Alexander Moszkowski Unglaublichkeiten Ernste und heitere Paradoxe Vorspruch. Der Empfänger : Eines nach dem andern, zuerst mal die Titelseite. Also » Unglaublichkeiten « nennst du das. Erkläre mir doch genau, was verstehst du darunter? Der Verfasser : Und ich beantworte deinen Wunsch mit einer Gegenfrage. Was ist glaublich ? Der Empfänger : Na, ich sollte meinen: das was ohne weiteres einleuchtet. Der Verfasser : Sehr schön, damit kommen wir der Sache schon näher; wenn wir uns nur darüber verständigen, daß mit dem ohne weiteres Einleuchtenden im Schrifttum kein Staat zu machen ist. Für Exempel, die restlos aufgehen, braucht man eigentlich keinen Autor und keinen Leser. Aber in der Welt der Dinge und Gedanken gibt es zum Glück fast nichts, das sich nicht von irgend einem Standpunkt aus bezweifeln und mit Unglauben aufnehmen ließe. Und bei Lichte betrachtet sind die interessantesten Entdeckungen im Felde des Denkens und der Schriftstellerei überhaupt dadurch zustande gekommen, daß der Zweifel gegen die vermeintliche Selbstverständlichkeit anrannte. Der Empfänger : Derartige Zweifel sollte man eben unterdrücken. Das allgemein Glaubliche hat doch etwas Ehrwürdiges ... Der Verfasser : Und dazu einen Anflug von Langeweile; wie das Einmaleins, wie eine Logarithmentafel, wie das preußische Landrecht, wie alles in sich Richtige und Gültige. Aber das nämliche Vertrauen, das du dem Einmaleins entgegenbringst, beherrscht dich auch in vielen anderen Dingen, die du als völlig ausgemacht und unangreifbar betrachtest. Und da tritt einer auf, der da einen Spalt entdeckt, durch den das Mißtrauen einschlüpfen kann. Durch diesen Spalt führt er dich wie durch den Sprung in einer Kulisse. Und plötzlich stehst du einem andern Bild gegenüber. Hinter der abgestandenen Glaublichkeit öffnet sich eine frische und sehr interessante Unglaublichkeit ! Der Empfänger : So, so. Und solche Unglaublichkeiten willst du erst entdecken und dann beleuchten? Der Verfasser : Allerdings. Allein ich verfahre dabei nicht nach einem vorher festgelegten Schema F. Der Magisterton ist mir zuwider. Der Leser soll ergötzlich unterhalten werden, das ist mir genau so wichtig, wie die Absicht, ihm merkwürdige Belehrung zufließen zu lassen. Vielfach kleide ich diese in die Form einer im Plaudertone vorgetragenen Erzählung, ja sogar eines Schwankes, den man auf einer Bühne oder im Film darstellen könnte. Aber irgendwo sitzt da immer ein Gedankenexperiment, das mit dem Unglaublichen spielt und aus dem Kontrast von Möglich und Unmöglich gewisse Reize zu entwickeln trachtet. Der Empfänger : Nenne mir einzelne Beispiele! Der Verfasser : Gerade das möchte ich vermeiden. Ich käme mir vor wie ein Lustspieldichter, der im Vorspiel Pointen aus den folgenden Akten verraten wollte. Denn auch hier ist das Wesentliche auf Pointen angelegt, freilich auf Spitzen, die sehr erheblich über die Alltäglichkeit hinausragen. Der Empfänger : Am Ende gar ins Philosophische hinein? Der Verfasser : Sagen wir: in ein Grenzgebiet, wo sich Philosophie und Humor berühren. Ob es mir gelungen ist, auf diesem Gebiet Fuß zu fassen, das wirst du als Leser zu entscheiden haben. Mir steht es nur zu, von meinen Absichten zu reden. Und zu diesen gehört der Wille, durch erlebte und gedachte krause Wunderlichkeiten, Rätsel und geistige Abenteuer Spannung zu erzeugen; Fernblicke in ungeahnte Horizonte zu eröffnen. Der Empfänger : Und sollte dabei nicht sehr viel Paradoxes mit unterlaufen? Der Verfasser : Ganz bestimmt. Ich bekenne mich sogar auf der Titelseite ausdrücklich zu ihnen. Auf geradlinigen Wegen läßt sich der Widerspruch gegen das Leichtglaubliche nicht gewinnen, und wenn man sich schon einmal vorgenommen hat, Unglaublichkeiten zu entwickeln, darf man auch vor Ketzereien gegen die Allerweltslogik nicht zurückbeben. Der Empfänger : Es fragt sich bloß, ob alle Leser deine Paradoxien werden mitmachen wollen. Der Verfasser : Alle? höchst unwahrscheinlich. Aber viele von denen, auf die es ankommt. Ich halte dies sogar meinem Unglauben zum Trotz für eine mit allen Anzeichen des Wahrscheinlichen ausgerüstete Glaublichkeit. Der Empfänger : Du redest sehr zuversichtlich. Der Verfasser : Das muß ich wohl. Denn ein Buch schreiben, das heißt: an willfährige Leser glauben. Das Gegenteil für möglich halten, siehst du, Freund, das wäre selbst mir eine allzu paradoxe Unglaublichkeit! Erste Abteilung: Begebnisse. Das doppelt geöffnete Tor. Man sprach von irgend einem neuen Roman. Doktor Snyder bekannte, ihn nicht gelesen zu haben: Dazu fehlte mir die Zeit, ich habe genug zu tun mit der Wiederherstellung der alten verstümmelten Romane, und meine Quelle sind die klassischen Archive. Da gibt es zu schöpfen, meine Herrschaften! Erst heute fiel mir wieder eine der wunderbarsten Erzählungen in die Hand, eine wahre Begebenheit, die ich mir vor sechs Jahren in der Bibliothek zu Ravenna abgeschrieben habe. Es ist die Geschichte von dem Jüngling, der Frau und dem Tiger. Einer der Anwesenden entsann sich des Sachverhalts: Ist denn diese Geschichte nicht von Stockton? Darum handelt es sich eben. Stockton brachte ein Rätsel und ich bringe die Auflösung. Er schloß vor mehr als einem Menschenalter mit einer offenen Frage, auf die weder er selbst noch irgend ein Leser die Antwort wußte, und gerade auf diese Antwort kommt es an; sie enthält erst den wirklichen Roman. Der klingt freilich ein bißchen anders, als in der verfälschten und verquatschten Form, in der Sie ihn kennen gelernt haben. Ach so erzählen Sie doch! wie war denn eigentlich die Sache? – Die spielte in Rom zur Zeit des Kaisers Domitian. Da lebte ein junger, verhärmter Dichter namens Quintus Agricola; ganz Geist, ganz Träumer, ganz Seele und dementsprechend schattenhaft dürr. Durch Zufall lernte die Tochter des Kaisers, Prinzessin Eudoxia, seine Verse kennen, mit dem Erfolg, daß sie den genialen Verfasser in ihrer Nähe zu sehen wünschte. Leider verfuhr sie hierbei nicht nach der Hofregel, sondern sie verfiel auf den romantischen Betrieb der Heimlichkeit. Eine gefällige Palastdame namens Bombasta machte die Zwischenträgerin, und in den ausgedehnten Gärten des Palatin kam es in dämmriger Stunde zu Zusammenkünften, die bis zu schüchternen Handküssen gediehen. Kurzum es ergab sich ein platonisches Verhältnis, das bei aller Reinheit doch früher oder später zu einer Katastrophe führen mußte; denn der Klassenabstand zwischen dem plebejischen Dichter und dem kaiserlichen Fräulein war ein so ungeheuerer, daß er durch keine Berufung auf Plato überbrückt werden konnte. Agricola schwamm in allen Himmeln, ohne die Nähe des Verhängnisses zu ahnen, das in der Palastdame und Gesellschafterin Bombasta Fleisch und Bein gewann. Diese war eine Canaille in der schärfsten Bedeutung des Wortes, denn Canaille kommt auf gut klassisch von canis her, und tatsächlich wühlten auch hündische Instinkte in den ausgedehnten Bereichen ihres fettleibigen Körpers. Daß sie sich gleichfalls in den ätherischen Jüngling verliebte, wäre nach den Gesetzen des Kontrastes zu verzeihen gewesen; aber bei ihr war es keine platonische, sondern eine derb-sinnliche Angelegenheit, verschärft durch maßlose Eifersucht auf die sanftschwärmende Prinzessin und bis zum Koller getrieben durch die teuflische Lust, auf Schleichwegen Unheil zu stiften. Bombasta petzte also, und gleich so gründlich als nur möglich. Sie ging zum Kaiser Domitian und verriet ihm das zarte Geheimnis aus den Laubengängen der palatinischen Gärten. Domitian schäumte und wollte zuerst den dichtenden Sünder nach erprobtem Neronischen Muster in eine lebende Fackel verwandeln. Allein die intrigante Palastdame wußte einem besonderen, eigens von ihr ausgeheckten Plan Geltung zu verschaffen, und dieser erschien dem Imperator so geistreich erdacht, daß er der Dame alle Vollmachten zur Verwirklichung ihres großartigen Projektes erteilte. Ein Volksfest wurde angesagt, das zugleich durch die Feinheit der Grundidee wie durch die Grausamkeit des Programms alles je erlebte übertraf. Achtzigtausend Römer und Römerinnen drängten sich zu den Stufen des Kolosseums, in dessen Arena ein einzelner Mensch zugleich Subjekt und Objekt der aufregendsten Handlung bilden sollte. Verloren wie ein Punkt im Raum stand dort der Dichter Quintus Agricola und harrte einem Geschick entgegen, das er selbst zu bestimmen, selbst zu erleiden hatte. Sollte er etwa mit einem wilden Gladiator kämpfen? Unmöglich, denn zu solchem Zwecke hätte man dem Schwächling irgend welche Waffe in die Hand gegeben. Nein, ihm war Tückischeres vorbehalten. Zwei Eisentore, eines mit weißem, das andere mit grünem Anstrich, beide verschlossen und von der Arena aus zu unsichtbaren Gewölben führend, fesselten die Aufmerksamkeit. Eines dieser Tore sollte der Verurteilte nach kurzer Bedenkzeit mit ausgestrecktem Finger bezeichnen; es würde sich öffnen und aus seiner Höhlung entweder einen riesigen, halbverhungerten Tiger – oder eine geschmückte Frau hervorgehen lassen; ganz nach freier Wahl des Verurteilten, der indes für sein Fingersignal keinen anderen Anhalt besaß als den blanken Zufall. Wies er auf das Tigertor, so war er in den nächsten Minuten zermalmt und verschlungen. Standen ihm die Götter bei, daß er auf das andere Tor wies, so blieb er am Leben, und zwar als der Gatte der Frau, die herausschreiten sollte. Priester standen bereit, um den Ehebund sofort zu siegeln. Zitternd überlegte Agricola, angstvoll schweiften seine Blicke durch den Raum, um an der kaiserlichen Loge haften zu bleiben. Dort saß neben dem Imperator die Prinzessin Eudoxia. Gewiß war sie in das Geheimnis eingeweiht, und da sie ihn liebte, so würde sie ihm wohl ein leises Zeichen geben, aber welches? Konnte sie die Vernichtung des Geliebten wünschen? nicht anzunehmen; konnte sie ihn einer anderen gönnen? ebensowenig. Das ergab also nur ein qualvolles Hin- und Herstarren zwischen dem Jüngling und der Kaisertochter, und mit der offenen Frage »was geschieht?« schließt die alte Geschichte, deren wirkliches Ergebnis hier zum ersten Male berichtet wird. Die Frist war abgelaufen, und Agricola mußte sich entscheiden. Die Motive lagen auf beiden Seiten absolut gleich, denn das weiße Tor konnte mit der nämlichen Wahrscheinlichkeit den Tiger herausspeien wie das grüne. In namenloser Angst erhob der Ärmste seine Arme wie hilfesuchend zu den Göttern, beide Arme gleichzeitig . Die Arenawächter aber mißverstanden diese Armerhebung, hielten sie für das erwartete Signal, und infolge dieses Irrtums öffneten sich beide Tore in derselben Sekunde. Aus dem grünen Tor schritt die vorbestimmte Braut, und das war Bombasta selbst, die heimtückische Angeberin, welche auf Grund der kaiserlichen Vollmacht diesen dramatischen Schlager vorbereitet hatte. Aus dem weißen Tor sprang heiser röchelnd der kolossale Tiger, um dem Drama augenblicklich eine von der Anstifterin keineswegs beabsichtigte Wendung zu geben. Denn ihm fiel die Wahl weniger schwer als kurz zuvor dem Dichter die Wahl zwischen den beiden Toren. Keines Blickes würdigte er den schlotternden Poeten, sein Sinn stand eindeutig nach Fettsubstanz, er stürzte sich mit jähem Sprung auf die feiste Palastdame, und bereitete sich aus ihr ein leckeres Mahl zum Gaudium der achtzigtausend Zuschauer, die einen solchen Aktschluß als eine unerhörte Sensation empfanden. Gesättigt zog sich die gestreifte Bestie in ihr Gewölbe zurück. Aber die Volksmenge verlangte nunmehr auch noch eine Genugtuung für den geretteten Dichter, der für die ausgestandene Todesangst ausreichend entschädigt werden mußte. Domitian winkte von seiner Loge aus Gewährung. Allerdings ließ sich die strenge Hofordnung nicht überschreiten, die nicht einmal einem Prätor, geschweige denn einem Dichterling dunkler Herkunft, den Eintritt in den hohen Familienverband gestattete. Aber man griff zu einem Ersatzmittel: Agricola wurde durch besondere Bestallung zum Hofvorleser der kunstsinnigen Prinzessin ernannt. Meine Quelle in der Bibliothek zu Ravenna verrät noch mehr. Sie deutet an, daß die beiden sich nicht damit begnügten, lesend und hörend in Versen zu schwelgen, sondern daß sie sich sogar entschlossen, gemeinsam ein Werkchen im Stile von Ovids » Ars amandi « herauszugeben. Die verbogenen Welten. Man unterhielt sich über allerhand Träume, und der Freund des Philosophen erzählte gerade sein Traumerlebnis der verflossenen Nacht. Es wäre ihm gewesen, als wüchse er unaufhörlich, erst bis zur Goliath-Größe, dann noch weit darüber hinaus; er habe eine Ausdehnung erreicht etwa wie der Ulmer Domturm. Das sei ganz unheimlich und unbehaglich gewesen. Der Philosoph : Das läßt sich denken; vorausgesetzt, daß du dich träumend in geschlossenem Raum befunden hast. Denn dann mußt du ja mit dem Kopf durch die Stubendecke und durch alle Stockwerke des Hauses gestoßen sein. Der Freund : Nein, so war's nicht. Ich befand mich allerdings im Zimmer, allein alles um mich herum wuchs mit mir im gleichen Verhältnis. Ich sehe mich noch am Schreibtisch, wie ich mit einem Federhalter von der Länge eines Mastbaumes einen Brief schrieb; aus einem Tintenbottich, der umfänglicher war als das größte Stückfaß im Ratskeller. Eigentlich war ich recht froh, als ich aufwachte und alles wieder in den gewohnten Größenverhältnissen vorfand. Der Philosoph : Und du bist nun ganz sicher, daß sich an diesen Größenverhältnissen gar nichts geändert hat? Der Freund : Schnurrige Frage. Erstlich sehe ich doch, daß alles genau ist, wie es war. Und zweitens: wenn ich träume, so hat das doch nicht den geringsten Einfluß auf die Wirklichkeit. Der Philosoph : Also die Wirklichkeit steht fest, in allen Ausdehnungen und Formaten. Das wollen wir doch einmal untersuchen; und zwar nach einer Methode, die von Poincaré herrührt. Der Freund. Bitte, nichts von Politik in diesem Zusammenhange. Der Philosoph : Ausgeschlossen. Ich rede von dem Mathematiker gleichen Namens, von Henri Poincaré, welcher derartige Träume in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen hat; mit dem Ergebnis, daß sich die Welt andauernd in der erstaunlichsten Weise verändern kann, ohne daß wir davon das allergeringste bemerken. Der Freund : Das wird sicher auf eine Sophisterei hinauslaufen. Habe ich doch sogar den Unterschied im Moment des Aufwachens auf das allerdeutlichste wahrgenommen. Der Philosoph : So erschien es dir allerdings. Aber stelle dir einmal vor, der Traum wäre Wahrheit gewesen. Du wärest wirklich um das Hundertfache gewachsen, und alle Dinge um dich herum hätten dies nach Länge, Breite und Dicke mitgemacht; nicht nur die nahen Gegenstände, sondern alles Sichtbare und Greifbare überhaupt, also die ganze Welt. So würde jedes Mittel fehlen, um den Unterschied zwischen jetzt und früher irgendwie festzustellen. Denn sämtliche Maßstäbe, die wir in unseren Sinnen tragen, hätten sich gleichfalls verhundertfacht, müßten uns also genau dieselben Ergebnisse liefern wie zuvor. Leuchtet dir das ein? Der Freund : Nein, durchaus nicht. Eher könnte ich sagen: es verwirrt mich. Ich will mich aber nicht verwirren lassen. Halt, ich hab's! Du redest immer nur von der geometrischen Ausdehnung; ist denn das aber alles, was ich von mir und von anderen Körpern weiß? Da gibt es doch noch andere Erscheinungen, Bestimmungen und Merkmale; und wenn du einseitig mit der Größe anrückst, so spiele ich dagegen die physikalischen Eigenschaften aus; zum Beispiel die Masse der Körper, ihr Gewicht. Die würden sich doch auch geändert haben, und zwar in ganz anderem Verhältnis als in der linearen Ausdehnung. Der Philosoph : Der Einwand war zu erwarten, er hält aber nicht stand. Nämlich weil auch jede physikalische Eigenschaft, kurz alles Wahrnehmbare im letzten Grunde auf einfache Zahlenverhältnisse zurückgeht. Griffe also eine übernatürliche Gewalt plötzlich oder allmählich in unseren Weltenbau ein, um ihn in allen Dimensionen ungeheuerlich zu verändern, so wäre dieser Vorgang nur von einer anderen Welt her erkennbar, für uns aber, für die in dieser Welt eingeschlossenen Beobachter, durchaus nicht. Der vorige Zustand und der spätere wären schlechterdings ununterscheidbar, anders ausgerdrückt: es hätte überhaupt gar keine Veränderung stattgefunden. Alles wäre genau so, geblieben, wie es war, – für uns, – trotz aller Vergrößerung, trotz aller Verkürzung; denn wir können auch umgekehrt schließen: gesetzt, diese ganze Welt schrumpfte ein bis zur Winzigkeit, bis zur Ausdehnungslosigkeit eines einzigen Punktes, so bliebe sie in allem Ablauf der Erscheinungen immer noch unsere bekannte Welt, ohne daß sich in unseren Betrachtungen, Arbeiten, Freuden und Sorgen das allermindeste geändert hätte. Der Freund : Das klingt allerdings äußerst abenteuerlich. Der Philosoph : Und ist doch erst der Anfang des gedanklichen Abenteuers, das wir zu durchmessen haben, wenn wir uns von dem Vorurteil des Absoluten gründlich zu befreien trachten. Jene übernatürliche eingreifende Gewalt wollen wir uns einmal personifizieren. Und um ihr einen Namen zu geben, nennen wir sie mit Plato: den Demiurgos. In seinem Belieben steht es, die Körperwelt unaufhörlich zu verändern, zunächst gleichmäßig nach allen Richtungen, damit wir's nicht merken. Und da er es kann, so übt er es auch, da in unserer Vorstellung irgendein Vermögen ohne seine Ausübung nicht denkbar ist. Eines Tages verfällt Demiurgos auf die Idee, die Welt nicht mehr gleichmäßig auszudehnen, sondern ungleichmäßig , nämlich nur nach einer Richtung, sagen wir: in der Linie Nord-Süd. Die neugeformte Welt wird also der bisherigen ganz und gar unähnlich.... Der Freund : Und das müßten wir augenblicklich merken; wenn wir überhaupt noch soviel Zeit und Besinnung behielten, um diesen auffälligen Vorgang festzustellen; denn er wäre eine Weltkatastrophe. Da wir aber in historischen Zeiten nichts dergleichen gespürt haben, so folgt: Dein Demiurgos hat diesen Plan niemals gehegt, niemals verwirklicht. Der Philosoph : Falsch! Mein Demiurgos kann die Welt in jeder Minute ganz einseitig auseinanderziehen, in einer einzigen Richtung verschieben, und wir Menschen werden uns auch in diesem Falle nicht der geringsten Veränderung bewußt werden! Der Freund : Aber wirklich, jetzt wirst du paradox! Wenn die Erde sich von Nord nach Süd um das Hundertfache verlängert, während der Äquatorumfang so bleibt, wie er war, so bekommt sie doch eine ganz neue Figur, sozusagen eine Wurstform, und das soll ich nicht feststellen können? Ich brauch' ja nur nachzumessen. Der Philosoph : Womit? Mit einem Maßstab! Aber dieser Maßstab gehorcht doch gleichfalls der neuen Verfügung des Demiurg, er verlängert sich hundertfach, sobald du ihn in die Längsdimension hineindrehst, ebenso dein Augapfel und alles Organische an dir und in dir, kurzum die neue Messung stimmt im Ergebnis vollkommen mit der alten überein, die Erde bleibt für dich die altgewohnte Kugel, und du selbst bleibst der alte, obschon du nach Demiurgs Willen ein Monstrum geworden bist. Und damit noch nicht genug: Demiurg könnte das Universum überhaupt hierhin und dorthin ganz beliebig verschieben, verbiegen, kneten, deformieren –, wenn nur wir selbst, wir Menschen, entsprechend mitverbogen, mitverzerrt, mitgeknetet werden, bleibt für unsere Vorstellung alles ungeändert, und wir können gar nicht auf die Vermutung geraten, daß der Demiurg inzwischen an uns und allen Körpern so fürchterlich experimentiert hat. Der Freund : Hör auf! Mir kommt schon alles ganz verschoben und verbogen vor. Der Philosoph : Mit dieser Ansicht bist du auf dem besten Wege zur neuphysikalischen Erkenntnis der Dinge. Wir dürfen tatsächlich die uns scheinbar so vertraute Welt als eine »deformierte« betrachten, hervorgegangen aus einer anderen, von deren Abmessungen und Gestaltungen wir niemals etwas erfahren können. Du, lieber Freund, kannst vor einer Stunde die Größe und Figur des Sternes Sirius gehabt haben. Seitdem ist die knetende Faust des Demiurg in dich und ins Weltall gefahren, um dich in eine neue Größen- und Gestaltsordnung überzuführen. So wie du hier vor mir stehst, bist du geometrisch deformiert, entstellt, vom Standpunkt deiner früheren Sirius-Existenz betrachtet. Ich darf das als möglich annehmen, ohne Beweispflicht, nur darauf gestützt, daß kein Gegenbeweis geführt werden kann. Der Freund : Aber du willst mir doch offenbar etwas »beweisen«. Der Philosoph : Für heute nur das eine, daß neben der Physik von Anno Olim sehr wohl noch eine ganz andere existieren kann. Der Freund : Am Ende gar auch eine andere Logik? Der Philosoph : Du möchtest gern ein schroffes Nein hören, ich aber antworte mit einem herzhaften Ja. Wenn man erst das Prinzip der unmerklichen Verbiegung, Verzerrung, Deformation zugibt, dann hat es keinen Sinn mehr, diese Veränderungsmöglichkeiten auf das rein Körperliche zu beschränken. Alles Physikalische findet sein Gegenbild im Logischen, Geistigen, sogar im Moralischen. Aus der Erhaltung der Energien läßt sich eine Konstanz der Interessen, der Begabungen, der geistigen und sittlichen Strebungen ableiten. Und so wäre es auch durchaus möglich, daß wir plötzlich in eine Welt mit völlig verschobenen Maßen für Logik und kulturelles Denken gerieten, ohne daß wir es merkten. Nur von einer gänzlich anderen Welt her wäre ein Unterschied zu beobachten. Gibt es solche? Voltaire schätzt die Anzahl der vorhandenen Universen auf hunderttausend Millionen. Davon kannst du dir eine als Standort für die Betrachtung aussuchen, wenn du sachlich feststellen willst, was sich etwa in unserer Menschenwelt dehnt, kürzt, verbiegt, verzerrt oder verkrümmt! Wie Lord Pinkleton gutes Wetter machte. Man merke sich die Namen: Namirez, Cabrera, Gonzales, Lopez, Perera, Martinez, Bolivar, Blanco, Castro, Olivera; wenn man sie in irgendeiner Reihenfolge dem Gedächtnis einverleibt hat, so weiß man in der Revolutionsgeschichte der Cordillerenstaaten annähernd Bescheid. Alle diese Herrschaften sind nämlich Präsidenten, und sie werden es dadurch, daß einer immer den anderen stürzt respektive ermordet, was eine in ihrer Mannigfaltigkeit höchst erquickliche Reihe von Permutationen zuläßt. Der geschichtliche Urgrund aller dieser Revolten ist in tiefes Dunkel gehüllt. Nur das eine steht fest, daß dabei enorm viel geschossen wird. In den peruanischen Archiven wird eine Tafel aufbewahrt, die in Antiqualettern folgende von einem deutschen Ansiedler gestiftete Inschrift aufzeigt: »Eine treue Familie bei Lima feuerte nie.« Dieser lapidare Satz kann Buchstabe für Buchstabe von rückwärts nach vorn gelesen werden, ohne seinen Inhalt zu ändern. Das Buchstabenphänomen entspricht in seiner Seltenheit durchaus der Abnormität des Vorganges. Alle anderen Familien bei Lima und in jenen interessanten Ländern überhaupt feuerten eben unausgesetzt, und den Inbegriff all dieser Feuertage nennt man kurz: Die Geschichte der südamerikanischen Freistaaten. Nur in einem einzigen Falle ist es mir gelungen, die Grundmotive einer solchen Revolution evident festzustellen. Auch hier laufen die Fäden anscheinend ziemlich kraus durcheinander. Aber es glückte mir schließlich, sie zu entwirren und den Hauptfaden in aller Klarheit bloßzulegen. Der fing, seltsam genug, in London an. Hier war es, wo in einem fashionablen Klub der rauhe Irländer Mac Clintock und der elegante Lord Pinkleton aneinanderprallten. Mac Clintock hatte die Taktlosigkeit begangen, bei einer abendlichen Zusammenkunft in Alpendreß zu erscheinen, ein Verstoß gegen die Klubsitte, der den auf Manneswürde und Frack eingeschworenen Lord tief empörte. »Sie kommen wohl aus einer Maskenverleihanstalt?« fragte er. »O nein,« erwiderte der Ire, »ich komme vielmehr geraden Weges von der Spitze des Montblanc, die ich unter meine eisenbeschlagenen Schuhe getreten habe.« »Ist auch ein rechtes Kunststück!« »Nun, das will ich meinen, Mylord! 4800 Meter Höhe! Haben Sie überhaupt schon jemals einen Berg absolviert? Sind Sie schon einmal an einem steilhängenden Gletscher emporgeklettert?« »Sollte mir einfallen! Das Klettern überlasse ich den Affen, Kaminfegern, Dachdeckern und Renommisten!« »So redet ein Schwächling, der vor dem bloßen Gedanken an eine Aszension von 4800 Metern zurückschaudert!« »Ich schaudere nur vor Ihrem Kostüm und nicht vor den 4800 Metern, die Sie mir mit so großer Beharrlichkeit um die Ohren schlagen. Wenn ich wollte, mir wäre das eine Bagatelle. Auf Ihren Montblanc pfeife ich. Ich bin der Lord Pinkleton, und wenn es nicht wenigstens 6000 Meter sind, fange ich gar nicht an.« »Und mich nennen Sie einen Renommisten? Sie renommieren!« »Wetten die Herren doch!« schallte es ihnen entgegen. Das Wort fiel auf fruchtbaren Boden, und in die Wettbücher wurde eingetragen: Lord Pinkleton erklärt, bis zum 15. September eine Bergspitze von mindestens 6000 Meter Höhe ersteigen zu wollen. Mr. Mac Clintock bestreitet die Möglichkeit. Der Verlierer zahlt an den Gewinner 10 000 Pfund Sterling und übernimmt außerdem die Kosten der Expedition. Die Benutzung von Luftballons und Flugmaschinen ist ausgeschlossen. Der in alpinen Dingen wohlbewanderte Dr. Francis, Mitglied des Klubs, wird den Lord als Zeuge des Aufstieges begleiten. Noch am selben Abend begaben sich der Lord und Dr. Francis zu einer Beratung ins Bibliothekzimmer. »Wenn es Ihnen recht ist, Doktor, benutzen wir morgen früh den ersten Zug nach dem Kontinent. Denn in Großbritannien, so vermute ich, werden wir einen Berg von der stipulierten Höhe kaum aufzutreiben vermögen.« Dr. Francis zündete sich eine Henry Clay an und sagte bedächtig: »Eure Lordschaft vermuten ganz richtig. Aber auch der Kontinent wird nicht in der glücklichen Lage sein, Ihnen das Verlangte bieten zu können, denn die 4800 Meter des Montblanc sind bekanntlich das Maximum in Europa.« »Doktor, ich bin ein Edelmann und kein Geograph. Ich ersuche Sie deshalb, mich mit Ausdrücken wie bekanntlich und selbstverständlich zu verschonen. Sie sollen mir vielmehr als Experte einfach mitteilen, welchen Berg ich zu wählen habe.« »Und ich kann nur wiederholen, daß in ganz Europa kein solcher vorhanden ist.« » Well , dann fahren wir nach Afrika.« »Auch dort nicht. Der höchste Gipfel in Afrika ist die Kibospitze des Kilimandscharo, die sich nach den neuesten Messungen nur bis zu 5800 Meter erhebt. Aber wie wäre es mit dem Himalaya? Ich könnte Ihnen dort den Gaurisankar empfehlen, der mißt zirka 9000 Meter.« »Das sind 3000 Meter zuviel. Ich habe nicht die mindeste Veranlassung, mir mehr zuzumuten, als die Wette vorschreibt. Ich verlange von Ihnen einen Berg von akkurat sechs Mille, nicht einen Meter darüber!« »Einen solchen wüßte ich auch in Asien nicht zu nennen. Aber halt! In den Cordilleren existiert so einer von genau 6000 Metern. Es ist der Gualasieri in der Provinz Mendoza, einer Seitenrepublik von Bolivia.« »Sehr gut, Doktor. Da hätten wir also das Objekt. Wir werden morgen früh direkt nach dem Gualasieri abreisen.« »Das geht nicht so direkt, Lord. Wir müssen zunächst nach Liverpool und hätten dort dreizehn Tage auf das nächstfällige Schiff nach Caracas zu warten.« »Sie sind zerstreut, Doktor. Ich will nicht nach Caracas, sondern nach dem Gualafieri.« »Selbstverständlich über Caracas, da bekanntlich ...« »... Da bekanntlich in der ganzen Angelegenheit nur das eine selbstverständlich ist, daß ich die Wette gewinne.« »Ich glaube, Lord, Sie werden verlieren. Sie stellen sich vor, man steigt da so hinauf wie auf den Turm von Westminster.« »Gott soll mich bewahren, so viele Treppen zu steigen! Ein Berg ist doch kein Turm. Ich hoffe, daß man da in sanfter Steigung hinaufkommen wird.« »Durchaus nicht. Was Sie sich vorgenommen haben, stellt ein überaus ernstes, schwieriges und gefährliches Wagnis dar. Sie sollten sich erst ein paar Wochen in den europäischen Alpen trainieren. Ich will Ihnen dabei behilflich sein, und wir fahren dann mit dem übernächsten Dampfer.« »Ich denke nicht daran. Trainieren heißt steigen, und das lehne ich glatt ab. 6000 Meter stehen auf dem Programm, nicht einen Zentimeter gebe ich als Zulage.« »Und was wollen Sie während der dreizehn Tage beginnen, die wir noch warten müssen?« »Wir müssen gar nicht warten, ich werde eine Dampfjacht chartern, die sofort in See stechen soll.« »Das vereinfacht natürlich die Sache; wenn das Geld gar keine Rolle spielt...« » Indeed ; es liegt nicht das geringste Motiv vor, das Geld meines Gegners zu schonen.« – – Einige Wochen später befanden sich der Lord und der Doktor auf dem Hochplateau der südamerikanischen Republik. Auf einer kleinen Anhöhe lag ihr Gasthof, von dessen Veranda aus sich eine imposante Fernsicht eröffnete. Tief im Tale die Hauptstadt mit dem in graziösen Formen gehaltenen Palaste des Präsidenten Cabrera, darüber die stattliche Bergfestung Santa Cruz, und nach Nordwest hin, alles überragend, der in Schroffen himmelansteigende Gualafieri, dessen weiße Firnspitze sich in den Azur zu bohren schien. Aber dieses entzückende Panorama verwölkte sich schon eine Stunde nach ihrer Ankunft. Phöbus, der die Gäste aus seinem Zelt von reinster Tropenbläue begrüßt hatte, zog einen Dunstmantel nach dem anderen über die Schultern und verkroch sich bald gänzlich, um das Regiment dem Jupiter pluvius zu überlassen. In der Stadt gab es gerade eines jener Volksfeste, deren der Kalender dieser gesegneten Republik an dreihundert pro Jahr aufzählt. Dem Regen zum Trotz jubilierte die Menge unter improvisierten Zeltdächern mit ihrer in endlosen Wiederholungen gesungenen, gefiedelten, gedudelten und geblasenen Nationalhymne: »Heil dem Präsidenten Cabrera, – dem Inaugurator der goldenen Ära, – Heil dem Trefflichen, Prominenten, – Tod jedem Feinde des Präsidenten!« Auch einem mäßig begabten Menschen hätte bei diesen Ausbrüchen der Begeisterung binnen drei Minuten klar werden müssen, daß dieses Volk entschlossen war, sich für ihr Oberhaupt Cabrera zerhacken, sieden und rösten zu lassen, und da unseren Touristen an der Vertiefung dieser Kenntnis nicht viel lag, so saßen sie vom zehnten Tage ab fast unausgesetzt in der Gaststube des Hotels, überlegten, wie man bei diesem Wetter auf den Gualafieri hinauf könnte, und spülten ihre Ratlosigkeit mit gutem Xeres hinunter. »Nun haben wir alles, was wir für die Expedition brauchen,« sagte der Lord, »Führer, Träger, Proviant, Decken, Leitern, Spitzhacken, Seile, eine tragbare Hütte, und sind hier unten zur Haft verurteilt, weil eine Aszension unter diesen Bedingungen ein Wahnsinn wäre!« »Eine Unmöglichkeit,« ergänzte Francis. »Die Wolkenbrüche würden uns beim ersten Versuch in die Tiefe schwemmen.« »Was geschieht nun aber, wenn diese Güsse noch wochenlang andauern?« »Dann versäumen Sie den Termin und verlieren Ihre Wette. Ich hab' Ihnen das schon in London prophezeit.« »Doktor, Sie werden zugeben, daß es absurd wäre, mit dieser Eventualität zu rechnen. Ich hab' noch nie eine Wette verloren.« »So werden Sie endlich einmal damit anfangen müssen. Gegen den Himmel sind wir machtlos.« »Das wäre erst noch zu beweisen. Ich habe einmal im Klub von Versuchen gehört, die darauf abzielten, das Wetter künstlich zu verbessern.« »Sie meinen das Wetterschießen, Lord? Diese Experimente sind mir natürlich auch bekannt. Aber dazu gehören Kanonen.« »Flintenschüsse, meinen Sie, würden nicht ausreichen?« »Absolut nicht. Die Kanone ist das Minimum. Die Legende vom Wetterschießen knüpft an den Tag von Waterloo an, an dem Wellingtons Geschütze in den Regenhimmel direkt Bresche geschossen haben sollen.« »Wir werden dasselbe tun, Doktor. Wir werden die Wolken entzwei bombardieren und uns gutes Wetter herunterschießen.« »Und wo bekommen Sie die Kanonen her? Etwa auf dem Jahrmarkt da unten? oder wollen Sie sich mit Armstrong in Verbindung setzen? Das würde Monate in Anspruch nehmen, abgesehen davon, daß Ihnen keine Regierung der Welt die Erlaubnis gäbe, auf ihrem Gebiet mit Geschützen zu exerzieren.« In diesem Moment betrat der Kommandant des Forts Santa Cruz das Lokal. Er befand sich in Begleitung seines Adjutanten, und beide hatten wie alltäglich die Absicht, sich von den Strapazen des Volksfestes bei dem berühmten Xeres des Herbergsvaters ein wenig zu erholen. »Nun Lord,« sagte der Kommandant, »wie befinden Sie sich, was macht Ihre Aszension? Wird nichts daraus werden, was? Bei dem Wetter!« »Herr Kommandant Olivera,« erklärte der Lord, »in Ihrer Hand liegt es, mir zu helfen!« und nun entwickelte er dem Gaste die Idee des Wetterschießens als des einzigen Mittels, die Gewalt der Witterung durch menschliche Technik zu brechen. »Wenn ich Sie recht verstehe, Lord, so verlangen Sie von mir, daß ich einem Fremden zuliebe, der sich einen Sport in den Kopf gesetzt hat, die Geschütze unserer Forteresse spielen lasse. Sie werden begreifen, daß das ein Unding ist. Ohne den ausdrücklichen Befehl meines allverehrten Präsidenten Cabrera dürfte ich nicht eine Kartusche verbrennen.« »Herr Kommandant, es handelt sich nicht um scharfe Schüsse, sondern um blinde; mir liegt lediglich an der Lufterschütterung, an der atmosphärischen Wirkung.« »Und ich wiederhole Ihnen, daß meine Festung nur dazu da ist, um Land und Leute zu verteidigen, nicht aber um wegen der Laune eines Touristen die Luft zu erschüttern.« »Das müßten wir unter jeder Bedingung ablehnen,« ergänzte der Adjutant, Hauptmann Lopez Perera. »Darf ich fragen, Herr Kommandant, was für ein Gehalt Sie beziehen?« »Das steht zwar in gar keinem Zusammenhange mit dieser Angelegenheit, aber da es kein Amtsgeheimnis ist, will ich es Ihnen sagen: die Gnade seiner Herrlichkeit meines vielgeliebten Landeschefs gestattet mir, 2000 Pesos jährlich zu verzehren.« »Ich biete Ihnen das fünffache, wenn Sie noch heute ein Wetterschießen veranstalten.« »Zahlbar wann?« »Zahlbar sofort.« »Kommen Sie, Lopez Perera, wir werden feuern.« Auf dem Wege zum Fort spann Olivera die Unterhaltung weiter: »Sie besinnen sich, Hauptmann, daß ich stets große Stücke auf die Wissenschaft gehalten habe. Und dieser Plan des Engländers verbindet offenbar das Wissenschaftliche mit dem Praktischen. Das fünffache Jahresgehalt auf einem Brett! Wer bürgt mir dafür, daß unser allergnädigster Präsident noch fünf Jahre regiert? Daß ich unter seinem Nachfolger noch dieses Kommando innehabe?« »Dafür bürgt Ihnen niemand,« entgegnete der Hauptmann; »aber für etwas anderes will ich Ihnen garantieren: daß Sie bereits morgen abgesetzt sind, wenn Sie wetterschießen lassen.« »Das käme ganz auf die Richtung an, in der ich schieße.« »Wir sollen ja blind schießen, nach oben, in die Luft.« »Noch wirkungsvoller wäre es, wenn wir scharf feuerten, und zwar nach unten.« »Unten steht das Palais des Präsidenten.« »Vortrefflich, mein lieber Lopez Perera. Schießen wir also das Palais zusammen! « Und diesmal war es keine Legende, das Experiment hatte vielmehr den sichtbarsten, durchschlagendsten Erfolg. Schon beim zehnten Schuß besänftigte sich der Regen, beim zwanzigsten zerstoben die Wolken, und als die Kanonade im vollen Gange war, blaute der Himmel auf den wagemutigen Lord, der ohne Training, lediglich durch die motorische Kraft der Wette gespornt, ein Wunder vollbrachte. Lange vor Ablauf des gebuchten Termins konnte Dr. Francis bezeugen, daß Lord Pinkleton die Spitze des Gualafieri zu seinen Füßen gesehen und damit das 6000 Meterproblem gelöst hatte. Und noch ein Zweites wurde bei dieser Gelegenheit erwiesen, nämlich daß der in Europa bewährte Satz »zu einer guten Revolution gehört gutes Wetter« auch für die Kordillerenstaaten Gültigkeit besitzt. Als die Engländer im strahlenden Sonnenlicht vom Scheitel des Berggiganten nach der Stadt zurückkehrten, tobte das Volksfest noch immer mit unverminderter Heftigkeit. Nur in der Nationalhymne war eine kleine Veränderung bemerkbar, da der Text des patriotischen Liedes nunmehr lautete: »Heil dem Präses Olivera , dem Begründer goldener Ära ...« Der neue Präsident Olivera zeigte neben vielen anderen Mannestugenden auch in hervorragendem Maße die der Dankbarkeit. So ernannte er sofort seinen Adjutanten Lopez Perera, der ihn beim Wetterschießen unterstützt hatte, zum Kommandeur des Forts. Die Kanonen von Santa Cruz ließ er an demselben Tage vernageln, da er es für angezeigt hielt, seine Herzensgüte mit vorausschauender Weisheit zu paaren. Er regierte, von auffallendem Glück begünstigt, länger als die meisten seiner Vorgänger, nämlich 3 Monate, 4 Tage und 5 Minuten, genau bis zu dem Augenblick, da sein Freund Lopez sich mit dem Dolch in der Hand und mit der Nationalhymne »Heil dem Präsidenten Perera « zum Chef des Staatswesens emporschwang. Die Geiseln des Senators. Ob wirklich nichts Neues unter der Sonne, alles vielmehr schon dagewesen, darüber mag man streiten. Nehmen wir den Satz richtig an, so ist er jedenfalls nicht umkehrbar. Die Umkehrung würde als bedeuten, daß jedes Ereignis der Vorzeit ihre Wiederkehr, mindestens ihr Abbild in unserer Gegenwart finden müsse; es gäbe dann im Ablauf der Dinge keine singulären, unwiederholbaren Vorgänge. Solche sind aber tatsächlich vorhanden, und die nachfolgende Erzählung mag einen der seltsamsten herausgreifen. In ihrem Kerne zwar stecken Personen, deren Amt und Zweck der Neuzeit wieder recht geläufig wurden: ein Diktator und Geiseln. Wie aber dieser Diktator mit diesen Geiseln zusammenhing, das hat der Weltgeist nur einmal ersonnen, nur einmal als Wirklichkeit hingestellt und niemals wiederholt. Das begab sich im Jahre 1252 zu Rom. Die Bürger der Stadt wollten einen neuen Bürgermeister haben und hielten Umschau nach einem starken Mann. Manche lebten wohl in der Siebenhügelstadt, die sich mit Recht ihrer eisernen Fäuste rühmten, aber gerade gegen sie sollte der Neuzuwählende als der Stärkere, als der Bändiger ihrer Herrschgelüste auftreten. Ein Volksmann sollte kommen als Inhaber der höchsten Zivilgewalt, mit diktatorischen Vollmachten ausgestattet und mit dem Titel eines Senators. Rang und Name war aus dem Plural des antiken Rom ins Mittelalter hinübergewandelt als Singularis. Es gab nur einen Senator, den wirklichen Herrn Roms, trotz des Papstes, trotz der weltlichen Mächte, die von jenseits der Alpen und von Sizilien her ins Tibergebiet hineinragten. Denn der Kaiser war fern, der Papst lebte in ewigen Konflikten mit der Stadt, und nur wer im Kapitol gebot, aus dessen Hand erfloß die Stadtmacht. Senator hieß er, – Diktator war er. Man wollte einen Verwalter des Innern, suchte ihn im Äußeren und fand ihn in Bologna. Sein kraftstrotzender Name »Brancaleone« an die Pranke des Löwen erinnernd, entsprach dem Wesenskern des Mannes: er war wirklich ein Löwe als Persönlichkeit, ein Geisteslöwe im Feld der Rechtsgelehrtheit und obendrein ein Finanzlöwe. Als er noch in Bologna wohnte, hatte er einem prinzlichen Gast aus England zur Begrüßung hundert mit Geschenken beladene Wagen zugeschickt; eine Grußspende, die den Empfänger, Eduard, den nachmaligen König, zu der Erklärung veranlaßte: ganz England sei nicht so reich wie Bologna. Das war jedenfalls keine schlechte Empfehlung für den Brancaleone, und die Römer konnten sich auf ansehnliche Repräsentation bei ihrem neuen Senator gefaßt machen. Aber bis hierher sehen wir noch nichts Einzigartiges; auch nicht in der Wahl eines Auswärtigen zum Stadthaupt. Wir haben dafür Parallelen im neuen Deutschland. Miquel war Oberbürgermeister in Osnabrück und wurde in gleicher Eigenschaft nach Frankfurt berufen, und auch er war ein sehr kapitalkräftiger Herr. Soweit würde sich also der Satz, »alles wiederholt sich nur im Leben«, in gewisser Variation auf den vorliegenden Fall übertragen lassen. Aber von hier aus biegt die Geschichte in eine besondere Linie ein, deren Schwingung ein Unikum geblieben ist. Erstlich verlangte und erhielt der neue Senator einen Anstellungsvertrag, der weitaus alles überschreitet, was die verwegenste Phantasie eines modernen Oberbürgermeisters auszudenken vermöchte. Die Verpflichtung umfaßte zunächst ein Monatsgehalt von 250 Golddukaten, gleich 750 Talern, wobei man sich vorzustellen hat, daß der Geldeswert wenigstens um das zwanzigfache den heutigen übertraf. Hielt er es ein Jahr aus, so konnte er es, bei freier Wohnung in bevorzugter kapitolinischer Lage, nach unserem Maße geschätzt, auf reichlich eine halbe Million Mark bringen. Seine souveräne Amtsgewalt überflog das Stadtgebiet so weit, daß er Verträge mit Fürsten und Republiken abschließen, Gesandtschaften ernennen, Huldigungseide entgegennehmen durfte; seine Rechtsbefugnis erstreckte sich auf Leben und Tod; seinem eigenen Wappen fügte er das altgeschichtliche S. P. Q. R. bei, und auf die Münzen prägte er seinen Namen und sein Bild wie ein Herrscher von Gottes Gnaden. Allein der Anstellungsvertrag enthielt auch einige unangenehme Klauseln. Mit jener üppigen Dukatenrechnung konnte es hapern, falls dem Senator irgend ein Verstoß bei Ausübung des Amtes nachgewiesen wurde; und wie das Schicksal in der Mythologie den Göttern übergeordnet war, so lagerten über ihm dunkle Gewalten der Überwachung und der Kontrolle. Das Recht des freien Bürgers, spazieren zu gehen, verkürzte sich bei ihm nach ausgezählten Schritten. Seine Burg war genau genommen auch sein Gefängnis, das er nur nach engumschriebenen Regeln in Raum und Zeit verlassen durfte; und in der langen Liste der Einschränkungen finden wir: Verbot, mit den Bürgern vertraulich zu verkehren; Verbot, im Palast eines Magnaten zu speisen; Verbot, irgend einen nahen Verwandten bei sich aufzunehmen; ja sogar das Verbot, verheiratet zu sein. War er bei Amtsantritt vermählt, so wurde für die Dauer der Würde die Witwerschaft über ihn verhängt. Im Hintergrunde stand noch am Schluß der Senatorherrlichkeit ein peinliches Examen, das bei ungenügendem Ergebnis zu Gehaltsverlust und zu Haft führen konnte. Da der tüchtige Brancaleone diese Klauseln genau kannte, griff er in weiser Würdigung aller Möglichkeiten zu Gegenmaßregeln. Der Bolognese wußte genau: man brauchte ihn, man erwartete von ihm Allheil, also durfte er seine Gegenbedingungen stellen. Und hier trat der dramatische Schlager ein, mit der Bedeutsamkeit des Einzigartigen: Brancaleone forderte Geiseln ! Genau so zu verstehen: Söhne edler Römer sollten in Bologna als lebendige Pfänder zur Gewähr für seine persönliche Sicherheit festgesetzt werden. Drei Jahre lang wollte er Rom regieren mit dieser gewaltsamen Bürgschaft in der Hinterhand. Ging die Schlußprüfung übel aus, dann wehe den Geiseln! Man schaudert, wenn man sich diese Bedingung auf die Laufbahn eines neuzeitlichen Stadtbeamten projiziert denkt. Sie war schon damals, in der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, abenteuerlich, unerhört. Nichtsdestoweniger – sie wurde bewilligt, die edlen Geiseln wanderten nach Bologna. Deren Menge ist nicht genau zu ermitteln; die Chronikenschreiber gehen in der Bezifferung auseinander. In der Storia di Romagna des Vesi wird die Zahl auf 30 angegeben. Mit diesem zuverlässigen Rückhalt durfte Brancaleone den Einzug in die Hauptstadt getrost wagen. Er gestaltete sich zu einem großartigen Gepränge, das den Vergleich mit dem Krönungsfest eines Kaisers oder Papstes sehr wohl aushielt. Und gleich im ersten Anlauf wurde ein Grundstatut durchbrochen: das unfreiwillige Zölibat, sonst unverbrüchlich für alle Senatoren, galt nicht für den Mann mit der Löwentatze: seine Löwin, die Gattin Galeana, durfte ihn begleiten. Wer über so viele Geiseln verfügte, der durfte sich schon den Luxus einer