahre 1630 wurde der Bau begonnen und 18 Jahre lang waren 20 000 Arbeiter ununterbrochen tätig, um das Grabmal aufzurichten. Unendliche Karawanen zogen von Dschaipur herauf, um den fleckenlosesten weißen Marmor herbeizubringen, aus der Schatzkammer wurden die köstlichsten Edelsteine genommen, um das Haus zu schmücken. Seine Errichtung verschlang die für die damalige Zeit ungeheure Summe von 50 Millionen Mark. Die Grabkapelle wird von einer 80 Meter hohen Kuppel aus reinstem bläulich geäderten Marmor überwölbt, die so leicht auf dem Unterbau aufzustehen scheint, als wenn sie aus Seidenstoff bestünde. In das mit den schönsten und kostbarsten Mosaiken geschmückte Innere dringt nur ein unbestimmtes Licht, denn fast alle Öffnungen sind durch fingerdicke Marmorplatten verschlossen, die mit den schönsten Arabesken und Blumenornamenten in so feiner Arbeit durchbrochen sind, daß man Spitzengewebe vor sich zu haben meint. Alle Besucher, welche die blendende Weiße der Kuppel dieses steingewordenen Ausdrucks innigster Liebe in dem davorliegenden See sich haben spiegeln sehen, versichern, daß diesem Bild nichts auf Erden an traumhafter Schönheit gleichkäme. Die Kuppel überwölbt nun die Sarkophage der beiden im Tod wieder vereinten Gatten. 8. Schiefe Türme Weltberühmt ist von ihnen nur einer, nämlich der schiefe Turm zu Pisa, weshalb viele annehmen, daß er der einzige seiner Art sei. Das ist aber durchaus nicht der Fall. In Italien gibt es eine ganze Reihe solcher Bauwerke, deren Achse von der Senkrechten abweicht. Zumeist handelt es sich um unbeabsichtigte Senkungen, die infolge etwas leichtsinniger Bauweise auf nicht genügend festem Grund eingetreten sind. Aber es hat auch eigenwillige Baumeister gegeben, die zur Herbeiführung einer besonderen Wirkung ihre Türme absichtlich schräg stellten. Mit Sicherheit beglaubigt ist die Absichtlichkeit der Schiefstellung bei den beiden Türmen zu Bologna , die nach ihren Errichtern Torre Asinelli und Torre Garisenda heißen. Den Gedankengang, der die Baumeister in jener baulustigen Zeit, Anfang des zwölften Jahrhunderts, zu so eigentümlicher Gestaltung führte, erklärt Goethe in folgender Weise: »Jeder wollte auch mit einem 11 Turm prangen, und als zuletzt die geraden Türme gar zu alltäglich wurden, so baute man einen schiefen, auch haben Architekt und Besitzer ihren Zweck erreicht, man sieht an den vielen schlanken, geraden Türmen hin und sucht den krummen.« Der Pisaner aber wäre imstande, auch ohne solche gewagte Absichtlichkeit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Denn er ist ein außerordentlich schönes Bauwerk. In acht Stockwerken, die von köstlich bewegten Arkaden umgeben sind, steigt der zylindrische Bau bis zu einer Höhe von 54,5 Metern empor. Er senkte sich, als man bei der Errichtung bis zum dritten Stockwerk gekommen war, und in der Folge wurde dann die schräge Richtung beibehalten. Droben hängen sieben musikalisch abgestimmte Glocken. Die Abweichung von der Geraden beträgt beim schiefen Turm zu Pisa am äußersten Punkt 4,3 Meter. Trotzdem steht der Bau vollkommen fest, da sich sein Schwerpunkt noch senkrecht über der Grundfläche befindet. Immerhin wird die Besteigung niemals mehr als drei Personen zu gleicher Zeit gestattet. Bekanntlich hat Galilei die Neigung des Turms dazu benutzt, um durch Fallenlassen von Kugeln mit gleichem Durchmesser aber verschiedener Schwere aus dieser beträchtlichen Höhe die Fallgesetze zu studieren. 9. Der Koloß von New York Quellen: Ernst von Hesse-Wartegg: »Die Wunder der Welt«. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. – Sonderartikel von Alexander Moszkowski . Den Schiffer, der in den prachtvollen Hafen von New York einfährt, grüßt vor der hochaufragenden Reihe der Wolkenkratzer auf der Spitze der Manhattan-Insel ein gewaltiges Bildwerk, das alle anderen auf Erden an Größe übertrifft. Das Standbild der Freiheit , das da als Symbol im wichtigsten Hafen der nordamerikanischen Republik beherrschend aufgerichtet steht, ist ein Geschenk des europäischen Staats mit der gleichen freiheitlichen Regierungsform; Frankreich bot das Standbild den Vereinigten Staaten dar, als diese ihren hundertsten Geburtstag feierten. Die Statue wurde 1886 auf einer kleinen Felseninsel aufgestellt, die bis dahin Bedloes Island hieß und jetzt Liberty Island genannt wird. Sie hält in der rechten Hand eine Fackel, ihr Haupt ist von einem Strahlenkranz umgeben. Die Göttin der Freiheit steht auf einem turmartigen Unterbau aus Granit. Diadem und Fackel strahlen nachts in elektrischem Licht und stellen so einen kolossalen Leuchtturm dar. Das Modell stammt von dem Bildhauer Bartholdy in Paris; in der französischen Hauptstadt wurde das Standbild 12 aus Eisen und Kupfer gefertigt und dann, in einzelne Teile zerlegt, über den Ozean geschafft. Die Spitze der Fackel erhebt sich mehr als 93 Meter über den Wasserspiegel. Die Bildsäule selbst ist 46 Meter hoch, der Granitsockel 28 Meter; dazu kommt noch das Fundament von 16 Metern Höhe. Das Gewicht des Standbilds beträgt 225 000 Kilogramm. Im Innern führt eine Treppe hinauf in den Kopf der Statue; in diesem finden 40 Personen bequem Platz. Diese vierzig Personen haben auch wirklich einmal in der geräumigen Schädelhöhle getagt und sich dabei um so wohler befunden, als sie dort nicht nur saßen, sondern nach allen Regeln der französischen Kochkunst tafelten. Es handelte sich um ein in Paris, dem Entstehungsort der Statue, aus Anlaß der Einweihung veranstaltetes Festmahl, das kurz vor der Überführung der stattlichen Erzdame nach Amerika stattfand. Längst verklungen sind die Festreden im Haupt der Jungfrau, die mit ihres Leibes Ausmaß die Pariser Vendôme-Säule an Höhe übertrifft. Aber die Versammlung selbst lieferte den Beweis, daß selbst das Nonplusultra aller Überfrauen gelegentlich nichts anderes im Kopf hat als Männer! 10. Wolkenkratzer Die enge Aneinanderdrängung der Hauptteile New Yorks, die Unmöglichkeit, den Stadtteil, der auf der Manhattan-Insel liegt, in die Länge oder Breite auszuziehen, haben zu einer Entwicklung in die Höhe gezwungen. Man kann heute in New York zwei Straßensysteme unterscheiden, die im rechten Winkel zu einander stehen: wagerechte Straßen und senkrechte Straßen. Die letzten werden durch die Fahrstuhlschächte gebildet, die in den Turmhäusern zu größten Höhen aufsteigen. Diese Wolkenkratzer, die auf der Manhattan-Spitze ziemlich eng zusammenstehen, gehören mit zu den großartigsten Leistungen der modernen Bautechnik. Aus unverbrennlichem, unzerstörbarem Material, aus Eisen und Steinen aufgeführt, besitzen sie eine eigene Schönheit. Zwar ist der Anblick einer Straße, in der zwischen zwei Wolkenkratzern niedrige Häuser eingeklemmt sind, nicht sehr angenehm. Aber es ist doch schließlich gelungen, für diese Riesenbauten einen Stil zu finden, der sie selbst auch ästhetisch annehmbar gemacht hat. Ihre Nützlichkeit für die Stadt New York ist nicht zu bestreiten, denn ihnen allein verdankt sie ihre außerordentliche Entwicklung. Ohne das Hinaufsteigen in die Höhe 13 wäre die Stadt nicht imstande, alle die Menschen zu bergen, die jetzt in ihr und damit auch für sie arbeiten. Nach amerikanischer Art wachsen die Ausmaße der Turmhäuser mehr und mehr. Als am Platz der City Hall das 130 Meter hohe Park Row-Gebäude mit 33 Stockwerken und fast 1000 Geschäftsräumen errichtet wurde, staunte man schon über den kolossalen Bau. Aber mit seiner schmalen Front erscheint er heute kaum anders als ein etwas breit angelegter Turm. Schone das Haus der Metropolitan-Lebensversicherung steigt mit seinem Hochbau zu 50 Stockwerken und einer Höhe von 225 Metern auf, was das Anderthalbfache der Höhe der Cölner Domtürme bedeutet. Das Hauptgebäude hat freilich nur elf Stockwerke und 54 Meter Höhe. 10 000 Menschen birgt den Tag über das gewaltige Hudson Terminal-Haus . In ihm sind Läden aller Art, Büros und Banken untergebracht. Es besitzt ein eigenes Postamt und eine Polizeiwache. 22 Stockwerke liegen über, 4 Stockwerke unter der Erde. Das tiefste wird von einem Bahnhof der Untergrundbahn eingenommen. Zur Errichtung der Fundamente mußte der Felsen 30 Meter tief weggesprengt werden. 24 000 Tonnen Stahl und 60 Millionen Ziegelsteine wurden verwendet. 39 Aufzüge vermitteln den Verkehr zwischen den Stockwerken. Besonders eigenartig ist der Wolkenkratzer, den man in New York das Bügeleisen nennt. Es ist ein dreikantiger Turm von 20 Stockwerken und 95 Metern Höhe, der an der spitzwinkligen Kreuzung des Broadways mit der Fünften Avenue steht. Wie ein Keil springt das eigenartige Haus in den Verkehrsstrom hinein, der ständig um diese Ecke flutet. Das Turmhaus der Equitable-Versicherungsgesellschaft wurde mit einem Kostenaufwand von 140 Millionen Mark errichtet und erreicht eine Höhe von 200 Metern. 62 Stockwerke liegen hier in einem Haus übereinander, das aus drei aufgetürmten, nach oben hin kleiner werdenden Würfeln gebildet wird. Aber auch dieses Riesenhaus wird noch von dem Woolworth-Gebäude , dem größten Haus auf der Erde, übertroffen. 200 Kilometer weit sieht man des Nachts auf dem Ozean das Licht vom Dach dieses Gebäudes leuchten. Es ist 250 Meter hoch, nähert sich also der Erstreckung des Eiffelturms. Allein die Arbeiten unter der Erde für die Errichtung des Baus haben eine Million Dollar gekostet. Während der Entstehungszeit wurden zwei Jahre lang täglich 5000 Dollar an die Arbeiter gezahlt. Der Bau ist aus 70 ungeheuren Betonsäulen errichtet, die in den Felsen eingelassen sind. Die Gesamtbaukosten betrugen gegen 40 Millionen Mark. Aber auch mit diesem riesenhaften Haus dürfte die Entwicklung der Turmbauten nicht abgeschlossen sein. 14 11. Die erhöhte Stadt Am 8. September 1900 wurde die Hafenstadt Galveston am Golf von Mexiko durch eine hereinbrechende Sturmflut fast völlig zerstört. 5000 Menschen verloren durch die Katastrophe ihr Leben. Das Entsetzen über diesen Vorfall veranlaßte die Einwohner nicht, den für die Schiffahrt besonders günstigen Siedelungsort aufzugeben. Man faßte vielmehr den Entschluß, die Stadt von neuem so aufzubauen, daß das Meer nicht mehr hineindringen könnte. Als das beste Mittel hierfür erwies sich die Höherlegung des ganzen Geländes, auf dem der wiedergeborene Ort stehen sollte. Diese Bodenaufhöhung aber war ein Werk von geradezu gigantischen Dimensionen. Es mußten Erdmassen in riesigen Mengen bewegt werden. Galt es doch, Sandschüttungen von 2,5 bis 5 Metern Höhe auf einer Fläche zu machen, die für die Errichtung einer großen Stadt ausreichte. Die ungeheure Menge von elf Millionen Kubikmetern Sand war hierfür erforderlich. Woher aber sollte man diese nehmen, ohne in der Umgebung eine Erniedrigung des Bodens zu schaffen, was doch in diesem Fall unbedingt vermieden werden mußte? Es blieb nichts übrig, als das recht erstaunliche Vorgehen, den Sand vom Grund des Meers auszuschöpfen. Die Arbeiten wurden von einer deutschen Firma, Gebrüder Gondhard in Düsseldorf, ausgeführt. Sie verwendete für das eigentümliche Werk große Saugbaggerschiffe mit besonderen Einrichtungen. Vom Schiff aus wurde ein Rohr in das Meer hinuntergelassen und mit der Mündung fest auf den losen Bodensand aufgesetzt. Hierauf trat eine Luftpumpe in Tätigkeit, die in dem Rohr eine Luftverdünnung hervorrief. Der äußere Luftdruck preßte dann den Sand in Vorratsräume auf dem Schiff. Von dort wurde das stark mit Wasser verdünnte Material durch Druckrohre bis zur Stadt hingepumpt, wo es in kräftigem Strahl an der gewünschten Stelle niedersprudelte. Das Wasser verdunstete allmählich, und der feste, tragfähige Sand blieb zurück. So steht heute die Stadt Galveston auf dem Meeresgrund, erhebt sich aber dennoch, wie alle anderen Orte, in der freien Luft. 12. Riesenbrücken Quellen: Ernst von Hesse-Wartegg: »Die Wunder der Welt«. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. – Dr. Richard Hennig: »Buch berühmter Ingenieure«. Verlag von Otto Spamer, Leipzig, 1911. Der Hauptteil der Fünfmillionenstadt New York, die bereits mehrfach erwähnte Manhattan-Insel, ist durch außerordentlich breite Flußmündungen von den übrigen Stadtteilen getrennt. Der sehr lebhafte Verkehr zwang dazu, feste Verbindungen zwischen den Stadtteilen zu schaffen; dies führte zu Brückenbauten von großer Kühnheit und ungewöhnlicher Ausdehnung. 15 Zuerst entstand die Brooklyn-Brücke über den East River, die größte Hängebrücke der Welt. Sie ist mit ihren Zufahrten fast 1850 Meter lang und liegt 41 Meter über dem Wasserspiegel. Bis vor kurzem noch konnten die größten Schiffe unter ihrem sanft gewölbten Bogen hindurchfahren. Das ist jetzt allerdings nicht mehr möglich, weil die Schornsteine des Hamburger Riesendampfers »Imperator« 47½ Meter über das Wasser ragen. Der Brückenbau wird von vier kolossalen, unter wahren Mauerbergen verankerten Stahltrossen gehalten, von denen jede fast einen halben Meter stark ist. Nicht weniger als 23 000 Kilometer Draht sind in diese Seile hineingeflochten. Im Zug der 181. Straße wird der Hudson-Fluß von der Washington-Brücke überspannt. Ihre größte Spannweite beträgt 156 Meter. Das Gewaltigste an diesem Bauwerk aber sind die Brückenpfeiler, welche die höchsten Steinbauten der Welt darstellen. Mit ihrer Höhe von 173 Metern überragen sie die Spitze des Ulmer Münsterturms um 12 Meter. Höher noch über dem Wasser als die Brooklyn-Brücke liegen merkwürdigerweise die Brückenbauten, die mitten aus der weiten, flachen Ebene der Holsteinischen Marschen emporsteigen. Ihre Aufgabe ist es, den Verkehr über der breiten Einschnitt hinüberzuleiten, den der Nordostseekanal hier bildet. Di. höchsten Mastspitzen der größten Schiffe müssen unter den Brückenbahnen hindurchfahren können, während doch das Kanalbett nur mit geringer Vertiefung in die Landschaft eingeschnitten ist. Die Zufahrt vom Bahnhof Rendsburg zu der nahe gelegenen Hochbrücke hat zur Ausbildung einer Schleife gezwungen, wie sie sonst nur im Hochgebirge anzutreffen ist. Der große Höhenunterschied zwischen dem Bahnhof und der Schienenlage auf der Brücke konnte eben nur durch künstliche Längen-Entwicklung überwunden werden. Jeder Zug fährt auf der Rampe einmal vollständig im Kreise herum. Deutschlands längster Brückenbau ist die Anlage, welche die Eisenbahn bei Müngsten über die Wupper führt. Das Tal des Flusses ist hier tief eingeschnitten, sodaß die Kaiser-Wilhelm-Brücke nicht weniger als 107 Meter über dem Wasserspiegel liegt. Der kühne Mittelbogen hat eine Spannweite von 170 Metern, die ganze Brücke ist 500 Meter lang. Zu den gewaltigsten Eisenbauten auf der Erde zählt die Bahnbrücke über den Firth of Forth in Schottland. Die Ostküste dieses Lands wird von gewaltigen Flußmündungen zerrissen, die durch die Kraft der Wogen zu breiten Meeresarmen erweitert sind. Sie schneiden sehr tief in das Land ein und bildeten schwere Hindernisse, namentlich für den Verkehr der Hauptstadt Edinburgh mit den nördlichen Landesteilen. Erst in neuerer Zeit ist es gelungen, den breitesten dieser Einschnitte, den Forth-Busen zu überbrücken. 16 Über den schmaleren Firth of Tay war schon in den siebziger Jahren eine Eisenbahnbrücke gespannt worden. Aber gerade dadurch sollte die Errichtung weiterer Bauten dieser Art für längere Zeit aufgehalten werden. Denn die von Bouch mit mangelhaftem Material, unter reichlicher Verwendung des für solche Zwecke wenig geeigneten Gußeisens errichtete Tay-Brücke brach in der Nacht zum 28. Dezember 1879 bei einem Orkan zusammen, als gerade ein Zug darüberfuhr. Der Mittelteil stürzte mit dem Zug ins Wasser. Es ist dies eine der größten Eisenbahnkatastrophen, die sich je ereignet haben; 200 Menschen kamen dabei ums Leben. Das schreckliche Begebnis ist von Theodor Fontane in seinem berühmten Gedicht »Die Brücke am Tay« behandelt worden, und Max Eyth hat es in seinem schönen Buch »Hinter Pflug und Schraubstock« unter der Überschrift »Berufstragik« ausführlich beschrieben. Derselbe Bouch hatte auch einen Entwurf für die Forthbrücke gemacht, der dann glücklicherweise nicht zur Ausführung kam; auch dieser Plan enthielt schwere Konstruktionsfehler. Das bedeutende Werk gelang dann in den Jahren 1883–1890 dem Ingenieur John Fowler . Bevor noch die Tay-Brücke irgend jemandem Mißtrauen einflößte, hatte dieser geniale Mann ihre Schwäche so genau erkannt, daß er seinen Familienmitgliedern strengstens verboten hatte, darüber zu fahren. Er unternahm die Überbrückung des breiten Forth-Busens nach einem neuen System, das dem Bauwerk ein ganz eigenartiges Aussehen gegeben hat. Die wichtigsten Teile der beiden großen Bogen, also die Mittelstücke, sind im Gegensatz zu den andern Bauten dieser Art ganz schwach konstruiert. Das macht einen geradezu abenteuerlichen Eindruck. Man glaubt beim Anblick, diese Brücke könne keine Belastung aushalten. Es ist aber bei ihr durch einen hervorragenden und kühnen konstruktiven Gedanken eine solche Verteilung der Kräfte bewirkt, daß die sonst am meisten belasteten Mittelstücke nur sich selbst zu tragen haben. Die ganze Forth-Brücke ist 2470 Meter lang. Die Spannweiten der beiden Mittelöffnungen betragen je 521 Meter. Die freischwebenden Mittelstücke sind je 106 Meter lang. Die Schienen liegen fast 50 Meter über dem Wasserspiegel. Die Gesamtbaukosten, einschließlich der Anschlüsse an die vorhandenen Bahnstrecken, haben 3 367 625 Pfd. Sterl., das sind 67 400 000 Mark, betragen. 50 Millionen Kilogramm Eisen sind für das Bauwerk verbraucht worden. 13. Eine Eisenbahn durch das Meer Quelle: Dr. Richard Hennig: »Buch berühmter Ingenieure«. Verlag von Otto Spamer, Leipzig, 1911. Um die Zeiträume abzukürzen, die der Mensch zur Überwindung der Entfernungen auf der Erde braucht, sind seit der Einführung der Eisenbahn viele und merkwürdige Kunstbauten entstanden. Brücken von großen Längen, Tunnel 17 von erstaunlichen Ausdehnungen sind gebaut worden, aber immer noch hatten die Schienenwege am Ufer des Weltmeers Halt gemacht. Der Ozean schien für das Dampfroß ein unüberwindliches Hindernis zu sein. Amerikanische Kühnheit hat jedoch auch hier einen Sieg erfochten. Es ist gelungen, quer durchs Meer eine Eisenbahnstrecke zu bauen, die darum wohl als das größte Eisenbahnwunder bezeichnet werden kann. Im Süden von Nordamerika springt die Halbinsel Florida weit ins Meer vor. Nur eine verhältnismäßig enge Meeresstraße von 200 Kilometern Breite liegt hier zwischen dem Festland und der Insel Kuba. In ihrer Mitte ist auf einer kleinen Insel das weltberühmte Seebad Key-West angelegt, das von der Geldaristokratie Amerikas sehr gern aufgesucht wird. Obgleich schon seit langem alles getan worden war, um die Fahrt von New York nach Key-West abzukürzen, ließ sich schließlich doch nicht verhindern, daß auch der Milliardär von der Station Miami in Florida aus das Schiff benutzen mußte, das bekanntlich sehr viel langsamer fährt als die Landtransportmittel. Nach einer Insel kann man schließlich auf keine andere Weise gelangen. Aber so denkt man nur im allgemeinen. Ein Dollarkönig stellt andere Anforderungen. Und es ist den Herrschaften aus der Fünften Avenue wirklich gelungen, die »Florida East Coast Railway Company« dazu zu bringen, ihnen eine Eisenbahn durchs Meer bis zu ihrem Lieblingsbadeort zu bauen. Zunächst klingt es wie ein Märchen, daß dies möglich gewesen sein sollte. Aber die Aufgabe wurde dadurch erleichtert, daß sich von der Spitze der Halbinsel Florida eine Reihe kleiner Inselchen bis nach Key-West hin erstreckt, zwischen denen das Wasser nicht allzu tief ist. An einzelnen Stellen wurden Erdanschüttungen für den Damm möglich, an anderen konnten die Brückenpfeiler aus Beton sicher fundamentiert werden. Aber immerhin bleiben noch volle 45 Kilometer der im ganzen 210 Kilometer langen Meeresbahn übrig, die wirklich über tiefes, offenes Wasser hinweggehen. Diese Entfernung ist kaum geringer als die Länge der bekannten Trajektstrecke zwischen Deutschland und Dänemark Warnemünde-Gjedser. Der längste der Viadukte, der von Long-Key, ist nach der Angabe von Dr. Richard Hennig 11¾ Kilometer lang und besteht aus insgesamt 186 Bogen, deren Grundpfeiler in das Korallengestein des Meeresbodens eingerammt und von ungeheuren Betonblöcken umgeben sind. Fährt man über die Mitte dieses Viadukts, dann erlebt man das größte Wunder auf dieser Strecke: wenn man aus dem Fenster seines Eisenbahnwagens schaut, sieht man nirgend mehr das Land. Wie auf einem Schiff befindet man sich in der Eisenbahn mitten auf dem Meer. 18 Um die Sensation noch größer zu machen, schließt sich an die Strecke in Key-West ein Trajekt nach Havana an, sodaß man heute in demselben Eisenbahnwagen von New York bis nach der Hauptstadt der tabakgesegneten Insel Kuba reisen kann. Es sind nicht weniger als 60 Millionen Mark für diese Eisenbahn durchs Meer ausgegeben worden, da, von allen anderen Schwierigkeiten abgesehen, die Viadukte wegen der oft mehr als sieben Meter hohen Wellen in diesem Meeresteil 10 Meter über den Wasserspiegel erhöht werden mußten. 14. Der längste Tunnel Quelle: »Die Simplonlinie«. Herausgegeben vom Publizitätsdienst der Schweiz. Bundesbahnen in Bern, 1908. Gegen ungeheure Schwierigkeiten, in zähestem, gigantischem Kampf gegen die feindselige Natur, die immer neue Schwierigkeiten den Vordringenden in den Weg warf, ist der ausgedehnteste aller Tunnel dem Gebirge abgetrotzt worden. Es war beschlossen, das gewaltige Bergmassiv des Simplon zu durchbohren, und alle Schrecken, welche die unheimlichen unterirdischen Mächte den Menschen entgegenwarfen, haben die Durchführung des Werks nicht verhindern können. Mens agitat molem – der Geist hat hier einen durchgreifenden Sieg über die Materie davongetragen. Der Simplontunnel erstreckt sich geradlinig in einer Länge von 19 730 Metern, also von fast 20 Kilometern zwischen dem Bahnhof Domo d'Ossola, dem Endpunkt der italienischen Mittelmeerbahn, und der Station Brig auf der schweizerischen Seite. Er liegt unter allen Alpendurchstichen am tiefsten, an seiner höchsten Stelle 450 Meter tiefer als der Gotthard-Tunnel, 600 Meter tiefer als der Tunnel durch den Mont Cenis. Durch diese Basislage wurde die große Längenausdehnung bedingt. Der Bau ist in der verhältnismäßig sehr kurzen Arbeitszeit von 6½ Jahren fertiggestellt worden. Die großen Fortschritte in der Tunnelbaukunst treten durch den Hinweis klar zu Tage, daß man für die Herstellung des im Jahre 1880 durchgeschlagenen, nur 15 Kilometer langen Gotthard-Tunnels, die weit weniger schwierig war, 8 Jahre, für den 1871 vollendeten 12 Kilometer langen Mont Cenis-Tunnel 13 Jahre gebraucht hat. Am 13. August 1898 begannen die von der Firma Brandt, Brandau \& Co. ausgeführten Arbeiten, am 24. Februar 1905 fiel die letzte Scheidewand, welche die von beiden Seiten vorgetriebenen Galerien trennte. Auf der ganzen Erde wurde dieser Durchschlag als ein Sieg des Menschengeschlechts gefeiert. Trotz 19 mancher Änderungen in der ursprünglichen Baurichtung wichen die Achsen der beiden Bauhälften beim Zusammentreffen nur um eine ganz geringfügige Erstreckung von einander ab, nämlich um 20 Zentimeter in der Wagerechten, 2,8 Meter in der Senkrechten, was einen außerordentlichen Erfolg der Meßtechnik bedeutete. Riesenhoch türmten sich beim Bau des Simplontunnels immer von neuem die Schwierigkeiten, trotzig legte der Berg immer neue Hindernisse in den Weg. „Bald erhöhte er die Wärme im Innern zu unerträglicher Hitze, bald schob er heimtückisch weiches, bröckelndes Gestein in die zu erbohrende Bahn, bald suchte er mit lastender Masse das Gewölbe einzudrücken und bald ließ er wieder aus seinem Schoß mächtige kalte und warme Quellen, wahre Bergbäche, in die mühsam gebauten Stollen einbrechen, Vernichtung und Untergang drohend. Bis zum November 1903 sollte nach der ursprünglichen Berechnung der Tunnel erbohrt sein. Nach den Fortschritten der ersten Zeit glaubte man, den Durchschlag noch früher ermöglichen zu können. Als man jedoch auf der Nordseite beim sechsten Kilometer angelangt war, stieg plötzlich die Gesteinswärme in erschreckender und ganz ungeahnter Weise. Für den siebenten Kilometer hatte man auf 36–37 Grad gerechnet; statt dessen fand man aber 45–46 Grad; 500 Meter weiter waren es bereits 53 Grad, und immer noch schien die Hitze sich steigern zu wollen. Die bloße Zuführung kalter Luft genügte nicht mehr, um die weitern Bohrarbeiten zu ermöglichen; es mußten besondere Vorrichtungen aufgestellt werden, die durch mächtige Sprühregen von eisigkaltem Wasser die Luft vor Ort so weit abkühlten, daß die Arbeit wieder aufgenommen und fortgesetzt werden konnte. War es im Nordstollen die Hitze, so waren es im Süden das nachdrückende Gestein und die gewaltigen Wassereinbrüche, welche die Arbeiten fast völlig zum Stillstand brachten. Der Druck des Bergs war ungeheuer; er zersplitterte die stärksten eingebauten Holzstämme und verbog mächtige Eisenbalken. Erst durch den Einbau gewaltiger Zementblöcke und stärkster Eisenträger gelang es, der fürchterlich lastenden Wucht dauernden Widerstand zu leisten. Die einbrechenden kalten und warmen Quellen, die den Tunnel überschwemmten, mußten mit unendlicher Mühe gefaßt und abgeleitet werden. Durch die Spalten des Gesteins rinnen jetzt ungefähr 1000 Sekundenliter ins Gewölbe und durch den Parallelstollen ins Freie. Das Maximum des Arbeiterstands zeigte die Ziffer von 4000 Mann. Weit über eine Million Kubikmeter Ausbruchmaterial mußte aus dem Berginnern ins Freie geschafft werden. Zu den Sprengungen wurden etwa 1350 Tonnen Dynamit verwendet; dazu kamen etwa 4 Millionen Sprengkapseln und 20 ungefähr 5300 Kilometer Zündschnüre. Die Anzahl der erforderlichen Bohrlöcher betrug rund 4 Millionen.” Der stärkste der Wassereinbrüche, der plötzlich einsetzte, begrub eine Anzahl von Arbeitern im nachstürzenden Gestein. An der Stelle, wo sie gestorben sind, liegen sie noch heute im steinernen Ehrengrab, über dem sich als das mächtigste aller Monumente das Simplonmassiv hoch emporwölbt. 15. Die Jungfraubahn Am 1. April 1886 veröffentlichte der Redakteur der »Neuen Zürcher Zeitung«, Emil Frey, in seinem Blatt einen damals viel belachten Aprilscherz. Er enthielt die Mitteilung, daß eine englische Gesellschaft die Anlegung eines für Fußgänger und Pferde gangbaren Wegs auf die Jungfrau plane, sowie außerdem den Bau einer elektrischen Bahn nach der nahe dem Gipfel liegenden Rottalhütte beabsichtige. Die letzten 1400 Meter werde man auf einer in den Felsen gesprengten Galerietreppe emporsteigen können, und sich dann auf dem abgeplatteten Gipfel befinden, der, mit einem Geländer umgeben, die herrlichste Aussicht unter Ausschluß aller Gefahren gestatten würde. Des Nachts werde man sich an dem zauberhaften Licht eines mächtigen Scheinwerfers ergötzen können, dessen Lichtkegel bis nach Deutschland hineinreichen würde. Es war keiner in der Schweiz sehr stolz auf seine Klugheit, wenn er diese überquellende Phantasie als das erkannt hatte, was sie war, eben als einen Scherz. Aber schon drei Jahre später gingen dem schweizerischen Bundesrat drei höchst ernsthafte Gesuche um Genehmigung einer Bahn auf die Jungfrau zu. Der eine dieser Pläne stammte von dem Ingenieur Locher, dem Erbauer der Bahn auf den Pilatus; es war darin die Absicht ausgesprochen, Wagen, welche die Form von Kolben haben sollten, in zwei Röhren mittels Druckluft hinauf- und hinabzubefördern. Keines dieser Projekte ist Wirklichkeit geworden. Es bedurfte erst des genialen Gedankens eines mit künstlerischem Blick begabten Manns, um die richtige Bahnlage herauszufinden. Nach den ersten Plänen stieg die Bahn stets geradenwegs auf den Berg hinauf, sodaß sich von allen Punkten aus immer das gleiche Landschaftsbild den Augen geboten hätte, nur mit zunehmender Höhenlage sich immer weiter ausbreitend. Der Schweizer Industrielle Guyer-Zeller erkannte, daß man nicht nur auf das Ziel, sondern auch auf den Weg zu achten habe: damit die Bahn rentabel werden könnte, mußte sie viele wechselnde Bilder erschließen. 21 Der Gedanke, wie das gemacht werden könne, kam ihm als echter Genieblitz plötzlich wie eine Vision. Am 27. August 1893 bestieg er mit seiner Tochter von Murren aus den Gipfel des Schilthorns, von dem man eine prächtige Aussicht auf das zusammenhängende Bergmassiv Eiger-Mönch-Jungfrau hat. Guyer war die ganze Zeit über sichtlich mit einem Gedanken beschäftigt; beim Abstieg blieb er plötzlich stehen und rief: »Nun habe ich's gefunden!« Noch in derselben Nacht fertigte er trotz der Müdigkeit, welche die schwere Bergtour dem mehr als fünfzigjährigen Mann verursacht haben mußte, eine Zeichnung an, die den ihm vorschwebenden Lageplan der Jungfraubahn darstellte. Die Zeichnung trägt den Vermerk: »11–1½ Uhr nachts, Zimmer Nr. 42, Kurhaus, 27.–28. August 1893. G.-Z.« Die genaue Datierung verrät, daß Guyer sich der Tragweite seines Gedankens voll bewußt war. Und wirklich ist die Bahn genau so gebaut worden, wie er ihre Lage damals vorgezeichnet hat; selbst nach seinem Tod wurde nichts Wesentliches daran geändert. Die Strecke steigt jetzt erst nach weitem Umweg durch Eiger und Mönch zur Jungfrau hinauf. Dadurch wird bewirkt, daß jede Haltestelle einen ganz neuen und überraschenden Blick eröffnet, daß die Aussicht in angenehmer Steigerung stets an Großartigkeit zunimmt. Am 19. September 1898 wurde die erste Station »Eigergletscher« eingeweiht. Erst vier Jahre nach Guyer-Zellers Tod war die nächste Haltestelle »Eigerwand« erreicht. 1905 folgte die Station »Eismeer« und 1912 war das Jungfraujoch erstiegen. Hier liegt nun die höchste Gebirgsbahnstation der Erde, wenn das vorläufige Ende der Jungfraubahn auch nicht der höchste von einer Eisenbahn erreichte Punkt ist. Denn die Callao-Lima-Oroya-Bahn in Peru überschreitet die Paßhöhe der Anden bei 4778 Metern, was fast der Gipfelhöhe des Mont Blanc entspricht. Aber in jener Gegend liegt die Schneeregion sehr viel tiefer als in den Alpen. Das Wunderbare ist durch die Jungfraubahn ermöglicht: ohne Anstrengung, ohne Gefahr kann Jeder des unvergleichlich herrlichen Anblicks der Gletscherwelt dort oben teilhaftig werden, während früher diese Gnade nur wenigen, körperlich besonders Tauglichen zuteil wurde. Tausende können sich jetzt in jedem Jahr an den großartigsten Werken der Natur ergötzen, die bis dahin viel zu wenig Augen beglückt hatten. Man spreche nicht von Entweihung! Der Einsamkeiten gibt es noch genügend auf den Alpengipfeln, und die Berggeister sind sicher zufrieden, wenn sie unter je hundert Gästen, die aus den Bahnwagen steigen, immer nur fünf finden, denen die Fahrt in diese Höhe tiefstes Erlebnis, freudigstes Erkennen der Schöpfergröße in der Natur bedeutet. Die Jungfraubahn entspringt auf der Kleinen Scheidegg, wo sie sich an 22 die von Lauterbrunnen und Grindelwald herkommende Wengern-Alp-Bahn anschließt. Sie ist eine Zahnradbahn mit elektrischem Antrieb. Bis zur Station Eigergletscher fährt sie auf offenem Gleis. Von da ab steigt sie in geschlossenem, in den Fels gesprengten Tunnel empor. Die Haltestellen sind Durchschläge des Tunnels durch den Fels, Fenster gewissermaßen, die in den Bergwänden geöffnet wurden. Auf der Station »Eismeer« befindet sich ein großes, modern eingerichtetes Hotel, das mit elektrischer Küche und elektrischer Heizung alle Bequemlichkeiten bietet. 16. Der größte Bahnhof Europas Im Dezember des Jahrs 1915 konnte der Schlußstein zu einem eisenbahntechnischen Bauwerk gelegt werden, das in seiner Großartigkeit kein Gegenstück diesseits des Weltmeers besitzt. In vierzehnjähriger Tätigkeit ist die Umgestaltung der Leipziger Bahnanlagen beendet worden, der Hauptbahnhof in Leipzig entstanden. Es münden in ihn nicht weniger als 26 Personengeleise ein, die sämtlich nebeneinanderliegen und durch einen gemeinschaftlichen Querbahnsteig begrenzt werden. Die in neuzeitlicher Eisenbetonweise unter reicher Verwendung von Glasabdeckung entstandenen sechs Gleishallen sind je 30 Meter hoch und haben die ungewöhnliche Spannweite von je 45 Metern. Personen- und Güterbahnhof erstrecken sich über 2 Kilometer und umfassen 150 Kilometer Gleis mit 920 Weichen. Die Gesamtkosten für den Umbau der Leipziger Bahnanlagen haben 135 Millionen Mark betragen. Die Materialmengen, die in den größten Bahnhof Europas hineingebaut wurden, sind sehr bedeutend. »Allein an Eisenteilen stecken«, wie die »Wochenschrift für deutsche Bahnmeister« mitteilt, »im Hauptbahnhof über sieben Millionen Kilogramm oder 144 252 Zentner. Rechnet man das Ladegewicht eines Eisenbahnwagens zu 200 Zentnern, so hätte man zur Beförderung der Eisenteile des Hauptbahnhofs einen Zug mit 721 Wagen nötig. Die Glasbedachung der sechs Längsbahnsteighallen – es handelt sich um die riesige Fläche von rund 29 000 Quadratmetern – hat ein Gewicht von mehr als 12 500 Zentnern; wollte man das Glas in einem Zug befördern, so wären demnach 63 Bahnwagen dazu nötig. Sind das schon Mengen und Gewichtszahlen, die man sich schwerlich vorzustellen vermag, so verschwinden sie noch als unbedeutend, wenn man die Menge des zum Hauptbahnhof benötigten Betons betrachtet. Von einer Anzahl Firmen sind z. B. allein über 15 000 Kubikmeter Beton geliefert worden. Rechnet man 23 das Kubikmeter Beton zu 45 Zentnern, so ergibt sich das stattliche Gewicht von 685 710 Zentnern. In Bahnwagen verladen, erfordert diese Menge eine Zahl von etwa 3400 Wagen. Hierzu kommen aber nun noch über 22 000 Kubikmeter Sand, Kies und Kleinschlag. Das dürfte einem Gewicht von rund einer Million Zentnern entsprechen, und man hätte zu deren Fortbewegung etwa 5000 Eisenbahnwagen nötig. An Mauersteinen und Tonklinkersteinen hat eine Firma über 11 Millionen verwendet, dazu noch gegen 250 000 poröse Mauersteine. Zur Beförderung der Steine hatte man mehr als 3500 Loren nötig. Der Zementverbrauch eines Baugeschäfts betrug weit über 40 000 Sack, der in mehr als 200 Wagen ankam. An Kalk verarbeitete man hier 750 Loren oder rund 2800 Kubikmeter. Wenn man allein die Materialien von sechs stark beteiligten Geschäften in einem Bahnzug befördern wollte, so hätte man dazu nicht weniger als etwa 13 600 Eisenbahnwagen nötig!« Aus all diesen Einzelteilen zusammengefügt, erhebt sich heute das gewaltige Werk als ein stolzes Wahrzeichen deutscher Einheit und Kraft. 17. Der Eiffelturm Dieses höchste Bauwerk der Erde, das bis zu 300 Metern aufsteigt, überragt die größten Türme Europas, mit alleiniger Ausnahme derjenigen des Kölner Doms und des Ulmer Münsters um das Doppelte. Der Turm wurde anläßlich der Pariser Weltausstellung von 1889 durch den Ingenieur Alexandre Gustave Eiffel mit einem Kostenaufwand von 6½ Millionen Francs errichtet. Der Unterbau des Turms, der aus vier schrägen eisernen Trägern besteht, ruht auf vier gewaltigen Betonklötzen, die bis zu 14 Metern Tiefe in den Boden hineinreichen. Das Gesamtgewicht des Eisens beträgt 9 Millionen Kilogramm. Das Fundament ist so ausgedehnt, daß jedes Quadratzentimeter der Bodenfläche mit nicht mehr als drei Kilogramm belastet wird. Die erste riesige Plattform, die wie die Grundfläche des Turms quadratisch ist, liegt 58 Meter hoch und hat eine Seitenlänge von 65 Metern. Es befinden sich auf ihr ein Varieté-Theater, ein Restaurant und ein Café. Zur Spitze des Turms führen 1798 Stufen hinauf. Da es jedoch niemandem zugemutet werden kann, eine solche Riesentreppe zu ersteigen, so sind Aufzüge angeordnet, die bis in die höchste Höhe emporklimmen. Droben unter der Laterne liegt ein verglaster Aussichtssaal, in dem 24 800 Personen Platz haben. In vielen kleinen Läden werden dort Ansichtskarten und Andenken verkauft. Darüber ist ein großes Laboratorium für Physik, Meteorologie und Astronomie angeordnet, sowie neuerdings eine große Station für drahtlose Telegraphie. Der Druck eines stark wehenden Winds gegen die Gesamtfläche des Turms ist kolossal. Trotz des riesigen Hebelarms, den diese Kraft für ihren Angriff zur Verfügung hat, betragen die Schwankungen der Turmspitze aber niemals mehr als 15 Zentimeter. Wunder des Menschenlebens 18. Der Zellriese Mensch Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Aus der Vereinigung zweier mikroskopisch kleiner Zellen entsteht der Mensch. Tief geheimnisvoll und niemals genug zu bestaunen, ist die Kraft, die diesen außerordentlich winzigen Gebilden innewohnt. Das menschliche Ei hat nur einen Inhalt von drei Tausendsteln eines Kubikmillimeters, aber die Samenzelle ist noch zwei Millionen mal kleiner. Und diese für uns mit den schärfsten Hilfsmitteln kaum noch wahrnehmbaren Körperlein beginnen nach ihrer Vereinigung zu sprießen und zu wachsen mit einer Unermüdlichkeit, Kraft und Intensität, die ans Ungeheuerliche grenzt. Geht doch zunächst einmal der ganze menschliche Körper durch Teilung aus ihnen hervor. Und es ist gewiß nicht zuviel, wenn man die Zahl der Zellen, die den Körper eines ausgewachsenen Menschen bilden, auf zwei Billionen schätzt. Hierbei ist noch gar nicht das ungeheure Gewimmel derjenigen Zellen mitgerechnet, die im Ruhezustand bleiben, bis andere abgenutzt sind und durch sie ersetzt werden müssen. Fortdauernd findet ja eine Erneuerung der Zellen statt. Alte werden abgestoßen, neue bilden sich unausgesetzt, namentlich an der Oberhaut, den Haaren, den Nägeln und den Schleimzellen des Verdauungskanals. Alle diese immer wieder aufkeimenden Geschlechter haben ihren Ursprung in jenen winzigsten Gebilden, die das Fundament jedes einzelnen Menschenkörpers bilden. Nach Professor Richard Hesse kann die Lebensdauer eines roten Blutkörperchens beim Menschen auf vier bis fünf Wochen geschätzt werden. Es muß also im Jahr die Gesamtzahl allein der roten Blutkörperchen, das sind 22 Billionen, etwa zehnmal erneuert werden, während der Dauer eines Menschenlebens etwa 600 bis 800mal. Hesse schätzt die gesamte Masse der Zellen, die in einem Menschenkörper bei 60 bis 70jährigem Leben gebildet werden, auf 16 000 Billionen. 26 19. Wunderkinder Quellen: Alexander Moszkowski , Aufsatz: »Das Alterswunder« in der »Vossischen Zeitung« vom 12. 11. 1913. – Dr. Heinrich Klenz , Aufsatz: »Frühreife Gelehrte und Dichter« in der »Vossischen Zeitung« vom 6. 2. 1916. Frühreife ist weniger selten, als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Erst die Besonderheit des Falls entscheidet über die Zugehörigkeit zum Wunder. Ein höchst erstaunliches Phänomen früh erwachter Fähigkeiten war das Lübecker Wunderkind Christian Heinrich Heineken , das am 6. Februar 1721 geboren wurde. Schon als es zehn Monate zählte, kannte das Kind alle Gegenstände seiner Umgebung und wußte sie zu benennen. Es lernte schon vor Ablauf seines ersten Lebensjahrs unter Anleitung seines Lehrers die hauptsächlichsten Geschichten aus den fünf Büchern Mosis kennen und begann im fünfzehnten Monat das Studium der Weltgeschichte. Noch vor dem vollendeten dritten Lebensjahr kannte das Kind die dänische Geschichte, lernte bald darauf auch lateinisch und französisch sprechen, starb aber schon im fünften Lebensjahr, da eine so angestrengte Geistestätigkeit in zartem Alter rasch zu einem Verbrauch der Kräfte führen mußte. Diesem unglücklichen, aber mit höchst erstaunlichen Fähigkeiten begabten Kind allenfalls an die Seite zu stellen ist der Knabe Johann Philipp Baratier , der 1721 in Schwabach geboren wurde. Sein Vater, der französischer Prediger war, begann mit dem Unterricht des Kinds in dessen zweitem Lebensjahr und fing mit der französischen Sprache an. Nachdem der Kleine so auch Deutsch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch und andere orientalische Sprachen gelernt, sowie Philosophie, Mathematik und die Kirchenväter studiert hatte, schrieb er mit dreizehn Jahren eine Widerlegung des Buchs von Samuel Krel, in dem die Gottheit Christi angegriffen war, und wurde 1735, also vierzehn Jahre alt, von den Professoren in Halle veranlaßt, die Magisterwürde anzunehmen. Nun trieb der junge Baratier vier Jahre lang juristische Studien, erlag aber 1740 einer Knochenmarkentzündung. Das Wunderkind aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, der spätere Hallesche Rechtslehrer und Danteforscher Karl Witte , der 1800 geboren wurde, erinnert an Baratier, hat aber sein Leben auf beinahe 83 Jahre gebracht. Er konnte schon mit vier Jahren Lateinisch reden, bezog, als er noch nicht 9½ Jahre alt war, die Universität und erwarb mit 14 Jahren in Gießen die philosophische Doktorwürde. Juliane Peutinger hielt in ihrem vierten Lebensjahr, 1504, vor Kaiser Maximilian I. in Augsburg eine lateinische Rede. Ein gelehrtes Wunderkind, das aber nur 11 Jahre und 1½ Monate alt wurde, war auch Magdalena Margaretha Tausch (2. Mai 1720 bis 17. Juni 1731), des Lübecker Stadtphysikus Tochter. Sie legte, nach Jöcher, „in der zarten Jugend die Fundamente 27 in der griechischen und französischen Sprache, und in der Latinität machte sie solche Fortschritte, daß sie sowohl geist- als weltliche Bücher bei dem Lesen gleich Lateinisch hersagen konnte.« Auch in der Arithmetik und in der Geographie soll sie es weit gebracht haben. »Die Osteologie (Knochenbaulehre) des menschlichen Körpers erklärte sie nicht nur mit allen Verbindungen an einem Skelett, so sie jederzeit um ihr Bett hatte, sondern wußte sie alle aus dem Gedächtnis herzusagen. 1½ Jahre vor ihrem Tod hielt sie auf der Bibliothek zu Lübeck bei ¾ Stunden lang eine Rede von der Tugend. So hurtig und fähig aber ihr Gemüt war, so zärtlich und schwächlich war der Leib. Sie erduldete acht Monate lang eine schwere Krankheit an der Brust und beklagte bei ihrer Schwachheit nichts mehr, als daß sie ihre Studien nicht fortsetzen konnte.” Pascal fand als Knabe die Elemente der euklidischen Geometrie; die Holzdiele seiner Kinderstube und ein Stück Kreide ersetzten ihm Anleitung und Lehrer. Als Siebzehnjähriger schrieb er eine Abhandlung über die Kegelschnitte. Gauß verfaßte einen Teil der Untersuchungen aus seinem späteren berühmten Werk » Disquisitiones arithmeticae « als er noch Schüler war und über die leichtesten Elemente der Mathematik unterrichtet wurde. Alexis Clairault , der später im Jahr 1736 mit Maupertuis die große Meridianmessung in Lappland ausführte, las im zwölften Lebensjahr der Akademie der Wissenschaften in Paris eine Abhandlung über neue Kurven vor und wurde als Achtzehnjähriger Mitglied dieser Akademie. Lord Kelvin , der berühmte englische Physiker, bezog im Alter von zehn Jahren die Universität Glasgow, löste dort als Knabe eine Preisaufgabe über die Gestalt der Erde und schrieb mit achtzehn Jahren in Cambridge eine grundlegende Abhandlung zur Wärmetheorie. Torquato Tasso soll, nach Jöcher, »bereits als ein Kind von sechs Monaten geredet, in seinem dritten Jahr zu studieren angefangen, im siebenten Jahr aber für sich selbst Verse gemacht und öffentlich peroriert (d. h. Reden gehalten) haben.« Er war dreizehn Jahre alt, als er zur Universität kam, und siebzehn Jahre, als er den »Rinaldo« verfaßte. Der englische Dichter Pope begann schon mit zwölf Jahren zu schaffen. Victor Hugo dichtete, als er erst vierzehn Jahre alt war. Ein unglückliches Schicksal hatte der seltsame Wunderknabe Thomas Chatterton , der 1752 als Sohn eines armen Küsters in Bristol geboren wurde. Als er elf Jahre alt war, schrieb er ein satirisches Gedicht, und als er mit vierzehn Jahren als Schreiber bei einem Rechtsanwalt in Bristol tätig war, ließ er eine Reihe »alter Gedichte« erscheinen, die angeblich von einem Mönch Rowley aus dem 15. Jahrhundert herrühren sollten. Die außerordentlich geschickte Fälschung wurde noch vor der Drucklegung offenbar und brachte dem 28 jungen Chatterton außer seiner Dienstentlassung die bittersten Vorwürfe und schwersten Kränkungen, obgleich die Genialität, der Gedankenreichtum und die tiefe poetische Kraft der Schöpfungen unverkennbar waren. Noch nicht achtzehn Jahre alt, machte darum Chatterton durch Gift seinem Leben ein Ende. Besonders groß ist immer die Zahl der musikalischen Wunderkinder gewesen. Auf diesem Gebiet scheint Frühreife beinahe ein entscheidendes Kennzeichen der genialen Begabung zu sein. Freilich treten frühe Fertigkeiten nur äußerst selten so prachtvoll zutage wie bei Mozart , der 1756 in Salzburg geboren wurde. In seinem sechsten Lebensjahr bereits komponierte der junge Wolfgang Amadeus kleine Stücke auf dem Klavier und besaß zugleich eine solche Fertigkeit im Spielen, daß der Vater mit ihm und einer älteren Schwester Konzertreisen unternahm. In München erntete der Knabe außerordentlichen Beifall, in Wien überschüttete der Kaiser Franz I. den Sechsjährigen mit Gunstbezeugungen. Als man ihm eine Geige schenkte, brachte er es auch auf diesem Instrument bald zu großer Fertigkeit. In Paris, wo er den König und den ganzen Hof durch sein Orgelspiel entzückte, veröffentlichte er 1763 seine ersten Kompositionen, Sonaten für Klavier. 1764, also acht Jahre alt, komponierte der junge Mozart während seines Aufenthalts in England sechs Klaviersonaten. Mit zehn Jahren schrieb er seine erste komische Oper » La finta semplice « und das heute noch viel gegebene Singspiel »Bastien und Bastienne«. 1769 ward er zum Konzertmeister am salzburgischen Hof ernannt. Eine glänzende Probe seines musikalischen Gedächtnisses gab er in seinem sechzehnten Lebensjahr, als er in Rom das vielstimmige »Miserere« von Allegri nach einmaligem Anhören notengetreu niederschrieb. Auch Händel komponierte schon im achten Lebensjahr. Cherubinis erste Messe war das Werk eines noch nicht Dreizehnjährigen. Beethoven war zehn Jahre alt, als er seine ersten Sonaten schuf. Rossinis erste Oper, das Werk eines Zwölfjährigen, fand großen Erfolg, und in unseren Tagen hat im gleichen Alter Erich Korngold höchst Beachtenswertes geschaffen. 20. Rechenmeister Gutes Kopfrechnen gehört zwar theoretisch genommen zur Mathematik, zeigt sich aber in höchster Steigerung gewöhnlich bei Personen, die sonst eine deutliche Befähigung zur mathematischen Wissenschaft nicht hervortreten lassen. Ebenso 29 häufig ist die umgekehrte Erscheinung. Ein Lumen des Fachs, wie weiland der Professor Ernst Kummer , von 1855–1884 Zierde der Berliner Universität, geriet in tödliche Verlegenheit, sobald sich im Lauf seiner Vorlesungen die Notwendigkeit des Zahlenrechnens einstellte, und stockte vor Aufgaben, die ins Gebiet des kleinen Einmaleins fallen; während z. B. Professor Schlömilch zu Dresden im Kolleg, wenn vielstellige Multiplikationen auftraten, das Resultat ohne Zwischenrechnung von rechts nach links oder von links nach rechts mit Leichtigkeit hinschrieb. Aber die eigentlichen Zahl-Athleten bilden, wie gesagt, eine Klasse für sich, eine Sondergattung ohne die höhere Geistigkeit des forschenden Mathematikers. Sie operieren anscheinend mit einem besonderen, abkürzenden Sinn. Der bekanntesten einer, der Hamburger Künstler Zacharias Dase (1824–1861), vermochte auf einen einzigen Blick von weniger als Sekundendauer die Anzahl der Ziegel oder Schindeln auf dem Dach eines Hauses mit Sicherheit anzugeben. Mit ganz außerordentlichen Leistungen trat im vorigen Jahrzehnt der Rechenkünstler F. A. Heinhaus vor das deutsche Publikum. In seinem Programm befanden sich folgende Kopfrechnungsaufgaben, die in der Regel fehlerlos und mit Blitzesschnelle gelöst wurden: Erheben von Zahlen unter 100 zur dritten und vierten Potenz; Die Quadratwurzel aus 6- bis 8-ziffrigen Zahlen unter genauer Angabe des Rests auszuziehen, sowie die Kubikwurzel aus aufgehenden 9-ziffrigen und nicht aufgehenden 6-ziffrigen Zahlen, ebenfalls unter genauer Bezeichnung des Rests; Reduktion irgend welcher auswärtigen Valuten zu einem beliebigen Kurs in Reichsmark; Eine vorgelegte Zahl von Jahren bis zu 100, das Jahr zu 365 Tagen gerechnet, in Sekunden auszudrücken; Ein vollständiges, genau nach Jahren, Monaten, Tagen usw. bestimmtes Lebensalter in Sekunden auszudrücken, mit Berücksichtigung der Schaltjahre und des Wechsels von 30 und 31 Tagen in den Monaten; Ermittelung des Wochentags eines beliebigen Datums der Vergangenheit oder Zukunft, sowohl aus diesem Jahrhundert als auch aus früheren oder späteren Jahrhunderten vom Beginn der christlichen Zeitrechnung an. – Bei der Beurteilung des Schwierigkeitsgrads ergeben sich Undurchsichtigkeiten. So wird wohl jeder Laie das Ausziehen einer 5ten Wurzel für schwieriger erachten als das einer Kubikwurzel. Aber gerade bei der 5ten Wurzel liegt für den Kopfrechner eine aus mathematischer Quelle erfließende, 30 ganz entscheidende Erleichterung vor, die es selbst einem sehr mäßig veranlagten Kopf gestattet, das Kunststück auszuführen. Die fünfte Potenz jeder Zahl hat nämlich dieselbe Schlußziffer wie die Zahl selbst. Diese Kenntnis in Verbindung mit einer ziemlich einfachen Gedächtnishilfe gibt in jedem Fall den Schlüssel für jede vorgelegte, höchstens 10zifferige Zahl. Hierauf beruhte das Glanzstück des Wunderknaben Frank , der damit alle Welt in Erstaunen setzte. Nur wenige Eingeweihte wußten, daß Frank gar nicht nötig hatte zu rechnen, sondern die Lösung als reines Kinderspiel mechanisch aufsagen konnte. 21. Laura Bridgman Quellen: Fritz Mauthner: »Kritik der Sprache«. Verlag Cotta, Stuttgart, 1901. – Dr. W. Jerusalem -Wien: »Laura Bridgman«. 1891. Dieses blinde, taube und ursprünglich stumme Geschöpf ist ein berühmtes Objekt für Seelenanalyse geworden. Ihm hat Dr. Wilhelm Jerusalem eine ausführliche Monographie gewidmet, die wiederum Fritz Mauthner in seiner Kritik der Sprache Veranlassung zu einer hier im losen Auszug mitzuteilenden Studie gab. Laura Bridgman, die arme dreisinnige Amerikanerin, war etwa 12 Jahre alt, als sie erfuhr, daß sie sich von anderen Kindern unterschied und daß sie nur drei Sinne besaß, nämlich den Tastsinn und außerdem ein bischen Geruch und Geschmack. Sie hatte damals schon das Wort denken ( think ) halb als Verbum, halb als Substantiv kennen gelernt und gebrauchte es auffallend häufig für die Anstrengung des Denkens, die sie lokalisiert in ihrem Kopf empfand. So sagte sie z. B.: »Mein Denken ist müde.« Als sie nun erfuhr, sie habe nur drei Sinne, rief sie (der Ausdruck »rufen« ist wohl nur als abkürzendes Wort zu verstehen): »Ich habe vier Sinne: Denken und Nase und Mund und Finger« . . . Das Denken war ihr etwa ein Substantiv, und sie konnte den Kopf gar wohl als das Sinneswerkzeug der Denkarbeit betrachten, wie die Nase als Sinneswerkzeug der Geruchsarbeit. Lauras Gedächtnis war außerordentlich gut entwickelt. In ihrem vierzehnten Lebensjahr wurde ihr mittels der Fingersprache ein kindliches Lesestück vorgelesen, und Laura mußte es am nächsten Tag aus dem Gedächtnis niederschreiben. Diese Niederschrift hält sich im wesentlichen so genau an das Original, daß eine solche Leistung einem vollsinnigen Kind gleichen Alters nicht immer gelingen würde. Laura ist also ein Beweis dafür, daß ein außerordentliches Gedächtnis alle oder doch die meisten Assoziationen, deren Verbindungen unsere 31 Welterkenntnis oder Sprache ausmachen, auch ohne Gesicht und Gehör an den Tastsinn binden kann. Aus Anlaß eines besonderen Falls von Taubstummheit in Verbindung mit einem operierten Staarblinden, der zunächst eine Kugel und einen Würfel nicht unterscheiden konnte, bemerkt der bedeutende La Mettrie: wäre der Taubstumme auch noch blind gewesen, so wäre er ganz ohne Ideen geblieben. Diese Behauptung kann durch die Geschichte der Amerikanerin als widerlegt gelten. Ein Wesen wie Laura Bridgman wäre freilich kaum glaubhaft erschienen, hätte sie nicht wirklich gelebt und gelehrte Zeitgenossen in Erstaunen gesetzt. Zum Kapitel der Ersatz-Sinne gehört auch der Fall einer anderen Taubstummblinden, Julia Brace . Als sie zu Doktor Howe, dem Lehrer der Bridgman, kam, war sie schon zu alt, um noch sprechen zu lernen. Dafür hatte sie ihren Geruch in Stellvertretung so ausgebildet, daß sie aus einem Haufen Handschuhe ein zusammengehörendes Paar und sogar die Handschuhe zweier Schwestern herausfinden konnte. Allerdings wird das Innenleben dieser Julia für einen vollsinnigen Menschen schwer vorzustellen sein. Und wir finden keine Begriffsbrücke zu ihrer Leidensschwester Laura, die sich doch an die immerhin artikulierteren Tastempfindungen halten konnte bis zu dem Grad, daß sie in der Fingersprache Selbstgespräche hielt und sogar in der Fingersprache träumte! 22. Die Entzifferung der Hieroglyphen Quelle: Dr. Adolph Ermann: »Die Hieroglyphen«. G. J. Göschensche Verlagshandlung G.m.b.H., Berlin und Leipzig, 1912. Die Bedeutung der heiligen Schriftzeichen Altägyptens war bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts vollständig vergessen. Keine der vielen Hieroglyphen-Inschriften in den Gräbern konnte man entziffern, und es erschien hoffnungslos, daß das jemals geschehen würde. Denn auch die Sprache der alten Ägypter war unbekannt, ja selbst von den Geschehnissen, die darin geschildert sein konnten, wußte man nichts mehr. Und doch haben wir heute den Schlüssel in der Hand. Dem Franzosen Jean François Champollion , der 1790 zu Figeac in der Dauphiné geboren wurde, gelang es im Jahre 1832, die bis dahin unbekannten Zeichen, die in einer unbekannten Sprache über unbekannte Ereignisse berichteten, zu deuten. Unterstützt wurde er durch die beim Feldzug Napoleons nach Ägypten im Jahre 1798 geschehene Auffindung des berühmten »Steins von Rosette«. Dieser enthielt einen Beschluß, den die Priester Ägyptens zu Ehren des jungen Königs 32 Ptolemäus Epiphanes erlassen hatten. Oben stand die verstümmelte hieroglyphische Inschrift, darunter in der sogenannten demotischen Schrift eine Übersetzung in die Volkssprache, unten die griechische Übertragung. Das gab den ersten Anhalt. Arbeiten des englischen Naturforschers Thomas Young näherten sich dem Problem, aber Young wurde von der endgiltigen Lösung durch die damals immer noch vorherrschende Meinung abgelenkt, die Hieroglyphen seien nicht Buchstaben, sondern ausschließlich symbolische Zeichen. Erst Champollion brach endgültig mit dieser Überlieferung und zwar auf Grund einer einfachen Überlegung: der hieroglyphische Teil der Inschrift von Rosette enthielt etwa dreimal soviel Zeichen wie der griechische Worte, wie sollte da jedes Zeichen einem ganzen Wort entsprochen haben? Und dann folgte, wie Erman erzählt, endlich der erste große Schritt. Champollion umschrieb die griechischen Namen, die er im Demotischen zu lesen wußte, rückwärts in die hieratische Schrift und von da aus wieder rückwärts in Hieroglyphen. Und siehe da: die Schreibung, die er so für den Königsnamen Ptolemäus erhielt, entsprach genau einer Stelle der Inschrift: , in der er den Namen des Königs suchte. Er hatte auf diese Weise p, t, o l, m, i, s gefunden. Aber er war des Errungenen doch noch nicht sicher, und eine ziemliche Zeit mußte er langend und bangend verbringen, denn er wußte, daß ihm die Inschrift auf einem Obelisken, die nach einem dazugehörigen griechischen Text den Namen Kleopatra enthalten mußte, entweder höchste Freude oder tiefsten Sturz bringen konnte. Endlich traf die Nachbildung dieser Inschrift bei ihm ein, und er fand wirklich den Namen Kleopatra so geschrieben, wie er es erwartet hatte. Die Buchstaben p, o l wurden dadurch bestätigt, und er lernte k, r, e, a und ein zweites Zeichen für t neu kennen. Noch immer war er sich der Größe seiner Entdeckung nicht bewußt. Er glaubte, daß die von ihm erkannte Schreibart nur für griechisch-römische Namen verwendet worden sei. Aber am 14. September 1822 erhielt er neue Abschriften aus Ägypten mit den Königsnamen und , in denen er sofort Ramses und Thutmosis, zwei große Herrschernamen aus alter Zeit, erkannte. Nun ward es ihm klar, daß er das große Geheimnis der Hieroglyphenschrift wirklich enthüllt hatte. Er stürzte zu seinem Bruder ins Zimmer und rief ihm zu: » Je tiens l'affaire. « Dann fiel er besinnungslos nieder. Die französische Akademie der Wissenschaften nahm am 27. September 1832 die große Nachricht entgegen, daß die Hieroglyphen entziffert seien. 33 23. Blitzschlag der Erkenntnis Quelle: Professor Dr. Wilhelm Ostwald: »Große Männer«. Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig, 1909. Eine der wichtigsten naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, die unsere gesamte Anschauung über das Wesen der Natur grundlegend beeinflußt hat, verdanken wir einem einfachen Arzt. Der Vorgang ist deshalb noch besonders interessant, weil die tiefe Erkenntnis einem Menschen ganz plötzlich gelang, der bis dahin auch nicht das Geringste geleistet hatte, bei dem nichts auf eine besondere Befähigung hinwies, und der auch nicht zum zweiten Mal hervorgetreten ist. Julius Robert Mayer wurde am 25. November 1814 als dritter Sohn eines Apothekers in Heilbronn geboren. Auf der Schule hat der Knabe sehr schlechte Leistungen aufzuweisen gehabt. Auch seine Doktordissertation über das damals gerade gefundene Santonin läßt in keiner Weise einen hervorragenden Denker oder Forscher erkennen. 1840 trat Mayer als Schiffsarzt in niederländische Dienste um nach Java zu fahren. Der Inhalt des uns erhaltenen Tagebuchs dieser Reise ist durchaus belanglos. Aber auf der Reede von Surabaya ging ihm durch eine an sich ganz nebensächliche Beobachtung plötzlich eine Gedankenreihe auf, die zu der grundlegenden Erkenntnis führte, daß Wärme und mechanische Arbeit miteinander verwandt seien, daß die eine sich in die andere umwandeln könne. Nach seiner Rückkehr faßte er am 16. Juni 1841 das von ihm entdeckte Gesetz von der Erhaltung der Kraft in einer kleinen Abhandlung zusammen, die er der damals bedeutendsten wissenschaftlich-physikalischen Zeitschrift, den »Poggendorffschen Annalen« einsandte. Poggendorff erkannte den Wert der Arbeit nicht und schickte sie zurück . Man kann ihm daraus keinen allzu großen Vorwurf machen, da Mayer selbst seine Gedankenreihe sehr mangelhaft begründet hatte, wie es denn überhaupt scheint, daß er selbst die ganze epochale Bedeutung seiner Erkenntnis niemals ganz erfaßt hat. So ist es Julius Robert Mayer zu Lebzeiten denn auch niemals gelungen, sich durchzusetzen, und zahllose Gegner machten ihm so viel zu schaffen, daß er zwei Selbstmordversuche unternahm und 1878 verbittert starb. Dennoch steht fest, daß er als erster das große Gesetz von der mechanischen Wärmeäquivalenz erkannt hat; nachdem es von Joule und namentlich von Helmholtz fester fundamentiert worden war, hat es auf die ganze Physik bedeutsamsten Einfluß gewonnen. 34 24. Höchste Fruchtbarkeit Quellen: Moritz Cantor: »Geschichte der Mathematik«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1894. Z . – Eduard Engel: »Geschichte der französischen Literatur«. Verlag von J. Baedeker, Leipzig, 1901. Nur von Erzeugnissen des Geists soll hier die Rede sein, aufgezeigt an etlichen Beispielen von der Höchstgrenze der Leistung in quantitativer Hinsicht. Auf die innere Güte und Bedeutung kann in diesem Zusammenhang selbstverständlich nicht eingegangen werden. Es handelt sich vielmehr nur um die Menge der Produktion, die das Einzelleben zu bieten vermag, wenn auch in diesen Massen eine Bestätigung des Worts liegen mag: »Das Genie ist der Fleiß.« Lionardo da Vinci , der nach neuer Wertung »nebenher Maler und Bildhauer« war, im Hauptberuf aber Ingenieur, Physiker und Erfinder, ist auch den fruchtbarsten Schriftstellern aller Zeiten zuzurechnen. Die Gesamtzahl seiner Buchwerke beträgt 120; viele davon sind untergegangen und teilen das Vergänglichkeitslos seiner Bildhauerarbeiten. Aber die Zahl der von Lionardo herrührenden Blätter mit Abhandlungen, Entwürfen und Berechnungen, soweit sie noch heute erhalten sind, geht immer noch in die Tausende! Raimundus Lullus , (geboren 1235), Urheber der »Ars magna Lulli«, der man ehedem in der philosophischen Welt eine gewisse Bedeutung beimaß, betätigte sich als einer der kräftigsten Vielschreiber. Die Mindestzahl der von ihm herrührenden Schriften theologischen, philosophischen und alchimistischen Inhalts beträgt 500. Nach andern Quellen hat des Lullus Fruchtbarkeit das Riesenmaß von 4000 Schriften erreicht. Die Produktion des spanischen Dichters Lope de Vega ist in ihrer Üppigkeit weit über die Grenzen seiner Heimat sprichwörtlich geworden. Seiner eigenen Rechnung zufolge hat er bis zum Jahre 1631 weit über 1500 Komödien und 400 kleinere Bühnenspiele verfaßt. Ungefähr 500 davon sind erhalten, während die Mehrzahl verloren ging. Dazu kommt bei dem nämlichen Autor eine enorme Menge von Schriften erzählenden, lyrischen und didaktischen Inhalts, die in einer Madrider Ausgabe 21 weitere Bände füllten. Auch Vegas genialer Landsmann Calderon hat mit seinen Gaben nicht gekargt. Er erreichte und überschritt mit seinen dramatischen Werken die Zahl 200. Honoré de Balzac brachte es in seinem arbeitsreichen Leben bis auf 90 Romane und Novellen, die zusammen eine Bibliothek von 120 Bänden ausmachen. Die Fruchtbarkeit des älteren Alexandre Dumas wird von Eduard Engel in seiner Geschichte der französischen Literatur drastisch gekennzeichnet: man hat berechnet, daß Dumas mehr als dreimal so viel zusammengeschrieben hat als Voltaire, dessen sämtliche Werke etwa hundert Bände umfassen. Scherzhaft 35 wurde gesagt, aber man könnte es ebensowohl im Ernst aussprechen: niemand habe Dumas' sämtliche Werke gelesen, nicht einmal – Dumas selber. Es gibt eine gut beglaubigte Anekdote, daß Dumas von einem der Romane, die seinen Namen trugen, unbefangen sagte: » Je l'ai signé, mais je ne l'ai pas lu. « Der Katalog seines Verlegers Lévy weist genau 300 Bände von Dumas dem Älteren aus, und dieser Katalog ist unvollständig! Von den Gelehrten behauptet der große Mathematiker Leonhard Euler den Gipfel der Unbegreiflichkeit. Ihn feiert M. Cantors Monumentalwerk der Geschichte der Mathematik: „Man wird kaum ein Gebiet der reinen und angewandten Mathematik nennen können, in welchem Euler nicht tätig war, und Tätigkeit hieß bei ihm bahnbrechender Erfolg. Eine Gesamtausgabe alles dessen, was Euler geschrieben hat, würde mindestens 2000 Druckbogen stark werden.” Also nach der Größe gemessen mehr als 30 Bände größten Lexikonformats, worin Zeile auf Zeile die schwierigsten Probleme mit dem Maximum des Scharfsinns behandelt werden! Auch unser Alexander von Humboldt kann sich in der Reihe der Hochproduzenten sehen lassen. Es genüge der Hinweis auf eine Notiz des Professors Leunis, der vom Jahre 1856 lakonisch meldet: »Humboldts sämtliche Werken kosten an 3000 Thaler!« Den Beschluß bildet eine Frau, die Schriftstellerin George Sand . Die Pariser Gesamtausgabe ihrer Werke umspannt 109 Bände, Verleger und Werkstatt hatten zwanzig Jahre zu arbeiten, um das zu drucken, was der Dichterin aufs Papier strömte. Die Sand schrieb eigentlich ununterbrochen, und jedenfalls so andauernd, daß man kaum begreift, wo sie neben ihren geschriebenen die Zeit für ihre erlebten Romane hernahm. Es wird von ihr erzählt, daß sie nachts gegen zwei Uhr, wenn sie eben einen Roman beendet hatte, einen frischen Packen weißen Papiers vor sich ausbreitete, um die ersten Kapitel eines neuen Werks fertig zu stellen. 25. Energie des Denkens Quellen: Keplers Schriften, Ausgabe von Ch. Frisch, Frankfurt a. M., 1858–71. – M.  Cantor: »Geschichte der Mathematik«, zweiter Band, Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1892. Zu auffälligen Ergebnissen verketten sich bisweilen Zwang und Gegenzwang in der Denklinie bedeutender Männer. Blaise Pascal wurde eines Nachts von unerträglichem Zahnweh heimgesucht. Um seine Schmerzen zu betäuben, griff er nicht zu einem Opiat, sondern zur Mathematik. Und in dieser Nacht gelang es ihm, durch Gegenzwang gegen rebellische Zahnnerven, die mathematischen Geheimnisse der Kurve »Cykloide« 36 analytisch zu enthüllen, in einer Entwicklung, die seitdem als Lehrsatz in alle Lehrbücher des Fachs übergegangen ist. Victor Poncelet aus Metz nahm 1812 am russischen Feldzug teil, geriet auf dem Rückzug in russische Gefangenschaft und verbrachte zwei Jahre seines Lebens im Verließ zu Saratow an der Wolga. Von der Außenwelt abgeschnitten, ohne Bücher und irgendwelches Anregungsmaterial, im Dunkel der Kasematte, entwickelte er aus sich heraus die neue Wissenschaft der projektivischen Geometrie, die ihn unsterblich machen sollte. Johannes Kepler besaß vor 300 Jahren – ganz ausnahmsweise – einmal Geld und kam dadurch in die für ihn noch nie dagewesene Lage, sich einige Fässer Wein anzuschaffen. Dieser singuläre Glückszustand hätte einen anderen zu Hymnen oder Trinkliedern entflammt. Den Kepler begeisterte er zur Formung einer direkt aus dem Wein geschöpften mathematischen Disziplin: »Doliometrie« (Faßmessung). Diese aus den Weinfässern entwickelten Keplerschen Untersuchungen sind die Grundlage für eine weltbeherrschende Wissenschaft geworden: für die Infinitesimalrechnung. Auch die komische Note tritt bisweilen im kategorischen Imperativ der großen Forscher hervor. Fehlt auch dabei das wichtige Ergebnis, so gibt sie doch Kunde von der Zwangläufigkeit des mathematischen Denkens: Gaspard Monge , eines der Häupter der deskriptiven Geometrie, wurde von seinen Freunden, die ihn einmal auf andere Gedanken bringen wollten, in die Große Oper verschleppt. Man gab Mozarts »Don Juan«. Monge folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Bühnenvorgang, grübelte in den Zwischenakten und brach am Schluß der Oper in den Ruf aus: » Eh bien, qu'est-ce que ça prouve?! « Er hatte das ganze Musikdrama für einen Lehrsatz genommen und sich vergebens angestrengt, darin die gewohnte Ordnung nach Voraussetzung, Behauptung und Beweis zu entdecken. 26. Vom wunderbaren Spiel Die Herausgeber dieses Buchs haben der größten Autorität auf dem Gebiet des Schachs , dem Weltschachmeister Dr. Emanuel Lasker , sieben Fragen vorgelegt und darauf autoritative Antworten von ihm empfangen. Die Fragen und Antworten lauteten: Ist die Anzahl der möglichen Spiele auf dem Schachbrett begrenzt oder ist sie unendlich? Die Anzahl der möglichen Stellungen ist eine zwar ungeheure, aber 37 endliche und ließe sich sogar vielleicht nach Regeln der Kombinatorik zahlenmäßig bestimmen. Die Anzahl der möglichen Partien hängt von der Zahl der Züge ab, die man für eine Partie rechnet. Aber da man hierfür eine bindende Voraussetzung nicht aufstellen kann, so muß man die Anzahl der möglichen Partien überhaupt als unbegrenzt bezeichnen. Gibt es eine ideale, d. h. auf beiden Seiten fehlerlose Schachpartie? Nach heutigem Stand der Theorie ist anzunehmen, daß es nicht nur eine, sondern sogar mehrere durchaus fehlerlose Partien geben kann. Ich (Dr. Lasker) bin geneigt, die Zahl dieser Partien auf etwa 20 zu veranschlagen. Das Übergewicht des ersten Zugs würde zum Gewinn der Partie nicht ausreichen. Die nach der Fragestellung als »ideal« bezeichneten Spiele würden vielmehr in jedem Fall zu einem völlig ausgeglichenen Remis führen. Worin bestehen die äußersten Leistungen des Blindlingsspiels und des Simultanspiels? Die Höchstleistung auf diesem Gebiet wurde von Pillsbury mit 23 Blind-Partien innerhalb 12 Stunden vollbracht. Die Leistung erscheint enorm, wenn man sich vergegenwärtigt, daß er dabei ungefähr 1000 verschiedene Stellungen mit jeder kleinsten Einzelheit im Gedächtnis aufzubewahren und kombinatorisch auszufolgern hatte. Im Simultanspiel dürften heute Marshall und Capablanca mit je hundert gleichzeitig und offen gespielten Partien, rein zahlenmäßig benommen, an der Spitze stehen. Existiert in Theorie oder Praxis ein Schach »im Raum«? Es existiert. An Stelle des Schach bretts tritt, so glaube ich, ein Kubus von 8 mal 64 durchsichtigen Würfeln. Die Figuren darin haben eine dreidimensionale Bewegungsfähigkeit. Das Raumschach entspricht indes meiner Ansicht nach nicht den Bedürfnissen des menschlichen Geists, und ich glaube sonach nicht, daß es sich eine Gemeinde gewinnen wird. Entsprechen die Schachaufgaben , als Endzüge, möglichen Fällen der Spielentwicklung? Geschichtlich ist die Schachaufgabe aus überraschenden Zügen wirklicher Partien entsprungen. Dieses Band hat sich indes außerordentlich gelockert, und die heutigen Komponisten von Aufgaben erkennen in diesem Betracht als einzige Bedingung nur noch an, daß die Stellung, wie partie-unwahrscheinlich sie auch sein mag, nur partie- möglich sein muß. Man muß übrigens unterscheiden zwischen Problemen und Endspielen. Die Komponisten der Endspiele legen Wert auf Natürlichkeit im Sinn eines wirklichen Schachkampfs. Läßt sich der besondere Charakter einer bestimmten, als hervorragend anerkannten Partie mit Worten beschreiben oder wenigstens andeuten? Wir 38 wählen hierzu die sogenannte » Unsterbliche Partie « zwischen Anderssen und Kiseritzki . In dieser »Unsterblichen Partie«, gespielt 1851 in London, lag das hervorstechende Moment im Opfer . Darunter versteht der Schachspieler die Preisgabe der eigenen Figuren, anscheinend ohne Kompensationen. Fast ausnahmslos entscheidet im Schach das Übergewicht der Figuren, sei es an Zahl oder an Qualität. In der Unsterblichen Partie aber setzte Anderssen mit 3 kleinen Figuren, nämlich 2 Springern und einem Läufer, matt, während der Feind noch alle Figuren auf dem Brett hatte. Entspricht das Schach als Spiel allen Bedingungen einer vollendeten Scharfsinnsprobe, oder könnte es in Zukunft durch ein anderes Spiel mit verfeinerten Regeln verdrängt werden? Ich betrachte das Schach nicht absolut als das Allheil auf dem Gebiet des Figurenspiels. Z. B. stelle ich dem Go , dem Figurenspiel der Malayen, ein günstiges Prognostikon. Die geschichtliche Mission des Schachs ist indessen bei weitem nicht abgeschlossen. Es wird sich in kommenden Jahrhunderten noch entwickeln oder ändern . Aber, von kleinen Änderungen abgesehen, scheint mir das Schach, das doch einem bestimmten Bedürfnis des menschlichen Geists entsprechen soll, ein genügend einfaches und zugleich ein genügend verwickeltes Spiel zu sein. 27. Das Unglück der Genies Quelle: Artur Fürst: »Die Wunder um uns«. Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. Z. In seinem Buch »Große Männer«, das man als den ersten Versuch einer »biologischen Biographie« bezeichnen kann, stellt Wilhelm Ostwald an einigen Beispielen die schweren körperlichen Katastrophen dar, von denen geniale Menschen häufig betroffen werden, nachdem sie ihre Großtat geleistet haben. Die wissenschaftlichen Forschungen Ostwalds über das Wesen des Genies zerstören leider den schönen Traum der Menschheit, der die Genies, mit purpurnen Königsmänteln bekleidet, strahlend über die Erde wandeln läßt. Es scheint vielmehr, daß die meisten von ihnen schwere Leiden zu erdulden haben, gerade weil sie Genies sind. „Michael Faraday , auf dessen Entdeckungen die ganze moderne Elektrizitätslehre fußt, ward ein besonders schwer gequältes Opfer seiner Genialität. Nachdem er in unendlicher Mühsal seine erste gewaltige Arbeit ausgeführt hatte, brach er zusammen. Sein Geist erhob sich dann freilich noch hin und wieder zu ganz ungewöhnlichen Höhen, aber sein Leben ist doch fortab nur noch ein fortgesetztes 39 Ringen gegen den Verfall. Er muß allmählich eines seiner Arbeitsgebiete nach dem anderen aufgeben und ist nur zu kurzer Tätigkeit fähig, nachdem er lange Zeit vollkommen geruht hat. »Mein Kopf ist so konfus«, schreibt er einmal, »daß ich wirklich nicht weiß, ob ich meine Worte richtig buchstabiere und schreibe. Ich wußte nicht, daß ich zunächst in einen animalischen Zustand versinken muß, bevor ich auf natürlichem und gesundem Weg herauskommen kann.« Besonders furchtbar aber war für Faraday der Verlust seines Gedächtnisses. Welche Tragik klingt aus der folgenden Briefstelle: »Letztlich habe ich ganze sechs Wochen gearbeitet, um Resultate zu erhalten und habe auch wirklich welche bekommen; sie sind jedoch alle negativ. Aber das schlimmste dabei ist, daß ich, als ich meine früheren Notizen ansah, gefunden habe, daß ich alle diese Resultate bereits vor acht oder neun Monaten festgestellt hatte; ich hatte sie völlig vergessen.« Man stelle sich die niederschmetternde Enttäuschung eines Forschers von der Größe Faradays vor, wenn er bemerkt, daß er seine letzten Kräfte an eine Sache gesetzt hat, deren Bearbeitung, nachdem er sie bereits einmal ausgeführt, nun einfach lächerlich war. So stark wie bei Faraday treten die Erschöpfungszustände glücklicherweise nur selten auf. Doch hat Ostwald an allen sechs von ihm angeführten Beispielen nachweisen können, daß eine sehr starke, meistens freilich vorübergehende Herabminderung der geistigen Aktionsfähigkeit bei jedem großen Forscher eintritt, sobald er seine »große Tat« vollbracht. Als Davy die Natur der Alkalimetalle endgültig festgestellt hatte, verfiel er sofort in eine schwere Krankheit, während der sein Geist gerade so schwach war wie sein Körper. Mayer hatte kaum seine berühmte Schrift »Bemerkungen über das mechanische Äquivalent der Wärme« abgeschlossen (siehe auch Abschnitt 23), als er in einem Anfall von Delirium aus dem Fenster seiner Wohnung im zweiten Stock sprang, wobei er sich schwer verletzte. Nicht lange darauf hatte er eine Gehirnhautentzündung durchzumachen. Helmholtz pflegte nach größerer Arbeit fast stets eine böse Migräne zu bekommen, die ihm meist einen ganzen Arbeitstag raubte. Diese Erscheinung, so unangenehm sie an sich gewesen sein mag, hat dem Schöpfer der physiologischen Optik jedoch einen großen Teil seiner Gesundheit erhalten, indem sie ihn zwang, immer wieder einen Tag vollkommener geistiger Ruhe in die angespannte Tätigkeit einzuschalten. Ostwald gibt für dieses Niederbrechen der großen Geisteszentren eine sehr einleuchtende naturwissenschaftliche Erklärung. Beim genialen Menschen werden durch das andauernde, lange und schwere Ringen nach Erkenntnis, das jedem Meisterwerk vorhergeht, bestimmte Zellen des Gehirns außerordentlich stark in 40 Anspruch genommen. Ist die Arbeit vollendet, so sind diese Zellen auch gewöhnlich vollkommen ausgepumpt und müssen durch eine Überernährung aus anderen Teilen des Gehirns wieder aufgefüllt werden, was nur durch eine Verminderung der gesamten geistigen Tätigkeit geschehen kann. Außerordentlich günstig für den Genialen ist es, wenn er auf der Höhe seines Lebens in den Stand gesetzt wird, sein Arbeitsgebiet zu ändern. Dies war bei Liebig und bei Helmholtz der Fall, und wir sehen die beiden Forscher darum von Höhepunkt zu Höhepunkt schreiten. Denn es ist klar, daß bei einer anderen Art der Arbeit auch andere Gehirnzellen in Anspruch genommen werden, die noch frisch und »gefüllt« vorhanden sind und darum die volle Kraft hergeben können!” 28. Periodische Tage Quellen: Dr. Wilhelm Fließ: »Vom Leben und vom Tod«. Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena, 1916. – Dr. Wilhelm Fließ, Aufsätze: »Über die periodischen Tage« in den »Braunschweiger Neuesten Nachrichten« vom 15.1.1914, »Das Jahr im Lebendigen« im »Berliner Börsen-Courier« vom 25.12.1915, »Schöpferische Tage« in der «Vossischen Zeitung« vom 13.2.1916. Z. Der bedeutende Berliner Biologe und Arzt Dr. Wilhelm Fließ hat in dem großen Werk »Der Ablauf des Lebens« die Ergebnisse der Forschungen niedergelegt, denen er seine Lebensarbeit gewidmet hat. Fließ stellt hierin die mit einem imposanten wissenschaftlichen Rüstzeug verteidigte Theorie auf, daß unser Dasein in seinem Auf und Ab nicht einen unregelmäßigen Verlauf nimmt, sondern durch ganz bestimmte Rhythmen beherrscht wird. Die Perioden von 23 und 28 Tagen sind es nach Fließ, die, miteinander verkettet, unser Leben beherrschen; sie sind Äußerungen der männlichen und der weiblichen Substanzen, aus denen unser Körper aufgebaut ist. „Durch alles Leben geht, so schreibt Fließ, derselbe Doppeltakt, der Rhythmus von 23 und 28 Tagen, nach dessen Ablauf sich der Leib verändert. Und zwar deshalb plötzlich verändert, weil die 23 und 28 Tage plötzlich aus sind. Dieser Rhythmus hat sich so lange seiner Entdeckung entzogen, weil die beiden Perioden sich ineinander verschlingen, sodaß scheinbar unregelmäßige Intervalle die Folge sind. Man denke sich zwei Uhren mit ungleicher Stundenlänge. Jede soll schlagen, wenn der Zeiger das Zifferblatt durchlaufen hat. Sie haben im selben Augenblick ihren Gang angefangen, aber wie ungleich sind die Zwischenräume zwischen den Schlagzeiten! Kennt man nicht die ursprünglichen Stundenlängen, so wird man niemals glauben, daß hier dennoch eine Regelmäßigkeit vorliegt. Der zusammengesetzte Klang besteht aus Elementartönen, deren jeder völlig gleichmäßige Schwingungen von ganz konstanter Dauer hat. Indem diese Grundtöne sich mischen, geben sie einen scheinbar unregelmäßigen Verlauf der 41 Schwingungskurve. Ebenso scheinbar nur ist die Ungleichförmigkeit im Ablauf des Lebens. Und wie die physikalische Analyse eines Helmholtz die wirre Form jener Klangkurven in die edle Linie der einfachen Töne aufgelöst hat, so hat auch die biologische Analyse zu zeigen vermocht, daß zwei einfache Grundperioden die ganze Mannigfaltigkeit im Lebenslauf decken. Vor einigen Jahren ging die Nachricht von einem 552-Stunden-Schlaf durch die Blätter. Die Fliegerin Mrs. Stocks war auf dem Flugplatz von Hendon abgestürzt. Weder sie noch ihr Partner waren dabei sichtbar beschädigt. Der Partner blieb auch wohl. Sie aber verfiel alsbald in einen Schlaf, der nach 552 Stunden ebenso plötzlich aufhörte, wie er eingetreten war. Niemand hat gefragt, warum der Schlaf gerade 552 Stunden gewährt habe, d. h. genaue 23 Tage. Und doch liegt eben in dieser Zeitbestimmung die Erklärung des ganzen Phänomens. Da sehe ich in des Dichters Otto Ludwig Tagebuch, daß seine schweren rheumatischen Anfälle im Jahre 1840 am 11. und 22. Mai gekommen seien. Am 3. Juni hat dann die erste Besserung eingesetzt, und am 19. Juni hat er die Krücken wieder entbehren können. Die Distanzen dieser Daten sind nicht gleichmäßig, denn sie betragen 11, 12, 16 Tage. Aber die Harmonie klingt, wenn wir hören, daß vom ersten Anfall (11. Mai) bis zur ersten Besserung (3. Juni) genau 23 Tage verflossen sind, und vom zweiten Anfall (22. Mai) bis zur weiteren Besserung (19. Juni) ebenso genaue 28 Tage. In unserem Organismus laufen also zwei Perioden von verschiedenem Ausmaß ab. Jedesmal wenn eine der beiden Lebensuhren schlägt, wenn also in Wirklichkeit eine der beiden Perioden abgelaufen ist, ändert sich unser Leib. Eine Mutter schenkt dann ihrem Kind das Leben. Bei einem anderen Schlag bricht der erste Zahn des Säuglings durch, und die Stunde, wo der erste Sprachlaut geboren wird, gibt unsere Uhr ebenso sicher an, wie die, in der wir die ersten selbständigen Schritte in die Welt tun. Nicht zufällig, nicht irgendwann geschieht das alles, sondern zu seiner Zeit, fest bestimmt und vorgesehen. Aber dieselben Uhren regeln auch das Leben des Tiers und der Pflanze. Wann die erste Knospenspitze erscheint, wann die Blüte sich öffnet und wann sie abfällt, unterliegt der gleichen Bestimmung unserer periodischen Tage. Auch die niedrigsten Organismen, die Bakterien, sind ihr unterworfen. Der französische Gelehrte Munz hat beobachtet, daß das Dampfen der Erdschollen um Paris vom 28. März bis 25. April – also genau 28 Tage – dauerte. Dieses Dampfen, das ganz plötzlich und unvorbereitet eintritt, und das er »das Erwachen der Erde« nennt, wird durch den Lebensprozeß von salpeterbildenden Bakterien hervorgerufen. Sie beginnen ihre Tätigkeit von 42 innen heraus. Keine zufälligen äußeren Temperaturverhältnisse sind da im Spiel. Denn auch die im Winter ausgehobenen und dann bei einer gleichmäßigen Wärme im Schrank aufbewahrten Erdschollen erwachten ebenso plötzlich und an demselben Tag wie die Erde draußen und hörten erst mit ihr zu dampfen auf. Es sind drei Charakteristika, die wir herausheben wollen. Erstens, daß die periodischen Änderungen plötzlich auftreten, zweitens, daß den Tagen des periodischen Mißbefindens ein Tag erhöhten Wohlseins voraufgeht. Und drittens, daß die periodischen Tage nicht den Einzelnen allein treffen, sondern immer zugleich mehrere nahe Blutsverwandte. Wir haben von Otto Ludwigs Anfällen gesprochen. Das Wort Anfall drückt schon die Plötzlichkeit aus. Schlaganfall, Krampfanfall, Schmerzanfall sind uns geläufig. Indes wir haben kaum darüber nachgedacht, warum wir überhaupt so plötzlich krank werden können. Ist aber die Zeit von 23 oder 28 Tagen nicht plötzlich aus? Erst wenn die letzte Minute abgelaufen ist, kommt die Änderung, mag sie nun Krankheit oder Gesundung heißen, einen Aufstieg oder Abstieg bedeuten. Ein Kind z. B. macht plötzlich die ersten Schritte. Es lernt nicht ganz allmählich gehen. Wohl aber gibt es nach einer Zeit des Stillstands den weiteren Fortschritt, daß zu den ersten drei Schritten nicht ein vierter kommt, sondern ein freies Laufen durch den ganzen Korridor. Man beobachte nur die Entwicklung des Kinds, und man wird erstaunt sein, zu sehen, wie plötzlich und fertig alles neue Können geboren wird. Nicht nur vom Anfall sprechen wir, sondern auch vom Einfall. Denn auch die erlösenden Gedanken kommen plötzlich. Und es hat Wissenschaftler und Künstler immer in Erstaunen gesetzt, wie plötzlich ihnen die guten Ideen eingegeben werden. Oft, nachdem sie sich lange und vergeblich um die Lösungen bemüht und vielleicht schon resigniert hatten. Archimedes hatte wochenlang erfolglos darüber gegrübelt, wie er das Volumen von Hieros Krone bestimmen könne. Denn ohne diese Kenntnis vermochte er nicht anzugeben, wieviel Gold und Silber sie enthalte. Plötzlich eines Morgens springt er aus dem Bad. Heureka, ich hab's! Leider kennen wir das Datum jenes Morgens nicht. Aber wir dürfen getrost auf einen periodischen Tag schließen. Vom Mathematiker Gauß wissen wir den Tag, wo er morgens 7 Uhr aus dem Bett stieg und das lange gesuchte Induktionsgesetz hatte. Und das war wirklich ein periodischer Tag, denn 262 mal 28 Tage später ist Gauß gestorben. Und Franz Schubert starb 208 mal 23 Tage nach seinem berühmten, fruchtbaren 15. Oktober des begnadeten Schaffensjahrs 1815. Bei Gauß sehen wir die 28tägige, bei Schubert die 23tägige Periode am Werk. 43 Ist denn auch der Tod an einen periodischen Tag gebunden? Gewiß: »Schnell tritt der Tod den Menschen an.« Häufig aus voller Gesundheit heraus. Ein »Schlag« endigt dann unser Leben. Und auch, wenn es das Ende einer Krankheit ist, kommt doch die letzte Todesveränderung plötzlich. Der Tod hat im Dasein einen ebenso festen Platz wie die Geburt. Und was zwischen diesen beiden Pforten des Lebens liegt, sind die einzelnen Schübe des Werdens und Vergehens an den periodischen Tagen. Gewöhnlich befinden wir uns nicht besonders wohl an ihnen. Nicht im Vollbesitz unserer Spannkraft. Weil bei Frau Stocks gerade ein periodischer Tag begann, ist sie gestürzt. Zu anderer Zeit hätte der Schock bei ihr nicht gleich einen krankhaften Schlaf ausgelöst. Und der Schlaf hätte sonst auch nicht bis auf die Stunde genau 23 Tage gedauert. Zu den periodischen Zeiten sind wir ungeschickter als sonst. Keine Willenskraft und kein Training können daran etwas ändern. Desto aufmerksamer werden Sportsleute auf ihre Tage zu achten haben und besondere Leistungen an ihnen vermeiden. Die Zahl der Unfälle wird sinken, sobald die Kenntnis ins praktische Leben übertragen sein wird. Und solchen Unglückstagen gehen ganz regelmäßig besondere gute voraus. »Wenn dem Esel zu wohl ist, dann geht er aufs Eis.« Hast Du, mein lieber Leser, Dir schon einmal überlegt, wie tiefsinnig der Spruch ist? Weißt Du, daß vor dem schlimmen Tag immer ein schöner ist, der Tag gesteigerten Wohlseins? Warum will der Volksmund nicht, daß man sein Wohlsein rühmt? Weil das Volk weiß, daß auf den allzu frischen Tag der müde, auf den allzu gesunden der kranke kommt. Fühlt man sich überwohl, dann haut man leicht ein bischen über die Stränge. Und wenn dann der nächste Morgen grau ist, so glaubt man, das letzte Glas Bier sei an allem schuld, oder die genossene Auster sei giftig gewesen. Notiert man sich aber die Daten dieser Unglückstage, so erkennt man zu seiner Überraschung ihre periodische Beziehung und damit die Nebensächlichkeit der Gelegenheits-Ursachen. Nun wird es auch klar, was die Wendung sagt: eines schönen Tags war er mausetot. Wenn der Todestag wirklich ein periodischer ist, darf ihm der Auftakt des Wohlbefindens nicht fehlen. Und wer weiß nicht, wie oft der Kranke gerade dann stirbt, wenn er und sein Arzt vom Beginn der Genesung überzeugt sind. Trifft der Tod wirklich nur den, der stirbt? Eine sonderbare Frage. Sie wird gleich ihre Beleuchtung empfangen, wenn ich an die häufigen Fälle erinnere, wo die Tochter nach dem Tod der Mutter »zusammenklappt«, oder einer seit dem Tod des Bruders ein alter Mann geworden ist. Meist sagt man, infolge der Aufregung. Aber das kann nicht richtig sein. Denn man sieht bei 44 Blutsverwandten gewöhnlich krankhafte Veränderungen mit dem Tod ihrer Nächsten eintreten, selbst dann, wenn sie von diesem Tod nichts wissen. Hier beginnt eine Gallenkolik, dort ein Haut- oder Nierenleiden, eine Schwerhörigkeit, ein Zuckerleiden. Man hat auf diesen zeitlichen Zusammenhang der Personen gleichen Bluts bisher noch nicht geachtet und hat äußere Ursachen dort gesucht, wo innere vorlagen. Natürlich verrät der Tod nur mit besonderer Deutlichkeit, was auch sonst den periodischen Tagen eignet. Die Tage der Eltern färben auf die Kinder ab. An ihnen entstehen und heilen Krankheiten unserer Kleinen. Und wer sich ein wenig auf die Kinderseele versteht, kennt auch die Fleißtage und die »Faulfieber«, die Tugendtage und den »Bock«. Wer aber weiß, daß man diese Zeiten voraussagen kann, wenn man die monatlichen Schwankungen der Mutter berücksichtigt?” Als einen besonders deutlichen Beweis seiner Theorie erzählt Fließ die folgende merkwürdige Krankheitsgeschichte. „Einer meiner Klienten suchte mich alljährlich um den 22. November auf. Da war er immer krank. Bald hatte er sich »erkältet« und einen Katarrh erworben, bald »den Magen verdorben« und Verdauungsbeschwerden davongetragen, bald war er mit einem Furunkel behaftet, dessen Ursache er in »unreinem Blut« vermutete. Dieser 22. November war der Geburtstag seines Vaters und zweier Vaterbrüder. Und es war meinem Klienten selbst aufgefallen, daß jener 22. November als Krankheitszeit sich erst seit dem Todesjahr des Vaters bemerkbar gemacht hatte. Eines Jahrs aber war mein Klient trotzdem am 22. November nicht erschienen. Er war gesund geblieben. Das fiel mir schwer aufs Herz. Denn ich weiß, daß ein plötzliches Aussetzen eines alljährlich wiederkehrenden Leidens nichts Gutes ahnen läßt. So war es auch hier. Am 23. Januar des folgenden Jahrs werde ich schleunigst gerufen. Ein heftiger Schüttelfrost hatte den Patienten niedergeworfen. Es war der Sterbetag seiner Mutter, die vor 38 Jahren verschieden war. Nach einer bald darauf vorgenommenen Blinddarmoperation fühlte sich unser Kranker überfrisch. Die gewöhnlichen Beschwerden nach einem solchen Eingriff lernte er nicht kennen. Es war, als sei gar nichts geschehen. Solche Überfrische, die man Euphorie nennt, ist vom Übel. Denn der Umschlag ist nie weit. So konnte ein abermaliger Fieberfrost, der am 16. Februar zugleich mit heftigem Nasenbluten einsetzte, nicht wundernehmen. Glücklicherweise hatte sich nur ein Bauchdeckenabszeß entwickelt, der sich Tags darauf, am 17. Februar, ohne Kunsthilfe entleerte. Dieser 17. Februar aber war der mütterliche Geburtstag! Die Krankheit war am mütterlichen Todestag entstanden und hatte am mütterlichen Geburtstag ihr natürliches Ende gefunden. 45 Das väterliche Jahr war also diesmal vom mütterlichen verdrängt worden, und diese Verdrängung hatte sich nicht ohne heftige Erschütterung vollzogen. Nach diesen verblüffenden Tatsachen sah unser Freund nicht ohne Besorgnis dem nächsten 22. November entgegen. Ich konnte ihn beruhigen. Er hatte für dieses Mal dem Ablauf des Jahrs in seinem eigenen Organismus den schuldigen Tribut bezahlt. Aber nur für seine Person. Denn er mußte mir an diesem 22. November melden, daß sein Onkel, des Vaters Bruder, der auch am 22. November geboren war, an demselben Tag vom Herzschlag tödlich getroffen wurde! Man wird ergriffen sein, wenn man einst voll erkennt, wie groß die Ahnenreihe ist, die mit ihrem Jahrestakt unser Leben formt. Uns ist nur der erste Blick vom Horeb her gegönnt. Aber es ist keine Fata morgana, die uns das gelobte Land der Erkenntnis vorspiegelt. Die Fülle des Erschauten ist heute schon erdrückend!” 29. Moderne Methusalems Quelle: Dr. W. Rullmann , Aufsatz: »Die natürliche Lebensdauer des Menschen« in der »Vossischen Zeitung« vom 12.3.1916. Wenn auch im allgemeinen dem Leben des Menschen ein recht kurzes Ziel gesetzt ist, so kommt es doch hin und wieder vor, daß in wunderbarer Weise das biblische Alter sehr weit überschritten wird. An der Spitze der Langlebigen in der geschichtlichen Zeit marschiert der Engländer Thomas Carn . Laut Ausweis eines kirchlichen Urkundenbuchs in London wurde er dort am 28. Januar 1588 geboren, während er derselben Urkunde zufolge erst im Jahre 1795 gestorben ist. Er hätte mithin ein Lebensalter von 207 Jahren erreicht. Ein Mann, dem ein solches Alter beschieden wäre und der zur jetzigen Zeit (1916) 70 Jahre alt wäre, würde erst im Jahre 2053 sterben. Was könnte dieser Mann, der die Technik fast aus ihren Uranfängen sich hat entwickeln sehen, noch alles erleben! Unter den Schotten, die nicht arm an Langlebigen sind, nimmt eine besondere Stelle St. Mungo , der Stifter des altehrwürdigen Bistums Glasgow ein, der 185 Jahre alt geworden sein soll. Ein gleiches Alter erreichte ein Mann namens Peter Zorsay , der von 1539 bis 1724 gelebt hat. Ein englischer Bauer namens Thomas Parr erreichte ein Lebensalter von 152 Jahren und besaß einen Sohn von 127 Jahren. Mit 101 Jahren wurde Parr noch wegen Sittlichkeitsvergehen zu Gefängnis verurteilt, und im Alter von 120 Jahren verehelichte er sich mit einer Witwe, die nach ihrer Angabe nie etwas von seinem hohen Alter gemerkt hat. H. Jenkins , der 1670 in Yorkshire die Augen schloß, erreichte eine 46 Lebensdauer von 169 Jahren. Kurz vor seinem Tode mußte er vor Gericht einen Vorgang bekunden, der vor 140 Jahren geschehen war. Der Chirurg Politman , ein Lothringer von Geburt, konnte in voller Frische seinen 140. Geburtstag feiern. Am Tage vor seinem Tod nahm er bei seiner Frau noch eine schwere Krebsoperation vor. Dabei wird von ihm erzählt, daß er von seinem fünfundzwanzigsten Jahr an Tag für Tag betrunken gewesen sei. Einen ebenso ungesunden Lebenswandel führte auch der Chirurg Espagao in der Garonne, der dafür nur 112 Jahre leben durfte. Auf eine ähnlich gute Wirkung anhaltenden Biergenusses weist die Inschrift auf einem Grabstein in Schottland hin: »Unter diesem Stein liegt Brown , der durch die Macht von schwerem Bier sein Leben auf 120 Jahre gebracht hat. Er war immer betrunken und in diesem Zustand so fürchterlich, daß selbst dem Tod vor ihm grauste. Als er eines Tags ausnahmsweise nüchtern war, faßte der Tod Mut, ergriff ihn und triumphierte über diesen beispiellosen Trunkenbold.« Auch Elisabeth Durieux , die das stattliche Alter von 140 Jahren erreichte, lebte durchaus nicht gesundheitsgemäß. Sagt man ihr doch einen täglichen Kaffeekonsum von etwa vierzig Tassen nach. Ein englischer Bauer hinterließ, als er im Alter von 160 Jahren starb, eine Witwe mit zahlreichen Kindern, von denen das älteste 103, das jüngste 9 Jahre zählte. 30. Riesen und Zwerge Quelle: Saltarino: »Abnormitäten«. Verlag Eduard Lintz, Düsseldorf, 1900. Wenn es wahr ist, was der französische Gelehrte Henrion im Jahre 1718 schrieb, so gibt es heute nur noch ein stark verkümmertes Geschlecht auf Erden. Während unsere Urväter Türmen gleich über die Scholle stampften, hüpfen wir heute nur noch als Pygmäen darüber hin. Henrion hat nämlich behauptet, daß Adam 41 Meter 60 Zentimeter, die zartere Eva immerhin noch 40 Meter hoch gewesen sei. Nach der Vertreibung aus dem Paradies scheint das Wachstum dann schon stark gelitten zu haben, denn Abraham soll nach dem französischen Autor nur noch 6 Meter 60 Zentimeter, Moses 4 Meter 70 Zentimeter gemessen haben. In Wirklichkeit hat es natürlich Menschen von auch nur annähernd so hohem Wuchs niemals gegeben. Im modernen Europa aber gehören schon Leute, die 175 bis 200 Zentimeter lang sind, zu den Hochwuchstypen. Alle, die ihre Haarwurzeln höher als 210 Zentimeter über dem Boden tragen, muß 47 man als Riesen bezeichnen. Eine Körperlänge von mehr als 250 Zentimetern gehört zu den größten Seltenheiten. Bekannte Riesen aus früheren Zeiten waren der Portier des Königs Jacob I. von England, Walter Passous , der 234 Zentimeter hoch war, und Maximilian Müller , ein stattlicher Heer von 256 Zentimetern, der im 55. Lebensjahr noch wuchs. Sie werden aber Beide von dem berühmten Patrick O'Brin (Patrick Colter ) übertroffen, der mit 38 Jahren 268 Zentimeter groß war. Er soll sich öfter das Vergnügen gemacht haben, seine Pfeife an der Straßenlaterne anzuzünden. An seinen Tod knüpft sich noch eine besondere Anekdote. Ein Anatom, Professor William Hunter, hatte den unwiderstehlichen Drang, den fabelhaften Körper des Riesen zu sezieren. Dieser wollte das aber durchaus verhindern, da er vollständig und unzerschnitten ins Himmelreich einzugehen wünschte. Und so vermachte er zwei Fischern 200 Pfund Sterling dafür, daß sie sich verpflichteten, seinen Körper sofort nach dem Ableben ins Meer zu werfen. Die ehrlichen Leute taten das auch, banden aber einen Strick um den Leichnam, und an diesem zog der schneidewütige Professor ihn sofort wieder ans Land, als die Fischer sich entfernt hatten. Der größte von allen diesen »hohen Herren« ist wohl der Österreicher Franz Winkelmeier , der 273 Zentimeter erreichte, aber überaus mager war und am 4. September 1887 im Alter von vierundzwanzig Jahren in London an der Schwindsucht starb. Die größte Dame, die je auf Erden gelebt hat, war Maria Wedde , die 1866 zu Benkendorf bei Halle a. d. Saale geboren wurde und 1885 in Paris starb. Sie trug ihren Scheitel 2,65 Meter hoch. Sehr vielversprechend war der 1880 im Schweidnitzer Kreis geborene Riesenknabe Carl Ullrich . Als er 15 Jahre alt war, maß er bereits 2½ Meter. Von da ab wuchs er jedoch nicht weiter. Seit jener Zeit zeigten sich auch bei ihm Krankheitssymptome, und er starb mit siebzehn Jahren an der Zuckerkrankheit. Seine einzelnen Glieder waren so ungeheuerlich groß, daß durch den Ring, den er auf dem Mittelfinger der rechten Hand trug und der ihm gerade paßte, bequem ein Taler hindurchgezogen werden konnte. Unter den besonders kleinen Menschen hat es viele Berühmtheiten gegeben. An manchen Höfen wurden früher Zwerge zur Belustigung gehalten. Besonders beliebt waren sie in der Renaissancezeit. 34 mißgestaltete Zwerge warteten bei einem Banket des Erzbischofs Vitalli im Jahre 1556 auf. Peter der Große liebte die kleinen Menschen sehr, und noch lebhafter hatte seine Schwester, die Großfürstin Natalie, sie ins Herz geschlossen. In Moskau hatte man den 48 Zwergen eine vollständige Hofhaltung eingerichtet und lockte sie aus allen Teilen der Erde herbei, um sie in die prächtigsten Gewänder zu kleiden und in goldenen Equipagen herumzufahren. Jede Zwergen-Hochzeit wurde in Moskau auf das glänzendste gefeiert. Jeffrey Hudson , der 18 Zoll groß war, wurde vom König Karl von England zum Baron erhoben. Er war so tapfer und ritterlich wie nur irgend Einer. Als ihn ein normal gewachsener Mann, namens Crofts, beleidigte, erschoß er ihn im Duell. Nicht so glücklich wie Sir Hudson war der Zwerg John Worrenburgh . Als er schon berühmt war, wollte er, wie Saltarino erzählt, von Rotterdam nach England heimkehren. Er logierte in einer Schachtel, ebenso wie Gulliver bei den Riesen, und die Schachtel war der Obhut eines Wärters anvertraut. Dieser aber glitt aus, als er im Begriff war, aufs Schiff zu steigen, und fiel samt der Schachtel ins Wasser. Es gelang zwar, den Wärter zu retten, aber der Zwerg kam in seiner Schachtel elend ums Leben. Wenn die Zwerge auch im allgemeinen kein hohes Alter zu erreichen pflegen, so gibt es doch auch unter ihnen Methusalems. Ein solcher war der polnische Graf Joseph Borowlaszki , ein äußerst kleiner Herr, der aber erst mit 98 Jahren das Zeitliche segnete. Die Zwergin Elisabeth Walson , die nur wenig über 70 Zentimeter maß, wurde über 150 Jahre alt. 31. Abnormitäten Quelle: Saltarino: »Abnormitäten«. Verlag Eduard Lintz, Düsseldorf, 1900. In einem kleinen Dorf in dem amerikanischen Staat Wisconsin wurde im Jahre 1890 ein Zwillingspärchen geboren, das eigentlich ein einziges zweiköpfiges Baby darstellte. Die Unterleiber waren so zusammengewachsen, daß die Längsachsen der beiden Körper eine durchlaufende gerade Linie bildeten. Jedes der Kinder hatte aber zwei Beine. Die geistigen Funktionen waren getrennt; ein Kind konnte schlafen, während das andere wachte. Eins starb denn auch fünf Stunden früher als das andere, und das geschah glücklicherweise schon, als das Gebilde erst acht Monate alt war. Ein Berliner, » Hermann mit der Wunderhand «, besitzt an der rechten Seite keinen Arm, sondern nur eine Hand, die unmittelbar an die Schulter angewachsen ist. Er kann die Hand, die vollständig ausgebildet ist, gut bewegen und zum Halten und Tragen von Gegenständen benutzen. Eine Parallelerscheinung hierzu war Eli Bown, der keine Beine hatte, 49 sondern nur Füße besaß, die dicht am Hüftgelenk ansetzten. Er vermochte sich mit ihnen ausgezeichnet fortzubewegen, bestieg allein die Straßenbahn, konnte sogar mit dem linken Fuß schreiben und sich als Akrobat produzieren. Er war glücklich verheiratet und Vater von vier ganz normalen Kindern. James Morris, der 1859 in Boston, also auch in Amerika, der Heimat so vieler Abnormitäten, geboren wurde, besaß eine richtige Gummihaut . Er vermochte die Haut, mit der seine Brust überspannt war, bis zum Haupthaar hinaufzuziehen, die Haut der Backen konnte acht Zoll weit abgezogen werden, und mit der Haut des einen Beins konnte er das andere umwickeln. Der Schmied James Wilson besaß eine so gewaltige Ausdehnungskraft der Brust , daß er damit herumgespannte Lederriemen zerreißen, ja sogar eiserne Ketten sprengen konnte. Im Jahre 1889 gewann er den Weltmeisterschaftsgürtel in seinem etwas eigentümlichen Fach. Die schwarze Riesendame Lucie Morris hatte das ansehnliche Gewicht von 605 Pfund . Der schottische Riese William Campbell war, als er das 45. Lebensjahr erreicht hatte, bereits 685 Pfund schwer. Obgleich er vollständig gesund war, mußte er sich doch für die Fortbewegung zweier Krücken bedienen, da das Knochensystem die gewaltige Fettlast nicht zu tragen vermochte. Einen überaus seltsamen Zustand hatte der Körper des Russen Iwan Orloff. Durch eine seltsame Art von Atrophie war der Oberkörper vollkommen verknöchert , und zwar so, daß z. B. an Stelle der Armgelenke vollkommen starre Knochenverbindungen getreten waren. Das Gegenteil dieser Mißbildung zeigte sich an den Beinen, die infolge einer weitgehenden Erweichung der Knochen durchsichtig waren, so daß es möglich gewesen sein soll, durch einen der Unterschenkel eine Uhr abzulesen. Der Unglückliche verbrachte sein ganzes Leben vom vierzehnten Jahr an im Rollstuhl, bildete aber lange Zeit eine der größten Sehenswürdigkeiten. Eine überaus seltsame Ausbildung der Beine zeigte auch der Körper der Miß Violet, eines Mädchens, das unter diesem Namen viel in Varietés aufgetreten ist. Sie vermochte sich nur auf allen Vieren fortzubewegen, da das Kniegelenk bei ihr die umgekehrte Lage hatte, wie es gewöhnlich der Fall ist, so daß die Kniescheibe hinten an den Beinen saß. Daher war es ihr nicht möglich, die Beine geradezurichten. Eine Französin, namens Brison, besaß Hände und Füße, deren Formen sehr stark an Krebsklauen erinnerten; die Gliedmaßen waren fast bis zu den Gelenken gespalten und von Fingern und Zehen fast nichts entwickelt. Trotzdem konnte sie Handarbeiten anfertigen und ihren Haushalt besorgen. Diese Möglichkeiten waren für sie sehr wichtig, denn sie besaß einen Mann und Kinder. 50 32. Genies der Muskeltechnik Quelle: Max Nordau: »Paradoxe«, Abschnitt »Psycho-Physiologie des Genies und Talents«. Verlag Elischer, Leipzig, 1885. Für die Leistungen der Feinmechanik im Betrieb menschlicher Muskeln sind gewisse Gehirnstellen maßgebend, die als »Koordinations-Zentren« bezeichnet werden. In ihrer Höchstleistung begründen sie, da es sich eben um eine geistige Veranlagung handelt, den Anspruch auf die Bezeichnung des Genies. Bei ihm spielen die Tricks und Hilfen, auf die sich das bloße Muskeltalent vorzugsweise stützt, nur eine untergeordnete Rolle. Lange und ausdauernde Übung ist aber auch beim Genie unerläßlich. Hier einige Proben der bedeutendsten Leistungen aus diesem Gebiet. Blondin schritt auf dem gespannten Seil über den Niagara. Benutzte er die Balanzierstange, so konnte er einen ausgewachsenen Gefährten auf den Schultern hinübertragen. Schritt er allein, so genügte ihm das eigene Gleichgewicht ohne Stange. Die Billardmeister Vignaux , Slosson und Kerkau haben es in den Carambolage-Partien zu Serien über 1000 gebracht, in dem unvergleichlich schwierigeren Cadre-Spiel oft die Hundert hintereinander überschritten. Einer ihrer Kollegen, der übrigens im korrekten Serienspiel weit hinter ihnen zurückblieb, brachte folgendes mit nie fehlender Sicherheit zuwege: er produzierte die Carambolage mit drei Bällen dergestalt, daß der Spielball auf dem Billard lag, der zweite weit davon im Saal an der Fußbodenkante, und der dritte auf dem Hals einer Flasche, die sich im Saal auf einem Tisch befand. Erstaunliches zeigten die Jonglierkünstler Cinquevalli , Kara und Spadoni: minutenlanges Luftballspiel mit den drei Körpern Kanonenkugel, Glasflasche und Papierstückchen; Balanzierakte mit zwei Billardstäben, die, mit den Spitzen einander zugewendet, durch eine Billardkugel getrennt waren und in dieser linearen Schwebung verharrten. Während der vormals berühmte Hofzauberkünstler Bellachini höchstens als ein Talent gelten konnte, war Fox ein Genie. Er zeigte ein lebendes Kaninchen, hielt es sorgsam an den Ohren weitab (Fox arbeitete mit nackten Armen), und – zog es langsam in zwei lebendige Kaninchen von derselben Größe auseinander! Den Gipfel solcher Technik erreichte ein Schweizer Prestidigitateur. Irgend ein Zuschauer wählte aus einem Kartenspiel ein beliebiges Blatt. Diese Karte wurde verbrannt. Alsdann wurde jener Zuschauer aufgefordert, auf seiner eigenen Taschenuhr die Zeit nachzusehen; und dabei ergab es sich, daß sich nunmehr ein stark verkleinertes Abbild der gewählten Karte in der Uhr befand, und zwar bei den Zeigern unter dem Deckglas! 51 Im alten Zirkus Renz trat ein Artist namens Price auf, der, auf der obersten Sprosse einer freischwebenden Leiter stehend, Konzertstücke auf der Violine vortrug. Der Kunstschütze Ira Paine wiederholte die Tat des Wilhelm Tell auf der Bühne unter erschwerenden Umständen: er durchschoß über seine Schulter hinweg auf fünfzehn Schritt mit der Pistole den Apfel auf dem Haupt eines Knaben, während er nach der entgegengesetzten Seite gewendet dastand und mit einem Spiegel in der linken Hand nur den Widerschein des Zielobjekts wahrnehmen konnte! 33. Riechschnecken Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Wenn die Hausfrau bei der Tafel feststellen will, wie das Essen ihren Gästen behagt, so sollte sie richtig fragen: »Wie riecht es Ihnen?« Denn was wir als Geschmack bezeichnen, ist seltsamerweise größtenteils eine Empfindung der Nase und nicht der Zunge. Unsere eigentlichen Schmeckorgane, die Zunge und der Gaumen, empfinden nur vier verschiedene Reize: bitter, süß, salzig und sauer. Alle anderen Geschmacksempfindungen werden uns durch das Nervensystem der Nase übermittelt. Wir sprechen ja auch von würzigem Geschmack, von einem Aroma z. B. des Kaffees oder des Tees. Jeder weiß, daß er fast nichts mehr schmeckt, wenn er einen tüchtigen Schnupfen hat, die Nasenschleimhaut also durch Entzündung in ihrer Tätigkeit stark beeinträchtigt ist. Die Bedeutung der Riechwerkzeuge für den Geschmack ist auch durch wissenschaftliche Beobachtung in sehr interessanter Weise festgestellt worden. Zwei Kranke hatten, wie Professor Richard Hesse berichtet, durch einen Sturz auf den Kopf den Geruchsinn völlig verloren, aber den Geschmacksinn behalten. Sie vermochten nun nicht mehr einen Unterschied zwischen gekochten Zwiebeln und Äpfeln herauszufinden. Aber Portwein und Burgunder konnten sie voneinander unterscheiden; jener erschien ihnen wie Zuckerwasser, dieser wie verdünnter Essig. Es waren also nur die Empfindungen süß und sauer möglich, während das Aroma nicht mehr wahrgenommen wurde. 34. »Gekochte« Menschen Quelle: Felix Linke: »Ist die Welt bewohnt?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1910. Nach dem heutigen Stand unseres Wissens haben wir anzunehmen, daß das organische Leben an die Eiweißsubstanz gebunden ist. Die Temperatur, in 52 der sich ein lebendes Wesen befindet, darf nicht so hoch steigen, daß das Eiweiß gerinnt. Dann hört das Leben sofort auf. Seltsam ist es nun, daß die Natur die Normalwärme des menschlichen Körpers in recht bedrohliche Nähe der Gerinntemperatur des Eiweißes gelegt hat. Es muß wohl gerade innerhalb dieses Gebiets der günstigste Nutzeffekt der Körpermaschine erzielt werden können. Bei einigen 40 Grad beginnt das Eiweiß bereits zu gerinnen, und der menschliche Körper, der gewöhnlich 37 Grad hat, kann sich in so vorzüglicher Weise nur dadurch erhalten, daß er außerordentlich wirksame Einrichtungen zur Regulierung der Wärme besitzt. Befindet man sich in besonders warmer Umgebung, so geht die Zahl der Herzschläge sofort herab. Die Blutzirkulation im Innern des Körpers wird sehr stark verringert, das Blut pulst größtenteils nur noch durch die Außengebiete des Körpers, und reichlicher Ausbruch von Schweiß, der an der Hautoberfläche verdunstet, sorgt für Abkühlung. Jeder weiß, daß bei feuchter Luft im heißen Sommer diese Abkühlung durch verdunstenden Schweiß nicht besonders stark ist, wohl aber bei großer Trockenheit der umgebenden Luft. Wie weit unter solchen Umständen eine Wärmeentziehung möglich ist, wird durch ein wunderbares Beispiel erläutert, das Ranke in seinem großen Werk über den Menschen erzählt. Danach ist die Hitzebeständigkeit des menschlichen Körpers weit größer, als man im allgemeinen anzunehmen geneigt ist. Berger und de la Roche vermochten nämlich in trockener Luft von 100 bis 127 Grad 8 bis 16 Minuten lang auszuharren. Der Versuch brachte ihnen keinerlei Schaden, ja ihre Organe arbeiteten so ausgezeichnet, daß die Wärme im Innern ihres Körpers nicht über die Normaltemperatur hinausging, obgleich doch die Umgebung weit über die Siedehitze des Wassers erwärmt war. 35. Narkosen Quelle: Professor Carl Binz: »Über den Traum«. Bei Adolph Marcus. Bonn, 1878. Z. Das Wesen des Traums ist bis jetzt noch nicht völlig erforscht. Die Behauptung mancher Physiologen, daß unsere Seele niemals in einen Zustand gänzlicher Versunkenheit gerate, daß wir stets träumen, auch im tiefsten Schlaf, scheint durch zahlreiche Versuche widerlegt. Es wurden oft Menschen zum Zweck des Versuchs aus tiefstem Schlaf jäh erweckt und angehalten, Traumerinnerungen sofort wiederzugeben. Das Resultat war aber stets negativ. Tiefschlafende machen außerdem auf den Beobachter stets einen Eindruck, aus dem deutlich hervorzugehen scheint, daß jede Seelentätigkeit erloschen ist. Der Zustand, der 53 dem Erwachen vorausgeht, in dem einer der Sinne nach dem andern wieder rege wird, scheint das Hauptherrschaftsgebiet der Träume zu sein. Aber wenn wir auch über die Art dieses Phänomens noch nicht erschöpfend unterrichtet sind, so ist der Mensch doch in wunderbarer Weise imstande, verschiedene Arten von Träumen willkürlich hervorzurufen. Wir vermögen das durch Anwendung narkotischer Substanzen, deren Wirkungen ebenso mannigfaltig wie seltsam sind. Farbenbunt und behaglich sind die Traumbilder, mit denen das Opium uns umgibt. Der Orientreisende H. von Maltzahn beschreibt in seiner »Wallfahrt nach Mekka« ein Opiumhaus und seine Insassen wie folgt: „Nachdem wir uns in dem Kellerloch niedergelassen hatten, schenkte man uns lange nicht die geringste Aufmerksamkeit. Die Genießer des Opiums saßen da mit offenen, bald sehnsüchtig schmachtenden, bald wollüstig sinnlichen, bald starr vor sich hinstierenden Augen. Sie mochten sich wohl in die wonnigsten Träume gewiegt fühlen, denn die Mundwinkel vieler umflog ein süßes Lächeln, wie wenn ein unbeschreibliches Glück ihnen zu Teil geworden wäre. Aber keiner von allen sprach auch nur ein Wort. Alles war still, keine Silbe verriet die wonnigen Einbildungen, die süßen Phantasien, die das Gehirn der Opiumgenießer beleben mochten. Nur hie und da entfuhr einem oder dem andern der Ruf: »O Allah!« oder »O Güte Gottes!«, als fühle er sich von Dank beseelt für den Schöpfer, der ihm solchen Genuß ermöglicht hatte.” Am Krankenbett zeigt sich die Wirkung des Morphiums , das den bei der Narkotisierung am stärksten wirkenden Bestandteil des Opiums bildet, in ähnlicher Weise. Der Gesamteindruck des Patienten ist der eines angenehmen Träumens, solange die Narkose noch nicht zum tiefsten Schlaf geworden ist. Aus eigener Erfahrung erzählt Binz hierüber: „Wegen eines schmerzhaften Lendenrheumatismus, der mich abends spät befiel, injizierte ich mir zu Bett liegend 1 Zentigramm Morphin unter die Haut der linken Hüfte. Mit Spannung suchte ich die Einzelwirkungen wahrzunehmen und festzuhalten. Die erste war ein unbeschreibliches Gefühl von Wohlbehagen, das vom Gehirn aus durch meine Glieder strömte; bald danach fühlte ich das Schwerwerden und Sinken der Augenlider; und unter einem kurzen Traum, der mir vorspiegelte, mein Gehirn sei von der bis dahin es eng bedrückenden Schale befreit und bewege sich frei im Raum, leicht, wie neugeboren, schlief ich fest ein, um am folgenden Morgen gegen neun Uhr wohl und munter zu erwachen.” Einen scharfen Gegensatz hierzu bildet die Wirkung des Atropins , das als hauptsächlich wirkender Bestandteil in der Belladonna oder Tollkirsche 54 enthalten ist. „Ein mit Binz befreundeter rheinischer Schulmann träufelte sich gegen eine Augenentzündung eine Atropinlösung allzu energisch ein. Von dem Tränennasenkanal aus kam bald eine genügende Menge in den Schlund, wurde hier verschluckt und erzeugte allmählich die Anfänge des Atropinrauschs. »Ich wurde toll im Kopf,« so schrieb er darüber, »ein entsetzliches Gefühl der Unsicherheit und Angst kam über mich, ich wußte nicht, ob ich träume oder wache, ob die gräulichen Erscheinungen vor mir wirklich seien oder nur Phantasmen.« Taylor berichtet in seinem Werk über die Gifte ebenfalls von gespensterartigen Visionen, phantastischen Wahngebilden und durchdringenden Angstrufen, die sich in die Umnebelung des Gehirns durch das Gift der Tollkirsche einmengten. Mit den wüsten und schreckhaften Traumvorstellungen der Belladonna kann man jenen somnolenten Zustand vergleichen, der sich in Fällen von Säuferdelirium ausprägt. Kleine, lebhafte, unangenehme Tiere bedecken das Bett des Deliranten. Sie klettern auf sein Haupt und suchen ihn zu verzehren, sie lassen ihn nicht zu Schlaf kommen, sie folgen, wohin immer er entfliehen mag, unzertrennlich seinen Fersen und seinem Lager. Statt der kleinen Tiere sind es oft Zwerge und Kobolde mit derselben Form des Angriffs und der Behendigkeit. Von hohem Interesse und eigenartiger Ausbildung sind die Träume, die der Haschisch über uns bringt. Man bereitet ihn aus dem indischen Hanf zur Zeit der Blüte und verkauft ihn im südlichen Orient unter mannigfacher Form meistens als trockenen Extrakt, in runde Stückchen gepreßt. Wie der Einfluß des Haschisch in einem hochgebildeten europäischen Gehirn sich gestaltet, erzählt uns Professor von Schroff aus Wien recht anschaulich: »Ich nahm 7 Zentigramm abends um 10 Uhr, legte mich zu Bett, las, noch eine Zigarre nach gewohnter Weise rauchend, gleichgiltiges Druckwerk bis 11 Uhr und legte mich dann mit der Idee zur Ruhe, daß diese Dosis wohl zu klein gewesen sein mochte, da sie gar keine Erscheinung hervorbrachte, und mein Puls gar keine Veränderung zeigte. In demselben Augenblick fühlte ich ein starkes Rauschen nicht nur in den Ohren, sondern im ganzen Kopf; es hatte die größte Ähnlichkeit mit dem Geräusch des siedenden Wassers, gleichzeitig umfloß mich ein wohltuender Lichtglanz, der den ganzen Körper durchdrang und ihn durchsichtig erscheinen ließ. Mit ungewöhnlicher Leichtigkeit durchlief ich ganze Reihen von Vorstellungen bei gesteigertem Selbstbewußtsein und erhöhtem Selbstgefühl. Am andern Morgen war mein erster Gedanke beim Erwachen, die nächtliche Szene im Gedächtnis zu reproduzieren; allein von all den erlebten Herrlichkeiten trat nichts in die Erinnerung, außer was ich eben berichtet habe.«” Von lebhaften Träumen durchzogen ist auch der Schlaf, der durch die 55 Chloroformnarkose hervorgerufen wird. „Flüchtig wie die märchenhaften Geister der Luft bewegt sich das Chloroform von unserm Mund nach den Lungen, durch das Blut nach dem großen Gehirn hin. Es lagert auf den kleinen Werkstätten unseres Bewußtseins, sie anfangs erregend, bald aber in eine solche Erstarrung versetzend, daß die heftigsten Reizungen der Außennerven unter dem Instrument des Chirurgen hier die Grenze ihrer Schwingungen finden. Das Bewußtsein erfährt nichts von ihnen. Und doch bringt der Traum des Chloroformierten uns Kunde, daß der Schlaf oft nur ein partieller ist. Besonders scheinen es die Gestalten des Arztes und seiner Helfer zu sein, also die jüngsten Bilder vor dem Schließen der Augen, die in der einen oder andern, nach der Individualität des Chloroformierten sich richtenden Weise seinen Traum beleben. Und noch so heftig mag der Traum des Chloroformierten sein, meist gewahrt man, daß nach Beendigung der Operation, bei eingetretenem Erwachen der Operierte sich aufrichtet, mit seinen Augen den leitenden Arzt sucht und ihn fragt. »Fangen Sie bald an, Herr Doktor?« Erinnerung an die Traumbilder ist oft vorhanden, oft fehlt sie. Bevor man das Chloroform zum Einschläfern anwenden lernte (1849), war zwei Jahre lang der Äther zum nämlichen Zweck im Gebrauch, und manche Operateure wenden ihn noch heute an, weil er zwar weniger rasch aber auch weniger gefahrvoll narkotisiert. Der von ihm bewirkte tiefe Schlaf ist ebenfalls von Träumen durchzogen. Dieffenbach , der berühmte Berliner Chirurg, der in Deutschland mit unter den ersten ätherisierte, schildert sie in lebhaften Farben. Ohnmächtig, albern, tobend oder heiter kann der Charakter des Ätherrauschs sein. Die glänzende Schilderung Dieffenbachs von den Wonnen des Äthertraums hat in einem literarisch bekannt gewordenen Fall einen jungen Mann zum Äthermißbrauch getrieben. Er war mit philosophischen und ästhetischen Studien beschäftigt und gab dabei einem Hang zu theologisch-mystischen Betrachtungen allmählich nach. Der Äthertraum schien ihm die richtige Bahn, um seinen Geist von der schweren Materie zu befreien, und in der Tat, es gelang ihm gleich beim ersten Mal. Er legte sich allein in seiner Stube auf das Sopha und atmete den Äther vom Taschentuch ein. Alsbald schwand ihm die Besinnung. Er hatte eine Reihe sehr lebhafter Wahnbilder, wie es scheint hauptsächlich aus religiösen Vorstellungen zusammengesetzt, in denen aber auch wie beim Haschischrausch das Hinwegsetzen über Stoff, Zeit und Raum eine große Rolle spielte. Ganze Welten glaubte er zu durchmessen, unendliche Zeiten durchlebt zu haben, und doch lehrte ihn die Länge der brennenden Kerze beim Erwachen, daß er kaum eine Viertelstunde betäubt gewesen sein konnte. Leider war er von dem Ausgang dieses ersten Unternehmens nicht befriedigt, 56 denn die Betäubung war gerade in dem Augenblick gewichen, als er dem Ziel seiner Wünsche nahe gekommen zu sein glaubte. Es war natürlich, daß er den Ausflug in die farbenprächtige Unendlichkeit wiederholte, aber die Traumwelt war nicht mehr so glänzend und bilderreich, wie die jener ersten Narkose, und wie oft er nun auch durch immer größere und häufigere Dosen Äther sie wieder heraufzuzaubern sich bemühte, sie wollte nicht wieder erscheinen. Bald wurde das Experiment zur Gewohnheit, der anfangs spärlich angestellte Versuch zum unwiderstehlichen Trieb, und jene ursprüngliche Sehnsucht nach dem Erhabenen und Unendlichen erstickte in der Gier nach einem Reiz, der längst alle Eigenschaften einer gemeinen sinnlichen Leidenschaft angenommen hatte. Nur anfangs »ätherte« er in seinem Zimmer, bald ließ es ihm auch außerhalb keine Ruhe. Das mit Äther getränkte Taschentuch vor Mund und Nase schwanke er durch die Straßen Berlins; von einer Apotheke zur andern eilend, kaufte er sich den Äther in kleinen Quantitäten. Zuletzt stieg er bis zum Verbrauch von 2 bis 2,5 Pfund für den Tag, bis er endlich zerrüttet und verkommen in der Charité Hilfe suchte, ein unrettbares Opfer seiner Lust zu träumen und seines Traummittels.” 