Arthur Zapp Zwischen Mann und Frau I. Eine leichte Brise bewegte die Wellen, die wie flüssiges Silber glitzerten. Wie ein riesengroßes, gleißendes Schild lag die See da, in der sich die Strahlen der heißen Augustsonne brachen. Die Damen hatten ihre Strandkörbe gegen Norden gestellt, um ihren zarten Teint nicht der sengenden Sonnenglut auszusetzen. Wohlig ruhten und tummelten sich Männer, Frauen, junge Mädchen und Kinder auf dem weißen Dünensand. Zwischen den beiden kleineren Badeanstalten, die weiter ab vom Zentrum des Badeortes lagen, als die mehr besuchten Hauptbadeanstalten, hatte sich eine Gruppe von fünf Personen niedergelassen. »Ich glaube, Sie haben mir heute noch nicht eine einzige Artigkeit gesagt, Herr Assessor«, ertönte eine wohlklingende Frauenstimme aus einem der hier aufgestellten drei Strandkörbe heraus. Es war eine schöne Erscheinung, deren ebenmäßige, schlanke Gestalt mit den vollen Formen sich in dem modern geschnittenen, eleganten, weißen Cheviotkleid anmutend, reizvoll markierte. Ihr rechter Fuß in dem schmalen, hochhackigen weißen Strandschuh und dem gleichfarbenen, durchbrochenen Strumpf wippte nervös auf und ab. Der in einen weiß und blau gestreiften Strandanzug gekleidete, zu den Füßen der Dame ruhende Herr hob seine aufleuchtenden Augen. »Die tiefste Bewunderung schweigt, gnädigste Frau.« Sie lächelte geschmeichelt. »Schön gesagt! Aber –« sie zeigte jetzt eine schmollende Miene – »wer beweist mir, daß es nicht Langeweile und Bequemlichkeit waren, die Sie seit fünf Minuten stumm machten?« Der sorgfältig frisierte Herr, der seinen Strandhut neben sich gelegt hatte, erhob seine wohlgepflegten Hände mit den rosigen, sauber polierten, an den Spitzen schneeweißen Nägeln und machte eine erschrocken abwehrende Bewegung. »Aber Gnädigste sollten sich doch nicht selbst verleumden. Langweilen in Ihrer anregenden, bestrickenden Gesellschaft? Undenkbar! Selbst wenn ich die Augen schlösse –« er veränderte seine sitzende Stellung und legte sich ganz hintenüber, die Arme unter dem Kopf gekreuzt – »ich würde doch immer Ihre stimulierende, erhebende, beseligende Nähe empfinden. In meinen klopfenden Pulsen, in meinem lebhaft pochenden Herzen würde sich immer die Wirkung Ihrer bezaubernden Gegenwart verraten.« Der rosige Schein starker Befriedigung breitete sich über die hübschen Züge der jungen Frau; ihre munteren braunen Augen leuchteten vergnügt in befriedigter Gefallsucht. Doch blitzschnell legte sie ihr Gesicht in ostentativ unmutige Falten und warf scheinbar unwillig ihre Lippen auf. »Sie sollen mir doch nicht immer so kecke Schmeicheleien sagen, Herr Assessor.« Er lachte in sich hinein. Hatte sie sich nicht eben erst beklagt, daß er ihr keine Galanterien erwies? Aber er unterdrückte diese sarkastische Regung so rasch, wie sie gekommen, und schaute mit forciert verzückten Blicken zu ihr auf. »Schmeicheleien sind Unaufrichtigkeiten. Ich aber konstatiere nur Tatsachen, gnädigste Frau. Und wenn ich meinen Empfindungen einen noch viel glühenderen, ekstatischeren Ausdruck gäbe, ich würde immer nur Wahrheiten sagen.« Sie beugte sich wieder lächelnd zu ihm hinab und schlug mit dem langen weißen Handschuh, den sie in der Rechten hielt, nach ihm. »Unverbesserlich! ... Wenn mein Mann Sie hörte!« »Er würde sich sicherlich freuen. Oder meinen Sie nicht, daß sich ein Mann nur geschmeichelt fühlen kann, wenn er sieht und hört, daß die Schönheit und die Anmut seiner Gattin auch die ganze übrige Männerwelt zur Bewunderung und Anbetung hinreißt?« Sie nickte entschieden. »Freilich sollte er das – um so mehr, wenn er es selber seiner Frau gegenüber an Galanterie und Bewunderung fehlen läßt.« Der Assessor brachte sich mit elastischem Schwung wieder in eine sitzende Stellung. »Ihr Herr Gemahl ist eben ein moderner und fashionabler Mann. Er weiß, daß es nicht geschmackvoll ist, den Anbeter seiner eigenen Frau zu machen.« Sie lachte. »Da haben Sie recht, Herr Assessor. Er hält es offenbar für vornehmer, seine Bewunderung anderweitig zum Ausdruck zu bringen.« »Zum Beispiel der schönen Lili Sander gegenüber.« »Finden Sie sie wirklich schön?« Die Sprechende runzelte ihre Augenbrauen leicht. Er machte ein etwas gekünstelt verdutztes Gesicht. »Pardon! Habe ich das gesagt? Dann war es nur – nur façon de parler . Sie werden mich doch nicht für so taktlos halten, ein anderes weibliches Wesen in Ihrer Gegenwart schön zu fin–« Ein ostentativer Husten aus einem ein paar Schritte weiter seitwärts stehenden Strandkorb, aus dem ein kurzer, faltenloser, schwarzer Rock und ein Paar derbe, schwarze Stiefeletten mit breiten Absätzen hervorlugten, erstickte die letzte Silbe. Der Assessor winkte mit dem Kopf nach der Richtung und dämpfte seine Stimme. »Das Fräulein Doktor gibt uns ihre Mißbilligung kund.« Die kokette junge Frau zuckte gleichmütig mit den Schultern, aber sie beugte sich doch gleich darauf weit vor und rief in ihren weichen, schmeichelnden Tönen, denen diesmal eine schwache Nuance von Spott beigemischt war, nach dem anderen Strandkorb hinüber: »Stören wir dich, Ella?« Ein schmaler, knochiger Oberkörper ohne Rundung und Formen und ein gelblich blasses, hartliniges, ernstes Gesicht kam aus dem oberen Teil des Korbes zum Vorschein. »Wenn es der Fall wäre,« erwiderte ein starkklingendes, etwas sprödes weibliches Organ, »hätte ich kein Recht, mich zu beklagen. Der Strand ist für alle und am Ende weniger für das Studieren da, als für – den Flirt.« Es kam mit einer trockenen Bissigkeit heraus, die auf die Lippen der schönen Frau ein vergnügtes Lächeln hervorzauberte und ihren Courmacher veranlaßte, mit einer leichten Verneigung etwas ironisch zu erwidern: »Sie sind sehr nachsichtig, gnädiges Fräulein, und wir müssen –« Doch die im schwarzen Gewand unterbrach unwirsch: »Wie oft habe ich Sie nicht schon gebeten, Herr Assessor, mir nicht immer dieses – verzeihen Sie – unsinnige Prädikat zu geben. Ich bin nicht gnädig.« »Pardon, Fräulein Doktor! So darf man Sie doch anreden?« Das Fräulein Doktor nickte. »Den Titel habe ich mir wenigstens in ehrlicher Arbeit erworben.« »Allerdings, du scheinst wieder einmal nichts weniger als gnädig«, mischte sich die weißgekleidete junge Frau ein. »Darf man fragen, was für ein schweres Buch du da wieder studierst?« »Es wird dich kaum interessieren, es handelt von den Pflichten der modernen Frau.« Die schöne Fragerin zeigte in der Tat eine gleichgültige, uninteressierte Miene, während der Assessor sich nach der anderen Dame, die zwischen ihren knochigen, ungepflegten Fingern mit den kurzabgeschnittenen Nägeln ein aufgeschlagenes Buch hielt, fragend herumwandte: »Und worin bestehen diese Pflichten, gnädiges – pardon, Fräulein Doktor?« »Nun, das ist doch klar genug«, erwiderte die Gefragte und heftete ihre graublauen, an den Lidern entzündeten Augen mit einem spöttischen, herausfordernden Ausdruck auf das leicht gebräunte glatte Antlitz des Lebemanns mit dem kurzgestutzten Schnurrbart, in das keine übermäßige Denkarbeit sichtbare Spuren gezeichnet. »Haben Sie denn noch nichts von der großen gewaltigen Bewegung vernommen, die durch die Welt geht, die überall die geistig regen Frauen aufruft zum Kampf gegen die jahrtausendlange Unterdrückung und Unselbständigkeit? Die Pflicht der modernen Frau ist, sich dieser Bewegung anzuschließen, die Schranken, die ihre Kräfte bisher gehemmt und zurückgehalten haben, niederzureißen und ihre Kräfte in einem frei gewählten Beruf zu betätigen.« »Aber würde das der Bestimmung der Frau nicht widerstreben?« warf der Assessor ein. »Wer soll denn das Heitere, Schöne in das Leben bringen, wenn die Frauen auch anfangen zu arbeiten, wie wir Männer? Nein, Fräulein Doktor, ich bin der Ansicht, wer die Frau schätzt und liebt, der soll sie vor der Arbeit bewahren. Die Arbeit macht häßlich, trocken, hart. Die Frau soll weich, anmutig und schön sein. So schreibt es das Naturgesetz vor, dasselbe Naturgesetz, das den Mann zur Arbeit und zum Kampf bestimmt hat. Der Natur der Frau widerstrebt die schwere, anhaltende Berufsarbeit.« Um die Lippen des Fräulein Doktor zuckte es geringschätzig. »Was wissen Sie denn von der Natur der Frau?« »Ich?« Der Lebemann machte ein verblüfftes Gesicht. »Ich sollte die Natur der Frau nicht kennen?« Die Frauenrechtlerin richtete den intelligenten, klaren Blick ihrer Augen auf die elegante Gefährtin des Sprechenden. »Die Frauen, die Sie kennen, rechnen bei unserer Bewegung nicht mit.« »Und was sagen Sie zu den Ansichten Ihrer Fräulein Cousine, gnädige Frau?« fragte der Assessor noch immer ganz indigniert. Die schöne Frau beantwortete die Frage ihres Verehrers mit einem Achselzucken und einer überlegenen Miene. »Mein Gott, das ist doch alles überflüssiges Gerede«, sagte sie. »Die ganze Frauenfrage ist nur eine Erfindung der unverheirateten Mädchen und entspringt wohl nur dem Ärger und vielleicht auch der Langeweile. Für eine Frau, die einen Mann hat, sind alle Fragen gelöst und sie kennt nur die eine Aufgabe, ihrem Mann zu gefallen.« »Und allen anderen Männern dazu«, warf die Frauenrechtlerin anzüglich ein. In sehr selbstbewußter Haltung legte sich die junge Frau hintenüber und versetzte mit lächelnder Malice, kokett mit dem hochspannigen, kleinen Füßchen wippend: »Besser allen, als keinem gefallen.« In das vom vielen Studieren gebleichte Gesicht des »Gehirnweibes« stieg eine schwache Röte; die Hände, die das Buch hielten, zitterten und in ihren Augen züngelte etwas auf. Aber sie bemühte sich, die weibliche, allzuweibliche Empfindlichkeit und Erregung zurückzudrängen. »Ich finde,« entgegnete sie äußerlich ruhig, »daß es für eine Frau von Selbst- und feinem Ehrgefühl höhere, erhebendere Aufgaben gibt, als den Männern zu gefallen. Ich würde mich für zu gut halten, mit allen möglichen, oft sehr fragwürdigen Elementen in Wettstreit zu treten.« Sie bog ihren Oberkörper zurück und hob mit einer energischen Bewegung ihr Buch zu ihrem Gesicht empor, um damit anzudeuten, daß sie das kleine Scharmützel für beendet halte. Der Lebemann zeigte seiner Dame eine tragikomische Miene. »Ich bin zerschmettert.« Die schöne Frau lachte, dann beugte sie sich zu ihm hinab und flüsterte: »Wem die Trauben zu hoch hängen, dem erscheinen sie sauer.« »Hat sie denn wirklich nie geliebt?« wisperte der Assessor ungläubig. Die Gefragte zuckte mit den Schultern. »Weiß ich's? Jedenfalls – lang, lang ist's her!« Der Lebemann lächelte etwas mokant. »Sie ist nicht nur an Weisheit reif.« Die schöne Frau nickte boshaft ... Ungefähr zehn Schritte rückwärts von den beiden Strandkörben ruhte ein junges Paar im Sande. Das junge Mädchen saß und blickte zerstreut über die blauen Wellen hin, die in monotonem Rauschen an den Strand schlugen. Der junge Mann, der nicht viel älter zu sein schien als seine etwa zweiundzwanzigjährige Gefährtin, lag lang ausgestreckt ihr gegenüber. Schon ein paar Minuten lang sah er ihr unverwandt in das feingezeichnete Gesicht mit der graden schmalen Nase, dem kleinen Mund, dessen leicht gekräuselte Lippen nicht die saftig rote frische Farbe der Jugend zeigte, und in die sinnenden, träumerischen blauen Augen. Jetzt machte sie eine Bewegung; etwas Unruhiges trat in ihre Mienen; ihre dunklen, schön geschweiften Brauen zogen sich zusammen. Es war, als wenn sie aus einem Traume erwache. Ihr Blick traf den seinen. »Was siehst du mich so an, Siegfried?« fragte sie. »Ich? Mir fiel eben etwas an dir auf, Susanne.« »So! Was denn?« »Du bist viel hübscher geworden in den vier Wochen, seit wir hier im Bade sind, viel – sozusagen, viel weiblicher siehst du aus.« Ihre Augen öffneten sich weit vor Erstaunen und Überraschung, und die Glut des Ärgers schlug ihr ins Gesicht. »Rappelt's bei dir? Wie kommst du denn darauf? Du hast mir doch sonst keine faden Schmeicheleien gesagt.« Er schüttelte entschieden mit dem Kopf. »Liegt mir auch jetzt ganz fern. Teile dir nur einfach meine Beobachtung mit. Überhaupt – weißt du, wenn man so Tag für Tag zusammen büffelt im engen Zimmer, über die Bücher gebückt, dann fällt einem natürlich so was nicht auf. Da hat man ja gar nicht die Zeit, einer den andern ordentlich anzusehen, da denkt man ja immer nur an Abstraktes. Hier ist das was andres. Hier ist man, möchte ich sagen, mehr Mensch und sieht und denkt persönlicher.« In ihrem Gesicht, das unverkennbare Familienähnlichkeit mit dem Fräulein Doktor im Strandkorb aufwies, wenn auch bei ihr alles zarter, weicher, feiner war, zuckte es spöttisch und ihre Blicke glitten über den zu ihren Füßen Liegenden hin. Seine Gestalt war zartgliedrig, die Konturen aber waren weich, rund; auffallend stark waren seine Hüften. Das Haar war dicht, leichtgelockt und hing ihm bis auf den Rockkragen hinab. Sein Gesicht war fast ganz bartlos, nur oben an den Ohren und unten am Kinn sprossen ein paar Barthaare. »Ich kann dir das Kompliment nicht zurückgeben. Ich finde nicht, daß du dich verschönert hast und männlicher bist du auch nicht geworden.« »Das macht wohl, weil ich von klein auf immer mehr mit Mädchen verkehrt habe als mit Jungen. Ihre Roheiten haben mich immer abgestoßen.« Er sagte es mit heller, hoher Stimme, die fast wie ein weiblicher Sopran klang. Das junge Mädchen lächelte. »Ja, du hast etwas Mädchenhaftes. Wie willst du denn deiner Frau einmal imponieren?« Er wehrte entrüstet ab. »Rede doch nicht solchen Unsinn, Susanne! Ich denke gar nicht daran zu heiraten. Ich perhorresziere die Ehe mit all ihrem unwürdigen, widrigen Drum und Dran. Sie lenkt einen vom Besten, Höchsten ab, erniedrigt und korrumpiert den Mann. Gott soll mich bewahren! So eine, wie deine schöne Cousine da – brr!« Er deutete mit einer Kopfbewegung nach dem anderen Paar, das wieder emsig miteinander flirtete und girrte. »Weißt du, solche – solche Überweiber sind doch die überflüssigsten, erbärmlichsten Geschöpfe der Welt.« »Überweiber?« Susanne lachte. »Dann wären also wir anderen, die wir uns geistig beschäftigen und wenig Wert auf das Äußere legen, Unterweiber.« Aber der Student widersprach eifrig. »Vollmenschen seid ihr, vollwertig dem Mann, das heißt dem geistig strebenden Mann. Du wirst doch gewiß auch nicht heiraten, Susanne?« Das junge Mädchen antwortete nicht sogleich; ihre Blicke schweiften wieder träumerisch in die im Sonnenglanz strahlende Ferne. »Ich habe noch nie darüber nachgedacht«, sagte sie nach einer Weile leise. »Nein, dazu bist du zu schade«, fuhr der junge Mann fort. »Hättest du denn überhaupt an das Studium gedacht, wenn es deine Absicht wäre, dich einmal an solch einen – er winkte diskret nach dem Assessor hinüber – wegzuwerfen, der in euch nur – äh, ich mag gar nicht sagen was erblickt.« – Ein schriller Pfiff von der Damenbadeanstalt her unterbrach plötzlich die Unterhaltung. Zugleich machte sich eine lebhafte Bewegung sowohl in der Frauen- wie in der Männerbadeanstalt bemerkbar. Wiederholtes grelles Pfeifen mischte sich mit lauten Rufen. Siegfried Möller sprang auf, auch seine Gefährtin erhob sich rasch und auch die anderen am Strande ruhenden oder promenierenden Badegäste schauten auf die See hinaus. »Eine der Damen hat sich zu weit hinausgewagt!« rief Regierungsassessor von Wernitz und reichte seinen Krimstecher der schönen Frau Adele Portig, deren ebenmäßige, reizvolle Figur noch mehr zur Geltung kam, während sie in dem enganliegenden weißen Kostüm neben ihrem Begleiter stand. Man sah in der Tat weit ab von der Badeanstalt eine im Sonnenlicht blitzende hellgelbe Badekappe. Der Assessor schüttelte unwillig mit dem Kopf, während die schöne Frau mit dem Glase vor den Augen gespannt die Schwimmerin draußen verfolgte. »Die Tollkühne!« rief Herr von Wernitz halb bewundernd, halb tadelnd. »Warum sie nur nicht umkehrt!« »Sie wird wohl wissen, daß sie ihrer Kraft vertrauen darf«, bemerkte Fräulein Doktor Ella Neudeck, die ebenfalls aufmerksam geworden war. »Wenn es ein Mann wäre, würde sich niemand darum kümmern.« Aber der Regierungsassessor hörte gar nicht auf den Einwurf. »Das ist ja heller Wahnsinn!« rief er aufgeregt. »Ah!« Er stieß einen lauten Ausruf stärksten Interesses aus. »Was denn?« fragte Frau Adele Portig. »Ein Mann schwimmt ihr nach. Sehen Sie doch nur, gnädige Frau! Können Sie ihn nicht erkennen?« Die schöne Frau setzte das Glas einen Moment ab, erblickte den kräftigen Schwimmer, auf den sie der Assessor soeben aufmerksam gemacht hatte und der nun mit kräftig ausholenden Armen, den Oberkörper taktmäßig hebend, die Wellen durchschnitt. Lebhaft interessiert führte sie das Fernglas wieder an die Augen. »Wer ist es?« fragte ihr Begleiter. »Ich kann ihn nicht erkennen.« Sie reichte ihm das Glas. Der Assessor nahm es, ohne, trotz seines Interesses für den aufregenden Vorgang draußen in der See, zu vergessen, die Finger der schönen Frau eine kurze Sekunde lang zart, wie kosend, zu berühren. Angestrengt schaute er in die Weite. Jetzt machte der Schwimmer, der sich mit raschen Schlägen der vorwitzigen Dame näherte, eine Wendung. »Ist das nicht – jawohl, es ist Doktor Kamberg!« rief der Assessor. »Unser Bürgermeister Kamberg?« »Jawohl, gnädige Frau. Ein exzellenter Schwimmer!« Die junge Studentin, die, immer noch im Gespräch mit ihrem Freunde, den Vorgang bisher nicht beachtet hatte, sprang plötzlich auf ihre Füße und blickte, ihre Augen mit der Rechten beschattend, auf die See hinaus. Auch sie schien von dem Schauspiel, das sich immer dramatischer zuspitzte, stark gefesselt. »Skandalös!« schalt Siegfried Möller, der Student, der sich neben die Kommilitonin gestellt hatte. »Wie kann sich der Herr unterstehen, nach der Damenbadeanstalt hinüberzuschwimmen!« Susanne Neudeck antwortete nicht. Vornübergeneigt verfolgte sie in starker Spannung die Bewegungen der beiden Schwimmer. Unter ihrer leichten Battistbluse, die durch zwei Achselbänder mit dem Reformkleid verbunden war, hob und senkte sich die durch kein Schnürleib beengte Brust in schnellem Tempo. Der Schwimmer, den der Regierungsassessor als Doktor Kamberg bezeichnet hatte, war inzwischen bis ungefähr auf einen Meter Distanz an die noch immer seitwärts schwimmende Dame herangekommen. Erst jetzt erkannte er sie und unwillkürlich schnitt er eine Grimasse. Es war kein anfeuernder schöner Anblick: das grob geschnittene, breite Gesicht mit dem überhebenden, dünkelhaften, ostentativ selbstbewußten Zug und den kleinen, ohne Kneifer blöde, kurzsichtig blickenden Augen. Er kannte sie sehr gut: Fräulein Dr. jur. Anna Möller, war sie doch die Freundin der beiden Schwestern Neudeck, mit denen er während der letzten Wochen viel und gern verkehrt hatte. Die Frauenrechtlerin, die bei jeder Gelegenheit zu beweisen sich bemühte, daß sie sich den Männern in jeder Hinsicht gewachsen, wenn nicht überlegen fühlte, war ihm die unsympathischste Frauenerscheinung, die ihm je im Leben begegnet war. Dennoch – ein Menschenleben war in Gefahr und mit zwei, drei kräftigen Bewegungen brachte er sich an die Seite der Schwimmerin. »Sie müssen umkehren, Fräulein Doktor!« rief er ihr zu. Sie wandte ihm empört ihr Gesicht zu. »Ich muß? Wieso muß ich? Überhaupt, was wollen Sie?« »Sie müssen umkehren, Sie bringen sich sonst in Gefahr!« »Und wenn, was geht es Sie an? Für meine Handlungen ist niemand verantwortlich, als ich selber.« Sie schwamm mit forciert kräftigen Schlägen weiter. Er stieß einen leisen Fluch aus und schwankte eine Sekunde lang, ob er die Eigensinnige nicht lieber ihrem Schicksal überlassen sollte. Doch schon im nächsten Moment hatte er sich auf seine Menschenpflicht besonnen. »Sie bringen nicht nur sich,« sprach er keuchend, »Sie bringen auch mich in Gefahr.« »Habe ich Sie gerufen? Warum kehren Sie nicht um?« »Weil ich mir in den Kopf gesetzt habe, Sie zu retten, wenn Ihre Kräfte Sie verlassen.« Sie stieß einen Zornesruf aus. »Da können Sie lange warten. Ich lasse mir keinen fremden Willen aufzwingen.« Sie schwammen eine Weile still nebeneinander. Da ertönten wieder grelle Pfiffe von der Badeanstalt her. »Was ist das?« fragte die Schwimmerin, den Kopf wendend. »Das Warnungssignal der Badefrau, die Sie um ihre Stellung bringen, falls ein Unglück passiert.« Sie machte plötzlich kehrt. »Also – um die guten Leute zu beruhigen!« Er lächelte spöttisch, denn er bemerkte wohl, wie ihre Atemzüge immer kürzer, ihre Bewegungen immer schwächer wurden. Zum Glück sah er jetzt, wie ein Boot, das offenbar von der Badeanstalt abgelassen war und das von zwei Ruderern bedient wurde, wie eine Möwe über die Wellen schoß und sich ihnen näherte. Es war die höchste Zeit. Seine Begleiterin ließ plötzlich einen schwachen Schrei hören. Rasch hatte er sie mit dem einen Arm umschlungen, während er mit dem andern kräftig weiterruderte. Sie half nur schwach und war offenbar am Ende ihrer Kräfte angelangt. Ein paarmal tauchten sie unter, aber er brachte sie und sich jedesmal wieder mit verzweifelter Kraftanstrengung an die Oberfläche. Endlich hatten die Retter sie erreicht. »Vorsichtig!« rief der eine der Ruderer, der Bademeister von der Herrenbadeanstalt. »So!« Bürgermeister Kamberg hielt sich mit der einen Hand an dem Bootsrande fest, während die beiden Männer die Dame, die wieder ihre selbstbewußte Miene aufsteckte und sich die Bemühungen ihrer Helfer nur unwillig gefallen zu lassen schien, behutsam in das Boot zogen. Dann schwang sich auch der Schwimmer mit Unterstützung der Ruderer hinauf und die Rückfahrt wurde angetreten. »Wie konnten Sie nur, Fräulein?« tadelte der Bademeister, sich wieder forsch in die Ruder legend. »Haben Sie denn das Pfeifen der Badefrau nicht gehört?« Aber es zeigte sich, daß auch das Fräulein Doktor noch nicht ganz alle Schwächen ihres Geschlechts abgestreift hatte, denn sie fiel plötzlich bewußtlos in die Arme ihres Retters und schloß die Augen. Am Strande und an den beiden Badeanstalten hatte sich inzwischen eine große Menschenmenge angesammelt. Niemand wußte noch, wer die unvorsichtige Schwimmerin gewesen, während der Name des Bürgermeisters von Mund zu Mund ging. Als die Ruderer zuerst an der Damenbadeanstalt anlegten, empfing den mutigen Retter ein brausendes, begeistertes »Hoch«. Aber er achtete nicht darauf, sondern trug mit starken Armen die Gerettete, die ihre Ohnmacht noch nicht ganz überwunden hatte, die Treppe hinauf. Hier übernahm sie die Badefrau, die halb ärgerlich, halb froh ihrer Aufregung Luft machte. Er selbst kehrte in das Boot zurück, um sich nach der Herrenbadeanstalt rudern zu lassen. Als er zehn Minuten später angekleidet den Strand betrat, brachte man ihm eine abermalige Ovation dar. Er grüßte flüchtig und eilte schnell vorwärts, bis Frau Portig und Regierungsassessor von Wernitz, die ihm entgegenkamen, seine Schritte hemmten. Die schöne Frau reichte ihm enthusiastisch beide Hände. »Bravo, Herr Doktor«, lobte sie. »Bravo! Es war bewundernswert!