verordnungswidrigen Gemahlin erlauben. Auf den Vorzug, bei den Granden Roms zu speisen, scheint Brancaleone keinen Wert gelegt zu haben; desto größeren auf seine Befugnis, sie und ihre Mißwirtschaft zu bekämpfen. Wie Herrschaften Colonna, Orsini, Conti, Frangipani, Capocci hatten keine Veranlassung, von dem Auftreten des Herrn Senators entzückt zu sein. Der griff in Rom und der Campagna mit kraftvoller Hand durch und belebte die Architektur manchen Feudalturmes durch beweglichen Schmuck, indem er deren Inhaber mit einem Strick um den Hals an die Zinne befestigte. Nein, er gefiel ihnen nicht, der neue Bürgermeister, der sich selbst so unangreifbar zu machen wußte und in ihre Privilegien so unhistorisch hineinwüstete. Dieser demokratische Satan war doch eigentlich ein Fremdling, ein Zugereister, ein lästiger Ausländer. In einem Jahre brach er 140 feste Türme nieder, ungefähr die Hälfte aller Zwingburgen, die damals, auf klassischem Schutt und auf Bauwerken des Altertums errichtet, zum Himmel starrten. Wo blieb da die Pietät für das geschichtlich Gewordene, für das Monumentale, zumal Brancaleone nicht abließ, zum Ersatz für zerstörte Säulen minderwertige Galgen für die Besitzer der Kastelle zu errichten? Endlich war das Maß voll. Zwingbarone vereinigten sich mit Kardinalen zu einer Revolution von oben, nach drei Jahren seiner Amtstätigkeit wanderte der Senator selbst in eines der ihm so verhaßten Kastelle. Und im Turm Passerano war er dem Urteil und Tod verfallen, falls es vorher gelang, das Problem der Geiseln in Bologna zu lösen. Aber Bologna blieb standhaft und hielt die römischen Jünglinge unter festem Verschluß. Gegen dieses Prinzip der Lebensversicherung war nichts auszurichten, selbst nicht mit einem Bannstrahl des Papstes. Bologna legte den Bann zu den Akten, verschärfte die Gefangenschaft der Bürgen und drohte: tilgst du meinen Brancaleone, so tilge ich deinen jugendlichen Edelnachwuchs. Die Partie stand dreißig gegen eins, und das Gesetz der großen Zahl setzte sich durch. Die weise Vorsicht des Herrn Senators, der seinen Dienstvertrag mit lebenden Paragraphen zu umgittern verstanden hatte, triumphierte und die Entwirrung der Fäden gelang wie nach einem vorausberechneten Schema: Der gestrenge Herr und seine Geiseln wurden gegeneinander abgetauscht, die Fesseln fielen hüben und drüben, das Interdikt wurde gelöst, und der ausgeliehene Löwe hielt wieder einmal festlichen Einzug, diesmal in seinem Heimatsort. Nicht seinen letzten. Denn schon nach kurzem Zwischenspiel regte sich in Rom die Sehnsucht nach der prachtvollen Bestie, von deren Tatze das Volk abermals Gewaltiges erwartete. So erschien Brancaleone zum zweiten Male als Roms Senator mit unvermindertem Rüstzeug an Verwaltungsmaßregeln, Sanierungsplänen und hochstrebenden Galgen. Aber diesmal geriet er an einen Gegner, gegen den es keine Geiseln gibt: die Malaria streckte ihn nieder. Er starb auf dem Kapitol im Jahre 1258, lebhaft betrauert von der Masse, die ihm die seltsamste Nachfeier bereitete: sein Leichnam wurde kunstreich geköpft, das abgetrennte Haupt, in einer kostbaren Vase verwahrt, auf einer Marmorsäule an bevorzugtem Platz als Volksheiligtum ausgestellt. Aber die Säule mit der Vase ist verschwunden, kein Denkmal, keine Inschrift des späteren Rom gemahnt an den großen Senator. Wie er Trümmer geschaffen, so verging er unter Trümmern. Aber erstaunlich bleibt es, daß kein Dramatiker seine Spur gefunden, daß kein dichtender Gestalter diesen Übermenschen wiederhergestellt hat. Ein Mann wie er, auf dem Hintergrund wimmelnder Geiseln, ruft geradezu nach dem Fünfakter! Fraglich bliebe es allerdings, ob solches Stück mit dem Vorgang ohne Seitenstück dramatisch glaubhaft erscheinen könnte. Die historische Nichtigkeit reicht hierzu nicht aus; und es ist nicht jedermanns Sache, den enormen Gregorovius solange zu wälzen, bis er auf Grund der Einzeldaten die Überzeugung gewinnt, daß solch ein Überbürgermeister wirklich gelebt hat. Die siebente Ernte. An der sanftgeneigten Böschung des Hügels, nahe dem Dorfe, saßen zwei Männer, dem Anschein nach Genossen unserer Zeit. Wer aber in ihr Inneres geblickt hätte, der würde entdeckt haben: hier ist Seelenwanderung! Diese beiden waren schon früher einmal über die Erde geschritten, und, obschon sie als lebendige Kraftgestalten ganz zu uns gehörten, bewahrten sie doch die Erinnerung an ihre eigene weitentlegene Vorzeit. Als persönliches Erlebnis trugen sie in sich, was uns durch Goethes Dichtung vertraut wurde, diese beiden: der Doktor Faust und sein Famulus Wagner . Und so ist es mein Wille, sagte Faust, dort anzuknüpfen, wo ich einstmals aufhörte. Damals fand ich der Weisheit letzten Schluß: daß der Mensch nur für den Menschen da ist, und daß nur, wenn er für die Menschen wirkt und arbeitet, seinem Streben ein echtes Glück erwachsen kann. Damals hatte ich angefangen, Land dem Meere abzugewinnen und es durch meiner Hände Schaffen urbar zu machen... – Jawohl, ergänzte Wagner, so hat's ja auch Goethe im zweiten Teil des Faust getreu geschrieben. – Und nun rüste ich mich zur ersten Aussaat. Weißt du, was das heißt? – Selbstverständlich, Magister. Man sät, die Keime gehen auf, und dann erntet man. Das ist doch höchst einfach. – Es ist noch ein Geheimnis dabei, das du gar nicht kennst. Ein staunenswertes Geheimnis, eine Unglaublichkeit, und trotzdem wahr wie der Tag, den wir erleben. Bist du bereit, mir beizustehen als werktätiger Ackersmann, so will ich dir dieses Geheimnis enthüllen. Und erst dann wirst du erkennen, an welchem Zauber wir teilnehmen, wenn wir Landarbeit verrichten. – Ihr macht mich neugierig, Doktor! Neugieriger noch als damals, da ich euch gestand: zwar weiß ich viel, doch möcht' ich alles wissen! Faust griff in die Tasche seines Gewandes und holte ein unscheinbares Etwas daraus hervor: Kennst du das? – Aber gewiß doch! Das ist ja ein Getreidekorn. – Und was wird sich daraus entwickeln? Sagen wir einmal: in sieben Jahren etwa? – In sieben Jahren? Das ist doch nicht allzulang. Also Halme werden sich daraus entwickeln, ein ganzes Bündel Halme. – Wieviel wohl, besten Falles? – Nun, wenn's hoch kommt, ein ganzer Wagen voll; bedenkt doch, Magister, aus einem einzigen Korn! – Gewiß, Wagner, der Anfang ist gering, und es kommt ja bei weitem nicht alles zur Reife, was reifen soll und könnte. Aber nehmen wir einmal an, es wäre so und es käme wirklich alles zur Entfaltung, was der Grundwille der Natur in den Keimling gesteckt hat. Dann wirst du mit deinem Wagen nicht ausreichen. Überlegen wir einmal: ein Maisstengel trägt zum Beispiel bis zweitausend, eine Sonnenblumenpflanze bis viertausend, eine Gerstenpflanze bis siebentausend Samen. Ein achthundertfacher Ertrag in der Nachfolge ist schon wirklich erzielt worden, und den verbesserten Methoden der Zukunft kann die Verdoppelung solchen Ertrages gelingen. So weit wollen wir indes gar nicht gehen, wir rechnen vielmehr im Durchschnitt tausend, also fürs zweite Jahr tausend mal tausend, und so fort sieben Jahre lang. Das ergibt: tausend Trillionen Körner, verständlicher ausgedrückt: tausend Milliarden von Milliarden. – Das scheint ziemlich viel zu sein. – Und noch etwas mehr als man vermutet. Du darfst ruhig an einen Ozean denken, und an die Tropfen, die er enthält. Sinnfälliger wird es, wenn du dir ein Binnengewässer vorstellst von der Größe des ganzen deutschen Reiches. Bei durchschnittlich zwanzig Meter Tiefe kämen wir da auf zehn Trillionen Wassertropfen. Dieser See, verhundertfacht, würde also etwa zum Maß dienen können. Aber wir wollen lieber auf dem festen Lande bleiben. Wenn ich mit der Körnermenge der siebenten Ernte alles feste Land der ganzen Erde bedecke, so würde die Höhe der aufgeschichteten Kornmasse ungefähr einen halben Meter betragen. – Und das habt Ihr so im Augenblick ausgerechnet? – Das wohl nicht. Aber seit wir uns das letzte Mal vor vierhundert Jahren in Wittenberg unterhielten, hatte ich ja genügend Zeit dazu. – Und wenn ich noch weitere vierhundert Jahre darüber nachdenke, könnte ich's nicht fassen. So ein Haufen Getreide! Allmächtiger, wer könnte denn den aufessen? – Ein Land und ein Volk gewiß nicht. – Am Ende wäre die ganze Menschheit dazu nötig? – Da kommst du der Wahrheit schon näher. Also denken wir uns die gesamte Menschheit als Verzehrer. Wie lange würde sie wohl damit reichen? – Ich denke mir: bis zur zwanzigsten Ernte, wenigstens. Oder gar bis zur dreißigsten? oder noch weiter? – Du überschätzt den Appetit unserer irdischen Mitbewohner. Nein, mit so knapper Zeitspanne ist da nicht durchzukommen. Die gesamte Menschenbevölkerung hätte vielmehr an jener Kornmenge reichlich genug, um sich vierzigtausend Jahre daran zu sättigen. Wir können auch den Marktwert annähernd ermitteln. Gehen wir von Nahrungspreisen aus, wie sie vordem im Frieden bestanden, so finden wir: achttausend Millionen Mark. Das ist nun auch nicht leicht zu erfassen. Stelle dir einmal die ägyptische Cheops-Pyramide vor, massiv und aus gediegenem Golde ... – Aber nein, Magister! Jetzt geratet Ihr bestimmt an eine Übertreibung; das kann doch nicht stimmen! – Du sagst ganz recht: so einfach stimmt es noch nicht. Allein, dreihundert solcher ungeheuren Goldpyramiden würden allerdings ausreichen, um die siebente Ernte zu bezahlen; jene aus einem einzigen Korn entwickelte siebente. Selbstverständlich ist alle Ackerfläche der Welt viel zu beschränkt im Raume, als daß sie solche Ernten verwirklichen könnte, nicht nur Wetter und organische Bedingungen verhindern das volle Ausreifen, sondern die geometrische Möglichkeit auf unserem allzukleinen Erdglobus. Nichtsdestoweniger zeigt dieser phantastische Ausblick etwas sehr Wichtiges: nämlich, daß bei keiner Arbeit so viel herauskommen kann, wie bei der Tätigkeit auf dem Acker. In der Seele des Mannes, der den fruchttragenden Boden bebaut, lebt eine Ahnung, daß er mit seiner Mühe um unermeßlichen Lohn ringt; denn seiner Hand ist ein Same anvertraut, der schon als einzelnes Körnchen eine ganze Welt umschließt. Mit der Vorstellung von dieser wundervollen Ergiebigkeit wollen wir uns erfüllen, wenn wir nunmehr ans Werk schreiten. Und erst jetzt, da ich beginne, Furchen zu ziehen und der Mutter Erde das Saatkorn in den Schoß zu senken, erreichen ihre volle Geltung meine Worte: Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Aeonen untergehn! Im Vorgefühl von diesem hohen Glück Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick! Komm, Freund, dort überall liegt das Ackerland, es wartet auf unseren Fleiß! Zweite Abteilung: Erlebnisse. Das Überweibchen und das Untermännchen. Wer es nicht besser weiß, wird die Erfindung des Übermenschen als eine Erfindung von Fr. Nietzsche ansprechen; allenfalls wird ihm ein Zitat von Goethe einfallen, das deutlich genug auf den Übermenschen anspielt. Aber wir wissen es besser: der Übermensch, homo supra hominem , kommt schon bei Seneka, bei Lukian, ja bei Hesiod und Homer vor. Und lange vor aller Schriftstellerei und Dichtung hatte ihn die Natur selbst in verblüffenden Exemplaren vorgebildet. Ich kann die Natur hierbei von dem Vorwurf einseitiger Parteinahme nicht freisprechen. Sie hat bei ihren schöpferischen Experimenten lediglich an das Überweib gedacht, dem sie ein Untermännchen von verzweifelter Winzigkeit beigesellte. Die tropische Kreuzspinne , Nephila imperialis , zeigt dieses Mißverhältnis bis zur Evidenz: das Spinnenweibchen übertrifft ihren legitimen Ehegatten zwölfmal in der Länge und dreizehnhundertmal im Gewicht. Und ähnliche unausgeglichene Zustände herrschen im Hause der Bonellia , eines Wurmes aus den Tiefen des adriatischen Meeres: das Weib der Bonellia überragt mit zwanzig Zentimetern Körpermaß den Mann, der mit seinen knapp zwei Millimetern zu seiner Liebsten aufblickt, wie eine Ameise zum Menschen, oder wie ein Mensch zum Turm des Straßburger Münsters. Man wird nicht behaupten wollen, daß eine solche Ehe »homogen« sei; man darf vielmehr annehmen, daß die Kompetenzen innerhalb dieser Gemeinschaft wesentlich feminin betont sind, und daß der Mann alle Ursache hat, an die vollendete Emanzipation des Weibes zu glauben. Ein wahres Glück für uns Männer vom Geschlecht des homo sapiens , daß uns das Überweib solchen Formates noch nicht beherrscht! Nur ein einziges Exemplar existiert auf der weiten Welt, und das ist – Heil uns! – nicht von Fleisch und Bein, sondern von Erz. Man kennt sie als die Freiheitsstatue auf Liberty Island im Hafen von Neuyork. Mit ihrem Ausmaß von fünfundvierzig Metern, höher als die Pariser Vendome-Säule, wäre sie das einzig passende Modell einer Lebensgefährtin nach dem Muster jener Ehen, die wir im Tierreich als natürlich und somit als berechtigt vorgefunden haben. Ich habe mir die Frage vorgelegt, welche Ansprüche diese Dame an die Umgebung und speziell an ihr »Männchen« stellen würde, wenn ihr Verfertiger, wie weiland Pygmalion, das Herz einer Göttin gerührt und durch deren Hilfe seinem Werk Blut und Leben verschafft hätte. Ein negatives Resultat sei vorausgeschickt: um den Finger könnte sie den Mann, aller Superiorität zum Trotz, nicht wickeln. Denn ihr Zeigefinger paradiert mit einem Umfang von anderthalb Metern, sie könnte also den Gemahl höchstens einmal herumbiegen, ohne an die Möglichkeit des Wickelns zu gelangen. Dieser Erfreulichkeit stehen aber zunächst einige wirtschaftliche Nachteile gegenüber, in Form gewisser Kostspieligkeiten, die der Angetraute bei gewissenhafter Aufstellung seines Budgets nicht übersehen darf: Bei normalem Appetit würde unser Überfräulein für eine Mahlzeit eine Anzahl Beefsteaks im Gewicht von etwa 250 Zentnern beanspruchen und dazu ungefähr 13 000 Liter Bier hinter der Höhlung ihres holdseligen Mundes verschwinden lassen. Zieht sie den Weingenuß vor, so führt der Proportionalumsatz zu einem entsprechenden Konsum: sie käme täglich mit einer Flasche Margaux aus, vorausgesetzt, daß dieses Fläschchen sich zur Höhe eines zweistöckigen Hauses emporgiebelt; immerhin würde das gefüllte Heidelberger Faß volle zwei Wochen für den Durst der freiheitlichen Jungfrau ausreichen. Das wäre also allenfalls noch zu erschwingen, allein ungemein kostspielig gestalten sich die Bekleidungsverhältnisse der schlanken und doch so umfangreichen Dame. Zu einem Seidenkleid mit Schleppe müßte der Schneider 20 000 Meter Stoff, einfach breit liegend, in Arbeit nehmen, und der Verehrer des Mädchens hätte die Galanterie eines solchen Geschenkes, wenn er bei einer Firma von Ruf arbeiten läßt, mit mindestens einer halben Million Franken zu büßen. Natürlich lassen sich die kleineren Toilettengegenstände mit weitaus bescheideneren Mitteln anschaffen. Ein Schiffssegel von 900 Quadratfuß Oberfläche täte als Taschentuch vortreffliche Dienste, und dagegen wird kein verständiger Mann murren. Beim Einkauf eines Dutzends solcher Segel bekommt man nämlich in kulanten Geschäften noch einige Bootsmaststangen gratis zu, und solche Stangenhölzer können bei der Empfängerin als Zahnstocher passende Verwendung finden. Unnötig zu betonen, daß wir es mit der geborenen Sportlady zu tun haben. Ihre Leistungen im Dauerlauf schlagen die Rekords aller Blitzzüge; da kann kein Mann mit, sie müßte ihn denn in einer Anwandlung von Verliebtheit auf den Händen tragen. Allein mit diesem Lauftempo begnügt sie sich noch nicht, die Überdimensionale. Sie will reiten, sie will sich als Amazone betätigen, sie wünscht ein Pferd, ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd! Dieser Gaul soll noch geboren werden. In keinem Stall und auf keinem Postament kommt er vor, allein nichts hindert uns, ihn rechnungsmäßig zu konstruieren und aufs Papier zu setzen. Und kaum steht er da, so erkennen wir in ihm einen guten Bekannten: es ist das Normalpferd der Imperatorklasse, jener ideelle Hapag-Gaul, der 60 000 Pferdekräfte in seinen Muskeln vereinigt. Ein ansehnliches Tier, schön hoch gebaut, vierzig Meter lang, so stark wie achtzig Kavallerieregimenter auf Kriegsfuß, gleichermaßen befähigt, einen Dampfer von der Größe des »Imperator« zu beschleunigen, wie unsere Überfrau im Galopp davonzutragen. Und nun stürmt sie dahin, hoch über Hügel, quer über Ströme, jedes Derby als eine armselige Grashüpferei überflügelnd. Vom Frühstück zum Mittagbrot quer durch den europäischen Kontinent wäre der Reiterin eine Kleinigkeit, nicht am Tempo würde es fehlen, höchstens an Streckenkilometern. Sinkst du in deines Nichts durchbohrendem Gefühle zusammen, Erdenmann, Untermännchen, neben dieser imposanten Frau? Kannst dir am Ende eine Gemeinschaft mit solchem Kolossalwesen garnicht vorstellen? So höre, wie es die Natur anstellt, um die Dimensionen zu überbrücken und die Kleinen mit den Großen in das nämliche sanfte Ehejoch zu zwängen: Unsere Phantasie begann bei einem Wurm, der Bonellia viridis , die auf niederer Tierstufe dein Mißverhältnis zum Gigantenweib wiederspiegelt. Hier löst nun die Natur das Problem in ebenso einfacher wie genialer Weise: sie stellt das Untermännchen nicht neben das Überweibchen; sie erspart ihm den beschämenden Vergleich, indem sie den Mann in das Innere der Frau setzt. Herr Bonellius lebt – jeder Zoologe wird mir das bestätigen, – in der Speiseröhre der Frau Bonellia. Die Natur verwandelt so ein Frauenzimmer in ein Herrenzimmer. Hier hakt sich das Männchen mit klammernden Organen fest, läßt sich von der Frau ernähren und denkt über den Unterschied der Dimensionen nicht weiter nach. Über den Grad der Annehmlichkeit dieser Symbiose läßt sich streiten. Wenn aber jemand behauptet, das Beispiel des Wurmes wäre für einen Menschen unnachahmbar, so bin ich in der Lage, ihn aus meiner persönlichen Erfahrung zu widerlegen: ich selbst habe einmal den Hals einer Dame bevölkert. Jenes freiheitliche Überweib – bekanntlich ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten – stand nämlich vor vielen Jahren im Hof ihres Erbauers, des Bildhauers Bartholdi zu Paris. Dort hatte ich als findiger Journalist Gelegenheit, das Innere ihrer Körperlichkeit zu ergründen, ohne alle Phantastik, in erweislicher Wirklichkeit. Über Herz und Nieren verfügte sie nicht; ihre edlen Organe bestanden lediglich aus einer steilen Holztreppe, die bis ins Haupt und bis in den fackelschwingenden Arm wie in einen Aussichtsturm hinaufführten. Es leuchtet ein, daß ich bei dieser Klettertour auch in der Speiseröhre des Weibes gelebt habe; wenn auch nur vorübergehend. Denn was für den erwähnten Wurm eine schätzbare Daseinsgewohnheit bedeutet, muß für den Menschen ein sensationelles Einzelerlebnis bleiben. Überdies mahnte mein Führer zur Eile: er wollte mir das Innere des Schädels zeigen, in dessen geräumiger Lokalität vierzig Herren bequem tafeln könnten. Ein derartiges Gelage hat auch wirklich vor der Überführung der Diva nach der neuen Welt stattgefunden. Ein Beweis, daß selbst das Nonplusultra aller Überfrauen gelegentlich nichts anderes im Kopfe hat, als Männer ! Vom Geld und Fraß. Es gibt unter uns so altmodische Leute. Und in ihrer Rückständigkeit bekommen sie es noch heute fertig, sich in längst verschimmelte Klassiker der Vorzeit zu versenken. Aber sie werden dafür bestraft; denn sie geraten dabei an Stellen, die ihnen den blassen Neid erwecken, und das Neidgefühl gehört nicht zu den Annehmlichkeiten. Da liegt so eine Scharteke aufgeschlagen, die vom Plinius Secundus Major herrührt, und beim Durchblättern stößt man auf einen altrömischen Kurszettel. Der Ausdruck ist vielleicht nicht ganz genau, denn Plinius hält sich nicht an den Tag, gibt vielmehr einen allgemeinen Bericht von der Produktenbörse. So oder so, der Neid kann nicht ausbleiben, denn wir lesen da: Der plebejische Ädile (Polizeidirektor) Manius Marcus lieferte zuerst dem Volke das Getreide um ein As für den Scheffel . Minutius Augurinus, der elfte Volkstribun brachte den Preis des Roggens an drei Markttagen auf denselben Preis: deswegen wurde ihm vor dem trigeminischen Tore eine Bildsäule von dem Volke aus freiwilligen Beiträgen gesetzt. Trebius lieferte dem Volke ebenfalls das Getreide für ein As. Aus diesem Grunde wurden auch ihm Statuen auf dem Kapitol und dem palatinischen Hügel errichtet. Zur Würdigung des Sachverhalts sei daran erinnert, daß ein As, die kleinste römische Kupfermünze, nach heutigem Wertmaß etwa vier Pfennige bedeutet. Es bedarf keiner weitläufigen Umrechnung, um den Gedanken nahezulegen, daß solcher »Höchstpreis« für die Beteiligten einen sehr angenehmen Beigeschmack hatte und für sie einen Höchstgenuß bedeutete. Aber auch noch andere vergnügliche Dinge des Tagesbedarfs konnte man um vier Pfennige haben: Terentius Varro erzählt, daß damals, als Metellus in seinem Triumphzug so viele Elefanten aufführte, nicht nur der Scheffel Roggen ein As gegolten habe, sondern ebenso viel die Maß Wein, dreißig Pfund trockene Feigen, zehn Pfund Öl, zwölf Pfund Fleisch . Die Kaufkraft des Geldes war sonach eine ungeheure, und der kleinste Rentner von heute hätte damals schon die Sprünge eines Millionärs machen können. Aber um so schwieriger gestaltete sich das eigentliche Problem der Reichen und deren nagende Sorge: »Was fange ich mit meinem Gelde an?« beherrschte tatsächlich in jenen Zeiten einen beträchtlichen Teil des öffentlichen Lebens. Diese Sorge tobte sich im Altertum vorwiegend in der Richtung der Gefräßigkeit aus; neben dem Roggen, dem Fleisch und den getrockneten Feigen gab es doch noch andere Dinge, denen es durch Seltenheit und Schwierigkeit der Anschaffung gelang, hochgeschraubte Preise zu erzielen. Schlagen wir den Seneca auf, so finden wir, daß jenes geringfügige As in eine tiefe Unterschicht versinkt, während die Silbermünze Sesterz (21 Pfennig) sich mit den stärksten Multiplikatoren umgeben muß, um überhaupt als Maßstab in Frage zu kommen: Cajus Cäsar Caligula , in dessen Person die Natur zeigen wollte, was die höchste Lasterhaftigkeit in der höchsten Stellung anrichten könne, speiste an einem Tage um zehn Millionen Sesterzien. Obwohl ihm dabei alle »klugen Köpfe« halfen, gelang es ihm doch kaum, den Ertrag von drei Provinzen auf einmal zu verzehren. Aber auch unterhalb des Thrones gediehen die schlemmenden Geldstreuer zu geschichtlicher Berühmtheit. Wir besitzen eine auf den Namen »Apicius« lautende Schrift in zehn Büchern über die Kochkunst ( de re culinaria ), die uns höchst sinnreiche Methoden anzeigt, um große Summen in kleine Pasteten zu verwandeln. Apicius selbst, Professor der Kochkunst und Zeitgenosse des Seneca, beschloß seine Tätigkeit allerdings mit der Verzehrung einer wenig bekömmlichen Mahlzeit. Nachdem er hundert Millionen Sesterzien auf die Küche verwendet, nachdem er viele Geschenke von Fürsten und unermeßliche Einkünfte des Kapitols auf einzelne Prunkessen verschwendet hatte, begann er zur Feststellung seiner Bestände seine Rechnungen zu prüfen. Er fand, daß ihm nur noch zehn Millionen Sesterzien zum Leben übrig blieben, und nun, als ob er mit zehn Millionen ein Bettlerdasein führen müßte, tötete er sich durch Gift. Die Spannung zwischen den preistreibenden Überstürzungen des Luxus und jenem auf der vier Pfennige Grundlage aufgebauten Korn- und Fleischmarkt ist eine ungeheure; sie wird vollends märchenhaft und unfaßbar, wenn wir uns vergegenwärtigen, daß man auch in den Millionenrechnungen noch einen weiteren Multiplikator einzusetzen hat. Denn auch in ihnen ist, soweit ich es übersehe, nur von Metalleinheiten des Geldes die Rede, nicht aber von dessen durchschnittlicher Kaufkraft gegenüber den allgemeinen Bedürfnissen des Lebens. Selbst wenn wir aus dem Altertum ein »Jahrbuch der Millionäre« besäßen, so würden wir daraus eher erkennen, wer der Üppigste, als wer der Reichste war. In den klassischen Überlieferungen herrscht ein Schema vor, das vielfach aufs Legendäre deutet, so daß für eine Abschätzung von Fall zu Fall wenig Raum übrig bleibt. Ob uns Herodot vom Krösus, vom Polykrates, oder vom Rhampsinit erzählt, so bleibt das Leitmotiv immer das gleiche: strotzende Schatzkammern, Juwelenfülle, Kostbarkeiten, Goldhaufen, und man könnte ebenso gut nach dem Bankkonto des Alberich im Rheingold fragen, als nach dem wirklichen Reichtum des Krösus. Wälzte er sich im Golde? Davon steht nichts im Herodot, dagegen meldet Suetonius einen, der diese Übung wirklich angestellt hat, den ersten unter den Wälzern und wahrscheinlich den einzigen. Es war Caligula. Die Stelle lautet: »Zuletzt, entbrannt von Lust, in dem Gelde herumzuwühlen, ging er oft zwischen den ungeheuren Goldhaufen, die in einem weiten Raume ausgeschüttet waren, mit nackten Füßen umher und wälzte sich zuweilen darauf mit dem ganzen Leibe herum.« Aber auf wieviel Denaren er sich gewälzt hat, das bleibt Geheimnis. Bei Krösus geraten wir wenigstens einmal an einen richtigen Zahlenwert. Denn es wird berichtet, daß die Perser von ihm persönlich vierundzwanzigtausend Pfund Goldes erbeuteten. Daß ein Kapitalist nach solcher Erleichterung sich sehr arm vorkommen mag, leuchtet ohne weiteres ein; der umgekehrte Schluß, daß er zuvor unbedingt der Allerreichste gewesen sein müsse, scheint aber nicht zulässig. Denn 24 000 Pfund Gold bedeuten nach heutigem Maße knapp 34 Millionen Mark, und aus zusammenschließenden Wahrnehmungen können wir ableiten, daß diese Summe in einer Hand mehrfach von anderen Vermögen des Altertums erreicht oder übertroffen wurde. Als Mitbewerber um die Palme des Reichtums kommt neben anderen Licinius Crassus in Betracht, der Triumvir mit dem Beinamen »Dives« (der Reiche), der während seines Konsulats dem Volke für drei Monate Getreide auf seine Kosten austeilte und dann noch, nach Plutarch und Plinius, rund 35 Millionen Mark übrig behielt. Legt man etwa die zuvor erwähnte Preistafel des Varro zugrunde (zwölf Pfund Fleisch für vier Pfennige), so hätte der Herr Licinius eine stärkere Kaufkraft entwickeln können, als heutzutage die Rockefeller, Gould, Astor und Vanderbilt zusammengenommen. Für seine Zeit war der Triumvir jedenfalls nicht nur ein Krösus, sondern Krösissimus. Aber man braucht gar nicht die Jahrtausende zu überspringen, um im Punkte »Geld und Fraß« auf neiderweckende Absonderlichkeiten zu stoßen. Rüsten wir uns zu einer Reise in nähere Gebiete, wohin uns ein bewährter Führer, Ritter von Schweinichen, den Weg weist. An seiner Hand gelangen wir anno 1578 nach Krummenau in Böhmen, wo ein vornehmer Herr, Wilhelm von Rosenberg, gerade seine Hochzeit rüstet. Nichts hindert uns, an der Tafel Platz zu nehmen und uns einer Speisenfolge zu erfreuen, die märchenhaft anmutet und doch einstmals wahr und wahrhaftig in lieblichem Reigen über die gedeckten Tische marschierte. Schmackhaft zubereitet wurden: 113 ganze Hirsche, 98 Wildschweine, 40 837 Eier (ohne Eierkarte), 470 Fasanen, 3910 Rebhühner, 2292 Hasen, 162 Rehe, 246 Auerhühner, 22 687 Krammetsvögel, 370 Ochsen, 2681 Schöpse, 1579 Kälber, 421 Bratlämmer, 600 indianische Hühner, 3000 gemästete Kapaunen, 12 581 Masthühner und 2500 Küken, 3250 Stopfgänse, 15 800 Karpfen, 1844 große Hechte, 5 Tonnen Austern – und wir bemerken ausdrücklich, daß die Liste der Wohlgeschmäcke von dieser einen Hochzeitstafel noch sehr viel weiter reicht, schier eine ganze Seite weit, in den Aufzeichnungen unseres Führers; alles hat seine kulinarische Umrahmung und Ergänzung; das massiv Schweinerne erweitert sich in Schinken und Spanferkeln zu einem fetttriefenden Nahrungssystem von unübersehbaren Abmessungen. Lachse, Aale und Welse eilen den Hechten und Karpfen zu Hilfe, Korn und Weizenbrot, aus 150 Maltern gebacken, liefern die Grundlage. Berge von Marzipan und Konfekt krönen den Schluß, 2000 Eimer Ungarwein plätschern dazwischen und vermengen ihre Wogen mit unnennbaren Fluten anderer Getränke, und wir erfahren zudem, daß die Mahlzeit, zu der wir uns im Geiste einluden, einschließlich der Tafelbelustigungen, des Feuerwerks, der Mummerei, den Beutel des freigebigen Gastwirts nicht allzusehr strapaziert hat: Herr Wilhelm von Rosenberg hat für die ganze Herrlichkeit nicht mehr als 100 000 Taler ausgegeben! Ja, es scheint, daß in dieser Summe die 12 743 Taler für süßen Nachtisch schon mitgezählt waren; er muß für die Beschaffung der Hauptstücke entschieden besonders gute Quellen und Beziehungen gehabt haben. Wer seine genießenden Sinne nach vergangenen Jahrhunderten auf die Weide schickt, wird gut tun, ihnen den rechnenden Verstand als Begleiter mitzugeben. Und der wird sich erst allerhand Notizen über die damaligen Marktpreise einzuprägen haben, bevor er sich an unmittelbare Vergleiche heranmacht. Unter den vorhandenen Merktafeln sei eine herausgegriffen, die noch ein wenig weiter zurückdatiert als jene reichlich versorgte Hochzeitstafel, nämlich bis etwa in die Zeit des Konzils von Konstanz, von dessen leiblichen Bedürfnissen und Befriedigungen die Chronikenschreiber so viel Erbauliches zu erzählen wissen. Damals galt ein Pfund Rindfleisch drei Pfennige, ein Pfund Lammfleisch 7 Heller, ein Ei 1 Heller, ein Hering 1 Pfennig, eine Maß Rheinwein 20 Pfennige, ein Pfund Kalbfleisch 2, Schweinefleisch 5, die Maß Bier 2, ein Pfund Schmalz 6 Pfennige. Beim Einkauf lebender Schweine ging es nach Quartetten: vier Schweine um 6 Pfund 20 Pfennige, das Pfund nach heutigem Reichsgeld zu 110 Pfennigen gerechnet. Einen Ochsen konnte man um 12 Pfund haben, eine Milchkuh um 4 Gulden, eine Gans um 8 Pfennige; die Maß Branntwein galt 5 Pfennige, ein Malter, gleich 12 Scheffel Korn, ungefähr 4,5 Mark, ein Pfund Baumöl 10 Pfennige, das Pfund Butter – nicht ganz billig – 17 Pfennige. Immerhin sind solche Normen, als »Höchstpreise« betrachtet, durchaus geeignet, die Lober vergangener Zeiten zu tönenden Hymnen zu entflammen; und vollends, wenn man sich vergegenwärtigt, daß man beim Masseneinkauf noch weit besser fuhr. Wer über einige Bestände verfügte, der konnte sich auf Dauer wohlfeil versorgen; es liegen Kaufverträge vor: zwei Hofstätten samt drei Güteräckern für 90 Mark, ja Anno 1400 wurde ein ganzes Dorf, Volknatshofen, mit Land und Leuten um weniger als 200 Gulden dem Bieter zugeschlagen. Man muß also, wie gesagt, beim Vergleich der Werte, einen tüchtigen Multiplikator einsetzen. Aber es scheint, daß man auch den Appetit multiplizieren muß, um zwischen Einst und Heute den richtigen Verhältnismaßstab aufzufinden. Wir stoßen da auf Ungeheuerlichkeiten des Genießens und Verschlingens, für die uns, den bescheiden Lebenden, jede Möglichkeit des Verständnisses schwindet. Der Kardinal Cornaro gab im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts ein Gastmahl von wohlgezählten 75 Gängen, die sich noch dadurch erweiterten, daß jeder Einzelgang dreierlei Arten von Speisen umfaßte; nach schlichtbürgerlicher Methode gemessen, bedeutete dies also eine Reihenfolge von 225 Gängen, durch die sich die Gäste hindurchzuarbeiten hatten. Und die Chroniken erzählen nicht, daß ihnen die Kräfte dabei erlahmten; man darf also annehmen, daß sie als Virtuosen ihre Aufgabe zur Zufriedenheit des kirchenfürstlichen Herbergsvaters lösten. Zur selben Zeit veranstaltete Kardinal Grimani im venezianischen Palast zu Rom ein ausführliches Fischessen. Hier wurde der Hauptton auf die Aufmachung, den verschwenderischen Weinfluß aus edelsten Gewächsen und auf die Höchstgüte der Fische gelegt. Als Probe wird mitgeteilt, daß ein einzelner Stör 18 Dukaten kostete; und volle sechs Stunden hatten die Eingeladenen zu tun, bis die Leistung ihrer Kinnbacken die vorgesetzten Herrlichkeiten bewältigte. Seltsamerweise geschah das zu einer Zeit, da ein höchst sparsamer Papst, Hadrian, den gesamten Wirtschaftsbedarf des Vatikans mit je einem Dukaten für den Tag bestritt. Aber der Speiseluxus der Cornaro und Grimani war nur ein Abglanz weitaus glänzenderer Eßfeste, die ihr Vorgänger Mario auf nämlichem Boden geboten hatte, um die Erinnerung an sardanapalischen Prachtwahnsinn heraufzubeschwören. In Wahrheit wurde bei ihm, so meldet Frau Chronik durch den Mund Gregorovius', die ganze Schöpfung kunstvoll aufgetischt. Wenn die sieben Personen, die an der Haupttafel saßen, von allen Gerichten nur gekostet hätten, so würden sie unfehlbar an Überladung gestorben sein. Man trug vor ihnen auf: ganze gebratene Wildschweine samt ihrem Fell, ganze Damhirsche, Ziegen, Hasen, Kaninchen, übersilberte Fische, selbst einen Bären, im Fell gebraten, nicht zu zählen die Torten, die Gelatinen, die eingemachten Früchte und derlei Konfekt. Ein Pastetenhügel umschloß einen lebenden Menschen, der aus dem schmackhaften Gefängnis herausstieg, um Verse zu deklamieren. Mythologische Figurenwerke wurden als Hüllen erlesener Speisen auf die Tafel gesetzt, so die Geschichte des Atlas, des Perseus und der Andromeda, die Arbeiten des Herkules in Mannesgröße auf silbernen Platten. Ganze Burgbauten aus Konfektmauern, mit Speisen gefüllt, wurden geplündert und dann von der Loge des Saales unter das jauchzende Volk geworfen. Segelschiffe schütteten ihre Ladungen von Zuckermandeln aus. Der Stern des Festes, die Prinzessin Leonora von Neapel, konnte den Schauplatz mit der Überzeugung verlassen, daß die Welt nichts Ähnliches an kindischer Schwelgerei besäße. Und jener Gastgeber, der zu den zwölf Herkulesarbeiten die dreizehnte einer alles überragenden Fresserei gefügt hatte, war aus mönchischen Niederungen aufgestiegen! In der Geschichte der Schlemmereien kann man nicht am Gastmahl des Trimalchio von Petronius vorüber. Angesichts der Unmöglichkeit, dies ganze Gastmahl hier durchzukosten, begnügen wir uns mit einigen Brocken aus der zusammengedrängten Darstellung, die Dr. Oberbreyer dem Nonplusultra aller Schmausereien voranstellte. Einige Vergleichsnotizen erleichtern das Verständnis der Verfassungsartikel in einem Reiche, als dessen Chef der Freßteufel die Fäden der Regierung lenkt. Schon beim Lukullus kostete eine einzige Mahlzeit mehr als 30 000 Mark. Vitellius, nach Tacitus' Benennung »das kaiserliche Schwein«, verschwendete mit Essen in sieben Monaten 126 Millionen Mark. Den Kaiser Verus kostete ein einziger Abendfraß für zwölf Personen 750 000 Mark. Heliogabal erfand eine weitere Steigerung, indem er mit der Mahlzeit eine Lotterie verband; jedem Gaste fielen nach Gunst des Loses zehn Kamele zu, oder zehn Bären oder Strauße, oder zehn Pfund Gold. Die Gäste wurden mit solchen Mengen von Blumen überschüttet, daß einige von ihnen tatsächlich erstickten. In der Prasserei des Trimalchio gedeiht die Orgie der Verschwendung bis zum Gipfel des Blödsinns. Bei den Vorkostgängen erscheint ein mit Oliven bepackter Esel von Erz, eine Schüssel mit gemästeten Haselmäusen in einer Soße von Honig und Mohn, mit heißen Würsten auf silbernem Rost. Gleichzeitig bringt man ein der Natur nachgeahmtes brütendes Huhn samt Nest und untergelegten Pfaueneiern herein. Sie erscheinen zuerst angebrütet und ungenießbar, allein bei näherer Untersuchung entdeckt man in den Eiern fette Schnepfen. Geschirr zerbricht, und die echt silbernen Scherben werden zum Müll hinausgefegt. Zum Waschen wird Wein gereicht, als Getränk hundertjähriger Falerner. Tanzende Sklaven tragen die Triumphe der Küchentechnik auf: Geflügel, Saueuter, Hasen, Fische in einem künstlichen Teich, in den aus den Dickbäuchen mehrerer Figuren Kaviarsoße fließt. Ein gewaltiger Eber mit Ferkeln aus Kuchenteig zeigt das Kunststück, daß beim ersten Transchierschnitt Drosseln aus ihm herausfliegen. Eine Symphonie des Unsinns über Leitmotive der Freßwirklichkeit, phantastisch gesteigert, und doch im Grunde nicht abenteuerlicher als so viele Orgien der Leibeslust. Auch Rabelais wollte parodistisch übertreiben, indem er seitenweis in unendlichen Reihen die Opfer aufzählt, welche die Gastrolater ihrem »bauchlauchtigen« Gotte darbrachten. Aber wenn es wahr ist, daß man nichts Kluges ausdenken kann, was nicht die Vorwelt schon gedacht, so ergibt sich für den Spruch ein noch viel höherer Grad der Sicherheit im Bereich des Dummen. Jener antike Freßteufel hat an Extravaganzen der Torheit so viel geleistet, daß er allen Wettbewerben nachfahrender Phantasie trotzt. Dabei kann man getrost zugeben: in dem Ozean schwelgerischer Unsinnigkeit befanden sich einige Inseln, auf denen es sich ganz leidlich leben ließ. Nehmen wir sie als die eigentlichen Landungspunkte unserer Gedankenreise. Und wenn wir von ihnen heimkehren an unseren einfachen, sorgsam bereiteten Tisch, so würze uns ein idealer Nachgeschmack die prunklose Gegenwart; des Virgil Wort sei uns gegenwärtig: »Meminisse juvabit« – »dereinst wird auch dieses vielleicht uns zur Erinnerungsfreude«. Die unglaubliche Gattin. Viktor . Und nun Schatz, nimm dein Herz in beide Hände. Zum erstenmal wirst du das Hochgebirge sehen, – wenn auch natürlich aus weiter Ferne. In zehn Minuten öffnet sich nach Süden die berühmte Verrichtung, in der die Berner Eisriesen vom Wetterhorn bis zum Doldenhorn vorrückend erscheinen. Das ist freilich noch eine Luftdistanz von neunzig Kilometern ... Josephine . Wie du das alles weißt! Viktor . Ja, das prägt sich ein, – und schon damals, als ich in frohen Junggesellentagen den ersten Einblick in diese Gletscher gewann, kam mir der Gedanke: wenn du einmal verheiratet bist, glücklich verheiratet, – hierher geht die Reise! Das zu sehen , kann nur von einer Sensation übertroffen werden: das der Geliebten zu zeigen ! Josephine . Ich sehe aber noch immer nichts. Viktor . Erstens ist es noch nicht soweit, und zweitens blickst du nach der falschen Seite aus dem Zuge. (Bums!) Da ist mir schon wieder die verdammte Hutschachtel auf den Kopf gefallen! Josephine . Du bist aber auch zu ungeschickt; setze sie doch fester hinein! Viktor . Phinchen, vor der Hutschachtel hat mir schon immer gegraut. Ein Reisemöbel von solchem Umfang nimmt man nicht nach der Schweiz mit. Das heißt einfach, die Tücke des Objekts herausfordern. Ich behaupte, so ein Dings von den Dimensionen eines Mühlrades ist überhaupt nirgends unterzubringen. Man kann einen ägyptischen Obelisken transportieren, aber nicht so eine Hutschachtel. Josephine . Du verlangst also, ich soll mit bloßem Kopf durch die Alpen reisen? Viktor . Nein, Schatz, gewiß nicht. Aber es gibt Hüte und Hüte. Selbst der Pilatus trägt nicht ein Monstrum von Hut wie diesen. Josephine . Du hättest die Schachtel eben als Gepäckstück aufgeben sollen. Viktor . Dann hättest du an der Empfangsstelle die Trümmer eines ehedem nicht unbeträchtlichen Hauptschmuckes ausgepackt. Gibt man sie auf, platzt die Schachtel, nimmt man sie ins Coupé, platzt der Passagier. Damenhüte sind ein Malheur. Weißt du, ich werde versuchen, das Scheusal da oben festzubinden. Bindfaden habe ich zum Glück bei mir. So wird's gehen; – – nein so gehts auch nicht! Das Unding hat Übergewicht nach vorn, hebt das Gepäcknetz und wippt über. Ich nehm's lieber auf den Schoß. So. Wo war ich doch stehen geblieben? Richtig, beim Wetterhorn, Eiger – – – ja jetzt ist das längst vorbei. Ein Reisender . Die Schneekette war eben in wunderbarer Klarheit da drüben zu sehen. Viktor . Ich danke Ihnen. Wir hatten wichtigeres zu tun, als Schneeketten zu bewundern. (Vor Luzern): Er . Jetzt erscheint rechts der zackige Gipfel des Pilatus! Dein Konkurrent in Hüten! Der wird in den nächsten Tagen unser Wahrzeichen sein. Schau bloß, Schatz! Das ist nun eigentlich der erste Felsengigant, den du ganz in der Nähe siehst. Sie . Ach, der Bahnrauch! Mach' bloß das Fenster zu! Er . Ist dir nicht wohl, Liebste? Sie . Nicht ganz. Das viele Eisenbahngeschuckel! Das ist ja hier noch schlimmer als bei Bebra. Und der Rauch! Da dreht sich ja im Menschen alles inwendig herum. Ach gib mir doch die Eau de Cologne. Er . Sofort, Schatz. Sieh bloß inzwischen einen einzigen Moment aus dem Fenster! Sie . Nein, wenn mir so übel ist, muß ich die Augen zumachen; – aber was machst du denn so langsam! Er . Der Glasstöpsel will nicht aus der Parfümflasche. So ein bösartiger Flakon! Na warte, das soll ihm den Hals brechen. So, erledigt! Sie . Du blutest ja? Er . Bloß ein paar Glassplitter. Da klebt man ein bißchen Heftpflaster drüber. Wie gut, daß ich das alles bei mir habe. Sie . Tut es noch weh? Er . Nee, Herzchen. Der Schmerz ist schon weg, und der Pilatus ist auch weg. (Luzern. Nachmittags im Hotel): Er . Sieh nur, Josephine, wie nett wir's hier haben. Und ganz modern in zwei Zimmern einquartiert. Weißt du, jetzt lassen wir den großen Koffer ruhig stehen und gehen vorläufig einmal an die Aussicht. Sie . Gleich, Viktorchen, ruf' mir nur erst mal das Dienstmädchen. Er . Also zweimal drücken! So (bim, bim. Nach einer halben Stunde:) Ach, Sie sind's, der Liftboy, – schicken Sie uns doch mal die Zimmerfee. (Nach einander erscheinen der Etagenkellner, der Groom, der Maitre d'Hotel, der Chaffeur, der Gepäckdiener, der Portier und am Schluß der Entwickelung die Zimmermaid, die von der gnädigen Frau den Tagesbefehl »Heißes Wasser« entgegennimmt.) Sie . Und nun verschwinde mal gefälligst in dein Zimmer, bis ich dich rufe. Er (nach zwei Stunden, durch die Verbindungstür): Kätzchen, Fischelchen! Was machst du denn eigentlich mit dem vielen heißen Wasser? Sie . Das verstehst du nicht; das muß jede Dame haben. Er . Ja, ich höre dich immerfort plätschern. Aus gewissen akustischen Wahrnehmungen schließe ich, daß du ungefähr so viel heißes Wasser bekommen hast, wie in den Thermen des Caracalla vorhanden war. A propos , wir haben es insofern vorzüglich getroffen, als das Wetter geradezu pyramidal ist. Von meinem Zimmer aus sehe ich die ganze Titliskette, die blitzt nur so durch die Luft! Sie . Wie meinst du? Er . Ich meine, wir haben ein barometrisches Maximum von ungewöhnlicher Stärke. Das wäre das Wetter gewesen, um auf den Rigi zu fahren; wir hätten einen Sonnenuntergang von seltener Pracht erlebt. Jetzt ist es freilich schon zu spät dazu. Bist du noch nicht fertig? Sie . Viktorchen, wenn du fortwährend redest, muß ich ja immerzu an die Tür laufen, und dann dauert es ja bloß um soviel länger. Er . Aber du wäscht dich ja schon ein paar Stunden lang. Sie . Ja, wenn man so wenig heißes Wasser hat! Die Pute von Dienstmädchen ist auch zu dumm. Klingle doch drüben noch einmal und sage ihr Bescheid. Er . Dann wird es wohl kaum noch lohnen, heute noch auszugehen. Wie weit bist denn übrigens mit der Toilette? Sie . Vollständig angezogen. Er . Na dann komm' doch mal endlich! Sie . Wo willst du denn hin? Er . Natürlich zuerst auf die Reußbrücke und an den Quai. Sie . Aber da muß ich mich doch umziehen! Er . Ich denke, du bist angezogen? Sie . Gewiß, angezogen, aber doch ohne Mieder. Er . Das hättest du doch gleich anlegen können. Sie . Schatz, das verstehst du nicht. Eine Dame kann doch nicht so aus dem Urzustand in ein Korsett hineinspringen. Er . Geliebte, setzen wir einmal den Fall, du wärest endlich faktisch angezogen und hättest auch genug heißes Wasser konsumiert! Dann wird es völlig finster sein. Sie . Wir haben ja elektrisches Licht. Er . Ich meine finster für die Alpenaussicht. Sie . Aber Schatz, rede doch nicht solchen Unsinn. Im Speisesaal brauchen wir doch keine Alpenaussicht. Er . O Josephine, du hast das erlösende Wort gesprochen! Wir haben ja tatsächlich seit einer Ewigkeit nichts gegessen. Verschieben wir also das Panorama auf morgen. (Vormittags. Heißwasserszene wie zuvor.) Sie . Viktorchen, möchtest du mir einen Gefallen tun? Komm doch mal herein zu mir und knöpfe mir die Schuhe zu. Ich mag das Mädchen nicht immerfort beschäftigen. Die Pute ist so unwillig. Er . Ja, das Schuhknöpfen