36. Der elektrische Tod Quelle: Artur Fürst , Aufsatz: »Der elektrische Tod« im »Berliner Tageblatt« vom 6.7.1914. Z. Die Wirkungen des elektrischen Stroms auf den menschlichen Körper sind noch nicht völlig erforscht. Man hat bisher sehr wechselvolle und überraschende Erscheinungen auf diesem Gebiet beobachtet. „Es ist vorgekommen, daß ein Strom von fünfzig Volt, also von einer recht niedrigen Spannung, bereits tödlich gewirkt hat, und daß Menschen, durch deren Körper mehrere tausend Volt geflossen sind, trotzdem das Leben behielten. D'Arsonval erzählt von einem Telegraphenarbeiter, der auf einem Gestänge saß und durch einen herabfallenden Telegraphendraht, den er in der Hand hielt, mit einer Leitung von 4500 Volt in Berührung kam. Er wurde sofort betäubt. Als man ihn jedoch herunterholte, kam er, wenn auch nach mancherlei Bemühungen, wieder zum Bewußtsein, obgleich der Strom mehrere Minuten lang durch seinen Körper hindurchgegangen war. Wegen des Widerstands, den der menschliche Körper selbst bietet, sucht der Strom stets über dessen Oberfläche hinwegzugehen, ohne in die Tiefe zu dringen. Wenn jemand naß aus einem Bad steigt und gleich darauf in eine Hochspannungsleitung gerät, so kann er vielleicht einmal bei einer Spannung am Leben bleiben, die ihn sicher getötet hätte, wenn seine Haut trocken gewesen wäre. 57 Denn die Wasserfläche auf der Haut ist für den Strom ein weit bequemerer Durchgangsweg als das Material des Körpers selbst. Eine gleiche Sicherungsrolle vermag starker Schweiß zu spielen. Man führt hieraus auch die häufigen Mißerfolge zurück, die sich in Amerika bei der Hinrichtung im elektrischen Stuhl gezeigt haben. Hierbei benutzt man eine so hohe Spannung, daß der Strom, wenn er unter – im Sinn dieses Falls – günstigen Umständen durch den Körper geschickt wird, sicher tödlich wirken muß. Aber die bedauernswerten Opfer sterben oft erst nach mehrmaligem Einschalten des Stroms. Es ist anzunehmen, daß sich ihr Körper infolge der ja leicht begreiflichen Aufregung mit Schweiß bedeckt. Und es kommt noch hinzu, daß man die Elektroden, von denen die eine auf dem Kopf, die andere am Kreuzbein sitzt, kräftig mit Salzlösung tränkt, damit sie guten Kontakt machen. Nun mag die Salzlösung vom Kopf den Rücken hinunterfließen, wodurch der glatte Stromübergang über die Haut noch erleichtert wird. Merkwürdig ist, daß auch der Zustand des Gehirns auf die Wirkung des Stroms einen Einfluß übt. Oft hat sich gezeigt, daß ein Strom, der einem Menschen das Leben gekostet, Kaninchen oder Pferde nicht zu töten vermochte. Je feiner das Gehirn ausgebildet ist, desto geringer scheint der Widerstand des betreffenden Organismus gegen die schlimme Einwirkung des Stroms zu sein. In dieselbe Beobachtungsreihe gehört es, daß schlafende Menschen einen Stromdurchgang überstanden haben, der ihnen im wachen Zustand sicher gefährlich gewesen wäre. Narkotisierte Tiere werden durch den Strom wenig beeinflußt. Menschen, die durch einen elektrischen Strom getötet worden sind, zeigen meist alle Anzeichen der Erstickung. Der Strom scheint vor allem lähmend auf die Tätigkeit der Lunge zu wirken.” 37. Formhören Dem Menschen mit vollkommenen Sinnesorganen scheinen die Leistungen, die Blinde mit dem Hör- und dem Tastsinn vollbringen, bereits außerordentlich. Der italienische Gelehrte Augusto Romagnoli beschreibt jedoch unter dem Titel »Formhören« Leistungen des Gehörsinns normaler Menschen, welche die Fähigkeiten der Blinden bei weitem übertreffen. Nach Romagnoli kann man sein Gehör zum Wahrnehmen von Formen erziehen. Aus den zurückgeworfenen Schallwellen soll man auf die Form der 58 Reflexionsfläche schließen können. Romagnoli selbst hat es hierin, wie er angibt, zu großer Fertigkeit gebracht. In einer größeren Gesellschaft bemerkte er einmal beim Sprechen seltsame Veränderungen im gewöhnlichen Klang seiner Stimme, aus denen er auf das Vorhandensein eines runden Gegenstands mit ausgezacktem Rand schloß. Er stellte fest, daß eine Vase auf einem viereckigen Tisch die Ursache der Schallveränderung war. Der Gelehrte unterscheidet im Dunkeln und mit verbundenen Augen allein durch den Klang seiner Stimme, ob ein auf ihn zukommender Mensch die Arme auswärts, vorwärts oder seitwärts streckt oder sie herabhängen läßt. Sogar die Größe und die Statur von Menschen will er auf diese Weise erkennen können. Romagnoli behauptet, daß man nach einiger Übung wohl imstande sei, architektonische Formen mit dem Gehör sicher aufzufassen, wenngleich er nicht behaupten will, daß das Ohr einen ähnlichen ästhetischen Genuß an Formen vermitteln könne wie das Auge. Von der Richtigkeit der Behauptungen Romagnolis kann sich ein jeder bis zu einem gewissen Grad leicht selbst überzeugen. Beim Sprechen in einem wohlbekannten Zimmer wird man bei geschlossenen Augen aus dem Klang der eigenen Stimme feststellen können, ob der Teppich herausgenommen ist oder nicht, ob die Gardinen hängen oder abgenommen sind. 38. Augenersatz für Blinde Quelle: Notiz im »Berliner Tageblatt« vom 24.2.1916. – Professor Dr. L. Zehnder , Aufsatz: »Künstliche Augen für Blinde« in der «Deutschen Optischen Wochenschrift« vom 20.2.1916. Keine Macht der Welt ist imstande, dem Erblindeten das Licht des Auges wiederzugeben. Aber wenn er auch im ewig Dunklen verharren muß, so ist doch die heutige Beherrschung der Natur imstande, ihn wenigstens vor dem furchtbaren Schicksal zu bewahren, daß brütende Dunkelheit und blendendes Licht für ihn Erscheinungen gleicher Art bleiben. Man kann den Blinden heute wieder für das Licht empfindlich machen. Nicht mit Hilfe seiner Sehkraft, die nach ihrer Zerstörung leider verloren bleiben muß, aber durch andere, ungestört gebliebene Sinne. Der Blinde kann heute wieder wissen, daß Licht ist und woher es strahlt. Professor Lazarus benutzt für den von ihm zu diesem Zweck gebauten Apparat die Eigenschaft des Selens, bei Belichtung seinen elektrischen Widerstand zu vermindern. Vor das tote Auge wird ein Lichtfänger in Gestalt einer kurzen Röhre gesetzt, deren Hinterwand von der Selenzelle gebildet wird. Am Ohr befindet sich ein kleiner Telephonhörer. In den Wechselstromkreis, der ihn durchfließt, 59 und der durch einfache Weise aus einer kleinen tragbaren Akkumulatorenzelle erzeugt wird, ist die Selenzelle eingeschaltet. Sobald auf diese Licht fällt, macht sich das durch Änderung des Tons im Hörer bemerkbar. Der Blinde kennt den Lichtton sehr bald, und da auf die Selenzelle durch den Lichtfänger nur von vorn Licht fallen kann, so weiß er auch sofort die Richtung der Strahlen. Durch leichtes Drehen des Kopfs kann er das Licht aufsuchen und ist auch imstande dessen Bewegungen zu folgen. Zu gleichem Zweck benutzt Professor Zehnder die Wärmeempfindlichkeit der Haut. Er läßt auf eine bloße Hautstelle durch eine Linse brennglasähnlich die auffallenden Lichtstrahlen konzentrieren, und er glaubt Blinde leicht so erziehen zu können, daß sie nicht nur das Licht als Wärmeeindruck überhaupt empfinden, sondern auch die gröbsten Umrißformen, wenigstens von sehr scharf beleuchteten Gegenständen, wahrnehmen können. Vielleicht wird es ihnen dadurch möglich werden, sich bei scharfem Sonnenlicht im Freien selbständig zu orientieren. 39. Künstlicher Haarwald Quelle: »Die Kosmetik«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig 1916. Als Bismarck von einer Verehrerin um eine Haarlocke gebeten wurde, erwiderte er bekanntlich: »Das ist platterdings unmöglich.« Ein Bismarck der Zukunft wird einem solchen Wunsch gegenüber sich vielleicht schon entgegenkommender verhalten können, und zwar vermöge einer Erfindung, die man für einen Scherz nehmen könnte, wenn nicht ein so ernster Verlag wie der Teubnersche in Leipzig sie in seine neuesten Publikationen aufgenommen hätte. Es heißt dort: Die Erfindung ging in der letzten Zeit von Budapest aus. Nachdem schon vorher Versuche von einem türkischen Arzt mit der künstlichen Einpflanzung von Haaren gemacht wurden, haben dann Szekely und Havas im großen diese Idee durchgeführt und sind zu sehr bemerkenswerten Resultaten gekommen. Sie ziehen vermittels eines Goldhäkchens feinstes zu einer Schlinge geknüpftes Frauenhaar unter strengster Asepsis in die Kopfhaut ein und erzielen durch diese Vornahme, die bei genügender Übung mit großer Schnelligkeit vor sich gehen soll, eine vollständige Bepflanzung der vorher kahlen Stellen. Danach wäre die langgesuchte Methode, gewisse hochgelegene Ödflächen des menschlichen Körpers künstlich aufzuforsten, nunmehr glücklich gefunden und das Absalomische Ideal für die glänzendsten Denkerköpfe wirklich erreichbar. 60 40. Ein Schritt vom Wege Für ein Raumwunder, das sich vielleicht auch anderswo wiederholen könnte, bietet der Markusplatz in Venedig ein unvergleichliches Experimentierfeld. Der Versuch ist dort oft genug angestellt worden, immer mit demselben – negativen! – Erfolg. Man nimmt etwa am Punkt A Aufstellung, um den Platz mit geschlossenen Augen in gerader Linie zu durchschreiten. Der Idealweg würde der punktierten Linie entsprechen; aber selbst wenn man vom Weg abirrte, müßte man doch die gegenüberliegende, die Domseite, erreichen können. Denn der Marsch ist nicht allzulang, er beansprucht nur zwei Minuten, und so viel Orientierung in gerader Linie traut man sich zunächst auch mit geschlossenen Augen zu, daß man nicht allzuweit abzukommen meint. Man hat ja gegenüber 82 Meter Breite zur Auswahl! Die ersten zehn, fünfzehn, auch zwanzig Schritte gelingen auch meistens ganz nach Programm. Allein plötzlich erfolgt eine kleine seitliche Schwenkung, die sich rasch weiterbiegt; und wenn der Wanderer die Augen aufschlägt, so erblickt er sich zu seinem Erstaunen auf dem Weg zu den Neuen oder Alten Prokuratien, wo er beim Punkt B oder C landen würde. Ein auch nur annäherndes Überqueren des Platzes in vorgefaßter Richtung ist noch niemals Irgendeinem geglückt. Aber der Versuch hat neben dem negativen Erfolg auch ein positives Ergebnis, nämlich eine Aufklärung über die Koordinationsfähigkeit des Menschen hinsichtlich seiner Bewegungen im Raum. Er zeigt, in wie hohem Grad wir geneigt sind, unsere Anpassung selbst an die elementarste geometrische Vorstellung zu überschätzen, sobald wir sie aus dem Gehirn auf eine Muskeltätigkeit projizieren. An anderer Stelle dieses Buchs (Abschnitt 80) wird gezeigt, daß die »absolute« Raumempfindung im Ohr ihren Sitz hat. Zur »relativen« Orientierung indeß ist, wenigstens beim normalen Menschen, selbst bei geringen Abmessungen die Mitwirkung des Gesichtssinns unerläßlich. Im Gehirn allein ist nichts vorhanden, was auch nur über wenige Schritte die Funktion eines Kompasses übernimmt. 61 41. Lokomotiven-Scheu Als die Eisenbahn bereits erfunden, aber auf preußischem Gebiet noch nicht in Betrieb war, äußerte sich der damalige Generalpostmeister Nagler sehr ablehnend über das neue Verkehrsmittel. »Wo sollen wohl die Leute herkommen«, sagte er, »die so was benutzen werden? Ich lasse zwischen Berlin und Potsdam viermal die Woche die Diligence hin- und herfahren, und die ist auch noch manchmal schwach besetzt! Wozu also?« – Bald darauf trat ein hohes Medizinalkollegium zusammen, um sich zu dem Gutachten zu vereinigen, das Eisenbahnfahren wäre lebensgefährlich. Eine Geschwindigkeit von über vier oder gar fünf Meilen in der Stunde könnte ein Fahrgast nicht aushalten; ja sogar vom bloßen Hinsehen würde man Ohnmachtsanfälle bekommen, weshalb zum mindesten jede Schienenstrecke durch eine undurchsichtige Bretterwand den Blicken der Fußgänger entzogen werden müsse. Daß jeder Mensch als Erdpassagier sich mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern – nicht in der Stunde, sondern in der Sekunde – im Raum bewegt, kam dem gelehrten Kollegium nicht zum Bewußtsein. Als aber dann die Lokomotive in Deutschland ihren Siegeslauf begonnen hatte, erklärte der damalige Fürst von Anhalt-Cöthen: »Ich muß in meinem Lande auch so eine Eisenbahn haben, und wenn sie tausend Taler kosten sollte!« 42. Die Lügenmaschine Der Dozent für Irrenheilkunde an der Columbia-Universität in Amerika, Professor F.  Peterson , nimmt das Verdienst für sich in Anspruch, einen Apparat hergestellt zu haben, mit dessen Hilfe der Nachweis möglich sein soll, ob eine Person in einem bestimmten Augenblick lügt oder die Wahrheit sagt. Er hat darüber in Gemeinschaft mit seinem Mitarbeiter Dr. Jung-Zürich in der Zeitschrift »Brain« (Gehirn) berichtet. Die Grundlage für den Aufbau des Petersonschen »Psychometers« bildet die Annahme, daß jede seelische Erregung eine Änderung im elektrischen Widerstand der Körpergewebe hervorruft. Ein in den gleichen Stromkreis wie die Versuchsperson eingeschaltetes Galvanometer muß diese Widerstandsänderung anzeigen. Hätte die Versuchsperson etwa eine Uhr gestohlen, so müßte das Rufwort »Uhr« im Gegensatz zu zahllosen gleichgiltigen Worten bei ihr eine Erregung 62 hervorrufen, die durch einen Ausschlag des Psychometers kenntlich werden würde, wenn auch die Selbstbeherrschung so weit ginge, daß kein Zug des Gesichts und kein Schwanken oder Zögern der Stimme die Aufregung verriete. Durch geschickte Fragen soll in dieser Weise etwa der Tatbestand eines Verbrechens ermittelt werden können. Ein im Laboratorium der Columbia-Universität ausgeführter Versuch gelang durchaus. Es ist möglich, daß die Ursache der Anzeigen durch das Psychometer auch in ganz geringen unbewußten Bewegungen liegt, die eine Änderung des Kontakts zwischen den Elektroden und den Händen der Versuchsperson und damit eine Widerstands-Änderung im Stromkreis bewirken. 43. Die getadelte Natur Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Arbeitet die Natur meisterhaft? – Die bloße Frage klingt wie eine Ketzerei. Die Allmutter Natur, das selbstverständliche Urbild aller Vollendung, deren Zweckmäßigkeit Ausgang und Ziel tausendjährigen Denkens ist, sie sollte irgendwo von der Meisterschaft abweichen können? Aber das Erstaunliche ist Ereignis geworden. Die Frage wurde nicht nur aufgeworfen, sondern es haben sich hervorragende Gelehrte gefunden, die der Natur ihre Mängel vorrechneten. Hören wir zuerst den berühmten kürzlich verstorbenen Zoologen Metschnikow vom Pasteur-Institut, einen der Schöpfer der organischen Immunitätslehre: Wenn man alten Hausrat übernimmt, so findet man unter den noch brauchbaren auch unnütze und durch ihren schlechten Zustand sogar gefährliche Stücke; z. B. wir benutzen elektrisches Licht und erben eine Lichtputzschere. Der Mensch hat Organe geerbt, die diesen Möbeln gleichen. Der Blinddarm ist die Lichtputzschere. Die Natur will nicht einsehen, daß sie uns damit nur eine böse Last aufpackt. Sie erschafft immer wieder, aus bloßer überlebter Routine, das völlig zwecklose und störende Organ, das wir, wenn es nur irgend geht, herausschneiden und fortwerfen sollten. Ebenso liegt es beim Dickdarm . Da dieser nicht nur zu nichts dient, sondern täglich ungefähr 120 Billionen Bakterien ernährt, wird er als Mikrobenschützer zum Herd vieler ernster Krankheiten. Auch der Magen ist eins der Organe, die der menschliche Organismus sehr gut entbehren könnte; und die vom Carcinom befallenen Menschen, denen der Magen entfernt werden mußte, haben sich später auf durchaus befriedigende Weise beköstigt. Noch schroffer äußerte sich Helmholtz aus Anlaß der Tatsache, daß im menschlichen Auge bezüglich der Hornhaut und Kristallinse keine richtige 63 Zentrierung stattfindet. Helmholtz erklärte, das Auge sei trotz seiner bewunderungswürdigen Leistungen als optisches Instrument so voller Unvollkommenheiten und unnötigen Erschwerungen, daß er einem Mechaniker, der ihm ein solches Instrument brächte, die Tür weisen würde! Schärfer konnte ein der Natur erteilter Rüffel gar nicht ausgesprochen werden. In der Tat sind unser Auge sowohl wie das Ohr recht mangelhaft ausgestattet. Wie durch Versuche nachgewiesen ist, nehmen Ameisen ultraviolette Strahlen gut wahr. Unsere Augen haben hierfür keine Auffassungsmöglichkeit. Überhaupt ist die Zahl der Schwingungen, die wir zu erfassen vermögen, verhältnismäßig gering. Auf Schwingungen, deren Häufigkeit 23 000 bis 41 000 in der Sekunde beträgt, reagiert unser Ohr. Dann folgt eine gewaltige Lücke. Erst wieder 481 Billionen bis 764 Billionen Schwingungen in der Sekunde empfinden wir als Licht, das je nach der Schwingungszahl in seiner Farbe wechselt. Es kann aber keinem Zweifel unterliegen, daß es in der Natur auch Erscheinungen mit Schwingungen zwischen 41 000 und 481 Billionen gibt. Sie sind für uns nicht vorhanden, und sicherlich entgeht uns damit eine ungeheure Menge von Wahrnehmungen, über die wir uns auch nicht die geringste Vorstellung zu verschaffen vermögen. Wie bedauerlich ist es doch, daß unser Sehorgan nicht einmal die Aufnahmeschärfe der photographischen Platte erreicht, deren Empfindlichkeitsraum zwischen 18 Billionen und 1600 Billionen Schwingungen in der Sekunde liegt. Auch wegen der geringen Ausbildung unseres Gefühlssinns müssen wir die Natur anklagen. Es ist beobachtet worden, daß eine Schabe bei Annäherung eines erhitzten oder stark abgekühlten Gegenstands ihre Fühler schon bei einer Entfernung zurückzieht, bei der wir mit unseren Fingerspitzen noch nicht das Geringste wahrzunehmen vermögen. Daß der Hund sehr viel besser zu riechen vermag als der Mensch, ist bekannt. Für die Wahrnehmung von Elektrizität besitzen wir überhaupt keine Organe. Wäre das der Fall, so würde sich ein Gewitter ganz anders auf unsere Sinne äußern, als es in der Tat der Fall ist. Wir würden uns auch in der Welt in ganz veränderter Weise, nämlich nach den verschiedenen elektrischen Zuständen der Körper, zu orientieren vermögen. Die Unterschiede von Tag und Nacht wären dann nicht mehr so stark wie heute, wo das Auge trotz seiner Mangelhaftigkeit unser Hauptsinnesorgan ist. Aber vielleicht liegt bei unserer Klage gegen die Natur doch eine anthropomorphe Täuschung vor, und vielleicht behält der alte Rousseau trotz alledem, wenn auch in anderem Sinn als er es meinte, mit seinem Ausspruch Recht: 64 alles ist von vortrefflicher Vollendung, wie es von der Natur kommt, und alles entartet unter den Händen des Menschen. 44. Die Knochen als Ingenieurbauten Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Wenn der moderne Ingenieur einen Kran, eine Brücke oder eine Bahnhofshalle aus Eisen aufbaut, so türmt er sie nicht aus massiven Säulen und vollen Blöcken empor, sondern er verwendet Hohlzylinder und ein Flechtwerk aus Einzelbälkchen. Erfahrung und mathematische Berechnung haben gelehrt, daß ein massiver Körper bei Belastung durchaus nicht in allen Teilen gleichmäßig beansprucht wird, sondern daß Zonen höchster Beanspruchung mit solchen abwechseln, in denen gar keine Belastung stattfindet. Die Hohlpfeiler besitzen fast dieselbe Tragfähigkeit wie massive Säulen. Ein Gerüstwerk trägt, wenn es richtig konstruiert ist, fast eben so viel wie volle Blöcke. Als Last aber fallen Hohlpfeiler und Gerüste viel weniger ins Gewicht. Diese Verhältnisse waren in der Theorie bereits wohlbekannt und wurden in der Praxis schon längst angewendet, als man entdeckte, daß beim Skelett der höheren Wirbeltiere das Material genau nach den Gesetzen der Mechanik angeordnet ist. Die langen Knochen des Skeletts, die als Strebepfeiler wirken, wie Arm- und Schenkelknochen, sind Hohlpfeiler, denn das Innere ist mit Knochenmark oder, bei den Vögeln, mit Luft gefüllt. Die Bälkchen, die sich in den Gelenkköpfen befinden, sind nicht regellos geordnet, sondern ihr Verlauf wird durch die Beanspruchung der betreffenden Skeletteile bedingt. Sie fallen in die Richtung der Druck- und Zuglinien, in denen die in den Knochen angreifenden Lasten und Kräfte wirksam sind. So wirkt z. B. der Schenkelhals des Oberschenkels wie der Tragbalken eines Krans. Wenn man für einen ähnlich gestalteten Kran mit gleicher Belastung die Druck- und Zuglinien konstruiert, so findet man, daß sie den Richtungen der Bälkchenzüge im Schenkelhals entsprechen. Diese auffallende Struktur ist jedoch nicht einfach ererbt, sondern ihre Entstehung steht mindestens zum großen Teil unter dem unmittelbaren Einfluß der Beanspruchung. Denn wenn z. B. bei einem falsch verheilten Knochenbruch die Beanspruchung des Knochens von der normalen abweicht, und somit die Druck- und Zuglinien nicht mehr mit der Richtung der Knochenbälkchen zusammenfielen, so kommt es im Gelenkkopf zu Umbildungen, die nach einiger Zeit den mechanisch geforderten Zustand wieder herstellen. Der Knochen wird durch Erneuerung seiner inneren Architektur wieder funktionsfähig. 65 45. Aus Wasser bist du . . . Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Wenn es auch Menschen gibt, die das Wasser innerlich und äußerlich ihr ganzes Leben lang verabscheuen, so können sie die innigste Berührung mit der verhaßten Substanz dennoch nicht vermeiden. Wenn einer auch ausschließlich gebranntes Wasser zum Trinken verwendet und möglichst wenig badet, er kann doch die Tatsache nicht aus der Welt schaffen, daß sein Körper zum weitaus größten Teil aus Wasser aufgebaut ist. Die Naturforschung hat festgestellt, daß nicht weniger als zwei Drittel des menschlichen Körpers aus Wasser bestehen. Die Muskeln , die so fest erscheinen und soviel Kraft leisten können, sind sogar zu drei Vierteln aus Wasser aufgebaut. H 2 O ist überhaupt der häufigste Baustoff in der organischen Welt. Selbst die harten Holzteile der Pflanzen sind noch zur Hälfte Wasser. Bei manchen Früchten steigt der Wassergehalt auf 90–95 Prozent, bei den Algen sogar bis auf 98 Prozent. Erstaunlich ist es, wie Gefühl und Leben in einem Körper wie dem der Qualle vorhanden sein können, die bis zu 98 Prozent aus Wasser besteht. Am weitesten darin bringen es allerdings manche Salpen oder der durchsichtige Venusgürtel, der mehr als 99 Prozent Wasser enthält. Ein schöpferischer Hauch nur unterscheidet diesen mit Leben begabten Wasserstreifen von dem toten Wasser ringsum, in dem er sich tummelt. 46. Geschwänzte Menschen Quelle: Dr. Conrad Günther: »Vom Urtier zum Menschen«, zweiter Band. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1909. Die Natur liebt es, in der Entwicklungsreihe, die vom Urtier bis zum Menschen langsam aufwärts führt, hier und da Rückschläge eintreten zu lassen, die an vorgeschrittenen Arten plötzlich, mit der jähen Aufhellung des Blitzlichts, ihre Abstammung zu erkennen geben. Unsere zahmen Taubenrassen schlagen namentlich bei Kreuzungen nicht selten auf die wilde Urform zurück, indem aus den Eiern von schneeweißen oder blauroten Tauben plötzlich eine dunkelblaugrau gefärbte Felsentaube auskriecht. Auch unser Pferd zeigt manchmal eine Streifung im Fell, die nur ein Rückschlag auf zebraartige Ahnen sein kann. Beim Menschen sind neben mancherlei andern Atavismen insbesondere einige Fälle beobachtet worden, bei denen Individuen einen richtig ausgebildeten Schwanz besaßen, wie er ja in so mannigfach gestalteten Exemplaren unsere Wirbeltierahnen ziert. Es gibt einen wissenschaftlichen Bericht über ein menschliches Embryo, das 66 noch im vierten Monat seiner Entwicklung mit einem langen Schwanzanhang versehen war. In diesem ließen sich Muskelfasern nachweisen, die nur mit den echten Schwanzkrümmungsmuskeln der Tiere verglichen werden konnten. Ein anderes Kind besaß noch 6 Monate nach seiner Geburt einen 7 Zentimeter langen Schwanz, der dann abgeschnitten wurde. Dieses Anhängsel war ganz regelrecht als Schwanz durchgebildet und konnte von seinem Besitzer sogar bewegt werden. Ein Knabe in Amerika nannte im Alter von 10 Jahren einen 25 Zentimeter langen Schwanz sein Eigen. Ähnliche Abnormitäten stellen die Haarmenschen dar, die nicht selten beobachtet werden, wie Jo-Jo, der »Mann mit dem Hundegesicht«, der aus Rußland stammte und völlig idiotisch war, oder Rham-a-Gana, eine Zirkusgröße aus Liverpool mit langen Haaren über das ganze Gesicht. 47. Die letzten Kannibalen Überall auf der Erde sind die Tage des Kannibalismus gezählt. Die Sitte des Menschenfressens muß der rasch immer weiter vordringenden Kultur weichen. Dennoch gibt es auch heute noch Stätten, wo der Kannibalismus blüht wie vor Jahrhunderten, ja wo er noch eine Einrichtung des ständigen Rechts ist. So zählen zu den letzten Menschenfressern die Batakstämme auf der den Holländern gehörenden Insel Sumatra, die erst neuerdings durch Professor Wilhelm Volz näher studiert worden sind. Bei den Bataks herrscht die schöne Sitte, gefallene Feinde beim Siegesmahl zu verspeisen. Wer des Diebstahls oder des Ehebruchs für schuldig befunden ist, muß gewöhnlich ein gleiches Schicksal teilen. Merkwürdig ist, daß das Verspeisen von Menschen, das doch eine Äußerung vollkommenster Unkultur ist, bei den Bataks an feierliche und ganz genau geregelte Formen gebunden ist. Der Verbrecher darf sich verteidigen, und nur das Dorfoberhaupt hat das Recht, über Leben und Tod zu entscheiden. Bei seiner Abwesenheit wird die Rückkehr sorgsam abgewartet. Quälereien beim Töten sind strengstens verboten. Das Fleisch wird meistens entweder in großen Stücken gebraten, auf Bambusstäben geröstet oder auch in Reis gekocht. Das Fleisch der Backen und die Maus der Hände gelten als höchste Delikatessen. 67 48. Die Milliardäre Quelle: Dr. Ernst Friedegg: »Millionen und Millionäre«. Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. Sie sind und waren auf der Erdfläche stets dünn gesät. Manche der bevorzugten Personen und Firmen, die unter den Milliardären gewöhnlich genannt werden, halten die genauere Prüfung nicht aus und versinken in die bescheidenere Schicht der Multimillionäre. Um eine Milliarde Mark in Tausendmarkscheinen auszuzählen, würde einer nicht nur sehr viel Geld, sondern noch mehr Ausdauer nötig haben. Er brauchte dazu zwölf Tage und Nächte, falls er es fertig bekommt, in jeder Sekunde einen Tausendmarkschein hinzulegen und sich in den zwölf Tagen nicht die geringste Pause zu gönnen. John Rockefeller allerdings hätte dieses Verfahren abzukürzen gewußt. Wenigstens leistete er einmal, bei seiner berühmten Universitätsspende, die vereinfachte Zahlung in einem einzigen Scheck über 20 Millionen Dollars. Eine genaue Ermittelung seines Vermögens lag bis zum Sommer 1916 nicht vor: die Angaben schwankten zwischen 700 bis 800 Millionen Dollars. Neuerdings aber hat der »verdienstvolle« Herr John bei Gelegenheit seines 77. Geburtstags der Welt und besonders seiner Steuerbehörde kund und zu wissen getan, daß er rund eine Milliarde Dollars – nach dem Kurs des Jahres gleich 5 Milliarden Mark – sein eigen nenne. Johns Bruder, William Rockefeller , wird in New-York »der arme Rockefeller« genannt. Er mußte sich damit behelfen, daß ihn John bisweilen an seinen Gewinnen beteiligte, wodurch es William nicht über hundert Millionen Mark brachte. Sein Seitenstück war » le pauvre Rothschild «, ein versprengtes Glied des Welthauses, der auch wirklich nur 20 Millionen Francs besaß. Als besser situiert darf man die Vanderbilts betrachten, die in ihrem Gesamtvermögen heute über 500 Millionen Dollars verfügen. Ihnen nahe kommt Johann Jakob Astor , der als Selfmademan in das Milliarden-Maß (nach Mark gerechnet) hineinwuchs. Sehr geringen Respekt vor solchen Ziffern besitzt Andrew Carnegie . Er äußerte einmal, die meisten amerikanischen Multimillionäre nähmen zweifellos vier Fünftel ihres Vermögens ins Grab mit; sonst könnte er es sich gar nicht erklären, daß sich nach ihrem Tod gewöhnlich so wenig vorfinde. Unter den deutschen Krösussen besaßen die Augsburger Fuggers den größten historischen Glanz, der freilich in den Strahlen der heute umlaufenden Zahlen etwas verblaßt. Anton Fugger erreichte in seiner Blütezeit die Höhe von 4¾ Millionen Goldgulden. Weitaus reicher war der Feldheer Wallenstein , dessen jährliche Einkünfte 68 auf 5 Millionen Taler geschätzt wurden; wie er ja auch aus eigenen Mitteln große Heere unterhielt. Das Vermögen der Frau Berta Krupp von Bohlen und Halbach in Essen betrug nach der letzten Einkommensteuer-Statistik vor dem Krieg 283 Millionen. Bei den Reichen des Altertums muß man in Gedanken einen Ergänzungsfaktor hinzufügen, hergeleitet aus der ungleich stärkeren Kaufkraft des Gelds. Wenn man also sagt, der Triumvir Licinius Crassus , mit dem Beinamen Dives, der Reiche, habe (nach Plutarch und Plinius) 35 Millionen Mark besessen, so hat man noch einen sehr hohen Multiplikator einzusetzen, um den Vergleich mit dem Heute zu ermöglichen. Der wirklich reichste Mensch aller Zeiten und Länder ist bei Errechnung jenes Multiplikators wahrscheinlich der Kaiser Augustus gewesen. Er hat sich zwar nicht »im Gold gewälzt«, wie es sein Nachfahre Caligula nach der Mitteilung des Suetonius buchstäblich getan hat; aber er besaß doch viel mehr, nämlich zufolge dem Marmor Aucyranum über 4 Milliarden Sesterzen. Noch tröstlicheres erfährt man aus derselben Quelle: daß er nämlich jene Summe für den Staat restlos ausgegeben habe. Jedenfalls war nicht Krösus, sondern in der Blüte seiner Finanzen Augustus – der Krösissimus des Altertums. 49. Der Sperlingsvater Quelle: Zeitschrift »Tierseele«. Verlag von Emil Eisele, Bonn, 1913. Im Tuileriengarten zu Paris ereignete sich in unseren Zeiten durch viele Jahre alltäglich ein Idyll. Da erschien um die Mittagsstunden ein nachlässig gekleideter, mit einem unmöglichen Filzhut bedeckter und überhaupt wenig anmutig wirkender alter Herr, der sofort der Mittelpunkt einer wahren Vogelwallfahrt wurde. Von allen Seiten flogen die zahllosen Spatzen des Gartens herbei, setzten sich dem Herrn » Pol « auf den Kopf, die Arme, die Hände, und gaben durch ihr ganzes Gebahren zu erkennen, daß zwischen diesem Mann und ihnen eine innige Beziehung obwaltete; vielleicht noch obwaltet, wenn Monsieur Pol noch leben sollte, und falls der Krieg die zarten Fäden zwischen ihm und der Vogelwelt nicht zerstört hat. Niemals ist beobachtet worden, daß er die Tierchen »abrichtete« oder durch Kunstgriffe zähmte; sie gehörten eben zueinander, wie die Wesen im Urzustand nach dem Bild, das die Dichter vom goldenen Zeitalter entwerfen. Daß Monsieur Pol die Taschen voller Körner und Brosamen hatte, versteht sich von selbst, 69 konnte aber für die Tatsache nur als Begleitmotiv gelten; denn tausend andere füttern die Vögel, ohne im entferntesten einen derartigen Freundschaftsgrad zur gefiederten Welt zu erzielen. Das Merkwürdigste aber war, daß die zahllose Sperlingsschar ihm gegenüber keine unterschiedslose große Masse bedeutete, sondern individualisiert war, wie die Schüler einer Klasse. Jeder einzelne Sperling hatte seinen Namen und kannte ihn: Jacques, Philippe, Josephe, Mirabeau, Général Hoche, Jean und Jeannette, und jeder folgte dem Namensanruf pünktlich wie ein Soldat, der sich auf Kommando meldet. Monsieur Pol hatte anfänglich mit den Gärtnern zu kämpfen, denen die Menschenaufläufe unbequem waren. Allein die höheren Instanzen verschafften ihm freien Weg wie staatliche Anerkennung, und eines Tags konnte sich der Vogelzauberer seiner piependen Gemeinde als Ritter der Ehrenlegion vorstellen. 50. Überraschende Höchstpreise Von Plinius Secundus Major sind Schriften auf uns gekommen, die einen antiken Kurszettel von der römischen Produktenbörse enthalten. Der Ausdruck ist vielleicht nicht ganz genau, denn Plinius hält sich nicht an den Tag, gibt vielmehr einen allgemeinen Preisbericht. Das zu Grunde gelegte Geldstück ist das As, die kleinste römische Kupfermünze, nach heutigem Wert etwa 4 Pfennige. Wir lesen nunmehr: Der plebejische Ädile (Polizeidirektor) Manius Marcus lieferte zuerst dem Volk das Getreide um ein As für den Scheffel . Minutius Angurinus, der elfte Volkstribun, brachte den Preis des Roggens auf denselben Preis; deswegen wurde ihm vor dem trigeminischen Tor eine Bildsäule von dem Volk aus freiwilligen Beiträgen gesetzt. Trebius erhielt aus der nämlichen Veranlassung Statuen auf dem Kapitol und dem palatinischen Hügel. Terentius Varro erzählt, daß zur Zeit von Metellus' Triumphzug nicht nur der Scheffel Roggen 1 As gegolten habe, sondern ebensoviel die Maas Wein, 30 Pfund getrocknete Feigen, 10 Pfund Öl, 12 Pfund Fleisch . Es bedarf keiner weitläufigen Umrechnung, um den Gedanken nahezulegen, daß solche »Höchstpreise« (durchschnittlich ein Fünfhundertstel der von uns erlebten) für die Beteiligten einen sehr angenehmen Beigeschmack hatten und für sie einen Höchstgenuß bedeuteten. 70 51. Der Macheïde Quelle: Emanuel Lasker: »Das Begreifen der Welt«. Verlag von Hans Joseph G.m.b.H., Berlin, 1913. Wenn im Gebiet des organischen Lebens eine beständige Aufwärtsentwickelung stattfindet, so muß irgendwann auch ein Höchstmaß der Verstandesleistung eintreten. Das Wesen, in dem sich dieses Höchstmaß verkörpert, ist von Emanuel Lasker in seinem Werk »Das Begreifen der Welt« definiert worden; er nennt es »Macheïde«, vom griechischen Machē, der Kampf. Es ist ein figürliches Wesen und doch auch wieder eine Persönlichkeit, ein Mensch sozusagen, das letzte Produkt reingeistiger Hinaufpflanzung, in der Linie menschlicher Entwickelung als möglich gedacht. In diesem Machenden, dem Sohn des Kampfs, soll dereinst das Begreifen der Welt restlos aufgehen. Bleibt uns Lebenden das Problem dieses Vollbegreifens auch unbeantwortet, so ist doch ein Wesen von gesteigerten Hirnqualitäten denkbar, das die Aufgabe löst. Der Macheïde ist ein weitläufiger, zeitlich sehr entfernter Verwandter des »Übermenschen«. Während dieser schon im cäsarischen Altertum, in der Hochkultur der Renaissance (etwa als Cesare Borgia) existiert haben mag, wurzelt der Macheïde in entlegener Zukunft. Er stellt das Grenzglied einer unendlichen Reihe dar, in deren Verlauf dauernd Entwicklungsschädlichkeiten ausgetilgt, dafür Förderlichkeiten gewonnen werden, nach den Grundsätzen der Auslese, Anpassung und Zweckmäßigkeit von Oken, Lamarck, Darwin und Spencer. Ist der Macheïde möglich? Diese Frage ist zu bejahen. Denn wenn er auch in der Vollerscheinung der Menschen noch nicht umherwandelt, so gibt es doch Teilorgane, die schon heute als Macheïden bezeichnet werden können: das Herz, das Blut, die Lunge, in körperlichem Betracht sogar das Gehirn. Wunderbar zweckdienlich arbeiten sie, aus unerschöpflichem Gattungsgedächtnis gewinnen sie untrügliche Verhaltungsregeln, sie betätigen sich mit automatischer Sicherheit. Der Teil ist also weiter als das Ganze . Gelingt es dem Ganzen, den Vorsprung des Teils einzuholen, so steht der Mensch-Macheïde vor uns. Einstweilen ist dieser Vorsprung noch ungeheuer. Der homo sapiens auf heutiger Stufe sucht, versucht, zagt am Problem, tastet zwischen Gelingen und Mißlingen. Erst der im Unabsehbaren liegende Grenzwert wird Automat sein; will sagen: dieser Grenzmensch wird die Selbstverständlichkeit im Denken und Handeln erreicht haben. Der Schachmacheïde wird die ideale Partie spielen, jedem Zug des Gegners nicht nur den relativ, sondern den unbedingt besten entgegensetzen als Spieler von unbegrenzter Stärke. In der Welt des Waffenkampfs wird es Macheïden der Strategie geben, die, unterstützt von Macheïden der Organisation, den Sieg unfehlbar in der Hand halten. Ein Macheïde der Mathematik würde die 71 schwierigsten Probleme seines Fachs mit derselben Leichtigkeit durchschauen wie wir den Satz, daß 2 mal 2 gleich 4 ist. Der Macheïde der Zukunft wird seinen Zeitgenossen die Zukunft erklären, wie er sie begreift. Die Hilfsmittel der Sprache, wie wir sie kennen und üben, werden hierzu nicht ausreichen. Aber andere, gesteigerte Sprachmöglichkeiten werden ihm zur Verfügung stehen. Fraglich bleibt nur, ob jene fernen Zeitgenossen von dem, was der Macheïde des Weltbegreifens alsdann zu erzählen hätte, irgendetwas verstehen werden. Einstweilen wirkt es berauschend, sich den Macheïden, wenn auch nur als eine Pfeilerfigur am Bau der Erkenntnis, in Gedanken vorzustellen. 72 Wunder der Tierwelt 52. Die denkenden Pferde von Elberfeld Quelle: Zeitschrift »Tierseele«. Verlag von Emil Eisele, Bonn, 1913. Bei der Betrachtung der Elberfelder Phänomene wollen wir uns bemühen, jede Parteinahme – wenn auch nicht jedes Urteil – auszuschalten; das Wort sei daher zuerst den andern erteilt, die mit dem Gewicht ihrer Namen für ihre Beobachtungen eintreten. Eine mächtige Literatur im Format einer ganzen Bibliothek bietet sich uns zur Auswahl; schon das bloße Verzeichnis der einschlägigen Bücher, Schriften, Abhandlungen, Artikel in gelehrten und ungelehrten Zeitungen ist unübersehbar. Die Beschränkung auf ganz kurze Stichproben erscheint somit unabweisbar. Wir folgen zunächst den Spuren eines Berichts in den »Archives de Psychologie«, nach der deutschen Übersetzung der »Tierseele«, Zeitschrift für vergleichende Seelenkunde, Bonn 1913. Sein Verfasser ist Ed. Claparède , Professor an der Universität zu Genf. Man beachte also, daß wo im Folgenden die Worte »wir«, »ich«, »uns« auftreten, diese Fürwörter durchaus auf die Person des Professors Claparède zu beziehen sind: Der Unterricht der beiden Hengste Zarif und Muhammed begann mit einer Zeitdauer von 1½ bis 2 Stunden für jedes Tier. Schon nach Verlauf von drei Tagen konnten sie die ersten auf die Tafel geschriebenen Zahlen 1, 2, 3 erkennen und berührten die genannte Ziffer mit dem Mund. Es handelt sich hierbei übrigens nur um einfache Assoziationen, wie man sie bei dressierten Tieren antrifft und die keine Verstandesübung voraussetzen. Aber folgendes fällt »uns« sofort auf: nach 10 Tagen konnte Muhammed bis 4 zählen. Einige Tage später erklärte man ihm die Zehner, die er mit dem linken Fuß treten müsse, da der rechte für die Einer bestimmt sei. Und am 14. November 1908 führte Muhammed eine ganze Reihe einfacher Additionen richtig aus: 1+3, 2+5 usw., sogar Subtraktionen wie 8–3. Am 18. November ging man zur Multiplikation und Division über, am 21. zu den Brüchen und zur Addition von Brüchen. Im Dezember lehrte man ihn Französisch, und er beantwortete ebensogut französisch wie deutsch gestellte Reihenaufgaben. Im darauf folgenden Mai konnte 73 Muhammed Quadrat und Kubikwurzeln ausziehen und kleine Aufgaben folgender Art lösen: Im Februar 1909 beginnt das Lesen und Buchstabieren. Dieses Buchstabieren geschieht mittels eines Alphabets, in dem jeder Buchstabe oder Doppellaut in einem rechteckigen Schema mit einer Zahl versehen ist. Das Pferd buchstabiert, indem es mit dem Huf die dem gewünschten Buchstaben entsprechende Zahl klopft. Dieses Verfahren befähigte Zarif, nach vier Monaten aus eigenem Antrieb Wörter zu buchstabieren, die man ihm vorspricht, und die er noch nie geschrieben gesehen hat. Es wird immer merkwürdiger! Diesmal dringen wir weiter in den Geisteszustand des Pferds vor, da wir aus dem Buchstabieren darüber Aufschluß erhalten, wie es die Buchstaben vereinigt, um sie mit den gehörten Lauten in Einklang zu bringen. So wird das ihnen vorgesprochene Wort »Pferd« an verschiedenen Tagen in folgenden Formen buchstabiert: Muhammed: bfert, bfrt, färd, frt, faärt, faert, färb, fpferd, pärd, ppverd, pfer, tferd, fed . . . Zarif: bferd, färed, fferwt, fvert, pfert, bffet, fdaerp usw. Für das Wort Zucker finden wir: zkr, zukr, zuqr, czukr, sucr, uzker, zuker, zzzucher usw. Muhammed schreibt seinen Namen: maemuaämt, muahmet, muamät; Zaris den seinigen: tsarem, zarif, sfrai, zuarif, zuruf. Alles das ist fast unglaublich und eröffnet ganz unerwartete Ausblicke. Sitzungsbericht (stark gekürzt): Wir waren auf 10 Uhr vormittags gebeten. Die Sitzung fand in einer Art Remise statt, die zum Unterrichtsraum eingerichtet ist. Zarif wird hereingeführt. Herr Krall , der Besitzer der Hengste, zeigt uns, daß sein Schüler französisch versteht und schreibt auf die Tafel in phonetischer Schrift, frei von den Spitzfindigkeiten der Rechtschreibung: fät sero . Das Pferd führt mit dem Kopf das Zeichen der Verneinung aus, das in seiner Sprache »null« bedeutet; dann comptä dis ; das Pferd klopft einmal mit dem linken Fuß, also richtige Antwort: 10. Man schreibt auf die Tafel zweiundzwanzig . Das Pferd irrt sich 74 diesmal zweimal beim Lesen dieser Zahl. Krall schreibt dann: adire zweiundzwanzig zu 11 Antwort 33. – – – Zum Schluß wird Muhammed hereingeführt. Muhammed ist das Genie der Gesellschaft. Er ist viel lebhafter, viel aufgeweckter als Zarif. Nachdem er mich dem Pferd höflich vorgestellt hat, beginnt Krall sogleich mit dem Ausziehen von Quadratwurzeln, der Spezialität Muhammeds. Er schreibt auf die Tafel Muhammed antwortet zuerst 52, dann auf den Zuruf »Falsch«: 42 (richtig). Krall schreibt dann das Zeichen + unter das ×-Zeichen dieser Aufgabe und bittet das Pferd, die beiden Wurzeln zu addieren; dieses antwortet sofort richtig 13. Bei der zweiten und dritten Sitzung erhöhte sich die Schwierigkeit durch Kubik- und Biquadratwurzeln. Es gab falsche und richtige Antworten. Die Anwesenden kannten die Lösungen nicht zuvor . Bei den Versuchen der dritten Sitzung war das Pferd allein im Unterrichtsraum , und wir beobachteten seine Klopftritte durch ein kleines mit Glas verschlossenes Fenster in der Tür. Der Oberkörper des Pferds war durch eine Bretterwand verdeckt, sodaß die Zuschauer, dem Pferd selbst vollkommen unsichtbar, nur seine Füße sehen konnten. Unter anderm hatte Professor Claparède die Aufgabe gestellt ; Antwort des allein im Raum befindlichen Pferds in wenigen Sekunden: 28 (richtig.) – – Im Anschluß an den Bericht des Schweizer Gelehrten geben wir einige Zeilen aus dem Gutachten des Dr. H. Craemer , Professors an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim-Stuttgart: . . . Nie habe ich etwas gelesen, was mich derart gefesselt, ja geradezu erschüttert hat, wie das Buch des Manns, der den Namen seiner Vaterstadt Elberfeld über den Erdball trägt . . . Und ich fuhr sofort nach Elberfeld, um durch eigenen Augenschein die Eindrücke nachzuprüfen, die ich beim Lesen des Buchs erhalten . . . An der Tafel stehen Ziffern, und zwar in verschiedenen Farben, die der Hengst Zarif zunächst ganz richtig unterscheidet. Auf den Befehl, die zwei rechtsstehenden Zahlen zu nennen, gibt er eine unerwartete Antwort. Falsch heißt es, doch Zarif bleibt bei seiner Meinung. Da sehe ich plötzlich, daß etwas weiter rechts, auf dem Fernsprecher, in gleicher Höhe, noch ein Täfelchen mit der Zahl 5 aus Zufall stehen geblieben ist. Diese hat der Hengst mitgezählt, und bei seiner 75 Auffassung der Frage war er subjektiv völlig im Recht. Um Suggestion oder Dressur konnte es sich hier also nicht handeln, denn wir alle hatten übereinstimmend eine andere Lösung erwartet, und Zarif war auf das vermeintliche Falsch seiner Antwort noch besonders aufmerksam gemacht worden. Die Quadratwurzel aus 12321, die Heer Krall auf meinen leise geäußerten Wunsch an die Tafel schrieb, beantwortete Zarif erst falsch mit 112, dann sofort richtig mit 111. Ohne daß wir die Lösung kannten , wurde ferner von einem andern Besucher, den ich selbst Herrn Krall erst vorgestellt hatte, die Aufgabe an die Tafel geschrieben und zunächst undeutlich, dann aber klar und richtig mit 13 beantwortet . . . Herr Professor Edinger , eine der hervorragendsten Autoritäten auf dem Gebiet der Erforschung des Gehirns, hat in der »Frankfurter Zeitung« die Tatsache des selbständigen Denkens der Pferde bejaht, und Herr Professor Besredka , der Direktor des weltberühmten Instituts Pasteur in Paris, äußerte sich wörtlich: »Ich bin erstaunt über die Genauigkeit, mit der diese Pferde auf Fragen antworten, für die ein Mensch mehr Zeit gebraucht hätte. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Pferde vernünftig denken und rechnen ( raisonnent et calculent ).« – – – Zarif und Muhammed haben übrigens in einem kleineren Vierbeiner scharfen Wettbewerb erfahren. Hier einige Urteile über diesen Konkurrenten. Dr. Karl Gruber , Privatdozent (München): Diese Bedingung (persönliche Prüfung des Phänomens) konnte erfüllt werden durch einen Besuch beim denkenden Hund »Rolf« der Frau Paula Moekel in Mannheim. Ich war imstande, die kritischen Untersuchungsmethoden, ohne deren Verwendung man als gewissenhafter Forscher kein abschließendes Urteil abgeben darf, in vollem Maß anzuwenden. Mitteilungen über die ganz eminenten Leistungen des Hunds finden wir an anderen Orten, im »Zoologischen Anzeiger«, in der Zeitschrift »Tierseele«, den »Mitteilungen der Gesellschaft für Tierpsychologie« usw. Meine Protokolle berechtigen mich zu der Behauptung, daß Rolf ein hoch entwickeltes, selbständiges Denkvermögen besitzt, denn er ist nicht nur imstande die schwierigsten Rechenaufgaben zu lösen, sondern mittels des Klopfalphabets vermag er auf die vielfältigsten Fragen Antwort zu geben, spontan, aus sich heraus Wünsche zu äußern oder Fragen zu stellen, Bilder zu erklären usw. Auszug aus den von Dr. Gruber genau protokollierten Sitzungsergebnissen: Der Name des Besuchers wurde genannt. Frage: Wie heißt der Herr? Rolf antwortet: grubr. – Ein eben skizzierter Vogel, gezeichnet mit Blau- und Rotstift wird ihm vorgehalten, Rolf: fogl asd blau fans rod brusd gobf (Vogel 76 Ast blau Schwanz rot Brust Kopf). In einem Bilderbuch, das er nie zuvor gesehen, das auch Rolfs Herrin nicht sehen kann , zeige ich zwei fliegende Schwalben. Rolf: 2 swalbn flign. Ein anderer Beobachter, Dr. William Mackenzie (Genua), hat dem erstaunlichen Tier, mit dem er lange Zeit experimentierte, eine besondere, umfangreiche Schrift gewidmet. Die Versuche wurden so angestellt, daß jede bewußte oder unbewußte Verbindung zwischen dem Hund und den Anwesenden (etwa durch Spiegelung) völlig ausgeschlossen waren. Eine sinnreiche Anordnung bewirkte, daß sogar der Experimentator die an den Hund zu richtende Bild-Frage nicht kannte. Nur dieser selbst vermochte die Karten oder Bilder zu sehen, die er erläutern sollte. Frage: eine Ansichtskarte mit einem Dachshund. Antwort: »dgl« (degel = Teckel). Ergänzungsfragen: »Sehr gut. Bist du auch ein Teckel?« – »hund«. »Ja, aber der Teckel ist doch auch ein Hund, ist kein Unterschied zwischen dir und dem Teckel?« – Antwort: »andr fus«. Usw. Wir müßten den verfügbaren Raum erheblich überschreiten, wenn wir weiter auf die in Fülle vorliegenden Zeugnisse eingehen wollten. Natürlich fehlen auch nicht die Gegenstimmen, die von »Täuschung«, »Selbsttäuschung«, »Instinkt«, »Dressur«, »optischen Hilfen« zu vermelden wissen. Lebten die Philosophen der Vorzeit heute, so fänden sie ein unübersehbares Debattierfeld. Cicero, Descartes, vielleicht auch Aristoteles würden sich auf die Seite der Gegner schlagen, Plutarch, Plotin und namentlich Plinius würden die neuen Tierwunder mit froher Genugtuung als Stützen ihrer eigenen Lehrmeinung begrüßen. Aber vielleicht käme selbst Descartes auf Grund vorerwähnter Versuche zu dem Verdacht, daß mit dem Wort »Dressur« das Rätsel nur auf ein anderes Feld geschoben, indes nicht gelöst werden kann. Die Stärke des Tierintellekts, auf den sich solche Dressur gründen könnte, würde gegenüber der landläufigen Auffassung vom beschränkten Tierverstand nur ein neues Rätsel bedeuten. Und schließlich bliebe nur ein Ausweg: anerkennen, daß die Tierpsychologie sich heute überhaupt erst in den vorbereitenden Anfängen befindet und deshalb auf verbreiterter Grundlage weiter experimentieren muß, anstatt sich in Wortgefechten zu erschöpfen. Im Grunde genommen steht die Frage: Instinkt? Überlegung? nicht höher als die vormals in Scholastikerkreisen gewälzte: ist die Fledermaus ein Vogel oder nicht? Und als Vorbedingung weiterer Erörterung sollte noch immer gelten, was John Locke dazu bemerkte: man möge sorgfältig prüfen, ob nicht der größte Teil solcher Streitigkeiten einen rein verbalen Charakter trage, und ob nichts wenn die Ausdrücke genau definiert und in ihrer Bedeutung auf bestimmte 77 einfache Ideen, die sie vertreten oder vertreten sollten, zurückgeführt würden, jene Streitigkeiten von selbst aufhören und unverzüglich verschwinden müßten. Gänzlich und schroffstens abzuwehren aber ist die Annahme, daß bei jenen Versuchen, zumal den Elberfeldern, eine irgendwie beabsichtigte Täuschung mitgewirkt haben könnte. Wie dürfte sich ein solcher Verdacht hervorwagen, nachdem Professor Wilhelm Ostwald , eine Leuchte deutscher Wissenschaft, folgendes bekannt hat: »Während Darwin den ununterbrochenen biologischen Zusammenhang zwischen den allerniedrigsten Organismen und dem Menschen gezeigt und die alte Sage, daß der Mensch schon körperlich etwas wesentlich anderes sei als das Tier, dadurch endgiltig zu Fall gebracht hat, liegt hier (bei den Elberfelder Begebenheiten und dem Krallschen Buch) ein ernsthafter und in höchstem Maß beachtenswerter Versuch vor, den gleichen Zusammenhang auf dem geistigen Gebiet nachzuweisen . . . Die Versuche sind von andern zum Teil kontrolliert, zum Teil mit denselben Tieren fortgesetzt worden, und dem Berichterstatter hat einer von den Mitarbeitern, Professor Gehrike von der Physikalisch-technischen Reichsanstalt, brieflich die Versicherung gegeben, daß die berichteten Tatsachen vollkommen der Wahrheit entsprechen .« 53. Der kluge Hans Mit vollkommener Skepsis, also in scharfem Gegensatz zu den im vorigen Abschnitt wiedergegebenen Ansichten, betrachtet der bedeutende Berliner Psychologe Dr. Albert Moll die denkenden Pferde. Über eins solcher Pferde, dessen Leistungen lange Zeit hindurch in ganz Berlin Tagesgespräch waren, schreibt er: „»Das lesende Pferd«, »Das Wunderpferd«, »Der kluge Hans«, »Das rechnende Pferd«, so lauteten die Überschriften von großen Zeitungsartikeln im Jahre 1904. Ein Berliner Pferdeliebhaber, Herr von Osten , glaubte, daß man ein Pferd in ähnlicher Weise wie den Menschen unterrichten könne. Die Leistungen des Pferds waren nach einem damaligen Bericht die folgenden: das Pferd beherrschte die Zahlenreihe von 1 bis 100 mit absoluter Genauigkeit, es konnte bis zu 100 Gegenständen zählen, es löste Rechenaufgaben aller vier Spezies, verstand auch mit Brüchen zu rechnen und Wurzeln zu ziehen, es konnte lesen, kannte das Zifferblatt der Uhr, es unterschied die Farben, auch Akkorde und Melodien, es kannte Spielarten, Münzen und manches andere. Damit der kluge Hans das, was er kannte, verständlich machen konnte, mußte er natürlich gewisse Zeichen geben. Dies geschah durch Klopfen mit dem 78 rechten Fuß. Wenn man also fragte: »Wieviel ist drei mal zwei?«, so klopfte Hans sechsmal mit dem rechten Fuß. Wenn man ihn fragte: »Wieviel ist 600000:30000«, so klopfte er zwanzigmal. Eine Kommission von Sachverständigen hat damals den klugen Hans geprüft, und die Sachverständigen gaben ein Gutachten dahingehend ab, daß der Fall mit Dressur nichts zu tun habe, und daß das Vorhandensein unabsichtlicher Zeichen von der gegenwärtig bekannten Art als ausgeschlossen gelten müsse, ja das Gutachten erklärte sogar, daß die Methode des Herrn von Osten von Dressur wesentlich verschieden und dem Volksschulunterricht nachgebildet sei. Die ganze Methode und Unvorsichtigkeit, mit der damals an die Frage herangegangen wurde, ist umso bemerkenswerter, als solche rechnenden Pferde auch schon früher gezeigt wurden, so z. B., wie ein erhaltener Zettel ergibt, bereits im siebzehnten Jahrhundert. Wenn man weiter bedenkt, daß der kluge Hans den Namen Bethmann mit th buchstabierte, daß er einen auf ow endenden Namen, da er offenbar wußte, daß das w stumm war, richtig buchstabierte, mußte die Sache noch umso mehr auffallen. Als ein Polizeileutnant und ein Oberleutnant anwesend waren, hat der kluge Hans auf die Frage, wieviel Offiziere anwesend seien, nur einen angegeben. Es wurde damals erklärt, daß der Polizeileutnant nicht Offizier im landläufigen Sinn des Worts sei. Als ich (Moll) Gelegenheit hatte, den klugen Hans zu prüfen, stellte es sich heraus, daß das Pferd, wenn ihm Fragen gestellt wurden, deren Antwort der Fragende nicht kannte, vollkommen versagte. Trotzdem haben sich damals Gelehrte, Pferdekenner und natürlich tausende von Laien über die Rechenkünste des klugen Hans den Kopf zerbrochen. Förmliche Völkerwanderungen fanden statt, um das Wundertier zu sehen. Wunderbar waren dabei zwei Sachen: 1. daß ernste Männer ohne alle wissenschaftlichen Vorbedingungen an die Prüfung herangingen, und 2. daß der kluge Hans ganz minimale Zeichen, die der hinter ihm stehende Heer von Osten offenbar unabsichtlich gab, vollständig verstand. Sobald das Pferd klopfen sollte, bückte sich der hinter ihm Stehende unwillkürlich, und wenn es mit dem Klopfen aufhören sollte, hob der Fragende, ohne es zu merken, den Kopf leicht in die Höhe. Es war interessant, auf wie feine Zeichen das Pferd damals reagierte. Es ist Pferdekennern längst bekannt gewesen, daß man Tiere dazu bringen kann, überaus feine Zeichen zu verstehen. Wenn man also den klugen Hans fragte: »Wieviel ist dreimal sechs?« so bückte sich der hinter ihm Stehende unwillkürlich etwas, und nun begann der kluge Hans zu klopfen, bis er 18 mal geklopft hatte, worauf der hinter ihm Stehende ganz ohne Absicht den Kopf etwas hob. Diese feine Dressur hat selbst Männer der Wissenschaft dazu gebracht, solche 79 Zeichen in Abrede zu stellen, ja zu vermuten, daß ein Pferd wirklich Brüche und ähnliches rechnen könne. Wunderbar war ferner der Umstand, daß Männer der Wissenschaft und auch Pferdekenner das nicht wußten, was jedem Droschkenkutscher bekannt ist, nämlich daß das Pferd außerordentlich weit nach hinten sieht. Wenn der Droschkenkutscher nur die Peitsche leicht hebt, so sieht das Pferd dies; die Männer der Wissenschaft aber glaubten damals, daß das Pferd, wenn sie hinter ihm standen, die Zeichen nicht bemerke. Nachdem ich seinerzeit auf diese Fehlerquelle hingewiesen hatte, wurden neue Prüfungen vorgenommen, und es stellte sich heraus, daß das Pferd in der Tat ausschließlich auf einfache Zeichen hin jene vermeintlichen Leistungen, die es nach den Ansichten Einiger auf die Stufe eines Obertertianers brachten, vollbracht hatte. Von eigener Begriffsbildung und Kombination war natürlich gar nicht die Rede.” 54. Wundertiere aus früheren Jahrhunderten Quelle: Krall: »Denkende Tiere«. – Aufsatz von A–n in Aachen in der »Bergisch-Märkischen Zeitung« von November 1912. Ein historisch beglaubigtes »denkendes Pferd« wurde Ende des sechzehnten Jahrhunderts in London gezeigt. Das Tier hat sogar die Ehre genossen, von Shakespeare in der »Verlorenen Liebesmüh'«, erster Akt, 2. Szene, verewigt zu werden. Dieses Pferd hieß eigentlich »Marokko«, wurde aber allgemein »das Pferd von Bankes« genannt, nach dem Namen seines Besitzers. In verschiedenen gelehrten Schriften zeitgenössischer Autoren werden die Leistungen des Pferds – die unleugbar ein Denkvermögen voraussetzen – ausführlich geschildert. In Paris entging Bankes mit knapper Not dem Schicksal, als Hexenmeister angeklagt zu werden. Kurz darauf war er aber so unvorsichtig, mit seinem Wundertier nach der päpstlichen Dunkelstadt Rom zu gehen, und dort wurde er wirklich als höllischer Zauberer zu einem grausamen Tod verurteilt. Ben Jonson gedenkt dieses tragischen Schicksals in seinem 134. Epigramm. M. Guer berichtet in seiner » Histoire critique de l'âme des Bêtes « von dem »berühmten Pferd«, das im Jahre 1732 auf dem Markt von St. Germain gezeigt wurde. Der Philosoph Le Gendre ergänzt den Bericht durch die Angabe: man könne nicht daran zweifeln, daß dieses Pferd von St. Germain durch die Zeichen oder Bewegungen seines Herrn geleitet würde. Erstaunlich sei es aber, daß es sich nach Zeichen richte, die allen Zuschauern unbemerkbar blieben. Und nun fügt der Herausgeber der »kritischen Geschichte . . .« hinzu: »Das ist meines Erachtens nicht genug. Ich weiß nicht, ob man zu weit gehen würde 80 mit der Behauptung: um diese Zeichen – wenn solche vorhanden waren – zu verstehen und zu befolgen, müßte das Pferd vielleicht ebensoviel Verstand haben wie sein Herr! « Diese Bemerkung, die den Kern der Sache trifft, wurde vor mehr als 160 Jahren gemacht. 55. Theorie des Kaviarbrötchens Quelle: Wilhelm Bölsche: »Das Liebesleben in der Natur«, zweite Folge. Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig, 1901. Ein Kapitel von der Sexualverschwendung der Natur. Auf einem gut belegten Kaviarbrötchen dürften sich etwa 500 der runden Körner befinden. Nehmen wir an, daß sie von der in der Wolga und dem Schwarzen Meer lebenden Störart herstammen, die am meisten Kaviar liefert: vom Hausen. Dann hätten sich aus den 500 Körnern, da ja jedes von ihnen ein richtiges Ei ist, wenn sie befruchtet worden wären, 500 Hausen entwickeln können. Jedes dieser Tiere wird ungefähr 8 Meter lang. In jedem Kaviarbrötchen verspeist man also gewissermaßen eine Fischmasse von 4 Kilometern Länge. Nun werden aber im Lauf eines Jahrs von den Leckermäulern in allen Teilen der Erde so viele Kaviarbrötchen verspeist, daß man den Jahresverbrauch in dieser Luxus-Eßware auf rund 10 Milliarden Störeier schätzt. Wenn nun die Fortpflanzungsverhältnisse beim Hausen ebenso lägen wie beim Huhn, so nämlich, daß jedes Hausenweibchen in seinem Innern nur ein einziges entwickeltes Ei bärge, dann müßten sich, da man zur Gewinnung des Kaviars den ganzen weiblichen Fisch fangen und aufschneiden muß, im Schwarzen Meer und seinen Zuflüssen so viele Hausenexemplare befinden, daß für Wasser darin gar kein Platz bliebe. Die Wirklichkeit ist jedoch ganz anders. Denn jedes Hausenweibchen stellt ein wahres Riesenbehältnis für Kaviar dar. Es sind einzelne Hausen gefangen worden, die bei 1400 Kilogramm Gesamtleibesgewicht 400 Kilogramm Eier trugen. Das macht mindestens 3 Millionen Eier in einem einzigen Fisch, genug zum Belegen von 6000 Kaviarbrötchen. Wie armselig erscheint dagegen das Heringsweibchen mit seinen nur 30 000 Eiern. Die Forelle birgt nur 1000, der Stichling nicht 100 Eier. Der Hecht erst kommt wieder auf 100 000, der Karpfen bis zu einer Million, der Kabeljau übertrifft den Hausen noch, denn bei ihm sollen schon bis zu 9 Millionen Eier in einem Weibchen gefunden worden sein. Die Ursache für diese kolossale Verschwendung der Natur, die durch entsprechende Verhältnisse bei den Männchen ergänzt wird, ist die Unsicherheit der Vorgänge bei der Befruchtung; denn die Fische laichen ins offene Wasser, wobei eine Unzahl von Eiern unbefruchtet zugrunde geht. 81 Da die Fische zu den Urahnen des Menschen gehören, so erklärt sich von hier entwicklungsgeschichtlich die sonst unbegreifliche Tatsache, daß im Eierstock des Menschenweibs die Grundlage zur Entwicklung von 72 000 Eiern gegeben ist, während der Mann Millionen von Befruchtungszellen zu produzieren vermag. Beim Menschen liegen ja die Verhältnisse für die Empfängnis unendlich viel günstiger. Aber das Fischstadium spukt eben wie bei allen andern Säugetieren auch noch hier hinein. 56. Der Hummeltrompeter Quelle: Dr. Franz Doflein: »Das Tier als Glied des Naturganzen«, zweiter Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet«, von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914. An großen Hummelnestern kann man im Sommer am frühen Morgen, etwa zwischen ½4 und 4 Uhr, eine seltsame Beobachtung machen. Da sieht man auf dem Dach des Nests, gerade über dem Flugloch eine kräftige Hummel sitzen, die dort ein kolossales Gebrumme aufführt. Der Volksmund hat das in solcher Weise tätige Tier Hummeltrompeter genannt und wollte damit der Meinung Ausdruck geben, daß es eine Art Torwächter sei, der an jedem Morgen den ganzen Bau durch seinen Lärmruf wecke. Aber wenn auch diese Anschauung nicht das richtige trifft, so ist die tatsächliche Aufgabe des Hummeltrompeters doch nicht weniger interessant. Er stellt nämlich einen Ventilator dar, der durch sein emsiges Flügelschlagen, das 30 bis 60 Minuten währt, einen Luftstrom aus dem Nest herauswirbelt. Auf diese Weise fördert er aus dem Bau die schlechten Gerüche, schädliche Gase, heiße Luft heraus und bewirkt durch Verringerung des Wasserdampfgehalts eine Kondensation des eingebrachten Honigs. Es handelt sich hier schon um die Ausübung einer sozialen Tätigkeit, die Handlung eines einzelnen Individuums zum Wohl des Ganzen, also um den Ansatz zu einem Insektenstaat, wie er dann bei den Bienen aufs höchste entwickelt erscheint. 57. Der Bienenstaat Quelle: Wilhelm Bölsche: »Das Liebesleben in der Natur«, erste Folge. Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig, 1901. Staunende Bewunderung und seine ganz besondere Aufmerksamkeit hat der Mensch schon immer den einzigartigen Vorgängen zugewendet, die sich in einem Bienenstock abspielen. Dieser streng monarchische Staat mit seiner großen, oft bis zu 75 000 Individuen hinaufgehenden Volkszahl hat nur ein einziges Haupt, das von allen 82 anerkannt wird. Es ist die Königin, die Mutter der ganzen Kolonie. Während die geschlechtslosen Arbeitsbienen durchschnittlich nur 6 Wochen alt werden, kann sie eine Lebensdauer von 4 bis 5 Jahren erreichen. Kurz nach dem Ausschlüpfen aus ihrer Wiege wird die Königin auf ihrem Hochzeitsflug ein einziges Mal befruchtet. Das genügt aber, um ihr Fruchtbarkeit für Lebenszeit zu sichern. Sie legt innerhalb 24 Stunden etwa 900 Eier, in einem einzigen Frühling und Sommer vermag sie mehr als 60 000 Eier zu produzieren. Am Ende ist sie also die Mutter aller Insassen des Stocks, eine Gesamtmutter von fabelhaftem Ausmaß. Natürlich ist es ihr nicht möglich, Brutpflege an so vielen Jungen auszuüben, und darum wird ihr diese Tätigkeit von den Arbeitsbienen abgenommen, die zwar wegen ihres verkümmerten Körperbaus niemals Mütter sein können, aber doch die Mutterinstinkte in höchstem Grad besitzen. Während die Königin eifrig Eier legt und die Arbeitsbienen aus- und einfliegen, um Nahrung herbeizuschaffen, die Brut füttern, Zellen bauen und den Bau reinigen, gibt es in jedem Stock ein paar hundert Insassen, die nichts tun, sondern faul ihre Zeit hinbringen. Das sind die Drohnen, die männlichen Bienen. Sie entstehen aus den von der Königin gelegten Eiern seltsamerweise dann, wenn diese aus dem Samenbehälter nicht befruchtet werden. Wir haben hier also eine Parthenogenese, eine Jungfernzeugung, die bei immerhin schon so hoch entwickelten Tieren, wie die Bienen es sind, sonst kaum noch angetroffen wird. Von den vielen Drohnen gelangt beim Hochzeitsflug nur ein einziges Exemplar zur Berührung mit der Königin, und es stirbt sofort danach. Die anderen Drohnen werden bald nach der Rückkehr von den Arbeitsbienen in einer richtigen Schlacht mit den Stacheln ermordet und aus dem Stock hinausbefördert. Aus befruchteten Eiern entwickeln sich fast ausnahmslos Arbeitsbienen. Eine dritte Art der Eiablage aber hat die Allmutter nicht zur Verfügung. Woher entsteht nun die Königin selbst? Und hier treffen wir auf das größte Wunder im Bienenstaat. Im Beginn des Frühlings sieht man die Arbeitsbienen einzelne größere Zellen bauen als bisher. Die alte überwinterte Königin legt auch in jede von diesen ein befruchtetes Ei ab. Aber nun wird jedes dieser Eier ganz besonders reichlich mit Nahrung versehen, und auch die daraus sich entwickelnden Maden und Larven werden emsig gefüttert. Diese kräftige Fütterung bewirkt nun, daß in den großen Zellen an Stelle der verkrüppelten Arbeitsweibchen richtig entwickelte, fortpflanzungsfähige Bienenköniginnen entstehen. Ist die erste der Königinnen reif zum Auskriechen aus der Zelle, dann ertönt aus dieser ein seltsam tutender Laut. Und sofort macht sich eine eigenartige Unruhe im Stock bemerkbar. Eine große Zahl der Bienen sammelt sich um die 83 alte Königin und fliegt plötzlich mit ihr aus. Die schwerfällige Königin setzt sich bald auf einen Ast nieder, und rings umher klammern sich in Traubenform dicht aneinander alle ausgeflogenen Bienen an. Der Imker fängt diese Schwarmtraube dann ein und birgt sie in einem neuen Stock. Die erstgeborene junge Königin kann im alten Reich also sofort wieder ein monarchisches Regiment antreten. Meistens fliegt aber auch sie nochmals mit einem Nachschwarm aus, um einer anderen jungen Königin das alte Reich zu überlassen. Die ferner dann noch auskriechenden Königinnen werden von den Arbeitsbienen getötet. Wenn die Bienen einen neuen Stock bezogen haben, so kriechen sie zunächst rückwärts aus dem Flugloch, um das Bild der Umgebung sich einzuprägen. Sie machen dann eine Anzahl kreisförmiger Orientierungsflüge, um schließlich pfeilgerade zu den Nahrungssammelstellen hinzufliegen. Ebenso verläßt jede junge Biene, wenn sie zum ersten Mal ausfliegt, den Stock rückwärts, orientiert sich kurz und kann dann bald von kilometerweiten Entfernungen her zu ihrem Stock zurückfinden. Über einen besonders eigenartigen Vorgang bei dieser Orientierung berichtet der folgende Abschnitt. 58. Biene und Geometrie Ein Bienenvolk schwärmt aus und ist sich bei der Rückkehr »in seinem dunkeln Drang des rechten Weges wohl bewußt«. Schiebt man aber während des Ausflugs den Bienenkorb um etwa einen Meter zurück, so läßt sich (nicht immer, indeß unter gewissen Bedingungen) folgendes beobachten: Die Bienen versammeln sich anstatt bei A', dem nunmehrigen Eingang, bei A'', d. h. bei einem Punkt in der Luft, der vom Korb einen Meter entfernt liegt. Sie suchen den » geometrischen Ort «, der bei den sonstigen Flügen direkt in den Korb leitete, nunmehr aber, nach der Verrückung, nicht mehr zum Ziel führt. Hieraus haben mehrere Forscher den Schluß gezogen, daß es den Bienen an Intelligenz fehle, ja daß sie, genau genommen, nicht einmal auf »Instinkt« Anspruch hätten. Denn es wäre töricht von ihnen, die Verschiebung nicht zu 84 bemerken und einen Punkt im Raum zu umschwärmen, der für sie jede praktische Bedeutung verloren habe. Richtiger wäre es, zu dem entgegengesetzten Schluß zu gelangen und das Experiment als einen Intelligenzbeweis gelten zu lassen. Die Biene orientiert sich im Raum und trägt in ihrem Bewußtsein ein genaues Abbild der Raumkoordinaten, bezogen auf die ihr zugängliche Naturumgebung. Wenn sie nach der Verschiebung des Korbs den Punkt A'' aufsucht, so handelt sie zwar für den Augenblick nicht zweckmäßig, aber exakt wissenschaftlich, als gute Mathematikerin, wie sie sich ja auch beim Bau der Zelle auf das ideale Sechseck versteht. Es ließe sich also höchstens behaupten, daß in diesem besonderen Fall die mathematische Beanlagung stärker in ihr wirkt als der Sinn für das augenblicklich Zweckmäßige. Man könnte ferner das Beispiel des Archimedes zitieren, der, anstatt sich zweckmäßig an einen anderen Ort zu verfügen, seine mathematischen Studien fortsetzte und sich mit dem Ausruf: »Störe mir meine Kreise nicht!« von dem Krieger des Marcellus niederstoßen ließ. 59. Im Reich der Ameisen Quelle: Dr. Franz Doflein: »Das Tier als Glied des Naturganzen«, zweiter Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet«, von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914. Aus dem unerschöpflichen Wunderfüllhorn der Natur sind über alle Wälder in Milliarden Exemplaren die Ameisen ausgeschüttet. Der Erforschung ihres Treibens haben nicht wenige Gelehrte ihre gesamte Lebensarbeit gewidmet, und so ist es gelungen, hinter eine große Zahl ihrer Geheimnisse zu kommen. Der Vorhang ist fortgezogen von einem Stück Leben, dessen Anblick uns zu ehrfürchtigem Staunen vor der Schöpferkraft der Natur nötigt, die in so unscheinbaren Tierleibern so viel Klugheit, Organisationstalent und mannigfache Charaktereigenschaften vereint hat. Im Gegensatz zum Bienenstaat (siehe Abschnitt 57) findet man in einer Ameisenkolonie meist mehrere Königinnen, d. h. fortpflanzungsfähige Weibchen. Von einem Alleinherrschertum ist also hier nicht die Rede. Aber genau wieder wie bei den Bienen gibt es im Ameisenhaufen die verkümmerten Weibchen als Arbeiterinnen und die faulen, zu keiner Tätigkeit tauglichen Männchen, die bald nach Erfüllung ihrer geschlechtlichen Pflichten absterben. Die Geschlechtsindividuen schlüpfen als geflügelte Tiere aus den Eiern. Zum Hochzeitsflug erheben sie sich in ungeheuren Scharen in die Luft, um dann sogleich die Flügel zu verlieren. Die befruchtete Königin kehrt nie ins ursprüngliche Nest zurück, sondern bildet aus ihrer Brut stets eine neue Kolonie. 85 Zu einem ausgebildeten Ameisennest gehören oft hunderttausend Individuen. Unablässig sind die Arbeiterinnen in Tätigkeit. Hierbei geht es nach einer genauen Ordnung zu. Schon im Körperbau unterscheidet man mehrere Typen von Arbeiterinnen, und jede Sorte hat ein ganz bestimmtes Feld für ihre Tätigkeit. Man hat in einem künstlich gehaltenen Versuchsnest einzelnen Ameisen Farbflecke auf den Rücken gemacht und konnte so mit Leichtigkeit die Funktion jeder einzelnen beobachten. Da sah man, daß die eine ausschließlich Larven fütterte, die andere Puppen an die Sonne trug, die dritte auf Raub ausging, die vierte nur an der Bautätigkeit beteiligt war. Wochenlang ging dasselbe Individuum immer der gleichen Tätigkeit nach. Diejenigen Arbeiterinnen, die reichliches oder besonders geeignetes Baumaterial gefunden haben, geben Genossinnen, die sie beim Rückweg treffen, davon Kunde und können offenbar den Ort, wo das Begehrte liegt, so genau bestimmen, daß jene ihn allein auszufinden vermögen. Häufig füllen sie auch draußen ihren Kropf mit mehr Nahrung an, als sie selbst gebrauchen können. Ins Nest zurückgekehrt, würgen sie dann die Nahrung wieder tropfenweis empor und lassen andere die Tropfen aus ihrem Mund verspeisen. Besonders dazu bestimmte Exemplare der Honigameise, die selbst das Nest nie verlassen, werden sogar systematisch mit Nahrung angefüllt, gewissermaßen mit Honig gemästet, bis sie soviel davon in ihrem Körper bergen, daß ihr Hinterleib kolossal anschwillt. Diese lebenden Honigtöpfe hängen an der Decke des Baus, und durch Streicheln mit den Fühlern werden sie von Arbeiterinnen veranlaßt, Tropfen empor zu würgen und als Nahrung abzugeben. Während die Bienen immer in genau gleicher Weise ihre Bauten ausführen, vermögen sich die Ameisen allen Verhältnissen vorzüglich anzupassen. Besonders lebhaft sind die Erdnestbauer bei Regenwetter tätig, weil ihnen das Regenwasser als Bindemittel dient. Der Ort für ein neu zu errichtendes Nest wird stets sorgfältig ausgewählt. Für die Aufwölbung der Kuppel benutzen die Tierchen Grashalme und andere geeignete Pflanzenteile als Stützen. Das Nest wird in verschiedene Stockwerke unterteilt. In diesen herrschen bei der Dichtigkeit und dem regen Stoffwechsel der Bevölkerung beträchtliche Temperatur- und Feuchtigkeitsunterschiede. Und unermüdlich sieht man Arbeiterinnen Puppen von einem Stockwerk ins andere räumen, je nachdem für das Entwicklungsstadium der einzelnen das eine oder das andere Stockwerk zuträglich ist. Tropische Ameisen bauen ihre Nester vielfach auf Bäumen aus einer kartonähnlichen Masse, die sie gleich den Wespen durch feinstes Zerkauen des Holzes und Vermengen mit ihrem Speichel herstellen. Die Weberameisen aber haben Nester aus Blättern, die durch ein seidenartiges Gespinst verbunden werden. 86 Man konnte lange das Rätsel nicht lösen, woher die Ameisen die Fäden für diese Gespinste hernehmen. Denn erwachsene Weberameisen besitzen keine Spinndrüsen. Heute weiß man, daß die Nestblätter unter Benutzung eines sehr seltsamen Hilfsmittels zusammengesponnen werden. Die Larven dieser Ameisenart haben sehr stark entwickelte Spinndrüsen, mit deren Hilfe sie sich im letzten Stadium einen Kokon spinnen können. Haben die Arbeiterinnen nun zwei Blätter so gestellt, daß die Ränder nur noch einen schmalen Spalt zwischen sich lassen, dann schleppen sie im Mund Larven herbei. Sie pressen das Vorderende der Larve an den einen Blattrand, warten einen Augenblick, bis der in der Drüse entstehende Faden angetrocknet ist, fahren dann mit dem Kopf quer über den Spalt hinweg und wiederholen auf der anderen Seite dieselbe Prozedur. So spinnen sie ein festes Gewebe über den Spalt, indem sie die Fäden sich häufig überkreuzen lassen. Man kann sagen, daß die Ameisen ihre Larven hier richtig als Weberschiffchen benutzen. Es ist dies einer der sehr seltenen Fälle, in denen wir Tiere sich eines Werkzeugs bedienen sehen. Die Ameisen sind sehr eifrige Räuber, die der Forstwirtschaft gute Dienste leisten, indem sie große Mengen baumschädlicher Insekten beseitigen. Man hat berechnet, daß von einem großen Ameisenhaufen an einem Tag bis zu hunderttausend Insekten getötet werden. Auch auf Leckerbissen sind die Tiere sehr erpicht. So halten sie in ihren Nestern Blattläuse, in deren Exkrementen Zuckersubstanz enthalten ist, als Haustiere, bringen ihnen geeignete Nahrung und melken sie dafür durch Streicheln mit den Fühlern. Die fortwährenden Kriege, welche die Ameisen infolge ihrer stark entwickelten Streitlust führen, haben die Ausbildung einer besonderen Soldatenkaste veranlaßt. Es sind das Individuen mit enorm entwickeltem, oft stark gepanzertem Kopf und ausnehmend kräftigen Beißwerkzeugen. Bei ihren regelrechten Raubzügen brechen die besonders kriegerischen Amazonen-Ameisen in fremde Nester ein, rauben dort die Brut und lassen sie dann in ihren eigenen Nestern ausschlüpfen. Die so in fremdem Bezirk geborenen Tiere müssen den Amazonen alsdann als Sklaven dienen, denn diese selbst arbeiten nicht, sind nicht einmal zur selbständigen Nahrungsaufnahme befähigt. Sie müssen von ihren Sklaven gefüttert werden, sonst verhungern sie inmitten reichlicher Nahrung. Aber sie sind gewaltige Krieger, was ihnen alle anderen Fähigkeiten ersetzt. 87 60. Die Fallgruben des Ameisenlöwen Quelle: Dr. Franz Doflein: »Das Tier als Glied des Naturganzen«, zweiter Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet«, von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914. Zu den raffiniertesten Schutzwaffen, die im modernen Krieg gebraucht werden, gehören die Fallgruben. Es sind dies tiefe kreisrunde Trichter, die man vor den Stellungen in der Erde aushebt und am untersten Ende mit einem aufragenden spitzen Pfahl versieht. Gerät ein Angreifer an den Rand eines solchen Trichters, so gleitet er unfehlbar an der glatten Wand nach unten und spießt sich auf dem Pfahl auf. Genau die gleiche Einrichtung schafft sich eine Käferlarve, die man Ameisenlöwe nennt. Er tut es aber nicht um seine Feinde zu vernichten, sondern um sich lebendige Nahrung einzusaugen. Der ganze Körper des Ameisenlöwen ist mit ziemlich steifen Borsten bedeckt. Durch zuckende Bewegungen schafft er mit ihrer Hilfe Sand aus dem Boden, bis er eine trichterförmige Grube fertiggestellt hat. An deren spitzem unteren Ende wühlt er sich dann selbst ganz in den Sand, aber so, daß an der Stelle des Trichters, wo die Soldaten bei ihren Bauten den spitzen Pfahl hinstellen, seine mächtig entwickelten, am Innenrand mit Zacken versehenen und säbelartig gekrümmten weit aufgesperrten Kiefern hervorstehen. Der Ameisenlöwe stellt seine Grube an Stellen her, wo kleine Insekten, vor allem Ameisen, vorbeizulaufen pflegen. Wenn eins dieser Tiere an den Rand der Grube gerät, so rutscht es die steile Wand hinunter und fällt in die drunten aufgesperrten Kiefern des lauernden Jägers, die sich sofort über dem Opfer schließen. Am allerseltsamsten äußert sich die Intelligenz eines auf so niederer Stufe stehenden Tiers, wie es der Ameisenlöwe ist, falls es einmal vorkommt, daß das herabfallende Tier nicht in den Bereich der Kiefern gerät. Sobald das Opfer dann wieder anfängt, an der Wand des Trichters emporzukriechen, schleudert der Ameisenlöwe einzelne Sandkörner gegen die Wand. Häufig trifft der Schuß die kletternde Ameise selbst, sonst aber die Wand über ihr, so daß kleine Stückchen sich loslösen, und das geängstigte Tier wieder in die Tiefe der Grube hinunterfällt, wo es nun mit Sicherheit in den Bezirk der Freßorgane gerät und endgültig gefangen wird. 61. Der Roman des Bandwurms Quelle: Wilhelm Bölsche: »Das Liebesleben in der Natur«, erste Folge. Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig, 1901. Vom Standpunkt des Menschen aus gesehen, gehört der Bandwurm gewiß nicht zu den Segnungen der Natur. Ein Schmarotzertier an eklem Ort, ist es ein Geschöpf, an das man sich nicht gern erinnern läßt. Aber die 88 Gnadensonne, die das ewige Werden im Weltganzen bescheint und weckt, strahlt auch über ihm; sie leuchtet dem Bandwurm in den Tiefen der menschlichen Darmschlingen ebenso wie dem stolzen Reiter auf lachenden Gefilden. Auch der Bandwurm soll leben und seine Art fortpflanzen können, und da zwischen den verschiedenen Siedlungsstätten dieser Tiergattung, die immer wieder die Eingeweide menschlicher Individuen sind, keine direkte Verbindung besteht, so wird ein höchst umfangreicher Apparat in Bewegung gesetzt, um diesen Übergang doch zu ermöglichen. Die Übertragung des Bandwurms von Mensch zu Mensch ist ein wahrer Roman, so toll und so unwahrscheinlich wie möglich und begreiflich eben nur, weil er wahr ist. Der Bandwurm ist ein vollkommener Schmarotzer. Er besitzt zwar einen Kopf mit Saugnäpfen zum Festhalten an den Darmwänden, aber weder Mund, noch Magen, noch Darm. Und diese Organe hat er auch nicht nötig, da ihm ja von allen Seiten fertig verdaute Nahrung zugeführt wird, die er mit seiner ganzen Körperoberfläche aufnimmt. So wohl genährt, hat er auch den Wunsch sich fortzupflanzen. Nach der uns normal erscheinenden Methode geht das nun nicht, denn er ist ja allein. Darum schlägt er einen anderen Weg ein, der an sich im niederen Tierreich nicht selten ist. Er läßt an seinem Körperende ein Junges hervorsprießen. Und bald auch ein zweites, ein drittes, bis eine Kette von mehreren Hundert solcher Jungen an ihm hängt. Diese Bandwurmjungen aber besitzen Geschlechtsorgane. Sie sind sogar Zwitter, d. h. Männchen und Weibchen zugleich. Und wie sie so dicht aneinander gedrängt sitzen, ist es ein leichtes, daß sie sich gegenseitig befruchten. Im Körper jedes einzelnen der Jungen umziehen sich dann die befruchteten Eier mit einer festen Schale und lassen in ihrem Innern langsam Embryos entstehen. Diese sind also schon Enkel des ursprünglichen Bandwurms. Die Zahl der Eier ist ganz erstaunlich groß. Bringt es doch manch ein Bandwurm auf tausend Junge, und jedes von diesen birgt an 50 000 Eier. Dieser Überfluß ist aber notwendig, denn nur wenige Embryos gelangen bei der nun folgenden Reise an einen für ihre Weiterentwicklung günstigen Ort. Denn bald reißen Stücke des Bandwurms ab, und die ursprünglichen Jungen gelangen dann mitsamt den entwickelten Eiern in die Kloake oder in die Kanalisationen. Hier sterben die Eltern rasch ab, aber die Eier können sich infolge ihrer Verschalung erhalten. Mit dem Wasser gelangen sie nun in Seen oder Flüsse, mit dem Dünger aufs Feld. Dort werden sie von Fischen, hier von Rindern oder Schweinen verschlungen. Kaum ist ein Embryo so in einen Tiermagen geraten, so löst sich die Eischale und das Tierchen kriecht aus. Es setzt sich an der Magenwand des 89 Gasttiers fest, durchbohrt sie und treibt im Muskelfleisch zu einer dicken Blase aus, die wir Finne nennen. Innerhalb dieser Finne aber bildet sich als zapfenartige Anlage nunmehr ein neuer richtiger Menschenbandwurm heraus. Ißt ein Mensch finniges Fleisch, so gelangt dieser Kopf in seinen Darm, er kann sich dort wieder festsaugen – und die Reise ist beendet. Wieder hat ein Mensch einen Bandwurm. Der Wille der Natur ist damit vom Standpunkt des Bandwurms in herrlicher Weise erfüllt. Neue Scharen von Kindern und Enkeln können heranwachsen. 62. Die Odyssee des Leberegels Quelle: Wilhelm Bölsche: »Das Liebesleben in der Natur«, erste Folge. Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig, 1901. Romantischer noch und grausiger zugleich als die Entwicklungsgeschichte des Bandwurms (siehe den vorhergehenden Abschnitt) ist der Werdegang des Leberegels. Das ist ein kleiner Schmarotzer, der sich gern in der Gallenblase des Schafs ansiedelt, also in jenem Teil der Leber, der die erzeugte Gallenflüssigkeit in den Darmkanal entleert. Der Leberegel ist ein Plattwurm, der Darm und Mund besitzt und sich von Leberblut nährt. Er wird dadurch dem bergenden Schaf gefährlich. Denn wenn viele Leberegel in der Gallenblase sitzen, so zerstören sie die Wände ihres Gehäuses, und das Schaf geht an Leberfäule ein. So lange aber der Wirt noch lebt, nähren sich die Egelchen gut und vergnügt, und da sie alle zweigeschlechtlich sind, so können sie sich ebenfalls gegenseitig befruchten. Wiederum entstehen Millionen von einzelnen Eiern, die in den Darmkanal hineinfallen und von dort nach außen entleert werden. Der Regen wäscht dann die Wiesen ab, auf denen Schafe geweidet haben, und so gelangen die Eier ins Wasser. Dort wird die Eischale gesprengt, und aus jeder schlüpft eine Larve aus. Sie vermag zunächst mit Hilfe von Wimperhaaren frei herumzuschwimmen, dann aber verliert sie das Wimperkleid, taucht unter und kriecht schließlich in den Leib einer der in großer Zahl vorhandenen Teichschnecken. Dort drinnen verkapselt sich die Larve wieder zur Finne. Doch damit ist hier noch nicht wie beim Bandwurm das Ende erreicht, denn bekanntlich pflegen Schafe keine Teichschnecken zu fressen, und in ein Schaf muß der Leberegel doch wieder gelangen, um gedeihen zu können. Der romantische Weg geht also weiter. Und es geschieht etwas Schreckliches. Im Innern der Finne beginnt es zu gären und zu wachsen. Es entstehen in ihrem Innern Tierchen von Schlauchform. Bald füllen sie die ganze 90 Mutterfinne aus und diese muß absterben. Es bleibt von ihr nichts als eine straff gespannte Haut übrig, welche die Kinder birgt. Aber auch in diesen regt es sich schon wieder. Auch ihnen wachsen in ihrem Innern Junge, kleinste Egellärvchen. Sie mehren sich und quellen, bis auch ihre Mutterwürmer tote Deckhaut sind. Diese Kleinen dritten Grads, die also schon die Urenkel des ursprünglichen Leberegels sind, besitzen an ihrem Kopfende einen Bohrstachel, mit dem sie alle deckenden Häute durchbohren und so zuerst in den Leib der bergenden Teichschnecke, dann sogar ins Wasser hinausgelangen können. Zunächst müssen sie hier drin nun warten. Aber eines schönen Tags gelangt das Wasser bei einer Überschwemmung auf eine Wiese. Da siedelt sich das Lärvchen schnell an eine Pflanze an, wirft sein Schwänzchen ab und entwickelt aus einer Drüse Schleim, der, rings herum trocknend, rasch eine Schutzhaut um das Tierchen bildet. So wohl umhegt, harrt es hier nun, bis ein Schaf kommt und die Pflanze frißt. Schnell wird dann die Galle des Schafs aufgesucht – Odysseus hat Ithaka erreicht, Schluß! 63. Die aufgefressene Mutter Quelle: Wilhelm Bölsche: »Das Liebesleben in der Natur«, erste Folge. Verlegt bei Eugen Diederichs, Leipzig, 1901. Vom Vater Kronos, der seine Kinder verschlingt, wissen wir aus der griechischen Mythologie. Daß aber auch das Umgekehrte vorkommen kann, in angenäherter Ähnlichkeit wenigstens, indem Kinder ihre eigene Mutter verzehren, das lehren uns Beobachtungen an dem im Schlamm lebenden Fadenwurm Rhabditis. Wenn die Eier der Rhabditismutter befruchtet sind, so entwickeln sie im Fruchthalter des Tiers richtige Junge. Diese schlüpfen aus den Eiern und sind so weit entwickelt, daß sie ganz gut sofort das Innere der Mutter verlassen und in den Schlamm hinauswimmeln könnten. Aber das tun sie nicht, sondern sie haben Furchtbares vor. Es sind ihrer nicht viele, höchstens vier; aber sie recken sich, werden immer umfangreicher, bis der Fruchthalter sie nicht mehr bergen kann, und seine Wände durchreißen. Und nun beginnen diese Rabenkinder zu fressen. Sie verzehren die Eingeweide der eigenen Mutter, fressen immer weiter, bis sie lieb Mütterlein gänzlich bis auf die Haut aufgezehrt haben. Diese hängt nur noch als leblose Hülle um ihre liebenswürdigen Sprößlinge, und nun endlich schlüpfen diese ins Freie aus. Ein Drama im Tierreich, wie man es sich grauenvoller kaum vorstellen kann! 91 64. Der Bandwurm in der Perle Quelle: Dr. E. Carthaus , Aufsatz: »Die Perlen« in dem Werk »Die Wunder der Natur« Deutsches Verlagshaus Bong \& Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart, 1912. Eine Perlenschnur, die den Hals einer schönen Frau umschlingt – der köstlichste Schmuckgegenstand geschmiegt an das Geschöpf, welches wir als die höchste Leistung der schöpferischen Natur betrachten! Ein berückender Anblick! Aber da streckt die Wissenschaft eine rauhe Hand aus, rührt an die Perlen auf der rosigen Haut – und alle Schönheit ist verschwunden. Die Perle, die eine versteinerte Freudenträne aus dem Auge einer Göttin sein soll, sie ist in Wirklichkeit nichts anderes als der schreckliche Plagegeist einer armen, von Steinkrankheit befallenen Muschel. Wie der Mensch vom Gallen- oder Blasenstein gequält wird, so das Tier durch die Perle. Diese wird aus Kalksubstanz aufgebaut, die in allen Gefäßbahnen kreist und in feinsten Schichten aus dem Körper allmählich ausgeschieden wird. Den Anlaß dazu gibt eine Reizung der betreffenden Körperstelle durch Eindringen eines anorganischen Fremdkörpers oder – eines Eingeweidewurms, der, wie der Bandwurm beim Menschen, in den Eingeweiden der Muschel schmarotzt. Die Perle ist also trotz ihrer Schönheit eine pathologische Bildung, und die Muschel freut sich nicht, wenn sie sich Perlmutter fühlt. Da der Fremdkörper der Zentralpunkt für die Perlenerzeugung ist, so wird er von der sich bildenden Substanz umgeben und ruht eingeschlossen in ihrer Tiefe. Jede Perle birgt also in ihrem innersten Innern entweder ein Sandkörnchen oder den Schneckenbandwurm. Gerade das Vorhandensein eines solchen Mikroorganismus, der sehr zählebig zu sein scheint, erklärt eine außerordentlich seltsame Erscheinung. Die prachtvollsten Perlen insbesondere werden glanzlos und unansehnlich, wenn sie längere Zeit unbenutzt daliegen oder von altersschwachen, kränkelnden Personen getragen werden; sobald sie aber am Hals einer jungen, lebenskräftigen Frau prangen, leben sie wieder auf, erhalten ihren früheren Glanz zurück. Nach der Meinung von Dr. Carthaus , der sich eifrig mit diesem Problem beschäftigt hat, beruht dieser überraschende Vorgang darauf, daß die Hautatmung mancher Frauen, wenn auch in geringen Mengen, Stoffe ausscheidet, die nährend und belebend auf den unter der glänzenden Hülle der Perle schlummernden Mikroorganismus einwirken. Die Richtigkeit dieser Annahme wird durch die Tatsache bestätigt, daß Perlen, die kurz nach ihrer Gewinnung in Reiskleie gebettet werden, also in eine Substanz, die ein vorzüglicher Nährboden für solche Lebewesen ist, an Größe zunehmen, ja sogar noch knospenartige Auswüchse hervorbringen. Den Chinesen ist diese Entstehungsursache der Perlen offenbar schon seit 92 langem bekannt, denn sie veranlassen geeignete Seemuscheln künstlich zur Perlenbildung, indem sie kleine harte Körper vorsichtig in ihren Leib einführen. Die größte Perle, die je gezeigt worden ist, war auf der Londoner Industrieausstellung im Jahre 1851 zu bewundern. Sie war 3,8 Zentimeter lang und 2,5 Zentimeter breit, also ein wahrer Goliath ihrer Art. 65. Geschöpfe nach Willkür Quelle: Dr. Curt Thesing: »Experimentelle Biologie«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1911. Der Mensch kann im Laboratorium als Hervorbringer neuer Arten auftreten; er vermag mit schneidenden Werkzeugen und Nährflüssigkeiten lebende Wesen hervorzubringen, die sich den bestehenden Kategorien in keiner Weise einordnen, ja nach Jacques Loeb , dem bedeutenden Biologen des Newyorker Rockefeller-Instituts, wird ihm einmal die künstliche Herstellung der Lebewesen von Grund auf gelingen. Einstweilen sind die heute schon vorhandenen Ergebnisse erstaunlich genug, einige davon, von Curt Thesing in seiner »Experimentellen Biologie« mitgeteilt, geradezu verblüffend. Einige Proben aus diesem Werk mögen als Belegstücke dienen. Als das klassische Versuchskaninchen dient schon seit den Arbeiten Trembleys im Jahre 1740 der Süßwasserpolyp Hydra viridis . Verschiedene kunstgerechte Schnitte werden durch seinen Körper geführt, und der Teil ergänzt sich immer wieder zum lebenden Ganzen. Selbst bei einem in vier Längsstreifen zerlegten Polypen vermag noch jeder Teil ein neues Tier mit raschem Wachstum hervorzubringen. Durch einen Kunstgriff wird es möglich, Mißbildungen zu erzeugen, die einen Philosophen mit seiner alten Frage nach dem » principium individuationis « in Beängstigungen versetzen müssen. Wird beispielsweise der trennende Schnitt nur bis zur halben Länge des Polypen geführt und eine Vereinigung der Flächen verhindert, so ergänzt jede einzelne Hälfte den Defekt selbständig: das Resultat ist ein zweiköpfiges Tier. Auf diese Weise gelingt es, durch weitere Spaltung Bildungen mit drei, vier, acht und mehr Köpfen zu erzielen. Es läßt sich auch bewirken, daß die Köpfe wieder zusammenwachsen. Vorausgesetzt, daß der Kopf der Sitz des Bewußtseins ist, wo fängt hier das Individuum an, wo hört es auf? Man könnte an einen Übergriff des Hexeneinmaleins in die Biologie glauben! Altererbte Vorstellungen werden umgeformt, ja noch mehr: die Zeit wird 93 rückläufig gemacht. Ein gewisser Eingriff bei der Seescheide Clavellina bewirkt, daß deren bereits selbständig entwickelte Zellen ihre Organisation verlieren, zu einem formlosen Klumpen zusammenschmelzen, um dann aus anscheinend embryonalem Zustand einen neuen Entwicklungszyklus zu beginnen. Das erscheint geradezu als eine Umkehrung der Lebensvorgänge. Wundflächen eines Regenwurms werden mit Flächen eines anderen Regenwurms kombiniert und zur Verheilung gebracht. Man erzwingt sogar an der hinteren Wundfläche eines Kopfs die entsprechende Ergänzung. In einem Fall entwickelte sich neues Material, das sich aber nicht, wie man hätte erwarten müssen, zu dem fehlenden Hinterende, sondern zu einem neuen Kopf umformte!! An der Larve der Knoblauchskröte erzeugte Tornier durch ein besonderes Verfahren sechs gut ausgebildete Hinterbeine. Auf dem Weg der Transplantation wurden Vögel umgeformt. Der Forscher Gutrie entnahm einem schwarzen Huhn seinen Eierstock und pflanzte ihm dafür die Keimdrüse eines weißen Huhns ein. Von einem Hahn schwarzer Rasse befruchtet, erzeugte die Henne eine Nachkommenschaft, in der sich etwa zur Hälfte weiße, zur Hälfte schwarze Kücken befanden. Bei Veränderung der Farbenordnung ergaben sich weiße, schwarze und schwarzweiß gefleckte Nachkommen. Die durch die Operationen, wenigstens bei den niederen Tieren, erzeugten Schmerzempfindungen sind anscheinend nicht mit dem üblichen, an unsere eigenen Gefühle anklingenden Maßstab zu messen. Hierfür spricht deutlich das Verhalten der Individuen bei zahlreich beobachteten Selbstverstümmelungen . Gut gehaltene und scheinbar gesunde Laubheuschrecken und Maulwurfsgrillen beginnen ohne ersichtlichen Grund, langsam und gleichgültig, sich selbst aufzufressen. Zuerst werden die Füße und Beine angekaut, alsdann bei Weibchen der Legestachel, und endlich beginnt die Fresserei am eigenen Hinterleib. Bei dieser Selbstaufzehrung verraten die Tiere nicht das mindeste Unbehagen. Im Gegenteil werden die Beine z. B. – nach Riggenbach – mit einer wahren Passion gekaut. Auch in dieses Verhalten spielt die gefährliche Frage der Individuation hinein. Das einzelne Glied tritt dem Gesamtorganismus gegenüber als etwas Fremdes auf, und ehe nicht größere Klarheit über solche Bewußtseinsspaltung gewonnen wird, kann eine Lösung der vorerwähnten Operationsrätsel nicht einmal versuchsweise gewagt werden. 94 66. Umänderung des Geschlechts Wenn eine Meerschweinchen oder Rattenmutter sich männliche Nachkommenschaft wünscht und trotzdem lauter Töchter zur Welt bringt, so braucht sie deswegen nicht mehr unglücklich zu sein. Sie ruft nur den Herrn Professor herbei, und der ändert das Ergebnis des Wurfs einfach um. Denn Professor E.  Steinach in Wien ist es, wie die Zeitschrift der Deutschen Mikrologischen Gesellschaft »Die Kleinwelt« berichtet, gelungen, an jungen Ratten und Meerschweinchen durch wechselseitiges operatives Verpflanzen ihrer Geschlechtsorgane künstliche Änderungen ihres ganzen Wesens hervorzurufen. Wenn Männchen auf diese Weise in Weibchen verwandelt wurden, so änderte sich ihr ganzes Wachstum. Sie blieben klein und erhielten rundliche Formen. Die Behaarung wurde glatter und anschmiegender. Und das tollste Wunder ist, daß die Brustdrüsen dieser verwandelten Tiere sogar Milch gaben, sodaß Junge mit Erfolg daran saugen konnten. Wie richtige Weibchen zeigten die Tiere hierbei Geduld und ausdauernde Hingabe. Es gelang auch umgekehrt, Weibchen in Männchen zu verwandeln, die so wild und raubgierig waren, wie es nur männliche Ratten und Meerschweinchen zu sein pflegen. Es trat eine Vergrößerung des Kopfs ein, und das Skelett wurde kräftiger und größer. Diese Versuche beweisen in geradezu erstaunlicher Art die Abhängigkeit des Seelenlebens vom körperlichen. Das Vorhandensein einzelner Organe beeinflußt den Seelenzustand von Grund aus, und es geht daraus hervor, daß der Geschlechtscharakter nichts von vornherein Bestimmtes, sondern daß die Grundlage aller lebenden Wesen die gleiche ist. Wenn man sich ein solches Experiment auf den Menschen übertragen denkt, so könnten auf diese Weise die vielen Hoffnungen nachträglich erfüllt werden, die sich vor Jahren an die Theorie des Professors Schenk über die Bestimmung des Geschlechts geknüpft haben. Aber bis dahin ist wohl der Weg noch etwas weit! 67. Ein Kompagnongeschäft auf dem Meeresgrund Quelle: Dr. Conrad Günther: »Vom Urtier zum Menschen«, erster Band. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1909. Daß zwei Menschen mit verschiedenen Begabungen sich zusammentun, damit jeder aus der Summe des Könnens von beiden einen größeren Vorteil ziehen kann, ist eine ja nicht gar seltene Erscheinung. Erstaunlicher aber ist es schon, 95 wenn ein solcher Zusammenschluß zweier Kompagnons auf dem Grund des Meers stattfindet und noch dazu zwischen Individuen, die recht tief auf der tierischen Stufenleiter stehen. Da gibt es unter den Krebsen ein recht bedauernswertes Geschöpf, das durch einen im Krebssinn schweren körperlichen Mangel gezwungen ist, in eigenartiger Weise getrennt von seinen Stammesgenossen zu leben. Es ist das der Einsiedlerkrebs, ein rot gefärbtes, unserem Flußkrebs nicht unähnliches Tier, das jedoch einen weichen von der Schale nicht bedeckten Hinterleib besitzt. Um diesen ungeschützten Körperteil den zahlreichen ihm drohenden Gefahren zu entziehen, steckt der Eremit ihn in eine der vielen leer herumliegenden Schneckenschalen, die er nun zeitlebens mit sich herumschleppt. Bei Gefahr zieht sich der ganze Krebs in das Schneckenhaus zurück und ist dort geborgen. Nur gegen einen Feind, und zwar gerade gegen seinen Hauptverfolger, nützt ihm dieses Verstecken nichts. Es naht sich ihm der Oktopus, ein Mollusk aus dem Geschlecht der Tintenfische, und mit seinen langen, mit vielen Saugnäpfen versehenen Armen zieht der kräftige Räuber den umsonst sich Sträubenden aus der Schale heraus. Der Einsiedlerkrebs, der schon einmal eine kluge Schutzmaßnahme getroffen hat, möchte sich nun auch vor diesem Schicksal bewahren. Und wenn er es recht überdenkt, fällt ihm ein Tier ein, ein seltsames, sonst ziemlich hilfloses Geschöpf, vor dem er die Oktopusse schon zurückweichen sah. Das Tier ist ein Polyp, Adamsie genannt. Der Polyp streckt, wenn er angegriffen wird, aus seinem Mund lange Fäden gleich Würmern hervor, die mit Nesselorganen besetzt sind und bei Berührung jedes Tier sofort zurückschrecken. Der Krebs begibt sich also zu einer Adamsiensiedelung, und ohne lange zu zögern, lüpft er mit einer Schere einen der Polypen oder auch mehrere von ihrer Unterlage und setzt sie auf seine Schneckenschale. Die Polypen saugen sich hier sofort mit ihren Füßen fest und begleiten den Krebs nun, wohin er sich wendet. Sucht jetzt ein Oktopus sich an dem Krebs zu vergreifen, so lassen die Adamsien ihre Nesselfäden auf den Arm des Mollusken herunter, und sogleich zieht sich dieser, durch das heftige Brennen seiner Glieder erschreckt, zurück und läßt den also geschützten Krebs in Ruhe. Dieses Kompagnongeschäft nennt die Naturwissenschaft Symbiose. Beide Tiere haben Vorteile von ihrem Zusammenleben. Der Krebs ist vor seinen Feinden geschützt, und die Adamsie, die sonst warten muß, bis ihr etwas in den Mund fällt, weil sie sich nicht fortbewegen kann, kommt durch ihren Freund an verschiedene Stellen des Meers und kann auch immer etwas von dem auffangen, was der Krebs verzehrt und mit seinen scharfen Zangen zerkleinert. 96 68. Explosivwaffen der Polypen Quelle: Dr. Conrad Günther: »Vom Urtier zum Menschen«, erster Band. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1909. Jene bunten Tiere niederster Art, die festgewurzelt und unfähig jeder Fortbewegung auf dem Meeresboden sitzen, pflegen uns als Urbilder der Hilflosigkeit zu erscheinen. Denn wenn sie angegriffen werden, können sie die beste Waffe der Schwachen nicht anwenden: das Fortlaufen. Aber so ganz wehrlos sind sie doch nicht. Die sorgende Natur hat vielmehr die Polypen wie auch ihre schwimmenden Nachkommen, die Quallen, mit höchst raffinierten, vom menschlichen Standpunkt aus direkt modern anmutenden Waffen versehen. Wenn kleine Tiere sich den Fangarmen eines Polypen genähert haben, so werden sie von diesen dünnen Fäden nicht gepackt, denn dazu sind die Fangarme viel zu schwach, sondern sie werden durch eine austretende giftige Flüssigkeit gelähmt. Das Gift wird durch besonders abgeschnellte Kapseln in den Körper des fremden Tiers hineinbefördert. An den Fangarmen der Polypen sitzen zu diesem Zweck die Nesselzellen . Sie sind so zahlreich, daß sie sich zu dicken Wülsten anhäufen. Ihr Inneres ist konstruktiv aufs feinste durchgebildet. Es enthält nämlich einen langen spiralig aufgewickelten Faden, der mit einer gewissen Spannung in der Zelle unter einer in deren Wand befindlichen Öffnung liegt. So fein der Spiraldraht ist, enthält er doch noch ein Rohr, in dem das Gift sich befindet. Die Nesselzellen werden von einem ganz dünnen Körperhäutchen umspannt. Sobald dies an einem spitzigen Fortsatz berührt wird, platzt es, und die Kapsel fliegt heraus. Zugleich streckt sich der Spiralfaden, der nun entlastet ist, aus, dringt wie ein Spieß in das angegriffene Tier und lähmt es durch das ausfließende Gift. Es ist das also eine Art Schrapnellwirkung, die hier beim Polypen schon vor unendlichen Zeiten üblich war, als der Mensch wahrscheinlich noch gar nicht auf der Erde lebte. Bei gewissen Hohltieren ist die Nesselwirkung so stark, daß auch der Mensch empfindlich gebrannt wird, wenn er die Zellen zur Explosion bringt. Ja in einzelnen Meeresteilen soll die Wirkung des Polypengifts so stark sein, daß der Badende, der sich an solchen Tieren vergreift, gelähmt wird und so unter Umständen ertrinkt. 69. Sperr-Vorrichtungen am Tierkörper Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Aus eigenen Erfahrungen wissen wir, daß es viele Mühe kostet und rasch zur Ermüdung führt, wenn man einen Muskel lange in derselben 97 zusammengezogenen Lage halten will. Wo daher bei Tieren infolge ihrer Lebensgewohnheiten Muskelkontraktionen von beträchtlicher Dauer üblich sind, findet man Hilfskonstruktionen in ihrem Bau, die eine Entlastung der Muskeln gestatten. Die Ähnlichkeiten mit mechanischen Konstruktionen von Menschenhand sind nicht zu verkennen. Eine solche Einschnappvorrichtung befindet sich z. B. am Bein des Storchs und gestattet ihm, Unterschenkel und Läufe gegeneinander festzustellen, so daß er, auf einem Bein ruhend, schlafen kann, ohne zu dessen Streckung seine Muskeln, anzustrengen. Den aufgerichteten Stachel des Stichlings vermag man durch Druck gegen seine Spitze nicht umzulegen, da ein kleines Knöchelchen, das mit dem Stachel durch ein Band verbunden ist, sich beim Aufrichten selbsttätig unter dessen Basis schiebt. Das Umlegen des Stachels wird dadurch in gleicher Weise verhindert, wie ein Fensterflügel durch ein eingeklemmtes Holzstück offen gehalten wird. Der Stachel kann nur niedergelegt werden, wenn das Sperrknöchelchen zurückgezogen wird, was das Tier durch einen besonderen Muskel bewirkt. Auch das Feststellen der gekrümmten Krallen von Vögeln, die auf Baumästen schlafen, geschieht mit Hilfe einer Sperrvorrichtung in Form von aufeinandergepreßten Reibeflächen, die durch das Körpergewicht beim tiefen Niederducken belastet werden. 70. Schlangenappetit Quelle: Dr. Franz Doflein: »Das Tier als Glied des Naturganzen«, zweiter Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet«, von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914. Die großen Schlangen haben eine wunderbare Fähigkeit, ihre Mundöffnung und ihre Verdauungsorgane so weit zu vergrößern, daß sie auch Tiere zu verschlucken vermögen, deren Leibesumfang weit größer ist als der ihrige. Sie liegen nach solchem Fraß lange Zeit unbeweglich und verdauen. Aber verhältnismäßig rasch stellt sich von neuem Appetit bei ihnen ein. So teilt der Bericht des Trivandrum-Museums zu Travankore im südlichen Vorderindien vom Jahre 1903 mit, daß eine Python-Schlange von 7 Metern Länge innerhalb eines Jahrs, während welcher Zeit sie sich viermal häutete, 100 Hühner, 4 kleinere Beuteltiere, ein Känguruh und einen Hund gefressen hat. Ein kleineres Exemplar von 5 Metern Länge fraß in der gleichen Zeit 54 Hühner, 2 Bandikuts, 2 Hunde, 2 Meerschweinchen, einen Reiher und 2 Beuteltiere. Nach dem gleichen Bericht fraß in einem Jahr eine Kobra von 1½ Metern Länge 55 Ratten und 50 Frösche. 98 71. Die besten Schwimmer Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Es ist oft versucht worden, die Geschwindigkeit zu bestimmen, mit der sich Fische im Wasser fortbewegen. Die Erfolge sind bisher recht gering, da die Versuchsbedingungen im Wasser äußerst ungünstig sind. Nur vom Lachs ist nach Hesse durch Beobachtung festgestellt, daß er stromaufwärts innerhalb 24 Stunden 40 Kilometer zurückzulegen vermag. Wenn man die entgegenstehende Geschwindigkeit des Wassers mit in Betracht zieht, so ergibt sich eine Eigengeschwindigkeit von 5,6 Metern in der Sekunde. Schwertfische schießen mit einer solchen Schnelligkeit durchs Wasser, daß sie einen badenden Mann, gegen den sie anrennen, mit ihrem zugespitzten Oberkiefer zu durchbohren vermögen. Das Museum of the Royal College of Surgeons in London bewahrt ein Stück eines Schiffsbodens auf, an dem zu sehen ist, daß ein Schwertfisch seine Waffe durch 35 Zentimeter dickes Eichenholz stoßen konnte, nachdem er vorher den Kupferbeschlag des Schiffs, eine Planke von 10 Zentimetern und eine Lage Filz durchbohrt hatte. Hierzu sei bemerkt, daß auch die Kriechgeschwindigkeit von Schlangen in warmen Gegenden ganz erstaunlich ist. Man vermag ihnen kaum mit den Augen zu folgen; wenn sie fliehen, sind sie durch einen laufenden Menschen nicht einzuholen, ja es ist vorgekommen, daß rasch kriechende Schlangen einen vor ihnen fliehenden Menschen umgestoßen haben. 72. Springkünstler Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. In der Natur waltet eine eigenartige und sinnvolle Ökonomie. Eine Reihe von Tieren besitzt Muskeln, die im Verhältnis zu der gesamten Körpergröße so stark sind, daß das Tier ein Vielfaches seiner Körperlänge im Sprung zurückzulegen vermag. Die Heuschrecke springt 30 mal weiter als sie lang ist, die Springmaus kann das 15 fache, die Waldmaus das 8 fache ihrer Körperlänge überspringen. Wenn ähnliche Verhältnis bei den großen Raubtieren obwalten würden, so hätte sich niemals ein Mensch in einen Urwald wagen können. Aber glücklicherweise nimmt die Länge der Sprünge im Vergleich zur Körperlänge mit zunehmender Größe stark ab. Die Kraft der einzelnen Muskeln wächst nicht entfernt so rasch wie das Gewicht der Tiere. So können der Tiger und der Löwe nur noch dreimal so weit springen wie ihre Körperlänge ausmacht. 99 Man stelle sich das Entsetzliche vor, daß sie ebenso wie der Floh, der Meister unter den Springern, 200 mal so weit springen könnten, wie sie lang sind. Dann könnte ein Löwe mit einem Satz vom Denkmal Friedrichs des Großen in der Straße Unter den Linden zu Berlin bis zum Café Bauer gelangen. Kein Tier und kein Mensch wäre wohl imstande, sich vor diesem furchtbaren Springer zu retten. Er brauchte nicht mehr die Giraffe, um sein Gebiet zu durchfliegen, sondern könnte in grauenhaften Sprüngen auf eigenen Füßen die größten Entfernungen zurücklegen. 73. Flugleistungen der Vögel Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Von allen Tieren, die zu fliegen vermögen, ist der Vogelkörper am besten dieser Bewegung angepaßt. Er übertrifft in seinen Leistungen die Insekten und die Fledermäuse bei weitem. Schätzt man doch die Geschwindigkeit der Brieftaube auf 66 bis 69 Kilometer in der Stunde, was der Schnelligkeit unserer raschen Eisenbahnzüge gleichkommt. Eine Schwalbe, die ein Antwerpener Taubenzüchter bei einem Brieftaubenflug von Compiègne nach Antwerpen mitfliegen ließ, legte diese Strecke von 235 Kilometern in 1 Stunde 8 Minuten zurück und erreichte ihr Nest 3 Stunden vor dem Eintreffen der Tauben. Sie hatte, noch dazu gegen einen mäßigen Gegenwind, 58 Meter in der Sekunde zurückgelegt. Eine etwas größere Geschwindigkeit noch als die Schwalben haben die bestfliegenden Falken, wie der Baumfalke, dem die Schwalbe bisweilen zum Opfer fällt. Die Geschwindigkeit des Mauerseglers gar schätzt man auf annähernd 290 Kilometer in der Stunde. Eine berühmte Leistung vollbrachte in früherer Zeit ein Falke, der bei einer Jagd in Fontainebleau dem König Heinrich II. von Frankreich entflog. Man ergriff ihn am nächsten Tag auf der Insel Malta, nachdem er 1400 Kilometer zurückgelegt hatte. Die Brieftaube »Gladiateur« flog über 530 Kilometer, von Toulouse nach Versailles, in kaum einem Tag. Aber noch großartiger als diese Einzelerscheinungen sind die regelmäßigen Muskelleistungen von Zugvögeln. Ein amerikanischer Regenpfeifer zieht alljährlich von Labrador nach Brasilien. Unterwegs finden die Vögel bei der Zurücklegung ihres Wegs keine Ausruhepunkte, da die Fluglinie ständig über das Meer hingeht. Unendliche Scharen von ihnen sind oft mitten auf der See beobachtet worden. Man darf also annehmen, daß sie die Riesenentfernung von 5500 Kilometern in einem Flug zurücklegen. 100 74. Dichtigkeit eines Schwarms Quelle: F. Hall: »Reisen in Canada und Vereinigten Staaten«. Im Gebiet von Indiana wurde ein Taubenzug beobachtet, der wenigstens eine englische Meile breit war, und dessen Vorüberziehen vier Stunden lang währte. Die Berechnung von Leutnant F. Hall ergab mit Rücksicht auf die Fluggeschwindigkeit eine Länge des ganzen Zugs von 240 Meilen. Nimmt man an, daß drei Tauben eine Quadrat-Elle einnahmen, so läßt sich daraus ermitteln, wieviel Individuen an dieser Gesellschaftsreise teilnahmen: danach bestand der Schwarm aus 2230 Millionen Tauben. 75. Das Kuckucksei Quelle: Dr. Franz Doflein: »Das Tier als Glied des Naturganzen«, zweiter Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet«, von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin 1914. Der Kuckuck nimmt wegen seiner merkwürdigen Gewohnheit der Eiablage in fremde Nester eine Sonderstellung unter den Vögeln ein. Zwar ist er nicht der einzige Vogel, der so pflichtvergessen handelt, aber doch ist bei keinem andern der Brutpflege-Instinkt so vollkommen erloschen wie bei ihm. Unterstützt wird er in seiner unschönen Gewohnheit dadurch, daß seine Eier nicht wie die der andern Vögel immer dieselbe Färbung haben, sondern einen hohen Grad von Anpassung zeigen, indem sie abwechselnd so ziemlich allen Arten gleichen, in deren Nester sie gelegt werden. Die Rotkehlchen, Finken, Bachstelzen, Drosseln, Grasmücken, die mit einem Kuckucksei beglückt werden, haben nicht nur die Pflegearbeit für den untergeschobenen Fremdling zu leisten, sondern ihre eigene Brut wird noch dazu von diesem in ärgster Weise mißhandelt. Der kaum ausgeschlüpfte Kuckuck folgt sofort einem bösartigen Instinkt. Er benutzt Schnabel und Beine dazu, um sich mühselig an die andern kleinen Nestlinge heranzuschieben, sich unter sie zu ducken und sie einen nach dem andern aus dem Nest hinauszuwerfen, so daß sie elend umkommen müssen. Blind und nackt ist dieser kleine Verbrecher noch, aber er ruht in seinem grausamen Vorhaben nicht, bis er ganz allein im Nest zurückbleibt und nun für seine unersättliche Gefräßigkeit den ganzen Brutpflege-Instinkt der Pflegeeltern zur Verfügung hat, die den Fremdling nicht als solchen erkennen. Er allein nimmt sie nicht weniger in Anspruch als die gesamte Brut von fünf oder sechs Köpfen, denn die Untat, die er gleich in der ersten Stunde seines Lebens vollbrachte, hat ihn keine geringe Anstrengung gekostet, so daß er sich gehörig aufpäppeln lassen muß. Wenn man das Schicksal der Vogeleltern bedenkt, die mit einem solchen 101 fremden Jungen bedacht werden, so wird man wohl die Volksredensart verstehen, die davor warnt, sich ein Kuckucksei ins Nest legen zu lassen. 76. Die Affensprache Quelle: Wilhelm Bölsche: »Von Sonnen und Sonnenstäubchen«, Volksausgabe. Verlag von Georg Bondi, Berlin, 1910. Der Gebrauch des Werkzeugs und die bewußte Anwendung der Kehllaute als Sprache sind bekanntlich die hauptsächlichsten Merkmale, die den Menschen vom Tier unterscheiden. Aber wie es in der Natur nirgends schroffe Scheidungen gibt, so sind auch an diesen Stellen Übergänge zu beobachten. Die Weberameisen gebrauchen ihre Larven als Werkzeug (siehe Abschnitt 59), viele Tiere geben in gewissen Fällen bestimmte Laute von sich, die auf Artgenossen als Signale wirken. Wenn also bei niederen Tierarten schon eine primitive Sprache zu beobachten ist, so darf von vornherein angenommen werden, daß die dem Menschen am nächsten stehenden Tiere, die Affen, wohl das umfangreichste Vokabular besitzen müssen. In dieser Hinsicht hat der Amerikaner R. L. Garner Studien gemacht, bei denen er so vorging, daß er mit Hilfe eines Phonographen verschiedene Laute, die von gesellig lebenden Affen im Zoologischen Garten zu Chicago abgegeben wurden, aufnahm und später durch den Apparat wiederholen ließ. Da bei der Wiedergabe nur der Ton hörbar wurde, aber jeder Gesichtsausdruck und alle Gebärden wegfielen, so mußten die darauf folgenden Regungen der Tiere notwendig Reaktionen auf Sprachlaute sein. Er erhielt nun folgende Resultate. Ein Alarmzeichen konnte mit Sicherheit als solches erkannt werden. Es ist ein schriller und hoher Laut. Es gelang auch, das Gelächter der Affen im Apparat aufzunehmen. Und ebenso wurde ein einfacher Laut festgestellt, der dazu dient, jemanden zu rufen. Garner glaubt das Wort für »Trinken« erkannt zu haben. Er zweifelt jedoch daran, ob die Affen in ihrer Sprache ein Wort haben, das »Wetter« bezeichnet, obgleich er sah, daß ein Kapuzineraffe jeden Regenschauer, der gegen das Fenster schlug, mit einem besonderen Laut begrüßte. Ein Affe, der allein ist, redet niemals. Die »Worte« werden immer an ganz bestimmte Individuen gerichtet, und verschiedene Affenarten verstehen sich gegenseitig nicht ohne weiteres. Es muß also auch wohl Affendialekte geben. Eine hübsche Beobachtung ist, daß manchmal auch ein Affe einem anderen etwas zuflüstert, wenn er nicht von allen gehört werden will. Schon vor Garner hat Professor Waterhouse die Lautäußerung der 102 Affenart Gibbon nach ihrer Tonhöhe psychologisch gedeutet und in Notenschrift festgehalten. 77. Der Freßton Quellen: Sitzungsberichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, 1907. – Archiv für Anatomie und Physiologie, 1909. Über die musikalische Veranlagung verschiedener Tiere, besonders der Hunde, hat Professor Dr. Otto Kalischer in Berlin auf Veranlassung der Kgl. Preußischen Akademie der Wissenschaften eine Reihe von Untersuchungen angestellt, die zu höchst merkwürdigen Ergebnissen führten. Er begann damit, Hunde in der Weise abzurichten, daß sie nur bei einem ganz bestimmten musikalischen Ton nach hingelegten Fleischstücken schnappen durften, bei anderen Tönen hingegen die Fleischstücke liegen lassen mußten. Als Versuchsinstrumente bewährten sich Orgel und Harmonium infolge ihrer langen Tondauer, während die Dressur am Klavier auf Schwierigkeiten stieß. Kalischer ersann nun eine Methode, die dem Hund gestattete, bei einem gewissen Ton oder Tonkomplex die Bissen zu erreichen, während bei anderen Tönen (»Gegentönen«) das Fleisch nicht erfaßt werden konnte. Manche Tiere begannen schon beim fünften oder sechsten Versuch, auf die Methode zweckmäßig, also vom musikalischen Instinkt geleitet, zu reagieren. Sogar die benachbarten halben Töne wurden mit Sicherheit unterschieden, und die begabtesten Hunde sprangen nach richtiger Reaktion auf den Freßton sofort weg, sobald ein anderer Ton, mochte er selbst der unmittelbar benachbarte sein, angeschlagen wurde. Es stellte sich heraus, daß die Güte und Feinheit des Tongehörs in gewisser Weise mit dem Charakter des Hunds zusammenhängt. Jagdhunde, Terriers und Pudel eigneten sich am besten zur Dressur, und unter ihnen zeigten wiederum die temperamentvollsten das stärkste Talent, während die zaghafteren nicht auf der Höhe der musikalischen Anforderung standen. Um ganz sicher zu gehen und jeden Zweifel an der rein akustischen Wahrnehmung auszuschalten, machte Professor Kalischer mehrere Tiere zeitweilig blind, so daß eine etwaige Mitwirkung von Hilfen durch den Gesichtssinn fortfiel. Es zeigte sich, daß die vorübergehend erblindeten Tiere sich bei Freßton und Nichtfreßton genau so verhielten wie die sehenden. Als Gesamtergebnis stellte sich heraus, daß die Hunde im allgemeinen ein überaus feines Tonunterscheidungsvermögen besitzen; ferner daß ihnen ein »absolutes Tongehör« zugesprochen werden muß, da auch bei längeren Unterbrechungen der Versuche die Tonerinnerung sich sofort wieder einstellte. Nicht ganz so trefflich, aber immerhin noch ausreichend bestand ein Esel die 103 Konservatoriumsprüfung. Im Versuchsfall dauerte es etwa zehn Tage bis der Esel das eingestrichene A als Freßton begriffen hatte. Hafer mit Zutat von Streuzucker erwiesen sich als geeignete Lehrmittel, und bei deren Anwendung zeigte sich schließlich ein »absolutes Tongehör« in musikalischem Sinn auch beim Esel als sicher vorhanden. Die Zusammenhänge dieser Erscheinungen mit den Funktionen des Großhirns sind von Kalischer in den Sitzungsberichten der Akademie und im Archiv für Anatomie und Physiologie (1907 und 1909) beschrieben worden. Weitere Untersuchungen, in jenen Schriften dargestellt, führten vom »Freßton« zum »Freßgeruch« und zu »Freßfarbe«; es ergab sich, daß auch auf diesen Gebieten die Tiere mit ganz bestimmten Unterscheidungsfähigkeiten zu urteilen wissen. 