« »Eine mutige Tat!« pflichtete der Assessor bei. »Ich beneide Sie, Herr Bürgermeister.« Der Gepriesene streifte mit einem etwas spöttischen Blick den elegant gekleideten Lebemann, an dessen rechtem Armgelenk eine goldene Kette funkelte. Auch Fräulein Dr. Ella Neudeck näherte sich dem kühnen Retter. In den harten Zügen, die in ihren Linien nicht unschön waren, denen aber jahrelange nüchterne Denkarbeit und eine strenge, asketisch engherzige Lebensauffassung jeden zarten weiblichen Schmelz abgestreift hatte, kämpften verletzte Prüderie, beleidigtes weibliches Selbstgefühl mit unwillkürlicher Anerkennung. »Konnte die Unvorsichtige nicht aus eigener Kraft ans Land?« »Sie hatte sich wohl etwas zu weit hinausgewagt«, beschied er. »Die Kräfte verließen sie zuletzt.« »Wir haben eine Todesangst ausgestanden«, äußerte die schöne Frau Portig mit seelenvollem Blick. »Zweimal sah ich Sie untergehen und glaubte Sie schon verloren. Mir klopft das Herz noch immer wie –« »Wer war denn die Dame?« unterbrach die Frauenrechtlerin schroff den Gefühlsausbruch. »Fräulein Doktor Möller.« Der Student, der mit seiner Kommilitonin eben herankam, erschrak. »Anna?« rief er ungläubig. »Jawohl, Ihr Fräulein Schwester.« Siegfried Möller stand betroffen, unentschlossen. »Sie hat keinen Schaden genommen«, beruhigte der Retter. Der Student ging langsam, zögernd, in Begleitung Ella Neudecks davon. Es schien ihm Überwindung zu kosten, die gesetzlich und moralisch gebotene Zurückhaltung vor der Annäherung an die Damenbadeanstalt außer acht zu lassen. »Wollen Sie sich nicht ein wenig ausruhen, Herr Doktor?« forderte die schöne Frau Portig mit fast zärtlich klingender Stimme auf, und wies nach ihrem Strandkorb, während ihre Blicke mit Wohlgefallen auf dem tief gebräunten, von einem kurzen Vollbart umrahmten energisch geschnittenen Gesicht und auf der kraftvollen, über Mittelgröße hinausragenden Gestalt des Retters ruhten. Bürgermeister Kamberg dankte mit einer höflichen Geste. Seine Augen hefteten sich auf die Studentin, die ein paar Schritte abseits stand. Was ging in ihr vor? Ihr Gesicht, in dem ihm doch jeder Zug während der letzten Wochen so bekannt geworden war, schien plötzlich ganz verändert. Es war wie rosig durchleuchtet, und eine tiefe Bewegung arbeitete sichtlich in den gespannten Mienen. Ihre Blicke hingen unverwandt mit einem strahlenden, verzückten Ausdruck an ihm, der sein Herz hochaufklopfen machte und der ihm der süßeste Dank dünkte für die eben vollbrachte Tat. In ihrer Haltung prägte sich eine echt mädchenhafte Scheu und Schüchternheit aus, die jetzt von einem anderen stärkeren Gefühl verdrängt zu werden schien, denn sie ging ihm mit einem Male entgegen. Doch zwei Schritte vor ihm stockte ihr Fuß, sie stand wie angewurzelt. Beide Arme hob sie plötzlich, ihr Antlitz verlor jäh alle Farbe – lautlos glitt sie zu Boden. II. Zwei Stunden später fand wie gewöhnlich die Table d'hote des Strandhotels statt. Die Unterhaltung zwischen den Gästen, die sich in dem freieren, froheren Verkehr des Badelebens verhältnismäßig rasch angefreundet hatten, schwirrte heute noch lebhafter als sonst. Der aufregende ungewöhnliche Vorgang vom Vormittag wurde vielfach besprochen und kommentiert. Humoristische und boshafte Bemerkungen flogen hin- und herüber. Allen war die auffallende Persönlichkeit der Frauenrechtlerin wohlbekannt, die sowohl durch ihre Meinungsäußerungen wie auch durch ihre Erscheinung und ihr ganzes Auftreten jeden Unterschied zwischen den Geschlechtern grundsätzlich verneinte und die von irgendeiner Inferiorität der Frau dem Manne gegenüber nichts wissen wollte. Und nun hatte es gerade ihr passieren müssen, daß sie sich von einem Manne hatte retten und so einen augenfälligen Beweis weiblicher Schwäche geben müssen. Als Fräulein Dr. Anna Möller, deren Name in ganz Deutschland als einer der hervorragendsten und radikalsten Führerinnen der Frauenbewegung bekannt war, mit ihrem Bruder den Speisesaal betrat, wurde sie von den teilnehmenden Tischgenossen umringt. Fast wie ein Mann sah sie aus mit ihrer starkknochigen, aber hageren, jeder Rundung und Weichheit entbehrenden Gestalt, mit ihrem schwarzen, steifen, niedrigen Herrenhut und ihrem halblangen, mit breiten Seitentaschen versehenen dunklen Jakett über dem schmucklosen, schmalen schwarzen Rock, das immer, unbeirrt von den Launen der Mode, denselben einfachen, bequemen Schnitt hatte. Kurz angebunden, wie es ihre Art war, wenn es sich um nach ihrer Ansicht unwichtige Dinge handelte, gab sie den Fragern Bescheid. Bah, die ganze Sache sei nicht der Rede wert. Das kleine Malheur wäre ihr nicht passiert, wenn sie nicht zufällig einen Krampf im rechten Fuß bekommen hätte. Davor sei eben niemand sicher, auch der stärkste Mann nicht. An Kraft weiterzuschwimmen habe es ihr im übrigen durchaus nicht gefehlt ... Ein paar Minuten später erschien Dr. Kamberg, der zweiter Bürgermeister der nur wenige Stunden entfernten Bezirksstadt war, an der Table d'hote. Eine neue Bewegung ging durch die Tischgesellschaft. Viele erhoben sich und umringten den sich rasch in leichter Befangenheit Nähernden händeschüttelnd, beglückwünschend. Ihm war die aufdringliche, geräuschvolle Ovation sichtlich peinlich und er bemühte sich, sie soviel als möglich abzukürzen und zu seinem Platz zu gelangen. Als er sich gesetzt hatte, richtete sich sein Auge forschend nach der andern Tischseite hinüber. Hier saß Susanne Neudeck, die sich von ihrem Ohnmachtsanfall schon wieder völlig erholt zu haben schien, wenigstens breitete sich ein rosiger Schein über ihr Gesicht, während ihre Blicke für eine kurze Sekunde ineinander tauchten. Gern hätte er ein paar Worte mit ihr gesprochen, aber es war unmöglich, sich in dem Geräusch der hin und her geschobenen Stühle, in dem Gesurre und Gesumme nach der anderen Tischseite hinüber verständlich zu machen, ohne zu schreien. So mußte er also warten, bis die Tafelei ihr Ende erreicht hatte. Eilig kämpfte er sich durch die schwatzende, sich langsam vorwärts schiebende Menge hindurch. Endlich stand er neben ihr. »Ich freue mich, Sie so frisch und munter zu sehen, Fräulein Neudeck. Der Schreck hat Ihnen also nicht geschadet?« »Nicht im geringsten.« Sie blickte ihm freudig in das strahlende Antlitz. Auch bei ihm schien die Aufregung und die ungewohnte Strapaze keinerlei Folgen hinterlassen zu haben. Sie gingen nebeneinander – sie zwischen ihm und ihrem Tischnachbar Siegfried Möller – dem Ausgang zu. Auf der Straße begleitete er sie noch ein Stück. Ihr war so warm, so wohl. Sie unterhielten eine leichte, unbedeutende Plauderei, aber der bloße Klang seiner Stimme erweckte angenehme Empfindungen in ihr. Ab und zu sahen sie im Gespräch einander an und sie hatte den Eindruck, daß der Ausdruck seiner Augen ein anderer war als sonst, daß etwas Forschendes, Ungläubiges, Verwundertes in seinen Blicken lag, als ob er plötzlich eine Eigenschaft an ihr entdeckt habe, die ihm bis dahin verborgen gewesen. Als er sich von ihr und ihrem Begleiter verabschiedete, hielt er ihre Hand länger als gewöhnlich in der seinen. Schweigend in sich gekehrt setzte sie ihren Weg mit dem Kommilitonen fort. Er sprach von der nahen Abreise und der Rückkehr in ihre heimische Universitätsstadt. Wie froh er sei, daß das Faullenzen, dieses stumpfsinnige, rein tierische Vegetieren bald vorüber sei! Ihr aber legte sich der Gedanke wie eine Last auf die Brust. Die schöne, sorglose Ferienzeit! Erstaunt, fragend hob sie den Blick zum Firmament empor. Die Sonne strahlte noch eben so wolkenlos und klar wie vorher und doch hatte sie den Eindruck, als ob es plötzlich schattiger, kühler geworden sei. »Wollen wir nicht einen Ausflug nach dem Teufelsberg unternehmen, Susanne?« fragte der Student, als sie vor dem Hause angelangt waren, in dem sie und ihre Schwester zwei Zimmer bewohnten. »Nein. Ich bin müde und lege mich schlafen.« »Also dann bis heute abend!« Sie tauschten einen Händedruck und sie stieg langsam die Treppe hinauf. Ihre Schwester hatte sich auf das Sofa im Wohnzimmer gestreckt und las. Sie selbst begab sich sogleich in das Schlafzimmer. Hier entledigte sie sich des Oberkleides und legte sich zu Bett. Aber trotz ihrer Müdigkeit war es ihr nicht möglich zu schlafen. Dumpf und beklemmend war die Luft in dem kleinen Gemach. Sie sprang auf und öffnete das Fenster weit. Dann warf sie sich wieder in die Kissen, aber es war eine merkwürdige Unruhe in ihr, so daß sie sich bald wieder aufrichtete und auf den Bettrand setzte. War es nicht töricht, hier im engen Zimmer zu sitzen, während draußen die Sonne lockte und frische, stärkende, ozonreiche Seeluft den Aufenthalt zu einem Genuß machte? Mußte man nicht jede Minute benutzen, die einem noch blieb, um am Meeresgestade Kraft und Gesundheit für die kommende, arbeitsvolle Zeit zu gewinnen? Voll Eifer sprang sie auf und ergriff mit hastigen Händen das auf einen Stuhl geworfene Kleid. Aber während sie im Begriff war, es über den Kopf zu streifen, kam ihr plötzlich ein Gedanke. Sie ließ ihre Hände sinken und betrachtete es prüfend. Es war ein einfaches blaues Musselinkleid mit weißen Tupfen und hohem Stehkragen. Sinnend, unentschlossen trat sie vor den Spiegel. Neugierig, musternd betrachtete sie sich in dem blanken Glase. War ihr Hals nicht weiß, schön geformt, und voll bis herab zum Brustansatz? Die meisten jungen Damen der Badegesellschaft trugen Ausschnitte an ihren Kleidern, die nicht nur kleidsamer, sondern auch praktischer waren in der warmen Jahreszeit. Besaß sie nicht ein ähnliches Kostüm, ein weißes mit rosa Bändern geputztes Battistkleid? Und hatte ihr Regierungsassessor von Wernitz nicht einmal ein Kompliment gemacht, daß es zu ihrem zarten Teint und zu ihrem Blondhaar »entzückend« stände und sie um mindestens fünf Jahre verjünge? Sie eilte in schnellem Entschluß an den Kleiderschrank, und als sie das leichte, duftige Kostüm angelegt hatte und sich im Spiegel musterte, flog ein zufriedenes, selbstgefälliges Lächeln über ihre vor Eifer geröteten Wangen. Vergnügt nickte sie ihrem Spiegelbild zu. Doch plötzlich schlug ihr die Scham heiß ins Gesicht. Wem wollte sie denn gefallen? Etwa dem Regierungsassessor von Wernitz, der jeder jüngeren Dame, mit der er zusammenkam, zu hofieren pflegte und der ihr in tiefster Seele zuwider war? Verlangte sie denn überhaupt nach Komplimenten, nach der Bewunderung der Männer? Aber es steckte zu viel Unruhe in ihr, als daß sie einen abermaligen Toilettenwechsel hätte vornehmen mögen. Eine prickelnde, nervöse Hast kam über sie, als ob sie befürchtete, irgend etwas zu versäumen oder sich zu verspäten. Mit hastigen Fingern setzte sie den Hut auf – einen einfachen englischen Strohhut mit dunklem Bande – und eilte direkt in den Flur hinaus, um nicht den fragenden, erstaunten Blicken ihrer Schwester zu begegnen. Erst draußen auf der Straße legte sie sich die Frage vor: Wohin? Aber sie hielt sich nicht lange mit dem Überlegen auf. Es war ja selbstverständlich, daß sie nach dem Strande eilte. Es war zwar erst drei Uhr, aber schon entwickelte sich ein lebhaftes Bild. Zahlreiche kleine Kinder mit ihren Müttern oder Bonnen wimmelten herum, erfüllten die Luft mit ihrem Geschrei, bauten Wälle, oder zogen mit kleinen Schaufeln und Schippen schmale Gräben, und jubelten laut vor Vergnügen, so oft eine Welle das schäumende Wasser in die kleinen Kanäle trieb. Mit hastenden Schritten eilte Susanne Neudeck vorüber. Nach Stille und Einsamkeit verlangte es sie, und sie erschrak bei dem Gedanken, daß sie irgendeinem Bekannten begegnen könnte, der sie aufhalten und ihr seine Begleitung aufdrängen möchte. Nach und nach wurde es stiller, die Strandkörbe hatten ganz aufgehört, nur vereinzelte Spaziergänger kreuzten ihren Weg. Nach etwa halbstündiger Wanderung machte sie hochatmend, erhitzt vom schnellen Gange, halt, und sah sich nach einem passenden Platz um. Ungefähr dreißig Schritt vom Strand erhob sich ein hoher Wall, den größere Knaben hier aufgeworfen hatten. Sie übersprang ihn und lagerte sich auf der Innenseite, so daß sie gegen die Blicke der Vorübergehenden gedeckt war. Sie streckte sich lang hin und verschränkte die Arme unter dem Kopf und starrte träumerisch zum blauen Himmelsgewölbe empor. Die Gedanken und Empfindungen drängten sich in ihr. Ja, in den vier Wochen, die sie hier an der See verlebt hatte, war eine Veränderung mit ihr vorgegangen, über die sie sich bisher noch keine Rechenschaft gegeben hatte. Was war es, das sie heute bewog, sich dessen bewußt zu werden und darüber nachzudenken? War es der Vorgang am Vormittag und ihre Bewußtlosigkeit, mit der das aufregende Erlebnis seinen Abschluß für sie gefunden hatte? Warum war die Ohnmacht zum erstenmal in ihrem Leben über sie gekommen? Sie hatte schon bei Tisch darüber nachgedacht. Die übermächtig in ihr aufstürmende Freude war es gewesen, die sie nicht hatte ertragen können, die Freude, Dr. Kamberg nach der Todesgefahr wieder in seiner Vollkraft vor sich zu sehen. Warum hatte sie um ihn gezittert und nicht um die Schwimmerin, die doch in derselben oder in noch größerer Gefahr geschwebt als er? Die Hände der Grübelnden sanken unbewußt herab und preßten sich auf das pochende Herz. Hatte nicht vom ersten Tage an, als sie ihn kennen gelernt, eine eigentümliche Unruhe sie immer in seiner Nähe erfaßt? Hatten sich nicht nach jedem Zusammensein ihre Gedanken mit ihm beschäftigt? Hatte sich nicht jede Einzelheit seiner äußeren Erscheinung ihr so fest eingeprägt, daß sein Bild immer vor ihr stand und daß sie ihn hätte nach dem Gedächtnis zeichnen können? Vibrierte der Klang seiner Stimme nicht in ihr, auch wenn er nicht mehr sprach? Die Einsame richtete sich halb empor und stützte die heiße Stirn in die Hand und schaute verstört, fragend um sich. Das Flimmern der Sonnenstrahlen auf dem Wasser, die fächelnde kühle Brise, das Schaukeln und Plätschern der Wellen stachelte die Unruhe, die ihr in allen Nerven und Gliedern vibrierte, zu einer atemraubenden, heiß durchschauernden Erregung. Ein sehnsüchtiges Ahnen weitete ihr die Brust, eine schwüle, bange Stimmung senkte sich auf sie ... Mit einem Stöhnen sank sie wieder zurück und schlug erschüttert ihre Hände vor das glühende Antlitz. War das die Liebe? War sie doch gekommen, an die sie nicht geglaubt hatte, von der sie von ihrer Schwester und anderen Kameradinnen so oft geringschätzig, verächtlich hatte sprechen hören und über die sie selbst überlegen gespottet hatte, wenn sie mit angesehen, wie andere junge Mädchen ekstatisch schwärmten, wie sie sich zierten und süße, lockende Augen machten, verschämte und schmachtende Mienen zeigten und hold lächelten, so oft sie mit Männern zusammenkamen, auf die sie offenbar Eindruck zu machen wünschten? Und was würde nun werden? Würde auch sie dieser rätselhaften, dämonischen Macht verfallen, die das Weib anzutreiben schien, alle seine Vorzüge aufzubieten, um dem Manne zu gefallen? Würde auch sie diesem Gefühl untertan werden, in dem aller Eigenwille der Frau, alle Selbständigkeit unterging? Und dann? Dann folgte die Ehe, die sie verachtete, die sie haßte, vor der die Schwester und deren großes Vorbild Dr. Anna Möller immer gewarnt hatten. Nein! Sie war keins von den blöden, dummen Gänschen, die ihren Nacken lächelnd unter das Joch beugten, die sich girrend, mit entzückten Mienen die Ketten anlegen ließen, ahnungslos, welch unwürdigem Lose sie sich damit überlieferten. Sie brauchte den Mann nicht, um ihrem Leben einen Inhalt zu geben. Hatte sie deshalb seit Jahren eifrig studiert und sich dieselbe geistige Bildung wie die jungen Männer ihres Alters angeeignet, um nun nicht weiterzukommen, als die Dutzendmädchen, die schon als Kinder Frau und Mutter gespielt hatten, die auf den Mann warteten wie auf den Erlöser, der ihnen erst die Herrlichkeiten des Lebens erschließen mußte? Mit einer energischen Bewegung zog das junge Mädchen ihre Hände vom Gesicht; ihre schmalen weißen Finger krümmten sich; ein energischer trotziger Zug erschien in dem feinen Gesichtchen, dem die geistige Arbeit, angestrengtes Denken noch nicht den weichen, holden Zauber der Weiblichkeit zu rauben vermocht hatte. Nein! Sie hatte einen höheren Ehrgeiz: alle ihre geistigen Kräfte und Anlagen auszubilden, ungehindert, ungehemmt ihren individuellen Neigungen nachzuleben. Das war es, was sie von der Zukunft erstrebte. Und deshalb mußte sie frei sein, durfte sie keinem Mann ein Recht über sie einräumen ... Mit großen klaren Augen sah sie in die wolkenlose, unbegrenzte Höhe empor und ein stolzes Lächeln der Genugtuung strahlte über ihr zur Sonne emporgerecktes Antlitz. Ein Glück, daß sie noch rechtzeitig zur Besinnung gekommen war, zur Erkenntnis der Gefahr, die sie bedroht hatte! Nun hieß es Acht auf sich geben, jede Regung in sich, jede Empfindung bewachen, sich lösen von dem Spuk, der ihre Sinne umnebelt hatte, ihre Ohren verstopfen gegen die süße, einschmeichelnde Melodie, die ihren Willen in eine weiche, verschwommene, widerstandslose Stimmung einzulullen im Begriff war, die seinen unsichtbaren Fäden zerreißen, die ihr Herz umspinnen wollten. In ein paar Tagen war ja ohnedies dieses entnervende Faullenzerleben vorbei und Dr. Kamberg hatte keine Macht mehr über ihre Phantasie und sein Bild verschwand für immer aus ihrem Gedächtnis ... Ein Geräusch bewirkte, daß die Liegende sich halb in die Höhe richtete und lauschte. Schritte knirschten im Sande, Männerschritte, die sich ihrem Verstecke näherten. Mit einem Male schoß wieder das Blut glühend heiß in ihr empor und ihr Herz begann in raschen, erregenden Schlägen zu pochen, wie schon so oft während der letzten Wochen. Und wie eine Vision, blitzartig, erschien ein bärtiges Männerantlitz vor ihrem geistigen Auge. Mit aller Gewalt stemmte sich die Studentin gegen diese Anwandlung, die ihr Blut in Wallung brachte, so daß es in ihren Ohren rauschte und surrte und ihr die Pulse zu hämmern begannen. Zornig über sich selbst, biß sie sich auf die Lippen und mit jähem Ruck warf sie sich zurück in den weißen Sand. Es war wirklich hohe Zeit, daß sie wieder in die gewohnten Verhältnisse, zur Arbeit zurückkehrte und zu sich selber kam. Die Seeluft und das Nichtstun taten offenbar ihren Nerven nicht gut, denn sie sah am hellen lichten Tage Gespenster und träumte mit offenen Augen. Sie ließ ihre Lider herabsinken und verdeckte mit den Händen das Gesicht gegen die blendende Sonne. Sobald der fremde Spaziergänger vorüber war, würde sie wieder aufbrechen, um mit ihrer Schwester Kaffee zu trinken und über ernste Themata mit ihr zu disputieren, die ihre Gedanken beschäftigen und ihr keine Zeit zu Phantastereien lassen würden. Da schrak sie bis ins Innerste ihres Herzens zusammen. Eine Stimme traf ihr Ohr, eine wohlbekannte, klangvolle Stimme. »Ah, wirklich? Habe ich Sie doch gefunden, Fräulein Susanne? Ich hatte das ganz bestimmte Gefühl, daß ich Ihnen hier am Strande irgendwo begegnen würde. Wirklich, es gibt doch Dinge zwischen Himmel und Erde – wahrhaftig, ich werde künftig nicht mehr spotten, wenn einer von Ahnungen, von Hellseherei und ähnlichen übernatürlichen Dingen spricht.« Sie ließ erschrocken ihre Hände sinken, schlug Ihre Augen auf und starrte den lächelnd zu ihr Hinabblickenden an, der jetzt oben auf dem Wall stand und der eine rasch abwehrende Geste machte, als sie sich anschickte, sich vollends in die Höhe zu richten. »Nein, bitte, bleiben Sie doch!« rief er ihr zu. »Ich will Sie nicht stören und« – ein heller, sonniger Schein strahlte ihr von seinem Gesicht entgegen – »es war ein so bezaubernder Anblick!« Sie erwiderte nichts, sondern stand schweratmend, mit gerunzelter Stirn, starr zu Boden blickend. Er sprang von dem Wall herab in das Innere der Schanze. »Sind Sie mir böse? Habe ich Sie erschreckt?« Seine Stimme klang weich, die einschmeichelnden Laute schwangen in ihrer Seele nach. Ihre Blicke hoben sich, wie unter einem inneren Zwang, von den seinen angezogen, aber sie senkte sie rasch wieder, denn aus seinen Augen brach ein Leuchten und Strahlen, das sie es nicht ertragen konnte. Langsam schritt er auf sie zu und sie erzitterte und erschauerte und fühlte seine Annäherung in jeder Fiber ihres gestrafften Körpers. Doch er hielt plötzlich seine Schritte an. »Denken Sie nur, Fräulein Susanne – das hätten Sie nicht in mir gesucht und ich selber am wenigsten: ich bin ein Nachtwandler am hellen Tage, und wenn ich hier plötzlich vor Ihnen aufgetaucht und Ihr Dolce far niente gestört habe, so geschah es gewissermaßen unabsichtlich, sozusagen in der Trance. Oder was ist es sonst? Hören Sie: ich hatte mich aufs Ohr gelegt, denn ich fühlte mich wirklich nach der Anstrengung vom Morgen etwas ermattet. In halber Bewußtlosigkeit hatte ich wohl ein halbes Stündchen geruht, da trieb es mich mit einem Male auf. Ohne Überlegung, ohne eine bestimmte Absicht, rein mechanisch kleidete ich mich an, nahm meinen Hut und schlenderte auf die Straße hinaus. Es war, als wenn eine unwiderstehliche Macht mich vorwärts drängte. Wie von selbst gelangte ich an den Strand, als sei mir von irgend jemand, der meinen Willen lenkte, ein Ziel vorgeschrieben. Und weiter: überall, bei jedem Schritt sah ich Sie. So oft ich in der Ferne ein Frauengewand erblickte, durchzuckte es mich: das ist sie, das ist Susanne Neudeck! Ich hatte die ganz bestimmte Empfindung, daß ich Sie sehen, daß ich Sie finden würde. Darüber war ich nicht einen Augenblick lang im Zweifel. Und als ich, dicht an der See schreitend, diese kleine Seefestung hier erblickte, da bogen meine Schritte von selbst, ohne daß es eines besonderen Willensaktes bedurft hätte, vom Wege ab und instinktiv eilte ich hierher mit klopfendem Herzen – war es vom schnellen Gange oder war es von etwas anderem« – seine Stimme dämpfte sich zum Flüsterlaut, in der eine so innige, zärtliche Modulation lag, wie sie nie in ihrem Leben vernommen zu haben meinte – »war es, weil ich ahnte, weil ich es in allen meinen Nerven empfand, daß Sie sich hier befanden, Susanne?!