will aber erst gelernt sein. Du solltest Zugstiefelchen tragen, da ist man eins, zwei, drei hinaus und hinein. Sie . Ebensogut könntest du mir sagen, ich soll in Holzpantinen rumlaufen. Man trägt eben Knopfschuhe. Hier ist der Knöpfer. Er . Also, da fasse ich mit dem Haken hinein und dann ziehe ich an und dann drehe ich herum, – ja siehst du, Fischelchen, das geht nicht. Sie . Du drehst ja nach der verkehrten Seite. Er . Erstens sitzt du zu niedrig. Setz' dich 'mal auf den Tisch und tu' das Füßchen auf mein Knie. Siehst du, das ist gleich etwas anderes. Und nun wette ich meinen Kopf gegen eine Pfeffernuß, daß ich binnen dreißig Minuten den ersten Knopf durch habe. Sie . Aber Schnauzel, du mußt den Knopf ganz herumfassen, nicht mit dem Haken durch die Öse! Warum hörst du denn plötzlich auf? Er . Ich mache eine Berechnung: ich stelle mir vor, wie weise es die Natur eingerichtet hat, daß sie uns Menschen im allgemeinen und euch Frauen im besonderen nicht als Tausendfüße erschuf. Ferner rechne ich aus, wie lange es dauern wird, bis ich, den Knopf zu einer halben Stunde gerechnet, mit deinen Gott sei Dank nur zwei Füßen fertig sein werde. (Um halb 1 Uhr.) Er . So. Dieses Problem wäre gelöst. Sie . Und da läutet es auch schon zum Lunch. Er . Aber nicht wahr, Herzchen, nachher gehen wir doch mal auf die Reußbrücke? Sie . Natürlich, Schatz. Bloß ein kurzes Nachmittagsschläfchen. Die Schuhknöpferei hat mich nämlich sehr angestrengt, und ich fühle mich todmüde. (Um 4 Uhr.) Er . Ausgeschlafen, Kindchen? Sie . Ach, nicht daran zu denken! Kein Auge habe ich zumachen können. Hier ist nämlich ein Brummer in der Stube! Er . Ich merke nichts. Sie . Aber so höre doch, wie es summt! Ein grauenhaftes Untier! Er . Wir werden ein Fenster öffnen, dann wird es hinausfliegen. Sie . Das tut es im ganzen Leben nicht! Und dann brummt es nachher die ganze Nacht. Wir müssen es fangen. Er . Ich höre positiv nicht das leiseste... Sie . Ach Gott, ich habe einen tauben Mann geheiratet! Wie kannst du sagen, daß du das nicht hörst! Das ist doch genau, als wenn ein Lämmergeier im Zimmer umhersaust. Er . Tu irrst dich, Josephine. Er sitzt nämlich ganz still. Eben sehe ich ihn, dort oben, an der Decke. Sie . Na also! Wie kannst du dann behaupten, daß er nicht vorhanden ist! Wirf doch bloß mal mit dem Pantoffel an die Decke! Er . Ich bin der Ansicht, daß dieses Verfahren unter allen Jagdmethoden die unzweckmäßigste wäre. Empfehlenswerter wäre es, wir gingen erst mal nach der Reußbrücke, inzwischen beordere ich den Hausdiener, diesen Abschaum des Fliegengeschlechtes unschädlich zu machen. Sie . Still! Jetzt brummt er wieder! Na, du wirst doch zugeben, daß einen das verrückt machen kann. Ich ziehe überhaupt hier aus. Ich bitte dich, Viktor, zahl' die Rechnung und suchen wir uns ein anderes Hotel. Er . Mit der Motivierung, daß wir nicht gewohnt sind, unsere Schlafzimmer mit lebensgefährlichen Raubvögeln zu teilen? Nein, Josephine, das geht nicht. Ich werde vielmehr gegen den Brummer jetzt systematisch vorgehen, indem ich ihn erst einkreise, alsdann in einen isolierten Winkel dränge und ihn dort mit der Hand zur Strecke bringe, ohne die mindeste Rücksicht auf das Porzellan, das die Wahlstatt in Scherben bedecken wird. Die Hoffnung, mit dir hernach endlich einmal an das Alpenpanorama zu gelangen, wird mich zu diesem Feldzug stärken. (Abends. Der Brummer ist erlegt. Halali. Oben an der Decke sitzt eine neue Brummerfliege, vermutlich die Gattin der vorigen. Man geht zur Table d'hôte mit dem festen Entschluß, während der Nacht die Brummerin zu fangen und an ihr die Witwenverbrennung zu vollstrecken.) (Vormittags halb 11 Uhr.) Sie . Heute ging's aber schnell, nicht wahr? Er . Ich erkenne das vollkommen an, Geliebte. Und wenn du dich jetzt noch entschließen könntest, mit einem einzigen Blick von Luzern, vom Vierwaldstätter See, von dem ganzen Kranz malerischer Gebirge Notiz zu nehmen, so wäre das mehr, als ich in meinen kühnsten Träumen mir vorzuphantasieren gestattete. Josephine! Engelchen! Süßes Geschöpfchen! Sieh mich hier auf den Knien! Ich flehe, komme mal mit mir auf die Reußbrücke! Fünfzehn Meter Entfernung vom Hotel! Sie . Sofort, Viktorchen. Du hast doch gesagt, das Barometer steht so unmenschlich hoch, das garantiert doch mindestens vier Wochen schönste Aussicht, wir versäumen doch nichts. Also bring' mir bloß die Holzjalousien in Ordnung, die sind ganz hochgerutscht, und wenn die nicht herunter können, blendet es früh so unausstehlich. Und dann wollen wir doch endlich mal den großen Koffer auspacken. Er . Kindchen, ich fürchte, das Barometer wird schneller herunter sein als die Holzjalousie. Wenn sich so'n Ding erst mal oben festklemmt! Aber ich schwöre dir, der Hausdiener bringt das in Ordnung. Er bekommt zwanzig Franken von mir pränumerando! Wenn wir von der Reußbrücke zurückkommen, funktioniert das nach allen Regeln der Feinmechanik, und dann packe ich dir auch den Koffer aus, ja, wenn du's verlangst, lasse ich dir noch fünf Hektoliter Heißwasser extra aufs Zimmer kommen, und zwei Armbrüste zum Brummerschießen besorge ich auch. Sie . Also gut. Ich gebe nach, wie immer. Bloß noch ... Er . Schatz! Die Bloßnoch's bringen mich um! Du wirst schließlich einräumen, daß wir nicht in die Urkantone gereist sind, um bloß noch alles andere zu verrichten, als das Panorama zu genießen. Sie . Aber ich muß doch endlich einmal meine Briefe schreiben. Man kann doch hier nicht völlig zum Botokuden werden! Wir stürmen jetzt schon eine halbe Woche im Hochgebirge umher, ohne daß unsere Lieben eine Zeile von uns bekommen haben. Das geht ja so schnell. Pack' mir wenigstens die Briefkartons aus. Schreibzeug steht da, in fünfzehn Minuten bin ich fertig. (Nach dem Lunch. Nach dem Tagesschlaf. Nach fünfzehn Briefen:) Sie . So, jetzt bloß noch eine Karte an Tante Aurelia, an Onkel Hugo, an Tante Clotilde, an Onkel Melchior, an Tante Laura – – Er . Süße! Du kannst nun meinetwegen noch an zehn Dutzend andere Tanten und Onkels schreiben, das kommt auf eins 'raus. Denn vor allen Dingen regnet es jetzt mit Kannen ... Sie . Aber du sagtest doch, das Barometer ... Er . Das hat sich inzwischen anders besonnen. Ich habe soeben unten den Bericht der Züricher Wetterwarte gelesen: Tiefste Depression über dem ganzen Alpengebiet. Ein Wettersturz, wie ihn die Welt noch nicht erlebt hat. Sie . Ach, und ich hatte mich so auf die Aussicht gefreut! Aber das hat mir schon dein Freund Willy gesagt, mit dir kann man hinreisen, wo man will, immer kommt man ins tollste Gepladder. Er . Sage das nicht, Herzchen. Das Maximum lagert jetzt über Norddeutschland, und wenn wir mit dem Nachtzug abreisen, können wir morgen um 3 Uhr 50 Minuten in Berlin den schönsten Sonnenschein haben. Sie . Weißt du, Viktor, das wollen wir machen. Was für ein Glück, daß wir den großen Koffer noch nicht ausgepackt haben! Der Koran. Konrad in Berlin an Anatole in Stockholm. ... Und heute wieder kam mir unser alter Dreibund von Lausanne recht lebhaft in Erinnerung. Beim Aufräumen meines Schreibtisches geriet mir unser Gruppenbild in die Hand; Gott, wie lange ist das her, daß wir uns am Mont Jorat photographieren ließen, wir drei fröhlichen Studiosen, die wir damals die Welt aus den Angeln zu heben gedachten und in unserer Sippe den Mittelpunkt der Weltbegebenheiten vermuteten! Tempi passati! In der Politik wie im Leben gibt es keine Untrennbarkeiten. Du residierst als fleißiger Ministerialbeamter in Stockholm, ich als Literat in Berlin, – ja und unser dritter, der interessante herrliche Jungtürke, wo steckt der eigentlich? Seit vielen Jahren ist mir jede Spur von ihm verloren gegangen. In meiner Erinnerung lebt er als der schöne Jüngling mit dem zirkassischen Gesichtsschnitt, mit den blitzenden Augen, so wie man sich einen Skanderbeg, einen Soliman vorzustellen pflegt; als der Edelrebell, der dereinst den Feuerbrand in das vermorschte türkische Reich schleudern würde. Hätte ich nur eine Ahnung davon, wie unser Adrianoppidan, der sich damals so kräftig mit abendländischer Kultur vollsog, später in seiner Heimat gewirkt hat. Grundstürzend kann es ja nicht gewesen sein, davon hätte man wohl gehört. Aber wer will aus der Entfernung alle äußeren Umstände berechnen, die vielleicht dem jungen Adler die Schwingen gebunden haben ...? Mir lag für heute nur daran, Dir wieder einmal ein Lebenszeichen zu geben, und Dich zu bitten, auch mich nicht ganz im Gedächtnis erlöschen zu lassen. Ich grüße Dich herzlichst, meine Frau unbekannterweise ebenfalls. In alter Freundschaft Dein Konrad. Anatole an Konrad. ... Und was unseren dritten im Bunde betrifft, die Rakete, den Adrianoppidan, so bin ich in der Lage, Dir Auskunft über ihn zu geben. Ich habe es auf der hiesigen türkischen Botschaft ermittelt. Er ist seit zirka fünf Jahren in türkischem Staatsdienst, so ein Mittelding zwischen Effendi und Mufti, was man bei euch in Deutschland etwa als Geheimen Regierungsrat bezeichnen würde. Trägt den Medschidje- Osmanje- und Iftikar-Orden und beaufsichtigt in seiner Eigenschaft als Preßzensor die türkischen Zeitungen gegen das Eindringen abendländischer, koranfeindlicher Ideen. Seine Adresse ist Konstantinopel, Esbekieh, Palast Osman. Ein Bekannter von mir, Botschaftsrat in Paris, hat ihn erst kürzlich beim Selamlik gesehen und gesprochen. Abgesehen davon, daß er seinen reformtürkischen Liberalismus überwunden und sich zur alten Tradition zurückbekannt hat, soll er nach wie vor in Erscheinung und Wesen der Halbgott sein, als welcher er einst in Lausanne unserer Universitätsblase den entzückend exotischen Anstrich verlieh. Sei versichert, mein Konrad, daß die Zeit meine Anhänglichkeit nicht gemindert hat, empfiehl mich unbekannterweise Deiner Gemahlin und laß Dich par distance umarmen von Deinem Anatole. Konrad an Adrianoppidan. ... Soweit hätten wir Dich Treulosen also doch wieder erwischt, daß wir Dich wenigstens weltpostalisch sichergestellt haben. Damit gebe ich mich aber noch nicht zufrieden. In meinen Tagebüchern habe ich einen Vermerk gefunden, der auf ein feierliches Eidgelöbnis hinweist. Wir schworen uns, nach zehn Jahren wieder zusammenzukommen und unsere Blase zu rekonstruieren, sei es, wo es wolle. Also höre! Ich habe für diesen Sommer eine Villa gemietet und würde mich glücklich schätzen, Dich und Anatole einige Wochen bei mir beherbergen zu können. Kannst Du Dich von Geschäften losmachen, so komm' in meine Arme. Mit dem Luxuszug sind es neunundfünfzig Stunden, eine Lappalie für einen modernen Menschen. Dann wollen wir die zehn Jahre zurückvoltigieren und gemeinsam in den Jungbrunnen tauchen. Das wird herrlich! Anatoles Zusage habe ich heute empfangen. Also, wenn möglich, in der ersten Hälfte nächsten Monats, Villa »Undine« bei Hermsdorf im Schlesischen Riesengebirge. Prachtvolle Lage, beinahe wie damals am Genfer See, natürlich abgesehen vom Wasser und von der Fernsicht. Meine Frau freut sich schon enorm auf die interessante Bekanntschaft. Übrigens: bist Du auch verheiratet? Das ist ja eigentlich anzunehmen. In diesem Falle erstreckt sich die Einladung selbstverständlich auch auf das ewig Weibliche, das Dich Stolzen zu fesseln gewußt hat. Räumliche Schwierigkeiten sind nicht vorhanden, wir haben genug Fremdenzimmer. Sei inzwischen herzlich gegrüßt von Deinem Konrad. Adrianoppidan an Konrad. ... Und so laß mich Dir sagen, allerteuerster meiner Freunde, Stern meiner Jugend, daß beim Empfange Deines Briefes meine Freudentränen rannen wie die Wasser im heiligen Bache Kündülü, wenn die Küsse der Sonne den Schnee von den Spitzen des Balkan hinwegschmelzen. Inschallah! Ich nahm unser altes Gruppenbild von Lausanne aus der silberbeschlagenen Truhe, preßte es an meine Lippen und gelobte: ich komme, ich fliege zu Dir! Wir werden fröhlich sein wie die Auserwählten im Paradiese! Besonderen Dank sage ich Dir dafür, daß Deine Einladung auch das »ewig Weibliche« umschließt, eine Lieblichkeit des Wortes wie des Gedankens, mit der Du Deinen Brief ebenso poetisch wie gastfreundlich gewürzt hast. Denn Deine Vermutung, daß ich verheiratet sei, floß aus der prophetischen Hellsichtigkeit Deines Freundesherzens. Erwarte uns also bestimmt am fünften des kommenden Monats. Dein Adrianoppidan. Konrad an Anatole. ... Nochmals mein inniges Bedauern darüber, daß Du nicht mit von der Partie sein konntest, weil Dir Dein hoher Chef, der Minister, den Urlaub mit Rücksicht auf Deine Unentbehrlichkeit verweigerte. Der Teufel soll ihn für dieses schmeichelhafte Lob holen! Und nun muß ich Dir doch erzählen, wie die Sache sich hier entwickelt hat. Meine Frau und ich fuhren unserem lieben Adrianoppidan bis an den Bahnhof in Hirschberg entgegen, von wo wir ihn mit dem Wagen abholen wollten. Wahrhaftig, er sieht noch immer so blendend, so königlich aus, wie damals! Und zwei Sekunden nach der Sensation des Wiedersehens gab es auch noch eine kleine Überraschung. Ich war natürlich sehr neugierig auf seine Frau; – stelle Dir vor, meine Neugier wurde doppelt befriedigt. Er hat nämlich – zwei Frauen auf Logierbesuch mitgebracht, zwei legitime, ihm rite angetraute Gattinnen, Fatime und Parisade. Ich fand mich noch ziemlich schnell in die Situation, aber meiner Frau war die Sache, offen gesagt, zuerst ziemlich peinlich. Wir haben ja Räume genug in der Villa, aber wie wir das mit den Schlafzimmern einrichten sollten, war uns anfänglich etwas unklar. Überhaupt mußten die üblichen Umgangsformen ja einigermaßen modifiziert werden. Die Anrede: »Sind Ihre Gattinnen schon auf?« – »Wie gefällt es Ihren lieben Gemahlinnen bei uns?« will meiner Sidonie noch immer nicht ganz einwandfrei von den Lippen. Sie kann sich auch gar nicht genug darüber wundern, daß der Begriff der Eifersucht in der Polygamie gar nicht existiert. Fatime vergöttert die Parisade, und Parisade zählt nach, ob sie nur um Gottes willen nicht einen Kuß, einen Liebesblick mehr von Adrianoppidan empfängt als Fatime. Übrigens hat mir unser Freund ein wunderbares Weihegeschenk mitgebracht: einen Damaszener Dolch in goldziselierter, mit Edelsteinen besetzter Scheide, mindestens dreitausend Mark an Wert. Ich sträubte mich natürlich gegen die Annahme, aber er erklärte, daß er in seinem orientalischen Gemüt aufs tiefste beleidigt sein würde, sofern ich dieses Gegenstück für dargebotene Gastfreundschaft verschmähte. Ich mußte die Kostbarkeit also behalten. P.S. Ehe ich noch dazu komme, vorliegendes abzusenden, erfahre ich, daß der Besuch unseres lieben Türken für mich einige unvorhergesehene Weiterungen haben wird. Soeben war nämlich der Amtsvorsteher bei mir, um mir zu eröffnen, daß ich ein Strafverfahren wegen § 181 zu gewärtigen habe. Dieser Paragraph beschäftigt sich, wie ich zu meinem Leidwesen ergänzen muß, mit der Kuppelei. Nach Ansicht der Behörde habe ich dieses Verbrechen dadurch vollzogen, daß ich einer sexualen Triasformation Unterschlupf gewährte. Wenn ich auch auf dem Meldezettel notiert hätte: »Herr Adrianoppidan mit seinen zwei Ehefrauen«, so sei die schlesische Polizei weit entfernt davon, diese Bigamie als innerhalb Deutschlands zu Recht bestehend anzuerkennen. Nach hier maßgebenden Begriffen läge vielmehr Konkubinat vor, das ich nicht nur als Wohnungsgeber begünstigt, sondern wofür ich auch – wie aus einer Antwort von mir auf diesbezügliche Frage hervorginge – eine Bezahlung in Form von Juwelen angenommen habe. – Ich will mich nun sofort mit einem tüchtigen Rechtsanwalt in Verbindung sehen, der hoffentlich das Gefängnis und die Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte von meinem Haupte abwenden wird. Adrianoppidan an Gülnare in Konstantinopel. Kleinod meiner Tage! Heißgeliebte Gattin! Wir kommen früher nach Haus, als wir ursprünglich gewähnt hatten. Stelle Dir vor, daß ich, meine heißgeliebte Parisade und meine heißgeliebte Fatime heute von der hiesigen Ortsbehörde einen Ausweisungsbefehl erhalten haben, der uns zwingt, binnen vierundzwanzig Stunden das Reich der Giaur zu verlassen. Wir sind hier in einem Barbarenlande, dessen Obrigkeit nichts von der Verordnung des Korans weiß: »Nehmet euch zu Weibern, die euch gut dünken, zwei oder drei oder vier; siehe, Allah will es euch nicht schwer machen, sondern leicht!« Überhaupt, welch' eine geistige Beschränktheit in dieser Bevölkerung! Selbst Konrad, mein Jugendfreund, ist in den Vorurteilen seiner monogamisch verderbten Heimat befangen, er begreift nicht – das erkenne ich aus dem Verrat seiner Blicke –, wie mein ganzes Herz für Fatime glühen kann, während alle meine Pulse für Parisade schlagen; und dabei weiß er noch nicht einmal, wie sehr ich dich, teure Gülnare, vergöttere. Inschallah! Wir gehorchen dem Ausweisungsbefehl mit leichtem Gemüt, wenn uns auch der Abschied von Konrad und von unserer liebenswerten Wirtin Sidonie, seiner Gemahlin, Tränen erpressen wird. Aber die Hoffnung, Dich, angebetete Gülnare, bald an unsere Busen zu drücken, beflügelt Fatimes, Parisades und meine Heimkehr! Adrianoppidan an Konrad. Aus Stambul, der Pforte der Glückseligkeit, heißen Dank für Deine liebe Benachrichtigung. Ich habe mit Freude ersehen, daß Du nur zu einer vierzehntägigen Haftstrafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verurteilt worden bist. Was sind zwei Wochen gegen die Ewigkeit unseres Freundschaftsbündnisses! Wenn Du Deine kleine Kerkerhaft erledigt hast, so grüße mir Deine Frau und sage ihr, daß ich von ihr einen unverlöschbaren Eindruck mitgenommen habe. Auch Fatime und Parisade sehnen sich sehr nach ihr. Und meine Gülnare, der sie von Sonnenaufgang bis -untergang von ihr erzählen, ist von der nämlichen Schwärmerei ergriffen worden. Wie sie in allen Dingen übereinstimmen, so floß heute aus ihren drei Rosenmündern die Erklärung, daß sie ohne Sidonie nicht zu leben vermöchten. O, mein Geliebter! Auch ich kann ohne Deine Gemahlin Sidonie nicht leben. Ich bin entschlossen, sie zu heiraten. Sei meine Werbung Dir wohlgefällig nach dem Wort des Propheten in der zweiten Sure des Korans: »Und ihr begeht keine Sünde, wenn ihr den verheirateten Frauen den Vorschlag zur Verlobung macht. Jedoch versprechet euch nicht heimlich mit ihnen, es sei denn, ihr sprächet geziemende Worte.« O Freund! ich schwöre Dir, daß ich heimlich nur geziemende Worte an sie richtete; und ebenso geziemend hat sie mir geantwortet, daß ich Hoffnung hegen möge. Also wirst Du sie mir geben, auf daß die Weisung des Propheten erfüllt werde in der vierten Sure des Korans: »und hindert sie nicht an der Verheiratung mit einem anderen; denn Allah kennt das Innerste der Brüste.« Sidonie, die Herrliche, verdient, daß das Glück sie mit weitgespannten Fittichen umrausche. In der Enge der Monogamie ist das unmöglich. Zwei Arme erschöpfen sich bald. Erst wenn acht Arme sie liebend umhalsen werden, kann sie das Maß der Freude empfinden, das der Herr der Welten ihr bestimmt hat. Fern sei es von mir, Dir einen Vorwurf zu machen. Aber siehe, mein Edler, Du wurzelst im Abendlande, und liebst viele Dinge diesseits und jenseits der Frau. Du liebst die Literatur, die Kunst, die Wissenschaft, Du vergötterst die Berge, die Seen, die Wälder, die Blumen, Du berauschest Dich an hundert Stimmungen, welche Dich abdrängen vom Kultus der Frau. Deine Liebe zersplittert sich, und aus dem hellen Brande Deiner Leidenschaften können nur verwehte Funken auf die Frau fallen. Ich, der Moslem, liebe nur die Frau. Gönne also Deiner Sidonie das Glück einer Neigung, für deren Stärke und Unteilbarkeit ich das Zeugnis der Gülnare, der Fatime und Parisade anzurufen vermag. Siehe, reinste Freundschaft redet aus mir, indem ich Dir meinen Vorschlag zu Füßen lege, gehorsam dem Koran, welcher zu Medina offenbarte: »Heiratet sie mit Erlaubnis ihres Herrn und gebet ihnen ihre Morgengabe nach Billigkeit.« Du selbst, mein Teurer, sollst diese Morgengabe bestimmen und aus meiner Willfährigkeit erkennen, daß meine Freundschaft jeder Probe gewachsen ist, die Du ihr aufzulegen gedenkst. Ich tauche die Feder in die Poesie von Gül u Bülbül , um Dir zu vertrauen, was ich für Deine Frau empfinde. Meine Sehnsuchtsglut lodert so heftig, daß alle Tränenwolken, die sich darüber ergießen, sie nicht löschen können. Wenn ich den Mund öffne, so spreche ich von ihr, wenn ich schweige, ist sie mein Gedanke, und wenn ich trinke, sehe ich ihr Bild im Becher. Sage das Deiner Gattin und verbürge Dich mit Deinem Eid für die Wahrheit meiner Empfindungen. Du selbst aber, Geliebter, erwarte die Belohnung für Deine Freundschaftstreue und den Entgelt für Sidonie im Jenseits. Eingehen wirst Du in das Paradies, wo tausend herrliche Jungfrauen Dich liebkosen und Dir zehntausend herrliche Kinder schenken werden. Inschallah! Der Höhenmensch. Luzern, den ... Mein lieber Freund! Also mit einem Wort: Ich mopse mich fürchterlich in diesem großen Verkehrshindernis, genannt Alpen, das mir auch richtig mein schönes Automobil verdorben hat. Momentan befindet es sich in Luzern zur Reparatur. Ich auch. Aber ich glaube kaum, daß sich meine Nerven hier sonderlich erholen werden. Ich hätte ruhig noch ein paar Wochen in Berlin bleiben sollen, wo ich noch einen Tag vor meiner Abreise mich in einer entzückenden Verwechselungskomödie des Residenztheaters halbtot lachen konnte. Dafür habe ich nun die Abende am Vierwaldstätter See eingetauscht, die vom Diner ab buchstäblich kein Ende nehmen wollen, und deren saumseliger Zug mit unsagbarer Folterei an meinen Nerven reißt. Und immer wieder das Hotelorchester mit seiner unaufhörlichen »Lustigen Witwe« und seiner dutzendmal wiedergekäuten Barcarole aus »Hoffmanns Erzählungen«. Es ist ein Elend ...! Wie geht es Ihnen, mein Lieber? Macht Ihr philosophisches Werk Fortschritte? Lassen Sie bald von sich hören! Sie wissen, welch lebhaften Anteil ich an Ihnen nehme, und daß ich oft mit Rührung daran denke, mit welcher Geduld Sie Ihre körperlichen Leiden tragen. Es grüßt Sie herzlichst Ihre ... Berlin, Steinmetzstraße 105, den ... Verehrte gnädige Frau und Freundin! Mir geht es unberufen glänzend! Heute früh empfing ich gleichzeitig mit Ihrer lieben Nachricht die ersten Korrekturbogen meines Werkes »Der Eudämonismus als Weltreligion«, und eine Stunde später gab mir mein Arzt die zuversichtliche Erklärung, daß meine halbseitige Lähmung ganz bestimmt nicht auf die rechte Körperhälfte übergreifen würde. Mein Schreibearm bleibt also frei! Sie können sich vorstellen, in welcher glückseligen Verfassung ich mich befinde. Aber Sie, traute Freundin, was ist das mit Ihnen? Nicht zufrieden in Luzern? Ach, wie schade! Wollen Sie mir gestatten, Ihnen ein klein wenig Rezept zur Verminderung der örtlichen Leiden und zur Erhöhung des bergästhetischen Genusses aufzuschreiben? Sehen Sie mal, jedes Ding hat seine zwei Seiten und ein Berg in der Regel noch mehr. Nehmen wir zum Beispiel den Pilatus. Alle Welt weiß das Sprüchel von seiner zackigen Pyramide herzusagen. Aber diese berühmte, von der Natur so meisterhaft aufgetürmte Architektur zeigt sich nur von einer Seite, von der Luzerner. Schon bei geringer Verschiebung des Beschauers verflaut die Pyramide, und bei kurzer Fahrt in der Richtung nach Alpnach löst sie sich vollständig auf. Auch der Rigi kehrt seine gute Fassade nach Luzern. Sobald Sie sich nach der Richtung Brünig oder Goldau hinbewegen, geht der Schwung der oberen Kontur sofort verloren, und der Rigi hört auf, eine sprechende Individualität zu sein. Merken Sie, worauf ich hinaus will? Ganz einfach auf folgendes: Ich beweise mathematisch, daß Luzern der bevorzugteste Punkt in den Alpen ist; nämlich der einzige, in dessen Horizont nur gute Fassaden hineingebaut sind. Denn auch das Stanzer Horn, das Buochser Horn und der Bürgenstock sind so freundlich, ihr einziges vortreffliches Profil nach Luzern zu wenden. Das ergibt einen Bergakkord von unvergleichlicher Klangkraft und absoluter Klangreinheit. Alle anderen Standorte, sogar die zweisternigen Aussichtspunkte, sind auf einzelne Prospekte, auf Gruppen, hervorragende Spitzen, Sensationen, »Löwen«, »große Kanonen« eingestellt. In Interlaken wird Ihr Blick unweigerlich auf die Jungfrau kommandiert, auf die große Solistin, die auf einsamer Estrade ihre kümmerliche Begleitung in Grund und Boden singt. Im Zermattgebiet erliegen Sie dem Terror des Matterhorns, im Chamonix wirkt der plumpe Buckel des Montblanc direkt als ein Architekturfehler, auf isolierten Kuppen mit Kreisrundsicht verwischt sich jede Persönlichkeit eines Berges ins Geographische, Kartographische, und vor lauter Orientierung verlieren Sie die freudige Beziehung aufs einzelne. Die Bergwelt als Kunstwerk, das aus seraphischen Stimmen komponiert, doch menschlich zu uns spricht, uns wie das Echo unserer eigenen tiefsten Sehnsucht vollrauschend entgegentönt, die gibt es nur in Luzern. All das wurde mir wieder lebendig, als ich die herzlich schlechte Ansichtskarte betrachtete, die Sie so freundlich waren, mir vom Schweizerhof zu senden. Aus dem Kitsch dieses buntgeklexten Bildchens baute mir die Erinnerung das einst Erlebte auf, und ich hatte meine Freude daran; habe sie noch, während meine Phantasie den Rigi-Sattel nachzeichnet. Daß ich leibhaftig niemals wieder dorthin kommen kann, was verschlägt mir das? Ist die Vergangenheit nicht genau so viel wie die Zukunft? Es bedarf nur einer geringen Geistesarbeit, und das Koordinatensystem der Zeit kehrt sich um; alle Zauber der Urkantone, die Sie heute umgeben, die mich einst berauschten, winken mir wieder als eine Verheißung, ja sogar als ein gegenwärtiges Zitat. Wenn ich den »Faust«, den »Lohengrin« auswendig weiß, brauche ich nicht ins Theater zu gehen. Und Sie, liebste Freundin, brauchen sich wiederum nicht mit Abstraktionen anzustrengen. Sie können real genießen, und dazu wünscht Ihnen vor allem gutes Wetter Ihr treuergebener ... Kleine Scheideck, Hotel Bellevue, den ... Mein lieber Freund! Sie haben gut reden, Sie wissen doch wenigstens, was Ihnen fehlt, und haben die Beruhigung, daß Ihr schweres Leiden zum Stillstand gekommen ist. Aber wenn einem zwanzig ärztliche Autoritäten sagen, daß man gesund ist wie der Fisch im Wasser, und man trotzdem mit seinen Nerven im Kampf liegt, glauben Sie mir, teurer Philosoph, das ist das Furchtbare! Also jetzt heißt die Parole für mich: Höhenluft, zweitausend Meter über dem Meeresspiegel. Auf das Barometer mag das wirken, aber in meinen Adern zirkuliert doch kein Quecksilber! Es ist und bleibt mit den Niveaukuren im Grunde dieselbe Quacksalberei wie mit dem Gesundbeten. Man betet sich mit der Wengernbahn zwei Kilometer in die Höhe und fügt inbrünstige Stoßseufzer hinzu, die Migräne möge unten bleiben. Aber die kommt mit. Und sie tut genau so weh, ob man als vis-à-vis das Eierhäuschen hat oder den Luzerner Bahnhof oder den Eiger. Denken Sie, ich kann mich aus dem Hotel herausrühren? Keine Spur. Die Mittagstunden ein Sonnenbrand, daß sich die Gesichtshaut abblättert wie eine Bibel, am Abend ein Frost zum Schlittschuhlaufen. Meine Kammerjungfer Bianka, diese Gans, redet mir immer zu, ich soll auf den Matten spazieren gehen. Einmal hab ich's getan, aber an die Kuhherde, in die ich da hineingeriet, werde ich mein Lebtag denken. Und auf der Veranda gibt's Wespen, diese geflügelten kleinen Tiger, die mir von jeher alle Gebirge verleiden. Wäre ich nur nach Heringsdorf gefahren oder noch besser in Berlin geblieben, wo man weder von Kühen noch von Wespen bedrängt wird und vom Auto ein Vergnügen hat. Das steht nun noch immer in Luzern, während ich hier auf dem Grat hocke wie die Krähe auf dem Blitzableiter. Ach, ich bin sehr unglücklich über diesen verpfuschten Sommer! Berlin, den ... Verehrte Freundin! Mir ist es jetzt erwiesen, daß mein Animus vor der Seelenwanderung einmal in einer Gemse gesteckt haben muß. Wie wäre es sonst zu erklären, daß das bloße Wort »Eiger« wie eine Fanfare auf mich einstürmt und mich aus meinem Leidenssessel zu einem prachtvollen Aufstieg in die Eisregion emporjagt? Das bloße Wort! Denn es läßt sich nicht leugnen, daß die sprachbildnerische Gewalt im »Eiger« einen Höhepunkt gewonnen hat. Ob es eine Zusammenziehung aus »Eisträger« sein mag, könnte zweifelhaft erscheinen. Gleichviel. Als phonetische Konzentration der Hochgebirgsidee steht es einzig da. Eiger! Wie das blitzt, verlockt, mit romantischem Schrecken spielt! Überhaupt hält das Berner Hochland in phonetischer Hinsicht den Rekord: Wetterhorn, Tschingelhorn, Schreckhorn, Mönch, Finsteraarhorn, dagegen erscheinen schon die besten Engadiner und Tiroler Titel: Bernina, Diavolezza, Cristallo, Tofana, opernhaft verweichlicht; die Walliser: Dom, Gabelhorn, Mettelberg, Wellenkuppe, schwunglos. »Eiger« – das klingt, als ob das Wort zugleich mit dem Berg revolutionär in den Äther gesprungen sei. – Wildspitze, Adlersruh, Teufelspitze, Stanskogel, Sonnenwelleck gemahnen an Alpenball, Führerstube und Schlierseer Komödien. Aber ein Berg mag so oder so heißen, sein Eigenwert liegt nicht im Prädikat, sondern im Subjekt, das er vorstellt, in seinem trotzigen Aufbäumen gegen die zweidimensionale Weltordnung, die im Flachland das Getriebe beherrscht. »Wenn Sie sich, und sei es auch nur mit dem Zahngestänge der Wengernbahn, bis zu zweitausend Meter erheben, so kommen Sie zum Bewußtsein der dritten Dimension, die auszuleben Ihre Körperlichkeit verlangt, und die Sie sonst in der Planimetrie des Daseins nirgends betätigen können. Die Erhebung im Niveau bedingt unmittelbar das innerliche moralische Hochgefühl entsprechend dem ästhetischen Genuß, den wir beim Betrachten gewaltiger Bauwerke empfinden. In der Überwindung der Schwerkraft, außer uns, in uns und mit uns, fühlen wir Göttliches. Für einen belebten Punkt wäre eine gezeichnete Kreislinie, die ihn umschließt, eine unübersteigbare Schranke. Genau so unbeholfen haftet der Flächenmensch an der Ebene, die im Alltag unsere Welt bedeutet. Erst wenn der Mensch steigt, bricht er den Bann und Fluch jener grausamen Verordnung, die wir Gravitationsgesetz nennen; er verhält sich dann zum lebenden Flächenmenschen wie dieser zu seinem eigenen Schatten.« Ja, ich vergaß. Sie haben mir ja genau das Gegenteil erzählt! Ich sitze hier festgenagelt, kann nicht über das Zimmerviereck hinaus und ergehe mich in der Überwindung aller Fesseln; Sie haben die Jungfraubahn vor sich zur Verfügung und seufzen nach der flachen Großstadt. Nun, vielleicht sind Sie von uns beiden die entwickeltere Persönlichkeit. Die Bergromantik ist nämlich jungen Datums, nicht älter als zweihundert Jahre. Schiller, der Flachländer, hatte sie, obschon er das Hochobjekt nicht kannte, Goethe, der kosmisch veranlagte, hatte sie nicht, obschon er die dritte Dimension bei Übersteigung der Alpen ausgekostet hatte. Endlos lange haben die Genfer die Montblanc-Kette angestarrt, ohne den Trieb zu spüren, sich in diese Geheimnisse zu vertiefen. Erst seit Rousseau ist das Verlangen danach erwacht. Die Walliser, die heut so gut wie die besten Reisefeuilletonisten von ihren Gipfeln schwärmen, sahen in ihnen nur böse Gewalten, ehe Whymper das Matterhorn zur Strecke brachte. Den Vorläufern Bädekers vom achtzehnten Jahrhundert gilt nur die Ebene als schön und sehenswert, das Hochgebirge als minderwertig und aussichtstörend. Die griechische und römische Klassizität, sonst so reich organisiert für alle Emotionen, weiß nichts von unserer Bergromantik, die vielleicht eine vorübergehende Erscheinung ist und so schnell verschwinden kann, wie sie in uns erwuchs. Und gesetzt den Fall, daß sie dereinst verschwindet, dann wären Sie mir in der Entwicklung weit voraus; meine Begeisterung für den Eiger wäre kindisches Gelalle gegen die klare Rhetorik, mit der Sie die Unbequemlichkeit einer bergweidenden Kuhherde veranschaulichen. Sei es darum! Nur für heute müssen Sie mir noch gestatten, den Eiger und was so drum und dran glitzert, als mein Wahrzeichen aufzustellen, als ein Heiligtum, zu dem ich bete, und dessen vorgestellte Nähe mich erhebt, beglückt und meine ganze Seele zu feierlicher Resonanz aufruft! Zermatt, den ... Liebster Freund! Wissen Sie was mir vorkommt? Meine Alpenreise machen Sie ! Hinter der sichtbaren Frauenerscheinung, die hier das Land und die Bahnhofsbüffets abweidet, stecken Sie als das wahre Ding an sich, – so heißt es ja wohl bei euch Philosophen. Ich fahre und merke nicht, daß ich vorwärts komme, – Sie sitzen zu Haus und fliegen meine Route entlang. Die Berge, an denen ich vorüberreise, bilden Ihr Panorama, die Alpenluft, die man mir verordnet, streicht durch Ihre Lungen, und von den Hochplateaus, auf denen ich raste, fliegen Sie auf die Gipfel. Ich habe die Ironie Ihres letzten Briefes wohl verstanden: nicht als weiterentwickelt, sondern als rückständig wollen Sie mich bezeichnen. Aber ist es wirklich rückständig, nicht das Wald- und Wiesen-Hurra mitzubrüllen, das heutzutage jeder fahrende Barbiergehilfe anstimmt, wenn ein Berg am Horizont sichtbar wird, das heute schon jedem Klippschüler und Ferienkolonisten eingedrillt wird? Gehört denn diese laute Gebirgsbegeisterung nicht auch zur Herdenviehstimmung, die ihr Denker sonst so scharf denunziert? Nein, ich lege wirklich keinen Wert darauf, alle diese gewaltsam gespannten Empfindungen mitzumachen. Wie Sarcey im Hamlet sagte: »Ich kann mich nicht amüsieren, wenn ich mich langweile,« so sage ich hier in Zermatt: Ich kann nicht jauchzen, wenn mir der Hals weh tut, ich kann mich nicht wohlfühlen, wenn ich die Bergkrankheit habe. Dazu kommt als erschwerender Umstand, daß ich trotz meiner acht Koffer positiv nichts anzuziehen habe. Die guten Kleider kann ich nicht tragen, und in den Loden komme ich mir vor wie eine Entsprungene. Meine Jungfer Bianca redet fortwährend wegen einer Hochtour auf mich ein, sie möchte gern in einer partie carrée , mit zwei Führern, auf den Lyskamm steigen, angeseilt wie eine störrische Ziege, mit schwarzer Schneebrille, durch die man nichts sieht, und, wie gesagt, mit zwei Bedienten, die mir befehlen sollen und mich am Strick haben. In solcher Form erscheint dieser Gans die Freiheit der Berge. Ich hatte schon von der Eisenbahnfahrt auf den Gorner Grat genug, nämlich Herzklopfen, Schwindel und gründliches Heimweh nach weltstädtischem Ozon. Nächste Woche erhoffe ich wieder Nachrichten von Ihnen. Meine Adresse ist dann hoffentlich: Paris, Regina-Hotel. Berlin, den ... Verehrte Freundin! Für ein Original habe ich Sie immer gehalten, aber daß Sie die Originalität so weit treiben würden, mir in einem Brief aus Zermatt das Matterhorn gänzlich zu verschweigen, das war nicht vorauszusetzen. Das Matterhorn, dieses gewaltige Ausrufungszeichen, mit dem die Hochgebirgswelt ihre Selbsthymne beschließt! Dieses drohende Warnungssignal der Verwitterung und Auflösung. Ja Verehrte, es muß dereinst ein Geschlecht heraufkommen, das von all diesen Herrlichkeiten nicht mehr wissen wird als wir von der Diluvial- und Eiszeit; dem Eiger, Glockner, Titlis, Weißhorn, Monte Rosa Worte ohne anschaulichen Inhalt sein werden, etwa wie uns das Wallgebirge Archimedes auf dem Monde. Jene Sprengkräfte, die das Gigantenmassiv des Matterhorns sichtbar zur Säule ausmeißeln, sie ruhen nicht eine Sekunde. Dreitausend Jahre brauchen sie, um von der Gesamtmasse der Gletscherwelt einen Meter abzunagen, und in zehn Millionen Jahren werden die letzten Reste, zu Schutt zermalmt, hinausgeschwemmt durch Wildbäche und Ströme, im Meere versinken. Alpine Götterdämmerung! Schade, werden Sie sagen, daß das so lange dauert. Herrlich, sage ich, daß ich mit meinen Sinnen eine Größe umfassen kann, die die Allmacht selbst erst in zehn Millionen Jahren niederzuwerfen vermag, und daß ich Zeuge bin dieses Weltenkampfes im Angesicht des Matterhorns. »Wer auf die höchsten Berge steigt, der lacht über alle Trauerspiele und Trauerernste,« also sprach Zarathustra, der noch kein Übermensch war und die vertikale Höhe nötig hatte, um Weisheit zu finden. Besäße ich gesunde Gliedmaßen, so käme ich vielleicht hinauf, vielleicht auch nicht; jedenfalls läge zwischen Wollen und Vollbringen viel Knieschlottern, Atemnot und Gefahr. Mit meinen gelähmten Gliedern überklettre ich das Matterhorn, wann ich will ! Und von einer solchen Aszension grüße ich Sie wiederum im Vollgefühl des Glückes und mit der tiefwurzelnden Überzeugung: für einen Menschen meiner Fasson, dem Gedanken und Schriften jede Situation willig formen, gibt es nichts Überflüssigeres als die Beine ! Meine Geliebte. Ursprünglich hatte ich die Absicht, eine große Forschung zu veranstalten und die berühmtesten Kollegen persönlich zu befragen: Rauchen Sie? Was? Wieviel? Warum? Welchen Einfluß hat der Rauch auf Ihre Produktion? Was halten Sie für wichtiger, das Dichten oder das Rauchen? – Und ich glaube, daß sich für die Statistik manches Ersprießliche daraus ergeben hätte. Aber die Frageformulare liegen noch heute in meinem Pult; ich habe sie wirklich und wahrhaftig nicht abgeschickt, und zwar wesentlich aus zwei Motiven. Erstens drängte sich mir die Befürchtung auf, daß sich unter den Befragten am Ende doch – ein Nichtraucher befinden könnte. Es ist schrecklich, das auszudenken, aber es muß doch in den Kreis der Erwägungen gezogen werden. In der Künstlerschaft gibt es so viele Anomalien und Perversitäten – ich erinnere nur an Oskar Wilde –, daß sogar mit der Möglichkeit des Nichtrauchens gerechnet werden muß. Wenn ich aber ein literarisches Rauchcoupé aufmache, dann will ich sicher sein, daß kein Unzünftiger eindringt. So einer hätte mir das ganze Tableau verdorben. Die schrillen Mißklänge rauchfeindlicher Abstinenz passen nicht in die reinen Akkorde des Hoheliedes, das sich aus diesen Betrachtungen erheben soll. Aber die große Menge der anderen, der Rauchfreunde in Apoll? Auch deren Voten glaubte ich schließlich entbehren zu können. Sie können im besten Fall nur Füllstimmen der massiven Partitur hinzufügen, die ich selbst entrollen werde. Denn rund heraus gesagt: ich halte mich für die größte Autorität in diesem Fache und habe gar keinen Grund, dies zu verheimlichen. Neuerdings hat ja die Ruhmredigkeit aufgehört, ein Laster zu sein; sie marschiert vielmehr heute an der Spitze der literarischen Pflichten. Meine schriftstellerische Qualität kommt hierbei gar nicht in Betracht: Schaffender oder nicht, – ein Rauchender bin ich ganz bestimmt! und was für einer. Wie das heilige Feuer der Vesta im Tempel nie verlosch, so glimmt der Funke bei mir, – abgesehen von minimalen Pausen und der obligatorischen Nachtruhe, die die Kontinuität des Betriebes nicht sonderlich beeinflussen. Mit Leibniz unterscheide ich in der Wechselwirkung des Rauchens und der Produktion zwei Sorten von Wahrheiten. Daß man ohne Rauch nicht schriftstellern kann, ist eine » vérité de fait «, ein Erfahrungssatz, dessen Geltung durch zahllose Einzelfälle gestützt wird. Umgekehrt aber ist es eine » vérité éternelle «, daß man nicht rauchen kann, wenn man nicht vorher etwas geschriftstellert hat. Denn dann hat man kein Geld und kann sich nichts Rauchbares zulegen. In dieser Situation befand ich mich als grüner Jüngling lange Zeit, als ich schon das Zeug in mir spürte, den Beruf gründlich zu verfehlen, aber noch keinen Verleger fand, der mir das Talent zur Entgleisung so recht zutraute. Damals hockten wir gewöhnlich zu vieren beieinander, mein Bruder, der Musiker, die beiden trefflichen Scharwenkas und ich, ein Quartett, das seinen Anspruch auf den Parnaß zunächst durch einen unbändigen Rauchhunger und sonstige Anzeichen des Sturmes und Dranges dokumentierte. Wir verfügten zusammen über ein Sofa und vier Tonpfeifen, in die wir allmählich den gesamten Inhalt der Seegraspolsterung hineinstopften. Die meisten Menschen unterschätzen den Kubikinhalt eines solchen Möbels und werden sehr erstaunt sein, wenn sie erfahren, daß wir Vierzünder nahezu einen ganzen Arbeitswinter brauchten, um jenes Vereinssofa komplett aufzurauchen. In Parenthese: wer Seegras zum erstenmal versucht, geht mit dem Körper in die Luft und stößt mit dem Kopf ein Loch in das obere Stockwerk; später gewöhnt man sich daran, ratsam bleibt es aber doch für Anfänger, sich die Zunge beledern und den Gaumen vernickeln zu lassen. Als wir mit dem Sofa fertig waren und auf den harten Überbleibseln saßen, hatte sich der gewonnene Rauch zu allerhand Kompositionen und Dichtungen kondensiert, die uns in die Lage versetzten, vom Seegras zum Tabak überzugehen. Ich möchte indes die geschilderte Methode unter heutigen Zeitläuften nicht verallgemeinern und empfehle jedenfalls jüngeren Kollegen, sich zuvor einem gewiegten Steuertechniker zu offenbaren. Dieser wird ihnen wahrscheinlich erklären, daß die Rauchsteuerpflicht auch alle gepolsterten Kanapees umfaßt, und daß derjenige, der ein Sofa in die Luft bläst, ohne dem Staat dabei gebührenden Obolus zu zehnten, sich einer schweren Steuerdefraudation schuldig macht. Ich hatte nunmehr die Auswahl zwischen den drei seriösen Raucharten, prüfte alles und behielt das Beste. Von dem rauchlosen Pulver Schnupftabak rede ich erst gar nicht, ebensowenig von dem widernatürlichen Surrogat Priem oder Kautabak; für mich sind in Tabaksangelegenheiten rauchlos und ruchlos etymologisch und moralisch ganz dasselbe. Somit kamen nur die Pfeife, die Zigarre und die Zigarette in die Stichwahl. Die Pfeife hat die Tendenz, auszugehen, und mit der Zigarre kann man es nicht bis auf dreißig pro Tag bringen, zwei störende Eigentümlichkeiten, die mich der holden Orientalin Zigarette unweigerlich in die Arme trieben. Zudem soll sich der Mensch allezeit an bedeutenden Vorbildern aufranken, und da ich damals den Vorzug genoß, in die Kreise eines Anton Rubinstein und Paul Lindau zu geraten, so war mir der Weg klar vorgezeichnet. Mit ehrfürchtigem Staunen beobachtete ich, welche enorme Papyros-Quantitäten diese beiden Großmeister zu vergasen vermochten, wie sie keinen Moment ungenützt verstreichen ließen, wie sie sich – gottähnlich – nur in der Wolke zu uns Sterblichen herabließen, und in edlem Nacheiferungstrieb gelobte ich mir, es ihnen einmal gleichzutun. Ich bin der Mitwelt das Bekenntnis schuldig, daß ich jene Zierden des Menschengeschlechts in der Qualität nicht erreicht habe, während ich, soweit die Statistik reicht, in der Quantität heute den Rekord halte. Neuerdings bekenne ich mich sogar zu der Ansicht, daß eine sehr hervorragende Qualität nicht unter allen Umständen den Schaffensdrang beflügelt. Sobald die Zigarette als wirkliche Kostbarkeit auftritt, sobald sie den schwindelerregenden Preis von 20 bis 45 Pfennigen erreicht – besonders ingeniöse Auslands-Kellner servieren sogar welche zu einem Franken das Stück –, beansprucht sie den ganzen Menschen für sich, zum mindesten halbiert sie die Aufmerksamkeit. Wir erleben den nämlichen Vorgang angesichts der freien Natur, die sich ja manchen Künstlern als Stimulans beim Schaffen anbietet. Fast ausnahmslos wird bestätigt, daß sich die Landschaft mittlerer Güte am besten hierzu eignet. Eine Thüringer oder Agnetendorfer Szenerie, ein märkisches Landschaftsbild vermag die Phantasie zu befruchten, – aber inmitten der gewaltigsten Gletscherwelt kann man nicht dichten und komponieren. Byron, der auf der Wengernalp den Manfred konzipierte, Nietzsche, dem im Engadin der Übermensch und die Frauenpeitsche einfiel, sind Ausnahmen. Mit einem Wort: der auslösende Reiz darf nicht mit zu starken Akzenten, nicht mit der Wucht der Selbstherrlichkeit auftreten. Die bescheidene, sanfte Zigarette, die sich kettenweise im Munde fortrauchen läßt und sich im Laufe der Jahre zu hübschen Kilometern addiert, die sich der Lunge gemütlich anfreundet wie die atmosphärische Luft, die als Einzelwesen gar nicht die Begeisterung herausfordert, aber mit Tausenden ihrer Schwestern zusammen dem Dasein den duftigen Inhalt verleiht – sie allein ist auf die Dauer die zuverlässige Gesellschafterin des Schriftstellers, des Dichters, des Komponisten, bleibt ihm allezeit Ratgeberin, Anregerin und Souffleuse. Aber sie rächt sich auch bitter und nachdrücklich für jede Vernachlässigung. Wage es, ihr untreu zu werden, verbanne sie auch nur einen Tag lang aus dem Gehege deiner Zähne, und dann dichte, Mitmensch! Warst du ihr je durch mündliches Verlöbnis angetraut, durch jenen narkotischen Kuß, den Sankt Nikotinus gesegnet hat, so wirst du für deinen abstinenten Wahnsinn schwer zu büßen haben! Mit Unfruchtbarkeit bist du geschlagen, und während du dir einredest, einen Gedankenfaden fortzuspinnen, quält sich deine arme Seele allein um sie, die du verstießest, öde und wüstenleer bleibt das Papier vor dir auf dem Schreibtisch, zerkaute Federhalter und Fingernägel geben Kunde von deinen inneren Kämpfen, – – und plötzlich, wie aus der vierten Dimension herabgeflogen, glimmt dir ein weißes Röllchen vor der Nase; du weißt nicht, von wannen es kam, noch wer es dir angezündet hat, aber es ist da, es lebt, es duftet, es raucht! Und dann ist es, als ob die Schleusen aufgezogen würden und die lange zurückgestaute Flut der famosen Einfälle bräche unaufhaltsam hervor; aus allen Poren strömt dir die Erfindung, und du mußt die Feder oder das Schreibfräulein auf die vierte Geschwindigkeit einstellen, damit sie nur annähernd dem Gedankensturm zu folgen vermag. Das sind Wonnestunden für den Schaffenden, und es empfiehlt sich tatsächlich, etwa jedes Quartal einmal so einen Rauchfasttag zu inszenieren, lediglich des zauberhaften Kontrastes wegen. Es gibt ja Künstler, die in feuilletonistischen Selbstbekenntnissen noch andere Anregungsmittel gelten lassen: Wein, Bier, Musik; ja einige Dichter haben sich nicht entblödet, die Liebe als die Befruchterin ihrer Lyrik auszurufen. Alle diese Herrschaften unterliegen einer mehr oder minder entschuldbaren Selbsttäuschung: sie projizieren einfach den Inhalt ihrer Werke auf ihr Sensorium und verwechseln den Stoff ihrer Dichtung mit der Energie, die den Stoff gestaltete. In Wahrheit ist noch niemals ein brauchbaers Trinklied im Rausch, eine Liebesode in der Umarmung zustande gekommen, von einzelnen gründeutschen Leistungen abgesehen, deren amusisches Gestammel die Entstehungsart deutlich genug verrät. Was sich an Entzückungen in der Künstlerseele chaotisch tummelt, bedarf vielmehr eines ordnenden Mediums, um Gestalt zu gewinnen. Und eben hier hat der Tabaksrauch einzusetzen mit jener magischen Kraft, die Latentes zur Oberfläche zwingt, Verwaschenes zu klarem Bilde entwickelt und jede Produktionshemmung auf der Nervenbahn sozusagen mit Dampf überwindet. Der Rauch wirkt auslösend, nicht in dem Sinne, wie der Blitz ins Pulverfaß fährt, sondern mit der nachhaltenden Arbeit einer künstlerischen Potenz. Er schafft nicht Explosionen, sondern gegliederte Feuerwerke, nicht Fanfaren, sondern Symphonien, er wirkt stetig innerhalb der Schönheitslinien. Aber eine sehr peinliche Schwierigkeit scheint sich da aufzutürmen, ein Bedenken historischer Art, das meiner gesamten Rauchdogmatik recht unangenehm in die Quere kommt: Pindar, Anakreon, Sophokles, Vergil, Dante – kurzum die Literaturgrößen bis zum siebzehnten Jahrhundert – haben erweislich nicht geraucht, und selbst unter den glorreichen Nachfahren bis herab zu den Lebenden werden sich nichtrauchende Kapazitäten ermitteln lassen. Es wird also nichts übrig bleiben, als einen Höchstgrad der künstlerischen Begabung anzunehmen, der sich jenseits von Dampf und Qualm zu betätigen vermag. Diesen Grad bezeichnen wir mit dem Wort Genie. Da hätten wir also eine neue Begriffsbestimmung aufgefunden, ein nicht zu unterschätzender Vorzug in unserer definitionsschwelgerischen Zeit: Das Genie ist das über die Rauchgrenze erhöhte Talent. Was darunter liegt, muß rauchen, bleibt mit der Produktion an den Tabak gebunden. Indes auch hier muß ich schon wieder die feuerfeste Regel durch die qualmende Ausnahme ergänzen. Eines der größten Genies aller Zeiten, der Schöpfer der Matthäuspassion, Johann Sebastian Bach , rauchte und hat aus der Tiefe seiner Leidenschaft heraus eine veritable Rauchhymne komponiert. Die Königliche Bibliothek zu Berlin birgt die Originalhandschrift der Musik und des Textes, dessen letzte Strophen also lauten: »Und wenn die Pfeife angezündet, so sieht man wie im Augenblick der Rauch in freie Luft verschwindet, nichts als die Asche bleibt zurück. – So auch des Menschen Ruhm verweht, und dessen Leib in Staub zergeht.