78. Eine gestörte Maskerade Quelle: R. H. Francé: »Das Leben der Pflanze«, zweiter Band. Verlag Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Geschäftsstelle: Frankhsche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1907. Z. Unter Mimikry versteht man bekanntlich seit Wallace und Bates jene merkwürdige Schutzanpassung niederer Tierarten, bei der sich der Kopist zu einer täuschenden Ähnlichkeit mit Eigenschaften des Modells entwickelt, um dadurch Feinde zu täuschen und ihren Nachstellungen zu entgehen. Erblickt man in der Natur oder aus Abbildungen derartige Mimikry-Fälle, so staunt man wohl über die hohen Ähnlichkeitsgrade und findet in der Erklärung auf Darwinscher Grundlage den einzigen Ausweg aus der Unbegreiflichkeit. Aber einer unserer vorzüglichsten Forscher, R. H. Francé , hat einer anderen Auffassung Raum gegeben, welche die Nützlichkeit des Mimikry-Phänomens aufs äußerste in Frage stellt. Der Genannte sagt in seinem monumentalen achtbändigen Werk »Das Leben der Pflanze« und zwar im ersten Band: „Die indischen Kallima-Schmetterlinge oder die südamerikanischen Blattheuschrecken sind das Nonplusultra der Nachäffung von Pflanzenteilen. Ja sie sind so vollkommen, daß sie weit über das Ziel hinausschießen, vor lauter Vollkommenheit unzweckmäßig werden und die Mimikry-Theorie zu Fall bringen. Denn auf ihren Flügeln sind nicht nur vergilbende Blätter mit aller Farbenpracht und dem ganzen Netz der Adern und Nerven abgebildet, sondern noch viel mehr: Minengänge von Raupen, die die Blätter benagen, oder sogar Tautropfen, die auf den Blättern liegen und so vollendet nachgeahmt sind, als ob sie der deshalb berühmt gewordene alte niederländische Maler Huysum darauf gepinselt hätte. Auf den Flügeln des großen Schmetterlings Opsiphanes Cassiopeia malte ferner die Natur ein erbsenförmiges Gebilde mit so täuschenden 104 Details, daß es die Naturforscher – die doch hoffentlich weniger leicht zu täuschen sind als die Vögel – beim ersten Blick für eine recht wenig appetitliche Made halten müssen. Auf den Flügeln vieler der bekannten märchenschönen Morpho-Arten sind hingegen wieder wundervoll schattierte und gut ausgeführte blaue oder rote Beeren abgebildet. Nun stelle man sich einmal vor, wie trefflich diese klassischen Fälle von Mimikry in der Natur schützen . Ein Vogel, der diese für ihn reizenden Madengänge, Maden, Beeren erblickt, wird wohl kaum widerstehen können, einmal versuchsweise hinzupicken – dann aber ist der Schmetterling verloren und hätte alle Ursache, der Mimikry, die auf seinen Flügeln in so fataler Weise mit Apelles rivalisierte, zu fluchen. Hat aber der Vogel keine menschlichen Augen und Vorstellungen, dann nützt die ganze Maskerade noch weniger, denn dann hat er die fette Beute viel früher erspäht, als wir, denen sich diese blattähnlichen Tiere tatsächlich nur zu leicht, aber auch nicht leichter entziehen, als ein im Wald zu Boden gefallener Bleistift, der doch wahrlich keine Mimikry treibt. Und diese blattnachäffenden Tierchen scheinen sich über den Wert dieser hübschen Malereien auch völlig im klaren zu sein – denn sie kümmern sich ebensowenig darum wie ihre Feinde. Ein Blatt, das bedächtig davonläuft (wandelndes Blatt!), ein Zweig, der am Baum herumkriecht, das sind wohl auffälligere Dinge, als ein noch so grelles Insekt, wenn es ruhig sitzt. Viele dieser maskierten Geschöpfchen aber setzen sich mit Vorliebe auf weiße, blendende Flächen oder halten die Flügel so, daß man ihre täuschend bemalte Oberseite gar nicht zu sehen bekommt; mit einem Wort: ihr Benehmen ist das denkbar unzweckmäßigste und hebt allen »Nutzen« der Mimikry auf. Der ganzen Argumentation wird jedoch die Krone aufgesetzt dadurch, daß diese wunderbare Zweig- und Blatt-Mimikry auf Erden schon zu Zeiten existierte, als es noch gar keine Zweige und Blätter gab. Aus den Vorträgen des Professors Entz über diesen Gegenstand läßt sich ersehen, daß einer der ältesten bekannten Tierreste die Blattmimikry ist, die der Urschwabenkäfer ( Paläoblatta Douvillei ) im mittleren Silur mit seinen Flügeln vollbrachte. Damals gab es weder Blattpflanzen, die man nachahmen konnte, noch Vögel, vor denen man sich zu schützen brauchte, und trotzdem gab es pflanzenähnliche Mimikry!” Nach diesen Ausführungen scheint es allerdings, daß auf diesem Gebiet die Theorie und die Illusion recht nahe beieinander wohnen. 105 79. Das Pflanzenauge Quelle: R. H. Francé: »Das Leben der Pflanze«, erster Band. Verlag Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Geschäftsstelle: Frankhsche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1907. Z. Zwischen Tier und Pflanze ein Grenzgebiet, dem das auch im vorigen Abschnitt von uns erwähnte Werk »Das Leben der Pflanze« eine Schilderung widmet; nur daß sein Verfasser R. H. Francé , der sich der Mimikry gegenüber so abwehrend verhält, hier als der überzeugte Verkünder eines Wunders auftritt: „Es gibt in der Pflanze ein Analogon des Nervensystems, etwas, das empfangene Reize weiterleitet! Denn der verstärkte Lichtreiz wird nur von der Epidermis wahrgenommen; durch besondere Versuche ließ sich erweisen, daß der reagierende Blattstiel an sich gar nicht lichtempfindlich ist. Deshalb hob Haberlandt denn auch in seinem berühmten Vortrag auf der Naturforscherversammlung von 1904 hervor: der Blattstiel gehorcht ebenso blind der Blattspreite, wie die Halsmuskulatur dem Kopf eines Vogels, der aus dem Dunkeln ins Helle späht. Das sind doch wahrhaft erstaunliche Dinge, die da aus den »Facettenäuglein« der Blätter strahlen! Die nüchternen Laboratoriumsberichte machen die ausschweifendsten Dichterphantasien zuschanden. Aber der Begriff des »Pflanzenauges« wird aus der Wissenschaft – so abenteuerlich er uns auch heute noch erscheinen mag – nicht mehr verschwinden, ja er scheint schon in unseren Tagen zu einem ganz außergewöhnlich tiefen Einblick in das Innenleben der Pflanze neue Zugänge zu eröffnen. In dem ausgezeichneten Zentralorgan botanischer Forschung »Berichte der deutschen botanischen Gesellschaft« veröffentlichte Haberlandt eine merkwürdige neue Beobachtung über verwickelte Lichtsinnesorgane gewisser niederer Pflanzen. Die Selanginellen haben an 500 verschiedene Formen, die in der Treibhausluft der Tropenwälder sprießen. Sie sind Schattenpflanzen, daher auf rasche und möglichst vorteilhafte Ausnützung des Lichts angewiesen. Das Bedürfnis erzeugte in ihnen lichtempfindliche Apparate von seltener Vollkommenheit. Die Epidermiszellen ihrer Blätter enthalten ausnahmsweise Blattgrün: ein grünes Becherchen, das im Hintergrund der Zelle sitzt und sich gemächlich von dem großen Reflektor bescheinen läßt, den die mächtig vorgewölbte Außenwand der Zelle vorstellt. Dieser Chloroplast liebt das Licht derart, daß er ihm sogar nachläuft . Scheint die Sonne seitwärts auf das Blatt, so daß sich der helle Reflex der Spiegelscheibe verschob, dann verwandelt sich der Chloroplast in ein Wesen nach Art der Amöben oder der grünen Algen. In spontaner Beweglichkeit kriecht er in den hellen Lichtfleck, dort setzt er sich wieder breit hin und sonnt sich . . . Haberlandt entdeckte, daß diese Chloroplasten eine Art Netzhaut 106 übergezogen haben. Eine derbe plasmatische Haut, die sich nur auf der dem Licht zugewandten Seite findet. Diese Plasmahaut nimmt an den Wanderungen des Blattgrüns teil, nur wo sie vorhanden ist, wird es so hochgradig lichtempfindlich. Was soll sie denn also anders sein als das Urbild der Retina (also der Netzhaut des animalischen Auges), der gleiche Eigenschaften zukommen!” 80. Das wirbelnde Meerschweinchen Quelle: Professor Dr. E. Mach: »Die Analyse der Empfindungen«. Verlag Gustav Fischer, Jena, 1906. Die Raumfrage, so gefaßt: läßt sich der Raum als solcher sinnlich wahrnehmen? bildet eins der schwierigsten Probleme der Lebenskunde und leitet weiterhin in die tiefsten Gründe der Erkenntnistheorie. Es handelt sich hier nicht um abtastbare, den Raum erfüllende Körper, sondern um den Raum selbst; der nach bekannter Lehrmeinung eine Denkform » a priori «, eine Vorstellung außerhalb der Erfahrung darstellt. Stünde dies unwiderleglich fest, so käme ein menschlicher, ein animalischer Sinn als direkter Empfänger und Wahrnehmer des absoluten Raums gar nicht in Betracht. Es ist aber im Gegenteil nachgewiesen worden, daß dieser Sinn existiert, und zwar auf Grund eines Experiments im Forschungsgebiet des großen Physikers Ernst Mach. Dieser von Cyon angestellte Versuch führt zu einem ganz verblüffenden Ergebnis: jener Sinn ist nicht – wie man zunächst vermuten könnte – im Auge, sondern im Ohr lokalisiert! Rüsten wir uns zu diesem Versuch. Wir nehmen vier Meerschweinchen, setzen sie in einen Rotationsapparat und wirbeln sie mit ungeheurer Geschwindigkeit im Kreis umher. Von diesen vier Geschöpfen ist das eine ganz gesund und normal; beim zweiten wurde vorher ein bestimmter Teil im rechten Ohr, das sogenannte »Labyrinth«, zerstört, beim dritten wurde dieselbe Operation am linken Ohr vorgenommen, und dem vierten fehlen beide Labyrinthe. Die Tiere werden samt ihrem Futter in die mit Glaswänden umgebene Zentrifuge gesperrt und mehreren hundert Umdrehungen in der Minute ausgesetzt. Und nun begibt sich das Erstaunliche. Das doppelseitig operierte Tier nimmt von der Drehung gar keine Notiz, frißt vielmehr ruhig und unverdrossen. Das linksseitig operierte hört bei Rechtsdrehung zu fressen auf, läßt sich's aber bei Linksdrehung gut schmecken, das rechtsseitig operierte verhält sich umgekehrt. Nur das ganz gesunde Meerschweinchen protestiert gegen jede Nahrungsaufnahme, solange überhaupt gedreht 107 wird. Dieses hat sich die Raumempfindung bewahrt, während seine Genossen teilweise oder gänzlich raumtaub gemacht worden sind. Zur Beobachtung des experimentellen Vorgangs gehört eine Spiegelvorrichtung, die durch Gegenrotation die Bewegung umkehrt. Trotz der enormen Kreisbewegung erscheinen die Meerschweinchen mit ihrer Nahrung, als ob sie durchaus in Ruhe befindlich wären. (Der Spiegel arbeitet so vollkommen synchron, daß man durch ihn eine Zeitung bequem lesen könnte, selbst wenn sich das Blatt zehnmal in der Sekunde drehte.) Im Vergleich mit allen anderen Sinneserfahrungen beweist das Experiment: der Raum an sich wirkt auf den Organismus und in diesem einzig durch das Ohr. Das Tier, dem beide Labyrinthe fehlen, zeigt durch seinen guten Appetit, daß eine jähe und sonst geradezu betäubende Raumveränderung für seine Wahrnehmung nicht mehr existiert. Vergegenwärtigt man sich das Verhalten des ganzen Quartetts, innerhalb dessen jedes Meerschweinchen als Kontrolle des anderen auftritt, so gelangt man unweigerlich zu dem Schluß: der Raum ist sinnfällig und offenbart sich als etwas Wirkendes durch einen Teil des Gehörorgans. Diese Erkenntnis verdankt man den Meerschweinchen, die sich einer so peinlichen Operation unterwarfen, um bei der Auffindung einer ins Gebiet der Philosophie schlagenden Wahrheit mitzuhelfen. 81. Die Erde als Bakterienhotel Quelle: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. Im Zeitalter der Bakterien ist es nicht uninteressant zu erfahren, wie vielen dieser freundlichen Tierchen höchstens das Luftmeer der Erde gastliche Unterkunft gewähren kann. Sind die Bakterien auch noch so klein, so ist die Zahl, in der sie um uns hausen können, doch keineswegs unendlich groß. Das um die Erde liegende Luftmeer ist ein Kugelring. Der Radius der äußeren begrenzenden Kugel sei 869 Meilen lang, der der inneren Kugel 860 Meilen. Diese nach den heutigen Forschungsergebnissen als ungefähr richtig anzusehenden Zahlen vorausgesetzt, erhält man einen Inhalt des Kugelrings aus Luft von 35 300 Quadrillionen Kubikmillimetern. In jedem Kubikmillimeter kann ganz gut eine Million Bakterien hausen. Aber mehr als 35 300 Quintillionen von ihnen haben doch nicht in der Luft Platz. Immerhin ist das schon eine recht erhebliche Zahl, in der vom gut verwendbaren Hefebazillus bis zum Erreger der Lepra oder der Cholera alle Abarten in billionenfacher Zahl Raum zum Lebens finden. 108 82. Wie alt werden die Tiere? Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Z. Das Höchstalter, das von den einzelnen Tiergattungen erreicht werden kann, ist außerordentlich verschieden. Irgend ein System ist dabei noch nicht beobachtet worden. Bei den Säugetieren kann man im allgemeinen sagen, daß die großen Tiere älter werden als die kleineren, aber bei den Vögeln gilt dieses Gesetz schon nicht mehr, da z. B. der Papagei dasselbe Höchstalter erreicht wie der Adler. Man muß sich daher damit begnügen, die einzelnen Zahlen nebeneinander zu stellen, was allerdings interessant genug ist. So leben manche Polypen 50 Jahre, der Regenwurm mehr als 10 Jahre, Blutegel bis zu 27 Jahren, der Flußkrebs wird 20 Jahre alt, Spinnen meist nur 1 bis 2 Jahre, Käfer wurden 5 Jahre in der Gefangenschaft gehalten. Die Bienenkönigin wird bis zu 5 Jahren alt, während die Arbeitsbienen meist nur 6 Wochen leben. Ameisen hat man bis zu 15 Jahren in der Gefangenschaft beobachtet. Teich- und Flußmuscheln werden 12 bis 14 Jahre alt, die Bachperlmuschel 80 bis 100 Jahre. Karpfen und Hecht, wahrscheinlich auch der Wels, werden über 100 Jahre alt, der Laubfrosch nur über 10 Jahre. Die Kröte soll 40 Jahre alt werden. Eine Schildkröte wurde 150 Jahre in der Gefangenschaft gehalten; im ganzen mag dieses Exemplar 300 Jahre alt geworden sein. „Am besten ist das Lebensalter der Vögel bekannt. Es leben der Haushahn 15 bis 20 Jahre, die Silbermöwe 44 Jahre, Gans und Eiderente 100 Jahre, Schwan 102 Jahre, Fischreiher 60 Jahre, Storch 70 Jahre, Falke 162 Jahre, Steinadler 104 Jahre, Geier 118 Jahre, Uhu über 68 Jahre, vielleicht 100 Jahre, Amsel 18 Jahre, Kanarienvogel bis 24 Jahren, Papagei über 100 Jahre. Von Säugetieren erreicht der Esel 106 Jahre, das Pferd 40 bis 60 Jahre, Rind 20 bis 25 Jahre, Schaf 20 Jahre, Hund 28 Jahre, Katze 22 Jahre, Elefant und Walfisch 200 Jahre.” 83. Totes Leben Quelle: Dr. Richard Hesse: »Der Tierkörper als selbständiger Organismus«, erster Band des Werks: »Tierbau und Tierleben in ihrem Zusammenhang betrachtet« von Dr. Richard Hesse und Dr. Franz Doflein. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig und Berlin, 1910. Z. Die lebende (organische) Substanz unterscheidet sich von der unbelebten (anorganischen) dadurch, daß im lebenden Stoff ständig Neubildung und immerwährender Zerfall stattfinden, während die unbelebte Substanz sich nicht selbsttätig verändert. Der Lebensstoff, das Protoplasma, zerfällt ständig in seinen 109 älteren Teilen, indes neue Teile entstehen. Die für uns wahrnehmbaren Lebensäußerungen, die dem Zerfall entspringen, sind Bewegung und Erwärmung, sowie das Auftreten von Zersetzungsprodukten des Protoplasmas. Die Wirkung des Neuaufbaus erkennen wir nur dann, wenn der Aufbau den Zerfall übertrifft, als Wachstum. Es gibt jedoch Fälle, wo an organisierten Körpern auch nicht die geringsten Spuren von Lebenstätigkeit mit unseren Mitteln nachweisbar sind, und doch die weitere Beobachtung lehrt, daß diese Körper nicht tot sind. Hierüber erzählt uns Professor Richard Hesse in seinem großartigen Werk über den Tierkörper die folgenden interessanten Dinge: „Man hat völlig trockene Pflanzensamen in ein Glasrohr eingeschlossen, dieses luftleer gemacht und dann zugeschmolzen. Nach mehreren Monaten war in dem Glasrohr keine Spur von Kohlensäure nachweisbar; die Samen aber keimten, als sie ausgesät wurden, hatten also ihre Lebensfähigkeit vollkommen bewahrt. Diesen Ruhezustand eines Organismus vergleicht man sehr treffend mit dem eines aufgezogenen Uhrwerks, an dem das Pendel angehalten ist. Er muß wohl vom Tode unterschieden werden; als Leben kann man ihn nicht ohne weiteres bezeichnen, wohl aber als latentes Leben oder auch Scheintod. Ähnliche Erscheinungen, wie sie von den Pflanzensamen erwähnt werden, sind von manchen winzigen Tieren bekannt. Wenn man den trockenen Staub aus Dachrinnen oder aus Moosrasen, die auf Felsen wachsen, oder von dem Flechtenüberzug der Baumstämme sammelt und auf einem Glasplättchen, mit Regenwasser angefeuchtet, unter dem Mikroskop betrachtet, so kann man nach einer halben Stunde darin kleine Tierchen beobachten. Teils sind es Rädertiere, die sich mit ihrem fernrohrartig einziehbaren »Fuß« oder mit dem Wimperorgan ihres Vorderendes bald träger, bald lebhafter durch das Wasser bewegen und ihr Kauorgan in kräftige Tätigkeit setzen; teils sind es Bärtierchen, die mit ihren acht kurzen krallenbewehrten Füßen langsam dahinkrabbeln. Läßt man das Wasser, das sie umgibt, verdunsten, so trocknen sie mehr und mehr ein und bleiben als unkenntliches, winziges Körnchen auf dem Glasplättchen zurück. Nach Monaten, ja nach Jahren kann man dieses Restchen durch Zusatz von Wasser zum Aufquellen bringen und aufs neue beleben. Von Bärtierchen ist beobachtet, daß sie nach drei Jahren latenten Lebens wieder zum Aufleben gebracht werden konnten. Kleine Fadenwürmer, wie die Weizenälchen, die sich als Larven zu 8 bis 10 in sogenannten gichtkranken Weizenkörnern finden, können in diesem Zustand völlig bewegungslos und ohne Lebensäußerungen jahrelang verharren und kommen dann beim Benetzen wieder zum Leben, nach einem Bericht sogar noch nach 27 Jahren.” 110 Daß Weizenkörner, die in ägyptischen Gräbern Jahrtausende lang leblos dagelegen haben, sofort nach der Aussaat wieder gekeimt hätten, ist jedoch als ein Irrtum nachgewiesen. 84. Unsterbliche Tiere Quelle: Zeitschrift »Prometheus«. Verlag Rudolf Mückenberger, Berlin. Z. In bestimmten Naturforscherkreisen glaubt man aus Versuchen folgern zu dürfen, es sei das berühmte Kräutlein gegen den Tod, das die Menschen schon so lange vergeblich suchen, von jenen Tieren gefunden, die auf der untersten Stufe der Entwicklungsleiter stehen. Man nimmt an, sie hätten das ewige Leben, aber freilich die Ewigkeit in einem so primitiven Leben, daß es kaum schon ein solches zu nennen ist. Die Protozoen, jene einfachsten, nur aus einem Klümpchen unorganisierten Protoplasmas bestehenden Urtiere vermehren sich bekanntlich durch Teilung. Zum Zweck der Fortpflanzung spaltet sich jedes von ihnen in zwei Teile, und jedes der beiden abgeschnürten Stücke wächst wieder zu einem vollständigen Tier heran. „ Weismann stellte als erster die Behauptung auf, daß die Protozoen unsterblich seien, weil das Plasma jeder Zelle nach der Teilung in den Tochterzellen restlos weiterlebe. Der Tod sei keine Notwendigkeit im Entwicklungsgang der Protozoen, wenn diese auch in Wirklichkeit infolge ungünstiger Einflüsse zu Millionen stürben. Die Behauptung Weismanns wurde von Maupas angezweifelt, der die Ansicht vertrat, daß das Protoplasma der Protozoen, wenn es nicht zeitweise eine Verjüngung durch Verschmelzung mit einer andern Zelle erfahre, allmählich an Altersschwäche zugrunde gehen müsse. Maupas züchtete Exemplare von dem Protozoon Stylonychia in Nährflüssigkeit und isolierte jedesmal die durch Teilung neu entstandene Zelle von allen übrigen, so daß jede Konjugation (Vereinigung) ausgeschlossen war. Er erhielt auf diese Weise zahlreiche Generationen von Zellen, beobachtete aber, daß in der 200. oder 220. Generation die Teilungsfähigkeit nachließ, und das Protozoon an Altersschwäche starb. Diese Versuche sind neuerdings von Woodruff wiederholt worden, und zwar mit ganz anderem Ergebnis. Er arbeitete mit der Wimperinfusorie Paramaecium aurelia, die sich unter natürlichen Bedingungen längere Zeit durch Vierteilung vermehrt, um dann gelegentlich Verschmelzung zweier Zellen herbeizuführen. Bei Ausschluß jeder Konjugation brachte es Woodruff nun im Lauf von 5½ Jahren auf 3340 Generationen. Durchschnittlich erfolgten in je 48 Stunden drei Teilungen. Die Teilungsgeschwindigkeit war Schwankungen 111 unterworfen, doch wurden nie Perioden besonderer Schwäche beobachtet, und die jüngste Generation war noch ebenso kräftig wie die Stammmutter. Nach diesem Resultat glaubt sich Woodruff zu der Annahme berechtigt, daß das Protoplasma einer einzigen Zelle unter günstigen äußeren Umständen ohne Hilfe von Konjugation imstande ist, sich unbegrenzt fortzupflanzen, und daß Altern und Befruchtungsbedürfnis nicht Grundeigenschaften der lebenden Substanz sind.” Danach wären Protozoen also unsterblich. (Siehe auch den folgenden Abschnitt.) 85. Das vielfach zerteilte Individuum Quelle: Wilhelm Fließ: »Der Ablauf des Lebens«. Verlag Franz Deutecke, Leipzig und Wien, 1906. Z. Die letzte Schlußfolgerung aus dem im vorigen Abschnitt dargestellten Versuch Woodruffs mit dem Paramaecium wird, außer von Maupas, auch von Andern scharf bestritten. Insbesondere verwirft sie der Biologe Dr. Wilhelm Fließ , weil sie einem von ihm erkannten Grundgesetz des Lebens widerspricht. Nach Fließ ist in jedem Individuum männliche und weibliche Substanz enthalten, beim wahren Zeugungsakt handelt es sich stets um das Aufeinanderwirken von männlicher und weiblicher Substanz. Diese Mischung ist für die Fortpflanzung notwendig. Sie kann auf die Dauer nicht entbehrt werden. Das gilt für die Gesamtheit des Tier- und Pflanzenreichs ohne Ausnahme. Freilich können sich längere oder kürzere Perioden von ungeschlechtlicher Fortpflanzung zwischen die Zeugungsakte einschieben. Aber diese letzten sind immer notwendig, wenn wirklich neue Generationen entstehen sollen. Die ungeschlechtliche Fortpflanzung ist, nach Fließ, nichts anderes, als die Ausbreitung desselben Individiums , wie das Wachstum und auch das Regenerationsvermögen, das wir noch bei manchen höheren Tieren antreffen. Sie teilt mit der Parthenogenese, der einseitig weiblichen Zeugung, die Unfähigkeit, eine Art dauernd zu erhalten. Für seine Meinung, daß wirklich alle Ableger einer Pflanze, also alle ungeschlechtlich hervorgebrachten Abkömmlinge, mit der aus einem befruchteten Keim erwachsenen Mutterpflanze ein Individuum bilden – im Widerspruch zu der eigentlichen Bedeutung des Worts Individuum – führt Fließ einige wunderbare Beweise an. „Naturfreunde haben seit Jahren bemerkt und Ochsenius hat es im »Prometheus« beschrieben, daß unser Alleebaum, die aus dem Orient stammende Pyramidenpappel, kränkelt und von der Spitze her verdorrt. Und das tut sie gleichmäßig 112 in ganz Deutschland, unabhängig von dem sehr verschiedenen Boden, auf dem sie gepflanzt ist, und unabhängig von Insektenfraß u. dgl. Für diese Erscheinung des allgemeinen Niedergangs der Pappeln hat Ochsenius die Tatsache verantwortlich gemacht, daß alle unsere Pappeln nur männlichen Geschlechts aus Stecklingen gezogen sind und sämtlich direkt oder indirekt von einem Mutterbaum abstammen, der vor etwa hundert Jahren aus dem Orient importiert und in den Park von Wörlitz verpflanzt wurde. Da die Pappel im Verhältnis zu anderen Bäumen eine nur geringe Lebenszeit besitzt – Eichen werden über tausend, Mammutbäume über fünftausend Jahre alt – so führt Ochsenius diese Erscheinung auf das natürliche Altern und Absterben zurück. Die Stammpflanze ist greisenhaft geworden, und alle ihre Schößlinge werden es zu gleicher Zeit. Denn sie sind nicht ihre Kinder, sie verdanken nicht einem Befruchtungsakt das Leben, sondern sie sind ganz direkt Leib von ihrem Leib und nur gewachsen, nicht geboren. Diesen Gedanken verfolgt Witt später in einem ausgezeichneten, mit fast seherischer Kraft geschriebenen Aufsatz, in dem er auf ein zweites Beispiel aufmerksam macht, das in demselben Sinn spricht. Die vielbegehrte La France-Rose stirbt massenhaft ab, und überall gehen die Stöcke ein. Auch die sorgfältigste Pflege vermag sie nicht zu retten. Ihre Stunde ist gekommen und sie wird ausgestrichen aus der Liste des Lebendigen. Und warum? Weil sie nur einmal aus Samen gezogen wurde und seitdem nur durch Propfreiser auf Wildlingen veredelt ist. Alle La France-Rosen in der ganzen Welt bilden einen einzigen großen Rosenbusch . Und dieser ist in dem einen Sämling geboren worden, aus dessen Zweiglein alle übrigen erwachsen sind. Greist der Sämling, so greisen seine Zweige, und stirbt er, so sterben sie mit ihm. Auch die Malvasierrebe, die dem zechfrohen Falstaff ihr edles Naß lieferte, ist längst nicht mehr. Sie ist mit vielen ihrer berühmten Schwestern heimgegangen wie alles, was vom Leben stammt. Von einer anderen Kulturpflanze, der Kartoffel, mehren sich die Nachrichten über Lebensmüdigkeit. Die Kartoffel wird durch Knollen, also durch Ableger, ungeschlechtlich vermehrt. Aber dies Verfahren geht nicht ins Ungemessene. Die Ertragsfähigkeit sinkt ab, und die Kartoffel erliegt schließlich. Deshalb haben sich die Züchter veranlaßt gesehen, neue Sorten durch Samenkreuzung zu erzeugen. Es gibt zahlreiche, so gezeugte Kartoffelarten, und auf der internationalen Kartoffelausstellung zu Altenburg 1875 waren, wie Schiller-Tietz entnommen wird, 2644 gezüchtete Kartoffelsorten vertreten. Aber auch diese haben kein ewiges Leben und so erscheinen immer neue Sorten.” 113 Es ist schwer, sich vorzustellen, daß das Individuum so über einen weiten Raum ausgebreitet und zerteilt werden kann. Aber Fließ sieht seine Behauptung durch keinen Gegenbeweis entkräftet. Denn wenn Woodruffs Paramaecien sich auch 5½ Jahre hindurch rüstig ohne Konjugation weiter vermehrten, so ist dieser Zeitraum noch keine Ewigkeit. Es gibt ja wohl Bakterien, die so alt oder noch älter werden können, und so hatte Woodruff bei seinem Versuch das Höchstalter seines vielfach zerteilten Individuums noch nicht erreicht. Bei dessen Überschreitung wird es dann wohl richtige Leichen geben, zum Beweis dafür, daß alles dahingehen muß, was vom Leben stammt. 86. Geheimnisvolle Eigenschaften Insbesondere seit dem Auftreten Darwins hat ein ungemein eifriges Studium des Tierkörpers eingesetzt, und es sind durch die Arbeiten von Gelehrten-Generationen Entwicklungsreihen und Zusammenhänge klar gelegt worden, die für ewig vom Schleier der Natur bedeckt schienen. Dafür finden sich ja auch in diesem Buch zahlreiche Beispiele. Dennoch gibt es immer noch einzelne Erscheinungen, die man nicht erklären kann, die ebenso eigenartig wie rätselhaft sind. So sind in Virginien schwarze Schweine immun gegen die Farbwurzel Lachnanthes, die auf ihren Weiden wächst, während die weißen Schweine an dem Genuß der Pflanze zugrunde gehen. Weiße männliche Katzen mit blauen Augen sind stets taub, Katzen mit gelb, weiß und schwarz geflecktem Fell sind stets weiblich. Warum? Man weiß es nicht! 114 Wundes des Wahns 87. Der Weltuntergang von 1524/25 Quelle: Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. Z. Daß die Erde nicht ewigen Bestand haben kann, wissen wir. Viel früher noch als die großen astronomischen Umänderungen mit ihr vorgehen, wird alles Leben auf unserm Heimatstern erloschen sein. Der Menschheit bleibt also nur eine gewisse Spanne Zeit bis zu ihrer Vernichtung. Doch dieser Untergang dürfte sich kaum katastrophal, sondern ganz allmählich abspielen, und sicherlich liegt selbst sein Beginn noch ungeheure Zeiten von uns Heutigen entfernt. Das hat aber die Sternkundigen des Mittelalters nicht abgehalten, oft genug den Untergang der Erde innerhalb kurzer Zeit vorauszusagen. Bei dem großen Ansehen, das die astrologischen Windbeutler in jener düstern Periode genossen, war es kein Wunder, daß sie durch solche Prophezeiungen schlimmste Verwirrung in vielen Köpfen anrichteten. Wenn die Menschen fest überzeugt sind, daß alles Lebende in kurzem mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden wird, so haben sie gewiß alle Ursache, sich absurd zu gebären. Viele kuriose Berichte über solche Weltuntergangsperioden sind uns erhalten. Ein ziemlich komischer Hergang dieser Art sei hier dem von Bürgel wiedergegebenen Bericht des Chronisten Haftitz nacherzählt: „Im Jahre 1518 hatte der damals hochberühmte Sterndeuter Stöffler prophezeit, daß im Februar des Jahres 1524 eine große Sintflut alles Irdische vernichten werde. Stöffler hatte berechnet, daß Saturn, Jupiter und Mars im Februar des genannten Jahrs im Hinweiszeichen der Fische zusammenkommen würden, und diese Annäherung der Planeten mußte nach seiner Meinung unfehlbar eine Sintflut herbeiführen. Eine allgemeine Niedergeschlagenheit bemächtigte sich der Bevölkerung in allen Landen, und je näher der ominöse Termin rückte, um so mehr stieg die Angst, und um so törichter bewegten sich die vom Weltuntergang Bedrohten. Handel und Wandel wurden arg dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Die Bauern bestellten ihre Felder nicht mehr, man unternahm keine größeren Arbeiten mehr, die Schuldner mochten nicht bezahlen und verjubelten angesichts des nahen 115 Tods lieber das Geld, und aus eben diesem Grund lieh auch niemand mehr etwas her. Sehr klug taten die Reichen! Sie reisten ins Gebirge, um dort den Wassern zu entgehen, und einige ließen sogar eine Arche Noah bauen. Aber der Februar 1524 verging, und die Sintflut kam nicht. Alles atmete auf, und es war, als ob ein entsetzlicher Alp von allen genommen wäre. Nur im Kurfürstlichen Schloß zu Berlin-Cölln an der Spree herrschte nach wie vor dumpfe Beklemmung und Angst. Kurfürst Joachim I., der sich selber mit Sterndeuterei beschäftigte und in einem Schloßtürmchen sogar eine Art Sternwarte besaß, hatte durch seinen hochgelahrten und hochgeschätzten Hofastrologen Johann Carion erfahren, daß sich Stöffler verrechnet habe, und daß die Sintflut erst am 15. Juli 1525 zu erwarten sei. Sie werde auch nicht die ganze Erde, sondern nur die deutschen Lande und speziell das flach gelegene Berlin-Cölln heimsuchen. Der Kurfürst befahl, diese Prophezeiung geheim zu halten, und als am 15. Juli nachmittags eine Wolkenwand im Westen hochstieg, öffneten sich plötzlich die Schloßportale, und eine ganze Reihe von Staatskarossen raste in aller Eile dem Berliner Ararat, dem Kreuzberg, zu, der ja damals noch ziemlich weit draußen vor den Toren der Stadt lag. Die kurfürstliche Familie, die hohen Beamten und die Staatskasse sollten auf der schwindelnden Höhe des genannten »Bergs« in Sicherheit gebracht werden. Die guten Bürger standen starr vor Staunen ob dieses seltsamen Beginnens. Als man aber später erfuhr, was die hohen Heerschaften zur Flucht veranlaßt hatte, trat lähmendes Entsetzen ein und nicht geringe Wut darüber, daß die edlen Herren sich so aus dem Staub gemacht hatten ohne Warnung für den Bürger, der sozusagen wie eine Maus ersaufen konnte und durfte. Gegen Abend kam ein kleiner Gewitterregen, und es wurde den Herren auf dem Ararat en miniature recht ungemütlich und bänglich; als aber die Sonne wieder durch die Wolken brach, da ermannte sich der einzige Mann unter den Herrschaften, die Kurfürstin Elisabeth, und überredete ihren Gemahl zur Heimkehr, da offenbar der Weltuntergang abgesagt worden sei. Man fuhr also, von der Bürgerschaft der Schwesterstädte nicht eben freudigen Blicks begrüßt, ins Schloß zurück, und – welch seltsamer Zufall – kurz vor der Schloßeinfahrt fuhr plötzlich der Blitz eines heraufziehenden Gewitters nieder, tötete den Reitknecht und erschlug die vier Pferde vor dem kurfürstlichen Wagen. Totenbleich wankte der Kurfürst ins Schloß, wäre er doch beinahe ein Opfer seiner Furcht geworden!” 116 88. Perpetuum Mobile Quelle: Dr. Albert Neuburger in dem Werk: »Der Siegeslauf der Technik«, herausgegeben von Geh. Regierungsrat Max Geitel, erster Band. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Z. Jahrhunderte lang hat sich die Menschheit um die Erfindung einer Maschine bemüht, die im Stande sein sollte, ohne äußere Kraftzufuhr sich selbst für ewige Zeiten in Gang zu halten und, wenn möglich, dabei noch Arbeit zu leisten. Heute wissen wir auf Grund des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, daß eine solche Maschine eine Unmöglichkeit ist, ein schöner Wahn, der niemals Wirklichkeit werden kann. „Mit dem Problem des Perpetuum mobile hat sich schon Hero von Alexandrien beschäftigt (etwa 120 v. Chr.), und wenn man die Zahl der Erfindungen, Vorschläge und angegebenen Maschinen auf diesem Gebiet zusammenstellen wollte, so könnte man ein dickes Buch schreiben. Welche Dimensionen die Erfinderwut manchmal annahm, mag man daraus ersehen, daß die Pariser Akademie mit Arbeiten über angebliche Lösungen des Problems derartig bestürmt wurde, daß sie im Jahre 1775 einen Beschluß veröffentlichte, laut welchem sie künftig weder Lösungen des Problems der Quadratur des Kreises, noch auch solche des Perpetuum mobile mehr prüfen wollte. Zu den interessantesten Versuchen ein Perpetuum mobile zu bauen, gehört die Maschine des Dr. Johann Ernst Elias Orfyreus , der im Jahre 1680 zu Oberlaußnitz geboren wurde und 1745 starb. »Orfyreus führte sein Perpetuum mobile verschiedenen Kommissionen vor und ließ sich von diesen beglaubigte Atteste über die Wirkung seiner Maschine ausstellen. So bezeugten ihm unter dem 9. Oktober 1712 vierzehn angesehene Bürger von Gera (darunter der Stadtsuperintendent, der gräfliche Leib- und Stadtmedikus, der »Polygraph« Oswald Leupold, der hochfürstlich Sächsisch-Weißenfelssche Landbaumeister, Mathematikus und Ingenieur, »der das Werk examinieret«), daß die Maschine vom 6. Juni ab auf dem Nikolausberg in Herrn Richters Hause das erste Mal im »perfekten Lauff curieus zu schauen verfertiget« gewesen sei. Weitere Erfolge erzielte Orfyreus, als der Landgraf Karl von Hessen-Kassel ihm auf dem Lustschloß Weißenstein eine Wohnung anwies, ihn zum Kommerzienrat ernannte und unter die landgräflichen Diener aufnahm. Diese Maschine des Orfyreus wurde am 12. November 1717 in einem Zimmer des Schlosses Weißenstein aufgestellt und in Gang gesetzt. Das Zimmer wurde verschlossen, versiegelt und von außen mit einem Wachtposten besetzt. Am 26. November erschien der Landgraf, ließ das Zimmer öffnen und fand die Maschine, wie sie verlassen war, »in ebenso starkem Lauff«. Der Landgraf hielt die Maschine auf, setzte sie wieder in Gang und erschien dann erst wieder nach sechs Wochen, nämlich am 4. Januar 1718. Als man jetzt die Siegel von der 117 Tür des Gemaches entfernte, fand man das Perpetuum mobile wiederum in »seynem ununterbrochenen Lauffe einen Weg wie den anderen«. Am 27. Mai 1718 erteilte der Landgraf dem glücklichen Erfinder einen Schutzbrief, in welchem auch noch bezeugt wurde, daß mittels der Maschine mit Steinen gefüllte Kästen gehoben und ein Pochwerk und eine Messerschmiede betrieben seien. Die Einrichtung dieses Perpetuum mobile Orfyreanum ist niemals bekannt geworden; nur seinem Gönner, dem Landgrafen, hat Orfyreus einen Einblick in den inneren Mechanismus gewährt; jener hat aber, trotz späterer Zerwürfnisse, das Geheimnis gewissenhaft bewahrt.” Schon bald nach dem ersten Erscheinen der Maschine warnten Flugschriften vor dieser Erfindung und wiesen darauf hin, daß der Apparat wohl durch einen »Kniff« in Bewegung gehalten werden dürfte, was denn auch der Fall gewesen sein muß. 89. Der Hexenwahn Quelle: Dr. Hutten: »Das schwarze Schuldbuch«. Verlag für Volksaufklärung von Alfred Metzner, Berlin, 1910. Eine der furchtbarsten Geißeln der Menschheit ist der Hexenaberglaube gewesen. Nach glaubwürdigen Angaben sind im Mittelalter ungefähr 100 000 Frauen und Mädchen als Hexen verbrannt worden. In Spanien allein wurden nach Llorrente 34 650 Ketzer und Hexen lebendig verbrannt. Denkt man sich die von der spanischen Inquisition verbrauchten Feuerstöße aufeinander getürmt, so erhält man eine Holzsäule, welche die Höhe des Chimborasso wenigstens zehn Mal übertrifft. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erst fanden die letzten Hexenhinrichtungen in Deutschland statt. Der siebzigjährigen Nonne Renate Singer aus Würzburg wurde 1749 nachgewiesen, daß sie schon als zwölfjähriges Mädchen einen Ehrensitz neben dem Thron des Satans eingenommen hätte. Sie wurde enthauptet und verbrannt. Als letztes Opfer des Hexenwahns in Deutschland folgte 1756 ein vierzehnjähriges Mädchen, das in Landshut in Bayern wegen einer »Wette mit dem Teufel« geköpft wurde. In der Schweiz wurde noch 1782 die Dienstmagd Anna Göldi als Hexe hingerichtet. In Spanien schloß dieses furchtbare Kapitel erst 1788 ab. Carpzov , kursächsischer Geheimrat und Professor der Rechte in Leipzig, der allein 20 000 Todesurteile gefällt hat, bespricht in seinem in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts erschienenen Werk die zulässigen und empfehlenswerten Folterwerkzeuge, von denen er erwähnt: Daumschraube, spanische Stiefel, die 118 Elevation und Expansion, die Wippe, den gespickten Hasen. Er empfiehlt die Folterart, durch die keine tödlichen Verletzungen, sondern nur die unerträglichsten Schmerzen hervorgebracht werden, z. B.: die Fußzehen des Delinquenten werden mit einem Seil zusammengeschnürt; der Angeklagte liegt zwischen fest verbundenen Brettern, das Fußseil wird über eine Winde gezogen, was einen furchtbaren Schmerz hervorruft; während der Seilprozedur gießt man dem Angeklagten so lange kaltes Wasser in den Mund, bis der Leib hoch aufschwillt; man träufelt brennendes Pech auf den nackten Körper; man treibt hölzerne Splitter unter die Fingernägel; man setzt allerhand Stechinsekten auf den bloßen Leib; man salzt die Fußsohlen und läßt Ziegen daran lecken; man filtriert ungelöschten Kalk in die Nasenlöcher; man hält brennende Kerzen unter die Achseln. Wo diese Martern nicht ausreichen, treten, nach Carpzov, der dänische Mantel, die englische Jungfrau, die braunschweigischen Stiefel, die spanische Kappe in Tätigkeit und zwar in fünf Graden der Tortur. Die Eisenplatten in den »Stiefeln« können bis zur Zermalmung der Knochen zusammengezogen werden; bei einem erhöhten Torturgrad wird von außen auf die Stiefel gehämmert und siedendes Pech in den Eisenschaft gegossen. All diese Scheußlichkeiten fallen bei Carpzov unter den Begriff der »scharfen Fragen«, während er unter Ausübung der »Gnade« in der Regel die Hinrichtung mit dem Schwert versteht. 90. Justiz gegen Tiere In der Zeit des Hexenwahns konnte die Tollheit üblich sein, daß die Gerichte, die weltlichen wie die geistlichen, auch Tiere jeglicher Art, wenn sie sich gegen das Gesetz vergangen hatten, vor die Schranken forderten, in aller Form Rechtens aburteilten, in Kerkerhaft warfen oder gar zum Tod durch Henkershand verdammten. In seinem Werk » Indiscrétions de l'Histoire « widmet Dr. Cabanès einen Abschnitt der Untersuchung und Feststellung der Tierprozesse, deren Schauplatz insbesondere Frankreich gewesen ist, und die dort manchmal auf eine geradezu groteske Weise in Szene gesetzt wurden. Im Jahre 1386 zum Beispiel hatte eine Sau einem kleinen Kind das Gesicht zerfleischt. Sie wurde zum Tode verurteilt und vor allem Volk hingerichtet. Man hängte sie an den Hinterbeinen auf, nachdem man ihr den Rüssel zerstört und ihr an dessen Stelle eine menschliche Maske vorgebunden hatte. Dazu hatte 119 man ihr das Gewand eines Manns angezogen: einen Rock, Hosen an den Hinterfüßen, weiße Handschuhe an den Vorderfüßen. Das denkwürdige Ereignis ist in einem Freskogemälde der Dreifaltigkeitskirche von Falaise für die Nachwelt festgehalten. Da sieht man wie der Henker auf erhöhtem Brettergerüst, unter der Aufsicht des würdevoll dastehenden Richters, der Sau die Schlinge um den Hals legt. Neben dem Gerüst hält gebietend zu Pferd der Gerichtsherr, und davor drängt sich die Menge, Jung und Alt, das interessante Schauspiel zu genießen. Angriffe von Schweinen auf Kinder in der Wiege ereigneten sich häufig und führten bis an die Schwelle des achtzehnten Jahrhunderts, wenn Klage erhoben war, zu hochnotpeinlichen Verfahren gegen den Attentäter. Oft hatte außer diesem die ganze Herde, zu der er gehörte, die Todesstrafe zu erleiden. Hätte man eine genaue Statistik dieser gesamten Tierjustiz, so würden wohl an zweiter Stelle, hinter den Schweinen, die Stiere marschieren, die ein Menschenleben vernichtet hatten und dafür am Ort ihres Verbrechens aufgehängt wurden. Im Jahre 1389 wurde ein Pferd wegen Mords zum Tode verurteilt, und 1467 trifft das gleiche Schicksal eine Katze, die ein vierzehn Monate altes Kind erwürgte. Auch wegen Hexerei hatten die Tiere sich vor Gericht zu verantworten. In Basel wurde 1474 ein Hahn beschuldigt, ein Ei gelegt und dies im Bunde mit dem Bösen vollbracht zu haben; man verbrannte ihn samt dem Ei auf offenem Markt. Das Fleisch des durch den Strang vom Leben zum Tod beförderten Tiers galt als unrein; es durfte daher – und das war eine harte Strafe für den Eigentümer, namentlich wenn eine ganze Herde gehängt wurde – nicht als Nahrungsmittel verkauft werden, sondern wurde sofort nach der Vollziehung des Richterspruchs verbrannt oder vergraben. Gewöhnlich hatte der Eigentümer die Pflicht, dieser Vollziehung beizuwohnen, und ebenso der Vater eines von dem Tier getöteten Kinds. Und hier ist der teils symbolische, teils praktische Sinn der Tierjustiz zu erkennen. Die Tötung des Tiers sollte den Eigentümer als Strafe treffen und ihn veranlassen, künftighin sein Vieh sorgsamer zu behüten; für den Vater aber lag in dem Zwang, sich auf dem Blutgerüst an der Seite des Henkers den Blicken und dem Spott der Volksmenge auszusetzen, die ernstliche Weisung, fortab seine Kinder nicht achtlos der Gefahr auszusetzen. 120 91. Selbstpeinigungen Quellen: Dr. Hutten: »Das schwarze Schuldbuch«. Verlag für Volksaufklärung von Alfred Metzner, Berlin, 1910. – Dr. Max Kemmerich: »Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit«. Verlag von Albert Langen, München. Es ist eine im Mittelalter häufig zu beobachtende Erscheinung, daß Menschen einzeln oder auch in großen Gruppen sich Schmerzen zufügten, um die Gottheit zu versöhnen. Am bekanntesten sind die Züge der Flagellanten, die zuerst in Italien, dann, als der schwarze Tod um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts durch Mitteleuropa schritt, auch in Deutschland üblich waren. Die Flagellanten oder Geißler zogen selbst im härtesten Winter mit entblößtem Oberkörper dahin und peitschten sich bis aufs Blut. Pater Damiani, Abt im Stift Gubbio, regelte die Geißelübungen nach einem arithmetischen System, nach dem 3000 Geißelhiebe gleich einem Jahr Buße zu bewerten waren. Einer seiner Untergebenen, der Mönch Dominikus der Gepanzerte, brachte es bis auf 300 000 Hiebe in einer Woche. Besonders erfinderisch in der Askese war der heilige Franz von Assisi , der Begründer der Bettelorden. Nachdem er ursprünglich dem Lebensgenuß zugewendet war, übte er später das Küssen der Geschwüre bei Aussätzigen, das Küssen und Umschmeicheln der Läuse, die Gewöhnung der Zunge an die unappetitlichsten Dinge, wie Eselsmist. Anhängerinnen des heiligen Franz waren die heilige Klara und die heilige Passidea, die ihre selbstgeschlagenen Wunden mit Essig und Pfeffer wusch, auf Kirschkernen schlief, sich im Teich einfrieren ließ und sich mit dem Kopf nach unten in einen rauchenden Schornstein hängte. Als Selbstpeiniger hat aus früherer Zeit der Syrer Symeon eine besondere Berühmtheit erlangt. Um dem Himmel schon auf Erden möglichst nahe zu sein, brachte er 36 Jahre seines Lebens auf einer schmalen Säule zu, die zuerst 6 Ellen hoch war, allmählich aber auf 36 Ellen erhöht wurde. Er starb 460. Seine Nachfolger, deren es bis zum zwölften Jahrhundert in Palästina und Syrien zahlreiche gab, wurden Säulenheilige (Styliten) genannt. Symeon der Jüngere soll es auf 68 Jahre Säulenaufenthalt gebracht haben. Viele andere Selbstpeinigungen zur höheren Ehre Gottes werden berichtet. Der heilige Eusebius schleppte sich mit einem Gewicht von fast drei Zentnern Eisen durchs Dasein. Thaleläus klemmte sich für zehn Lebensjahre in die Speichen eines Wagenrads. Der heilige Makarius wählte zum Sitz für seine entblößte Kehrseite einen Ameisenhaufen. Eine häufig geübte Askese war das ewige Schweigen, ferner verzichtete man auf das Waschen oder strafte sich selbst mit Schlafentziehung. Seit den Zeiten des Justinian wurde dauerndes Weinen modern, gewiß eine schöne Methode, um Gott die Freude über seine Schöpfung auszudrücken. 121 92. Die vervielfachten Heiligen Quelle: Dr. Max Kemmerich: »Kultur-Kuriosa«, erster Band. Verlag von Albert Langen, München. Die Echtheit mancher von den Gläubigen verehrten Reliquien muß doch einigermaßen zweifelhaft erscheinen, wenn man die folgende Zusammenstellung liest, die Max Kemmerich in seinen »Kulturkuriosa« angibt. Der heilige Dionisius existiert in zwei vollständigen Exemplaren zu St. Denis und in der Kirche St. Emmeran zu Regensburg, ferner rühmen sich Prag und Bamberg des Besitzes seines Kopfs. Er besaß also zwei vollständige Körper und vier Köpfe. Im Reliquienschatz der gesamten katholischen Welt befinden sich: Vom heiligen Andreas: 5 Körper, 6 Köpfe, 17 Arme, Beine und Hände. Von der heiligen Anna: 2 Körper, 8 Köpfe, 6 Arme. Vom heiligen Antonius: 4 Körper und 1 Kopf. Vom heiligen Blasius: 1 Körper und 5 Köpfe. Vom heiligen Lukas: 8 Körper und 9 Köpfe. Vom heiligen Sebastian: 4 Körper, 5 Köpfe und 13 Arme. Diesen allen weit über sind aber die Heiligen Georg und Pankraz mit je 30 Körpern. Das sind doch selbst für Heilige ziemlich unglaubwürdige Leistungen! 93. Fromme Spitzfindigkeiten Quellen: Egon Noska , Aufsatz: »Seltsame Schriften« in der »B. Z. am Mittag«. – Dr. Max Kemmerich: »Aus der Geschichte der menschlichen Dummheit«. Verlag von Albert Langen, München. Die Scholastiker des Mittelalters haben sich die Köpfe über die allerseltsamsten Fragen zerbrochen, die ihnen bei der wörtlichen Auslegung der Bibel aufstießen. In dieser gewiß mehr wunderlichen als fruchtbaren Übung hatten sie treffliche Vorläufer bei den Juden, die ja auch die Autorität des Geschriebenen nicht gering einschätzten. Die Kasuisten der Israeliten konnten besonders an der Sabbathfeier ihren Scharfsinn nicht genug üben. So war es am Sabbath verboten, einen Knoten zu machen oder aufzulösen. Da diese Bestimmung aber viel zu allgemein schien, so wurde sie scharfsinnig eingeschränkt. Rabbi Meir sagt: »Wegen eines Knotens, den man mit der einen Hand lösen kann, ist man nicht schuldig. Ein Frauenzimmer darf den Schlitz ihres Hemds zuknüpfen, so auch die Bänder der Haube, die einer Leibbinde, die Riemen der Schuhe und Sandalen, Schläuche mit Wein und Öl, einen Topf mit Fleisch.« Das Schreiben am Sabbath war verboten, und wenn es auch nur zwei Buchstaben gewesen wären. Aber nicht ohne 122 Einschränkung: »Schreibt einer in dunkeln Flüssigkeiten, in Fruchtsaft, oder in Wegestaub, in Streusand oder überhaupt in etwas, worin die Schrift nicht bleibt, so ist er frei. Schreibt einer mit verkehrter Hand, mit dem Fuß, mit dem Mund, mit dem Ellenbogen . . . oder wenn jemand einen Buchstaben auf die Erde und einen an die Wand schreibt, oder auf zwei Wände des Hauses, oder auf zwei Blätter des Buchs, so daß sie nicht miteinander gelesen werden können, so ist er frei.« Scholastische Fragen sind etwa folgende: Steht oder liegt Gottvater? Kann er ein Kind schaffen ohne Vater, einen Berg ohne Tal? Tanzen die Engel Menuett oder Langaus? Wieviel Chöre der Engel gibt es? Wie sitzen sie, und was für Instrumente spielen sie? Ist das Wesen der Taufe das Wort oder das Wasser? Sicher doch das erste, denn sonst könnten ja Fische in der Taufe leben, und ein Esel, der Taufwasser säuft, ein getaufter Christ sein wollen. Auch Bücher über höchst seltsame Fragen sind bis in die jüngste Zeit hinein geschrieben worden. Ein Leipziger Rechtsgelehrter, Karl Friedrich Romanus, prüfte in seiner im Jahre 1703 gehaltenen Doktordisputation die Frage, ob wegen Gespenstern ein Mietsvertrag aufgehoben werden könne, mit außerordentlichem Aufwand von juristischer Gelehrsamkeit und Spitzfindigkeit. J. F. Gübling, Superintendent in Chemnitz, hinterließ zwei Dissertationen, die sich mit Untersuchungen über – den Bart der Götter beschäftigten: »Ob die Götter einen Bart gehabt haben« und »Über die Ursachen desselben Barts«. Beide Schriften erschienen im Jahre 1725. Plitt, weiland Senior des Ministerii zu Frankfurt am Main, gab in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts eine Abhandlung über den Glauben der Kinder im Mutterleib heraus, und ein Pastor Niedner fand sich sogar bewogen, im Jahre 1815 ein Buch zu veröffentlichen unter dem Titel: »Einige Gedanken über die Frage: Warum hat unser hochgelobter Herr und Heiland, Jesus der Christus, nicht geheiratet?« 94. Topographie der Hölle Quelle: Dr. Max Kemmerich: »Kultur-Kuriosa«, erster Band. Verlag von Albert Langen, München. Im Jahr 1905 erschien in zweiter Auflage mit kirchlicher Approbation in Mainz ein Werk von Dr. Joseph Bautz , a. o. Professor der Theologie an der kgl. Universität zu Münster, »Die Hölle« betitelt. In diesem höchst gelehrten Buch sind eingehend Dasein, Ort und Dauer der Hölle ergründet. Bautz kommt zu dem Ergebnis, daß sie in dem Innern unserer Erde liegen 123 müsse. Es gibt vier unterirdische Räume, von denen die eigentliche Hölle am tiefsten liegt, während sich der »Schoß Abrahams« in höherer, würdigerer Lage befindet. Begründet wird diese Situation unter anderm damit, daß, wie es in der Bibel heißt, der reiche Prasser, der in der Hölle schmorte, seine Augen aufhob, um den Lazarus zu schauen. Der limbus infantum , die Zone für die ungetauft gestorbenen Kinder, liegt in der Nähe des sinus Abrahae , in einiger Entfernung von der eigentlichen Hölle und wird wie dieser von den Flammen nicht berührt. Das Fegefeuer aber befindet sich, wie Bautz aus mancherlei Angaben schließen zu müssen glaubt, wohl in unmittelbarer Nähe der Hölle, zumal eine solche Nachbarschaft »um so mehr zur Betrübnis, zur Verdemütigung und Läuterung der armen Seelen gereichen muß.« Der Schoß Abrahams ist zur Zeit unbewohnt. Nach der Auferstehung wird es auch das Fegefeuer sein. Daß die Hölle etwa zu klein für alle sündigen Seelen werden könnte, braucht man nicht zu besorgen. Denn wenn sie auch zur Zeit nur wenig umfangreich ist, so hat doch Lessius berechnet, »daß ein ganz geringer, verschwindender Teil des Erdinnern hinreicht, um eine geradezu fabelhafte Anzahl von Menschen aufzunehmen«. Besonders interessant ist, daß Bautz für das Dasein und die Tätigkeit der Vulkane, die den Naturwissenschaftlern noch immer so viele Rätsel aufgeben, eine einfache und bündige Erklärung gefunden hat. Sie sind – Schlote der Hölle! Und darauf ist bisher kein Gelehrter gekommen! 95. Irrgänge des Aristoteles Quelle: Dr. Fritz Mauthner: »Aristoteles«. Verlag von Bard-Marquard, Berlin, 1904. Die Bedeutung des Lehrmeisters der Menschheit wird nicht verkürzt, wenn man seinem überragenden Aktivum die Debetseite entgegenhält. Dieses Gegen-Konto hat Fritz Mauthner in einer angriffslustigen Sonderschrift über den großen Stagyriten aufgemacht, und es finden sich darin wunderbare Dinge. Aristoteles glaubte und lehrte, daß der hintere Teil des menschlichen Schädels völlig leer, und das Gehirn selbst ohne Blut sei. Er leugnet ausdrücklich, daß das Gehirn Empfindung besitze; es sei der kälteste Teil des Körpers und diene dazu, die Wärme des Menschen zu mäßigen. Leute mit großen Köpfen und engen Adern – verkündet Aristoteles – schlafen viel, weil die Feuchtigkeit des Körpers durch die engen Adern nicht rasch genug emporsteigen könne, und weil der große Kopf zu viel Feuchtigkeit verdampfe. 124 Nach Aristoteles haben die Männchen mehr Zähne als die Weibchen, sowohl bei Menschen wie bei Schafen, Ziegen und Schweinen. Nach Aristoteles gibt es eine Gattung Ochsen, die einen Knochen im Herzen tragen. Das Blut ist in den unteren Körperteilen dicker und schwärzer als in den oberen, das Blut des Weibs dicker und schwärzer als das des Manns, und darum ist der Mann, darum sind die oberen Körperteile edler. Das Rebhuhnweibchen wird befruchtet, wenn der Wind vom Männchen herweht. Zu gewissen Zeiten wird es aber schon von der Stimme des darüberhin fliegenden Männchens befruchtet. Vom Biß eines tollen Hunds wird jedes andere Tier toll gemacht, nur nicht der Mensch. Die linke Körperseite ist beim Menschen die kältere. Der Mensch allein (im Gegensatz zu den Tieren) besitzt Fleisch an den Beinen. Es gibt Einhörner; das einzige Horn besitzt infolge seiner mittleren Stellung einen höheren Wert. Ein Tropfen Wein in einem großen Faß Wasser wird zu Wasser. Jedes Sinnesorgan ist einem Element zugeordnet: das Auge besteht aus Wasser, der für Schalleindrücke empfängliche Teil aus Luft, der Geruch aber aus Feuer usw. Alles das hat man Aristoteles lange Zeit geglaubt. Erstaunlich aber ist, daß seine irrtümliche Feststellung, die Fliegen hätten vier Beine, noch in Lehrbüchern aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zu finden ist. Und die Feststellung des richtigen halben Dutzends Fliegenbeine wäre doch dem Menschen schon früher nicht gerade übermäßig schwer gewesen! 96. Lionardos Tiergarten Quelle: Marie Herzfeld: »Leonardo da Vinci«. Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena, 1911. Die Blüten des Wahns gehören, wie schon der vorige Abschnitt zeigt, keineswegs zu den ausschließlichen Vorrechten der Rückständigen. Sie zeigen sich vielmehr auch bei den Auserlesenen, wie sich im hellen Nervengeflecht der Netzhaut im menschlichen Auge ein dunkler Punkt befindet. Lionardo da Vinci gehörte nach der Quersumme seines Wissens wie nach der Stärke seines Vorahnens gewiß zu den herrlichsten Erscheinungen des Menschengeschlechts. Aber auch er hat seinen dunklen Punkt. In seiner Schrift 125 »Bestiarius« (vergl. die kürzlich erschienene Ausgabe durch Marie Herzfeld) bekennt sich Lionardo u. a. zu folgenden Ansichten: Die Zikade: diese, durch ihren Gesang, macht den Kuckuck schweigen, stirbt in Öl und wird im Essig wieder lebendig. Das Rebhuhn: dieses verwandelt sich aus einem Weibchen in ein Männchen. Das Chamäleon: dieses lebt in der Luft, und in dieser ist es allen Vögeln unterworfen; und um mehr Sicherheit zu haben, fliegt es über die Wolken und findet dort so dünne Luft, daß sie den Vogel nicht trägt, der ihm etwa folgte. Der Vogel Lumerpa wird in Vorderasien geboren und leuchtet so stark, daß er seinen eigenen Schatten aufzehrt. Die Viper: diese trägt plötzlichen Tod in ihren Zähnen, und, um keine Zauberweisen zu hören, verstopft sie sich mit dem Schweif die Ohren. Die Kröte nährt sich von Erde, und immer bleibt sie mager, weil sie sich nie sättigt. So groß ist die Angst, daß diese Erde ihr einmal mangeln könnte. Die Boa , eine große Natter, die mit sich selbst die Füße der Kuh umwickelt, so daß diese sich nicht rühren kann, melkt sie hierauf derartig, daß sie fast austrocknet. Das Gnu: Kopf von solcher Größe, daß es ihn nur widerwillig trägt, so daß er immer zu Boden gebückt ist. Sonst wäre das Gnu die schlimmste Pest für die Menschen, denn wer immer von seinen Augen erblickt wird, stirbt sofort. Der Ibis hat Ähnlichkeit mit dem Kranich; wenn er sich krank fühlt, füllt er seinen Kropf mit Wasser, und mit dem Wasser gibt er sich ein Klystier. So geschrieben von einem der größten Forscher aller Zeiten um die Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. 97. Edelstein-Zauber Edelsteine, Halbedelsteine, kostbare Substanzen überhaupt werden und wurden vielfach als die Träger wunderhafter Eigenschaften gedacht. Nach den Angaben des Alchimisten Pierre de Boniface macht der Diamant den Menschen unsichtbar, indischer Achat gibt Eloquenz, Karneol beschwichtigt den Zorn, Hyakinth macht Schlaf, Amethyst vertreibt Weindunst, Granat verscheucht Dämonen. Selenit nimmt ab und zu mit dem Mond. Bezoarstein bekämpft die Pest und alle Arten von Giften; Aspilat schützt vor Feuer. In der »Clericalis Disciplina« wird behauptet, daß es Schlangen mit 126 Augen aus Hyakinth gäbe und im Jordantal andere Schlangen, denen Schnüre von Smaragden auf den Rücken wüchsen. Nach Philostrat befindet sich im Gehirn großer Eidechsen eine Gemme. Je mehr Edelsteine, desto kräftiger der Zauber gegen allerhand Unheil: das war der Glaube mancher Fürsten. Karl I. von England hatte Steigbügel, an denen 421 Diamanten hingen; Richards II. Gewand war mit Rubinen bedeckt; Heinrich II. trug Handschuhe mit Edelsteinen bis zum Ellbogen, zu denen Knöpfer mit 12 Rubinen und 52 großen Perlen gehörten. 98. Die unmöglichen Möglichkeiten Quelle: Alexander Moszkowski: »Die Kunst in tausend Jahren«. Verlegt bei Alfred Kröner, Berlin, 1910. Als Lavoisier seine Elementtheorie entwickelte, wurde diese grundlegende Lehre von den Häuptern der französischen Akademie als »unmöglich« erklärt. Lavoisier selbst war wiederum schnell mit seinem »Unmöglich« auf dem Plan, als die Behauptung, Meteore könnten vom Himmel fallen, ihm nicht einleuchtete. Die Pioniere des Dampfschiffs, Papin , Fulton , Salomon de Caux wurden für verrückt erklärt und fanden ihren Weg durch die Barrikaden des »Unmöglich« verrammelt. Galvani wurde als Froschtanzmeister verhöhnt und rannte gegen das »Unmöglich« ganzer Fakultäten. Arago schleuderte sein »Unmöglich« gegen die Annahme, die Eisenbahnen könnten einen Verkehrsfortschritt bedeuten. Der große Physiker Babinet bewies mathematisch die »Unmöglichkeit eines Telegraphenkabels zwischen Europa und Amerika«. Gay-Lussac, Siemens und Helmholtz verwiesen jeden Gedanken an die Aviatik mit Maschinen schwerer als die Luft in das Gebiet des Wahns, und als der berühmte Magnus im Kolleg einen elektrischen Lichtbogen entzündete, erklärte er: dieser Lichtbogen könne für die Beleuchtungstechnik unmöglich eine Bedeutung gewinnen. Als Franklin mit seiner blitzableitenden Eisenstange anrückte, fuhr ihm sofort der Donner der »Unmöglichkeit« in einem Gewitter der Königlichen Akademie zu London entgegen. Auguste Comte ächtete jeden stern[an]alytischen Gedanken als »unmöglich«, wenige Jahre vor dem Aufflammen der Spektralanalyse in den Köpfen Kirchhoffs und Bunsens. Stephenson , Riggenbach wurden als Irre klassifiziert und hatten ihre Pläne, mit einer Lokomotive über Land und mit einer Zahnradbahn auf den Berg zu fahren, gegen eine Welt akademischer »Unmöglichkeiten« zu verteidigen. Und eine Welt der Wunder mußte erstehen, um alle diese Unmöglichkeiten 127 ad absurdum zu führen. Daß sie in weitestem Umfang geglaubt wurden, liegt in der Natur des Menschengeists, der dem Beharrungsgesetz unterliegt. Daß sie aber zum großen Teil von den Auserwählten der Forschung verkündet wurden, kann für sich als eine Summe von Wundern gelten. 99. Hat Napoleon gelebt? Quelle: Friedrich M. Kircheisen: »Hat Napoleon gelebt?« Erster Band der »Rara«, Bibliothek des Absonderlichen, herausgegeben von Hanns Heinz Ewers und Heinrich Conrad. Verlag Robert Lutz, Stuttgart, 1910. Eine so ungewöhnliche Erscheinung wie Napoleon Bonaparte, ein Welterschütterer ohne gleichen wie dieser Kaiser der Franzosen ist im höchsten Grad dazu geeignet, Sagen und Mythen entstehen zu lassen. Wenn auch seine Lebenszeit kaum ein Jahrhundert hinter uns liegt, so gibt es doch bereits eine ganze Reihe phantastischer Schriften, die das Allerseltsamste über Napoleon berichten. Insbesondere sind die merkwürdigsten Behauptungen über seinen Tod verbreitet worden, da man sich nicht recht vorstellen konnte, daß ein so gewaltiger Mensch gleich irgend einem andern gewöhnlichen Erdbewohner an einem gemeinen Magenkrebs zugrunde gegangen sei. Vielfach wird in Schriften von einer abenteuerlichen Flucht von St. Helena erzählt, und mehrere Verfasser lassen Napoleon dann später in der Türkei als Oberbefehlshaber der osmanischen Truppen im Krieg gegen die Russen auftauchen. Hussein Pascha oder Jussuph Pascha sollen Napoleon gewesen sein. Aber auch ein entgegengesetzter Standpunkt ist vertreten, nämlich ein solcher, der die materielle Existenz des Kaisers überhaupt leugnet, seine Figur als sagenhaft, als erfunden hinstellt. Unter den Schriften, welche diese Anschauung vertreten, ist besonders eine von J. B. Pérès interessant, die 1837 in Berlin in zweiter Auflage erschien: »Warum Napoleon niemals gelebt hat, oder Großer Irrtum, die Quelle zahlloser Irrtümer in der Geschichte des 19. Jahrhunderts.« Hierin wird nachgewiesen, daß Napoleon garnichts anderes sei, als die Personifikation – der Sonne. Aus den höchst spitzfindigen Darlegungen der Schrift sei hier folgendes wiedergegeben. Der Name Napoleon soll eng verwandt sein mit dem Namen des Sonnengotts Apollo (französisch Apollon), was Zerstörer bedeutet. Nach der griechischen Mythologie hat Apollo auf einer Insel des Mittelmeers, auf Delos, das Licht der Welt erblickt. Und so hat man auch den Geburtsort Napoleons auf eine Mittelmeerinsel verlegt. Des Kaisers Mutter hieß Laetitia, was Freude bedeutet, und womit man das Morgenrot bezeichnen wollte, dessen aufgehender Schimmer Freude in der ganzen Natur verbreitet. Auch in dem Namen der 128 Mutter Apollos, Leto oder Latona, glaubt der Verfasser einen Anklang an Laetitia erblicken zu sollen. Napoleon hatte drei Schwestern. Zweifellos bedeuten diese die drei Grazien, den Schmuck des Hofs Apollos. Die vier Brüder sind die vier Jahreszeiten. Wie Napoleon so schreibt man auch der Sonne zwei Frauen zu. Diese beiden Frauen sind der Mond nach der griechischen Sage und die Erde nach der Mythologie der Ägypter. Zwölf Marschälle hatte der Kaiser an der Spitze seiner Armeen und dazu vier, die nicht im Dienst waren. Nun diese zwölf Marschälle sind unzweifelhaft die zwölf Zeichen des Tierkreises, die unter den Befehlen der Sonne Napoleon ihren Lauf nahmen. Die andern vier Marschälle sind wahrscheinlich die vier Himmelsgegenden mit ihrer unbeweglichen Untätigkeit. Der große Schlachtenlenker hat gleich der Sonne die südlichen Gegenden ruhmvoll und siegreich durcheilt, aber als er sich zu weit nach Norden wagte, konnte er sich nicht mehr auf der Höhe halten. Napoleon kam zu Wasser aus dem Osten, um über Frankreich zu herrschen und ging, nachdem er zwölf Jahre regiert hatte, im Westmeer unter. Die zwölf Regierungsjahre bedeuten nichts anderes als die zwölf Stunden des Tags, während deren die Sonne am Himmel glänzt. Aus all dem soll klar hervorgehen, daß der Welteroberer nur eine allegorische Figur ist, daß er niemals gelebt hat. Pérès spottet über die guten Leute, die die Mythologie des neunzehnten Jahrhunderts für Geschichte genommen haben. 129 Mystische Wunder 100. Richard Wagner und die Zahl 13 Quelle: Alexander Moszkowski , Aufsatz: »Prophezeiungen aus alter und neuer Zeit« in der Zeitschrift »Über Land und Meer«, Nr. 21, 1916. Das Dasein Richard Wagners wird in merkwürdiger Weise von der Zahl 13 beherrscht. Wagner wurde im Jahre 1813 geboren und starb am 13. Februar. Sein Festspielhaus in Bayreuth wurde am 13. August eröffnet. Er schrieb (einschließlich der Jugendwerke) 13 Tondramen, sein Name setzt sich aus 13 Buchstaben zusammen, die Ziffern seines Geburtsjahrs ergeben als Quersumme 1+8+1+3 wiederum 13. Den ersten Anstoß zum Ergreifen des musikalischen Berufs empfing er durch eine Vorstellung des Freischütz am 13. Oktober. Tannhäuser endete am 13. März 1861 in Paris mit dem bekannten Theaterkrach und kam am 13. Mai 1895 dort wieder zu Ehren. Das Rigaer Theater, an dem Wagner als Kapellmeister begann, wurde am 13. September 1837 eröffnet, Tannhäuser am 13. April 1844 vollendet. Wagners Verbannung vom Mutterlande währte 13 Jahre. Der letzte Tag, den er in Bayreuth verlebte, war der 13. September. Liszt besuchte ihn zum letzten Mal in Venedig am 13. Januar 1883, und das Jahr, in dem Wagner starb, war das 13. Jahr der deutschen Reichseinheit. 101. Emanuel Swedenborgs Gesicht Quelle: Dr. Alfred Lehmann: »Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart«, deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. med. Petersen I, Düsseldorf, zweite Auflage. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1908. Eine der eigentümlichsten und interessantesten Gestalten in der Geschichte des neueren Okkultismus ist der Schwede Emanuel Swedenborg. Er wurde 1688 als Sohn eines gelehrten Bischofs geboren und starb 1772. Durch sein Leben geht ein tiefer Riß, der eine schroffe Grenze zwischen erfolgreichster naturwissenschaftlich-technischer Arbeit und einem nur dem Verkehr mit den Geistern gewidmeten Wandel bildet. Swedenborg hatte in Upsala Mathematik, Physik und Chemie studiert, war dann nach Deutschland, Frankreich und England gegangen, wo er sich eine tiefe naturwissenschaftliche Bildung aneignete. König Karl XII. berief dann den hervorragenden Mann zu sich, um seinen Rat für den Bau des 130 Docks zu Karlscrona und des Trollhettankanals einzuholen. Swedenborg machte verschiedene technische Erfindungen und war bald eine europäische Berühmtheit; er stand mit allen großen Gelehrten seiner Zeit in Briefwechsel. Es wurde ihm der Adel verliehen und der Lehrstuhl des bedeutenden Astronomen Celsius in Upsala angeboten. Swedenborg lehnte jedoch ab, er ließ sich 1745 plötzlich von allen Ämtern entbinden und in den Ruhestand versetzen. Sein ganzes übriges Leben ist der Mystik, den »Offenbarungen« und dem »Geisterverkehr« gewidmet. Die okkultistische Literatur ist erfüllt mit Berichten über die hellseherischen Taten Swedenborgs. Eins dieser Vorkommnisse ist ganz besonders berühmt geworden und zwar darum, weil es von Kant beschrieben wurde. Dieser berichtet darüber: „»Am 1. September 1759 kam Swedenborg nach Schweden zurück und ging nachmittags vier Uhr in Gothenburg ans Land. Er wurde gleich von einem Freund in eine Gesellschaft eingeladen. Um sechs Uhr verließ er die Gesellschaft, kam aber nach einem Augenblick bleich und entsetzt zurück. Er erzählte, daß ein großes Feuer in Stockholm wüte. Er war sehr unruhig und ging häufig hinaus in die frische Luft. Gegen acht Uhr erzählte er, daß das Feuer gelöscht sei, gerade drei Häuser vor seiner eigenen Wohnung in Stockholm. Diese Angaben Swedenborgs verbreiteten sich natürlich sofort in der Stadt und kamen auch dem Gouverneur zu Ohren. Am nächsten Morgen ließ er Swedenborg zu sich bitten, welcher ihm alle Einzelheiten des Brands beschrieb. Erst Montag Abend kam eine Stafette von Stockholm nach Gothenburg und Dienstag morgen ein königlicher Kurier. Die Berichte dieser Boten stimmten genau mit Swedenborgs Beschreibungen überein.«” „Demgegenüber ist bemerkenswert, so schreibt der bedeutende Kritiker der okkultistischen Phänomene, Dr. Alfred Lehmann , daß Kant den Bericht erst sechs Jahre nach der Begebenheit geschrieben hat. Er hatte seine Aufzeichnungen von einem Freund, der selbst in den beiden Städten gewesen war und mit Augenzeugen gesprochen hatte, die sich der merkwürdigen Geschichte noch genau erinnerten. Man wird einem solchen Bericht, auch wenn er von Kant stammt, nicht ohne weiteres objektive Zuverlässigkeit zuerkennen dürfen. Ein Bericht, der erst nach sechs Jahren geschrieben ist, kann nur dann als vollkommen beweisend gelten, wenn alle Voraussetzungen für seine objektive Zuverlässigkeit gegeben sind. Das ist aber hier nicht der Fall. Wer die Freunde waren, die den Vorfall erzählten, und von wem diese ihn gehört hatten, ist nicht erkennbar. Wer sich mit den modernen Forschungen über Aussage-Psychologie beschäftigt hat, wird über die Unzuverlässigkeit solcher Berichte nicht im Zweifel sein. Man weiß 131 auch, wie lebhaft die Legendenbildung bei solchen Dingen beteiligt ist. Jeder setzt gern etwas zu, während das ursprünglich objektiv Richtige ganz harmlos ist.” Wie leicht einfache Dinge falsch aufgefaßt und aufgebauscht werden, und wie aus einem ganz harmlosen Vorgang ein anscheinendes Hellsehen wird, möge der im folgenden Abschnitt erzählte Fall beweisen. 102. Der geträumte Muttermord Quelle: Dr. Albert Moll: »Der Hypnotismus«. Fischers Medizinische Buchhandlung, Berlin, 1907. In einem norddeutschen Dorf wurde eines Tags eine verheiratete Frau vermißt. Etwa drei Tage später sagte der Sohn der Frau, er hätte geträumt, daß seine Mutter zwischen den Ortschaften A. und B. ermordet worden sei. Der Knabe teilte diesen Traum mehreren Personen mit, und diese erzählten ihn weiter. Die Leiche wurde gesucht, und man fand sie etwas abseits von der Landstraße zwischen A. und B., d. h. da, wo der Knabe sie im Traum geschaut hatte. Die Behörde, welche die Ermittelungen leitete, wendete sich nun an den bekannten Psychologen Dr. Albert Moll , um seinen Rat für die Aufklärung dieser seltsamen Angelegenheit zu erbitten. Der Beamte, der den Gelehrten aufsuchte, erklärte in sehr objektiver Weise, der Behörde käme die Sache unglaubhaft und sehr merkwürdig vor. Um aber auf keinen Fall etwas zu versäumen, wolle sie einen Sachverständigen um Rat fragen, und man bäte Moll um seine Meinung. Äußerst interessant war, was sich nun an Einzelheiten ergab. Zunächst stellte sich heraus, daß der Knabe den Traum selbst ganz verschieden erzählt hatte. So hatte er im Traum auch die Mörder gesehen, aber er beschrieb sie bald so, bald so, selbst ihre Zahl gab er verschieden an. Auch die Art der Ermordung schilderte er ganz verschieden, und das einzige, wobei er blieb, war, daß er im Traum die Ermordung seiner Mutter zwischen den Ortschaften A. und B. gesehen hätte. Aber auch dieses Rätsel löste sich sehr einfach. Man hatte sich in Gegenwart des Knaben bereits am Tag vorher darüber unterhalten, daß die Frau nur zwischen A. und B. ermordet sein konnte. Es ergab sich dies durch die Ermittelungen als so sicher, daß, noch ehe der Traum des Knaben bekannt geworden war, Leute sich auf den Weg begeben hatten, um die Leiche zwischen A. und B. zu suchen. Alle anderen Einzelheiten des Traums, in deren Wiedergabe sich große Widersprüche fanden, erwiesen sich als falsch. Trotzdem wurde sofort erzählt, es hätte bei dem Knaben im Traum ein Hellsehen stattgefunden; die Behörde müsse nach dieser Richtung weiter forschen. Es zeigte sich dabei die Erfahrung, 132 daß, wenn bei einer Prophezeiung ein unbedeutender Punkt stimmt, alles andere von wundersüchtigen Menschen ohne weiteres als richtig hingenommen wird, und zwar ohne Prüfung. Jedenfalls hatte sich das ganze Wunder auf folgende Tatsache reduziert: der Knabe hatte einen Traum, in dem er etwas träumte, was er am Tag vorher schon gehört hatte. Alles andere war Phantasie. 103. Ein Besuch Virgils Quelle: Musäus: »Der Geisterseher Swedenborg«, Weimar, 1863. Z. Swedenborg (siehe auch Abschnitt 101) unterhielt fortwährend Verkehr mit Geistern. Ihm erschienen nicht nur Personen, die er noch lebend gekannt hatte, sondern er unterhielt sich auch mit den Geistern längst verstorbener bedeutender Männer. Swedenborgs Biograph Musäus berichtet besonders ausführlich von einem Besuch Virgils bei dem Seher, dem zum Teil ein Zeuge beiwohnte: „Einst während Swedenborgs Aufenthalt in London bekam er den Besuch eines jungen Magisters aus Finnland, des später wegen seiner ausgezeichneten Gelehrsamkeit bekannten Professors Porthan zu Abo. Dieser, obgleich weit entfernt, ein Swedenborgianer zu sein, hatte, teils aus Neugierde, den wunderbaren Mann zu sehen, teils aus dankbarer Achtung getrieben, sich in Swedenborgs Vorzimmer eingestellt, wo er von seinem Bedienten ersucht wurde, zu warten, weil sein Herr einen andern Fremden bei sich habe. Porthan hatte zufällig seinen Platz nahe bei der Tür, die zu dem innern Zimmer führte, eingenommen, und von diesem aus hörte er, daß eine lebhafte Konversation gehalten wurde, die, während man auf- und abging, dann und wann abgebrochen und von ihm weniger zusammenhängend aufgefaßt wurde. Er vernahm jedoch deutlich, daß das Gespräch in lateinischer Sprache geführt wurde und die römischen Antiquitäten betraf, einen Gegenstand, der das größte Interesse für ihn hatte. Als er eine Zeit lang zugehört hatte, wurde ihm gar wunderlich zu Mut, denn er hörte die ganze Zeit hindurch nur eine einzige Stimme, von längeren oder kürzeren Pausen unterbrochen, wobei die Stimme von irgend Jemandem eine Antwort bekommen zu haben schien, in der sie immerfort Veranlassung zu neuen Fragen fand. Er nahm indessen als gewiß an, daß derjenige, den er hörte, Swedenborg war, der auch höchst zufrieden mit seinem Gast schien. Wer übrigens dieser wäre, konnte Porthan zwar nicht erforschen, aber doch deutlich erkennen, daß das 133 Gespräch sich um Personen und Verhältnisse in Rom während des Zeitalters des Augustus drehte, sowie auch, daß darunter vieles vorkam, das Swedenborg neu war. Bald darauf wurde die Tür geöffnet, und Swedenborg, den er aus Porträts kannte, trat mit einer höchst zufriedenen Miene heraus. Mit einem freundlichen Nicken begrüßte er Porthan, war aber doch hauptsächlich mit einem unsichtbaren Gast beschäftigt, den er unter den verbindlichsten Artigkeiten bis an die äußere Tür begleitete, wo er von ihm Abschied nahm, sich ausbittend, bald einen neuen Besuch von ihm zu erhalten. Unmittelbar darauf wandte sich der Geisterseher an Porthan und redete ihn mit einem herzlichen Händedruck folgendermaßen an: »Herzlich willkommen, Herr Magister! Entschuldigen Sie, daß ich Sie habe warten lassen. Sie sehen aber, daß ich Besuch hatte.« Erstaunt und verlegen stammelte der arme Porthan hervor: »Ja, es kam mir vor, als ob ich es vernähme.« »Und würden Sie wohl raten, von wem?« »Unmöglich.« »Denken Sie einmal, mein Herr, von Virgilius selbst. Und, wissen Sie, er ist ein ungemein angenehmer Mann. Ich habe stets eine gute Meinung von ihm gehabt, und er verdient es; er ist ebenso anspruchslos wie geistreich und dabei höchst interessant und unterhaltend.« »So habe ich ihn mir auch vorgestellt«, fiel der Magister ein. »Richtig, und er ist sich auch vollkommen gleich geblieben. Es mag Ihnen vielleicht bekannt sein, daß ich mich in meiner früheren Jugend mit römischer Literatur vielfach beschäftigte und auch einige Carmina verfaßte, die in Skara gedruckt wurden.« »Ich weiß es, und alle Kenner schätzen sie hoch.« »Das freut mich; dem sei aber wie ihm wolle; dies machte die liebste Beschäftigung meiner Jugend aus. Allein viele Jahre anderer Studien, Beschäftigungen und Gedanken liegen zwischen jener Zeit und der jetzigen. Virgils unerwarteter Besuch hat meine Jugenderinnerungen zurückgerufen; ich fand ihn artig und mitteilsam und befragte ihn daher über viele Dinge, worüber niemand besser als er Bescheid geben kann. Er hat mir versprochen, daß er bald wiederkommen werde.«” Aus dieser Vision erkennt man klar den abnormen Geisteszustand Swedenborgs. In seiner Jugend hatte er sich viel mit lateinischen Dichtungen beschäftigt, und die Erinnerung daran wurde in ihm eines Tags so lebendig, daß er einen der bedeutendsten Vertreter jener Poesie wirklich vor sich zu sehen 134 glaubte. Kein objektiv Denkender wird an die Wirklichkeit der Erscheinung glauben. Die Annahme einer Halluzination liegt auch bedeutend näher, zumal wir aus vielen Fällen mit Sicherheit wissen, daß geeignete Personen einen ganz konkreten Eindruck des halluzinierten Gegenstands haben. 104. Die Seherin von Prevorst Quelle: Justinus Kerner: »Die Seherin von Prevorst«, Verlag von Philipp Reclam jun., Leipzig. Z. Eine in der Geschichte des Hellsehens gleichfalls als höchste Merkwürdigkeit verzeichnete Begebenheit hat sich im Jahre 1826 in dem kleinen Städtchen Weinsberg im württembergischen Neckarkreis zugetragen. Dort wohnte der Dichter und Arzt Justinus Kerner , in dessen Behandlung im genannten Jahr eines der bedeutendsten Medien des vorigen Jahrhunderts kam. Es war Frau Friederike Hauffe , geborene Wanner. Sie stammte aus dem kleinen Bergdorf Prevorst und hatte schon seit früher Jugend Erscheinungen. Im Anfang des Jahres 1822 wurde sie nach einem nächtlichen Traum von einem schweren hysterischen Anfall mit furchtbaren Krämpfen heimgesucht, und seitdem war sie schwer leidend. Als sie zu Kerner nach Weinsberg kam, schien sie eine Sterbende. Alle drei bis vier Minuten mußte ihr ein Löffel Suppe gereicht werden, den sie oft nicht verschlingen konnte, sondern nur in den Mund nahm und wieder ausspie. Reichte man ihn ihr nicht, so verfiel sie in Ohnmacht oder Starrkrampf. In diesem Zustand hat sie noch viele Jahre gelebt. Jeden Abend um sieben Uhr sank sie in »magnetischen Schlaf«. Gleich in den ersten Tagen ihres Weinsberger Aufenthalts, als sie weder von der Örtlichkeit noch von den Verhältnissen der Einwohner irgend eine genaue Kenntnis haben konnte, klagte sie im Schlaf darüber, daß ein Mann, den sie nicht weit von sich in einer sehr traurigen und bemitleidenswerten Gestalt sehe, sie bedränge, es solle ein Blatt Papier von nicht ganzer Foliohöhe voll von Zahlen hervorgeholt werden. Oben in der rechten Ecke sei eine kleine Einbiegung, in der oberen Zahlenreihe stehe eine 8 und daneben eine 0. Es beginne mit einem J in der ersten Zeile. Sie beschrieb den Mann nach Gestalt und Kleidung so genau, daß man in ihm deutlich den vor einigen Jahren verstorbenen K. erkannte. Dieser K. war Geschäftsführer in der Handlung von F. gewesen. Er hatte sich Unredlichkeiten zuschulden kommen lassen, und nach seinem Tod wurde das Konkursverfahren gegen sein hinterlassenes Vermögen eröffnet. Die Handlung von F. wurde dadurch um mehrere tausend Gulden geschädigt, und Herr F. erhob Ersatzansprüche gegen die Witwe K.; er bedrohte sie mit dem 135 Offenbarungseid, besonders auch über ihre Kenntnis von einem Geheimbuch. Dessen Vorhandensein war durch ein von K. geschriebenes und zu den Akten gegebenes Blatt bekannt geworden, das »ins Geheimbuch einzutragende« Notizen enthielt. Gerade aber dieses Blatt war und blieb verschwunden. Über diese recht komplizierten Dinge konnte nach der Meinung aller derer, die den hier geschilderten Vorgängen beiwohnten, Frau Hauffe nicht unterrichtet sein. Sie drang nun auf das Rührendste in Kerner, doch das von ihr beschriebene Blatt zu suchen. Es befinde sich in einem sechzig Schritt von ihr entfernten Gebäude. Sie habe sich in dieses Gebäude versetzt und folgendes gesehen. „Zuerst sei dort ein geräumiges, dann ein minder geräumiges Zimmer, in dem ein langer Mann allein oben an einem Tisch arbeite. Darauf komme ein noch geräumigeres als die zwei früheren Zimmer, worin Kästen und eine lange Tafel stehen; es sei auch eine längliche Kiste darin. An einem der Kästen, der der Eingangstür am nächsten sei, stehe die Türe halb offen. Alle jene Kästen und Kisten gingen jenen Mann nichts an. Dagegen stehe oben auf der Tafel etwas, das sie nicht benennen könne; auf diesem liegen Papiere in drei Haufen. Der Haufe rechts gehe den gedachten Mann nichts an, die zwei andern Haufen gehen ihn an. Im mittleren, etwas unter der Mitte sei das Papier enthalten, dessen Bild jener Verstorbene ihr vorhalte.” Kerner erkannte in der Beschreibung das Oberamtsgericht, Wohnung und Amtszimmer des Oberamtsrichters H. Dieser bestätigte ihm, daß er an dem betreffenden Nachmittag und Abend bis acht Uhr an der bezeichneten, sonst von ihm nicht benutzten Stelle gearbeitet habe und allein gewesen sei, auch daß er abends einmal in das dritte, das Gerichtssitzungszimmer, gegangen sei und das Halboffenstehen des Bibliothekkastens wahrgenommen habe. Kerner ersuchte nun den Oberamtsrichter, ihm das Durchsuchen des Aktenhaufens zu gestatten, der das gewünschte Papier enthalten sollte. Das Papier wurde hierbei nicht gefunden. Am Abend dieses Tags klagte Frau Hauffe wieder über die Anwesenheit des Geists, der noch immer traure und in sie dringe, doch für das Auffinden des Papiers zu sorgen. Sie beschrieb noch einmal die Lage des Aktenhaufens und jenes Blatts und gab noch an, daß es unter anderen Papieren in einem Umschlag von starkem grauen Papier liege, eine Angabe, die sie früher nicht gemacht hatte. Kerner sagte ihr, daß er das Blatt vergebens gesucht habe, und daß sie es ihm nicht verübeln könne, wenn er das Ganze für einen ihrer Träume halte. Da versicherte sie aber ganz ruhig, er müsse und werde dieses Blatt noch finden. Sie quälte sich weiter schwer, weil der Wunsch des Verstorbenen noch immer 136 nicht erfüllt sei, sodaß ihre Leiden weiter zunahmen. Nach fünf Tagen ging Kerner darum noch einmal zum Oberamtsrichter, stellte ihm vor, daß Frau Hauffe mit einer sehr auffallenden Bestimmtheit und einer inneren Wahrheit, die sich nicht wiedererzählen lasse, auf der Wirklichkeit jener Erscheinung und dem Vorhandensein jenes Blatts an der bezeichneten Stelle beharre, und bat ihn, noch einmal mit ihm eine Durchsuchung der Akten vorzunehmen. Dies geschah. Die beiden Männer fanden jetzt bei genauerem Zusehen in einem Umschlag, der gerade so war, wie ihn die Seherin beschrieben hatte, ein Blatt, das mit Zahlen und Worten von der Hand des K. bedeckt war; die erste Zahl war eine 80, der erste Buchstabe ein J. An der oberen rechten Ecke hatte das Papier tatsächlich eine offensichtlich schon vor langer Zeit gemachte Einbiegung. Kerner schreibt, daß ihn bei diesem Anblick ein rechter Schauer anwandelte. Das Blatt enthielt einen Beweis dafür, und zwar den einzigen, daß K. wirklich ein Geheimbuch geführt hatte. Der Oberamtsrichter und Kerner kamen nun überein, von dem Auffinden des Blatts gegen jedermann zu schweigen. Der Beamte sollte abends an das Bett der Seherin kommen und das Blatt mitbringen. Er erschien. Frau Hauffe war in ihren Schlaf verfallen. Bald kam sie wieder auf jenen Verstorbenen zu sprechen und sagte: »Da steht er wieder, aber er sieht beruhigter aus. Wo ist das Blatt? Es muß gefunden sein! Ich muß es suchen!« „Sie verfiel in Erstarrung und tiefes inneres Schauen, wobei sie das Aussehen einer völlig Gestorbenen mit verklärten Zügen hatte und sprach nach einiger Zeit: »Es sind die Papiere nicht alle mehr da; der erste Haufe ist garnicht mehr da, die andern Papiere sind auch nicht mehr in der anderen Lage. Aber das wundert mich! – Da liegt ja das Papier, das der Mann gewöhnlich in der Hand hatte, offen da. Nun, da kann ich mehr lesen: in das Geheimbuch einzutragen – auf das Mittlere dieser ersten Zeilen deutet er immer, er will wohl auf dieses Buch deuten. Was soll man nun mit diesem Blatt machen? Ha! Mich schauderts, denke ich, was jene arme Frau tun könnte, warnt man sie nicht! – Eine Warnung soll an sie durch dieses Blatt ergehen, dann hat er Ruhe, ist vom Irdischen mehr entbunden und kann sich durchs Gebet mehr dem Erlöser nahen.«” Die Warnung sollte die Frau K. vor einem Falscheid über das Geheimbuch bewahren. Über diese Worte der Seherin war der Oberamtsrichter sehr erstaunt. Er hatte das Blatt nämlich nicht in der Tasche, wie Kerner glaubte, sondern er hatte, um die Seherin auf die Probe zu stellen, die Lage der Akten verändert und das Blatt genau so, wie sie es angab, offen hingelegt. Frau Hauffe ließ nun weiter keine Ruhe, bis Frau K. von dem Inhalt des 137 aufgefundenen Blatts benachrichtigt worden war. Dann erst zog sich der Geist für immer beruhigt zurück. In der Tat wäre Frau K., wenn nicht gerade in diesen Tagen eine Einigung zwischen ihr und Herrn F. stattgefunden hätte, durch das Auffinden des Blatts davor bewahrt worden, etwas objektiv Unrichtiges zu beschwören. 105. Das vergessene Goldstück Über ein höchst merkwürdiges Erlebnis bei der Vorstellung eines Gedankenlesers berichtet ein angesehener Berliner Schriftsteller. Seine Aussagen, die an sich schon jeden Zweifel ausschließen, werden obendrein noch unterstützt durch das Zeugnis eines zweiten berühmten und ebenso vertrauenswürdigen Autors, der jene Vorstellung miterlebte. Der erwähnte Schriftsteller J. L. fragte den Gedankenleser, wieviel Goldstücke er (J. L.) bei sich trüge; er stellte die Frage, ohne selbst die Antwort genau zu kennen, denn er hatte zu Haus sein Portemonnaie zu sich gesteckt, ohne nachzuzählen. Der Gedankenleser – wir nennen ihn so, obschon es sich hier nicht um die Erratung eines Gedankens sondern eines objektiven Tatbestands handelte – erklärte: fünf Goldstücke. Nunmehr zog J. L. sein Portemonnaie aus der Tasche und zählte den Bestand. Es stimmte nicht. Der Inhalt ergab nur vier Goldstücke. Der Gedankenleser blieb standhaft bei seiner Behauptung, obschon J. L. den Irrtum augenscheinlich nachwies und durch Kontrolle seiner Nachbarn im Zuhörerraum zur Bestätigung brachte. Die blanke Wirklichkeit zeigte unwiderleglich, daß sich der Mann der telepathischen Künste in diesem Fall geirrt hatte. Erst sehr viel später fiel es dem Fragesteller ein, daß sein Portemonnaie eine unbenutzte kleine Seitenklappe enthielt; und in dieser fand sich eine türkische Goldmünze, die J. L. vor Jahren als Kuriosität erhalten und seitdem nie wieder berührt hatte. Aber welche Schwingungen liegen der Fernwirkung zu Grunde, die dem Gedankenleser die Kenntnis einer so tief verborgenen Tatsache vermittelte? Ist es eine Abart der Hertzschen Wellen, eine drahtlose Telegraphie vom Objekt zum Gehirn? Nach dem Stand der Physik von heute läßt sich eine Klarheit hierüber nicht gewinnen. 138 106. Gedankenlesen Nach Angaben von Dr. Albert Moll . Im Jahre 1908 traten im Berliner Wintergarten ein Herr und eine Dame auf, die sich die Zancigs nannten und alles übertrafen, was bis dahin an Gedankenübertragung geleistet worden war. Sie führten unter anderem folgendes aus: Frau Zancig steht auf der Bühne vor einer einfachen Schiefertafel. Herr Zancig bewegt sich unten zwischen den Zuschauern. Man reicht ihm einen Straßenbahnfahrschein. Er sieht darauf, spricht aber kein Wort. Frau Zancig schreibt die oft fünf- bis sechsstellige Nummer des Fahrscheins auf die Schiefertafel. Ein Russe reicht dem Künstler seine Visitenkarte, die in russischen Buchstaben gedruckt ist. Herr Zancig kann (angeblich!) russisch nicht lesen, aber seine Frau malt einen Buchstaben nach dem andern auf die Tafel, ohne zu wissen, was sie bedeuten, und ohne daß ein Wort gesprochen wird. In einer Privatsitzung befand sich Dr. Albert Moll mit den Zancigs in einem kleinen spiegellosen Raum. Frau Zancig setzte sich, das Gesicht zur Wand gekehrt, in die äußerste Ecke, Herr Zancig und Moll so weit wie möglich davon entfernt. Auf dem Tisch lag ein Roman. Moll öffnete das Buch irgendwo, prägte sich eine Zeile ein, deutete auch Herrn Zancig mit seinem Finger die Zeile an, klappte selbst das Buch zu und überreichte es Frau Zancig – kein Wort wurde gesprochen. Frau Zancig, die (angeblich!) kaum deutsch verstand, fand und las die Zeile. An einer anderen Sitzung nahm außer Moll auch Professor Dessoir teil. Hinter einer spanischen Wand befand sich Moll mit Frau Zancig, im Zimmer durch die Wand von ihnen um ein Stück getrennt Dessoir und Herr Zancig. Dessoir schreibt eine Zahl auf: 9787. Herr Zancig sieht die Zahl, fixiert sie stark, nach einiger Zeit schreibt Frau Zancig langsam eine Ziffer nach der andern nieder. Dessoir bringt eine argentinische Briefmarke zum Vorschein, die von Frau Zancig nach einigem Zögern als eine ausländische Marke bezeichnet wird. Die Worte, die Frau Zancig damals hintereinander sagte, waren folgende: Stamp, Foreign, Africa, Austrian, Russian, American, Arabic, Argent. Hiermit schloß das Experiment; die Frau hatte sich dergestalt an das richtige Schlußwort »argentinisch« herangetastet. Wer solche Versuche zum ersten Mal sieht, ist leicht geneigt, die Kritik zu verlieren. Verständlich sind diese Versuche nur dann, wenn man den Schlüssel dazu ermittelt. Mit Gedankenübertragung haben die Sachen garnichts zu tun. Zunächst sei erwähnt, daß die Behauptungen der Vorführenden, sie verstünden kein Deutsch, kein Russisch usw., meistens unwahr sind und lediglich dazu dienen, 139 etwaige Fehler zu entschuldigen, außerdem aber um unvorsichtige Äußerungen Anderer aufzunehmen und mit zu verwerten. Das Ganze beruht auf einer Verabredung, einem für diese Verabredung ausgebildeten Gedächtnis und langem Zusammenarbeiten der Beteiligten. Um dies zu erklären, wollen wir vom Einfachen ausgehen. Die meisten derartigen Experimente – und auch die Zancigs haben dies vielfach beim öffentlichen Auftreten so gemacht – werden mit Fragestellungen vorgeführt. Nehmen wir an, Frau Y. soll die Antworten geben, und X. ist ihr Mitarbeiter, dem die Gegenstände von einem Zuschauer gezeigt werden. Die Fragestellung ist hierbei jedesmal eine andere, und in ihr liegt der Schlüssel. Frau Y. soll z. B. eine Visitenkarte mit dem Namen Lang lesen, die dem X. gezeigt wird. X. fragt sie dann: »Lies auch nun geschwind.« Die ersten Buchstaben der einzelnen Wörter sind: l, a, n, g. Diese würden zusammen den Namen Lang ergeben. In Wirklichkeit wird natürlich dieser Schlüssel nicht benutzt, vielmehr werden gewöhnlich schon das erste und zweite Wort vertauscht, damit man nicht zu schnell den Schlüssel errät. Es würde also die Frage lauten: »Auch lies nun geschwind.« Doch wäre auch dies nur ganz primitiv. In Wirklichkeit bedeuten bestimmte Worte des Fragenden schon eine bestimmte Antwort. Ähnlich wie bei der Stenographie häufig vorkommende Silben und Wörter durch bestimmte Zeichen ausgedrückt werden, geschieht dies in unserm Fall durch bestimmte Worte. Ein großer Fortschritt demgegenüber ist es nun, wenn überhaupt nicht mehr gefragt wird. Auch da besteht aber ein Schlüssel, nur geschieht die Vermittelung durch optische Zeichen, nicht wie im andern Fall durch akustische. Dies war oft bei den Zancigs der Fall, und es wurde noch dadurch erleichtert, daß Herr Zancig in ganz hellem Anzug im Publikum herumging, sodaß die Frau jede seiner Bewegungen genau sehen konnte. Er kann zahllose verschiedene Zeichen durch verschiedene Stellungen seiner Körperteile geben. Eine leichte Beugung des Kopfs nach rechts oder links, nach vorn oder hinten gibt bereits 4 Zeichen; hält er den Gegenstand in der rechten Hand oder in der linken, so bedeutet dies auch etwas verschiedenes, hat er dabei den rechten oder linken Arm erhoben, ebenfalls. Er hat damit durch Kombination schon 16 verschiedene Zeichen zur Verfügung; eine kleine Drehung des Körpers nach rechts oder links, eine Seitwärtsbewegung nach rechts oder links, alles dies mit anderen Bewegungen kombiniert, gibt eine überaus große Zahl von Verständigungsmöglichkeiten. Jede Kombination der Bewegungen des X. ist aber für Y. ein Symbol, bedeutet entweder einen Buchstaben, eine Zahl, eine Silbe oder ein Wort. Und dies haben die Beiden nicht nur Monate sondern Jahre miteinander eingeübt, 140 sodaß der, welcher nur den Schlußstein sieht, sich garnicht zu denken vermag, daß durch Gedächtnisübung solche Resultate erzielt werden können. Man denke aber nur an das Erlernen einer neuen Sprache, der Stenographie, einer Chiffreschrift, und man wird ohne weiteres erkennen, wie durch Aufstellung eines sinnreichen Schlüssels und lange Übung eine Fähigkeit erreicht werden kann, die andern abgeht. Noch deutlicher wird der Vergleich, wenn wir an die Taubstummensprache denken und berücksichtigen, daß es sich bei der Verständigung zwischen den beiden Versuchspersonen fast immer um verhältnismäßig einfache Dinge handelt. Ebenso wie Taubstumme sich aber durch Zeichen verständigen, welche die normalen Menschen garnicht verstehen, ebenso geschieht es bei den beiden Zancigs und ihren Spezialkollegen; nur sind hier die Zeichen viel feiner. Das auffallendste bleibt freilich das oben beschriebene Experiment, wo einerseits die beiden Versuchspersonen, Herr und Frau Zancig, von einander durch eine spanische Wand getrennt sind, und andererseits Fragen nicht gestellt werden. Die Lösung beruht auf einem gleichartigen rhythmischen Zählen . Musikalische Leute, deren rhythmisches Gefühl gut ausgebildet ist, sind imstande, entsprechend dem vorgeschriebenen Tempo gleichmäßig innerlich zu zählen, sodaß sie innerhalb eines kleinen Zeitraums, wenn sie gleichzeitig zu zählen anfangen, auch dieselbe Zahl erreichen. Dies braucht man nur auf das obige Experiment mit den Ziffern zu übertragen. Die vierstellige Zahl wird selbstverständlich in 4 Ziffern und zwar 9, 7, 8, 7, zerlegt. Der draußenstehende Zancig zählt zunächst bis 9. Für den Beginn des Zählens wird ein unscheinbares und von den Zuhörern nicht beachtetes Signal gegeben, z. B. ein leichtes Hüsteln, ein leichtes Auftreten mit dem Fuß oder ähnliches. Für das Ende des Zählens ist ebenfalls ein Signal verabredet. Infolgedessen ist Frau Zancig hinter der Wand imstande, anzugeben, daß die erste Zahl eine 9 ist; mit jeder weiteren Ziffer wird es ebenso gemacht, sodaß 4-, 6- und 7stellige Zahlen, ohne daß ein Wort gesprochen wird, vermittelt werden können. In ganz ähnlicher Weise geschieht die Vermittelung von Worten. A bedeutet dann 1, G 7, R 18 usw. Es ist ganz klar, daß mit einem solchen rhythmischen Zählen und ganz unscheinbaren Anfangs- und Endsignalen sich die beiden vollständig verständigen können. Das Experiment wird daher nie gelingen, wenn etwa der Versuchsperson die Ohren wirksam verstopft werden. Dies hat auch Frau Zancig bei einer wissenschaftlichen Untersuchung nicht gestattet, und es wird auch von anderen nicht erlaubt werden. 141 107. Die Lenormand Quelle: Karl Kiesewetter: »Geschichte des neueren Okkultismus«. Verlag von Wilhelm Friedrich, Leipzig, 1891. Z. Unter den Wahrsagerinnen aller Zeiten ragt als eine ganz besondere Erscheinung Marie Anne Lenormand, die Sibylle aus der Rue Touron, hervor, die in einer der größten Epochen menschlicher Geschichte lebte, nämlich zur Zeit der französischen Revolution und des Auftretens Napoleons. Sie blieb von keinem der großen Ereignisse unberührt, ja man kann sagen, daß sie einen nicht unwesentlichen Einfluß darauf geübt hat. Denn die größten und höchstgestellten Männer Europas pflegten bei ihrer Anwesenheit in Paris ihr Kabinett aufzusuchen. Die Lenormand wurde im Jahre 1772 zu Alençon geboren und im Kloster der Benediktinerinnen erzogen. Schon mit sieben Jahren machte sie eine zutreffende Prophezeiung. Als nämlich der Stuhl der Äbtissin des Klosters leer war, sagte sie ganz genau voraus, wer die neue Würdenträgerin sein würde. Im Jahre 1789 soll sie bereits den Zusammenbruch der Monarchie mit allen seinen Folgen und die entsetzlichen Ereignisse der Revolution vorausgesagt haben. Den Schreckensmännern Robespierre, St. Just und Marat verkündete sie ihr tragisches Schicksal. Murat sagte sie voraus, daß er König werden, aber ein blutiges Ende finden würde. Der späteren Gemahlin Bonapartes, Josephine Beauharnais, prophezeite sie den Tod ihres ersten Gatten und die Vermählung mit einem Soldaten, der zu den höchsten Würden aufsteigen werde. Josephine wurde durch diese Voraussage umsomehr ergriffen, als ihr schon vor Jahren auf der Insel Martinique von der Negerin Euphemia David geweissagt worden war, daß sie einstmals die Kaiserkrone tragen werde. Ihre glänzendste Zeit hatte die Lenormand im Jahre 1813, als die siegreichen Verbündeten Paris zum ersten Mal besetzten. Damals suchte Zar Alexander I. sie auf, und auch der zurückhaltende Friedrich Wilhelm III. soll inkognito bei ihr gewesen sein. Unter den vielen zutreffenden Prophezeiungen der Lenormand, die vollkommen verbürgt sind, ist besonders eine erstaunlich, die ganz genau und in der schmerzlichsten Weise in Erfüllung ging. Der Königlich Westfälische Minister von Malchus erzählt sie in seinen Memoiren: „Die Gräfin Morio hatte vor ihrer Bekanntschaft mit ihrem nachherigen Mann Mlle. Lenormand um ihr Schicksal befragt, und diese hatte ihr unter anderem gesagt, sie werde dreimal nacheinander verehelicht werden. Das erste Mal heirate sie einen Mann, den sie und der sie jetzt nicht kenne. Durch diesen mache sie ein großes Glück und erhalte alles, was sie vernünftigerweise wünschen 142 könne. Dann wenn sie recht glücklich zu sein glaube, ja wenn selbst ihr höchster Wunsch, Mutter zu werden, erfüllt sei, so komme bald nach einer großen Feuersbrunst ein sehr vornehmer Besuch zu ihr ins Haus; nicht lange darauf aber werde ihr Mann gewaltsam getötet werden.” Malchus kannte den Grafen Morio und hatte öfter mit ihm zu arbeiten. Er fand, daß der Graf, wenn er länger als eine Stunde von seiner Frau entfernt sein mußte, alsbald ängstlich wurde und auszubrechen versuchte, um wieder nach Hause zu kommen. „Als ich ihn wieder etwas lang aufhalten mußte, drang er in mich, abzubrechen und bat mich, ihn zu begleiten, damit ich selbst die Angst seiner Frau sehen und seine Verlegenheit deuten möchte. Ich erfüllte seinen Wunsch und fand seine Frau in großer Angst wegen ihres Manns. Als sie erfahren hatte, daß dieser mir alles Dahingehörige mitgeteilt hatte, bestätigte sie es und fügte hinzu: »Soll ich nicht für das Leben meines Manns zittern, da alles Andere bis dahin auf das Genaueste eingetroffen ist. Ich kannte ihn nicht und er mich nicht. Ich habe durch meine Verheiratung mit ihm ein großes Glück gemacht, und mir fehlt jetzt garnichts, was ich vernünftigerweise wünschen könnte. Ich habe sogar die Freude, bald Mutter zu werden, und bin meiner Niederkunft nahe. Die große Feuersbrunst, der Schloßbrand, ist leider vorüber; der sehr vornehme Besuch ist nicht ausgeblieben, denn der König ist zu uns her nach Bellevue gezogen, und wir haben ihm mehrere unserer Zimmer einräumen müssen; ich schließe aus allem folglich mit Zittern, daß der gewaltsame Tod meines guten Manns sehr nahe ist.« Ich beruhigte sie, so gut ich konnte, und versicherte sie, daß ihr Mann bei mir wenigstens vollkommen sicher sei, daß ich auch nur noch eine, freilich aber etwas lange Zusammenkunft mit ihm haben werde. An einem der nächsten Tage war Morio noch um elf Uhr bei mir und ritt dann mit dem König aus. Beim Zurückkommen sah ich Beide an meinem Haus vorbeireiten. Sie ritten nach dem Marstall, wo Morio dem König Verschiedenes auseinandersetzte, während die Gräfin schon in Todesangst war, ja sogar deswegen hatte zu Bett gebracht werden müssen. Nach einer kleinen Weile reitet der König nach Haus. Morio bleibt noch da. Plötzlich fällt ein Schuß! Die Gräfin hört ihn, springt wie außer sich aus dem Bett und schreit: »Das ist mein Mann, er ist erschossen!« Leider war es so. Der edle Morio war durch einen französischen Fahnenschmied, dem seiner Liederlichkeit wegen ein Deutscher vorgezogen werden mußte, boshafter Weise erschossen worden.” 143 108. Das Unterbewußtsein Quelle: Dr. Albert Moll: »Der Hypnotismus«. Fischers Medizinische Buchhandlung, Berlin, 1907. Unter den Phänomenen, die im Zusammenhang mit der Hypnose auftreten, ist das eigenartigste wohl die nachhypnotische Suggestion , das heißt der Zwang, der auf eine Versuchsperson ausgeübt wird, Befehle, die ihr während des hypnotischen Schlafs gegeben worden sind, nach dem Erwachen auszuführen. Die Lehre vom Unterbewußtsein hat hierdurch manche Bereicherung erfahren, weil hier unter der Schwelle des Bewußtseins ganz komplizierte psychische Vorgänge stattfinden. Dr. Albert Moll hat einmal in der Hypnose einer Person folgendes suggeriert: »Vom letzten Dienstag an gerechnet werden Sie am sechzehnten Dienstag zu mir kommen und alle Anwesenden mit Schimpfworten anreden.« Diese Suggestion ging in Erfüllung; hier hat natürlich im Unterbewußten eine bestimmte Arbeit stattgefunden. Entweder hat das Unterbewußtsein das Datum ausgerechnet oder, was ebenso möglich ist, es hat das Unterbewußtsein die Wochen gezählt, sodaß der richtige Dienstag schließlich zur Verwirklichung der Suggestion benutzt wurde. Der hervorragende Lütticher Psychologe Delboeuf hat ähnliche Versuche gemacht. Er gab für den Termin zur Verwirklichung der nachhypnotischen Suggestion eine größere Zahl von Minuten an, die nach dem Erwachen bis zur Ausführung der Handlung verstreichen sollten; so erteilte er den Befehl, nach tausend Minuten dies oder jenes zu tun. Ein englischer Arzt, Bramwell , gab einer neunzehnjährigen Dame den Auftrag, nach Verlauf von 4335 Minuten ein Kreuz aufzuzeichnen. Sowohl bei Delboeuf wie bei Bramwell sind solche Versuche wiederholt gelungen, obwohl die Versuchspersonen im normalen Zustand Zeiten nicht gut schätzen konnten. Die Fehler, die bei weiteren Versuchen auftraten, waren verhältnismäßig gering; sie betrugen höchstens fünf Minuten, und diese sind durch das Zögern bei der Ausführung des Versuchs erklärbar. In Zwischenhypnosen wurden die Versuchspersonen wiederholt aufgefordert, die Minuten in Tage und Stunden zu verwandeln; sie verrechneten sich hierbei, führten aber den Auftrag trotzdem richtig aus, einige Male sogar während des nächtlichen Schlafs. Noch interessanter ist aber die irrtümliche Motivierung bei Ausführung suggerierter Handlungen. Wenn Erinnerungslosigkeit besteht, weiß die Versuchsperson nicht mehr, daß ihr eine Suggestion gegeben wurde, und bei Ausführung der entsprechenden Handlung sucht sie deshalb diese oft auf ganz merkwürdige Weise zu motivieren. Moll erzählt folgendes Beispiel: Ein Herr ist in Hypnose. Ihm wird suggeriert, nach dem Erwachen einen 144 Blumentopf vom Fensterbrett zu nehmen, ihn in ein Tuch einzuwickeln, auf das Sofa zu stellen und dann dreimal eine Verbeugung vor dem Blumentopf zu machen. Alles wird pünktlich ausgeführt. Nach dem Grund seines Handelns gefragt, erwidert der Herr: »Wissen Sie, so nach dem Erwachen sah ich dort den Blumentopf stehen, da dachte ich mir, es ist kalt, ein derartiger Blumentopf muß gewärmt werden, sonst geht die Pflanze zu Grunde. Ich wickelte ihn deswegen in das Tuch, und dann dachte ich mir, das Sofa steht so hübsch nahe am Ofen, da werde ich den Blumentopf auf das Sofa stellen. Die Verbeugungen machte ich mehr aus Hochachtung vor mir selbst über die gute Idee, die ich gehabt hatte.« Der Herr erklärte, daß er etwas törichtes in der ganzen Sache nicht finden könne, er habe ja seine guten Gründe dafür angegeben. Solche irrtümliche Motivierung, ein Vorgang, der überaus häufig beobachtet wurde, weist deutlich auf die relative Wertlosigkeit unseres Gefühls der Willensfreiheit hin. Von Spinoza rührt der Ausspruch her, die Illusion des freien Willens sei weiter nichts als die Unkenntnis der Motive unserer Entschlüsse. Wenn man hypnotische Experimente macht, kann man gewissermaßen experimentell die Richtigkeit dieses Satzes zeigen. Andererseits darf man natürlich nicht vergessen, daß es sich hier um einen Ausnahmezustand handelt, und man wird sich deshalb vor Verallgemeinerungen hüten müssen. 109. »Das habe ich doch schon einmal erlebt . . . .!« Unter » fausse reconnaissance « oder » Pseudo-Bekanntheitsgefühl «, wie es Bärwald übersetzt hat, versteht man einen Vorgang, bei dem jemand die Empfindung hat, daß er genau dieselbe Situation unter genau denselben äußeren Umständen bis in alle Einzelheiten hinein schon einmal erlebt habe. Als typisch wird unter anderem folgender Fall angeführt: »Ich lese in meinem Zimmer bei offenem Fenster; vor mir liegt der Roman » Quo vadis «. Während ich lese, denke ich an Petronius und befasse mich mit der Analyse seines Charakters. Ich denke daran, lese aber weiter, und die Begebenheiten der Erzählung ziehen an mir vorbei, während all mein Denken dem antiken arbiter elegantiae gilt. Da sagt mein Nachbar, der die Zeitung liest, mit lauter Stimme dazwischen: »Sieh mal! Barnum in Paris!« In demselben Moment habe ich die sehr bestimmte Empfindung, denselben Komplex von Eindrücken bereits auf genau dieselbe Weise empfangen zu haben. In einer Vergangenheit, die ich nicht bestimmen kann, war ich – so kommt es mir vor – bereits hier in 145 demselben Zimmer, in demselben Anzug, dasselbe Buch lesend, das in mir dieselben Betrachtungen hervorrief. Derselbe Freund hat, auf demselben Stuhl sitzend, im selben Journal lesend, die gleiche Bemerkung mit der gleichen Stimme fallen gelassen.« Ähnliche Fälle sind vielfach berichtet worden. Es gibt Personen, die zu diesem Pseudo-Bekanntheitsgefühl besonders neigen. Es ist in jüngeren Jahren häufiger als im Alter und verschwindet später in vielen Fällen. Es kommt bei geistig ganz gesunden Personen vor, wird aber von diesen noch richtig gewertet. Nur wenn keine Korrektur mehr stattfindet, kann der Fall allenfalls zu den abnormen psychischen Zuständen, selbst zu den Symptomen einer Geistesstörung gerechnet werden. Hennig hat in neuerer Zeit darauf hingewiesen, daß wahrscheinlich der Seelenwanderungsglaube auf dem Auftreten dieses Pseudo-Bekanntheitsgefühls beruht. Unter den Gelehrten hat besonders Nietzsche sehr stark zu dieser Erscheinung geneigt, und es ist die Vermutung ausgesprochen worden, daß er dadurch zu seiner Wiederkunftstheorie angeregt worden sei. Das Pseudo-Bekanntheitsgefühl hat ebenso wie andere Gedächtnisfehler eine große Bedeutung für die Beurteilung okkultistischer Phänomene. Es wird oft berichtet, daß Sterbende im Augenblick des Tods oder kurz vorher einem ihrer nächsten Angehörigen oder Freunde, der weit von ihnen entfernt ist, erscheinen. Die Anhänger der Telepathie führen das auf geistige Fernwirkung zurück, die dadurch bedingt werde, daß der Sterbende sehr stark an seine fernen Lieben denkt. Eine englische wissenschaftliche Gesellschaft hat das Gebiet ausführlich bearbeitet. Unter den Fehlerquellen spielt sicherlich das Pseudo-Bekanntheitsgefühl eine Rolle. Der Betreffende hat die Empfindung, etwas zu erfahren, was ihm nicht neu ist, und wenn auch bei vielen eine vollkommene Korrektur eintritt, so gibt es doch eine Gruppe von Leuten, die weder das Ganze für eine Täuschung halten, noch glauben, daß sie den Vorgang wirklich schon einmal erlebt haben. Sie sind vielmehr überzeugt, daß der Vorgang zum erstenmal eintritt, glauben aber, ihn früher schon einmal geistig geschaut zu haben. Dadurch kommen sie zu der Überzeugung, daß sie die Fähigkeit des Vorausschauens haben, und es erklären sich damit viele prophetische Träume. Aber es erklärt sich damit auch ein großer Teil der sogenannten telepathischen Erfahrungen, besonders auch das Erscheinen Sterbender. Wenn die Nachricht von dem Tod eintrifft, hat der Betreffende das Gefühl, es sei ihm das Sterben schon vorher mitgeteilt worden, sodaß der Glaube an die Fernwirkung des Sterbenden damit außerordentlich erleichtert wird. Hinzu kommt noch eine andere Fehlerquelle, auf die besonders Parish aufmerksam gemacht hat, und die er als Erinnerungs-Adaption bezeichnet. 146 Wenn nur eine Kleinigkeit stimmt, wird nachträglich sehr leicht alles, was sich etwa auf den Todesfall bezieht, in der Erinnerung angepaßt. Gerade der Krieg hat uns gezeigt, wie unzuverlässig in vielen Fällen das Gedächtnis ist, wie viele geneigt sind, irgend eine Mitteilung auf jede mögliche Weise auszuschmücken, und man wird sich wohl denken können, daß das besonders bei solchen Leuten in hervorragendem Grad geschieht, die durchaus an Wunder glauben wollen. 110. Die Nähe des Geliebten Quelle: Dr. Alfred Lehmann: »Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart«, deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. med. Petersen I, Düsseldorf, zweite Auflage. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1908. Z. Zwischen zwei Personen, die sehr eng miteinander verbunden sind, kann eine geistige Verbindung eintreten, die dem Verhältnis zwischen dem Hypnotiseur und der hypnotisierten Person nicht unähnlich ist. Der Eine »ahnt« den Andern, er »fühlt«, daß er anwesend sei. In Wirklichkeit jedoch ist es nur eine Schärfung der Sinne, die den schwächsten, von der andern Person ausgehenden Laut wahrnehmen läßt. Ein ferner Fußtritt oder ein für keinen Andern hörbarer Laut der Stimme genügen, um die Anwesenheit des Andern wahrnehmbar zu machen. Eine solche innige Verbindung bestand zwischen Helena v. Racowitza und Ferdinand Lassalle , und sie führte zu eigenartigen Phänomenen. In ihrem Buch »Meine Beziehungen zu Ferdinand Lassalle« hat Helena von Racowitza mehrere Schilderungen solcher Ahnungen gegeben. Als typisches Beispiel sei das folgende erzählt. „Als ich bald darauf an Holthoffs Arm den Ballsaal betrat, flüsterte mir mein Begleiter zu: »So Kind, jetzt wollen wir sehen, ob er schon da ist.« Ohne zu denken, was ich sagte, erwiderte ich ruhig: »Nein, er ist noch nicht da, ich fühle es.« So eigentümlich das klingen mag, so wunderlich es Holthoff erschien – es war doch so. Ich hatte eben noch nicht jenes früher beschriebene Gefühl, wie michs überkam, wenn Lassalle im selben Raum mit mir weilte. Aber Holthoff wußte von diesen meinen Empfindungen bis dahin noch nichts, und so antwortete er denn mit einem fast ärgerlichen, jedenfalls spöttischen Lächeln: »Um Gottes Willen, Kind, fangen Sie mir keine nervös-mystischen Geschichten an; wenn Sie sich auf somnambule Ahnungen verlegen wollen, bringe ich Sie sofort wieder nach Haus!« Aber da zuckte ich zusammen – das unnennbare Gefühl war da, und willenlos sagte ich halblaut und zusammenschaudernd: »Jetzt kommt er!« Holthoff sah sich um, und beinahe verdrießlich, daß ich recht hatte, und erstaunt über meinen Zustand sagte er: »Wahrhaftig, Sie haben recht – jetzt kommt er!” 147 111. Wahrsagende Träume Quelle: Dr. Alfred Lehmann: »Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart«, deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. med. Petersen I, Düsseldorf, zweite Auflage. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1908. Z. Trotz mancher mit großer Sicherheit vorgetragenen Mitteilungen ist es noch niemals vorgekommen, daß ein Traum jemandem Dinge vorausgesagt hat, die sich später wirklich ereigneten, ohne daß der Betreffende das vorher aus irgend einem Zusammenhang ahnen konnte. Freilich gibt es zahlreiche zufällige Zusammentreffen, die dann von kurzsichtigen Leuten als hohe Wunder angesehen werden. Aber solche Zufälligkeiten beweisen natürlich nichts. Anders ist es mit Träumen, die Vergessenes, als nebensächlich nicht mehr klar im Gedächtnis Aufbewahrtes auferstehen, also aus dem Unterbewußtsein wieder auftauchen lassen. Hierüber teilt Dr. Alfred Lehmann aus seiner Sammlung folgende erstaunliche Beispiele mit. „P. war in einer Landapotheke angestellt. Eines Abends, als er zu Bett gehen wollte, vermißte er sein Schlüsselbund und konnte es trotz langen und sorgfältigen Suchens nicht finden. Nachts träumte ihm, daß er auf einer Bank im Garten säße und die Schlüssel auf einen Zweig eines Holunderbuschs hängte, der an der Bank stand. Er erinnerte sich am nächsten Morgen dieses Traums und fand die Schlüssel auch wirklich im Holunderbusch. Hier hatte er sie natürlich im Lauf des Tags unbewußt, »in Gedanken«, hingehängt; im Traum tauchten diese unbewußten Vorstellungen wieder auf.” Ganz derselben Art ist der folgende Traum, den Lehmann mit den eigenen Worten des Berichterstatters, eines Rechtsanwalts, wiedergibt: „In einem Termin hatte ich einen großen Kassenumsatz. Beim Nachzählen der Kasse hatte ich eines Tags 1000 Kronen zuviel. Ich und mein Kontorpersonal suchten mehrere Tage mit der größten Sorgfalt, um den Fehler zu finden, aber trotz allen Kopfzerbrechens gelang es uns nicht. Zehn Tage später aber entdeckte ich den Fehler – im Traum. Es stand nämlich im Traum deutlich vor mir, wie ich einem Mann ein Kapital von 14 000 Kronen ausbezahlte, indem ich ihm erst 12 000 Kronen in verschiedenen Münzsorten gab und dann zwei 500 Kronen-Zettel mit den Worten: »Hier ist nun das 13. und das 14. Tausend!« überreichte, die der Mann ohne ein Wort der Erwiderung annahm. Am Morgen war der Traum mir noch deutlich erinnerlich; bei näherer Untersuchung zeigte es sich, daß ich vollständig richtig geträumt hatte.«” 148 112. Schlafwandeln Quellen: Dr. Alfred Lehmann: »Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart«, deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. med. Petersen I, Düsseldorf, zweite Auflage. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1908. Z. – Professor Carl Binz: »Über den Traum«. Bei Adolph Marcus. Bonn, 1878. Z. »Eine große Zerrüttung in der Natur, zu gleicher Zeit die Wohltat des Schlafes zu genießen und die Geschäfte des Wachens zu verrichten«, klagt der Arzt, als Lady Macbeth schlafend umgeht und versucht, sich die Hände zu waschen. Diese Szene macht auf der Bühne stets einen besonders tiefen Eindruck. Aber auch im Leben dürfte es kaum einen erschütternderen Anblick geben, als den eines schlafwandelnden Menschen. Es kann darum nicht Wunder nehmen, daß die Phantasie den Menschen, die solche Zustände haben, allerhand mystische Kräfte und Fähigkeiten angedichtet hat. Sie sollen auf steilen Dachfirsten und Dachrinnen mit unbegreiflicher Sicherheit wandeln können, geistige Arbeiten verrichten, die sie im wachenden Zustand nicht zu bewältigen vermögen, Bücher in fremden Sprachen lesen, die sie nie gelernt haben. Alle solche Berichte stammen aber von Menschen, auf deren Beobachtungsgabe und Urteilskraft man sich nicht verlassen kann. Der Zustand hat auch trotz der weitverbreiteten gegenteiligen Ansicht nichts mit irgend einer geheimnisvollen Wirkung des Monds zu tun. Der »Mondsüchtige« wandelt, ob das Gestirn scheint oder nicht scheint, ob es ab- oder zunimmt. Aber auch sonst begibt sich hier nichts Übersinnliches. „Alles, was der Nachtwandler tut, versteht man, so schreibt Dr. Lehmann , von der Voraussetzung aus, daß er die Handlungen ausführt, von denen er träumt. Gewöhnlich beschränkt er sich darauf, an bekannten Stellen ein wenig umherzuwandeln, sich eine kurze Zeit mit seiner täglichen Arbeit zu beschäftigen und sich dann wieder ruhig ins Bett zu legen. Während seiner Wanderung ist er ganz beherrscht von seinen Traumbildern; er begreift nur das, was mit dem Traum in Verbindung steht. Es ist öfters beobachtet worden, daß der Nachtwandler wohl auf eine Anrede hört und antwortet, sofern sie mit seinen Traumvorstellungen in Verbindung steht; was aber darüber hinausgeht, faßt er garnicht auf. Von dem Pharmazeuten Castelli, dessen häufige Anfälle von Nachtwandeln vom Arzt Soave genau beobachtet wurden, wird folgendes erzählt. Man traf ihn eines Nachts dabei, Italienisch ins Französische zu übersetzen. Er schlug Vokabeln in einem Lexikon auf und schien bei einem nahestehenden Licht zu sehen. Man löschte dieses Licht aus; er suchte nach ihm und zündete es wieder an; aber während er sich im Dunkeln zu befinden glaubte, war er in Wirklichkeit in einem hell erleuchteten Zimmer, da unterdessen andere Lichter angezündet worden waren. Er konnte jedoch bei diesen nicht sehen, weil er nicht wußte, daß sie brannten. 