« Sie hörte die feinen Sandkörner unter seinen Füßen rieseln, sie fühlte, daß er ganz dicht an sie herantrat, nahm es mit ihren vom Instinkt geschärften Sinnen wahr, daß er ihr unmittelbar gegenüberstand. Jetzt verspürte sie seinen Atem – schwer und heiß rieselte es durch ihre Adern. Sie hätte laut aufschreien, davonlaufen, sich von der erstickenden Beklemmung, die sie in Banden schlug und ihr fast das Atmen unmöglich machte, mit gewaltigem Ruck befreien mögen. Aber die Glieder waren ihr wie gelähmt; visionell spiegelte sich ihr sekundenschnell alles das vor, was kommen würde und mußte, wovor sie sich entsetzte bis ins Innerste ihrer jungfräulichen Seele, so daß ihr das Blut förmlich in den Adern gerann und der Herzschlag stockte, und wovor sie sich doch nicht retten konnte. Er erfaßte mit seiner Rechten ihre zuckende Hand, die kalt, schwer in der seinen lag und legte den linken Arm um ihre Taille und zog sie zart, sanft an sich heran. Dann beugte er sein Haupt und sah ihr von unten in das geisterhaft bleich gewordene Gesicht, in die flirrenden Augen, die sich nun instinktiv schlossen. »Susanne, Suschen!« lallte er mit bebender Stimme in höchster seelischer Bewegung. Sie fühlte seine Lippen, noch ehe sie die ihren berührt hatten. Und als es nun geschah, da durchströmte es sie wie flüssiges Feuer, da versank sie in eine unendlich wohlige Stimmung, in eine übersinnliche Verlorenheit, da war alles, was vorher gewesen, was sie je gedacht und empfunden, fortgewischt, als wäre es nie in ihrem Leben gewesen. Sie hatte kein Gefühl ihrer Persönlichkeit mehr; ihr Wesen und ihr Wille zerfloß und zerschmolz vor der unnennbaren Wonne, die sie in jeder Faser ihres Körpers durchströmte. Die ganze Kraft, Lust und Schönheit des Lebens konzentrierte sich in diesem einen Kuß, den sie empfing und ohne Bewußtsein erwiderte. Scheu, Furcht, Widerstreben – alles war dahin. Es war, als sei das die Krönung, die Vollendung ihres Lebens, der einzige Zweck ihres Daseins, das Ziel all ihres Strebens und Empfindens. Er löste seinen Arm von ihrer Hüfte und faßte sie an beiden Händen und zog sie mit sich nieder. Nun saßen sie beide nebeneinander, sich an den Händen haltend, und sahen einander mit seligen, verzückten, überströmenden Blicken an. Sie fühlten einander so intensiv, daß daneben die ganze übrige Welt verschwand. In diesen langen, tief und fest ineinander tauchenden Blicken vermählten sich ihre Seelen und es war, als wären sie nur noch ein Wesen, als hätten sich zwei Menschenhälften zusammengefunden zu einem zusammengehörigen unteilbaren Ganzen. Das Geräusch von Schritten, die sich ihrem Versteck näherten, ließ sie erwachen. Sie erschrak leise und zog mit instinktivem Ruck ihre Hände zurück. Als aber der ungesehene Spaziergänger vorüber war, lächelten sie sich vergnügt an, wie zwei lustige Kinder. Und dann kam mit einem Mal das Erstaunen über sie, das große Erstaunen über sich selber. Sie sah ihn aus großen erschrockenen Augen an. Er nickte ihr zu, lächelnd, übermütig. »Ja, Suschen,« sagte er fröhlich und mit einem ernsten, warmen Unterton, »nun bist du mein, nun bin ich dein, nun kommen wir nicht mehr voneinander los. Wie hast du das nur zustande gebracht, du kleine Zauberin? Nie hätte ich gedacht, daß ich so zu lieben vermag, so tief und stark, wie ich es jetzt empfinde. O Susanne, du!« Es zitterte eine unendliche Innigkeit und Süße in seiner Stimme, die ihr wie Musik klang, wie die schönste, wonnigste, erhebendste Melodie, die sie je gehört. »Nun bist du mein, nun bin ich dein!« Seine Worte klangen und schwangen in ihr und erweckten ein so starkes, brausendes, beglückendes Gefühl, daß sie es nicht ertragen zu können glaubte, daß sie hätte daran ersticken müssen, wenn sie ihm nicht in Tränen und Schluchzen, das unaufhaltsam in ihr heraufkam, hätte Luft machen können. »Susanne!« Er rückte sich noch dichter an sie und umschlang sie wieder mit einem Arm und küßte sie auf die Hände, die sie vor ihr tränennasses Gesicht geschlagen hatte und küßte ihre Stirn, ihre Augen, ihre Wangen, ihren Mund. Dann bog er ihr den Kopf zurück und auch auf ihren Hals preßten sich seine Lippen heiß, glutvoll. Sie aber dachte nicht mehr daran, zu staunen und sich zu verwundern. III. Als Susanne Neudeck ein paar Stunden später bei ihrer Schwester im Zimmer saß, wußte sie nicht, wie sie ihre Seligkeit verbergen sollte. Es war zwischen ihm und ihr abgemacht worden, daß er am anderen Vormittag kommen sollte, um mit ihrer Schwester, die sieben Jahre älter war und gewissermaßen Mutterstelle an ihr vertrat, seit ihre Eltern gestorben waren, zu sprechen. Es war unendlich schwer, nicht zu jubeln, nicht zu singen, nicht zu jauchzen. Aber es war ihr unmöglich, an einem Platz lange stille zu sitzen. Sie stand auf, trat an das Fenster und lehnte sich weit hinaus und wunderte sich, wie grün das Laub an den Bäumen war, wie intensiv blau der Himmel und wie glückliche, frohe Gesichter alle Menschen, die vorübergingen, machten. Und dann richtete sie sich wieder auf, trat an den Spiegel und betrachtete sich lange und neugierig forschend, als entdeckte sie Eigenschaften an sich, die ihr bis dahin ganz unbekannt gewesen. »Was hast du denn?« fragte endlich die Schwester, die am Tisch saß und las. »Und warum lächelst du denn in einem fort?« »Tue ich das?« Sie errötete und beinahe hätte sie sich verraten. Aber sie hatte sich fest vorgenommen, mit der Erklärung, daß sie sich verlobt habe, zu warten, bis Eugen Kamberg selbst kommen würde. Am Abend machten sie eine Promenade am Strande. Die übrigen: ihre Cousine Adele Portig, deren Mann, Regierungsassessor von Wernitz, Siegfried und Anna Möller gesellten sich zu ihnen. Auch er – der Ersehnte, der Geliebte, kam. Sie schritt zwischen ihm und Siegfried, und verstohlen berührten sich die an dem Körper herabhängenden Hände, ihre Finger schlangen sich ineinander und hielten für kurze Sekunden einander fest. Es war so köstlich, dieses stille, geheime Spiel, ohne daß die anderen es merkten und auch nur die leiseste Ahnung davon hatten. Und als sie später im Bett lag, faltete sie ihre Hände und lächelte selig zur Decke empor, und bevor sie einschlief, flüsterte sie noch einmal seinen Namen. Als sie am anderen Vormittag aufstand, war noch immer diese Seligkeit, dasselbe Entzücken in ihr. Das Leben schien wie ein Festtag vor ihr zu liegen, voll nimmer endender Freuden. Freilich, als sie mit ihrer Schwester vom Baden nach Hause kam, als die elfte Stunde näher heranrückte, wurde ihr doch etwas beklommen zumut. Wie würde Ella es aufnehmen? Sie frühstückten und die Ältere machte sich fertig zum Ausgehen. Susanne aber ging musternd im Zimmer umher, zupfte hier eine Decke zurecht, rückte dort einen Stuhl und wischte an einer anderen Stelle den von dem Dienstmädchen übersehenen Staub. »Aber was hast du denn?« fragte Ella, die ihre Strandmütze schon auf dem Haar befestigt hatte. »Erwartest du jemand?« Susanne nickte. Das Blut schoß ihr jäh ins Gesicht. »Siegfried?« »Nein, Dr. Kamberg.« » Dr. Kamberg? Was will denn der bei uns?« Susanne nahm all ihren Mut zusammen. »Er will dir mitteilen, daß wir uns gestern – gestern nachmittag verlobt haben.« Es war heraus. Tiefes Schweigen folgte dieser gänzlich unerwarteten Erklärung, die auf die andere betäubend wie ein Blitz, wie ein Donnerschlag zu wirken schien. Sie sah die Jüngere fragend, verständnislos an und schüttelte mit dem Kopf. »Wer hat sich verlobt?« »Eugen Kamberg und ich.« Wenn Susanne erklärt hätte, daß sie künftig statt auf den Füßen auf den Händen gehen wollte, die Ältere hätte nicht überraschter, verwunderter sein können. »Aber wie kommst du denn darauf?« stieß sie, noch immer in fassungslosem Staunen, heraus. Susanne lächelte halb verlegen, halb belustigt. »Aber Ella, ist es denn etwas so Wunderbares, daß sich ein Mädchen in meinen Jahren verlobt?« Die Ältere antwortete nicht gleich, sondern sah sinnend, überlegend, zögernd vor sich hin. Plötzlich fühlte sie sich umschlungen und der Kopf der Schwester legte sich kindlich, zärtlich an ihre Brust. Da regte sich auch in der Älteren das warme schwesterliche Gefühl. Sie strich sanft, liebkosend über den Scheitel der Jüngeren. »Nein, es ist gewiß nichts Wunderbares,« nahm sie endlich das Wort, »die meisten Mädchen verloben und verheiraten sich ja. Aber von dir habe ich es nicht erwartet. Ich habe es immer als selbstverständlich betrachtet, daß du dein Leben der Befreiung der Frau widmen wirst, wie ich es tue und wie Anna Möller es tut.« Sie sah mit warmen, mitleidigen Blicken auf die an ihr Lehnende hinab. »Armes Kind! Deine jungen, heißen Sinne haben dich überrumpelt und dir wird es ergehen, wie es vielen ergangen ist, wenn der Rausch vorüber ist. Für Mädchen von starkem Individualitätsgefühl, mit eigenem geistigen Streben, wie du, gibt es kein Glück in der Ehe.« Eine dumpfe, schwere Beklommenheit legte sich auf die Seele der Liebenden. Aber mit heftiger, krampfhafter Anstrengung wehrte sie sich gegen die lähmende Bangigkeit, die ihr jubelndes, sehnsuchtsvolles Mädchenherz bei den warnenden Worten der Schwester durchfröstelte. »Nein, Ella,« stieß sie, sich aufrichtend, mit zuckenden Lippen, mit blitzenden Augen hervor, »das solltest du nicht sagen, du solltest mir nicht den Glauben an ihn rauben. Ich habe ja ein so grenzenloses Vertrauen zu ihm. Wäre das möglich, wenn er nicht gut, nicht edel wäre?« Der düstere Ausdruck in den Mienen der Älteren wich jedoch nicht einen Augenblick. Liebevoll und zugleich bekümmert strich sie den blonden Scheitel der andern. »Natürlich, du glaubst mir nicht. Auch ich war einst so unerfahren und leichtgläubig wie du, bis die große Enttäuschung kam, die keiner denkenden Frau erspart –« »Du, Ella?« unterbrach die Studentin aufs höchste überrascht und erstaunt und sah die Schwester mit ungläubigen, fragenden Augen an. »Du, Ella, hast du denn auch einmal gelie–?« Eine heftige, fast zornige Bewegung schnitt der Sprechenden das Wort ab. Die Lippen der Frauenrechtlerin preßten sich fest aufeinander, während zugleich eine seltene, schämige Röte für einen kurzen Moment dem fahlen Teint der schlaffen Züge einen wärmeren Ton verlieh. Ihre Augen wichen dem gespannt auf ihr ruhenden Blick aus. Ein starker, unbesieglicher Widerwille, eine scharfe, schroffe Ablehnung drückte sich in jeder Miene und in ihrer ganzen Haltung aus und schloß jede Hoffnung auf eine intime Aussprache aus. Susanne fand auch nicht die Zeit zu einem neuen Versuch, ihre Schwester zu weiteren Mitteilungen zu bewegen, denn ein lautes, energisches Klopfen ertönte an der Tür. Als Dr. Kamberg eine Sekunde später das Zimmer betrat, erkannte er sofort an den bewegten Mienen und an der ganzen Haltung und dem Verhalten der ihm befangen Gegenüberstehenden, daß die Aussprache zwischen den Schwestern bereits stattgefunden hatte. Erleichtert atmete er auf. Sein Antlitz leuchtete und seine Augen strahlten lockend und verlangend zu der Geliebten hinüber; seine Arme erhoben sich instinktiv. Da konnte sich das junge Mädchen nicht zurückhalten, mit einem Jubelschrei flog sie ihm in die Arme. Vergessen war alles, was die Schwester noch soeben warnend, unheilverkündend geäußert hatte. Die Frauenrechtlerin biß sich auf die Lippen,daß ihr der Anblick keine Freude und Genugtuung bereitete, drückte sich deutlich in ihren verkniffenen Zügen und in der Bewegung aus, mit der sie jetzt ihr Gesicht abkehrte. Aber die beiden Liebenden nahmen in ihrem hochwogenden Glücksgefühl keine Notiz davon. Zärtlich hielten sie sich umschlungen und verharrten eine Weile in seligem, wortlosem Ineinandertauchen ihrer schimmernden, in feuchtem Glanz schwimmenden Blicke. Endlich wandte der Mann sein Antlitz der dritten Person im Zimmer zu. »Sie entschuldigen,« sagte er in einem fast übermütigen, das ganze Glücksgefühl seines Herzens kündenden Ton: »ich habe Ihre Einwilligung vorweggenommen. Das Gefühl ist eben stärker als die Überlegung, Sie sehen, wie es uns übermächtig zueinander drängt und Sie werden uns deshalb auch gewiß Ihre Zustimmung nicht versagen.« »Es würde mir ja auch wenig nützen,« entgegnete die Angeredete resigniert, mit leichter Bitterkeit, »wenn ich mein Veto einlegen würde. Sie würden sich beide wohl darüber hinwegzusetzen wissen. Übrigens ist Susanne majorenn und ich bin nicht berechtigt, ihrem freien Willen entgegenzutreten.« »Aber ich erkenne Ihnen als der älteren Schwester gern das Recht zu,« versetzte Dr . Kamberg warm, »Auskunft über meine persönlichen Verhältnisse von mir zu verlangen und sich die Überzeugung zu verschaffen, daß ich auch imstande bin, Susanne das Glück, das sie verdient, zu bereiten.« »Daß Sie die äußeren Bedingungen in vollem Maße erfüllen, davon bin ich auch ohne weitere Erörterungen überzeugt, und ob Sie die innerlichen Eigenschaften besitzen, Susanne glücklich zu machen, das läßt sich ja doch wohl nicht beweisen, das kann ja doch erst die Zukunft lehren. Dagegen möchte ich nicht unterlassen, was meine Schwester wohl in ihrem jugendlichen Überschwang vergessen hat, Sie darauf hinzuweisen, daß Sie auf eine größere Mitgift nicht rechnen –« »Aber das kümmert mich nicht im geringsten«, fiel der Glückliche lachend, fröhlich ein. »Was nützte es mir, wenn sie bis an den Hals in Gold säße! Nein, das ist es nicht, was ich in meiner zukünftigen Frau suche und in Susanne gefunden zu haben glaube. Es ist die Überzeugung, ja die Gewißheit, daß sie gerade die Eigenschaften besitzt, die ich zur Ergänzung meines Wesens und zu meinem Glück brauche, daß sie eigens von der Natur für mich geschaffen ist.« Er sah mit seinem von innerster Überzeugung verklärtem und von einem innigen, heiligen Gefühl durchleuchteten Gesicht zu der Frauenrechtlerin hinüber, die ein ironisches Zucken ihrer Gesichtsmuskeln nicht unterdrücken konnte. »Ich wundere mich,« versetzte sie, »daß kaum vier Wochen genügten, um Ihnen diese Überzeugung zu verschaffen.« Er stutzte im ersten Moment, ließ aber dann ein fröhliches Auflachen hören. »Da haben Sie wohl recht, ein Wunder ist's, und ich weiß selber nicht, wie es kam, daß ich ernster, gar nicht auf Liebesabenteuer ausgehender Mann mich in so kurzer Zeit von diesem kleinen Mädchen so ganz bestricken lassen konnte. Er zog die neben ihm Stehende wieder fester an sich heran, beugte sich zu ihr hinab und ihre Seelen flossen in einem langen, langen Kusse ineinander, während die Frauenrechtlerin hustend, sich räuspernd, vor den Spiegel trat, und den Hut, der ihr doch schon auf dem Kopfe saß, noch einmal demonstrativ mit der Nadel feststeckte, um anzudeuten, daß sie es an der Zeit fand, die Zärtlichkeitsausbrüche, die sie sichtlich nervös machten, zu beendigen. IV. Zwei Tage später reisten Anna und Siegfried Möller ab, empört über Susanne, die die eine als eine Fahnenflüchtige, der andere als eine unwahrhaftige, leichtfertige Kreatur betrachtete, die ihre eigentliche Natur bisher listig zu verbergen verstanden hatte. Auch das Ehepaar Portig und Regierungsassessor von Wernitz verließen das Seebad, um nach der Bezirksstadt zu ihren Pflichten zurückzukehren. Bürgermeister Dr. Kambergs Urlaub währte noch eine Woche, und da auch Susanne noch durch keine Verpflichtung abgerufen wurde, so war es der Wunsch der beiden Liebenden, sich noch für diese kurze Frist ihres Zusammenseins in der freien ländlichen Umgebung zu erfreuen, die einen ungebundenen Verkehr gestattete. Da die Ferien Fräulein Dr. Ellas, die als Oberlehrerin an den Gymnasialkursen für Mädchen und Frauen angestellt war, sich ihrem Ende nahten, so wurde Frau Kramer, eine ältliche, erfahrene Frau aus der heimischen Universitätsstadt herbeschieden, die den beiden Schwestern das Hauswesen führte und von ihnen »Tante« genannt wurde, obgleich sie nicht in verwandtschaftlichen Beziehungen zu ihr standen. Die alte Frau war froh, wenn man sie bei ihrem Strickstrumpf oder bei einem Roman in ihrem Strandkorb sitzen ließ, während die beiden leichtfüßigen Verlobten den Strand hinabwanderten und Stellen aufsuchten, wo sie vor neugierigen Augen sicher und mit ihrer Liebe allein waren. Sie hatten ja einander so viel zu sagen. Immer wieder bemühten sie sich, mit aller Ausführlichkeit und Wichtigkeit die Entstehung ihrer Liebe zu ergründen, vom ersten Augenblick an, da sie miteinander bekannt geworden, bis zu jener merkwürdigen Stunde, wo die natürliche und doch unerklärliche Anziehungskraft sie einander hatte finden lassen, und wie sich die Liebe, die konventionelle Zurückhaltung siegreich durchbrechend, an die Oberfläche gerungen hatte. Wenn sie müde waren, lagerten sie sich auf dem weichen, weißen Sande. Sie pflegte zu sitzen, während er sich der Länge nach an ihre Seite niederstreckte; seinen Kopf auf ihren Schoß bettete und abwechselnd zum Himmel empor und in ihre Augen blickte. Sie streichelte seine Stirn und sein Haar, oder bemühte sich, die Farbenzusammensetzung seiner Augen festzustellen oder, dem stummen Flehen seiner Blicke nachgebend, ihre Lippen auf die seinen herniederzusenken. Susanne, die in ihrem geistiger Arbeit gewidmetem Leben zu denken und zu reflektieren sich gewöhnt hatte, staunte gelegentlich in einsamen Stunden über die Verwandlung, die mit ihr vorgegangen war. Wie sie ganz in dem gedankenlosen Müßiggang, in dem losen Spiel der Liebe aufging! Wenn sie ab und zu an ihr früheres Leben zurückdachte, durchfröstelte es sie jedesmal. Fünf Stunden Kolleg Tag für Tag, eine Stunde Spaziergang, die ganze übrige Zeit im engen, dumpfen Zimmer trocknem, ernstem Studium gewidmet. Dazwischen ernste Gespräche mit ihrer Schwester und den befreundeten Geschwistern Möller und deren Freundinnen über wissenschaftliche Gegenstände oder Fragen der Frauenemanzipation. Hie und da Besuch einer Frauenversammlung oder einer Sitzung des Vorstandes des Vereins für Frauenrecht, den Anna Möller begründet hatte. Und mit welchem Eifer, mit welcher inneren Hingabe, mit welchem selbstzufriedenen Stolz sie all das betrieben hatte! Und jetzt – sie faßte sich verwundert, lächelnd an den Kopf – jetzt lag das alles so fern hinter ihr und erschien ihr so unwichtig und überflüssig und so unendlich trocken und kalt. Wie ganz anders war ihr Leben heute! So warm, so wohlig, so frischquellend, so natürlich! Und dieses erquickende, sie in allen Fibern und Nerven durchströmende Gefühl des Vollbefriedigtseins, dieses sprudelnde Glück, diese himmelhochjauchzende Seligkeit – nicht annähernd hatte sie das früher kennen gelernt. War damit etwa die karge Genugtuung zu vergleichen, die sie empfunden hatte, wenn sie in der Schule eine gute Zensur erhalten oder wenn einer der Prozessoren sie belobte? Wie ernst und gemessen sie mit ihrer Studentenmappe unter dem Arm durch die Straßen der Stadt gewandelt war! Jetzt sprang sie ausgelassen und übermütig wie ein Kind herum, den ganzen Tag hätte sie lachen und singen und jubeln mögen. Und eine Kraft, eine Elastizität, eine Frische fühlte sie in sich, als hätte sie eine Verjüngungskur mit vollstem Erfolge durchgemacht. Ja, sie ertappte sich zuweilen auf Anwandlungen kindlicher Koketterie, über die sie früher bei anderen nicht genug hatte spötteln können. Nach eingehender Besprechung mit »Tante Krämer« und verschiedenen praktischen Versuchen vor dem Spiegel hatte sie eine andere Frisur gefunden, die sie, wie sie meinte, viel besser kleidete und ihrem Gesicht mehr Jugendlichkeit und Flottheit verlieh. Jeden Morgen wurde ernsthaft beratschlagt, welches Kleid anzulegen sei und hie und da wurde, soweit es möglich war, mit Bändern, Rüschen und neuer Garnierung nachgeholfen und aufgefrischt. Und weil er einmal gesagt hatte, daß ihre Grübchen in den Wangen ihr etwas hinreißend Liebliches, geradezu Unwiderstehliches gaben, gewöhnte sie sich zu lächeln, auch ohne daß ein besonderer Anlaß dazu vorhanden war. Ohne daß es der Reflexion und einer bewußten Absicht bedurft hätte, wandte sie instinktiv allerlei kleine Mittelchen an, um seiner Zärtlichkeit immer neue Anregung zu geben. So griff sie oft mit rascher Hand in den Sand und warf die feinen Körnchen nach ihm, weil sie wußte, daß er sie dann mit einer Flut von Küssen »strafen« würde. Oder sie wich ihm aus, wenn er seinen Arm auf den ihren legen wollte, und lief, ihr Kleid raffend, mit bewußt-anmutigen Bewegungen vor ihm davon, denn niemals preßte er sie stürmischer an sich und küßte sie leidenschaftlicher, inniger, als wenn ein wildes Hin- und Herjagen sein Blut in Wallung gebracht hatte. Nur ein einziges Mal hatte sie von ihren früheren Idealen und ihrem ehemaligen Streben zu sprechen begonnen, da hatte er ihr lachend den Mund geschlossen. »Das ist ja alles Unsinn!« hatte er drastisch gesagt. »Für mich besteht die ganze Frauenfrage darin, daß jedes Mädchen den rechten Mann findet. Ist das geschehen, dann sind nach meiner Ansicht alle Fragen für die Frau gelöst.« »Und wenn sie den nicht findet?« hatte sie eingeworfen. »Dann freilich«, hatte er ernst erwidert, »muß sie, wenn ihre Verhältnisse ihr nicht erlauben, sich der Familie zu widmen, in einer Berufsarbeit ihren Unterhalt suchen, meinetwegen auch als Oberlehrerin, als Beamtin oder gar als Ärztin und Juristin, wenn ihre Fähigkeiten und Kräfte dazu ausreichen. Aber ein Notbehelf ist's doch nur, und bedauernswert ist solche Unglückliche immer, die ihrer weiblichen Natur Zwang antun und mit den Männern im Kampf ums Dasein konkurrieren muß.