« »Wie oft geschieht's nicht bei dem Rauchen, daß, wenn der Stopfer nicht zur Hand, man pflegt die Finger zu gebrauchen, dann denk' ich, wenn ich mich verbrannt: O, macht die Kohle solche Pein, wie heiß mag erst die Hölle sein!« »Ich kann bei so gestalten Sachen, mir bei dem Tabak jederzeit erbauliche Gedanken machen, drum schmauch' ich voll Zufriedenheit zu Land, zu Wasser und zu Haus mein Pfeifchen stets in Andacht aus.« Ja, in der Tat, wenn es einmal auf einen wirklichen Kampf zwischen Rauchern und Nichtrauchern ankäme, mit dieser durch den Genius Sebastian Bach geweihten Hymne müßten wir siegen! Und wenn der Gegner am Boden läge, so würden wir ihn vollends zerschmettern mit dem Donnerwort Gustav Freytags: »Wer die Zigarre haßt, für den schreiben wir nicht. Er mag ein redlicher, verträglicher Mitmensch sein, aber er hat die verkehrte Weltanschauung!« Wie aber hätte sich die Sache entwickelt, wenn das Rauchen schon im Altertum oder gar zu prähistorischer Zeit in Übung gewesen wäre? Eine knifflige Doktorfrage! Ich persönlich hege die Überzeugung, daß manches horazische Gedicht sinnreicher, manche Ciceronianische Abhandlung minder schwülstig ausgefallen wäre, wenn ihre Erzeuger eine gute Zigarette gehabt und praktisch zu verwerten gewußt hätten. Ich halte es auch für erwiesen, daß so gescheite Männer wie Diogenes und Sokrates, die handschriftlich nicht eine Zeile hinterlassen haben, unter der nämlichen Voraussetzung wenigstens irgend etwas aufgeschrieben hätten, denn der Raucher besitzt Notizendrang. Und vor allen Dingen würde die Darwinsche Theorie weit lichtvoller dastehen, wenn der Homo sapiens sich von Anfang an als das rauchende Tier von den übrigen Vertebraten scharf abgliederte. Tatsache ist es jedenfalls, daß die Einführung des Tabaks in unseren Kontinent mit dem Aufschwung der humanistischen Bestrebungen und der Entfaltung der Geistesfreiheit zusammenfällt. Eine spätere Geschichtsphilosophie wird diese Zusammenhänge noch gründlicher zu erforschen haben. Man kann das Rauchthema anfassen wie man will, um die Frage: Ist das Rauchen gesundheitsschädlich? kommt keiner herum. Eine große Zahl namhafter Hygieniker hat sich dahin ausgesprochen, daß man diese Frage nur aufzustellen braucht, um sie sofort zu bejahen. Mit Vorliebe wird dabei der Schatten Otto Ludwigs zitiert, dem die Zigarre zum Lebensgift ward; bitte zu beachten: nicht die Zigarette! Was mich betrifft, so bin ich weit entfernt davon, diesen Professorenstandpunkt zu teilen, ja ich möchte behaupten: gute Luft läßt sich entbehren, aber die Rauchluft ist Bedürfnis. Zu dieser Erkenntnis haben mich sehr trübe persönliche Erfahrungen gedrängt, als mich vor nunmehr 23 Jahren eine schwere Neurasthenie befiel, jene tiefgründig erörterte Krankheit, von der die Ärzte bis jetzt nichts festgestellt haben als den Titel. Was man nicht definieren kann und was man nicht kurieren kann, sieht man als neurasthenisch an. Ich war anfänglich sehr stolz auf diese Krankheit, da man in der Literaturwelt erst dann für voll angesehen wird, wenn die Nerven einen Knacks weghaben. Bald aber begann das Übel in seiner Komplikation von Schwindelanfällen, Platzfurcht, Theaterangst und sonstigen schlagrührigen Gefühlen mich sehr zu bedrücken. Der erste Arzt, den ich konsultierte, entzog mir sechs Zigaretten täglich, der zweite noch vier, und der dritte, ein Neuropath von europäischem Rufe, setzte mich mit dem Donnerwort »Chronische Nikotinvergiftung« auf Null herunter. Ich flehte, ich jammerte, nur noch einmal wollte ich wie der Dulder Odysseus den Rauch aufsteigen sehen – Καπνὸν αποθρώσκοντα νοη̃σαι – der Mann blieb unerbittlich, und ich war willensschwach genug, ihm zu gehorchen. Sechs Wochen lang habe ich diese Hungerkur in puncto Zigarette durchgemacht, sechs Wochen lang lediglich an Bleistiften, Strohhalmen, Zahnstochern und Lackritzen herumgezulpt, ich kam mir vor wie ein auf absoluten Salat gesetzter Löwe und beobachtete von Tag zu Tag meine sichtliche Auflösung. Als ich mich nach Ablauf dieser Zeit hinlegte und zu sterben anhub – dies geschah in Monte Carlo, wo der Tod die dümmste aller möglichen Dummheiten darstellt – schoß mir eine Autodiagnose durchs Hirn: Alle diese Ärzte haben sich geirrt!, nicht zu viel, sondern zu wenig habe ich in meinem Leben geraucht, mir kann in meiner Tabaks-Unterernährung nur durch eine Rauch-Mastkur geholfen werden! Mit dem letzten Aufgebot meiner Kräfte klingelte ich nach hundert Zigaretten – (Kostenpunkt: man frage gar nicht!). Schon bei der zwanzigsten durchrieselte ein neues Lebenswollustgefühl meinen durch Rauchmangel verwüsteten Körper, bei der fünfzigsten verschwand die Platzfurcht, so daß ich ohne jede Scheu den Platz zwischen dem Hotel de Paris und dem Spielkasino überqueren und dort 350 Francs auf 17 en plein verknallen konnte; nach dem ersten aufgerauchten Mille schrieb ich ein Theaterstück, in dem ich zum Dank für meine vollständige Genesung ein großes und, wie ich verraten darf, auf der alten Berliner Viktoriabühne sehr erfolgreiches Zigarettenballett anbrachte. Seitdem ist es bei mir zum Dogma geworden: die menschliche Gesundheit läßt sich nicht betrügen; ihre Nerven streiken einfach, wenn man ihnen statt des notwendigen Rauches minderwertige Gase wie Ozon oder Seeluft zuführt; und unersetzlich wie die Milchbrust für den Säugling bleibt der Glimmstengel für den Erwachsenen. Das mag unglaublich klingen, wahr ist es und bleibt es trotzdem! Die Ärzte werden ja freilich noch lange Zeit unbelehrbar bleiben. Aber in sozialer Hinsicht ist doch ein Fortschritt zu verzeichnen. Heute sind wir wenigstens so weit, daß ein preußischer Gerichtshof den Ausdruck »Nichtraucher!« als einen Schimpf mit Geldbuße ahndet, – so geschehen in einer Sitzung des Landgerichts Halle. Es beginnt also zu dämmern. Aber immer noch sind wir von einer ausreichenden Wertschätzung des Rauches als eines Kulturfaktors weit entfernt. Die Rauchwissenschaft steckt zunächst noch in den ersten Anfängen, und die großen Probleme, die sie birgt, sind von den Lehrmeistern der Menschheit kaum gestreift worden. »Von dem, was Einer ist«, »Von dem, was Einer hat«, »Von dem, was Einer vorstellt«, das sind die Themata Schopenhauers in seinen Parergen; schmerzlich vermissen wir die Abhandlung »Von dem, was Einer raucht«! Noch harrt die Welt des neuen Demokrit, des rauchenden Philosophen; sie wird sich bis zu seinem Erscheinen mit den dürren Grundlinien der Disziplin behelfen müssen, die ich hier vorzeichnete und in nachstehende zehn Grundgebote zusammenfassen will: Verschiebe nicht auf morgen, was du heute noch bequem aufrauchen kannst. Begnüge dich nicht damit, den Zigarettenqualm im Munde zu spüren, sondern ziehe ihn sorgsam in die Lunge. Wer sich nur den Gaumeln kitzeln läßt, gleicht einem Beefsteakesser, der das Fleisch bloß kaut, ohne es zu schlucken; das ist ebenso unappetitlich wie oberflächlich. Warte bei der Mahlzeit nicht den Schluß ab, bevor du dir die Zigarette ansteckst. Schalte vielmehr schon zwischen Gemüse und Geflügel einige Züge ein, das bewahrt vor Zeitvergeudung und belebt die ganze Tafel. Blase keine Ringe in die Luft, sondern überlasse derlei Kunststücke den Helden der Romane und Novellen; jeder Zug aus der Zigarette trägt die Weihe der Reichssteuer und darf nicht zu unnützen Spielereien mißbraucht werden. Wenn du an Migräne leidest, so befrage den Arzt nicht wegen der Zigarette; er könnte sie dir verbieten. Halte beim Arbeiten das Fenster verschlossen, damit der teure Rauch nicht in die Welt hinausfliegt. Rauche niemals nüchtern, sondern verspare dir die Zigarette bis nach dem ersten Kaffeeschluck. Rauche zur Sommerzeit nicht zu viel im Freien, denn der Rauch lockt die Mücken herbei. Wenn dir jemand eine Meerschaumspitze dediziert, so verschenke sie weiter; die Zigarette durch die Spitze zu rauchen, ist genau so, wie die Geliebte durch ein Röhrchen zu küssen. Bewahre dir eine gewisse Mäßigkeit im Genuß; das » ne quid nimis « des alten Weisen ist auch auf die Zigarette anwendbar und bedeutet in unserem Falle: nie mehr als eine auf einmal! Ich bin mir dessen bewußt, daß dieser Kanon in stark subjektive Farbe getaucht ist und nicht überall als allgemeingültig durchdringen wird. Allein, da ich aus dem zu Anfang erwähnten Grunde auf die freundliche Mitwirkung eines Fragebogens verzichten mußte, so war der egozentrische Standpunkt der allein mögliche. Sollte der oder jener aus dem Kreise der Kollegen sich nachträglich mit Berichtigungen oder Ergänzungen melden, so will ich eventuell die Debatte noch einmal eröffnen. Vielleicht weiß einer noch ein kräftig Wörtlein zum Kapitel der ars fumandi oder gar zu der dunklen Kunde von den Sexualphänomenen beim Rauchen und von der Zigaretten-Symbiose. »Das gäbe Ausblicke«, und namentlich Einblicke in eine Welt, die das Dichterwort vorahnt: Rauch ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar! Der alte Herr auf der Schulbank. In Breslau auf dem kleinen, stillen Platz zwischen der ehrwürdigen, hochgetürmten Elisabethkirche und der vormaligen Lateinschule. Da steht ein Schüler der Anstalt, heftet den Blick auf die Fenster, die ehedem den Klassen, der Aula, angehörten und verliert sich in weit zurückreichende Erinnerungen. Jugendliches wogt in ihm, Jahrzehnte scheinen ausgelöscht. Denn der Schüler zählt, gelinde gesagt, zu den älteren Semestern; unter den bemoosten Häuptern zu den bemoostesten. Kaum noch kann er sich auf die Einzelheiten seines eigenen Sechzigjahrjubiläums besinnen. Aber die Freuden und Leiden seiner Gymnasialkindheit stehen lebhaft vor ihm. Ich könnte in novellistischer Ausdrucksweise sagen, daß ein unerklärlicher Drang mich immer wieder auf diesen kleinen Schulplatz geführt hat und noch hinführt. Aber das würde ja zu der Wahrhaftigkeit dieses Berichtes nicht stimmen: jener Drang ist unwiderstehlich, aber nicht unerklärlich. Das Ende strebt psychologisch immer zum Anfang; die Erinnerung überspringt die Mittelsprossen und sucht die Anfangsstufen. Und um so heftiger, je größere Zeitspanne sich dazwischen lagert. »Man ist so jung, wenn man alt wird.« Das Wort ist nicht von mir, aber das Gefühl: hier in diesem alten Elisabethan hast du deine erste Hose entzweigerissen, das ist ganz bestimmt von mir. Und um diese Hose gruppieren sich die Persönlichkeiten, die unsere ersten Schritte leiteten. Das waren hohe Berühmtheiten im alten Breslau, deren Ruhm man sich heute aus schwer zugänglichen Chroniken zusammensuchen muß. Aber aus diesen vergilbten Blättern würde ein lebendiges Bild nicht mehr aufsteigen. Das steht nur vor dem Blick des Schülers, der dort auf das graue Gemäuer starrt und das Ende mit dem Anfang verknüpft. Da ragt der alte Schulmonarch vor ihm auf, der gewaltige Lateiner Professor Fickert , der uns damals einen geradezu gottväterlichen Respekt einflößte. Seine hohe Gestalt, sein bedeutender, in dunkelem Bartrahmen eingebetteter Rabbinerkopf, seine diktatorische Sprechweise, seine für uns ganz unermeßliche Gelehrsamkeit vereinigten sich zu einer Gesamtwirkung, die uns von den Unterklassen bis zur Prima in demutvollem Knieschlottern erhielt. Vom »Übermenschen« kannten wir noch nicht das Wort, wohl aber die Erscheinung, das war er, der Direx, Rektor, Rex, dessen Normalstimmung, bei innerer Grundgüte, der Zorn war, und der, wenn der göttliche Groll über ihn kam, auf Lateinisch und Griechisch donnern konnte. Ohne ein Buch in der Hand zu haben, dozierte er Tacitus bei den Gereiften, dann erschien er plötzlich, ohne Rücksicht auf den Stundenplan, in Quarta, in Quinta, und wußte sich vor Verwunderung nicht zu lassen, wenn die Knirpse seinen klassischen Adlerflügen nicht zu folgen vermochten. Eine dunkle Sage ging von ihm, er wäre dem Menschengesetz des Schlafes nicht untertan; Tatsache war, daß er für seine Person die spätere Sommerzeit in schärfster Potenz vorweggenommen hatte: er erhob sich regelmäßig um drei Uhr früh vom Lager und hatte schon ein Tagewerk hinter sich, ehe er begann, den Schülern und Lehrern leibhaftig zu imponieren. Auch den Lehrern; denn wir, die Jungens und Jünglinge, hatten allesamt die Empfindung, daß die übrigen Magister vor dem Magnificus nichts anderes bedeuteten, als furchtsam weggekrümmte Würmer. Wenigstens solange er in Sicht war. Als Ding an sich heischte auch Professor Kambly , der Mathematiker, einen recht ansehnlichen Ehrfurchtstribut. Klein, rotblond, blinzelnd und fistelstimmig entschleierte er uns auf Grund seiner eigenen, noch heute brauchbaren Leitfäden die Elemente der Zahlen- und Raumlehre mit einem seltsamen Gemisch von Pedanterie und Ironie. Nie wich er um Haaresbreite von seinem eigenen Schema: »Voraussetzung – Behauptung – Beweis«, und nie verflog sein höhnender Falsettklang der Klasse gegenüber, die ihm als der Abgrund der Talentlosigkeit erschien. Nur da ganz oben, in Oberprima, so raunte das Gerücht, säßen zwei Zukünftige, die selbst vor Kambly Gnade fänden. Die beiden Primaner hießen Pasch und Rosanes , und beide sind später tatsächlich Leuchten der exakten Wissenschaft geworden. In jener grauen Vergangenheit fehlte uns natürlich der Maßstab; wir dachten uns, daß Pasch und Rosanes einmal so was werden könnten wie Euklid und Pythagoras, ohne doch jemals einen Kambly zu erreichen. Andere mythologische Figuren tauchten auf: der schon damals uralte Oberlehrer Dr. Stenzel, genannt Papa Stoh, der in Oberquarta Latein gab und Römische Geschichte nach besonderer Methode: er machte nämlich knorrige Witze über Grammatik und Syntax, über Cäsar und Sulla, und gab uns zwischendurch zu verstehen, daß Nepos und Cicero eigentlich ziemlich schwache Lateiner waren. In meinem Gedächtnis rumorte ein verschüttetes Wunder: ich konnte nämlich als junger Elisabethaner niemals begreifen, wieso wir Schüler doch manchmal, halb- oder ganzjährig, versetzt wurden, während ein solcher Gelehrter wie Papa Stoh, der besser Latein konnte als Nepos und Cicero, dauernd in Oberquarta sitzen blieb. Und neben diesem Wunder meldeten sich allerhand Unannehmlichkeiten: zahlreiche schriftliche Arbeiten, die meiner Feder erblüht waren und katastrophal geendet hatten: mit einem verurteilenden Rotstrich quer übers ganze Manuskript und der grellen Randbemerkung von der Hand des Ordinarius: »Abscheulich!« »Pfui!« Und warum diese Bluturteile? Weil ich »ut« mit dem Indikativ konstruiert oder ein anerkanntes Neutrum maskulin behandelt hatte! Ganz bestimmt, mir war Unrecht geschehen; solche Abweichungen von der Schulregel kamen doch sogar bei den Klassikern vor. Immerhin, der rote Strich war noch glimpflich gegen manches andere. Richtig! Ich hatte ja auch mit dem Karzer Bekanntschaft gemacht. Ja, im Schulkerker saß ich gefangen, auf Grund eines schauerlichen Fundes, den man in meinem Tornister »geklappt« hatte, in der Gegend von Tertia. Lose Reime waren es gewesen, von meiner Pennälerhand hingeklaut, mit etlichen borstigen Anspielungen gegen einen Lehrer. Moral: man soll keine satirischen Verse machen, solange man der obrigkeitlichen Zensur untersteht. Jedenfalls habe ich mich späterhin sehr gebessert. Keines meiner gedruckten Gedichte hat mir ein Los beschert wie jenes erste ungedruckte, das mich vom Gipfel des Parnasses in den Schlund des Karzers schleuderte. Um die Wahrheit zu gestehen: ich muß in jenen Zeiten eine gewisse Anlage zum Strolch besessen haben. Alle Milch meiner späteren sanften Denkart vermag das lange Strafregister meiner Elisabethan-Jahre nicht fortzuwischen. Also hat sich Schopenhauer mit seiner Lehre vom »inkorrigibeln Charakter« böse vergriffen. Übrigens galt ich trotz aller strolchhaften Entgleisungen als guter Schüler. Und während ich so meinen Erinnerungen nachhing, dachte ich dreier schöner Prachtbände, die noch heute in meiner Bücherei stehen, mit dem Aufdruck: Praemium pro studio et virtute, datum in Gymnasio Elisabethano . Eine Phantasie ergriff mich: Wie, wenn es möglich wäre, die ganze Zwischenzeit so vieler Jahrzehnte mit einem Ruck zu tilgen? Unmöglich! absurd! sagt die Vernunft. Credo quia absurdum ! ergänzt die Einbildungskraft; weil es unmöglich ist, deshalb läßt es sich verwirklichen. Und so ist es gekommen. Freilich der alte Schulbau ist längst verlassen, und das heutige Elisabethan zeigt sich als ein Prachtbau an anderer Stelle Breslaus, in der Arletius-Straße, so genannt nach Caspar Arletius, einem vorzeitlichen, ruhmumwobenen Herrscher der Anstalt. Aber auf den genus loci kommt es an, der sich in der Zeiten Ablauf unverändert erhält. Der derzeitige Direktor, Professor Wiedemann , bereitete mir einen Empfang, der mich ermutigte, ihm mein Anliegen vorzutragen: ich bat ihn, mir zu gestatten, wieder einmal Schüler zu sein. Auf der Schulbank wollte ich sitzen, ich, der alte Herr, gleichviel wo, und eine volle Klassenstunde mitmachen in der Reihe der jungen Kommilitonen. Ganz leicht ist es mir nicht geworden, meinen Antrag in Form zu bringen. Denn im ersten Anfang sank ich fast zusammen vor der Würde dieses prachtvollen Magisters; ich kam mir vor wie der Junge von ehedem, wenn er zu seinem Rektor von ehedem aufsah. Aber Professor Wiedemann ist erheblich jünger als ich, und meine persönlichen Elisabeth-Erinnerungen reichen weiter zurück als die seinigen. Das schuf den Gesprächsboden und bereitete mir bei dem feinsinnigen Herrn eine Stimmung, die meinem phantastischen Verlangen entgegenkam. Lächelnd nickte er Gewährung. Mein Wunsch wäre zwar absonderlich und in keinem Lehrplan der Welt vorgesehen; aber die Absicht entsprösse einem Gefühl der Pietät und solle deshalb in Erwägung gezogen werden: was für eine Stunde ich denn besuchen möchte? »Am liebsten natürlich eine von Ihnen selbst geleitete in Latein oder Griechisch.« Das ergab eine Schwierigkeit. Die Lektionen des Direktors waren für diesen Tag vorüber. Ob ich bis zum folgenden warten wolle? Aber das widersprach meiner Traumbegier, die auf Zeitverkürzung drängte, auf Augenblicklichkeit. Jetzt oder niemals hieß die Losung; und jetzt begann gerade Experimentalphysik in Unterprima. Dahin geleitete mich der Direktor, um mich dem Präzeptor, Oberlehrer Dr. T., und seinen Jüngern vorzustellen. Die Klasse sprang auf, um die Kundgebung des Oberhauptes respektvoll entgegenzunehmen; der Oberlehrer begrüßte mich als neuesten Zögling und lud mich zum Platznehmen ein. Und so habe ich alter Herr wahr und wahrhaftig im Sommer von 1916 auf der Schulbank gesessen und die Anfangsgründe der Physik gelernt. Tatsächlich: es gab zu lernen, vor allem das eine, wie man so eine Stunde vor Unterprimanern geben soll. Der Herr Oberlehrer machte das einfach meisterhaft. Zwanglos im Vortrag, mit völliger Beherrschung des Gegenstandes führte er seine Experimente vor. Auf der Tagesordnung standen: Messung des Luftdrucks, Quecksilberbarometer, Torricelli, mit Ausblicken auf Galilei, und die Philosophia naturalis des Newton. »Zu meiner Zeit« war das anders. Wenn unser alter Kambly anno olim seine Experimente erledigte, so geriet er immer schon im ersten Anlauf auf den toten Punkt. Die Stunden wurden von der Tücke des Objekts regiert, und in den Annalen des alten Elisabethans gab es kein gelungenes Experiment. Sie mißglückten restlos, und in jenen Apparaten waren alle Dämonen vereinigt, die sich von Archimedes bis auf Helmholtz gegen irgend ein Experimentalergebnis verschworen. Aber unter den Händen dieses Gymnasiallehrers einer neuen Zeit gedieh alles mit der schönen Selbstverständlichkeit wie in einem Lehrbuch. Leicht bei einander wohnten die Gedanken, ohne daß sich die Sachen hart im Raume stießen. Zahlreiche Querfragen durchkreuzten dabei die Luft und wurden von den aufgerufenen Jünglingen trefflich beantwortet. Ich hätte was drum gegeben, wenn ich auch einmal »drangekommen« wäre. Aber soweit ging der amtierende Lehrer nicht. Er hielt sich genau in den Grenzen seines Programms und überließ es dem Eindringling, sich mit der Rolle abzufinden, die ihm des Direktors Macht und Güte angewiesen hatte.. Mehr als genug für mich. Ein Traum war Wahrheit geworden mit einem Rückwärtssprung über Menschenalter, mit der Verwirklichung einer Phantasie, die in die letzten Ausläufer der Erkenntnis hineinspielt und dort als »Umkehrung der Zeit« ein spukhaftes Dasein führt. Siehst du so aus?! Wie auf Geisterfüßen war die junge Dame ins Atelier geglitten. Und schon aus dieser Andeutung ahnt der Leser, was er zehn Zeilen später genau wissen wird: daß es nämlich keine junge Dame war, sondern eine Fee. Man hätte ein Blödian sein müssen, um das nicht sofort zu merken, und der Inhaber der Kunstwerkstätte, Herr Gabriel Flex, war wirklich ein Blödian. Auch in anderer Hinsicht. Er hatte soeben sein Selbstbildnis beendet, in jener merkwürdigen futuristischen Art, die auf Ähnlichkeit verzichtet, und an deren Stelle er eine aus Komik und Grauen gemischte Unglaublichkeit setzt: die Entmenschung des Menschen. »Entschuldigen Sie, wenn ich störe,« sagte die Fee; »aber ich habe mich wohl in der Tür geirrt. Ich dachte, hier wohnt ein Künstler, und ich wollte mich eigentlich malen lassen.« »Können Sie bei mir haben,« entgegnete Gabriel; »Öl oder Aquarell, Brustbild, Kniestück oder ganze Figur, ganz wie Sie wünschen.« »Bevor ich mich entscheide,« sprach die Fee, »sagen Sie mir doch: was ist das für eine Fratze, die Sie auf der Staffelei haben?« »Das bin ich selbst; daran werden Sie wohl nicht gezweifelt haben.« Mit verändertem Tonfall fragte die Besucherin weiter: »Siehst du wirklich so aus?« »Ja gewiß! so sehe ich mich!« »So höre, Menschenskind! Von diesem Augenblick soll dich jedermann so sehen wie du selbst dich siehst! Kunst und Natur sei eines nur: wie deine Kunst, so deine Natur! Wandle hinfort in der Gestalt, die du selbst im Bildnis dir gegeben!« Damit schritt sie hinaus, und im selben Augenblick vollzog sich die Verwandlung. Die Ähnlichkeit wurde eine vollkommene: Gabriel sah nunmehr wirklich so aus wie sein Bild. Er betrachtete sich im Spiegel und stutzte. War das der Reflex seines Kunstwerks oder seines Körpers? Er verbeugte sich vor dem Spiegel, spreizte die Arme, setzte den Hut auf, nahm ihn ab, – kein Zweifel, es hatte sich etwas ereignet. So eine Art von Pygmalion-Wunder, ein Übergang vom Künstlerischen ins Lebendige. Ein bißchen unbehaglich zwar, diese Veränderung in ihrer Plötzlichkeit, aber immerhin, es ließ sich auch in dieser Figur leben. So oder so, dachte Flex, ein hübscher Kerl bin ich doch, und jetzt vielleicht noch interessanter als zuvor; die futuristische Kunst hat sich in mir zur futuristischen Persönlichkeit erhöht! Er klingelte seiner Aufwartefrau, denn es war Vesperzeit. Die alte Mathilde erschien in der Tür, beladen mit dem Kaffeebrett und dem darauf gebauten appetitlichen Stilleben. Lebte Wilhelm Busch noch, so könnte er zu der Sprengwirkung, die sich alsbald einstellte, ein neues »Klickeradoms«-Gedicht machen. Porzellanscherben prasselten in einer Brühe von Milch und Kaffee auf den Estrich, während die alte Mathilde davonstürzte und mit ihren Schreckensrufen die Luft erfüllte: Der Golem! Der Golem! brüllte sie, da sie sich vom Kino her einer ähnlichen fabelhaften Mißgestalt entsann; dann flog sie in mehrfachen Kobolzsätzen die Treppe hinunter, brachte sich in Sicherheit und ward nicht mehr gesehen. »Sie ist und bleibt eine Gans!« murmelte Gabriel, während er auf dem Fußboden schwimmen ließ, was schwamm, und aus dem Wirrsal nur eine Druckschrift hervorfischte, die als Kreuzband mitgekommen war. Es war die Kunstzeitschrift »Samum«, in der er einen großen Artikel über seine Person und über seine unlängst in der »Altra-Sezession« ausgestellte Landschaft vorfand. Das tat ihm wohl, denn der Artikel erhob ihn als Meister des Neo-Inexpressibilismus in alle Wolken, indes die alten verschimmelten Großherren von Dürer bis zu Lenbach einschließlich in Schimpf und Schande getaucht wurden. Mindestens zehnmal las er den Aufsatz durch, dann fiel ihm ein, daß er jetzt in Ermangelung einer Wirtschafterin die Pflege seiner Leiblichkeit außer dem Hause zu versuchen habe. Er verfügte sich also ins Restaurant. Nur eine kurze Wegstrecke war es bis dahin, allein die genügte, um die ganze Straße in Aufruhr zu versetzen. Ein Omnibusgaul wurde scheu und ging dermaßen durch, daß er erst in Spandau angehalten und getröstet werden konnte. Ein ganzes Mädchenpensionat sprang vor Entsetzen in den nahen Landwehrkanal. Ganz abgesehen von zwei Dienstmädchen, die es vorzogen, am Blitzableiter des nächsten Warenhauses emporzuklettern. Der Aufenthalt im Restaurant währte nur wenige Minuten; denn der Wirt stürzte in der Gemütsstimmung des rasenden Ajax herbei und erklärte die Erscheinung des neuen Gastes für gleichbedeutend mit Hausfriedensbruch; unter den übrigen Gästen sei Panik ausgebrochen, drei Kellner lägen bereits auf Rettungswache. Gleichzeitig tauchte ein Hüne von Schutzmann auf, der den Maler Gabriel beim Wickel nahm und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Verbindung mit Auflauf, Tumult und Sachbeschädigung nach dem nächsten Polizeibüro abschleppte. Der Vorsteher des Reviers erklärte mit äußerster Bestimmtheit: Solch ein Individuum könne er unmöglich dabehalten. »Diese Polizeiwache,« so setzte er mit unbeirrbarer Beamtenlogik hinzu, »hat schon manchen Unhold in ihren Mauern gesehen, aber immerhin, es waren Menschen; und nach meiner Instruktion habe ich darauf zu halten, daß hier nur Menschen eingeliefert werden, nicht aber Gnomen, Waldschratte, Werwölfe oder dergleichen. Welcher Fall hier vorliegt, weiß ich nicht. Darüber sollen erst Sachverständige entscheiden. Besorgen Sie deshalb, Schutzmann, eine geschlossene Droschke und fahren Sie dieses Schauerwesen nach dem Zoologischen Garten; oder fürchten Sie sich, mit so was allein in einem Wagen zu fahren?« »I wo werd' ich denn!« meinte der Hüne; »ich war doch früher drei Jahre Tierbändiger bei Hagenbeck.« Zufällig war der Direktor des Zoo verreist. Es blieb also nichts übrig, als den p. p. Gabriel einstweilen in eine leere Gitterzelle zu sperren. Hier sollte er so lange in Verwahrung bleiben, bis der Direktor als amtlich und wissenschaftlich anerkannte Autorität den Wahrspruch fällen würde: Mensch oder Nicht-Mensch. Natürlich drängte sich das Publikum vor dem Käfig, um das Wundertier zu sehen und die Unerschöpflichkeit der neubildenden Natur zu bestaunen. Man blätterte in den Katalogen, fand aber keine Auskunft. Ein bebrillter Herr bemerkte: nach der Bekleidung zu schließen, scheint es doch eine Abart von Mensch zu sein; vielleicht das lang gesuchte Zwischenglied von Mensch und Vierhänder. Allein der Wärter war anderer Meinung: »Unser Pungo trug auch einen Anzug, und war doch ein Schimpanse.« – »Aber hören Sie doch, er redet ja.« – »Das beweist gar nichts, es gibt doch sogar Pferde, die Quadratwurzeln ausziehen.« Allgemein herrschte die Meinung vor, daß hier etwas Unerhörtes vorliege. Nur ein Gartenbesucher wollte sich entsinnen, auf einer Kunstausstellung des äußersten Westens bereits etwas Ähnliches gesehen zu haben. Plötzlich entdeckte der Häftling unter den Beschauerinnen ein Fräulein, dessen Anblick ihn in Wallung versetzte. Und hier möge erwähnt werden, daß er seit Monaten mit einer jungen dramatischen Kunstschülerin verlobt war, deren Talentmangel gerade anfing, sprichwörtlich zu werden. »Amanda!« rief er, »Amanda! kennst du mich nicht? Ich bin es ja, dein Gabriel!!« Worauf Amanda einen so überwältigenden Herzensschrei ausstieß, daß sie von einem nahebei stehenden Intendanten sofort lebenslänglich für erste tragische Rollen verpflichtet wurde. Eine Sekunde später war sie unter Bruch des Kontraktes wie des Verlöbnisses verschwunden. – In später Nacht gelang es Gabriel, aus der Gitterzelle auszubrechen, und am frühen Morgen finden wir ihn in seiner Werkstatt, maßlos niedergedrückt und halb verhungert. Abermals öffnete sich die Tür, und die verhängnisvolle Fee glitt geräuschlos in seine Nähe. »Nun fertige von neuem dein Selbstbildnis!« befahl sie. Er rückte Staffelei und Spiegel zurecht und gehorchte. Und wiederum wurde es ein Muster von Unähnlichkeit. Denn eher kann einer aus seiner Haut heraus, als aus seinen Untugenden. Aber was erschien nunmehr auf der Leinwand? Leser, du hast es geraten! Im Bilde erschien jetzt das sehr wohlgetroffene Porträt des Künstlers, getreu nach seiner vormaligen Erscheinung, ein Menschenkind, recht und schlicht und unbedeutend, wie es vordem als Dutzendware der Natur unter anderen Vielzuvielen gelebt hatte. »So sehe ich aus!« bekräftigte er. Und damit fiel der schlimme Zauber von ihm; während die Fee entschwebte, gewann er seine ursprüngliche Gestalt. Aber das gefährliche Abenteuer hatte ihm doch die Fortsetzung seiner Kunst stark verleidet. Also beschloß er, sich eine neue Zukunft aufzubauen; und um sich nicht gänzlich von Pinsel und Farbe zu trennen, wurde er – was er von Anfang an hätte werden sollen – ein braver Hausanstreicher, dessen Wert und Preis nach dem Quadratmeter gemessen wird. Die Zeitbörse. Einen hübschen Stapel Druckblätter hatte ich mir auf der Bettdecke aufgebaut und daran las ich bis gegen Mitternacht mit halbschläfrigen Augen; Sonderberichte von den Fronten, Naumanns mitteleuropäische Studien, und was sonst so die Zeit bewegte. Da war auch ein älterer Artikel von einem gewissen A. M. »Der gestreckte Tag«, mit dem Vorschlag, die Sommerzeit zu verlängern. Aha, dachte ich, das mag auch mit den Anstoß zu der neuen Einrichtung gegeben haben. Allein bald darauf schweifte ich über den Anzeigenteil einer Zeitung, und da blieb ich an folgendem Inserat haften: Einige gut erhaltene Wochen und Monate , wenig gebraucht und daher wie neu, sind preiswert zu verkaufen. Näheres im Bureau der Zeitbörse, Berlin-Charlottenburg. Was Tausend! so was existierte, und davon hatte ich keine Ahnung. Freilich, vorgeahnt war das ja schon lange und als unverwirklichte Forderung aufgestellt. Auf meinem Nachttisch lag ein Band Schopenhauer, den schlug ich auf, und da fand ich auch gleich die richtige Stelle: »Es wäre gut, Bücher kaufen, wenn man die Zeit , sie zu lesen, mitkaufen könnte!« Der also hatte bereits die Zeitbörse geahnt oder wenigstens gewünscht; und nun war sie wirklich vorhanden. Aber wo?? – das mußte ich sofort ermitteln. Ich sprang mit beiden Beinen aus dem Bett, nahm mir nicht einmal die Zeit, mich anzuziehen, stürmte die Treppen hinunter, schloß das Haustor auf und stand auf der Straße. Wie man eben so dasteht, wenn man geradewegs aus dem Bett kommt, also im Nachthemd. Denn Pyjama trage ich grundsätzlich nicht. Nach wenigen Schritten traf ich einen Schutzmann. »Können Sie mir vielleicht sagen, wo hier die Zeitbörse ist?« – »Ja, natürlich. Sie sind ja dichte bei, da drüben am Palasttheater, wo alles so hell erleuchtet ist.« Das traf sich gut, daß da auch Nachtbörse gehalten wurde. Geld hatte ich zwar nicht bei mir, aber das machte nichts, ich würde mich schon mit den Leuten verständigen. Gleich war ich drin im großen Saal und ging auf den erstbesten zu, der mit den Händen in den Hosentaschen nachlässig an einer Säule lehnte. »Sind Sie vielleicht der Herr, der die wenig gebrauchten Wochen und Monate zu verkaufen hat?« »Stimmt schon,« sagte der andere; »wieviel brauchen Sie denn?« »Viel und wenig, wie man's nimmt. Die Hauptsache ist, ob Sie mir die Ware sofort liefern können.« »Selbstverständlich, 's ist alles da. Wir machen hier an der Zeitbörse überhaupt nur glatte Geschäfte. In mir speziell sehen Sie einen geborenen Nichtstuer, der sein Lebelang die Zeit niemals gebraucht hat. Totgeschlagen hab' ich sie auch nicht, folglich existiert sie zu meiner freien Verfügung. An jedem Tag, den der Herrgott werden ließ, habe ich mindestens zehn Stunden gespart und auf die hohe Kante gelegt; so was summiert sich, und heute besitze ich ein Prima-Lager von Monaten und Jahren, an die kein Rost und kein Mottenfraß herangekommen ist. Also wieviel brauchen Sie?« »Eigentlich nur zehn Minuten ,« erklärte ich. »Mir fehlen zu allen Verrichtungen des Lebens zehn Minuten. Beim Schlafen, beim Ankleiden, bei den Mahlzeiten, bei der Arbeit, bei allem, immer sind es zehn Minuten, die ich nicht aufbringen kann. Bei jeder Verabredung fehlen sie mir, bei jedem Theaterbesuch, bei jeder Abreise verspäte ich mich um zehn Minuten, bei jeder Leistung bin ich mit zehn Minuten im Verzuge. Sogar bei meiner eigenen Hochzeit ging ich zehn Minuten nach, und der Standesbeamte fing schon an zu trauen, als ich atemlos herbeisauste. Nach meiner festen Überzeugung bin ich zehn Minuten zu spät auf die Welt gekommen; und diese knappe Zeitspanne habe ich später mit aller Gewalt nicht wiedereinholen können. Mit meiner Zeit ist es wie mit einer falsch zugeknöpften Weste. Ich kann knöpfen so lange ich will, jeder Knopf kommt ins falsche Loch. Und die zehn Minuten, die mir heute fehlen, sind immer noch dieselben, die mir schon als Junge fehlten, wenn ich genau um zehn Minuten zu spät in die Schule kam.« »Lassen Sie mich zufrieden!« knurrte der Zeitverkäufer. »Mit solchen Lappalien geben wir uns nicht ab. Wir sind hier keine Markthalle und kein Trödelkram, sondern eine Börse. Unter einer Woche gebe ich nicht ab, und die kostet tausend Taler!« »Her damit!« rief ich; »ich nehme die Woche und lege den Rest von 6 Tagen, 23 Stunden und 50 Minuten auf städtische Sparkasse.« »Erst Geld zeigen! Sie sind ja im Hemde, wie wollen Sie denn bezahlen?« »Ja, Bares habe ich freilich nicht bei mir, aber ich besitze ein Depot auf der Diskonto-Gesellschaft und hebe dort sofort den Betrag ab; warten sie einen Moment, ich bin gleich wieder zurück.