149 Es kann natürlich vorkommen, daß sich der Nachtwandler unter dem Einfluß seiner Traumbilder auf gefährlichen Plätzen, z. B. Dächern, bewegt, und zwar mit einer Sicherheit, die dem Menschen im Wachzustande abgeht. Es ist dies jedoch ganz begreiflich, wenn man bedenkt, daß der Nachtwandler nicht weiß, wo er sich befindet. Ein jeder Mensch kann selbstverständlich mit vollkommener Sicherheit in einer Dachrinne gehen, wenn sie auf dem Erdboden liegt. Befindet sie sich dagegen am Dach eines hohen Hauses, so stört ihn das Bewußtsein, daß er zwischen Himmel und Erde schwebt. Wenn der Nachtwandler nicht weiß, wo er ist, muß er ebenso sicher oben am Dach wie unten auf der Erde gehen können. Übrigens passiert es doch auch, daß ein Nachtwandler auf seiner nächtlichen Tour hinabstürzt, was nicht gerade für eine absolute Sicherheit spricht.” Selten sind die Handlungen Schlafwandelnder zuverlässig beschrieben worden. Binz teilt einen verläßlichen Bericht aus der Feder eines Breslauer Arztes, des Medizinalrats Ebers, mit. Er betrifft dessen Pflegesohn, „einen muntern, aufgeweckten Knaben, der zur Zeit der Beobachtung elf Jahre alt war. Lautes Sprechen im Schlaf, Aufstehen zur Zeit des Vollmonds, zweckloses Umhergehen, automatisches Anfassen dieses oder jenes Gegenstands, ruhiges Ausweichen vor absichtlich hingestellten Hindernissen, Öffnen des Fensters und Hinausschauen, Unempfindlichkeit gegen vorgehaltenes Licht bei halbgeschlossenen Augen, ebenso gegen Anrufen, endlich freiwillige Rückkehr in das Bett und Mangel an Erinnerung des Traumwandelns, alles das ist klar und einfach beschrieben, aber es fehlt dem ganzen Verlauf jede Spur von Mystik. Der Nachtwandler verstand keine fremde Sprache, nahm aber aus dem Repositorium unter anderm den Rousseau heraus, setzte sich hin und tat, als läse er darin. Welch prächtige Gelegenheit, das Erwachen höherer Geisteskraft im Traumwandeln zu konstatieren, das plötzliche Verständnis einer fremden Zunge! Ebers aber macht dazu die Bemerkung, der Wandler habe beim Blättern in diesem Buch ebenso automatisch ausgesehen, wie bei jedem andern; er könne nicht glauben, daß er auch in einem deutschen Buch irgend etwas gelesen habe. Als Ebers ihm einmal, nachdem er ihn eine halbe Stunde hatte wandeln lassen, mit der Reitpeitsche kräftig auf das Gesäß hieb, lief er schreiend in sein Bett; später scheint dann das Geräusch der Peitsche allein ausgereicht zu haben, das Aufstehen zu verhindern. Es wurden ferner wurmtreibende Mittel gegeben, worauf einige Würmer abgingen. Nach dieser Zeit kam kein Nachtwandeln mehr vor.” Aus seiner eigenen Beobachtung kann Binz dann noch das folgende berichten. „K., ein stets gesunder Mann aus gesunder Familie, in der Regel mit 150 vorzüglichem Schlaf begabt, litt während seiner Jünglings- und frühen Mannesjahre an Schlafwandeln. In jener Zeit bewohnte ich jahrelang das nämliche Haus mit ihm, später war ich sein Arzt. K. war von lebhaftem Temperament. Seine gewöhnlichen Träume äußerten sich im Sprechen unzusammenhängender Worte und Aufsitzen im Bett. Dabei blieb es aber meistens. Eines Nachts, er mochte damals 17 Jahre zählen, stand er auf, machte Licht, kleidete sich an, raffte die Unterrichtsbücher des Gymnasiums, das er und ich besuchten, zusammen und stieg die Treppe hinab bis in den Hausflur. Hier vor einer großen Uhr mit kräftigem Schlagwerk angekommen, blieb er stehen und leuchtete, wie regelmäßig im Winter des Morgens früh, nach dem Zifferblatt. Der Zufall wollte, daß die Uhr in diesem Augenblick zwölf schlug. Bei den letzten Schlägen war er so wach geworden, daß er das Unsinnige seiner Lage erkannte, und erschreckt über sich und die Geisterstunde eilte er zu mir, weckte mich und erzählte mir den Vorfall. So stand er, die Bücher unter dem linken Arm, die Studierlampe in der Hand, vor mir. Ich beruhigte ihn, und er ging ruhig wieder zu Bett. Ob die Bücher die für den folgenden Tag richtigen waren, wurde nicht untersucht. K. hatte geträumt, es sei morgens gegen sieben Uhr, und er müsse zur Schule gehen. Automatisch tat er, was er fast täglich seit Sexta zu tun hatte, und erst die vollen Töne der Uhr weckten ihn auf. Drastischer und mehr an die Kletterberichte über Nachtwandelnde erinnernd war folgender Vorfall, der sich ereignete, als K. 32 Jahren alt und verheiratet war. K. wurde des Nachts gegen zwei Uhr wach, weil ihn die Knie schmerzten. Das Zimmer war vom Mond genügend beleuchtet, um ihn seine absonderliche Lage erkennen zu lassen. Er kniete nämlich im Hemd auf dem sechs Fuß hohen Porzellanofen des Schlafzimmers und hielt sich mit beiden Händen krampfhaft an dessen Seitenrändern, die profilartig vorsprangen, fest. Durch Zuruf weckte er seine Frau, diese hielt den vor dem Ofen stehenden Stuhl und auf seine Lehne tretend stieg K. herab. K. war als guter Turner denselben Weg hinaufgestiegen. Den weißen Ofen hatte er offenbar für ein Objekt seines Traums gehalten, von dem übrigens keine Erinnerung übrig blieb, und erst der Schmerz der nackten Knie rief die fest schlafenden Gehirnzellen zum Wachsein.” Durch die Ofenexpedition trat die Notwendigkeit hervor, K. von seinem krankhaften Zustand zu heilen. Es wurde beobachtet, daß er im Traum viel sprach, rief und sich bewegte, wenn er am späten Abend viel geistig gearbeitet oder schwere Speisen genossen hatte. Vor jener Nacht, in der er auf den Ofen stieg, war beides geschehen. Eine darauf angeordnete und genau befolgte Geistes- und Körperdiät machte allem Nachtwandeln und allen aufgeregten Träumen ein Ende. 151 Man kann daraus erkennen, wie sehr die Erscheinung von allem Mystischen entfernt ist; einfache Änderungen des körperlichen Zustands bringen sie zum Verschwinden. Seitdem man das weiß, kann man Schlafwandelnden besser helfen als jener Arzt in Macbeths Schloß Dunsinan, der sagen mußte: »Diese Krankheit geht über meine Heilkunst.« 113. Der geheimnisvolle Schulaufsatz Quelle: E. d'Espérance: »Im Reich der Schatten, Licht aus dem Jenseits«. Verlag der Hofbuchhandlung von Karl Siegismund, Berlin, 1901. Z. Da, wie schon im vorigen Abschnitt erwähnt, die Zahl der eingehenden Berichte über schlafwandlerische Phänomene gering ist, möge hier noch einer Platz finden, der ein besonders eigenartiges Wunder darstellt. Von vornherein muß jedoch betont werden, daß der Bericht als wissenschaftliches Dokument bedeutungslos ist, da er niemals einer Nachprüfung unterzogen wurde. Er stellt die subjektive Mitteilung eines Menschen dar, der sehr stark unter halluzinatorischen Vorstellungen litt und daher in der Rolle eines Zeugen für tatsächliche Hergänge nicht gerade als besonders beweiskräftig angesehen werden kann. Frau E. d'Espérance war eines der beachtenswertesten Medien, die jemals gelebt haben. Es wurde öfter beobachtet, daß sie schlafwandelnd durch die Zimmer ging. Über ihr selbstbiographisches Buch »Im Reich der Schatten« werden wir bei der Schilderung mediumistischer Phänomene noch ausführlicher zu sprechen haben (Abschnitt 119). Sie berichtet darin, daß sie als Schulmädchen einst zu einem bestimmten Termin einen Aufsatz über das Thema: »Was ist Natur?« fertig zu stellen hatte. Es wollte ihr aber trotz lebhaftester Bemühung durchaus nicht gelingen. An einem der letzten Abende vor dem Ablaufen des Termins ging sie in dem gemeinschaftlichen Schlafsaal der Schulmädchen zu Bett, versorgte sich mit Papier und Bleistiften und versuchte, aufrecht im Bett sitzend, noch einmal, etwas fertig zu bringen. Es war ihr wiederum nicht möglich, und sie schlief weinend ein. Über die nun folgenden Ereignisse schreibt sie: „Am nächsten Morgen erwachte ich nicht eher, als bis jemand einen nassen Schwamm nach mir warf, und dadurch wurde ich zu dem schrecklichen Bewußtsein wachgerufen, unfähig zu sein, meine Vorsätze auszuführen. Mein erster Blick war auf die Bogen Papier und auf die Bleistifte, die unbenutzt neben meinem Bett lagen, gerichtet. Sie waren in Unordnung umhergestreut und manche lagen auf der Erde. Indem ich mich mit schwerem Herzen und schwerem Kopf bückte, sie aufzuheben, sah ich, daß die meisten der Bogen mit Schriftzeichen bedeckt waren. Mein erster Gedanke war natürlich 152 der, daß ich aus Versehen beschriebenes Papier anstatt unbeschriebenen die Nacht vorher in mein Zimmer gebracht hatte, aber ein zweiter Blick zeigte mir, daß die Schrift meine eigene war. Bestürzt und verwirrt saß ich in meinem Nachtgewand auf der Bettseite, nicht achtend auf den Spott meiner Gefährtinnen, die sich anzogen und über meine Trägheit oder »Studienstimmung«, wie sie es abwechselnd nannten, lustig machten. Ich aber war in das Schreiben vertieft und nahm keine Notiz von ihnen. Seite auf Seite las ich fertig, erstaunt und beglückt. Ich wußte nicht, wie die Schrift dahingekommen war, und zunächst dachte ich garnicht darüber nach, sondern nur an die Freude, die ich empfand, indem ich die schönen Gedanken las, die in wohlgeformten, poetischen Sätzen ausgedrückt waren. »Seht her, Mädchen!« sagte ich, »Hört auf dies!« Und ich begann laut zu lesen: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde brachte hervor Gras und Kräuter, die Frucht brachten nach ihrer Art, und der Baum trug Früchte, und ihr Same war ein jeglicher nach seiner Art, und Gott sahe, daß es gut war.« »O hör auf, hör auf!« riefen sie. Aber ich fuhr fort, Seite auf Seite zu lesen, in denen wie auf einem Gemälde das Bild der neuen Welt aufgerollt wurde, wie sie ihre erste strahlende Schönheit unter der neuen Sonne, dem neuen Mond, den neuen Sternen entfaltet; jede kommende Entwicklung reicher an Schönheit und an Wundern als die vorhergehende, von den kreisenden Sternen, die ihre vorgeschriebene Bahn wandeln, bis zu dem kleinsten Grashalm, der seine reichen Farben empfängt von den Strahlen des Sonnenlichts. So eifrig las ich, daß ich nicht bemerkte, daß meine Zuhörer weit entfernt waren, dasselbe begeisterte Entzücken, das ich empfand, selbst zu fühlen. Erst als ich das Ende erreicht hatte, war ich mir der spöttischen Bemerkungen und höhnenden Urteile über meine vorgeschützte Unfähigkeit, einen Aufsatz zu schreiben, bewußt geworden. Mit sonderbarem Gefühl betrat ich an diesem Morgen das Schulzimmer. Ich bemerkte kaum die Kühle und schlechte Laune meiner Klassenschwestern, denn mein Kopf war von Bildern erfüllt, die das geheimnisvolle Schreiben hervorgerufen hatte. Ich fühlte mich unruhig, aufgeregt und ungeduldig, bis die halbe Freistunde mir eine Gelegenheit gab, es wieder zu lesen. Erst jetzt fiel mir die Seltsamkeit der ganzen Sache auf. Wie war es gekommen, wer hatte es geschrieben? Wann war es geschrieben worden? Dann machte mich der Gedanke, daß mir jemand einen Streich gespielt habe, halb ängstlich. Aber nein, es war meine eigene Handschrift, das war unzweifelhaft. Niemand konnte diese Tatsache ableugnen, ich mußte es geschrieben haben. Aber wann? In meinem 153 Schlaf? Ich hatte von solchen Dingen gehört, aber die Gedanken waren nicht die meinigen. Ich hatte das niederdrückende Gefühl, daß ich vollständig unfähig sei, ein halbes Dutzend Sätze zusammenzustellen, ganz abgesehen von diesen wunderschön abgerundeten Perioden – so poetisch und doch so kräftig, daß man beim Lesen auf Flügeln der Phantasie getragen wurde zu dem Schauplatz der Geburtsstätte der Natur.” Sie gab dann den Aufsatz ab, nachdem sie der Schulvorsteherin die Entstehungsgeschichte erzählt hatte. Sie erhielt, da es sich zweifellos um eine selbst geschriebene Arbeit handelte, eine Prämie. Wir sehen hier etwas in Erfüllung gehen, was wohl schon jedes Schulkind sich einmal lebhaft gewünscht hat: die »Heinzelmännchen« haben in der Nacht den Aufsatz fertig gemacht. Die anscheinende Wahrhaftigkeit in dem Bericht ist sehr bemerkenswert, doch wissen wir leider von objektiven Zeugen nichts darüber, wie es wirklich bei dem Begebnis zugegangen ist. 114. Traum-Schrift Den genauen Gegensatz zu dem im vorigen Abschnitt geschilderten Phänomen bildet ein Bericht, den wir einem berühmten Dramatiker verdanken. Der Vorhang ist durch die Persönlichkeit dieses Autors völlig verbürgt. Mehrfach war es ihm begegnet, daß ihm kurz vor dem Einschlafen Gedanken kamen, die sich später als fruchtbar für seine Arbeiten erwiesen. Um sich aber vor dem Verlust derartiger Motive ganz sicher zu stellen, hielt er auf dem Nachttisch einen Block weißen Papiers in Bereitschaft, um im Bedarfsfall die motivischen Einfälle sofort zu notieren. Dieser Bedarfsfall war wieder einmal eingetreten. Dem im Bett Liegenden kam der Ansatz zu einer novellistischen oder dramatischen Szene, die ihm originell und wirksam erschien; und seinem erprobten Vorsatz getreu, erhob er sich ohne Zögern, schaltete die Beleuchtung ein und notierte seine Gedanken in gewohnter Ausführlichkeit auf dem Block. Alsdann begab er sich beruhigt wieder auf die Lagerstatt. Beim Erwachen am nächsten Morgen trat ihm augenblicklich die bewußte Szene wieder in Erinnerung, und er versuchte, sie unabhängig von seiner Notiz in Gedanken wieder zu rekonstruieren. Lediglich um die Probe auf das Exempel zu machen und um sein Gedächtnis zu prüfen. Der Versuch gelang nicht. Die Szene, wie sie ihm am Abend zuvor vorgeschwebt hatte, blieb in dämmerhaften Umrissen stehen und wollte keine Form gewinnen. 154 Um so besser, dachte er, daß ich sie aufgeschrieben und mich dadurch vor dem Ärger des Verlusts bewahrt habe. »Denn was man schwarz auf weiß besitzt . . .« Neugierig, aber ohne übertriebene Hast – denn der Besitz war ja gesichert – stand er auf; er setzte sein Augenglas zurecht, griff nach dem Block und begann zu lesen. Genauer: er wollte beginnen. Aber eine gewaltige Enttäuschung überfiel den Autor: nicht eine Silbe, nicht ein Buchstabe stand auf den Blättern. Alles war Traum gewesen, restlos. Die Tatsache an sich ist sicherlich weit häufiger, als wir uns dessen bewußt werden, wenn wir uns mit unseren Erinnerungen beschäftigen. Aber den wunderbaren Zufällen ist es zuzurechnen, daß im Einzelfall für die fließende Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit ein so schneller und drastischer Beweis erbracht wurde. 115. Der Spuk in Hydesville und in Stratford Quelle: Dr. Alfred Lehmann: »Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart«, deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. med. Petersen I, Düsseldorf, zweite Auflage. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1908. Z. Die beiden Vorfälle, die im Folgenden geschildert werden, haben eine besondere geschichtliche Bedeutung darum, weil sie den Anlaß zu der ganzen spiritistischen Bewegung gegeben haben. „In dem kleinen Dorf Hydesville in der Grafschaft Wayne (Nordamerika) wurde ein Mann nachts durch Klopfen an seine Tür geweckt. Es war indes niemand da. Kaum hatte er sich ins Bett gelegt, als es wiederum klopfte, und dieses wiederholte sich mehrere Male, ohne daß er die Ursache entdecken konnte. Einige Zeit nachher wachte seine kleine Tochter um Mitternacht mit einem Schrei auf und erzählte, eine kalte Hand sei ihr über das Gesicht gefahren. Dann hörte man nichts mehr von der Sache, bis achtzehn Monate später ein angesehener Methodist, Fox, mit Frau und drei Töchtern in das Haus kam. Im Februar 1848 fing eines Abends, als die Kinder zu Bett gebracht waren, das eigentümliche Klopfen wiederum an. Eins der Kinder begann aus Spaß mit den Fingern zu knipsen, und das Klopfen erfolgte in demselben Takt. Das Kind rief: »Zähle nun eins, zwei, drei, vier« usw.; vor jeder Zahl klatschte es in die Hände. Das unbekannte Wesen klopfte in derselben Weise. Frau Fox forderte es nun auf, bis zehn zu zählen, worauf zehn Schläge gehört wurden. Sie fragte dann nach dem Alter der Kinder, für jedes einzelne wurde die richtige Anzahl Schläge gegeben. Die Frau fragte dann, ob es ein menschliches Wesen sei, das diesen Lärm mache; aber es kam keine Antwort. Sie fragte dann, ob es ein Geist sei; wenn es der Fall sei, so solle dieses durch 155 zwei Schläge bestätigt werden. Es klopfte zweimal. Sie fragte nun weiter und erfuhr, daß der Geist hier auf Erden Krämer gewesen sei, in demselben Hause gewohnt habe, ermordet und im Keller begraben worden sei. Bei der Untersuchung fand man später auch wirklich im Keller einen Unterkiefer und einige Haare; ob sie aber von einem Menschen herrührten, wurde nicht festgestellt. Die Sache erregte Aufsehen, die Nachbarn strömten herbei, um das Klopfen zu hören, das sich stets in der darauf folgenden Zeit wiederholte; niemand konnte die Ursache entdecken. Die Familie Fox wurde als vom Teufel besessen angesehen und aus der Methodistenkirche ausgestoßen; kurz darauf zog sie nach der Stadt Rochester. Hier ging das Klopfen wieder los und erregte dasselbe Aufsehen wie früher. Da es nur in Gegenwart der Kinder stattfand, nahm man ganz natürlich an, daß sie in irgend einer Weise den ganzen Lärm verursachten. Es wurde deshalb ein Komitee aus den angesehensten Männern der Stadt eingesetzt, das die Sache untersuchen sollte. Dieses ging sorgfältig zu Werke; es stellte die Kinder barfuß auf Kissen und vergewisserte sich, daß sie keinen Apparat hatten, mit dem sie die Laute hervorrufen konnten. Trotz dieser Vorsichtsmaßregeln hörte man das Klopfen im Fußboden und in den Wänden; es war aber nicht möglich, die Ursache zu entdecken. Viele Menschen kamen nun des Abends zur Familie Fox, um dies berüchtigte Klopfen zu hören; man versammelte sich gewöhnlich um einen größeren Tisch, und nun schienen die Laute von diesem auszugehen. Auf solche Weise wurden das Tischklopfen und kurz darauf auch die Bewegungen des Tischs, das Tischrücken, entdeckt. Mehrere Personen fanden nun, daß auch in ihrer Nähe solche Laute und Bewegungen entstehen konnten, während dieses bei andern Leuten niemals geschah; damit war also die besondere Gabe der Mediumität festgestellt. Es wurden dann zuerst in Rochester und später in den Nachbarstädten öffentliche Vorträge über diese merkwürdigen Phänomene gehalten. Die Sache wurde dadurch in weiteren Kreisen bekannt; man fing überall an, mit den Tischen zu experimentieren, und in kurzer Zeit verbreitete sich die Bewegung über ganz Amerika und pflanzte sich nach Europa fort. Kaum war das Klopfen in Rochester verstummt, so fingen in einer andern amerikanischen Stadt, Stratford (Ontario), einige Spukgeschichten noch ernsterer Art an. Der Spuk ereignete sich im Hause des Predigers Dr. theol. Phelps, er begann, wie in Hydesville, mit Klopfen und Bewegungen. Außerdem wurden verschiedene Gegenstände in geheimnisvoller Weise in den Stuben umhergeworfen, 156 und selbst als man die Türen abschloß, hinderte dieses die Gegenstände nicht, sich auf eigene Hand umherzutummeln. Man sah, wie ein Stuhl sich von der Diele erhob und fünf- bis sechsmal mit einer solchen Wucht herabfiel, daß das ganze Haus erzitterte und selbst die Nachbarn es spürten. Ein großer Metallarmleuchter, der auf einem Kamin stand, wurde von einer unsichtbaren Kraft auf den Fußboden gesetzt und solange gegen diesen geschlagen, bis er zerbrach. In einem der Zimmer zeigten sich Gestalten, aus Kleidern gemacht, die im Haus gesammelt waren; diese waren so ausgestopft, daß sie Menschen ähnlich sahen. Am häufigsten knüpften diese Ereignisse sich an die Person des jungen, elf Jahre alten Harry Phelps. Er wurde auf verschiedene Weise vom Spuk geplagt; bald wurden seine Kleider zerrissen, bald wurde er in den Brunnen geworfen, einmal wurde er sogar gebunden und an einem Baum aufgehängt. Später begannen allerlei Zerstörungen, die Fenster und Glasgeräte des Hauses wurden zerschlagen; es wurden Blätter aus Dr. Phelps Notizbüchern, die in einem verschlossenen Sekretär lagen, gerissen; zuletzt brach sogar Feuer in dem Haus aus, sodaß eine Menge Briefe und Manuskripte verbrannten. Nachdem so ein paar Jahre verflossen waren, beschloß man endlich, mit den feindlichen Mächten auf die von der Familie Fox angegebene Weise zu verhandeln, und die Störungen hörten dann allmählich auf.” Zur Beurteilung dieser seltsamen Vorgänge wurde der bekannte okkultistische Schriftsteller Andrew Jackson Davis , den man den »Swedenborg der neuen Welt« nannte, herbeigerufen. Seiner ganzen somnambulen Natur nach kam auch er natürlich zu denselben Ergebnissen wie die andern, daß nämlich Geister in Hydesville und in Stratford ihr Wesen trieben. Aber auch ihm drängten sich schon Einwände auf. „Die Eltern, schreibt er, haben beständig in allen Fällen die Aussagen des Knaben für buchstäblich wahr genommen, aber ich entdeckte, daß er häufig in einer gewissen geistigen Aufregung nicht imstande war, zwischen den Wirkungen, die er selbst hervorrief, und denen, die von einem anwesenden Geist hervorgerufen wurden, zu unterscheiden.« Endlich heißt es: »Die Unglücksfälle, die im Haus vorkamen, habe ich als Beweis für satanische Wirkungen anführen hören, aber ich habe entdeckt, daß einige von ihnen vom Knaben aus Spaß und andere von unverzeihlich boshaften Personen, die der Familie ganz fremd waren, ausgeführt wurden.«” Also bereits Davis zweifelt das Mystische bei diesem Phänomen an, und sicher wäre man zu einer ganz natürlichen Erklärung gekommen, wenn zur Nachforschung ein nüchtern denkender Gelehrter berufen worden wäre. 157 116. Flammarions Experimente mit Eusapia Palladino Quelle: Camille Flammarion: »Unbekannte Naturkräfte«. Verlegt bei Julius Hoffmann, Stuttgart, 1908. Z. Zu den bekanntesten spiritistischen Medien gehört die Italienerin Eusapia Palladino. Camille Flammarion, ein bekannter Astronom, der seit Jahrzehnten in seiner eigenen Sternwarte zu Juvisy bei Paris arbeitet und als Gelehrter einen Ruf hat, wenn er sich auch in mancherlei allzu phantastischen Schlußfolgerungen aus seinen Beobachtungen gefällt, gibt von seiner ersten Sitzung mit dem Medium folgenden hier auszugsweise mitgeteilten Bericht. „Eusapia Palladino wird mir vorgestellt. Eine Frau von ganz gewöhnlichem Aussehen, braun, von kaum mittelgroßer Gestalt, ungefähr vierzig Jahre alt, durchaus nicht neuropathisch, vielmehr etwas grob und dick. Sie wurde am 21. Januar 1854 in einem apulischen Dorf geboren. Die Mutter war bei der Geburt Eusapias gestorben, ihr Vater wurde acht Jahre später, 1862, von süditalienischen Räubern getötet. Sie hat sich mit einem bescheidenen Kaufmann, Raphael Delgaiz, verheiratet, wohnt in Neapel, hat einen kleinen Laden, ist ungebildet und kann weder lesen noch schreiben, versteht kaum französisch. Ich unterhalte mich mit ihr, merke aber sofort, daß sie keine eigene Meinung hat, und daß sie die unter ihrem Einfluß erzeugten Erscheinungen nicht zu erklären sucht. . . . Das Medium setzt sich vor einen Vorhang, dem es den Rücken zukehrt. Ein Tisch steht vor ihm, ein Küchentisch von Tannenholz, sieben Kilogramm 300 Gramm schwer, den ich genau angesehen, und der nichts Verdächtiges hatte. Man konnte diesen Tisch nach allen Richtungen bewegen. Ich setzte mich zuerst links, dann rechts von Eusapia. So gut wie möglich kontrollierte ich persönlich ihre Hände, Beine und Füße. Gleich anfangs nahm ich zum Beispiel, um sicher zu sein, daß sie den Tisch nicht etwa mit den Händen, Beinen oder Füßen hebe, ihre linke Hand in meine Linke, legte meine Rechte über ihre beiden Knie und setzte meinen rechten Fuß auf ihren linken Fuß. Mir gegenüber hielt Herr Guillaume de Fontenay, der ebensowenig wie ich getäuscht werden wollte, ihre rechte Hand und ihren rechten Fuß. Es geschah das alles beim vollem Licht einer großen Petroleumlampe mit hellgelbem Lampenschirm. Außerdem brannten zwei Kerzen. Nach drei Minuten bewegte sich der Tisch, indem er schwankte und sich bald zur Rechten, bald zur Linken hob. Eine Minute später war er ganz vom Boden gehoben, ungefähr 15 Zentimeter hoch, und blieb zwei Sekunden lang so. Bei einem zweiten Experiment nahm ich beide Hände der Eusapia in die meinen; fast unter den gleichen Bedingungen erfolgte eine große Hebung des Tischs. Das gleiche Experiment wurde noch dreimal wiederholt, und zwar so, daß in einer Viertelstunde fünf Hebungen erzielt wurden, wobei sich die vier 158 Füße des Tischs vollständig vom Boden hoben, ungefähr fünfzehn Zentimeter hoch und einige Sekunden lang. Während der Hebung berührten die Anwesenden den Tisch nicht mehr, bildeten vielmehr in der Luft über diesem die Kette, wobei Eusapia beteiligt war. . . . Ein kleines, rundes, einfüßiges Tischchen, das zu meiner Rechten stand, bewegte sich – das Zimmer war immer noch vollständig erleuchtet – vorwärts, ohne daß ein Kontakt stattgefunden hätte, gegen den Tisch, als ob es auf diesen klettern wollte, und fiel. Da niemand seinen Sitz geändert, noch sich dem Vorhang genähert hatte, so kann für diese Bewegung keine Erklärung gegeben werden. . . . Fünf Schläge im Tisch zeigen nach einem vom Medium angegebenen Übereinkommen an, daß die unbekannte Ursache weniger Licht verlange. . . . Die Kerzen wurden ausgelöscht, die Lampe kleiner geschraubt, aber es blieb genügend hell, und man konnte deutlich alles sehen, was im Salon vorging. Der einfüßige Tisch, den ich aufgehoben und zur Seite gestellt hatte, näherte sich dem Tisch und versuchte zu mehreren Malen, auf diesen zu steigen. Ich stützte mich auf ihn, um ihn niederzuhalten, aber ich fühlte einen so starken elastischen Widerstand, daß es mir nicht gelang. Der freie Rand des einfüßigen Tischs legte sich über den Rand des andern; da er aber durch den dreibeinigen Fuß zurückgehalten wurde, gelang es ihm nicht, genügend wegzurücken, um über ihn zu steigen. . . . Fünf neue Schläge verlangten noch weniger Licht. Die Lampe wird fast vollständig tiefgeschraubt, aber nicht ausgelöscht. Die Augen, die sich an das Halbdunkel gewöhnten, konnten noch deutlich genug sehen, was vorging. Der Vorhang blähte sich von neuem auf, und ich fühlte mich durch den Stoff hindurch wie von einer geballten Faust berührt. Der Stuhl in dem Kabinett, auf dem eine Musikdose und ein Glöcklein lagen, bewegte sich heftig, und diese Gegenstände fielen zur Erde. Da das Medium noch weniger Licht verlangte, stellte man eine rote Photographenlaterne auf das Klavier und löschte die Lampe aus. Die genaue Kontrolle setzte nicht aus. Das Medium überließ sich ihr übrigens mit der größten Bereitwilligkeit. Die Musikdose spielte mit Unterbrechungen einige Melodien hinter dem Vorhang, als ob sie von einer Hand gedreht würde, ungefähr eine Minute lang. Der Vorhang bewegte sich wieder gegen mich und eine starke Hand faßte mich am Arm. Sofort streckte ich den Arm aus, um die Hand zu packen, aber ich griff ins Leere. Nun nahm ich beide Beine des Mediums zwischen die meinen und hielt seine linke Hand in meiner Rechten fest gepackt. Auf der andren Seite wurde seine Rechte sehr stark in Herrn de Fontenays linker Hand gehalten. 159 Nun führte Eusapia dessen Hand gegen meine Wange und ahmte mit dem Finger des Herrn de Fontenay die Bewegung einer kleinen Kurbel nach, die gedreht wird. Die Musikdose, die durch eine Kurbel in Bewegung zu setzen war, spielte gleichzeitig hinter dem Vorhang und zwar in ganz und gar demselben Zeitmaß. Wenn Eusapias Hand stillhielt, hörte auch die Musik auf. Alle Bewegungen stimmten überein, wie bei einem Morseschen Telegraphen. . . . Der einfüßige Tisch, der . . . . zur Linken des Mediums aufgestellt worden war, näherte sich dem Tisch, erstieg ihn vollständig und ließ sich quer auf ihm nieder. Dann hörte man die Gitarre, welche im Kabinett war, sich bewegen und einige Töne von sich geben. Der Vorhang blähte sich auf, die Gitarre wurde auf den Tisch gebracht und an die Schulter des Herrn de Fontenay gelehnt. Darauf lag sie auf einmal auf dem Tisch, mit dem breiten Ende gegen das Medium, erhob sich dann und spazierte über die Köpfe der Anwesenden hinweg, ohne sie zu berühren. Sie gab mehrere Töne von sich. Das Phänomen dauerte ungefähr fünfzehn Sekunden. Man sah ganz deutlich die Gitarre schweben und den Widerschein der roten Lampe über ihr glänzendes Holz gleiten.” (Siehe auch den folgenden Abschnitt.) 117. Die Tricks der Eusapia Palladino Quelle: Dr. Albert Moll in der »Deutschen Medizinischen Wochenschrift«, 1903. Z. Flammarion hat die im vorigen Abschnitt geschilderten Vorgänge gläubig und als spiritistische Tatsachen hingenommen. Ganz anders denkt darüber der schon öfter zitierte Psychiater Albert Moll, der über Eusapia Palladino folgendermaßen urteilt. „Das Programm dieser Frau ist sehr eintönig. Die Teilnehmer sitzen um einen Tisch herum, die Palladino unmittelbar vor einer Portiere, die ihr vielfach als Deckung dient. Jede Sitzung zerfällt in zwei Teile. Der erste findet bei hellem Licht statt; es erfolgen nun allerlei Bewegungen des Tischs, anscheinend ohne Zutun der Frau Palladino und der anderen Teilnehmer. Dann beginnt der zweite Teil; er findet bei ganz schwacher Beleuchtung statt. Dabei wird je eine Hand der Eusapia von der entsprechenden Hand des Nachbars berührt; desgleichen der linke Fuß Eusapias von dem rechten Fuß des linken Nachbars und der rechte Fuß Eusapias von dem linken Fuß des rechten Nachbars. Entweder setzt der Nachbar den entsprechenden Fuß auf den der Palladino, oder diese setzt ihren entsprechenden Fuß auf den des Nachbars, oder es findet auch ein Aneinanderstellen statt. Gleichzeitig werden gelegentlich die Hände der Nachbarn 160 auf das entsprechende Knie der Palladino gelegt. Durch solche Maßregeln soll festgestellt werden, daß die Hände und Beine der Palladino die Dinge, die sich nachher im Dunkeln begeben, nicht künstlich machen können. Was sich nun begibt, ist im wesentlichen folgendes. Die Portiere, die sich hinter der Eusapia befindet, bewegt sich nach vorn und bauscht sich anscheinend nach vorn aus. Ein Saiteninstrument, z. B. eine Gitarre, die hinter ihr liegt, gibt allerlei Töne, auch ganze Akkorde an, sie wird nach vorn gehoben und geworfen. Ein kleiner Tisch, der links vor ihr steht, wird gehoben und geht nach vorn; eine auf ihm stehende Flasche mit Wasser geht in die Höhe, und in ein daneben stehendes Glas wird Wasser aus der Flasche gegossen. Die Anwesenden werden bald hier, bald dort berührt, gezwickt, an den Haaren gezogen, gekitzelt usw. Die »Gläubigen« behaupten, daß diese Erscheinungen unmöglich mechanisch von der Palladino hervorgerufen werden könnten, da die Hände und Füße ja kontrolliert würden. Während nun die Spiritisten im engeren Sinn meinen, daß dieser Hexensabbat von den »Geistern« der Verstorbenen herbeigeführt werde, nehmen andere, die man bald zu den Spiritisten im weiteren Sinn rechnet, bald als »Psychisten« bezeichnet, an, daß dem Medium eine besondere, bisher unbekannte Kraft innewohne, ohne mechanische Hilfsmittel Gegenstände bewegen zu können. Nur einige Worte über die Art, wie die Eusapia »arbeitet«. Ihr Hauptkniff ist folgender. Wir sahen, daß ihre Hände und Füße angeblich von den Nachbarn kontrolliert wurden. In Wirklichkeit geschieht dies aber nur im Anfang. Sie benutzt den Kunstgriff, dessen Anwendung ich im Jahre 1892 in meiner Erwiderung gegen Lombroso als wahrscheinlich annahm, heute aber als gewiß hinstelle. Das anscheinende Festhalten der Hände der Eusapia durch die beiden Nachbarn wird nämlich bald illusorisch gemacht. Nachdem sie die rechte Hand des linken Nachbars der linken Hand des rechten Nachbars, unter geschickter Ablenkung der Aufmerksamkeit, genähert, berührt sie mit ihrer linken Hand teilweise die rechte Hand des linken Nachbars, teilweise die linke Hand des rechten Nachbars, während sie gleichzeitig möglichst schnell ihre rechte Hand von der linken Hand des rechten Nachbars fortzieht, ohne daß dies die Nachbarn bemerken. Sie hat auf diese Weise ihre rechte Hand frei gemacht. Ja sie kann noch weiter gehen; sie legt schließlich die rechte Hand des linken Nachbars auf die linke Hand des rechten Nachbars und hat dann beide Hände frei. Dasselbe macht sie mit den Füßen, wobei sie etwas verschiedene Methoden anwendet. Die Hauptsache ist stets, bei geschickter Ablenkung der Aufmerksamkeit eine oder beide Hände, einen oder beide Füße zu befreien. Dies ist der Haupttrick der Palladino. Da es fast dunkel ist, und sie außerdem die hinter ihr befindliche Portiere nach vorn nimmt und über Arme und Hände legt, ist natürlich der Schwindel nicht leicht zu sehen. Wenn man aber gut aufpaßt, so merkt man ganz genau den Moment, wenn sie Hand oder Fuß befreit. In einem Fall konnte Dessoir feststellen, daß seine Hand die Hand des andern Teilnehmers berührte, während sie angeblich die Hand der Palladino berühren sollte. Ich habe in einem Fall, als sie mich fragte, ob ich ihre Hand noch fühlte, geantwortet, daß ich jetzt zwei Hände fühlte. Sie hatte nämlich meine Hand – ich saß zu ihrer Linken – an die Hand des mir gegenübersitzenden Herrn gebracht, hatte aber ihre eigene Hand nicht schnell genug zurückgezogen, und so konnte ich ganz deutlich zwei Hände fühlen. In dieser Weise ist sie, wenn sie Hand und Fuß freigemacht hat, imstande, allerlei Handlungen mechanisch auszuführen. Mit dem linken Fuß und der linken Hand schiebt sie die Portiere nach vorn, bewegt den linksstehenden Tisch, bringt die links seitlich hinter ihr liegende Gitarre zum Erklingen, indem sie mit dem Fuß über die Saiten streicht. Sie hebt mit der linken Hand die Wasserflasche, gießt das Wasser ein usw. Sie berührt ferner mit dem linken Fuß den linken Nachbar. Man kann bei genauem Zusehen auch deutlich erkennen, wie sie die entsprechenden Mitbewegungen macht, z. B. mit dem Körper sich nach rechts biegt, wenn sie zu irgend einer Bewegung das linke Bein in der Hüfte heben muß. Nachdem sie die rechte Hand freigemacht, bewirkt sie auch das Erscheinen der »Geisterhand«, die der Botaniker Professor Penzig in Genua erblickt hat, und die auch in meiner Sitzung über dem Kopf der Palladino zu sehen war. Sie hebt einfach ihre rechte Hand ganz frech über ihren Kopf in die Höhe, und dies wird als Geisterhand angesehen. Ich habe trotz der neun Zehntel Dunkel deutlich die Bewegungen gesehen, als sie den rechten Arm hochhob.” Dr. Moll schließt seine Abhandlung mit folgenden Worten: „Obwohl ich mich seit etwa siebzehn Jahren mit dem Spiritismus beschäftigt habe und dabei immer mehr zu der Überzeugung gekommen bin, daß es sich bei den Vorführungen der Medien im wesentlichen um absichtliche Betrügereien handelt, war ich doch etwas stutzig geworden, als man mir von den Wundern erzählte, die sich bei der Palladino begäben, und man mir die großen Gelehrten nannte, die zu den gläubigen Anhängern dieser Frau gehören. Als ich aber meine Sitzung mit ihr unter verhältnismäßig günstigen Bedingungen hielt, da blieb für mich als Wunder nur eines übrig, nämlich der Umstand, daß große Gelehrte solch frechen, durchsichtigen Schwindel auf eine unbekannte Kraft zurückführen.” 162 118. Abila, die Befeuchtete Ein rasch zerstörtes Wunder zeigte sich in einer spiritistischen Sitzung, die im Jahre 1892 in Berlin stattfand. Es war damals ein gewisser Pinkert aufgetaucht, der als das größte Materialisationsmedium Deutschlands bezeichnet wurde, d. h. als ein Medium, durch das Geistererscheinungen in ganz besonders prägnanter Form hervorgebracht werden sollten. In einer der Sitzungen, welcher Dr. Albert Moll beiwohnte, erschienen in dem stark verdunkelten Raum bald ein Geist, bald zwei. Das Medium saß hinter einem Vorhang, davor das Publikum, in der ersten Reihe die Spiritisten, die mit ihren Händen eine Kette bildeten. Pinkert verfiel angeblich in den sogenannten Trancezustand, und bald redete der Geist Bruder Martin, ein Tiroler, der vor wenigen Jahren seinen Tod durch Sturz vom Felsen gefunden haben sollte. Der Tiroler sprach aber im gemütlichen sächsischen Dialekt, was wohl damit zusammenhing, das Pinkert aus Zwickau stammte. Es wurde auch gleich von dem Geist angedeutet, daß das Medium Pinkert guten Wein trinken und Zigarren rauchen dürfe. Dann erschienen vor dem Vorhang im stark verdunkelten Raum zwei Geister, die Abila und Meta genannt wurden und weiße Farbe hatten, wobei der Kopf durch den Halseinschnitt deutlich vom sonstigen Körper getrennt war. Durch Gespräche und Gebärden manifestierten sie sich. Diese Gelegenheit benutzte Dr. Albert Moll damals, um eine mit Fuchsinlösung gefüllte Spritze auf den Geist Abila zu entleeren. Kaum einer der Anwesenden hatte etwas bemerkt, nur das Medium sprach davon, daß etwas feucht sei. Nach der Sitzung fand eine Untersuchung Pinkerts statt, gegen die sich dieser allerdings sehr stark sträubte. Aber es nutzte nichts, und es wurde aus seiner einen Hosentasche durch Dr. Moll ein großer weißer Gazelappen herausgeholt, der stark mit Fuchsinlösung durchtränkt war. Daß der Gazelappen zur Darstellung der Geister in dem stark verdunkelten Raum benutzt worden waren, kann wohl nach diesem Resultat nicht zweifelhaft sein. 119. Selbstbetrug in Trance Quelle: E. d'Espérance: »Im Reich der Schatten, Licht aus dem Jenseits«. Verlag der Hofbuchhandlung von Karl Siegismund, Berlin, 1901. Z. Wenn auch keine einzige der vielen in spiritistischen Schriften geschilderten Geistererscheinungen als wissenschaftlich festgestellt gelten kann, so ist es doch nicht immer notwendig, einen absichtlichen Betrug durch das Medium anzunehmen. Meistens wird wohl ein solcher stattfinden, wie die vielen Entlarvungen beweisen, 163 aber es kann auch vorkommen, daß das Medium in gutem Glauben handelt. Befindet es sich doch oft genug während der Sitzungen in einem ganz abnormen Geisteszustand, in einer Selbsthypnose, während der jede Trugvorstellung möglich ist. Über die Gefühle eines Mediums während des Trance sind wir ganz vorzüglich durch ein eigenartiges Buch unterrichtet, das schon vorher einmal erwähnt wurde (Abschnitt 113). Es ist die Selbstbiographie eines sehr bedeutenden Materialisationsmediums, der Frau E.  d'Espérance , betitelt »Im Reich der Schatten«. Nach der ganzen Schilderung kann man nicht daran zweifeln, daß Frau d'Espérance an die Tatsächlichkeit der Geistererscheinungen geglaubt hat, und doch hat sie die Geister selbst gespielt, wie sie in ihrer Schrift, wenn auch indirekt, ganz deutlich erkennen läßt. In den Sitzungen erschien öfter der Geist Yolande, ein junges arabisches Mädchen von 15 oder 16 Jahren, eine schlanke olivenfarbene Maid, deren Naivität und Grazie viel bewundert wurden. „Es bestand, so schreibt Frau d'Espérance in ihrem Buch, eine merkwürdige Verbindung zwischen uns. Ich konnte nichts tun, um ihr Erscheinen unter uns zu verbürgen. Sie kam und ging, soweit ich mir bewußt bin, vollständig unabhängig von meinem Willen. Aber wenn sie kam, war sie, wie ich fand, während ihres kurzen materiellen Daseins von mir abhängig. Ich schien nicht meine Individualität, aber meine Kraft und Bewegungsfähigkeit zu verlieren, und, obgleich ich es damals nicht wußte, einen großen Teil meiner materiellen Substanz. Ich fühlte, daß ich in irgend einer Weise verändert war, aber die Anstrengung, logisch zu denken, beeinflußte auf irgend eine geheimnisvolle Art Yolande und machte sie schwach. Je stärker und lebhafter sie wurde, desto weniger Neigung hatte ich, zu denken oder zu folgern, aber die Fähigkeit, zu empfinden, wurde verstärkt bis zu einem schmerzvollen Grad, ich meine nicht in dem physischen Sinn, sondern in dem psychischen. Mein Gehirn wurde anscheinend zu einer Art von Flüstergallerie, wo die Gedanken von andern Personen körperliche Gestalt annahmen und wiederhallten, als wären sie wirkliche, substantielle Gegenstände. Litt jemand, so fühlte ich den Schmerz. Wenn jemand seinen Sitz verließ und damit die Kette brach, wurde diese Tatsache mir in einer geheimnisvollen, aber unverkennbaren Art mitgeteilt. Zuweilen verursachten mir Yolandes Wanderungen eine unbestimmte Besorgnis. Sie freute sich augenscheinlich über ihren kurzen Aufenthalt in unserer Mitte und war so kühn, trotz ihrer anscheinenden Zaghaftigkeit, daß ich oft von Furcht gequält wurde über das, was sie vielleicht tun könne, und ein unheimliches Gefühl bemächtigte sich meiner, daß jeder Unfall und jede Unvorsichtigkeit 164 von ihrer Seite auf mich zurückfallen würden; in welcher Weise jedoch, davon hatte ich keine klare Idee. Ich mußte dies später lernen. Wenn zu irgendwelcher Zeit mein Gefühl von Beunruhigung wirklich die Form eines Gedankens annahm, entdeckte ich, daß dies Yolande zwang, in das Kabinett und zwar immer widerwillig zurückzukehren und zuweilen mit einer kindlichen Unwilligkeit, die zeigte, daß mein Gedanke eine zwingende Macht über ihr Tun ausübte, und daß sie nur zu mir zurückkam, weil sie nicht anders konnte.” Noch deutlicher ist die Identität von Medium und Geist bei einem Vorfall zu erkennen, den man wohl als eine Entlarvung bezeichnen kann. Frau d'Espérance beschreibt das für sie entsetzliche und folgenschwere Ereignis in ihrem Buch zwar widerwillig, aber in einem schönen Drang nach Wahrhaftigkeit. Es heißt da: „Ich weiß nicht, wie lange Zeit während der Séance verstrichen war, ich weiß nur, daß Yolande ihren Krug auf ihre Schulter nahm und außerhalb des Kabinetts weilte. Was sich eigentlich ereignete, sollte ich späterhin erfahren. Alles, was ich wußte, war eine schreckliche, qualvolle Empfindung, als wenn ich zusammengeklappt und zusammengequetscht würde; ähnlich, denke ich, müßte eine hohle Guttaperchapuppe, hätte sie Empfindung, fühlen, wenn sie ihr kindlicher Eigentümer heftig umarmt. Ein Gefühl des Entsetzens und furchtbaren Schmerzes kam über mich, als ob ich den Halt des Lebens verlöre und in irgend einen grauenhaften Abgrund fiele, doch nichts wissend, nichts sehend, nichts hörend, außer dem Echo eines Schreis, den ich wie aus der Entfernung vernahm. Ich fühlte, daß ich immer tiefer sank, und wußte nicht wohin. Ich versuchte, mich zu retten, nach etwas zu greifen, aber verfehlte es. Und dann kam eine Leere, aus der ich mit einem Schauder von Entsetzen und dem Gefühl, als wäre ich zu Tode geschlagen, erwachte. Meine Gedanken schienen wie verweht zu sein, und nur nach und nach konnte ich sie genügend sammeln, um in einem geringen Grad zu verstehen, was geschehen war. Yolande war erfaßt worden, und der Mann, der sie ergriffen hatte, behauptete, daß ich es sei .” Auch zufällige Körperzustände des Mediums traten bei dem Geist in genau gleicher Weise auf. „Ich hatte mir durch einen unglücklichen Zufall meinen Arm verbrannt; beim Anzünden einer Hängelampe war ein Stück des Streichholzes auf mein Kleid gefallen, und der dünne Musselin stand augenblicklich in Flammen. Meine Arme waren bloß, und obgleich die Flamme schnell gelöscht wurde, hatte doch mein Arm schmerzende Brandwunden erhalten . . . Merkwürdigerweise beobachtete 165 jeder, daß Yolande ihren Arm hielt, als ob er verletzt sei, und daß sie, wenn sie zufällig berührt wurde, zusammenzuckte, als ob sie Schmerz empfände.” Und wie soll man sich die folgende Begebenheit, die Frau d'Espérance in ihrem Buch »Im Reich der Schatten« ebenfalls mitteilt, anders erklären, als dadurch, daß eben Medium und Geistererscheinung ein und dasselbe waren. „Nun kommt eine andere Gestalt, kleiner, schlanker und mit ausgestreckten Armen. Am entferntesten Ende des Kreises steht jemand auf und kommt ihr entgegen, und die beiden liegen sich in den Armen; dann hört man unbestimmte Rufe, wie »Anna!« »O Anna!« »Mein Kind!« »Mein geliebtes Kind!« Alsbald steht jemand anderes auf und schlingt die Arme ebenfalls um diese Gestalt; es mischen sich Schluchzen, Ausrufe und Segenswünsche ineinander. Ich fühle meinen Körper hin- und herschwanken, und alles wird dunkel vor meinen Augen. Ich fühle jemandes Arme um mich , obgleich ich allein auf meinem Stuhl sitze. Ich fühle jemandes Herz gegen meine Brust schlagen. Ich fühle, daß etwas vorgeht. Niemand ist mir nahe außer den beiden Kindern. Niemand beachtet mich . Aller Augen und Gedanken scheinen auf die weiße, schlanke Figur konzentriert zu sein, die dort steht, umschlungen von den Armen der beiden schwarz gekleideten Frauen. Es muß mein eigenes Herz sein, das ich so deutlich schlagen fühle. Doch diese Arme um mich?! Sicherlich empfand ich niemals eine Berührung so deutlich wie diese. Ich fange an, mich zu fragen, welche von beiden ich bin. Bin ich die weiße Gestalt, oder bin ich die, die auf dem Stuhl sitzt? Sind es meine Hände, die sich um den Hals der alten Dame schlingen, oder sind diese meine, die auf meinen Knien vor mir liegen, oder ruhen sie auf dem Schoß der Gestalt, wenn ich es nicht bin, die auf dem Stuhl sitzt? Sicherlich sind es meine Lippen, die geküßt werden. Es ist mein Gesicht, das von Tränen naß ist, die diese guten Frauen so reichlich vergießen. Doch wie kann dies sein? Es ist ein schreckliches Gefühl, also den Halt seiner Persönlichkeit zu verlieren. Ich verlange danach, eine dieser Hände auszustrecken, die so hilflos daliegen, und jemand zu berühren, nur um zu wissen, ob ich ich selbst bin oder nur ein Traum – ob »Anna« ich ist, und ich gewissermaßen in ihre Person verloren bin. Ich fühle die zitternden Arme der alten Dame, die Küsse, die Tränen, die Segenswünsche und Liebkosungen der Schwester, und ich frage mich in einer qualvollen Erwartung und Verwirrung: wie lange kann das dauern? Wie lange wird es zwei von uns geben? Welche werde ich am Ende sein? Werde ich »Anna« oder wird »Anna« ich sein?” Unbegreiflich für jeden normalen Menschen ist nur, daß bei den vielen 166 Sitzungen mit der d'Espérance nur äußerst selten der unwillkürliche Betrug entdeckt worden ist. Aber nicht nur das Medium, sondern auch die andern Teilnehmer an spiritistischen Sitzungen befinden sich ja während deren Dauer stets in einem seltsamen Geisteszustand, der jede Täuschung gern aufnimmt, ja herbeisehnt. Hat doch in diesem Fall sogar eine arme trauernde Mutter den »Geist« bereitwillig als ihr verstorbenes Kind angesehen. 120. Sir William Crookes und das Medium Home Quelle: Dr. Alfred Lehmann: »Aberglaube und Zauberei von den ältesten Zeiten an bis in die Gegenwart«, deutsche autorisierte Übersetzung von Dr. med. Petersen I, Düsseldorf, zweite Auflage. Verlag von Ferdinand Enke, Stuttgart, 1908. Z. Die Spiritisten sind nicht selten in der Lage, als Anhänger ihrer Anschauungen Männer zu bezeichnen, deren Name, deren Ruf als Beobachter gegen jede Möglichkeit einer Täuschung zu sprechen scheinen. Aber gerade diese Eideshelfer des Spiritismus sind für jeden, der die Vorgänge kritisch prüft, ohne Bedeutung. Ein Medium, das später zugab, Erscheinungen schwindelhaft hervorgerufen zu haben, erklärte einmal einem bekannten Psychologen gegenüber, es habe am liebsten bei Fürsten und Naturforschern zu tun gehabt. Bei diesen sei der Betrug am leichtesten gelungen. Wenn daher Männer der Wissenschaft als gläubige Spiritisten genannt werden, so beweist dies garnichts. Der Kernpunkt einer wissenschaftlichen Beobachtung ist, daß der Mann der Wissenschaft die Sitzung leitet, nicht aber das Medium oder dessen Helfer. Der Mann der Wissenschaft muß die Bedingungen stellen, unter denen die Erscheinungen eintreten sollen. Das ist der Sinn jeder experimentellen Forschung. Nun behaupten zwar auch wissenschaftliche Forscher, daß sie bei spiritistischen Sitzungen die Bedingungen selbst gestellt hätten. Es hat sich dann aber bei genauerer Prüfung der Berichte herausgestellt, daß dies auf einer Selbsttäuschung der Forscher beruhte, daß diese, wie es so oft geschieht, einige Bedingungen stellten, auf vieles aber, was das Medium tat, gar kein Gewicht legten, weil sie das für nebensächlich hielten, während es in Wirklichkeit für das Zustandekommen der Phänomene die Hauptsache war. Am besten läßt sich das an den Experimenten des berühmten englischen Naturforschers Sir William Crookes, des Entdeckers des Thalliums, eines der angesehensten Mitglieder der Royal Society in London, zeigen. Es ist das große Verdienst des dänischen Psychologen Alfred Lehmann , nachgewiesen zu haben, daß, soweit man aus den genaueren Veröffentlichungen erkennen kann, nicht Crookes, sondern sein Hauptmedium Daniel Dunglas Home die Bedingungen für die Sitzungen festsetzte, wenigstens die Bedingungen, auf die es 167 ankam. Nebensächliche Dinge hat Crookes mit der Gewissenhaftigkeit eines Gelehrten bis ins kleinste angeordnet, d. h. das was objektiv nebensächlich war, von ihm aber für die Hauptsache gehalten wurde. Die Hauptfähigkeit von Home war, auf musikalischen Instrumenten, die er nicht unmittelbar berührte, Töne hervorzurufen, ferner das Gewicht von Körpern durch die Nähe seines Körpers zu verändern. Crookes hat Anfang der siebziger Jahre darüber berichtet. Es wurde eine neue Harmonika gekauft, die Home vorher weder gesehen, noch vor Beginn der Versuche in der Hand gehabt hatte. Home saß auf einem Stuhl an einem Tisch, zwischen seinen beiden Beinen ein Bauer, das zwar oben und unten offen, aber so hoch war, daß es gerade unter den Tisch geschoben werden konnte; wenn es dort stand, konnten weder eine Hand noch ein Fuß von oben oder von unten hineinkommen. An den Seiten waren so viele Drahtwindungen um das Bauer gezogen, daß zwei benachbarte Windungen etwas weniger als einen Zoll von einander entfernt waren. Die Windungen waren durch Schnüre befestigt, sodaß sie auch nicht auseinandergebogen werden konnten. Beide Hände von Home oder zeitweise auch nur eine – die Harmonika war angeblich so eingestellt, daß sie mit einer Hand nicht gespielt werden konnte – wurden so gehalten, daß sie nicht in dem Bauer sein konnten. Das Instrument spielte, obgleich kein Mensch daran rührte. Ferner hat damals Crookes ein Instrument gebaut, eine Platte, die mit eine Federwage in Verbindung stand. Auf die Platte, die unten gestützt war, wurde ein Gefäß gestellt, in dieses Gefäß ein durchlöcherter kupferner Kessel, und dann wurde das Gefäß mit Wasser gefüllt. Wenn Home seine Hand in das Wasser tauchte, aber ohne die Platte mechanisch hinunterdrücken zu können, kamen Gewichtsschwankungen an der Federwage zustande, die durch eine Trommel aufgezeichnet wurden. Da Crookes die Versuche Anfang der siebziger Jahre so mitteilte, als ob alles ganz in Ordnung und für den Spiritismus beweisend gewesen wäre, ist man in Anbetracht der Persönlichkeit des Experimentierenden leicht geneigt, jede Einwendung zurückzuweisen. Doch in Wirklichkeit haben alle wissenschaftlichen Voraussetzungen bei den Untersuchungen gefehlt. Dies Urteil ist scharf, aber seine Berechtigung ist von Lehmann nachgewiesen. Denn achtzehn Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung über die Sitzungen, die ungeheures Aufsehen erregte, gab Crookes seine Tagebuchaufzeichnungen darüber heraus, die nicht, wie die erste Veröffentlichung, eine zusammenfassende Darstellung, sondern ein Protokoll enthielten. Aus den Notizen des Tagebuchs 168 erhält man aber ein ganz anderes Bild von den Vorgängen, als aus den ursprünglichen Berichten. „Mehrere der Séancen oder jedenfalls Teile davon, sind fast Sitzungen im Dunkeln; denn so darf man sie doch nennen, wenn nur die Zunächstsitzenden eben wahrnehmen können, was vor sich geht. Sodann sehen wir, daß keineswegs Crookes, sondern Home den Gang der Versuche, wie die gegebenen Befehle leitet. Crookes und die anderen Teilnehmer werden einfach gezwungen, die Plätze einzunehmen, die ihnen angegeben werden, bis irgend etwas sich ereignet hat. Home dagegen geht frei umher, tritt auf eigene Hand an die Apparate heran, rückt seinen Stuhl, die Plätze werden gewechselt und ähnliches mehr. Alles dieses zeigt, daß die berühmten Crookesschen Sitzungen sich durchaus nicht von anderen spiritistischen Sitzungen unterscheiden; sie haben dasselbe unberechenbare und launenhafte Gepräge, dieselbe Abhängigkeit von dem Gutdünken des Mediums.” Lehmann faßt sein Gesamturteil so zusammen: „Crookes kann kaum eine Ahnung davon gehabt haben, wie bedeutungsvoll die Umstände sind, die er im Bericht von 1871 stillschweigend übergeht. Hätte er das eingesehen, so hätte er niemals die erste Schilderung geben können, ohne sich eines bewußten Betrugs schuldig zu machen.” 121. Der Geist Katie King Quelle: Camille Flammarion: »Unbekannte Naturkräfte«. Verlegt bei Julius Hoffmann, Stuttgart, 1908. Z. Ende der sechziger Jahre kamen aus Amerika die ersten Nachrichten darüber, daß Geister sich in Gegenwart ganzer Versammlungen »materialisiert« gezeigt hätten. Die europäischen Medien fingen alsbald an, Sitzungen zu gleichem Zweck zu veranstalten, und es gelang ihnen bald, gleichfalls Materialisationen hervorzurufen. Crookes begann im Jahre 1872 die Angelegenheit selbst zu untersuchen. Er wählte hierzu ein neu aufgetauchtes Medium, die fünfzehnjährige, anmutige Florence Cook , bei deren Jugend an Betrug am wenigsten zu denken war. Er und seine Freunde haben länger als zwei Jahre mit dem Mädchen experimentiert und dabei geradezu ungeheuerliches erlebt. Florence Cook behauptete, seit einem Jahr oft neben sich den Schatten eines jungen Mädchens gesehen zu haben, das sie lieb gewonnen hatte und das ihr sagte, in der andern Welt heiße es Katie King, aber während eines ihrer Erdenleben sei es Annie Morgan, eine Hofdame aus der Zeit der Königin Anna, gewesen. Nach Crookes' Bericht ist ihm der Geist Katie King sehr häufig erschienen. Er hat ihn gleichzeitig mit vielen andern Personen zahlreiche Male 169 gesehen, mit ihm gesprochen, ihn berührt, ja er ist mit ihm (oder mit ihr?) in ein gewisses freundschaftliches Verhältnis getreten. Hören wir einige Abschnitte aus den Berichten, in denen der Gelehrte über diese gewiß eigentümlichen Begebnisse Mitteilung macht: „Ich trat vorsichtig in das Zimmer ein: drinnen herrschte Dunkelheit, tastend suchte ich Fräulein Cook. Ich fand sie aus dem Boden hockend . . . . Ich hob die Lampe und sah mich um; da erblickte ich Katie, die ganz nahe hinter Fräulein Cook stand. Sie war mit einem weißen, flatternden Gewand bekleidet . . . . Ich hielt eine Hand Fräulein Cooks in der meinen, kniete wieder nieder, hob und senkte die Lampe, sowohl um Katies ganze Gestalt zu beleuchten, wie um mich völlig zu überzeugen, daß ich tatsächlich die wirkliche Katie sah . . . . Sie sprach nicht, aber sie bewegte den Kopf als Erkennungszeichen. Dreimal prüfte ich sorgfältig das vor mir kauernde Fräulein Cook, um mich zu versichern, daß die Hand, die ich festhielt, wohl die einer lebenden Frau war, und dreimal wandte ich die Lampe auf Katie, um sie mit der größten Genauigkeit zu beobachten, so lange, bis ich nicht mehr den geringsten Zweifel hatte, daß sie wirklich da vor mir stand . . . . Katie zeigte sich bei mir sehr regelmäßig und erlaubte mir, sie bei künstlicher Beleuchtung zu photographieren. Zu diesem Zweck wurden fünf vollständige Photographieapparate vorbereitet. Sie sollten alle zu gleicher Zeit auf Katie gerichtet werden, jedesmal wenn sie ihr Bild abnehmen lassen wollte . . . . Eine der interessantesten Photographien ist die, auf der ich neben Katie stehe; ihr nackter Fuß ruht auf einer bestimmten Stelle des Bodens. Hierauf kleidete ich Fräulein Cook genau so wie Katie; wir beide stellten uns in dieselbe Lage, und wir wurden von den gleichen Objektiven photographiert, die in genau derselben Stellung waren wie bei dem andern Experiment und auch von demselben Licht erleuchtet wurden. Wenn diese beiden Abbildungen aufeinandergelegt werden, stimmen meine beiden Photographien in Größe usw. genau überein, aber Katie ist um einen halben Kopf größer als Fräulein Cook und sieht neben ihr wie eine kräftige Frau aus. Auf vielen Bildern sind ihr Gesicht und ihr Körper wesentlich von dem des Mediums verschieden, und die Photographien zeigen auch mehrere andere Verschiedenheiten. (Dies soll zum Beweis dienen, daß der Geist und das Medium nicht identisch gewesen seien.) Doch die Photographie ist ebenso unfähig, die regelmäßige Schönheit von Katies Antlitz wiederzugeben, wie Worte den Liebreiz ihres Wesens beschreiben können. Die Photographie kann freilich die Stellung abzeichnen, aber wie könnte sie die leuchtende Reinheit ihres Teints oder den stets wechselnden Ausdruck ihrer so beweglichen Züge wiedergeben, die bald von Trauer umdüstert 170 sind, wenn sie einige bittere Ereignisse ihres vergangenen Lebens erzählt, bald mit der ganzen Unschuld eines jungen Mädchens lächeln, wenn sie meine Kinder um sich versammelt und sie durch die Erzählungen ihrer in Indien erlebten Abenteuer unterhält . . . . Eines Abends zählte ich Katies Pulsschläge: ihr Puls klopfte regelmäßig 75 mal, während der Fräulein Cooks wenige Augenblicke später 90 mal schlug, ihre normale Ziffer. Als ich mein Ohr an Katies Brust legte, konnte ich im Innern ein Herz klopfen hören, und seine Schläge waren noch regelmäßiger als die Herzschläge Fräulein Cooks, als sie mir nach der Sitzung denselben Versuch erlaubte. Katies Lungen, die auf die gleiche Weise geprüft wurden, schienen gesunder als die ihres Mediums Fräulein Cook, die zu jener Zeit wegen eines chronischen Katarrhs in ärztlicher Behandlung stand.” Katie King zeigte sich in solcher und ähnlicher Weise während dreier Jahre, worauf sie auf Nimmerwiedersehen verschwand, leider ohne Berichte über die andre Welt zu hinterlassen, aus der sie kam und in die sie zurückkehrte. Nach dem im vorigen Abschnitt Gesagten wissen wir, was wir von den Begebenheiten zu halten haben, zumal die Berichte hierüber ganz besonders jeder verläßlichen Methode entgegengesetzt sind. Fräulein Cook ist übrigens später mehrmals des Betrugs überführt worden, so am 9. Januar 1880, wo in einer Sitzung der » British association of spiritualists « der Geist Mary als das nur mit Flanellunterzeug und Korsett bekleidete Medium festgestellt wurde. Wunderbare Fähigkeiten, wenn auch nicht gerade spiritistischer Art, muß Fräulein Cook aber doch besessen haben, da es ihr gelang, vor Crookes und seinen Freunden einen so großartigen Betrug jahrelang durchzuführen. 122. Henry Slades Wundertaten Quelle: Friedrich Zöllner: «Wissenschaftliche Abhandlungen«. Verlag von L. Staackmann, Leipzig, 1878. Z. Sir William Crookes ist nicht der einzige Gelehrte von großem Ruf, der eine Säule des Spiritismus geworden ist. Phänomene höchst wunderbarer Art in größter Zahl und Mannigfaltigkeit sind auch von dem berühmten Astrophysiker Friedrich Zöllner in Leipzig beglaubigt und gegen ein Heer von Feinden in nachdrücklichster Weise verteidigt worden. Alle diese Versuche wurden in den Jahren 1877 und 1878 mit dem Medium Henry Slade ausgeführt, und es gibt in der gesamten Weltliteratur kaum eine seltsamere Lektüre als die Seiten in Zöllners »Wissenschaftlichen Abhandlungen«, in denen er über diese Begebnisse berichtet. 171 Zöllner, der im Jahre 1834 in Berlin geboren wurde, wirkte seit 1865 zuerst als Privatdozent, dann seit 1872 als ordentlicher Professor an der Universität Leipzig. Seine Werke: »Grundlage einer allgemeinen Photometrie des Himmels«, »Theorie der relativen Lichtstärke der Mondphasen« und besonders das Buch »Über die Natur der Kometen« sind von großer wissenschaftlicher Bedeutung. Zöllner starb im April 1882 plötzlich infolge eines Schlaganfalls. Henry Slades mediumistische Leistungen erlangten bereits im Jahre 1876 Weltberühmtheit, als in London Sitzungen stattfanden, in denen Slade auf verdeckten Tafeln »Geister-Schriften« hervorrief. Alles war über die unerklärlichen Leistungen des Mediums in höchstem Grad verblüfft, bis es dem Zoologen Professor Lankaster gelang, Slade bei einem Betrug zu ertappen. Als dieser wieder einmal eine angeblich unbeschriebene Tafel unter den Tisch brachte, um die Geisterschrift darauf erscheinen zu lassen, entriß ihm Professor Lankaster die Tafel, und man fand, daß die Geisterbotschaft schon darauf stand. Es erfolgte dann gegen Slade eine Anklage wegen Betrugs, und er wurde auf Grund des »Landstreichergesetzes« zu drei Monaten Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt. Es glückte einer geschickten Verteidigung zwar, im Berufungsverfahren die Aufhebung dieser Verurteilung aus rein juristischen Gründen zu bewirken, aber die Tatsache des Betrugs konnte nicht weggeleugnet werden. Aber diese Entlarvung beeinträchtigte, wie das gewöhnlich der Fall ist, Slades Ruf in spiritistischen Kreisen nicht. Er kam im Herbst 1877 nach Berlin, wo er in den Sitzungen wieder die größten Wundertaten ausführte. Um seinem Wirken einen starken moralischen Rückhalt zu verschaffen, machten seine Freunde, darunter der bekannte russische Staatsrat Aksakow, die größten Anstrengungen, um Virchow oder Helmholtz zu bewegen, Slades Leistungen zu prüfen. Die beiden großen Gelehrten verhielten sich jedoch vollkommen ablehnend. Nun wandte man sich an Zöllner in Leipzig, und dieser erklärte sich zu den Untersuchungen bereit, die dann den sensationellsten Verlauf nahmen und Zöllner selbst zu einem begeisterten Anhänger und leidenschaftlichsten Vorkämpfer des Spiritismus bis zu seinem Lebensende machten. Aus seinen Mitteilungen in den »Wissenschaftlichen Abhandlungen« über die Versuche mit Slade sei hier das folgende wiedergegeben: „In meiner Wohnung lenkte sich sehr bald das Gespräch wieder auf den erwähnten magnetischen Einfluß, sodaß die Frage meines Freundes, ob ich nicht einen Kompaß zur Hand hätte, ebenso ungezwungen als natürlich war. Indem ich dies bejahte, holte ich einen Himmelsglobus, an dessen Gestell sich unten ein Kompaß befand, setzte ihn auf den Tisch, und Slade bewegte auf unsern Wunsch seine rechte Handfläche horizontal dicht über dem durch Glas fest verschlossenen 172 Gehäuse der Magnetnadel. Letztere blieb unbeweglich, und ich schloß hieraus, daß Slade keine Magnetnadel unter der Haut verborgen haben konnte. Als nun aber Slade abermals, unmittelbar darauf, den Versuch in der angegebenen Weise wiederholte, geriet die Nadel in die heftigsten Schwankungen, wie dies nur mit Hilfe eines starken Magneten hätte bewerkstelligt werden können. Am nächsten Abend (Freitag, den 16. Nov. 1877) hatte ich in einem Zimmer, welches Slade noch niemals betreten hatte, einen Spieltisch aufgestellt, an welchem 4 Stühle standen. Nachdem Fechner, Professor Braune, Slade und ich Platz genommen und unsere Hände auf dem Tisch übereinander gelegt hatten, klopfte es in dem Tisch. Auf einer zwei Stunden vorher von mir selbst gekauften und mit einem Zeichen versehenen Schiefertafel begann das Schreiben in der gewöhnlichen Weise. Mein Taschenmesser, welches ich Slade zum Abschneiden eines kleinen Stückchens Schieferstift gegeben hatte, wurde auf die Tafel gelegt, diese von Slade seitwärts etwas unter den Rand der Tischplatte geschoben, als plötzlich das Messer in einer Höhe von 1 Fuß emporgeschleudert wurde und auf den Tisch niederfiel, jedoch zu unserm größten Erstaunen geöffnet. Das Experiment wurde noch mehrmals mit gleichem Erfolg wiederholt, und zum Beweis, daß das Messer nicht durch eine Bewegung der Tafel emporgeworfen wurde, legte Slade gleichzeitig mit dem Messer ein Stückchen Schieferstift auf dieselbe und machte zur Fixierung der Lage ein kleines Kreuz auf der Tafel. Unmittelbar, nachdem das Messer fortgeschleudert war, zeigte uns Slade die Tafel, auf welcher das Schieferstückchen unverändert neben dem Zeichen lag. Die Doppeltafel wurde alsdann, nachdem dieselbe vorher gereinigt und ein Stückchen Schieferstift dazwischen gebracht war, geschlossen und von Slade über dem Kopf von Professor B. gehalten. Man hörte sehr bald das bekannte Kritzeln, und als die Tafel geöffnet wurde, befand sich eine längere Schrift auf derselben. Während dies noch geschah, begann sich plötzlich ein hinter einem Schirm befindliches Bett zu bewegen und rückte etwa 2 Fuß weit von der Wand fort, indem es den Schirm mit fort schob. Slade war hierbei mehr als 4 Fuß von dem Bett entfernt, hatte ihm den Rücken zugekehrt und seine Beine übereinandergeschlagen, jederzeit sichtbar, nach der dem Bett abgewandten Seite gerichtet. Ich rückte hierauf das Bett wieder an seinen ursprünglichen Platz. Durch das Gelingen des soeben beschriebenen Experiments ermuntert, erneuerte Slade den wiederholt, aber bisher vergeblich angestellten Versuch, die Schrift auf einer Tafel zu erhalten, welche, von ihm garnicht berührt, sich in der Hand eines Andern befindet. Er übergab daher an Professor Scheibner 173 eine von den in Bereitschaft gehaltenen und von mir selbst gekauften Schiefertafeln, ersuchte ihn, sie zunächst unter den Tisch mit seiner Linken zu halten, während Slade sie mit seiner Rechten am Rand festhielt. Scheibner konnte also jederzeit durch einen Zug oder Druck beurteilen, ob die Tafel unter dem Tisch von Slade festgehalten wurde. Die rechte Hand Scheibners und die linke Slades lagen hierbei auf dem Tisch. Nach kurzer Zeit vergeblichen Wartens bemerkte Slade, daß er an seiner die Tafel haltenden Hand die Berührung eines feuchten Körpers fühle, und gleichzeitig konstatierte dasselbe Gefühl auch Professor Scheibner, indem er es mit der Berührung eines angefeuchteten rauhen Filzlappens verglich. Als hierauf Scheibner die Tafel hervorzog, war dieselbe in der Tat auf der oberen Seite sowohl in der Mitte als am Rand etwa 2–3 Zoll breit stark befeuchtet und ebenso die Hände Scheibners und Slades, welche die Tafel gehalten hatten. Während wir uns noch Rechenschaft zu geben versuchten, auf welche denkbare Weise diese Befeuchtung stattgefunden haben könnte, und alle Hände auf dem Tisch sich befanden, erschien plötzlich dicht vor W. Weber und uns allen sichtbar eine kleine rotbraune Hand an dem Tischrand, die sich lebhaft bewegte und nach 2 Sekunden wieder verschwand. Diese Erscheinung wiederholte sich noch mehrmals. Um schließlich noch an einem tönenden Körper die Erhebung desselben vom Fußboden zu konstatieren, hatte ich im Innern einer zylindrischen Glasglocke von c. 1 Fuß Höhe und ½ Fuß Durchmesser eine Stahlkugel von etwa dreiviertel Zoll Durchmesser an einem seidenen Faden aufgehängt. Diese so vorbereitete Glocke wurde unter den Tisch gestellt, und sehr bald begann auch hier ein starkes Klingeln mit ungedämpften Tönen, indem die Stahlkugel gegen die Glaswand schlug. Da die Hände Slades sich auf dem Tisch befanden, seine Füße beobachtet wurden und selbst im Fall einer Anwendung derselben doch das Tönen der Glocke durch Berührung mit einem andern Körper verhindert worden wäre, so konnte diese Erscheinung nur durch eine freie Erhebung der Glocke bewirkt werden. Da wir fast regelmäßig bei allen Sitzungen, (während Slades Hände den Anwesenden sichtbar auf dem Tisch lagen und seine Füße in der mehrfach erwähnten seitlichen Haltung jederzeit beobachtet werden konnten), unter dem Tisch die Berührung von Händen fühlten und, wie oben bemerkt, solche auch vorübergehend unter denselben Bedingungen durch unsern Gesichtssinn wahrgenommen hatten, so wünschte ich ein Experiment anzustellen, durch welches in noch überzeugenderer Weise der Beweis von der Existenz solcher Hände geliefert werden könnte. Ich schlug daher Hrn. Slade vor, ein flaches, bis an den Rand mit 174 Weizenmehl gefülltes Porzellangefäß unter den Tisch stellen zu lassen und dann seinen »Spirits« den Wunsch auszusprechen, daß sie, bevor sie uns betasteten, zunächst ihre Hände in das Mehl steckten. Auf diese Weise mußten sich die sichtbaren Spuren der Berührung an unsern Kleidungsstücken auch nach der Berührung zeigen, und gleichzeitig konnten die Hände und Füße Slades auf zurückgelassene Reste von anhaftendem Mehl untersucht werden. Slade erklärte sich sofort bereit, die vorgeschlagene Prüfungsbedingung einzugehen. Ich holte einen großen Porzellannapf von etwa 1 Fuß Durchmesser und 2 Zoll Tiefe, füllte ihn bis zum Rand gleichmäßig mit Mehl und stellte ihn unter den Tisch. Während wir uns zunächst um den eventuellen Erfolg dieses Versuchs garnicht kümmerten, sondern noch über 5 Minuten lang die magnetischen Experimente fortsetzten, während welcher Zeit Slades Hände jederzeit sichtbar auf dem Tisch sich befanden, fühlte ich plötzlich mein rechtes Knie unter dem Tisch von einer großen Hand etwa eine Sekunde lang kräftig umfaßt und gedrückt, und in demselben Moment, als ich dies den Anwesenden mitteilte und aufstehen wollte, wurde der Mehlnapf etwa 4 Fuß weit von seinem Platz unter dem Tisch auf dem Fußboden ohne sichtbare Berührung hervorgeschoben. Auf meinem Beinkleid hatte ich den Mehlabdruck einer großen, mächtigen Hand, und auf der Mehloberfläche des Napfs waren vertieft der Daumen und die 4 Finger mit allen Feinheiten der Struktur und Falten der Haut abgedrückt. Eine sofortige Untersuchung der Hände und Füße Slades zeigte nicht die geringsten Spuren von Mehl, und die Vergleichung seiner eigenen Hand mit dem Abdruck im Mehl erwies die Letztere beträchtlich größer. Der Abdruck befindet sich noch heute in meinem Besitz, obschon durch häufige Erschütterungen die Feinheit der Zeichnung durch herabfallende Mehlteilchen allmählich verschlechtert ist. Viel wichtiger erschienen mir jedoch Versuche, welche dauernd einen bleibenden Eindruck von Berührungen hinterließen, wie dies bei dem Abdruck der Hand in dem mit Mehl gefüllten Napf der Fall war. Zu diesem Zweck klebte ich einen halben Bogen gewöhnlichen Schreibpapiers auf ein etwas größeres Holzbrett; es war der Deckel einer Holzkiste, in welcher mir Hr. Merz aus München vor 4 Jahren große Prismen für spektroskopische Zwecke gesandt hatte. Über einer stark rußenden Petroleumlampe ohne Zylinder wurde das Papier bei stetiger Bewegung in dem Flammenmantel gleichmäßig mit Ruß überzogen und alsdann unter den Tisch gelegt, an welchem Wilhelm Weber, Slade und ich Platz genommen hatten. In der Hoffnung, auf dem berußten Papier abermals den Abdruck der Hand wie am vorhergehenden Tag zu erhalten, hatten wir zunächst unsere Aufmerksamkeit wiederum 175 den magnetischen Experimenten zugewandt. Plötzlich wurde das Brett unter dem Tisch kräftig, etwa 1 Meter weit, hervorgestoßen, und als ich dasselbe aufhob, befand sich auf demselben der Abdruck eines nackten linken Fußes. Sofort ersuchte ich Slade, aufzustehen und mir seine beiden Füße zu zeigen. Es geschah dies in der bereitwilligsten Weise; nachdem er seine Schuhe ausgezogen hatte, wurden die Strümpfe auf etwa anhaftende Rußteilchen untersucht, jedoch ohne jedweden Erfolg. Hierauf mußte Hr. Slade seinen Fuß auf einen Maßstab setzen, wobei sich ergab, daß die Länge seines Fußes vom Hacken bis zur großen Zehe 22,5 Zentimeter betrug, während die Länge des Fußabdrucks zwischen denselben Stellen nur 18,5 Zentimeter betrug. Wollte man nun auf Grund dieser Beobachtungen annehmen, Herr Slade habe selbst durch Aufsetzen seines Fußes auf diese Art den Abdruck erzeugt, so erforderte dies erstens die Annahme, daß Herr Slade die Fähigkeit besitze, sich ohne Anwendung seiner Hände (die stets von uns beobachtet auf dem Tisch lagen), Schuhe und Strümpfe aus- und wieder anzuziehen, und zweitens eine solche Geschicklichkeit im Auftreten auf einen eng begrenzten Raum (die Tafelfläche) besitze, daß er, ohne diese Fläche zu sehen, doch dieselbe stets mit Sicherheit zu treffen vermöge. Sicherlich würde dies eine große Übung zu dem beabsichtigten Zweck bei Herrn Slade voraussetzen und daher naturgemäß die Vermutung erwecken, er habe dies Experiment schon öfter produziert. Abgesehen von dem lebhaften Erstaunen des Herrn Slade und seiner Versicherung, noch niemals solche Phänomene in seiner Gegenwart beobachtet zu haben, sind mir bis jetzt noch in keinem öffentlichen Bericht über Herrn Slades Produktionen ähnliche Tatsachen bekanntgeworden. Um indessen allen solchen Zweifeln, (und den fast nicht minder wunderbaren Erklärungsversuchen, als die Tatsachen selber sind), zu begegnen, schlug ich Herrn Slade einen Versuch vor, welcher vom Standpunkt der vierdimensionalen Raumtheorie leicht gelingen mußte. Um eine solche beobachtete Tatsache zu erlangen, nahm ich eine von mir gekaufte Doppeltafel ( book-slate ). d. h. zwei Tafeln, welche an der einen Seite mit Charnieren aus Messing wie ein Buch zum Aufklappen miteinander verbunden waren. Beide Tafeln beklebte ich (in Abwesenheit Slades) im Innern, auf den einander zugewandten Seiten, wie oben beschrieben, mit einem halben Bogen von meinem Briefpapier, welches unmittelbar vor der Sitzung in der angegebenen Weise gleichmäßig mit Ruß überzogen wurde. Diese Tafel schloß ich und bemerkte Herrn Slade, daß, wenn meine Theorie von der Existenz intelligenter vierdimensionaler Wesen in der Natur begründet sei, es für diese ein Leichtes sein müßte, die bisher nur auf offnen Tafeln erzeugten Fußabdrücke auch im Innern der verschlossenen Tafel herzustellen. 176 Slade lachte und meinte, daß dies absolut unmöglich sein würde; selbst seine »Spirits«, welche er befragte, schienen anfangs über diesen Vorschlag sehr betroffen, antworteten aber schließlich doch mit der stereotypen vorsichtigen Antwort auf einer Schiefertafel: » We will try it « (»Wir wollen es versuchen«). Zu meiner größten Überraschung willigte Slade ein, daß ich mir die geschlossene Doppeltafel (die ich nach ihrem von mir selbst hergestellten Überzug mit Ruß nicht aus meinen Händen gab) während der Sitzung auf meinen Schoß legte, sodaß ich sie stets zur Hälfte beobachten konnte. Wir mochten in dem hell erleuchteten Zimmer etwa fünf Minuten an dem Tisch gesessen haben, die Hände in der gewöhnlichen Weise mit denen Slades oberhalb des Tischs verbunden, als ich plötzlich zweimal kurz hintereinander fühlte, wie die Tafel auf meinem Schoß herabgedrückt wurde, ohne daß ich das geringste Sichtbare wahrgenommen hatte. Drei Klopflaute im Tisch kündigten an, daß alles vollendet sei, und als ich die Tafel öffnete, befand sich im Innern auf der einen Seite der Abdruck eines rechten, auf der andern derjenige eines linken Fußes, und zwar desselben, den wir bereits an den beiden vorhergehenden Abenden erhalten hatten. Meine Leser mögen selbst beurteilen, in wie weit es uns nach solchen Tatsachen noch möglich ist, Herrn Slade für einen Betrüger oder Taschenspieler zu halten. Das Erstaunen Slades selber über den gelungenen Versuch war fast größer als das meinige. Mag man also vorläufig über die Richtigkeit meiner Theorie von der Existenz unsichtbarer intelligenter Wesen in einem vierdimensionalen Raum denken was man wolle – als theoretischer Leitfaden für Experimental-Untersuchungen auf dem so verwickelten Gebiet spiritistischer Phänomene wird man ihr nach solchen Resultaten eine gewisse Brauchbarkeit nicht absprechen dürfen.” Die Theorie von Wesen im vierdimensionalen Raum ist von Zöllner ausführlich entwickelt worden. Er hatte schon vor dem Auftauchen Slades einige physikalische Erscheinungen diskutiert, die solche vierdimensionalen Wesen auszuführen im Stande sein müßten, falls es ihnen unter gewissen Umständen gestattet wäre, sichtbare, d. h. für uns dreidimensionale Wesen vorstellbare Wirkungen in der realen Körperwelt zu erzeugen. Als eine solche Wirkung hatte er ausführlich die Verschlingung eines einfachen Fadens ohne Ende diskutiert. Wenn ein solcher Faden mit seinen Enden zusammengeknüpft und mit einem Siegel versehen worden ist, so müßte ein intelligentes Wesen, das willkürlich vierdimensionale Biegungen und Bewegungen mit dem Faden vornehmen könnte, im Stande sein, ohne Lösung des Siegels einen oder mehrere Knoten in dem einfachen Faden zu knüpfen. Für dreidimensionale Wesen ist das in der Tat etwas ganz Unausführbares. Umsomehr verblüfft es, wenn wir bei Zöllner lesen: 177 „Dieser Versuch ist mir nun mit Hilfe des amerikanischen Mediums Mr. Henry Slade zu Leipzig am 17. Dezember 1877 Vormittags 11 Uhr innerhalb einer Zeit von wenigen Minuten gelungen. Die nach der Natur gezeichnete Abbildung des mehr als 1 Millimeter starken und festen Bindfadens mit den 4 Knoten sowie die Haltung meiner Hände, mit denen die linke Hand des Herrn Slade und noch eines andern Herrn vereint auf dem Tisch lagen, ist aus Tafel IV dargestellt. (Siehe die Abbildung.) Während das Siegel stets vor unser aller Augen offen auf dem Tisch lag und der dort befindliche Teil des Fadens, wie die Figur zeigt, von den Daumen meiner beiden Hände fest gegen die Oberfläche der Tischplatte gedrückt wurde, hing der übrige Teil des Bindfadens auf meinen Schoß herab. Während ich die Schürzung nur eines Knotens gewünscht hatte, waren nach wenigen Minuten die auf Tafel IV naturgetreu abgebildeten vier Knoten in dem Bindfaden.” Von weiteren Versuchen müssen noch die folgenden wegen ihrer ganz besonderen Merkwürdigkeit erwähnt werden. Wir lesen bei Zöllner: „Um die auf menschlichem Zeugnis beruhenden Tatsachen uns unerklärlicher Erscheinungen womöglich gänzlich auszuschließen, war ich darauf bedacht, solche Experimente zu ersinnen, bei denen die als Endresultat hervortretende bleibende Wirkung, nach unserer bisherigen Ausfassung der Naturgesetze, vollkommen unerklärlich ist. Zu diesem Zweck hatte ich folgende Versuche vorbereitet. Zwei Holzringe, der eine von Eichen-, der andere von Erlenholz, waren 178 jeder aus einem Stück gedrechselt. Der äußere Durchmesser der Ringe betrug zirka 105 Millimeter, der innere zirka 74 Millimeter. Wenn diese beiden Ringe, ohne daß ihr Zusammenhang gelöst wird, in einander gekettet werden könnten, so würde man sich nachträglich durch genaue mikroskopische Untersuchung von dem unverletzten Zusammenhang der Holzfasern überzeugen können. Da außerdem zwei verschiedene Holzarten gewählt wurden, so ist die Möglichkeit, beide Ringe aus ein und demselben Stück Holz zu schneiden, gleichfalls ausgeschlossen. Zwei solche ineinandergeketteten Ringe würden demnach für sich ein Wunder darstellen, d. h. eine Erscheinung, die wir auf Grund unserer bisherigen Vorstellungen vom Zustandekommen physikalischer oder organischer Prozesse absolut unfähig wären, zu erklären. Aus einem getrockneten Darm, wie er zur Wurstfabrikation gebraucht wird, wurde ein in sich geschlossenes Band von etwa 4 bis 5 Millimeter Breite und 400 Millimeter Umfang ausgeschnitten. Im Fall in diesem Band eine Knotenschürzung stattfand, konnte gleichfalls nachträglich durch genaue mikroskopische Untersuchung konstatiert werden, ob hierbei der Zusammenhang der Teile jenes Streifens gelöst worden sei oder nicht. Am 9. Mai d. J., 7 Uhr abends, befand ich mich allein mit Slade in unserem gewöhnlichen Sitzungszimmer. Der Himmel hatte sich im Lauf des Nachmittags unter dem Einfluß eines frischen Winds zu einer seltenen Klarheit aufgehellt, sodaß das nach Westen gelegene Zimmer von den Strahlen der untergehenden Sonne hell erleuchtet war. Die beiden Holzringe nebst dem oben erwähnten, aus einem Stück geschnittenen Band eines Darms, waren an einer zirka 1 Millimeter dicken und 1,05 Meter langen Darmsaite aufgereiht; letztere war mit ihren beiden Enden von mir durch einen Doppelknoten zusammengeknüpft und alsdann in der früheren bei den Bindfäden angegebenen Weise mit meinem Petschaft eigenhändig versiegelt worden. Die beistehende Figur stellt diesen Zustand bei Beginn der Sitzung schematisch dar. (Siehe die Abbildung links.) Nachdem ich in der gewöhnlichen Weise mit Herrn Slade an dem Tisch Platz genommen hatte, legte ich beide Hände fest auf den oberen Teil der versiegelten Darmsaite. Nachdem einige Minuten verstrichen waren, und Slade wie gewöhnlich während physikalischer Manifestationen Lichter zu sehen behauptete, 179 verbreitete sich ein schwacher Brandgeruch im Zimmer, der unter dem Tisch hervorzudringen schien und etwas an den Geruch von schwefliger Säure erinnerte. Kurz darauf hörte man an dem kleinen runden Tisch mir gegenüber vorübergehend ein Klappern, wie von zwei aneinanderstoßenden Hölzern. Als ich fragte, ob wir die Sitzung schließen sollten und das Werk vollendet sei, wiederholte sich das Klappern dreimal hintereinander. Unmittelbar hierauf erhoben wir uns, um zunächst die Ursache des Klapperns an dem runden Tisch zu erforschen. Zu unserem größten Erstaunen befanden sich die beiden Holzringe, welche ungefähr 6 Minuten vorher noch an der Darmsaite aufgereiht waren, unversehrt um den Fuß des kleinen Tischs. (Siehe die Abbildung unten.) Die Darmsaite enthielt zwei Schlingen, welche den unversehrten endlosen Darmstreifen in der beifolgend schematisch dargestellten Weise umschlossen. (Siehe die Abbildung oben rechts.) Unmittelbar nach vollendeter Sitzung rief ich erstaunt und hocherfreut über einen solchen Reichtum von bleibend erzeugten Wirkungen meinen Freund nebst seiner Frau in das Sitzungszimmer. Slade verfiel hierauf in einen seiner gewöhnlichen Verzückungszustände ( trance ) und teilte uns mit, daß die ihn umgebenden unsichtbaren Wesen bemüht waren, meinem Wunsch gemäß einige Knoten in dem endlosen Darmstreifen zu erzeugen, daß sie jedoch genötigt gewesen seien, ihr Vorhaben aufzugeben, da jener Streifen im Begriff war, während der Operation durch Temperaturerhöhung zu »schmelzen«. Wir würden dies deutlich an einer weißen Stelle des Streifens erkennen. Da ich den Streifen unmittelbar nach beendeter Sitzung in meine Hände genommen und bis 180 zu dieser Mitteilung Slades auch darin behalten hatte, so interessierte mich in hohem Grad die Prüfung der Richtigkeit der soeben erwähnten Behauptung. In der Tat befand sich diese weiße Stelle an dem angegebenen Ort, und als wir zur Bestätigung der angedeuteten Ursache ein anderes Stückchen von einem solchen Darmstreifen über ein Kerzenlicht hielten, erzeugte sich sofort durch die hohe Temperatur eine ganz ähnlich aussehende weiße Stelle.” Obwohl Zöllner diesen letzten Ergebnissen seine uneingeschränkte Bewunderung zollt, wird der objektive Leser doch sofort bemerken, daß bei den Versuchen die ursprünglichen Absichten nicht erfüllt wurden. Weder waren die beiden ungeleimten Ringe ineinandergekettet, noch befand sich in der endlosen Darmschnur selbst ein Knoten. Nur wenn dies wirklich eingetreten wäre, hätte sich etwas für unser Begreifen ganz Unenträtselbares zugetragen. Was aber wirklich geschah, ist im Vergleich dazu sehr viel einfacher, wenn auch in der von Zöllner beschriebenen Art unerklärbar. Aber Zöllners Darstellungen können durchaus nicht als das Muster eines wissenschaftlichen Berichts gelten. In den »Wissenschaftlichen Abhandlungen« nehmen die tatsächlichen Angaben immer nur einen kargen Raum ein. Sie sind umgeben von einem Wust der gröbsten Beschimpfungen und heftigsten Angriffe gegen alle Gelehrten, die den Anschauungen des Verfassers nicht beistimmten. Wichtige Nebenumstände der Begebnisse werden dagegen verschwiegen. So hat z. B. Zöllner erst später ganz beiläufig angegeben, daß die Versuche mit den Knoten in versiegelten Bindfäden nicht gleich, sondern erst nach mehreren mißglückten Experimenten gelangen. Wo die bei den ersten Versuchen benutzten Bindfäden und Siegel geblieben sind, erwähnt er überhaupt nicht. So ist es nicht ausgeschlossen, daß Slade sich den einen oder andern davon beschafft und zur Nachahmung des Siegels oder zu anderen taschenspielerischen Kunststücken benutzt haben kann. In einem wirklich endlosen Bandstreifen, in der Darmschnur, gelang ihm die Verknotung ja nicht. Es ist hier nicht der Ort, auf die zahllosen Einwände näher einzugehen, die gegen Zöllners Versuche erhoben worden sind. Der Kampf hat damals diesseits und jenseits des Ozeans sehr lebhaft getobt. Von vielen ist der normale Geisteszustand Zöllners angezweifelt worden. Näher liegt schon der Einwand, daß er sich gleich nach den ersten Phänomenen so sehr mit Slade identifiziert hatte, daß er ihm unwillkürlich das Gelingen der Versuche erleichtern mußte. Fortab kann er also nicht mehr als objektiver Beobachter gelten. Wie man die Dinge aber auch betrachtet, müssen sie als ganz besonders wunderbare Geschehnisse gelten, selbst wenn es sich nur um taschenspielerische Kunststücke handelt. Aus diesem Grund schien es angebracht, ihnen in diesem Buch der Wunder einen besonders ausgedehnten Raum zu gewähren. 181 Zahlenwunder 123. Reihenwunder Die Fabrik von A. Borsig hat bis zum Anfang des Jahres 1916 rund 9700 Lokomotiven fertig gestellt. Bildete man aus diesen Maschinen mit Tendern einen zusammenhängenden Zug, so würde er, da eine Lokomotive mit Tender durchschnittlich 11 Meter mißt, 106 700 Meter lang sein, also über eine Strecke von Berlin bis hinter Neu-Strelitz reichen. Die Gesamtzahl der Pferdestärken, die diese Maschinen zu leisten vermögen, beträgt 6 Millionen PS. Würde man eine so große Zahl von Pferden in einer Doppelreihe hintereinander einspannen, so also, daß immer zwei Pferde nebeneinander stehen, so würde dieses Riesengespann rund 5 250 000 Meter lang sein, ungefähr gleich der Entfernung von Lissabon über Madrid, Paris, Berlin und Petersburg bis zum Ural. Dabei ist aber zu bedenken, daß ein Pferd bei weitem nicht imstande ist, auf die Dauer eine technische Pferdestärke zu leisten. Von der berühmtesten deutschen Flügel- und Pianinofabrik C.  Bechstein in Berlin sind bis zum Jahre 1916 rund 52 000 Flügel und 59 000 Pianinos geliefert worden. Die Flügel der Länge nach und die Pianinos der Breite nach aneinander gereiht würden zusammen eine Strecke von 210 000 Metern bedecken, entsprechend der Entfernung von Berlin bis Stralsund in der Luftlinie. Jeder Flügel mittlerer Größe enthält durchschnittlich 227 Meter Stahldraht und 9½ Meter Kupferdraht, was für die Flügel allein eine Gesamtsaitenlänge von über 12 Millionen Metern, für die Pianinos allein eine Gesamtsaitenlänge von 13 Millionen Metern ergibt. Sämtliche Saiten hintereinander ausgespannt, würden also einen metallischen Faden von 25 000 Kilometern Länge ergeben, das ist fast das Doppelte des Erddurchmessers. Eins der großen Berliner Weltblätter mit einer Auflage von ½ Million Exemplaren gebraucht für eine gewöhnliche Morgenausgabe am Wochentag durchschnittlich 130 Rollen Druckpapier, deren Papierlänge zusammen 1 170 000 Meter beträgt. Für eine Sonntagsausgabe in der Weihnachtszeit werden etwa 270 Rollen mit einer Gesamtpapierlänge von 2 400 000 Metern 182 verbraucht, was der Entfernung von Berlin bis Gibraltar entspricht. Die Länge des in einem Jahr verbrauchten Papiers von Seitenbreite ist 400 000 Kilometer. Damit kann man den Äquator 10 Mal umwickeln. Die Abendausgabe von 250 000 Exemplaren wird auf 22 Maschinen in rund zwei Stunden ausgedruckt. Es werden also in jeder Minute 2000 Zeitungen (Hauptblatt und zwei Beiblätter von je vier Seiten), in jeder Sekunde 33 Zeitungen fertiggestellt. Eine Durchschnittsnummer der » Times « umfaßt, nach Buchstaben gemessen, einen Drucksatz von der Größe eines Bands Schiller in der Cottaschen Ausgabe. Als der Besitzer der »Times« seine Tochter verheiratete, schenkte er ihr als Mitgift das Erträgnis einer einzigen Inseratenspalte seiner Zeitung. Es wurde damals festgestellt, daß diese Mitgift reicher war als die irgend einer Prinzessin aus dem englischen Königshaus. Die 84 Seedampfer des Norddeutschen Lloyd in einer Fahrzeuglinie verbunden, würden einen Ponton von 12 Kilometern Länge ergeben, auf dem man die Meeresstrecke von Greifswald nach Rügen trockenen Fußes überschreiten könnte. Ein solcher Ponton aus den 194 Seedampfern der Hamburg-Amerika-Linie zusammengestellt, wäre gar 19 Kilometer lang. Die Schiffe des Lloyd haben während des Jahres 1913 auf ihren Fahrten 6 300 000 Seemeilen zurückgelegt. Wäre es ihnen möglich gewesen, ständig auf der Äquatorlinie zu dampfen, so hätten sie diesen Kreis insgesamt 292 Mal umfahren können. Die Hapag-Schiffe würden mit 8 986 000 Seemeilen oder 16 642 000 Kilometern den Äquator 415 Mal umkreist haben. Läge dem Norddeutschen Lloyd statt seiner irdischen Aufgabe die Beförderung der Reisenden von unserm Planeten nach dem Mond ob, so hätte er mit der von seinen Schiffen zurückgelegten Meilenzahl im Jahre 1913 15 Fahrten nach dem Mond und wieder zurück zur Erde veranstalten können. Die Suezkanal-Gesellschaft hätte allerdings eine solche Linienverlegung nicht gern gesehen; denn ihr wären, da die Reise Erde–Mond ja ohne Benutzung des ihr gehörigen Gewässers zurückgelegt werden kann, im genannten Jahr 4 Millionen Franken Kanalgebühren entgangen, die der Norddeutsche Lloyd für 104 Durchfahrten seiner Schiffe in beiden Richtungen bezahlt hat. Für die appetitanregende Wirkung der Seeluft zeugt die Tatsache, daß der Norddeutsche Lloyd im gleichen Jahr für 26 Millionen Mark Proviant verbraucht hat; darunter hat er allein 8½ Millionen Mark für Fleischwaren ausgegeben, 3 Millionen Mark für Fische. Seine Passagiere haben 6 600 000 Pfunde frisches Rindfleisch, das ist eine Herde von 22 000 Rindern, verspeist, ferner 183 7 800 000 Eier. Aber auch die Maschinen der Dampfer waren nicht weniger hungrig. Sie verbrauchten im selben Jahr 1 800 000 000 Kilogramm Kohle im Werte von 31 Millionen Mark. Die Hapag verheizte im gleichen Zeitraum für 38 Millionen Mark Kohlen. In den neuen Dampfer des Norddeutschen Lloyd, den »Columbus«, der mit seinen 35 000 Tonnen das größte Schiff der Gesellschaft ist, wird zur Ausrüstung der Passagierräume eine so große Menge von Hölzern eingebaut, wie sie einem Wald von 6000 Baumstämmen entspricht, in dem jeder Baum eine Dicke von 30 Zentimetern und eine Höhe von 10 Metern hat. 124. Die durchbrochene Wahrscheinlichkeit Quelle: Daniel Bernoulli: »Versuch einer neuen Theorie der Wertbestimmung von Glücksfällen«, herausgegeben von Professor Dr. Alfred Pringsheim. Verlag von Duncker \& Humblot, Leipzig, 1896. Alles Hasardspiel gründet sich auf die Erwartung, daß die Regeln der Wahrscheinlichkeit eine Art naturgesetzlicher Geltung besitzen und sich letzten Endes unbedingt durchsetzen müssen. Aber die Erfahrung zeigt, daß diese Regeln nicht durchweg ganz dicht halten, ja sogar bisweilen klaffende Löcher aufweisen. Die Gewinnaussicht einer Spielbank – Monte Carlo, ehedem Baden-Baden, Homburg – übertrifft die des Einsetzers durchschnittlich im Verhältnis von 37 zu 36. Dieses Übergewicht müßte hinreichen, um jeden wagemutigen und ausdauernden Spieler in verhältnismäßig kurzer Zeit niederzuwerfen. Aber zu Dutzenden erschienen große Spieler, die der Regel trotzten und die Wahrscheinlichkeit besiegten. So der Spanier Garcia, der sich in jahrelangem Kampf gegen die Hasardbanken vier Millionen Franken erspielte. Das Auftauchen einer Serie (z. B. von 10 »Rouge« nach einander ohne Dazwischenkommen eines einzigen »Noir«) ist eine Unwahrscheinlichkeit, die bei gesteigerten Zahlen an die Unmöglichkeit grenzt. Nach der Wahrscheinlichkeit gemessen müßte in Monte Carlo an sämtlichen grünen Tischen ungefähr 2000 Jahre gespielt werden, ehe eine Farbe in lückenloser Folge 30 Mal herauskäme. Aber die Wirklichkeit widersprach dem angeblichen Naturgesetz: schon kurze Zeit nach Gründung der Hasardbank erschien eine Serie von 32 »Rouge«, und dieses Ereignis hat sich seitdem mehrfach wiederholt. Die Wahrscheinlichkeit für 32 Rouges beträgt an sich etwa 1 zu 4 Milliarden. Nach einer Mitteilung von Silberer in dessen Buch »Vom grünen Tisch in Monte Carlo« kam im Jahre 1898 die Nummer 33 an einem Tisch siebenmal hintereinander. Hierfür beträgt die absolute Wahrscheinlichkeit rund 1 zu 100 Milliarden. Auf noch weit merkwürdigere Ergebnisse stößt man, wenn man die Wahrscheinlichkeit im Glücksspiel nach der Vorschrift des großen Mathematikers Daniel Bernoulli berechnet. Er befreite die landläufige Wahrscheinlichkeitbetrachtung von einem alten Denkfehler, indem er einen persönlichen Glückswert einführte, nämlich das Verhältnis von Gewinn und Verlust zum 184 Stammvermögen, und diese von ihm so genannte »moralische Hoffnung« mit der »mathematischen Hoffnung« rechnerisch verschmolz. Aus Bernoullis genial durchgeführter Lehre ergeben sich folgende unwahrscheinliche Wahrscheinlichkeiten: Das Publikum steht bei einer öffentlichen Spielbank immer im Nachteil und würde selbst dann mit Verlust spielen, wenn die Möglichkeiten zwischen ihm und der Bank ganz genau die gleichen wären! Ferner: wenn zwei Spieler unter ganz gleichen Aussichten in einem Glücksspiel gegeneinander operieren, und wenn beide denselben Prozentsatz ihres Vermögens wagen, so sind – – beide im Nachteil. Bei einem Grundvermögen von 100 und einem Einsatz von 50 Dukaten unterliegen beide einer ungünstigen Wahrscheinlichkeit, die sich auf 13 Dukaten Verlust für jeden berechnet. Wird als Operationsmittel ein Würfelspiel gewählt, so tritt obendrein die Mechanik auf, um der üblichen Wahrscheinlichkeit einen Stoß zu versetzen. Die sechs Seiten des Würfels sind nämlich nicht gleichwertig, und bei tausenden von Würfen würde die 6 öfter oben erscheinen als die 1. Denn die mit ::: bezeichnete Fläche enthält infolge der stärkeren Aushöhlung weniger Substanz als die entgegengesetzte, und bewirkt dadurch, daß in einem ganz exakt gearbeiteten Spielwürfel der materielle Schwerpunkt mit dem geometrischen nicht zusammentrifft. Dadurch gewinnt der Würfel eine zwar schwache, aber auf die Dauer doch merkbare Neigung, die 6 zu bevorzugen und nach oben zu bringen. Zur Erörterung eines ferneren Durchbruchs durch die Wahrscheinlichkeit nehmen wir an, daß sich in einem Beobachtungsgebiet Männer und Frauen in gleicher Anzahl befinden, was sich ja im Großen und Ganzen der wirklichen Verteilung der Geschlechter ohne nennenswerten Fehler anschließt. Die beobachtende Person nennen wir A. Wenn A sein Haus verläßt, so spricht die Wahrscheinlichkeit ½ dafür, daß der erste Mensch, der ihm auf der Straße begegnet, männlich sein wird. Für den zweiten, dritten, vierten, fünften Menschen verringert sich diese Wahrscheinlichkeit auf 1 / 4 , 1 / 8 , 1 / 16 , 1 / 32 . Anders ausgedrückt: unter 32 Ausgängen des A wird es durchschnittlich nur einmal vorkommen, daß die ersten ihm begegnenden 5 Menschen männlich sein werden. Für die Proben auf das Exempel verfährt man am besten, wenn man die Bedingungen nach verschiedenen Tageszeiten verändert; um so genauer wird dann das Ergebnis stimmen. Nun nimmt sich A vor, so oft auszugehen, bis er einmal in lückenloser Folge 200 männliche Personen als die ersten ihm begegnenden auf der Straße antrifft. Die Rechnung belehrt ihn, daß er das niemals erleben kann, denn die Wahrscheinlichkeit ergibt hier im Bruchnenner eine ganz 185 unaussprechliche Zahl. Setzt man einen markierten Fisch in den Atlantischen Ozean, mit dem Vorsatz, ihn nach Wochen vom Boot aus mit freier Hand wieder zu ergreifen, so wäre das Gelingen immer noch viel wahrscheinlicher, als das Eintreten des Ereignisses, das dem A vorschwebt. Auch die bekannte Aussage der Logik, daß Cajus sterben muß, weil alle Menschen sterblich sind, reicht da nicht heran. Denn für die Möglichkeit, daß Cajus als einzige Ausnahme ewig leben bleiben wird, ergibt sich immer noch die Wahrscheinlichkeit von 1 dividiert nur durch die Milliarden von Menschen, die bis jetzt starben. Erachten wir es aber als unmöglich, daß Cajus ewig lebt, so müssen wir es für noch viel unmöglicher erklären, daß A sein Vorhaben jemals verwirklichen könnte, sollte er auch Quadrillionen von Jahren alt werden. Aber eines Tags verläßt A sein Haus und erblickt beim ersten Schritt auf die Straße etwas ganz Alltägliches: einen Trupp Soldaten von 200 oder mehr Köpfen, der ihm entgegenkommt. Und in diesem Moment ist jene ganze Berechnung rettungslos durchbrochen . Das Unmögliche wird Wirklichkeit und nicht einmal besonders auffällige. Ist nun die Wahrscheinlichkeitsansage dadurch hinfällig geworden? Keineswegs. Sie bleibt, allgemein betrachtet, in Gültigkeit, nur praktisch brauchbar ist sie nicht. Das wäre sie erst dann, wenn es gelänge, die Verkehrsgruppierungen einer Stadt in die Berechnung einzubeziehen, was dann selbstverständlich zu vollkommen anderen Zahlen führen würde. 125. Des Mathematikers Grabschrift Quelle: Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Diophantos aus Alexandria lebte wahrscheinlich in der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts n. Chr. und war der Verfasser eines arithmetischen Werks, das für ein Jahrtausend die Summe des arithmetischen und algebraischen Wissens zog. Noch heute spricht man von diophantischen Gleichungen. Ihm wurde die folgende Grabschrift gesetzt. Hier das Grabmal deckt Diophantos – ein Wunder zu schauen: Durch arithmetische Kunst lehret sein Alter der Stein. Knabe zu bleiben verlieh ein Sechstel des Lebens ein Gott ihm; Fügend das Zwölftel hinzu, ließ er ihm sprossen die Wang'; Steckte ihm drauf auch an in dem Siebtel die Fackel der Hochzeit, Und fünf Jahre nachher teilt er ein Söhnlein ihm zu. 186 Weh! Unglückliches Kind, so geliebt! Halb hatt' es des Vaters Alter erreicht, da nahm's Hades, der schaurige, auf. Noch vier Jahre den Schmerz durch Kunde der Zahlen besänft'gend, Langte am Ziele des Seins endlich er selber auch an. Die Auflösung der Gleichung ersten Grads ergibt, daß Diophantos 84 Jahre alt geworden ist. Er war bis zum 14. Jahr ein Kind, bis zum 21. Jüngling und heiratete mit 33 Jahren. Im 38. Jahr wurde ihm ein Sohn geboren, der im Alter von 42 (½ von 84) Jahren starb, als der Vater selbst 80 Jahre alt war. 126. Die heilige 7 Quelle: Professor Dr. Ing. h. c. Launhardt: »Am sausenden Webstuhl der Zeit«, 23. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1910. Z. Das Volk der Chaldäer, das vor drei Jahrtausenden blühte, kannte 7 Wandelsterne. Es waren das Sonne, Mond, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn. Danach schufen sie den siebentägigen Zeitabschnitt der Woche, der sich merkwürdigerweise durch alle Wirrsale der Menschengeschichte bis auf den heutigen Tag erhalten hat. Die 7 war die heilige Zahl der Chaldäer; als solche ist sie auf sehr viele andere Völker übergegangen, und sie lebt noch heute mit gleicher Bedeutung fort als ein eigenartiger Beweis dafür, daß eine Mode sich auch einmal ein paar Jahrtausende lang unverändert erhalten kann. „Nach den Vorstellungen der Perser standen 7 guten Geistern 7 böse, aus der Unterwelt stammende Geister der Unordnung und Zerstörung gegenüber. Ein aus 7 Würdenträgern gebildeter Staatsrat leitete unter den persischen Königen die Regierungsgeschäfte. Bei den Persern findet sich auch schon die Vorstellung von der 7köpfigen Schlange, die unter allen Völkern des Morgenlands verbreitet war. Die heiligen Zahlen wurden mit besonderer Vorliebe von den Juden aufgenommen. Die Schöpfung der Welt war, einschließlich des Ruhetags, in 7 Tagen geschehen. Jakob diente 7 Jahre und abermals 7 Jahre um Rahel. Joseph deutete in Ägypten den Traum des Königs von den 7 fetten und den 7 mageren Kühen, nach dem er 7 fruchtbare und 7 dürre Jahre vorhersagte. Jonas war 7 Tage im Bauch des Walfischs. Das Passahfest, das Laubhüttenfest, die Hochzeitsfeier und die tiefe Totentrauer dauerten je 7 Tage, und auch für viele andere Zeitbestimmungen wurde die Siebenzahl zugrunde gelegt. Jedes 7. Jahr war ein Sabbatjahr und das 7mal 7. Jahr wurde als Jubeljahr gefeiert. Für viele religiöse Gebräuche war die Siebenzahl vorgeschrieben. Beim 187 Schwören mußte man sich durch Nennung von 7 Dingen verpflichten; bei Sühn-, Weih- und Reinigungsfeierlichkeiten fand ein 7maliges Besprengen mit Wasser oder ein 7maliges Untertauchen in den Jordan statt; 7 Opferlämmer wurden bei Neumond und auch bei manchen anderen Festen 7 Opfertiere dargebracht. Das Haus der göttlichen Weisheit hatte 7 Säulen, ein Hauptstück des Tempelschmucks war der 7armige Leuchter, das Haupthaar des Simson war in 7 Zöpfe geflochten, die Blutschuld Sauls gegen die Gibeoniten wurde durch den Tod von 7 seiner Nachkommen gesühnt. Eine unmittelbare Anlehnung an die 7 die Welt beherrschenden Wandelsterne der Chaldäer findet man bei dem Propheten Zacharja, der von den 7 Augen Gottes spricht, die mit ihren Blicken die ganze Welt durchschweifen. Auch Vielfache der Sieben wurden von den Juden gern für bedeutungsvolle Zahlenangaben gewählt. Man zählte 70 Älteste Israels, 70 Übersetzer der heiligen Schriften ins Griechische, 70 Söhne und Enkel Abdons usw. Auch von den Griechen und Römern wurden die heiligen Zahlen übernommen. Die Sieben war besonders dem Apollo geweiht, dem am 7. Tag vor Neumond geopfert wurde. Im alten Griechenland zählte man 7 Weltweise, 7 Helden vor Theben, 7 Weltwunder. 7 Städte stritten sich um die Ehre, der Geburtsort Homers zu sein. Im alten Rom regierten vor Errichtung der Republik der Sage nach 7 Könige, die Stadt war auf 7 Hügeln erbaut, im Tempel auf dem Tarpejischen Felsen wurden die 7 großen Reliquien des römischen Reichs aufbewahrt. Ein Geheimnis wurde in dem Buch mit 7 Siegeln gehütet. Nach römischem Recht waren 7 Testamentszeugen erforderlich. Eine große Bedeutung hat die heilige Sieben in der christlichen Kirche. Es sind zunächst zu nennen die 7 Kreuzesworte des Erlösers und die 7 Bitten des Vaterunsers. Die Offenbarung Johannes hat durch die vielfache Hervorhebung der Siebenzahl geradezu ein besonderes Gepräge erhalten. Die katholische Kirche hat 7 Sakramente, sie teilt den Tag in 7 kanonische Stunden, sie feiert ein Fest der 7 Schmerzen und der 7 Freuden der Jungfrau. Es gibt 7 Todsünden, die den geistigen Tod des Menschen bewirken, nämlich Hochmut, Geiz, Wollust, Trunksucht, Zorn, Neid und Trägheit des Herzens. Den 7 Todsünden stehen 7 Werke der Barmherzigkeit gegenüber. Die Fastenzeit vor Ostern dauert 7 Wochen, das Pfingstfest folgt 7 Wochen nach Ostern. Den Kalenderheiligen Siebenbrüder und Siebenschläfer wird eine große Bedeutung für die Vorhersagung des Wetters beigelegt. Regnet es am Siebenschläfertag, so regnet es 7 Wochen lang. Eine große Rolle spielt die Siebenzahl in der Märchenwelt. Da sind die 188 7 Schwaben, die 7 Zwerge Schneewittchens, die 7 Geißlein, die 7 Raben, die 7-Meilenstiefel, die 7 Freikugeln des Freischütz. Selbst in den Kinderreimen heißt es: »Wer will schöne Kuchen machen, der muß haben 7 Sachen.« Auch in der deutschen Heldensage, besonders im Nibelungenlied, kommt die Siebenzahl häufig vor, z. B. trägt Alberichs Geißel 7 Knöpfe. 700 Recken der Nibelungen bezwingt Siegfried. Gunter fordert 7 Tage Bedenkzeit, 7 Jahre lebt Kriemhild bei Etzel, 7000 Hunnen kommen zum Fest, Hagen war 7 Jahre alt, als er geraubt wurde. Sehr häufig kommt die Siebenzahl auch in Ortsbezeichnungen vor wie z. B. in Siebenbürgen, im Siebengebirge bei Bonn, in den 7 Bergstädten des Harzes, bei der Hügelkette der 7 Brüder im Leinetal, bei den 7 Quellen bei Osnabrück usw. Selbst bis in die Neuzeit hat die Siebenzahl eine besondere Bedeutung behalten. Im alten Deutschen Reich gab es 7 Kurfürsten. Die Dienstzeit im Heer dauert jetzt 7 Jahre und danach noch 7 Jahre in der Landwehr. Der Deutsche Kaiser übernimmt beim 7. Knaben Patenstelle. Der Präsident der Französischen Republik wird für die Dauer von 7 Jahren gewählt. Im Regenbogen wurden durch Newton 7 Farben unterschieden, bekanntlich Rot, Orange, Gelb, Grün, Hellblau, Dunkelblau, Violett. Man könnte im Regenbogen noch eine größere Zahl von Farben unterscheiden, aber Newton wollte absichtlich deren Zahl auf 7 feststellen.” 127. Der Wurm im Buch Ein zweibändiges Druckwerk steht in der Bücherei. Jeder Band ist nach Blätterinhalt 5 Zentimeter stark. Außerdem beträgt die Dicke der Einbände je ½ Zentimeter. Im Innern haust ein Papierwurm, der sich von der ersten Seite des ersten Bands bis zur letzten Seite des zweiten Bands geradlinig hindurchfrißt. Es wird gefragt: wie lang ist der Weg, den der Wurm bei dieser Arbeit durchmißt? Man lege diese Frage zehn Buchmenschen vor, und man kann darauf wetten, daß neun von ihnen antworten werden: 11 Zentimeter. Aber der Papierwurm hat es sich weit bequemer gemacht: er bewältigt die ganze Reise in einem Zentimeter. 189 Denn bei einem richtig aufgestellten zweibändigen Werk liegt die erste Seite des ersten Bands direkt an der letzten Seite des zweiten, von ihr nur durch die Einbandtafeln getrennt. Unzählige Menschen, auch genug Gelehrte unter ihnen, durch deren Hände Millionen von Büchern gegangen sind, wissen dies nicht und sind sehr erstaunt, wenn sie zum ersten Mal diese Seitenanordnung auf dem Büchergestell bemerken. Auch das ist wunderbar! 128. Eine ausgezeichnete Zahl Quelle: »Taschenbuch für Mathematiker und Physiker«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. Gewisse hohe Zahlen besitzen Eigenschaften von besonderem Wert und Reiz; unter ihnen befinden sich einige, die den vorläufigen Abschluß einer langen Forschungsreihe darstellen. Der Fall, der hier behandelt werden soll, öffnet sich dem leichtesten Nachdenken. Unter einer Primzahl versteht man eine ganze Zahl, die nicht durch eine andere ganze Zahl (außer der 1) teilbar ist. Ihre Aufeinanderfolge 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19 usw. scheint keiner Regel zu gehorchen. Die zwischen ihnen vorhandenen Lücken sind bald größer, bald kleiner, und es gelingt nicht, eine Gesetzmäßigkeit darin zu erkennen. Der große französische Mathematiker Fermat glaubte einen Weg zur Konstruktion beliebig hoher Primzahlen gefunden zu haben, allein der größere deutsche Denker Euler enthüllte beweiskräftig den Irrtum Fermats. Aber schon Euklid wußte, daß die Anzahl der Primzahlen unbegrenzt ist. Und hierfür gibt es einen in sich ziemlich einfachen, dabei unübertrefflich eleganten Beweis, der von den Fachmännern als das Muster mathematischer »Induktion« gepriesen wird. Und trotzdem gerät man dabei in eine Zwickmühle. Hat man eine noch so hohe Primzahl gefunden, so läßt sich sofort dartun: es muß noch höhere geben. Bloß wo sie stecken und wie sie aussehen, das läßt sich in hohen Regionen nicht mehr ermitteln. Man erkennt nur mit zwingender Logik: sie müssen vorhanden sein. Ja noch mehr: man übersieht einen genau abzusteckenden Zahlbereich, innerhalb dessen sich die jedesmal größere Primzahl tummeln muß. Und doch kann man sie jenseits einer gewissen Grenze nicht fassen. Diese Grenze liegt im Endlichen und ist bekannt. Das Trillionen-Monstrum von Zahl 2 305843 009213 693951 190 bezeichnet haarscharf die heutige Jagdgrenze für die Primzahljäger; sie ist die größte aller bis jetzt als solche nachgewiesenen Primzahlen; ein kapitaler Einundsechzigender, in der Trophäensammlung auch als 2 61 –1 gebucht. Bis jetzt! Die Zukunft kann die Zahl entthronen und ein anderes noch viel ungeheuerlicheres Monstrum an ihre Stelle setzen. Denn es existiert sicher und andere in unbegrenzter Anzahl dazu! 129. Erd- und Apfelsinen-Gürtel Man schlingt ein Band um den Äquator einer Apfelsine, sodaß es genau anliegt. Darauf verlängert man dieses Band um einen ganzen Meter; dann kann es in weitem Abstand (wie ein Saturnring) um die Apfelsine herumgehen. Nun macht man ganz dasselbe am Erdplaneten: Band um den Äquator, genau anliegend; und wiederum Verlängerung dieses Bands um 1 Meter. Wie weit steht das verlängerte Band von der Erde ab? Man sollte meinen: nicht wahrnehmbar. Aber es kommt in beiden Fällen ganz dasselbe heraus. Nämlich ein Abstand des erweiterten Bands von der Oberfläche um etwa 1 / 6  Meter. Beweis. Der Umring ist zuerst = 2π, und beim vergrößerten Band 2π+1. Zu diesem vergrößerten Umring gehört ein Radius von 2π+1 / 2π = r+ 1 / 2π d. h. ein Radius, der um 1 / 2π = annähernd 1 / 6  Meter größer ist als der Originalradius. Die Größe des r (Originalradius) ist also ganz gleichgültig. 130. Paar oder Unpaar? Hält Jemand in der geschlossenen Hand Münzen verborgen und fragt, ob deren Anzahl grad oder ungrad sei, so nimmt man allgemein an, es spreche ebensoviel Wahrscheinlichkeit für das eine wie für das andere. Der Mathematiker De Mairan, Sekretär der Pariser Akademie um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, hat hierüber eine Abhandlung verfaßt, welche die Richtigkeit jener Annahme bestreitet. De Mairan behauptet vielmehr, es sei vorteilhaft auf ungrad zu wetten, und begründet diese Behauptung wie folgt. 191 Die in der Faust enthaltenen Geldstücke sind einem vorher vorhandenen Haufen von Münzen entnommen. Enthielt dieser Haufen (oder die Geldbörse) eine grade Anzahl, z. B. zehn, so konnten ihm entnommen werden 1, 3, 5, 7, 9 oder 2, 4, 6, 8, 10 Münzen. In diesem Fall also wird weder Grad noch Ungrad bevorzugt. Enthielt der Haufen aber zuvor eine ungrade Anzahl, z. B. elf, so liegen folgende Möglichkeiten vor: 2, 4, 6, 8, 10 oder 1, 3, 5, 7, 9, 11; das bedeutet ein Übergewicht der ungraden Möglichkeiten, und man erkennt leicht, daß dieses Übergewicht jedesmal vorhanden sein muß, wenn die Ursprungsmenge ungrad war. Und hieraus folgt: wenn zwei Personen sich mit diesem Spiel die Zeit vertreiben, und die eine dauernd auf Unpaar wettet, so muß die andere bei genügend langer Dauer des Verfahrens mit mathematischer Sicherheit ihr Vermögen einbüßen. Und der Verlierer wird dann geneigt sein, auf Rechnung eines persönlichen Pechs von unerklärlicher Hartnäckigkeit das zu setzen, was in einem klaren Zahlenwunder seine Begründung findet. 131. Das Rätsel von Fermat »Die Mathematik ist die Wissenschaft von dem, was sich von selbst versteht.« Ein lapidarer Satz von anscheinend ganz allgemeiner Gültigkeit. Aber auch er hat seine Ausnahmen, und wo sich solch eine Lücke auftut, da ist Platz für Scharen gelehrter Menschen, die sich allesamt vergeblich ihre scharfsinnigen Köpfe zerbrechen. Das interessanteste Beispiel hierfür ist das sogenannte »Fermat-Problem« oder der große »Fermatsche Satz«. Im Grund die einfachste Sache von der Welt, die als Fragestellung von jedem Mittelschüler begriffen werden müßte. Aber daneben seit einem Vierteljahrtausend die Plage der mathematischen Welt. Um diese Geißel endlich loszuwerden, hat die Königliche Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen im Jahre 1908 einen Preis ausgeschrieben. Bare hunderttausend Mark werden demjenigen auf den Tisch gezahlt, der das Fermat-Problem löst. Seitdem ist fast ein Jahrzehnt verstrichen, hunderte neuer »Lösungen« sind eingelaufen, darunter prächtige Scharfsinns-Proben, aber irgendwo lauerte überall der Dämon der Falschheit, und der Preis konnte noch nicht verdient 192 werden. Im Ganzen hat die Instanz von Göttingen 99 Jahre Frist gelassen, und so mag es bis zum Jahre 2007 noch furchtbar viel Schädelzerbrechen geben. Es handelt sich um einen in wenigen Worten aussprechbaren Lehrsatz, den der große Gelehrte Pierre Fermat einstmals fand und aufschrieb, ohne einen Beweis hinzuzufügen. Er begnügte sich mit einer kurzen Notiz des Inhalts, daß er einen »wunderbaren Beweis« besitze, den er aber wegen Papiermangels nicht mitteilen könnte. Ein Blatt Papier mehr im siebzehnten Jahrhundert, und die ganze Quälerei wäre der denkenden Menschheit erspart worden. Jedermann weiß, was eine Quadratwurzel bedeutet: eine Zahl mit sich selbst multipliziert oder zur zweiten Potenz erhoben, also 2²=4, 3²=9 und so weiter. Summiert man zwei solche Quadratzahlen, so kann sich unter Umständen wiederum eine Quadratzahl ergeben, z. B. 9+16=25, oder 3²+4²=5²; ebenso 5²+12²=13². Man nennt diejenigen Zahlen, die sich dieser Bedingung fügen, pythagoräische Zahlen. Sie sind in beliebiger Menge vorhanden und rechtfertigen somit die Behauptung: die Gleichung x²+y²=z² gestattet unendlich viele ganzzahlige Erfüllungen. Aber was bei der zweiten Potenz ein Kinderspiel ist, wird für die dritte Potenz eine Unmöglichkeit. Zwei Kubikzahlen addiert ergeben niemals wieder eine Kubikzahl. Und Fermat behauptet ganz allgemein: sobald der Exponent (der Potenzzeiger) größer ist als 2 gibt es in der ganzen Unendlichkeit der Grundzahlen keine einzige Gruppe von dreien, die uns den Gefallen tut, jene Gleichung zu befriedigen. Aber warum ist das unmöglich? Worauf beruht die Verstocktheit der Zahlen einer so simpeln Forderung gegenüber? Das eben ist das Fermat-Rätsel, für dessen Lösung in Göttingen hunderttausend Mark bereit liegen. Und wenn nun ein genialer Kopf erschiene, der uns beweist: Fermat hat sich geirrt; der uns drei Zahlen irgendwo in Trillionenhöhe brächte, die trotz Fermat das Kunststück leisten? Das wäre gewiß ein Wunder. Aber vielleicht kein größeres als das bereits vorliegende: daß alle Mathematiker der Welt für einen als richtig geglaubten Satz von allereinfachster Form bis heute noch keinen durchgreifenden Beweis ermittelt haben. 132. 2 × 2 = 5 Bekanntlich hat Gustav Wied einem seiner Lustspiele diesen mathematischen Titel gegeben. In sehr geistreicher Art weist er darin nach, daß für manche 193 Menschen die Welt so aussieht, als wenn wirklich zwei mal zwei = fünf wäre. Aber was der Dichter figürlich meint, das läßt sich auch mathematisch beweisen. Man rechne das folgende Exempel durch. 3 + 4 = 7 Dazu addiert  4×3 + 4×4 – 5×7 = 4×3 + 4×4 – 5×7 ergibt 5×3 + 5×4 – 5×7 = 4×3 + 4×4 – 4×7 oder 5×(3+4–7) = 4×(3+4–7) Dividiert man auf beiden Seiten durch den gleichen Faktor (3+4–7), so erhält man 5 = 4 Was zu beweisen war. Wer nicht mathematisch geschult ist, wird den Fehler, der natürlich in dieser Rechnung stecken muß, nicht ohne weiteres erkennen. Ein Rechenfehler ist nicht vorhanden. Und doch ist die letzte Division falsch. Man dividiert nämlich durch (3+4–7), das heißt durch Null, und das darf man nicht. Denn der Grundsatz »Gleiches dividiert durch Gleiches gibt Gleiches« gilt nicht für den Divisor Null. 133. Der optische Telegraph Quelle: Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Die erste optische Telegraphenlinie in Preußen wurde im Jahre 1832 zwischen Berlin und Coblenz eingerichtet. Sie hatte Telegraphenapparate mit je 6 beweglichen Armen, von denen jeder 4 verschiedene Stellungen annehmen konnte. Die Zahl der von einander verschiedenen Figuren, die man mit Hilfe dieses doch recht einfachen Apparats darstellen konnte, ist überraschend groß gewesen. Es waren nämlich 4096 Figuren. 134. Wie oft kann man ein Geldstück wechseln? Ausschnitt aus dem »Berliner Tageblatt« nach einem Vortrag von Professor Sauter im Verein für Mathematik und Naturwissenschaft in Wien. Professor Sauter hat die folgende Rechnung ausgeführt: Ein Zweipfennigstück kann nur einmal gewechselt werden, ein Fünfpfennigstück dreimal, ein Zehnpfennigstück zehnmal. Beim Fünfundzwanzig-Pfennigstück kann man das 194 Wechselgeschäft schon vierundsechzigmal, beim Fünfzigpfennigstück 406mal und bei der Mark 3953mal ausführen. Zu größeren Zahlen kommt man erst beim Zweimarkstück, das 61 984mal, beim Dreimarkstück, dem alten Taler, das 391 550mal und beim Fünfmarkstück, das gar 5 229 221mal umgewechselt werden kann. Sehr hohe Zahlen ergeben sich bei den Goldmünzen: auf 300 504 127fach verschiedene Weise kann man ein Zehnmarkstück wechseln und auf 33 230 248 752fache Weise ein Zwanzigmarkstück! Rechnet man für das einmalige Wechselgeschäft nur eine halbe Minute, so braucht man, um einen Taler auf alle Arten zu wechseln, 135 Tage 2 Stunden 17½ Minuten, und beim Zwanzigmarkstück müßte man, wenn ununterbrochen gewechselt würde, über 31 611 Jahre leben! 135. Ein paar Spaziergänge Eine Stadt, die ähnlich wie Mannheim rechteckig angelegt und von senkrecht aufeinander stehenden Straßen durchschnitten wird, soll in der Länge 19, in der Breite 13 Straßen besitzen. Ein Bewohner der in einem Haus an einer der äußersten Ecken des Geviert's wohnt, hat den Weg zu der diagonal gegenüberliegenden Ecke täglich vier mal zurückzulegen. Er nimmt sich vor, bei diesem Weg jedesmal andere Straßen zu benutzen. Man irrt sich bestimmt, wenn man zu schätzen versucht, in wieviel Tagen er alle möglichen Wege durchlaufen haben kann, selbst vorausgesetzt, daß er keine Umwege macht. Er braucht dazu nämlich nicht weniger als 347 993 910 Tage. 136. Der Schlag des Herzens Als eine niemals versagende Maschine, die ohne Reparaturbedürfnis und mit einer allen Anforderungen sich sofort anpassenden Geschmeidigkeit siebzig oder achtzig Jahre lang ununterbrochen läuft, arbeitet das Herz in der Brust des Menschen. Rascher als das Sekundenpendel macht es seine Schläge. So ist schließlich die Zahl der Bewegungen, die das Herz eines sechzigjährigen Menschen getan hat, außerordentlich groß. Das menschliche Herz pocht in jeder Stunde durchschnittlich 5000mal. Rechnet man das Jahr zu 365¼ Tagen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß in 60 Jahren das Herz 195 2  Milliarden und 629  Millionen und 800 000 mal geschlagen hat. 137. Versammlung der Menschheit Selbst die Zusammenballung der Millionenheere im Weltkrieg erscheint klein, wenn man sich vorstellt, daß auf Befehl einer über alle Erdteile reichenden Macht sich plötzlich sämtliche Menschen an einem Ort versammelt hätten. »Ort« ist da selbstverständlich nicht wörtlich zu verstehen, denn die 1580 Millionen Menschen, die es augenblicklich auf der Erde geben soll, brauchen schon ein recht erhebliches Stück Landes, um sich aufzustellen, namentlich wenn die Erdkommandobehörde entgegenkommender Weise jedem der sich versammelnden Menschen einen Raum von vier Quadratfuß zur Verfügung stellt, damit er sich ein wenig bewegen kann. Man wird aber leicht geneigt sein, die Ausdehnung der Fläche zu überschätzen, die von der versammelten Menschheit unter solchen Umständen bedeckt werden könnte. Es haben nämlich auf der Strecke einer Meile 12 000 Menschen Platz. Auf einer Quadratmeile können sich also 12 000mal 12 000 =144 Millionen aufstellen. Für die Gesamtzahl braucht man also immerhin nicht mehr als 11 Quadratmeilen. Die kleine Insel Bornholm würde ausreichen, um alle Menschen der Erde aufzunehmen, fast könnte man sie auch auf der Fläche des Bodensees unterbringen. Vom Frischen Haff würde noch ein ganz erkleckliches Stück übrigbleiben, wenn man die versammelte Menschheit darauf aufstellte. 138. Die verpackte Menschheit Da wir die 1580 Millionen Menschen, die auf der Erde wohnen, nun schon einmal für die Zwecke des vorigen Abschnitts versammelt haben, so wollen wir sie nicht entlassen, ohne noch einen Versuch mit ihnen gemacht zu haben. Wie groß muß wohl die Kante einer würfelförmigen Kiste sein, in die wir alle Menschen einpacken können? Wir wollen zu diesem Zweck jedem Menschen einen Raum von zwei Metern Länge, ⅔ Metern Breite und ½ Meter Höhe gewähren, sodaß wir noch ein wenig Packmaterial zwischen die einzelnen Individuen legen können. 196 Wir brauchten in diesem Fall, um alles verstauen zu können, der Kante der würfelförmigen Kiste keine größere Länge zu geben als 1000 Meter. Das heißt: in ein Kubikkilometer können wir die ganze Menschheit hineinpacken. 139. Nur eine Meile Quelle: A. Bernstein: »Naturwissenschaftliche Volksbücher«. Verlag von Gustav Hempel, Berlin. Der große Lukrez spricht von der »kleinen« Sonne. Der scharfsinnige Naturbetrachter, der unserer Zeit sogar die Atomistik vorweggenommen hat, verläßt sich hier auf den Augenschein und erklärt in seinem berühmten Werk »Von der Natur der Dinge«: »Größer ist kaum das Rad der glühenden Sonne, Als es dem Sinn erscheint . . .