« Susanne hatte nichts zu entgegnen gewußt, denn sie hatte es ja in ihrem Innersten empfunden, wie recht er hatte. Sie fühlte es ja jeden Tag, jede Stunde überzeugter, wie die Liebe ihrem Leben neue Impulse gab, ungeahnte Glücksmöglichkeiten erschloß und sie seelisch so gänzlich ausfüllte, daß nichts mehr zu wünschen übrigblieb. Und der Gedanke, ihr Verlöbnis aufzugeben und der Ehe entsagen zu sollen, die sie vielleicht in ein Abhängigkeitsverhältnis von dem Mann brachte und wieder zu ihrem Studium zurückzukehren, um sich dereinst ganz ungehemmt dem Beruf der Lehrerin zu widmen, erschien ihr so unnatürlich und absurd, daß sie nur darüber lachen konnte. Im übrigen fürchtete sie sich gar nicht vor der Abhängigkeit und den Fesseln der Ehe, von denen Anna Möller und ihre Gesinnungsgenossinnen immer mit soviel Abscheu und Verachtung gesprochen hatten. Sie sah es ja, daß der Mann ihrer Liebe gar keine Anlagen zum Tyrannen hatte und gar nicht daran dachte, ihr in irgendeiner Hinsicht seinen Willen aufzuzwingen und sie in ihren Wünschen und Neigungen zu behindern. Im Gegenteil, er zeigte sich so liebenswürdig und entgegenkommend, so nachgiebig und feinfühlig und tat alles, wovon er annahm, daß es ihr angenehm sein konnte, so daß ihre Liebe, ihre Dankbarkeit und Achtung sich beständig vertiefte und verstärkte. Es rührte und beglückte sie aufs tiefste, wenn sie wahrnahm, welche hingebende, verständnisvolle Aufmerksamkeit er ihren feinsten Seelenbewegungen widmete. Wenn sie kaum sichtbar die Augenbrauen zusammenzog oder der flüchtige Schatten einer unbehaglichen Empfindung über ihr Antlitz huschte, so oft das Bellen eines Hundes oder eine überlaute, geräuschvolle Lebensäußerung eines Nachbarn am Strande ihre Nerven irritierte, erhob er sich sofort, um eine andere, ruhigere Stelle auszusuchen, wo nichts Mißtöniges, Grelles ihren Austausch zärtlicher Gedanken und Worte, ihre gegenseitige Versunkenheit störte. Seine Stimme hatte einen weicheren, zärtlicheren Klang angenommen, seine Ausdrucksweise war eine mildere und zugleich reichere, von zarten Gefühlstönen beseelte geworden. Auch in anderen, mehr äußerlichen Dingen strebte er sich ihr anzupassen, so hatte er das Rauchen in ihrer Gegenwart aufgegeben, weil sie einmal instinktiv ihr Gesicht abgewendet und gehüstelt hatte. Fing sie bei ihren täglichen Spaziergängen an zu ermüden, so lagerte er sich sofort, wenn es ihm auch bei seinem Bedürfnis nach einer stärkeren körperlichen Bewegung eine geheime Überwindung kostete. Natürlich strebte auch sie, seinen Eigenheiten nachzuspüren und entgegenzukommen und ein Vergnügen und frohe Genugtuung darin zu finden, sich ihm unterzuordnen und seiner Behaglichkeit und seinen Gewohnheiten und Neigungen das Opfer persönlicher Selbstentäußerung zu bringen. Die schönsten Stunden des Tages waren es für sie, wenn er des Nachmittags zu ihnen kam, um den Kaffee bei ihnen zu trinken und sie zum Spaziergang abzuholen. Da entdeckte sie einen Zug in sich, von dessen Vorhandensein sie bisher nicht das geringste gespürt hatte: die Hausfrauennatur, die wohl in jedem weiblichen Wesen schlummern mochte. Sie litt nicht, daß ihre Tante dem Gast den Kaffee einschenkte, sie tat es selbst mit ebensoviel Eifer und Selbstzufriedenheit wie Anmut. Sie goß ihm Milch in den Kaffee und legte ihm Zucker hinein, gerade soviel, wie sie wußte, daß er es gern hatte. Und sie zog ihm die Zigarrentasche aus dem Rock, knipste die Spitze ab, hielt ihm das entzündete Streichholz hin und bat und schmeichelte, bis er ihr nachgab, seit sie von ihm in Erfahrung gebracht, daß es zu seinen lange gehegten Gewohnheiten gehörte, zum Nachmittagskaffee zu rauchen. So bemühte sich jeder in dem Rausche und Hochgefühl des bräutlichen Glücks, dem anderen zu Gefallen zu leben und sich ihm angenehm und opferwillig zu erweisen, um den verklärenden Schimmer innigster Zufriedenheit und strahlenden Glücksgefühls in dem Antlitz des anderen hervorzuzaubern. Jeder entfaltete seine Vorzüge und den ganzen Schatz der ihm möglichen Liebenswürdigkeit, und es war ein beständiger Wettkampf der Hingabe und Aufopferung zwischen ihnen. Auch über ernste Gegenstände sprachen sie, wenn auch nicht über die Frauenfrage. Er schlug gelegentlich ein politisches oder ein soziales Thema an und entwickelte ihr seine Ansichten. Sie hörte ihm mit andächtigem Interesse zu, obgleich ihre eigenen von der Schwester und Anna Möller übernommenen Meinungen viel entschiedener und radikaler waren. Sein Hinweis, daß die Zustände und Einrichtungen ihre historische Berechtigung hätten und nur in allmählicher, maßvoller Umbildung geändert werden könnten, erschien ihr so logisch und gerecht, daß, ihr die bis dahin verfochtenen Grundsätze übertrieben und unhaltbar dünkten. Es lag ohnedies ein großer Genuß für sie darin, seiner klangvollen Stimme zu lauschen, die so eindringlich und überzeugend auf sie wirkte, und zu beobachten, wie der Eifer und die innere Wärme, die ihn beseelte, seine Augen intensiver leuchten ließ und seinem geistig belebten, männlich schönen Antlitz einen hinreißenden Zauber verlieh. Alles, was er sagte, erschien ihr bedeutend und so zwingend, daß sich ihre Ansichten von selbst nach den seinen umformten. Auch in allen anderen Beziehungen, in Fragen allgemeiner Kultur, in Kunst und Literatur lernte sie mit seinen Augen zu sehen, und so entstand auch geistig eine volle Harmonie zwischen ihnen, die durch keinen Mißton getrübt wurde. Schließlich führte er sie auch in den Pflichtkreis seines Berufes ein und schilderte ihr den ganzen Geschäftsgang in der Verwaltung einer Stadt und welche speziellen Arbeiten ihm als zweiten Bürgermeister oblagen. Und obgleich alles das eigentlich trockne und ihr gänzlich fremde Materien waren, so dünkte ihr das doch alles so interessant und wissenswert, daß sie ihm von Herzen dankbar war für die Erweiterung ihres geistigen Gesichtskreises. Endlich kam der Tag der Trennung. Sie hatten sich so aneinander gewöhnt und so innig ineinander eingelebt, daß es ihnen beinahe unmöglich erschien, das Leben einer ohne den anderen fortzuführen. Freilich, die Gewißheit, in wenigen Monaten – sie waren übereingekommen, im November zu heiraten – für immer vereint zu sein und das ganze volle Glück steter innigster Gemeinschaft zu erleben, half ihnen über die große schmerzliche Erschütterung hinweg. Dennoch war die Leere der ersten Tage nach der Trennung besonders für Susanne fast unerträglich, und eine ihr bis dahin unbekannte nervöse Reizbarkeit und Sentimentalität ließ sie in den ersten Tagen die kühle Teilnahmlosigkeit ihrer Schwester und die geringschätzigen, fast feindseligen Blicke Anna und Siegfried Völlers doppelt schmerzlich empfinden. Ein wahrer Trost war es ihr, daß »Tante Krämer« ihrem Gemütszustand mit fast mütterlicher Feinfühligkeit und Herzlichkeit Rechnung trug, indem sie, so oft sie beide allein waren, von dem Abwesenden zu sprechen begann, seine äußere Erscheinung und seine guten Eigenschaften mit beredten Worten rühmte und Susannes bevorstehende Zukunft an der Seite eines solchen Mannes in rosigen Farben schilderte. Dazu kam, daß die Herstellung der Ausstattung, die bald nach der Rückkehr aus dem Bade in Angriff genommen wurde, Susannes ganzes Interesse in Anspruch nahm. Schneiderin und Weißnäherin wurden ins Haus genommen, große Beratungen wurden mit »Tante Kramer« und den verschiedenen Lieferanten abgehalten und eine emsige Tätigkeit herrschte vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Die klappernde Nähmaschine und die nimmer rastenden Zünglein der gesprächigen Frauen machten sich jetzt laut in dem Raum, der sonst nur stille geistige Tätigkeit gesehen hatte. Susanne bedauerte zum erstenmal, daß sie so gar keine Übung in weiblicher Handarbeit besaß; sie mußte sich begnügen, zuzusehen oder sich durch allerlei einfache Handreichungen nützlich zu machen. Nie fiel es ihr ein, eines von den Büchern, denen sie früher soviel Zeit und geistige Kraft gewidmet, in die Hand zu nehmen. Sie hatte auch nicht das mindeste Verlangen danach. Viel nötiger erschien es ihr, die Herstellung der verschiedenen Arten der Hauswäsche zu überwachen, die für ihren künftigen Haushalt angefertigt wurden und sich mit »Tante Kramer« und der Näherin ernsthaft über die wichtige Frage auseinanderzusetzen, ob die Leibwäsche mit Madeirastickerei oder mit Valencienner Spitzen garniert werden solle. An den Versammlungen und Komiteesitzungen des Frauenrechtsbundes, die sie früher regelmäßig mit großem Eifer besucht hatte, nahm sie nicht ein einziges Wal mehr teil, obgleich sie es sich aus Rücksicht auf ihre Schwester und Anna Möller ein paarmal vorgenommen hatte. Aber sie fühlte sich abends immer so sehr ermüdet, daß ihr fast die Augen zufielen. Auch war die Vorstellung, Anna Möllers scharfe, durchdringende Stimme und ihre teils satirischen, teils maßlos radikalen Ausführungen zu hören, nichts weniger als anregend und verlockend. In ihrem gegenwärtigen Gemütszustand, ganz erfüllt von dem Glück der letzten Vergangenheit und den Bildern der Zukunft, schien ihr die Frage der Erweiterung der Frauenrechte viel weniger dringlich und wichtig, als die Sorge für eine möglichst reichliche und komfortable Ausstattung des Heims, das sie mit ihrem künftigen Gatten teilen würde. Auch die Empfindung, daß sie nicht im Sinne ihres Verlobten handeln würde, trug dazu bei, ihre Unlust, die Zusammenkünfte der Frauenrechtlerinnen zu besuchen, noch zu steigern. In ihrer Phantasie lebte sie ja beständig mit ihm; sie hörte seine Stimme, sah sein ausdrucksvolles, jede Regung der Seele und des Geistes widerspiegelndes Gesicht und das instinktive Bestreben, in allem seine Zufriedenheit zu erwerben, beherrschte ihre Handlungen und Gedanken. Und gerade die stillen Abendstunden, wenn die Schneiderinnen gegangen waren und »Tante Kramer« sich in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, waren den Gedanken an den fernen Geliebten gewidmet. Ihre einzige geistige Arbeit war es, seine Briefe zu lesen und zu beantworten. Auch in seinen brieflichen Äußerungen nahm die Erinnerung an die gemeinsam verlebte unvergleichlich schöne Zeit, einen großen Raum ein, das größte Entzücken aber und die süßeste Befriedigung gewährten ihr die zärtlichen Kosenamen, die er ihr in seinen Briefen gab und in deren Erfindung er geradezu unerschöpflich war. Und wenn sie las, eine wie große Bedeutung sie bereits für sein Leben besaß und wie sehr die Liebe zu ihr sein Tun und Denken beeinflusse, dann schoß ihr die Glut stolzester, freudigster Erregung in die Wangen. Mitte November fand die Hochzeit, statt, die in aller Stille und Einfachheit im engsten Kreise gefeiert wurde. Dr. Kamberg hatte sich einen kurzen Urlaub von vierzehn Tagen erwirkt, um mit seiner jungen Frau eine Hochzeitsreise antreten zu können. Italien schien ihnen das rechte Land und das richtige Klima, um in ihm die Flitterwochen der Ehe zu verleben. Alle Süßigkeiten der ersten Wochen ihres Brautstandes kehrten in verstärktem Maße zurück. Wieder strebte einer dem andern Liebes zu erweisen und sein eigenes Empfinden und Wünschen dem des anderen anzubequemen und unterzuordnen. Ganz nur für einander zu leben, ungehemmt durch Rücksichten auf andere und durch die Erfordernisse des Berufslebens und der alltäglichen Sorgen, gemeinsam die Naturschönheiten des reich gesegneten Landes zu genießen und sich an den erlesenen, erhebenden Kunstschätzen zu erfreuen, es war so wunderbar schön und einzig, daß die junge Frau in einem ununterbrochenen Rausche des Entzückens dahinlebte. Nie hatte sie geglaubt, daß es soviel Glück in der Welt gäbe. Sie fühlte sich von einem überströmenden Dankgefühl gegen den Mann erfüllt, der ihr das Menschenglück in seiner vollen Tiefe und Seligkeit erschloß. Sie dachte nicht mehr daran, daß, es eine Zeit gegeben, da ihr Freiheit, Behauptung der Persönlichkeit, Selbständigkeit als Ideal vorgeschwebt. Jetzt war es eine Wonne sich zu schenken, sich ganz hinzugeben mit Leib und Seele, völlig in dem Geliebten unterzutauchen; sie empfand es als ein jauchzendes Glück, nur in ihm zu leben, nichts zu sein als sein Geschöpf, das keinen anderen Willen kannte als den seinen, keine andere Empfindung, als ihm zu gefallen und seine Lust und seine Freude zu sein. Sie hätte es in alle Welt hinausrufen mögen, wie unendlich reich die Liebe in der Ehe machte, wie sie alle Kraft verdoppelte und alles mit ihrem Zauber vergoldete. Törinnen, die in dem Wahn lebten, das Zusammenleben mit dem Manne zöge hinab! Nein, das Gegenteil war wahr: es erhob in himmlische Höhen und verlieh der Empfindung Tiefe und Wert, veredelte jeden Gedanken, jede Seelenregung, breitete über jeden Alltag einen Schimmer und Glanz ohnegleichen ... V. So langte sie eines Abends in ihrem neuen Heim an, in einer hochgemuten Stimmung, die ihrer Seele Schwingen lieh, so daß ihr Fuß unberührt vom Kleinlichen, Niedrigen, Alltäglichen dahinschritt, in der das Leben wie ein Märchenland vor ihr lag voll Bäumen mit goldenen Früchten, voll silbernen Quellen, voll segenspendenden Feen und Genien, voll Glanz und Herrlichkeit. Eine alte Frau, die dem Herrn Bürgermeister in seiner Junggesellenzeit den Haushalt geführt, und die Köchin empfingen sie mit ehrerbietigen Glückwünschen. Sie reichte jeder freundlich dankend die Hand und durchschritt an der Seite des Gatten die erleuchteten, festlich mit Blumen und Girlanden geschmückten Räume. Alles schien ihr schön und reich und komfortabel, und über allen Dingen lag ein heller Schein. Als sie endlich allein waren, umschlang er sie zärtlich. »Nun, kleine Frau, bist du zufrieden? Wirst du dich auch glücklich fühlen in deinem neuen Reich?« Da sah sie ihn mit überströmenden Augen an und im Überschwang ihres Dankbarkeitsgefühls beugte sie sich herab und küßte die Hand, die ihrem Streben immer neue Impulse gab und ihrem Leben neue Glücksmöglichkeiten erschloß. Und dann setzte die Prosa des Lebens ein. Schon am anderen Tage verließ die Wirtschafterin das Haus, und sie hatte nur noch die Köchin zu ihrer Hilfe, um mit dem Haushalte und allen seinen kleinen Erfordernissen fertig zu werden. Viel Sorge und eigne Arbeit gab es ja freilich vorläufig nicht. Die Hauptsache war, den Speisezettel täglich mit der Köchin zu beraten, die nicht nur die Kocherei besorgte, sondern auch die wenigen Zimmer, die in täglichem Gebrauch waren, in Ordnung brachte. Sie selbst behielt sich nur vor, das Arbeitszimmer ihres Gatten aufzuräumen. Sie lächelte manchmal, wenn sie sich vorstellte, was ihre Schwester, was Anna Möller und ihre früheren Studiengenossinnen wohl sagen würden, könnten sie sie bei dieser profanen Beschäftigung sehen. Aber dieser Gedanke hatte durchaus nichts Niederziehendes oder Beschämendes für sie, im Gegenteil es gewährte ihr immer eine besondere Freude und Genugtuung, für den geliebten Mann die Finger zu regen, den Staub von seinem Arbeitstisch zu wischen und für seine Bequemlichkeit und Behaglichkeit tätig zu sein. Des Morgens, wenn er nach dem Rathause ging, lag sie immer im Fenster und begleitete ihn mit ihren Blicken und winkte ihm lächelnd, bis er ihren Augen entschwunden war. Dann plauderte sie mit der Köchin, um über die Zeit hinwegzukommen, sah ihr beim Kochen zu, half dabei, soviel sie konnte oder erledigte irgend etwas anderes in der Wirtschaft. Dabei prickelte ihr eine beständige Unruhe in den Nerven, und zu einer anhaltenden geistigen Tätigkeit hatte sie nicht die mindeste Lust. Wohl ein Dutzendmal sah sie während des Tages nach der Uhr, und wenn die dritte Nachmittagsstunde gekommen war, schlug ihr das Herz höher und färbten sich ihre Wangen dunkler, und voll Unruhe ging sie zwischen Tür und Fenster hin und her, bis sie endlich die wohlbekannten Schritte die Treppe hinaufsteigen hörte und sie ihm auf den Flur entgegeneilen konnte, um ihm die Lippen zu bieten und ihn mit einer Freude zu begrüßen, als sei er ihr nach langer Trennung wiedergeschenkt. Die schönsten Stunden aber brachte der Abend, wenn sie in trautem, ungestörtem Beisammensein im Wohnzimmer saßen und er ihr über sein amtliches Tagewerk berichtete oder ihr aus einer Zeitung vorlas. Die Besuche, die nicht länger aufgeschoben werden konnten, brachten für Susanne eine nicht gerade angenehm empfundene Abwechslung und Störung in den süßen Frieden und den beglückenden Einklang ihrer jungen Ehe, und die ersten Wölkchen zogen an ihrem Ehehimmel herauf. Die erste Respektsvisite galt der Familie des Oberbürgermeisters Weinhold. Der Herr Oberbürgermeister war ein ernster, etwas wortkarger Herr, der bei aller äußerlichen Höflichkeit und Freundlichkeit doch nie das Bewußtsein seiner Würde als städtisches Oberhaupt vergessen zu können schien. Seine Gattin legte etwas Herablassendes, Patronisierendes gegen die junge Frau an den Tag, das auf diese befremdend und einschüchternd wirkte. Von den beiden erwachsenen Töchtern hatte Frau Susanne den Eindruck, daß sie ihr mit Voreingenommenheit, wenn nicht mit Feindseligkeit begegneten. Besonders schlug ihr die süß-saure Miene und die spitze Stimme der älteren, einem schon etwas ältlichen verblühten Mädchen von etwa 28 Jahren auf die Nerven. »Sie haben also wirklich studiert?« bemerkte Eugenie Weinhold unter anderem und betrachtete die ihr Gegenübersitzende mit neugierigen, zweifelnden und mißtrauischen Blicken. »War es denn nicht furchtbar peinlich, mit den Studenten zusammenzusitzen?« »Nicht im geringsten.« Susanne lächelte. »Warum denn? Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen.« Die beiden Schwestern zuckten mit ihren Schultern und ein fast unwilliges Staunen prägte sich in ihren Mienen aus. »Ich hätte jedenfalls nicht den Mut gehabt«, äußerte die ältere. Und Adelheid, die jüngere. sekundierte: »Die Studenten sind ja doch so frei und ungebunden. Da mußten Sie ja doch in beständiger Angst schweben vor irgendeinem Affront.« Susanne schüttelte erstaunt mit dem Kopf. »Aber nicht im mindesten. Warum denn? Man kommt ja doch mit den Studenten auch in Gesellschaften und auf Bällen zusammen.« »Das ist ja doch etwas ganz anderes«, wehrte Eugenie Wemhold entrüstet ab. »Im Ballsaal wird man doch immer als Dame respektiert.« »Jawohl,« meinte auch die jüngere, »während man im Hörsaal sich doch gewissermaßen auf gleichen Fuß mit den Studenten stellt und sich des Rechts auf Rücksichtnahme begibt, die man als Dame zu fordern berechtigt ist.« »Wenn Sie darunter das Recht auf Galanterie verstehen,« parierte Frau Susanne, in der sich der Ärger zu regen begann, »davon ist im Hörsaal freilich keine Rede. Das gleiche geistige Streben stellt allerdings eine gewisse Gleichheit her, die man im Ballsaal wohl nicht kennt, aber diese Gleichheit hat durchaus nichts Verletzendes.« »Immerhin,« nahm Eugenie Weinhold wieder das Wort, während sie ihre Schultern emporzog und sich bemühte, eine Miene sittlicher Überlegenheit anzunehmen, »immerhin hat für mein Empfinden dieses Zusammensitzen von erwachsenen jungen Damen mit Studenten ohne den Schutz der Eltern etwas Unweibliches ... Sie sind ja jetzt nicht mehr Studentin«, fügte sie entschuldigend, aber mit einem malitiösen Lächeln hinzu. »Ich kann nichts Unweibliches darin sehen,« erwiderte die junge Frau, während ihr der Zorn die Wangen färbte, »sich in Gesellschaft gebildeter junger Männer mit ernster Wissenschaft zu beschäftigen. Jedenfalls erscheint mir das würdiger und weniger bedenklich, als im Tanz aus einem Arm in den andern zu fliegen und sich gewagte Schmeicheleien ins Ohr wispern zu lassen, was ja im Ballsaal zuweilen vorkommen soll.« Eugenie und Adelheid Weinhold sahen einander überrascht und entrüstet an. Auch die Frau Oberbürgermeister schien durch die in erhöhtem, scharfem Ton gegebene Erwiderung verletzt, denn ihr Gesicht nahm einen mißbilligenden, verweisenden Ausdruck an. Aber sie hatte noch nicht für ihr Empfinden den Ausdruck gefunden, als sich der Oberbürgermeister ins Mittel legte, um der peinlich werdenden Situation die Spitze abzubrechen. »Sie haben jedenfalls das bessere Teil erwählt, gnädige Frau«, bemerkte er verbindlich lächelnd, und seinen jungen Kollegen mit einem bezeichnenden Blick streifend. »Ja, Sie werden wohl froh sein,« griff auch die Frau Oberbürgermeister mit einem etwas sauren Lächeln ein, »daß Sie nun nicht mehr nötig haben zu studieren, was doch immerhin für eine junge Dame in mehr als einer Hinsicht sein Bedenkliches hat.« »Ich habe nichts Bedenkliches darin gefunden«, versetzte Frau Susanne schlagfertig, sich stolz reckend und den hoheitsvollen Blicken der älteren Dame furchtlos, ja, mit einem gewissen Trotz begegnend. »Und wenn ich etwas bedauert habe, als ich mich verheiratete, so war es das, daß ich nun mein Studium nicht zum Abschluß, bringen konnte, was ich sonst sicher mit Eifer und freudigem Stolz getan hätte.« Dr. Kamberg räusperte sich warnend und warf seiner Frau, als sie ihn instinktiv ansah, einen beschwichtigenden Blick zu. Gleich darauf hielt er es für angezeigt, die Visite zu beenden. »Ich hätte gar nicht gedacht, daß du eine so scharfe Zunge hast«, sagte er, während sie die Treppen hinabstiegen, halb belustigt, halb tadelnd. In der ehemaligen Studentin glühte noch die Erregung und die Empörung. »Sollte ich mir von den dummen Puten ungestraft Impertinenzen sagen lassen?« Der Bürgermeister sah sich erschrocken um. »Aber, liebe Susanne, ich bitte dich! Warum denn gleich so starke Ausdrücke?« sagte er verweisend. »Du solltest etwas mehr Rücksicht nehmen auf die andern Anschauungen, in denen die Damen aufgewachsen sind. In ihren Augen haftet der studierenden Frau nun einmal etwas Anrüchiges an, denn sie können sich gar nicht denken, daß es aus wirklichem, sachlichem Interesse geschieht, wenn ein Mädchen sich zum Studium entschließt. Sie wittern wohl allerlei sehr profane und echt weibliche Motive dahinter.« »Was für Motive denn. Eugen?« fragte die junge Frau, etwas eingeschüchtert und kleinlaut, denn es war das erstemal in ihrer jungen Ehe, daß sie sich die Unzufriedenheit und den Tadel ihres Gatten zugezogen hatte. »Nun, Eitelkeit, Sensationslust und die Begierde, sich hervorzutun.« »Aber solch eine Voraussetzung würde doch einen sehr niedrigen Standpunkt verraten und du selbst –« Doch er unterbrach sie etwas ungeduldig. »Lassen wir das! Die Frage ist ja für uns erledigt. Was die Damen des Oberbürgermeisters aber betrifft, so hätte ich freilich gewünscht, daß du dich mit ihnen auf einen möglichst freundschaftlichen Fuß stelltest.« Die junge Frau erhob ihr Gesicht, in dem sich Mißbehagen und Mutlosigkeit zeigte. »Du kannst dir doch denken,« fuhr er eifrig fort, »daß mir daran liegen muß, mit meinem unmittelbaren Vorgesetzten und seiner Familie in guten Beziehungen zu leben.« »Frei – freilich!« stotterte sie und schluckte und würgte, als wenn ihr etwas in der Kehle steckte. Ein paar Tage später, als sie allein einen Besuch bei ihrer Cousine Frau Adele Portig abstattete, wurde ihr eine unerwartete Aufklärung über die Gründe der Animosität, mit der ihr die Damen Weinhold ganz offenbar begegnet waren. »Darüber kannst du dich doch nicht wundern,« rief die schöne Frau lachend, nachdem ihr Susanne von ihrer Visite berichtet hatte, »die beiden alten Jungfern – man kann sie wohl schon getrost als solche bezeichnen, denn es wird sich ja wohl kein Freier mehr finden, um so weniger als ja der Oberbürgermeister kein Vermögen besitzt – die beiden alten Jungfern hassen dich natürlich wie die Sünde.