« Vorläufig wußte ich: mir war geholfen. Wenn schon nach Schiller ein Augenblick gelebt im Paradiese nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt wird, so konnte ich für volle sechshundert Sekunden getrost dreitausend Emmchen anlegen. Meine einzige Sorge war nur: ich würde mich auf dem Wege zur Bank hin und her wieder um zehn Minuten verspäten, und dann war mein Lieferant vielleicht schon fort. Aber nein! Er würde warten, denn er war ja Zeitbesitzer, ein wahrer Krösus an Minuten! Draußen war es schon ganz hell geworden. Stimmen brüllten hinter mir her: der hält woll Berlin für'n Freiluftbad! Ein Verrückter! Schmeißt doch den Kerl in'n grünen Wagen! Na, dem werden se auf Polizei eine nette Badehose überziehen! Fäuste griffen nach mir. Ich wehrte mich, stieß um mich, und stieß – – mit der Faust gegen den Nachttisch; was meine Faust erheblich stärker spürte, als das Möbelstück. Mein rascher Blick beim jähen Erwachen fiel auf die Uhr. Erst sieben! Gleichzeitig hallten die Glockenschläge von der Gedächtniskirche durchs Fenster. Schon acht Uhr! Die neue Sommerzeit! Eine vortreffliche Errungenschaft, aber vorerst mit runden sechzig Minuten vorausbezahlt! Und die Folge? Mir werden bis zum ersten Oktober nicht bloß die altgewohnten zehn Minuten, sondern eine Stunde und zehn Minuten fehlen! Ein glorioser Augenblick. Abseits vom brüllenden Lärm der Weltstadt und doch nahe ihrem mächtigsten Verkehrszuge tagt seit einem Menschenalter ein – stock' ich schon, wer hilft mir weiter fort? Das, was dort hier tagt, nennt sich selbstbescheiden genug »Stammtisch« und setzt sich damit einer ebenso platten wie falschen Deutung aus; denn um den Begriff eines norddeutschen Stammtisches flimmert ein Gemisch von Dünnbier, Eisbein, Philistergeschwätz und Hausschlüsselnot, das sich um diesen Kreis vornehmer und illustrer Persönlichkeiten niemals lagern kann. Als einen Klub der Geistesgrößen würde ich ihn bezeichnen, wenn ein Klublokal vorhanden wäre; als ein Parlament, wenn er aus Wahlen hervorginge und nichts zu sagen hätte; als einen Verein, wenn er auf Statuten herumritte; als eine Tafelrunde, wenn getafelt würde. Nichts von alledem trifft zu. Dieser Kreis entzieht sich dem Vergleich und schwebt über den Definitionen. Bedeutende Federn haben ihn zu analysieren versucht, sind aber im Anlauf stecken geblieben; nur so viel wußten sie zu sagen, daß hier in der Symphonie des Berliner Lebens ein besonderer Ton angeschlagen wird, und nicht etwa der Unterton eines Stammtisches, eher der Oberton eines Areopags. Hier fehlt also im Wortschatz die Begriffsnuance, die dem Wesen dieses Kreises gerecht würde. Nennen wir ihn den Überstammtisch! Sollte ich einmal den Vorzug haben, dich, verehrter Leser, dort einzuführen, so waffne dich auf dem Wege mit Scharfsinn und Kenntnissen. Du wirst sie nötig haben, wenn du nicht in deines Nichts durchbohrendem Gefühle zusammenklappen willst. Sprich, wovon du willst – es sind Überlegene vorhanden. Dort sitzt der Politiker, der nicht nur weiß, was in der letzten englischen Thronrede gestanden hat, sondern was in der nächsten stehen wird, und zwar wortgetreu. Dort der gewaltige Parlamentarier, der in seines Gewandes Falten die Entscheidung über das wichtigste Gesetz der Folgezeit trägt. Neben ihm der gefeierte Anwalt, von dessen sensationellen Plädoyers der ganze deutsche Blätterwald rauschende Kunde gab. Gegenüber der Finanzmagnat, dessen Lächeln Hausse und dessen Stirnrunzeln Baisse bewirkt. An einem Schälchen Mokka nippt der gefürchtete Kritiker, der täglich eine Kunstgröße zum Frühstück schlachtet. Und so Typ bei Typ, einer immer gewaltiger als der andere. Sprich, was du willst, entwickle eine Ansicht, stelle eine Behauptung auf, konstatiere eine Tatsache: von irgendwoher wird eine autoritäre Lawine daherrollen, die dich in der Sekunde begräbt und bis zur Unauffindbarkeit verschüttet. Und du darfst noch von Glück sagen, wenn sich dein Schicksal in solcher Form der Tragik vollzieht; es kann dir auch passieren, daß ein persönlich zugeschliffenes Epigramm von unerhörter Feinheit dich zu Tode beißt, ohne daß du es merkst, oder daß ein eisiges Schweigen von schärfster Eloquenz dir deine Minderwertigkeit zu Gemüte führt. Es ist also wirklich ein bißchen schwer, sich an diesem Überstammtisch durchzusetzen oder gar eine Weile zu behaupten. Und es kann allenfalls nur gelingen, wenn man sich auf ein Spezialgebiet wirft, das von der großen Linie der Diskussion abzweigt. Solch ein Sonderwissen wollte ich mir aneignen, um einen Dauertrumpf gegen die ganz Großen des Überstammtisches in der Hand zu haben. Ich dachte zuerst an die Bakterienforschung, an die Radiumtherapie und an den Sanskrit. Allein diese Disziplinen zeigten einen gemeinsamen Übelstand: sie waren zwar spezial, aber doch etwas zu abgelegen; nicht zu erreichen im Fluß einer allgemeinen Debatte. Eines Abends blickte ich um mich und nahm die Statistik des Kreises auf; jetzt hatte ich es: ein Zoologe fehlte! Soweit der Horizont reichte, kein Zoologe! und in diesem Augenblick stand es bei mir fest: du studierst Zoologie! Mögen sie dann reden, wovon sie wollen, du kommst ihnen als Fachmann einer Wissenschaft, die unausweichlich neben jedem erdenklichen Thema liegt. Vom Löwen des Tags bis zum Schwarzen Adler, den er auf der Brust trägt, vom Stimmvieh bei den Wahlen bis zum Schwein, das zur Majorität verhilft, von der Rhinozeroshaut, die nach eines Kanzlers Ausspruch jeder hohe Staatsbeamte tragen muß, bis zum Elefanten, den der Agitator aus der Mücke zu machen versteht – alles erlaubt den Übergang zur Tierkunde; keine Debatte erscheint denkbar ohne zahllose Haken, an die man die Trophäen zoologischen Wissens aufhängen kann, vorausgesetzt natürlich, daß man über Spezialkenntnisse verfügt, die den andern imponieren. Daher mein Entschluß: von morgen ab wird Zoologie studiert! Seines Fleißes darf sich jedermann rühmen, sagt Lessing, und es fällt mir auch nicht im Traume ein, mich deswegen mit einem Mann wie Lessing in Konflikt zu setzen. Ich rühme mich also mit allem Nachdruck, in den nächstfolgenden Wochen außerordentlich fleißig gewesen zu sein und eine Masse Wälzer durchgeblättert zu haben, unter denen Brehms Tierleben und der Große Brockhaus durch Schmalheit auffielen. In den Zwischenpausen ging ich ebenso fleißig in den zoologischen Garten, trieb vor den Gittern vergleichende Naturwissenschaft, las die Aufschriften, suchte in den Tierleibern verkapselten Welträtseln auf die Spur zu kommen und aß dazu sehr viele Heftersche Würstel wundervollen Angedenkens. Im Laufe dieser Untersuchungen bestürmten mich zahllose Fragen, an denen die Fachleute der Zoologie, wie es scheint, bisher achtlos vorbeigegangen sind: Warum haben die Raubtiere und die großen Robben englische Tischzeit? Warum schlafen die Winterschläfer auch im Sommer? Wieso kommen auf ein weißes Hermelinfell zehn schwarze Hermelinschwänzchen? Womit putzen die Dickhäuter ihre Zähne? Wie kommt der Eisbär ohne Gefrorenes aus? Das Staunen über das Alltägliche ist die Grundlage aller ernsten Forschung. So hat Newton vor lauter Verwunderung über einen fallenden Apfel das Gravitationsgesetz, James Watt vor Verblüffung wegen eines Teekochers die Expansionskraft des Dampfes gefunden. Und nach derselben Methode wollte ich nunmehr zu zoologischen Tiefgründigkeiten gelangen, von denen meine Kollegen am Stammtisch nicht die leiseste Notiz besaßen. Im weiteren Fortgang gelangte ich dazu, meinen zoologischen Studien eine philosophische Färbung zu geben. Die Umwertung aller Werte, die Friedrich Nitzsche nur angedeutet, aber nicht durchgeführt hat, mir sollte sie gelingen, indem ich das Tierbewußtsein zum Ausgang einer neuen Spekulation ersah. Mir fing es an aufzudämmern, daß das Tier nicht unterhalb des Menschen stünde, eher im Gegenteil. Zahlreiche Beweise hierfür fielen mir ein, während ich vom Gnu zum Doppelorchester hin und her wandelte. Die Professoren haben die Eule zum Sinnbild der Weisheit erkoren, während es noch keiner Eule eingefallen ist, als Symbol des Wissens einen Professor zu wählen. Fünfundzwanzig Pfund Fische verzehrt der Seelöwe bei seiner Tagesmahlzeit gratis und ohne üble Folgen, während der Mensch für ein Stückchen Hecht sechs Mark zahlen muß und an einer Gräte erstickt. Diesen Duktus suchte ich bis zu einer neuen darwinistischen Theorie auszuspinnen, die den gefleckten Mandrill als die Krone der Schöpfung verkünden sollte. Aber während ich noch dabei war, diese neue Wertskala auszuarbeiten, wehte mir der Zufall ein Stück Papier in die Hand, das die wirklichen Wertmaße der wichtigsten Tiere bestimmte. Es war ein Preisverzeichnis der Firma Hagenbeck in Hamburg, das kurz und bündig die wahren Werte aller exotischen Arten notierte. Wie Herr Hagenbeck darauf verfallen war, in mir einen Kauflustigen zu vermuten, das bleibe im Dunkeln. Genug, sein Preiskurant lag eines Tages auf meinem Schreibtisch und mit ihm eine Fundgrube speziellen Wissens, das keinem andern Stammtischherrn zugänglich sein konnte. Ein Paar bengalische Tiger, ein Meter Schulterhöhe, kostet sechstausendfünfhundert Mark, ein männlicher nubischer Löwe vier Jahre alt, eintausendfünfhundert Mark, ein männliches Nilpferd zehntausend Mark – wer hat von diesen Dingen auch nur eine Ahnung? Wer weiß, wieviel ein Bartgeier, eine Zibetkatze, ein Känguruh, eine Hyäne gilt? Wer hat eine Vorstellung davon, daß Alligatoren, Krokodile und Riesenschlangen nach der Länge verkauft werden wie Tapeten? Hier hieß die Parole: Auswendiglernen und dann im geeigneten Momente das Memorierte losschmettern. Den hätte ich sehen mögen, der dabei nicht Augen und Ohren aufgesperrt hätte! Selbst der gebildetste Berliner wird nicht angeben können, wieviel ein ganz gewöhnlicher Katzenmaki wert ist, wie soll er da gegen mich aufkommen, der ich in alle Preisgeheimnisse bis hinauf zum indischen Elefanten eingeweiht bin? Die Liebe zur Sache stärkte mich mit einem wahren Mithridatesgedächtnis, und nach drei Tagen hatte ich den ganzen interessanten Katalog im Kopf. Am Abend des vierten ging ich im Vorgefühl meines Triumphes an den Überstammtisch. Dort waren schon etwa zehn Herren, unter ihnen ein Fremdling, der als Gast eingeführt war, ein freundlicher blonder Mann mit einem hellen Kastorhut, offenbar ein Provinziale, ein Außenseiter, dem man im ersten Anlauf bequem imponieren konnte. Aus dem Vorstellungsgemurmel wurde ich nicht recht klug; es gehört zu meinen berechtigten Eigentümlichkeiten, daß ich beim Akt der Vorstellung immer nur meinen eignen Namen verstehe, und der genügt mir in den meisten Fällen. Ob der andre Schulze oder Meier oder Cohn heißt, ist ja wirklich recht gleichgültig. Ohne mich dabei aufzuhalten, begann ich sofort auf mein eigentliches Thema zu präludieren: wie dem Herrn Berlin gefiele, ob er schon im Zoologischen Garten gewesen sei. Der Fremdling erklärte, Berlin gefiele ihm so weit ganz gut, und den Zoologischen habe er bereits besucht. »Wenn Sie wieder einmal hinkommen,« so fuhr ich fort, »betrachten Sie doch einmal aufmerksam die amerikanischen Tapire. Es sind Prachtexemplare, in denen ein Vermögen investiert ist: so ein Tapir kostet nämlich eintausendfünfhundert Mark.« »Ach, ich glaube. Sie übertreiben ein wenig,« entgegnete der andre in höflichem Tone, »einen Tapir sollte man wohl schon für achthundert Mark kaufen können.« So sanft dieser Einwand ertönte, so heftig reizte er meine Opposition. Da kommt irgend ein Jemand hereingeschneit und rät auf gut Glück in Werten herum, während er doch schon aus der apodiktischen Sicherheit meiner Aussage erkennen muß, daß ihm ein Fachmann gegenübersitzt. Der Stammtisch hatte die Sachlage auch sofort begriffen. Er begann zu lächeln, über den armen Laien zu lächeln, der sich eine gründliche Abfuhr von mir holen mußte. Ich gewann Haltung, und in überlegener Positur belehrte ich den Blonden: »Es ist ja absolut nicht erforderlich, daß Sie auch nur die geringste Fühlung mit derlei Dingen besitzen. Dazu muß man eben Spezialist sein. Was mich betrifft, so haben mich meine Forschungen auf einem Seitenweg gerade auf dieses Feld gelenkt. Und kraft meiner besonderen Beziehung zu Hagenbeck, Telegrammadresse Hagenpark Hamburg, stelle ich die Tatsache fest, daß es ein Nonsens ist, für achthundert Mark einen amerikanischen Tapir zu verlangen. Hier handelt es sich um feste Preise, mein Herr, die höchstens dann eine Ausnahme erleiden könnten, wenn Hagenbeck einmal eine billige Tapirwoche anzeigen sollte, was bisher noch niemals der Fall war. Ich werde Ihnen sagen, was Sie für achthundert Mark bekommen können: vier männliche Somali-Esel! Die sind freilich billig. Was ich betonen wollte, sind aber gerade die enormen Ausgaben, die durch die Erwerbung der seltenen, wertvollen Tiere unserm Zoologischen Garten erwachsen. Vergegenwärtigen Sie sich, mein Herr, daß ein einziger Eisbär mit dreitausendfünfhundert Mark und ein männliches Nilpferd, Hippopotamus amphibius , mit zehntausend Mark bezahlt wird!« »Ohne Ihnen direkt widersprechen zu wollen,« meinte der andre, »möchte ich doch die Möglichkeit andeuten, ein Nilpferd schon für neuntausend Mark erwerben zu können.« Abermaliges Lächeln in der Runde, das trotz seiner diskreten Färbung die Genugtuung der Korona über die hilflose Lage meines Gesprächspartners deutlich genug verkündete. Mir blieb jetzt die Wahl, entweder sehr ausfällig zu werden und meinen Gegner mit der ganzen Wucht meiner zoologischen Autorität zu zerschmettern, oder auf dem sicheren Standpunkt meiner genügend erhärteten wissenschaftlichen Superiorität behaglich auszuruhen. Ich wählte die großmütigere Fassung und stimmte das Gespräch fortan auf den Ton einer herablassenden Würde, bis sich der Gast empfahl. Ich kann sogar sagen, daß ich ihm mit einem Gefühl der Dankbarkeit nachblickte. Hatte er mir doch als Sockel für meine eigne Erhöhung gedient, unabsichtlich, aber darum nicht weniger wirksam. »Wer war doch dieser Herr eigentlich?« fragte ich. »Ich habe vorhin seinen Namen nicht verstanden.« Und von einem wahren Zuckergenuß allseitigen Lächelns umgeben, flötete mir der Bescheid entgegen: »Oh, mit dem haben Sie es ausgezeichnet getroffen – das war Dr. Keck, der Direktor des Berliner Zoologischen Gartens!« Der verbesserte Klassiker. Das Stadttheater zu X. an einen lebenden Dichter: Sehr geehrter Herr! Nach sorgsamer Prüfung Ihres neuen fünfaktigen Schauspiels sind wir leider genötigt, Ihnen das zweifellos sehr beachtenswerte Werk mit dem Ausdruck unseres Bedauerns wieder zurückzugeben. Ihr Stück erhebt im Punkte der dekorativen und szenischen Ausstattung so gewaltige Anforderungen, daß wir uns außerstande sehen, unseren Etat nach dem Maße Ihrer Wünsche zu belasten, da es sich doch um ein Werk von noch nicht erprobter Zugkraft handelt. Indes legt uns die ganze Art Ihrer erfindungsreichen Gestaltung den Wunsch nahe, Sie in anderer Weise unserem Institut zu verbinden. Hätten Sie wohl Lust, einige Klassiker für uns neu zu bearbeiten? Wir verstehen darunter nicht ein Herumflicken an Worten und Versen, sondern eine wirkliche Neugestaltung, von der auch die Szenenführung, ja der Inhalt Gewinn ziehen soll. Mehrere mit Recht berühmte Bühnen der großen Hauptstädte haben bereits das Wagnis mit Erfolg übernommen, und man rechnet es ihnen zum Lobe an, daß sie Sophokles, Plautus, ja sogar Molière mit kräftigen Händen neu gestaltend ergriffen haben. Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns nach dieser Richtung möglichst bald mit geeigneten Vorschlägen erfreuen würden. Der Dichter an das Stadttheater: Ich habe mir Ihre Anregung durch den Kopf gehen lassen und glaube in der Lage zu sein, Ihnen schon heute einen Plan unterbreiten zu können. Da Sophokles, Plautus und besonders Molière bereits genügend betreut und versorgt sind, so möchte ich es in meinem ersten Anlauf mit Shakespeare versuchen. Um das Wesentliche vorwegzunehmen, so würde ich es mir wohl zutrauen, einem Stück, wie dem »Hamlet« , neue Glanzlichter aufzusetzen. Immer vorausgesetzt, daß wir uns im Hauptpunkt richtig verstehen, nämlich darin, daß wir uns von der falschen Pietät früherer engherziger Zeiten zugunsten voller Freiheit dichterischen Neuschaffens lossagen. Ich denke hier zunächst an die Aufstellung eines ganz neuen Aktes, der in der Idee nahe genug liegt, und den Shakespeare aus mir nicht ganz verständlichen Motiven zu schreiben unterlassen hat. Es liegt mir selbstverständlich fern, die Historie zu vergewaltigen; ich bleibe vielmehr getreu im Rahmen der geschichtlichen Wahrheit, wenn ich den neuen Akt nach Wittenberg verlege. Denn auf der hohen Schule von Wittenberg hat Hamlet bekanntlich studiert, als er die Nachricht von seines Vaters plötzlichem Tode empfing. Und hier setzt die Kombination ein: Auch unser deutscher Faust war ja ein Wittenberger, Teilhaber derselben Universität, auf der Hamlet seine Bildung empfing! Was liegt näher, als diese beiden Ur- und Kerngestalten dramatischer Philosophie endlich einmal auf der Bühne in enger Fühlung aneinander zu bringen? Die beiden Grundtypen des grübelnden Deutschen, – von Faust braucht's ja nicht erst bewiesen zu werden, – aber denken Sie an Gervinus, der den Hamlet direkt als Normaldeutschen definierte, denken Sie an Freiligraths Ausruf: Hamlet ist Deutschland! – und Sie werden mir zugeben, daß aus der Zusammenführung beider eine Szene entstehen kann, ja sich notwendig ergeben muß, die im gesamten Schrifttum ihresgleichen nicht findet. Ich lasse es vorerst bei dieser Andeutung bewenden und behalte mir vor, Ihnen demnächst weitere Horizonte meines Planes zu erschließen. Der Komponist B. an das Theater: Ihrer freundlichen Weisung entsprechend, habe ich mich mit dem Dichter in Verbindung gesetzt, und mit Genugtuung stelle ich fest, daß sich schon im ersten Briefwechsel ein annähernder Gleichlauf unserer Ideen entwickelt hat. Meinem Beruf, dem ich mit aller Leidenschaft ergeben bin, werden Sie es zugut halten, wenn ich in der Grundauffassung noch einen Schritt weiter gehe, als Sie selbst. Wenn Sie eine Steigerung Shakespearescher Eindrücke durch rhythmische Künste nur für möglich halten, so erkläre ich für meine Person geradezu: ein Hamlet ohne Ballett ist einfach ein Unding! Nur wird man die hierfür erforderlichen tonkünstlerischen Motive nicht bei Gluck oder Mozart, sondern weit näherliegend bei Meyerbeer suchen und finden müssen. Mir ist es ganz erwiesen, daß der Segen der reformatorischen Neubearbeitung bei der Kirchhofszene einzusetzen hat. Ist es doch die Kunstgeschichte selbst, die mit weisem Bedacht das vorbereitete, was wir brauchen: Hamlet agiert zwischen den Gräbern, Meyerbeer hat für seinen »Robert der Teufel« ein Kirchhofballett geschrieben, – vereinigen wir diese zwei Düsternisse, und aus der Synthese wird eine Wirkung hervorwachsen, von der sich die Schulweisheit rückständiger Dramaturgen nichts träumen läßt. Selbstverständlich muß ich mir ein ansehnliches Maß von Freiheit in der Behandlung der Meyerbeerischen Tanzvorlage vorbehalten, damit etwas Organisches zustande kommt: die Verschmelzung einer Totengräberphantasie im Geiste Hamlets mit einem tönenden Bacchanal zu einer höheren Einheit, in der des Gedankens Blässe mit beschwingter Anmut zur angeborenen Farbe der Entschließung emporgeläutert wird. Der Dozent Z. an den Dichter: Ich finde es ganz in der Ordnung, daß Du in dieser schwierigen Angelegenheit meinen Rat einholst; denn es liegt auf der Hand, daß Dein Vorhaben der bewußten Neueinrichtung nur dann gelingen kann, wenn es sich auf die vorhandenen Ergebnisse der Literaturforscher stützt. Ich kann Dir nun als ein mit Lehramt ausgestatteter Sachverständiger mitteilen, daß Dich der eigene Instinkt hier durchaus auf die richtige Fährte geleitet hat. Wenn Du jetzt daran gehst, Hamlet als Dame auftreten zu lassen, so wird ein erhöhter Kunstverstand mehr darin zu erblicken haben, als einen Akt der Neuerungssucht: Hamlet war nämlich ein Weib , nicht etwa in übertragener philosophischer Ausdeutung, sondern in corpore seiner geschlechtlichen Wirklichkeit. Die Vermutung bestand schon lange, sie ist aber neuerdings durch tiefgründige Untersuchungen bedeutender Forscher zum Range einer Gewißheit emporgehoben worden. Kann es ein Zufall sein, daß der Geist des Vaters bei aller Redseligkeit geflissentlich den Ausdruck »Sohn« vermeidet? Zufall, daß die Königin mit dem Worte »er ist fett« auf seine vollen Formen anspielt, die so schlecht wie nur denkbar auf die Natur eines melancholischen Prinzen passen? Zufall, daß in seinem Denken und Fühlen so viel hysterisch-weibische Züge durchbrechen, daß seine Freundschaft zu Horatio erotisch betont erscheint? Nein, alles drängt uns auf die Annahme einer absichtsvollen Verkleidung auf jenen geheimen Zauber, der von jeher feinspürige Schauspielerinnen verlockt hat, die Rolle des Hamlet darzustellen. Vor mir liegt eine dicke Abhandlung des englischen Literaturfachmannes Vining, der die Züge aus den Dramen und der Geschichte zusammengetragen hat, um aus ihnen den untrüglichen Schluß zu gewinnen: Hamlet war eine dänische Prinzessin ! Du stehst mithin auf ganz gesichertem Boden, wenn Du das im Bühnenschlendrian erstarrte Drama um ein Fräulein Hamlet gruppierst und ihm dadurch eine neue Beweglichkeit verleihst. Gehst Du noch einen Schritt weiter, indem Du die Ophelia in einen Ophelius verwandelst, so wird man zwar von einer dichterischen Lizenz reden dürfen, ohne indes daraus einen durchschlagenden Vorwurf herzuleiten. Ganz im Gegenteil finde ich, daß erst dadurch die Symmetrie der Begebnisse hergestellt wird. Immerhin wirst Du Dir der notwendigen Grenzen bewußt bleiben müssen und nicht etwa den Polonius in eine Polonia umkorrigieren, so gern auch Dein Mitarbeiter, der Komponist, den Anlaß zu einer Polonäse mit Themen von Chopin benutzen möchte. Der Dichter an das Theater: In vier Wochen spätestens hoffe ich alles Wesentliche meines neuen »Hamlet« unter Dach und Fach zu haben; ich hoffe das um so zuversichtlicher, als meine bisherigen Vorschläge das Glück hatten, Ihre restlose Zustimmung zu finden. In der Anlage finden Sie den Entwurf einer gänzlich neuen Szene, die ich in den letzten Aufzug meines Stückes einzuschalten gedenke. Der erheuchelte Wahnsinn Hamlets, der wirkliche Irrsinn Ophelias haben es mir nahegelegt, die Geistesverwirrtheit an sich zum Kern eines allegorischen Auftritts zu wählen. Ähnlich wie in »Macbeth« und in »Richard III.« sollen hier Figuren in Phantasmagorie vor dem Beschauer vorüberziehen, die durch eine psychologische Grundeigenschaft einheitlich auf einander bezogen werden. Ihr Generalnenner sozusagen wird durch den erhabenen Irrsinn dargestellt, der sie gemeinsam beseelt. An Stelle des für mich gänzlich unhaltbaren Shakespeareschen Schlusses tritt nunmehr eine Vision, ein Apotheose: die großen Geistesgestörten aus Sage, Geschichte und Kunst formen hier den Hamlet-Ophelischen Reigen, vom rasenden Ajax angefangen zum rasenden Roland, vom englischen Lear zum deutschen Gretchen und weiterhin zu den Geistern eines Hölderlin, Robert Schumann und Friedrich Nietzsche. Die begleitende Musik wird mein Kollege aus italienischen Opern zusammenstellen, in denen die Vortragsbezeichnung delirando wiederholt auftritt. Das kann ein Schluß werden, dessen Kraft ausreicht um dreißig Aufführungen in einer Spielzeit zu verbürgen und die leidige Frage »wo bleiben die neuzeitlichen Dramatiker?« endgültig zum Schweigen zu bringen. Eine übermäßige Verlängerung des Theaterabends brauchen Sie deswegen nicht zu befürchten. In der Anlage Nummer zwei dieses Briefes übergebe ich Ihnen das Verzeichnis derjenigen Szenen von Shakespeare, die ich nunmehr aus meinem Drama herauszustreichen fest entschlossen bin. Sie umfassen zusammen ungefähr zwei Stunden Spieldauer und sind bei ihrer völligen Entbehrlichkeit durchaus geeignet, dem Rotstift des nachschaffenden Dichters zum Opfer zu fallen. Das Theater an den Dichter: Im Besitz Ihrer Zuschriften möchten wir Sie schon heute zu dem glänzenden Erfolge Ihrer Uraufführung am 27. nächsten Monats einladen. Nur noch eine kurze Verständigung erscheint uns vorher erforderlich. Bei aller Anerkennung Ihrer Neuschöpfung möchten wir doch insofern an der alten Gepflogenheit festhalten, als wir auf den Zettel nach wie vor zu schreiben gedenken: »Hamlet« von Shakespeare . Denn eine Verleugnung dieses Brauches könnte uns von unberufenen Beurteilern leicht als ein Verstoß gegen die Pietät angekreidet werden. Alles schon dagewesen. »Go find Livingstone!« so befahl einst der Chef des »New York Herald« seinem jungen Manne, dem Journalisten Stanley. Der ging schnurgerade auf den Punkt in Mittelafrika los, an dem sich der seit Jahren Verschollene aufhielt, und fand ihn. Ein Beweis, daß ein richtiger Zeitungsschreiber vor keiner Aufgabe zurückschreckt, wenn sie nur recht schwierig ist. Jenes gloriose Beispiel schwebte mir vor Augen, als mir kürzlich ein befreundeter Verleger das Thema aufgab: »Wie würde sich das Leben in grauer Vorzeit gestaltet haben, wenn die Alten unsere Erfindungen gekannt hätten?« Aufrichtig gesprochen, ich wußte nicht, wie sich das Leben der Alten unter dieser anachronistischen Bedingung gestaltet hätte, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich mich auf die graue Vorzeit beim besten Willen nicht zu besinnen vermag. Ich befand mich also gewissermaßen vor einer journalistischen Unmöglichkeit und sagte deshalb, ohne mit der Wimper zu zucken: »Herr Verleger, das Thema liegt mir, bis morgen sollen Sie den Artikel haben.« Vor die Schwierigkeit haben die Götter den Alkohol gesetzt. Strindberg hat mir einmal gesagt, daß man vor jeder knifflichen Schreibarbeit tüchtig schwedischen Punsch trinken müsse. Ich setzte mich also in die hinterste Ecke eines stillen Lokals und trank mir in reichlichem schwedischen Punsch diejenige Kurage an, die ich zur Bewältigung jenes Themas für erforderlich hielt. Mein Mut hob sich im Quadrate der vertilgten Gläserzahl. Ich war gerade beim zwölften angekommen, als ein graubärtiger Gast eintrat und sich mit der kurzen Vorstellung: »Rabbi Akiba!« an meinen Tisch setzte. »Ach, Sie sind doch der Mann mit dem »Alles schon dagewesen!« sagte ich. »Sie werden staunen! So ein Punsch ist doch noch nicht dagewesen. Versuchen Sie einmal. Prosit, Herr Akiba!« Nach einer Minute waren wir mitten im Thema. »Ich nehme an,« so fuhr ich fort, »daß Sie sich neuerdings über unsere elektrischen Apparate informiert haben. Tolle Dinger, was? Also es entsteht nun die Aufgabe: wie würde sich das Leben der Alten gestaltet haben, wenn sie ...« »Warum reden Sie immer mit »wenn« und »würde«?« entgegnete der Rabbi. »Die Alten haben die elektrischen Apparate gekannt, noch mehr, sie haben sie sogar in höchst ausgiebiger Art benutzt.« »Reden Sie keinen Unsinn, Rabbi!« »Ich bewege mich nur auf meiner bewährten Linie: Alles schon dagewesen. Fangen wir mal in der allergrauesten Vorzeit an. Haben Sie eine Ahnung davon, was die Bundeslade war?« »Ach, Herr Akiba, wir wollen doch hier nicht über theologische Dinge reden!« »Absolut keine Theologie, sondern Physik und Technik. Die Bundeslade war nichts anderes als eine großartige Leydener Flasche und die Stiftshütte die Elektrisiermaschine dazu. Das trockene Holz zwischen den dünnen Goldblechen – ein Isolator zwischen zwei Leitern. Das aus der Bundeslade bei unvorsichtiger Berührung hervorbrechende Feuer – eine elektrische Entladung. Wer daran zweifelt, hat die Beschreibung der Bundeslade im Alten Testament niemals aufmerksam gelesen.« »Werde gleich mal zu Hause nachschlagen.« »Tun Sie das, und wenn Sie den Flavius Josephus zur Hand haben, werden Sie auch erkennen, daß der Tempel von Jerusalem durch Blitzableiter geschützt war. Es heißt da: »Die Leviten brachen bei dem letzten Sturme die Spitzen von dem Dache des Tempels und schleuderten sie als Wurfspieße auf die andringenden Feinde.« Metallische Spitzen, die nach ausdrücklichem Vermerk mit wasserhaltigen Zisternen in Verbindung standen, – bessere Blitzableiter hätte kein Franklin und kein Siemens konstruieren können. Dadurch erklärte es sich ja auch, daß dieser Tempel im gewitterreichsten Lande der Erde, in Palästina, in tausend Jahren niemals vom Blitz getroffen wurde, obschon er auf einem isolierten Felsen stand.« »Na ja, Herr Akiba, das mag schon dagewesen sein. Aber das sind Einzelheiten. Unser Telephon haben die Alten doch nicht gehabt.« »Ob sie's gehabt haben! Das berühmte »Ohr des Dionysios«, jene merkwürdige Flüstergrotte des Tyrannen von Syrakus, funktionierte ausschließlich durch einen höchst sinnreich angelegten Fernsprecher.« »Und das Fernrohr?« »Ich könnte Ihnen nachweisen – und ich berufe mich hierbei auf mehrfache sehr klare Andeutungen im Herodot – daß Odysseus bereits ein solches besessen hat. Als er auf Ogygia saß und sich wünschte, nur einmal noch den aufsteigenden Rauch seiner Heimat zu erblicken, richtete er sehnsuchtsvoll sein wohlgeschliffenes Teleskop dorthin, wo er den lieblichen Rauch vermutete. Freilich, bis nach Ithaka hin war es zu weit, und der göttliche Dulder konnte nicht einmal einen Schimmer des Lichtes erkennen, den ihm sein Sohn Telemach aus einem parabolisch geformten Scheinwerfer entgegensandte.« »Sie werden mir noch einreden, daß Troja mit Kanonen beschossen worden ist.« »Nein, mein Herr, ich halte mich immer streng an die historische Wahrheit. Richtige Feld- und Belagerungsgeschütze sind erst bei der Zerstörung von Carthago in Tätigkeit getreten. Sie kennen doch den Ausspruch Catos: Ceterum censeo , im übrigen bin ich der Meinung, daß Carthago in Grund und Boden bombardiert werden muß! Hingegen halte ich es für erwiesen, und ich stütze mich hierbei auf Vitruvius, Strabo, Thukydides und Ktesias, daß Diomedes, als er in die Ebene von Troja seine »Aristeia« lieferte, auf einem Kraftwagen von mindestens sechzig Pferdestärken in die feindlichen Heerhaufen donnerte. Er hatte vorher der Pallas Athene geopfert, und ihrem Schutz ist es zuzuschreiben, daß ihm während seiner Dauerfahrt nicht eine einzige Panne widerfuhr.« »Aber Herr Akiba, davon steht doch nicht eine Silbe in der Ilias!« »Ja, wenn Sie immer bloß den Homer wälzen! ebensogut könnten Sie sich auf den Kleinen Meyer beschränken. Den Plinius müssen Sie lesen! wissen Sie denn übrigens, daß Plinius einen Seismographen mit Quecksilber-Indikation hatte?« »Sie vergessen, werter Herr, daß Sie einen Journalisten vor sich haben, der über Apparate schreiben will. Wie soll ich da etwas über Seismographen wissen!« »Also Plinius hatte einen. Wie hätte er auch sonst das berühmte Fernbeben des Vesuvs anzeigen können?« »Ja, das leuchtet ziemlich ein,« versetzte ich, während ich das fünfzehnte Glas Punsch dem vierzehnten per Eilsendung nachbeförderte. »Ich werde diese Tatsache veröffentlichen, auf die Gefahr hin, bei den Lesern bedenkliches Kopfschütteln hervorzurufen.« »Dieses Kopfschütteln wird sich vermindern, wenn sie gleichzeitig über den brillanten Torpedoangriff berichten, durch den Themistokles seinerzeit die Seeschlacht von Salamis gewonnen hat.« »Und wie war es mit Marathon?« »Auch nicht übel. Aber da hatten es die Griechen verhältnismäßig viel leichter, da sie durch das von Dädalus erfundene, von Archimedes verbesserte lenkbare Luftschiff die feindlichen Stellungen bis ins genaueste rekognosziert hatten.« »Hören Sie mal, Herr Akiba, ich habe zwar schon ziemlich viel Alkohol intus , aber das mit dem Archimedes kann nicht stimmen ... Der lebte doch noch gar nicht, als bei Marathon gekämpft wurde.« »Sie sind ein Pedant. Auf solche Kleinigkeiten kommt es in einem wissenschaftlichen Aufsatz nicht an. Wenn Sie übrigens auf Genauigkeit so großen Wert legen, so stellen Sie lieber einmal die Fabel richtig, die unter dem Titel des Läufers von Marathon alle Geschichtsbücher unsicher macht. Dieser Läufer ist nie gelaufen. Die Kunde von der gewonnenen Schlacht wurde vielmehr durch Telefunken nach Athen spediert und daselbst durch zahllose Extrablätter verbreitet.« »Aber nicht durch photographische Aufnahmen illustriert.« »Da haben Sie recht. Die Photographie war durch die fortgesetzten Proteste von Zeuxis, Apelles und Parrhasios in Mißkredit gekommen und wurde zu jener Zeit nicht mehr ausgeübt. Dagegen stand sie ein Jahrtausend vorher in Blüte. Ich brauche nur daran zu erinnern, daß der Prinz Paris die drei nackten Göttinnen auf dem Berge Ida persönlich abgeknipst und als Pariser Photographien in Umlauf gebracht hat.« »Kellner zahlen! wenn Sie noch weiter kneipen wollen, Herr Akiba, so habe ich nichts dagegen. Ich gehe jetzt heimwärts und fange an zu schreiben, sonst vergesse ich eines über dem andern.« Ich verfolgte meinen Weg in jenen elliptischen Windungen, welche die Grundlage des Keplerschen Systems bilden. Wirre Gedanken verfolgten mich dabei: Hat Herkules gemüllert? Wie war der Thermometer graduiert, mit dem Euryklea dem Ulyss das Bad rüstete? Ist Mithridates geimpft gewesen? War der Revolver des Möros sechs- oder zwölfläufig? Bestand in Sparta für die Kinematographen-Theater polizeiliche Zensur? Wie teuer war das Pianola, das zu Salomes Tanz vor Herodes aufspielte? Hat Pluto den dreiköpfigen Kerberos vorschriftsmäßig entlaust? Und vor allen Dingen: Wie finde ich meine Wohnung? Dritte Abteilung: Ergebnisse. Ein tausendjähriges Rätsel. SATOR AREPO TENET OPERA ROTAS So sieht das Rätsel aus, das nun schon durch die Jahrhunderte vielen Forschern, vornehmlich Philologen, arges Kopfzerbrechen verursacht hat. Als Inschrift an geweihten Orten hielt es die Betrachtung Unzähliger magisch gebannt, viel Scharfsinn hat sich an ihm gewetzt, allein bis heute ist es nicht gelungen, den Sinn der fünf Zeilen aufzudecken. Man erkannte nur immer wieder, daß es sich um ein höchst merkwürdiges Buchstabenspiel handelte, vielleicht um eine Beispiellosigkeit. Das drängt sich schon dem flüchtigen Blick auf. Man kann die fünf Worte von links nach rechts, von rechts nach links, von oben nach unten, von unten nach oben lesen, – immer ergibt sich dasselbe. Es ist also, um den gebräuchlichen Kunstausdruck anzuwenden, ein »Palindrom«, und zwar ein Palindrom in vierter Potenz. In dieser Merkwürdigkeit liegt aber nur ein äußerliches Kennzeichen des berühmten Rätsels. Die tiefer schürfende Frage richtet sich auf etwas anderes: Was hat dieser kuriosen Anordnung zum Range einer oft wiederkehrenden Inschrift verholfen? Mit der bloß spielerischen Deutung kommt man da nicht aus. Eine Inschrift muß sinnvoll sprechen; und wenn sie in Rätselform eine Frage stellt, so muß wenigstens die Fragestellung verständlich werden. Hier sprach eine Sphinx anscheinend lateinisch; mit den einzelnen Worten konnte man zur Not fertig werden; aber nicht der leiseste Verstandeszusammenhang wollte sich ergeben, und unter allen Grüblern, die dieser Sphinx gegenüberstanden, ist bis heute ein Ödipus nicht hervorgetreten. Man hätte an eine mönchische Laune glauben können, wären jene Worte nur irgendwo in einer Klosterecke oder handschriftlich in einem Brevier angetroffen worden. Aber weit über solch enge Begrenzung haben sie sich fortgepflanzt, mit einer Kraft und Dauer, wie sie nur einem sinnigen Zitat eignen können. Eine ganze Literatur hat sich um sie aufgebaut; sie nennt die Stätten, die sich jener Inschrift zur Behausung bieten: die Kirche der Augustinerinnen von Verona, die Mutterkirche von Magliano, verschiedene französische und englische Kirchen; auf dem Pflaster der Sakristei der Kirche Pieve Terzagni in Tremona ist die Inschrift um das Mosaikbild der vier Evangelisten eingelassen; aufgenommen wurde sie in der Peterskirche bei Capestrano; und über Europa hinaus hat sie sich nach Ägypten und Äthiopien fortgepflanzt. Und nicht nur in Kathedralen und Basiliken hat sie sich ansässig gemacht; man findet sie in einer Bibel der Karolingerzeit, auf einem Siegelstempel spanischer Kirchenbehörde, auf den Stempelmarken der österreichischen Schatzkammer von 1572, auf Medaillen, auf dem Boden eines der Insel Gotland entstammenden Silberbechers, vermutlich noch an vielen anderen Orten; immer begleitet von den stummen, ach so vernehmlichen Seufzern Tausender: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten! Ich glaube nun, daß ich imstande bin, eine Lösung des Rätsels vorzulegen. Es mußte unüberwindlich bleiben, solange wir nur mit dem Lexikon bewaffnet es angreifen wollten. Bei erstmaliger mechanischer Zerlegung zerfällt die Inschrift in zwei Teile, deren längerer kaum mehr beansprucht als das Wissen eines Tertianers. Sator : der Sämann; Tenet : hält; Opera : die Werke; Rotas : Flexionsform von rota , das Rad; vielleicht von rotare : kreisförmig umherdrehen. Aber » Arepo «? Starr und glotzäugig blickt dieses Wort aus dem magischen Quadrat in die Welt; kein Wörterbuch kennt es in dieser Form; in ihm scheint das Geheimnis der Schrift beschlossen, die sich sonach geradezu den Titel des Arepo-Problems verdient hat. Nur eine verwandte Bildung bietet sich zur Nothilfe: Arepennis , ein gallisches Wort, aus dem das spätere » arpent « entstand, in der Bedeutung eines Ackers von der Größe eines halben Morgens. Immerhin, vom Sämann zum Acker bestand die Begriffsbrücke; betrat man sie, so konnte man sich allenfalls bis zur vierten Zeile durchhelfen. Aber mit dem Wort » Rotas « war nichts anzufangen. Es fiel mit seinem radförmigen Inhalt aus der landwirtschaftlichen Beziehung heraus, und man sah sich gezwungen, zu transzendenten Deutungen zu flüchten. Alle Möglichkeiten wurden durchstöbert. Bei Cicero heißt es: fortunae rota , die Unbeständigkeit des Glücks; im Lukrez steht: solis major rota , die kreisförmige Sonnenscheibe. Das ergab Hinweise auf Welt und Schicksal, die so eine Inschrift sehr nötig brauchte, um einigermaßen mit dem Anspruch auf Bedeutung und Würde zu bestehen. Man besann sich auf die Rota Romana , als eines Gerichtshofes im ehemaligen Kirchenstaat. Allein die geheimnisvolle Inschrift reicht in der Zeit weiter zurück als das Bestehen dieses Tribunals, und zudem paßte die Rechtspflege in keiner Weise auf irgend einen erträglichen Sinn des Ganzen. Ein italienischer Gelehrter verlegte ganz mystisch die Rota , den Radbegriff, in die Inschrift selbst, die nach vier Seiten gelesen dasselbe ergibt, sich also umdreht wie ein Rad. Wie Wind und Rad soll demnach die Inschrift ein Sinnbild geben für das Unendliche, für die Ewigkeit, für die Anfangs- und Endlosigkeit Gottes. In dieser gehobenen Umschreibung liegt zugleich der Verzicht auf ein deutliches Erfassen der Worte. Und viel mehr war aus den Auskünften kenntnisreicher Philologen, denen ich das Problem vorlegte, auch nicht herauszubringen. Trotzdem kam ich von der Vermutung nicht los, daß eine Übersetzung, wenigstens in Annäherung, möglich sein müsse. Gab es ein Mittel, den Radspuren der Rota noch nach anderer Richtung zu folgen? Führte eine Spur vielleicht auf den Boden der Inschrift selbst, auf Tempelgrund? Das entspricht nun tatsächlich der geschichtlichen und baulichen Wirklichkeit. Auf dem Boden der Weltkirche, zu Sankt Peter in Rom, befand sich unweit des Eingangs die » Rota Porphyretica «, ein kreisrunder, dem Boden eingefügter Porphyrstein, ein uraltes Wahrzeichen, dem für das Zeremoniell die größte Bedeutung zukam. Auf ihm hatte der kaiserliche Kandidat vor der Krönung sein Glaubensbekenntnis abzulegen. Auf dieser Rota wurde zelebriert, auf ihr wurden weltgeschichtliche Verträge geschlossen. Der Platz im Mittelpunkt der Rota beanspruchte im Heiligtum noch eine besondere Weihestellung. Ganz zwanglos darf man weiter schließen, wenn man das engere Symbol für den größeren Begriff setzt, wie man Thron oder Szepter für das Königtum, die Fahne für das Regiment anspricht: Als Teil für das Ganze gesetzt bedeutet Rota : die Kirche; eine rhetorische Figur, die im Rahmen eines Spruches, eines Zitates vollkommen verständlich erscheint. Nun gewinnt der vermeintliche Unsinn jener Buchstabenspielerei allmählich ein sinniges Gesicht; und zur restlosen Übersetzung bedarf es nur noch einer unschwierigen Preisgabe grammatischen Zwanges. Nehmen wir Arepo als den mundartlich verschobenen Beugungsfall von Arepennis , Acker, Scholle, Hufe; nehmen wir ferner das Schluß-s von Rotas als einen Ersatz für den Genitiv (wofür ja Analogien vorliegen, z. B. in » pater familias «), und die Aufgabe ist gelöst. Ein klarer, mit Herkunft und Örtlichkeit schön harmonisierender Satz erwächst aus dem Palindrom. Er heißt zunächst wörtlich: Der Sämann auf dem Acker hält (erhält, bewahrt, betreut) die Werke der Kirche; anders ausgedrückt könnte er die Form des Spruches annehmen: Der Sämann, der seinen Acker bestellt, Betreut die Werke der Kirchenwelt. Hierin wäre eine Interessengemeinschaft und Solidarität zwischen den Kreisen der irdischen und der himmlischen Werktätigkeit ausgedrückt. Und deutlicher oder zweckdienlicher braucht sich ja eine Inschrift an geweihtem Platz gar nicht auszudrücken. Daß sie außerdem noch das Wunder leistet, in jeder gewählten Leserichtung den gleichen Klang und Sinn zu ergeben, verbürgt ihr den Rang des Unikums. Um dieses Einzigartige und Unwiederholbare zustande zu bringen, mußte sich eben der verschollene Verfasser der Inschrift an zwei Stellen zu einem mäßigen Zugeständnis an die Grammatik entschließen. Die rein formale Genauigkeit konnte nicht entscheiden und verbieten, wo es galt, aus der Unendlichkeit aller Wortfolgen einen so staunenswerten Sonderfall zu gewinnen. Wir besitzen zwei lateinische Sätze und einen griechischen Spruch, die umkehrbar sind, d. h. vor- und rückwärts gelesen das Gleiche ergeben. Aber das sind ja Kleinigkeiten gegen unser magisches Quadrat, das sich der identischen Lesung nach vier Seiten öffnet. Durch ein Jahrtausend hat es sich, selbst unter der Larve der Sinnlosigkeit, als ein Mirakel erhalten. Glückt es nun noch, die uralte Verschleierung zu beseitigen und in dem Gestammel eine verständliche Menschenrede zu erkennen, so tritt noch ein weiteres Wertmaß auf: das der Würde. Die von mir vorgeschlagene Lösung erhebt nicht den Anspruch auf Endgiltigkeit; sie zeigt indeß einen Weg, und selbst einem Bezweifler wird sie in ihrer vorläufigen Fassung lieber sein als der blanke Verzicht auf irgendwelche Erklärung. Ich darf feststellen, daß mein Lösungsversuch die ganze uralte Arepo-Frage erneut ins Rollen gebracht hat. Ich geriet in ein langanhaltendes Kreuzfeuer von Zuschriften und Artikeln, die auf allen erdenklichen, logischen wie abenteuerlich verschlungenen Denkwegen diesem Problem beizukommen versuchten. Sehr interessant erschien mir die Mitteilung eines Arztes, daß jene rätselhafte Schrift auch in der medizinischen Fachwissenschaft eine Rolle gespielt hat. In den »Ägyptischen Geheimnissen für Mensch und Vieh« des gelehrten Magiers Albertus Magnus befindet sich die Anweisung, die Worte Sator Arepo usw. auf Streifen zu schreiben und den kranken Haustieren gegen Hexerei und Teufelswerk einzugeben. Auch gegen Brandgefahr sollen sie sich bewähren: man schreibe Sator Arepo usw. auf jede Seite eines Zinntellers, und werfe ihn in die Flammen, sogleich wird das Feuer geduldig verlöschen. Das hohe Alter der Spruchformel wird ja durch anderweitige Tatsachen genügend erwiesen; aus den Anweisungen des Doctor universalis Albertus Magnus ersieht man aber, daß sie sich bereits im dreizehnten Jahrhundert zu weitreichender Geltung durchgesetzt hatte. Steckt vielleicht wirklich eine Gebetformel in dem Spruch? und wäre es möglich, sie offenkundig zu entwickeln? Ein geistreicher Zeitgenosse, H. William, damals im Felde, hat auf Anregung des von mir frisch entrollten Problems den überaus kühnen Versuch gewagt, von den Einzelworten abzusehen, vielmehr nur die 25 Buchstaben des Quadrats nach der Methode des Rösselsprungs zu ordnen. Sein Ergebnis ist staunenswert: auf zwei verschiedenen, symmetrischen Rösselsprung-Zickzacklinien ermittelt er restlos: » Oro te pater, – oro te pater, – sanas! « »Ich bitte dich, Vater, Ich bitte dich, Vater, du heilst!« Kein Buchstabe bleibt übrig, und das Ganze erklingt als ein Stoßgebet in menschlicher Notlage. Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß diese scharfsinnige und höchst verblüffende Deutung für die Zukunft den Sieg erringen wird, als einer magischen Frage magische Beantwortung. Die Wissenschaft des Teufels. Faust, letzter Teil. Faust : Nur hereinspaziert. Genier dich nicht. Der Drudenfuß auf meiner Schwelle ist erledigt. Mephistopheles : Habe ich bemerkt. Der ist beim letzten Großreinemachen fortgescheuert worden. Faust : Und der größte Teil meiner Retorten und Phiolen ebenfalls. Ich habe jetzt ein Hausmädchen – alle Achtung! Das gemein Körperliche in jeder Form ist ihr ein Greuel. Sie drängt mich immer mehr aufs rein Geistige. Was bringst du Neues? Mephisto : Eine ganze Menge. Wir werden frisch inszeniert. An zwanzig Theatern zugleich. Von hundert Dramaturgen, die Goethes letzte Absichten erraten haben. Hast du eine Ahnung, Faust! Faust : Ich fürchte, es wird schließlich von uns beiden nicht viel mehr übrig bleiben; man ersäuft uns in Regie, Musik und Ausstattung. Mephisto : Und in Textkorrektur. Man nennt das: veredeln. In ein paar Jahren bist du so weit, daß du Gretchen auf der Bühne heiratest, wie es schon Du Bois-Reymond angeregt hatte. Alle Bedenken, die dieser einzig moralistischen Lösung entgegenstehen, werden von der Brandung der Sittlichkeitsbewegung hinweggeschwemmt werden. Faust : Da wird aber der Goethebund ein Wörtchen mitreden. Er würde sich an seinem Namen versündigen ... Mephisto : Das ist ganz unmöglich, Faust; wer schläft, sündigt nicht. Bis der Goethe-Bund erwacht, existieren wir beide längst in Schüttelreimen mit Musik vom jüngsten Neutöner und einem radioaktiven Pudel. Faust : Wenn sie wenigstens noch da ansetzen würden, wo unser Drama wirklich reformbedürftig ist, ich meine: bei der Wissenschaft . Ganz offen gestanden, ich empfinde da selbst eine Lücke. Mephisto : Bravo, Faust! Du berührst hier den wundesten Punkt. Und bei allem Respekt vor Goethe muß es doch endlich einmal ausgesprochen werden: Um diese Schwierigkeit hat sich der Altmeister einfach herumgedrückt. Man bedenke nur: Faust, ein Drama des geistigen Ringens, mit einem Forscher im Mittelpunkt, der als der tiefgründigste seiner Zeit gelten soll; ihm zur Seite der scharfsinnigste Teufel, dessen Witz da anfängt, wo das immense Wissen Faustens versagt; dazu ein Programm, das von wissenschaftlichen Perspektiven strotzt; – und das Resultat? Eine Weibergeschichte! Ein Don Juan-Abenteuer! Beginnt wie Aristoteles und verläuft im Boccaccio. Statt der Lösung großer Probleme eine Tändelei vor dem Spiegel, ein flirtendes Blättergezupfe, eine Animierkneipe im Garten, ein Saufgelage im Keller. Unwürdige Fortsetzung eines großartigen Anfangs. Faust : Und bin so klug als wie zuvor; fast seh' ich wie ein Rhinozeros aus! Wahr, wahr! So geht es immer in den vermaledeiten Bühnenstücken. Was man fragen soll, das fragt man nicht, und was man erfährt, das ist des Erfahrens nicht wert. Aber noch ist es nicht zu spät. Was ich in Jahrhunderten versäumte, soll endlich nachgeholt werden. Noch gilt unser Blutkontrakt. Heute sollst du mir auf die letzten Dinge Rede stehen. Mephisto : Eine Zwischenfrage, Faust: glaubst du, daß sich das große Publikum dafür interessieren wird? Faust : Das soll mir zunächst furchtbar gleichgültig sein. Ich interessiere mich dafür, das genügt. Und übrigens: wende ich mich denn mit meinen Fragen an einen Akademiker, von dem ich steifleinene Antworten in Professorendeutsch erwarte? Nein, vom Satan will ich Kunde. Und wenn der Teufel doziert, das kann doch unmöglich langweilig werden. Irgend etwas Destruktives wird dabei schon herausschauen, und dafür interessiert sich das Publikum immer, mag das Thema selbst noch so schwierig sein. Es ahnt, hier werden Werte zerstört, Voraussetzungen eskamotiert, Lehrsätze zertrümmert, an deren Unerschütterlichkeit die Menschheit durch die Jahrtausende geglaubt hat. Also heraus mit der Sprache. Und, wenn ich bitten darf, keines von den alten abgestandenen Epigrammen, die sich durch fünfzig Auflagen Büchmannscher geflügelter Worte gewälzt haben. Verstanden, Mephisto? Ich will etwas Neues, wirklich Wissenschaftliches! Mephisto : Ich warte auf die präzise Frage. Faust : Wurde bereits gestellt: ich fragte nach den letzten Dingen. Mephisto : Faust, du bist unbelehrbar. Endlich besinnst du dich auf dein Fragerecht, endlich dämmert es dir auf, daß ich dir mehr zu sagen wüßte als ein x-beliebiger schmieralienwälzender und wälzerschmierender Honorarius, und dann fragst du nach Dingen, die sich der Philosophiestudent in mittleren Semestern an den Schuhsohlen abgelaufen hat? Nein, Faust, als Magister, der sich weder vor Hölle noch Teufel fürchtet, mußt du schon von höherem Sprungbrett abschnellen. Faust : Was gäbe es jenseits der letzten Dinge? Mephisto : Die überletzten . Diejenigen Dinge, die in Frage stehen, wenn man das allersicherste Fundament des Denkens erschüttert. Faust : Das sicherste Fundament des Denkens ist die Mathematik. Und dies, mein Freund, ist unerschütterlich. Mephisto : Jetzt habe ich dich auf dem Punkt. Siehst du, Faust, deswegen lohnt es, mit dem Teufel zu konferieren, und nicht, um eine arme Dirne durch ein paar Juwelen zu fangen. Beliebt es Eurer kenntnisreichen Herrlichkeit, auf dem angeschlagenen Thema ein wenig auszuharren? Also gut. Du sagst, »die Mathematik«, und glaubst damit auf einem Felsen zu stehen. Paß auf, wie ich diesen Felsen unterhöhle, wie ich ihn pulverisiere. Faust : Das wird dir nicht gelingen. In der Mathematik ist bekanntlich alles beweisbar. Mephisto : Jeder Satz, der sich auf ein » bekanntlich « stützt, ist bekanntlich falsch . Ich werde auch mit Beweisen operieren, ich werde dir beweisen, daß die Mathematik nicht von Ewigkeit ist, sondern aus der begrenzten Erfahrung hergeleitet; ich werde dir beweisen, daß mehrere grundverschiedene , einander schnurstracks widersprechende Mathematiken existieren können, eine so zuverlässig wie die andere. Faust : Und rund heraus gesagt, das glaube ich nicht! Mephisto : Es ist nicht des Teufels Art, sich über Glaubenssachen zu unterhalten. Bleiben wir hübsch beim Wissen. Reich' mir einmal den Globus dort. Danke. Und nun ein kleines mephistophelisches Kunststück: ich verwandle uns beide in zwei winzige Wesen ohne Dicke, und versetze uns auf die Oberfläche dieses Globus. Ist schon geschehen. Spürst du die Veränderung? Nein. Das dachte ich mir. Es ist dir ja auch nichts Schmerzhaftes passiert. Du bist nur sehr klein und zweidimensional geworden, das ist alles. Und nun wollen wir einmal anfangen, auf dem Globus spazieren zu gehen . Immer geradeaus. Wie weit werden wir wohl kommen? Faust (in der Verwandlung): Ich sollte meinen, unabsehbar weit, denn auf dieser Kugel, die ich jetzt bewohne, gibt es weder Grenze noch Anstoß. Mephisto : Ganz recht. Wir leben jetzt in einer Unbegrenztheit, und eben diese Unbegrenztheit wird uns auf einem Globus von einem Fuß Durchmesser geboten. Was wir nunmehr als Raum empfinden, ist mithin zu gleicher Zeit eng und enorm, endlich und unendlich, mit einem Worte: die Maßelemente der mathematischen Erkenntnis haben hier ihre Giltigkeit verloren. Weiter! Bewege dich zu mir in der kürzesten Linie! Wie machst du das! Faust : Ich bin genötigt, auf einem Kreisbogen zu marschieren. Mephisto : Aber Faust! Besinne dich doch auf deine erste Mathematikstunde! Die kürzeste Linie ist doch die Gerade , – bekanntlich! Faust : Das ist mir wohl in Erinnerung. Aber diese Erinnerung verblaßt vor der neuen Wirklichkeit. Es gibt hier keine gerade Linie, nur Kreisbögen. Und merkwürdig: diese Bögen empfinde ich in meiner neuen Wesenheit ganz genau so wie ehedem die Geraden. Ihre Krümmung kommt mir nicht zum Bewußtsein. Das ist in der Tat seltsam. Mephisto : Nein, es ist die natürlichste Sache von der Welt. Was dem denkenden Wesen ins Bewußtsein dringt, ist eben nicht Geradheit und Krümmung, sondern lediglich die Qualität der Kürze . Deine ererbte und erlernte Planimetrie ist in dieser Bogenwelt unbrauchbar und falsch geworden. Der gute Euklides, hier hat er »nix to seggen«. Faust : Man müßte vielleicht versuchen, ihn sphärisch umzudeuten. Mephisto : Geht nicht. Man muß ihn radikal abschaffen. Denn dieser einfältige Euklid verkündet ja als Grundgesetz: Durch zwei Punkte kann man nur eine Gerade gehen lassen. Nun, Faust, postiere dich an den Nordpol unseres Globus, ich begebe mich an den Südpol. Wieviel kürzeste Linien haben wir nunmehr zwischen uns zur Auswahl? Faust : Unendlich viele; wir können ja jeden Meridian wählen. Mephisto : Wenn aber das Grundgesetz wankt, muß der ganze Euklid nach. Und nun, Faust, wollen wir einmal in den Bauch dieses Globus hinabsteigen. Faust : Der Weg ist mir nicht so ungewohnt: es geht zu den Müttern! Mephistopheles : Merke wohl auf: für das Innere unserer Kugel etabliere ich physikalische Bedingungen, wie sie zwar nirgends existieren, aber widerspruchslos und vollkommen denkbar sind. Nämlich so: im Mittelpunkt der Kugel herrscht eine höllische Hitze, die sich nach der Begrenzung hin bis zu ultrasibirischer Kälte abkühlt. Wir beide folgen in unserer Leibesausdehnung genau und sofort dieser Temperaturschwankung. Faust : Ein ziemlich ungemütlicher Aufenthalt. Mephistopheles : Man gewöhnt sich daran. So, da wären wir schon im Mittelpunkt. Ein bißchen warm, in der Tat, selbst für einen Feuerfürsten. Dafür gibt es aber auch eine Annehmlichkeit: du erhältst die Freiheit, dich innerhalb der Kugel ganz nach Belieben zu bewegen. Faust : Nur fort von hier, nach der Oberfläche! Mephisto : Das eben wollte ich dir vorschlagen. Wir steigen und ziehen uns zusammen. Wir werden mit zunehmender Abkühlung immer kleiner. Unsere Gehwerkzeuge natürlich auch. Und da wir bis zum absoluten Kältepunkt hinmüssen, so nähern sich unsere Schritte dem Nullwert . Faust : Auf diese Weise werden wir niemals wieder bis an die Oberfläche gelangen. Mephisto : Brillant begriffen. Wir legen einen unendlichen Weg zurück, um einen halben Fuß Distanz zu überwinden. Faust : Das ist ja Wahnsinn! Mephisto : Bewahre. Das sind die höchst sinnvollen Größenverhältnisse einer physikalisch möglichen Welt. Und wahnsinnig ist nur derjenige, der da glaubt, unsere Mathematik reiche bis in alle Schlupfwinkel des Kosmos. Faust : Ja, wenn du erst die Physik änderst! Mephisto : Eine Mathematik, die nicht auf alle Physiken paßt, ist eben keine. Sie ist weiter nichts als die bequemste Orientierungsmethode innerhalb bestimmter Existenzbedingungen. Hier in unserer Kugel herrschen eben andere. Zum Beispiel ist es hier finster. Aber ich setze eine Lichtquelle an die Peripherie und bestimme, daß das Licht durch verschieden brechende Gase stetig abgelenkt wird. Alle Lichtstrahlen gehen nun dauernd in geschwungenen Bögen um die Ecke. Und nunmehr hat der Begriff der geraden Linie vollends jede Geltung für uns verloren. Die Kongruenzsätze, der Pythagoreische Lehrsatz erscheinen hier wie Kundgebungen aus dem Tollhaus. Diese neue Kugelwelt verlangt eine neue, Nicht-Euklidische Mathematik, und wenn du hier als Baumeister, als Mechaniker, als Ingenieur irgend etwas unternimmst, was mit deiner alten Lehrweisheit nur im geringsten zusammenhängt, so bricht dir jede Konstruktion unter den Fingern zusammen. Genug! wir wollen in dein Studierzimmer zurückkehren. Faust (in früherer Gestalt): Sage, Mephisto, wie bist du auf derlei Dinge verfallen? in welchem Hexenbuch steht denn das eigentlich? Mephisto : In gar keinem Hexenbuch. Das alles befindet sich schon in deiner eigenen Bibliothek; du verstehst es nur nicht zu finden. Faust : Erlaube, in meiner Bücherei weiß ich Bescheid. Mephisto : Ich beweise dir das Gegenteil. Dort drüben sehe ich die Schriften des Leonardo da Vinci . Faust : Den ich als Künstler bewundere, als Gelehrten aber doch nicht bedingungslos anerkenne. Übrigens kennt Leonardo nichts von dieser Kugelwelt. Mephisto : Er kannte sie. Leonardo spricht in seinen Werken niemals von der geraden Linie , er nennt sie durchweg nur linea radiosa , die Strahllinie. Da hast du das ganze Geheimnis. Leonardo wußte, daß der Grundbegriff unseres mathematischen Denkens, die gerade Linie, nicht aus reiner Erkenntnis entquillt, sondern aus der Erfahrung , die uns der Lichtstrahl vermittelt; jener Strahl, der den optischen Gesetzen einer begrenzten Welt gehorcht. Alles Weitere ist Folgerung. Und neuere Mathematiker haben sich auch bereits auf den Weg dieser Folgerung begeben. Die Nicht-Euklidische Mathematik existiert fix und fertig . Riemann und Lobatschewsky sind ihre Urheber. Und jene Kugelwelt, in die ich dich heute führte, wurde theoretisch von dem Forscher Henri Poincaré angedeutet. Faust : Das muß ich in aller Ausführlichkeit lesen! Mephisto : Gib dir keine Mühe, du würdest das nicht verstehen. Wer erst noch die Frage aufstellt, »ob es auch in jenen Sphären ein Oben oder Unten gibt«, der ist dem mathematischen Esperanto eines Riemann und Poincaré nicht gewachsen. Faust : Dann hätte es aber auch keinen rechten Zweck, das Drama Faust nach der Richtung der überletzten Dinge zu erweitern. Denn wie soll das Parkett solchen Exkursionen folgen können, wenn ich, der Magister, der Doktor gar, mich mit nebelhaften Ahnungen bescheiden muß? Mephisto : Ganz recht, Faust. Für die Falschheit der Mathematik interessiert sich das Publikum höchstens bis zum Sophisma 2*2=5; allenfalls bis zu unserem Hexeneinmaleins. Mir lag auch nur daran, dir selbst eine neue überraschende Perspektive zu eröffnen. Im übrigen wollen wir unsere weiteren Schicksale der drehbaren Bühne überlassen und die drehbare Mathematik für uns behalten! Kant und das Meerschweinchen. Der Student : Herr Professor, ich möchte bitten, mir das philosophische Kolleg zu testieren. Der Professor : Jawohl, geben Sie her. Zwar, eigentlich sollte ich das nicht tun. Ich glaube, Herr Studiosus, ich habe Sie in meinen Vorlesungen nur ein einziges Mal gesehen. Student : Bitte um Verzeihung, Herr Professor, Sie irren sich wohl, das ist ganz bestimmt ein anderer gewesen. Professor : Das heißt also: Sie können Ihr Alibi nachweisen. Aber das ist doch eigentlich recht bedenklich; nicht für Sie, Herr Studiosus, sondern für mich. Student : Wieso, Herr Professor? Professor : Nun, sehen Sie, ich komme mir da wie ein unreeller Geschäftsmann vor. Sie haben das Kollegiengeld bezahlt, ohne ein Äquivalent empfangen zu haben. Ich bin also in Ihrer Schuld, das drückt mich natürlich. Das beste wäre vielleicht, ich zahlte Ihnen die zwanzig Mark zurück. Student : O, Herr Professor! Professor : Oder ich lieferte Ihnen den Wert nach, auf den Sie Anspruch haben. Ja, so wollen wir's machen. Auf die Länge der Vorlesung kommt es ja wohl nicht an, nur auf den Inhalt. Haben Sie ein Stündchen Zeit? – Gut. Setzen Sie sich ganz gemütlich dorthin. Plaudern wir vom Fach. Wissen Sie was? Wir werden uns dabei etwas zum Rauchen anstecken. Bitte, hier. So. Student : Äußerst verbunden, Herr Professor! Professor : Und ich werde Ihnen jetzt für zwanzig Mark Philosophie nachliefern. Student : O, eine Stunde Privatissimum bei Ihnen soll mir unschätzbar sein. Professor : Sie könnten recht haben. Mir ist da allerhand eingefallen, was ich im Kolleg noch gar nicht gesagt habe. Was vielleicht noch niemand gesagt und gedacht hat. Grundstürzende Dinge, sozusagen. Eine Umwälzung der gesamten Metaphysik. Ausblicke in ein philosophisches Jenseits, von dem die Menschheit noch gar keine Ahnung hat – also beweisbare Unglaublichkeiten. Student : Und mir ganz allein wollen Sie das vortragen? Professor : Ja, weil Sie gerade da sind, und weil ich auf die Wirkung neugierig bin, die solche Enthüllungen auf ein unbefangenes Menschenkind ausüben. Sagen Sie zuvor, Herr Studiosus: wissen Sie was Raum ist? Student : Gewiß. Raum ist nach Vischer mit dem V die niederträchtige Einrichtung, kraft deren man, um einen Gegenstand A irgendwo hinzustellen, erst den Gegenstand B entfernen muß, und Zeit ist das, was man dazu niemals hat. Professor : Bravo! Sie wissen zwar nicht, was ein Hörraum ist, aber über den Raum im allgemeinen sind Sie orientiert. Nun hat aber die Sache noch eine andere Seite, eine transzendentale. Haben Sie sich mit Kant beschäftigt? Student : Genügend viel, um zu wissen, daß ich nichts von ihm verstehe. Ich glaube, Kant behauptet, einen Raum gibt es überhaupt nicht. Professor : Na, so ungefähr. Aber doch etwas anders. Drücken wir uns korrekter aus: Raum ist nach Kant eine Vorstellung außerhalb aller Erfahrung, vor aller Erfahrung, eine Denkform a priori . Student : Ach ja, das ist ja bekanntlich die unerschütterliche Grundlage der ganzen Philosophie. Professor : Und die wollen wir heute einmal erschüttern. Aber gründlich. Gesetzt, wir könnten nachweisen, daß wir einen unmittelbar raumempfindenden Sinn besitzen ... Student : Sollte das wohl das Auge sein? Professor : Nein, mein Vortrefflicher. Das Auge nimmt nur die Dinge wahr, die den Raum erfüllen , nicht den Raum selbst. Und dem Tastsinn geht es nicht anders. Aber trotzdem ist ein raumempfindendes Organ bei uns vorhanden. Student : Am Ende die Nase? Professor : Damit kommen wir der Wahrheit schon näher. Wenige Zentimeter rechts und links, und wir haben das Organ. Es ist das Ohr . Und wenn ich Ihnen nun beweise , daß der Raum durch das Ohr direkt empfunden wird , so werden Sie mir zugeben müssen, daß der Raum damit aufhört, eine reine Vorstellung zu sein. Er würde dann eine sinnfällige Realität gewinnen wie der Klang und wie die Farbe; und Immanuel Kant... Student : Hätte sich blamiert. Professor : Ganz kolossal blamiert. Die Kritik der reinen Vernunft wäre aus den Angeln gehoben, die gesamte Philosophie müßte anfangen, sich neu auf sinnlicher Grundlage aufzubauen. Student : Auf den Beweis bin ich aber neugierig. Professor : Wir müssen hierzu einen Tierversuch anstellen. Student : Ach, Vivisektion! Das ist aber scheußlich. Professor : Im allgemeinen teile ich Ihre Ansicht, wenn dabei nichts anderes herauskommt, als auf künstlichem Wege einen Karpfen wasserscheu, ein Murmeltier schlaflos, eine Spitzmaus größenwahnsinnig oder eine Gemse neurasthenisch zu machen. Aber hier handelt es sich um etwas Neues. Das Versuchstier wird dabei nicht einmal sonderlich gequält. Student : Ich kann sowas aber doch nicht sehen! Professor : Das sollen Sie auch nicht. Die bloße Beschreibung genügt vollkommen. Also stellen Sie sich vor, wir nehmen vier Meerschweinchen , setzen sie in einen Rotationsapparat und wirbeln sie mit ungeheurer Geschwindigkeit im Kreise umher. Student : Warum denn gleich vier? Professor : Das sollen Sie sofort erfahren. Die vier Meerschweinchen, die uns über die letzten Dinge der Philosophie aufklären sollen, sind nicht egal. Das erste ist ganz gesund und normal. Bei dem zweiten haben wir im rechten Ohr den Teil zerstört, den der Fachmann als das » Labyrinth « bezeichnet; beim dritten ebenso im linken Ohr; und dem vierten fehlen beide Labyrinthe. Student : Entsetzlich! Was wird die Gesellschaft für ethische Kultur dazu sagen! Professor : Sie wird sich in ihrem Künstlerbewußtsein enorm freuen, wenn sie die letzten Ergebnisse dieser Operation erfährt. Jetzt nämlich beginnt erst das eigentliche Experiment. Die Tierchen werden samt ihrem Futter in die mit Glaswänden umgebene Zentrifuge gesperrt und mehreren hundert Umdrehungen in der Minute ausgesetzt. Student : Herr Professor, nehmen Sie mir's nicht übel, es geht ja nicht auf Sie, aber das ist eine Gemeinheit! Und daß man ihnen dabei noch ihr Futter vorsetzt, erst recht. Das ist eine ganz zwecklose Steigerung der Qual. Was sollen denn die Meerschweinchen mit dem Futter anfangen, wenn sie wie die Kreisel im Raume umherschwirren? Professor : Sie sollen es fressen. Und sie tun es auch. Nämlich das doppelseitig operierte Tier frißt ruhig weiter, mag ich es drehen, wie ich will. Das linksseitig operierte hört bei Rechtsdrehung auf und läßt es sich bei Linksdrehung gut schmecken; das rechtsseitig operierte umgekehrt. Nur das ganz gesunde Meerschweinchen protestiert gegen jede Nahrungsaufnahme, solange überhaupt gedreht wird. Student : Herr Professor, ich weiß zwar noch gar nicht, worauf das Ganze hinausläuft. Aber das Eine weiß ich ganz genau, daß Sie bei so rapider Drehung gar nicht sehen können, ob die Schweinchen fressen oder fasten. Professor : Ihre Bemerkung zeigt mir, daß Sie die physikalischen Vorlesungen mit ebenso großem Erfolg geschwänzt haben, wie die philosophischen. Erfahren Sie also, daß es einen Kunstgriff gibt, um trotz der raschesten Kreisbewegung die Dinge als stillstehend zu betrachten. Man korrigiert die Drehung einfach durch eine mitrotierende Spiegelvorrichtung, welche die Bewegung umkehrt. Wenn Sie da zum Beispiel eine Zeitung hineintun, können Sie sie zehnmal in der Sekunde um ihre Achse schleudern und doch ganz bequem lesen. Dieser Einwand fällt mithin fort. Wir beobachten vielmehr die Meerschweinchen mit ihrer Nahrung, als ob sie stillständen. Student : Um Gottes willen, Herr Professor, was hat das mit dem Raum und mit Kant zu tun? Professor : Sehr viel; alles! Die Rotation bringt den Raum als solchen zur Empfindung. Der Raum selbst ist es, der hier zur Herrschaft gelangt, und der durch das Experiment befragt wird: Wie wirkst du auf den Organismus? Und hier erfahren wir: der absolute Raum wirkt einzig auf das Ohr. Das Meerschweinchen, dem beide Ohr-Labyrinthe fehlen, hat die Raumempfindung verloren, sein guter Appetit beweist, daß eine jähe Veränderung im Raume nicht mehr für seine Wahrnehmung existiert. Vergegenwärtigen Sie sich das Verhalten des ganzen Quartetts, so kommen Sie unweigerlich zu dem Schluß: der Raum ist ein Etwas, das direkt auf einen bestimmten Sinn wirkt. Er ist nicht apriorisch, nicht außerhalb der Erfahrung, sondern sinnfällig. Und das Organ, durch das sich der Raum einem lebenden Wesen mitteilt, sitzt im Ohre. Student : Bitte, wer hat denn das herausgebracht? Professor : Der geschilderte Versuch gehört in das Forschungsgebiet des gewaltigen Physikers Mach . Student : Mach? Professor : Ein Name, so fremd Ihrem Ohre, wie der Raum ihm lebendig ist. Und nun frage ich Sie: Ahnen Sie wohl die Tragweite dieser neuen Erkenntnis? Student : Es dämmert mir so etwas im Halbdunkel. Aber es ist mir ganz schleierhaft, was man damit anfangen soll. Das Ohr ist doch schließlich zum Hören da. Meinen Sie denn, Herr Professor, daß im leeren Raum etwas vorhanden ist, was immerfort klingt? Professor : Sagen wir: was sich dem Ohr mitteilt. Es muß ein kosmisches Abbild des unendlichen Raumes geben, das vom Ohr verarbeitet wird. Auf der höchsten Stufe der Verarbeitung wird dieses Abbild zur Musik , und die Musik zur Raumkunst . Student : Aber das widerspricht doch jeder Theorie, die Musik bewegt sich doch bekanntlich in der Zeit und nicht im Raum! Professor : Ei, ei, haben Sie wirklich so einen Kursus durchschmarutzt! Ja, allerdings; nach den landläufigen Begriffen, die sich mit dem Binde- und Klebewort »bekanntlich« von einem Katheder aufs andere forthelfen, ist die Musik eine Zeitkunst. Das Ohr nimmt nur eine Folge, ein Nacheinander auf, ungleich dem Auge, dem eine Folgekunst in der Zeit versagt ist, und das dafür die Dimensionen erfaßt. Aber davon müssen wir endlich loskommen. Auch das Ohr kann mehrdimensional empfinden . Und hierauf wird ein neues Grundgesetz der Ästhetik beruhen, das durch jenen Meerschweinchenversuch seine wissenschaftliche Tiefe erhält. Sie können sich doch eine melodische Fortschreitung als eindimensional vorstellen, als linear? Student : Ja, das kann jeder. Professor : Gut. Wir füllen nun die Melodie harmonisch aus. Dadurch gewinnt sie eine Breite, die sie zuvor nicht gehabt hat; sie wächst in die zweite Dimension hinein, sie erobert sich die Fläche. Und sobald man sich erst einmal da hineingedacht hat, macht es keine Schwierigkeiten mehr, der Polyphonie, die durch eine Mehrheit selbständiger Stimmen entsteht, die Körperlichkeit zuzusprechen. Das Ohr erweist sich also als aufnahmefähig für einen Vorgang, der sich im Dreidimensionalen abspielt. Student : Jawohl, wenn wirklich musiziert wird. Professor : Müssen es denn Geigen und Trompeten sein, die dem Ohr etwas sagen wollen? Der Weltenraum hört nie auf zu musizieren . Er offenbart sich sogar direkt durch das Klingen, – freilich durch ein Klingen, das jenseits der meßbaren Schallschwingungen liegt. Diese transzendenten Schwingungen, die zu fein sind, um von der Trommelfellmenbran erfaßt zu werden, wenden sich an den sechsten Sinn des Menschen, der seinen Sitz im Labyrinth hat. Hier werden sie begriffen, organisch erfaßt, ausgedeutet, und der letzte Schluß dieser Deutung besagt: Raum ist Musik, – Musik ist Raum . Student : Aber die Musik erzeugt doch ein Wohlbehagen, einen Genuß, ein Glücksgefühl. Der Professor : Sie kommen mir entgegen: Dieses Glücksgefühl, um dessen Wertung und Erklärung sich die Ästhetiker aller Völker vergebens bemüht haben, wird ohne weiteres verständlich, sobald wir uns die identische Gleichung zwischen Musik und Raum vergegenwärtigen. Alle unsere sinnlichen Triebkräfte sind auf den Raum gerichtet. Die elementare Lust in der Bewegung, im Sport, im Reisen, was ist sie anderes als das Gefühl der Raumerfassung? Wir wollen und müssen unsere eigenen Dimensionen in die Welt hinausprojizieren, die Dimensionen der Welt in uns aufnehmen. Die Freude am Gebirge entspricht der Befreiung aus dem Kerker der zweidimensionalen Ebene: wir konsumieren die dritte Dimension, unsere eigene Körperlichkeit kommt uns in ihr wonnig zum Bewußtsein. Und all das erleben wir in einem inneren Rauschen und Klingen, von denen das Konzertohr nichts erfährt. »Die Sonne tönt nach alter Weise« ... »tönend wird für Geisterohren schon der neue Tag geboren« ... »Phöbus' Räder rollen prasselnd, welch' Getöse bringt das Licht!« Das hat als Engelsweisheit der nämliche Goethe vorgetragen, der uns als das höchste Glück der Erdenkinder, die Persönlichkeit, das ist die bewußte Ausdehnung im Raume, definierte. Und der alte Pythagoras hatte auch eine Vorstellung davon, als er die Sphärenmusik in den Raum hineindachte. Fazit: Der Raum liegt innerhalb der Erfahrung und ist ein Objekt der Sinne; er wird von einem Organ wahrgenommen, das im Betrieb des Gehörs arbeitet; und er wird mit einer Lust wahrgenommen, die im letzten Grunde mit musikalischen Emotionen verwandt ist. Student : Donnerwetter! Das gibt Perspektiven! Haben Sie darüber schon ein Buch geschrieben? Der Professor : Nein; und ich werde auch keins darüber schreiben. Aber ich wittere schon die Weltweisen und Kunstdeuter, die diese Zusammenhänge zu breiten Druckflächen auseinanderwalzen werden. Auch für die Mathematiker ist hier etwas zu holen. Nur Mut, die Sache ist lohnend. Denn jene beiden Begriffe, die von Anbeginn den Kopfschmerz der denkenden Menschheit hervorgerufen haben, Raum und Zeit, begegnen und durchdringen sich in dieser Vorstellungreihe zum ersten Male; und zwar in einem tönenden Medium, das beide zugleich dem empfangenden Sinn zuführt. Student : Herr Professor, hier scheint mir aber eine Lücke zu sein: Sie gingen von einem Versuch am Meerschweinchen aus und übertrugen das Ergebnis geradewegs auf den Menschen. Professor : Ein Analogieschluß wie andere, die man getrost wagen darf, ohne sich an der Wahrscheinlichkeit zu versündigen. Jedenfalls ist er nicht entfernt so gefährlich, als der Schritt vom sinnfälligen Erfahrungsgebiet zu dem unheimlichen Jenseits des Königsberger Philosophen. Das vermaledeite Apriorische, das wie ein Fluch auf aller Forschung lastet, muß heraus aus der Welt. Meine Vorlesung ist zu Ende. Haben Sie nun begriffen; Herr Studiosus? Student : Ich denke, so ziemlich: Kant, der »Alleszermalmer«, muß durch das Meerschweinchen überwunden werden, und bei Professoren, die sich zu Kant bekennen, braucht man kein Kolleg zu belegen. Professor : Das genügt einstweilen. Geben Sie jetzt das Testierheft her: ich werde Ihnen den fleißigen Besuch meiner Vorlesungen bescheinigen. Das Übervieh. Ein alter Esel : Ich ergreife das Präsidium auf diesem Tierkongreß . Ich bin geboren im Jahre 1887 und mithin der älteste Esel in dieser Versammlung. Es befinden sich zwar einige betagtere Persönlichkeiten unter uns, Dickhäuter, Papageien, bemooste Karpfen; wir haben indes auf unserer vorjährigen Konferenz bestimmt, daß das Alterspräsidium ausschließlich von einem Einhufer ausgeübt werden dürfe. (Akklamation.) Ich ernenne zu Schriftführern das mit Federhaltern ausgerüstete Stachelschwein, das Zebra und das Gnu. Der erste Gegenstand unserer diesjährigen Verhandlungen ist die Frage: Wie pflanzen wir uns hinauf? Zur Begründung der Frage erteile ich das Wort dem Marabu. Der Marabu : Mitviehcher! Ihnen allen, vom Bücherwurm angefangen bis hinauf zum nachdenklichen Stelzvogel, wird es nicht entgangen sein, daß in der Natur eine gewisse Entwicklung stattfindet. Wir werden also zu untersuchen haben, in welcher Linie sich diese Entwickelung bewegt, und ob es uns gelingen kann, dereinst die zoologische Höhe des Menschen zu erreichen. Der Klammeraffe : Hierzu müßte zuerst ermittelt werden, ob der Mensch uns tatsächlich überlegen ist. Daß er selbst dies behauptet, daß er sich für die Krone der Schöpfung erklärt, kann für uns ganz nebensächlich sein. Ich persönlich leugne diese Überordnung des Menschen auf das allerentschiedenste. Kürzlich habe ich mir einen Kongreß der Turner angesehen, und ich muß sagen, das war eine Schaustellung der Degenerierten; jedes Kapuzineräffchen würde sich schämen, so stümperhaft zu turnen wie diese Menschen. Da ich nun die Welt vorwiegend vom turnerischen Gesichtspunkt betrachte und die Gymnastik als den wahren Prüfstein aller Entwicklung ansehe, so komme ich zu dem Resultat, dem Menschen eine bedauerliche Verschlechterung des von uns Affen bereits Erreichten zusprechen zu müssen. Der Marabu : Immerhin müssen wir daran festhalten, daß der Mensch das höher entwickelte Wesen darstellt. Seine Intelligenz, seine Tatkraft, seine gesamte Kultur beweisen es ... Die Eule : Bitte, bitte, beweisen es nur für den Menschen, der aus seinem Gedankenkreise nicht heraus kann, der keinen anderen Maßstab kennt als den menschlichen; aber sie beweisen es nicht ohne weiteres für uns oder die zoologische Gemeinschaft überhaupt. Präsident Esel : Da über diesen Punkt Meinungsverschiedenheiten obzuwalten scheinen, so eröffne ich zunächst die Debatte über die Qualitäten der Menschen. Der Marabu : Ich schlage vor, diese Qualitäten der Reihe nach durchzunehmen. Fangen wir mit der Stärke an. Soweit mir bekannt, beherrscht der Mensch die Erde, er scheint demnach der stärkste zu sein. Der Löwe : Daß ich nicht lachbrülle! Man stelle mir so ein Individuum gegenüber, daß ich ihm Anschauungsunterricht erteile. Nach einer halben Minute werde ich mich mit seinem Leichnam über das Prinzip der bewegenden Kräfte unterhalten. Der Marabu : Du irrst dich, Löwe. Er wird dir die Lektion angedeihen lassen. Vergiß nicht, daß er ein Schießgewehr in der Hand hat. Der Löwe : Und das soll entscheiden? Ich dächte, wir reden hier über die organischen Qualitäten, die eine Gattung, eine Art auszeichnen; im Sinne der Entwickelung genommen. Sage mir, Marabu, wen hältst du für den höheren Typus: einen Kanonier oder einen Achilles? Man braucht die Frage nur so zu stellen, um sofort die Lächerlichkeit der Sache zu begreifen. Der Kanonier schießt hundert Achillesse über den Haufen. Steht er darum höher? Der Mensch selbst würde dich auslachen, wenn du ihm einen solchen Aberwitz auftischen wolltest. Die Eule : Ich schließe mich dem geehrten Herrn Vorbrüller vollinhaltlich an. Wenn die Stärke eine Qualität ist – und daran zweifeln wir nicht – so muß sie im Individuum selbst zum Ausdruck kommen. Und nach dieser Richtung haben sich die Arten überhaupt nicht emporgezüchtet. Der Ichthyosaurus, das Megatherion, der Diplodokus waren stärker als wir alle miteinander, den Menschen eingeschlossen. Da hilft also kein Hinaufpflanzenwollen. Die Natur arbeitet offenkundig in der Richtung der Kraftverminderung; nicht der Kräftigere bleibt übrig, sondern der Schwächere. Als Herkules den nemeischen Kollegen des Vorredners erwürgte, war der Mensch der Überlegene, heute ist es der Löwe. Der Marabu : Aber der Mensch herrscht, und das Tier dient; es dient ihm sogar zur Nahrung. Der Tiger : Aus meiner Praxis entsinne ich mich einiger Fälle entgegengesetzter Art. Der Marabu : Ich meinte bloß, der Mensch bleibt schließlich doch in den meisten Fällen der Überwinder, darum müssen wir ihn als den höher Entwickelten anerkennen. Die Eule : Ganz falsch. Denn dann müßten wir den Pestbazillus, der alle überwindet, noch höher stellen. Und es kann doch unmöglich unser Ehrgeiz sein, uns zu Bakterien hinaufzuzüchten. Das Pferd : Die Frage liegt wirklich höchst schwierig. Daß die Kraft nicht allein den Ausschlag gibt, ist mir klar. Ich bin stärker als der Mensch. An den Waggons steht angeschrieben: 42 Mann oder 6 Pferde, woraus hervorgeht, daß der einzelne Mensch nur ein Siebentel PS entwickelt. Und dennoch habe ich das Gefühl, daß er etwas vor mir voraus hat. Präsident Esel : Die Geschwindigkeit ganz sicher nicht. Das Pferd : Aber die entlehnt er von mir, wenn er auf mir reitet. Ein Pudel : Auf mir reitet eben ein Floh. Das Pferd : Das ist ein Zufall. Beim Menschen ist es der Wille, der ihn zum Reiter macht. Auf diese Qualität kommt es an; er bestimmt mir den Weg. Präsident Esel : Und der Klügere gibt nach! Die Eule : Der Wille des Klügeren besteht eben darin, Weiterungen zu vermeiden. Ein wütender Bulle bestimmt den Weg des Reiters. Wird der Bulle dadurch zum höheren Organismus? Frage den Menschen selbst nach der Bedeutung des wegbestimmenden Willens. Er wird dir erzählen, daß der Wille einiger Idioten, die sich für Richter hielten, ihrem Sokrates den Weg zum Gifte bestimmten, daß bornierte Franzen ihrer Befreierin Johanna d'Arc den Weg zum Scheiterhaufen wiesen; ein Rindvieh wie Hudson Lowe – ich bitte die anwesenden Ochsen um Verzeihung – hatte den Willen und die Macht, Napoleon jeden Schritt zu regeln. Tausend weitere Beispiele könnte ich dir anführen, um zu beweisen, daß auf der Entwickelungsleiter die Willensträger unten und die Gehorchenden oben stehen. Der Marabu : Aber der Mensch hat die Wissenschaft. Eine Biene : Sss – – – Sss – – Präsident Esel : Bitte deutlicher! Die Eule : Ich verstehe die Biene ganz gut; sie will sagen, daß es mit der menschlichen Wissenschaft nicht sehr weit her ist. Grundlage aller wissenschaftlichen Erkenntnis bildet die Mathematik, und in diesem Punkte ist die Biene dem Menschen zweifellos über. Von Euklid bis Gauß ist noch kein Mathematiker aufgetreten, der imstande gewesen wäre, eine planimetrische Figur in idealer Vollendung zu gestalten. Der Biene ist dies eine Kleinigkeit, sie baut das wahrhaft korrekte Sechseck in Milliarden von Waben. Das wollte die geehrte Imme mit ihrem summenden Protest zum Ausdruck bringen. Der Marabu : Ich meine, wir hätten eine Hauptqualität noch gar nicht berührt: den aufrechten Gang des Menschen. Er selbst legt sehr großes Gewicht auf diese seine aufrechte Haltung, die es ihm ermöglicht, in die Sterne zu blicken. Ein Hühnchen : Keinen Tropfen trinkt das Huhn, ohne einen Blick zum Himmel aufzutun! Die Eule : Ganz recht, Fräulein Hinkel, die Geschichte mit der aufrechten Haltung des federlosen Zweibeiners ist auch eine von den anthropozentrischen Einbildungen; übrigens längst durch den gerupften Hahn des griechischen Philosophen widerlegt. Warum ist aufrecht besser als wagerecht! Warum stellt sich der Mensch alles Göttliche vertikal vor? Weil er eine ihm anhaftende und für ihn bezeichnende Eigenschaft ins Ideale projiziert. Der Gott des Negers ist schwarz und wollköpfig. Könnte ein Dreieck denken, so würde es sich seinen Gott dreieckig vorstellen. Der Galgen steht aufrecht, das Bett liegt horizontal, ist der Galgen darum die bevorzugtere Einrichtung? Übrigens gehört schon eine Dosis Frechheit dazu, mit der Vertikalität zu renommieren, wenn man von unten bis oben knapp sechs Fuß herausrechnet. Wie könnte da erst die Giraffe protzen? Mit seiner ganzen aufrechten Haltung vermag der Mensch noch nicht einmal eine Dattel vom Baume zu holen. Der Marabu : Er nimmt eben eine Leiter. Und überhaupt die Werkzeuge des Menschen – allen Respekt! Der Adler : Wieso? Warum soll ich Krücken respektieren, die mir nichts offenbaren als die Lahmheit der Inhaber? Der Mensch schleift sich Gläser zu Brillen und Fernrohren, weil er mit mir verglichen blind ist. Ein Luftschiff hat er sich gebaut, das Gespött aller anständigen Flieger. (Bravo bei den Möwen.) Der armseligste Fink müßte verzweifeln, wenn jemals einer seiner Artgenossen eine Luftzappelei zum besten gäbe, wie die von denen da unten als Triumph der Menschheit ausposaunten. Rekords stellen sie auf mit dem Aeroplan 300 Meter über dem Sande zur Bewältigung einer Strecke, die ich mit einem Flügelschlage abmache. Die Eule : Ich möchte hinzufügen, daß der Mensch im Grunde seiner Seele sich dieser Jammerhaftigkeit bewußt ist. Dem wirklichen Flieger erweist er göttliche Ehren, und an seinem vormals höchsten Feiertage, dem Ordensfest, verstiegen sich seine kühnsten Wünsche bis zu einem Adler. Der Kranich : Besonders die Offiziere, die sich generalstäblerische Talente zutrauen. Man setze einen Major nach Mittelafrika und verlange von ihm, er solle aus eigenem Ingenium die schnurgerade Linie nach seiner heimatlichen Kaserne finden. Eine der einfachsten Aufgaben, die jeder Zugvogel im Schlafe löst. Davon hat so ein Major gar keine Ahnung. Der Storch : Alte Sache, daß sich der Mensch nicht zu orientieren vermag. Er findet ohne mich nicht einmal den ersten Schritt in die Öffentlichkeit. Die Fledermaus : Ja, wie soll er auch, mit lumpigen fünf Sinnen? Von dem reichsten Sinn, den ich besitze, von jenem Sinn, der im Gehirn erst das wahre Abbild der körperlichen Welt erzeugt, bis zu seiner Vorstellungsmöglichkeit liegt eine unendliche Leere. Nur auf das Vorhandensein dieses ihm rätselhaftesten Sinnes schließt er staunend aus unverstandenen Symptomen. Und dann setzt er sich hin und schreibt dicke Bücher über die Höchstentwicklung des Menschengeschlechts. Das Krokodil : Widmen wir ihm eine Träne des Mitleids, er verdient sie. Es muß traurig sein, sich mit so verkümmerten Organen durch die Welt zu schlagen. Die Eule : Zum Ersatz wußte die Natur ihm nichts anderes zu verleihen als die gesteigerte Arroganz. Er redet stolz vom Zeitalter der Elektrizität, die ihm nur auf Umwegen bekannt wird, während der Zitterroche das direkte Organ dafür innehat. Seit Jahrtausenden experimentiert er an der Staatsform und bemerkt nicht, daß die Ameise längst besitzt, was er vergeblich sucht: das ideale Gemeinwesen. Er verkündet die Fruchtbarkeit als das Merkmal der Rassenüberlegenheit und schämt sich nicht vor dem Karpfen und vor dem Kaninchen. Er schwelgt in seiner Tugend, gebraucht das Wort »Hund«als Ausdruck der Verworfenheit und rechnet nicht nach, daß er sämtliche 270 Verbrechen seines Strafgesetzbuches ausübt, und der Hund nicht ein einziges. Der Marabu : Aber er hat das Gesetz von der Entwickelung der Arten aufgestellt. Vor hundert Jahren tat es Oken, vor sechzig Jahren hat Darwin das Werk vollendet. Dies allein verleiht ihm die Unsterblichkeit, an der das Tier keinen Anteil hat. Die Eule : Wiederum falsch. Es gibt keinen Menschen, der so unsterblich wäre wie der Regenwurm, oder gar wie der Polyp Hydra viridis, der, in dreißig Teile zerschnitten, sich in jedem Fragment neu ergänzt und dreißigfach fortlebt. Die Protisten, die Amöben sind unsterblich. Das weiß der Mensch sehr gut, aber trotzdem feiert er nicht diese, sondern seinen Descartes, der die Tiere als unbeseelte Maschinen definiert hat. Und von Schiller, der freilich den Zusammenhang etwas besser erfaßte, läßt er sich noch vorreden: Die Kunst, o Mensch, hast du allein; er, der die Baukunst von den Bibern und Termiten, die dekorative Kunst von der Hochzeitslaube des Kragenvogels, die Farbenpracht vom Kolibri und den Gesang von unserer Diva Nachtigall übernommen hat. Er rühmt sich seiner Sprachkunst und besitzt kein Verständigungsmittel, das an praktischer Universalität das einfache piep des Spatzen erreicht. Das sind die Qualitäten des Menschen, auf Grund deren seine Biologen Tag für Tag von höheren und niederen Organismen orakeln! Das Murmeltier : Auf diese Qualitäten gestatte ich mir ergebenst zu pfeifen. Präsident Esel : Ich glaube, daß wir anfangen, uns vom Thema zu entfernen. Unsere Tagesordnung lautete: Wie pflanzen wir uns hinauf? Die Eule : Gar nicht pflanzen wir uns hinauf. Wir haben es nicht nötig! Mit dieser Frage soll sich der Mensch den Kopf zerbrechen. Und wenn es ihm gelungen sein wird, einen Übermenschen zu züchten, so wird erst dieser erkennen, daß es kein Untervieh gibt, Dixi. Unermeßlich. Ein Seitenverwandter des Welthauses, der es im Privatvermögen nur bis zu zwanzig Millionen Franks gebracht hatte, wurde ehedem in Paris allgemein als »le pauvre Rothschild« bezeichnet. Man unterschied ihn dadurch treffend von den Wohlhabenden seines Geschlechts. Trotzdem stand die Million damals noch hoch im Kurse. Das hat sich geändert. Die Million ist ihren bedeutenden Schwestern gegenüber in eine tiefere Schicht geglitten, wo sie allenfalls noch auf sympathisches Verständnis, aber nicht mehr auf Bewunderung rechnen darf. Sehr weit vom Erwerb des Armutszeugnisses ist sie nicht mehr entfernt, und als Zahlenwert kommt sie kaum noch in Betracht, seitdem die Billion als Rechnungsgröße im wirklichen Leben ihre Herrschaft angetreten hat. Legt man statt der Mark den ebenso ehrbaren Pfennig zugrunde, so wurde bei den deutschen Kriegsanleihen die Billion erreicht und überschritten. Eine Vorstellung, die sich sonst nur als Spielwerk der Phantasie darbot, gewann Prägung und Münzwert. Durch das Sprungbrett der Milliarde hat sich die Billion als eine erweisliche Gegenständlichkeit in unser Dasein geschwungen. Der Rechnungssport wurde nicht müde, die neue Größe nach Länge, Fläche und Körpermaß auszuforschen. Sie wurde gestreckt, gewalzt, getürmt, und wir wissen nun ganz genau, was sie in Gold, Silber und Papier für Abenteuer verrichtet, wenn man sie aufzählt, übereinanderschichtet oder als dicken Draht quer über die Meridiane spannt. Mit Hilfe der Kombinatorik und Zinseszinsrechnung wurde die Größe durch alle erdenklichen Formen hindurchgejagt, und am Ende ergab sich immer ein Wunder. Aber das Wunderbarste, so sollte ich meinen, ist noch nicht ausgesprochen worden. Es liegt in einer philosophischen Betrachtung und zum Teil abseits der glatt aufgehenden Rechnung. Denn diese fördert doch nur das Selbstverständliche zutage und entwickelt Ergebnisse, die bei Verschiedenheit des Ausdrucks innerlich Tautologien darstellen. Die Figur selbst wird dabei immer nur gedreht und verschiedentlich beleuchtet. Ob sie eine Seele hat, läßt sich in dieser Behandlungsart nicht erkennen. Aber sie hat eine Seele, insofern in ihr ein Teil unseres eigenen Denkvermögens beschlossen liegt. Wir werden zeigen, daß der Begriff der Million hierfür noch nicht durchweg genügt, daß aber jenseits der Milliarden andere Erkenntnisgrenzen erreicht werden können. Näherungsweise richtig darf man von einer »Philosophie der Billion« sprechen, wenn man von der großen Zahl zur Vorstellung des Unermeßlichen, ja, des Unbegrenzten, Unendlichen eine Brücke schlägt. Es gibt nämlich eine Vertauschungsgrenze, auf der das Große und das Unendliche nicht nur begrifflich verwandt erscheinen, sondern tatsächlich und vollkommen ineinander übergreifen. Im Zwange des arithmetischen Zählens wird man sie nie erreichen; aber von der anderen Seite umspinnt uns ein anderer Zwang, der von der Erfahrung herrührt, und es zeigt sich, daß dieser zur Gestaltung unserer Denkform vielfach die Oberhand gewinnt. Sobald dieser Fall eintritt, erscheint jene Vertauschungsgrenze als eine Denknotwendigkeit, und in ihrer Nähe gewinnt die Zahl, oft schon unterhalb der Billion, den Charakter der uferlosen Unendlichkeit. Ein Beispiel von Laplace möge überleiten; es besitzt zwar nicht volle Beweiskraft, verdeutlicht aber, worauf es ankommt: Das Planetensystem, soweit damals bekannt, besteht aus elf Planeten und achtzehn Trabanten; man kennt die Umdrehungen von der Sonne, von zehn Planeten, von den Monden des Jupiters, dem Ring des Saturn und einem seiner Trabanten; diese Rotationen zusammen mit den Umläufen bilden eine Gruppe von 43 in gleichem Sinne gerichteten Bewegungen. Es entsteht die Frage: ist diese Gleichrichtung so vieler Bewegungen Zufall oder entspricht sie einem Plan, einer übergeordneten Organisation? Für den Zufall spricht nur eine außerordentlich geringe Wahrscheinlichkeit, die sich im Verhältnis von Eins zu vier Billionen ausdrückt; das heißt: unter vier Billionen Möglichkeiten entfällt nur eine einzige auf die Zufalls-Ursache. Hier tritt also ein Billionenwert mit den Ansprüchen eines mathematischen Beweises auf. Er beweist mit einer Ersichtlichkeit, die für die meisten Menschen die Höhe einer unumstößlichen Evidenz erreicht, daß bei der Anordnung unseres Sternsystems etwas anderes mitgewirkt haben muß als der blanke Zufall. Wenn nun durch die Zahl eine Vermutung zur Gewißheit erhöht wird, so gebührt dieser Zahl eine Rangstellung außerhalb des endlichen Ablaufs; sie greift über in die Kategorie der Unendlichkeit. Aber schon weit unterhalb der Billion kann dieser Evidenzpunkt mit voller Leuchtkraft hervorspringen. Hermann Lotze berührt in seiner Logik jene Tatsache aus dem gewöhnlichen Leben, die sich in der Erwartung von Tag und Nacht ausspricht: Nachdem 5000 Jahre lang der Wechsel von Tag und Nacht geschichtlich bezeugt ist, ergibt sich als Wahrscheinlichkeit dafür, daß derselbe Wechsel auch heute und morgen stattfinden werde, das an sich noch gar nicht abenteuerliche Verhältnis von 1 826 214 zu 1 826 215. Man kann daher ohne Leichtsinn und Verwegenheit, 1 826 214 gegen Eins wetten, daß auch heute und morgen dieselbe Erscheinung erlebt wird. Die Wette wird aber niemals zustande kommen, weil der Klügste wie der Einfältigste sich sagt und mit Recht davon überzeugt ist, daß der Millionenwert hier vollwichtig die Unendlichkeit ersetzt; nämlich im Zuge dieses Erlebens, dieser Reihe, – anderswo keineswegs. Millionen von Sandkörnern werden als ein sehr bescheidenes Häufchen begriffen, ebensoviel Wassertropfen als ein Tümpelchen, aber in der Folge unserer Daseinsabschnitte mit den eindringlichen Sonnenauf- und -untergängen wachsen die Millionen aus der Endlichkeit vollkommen und endgültig heraus. Sie sind, zu Einheiten aufgelöst, alle einmal einzeln empfunden worden, befinden sich abgelagert und organisiert im Denkapparat der Menschheit und haben hier den Charakter der begrenzten Zahl verloren. Helmholtz setzte die Tag- und Nachterwartung in Vergleich mit den allgemeinen Prinzipien der Mechanik: jene stützt sich auf ein weit engeres Gebiet der Beobachtung und beansprucht trotzdem einen weit höheren Grad der Sicherheit, ja, sogar die axiomatische Gewißheit, die nur von einem Irrsinnigen bezweifelt werden dürfte; nicht weil ihr ein »Gesetz« zugrunde liegt, sondern weil sich das Gesetz als Folge aus Erfahrungen verdichtet hat. Das Gesetz an sich unterliegt nach Sinn und Wortlaut der Deutung, wurde von Ptolemäus anders gedeutet als von Kopernikus und darf sogar in unseren Tagen im Sinne der Andersmöglichkeit wenigstens erörtert werden. Ein großer Mathematiker hat es zum Schrecken mancher Zeitgenossen ausgesprochen: die Lehre, »die Erde dreht sich«, hat