« Ihm gegenüber ist Anaxagoras schon ganz extravagant mit seiner Vermutung, die Sonne könnte vielleicht größer sein als der ganze Peloponnes. Die für uns längst feststehende Wirklichkeit wäre für diesen Erkenner ganz unfaßbar gewesen – sie ist es übrigens auch für uns selbst, denn von der Zahl und dem Maß zur anschaulichen Vorstellung führt keine Brücke. Tatsächlich ist der Rauminhalt der Sonne 1 297 000 mal größer als der der Erde und umfaßt 3500 Billionen Kubikmeilen. Die Billion ist uns ja schon etwas geläufiger geworden als den Vorvätern, sie hat sogar neuerdings eine praktische Wertung erfahren: sie entspricht rund der vierten deutschen Kriegsanleihe, in Pfennigen ausgezählt. Eine geographische Meile erscheint zunächst als Längenmaß durchaus nicht imposant. Im lässigsten Spaziergang läßt sie sich in weniger als zwei Stunden abschreiten. Sie gewinnt aber ein anderes Gesicht im Quadrat und Kubus, sobald wir versuchen, sie dann der Anschaulichkeit nahezurücken. Schon als Höhenmaß genommen wächst sie über das unmittelbar Vorstellbare hinaus. Denken wir uns eine menschliche Bildsäule von einer Meile Höhe, so würde an ihr die am lebenden Körper fast unmerkliche Wölbung der Fußsohle genügend Raum geben, um das ganze Brandenburger Tor mit der Viktoria darauf hineinzuschieben. 25 ägyptische Pyramiden müßten übereinandergestellt werden, um die Hüfte jener Bildsäule zu erreichen. Eine auf der Erde in der Richtung Ost-West gezogene Bretterwand oder Mauer von der Fläche einer Quadratmeile würde das Klima nördlich und südlich entscheidend trennen. Die Änderung in Wind und Wolkenzug wäre so bedeutend, daß ein 197 barbarischer Winter im Nord und ein wahrer Rivierafrühling auf der Südseite der Wand hart aneinanderstießen. Die aus vier solchen Wänden zusammengenagelte offene Kiste, also der Hohlraum einer Kubikmeile, wurde vor sechzig Jahren von dem Naturwissenschaftler A.  Bernstein einem gedanklichen Eichungsverfahren unterworfen. Er ermittelte: Berlin, Wien, Paris, London, Petersburg und dazu alle übrigen Städte der Welt, als Baumaterial zusammengeschüttet, füllen die Kiste kaum bis zur Hälfte. Die ganze Menschheit des Erdballs nimmt in diesem Hohlraum, gut gelagert nur 20 Meter Höhe in Anspruch, sodaß wir 200mal so viel Menschen brauchen, wie in der Welt existieren, um die halbvolle Kiste genau zu füllen. Auch die irdische Tierwelt würde nicht ausreichen, und man müßte zu Wäldern und Felsen greifen, um das Problem der Vollpackung zu lösen. Die Berechnung bezieht sich, wie erwähnt, etwa auf die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Das seitdem erfolgte Wachstum der irdischen Baulichkeiten bedingt natürlich eine Verschiebung im Bild jener Darstellung. Man denke besonders an die Menge der amerikanischen Wolkenkratzer oder an die Hauptstraße in Chicago, zu der sich die Berliner Friedrichstraße verhält wie ein Bleistift zu einem Spazierstock. Anderseits vergegenwärtige man sich, daß wir gewöhnlich die feste Masse bedeutend überschätzen, wenn wir sie auf baulichen Eindruck beziehen. Das höchste Bauwerk der Erde, der Eiffelturm, würde umgeschmolzen einen Metallwürfel von nur zehn Metern Kantenlänge ergeben; und der annähernd mit einem Blick zu umspannende Rhonegletscher enthält an festem Stoff in Eis doppelt so viel wie alle 26 000 Straßen von London an Baustoff. So umgerechnet erscheinen die gehäuften Städte in der Meilenkiste der Begreiflichkeit wenigstens etwas näher gerückt. 140. Eine zeitraubende Tischordnung Friedrich Nietzsche hat auf einer Engadiner Wanderung den Gedanken aufgestellt: die Unendlichkeit der Welt-Atome müsse sich in einer fernen Zukunft einmal wieder zu ihrer heutigen Lagerung zusammenfinden. Nietzsche nennt dies: »Die Wiederkunft des Gleichen«. Wir vereinfachen das Problem, indem wir statt des Atoms einen lebenden Menschen nehmen und die Unendlichkeit auf das ganz bescheidene Kleinmaß von zehn Individuen reduzieren: Ein Stammtisch von zehn Personen hat in seiner Satzung die Regel, 198 allabendlich zusammenzukommen und an jedem Tag die Sitzordnung zu wechseln. Saßen sie am ersten Abend in der Reihe 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, so kann der zweite die Ordnung bringen: 2, 1, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, der dritte vielleicht: 2, 1, 3, 4, 7, 10, 5, 6, 8, 9 und so fort, durch Wochen, bis nach Beendigung der Möglichkeiten die erste Tafelordnung oder sonst eine Wiederholung eintreten muß. Das kann ja wohl nicht so lange dauern, allenfalls ein paar Monate, wird Mancher denken, denn bei Zehnen ist doch die Reihe schnell herum. Dennoch: die Herrschaften vom Stammtisch werden Geduld lernen müssen. Hätten sie an Albrecht Dürers Stammtisch im Bratwurstglöckle zu Nürnberg ums Jahr 1500 begonnen, so wären sie heute noch nicht fertig. Ja selbst wenn sie im Schwarzen Walfisch zu Askalon ihre erste Wirtshausrechnung beglichen hätten, würden sie jetzt noch immer eine beträchtliche Zeit zur Erledigung ihres Experiments vor sich haben. Die vollständige Bewältigung des Tischordnungspensums beansprucht nämlich rund 9900 Jahre. Beginnt der Stammtisch heute nach Vorschrift seiner Satzung zu tagen, so dämmert eine neue Eiszeit über die Erde herauf, bevor die Herren die »Wiederkunft des Gleichen« – erleben, wenn dieser Ausdruck gestattet ist. Und es mag fraglich erscheinen, ob sich Nietzsche dieses einfache Beispiel klargemacht hat, als er seine These von den Unendlichkeiten als mit der Wirklichkeit vereinbar aufstellte. 141. Der Erfinder des Schachspiels Quelle: Dr. W. Ahrens: »Mathematische Spiele«, 170. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1910. Z. Als der sagenhafte Vezir Sessa Ebn Daher das Schachspiel erfunden hatte, war sein König, der Shehram geheißen und in Indien regiert haben soll, darüber so entzückt, daß er seinem Diener gelobte, ihm jede Bitte zu erfüllen. Ebn Daher, dessen Haupt eben der Gedanke für das königlichste aller Spiele entsprungen war, hatte natürlich sofort von neuem einen klugen Einfall. Er bat den König, ihm soviel Weizenkörner zu schenken wie die Summe beträgt, die herauskommt, wenn man auf das erste Feld des Schachbretts ein Weizenkorn, auf das zweite zwei, auf das dritte vier, auf das vierte acht und so immer die doppelte Anzahl von Weizenkörnern lege wie auf das vorhergehende Feld. Der König war über die anscheinende Geringfügigkeit der Forderung zuerst 199 erzürnt. Aber bald sah er ein, daß Ebn Daher doch nicht allzu bescheiden gewesen war. Denn als nachgerechnet wurde, ergab sich, daß die Zahl der Weizenkörner 18 446744 073709 551615 das heißt 18  Trillionen und  446 744  Billionen und  073 709  Millionen und  551 615 betrug. König Shehram sah sich außerstande, sein Versprechen zu erfüllen. Sein ganzes Land trug nicht genug Weizen, um Ebn Daher zu befriedigen. Aber auch wenn der König die ganze Erde besessen hätte, würde er keine genügende Zahl von Weizenkörnern haben aufbringen können. Denn mit der genannten Zahl von Weizenkörnern kann man die ganze Erde neun Millimeter hoch bestreuen. – – Diese Tatsache des raschen Wachstums bei fortgesetzter Verdoppelung benutzte, wie Ahrens in seinen »Mathematischen Spielen« erzählt, einmal eine in München erscheinende Zeitung der vormärzlichen Zeit, »Die Deutsche Tribüne«, zu einem seinerzeit vielbelachten Witz: „Das Blatt wußte sich gegenüber den beständigen Zensurplackereien nicht anders zu helfen, als daß es die vom Zensor gestrichenen Artikel trotzdem abdruckte. Natürlich wurde es nun mit Geldstrafe belegt und zwar wurde, da die Zeitung dies Verfahren fortsetzte, die Geldbuße von Fall zu Fall verdoppelt. Da brachte die »Tribüne« eines schönen Tags einen Artikel, in dem genauer dargelegt wurde, daß das Ministerium ein Mittel erfunden habe, um die bayerischen Staatsschulden in Jahr und Tag zu decken. Es brauche nur mit der angeordneten jedesmaligen Verdoppelung der Geldstrafen in der begonnenen Weise fortzufahren. Die Heiterkeit war allgemein, und die bayerische Regierung sah sich veranlaßt, zu anderen Mitteln zu greifen, verzichtete sogar auf den Versuch, die Geldstrafen, die bereits eine unerschwingliche Höhe erreicht hatten, einzutreiben – und der bayerische Staat hat so seine Staatsschulden bis zum heutigen Tag behalten.” 142. Mord! Mord! Quelle: Dr. W. Ahrens: »Mathematische Spiele«, 170. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1910. Auf derselben mathematischen Grundlage wie die im vorigen Abschnitt erwähnten Beispiele, nämlich auf der Tatsache des ungeheuer raschen Wachstums der Potenzen von 2, beruht auch die folgende Betrachtung. 200 Um Mitternacht ereignet sich ein Kapitalverbrechen, ein Mord. Ein Einzelner entdeckt das Geschehnis, und er macht in der ersten Viertelstunde zwei anderen Menschen davon Mitteilung. Jeder dieser beiden erzählt in der nächsten Viertelstunde wieder zwei anderen davon, worauf jeder der nun Benachrichtigten die folgende Viertelstunde benutzt, um wieder je zwei Menschen von dem Vorgang in Kenntnis zu setzen. Es ist kaum glaublich, in wie kurzer Zeit unter solchen Umständen bereits die ganze Menschheit von dem Ereignis unterrichtet sein könnte. Das wäre nämlich schon um 7½ Uhr morgens der Fall. Wenn man nachrechnet, findet man, daß in 7½ Stunden sogar schon 2000 Millionen Menschen benachrichtigt sein könnten, also mehr, als die Einwohnerschaft der Erde in Wirklichkeit beträgt. Eine ganz besondere Wichtigkeit hat dabei die letzte Viertelstunde. Der Nachrichtendienst dürfte um 7¼ Uhr keinesfalls schon eingestellt werden, denn dann hätte die Kunde von dem Verbrechen gerade erst die Hälfte der Menschen, nämlich 1000 Millionen, erreicht. Die Potenzierungskraft wächst in der letzten Viertelstunde eben so stark, daß in dieser Zeit ebensoviel Menschen benachrichtigt werden, wie in den gesamten vorhergehenden 7¼ Stunden. 143. Ein Volk das nicht bis 3 zählen kann Quelle: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. Die wunderbar bequeme Art, mit Hilfe von 10 Ziffern alle Zahlen bis zu grenzenlosen Werten hinauf ausdrücken zu können, hat den ungeheuren Gebrauch der Zahlen bei den Kulturvölkern, das Bedürfnis nach feinsten Unterscheidungen durch Zahlwerte sehr stark gefördert. Es gibt aber auch Menschen, die hierin weit geringere Ansprüche stellen. Ganze Völkerschaften leben heute noch im Innern von Australien oder von Süd-Amerika, die größere Zahlen als 6 in ihrer Sprache nicht auszudrücken vermögen. Sie fühlen gar keine Veranlassung, in den Zahlen über 6 hinaus noch Unterscheidungen eintreten zu lassen. Von den Steinen erzählt, daß die Bakairi am Amazonenstrom sich in die Haare fassen, wenn sie Zahlen ausdrücken sollen, die größer sind als 6, um damit anzudeuten, daß das für sie etwas nicht mehr Zählbares sei. Noch anspruchsloser sind die Botokuden in Süd-Amerika, deren Volksnamen wir ja auch zur Bezeichnung eines nicht sonderlich hohen Geistesstandpunkts benutzen. Sie unterscheiden nur eins und viel. Für zwei und drei haben sie bereits dasselbe Wort, sie sind also buchstäblich nicht imstande, bis 3 zu zählen. 201 144. Million und Billion Quelle: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. Z. Wie den Botokuden die Unterscheidung von 2 und 3 als unwesentlich erscheint, so kommt auch manchem modernen Kulturmenschen der Unterschied von einer Million und einer Billion unwichtig vor. Oder wenigstens denkt er nicht daran, daß die eine Zahl eine Million mal so groß ist wie die andere, sich also zu ihr verhält, wie etwa die Entfernung von Berlin nach San Francisco zu der Breite einer Straße. Schubert gibt in seinen »Mathematischen Mußestunden« eine sehr hübsche Vergleichung der beiden Zahlenwerte. Er schreibt: „Namentlich in der Astronomie ist die Kenntnis der Tatsache, daß eine Billion das Millionenfache einer Million ist, von Wichtigkeit. Während nämlich die Entfernungen der Planeten von der Sonne oder voneinander zwischen sechs Millionen und einigen hundert Millionen wechseln, betragen die Entfernungen der nächsten Fixsterne von der Sonne oder von irgend einem Punkt unseres Planetensystems zwischen fünf Billionen und mehreren hundert Billionen Meilen. Da aber eine Billion zu einer Million sich verhält wie eine Million zu 1, so sind alle Entfernungen zwischen den Sternen des Planetensystems verschwindend klein gegenüber der Entfernung der Planeten von irgend einem Fixstern. Vom Sirius aus gesehen, muß demnach nicht bloß die Sonne oder die Erde, sondern unser ganzes Planetensystem wie ein verschwindend kleiner Lichtpunkt aussehen, gerade so, wie uns der Sirius erscheint, der möglicherweise auch ein ganzes Planetensystem ist. Denn die Entfernung zweier Planeten unseres Planetensystems muß vom Sirius aus etwa erscheinen wie uns zwei Punkte, die ein Millimeter Abstand haben, in einer Entfernung von einem Kilometer erscheinen. Das Verhältnis einer Million zu einer Billion erkennt man ferner sehr deutlich, wenn man berechnet, daß in weniger als zwei Wochen eine Million Sekunden vergeht, daß aber zu einer Billion Sekunden mehr als dreißigtausend Jahre erforderlich sind, daß also das Menschengeschlecht in historischen Zeiten noch keine Billion Sekunden erlebt hat.” 202 145. Wieviel Skatspiele gibt es? Quelle: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. Die Beantwortung der Frage, auf wievielfache Weise die 32 Karten des Skatspiels nach dessen Regel verteilt werden können, nämlich so, daß jeder der drei Mitspieler 10 Karten erhält und 2 Karten gesondert hingelegt werden, führt zu sehr großen Zahlen. Die Berechnung nach dem Kombinationsverfahren ergibt, daß die gesuchte Anzahl der Spiele 2753  Billionen und  294408  Millionen und  204640 ist. Diese Zahl ist so groß, daß man ohne weiteres keine Vorstellung von ihr erhält. Etwas lebendiger wird sie schon durch folgende Betrachtung. Nehmen wir an, die ganze Menschheit setze sich nieder, um Tag und Nacht unaufhörlich Skat zu spielen, und es werde dabei so wenig geschwätzt, daß jedes zusammenspielende Trifolium immer ein Spiel in fünf Minuten erledigte. Es würden unter diesen Umständen annähernd 53 Jahre nötig sein, um alle möglichen Kartenverteilungen durchzuspielen. 146. Wieviel Whistspiele gibt es? Quelle: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. Wenn die Anzahl der für ein Spiel zur Verfügung stehenden Karten nur um ein geringes gegenüber dem Skatspiel steigt, so wächst die Zahl der möglichen Spiele schon ganz ungeheuer an. Im Gegensatz zum Skat mit seinen 32 Karten hat das Whistspiel 52 Karten, die immer unter vier Spieler so verteilt werden, daß jeder 13 Karten erhält. Wenn man nachrechnet, wieviel Verteilungsarten hier möglich sind, so ergeben sich 53644  Quadrillionen und  737765  Trillionen und  488792  Billionen und  839237  Millionen und  440000 Spiele. Die Ungeheuerlichkeit dieser Zahl macht es unmöglich, auch bei größtem Eifer und wenn man noch so viel Menschen zu diesem Zweck in Tätigkeit setzt, alle Spiele in absehbarer Zeit zu erledigen. Denkt man sich die ganze 203 Erdoberfläche mit Whisttischen für je vier Spieler so bestellt, daß jeder Spieltisch den Raum eines Quadratmeters bedeckt, und nimmt man an, daß an jedem dieser Tische unaufhörlich bei Tag und bei Nacht Whist gespielt wird, wobei jedes Spiel nur fünf Minuten dauert, so würde es doch immer noch länger als eine Milliarde Jahre währen, bis alle Kombinationen durchgespielt sind. 147. Brahmas Pyramide Für die Brahmagläubigen liegt der Mittelpunkt der Welt unter der Kuppel des großen Tempels zu Benares. Er wird durch eine Pyramide bezeichnet, die Brahma selbst dorthin gebracht haben soll. Zugleich hat er den Priestern die Aufgabe gestellt, diese Pyramide nach bestimmten heiligen Regeln abzubauen. Sobald das geschehen ist, wird das Ende aller Dinge gekommen sein. Diese Pyramide Brahmas ist ein großes mathematisches Wunder. Ihre Höhe überschreitet nicht die eines Fingerhuts. Sie besteht aus nicht mehr als 64 kleinen runden goldenen Scheiben, von denen jede etwas kleiner ist als die vorhergehende untere, und dennoch ist es den Priestern, obgleich sie sich schon seit Jahrtausenden um den Abbau bemühen, dieses Werk bisher nicht gelungen. Denn Brahma hat folgendes geboten: die Pyramide mit den 64 runden, in der Mitte durchbohrten Goldplättchen ist unter Benutzung von drei Nadeln abzubauen. Auf der einen dieser Nadeln sind die Scheiben von Anfang an aufgesteckt. Die beiden andern Nadeln sind leer. Der Abbau, das heißt die Überführung der Goldplättchenpyramide auf eine der leeren Nadeln, muß so erfolgen, daß immer nur je eine Scheibe abgenommen wird, und diese entweder auf eine ganz freie Nadel oder auf eine größere Scheibe gebracht wird. Unaufhörlich und unablässig sind die Priester Brahmas um die Lösung dieser Aufgabe bemüht. Aber die Fortschritte, die sie bis jetzt gemacht haben, sind gering, denn für die Vollendung des Abbaus brauchen sie nicht weniger als 3  Billionen und  217395  Millionen und  660174 Jahre. 204 Es sind im ganzen 20  Trillionen und  293757  Billionen und  907849  Millionen und  445375 Übertragungen nötig. Wenn für jede Übertragung fünf Sekunden gebraucht werden, so können die Priester täglich 17 280 Übertragungen vollbringen, in jedem Jahr 6 307 200. Für die Gesamtarbeit ergibt sich dann die oben genannte Zahl von Jahren. Aber selbst wenn die Priester in jeder Sekunde eine Übertragung fertigbrächten, was sie vielleicht durch die genügend lange dauernde Übung allmählich erreichen könnten, so brauchten sie doch für die ganze Arbeit immerhin noch mehr als 600 000 Millionen Jahre. Demnach ist also das Ende der Welt doch noch in ziemlicher Ferne! 148. Ein Pfennig auf Zinseszins Quellen: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. – Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Wir wissen von zahlreichen Männern, die es aus nichts zu einem Riesenvermögen gebracht haben. Diese finanziellen Erfolge verdanken sie ihrer Tüchtigkeit, ihrer unermüdlichen Arbeitskraft oder der klugen Ausnutzung günstiger Zeitumstände. Es ist aber auch möglich, daß man durch bloße Geduld und Sparsamkeit in den Besitz ungeheurer Summen gelangen kann, wenn man im Anfang auch nur einen einzigen Pfennig besitzt. Voraussetzung ist bloß eine sehr lang andauernde Geduld und eine weitere Kleinigkeit – man muß mindestens das doppelte Alter erreichen wie der biblische Greis Methusalem. Legt man nämlich den einen Pfennig zu 4 7 / 10  Prozent auf Zinseszins an, so hat er sich schon nach hundert Jahren auf eine Mark vermehrt. Nach 200 Jahren sind aus der einen Mark 100 Mark geworden, und so verhundertfacht sich das Kapital jedes Mal nach Verlauf eines Säkulums. In 1900 Jahren wäre der Pfennig zu 1 Sextillion Mark angewachsen, das heißt, das aufgesummte Kapital betrüge 200 Millionen mal so viel Mark wie die Zahl der Gramm beträgt, die die Erde wiegt. Rechnet man genau 4 Prozent und nur 1875 Jahre für den Zeitraum, während dessen ein Pfennig durch Zinseszins anwachsen soll, so erhält man als schließlich entstandenes Kapital: 205 865986  Quadrillionen und  626476  Trillionen und  236508  Billionen und  270156  Millionen und  786660  Mark und 24 Pfennig. Um den Wert dieser ungeheuren Summe darzustellen, müßte man 37 317 Kugeln von der Größe unserer Erde aus Gold von dem Feingehalt der deutschen Zwanzigmarkstücke anfertigen. Rechnet man 5 Prozent statt 4 Prozent, so gelangt man zu einer noch viel größeren Geldsumme, nämlich zu 53  Sextillionen und  695236  Quintillionen und  076014  Quadrillionen und  489752  Trillionen und  466593  Billionen und  034515  Millionen und  466398  Mark und 33 Pfennig. Zur Darstellung dieses Wertes brauchte man sogar 23 138 Millionen goldener Erdkugeln; die Sonne müßte, um diese Summe in Gold fassen zu können, einen 26mal längeren Durchmesser haben, als sie in Wirklichkeit besitzt. – – – Eine interessante Ergänzung hierzu bildet die Frage: Wann hätte 1 Centime zu 4 Prozent auf Zinseszins angelegt werden müssen, damit Frankreich im Stande gewesen wäre, aus der Ertragssumme die ihm im Jahre 1871 auferlegte Kriegsentschädigung an Deutschland im Betrag von 5 Milliarden Franken sofort zu zahlen? Die Anlage des 1 Centime hätte im Jahre 1184 unter der Regierung Ludwigs VII. in Frankreich, zur Zeit des zweiten Kreuzzugs, erfolgen müssen. 149. Im Meer der Zahlen Quelle: Dr. Hermann Schubert: »Mathematische Mußestunden«, erster Band. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1907. Welche Zahl ist die größte, die sich durch 3 Ziffern ausdrücken läßt? Diese Zahl ist nicht 999, sondern 9 9 9 . Man bildet also Potenzen. 9 9 bedeutet wie bekannt, daß 9 neunmal mit sich selbst multipliziert werden soll. Das Ergebnis ist 387 420 489. Wir können also nun statt 9 9 9 schreiben 9 387 420 489 . Dies bedeutet, daß 9 so viele Mal als Multiplikationsfaktor gesetzt werden soll wie der Exponent angibt. 206 Die Zahl, die sich aus der Rechnung ergibt, ist so groß, daß die Dauer eines Menschenlebens nicht ausreicht, um sie niederzuschreiben. Schon die Zahl der Ziffern, durch die sie ausgedrückt werden muß, ist außerordentlich. Es sind dazu nämlich mehr als 369 Millionen Ziffern erforderlich. Um sie niederzuschreiben, brauchte man einen Papierstreifen von 18 485 Kilometern Länge, wenn man auf jedes Zentimeter zwei Ziffern setzt. 150. Die Universalbibliothek Quelle: Kurt Laßwitz: »Traumkristalle«. Verlag von B. Elischer Nachfolger, Leipzig. In seinem Werk »Traumkristalle« entwickelt Kurd Laßwitz auf den Spuren der Lullus, Giordano Bruno und Leibniz die folgende phantastische Idee. Alles, was der Menschheit an geschichtlichem Erlebnis, an wissenschaftlicher Erkenntnis, an poetischer Darstellung, an lehrender Weisheit jemals gegeben worden ist und gegeben werden kann, muß sich in Lettern wiedergeben lassen. Unsere Bücher vermitteln ja in der Tat alles Wissen und bewahren den ganzen Schatz der menschlichen Denkarbeit. Und dies alles tun sie – wenn man von der nur äußerlichen Verschiedenheit der Druckarten absieht – mit Hilfe von höchstens hundert Zeichen. Wenn man die großen und kleinen Buchstaben, die gebräuchlichen Interpunktionszeichen; die Ziffern, die mathematischen Symbole – die zum allergrößten Teil durch Buchstaben und Ziffern sich ausdrücken lassen – und das Spatium, die Setzertype für die Trennung der Worte und zur Füllung der im Druck leer bleibenden Zeilenstücke, zusammenrechnet, so erhält man sicher nicht mehr als die angegebene Zahl von Zeichen. Nun ist aber die Zahl der möglichen Kombinationen dieser 100 Zeichen begrenzt. Es muß sich also alle erdenkliche Literatur in einer endlichen Anzahl von Bänden niederlegen lassen. Man kann schon recht erschöpfend über ein Thema schreiben, wenn man einen Band von 500 Seiten damit anfüllt. Denken wir uns auf der Seite etwa 40 Zeilen mit 50 Buchstaben (wobei Spatien, Interpunktion usw. stets mitgezählt sind), so bekämen wir 40×50×500 Buchstaben für einen solchen Band, das ist 1 000 000 Buchstaben. Wenn man nun die 100 Zeichen, so oft es möglich ist, zu 1 000 000 Zeichen kombiniert, alle möglichen Zusammenstellungen herstellt, die überhaupt in dieser rein mechanischen Weise gemacht werden können, so hat man genau sämtliche Werke, die jemals geschrieben worden sind und in Zukunft geschrieben werden können, also eine Universalbibliothek umfassendster Art. In dieser Bibliothek muß man einfach alles finden: die Bibel, den ganzen 207 Goethe, die Gesamtausgaben aller Philosophen, die Logarithmentafel ebenso wie Friederike Kempners Gedichte, eine Darstellung der Freiheitskriege neben dem Kochbuch. Obgleich immer ein ganzer Band von 1 000 000 Zeichen hergestellt werden soll, kann doch jedes kleinste Verschen ein Buch für sich bilden, denn der übrige Raum wird mit Spatien ausgefüllt. Der erste Band wird sogar ganz leer sein, denn er wird ausschließlich Spatien enthalten. Leider wird in dieser Bibliothek auch viel Unsinn zu finden sein. Ein Band wird nur Punkte enthalten, einer nur Fragezeichen, einer wird mit den Eingangsversen des »Faust« anfangen, aber dann wird plötzlich eine Logarithmentafel folgen, von der man jedoch nicht weiß ob sie richtig ist. Und aus all dieser Spreu den zweifellos vorhandenen Weizen des gesamten Kulturschatzes der Menschheit herauszusuchen, dürfte, wenn auch diese Bibliothek notwendig ihren eigenen Katalog enthalten müßte, darum außerordentlich schwer sein, weil ihre Bändezahl sehr groß werden muß. Da 1 000 000 Zeichenstellen in jedem Band zur Verfügung sein sollen, so entstehen so viele Bände, wie die Zahl ergibt die man erhält, wenn man 100 eine Million mal als Faktor setzt. Oder, da 100=10×10 ist, so erhält man dasselbe, wenn man die 10 2 000 000 Mal als Faktor schreibt. Das läßt sich ausdrücken durch die Potenz 10 2 000 000 Wollte man die Zahl ausschreiben, so erhielte man eine 1 mit 2 000 000 Nullen. Die Zahl würde im Druck etwa eine Länge von 4 Kilometern haben. Hat nun jeder Band eine Dicke von 2 Zentimetern, so erhält man für die ganze Bibliothek eine Länge von doppelt so vielen Zentimetern wie die Bändezahl beträgt. Ausdrücken aber läßt sich schon die Bändezahl nicht mehr. Um nun überhaupt eine Vorstellung von der Längenerstreckung der Universalbibliothek zu bekommen, nehmen wir an, daß der Bibliothekar, um einen bestimmten Band herauszusuchen, mit der Geschwindigkeit des Lichts, also von 300 000 Kilometern in der Sekunde, daran entlang fährt. Hat er Glück, indem der begehrte Band nur 10 Billionen Kilometer oder 1 Trillion Zentimeter vom Ausgangspunkt entfernt ist, so wird er ihn bei der angegebenen Riesengeschwindigkeit schon in einem Jahr erreichen. Steht der Band aber am Ende, so ist die Aussicht, zu ihm zu gelangen, selbst für einen Bibliothekar mit solch fabelhafter Bewegungsfähigkeit hoffnungslos. Um nur eine einzige Trillion Bände zu passieren braucht er immer zwei Jahre. Um an der ganzen Bibliothek entlang zu fahren, hätte er demnach doppelt so viele Jahre nötig wie 1 Trillion in der Bändezahl enthalten ist. Und das gibt eine 1 mit 1 999 982 Nullen (1 Trillion ist eine Zahl mit 18 Nullen). Diese Zahl ist eben so wenig vorstellbar, wie die Bändezahl selbst, obwohl sie endlich ist . 208 Wenn man die ganze Bibliothek so zusammenpackte, daß immer 1000 Bände in eine Kiste von einem Kubikmeter gehen, so würde, um die gesamte Bücherzahl zu fassen, der ganze Weltraum bis zu den fernsten uns sichtbaren Nebelflecken so oft gefüllt werden müssen, wie eine Zahl ausdrückt, die nur einige sechzig Nullen weniger hat als die 1 mit den 2 000 000 Nullen. Aus alledem ergibt sich also, daß es ziemlich aussichtslos ist, den gesamten Besitz der Menschheit an wissenschaftlichen, poetischen und sonstigen Werken durch mechanische Aneinanderreihung von Zeichen ausdrücken zu wollen. Besser ist es schon, man bleibt bei der zwar mühsameren, aber mehr Erfolg versprechenden Methode der gedanklichen Bücherproduktion. 151. Abracadabra Quelle: Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Diese eigenartige Figur ist nach der Angabe des Arztes Quintus Serenus Sammonicus aus dem magischen Wort Abracadabra aufgebaut, das in früheren Zeiten als eine Heilformel gegen Krankheiten, namentlich gegen das Wechselfieber angesehen wurde. Die Figur ist ein mathematisches Wunder infolge der überraschend großen Anzahl von Möglichkeiten, die man zur Verfügung hat um das Wort Abracadabra in ihr zu lesen. Wenn man von irgend einem A links anfängt und bis zum letzten a in der oberen rechten Ecke fortschreitet, indem man sowohl in horizontaler Richtung wie auch rechts auswärts in schiefer Richtung fortgeht, so kann man nicht weniger als 1024 Mal Abracadabra lesen. 209 152. Silos Grabstein Quelle: Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Zu Ovideo in der spanischen Provinz Asturien befindet sich die von dem alten Fürsten Silo erbaute Kirche San Salvador. Der Grabstein des Fürsten in dieser Kirche trägt die Inschrift: Von der Mitte S aus nach den vier Ecken t, t, t, t läßt sich der Text: Silo princeps fecit (Fürst Silo hat [mich] erbaut) auf 45 760 verschiedene Arten lesen. 153. Die Zahl 91 Die folgende Zusammenstellung enthält eine recht merkwürdige Zahlenanordnung. Sie entsteht, wenn man 91 nacheinander mit den Zahlen von 1 bis 9 multipliziert; es werden dann in den Produkten die Einer und die Hunderter stets um 1 größer, die Zehner dagegen um 1 kleiner: 210 1 × 91 = 091 2 × 91 = 182 3 × 91 = 273 4 × 91 = 364 5 × 91 = 455 6 × 91 = 546 7 × 91 = 637 8 × 91 = 728 9 × 91 = 819 154. Die Zahl 37 Wenn man 37 nacheinander mit Zahlen multipliziert, die immer um 3 anwachsen, so erhält man die folgende seltsame Zahlenreihe: 3 × 37 = 111 6 × 37 = 222 9 × 37 = 333 12 × 37 = 444 15 × 37 = 555 18 × 37 = 666 21 × 37 = 777 24 × 37 = 888 27 × 37 = 999 155. Die Zahl 3367 Mit Hilfe dieser Zahl kann man gleichfalls eigenartige Gruppierungen erreichen. Wenn man nämlich 3367 nacheinander mit den Zahlen 33, 66, 99, 132, 165, 198, 231, 264 und 297 multipliziert, wobei also jeder Multiplikator um 33 größer als der vorhergehende ist, erhält man sechsziffrige Zahlen, von denen jede aus 6 gleichen Ziffern besteht: 33 × 3367 = 111111 66 × 3367 = 222222 99 × 3367 = 333333 132 × 3367 = 444444 165 × 3367 = 555555 198 × 3367 = 666666 231 × 3367 = 777777 264 × 3367 = 888888 297 × 3367 = 999999 156. Merkwürdige Ergebnisse 1 × 9 + 2 = 11 12 × 9 + 2 = 111 123 × 9 + 2 = 1111 1234 × 9 + 2 = 11111 12345 × 9 + 2 = 111111 123456 × 9 + 2 = 1111111 1234567 × 9 + 2 = 11111111 12345678 × 9 + 2 = 111111111 123456789 × 9 + 2 = 1111111111 1 × 8 + 1 = 9 12 × 8 + 2 = 98 123 × 8 + 3 = 987 1234 × 8 + 4 = 9876 12345 × 8 + 5 = 98765 123456 × 8 + 6 = 987654 1234567 × 8 + 7 = 9876543 12345678 × 8 + 8 = 98765432 123456789 × 8 + 9 = 987654321 Wunder der Physik und Chemie 157. Die Spektralanalyse Der große Physiker Kirchhoff sagte einmal, jede wirkliche Neuerkenntnis in der Wissenschaft müsse so beschaffen sein, daß sie zu ihrer erschöpfenden Darstellung nicht mehr Raum beanspruche als eine geschriebene Quartseite. Man könnte in Verlegenheit kommen, wenn man diesen Ausspruch auf Kirchhoffs eigene größte Entdeckung anwenden wollte. Denn sie hat der Menschheit eine Erkenntnis vermittelt, zu deren erschöpfender Darstellung die Folgezeit ganze Bibliotheken gebraucht hat und noch brauchen wird. Im Kernpunkt der Entdeckung sitzt freilich eine uralte, in wenigen Worten ausdrückbare Volksweisheit: »Die Sonne bringt es an den Tag!« Aber die alten Priester des Sonnenmythus ahnten doch wohl kaum, daß unser Gestirn im Stande sein würde, letzte Geheimnisse der Chemie zu entschleiern, und noch weniger, daß sie uns verraten würde, was sich auf der Sonne selbst an chemischen Prozessen ereignet. Und gerade das leistet die Sonne, wenn man sie richtig, d. h. mit geeigneten Experimenten befragt. Die Fragesteller waren im Jahre 1859 Kirchhoff und Bunsen, ihre Methode, die Spektralanalyse, behauptet neben den Taten des Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton einen ersten Rang in der Wissenschaftsgeschichte. Ein keilförmig geschliffenes Glas, ein Prisma, zerlegt und verbreitert den einfachen Sonnenstrahl in ein gestrecktes, regenbogenfarbiges Band. Vor ziemlich genau hundert Jahren erkannte ein Münchener Optiker, daß dieses Farbband, das Spektrum, von einem System schwarzer Linien durchsetzt ist. Sie sind bei geeigneter Vergrößerung in großer Anzahl, bis zu tausend, klar sichtlich und heißen nach ihrem Entdecker: die Fraunhoferschen Linien. Verdampft man nun im Laboratorium gewisse Stoffe in einer Flamme, so liefert auch diese, durch eine Prisma zerlegt, ein Spektrum mit Linien. Allein diese »chemischen« Linien zeigen im Vergleich mit den Fraunhoferschen Sonnenlinien merkbare Wesensverschiedenheit, und die Beziehung beider aus einander sowie die sich daraus ergebenden Folgerungen bilden den Inhalt der Spektralanalyse. 213 Greifen wir aus der Masse der Linien eine vereinzelte heraus, die berühmte D-Linie des Sonnenspektrums; ihr Verhältnis zu einer entsprechenden chemischen Linie bleibt im Großen und Ganzen maßgebend für das ganze System und ermöglicht es, am Einzelfall das Wesen der Sache, wenn auch nicht zu erklären, so doch bis zu einem gewissen Grad zu verdeutlichen. Jene Linie liegt als dunkler Strich in der linken Hälfte des Sonnenspektrums. Ihr entspricht der Lage nach absolut genau eine Linie im Spektrum verdampfenden Natronsalzes. Aber diese Salzlinie ist nicht dunkel, sondern gelb. Und hier setzte mit einem neuen Experiment eine neue Ideenverbindung ein: Kirchhoff ließ weißes Licht durch erhitzten Natriumdampf hindurchgehen, zerspaltete es spektral, und nun zeigte sich ganz genau an der Stelle der hellen gelben Linie des Emissionsspektrums die bereits wohlbekannte D-Linie, die dunkle Absorptionslinie; mit einer Deutlichkeit, die als Gesetz zu formen gestattete: daß der Dampf aus dem ganzen Strahlenkomplex des weißen Lichts gerade nur jene Wellenlängen absorbiert, die er auch auszusenden imstande ist. Hiermit war die Beziehung eines irdisch-chemischen zu einem himmlischen Vorgang gefunden; und nun überstürzten sich die Folgerungen in einer Reihe von spektralanalytischen Wundern. Das erste Mirakel betraf die Empfindlichkeit des Verfahrens. Um im Bunsenbrenner die gelbe Natriumlinie hervorzurufen und sichtbar zu machen, genügt eine so winzige Menge des Stoffs, wie sie durch kein anderes Verfahren der Welt erkennbar gemacht werden könnte. Der dreimillionste Teil eines tausendstel Gramms von Natronsalz reicht hin, um die gelbe Linie hervorzuzaubern! Also ein ganz unvergleichliches Steckbrief-Verfahren, das denn auch in rascher Folge zur Entdeckung von Elementen führte, die sich bis dahin in den Schlupfwinkeln anderer Verbindungen verborgen hatten. So zeigten sich beim Verbrennen winziger Rückstände von Mineralwasser eine bis dahin unbekannte rote und eine feine blaue Linie. Kirchhoff und Bunsen wußten beim ersten Aufflammen dieser Verräterlinien: hier muß ein noch unentdeckter Urstoff vorhanden sein. Die bekannten Stoffe wurden ausgesondert, der Findling blieb zurück: es war ein neues Metall, das Cäsium. Fast gleichzeitig wurde das Rubidium (1860) gefunden, und durch andere Forscher auf dem gleichen spektralanalytischen Weg nach einander: das Thallium, Indium, Gallium, Argon, Helium, Neon, Krypton und Xenon. 214 Und aus jenen Linien erfloß zudem eine neue Erkenntnis der Beschaffenheiten in fernen Welten. Die Sonne hatte es in ihrer Schrift auf ihr Spektrum aufgeschrieben, was sie enthielt. Nun gewannen die dunkeln Runen eine lebendige Sprache, die der Menschheit verkündete: in der Sonnenatmosphäre gibt es Eisen, Natrium, Calcium, Aluminium, Nickel, Chrom, Kupfer, Zink, Kohlenstoff, Wasserstoff. Ein neuer Ausblick in die elementare Einheitlichkeit des Weltgebäudes tat sich auf. Aber ein Skeptiker könnte einwenden: das sind doch nur Schlüsse, die ebensogut das Richtige treffen, wie fehlgehen können; alles beruht doch hier auf der Deutung jener Spektrallinien, ohne daß ein Mittel vorhanden ist, das Deutungsergebnis direkt an Ort und Stelle, auf der Sonne oder auf einem anderen Stern, zu prüfen?! Nun, die Skeptiker – falls noch solche vorhanden sein sollten – können sich beruhigen. Es geht eben hier alles nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit zu, wie auch sonst in Dingen der Erkenntnis, und die obwaltenden Methoden stellen zum mindesten den Wahrscheinlichkeitsgrad jener Aussagen mathematisch fest. Wenn also behauptet wird, die Spektralanalyse ergibt für die Sonne das Vorhandensein von Natrium oder von Wasserstoff, so heißt dies beispielsweise nach dem Wahrscheinlichkeitsgrad und ganz populär ausgedrückt: man kann vernünftigerweise eine Trillion gegen eins wetten, daß dies in Wirklichkeit den Tatsachen entspricht. 158. Der Zeeman-Effekt Quellen: Professor Dr. Wilhelm Ostwald: »Große Männer«. Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig, 1909. – E. Gehrke: »Struktur der Spektrallinien« in der Sammlung »Kultur der Gegenwart«, Band »Physik« unter der Redaktion von E. Warburg. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 1915. Zu den ersten Verkündern der Einheit von Licht und Elektrizität gehörte unser großer Heinrich Hertz , der diese Lehrmeinung auf der deutschen Naturforscherversammlung zu Heidelberg 1889 mit den wunderverkündenden Worten vertrat: »Das Licht ist eine elektrische Erscheinung, das Licht an sich, alles Licht, das Licht der Sonne, das der Kerze, das eines Glühwurms. Nehmt aus der Welt die Elektrizität, und das Licht verschwindet; nehmt aus der Welt den lichttragenden Äther, und die elektrischen und magnetischen Kräfte können nicht mehr den Raum überschreiten.« Zu den experimentellen Bestätigungen, die Hertz selbst zu liefern vermochte, trat eine Erscheinung, um deren Auffindung sich schon Faraday mit versagenden Kräften bemüht hatte. Er benutzte im Jahre 1862 ein eben erhaltenes Steinheilsches Spektroskop, um einen Einfluß des Magnetismus auf die 215 Spektrallinien zu finden. Faradays Versuche schlugen fehl, um erst unter den Händen des holländischen Physikers Pieter Zeemann zu vollem Gelingen aufzuleben. Die im vorigen Abschnitt bereits erwähnte gelbe Natrium-Linie bildete den Ausgang der Zeemannschen Forschung. Der Holländer stellte die das Gelb aussendende Kochsalzflamme zwischen die Pole eines starken Elektromagneten und beobachtete eine Spaltung der Spektrallinien in Gruppen von je zweien oder dreien, je nach der Stellung des Gesichtsfelds. Bewiesen wurde durch das Zeemannsche Phänomen, daß sich das Licht in seiner Grundeigenschaft – Farbe, Schwingungsart – unter dem Einfluß eines magnetischen Felds verändert, gedeutet: daß dieser Zusammenhang auf dem Verhalten allerkleinster Teilchen beruhen müsse. Nicht nur bis zum Atom, sondern tief in das Innere des Atoms führt diese Deutung. Als die Grundursache des Leuchtens gilt danach ein schwingendes, negativ geladenes Teilchen, das Elektron, dessen Masse man sich kleiner als ein Tausendstel des Atoms vorzustellen hat. 159. Bausteine des Universums Quelle: Artur Fürst , Vortrag: »Der Aufbau des Weltalls«. Das gewaltige Gebäude des Universums ist gleich Häusern, die Menschenhand errichtete, aus einzelnen Bausteinen zusammengefügt. Doch die Hand des Schöpfers bedient sich nicht grober Ziegelsteine, sondern gestaltet sein Gefüge aus Teilen ganz besonderer Art. Wenn man einen Körper, der kein Element ist, immer weiter zerlegt, so kommt man schließlich an eine Grenze, jenseits deren die Einzelteile des Körpers nicht mehr dieselben Eigenschaften aufweisen wie der ganze Körper. Diese kleinsten Teilchen, die man bei der Zerlegung gewonnen hat, nennt man Moleküle. Sie sind bereits von so geringer Ausdehnung, daß ihnen gegenüber jedes Vorstellungsvermögen versagt. Daß es sich bei diesen Molekülen um sehr kleine Teilchen handelt oder mit anderen Worten, daß die Teilbarkeit der Materie sehr weitgehend ist, dafür können wir, so schreibt Himstedt , aus der Erfahrung des täglichen Lebens mancherlei Belege angeben. Wie minimal mögen die materiellen Teilchen sein, durch welche die Nase des Jagdhunds das Wild aus hundert Meter Entfernung und mehr ausfindig macht! Eine winzige Menge Moschus genügt, um ein ganzes Zimmer mit dem bekannten Duft zu erfüllen. Wenn man ein Gramm Moschus auf einer empfindlichen Wage abwiegt und dann eine Stunde in einem großen 216 Saal liegen läßt, so werden selbst die am entferntesten Ende des Saals Sitzenden den Moschusgeruch wahrnehmen können. Und dabei würde eine neue Wägung zeigen, daß das Gewicht des ausgelegten Moschus noch nicht um ein tausendstel Gramm abgenommen hat. Also eine vielleicht Stecknadelknopf große Menge Moschus hätte sich in so viele feine Teilchen zerspalten, daß überall in dem Saal einige davon zu finden wären. Es ist deshalb wohl ohne weiteres verständlich, daß man die Größe, den Durchmesser der jedenfalls noch viel kleineren Moleküle nicht direkt mit dem Zentimetermaß, auch nicht unter Zuhilfenahme des Mikroskops hat messen können, sondern daß man diese Größe nur auf indirektem Weg ermitteln konnte. Sehr komplizierten und geistreichen Rechnungen zufolge beträgt der Durchmesser eines Moleküls der Luft, wenn man es als kugelförmig auffassen will, kaum drei Zehnmillionstel eines Millimeters. Immerhin kann man sich auch direkt eine körperliche Vorstellung wenn auch nicht von der Größe so doch wenigstens von der Dicke eines Moleküls machen. Wenn man ein ganz winziges Öltröpfchen auf Wasser tut, so breitet sich das Öl sofort in einem ganz dünnen Häutchen über die Wasseroberfläche aus. Hat man den Öltropfen vorher gewogen und bestimmt nun die Größe der Fläche, die er bedeckt, so kann man die Dicke des Ölhäutchens leicht berechnen. Es ist klar, daß der Durchmesser eines Ölmoleküls höchstens so groß sein kann wie die Dicke der dünnsten Ölschicht. Schon bei diesem immer noch sehr groben Versuch kommt man auf einen Moleküldurchmesser von höchstens dem millionsten Teil eines Millimeters. Man ist auch im Stande gewesen zu berechnen, wieviel Moleküle in einem bestimmten Raum enthalten sind. Loschmidt hat zuerst festgestellt, daß in einem Kubikzentimeter, also in einem Raum, der kaum ¼ so groß ist wie der Hohlraum eines kleinen Fingerhuts, unter normalen Verhältnissen des Drucks und der Temperatur sich 21 Trillionen Luftmoleküle befinden. Wenn man diese enorme Zahl hört – sie hat 18 Nullen – so meint man, daß die Moleküle dicht aneinander gedrängt in dem engen Raume liegen müßten. Das ist aber sicher nicht der Fall. Wenn wir im Stande wären, die Moleküle zu sehen, so würden wir, nach Himstedt, bei einem Blick in den kleinen Raum glauben können, in einen dichten Mückenschwarm zu sehen. Wohin wir schauen, überall eine Mücke, aber jede von ihnen hat reichlich Platz, um sich herumtummeln zu können. 217 160. Die Brownsche Bewegung Quellen: Jean Perrin: »Die Atome«, deutsche Ausgabe von Lottermoser. Verlag Theodor Steinkopf, Dresden und Leipzig, 1914. – Van't Hoff: »Die Lagerung der Atome im Raum«. – Emanuel Lasker: »Atomstudien« in »Das Begreifen der Welt«. Verlag von H. Joseph, Berlin. – H.  Vaihinger: »Die Philosophie des Als Ob«. Verlag von Reuther \& Reichard, Berlin. Richtet man ein Mikroskop stärkster Art auf gewisse milchige Flüssigkeiten, Kolloid-Lösungen (von Kollos = Leim), so gewahrt man eine höchst auffällige Erscheinung: man erblickt ein Chaos wirbelnder Körperchen; sie schlängeln sich zu tausenden, verändern regellos die Richtung, und hören in diesem Spiel niemals auf. Im Innern eines verschlossenen Gefäßes, das die Verdunstung abhält, kann man diese Bewegung monatelang, jahrelang beobachten. Sie vollzieht sich in Flüssigkeitseinschlüssen, die sich seit tausenden von Jahren in Quarz befinden. Sie ist ewig und selbsttätig, anscheinend ein Perpetuum mobile. Schon Buffon und Spallanzani kannten diese Erscheinung, hatten aber in Ermangelung ausreichender Mikroskope ihre Natur nicht erkannt. Der Botaniker Brown entdeckte sie aufs neue, als die ersten achromatischen Objektive aufkamen; nach ihm wurde die Bewegung benannt. Die ersten Physiker, die sich mit ihr beschäftigten, waren geneigt, in den tanzenden Teilchen eine Art mikroskopischer Tierchen zu sehen; oder ein Seitenstück zu den Stäubchen im Sonnenstrahl. Später gelangte man zu dem unausweichlichen Schluß, daß das Brownsche Phänomen auf Molekularbewegung beruhe und hierdurch ein tiefstes Geheimnis der Natur enthülle. Sind es nun wirklich die wirbelnden Moleküle, die wir durchs Vergrößerungsglas erblicken? Ja und nein. Eigentlich sind es nicht sowohl die Moleküle als vielmehr gewisse an der Grenze der Sichtbarkeit befindliche harzige Teilchen, Emulsionskügelchen, deren Existenz uns das Mikroskop verrät. Sie sind groß genug, um durch die Stöße der Moleküle in lebhafte Bewegung zu geraten; einem schaukelnden Schiff am Horizont vergleichbar, das uns noch erkennbar wird und dabei die Meereswellen verrät, die wir aus so weiter Entfernung nicht mehr wahrnehmen können. Es ist also ein Vorgang, der nur indirekt auf einen anderen, tiefer liegenden schließen läßt. Diese in den Raumkreis des Lichts gezwungenen Kügelchen sind tatsächlich die Anzeiger der Ursubstanzen geworden. Diese wurden nicht nur erschlossen, sondern mit einem überaus hohen Genauigkeitsgrad errechnet, vornehmlich mittels einer durch das Genie Einsteins gefundenen Methode. Experiment und Mathematik vereinigten sich auch hier zu dem schönsten Ergebnis; sie führten zu einer neuen Ermittelung der sogenannten Avogadro 'schen Zahl, die über Maße und Zahl der Moleküle und Atome Ausschluß gibt. Diese Zahl ist das Erkennungsmaß für jene kleinsten Größen, die auf der Grenze zwischen Körper und Nichts stehen. Sie ergab sich als ein Vielfaches 218 (ungefähr 64mal) der Zehn, zweiundzwanzigmal mit sich selbst multipliziert; in ihr sprach sich die Menge der Moleküle aus, die einen gewissen, eng abgesteckten Raum erfüllen. Eine Trilliardenrechnung, die, auf die verschiedenste Weise angegriffen, auch auf Grund der Brownschen Bewegung ihre vollkommene Bestätigung erfahren hat. (Siehe auch den vorigen Abschnitt.) In dieselbe Gruppe von Erscheinungen wie das Brownsche Phänomen gehört ein anderes Naturspiel, dessen Name einen Widerspruch mit sich selbst darzustellen scheint: die flüssigen Kristalle . Man weiß seit den ausgezeichneten Arbeiten von O.  Lehmann , daß es Flüssigkeiten gibt, die in optischer Hinsicht, wenn sie sich im Gleichgewicht befinden, die Symmetrie einachsiger Kristalle zeigen. Unter gewissen Bedingungen beobachtet, bieten sie ein Funkeln an allen Punkten des Gesichtsfelds, das ein schwaches, schnell von Ort zu Ort, von Augenblick zu Augenblick wechselndes Licht gibt. Auch hier walten Molekularbewegungen, die auf die Achsenstellung der kleinsten Teilchen Einfluß ausüben. Zu der Schwierigkeit der Erkenntnis tritt in dieser Erscheinung noch die Schwierigkeit des Worts; aber vielleicht findet man sich mit dem Ausdruck »flüssige Kristalle« noch leichter ab als mit der Substanz, an der diese neuerdings demonstriert wurden; denn diese Substanz führt den abenteuerlichen Namen: Benzolcyanamidozimtsäureäthylester! 161. Das Allerkleinste und seine Teile Quelle: Artur Fürst , Vortrag: »Der Aufbau des Weltalls«. Tiefer noch wollen wir eindringen in den Aufbau des Weltalls, das Allerkleinste wollen wir suchen, das letzte allerwinzigste Fügeteilchen, aus dem in immer wechselnder Schichtung das hohe Wunder des Weltalls entstanden ist. Da müssen wir noch weit unter das Molekül hinunter, denn ein Molekül ist durchaus noch kein einheitlicher Körper. Das Molekül der Schwefelsäure zum Beispiel muß, da es dieselben Eigenschaften hat wie die Schwefelsäure selbst, in seinem winzigen Raum alle die Teile miteinander vereinigt enthalten, die zusammen erst Schwefelsäure ergeben. In ihm muß ein Teil Schwefel mit zwei Teilen Wasserstoff und vier Teilen Sauerstoff verbunden sein. Wenn man auf chemischem Weg das Molekül zerspaltet, so erhält man Atome . Ihre ungeheure Kleinheit galt bis vor nicht langer Zeit als das letzte, eine weitere Teilbarkeit schien ausgeschlossen. Man hielt sie für das Feinste der Materie, aus dem die Welt geschaffen wurde. Und heute wissen wir, daß auch das Atom ein komplizierter, 219 zusammengesetzter Körper ist. Die Elektrizitätstheorie hat uns gezwungen, Einzelteile eines Atoms anzuerkennen. Wenn wir durch eine Glasröhre mit stark verdünnter Luft einen elektrischen Strom schicken, so sendet derjenige Pol der Röhre, der mit dem negativen Pol der Stromquelle verbunden ist, die Kathode, Strahlen aus. Was ist nun solch ein Kathodenstrahl? Gewiß kein gewöhnlicher Strom, denn dieser geht ja, wie wir wissen, immer auf dem kürzesten Weg vom positiven zum negativen Pol, während der Kathodenstrahl in der ausgepumpten Röhre stets genau geradeaus läuft, auch wenn der andere Pol, die Anode, irgendwo an der Seite der Röhre angebracht ist. Dieser seltsame Strahl ist auch kein Licht, denn er läßt sich durch ein magnetisches Feld ablenken, und er ist auch keine Schwingung des Äthers. Denn wenn der Kathodenstrahl einen festen Körper auf seiner Bahn trifft, so kann er durch diesen nicht hindurch. Außerhalb der Glaswand der luftverdünnten Röhre ist eine Kathodenstrahlung nicht mehr vorhanden. Es bleibt also nur übrig anzunehmen, daß von der Kathode allerfeinste körperliche Teilchen ausgesandt werden, und zwar sind diese Teilchen negativ elektrisch geladen, wie sich durch Annäherung eines Magneten äußerst leicht feststellen läßt. Man hat diese kleinen Partikelchen Elektronen genannt. Sie fliegen mit der ungeheuren Geschwindigkeit von etwa 300 000 Kilometern in der Sekunde von der Kathode fort, und wo sie in fürchterlichem Anprall die Glaswand treffen, erzeugen sie höchst seltsame Schwingungen. Das sind die Röntgenstrahlen . Um die negativ geladenen Elektronen innerhalb des Atoms, dessen Teile sie sein müssen, für gewöhnlich zu binden, muß irgendwo im Atom eine positive Ladung vorhanden sein. Und in der Tat zeigt es sich, daß von der Kathode, wenn man ihre Scheibe mit feinen Kanälen durchbohrt, nach rückwärts positiv geladene Partikelchen ausgesandt werden in den sogenannten Kanalstrahlen. Die Geschwindigkeit dieser Kanalstrahlen ist jedoch viel geringer als die der Kathodenstrahlen, sodaß vermutet werden muß, daß die positiv geladenen materiellen Teilchen viel größer sind als die Elektronen. Man darf also annehmen, daß sich in jedem Atom ein positiver Kern befindet, um den die negativen Elektronen gelagert sind. Es ist klar, daß die Masse eines Elektrons, dieses Teils des schon so unfaßbar kleinen Atoms, äußerst gering sein muß. Man glaubt, durch Betrachtung von Vorgängen bei der Elektrolyse annehmen zu dürfen, daß sie 1 / 2000 eines Wasserstoffatoms, des kleinsten aller bekannten Atome, beträgt. Wie winzig solch ein Wasserstoffatom ist, kann man am besten aus der folgenden vergleichenden Betrachtung erkennen. Denkt man sich auf der einen Seite einer Wage ein Kubikzentimeter Wasser, also soviel wie etwa in einen 220 viertel Fingerhut hineingeht, so muß man, nach der Angabe von Lecher , auf die andere Seite dieser Wage eine Quadrillion – d. i. eine Zahl mit 24 Nullen – Wasserstoffatome legen, damit Gleichgewicht besteht. Von diesem verschwindenden Bruchteilchen der Materie ist also das Elektron der zweitausendste Teil. Die Größe eines Elektrons verhält sich zu der eines Bazillus wie dessen Größe zu derjenigen der ganzen Erdkugel. Der Durchmesser eines Elektrons beträgt nach den Feststellungen von W.  Wien drei Billionstel eines Millimeters. An diese Körper ist ständig Elektrizität gebunden. Sie sind die Träger dieser machtvollen Naturerscheinung. Man kann das Elektron wohl als das Atom der Elektrizität bezeichnen. 162. Kann man ein Atom sehen? Wenn man die Erfolge überblickt, die von der Wissenschaft bei der Forschung über die allerkleinsten Teilchen der Materie bis jetzt schon erreicht sind, dann erscheint die Frage nicht allzu absurd, ob es wohl möglich wäre, ein einzelnes Atom sichtbar zu machen, obgleich man dessen Durchmesser höchstens auf den hundertmillionsten Teil eines Millimeters schätzt. Aber diesmal nützt uns die Kühnheit der Frage nichts. Wir müssen sie mit einem glatten Nein beantworten. Man sieht augenblicklich keinerlei Möglichkeit, ein Atom sichtbar zu machen und auch keinen Weg, der je zur Erreichung dieses Ziels führen könnte. Denn die Tatsache, daß wir ein einzelnes Atom nicht zu sehen vermögen, beruht nicht etwa auf der Unvollkommenheit unserer Vergrößerungsapparate, sondern auf der Natur des Lichts selbst. Der kleinste Gegenstand, den wir beim normalen Abstand vom Auge, etwa 25 Zentimeter, noch zu sehen vermögen, muß eine Ausdehnung von 3,75 Hundertsteln eines Millimeters haben. Dann reicht der Winkel, den die äußersten, an seinen Kanten vorbeiziehenden Sehstrahlen bilden, gerade noch aus, um den Körper der Netzhaut erkennbar zu machen. Mit Hilfe des Mikroskops können wir die Gesichtswinkel vergrößern. Aber es entsteht eine für die Sichtbarmachung nicht mehr unterschreitbare Grenze, sobald die Kleinheit des zu beobachtenden Körpers sich der Wellenlänge des Lichts nähert. Das ist durch Beobachtungen an Beugungsgittern und anschließende theoretische Betrachtungen nachgewiesen. Die Wellenlänge des Lichts in demjenigen Teil des Spektrums, für den unser Auge die größte Empfindlichkeit besitzt, beträgt 5,5 / 10 000 Millimeter. Kleinere Körper können wir also auf keinen Fall, selbst durch das schärfste Mikroskop gewöhnlicher Art, mehr erblicken. 221 Etwas läßt sich die Grenze noch durch besondere Kunstgriffe herabdrücken. Man kann Licht von kürzerer Wellenlänge anwenden, also violette oder ultraviolette Lichtstrahlen, die dann freilich zuletzt nicht mehr auf das Auge, sondern auf die photographische Platte einwirken. Als allerletzte Grenze erhält man dann 1 Zehntausendstel Millimeter, was von einem Hundertmillionstel Millimeter, der höchsten Atomgröße, noch hoffnungslos weit entfernt ist. 163. Ein Atom als Feuerwerker Ist die Erwartung auch hoffnungslos, daß man ein einzelnes Atom jemals mit dem Auge wird wahrnehmen können, so ist man doch heute schon imstande, wenigstens die Wirkung eines einzelnen Atoms zu sehen. Das Mittel hierzu gewährt uns die Radioaktivität, die gestattet, einzelne Atome zu isolieren. Wenn das Radium zerfällt, so schleudert es Heliumatome aus. Diese fliegen mit einer Geschwindigkeit von 20 000 Kilometern in der Sekunde durch den Raum und vermögen durch ihr furchtbares Bombardement einen Zinksulfidschirm beim Auftreffen zum Leuchten zu bringen. Ein einziges Gramm Radium sendet in der Sekunde etwa 40 Milliarden Heliumatome aus. Ist also eine gewisse Menge Radium vorhanden, so leuchtet der Zinksulfidschirm gleichmäßig und ständig. Denn unaufhörlich treffen ihn die kleinen Geschosse. Anders ist es, wenn man eine äußerst winzige Radiummenge verwendet. Dann beobachtet man auf dem Schirm kein ruhiges Glühen mehr, sondern das Licht zeigt Blitze und Zuckungen, es gleicht einem Sternschnuppenfall. Die ausgeschleuderten Teilchen folgen nun nicht mehr in ununterbrochenem Zug aufeinander, sondern die wenigen Atome zerfallen eins nach dem anderen in kleinen Pausen. Jeder Feuerblitz auf dem Schirm ist die Wirkung eines einzelnen Atoms. 164. Der kostbarste Stoff Quelle: Professor Dr. Marckwald , Aufsatz: »Strahlung radioaktiver Stoffe«. 64. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt« »Sichtbare und unsichtbare Strahlen«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1910. Z. Seit Kirchhoff und Bunsen die Bedeutung der Spektrallinien feststellten, ist keine wissenschaftliche Entdeckung von so ungeheurer Bedeutung gewesen wie die Auffindung des Radiums . Er wurden hierdurch Eigenschaften der Materie offenbar, die niemand vorher geahnt hatte. Die Wissenschaft, der doch schon 222 die geheimnisvollen Kathoden- und Röntgenstrahlen bekannt waren, sah sich hier vor Tatsachen gestellt, deren Eigentümlichkeit über alle Grenzen hinausgeht. Einen Augenblick stand gewissermaßen das ganze physikalische Räderwerk still. Ein schwerer Bremsklotz drückte gegen die Hauptspindel: das erlauchte Gesetz von der Erhaltung der Kraft schien widerlegt. Denn hier hatte man einen Stoff, der Energie scheinbar aus Nichts erzeugte und Energie in solchen Mengen, daß alle anderen Kraftquellen dagegen zu Winzigkeiten einschrumpften. Daß es dann doch sehr bald gelang, die neue strahlende Erscheinung in die bestehende Rangordnung als ein regelmäßiges Glied einzufügen, ist ein außerordentlicher Triumph der physikalischen Wissenschaft gewesen. Unter allen Wundern, die mit der Auffindung des Radiums neu erstanden, ist dies vielleicht das größte. Nun läuft das Räderwerk wieder, die Bremse ist gelöst, ja die Geschwindigkeit der Räder hat sich seitdem um ein Beträchtliches gesteigert, sodaß der Zeiger, welcher der Erkenntnisstunde zustrebt, sich jetzt schneller dreht als vorher. Wie die Wissenschaft so manche andere wichtige Bekanntschaft auf einem Nebenpfad machte, der von der Hauptrichtung des verfolgten Gedankenwegs abwich – es sei nur an die Elektrizität und die Röntgenstrahlen erinnert – wurde auch das Radium gefunden, während man etwas ganz anderes suchte. Die Röntgenstrahlen entstehen, wie wir aus dem Abschnitt 161 dieses Buchs wissen, an jener Stelle einer luftverdünnten und stromdurchflossenen Röhre, an der die Kathodenstrahlen die Glaswand treffen und die Erscheinung der Phosphoreszenz hervorrufen. Man begann daher bald nach des Würzburger Professors Tat nachzuforschen, ob das Aussenden von Röntgenstrahlen nicht vielleicht eine Eigentümlichkeit aller phosphoreszierender Körper sei, das heißt solcher, die bei Beleuchtung und auch noch eine Zeit lang nach deren Aufhören eigenes Licht aussenden. Der französische Physiker Henri Becquerel untersuchte in diesem Zusammenhang besonders gründlich die Uransalze, welche sämtlich die Eigenschaft der Phosphoreszenz besitzen. (Uran ist ein sehr seltenes Metall.) Er legte die Salze auf photographische Platten, die in schwarzes Papier eingehüllt waren, und fand in der Tat nach einigen Tagen die Platten an den Auflagestellen deutlich geschwärzt. Es schien also wirklich, daß die phosphoreszierenden Uransalze Röntgenstrahlen aussenden. Aber in dieser Schlußfolgerung waren, wie sich sehr bald zeigte, zwei Irrtümer enthalten. Die Strahlung hatte mit der Phosphoreszenz nichts zu tun, und es waren gar keine Röntgenstrahlen vorhanden. Es ist das große Verdienst Becquerels, das klar erkannt zu haben. Als man nämlich andere Körper untersuchte, die viel stärker phosphoreszieren, fand man gar keine Schwärzung der 223 photographischen Platten, aber das Uranoxyd und das Uranmetall selbst, die keine Spur von Phosphoreszenz aufweisen, griffen die Platten sehr viel stärker an. Damit war klar erwiesen, daß das Uran und seine Verbindungen eine besondere Art von Strahlen auszusenden vermögen, die man Becquerel-Strahlen nannte. Selbstverständlich wandte man nunmehr dem Uran eine ganz besondere Aufmerksamkeit zu. Das im Laboratorium Becquerels tätige Ehepaar Philipp und Sklodowska Curie untersuchte alle Mineralien, die zur Herstellung des Urans dienen. Zur nicht geringen Überraschung der Forscher fand man, daß manche dieser Mineralien weit stärker radioaktiv sind als das Uran selbst. Die lebhafteste Radioaktivität zeigte die Joachimsthaler Pechblende, die zu Joachimsthal in Böhmen bergmännisch gewonnen und aus Uranverbindungen verarbeitet wird. Das Ehepaar Curie schloß daraus, daß in den Mineralien irgend ein unbekannter Stoff enthalten sein müsse, der weit stärker radioaktiv ist als das Uran. Und nach zahlreichen schwierigen chemisch-analytischen Prozessen offenbarte sich ihnen eines Tags dieser Stoff wirklich; sie nannten ihn die strahlende Substanz: Radium. Seine Strahlkraft ist Millionen mal stärker als die des Urans. In dem Radium besitzen wir also einen Körper und zwar ein Element, von dem ständig Strahlen ausgehen. Strahlung aber ist Aussendung von Energie. Man hat die Energie des Radiums durch seine Wärmewirkung messen können und dabei gefunden, daß ein Gramm Radiumsalz in der Stunde etwa 100 Kalorien entwickelt, das heißt in dieser Zeit imstande wäre, 100 Gramm Wasser um 1 Grad zu erwärmen. Daraus läßt sich errechnen, daß 6 Kilogramm Radium eine Pferdestärke leisten könnten. Würde Radium also in größeren Mengen zur Verfügung stehen, so könnte man damit Kessel heizen und Maschinen antreiben. Das wäre der idealste Betrieb; denn man könnte tausend Jahre und mehr mit einer einzigen Kesselbeschickung auskommen. Woher aber schöpft das Radium die ihm innewohnende Energie? Erzeugt es sie ohne Zufuhr aus sich selbst? Ist es also nun doch eine Art Perpetuum mobile, dessen Unmöglichkeit die physikalische Lehre des Vielfachen nachgewiesen hat? Die Beantwortungen dieser Fragen enthüllten ein tiefstes Wunder. Auch das Radium ist, nach Weltzeiten gemessen, keine immer sprudelnde Energiequelle. Es macht Energie in Form von Strahlung nur aus dem Grund frei, weil es in seinen kleinsten Teilen ständig zerfällt. Atomzerfall , das ist die große Offenbarung, die das Radium gebracht hat! Ihre Erkenntnis verdanken wir den Forschungen Rutherfords . Ein Stoff geht in den andern über, und bei der Umwandlung solcher Stoffe, die bei diesem Vorgang Strahlen aussenden, 224 entsteht ein anderer Stoff, dessen kleinste Teile einen geringeren Energiegehalt besitzen als die Ursprungssubstanz. Darum kann bei der Umwandlung Strahlungsenergie frei werden. Unter den ineinander übergehenden Stoffen befinden sich aber auch solche, die unzweifelhaft Elemente sind. Deren Unwandelbarkeit, ein unantastbares Dogma der Physik fast noch bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts, kann darum heute nicht mehr behauptet werden. Daß es einst gelingen kann, den alten Traum der mittelalterlichen Alchimisten zu verwirklichen, Blei in Gold zu verwandeln, scheint darum heute garnicht mehr unmöglich. Der durch das Radium uns bekannt gewordene Atomzerfall ist der wahre Stein der Weisen. Freilich dürfte die bei der Umwandlung zu gewinnende Energie sehr viel wertvoller sein als das Gold selbst. Als die Ursprungssubstanz des Radiums, das selbst schon ein Zerfallsprodukt ist, hat man das Uran erkannt. Dieses zerfällt erst in mehreren Milliarden Jahren zur Hälfte – man rechnet in der Radiolehre immer nach solchen Halbzeiten – aber nicht direkt in Radium, sondern in einen Zwischenstoff, das Uran X, welches schon in 22 Tagen zur Hälfte verschwunden ist. Dabei bildet sich das Ionium, dessen Halbzeit wieder 20 000 Jahre währt. Unmittelbares Zerfallsprodukt des Ioniums ist das Radium, dessen Hälfte in 2000 Jahren vergeht. Und die wunderbare Kette der Generationen geht dann weiter. Als erstes Zerfallsprodukt des Radiums erscheint die Emanation, ein Gas, das in vier Tagen zur Hälfte abklingt. Die Emanation läßt bei ihrem Zerfall seltsamerweise ein anderes Element austreten, das Helium, diesen berühmten Stoff, der einstmals zuerst mit Hilfe des Spektroskops in der Sonnenatmosphäre entdeckt und dann später von Ramsay auch in dem Luftmeer der Erde nachgewiesen wurde. (Siehe Abschnitt 167.) Ferner aber liefert die Emanation auch noch sechs weitere bisher mit Sicherheit festgestellte Zerfallsprodukte nacheinander: Radium A, B, C, D, E und F. Jeder dieser Stoffe hat seine eigene ganz bestimmte Halbzeitzahl. Es entsteht die Frage, welches Glied das letzte in dieser zauberhaften Kette ist. Da der Hergang des Zerfalls seit dem Entstehen der festen Erdrinde wahrscheinlich ununterbrochen angedauert hat, so muß der als letzter entstehende Stoff sich in beträchtlichen Mengen abgelagert haben. Nun findet man in allen Uranerzen Blei und umsomehr davon, je höher das geologische Alter der Ablagerung ist. Man hat daraus geschlossen, daß Blei das letzte Umwandlungsprodukt des Urans ist. Es ist hier also ein Element aus dem anderen über eine Kette von Elementen hinweg entstanden. Reines Radiummetall hat noch niemand in der Hand gehabt. Es gibt wohl Möglichkeiten, es zu gewinnen, aber man muß befürchten, daß es durch den 225 Sauerstoff der Luft sehr rasch angegriffen werden, also nicht luftbeständig sein würde. Und diese Gefahr der Zerstörung kann man bei der beispiellosen Kostbarkeit des Stoffs nicht auf sich nehmen. Sein hoher Preis entsteht dadurch, daß die Gewinnung des Radiums aus der Joachimsthaler Pechblende überaus schwer ist. Der Gehalt dieses Minerals an Radium beträgt nur den zehnmillionsten Teil seines Gewichts. Um ein zehntel Gramm Radium zu gewinnen, muß man also 1000 Kilogramm Pechblende verarbeiten. Viele hundert Kristallisationsprozesse sind notwendig, ehe man das Radiumsalz erhält. Da nun noch dazu die Pechblende selbst sehr selten ist, so wird es begreiflich sein, daß ein tausendstel Gramm Radiumsalz 200 Mark kostet. Die Gewinnung größerer Mengen ist überhaupt unmöglich. Aber auch in allerkleinster Masse äußert sich die strahlende Substanz sehr deutlich. Sie sendet drei verschiedene Strahlenarten aus, die Alpha-, Beta- und Gammastrahlen, die sich durch ihre verschiedene Fähigkeit, andere Stoffe zu durchdringen, und durch ihr verschiedenes Verhalten im magnetischen Feld voneinander unterscheiden. Alle haben sie die Eigentümlichkeit, die umgebende Luft leitend zu machen, also durch ihre Anwesenheit ein Elektroskop zu entladen, die gespreizten Plättchen in diesem zum Zusammenfallen zu bringen. Diese Einwirkung ist so stark, daß sie den bekanntlich überaus feinen Nachweis eines Stoffs durch das Spektroskop noch um das Millionenfache übertrifft. „Um von der Empfindlichkeit der elektrometrischen Methode eine Vorstellung zu gewinnen, wollen wir, nach Professor Marckwald, annehmen, daß wir ein tausendstel Gramm Polonium (einer besonders stark radioaktiven Substanz) auf einem Kupferband von der Länge des Äquators elektrolytisch niedergeschlagen hätten. Alsdann würde ein Abschnitt in der Länge von zwei Zentimetern, also der zweitausendmillionste Teil, noch reichlich genügen, um die Radioaktivität am Elektroskop sicher nachzuweisen, und die Zahl der Abschnitte würde ausreichen, um jedem Erdbewohner einen davon zur Anstellung des Versuchs zu überlassen.” Die Radiumstrahlen üben auch physiologische Wirkungen aus. Ihre bakterientötende Kraft ist heute schon erprobt. Aber auch höhere Lebewesen werden in gleicher Weise beeinflußt. Mäuse, Frösche und Meerschweinchen, die man mehrere Tage lang der Bestrahlung aussetzt, sterben unter Lähmungserscheinungen. Frau Curie hat einmal geäußert, daß sie es niemals wagen würde, ein Zimmer zu betreten, in dem sich ein Kilogramm Radium befände. Was wir heute über das Radium wissen, ist nur ein schwacher Anfang. Ein großartiger Wunderquell ist mit seiner Entdeckung aufgeschlossen worden. Wenn es jemals gelingt, den Atomzerfall künstlich zu beschleunigen, dürfte die Menschheit damit eine Energiequelle unerhörter Art besitzen. Erst künftige 226 Geschlechter werden das hohe Geschenk ganz zu würdigen vermögen, das die Natur uns in der Wundersubstanz Radium dargereicht hat. 165. Prophezeiung der Elemente Quelle: A. von Autropoff , Abhandlungen in den Vorträgen der Baltischen Literarischen Gesellschaft. Verlag W. Mellin \& Comp., Riga, 1913. Einige Fachausdrücke sind zuvor kurz zu erläutern. Unter Atomgewicht versteht der Chemiker gewisse Verhältniszahlen, bezogen auf das leichteste Element, den Wasserstoff. Aus der Natur der chemischen Verbindungen findet er z. B., daß das Atom des Kohlenstoffs 12mal, des Stickstoffs 14mal, des Sauerstoffs 16mal usw. schwerer ist als das als Einheit gewählte Atom des Wasserstoffs. Die Zahlen 1, 12, 14, 16 usw. nennt man daher die Atomgewichte dieser Elemente. Mit Hilfe dieser für die bekannten Grundstoffe ermittelten Zahlen lassen sich alle Gewichtsverhältnisse voraussagen, in denen beliebige Elemente zu neuen Stoffen sich verbinden können. Aber diese Aussagen verblassen in ihrem prophetischen Reiz vor einer anderen Prophezeiung, die sich weiterhin aus jenen Zahlen entwickelte. Hier ergab sich etwas ungeheuer Überraschendes in der Entdeckung des Periodischen Systems durch Mendjelejew und Lothar Meyer . Aus ihm stieg im eigentlichen Sinn des Worts ein Zauber hervor, der die Orakel der delphischen Pythia weitaus verdunkelte. Es handelt sich in diesem Periodischen System um eine Tabelle, in der sich neben vielen ausgefüllten Stellen manche unausgefüllte, vorläufig noch nicht besetzbare Stellen befinden. Und gerade diese weißen Flecke, die unausgefüllten Stellen, sollten epochal werden. Sie wurden die Träger der großartigsten Prophezeiungen. Die genannte Tabelle besitzt Vertikalreihen und Horizontalreihen und ergibt dadurch Schachteln, in welche die Elemente nach gewissen, ihren Atomgewichten entsprechenden Regeln in stetiger Folge eingetragen werden. Ein Teil dieser Tabelle sieht etwa so aus: 227 Die Buchstaben sind abkürzende Zeichen für die Stoffe selbst; so bedeutet Ag (Argentum): Silber; Cd: Cadmium; In: Indium; Sb (Stibium): Antimon und so fort. Die Zahlen entsprechen den Atomgewichten der Körper. Die so angeordnete Tabelle birgt aber in ihren trockenen Zeichen einen tief geheimnisvollen Sinn. Von ihr strahlt ein Licht aus über die Familienzugehörigkeit der Urstoffe. Die physikalischen und chemischen Eigenschaften, also diejenigen Eigenschaften, die das Element als Individuum kennzeichnen, sind nämlich genau das arithmetische Mittel zwischen den Eigenschaften seiner horizontalen und vertikalen Nachbarn. Das ergibt zunächst die Möglichkeit, die Eigenschaften eines noch unbekannten Elements im Voraus anzusagen, wenn uns nur sein Atomgewicht genannt wird. Das Periodische System eröffnet aber die noch weit erstaunlichere Möglichkeit, vorauszusagen, was für unbekannte Elemente noch existieren können, und welche Eigenschaften diese haben müssen! Die unbesetzten Stellen in der Tabelle beginnen zu reden und mit welcher Beredsamkeit! Die weißen Flecke melden sich als Propheten und sagen uns: was hier fehlt, ist durch die Nachbarn erratbar, die leere Stelle selbst weist den Weg zum Fund. Den Beweis für diese Prophetenstärke des Periodischen Systems erbrachte Mendjelejew selbst mit voller Treffsicherheit. Die Grundstoffe mit den Atomgewichten 44, 70 und 72 waren damals, als die Tafel zuerst angeordnet wurde, noch unbekannt. Mendjelejew wies auf die Notwendigkeit ihrer Existenz hin und sagte nicht nur alle ihre Eigenschaften voraus, sondern auch diejenigen ihrer chemischen Verbindungen mit anderen Grundstoffen. Im Verlauf einiger Jahre wurden tatsächlich die vorausgesagten Elemente mit allen prophezeiten Eigenschaften gefunden. Wir kennen sie heute als Scandium, Gallium und Germanium. Und gleichzeitig bietet diese Wundertafel die schärfste Kontrolle für sich selbst und für den Entdecker. Ist das Neuentdeckte wirklich elementar, nicht zusammengesetzt, so muß der neue Stoff ein Atomgewicht ergeben, das einem noch freien Platz auf der Tafel entspricht. Diese Probe hat auch das Radium vollkommen bestanden; es paßte mit seinem Atomgewicht von 226 genau an die Stelle, die ihm die Zahl in der Tabelle anwies. Diese Tafel deckt sich von selbst wie das märchenhafte «Tischlein deck' dich«. Nur daß seine Zauberformel anders lautet: »Substanz – entdeck' dich!« 228 166. Flüssige Luft Quelle: Dr. Paul Köthner: »Aus der Chemie des Ungreifbaren«. Verlag von A. W. Zickfeld, Osterwieck-Harz. Es ist ein höchst eigenartiger Körper den man erhält, wenn man die atmosphärische Luft nach dem Verfahren des Professors von Linde verflüssigt. Diese Flüssigkeit sieht milchig getrübt aus, weil Teilchen fester Kohlensäure darin enthalten sind. Filtriert man die Kohlensäure ab, so erhält man eine schwach bläuliche Flüssigkeit. Sie siedet schon bei einer Temperatur von -193 Grad. Gießt man flüssige Luft in einen Becher aus Blei, so sieht man sie zunächst auf einer selbst erzeugten Dampfschicht hin und her tanzen, ohne den Becher zu benetzen. ( Leidenfrostsches Phänomen .) Erst wenn das Blei auf -193 Grad abgekühlt ist, wird es von der Flüssigkeit benetzt. Das so tief abgekühlte Blei gibt beim Anschlagen einen Klang wie eine silberne Glocke. Ein glimmender Spahn brennt, wenn man ihn in flüssige Luft taucht, hell auf. Alkohol, der »schon« bei -112 Grad erstarrt, wird in flüssiger Luft sofort zäh und dickflüssig und schließlich klingend hart wie Glas. Ein weicher Gummischlauch wird so hart, daß man ihn mit einem Hammer in Stücke schlagen kann. Die Splitter werden, wenn sie wieder gewöhnliche Temperatur angenommen haben, von neuem vollkommen elastisch. Ein mit flüssiger Luft durchtränkter und mit Kohlepulver durchstäubter Wattebausch brennt nach dem Anzünden wie Schießbaumwolle; er läßt sich durch Knallquecksilber zur Explosion bringen. Mit seinem Kohlenpulver durchmischte flüssige Luft wird daher heute schon häufig als Sprengstoff benutzt. Die Luft läßt sich ferner auch in den dritten Aggregatzustand überführen. Wie andere feste Gase, von denen feste Kohlensäure wohl das bekannteste ist, gibt es auch feste Luft . 167. Aus der Luft gegriffen Quelle: Dr. Paul Köthner: »Aus der Chemie des Ungreifbaren«. Verlag von A. W. Zickfeld, Osterwieck-Harz. Hunderttausende von Jahren atmet vermutlich die Menschheit schon die Luft der Erde. Aber erst in den allerletzten Jahrzehnten ist dieses wunderbare Gasmeer, von dem wir alle umgeben sind, das unser Leben erst ermöglicht, ganz erforscht worden. Den früheren Jahrhunderten war die Luft kein Problem gewesen. Man hielt sie für ein einfaches Element gleich dem Wasser, dem Feuer, der Erde. Erst im siebzehnten Jahrhundert wies der große Brüsseler Arzt und Alchimist van Helmont darauf hin, daß die Luft aus zwei Bestandteilen zusammengesetzt sein müsse und noch viel später, 1774 erst, gelang Priestley und Scheele der 229 Nachweis, daß die Bestandteile der Luft Sauerstoff und Stickstoff seien. Bald waren diese Entdeckungen nun Gemeingut der ganzen wissenschaftlichen Welt. Man fand dann bei genaueren Untersuchungen noch, daß die Luft außer den beiden Hauptgasen geringe Beimengungen von Kohlensäure und Wasserdampf enthalte, aber die Kenntnis von der physikalischen und chemischen Zusammensetzung der Luft hielt man schon im vorletzten Jahrzehnt des vergangenen Jahrhunderts für abgeschlossen. Da geschah etwas Unerwartetes. 1894 fanden die englischen Forscher Rayleigh und Ramsay mit Hilfe der Spektralanalyse ein neues Element in der Luft. Sie nannten es Argon , das Träge, weil es mit keinem der bekannten Stoffe Verbindungen eingeht. Es ist auch für keinen unserer Sinne wahrnehmbar. Seine physiologische Wirkung wie seine biologische Bedeutung sind unbekannt. Und nicht genug damit. Beimengungen, die das ursprünglich als reines Argon betrachtete Gas gehabt hatte, stellten sich als drei weitere neue in der Luft enthaltene Elemente heraus. Sie erhielten die Namen Neon (das Neue), Krypton (das Verborgene) und Xenon (das Fremde). Auch damit war man noch nicht am Ende. 1868 hatte der französische Astronom Jannsen bei der Beobachtung einer Sonnenfinsternis in Ostindien im Spektroskop die Linien eines Gases gesehen, das auf der Erde unbekannt war. Man nannte es damals Helium von Helios = Sonne. Auch dieses Gas ist inzwischen als normaler Bestandteil in der atmosphärischen Luft gefunden worden, sodaß diese also mindestens fünf verschiedene Edelgase in sich birgt. Daß man diese Beimengungen nicht schon früher aus der Luft gegriffen hat, wird verständlich durch den Umstand, daß in 1 Kubikmeter Luft nur 0,05 Kubikzentimeter Krypton und nur 0,06 Kubikzentimeter Xenon enthalten sind. 168. Allvater Teer Quelle: Professor Dr. Ing. h. c. Launhardt: »Am sausenden Webstuhl der Zeit«, 23. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1910. Z. In der Abteilung dieses Buchs, die über die mystischen Wunder handelt, ist manches verblüffende Zauberkunststück erwähnt. Meistens handelt es sich hier um die sehr geschickte Täuschung einer gläubigen Gemeinde. Es gibt aber auch eine wirkliche Zauberei, es existiert sogar eine ganze, sehr ernste Gelehrtenzunft, die fortwährend die großartigsten Zauberkunststücke vollbringt. Aus schädlichen und widerlichen Stoffen wird hier im Handumdrehen Nützlichstes hergestellt, Unscheinbares verwandelt sich mit einem Schlag in köstlichen Besitz, Stoffe 230 verändern jäh ihre Form, ihre Farbe, ihre Art, werden in überraschender Weise plötzlich etwas ganz anderes, als sie eben gewesen. Und diese Zauberei geht ohne geheimnisvolles Murmeln, ohne Anwendung magischer Formeln und Bücher ganz offen und sichtbar im wissenschaftlichen Laboratorium vor sich. Die Chemiker sind die wahren modernen Zauberer. Was sie vollbringen, übertrifft alles, was einst im dunkeln Mittelalter als tiefstes Wunder angestaunt wurde. Wir wollen hier aus dem großen Zauberkabinett der Chemie nur ein Beispiel geben: die erstaunliche Gewinnung einer großen Anzahl der verschiedenartigsten Stoffe aus einer unscheinbaren Substanz, dem Teer. Diese schwärzliche Masse ist unter den Händen der modernen Wissenschaft zu einem wahren Wohltäter der Menschheit geworden. Was man alles aus Teer gewinnen kann, hat der Professor an der technischen Hochschule zu Hannover, Dr. Ing. Launhardt , in seinem prächtigen Buch »Am sausenden Webstuhl der Zeit« in sehr übersichtlicher Weise zusammengestellt. Launhardt führt uns in eine Gewerbeausstellung. »Da ist ein schöngelber Zeugstoff ausgestellt. Er ist mit Pikrinsäure gefärbt. Pikrinsäure, die auch einen wesentlichen Bestandteil des neuen rauchschwachen Schießpulvers bildet, wird aus Steinkohlenteer gewonnen. Daneben befindet sich ein Schrank, der eine Zusammenstellung verschiedenfarbiger Seidenstoffe enthält. Dieses leuchtende Rot, dies brennende Fuchsin, dies zarte Himmelblau, dies saftige Grün, dies tiefe Schwarz, das sind alles Anilinfarben, die nach der Erfindung des Professors Hoffmann aus Steinkohlenteer hergestellt werden. Eine andere Zusammenstellung gleich schöner Stoffe ist mit Alizarinfarben gefärbt, die nach der Erfindung Liebermanns ebenfalls aus Steinkohlenteer dargestellt werden. Der unangenehme Geruch, der sich in der Nähe dieser Stoffe geltend macht, rührt von Naphtalin her, das man zum Schutz gegen Motten eingestreut hat. Dies wirksame Mottengift gewinnt man aus Steinkohlenteer. Ebenso widerwärtig empfindet man den Geruch nach Karbolsäure, mit der man zur Desinfizierung den Fußboden besprengt hat, und die auch aus Steinkohlenteer erhalten wird. Weniger lästig für den Geruchsinn wäre es wohl gewesen, wenn man zur Desinfizierung Salizylsäure verwendet hätte, die nach der Erfindung des Professors Kolbe ebenfalls aus Steinkohlenteer gewonnen wird. Salizylsäure findet auch in der Heilkunde wirksame Verwendung. Ein anderes Heilmittel, das Antipyrin, das seinem Erfinder Dr. Knorr große Summen einbrachte, wird gleichfalls aus Steinkohlenteer verfertigt. Ebenso das Phenazetin, das manche für wirksamer gegen Kopfschmerzen halten als das Antipyrin. In einem anderen Raum der Ausstellung, in dem Seifen, wohlriechende 231 Öle und andere Wohlgeruchsmittel ausgestellt sind, scheint der Besucher einem Übermaß von Blumenduft ausgesetzt zu sein. Doch alle diese Wohlgerüche sind, fast ohne Ausnahme, aus Steinkohlenteer destilliert. Es findet sich auch Gelegenheit, eine Erfrischung einzunehmen, ein Glas Eis und ein Stückchen Kuchen. Der Kuchen ist wahrscheinlich mit Saccharin gesüßt. Es ist der stärkste bekannte Süßstoff, der 300mal süßer als Zucker ist, sodaß man mit ein oder zwei Messerspitzen voll so viel erreicht wie mit einem Pfund Zucker. Saccharin gewinnt man aus Steinkohlenteer. Hiernach sollte man denken, man könnte alles aus Steinkohlenteer herstellen. Nun, nicht gerade alles, aber doch noch sehr viel mehr, als was hier angeführt wurde. So zum Beispiel noch das Ammoniak, das so manche gewerbliche Verwendung findet. Die Auffindung der meisten dieser aus dem Steinkohlenteer ausgeschiedenen chemischen Stoffe stammt aus den letzten zwei Dritteln des neunzehnten Jahrhunderts. Das ist begreiflich, da der Steinkohlenteer ein Rückstand der Gaserzeugung ist, die allgemeine Verbreitung erst während der letzten zwei Menschenalter gefunden hat. 169. Staub. Quelle: Professor Dr. Otto N. Witt: »Narthekion«. Verlag von Rudolf Mückenberger, 1901. Z. Jahrtausende lang hat sich die Menschheit mit dem Staub herumgeplagt, ohne sich – in ähnlicher Nachlässigkeit wie bei der Luft – die Frage vorzulegen, was denn diese abscheuliche, allgegenwärtige Substanz eigentlich sei. „Der Erste, der sich methodisch mit ihr befaßt und dadurch berechtigten Ruhm geerntet hat, war Ehrenberg , der Schützling und gelegentliche Reisegefährte des großen Alexander von Humboldt. Sein ganzes Leben lang hat er Staubproben untersucht, die er an den verschiedensten Orten sammeln ließ, und seine zahllosen, in den Abhandlungen der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin veröffentlichten Aufsätze »Über das unsichtbare von der Atmosphäre getragene organische Leben« sind ein schönes Denkmal unermüdlichen Forscherfleißes. Das Wichtigste, das die Neuzeit den Ehrenbergschen Untersuchungen hinzugefügt hat, ist die Erkenntnis, daß der atmosphärische Staub als nie fehlende Bestandteile die Keime der Organismen der Gärung und Fäulnis und nicht selten auch diejenigen von Krankheitserregern enthält. Der gewöhnliche Staub besteht aber noch nicht zum tausendsten, ja vielleicht noch nicht zum hunderttausendsten Teil aus solchen Keimen. Dem Gewicht nach weitaus die Hauptmenge des Staubs bilden Dinge 232 ganz anderer Art. Feinst verteilte Mineralien, Quarz, Ton, Glimmer und dergleichen, der richtige Erdstaub, wie er sich bei der Bearbeitung des Bodens, bei der Benutzung der Straßen durch Fußgänger und Gefährte, beim Wühlen des Winds in lockerem Boden bildet, fehlen in keinem Staub und sind die Ursache, daß er beim Reiben knirscht und polierte Flächen jeglicher Art allmählich matt macht. In Fabrikbezirken und großen Städten ist Ruß einer der Hauptbestandteile des Staubs, der dann weit dunkler erscheint, als der Staub ländlicher Bezirke. Im Winter ist, wie wohl schon Jedermann bemerkt haben wird, der Staub schwärzer als im Sommer, weil alsdann durch den Betrieb einer größeren Anzahl von Feuerungen mehr Ruß produziert und gleichzeitig durch Schnee und Regen die Aufwirbelung von Straßenstaub verringert wird. Neben diesen anorganischen Gebilden finden wir im Staub viel Organisches, insbesondere Fäserchen, wie sie durch das Abtragen von Kleidungsstücken aller Art hervorgebracht werden. Das Unansehnlichwerden unserer Kleidung beruht auf einem Abscheuerungsprozeß, der ununterbrochen vorwärtsschreitet und in einem fortwährenden Materialverlust besteht. Die zarten Fäserchen, die sich dabei von unseren Gewändern loslösen, schweben lange in der Luft, mischen sich dem übrigen Staub bei und bewirken dessen lockere, wollige Erscheinung in ruhenden Schichten. Sehr interessant sind die bloß zu gewissen Jahreszeiten auftretenden Staubbestandteile. Der Forscher, der mitten in der Stadt eifrig mit mikroskopischen Arbeiten beschäftigt ist, kann ganz genau den Moment erkennen, wenn draußen im Wald die Fichten zu blühen beginnen. Dann erscheinen plötzlich auch im städtischen Staub die charakteristischen, hantelförmig gestalteten Pollenkörner der Koniferen. In der gleichen Weise macht sich das Blühen gewisser Gräser auf weite Entfernungen hin bemerkbar.” Der Staubgehalt der Luft ist sehr wechselnd. Aitken fand in freier Luft bei Regen in einem Kubikzentimeter 32 000 Staubteilchen, bei schönem Wetter 130 000, in Zimmerluft 1 860 000, an der Zimmerdecke 5 420 000, aber auf dem Gipfel des Rigi nur 210 Staubteilchen in der gleichen Luftmenge. 170. Das ewige Pendel Man legt eine Kugel auf eine feste, ebene, vollkommen wagerechte Unterlage, etwa auf einen ideal gearbeiteten Marmortisch, nahe am Rand. Was wird die Kugel beginnen? 233 Allgemeine Antwort: sie wird ruhig liegen bleiben. Widerlegung durch das Wunderbare: die Kugel fängt an sich zu bewegen, verfolgt langsam, dann geschwinder eine gradlinige Bahn, kehrt wieder um und setzt diese pendelnde Bewegung bis in alle Ewigkeit fort. Sie kommt nie wieder zur Ruhe. Zur Erklärung diene folgendes. Was wir landläufig eine Ebene nennen, ist in Wirklichkeit Teil einer Kugelfläche von äußerst geringer Krümmung, entsprechend den Ausmaßen unserer Erde, deren Wölbung wir ja auch nicht direkt wahrnehmen. Ein mathematisch ebener Marmortisch wird mithin eine von der Kugelfläche abweichende Figur zeigen, und das Experiment gewinnt sonach, in Vergrößerung, nachstehende Form: Die auf die Platte gelegte Kugel unterliegt der Schwerkraft in Richtung der punktierten Linie, die sie nach dem Mittelpunkt der Erde zieht. Da sie aber diesem Zuge nicht zu folgen vermag – daran hindert sie die starre Unterlage – so verwandelt sich der Antrieb nach einem Grundgesetz der Mechanik in einen horizontalen: die Kugel in a folgt der Richtung des Pfeils, erreicht im Mittelpunkt des Tischs eine Gleichgewichtslage, schießt aber infolge der erlangten Beschleunigung darüber hinaus bis zum entsprechenden Punkt b, beginnt dort ihr Spiel von neuem in umgekehrter Richtung und pendelt so fort als das denkbar einfachste Perpetuum mobile . Die Dauer eines Hin und Herwegs beträgt etwa 2½ Stunden, ganz unabhängig von der Größe der Platte und der Länge der Wanderung. Außer der mathematisch genauen Ebene wird natürlich vollkommene Reibungslosigkeit vorausgesetzt; der Kugel dürfte sich auch kein Luftwiderstand entgegenstellen. Da diese Bedingungen nicht zu verwirklichen sind, so läßt sich das Experiment in der Praxis niemals anstellen. Aber für die reine Anschauung behält es als ein Muster ewiger Bewegung seine Gültigkeit. 171. Das Kanalpendel Als ein Seitenstück zur schwingenden Kugel auf der Idealebene (siehe den vorhergehenden Abschnitt) stellt sich ein anderes Pendel ohne Faden und ohne Aufhängungspunkt dar. 234 Will man es herstellen, so muß man einen Schacht bohren, geradlinig bis zum Erdmittelpunkt und darüber hinaus bis zur Gegenseite unseres Erdglobus. Jeder in diesen Schacht fallende Schwerkörper wird dann zum Kanalpendel. Er fällt mit wachsender Geschwindigkeit hinab, steigt dann verzögert wieder aufwärts bis zum Tageslicht der entgegengesetzten, der Antipoden-Seite, kehrt alsdann um und wiederholt diese Bewegung bis ins Unendliche. An dem Erfolg dieses Pendelexperiments läßt sich nicht zweifeln. Aber die Vorbereitung muß doch als recht schwierig und umständlich bezeichnet werden. 172. Die Augen-Orgel Quelle: Alexander Moszkowski: »Die Kunst in tausend Jahren«. Verlegt bei Alfred Kröner, Berlin, 1910. Die Schwingungszahlen von 32 bis 32000 in der Sekunde bezeichnen das Reich der Töne. Von hier aus bis zu den Erscheinungen des Lichts klafft eine ungeheure Lücke, denn die am langsamsten schwingende Farbe, das Rot beginnt bei etwa 400 Billionen Schwingungen. Am Ende der Reihe im Farbenspektrum liegt das Violett mit etwa 800 Billionen Schwingungen, sodaß sich die Skala der sichtbaren Farben im Raum einer einzigen Oktave abspielt. Man hat oft versucht in dieser Oktave einen Wechsel der Farben zu erzeugen, um dadurch künstlerische Reizungen nach Art der musikalischen hervorzurufen. Und wie in allen Kunstangelegenheiten ist auch in der Darstellung der Farbenakkorde die Praxis der Theorie vorangeeilt. Schon im Jahre 1725 verfertigte der Pariser Jesuit Castel eine »Augen-Orgel«, auf der kombinierte Farben durch einen Tastenmechanismus angeschlagen wurden. Der beabsichtigte Kunsteffekt wollte sich allerdings nicht einstellen. Auch dem verbesserten Farbenklavier von Rueta ist es nicht gelungen, die farbigen Akkorde im Raum zu einer sinnlich erfaßbaren, in der Zeit fortschreitenden Melodie umzubilden. Indes mehrt sich die Zahl der Beurteiler, die hierfür nur die mangelhafte Konstruktion des Apparats verantwortlich machen wollen. Gewisse Anzeichen aus der modernen Malerei deuten ferner darauf hin, daß das menschliche Auge selbst im Beginn einer neuen Entwicklung steht, die weiterhin eine gesteigerte Empfänglichkeit im Sinn der farbmelodischen Linie zeitigen könnte. Verwirklicht sich dereinst diese Aussage in Verbindung mit Instrumenten, die eine Lichtschrift in wirklichen Farbenwogen schlüssig hervorbringen, dann hätten wir tatsächlich eine neue Kunst gewonnen, deren Reiz und Bedeutung heute kaum geahnt werden kann. Die Enge der zuvor erwähnten Oktave wird kein Hindernis bilden. Denn 235 inzwischen ist eine Menge neuer Strahlen entdeckt worden, die das Lichtklavier mächtig verbreitern: die aus dem Radium entspringenden Alpha-, Beta-, Gamma-Strahlen, die Kanalstrahlen, die Reststrahlen, die Röntgenstrahlen und andere. Über das Ultraviolett und Infrarot hinaus ergaben sich zunächst 2, dann 8, später 12 Oktaven, und mit Einrechnung der Röntgenstrahlen spannt sich die Skala bereits auf die mächtige Breite von 22 Oktaven. Dem entspräche, ins Musikalische übersetzt, ein Konzertflügel von mehr als vier Metern Breite, ein Koloß, auf dem gleichzeitig d'Albert, Rosenthal und Busoni konzertieren könnten, ohne einander mit den Ellbogen zu stören. Der Flügel ist sonach überflügelt, und die optischen Möglichkeiten sind reichlich bemessen. Nur das Auge verhält sich noch etwas rückständig; es wird allerlei umlernen und hinzulernen müssen, ehe ihm das Spiel auf den 22 Strahloktaven einen künstlerischen Genuß bringen kann. 173. Mumienkeller Quelle: Professor Dr. Otto N. Witt: »Narthekion«. Verlag von Rudolf Mückenberger, 1901. Z. In Bremen gibt es außer dem berühmten Ratskeller noch einen andern unterirdischen Raum, der in hohem Grad des Besuchens wert scheint. Es ist der Bleikeller unter dem alten, zum Teil aus dem elften Jahrhundert stammenden Dom. Vor Jahrhunderten sollen darin die Bleitafeln gegossen worden sein, mit denen das Dach des Doms gedeckt wurde. Dieser Keller hat die eigenartige Fähigkeit, hineingelegte Leichen vor der Verwesung zu bewahren. Es liegt hier in offenen Särgen eine Anzahl Toter, meistens fremde und unbekannte, die vor Jahrhunderten in Bremen gestorben sind; noch jetzt sind ihre Züge unversehrt, die Körper wohl erhalten, wenn auch gänzlich ausgetrocknet. Der Keller bewährt seine antiseptische Kraft noch heute, denn neuerdings hineingelegte Tierleichen, wie tote Hühner, Spatzen, Hunde, Papageien, Ratten bleiben in ähnlicher Weise erhalten. Die oft angegebene Erklärung, die seltsame Wirkung des Kellers sei dadurch entstanden, daß die Wände von jenem mittelalterlichen Bleigießen her mit arsenikalischen Dämpfen gesättigt seien, ist nicht stichhaltig. Denn es gibt andere Keller von gleicher Kraft, in denen niemals Blei gegossen worden ist. Garnicht weit von Bremen in dem Dorf Achim soll sich ein zweiter solcher Mumienkeller befinden, und in der Nähe von Bonn, auf dem Venusberg, liegt ein altes Kloster, das ebenfalls seine Toten unversehrt in einem Keller aufbewahrt. Im Kirchenkeller der alten esthländischen Seestadt Hapsal liegt seit 200 Jahren 236 wohlerhalten die Leiche eines französischen Chevaliers, dem einst seine vielen Gläubiger ein ehrliches Begräbnis versagten. Und in Kiew gar findet man die berühmten Katakomben, in denen die mumifizierten Toten reihenweis aufwärts an den Wänden stehen – die Heiligen von Kiew, zu denen fromme Pilger beten. Die Ursache der Fäulnisverhinderung in diesen Räumen ist wissenschaftlich nicht ergründet. Und das ist recht bedauerlich, denn sonst könnte man statt der teuren Kühlräume und Eiskeller, die noch dazu die Fäulnis nur verzögern, aber nicht aufheben, solche antiseptischen Keller zur Aufbewahrung von Nahrungsmitteln verwenden. „Wäre uns das Geheimnis der antiseptischen Keller bekannt, so würde sich, wie Otto N. Witt bemerkt, wohl der Versuch lohnen, Patienten mit ansteckenden Krankheiten auf einige Zeit in solchen Räumen unterzubringen. Wer kann sagen, ob sich ihre Heilkraft nicht vielleicht ebenso groß erwiese wie die der bakterienfreien Luft von Davos, Heluan oder Lappland?” 174. Wie platzt eine Bombe? Quelle: Alexander Moszkowski , gleichnamiger Aufsatz in der Naturwissenschaftlichen Rundschau des »Tag« vom 28.6.1916. Z. „Man kann diese Frage im ersten Anlauf verschieden beantworten: sie platzt, wie sie will, regellos, nach Willkür des Zufalls, oder auch: sie unterliegt den explodierenden Kräften, die sie je nach den Widerständen des Metallmantels auseinanderreißen. So oder so: der Zusammenhang ist gelöst, und wenn die Bombe bis zum Augenblick der Sprengung an eine bestimmte Flugbahn gebunden war, so verfolgen die einzelnen Sprengstücke nunmehr ihre eigenen Wege; nichts hält sie mehr zusammen. Es wird sich das Überraschende ergeben, daß diese Ansicht den Tatsachen widerspricht, daß die einzelnen Sprengstücke einen genau nachweisbaren Zusammenhang bewahren; ja, noch mehr: daß sie in gewissem Sinn die ursprüngliche Flugbahn fortsetzen. Die Mechanik bewirkt hier etwas anscheinend ganz paradoxes: die Explosion, die den Mantel zerreißt, ist nicht imstande, die Flugbahn zu zerstören, im Gegenteil: sie erhält sie mit peinlicher Genauigkeit und zwingt die zerstreuten Teile, ihr zu gehorchen. Und hieraus wird weiterhin folgen: die Bombe kann garnicht nach unbedingter Willkür platzen. Nur ein Bruchteil des geometrisch Denkbaren wird auch mechanisch möglich. Stellen wir uns einen Kriegsmaler vor, der die in der Luft platzende Bombe darstellt. Oft genug ist dieser Vorgang mit Stift 237 und Pinsel festgehalten worden, und jeder einzelne Fall entspricht gewiß dem allgemeinen Kriegsbild, wie es dem Künstler aus Anschauung oder Phantasie vorschwebt. Auch der Beschauer wird in der Regel nichts daran auszusetzen finden. Und doch kann man mit größter Bestimmtheit behaupten: so wie es sich im Bild darstellt, ist es in der Natur unmöglich. Es wäre der unwahrscheinlichste Zufall von der Welt, wenn der Maler gerade diejenige Anordnung getroffen hätte, die von der unfehlbaren, auf ganz Bestimmtes gerichteten Mechanik den Sprengstücken vorgeschrieben wird. Wenn es im »Faust« heißt: »Die Hölle selbst hat ihre Rechte« – so behält dieses Wort im Fegefeuer sausender Granaten seine Gültigkeit; das zugrunde liegende Gesetz erstreckt sich auf alles, was geworfen, geschleudert, geschossen, gefeuert wird. Es lautet ganz einfach: Der Schwerpunkt bleibt unter allen Umständen erhalten. Platzt das Projektil in der Luft, so hört der Schwerpunkt darum nicht auf zu existieren. Er besteht vielmehr unverändert zu Recht, als ein wissenschaftlich zu bestimmender Punkt im Raum; außerhalb der einzelnen Splitter, aber nicht außerhalb ihrer Gesamtheit. Und dieser Schwerpunkt fährt fort, die dem Geschoß ursprünglich eingeprägte Bahn zu beschreiben. Danach haben sich die Stücke auch nach der Lösung ihres materiellen Zusammenhangs unweigerlich zu richten. Man kann auch hier wie bei dem Rosen- und Palmenwunder im Abschnitt 85 von einem »vielfach zerteilten Individuum« sprechen. Die Stücke dürfen also keine Sonderbahnen einschlagen, die dem gemeinsamen Schwerpunkt sein Vorhaben vereiteln. Sie bleiben korrespondierende Mitglieder unter dem Zwang eines Statuts, das ihnen die einzige Verpflichtung auferlegt: für das ungehinderte Fortkommen ihres Schwerpunkts zu sorgen. Man kann sich der Sache bildlich durch ein Gleichnis nähern, das zwar wie alle Gleichnisse hinkt, aber doch eine gewisse Anschaulichkeit gewährt, wie bei Gellert der Hinkende auf dem Rücken des Blinden. Eine zu bestimmten Zwecken tagende Gesellschaft, eine Generalversammlung, wird durch ein unvorhergesehenes Ereignis auseinandergesprengt, etwa durch ein plötzlich ausbrechendes Feuer. Die Mitglieder stieben auseinander, bleiben aber durch die Interesseneinheit auch ferner verbunden: ihr gemeinsamer Schwerpunkt wird durch die örtliche Zersprengung des Augenblicks weder vernichtet noch verschoben. Selbst wenn das Tagungsprotokoll verbrannt wäre, würde das Gedächtnis der Versprengten ausreichen, um diese Einheit aufrechtzuerhalten. So besitzen auch die Sprengkörper der Granate ein Gedächtnis für ihre ursprüngliche Einheit, für den gemeinschaftlichen Schwerpunkt; nach Aristotelischer Auffassung: sie »suchen« ihre Stelle. Sie bleiben Teile eines Systems 238 wie die Planeten, Kometen und Meteore des Sonnensystems, das sich als Ganzes nach einem bestimmten Punkt im Weltenraum, nämlich nach dem Sternbild der Leier hin bewegt. In dieser Bewegung scheint Willkür zu herrschen, da der Momentwille eines Monds, einer einzelnen irrenden Sternschnuppe ganz gewiß nicht der großen Hauptrichtung entspricht. Aber ein geheimer Zwang bändigt auch diesen Eigenwillen der Splitter. Sie alle zusammen verharren unter der Diktatur ihres gemeinsamen Schwerpunkts, und dieser bewegt sich auf unverrückbarer Linie nach dem Sternbild der Leier. Es gibt in solchen Systemen keine grundsätzliche Trennung. Der gemeinsame Schwerpunkt bleibt in der Luft, im Äther, im leeren Raum und zwar genau dort, wo er läge, wenn unsichtbare, schwerelose, aber feste Stäbe zwischen den Splittern trotz aller Entfernung ihre Einheit aufrechterhielten. Vergegenwärtigen wir uns den Vorgang an dem schematischen Beispiel einer fliegenden Bombe. Ihre Bahn ist – bei vernachlässigtem Luftwiderstand – eine Parabel, die je nach der Stellung des Geschützes steiler oder flacher ausfällt. Für eine kurze Strecke können wir die Krümmung der Bahn außer acht lassen, sie also als eine gerade Linie auffassen, in deren einem Punkt B sich die Bombe befindet: Jetzt erfolgt die Explosion; die Bombe ist zerstört, und die Splitter zerstieben nach verschiedenen Richtungen. Als solche denken wir uns, um einen Elementarfall aufzustellen, zwei größere Massen N und eine winzige m in folgender Anordnung: Und wir fragen: kann die Bombe so platzen? Ein ersichtlicher Gegengrund scheint zunächst nicht vorzuliegen. Die Besonderheit des Geschosses, seines Metallgefüges und seiner Sprengladung müssen unter unendlich vielen Formen der Zersplitterung doch auch diese ermöglichen. Aber hier meldet sich das vorgenannte, von Newton zuerst aufgestellte Gesetz: die Bombe darf das nicht! Und weil dies Gesetz ihren Eigentrieben und jedem Zufall überlegen ist, so bleibt der Bombe nichts übrig, als nach einer anderen, mit dem Gesetz verträglichen Methode zu zerspringen. Denn im bezeichneten Fall würde der gemeinsame Schwerpunkt infolge des Übergewichts der beiden größeren Sprengteile unter die Schußlinie gedrängt werden, und das verstößt gegen sein Programm. Er selbst besteht zwar nur in 239 der Idee, als ein wesenloser Punkt im Raum, aber als unverschiebbares Leitmotiv beherrscht er das ganze System mit der Forderung: die ursprüngliche Parabel wird fortgesetzt! Und sein Wille bleibt solange souverän, bis ein Sprengstück an der Erde, an einer Mauer oder sonstwo auf ein äußeres Hindernis stößt. Und so gelangen wir von der zerschmetternden Wirkung eines Sprengkörpers wenigstens insofern zu einem guten Ergebnis, als wir in dem Maximum der Unordnung, die eine Explosion anrichtet, doch noch eine Ordnungsregel entdecken. Grund genug, um sich des Worts von Leonardo da Vinci zu erinnern: die Mechanik ist das Paradies der mathematischen Wissenschaften, denn durch sie kommt man zur mathematischen Frucht.” 175. Diamanten im Schiffspanzer Quelle: Professor Dr. Inh. h. c. Adolf Slaby: »Glückliche Stunden, Entdeckungsfahrten in den elektrischen Ozean«. Verlag von Bernhard Simion Nf., Berlin, 1908. Z. Jedes moderne Schlachtschiff stellt einen Wert von vielen Millionen dar. Vielleicht gewährt es den Staaten, die sich solche Kolosse in größerer Zahl anschaffen müssen, einen Trost, daß diese nicht nur gewaltige Maschinen und Kanonen bergen, sondern auch Edelsteine in solcher Zahl, daß das Grüne Gewölbe von jedem einzelnen Dreadnought weit übertroffen wird. Man weiß das freilich erst, seitdem der Franzose Moissan seine erfolgreichen Versuche zur Herstellung künstlicher Diamanten gemacht hat. In dem großen Meteor, das im Canon Diablo gefunden wurde, hatte man kleine, im Eisen gebettete Diamanten gefunden. Moissan folgerte im Anschluß an Vorgänge bei der technischen Herstellung von Eisen, daß die Diamanten in dem Meteoreisen durch Kristallisation unter hohem Druck entstanden seien. Das Meteor wurde als glühende, mit Kohlenstoff gesättigte Eisenmasse von einem Planeten losgelöst und in den kalten Weltenraum geschleudert. Dabei hat eine plötzliche Abkühlung stattgefunden, die äußere Kruste verhärtete sich, und bei der weiteren Abkühlung entstand im Innern des gepanzerten Körpers ein sehr starker Druck. Unter diesem Druck kristallisierte der Kohlenstoff in Gestalt von Diamanten. Moissan hat dann „diesen Prozeß künstlich nachzuahmen versucht, indem er im elektrischen Lichtbogen Eisen in Gegenwart von Kohlenstoff schmolz und dieses mit Kohlenstoff gesättigte Eisen tunlichst schnell abkühlte. Er bildete Tropfen, die er abfallen ließ, und zwar zuerst in Wasser, später auf Quecksilber oder Eisen. Dadurch wollte er eine schnelle Oberflächenkühlung herbeiführen, sodaß die äußere Haut erstarrte, während der innere Kern eine Zeit lang noch flüssig blieb. 240 Als er diese Tropfen untersuchte, konnte er darin tatsächlich Diamanten nachweisen. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, daß in jedem harten Eisen Diamanten vorhanden sind. In den Panzerplatten der Kriegsschiffe befinden sich Milliarden von Diamanten; es ist sogar anzunehmen, daß die Härte des Stahls überhaupt nur von diesen Diamantsplittern herrührt.” Zur Herstellung von Schmuckstücken sind solche Diamanten freilich wenig geeignet, da sie überhaupt nicht mit bloßem Auge, sondern nur bei starker Vergrößerung zu erkennen sind. 176. Die kostbarsten Diamanten Quelle: Brockhaus' Konversations-Lexikon. Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig. Der Orlow (195 Karat), der die Spitze des russischen Szepters bildet, wurde 1794 für eine Leibrente von 4000 Rubel und die Barsumme von 450 000 Rubel nebst einem Adelsbrief von der Krone gekauft, nachdem er vorher das Auge einer Brahmastatue gewesen war. Der Schah (86 Karat), ebenfalls in russischem Kronbesitz, hat noch einige seiner natürlichen Kristallflächen bewahrt und trägt auf den geschliffenen Flächen persische Inschriften. Der Florentiner oder Toskaner (139½ Karat) wurde von Karl dem Kühnen in der Schlacht von Granson verloren und befindet sich gegenwärtig im Schatz des Kaisers von Österreich; er ist sehr rein, weingelb und wird auf über 2 Millionen Mark geschätzt. Dem britischen Kronschatz gehört der Kohinoor ; er wurde durch Umschleifen des weit größeren Großmogul gewonnen und wiegt seit dieser in Amsterdam bewirkten Schleifung nur noch 106 Karat. Der größte brasilianische Diamant, der Südstern , wog ursprünglich 254 Karat und hat jetzt, zum Brillanten verarbeitet, nur noch 125. Der Regent von 136 Karat und 12 bis 15 Millionen Franken Wert, auch Pitt genannt, befindet sich im Louvre. Der zu Jagersfontein im Oranje-Freistaat gefundene Excelsior wiegt 971¾ Karat. Der größte aller existierenden Diamanten, der Cullinan , wurde kurze Zeit nach dem Burenkrieg in Transvaal gefunden und der englischen Krone von den niedergeworfenen Buren als Versöhnungszeichen gestiftet. Über sein Gewicht liegen genaue Angaben nicht vor; er soll aber den Kohinoor um das vielfache übertreffen und nach Karaten gemessen in die Tausende reichen. 241 Die Schätzung des Werts geschah früher nach der indischen Quadratregel, das heißt, es wurde der einzelne Karatwert mit der zum Quadrat erhobenen Karatanzahl multipliziert. Diese Regel hat ihre Gültigkeit verloren, da heute über 15 Karat hinaus Liebhaberpreise gelten. Das Einzelkarat wurde 1900 zu etwa 600 Mark angenommen und dürfte seinen Wert in letzter Zeit noch erhöht haben. Wäre die vorgenannte Quadratregel noch in Übung, so würde der Cullinan dem Wertmaß nach vielleicht an die Milliarde heranreichen. 177. Gold im Wasser Quelle: Professor Dr. Karl Scheid: »Die Metalle«, 29. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1907. Wie zum Spott und Hohn für die Menschheit hat die Natur jenes Metall, das am heißesten begehrt, am leidenschaftlichsten umworben wird, um deswegen Reiche zerschmettert, Städte verwüstet, Menschen getötet, alle erdenklichen Verbrechen begangen wurden, in die Tiefe der Erde versenkt. Man nimmt heute an, daß das Gold infolge seines hohen Gewichts nach unten sank, als die Erdrinde noch flüssig war. Dem Menschen wäre es dort unten wohl für immer entrückt geblieben, wenn es nicht, im Wasser der Quellen gelöst, allmählich wieder an die Oberfläche geschafft würde. Im überhitzten Wasser der unterirdischen Quellen ist Kieselsäure enthalten. Diese löst Gold auf. Manche heißen Sprudel bringen die gelöste Kieselsäure sogar bis an die Erdoberfläche und laden sie als Kiesel-Sinter ab. Man hat Stücke davon untersucht und mit aller Bestimmtheit erkannt, daß sie goldhaltig sind. Meistens aber scheidet sich die Kieselsäure schon in größeren Tiefen an den Wänden des Quellschachts als Quarzmasse ab. Dann aber kann auch das Gold nicht mehr in Lösung bleiben. In Form von Flimmerchen, Schuppen und Körnchen verteilt es sich in dem Quarz. Durch den Einfluß von Wärme und Kälte und durch das fließende Wasser verwittert allmählich jeder Fels, und jedes Gestein wird zerbröckelt. Auf diese Weise gelangen auch die goldhaltigen Schichten allmählich ans Tageslicht und werden ihrerseits durch das strömende Wasser zerbröckelt und aufgelöst. So kommt es, daß der goldhaltige Quarz schließlich den Bach- und Flußsand bildet. An manchen Orten wurde und wird der goldhaltige Sand der Flüsse ausgewaschen und abgeschlämmt. So war z. B. früher das Goldwaschen aus dem Sand des Rheins zwischen Basel und Straßburg lohnend. Die badische Regierung konnte daraus jährlich etwa 2000 Goldmünzen mit der Aufschrift »Ein Dukat aus Rheingold« schlagen lassen. Der Gesamtwert des noch heute 242 im Rhein liegenden Golds wird von Geologen auf 140 Millionen Mark geschätzt. So lehnt sich die Sage vom Rheingold an etwas Wirkliches an. Aber auch andere deutsche Flüsse haben Gold geliefert. So fand im Jahre 1826 ein Knabe im Großbach bei Enkirch das größte Stück Rohgold auf deutscher Erde im Gewicht von 66 Gramm. Seltsamerweise hat man auch schon ganz große Rohgoldklumpen in Flüssen gefunden, so Stücke von 36,7 und einmal sogar von 124 Kilogramm. Freilich sind das allergrößte Seltenheiten. Da alle Bäche, Flüsse und Ströme schließlich ins Meer münden, so ist es nicht erstaunlich, daß man in dessen mit Salzen und Säuren durchsetztem Wasser Gold in großen Mengen gelöst findet. Der Goldgehalt des Meeres ist von Sherry Hunt 1866 festgestellt worden. Es finden sich 32 bis 60 Milligramm in 1000 Kilogramm Wasser, in allen Meeren für etwa 5000 Billionen Mark. Zur Gewinnung von 1 Kilogramm Gold wären bis zu 30 Millionen Kilogramm Meerwasser nötig. Duke hat 1899 das erste Patent auf eine derartige Goldgewinnung in England genommen. Ihm folgten Wilde und Ciantar in Belgien. Bekannt geworden ist schließlich auch, daß sich im Jahre 1905 eine englische Gesellschaft mit Sir William Ramsay, dem großen, kürzlich verstorbenen Chemiker, an der Spitze gebildet hat, die nach ihrem geheim gehaltenen Verfahren das Meerwasser entgolden will. Über ihre Erfolge ist bisher nichts in die Öffentlichkeit gedrungen. 178. Die rätselhaften Schnitte Ein einfaches Band kann Einblicke in sehr verwickelte geometrische Verhältnisse gewähren; es führt zu Problemen, die ernsten Gelehrten Anlaß zu tiefgründigen Abhandlungen geliefert haben. Beim Anfang der Untersuchung verläuft alles in schöner Selbstverständlichkeit. Man nimmt einen Streifen Papier (oder Leinenband) mit parallelen Begrenzungen und klebt oder heftet die Enden zusammen. Die Figur wird ein ringförmiges Gebilde etwa von der Figur eines Stehkragens. Man sticht nun mit einer spitzen Schere mitten hinein und durchschneidet den Ring parallel zur langen Kante. Ergebnis, wie vorauszusehen; zwei Ringe von halber Breite im Verhältnis zum ersten. Jetzt wird, vor dem Zusammenkleben, das Originalband ein halb mal um seine Längsachse gedreht. Wiederum entsteht ein Ring, dem man bei 243 genügender Länge des Bands die Veränderung nur wenig anmerkt. Und nun erfolgt wiederum der durchgehende Längsschnitt mit der Schere. Von denen, die den Versuch zum ersten Mal anstellen, werden nur die wenigsten imstande sein, von vornherein anzugeben, was dabei herauskommt. Dreht man aber das Band vor dem Zusammenkleben ein ganzes Mal oder gar mehrfach, vielfach um seine Längsachse, so entstehen nach dem Schnitt Dinge in verschlungenen Kettengebilden, die jeder Vordeutung eines nicht ganz Eingeweihten spotten. Jedenfalls geht hier Probieren über Studieren. Es genüge deshalb der Hinweis auf das interessante Papierwunder, das sich Jedermann mit leichter Mühe vor Augen führen kann, und das für die Raumanschauung des Betrachtenden nicht ganz bedeutungslos sein wird. 179. Ein lebendiges Tier im Weltenraum Quelle: Ernst Mach: »Die Mechanik in ihrer Entwicklung«, 7. Auflage. Verlag von F. A. Brockhaus, Leipzig, 1912. Z. Es gibt ein von Newton entwickeltes physikalisches Gesetz von der »Erhaltung des Schwerpunkts«. Sein Sinn ist, kurz ausgedrückt: der Schwerpunkt eines Systems kann durch Wechselwirkung der Massen innerhalb dieses Systems, wie auch die wirkenden Kräfte beschaffen sein mögen, nicht verschoben werden. Wir denken uns nun ein Tier frei im Weltenraum beispielsweise einen Elefanten. Wenn nun das Tier einen Teil seiner Masse, etwa den Rüssel, nach einer Richtung bewegt, so rückt der Rest, Gesamtkörper minus Rüssel, automatisch in die entgegengesetzte Richtung, dergestalt, daß der Gesamtschwerpunkt an Ort und Stelle bleibt. Zieht der Elefant den Rüssel wieder zurück, so wird auch die Bewegung des Rests wieder rückgängig. „Das Tier ist nicht imstande, ohne äußere Stützen oder Kräfte sich von der Stelle zu bewegen oder eine ihm von außen aufgenötigte Bewegung zu ändern.” 180. Der Panzer aus Dampf Wagemutige Arbeiter zeigen in Gießereien vor den Augen entsetzter Besucher ein gefährliches Schauspiel: sie ziehen ihre nackte Hand durch den aus dem Schmelzofen fließenden glühenden Eisenstrom, ohne Schaden zu nehmen. Diesem verblüffenden Phänomen liegt die Tatsache zu Grunde, daß sich aus der 244 natürlichen Feuchtigkeit der Haut eine Dampfhülle entwickelt, die vor Verbrennung schützt. Die durch Dampf gepanzerte Faust wiederholt hier eine Erscheinung, die am einzelnen Tropfen zuerst 1746 von Erler beobachtet worden ist, dann von dem Mediziner Leidenfrost wiederholt wurde und unter dem Namen Leidenfrostsches Phänomen in die Lehrbücher Eingang fand. Läßt man Wasser in eine hochglühende Metallschale tropfen, so gerät es, der Erwartung entgegen, nicht ins Sieden, sondern nimmt die Form eines plattgedrückten Tropfens an, der unter Gestaltveränderung im Gefäß schwingt. Auch hier legt sich eine Dampfschicht schützend zwischen den Tropfen und die glühende Oberfläche. Erst bei gewisser Abkühlung gerät der Tropfen unter stürmischer Erscheinung ins wirkliche Kochen. Dieser Versuch hat anderen Ereignissen gegenüber zu Deutungen geführt, die allerdings exakter Prüfung kaum standhalten. So wurde angenommen, daß das Leidenfrost-Phänomen bei Dampfkesselexplosionen eine Rolle spielt; ebenso wird es zur Erklärung mittelalterlicher Gottesurteile herangezogen, bei denen die Beschuldigten ohne Verbrennung über glühende Eisenplatten schreiten konnten. Wilhelm Dove zeigte in seinen Experimentalvorlesungen, an das Leidenfrost-Phänomen anschließend, eine andere nicht minder wunderbare Glutwirkung. Über einer durch Unterfeuerung glühenden Schale erstarrten fallende Wassertropfen zu Eiskörnern, ein Vorgang, der die »natürliche Logik« des sogenannten gesunden Menschenverstands so ziemlich auf den Kopf stellt. Freilich waren in der Versuchsanordnung auch etwas Äther und feste, schneeige Kohlensäure vertreten, deren Mischung ihre Temperatur auf hundert Grad Kälte erniedrigt. Über das Leidenfrost-Phänomen, das beim Umgießen von flüssiger Luft auftritt, wurde schon im Abschnitt 166 gesprochen. 181. Die versenkte Tafel Man versenkt irgendwo weit draußen auf dem Ozean eine Metalltafel und behält sich vor, die auf dem Meeresgrund ruhende Tafel später durch Taucher wieder auffinden zu lassen. Der geographische Ort der Versenkung wird beim Beginn der Operation aufs genaueste festgestellt. Kann es gelingen, diese Bestimmung so scharf zu treffen, daß der Versuch wirklich gelingt? Die Tatsachen haben in bejahendem Sinn entschieden. Jenes Experiment wurde angestellt. Das beauftragte Schiff kehrte nach der Versenkung in den Heimathafen zurück, fuhr nach Monaten wieder hinaus und fand die Tafel im Ozean . 245 Die Ortsbestimmung ergibt sich aus zwei Daten: aus der geographischen Länge und Breite. Die Länge, der Meridian, wird gewonnen aus der Vergleichung der chronometrischen Zeit eines bekannten Festlandspunkts mit der astronomischen Sternzeit des Experimentpunkts auf dem Meer. Die geographische Breite, der Parallelkreis (kürzeste Entfernung vom Erdäquator), ergibt sich durch Berechnung der Polhöhe, d. h. durch den Winkel zwischen zwei geraden Linien, von denen die eine vom Beobachterauge nach dem Horizont, die andere zum Polarstern führt. Polhöhe und geographische Breite sind nach Bogeneinheiten gemessen, wie eine sehr einfache Betrachtung lehrt, überall ein und dasselbe. Durch diese Längen- und Breitenmessung wird der fragliche Punkt eindeutig bestimmt. Von der Güte der Meßapparate und der Schärfe der Beobachtung hing es natürlich ab, ob jener Punkt so exakt fixiert werden konnte, wie das Experiment es verlangte. Denn bei der allergeringsten Abweichung wäre es unmöglich gewesen, ein so kleines Objekt auf dem Grund der Ozeanwüste wieder zu ermitteln. Aber der Erfolg hat entschieden: die versenkte Tafel konnte sich nicht verbergen, obschon ihr Steckbrief nur zwei besondere Kennzeichen aufwies, die Polhöhe und den Meridian. 182. Höchste Empfindlichkeit Quelle: Aufzeichnungen nach Vorträgen von W.  Dove an der Berliner Universität. Drei Versuche wollen wir anstellen, um die Leistungsfähigkeit der feinsten chemischen Wage zu prüfen. Deren Konstruktion soll hier nicht erörtert werden, man halte aber fest, daß es sich um eine zweiarmige Wage handelt, für deren Präzision der Scharfsinn ihrer Erbauer alles Erdenkliche aufgeboten hat. Sie muß bei mäßiger Belastung noch Bruchteile vom tausendsten Teil eines Gramms mit Sicherheit erkennen lassen. Der gewogene Staub Die Wage wird durch zwei gleichschwere Kugeln genau ausbalanziert. Die Kugel auf der einen Schale besteht aus poliertem Holz, die auf der andern aus Metall. Der in durchbrochener Figur schön gearbeitete Wagebalken schwebt horizontal in vollkommener Ruhe, irgend ein weiterer Eingriff findet nicht statt, und deshalb kann sich an diesem Gleichgewichtszustand nach oberflächlicher Voraussicht nichts ändern. Er ändert sich aber. Die Schale mit der Holzkugel beginnt langsam zu sinken. Was geht da vor? Ist die Kugel schwerer geworden? 246 Allerdings. Beide Kugeln werden schwerer, da sich auf ihnen nach einiger Zeit aus der Luft Staub ablagert. Aber die Holzkugel bietet eine größere Oberfläche als die gleichschwere Metallkugel und empfängt demzufolge eine größere Staubmenge. Die winzige Differenz bringt das feine Instrument zum sichtbaren Ausschlag. Der Globus von Blei Am Chimborasso und anderen gewaltigen Massiven wurde beobachtet, daß ein Schwerpendel (Lot) um ganz geringe Beträge von der astronomisch bestimmten Vertikalen abgelenkt wird. Hutton und Maskelyne berechneten hiernach die Erddichte und gesamte Erdschwere; in ihrem Verfahren war der Berg Shehallien in Schottland der ablenkende Körper. Immerhin ein ganzer großer Berg. Aber die Präzisionswage ermöglicht es, den Einfluß eines vergleichsweise ganz kleinen Körpers auf die Schwere zu erkennen. Fünf Kilogramm Quecksilber werden genau abgewogen, sodaß die Wage im horizontalen Gleichgewicht steht. Sobald Ruhe eingetreten ist, rollen wir eine Bleikugel von 1 Meter Durchmesser unter den Apparat. Keinerlei direkte Verbindung findet statt; ebensowenig sind magnetische Wirkungen vorhanden. Der Bleiglobus soll sich lediglich als schwere und Schwerkraft erzeugende Masse geltend machen, also in Wettbewerb mit dem ungeheuren natürlichen Erdglobus treten. Vor diesem hat er nur den einen Vorsprung, daß sein Schwerpunkt dem Quecksilber näher liegt als der Erdmittelpunkt und mit dem Quadrat des Unterschieds stärker wirken kann. Aber an Masse ist doch dieses Bleiquantum eine Null gegen die Erde mit ihren 9000 Trillionen Zentnern. Nichtsdestoweniger kommt ihre Wirkung zum Ausdruck: die Schale sinkt. Das Quecksilber ist also tatsächlich schwerer geworden und zwar um 0,589 Milligramm. Der Versuch ist von Cavendish und Jolly (in etwas anderer Anordnung) ausgeführt worden. Das Insekt in der Flasche In einer luftdicht verschlossenen Glasflasche befindet sich eine lebende Fliege; sie sitzt vorerst in Ruhe auf dem Glasboden. Das Ganze kommt auf die Wagschale und wird durch Gegengewichte vollkommen ausgeglichen. Bald darauf erhebt sich die Fliege und summt in der Flasche umher, ihr Gewicht drückt also nicht mehr auf die Glassubstanz. Wird das an der Wage erkennbar? Das müßte eigentlich der Fall sein, denn für sie bedeutet der Fliegenkörper 247 eine tüchtige Last. Aber der erwartete Effekt bleibt aus, die Wage verharrt nach wie vor im Gleichgewicht. Denn das Gewicht der Fliege ist nicht verschwunden; es äußert sich nunmehr auf dem Umweg des Drucks auf die Luft, in der sie umherschwirrt. Nur in dem Augenblick ihres Abfliegens vom Boden erfolgt eine mechanische Erschütterung; und diese äußert sich allerdings in vorübergehenden Schwingungen des Wagebalkens. 