« »Aber warum denn?« »Spaß!« Hast du ihnen nicht den Mann weggeschnappt, auf den sie gewissermaßen einen legitimen Anspruch zu haben glaubten?« »Ach! Du meinst, daß sie sich eingebildet haben, daß Eugen –« »Eine von ihnen heimführen würde –- freilich haben sie das gedacht. Jedenfalls haben sie sich alle Mühe gegeben, und es war immer sehr ergötzlich mit anzusehen, wie eifersüchtig sie sich einander überwachten. Jetzt kehrte sich ihre gemeinsame Wut natürlich gegen dich, das Mädchen aus der Fremde, das spielend in vier Wochen fertig brachte, was ihnen in zwei Jahren mit heißem Bemühen nicht gelingen wollte.« In Susanne erhob sich ein schmeichelndes Gefühl inniger Genugtuung, und sie freute sich um so mehr, daß sie die beiden hämischen, neidischen alten Jungfern so energisch abgetrumpft hatte. Freilich auch bei den meisten der anderen Besuche, die sie noch mit ihrem Gatten erledigte, mußte sie dieselbe Erfahrung machen, daß man ihr mit einem gewissen Mißtrauen und sichtlicher Voreingenommenheit begegnete. Sie sah, daß die Tatsache, daß sie Studentin gewesen, sie in den Augen dieser korrekten, die traditionelle Sitte als etwas heiliges betrachtenden Leute mit dem Makel der Extravaganz behaftete, und man schien sich in diesen Kreisen unter einer Studentin ein burschikoses, ungebundenes und sittlich nicht ganz einwandfreies Geschöpf vorzustellen. Kein Wunder, daß sich ihrer bald eine große Unlust bemächtigte, und als eines Tages wieder eine dieser Besuchsrunden angetreten werden sollte, sagte sie: »Ja, muß denn das sein, Eugen? Muß ich denn alle diese Menschen kennen lernen, die mir so gleichgültig sind und denen ich doch mit meinem Besuch gewiß ebenfalls keine Freude bereite?« Er sah sie erstaunt an. »Ja, Kind, das läßt sich nun mal nicht umgehen. Wenn du mit ihnen verkehren willst, mußt du doch deine Antrittsvisite machen.« »Aber ich will ja gar nicht mit ihnen verkehren. Wir können doch auch ohne diese Leute leben, wir brauchen sie doch nicht zu unserm Glück.« »Freilich nicht. Aber ich in meiner offiziellen Stellung bin auf gesellschaftliche Beziehungen zu den Honorationen der Stadt angewiesen.« »Schön! Aber ich bin es doch nicht. Kannst du mich nicht zu Hause lassen und allein gehen?« Er lächelte. »Du bist ein rechtes Kind. Als verheirateter Mann kann ich doch nicht ohne meine Frau Gesellschaften besuchen. Das würde ja so aussehen, als wenn ich mich deiner schämte.« »Ich würde es nicht so ansehen und dir ganz gewiß nicht böse sein.« »Aber die anderen würden es so auffassen.« Sie warf geringschätzig die Lippen auf. »Bah! Was ich mir daraus machte!« Er schüttelte mit dem Kopf und zeigte eine ernste Miene. »Du vergissest, daß du als verheiratete Frau nicht für dich allein leben kannst. Als meine Frau kannst du dich nicht von den Gesellschaften ausschließen, an denen ich in Rücksicht auf meine Stellung teilnehmen muß. Und ebensowenig kann ich als verheirateter Mann wie ein Junggeselle leben und ohne meine Frau gesellschaftlichen Verkehr pflegen.« Sie war zwar noch nicht überzeugt und hätte gern noch erwidert, daß sie die Ehe nicht als ein Zwangsinstitut auffasse, in dem die Eheleute sich gegenseitig in ihren Neigungen und Wünschen behindern und tyrannisieren, aber er schnitt ihr jede weitere Widerrede ab, indem er seinen Hut holte und sich zum Ausgehen fertig machte. Acht Tage später traf die erste Einladung ein. Die Frau Oberbürgermeister gab sich die Ehre, die Frau Bürgermeister zum Kaffee einzuladen. Frau Susanne schnitt eine Grimasse, als die Einladung eintraf, und ihr erster Impuls war, einfach abzusagen. Niemand in der ganzen Stadt war ihr unsympathischer als gerade die Familie Weinhold. Aber wieder wehrte ihr Mann entschieden ab. »Das geht auf keinen Fall. Man würde die Absage geradezu als Demonstration auffassen. Bedenke, daß der Gatte der Frau Oberbürgermeister mein nächster Vorgesetzter ist!« Also sie mußte sich wieder als Frau ihres Mannes, als Frau Bürgermeister, fügen, obgleich ihr die Notwendigkeit, eine Familie zu besuchen und mit ihr schön tun zu müssen, die ihr in tiefster Seele antipathisch war und von der sie wußte, daß sie sie haßte, als unwürdige Heuchelei und verhaßter Zwang erschien. Sie hatte bisher so wenig die gesellschaftliche Komödie mitgemacht und niemals Verkehr mit Leuten gepflogen, die ihr nicht zusagten, daß sie das, was andere als selbstverständliche, unumgängliche Pflicht betrachteten, als abgeschmackt und unsinnig empfand. Und so saß sie still, in sich gekehrt inmitten dieser eifrig durcheinander schwatzenden Damen – es waren außer ihr noch eine ganze Anzahl Stadtrats- und Gerichtsrats-Gattinnen mit Töchtern anwesend – und kam sich so verlassen und am unrechten Platze vor, daß sie sich wirklich Gewalt antun mußte, um nicht schon nach einer halben Stunde wieder aufzubrechen. Große Kannen voll Kaffee und ganze Berge von Kuchen wurden verzehrt und dazu plätscherte die Unterhaltung, an der sie sich nicht zu beteiligen wußte, munter dahin. »Ach, was für einen entzückenden Schnitt Ihr Kleid hat, Frau Landgerichtsrätin, darf man fragen, ob Sie die Robe fertig gekauft haben?« ...   »Ihr Zitronen-Creme schmeckt ganz ausgezeichnet, Frau Oberbürgermeister. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir gütigst das Rezept mitteilen würden ...«   »Wie schlägt denn Ihre neue Köchin ein, Frau Landgerichtsdirektor?«...   So ging es weiter in lieblichem Durcheinander und mit einer Zungenfertigkeit und einem Eifer, als handelte es sich um die wichtigsten Probleme des Menschenlebens. Immer diese drei Themata: Küche, Garderobe und Dienstboten. Anfangs fühlte sich Susanne von einem so heftigen Widerwillen erfaßt, daß sie wie auf Kohlen saß und ein paarmal nahe daran war, sich unter irgendeinem Vorwand zu empfehlen. Schließlich geriet sie in einen Zustand gelinden Stumpfsinns, in dem sie die sie umgebenden geröteten Gesichter und glänzenden Augen nur wie im Nebel sah und die Worte an ihrem Ohr vorbeirauschten, ohne bis zu ihrem Verständnis zu dringen. In der letzten halben Stunde, nachdem die Damen durch ein Glas Portwein ihrem Geist einige Anregung gegeben, kam etwas Abwechslung in die Unterhaltung. »Haben Sie schon gehört,« sagte eine der älteren Damen, »daß es bei Regierungsrat Winters nicht mehr so recht stimmen soll?« »Was Sie nicht sagen! Eine so junge Ehe!« »Ja, die Frau Regierungsrat soll sogar schon zu ihren Eltern abgereist sein.« »Ach nein! Wirklich? Das ist ja furchtbar interessant! Darf man dann fragen, was vorgefallen ist?« Allgemeines Stuhlrücken. Die Erzählende warf einen sprechenden Blick nach den jungen Mädchen hin. Sogleich griff die Frau Oberbürgermeister ein. »Adelheid, du wolltest doch den jungen Damen dein neues Stilleben zeigen! Adelheid malt wirklich ganz nett ... Also, Frau Stadtrat?« »Sie können sich ja wohl denken, meine Damen: die alte Geschichte, eine Eheirrung.« »Ach! Was Sie sagen! Ist denn das erhört? Weiß man denn mit wem?« Für Susanne war die Sache so wenig interessant, daß sie es unterließ, ihren Kopf mit den anderen zusammenzustecken und daß ihr der geflüsterte Namen entging. Als sie nach Hause kam, war sie so angeödet und ermüdet und innerlich so erbittert und empört von dem Zwange, den sie sich hatte auferlegen müssen, daß sie ganz blaß und hinfällig aussah. Mitleidig schloß sie ihr Gatte, der sie schon mit Sehnsucht erwartet hatte, in seine Arme. »Armes Kind! War es denn wirklich so schlimm?« »Furchtbar, Eugen!« erwiderte sie schaudernd, und die Tränen schossen ihr in die Augen vor Arger und Übelkeit. »Wenn du mich lieb hast, wirst du mir nicht mehr zumuten, jemals wieder so etwas mitzumachen.« »Na, na!« begütigte er halb lächelnd, halb voll Rührung. »Solch ein Damenkaffee soll ja allerdings keine sehr fesselnde Sache sein, aber mit der Zeit wirst du dich schon daran gewöhnen, denn ganz ausschließen wirst du dich ja nicht können.« Wieder lief ein Schauder durch ihre zarte schlanke Gestalt und sie machte unwillkürlich eine sich straffende, protestierende Bewegung. Aber er streichelte ihr beruhigend die Wangen und führte sie sanft in das Wohnzimmer. Hier zog er sie auf seine Knie und bettete ihr Haupt an seiner Brust. Sie lehnte sich wohlig an ihn und unter seinen inniger und heißer werdenden Küssen schwand ihr Unbehagen, die quälende Spannung, die zornige Aufregung. Wieder fühlte sie dieses köstliche, milde einlullende Gefühl der Geborgenheit, dieses Auflösen jedes Selbstbewußtseins, diese willenlose Versunkenheit, wie immer in seinen Armen. Vergessen und verflogen war jede Regung der Auflehnung, waren alle rebellischen Gedanken, die noch eben in ihrem erregten Hirn gehämmert hatten. VI. Ein vorwurfsvoller Brief ihrer Schwester veranlaßte Susanne sich endlich eines sozusagen privaten Besuches zu entledigen, den sie ihrer offiziellen Visiten wegen immer wieder hinausgeschoben hatte. Es handelte sich um eine Frau Paula Reichelt, mit der ihre Schwester und Anna Möller in regem Briefwechsel standen und die eine eifrige Frauenrechtlerin war, obgleich sie vor anderthalb Jahren geheiratet hatte. »Du kannst da einmal«, so schrieb Ella Neudeck u. a., »eine wirklich ideale Ehe kennen lernen, die für beide Teile gleich ehrenvoll und zuträglich ist, und wie ich sie für jedes erwachsene weibliche Wesen für wünschenswert halte (im Gegensatz zu Anna, die, wie du weißt, in dieser Hinsicht eine radikalere, strikt ablehnende Haltung einnimmt), wenn es nur mehr so sittlich hochstehende Männer gäbe, wie Herr Reichelt es ist.« Susanne war sehr neugierig und gespannt. Eine ideale Ehe! Wie die wohl beschaffen sein mußte? Anders als die ihre? Die junge Frau seufzte und die Glut der Beschämung schoß ihr ins Gesicht. So sehr sie auch ihren Mann liebte und von seiner innigen, aufrichtigen Liebe überzeugt war, so ganz ideal erschien ihr ihr Zusammenleben doch nicht mehr. Als ihr Gatte eines Nachmittags, kurz nach dem Essen, sich wieder nach dem Rathause begab, um einer wichtigen Magistratskonferenz beizuwohnen, benutzte sie die Gelegenheit, um den Besuch endlich abzustatten. Es war kurz vor vier Uhr, als sie an der Reicheltschen Wohnung klingelte. Ein brünetter Mann öffnete, Anfang der Dreißig mit lebhaften energischen Bewegungen. Das Gleichmaß der Züge störte ein Paar stark aufgeworfene Lippen, die ebenso wie die dunklen, hinter einem Pincenez funkelnden Augen viel Temperament verrieten. Sein Haar war sehr dicht und etwas kraus, der Vollbart wirr und ungepflegt. In der Rechten trug er merkwürdigerweise einen Kochlöffel. Auf ihre Frage nach Frau Reichelt nickte er. »Jawohl, Paula ist zu Hause.« Zugleich schritt er ihr voran, öffnete die nächste in den Flur mündende Tür und ließ sie eintreten. An einem Schreibtisch saß eine mittelgroße, starkknochige Frau – etwa Mitte der zwanzig. Sie hatte ein paar Bücher vor sich liegen und machte sich emsig Notizen. Als die Eintretende ihren Namen genannt hatte, erhob sie sich eifrig. »Seien Sie mir willkommen! Ich kenne Sie ja schon aus den Briefen Ellas und Annas. Ich habe Sie schon längst erwartet.« Der Vorwurf, der in den Worten lag, ließ Susanne erröten. Sie stammelte eine Entschuldigung. Aber die andere unterbrach sie verständnisvoll lächelnd. »Wir brauchen uns doch gegenseitig nichts vorzumachen. Ich kenne doch die bürgerlichen Ehen. Da ist es schwer für die Frau, einmal eine eigene Angelegenheit zu betreiben. Doch nun sind Sie ja glücklich da und nun lassen Sie uns mal ein bißchen plaudern!« Sie zog ihren Besuch nach dem Sofa. Ein Kinderkleidchen, kleine Schuhchen und Strümpfchen, sowie ein paar Bücher, die hier in holdem Durcheinander lagen, wurden kurzerhand auf den Fußboden geworfen. »Also Sie sind die Frau Bürgermeister! Ihren Mann kenne ich, das heißt par renommé durch meinen Mann. Emil ist nämlich Stadtverordneter, da geraten sie oft hart aneinander. Na, das geht uns nichts an. Ich hoffe, wir werden gute Freundinnen werden.« Sie erfaßte die beiden Hände ihres Besuches und drückte sie kräftig. Susanne schaute befangen, doch lebhaft interessiert in das eigenartige Gesicht der Sprechenden. Sie trug das braune Haar in der Mitte schlicht gescheitelt. Ihre Augen waren ebenfalls braun und zeigten einen ernsten, sinnenden, etwas starren Blick. Die Augenbrauen waren dicht zusammengewachsen, was dem sonst nicht unschönen Antlitz etwas Finsteres, fast Dämonisches gab. Ihre Gestalt war trotz der Starkknochigkeit schlank und mädchenhaft. Sie trug natürlich ein lose sitzendes Reformkleid ohne Schnürleib; ihre Füße steckten in unschönen breiten sandalenartigen Schuhen. In dem Gesichtsausdruck sowie in dem ganzen Wesen dieser merkwürdigen Frau schienen sich die heterogensten Eigenschaften zu paaren: Herzlichkeit mit Schroffheit, weibliche Schwäche und Anmut mit Derbheit und eigensinniger Energie. Es war etwas Verworrenes, Gärendes in ihr, wie in einem ungegorenen brausenden Wein. Dennoch trug sie etwas Bestimmtes, Sicheres zur Schau, als hielt sie sich für eine ausgeglichene, in sich gefestigte Persönlichkeit. »Also das sind Sie!« sprach sie aufgeräumt weiter. »Die Susanne Neudeck! Nach dem Bilde haben Sie viel Ähnlichkeit mit Ihrer Schwester, nur daß bei Ihnen alles hübscher und zarter ist. Darum haben Sie auch einen Mann gekriegt« – sie machte eine wegwerfende Handbewegung – »die sehen doch nun mal zuerst nach der hübschen Larve. Sagen Sie mal, ist es Ihnen nicht schwer geworden, Ihr Studium aufzugeben?« »Freilich – so dicht vor dem Abschluß, und ich habe doch nie daran gedacht zu heiraten.« Die andere lachte. »Geradeso ist es mir ergangen. Wer mir das noch vor drei Jahren gesagt hätte, den hätte ich ausgelacht. Aber es ist nun mal so – unter uns können wir es ja ruhig zugeben – der Zug nach dem Manne steckt uns im Blut. Und es ist eine Phrase, wenn man sagt: der Mann begehrt, das Weib ist passiv und gewährt höchstens. Unsinn, auch das Weib verlangt bewußt, wenigstens einmal im Leben, nach dem Mann. Meinen Sie nicht?« Susanne errötete. Die offenherzigen Worte waren ihr peinlich und berührten etwas Uneingestandenes in ihr. »Es nützt nichts,« fuhr Frau Paula Reichelt fort, »die Augen zu verschließen vor dem, was ist. Und sollen wir uns vielleicht des natürlichen Triebes in uns schämen? Der Mann braucht zu seiner Ausgeglichenheit und Vollendung das Weib, und wir sollten den Mann nicht brauchen? Wir brauchen ihn trotz Anna Möller, mindestens ist er das notwendige Übel für uns. Wir müssen uns sozusagen von uns selbst durch die Ehe erlösen. Das war immer eine zitternde Unruhe, ein unbestimmtes, treibendes Verlangen in mir – furchtbar störend! Erst in der Ehe habe ich, so paradox das klingen mag, alle meine Kräfte freibekommen für unsre große Sache. Freilich, als mich Emil Reichelt seinerzeit fragte, ob ich seine Frau werden wolle, habe ich nur unter der Bedingung ja gesagt, daß er von vornherein jeden Versuch, mich geistig zu beeinflussen, aufgibt, daß er mir die volle Freiheit läßt mich nach meinen Wünschen und Neigungen zu betätigen, wie ich ihm, daß er mir, wie gesagt, in der Ehe dieselben Rechte einräumt, die er sich selber zuspricht.« »Aber geht denn das? Ist denn das möglich?« warf Susanne innerlich aufs stärkste interessiert ein, und mit einem Gemisch von Unglauben und bewunderungsvollem Staunen in das Antlitz der neben ihr Sitzenden blickend. Paula Reichelt nickte entschieden, mit der Kraft der Überzeugung. »Ob das geht! Unser Zusammenleben ist ein Beweis dafür. Mein Mann und ich gehen ganz unabhängig voneinander unseren besonderen Bestrebungen nach. Er hat seine Redaktion und sonstigen Parteipflichten, ich arbeite im Dienste der Frauenaufklärung. In unsrer Häuslichkeit aber nehmen wir die gleiche Stellung ein. Da hat keiner vor dem anderen etwas voraus. Ganz gleichmäßig teilen wir uns in unsre Haushaltarbeiten und in die Kinderpflege.« »Sie haben ein Kind?« fiel Susanne verwundert ein. Weder ihre Schwester noch Anna Möller schienen das für wichtig genug gehalten zu haben, um es ihr mitzuteilen. Die Gefragte hatte noch nicht Zeit gehabt zu antworten, als ihr Mann die Tür öffnete und den Kopf hereinsteckte. »Du entschuldigst,« sagte er, »wie lange muß das Roastbeef braten, bis es gar ist?« Frau Paula machte eine Bewegung der Ungeduld. »Lieber Freund, wie oft habe ich dir das schon gesagt, fünf bis sieben Minuten.« »Schön! Und muß das Fleisch zuerst in die Pfanne oder erst die Butter?« »Die Butter natürlich ... Er bereitet nämlich heut unser Mittag,« wandte sie sich, nachdem der Mann eilig wieder verschwunden war, an Susanne, die in grenzenlosem Befremden zuhörte, »ich habe am Abend Unterricht zu geben im Arbeiterinnen- Bildungsverein und muß mich noch dazu präparieren, deshalb ist es heute an ihm, das Kochen zu übernehmen.« Ein unklares, widerspruchsvolles Gefühl regte sich in Susanne. Sie wußte selbst nicht: war es Neid und Bewunderung oder Unglaube und Befremdung? Gab es wirklich Männer, die die völlige Gleichstellung ihrer Frau aufrichtig anerkannten und ehrlich und konsequent durchführten? Und war eine glückliche Ehe auf dieser Basis möglich? Plötzlich fiel ihr ein, daß sie sich wohl verabschieden müsse. Aber als sie sich erheben wollte, hielt die andere sie zurück. »Nein, Sie dürfen nicht schon gehen. Wir haben uns ja doch noch so viel zu sagen ... Nein, Sie stören mich gar nicht! Mit meiner Vorbereitung für heute abend bin ich sowieso ziemlich zu Ende. Jetzt kommt ja ohnedies die Pause des Essens. Dabei haben wir Zeit genug zum Plaudern. Sie speisen einfach ein bißchen mit uns, einen kleinen Happen werden Sie schon noch zwingen und wär's auch nur, um einmal die Kochkunst meines Mannes zu probieren.« Sie lachte, und auch Susanne mußte von Herzen einstimmen. Das alles: dieser sonderbare Haushalt, diese eigenartige Ehe, dieses von jeder Ziererei und konventionellem Getue und Gehabe freie, natürliche Wesen ihrer neuen Bekanntin mutete sie angenehm an und erfrischte sie förmlich. Alles das war so anregend und interessant, ein wahres Labsal nach den Erlebnissen beim Damenkaffee der Frau Oberbürgermeisterin. Und so widersprach sie nicht weiter, sondern setzte sich wieder und sah dem weiteren mit einem Gemisch von neugieriger Erwartung und banger Unsicherheit entgegen. Indes öffnete sich wieder die Tür und Herr Reichelt erschien mit einem Stoß Teller auf dem Arm. Frau Paula sprang hilfsbereit hinzu, zog das weiße Tischtuch aus dem Tischkasten und breitete es über den Tisch. Dann begleitete sie nach kurzer Entschuldigung ihren Gatten nach der Küche und vereint trugen sie Geschirr, Bestecke und zuletzt die dampfenden Speisen herein. Auf Susanne wirkte die Geschäftigkeit des Ehepaars anfeuernd, und auch sie beteiligte sich an dem Ordnen der Tafel. Und dann setzten sie sich alle drei vergnügt zu Tisch. Die natürliche Unbefangenheit ihrer Gastgeber befreite Susanne immer mehr von ihrer anfänglichen Scheu und ihrer zurückhaltenden, einschüchternden Befremdung, und sie fühlte sich von Minute zu Minute behaglicher, freier, froher. »Nun, was sagen Sie zu dem Roastbeef?« Susanne hatte schon ein paar Bissen gegessen. Das Fleisch war ziemlich hart und offenbar zu lange auf dem Feuer gewesen, aber sie empfand das in ihrer angeregten, frohen Stimmung kaum und lobte aufrichtig. »Ich mache Ihnen mein Kompliment, Herr Reichelt. Jedenfalls hätte ich es selbst nicht besser fertiggebracht.« »Wirklich? Das freut mich! Da darf ich Ihnen doch noch ein Stück vorlegen?« Er schien wirklich erfreut, und so mochte sie nicht ablehnen, als er ihr noch eine Fleischschnitte auf den Teller legte. »Und nun probieren Sie auch mal meine Makkaroni!« Er präsentierte ihr die Schüssel; sie nahm einen Löffel voll von den weißen und etwas formlosen Dingern und piekte ein paar davon mit der Gabel auf. Unwillkürlich schnitt sie eine Grimasse, denn es brannte wie höllisches Feuer auf der Zunge. »Ein bißchen zuviel Salz, scheint mir«, bemerkte sie mit höflichem Tadel. Frau Paula lachte. »Sagen wir schon: gründlich verpfeffert und versalzen! ... Aber lieber Mann an Makkaroni gehört doch kein Pfeffer!« Sie hob scherzhaft drohend den Finger. »Du scheinst mir ja ganz gehörig verliebt.« »Kann wohl sein!« sagte er schmunzelnd, und ohne sich von der bewiesenen gastronomischen Unzulänglichkeit die gute Laune schmälern zu lassen. »Wenn man ein so hübsches Frauchen hat!« Er sah die neben ihm Sitzende mit verliebten Augen an, beugte sich zu ihr hinüber und schlang den einen Arm um ihre Schultern, sie näher zu sich heranziehend. Sie bot ihm ohne jede Ziererei, lächelnd und voll Genugtuung zu der unwillkürlich errötenden Gastin hinüberblinzelnd, ihre vollen Lippen. Und sie küßten sich, ebenso ungeniert und mit ebenso natürlicher, rückhaltloser unbefangener Hingabe, wie sie sich vorher ihren Haushaltungsgeschäften trotz des Besuchs gewidmet hatten. Frau Paula strich sich die Haare zurück, die ihr bei der stürmischen Attacke ihres Gatten in das erhitzte Antlitz gefallen waren, und begann jetzt ein ernstes Gespräch. »Haben Sie schon mal solch eine Arbeiter- oder Arbeiterinnenschule kennen gelernt?« »Nein. Ich hatte noch keine Gelegenheit. Aber ich denke mir das hochinteressant.« Sie bejahte voll Eifer. »Ob! Es ist erhebend und manchmal geradezu rührend – bei den Arbeitern übrigens noch viel mehr, als bei den Mädchen und Frauen. Da können Sie Männer kennen lernen, manchmal schon Grauköpfe mit von Sorgen zermürbten Gesichtern, von schwerer Arbeit gebeugtem Rücken, die von einem wahren Heißhunger nach Wissen verzehrt sind. Da ist es natürlich eine Lust zu unterrichten und zu sehen, wie sie mit einer wahren Gier einem förmlich jedes Wort aus dem Munde ziehen und wie sie sich mit heißem, heiligem Eifer bemühen, in ihren an Denkarbeit wenig geübten Köpfen das Vorgetragene aufzunehmen und zu verarbeiten. Nicht, Emil?« Der Redakteur nickte mit leuchtenden Augen. »Bei den Frauen ist es nicht ganz so erfreulich. Auf den verheirateten liegen so viele Lasten und Sorgen des täglichen Lebens, daß sie kaum zwei Stunden in der Woche für ihre geistige Weiterbildung erübrigen können. Und den Jüngeren steckt die Oberflächlichkeit und die Neigung zu Putz und Tanz und vor allem die Liebe, oder was sie dafür nehmen, zu sehr im Blut und im Kopf, als daß sie aus eigenem den Trieb zu ernster, geistiger Beschäftigung empfänden. Da muß dann der Einfluß der Väter und Brüder und unsere Bemühung nachhelfen ...