keinen Sinn, da keine (direkte) Erfahrung sie erhärten kann; die beiden Behauptungen, »die Erde dreht sich« und »es ist bequemer , anzunehmen, daß die Erde sich dreht«, haben denselben Sinn, denn in der einen steckt so wenig als in der anderen. – Er wollte gewiß keine antikopernikanische Lehre aufstellen, er selbst hat sich auch gründlich dagegen verwahrt. Er wollte nur bekennen, daß zur sozusagen metaphysischen Gewißheit die Erfahrung nicht ausreichen kann, während die absolute Lebensüberzeugung jedes Einzelnen nichts anderes braucht als eben jene Erfahrungen. Sie verstatten keinen Zweifel, sie spielen nicht mit der Wahrscheinlichkeit, sondern sie stellen die Gewißheit fest, mit ihrer ausdrucksvollen Zahl, die wir beim Nachrechnen zwar als Millionen erkennen, deren lebendige Wirkung aber die der Unendlichkeit ist. Und wieviel Menschen haben an diesen Erfahrungen teilgenommen? damit geraten wir hoch in die Milliarden, in die Billionennähe. Ihnen allen war und ist die Zeitlichkeit beschieden nach der Schullogik: Alle Menschen müssen sterben; Cajus ist ein Mensch, folglich muß Cajus sterben. Der Obersatz besitzt einen statistischen Wert, dessen Gültigkeit, rund ausgedrückt, durch die Billion gestützt wird. Ein gegenteiliger Fall ist nicht bekannt geworden. Folgt daraus seine ewige Wahrheit? Nein, – nur ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit, bezeichnet durch n dividiert durch n+1 , wobei n die Zahl aller bisher verblichenen Personen bedeutet. Daraus folgt streng logisch nur das eine: daß Cajus nicht sterben muß, daß man die absolute Notwendigkeit seines Todes nicht behaupten kann, solange in jenem Bruch Zähler und Nenner nicht gleich geworden sind. Dies aber kann erst bei einem n eintreten, das unendlich geworden ist. Besteht trotzdem die Gewißheit, daß Cajus keine Ausnahme bilden wird, so zeigt dies an, daß wir die Vertauschungsgrenze erreicht und überschritten haben, daß wir die Ermeßlichkeit der Billion ablehnen und sie restlos mit »Unendlich« übersetzen. Die Deutungen gewisser physikalischer Erscheinungen, z.B. in der Spektralanalyse, vertragen für den Grad ihrer Bestimmtheit die Wette: Trillion gegen Eins. Sie sind darum nicht sicherer als die Tatsache, daß Cajus sterben muß, und daß auf unseren Breitengraden innerhalb vierundzwanzig Stunden einmal Tag und einmal Nacht werden muß. Mit einem scharfen Strich läßt sich also die Vertauschungsgrenze nicht bezeichnen. Sie fließt, je nach den Denkakten, aber sie ist jedesmal vorhanden, wo es sich um die Erkennung der sogenannten »Gewißheiten« handelt. Denn im Grunde genommen ist überhaupt nichts gewiß, nicht einmal die begrenzte Zahl. Wir legen nur in Sprache und Gewohnheit die Dinge zurecht, wie sie uns grade passen; so nennen wir ganz unbedenklich ein bestimmtes Gliedertier »Tausendfuß«, obschon noch niemals irgend ein solches Geschöpf 1000 Füße besessen hat. Im Kleinen wie im Großen unterliegen wir einem Denkzwang mit der Wirkung, daß wir nach oben abrunden. Und es vergeht nicht eine Stunde, ohne daß wir die Endlichkeiten unserer Umwelt mit unendlichen Werten ausstatten. Die anschauliche Milliarde. An einem Tage, da die Wetteransage von bevorstehenden Niederschlägen zu melden wußte, trat mein Freund zu mir ins Zimmer. Ich störe dich wohl? sagte er, da er mich beim Schreiben antraf. Ich : Nein, durchaus nicht. Du wirst mir sogar helfen. Ich habe hier etwas vor, wobei man eine mitfühlende Seele ganz gut brauchen kann. Der andere : Aber Mensch, da wimmeln ja Zahlen auf deinem Papier! besonders seelenvoll sehen solche Rechnereien gerade nicht aus. Ich : Auf den ersten Blick gewiß nicht, aber bei näherer Betrachtung. Diese Rechnung, siehst du, ist auf einen Gefühlston gestimmt; sie wendet sich an die Phantasie. Und um das Thema sogleich festzulegen: ich bin eben dabei, den Begriff der Milliarde anschaulich zu machen. Zunächst gib mir eins zu: die Milliarde, die uns heutzutags so nachdrücklich beschäftigt, war ehedem, noch vor zwei Generationen, etwas sozusagen Mythologisches. Der andere : Für mich ist sie es noch heute; etwas Ungeheuerliches, Dämonisches, wie das Fatum. Ich : Du kommst mir entgegen; in deinem Wort kam der Gefühlston bereits zum Mitschwingen. Man müßte ein kalter Philister sein, um die Milliarde ausschließlich in hingeschriebenen Ziffern zu erleben. Tatsächlich zeigt sie ein doppeltes Gesicht: mit dem einen blickt sie in die Arithmetik, mit dem andern in eine Welt der Phantasie, in der sich Abenteuer ereignen. Der andere : Also darauf willst du hinaus: auf irgend eine Methode, die Milliarde durch merkwürdige und überraschende Beziehungen vorstellbar zu machen? Ich : Ja und nein. Auf irgend eine Beziehung will ich natürlich hinaus, aber mit Vermeidung der üblichen Wege. Die bisher befolgten Methoden liefen nämlich immer nur auf eine Umschreibung hinaus. Sie spielten letzten Endes immer mit unvorstellbaren Vorstellungen. Ihr Ziel war ausnahmslos: »das Staunen«. Aber je stärker man staunt, desto weiter entfernt man sich von der Anschaulichkeit. Nehmen wir zum Beispiel folgendes: Der sehr vermögende Herr X. hat an seinen Gläubiger Y. eine Barschuld von einer Milliarde Mark zu entrichten; er zahlt in braunen Scheinen, indem er ohne Pause in jeder Sekunde einen Tausendmärker hinlegt. Keine Müdigkeit, keine Ruhepause. Dann braucht er, um seine Verbindlichkeit zu lösen, zwölf Tage und Nächte. Das soll man sich für vorkommende Fälle merken, gewiß. Aber glaubst du, daß damit auch nur das Geringste für die Anschaulichkeit gewonnen wird? Der andere : Ich sollte doch meinen. Aus dem mystischen Zahlennebel steigt doch eine Tatsache herauf, ein Geschäft, in das man sich mit einiger Phantasie hineindenken kann ... Ich : Um von einem Rechenexempel in das andere zu verfallen. Der braune Schein enthält nämlich den Divisor 1000, das Milliarden-Problem wird dadurch fortgeschmuggelt, und an seine Stelle tritt die simple Frage nach der Million, in Sekunden abgemessen. Wer da weiß, daß ein Jahr rund 30 Millionen Sekunden besitzt, der dividiert das im Kopfe und kann die zwölf Tage mit Leichtigkeit hersagen. Ein Zahlenverhältnis wird durch ein anderes, stark verkleinertes ersetzt, das ist alles. Und wer es dabei fertig bekommt, zu staunen, der staunt nur über die seltsame Fassung einer identischen Gleichung. Mit der Phantasie hat das gar nichts zu schaffen, diese kann sich nie an der blanken Zahl entzünden, sondern nur an einer sinnfälligen, am besten augenscheinlichen Tatsache. Man muß daher ein Beispiel aufsuchen, worin die Milliarde sich in Form einer erlebbaren, irgend einen Sinn beschäftigenden Begebenheit offenbart; wohlverstanden: die wirkliche Milliarde, nicht eine künstlich verdünnte. Der andere : Ich weiß schon so ein Beispiel: Auf der Fläche des Bodensees, so las ich irgendwo, wenn man sie sich als hartgefroren vorstellt, haben bei leidlich bequemer Aufstellung ungefähr eine Milliarde Menschen Platz, etwa zwei Drittel der Erdbevölkerung. Das ist doch sinnfällig und augenscheinlich. Ich : Nein, das ist nur Lektüre, Rechnerei und wesenlose Umschreibung. Wärest du je imstande, von einem Flugzeug aus solches Gewimmel zu überblicken, so könntest du vielleicht einer Anschaulichkeit nahekommen. Da dies unerfüllbar ist, erlebst du in deinem Beispiel keine Menschen, sondern lediglich eine Menge von Quadratmetern. Wir müssen das Problem schon anders anfassen, an einem Punkte, wo die Wirklichkeit selbst uns mit sichtbaren Milliarden entgegenkommt. Der andere : Da wäre ich neugierig. Ich : Nehmen wir ein Begebnis, das jedem von uns ganz geläufig ist, einen Wintertag, an dem Frau Holle ihre Betten ausschüttet. Und nun wollen wir einmal untersuchen: Wieviel Flocken gehören zu einem Schneefall ? Der andere : Wahnsinnig viel; wahrscheinlich Quadrillionen oder Quintillionen. Ich : Du greifst zu hoch. Seit Weltbestehen ist noch keine Quadrillion Flocken niedergegangen. Der andere : Das kannst du doch nicht beweisen. Oder willst du mir einreden, daß du jemals in einem Gestöber die Flocken gezählt hast? Ich : Wäre schwer durchführbar. Die Lust könnte einen wohl anwandeln, aber nach den ersten Sekunden des verwirrenden Versuches hört man resigniert auf. Dagegen ist es nicht ausgeschlossen, der freigebigen Natur auf Schleichwegen beizukommen; in weitgezogenen Fehlergrenzen selbstverständlich, aber doch mit einiger Aussicht auf zahlenmäßiges Erfassen. Zuerst wollen wir das Betrachtungsfeld zweckmäßig einschränken. Ein großer Schneefall kann einen erheblichen Teil ganz Europas überdecken. Wir begnügen uns mit einem Gelände von großberliner Ausdehnung, sagen wir von hundert Quadratkilometern. Die Höhe des Schmelzwassers nach einem tüchtigen Schneefall ist bekannt; wir besitzen darüber sogar die amtlichen Feststellungen. Wir können somit annähernd ermitteln, wieviel Wasser, nach Litern, ein guter Schneefall auf Berliner Boden geliefert hat, und da sich ein Liter bequem nach Tropfen auszählen läßt, in wieviel Tropfen sich der Fall niederschlug. Der andere : Ich hoffe, du hast das bereits ausgerechnet, ohne meine gütige Mitwirkung abzuwarten. Aber auf eins muß ich dich aufmerksam machen: Tropfen und Flocke sind zweierlei. Ich : Sie stehen aber in erkennbarem Verhältnis zueinander; aus anderweitigen Beobachtungen, sowie besonders aus Vergleichung der Schneedeckenhöhe mit der des Schmelzwassers, kann man schließen, daß durchschnittlich etwa zehn Flocken einen Tropfen ergeben. Ich gelange von diesen Voraussetzungen zu dem Ergebnis: ein starker, ganztägiger Berliner Schneefall ist ein Ereignis, das sich gegenständlich in 100 Billionen Flocken auflösen läßt. Der andere : Es lebe die Statistik! Aber: du sprichst vergebens viel, um zu beweisen, der andere hört von allem nur die Zahl. Eine sehr hohe, wie zu erwarten war, für meine Bedürfnisse sogar überschwenglich; denn besinne dich, du hattest mir eine runde Milliarde versprochen. Ich : Gleich sind wir soweit. Stelle dich auf den Rathausturm und überblicke das Weichbild der Stadt. Auf diesem Grundmaß beträgt das Flockengewimmel während einer einzigen Sekunde: eine Milliarde . Hier hast du zum erstenmal die fabelhafte Zahl auf etwas Sichtbares und in kürzester Zeit Erfaßbares zurückgeführt. Der andere : Doch nur theoretisch. Denn wenn es gehörig schneit, so sehe ich vom Rathausturm höchstens bis zum Lustgarten, aber nicht bis in die Vororte. Ich : Der Einwand ist berechtigt. Verlassen wir also den Turm und begeben wir uns in den Lustgarten selbst, der mit einem Blick gut zu übersehen ist. Nur seine Fläche soll für uns in Betracht kommen. Hier nun lassen wir das Naturspiel auf uns wirken, mit der Uhr in der Hand; und wenn wir das drei Stunden lang ausgehalten haben, dann dürfen wir ins Bewußtsein eintragen: So! das war eine Milliarde Schneeflocken . Der andere : Ist nun diese Methode wirklich so wesentlich verschieden von den bisherigen? Immer vorausgesetzt, daß du dich nicht verrechnet hast, so bleibt sie doch auch eine Zahlenumschreibung. Ich : Doch nicht ausschließlich. Hier findet eine Projektion auf das Auge statt, auf ein wahrnehmendes Organ, und nicht bloß auf den Zahlensinn. An sich bleibt uns jede hohe Zahl nur ein Symbol, die auf die Gehirntafel Notizen schreibt, Erinnerungsmerkmale, Vergleiche, die aber nicht unmittelbar ins Bewußtsein dringt. In meinem Schneeflockenfall ist das anders. An die Stelle der bloßen Vergleichsnotizen tritt das sichtbare Erlebnis. Du hast es mit einem wirklichen Eindruck zu tun, und deine Phantasie, sofern sie lebendig wird, schwimmt nicht mehr im Uferlosen, sondern kann sich auf die Mitarbeit eines Organs stützen. Du kennst den alten Wahrspruch: » Nihil est in intellectu, quod non prius fuit in sensu «. Nichts ist im Verstande, was nicht schon früher im Sinnesorgan existierte. Anders ausgedrückt: wenn es uns gelingt, irgend etwas, vorläufig Unvorstellbares, mit den Sinnen abzufangen, so wird es sicherer in den Verstand eingehen. Der andere : Und ich gebe dir hiermit die feste Versicherung, daß nichts auf der Welt mich bewegen wird, mich während eines Schneegestöbers mitten auf den Lustgarten hinzustellen. Ich : Und ich gebe dir die Gegenversicherung, daß du beim nächsten Schneefall, den du erlebst, dich in Gedanken dahin verpflanzen wirst. Die Beziehung der Flocken zum Milliardenwert wird dir gegenwärtig bleiben. Der andere : Möglicherweise; vielleicht auch nicht. Denn ich muß dir gestehen: für mich zerfallen die Zahlen überhaupt in zwei Sorten, in die kleinen und in die großen; aus den kleinen mache ich mir nichts, und die großen, die interessanten, gehen über meine Begriffe. Wenn ich Million sage oder Billion, so sind das für mich Worte, die sich wesentlich nur durch die Anfangsbuchstaben unterscheiden. Ich : Das mag manchem so gehen; und doch ist es auch hier leicht, sich den Abstand gegenwärtig zu halten, wenn man wiederum an das Anschauliche anknüpft. Nimm als Vergleichshilfe etwa folgendes: die Million verhält sich zur Billion wie dieser Bleistift in Länge zur Strecke Berlin–Swinemünde; oder wie die Breite dieses Zimmers zur Breite des Atlantischen Ozeans. Der andere : Ist das genau? Ich : Ungefähr so genau wie die Milliarde in Schneeflocken, also ausreichend, aber ohne Garantie. Es handelt sich in solchen Betrachtungen immer nur darum, daß man sich ungefähr in der Größenordnung hält. Restglieder, die in eine tiefere Region hinabtauchen, können vernachlässigt werden. Die Hauptsache bleibt, daß wir aus der platten Papierrechnerei herauskommen und wenigstens den Versuch unternehmen, jene Milliarde, als einen Exponenten unseres heutigen Lebens, in irgendwelche Anschaulichkeit überzuführen. Weißt du, wieviel Sternlein stehen? Das Lied weiß es nicht, aber die Astronomen sagen: 100 Millionen, wenn sie bis an die Grenze der teleskopischen Sichtbarkeit gehen. Die Sterne bleiben somit hinter den Anforderungen unseres Problems zurück, – unbeschadet ihrer sonstigen hohen Stellung und Leistungsfähigkeit. Mit den Flocken kommt man schon weiter, was nicht ausschließt, daß in besseren Methoden noch gesteigerte Anschaulichkeiten gewonnen werden können. Wer sich auf solchen Wegen bemüht, der wandelt auf guten Spuren; denn nicht in der lediglich gedachten, sondern in der wahrgenommenen Zahl liegt das Wesen der Dinge, so meint es Pythagoras. Das stärkste Bombardement. In eine Kleinwelt wollen wir uns begeben, wo der Krieg, ausgedrückt in unzähligen Wurfgeschossen, als die eiserne Regel und Grundform aller Erscheinungen auftritt. Zwei Welten, aufeinander abgebildet, führen zu einem Gleichnis. Ich wünschte dem Leser zur Wanderung bessere Führung, als ich sie ihm zu bieten vermag: nötig wäre ein Atomgelehrter von Spezialberuf, ein Maler und ein Meister der Artillerie. Mir fehlen alle drei Beglaubigungen, allein, ich sehe das Gleichnis, und dies genügt einstweilen für die Darstellung, die den Vergleich nicht durchführen, sondern nur andeuten will. Was sich uns als physikalische Tatsache, als Lebensvorgang darstellt, ist im letzten Grunde eine Bewegung kleinster Teilchen. Das Experiment hat hier einen Sieg über die Logik erfochten. Denn während der Verstand sich bei keiner unteren Grenze für die Grenze einer Körperlichkeit beruhigt, führt der Versuch mit zwingender Gewalt auf sehr kleine Einheiten, die ihren Eigenwert trotzig behaupten. Diese Kleinkörper, Atome, Korpuskeln, sind von einem unstillbaren Bewegungsdrang erfüllt. Alles sinnfällige Geschehen in der Natur muß als der großgefaßte Ausdruck dieser Bewegungen im Kleinsten gedeutet werden. Die Atome werden geschleudert, rennen gegen sichtbare und unsichtbare Wände, hämmern, klopfen, bombardieren. Wo der Atomist eine Darstellung liefert, ein Naturgeschehen beschreibt, wird er unweigerlich auf den Vergleich mit der Geschoßwirkung gedrängt. Die Ausdrücke: Projektile, Geschoßhagel, Bombardement kehren immer und immer wieder. In seiner Beschreibung wird die ganze Natur zum Schlachtfeld, zum Belagerungsschauplatz. Jeder feste Körper, jede Flüssigkeit, jedes Gas verwandelt sich in ein Arsenal, das die ungeheuerlichsten Kräfte aufspeichert, um sie unablässig zu verfeuern. Jede chemische Wirkung, jeder Gasdruck, jedes Kräftespiel und jedes Wahrnehmen durch erregte Nerven löst sich, auf die Grundformel gebracht, in ein Artilleriefeuer der Atome auf, bei dem einem unendlichen Waffenvorrat eine unendliche Munitionsverschwendung gegenübersteht. Mit der ersten Bewegung im Weltenchaos hat sie begonnen, und seitdem währt die Geschütztätigkeit trommelnder Atome und Moleküle von Pol zu Pol des Universums. Jedes Molekül greift an und wird angegriffen, nur darauf bedacht, Energien zu entfalten und zu erwidern. Und selbst in kleinen Räumen entwickeln sich Energien, die, an den Bombardements feindlicher Menschenmächte gemessen, höchst ansehnliche Stärkemaße darbieten. Ich wähle das Beispiel eines ganz friedlichen Menschen, der weder daran denkt, gewaltige Schläge zu führen, noch in die Lage gerät, einen Ansturm feindlicher Gewalten auszuhalten. Dieser Mann – nennen wir ihn Placidus – füllt seine Lungen mit einem täglichen Maß von ungefähr 740 Gramm Sauerstoff. In ruhigen Atemzügen verbraucht er eine Gasmenge, die nach Ausweis der darin bewegten kleinsten Gaskörper eine Energie von rund 8000 Meterkilogrammen darstellt, also eine Kraft gleich derjenigen, die ein Kilogramm Masse auf einem Wege von acht Kilometern, oder eine Masse von 8000 Kilogramm in der Bewegung eines Meters leistet. Der Kriegstechniker nimmt an, daß schon zehn Meterkilogramm imstande sind, einen Krieger außer Gefecht zu setzen, vorausgesetzt, daß die durch dieses Maß bezeichnete Kraft unzerteilt ein Lebensorgan des Soldaten trifft. Mithin spielt sich in der Lunge jenes Placidus ein Gasvorgang ab, dessen lebendige Kraft, richtig verteilt, ausreichen würde, um ein ganzes Bataillon feindlicher Truppen zu überwältigen . Die Lunge des einzelnen hält dieses Bombardement nicht nur recht gut aus, sondern sie würde sogar mit nachdrücklichen Krankheitserscheinungen ihren Protest anmelden, wenn man ihr von der bombardierenden Gasleistung einen nennenswerten Teil entziehen wollte. Aber unser Herr Placidus atmet ja nicht nur reinen Sauerstoff; er verbrennt täglich ein halbes Pfund Kohle im Atmungsvorgang, er macht sich als essendes, trinkendes und verdauendes Wesen zum Herd umfangreicher chemischer Wirkungen; er erträgt ferner mit jedem Quadratzentimeter seiner Haut einen doppelpfündigen Luftdruck; er entwickelt in allen Zellen, im Kreisen der Säfte selbst bei friedlichster Beschäftigung eine Summe von Arbeitskräften, kurzum, er stellt einen Tummelplatz molekularer Stöße dar, deren Summe über jede Berechnung hinauswächst. Was Placidus als Einzelarbeiter zu leisten vermag, umfaßt freilich nur den bescheidenen Bruchteil einer Pferdekraft; was er aber in seiner Eigenschaft als Atomspeicher, als Schauplatz wirbelnder, hagelnder, auf die Haut prasselnder, gegen die Gefäßwände stürmender Moleküle aushält, läßt ihn als einen Riesen von den mythologischen Maßen des Atlas erscheinen. Der Energievorrat der kleinsten Teilchen, die ihn durchdringen und im Laufe eines Manneslebens umspielen, ist nach Meterkilogrammen nicht aufzuschreiben, aber man darf annehmen, daß er ausreichen würde, um die größten Armeen der Welt zu überwinden und in die stärksten Festungswerke Bresche zu legen. Die einzelnen Geschosse, die solches Bombardement verüben, und die sich dem Physiker je nachdem als Atome, Moleküle, Ionen, Elektronen vorstellen, halten sich allesamt in überaus winzigem Kaliber. Selbst das Ultramikroskop zeigt sie noch nicht in Figur, sondern verrät nur gewisse Erscheinungen, die mit ihren tobenden Tänzen zusammenhängen. Aber auf einigen Umwegen und mit kräftiger Phantasiehilfe kann man hier schon, wenn auch nicht einer Vorstellung, so doch einer Ahnung nahekommen: Um Geschoß mit Geschoß zu vergleichen, nehmen wir ein Schrotkorn Nr. 7 und lassen uns von einem geschickten Metallkünstler aus einem Korn hundert winzige Bleikügelchen formen. Der Ausdruck »Vogeldunst« wäre auf solches Kleinkaliber kaum noch anwendbar; aber für einen Fabelzwerg, der auf Käfer Jagd macht, bliebe es immer noch ein Projektil, dem unbewaffneten Auge bliebe es erkennbar, und eine feine Wage würde uns anzeigen, daß diese eben noch sichtbare Schrotkugel ziemlich genau einem Milligramm entspricht. Dieses Körnchen wählen wir zur Einheit, um auf sie die Atomgeschosse zu beziehen; wir fragen: wieviele Atome müssen bombardierend in die Welt hinausfliegen, damit der gesamte Munitionsverbrauch den Wert und die Masse solchen Körnchens erreicht, also zur Höhe des Begriffs »Schrotkugel« emporwächst. Am dies zahlenmäßig festzustellen, bedienen wir uns zweckmäßig des Ausdrucksmittels der »Milliarde«, die sich ja in neuerer Zeit zu einer gutbeglaubigten Rechnungsgröße entwickelt hat. Und nunmehr läßt es sich ganz einfach aussprechen: man fasse eine Milliarde von Wasserstoffatomen als ein einziges Lademaß auf, man erhöhe dieses Maß abermals im Verhältnis von einer zu einer Milliarde, und man gelangt damit genau an den tausendsten Teil jenes Bleikügelchens, das wir vorhin eben noch als winzigstes Geschoß ansprechen durften. Anders ausgedrückt: das Gewicht eines Wasserstoffatomes ist gleich einem Gramm, dividiert durch 10 zur 24. Potenz. Das einzelne Atom ist also keine gefährliche Waffe; ihrer tausend Trillionen müßten zusammenwirken, um einen Feuereffekt zu erzielen wie das Bleikügelchen bei gleicher Geschwindigkeit. Aber sie schaffen es mit der Zahl, der gegenüber sich die Trillionen ins kleinste Einmaleins verkriechen, und mit Geschwindigkeiten, die alle Flüge aus Haubitzenschlünden als Stillstand erscheinen lassen. Eine Armee von Luftatomen will in eine Festung eindringen, in ein luftleeres Glasgefäß vom Inhalt eines Liters . Andere Atomwirkungen haben vorgearbeitet und in Gestalt eines ultramikroskopischen Loches die Bresche geöffnet. Nun ergießt sich das Meer in wütendem Anprall in das Innere des Glases. Mit gewaltigem Durchmarsch stürzen in jeder Sekunde zehn Millionen wehrfähiger Luftteilchen in die Höhlung, und sie setzen diesen Angriff fort, bis das vorher evakuierte Gefäß wieder bis zum normalen Druck gefüllt ist. Aber der Anfang dieser Erstürmung und ihr Ende liegen weit auseinander. Die zehn Millionen pro Sekunde verlieren sich in dem Glasraum wie in einem Universum, und hundert Millionen Jahre müssen verstreichen, ehe die strategische Aufgabe erfüllt ist. Aber Ruhe tritt auch dann noch nicht ein. Immer wieder erspäht das Atom einen Feind, eine Mauer, einen Widerstand, immer wieder regt es sich in äußerster Friedlosigkeit gemäß seiner inneren Natur eines Projektils mit endloser Flugbahn. Die Möglichkeit eines Waffenstillstandes ist ihm fremd, trotz scheinbarer Erschöpfungszustände, denen es zuweilen in Spaltung und Zerfall anheimfällt. Denn die Splitter des Atomes sind immer nur die Erben des Alten, prallwütige Allerkleinstkörper, deren Sturmlust und Bombardierdrang alle Abenteuer von unterwegs überdauert. Neuerdings weiß man, oder glaubt man zu wissen, daß nicht nur die Körper, sondern auch die Kräfte eine atomistische Struktur zeigen. Vielleicht auch die Gedanken, die Empfindungen, der Ablauf alles Geistigen? Da öffnet sich eine Perspektive: Könnte nicht alles, was wir an betäubenden Tatsachen, an Haß und Opfermut, an Wundern der Technik und an Wundern der Seele erleben, im letzten Grunde ein uns verständliches Spiegelbild jener Atomkämpfe sein? und zugleich eine Mahnung des Weltgeistes, den Schlüssel zu allen Rätseln im allerkleinsten zu suchen? Aber hinter diesem »Vielleicht« erhebt sich ein anderes mit größerem Anspruch auf Wahrscheinlichkeit. Es kann gelingen, zwischen dem Bombardement im kleinen und großen neue Brücken der Erkenntnis zu bauen. Diese Brücken werden Gleichnisse sein, aber keine Erklärungen. Und eines dieser Gleichnisse wird – vielleicht – die verborgenen Zusammenhänge, kaum erahnt, wieder fallen lassen: Ein Wechselspiel von ew'gem Her und Hin, Aus Prall und Stoß gestaltet sich Erregung; Wohin es führt? – der Frage fehlt der Sinn, Das Ziel ist nichts , und alles die Bewegung ! Die Antipoden von Berlin. In einer Zeit kräftiger Reiselust, aber verminderter Reisemöglichkeit, gewinnen Gedankenfahrten eine erhöhte Bedeutung. Vollends in weitabliegende, exotische Gegenden hinein, in die kein Kursbuch und kein Bädeker reicht. Wenn der Leser sie mitmachen will, so kann ich ihm bei einem Minimum von Strapaze eine Überraschung und ein Problem versprechen. Ich bin sogar sicher, daß dieses Problem noch in Jahrzehnten nicht völlig gelöst sein wird; denn es liegt auf der Grenze zwischen Schein und Wirklichkeit, in einem seltsamen Gebiet, wo die Sinne mit der Erkenntnis hart zu kämpfen haben. Die wirklichen , die geographischen Antipoden von Berlin wären auch in Zeiten völliger Seefreiheit schwer zu erreichen, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie gar nicht existieren. Bohrt man einen Schacht von uns aus geradlinig durch den Erdmittelpunkt bis zur Gegenseite des Globus, so mündet er in der leeren Ozeanfläche, südöstlich von Neuseeland, nicht allzuweit von der Antarktis. Eine öde, selbst auf den spärlich verstreuten Inseln unbewohnte und unbewohnbare Gegend. Wir haben keine Gegenfüßler, aber wir können sie nach Lage und Stellung konstruieren. Ein einfacher Planspiegel würde hierzu genügen, aber doch nicht die volle Anschaulichkeit gewähren. Am diese zu erzielen, ist man auf einen Wohnraum angewiesen, dessen gesamte Plafonddecke spiegelt. Und solche sind in Berlin vorhanden. Der Zufall führte mich in eine Speisewirtschaft der Friedrichstadt, die sich bei sonstiger Bescheidenheit der Aufmachung durch einen vollständigen, über die ganze Ausdehnung der Räumlichkeit reichenden Deckenspiegel auszeichnet. Man blickt mit der Neugier des Augenblicks hinauf in die verkehrte Welt, sieht sich selbst und die Nebenmenschen in der Antipodenlage, mit abwärtshängenden Köpfen und aufwärts gerichteten Beinen, findet aber die Sache sofort ganz natürlich und durchaus in der Ordnung. Bis der Blick zufällig eine veränderte Richtung nimmt und denjenigen Teil des Spiegelbildes trifft, der jenseits der geöffneten Tür die in derselben Ebene liegende Straße umfaßt. Da zeigt sich etwas Phänomenales, etwas aus der gewohnten, natürlichen und selbst als möglich vorausgesetzten Ordnung der Dinge Herausfallendes: Das Deckenbild stimmt nicht mit dem auf direktem Wege zu uns gelangenden Straßenbild! Daß es ihm nicht kongruent sein kann, leuchtet ohne weiteres ein. Dagegen halten wir, auf das sinnliche Wahrnehmen eingestellt, an der Forderung der Ähnlichkeit unter allen Umständen fest. Aber gerade die geometrische Ähnlichkeit wird durchbrochen, und um das Wunder zu vollenden, mit einem Bestandteil, der den Spiegel eigentlich gar nichts angeht, nämlich mit der Zeit, mit der Folge der Zeitlichkeiten ! Die Welt da draußen auf der Straße ist anders metronomisiert als die Welt im Spiegel. Der Unterschied ist so auffallend, das er einem aufmerksamen Beobachter unmöglich entgehen kann. Man betrachtet im Innern des Raumes, wenige Schritte vom Eingang entfernt, das Straßenleben mit seinen bewegten, vom Pflaster antipodisch herabhängenden Spiegelfiguren. Gehen sie – von der räumlichen Umkehrung abgesehen – wie sonst die Gänger auf der Straße? Nein, sie haben ein ganz anderes Tempo, sie eilen mit einer optisch unerklärbaren Hast, trabend gleiten sie vorüber, mit geknickter Beinstellung, schlecht koordinierter Fußhaltung, die sich mit gewohnter Körpersymmetrie in Widerspruch setzt. Ganz unmöglich erscheinen zumal die Frauen und Mädchen: so schreiten keine ird'schen Weiber! Etwas Rätselhaftes steckt in ihren Bewegungen, eine falsche Anpassung an Zeit- und Raumspanne, aus ihrer zweckwidrigen Beziehung von Figur zu Beschleunigung springt vollkommene Unlogik heraus. Ein neues Relativitätsprinzip mit verschobener Zeitgeltung scheint sich aufzutun. Allein, schnell genug finden wir, daß wir lebendes Objekt und Gegenbild mit einem einzigen Blick aneinander kontrollieren können, wobei sich von Schritt zu Schritt unbedingter Gleichlauf herausstellt. Das Rätsel wird immer größer; denn die untere Figur berichtigt in jedem Augenblick ihren Antipoden; da verschwindet sofort jede Zeitdifferenz in der vollkommenen Konsonanz aller Bewegungen. Und dennoch! Sobald wir das Auge ausschließlich nach oben wenden, zur verkehrten Welt, finden wir augenblicklich wieder diesen unbeschreiblichen Rhythmus, diese niemals auf einer wirklichen Straße erlebte Beschleunigung der Figuren. Also ein und dieselbe Tatsache in Bejahung und Verneinung, Übereinstimmung und Widerstreit, Phänomen und Gegenphänomen, unlösbar in einander verwickelt. Flüchtig drängt sich die Annahme auf, der Hochspiegel müsse fehlerhaft geschliffen sein, oder falsch stehen. Aber das wäre nur ein Verlegenheitsgedanke, der aus zwei Gründen nicht standhält. Denn erstens genügt jeder Vergleich mit den Innenkörpern des Raumes, um festzustellen, daß der Deckenspiegel vollkommen richtig planiert ist; und ferner: ein ruhender Spiegel vermag niemals kinematographisch zu wirken, seine etwaigen Schiefheiten oder Wölbungen bleiben einflußlos auf das Zeitmaß. Also zurück zur Optik! Sie allein soll und muß über die vorliegende Unstimmigkeit Auskunft geben. Und da naht uns das Mädchen für alles im Wirtschaftsgebiet landläufiger Denkweise: » Die optische Täuschung «; jener hilfreiche Geist, den Frau Vernunft seit Urzeiten im Dienstvertrag hält, um ihr jede Spannung zwischen Schein und Wirklichkeit mit Anstand fortzufegen. In Wahrheit aber so unbeholfen und so unwirksam wie ein Fetisch, den sich der Wilde zurechtschnitzt, um ihn nachher anzubeten. Die »optische Täuschung« ist keine Zauberformel, sondern eine Floskel, oder, um ein Wort Spinozas zu gebrauchen, ein Asylum ignorantiae . In der Denker- und Forscherlinie, die in Berkeley, Johannes Müller und Ernst Mach ihre stärksten Exponenten fand, ist sie längst auf ihren Nullwert zurückgeführt worden. Und diese bedeutenden Erkenner haben auch nur vollendet, was schon dem Epikur und dem Lukretius vorschwebte: Es gibt keine optische Täuschung ! die Sinne können überhaupt nicht getäuscht werden, höchstens die Deutung darüber, und auch diese nur, insofern sie sich darauf versteift, die einzelnen Meldungen der Sinne, wie die Zeugenaussagen vor Gericht, gegeneinander auszuspielen; was gar nicht in der Absicht der Natur liegt. Der herrliche Lukrez' sagt: »Läßt aus des Sinnes Betrug sich gegen dieselbe ein Schluß ziehn, Da doch jeglicher Grund allein auf die Sinne gestützt ist, Welche, woferne sie trügen, mit ihnen auch alle Vernunft trügt?.. Kein Sinn vermag einen andern aus seinem Vermögen bestreiten,... Weil stets jedem von ihnen derselbige Glaube gebühret, Folglich zu jeglicher Zeit das wahr ist, was sie bezeugen.« Diese Lehre in ihrer Vertiefung durch die moderne Physik mag in Abgründe führen, in die wir aus Anlaß unserer Antipoden nicht hinabzusteigen brauchen. Für uns genügt der Anhalt: Jeder Spiegel und ganz ebenso jedes Auge ohne Spiegel zeigt durchweg genau so richtig wie falsch. Kommt man von der Formel »optische Täuschung« nicht los, so fällt alles Gesehene darunter, angefangen von der Verkleinerung jedes Gegenstandes durch die Entfernung, und dann ist es der Sprung über den eigenen Schatten, wenn man vom Auge aus den Spiegel zurechtweisen will. Kommt man aber davon los, so führt diese Einsicht unmittelbar zum Aufsuchen anderer Erkenntnisgründe: Die Momentphotographie hat uns darüber belehrt, daß das Auge eine Bewegung anders auffaßt, als der blitzartig beleuchtete Apparat; das in ein zwölftel Sekunde aufgenommene Galopppferd entspricht nicht dem transitorischen Bilde, wie wir es gewöhnlich sehen, und wie es in unserer Anschauung lebt. Aber weder hat das Auge Unrecht, noch die Kamera, noch auch der Maler, der sich für seine Bilddarstellung nach dem Auge richtet oder eine vermittelnde Stellung zwischen ihm und der Momentwirkung einnimmt. Nur die Betrachtungsweise ändert sich, führt zum Ergreifen verschiedener Profile, die alle der nämlichen Wahrheit angehören. Und dies ergänze man: ein gutes Landschaftsgemälde und eine Generalstabskarte liefern bei größter optischer Verschiedenheit genaue Darstellungen derselben Gegend; die Figuren der Chladni-Tafel fallen mit der Klangempfindung schon begrifflich weit auseinander, können aber mit ihr vom Verstande zur Einheit verschmolzen werden. Und damit nähern wir uns der Lösung des Rätsels: Was wir gewohnt sind, als Menschenbewegung auf der Straße zu sehen, ist nur ein Teil , eine Andeutung des Rhythmus, der sich durch unzählige Anblicke in uns so fest organisiert hat, daß wir den Teil für das Ganze, die Andeutung für die volle Ausgestaltung nehmen. Der ungewohnte Deckenspiegel liefert zu diesem Rhythmus eine ebenso richtige und ebenso wichtige, allerdings durchaus unerwartete Komponente. Tausendfältige Wiederholung des Experimentes wäre erforderlich, um hier die Einheit der Wahrnehmungen herzustellen. Gelänge uns dies, so würden wir auch ohne Spiegel in unmittelbarer Augenauffassung das bewegte Mengenbild der Straße ganz anders sehen, als heute, vor allem mit einer für unser Gefühl, wenn auch nicht nach dem Uhrzeiger, anders metronomisierten Zeit. Und dabei wird uns einfallen, daß ja die Netzhaut unseres Auges überhaupt alles verkehrt zeigt, mit grundsätzlicher Vertauschung des Oben und Unten; ferner, daß jeder sich selbst von Angesicht gar nicht direkt, sondern nur aus dem Spiegel kennt. Und aus allem zusammen kann sich vielleicht ergeben, daß jene abenteuerlichen Antipodenfiguren eigentlich die einzigen sind, die, optisch gedeutet, richtig stehen und gehen! Das Alterswunder. Vor wenigen Jahren richtete ein bedeutender Skandinavier an alle Geistesarbeiter über fünfzig Jahren die Mahnung: Verschwindet! Die Schaffenskraft sollte bei dieser Altersgrenze beschlossen liegen, darüber hinaus sei nichts zu erwarten, und es wäre besser, den Jungen restlos Platz zu machen, als sich mit aussichtslosen Versuchen in die höheren Jahrzehnte hinüberzuquälen. Als diese Mahnung erging, war eine Erörterung für und gegen noch möglich. Der Krieg hat diese Möglichkeit getilgt. Ein neuer Glanz wob sich um die Häupter der alten Herren, ein neues Pantheon öffnete sich den Sechzigern und Siebzigern. Ihnen war es vorbehalten, sich auf den Steintafeln der Geschichte zu verewigen, und auf diesen treffen sie sich mit zahllosen anderen Alterswundern, die allesamt bezeugen, daß Schaffenskraft und Tat an keine Altersgrenze gebunden sind, nicht nach oben noch nach unten. Jener Ruf nach Verzicht, der so scharf zwischen Rüstigkeit und Leistungsfähigkeit unterschied, stützte sich auf eine einseitige Statistik aus dem Leben großer Männer. Sie mußte einseitig sein, da sie den Kreis der Betrachtung nur eng umschrieb und darin Merkpunkte erfaßte, die in ihrer Vereinigung eine gültige Regel nicht ergeben können. Wenn bei einem Forscher der stärkste Genieblitz in jungen Jahren hervorzuckt, so folgt daraus keineswegs ein Abflauen seiner Genialität für einen weiteren Weg; er bleibt vielmehr so groß wie sein Gesamtwerk. Jener Genieblitz zeigt nur das erste thematische Forte einer Lebenspartitur: es mag überraschender, einschneidender klingen, als die spätere Durchführung, aber es darf nicht herausgelöst werden zur Beurteilung der Begabung nach Takten. In solcher Ablösung mag allerdings darauf hingewiesen werden, daß Newton seine großen Entdeckungen sämtlich vor seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr fertig hatte, daß die Chemiker Scheele und Berzelius ihre Hauptarbeiten, die Physiologen Ludwig, Brücke, Du Bois-Reymond ihre Reformen, daß Carnot, Robert Mayer, Joule, Clausius, Helmholtz ihre wichtigsten Gedanken auf der Grenze zwischen Jünglings- und Mannesalter schufen oder veröffentlichten. Die Forschungen des Linné, Abel, Vesalius (denen man unter den Phänomenen der Neuzeit Einstein und Minkowski angliedern könnte), vereinigen sich mit den Frühschöpfungen Goethes und Schillers , um die Lehre Wilhelm Ostwalds zu stützen, daß der Höchstwert der Leistung fast ausnahmslos vor dem dreißigsten Lebensjahr liegt. Ob nicht Ostwald selbst mit seiner eigenen Leistung als Gegenbeweis auftreten könnte? und neben ihm die lange Liste der Männer, denen ihr Großes und Größtes in höheren und höchsten Lebenszonen gelang? Wo anfangen und wo aufhören! Unter den Künstlern melden sich im ersten Anlauf Michelangelo, Perugino, Tizian, Tintoretto, Velasquez, Murillo, Haydn, der Goethe des Faust gegen den Goethe des Werther, der Verdi des Falstaff gegen den Verdi des Ernani; vor ihnen und neben ihnen: Euripides, Milton, Haendel, Wagner, Meyerbeer, Liszt; unter den Erkennern, Erforschern und Systembildnern: Kolumbus, Kopernikus, Galilei, Euler, Buffon, Laplace, Lamarck, A. von Humboldt, v. Baer, Berthelot, Pasteur, W. Dove, Ranke, Mommsen, Weierstraß, Haeckel; als Zeugen gewaltiger Altersleistung aus allen Jahrhunderten treten auf: Confucius, Archimedes, Erasmus, Hobbes, Bacon, Cervantes, Voltaire, Fontenelle, Herschel, Kant, Hegel, Herbert Spencer, Fechner, Wundt, Ernst Mach, – – Bismarck, Moltke. Und wieviele sind unter ihnen von echtem Zedernwuchs des Alters, der organisch sich so sehr vom raschen Spargeltrieb des Jungtalentes unterscheidet! Aber auch der Gegenpol der herrlichen Altersblüte verdient eine Betrachtung, und hier ist es, wie allbekannt, vornehmlich die Musik, deren Gehege dem Zeitwunder üppigsten Nährboden bietet. Im Felde der Tonkunst, wo der Trieb, der Instinkt vorwaltet und die Gattungserfahrung oft wirksamer durchschlägt als das persönlich Erworbene, tritt die Frühreife fast als Regel auf, und man sollte eigentlich nur noch über diejenigen staunen, die sich immer wieder wundern. In Legionen sind sie vor uns vorübergewandelt, die phänomenalen Knirpse, die Dengremont, Josef Hofmann, Koczalsky, Argiewicz, Hubermann, Becsey, Heifez, Erich Korngold, die doch gar nicht aus dem natürlichen Ablauf der Dinge herausfielen, sondern bestenfalles die Stammesgeschichte ihres Faches wiederholten: Haendels Wunderkindlichkeit offenbarte sich im achten Lebensjahre und trieb bald darauf kompositorische Früchte von unabsehbarer Anzahl. Cherubinis erste Messe war das Werk eines noch nicht Dreizehnjährigen, Mozarts früheste Kompositionen, vom Vater notiert und noch heute erhalten, stellen einen Rekord dar, denn Wolfgang zählte damals noch nicht soviel Lenze im Dasein, als Finger an einer Hand. Doppelt so alt, nämlich zehnjährig, war Beethoven bei seinen ersten Sonaten, Méhul, da er seine Meisterschaft als Orgelspieler bewies, und Hummel, als er seine Konzertreisen antrat. Der Schwan von Pesaro begann mit dem Schaffen eher als mit dem Lernen; eine namenlos hinausflatternde Oper hatte an vielen Orten Erfolg, ohne daß ihr Publikum von ihrem Verfasser, dem zwölfjährigen Rossini, Kenntnis erhalten hätte. Felix Mendelssohn, Meyerbeer, Franz Liszt, Max Bruch, Joachim, Sarasate, Anton Rubinstein, Clara Schumann, Wilhelmine Normann-Neruda waren Wunderkinder; und wieviele man ihrer auch nennen mag, die Liste der Gefeierten, die früh anfingen, wird nie zu erschöpfen sein. Die Dogmatik unterscheidet zwischen Wundern » contra naturam « und » extra naturam «; aber auf diesem Parnaßgipfel gelten vorwiegend die Wunder » secundum naturam «, die in zahllosen Einzelfällen das zur natürlichen Regel erheben, was im gewöhnlichen Konzertbetrieb als Ausnahme um Beifall buhlt. Weit zurückhaltender äußert sich die Statistik über die Jugendwunder auf den Gebieten der Wissenschaft, des Schrifttums, der Technik. Die Statistik? Sie harrt noch des Sonderforschers, der sie aufstellt, und ich fürchte, sie wird nicht weit über das knappe Register ragen, das hier aufgerollt werden möge: Pascal fand als Knabe die Elemente der Euklid'schen Geometrie; die Holzdiele der Kinderstube und ein Stück Kreide ersetzten ihm Anleitung und Lehrmeister, und so schöpfte er die Lehrsätze mit ihren Beweisen aus der Tiefe seines Gemütes. Als Siebzehnjähriger schrieb er eine Abhandlung über die Kegelschnitte; und man darf wohl allgemeines Einverständnis darüber voraussetzen, daß solches Alter bei einem Mathematiker als ebenso mirakulös anzusetzen ist, wie acht Jahre bei einem Musiker. Gauß entzündete sich zur Leuchte der Menschheit, als er noch die Schulbank drückte. Einen Teil der Untersuchungen aus seinem berühmten späteren Werk » Disquisitiones arithmeticae « hatte er in Wolkenhöhe über seinem Pensum schon als Pennäler aufgezeichnet. Noch stürmischer äußerte sich frühreifer Scharfsinn in einem von der Berliner Akademie 1734 veröffentlichten Aufsatz: sein Verfasser war Alexis Clairaut , damals zwölfjährig, dem bald darauf von der Akademie in Paris das Zeugnis des »Wunders« ausgestellt wurde. Clairaut entstammte mit zahlreichen Geschwistern einer Mathematiker-Familie, einem Seitenstück der noch berühmteren Dynastie Bernoulli, und hier wie dort zeigte sich, daß die Erblichkeit ein frühes Hervorbrechen des Talentes begünstigt. Die dichtenden Frühwunder sind selten; wenn man nämlich nur diejenigen anerkennt, deren Namen in der Literatur einen Nachhall erwirkt hat. Pope begann mit zwölf, Victor Hugo mit vierzehn, Thomas Chatterton gar mit zehn Jahren. Dessen Denkmal in Bristol gilt wirklich einem Dichterknaben, der, siebzehnjährig, ein bedeutendes Lebenswerk durch Selbstmord abschloß. Die Chronisten melden etliche seltsame Jugendwunder, die zwar durch gute Gewährsmänner beglaubigt werden, aber trotzdem lebhaften Zweifeln begegnen müssen. Das sogenannte » Lübecker Wunderkind « ist in die Literatur übergegangen. Sein Lehrer, Christian von Schöneich, hat ihm eine Schrift gewidmet, und in Jean Pauls Werken liegt es eingekapselt und versteinert wie die Fliege im Bernstein. Dem kleinen Lübecker, Christian Heinrich Heineke , geboren 1721, wird bescheinigt, daß er schon im 15. Monat Weltgeschichte zu studieren begann; daß er bald darauf die lateinische und französische Sprache verstanden, Kenntnisse von der Theologie und Anatomie gehabt, Witz wie Scharfsinn bewiesen habe, und von Weisheit und Ammenmilch schwer vor Vollendung des fünften Lebensjahres in die Gefilde der Seligen entwichen sei. Sein Altersgenosse Bavatiers , 1721 zu Schwabach geboren, erwarb sich unter ähnlichen Anzeichen überstürzter Gelehrsamkeit den Titel des fränkischen Wunderkindes . Zu den erfreulichen Erscheinungen können beide nicht gezählt werden, ebensowenig wie die rechnenden Wunderknaben, von denen sich nicht ein einziger über das Kuriosum hinaus zur wirklichen Leistung entwickelt hat. In dem zehnjährigen Rechenkünstler Frank , der vor einem Menschenalter Deutschland bereiste, ist vielleicht ein Genie verpfuscht worden; er arbeitete nach selbständigen Methoden, die über die Tricks der Jahrmarktsbuden hinaus- und in die ernsthafte Zahlentheorie hineinragten; aber ihm fehlte der Tropfen Gauß'schen Blutes, der im Wunderkind fließen muß, wenn ein Wundermann draus werden soll. Ganz abseits steht H. Potter , der als Kind der Erfinder der selbsttätigen Steuerung an der Dampfmaschine wurde. Bei ihm hatte die Langeweile einförmiger Handgriffe einen vereinzelten Genieblitz ausgelöst. An einem einzigen Tage seines Lebens ist Potter Wundermensch gewesen, nie vorher, nie nachher; aber dieser einzige durchleuchtete