183. Vielfache Echos Unfern von Koblenz am Lurleyfelsen befindet sich ein Echo, das auf kurzen Anruf 17mal antwortet; ebenso oft wiederholt das Echo von Woodstock ein Wort zur Tageszeit, 20mal aber in der Nacht, wie Robert Plott meldet, der es genau untersucht und beschrieben hat. In der Nähe von Verdun ist ein Punkt zwischen zwei Türmen durch ein 13faches Echo ausgezeichnet. In einem Bauwerk zu Pavia antwortet ein Echo auf irgend eine Frage 30mal mit der letzten Silbe. Für die natürlichen Echos liefern die Felsgruppen von Aldersbach und Weckelsdorf sowie die Vorlande der schwäbischen Alp Musterbeispiele. Aber die künstlichen Konfigurationen stehen den natürlichen in der Erzeugung auffälliger Schallwirkungen keineswegs nach. Bekannt ist die schöne Echowirkung auf dem runden Platz in Cassel. Im Altertum war das berühmteste Echo das am Grabmal der Metella in der römischen Campagna, das 15 aufeinanderfolgende Silben, nämlich einen ganzen Vers aus Virgils Äneide achtmal wiederholte. Der gelehrte Gassendi erwähnt dieses Echo noch aus eigener Anhörung, später scheint sich das Schallwunder vom Grabmal der Metella aus unbekannten Ursachen verloren zu haben. Pater Kircher und Monge beschrieben ein Echo vom Schloß von Simonetta bei Mailand. An das Hauptgebäude lehnen sich zwei parallele Seitenflügel, zwischen denen ein Pistolenschuß 56mal knallt. Außer den genannten hat W. Dove Nachrichten über sehr interessante Echos veröffentlicht, so über das 15fache vom Lago del Lupo, über das 22fache an der Menaibrücke. Eine in den Schriften der Pariser Akademie enthaltene Abhandlung vom Jahre 1692 berichtet über ein fabelhaftes Echo von Genetay bei Rouen in der Normandie: in dem halbkreisförmigen Hof eines Bauwerks singend, hört der Sänger nur seine eigene Stimme, ein Anderer in einer gewissen Entfernung wiederum nur deren Echo, aber mit großen Verschiedenheiten, indem es je nach 248 dem Standort bald nahe, bald fern, bald deutlich, bald verschwommen, bald wie eine Stimme, bald wie ein Chor von mehreren Stimmen erklingt. W. Zimmermann ergänzt das Register durch Hinzufügung der »Flüstergalerien«, mit Berufung auf die Paulskirche in London und die Peterskirche in Rom. An eine dieser Galerien, in der Kathedrale zu Girgenti in Sizilien, knüpft sich eine Tragödie. Ein Nobile besucht diesen Bau, um einem Freund die architektonischen Schönheiten zu erklären und bleibt plötzlich, infolge einer akustischen Wahrnehmung, wie versteinert stehen. Er befand sich gerade in dem einen Brennpunkt des Kreuzgewölbes, in dessen anderem Brennpunkt ebenso zufällig ein Beichtstuhl stand. Durch den Schallreflex hörte der Nobile aus der Entfernung Wort für Wort die Beichte seiner eigenen Gattin, die dem Priester eine begangene Untreue anvertraute. Diese seltsamen Reflexe führten zu Wirkungen handgreiflicherer Art, nämlich zu zwei Dolchstößen, an denen die Gattin und ihr Galan verendeten. Nach der griechischen Mythologie war Echo eine Nymphe, die sich aus Liebesgram verzehrte, sodaß von ihr nur die Stimme, und auch diese nur in Silbenspuren übrig blieb. Ihr Leiden scheint sich später gebessert zu haben, denn jene Beispiele beweisen, daß es die Nymphe Echo mit ihrer angeblichen Einsilbigkeit bis zu enormer Geschwätzigkeit gebracht hat. 184. Künstliche Lebewesen Quelle: Dr. A. Gradenwitz , Aufsatz: »Künstliche Pflanzen« in dem Werk »Die Wunder der Natur«. Deutsches Verlagshaus Bong \& Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart, 1912. Z. Die künstliche Erzeugung des Lebens ist heute ein Problem, das der mittelalterlichen Goldmacherei nicht unähnlich sieht. Auch in unseren Tagen schließt sich mancher zu diesem Zweck in die schwarze Küche ein und versucht, nach unendlichen Rezepten die richtige Zusammenstellung zu finden. Wie damals die gelungene Umwandlung unedlen Metalls in Gold ist auch heute ein Erfolg bei der Bemühung um die künstliche Zeugung oft behauptet und ausführlich beschrieben worden. Der objektiven Nachprüfung hat aber bisher keine dieser Behauptungen standhalten können. Bis zum heutigen Tag ist es tatsächlich niemandem gelungen, Lebewesen aus unbelebter Substanz im Laboratorium hervorzurufen. Das außerordentliche Interesse, das diese Aufgabe vor allen andern verdient, läßt jedoch die Bemühungen der Forscher nicht zur Ruhe kommen. Auf den mannigfachsten Wegen bemüht man sich, das große Ziel zu erreichen. Besondere Aufmerksamkeit verdienen in diesem Zusammenhang die Annäherungsversuche von Leduc , die höchst erstaunliche Resultate ergeben haben. Diesem 249 Forscher ist es gelungen, einen Wundergarten anzupflanzen, gegen den alle Märchenpracht verblaßt. Durch bloße chemische Mischungen hat Leduc Erscheinungen hervorgerufen, die den Äußerungen des echten Lebens verblüffend ähnlich, ja mit ihnen geradezu identisch sind. Er hat den Nachweis erbracht, daß die niedern Lebenserscheinungen bei Pflanzen und Tieren ausschließlich durch physikalische Gesetze bedingt sind. „In seinem jüngsten Werk, von dem Dr. Alfred Gradenwitz unter dem Titel »Das Leben in seinem physikalisch-chemischen Zusammenhang« eine deutsche Ausgabe veranstaltet hat, weist Leduc nach, wie durch das bloße Zusammentreffen verschiedener Lösungen – auch anorganischer Natur – Gebilde entstehen die den uns bekannten Organismen überraschend ähneln, vor den Augen des Beobachters in derselben Weise wachsen wie wirkliche Organismen, sich ebenso wie diese durch Nahrungsaufnahme erhalten, allerhand Bewegungen ausführen und schließlich ebenso wie Lebewesen vergehen – kurzum, die sich so verhalten, daß der unbefangene Beobachter ihnen wirkliches Leben zusprechen könnte. Derartige Versuche kann bei einiger Vorsicht jeder Laie anstellen und so einem künstlichen Samenkorn Keime entlocken, die sich mehr oder weniger schnell zu Sprossen und Stengeln entwickeln und Blätter, knospenartige Gebilde, Ranken und Blüten tragen, um nach einiger Zeit gleich einer lebenden Pflanze abzusterben und in ein unscheinbares, formloses Gewebe zu zerfallen. Das ganze Werden und Vergehen einer Pflanze laßt sich auf diese Weise im Lauf weniger Stunden vorführen, und ebenso kann man die Formen niederer Tiere, wie Muscheln, Seeigel und Polypen, künstlich nachmachen. Man nimmt z. B. ein Korn von 1 bis 2 Millimetern Durchmesser, das zu zwei Teilen aus Saccharose (Zucker) und zu einem Teil aus schwefelsaurem Kupfer besteht, und legt dieses in eine wässerige Lösung von 2 bis 4 Prozent gelbem Blutlaugensalz, 1 bis 10 Prozent Kochsalz und 1 bis 4 Prozent Gelatine. Die Entwicklung der künstlichen Pflanze erfolgt dann je nach der Temperatur mit verschiedener Geschwindigkeit; sie nimmt entweder mehrere Tage oder nur einige Stunden in Anspruch, ja man kann den Keimvorgang schon in wenigen Minuten vor einer größeren Zuhörerschar demonstrieren. Das künstliche Samenkorn umgibt sich mit einem Häutchen aus einer Kupferverbindung, das für Wasser und gewisse Elemente durchlässig, für Zucker jedoch undurchlässig ist. Durch diese teilweise Undurchlässigkeit entsteht im Innern des Samenkorns ein hoher Druck, der zur Aufnahme von Substanz aus der Umgebung und damit zum Wachstum des ganzen Gebildes führt. Wenn man die Flüssigkeit auf eine Glasplatte ausgießt, erfolgt das Wachstum nur in einer Ebene; bringt man sie hingegen in einen tiefen Behälter, so 250 wächst das Gebilde gleichzeitig wagerecht und senkrecht. Es bilden sich dann wirkliche Stengel, die sich, an die Oberfläche der Flüssigkeit gelangt, dort wie Wasserpflanzen zu flachen Blättern ausbreiten. Diese künstlichen Gebilde tragen je nach der Zusammensetzung der Kulturflüssigkeit kugel-, pilz-, ähren- oder rankenförmige Ansätze und besitzen also wirklich organische, äußere Gestaltung. Da die Nährsubstanz in ihren Stengeln bis zu sehr beträchtlicher Höhe ansteigt, müssen sie aber auch mit einem Kanal für den Säfteumlauf ausgestattet sein; kurz, es handelt sich offenbar um wirkliches Wachstum wie bei Pflanzen. Ebenso wie Pflanzen sind die künstlichen Gebilde aber auch für mancherlei chemische und physikalische Reize empfänglich, und ihre Entwicklung wird durch Giftstoffe gehemmt. Gleich wirklichen Lebewesen besitzen künstliche Pflanzen ferner auch die Fähigkeit, eine ihnen zugefügte Verwundung wieder auszuheilen; denn wenn ein Stiel vor Abschluß seines Wachstums zerbrochen wird, setzen sich die Bruchstücke aneinander, heften sich zusammen, und das Wachstum beginnt von neuem. Die Leducschen Versuche sind aus den schon vierzig Jahre zurückliegenden Experimenten des deutschen Physiologen M.  Traube aufgebaut, die leider noch nicht die ihnen gebührende Beachtung gefunden haben. Traube ließ sich bei seinen Forschungen von der Erwägung leiten, daß das Protoplasma, der schleimige Inhalt der organischen Zelle, ihr wesentlicher Bestandteil sei, aus dem alle übrigen, besonders die Zellwände, durch Erhärtung gewisser Schichten entstehen. Nun hatte schon Graham gezeigt, daß gewisse Stoffe, wie Eiweiß, Zucker, Leim, Gummi, Gerbsäure usw. durch Häutchen, wie die Wände einer Zelle, nicht hindurchdringen. Traube tauchte daher ein Glasröhrchen mit Leimlösung in eine Lösung von Gerbsäure; dann überzog sich dessen Öffnung mit einem Häutchen aus gerbsaurem Leim. Durch Einbringen von Tropfen der einen Lösung in eine größere Menge der andern konnte er sogar geschlossene Bläschen herstellen, die sich dem Ansehen und Wachstum nach ganz wie natürliche Zellen verhielten. Leduc hat nun bei seinen überaus zahlreichen Versuchen nicht nur künstliche Zellen, sondern ganze Zellgewebe und Gebilde von außerordentlichem Formenreichtum erhalten, die sich aber stets eng an die natürlichen Formen von Pflanzen und niedrigen Tieren anlehnen. Leduc führt hiermit den Beweis, daß alle niederen Lebensäußerungen, d. h. Entstehung, Entwicklung und Ernährung der Zelle, durch physikalisch-chemische Kräfte, und zwar vor allem durch das innere Ausbreitungsbestreben (Diffusion) und die innere Anziehung (Kohäsion) beherrscht werden. Am besten lassen sich diese Erscheinungen verstehen, wenn man den Sitz des Ausbreitungsbestrebens – der Diffusion – als ein Kraftfeld auffaßt, das sich 251 ganz wie ein magnetisches oder elektrisches Kraftfeld verhält. Überall dort, wo in einer Flüssigkeit stärkere Konzentration herrscht als in der Umgebung, kann nun das Ausbreitungsbestreben in Erscheinung treten, und das gleiche gilt von Punkten geringerer Konzentration. Ein Punkt, an dem die Konzentration stärker ist, zieht einen solchen von geringerer Konzentration als die Umgebung ganz ebenso an, wie entgegengesetzte elektrische oder Magnetpole einander anziehen, und durch die Wechselwirkungen derartiger Punkte (Diffusionspole, wie Leduc sie nennt) lassen sich mancherlei Lebensvorgänge erklären. Sie erzeugen z. B. in der Flüssigkeit Strömungen, die schwebende Teilchen mit sich fortziehen, und hierdurch erklärt sich die Erscheinung der Zellteilung, die Leduc in allen Einzelheiten nachahmt. Eine wie bedeutende Rolle aber die erwähnten physikalischen Vorgänge im organischen Leben spielen, erkennt man auch aus der Betrachtung gewisser allbekannter Erscheinungen. Eine abgeschnittene Pflanze vertrocknet und verwelkt bekanntlich. Wenn man sie jedoch ins Wasser stellt, schwillt der Zellinhalt infolge des Ausbreitungsbestrebens (der Diffusion) wieder an und füllt die Zellen aus, sodaß sich diese ausdehnen und die Pflanze sich wieder aufrichtet. Ferner sind die Zellen des Organismus allen Unterschieden des Innendrucks gegenüber sehr empfindlich, und aus diese Weise ist die anscheinend paradoxe Tatsache zu erklären, daß chemisch reines Wasser giftig ist. Unser Trinkwasser ist ja niemals rein; es enthält stets allerhand Salze und Gase in Lösung und besitzt daher beträchtlichen Innendruck. Reines Wasser, wie z. B. das des sogenannten »Giftbrunnens« in Gastein, besitzt hingegen so geringen Innendruck, daß es die Zellen des Verdauungskanals zum Anschwellen bringt, sie zerstört und damit ausgeprägte Giftwirkungen hervorruft. Wenn man ferner Wasser zum Kochen von Kartoffeln, Bohnen, Linsen, Kastanien usw. vorher etwas salzt, so vertrocknen diese Gemüse; sie schrumpfen infolge des starken Innendrucks des Kochwassers ein und werden hart und schwer verdaulich. Wenn man sie hingegen in ungesalzenem Wasser kocht und erst nach dem Kochen salzt, so nehmen sie Wasser auf, schwellen an, die Haut springt auf, und auch die mehlhaltigen Körner schwellen an und springen. Durch Kochen in Salzwasser nimmt daher das Gewicht von Kartoffeln, Kastanien usw. ab und durch Kochen in ungesalznem Wasser zu. Leduc will auf seinen Versuchen eine neue Wissenschaft aufbauen, die »synthetische« Biologie. Sowie alle Naturwissenschaften mit der Beobachtung und Klasseneinteilung der Körper und Erscheinungen beginnen – d. h. zunächst rein beschreibend sind – und sie hieraus zerlegen oder analysieren, um ihren Hergang zu ergründen und schließlich die Erscheinungen künstlich hervorzurufen (womit die 252 Wissenschaft in das dritte, synthetische oder aufbauende Stadium tritt), ist nämlich nach Leducs Meinung auch für die Biologie, die Lehre vom Lebenden, der Augenblick gekommen, die künstliche Herstellung von Organismen anzustreben. Und wenn sie auf diesem Weg auch noch so langsam vom Einfachsten zum Zusammengesetzten fortschreiten müßte, sieht der französische Forscher doch keinen Grund ein, warum ihr Endziel nicht schließlich erreicht werden sollte.” 185. Der Trompeter auf dem Blitzzug Man könnte im Speisewagen eines fahrenden D-Zugs ein Konzert veranstalten. Die Tafelmusik würde sich dann nach Tonhöhe und Klangfarbe durchaus nicht von einem Vortrag auf dem festen Erdboden oder im Saal eines Hauses unterscheiden. Höchstens würde das ratternde Geräusch der Räder auf den Schienen die Deutlichkeit der Musik ein wenig beeinträchtigen. Anders gestaltet sich indes die Sache, wenn man die Bedingungen des Konzertvortrags abändert. Nehmen wir einen Solisten, zum Beispiel einen Trompeter, und setzen wir diesen anstatt in das Innere des Wagens oben auf das Verdeck. Zugleich stellen wir uns vor, daß der Zug sein Tempo beschleunigt und mit Hilfe einer Lokomotive von unerhörter Leistung eine Geschwindigkeit von 350 Metern in der Sekunde erreicht. Und nun beginnt der Trompeter der Fahrtrichtung entgegen zu blasen. Erster Effekt: die Mitfahrenden und der Musikant selbst hören garnichts. Bliese er auch so stark wie sein Kollege von Jericho, so erreichte doch kein einziger Ton das Ohr der Hörer. Der Grund leuchtet ohne weiteres ein: die Geschwindigkeit des Zugs übertrifft die des Schalls, wir fliehen somit vor dem Ton, der uns nicht einzuholen vermag. Ebensowenig vernehmen wir nunmehr unsere Sprache oder einen Zuruf von Mund zu Ohr. Auch das Fahrgeräusch des Wagens ist für uns erledigt, denn wir überholen auch den ratternden Lärm seiner Räder. Zweiter Effekt: wir durchsausen einen Bahnhof. Die dort versammelten Zuhörer würden die Melodie hören, aber in einer gewaltsamen Entstellung, mit völlig verschobenen Tonhöhen; bei der Annäherung des Zugs mit graduell erhöhten Tönen, bei der Entfernung mit ebenso vertieften. Es ist das bekannte »Doppler-Prinzip«, das diese – übrigens schon bei weit geringerer Geschwindigkeit beobachtete – Wirkung zeitigt. Dritter Effekt: der Zug verlangsamt sein Tempo bis unter 330 Meter 253 in der Sekunde, so daß die Schallgeschwindigkeit wieder die Überlegenheit gewinnt und die zuvor verlorenen Klänge uns einholen. Nunmehr braucht der Trompeter nicht mehr zu blasen, wir hören sein Konzert trotzdem und zwar das ganze vorher absolvierte Programm. Aber in welcher Reihenfolge? Offenbar erreicht und überholt uns der zuletzt ausgesandte Ton zuerst, denn seine Schallwellen sind uns ja zunächst. Der erste Ton hingegen, als der fernste, erreicht uns zuletzt, mit anderen Worten: das Lied kehrt sich vollständig um, wie in einem verkehrt abgedrehten Phonographen. Hatte die Melodie eine Tonfolge von unten nach oben, in der Richtung von Baß zu Sopran, so gewinnt sie jetzt das Gefälle von Sopran zu Baß. Dieselbe Erscheinung würde natürlich in anderem Zeitmaß auch bei völligem Stillstand des Zugs eintreten. Der Trompeter könnte sich längst entfernt haben, aber sein ganzes Konzert würde uns, ins Gegenteil verkehrt, durch die Luft nachgeliefert. 186. Der Sprung nach dem Mond Das nämliche Prinzip wie beim Blitzzugtrompeter waltet in folgendem Experiment, das auf jeden Apparat verzichtet, aber eine Person von außerordentlicher Muskelstärke voraussetzt; nämlich einen Kraftspringer, der im Stande sein soll, mit einem einzigen Satz von der Erde bis zu deren Trabanten zu springen. Diesen Mann nehmen wir als gegeben und betrachten nur das Wunder, das ihm selbst, subjektiv für seine Sinneswahrnehmung, widerfahren wird. Wir nehmen an, daß er den Sprung im Bruchteil einer Sekunde bewältigt, und daß er dann, auf dem Mond gelandet, sofort nach dem Himmel blickt, wo ihm die Erde als ein mächtiges Gestirn entgegenleuchtet. Alsdann sieht er, falls er durchdringende Augen besitzt – sich selbst! Er erblickt sich selbst auf seinem eigenen Sprung, und um das Mirakel noch zu erhöhen, erscheint ihm dieser Sprung umgekehrt: der Vorgang stellt sich seinen Augen dar, als ob er vom Mond nach der Erde gesprungen wäre. Die Erklärung ist genau die nämliche wie bei dem vorerwähnten »Trompeter auf dem Blitzzug«. Was dort das Schalltempo war, ist hier die Lichtgeschwindigkeit. Der Springer hat das Licht überholt, also auch alle Strahlen, die von seiner Körperlichkeit ausgingen, um seine Erscheinung im Raum zu bewirken. Blickt er zurück, so treffen ihn von diesen Strahlen die letzten Strahlen zuerst, die ersten zuletzt, das heißt: sein Sprungphänomen kehrt sich um, wird von ihm erst nachträglich und in entgegengesetztem Sinn beobachtet. 254 Um aber auch in reiner Theorie den Denkbarkeiten gerecht zu werden, muß noch eine Ergänzung platzgreifen. Die Phantasie mag sich einen solchen Sprung ausmalen, die Physik erklärt ihn indes selbst unter Voraussetzung unendlicher Muskelkraft für unmöglich. Und zwar auf Grund der neuen Relativitätstheorie, die die Lichtgeschwindigkeit als die Grenze aller in der Natur überhaupt möglichen Geschwindigkeiten erkannt hat. Das Zustandekommen jenes Experiments ist also von Voraussetzungen abhängig, die der Phantasie nicht nur die Vorherrschaft über die Wirklichkeit, sondern auch über die naturgesetzliche Möglichkeit einräumt. 187. Der Herr Lumen Quellen: »Archiv für systematische Philosophie«, herausgegeben von Ludwig Stein , 17. Band Heft 3. Verlag von Leonhard Simion Nf., Berlin, 1911. – Henri Poincaré , Vortrag: »Die neue Mechanik«. Sein Vater ist der Astronom Camille Flammarion , seine Mutter die Einbildungskraft. Bereits bei Jahren, studierte er bei dem Mathematiker Henri Poincaré . Seine Studienfrüchte und Erlebnisse hat er in verschiedenen gelehrten Schriften niedergelegt, so im Archiv für systematische Philosophie, wo er sie zu besonderen Schlüssen ausfolgerte. Dieser Darstellung, gegeben von einem der Verfasser dieses Buchs (A. M.), wollen wir uns hier im Wesentlichen anschließen. Herr Lumen ist ein Reisender, dem eine ganz absonderliche – eigentlich und uneigentlich unmögliche – Bewegungsgeschwindigkeit zur Verfügung steht, und der somit die Ereignisse anders sieht, als wir an der Scholle haftenden Menschenkinder. Während jeder optische Vorgang sich mit 300 000 Kilometern in der Sekunde fortpflanzt, zeigt sein Schnelligkeitsmesser 400 000; er überrennt also im ersten Anlauf das Licht und alle Lichtbotschaften. Sein Tempo ist groß aber nicht unendlich; so würde er – bei entsprechender Fernsichtigkeit – die gesamte Weltgeschichte mit einem einzigen Blick umfassen. Vom Stern Alpha Centauri aus sähe er die Erde, wie sie vor vier Jahren, vom Stern Arcturus aus, wie sie vor 163 Jahren war. Landet er an den äußersten Grenzen der Milchstraße, so blickt er auf 4000 Jahre zurück, da ihn dort erst die Lichtbotschaften erreichen, die schon vor 4000 Jahren ihren Anfang nahmen. Er könnte einen Standort wählen zur Betrachtung der Völkerwanderung, unmittelbar darauf einen anderen, um den Übergang Caesars über den Rubikon, oder den Bau der ersten Pyramide, oder das Segeln der Arche Noah zu sehen. Und über die Nebelflecke hinaus gäbe es Beobachtungsstellen, die ihm die Erde in ihrer Vorentwicklung, in feuerflüssigem Zustand zeigten. Aber Herr Lumen hält sich an sein Programm. Er verfügt – nur – über 255 400 000 Kilometer Sekundenmaß und verläßt damit die Erde am Tag eines denkwürdigen Ereignisses; sagen wir: der Schlacht von Sedan. Er erlebt also noch in nächster Nähe die Ereignisse des 1. September von 1870, er sieht um ½7 Uhr nachmittags die Übergabe des napoleonischen Degens und erblickt ein weites, mit Toten und Verwundeten übersätes Schlachtfeld. Schon in der ersten Sekunde überholt er alle Lichtstrahlen, die in der nämlichen Sekunde von Sedan ausgingen – und noch dazu die letzten aus der vorigen Sekunde . Nach einer Stunde besitzt er bereits einen Vorsprung von 20 Minuten den blutigen Tatsachen gegenüber, und ehe der zweite Tag vergangen, ist dieser Vorsprung so stark geworden, daß er nunmehr nicht das Ende , sondern den Anfang der Schlacht wahrnimmt. Wir haben also festgestellt, daß Herr Lumen am 1. September den Schluß , und nach etwa zwei Tagen den Beginn des Ereignisses gesehen hat. Bloß gesehen? Nein, auch erlebt . Denn an welchen anderen Daten sollte er die Tatsachen messen, wenn nicht am Augenschein? Sehen und Wissen, Erblicken und Verstehen ist nicht nur im Griechischen (εἰδέναι) dasselbe, sondern überhaupt, wie wir alle mit den Worten »Ersichtlich«, »Evidenz« bekräftigen. Herr Lumen ist weder Historiker noch Soldat. Wir haben ihn nach unserem Willen erschaffen als einen intelligenten, scharfsichtigen, schnellbewegten Homunculus, der sich sein Urteil durchaus auf Grund seiner Erfahrungen bilden soll. Diese sind bei ihm rein optisch und, als augenscheinlich, beweiskräftig und entscheidend. Nicht der geringste Zweifel kann ihn beschleichen, daß der Aufmarsch der Heere zur Schlacht von Sedan später erfolgt ist als die Kapitulation der napoleonischen Armee. Was aber hat das Wesen Lumen in der Zwischenzeit gesehen? Offenbar die Vorgänge in umgekehrter Reihenfolge, wie in einem verkehrt abgerollten Kinematographen dargestellt. Nur daß wir zum Vergleich den sogenannten »wirklichen« Vorgang heranziehen, d. h. den Vorgang wie wir ihn »gesehen« haben, während für Lumen nur das als stetige und lückenlose Folge existiert, was sich ihm als Schlachtentwicklung gezeigt hat: das Aufstehen der Toten und Verwundeten, ihre Einordnung in die Regimenter, die vom Ziel rohreinwärts fliegenden Projektile – und weiterhin: die Schlacht von Wörth vor der Kriegserklärung; die Kriegserklärung vor der Emser Depesche; Napoleons Imperium lange nach seiner Gefangennehmung bei Sedan. Unser Gedankenexperiment läßt sich aber auch noch anders anordnen. Man kann sich Lumen als ruhend vorstellen und die Erde von ihm fortbewegt; man kann für den Verlauf der Schlacht einen anderen Anfangspunkt wählen. Auch die Bewegung selbst läßt sich variieren, geradlinig, gekrümmt, mit einem 256 Ausgangspunkt weit im Weltenraum. Schließlich sei auch das Tempo veränderlich, über die immensen 400 000 Kilometer hinaus, unter die Lichtleistung abwärts. Das ergibt zahlreiche Kombinationen, die dem Lumen sehr verschiedene Weltbilder liefern. Bei einer gewissen Anordnung würde er immerfort nur den Anfang der Schlacht erblicken, eine militärische Erstarrung; oder überhaupt eine ewige Ruhe der Völker. Orientiert sich Lumen nach einem solchen Prospekt, so steht die Zeit für ihn still. Es läßt sich auch eine Bewegung konstruieren, die ihm den Weltchronometer, die Sonne, ans Firmament nagelt. Dann ginge ihm die letzte Orientierung verloren, und die Denkform der Zeit, die nur am Weiser einer wahrgenommenen Bewegung Existenz gewinnt, entfiele für ihn überhaupt gänzlich. Eine weitere Anordnung könnte ihm die Schlacht verlangsamt , nach unserem Zeitmaß über Jahrtausende verzögert zeigen. Da wird mit Kugeln geschossen, die im Schneckentempo durch die Luft kriechen, und die sich Minuten oder Stunden Zeit lassen, bevor sie in einem getroffenen Krieger einen Schußkanal vollenden. Kennt Lumen, der Verabredung entgegen, den Hergang, wie wir ihn begreifen, zu kennen glauben, so wird er den Schlüssel zu solchen Absonderlichkeiten bei den Bewegungen suchen, denen er selbst oder das System der Massenpunkte ausgesetzt ist. Kennt er ihn nicht – und das war unsere Voraussetzung – so gelangt er zu Ansichten und Einsichten, die uns fremd sind, zu einer von der unsrigen durchaus verschiedenen Weltmetronomisierung , die bis zum Stillstand der Zeit, ja bis zur völligen Umkehrung der Zeit führen kann. Er wird aber auch zu einer ganz anderen Vorstellung von der Kausalität gelangen, falls ihn sein Denkapparat überhaupt zwingt, Folge mit Grund zu verknüpfen und im Ablauf der Dinge nicht nur ein Vorher und Nachher, sondern auch einen Erkenntnisgrund zu suchen. Wenn er erst alle Schlachten von Sedan bis Troja in verkehrter Geschehensfolge erblickte, nie eine Schlacht anders sah, als in umgekehrter Zeitabwicklung, so muß auch seine Kausalitätserkenntnis das verkehrte Spiegelbild der unsrigen werden. Unsere Ursache wird seine Wirkung, unsere Folge sein Grund. Sieg und Niederlage verwandeln sich für ihn zur Vorbedingung des Zwistes; was ja sehr befremdlich sein mag, aber ganz durchgedacht nicht einmal für uns logisch ganz falsch ist. – – – Lumen kehrt von seiner Weltreise zur Erde zurück, vermenschlicht sich allmählich und lernt die Anpassung an unsere Zeit. Aber auch unserer Zeit ist inzwischen ein Abenteuer begegnet, wenigstens in den Köpfen einiger bevorzugter 257 Forscher. Wenn Lumen zufällig in Chicago landet, so kann er dort ein neues blaues Wunder in der Werkstatt des Chicagoer Physikprofessors Michelson erleben, der, ohne sich von der Erde zu entfernen, Wahrnehmungen von der Abnormität der Lumen'schen erfaßt hat. Nicht mit einem Gedankenexperiment, sondern mit einem durchaus realen Versuch. Aus diesem steigt abermals ein neues Zeitbild empor, mit unabsehbaren Folgen. Eine davon betrifft ihn persönlich, den Herrn Lumen. Er erfährt, daß er selbst unmöglich ist, auch theoretisch unmöglich . Denn aus dem Michelsonschen Experiment und der sich ihm anschließenden neuen »Relativitätstheorie« erfließt die Wahrheit, daß für irgend ein Bewegtes, was es auch sei, eine Steigerung über die Lichtgeschwindigkeit hinaus der Welt-Verfassung widerspricht. 188. Äther-Orkan und Michelson-Versuch Quelle: Henri Poincaré , Vortrag: »Die neue Mechanik«. Druck von G. Bernstein, Berlin, 1910. Weitaus die meisten der ausschlaggebenden Experimente sind durch Intuition geliefert worden. Mag auch bei manchen der Zufall mitgewirkt haben, die Überraschung am Schluß hervorgetreten sein – am Anfang stand fast durchweg die Erwartung eines bestimmten Ergebnisses, eine Hoffnung, die nicht allzuweit ablag von der Antwort, welche die befragte Natur nachher erteilte. Die Forscher kannten, nach einem verblüffenden Wort von Gauß, das Resultat, sie wußten nur nicht im voraus, auf welchem Weg sie es erreichen würden. Ihr Experimentieren war ihr Wegsuchen. Die schönen Versuche der reinen Mechanik und der Elektrizität von Galilei bis Faraday sind auf diese Weise zustande gekommen. Hinsichtlich der Folgenschwere kann es der berühmte Versuch des Professors Michelson mit den großartigsten aller Zeiten aufnehmen. Er gab den stärksten Anlaß zur Umgestaltung des Weltbilds durch die moderne Relativitäts-Theorie. Aber für sich betrachtet stellt er ein Abenteuer dar, zu dem die Geschichte der Wissenschaften kaum ein Seitenstück liefert. Auch er begann mit einer Erwartung und rechnete auf eine positive Erfüllung. Was eintrat war das genaue Gegenteil. Die Natur gab Antwort in der denkbar schroffsten Absage. Aber gerade dieses ungeheure Mißverhältnis wurde welthistorisch für die Wissenschaft und erhob das Experiment zum höchsten Rang. Reden wir zunächst von der Erwartung , die sich – gemeinverständlich, also ganz ohne Fachstrenge, ausgedrückt – auf folgende Betrachtung gründete: Man nennt die gleichmäßige Fortbewegung der Erde wie der anderen 258 Himmelskörper im unendlichen Raum die »Translation«. Das ganze Sonnensystem bewegt sich so in der Richtung zum Sternbild der Leier. Während dieser Translation größten Stils ändert sich aber, durch Umläufe, die Lage der Körper innerhalb des Systems, was für sie Verschiedenheiten der Stellung, der Richtung und Geschwindigkeit bewirkt. Eine von der Sonne ausgesandte Licht-Botschaft braucht ungefähr 8 Minuten, um die Erde zu erreichen. Verfolgt nun die große Translation die Richtung Erde nach Sonne , so fliegen wir dieser Botschaft entgegen, müßten sie somit schneller erreichen als im entgegengesetzten Fall, wenn die Erde sich im räumlichen Vorsprung befindet, wenn also die Bewegung: Sonne nach Erde stattfindet, da dieser Vorgang eine Verzögerung in der Empfangnahme der Botschaft bewirken würde. Mit anderen Worten: die optischen Phänomene, wie sie sich innerhalb des ruhend gedachten Sonnensystems abspielen, müßten gestört werden, wenn zu den uns bekannten Bewegungen innerhalb dieses Systems noch jene große übergeordnete Translation hinzutritt. Aber schon innerhalb des Systems müßte der Äther, als Lichtträger gedacht, sich durch Beschleunigung und Hemmung bemerklich machen. Denn die Erde besitzt als Sonnentrabant eine Eigengeschwindigkeit von 30 Kilometern in der Sekunde, streicht in diesem Tempo durch den Äther (dessen Existenz vorläufig vorausgesetzt) und passiert mithin einen starken Äther-Orkan , wie wir einen Luft-Orkan zu bestehen haben, wenn wir in einem offenen schnellfahrenden Auto dahinsausen. Freilich ist die Geschwindigkeit des Äther-Orkans im Verhältnis zur Lichtgeschwindigkeit nicht sehr erheblich, nämlich trotz der an sich beträchtlichen 30 Sekundenkilometer nur 1:10 000. Aber die Instrumente, die wir mit Michelson zur Beobachtung aufstellen, sind so fein, daß sie eine Differenz in 259 Stärke von einem Zehntausendstel und weit darunter mit allergrößter Sicherheit aufdecken würden. Senden wir nun von einem bestimmten Punkt der Erdoberfläche gleichzeitig Lichtstrahlen nach allen Richtungen, so gehen einige von ihnen direkt gegen den Äthersturm vor, andere bekommen nur einen Teil der Sturmwucht zu spüren, je nach der Richtung. Es ergeben sich also Förderungen und Hemmungen, und wenn zwei Lichtstrahlen genau entgegengesetzt laufen, so müßte eigentlich für sie die Förderung oder die Hemmung in ganz gleichen Beträgen auftreten. Sendet man nun ein und denselben Lichtstrahl, durch Spiegelung, hin und zurück, so müßten sich für ihn Hemmung und Förderung in der Wirkung vollkommen aufheben. Denn er bekommt ja genau soviel Sturm wie Gegensturm, genau soviel Orkanhilfe wie Orkanbremsung. Die Gesamtzeit für den Doppelweg des Lichtstrahls müßte also unter allen Umständen dieselbe bleiben, ganz gleichgültig, mit welcher Wucht der Orkanstrom dahinbraust. Und hier tritt das erste Wunder zu Tage; wohl gemerkt: noch vor dem Experiment. Ein Wunder, mit dem man sich anfreunden muß, um nur die Absicht des Experiments und die Erwartung, die ihm voraufgeht, zu verstehen. Es ergibt sich nämlich aus Theorie und Berechnung in Übereinstimmung mit gewissen auf anderen Gebieten gewonnenen Erfahrungen: Die Hemmung wirkt immer stärker , als die aus gleichem Ursprung und in gleicher Wucht erfließende Förderung. Es bleibt immer ein Überschuß zu Gunsten der Hemmung, ein ganz kleiner, aber noch genau meßbarer. Rechnete wir zuvor mit 1 / 10 000 , so ist das Übergewicht der Hemmung mit ein Hundertmillionstes anzusetzen. Das heißt: in diesem Verhältnis kommt der hin- und zurücklaufende Strahl bei Annahme des Äther-Orkans später an, als wenn dieser Orkan garnicht vorhanden wäre. Das kann direkt sinnfällig gezeigt werden. Dr. Hans Witte , Dozent der Physik in Braunschweig, hat ein ausgezeichnetes Modell konstruiert und in seiner Schrift »Raum und Zeit im Lichte der neueren Physik« klar beschrieben, ein Modell, das jenen überraschenden Vorgang deutlich aufzeigt. Historisch genommen ist das Witte-Modell ein substantielles Abbild, im Zug unserer Betrachtung ein Vorläufer des Michelson-Versuchs. Schnüre, die über zwei dreifache Räder laufen, ersetzen in äußerst sinnreicher Anordnung die Lichtstrahlen. Die natürlichen Verhältnisse reduzieren sich hier auf ein bequem zu betrachtendes und sicher zu deutendes Minimum; die normale Lichtgeschwindigkeit wird im Witte-Modell 4 Zentimeter in der Minute, der Äther-Orkan kommt (durch die Wirkung der Radwellen) mit 1 Zentimeter in der Minute zum Ausdruck. Der Betrieb des 260 Modells zeigt in Übereinstimmung mit der Rechnung ohne die Möglichkeit eines Irrtums oder Widerspruchs: Die Hemmung hat das Übergewicht! Und eben das war es, was Michelson am wirklichen Lichtstrahl konstatieren wollte; mit Zuhilfenahme der Spiegelung und der sogenannten Interferenzerscheinungen, die eine so exakte Beobachtung gestatten, daß jenes Übergewicht der Hemmung im Experiment herausspringen mußte. Das war das Wesen seiner Erwartung. Der genial angelegte, in seiner Feinheit weit über die Anforderungen hinausgehende Versuch mußte die Erfüllung bringen. Da trat das zweite Wunder in die Erscheinung: der gesuchte Effekt bliebe vollständig aus! Keine Wirkung des Ätherstroms, keine Wirkung der Translation, kein Übergewicht der Hemmung – – nichts! Was aus diesem Nichts emporsteigen sollte war, im Namen der modernen Relativitätstheorie zusammengefaßt: das Primat der Lichtgeschwindigkeit als des entscheidenden Faktors im Weltgeschehen, die Umgestaltung der altklassischen Mechanik, die Vertiefung aller physikalischen Grundgesetze – ein neues wissenschaftliches Weltbild! (Siehe den folgenden Abschnitt.) 189. Die »Raumzeitwelt« Quellen: Albert Einstein: »Die Relativitätstheorie« in der Sammlung »Kultur der Gegenwart«, Band »Physik« unter Redaktion von E. Warburg. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 1915. – Albert Einstein: »Zur Elektrodynamik bewegter Körper«. »Annalen der Physik«, Verlag von Ambrosius Barth, Leipzig, 1905. – E.  Wiechert: »Die Mechanik im Rahmen der allgemeinen Physik«, Abhandlung in der »Physik«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. – Alexander Moszkowski , Aufsatz: »Das Relativitätsproblem« im »Archiv für systematische Philosophie«, herausgegeben von Ludwig Stein, 1911. – Dr. Hans Witte: »Raum und Zeit im Lichte der neueren Physik«. Verlag von Vieweg \& Sohn, Braunschweig, 1914. – Max Born: »Einsteins Theorie der Gravitation und der allgemeinen Relativität«, »Physikalische Zeitschrift«, 17. Jahrgang. Verlag S. Hirzel, Leipzig. – Dr. Max Planck: »Die Stellung der neueren Physik zur mechanischen Naturanschauung«. Verlag S. Hirzel, Leipzig, 1910. Hätte der im vorhergehenden Abschnitt geschilderte Versuch des Professors Michelson die Erwartung der Experimentierenden restlos erfüllt, so würde man darin eine schöne Bestätigung der gültigen Naturgesetze erblickt haben. Der vollkommen negative Erfolg nötigte zu einer anderen Auffassung. Da der Versuch als absolut genau anerkannt ward, mußte etwas anderes ungenau sein. Und in hartem Kampf mit ererbtem und erworbenem Denken entschlossen sich mehrere scharfsinnige Forscher zu einem radikalen Denkschritt: Tatsächlich – anderes ist ungenau; und dieses andere sind die bis jetzt anerkannten Formen der Naturgesetze. In jenem Versuch trat ein Fehler zu Tage, und dieser war nur auf einem Weg zu beseitigen: durch die Annahme, daß der bisherige Ausdruck der großen Physikgesetze nicht absolut, sondern nur »in Annäherung« gültig sei. Konnte es gelingen, eine genauere Annäherung zu finden, dergestalt daß der Fehler verschwand, so öffnete sich ein neuer Weg für die Naturerkenntnis, vielleicht der von Denkern vorgeahnte »königliche Weg«. Es gelang! Der königliche Weg tat sich auf, und beim Fortschreiten aus ihm blickte das Auge in eine neue Welt, in der Raum und Zeit zu einer organischen 261 Einheit verschmolzen. Diejenigen Forscher, die sich in dieser vierdimensionalen Welt zurechtzufinden wußten, entschleierten Rätsel auf Rätsel, die bisher allen Anstrengungen der Physiker und Erkenner getrotzt hatten. Der Begriff der »Annäherung« möge an einem Beispiel bildlich erörtert werden. Ein ruhendes Gewässer, etwa die Oberfläche eines großen Binnensees, ist in »erster Annäherung« eine Ebene. Für die gewöhnliche Orientierung auf ihr reicht diese Annahme vollkommen aus, und man gerät mit keinem Naturgesetz in Widerspruch, wenn man an der Ebenheit des Wasserspiegels nicht zweifelt. Aber vor einer gesteigerten Feinheit der Beobachtung hält diese Annahme nicht mehr Stand. Man muß da festsetzen: der Wasserspiegel ist nicht eben, sondern bildet den Teil einer Kugeloberfläche; weil sich ja die Form des Sees der Kugelform der Erde anschmiegt. Und diese »zweite Annäherung« muß vollzogen werden, um gewisse Erscheinungen zu erörtern, die bei gewöhnlicher Orientierung garnicht in Frage kommen. Aber die Erde ist ja, noch genauer definiert, keine Kugel, sondern exakt gesprochen ein Rotationsellipsoid. Und auch dieser Eigenschaft paßt sich das Gewässer an. Der Seespiegel ist also in »dritter Annäherung« Teil einer ellipsoidischen Fläche. Eine vierte Annäherung wäre denkbar. Die Atome in der Oberschicht des Wassers ordnen sich überhaupt nicht nach dem üblichen Begriff irgend einer Fläche, die doch einen regelmäßigen, stetigen Zusammenhang voraussetzt. Mit nonplusultramikroskopischen Augen bewaffnet, würden wir die atomistische Struktur des Wasserspiegels erkennen, für welche die elementaren Flächenbegriffe gar nicht ausreichen. Erst bei dieser »vierten Annäherung« würde vielleicht eine vollkommene Exaktheit erreicht werden. Dieses Wasserspiegel-Gleichnis leite zu den Naturgesetzen über. Wohl wußte man schon lange, daß manche von ihnen (wie z. B. das Gasgesetz von Mariotte) nicht durchgreifend richtig waren. Aber an den Grundgesetzen der klassischen Mechanik wagte man nicht zu rütteln. In Sonderheit standen die von Newton ausgesprochenen, durch Gleichungen formulierten Gesetze in absoluter Sicherheit da und so unverrückbar wie etwa der pythagoreische Lehrsatz. Bis man auf dem königlichen Weg erkannte, daß auch hier nur Näherungswerte vorlagen, Korrekturen erheischend, die zur allertiefsten Erkenntnis führen. Die neuen Annäherungen in jenen Grundgesetzen ergeben sich, wenn man statt der dreidimensionalen Welt, in der wir zu leben meinen, eine vierdimensionale annimmt, in der die Zeit genau dieselbe Rolle spielt, wie die Länge, Breite und Höhe; in der wir für unsere Vorstellung nicht mehr getrennte 262 Projektionen empfangen, Raum einerseits – Zeit anderseits, sondern für jede einzelne Wahrnehmung: Raumzeit. Der Nullpunkt der Zeit, der unaufhörlich sich verschiebende Gegenwartspunkt, auf den wir alle Erlebnisse beziehen, wird ungültig. Genau so ungültig wie ein angenommener Nullpunkt im unendlichen Raum. Die Frage nach einem solchen räumlichen Orientierungspunkt im Unbegrenzten, aus den man die Lage anderer existierender, sich bewegender Körper beziehen könnte, wäre an sich sinnlos. Und so müssen wir uns analog auch entschließen – wenn auch in einem geradezu athletischen Denkakt – von dem uns so geläufigen Gegenwartspunkt der Zeit loszukommen. In der vierdimensionalen Welt ist das möglich, vornehmlich deshalb, weil in ihr der Begriff der »Gleichzeitigkeit«, den wir sonst als etwas Gegebenes und Selbstverständliches betrachten, sich als ein Phantom erweist. Die »Zeit« hat ihr Absolutes verloren, sie ist relativiert, und eine Zeitangabe erhält nunmehr erst dann einen bestimmten Sinn, wenn sie auf einen bestimmten Beobachter und dessen Geschwindigkeit bezogen wird. Zwei Ereignisse, die chronometrisch für eine Beobachtung als gleichzeitig gelten, zerfallen, anders bezogen, in Ungleichzeiten, mit veränderlichem Vorher und Nachher. Aller Geschwindigkeit übergeordnet wird die Lichtgeschwindigkeit, die in allen Geschehnissen nicht nur als ein begleitender, loszulösender Umstand, sondern als wesenbestimmender Faktor auftritt. Alle Erscheinungen einschließlich der körperlichen Form und Masse werden relativiert, alle erweisen sich als abhängig von der eigenen Geschwindigkeit in unauflöslicher Verbindung mit dem Lichttempo. Anders werden die Fragen an die Natur in dieser Welt gestellt, anders beantwortet. Es entschleiert sich eine elektromagnetische Welt, welche die altmechanische in sich aufnimmt und sie auch dort noch erklärt, wo die früheren Erkenntnismethoden Unstimmigkeiten übrig ließen oder ganz versagten. Selbst die für unerschütterlich gehaltene Gravitationslehre nimmt ein anderes Gesicht an und findet neue Annäherungen an die Wahrheit. Um nur ein Beispiel zu nennen: in der Bahn der Planeten bliebe allen astronomischen Berechnungen zum Trotz bis in die neuesten Zeiten ein Element unerklärlich. Es war das Fortschreiten des Perihels der Merkurbahn um 43 (Bogen-)Sekunden in 100 Jahren. Alle erdenklichen Einbezüge von Planetenstörungen und alle zur Hilfe herbeigezogenen Hypothesen erwiesen sich als unwirksam. Erst in der relativierten Welt wurde des Rätsels Schlüssel gefunden: der Begründer der neuen Relativitätstheorie, Albert Einstein , brachte über Newton hinaus die zweite Annäherung zustande, und diese ergab genau den richtigen Betrag mit Einschluß jener 43 Sekunden in 100 Jahren!! 263 Auf vielerlei Weisen hat diese neue Weltanschauung die experimenta crucis bestanden, und es verschlägt nichts, daß man, um sie sich anzueignen, ganz ungeheure Denkschwierigkeiten bestehen muß. Ja man muß sogar durch scheinbaren Widersinn hindurch, um doch jenseits bei Sinn und Wirklichkeit zu landen. Wunder der Erkenntnis und Gegenwunder anscheinender Unmöglichkeit liegen hier bei einander. Greifen wir einige dieser Gegenwunder heraus: Die Begriffe »früher« und »später« sind der Vertauschung fähig. Das heißt ins Philosophische übersetzt: was für ein Bezugsystem Ursache ist, kann für ein anderes Wirkung werden und umgekehrt. Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sind relative, nach dem Standort wechselnde Begriffe. Eine Masse, das Greif- und Wägbare eines Körpers, ist nicht mehr konstant. Die Masse verändert sich in der Bewegung und mit der Geschwindigkeit. Sie wird unendlich groß, wenn sie die Lichtgeschwindigkeit erreicht. Eine Flintenkugel, die diese Geschwindigkeit erzielte, würde dadurch schwerer als alle Erden, Sonnen und Siriusse zusammengenommen; alle Gewalten der Welt wären nicht mehr vermögend, ihr eine Beschleunigung zu erteilen. Die Geschwindigkeit arbeitet aber auch in entgegengesetztem Sinn: während sie die Substanz verdickt, verdünnt sie die Figur. Eine sehr schnell bewegte Kugel verflacht sich und nähert sich bei immenser Beschleunigung einer Kreisoblate. Der Grenzfall wäre: ein Schatten ohne Körper, und zwar ein Schatten von unendlicher Schwere. Die Liste der Gegenwunder könnte noch verlängert werden. Aber was dem ersten Blick als Absurdität erscheint, beruht im letzten Grund doch wohl auf überwindbaren Denkwiderständen. Vor Kopernikus war auch die Vorstellung der Antipoden ein Widersinn, und es bedurfte der Denkarbeit von Generationen, um sie der allgemeinen Begreiflichkeit anzupassen. In der Mathematik sind die Imaginärwerte an sich widersinnig; und sie bilden dennoch die Stützwerke des großen mathematischen Baus. Hier wie anderwärts wiederholt sich das Wunder vom Reiter über den Bodensee. Die Eisdecke ist so dünn, daß sie keinen Reiter zu tragen vermöchte. Naturlogik und Menschenlogik verlangen, daß er durchbricht. Aber er kommt hinüber, im Widersinn gegen die anschauliche Vorstellung und findet drüben festen Halt. So ist auch das jenseitige Ufer der neuen Theorie, der Relativität, nur unter Gefahr zu gewinnen. Aber der Wagemutige, der hinüberkommt, sieht sich in einer unermeßlichen neuen Welt, in der auf Schritt und Tritt ungeahnte Wahrheitswunder erblühen. Und mit Bewunderung gedenkt er der Männer, 264 die ihm diesen Weg wiesen. Zu ihnen gehören die Physiker und Mathematiker Lorentz und Minkowski , vor allen aber der gewaltige Baumeister des neuen Relativitätsgebäudes, der Galilei des zwanzigsten Jahrhunderts: Albert Einstein . Vor sieben Jahrhunderten lebte ein Wundermann der Naturlehre, der Graf von Bollstädt, der sich den Namen eines Großen, Albertus Magnus , errang. Die Bezeichnung Albertus Maximus ist noch frei. Es könnte sein, daß dieser Titel für Albert Einstein vorbehalten bleibt und ihm dereinst verliehen wird. 265 Wunder der Technik 190. Antike Erfindungen Quellen: Bilfinger: »Zeitmessen der antiken Völker«. Stuttgart. – Hermann Diels: »Antike Technik«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. Das Jahrtausend von 300 bis 1300 nach Chr. ist in der Geschichte der Erfindungen wie ein unbeschriebenes Blatt; und es steht auch nicht zu erwarten, daß da noch sonderlich viel hineingeschrieben werden wird. Im Allgemeinen bescheidet man sich, wenn man die Uridee einer Erfindung bis auf die Zeit des Galilei oder Lionardo zurückgeführt hat. Weiter zurückzuforschen erscheint fast durchweg ziemlich aussichtslos. Das eigentliche Altertum scheidet fast gänzlich aus. Die Brennspiegel des Archimedes sind unerwiesen, und die Flugversuche des Dädalus und Ikarus gehören zum Bereich der Fabel. Um so größeres Erstaunen mußte es erregen, daß neueste Forschungen in dem so unergiebigen Altertum eine ganze Menge von Erfindungswurzeln bloßlegten. Überraschung schließt sich da an Überraschung. Besonders haben es die verdienstvollen, auf umfangreichstes Quellenmaterial gestützten Arbeiten von Hermann Diels klargemacht, daß sogar unter den ganz modernen technischen Mitteln sich viele befinden, die in grauer Vorzeit nicht nur vorgedacht, sondern in praktischem Betrieb waren. So geht ein Umgestalter unseres ganzen Kleinhandels, der Verkaufsautomat , auf Heron von Alexandrien zurück, von dem uns einundzwanzig Jahrhunderte trennen. Bei Heron war es ein Tempelwunder, von ihm selbst nach ägyptischem Muster vervollkommnet und gebrauchsfertig gemacht. Er beschreibt seinen » Weihwasserautomaten « ganz genau, und aus seiner Darstellung läßt sich erkennen, daß sein Werkzeug nach demselben Grundprinzip arbeitete, wie unsere Schokoladeautomaten. Sein Apparat stand im Altertum vor den Tempeln, um das Weihwasser gegen Einwurf eines Kupferstücks auf die Hände des frommen Tempelbesuchers tröpfeln zu lassen. Unsere Taxameterdroschke ist ein uraltes Gefährt. Bei Heron heißt es: Mit dem Hodometer (Wegmesser) können wir die auf dem Land zurückgelegten Wegstrecken messen, ohne die Meßkette oder Meßstange mühsam zur Anwendung zu bringen. Vielmehr sitzen wir bequem im Wagen und messen die 266 zurückgelegten Entfernungen einfach an der Drehung der Räder. Heron wie Vitruv geben Beschreibungen der alten Taxameter, bei denen das Schlußergebnis teils durch eine Kugelzählung ermittelt wurde, teils aus der Zeigerstellung auf einem graduierten Kreis abgelesen werden konnte. Das Schießpulver ist »bekanntlich« um 1300 von Berthold Schwarz erfunden worden, unbekanntlich aber doch bedeutend früher. Ein Rezept des Marcus Graecus lautet nach einer lateinischen Übersetzung des zwölften Jahrhunderts: »1 Teil Kolophonium, 1 Teil Schwefel, 6 Teile Salpeter fein gepulvert aufzulösen in Lein oder Lorbeeröl, dann in ein Rohr oder einen ausgehöhlten Holzschaft zu legen und anzuzünden; es fliegt sofort nach jeder beliebigen Richtung und vernichtet alles durch sein Feuer.« Ein weiteres Rezept aus derselben Zeit nennt direkt die Pulversubstanzen: Salpeter, Schwefel und Kohle. Der Vorläufer dieser Mischung, das Griechische Feuer, wurde schon bei der Belagerung von Konstantinopel 673 von Kallinikos aus Heliopolis mit Erfolg zur Anwendung gebracht. Die Mitrailleuse und das Maschinengewehr gehen nach den Beschreibungen von Philon, Heron und Vitruv auf Urzeit zurück. Die Bewegungsimpulse und Projektile entsprachen natürlich der alten Kriegführung, das mechanische Prinzip indeß eilte der Zeit voraus; denn dieselbe Kurbeldrehung, welche die Spannung hervorbrachte, bewirkte gleichzeitig, daß jedesmal ein neuer Pfeil für den Schuß eingelegt wurde. In dem Drama »Agamemnon« des Äschylos (458 v. Chr.) erzählt Klytemnästra in anschaulicher Ausführlichkeit von der Funkentelegraphie ; sie beschreibt dort den Lichtweg einer Signalgebung durch »Feuerpost« vom Ida über Lemnos, Euböa usw. bis zum Atriden-Schloß; unmöglich hätte Äschylos diese umständlich-genaue Darstellung frei erfinden können, wenn nicht solche Feuertelegraphie bereits bestanden hätte. Polybios beschreibt eine Fackeltelegraphie, vermöge deren beliebige Nachrichten buchstabengetreu übermittelt werden konnten; nach einer Anordnung, die deutlich auf das heutige alphabetische System im Depeschendienst hinweist. Plato besaß eine Weckeruhr ; nämlich eine nach dem Prinzip der Wasserorgel gebaute Maschine, die nach Ablauf einer bestimmten Wassermenge einen lauten Ton erzeugte und ihm dadurch das Ende seines Schlafpensums anzeigte. Selbst die weltumwälzende Erfindung des Gutenberg war, wenigstens theoretisch, schon im klassischen Altertum vorhanden. Ciceros Lehrer Poseidonios hat den Gedanken des beweglichen Buchstabendrucks zuerst ausgesprochen. Ben Akibas Wort »Alles schon dagewesen« erhält also durch die Geschichte 267 der Erfindungen reichliche Bestätigung. Und neben den Wundern der Mechanik erleben wir durch jene Forschung noch ein Wunder der Chronologie. 191. Verkleidete Apparate Der geistreiche Physiker Lichtenberg, dazu mehrere bedeutende Philosophen und Orientalisten wie Michaelis und Bendavid haben sich dafür eingesetzt, daß die alttestamentarische Bundeslade ein großartiger elektrischer Apparat und die Stiftshütte die Elektrisiermaschine dazu gewesen sei. Sie leiten diese Behauptung von der Beschreibung beider her, und man kann nicht leugnen, daß vom Standpunkt des Naturforschers aus alle Bedingungen der Wahrscheinlichkeit hier gegeben erscheinen. Nach den genannten Forschern stellen sich diese Bedingungen in der Zusammenfassung durch den Physiker W. F. A. Zimmermann folgendermaßen dar: Für die Bundeslade wurde ausdrücklich sehr trockenes Holz verlangt, und man sah hierin den Hauptgegenstand für eine Verstärkungsflasche. Der von solchem trockenen Holz gezimmerte große Kasten sollte in- und auswendig mit dünnen Goldblechen bekleidet gewesen sein, und hierin wurde das zweite Erfordernis zu einer Verstärkungsflasche gefunden, d. h. ein Isolator zwischen zwei Leitern. Die Lade, wie sie im zweiten Buch Moses beschrieben wird, war etwas Unnahbares; wer sich unberufen ihr näherte wurde von hervorbrechendem Feuer getötet, so die Söhne des Aaron selbst, die, mit dem Geheimnis der Entladung nicht vertraut, ein Opfer bringen wollten und dabei erschlagen wurden. Die elektrische Ladung des Apparats erfolgte aus der Atmosphäre. Die Priester der Hebräer verstanden es, die Elektrizität aus den Wolken herabzuziehen und sich hierdurch eine dem Volk unbegreifliche Waffe zu schaffen: Sechs Stangen von trockenem Föhrenholz, 60 Ellen hoch, mit metallenen Spitzen, standen in einem großen Viereck um die Lade herum und bildeten das Gerippe der Stiftshütte; von den Spitzen der Stangen gingen goldene Ketten zum Deckel der Bundeslade, der Batterie von je 45 Quadratfuß Belegung. Rings um diese Hütte standen noch 60 Säulen gleicher Art in einem Oblong von einem ganzen Morgen Flächeninhalt. Sämtliche Spitzen der äußeren isolierenden Stangen waren durch Metallketten mit den inneren verbunden, so daß sie, physikalisch genommen, ein gewaltiges System von Blitzableitern bildeten, welche die ganze Masse der herabgeführten Elektrizität auf einen Punkt, die Bundeslade, konzentrierten. 268 Die Ladung der Batterie während des Marschs wurde auf eine andere Weise bewerkstelligt, nämlich durch eine Feuer- und Rauchsäule, die sich von ihr erhob. Rauch, d. h. fein zerteilte Kohle, ist ein vortrefflicher Leiter. Solches Feuer brannte, während die Lade von erfahrenen Leuten an 12 Ellen langen Stangen getragen wurde; auf ihrem Deckel besorgte die Leitungsfähigkeit der Rauchsäule die Leitung der Ladung vollständig, wie aus der Beschreibung des Zugs durch die Wüste hervorgeht. Im logischen Zusammenhang hiermit steht die Tatsache, daß der Tempel zu Jerusalem durch Blitzableiter geschützt war. Der Salomonische und der nach seiner Zerstörung durch Herodes wieder aufgebaute zweite Tempel standen im gewitterreichsten Land der Erde, in Palästina, auf einem isolierten, hohen Felsen, und während seines mehr als tausendjährigen Bestehens ist er doch niemals vom Blitz getroffen worden. Allein die Beschreibung in heiligen und profanen Schriften erläutert dieses Wunder. Das Dach des Tempels war mit Goldplatten belegt, im Fundamentfelsen wölbten sich mächtige Zisternen als Behälter für Regenwasser. Große kupferne Röhren liefen vom Dach nach diesen Zisternen. Obendrein war der Tempel mit zahlreichen metallenen Spitzen besetzt – wie Flavius Josephus berichtet: zum Schutz gegen Verunreinigung durch Vögel. Allein zu solchem Schutz hätten Drahtstifte genügt, während wir erfahren: die kriegerischen Priester »brachen bei dem letzten Sturm der Römer die Spitzen vom Dach des Tempels und schleuderten sie als Wurfspieße auf die eindringenden Feinde«. Es waren also keine Stifte, sondern klafterlange Stangen von Metall, mit einem Wort »Blitzableiter«. Und sie waren es auch wirklich, die in Verbindung mit den Regenrinnen und Zisternen das Haus durch Jahrhunderte vor Gewitterschaden bewahrten. Die landläufige Schulweisheit läßt sich freilich von solchen Dingen nichts träumen. Da wird gelehrt und behalten: der Blitzableiter von Franklin, die Verstärkungsflasche von Georg von Kleist im achtzehnten Jahrhundert erfunden. Auch hier gilt also das bewährte Merkwort: »Umlernen!« 192. Die Magdeburger Halbkugeln Quelle: Dr. Paul Köthner: »Aus der Chemie des Ungreifbaren«. Verlag von A. W. Zickfeld, Osterwieck-Harz. Eine sehr effektvolle Methode, um eine wissenschaftliche Erkenntnis allgemein bekannt zu machen, hat Otto von Guericke , der berühmte Bürgermeister von 269 Magdeburg, gewählt, den Slaby den ersten deutschen Ingenieur nennt. Nach vielen Mühen war ihm die Erfindung der Luftpumpe gelungen, mit deren Hilfe er als Erster auf maschinellem Weg praktisch luftleere Räume herstellen konnte. Die damalige Gelehrtenwelt, die immer noch in dem alten klassischen Wahn vom horror vacui , in dem Glauben an die unbedingte Abneigung der Natur gegen den absolut leeren Raum befangen war und sich auch durch Torricellis Versuch mit der Barometerröhre davon nicht abbringen lassen wollte, glaubte nicht an die Körperlichkeit der Luft und ihre Fähigkeit, Druck ausüben zu können. Da veranstaltete Guericke im Jahre 1654 auf dem Reichstag zu Regensburg vor Kaiser Ferdinand III. seine berühmte sensationelle Vorführung. Zwei metallene Halbkugeln mit einem lichten Durchmesser von 2–3 Ellen wurden luftdicht aneinander gelegt und ausgepumpt. An jede Halbkugel wurden acht Pferde gespannt, und diesem Gespann von sechzehn Pferden gelang es nur mit aller Mühe, die Teile zu trennen. Als dieses geschah, ertönte ein furchtbarer Knall. Wenn man nachrechnet findet man, daß die Halbkugeln mit einem Druck von mehr als 6000 Kilogramm aufeinander gepreßt waren. Kaiser Ferdinand äußerte sieh mit höchster Begeisterung über den an Zauberei grenzenden Versuch, und von hier aus setzte sich allmählich eine richtige wissenschaftlich begründete Anschauung über das Wesen der Luft durch. Ganz luftleer sind Guerickes Halbkugeln, die heute im Deutschen Museum zu München aufbewahrt werden, freilich nicht gewesen. Denn auch heute können unsere besten Vakuumpumpen die Luft aus einem Gefäß nur so weit herausschaffen, daß sie immer noch einen Druck von 1 / 1 000 000 Atmosphäre ausübt. Dieser geringe Druck ist zwar auch mit dem allerfeinsten Manometer nur schätzungsweise zu bestimmen, aber von einem absoluten Vakuum ist man damit noch sehr weit entfernt. Denn jeder Kubikmillimeter eines so stark evakuierten Raums enthält immer noch 500 000 Millionen der kleinsten Luftteilchen, der Luftmoleküle. 193. Unsichtbare Gitter Der Feinmechaniker Nobert zu Greifswald fertigte im Jahre 1846 äußerst zarte Glasgitter zu Zwecken der Mikroskopie an. Mittels Mikrometern und Diamantspitzen wurden auf ebenen Glastafeln Systeme von Quadraten eingeritzt, so eng und fein, daß das freie Auge auf den Ebenen garnichts bemerkte. Auch bei mäßiger Vergrößerung erschien nur eine Trübung wie ein Nebelhauch. Erst bei stärkerer Vergrößerung löste sich dieser Nebel in korrekte Quadrate auf. 270 Die Nobertschen Gitter waren in fortschreitender Skala angeordnet und dienten zur Prüfung der Mikroskope. Deren Güte und Leistungsfähigkeit ergab sich aus der Nummer der Gitterskala, die sie aufzulösen vermochten. Aber es blieben Gitter übrig, die noch bei Lebzeiten Noberts überhaupt jeder Vergrößerung trotzten und selbst unter den schärfsten Mikroskopen bei ihrer Nebelgestalt verharrten. Da mußte sich die Frage erheben: am Ende sind die allerfeinsten Nummern überhaupt keine Gitter, sondern wirklich nur Nebel? Vorerst gab es gar keine Möglichkeit, diese Frage anders zu beantworten als durch das Vertrauen auf Nobert und seine fabelhafte Technik. Allein bald darauf erlebte man in der Vergrößerungsoptik neue Vervollkommnungen, und den seither vorgeschrittenen Mikroskopen gelang es in der Tat, weitere Gitter als solche kenntlich zu machen und in Quadrate zu lösen. Hiernach vergegenwärtige man sich die Leistung Noberts, der seine Gläser so fein zu bearbeiten wußte, ohne dabei über die zureichende mikroskopische Kontrolle zu verfügen! Henry Rowland ist es neuerdings mit seiner vortrefflichen Teilmaschine gelungen, bis zu 800 Teilstriche auf ein Millimeter zu ziehen und große Flächen in dieser feinsten Weise zu teilen. Um etwas so Erstaunliches vollbringen zu können, muß man natürlich mechanische Vorrichtungen von ganz besonderer Genauigkeit zur Verfügung haben. Nicht die kleinste Unregelmäßigkeit darf bei der Teilung stören. Insbesondere ist, da der Furchenabstand ja immer ganz genau der gleiche sein muß, darauf zu achten, daß nicht durch Wärmeausdehnung Unregelmäßigkeiten bei der Arbeit vorkommen. Rowlands Maschine lief darum auch völlig selbsttätig in einem abgeschlossenen Raum. Wenn sie eingestellt war, wartete man mehrere Stunden mit dem Ingangsetzen, damit die Störung verschwände, die jedesmal durch die Wärmeausstrahlung vom Körper des bedienenden Menschen hervorgerufen wurde. Auch die Abstellung erfolgte von außen her. Aber leider kam es nur zu häufig vor, daß die ganze Arbeit der Maschine umsonst gewesen war, weil der Diamant gleich beim Beginn des Schneidens seine Spitze verloren hatte. 194. Die ersten Luftfahrten – bei Wieland Wielands Werke, 33. Band der großen Ausgabe. G. J. Göschensche Verlagshandlung, Leipzig, 1857. Z. Zwei Wunder treffen hier zusammen: das der Tatsache und der Darstellung in ihrer Wirkung auf den Leser von heute, der sich den Zeitabstand 271 vergegenwärtigt. Denn fünfviertel Jahrhundert trennen uns hier vom Bericht und erster Betrachtung. Sie entstammen einigen Abhandlungen von Wieland , die sich seit langer Zeit beinahe in Vergessenheit zurückgezogen haben. Ihre Titel sind »Die Aeropetomanie« vom Oktober 1783, »Die Aeronauten« vom Jahre 1784 und ein Zusatz von 1797; also aus den bedeutsamen Jahren, in denen Montgolfier , Charles , Blanchard die Luft zu bezwingen begannen. Aus diesen umfangreichen Aufsätzen sollen nur wenige Zeilen hierhergesetzt werden; sie sprechen am wirksamsten in ihrem ursprünglichen Wortlaut ohne irgend einen Zusatz: „ Die Wunder unseres Jahrhunderts scheinen sich immer dichter aneinander zu drängen, immer größer und schimmernder zu werden, je näher es zu Ende läuft. Sagt mir nichts von Unmöglichkeit! ruft vom Anblick der Zeichen, die vor seinen Augen geschehen, begeistert ein poetischer Académicien de Marseille aus: »dem hartnäckigen Fleiß ist nichts unmöglich. Cook geht im Grund des Meers, Montgolfier fliegt gen Himmel: öffnet uns die Hölle, und ich nehm' es auf mich, ihr Feuer auszulöschen . . .« » Cook marche au fond des mers, Montgolfier vole aux Cieux; Ouvrez moi des Enfers, j'en étendrai les feux. « – – Herr Montgolfier ist zwar selbst noch so wenig gen Himmel geflogen, als der weltumsegelnde Cook jemals (unseres Wissens) auf dem Meeresgrund lustwandeln gegangen ist: aber wenigstens hat er doch schon einen Hammel , einen Hahn (das alte Sinnbild seiner Nation) und eine Ente , mit Hilfe eines frischen Westwinds, eine Lustreise von einer Französischen Viertelmeile machen lassen. – – Der 27. August dieses Jahres war der große Tag, der die Herren Faujas de Saint Fond und Konsorten vor den Augen alles Volks entweder mit unsterblichem Ruhm krönen oder in unauslöschlichem Spott ersäufen sollte. Unter den Zuschauern befanden sich nicht wenige Ungläubige, und unter diesen auch einige Herren von der physikalischen Gilde, die mit Schmerzen auf die Verunglückung zu harren schienen . . . Unglücklicherweise kann (wie es scheint) zu Paris keine Unternehmung, von welcher einiger Ruhm oder Vorteil zu ernten ist, ohne Einmischung von Eifersucht, Parteigeist und Kabalen zustande kommen . . . Was die Zuschauer nicht wenig befremdete, war, daß weder Herr Faujas wiewohl der erste Beweger der ganzen Unternehmung, noch der eine von den Gebrüdern Montgolfier , der bei dem Versuch im Marsfeld gegenwärtig war, in den inneren Kreis, wo der Professor Charles mit Zuziehung der Gebrüder Robert sich die alleinige Direktion anmaßte, eingelassen wurden. – – Ein Stückschuß kündigte den Augenblick an, wo der Anfang mit Ladung der Maschine »unter den Befehlen des Herrn Montgolfier« gemacht wurde; ein 272 anderer, ungefähr zehn Minuten darauf, den Moment, wo man damit fertig war; und ein dritter denjenigen, wo die Stricke . . . abgehauen wurden. Der Ballon erhob sich sogleich zu allgemeinem Erstaunen der Zuschauer und stieg dem Ansehn nach ungefähr 200 Klafter . . . An dem Korb hing den Physikern zu Ehren ein Barometer . . . Herr Pilatre de Rozier, der die Ehre hatte, unter den Naturae Curiosis , welche ihrem Lauf folgten, der erste zu sein, der an Ort und Stelle kam, fand den Ballon oder das Zelt durch einen Stoß Holz, worauf es gestürzt war, von dem Korb abgetrennt. Der Hahn und die Ente schienen sich nicht übel zu befinden; der Hammel fraß in seinem Käfig; der Barometer war zwar umgeworfen, jedoch ohne Bruch; aber der Ballon hatte . . . ziemlich große Risse bekommen. – – Am Schluß seines Gedichts ruft er (ein französischer Poet) die Herren Charles und Robert auf, zu eilen, um das große Werk zu vollenden und ihr Luftschiff mit Rudern oder Segeln auszurüsten. »Fürchtet,« sagt er, »daß irgend ein verwegener Engländer euch die Erfindung stehle! « und er meint: »Dieses Volk, das sich den Vorzug das Meer zu beherrschen entrissen sehe, werde nun bald alles versuchen, um Herr von der Luft zu werden« . . . Aber auch die prosaischen Köpfe flogen in Gedanken mit; und schon am 5. September versicherte einer von ihnen im Journal von Paris, . . . daß er sich hiermit erboten haben wolle, die erste Maschine dieser Art . . . in Person zu besteigen, ohne eine andere Belohnung zu verlangen, als die Ehre, der erste Luftschiffer gewesen zu sein. Eine Ehre, die diesem wackern Mann gleichwohl von einem bloßen Hammel geraubt wurde; vermutlich zu seinem desto größeren Mißvergnügen, da der glückliche Hammel, wie verlautet, eine Art von Pension von Sr. Majestät erhalten haben soll. – – »Die französische Republik (sagt Dr. Posselt im 8. Stück seiner politischen Annalen vom Jahrgang 1796) hat jetzt eine zweifache Marine: eine, die gewöhnliche, für das Meer, die andere . . . für die Luft. Jeder Armee folgen zwei Luftschiffe, deren Bestimmung ist, die Lage und Bewegungen der Feinde von oben herab auszukundschaften. Die bei der Sambre- und Maasarmee sind le Celeste und l'Entreprenant, mit welchem der Divisionsgeneral Morlot . . . in der Schlacht bei Fleurus in die Höhe gestiegen . . . Ob man, wie der angeführte Annalist hinzusetzt, in Frankreich wirklich schon mit dem Gedanken von Luftschiffen umgeht, die nicht nur ein paar Männer zu Beobachtungen, sondern eine weit stärkere Zahl, zu Unternehmungen tragen? was der Erfolg davon sein werde? und ob die mit so vielem Geräusch angekündigte Landung in Irland oder Großbritannien , welche der gegen Ende des vorigen Jahrs in dieser Absicht von Brest ausgelaufenen Seeflotte so übel mißlang, einer Luftflotte vielleicht besser 273 gelingen würde? Gewiß ist, daß der ausschließliche Besitz einer solchen Luftmarine die französische Republik dem ganzen Erdboden so gefährlich machen würde, daß dieser einzige Grund die sämtlichen übrigen Mächte in die unumgängliche Notwendigkeit setzen müßte, alle ihre Kräfte zu gänzlicher Zerstörung derselben zu vereinigen. – – Zusatz 1797: Die Luftballons – – aus der Mode! Zu Anfang dieses Jahrs erschien gleichwohl eine Abhandlung, . . . worin der Verfasser, ungeachtet des wenigen Nutzens, den die Erfindung . . . bisher geschafft, die um diese Zeit beinahe allgemein gewordene Meinung, daß es am besten wäre die Äronautik gänzlich aufzugeben , ernstlich bestreitet . . . Ja er geht so weit zu zeigen, wie man eine Maschine von 100 Klaftern im Durchmesser luftleer machen könnte, welche imstande wäre, eine Armee von 20 000 Mann durch die Luft zu führen. Da die Ausführbarkeit der Sache, wie es scheint, bei diesem Theoretiker nicht in Anschlag kommt, warum sollte man auf diesem Weg nicht soweit gehen können, einen Aerostaten von Blech zu fabrizieren, der groß genug wäre, um das Wunder der goldenen Kette des Homerischen Jupiter zu realisieren, und die ganze Erdkugel aus ihren Angeln emporzuziehen? Nur Blech genug und Raum genug für die Maschine; das wäre die einzige Schwierigkeit! Wieland.”         195. In höchster Höhe Quelle: Schriften der Naturforschenden Gesellschaft in Danzig, neue Folge, 11. Band, 1903. Z. Wie der Mensch nur die alleräußerste Schale der Erdkugel kennt, so ist er auch noch nicht sehr weit in den Luftozean eingedrungen. Drunten ist es die rasch ansteigende Hitze, die bald ein weiteres Vordringen unmöglich macht, droben die Kälte und vor allem das Absinken des Luftdrucks. Unaufhörlich sind jedoch trotzdem Versuche unternommen worden, soweit wie möglich in das Luftmeer hinaufzugelangen, weil die zahlreichen wechselnden Vorgänge, die sich dort vollziehen, wissenschaftlich von außerordentlichem Interesse sind. Von unbemannten Ballons, die nur Registriervorrichtungen mit sich nahmen, ist bereits die Höhe von 20 000 Metern überschritten worden. Daß es für den Menschen dort droben keine Lebensmöglichkeit mehr gibt, geht schon daraus hervor, daß selbst über dem Äquator in dieser Lage eine Temperatur von -84 Grad gemessen worden ist. Die größte von Menschen bisher erreichte Höhe beträgt 10500 Meter . 274 Zwei deutsche Gelehrte, die Professoren Berson und Süring waren es, die in kühnster Aufopferung ihr Leben für die Wissenschaft einsetzten. Am 31. Juli 1901 unternahmen sie die denkwürdige Hochfahrt, welche sie in eine höhere Region emportrug, als sie jemals vorher und nachher von einem Menschen erreicht worden ist. Sie benutzten hierzu einen sehr großen Ballon, der den Namen »Preußen« führte und 8400 Kubikmeter Gas fassen konnte. Nach einem Vortrag Sürings sei hier das folgende über diese wunderbarste aller Reisen mitgeteilt: „Um 2¾ Uhr – vier Stunden nach dem Aufstieg – bei 9000 Meter und -30 Grad hatten wir das stolze Bewußtsein, höher als alle Erhebungen der Erde zu sein, aber es machte wenig Eindruck. Schematisch wurde das vorgeschriebene Arbeitspensum erledigt; zur Unterhaltung spürte keiner von uns Lust; es war auch schwer, sich bei den über die Ohren gezogenen Pelzkappen verständlich zu machen. Eine Verschlechterung des Befindens war noch immer nicht festzustellen, aber es wurde immer schwerer, die Müdigkeit zu bekämpfen. Mir fielen sogar einmal die Augen zu, aber, wieder aufgewacht, fühlte ich mich vollkommen frisch, und wir führten zwischen 9000 und 10 000 Meter in Abständen von zirka sechs Minuten noch vier Beobachtungsreihen aus. Die Temperatur betrug hier zwischen 30 und 40 Grad Kälte. Ein anscheinend nebensächlicher Umstand beförderte nun vielleicht die Abnahme unserer Kräfte: das registrierende Barometer war eingefroren, sowohl das Uhrwerk wie die Tinte. Berson bemühte sich – wie vorauszusehen war, vergebens – die Apparate wieder in Ordnung zu bringen; ich hatte in der Zwischenzeit nichts zu tun; meine Müdigkeit wurde daher wieder größer. Nachdem diese Versuche aufgegeben waren, machten wir noch eine gemeinschaftliche Ablesung in 10 230 Meter Höhe. Bemerkenswert – weil abweichend von früheren Erfahrungen – ist die Sicherheit, man kann fast sagen Mühelosigkeit, mit welcher diese Beobachtung ausgeführt werden konnte . . . Die Einstellung und Beobachtung des Quecksilberbarometers, welche eine ganz ruhige und etwas unbequeme Stellung verlangte, war exakt durchführbar; der Stand der Thermometer, welcher durch ein astronomisches Fernrohr, also mit umgekehrtem Bild, abgelesen wurde, war klar erkennbar, und das Beobachtungsprotokoll konnte von mir mit größerer Sauberkeit geführt werden als bei mancher anderen Fahrt. Der Grund für das Wohlbefinden waren offenbar die konsequent durchgeführte Sauerstoffatmung und der gute Schutz gegen die Kälte. Kein Wunder, daß man glaubte, noch viel mehr ertragen zu können! Und doch befand sich der Körper nicht mehr im normalen Gleichgewicht. 275 Über 10 250 Meter Höhe werden plötzlich die bis dahin so deutlich in der Erinnerung haftenden Vorgänge unklar; die Erinnerungen sind infolgedessen bei uns beiden scheinbar etwas abweichend. Zweifellos steht fest, daß Berson das Ventil zog und dadurch den Ballon zum Fallen brachte. Kurz vorher hatte er mit schnellem Blick am Barometer einen Luftdruck von 202 Millimetern – das entspricht einer Höhe von 10 500 Metern – abgelesen. Diese Höhe ist somit sicher festgestellt. Naturgemäß hat das Ventilziehen nicht sofort gewirkt, um so weniger, weil unmittelbar vorher Ballast geworfen war. Der Ballon ist also noch gestiegen – wir nehmen aus verschiedenen Gründen an bis zu etwa 10 800 Metern – aber das ist eben nur eine Schätzung, keine Tatsache. Berson zog das Ventil, weil er auf Anruf und Schütteln von mir keine Antwort erhielt und daher eine Katastrophe befürchtete; das Ventilziehen verbrauchte aber den Rest seiner Kräfte, er brach erschöpft zusammen und fiel in eine lange, schwere Ohnmacht. Meine Erinnerungen besagen, daß ich meinen Kollegen anscheinend schlafend in sitzender Stellung vorfand, als ich – anscheinend noch ganz frisch – mich nach ihm umsah, um zu einer neuen Beobachtungsreihe aufzufordern. Schütteln war vergeblich; auch als ich ihm meinen Atmungsschlauch in den Mund steckte, um ihm mehr Sauerstoff zuzuführen, blieb er regungslos. Ich wollte daher das Ventil ziehen, dessen Leine für mich ziemlich schwer zu erreichen war, mußte aber wieder umkehren, um zunächst meinen bei Berson zurückgelassenen Atmungsschlauch zu holen. Mit der noch ganz deutlichen Erinnerung, daß die Kräfte rapide abnahmen, ergriff ich auch noch den Schlauch, aber dann schwand das Bewußtsein. Ob das vor oder nach Bersons Ventilziehen war, ist ziemlich nebensächlich; jedenfalls waren wir schließlich beide ohnmächtig. Indessen fiel der Ballon, und ziemlich gleichzeitig, aber erst nach einer halben bis dreiviertel Stunde, erwachten wir in zirka 6000 Metern Höhe aus der Ohnmacht, beziehungsweise dem daran sich anschließenden Schlaf. Jetzt war das Befinden ein ganz anderes als vorher: nichts von anscheinender Frische, sondern zunächst Atemnot und Angstgefühl, die allerdings nach starker Sauerstoffatmung bald wieder verschwanden, dann aber eine bleierne Müdigkeit, Kopfschmerzen und Schlaffheit, eine Art Seekrankheit oder richtiger Luftkrankheit, die auch ihren Tribut verlangte. Es kostete eine sehr bedeutende Überwindung, jetzt die notwendigsten Arbeiten zu tun, also vor allem den übermäßig schnellen Absturz des Ballons durch Sandwerfen zu verlangsamen, sich selbst aus den Pelzen herauszuwickeln, die Instrumente zu verpacken und dergleichen. Aber alles gelang; wir bekamen den Ballon vollkommen in unsere Gewalt und fuhren noch etwa zwei Stunden, bis 276 der Ballon ganz sanft auf ein abgeerntetes Feld aufsetzte. Wo wir waren, wußten wir vor der Landung nicht. Bis fast zu den größten Höhen hatten wir unsern Weg ziemlich genau verfolgt; wir waren durchschnittlich nach Süden bis Südsüdwest gefahren und mußten, wenn wir diese Richtung beibehielten, etwa bei Wittenberg über die Elbe kommen. Als wir aus der Ohnmacht erwachten, sahen wir eine ganz veränderte Landschaft; viel Wasser, besonders Seen waren zu erblicken, aber wir suchten vergebens die Elbe. Wie sich nachher herausstellte, waren wir, im Gegensatz zu der schwachen Luftströmung bis 8000 Meter, darüber plötzlich in einen stürmischen Westwind geraten, der uns in einer Stunde etwa 100 Kilometer nach Ost versetzte. Wir gelangten also infolge dieser Richtungsänderung der oberen Luftströmungen nicht an die Elbe, sondern nach dem Spreewald und landeten bei Briesen unweit von Kottbus.” Süring glaubt, daß die größte Höhe, die überhaupt in einem offenen Ballonkorb erreicht werden kann, trotz Sauerstoffatmung und aller sonstigen Vorkehrungen 12 000 Meter sein dürfte. Wer also den von den beiden deutschen Gelehrten bisher aufgestellten Höhenrekord wesentlich schlagen will, wird wohl eine luftdicht verschlossene Kammer an den Ballon hängen müssen, die nach Art einer Taucherglocke ausgebildet ist. 196. Kleinschrift Es sah aus wie ein Anhänger zur Uhrkette und war wohl auch als solcher gedacht; in einer Westentasche hätte er sich in seiner Winzigkeit verlieren können. Nichtsdestoweniger war es ein Buch und noch dazu ein Konversationslexikon. Eine Berliner Verlagsbuchhandlung hatte es vor einigen Jahrzehnten auf den Markt gebracht, nach Anwendung eines Verfahrens photographischer Verkleinerung. Enzyklopädische Vollständigkeit bot das Buch freilich nicht, aber doch etliche tausend Zeilen Text, der für Nachschlagefälle elementarer Art das allernötigste erklärte. Zur Lektüre war eine starke Lupe erforderlich und vorhanden; jedes Exemplar trug ein solches Vergrößerungsglas gebrauchsfertig in seinem kleinen Einbandtornister. Handschriftlich ist noch erstaunlicheres erzielt worden. Ein Schreiber, der seine Augen nicht schonte, hat es fertig gebracht, Schillers »Lied von der Glocke« ungekürzt auf eine Postkarte zu schreiben. Und ein Gefangener mit feinmechanischer Anlagen verwendete seine Mußestunden dazu, um das Vaterunser in allerfeinsten Buchstaben auf die Oberfläche eines Kirschkerns zu setzen. 277 197. Eine PS-Phantasie Einige Voraussetzungen werden nötig sein, um sie auszuspinnen; aber diese Phantasie hat wenigstens einen ganz realen Untergrund, nämlich die Stärke der Dampfmaschinen auf einem Seefahrzeug von der »Imperator«-Klasse. Die Eigenkräfte eines solchen Meeresgiganten betragen 62 000 Pferdestärken. Wir setzen nun zunächst voraus, daß ein lebendes Pferd im Stande sei, eine PS zu leisten; in Wirklichkeit bleibt die lebendige Kreatur hinter dieser Anforderung zurück. Aber es handelt sich nur um einen Rechnungsmodus, und so ersehen wir, daß die Maschinen eines einzigen Dampfers dem Pferdebestand von 82 Kavallerieregimentern in kriegsmäßiger Stärke entsprechen. Wir vereinigen nunmehr diese Masse dem Volumen nach in einem Pferd. Hier setzt die Phantasie ein und zugleich die zweite Voraussetzung: daß die Muskelkräfte im selben Verhältnis ansteigen wie die kubischen Mengen. So gelangen wir zu einem Pferd von annähernd 80 Metern Länge, das im Stande wäre, bei geeignetem Einspann jenen Schiffskoloß mit einer Geschwindigkeit von 24 Knoten durch die Fluten zu ziehen. Dritte Voraussetzung: dieser Gaul sei ein Rennpferd und übertreffe seine Kollegen vom Turf an Schnelligkeit und Ausdauer wiederum in der angegebenen Proportion. Dann wäre der 62 000 PS-Riese imstande, seinen Reiter in 25 Minuten von Berlin bis Paris zu befördern. Gesetzt aber, dieses Idealpferd besäße den Sprungwillen und die Sprungfähigkeit eines Flohs, der sich über das 200fache seiner eigenen Länge fortschnellt, so ergäbe das Sprünge, jeder einzelne so lang wie die Strecke vom Potsdamer Bahnhof in Berlin nach Wannsee. Gäbe es keine Widerstände durch Luft, Gebirgsmassen usw., so würde ein solcher Satz ausreichen, um das Pferd dem Zentralkörper Erde gegenüber in einen Planeten zu verwandeln. 198. Der atlantische Tunnel In vorliegendem Buch wird seiner ganzen Anlage nach der Begriff der Möglichkeit bis an die weiteste Grenze abgesteckt; und so mußte sich auch hier die Frage erheben: ist der Tunnel vom Westufer Europas nach dem Ostgestade Amerikas, wie er in Kellermanns bekanntem Werk »Der Tunnel« romanhaft geschildert wird, in Zukunft zu erwarten? 278 Die technische Möglichkeit, aus dem Gesichtswinkel des Ingenieurs, soll nicht bestritten werden; auch über die Milliardenrechnung des Kostenanschlags wäre nach heutiger Auffassung allenfalls hinwegzukommen. Trotzdem liegt eine Schwierigkeit vor, die, planetarisch nach der Natur unseres Erdkörpers betrachtet, vorläufig als unüberwindlich erscheint. Sie betrifft die Tiefe, in die der Tunnel gelegt werden müßte, weniger wegen der Wegkürzung als wegen des auszuhaltenden Wasserdrucks. Kellermann führt seinen Tunnel geradlinig, also in der Sehne zum betreffenden Erdbogen, und wir wollen annehmen, daß die hierdurch ermöglichte Tiefe ausreicht, um den Druck einer Wasserhöhe, die nach vorhandenen Messungen bis zu 8 Kilometern beträgt, wirklich zu ertragen. Allein wie steht es nun mit dem Einfluß, den die Eigenwärme der Erde in solcher Tiefenlage ausübt? Jede geothermische Tiefenstufe beträgt im allgemeinen 30–35 Meter, d. h. auf je 100 Meter durchschnittlich erhöht sich die Wärme um drei Grad Celsius. Der Tunnel würde sonach gegen die Mittel seiner Längserstreckung in Temperaturen kommen, die über 5000 Grad hinausliegen, und die man als Sonnentemperaturen bezeichnen könnte. Daß diesen gegenüber kein Zugmaterial und keine Kühlvorrichtung standhalten könnten, darf ohne weiteres angenommen werden. Jeder zur Konstruktion erforderliche Stoff würde verbrennen, sich verflüssigen, verdampfen. Aber auch das Erdmaterial selbst wäre für den Ingenieur nicht mehr brauchbar; er käme an Gesteinsmassen in Schmelzfluß, an glutflüssige Laven, in denen der Begriff eines Tunnelbaus seinen Sinn verlieren müßte. Hier wird man also doch wohl mit einer nicht zu überschreitenden Unmöglichkeit zu rechnen haben. 199. Die größte Glocke der Welt Das gewaltigste Erzeugnis der Glockengießerkunst hat das traurige Schicksal ewig stumm zu bleiben. Die größte Glocke der Welt ist niemals geläutet worden und wird auch niemals ihren Klang erschallen lassen, da sie gesprungen ist. Im Kreml zu Moskau steht vor der reich geschmückten Krönungskirche der Zaren der Iwan Welikij-Turm, der mit schönen Glocken ausgestattet ist. Als die größte von ihnen, der »Zar Kolokol« im Jahre 1735 hinaufgezogen werden sollte, fiel sie von dem untergestellten Holzgerüst herab und bohrte sich sechs Meter tief in die Erde. Diese geschoßähnliche Wirkung wurde dadurch möglich, daß die 279 Glocke das erhebliche Gewicht von 200 000 Kilogramm hat. Ein 11 000 Kilo schweres Stück sprang damals von dem unteren Teil der Glocke ab. Nachdem sie ein Jahrhundert lang in ihrem selbst geschaffenen Grab gelegen hatte, wurde die Riesin auf Befehl des Zaren Nikolaus I. auf den Erdboden hinaufgeschafft und auf ein gemauertes Fundament gesetzt. Die Glocke ist acht Meter hoch und hat an ihrer breitesten Stelle einen Umfang von 20 Metern. In ihrem Innern können 25 Menschen Platz finden. 200. Ein Sonnenmotor Quellen: »Der Siegeslauf der Technik«, herausgegeben von Geh. Regierungsrat Max Geitel , erster Band. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. – Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. Unsere Dampfmaschinen heizen wir mit Kohlen. Kohle ist als pflanzliches Fossil nichts anderes als aufgespeichertes Sonnenlicht. Das Licht, das vor Jahrmillionen das Wachstum der Vorweltpflanzen verursachte, steht nun aus dem Schoß der Erde wieder auf und leistet uns in seiner Körper gewordenen Form Arbeit. Aber wie gering ist die Ausnutzung der in der Kohle enthaltenen Energie! An der Treibachse der Dampfmaschine erhalten wir noch nicht einmal 1 / 5 der in der Kohle wirklich aufgespeicherten Arbeitskraft zu unserer Verwertung. Alles übrige geht glatt verloren, größtenteils schon in der Feuerung des Kessels. Wäre es daher möglich, die Sonnenenergie, die ja auch heute noch unvermindert zu uns herabstrahlt, direkt zum Heizen zu verwenden, so wäre eine weit bessere Ausnutzung möglich. Auf einer Straußenfarm in Süd-Passadena im Sonnenland Kalifornien hat man das nun mit Hilfe eines Sonnenmotors versucht. Diese Sonnenmaschine sammelt und steigert die Kraft der auffallenden Strahlen des Gestirns, indem sie diese in einem gewaltigen Hohlspiegel in Form eines abgestumpften Kegels auffängt. Dieser Hohlspiegel ist aus über siebzehnhundert kleinen Spiegeln zusammengesetzt, die so angeordnet sind, daß sie die Strahlen der in der Achse des Spiegels stehenden Sonne sämtlich nach einer Richtung hinwerfen. Dort, wo die Strahlen hinfallen, ist ein etwa vier Meter langer Dampfkessel in Form einer Röhre angebracht. Bei strahlendem Sonnenschein werden die Wände des Kessels, wenn er leer bleibt, in einer Stunde rotglühend. Die 400 Liter Wasser, die man in ihn hineinfüllen kann, sieden schon nach einer Viertelstunde, und der sich entwickelnde Dampf treibt einen Motor von 10 Pferdestärken; dieser betätigt ein Hebewerk, das in der Stunde 5600 Liter Wasser fördert. 280 Ein großes Uhrwerk bringt den Sonnenmotor andauernd in die richtige Lage zur Sonne, mit dem Ergebnis, daß andauernd Dampf in dem Kessel erzeugt wird, solange das Gestirn sein unverhülltes Antlitz zeigt. 201. Schiffsfahrstühle Die Technik des modernen Kanalbaus hat eine ganze Reihe eigenartiger Anlagen entstehen lassen. Die Gegensätze, daß ein Kanal als zusammenhängendes Stück nur in genau wagerechter Richtung geführt werden kann, daß er aber in seinem Gesamtverlauf Niveau-Unterschiede überwinden muß, zwingt zu großartigen Verbindungsanlagen. Der ganze Kanal wird in einzelne Stücke unterteilt, von denen jedes für sich in der Wagerechten liegt, aber immer in einer andern Höhe. Oft handelt es sich dabei um sehr große Differenzen. Die Schiffe können nun an den Stellen, an denen die verschieden gelegenen Kanalstücke zusammentreffen, nicht schräg hinauf oder hinunterfahren, wenigstens nicht im Wasser. Wo es garnicht anders geht, als daß sie über eine Schräge befördert werden müssen, greift man zu dem Aushilfsmittel der Schiffs-Eisenbahn. Das Schiff wird auf einen niedrigen Eisenbahnwagen aufgesetzt und dieser dann auf Schienen entweder hinauf- oder hinabgezogen. Solcher Schiffseisenbahnen, die man auch geneigte Ebenen nennt, gibt es in Amerika eine ganze Reihe. Die Schiffseisenbahn bei Foxton in England überwindet sogar ein Gefälle von 30 Metern. Aber die Schiffe, die hier befördert werden können, haben nur ein geringes Ladevermögen. Auch in Deutschland gibt es eine solche merkwürdige Verkehrsanlage, die Schiffe über trockenes Land schafft, nämlich die geneigte Ebene im Zug des Oberländischen Kanals, nicht weit von Elbing. Zumeist aber hebt und senkt man die Schiffe mit Hilfe der bekannten Kammerschleusen . Oft ist es notwendig, mehrere von ihnen kurz hintereinander zu einer Schleusentreppe zu vereinigen. Die neueste Anlage dieser Art, zugleich eine der umfangreichsten, ist die Schleusentreppe bei Niederfinow im Zug des Hohenzollernkanals (Großschiffahrtswegs Berlin-Stettin), welche die Schiffe 36 Meter hinauf- oder hinabbefördert. Sie besteht aus vier Schleusen von je 9 Metern Höhe. Anlagen dieser Art erfordern, weil die zu bewegenden Tore infolge des großen auftretenden Wasserdrucks sehr kräftig sein müssen, ausgedehnte maschinelle Anlagen. Hier und da kommt es auch vor, daß Kanäle in Betontrögen, die mit 281 Bleiplatten ausgefüttert sind, über eine Bahnlinie hinweggeführt werden, ja sie gehen sogar in gleichen Behältern über schiffbare Ströme hinweg, sodaß man an solchen Stellen das eigenartige Schauspiel genießen kann, Schiffe in zwei verschiedenen Stockwerken fahren zu sehen. Die erstaunlichsten Anlagen an Kanälen aber sind doch die großen Hebewerke , die Fahrstühle zur Beförderung von Schiffen in senkrechter Richtung. Die Kammerschleuse hat nämlich zwei schwere Nachteile. Das Füllen jeder Kammer mit Wasser erfordert eine ziemlich lange Zeit, und zugleich müssen aus der oberen Haltung jedesmal beträchtliche Wassermassen entnommen werden, was oft nicht angängig ist. Der Schiffsfahrstuhl dagegen arbeitet rasch und sparsam. Trotz der sehr großen Anlagekosten werden daher diese mächtigen Einrichtungen an viel befahrenen Kanälen immer häufiger gebaut. Seit einer Reihe von Jahren bereits arbeitet in Deutschland ein Schiffsfahrstuhl und zwar im Dortmund-Ems-Kanal bei Henrichenburg. Er befördert Schiffe, die mit Last 600 000 Kilogramm wiegen können, über eine Höhe von 16 Metern. Das größte aller Schiffshebewerke befindet sich im Trent-Kanal bei Peterborough in Kanada. Seine Hubhöhe beträgt 20 Meter, und es befördert Lasten von 800 000 Kilogramm. Diese Konstruktion ist den größten Bauwerken zuzurechnen. 202. Das Schloß im Meer Der Riesendampfer der Hamburg-Amerika-Linie » Imperator « und sein Schwesterschiff »Vaterland« stellen die gewaltigsten Verkehrsmittel dar, die es auf der Erde gibt. Alle andern Fahrzeuge verblassen zu schwachen Schatten, wenn man einige der Zahlen hört, die dem »Imperator« eigentümlich sind. Das Schiff vermag 4000 Fahrgäste aufzunehmen. Dazu kommen 1180 Mann Besatzung. Mehr als eine Woche ist erforderlich, um alle Lebensmittel an Bord zu bringen, die für diese Tausende während einer Reise erforderlich sind. Für eine geschlossene Reise Hamburg – New York – Hamburg benötigt das Schiff, vorausgesetzt, daß es ausgehend in Kajüte und Zwischendeck voll, heimkehrend in der Kajüte halbvoll und im Zwischendeck viertelvoll besetzt ist, folgende Lebensmittelmengen für Fahrgäste und Mannschaft bereits bei Antritt der Reise. An frischen Lebensmitteln (nur für die Ausreise): 45 000 Pfund frisches Fleisch, 8500 Pfund Wild und Geflügel, 8000 Pfund frische Fische, Hummern, Krebse, Austern, 15 000 Pfund Brot, 1000 Pfund Hefe, 48 000 Stück Eier, 282 25 000 Pfund frisches Gemüse, 12 000 Pfund Früchte, 150 Kisten Zitronen, Apfelsinen usw. Ferner Dauerlebensmittel (für Aus- und Heimreise): 100 000 Pfund Kartoffeln, 4000 Pfund Zwiebeln, 350 Fässer Mehl (zu 180 Pfund), 1500 Liter Essigsprit, 60 Fässer Salz (zu 150 Pfund), 500 Pfund Senf, 150 Pfund Pfeffer, 1500 Gläser und 300 Pfund Gewürze, 24 000 Pfund gesalzenes Fleisch und Fleisch in Dosen (für Mannschaft und Zwischendeck), 8300 Pfund Schinken, Wurst, Zungen, Speck, 25 Tonnen Heringe (zu 650 Stück), 2000 Dosen und 100 Faß Fischkonserven, 750 Pfund geräucherte Fische, 5500 Pfund Käse, 6500 Liter entkeimte Milch und Rahm, 5200 Dosen kondensierte Milch, 5000 Pfund Butter, 5500 Pfund Margarine, 6000 Dosen Gemüsekonserven, 800 Dosen Pilze, 2400 Pfund Gurken, 1200 Pfund getrocknetes Gemüse, 5000 Pfund Sauerkohl und gesalzene Schneidebohnen, 600 Pfund Nüsse und Mandeln, 6500 Pfund getrocknete Früchte, 4000 Dosen Kompotte, 2000 Pfund Marmeladen und Zwetschenmus, 250 Flaschen Fruchtsafte, 10 000 Pfund Zucker, Sirup und Honig, 5100 Pfund Kaffee, 350 Pfund Tee, 400 Pfund Schokolade und Kakao, 4000 Pfund Reis, Sago, Nudeln, Makkaroni, Grütze, Oatmehl usw. für die Kajüte, 18 000 Pfund Reis und Hülsenfrüchte für Mannschaft und Zwischendeck, 1500 Pfund Keks, Zwieback, Waffeln usw. Hinzu kommen an Getränken: 700 Flaschen Frühstückswein, 5000 Flaschen Weißwein, 4500 Flaschen Rotwein, 3000 Flaschen französischer Champagner, 2100 Flaschen deutscher Sekt, 2200 Flaschen Liköre, Kognaks usw., 13 000 Liter echte und 15 000 Liter Hamburger Biere, 3000 Flaschen Hamburger Bier, 15 000 Flaschen Mineralwasser, 3000 Liter Mannschaftswein und Spirituosen. Die Lagerung des Proviants erfordert 2830 Kubikmeter an Vorrats- und Kühlräumen. Für eine Ausreise von Hamburg nach New-York, bei der das Schiff voll besetzt ist, und für die anschließende Rückreise unter halber Besetzung führt der Dampfer folgenden Wäschevorrat für die Fahrgäste aller Klassen mit: 2500 Badelaken, 150 Bademäntel, 4900 Badetücher, 600 Badeteppiche, 9700 Bettlaken und Deckenbezüge, 2530 Fahrtücher, 800 Gläsertücher, 30 000 Handtücher und 950 Rollhandtücher, 12 250 große und kleine Kissen-, Überbett- und Kopfrollenbezüge, 1125 Bettdecken, 43 300 Servietten, 13 800 Serviertücher, 1000 weiße Tassen, 4400 Tellertücher, 6870 Tischtücher der verschiedensten Größen, 8000 Toilettentücher, 700 Wischtücher, 1550 Kellner- und Küchenschürzen, 100 Küchendecken, 2000 leinene Decken und 1375 Wäschesäcke und Wäschebeutel. Der Gesamtwert dieser Wäscheausrüstung beträgt 200 000 Mark. Die Menschen, die all diese Proviantmengen verzehren und der sonstigen 283 Einrichtungen sich bedienen sollen, weilen in einem elfstöckigen Meerespalast von mehr als 31 Metern Höhe, fast 30 Metern Breite und 268 Metern Länge. Ohne Maschinen, Kessel und Ladung wiegt das Schiff 33 800 000 Kilogramm, übertrifft also das Gewicht eines modernen, gepanzerten, bewaffneten und völlig ausgerüsteten Linienschiffs um neun Millionen Kilogramm. Der »Imperator« wird von 4 Turbinen angetrieben, die zusammen 62 000 Pferdestärken entwickeln. Jede der Turbinen wiegt 7600 Zentner. Ihre sich drehenden Teile tragen 760 000 kleine Bronzeschaufeln, die, aneinander gelegt, eine Länge von 200 Kilometern ergeben würden. Jede der 4 angetriebenen Wellen hat einen Durchmesser von einem halben Meter, sie machen 185 Umdrehungen in der Minute. Jede der 4 Schrauben des Schiffs hat einen Durchmesser von 5 Metern. Mit ihrer Hilfe kann der »Imperator« bei voller Kraft 22½ Seemeilen in der Stunde zurücklegen, das sind rund 42 Kilometer (1 Seemeile = 1852 Metern). Der Dampf für die Maschinen wird in 46 Kesseln erzeugt, die von 340 Heizern und Kohlenschleppern bedient werden. Das Schiff verbraucht täglich 20 000 Zentner Kohle. Die Bunkerräume können im ganzen 170 000 Zentner Kohle fassen. Doch all diese Zahlen erscheinen gering gegenüber dem lebendigen Eindruck, den man von dem Riesenkörper erhält, wenn man sich auf dem Schiff selbst umschaut. Es ist beim Antritt der Fahrt nicht leicht, sich mit den Räumlichkeiten vertraut zu machen. Selbst wenn man das große Gesellschaftszimmer aufsuchen will, einen Raum, auf den man in anderen Dampfern fortwährend und bis zur Belästigung häufig unabsichtlich stößt, muß man sich hier immer wieder von neuem erst durchfragen. Haupttreppenhaus, vordere Treppe, Achterdecktreppe, sie alle führen durch sieben Stockwerke hindurch, vom A-Deck, wo die Boote wimmelnd stehen, bis zum G-Deck, wo die letzten Kammern der ersten Klasse liegen. Aber der Flure, Nebentreppchen, Türen, die von ihnen abgehen, sind so viele, daß eine besondere langandauernde Beobachtung nötig ist, bis man überall Bescheid weiß. Bei dem Spaziergang von fünf Minuten Dauer, den man machen muß, um das Wandeldeck einmal zu durchschreiten, sucht man immer wieder sich zu vergegenwärtigen, wo denn hinter den schneeweißen Wänden der Deckaufbauten all die Riesensäle untergebracht sind, die man allmählich kennen gelernt hat, aber es ist unmöglich, sich das vorzustellen. Den Aufbau dieser Welt im kleinen begreift man nur an Hand der Pläne, die überall ausgehängt sind. Ein Hotel im Meer? Nein, dieser kärgliche Vergleich stimmt nicht mehr. 284 Welches Hotel beherbergt die Einwohnerschaft einer Stadt? Welches Hotel bietet seinen Gästen hunderte von Bädern und dazu noch ein luxuriöses Schwimmbad? Ein Schloß im Meer ist es, sieghaft sich türmend über den Wogen, ein ragendes Symbol menschlicher Geisteskraft, die das feindliche Element bezwungen hat. 203. Die Erde im Dienst eines Regenschirms Quelle: Professor Dr. Ing. h. c. Launhardt: »Am sausenden Webstuhl der Zeit«, 23. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig, 1910. Z. Die Eisenbahn hat, wie keine andere technische Schöpfung, fördernd und umgestaltend auf die Kultur der Menschheit eingewirkt. Sie hat ein ganz neues Zeitalter heraufgeführt. Im Widerspruch mit der üblichen historischen Einteilung kann man alles, was vor Einführung der Eisenbahn als öffentliche Verkehrseinrichtung liegt, als Altertum bezeichnen, den Rest als Neuzeit. Was wir Verkehr nennen, ist ja erst zusammen mit der Eisenbahn entstanden. Die Schienenwege bewirken, daß es praktisch eigentlich gar keine Entfernungen auf der Erde mehr gibt. Insbesondere zeigt sich das auf dem Gebiet der Volkswirtschaft. Die Gütererzeugung ist unabhängig geworden von dem Ort, an dem die Rohstoffe gewonnen werden. In großartigster Weise ziehen fortwährend die Güter über die ganze Erde, bei welchem Vorgang natürlich auch die Schiffahrt wichtigste Mitarbeit leistet. Wir empfinden es heute nicht mehr, daß wir bei den zahllosen Gegenständen des täglichen Gebrauchs eigentlich fortwährend die ganze Erde uns dienstbar machen. Aus allen Himmelsgegenden mußten die Stoffe teils roh, teils schon geformt, zusammenströmen, damit irgend eines selbst der geringen Werkzeuge unserer Bequemlichkeit entstehen konnte. Professor Launhardt hat diese Zusammensetzung eines bescheidenen Industrieerzeugnisses aus den verschiedensten Produkten sehr eindrucksvoll in einem Beispiel dargestellt. Er wählte als Gegenstand einen Regenschirm: „Der Stock des Schirms ist in der bekannten Stockfabrik von Meyer in Harburg aus einem Holz angefertigt worden, das in Venezuela gewachsen war, und mit einem aus Japan bezogenen Lack lackiert. Der Elfenbeingriff wurde aus dem Zahn eines Elefanten hergestellt, der im Eis Sibiriens eingebettet gefunden wurde. Der silberne Ring, der den Griff an seiner Wurzel umschließt, wurde von einer Metallwarenfabrik in Pforzheim geliefert, die das Silber von einer Silberhütte am Harz bezog, in der es unter Zuschlag brasilianischer Silbererze gewonnen wurde. Das dem Silber zugesetzte Kupfer wurde von Mexiko oder den Otaviminen in Südwest-Afrika eingeführt. 285 Die Messingzwinge am unteren Ende des Stocks wurde aus einem Blech gebogen, das aus einem Messingwalzwerk der Rheinprovinz stammt. Das Kupfer des Messings kam von Peru, das Zink aus Belgien. Das Blei, mit welchem die Zwinge ausgefüllt ist, wurde aus Colorado bezogen und das diesem Blei zur Erreichung größerer Härte zugesetzte Antimon vom Ural. Die kleinen eisernen Stiftchen, durch welche die Zwinge am Stock befestigt ist, wurden in einer Stiftfabrik in Schweden angefertigt. Das bewegliche Gestell des Schirms wurde in Berlin aus Eisenteilen zusammengesetzt, die in einem Walz- und Hüttenwerk im Saargebiet gewalzt waren. Die Fischbeinspitzen der Bügel des Gestells stammen von einem Walfisch, der bei Grönland von einem schottischen Walfischfänger gefangen und in London an den Markt gebracht war. Der Seidenstoff, mit dem das Gestell überspannt ist, wurde in Chemnitz gewebt. Die Seide stammt aus China und wurde von einer Rohseidenhandlung in Krefeld gekauft. Die Baumwolle, die dem Seidenstoff beigewebt war, wuchs in Virginia in Nordamerika, wurde in der englischen Fabrikstadt Bradford gesponnen und durch Vermittlung eines Hamburger Hauses bezogen. Die Anilinfarbe, mit welcher der Stoff gefärbt ist, wurde in der großen chemischen Fabrik zu Höchst am Main hergestellt aus einem Steinkohlenteer, der rheinaufwärts von der Gasanstalt zu Köln gekommen war, in dem man Gas aus Kohlen des Ruhrgebiets gewinnt. Das Gummibändchen, das den Überzug des geschlossenen Schirms zusammenhält, wurde in Hannover aus einem Gummi angefertigt, der aus dem Innern Afrikas über Kamerun bezogen wurde, und der dem Bändchen eingewebte Hanf kam von Manilla. Der aus einem Eisenröhrchen zusammengebogene Ring, durch welchen das Gummiband über einen Knopf gespannt wird, wurde in einem Kleineisenwerk Schlesiens hergestellt. Der Knopf für diesen Ring wurde in Thüringen aus dem Horn eines Büffels gedreht, der in den Prärien Argentiniens erlegt wurde. Die aus Aluminiumbronze bestehende kleine Glocke, die über die Bügelspitzen des geschlossenen Schirms geschoben wird, wurde in Wien gearbeitet. Die Seidenschnur mit Quaste, welche um den Griff geschlungen ist, hat man von Paris bezogen. Es war dazu Seide verwendet, die in Lyon gesponnen und gefärbt war aus einer Rohseide, die in einer Seidenwurmzüchterei bei Mailand gewonnen war. Die Papphülsen, über welche die Köpfe der Seidenquaste gesponnen sind, waren aus einem Holzfaserstoff hergestellt, der von Hölzern aus den Waldungen der Pyrenäen gewonnen wurde. Man erwäge nun, welche außerordentliche Fülle von Mitteln anzuwenden und welch mannigfaltige Arbeiten erforderlich waren, um die zur Verwendung 286 gekommenen Rohstoffe zu gewinnen, diese zu den erforderlichen mannigfachen Erzeugnissen zu verarbeiten, heranzuschaffen und zur Fertigstellung des Schirms zusammenzufügen. Es mußten Bergwerke und Hüttenwerke angelegt und betrieben, Bodenerzeugnisse angebaut und geerntet werden, Gebäude der verschiedensten Art errichtet, Kraft- und Arbeitsmaschinen verschiedenartiger Anordnung gebaut und in Betrieb gesetzt werden. Zur Heranschaffung der Stoffe waren Lastträger und Packtiere auf den schmalen Pfaden unkultivierter Länder in mühseliger Arbeit tätig, die Stoffe wurden auf Schlitten in eisigen Gefilden, durch Lastwagen auf rohen Wegen und Landstraßen, auf Eisenbahnen, in Flußschiffen und Seeschiffen, in Segelschiffen und stolzen Dampfern herbeigeschafft. Welche Anstrengungen mußten dabei aufgewendet, welche Gefahren überwunden werden! Welche Handelsgeschäfte waren durch Geschäftsreisen, Briefwechsel, Buchführung und Geldverkehr durchzuführen, wieviel geistige Arbeit war unablässig auf die Ausbildung und Vervollkommnung der chemischen und mechanischen Arbeitsvorgänge gerichtet, wie viele Millionen Menschen waren mit irgend einem Handgriff, mit irgendwelcher Tätigkeit an der Vollendung dieses einen Regenschirms beteiligt!” 204. Kriegs-Wunder Die Zone des Schweigens Der Geschützdonner aus dem Sundgau wurde bis in die Karlsruher Gegend, der von Ypern bis tief hinein in die preußischen Rheinlande gehört. Schlägt man vom Ursprungsort einen Kreis mit dem größten Radius der Reichweite, so sollte man annehmen, daß innerhalb dieses Kreises durchweg Hörbarkeit vorhanden sein müßte. Das ist indeß nicht der Fall. Das gesamte akustische Gebiet zerfällt vielmehr fast durchgängig in zwei Felder, die durch einen breiten Ring voneinander getrennt sind. Dieser Ring ist »die Zone des Schweigens«. Sie wird bedingt durch atmosphärische Lagerungen, die aus sehr hohen Luftzonen den Schall reflektieren und je nach Dichte und Feuchtigkeitsgehalt bis in Gebiete entsenden, wohin der direkte Schall nicht mehr zu dringen vermag. Es ist eine Art von Echo, dessen Besonderheit spitze Reflexwinkel an der hohen Resonanzschicht beansprucht und sonach in seiner Wirkung eine mittlere Distanz überspringt. Da der Vorgang sich symmetrisch nach allen Seiten abspielt, so wird das Gebiet dieser Distanz ein Ring, innerhalb dessen der Kanonendonner verstummt, um jenseits auf weite Entfernungen hin wiederum seine Schallwucht zu äußern. 287 Irrwege der Kugeln Bei zahllosen Millionen von Schüssen bietet sich dem Zufall Gelegenheit zu Unerhörtem. An der Westfront ereignete es sich, daß eine deutsche mit einer französischen Gewehrkugel in der Luft zusammenprallte und sich mit ihr zu einem Klumpen vereinigte. Das Stück wurde gefunden und wird wohl irgendwo als Rarität aufbewahrt. Im Berliner Zeughaus ist das Gewehr eines deutschen Soldaten ausgestellt, gegen dessen Mündung ein feindliches Infanteriegeschoß schlug, als der Soldat gerade laden wollte. Die Mündung wurde aufgerissen, ein Teil des Geschosses fuhr durch den Lauf und zerschellte an der geöffneten Kammer. Etwas noch merkwürdigeres ereignete sich am 29. Januar 1915 an der Westfront. Da fuhr ein französisches Infanteriegeschoß richtig in den Lauf eines deutschen Gewehrs hinein, stieß gegen die darin liegende Patrone und brachte diese zur Entzündung, sodaß die Kammer aufgesprengt wurde. Auch diesmal blieb der Soldat unverletzt. Beiläufig bemerkt: auch juristische Anomalien sind durch Projektile verursacht worden. So entspann sich allen Ernsts ein Fachstreit darüber, wem eine herausoperierte Kugel gehöre . Eine Reihe von Autoritäten vertrat in Beiträgen zu gelehrten Zeitungen folgende Standpunkte: 1. Sie gehört dem Mann, aus dessen Wunde sie entfernt wurde. 2. Sie gehört dem Militärfiskus. 3. Sie gehört dem operierenden Arzt. 4. Sie ist herrenlos ( res nullius ) und gehört demjenigen, der sie nimmt. Vereinzelt erhob sich sogar die Ansicht, daß die Kugel, obschon vorläufig beschlagnahmt, einen Bestandteil des feindlichen Vermögens darstelle. Im Prozeßfall wäre die fragliche Kugel beim erkennenden Richter eventuell auf ein »Wunder des Scharfsinns« angewiesen. Der Steilschuß Die stärksten Mörser, wie sie in Form der »dicken Berta« wirken, tragen auf sehr weite Entfernungen. Die ballistische Regel besagt, daß das Maximum bei einem Erhebungswinkel des Rohrs von 45 Grad erreicht wird. In Wirklichkeit bedingen die technischen Voraussetzungen, der Luftwiderstand usw. eine flachere Wurfparabel. Immerhin erreicht solch Geschoß im Kulminationspunkt der Bahn eine Höhe, die ihm gestattet, alle denkbaren Hindernisse zu überfliegen. Nimmt man den Standort des Geschützes und das Ziel als in der Ebene liegend an, so läßt sich von jenem zu diesem ein Volltreffer erzielen, selbst wenn sich zwischen beiden ein Gebirge von der Höhe des Montblanc auftürmte. Die Kosten Nach dem Durchschnitt von 1915 berechnet, hatten die kriegführenden Völker 288 in jeder Woche doppelt so viel auszubringen, wie zu Zeiten Friedrichs des Großen der ganze siebenjährige Krieg gekostet hat. 205. Schnellverkehr im Draht Der alte ehrwürdige Samuel Finley Breese Morse hat schon ein rechtes Wunder auf dem Gebiet der Telegraphie vollbracht, indem es ihm gelang, alle Buchstaben, Interpunktionen und Zahlen durch nur zwei Zeichen, nämlich durch Punkte und Striche auszudrücken, die miteinander kombiniert werden. Aber dem Zeitalter des Verkehrs wurde diese Art des Zeichengebens, wenigstens für die Hauptstrecken, bald zu primitiv. Müssen doch beim Morse-Telegraphen für jeden Buchstaben, mit Ausnahme des e und des t, mehrere Stromimpulse in die Leitung geschickt werden, für Zahlen fünf, für Interpunktionen noch mehr, und das erfordert durch das vielfache Herunterdrücken der Sendetaste erhebliche Zeit. Außerdem ist es auch notwendig, an der Empfangsstelle die in Strich-Punkt-Schrift ankommenden Telegramme mit der Hand in gewöhnliche Schrift zu übersetzen, was wiederum einen beträchtlichen Zeitverlust bedeutet. Da ist der Hughes-Apparat schon leistungsfähiger, der erstaunlicherweise gestattet, über einen einzigen Draht hinweg jeden beliebigen Buchstaben und jedes andere notwendige Zeichen in beliebiger Reihenfolge sofort deutlich lesbar in gewöhnlicher Schrift abzudrucken. Jeder Buchstabe, jede Zahl und jedes Zeichen erfordern hier nur einen einzigen Tastendruck, und ein Niederschreiben des Telegramms am Empfangsort ist nicht notwendig, da es vollkommen fertig ankommt. Aber auch hiermit hat man sich noch nicht zufrieden gegeben. Die Anlage einer Telegraphenleitung ist teuer und erheischt eine möglichst gründliche Ausnutzung. Man versuchte darum schon vor vielen Jahren, ob es nicht möglich sei, zwei Telegramme gleichzeitig in beiden Richtungen zu senden. Das klingt beinahe wie ein Märchen, aber der Versuch glückte vollkommen. Das Gegensprechen , wie der technische Ausdruck für den Vorgang lautet, ist heute auf sehr vielen Leitungen in regster Anwendung. Während ein Telegramm von A nach B geschickt wird, läuft gleichzeitig eine Depesche auf demselben Draht von B nach A, ohne daß die Zeichen einander gegenseitig im geringsten stören. Und vom Gegensprechen ging es dann weiter zur Mehrfach-Telegraphie . War das erste Phänomen durch verhältnismäßig einfache Schaltungseinrichtungen erreicht worden, so gelangte man hier durch Zwischenschalten einer Verteilungsapparatur zum Ziel. Die Konstruktion ist von Baudot angegeben. 289 Beim Hughes-Apparat und den nach seinem Vorbild gebauten Sendern erfolgt das Zeichengeben durch Niederdrücken von Tasten. Die Konstruktion zwingt aber dazu, zwischen einem Tastendruck und dem nächsten eine kurze Zeit – Bruchteile einer Minute – vergehen zu lassen. Während dieser Pausen aber bleibt die Leitung unbenutzt. Baudot legt nun noch einen zweiten Sender an dieselbe Leitung, und während der erste feiert, arbeitet der zweite. Jede Pause bei Apparat 1 ist lang genug, damit Apparat 2 ein Zeichen abgeben kann. Der Verteiler sorgt dafür, daß die Apparate niemals zu gleicher Zeit, sondern immer einer nach dem andern an die Leitung geschaltet werden, sodaß sie einander nicht stören können. Zwischen Berlin und Paris hat der Baudot vorzüglich gearbeitet. Es ist an anderen Stellen unter Benutzung der Gegensprechschaltung sogar gelungen, an jeder Seite bis zu vier Apparaten an eine Leitung zu legen, sodaß praktisch acht Telegramme zu gleicher Zeit über einen Draht laufen können. Hiermit ist schon eine sehr gründliche Ausnutzung der Leitungen erreicht. Aber die Geschwindigkeit bei der Abfertigung eines einzelnen langen Telegramms konnte noch nicht befriedigen. Der Morse-Telegraphist kann in einer Minute 60 bis 70 Buchstaben abgeben. Der am Hughes-Apparat arbeitende Beamte bringt es in der gleichen Zeit auf 125 Buchstaben. Soll nun etwa ein Parlamentsbericht von 50 000 Worten zu je 6 Buchstaben abtelegraphiert werden, so braucht der Hughes-Beamte zur Übertragung der 300 000 Buchstaben 40 Stunden. Das ist für die Bedürfnisse einer Zeitung eine viel zu lange Dauer. Abhilfe wurde durch den Maschinen-Telegraphen erreicht. Hier werden die Zeichen nicht mehr mit der Hand abgegeben, sondern mittels eines schnell rotierenden Apparats durch den Draht gejagt. Freilich ist es notwendig, das ganze Telegramm vorher auf einem Papierstreifen so aufzuzeichnen, daß für jedes Zeichen eine bestimmte Lochkombination in den Streifen eingestanzt wird. Aber es können gleichzeitig mehrere Lochstreifen von verschiedenen Teilen des Telegramms hergestellt werden, und das Lochen geht sehr schnell vor sich, da die Stanzvorrichtungen die Form von Schreibmaschinen haben; jeder Tastendruck stanzt sofort das zugehörige Lochzeichen ein. Dann gehen alle Streifen hintereinander durch die Telegraphiermaschine, und am Empfangsort erscheinen sie sofort in Druckschrift. Der Maschinentelegraph von Wheatstone gestattet die Absendung von 250, der von Murray von 350 Buchstaben in der Minute. Eine sehr erhebliche Verbesserung brachte der mit großem Scharfsinn und äußerstem Geschick aufgebaute Schnelltelegraph von Siemens \& Halske , der 1000 Buchstaben in der Minute übermittelt. Er ist heute bereits vielfach im Betrieb, scheint aber insbesondere dazu ausersehen, künftigen Verkehrsanforderungen in hohem Maß zu dienen. 290 Über die Ansprüche der nächsten Zukunft hinaus geht eigentlich schon der Photo-Schnelltelegraph von Pollak und Virag , mit dem man 3000 Buchstaben in der Minute zu senden vermag. Hier aber kommen die Zeichen nicht gleich in allgemein lesbarer Schrift an. Eine so außerordentliche Schnelligkeit gestattet nicht mehr die Bewegung wirklicher Drucktypen. Bei diesem Apparat wird vielmehr durch die ankommenden Telegraphierströme nur ein ganz kleines Spiegelchen, auf das ein Lichtstrahl fällt, in geringe Schwankungen versetzt. Der zurückgeworfene Lichtstrahl zeichnet die Bewegungen des Spiegelchens auf einem vorbeigleitenden photographischen Film aus, und die Depesche wird aus den auf- und absteigenden Linien gelesen, die der Strahl auf den lichtempfindlichen Film geschrieben hat. Die fabelhafte Geschwindigkeit dieses Apparats steht zu der des Morseklopfers etwa in demselben Verhältnis wie das Dahinrasen eines modernen Schnellzugs zu der Fortbewegung eines Sprengwagens. 206. Telegraphie ohne Draht Gehört die drahtlose Telegraphie noch in dieses Buch von den Wundern? Ist sie uns nicht längst selbstverständlich geworden wie der »gewöhnliche« Telegraph und das »gewöhnliche« Telephon, die auch einst für alle Wunder waren, und es für jeden tiefer Denkenden auch ganz gewiß noch heute sind? Ja, die Äthertelegraphie gehört nach wie vor zu den größten Wundern, zu den erstaunlichsten Erzeugnissen menschlicher Geisteskraft. Mit Hilfe von Schwingungen, deren Natur wir nur ahnen, nicht kennen, durch Bewegungen in einem hypothetischen Stoff, der, wie man heute sagen kann, sicher garnicht vorhanden ist, durch Einwirkungen und Feinwirkungen, die uns an sich ganz unbegreiflich sind, vollziehen wir den drahtlosen Nachrichtenaustausch. Was bedeuten alle Prachtgebäude der Welt gegen den schlanken Bau des Sendedrahtturms in der Telefunkenstation Nauen bei Berlin! Welch ein anderer Bau ist so mächtig wie dieser? Der Telegraphist dort drinnen, in der mit geheimnisvollen Apparaten erfüllten Sendezelle vollzieht ein paar Schaltungen und bewegt dann einen einfachen Klopferhebel genau so, als hätte er den Auftrag, vom Postamt in Treuenbrietzen ein Telegramm durch den Draht nach Jüterbog zu schickem Aber welch eine Wirkung tritt ein! Im Maschinensaal der Funkenstation heult die Hochfrequenzmaschine in rasend schnellem Umlauf, ein großer Unterbrechungshammer arbeitet in schweren Schlägen – und drüben in Amerika, am andern Ufer des 291 Weltmeers, zu dessen Überquerung das schnellste Schiff fünf Tage braucht, tönen im gleichen Augenblick die Rhythmen des Morsealphabets in einem Telephonhörer, den der Aufnahmebeamte am Ohr hat. Zwischen Nauen hüben und Sayville drüben besteht keinerlei Verbindung als das unermeßliche, unerforschte, gleichmäßig gefügte Äthermeer. Und nun wieder ein paar Schaltungen im Senderaum! Jetzt ist es ein anderes Strahlungsnetz, eine anders gerichtete Antenne, die an die Hochfrequenzmaschine angeschaltet ist, und nun verkehrt Nauen mit Kamerun. Dies geschieht genau in der gleichen Weise wie mit Amerika. Der Raum, die Verschiedenheit in der geographischen Lage der beiden Erdteile, sie spielen für den Beamten am Morseklopfer keine Rolle. Der Mann, welcher der Funkentelegraphie die letzte Gestalt für ihre praktische Brauchbarkeit gab, ist der Italiener Marconi . Aber in ihrem geistigen Inhalt geht die Erfindung zurück auf die grundlegenden Versuche eines deutschen Gelehrten, des in der Blüte seiner Jahre dahingeschiedenen Physikers Heinrich Hertz . Er vermochte als erster, schnellschwingende elektrische Entladungen zu erzeugen und stellte auch sogleich ihre Fernwirkungen fest. Eigenartig sind die neusten Wandlungen im Gebiet der Äthertelegraphie. Auf die Verwendung der Funkenstrecke und der empfangenden Frittröhre wurde das System von Marconi praktisch aufgebaut. Funkentelegraphie wird es noch heute genannt, aber der Funke als Sender ist schon fast gänzlich verschwunden und durch die Hochfrequenzmaschine mit ihren gleichmäßigen, ungedämpften Wellenzügen ersetzt. Und die Frittröhre gar, den andern grundlegenden Baustein, findet man garnicht mehr. Sie ist als Empfänger überall durch den Detektor verdrängt, einen ganz anders gearteten Apparat. So hat die Äthertelegraphie bei voller Aufrechterhaltung des Betriebs ein ganz neues Fundament unter sich errichtet. 207. Das Fernlenkboot Quelle: Artur Fürst: »Die Wunder um uns«. Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. Die Kraft der Ätherwellen vermag noch mehr, als Nachrichten auf weglosen Pfaden zu übermitteln. Die seltsamen Schwingungen sind stark genug, nicht nur das Abstraktum »Mitteilung« auf ihre ätherischen Schultern zu laden, sondern auch am Ende ihrer Bahn Arbeit zu leisten oder doch ganz direkt Arbeit auszulösen. Auf dem Wannsee bei Berlin kreuzte vor wenigen Jahren ein Boot, das mehr an Geheimnissen barg als Hauffs Gespensterschiff. Seine Schraube schlug 292 bald das Wasser, bald lag sie still, das Steuer drehte sich nach rechts und nach links, Huppensignale warnten begegnende Schiffe, Signallichter flammten auf und erloschen – und im Boot saß kein Mensch. Zauberkraft war es, die das Boot beherrschte, aber moderne Zauberkraft, hinter der kein Geheimnis tief verborgen liegt, sondern die das Ergebnis exakter technischer Arbeit ist. Der »drahtlose Telegraph« war der Hexenmeister, der das Kunststück der Fernsteuerung und Fernauslösung vollbrachte. Am Ufer war an einem hohen Mast ein Sendedraht aufgehängt, und die in diesen hineingesandten elektrischen Schwingungen beeinflußten, genau wie beim funkentelegraphischen Verkehr, eine an Bord befindliche Apparatur, die mit einem zwischen den Schiffsmasten aufgehängten Auffangedraht verbunden war. Wenn durch den Druck auf eine Taste der Sendedraht am Ufer Schwingungen aussandte, so schloß der Empfänger auf dem Schiff dort Starkstromkreise, die von einer an Bord aufgestellten Akkumulatorenbatterie gespeist wurden. Durch eine einfache Vorrichtung war es möglich, mit Hilfe eines Sende- und eines Empfangsdrahts nach Belieben bald das Steuer, bald den Motor, bald irgend eine andere Apparatur auf dem Schiff zu beeinflussen. Es gehört wenig Phantasie dazu, sich die Entwicklungsmöglichkeiten einer solchen Konstruktion weiter auszumalen. Schon sieht man die Torpedos laufen, die vom Mutterschiff drahtlos gesteuert werden, die Luftschiffe unbemannt steigen, um im geeigneten Augenblick Bomben abzuwerfen – kurz einen ganz neuen technischen Wundergarten in schönster Blütenpracht emporsprießen! 208. Hagelbekämpfung durch Funkentelegraphie Quellen: »Der Siegeslauf der Technik«, herausgegeben von Geh. Regierungsrat Max Geitel , zweiter Band. Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, Stuttgart, Berlin, Leipzig. Eine eigenartige Anwendung haben die elektrischen Wellen in Italien gefunden. In den Weinbaugegenden ist dort seit langem das Wetterschießen üblich. Durch Lösen von Böllern erzeugt man Luftwirbel, die an Stelle des drohenden Hagelschlags einen milden Regen herabrufen sollen. Die Erfahrungen mit dem Wetterschießen waren nicht sehr gut. In den von Hagelschäden besonders bedrohten Weingärten von Monte Ferrato hat man sich darum einem moderneren Schutzmittel zugewendet. Nach den Angaben Rotas ist eine Anzahl von Stationen zur Aussendung elektrischer Wellenzüge nach Art der Telegraphenanlagen erbaut worden. Aber hier ist der Sendedraht nicht senkrecht sondern wagerecht geführt. Er sendet also Wellenzüge in vertikaler Richtung aus. Diese sollen die kleinsten Wasserteilchen 293 elektrisch laden und wohl durch die auftretenden Abstoßungskräfte die Bildung von Hagelkörnern verhüten. Man hat mit der Einrichtung schon sehr gute Erfolge erzielt. Für 24 000 Hektar genügen 6 Rotastationen. 209. Die singende Bogenlampe Quelle: Professor Dr. Inh. h. c. Adolf Slaby: »Glückliche Stunden, Entdeckungsfahrten in den elektrischen Ozean«. Verlag von Bernhard Simion Nf., Berlin, 1908. Z. In einem Hörsaal der Technischen Hochschule zu Charlottenburg trug sich eines Abends etwas Seltsames zu. Dort fand gerade eine Vorlesung über moderne Kunst statt, bei der auch prachtvolle Bilder gezeigt wurden, sodaß alles in höchst weihevoller Stimmung war. Plötzlich aber wurde im Saal ein Gassenhauer gesungen, ganz laut und deutlich und mit größter Ruhe und Energie. Niemand vermochte den frechen Störer zu entdecken. Und das war kein Wunder. Denn dort, wo er sich befand, suchte niemand. Er saß nämlich in den Glocken der Bogenlampen, die den Saal erhellten, in allen Lampen zugleich. Die Lichtbogen waren es, die sangen. Ein Stockwerk unter dem Saal, in dem die so bös gestörte Vorlesung stattfand, lag nämlich das Laboratorium von Professor Slaby , der gerade eine von Dudell neu erfundene Konstruktion ausprobte. Die Erfindung Dudells erlaubt, durch einen über die Kohlen und den Lichtbogen der Lampen geleiteten, dem eigentlichen Lichtstrom übergelagerten Wechselstrom den Bogen in Zuckungen zu versetzen. Diese Zuckungen rufen in der Luft Schall-Schwingungen hervor. Wenn man die Zahl der Schwingungen entsprechend bemißt und wandelbar macht, was man leicht kann, so vermag man den Lichtbogen jeden musikalischen Ton, also auch ganze Melodien singen zu lassen. In einem unbewachten Augenblick hatte ein scherzhaft veranlagter Student den Apparat mit der Lichtleitung verbunden, und so kam es, daß zu der Vorführung eines Liebermannschen Gemäldes gesungen wurde: »Du bist verrückt, mein Kind!« Diese Bogenlampen-Apparatur ist aber weit mehr als ein Scherzgegenstand. Sie hat zum ersten Mal ein drahtloses Fernsprechen ermöglicht. (Siehe den folgenden Abschnitt.) 210. Drahtloses Fernsprechen Quelle: Artur Fürst , Aufsatz: »Das drahtlose Telephon in Nauen« im »Berliner Tageblatt« vom 12.7.1913. Welch ein angenehmer Gedanke: in der Tasche trägst du eine Stromquelle und einen kleinen Apparat; wenn du beide zusammenschaltest, so bist du sogleich imstande, dich mit dem liebsten Menschen, den du hast, und der auch einen 294 solchen Apparat besitzt, zu unterhalten. Wo du seist, im fahrenden Zug, auf einem Schiff mitten im Wasser- oder Luftozean, auf dem Gipfel eines hohen Bergs oder in der Tiefe eines Grubenschachts, auf Neu-Seeland oder in Nowaja Semlja – von überall her kannst du mit deinem Getreuen Zwiesprache halten. Du rufst ihn an, er antwortet dir über tausend Meilen hinweg – und wenn du einmal keine Antwort mehr erhältst, dann weißt du, daß er gestorben ist. Immerhin ist dies noch ein Zukunftstraum. Aber das wichtigste Problem auf dem Weg zur Verwirklichung dieser Phantasie ist gelöst: das drahtlose Telephon ist vorhanden. Über mehrere hundert Kilometer hinweg hat man sich bereits drahtlos unterhalten können, und zwar noch besser und bequemer als durch den Fernsprecher am Draht, weil alle störenden Nebengeräusche fehlten. Mit Hilfe des vom Wechselstrom in sehr rasche Schwingungen versetzten Lichtbogens der Bogenlampe, noch besser aber neuerdings durch die Röhrensender, kann man ganz gleichmäßige Äthererschütterungen erzeugen, die einen passenden Empfangsapparat auf drahtlosem Weg zu beeinflussen vermögen. Durch ein zwischengeschaltetes Mikrophon lagert man diesen Wellenzügen die Rhythmen der Sprechtöne auf, die von ihnen gewissermaßen auf einem starken Rücken mitgenommen und am Empfangsort abgeliefert werden. Für die tragenden Schwingungen der Grundwellenzüge ist unser Ohr unempfindlich, da deren Frequenz über die Aufnahmefähigkeit unseres Hörorgans liegt. Auf diese Weise vernimmt man am drahtlosen Empfangsapparat nur die Tonrhythmen und diese in voller Klarheit. Es ist bereits gelungen, von Europa nach Amerika drahtlos zu telephonieren. Einen Röhrensender in Taschenformat herzustellen, muß freilich der Zukunft überlassen werden. 211. Das »eiserne Telefonfräulein« Quelle: Artur Fürst: »Die Wunder um uns«. Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. Z. „Man denke sich, daß sämtliche Teilnehmer am Fernsprechnetz von Groß-Berlin an ein Amt angeschlossen seien. Da jeder der 300 000 Teilnehmer imstande sein muß, mit jedem andern Teilnehmer zu sprechen, so müßte diese Riesenzentrale die Möglichkeit geben, 90 000 000 000 (neunzig Milliarden) Verbindungen auszuführen. (Es wird hierbei angenommen, daß jeder Teilnehmer sich auch mit sich selbst verbinden kann.) Nun stelle man 295 sich vor, daß sich in diesem gewaltigen Amt mit seiner überaus großen Anzahl von Anschlußkombinationen während des Betriebs kein Mensch befindet, daß alle diese Verbindungen maschinell, durch einen großen Apparat ausgeführt werden. Trotz allem Vertrauen, das man der modernen Technik zu schenken berechtigt ist, erscheint doch die Konstruktion eines so schmiegsamen Apparats, der Milliarden von Differenzierungen erlaubt, fast unmöglich. Und doch ist diese Aufgabe heute bereits fertig gelöst. Es bedürfte nur eines Auftrags der Reichspostverwaltung, und Berlin könnte nach Ablauf der notwendigen Erbauungszeit mit einem automatischen Fernsprechamt ausgerüstet sein, das sämtliche Teilnehmer vereinigt. Die Telephondamen würden überflüssig, jeder Anschlußinhaber wäre imstande, über die zwei Drähte hinweg, die schon heute von seinem Apparat zum Amt laufen, jede gewünschte Verbindung selbst, ohne Inanspruchnahme eines anderen Menschen herzustellen. Die automatischen Fernsprechämter, wie sie heute bereits an 130 Orten in Amerika und Europa, darunter in Graz, Krakau, Hildesheim, Altenburg und München im praktischen Betrieb sind, stellen eine der genialsten Erfindungen dar. Es ist möglich, daß – um bei dem Berliner Zukunftsbild zu bleiben – 300 000 Teilnehmer aus einer Entfernung von mehreren Kilometern je 300 000 verschiedene Anschlüsse sich selbst herstellen können. Die Maschine übernimmt alle die komplizierten Tätigkeiten der Telephonistinnen: die Entgegennahme der Mitteilung, welche Nummer vom Rufer begehrt wird, das Heraussuchen des gewünschten Anschlusses unter den 300 000 vorhandenen, die Kundmachung, ob die Leitung des angerufenen Teilnehmers frei oder besetzt ist, das Anklingeln des gewünschten Anschlusses, endlich die Lösung der Verbindung nach beendetem Gespräch. Das System der automatischen Fernsprechverbindung beruht auf einer Erfindung des Amerikaners Strowger , die nun inzwischen in Deutschland besonders durch die Firma Siemens \& Halske durchgreifende Veränderungen und Verbesserungen erfahren hat. Der Grundgedanke der Erfindung ist die Anwendung der Ausschließungsmethode. Es werden aus der Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Anschlüsse zuerst die nicht gewünschten Hunderttausender, dann die nicht gewünschten Zehntausender, Tausender, Hunderter und Zehner ausgeschlossen, sodaß zuletzt nur die einfache Aufgabe übrig bleibt, aus zehn Kontakten den einen gewünschten herauszusuchen.” 296 212. Das festgehaltene Telephongespräch Obgleich der Fernsprecher im Verkehr ganz hervorragende Dienste leistet, haftet dem Telephongespräch doch eine Schwäche an, die seinen Wert oft stark mindert: es kann mit der bis heute üblichen Apparatur nicht festgehalten, nicht aufbewahrt werden. Wie der Hauch des Munds verweht, so verfliegt das am Telephon gesprochene Wort, Mitteilungen, die auf diesem Weg gemacht werden, haben keinen dokumentarischen Wert. Wie angenehm wäre es, wenn das Telephon das Gespräch, das man führt, aufbewahrte, oder wenn es dieses gar selbsttätig aufschreiben würde, falls man nicht zu Haus ist. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß dadurch die ganze Einrichtung weit nützlicher werden würde. Und auch vor diesem Problem ist die Technik nicht ratlos stehen geblieben. Der dänische Ingenieur Poulsen hat uns mit dem von ihm erfundenen Telephonographen oder Telegraphon ein Werkzeug zur Festhaltung von Telephongesprächen zur Verfügung gestellt. Es ist, als schalte man einen Phonographen in die Leitung ein. Aber es handelt sich hier nicht um ein solches Instrument mit Walzen aus Wachs, in das von einer beweglichen Nadel die Luftschwingungen eingegraben werden, sondern Poulsens Apparat ist ein ganz neuartiger, ein elektrischer Phonograph. Auf einem Messingzylinder ist ein dünner Stahldraht spiralig aufgewickelt. Über ihm ist ein Elektromagnet so angebracht, daß er immer ein bestimmtes Stückchen des Spiraldrahts in kurzem Abstand umfaßt. Die Messingwalze kann so gedreht werden, daß allmählich der ganze Draht vom Anfang bis zum Ende unter dem Elektromagneten hindurchgeht. Dieser wird von dem ständigen Strom einer Batterie durchflossen und dadurch magnetisiert. Man schaltet aber auch den Telephonstromkreis hinein, und nun ändert sich die Magnetisierung in dem Elektromagneten entsprechend den im Telephon durch das Sprechen gegen die Membran auftretenden elektrischen Schwingungen. Die Veränderungen in der Kraft des Magneten übertragen sich auf den Stahldraht, und so werden auf diesem die Telephonschwankungen gewissermaßen in Form von magnetischen Hügeln und Tälern aufgezeichnet, geradeso wie die Nadel verschieden tiefe Rillen in die Wachswalze gräbt. Läßt man dann später den magnetisierten Draht unter einem andern Elektromagneten hindurchlaufen, in dessen Stromkreis ein Telephon geschaltet ist, so wird dessen Membran genau in dieselben Schwingungen versetzt, wie es bei dem Ursprungsapparat durch den Mund des Sprechers geschah, und man hört das einstmals geführte Telephongespräch von neuem und kann es so oft abhören, wie man will. Dabei erlebt man noch die angenehme Überraschung, daß dieser 297 elektrische Phonograph ohne jedes Nebengeräusch spricht, ja, daß er das aufgenommene Gespräch deutlicher wiedergibt, als es durch den Telephonhörer direkt zu vernehmen war. Der Poulsensche Apparat ist vorläufig noch nicht in allgemeiner Anwendung, weil die Ausdehnung des Magnetisierdrahts auch für kurze Gespräche schon ziemlich groß sein muß. Doch dieser Schwierigkeit wird sicherlich bald einmal durch eine andere Ausführungsform abgeholfen werden, und dann wird diese geniale Erfindung ihren Siegeszug über die Erde antreten. 213. Das Licht als Arbeiter Quelle: Dr. Christian Ries: »Sehende Maschinen«. Verlag Jos. C. Huber, Dießen vor München, 1916. Unter der großen Zahl der eigenartigen Naturerscheinungen ist eine der seltsamsten die Eigenschaft des Selens , eines mineralischen Elements, bei wechselnder Belichtung seinen Widerstand gegenüber dem elektrischen Strom zu verändern. (Auch Schwefelsilber, einige Silbersalze und Antimonit zeigen diese Eigentümlichkeit.) Für gewöhnlich ist der Widerstand des Selens sehr groß, er nimmt aber ab mit der Stärke des Lichts, die darauf fällt. Auf diese Weise wird es möglich, schwankende Lichtintensitäten in elektrische Arbeit umzuwandeln, auftretende Helligkeitsänderungen zur Betätigung von Apparaten zu zwingen. So gibt es bereits die Lichtklingel . Es ist das ein Apparat, an dem die Schaltung des Stroms für ein elektrisches Läutewerk durch den Zustand einer Selenzelle (indirekt, mittels eines Relais) beeinflußt wird. Befindet sich die Selenzelle im Dunkeln, so ist der Klingelstrom ausgeschaltet, wird sie beleuchtet, ertönt sofort das Läutewerk. Diese Anordnung kann man nun leicht für Wirkungen benutzen, die eigentlich weit großartigere Zauberkunststücke darstellen als die meisten Darbietungen, die von naiven Leuten heute immer noch als solche bestaunt werden. Überall, wo das plötzliche Auftreten von Licht Gefahr bedeutet, vermag die Selenklingel vorzügliche Dienste zu leisten, z. B. beim Ausbrechen eines Brands in selten betretenen Lagerräumen oder in Bergwerken. Sie zeigt an einem entfernten Ort an, wenn irgend ein Raum mit Licht betreten wird. Ja selbst das Öffnen eines Schubfachs kann auf diese Art in einfacher Weise signalisiert werden. Vor militärische Stellungen geschobene Selenzellen können die nächtliche Annäherung einer feindlichen Patrouille melden, wenn diese sich einer Taschenlampe, ja selbst nur eines Streichholzes bedient. 298 Durch einfache Schaltungsänderung läßt sich auch bewirken, daß eine Selenzelle bei Verdunkelung ein Signal auslöst. Auf diese Weise wird es möglich, das Erlöschen einer Lampe, z. B. in Signalanlagen oder Leuchttürmen, dem Wärter in seinem vielleicht abgelegenen Dienstraum sofort kundzutun. Durch Kombinationsschaltung läßt sich unschwer eine Einrichtung treffen, die bei Eintreten der Dunkelheit die Lampe in einem Raum selbsttätig einschaltet oder entzündet und sie bei ausreichender natürlicher Helligkeit wieder auslöscht, sodaß in dem Raum stets genügend Licht vorhanden ist, ohne daß sich eine Person um die Beleuchtung zu kümmern braucht. Es muß dabei nur dafür gesorgt werden, daß die Strahlen der künstlichen Lichtquelle die Selenzelle nicht treffen. In lebhafter praktischer Anwendung sind solche selbsttätigen Selenzündapparate bereits bei schwimmenden Seezeichen, Bojen und Baken, die in der Nacht beleuchtet sein sollen, aber nur durch längere, beschwerliche Bootfahrt zu erreichen sind. Sie können auf diese Weise Monate lang – so lange der eingefüllte Brennstoff reicht – ihren wechselnden Dienst versehen, ohne Bedienung zu beanspruchen. 214. Das Optophon Quellen: Maximilian Pleßner: »Ein Blick auf die großen Erfindungen des 20. Jahrhunderts«. Verlag Dümmler, Berlin, 1892. – Alexander Moszkowski: »Die Kunst in tausend Jahren«. Verlegt bei Alfred Kröner, Berlin, 1910. Z. Goethes Ruf »Welch Getöse bringt das Licht!« birgt eine Prophezeiung. Sie öffnet die seit Urzeiten erträumte Möglichkeit, zwischen Schall und Licht eine Brücke zu schlagen, das heißt Bilder in Klänge und Klänge in Bilder direkt zu verwandeln. Der vermittelnde Apparat ist wiederum die Selen-Zelle, die je nach den verschiedenen Graden der Belichtung verschiedene Leitungswiderstände für den elektrischen Strom bedingt. „Kann aber der Lichtstrahl gezwungen werden – und dieser Zwang liegt vor – Induktionsströme zu erzeugen oder zu verändern, so müßte ein in die Leitung eingeschaltetes Telephon nun auch in seiner Weise die Wirkung aufnehmen. Das Hörtelephon verwandelt aber solche induzierten Erscheinungen in Klänge. Was also in der Empfangsstation als Bild eintritt, würde im Zwischenapparat als Ton erscheinen, und wenn am Ursprung bewegte Bilder, sichtbare Vorgänge , aufgenommen werden, so müßten sich diese als eine Folge von Tönen kundgeben und umgekehrt. Die Reihe optischer Erscheinungen verwandelt sich in eine Symphonie, die Symphonie in ein lebendes Panorama, immer vorausgesetzt erstens: daß der Apparat vollkommen funktioniert, zweitens: daß Auge und Ohr sich diesen Erlebnissen der Zukunft anzupassen vermögen. Der Zufall hat es gefügt, daß der Erfinder des tonfeindlichen Antiphons, 299 Pleßner, als erster in einer Schrift »Die Zukunft des elektrischen Fernsehers« diese Fragen anschlug und umschrieb. Er ersah das Wunder der Zukunft schon in den elementaren Figuren, deren urewiges Schweigen durch die Telelektroskopie gebrochen werden soll. Die Gestalt eines Vierecks muß bei akustischer Verwandlung ein anderes Tonbild hervorrufen, als das von einem Dreieck oder Kreis gewonnene, ein Würfel muß anders klingen als ein Kegel oder Prisma. Kristalle und Sterne werden zu reden und zu singen beginnen, in welcher Sprache, mit welchem Tongefäll? Das liegt noch gänzlich im Feld der Ahnung, aber aus dem Nichtwissen wird dereinst das Verstehen aufsteigen. Richten wir den Empfangsapparat gegen das Firmament! Da tauschen Blitz und Donner ihre Rollen. Der Blitz wird optophonisch hörbar, der Donner löst sich in Lichterscheinungen auf. Die Gewitterwolken in ihrer Bewegung, der Regenbogen, das zuckende Nordlicht, der in Phasen dahinsegelnde Mond, der Wandel der Gestirne werden Klangbilder auslösen. Entspricht das Optophon der Erwartung, so muß es die Kraft besitzen, jeder irdischen Erscheinung ihr Äquivalent an Tönen abzufangen, jede Person, jeden Vorgang in Klängen abzubilden, von jedem Ereignis ein symphonisches Gegenstück zu entwerfen. Wenn uns Meeresstille und glückliche Fahrt, die Hebriden, die Flüsterstimmen der Sommernacht, die Alpen in Klangformen erscheinen, so geschieht dies – vorläufig – auf dem Umweg über Arbeiten Mendelssohns und Richard Strauß', denen die Natur die Anregung, aber nicht die musikalischen Motive lieferte. Erst durch das Wunder des Optophons wird uns die Natur verkünden, wie sie selbst so etwas komponiert.” 215. Das telegraphierte Bild Ihre wichtigste Anwendung hat die Eigenschaft der Selenzelle, ihren elektrischen Widerstand bei wechselnder Belichtung zu ändern, in der Bildtelegraphie gefunden. Die jahrelangen, mühevollen Arbeiten von Professor Artur Korn auf diesem Gebiet sind durch glänzende Ergebnisse belohnt worden. Die Bildtelegraphie gehört zu den schönsten praktischen Ergebnissen physikalischer Forschung. Man ist heute im Stande, jedes Bild, das als photographisches Negativ auf einem durchsichtigen Film vorhanden ist, in sechs bis zwölf Minuten über eine gut isolierte Drahtleitung auf beliebige Entfernung zu übertragen. Es erscheint an der Empfangsstelle genau in seinen Unterschieden von hell und dunkel, nur durch einen leichten Linienschleier überdeckt, der jedoch auch fast ganz zum 300 Verschwinden gebracht werden kann, wenn man die Übertragungszeit verlängert. Das Bild wird zum Zweck der telegraphischen Übermittlung Punkt für Punkt abgetastet, der Helligkeitswert jedes Punkts von der Selenzelle registriert, und dadurch wird an der Empfangsstelle ein konstanter Lichtstrahl in entsprechender Weise beeinflußt, sodaß er bald heller, bald dunkler auf einen vorübergeführten photographischen Film einwirkt. Die Erfindung ermöglicht das sensationelle Ergebnis, daß man ein Ereignis, welches sich jetzt in Berlin zuträgt und photographisch festgehalten wird, schon eine Stunde später in München, Stockholm oder Paris als gedrucktes Bild zur Anschauung bringen kann. Wenn erst die Schwierigkeit der großen Kosten für die lang dauernde Übertragung auf teuren Leitungen – also etwas rein äußerliches – überwunden ist, werden die großen illustrierten Zeitungen einen ebenso rasch wirkenden Ferndienst unterhalten können, wie es heute die Tageszeitungen mit ihren Nachrichten tun. 216. Zukunftsmusik Quelle: Alexander Moszkowski: »Das Pianola«, ein Beitrag zur »Kunstphilosophie«. Schlesinger'sche Musikhandlung, Berlin, 1911. Z. In einem anderen Sinn nennen wir heut das Wort, als es vor zwei Generationen genannt wurde. Wir verstehen darunter die Musik als ein Allgemeingut, insofern ihr durch eine gesteigerte Mechanik die Möglichkeit gewährt wird, ihre letzten Reservate zu durchbrechen. Bis zu einem gewissen Grad ist das Problem schon gelöst. Wir überblicken die Wegstrecken von der Spieldose über das alte Drehklavier bis zum Pianola und den nach ähnlichem Prinzip gebauten Instrumenten. In seiner heutigen Gestalt ist das Pianola bereits geeignet, Staunen zu erwecken. Nur daß sich dieses Staunen vorläufig fast durchweg nach der falschen Seite wendet. Man erblickt in dem Pianolisten recht einseitig ein Surrogat, einen Ersatzmann für den Virtuosen. Das ist er nun auch, und vorläufig mag die Definition auf ihn passen. Aber in fünfzig, in hundert oder zweihundert Jahren wird die Sache umgekehrt liegen. Dann wird der lebendige Fingerspieler ein Ersatz für den Pianolisten geworden sein, ein großväterliches Überbleibsel aus einer Zeit, die noch sehr viel Zeit, sehr viel Geduld und sehr wenig Blick für die künstlerischen Möglichkeiten des Mechanischen besaß. Von einem der bedeutendsten Tonkünstler der Gegenwart rührt der sarkastische Ausspruch her: das Pianola unterscheidet sich vom lebenden Virtuosen nur dadurch, daß es keine Fehler macht. Zieht man die Übertreibung ab, so 301 bleibt ein wahrer Kern zurück. Schon ist der Pianolist – ganz abgesehen von der fabelhaften Technik, die ihm das Instrument zur unbedingten Verfügung stellt – in der Lage, seine Vorträge individuell zu betonen. Garnicht selten sind die Fälle, in denen selbst erfahrene Fachkenner, insofern sie sich nicht auf den Augenschein stützen konnten, getäuscht wurden. Sie glaubten von der Straße her oder in einem anderen Stockwerk einen Meister wie Busoni oder Godowsky zu hören und waren sehr überrascht bei der Entdeckung, daß »nur« ein Pianolist konzertiert hatte. Dann war wohl sehr viel von Technik die Rede und allerdings sehr vorgeschrittener Mechanik; aber das ist garnicht das Wesentliche. Die Hauptsache steckt in einem ganz anderen Moment. Das Pianola der Zukunft wird eine unendliche, mit unbegreiflicher Verschwendung vertane Gedächtnisarbeit in eine rein geistige Nutzwirkung umwandeln. „Als Hauptfaktor tritt hier ein: die Größe der Literatur. Sie allein wird zureichend sein, um das Pianola der Zukunft allen Instrumenten und allen Spielern überzuordnen, denn sie umfaßt tatsächlich die musikalische Welt. Klein und ärmlich erscheint der Spezialbetrieb jedes Fingerpianisten gegen die Universalität des Zukunftsinstruments, das, sowie es die Werkstatt des Erzeugers verläßt, bereits die ganze auf Tasten darstellbare Weltliteratur, einschließlich der großen symphonischen, eingeübt hat. Bei weiterer Vervollkommnung des Vortrags und folgerechter Ausdehnung des Rollenmaterials (das schon heute ungefähr 70 000 Nummern umfaßt) wird es sich über alles Wertvolle spannen, was von Palestrina bis zu den neuesten Meistern jemals in Tönen gedacht ward. Und dieser Universalschatz wird Jedem zur Verfügung stehen, der den Kunstwillen hat, den technischen Zwischenhandel nicht zu betonen, sondern ihn verschwinden zu lassen. In jener nicht allzufernen Zeit wird man erkennen, daß ein solches Instrument ein Lebendiges darstellt trotz seiner im Grund maschinellen Anlage, wie eine moderne Armee lebendig ist, ob schon sie sich nicht auf die Individualität vorzeitlicher Ritter beruft. Als ein übergeordnet Lebendiges im Sinn der Fechnerschen Philosophie wird es mit der Summe aller Kompositionen denken, aus denen sich seine Zukunftsleistung aufbaut.” 217. Das vertiefte Kino Wir beginnen mit der Gegenwart, um einer nicht mehr allzufernen Zukunft das Horoskop zu stellen. 302 Im Januar 1916 wurde in Berlin zum ersten Mal ein Schauspiel aufgeführt, das sich »Deutsche Lichtspiel-Oper« nannte. Man gab in ganzer Ausdehnung den gefilmten »Lohengrin«, aufgenommen nach einer wirklichen, mit bedeutenden Kräften besetzten Vorstellung. Und das wesentlich Neue bestand darin, daß der Dirigent , der jene Aufführung geleitet hatte, ebenfalls gefilmt war und auf der nämlichen Fläche in seiner taktierenden Bewegung erschien. Nicht nur als eine begleitende Figur, sondern als der wirkliche Dirigent der gesamten Kino-Oper! Denn das Flimmerspiel auf der Leinwand wurde durch ein wirkliches Orchester sowie durch lebende Solisten und Chorsänger ergänzt. Dieses lebendige Aufgebot befand sich vor der Kinofläche in verdecktem Raum, unsichtbar dem Zuschauer, aber mit den eigenen Blicken dem gefilmten Dirigenten zugewandt. Dieser allein gab die Taktmaße und stellte dadurch einen zeitlichen Gleichlauf zwischen den Vorgängen im Kino und den gespielten wie gesungenen Klängen her. Diese Koinzidenz erstreckte sich bis auf die Übereinstimmung nicht nur der Mimik, sondern sogar der Mundstellungen mit den Gesangstönen und ergab zumal für die Darstellerin der Elsa durch längere Zeitstrecken den Effekt einer vollkommenen Täuschung; während bei anderen Figuren der Isochronismus noch nicht bis zur vollen Deckung erreicht war. Das Lichtspiel an sich stand überhaupt nicht auf der Höhe der schon heute möglichen Technik. Dennoch lag etwas neues vor und etwas sehr aussichtsreiches. Denn im Prinzip wurde gezeigt, daß ein solcher Gleichlauf realisierbar und nur noch der graduellen Vervollkommnung bedarf. In irgend einer Zukunft wird man daher historisch auf den Januar von 1916 zurückzugreifen haben als auf den Beginn und die erste Probe der Kino-Oper. Und damit geraten wir an ein Kunstproblem und an eine Prophezeiung, die sich über den vorliegenden Fall hinweg auf die gesamte Bühnenliteratur erstreckt. Zwei Faktoren müssen und werden hinzukommen: erstens der Ersatz des Sängers oder Sprechers durch ein ihm gleichwertiges, von allen Schnarrtönen gereinigtes Grammophon; zweitens die Vertiefung des Kinos selbst ins Körperliche . Nichts zwingt uns, die zweidimensionale Anordnung auf weißer Fläche als ein Grundgesetz der Projektion anzuerkennen. Heute noch beruhigt sich das Illusionsbedürfnis bei der scheinbaren Perspektive. Es wird anspruchsvoller werden, die Körperlichkeit verlangen und die Entwicklung der kinematographischen Tiefbühne fordern. Da dies ein Problem der Mechanik ist, so wird es irgendwie gelöst werden. Vielversprechende Versuche sind bereits im Gang, nach optischen Methoden, mit stereometrischen Hilfsmitteln die schnelle und billige 303 Übertragung eines wirklichen Bühnenvorgangs auf eine nicht abtastbare, sonst aber der Wirklichkeit völlig gleichwertige Szenerie zu bewirken. Wird dieses Ziel einmal erreicht – zehn oder fünfzehn Jahre spielen dabei keine Rolle – dann wird sich das Kino mit all seinen fernen Möglichkeiten, mit vollem Synchronismus des Tons, erhöhtem Relief der Darbietung und optischer Tiefbühne zum gegenwärtigen Theater verhalten wie der Buchdruck zur Literatur . Was wir heute im Theater als Volkskunst ausrufen, ist doch nur ein Reservat örtlich und wirtschaftlich Begünstigter; zur wirklichen Volkskunst kann es erst durch den ungeheuren Multiplikator der Maschine werden. Die Elektra, der Götz und der Wilhelm Teil haben nicht dadurch gelitten, daß sie maschinell in Millionen von Exemplaren verbreitet wurden, und daß sie für zwei Nickel aus dem Automaten gezogen werden können. Und so wird der Darsteller der Zukunft, als Vermittler zwischen Werk und Welt, gleichzeitig an hundert verschiedenen Bühnen zwischen Nordkap und Neuseeland in hundert wirklichen Vorstellungen auftreten; Alter, Krankheit und Tod werden seine Wirksamkeit nicht mehr begrenzen, und das weithin popularisierte Kunstwerk wird an eine Zukunft gelangen, die dem Mimen Kränze flicht. 304 Wunder der Erde 218. Milliarden Jahre sind wie ein Tag . . . Quelle: Svante Arrhenius: »Die Vorstellung vom Weltgebäude im Wandel der Zeiten«, aus dem Schwedischen übersetzt von L. Bamberger. Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig, 1908. Die Frage nach dem Gesamtalter der Erde können wir nicht beantworten. Es hat auch keinen Wert, sich auf Schätzungen einzulassen, da man sofort zu so hohen Zahlen kommt, daß sich dabei nichts rechtes mehr denken läßt. Auch die Dauer der einzelnen Erdperioden in Jahren anzugeben, führt zu keiner Vorstellung. Wohl aber bekommt man ein Bild, wenn man eine kürzende Vergleichung anwendet, wie das Ernst Haeckel getan hat. Er setzt die ganze Entwicklung der Erde von der Zeit an, wo sie sich aus dem Nebelfleck zu einem weißglühenden Stern umgebildet hatte, bis jetzt auf 24 Stunden an. Die Bildung des weißen Sterns soll gerade um Mitternacht erfolgt sein. Dann hat die Erde sich zum gelbfarbigen Stern um 4 Uhr 6 Minuten morgens abgekühlt. Nur noch als roter Stern glüht sie von 7 Uhr 54 Minuten ab. Die Krustenbildung dauert von 8 Uhr 39 Minuten bis 11 Uhr 55 Minuten, der Ozean schlägt sich um 2 Uhr 49 Minuten nachmittags nieder. Das Leben beginnt mit seiner Urzeit (Archaikum) frühestens abends 6 Uhr 32 Minuten, das Altertum des Lebens (Paläozoikum) fängt um 9 Uhr 49 Minuten an, das Mittelalter (Mesozoikum) nachts 11 Uhr 42 Minuten, die Neuzeit (Känozoikum) um 11 Uhr 55 Minuten 27 Sekunden. Das Auftreten des Menschen würde nur 55 Sekunden vor Mitternacht erfolgen! Bevor also der Mensch auf Erden erschien, war selbst das organische Leben schon Riesenzeiträume vorhanden, denn es ist nach dieser Rechnung etwa 360mal so alt wie der Mensch. Um nun wenigstens eine Zahl für die ungeheure Dauer der einzelnen Perioden zu geben, sei mitgeteilt, daß auf verschiedenen Wegen das Alter der Quartärzeit, während deren der Mensch auf Erden wandelt, ziemlich übereinstimmend auf 500 000 Jahre errechnet worden ist. Dem gegenüber – also den kurzen 55 Sekunden der auf 24 Stunden angesetzten Erdentwicklung – ist wieder die Zeitdauer der geschichtlichen Periode der Menschheit verschwindend gering. Unsere ältesten geschichtlichen Nachrichten, diejenigen über die Priesterkönige von 305 Girsu in Südbabylonien gehen nur etwa 7000 Jahre hinter die Neuzeit zurück. Die Überlieferungen aus den ersten 3000 Jahren sind zudem noch äußerst dürftig. Ein frommer Mann, der englische Bischof Usher, war dagegen, wie Snyder in seinem Werk »Die Weltmaschine« erzählt, noch zur Zeit Shakespeares an Hand der jüdischen Erzählungen der Meinung, daß die Welt 4400 Jahre vor unserer Zeitrechnung in der ersten Januarwoche erschaffen worden sei. Man kann seine Berechnungen noch heute in englischen Bibeln gedruckt finden. Die ältesten Gegenstände, die sicher durch Menschenhand bearbeitet wurden, sind aber schon 100 000 Jahre alt. Bischof Usher dürfte sich also um eine Kleinigkeit, um ein paar Milliarden Jahre, verrechnet haben. 219. Das Pendel im Weltenraum Quelle: Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. Z. Heutzutage leuchtet es jedem Tertianer ohne weiteres ein, daß die Erde sich in 24 Stunden einmal um sich selbst dreht. Aber bevor Kopernikus seine in jedem Betracht weltbewegende Lehre aussprach, schien es ein ganz unfaßbarer Gedanke, daß der Erde Grund nicht etwas im Weltenraum absolut Feststehendes sein sollte. Man hatte die heute geradezu absurd erscheinende Vorstellung, daß der ungeheure Sternenhimmel sich an jedem Tag einmal um die Erde herumschwänge. Denn das mußte doch geschehen, weil die Fixsterne nach 24 Stunden immer wieder an demselben Ort stehen. Wenn man die ungeheuren Entfernungen der Fixsterne von der Erde in Betracht zieht, so mußte dieser Umlauf mit einer Geschwindigkeit erfolgen, die selbst innerhalb der kosmischen Dimensionen etwas abenteuerliches hat. Da ist es doch wirklich einfacher, das an sich so seltsame anzunehmen, nämlich daß die Erde sich dreht, und der Sternenhimmel ihr gegenüber in Ruhe ist. Aber hierbei handelt es sich ja heute garnicht mehr um eine Annahme. Unzählige astronomische Beobachtungen beweisen die Rotation der Erde, und, was noch viel schöner ist, man kann sie sogar direkt dem Auge sichtbar machen. Alles Materielle auf Erden macht die Drehung des Planeten mit, kann also nicht zu ihrem Nachweis dienen. Doch glücklicherweise gibt es auch Immaterielles, was wir sehen können, und dies vermag im Weltenraum zu ruhen. Solch ein immaterielles Ding, das unser Auge aufzufassen vermag, ist z. B. die Schwingungsebene eines Pendels. Eine solche ist benutzt worden, um in einer der großartigsten Demonstrationen die Erdrotation aufs deutlichste nachzuweisen. Wenn man ein Pendel frei beweglich aufhängt, so behält es, einmal 306 angestoßen, die Richtung seiner Schwingung bei, auch wenn man den Aufhängungspunkt herumdreht. Je länger das Pendel ist, desto sicherer schwingt es unverändert im Raum. Ist der Aufhängungspunkt drehbar an der Decke irgend eines Raums befestigt, so dreht sich die Decke zwar mit der Erde herum, die Schwingungsebene des Pendels aber bleibt unverändert im Weltenraum stehen. Der französische Physiker Léon Foucault ließ im Jahre 1851 für seinen berühmten Versuch in der hochragenden Kuppel des Pantheons zu Paris ein mächtiges Pendel aufhängen, das aus einem Draht von 67 Metern Länge und einer daran befestigten Metallkugel von 25 Kilogramm Gewicht bestand. Unter dem Pendel war eine wagerechte Kreisscheibe aufgestellt, an deren Einteilung man die Schwingungsrichtung des Pendels deutlich verfolgen konnte. Zu jeder Schwingung brauchte das Riesenpendel acht Sekunden. Viele Gelehrte und eine große Volksmenge wohnten dem Versuch in der prächtigen Halle des Pantheon bei. Und es war eine tiefe Offenbarung, die plötzliche feierliche Eröffnung eines Blicks in das geheimnisvolle Triebwerk der Natur, als das Pendel schon nach wenigen Minuten deutlich nach Westen hin abwich, und so vor aller Augen die Achsdrehung der Erde von West nach Ost veranschaulichte. Foucault hatte vorher einen Punkt auf der Scheibe angemerkt, den die Pendelspitze, entsprechend der fortschreitenden Drehung der Erde, nach einer bestimmten Zeit berühren mußte; das traf denn auch zur nicht geringen Befriedigung der Anwesenden genau ein. Dieser ebenso einfache wie überzeugende Versuch mit dem im Weltenraum unbeirrt schwingenden Pendel ist seitdem oft wiederholt worden. Er ist wohl geeignet, jeden Zweifler an der Umdrehung der Erde, den es vielleicht noch geben sollte, endgültig zu überzeugen. 220. Ebbe und Flut des Meers Quelle: Dr. Fr. Bidlingmaier: »Ebbe und Flut« in der Sammlung »Meereskunde«. Verlag Ernst Siegfried Mittler \& Sohn, Berlin, 1908. Z. Es ist ein erhabenes Schauspiel, das an unserem Auge vorüberzieht, wenn wir die Erscheinungen von Ebbe und Flut betrachten. „Das Weltall ist der Schauplatz unserer Ereignisse, Himmelskörper sind die handelnden Personen. Es ist eine Quelle des höchsten Genusses für den Verstand und das Gemüt zugleich, ja eine Tatsache von tiefer philosophischer Bedeutung für die Stellung des Menschen in der Welt, daß der Mensch, das vergängliche Stäubchen, imstande ist, die ewige Ordnung des Kosmos zu erkennen, das Zusammenspiel der Himmelskörper zu verstehen, vorauszusagen und so gleichsam zu beherrschen. 307 Wenn der Mensch draußen auf hoher See mit dem wild stürmenden Meer um sein Leben gekämpft hat, so bleibt ihm ein tiefer Eindruck von der elementaren Gewalt der Meereswellen. Und doch ist diese Art Wellen nur eine flüchtige Erscheinung der Oberfläche, deren Einfluß mit der Tiefe rasch verschwindet. Die Meereswogen dagegen, welche die sogenannten »Gezeitenwellen« ausmachen, rühren seit Jahrhunderten und Jahrtausenden das ganze Weltmeer bis in seine tiefsten Tiefen auf; mit ungleich viel größerer Geschwindigkeit wandern sie ruhelos um den Erdball und haben eine so große Länge, daß nie ein menschliches Auge zwei aufeinanderfolgende Kämme einer solchen Welle überschauen kann. Wenn der Kamm der Gezeitenwelle naht, dann steigt das Wasser – wir haben »Flut«, sagt der Küstenbewohner, und hat der Wellenberg unseren Beobachtungsort eben erreicht, so haben wir »Hochwasser«. Darauf »kentert« der Strom, d. h. die Wassermassen, die unaufhaltsam majestätisch herangerollt waren und sich aufgestaut hatten, fließen wieder ab, zuerst langsam, dann schneller und schneller – es ist »Ebbe«, wie man sagt – bis schließlich der Wasserstand sich wieder langsamer seinem Minimum, dem »Niedrigwasser« nähert. Nach dem Niedrigwasser beginnt von neuem das ruhelose Spiel. Überall auf der ganzen wasserbedeckten Erde, auf hoher See und an jedem Küstenort, auch auf den großen Binnenmeeren und -seen, wiederholt sich zweimal am Tag mit wunderbarer Regelmäßigkeit dieses gewaltige Schauspiel. Es ist das Atmen der Erde, deren Pulsschlag rings um den Erdball rollt, und seit den ältesten Zeiten hat dieses geheimnisvolle Atmen den Menschengeist mächtig gepackt, sein Gemüt und seinen Verstand zum Sinnen und Forschen gereizt.” Die komplizierten Einwirkungen der Anziehungskraft von Sonne und Mond zusammen mit der Drehung der Erde sind es, die ständig zwei Wellenberge und zwei Wellentäler über die Oberfläche der Meere kreisen lassen. „Vergegenwärtigen wir uns einmal, welche kolossalen Massentransporte nötig sind, um eine Gezeitenwelle zu erzeugen. Ihre Länge ist eine ganz gewaltige: am Äquator sind die beiden aufeinanderfolgenden Wellenberge 20 000 Kilometer voneinander entfernt; gegenüber einer solchen Wellenlänge ist das Weltmeer mit seiner mittleren Tiefe von nicht einmal 4 Kilometern nur eine winzig flache Wasserschale. Wenn der Wellenberg die Länge von Greenwich hat, so hat das eine Wellental die Länge von Kalkutta, das andere Wellental die Länge von Chicago. Welch ein grandioses Schauspiel! Das ganze Weltmeer ist bis in seine tiefsten Tiefen in Bewegung: von Kalkutta und von Chicago an eilen die Wasser aller Schichten herbei, um in Greenwich-Länge den Wasserberg zu bilden! 308 Und für einen Augenblick nur sind alle Bewegungen für den Wellenberg von Greenwich eingesetzt; denn mit großer Geschwindigkeit eilt dieser über den Erdball dahin und hat nach drei Stunden schon die Länge von Rio de Janeiro erreicht! Welch wunderbar gewaltige, erhabene Ordnung waltet in den Wassern des Weltmeers: seit Jahrhunderten und Jahrtausenden zieht jedes Teilchen seine Bahn, indem es in sechs Stunden einen horizontalen Weg von schätzungsweise 1200 Metern zurücklegt, um immer im rechten Augenblick an seinem rechten Ort zu sein; denn seit Jahrhunderten und Jahrtausenden rollt die Gezeitenwelle in stets gleicher Weise wie der Pulsschlag über den Erdball dahin! Wahrlich, Kosmos (Ordnung) ist ein schönes, ein passendes Wort für »Welt«!” 221. Bremsung der Erddrehung Quelle: Dr. Fr. Bidlingmaier: »Ebbe und Flut« in der Sammlung »Meereskunde«. Verlag Ernst Siegfried Mittler \& Sohn, Berlin, 1908. Z. Die Beobachtung der Vorgänge bei den Gezeiten (siehe den vorigen Abschnitt) gestattet einen seltsamen Ausblick auf das einstige Schicksal unserer Erde. Die Erdkugel vollzieht unter den beiden Flutbergen hinweg ihre tägliche Rotation, „indem sie 27mal schneller als diese im Raum sich dreht. Die Wassermassen reiben sich also an dem festen Erdkörper, indem sie am Meeresgrund entlang gleiten und gegen jede kontinentale Scheidewand anprallen. So wirken sie wie eine Bremse an dem festen Erdkörper, und notwendigerweise wird dadurch die Rotation der Erde verzögert, also der Tag verlängert. Gleichzeitig muß, wie man zeigen kann, auch der Monat zunehmen, nur in langsamerem Tempo als der Tag. Schon ist auf solche Weise der Mond zur Ruhe gekommen; sein Tag ist gleich einem Monat geworden, sodaß er der Erde immer dasselbe Gesicht zukehrt. Freilich zählen die Zeiten, in denen die Zunahme des irdischen Tags und Monats merkliche Beträge erreicht, nach Jahrmillionen. Die lebendige Kraft des ungeheuren Massenkolosses, des rotierenden festen Erdkörpers, ist viel zu gewaltig, als daß sie sich viel um das bischen Weltmeer an seiner Oberfläche, um das Plätschern dieser winzig flachen Wasserschale kümmerte. Aber kleine Ursachen bringen mit der Zeit große Wirkungen hervor, und unerbittlich führt uns die Gezeitenreibung einem Zustand entgegen, in dem die Erde sich immer langsamer um ihre Achse dreht, bis sie schließlich zu ihrer eigenen Rotation dieselbe Zeit braucht, wie der Mond, um einmal die Erde zu umlaufen. Der Erdentag ist dann gleich dem Monat geworden, der Mond ist relativ zur Erde für 309 immer zur Ruhe gekommen, und wie mit einem Balken verbunden vollzieht von da an das System dieser beiden Himmelskörper in 55 unserer jetzigen Tage eine Umdrehung. Fügt es das Geschick, daß der Mond dereinst gerade im Meridian von Berlin zur Ruhe kommt, dann werden unsere Antipoden, falls es noch solche gibt, nur noch aus Ammenmärchen von dem Mond hören, oder aber sie werden eine Weltreise unternehmen müssen, um den merkwürdigen gelben Stern zu sehen, der immer in derselben Richtung über den nächtlichen Dächern Berlins stehen bleibt.” Sicher aber ist, daß wir das nicht mehr erleben werden! Glaubte doch Laplace aus den Beobachtungen über Sonnenfinsternisse in alten Zeiten den Schluß ziehen zu können, daß sich die Länge des Tags seit dem Jahre 729 vor Christo noch nicht um 0,01 Sekunde geändert hat. Zur Verlängerung des Tags um eine ganze Sekunde ist danach ein Zeitraum von 167 000 Jahren notwendig. 222. Ebbe und Flut des festen Lands Quelle: Artur Fürst: »Die Wunder um uns«. Vita, Deutsches Verlagshaus, Berlin-Charlottenburg. Z. Nicht nur die Ozeane haben ihre Ebbe und Flut. Auch das feste Land ist genau denselben Gezeiten unterworfen. „Der Mond, der im Zusammenwirken mit der Sonne die Meere von ihren Ufern fortzieht und sie senkrecht unter seiner Masse zu einem Wasserberg anstaut, übt den gleichen Einfluß auch auf das Land. Jenen Punkt der Erdoberfläche, über dem er gerade im Zenith steht, das heißt jenen Punkt der Erdkruste, der von einer gedachten, den Mittelpunkt der Erde mit dem Mittelpunkt des Monds verbindenden Linie getroffen wird, zieht er an sich heran. Es entsteht an dieser Stelle eine kräftige Aufwölbung der Erdoberfläche, die durch die Drehung unseres Planeten im Lauf von 24 Stunden einmal im Kreis um den ganzen Erdkörper herumläuft. In der Zenithbahn des Monds, die gänzlich in den Tropen liegt, beträgt diese Aufwölbung mehr als 30 Zentimeter, in Berlin erreicht sie noch die Höhe von annähernd 25 Zentimetern. Da die Erde als ein völlig elastischer Körper anzusehen ist, so ist an dieser Ebbe und Flut des festen Lands der gesamte Erdball beteiligt. Doch von dieser Bewegung merkt unser Auge natürlich nichts. Denn es fehlt uns der in absoluter Ruhe befindliche archimedische Punkt, von dem aus wir die Bewegung wahrnehmen könnten; wir selbst wandern ja mit hinauf und hinunter, und alles um uns herum gleichfalls. Der Schiffer aus hoher See 310 merkt es ebensowenig, wenn unter seinem Fahrzeug die Flut eintritt. Erst an der Küste wird das Phänomen sichtbar, denn der Flutberg des Wassers kann eine Höhe von zwanzig Metern erreichen, während das Festland, wie gesagt, nur um wenige Zentimeter nachgibt. Die Tatsache der Deformierung der gesamten Erde durch die Mondanziehung ist wissenschaftlich einwandfrei festgestellt. Gewisse Messungen haben ergeben, daß man dem Erdball ungefähr die Festigkeit und Elastizität einer gleich großen Stahlkugel zusprechen kann. Es ist folglich eine für irdische Verhältnisse ganz ungeheure Kraft, mit welcher der Mond an der Erdkruste zerrt. Doch man darf die Erdbewegung, die unser Trabant hervorruft, auch nicht überschätzen. Erstaunlich genug ist es zwar, daß diese Flutwelle im festen Boden überhaupt vorhanden ist, aber was bedeuten dreißig Zentimeter gegenüber dem Durchmesser der Erde, der mehr als zwölfeinhalb Millionen Meter lang ist! Man denke sich die Nordsee in ein Gefäß mit festen, völlig unnachgiebigen Wänden eingeschlossen und in das Wasser eine Stecknadelspitze eingetaucht. So unbedeutend wie die Erhebung des gesamten Wasserspiegels der Nordsee durch das Eintauchen dieser Stecknadelspitze, ist im Verhältnis die Verlängerung des Erddurchmessers durch die Mondflut. Von meßbaren Verschiebungen oder Spannungen, die durch die wechselnde Deformierung im Erdkörper auftreten, kann also keine Rede sein. Die Großartigkeit des Phänomens bleibt trotzdem bestehen als ein Beweis für die Einheitlichkeit der Naturgesetze im ganzen Weltall.” 223. Der Tod und die Entropie Quellen: F. Henning: »Entwicklung der Thermodynamik«. – F.  Hasenöhrl: »Die Erhaltung der Energie und die Vermehrung der Entropie« in »Kultur der Gegenwart«, erster Band, dritte Abteilung. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 1915. Wenn die Welt einmal untergehen soll, so wird sie unter verschiedenen Untergängen, die ihr seit der Apokalypse der Glaube, die Phantasie und die Erkenntnis zur Verfügung stellten, reichliche Auswahl haben. Tod durch Verbrennung, durch Zusammenstoß der Weltkörper, durch Kometenprall, durch Vergletscherung, durch Zerstäubung – alles wurde ihr angedroht, und es fragte sich nur, welche Prophezeiung die anderen überholen würde. Zum Überfluß hat die neuere Physik einen neuen Modus aufgestellt und diesen mit Beweisen ausgerüstet, die an Schärfe alle früheren überragen. Nach diesem Modus wird die Welt am Entropie-Tod sterben. Was ist Entropie? Die meisten Leser würden die Lektüre abbrechen, wenn wir ihnen hier eine 311 genaue Erklärung vorsetzen wollten. Denn es handelt sich um eine höchst verwickelte Angelegenheit der Thermodynamik, die zu schwer zu erfassenden Formeln führt. Verzichten wir daher auf die Exaktheit des Ausdrucks und stellen wir einfach fest: die Entropie ist eine nur dem mathematischen Verstand erkennbare veränderliche Größe. Ihre Veränderlichkeit in steter Abhängigkeit von allen Bewegungen, allen Geschehnissen in der Welt ist so geartet, daß die Größe selbst stets größer und größer wird. Sie strebt einem Maximum zu und muß dieses einmal erreichen. Und die physikalische Ausdeutung besagt: das Maximum der Entropie ist gleichbedeutend mit der Erschöpfung aller Bewegungserscheinungen der gesamten Welt. Alles was wir unter Körpergestaltung, organischem wie unorganischem Leben und Dasein, Himmelsmechanik und irdischem Vorgang, überhaupt unter sinnfälliger Erscheinung verstehen, hört auf. Übrig bleibt nur ein gestaltloses, vernebeltes Chaos mit einem gewissen Besitztum von innerer Wärme. Es ist ein Weltentod, der mit dem höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit, d. h. gewiß, eintreten muß, da die unheimliche Größe, Entropie genannt, selbst auf einer zwingenden Wahrscheinlichkeitsbetrachtung beruht. Die Physiker Thomson , Clausius und Boltzmann sind die Väter oder Pathen der Entropie. Gesehen oder dargestellt hat sie keiner; nur erschlossen und definiert haben sie dies unheimliche Etwas. Einfach hingeschrieben sieht es nicht einmal sehr schrecklich aus, nämlich so: Die Buchstaben beziehen sich auf Wärmemenge und absolute Temperatur, während die vorgezeichnete Schlange ein Integral bedeutet. Aber dieses Integral ist lebensgefährlich. Es will immerwährend wachsen, und dieses Wachstum ist nur dadurch möglich, daß es allein übrig bleibt, alles andere verschwindet. In seiner Unersättlichkeit gibt es sich nicht eher zufrieden, als bis es den ganzen Kosmos mit allen Erscheinungen, die Welt als Wille und Vorstellung, aufgefressen hat. Aber es ist ein Trost dabei. Der Entropiesatz hat einen Haken, und an diesen mag sich die Hoffnung klammern: die Physik hat dem Ungeheuer zur Erreichung seines Maximums auch eine ungeheure Zeitspanne gesteckt, nämlich die Unendlichkeit, und diese Ewigkeit ist nicht von heute an zu messen, sondern von Urzeiten. Da nun aber vom Anfang der Dinge bis jetzt eine solche Ewigkeit bereits verstrich, so hätte das Maximum der Entropie mit seinen grauenhaften Folgen längst erreicht sein müssen, während die Existenz der Welt das Gegenteil beweist. Vielleicht liegt die Unstimmigkeit der Prognose daran, daß die 312 Entropie-Lehre die Welt als ein abgeschlossenes System betrachtet, während jenseits des Universums andere Gebiete liegen mögen, in denen unsere Physikgesetze versagen. Das eröffnet neue Ausblicke, die wiederum an längst vorhandene anschließen. Schon Voltaire hat sich, von Pope beeinflußt, in seinen Erzählungen »Candide«, »Zadig«, »Memnon« mit diesen vielfältigen anderen Universen beschäftigt. Unter den hunderttausend Millionen von Welten, die im Raum zerstreut sind, so belehrt bei Voltaire ein Engel den Helden, geht es durchaus stufenweise. Man hat weniger Weisheit und Vergnügen auf der zweiten als auf der ersten, auf der dritten weniger als auf der zweiten und so fort bis zur letzten, wo alles vollständig toll ist. Da fürchte ich, versetzt der Held, unser kleiner Erdball möchte just das Tollhaus des Universums sein. Nicht ganz, lautet die Antwort des Engels – aber viel fehlt nicht. Allein selbst in dieser unserer engeren Welt erteilten schlechten Zensur kann ein Trost liegen; wenn man sie nämlich auf das Abenteuer der Entropie bezieht, die als »Gedanken-Experiment« irgendwie von den Erfahrungen unserer armseligen fünf Sinne abhängig bleibt. Der Philosoph von Ferney behauptet, daß schon auf dem Sirius 1008 Sinne vorhanden sind, die dann natürlich zu weit vollwertigeren Erkenntnissen führen. In der Sirius-Physik besteht vielleicht ein Satz, nach dem gerade die Entropie ein ewiges gedeihliches Fortleben der Universa verbürgt, ein Glücks-Intregal, das einem Maximum zustrebt. 224. Das Gewicht der Erde und des Monds Die Bestimmung des Gewichts der Erde ist ein altes Problem. Den ersten Versuch zu seiner Lösung unternahmen schon in den Jahren 1774 bis 1776 in Schottland Hutton und Maskelyne . In neuerer Zeit hat sich Professor v. Jolly hierzu einer sehr empfindlichen Wage bedient, die im Treppenhaus des Münchener Universitätsgebäudes aufgestellt war. An jeder der beiden Wagschalen war mittels eines 20 bis 25 Meter langen Metalldrahts eine weitere Wagschale befestigt. Legte man nun einen Gegenstand, z. B. eine Metallkugel, in eine der oberen Wagschalen und glich ihr Gewicht genau aus, so gab, wenn man die Kugel in die darunter befindliche Schale brachte, die Wage einen Ausschlag, da die Kugel infolge ihrer größeren Annäherung an den Erdmittelpunkt jetzt stärker angezogen wurde, also auch schwerer wog. Die Physiker Richarz und Krigar-Menzel haben jahrelang an dem gleichen Problem gearbeitet, indem 313 sie in den Kasematten der Spandauer Zitadelle mit einem Bleiblock von 100 000 Kilogramm Gewicht operierten. Aus diesen Untersuchungen wurde für die durchschnittliche Dichte der Erdkugel der Wert 5,05 abgeleitet. Für den ganzen Erdball ergibt sich hieraus das stattliche Gewicht von 5960 Trillionen Tonnen. Auch das Gewicht des treuen Begleiters unserer Erde im Weltenraum hat man in jüngster Zeit mehrfach zu bestimmen gesucht. Aus den Störungen, die der kleine Planet Eros auf seiner Bahn um die Sonne durch den Mond erleidet, berechnete Hinks , daß die Masse des Monds 81,5mal geringer ist als die der Erde. Das Gewicht des Monds würde hiernach nahezu 73,5 Trillionen Tonnen betragen. Besser als diese Zahlen, die ausgeschrieben 20 bis 22 Ziffern aufweisen würden, dürften uns die folgenden Betrachtungen eine Vorstellung von der Größe der beiden Gestirne vermitteln. Denken wir uns einmal vor die Aufgabe gestellt, Erde und Mond abzutragen und in Güterzügen von je 100 Achsen Länge zu verfrachten. Dann könnten wir, wenn in jeder Sekunde ein solcher Zug abgefertigt würde, im Lauf eines Jahrs rund 15¾ Milliarden Tonnen abfahren. Um den ganzen Erdball zu verladen, würde ein Zeitraum von nicht weniger als 378 Milliarden Jahren erforderlich sein, während beim Mond die Buddelei »nur« 4,6 Milliarden Jahre dauern würde. Die Länge des Eisenbahnzugs, der den gesamten Erdball enthielte, würde über 4¾ Trillionen Kilometer betragen oder etwa das 160 000fache der Entfernung des nächsten Fixsterns von der Sonne. Ein Lichtstrahl würde, um von der ersten Lokomotive bis zum letzten Wagen dieses Zugs zu gelangen, mehr als 500 000 Jahre unterwegs sein. 225. Die schiefe Friedrichstraße Quelle: Ausschnitt aus der »Vossischen Zeitung« vom 29.11.1915. Ein Schnitt durch die Erde in der Richtung ihrer Achse geführt, ergibt bekanntlich keinen Kreis, sondern eine Ellipse. Die Erde ist infolge der bei ihrer Drehung auftretenden Zentrifugalkraft an den Polen abgeplattet. Folglich muß jeder Marsch, den man auf unserer Halbkugel von Süden nach Norden macht, den Dahinschreitenden dem Erdmittelpunkt näher bringen. Die große Verkehrsader Berlins, die Friedrichstraße, zieht nun mit ziemlicher Genauigkeit von Süden nach Norden. Geht man in dieser Erstreckungsrichtung über ihr Pflaster, so muß man notwendigerweise dem Erdmittelpunkt näher kommen; der Belleallianceplatz am Südende der Straße muß weiter von 314 ihm entfernt sein als das Oranienburger Tor im Norden. Jeder wird das auf eine Frage hin sofort zugeben, aber auch gleich hinzusetzen, daß der Unterschied doch nur sehr gering sein, daß es sich nur um ein verschwindend kleines Maßteilchen handeln könne. Um so verblüffender ist die Antwort. Es sind nämlich 7 Meter. Der Beweis – ohne mathematische Genauigkeit – ist leicht erbracht. Die Friedrichstraße ist reichlich drei, der ganze Erdquadrant zehntausend Kilometer lang; dadurch ist ja unser Längenmaß, das Meter, definiert. Die Friedrichstraße macht also rund den dreitausendsten Teil des Erdquadranten aus, es wird also auf sie auch der entsprechende Teil der Abplattung entfallen. Die ganze Abplattung beträgt ein Dreihundertstel des Werts, das heißt, der Polarradius ist um ein Dreihundertstel kürzer als der Äquatorialradius. Das ist relativ sehr wenig, absolut ausgedrückt macht es aber, da der Erdradius 6300 Kilometer lang ist, immerhin 21 000 Meter aus. Und hiervon der dreitausendste Teil: es sind und bleiben sieben Meter. Daraus wiederum folgt, daß eine senkrechte Wand am Nordende der Friedrichstraße mit einer gleichfalls genau senkrechten Wand am Südende einen nicht unbeträchtlichen Winkel bilden muß. Solche Winkel lassen sich im allgemeinen schon bei sehr langen Gebäuden rechnerisch bestimmen, wenn sie auch dem Maurer nicht bemerkbar werden. 226. Der Schnee-Photograph Quelle: Moritz Loeb , Aufsatz: »Schneekristalle« in dem Werk »Die Wunder der Natur«, Deutsches Verlagshaus Bong \& Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart, 1912. Z. Die wunderbaren Formen der Schneekristalle, die sich auch dem bloßen Auge offenbaren, wenn die Flöckchen auf eine dunkle Unterlage fallen, hat wohl jeder schon einmal beobachtet – und ihre rasche Vergänglichkeit bedauert. Gibt es doch kein Mittel, um diese leichten Gebilde der Kälte aufzubewahren. Nur im Bild sind die köstlichen Formen festzuhalten, mit besonders prächtigem Ausdruck dann, wenn man die Kristalle durch das Mikroskop photographiert. Es scheint nun eine Sisyphusarbeit, die allerfeinsten Schneeteilchen auf den Beobachtungstisch des Mikroskops bringen zu wollen. Denn sie zerbrechen schon, wenn sie nur gegeneinander stoßen, zerfließen bei der geringsten Wärmezufuhr. Dennoch hat ein amerikanischer Gelehrter durch unermüdliche Geduld und erstaunliche Geschicklichkeit es fertiggebracht, Mikro-Photographien von mehr als 2000 verschiedenen Schneekristallen herzustellen. Wilson A. Bentley in Jericho hat ein Vierteljahrhundert auf die Herstellung dieser Sammlung 315 verwendet; er mußte seine Arbeiten bei strengster Kälte, oft mitten in einem wütenden Blizzard ausführen und konnte sie nur vollenden, weil er eine große Gewandtheit im raschen Einstellen des Mikroskops und eine raschest funktionierende Kamera besaß. Das Ergebnis ist aber der Mühe wert, denn wir besitzen nun Bilder von Schneekristallen, die eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Formen offenbaren. Wie in einem riesenhaften Laubwald nicht zwei Blätter zu finden sind, die einander vollständig decken, so ist auch keine der Schneeformen einer andern gänzlich gleich. Umso wunderbarer ist aber, daß sie alle Sechseckform haben, von der auch nicht ein einziges abweicht. Innerhalb dieses Rahmens gleichen die Flöckchen bald Blumen, bald Rädern, bald winzigen Säulen, immer sind sie von berückender Schönheit. „Wer genötigt ist, zu kunstgewerblichen oder industriellen Zwecken ständig neue figürliche Kompositionen zu ersinnen, braucht sich nicht länger den Kopf zu zerbrechen, wenn er Bentleys Photographien von Schneekristallen zu Hilfe nimmt. Musterzeichner, Spitzenklöppler und Künstler der graphischen Gewerbe können aus diesem schier unerschöpflichen Born, dem Gestaltungsreichtum der Natur, ihr Leben lang Anregungen gewinnen. Vieles, ja das meiste, was der Frost hier gewissermaßen spielend erzeugt, wird sich auf dem Webstuhl freilich nicht nachbilden lassen; denn diese Linien und Figuren sind zu zart und subtil, als daß sie sich mit Kettfaden und Einschlag erzeugen ließen. Aber der Überfluß an Formen in den Schneekristallen ist so groß, daß allein die darin gegebene Anregung genügt, um durch Vereinfachungen und Abänderungen unzählige brauchbare Vorlagen zu gewinnen.” 227. Der Schmetterling im Hagelkorn Quellen: Moritz Loeb , Aufsatz: »Schneekristalle« in dem Werk »Die Wunder der Natur«, Deutsches Verlagshaus Bong \& Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart, 1912. Z. – Professor Carl Kaßner: »Das Reich der Wolken und Niederschläge«. Verlag Quelle \& Meyer, Leipzig, 1909. Vor einigen Jahren hatte man Gelegenheit, den gewiß seltsamsten Sarkophag zu beobachten, den jemals ein Lebewesen gefunden. Man fand nämlich in einem großen Hagelkorn den Leib eines Schmetterlings eingeschlossen. Das Phänomen des Hagels entsteht, wenn stark mit Wasserdampf gesättigte warme Luft in einem sehr rasch aufsteigenden Wirbel plötzlich in hohe Regionen emporgeführt wird. Es tritt dann reichliche Kondensation ein, doch infolge des raschen Aufstiegs bleiben die Wassermassen noch in flüssiger Form, wenn sie sich schon in Temperaturen befinden, die weit unter dem Gefrierpunkt liegen. Sie sind »überkaltet«. Es genügt dann aber der geringste Anstoß, um die Tröpfchen sofort zum Gefrieren zu bringen. 316 „Die Wassertröpfchen erstarren zu strukturlosen Eisklümpchen, die durch ihre Schwere herabfallen und sich dabei teils auf dem Weg mechanischer Berührung durch Zusammenfrieren, teils beim Durchgang durch tiefer liegende, überkaltete Wolkenschichten vergrößern, um als Graupelkörner zur Erde zu gelangen. Bei der Erstarrung der überkalteten Nebelbläschen zu Eis wird jedoch gebundene Wärme frei, die sich der umgebenden Luft mitteilt und damit deren Temperatur rasch erhöht. Da aber erwärmte Luft leichter als kalte ist, so setzt sich der aufwärts gerichtete Luftstrom fort und reißt die bereits im Fall begriffenen, durch Abschmelzen schon wieder mit Wasser umhüllten Graupelkörner aufs neue empor, bis sie abermals in überkaltete Schichten gelangen, in denen sich ein weiterer Eisring um den Graupelkern legt. Je häufiger sich dieses Spiel wiederholt, desto größer werden die Eisklümpchen, bis sich schließlich um den undurchsichtigen Graupelkern mehrere Eishüllen gelagert haben. Erreicht der aufsteigende Strom, der diese Eisstücke mit sich führt, den oberen Rand der Wolke, d. h. vermag die immer dünner werdende Luft die Last nicht mehr schwebend zu erhalten, so fällt sie vermöge ihres Gewichts zu Boden: es hagelt.” Jener Schmetterling im kristallenen Sarkophag ist also wahrscheinlich von einem gewaltigen Luftstrom mit in die Höhe gerissen worden, bis er in eine überkaltete Wolkenschicht geriet. Dort gab er als »Kondensationskern« den Anstoß zum raschen Gefrieren, und der arme Falter, der auf Sturmesflügeln bis in Höhen getragen worden war, in die ihn seine zarten Schwingen niemals hätten bringen können – wahrscheinlich 12 000 Meter – stürzte in einer Eishülle zur Erde. Auch andere seltsame Hagelkornbildungen sind hier und da beobachtet worden. Am 30. Mai 1897 fielen in Seaford Schloßen so groß wie wohl ausgewachsene Pflaumen; hier und da waren mehrere Stücke noch zusammengefroren. Quenisset sah während eines Wintergewitters bei Paris riesige Hagelkörner niedergehen, von denen einige die Größe von Apfelsinen erreichten. In Morgan-Town im südamerikanischen Staat West-Virginia fand man ein Hagelkorn, das ganz regelmäßig wie ein Korkenzieher gedreht und 5 Zentimeter hoch war. In Steiermark sind Hagelstücke bis zu 5 Pfund Gewicht beobachtet worden; sie waren mit Spitzen von zwei bis vier Zentimetern Länge so dicht besetzt, daß sie stacheligen Kugeln glichen. Ein am 3. Juli 1897 in derselben Landschaft niedergegangenes Hagelwetter zerschlug Dachziegel und Dachlatten, einzelne Stücke drangen einen halben Meter tief in den Boden ein. Professor Kaßner beobachtete am 15. August 1900 einen Hagelschlag in und um Rustschuk in Bulgarien, durch dessen Wirkung in zehn Minuten 50 000 Fensterscheiben zertrümmert, zehn Häuser und zwei Türme schwer 317 beschädigt, für 100 000 Mark Schaden an Garten- und Feldfrüchten, für eine Million Mark Schädigungen an Weinbergen angerichtet wurden. Der allein in Preußen, einem ziemlich hagelarmen Land, jährlich durch Unwetter dieser Art angerichtete Schaden beläuft sich auf durchschnittlich 25 Millionen Mark. 228. Eisberge Zu den herrlichsten Erlebnissen gehört es, auf sonnenbestrahltem Meer einem Eisberg zu begegnen. Mit spitzen Zinnen und Türmen wie ein bizarrer Schloßbau bewehrt, gleitet das riesenhafte Gebilde vorüber, von der Sonne mit glitzernden, in Farben spielenden Lichtern übergossen. Aber die Seeleute auf der Kommandobrücke des Schiffs sehen die wunderbare Erscheinung nicht gern; bedeutet sie doch für jedes Schiff eine große Gefahr. Der Allgemeinheit ist diese Gefährlichkeit der Eisberge in ihrer ganzen Größe erst durch die furchtbare Katastrophe bekannt geworden, die den englischen Riesendampfer » Titanic « am 14. April 1912 ereilte. Das Schiff, das seine erste Fahrt machte und als »unsinkbar« bezeichnet war, ging nach Zusammenstoß mit einem Eisberg in der Nähe der Neufundlandbänke unter und nahm 1500 Menschen mit sich in die Tiefe. Viele, viele andere Opfer haben die schwimmenden Berge schon gefordert, namentlich in jener Gegend; die das Grab der »Titanic« wurde, weil die Erscheinung dort besonders häufig ist. Die Eisberge entstammen den riesigen Gletschern des Polargebiets, namentlich Grönlands, das auf einer Fläche, doppelt so groß wie das deutsche Reich, vollkommen mit Eis bedeckt ist. Die Gletscher sind in ständiger Bewegung; sie bilden gewaltige Eisströme, die mit Geschwindigkeiten bis zu 30 Metern an einem Tag sich zur Küste hinschieben. In den tief eingeschnittenen Buchten brechen dann von den vordersten Teilen des Eisstroms kolossale Stücke ab, die ins offene Meer hinausschwimmen. Die Gletscher kalben, wie man sagt. Die Zahl der zu gleicher Zeit auftretenden Eisberge ist gerade auf der Reiselinie der großen transatlantischen Dampfer in gewissen Perioden sehr groß. Es ist vorgekommen, daß ihrer an einem Tag 300 bis 400 gezählt worden sind. Ihre Nähe ist für die vorbeifahrenden Schiffe darum besonders bedrohlich, weil nur ein geringer Teil der Eismasse, ungefähr ein Achtel, aus dem Wasser ragt; niemand kann wissen, wie weit oft der ungeheure Fuß sich unter dem Meeresspiegel ausstreckt. Ferner treten durch das ständige starke Abtauen der südwärts treibenden Blöcke Verlagerungen des Gesamtschwerpunkts ein, die 318 ein plötzliches Umkippen der Masse verursachen können. Leicht kann dann das Schiff von einer Eiskante oder doch von der sehr kräftigen Woge getroffen werden, die durch das Aufschlagen großer Flächen entsteht. So suchen die Schiffe die Nähe von Eisbergen, die sich schon von weit her durch starke Herabsetzung der Temperatur bemerkbar machen, möglichst zu vermeiden, und sie teilen sich mittels eines ausgedehnten Meldediensts gegenseitig das Herannahen von Eismassen mit. Erstaunlich ist die Größe, welche diese schwimmenden Berge manchmal erreichen. 50 bis 60 Meter über Wasser sind nichts Ungewöhnliches. Das Segelschiff »Präsident Thiers« begegnete im November 1896 Eisbergen, die 150 Meter hoch waren. Sie bedeckten das Meer in einer Breite von 37 Kilometern, sodaß das Schiff lange Zeit durch die Sperre aufgehalten wurde. Im Jahre 1893 bildete sich an der patagonischen Küste, also im Südmeer, eine Eisbank, die an 300 Kilometer lang gewesen sein soll. Fast ein Dutzend Schiffe scheiterte an diesem riesigen Hindernis. Die gewaltigste Zusammenballung schwimmenden Eises, die je beobachtet wurde, ist wohl die Eisbarriere, auf die der berühmte Südpolarfahrer J. C. Roß auf einer seiner Expeditionen stieß. Er hielt sie für eine Küstenlinie; sie ist aber später nie wieder aufgefunden worden, muß also beweglich gewesen sein. Diese schwimmende Eismasse hatte eine Länge von vielen hundert Kilometern. 229. Elektrizität von der Sonne Quelle: Professor Dr. Adolf Marcuse , Aufsatz: »Über Polarlichter« in dem Werk: »Die Wunder der Natur«. Deutsches Verlagshaus Bong \& Co., Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart, 1912. Z. Was wollen alle Leistungen der drahtlosen Telegraphie bedeuten gegenüber einer Elektrizitätsübermittlung von der Sonne zur Erde. Wir überbrücken mit unseren Wellenzügen allenfalls Ozeane, hier aber wird die leere und riesenhafte Weite des Weltenraums überwunden. Und die nach so langer Reise ankommende Elektrizität erschöpft sich auf dem Gebiet der Erde nicht im Erschüttern einer schwachen Telephonmembran, sondern sie ruft hier großartige, höchst seltsame Erscheinungen hervor: die Polarlichter . Die Erscheinungen des Nordlichts und des Südlichts waren lange vom Geheimnis umwoben, und viele Sagen knüpfen sich an dies Phänomen, das zu den eigenartigsten im gesamten irdischen Umkreis gehört. Aber heute ist der Schleier auch hiervon weggezogen, die Ursache wissenschaftlich festgestellt. Das ehrfürchtige Staunen, zu dem diese Erscheinung uns zwingt, ist aber dadurch nur gesteigert worden. 319 Zur näheren Erforschung des Problems hat der Mensch zunächst die Erzeugung bescheidener Polarlichtchen selbst in die Hand genommen. Professor Adolph Marcuse schreibt darüber: „Man hat auf einem Berg des nördlichen Finnland künstliche Nordlichter dadurch erzeugt, daß man ein Netz von Kupferdrähten mit Spitzen, gegen den Boden isoliert, anbrachte und dann durch einen gleichfalls isolierten Draht mit einer tieferen Wasserschicht in der Erde verband. So entstanden elektrische Ströme zwischen Erdoberfläche und Lufthülle, die ein beständiges Leuchten über jenem Spitzendrahtnetz hervorriefen, in dem zugleich eine spektroskopische Untersuchung deutlich die auffallende grüne Polarlichtlinie zeigte. Man nimmt jetzt an, daß Polarlichter auf sogenannten Kathodenstrahlen beruhen, die von der Sonne als Energiequelle ausgehen und sich als kleinste elektrisierte Teilchen durch den luftleeren Weltenraum fortpflanzen. Gelangen nun jene Kathodenstrahlen in das magnetische Feld der Erde, die ja nur einen winzig kleinen Raum im Sonnensystem einnimmt, so bilden sich um die Pole unsres Planeten in den höheren, stark verdünnten Luftschichten Gruppen von Kathodenstrahlen, die wiederum aufs neue nach allen Seiten ihre Nebenstrahlen aussenden. So entstehen die als Polarlichter, besonders in der Nähe der magnetischen Erdpole, aber auch des öfteren in tieferen Breiten beobachteten, prachtvollen Leuchterscheinungen der Atmosphäre. Daß die Quelle dieser Energie tatsächlich in dem Zentralgestirn unsres Planetensystems zu suchen ist, geht nicht nur aus der mit dem Stand der Sonne wechselnden Intensität der Polarlichter, sondern vor allem auch aus der wichtigen Tatsache hervor, daß die Periode der Sonnenflecken vollkommen übereinstimmt mit der Periode der Häufigkeit der Polarlichter . In etwa elfjähriger Periode treten auf der Sonne jene gewaltigen Eruptionsvorgänge auf, die sich in der leuchtenden Hülle unsres Zentralgestirns als Flecken und Fackeln, sowie in der farbigen Hülle der Sonne als Protuberanzen oder riesige Wasserstofferuptionen äußern. Dem jeweiligen Maximum dieser solaren Eruptionsvorgänge entspricht nun ganz genau das Maximum in der Häufigkeit der Polarlichterscheinungen auf der Erde, und dasselbe Abhängigkeitsverhältnis tritt zu den Zeiten der entsprechenden Minima auf. Wahrlich, eine wunderbare elektrische Fernwirkung der Sonne durch den Weltenraum, die sich in allen elektromagnetischen Kraftwirkungen auf der Erde widerspiegelt, insbesondere in den Polarlichtern, in den Störungen der Magnetnadel und in den unsern Planeten unaufhörlich umkreisenden elektrischen Erdströmen. Gerade die Polarlichter bilden die Brücke zwischen jenen kosmischen Vorgängen auf der Sonne und den durch sie veranlaßten elektromagnetischen 320 Erscheinungen auf der Erde. Diese wunderbare drahtlose Fernwirkung durch den Weltenraum geht aber gerade für die Polarlichter noch viel weiter; kann man doch aus der Periode ihrer Häufigkeit sogar auf die astronomisch festgestellte, etwa 26tägige Rotationsdauer der Sonne schließen! Besonders aus den Beobachtungen auf den Polarstationen zeigt sich nämlich, daß auch die Polarlichter in ihren Variationen eine deutliche 26tägige Periode aufweisen. In wechselnden, zum Teil äußerst prachtvollen, farbigen Lichterscheinungen treten die Lichter vorzugsweise in den um Nord- und Südpol gelegenen Polarzonen der Erde auf, werden aber gelegentlich auch in mittleren Breiten wahrgenommen. Äußerst mannigfach sind die Formen der Polarlichter, bei denen sich hauptsächlich sechs mehr oder weniger abweichende Arten unterscheiden lassen: Bogen, Fäden, Strahlen, Dunst, Bänder und Draperieformen. Starke Polarlichter, die manchmal sogar mit knisternden Geräuschen verbunden sind, zeigen sich in der Regel gleichzeitig in den Regionen der nördlichen und südlichen Erdpole. Mit dem Erscheinen der Polarlichter treten mehr oder weniger schwere magnetische Störungen oder sogenannte » Magnetische Gewitter « auf, die sich in unregelmäßigen Bewegungen der Magnetnadel und in Störungen der für die Telegraphie so wichtigen elektrischen Erdströme sogar an Orten zeigen, an denen das Polarlicht selbst nicht sichtbar wird. Außergewöhnliches erdphysikalisches Interesse beanspruchen endlich die Messungen über verschiedene Höhen, in denen die mannigfachen Erscheinungen der Polarlichter beobachtet worden sind. In den Polargegenden der Erde ist jene elektrische, vielfach farbige Lichterscheinung schon in ziemlich geringen Höhen über dem Boden wahrgenommen worden. Manchmal hat man Polarlichter, z. B. in Grönland, dicht über dem Erdboden gesehen, oft sind sie in andern arktischen Regionen in etwa 1000 Meter Höhe zur Beobachtung gelangt. Meistens reichen jedoch diese Lichterscheinungen in viel höhere Schichten der Lufthülle hinaus, indem das Aufleuchten von Nordlichtern in vertikalen Erhebungen von 80, 150, 250 und noch mehr Kilometern gemessen werden konnte. Über die äußerste Höhe, zu der Nordlichter in unsrer Atmosphäre emporragen können, ist man überhaupt erst in ganz neuer Zeit durch die epochemachenden Untersuchungen von Professor Störmer sich klar geworden. Auf Grund dieser neuesten Messungen weiß man jetzt, daß sogar bis in Höhen von etwa 450 Kilometern das Aufleuchten der elektrischen Kathodenstrahlen im Nordlicht sichtbar werden kann. Das sind Höhen, wo sicherlich die äußerste Grenze der Lufthülle unsrer Erdkugel zu suchen sein dürfte, vielleicht schon Schichten der Gashülle unsres Planeten, die unmittelbar an die den interplanetarischen Raum erfüllende »Himmelsluft« grenzen.” 321 230. Das Ende der Alpen Quelle: »Münchner Allgemeine Zeitung«. Z. „Die Aare führt jährlich 135 000 Kubikmeter Geröll zur Ebene, in den Brienzer See, hinab, dessen Lage sich infolge dessen fortdauernd verschiebt. Man hat berechnet, daß ein Zeitraum von 14 000 bis 15 000 Jahren nötig war, um das Seeufer von der Felsenschwelle des Kirchet bei Meiringen, an die der See einst heranreichte, bis zu seiner jetzigen Lage zu verschieben, und daß noch 35 000 bis 40 000 Jahre nötig sein werden, um das 5,17 Kubikkilometer messende Becken des Brienzer Sees durch die Geröllmassen der Aare auszufüllen. Das Geröll, das die Aare dort mit sich führt, hat sie natürlich von den Berghöhen, von denen sie herabkommt, losgerissen. Von jedem Quadratkilometer im ganzen Quellgebiet der Aare oberhalb Meiringen werden jährlich 250 Kubikmeter Gestein weggenommen und zu Tal geführt. Damit werden die Berge des Reußgebiets in 3333 Jahren um einen Meter erniedrigt. Da nun die Quelle der Aare 2260 Meter hoch liegt, so würden die Aare-Gletscher in 7 532 580 Jahren abgetragen und der Ebene gleichgemacht sein. Der letzte Felsblock der stolzen Alpen würde, diesen Maßstab zu Grunde gelegt, in 10 Millionen Jahren, zu Sand zermalmt, im Meer versinken. Und das ist nicht etwa nur eine phantastische Kalkulation, sondern das tatsächliche künftige Schicksal der Alpen, wenn man sich auch immerhin über die Zeit seines Eintritts leicht um ein paar Millionen Jahre verrechnen kann. In unserm Schwarzwald sehen wir die vernichtende Kraft des nagenden, gefrierenden und wieder auftauenden Wassers schon deutlich in Erscheinung treten. Der Schwarzwald war, wie geologisch einwandfrei festgestellt ist, einst ein Hochgebirge, das den Alpen an Höhe nicht nachstand. Nun ist er bereits so weit abgetragen, daß seine Berge nur noch verhältnismäßig bescheidene Erhöhungen sind.” 231. Das Erwachen des Vesuv Quelle: Dr. Hippolyt Haas: »Die vulkanischen Gewalten der Erde und ihre Erscheinungen«, 38. Bändchen der Sammlung »Wissenschaft und Bildung«. Verlag Quelle \& Meyer, Leipzig, 1909. Z. Nach tausendjährigem Schlummer, als man seine vulkanische Natur bereits völlig vergessen hatte, trat der Vesuv im Jahre 79 n. Chr. plötzlich wieder in Tätigkeit. Es ist dies jener berühmte Ausbruch, der die Städte Pompeji und Herkulaneum verschüttete. Wir besitzen über den Vorgang einen authentischen Bericht in Gestalt von zwei Briefen, die der Neffe des großen römischen Geschichtsschreibers und Admirals Gajus Plinius, Plinius der Jüngere , der 322 spätere Freund des Kaisers Trajan, 27 Jahre nach der Katastrophe an Tazitus gerichtet hat. Nach der hieran anknüpfenden Darstellung von Haas hat sich das grauenvolle Wunder so zugetragen: „Wir befinden uns am Kap Misenum bei Neapel, am 25. August im Jahre 79 unserer Zeitrechnung, nachmittags um 1 Uhr. Es ist ein heißer und schwüler Tag. Im Hafen draußen liegt das hier stationierte Geschwader der römischen Flotte vor Anker. In seiner nahe am Meer gelegenen Wohnung, einem geräumigen und vornehmen Landhaus, ist der stets emsige und niemals müßige Befehlshaber der Schiffe, Gajus Plinius Secundus der Ältere, trotz der glühenden Hitze mit gelehrten Studien beschäftigt. Da tritt unerwartet seine bei ihm weilende Schwägerin ins Gemach. Sie bringt ihm seltsame Kunde. Von Osten her, so berichtet sie, ziehe eine dunkle Wolke von ebenso ungewöhnlicher Gestalt wie Größe herauf; er möge doch rasch hinauskommen, um das Wunderding mit eigenen Augen zu schauen. Der Admiral ruft nach seinen Sandalen und eilt dann unverzüglich zu einer benachbarten Anhöhe, von wo aus die Gegend gut zu überblicken ist. Da bietet sich ihm ein seltsames und ganz neues Schauspiel. Jenseits von Neapel steigt aus dem Gipfel eines Bergs eine mächtige, baumstammartige Wolkenbildung wirbelnd hervor, nach obenhin in zahllose Äste sich ausbreitend, einer Riesenpinie vergleichbar, bald hell glänzend, bald schmutzig-fleckig von Aussehen. Kurz entschlossen befiehlt Plinius, ein schnellsegelndes Fahrzeug klarzumachen; dieses Wunder der Natur will der große Gelehrte möglichst genau aus nächster Nähe betrachten. . . . . . Je näher die Fahrzeuge dem Vesuv kommen, umso gefahrdrohender gestaltet sich ihre Lage. Schon fällt Asche auf ihr Deck, die immer dichter und heißer wird, bald darauf folgt ein Hagel von Bimssteinbrocken und Schlacken. Ein Landen wird hier unmöglich; die vom Berge herabstürzenden Massen haben sich bis zum Meer hingewälzt und das Ufer unzugänglich gemacht. Da bedenkt sich der mutige Mann doch einen Augenblick und überlegt, ob er dem Drängen des Steuermanns, umzukehren, Folge leisten soll, oder nicht. Doch das Pflichtgefühl des römischen Admirals trägt den Sieg davon. »Fortuna«, so ruft er seinen angsterfüllten Seeleuten zu, »steht den Mutigen bei; setzt auf das Landgut des Pomponius bei Stabiae den Kurs!« Glücklich erreichen die Fahrzeuge den dortigen Hafen. Indessen ist die Nacht herbeigekommen, doch auch die Vorgänge auf dem Vesuv haben merklich an Gewalt gewonnen. Hohe, im Dunkel der Nacht weithin leuchtende Feuergarben brechen aus seinem Gipfel hervor, dumpfes Getöse und Donnern dröhnt aus den Eingeweiden des Bergs, in großen Scharen drängen sich die flüchtigen 323 Bewohner der bedrohten Ortschaften durch die Straßen von Stabiae. Plinius versucht, den Verzweifelten Mut einzuflößen. . . . . Aber die Menge der niederfallenden Aschen und Lapilli wird immer größer und größer. Bereits ist der Hof vor des Plinius Gemach in solcher Höhe davon angefüllt, daß ihn ein längeres Verweilen darin in die Gefahr brächte, verschüttet zu werden. Pomponius weckt seinen Freund. Man wägt die Gefahren gegeneinander ab, die Flucht ins Freie wird gewählt. Von auf den Kopf gebundenen Kissen einigermaßen geschützt, verlassen die Bewohner das schützende Dach. Obwohl der Tag heraufgedämmert sein mußte, herrscht doch noch größere Dunkelheit als in der finstersten Nacht. Beim Schein von Fackeln und Windlichtern sucht die flüchtige Schar das Ufer zu erreichen, um die Schiffe segelfertig zu machen. Aber das aufgeregte und wildbewegte Meer läßt auch das nicht zu. Von großer Mattigkeit überwältigt legt sich Plinius auf ein ausgebreitetes Tuch und nimmt, von heftigem Durst gequält, mehrere Becher Wasser zu sich. Der immer stärker werdende Ausbruch von Flammen aus dem Gipfel des Bergs und ein erstickender Schwefelgeruch rauben der Mehrzahl der Flüchtlinge den letzten Rest von Mut; schreiend und wehklagend rennen sie davon, während der römische Admiral seine Kräfte noch einmal zusammennimmt und sich, auf zwei Sklaven gestützt, zu erheben versucht. Alsbald bricht er wieder zusammen; der schreckliche Schwefeldampf raubt ihm den Atem, und er gibt seinen Geist auf. Drei Tage später, als die Sonne wieder scheinen kann, findet man seinen Leichnam unversehrt, im Aussehen mehr einem Schlafenden als einem Toten ähnlich.” 232. Aschen- und Steinregen Quelle: Dr. Hippolyt Haas: »Die vulkanischen Gewalten der Erde und ihre Erscheinungen«, 38. Bändchen der Sammlung »Wissenschaft und Bildung«. Verlag Quelle \& Meyer, Leipzig, 1909. Z. Bei vulkanischen Ausbrüchen schießt aus dem Krater des Bergs oft eine riesige Dampf- und Aschenwolke heraus. Ihre Wirkung auf die Umgebung ist sehr erstaunlich. Der jüngere Plinius hat in seiner Beschreibung des Vesuvsausbruchs diese Erscheinung mit den sich ausbreitenden Zweigen einer Riesenpinie verglichen, und nach diesem treffenden Vergleich nennen wir sie noch heute. „Je nach der Stärke der stattfindenden Explosionen im Vulkankrater kann diese Dampf- und Aschenpinie in sehr beträchtliche Höhen hinaufgeschleudert werden. Die Aschensäule bei dem Ausbruch des Krakatau auf den Sundainseln im Jahre 1883 soll bis zu 11 000 Meter, nach Anderen sogar bis zu 30 000 Meter in die Lüfte aufgestiegen sein, und bis zu 13 000 Meter 324 diejenige des Tarawera auf Neuseeland bei seiner Eruption von 1886. De Lorenzo schätzt die Höhe, bis zu der die Aschen- und Dampfwolken beim Ausbruch des Vesuv im April 1906 hinausgetragen wurden, auf 21 bis 22 000 Fuß und noch mehr! Unter fortwährenden heftigen Explosionen werden Gasballen um Gasballen, geschwängert von feinen, aber auch von Auswurfsmassen größerer Dimensionen herausgeschleudert. Der feinste Aschenstaub steigt begreiflicherweise am höchsten und wird dann in den großen Höhen nicht selten von den Oberströmungen der Atmosphäre erfaßt und von diesen weit fortgetragen. So sind die feinsten, vom Krakatau aus dem Erdinnern geförderten Aschenteilchen zweimal um die ganze Erde geführt worden, und die älteren der Leser werden sich noch der eigentümlichen Dämmerungserscheinungen erinnern, die im Jahre 1883 dadurch hervorgerufen worden sind. Das von dem Aschenregen aus dieser Eruption betroffene Gebiet wird aus 750 000 Quadratkilometer geschätzt. Im weiten Umkreis um die Eruptionsstelle wurden also Festland und Ozean von den ausgeschleuderten Aschen- und anderen losen Auswurfsmassen bedeckt. Beim Ausbruch des Vesuv im Jahre 512 wurde die Asche bis Konstantinopel hingeführt und fiel auch in Nordafrika nieder; hier sind von Eruptionen des Ätna herrührende Aschenregen schon häufiger beobachtet worden. Im Jahre 1875 erlebte Stockholm das Schauspiel einer solchen Erscheinung, die auf die gleichzeitige Eruption des 1900 Kilometer davon gelegenen isländischen Feuerbergs Askja zurückzuführen war. Asche von der Eruption des Vesuv im Jahre 1906 ist von den Luftströmungen bis an die Ufer der Ostsee getragen worden, hat also einen Weg von 1500 Kilometern zurückgelegt, und durch die Untersuchungen von R. Brauns ist unzweifelhaft festgestellt worden, daß sie wirklich vom Vesuv stammte. Ganz ungeheuer groß ist zuweilen die Menge der geförderten Aschenmassen bei den vulkanischen Eruptionen. An 18 Kubikkilometer Asche und andere Materialien hat der Krakatau anläßlich seines erwähnten Paroxysmus im Jahre 1883 in die Lüfte gewirbelt, von denen etwa 12 Kubikkilometer in einem Umkreis von 12 Kilometern um den Vulkan niederfielen und hier den Boden und das Meer mit einer 0,20 bis 0,40 Meter starken Schicht bedeckten. In der Nähe des Krakatau schwamm eine aus Bimssteinen bestehende, 30 Kilometer lange und über 1 Kilometer breite, 3 bis 4 Meter mächtige Barre umher, welche die Einfahrt zur Lampong-Bay abschloß. Wenn die Schätzungen Junghuhns über die vom Timboro auf der Insel Sumbawa (Sunda-Inseln) bei seiner denkwürdigen Eruption vom April 1815 herausgeschleuderten Auswurfsmaterialien richtig sind, so müssen die Leistungen 325 des Krakatau weit dagegen zurückstehen. Bei diesem Paroxysmus, einem der schrecklichsten und großartigsten, von denen die Geschichte der Vulkane überhaupt zu erzählen weiß, sollen an 150 Kubikkilometer loser Massen ausgeschleudert worden sein – nach Anderen sogar an 300 Kubikkilometer! Mercalli hat berechnet, daß fünf derartige Eruptionen genügen würden, um einen Berg, größer als der Ätna aufzutürmen. 12 000 Menschen kamen auf der Insel Sumbawa allein durch den Aschenregen um, und auf der mehr als 120 Kilometer davon entfernten Insel Lombock erlitten 40 000 weitere den Hungertod, weil die 60 Zentimeter mächtige Aschenschicht, von der dieses Eiland bedeckt wurde, die ganze Ernte vernichtet hatte. Das Gedächtnis an diese »Schreckensnacht der Aschen« ist heute noch auf den Sundainseln lebendig.” 233. Die Glutwolken des Mont Pelée Quelle: Dr. Hippolyt Haas: »Die vulkanischen Gewalten der Erde und ihre Erscheinungen«, 38. Bändchen der Sammlung »Wissenschaft und Bildung«. Verlag Quelle \& Meyer, Leipzig, 1909. Z. Zu den furchtbarsten Ereignissen, die je auf Erden sich zugetragen haben, gehört der Ausbruch der Glutwolken, die der Mont Pelée im Jahre 1902 auf das unglückliche St. Pierre , das Handelsemporium von Martinique, geschleudert hat. Der Vorgang sei hier mit den Worten von Professor Haas in seinem Buch »Vulkanische Gewalten« geschildert: „St. Pierre ist eine blühende, etwa sechs Kilometer in der Luftweite vom Vulkan gelegene Stadt gewesen, die es durch den Export des auf Martinique erzeugten Zuckers und Rums zu großer Wohlhabenheit gebracht hatte, mit gut gebauten steinernen Häusern, schön angelegten Straßen und freien Plätzen, und mit vielen massiven öffentlichen Gebäuden, so der Kathedrale, dem Bischofspalast, der Bank, dem Rathaus, Justizpalast, Theater. Sie dehnte sich längs des Meerufers aus, umgeben von großen Gärten und Pflanzungen, in denen eine üppige Vegetation entfaltet war. Kurz vor seiner Vernichtung beherbergte St. Pierre laut den genauen Ergebnissen einer Volkszählung 26 011 Einwohner, und 4620 Menschen bewohnten den noch näher an dem Mont Pelée erbauten Ort Le Précheur. Vor seiner letzten Eruption besaß der genannte Berg eine Höhe von 1351 Metern. In den Jahren 1792 und 1851 hatte er verhältnismäßig geringfügige Ausbrüche erlitten. Bereits im Jahre 1889 konnte man in seinem Gipfelkrater eine stärkere Entwicklung von Schwefelwasserstoffgasen beobachten, die zu Anfang des Jahres 1892 in Le Précheur sehr lästig wurden und sich auch bald darauf 326 in St. Pierre selbst unangenehm bemerkbar machten. Am 22. April brach das Fort de France, die Hauptstadt von Martinique, mit Guadeloupe verbindende Kabel entzwei, und am folgenden Tag wurde Le Précheur von einem leichten Erdbeben betroffen. Dann stieg zwei Tage darauf eine etwa 5 bis 600 Meter hohe Aschensäule aus dem Krater, die den genannten Ort mit einem starken Aschenregen bedeckte. Danach nahm sonderbarer Weise die Tätigkeit des Vulkans wieder ab, und zahlreiche Bewohner St. Pierres machten sogar einen Ausflug auf den Vulkan, um die Vorgänge im Krater zu beobachten, wo eben ein kleiner Aschenkegel in Bildung begriffen war. Aber bereits wieder am 28. April ertönte starkes Donnern aus dem Innern des Bergs, dessen Leistungen bedeutend anwuchsen, während aus dem Krater dunkle, von Blitzen durchzuckte Aschenwolken aufstiegen. Trotz allem wurde die Bevölkerung kaum beunruhigt, weil von offizieller Seite aus versichert wurde, die Sache hätte nicht viel auf sich, und der ganze Ausbruch würde nicht viel schlimmer verlaufen als derjenige von 1851. In der Nacht des 2. Mai ging ein starker Aschenregen auf St. Pierre nieder, und etwa die ganze Insel Martinique wurde von seinem Aschenstaub bedeckt. Auch diese Ereignisse übten keinerlei beängstigende Wirkungen auf die Bewohner aus, denn das alles hatte man ja auch schon 51 Jahre früher erlebt. Erst als in der Nacht vom 4. zum 5. Mai ein gewaltiger, siedend heißer Schlammstrom sich von den Flanken des Bergs mit rasender Geschwindigkeit herabwälzte, ein Fabrikgebäude zerstörte und 25 Menschenleben zum Opfer forderte, erschienen die Vorgänge, die sich eben am Mont Pelée abspielten, den Einwohnern von St. Pierre doch in etwas bedenklicherem Licht, zumal als sich im Verlauf der nächsten Tage diese Schlammströmungen wiederholten und zugleich mehrere Kabelbrüche gemeldet wurden. Die immer heftiger werdenden Aschenregen vernichteten die Vegetation von St. Pierre, und die Bäume fingen an, unter der Last der auf sie niederfallenden vulkanischen Auswurfsmassen zusammenzubrechen; feuriger Wiederschein stieg aus dem Krater empor, und große glutige Blöcke wurden daraus fortgeschleudert. Nun erfaßte die Einwohner von St. Pierre doch eine ziemliche Panik, und verschiedene Leute verließen sogar die Stadt, deren letzte Nacht, die vom 7. zum 8. Mai, durch das dumpfe Grollen und Poltern des Bergs erfüllt wurde, aus dessen Gipfel zuweilen feurige Blitze herausfuhren; heftige Wolkenbrüche fanden am Mont Pelée und dessen Umgebung statt, neue Schlammströme rasten an seinen Hängen herunter und zerstörten einen Teil von Le Précheur. Ein klarer blauer Himmel jedoch strahlte am nächsten Morgen, am Himmelfahrtstag, dem 8. Mai 1902, über St. Pierre. Die Schrecken der 327 vorhergegangenen Nacht waren wie weggewischt. Nur eine weiße Dampfwolke von vollendet regelmäßiger Gestalt stieg aus dem Scheitel des Unglücksbergs hoch in die Lüfte auf und erinnerte noch an die jüngsten angsterfüllten Stunden. Da sollte sich des Vormittags um 8 Uhr 2 Minuten etwas unerhört Gräßliches ereignen! Von den Bewohnern von St. Pierre haben nur zwei den Untergang ihrer Stadt überlebt, ein im Gefängnis befindlicher Neger Louis Cyparis und der Schuhmacher Léon Compère. Beide befanden sich im Augenblick der Katastrophe an für die Beobachtung des Vorgangs wenig günstig gelegenen Orten, der eine in seiner Zelle, der andere in seiner Wohnung, und über den allgemeinen Verlauf des Ereignisses haben sie nichts Wertvolles berichten können. Das, was wir davon wissen, beruht lediglich auf den Erzählungen der wenigen Augenzeugen, die sich gerade außerhalb der von der Glutwolke betroffenen Zone befunden haben, oder einiger Überlebender von der Besatzung der bei diesem Anlaß vernichteten Schiffe auf der Reede von St. Pierre. Alles Lebendige, das sich innerhalb des von der Glutwolke berührten Gebiets aufhielt, ist, bis auf die zwei eben genannten Personen, zugrunde gegangen! Aus den Schilderungen der vorerwähnten Augenzeugen hat der französische Gelehrte Professor Lacroix , den seine Regierung zwecks genauer Untersuchung der Vorgänge alsbald nach Martinique entsandt hatte, den Verlauf der Dinge folgendermaßen feststellen können: Unter furchtbaren Detonationen ist um die besagte Zeit urplötzlich eine gewaltige, wie wellenartig sich fortbewegende Wolke aus dem Gipfel des Vulkans hervorgeschossen, durchleuchtet von großartigen Blitzen. Mit rasender Geschwindigkeit wälzte sie sich dann auf dem Erdboden dahin, bedeckte St. Pierre und gelangte erst bei der weiter südlich gelegenen Ortschaft Le Carbet zum Stehen. Vom Vulkan bis nach St. Pierre hin hat die Wolke nicht einmal eine Minute Zeit gebraucht, und mit einer Schnelligkeit von mehr als 150 Metern in der Sekunde stürzte sie sich auf die unglückliche Stadt. Ein ebenso rasch entstandener Gegenwind hemmte bei Le Carbet die weitere Fortbewegung der Glutwolke und trieb sie auf St. Pierre zurück, um hier die Flammen der in Brand geratenen Stadt noch um so mehr zu entfachen und das Unheil noch zu vergrößern. Als die Wolke sich etwas verzogen hatte, und es wieder heller geworden war, bot sich den Augen der Verschontgebliebenen ein jammervoller Anblick dar: die schöne Stadt, die sie noch einige kurze Minuten vorher in ihrem Glanz erschaut hatten, war in einen brennenden und rauchenden Trümmerhaufen verwandelt worden! Nichts Lebendiges war mehr darin zu erblicken. An Stelle 328 der vielen, festlich geschmückten Menschen, die noch einige Augenblicke vorher sich anschickten, das Fest der Himmelfahrt des Heilands in freudiger Stimmung zu begehen, in um so freudigerer, als die unheimlichen Gewalten des Bergs in der Nacht zuvor ihre Kräfte erschöpft zu haben schienen, lagen tausende verkohlter und versengter Leichen umher, und Totenstille herrschte in dem sonst so rührigen und lauten St. Pierre. Alles in dem weiten Umkreis von 58 Quadratkilometern war von einem dichten Leichentuch grauer Asche bedeckt; in den Straßen und Ruinen der Stadt dampften heiße Schlammmassen, untermischt mit größeren und kleineren Gesteinsbrocken, welche die Glutwolke im Vorüberziehen daraus ausgeschüttet hatte. Das Meer war in heftiger Aufwallung, und eine große barometrische Depression war entstanden. Mit einer Katze, welche die Maus beschleicht, hat man die Glutwolke des Mont Pelée verglichen, der so innerhalb weniger Minuten 28 000 Lebendige zum Opfer gefallen sind, eine menschliche Hekatombe, sagt Lacroix, wie sie wohl nur selten in so kurzer Zeit zustande gekommen sein dürfte. Die Temperatur der Glutwolken ist eine sehr hohe gewesen; nach den auf sehr sorgfältigen Beobachtungen fußenden Berechnungen von Lacroix betrug sie in dem Augenblick, in dem die Glutwolken aus dem Berg heraustraten, über 1000 Grad Celsius.” 234. Geysir-Ausbrüche Seltsame Erscheinungen, die von der Tätigkeit geheimnisvoller unterirdischer Gewalten Kunde geben, sind die heißen Quellen oder Geysire, die an manchen Stellen der Erde emporsprudeln. Der mächtigste unter den Geysiren, der Excelsior im Yellowstone-Park in Nordamerika, wirft seine heißen Wassersäulen 80 Meter hoch empor und fördert bei einer einzigen Explosion 160 Kubikmeter Wasser. Die meisten der heißen Springquellen arbeiten nämlich nicht ständig und gleichmäßig, sondern sie sind eigentümlichen Paroxysmen unterworfen. Zwischen die einzelnen Ausbrüche sind kürzere oder längere Pausen geschaltet. Dadurch, daß die Geysire Kieselsäure aus dem Erdinnern herausbefördern, die als feste Substanz um die Ausflußröhre herumsintert und diese allmählich verlängert, werden auch die Ausbruchspausen allmählich länger. Der Große Geysir auf Island pflegte im Jahre 1772 noch alle halbe Stunde auszubrechen. 1805 sah man ihn nur noch alle sechs Stunden sprudeln, 1860 nur noch alle vier bis fünf Tage, und heute währt die Zeit zwischen zwei Explosionen bereits 20 Tage. 329 Die Regelmäßigkeit, mit der bei manchen Geysiren die Explosionen wiederkehren, ist ganz erstaunlich. Besonders genau arbeitet der »Old Faithful« im Yellowstone-Park, der genau alle 65 Minuten einen kochenden Wasserstrahl 10 Minuten lang bis zur Höhe von 50 Metern emporschickt. „Ich habe mich, so berichtet Dr. Wilhelm Meyer , während fünf Eruptionen dieses natürlichen Springbrunnens, die ich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen beobachtete, davon überzeugt, daß die Uhr, nach der die Ingenieure und Maschinenführer der Unterwelt arbeiten, genauer geht, als manche dieser zarten Werkzeuge unserer scharfsinnigsten Intelligenz, nach denen wir unser Tun und Lassen regulieren, wenngleich auch diese Geysiruhr unter verschiedenen Einflüssen gelegentlich auch etwas vor- und nachgehen kann, wie eben auch unsere Uhren. So wirkt auf beide der Barometerstand ein.” Einem Buch desselben Gelehrten sei die folgende Schilderung eines Ausbruchs des Fountain-Geysir im Yellowstone-Park entnommen: „Ein kristallklarer, absolut ruhiger See liegt vor uns, das von Kieselsinter eingerahmte, etwa zehn Meter im Durchmesser besitzende Becken des Geysir. Im Lauf der halben Stunde, während der ich auf den Beginn des Schauspiels wartete, sah ich ganz langsam den Spiegel des blauen Seeauges steigen. Dann perlten an einer gewissen Stelle des Randes einige Luftblasen auf, die sich mehrten, bis hier eine kleine Einbuchtung des Randes in beständigem Kochen war. Nun begann es auch an anderen Randpartien zu brodeln, und schließlich wallte es auch gelegentlich aus der Mitte auf. Nun glich der Pfuhl bald einem Riesenkessel voll siedenden Wassers. Pulsierend wurde das Sieden heftiger und wieder schwächer, und ab und zu spritzte es so hoch auf, daß wir zeitweilig vom Rand einige Schritte zurücktreten mußten. Da plötzlich ein Donnern in der Tiefe unter unseren Füßen, das näher kam, und nun entfaltete sich das Wunder. Der ganze See flog und zerstob mit einem Mal zischend und brausend in die Luft! Eine Wassersäule, so breit wie das Mittelschiff des Stefansdoms und auch so hoch wie dieser und sich abdachend gleich ihm, erfüllte die Luft rings mit Millionen und aber Millionen strahlender Diamanten, in welche die zerstiebenden Tropfen sich verwandelt zu haben schienen, eine weißleuchtende, ungeheure Garbe aus siedendem Wasser und wirbelndem Dampf, die sich mit unbeschreiblicher Pracht von dem blauen Himmel abhob. Und dieses Schauspiel hielt mit ungeschwächter Kraft mindestens eine Viertelstunde lang an! Nach allen Seiten hin schleuderte der Schlund mächtige Wasserstrahlen empor, dem diamantenen Riesenbukett immer andere Formen gebend! Und fast noch mehr staunen mußten wir, als noch plötzlicher als sie 330 begonnen hatte, die Tätigkeit wieder aufhörte. Ich habe keinen anderen Vergleich, als den, daß man wähnen muß, ein Ventil würde schnell zugedreht; so nahm im Lauf von kaum einer halben Minute die bis dahin ungeschwächte Kraft des Ausbruchs bis zur völligen Ruhe ab. Unmittelbar darauf konnten wir wieder hart an den Rand des Schlunds treten, aus dem vor wenigen Sekunden noch ein siedender Wasserberg turmhoch emporschoß! Nun liegt der blaue Pfuhl wieder so ruhig, so friedlich da, und wir sehen, sinnverwirrt von dem wundervollen Rätsel, wieder in die mysteriöse Tiefe hinab.” 235. Wrackfahrten Quelle: Professor Dr. O. Krümmel: »Flaschenposten, treibende Wracks und andere Triftkörper in ihrer Bedeutung für die Enthüllung der Meeresströmungen« in der Sammlung »Meereskunde«. Verlag von Ernst Siegfried Müller \& Sohn, Berlin, 1908. Z. Mit ragendem Bug und stolz aufgerichteten Schloten, erfüllt von heiterstem Leben fährt der Riesenozeandampfer über die Fläche des Weltmeers. Die Musik spielt auf dem Promenadendeck, lachende und plaudernde Menschen überall. Da taucht plötzlich, von der Kommandobrücke her längst gesichtet, ein Gespensterschiff auf, eine Mahnung an den Tod, der immerfort in den Fluten lauert. Es ist ein Schiff ohne Bemannung, der Rest eines einst stolzen Seglers, ein Wrack, das irgendwo bei einem Sturm schwer verwundet und von der Mannschaft darauf verlassen worden ist, aber doch noch nicht untersinken konnte. So fährt es zwischen Sein und Nichtsein dahin und schreckt die Seefahrer. Solche treibende Wracks sind auf den Meeren keine seltenen Erscheinungen. Am häufigsten trifft man sie an der atlantischen Küste der Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo noch viele Segelschiffe verkehren und die verheerenden Stürme des Golfstroms viele von ihnen leck schlagen. Wenn auch die meisten der Wracks bald untergehen, so treiben doch viele lange Zeit umher, und es gibt Wrackfahrten, die zu den größten Seltsamkeiten in der Geschichte der Schiffahrt gehören und zugleich gute Auskünfte über die Meeresströmungen geben. In einem Vortrag, den Professor Dr. Otto Krümmel aus Kiel im Berliner Museum für Meereskunde hielt, hat er hierüber sehr interessante Angaben gemacht: „Ein zunächst unverständlicher Fall ist die Trift der beiden Hälften des Schoners »Fred B. Taylor«. Der deutsche Schnelldampfer »Trave« kollidierte mit diesem Schiff am 22. Juni 1892; der Schoner wurde in zwei Teile zerschnitten, und beide Teile erlitten dann eine gänzlich verschiedene Trift. Das Heck trieb nach Norden und strandete am 7. August an der Küste bei Kap 331 Porpoise, der Bug aber trieb nach Süden und versank Ende August auf der Höhe der Delawarebai. Die Erklärung für das auffällig verschiedene Verhalten der beiden Wrackteile ist folgende: das Heck ragte weit aus dem Wasser und folgte so den Wirkungen der vorherrschenden Winde; der Bug aber war tief eingesenkt, der Wind konnte ihm nicht viel anhaben, und er folgte durchaus dem kühlen Meeresstrom nach Südwesten. Die längste aller bisher bekannt gewordenen Wracktriften ist die des Schoners »Fanny Wolston«, die vom 15. Oktober 1891 bis zum 21. Oktober 1894, also 1100 Tage dauerte und eine Strecke von fast 15 000 Kilometern umfaßte. Da der Schoner 46mal erkannt und gemeldet wurde, können wir seine Bahn recht gut verfolgen. In wiederholten Schleifen hielt er sich ziemlich lange südöstlich von den Azoren auf, erschien später im Westen zwischen den Bermudas und den Bahamas, geriet aber zuletzt von neuem in den Golfstrom, um dann endlich nach dreijähriger Irrfahrt zu verschwinden. Als am 18. Dezember 1887 ein riesiges Holzfloß aus 27 000 Baumstämmen, das von der Fundybai nach New-York unterwegs war, auf den Nantucketbänken von einem heftigen Nordwest zerschlagen wurde, verbreiteten sich diese Bauhölzer garbenförmig durch den Golfstrom hin, waren im März 1888 noch in dichten Scharen bei 60 Grad westlicher Länge, im Juni schon lockerer bei den Azoren und in letzten, weit zerstreuten Resten im September bei Madeira. Im Jahre 1822 befand sich der englische Oberst Sabine auf seiner berühmten Pendelexpedition an der afrikanischen Küste beim Kap Lopez. Dort strandete ein Schiff, das Palmöl in Fässern geladen hatte, und wurde von der Brandung völlig zerschlagen. Im Jahre darauf, im Juli 1823, war Sabine nahe am Nordkap, in Hammerfest, und dort trieben zu seinem Erstaunen einige Fässer ans Land, die Palmöl enthielten und durch ihre Brandmarken als ehemaliger Besitz des am Äquator gescheiterten Schiffs identifiziert wurden.” 236. Die Städte im Plural Nennt man irgend welche bekannten Städte des alten Kontinents, so kann man sicher sein, daß sie auch im neuen Kontinent vorkommen. In der amerikanischen Geographie sind vertreten: Berlin, Rom, Madrid, Jerusalem, Tokio, Versailles, Syrakus, Moskau; und wenn der Franzose darauf schwört, es gebe nur ein Paris, so wird er durch eine genaue Landkarte von drüben eines Besseren belehrt: der Amerikaner hat den Ort Paris 22 Mal! 332 Das Paradies ist als Stadt 14 Mal vertreten; 28 Städte heißen Monroe, 33 Franklin, 31 Lincoln, 30 Cleveland, daneben gibt es die Ortschaften: Homer, Shakespeare, Schiller, Heine, Odysseus, Nansen, Romulus, Orpheus, Wagner, Patti. Das ganze griechische Alphabet ist zur Namensgebung mobilisiert worden: Ypsilon, Phi, Zeta, Omega 15 Mal und Alpha 22 Mal. Auch das finanzielle Glaubensbekenntnis Uncle Sam's findet in seiner Geographie deutlichen Niederschlag. Dollar, Money, Gold, Silver, Milliard und Billion bezeichnen Wohnstätten und bilden einen Städtekranz für sich. 237. Der Wert eines Wasserfalls Die Arbeitskraft (Energie) des Rheinfalls bei Schaffhausen läßt sich mit ausreichender Genauigkeit berechnen. Es stürzt dort durchschnittlich eine Wassermasse von 250 Kubikmetern in der Sekunde über eine 20 Meter hohe Terrasse hinab. Das ergibt, als nutzbare Leistung betrachtet, einen Betrag von 67 000 Pferdestärken oder von 50 000 Kilowatt. Hiernach wäre der Rheinfall imstande, eine Million 50kerziger Metallfaden-Glühlampen auf Leuchtstärke zu erhalten; und nach unserem Tarif müßte man ihm dafür für die Stunde 25 000 Mark zahlen. Eine andere Umrechnung liefert folgendes Ergebnis: der Rheinfall von Schaffhausen ist soviel wert wie ein Bergwerk, das an jedem Tag 145 Tonnen hochwertiger Braunkohle liefert. 238. Riesenbäume Der Affenbrotbaum, auch Baobab genannt, erreicht einen Stammesumfang von 47 Metern und soll bis zu 6000 Jahren alt werden können. Seine Stammesperipherie entspricht einem Kreis, der größer ist als die Reitmanege eines hauptstädtischen Zirkus. Im Hain von Mariposa in Kalifornien steht als Eingangstor ein lebender Baum, in dessen Stamm eine Öffnung geschnitten ist, groß genug, daß ein geräumiger Reisewagen hindurchfahren kann. Im Hain von Caraveras liegt der gestürzte »Vater des Walds«, dessen Spitze bei der Länge von 100 Metern abgebrochen ist. Da der Stamm an dieser Stelle noch fünf Meter Durchmesser 333 hat, so ist anzunehmen, daß der ganze Baum höher gewesen ist als die Türme des Cölner Doms. Von der Wurzel her ist in den Stamm ein »Tunnel« eingebrannt; ein Mann auf einem Pferd kann bequem darin reiten. Der Methusalem aller Bäume aber dürfte der »gestürzte Monarch« im Mariposa-Hain sein. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, daß er vor 7000 Jahren gekeimt haben muß. Er war also schon Jahrtausende alt, als die Pyramiden erbaut wurden. 239. Biegsame Steine Quelle: F. Hasenöhrl , Abhandlung in dem Werk »Physik«. Verlag von B. G. Teubner, Leipzig. »Stein« und »hart« sind für uns zwei Begriffe, die stets zusammen auftreten. Wenn man ein ganz unmögliches Geräusch charakterisieren will, so sagt man, es sei zum Steinerweichen. Aber in Wirklichkeit gibt es erstaunlicherweise doch auch richtige Steine, die schmiegsam und biegsam sind, ohne daß sie jenen berühmten Kater singen gehört hätten. Im brasilianischen Staat Minas Geraes gräbt man ein goldartiges Gestein, den Itakolumit , aus, der sich noch in zentimeterdicken Stücken biegen läßt, als sei das Material Leder oder Gummi. Er sieht wie rötlicher Sandstein aus und besteht auch wie dieser aus Quarzkörnchen. Während aber beim Sandstein die Partikelchen durch starre, kalkige oder tonige Bindemittel zusammengehalten werden, schieben sich beim Itakolumit Schüppchen aus Talk, Glimmer oder Serizit so dazwischen, daß sie die Körnchen gelenkartig umgeben. Dadurch entsteht das gewiß seltsame Phänomen der biegsamen Steine. 334 Wunder des Himmels 240. Der längste Tag Kann der kürzeste Tag auf den längsten fallen? Die Frage hört sich paradox an oder gar unsinnig. Aber sie ist es nicht und kann unter Umständen sogar eine bejahende Antwort erheischen. Man muß sich zuvor darüber verständigen, was man unter »Tag« verstehen will. Begreift man darunter die Zeitlänge während derer die Sonne über dem Horizont steht, so kommt man für den kürzesten Tag auf den 22. Dezember, ebenso wie der längste Tag auf den 22. Juni fällt. Versteht man aber unter »Tag« den gesamten »Sonnentag«, das heißt die Zwischenzeit, die zwischen einem Durchgang der Sonne durch die Mittagslinie und dem nächsten verstreicht, so ergibt sich etwas anderes. Denn diese Zwischenzeit beträgt gleichmäßig annähernd 24 Stunden. Nicht genau . Es ergeben sich durch Besonderheiten der Erdstellung und des Erdumlaufs Unterschiede im reichlichen Betrag von Sekunden. Und wenn man beide Begriffe, den bürgerlichen Helligkeitstag und den astronomischen Sonnentag zusammenstellt, so kann es sich allerdings ereignen, daß der kürzeste und der längste Tag auf dasselbe Datum fallen. So fiel im Jahre 1911 der längste Tag, astronomisch gemessen, auf den 23. Dezember, während der kürzeste Tag am 17. September stattfand. Der Unterschied betrug 51 Sekunden zu Gunsten des Dezembertags. 241. Sonnenfinsternis In den Sagen aller Völker spielen die Verfinsterungen der Sonne, das plötzliche, anscheinend unvorhersehbare Erlöschen unseres Muttergestirns eine große Rolle. Und das ist wohl begreiflich. Denn es gibt kaum ein erschütternderes Phänomen als dies. Den Wilden muß es niederwerfen in den 335 Staub, ihm rinnende Angst vor den grausam waltenden Naturmächten durch den Körper jagen. Doch auch der Aufgeklärte, der Wissende, beugt wohl das Haupt, wenn über ihn mitten am Tag der himmlische Schatten streicht, den er wohl voraus berechnen, aber doch keineswegs beeinflussen kann. Von den Nordeuropäern dürften nur wenige in ihrem Leben eine totale Sonnenfinsternis gesehen haben. Und weil die Erscheinung in unseren Breiten so selten ist, werden häufig beim Herannahen des Phänomens von den großen Sternwarten Expeditionen nach günstigen Beobachtungspunkten ausgeschickt. Der bekannte Astronom Dr. Wilhelm Meyer , der Begründer der Berliner Urania, war Mitglied einer Expedition, welche die Sonnenfinsternis vom 30. August 1905 bei Assuan in Ägypten zu beobachten und wissenschaftlich zu verarbeiten hatte. Ihm verdanken wir die folgende Schilderung des großen Ereignisses. „In den letzten Sekunden nahm die Dunkelheit mit erschreckender Schnelligkeit zu. Als aber erst die letzten, über den mit Bergen besetzten Mondrand hinperlenden Sonnenstrahlen verschwunden waren, vollzog sich in der letzten Sekunde ein so vollkommener Wandel der Szenerie, daß man trotz aller Vorbereitungen völlig davon überrascht war. Es war wie ein Riß durch die Natur. War es vorher dunkel, so wurde es jetzt im ersten Augenblick plötzlich ganz finster wie in schwarzer Nacht, bis sich das Auge einigermaßen akkommodiert hatte. Ebenso plötzlich, als ob im Lauf der letzten Sekunden durch das transparente Himmelsgewölbe der geheimnisvolle Schein von einem Jenseits herüberglimmte, trat der silberne Strahlenkranz der Korona (des leuchtenden Kranzes um die bedeckte Sonnenscheibe) hervor; es war, als ob dieses Licht jetzt eben erst von der Stelle, wo die Sonne nun gänzlich verschwunden war, ausginge und mit Schnelligkeit in den dunklen Raum hinausgeschleudert würde. Weil der Ort, wo vordem die Sonne stand, jetzt dieselbe Dunkelheit und Färbung wie der übrige Himmel besaß, sogar durch Kontrastwirkung mit der Korona noch etwas dunkler erschien, so hatte man den verwirrenden Eindruck, als ob das Tagesgestirn wirklich aus der Welt gekommen wäre, in nichts zerflossen, diesen gespenstigen Schein rings um die entstandene Leere zurücklassend, und als ob die ganze Natur nur noch eine Schattenexistenz besäße. Am Horizont lagerte ein düster orangegelber Schein, von den Teilen unserer Atmosphäre herrührend, die nicht mehr vom Kernschatten des Monds getroffen wurden. Dieses gelbe Licht teilte sich den Gesichtern mit, so daß auch die Menschen nur noch wie fahle Schatten aussahen. Die Pulse der irdischen Natur stockten, sie selbst schien auf ihrem Weg anzuhalten. Man kann sicher sein, daß jeder, auch der Stumpfsinnigste, seine 336 Schritte anhielt, als der Mondschatten über ihn hinwegsauste. Charakteristisch war es in dieser Hinsicht, daß der Maschinenführer eines Zugs, der noch einige Kilometer von dem Bahnhof von Assuan sich auf der Fahrt befand, den Zug unter dem verwirrenden Eindruck der einbrechenden Dunkelheit anhalten ließ, wie vor einem gefahrdrohenden Hindernis. Zwei rote Flammen, Protuberanzen, die über den Mondrand hervorglühten, konnte ich mit bloßem Auge deutlich sehen und einige Strahlenbüschel der Korona in ihrer eigentümlichen Form bis etwa anderthalb Sonnendurchmesser am Himmel verfolgen. Einige Sterne glänzten am Himmel, namentlich Venus. Aber ehe man es sich versah, viel schneller als man sonst den Eindruck einer Zeitspanne von zweieinhalb Minuten hat, blitzte der erste Sonnenstrahl über den Mondrand hinweg, die Korona zog sich wieder in sich selbst zusammen; schneller, als sie verschwunden war, schien die alltägliche Beleuchtung wiederzukommen.” 242. Antike Finsternisse Quelle: Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Z. Die haarscharf geschliffenen Werkzeuge der heutigen astronomischen Wissenschaft gestatten nicht nur, Sonnenfinsternisse, Kometenbesuche und andere kosmische Ereignisse bis auf den Bruchteil einer Sekunde genau vorherzusagen, sie ermöglichen auch ein Zurücktauchen in die Vergangenheit. Was an wichtigeren Vorgängen jemals in der Sternenwelt sich abgespielt hat, kann heute zeitlich ganz genau bestimmt werden, wenn nur ein Anhalt gegeben ist. So hat man vermocht, berühmte Sonnen- und Mondfinsternisse, die sich vor Jahrtausenden abspielten, aufs sorgfältigste nachzurechnen. „Thukydides erwähnt eine Sonnenfinsternis, die im ersten Jahr des peloponnesischen Kriegs zu Athen vorfiel. Es ist dieses dieselbe Finsternis, von der Plutarch im Leben des Perikles spricht; bei ihrem Eintreten habe Perikles auf dem Schiff das Gesicht des erschrockenen Steuermanns mit dem Mantel bedeckt, indem er ihm bemerkte, daß kein Unterschied zwischen der durch den Mantel und der durch den Mond verursachten Verfinsterung zu machen sei. Die Finsternis fiel im Jahre 431 v. Chr. am 3. August vor. Es sind nach den neuesten astronomischen Tabellen die Elemente der Finsternis in Bezug auf den Horizont von Athen ausgerechnet worden, und danach hat man die Umstände jener Finsternis, die vor mehr als 2000 Jahren sich ereignete, genau festlegen können: die Finsternis begann um 4 Uhr 0 Minuten mittlerer athenischer Zeit nachmittags und endete um 6 Uhr 12 Minuten. Die Sonne erschien, da die Verfinsterung nahezu 9 Zoll betrug, mondförmig. 337 Thukydides spricht auch von einer Mondfinsternis, die sich im neunzehnten Jahr des peloponnesischen Kriegs ereignete und von entscheidendem Einfluß auf das Schicksal des im Hafen von Syrakus lagernden Athenischen Heers war. Die genauen Umstände dieser Finsternis, die am 27. August 413 vor Chr. stattfand, sind wie folgt errechnet worden: Anfang der Mondfinsternis abends 7 Uhr 47 Minuten mittlerer syrakusischer Zeit, Anfang der totalen Verfinsterung 9 Uhr 1 Minute, Mitte 9 Uhr 29 Minuten, Ende der totalen Verfinsterung 9 Uhr 57 Minuten, Ende der ganzen Finsternis 11 Uhr 11 Minuten, Größe 13,6 Zoll.” 243. Das wahnsinnige Karussell Kinder fahren gern im Karussell, weil sie Freude an der Fortbewegung in jeder Form haben. Erwachsene lieben den Aufenthalt in solchem Drehapparat weniger; sie fürchten, daß ihnen nur allzu bald schwindlig werden könnte. Nun denke Dir, lieber Leser, Du wärest aus irgend einem Grund gezwungen, in ein Karussell zu steigen, das sich hundert Mal rascher als jedes gewöhnliche herumdreht. Das ist kein angenehmer Gedanke, nicht wahr? Wie wäre es aber nun gar, wenn Dein Karussell, das am Rand eines großen runden Rummelplatzes stehen soll, anfinge, während es sich dreht, mit höchster Geschwindigkeit um den Platz herumzulaufen? Es würde dann also zwei kreisende Bewegungen gleichzeitig ausführen: einmal die Drehung um die eigene Achse, zweitens die um den Platz. Jetzt schwindelt Dir schon heftig. Aber Du sollst noch böser geplagt werden! Auch der Rummelplatz selbst steht nicht still, er läuft vielmehr mit rasender Schnelligkeit und unaufhörlich auf einen Fesselballon zu, der weit in der Ferne verankert ist. Kaum merken das die Leute am Halteseil des Ballons, so lassen sie das Tau los, und, von einem kräftigen Wind getrieben, fliegt der Ballon eiligst in schräger Richtung immer weiter in den Raum hinein. Der Rummelplatz aber mit Deinem wahnsinnigen Karussell, das immer um den Rand des Platzes rast, während es sich auch noch um seine eigene Achse dreht, läßt nicht ab, auf den davon eilenden Ballon zuzurennen, den es aber, da er rascher ist, niemals erreicht. Möchtest Du in einem solchen Karussell sitzen? Die Frage ist müßig, denn du sitzt darin, befindest Dich aus einem also bewegten Apparat vom Beginn Deines Lebens an und kannst ihn niemals 338 verlassen. Noch nach Deinem Tod wird Dein Staub an der tollen Fahrt weiter teilnehmen müssen. Denn unsere Erde selbst ist es, die unaufhörlich alle die Bewegungen vollführt, die eben angegeben wurden. Unser Planet selbst ist das wahnsinnige Karussell. Er kreist ständig um seine eigene Achse; jeder Punkt am Äquator macht dabei einen Weg von 500 Metern in der Sekunde. So rasch dreht sich selbst das schnellste Dampfkarussell nicht. Der »Rummelplatz«, um den sich die rotierende Erde gleichzeitig herumbewegt, ist die von ihrer Bahn um die Sonne begrenzte Fläche. Hier erfolgt die Drehung nun gar mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern in der Sekunde, das ist 60mal rascher als ein Geschoß fliegt. Und weiter! Auch die Sonne, um welche die Karussellachse herumjagt, steht nicht still. Es ist den Astronomen die wunderbare und tiefe Erkenntnis gelungen, daß unser Zentralgestirn, ein Fixstern wie unzählige, ebenso eine Eigenbewegung hat wie die anderen Fixsterne. Man nennt sie die Translation. Mit ihrem ganzen Planetensystem saust die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern in der Sekunde auf den strahlenden Stern Wega im Sternbild der Leier zu. Das ist der Fesselballon, der vorhin erwähnt wurde. Und wir wissen auch, daß sein Halteseil nicht mehr verankert ist. Da alle Fixsterne sich bewegen, so steht auch die Wega nicht still. Sie legt 27 Kilometer in jeder Sekunde zurück, aber wohin ihr Weg führt, das wissen wir nicht und können wir auch nicht einmal vermuten. Wird Dir schwindlig in Deinem großen Karussell, lieber Leser? Nein, Dein Kopf bleibt klar, denn Dein Auge vermag keinen Punkt zu erreichen, der nahe genug ist, um Deinem Geist die tolle Bewegung, die Du zwangsweise mitmachst, ohne weiteres offenbar werden zu lassen. Das bischen planetarische Bewegung, das wir stündlich und jährlich machen, also die Drehung um die Karussellachse und um den Rummelplatz, spiegelt Dir der Fixsternhimmel durch seine scheinbare Bewegung zwar wieder, aber da der nächste Fixstern, Alpha Centauri, schon 37½ Billionen Kilometer von uns ab steht, ist dies so wenig eindrucksvoll, daß es Dich nicht wirr machen kann. Die Bewegung der Sonne nun gar ist nur aus einem komplizierten Umweg über physikalische Betrachtungen (Doppler-Effekt) überhaupt festzustellen gewesen. Andere Fixsterne laufen noch viel schneller, und sie alle verdienen darum eigentlich ihren Namen nicht, der »am Himmel festgehefteter Stern« bedeutet; sie sind auch nur deshalb so genannt worden, weil sie im Verhältnis zu der Bewegung der Planeten, die uns wegen deren ungeheuer viel größerer Nähe weit rascher deucht, zu ruhen scheinen. Pollux im Sternbild der Zwillinge macht 53 Kilometer in der Sekunde, Schedir in der Kassiopeja 178, und ein kleines 339 Sternchen im Großen Bären, der Schnelläufer genannt, leistet sich sogar 289 Sekunden-Kilometer. Trotz dieses rasenden Laufs aller uns sichtbaren Sterne scheinen sie uns dennoch still zu stehen. Jeder Stern in jedem der Sternbilder, die wir nach rein äußerlicher Anschauung bildhaft zusammengefügt haben, hat eine unbegreiflich rasche Eigenbewegung, meist ganz unabhängig von jedem anderen. Und doch stehen die Sternbilder heute noch ganz genau so zusammen wie am Tag unserer Geburt. Mit Recht sagt Schiller: Auf einer großen Weide gehen Viel tausend Schafe, silberweiß, Wie wir sie heute wandeln sehen, Sah sie der allerält'ste Greis. Ja wir sehen die Sternbilder heute sogar noch ebenso, wie die ägyptischen Pyramidenbauer sie vor Jahrtausenden erblickten. Würden Cheops oder Amenophis heute auferstehen, sie fänden den Sternenhimmel fast noch genau so wieder, wie er ihnen zur Zeit ihrer Herrschaft leuchtete. Die Räume zwischen den einzelnen Fixsternen sind eben so unausdenklich groß, daß uns, um eine sichtbare Verschiebung feststellen zu können, weit größere Zeiträume zum Vergleich zur Verfügung stehen müßten, als wir zur Hand haben. Es ist errechnet worden, daß das Sternbild des großen Bären vor 10 000 Jahren anders aussah als heute. Aber so weit reicht das historische Zeitalter der Menschheit nicht zurück. Hier werden Jahrtausende zu Sekunden. Unverändert erscheinen uns nach wie vor die Sternbilder. Und das ist vielleicht das größte Wunder in diesem höchst wunderbaren Kapitel aus der Sternenwelt. 