« Man hörte draußen die Flurtür gehen und gleich darauf machte sich eine Kinderstimme vernehmlich. Sogleich sprang Herr Reichelt auf, während der Schimmer stolzer Vaterfreude sein blasses Gesicht verklärte. Schon wurde die Zimmertür von draußen geöffnet und ein halbwüchsiges Mädchen mit einem kleinen Kinde auf dem Arm, das kläglich weinte, trat ein. »Libby, Libbychen! Nicht doch weinen!« sagte Herr Reichelt und lächelte und nickte der Weinenden freundlich zu. Man gewahrte es an seinen strahlenden Mienen, seinen weichen, kosenden Lauten und der sanften, liebevollen Art, wie er jetzt sein Töchterchen dem Kindermädchen abnahm, ein wie zärtlicher Vater er war. Mit tiefer Innigkeit drückte er das ruhiger werdende Kind an sich und küßte es, dann brachte er es seiner Gattin. »Libby – sie heißt nämlich Liberty,« wandte er sich mit vergnügtem Gesicht, von dem die frohste Genugtuung leuchtete, an den Gast – »Libby will ihr Mittagbrot.« Frau Paula knöpfte ungeniert ihre Bluse auf und nahm das Kind aus den Armen ihres Gatten an die Brust. Es war ein anheimelndes, rührendes Bild häuslichen Glücks: die säugende Mutter, das an der Mutterbrust ruhende mit Behagen tränkende Kind, die noch kinderlose halb mit ihrer Befangenheit ringende, halb von einer bewundernden, neidischen, sehnsuchtsvollen Stimmung durchglühte junge Frau und im Hintergrund das selbst noch im Kindesalter stehende etwa fünfzehnjährige Mädchen, das, den Finger im Mund, mit blöden Augen herüberschaute. »Ist es nicht reizend unser Baby?« wandte sich Herr Reichelt jetzt mit Vaterstolz an die Besucherin. Susanne nahm das Kind genauer in Augenschein und ein warmes, mitleidiges Gefühl quoll in ihr auf. Das Aussehen des Kindes hatte nichts, das Zufriedenheit und freudige Genugtuung einflößen konnte. Es sah blaß und schlaff aus; die Ärmchen und Händchen, die aus den Ärmeln des kurzen Kleidchens hervorschauten, waren knochig und wachsbleich. Es war im ganzen ein Anblick, der einem eher das Herz zusammenschnürte als erheben und erfreuen konnte, und unwillkürlich stieg in der Zuschauenden die bange, beklommene Frage auf: wenn der Vater von seinem Beruf in Anspruch genommen war und die Mutter ehrgeizig und ganz von idealem Eifer erfüllt, ihre Zeit und ihr bestes Können und Streben der Frauenbefreiung widmete, wer pflegte dann das Kind? Ihr Blick glitt instinktiv zu dem Kindermädchen hinüber; der etwas stumpfe Ausdruck in dem unschönen, blassen, verkümmerten Gesicht war gerade nicht vertrauenerweckend. Überhaupt in der ganzen Erscheinung lag etwas Verwahrlostes, das Mädchen sah selbst der Pflege bedürftig aus. »Du kannst jetzt abräumen und essen!« rief die Stillende dem Kindermädchen zu. Sogleich kam Leben und Bewegung in die gleichgütig, teilnahmlos Dastehende. Die Augen funkelten gierig, und mit Hast stürzte sie an den Tisch und raffte die beiden Schüsseln mit den Resten des Roastbeefs und der Makkaroni, der nur sehr wenig zugesprochen worden war, an sich und verließ damit, ohne sich um das übrige Geschirr zu kümmern, das Zimmer. Der Redakteur war indes an ein Spind getreten und hatte einen Apfel herausgenommen. Er deutete nach der Tür, durch die das Mädchen verschwunden war, und flüsterte gewissermaßen entschuldigend: »Wir müssen nämlich alles vor ihr verschließen. Sie ist unglaublich genäschig und diebisch. Die Arme! Sie ist unter gräßlichen Verhältnissen aufgewachsen, der Vater ein Trunkenbold, die Mutter liederlich, dabei sieben Kinder. Wir haben sie aus Mitleid zu uns genommen und weil wir doch auch einer Hilfe bedürfen, obgleich ich im Prinzip gegen Dienstbotensklaverei bin.« Inzwischen hatte er ein Stück des Apfels geschält, jetzt zerkleinerte er es mit einem Messer und drückte es dann auf einem Teller mit der flachen Klinge zu einem Brei zusammen. Frau Paula nahm den Apfelbrei in Empfang und fütterte damit das Kind, das das Obst jedoch nur widerwillig zu nehmen schien. »Aber«, rief Susanne verwundert und erschrocken, »schadet denn das rohe Obst dem Kinde nicht?« Herr Reichelt lächelte überlegen. »Im Gegenteil, es ist der Kleinen sehr dienlich, um so mehr, als sie ja neben der Brust auch die Flasche bekommt, da die natürliche Nahrung nicht ausreicht und Paula durch ihre Pflichten ganze Stunden außer dem Hause festgehalten wird. Wir erziehen unser Kind streng nach den Grundsätzen der Naturheilmethode. Täglich bekommt es seine kalte Abreibung, und im Sommer soll es regelmäßig Sonnenbäder nehmen. Dazu hauptsächlich Obst und Gemüse. Ja, ja, unser Kindchen soll einmal ein kräftiger, gesunder, natürlich lebender Mensch werden.« Susanne warf wieder einen Blick nach dem schwächlichen kleinen Wesen hin, das den Eindruck eines verkümmerten, vernachlässigten oder falsch behandelten Menschenpflänzchens machte, und sah dann zu dem Mann auf, von dessen Gesicht die innigste Überzeugung blickte. Ein merkwürdiger Mensch! Machte er nicht den Eindruck eines klugen, geistvollen Mannes? Und schien doch blind und urteilslos für das Nächstliegende. Frau Paula richtete sich eben in die Höhe und schloß ihre Bluse wieder, als das Kindermädchen, das mit unglaublicher Geschwindigkeit mit den Resten der Mahlzeit fertig geworden war, im Zimmer erschien. Sie nahm das Kind und brachte es in das benachbarte Schlafzimmer, während die drei Erwachsenen den Tisch abräumten und das Geschirr in die Küche trugen. Hier war bereits das warme Wasser bereit, und Frau Paula begann nach ihrer Gewohnheit abzuwaschen. Susanne ließ es sich nicht nehmen, ebenfalls ihre Hände ins Wasser zu tauchen, und Herr Reichelt machte sich nützlich, indem er Schüsseln, Teller, Messer und Gabel abtrocknete. In einer halben Stunde war die Arbeit unter vergnügtem Plaudern und Scherzen vollbracht. Der Redakteur machte sich fertig, um in die Redaktion zu gehen. »Soll ich dich um zehn Uhr abholen?« fragte er seine Frau. Aber sie wehrte ordentlich entrüstet ab. »Du weißt doch, daß ich das nicht mag, Emil. Ich bin doch kein Backfisch und keine Jungfer Margarete, kann ungeleitet nach Hause gehen. Du bleib' nur ruhig bei deinen Freunden! Ihr habt doch heute euren Diskussionsabend?« »Allerdings. Nach Redaktionsschluß komme ich noch einmal, um eine Kleinigkeit zu essen und nach dem Kinde zu sehen.« Er reichte Frau Susanne die Hand. »Danke auch meinerseits für freundlichen Besuch und für die liebenswürdige Hilfe«, sagte er herzlich. »Hoffentlich werden wir Sie nun öfter bei uns sehen.« VII. Als Susanne sich bald darauf verabschieden wollte, widersprach Frau Paula. »Nicht doch! Wir kochen uns noch eine schöne Tasse Kaffee und dann – ja, das ist eine Idee! Wollen Sie mich nicht heute abend in den Verein begleiten? Würde Sie das nicht interessieren?« »Allerdings!« Susannes Augen leuchteten begierig in ehrlichem Interesse auf, aber ein Schatten senkte sich gleich wieder auf ihr Gesicht, und sie ließ kleinmütig den Kopf hängen. »Es geht doch leider nicht.« »Nicht? Warum denn? ... Ach so, Sie fürchten, Ihr Mann wird es Ihnen nicht erlauben?« Ein deutlicher Spott klang aus der Stimme der Sprechenden und blitzte aus ihren Augen. Susanne errötete beschämt und protestierte eifrig. »Nein! Darum handelt es sich nicht. Was könnte er dagegen haben? Aber er würde sich doch beunruhigen, wenn ich ohne jede Mitteilung so lange ausbliebe.« »Nun, dann werde ich Ihnen einen Vorschlag machen. Gehen Sie also jetzt nach Hause und sagen Sie Ihrem Mann, daß Sie den Abend mit mir verbringen wollen. Dann kommen Sie halb acht spätestens zurück und wir gehen zusammen zum Unterricht. Indes kann ich auch meine Vorbereitung zu Ende bringen.« Susanne sagte freudig zu und machte sich auf den Heimweg. Eine erwartungsvolle Stimmung zitterte in ihr, das Vorgefühl eines interessanten, anregenden Erlebnisses und das, was seit Wochen und Monaten in ihr geschlummert hatte, fast erloschen zu sein schien, wurde mit einem Male wieder wach: der Sinn für geistige, ideale Interessen. Freilich, je näher sie ihrem Hause kam, desto mehr verflüchtigte sich die innere Gehobenheit. Was würde Eugen sagen? Sie hatte wohl bemerkt, wenn er auch nichts geäußert hatte, daß sich seine Stirn unmutig gekraust hatte, als sie ihm von ihrem Vorhaben gesprochen hatte, die Frau des Redakteurs der »Volksstimme« zu besuchen. Als sie nun mit klaffendem Herzen die Wohnung betrat, war er noch nicht von der Magistratssitzung zurück. Sie wartete ungeduldig in zunehmender Nervosität. Wie sollte sie sich verhalten, wenn er sie bat zu Hause zu bleiben, ja. wenn er vielleicht ihrem Wunsch ernstlich widersprach? Das Herz schlug ihr immer heftiger und banger. Doch Viertelstunde auf Viertelstunde verrann, ohne daß er erschien, und sie mußte sich endlich entscheiden, ob sie ohne ihres Mannes Einwilligung gehen oder ob sie verzichten und bei Frau Paula absagen lassen sollte. Unentschlossen schritt sie im Zimmer auf und ab. Was tun? Sollte sie sich vor ihren neuen Freunden lächerlich machen, indem sie sich wie ein Kind benahm, das ohne Erlaubnis keinen Schritt aus dem Hause zu tun sich getraute? Das Selbstgefühl regte sich in ihr und zugleich eine ungestüme Lust sich geistig zu betätigen. Die eben angeknüpfte Bekanntschaft mit dem Ehepaar Reichelt erschien ihr so wertvoll und versprach noch so anregende interessante Stunden, daß sie die Achtung und das Interesse der beiden hochherzigen, strebsamen, ideal gesinnten Menschen durch ihr Ausbleiben nicht aufs Spiel setzen mochte. Und wie genußvoll versprach nicht der Besuch der Arbeiterinnen-Bildungsschule zu werden! Ja, vielleicht ergab sich auch für sie daraus die Möglichkeit, ihre geistige Kraft und ihr Wissen in den Dienst einer guten Sache zu stellen. Ganz erfüllt von diesem Gedanken warf sie ein paar eilige Zeilen auf ein Blatt Papier, das sie auf den Tisch im Wohnzimmer legte, so daß der Heimkehrende es sogleich finden mußte. Voll Erwartung betrat sie eine halbe Stunde später an Frau Paula Reichelts Seite das Versammlungslokal der Arbeiterinnen-Bildungsschule, das Extrazimmer eines bescheidenen kleinen Restaurants. Etwa zwanzig Mädchen und Frauen, von denen die jüngste kaum achtzehnjährig schien, die älteste das vierzigste Lebensjahr gewiß schon überschritten hatte, waren anwesend und begrüßten ihre Lehrerin mit einem Gemisch von zutraulicher Herzlichkeit und achtungsvollem Respekt. Als Frau Paula ihre Begleiterin mit den Worten: »Eine gute Freundin von mir, frühere Studentin –« vorstellte, richteten sich aller Augen voll Neugier und sichtlicher Bewunderung auf die befangen Errötende. Darauf nahmen alle auf Stühlen Platz, Susanne unter den Schülerinnen, und Frau Paula begann ihren Vortrag. Heute war Literaturstunde, an anderen Abenden wurde außerdem im Schreiben und Rechnen unterrichtet und Geschichte, Naturkunde sowie etwas Nationalökonomie gelehrt. Susanne hatte im Anfang mit einer ablenkenden Zerstreutheit zu kämpfen, in die die ungewohnte Situation und die verschiedenen Empfindungen, die auf sie einstürmten, sie versetzten. Zum erstenmal in ihrem Leben saß sie zwischen einfachen Frauen, die augenscheinlich zum größten Teil den niedrigsten Volksschichten angehörten und deren Kleidern jener undefinierbare Arme- Leute-Geruch entströmte, der sich aus dem engen Zusammenwohnen vieler Menschen in schlecht gelüfteten Räumen, aus Mangel an Reinlichkeit und dem langen Tragen ein und derselben Kleidungsstücke erklärte. Aber das Unbehagen, das die Hospitantin während der ersten Minuten beschlich, verschwand bald unter anderen Eindrücken, die sich ihrer ganz bemächtigten und sie unempfindlich für äußere Einflüsse machten. Die Frau zu ihrer Rechten war, wenn auch sauber, so doch sehr dürftig gekleidet; ihr Gesicht zeigte deutliche Spuren des abstumpfenden, verbitternden und verhärmenden Kampfes ums Dasein, ihre Finger waren abgearbeitet und zerstochen. Wahrscheinlich eine Mäntelnäherin, die vom frühen Morgen bis zum späten Abend der schwersten, körperlich aufreibenden Arbeit oblag und die nun Müdigkeit und Sorgen zurückdrängte und besiegte, um sich ein paar Körner des Wissens, das ihr eine harte Kindheit und Jugend nicht vergönnt hatte, aufzupicken und das Sehnen ihrer Seele nach Aufrichtung und Erhebung, die ihr der wahrscheinlich verlorene Kinderglaube nicht zu gewähren vermochte, zu stillen. Aber die groben, bekümmerten Züge breitete sich mehr und mehr der verklärende Schein geistiger Anregung, seelischer Versunkenheit, die sie dem Jammer des bitteren Lebens entrückte und in die höheren reineren Sphären idealer Genüsse trug. Zu ihrer Linken saß ein noch jüngeres, besser gekleidetes Mädchen. Ihre Gesichtszüge hatten einen feineren Schnitt, aber ein körperliches Gebrechen der kleinen schmächtigen Gestalt, ein entstellender Höcker beeinträchtigte stark die sympathische Wirkung ihrer sonstigen Erscheinung. Das von der Natur so stiefmütterlich bedachte oder vielleicht infolge eines körperlichen Unfalles mißgestaltete arme Geschöpf schien sich hier für den Mangel an Freuden und Genüssen zu entschädigen, die andere junge Mädchen ihres Alters und Standes in der Liebe und auf Tanzböden und anderen geselligen Veranstaltungen fanden. Sie schien die lernbegierigste von allen und saß weit vornübergeneigt, die glänzenden Augen auf die Vortragende gerichtet und mit wahrer Andacht ihren Worten lauschend. Nur einige wenige unter den jungen Zuhörerinnen legten sich bequem in ihre Stühle zurück und zeigten uninteressierte, wenn nicht gar gelangweilte Mienen. Die meisten aber standen ganz im Bann der Vortragenden und gaben sich mit ganzer Seele und der naiven Begeisterung einfacher, leicht empfänglicher Gemüter dem Gegenstand des Vortrags hin. Frau Paula sprach über die klassische Periode der deutschen Literatur und schilderte eingehend, in schlichter, populärer, dem Verständnis der Zuhörerinnen angepaßter Weise und in fesselnden Einzelbildern das Weimarer Geistesleben zur Zeit Goethes und Schillers. Sie plauderte über ihren anregenden, sich gegenseitig dichterisch befruchtenden Verkehr und hob die charakteristischen Unterschiede in der Veranlagung und den Dichtungen der beiden Geistesheroen hervor und gab auch einige Einzelheiten über die persönlichen Schicksale und Verhältnisse Goethes und Schillers und ihrer Familien und Freunde, die die Frauen und Mädchen aus dem Volk natürlich besonders interessierten. Die Gesichter der Zuhörerinnen strahlten in immer glühenderer, begeisterterer Anteilnahme, ihre Augen leuchteten immer glänzender und verzückter. Auch in einzelnen Ausrufen und in lebhaften Fragen, die die Schülerinnen an die Lehrerin richteten, so oft dieselbe sich eine kurze Pause gestattete, machte sich der hingebende Eifer und der steigende Enthusiasmus Luft. Am bewegtesten aber war wohl die Seele der jungen Frau Bürgermeister, für die das alles ein ebenso ungewöhnliches, wie tief ergreifendes Erlebnis war. Die aus Hunger nach Bildung, aus einem religiösen Bedürfnis nach seelischer Läuterung und Erhebung quellende ehrliche andachtsvolle Hingabe dieser armen, abgearbeiteten, in der Not des Lebens gehärteten Proletarierinnen rührte sie tief, und der liebevolle Eifer und die feinfühlige und zugleich temperamentvolle Art, mit der die Vortragende die durstenden, schmachtenden Seelen zu fesseln, hinzureißen und ganz zu erfüllen verstand, erweckte ihre uneingeschränkte Bewunderung. Nach etwa einstündigem Vortrag erhob sich die Nachbarin Susannes, jene ältere arme Frau, die wie eine Mäntelnäherin aussah, um auf Paula Reichelts Aufforderung den Inhalt des Vortrages, so gut sie konnte, wiederzugeben. Wie die geistig Arme, Ungeübte, Befangene mit dem Ausdruck rang, wie ihr die Worte stockend, schwerfällig kamen und die Sätze sich lose, unbeholfen fügten und wie nun der Gegenstand und die in ihr glühende Begeisterung sie allmählich fortriß, wie sich die gebeugte, eckige Gestalt straffer, stolzer, selbstbewußter streckte, wie sie mehr und mehr aus sich herausging und die Perioden immer glatter und schneller flossen, das war so rührend und ergreifend, daß sich die Augen der mit gefalteten Händen, voll Spannung Zuhörenden mit Tränen füllten. Und als nun Paula Reichelt die Hospitantin bat, eines der unsterblichen Goetheschen Gedichte vorzulesen, da sprang sie freudig auf, nahm den Gedichtband, den die Lehrerin mitgebracht hatte, blätterte eine Weile und trat dann vor die erwartungsvoll zu ihr Aufschauenden. Mit tönender Stimme, sich mehr und mehr erwärmend an den klangvollen Rhythmen, dem edlen Inhalt und an den heller und heller zu ihr aufleuchtenden Blicken, las sie: »Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut! Denn das allein Unterscheidet ihn Von allen Wesen, Die wir kennen ...« Ihre weiche, modulationsfähige Stimme brachte alle Schönheiten der Dichterworte, die in ihrem eigenen Innern widerklangen, zur Geltung. Mit allen Sinnen war sie bei der Sache; der Anblick der verzückten Gesichter, die an ihren Lippen hingen, steigerte ihre Kraft und verlieh ihrem Ausdruck Innigkeit und Glut. Ihr Herz schlug im Gleichtakt mit den begeisterungsfähigen, leicht enthusiasmierten Herzen der schlichten Arbeiterinnen, und ihre Seele mischte sich mit den schwelgenden, entzückten, weihevoll gestimmten, gläubigen Seelen der Proletarierinnen, vor denen sich eine höhere Welt auftat, in der es keine Dürftigkeit und Niedrigkeit, kein Leiden und Entbehren, nichts Häßliches und Niederziehendes gab, sondern nur Schönheit und Hoheit, nur Glanz und Herrlichkeit, nur Güte und Liebe. »Der edle Mensch Sei hilfreich und gut! Unermüdet schaff' er Das Nützliche, Rechte, Sei uns ein Vorbild Jener geahneten Wesen!« VIII. Glühend vor Begeisterung, mit klopfenden Pulsen und schwingenden Nerven, machte sich Susanne gegen halb elf Uhr auf den Heimweg. Ein unendliches Wohlgefühl, innigste Genugtuung durchströmte sie in allen Adern. Das Bewußtsein, Gutes und Schönes getan, armen, dürftigen Gemütern zu Glanz und Freude verholfen zu haben, erhob und befriedigte sie. Hatte sie nicht soeben nach der Mahnung des Dichters gehandelt? »Edel sei der Mensch, Hilfreich und gut –.« Dem einen Gedicht waren andere gefolgt, auch einzelne Stücke aus dem »Faust« hatte sie den mit erhitzten Wangen und verklärten Mienen andächtig lauschenden Mädchen und Frauen aus dem Volke vorgetragen. Wie ein Prediger auf der Kanzel war sie sich vorgekommen, der die Mühseligen und Beladenen erquickt, die zagenden gepreßten Herzen höher und freier schlagen macht und die von kleinlichen, niedrigen Regungen beschmutzten Seelen läutert und reinigt. Und als sie endlich erschöpft und doch erhoben, gestärkt aufgehört, hatten die Hörerinnen sie stürmisch umringt und ihr dankbar die Hände gedrückt, und sie hatte ihnen das Versprechen geben müssen, wiederzukommen und ihnen einmal einen Vortrag über Studentinnenleben zu halten. Den Abglanz des inneren Glückes, das ihr der Abend bescheert hatte, noch auf dem rosigen, ausdrucksvollen Gesicht, betrat sie das Wohnzimmer, in dem ihr Mann ungeduldig auf sie wartete. Er kam ihr nicht wie sonst entgegen, er begrüßte und umfaßte sie nicht. Kalt, mit gerunzelten Brauen betrachtete er sie, die Arme über der Brust verschränkt. Sie eilte bestürzt auf ihn zu. Es war, als wenn sich ihr plötzlich ein dumpfer Druck auf die hochatmende Brust legte. »Bist du mir böse, Eugen?« »Ich dächte, ich hätte allen Grund dazu«, erwiderte er tadelnd, zurechtweisend. »Aber ich habe dir doch geschrieben –« »Ja, du hast mir einen Zettel hinterlassen mit der Mitteilung, daß du mit Frau Reichelt in die Arbeiterinnenbildungsschule gingst. Und damit mußte ich mich einfach zufrieden geben und mein Abendbrot allein verzehren, als wäre ich noch immer ein einsamer Junggeselle.« Sie faßte nach seiner Hand und sah ihn bittend in die noch immer zürnenden Augen. »Verzeihe! Wüßtest du nur, wie herrlich, wie prächtig es war!« Er sah ihr verwundert, kopfschüttelnd in das wieder aufstrahlende Gesicht. »Wie kamst du denn so plötzlich darauf?« Sie berichtete von Frau Paulas Aufforderung, von ihrer eigenen unbändigen Lust und Begierde, einmal eine Unterrichtsstunde in der Arbeiterinnenbildungsschule zu verbringen und schilderte dann, sich rasch wieder begeisternd, die erhebenden Eindrücke, die sie unter den Proletarierinnen empfangen hatte. Er hörte ihr aufmerksam, überrascht zu. Seine strengen, ärgerlichen Mienen glätteten sich; ein Lächeln erhellte und erheiterte sein ernstes, finsteres Gesicht und sanft seine Arme um ihre Taille schlingend, zog er sie an sich heran. »Du Kind, du Kleines, Liebes! Also so schön war es – wirklich? Nun, dann muß ich dir wohl Absolution erteilen.« Er setzte sich und ließ sie auf seinen Knien sitzen, streichelte ihr das erhitzte Gesicht, scherzte, lachte und küßte sie, während sie seine Liebkosungen mit einem zwiespältigen Gefühl hinnahm, halb erfreut, daß er ihr nicht mehr zürnte, halb gekränkt und verletzt, daß er sie wie ein Kind behandelte und mit ihr tändelte, während alles in ihr noch von heiligem Eifer fieberte. »Ja, ein Kind bist du mit deinem leicht empfänglichen, enthusiastischen Kinderherzen,« fuhr er, noch immer gutmütig lächelnd, fort, »das jeder Regung, jedem Impulse ohne weiteres nachgibt. Du hättest aber bedenken müssen, Schätzchen, daß du jetzt eine Frau bist, eine würdige Ehefrau, die Gattin des Bürgermeisters der Stadt, der auf seine Stellung allerlei Rücksichten zu nehmen hat.« Sie erhob unangenehm überrascht ihr Gesicht und sah ihn mit fragenden, unruhigen Blicken an. ,,Also ein andermal, Schatz,« sprach er, ernster werdend, weiter: »ein andermal erwäge zuvor, bevor du dich zu einer Handlung entschließest, ob du auch nicht damit deine Pflichten als Frau verletzest.« »Meine Pflichten, Eugen?« »Ja, denn erstens hast du eigenmächtig gehandelt, du hättest dich, bevor du der Aufforderung der Frau Reichelt nachkamst, meiner Einwilligung versichern sollen.« Susanne atmete schwer; ein Widerspruch stieg in ihr auf, aber sie kämpfte ihn hinunter und erwiderte ruhig, im Ton der Entschuldigung: »Das konnte ich doch nicht, Eugen, du warst doch nicht da.« »Dann hättest du eben verzichten und deiner Laune nicht nachgeben sollen.