Augenblick hat geschichtliche Geltung behalten. Zwischen den Polen der Jung- und Altwunder besteht eine Spannung, die sich vielleicht in ganz einfacher Weise lösen läßt: man braucht sich nur zu entschließen, die Leistung als unabhängig vom Zeitablauf anzusehen. Die Statistik ist hier immer dem zu Willen, der ihr schon mit der Fragestellung eine bestimmte Antwort in den Mund legt. Nicht dem Alter noch der Jugend werden Wunder abgetrotzt; sie erscheinen vielmehr, ohne die Stufen zu zählen, ohne sich zu einem Gesetz zu verdichten, wunder barer in der Jugend, wunder voller im Alter. Das Buch der Bücher. So unglaublich es klingt: es gibt ein Buch, das uns Aufschluß gibt über die letzten Geheimnisse aller Menschenkämpfe, über alle Folgen, alle Gestaltungen, bis hinein in die fernsten Zeiten. Dieses Buch ist ein Band oder ein Teil eines überaus großen Sammelwerkes. Alle vorhandenen und alle jemals möglichen Sprachen vereinigen sich in ihm. In seiner Gesamtheit erteilt es Kunde über alles, was war und sein wird. Denkbares und Undenkbares eingeschlossen. Es ist lückenlos . Aber zur Aufstellung dieses Werkes reichen die vorhandenen Hilfsmittel nicht aus. Man müßte über die Grenzen des bekannten Universums hinausschreiten, um für die Gestelle zur Aufnahme dieser Bücherei Raum zu gewinnen. Ideal wie seine Leistung ist auch seine Entstehung, die gänzlich in der Idee wurzelt. Sie läßt sich nicht verwirklichen, aber sie läßt sich, als Idee, mit geschlossener Folgerichtigkeit entwickeln. Und es ist nicht einmal besonders mühevoll, sich in diese Gedankengänge hineinzufinden, denn es genügt, den einfachsten Grundlinien der Kombinationslehre nachzugehen, um das volle, runde Ergebnis zu erfassen. Schon Cicero nahm einen Anlauf, um sich der schönen Idee zu nähern, und es besteht Grund zu der Annahme, daß er selbst wiederum aus Anregungen griechischer Vorgänger geschöpft hat. Cicero fragt, ob ein Buch wie die Homerische Ilias aus einem zufälligen Zusammenfinden der Buchstaben hätte entstehen können; er leugnet dies natürlich, um die Ausschließlichkeit der dichterischen planvollen Anlage zu beweisen. Und doch hat er den Grenzfall übersehen: seine Fragestellung war richtig, seine Antwort war selbstverständlich, vom Standpunkt des schaffenden Schriftstellers, aber falsch von der erhöhten Warte kosmischer Betrachtung gesehen. Ein Pythagoras ihm zur Seite hätte ihm gesagt: lieber Cicero, deine Zufalls-Ilias ist nicht unmöglich, sondern nur hochgradig unwahrscheinlich; zähle die Buchstabenstellen im Homer, und ich will dir bis auf den Punkt genau ausrechnen, nach wie vielen unbrauchbaren Zufällen beim Zusammenschütten der Buchstaben der richtige Text der Ilias herauskommen muß! Wir gehen weiter und fragen allgemein: wie müßte sich eine Bibliothek gestalten, die sämtliche Zufälle, überhaupt die Summe aller Druckmöglichkeiten enthält? in der die Ilias als ein Einzelfall steckt? und außer ihr alles, was jemals gedruckt, geschrieben, gedacht worden ist, je in Zukunft als Wortfolge, als Niederschrift im weitesten Sinne erscheinen kann? also das »Universalbuch«, um einen Ausdruck zu gebrauchen, den Kurd Laßwitz eingeführt hat, der aber als Begriff schon dem Raimundus Lullus, dem Giordano Bruno und dem Leibniz vorschwebte? Das ist nun eine ganz sicher festzustellende Angelegenheit, numerisch genommen. Man braucht, um die Zahl der Bände zu finden, nur ein geringes Maß rechnerischer Anstrengung, während allerdings ein sehr erheblicher Aufwand von Papier und Tinte erforderlich ist, um diese Anzahl in üblicher Weise hinzuschreiben. Aber wir sind ja jetzt an die Milliardenrechnungen gewöhnt, das heißt an ein Grundmaß, das sich durch eine Eins mit neun Nullen ausdrückt. Mit zwölf Nullen haben wir die Billion, mit achtzehn Nullen die Trillion, und mit 600 Nullen würden wir die Centillion erreichen. Darüber hinaus beginnt eine sprachliche Schwierigkeit, die sich weiterhin in das schwer Aussprechbare, ja bis zur sprachlichen Unmöglichkeit steigert. Dieser Fall liegt bei unserer Universalbücherei vor: denn die Anzahl ihrer Bände drückt sich in einer Niederschrift aus, die aus einer Eins mit daran gehängten zwei Millionen Nullen besteht. Man kann hierfür, abkürzend sagen: zehn zur zweimillionten Potenz, so wie man den Wert der vierten deutschen Kriegsanleihe als rund mit zehn zur zehnten Potenz Mark bezeichnen kann. Allein dieser Finanzwert läßt sich doch in dekadischem Maß mit einem einzigen Federzug als 10 000 000 000 hinschreiben, während sich dieser Möglichkeit widersetzt: dessen Zahl beansprucht in gewöhnlicher Handschrift einen Papierstreifen von acht Kilometern Länge . Voraussetzung bleibt, daß wir uns über den Umfang des einzelnen Druckbandes verständigen. Wir haben als Grundlage jener Rechnung ein handliches Format zu wählen, das dem Einzelbande genau eine Million typographischer Stellen zuweist. Das ist etwas mehr, als sich in der Ilias befinden, bleibt aber hinter einem ausgewachsenen Lexikonband noch zurück. Immerhin reicht ein solcher Band aus, um über alles Wissensmögliche reichliche Auskunft zu geben; und wenn dies bezweifelt werden sollte, so liegt nichts im Wege, aus der Universalbücherei mehrere Bände herauszugreifen, um das erforderliche Auskunftsmaterial zu vervollständigen. Wir rechnen ferner mit hundert verschiedenen Drucktypen, Buchstaben, Interpunktionszeichen, Spatien, mit denen ein Drucker reichlich auskommt, um alles Erdenkliche in Satz zu bringen. Und schließlich sei festgesetzt, daß keine Permutation übergangen werde, daß keine sich wiederhole, das heißt: jeder Band muß sich von allen andern irgend worin unterscheiden, und wäre es auch nur in einem Buchstaben oder in irgend einem Druckzeichen. Damit sind die Voraussetzungen vollständig erschöpft, und die technische Herstellung kann beginnen. Die bescheidenste Druckerei wäre ihren Anfängen gewachsen. Im Endresultat – niemals zu erleben – würde sich das Universalwerk darstellen als der Makrokosmos aller jemals möglichen Bücher. Ein Wunder an äußerer und innerer Größe, in dessen Kern die ganz einfache Vertauschung weniger Druckzeichen steckt. Hier hätten wir den Inbegriff aller vorhandenen Literatur von den babylonischen Urschriften angefangen bis zur letzten Polizeiverordnung und zugleich die Summe des bis in die fernste Ewigkeit möglichen Schrifttums. Und auch diese Gesamtheit wäre nur ein Tropfen im Ozean jenes zwar unvorstellbaren, aber mathematisch scharf umschriebenen Druckwerks. Denn in ihm vereinigt sich das Denkbare mit dem Unausdenkbaren, und dessen Bereich ist das unendlich größere. Jeder verworrene Traum, der durch eines schlafenden oder irren Menschen Seele zog, ziehen wird oder hätte huschen können, ist in ihm vertreten. Jeder Stumpfsinn in beliebigen Variationen, durchsetzt und durchbrochen vom tiefsten Sinn aus allen Fakultäten, findet hier seinen getreuen Ausdruck, und auch seinen ungetreuen, denn das Buch der Bücher bietet Platz für sämtliche Möglichkeiten an Druckfehlern, die im Bereich einer Million von typographischen Stellen auftreten können. Auf Trillionen gänzlich zusammenhangloser Bände folgt vielleicht ein einziger, in dem hier und da eine Sinnspur, ein literarischer Ansatz erkennbar wird, und auf Quintillionen von diesen vielleicht einer, in dem sich der Leser zurechtfindet. Dann aber, in noch weit größeren Abständen, wird einmal ein Buch auftauchen, das uns Kunde gibt von dem Stande der Physik in zehntausend Jahren, oder von der sozialen Gestaltung der Lebewesen auf einem heut noch nicht entdeckten Planeten. Das wird dann sehr lesenswert sein. Aber auch die Künste werden in unserem Universalwerk nicht zu kurz kommen, vielmehr in ihm eine Erweiterung erfahren, an die sich keines Künstlers verwegenster Traum heranwagen darf. Mit Worten läßt sich nicht nur ein System bereiten, in philosophischem Betracht, sondern auch ein Noten- oder ein Farbsystem. Wir halten uns streng an die Voraussetzung, daß nur Buchstaben zur Verwendung gelangen, keine Notentypen. Aber die Note ist nur das bequemste, sinnfälligste, keineswegs das ausschließliche Ausdrucksmittel für den Ton. Dieser läßt sich nach Höhe, Wert, Anordnung und Rhythmisierung auch in Worten beschreiben, umständlich gewiß, aber trotzdem in eindeutiger Schärfe. Wenige Druckseiten werden genügen, um den Anfang eines Musikstückes, sagen wir den ersten Takt von Beethovens Appassionata, in Worten vollkommen klanggetreu zu erfassen, wenige Seiten im Verhältnis zu den zahllosen, über die wir im Universalwerk verfügen. Ist aber auch nur ein Takt möglich, so geht auch der ganze Beethoven da hinein, mit ihm die gesamte vorhandene Tonliteratur und außerdem alles, was überhaupt bis zum Weltende komponiert werden wird, ja, komponiert werden kann; also der geschlossene Inbegriff, das Integral der Tonkunst. Denn dieser Inbegriff läßt sich in Permutationen auflösen, die, jede für sich, eine ganz bestimmte Bedeutung besitzen und irgendwo in der Reihe vorkommen müssen. Die Unendlichkeit der Kunst besteht also nur in der Vorstellung der Künstler oder als eine Denkform des Alltags; im Zuge unserer Betrachtung verwandelt sie sich in eine Endlichkeit , die sich jener großen Zahl: zehn zur zweimillionten Potenz, unterzuordnen hat. Der Makrokosmos der Kunst liegt in dieser Bücherei beschlossen, ja, er nimmt in ihr nur einen vergleichsweise geringen Raum ein. Und wir kennen auch genau die Größe des so fabelhaft vielseitigen Buchschatzes. Wir stellen die Bände nebeneinander, Rücken an Rücken, und wollen die Strecke im Automobil absausen. Das geht nicht. Auch der Flug der Kanonenkugel erweist sich als gänzlich ohnmächtig. Wir müßten mit Lichtgeschwindigkeit reisen, 300 000 Kilometer in der Sekunde, um da überhaupt vorwärts zu kommen; und um dennoch zu merken, daß wir auch als Fahrtgenossen des Lichtstrahls gar keine Aussicht haben, die Bücherreihe zu bewältigen. Denn ein Sonnenstrahl würde, um damit fertig zu werden, so viele Lichtjahre gebrauchen, als in folgender Zahl enthalten sind: zehn zur Potenz 1 999 980; um diese Zahl in lesbarer Handschrift nach üblicher Form aufzuschreiben, brauchte man wiederum einen Papierstreifen von etwa acht Kilometer Länge. Der Bibliothekar der Sammlung hätte also keine leichte Aufgabe. Er könnte auf die Idee kommen, diese Bände, anstatt sie reihenweise zu ordnen, der Raumersparnis halber als kubische Masse zu schichten. Allein ein Hohlraum vom Durchmesser der gesamten sichtbaren Fixsternwelt würde immer noch nicht genügen, und der weitaus größte Teil der Bücher müßte draußen bleiben, jenseits der Milchstraße, jenseits der Grenzen, zu denen die schärfsten Fernrohre dringen. Und irgendwo, an unbekannter, aber sicher vorhandener Stelle dieser Bibliothek wird sich auch ein Band befinden, der uns Aufschluß gibt über die letzten Geheimnisse des Weltkrieges, über alle Folgen, alle Gestaltungen bis hinein in die fernsten Zeiten. Eine mögliche Unmöglichkeit. Als ich junger Studio war, sah ich beim Professor Dove ein erstaunliches Experiment: der berühmte Gelehrte brachte in einer rotglühenden Metallschale blankes, flüssiges Quecksilber zum Gefrieren ! Er erzeugte also den höchsten Kälte-Effekt auf Grundlage der höchsten Hitze. Seitdem stand es bei mir felsenfest, daß es eine physikalische Unmöglichkeit nicht geben könne. Selbstverständlich mit einer einzigen Ausnahme: Niemand kann über den eigenen Schatten springen. Mancher hat es aus Spaß probiert oder in einer naiven Anwandlung, wie ein Kind das Händchen ausstreckt, um den Mond zu greifen. Tatsächlich gilt auch der »Sprung über den Schatten« seit Jahrhunderten als das Symbol für das in alle Ewigkeit Unmögliche. Und als ich vor einiger Zeit ein Buch herausgab, das sich mit den äußersten Unlösbarkeiten des Denkens beschäftigte, wußte ich für meine Schrift keinen besseren Titel als jenes Symbol »Der Sprung über den Schatten«. Und nun kommt die große Überraschung: Auch dieser Sprung kann in einem einzigen ganz absonderlichen Fall ausgeführt werden. Und wenn er auch bis heut niemals erlebt wurde, so ist er doch ganz leicht vorstellbar. Kein Professor hat das herausgefunden, sondern ein nachdenklicher Soldat, der mir seine scharfsinnige Idee in wenigen Worten mitteilte. Ich werde freilich etwas weiter ausholen müssen, um diesen unerhörten Sprung allgemein verständlich zu beschreiben. Wer führt den Sprung aus? Den Sprung über den eigenen Schatten? Der Held des Abenteuers ist ein Ski-Läufer , dem die Sonne senkrecht auf den Kopf scheint. In deutschen Landschaftsgebieten kann ihm dies niemals passieren, weil in unseren Zonen eine derartige Sonnenstellung nicht vorkommt. Wohl aber in den Tropen , nahe am Äquator ; und die Natur hat ja dort auch für ausgedehnte Schneeflächen gesorgt: unser Ski-Läufer braucht nur in die Kordilleren zu reisen oder zum Kilimandscharo in Afrika, dort findet er beide Bedingungen vereinigt: den Schnee und eine Sonne, die ihre Strahlen senkrecht herabfeuert. Der Mann auf Schneeschuhen saust einen schrägen Bergabhang hinunter und bemerkt im letzten Augenblick zu seinem Entsetzen, daß ein reißendes Gebirgswasser ihm den Weg versperrt; er muß hinüberspringen auf den jenseitigen Abhang, um drüben bergauf sein Heil zu gewinnen. Und in diesem einen Augenblick hat sich das Schattenwunder ereignet . Solang der Läufer talwärts fuhr, sah er seinen eigenen Schatten beständig vor sich auf der Bergwand; denn die gestreckte Form des gleitenden Schneeschuhs zwingt ihn ja in die senkrechte Stellung gegenüber dem Abhang, und während er hinabsaust, verfolgt er sozusagen seinen eigenen Schatten, der vor ihm dahinrast. Aber in dem Moment, wo er die jenseitige Wand erspringt, kehrt sich der Vorgang um: Seine Stellung zu den Sonnenstrahlen hat sich vollständig verändert, ebenso wie die Richtung seiner Augen, die nun bergauf blicken; mit andern Worten: sein eigener Schatten liegt ihm im Rücken, und da diese plötzliche Umkehrung als unvermeidliche Folge des waghalsigen Sprunges auftrat, so ergibt sich mit aller Deutlichkeit der Tatbestand: Unser Abenteurer ist gradeaus über seinen eigenen Schatten gesprungen ! Ganz genau ausgedrückt: wenn ein Schneeläufer bei solchem Sonnenstand solchen Satz riskiert, so fliegt sein Schatten unter seinem Körper hinweg nach der entgegengesetzten Seite. Was zu beweisen war. Und so bewahrheitet sich wieder einmal Hamlets unvergängliches Wort: »Es gibt mehr Ding' im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt«; denn in der Schulweisheit kommt nichts davon vor, daß das Unmögliche, aller Menschenerfahrung zum Trotz, möglich werden kann. Das rasche Urteil. Oft genug hat man's geschrieben und erlebt, ohne sich sonderlich dabei aufzuregen. Einem neuen Kunstwerk gegenüber ist man gewöhnlich mit dem Urteil fertig, bevor das Werk selbst sein letztes Wort gesprochen, eine Stunde später steht es in Lob, in Tadel, in ästhetischer Begründung auf dem Papier, wälzt sich alsbald in der Maschine zu unzähligen Exemplaren, liegt im dunkeln Morgengrauen fertig ausgedruckt auf dem Frühstückstisch. Der Betrieb verlangt es so, eine Verzögerung würde als Schlamperei empfunden werden. Das Leben, die Technik sind auf Geschwindigkeit eingestellt, warum nicht auch das Urteil? Weil der Irrtum lauert? Das ist kein Grund dagegen. Der Irrtum hat keine Uhr. Er kann der Minute aus dem Wege gehen und sich mit dem Jahr intim befreunden. Die Hauptsache bleibt die Überzeugung des Augenblicks. Wir tragen unsere Maßstäbe in uns, aus langer Erfahrung gewonnen, zum Gebrauch jederzeit bereit. Sie legen sich von selbst an und liefern uns die subjektiv untrüglichen Ergebnisse. Cogito ergo criticus sum . Und schließlich sind wir ja nicht für die ewige Wahrheit verantwortlich, sondern nur für die Wahrhaftigkeit dieser Stunde. Es ist gut so. Aber vielleicht wäre es noch besser, wenn wir jederzeit ein Merkblättchen zur Hand hätten, das uns einlüde, einen Blick in das Register der Fehlurteile zu werfen, bevor wir die Feder zu neuem Spruch ansetzen. Freilich, das ausführliche Register würde dicke Bände füllen, und niemand könnte es mit sich herumschleppen. Nur um den Auszug des Auszugs kann es sich handeln, nur um eine kleine Zahl großer Irrtümer, die im gegebenen Augenblick zur Vorsicht mahnen. Dies Merkblatt braucht nicht bloß das Unbekannte zu enthalten; denn auch das Bekannte kann im Zusammenhange gute Gedächtnishilfe leisten; bedarf auch wohl der Wiederauffrischung, bevor es in die Schicht des Vergessenen hinabsinkt. In den Schriften des bedeutenden Theoretikers A. B. Marx findet sich die Stelle: Haendel scheut naturgemäß Bach und geringschätzt Gluck ; Haydn erwartet nicht allzuviel von Beethoven und Maria von Weber satirisiert seine Eroica . Fügen wir hinzu: nicht allein die Eroica; der Komponist des Freischütz warf auch schwere Worte gegen Beethovens C-Moll-Symphonie, die er als das Erzeugnis eines Verrückten erklärte, um sich späterhin zu wandeln und als einen offenen Anhänger Beethovens herauszustellen. Vulgär gesprochen: Weber bekannte seinen Irrtum, bekannte, daß er, der große Tongestalter, Jahre nötig hatte, um das herauszufinden, was sich lange zuvor gänzlich Unfähigen, Laien, Nichtkompetenten, klingend offenbart hatte. Welchen zuverlässigen Vorzug hat Webers späteres Arteil vor seinem früheren? die Zeit, nichts anderes. Denn nur in der Zeit spricht es sich aus, daß Webers spätere Ansicht mit der großen Wertung von heute übereinstimmt. Dann aber ist es denkbar, daß Weber bei längerem Leben seine Meinung abermals umgekehrt hätte. Sollte es am Ende wie in Raum und Zeit, auch im Kunsturteil ein Relativitätsprinzip geben? Marx scheint das geahnt zu haben, denn er findet Haendels Haltung nicht schlechthin falsch, sondern »naturgemäß«. Sein »Irrtum« wird zu einer Notwendigkeit, und wenn wir uns Haendels Wort vergegenwärtigen: »Mein Koch versteht mehr vom Kontrapunkt als Gluck «, so brauchen wir darin nicht unbedingt eine Blasphemie zu erkennen; vielleicht nur die schnoddrige Übertreibung einer dem Geiste Haendels angemessenen Gültigkeit; gewiß aber eine Mahnung für jeden, der heute seine Feder ansetzt, um über den Kontrapunkt eines Zeitgenossen zu schreiben. Beethoven wird auf unserm Merkblatt naturgemäß bevorzugt. Wir finden ein Wort von Spohr » Reif fürs Tollhaus «; diese Reife sollte sich Beethoven, nach Spohr, durch seine A-Dur-Symphonie erworben haben. Grillparzer, seinerzeit als einer der feinsinnigsten Musikhörer anerkannt, landete der Neunten Symphonie gegenüber bei dem Ausdruck »Konfuses Zeug«. Abt Stadler , bewunderter Orgelspieler, tüchtiger Komponist, Freund Mozarts, rief in der Siebenten Symphonie von Beethoven, bei der Überleitung zum Allegro im ersten Satz: »Immer E , immer E , 's fallt ihm halt nix ein, dem talentlosen Kerl !« Stadler hat ein Alter von 85 Jahren erreicht und hätte viel Zeit zur Besinnung übrigbehalten; es ist aber nicht bekannt geworden, daß er jene Ketzerei abschwor, und sein »talentloser Kerl« hat seine Messen, Psalmen und Oratorien überlebt. Die Tonart des Urteils wird bei den Kollegen von der Bildnerei nicht milder. Ja, während der Musiker doch noch meistens geneigt ist, zwischen Werk und Werk zu unterscheiden, geht der Dichter im Feld der bildenden Künste gewöhnlich aufs Ganze, ohne sich mit Teilverdikten abzugeben. Donnernd fährt Böcklin durchs Gewölk: »Muß dieser Leibl ein langweiliger, denkfauler Kerl sein!« ... »Der Schmierer, der Tintoretto !« ... »Dieser Kerl, wie heißt er doch – der Signorelli , etwas Talentloseres habe ich nie gesehen!« Neben Böcklin meldet sich Gabriel Rossetti als Zermalmer: » Delacroix ist eine vollständige Bestie!« – »diese Arbeiten von Ingres – nicht zwei Sous wert – elender Dreck!« und Courbet : » Tizian und Leonardo da Vinci sind Hallunken; wenn einer von denen da in die Welt zurückkäme und sich in meiner Werkstatt zeigte, so zöge ich das Messer!« Aber, so könnte man einwenden, das waren Kraftnaturen, Futuristen ihrer Zeiten, Selbstschöpfer, denen der Kunstwille den Kunst-Intellekt unterdrückte; bei den eigentlichen Kunstkritikern von Beruf und Amt kommen solche Ausschreitungen wohl nicht vor. Wirklich nicht? Ruskin gehörte zur Gilde der Horizonterweiterer und nannte doch den Kölner Dom einen »elenden Humbug«, und die »Meistersinger« den »Gipfel von allem einfältigen, plumpen, trottelhaften, paviansköpfigen Zeug«. Die Urteile über Richard Wagner sind und bleiben die wichtigsten auf unserm Merkblatt, denn sie zeigen vor allen Dingen, daß die Zeitwirkung durchaus nicht immer in demselben eindeutigen Sinne einsetzt, daß also auch Rückbildungen im Urteil möglich sind und sich tatsächlich ereignen. Wenn im Kapitel Beethoven aus einem Saulus ein Paulus wird, so halten wir die Umkehrung zum Saulusstandpunkt zunächst für undenkbar; denn wie könnte einer, der sich zur Wahrheitshöhe aufgerungen hat, sich zum Irrtum zurückringen? wie könnte ein Finder seinen Fund freiwillig aufgeben? Aber die Entwicklung des Urteils weiß nichts von solchen anscheinenden Selbstverständlichkeiten. Es bleibt als Funktion der Zeit in Abhängigkeit von ihr, ohne daß sich die Richtung des Verlaufs im Voraus angeben ließe. Alles kommt da vor: Wendung, Biegung, Zickzack, selbst radikale Umkehr; das Unglaubliche verwirklicht sich. Bei Hans von Bülow haben wir es erlebt und bei Friedrich Nietzsche ; in beiden Fällen war es ein kunstgeschichtliches Weltwunder : bei Bülow bedeutsamer, da er die überragende musikalische Größe darstellte, bei Nietzsche formell interessanter, da er imstande war, seine Sprechweise mit den Prophetentönen eines Zarathustra darzustellen. Beiden gemeinsam war, in etwas veränderter Gestalt, jene uralte Klage, die im Fétis widerhallt, die schon Rameau 1760 erhob: »Die Musik ist verloren!« Siebzig Jahre zuvor hatte Marcello wehklagend gerufen: »Die Musik geht unter!«, und so läßt sich der Ursprung des Echos weit zurückverfolgen, bis auf Terpander. Bülow und Nietzsche umgrenzten den Ruf: nicht die Musik überhaupt, sondern diese Musik, die herrschende, die Wagnersche sei verloren. » Komödiantenmusik !« So lautet für Bülow der Weisheit letzter Schluß, aus der Not des Urteils geboren, auf der Höhe eines Lebens, das vordem in ganzer Ausdehnung ein großes und weihevolles Opfer für die Bayreuther Offenbarung gewesen war. Nietzsches Katalog ist ausführlicher. Sein Zorn gegen den vormaligen Messias entlädt sich in einem langen Gewitter von Aphorismen: »Wagner gehört nicht in die Geschichte der Musik«; das verbindende »und« in Wagner und Beethoven, »das ist eine Blasphemie«; »was geht uns die agacante Brutalität der Tannhäuser-Ouvertüre an? oder der Zirkus Walküre ?« »die Masse, die Unreifen, die Blasierten, die Krankhaften, die Idioten, die Wagnerianer !« »der Parsifal, ein Operettenstoff par excellence «, »Bayreuth reimt sich auf Kaltwasserheilanstalt«, – und so der Sentenzen kein Ende! Man müßte seitenweis ausziehen, um der ganzen Stärke dieser Abkehr gerecht zu werden. Aber unser Merkblatt soll ja kurz sein, soll sich nur in kurzen Stichworten als Gedächtnisstütze einer behenden Kritik an die Seite stellen. Wo ist Wahrheit? Gibt es eine? Droht nicht hinter jeder, auch der sichersten, die Umkehr, das Loskommen, das Losringen, das Umlernenmüssen? Immer nur hilft das schöne Vertrauen zum eigenen Wissen, zur eigenen Überzeugung über die Krisis der Minute, wenn wir gerade daran gehen, ein neues Erlebnis in kritische Schrift zu übersetzen. Die Irrtümer der andern, die Bocksprünge der früheren, was gehen die uns an, die wir für das Urteil des Tages zu sorgen haben, und ganz bestimmt nicht auf ein Merkblatt für künftige Geschlechter gelangen werden! Und eine weitere Gefahr erhebt sich: man könnte vielleicht, bei getreuer Beobachtung aller Warnungen, aus lauter Vorsicht gar kein Ergebnis herausbringen, alles in der Schwebe lassen, jeden kritischen Ansatz in ein » non liquet « umbiegen. So wie Anton Rubinstein nach der allerersten Tristan-Aufführung verfuhr, da er bekannte: » Je n'y comprends absolument rien ...« Ohne Bewunderung, ohne Verurteilung, erklärte er sich einfach als unzuständig. Aber wir wissen ja besser, wie er es meinte, und was er sagen wollte. Er brauchte nicht erst durch ein Nichtverstehen von Wagner loszukommen, denn er war nie bei ihm gewesen. Und sein Wort unterscheidet sich eigentlich nur in der Form von der Aussage des Umwerters aller Werte: tout comprendre – c'est tout mépriser! Als er mit dem Hammer philosophierte, begeisterte sich Nietzsche für das langsame Urteil, für Geduld im Urteil; man muß die Entscheidung hinausschieben, aussetzen können, zugunsten einer höheren Geistigkeit, so lehrte er. Aber auch damit wäre gar nichts gewonnen, wenn man immer wieder von dem loskommt, was man einmal freudig als Besitz erfaßt hat. War nicht irgend ein dunkler Kunstschreiber, der sich im ersten Anlauf die Begeisterung frisch von der Seele schrieb, der Wahrheit näher als ein zögernder Philosoph? Hätte er mit ihm hinausschieben, warten sollen, vom Zirkus Walküre bis zum Zirkus Torero, bis zu Bizet, den Nietzsche als neuen Götzen auf den Altar setzte an Stelle des heruntergeworfenen Gottes Wagner? Und so kämen wir schließlich gar dazu, dem raschen Urteil mit seiner angeborenen Farbe der Entschließung den Vorzug zu geben. Ist der Irrtum schon der Zwillingsbruder der Kritik, so soll er wenigstens in der Unbedenklichkeit des wagemutigen Anlaufs einen mildernden Umstand finden. Und glaubhaft erscheint die frische Überzeugung, selbst wenn sie Unglaubliches in die Welt setzt. Propheten und Kabbalisten. Wir besitzen eine Anzahl prognostischer Schriften aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, deren Verfasser sich zweifellos nicht nur als sehr hellsichtig, sondern auch als recht verwegen vorkamen. Allein fast alles, was sie uns als Ergebnis einer aufgepeitschten Phantasie vorstellen, erweist sich im Licht der späteren Wirklichkeit als matt, flügellahm und falsch. Staubtücher haben sie geschüttelt, da sie den Schleier der Maja zu lüften wähnten, und als sie das Licht der Zukunft herabzuholen gedachten, fuhren sie mit der Stange im Nebel umher. Unter diesen Schriften sei hier nur eine erwähnt: ein Stück von Kotzebue , des gar nicht übeln Lustspieldichters aber sehr übeln Politikers. Dieses Stück betitelt sich: »Die hundertjährigen Eichen oder das Jahr 1914«, es gipfelt in einer Ansage vom vollendeten Völkerfrühling, vom Aufhören aller Rüstungen, vom ewigen Frieden. Unter diesem Zeichen sah der Komödienmann von damals das von uns durchlebte Völkerdrama des Jahres 1914, und er war nicht der einzige falsche Prophet seiner Zeit. Mit den andern teilt er die Kurzsichtigkeit in allen Dingen der Kultur und Technik: Keine Ahnung dämmert ihm vom Zeitalter des Dampfes, der Elektrizität, der Kraftübertragung auf weite Entfernung. Die in diesen Prophezeiungen auftretenden Eilboten erledigen ihre Aufträge mit der Postkutsche; als die Vertreter eines Schneckenganges, der den Verfassern jener Jahre als unabänderlich galt. Wer von der hohen Warte einer erfüllten Zeit auf solche Ansagen zurückblickt, der wird die Eingebungen, denen sie entquollen, nicht höher bewerten als den Bleiguß der Silvesternacht und den Kaffeesatz alter Wahrsagefrauen; auch nicht höher als die Darm- und Vogelflugdeutungen der Auguren und die Orakel von Delphi und Dodona, nur mit dem Unterschied, daß diese Orakel vorwiegend auf bewußte Täuschung der Fragenden angelegt waren, während vor hundert Jahren die Selbsttäuschung überwog. Napoleon des Ersten stärkstes Orakel lautete: In fünfzig Jahren wird Europa entweder kosakisch oder republikanisch sein! und dieser Fehlspruch wurzelte in einer Überzeugung. Je weiter wir in der Zeit zurückgehen, desto häufiger begegnen wir stichhaltigen Ansagen der Zukunft. Der Doktor Faust des alten Puppenspiels reist nicht mit der Postkutsche, sondern er nimmt das Luftschiff vorweg in Form des Zaubermantels mit Feuerluft. Zahlreiche Wunder der deutschen und indischen Sage muten wie Prophezeiungen unserer Technik an, und ein Deuter von der Einbildungskraft eines Edgar Poe hat es tatsächlich unternommen, die Zauber von 1001 Nacht unter diesem Gesichtswinkel auszufolgern. Wer heute, mehr als siebzig Jahre nach Poe, diesen Versuch fortsetzt, wird finden, daß der größere Teil der Gegenwartswunder sich von der Erfüllung uralter Ansagen nur noch wenig unterscheidet. Aber schon damals durfte es heißen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. In einem Seher aus dem Abendland gewahren wir den zielbewußten Sproß einer Prophetengilde, die einst von Mesopotamien heraufkam: Vom dunkeln Gewande einer absichtlich verschnörkelten Sprache umschleiert, erscheinen die Prophezeiungen des Nostradamus . Es ist indes vielfach gelungen, den Kern sinngemäß herauszuschälen, und je mehr die Nostradamus-Kunde fortschreitet, desto staunenswerter wächst der Wahrheitsgehalt dieser Ansagen. Nostradamus, Michel de Notredame, geboren 1503 in der Provence, hat seine Prophezeiungen im Jahre 1565 veröffentlicht, mit einer Geltungsdauer bis 3797, also mit Einschluß unserer Zeiten und weit darüber hinaus. Er gab ihnen die Form gereimter Vierzeiler ( Quatrains ), die er in Gruppen von je hundert zu » Centuries « vereinigte. Um den Wert dieser auf Astrologie und innerem Schauen aufgebauten Verse für unsere Gegenwart abschätzen zu können, wird man vergleichsweise einige Stichproben herausgreifen dürfen, die sich auf längst Erfülltes beziehen. Achtzig Jahre nach Erscheinen des Strophenwerkes bewahrheitete sich das Schicksal des letzten aus dem Hauptzweige der Montmorencey buchstäblich bis zu den kleinsten Begleitumständen, die Nostradamus angesagt hatte. Sogar der Name des Soldaten, der die Hinrichtung an Montmorencey vollzog – er hieß Clèrepeyne – war dem Seher nicht entgangen, der den betreffenden Quatrain mit den Worten schloß: » délivré à Clère peyne «; was man ja wörtlich mit »der berühmten Strafe ausgeliefert« übersetzen kann. Aber an ein reines Zufallsspiel zu glauben, hält doch recht schwer, wenn man daneben eine Reihe anderer Vierzeiler von Nostradamus beobachtet, in denen gleichwertige Merkwürdigkeiten die Annahme eines blanken Zufalls eigentlich ausschließen: Nahezu ein Vierteljahrtausend vor der Französischen Revolution prophezeite Nostradamus mit verblüffender Genauigkeit Daten und Taten dieser Epoche: Der Angriff der Fünfhundert auf die Tuilerien wird mit den Worten angesagt: » confict passera sur le thuille par cinq cens «; wobei zu beachten, daß das Königsschloß als Bauwerk noch gar nicht vorhanden war, als jene Worte erschienen, und daß vollends die von tuilerie (Ziegelbrennerei) abgeleitete Bezeichnung einer späteren Zeit angehört. Mit derselben Treffsicherheit behandelt der Prophet des sechzehnten Jahrhunderts den Revolutionskalender; bei Nostradamus heißt es: »Im Jahre 1792 wird man glauben , eine neue Zeitrechnung einzuführen.« Daß jener Kalender schon nach kurzer Zeit wieder abgeschafft wurde, findet seine ausreichende Andeutung in dem »glauben«. Den Korsischen Eroberer verkündet Nostradamus also: »Ein Kaiser wird nahe bei Italien geboren werden, der seinem Reiche teuer zu stehen kommen wird. Er wird von der tributspflichtigen Seestadt (Toulon) die Herrschaft an sich reißen, vierzehn Jahre die Tyrannei innehaben, nach seiner Heirat zusammenbrechen.« Ein gedrängter Abriß der Napoleonischen Geschichte, der mit vielen anderen Begleitstellen aus Nostradamus' Werk besonders durch die verdienstvolle Forschung von Dr. Max Kemmerich den deutschen Lesern nahegebracht wurde. Bei den Versuchen, die Quatrains auch mit der neuesten Zeitgeschichte in Verbindung zu setzen, mußte der Deutung und Übersetzungsfreiheit allerdings ein weiterer Spielraum verstattet werden, und es ist nicht zu verkennen, daß sich hier streckenweis ein Tummelplatz für recht gewagte Mutmaßungen geöffnet hat. Die Schwierigkeit liegt besonders darin, daß in den folgenden Centuries der Hinweis auf bestimmte Zeiten fehlt und von Nostradamus durch die bedingte Form der delphischen Orakel umschrieben wird. Nach der Art des pythischen Spruches »Wenn Krösus über den Halys geht, wird er ein großes Reich zerstören«, – beginnt Nostradamus mehrfach mit einem schwierig verkleideten »Wenn«, bei dessen Auslegung Phantasie und Deutungswunsch kräftig mitreden. Eine große Getreideteuerung wird angesagt, »wenn man die Stimme des ungewöhnlichen Vogels gleich dem Ton der Orgelpfeifen hören wird«; und den Deutern war es nicht zweifelhaft, daß mit dem absonderlichen Vogel ( insolit oyseau ) das Militärluftschiff gemeint war, dessen Propellergebraus an den Orgelton erinnern soll. Ein auf diesem Gebiet erfahrener Sonderforscher, Arthur Grobe-Wutischky, zog aus dem Nostradamus eine Sammlung dicht verschleierter Verse, von denen die nachstehenden, verkürzt wiedergegebenen, zweifellos Interesse beanspruchen: » Albion , wenn der Berg aus der Luft kommt, und die Glocke in der Röhre, das Schiff in der Glocke , dann naht deine letzte Stunde!« Die verwegene Deutung wollte herauslesen: »Berg aus der Luft«: dichterische Umschreibung des Zeppelin, »Schiff in der Glocke«: das Unterseeboot; »Glocke in der Röhre«: das moderne Hohlgeschoß; wobei die Erinnerung an das geflügelte Wort aus Preciosa lebendig wird: »Herrlich, etwas dunkel zwar, aber 's klingt recht wunderbar!« In der fünften und neunten Centurie wird geweissagt, daß Brabant, Flandern, Gent, Brüssel und Boulogne dermaleinst den Deutschen zufallen; und daß der »Fürst mit künstlich gekräuseltem Bart« eine hochmütige Nation mit Hilfe des Mondbanners (Halbmond) bezwingen werde. In den von uns durchlebten Zeiten kam's ja freilich anders, allein vielleicht beziehen sich diese Aussagen des Nostradamus auf eine spätere Epoche; die Weltgeschichte ist ja noch nicht zu Ende, und auf ein Jahrhundert kommt es ihr nicht an. Soweit des Nostradamus Sprüche auf Astrologie zurückgehen, stehen sie mit Maß und Zahl in Zusammenhang, suchen sie das zahlenmäßig Erfaßbare im Sinne einer Welt-Deutung zu verwenden. Auf demselben Hintergrunde bewegten sich die Pythagoreer des Altertums, die Kabbalisten und in weiterem Umfang alle Seher, Mystiker, Symbolisten, die im Kern ihres Bewußtseins eine Ahnung von Wissenschaftlichkeit trugen oder verbargen. Ihnen allen ist die Zahl das Grundlegende, Bestimmende, den Zusammenhang aller Dinge und Ereignisse Verkündende. Die Zahl ist das Wesen aller Dinge, sagt Pythagoras, dem sich Plato mit dem Wort anschließt: auf Zahl- und Verhältnisbestimmung ruht alle Wissenschaft. Ein unendlicher Zauber strahlt von den Zahlproportionen aus, dem sie alle wie hypnotisiert nachstarren, die reinen Wissenschaftler, die mit Werkzeug, Experiment und Algebra die Zukunft zu errechnen trachteten – und in der Astronomie wirklich errechnet haben – nicht minder die träumerisch gerichteten Außenseiter, welche die Zahl mit magischen Elementen zusammenquirlten und aus dem Gebräu neue Weisheiten aufsteigen sehen wollten. Hundertfältige Proben ihrer Kunst liegen uns vor, die jedoch bei allem Scharfsinn zuviel Spielerisches, sogar Taschenspielerisches verraten, um irgendwie als Anhalt für die Zukunft gebrauchsfähig zu werden. In überwiegender Fülle beschäftigen sie sich auch gar nicht mit der Zukunft, sondern mit der Vergangenheit; aber es ist nicht zu leugnen, daß sie mit rückwärts gewendetem Blick dem Geheimnis der Zahl allerlei symbolische Triumphe bereitet haben. Sehen wir uns daraufhin einige wenig bekannte Beispiele an: Die als Unglückszahl zu Unrecht beschrieene Primzahl 13 liefert den Schlüssel zum Leben mehrerer Größen; so wird das Dasein Richard Wagners von ihr geradezu beherrscht. Wagner wurde im Jahre 1813 geboren und starb am 13. Februar. Sein Festspielhaus in Bayreuth wurde am 13. August eröffnet. Er schrieb (einschließlich der Jugendwerke) 13 Tondramen, sein Name setzt sich aus 13 Buchstaben zusammen, die Ziffern seines Geburtsjahrs ergeben als Quersumme 1+8+1+3 wiederum 13. Den ersten Anstoß zum Ergreifen des musikalischen Berufes empfing er durch eine Vorstellung des Freischütz am 13. Oktober. Tannhäuser endete am 13. März 1861 in Paris mit dem bekannten Theaterkrach und kam am 13. Mai 1895 dort wieder zu Ehren. Das Rigaer Theater, an dem Wagner als Kapellmeister begann, wurde am 13. September 1837 eröffnet; Tannhäuser am 13. April 1844 vollendet. Wagners Verbannung vom Mutterlande währte 13 Jahre. Der letzte Tag, den er in Bayreuth verlebte, war der 13. September. Liszt besuchte ihn zum letzten Mal in Venedig am 13. Januar 1883, und das Jahr, in dem Wagner starb, war das 13. Jahr der Deutschen Reichseinheit. Nicht ganz frei von Willkür trat eine Zahlensymbolik auf, die in das Leben des ersten deutschen Kaisers rechnerisch eindringen wollte. Sie fußt nämlich auf dem geschichtlich keineswegs ausschlaggebenden Jahr 1829, dem Hochzeitsjahr Wilhelms I., und verfährt addierend, indem sie die einzelnen Ziffern fortgesetzt dem erzielten Gesamtdatum zuzählt. Danach ergibt sich folgendes: 1829 1 8 2 9 1849 Bewältigung des Aufstands in der Pfalz und in Baden. 1849 1 8 4 9 1871 Annahme der deutschen Kaiserwürde. 1871 1 8 7 1 1888 Todesjahr. Die ganze umständliche Kabbala beweist also nichts sonderlich Überraschendes, da sie allzu weit ausholen muß, um zu den bedeutsamsten Geschichtswerten zu gelangen. Nach einer anderen Methode verfuhren die Propheten, um im großen Völkerringen unserer Zeit den Frieden zu errechnen. Sie begannen zunächst wiederum rückwärts blickend mit den Geschichtszahlen 70 und 71, wobei eine doppelte Zusammenzählung das Ergebnis liefert: 18 70 18 71 37 41   3 + 7 = 10     4 + 1 = 5 was auf den 10. Tag des 5. Monats hinleitet, also auf den 10. Mai, (von 1871, wie stillschweigend vorausgesetzt wird), der tatsächlich als Datum des Frankfurter Friedens die deutsche Chronik ziert. Und nun schloß man mit jener Zuversicht, die zum alten Rüstzeug der Symboliker gehört: stimmts für das Gewesene, dann wird's wohl auch für's Kommende stimmen; also wagte man die schematische Fortsetzung: 19 14 19 15 38 29   3 + 8 = 11     2 + 9 = 11 in Worten: der 11. November 1915 sollte den Frieden bringen. Vom arithmetischen Standpunkt gesehen war die Sache in bester Ordnung; aber die Geschichte ging ihren eigenen Weg und zermalmte das hübsche Exempel des Zahlenwunders. Um so eifriger stürzten sich die Symboliker auf eine andere Möglichkeit, der auch ein geborener Skeptiker, eine gewisse Offenbarungsstärke nicht abstreiten wird. Man betrachtete mit Aufmerksamkeit das mathematische Gesicht der Weltgeschichte und entdeckte darin als einen hervorstechenden Zug: – die Primzahl . Als bekannt darf vorausgesetzt werden, was eine Primzahl ist: eine ganze Zahl, die sich durch keine andere restlos teilen läßt, also z. B. 11, 13, 17, 19, 23, 29 usw. Je höher man hinaufsteigt, desto seltener werden sie bei anscheinend regelloser Anordnung. Das Gesetz ihrer Aufeinanderfolge ist bis heute nicht gefunden worden. Wohl aber ein gewisser Zusammenhang mit den Weltereignissen; und zwar, zum Ruhme der Primzahl sei es gesagt, ganz besonders zu den friedlichen . Und hier meldet sich unsere Statistik mit folgender Aufmachung: Der Westfälische Friede , der den Dreißigjährigen Krieg beendete, wurde 1648 geschlossen. Die Quersumme dieser Jahreszahl ergibt 19, eine Primzahl. Erster Friede von Saint-Germain war 1570; Quersumme: Primzahl 13; zweiter Friede von Saint-Germain zwischen Frankreich und Brandenburg war 1679; Quersumme: Primzahl 23. Der bedeutsame Friede von Ryswik , der den neunjährigen Krieg Ludwigs XIV. gegen die Koalition beendete, fiel auf das Jahresdatum 1697. Quersumme: Primzahl 23. Der Rastatter Friede nach dem Spanischen Erbfolgekriege war 1714; Quersumme: Primzahl 13. Friede zu Rystadt 1721 zwischen Rußland und Schweden; Quersumme: Primzahl 11. Friede zu Passarowitz zwischen der Türkei und Österreich-Venedig 1718; Quersumme: Primzahl 17. Ende des zweiten Schlesischen Krieges durch den Frieden von Dresden , 1745. Quersumme: Primzahl 17. Schluß des Siebenjährigen Krieges im Frieden zu Hubertusburg 1763; Quersumme 17. Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Nordamerika im Frieden von Versailles 1783; Quersumme: Primzahl 19. Friede zu Amiens zwischen England, Frankreich, Spanien usw. 1802; Quersumme: Primzahl 11. Friede von Villafranca und Zürich (nach Magenta und Solferino) 1859. Quersumme: Primzahl 23. Friede zu Wien zwischen Dänemark-Osterreich-Preußen 1864; Quersumme: Primzahl 19. 1871 der Friede zu Frankfurt a. M. – Quersumme: Primzahl = 17. 1895 Friede von Schimonoseki zwischen China und Japan; Quersumme: Primzahl 23. Friede von Peking , 1901; Quersumme: Primzahl 11. Rechnet man hierzu noch die Genfer Konvention von 1864 (Quersumme 19), so überblickt man einen recht stattlichen Friedenssaldo. Allerdings gibt es auch eine Gegenrechnung, die sich indes in ziemlich engen Grenzen hält. Sie betrifft vornehmlich den Frieden von Utrecht und die Friedensschlüsse aus der Napoleonischen Zeit von Tilsit bis Paris. Man erkennt, daß unter den Sonderzahlen die 17 wiederum eine ganz besondere Rolle spielt; und das geschichtliche Kuriosum ihrer Häufigkeit ergänzt sich durch die Tatsache, daß die 17 auch in arithmetischer Hinsicht eine höchst auffallende und bevorzugte Stellung behauptet. Die Fürsten der Größenkunde, Fermat, Euler und Gauß haben ihr liebevolle Fürsorge zugewendet. Ja, man witterte in der 17 überhaupt eine Art von Stein der Weisen, einen Heilbringer der Erkenntnis für das feste Gerippe aller Zahlen. Dieses Gerippe zu konstruieren, das heißt, das begreifliche Gesetz für die Folge und Ordnung der Primzahlen aufzufinden, war ein heißes – ein vergebliches Bemühen; und der Weise im stillen Gemach mit seinen bedeutenden Zirkeln sucht noch immer dieses Gesetz in des Zufalls grausenden Wundern. Und dabei gerät er auch auf Nebenwege, er nähert sich den geheimnisvollen Methoden des Nostradamus und sucht die 17 auf geschichtlichen Pfaden zu beschleichen. So hat ein ganz scharfer Denker, Fr. Hartmann in Leipzig, in einer sonst vortrefflichen Abhandlung über ein mathematisches Problem zum Schlusse sich der Magie ergeben: er sah in den Friedensschlüssen von 1763 und 1871 die geheimnisvolle 17 aufblitzen und schloß seine schwierigen Ausführungen mit den horoskopischen Worten: »Der gegenwärtige Weltkrieg wird 1916 – Quersumme 17 – enden ...« wobei die Rechnung allerdings ein Loch bekommen hat. Trotzdem wird die wunderbare 17 noch vielfach umherspuken und zu manchen Extratouren auf dem Gebiet der Orakel Veranlassung geben. Deutlich genug hat sie verkündet, daß sie sich in wunderbarer Weise abhebt von ihren Schwestern im Zahlenreiche. Einst gab es in der Friedensstadt Haag einen Frieden zwischen Spanien, Savoyen und Österreich; der wurde geschlossen am siebzehnten Februar siebzehnhundertundsiebzehn . Mehr kann man nicht verlangen. In den abenteuerlichen Zufällen, die der wirkliche Ablauf der Dinge bietet, sucht sich der prophetische Trieb zu verankern. Er wird nie aufhören, die Unwahrscheinlichkeiten der Vergangenheit gegen die Wahrscheinlichkeiten der Zukunft auszuspielen. Wir alle finden neben Stunden des Zweifels und des Mißtrauens, Sekunden mystischer Willigkeit. Und in solchen Augenblicken legen wir uns vielleicht selbst auf's Ansagen, da uns aus dem Unterbewußtsein eine Stimme zuruft: Wer viel prophezeit, wird auch manchmal das Richtige treffen!