244. Das Treibhauswunder Quelle: Svante Arrhenius: »Das Werden der Welten«, aus dem Schwedischen übersetzt von L. Bamberger. Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig, 1908. Unsere Erde segelt, wie uns wohl bekannt ist, frei durch den Weltenraum. In diesem aber herrscht eine Temperatur, die nach Berechnung von Svante Arrhenius tiefer ist als 200 Grad unter Null. Und dennoch ist es warm auf der Erde. Wir fühlen uns recht mollig und behaglich auf unserem Stern. Ja, werden die meisten sagen, das ist nicht weiter erstaunlich; haben wir doch die ausgiebige Wärmequelle Sonne für die Heizung zur Verfügung! Es ist richtig, daß die Sonne gewaltige Wärmemengen zur Erde sendet, und niemand braucht sich darüber zu wundern, daß wir im prallen Sonnenschein nicht frieren. Wie aber ist es, wenn die Sonnenstrahlen den Punkt, an dem wir 340 weilen, nicht erreichen? Wie kommt es, daß auch unsere Nächte warm sind, daß selbst in langen, langen Winternächten die Temperatur der Erdoberfläche nicht auf ein unerträgliches Maß hinabsinkt? Hier eben setzt das Wunder ein! Die Erde fährt nicht nackt und bloß durch den Weltenraum, sondern sie hat eine schützende Hülle, sie besitzt einen schönen, dicken Pelz, den sie angezogen hat wie jeder wohlhabende Mensch, wenn er sich in große Kälte hinausbegibt. Solch ein kosmischer Pelz sieht freilich ganz anders aus als einer, den Menschenhand aus Tierfellen bildet. Aber seine Aufgabe ist die gleiche: er soll Wärme, die auf dem von ihm bedeckten Körper vorhanden ist, dort festhalten. Und das besorgt bei unserer Erde die Lufthülle. Schon der große französische Physiker Courier nahm um 1800 an, daß die Lufthülle der Erde eine wichtige Rolle in deren Wärmehaushalt spiele. Pouillet und Tyndall haben dann seine Ideen weiter entwickelt. Besser noch als mit dem Pelz vergleicht man die Wirkung der Lufthülle mit der des Glasdachs über einem Treibhaus. Glas hat die merkwürdige Eigenschaft, die sogenannte helle Wärme durchzulassen, während es die dunkle Wärme nicht durchläßt. Helle Wärme, also solche die unser Auge auffassen kann, strahlt von der Sonne hernieder; die Wärme aber, die z. B. einem Kachelofen entströmt, ist dunkel. Auch die warme Rückstrahlung der Erde ist dunkel. Sie wird also von dem Luftmantel zurückgehalten, der freilich auch etwas von der einstrahlenden hellen Wärme verschluckt. In seiner ganzen Größe ist das Treibhauswunder einmal durch einen Versuch von Langley dargestellt worden. Er stellte eine Kiste her, die durch dicke Ausfütterung der Wände mit Baumwolle besonders gut gegen Wärmeverluste geschützt war; eine Wand wurde mit doppeltem Glas abgedeckt. Diese Kiste wurde auf dem 4200 Meter hohen Pikes Peak in Colorado am 9. September 1881 um 1 Uhr 40 Minuten nachmittags so aufgestellt, daß die gerade um diese Zeit besonders intensive Sonnenstrahlung prall auf die Glaswand der Kiste fiel. Während in der Umgebung im Schatten nur 14 bis 15 Grad gemessen wurden, fand Langley, daß die Temperatur in der Kiste bis auf 113 Grad stieg. Hätte die Atmosphäre nicht ihre wärmeschützende Eigenschaft, so würde die Durchschnittstemperatur auf der Erde bald so tief sinken, daß die Äcker keinen genügenden Ertrag für die Ernährung der Menschheit mehr liefern könnten. Auch die klimatischen Unterschiede würden viel größer und härter werden. Kurz, wir würden uns auf Erden bald so ungemütlich fühlen, wie ein Herr im Schlitten, der seinen Pelz verloren hat. 341 245. Wie die Sonne geheizt wird Quelle: Felix Linke: »Kann die Erde untergehen?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1911. Eine der tiefsten Erkenntnisse, die dem Menschengeist gelungen sind, ist die von der Einheitlichkeit der Naturgesetze im Weltall. Der ganze Kosmos ist demselben Gesetzbuch unterworfen. Und es kennt keinerlei Standesunterschiede. Ob man ein bescheidenes Wasserstoffatom, ein Eisenmolekül oder eine strahlende Sonne ist, immer hat man in gleicher Weise dem über alles erhabenen und doch das Kleinste nicht vernachlässigenden Gesetz zu gehorchen. Nun sagt ein sehr wichtiger Paragraph in dem großen Gesetzbuch der Natur, daß ein Körper nicht dauernd Energie abgeben kann, ohne daß ihm Energie zugeführt wird. Es ist dies ja der berühmte Paragraph, der den armen Perpetuum mobile -Erfindern immer so unangenehm in die Quere kommt. Wärme aber ist nur eine bestimmte Form von Energie. Da müssen wir uns fragen: die Oberfläche der Sonne strahlt seit unvorstellbar langen Zeiträumen, Jahrmillionen oder Jahrbillionen, Wärme in den Weltenraum hinaus; woher bezieht sie die Energiemengen, die sie nötig hat, um so viel Wärme so lange Zeit hindurch ständig und, so weit wir wissen, unvermindert abzugeben? Ganz leicht ist die Beantwortung der Frage nicht, und es erscheint nicht vollkommen feststehend, ob heute schon das letzte Wort darin gesprochen ist. Die Oberfläche der Sonne strahlt in der enormen Hitze von 6000 bis 8000 Grad. Die Wärmemenge, die sie in einem Jahr allein der Erde zusendet, würde genügen, um einen die Erde rings einhüllenden Eispanzer von 31 Metern Dicke abzuschmelzen. Wenn die Sonne nicht wäre, würde die mittlere Jahrestemperatur in Europa, die jetzt +13 Grad beträgt, sich in -73 Grad verwandeln. Dabei ist natürlich die von der Sonnenoberfläche ausgehende Wärmemenge, welche die Erde trifft, nur ein ganz geringer Bruchteil der insgesamt ausgestrahlten Wärme. Schwebt doch die Erde als ein unbedeutendes Stäubchen im Weltenraum, in den die Sonnenoberfläche nach allen Richtungen einstrahlt. Nur der zweimilliardste Teil der Sonnenwärme gelangt auf die Erde. Um die von der Sonne ausgestrahlte Wärme zu ersetzen, müßte man nach der Angabe von Helmholtz stündlich 75 000 Kilogramm Kohle auf jedem Quadratmeter der Sonne verbrennen. Ohne Wärmezufuhr müßte sich die Sonne jährlich um vier bis acht Grad abkühlen. Das kann aber nicht gut der Fall sein, denn dann müßte die Sonne, die den alten Ägyptern geschienen hat, um 6000 Grad wärmer gewesen sein als die, welche uns heute leuchtet. Und in verhältnismäßig kurzer Zeit schon wäre ein völliges Erlöschen des Gestirns zu befürchten. Sehr bald müßte die ganze Erde vereisen und der letzte Mensch frierend seinen Tod in einer Eishöhle abwarten. 342 In Wirklichkeit ist sicherlich die Sonnenwärme in der historischen Zeit, die doch nun schon fast 7000 Jahre alt ist, nicht geringer geworden. Woher schöpft nun der glühende Ball die Energie, die ihn so lange Zeit hindurch in gleicher Wärme hält? Zunächst hat man angenommen, daß die nötige Wärmezufuhr durch das immerwährende Aufprallen von Meteoren auf die Sonne bewirkt würde. Aber das kann nicht sein, weil dann die Sonne inzwischen schon eine so bedeutende Vergrößerung ihrer Masse erfahren haben müßte, daß die heutige Ordnung im Planetensystem nicht mehr bestehen könnte. Es ist darum klar, daß die Wärmezufuhr an die Sonnenoberfläche nicht von außen kommen kann, sondern nur vom Innern der Sonne her. Helmholtz meinte, daß der Fall der äußeren Sonnenteilchen gegen den Mittelpunkt hin die ausgestrahlte Wärme immer neu bilde. Dieser Fall gegen den Mittelpunkt muß eintreten, da ja die Sonne beständig Wärme verliert und sich eigentlich abkühlen, dabei also schrumpfen muß. Schrumpfung bedeutet aber nichts anderes, als Fall der äußeren Teile gegen den Mittelpunkt, und dabei muß Wärme frei werden. Helmholtz hat gezeigt, daß bei der gewaltigen Größe des Sonnenballs der Durchmesser jährlich nur um 60 Meter zu schrumpfen brauchte, um alle diejenige Wärme bereitzustellen, die in den Raum hinausgestrahlt wird. In einem Jahrhundert würde der Sonnenkörper dabei um 6 Kilometer abnehmen, in 2000 Jahren um 1 / 100  Prozent – also um einen Betrag, den man mit den besten Hilfsmitteln der modernen Meßtechnik nicht nachzuweisen vermag. Dehnt man aber diese Rechnung über sehr lange Zeiträume aus, so ergibt sich, daß die Sonne, um ihren heutigen Zustand erreicht zu haben, nicht älter als 18 Millionen Jahre sein könnte. Daraus folgte, daß der Erde für ihre Entwicklung bis zum heutigen Tag nur wenige Millionen Jahre zur Verfügung gestanden hätten, was für den Ablauf der geologischen Perioden und auch für die biologischen Entfaltungen durchaus zu wenig ist; diese müssen sich vielmehr in außerordentlich viel größeren Zeiträumen abgespielt haben. Der große schwedische Forscher Svante Arrhenius vermeidet bei der von ihm aufgestellten Theorie diese Klippe. Auf der Oberfläche der Sonne gibt es, wie wir aus spektroskopischen Untersuchungen wissen, nur chemische Elementarstoffe ; in der Tiefe aber, die durch die Sonnenflecke dem Spektroskop hier und da zugänglich gemacht wird, sind chemische Verbindungen vorhanden. Wenn diese Verbindungen aus dem Innern der Sonne, in deren Mittelpunkt nach Arrhenius ein fürchterlicher Druck von 8520 Millionen Atmosphären herrscht, rasch zur Oberfläche aufsteigen, zerfallen sie, und dabei werden ungeheure Energiemengen frei. Der Zerfall geschieht unter gewaltigen Explosionen, 343 gegen welche die Detonationen von Dynamit als der Hauch aus dem Mund eines Kindes anzusehen sind. Bei solchen Explosionen auf der Sonne sind Geschwindigkeiten emporgeschleuderter Materie von 900 Kilometern in der Sekunde beobachtet worden. Ihre unvergleichliche Kraft steht also fest. Sie genügen, um der Sonnenoberfläche immer wieder neue Wärmemengen zuzuführen, die ausgestrahlte Wärme Milliarden und Billionen Jahre lang immer wieder zu ersetzen, sodaß auf diese Weise unser Sonnensystem noch undenklich lange Zeiten hindurch in unveränderter Weise bestehen kann, wenn auch seine Dauer nicht als ewig bezeichnet werden darf. 246. Sternweiten Quelle: Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. »Was mich immer wieder mit neuer Bewunderung erfüllt, ist der gestirnte Himmel über uns und das moralische Gesetz in uns« hat Immanuel Kant gesagt. Schon der bloße Anblick des sternfunkelnden Firmaments in einer klaren Nacht vermag in der Tat tiefste Wirkung auf den Menschen auszuüben. Und die Bewunderung wächst so weit, daß sie fast die engen Hüllen der menschlichen Seele sprengt, wenn man nur ein wenig tiefer in die ewigen Geheimnisse dort oben eindringt. Welche Großartigkeit enthüllt allein die äußere Betrachtung der Entfernungen im Sternenraum! Das Gestirn, welches uns zunächst seine Kreise beschreibt, ist der Freund unserer Nächte, der Trabant der Erde, der Mond. Er ist nur 384 000 Kilometer von uns entfernt. Wollten wir im Schnellzug zu ihm reisen, so brauchten wir immerhin schon sechs Monate zu einer solchen Fahrt. Das vom Mond zurückgeworfene Licht legt allerdings den Zwischenraum bis zur Erde in wenig mehr als einer Sekunde zurück, denn es vermag – ebenso wie die elektrischen Wellen – in der Zeiteinheit 300 000 Kilometer weit zu laufen. Anders ist es schon, wenn wir zu dem uns am nächsten stehenden Planeten wollen, zur Venus. Ein neugeborener Knabe, in den Schnellzug gesetzt, würde erst als 52jähriger Mann auf unserm glänzenden Abendstern ankommen, denn er liegt 40 Millionen Kilometer von uns ab, 104mal so weit wie der Mond. Könnte auf der Venus ein Schütze stehen und mit genauem Ziel auf einen Erdenmenschen eine Gewehrkugel abschießen, so hätte dieser Mensch immer noch 2½ Jahre zu leben, bis die Kugel ihn erreichte, vorausgesetzt, daß sie bei dieser interplanetarischen Reise dauernd dieselbe Geschwindigkeit beibehielte, wie unsere irdischen Geschosse sie haben, und den Erdbewegungen entsprechend folgte. 344 Die Sonne während eines Menschenalters im Schnellzug erreichen zu wollen, wäre selbst für den Langlebigsten unter uns ein vergebliches Bemühen. Denn um die 150 Millionen Kilometer zu überwinden, brauchte man 190 Jahre. Eine drahtlose Depesche, die mit der Geschwindigkeit der Ätherwellen reist, würde indes schon in 8⅓ Minuten auf der Sonne ankommen. Ein kräftiger Sprung von den bisher erwähnten Entfernungen erst führt uns zu den äußeren Planeten. Der Riese unter ihnen, Jupiter, ist 5½mal weiter von uns entfernt als die Sonne, der ringgeschmückte Saturn gar 10mal, bis zum Uranus sind es 2700 Millionen Meilen; das bedeutet eine Schnellzugreise von 3500 Jahren und auch für die elektrischen oder die Lichtwellen einen Marsch von 2½ Stunden. Der letzte der bisher bekannten Planeten unseres Sonnensystems, Neptun, zieht schon so weit draußen seine Bahn, daß von ihm aus gesehen die Sonne nur noch als ein glänzendes Sternchen erscheint. Die kleine Erde ist dem Neptun, dessen Sonnenabstand 4487 Millionen Kilometer beträgt, so weit entrückt, daß sie von dort aus garnicht mehr gesehen wird. Aber auch bei dieser Riesenentfernung befinden wir uns immer noch innerhalb unseres Planetensystems. Sobald wir darüber hinausgehen, müssen wir die gewohnten Maße völlig aufgeben, wenn wir überhaupt noch bei Zahlen bleiben wollen, die sich einigermaßen bequem niederschreiben lassen. Haben wir bis jetzt das Kilometer als Grundmaß benutzt, so führen wir jetzt als Einheit der Entfernung das Lichtjahr ein, das heißt die Strecke, die ein Lichtstrahl in einem Jahr zu überwinden vermag. Wie schon erwähnt, legt das Licht in einer Sekunde 300 000 Kilometer zurück. Da das Jahr 31 556 926 Sekunden hat, so bedeutet ein Lichtjahr die Länge von 9 467077 800000 Kilometern; das sind rund 9½ Billionen Kilometer. Dies also ist unser Grundmaß. Und legen wir es nun in seiner ganzen Erstreckung in den Himmelsraum aus, so finden wir, daß wir selbst mit seinem Ende noch lange nicht den uns am nächsten stehenden Fixstern erreichen. Es ist das der Stern Alpha im Sternbild des Centauren, der um 9000 Neptunsweiten von unserm Sonnensystem entfernt ist. Sein Abstand von diesem – ob wir dabei von der Sonne oder von der Erde aus messen, spielt gar keine Rolle – beträgt 4,3 Lichtjahre. Das von Alpha Centauri ausgehende Licht braucht also 4 Jahre und 4 Monate, um zu uns zu gelangen. Würde der Stern heute aus irgend einem Grund erlöschen, er stände noch 4 Jahre und 4 Monate unverändert für uns am Himmel. Und doch ist Alpha Centauri, wie gesagt, unser nächster Fixstern. Nur fünf Fixsterne von den unzählbaren, die wir sehen, sind weniger als zehn 345 Lichtjahre, nur 39 weniger als 50 Lichtjahre von uns entfernt. Der Polarstern steht 60 Lichtjahre von uns ab, der helle Stern Kapella im Fuhrmann 70 Lichtjahre; die Sterne sechster Größe, also die, welche mit bloßem Auge gerade noch zu erkennen sind, haben schon eine Entfernung von 330 Lichtjahren. Die Sterne achter Größe tummeln sich im Abstand von 780 Lichtjahren. Und nun nochmals ein Sprung von ungeheurer Großartigkeit: die Sternchen, welche in unendlichem Gewimmel uns den zusammenhängenden, matten Schimmer der Milchstraße vortäuschen, sind um 4000 Lichtjahre unserm Sonnensystem entrückt. Wenn einer dieser Sterne zu der Zeit, als der mächtige Hamurabbi Babylon zu einem Weltreich machte, von einer Katastrophe betroffen worden wäre, die ihn in vielfach verstärkte Glut gesetzt hätte, wir sähen ihn noch heute in seinem früheren unveränderten Licht leuchten. Und auch bei der Milchstraße, deren ungefähre Kreisform einen Durchmesser von 8000 Lichtjahren hat, sind wir noch nicht am Ende. Denn jenseits von ihr gibt es sicher noch Millionen von Milchstraßensystemen, von denen wir so gut wie gar keine Kunde haben. Welch ein Gewimmel im unendlichen Raum! Besteht doch allein »unser« Milchstraßensystem, das heißt dasjenige, in dessen ungefährer Mitte unsere Sonne steht, aus etwa 300 Millionen Sonnen, die durch ungeheure Entfernungen von einander getrennt sind und sicher Milliarden Trabanten (Planeten) besitzen, die für uns unsichtbar sind. 247. Das Sonnensystem an der Spree Quelle: A. Bernstein: »Naturwissenschaftliche Volksbücher«. Verlag von Gustav Hempel, Berlin. Es ist eine ganz einfache Umrechnung, die kaum mehr beansprucht, als die gewöhnliche Schul-Arithmetik. Aber auch für solche Einfachheiten gibt es eine Priorität der Erfindung, und diese gebührt hier dem nämlichen A.  Bernstein , der die Fassungskraft der Kubikmeile (siehe Abschnitt 139) so hübsch veranschaulicht hat. Denken wir uns auf der Mitte der Schloßbrücke von Berlin eine Kugel von etwa ⅔ Meter Durchmesser, also im Umfang eines Droschkenvorderrads. Diese Kugel soll die Sonne vorstellen. Und nun konstruieren wir das dazu gehörige Planetarium in den Größenverhältnissen und Abständen, wie sie der Wirklichkeit im Weltenleben genau entsprechen. Dann bekommt der nächste Planet, der Merkur, die Größe eines Senfkörnchens. Sein Standort liegt achtzig Fuß von der Sonne entfernt: Unter den Linden, ungefähr zwischen dem Zeughaus und der Kommandantur. 346 Der Planet Venus bedingt die Größe einer Erbse und verlangt seine Stellung zwischen der Wache und dem Opernhaus. Die Erde, ebenfalls in Erbsenformat, rückt zwischen Opernhausplatz und Universität. Planet Mars, von halb so großem Durchmesser, kommt an das Reiterstandbild Friedrichs des Großen. Zwischen Friedrich und Charlottenstraße fallen die Planetoiden, mehrere hundert Stäubchen, die dem unbewaffneten Auge kaum erkennbar werden. Der größte Planet, Jupiter, schwingt sich zur Größe eines Pfirsichs auf; er liegt im Zug der Linden nahe an der Wilhelmstraße. Der Saturn wird – unabhängig von seinen Ringen – als eine Kirsche vorgestellt, die ihren kosmischen Platz ungefähr am Brandenburger Tor erhält. Uranus, in Form einer sehr kleinen Haselnuß, begibt sich in den Tiergarten an den Kleinen Stern, und Neptun, so groß wie eine Quitte, wandert nach Charlottenburg bis hinter die Kanalbrücke. Die beanspruchten Strecken erscheinen im Verhältnis zu den planetarischen Winzigkeiten als ganz ungeheuerlich. Und noch abenteuerlicher wird das Mißverhältnis, wenn man zur Mehrdimensionalität übergeht und sich diese Kügelchen und Körnchen in planetarischer Bewegung um die Sonne auf der Schloßbrücke vorstellt. Man könnte versucht sein, von Raumverschwendung zu sprechen, wenn dieser, menschlichen Abmessungen entnommene Ausdruck der Unendlichkeit gegenüber einen Sinn hätte. 248. Der vorausgeahnte Planet Mit der Auffindung des Neptun , des äußersten der uns bekannten Planeten, ist der astronomischen Wissenschaft eine ihrer großartigsten Taten gelungen. Sie war instande, das Vorhandensein eines Weltenkörpers, den niemand zuvor besehen hatte, im urfernen Weltenraum, in einer Himmelsgegend vorauszusagen, die mehr als 600 Millionen Meilen von uns entfernt ist. Im Jahre 1781 hatte Herschel auf seiner Sternwarte zu Bath bei London den Uranus gefunden. Sogleich nachdem die planetarische Natur dieses Sterns feststand, machte man sich daran, seine Bahn zu berechnen. Aber keine dieser Rechnungen wollte stimmen. Uranus lief anders, als man nach den bewährten Himmelsgesetzen erwarten mußte. Es tauchte darum bald die Vermutung auf, daß sein Weg durch einen bisher unbekannten Stern beeinflußt würde, und die Akademie der Wissenschaften in Göttingen setzte im Jahre 1842 347 einen Preis für die genaue Berechnung der Uranusbahn und eine Erklärung ihrer Abweichungen aus. Auf die Anregung des großen Physikers Arago beschäftigte sich auch der junge französische Mathematiker Urbain Leverrier mit der Aufgabe. Bald hatte er die Überzeugung gewonnen, daß nur ein Planet die Ursache der Störungen sein könne, und daß dieser Planet jenseits des Uranus, also außerhalb des Kreises des bis dahin bekannten Planetensystems seinen Weg ziehen müsse. Durch äußerst scharfsinnige Überlegungen stellte er den genauen Ort des unentdeckten Sterns für ein bestimmtes Datum fest. Am 18. September 1846 schrieb Leverrier an Galle , der damals Beobachter an der Berliner Sternwarte auf dem Enkeplatz war und besonders genaue Sternkarten besaß, einen Brief mit dem Ersuchen, an einer bestimmten, von ihm bezeichneten Stelle des Himmels nach dem berechneten Planeten zu suchen. Galle erhielt das Schreiben Leverriers am 23. September, und noch am Abend desselben Tags fand er nahe der von Leverrier bezeichneten Stelle ein Sternchen, das auf der Karte fehlte. Am anderen Abend stellte sich eine Ortsveränderung unzweifelhaft heraus, und damit war die planetarische Natur des beobachteten Sterns erwiesen. »Mit der Spitze seiner Feder«, wie Arago sagte, hatte Leverrier den neuen Weltenkörper am Himmel gefunden, und er hat damit einen unübertrefflichen Beweis für die Brauchbarkeit des wissenschaftlichen Rüstzeugs der Astronomie erbracht. Das Neptunsjahr währt 164 Erdenjahre und 280 Tage; solange Zeit also braucht der Planet, um einmal seine Bahn um die Sonne zu durchlaufen. Er hat demnach seit seiner Entdeckung noch nicht die Hälfte seines Wegs am Himmel zurückgelegt. Eine vollständige Bahnbeobachtung liegt also noch nicht vor, und es ist darum nicht ausgeschlossen, daß die jetzige oder die nächste Generation hierbei noch Überraschungen erlebt. Vielleicht wird man eines Tages beobachten, daß auch die Neptunsbahn von der errechneten Linie abweicht, und damit das Vorhandensein eines weiteren, noch unbekannten Planeten anzeigt. Vielleicht wird dann ein neuer Leverrier mit noch schärfer gespitzter Feder die Grenzen unseres Sonnensystems von neuem um Millionen Meilen weiter hinaussetzen. 249. Jagd auf Planeten Von den Planetoiden, die sich zwischen Mars und Jupiter tummeln, hat man bis jetzt mehr als 650 entdeckt. Das Suchen nach diesen kleinen Gebilden, 348 das namentlich durch die Einführung der photographischen Himmelsbeobachtung sehr erleichtert wurde, hat sich zu einer Art astronomischem Sport ausgebildet, sodaß man scherzhaft von Planetenjägern spricht. Als der erfolgreichste Nimrod in diesen himmlischen Jagdgründen hat jetzt Charlois in Nizza zu gelten, der nicht weniger als 84 Planetoiden entdeckte. Bis dahin war der Heidelberger Himmelsforscher Max Wolf am glücklichsten in der Planetenjagd gewesen, da er 83 Sterne aufgefunden hat. Die Brüder Henry haben auf der Pariser Sternwarte vom 11. September 1872 bis zum 12. August 1882, also in weniger als 10 Jahren, 14 Planeten entdeckt. 250. Wärmestrahlung der Fixsterne Quelle: Felix Linke: »Kann die Erde untergehen?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1911. Blicken wir zum Himmel empor, so sehen wir viel tausend Sonnen dort oben leuchten. Mit Ausnahme der verschwindend wenigen Planeten unseres eigenen Systems ist jeder der goldenen, in die Himmelskuppel geschlagenen Nägel eine Sonne, die einer anderen Welt angehört. Jede von ihnen wärmt wohl die ihr zugehörigen Planeten. Erhält aber auch die Erde Wärme von jenen Fixsternsonnen? Das ist tatsächlich der Fall. Freilich darf man sich diese Heizung nicht allzu kräftig vorstellen. Ein Streichholz, daß man in der Mitte der Peterskirche anzündet, erwärmt die äußersten Ecken dieses Riesengebäudes immer noch mehr, als von allen Fixsternen zusammen die Erde geheizt wird. Die Wärmeintensität, die uns die Riesensonne Arcturus, ein Stern erster Größe im Bild des Bootes, herübersendet, ist die größte aller, die von einem Fixstern herstammen. Sie beträgt 11,4 Milliardstel von derjenigen »Hitze«, die eine Kerze in einem Meter Entfernung zu erzeugen vermag. Bei der Wega in der Leier ist es gar nur der 5,1 milliardste Teil. Daß man so geringe Wärmemengen überhaupt hat messen können, ist ein rechtes Wunder. Es ward nur mit Hilfe der Elektrizität möglich. Lötet man zwei verschiedene Metalle an einer Stelle zusammen und erwärmt die Lötstelle, so entsteht ein elektrischer Strom. Unsere hochempfindlichen Galvanometer sind imstande, Ströme von alleräußerster Geringfügigkeit anzuzeigen. Sammelt man also mit Hilfe eines Fernrohrs recht viele Strahlen eines Sterns und läßt sie so konzentriert auf die Lötstelle eines Thermoelements wirken, so gibt der Ausschlag des zugeschalteten Galvanometers die Stärke der Wärmestrahlung an. 349 Auch von den Temperaturen, die auf den Fixsternen selbst herrschen, können wir uns ein Bild machen. Nach einem von Planck gefundenen Gesetz, besteht ein Zusammenhang zwischen der Farbe des ausgestrahlten Lichts und der Temperatur des strahlenden Körpers. Danach dürfen wir annehmen, daß auf jenen Sternen, die uns rot erscheinen, eine Hitze herrscht, die über 3000 bis 4000 Grad nicht hinausgeht. Die gelben Sterne, zu denen auch unsere Sonne gehört, haben durchschnittlich eine Temperatur von 5000 bis 6000 Grad. Am höchsten steigt die Hitze auf den weißen Sternen; sie beträgt dort 15 000 bis 25 000 Grad und noch mehr. 251. Ein Spaziergang auf dem Mond Quelle: Professor Dr. Julius Franz: »Der Mond«, 90. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 1906. Z. Wir schließen für einen Moment die Augen. Und schon haben des Geistes Flügel, zu denen wahrlich so leicht kein körperlicher Flügel sich gesellen wird, uns auf den Mond getragen. Wir schauen uns um. Fremdartig sieht die Landschaft aus, die einen stark gebirgigen Charakter zeigt. Steil steigen überall die runden Wälle der großen Kraterberge auf, die mit hohen Spitzen besetzt sind. Wir beginnen, einen von ihnen zu erklettern, und sind erstaunt darüber, mit welcher Leichtigkeit wir hier emporklimmen können. Im Sprungschritt geht es aufwärts, denn die Schwere auf dem Mond beträgt nur ein Sechstel der Erdenschwere. Von einem der Gipfel bietet sich uns eine weite Aussicht. Nirgends sehen wir schlammige, lehmige, schmutzige Ackererde, staubigen Sand. Überall blinkt uns der nackt anstehende Fels entgegen. Herrliche Kristalle glänzen auf den hellen Gipfeln, schimmernd in ihrer natürlichen Farbenpracht. Denn eine Verwitterung der Felsen, eine Auflösung und Zerreibung in Sand, wie sie auf der Erde unter dem Einfluß der Niederschläge und der Winde eintreten, ist auf dem Mond ausgeschlossen. Er besitzt ja weder Wasser noch eine Atmosphäre, die auf der Erde ihre immerwährende zerstörende Tätigkeit ausüben. Wir können darum auch ganz sicher sein, bei unserm Spaziergang günstiges Wetter vorzufinden. Denn bei dem völligen Mangel an Luft und Wasser können auf dem Mond Wind, Sturm, Nebel, Wolken, Regen, Reif, Schnee, Hagel und Gewitter nicht vorkommen. Und welch ein prächtiges Arbeitsfeld bietet sich denjenigen unter uns, die an astronomischen Dingen interessiert sind. Professor Franz gibt davon die folgende Darstellung: 350 „Bei Nacht sehen wir die unzähligen Sterne auf völlig schwarzem Grund ebenso gruppiert wie auf Erden. Alle Sternbilder sind in derselben Weise vorhanden. Auch die Planeten erscheinen in nur wenig veränderter Lage und in derselben Größe. Aber alle Sterne, auch die kleinsten, bleiben bis zum Horizont hinab ungeschwächt und ohne jedes Flimmern in ruhigem Licht sichtbar. Sie scheinen fast still zu stehen, denn dreißigmal so langsam wie auf Erden gehen sie auf und unter, dreißigmal so langsam wie bei uns dreht sich der Sternhimmel um die Achse der Mondpole.” Und nun nähert sich die Mondnacht, die für jeden Punkt der Mond-Oberfläche 14,8 Erdentage währt, wieder ihrem Ende. „Ha! Was ist das? Plötzlich erscheint ein heller Punkt, schon ein heller Fleck neben uns am Himmel; es ist die Spitze eines Bergs. Die aufgehende Sonne, durch keine Dämmerung, keine Morgenröte angekündet, hat sie erreicht. Langsam wächst der helle Fleck, die schon beleuchtete Bergspitze, nach unten, und andere tauchen neben ihr hell am Himmel auf, während der Fuß des Bergs und alle Täler noch in schwarzen Schatten ruhen. Ja dieser Schatten ist, da keine Lufthülle diffuses Licht verbreitet und keine Spur von Dämmerung vorhanden ist, so tiefschwarz, daß die Gelände, auf denen er ruht, unsichtbar, nicht vorhanden erscheinen. Dort, wo Licht und Schatten aneinander grenzen, würde man beim Übergang zum Schatten in einen Abgrund zu treten vermeinen. Sehr, sehr langsam steigt die strahlende Sonne am Horizont herauf. Sie ist nicht matt und rot, sondern sogleich weißer und blendender denn je auf Erden. Allmählich sieht man die Schatten der Wälle und ihrer Gipfel sich vom Boden abheben und langsam sich verkürzen. Zugleich enthüllt die Sonne immer mehr von der steinernen Pracht und den funkelnden Edelkristallen. Sie erwärmt schon den Boden, der, durch keinen Atmosphärenmantel geschützt, sich in der Nacht bis unter 100 Grad, ja bis unter 200 Grad Kälte abgekühlt hatte. Wir sehen vom Mond aus die Sonne durchschnittlich unter demselben Durchmesser wie auf Erden, aber noch heller hebt sie sich vom sammetschwarzen Firmament ab, und neben ihr sieht man auch bei Tage die ganze Schar der Sterne, wenn man sich nur so stellt, daß die Sonne nicht blendet. Denn die Bläue des Himmels fehlt. Sie rührt ja auf der Erde nur von der Luft und den in ihr schwimmenden Staubteilchen her. Stets bleibt der Himmel und mit ihm die Sonne unbewölkt, und ihre sengenden Pfeile steigern die Bodentemperatur besonders in den Äquatorlandschaften des Monds allmählich um mehrere hundert Grad. Senkt sich endlich nach zwei Wochen die nie bewölkte Sonne zum Untergang, so treten wieder völlig schwarze Schatten neben hellbeleuchtetem Gelände auf. Zuletzt werden nur noch die höchsten Berggipfel beleuchtet, sie 351 erscheinen wie Lichtinseln am Firmament, und dann versinkt alles für zwei Wochen in kalte Nacht.” Wenn wir bei unserm Spaziergang auf dem Mond Glück haben, erleben wir in unserer Nähe auch den Einschlag eines größeren Meteors. Das Phänomen sieht hier ganz anders aus als auf unserm Stern. Denn die aus dem Weltenraum in den Anziehungsbereich der Erde gelangenden Gebilde werden von dem Luftmantel wie von einem elastischen Medium aufgefangen. Beim Fall durch die Atmosphäre wird ihre planetarische Geschwindigkeit stark gehemmt, und sie verdampfen und verbrennen meist schon, ohne den Boden zu erreichen. „Auf dem Mond müssen dagegen alle diese aus dem Weltenraum stammenden Körper ungehemmt mit ihrer ursprünglichen Geschwindigkeit aufstoßen. Sie langen dort dunkel und kalt an und müssen tiefe Löcher in die Oberfläche schlagen und in sie eindringen, indem sich der plötzlich gehemmte Stoß in hohe, aber auf die unmittelbare Umgebung begrenzte Wärme umsetzt. Manche Schriftsteller haben in ihnen die Ursache der Kraterbildung auf dem Mond erblickt.” 252. Die Erde vom Mond gesehen Quellen: Professor Dr. Julius Franz: »Der Mond«, 90. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 1906. Z. – Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. Z. Bei unserm Spaziergang auf dem Mond (siehe den vorigen Abschnitt) haben wir nicht vergessen, uns nach der Erde umzusehen. So lange wir uns auf derjenigen Mondseite aufhielten, die unserm Planeten stets abgewendet ist, sahen wir natürlich nichts von der Erde. Dort ist sie ewig unbekannt. Aber nun befinden wir uns an dem zur Beobachtung geeignetsten Ort, im Mittelpunkt der der Erde zugewendeten Mondscheibe. Senkrecht uns zu Häupten steht jetzt die Erde als eine mächtige Kugel am tiefdunklen Himmel, umgeben von einer strahlenden Fülle der anderen, so sehr viel kleineren Sterne. Da der Durchmesser der Erde 13½mal größer ist als der des Monds, so erscheint sie von dort her auch weit umfangreicher als wir von unserer Heimat aus den Mond sehen. Und entsprechend stärker ist ihr Schein in den Mondnächten. Das von ihr zurückgeworfene Sonnenlicht strahlt dann so kräftig, daß man den Erdenschein auf dem Mond sogar von der Erde aus sehen kann. Wir nehmen ihn deutlich wahr, wenn der Mond als schmale Sichel am Himmel der Erde steht; denn dann sehen wir auch den übrigen Teil der Mondscheibe in einem grauen Schein, dem »aschfarbenen Licht« leuchten. Lionardo da Vinci hat es zuerst richtig als Erdenschein gedeutet. Er ist heller, 352 wenn die großen Wüstenflächen Asiens und Afrikas dem Mond zugewendet sind, und weniger hell, wenn die geringeres Licht zurückstrahlende Wasserwüste des Großen Ozeans der Mondkugel gegenüber steht. Während Sonne und alle übrigen Sterne in vier irdischen Wochen oder einem Tag und einer Nacht des Monds einen Umlauf am schwarzen Firmament vollenden, scheint die Erde am Himmel des Monds ewig zu ruhen: ein Sinnbild der Beständigkeit. Nur daß sie sich dem Blick nicht immer als eine volle Scheibe darbietet, sondern Phasen zeigt. Zur Zeit des Vollmonds (für die Erde) ist Neuerde (für den Mond), beim letzten Mondviertel erstes Erdviertel, bei Neumond ist Vollerde, beim ersten Mondviertel letztes Erdviertel. In jeder seiner Nächte wendet die Erde dem Mond 14mal alle ihre Seiten zu, und da bei ihrer Rotation immer wechselnde Flecken auf ihr sichtbar werden, kann sie den Mondbewohnern als eine immer genau gehende große öffentliche Uhr dienen. Vom Mond aus gesehen, ist die Erde von einem sehr schmalen, hellen, verwaschenen Saum umgeben, nämlich der Atmosphäre; „und längs der Lichtgrenze verbreitet sich ein abschattierter Dämmerungsstreif. Man sieht das Spiegelbild der Sonne auf dem Ozean als hellen Punkt und bei geschärfter Aufmerksamkeit deutliche Anzeichen selbstleuchtender Punkte auf der Nachtseite der Erde. Es sind die tätigen Vulkane, die Feueressen der Bergwerke und Hütten und vor allem die immer zunehmende elektrische Beleuchtung der Großstädte. Ohne Zweifel werden sich auch unsere großen Wälder im Sommer als grünliche, im Herbst als braune, im Winter als graue Flecke abheben, und so könnte man vom Mond aus den Wechsel der Jahreszeiten auf Erden wahrnehmen. Gebiete, die kleiner sind als z. B. die Insel Island oder als Bayern und Württemberg zusammengenommen, könnte man freilich mit unbewaffnetem Auge nicht mehr vom Mond aus erkennen. Mit unseren besten Fernrohren hingegen sähe man sogar noch vom Mond aus bei günstiger Beleuchtung und entsprechendem Schattenfall die große Cheops-Pyramide am Rand der Wüste als ein winziges Pünktchen. Sehen wir doch auf dem Mond mit den Rieseninstrumenten der Lick- und Yerkes-Sternwarte Kraterlöcher von 150 bis 200 Metern Durchmesser! Auch ein großer Truppenkörper, etwa ein Armeekorps, könnte auf geeignetem Gelände wahrgenommen werden. Eine große Stadt nun, etwa Berlin, wäre schon ein gut erkennbares Gebilde.” Am auffälligsten sind aber, wenn man die Erde vom Mond aus betrachtet, die unerklärlichen, gewaltigen und veränderlichen Massen, die mit ihrer weißen Farbe alle Einzelheiten zeitweise verdecken. Sie wandern in bestimmten, bevorzugten Richtungen, so in Europa meist von Westsüdwest nach Ostnordost. Man sieht sie stets, aber den Bewohnern des Monds, wenn es solche gäbe (was nicht 353 der Fall ist), müßten sie für immer ein unlösbares Rätsel bleiben. Denn wie sollten sie auf ihrem Himmelskörper ohne Wasser und Luft – Wolken begreifen können! Am allerwenigsten würde es ihnen in den Sinn kommen, daß diese merkwürdigen hellen Flecke schweben. Sie würden glauben, daß diese kompakten Massen bei ihrer Wanderung über die Oberfläche der Erde dort alles überdecken und erdrücken. Sie müßten daher nach der Meinung der Mondmenschen die Erde unbewohnbar machen, oder, da sie sich bewegen und verändern, selbst die Bewohner und zwar die einzigen Bewohner der Erde sein. Solchen Täuschungen kann man anheimfallen, wenn man sich von den aus der engsten Umgebung geschöpften Anschauungen nicht völlig befreit. 253. Der abarische Punkt Rechnen wir die Entfernung der Erde von ihrem Trabanten auf rund 50 000 geographische Meilen und denken wir uns durch irgend welche Mittel der Aviatik auf der Reise zu ihm begriffen, so gelangen wir in starker Entfernung von der Erde an einen wirklich neutralen Punkt . In ihm ist die Schwerkraft völlig aufgehoben, da die Gravitation beider Weltkörper dort mit gleicher Stärke und in entgegengesetzter Richtung wirkt. Dieser »abarische«, schwerelose Punkt liegt auf der Verbindungslinie ungefähr 5000 Meilen vom Mond entfernt. Stellen wir dort unsere Maschinen ab, so bleiben wir einfach im freien Äther hängen. Was wir aus der Hand legen, rührt sich nicht, hat sein Gewicht verloren, braucht weder Unterstützung noch Nagel, um regungslos zu schweben. Goethes sonst überall giltiges Wort: »Uns bleibt ein Erdenrest, zu tragen peinlich«, wird dort außer Kraft gesetzt. Jules Verne in seiner Reise nach dem Mond und andere phantastische Schriftsteller nach ihm haben sich mit diesem Punkt ohne Schwere liebevoll beschäftigt. Und das ist die einzige »Anziehung«, die er ausgeübt hat. 254. Bewohnte Himmelskörper Quellen: Svante Arrhenius: »Das Werden der Welten«, aus dem Schwedischen übersetzt von L. Bamberger. Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig, 1908. – Felix Linke: »Ist die Welt bewohnt?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1910. Unter allen Fragen, die man an die Sterne richtet, steht wohl obenan die nach ihrem Bewohntsein. Gibt es auch auf andern Himmelskörpern Wesen wie 354 wir, die denken und sich umtreiben gleich uns? Gibt es andere Kulturzentren im Weltenraum, solche vielleicht, die schon weiter fortgeschritten sind als die Erde, sodaß sie nach hergestellter Verbindung uns mit einem Schlag alle Freuden einer tieferen Philosophie, alle Vorteile einer vollendeten Technik zuteil werden lassen könnten, um die wir uns sonst noch Jahrhunderte lang bemühen müßten? Welches unendliche Interesse müßte uns ein Stern einflößen, von dem wir wüßten, daß auf ihm Wesen wandeln, die wir und die uns zu verstehen vermöchten! Welche Mühe würde uns zu groß dünken, um eine Verständigung mit diesen Bewohnern anzubahnen?! Doch leider hat noch kein astronomisches Fernrohr uns Leben oder die Begleitumstände von Leben auf andern Himmelskörpern enthüllt. Aber das ist kein Beweis gegen sein Vorhandensein. Denn mit ganz verschwindenden Ausnahmen sind ja alle Sterne so weit von uns entfernt, daß selbst unsere besten Fernrohre nicht imstande wären, uns Komplexe von dem Umfang unserer größten Städte und der Höhe unserer ragendsten Gebäude vor Augen zu führen. Einzig auf dem Mond, der uns nach kosmischem Maß ja so außerordentlich nahe steht, wäre das möglich. Aber von diesem wissen wir, daß er eine tote Welt ohne Luft und ohne Wasser mit furchtbaren Temperaturschwankungen ist. Auch Spuren früherer Kultur auf ihm, der doch einst wahrscheinlich Meere und eine Atmosphäre besessen hat, sind bisher nicht entdeckt worden. Für die Behandlung unseres Themas ist es jedoch besser, wir fragen nicht, ob der andere Stern bewohnt, sondern ob er bewohnbar ist. Von den Planeten unserer Sonne ist zunächst Merkur, der dem Muttergestirn am nächsten benachbart ist, für die Entwickelung von Leben nicht geeignet. Da er der nahen Sonne immer dieselbe Seite zukehrt, so hat, nach Berechnung von Arrhenius, der heißeste Punkt auf dieser Seite eine Temperatur von 397 Grad. Auf dem der Sonne abgekehrten Teil des Merkur aber herrscht ewige Nacht, nur matt erhellt von den Sternen, deren leuchtendste Venus und Erde sind. Dort muß es gerade so kalt sein wie im Weltenraum, das heißt, es muß dort eine Temperatur von beinahe -273 Grad herrschen. Denn Merkur hat, so wenig wie der Mond, eine schützende Atmosphäre. Man kann das mit dem Auge nicht feststellen, aber Überlegung zeigt, daß er keine haben kann. Denn alle Gase, die jemals auf ihm gewesen wären, würden längst durch Verdichtung auf die kalte Seite gezogen und dort niedergeschlagen, ja in feste Körper verwandelt worden sein. Ein Gestirn mit diesen Eigenschaften kann nicht Träger von Leben solcher Art sein, wie wir es einzig kennen und verstehen. Weit günstiger liegen die Verhältnisse auf der Venus. Dieser prachtvoll funkelnde Abendstern erscheint uns in so herrlichem Glanz gerade deshalb, weil 355 er eine dichte, stark mit Wasserdampf durchsetzte Atmosphäre besitzt, die das auffallende Sonnenlicht kräftig zurückwirft. Arrhenius berechnet die mittlere Temperatur auf der Oberfläche der Venus, die unserem Zublick durch Wolkenschleier immer entzogen ist, auf etwa 40 Grad. Er meint, daß unter diesen Umständen die Annahme nicht töricht sei, ganz beträchtliche Teile der Venus wären dem organischen Leben günstig. Ob und in welcher Form es vorhanden ist, wissen wir nicht. Vermuten kann man, daß seine Entwicklung derjenigen auf der Erde vor ein paar Millionen Jahren entspricht, als die Durchschnitts-Temperatur auf der Oberfläche unseres Planeten, die heute 15 Grad beträgt, noch entsprechend höher war. Vielleicht sieht es auf der Venus heute so aus wie bei uns zur Zeit der Steinkohlenwälder, die in feuchtheißer Atmosphäre gediehen. Menschen aber auf diesem Stern zu vermuten, ist eine allzu kühne Hypothese; so weit ist sicherlich die Entwicklung dort noch nicht fortgeschritten. Der blutrote Mars! Er ist doch sicher Träger menschenähnlichen Lebens, denkt der Leser, der viel populäre Literatur über diesen Stern in der Hand gehabt und sich vielleicht auch an Kurd Laßwitz' phantastischem Roman »Auf zwei Planeten« ergötzt hat. Leider hat die Wissenschaft alle die schönen Marsmärchen zerstören müssen. Ist die Venus zu jung, um hochorganisiertes Leben zu tragen, so hat der Mars diese Periode wohl schon längst hinter sich. Jener Stern ist eine werdende, dieser eine im Absterben begriffene Welt, die freilich wohl noch für das Fortkommen niederer Organismen geeignet ist. Wir werden darüber in einem besonderen Abschnitt zu sprechen haben, da unsere Kenntnisse über die Beschaffenheit der Marsoberfläche am ausgedehntesten und interessantesten, die Forschungsergebnisse wahrhaft wunderbar sind. Zwei Monde, Phobos und Deimos, umkreisen den Mars. Sie sind außerordentlich kleine Himmelskörper, denn ihre Durchmesser mögen nur 20 bis 50 Kilometer lang sein. Da dementsprechend ihre Entwicklung sich weit rascher vollzogen haben muß als die ihres Zentralgestirns, so sind sie als älter anzusehen denn dies. Sollte es also jemals Leben auf ihnen gegeben haben, so müßte es inzwischen längst erloschen sein. Aber es hat wohl zu einer solchen Entwicklung auf ihnen niemals kommen können, da ihre Kleinheit die Bildung einer Atmosphäre von Beginn an unmöglich gemacht hat. Dasselbe gilt von all den kleinen Planetoiden, die sich zwischen Mars und Jupiter tummeln. Dieser aber, der gebieterische Riese unter den Planeten, besitzt sicher eine Atmosphäre; sehen wir doch auf ihm veränderliche Wolkenstreifen. Aber Leben birgt er keinesfalls, da seine Oberfläche noch keine feste Kruste bildet. Glühende Gase sind an ihrer Stelle vorhanden, und da sich dieser Weltkörper, der im 356 Durchmesser elf mal größer ist als die Erde, mit rasender Geschwindigkeit in noch nicht zehn Stunden einmal um seine eigene Achse dreht, so müssen ungeheure Stürme seine Atmosphäre durchwühlen, die vernichtend alles erfassen würden, was von geformten Körpern dort schon vorhanden wäre. Ähnliches gilt für die anderen äußeren Planeten, für Saturn, Uranus und Neptun, die noch dazu so weit von der Sonne entfernt sind, daß sie garnicht mehr genügend Licht empfangen, um Leben nach unserer Anschauung hervorbringen zu können. Aber alle äußeren Planeten besitzen Monde. Jupiter wird von acht, Saturn neben seinem Ringsystem gar von zehn Trabanten begleitet. Einige von ihnen haben die Größe Merkurs oder des Erdmonds. Da ihre Zentralkörper glühen und oft nicht all zu weit entfernt sind, so wäre es wohl denkbar, daß auf einigen dieser Planetmonde Verhältnisse herrschen, welche die Entwicklung von Leben gestatten. Hier kann es an einer oder an mehreren Stellen Zustände geben, die den augenblicklichen auf der Erde gleichen. Bestimmtes darüber ist uns keineswegs bekannt. Vergeblich durchforschen wir also unser Planetensystem nach bestimmter Kunde von Brüdern, nach mit uns fühlenden Menschheiten. Töricht ist es wohl, nach Lichtsignalen auszuspähen, die von dem Nachbarstern kommen könnten, um uns zu entsprechenden Antworten anzuregen. Die Ausführung jener einstmals so populären, phantastischen Idee, in der Sahara oder in Sibirien eine große Figur des pythagoreischen Lehrsatzes in nächtlich leuchtenden Linien aufzubauen, um dem Mars ein sichtbares Zeichen von der Höhe unserer Kultur zukommen zu lassen, wäre ganz überflüssig gewesen, abgesehen davon, daß die notwendige Riesenausdehnung der Figur durch die Zahl der dazu erforderlichen hochkerzigen Scheinwerfer ganz ungeheure Kosten verursacht hätte. Vergeblich hätte von der Erde der Ausdruck jenes für den ganzen Kosmos giltigen Gesetzes von der Inhaltsgleichheit des Hypothenusenquadrats und der beiden Kathetenquadrate in den Weltenraum gestrahlt. Nirgends würde er die Netzhaut eines verständnisvollen Wesens berührt haben. Nun aber gleitet unser verzweifelt im Weltall suchender Blick wieder hinaus aus dem verhältnismäßig engen Umkreis der Sonne, empor und hinüber zur Welt der Fixsterne, von denen der nächste schon Billionen Kilometer von uns absteht. Finden wir in jenen Fernen Leben? Sicherlich nicht auf den Fixsternen selbst, die wir allabendlich am Himmel sehen. Wir bemerken sie ja nur, weil jeder von ihnen eine Sonne ist, ein blühender Ball, auf dessen Oberfläche eine Hitze von mehreren tausend Grad herrscht. Dort kann kein Leben gedeihen. Doch diese Sonnen besitzen, wie wir 357 wissen, oft dunkle Begleiter. Sehr viele von ihnen haben höchst wahrscheinlich auch Planeten, wie unsere Sonne sie besitzt. Unter der unabsehbar großen Zahl von Möglichkeiten, die es in dieser wahrscheinlich doch milliardengroßen Zahl nicht selbst leuchtender Himmelskörper gibt, sind sicher wohl ein paar tausend Mal Bedingungen vorhanden, die den heutigen auf der Erde gleichen oder nahe sind. Tausende von erdengleichen Sternen mag es droben geben, bevölkert von Wesen mit ähnlichen Kulturen wie die unsrige, denn die Naturgesetze gelten dort genau wie hier und zwingen jene Wesen, ähnliche Wege zur Urbarmachung ihres Heimatgestirns einzuschlagen wie wir. Doch unausdenkbare Abgründe trennen uns von ihnen; der erstarrend kalte, luftlose Weltenraum liegt dazwischen, wir wissen nicht das geringste voneinander. Werden wir jemals mit einer jener Erden in Verbindung treten können? Auf diese Frage ein kategorisches Nein für alle Zukunft zu antworten, haben wir kein Recht. Besitzen wir doch heute schon ein Mittel, Nachrichten in und durch den Weltenraum zu senden in der drahtlosen Telegraphie. Wer vermag zu wissen, wohin der Weg der Menschheit noch führt? 255. Die Marskanäle Quelle: Felix Linke: »Ist die Welt bewohnt?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1910. Ungeheures Aufsehen wurde auf der gesamten Erde erregt, als der Direktor der Sternwarte zu Mailand, Giovanni Schiaparelli , im Jahre 1878 die Kanäle auf dem Mars entdeckte. Glaubte man doch, in diesen geradlinigen Gebilden zum ersten Mal Werke mit Intelligenz begabter Wesen auf einem andern Weltkörper gefunden zu haben. Unabsehbare Perspektiven eröffneten sich der Menschheit durch den Gedanken daß auf einem der uns am allernächsten stehenden Sterne Wesen lebten, die imstande waren, diese kolossalen Gebilde zu schaffen; denn an Menschenwerk kann ihnen nichts ähnliches zur Seite gestellt werden. Durfte man nicht annehmen, daß die Martier, denen Kanalbauten von zwanzig Kilometern Breite und fast der halben Meridianlänge gelangen, auch einmal Wege finden würden, um die kurze Weltraumstrecke zwischen ihrem Planeten und dem unsern zu überbrücken? Beinahe erwartungsvoll sah man in die Zukunft, wenn man an ein solches unerhörtes Begebnis dachte. Aber diese schönen Träume sind heute ausgeträumt. Lang andauernde und genaue Beobachtungen haben ergeben, daß die Kanäle auf dem Mars zum Teil 358 überhaupt nicht vorhanden, zum Teil etwas ganz anderes sind, als zu Anfang vermutet wurde. Besonders bei der letzten sehr günstigen Stellung des Mars zur Erde im Herbst des Jahres 1909 sind Tatsachen bekannt geworden, welche die Zustände auf dem Mars doch recht anders erscheinen lassen, als man noch vor zehn Jahren vermutete. Man darf von vornherein nicht übersehen, daß Mars aus mancherlei Gründen als weit älter zu betrachten ist denn die Erde. Nach allen Theorien über die Entstehungsweise unseres Planetensystems ist anzunehmen, daß der Stern weit früher die endgültige scharfumrissene Kugelgestalt angenommen hat als die Erde. Dazu kommt aber, daß sein Durchmesser nur wenig länger ist als die Hälfte des Erddurchmessers; seine Masse gar übersteigt nur wenig ein Achtel der Erdmasse, da ihre Dichte weit geringer ist, als die des Körpers unseres Heimatsterns. Daraus geht hervor, daß seine Lebensdauer sehr viel kürzer sein muß als die der Erde, und aus diesem Grund schon wäre der Mars als älter zu bezeichnen, auch wenn die Geburtszeiten beider Sterne die gleichen wären. Die Unterschiede im Alter müssen aus diesen Gründen heute so bedeutend sein, daß man von vornherein keine vergleichbaren Zustände mehr annehmen kann. Es handelt sich da nicht um ein paar Jahrhunderte oder Jahrtausende, sondern um sehr viel größere Zeiträume, sodaß die Entwicklungsperiode, in der hochorganisierte Wesen auf dem Mars gedeihen konnten, längst vorübergegangen sein muß. Mars ist heute eine sterbende Welt. Die Dichte seiner Atmosphäre beträgt kaum mehr als ⅕ der irdischen. Wasser in flüssiger Form ist nur noch in sehr geringem Maß vorhanden. Große Wüsten bedecken die Hauptteile des Planeten, die Berge sind durch den feinen Wüstensand abgeschliffen, sodaß nur noch allmähliche Steigungen oder Senkungen zu den höchsten oder niedrigsten Punkten führen. Das Ganze dürfte nach der Annahme von Arrhenius ein Wüstenmeer wie die Sahara sein. Große Sandstürme von rotgelbem bis hellgelbem Wüstenstaub sind mit Sicherheit beobachtet worden; der hoch emporgehobene Staub verschleiert dabei alles, was man sonst auf der Oberfläche des Mars wahrnimmt. Eigentliche Meere und Flüsse gibt es auf dem Stern nicht mehr. Das wenige Wasser, das vorhanden ist, schlägt sich allmählich an demjenigen Pol nieder, der der kälteste Punkt der Marsoberfläche ist. Er wird dabei mit Reif, kaum mit einer dicken Schneeschicht bedeckt. In jedem Jahr aber, das auf dem Mars fast doppelt so lange dauert wie auf der Erde, verschiebt sich das kälteste Gebiet einmal vom Nord- zum Südpol. Denn die Achse des Mars hat eine andere Neigung zur scheinbaren Sonnenbahn (Ekliptik) als die Erdachse. 359 Bald ist es also für längere Zeit am Nordpol am kältesten, während zu dieser Zeit der Südpol im wärmsten Sonnenlicht liegt, bald tritt das Umgekehrte ein. Man sieht dann die weiße Kappe an dem Pol, an dem allmählich der Sommer einzieht, ganz abschmelzen, bis auf die nächste Umgebung des Nordpols und eine dreieckige Insel in der Nähe des Südpols, an welchen Stellen man die weiße Farbe nie hat schwinden sehen. Dort geht wahrscheinlich eine Art Gletscherbildung vor sich. In jedem Jahr also findet zweimal ein Ziehen des gesamten Wassers, das der Mars besitzt, von einem Pol zum andern statt; es destilliert in Form von Wasserdampf herüber und hinüber. Und in diesem Vorgang sieht Arrhenius die Ursache für das Entstehen und Verschwinden der sogenannten Kanäle. Bevor wir diese Theorie des schwedischen Forschers betrachten, muß auf einen Umstand aufmerksam gemacht werden, der erklärlich erscheinen läßt, daß so viele ausgezeichnete Astronomen sich über die Natur der Kanäle so lange täuschen konnten. Unter den günstigsten Umständen sieht man von der Erde aus den Mars in einem hundertfach vergrößernden Fernrohr ebenso groß wie ein Fünfpfennigstück, wenn man es aus anderthalb Metern Entfernung betrachtet. Die höchste Vergrößerung, die man wegen der Unreinheit und wechselnden Zusammensetzung der Luft in unseren Landen noch anwenden kann, ist das 300fache. In Fernrohren von derartiger Leistung sieht der Mars aus wie ein Fünfmarkstück aus 110 Zentimetern Entfernung gesehen. Es ist kaum genug zu bestaunen, daß es überhaupt möglich gewesen ist, auf einer so kleinen Fläche so viele Einzelheiten wahrzunehmen. Ganz besonders scharfe Augen und größte Erfahrung, sowie ein bedeutendes Maß von Geduld gehören zu derartigen Untersuchungen. Schiaparelli sah mit seinen ungewöhnlich guten Augen auf der Marsoberfläche zahlreiche geradlinige Gebilde, die immer von einem dunklen Fleck zum andern ziehen, einander kreuzen, ein eigenartiges Netzwerk fast auf der ganzen Oberfläche des Planeten bilden. Sie sind nicht ständig vorhanden, sondern verschwinden zu Zeiten, um dann wieder aufzutauchen. Bald stand es für Viele fest, daß diese Linien großartige Anlagen der Marsbewohner zur Verbindung der einzelnen Meere oder Seen bedeuteten. Sie hätten, meinte man, zur Ermöglichung eines bequemen Wasserverkehrs über den ganzen Planeten, garnicht zweckmäßiger angelegt werden können, aber sie seien auch vorzüglich zur Abhaltung von Überschwemmungsschäden zu gebrauchen. Man wußte ja, daß in jedem Jahr die Pole abtauen, und glaubte, da man dort mächtige Schneemassen vermutete, daß sich zu dieser Zeit große Wassermengen über die ganze Oberfläche des Planeten ergießen müßten, die von den Martiern in von ihnen 360 gewünschte Bahnen gelenkt würden. So schien auch die riesenhafte Breite der Kanäle erklärlich. Sie wären nicht von vornherein so breit angelegt worden, sagte man, sondern das anstürmende Wasser hätte die kolossalen Rinnen allmählich ausgewaschen, und zudem sähe man wohl von uns aus nicht nur die eigentlichen Wasserläufe, sondern auch die Vegetationsstreifen zu beiden Seiten als dunkle Bänder. Merkwürdigerweise konnte man die Kanäle durch die mittleren und kleinen Fernrohre am besten beobachten. Die großen Teleskope erwiesen sich hierzu als minder geeignet. Hieraus schon schloß man frühzeitig, daß es sich wohl mehr um eine Augentäuschung handle, die eben den schärfer zupackenden großen Werkzeugen der Wissenschaft nicht standhält. Und so ist es in der Tat. Antoniadi sah in jener günstigen Beobachtungszeit im Jahre 1909 statt der gradlinigen geometrischen Gebilde nur matte, formlose Bänder, von denen viele aus zahlreichen kleinen Flecken bestehen. Statt des Netzes nur flüchtig sichtbarer gerader Linien enthüllte ihm sein Rohr, der große Refraktor der Sternwarte zu Meudon, das Bild einer verschwommenen Marmorierung oder besser das eines regellosen Schachbretts. Arrhenius sagt, daß die mächtigen Salzablagerungen ausgetrockneter Meere die Ursache für die Entstehung jener Flecke sind. Wenn das Wasser von einem Pol zum andern zieht, so sättigen sich diese stark hygroskopischen Gebilde mit Wasser und färben sich dadurch dunkel. Später dunstet dann das Wasser wieder aus dem Salz aus, und so erklärt sich das wechselnde Aussehen. Die Gradlinigkeit der Streifen, die ja beim ersten Auffinden am meisten überraschte und ganz besonders auf eine künstliche Erzeugung hinzuweisen schien, erklärt sich dadurch, daß die nunmehr ausgetrockneten Gewässer, aus denen das Salz stammt, auf großen Erdbebenspalten und Einbruchsstellen der Marsoberfläche gelegen haben. Solche Spalten und Senkungen verlaufen oft ganz gradlinig ohne Rücksicht auf die Topographie der Umgebung. Wir wissen das vom Mond her, wo es ganz ähnliche Gebilde gibt, und finden sie sogar auch auf der Erde. Ganz ähnlich wie die Marskanäle verlaufen die wichtigsten Erdbebenlinien in Kalabrien und Sizilien. Diese Theorie, die heute wohl allgemein anerkannt ist, erklärt alle Gebilde, die wir auf dem Mars sehen, als natürliche Erzeugnisse. Keinerlei hoch entwickelte Marswesen braucht es zu geben, noch kann es dergleichen geben. Mars ist vielmehr dem Schicksal des Monds schon verhältnismäßig nahe. Er stirbt langsam ab. Dieser himmlische Vertreter des Kriegsgotts schreitet, so sagt Arrhenius, wie ein kraftloser, ohnmächtiger Greis seine vorgeschriebene Bahn weiter. 361 So endet der schöne Traum von unseren erhabenen, kunstreichen Brüdern auf dem Nachbarplaneten! 256. Der Liliputstern Quellen: Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. Z. – Professor Dr. Julius Franz: »Der Mond«, 90. Bändchen der Sammlung »Aus Natur und Geisteswelt«. Verlag B. G. Teubner, Leipzig, 1906. Im weiten Himmelsraum kreisen Sterne aller Artbildungen. Die wechselnden Farben weiß, gelb, rot und viele Zwischenstufen zeigen an, wie verschieden die Wärmegrade sind, die auf ihnen herrschen. Auch die Massen der Himmelskörper weisen sehr große Unterschiede auf. Sicher gibt es in dem Milliardengewimmel sehr viele Sterne, die augenblicklich eine Ausdehnung haben gleich der der Sonne, wenn dieser Gasball durch Abkühlung dieselbe Dichte erreicht haben wird wie die Erde, also auf ein Viertel seiner jetzigen Ausdehnung geschrumpft ist. Wunderbar, sich vorzustellen, daß auf solch einem Weltkörper Leben vorhanden sei! Die Schwerkraft ist dort fünfzigmal stärker als bei uns. Ein Wesen von der Größe eines Durchschnittsmenschen würde 8000 Pfund wiegen. Die gallertartige Substanz, aus der unser Körper besteht, müßte unter einem solchen Druck einfach zerquetscht werden. Nur Wesen, die Beine und Muskeln von Stahl besitzen, könnten diesem Gewicht widerstehen. Ganz unmöglich ist es, sich das Leben auf einem Planeten von der Größe der Riesensonne Canopus zu veranschaulichen. Wenn der Stern die gleiche Dichte wie die Erde hätte, so würde die Gravitationskraft 10 000mal so groß sein wie bei uns. Unter dem Druck einer solchen Kraft würde eine an den Enden unterstützte Stahlstange sich wie Kitt biegen. Den Gegenpol hierzu bildet die Vorstellung vom Leben, wie es sich auf einem der kleinen Planeten gestalten müßte, die in großen Scharen zwischen Mars und Jupiter kreisen. Der kleinste von ihnen, zugleich der allerwinzigste der bisher bekannten Weltkörper überhaupt, ist der von James E. Keeler im Jahre 1900 auf der Licksternwarte in Amerika aufgefundene Planetoid. Er hat nur einen Durchmesser von einem halben Kilometer. Eine Erde von 500 Metern Durchmesser! Welch ein seltsames Kapitel im großen Wunderbuch der Natur! Dieses Sternlein, das irgend eine kosmische Katastrophe zu einem selbstständigen Weltkörper gemacht hat, ist noch nicht einmal halb so hoch wie der Brocken. „Es käme schon bedenklich aus dem Gleichgewicht, wenn wir auf ihm ein modernes Wohnhaus errichten würden, und wenn sich darauf ein Armeekorps fortbewegte, so könnte eine solche Lageveränderung und Verschiebung einer schweren Masse das ganze 362 Liliputanersternlein in Unordnung bringen, so daß es ins Schwanken geriete und Neigung hätte, Oben und Unten zu vertauschen. Da die Oberfläche dieser »Welt« nur 785 000 Quadratmeter groß ist, so könnte als Siedelung nur ein großes Rittergut auf ihm ein Unterkommen finden. Nur der dritte Teil des Berliner Tiergartens hätte auf jener kleinen Erde Platz. Eine »Reise um die Welt« wäre dort gerade ein angenehmer kleiner Spaziergang, denn da der Planet nur anderthalb Kilometer Umfang hat, so umwanderte ihn ein Fußgänger in kaum einer halben Stunde. Die Anlegung von Straßenbahnen wäre nicht lohnend, denn vom Nordpol bis zum Südpol dieser Welt hätte eine Bahn nur 2 bis 3 Minuten zu fahren. Wie man leicht berechnen kann, ist auf der Oberfläche jenes Sternchens jeder Gegenstand 13 000mal leichter als auf Erden, denn die Schwere der Körper ist ja abhängig von der Anziehungskraft des Weltkörpers, auf dem sie sich befinden. Je kleiner oder leichter der Weltkörper selbst ist, desto weniger stark ist auch die Anziehungskraft, die er auf alle Gegenstände, die sich auf seiner Oberfläche befinden, ausübt. Ein Stein also, der hier einen Zentner wiegt, hat auf jener kleinen Welt ein Gewicht von etwa vier Gramm, und ein normaler erwachsener Mensch hätte dort ein so außerordentlich geringes Gewicht, daß erst zehn Personen zusammen soviel wiegen würden, wie hier bei uns ein Hühnerei! Es wäre also für Menschen unseres Schlags außerordentlich schwer dort zu laufen; bei jedem Schritt, der ja für die Verhältnisse jener Welt viel zu kräftig und ungestüm wäre, würden wir Gefahr laufen, wie ein Vogel hoch in die Luft zu fliegen. Aber Schaden würden wir dabei kaum nehmen, denn wir fielen nicht in der Weise zum Boden nieder wie hier bei uns, sondern schwebten langsamer als ein Flaumfederchen bei Windstille zu Boden. Feuerte dort die Artillerie ein Geschoß ab, es fiele garnicht mehr auf den Weltkörper nieder, sondern verlöre sich im Weltenraum oder umkreiste den kleinen Planeten beständig als ein winziger Mond.” Die Frage, ob solche Sterne bewohnt oder bewohnbar sind, ist zwar vom wissenschaftlichen Standpunkt aus ziemlich müßig, aber doch interessant genug, um sie zu überdenken. „Wenn wir die Gewißheit hätten, daß außer Tieren und Pflanzen keine Lebewesen im Kosmos vorkämen, so könnten wir die Frage der Bewohnbarkeit unseres kleinen Sterns durch Lebewesen kurzweg verneinen. Aber es ist wahrscheinlich, daß auf anderen Himmelskörpern Geschöpfe vorkommen, die wir, wenn wir sie genauer kennen lernten, wohl als lebend, aber weder als Tier noch als Pflanze bezeichnen würden. Es ist nicht ausgeschlossen und sogar wahrscheinlich, daß solche Wesen einen ähnlich komplizierten und wunderbaren Bau haben wie irdische Lebewesen. Sie würden dann auch richtige 363 Funktionen ausüben und Bewußtsein haben können. Ihre Intelligenz könnte sogar höher sein als die der Menschen, wenn auch andersartig, wie ja auch die Tiere der Erde sehr vieles wissen und wahrnehmen, was dem Menschen entgeht. Auf Erden ist das Leben an den Kohlenstoff gebunden. Und dieses Element scheint auch wegen seiner vierfachen chemischen Verbindungen hierzu besonders geeignet. Aber es ist nicht unmöglich, daß auch das verwandte Silizium in ähnlicher Weise eine Grundlage für Verbindungen abgeben kann, die ein organisches oder ein dem organischen ähnliches Leben begründen.” Seine Formen sind für uns allerdings nicht vorstellbar. 257. Jupiter offenbart die Lichtgeschwindigkeit Wenn auf Erden irgendwo ein Licht aufflammt, nehmen wir es, falls keine undurchsichtigen Körper störend dazwischen treten, überall sofort im Augenblick seiner Entstehung wahr, wenn wir auch noch so weit von der Lichtquelle entfernt sind. Denn während z. B. der Schall nur 330 Meter in einer Sekunde zurücklegt, durcheilt das Licht im gleichen Zeitraum eine Strecke von 300 000 Kilometern, das ist das 7½fache des gesamten Erdumfangs. Wir kennen die Größe der Lichtgeschwindigkeit ganz genau. Daß wir aber imstande gewesen sind, sie zu messen, ist gewiß ein Wunder. Denn für alle irdischen Entfernungen ist sie so gut wie unendlich groß. Bestünde selbst eine Möglichkeit, das Licht eines Scheinwerfers, der dicht hinter uns und abgekehrt von uns aufgestellt ist, dann erst wahrzunehmen, nachdem das Licht um den ganzen Erdumfang herumgelaufen ist, es würde bereits nach weniger als dem Siebentel einer Sekunde in unser Auge dringen. Praktisch aber kommen für die Beobachtung auf Erden nur sehr viel kleinere Entfernungen in Betracht. Denn das Licht breitet sich geradlinig aus, die Oberfläche der Erde aber ist gekrümmt, sodaß jede Lichtquelle in verhältnismäßig wenigen Meilen Entfernung rasch unter dem Horizont versinkt. Eine undurchsichtige Erdkalotte tritt auslöschend dazwischen. Die Aufstellung auf den Gipfeln hoher Berge, selbst hohe Fahrten im Ballon bringen da fast gar keine Verbesserung. Das Licht bleibt immer nur in so geringen Abständen sichtbar, daß eine unmittelbare Messung seiner Geschwindigkeit ausgeschlossen ist. Da können uns nur die ungeheuren Entfernungen im Kosmos helfen. Himmlische Lichtsignale sind es denn auch gewesen, welche die Feststellung der 364 Lichtgeschwindigkeit gestattet haben. Jupiter, der Riese unter den Planeten, und sein Trabantensystem haben uns diese höchst interessante Offenbarung gemacht. Jupiter wird von vier Monden umkreist. Jeder von ihnen erleidet bei jedem Umlauf um das Hauptgestirn eine Verfinsterung, indem er in den Schattenkegel eintritt, den Jupiter, von der Sonne einseitig beleuchtet, hinter sich wirft. Der dänische Astronom Olaf Römer hatte nun die Umlaufszeiten der Jupitermonde berechnet und den Eintritt jeder Verfinsterung auf die Sekunde genau vorher bestimmt. Seine Beobachtungen am Fernrohr bewiesen ihm auch die Richtigkeit seiner Rechnungen; die Verfinsterungen traten genau in den vorausgesagten Augenblicken ein. Als er aber nach einem halben Jahr (1676) die Beobachtungen wiederholte, fand er plötzlich, daß seine Rechnungen nicht mehr stimmten. Die Verfinsterungen traten nun um 16 Minuten 36 Sekunden verspätet ein. Da die himmlische Uhr nicht nachgehen konnte, und die Tabellen die Prüfung auf ihre Richtigkeit bereits bestanden hatten, so mußte Römer nach einer anderen Erklärung des Phänomens suchen. Er fand sie nach langem Nachdenken in der Veränderung, die während des halben Jahrs in der Stellung der Erde zum Jupiter vor sich gegangen war: die Erde war in dieser Zeit bei der Verfolgung ihrer Bahn um die Sonne immer weiter vom Jupiter fortgewandert und war jetzt 300 Millionen Kilometer weiter von ihm entfernt als bei der ersten Beobachtung der Mondverfinsterungen. Die vom Jupitersystem ausgehenden Lichtstrahlen, die uns doch die Kunde von den Verfinsterungen der Monde überbringen, hatten jetzt also eine 300 Millionen Kilometer längere Strecke zu durcheilen, wozu sie mehr Zeit brauchten. Da dieser Mehrbedarf an Zeit für die angegebene Strecke 16 Minuten 36 Sekunden betrug, so ergab sich daraus die Geschwindigkeit des Lichts mit 300 000 Kilometern in der Sekunde. Die gleiche Zahl ist seitdem durch andere astronomische Beobachtungen gefunden worden, so z. B. durch die sogenannte Aberration der Fixsterne, und sie ist auch durch ein Experiment im Laboratorium, den Fizeauschen Versuch, bestätigt worden. 258. Seltsame Meteore Quellen: Dr. M. Wilhelm Meyer: »Das Weltgebäude«, Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien, 1898. Z. – Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. Z. – Felix Linke: »Kann die Erde untergehen?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1911. Fern ab von der Erde, weit getrennt von ihr durch ungeheure Zwischenräume, rasen die anderen Himmelskörper durch den Weltenraum. Daß wir in Jahrmillionen, selbst in Billionen von Jahren mit einem der uns 365 sichtbaren Sterne zusammenstoßen werden, ist recht unwahrscheinlich. Aber kleinere dunkle Körper, die den Weltenraum in ungezählten Scharen durchschwirren, gelangen sehr oft in den Anziehungsbereich der Erde. Meistens sind es nur sehr winzige Stücke, die beim Durchfallen der Lufthülle unseres Planeten gänzlich verpuffen oder schließlich als feiner Staub unmerklich niedergehen. Die Zahl der Meteorfälle wird von Nichtastronomen weit unterschätzt, weil der Einzelne im allgemeinen ja nur äußerst selten Gelegenheit hat, eine Sternschnuppe zu beobachten. In Wirklichkeit wird die Erde fast unaufhörlich von einem Hagel solcher Weltspäne getroffen, wie sie der deutsche Physiker Chladni genannt hat, der in einer 1819 erschienenen Schrift zum ersten Mal den kosmischen Ursprung der Meteore klarlegte. Nach einer Berechnung von Wilhelm Meyer muß die Masse der Erde durch den ständigen Meteorregen in jedem Jahrhundert um 2000 Millionen Kilogramm anwachsen. Dadurch müßte in Jahrtausenden eine Veränderung in der Geschwindigkeit der Erdrotation bewirkt werden, wenn nicht andere Einflüsse, z. B. die Schrumpfung der Erdkugel, diese Wirkung wieder aufhöben. Daß große Steine oder gar riesige Meteorblöcke vom Himmelsraum bis auf den Erdboden niederfallen, ist sehr selten. Um so interessanter sind die Nachrichten, die uns die Kunde einzelner Fälle vermitteln. Niemand braucht sich jedoch durch die im folgenden mitgeteilten Vorgänge beängstigen zu lassen; erstreckt sich doch ihre geringe Zahl über Jahrtausende. Die Wahrscheinlichkeit, daß ein Mensch von einem Meteor erschlagen wird, ist noch geringer als die, daß jemand zwei Mal hintereinander das große Los in derselben Lotterie gewinnt. Bereits auf einer uralten babylonischen Tafel finden wir das Niederfallen einer Masse aus dem Sternenraum unter Feuererscheinung dargestellt. Auch die Bibel berichtet von Meteorfällen; im Buch Josua steht: Gott sandte große Steine vom Himmel. Der heilige Stein der Mohammedaner, der in der Kaaba zu Mekka eingemauert ist, dürfte ebenfalls ein Meteor sein. In chinesischen Annalen wird berichtet, „daß im Jahre 616 zehn Menschen von einem Steinregen getötet wurden. 823 sollen in Sachsen 35 Dörfer durch ein ähnliches Ereignis in Brand gesteckt worden sein. Am 4. September 1511 fielen zu Crema mehr als tausend Steine plötzlich vom Himmel herab, von denen einige mehr als zentnerschwer waren und Vögel, Schafe und Fische, sogar einen Priester erschlugen. In Mailand fiel 1660 ein ganz kleiner Stein in das Kloster Santa Maria della Pace und erschlug einen Franziskanermönch. Mit dem bloßen Schrecken kam zu Siena ein Kind davon, dem am 16. Juni 1794 von einem Meteorstein der Hut durchbohrt wurde.” 366 „Ganz besonders genau ist man über den großen Meteoreinfall orientiert, der sich zu Ensisheim im Elsaß am 7. November 1492 gegen ½12 Uhr vormittags ereignete. Der über drei Zentner schwere Stein, von dem ein Stück noch heute in der Ortskirche zu sehen ist, wurde sehr viel beschrieben und hat alle gelehrten Häupter jener Tage zu langen Untersuchungen veranlaßt. Neben dem in der Kirche zu Ensisheim ausgestellten Stück hängt ein Bericht, dem folgendes entnommen sei: Anno Domini 1492 uff Mittwochen, nächst vor Martini den siebenten Tag Novembris, geschah ein seltsam Wunderzeichen. Denn zwischen der elften und zwölften Stund zu Mittagszeit kam am großer Donnerklopff und ain lang getös, welches man weit und breit hörete, und fiel ain Stein von den Lüfften herab bei Ensisheim in ihren Bann, der wog zweihundertundsechzig Pfund und war der Klopff anderswo viel größer denn allhier. Da man den Stein fand, da lag er bei halb Mannestief in der Erden, welches Jedermann dafür hält, daß es Gottes Wille war, daß er gefunden würde.” Ein gewaltiger Steinregen ging am 26. April 1803 über Aigle in Frankreich nieder. Es fielen „damals insgesamt gegen 3000 Steine, unter denen sich Stücke von 8 bis 9 Kilo Gewicht befanden, auf einem Raum von etwa 10 Quadratkilometern nieder. Augenzeugen sahen deutlich eine kleine dunkle Wolke von großer Beweglichkeit am Himmel, die sich unter starken, Böllerschüssen ähnelnden Detonationen, zerteilte. Dann hörte man ein langanhaltendes Geräusch wie Gewehrfeuer, und knatternd ergoß sich der Steinregen über den Ort.” Größtes Aufsehen erregte der Steinregen, der sich am 10. Februar 1896 über Madrid ereignete. Ein Augenzeuge berichtet darüber: „Heute vormittag, genau um 9½ Uhr, bei prachtvollem sonnigen Wetter, entstand hier am Himmelsgewölbe ein bläulicher Glanz von solcher Stärke, daß selbst das Sonnenlicht davon überstrahlt, und viele Menschen auf der Straße geblendet wurden. Anderthalb Minuten darauf wurde ein donnerndes Krachen vernommen, als würden tausend schwere Kanonen zu gleicher Zeit abgefeuert, sodann folgte eine ganze Reihe von immer schwächer werdenden Explosionen, die Erde erbebte in ihren Grundfesten, viele Gebäude bekamen Risse, Möbel wurden umgestürzt, Millionen von Fensterscheiben zersprangen klirrend. Eine furchtbare Panik bemächtigte sich der Einwohnerschaft Madrids. Im ersten Augenblick hörte man allenthalben Jammern und Angstgeschrei. »Terremoto! Terremoto!« (Erdbeben) klang es hier, »Dinamita! Dinamita!« klang es dort.” 367 Der Berichterstatter schildert dann die vielen Unglücksfalle, die sich in Madrid und Umgebung infolge des Schrecks der Bevölkerung ereigneten und fährt fort: „Don Pedro Esteban, der Apotheker von Valleras, wurde von einem herabsausenden erbsengroßen Stein an der Stirn leicht verwundet. Ein Herr Soravilla spazierte, ein Zeitungsblatt lesend, auf der Castellana. Da schwirrte vom Himmel eine feurige Kugel herab, durchlöcherte, Brandspuren zurücklassend, das Blatt, und rollte etwa 40 Meter über den Boden dahin. Der Stein gleicht einem Stück Schwefeleisen, ist von regelmäßiger Form und wiegt ungefähr 150 Gramm.” Der größte Meteorit, den man mit Bestimmtheit fallen gesehen hat, ging am 12. März 1899 bei Borgo in Finnland nieder. Er durchschlug das fast meterdicke Eis am Meeresufer und drang noch tief in den Meeresboden ein. Eine 10 000 Kilogramm schwere Eisenmasse in Oregon und ein 15 000 Kilogramm schwerer, stark eisenhaltiger Block, der in Mexiko gefunden wurde, sind zweifellos auch meteorischen Ursprungs. Ein ganz besonders großer Meteorit muß im Canon Diablo in Arizona niedergegangen sein. Man entdeckte dort im Jahre 1891 ein gewaltiges Loch, um das bis zum Umkreis von sechs Kilometern kolossale meteoritische Eisenmassen verstreut sind; einzelne Stücke davon haben mehr als 400 Kilogramm Gewicht. Die Böschungen des Lochs sind ganz steil und reichen 170 Meter tief hinab, sodaß man sich seine Entstehung nur durch einen überaus heftigen Einschlag erklären kann. Auch Salz kann gelegentlich vom Himmel fallen. Es wird berichtet: „Am 30. August 1870 fand ein äußerst heftiger Salzhagelfall in Gegenwart dreier Augenzeugen bei der Lucendrobrücke auf der Höhe des Gotthardpasses statt. Die Hagelkörner fielen bei einem frischen Nordwind während einer Zeit von ungefähr fünf Minuten nieder.” Die größte und schönste Sammlung von Meteorsteinen besitzt das Wiener Hofmuseum; sie enthält an 400 Steine. „ Brezina , der ehemalige Vorstand der mineralogischen Abteilung dieses Museums, erzählt, daß ein einziger unter diesen Steinen, ein Stück Eisen von 39 Kilogramm Gewicht, welches 1751 in Hraschina bei Agram vom Himmel stürzte, nach den heutigen Preisen für Meteorsteine einen Wert von mindestens 100 000 Gulden habe.” 368 259. Neue Sterne Quelle: Bruno H. Bürgel: »Aus fernen Welten«. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1910. – Felix Linke: »Kann die Erde untergehen?« Verlag von J. H. W. Dietz Nachf., Stuttgart, 1911. Am 29. Februar 1901, zwei Stunden nach Mitternacht, saß der Amateurastronom Anderson , ein schottischer Geistlicher, an seinem Fernrohr und beobachtete den Himmel. Plötzlich erblickte er in der ihm wohlbekannten Stickerei auf schwarzsamtenem Grund etwas Überraschendes. An einer Stelle, die leer gewesen, stand ein neuer Stern, der bis dahin nicht vorhanden war. Bald wurde von vielen Seiten bestätigt, daß es sich wirklich um eine neue Himmelserscheinung handelte. Hartwig in Bamberg hatte dieselbe Gegend wenige Stunden zuvor beobachtet und erklärte es für ausgeschlossen, daß er einen so hellen Stern hätte übersehen können. Eine photographische Aufnahme, die Stanley Williams einen Tag zuvor gemacht hatte, zeigt von dem Stern ebenfalls keine Spur, obwohl die dreiviertelstündige Belichtung seiner Platte selbst ganz lichtschwache Sterne verzeichnet hatte. Innerhalb weniger Stunden also war die Nova (eigentlich nova stella  = neuer Stern) entstanden und von nicht einmal teleskopischer Größe zu bedeutender Helligkeit angewachsen. Aber der Stern wurde noch heller und übertraf in der nächsten Nacht fast alle andern; er war am 23. Februar 1901 der dritthellste Stern am Himmel. Aber bald nahm die Helligkeit wieder ab; langsam bildete sich das Phänomen zu einem lichtschwachen Pünktchen zurück. Da dieser Stern, die bisher best beobachtete Erscheinung ihrer Art, im Sternbild des Perseus auftauchte, so heißt er in der Sprache der Astronomen Nova Persei. Sicherlich ist das Auftauchen eines neuen Sterns am Himmel etwas ganz ungeheuerliches. Der Vorgang vermag seine Ursache nur in einem kosmischen Geschehnis zu haben, das an Großartigkeit und Furchtbarkeit durch nichts anderes übertroffen werden kann. Es spricht darum nichts deutlicher für die uns ganz unfaßbaren Dimensionen im Himmelsraum, als daß solche Neuerscheinungen garnicht etwas so seltenes sind. In alten Chroniken wird vielfach über das Aufflammen neuer Sterne berichtet. Eine im Jahre 123 n. Chr. im Sternbild des Skorpion aufgetauchte Nova veranlaßte den griechischen Astronomen Hyparchos zur Anfertigung eines Sternkatalogs, um mit dessen Hilfe festzustellen, ob das Erscheinen dieser Sterne etwas seltenes sei. Zahlreich sind die Mitteilungen fast aus allen folgenden Jahrhunderten. Am 10. Oktober 1604 entdeckte ein Schüler Keplers im Sternbild des Schlangenträgers einen neuen Stern, »heller als Jupiter, aber nicht so hell wie die Venus«. Kepler hat sich lange und eingehend mit ihm beschäftigt; er verschwand nach 16 Monaten wieder spurlos. Das großartigste Begebnis dieser Art aber ist das Auftauchen von Tycho 369 Brahes neuem Stern. Als der dänische Astronom Tycho Brahe, neben Kepler der bedeutendste Himmelsforscher seiner Zeit, am 11. November 1572 über den Hof seines Observatoriums zu Heridsvad schritt, bemerkte er hoch am Himmel einen Stern von ganz außerordentlichem Glanz, der nie zuvor dort gestanden hatte. Er wurde so hell, daß man ihn sogar am Tag um die Mittagszeit mit bloßem Auge sehen konnte. Tycho glaubte zuerst an eine Selbsttäuschung. Dann aber hat er den neuen Stern sehr genau studiert und uns wertvolle Aufzeichnungen darüber hinterlassen. Nach einigen Wochen wurde der Glanz des Sterns geringer, und er verschwand nach 17 Monaten gänzlich. Auch heute vermögen wir trotz unserer ausgezeichneten Fernrohre keine Spur von ihm wahrzunehmen. Wodurch werden nun diese wunderbaren himmlischen Brände entfacht? Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Entweder stoßen zwei dunkle Himmelskörper zusammen, deren es ja viele im Weltenraum gibt, wobei durch die plötzliche Hemmung der Bewegung genug Wärme erzeugt wird, um das neue Gebilde aufleuchten zu lassen. Oder ein dunkler Himmelskörper gerät in einen der weit ausgebreiteten kosmischen Nebel hinein, zieht dessen Teilchen mit ungeheurer Geschwindigkeit an sich und bringt sie durch den Aufprall auf seine Oberfläche zum Leuchten. Wenn zwei Himmelskörper aufeinanderstoßen mit der Folgeerscheinung, daß ihre bis dahin feste Materie in dünnen Nebel – oft von spiraliger Natur – aufgelöst wird, dann legt der Untergang von Welten gleich wieder den Grundstock zur Entstehung neuer Welten, die ja, wie wir heute annehmen, in den kosmischen Nebeln ihren Anfang nehmen. So herrscht auch im unendlichen Raum ein ewiges Werden und Vergehen; auch im Dasein der Welten mag es eine aufsteigende Entwicklung geben wie unter den Geschöpfen der Erde. 260. Der Kometenschweif im Laboratorium Quelle: Svante Arrhenius: »Das Werden der Welten«, aus dem Schwedischen übersetzt von L. Bamberger. Akademische Verlagsgesellschaft m.b.H., Leipzig, 1908. Der schon oft genannte geniale schwedische Forscher Svante Arrhenius hat in die astronomische Wissenschaft eine neue, heute schon sicher beglaubigte Theorie eingeführt, die zu den allerwunderbarsten Folgerungen führt. Sie vermag nicht weniger, als über die ungeheuren Zwischenräume, welche die Fixsterne voneinander trennen, Brücken zu schlagen, Verbindungen von einer der großen Sonnen zur andern herzustellen. So weit entfernt sie auch voneinander sein mögen, wir wissen nun, daß sie nicht mehr vereinsamt sind, sondern daß sich ein Güteraustausch zwischen ihnen vollzieht. 370 Arrhenius war es, der die hierbei wirkende Kraft erkannte: den Strahlungsdruck . Ein auftreffender Lichtstrahl wirkt auf jeden Körper so, daß er ihn von der Lichtquelle zu entfernen strebt. Freilich ist der ausgeübte Lichtdruck außerordentlich schwach, sodaß er meist nicht bemerkbar wird. Aber um die Weltkörper herum, in weitesten Entfernungen von ihren Mittelpunkten, schweben allerkleinste Staubkügelchen, deren Durchmesser oft kleiner ist als 0,015 Millimeter. Wenn die Staubkügelchen so klein sind, wirkt der Lichtdruck stärker auf sie ein als die Schwerkraft, sodaß sie in den Weltenraum hinausgeschleudert werden und dort, wo keinerlei Reibung die Fortbewegung hemmt, fortwandern, bis sie – nach Jahrhunderten, nach Jahrtausenden oder nach Jahrmillionen – in den Anziehungsbereich irgend eines dunklen Körpers gelangen. Namentlich die kosmischen Nebel, die so ungeheuer weit ausgebreitet sind, sollen viel von diesem Staub einschlucken, sich damit anreichern, sodaß sie als Werdende sorgsam das aufsparen, was die großen Herrschaften, die Sonnen, sorglos ausstreuen. Demzufolge ist es nicht weiter erstaunlich, daß die Zusammensetzung der Materie auf allen Himmelskörpern überall ziemlich die gleiche ist, wie es das Spektroskop lehrt. Herrscht doch durch den Strahlungsdruck ein lebhafter Austausch von Materie im Weltenraum. Auch Keime organischen Lebens können, da sie von genügender Kleinheit und Widerstandsfähigkeit sind, in gleicher Weise umhersegeln, überall da aufgehen und den Grund zu einer unübersehbaren Reihe von Entwicklungsstufen legen, wo sie auf einem Himmelskörper geeignete Verhältnisse vorfinden. Infolge dieser Panspermie , der Theorie von der Allgegenwart der Keime, brauchte also das Leben z. B. auf der Erde, als sie sich genügend abgekühlt hatte, durchaus nicht neu geschaffen zu werden. Es waren sofort Keime da, welche die große Darwinsche Stufenleiter von ganz unten her begannen. Arrhenius wurde zur Aufstellung seiner Theorie vom Strahlungsdruck durch die Beobachtung der Kometenschweife veranlaßt. Es zeigt sich nämlich die eigentümliche Erscheinung, daß der Schweif eines Kometen, der in der Nähe der Sonne vorbeizieht, sich nicht, wie man infolge der Massenanziehung erwarten sollte, diesem Gestirn entgegenstreckt, sondern sich von ihm abwendet. Kometenschweife bestehen eben aus so feinen Partikelchen, daß ihnen gegenüber der Strahlungsdruck des Sonnenlichts die Gravitation überwiegt. Daß diese Behauptung richtig ist, wurde vor einiger Zeit durch ein glänzendes Experiment einwandfrei nachgewiesen. Nichols und Hull erhitzten die Sporen des Bovist-Pilzes Lycoperdon, die fast kugelförmig sind und einen Durchmesser von etwa 0,002 Millimetern haben, bis zur Rotglut und erhielten so 371 ein überaus leichtes schwammartiges Pulver. Es wurde mit etwas Schmirgelpulver gemischt und in ein doppelkegeliges Glasgefäß, ähnlich dem der Sanduhren, getan, aus dem die Luft so weit wie irgend möglich ausgepumpt war. Dann ließ man das Pulver in einem feinen Strahl in den unteren Teil des Gefäßes hinunterfallen und beleuchtete es gleichzeitig von der Seite mit elektrischem, mittels einer Linse konzentrierten Bogenlicht. Der Schmirgel fiel lotrecht nieder, während die Kohlekügelchen vom Strahlungsdruck zur Seite getrieben wurden. Der Lichtdruck hatte also hier die Schwerkraft überwunden, die allein ein senkrechtes Abfallen der Körnchen hätte bewirken müssen. Diese also vorzüglich bestätigte neue Erkenntnis von der Druckkraft des Lichts dürfte uns noch neue immer erstaunlichere Einblicke in das wundersame Weltgetriebe erschließen, als sie uns bisher schon zuteil geworden sind. 372 Wunder der Sprache 261. Buchstabenstrategie Quelle: Professor Dr. Eduard Heis: »Sammlung von Beispielen und Aufgaben aus der allgemeinen Arithmetik und Algebra«. Verlag der M. DuMont-Schaubergschen Buchhandlung, Köln, 1893. Z. – Anmerkung von Franz Düllberg. Anagramm nennt man die Versetzung der Buchstaben eines oder mehrerer Worte, die man vornimmt, um dadurch ein neues Wort oder einen neuen Satz zu bilden. Entweder wird die natürliche Reihenfolge der Buchstaben bloß umgekehrt, z. B. Roma in Amor, oder man versetzt die Buchstaben beliebig, nur so daß keiner ausgelassen wird und formt so z. B. Lied aus Leid. Als Erfinder des Anagramms wird Lykophron genannt, der im dritten Jahrhundert v. Chr. lebte. Das eigentliche Vaterland des Anagramms ist das Morgenland; die jüdischen Kabbalisten haben es weiter verbreitet. Sein goldenes Zeitalter fällt in das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert. Manches Anagramm hat große Berühmtheit erlangt. So formte man z. B. aus Révolution française , nachdem man das politisch bedeutungsvolle Wort Véto herausgenommen, den Satz: Un Corse la finira . Nach dem Sturz Napoleons las man aus derselben Grundform: La France veut son roi . Aus dem Namen des Mörders Heinrichs III. Frère Jacques Clement bildete man das Anagramm: C'est l'enfer qui m'a créé . Von modernen Anagrammen sei erwähnt Berolinum = lumen orbi , Heidelberg = Geld herbei! und die Beobachtung, daß der Schlachtruf, unter dem die deutschen und österreichischen Truppen gegen Rußland vorgingen: »O Du Banner Galizien«, Buchstabe um Buchstabe aus dem Namen des führenden Reklamehelden Italiens, Gabriele d'Annunzio, geformt ist. „Das schönste Anagramm, das vielleicht jemals gedichtet worden, stammt von Jablonsky , dem ehemaligen Rektor der Schule zu Lissa. Die Veranlassung dazu war folgende. Als der spätere König Stanislaus von Polen in seiner Jugend von Reisen zurückkam, versammelte sich das ganze Lescinskische Haus in Lissa, um seinen Stammerben zu bewillkommnen. Jablonsky veranstaltete zu dieser Feierlichkeit einen Schulaktus und ließ zum Beschluß von 13 Schülern, die als junge Helden gekleidet waren, ein Ballet tanzen. Jeder der Tänzer hatte einen Schild in der 373 Hand, worauf einer von den Buchstaben aus den Worten Domus Lescinia (Haus Lescinski) mit Gold geschrieben war. Am Ende des ersten Ballets standen sie so, daß man auf ihren nebeneinander gehaltene Schilden Domus Lescinia las. Nach dem zweiten Ballet standen sie in der Ordnung, daß man las: ades incolumis (unversehrt bist du hier). Nach dem dritten: omnis es lucida (ganz strahlend bist du da); nach dem vierten: lucida sis omen (strahlend sei uns Ahnung). Dann: mane sidus loci (bleib' des Landes Stern); hierauf: sis columna Dei (sei eine Säule Gottes) und endlich zum Beschluß: I scande solium (geh', besteige den Thron). Die letzte war um so schöner, da es in der Folge als eine Art Prophezeiung gerechtfertigt ward”. 262. Eine rätselhafte Inschrift Auf dem Pflaster der Sakristei der Kirche Pieve Terzagni in Tremona befindet sich um das Mosaikbild der vier Evangelisten die folgende Inschrift: S A T O R A R E P O T E N E T O P E R A R O T A S Hunderte haben sich schon vergeblich den Kopf zerbrochen, um den Schlüssel zu den rätselhaften Worten zu finden, die keinen Sinn ergeben. Die wenigsten aber wissen, daß über jene Inschrift bereits eine ganze Literatur aus verschiedenen Jahrhunderten vorhanden ist; denn eben dieselbe Inschrift findet sich in verschiedenen anderen alten Kirchen, so beispielsweise in der Peterskirche bei Capestrano, in der Mutterkirche von Magliano, die durch das letzte Erdbeben in Trümmer gelegt wurde, in der Kirche der Augustinerinnen von Verona, in verschiedenen französischen und englischen Kirchen, ja selbst in Ägypten und bis weit nach Äthiopien hinein begegnet man dem merkwürdigen Buchstabenrätsel. Aber nicht nur in der mittelalterlichen Baukunst figuriert das Rätsel, sondern auch in einer Bibel der Karolingerzeit, auf einem Siegelstempel der spanischen Inquisition, auf den Stempelmarken der österreichischen Schatzkammer vom Jahre 1572, auf verschiedenen Medaillen, auf dem Boden eines Silberbechers, der auf der Insel Gotland gefunden wurde, und anderen Gegenständen mehr befindet sich die obengenannte Inschrift. 374 Der italienische Gelehrte Professor Panza hat jetzt in einem mittelalterlichen Studien gewidmeten Werk, in dem auch von unserer Inschrift die Rede ist, eine Erklärung des Rätsels zu geben versucht. Sie beruht auf dem Hinweis, daß die Anordnung der Buchstaben, die von vorn oder hinten, senkrecht oder wagerecht gelesen werden können, das Geheimnis der Formel birgt. Nach der bisher gegebenen Erklärung stellt diese Anordnung, die in vier Richtungen gelesen den gleichen Wortlaut gibt, also ein Palindrom in vierter Potenz ist, das Gleiche dar, was die Heilige Schrift durch den Wind und durch die Bewegung des sich vor- und rückwärts drehenden Rads ausdrücken will. Wie Wind und Rad ist dementsprechend auch diese Inschrift das Sinnbild und der schriftliche Ausdruck der Ewigkeit und des Unendlichen, das heißt Gottes. Im Jahre 1916 hat ein Kriegsteilnehmer, H. William, die 25 Buchstaben nach symmetrischen Rösselsprunglinien gedeutet. Das ergab: » Oro te pater, oro te pater, sanas « (»Ich bitte dich Vater, ich bitte dich Vater, du heilst!«). Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese scharfsinnige Deutung, die das Quadrat in ein Stoßgebet auflöst, für die Zukunft den Sieg erringen wird. 263. Was ist eine Eisenbahn? Quelle: Alexander Moszkowski: »Stuß im Jus«. Verlag der »Lustigen Blätter« (Dr. Eysler \& Co.) G.m.b.H., Berlin. Z. In den Entscheidungen des Reichsgerichts findet sich in Band I, Seite 252, die folgende Definition: „Eine Eisenbahn ist ein Unternehmen, gerichtet auf wiederholte Fortbewegung von Personen oder Sachen über nicht ganz unbedeutende Raumstrecken auf metallener Grundlage, welche durch ihre Konsistenz, Konstruktion und Glätte den Transport großer Gewichtsmassen, beziehungsweise die Erzielung einer verhältnismäßig bedeutenden Schnelligkeit der Transportbewegung zu ermöglichen bestimmt ist und durch diese Eigenart in Verbindung mit den außerdem zur Erzeugung der Transportbewegung benutzten Naturkräften (Dampf, Elektrizität, tierischer, menschlicher Muskeltätigkeit, bei geneigter Bahn auch schon der eigenen Schwere der Transportgefäße und deren Ladung usw.) bei dem Betrieb des Unternehmens aus derselben eine verhältnismäßig gewaltige, je nach den Umständen nur in bezweckter Weise nützliche, oder auch Menschenleben vernichtende und die menschliche Gesundheit verletzende Wirkung zu erzeugen fähig ist.” 264. Eine klare Definition Hegel bestimmte die Elektrizität durch folgenden schönen Satz: „Die Elektrizität ist der Zweck der Gestalt, der sich von ihr befreit, die Gestalt, die ihre Gleichgültigkeit aufzuheben anfängt; denn die Elektrizität ist das 375 unmittelbare Hervortreten oder das nahe von der Gestalt herkommende, noch durch sie bedingte Dasein – aber noch nicht die Auflösung der Gestalt selbst, sondern der oberflächliche Prozeß, worin die Differenzen die Gestalt verlassen, aber sie zu ihrer Bedingung haben und noch nicht an ihnen selbständig geworden sind.” 265. Der Bandwurmsatz Quelle: Alexander Moszkowski: »Stuß im Jus«. Verlag der »Lustigen Blätter« (Dr. Eysler \& Co.) G.m.b.H., Berlin. Z. Eine besonders schöne Blüte des Kanzleistils wurde vom Neuen Wiener Abendblatt, Nr. 48, 1909, der Öffentlichkeit übergeben: „Die k. k. niederösterreichische Statthalterei hat mit Erlaß vom 16. d. folgendes anher eröffnet: Aus Anlaß der Beschwerde der Leitung des Vereins »Freie Schule« in Wien vom 11. Februar 1909 findet die k. k. niederösterreichische Statthalterei, die auf Requisition des k. k. Bezirksschulrats Wien vom 11. Februar, Zahl 1734, von selten des Magistratischen Bezirksamtes für den ersten Bezirk durchgeführten Sperrung der Privatvolksschulklassen des genannten Vereins im 1. Bezirk, Babenberger Straße Nr. 9, zu beheben, weil die in dem, dem Requisitionsschreiben des k. k. Bezirksschulrats Wien abschriftlich anerwahrten Erlaß des k. k. niederösterreichischen Landesschulrats vom 26. Jänner 1909 ausgesprochene Untersagung der Fortführung des Unterrichts in den erwähnten Volksschulklassen mit Rücksicht auf das, gegen diese Untersagung dem Verein gleichzeitig eingeräumte Rechtsmittel des binnen vier Wochen an das k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht einzubringenden Rekurses bisher noch nicht in Rechtskraft erwachsen konnte, und dies um so weniger, als in diesem – ohne daß dies dem k. k. Bezirksschulrat im Zeitpunkt seiner Requisition bekannt war – das eingeräumte Rechtsmittel auch tatsächlich bereits ergriffen wurde, und zwar noch innerhalb der Frist von 14 Tagen, für welchen besonderen Fall das Gesetz vom 22. Dezember 1904 betreffend die Schulaufsicht in dem durch das Gesetz vom 20. November 1907 geänderten § 49 dem Rekurs ausdrücklich die aufschiebende Wirkung zuerkannt. Die Siegelabnahme wird sofort veranlaßt. Der Bezirksamtsleiter.” 266. Von rechts nach links Dünn gesät sind in allen Sprachen die umkehrbaren Worte, also diejenigen, die wie »Amme«, »Sarg«, »Lese« in verkehrter Reihenfolge der Buchstaben 376 gelesen, überhaupt einen Sinn haben. Verlangt man vollends, daß sich eine Identität herausstelle, daß Vorwärtslesung und Rückwärtslesung genau dasselbe ergäben, so verengte sich das Gebiet auf Seltenheiten wie: »Retter«, »Uhu«, »Ehe«, »Otto«, »Anna«, »Madam«, »Marktkram«, »Reittier«, »Tonnennot«, »Reger« (der Komponist). Aus dem dicksten Lexikon könnte man kaum das Material gewinnen, um damit eine viertel Seite zu füllen. Seiner Zeit erregte es Aufsehen, als Schopenhauer ein viersilbiges Wort dieser Art auffand, nämlich: » Reliefpfeiler «. Seitdem haben findige Köpfe ganze Sätze gebildet, die das Rückwärtslesen mit Identitätszwang vertragen, z. B.: » Ein Neger mit Gazelle zagt im Regen nie « Ein Satz, dem man mildernde Umstände zubilligen mag: er löst das Problem buchstäblich und findet darin die Entschuldigung für seine begriffliche Dummheit. Etwas geistreicher gebärdet sich ein anderes Beispiel; es knüpft an eine der zahlreichen Revolutionen in Südamerika an, bei der alles zu den Waffen griff mit Ausnahme einer einzigen Peruaner Familie, die dem Staatsoberhaupt treu blieb: » Eine treue Familie bei Lima feuerte nie « Immerhin nur eine Kuriosität, aber noch kein Sprachwunder. Und wer hier wie Ibsens Nora das Wunderbare erwartet, der muß sich schon entschließen, in die lateinische Vorzeit hineinzusteigen. Da finden wir einen Chor geflügelter Insekten, die vom Leuchten eines Lagerplatzes angezogen sich der verderblichen Flamme nähern. Die kleinen Flieger klagen: » In girum imus nocte et consumimur igni « (»In den Lagerkreis gehen wir nachts und werden vom Feuer verzehrt«) Prüft man diese Wortfolge, so fällt es als besonders überraschend auf, daß sich zwei so spröde Worte wie » Nocte « und » Consumimur « der Anforderung auf Umkehrbarkeit fügen. Aber als das Muster dieser Art kann ein schöner Vers gelten, der noch dazu die Regeln eines korrekten Hexameters erfüllt. Er gründet sich auf einen legendären Vorgang: Johannes der Täufer begegnet in der Wüste dem Satan und macht, vorahnend, das Kreuzeszeichen, um den bösen Feind zu verjagen. Dieser aber trotzt der Beschwörung und ruft dem Wüstenwanderer zu: »Bekreuzige dich nur! Planlos rührst du an mir mit deinem Versuch mir Angst einzuflößen!« Der lateinische Hexameter lautet: » Signa te, signa! temere me tangis et angis! « In den Worten liegt eine diabolische Hexerei; der Vers läßt sich buchstäblich vollkommen umkehren, ohne seinen Klang zu verändern. Die Liste möge durch einen Kirchenspruch vervollständigt werden, der das 377 einzige griechische Beispiel dieser Art darstellt. Dieser in der Friedenskirche zu Potsdam verewigte Satz, der auch auf einer Platte in der Hagia Sophia zu Byzanz gestanden haben soll, lautet in der Ursprache: »νίψον ἀνομήματα μὴ μόναν ὄψιν« In lateinischer Schrift: Nipson anomemata me monan opsin ( ps ist im Griechischen ein Buchstabe: ψ). In freier Übersetzung: »Reinige dich von deinen Sünden und nicht nur dein Antlitz!« Der Text kann auch hier beliebig von rechts oder links gelesen werden und erscheint besonders kunstvoll dadurch, daß sich bei der Verkehrtlesung jedes einzelne Wort zur Ergänzung des vorangehenden darbietet. Erwähnung verdient die Tatsache, daß die Buchstaben in » Berolinum « sich zu » Lumen orbi « und die von »Heidelberg« zu »Geld herbei« umsetzen lassen. Als ein inhaltlich unbedeutender, aber als Palindrom korrekter Hexameter sei noch genannt: » Otto tenet mappam madidam, mappam tenet Otto « (»Otto hält eine feuchte Serviette«). Auch diese Verszeile verträgt die Rückwärtslesung vollkommen. 267. Das drohende Echo Gewisse sprachliche Merkwürdigkeiten weisen auf mittelalterliche Klöster als den Herd ihrer Entdeckung. Der Zufall mag bei manchen als Mithelfer oder Anstifter Pate gestanden haben. Der Hauptanteil entfällt indes auf die unermeßliche Geduld, mit der einzelne Mönche die Grübelei eines ganzen Menschendenkens daran setzten, um aus Milliarden von Kombinationen in Buchstaben und Silben eine verblüffende Besonderheit auszubrüten. Wir wählen hier als Wunderprobe ein Echo-Spiel, das ganz einzig in seiner Art dasteht und vermutlich in aller Zukunft kein Seitenstück finden wird. Es handelt sich darum, eine Anzahl von Silben zwiefach aneinanderzureihen und sie alsdann übers Kreuz zu verschränken, sodaß jedes Echo mit der folgenden Silbe ein Wort ergibt. Das Ergebnis soll nicht nur einen Satz darstellen, sondern dieser Satz soll einen prägnanten Sinn haben. Und um das Wunder noch wunderbarer zu machen, soll dieser Satz sogar die Form eines regelrecht gebauten Hexameters aufweisen. Es wird angenommen, daß ein nordischer Eroberer, etwa Brennus, vor Rom lagert und die Stadt zerstören will. Seine Drohung gegen die römische Hauptstadt verbindet er mit einem Befehl an seine Truppen, und um diesen Ruf in einen Satz zu fassen, bildet er folgende Silben, von denen jede doppelt auftritt: 378 » te te - ro ro - ma ma - nu nu - da da - te te - la la - te te « Teilt man diese Silbenfolge anders ab, so ergibt sich der Hexameter: » te tero roma manu nuda, date tela, latete! « In Übersetzung: Dich vernichte ich, Rom, mit der nackten Hand; gebt mir die Geschosse und verbergt euch! Die höchst verwickelte und als Problem scheinbar unlösbare Sprachaufgabe konnte also restlos gelöst werden. 268. Eine falsche Stelle In der landläufigen Geschichte der Entdeckungen fehlt ein Ereignis, das hier festgehalten werden soll. Kein Lied, kein Heldenbuch meldet den Namen des Entdeckers, aber was er fand war merkwürdig genug. Man schlage irgend ein Exemplar der älteren Lessing-Ausgaben nach und lese die sechste Szene des zweiten Akts von » Emilia Galotti «. Da spricht Claudia zu ihrer Tochter: . . . Gott, Gott, wenn dein Vater das wüßte! – Wie wild er schon war, als er nur hörte, daß der Prinz dich jüngst nicht ohne Mißfallen gesehen! . . . Drei Seiten vorher ist davon die Rede, daß der Prinz von Emilia bezaubert war; und nun sieht er sie »nicht ohne« Mißfallen, das heißt klar: mit Mißfallen! Und mit diesem sinnentstellenden Ausdruck hat Lessing die Stelle aufgeschrieben, so wurde sie rund hundert Jahre gedruckt, tausendmal aufgeführt, von Millionen gelesen. Und niemand hat es bemerkt, niemand stutzte bei der kuriosen Mitteilung, daß die liebliche Emilia just dem Prinzen antipathisch gewesen ist. Bis dann doch Irgendwer eines Tages über das verjährte »Nicht ohne« stolperte und dabei jene erstaunliche Entdeckung machte. 269. Tücke des Zufalls Unübersehbar ist das Sündenregister des Druckfehlerteufels; und nur zwei Momente kann man ihm als mildernde Umstände anrechnen: erstlich, daß er sich fast durchweg auf schnell verfliegendem Zeitungspapier austobt; zweitens, daß er 379 dabei unter Umständen Wunder des Humors vollbringt. Wie z. B. damals als er meldete, daß der berühmte Sänger Caruso am Schluß der Vorstellung vom Publikum mit »Applmus« überschüttet wurde, wo das unangebrachte Kompott durch die erstaunliche Vertauschung eines einzigen Buchstaben aus »Applaus« zustande gekommen war. Aber ein einziges Mal hat der Druckfehlerdämon verhängnisvoll in die Literatur eingegriffen. Und das geschah, als Ludwig Uhland die allererste Ausgabe seiner Gedichte in die Welt setzte. Der herrliche Band beginnt bekanntlich mit den Worten: Lieder sind wir. Unser Vater Schickt uns in die offne Welt . . . Und just in das allererste Wort der ersten Auflage krallte sich der Dämon ein. Das Meisterstück des Druckfehlerteufels lautete und lebt in dieser Form literarhistorisch fort: Leder sind wir. Das Schrifttum aller Völker weist glücklicherweise zu diesem argen Zufallswunder kein Seitenstück auf. 380 Wunder der Schönheit 270. Phryne und Lais Phryne hieß eigentlich Mnesarete und war ursprünglich arm, gelangte aber zu außerordentlichem Reichtum. Sie durfte mit der Schönheitsgöttin selbst in Wettbewerb treten, so wie deren Bild den größten Künstlern des klassischen Altertums vorschwebte. Phryne diente dem Praxiteles als Vorbild für dessen berühmte Aphrodite von Knidos und dem Apelles für dessen Anadyomene. Als sie vor dem höchsten Gerichtshof wegen Religionsfrevels angeklagt war, übernahm Hyperides ihre Verteidigung und setzte ihre Freisprechung durch, indem er vor versammelten Richtern ihren Busen entschleierte und dadurch sozusagen ihre eigene Göttlichkeit aktmäßig bewies. Ihrem Reiz konnte angeblich kein Lebender widerstehen; nur der Philosoph Xenokrates wurde nicht überwunden, wonach man also auch den Xenokrates als ein gänzlich vereinzeltes Wunder anzusprechen hat. Aber auch Phryne wurde noch übertroffen durch ein anderes Meisterwerk der Natur. Denn das Ideal des Praxiteles mußte doch wenigstens persönlich gegenwärtig sein um zu wirken: die schöne Lais aber, die Korintherin, konnte auch abwesend die höchste Leidenschaft entzünden. Der gefeierte Bildhauer Skopas hatte nach ihr eine Venus geformt, die nach Aspendus in Pamphylien geriet und dort in der Kunsthalle eines reichen Manns aufgestellt wurde. Chariton, sein einziger Sohn, ein Jüngling von siebzehn Jahren, hatte das Schicksal, durch den Anblick der marmornen Göttin in eine Liebesraserei zu verfallen, die zuletzt in wirklichen Wahnsinn und unheilbare Tollheit ausartete. Hieraus entwickelte sich ein Roman, der von Wieland im »Aristipp« ausführlich behandelt ward und für alle Zeiten ein unvergängliches Hohelied auf jenes Schönheitswunder bleiben wird. 381 271. Lucrezia Borgia Quelle: Valerian Tornius: »Salons, Bilder der gesellschaftlichen Kultur aus fünf Jahrhunderten«. Von dieser berüchtigten Fürstin gibt es nur ein authentisches Porträt. Es stimmt auffallend mit der Schilderung überein, die Nicolo Cagnola von ihrer sinnbetörenden Schönheit entwirft. Er berichtet: »Sie ist von mittlerer Größe und von zierlicher Gestalt, ihr Gesicht länglich, die Nase schön profilirt, die Haare goldgelb, die Augen von unbestimmtem Blau; der Mund ist etwas groß, die Zähne sind blendend weiß, ihr Hals ist schlank und weiß, bedeutend und doch voll Maß.« Wie Lucrezias Haar so sind auch ihre blauen Augen in zahllosen Variationen besungen worden. Der Dichter Ercole Strozzi rechnete sie unter die Wunder der Erde und schrieb ihnen Zaubermacht zu: wer die Sonne zu lange ansieht erblindet, wer die Medusa ansieht, versteinert, allein wer in Lucrezias Augen blickt, den ereilt das doppelte Verhängnis; in seiner Seele brennen Liebesgluten, und aus seinen leblosen Augen rinnen Tränen. Ercole Strozzi behauptet, sogar der Cupido in Lucrezias Schlafgemach wäre dem Augenzauber seiner Gebieterin erlegen und hätte sich in Marmor verwandelt. 272. Ninon de Lenclos Quelle: Johannes Scherr: »Studie über Ninon«. Diese berühmte Kurtisane, die noch in ihrem achtzigsten Lebensjahr umschwärmt wurde und als Matrone sogar ihren eigenen Sohn entzückte, gehört vielleicht nicht zu den sogenannten regelmäßigen Schönheiten von junonischer Kopf- und Körperbildung. Es herrscht sogar unter den gewichtigsten Zeugen keine Übereinstimmung über die Frage, ob Mademoiselle überhaupt eine Schönheit gewesen. Ganz schroff stehen sich die Zeugnisse von Guyon de Sardières und von Tallemant gegenüber. Denn der erste sagt: »Ninon war schön und war es immer; ihre Schönheit war vollkommen!«, der andere: »Viel Schönheit besaß sie niemals, aber allzeit viel Reiz ( beaucoup d'agréments ).« Stellt man die überlieferten Nachrichten über Ninons Erscheinung unbefangen zusammen, so geben sie folgendes Mosaikbild. Hochgewachsen und schlank, war ihre Gestalt von vollkommen harmonischen Verhältnissen, ihre Formen von mäßiger Fülle, die Linien des Kopfs oval, Nacken und Brust von blendender Weiße. Der Reichtum ihres kastanienbraunen Haars kontrastierte schön mit dem Tiefschwarz ihrer geschweiften Brauen über großen, dunkeln Augen, deren 382 strahlenwerfendes Feuer durch lange Wimpern verschleiert ward. Das Lächeln ihres rosigen Mundes war von unbeschreiblicher Magie, noch erhöht durch einen Lazertenzug des Spotts, der sich allerliebst um die Mundwinkel schlängelte. Zu ihren erklärten Bewunderern gehörten der Cardinal Richelieu, Coligny, Vilarceaux, der Marquis von Sévigné, der Prinz von Condé, der Herzog von Larochefoucauld, der Marschall d'Albret, der Marschall d'Estrées. Diese und zahllose andere haben sie als ein wahres Mirakel unmittelbarer Wirkung gepriesen. 273. Tullia d'Aragona Quelle: Casimir von Chledowski: »Rom«, erster Band. Ein Jahrhundert vor der Ninon de Lenclos stand die blendende Tullia im Brennpunkt des Liebesfeuers einer Großstadt. Sie war die Tochter eines Kardinals, stammte aus Siena und verlegte später den Schwerpunkt ihrer Tätigkeit nach Rom. Im Nebenberuf war sie Verskünstlerin. In der Galerie zu Brescia befindet sich ein schönes Portrait der Tullia von Alessandro Bonvicino, der sie als Zwanzigjährige gemalt hat. Von einem durch Lorbeerzweige belebten Hintergrund hebt sich ihre Gestalt mit dem Dichterszepter ab, ein roter pelzgefütterter Mantel deckt die Schultern, in die Haare sind Perlen geflochten. Eine merkwürdige Kühle spricht aus den Augen, eine gemachte Ruhe liegt über dem ganzen Gesicht. Sie sieht wie eine raffinierte, gefährliche Kurtisane aus, nicht wie eine begabte Dichterin. Aus den Berichten der Zeitgenossen geht klar hervor, daß sie damals den Kennern als der unüberbietbare Gipfel der Schönheit und Anmut erschien. Und gerade die auf dem Bild so kühlen Augen schienen wahre Feuersbrünste in den Herzen ihrer Verehrer anzuzünden. Von diesen Augen singt der Dichter Muzio, indem er ihre Leuchtkraft über Sternenglanz und Sonnenlicht erhebt:       . . . occhi belli, occhi leggiadri, occhi amorosi e cari, più que le stelle belle e più que il sole Auch der Kardinal Ippolito de Medici hat sie und besonders ihr blondes Haar angesungen. Das einzige Gedicht dieses Medici, das sich erhalten hat, gilt der Tullia d'Aragona, die im übrigen in einer wahrhaften Hochflut von Sonetten, zumal aus den Kreisen der Gelehrten, lebte. Sie bedeutete unbedingt das Schönheitsideal der damaligen Akademiker. In einem von ihr verfaßten szenischen Dialog, betitelt » Dell' infinità d'amore «, tritt sie selbst als Hauptperson 383 auf, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie sich im Thema unendlicher Liebe als unbestrittene Sachverständige fühlen durfte. 274. Madame Roland Quelle: Johannes Scherr , Abhandlung: »Gefängnisleben zur Schreckenszeit«. Manon Roland, eine der tragischen Heldinnen der großen französischen Revolution, galt vermöge ihres persönlichen Zaubers als die „Aspasia der Girondisten und war mit ihrem Geist die Prophetin, mit ihrer Anmut das Entzücken jener Wolkenwandler von Schönfühlern und Schönrednern”. In ihren Denkwürdigkeiten hat sie ihr Selbstporträt entworfen, das in einzelnen bedeutenden Zügen hier festgehalten werden möge: „Als ich ausgewachsen, war ich ungefähr fünf Fuß hoch. Meine Beine waren wohlgeformt, die Füße hübsch gebaut, die Hüften sehr gewölbt, die Schultern zurückgezogen, die Brust war breit und hochbusig, der Gang leicht, anmutig und rasch. Prüft man jeden Zug meines Gesichts einzeln, so darf man billig fragen: wo ist denn die Schönheit? Mein Mund ist ein wenig groß, und es gibt tausend schönere; allein keiner weiß zärtlicher und verführerischer zu lächeln. Mein Auge, ernst und stolz, hat zuweilen etwas Furchtbares, weit öfter aber ist es liebkosend und immer anziehend. Die Nase verursachte mir einigen Verdruß, weil ich fand, sie sei vorn ein wenig zu dick, als Teil des Ganzen jedoch und von der Seite betrachtet, verdarb sie nichts. Mein Kinn steht ziemlich weit vor und hat entschieden die Merkmale der Sinnlichkeit; ich bezweifle auch, daß jemals eine Frau mehr als ich für Sinnenlust geschaffen war, obzwar ich diese weniger genossen habe als irgendeine. Ein nicht weißer, aber glänzend gefärbter Teint, häufig gerötet durch ein kochendes, von äußerst reizbaren Nerven erregtes Blut; ein runder Arm, eine mit langen und schmächtigen Fingern gezierte Hand, schön gereihte Zähne, endlich eine Körperfülle, die auf vollkommene Gesundheit hinweist – das sind die Schätze, die mir die Natur geschenkt hat.” Der vom kochenden Blut gerötete Teint dieses Schönheitswunders fand am 8. November 1793 seine besondere Illustration durch die Guillotine. 384 275. Madame Récamier Quelle: Valerian Tornius: »Salons, Bilder der gesellschaftlichen Kultur aus fünf Jahrhunderten«. Nach dem 9. Thermidor vereinigten sich in Paris »die drei Grazien des Direktoriums« zu einem Dreiklang der Schönheit. Es waren Josephine Beauharnais, Madame Tallien und Madame Récamier. Wäre der Sohn des Priamus in die Lage gekommen, einer von ihnen den Schönheitspreis zuzuerkennen, so würde er ihn der Récamier zuerteilt haben. Selbst der Tallien glänzende Erscheinung und Josephinens klassische Schönheit verblaßten vor dem harmonischen Ebenmaß ihrer schlanken Gestalt, vor den entzückenden Reizen ihres Gesichts, das den Zeitgenossen als die lebendige Verwirklichung einer Raffaelischen Madonna erschien. Da Worte nie ausreichten, um ihre Schönheit zu beschreiben, versuchten es die Maler, das Heroldsamt zu übernehmen. Aber selbst die Kunst eines Gérard und David hat sie nicht zu erschöpfen vermocht. Am besten hält man sich an die geschichtlich beglaubigte Wirkung, die von der göttlichen Juliette ausging. Als sie einmal zusagte, in der Kirche St. Roch die Kollekte zu übernehmen, da füllte sich das Gotteshaus auf dieses Gerücht hin dermaßen mit Menschen, daß viele die Seitenaltäre und sogar die Kandelaber erkletterten, um nur den Anblick der Récamier zu genießen. Ihr Bild machte die Reise um die Welt. Chamisso behauptet, er habe sogar eines in chinesischer Ausführung gesehen. 276. Maria Theresia Quelle: »Briefe der Kaiserin Maria Theresia« mit Einführung von Stafan Großmann. Verlag Ullstein \& Co., Berlin, Wien, 1916. Z. In der Galerie weiblicher Schönheitswunder möge auch eine Hochgekrönte Aufnahme finden. Adam Wolf, der sich in die Bildnisse der Kaiserin Maria Theresia vertieft hat, rühmt sie: „Größer als alle Frauen, ihr Wuchs hatte ein vollkommenes Ebenmaß, bis ins hohe Alter behielt sie ihre hohe Gestalt. Sie hatte einen herrlichen Teint, reiches blondes Haar. Ihre Augen waren hellgrau und feurig, die Nase sanft gebogen, der Mund fein geschnitten. Jede Aufregung oder Bewegung im Freien brachte eine Röte über ihr Gesicht, die den Glanz ihrer Schönheit erhöhte. Sie hatte eine kleine weiße Hand, einen ebenso schönen Fuß. Ihr Gang war leicht und frisch.” Mit einem Wort: „Sie war eine der schönsten Frauen von Europa wie einst ihre Mutter, die Kaiserin Elisabeth.” Mit den Jahren geriet die stattliche Frau in die Breite, aber diese kräftige Fülle gehörte zum Bild einer Frau, die sechzehn Kinder mit Freuden gebar. 385 Prinz Eugen und seine Vertrauten, die Grafen von Seckendorff und Wurmbrand, hatten ein Mitteleuropa von unerschütterlicher Kraft geplant: sie wollten Maria Theresia mit Friedrich II. vermählt wissen! Hätte das glückliche Österreich sein Leitwort » Tu felix Austria nube! « derart verwirklicht, so wäre die so oft schmerzlich vermißte einheitliche deutsche Welt damals zustande gekommen. Und dem Wunder an Kraft und Geist hätte sich das Wunder der Schönheit gesellt. 386 Die 1002. Nacht Sie bildet eine Fortsetzung der arabischen Erzählungen aus 1001 Nacht. Scheherazade erzählt sie als die letzten Abenteuer Sindbads des Seefahrers, ganz im Tonfall ihrer früheren Märchen, und ihr Gatte, der Khalif, erklärt, daß diese Wunder alle vorangegangenen Unglaublichkeiten der 1001 Nächte ungeheuerlich überträfen; selbst die glühendste orientalische Phantasie sei gänzlich außerstande, diesen letzterzählten Abenteuern des vielverschlagenen Sindbad auch nur im entferntesten zu folgen. Und doch hält sich Scheherazade in dieser 1002. Nacht zum ersten Mal streng an die Wahrheit. Sie berichtet nur über einige technische Errungenschaften aus späteren, aus unseren Zeiten. Lediglich der Vortrag, die blühende Sprache des Märchens verleiht diesen modernen Dingen den Charakter der Wunder, die alle Mirakel des orientalischen Fabelschatzes überholen. Also sprach Scheherazade. Und der ihr diese Worte in den Mund legte, war der geniale Edgar Allan Poe . Einige kurze Bruchstücke nach der Übersetzung von Moeller-Bruck mögen Poes Absichten verdeutlichen: Mitten unter den Zauberern, denen ich auf meiner letzten Reise begegnete, – so erzählt Sindbad – lebten Tiere ganz sonderbarer Art; ich sah zum Beispiel ein riesiges Pferd, dessen Knochen Eisen und dessen Blut kochendes Wasser war. Statt Hafer fraß es schwarze Steine, und trotz dieser schlechten Nahrung war es so stark und geschwind, daß es eine Last, schwerer als der größte Tempel dieser Stadt, mit einer Eile fortschleppte, welche die des Vogelflugs noch übertraf. [Anspielung auf die West-Eisenbahn zwischen London und Exeter, die eine Schnelligkeit von 71 englischen Meilen in der Stunde erreichte.] Ein Angehöriger dieser Nation mächtiger Zauberer erschuf einen Mann aus Erz, Holz und Leder und begabte ihn mit solcher Geisteskraft, daß er alle Menschen, allenfalls mit Ausnahme des großen Harun Al Raschid, im Schachspiel geschlagen hätte. [Maelzels oder Kempelens automatische Schachmaschine.] Ein anderer dieser Zauberer erbaute aus denselben Stoffen ein Geschöpf, das selbst den Geist seines Schöpfers besiegte. Denn so groß war seine logische Kraft, daß es in einer Sekunde Berechnungen machte, zu denen fünfzigtausend 387 sterbliche Menschen ihre Kräfte ein ganzes Jahr lang hätten vereinigen müssen. [Babbages Rechnungsapparat.] Doch ein noch mächtigerer Apparat erbaute sich, ein Ding, das weder Mensch noch Tier war. Sein Gehirn bestand aus Blei und einer schwarzen pechähnlichen Masse; seine Finger gebrauchte es mit solch unglaublicher Eile, daß es in einer Stunde ohne Mühe zwanzigtausend Abschriften des Korans hatte machen können, und zwar mit solch peinlicher Genauigkeit, daß alle diese Kopien nicht um eines Haares Breite voneinander abwichen. Das Ding war von wunderbarer Stärke, so daß es Kaiserreiche mit einem Atemzug aufbaute oder zerstörte; es gebrauchte seine Kraft gleicherweise zum Guten wie zum Bösen. [Die Schnellpresse.] Ein anderer jener Zauberer konnte durch eine Flüssigkeit, die noch niemand sah, die Arme seiner Freunde oder ihre Beine nach seinem Willen bewegen und tanzen lassen. [Elektrische Muskelkontraktion.] Einer vermochte seine Stimme so laut zu erheben, daß man ihn von einem Ende der Welt zum andern verstehen konnte. [Der Telegraph.] Ein anderer hatte einen so langen Arm, daß er sich hätte in Damaskus niedersetzen können und dennoch in Bagdad einen Brief schreiben. [Morse-Apparat.] Einer befahl dem Blitz, aus dem Himmel zu ihm zu kommen, und machte sich dann ein Spielzeug aus ihm. [Franklins Drachen.] Einer machte aus zwei lauten Tönen ein Stillschweigen und aus zwei hellen Lichtern eine tiefe Finsternis. [Interferenzen.] Einer befahl der Sonne, sein Bild zu zeichnen, und sie tat es. [Photographie.] Überhaupt hat die ganze Nation solch zauberhafte Fähigkeiten, daß selbst ihre unmündigen Kinder, ihre Katzen und Hunde mühelos Dinge sehen, die gar nicht existieren oder zwanzig Millionen Jahre vor der Entstehung ihrer Erde existiert haben. [Erkenntnisse bezüglich der Zeit und des Lichtwegs.] Dergestalt verblassen die Orientwunder schon vor den Errungenschaften einer Aera, von der wir bereits durch das biblische Menschenalter getrennt sind. Poe wußte noch nichts von den modernen Motoren, von der Flugmaschine, vom Telephon, von der Funkentelegraphie, vom Radium. Welche Farben hätte seine Scheherazade erst zur Ausmalung dieser Wunder aufgewandt, und in welche Unterschicht wären Sindbads alte Erlebnisse vor seinen neuesten Wunder-Erlebnissen versunken!