« Sie machte eine so ungestüme Bewegung, daß sein Arm und seine Hand von ihrer Hüfte fiel, und richtete ihren Oberkörper straff in die Höhe. Die Glut der Beschämung und des Unwillens schoß ihr in die Wangen und sprühte aus ihren Augen. »Einer Laune? Nein, Eugen, es war keine Laune von mir, es war viel, viel mehr, etwas viel Besseres, Höheres: das Verlangen zu nützen, einem größeren Kreise zu nützen, armen Stiefkindern der Gesellschaft eine Freude zu bereiten, ihnen von dem Schatz mitzuteilen, den ich habe in mir aufspeichern können und von dem sie ausgeschlossen sind. Ich fühlte mich so froh, so gut – es kann nichts Schlechtes gewesen sein, das mir einen so edlen schönen Genuß bereitet hat, und du solltest mich deshalb nicht schelten.« Sie hatte das erregt, hitzig, von tiefer Überzeugung durchglüht herausgesprudelt. Er streichelte sie wieder und erwiderte gelassen, als lohne es sich nicht, sich über die Sache zu erregen, immer mit demselben überlegenen, halb mitleidigen Lächeln: »Schlecht? Nein! An sich war es nicht schlecht, was du tatest. Und wenn du ein alleinstehendes Mädchen oder eine Witwe wärst, die auf niemand Rücksichten zu nehmen hat, dann könnte dich keiner tadeln. So aber, als meine Frau, hast du unrecht gehandelt, als du mit der Frau des Redakteurs der ›Volksstimme‹ den Arbeiterinnenbildungsverein besuchtest. Zu einem Verein mit solchen Tendenzen darfst du als Frau des Bürgermeisters nicht die geringsten Beziehungen unterhalten.« Sie sah erschrocken auf. Nicht die geringsten Beziehungen? Hatte sie nicht versprochen, einen Vortrag zu halten? Hatte sie sich nicht bereits darauf von Herzen gefreut? Und nun sollte sie ihr Versprechen brechen, weil ihr Mann zufällig Bürgermeister war? Hatte Ella recht: erniedrigte die Ehe, machte sie die Frau zur Leibeigenen des Mannes, die sich blindlings allen seinen Geboten zu fügen hatte, auch wenn sie ihr ungerecht und sinnlos dünkten? Sollte sie, weil sie Frau war, die besten, edelsten Regungen in sich ersticken? »Aber Eugen,« erwiderte sie, während die aufsteigenden Tränen sie in der Kehle würgten, »ich bin doch nicht nur deine Frau, ich bin doch auch ein Mensch für mich, mit eigenem Willen, mit eigenem Stre –« Er verschloß ihr den Mund mit seinem Kuß. »Liebes Kind, wir wollen uns doch nicht in eine Debatte über die Frauenfrage verlieren und wollen uns doch den Abend nicht mit abstrakten Spitzfindigkeiten verderben. Gewiß, in der Theorie magst du ja recht haben, aber leider läßt sich's nicht immer nach der Theorie leben. Das praktische Leben mit seinen Unzulänglichkeiten und seinen meinetwegen unlogischen Forderungen behält doch schließlich recht. Also komm, sei gut, verdirb dir und mir nicht die Laune! Ein verliebtes junges Ehepaar wie wir hat besseres zu tun, als miteinander zu disputieren. Schließlich hat doch eine schöne Frau wie du den Mund nicht bloß zum Sprechen, sondern auch –« Er lächelte sie zärtlich an; in seinen Blick trat jenes Flimmern und Funkeln, das sie sonst immer mit süßen, seligen Schauern erfüllt hatte. Heute stieß es sie ab, und als er sich zu ihr hinabneigte und sie fester in seine Arme ziehen wollte, riß sie sich heftig los und sprang auf ihre Füße. »Nein, laß mich!« rief sie, als er wieder nach ihr greifen wollte, »ich bin kein Kind, das man mit einer Liebkosung abspeist. Fühlst du denn nicht, daß du mich beleidigst, wenn du mir statt logischer Gründe fade Schmeicheleien sagst? Ich verlange, daß du ernst mit mir sprichst und dich bemühst, mich zu überzeugen. Ich sehe nicht ein, was deine amtliche Stellung mit meinen privaten Neigungen und Bestrebungen zu tun hat.« Er machte eine Bewegung des Unmuts; seine Brauen zogen sich finster zusammen. Zögernd erhob er den Blick zu ihr. Sie stand ein paar Schritte von ihm entfernt, hoch aufgerichtet; ihr Gesicht war blaß, in ihren feinen weichen Zügen zitterte die tiefste Bewegung; ihre Nasenflügel bebten; ihre Augen funkelten. Er betrachtete sie mit einer Mischung von Ärger und Bewunderung. Die letztere siegte; er hatte sie noch nie in diesem Zustand gesehen, der ihr einen eigenen Reiz verlieh. Lebhaft erhob er sich. »Wenn du nur wüßtest, wie hübsch du so bist!« Er wollte mit ausgebreiteten Armen auf sie zugehen. Aber sie wich mit einem so starken Ausdruck der Entrüstung, ja, des Abscheus zurück, daß er instinktiv stehenblieb, während seine Arme langsam herabsanken. »Also schön! Disputieren wir!« sagte er achselzuckend, vernehmlich seufzend. »Du wunderst dich und bist entrüstet, daß ich verlange, du möchtest Rücksicht auf meine amtliche Stellung nehmen. Ja, ist mein Interesse nicht das deine? Meine Vorgesetzten und die amtlichen Kreise, mit denen ich zu tun habe, zum Beispiel: der Landrat und der Regierungspräsident würden es mir sehr verargen, wenn ich zugeben würde, daß du Vorträge in dem Arbeiterinnenbildungsverein hältst.« »Aber was geht es denn die Herren an, was ich tue? Ich bin doch nicht Bürgermeister. Und maße ich mir denn das Recht an, dich in deinem Verkehr zu kontrollieren? Verlange ich denn von dir, daß du deine freundschaftlichen Beziehungen zu dem Landrichter Wolter aufgibst, weil er einmal sehr rückständige, verletzende Ansichten à la Dr. Möbius über die Inferiorität der Frau geäußert hat?« Er lächelte, wieder in seiner überlegenen und gewissermaßen nachsichtigen Weise, die sie in ihrer erregten, empörten Stimmung sichtbar nervös machte. »Aber das ist doch etwas ganz anderes, Kind. Was ich als Mann darf, ziemt dir doch nicht als Frau. Die Stellung von Mann und Frau in der Ehe ist doch grundverschieden, äußert sich das nicht schon charakteristisch und bestimmend in der Tatsache, daß die Frau den Namen des Mannes annimmt und nicht umgekehrt? Und mehr: räumt man nicht, wenigstens bei uns in Deutschland, der Frau die soziale Stellung, die Würde, ja auch den Titel ihres Mannes ein? Und Rang verpflichtet. Die Frau eines Beamten hat sich in vielen Dingen vorsichtiger, zurückhaltender zu benehmen, als eine einfache Bürgers- oder Arbeitersfrau, sie muß sich in all ihrem Tun und Lassen bewußt sein, daß sie nicht nur auf ihre eigene private Ehre, sondern auch auf die Ehre ihres Gatten und auf seine offizielle Stellung Rücksicht zu nehmen hat. Das ist doch nicht meine Erfindung, wie du anzunehmen scheinst, sondern ein uraltes, allgemein anerkanntes Prinzip. Und du allein kannst und darfst dich doch davon nicht ausschließen, Kind.« Sie ließ ihre Arme, die sie vorher mit einer entschlossenen Bewegung über der Brust gekreuzt hatte, schlaff herabsinken. Seine ernsten, unwiderleglich, mit der Kraft der Überzeugung ausgesprochenen Ausführungen machten einen ersichtlichen Eindruck auf sie. Ihr Oberkörper, der eine straffe, fast kampfbereite Haltung angenommen hatte, sank förmlich in sich zusammen. Ihre trotzigen, zornig erregten Mienen nahmen einen mutlosen, schwermütigen Ausdruck an; ihre Stimme klang müde, resigniert. »Dann muß ich also alles eigene geistige Leben, jeden eigenen Willen aufgeben und jede individuelle Regung in mir ertöten und mich nur noch als dein Schatten, deine Magd fühlen?« Die Tränen traten ihr in die Augen; sie lehnte sich gegen das Vertikow, bis zu dem sie von ihm geflohen war, und verhüllte ihr Gesicht in den Händen. »Aber Liebste, Einzigste!« fiel er weich, begütigend ein. »So darfst du doch die Sache nicht ansehn.« Er näherte sich ihr rasch, zog ihr die Hände herab und umschlang sie sanft. »Sieh mal, du hast mich doch lieb, nicht wahr?« Er fühlte, wie sie sich in seine Arme schmiegte. »Nun also, da mußt du doch auch den Wunsch haben, daß ich vorwärtskomme. Ich will doch einmal Oberbürgermeister werden. Dazu brauche ich nicht nur das Vertrauen der Bürgerschaft, sondern auch das Wohlwollen der Behörden. Nicht aus Zwang, aus Notwendigkeit, aus eigenem freien Entschluß, aus Liebe zu mir mußt du dich hüten, Dinge zu tun, die meinen Berufsinteressen hinderlich wären.« »Ach, Eugen!« flüsterte sie, und aus ihrer Stimme war jede Nuance von Trotz und Erbitterung geschwunden. Er faßte sie unter, und Arm in Arm wanderten sie langsam im Zimmer auf und ab. Schweigend, sinnend blickte er eine Weile vor sich hin. Plötzlich hob er sein Gesicht, das Aufblitzen eines erlösenden Gedankens huschte darüber hin. »Mir fällt etwas ein!« rief er freudig. »Du sollst nicht denken, daß ich dich hindern will, dich geistig zu betätigen und deine guten Gaben und Kenntnisse nutzbar zu machen in einer angemessenen Weise, die dich und mich nicht kompromittiert. Halte Vorträge, arbeite, rege an! Aber es muß ja nicht gerade bei Menschen sein, die mir, die uns feindlich gegenüberstehen. Suche dir doch in unserm Verkehrskreise Frauen und Mädchen, die geistig weiter wollen. Ich stehe durchaus nicht auf Landrichter Wolters Standpunkt und bin gewiß nicht dagegen, daß unsere Frauen und Töchter eine bessere, umfassendere Bildung sich anzueignen streben, als ihnen die Mädchenschule bisher vermittelt hat. Und ich habe es immer dankbar und freudig empfunden, daß ich mich mit dir über Dinge unterhalten kann, für deren Verständnis die gewöhnliche Mädchenschulbildung nicht ausreicht.« Er nahm im Eifer ihre Hand und drückte sie herzlich, aufmunternd. »Also schließe dich mit Frauen und Mädchen, die auf derselben gesellschaftlichen Stufe stehen wie du, zusammen, gründet einen Verein, arrangiert Vorträge über Themata, von denen auch eine Frau heutzutage etwas wissen sollte: sagen wir über die soziale Frage, über Nationalökonomie, über öffentliches Recht und so weiter.« Wie Sonnenschein strahlte es über ihr Antlitz, aber die Erinnerung an den Damenkaffee bei der Frau Oberbürgermeister und an verschiedene andere Kaffees, denen sie inzwischen beigewohnt, entmutigte sie rasch. »Ach, Eugen, glaubst du wirklich, daß das ginge, daß sich genügende Beteiligung finden würde?« »Warum denn nicht? Das was gut und vernünftig ist an der Frauenbewegung, setzt sich immer mehr durch. In allen Kreisen regt sich bei den Frauen der Drang nach Wissen. Mit Recht! Ich bin nicht der Ansicht meines Freundes Wolter und des Regierungsassessors von Wernitz, die da meinen, die Frau brauche nur schön und anmutig zu sein, die Dummheit schade ihr in der Wertschätzung des Mannes nichts. Ich halte die Dummheit nicht für ein untrennbares oder gar schätzenswertes Attribut der Frau.« Er lächelte und strich mit der Rechten liebkosend über ihren Scheitel. »Ich sehe dich schon, wie du auf der Rednertribüne stehst, und die Frauen und Mädchen sitzen dir zu Füßen und lauschen andachtsvoll deinen belehrenden Worten ...« Das Herz schwoll ihr höher. Vergessen war, was sie noch vor wenigen Minuten mit Bitterkeit und Widerstreben erfüllt hatte. Nein, es war nicht wahr, die Ehe zog nicht hinab, und Eugen war kein selbstischer Tyrann, der in der Frau nur das Anhängsel, die Dienerin sah, von der er bedingungslose Unterwerfung forderte, oder die Geliebte, die nur zu seinem Vergnügen da war. Sie reckte sich zu ihm empor und bot ihm willig ihre Lippen. Und er preßte sie stürmisch an sich und küßte sie lange und leidenschaftlich. Endlich machte sie sich mit zerzaustem Haar von ihm los und nahm einen Stuhl und setzte sich ihm gegenüber. »So, nun laß uns einmal beratschlagen!« Dann begann sie, ganz bei der Sache, ganz erfüllt von der Wichtigkeit ihres Vorhabens, ein Programm aufzustellen. Er hörte ihr zerstreut zu und warf ab und zu ein paar Worte ein. Aber seine Augen waren mehr beschäftigt als seine Ohren. Unverwandt ließ er seine Blicke auf ihren lieblichen Zügen ruhen, die ganz durchstrahlt und verklärt waren von der inneren Geschäftigkeit, die ihrem Teint eine lebhaftere Färbung, ihren Augen einen intensiveren Glanz, ihrem Körper eine straffere Haltung, elastischere Bewegungen gab. Wie plastisch und reizvoll sich die Konturen ihrer in der Ehe voller erblühten Formen in dem enganschmiegenden Kleide markierten! »Wie schön sie ist!« dachte er. Und seine Zerstreutheit und seine stille Ungeduld wuchsen, bis er endlich aufsprang und zu ihr hinübereilte. »So, Schatz, nun ist's genug des trocknen Tones! Den ganzen Nachmittag und Abend habe ich mich nach dir gesehnt, nach deinen süßen Lippen.« Und wenn sie sich auch im ersten Moment verletzt fühlte und es sich wie unwillige Abwehr in ihr regte, so ganz vertieft war sie in ihre Gedanken gewesen, seinem Ungestüm und seiner Verliebtheit war schließlich nicht zu widerstehen. Sie waren ja doch erst ein paar Wochen verheiratet. Und auch über ihr schlugen die Wogen der Liebe zusammen. IX. Am anderen Tage erinnerte sich Susanne mit einer peinlichen Empfindung des Versprechens, das sie Frau Paula Reichelt und den Schülerinnen und Mitgliedern der Arbeiterinnenbildungsschule gegeben hatte. Sie hatte ihrem Mann noch gar nichts davon gesagt und nach dem, was er gestern bei ihrem Nachhausekommen geäußert hatte, wagte sie auch jetzt nicht, auf ihr Vorhaben, den Arbeiterinnen einen Vortrag zu halten, zurückzukommen. Mit stillem Bedauern sagte sie sich, daß ihr nichts übrigbliebe, als abzusagen. Ihr erster Entschluß war, unter irgendeinem Vorwande abzuschreiben, aber sie schämte sich, das Ehepaar, das ihr mit ehrlichem Freimut, mit so ungekünstelter Offenheit und Herzlichkeit entgegengekommen war, durch eine feige, frivole Lüge zu täuschen. Und so teilte sie Frau Paula in einem längeren Schreiben mit, daß zwingende Rücksichten sie leider verhinderten, ihr Versprechen einzulösen. Vergebens wartete sie auf ein paar bedauernde und tröstende Zeilen. Paula Reichelt ließ nichts von sich hören. »Das Schweigen der Verachtung!« sagte sich Susanne, und eine heiße Scham, ein stachelnder Schmerz durchzuckte sie. Als sie Frau Paula ein paar Tage später auf der Straße begegnete, eilte sie auf sie zu, obgleich die andere tat, als sähe sie sie nicht und offenbar ohne Gruß vorüber wollte. »Sie sind mir doch nicht böse, liebe Frau Reichelt?« fragte sie herzlich. »Böse?« Die ihr Gegenüberstehende sah sie mit einem ungewissen, halb schmerzlichen, halb zürnenden Blick an. »Allerdings, ich habe, offen gestanden, von Ihnen etwas anderes erwartet.« »Etwas anderes? Aber was hätten Sie denn in meiner Lage getan?« »Das fragen Sie noch? Sie kennen doch meine Ansichten. Ich hätte mir einfach von meinem Mann verbeten, sich in meine eigensten Angelegenheiten zu mischen. Näher als mein Mann stehe ich mir selber.« »Aber wenn es dann zum Konflikt gekommen wäre?« Die Frau des Redakteurs zuckte mit ihren Schultern, und ein Zug trotziger, fanatischer Energie prägte sich um ihre Mundwinkel aus. »Dann hätte ich eben die Konsequenzen gezogen. Ich lasse mir von keinem Menschen etwas befehlen, auch von meinem Manne nicht. Wenn ich als freier Mensch, als mein eigner Herr nicht neben ihm leben kann, dann eben ohne ihn. Da gibt's für mich kein Besinnen.« Ein stilles Frösteln und Schaudern rann durch den Körper der Zuhörenden, und sie wußte nicht, sollte sie über die vor ihr Stehende den Kopf schütteln oder sollte sie sie bewundern. Das freilich empfand sie klar, als sie sich nach einigen weiteren gezwungenen Reden getrennt hatten, daß die Anschauungen der anderen für sie keine Geltung haben konnten. Ohne Eugen leben – hieße das nicht das Köstlichste, Süßeste aus ihrem Leben streichen? Mit um so größerem Eifer widmete sich Susanne der Ausführung der Idee, die ihr Mann in ihr angeregt hatte. Er ließ ein Zirkular, das sie zusammen aufgesetzt hatten, vervielfältigen, und sie sandten es an eine größere Anzahl von Damen der besseren Gesellschaftskreise der Stadt. Die ihr bekannten Familien suchte Susanne persönlich auf. Die Väter und Mütter hatten nichts dagegen, wenn auch einige der älteren Herrschaften ihre Ausführungen mit skeptischem Lächeln anhörten. Die jungen Damen erklärten sich meist mit dem Feuereifer und dem Enthusiasmus bereit, die junge Leute, besonders weiblichen Geschlechts, allem Neuen, Außergewöhnlichen entgegenbringen. Man kam sich so wichtig und so modern vor. Frauenbildung, Frauenstudium – das war ja das Neuste, Modernste, das war geradezu fashion ! Da konnte man sich doch nicht ausschließen, wollte man nicht altmodisch, zurückgeblieben erscheinen. Die jungen Damen freuten sich schon, künftig auf Bällen und gesellschaftlichen Veranstaltungen ihren Tänzern mit den Kenntnissen zu imponieren, die sie sich bei den wissenschaftlichen Vorträgen aneignen würden. Auch ihre Cousine, Adele Portig, suchte Susanne auf. Die schöne Frau nickte sogleich zustimmend. »Gewiß. Mache ich mit. Ich bin immer dabei, wenn es eine neue Unterhaltung gibt. Nur mußt du die Vorträge so legen, daß man nichts Wichtigeres versäumt. Ich bin schon Mitglied des Eislaufvereins und des Tennisklubs. Sage mal, was zieht man denn bei einer so ernsten Chose am passendsten an?« »Aber das ist doch ganz gleichgültig«, erwiderte Susanne lächelnd. »Gleichgültig? Das sage nicht. Zu den Erfordernissen einer Dame von Welt gehört unbedingt, daß sie bei allen Veranstaltungen taktvoll auch das passende Kostüm zu wählen versteht. Ich denke mir am besten: dunkler Tuchrock, helle Seidenbluse, natürlich bis oben geschlossen.« Als Susanne sich eilig wieder davonmachen wollte, hielt die andere sie noch mit einer Frage zurück. »Apropos, Herren sind doch natürlich auch dabei?« »Als Vortragende ja, das ließ sich nun mal nicht umgehen. Als Zuhörer aber nehmen wir nur Damen auf.« Da zeigte die schöne Frau eine enttäuschte, bedenkliche Miene. »Schade! Ohne Herren ist's immer nur etwas Halbes. Na, jedenfalls kann man sich's ja mal ansehen ...« Susanne war durch das Unternehmen sehr in Anspruch genommen. Außer den Besuchen ruhte auch die sonstige Organisation des neuen Unternehmens fast allein auf ihren Schultern, denn die andern Komiteedamen gaben zwar gern und eifrig die Erlaubnis, daß ihre Namen in den Zeitungen der Stadt genannt wurden, aber mit der Übernahme der Mühen, die mit dieser Würde doch eigentlich verknüpft war, hatten sie es nicht so eilig. So mußte Susanne auch die schwierige Aufgabe, die nötigen Vortragskräfte zu gewinnen, fast allein auf sich nehmen. Für den ersten Abend – die Vorlesungen sollten wöchentlich einmal stattfinden – hatte ein Justizrat, der Vertreter des Kreises im Reichstag, ein älterer Herr, zugesagt. Er wollte nach dem einleitenden Vortrag über den Zweck und die Ziele des Vortragskursus, den Susanne übernommen hatte, über »Einführung in das Studium der Nationalökonomie« sprechen. Susanne nahm ihre Aufgabe, ihrer Natur gemäß, sehr ernst. Mit ganzer Seele und all ihren geistigen und körperlichen Kräften gab sie sich der Sache hin. Wenn sie ermüdet von ihren Gängen nach Hause zurückkehrte, setzte sie sich an den Studiertisch, um sich für ihren Vortrag vorzubereiten, und Herr Kamberg war nahe daran, seinen Einfall zu verwünschen. Nicht nur, daß er sie häufig, wenn er vom Amte nach Hause kam und es ihm nach ihrem freundlichen Gesichtchen, nach ihrer lieben hellen Stimme, nach ihrem anmutigen, zärtlichen Wesen verlangte, nicht antraf, weil sie wieder einmal irgendeine dringende Besorgung zu erledigen hatte, auch wenn sie anwesend war, hatte er nichts von ihr, denn sie saß an ihrem Schreibtisch, die Feder in der Hand, eine Anzahl aufgeschlagener Bücher neben sich. Und wenn er dann an sie herantrat und sie begrüßte, nickte sie zerstreut, ohne sich, wie sonst, an ihn zu hängen und ihm zum Willkommen ihre Lippen zu bieten. Ihre gefurchte Stirn, ihre nachdenklichen, sorgenvollen Mienen, die gebückte Haltung und das in die Bücher begrabene grübelnde Gesicht boten keinen schönen Anblick, auch fand er, daß sie von Tag zu Tag blasser wurde und auch in ihrem ganzen sonstigen Wesen einen müden, abgespannten Eindruck mache. Wenn er gelegentlich einen Spaziergang zur Erholung vorschlug und sie an den Händen faßte, um sie mit sanfter Gewalt von ihrer Arbeit hinwegzuziehen, zeigte sie eine ihm neue Eigenschaft: sie wurde nervös, ungeduldig und brauste ärgerlich auf: »Aber so laß mich doch! Du siehst doch, daß ich zu tun habe.« Umsonst waren alle seine Hinweise auf ihre Gesundheit und auf die Pflichten gegen sich und gegen ihn. »Willst du, daß ich mich und dich blamiere?« erwiderte sie heftig. »Meine Pflicht gegen mich und dich ist, das, was ich mit deiner Einwilligung angefangen habe, auch mit allem Ernst und aller Gründlichkeit zu Ende zu führen.« Endlich war der große Tag gekommen. Der kleine Saal, der zur Abhaltung der »Frauenbildungskurse« gemietet worden, war gut gefüllt. Fast alle Familien der guten Gesellschaft der Bezirksstadt waren in ihren Frauen und Töchtern vertreten. Schon an den eleganten, geschmackvollen Toiletten konnte man erkennen, daß man sich in einem erlesenen Kreise vornehmer Damen befand. Susanne freilich, die im einfachen dunklen Reformkleide an das kleine Pult trat, das auf der Estrade aufgestellt war, konnte ein leises Mißbehagen nicht unterdrücken, als sie einen Wald von Hüten vor sich sah, darunter wahre Wagenräder, die ihr vollständig die Gesichter ihrer Trägerinnen entzogen. Dennoch riß sie, wenn sie auch anfangs etwas unsicher und leise einsetzte, der Gegenstand mit sich fort und immer klarer und vernehmlicher klang ihre Stimme durch den Saal und ihrem bewegten Klange war anzuhören, daß das, was sie sprach, aus dem Innersten ihrer Seele kam. Sie gab eine kurze geschichtliche Übersicht der Frauenbewegung und nannte die Frauenemanzipation eine der am tiefsten gehenden und weitest wirkenden Revolutionskämpfe der Weltgeschichte. Viel sei schon erreicht, aber noch viel mehr müsse erstrebt werden. Die moderne Frau könne und dürfe sich nicht mehr mit ihrem Sinnen und Trachten, mit ihrem Wirken und Sorgen auf den Familienkreis beschränken. Heute müsse jeder Mensch, so Mann und Frau, und die Frau der vornehmen Stände mehr als alle anderen, an den sozialen Aufgaben der Zeit teilnehmen. Deshalb müsse man sich auch in erster Linie mit denjenigen Zweigen der Wissenschaft beschäftigen, die einen fähig machen, einen Einblick in die soziale Bewegung der Gegenwart zu gewinnen. Es sei charakteristisch für unsre Zeit, daß die Welt widerhalle von den Ermahnungen zu handeln und daß die Ansicht, es sei sittliche Pflicht jedes Menschen, zu arbeiten, sich nützlich zu machen, nicht nur zu Hause, sondern für die Allgemeinheit, immer mehr an Boden gewinne und in das Bewußtsein der Menschen übergehe. Daher wohl auch vielfach die Unzufriedenheit, die man so oft an unsern jungen Damen beobachten könne, die wohl das instinktive Gefühl, nutzlos zu leben, bedrücke. Ja. für das junge Mädchen sei es in der Zeit zwischen Schule und Heirat im Interesse ihrer Charakterbildung geradezu verderblich, wenn sie ohne ernste geistige Arbeit bleibe und höchstens als Dilettantin allerlei Liebhabereien betreibe und im Vergnügen ihren Lebensinhalt finde. »Nein, dazu ist die Zeit zu ernst«, rief die Rednerin mit blitzenden Augen, ganz von dem Gegenstand ergriffen und fortgerissen. »Neue Ideen, neue Anschauungen ringen sich empor, ringsherum kämpft alles in brausendem Lebensmeer, und wir sollten die Hände in den Schoß legen und uns mit der Drohnenexistenz begnügen, die man dem jungen Mädchen, der Frau der Gesellschaft bisher zugewiesen hat? Nein, wir können und wollen uns nicht länger ausschließen lassen von dem Glück geistiger und künstlerischer Genüsse jeder Art, von der Genugtuung des Handelns aus eigenem Willen, unter eigner Verantwortung, von der Freude der Arbeit im Dienste einer großen Idee. Die Frauenbewegung läßt sich nicht mehr zurückhalten, sie marschiert unaufhaltsam vorwärts. Wer weiß, welche Möglichkeiten sich uns und denen, die nach uns kommen, noch erschließen werden! Wir lassen uns nicht damit abspeisen, daß man uns ein paar Berufe freigibt, ein paar Brotstellen für unverheiratet bleibende höhere Töchter. Wir wollen weit, weit mehr: wir wollen teilnehmen an allen Fragen des Menschenlebens, an den höchsten und tiefsten Problemen der Zeit. Darum müssen wir uns wappnen mit der Rüstung der Wissenschaft, untertauchen in alle Tiefen des Lebens – nichts Menschliches sei uns fremd!« Schon ein paarmal war während Susannes Rede das Rauschen und Murmeln der Zustimmung und Anteilnahme durch die Reihen der Zuhörerinnen gegangen, jetzt, nach dem mit voller Lungenkraft, mit ansteckender Begeisterung in den Saal geschmetterten Schlußsatz, klatschten die enthusiasmierten jüngeren Damen lebhaften Beifall. Aber auch die älteren Frauen erhoben sich und umringten die Vortragende, als sie vom Podium in den Saal hinabgestiegen war, und beglückwünschten sie mit lobenden Ausrufen: »Sehr hübsch! Sehr nett! Uns ganz aus der Seele gesprochen!« Sogar Frau Adele, auf deren zierlichem Köpfchen auf kunstvoll aufgebautem Lockengewirr sich der gewaltigste Hut im ganzen Saal schaukelte, war offenbar angenehm überrascht und platzte mit seltener Aufrichtigkeit heraus: »Du, das war ja gar nicht so langweilig wie ich dachte! Schick hast du gesprochen, wirklich totschick!« Und dann deutete sie mit sichtlichem Stolz auf ein elegant in Samt gebundenes Buch und den Bleistift mit goldenem Stiel, den sie zwischen den mit zahlreichen, blitzenden Brillantringen geschmückten Fingern hielt: »Sieh' mal, ist das nicht stilvoll?« Susanne fühlte sich in so gehobener, glückseliger Stimmung, daß sie nur nachsichtig lächelte. Es war nicht nur die Nachwirkung der eigenen Begeisterung, in die sie sich hineingeredet hatte, es war auch der Anblick der strahlenden, lächelnden, freundlich nickenden Gesichter, die sie umgaben und der freudigen, zum Teil ekstatischen Zurufe, die an ihr Ohr klangen. Ja, es war ein voller Erfolg, und das Hochgefühl, verstanden zu sein von kongenial empfindenden Seelen, sich auf dem rechten Wege zu wissen, ließ ihr Herz höher schlagen. Da betrat ein älterer Herr das Podium und schritt langsam schlürfend, mit gesenkten Schultern, auf das Rednerpult zu. Sogleich legten sich die Wogen der Aufregung; man setzte sich, mit neugierigen, zum Teil mit kritischen und argwöhnischen Blicken hinaufschauend. Einige der eifrigsten schlugen die mitgebrachten Schreibhefte und Notizbücher auf und setzten sich, mit dem Bleistift in der Hand, zurecht. Auch Susanne nahm in einer der vordersten Reihen Platz, erwartungsvoll, lernbegierig. Der Justizrat und Reichstagsabgeordnete begann: »Die Nationalökonomie oder politische Ökonomie ist die Wissenschaft, welche die volkswirtschaftlichen Erscheinungen beschreiben, in ihren Ursachen erklären und in ihrem Zusammenhange mit den andern Elementen des staatlichen Lebens begreifen will. Unter Volkswirtschaft verstehen wir den Inbegriff der in einem Staate vorhandenen, durch Arbeitsteilung und Tauschverkehr miteinander verbundenen Einzel- und Korporationswirtschaften ...« So ging es weiter in ruhig, gleichmäßig dozierendem Ton und obwohl sich der Vortragende bemühte, möglichst einfach und leicht verständlich zu sprechen, es war doch alles trockne, theoretische Wissenschaft. Susanne, ganz von dem Drange beherrscht zu lernen und mit ihrem in anhaltender, ernster Denkarbeit geschulten Geist folgte mit ebenso großem Eifer wie Verständnis. Über ihr Buch gebeugt saß sie und füllte Blatt um Blatt mit Notizen, nur ab und zu sich einen kurzen Blick nach dem Redner gönnend. Und so entging es ihr vollständig, wie ringsherum die Gesichter immer länger wurden, wie man einander fragend, beobachtend, blinzelnd oder gar spöttisch ansah, wie sich die Hände immer häufiger zum Munde emporreckten, um ein Gähnen zu verdecken, wie die Züge immer schlaffer und schlaffer wurden, wie die traurigste, ödeste Langeweile immer mehr Opfer fand. Manch eine machte wohl ab und zu einen krampfhaften Versuch, Interesse zu markieren oder auch sich ehrlich abzuzwingen und rückte sich, angestrengt horchend, in eine vornübergeneigte Haltung, aber auch die Tapferste und Willigste sank schließlich überwunden, widerstandslos, völlig abgespannt in die Stuhllehne zurück. Erst als endlich nach einer langen, langen Stunde der Vortragende den letzten Satz gesprochen, kam wieder Leben und Bewegung in das apathische Auditorium. Fast noch lauter und freudiger als nach Susannes Rede klatschten sie Beifall. Wie ein Aufatmen kam es über alle und frohe Genugtuung drückte sich in aller Mienen aus. Freilich, kaum hatte sich der Herr Justizrat durch die Tür, die vom Podium direkt zum Ausgang führte, entfernt, da erstaunte Susanne über die Veränderung, die urplötzlich im Aussehen und Benehmen ihrer Mithörerinnen vor sich ging. Die Feinfühligeren und Zurückhaltenderen begnügten sich einander mokant lächelnd, achselzuckend anzusehen. Andere rieben sich die blinzelnden Augen, die sie bisher nur mit Anstrengung offen gehalten, reckten sich und gähnten so anhaltend und heftig, als könnten sie sich vor Müdigkeit nicht lassen. Frau Adele Portig aber machte ihrer Empfindung offenherzig Luft. »Gott sei Dank! Ich dachte schon, es würde überhaupt kein Ende nehmen. Nein zum Auswachsen war's!« Susanne war so überrascht und bestürzt, daß sie sich fragend, zweifelnd umsah. Aber überall begegnete sie denselben unendlich gelangweilten, entrüsteten oder beistimmend zu der schönen Fabrikbesitzersgattin hinüberlächelnden Gesichtern. Keine einzige, die auch nur mit einer Silbe über den Inhalt des Gehörten sich äußerte. Nur ein paar Damen vom Komitee traten an Susanne heran und drückten ihr schweigend die Hand, mit Mienen, die aussahen, als wollte man ihr kondolieren. Susanne wandte sich traurig ab und schritt langsam, mit gesenktem Blick, als scheue sie sich, den Augen der anderen zu begegnen, dem Ausgang zu. In der Vorhalle erwartete sie ihr Mann. Das strahlende Lächeln, mit dem er sie begrüßte, drückte die Freude aus, sie wiederzuhaben. Sie aber runzelte die Stirn und zog mißmutig ihre Augenbrauen zusammen. »Warum holst du mich ab? Bin ich denn ein Kind?« Er sah sie überrascht an. »Aber Susanne! ... War's denn nicht interessant?« Sie zuckte stumm mit den Schultern; die hastigen, ruckartigen Bewegungen, mit denen sie ihr Jackett anzog, bekundeten ihre Erregung deutlich. Er verstand. Als er mit Susanne allein dem Heim zuschritt, meinte er begütigend: »Vielleicht war das Thema nicht gut gewählt, vielleicht war es doch zu abstrakt für den Anfang.« Sie warf spöttisch die Lippen auf. »Sollten wir uns vielleicht über die neueste Mode oder über die Kunst, einen Mann zu erobern, unterrichten lassen?« Er erwiderte nichts, denn er sah, daß sie sich in einer gereizten Stimmung befand, in der sie jeder Widerspruch nur noch mehr erbitterte. Zu Hause wollte er sie tröstend an sich ziehen, aber sie riß sich los und lief in ihr Zimmer, das sie hinter sich verriegelte. Lauschend hörte er, daß sie weinte. »Tränen!« dachte er mitleidig und doch mit lächelnder Genugtuung – »die Waffe und der Trost der Kinder und Frauen. Gottlob, daß sie noch Weib ist, echtes Weib!« ... Mit geheimem Bangen sah Susanne dem zweiten Vortragsabend entgegen. Das Thema war schon bestimmt. Ein Gerichtsassessor hatte es übernommen, über die soziale Gesetzgebung zu sprechen. Acht Damen waren es, die sich einfanden, während bei der Eröffnung des Kursus mindestens fünfzig Zuhörerinnen anwesend gewesen. Es waren ausnahmslos junge Damen um die Mitte der Zwanzig herum, und Susanne fiel es auf, daß sich in aller Mienen etwas Erwartungsvolles, Gespanntes, eine angenehm angeregte Stimmung ausprägte. War es das Thema, das den Damen ein so unverkennbares lebhaftes Interesse einflößte? Aber eine andere Wahrnehmung, die Susanne machte, regte Zweifel und leisen Argwohn in ihr an. Die Damen hatten diesmal viel sorgfältiger Toilette gemacht, als am ersten Vortragsabend. Sie waren alle in lebhafte Farben gekleidet, ja, die Bluse mit Ausschnitt oder durchsichtigem Spachteleinsatz und halblangen Ärmeln war vorherrschend. Ungefähr die Hälfte der Hörerinnen hatte die Hüte abgelegt und ab und zu senkte die eine oder andere der jungen Damen ihr Köpfchen und drehte es mit dem Ausdruck der Selbstgefälligkeit nach rechts und nach links und zupfte an Spitzchen, Schleifchen und Löckchen, und die Beobachtende bemerkte, daß es ein Taschenspiegel war, den die Eitlen verstohlen auf ihrem Schoß hielten, um eine letzte Musterung vor Erscheinen des Vortragenden vorzunehmen. Susanne ärgerte sich, daß sie, als der Vortrag endlich begann, zerstreut war und nur mit halbem Ohr hinhörte, obgleich doch gerade dieses Thema sie interessierte und sie sich vorgenommen hatte, sich kein Wort entgehen zu lassen, um sich möglichst gründlich über die ihr so wenig bekannte Materie zu informieren. Aber ihre Blicke richteten sich immer wieder beobachtend auf ihre Mithörerinnen, und was sie sah, diente nicht, Aufmerksamkeit und geistige Sammlung bei ihr aufkommen zu lassen. Aller Mienen beherrschte jenes verbindliche, süßliche Lächeln, jene bewußte, absichtliche Lieblichkeit, kurz, jenes deutlich ausgeprägte Bestreben, zu gefallen, das ihr schon in ihren Mädchenjahren so oft bei Altersgenossinnen aufgefallen war und ihre Empörung herausgefordert hatte. Alle hatten eine gekünstelt anmutige Haltung angenommen, von der sie anzunehmen schienen, daß sie die Vorzüge ihrer äußeren Erscheinung am besten zur Geltung kommen ließ. Die meisten hielten ihre Ellenbogen aufgestemmt, so daß die Ärmel zurückfielen und die mehr oder weniger schön geformten Unterarme freiließen. Susanne errötete und schämte sich für ihre Mitschwestern. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongerannt, um nicht länger Zeugin dieses in ihren Augen unwürdigen und schmachvollen Schauspiels zu werden. Aber sie scheute das Aufsehen und so würgte sie Ärger und Empörung still in sich hinein, während nur wenig von den Ausführungen des Vortragenden in ihr Bewußtsein überging. Das stand bei ihr fest, daß sie zum letztenmal an diesem »Bildungskursus« teilnahm. Besser, er nahm ein rasches Ende, als daß er zum Tummelplatz weiblicher frivoler Bestrebungen wurde, die mit der Wissenschaft nichts zu tun hatten. Diesmal holte Bürgermeister Kamberg seine Frau nicht ab, und als Susanne mit einem Gesicht, dem deutlich die Mutlosigkeit und die Unlust anzumerken war, nach Hause kam, vermied er es, durch irgendeine Frage ihre Empfindlichkeit zu reizen. Aber sie fing selbst an, von den Eindrücken dieses zweiten Vortragsabends zu sprechen. Ihr Herz war zu voll, als daß sie dem Verlangen, sich mitzuteilen, hätte widerstehen können, und so machte sie ihrer Empörung und ihrer Erbitterung in heftigen, rückhaltlosen Worten Luft. Er hörte sie ruhig an und lächelte still in sich hinein. Er war gar nicht so unzufrieden mit dem Fiasko, das ihr Verlangen, sich außerhalb des Hauses einen Wirkungskreis zu schaffen, so rasch gefunden hatte. X. Kurze Zeit darauf fand einer der großen offiziellen Gesellschaftsabende statt, die der höchste Regierungsbeamte der Stadt im Winter zu geben pflegte und zu dem alle höheren amtlichen Persönlichkeiten mit ihren Familien geladen wurden. Da durfte man sich unter keinen Umständen ausschließen. Nach dem Souper begann in einem der schönen großen Säle der geräumigen Amtswohnung des Präsidenten der Ball. Während des Soupers hatte das junge Ehepaar das stille geheime, intime genußvolle Spiel zweier Liebenden getrieben, die, zwar inmitten einer großen Menschenmenge und räumlich getrennt, dennoch nur füreinander Sinn und Augen haben und die, wenn sie auch durch die Regeln der Konvenienz gezwungen sind, sich mit anderen Menschen äußerlich zu beschäftigen, doch ihr Interesse ausschließlich einander zuwenden und unablässig in unauffälligem, geheimem, für andere Augen unbemerkbarem Verkehr stehen. Sie tranken einander diskret zu, suchten sich beständig mit den Blicken, lächelten einander an und gaben sich Zeichen, die alle dieselbe Empfindung und denselben Wunsch ausdrückten: »Wie öde, wie langweilig! Ach, wären wir doch erst wieder daheim!« Nun endlich war auch dieses steife, gezwungene Nebeneinandersitzen mit uninteressanten fremden Menschen, dieses Wortemachen und Phrasendreschen, das man Konversation nennt, überstanden. Man konnte sich wieder freier bewegen, sich einander nähern, sich verstohlen die Hände drücken und aus nächster Nähe zärtlich in die Augen schauen. Und als der Tanz begann, zog Eugen Kamberg in froher Laune die Hand seiner kleinen Frau auf seinen Arm und führte sie in den Saal. »Komm, Schatz!« flüsterte er ihr übermütig zu, preßte sie fest in seine Arme und wirbelte mit ihr in den Saal hinein. Und während des Tanzes wisperte er ihr allerlei verliebtes Zeug ins Ohr und streifte ab und zu ihre Wange mit seinen Lippen. Freilich, dann trat wieder der konventionelle Teil des Abends in seine Rechte. Man mußte sich seufzend voneinander lösen, der Bürgermeister mußte sich mit einigen offiziellen Persönlichkeiten zeigen und ein paar Worte mit ihnen wechseln und hatte auch ein paar Pflichttänze zu erledigen, während die junge Frau Bürgermeister sich von anderen Herren, die sich dazu verpflichtet fühlten, im Tanze herumschwenken lassen mußte, obgleich sie das Recht, den Arm um sie zu legen, am liebsten nur ihrem Gatten gestattet hätte und es in ihrer frohen, liebesseligen Stimmung mit doppelt peinlichem Unbehagen empfand, so oft ein Fremder Arm in Arm mit ihr zum Tanze antrat. Eben wurde ein neuer Walzer aufgespielt, als sie den Regierungsassessor von Wernitz auf sich zuschreiten sah. Ein heftiger Widerwillen packte sie. Unsympathisch war ihr der Elegant immer gewesen, der jeder koketten Frau, jedem hübschen jungen Mädchen die Cour machte und der die Liebe, die ihr etwas Hohes, Heiliges erschien, zum leichtfertigen, frivolen Spiel erniedrigte. Ihre Abneigung hatte sich aber zur flammenden Abscheu gesteigert, als ihr Adele Portig eines Tages intime Mitteilungen über den Don Juan gemacht hatte. Wie sie dahinter gekommen sei, daß zwischen dem Assessor und ihrer Schneiderin, einem auffallend hübschen, üppigen jungen Mädchen geheime Beziehungen bestanden und wie sie aus der Leichtsinnigen allerlei hochinteressante Geständnisse herausgebracht habe, von wilden Nächten, die in der luxuriösen Junggesellenwohnung des Assessors stattgefunden ... In einem Zustand der Betäubung, förmlich erstarrt vor Überraschung und Entsetzen, hatte sie das alles mitangehört und als sie sich endlich zu einer abwehrenden, Einhalt gebietenden Geste aufgerafft, hatte sie schon genug vernommen, um von da ab bei dem bloßen Anblick des Lebemannes ein Grauen und ein fast körperliches Unbehagen zu empfinden. Soviel sie nur irgend konnte, war sie ihm aus dem Wege gegangen und wenn er dennoch gelegentlich das Wort an sie gerichtet, hatte sie sich furchtbar Gewalt antun müssen, um ihm nicht einfach den Rücken zu kehren. Doch nun, als er mit seinem süßlichen, selbstgefälligen Lächeln vor sie hintrat und seine auffordernde Verbeugung vor ihr machte, empörte sich ihre keusche, reine Natur bei dem Gedanken, sich von den Armen des Wüstlings umfassen zu lassen und ein so bezwingender Ekel packte sie, daß sie eine instinktiv ablehnende Bewegung machte. »Ich bedaure«, kam es gleichzeitig von ihren verachtungsvoll zuckenden Lippen. Er blickte sie erstaunt, fragend an. »Gnädige Frau sind ermüdet?« Sie nickte hochmütig, ohne eine weitere Erklärung für nötig zu halten. Der Abgewiesene biß sich ärgerlich auf die Lippen und zog sich tief verletzt zurück. Wenige Sekunden später trat ein anderer Tänzer vor sie hin und mechanisch, ohne sich des Verstoßes bewußt zu sein, den sie damit gegen die gesellschaftlichen Schicklichkeitsregeln beging, erhob sie sich zum Tanze. Kaum hatte sich ihr Tänzer wieder von ihr verabschiedet, als ihr Gatte in sichtlicher Aufregung an ihren Stuhl herantrat. »Aber liebste Susanne«, flüsterte er ihr zu. »Ich begreife dich nicht. Wie konntest du nur?« »Was denn?« »Du gibst Herrn von Wernitz einen Korb und tanzest gleich darauf demonstrativ mit einem anderen?« Sie lächelte. »Demonstrativ? Nein! Ich hatte nur keinen Grund, den Herrn zurückzuweisen.« »Aber siehst du denn nicht ein, daß das für den Assessor ein Affront, eine unerhörte Beleidigung war?« Susanne zuckte kühl mit den Achseln. »Kann man denn diesen Herrn überhaupt beleidigen!« Der Bürgermeister machte eine Bewegung der Ungeduld. »Ich verstehe dich nicht, Susanne.« Darauf machte er ihr ein Zeichen, sie erhob sich und sie promenierten in eines der anstoßenden, stilleren Gemächer. Sie klärte ihn mit ein paar Worten über ihre Empfindungen und über das Motiv ihres Verhaltens auf. »Ich hätte gewünscht,« stieß er ärgerlich hervor, »deine schöne Cousine hätte ihre pikanten Histörchen für sich behalten.« »Meinst du etwa, es ist nicht wahr?« »Das weiß ich nicht«, erwiderte er ausweichend. »Wenn man auch allerlei munkelt, öffentlich ist nichts bekannt. Jedenfalls haben wir nicht das Recht, den Assessor wegen unkontrollierbarer Geschichten offen zu brüskieren.« »Aber ich – ich verachte ihn aus tiefster Seele.« »Schön! Das ist deine Privatsache. Aber keinesfalls durftest du ihm deine Verachtung in so sichtbarer, ostentativer Weise enthüllen.« Sie sah ihn befremdet an. »Warum durfte ich das nicht, Eugen? Er wird mich künftig verschonen und das kann mir nur angenehm sein.« Er stieß hörbar, ärgerlich den Atem aus. »Du sprichst naiv wie ein Kind. Wie denkst du dir denn das? Der Assessor hat sich bei mir beklagt, er fühlt sich beleidigt – mit Recht. Ich habe mich natürlich bemüht, ihn zu beruhigen und habe ihm gesagt, daß nur ein Mißverständnis vorliegen könne. Ich habe ihm versprochen, die Sache aufzuklären. Ich werde nun zu ihm gehen und ihn zugleich für dich um Entschuldigung bitten. Du seist von einem momentanen Schwindel heimgesucht gewesen, hättest ihn gar nicht erkannt und quasi ohne Bewußtsein gehandelt. Dann werde ich ihn zu dir bringen. Du wirst meine Erklärung bestätigen, und wenn er dich zu einem neuen Tanze auffordert, wirst du natürlich –« Sie lockerte ihren Arm und unterbrach ihn empört. »Wie? Das verlangst du von mir, Eugen?« Er zuckte mit den Achseln und drückte ihren Arm beschwichtigend wieder fester an sich. »Ja, liebes Kind, darum wirst du wohl nicht herumkommen. Wie soll denn dein faux pas sonst wieder gutgemacht werden? Willst du es zum offnen Konflikt zwischen dem Assessor und uns treiben? Wie sollten wir ihm künftig in der Gesellschaft begegnen? Und mein amtlicher Verkehr mit ihm wäre ja unter diesen Umständen geradezu unmöglich.« »Und deiner amtlichen Beziehungen wegen«, brach es aus ihr in flammendem Unwillen hervor, »soll ich mich vor einem Manne demütigen, der mir Widerwillen und Abscheu einflößt wie der gemeinste Verbrecher?!« »Um Gottes willen!« Er sah sich erschrocken, ängstlich um; ihre Stimme hatte in der Erregung einen lauteren Klang angenommen. »Wir können uns jetzt nicht in die Frage vertiefen,« wisperte er zurück, »ob es in dem Privatleben des Herrn von Wernitz wirklich so häßliche Dinge gibt, wie man sich zuraunt. Klar ist vorläufig nur eins: wir schulden ihm eine Genugtuung.« Er, machte eine Wendung und führte sie in die Richtung des Tanzsaales zurück. Zögernd, widerstrebend folgte sie ihm. An der Tür hielt sie ihre Schritte an und erhob den Blick bittend zu ihm. »Muß es denn sein, Eugen?« »Es muß.« Da schien sich etwas in ihr aufzubäumen. Ein stiller Kampf vibrierte in ihrem blaß gewordenen Gesicht. »Und wenn ich es nicht kann?« Er sah ihr fest, fast drohend in die Augen. »Du wirst es können. Ich bitte dich darum.« Es klang nicht wie eine Bitte, sondern wie ein Befehl. Zugleich ergriff er ihre Hand, die sie zurückgezogen hatte und legte sie wieder auf seinen Arm und führte sie mit sanfter Gewalt in den Saal zu ihrem Platz. Noch einmal heftete er den Blick streng, zwingend auf sie. »Du wirst wissen, was du mir schuldig bist.« Sie stöhnte, erwiderte aber nichts. Er entfernte sich. Nach wenigen Minuten kam er mit Regierungsassessor von Wernitz zurück. Beide Herren zeigten lächelnde, verbindliche Mienen. Es wickelte sich alles programmäßig ab. Herr Kamberg sprach ein paar einleitende, erklärende Worte: von der Hitze im Saal und der Ohnmachtsanwandlung, deren Opfer seine Gattin gewesen. Der Assessor drückte sein höfliches Bedauern aus, das Susanne bleich, die Lippen fest aufeinandergepreßt, mit dankendem Kopfnicken entgegennahm. Ja, als sich Herr von Wernitz erkundigte, ob sie sich jetzt wohler fühle, zwang sie sich sogar ein paar bejahende Worte ab. »Dann darf ich die gnädige Frau also um diesen Tanz bitten?« fragte der Assessor, sich verneigend. Sie zögerte; ihre Augenlider flirrten heftig, ihre Gesichtsfarbe wurde noch um eine Nuance blasser. Im nächsten Moment erhob sie sich unter dem Zwange der befehlenden, drohenden Blicke ihres Gatten. Die Hand, die sie auf den Arm des lächelnden Assessors legte, zitterte sichtlich. Sie sah noch, wie ihr Eugen jetzt zufrieden, freundlich zunickte, dann führte ihr Tänzer sie in die Reihe der sich zum Menuettwalzer Aufstellenden. Zum Glück war während des Tanzes keine Möglichkeit, eine Konversation zu führen und so hatte sie Zeit, das Weinen, das ihr würgend in der Kehle aufstieg, hinunterzukämpfen. Sie fühlte sich aufs tiefste gedemütigt; ein scharfer, schneidender Schmerz durchfuhr sie und es war ihr, als ob etwas in ihrer Seele zerrisse. Erst als der Tanz vorüber war und Herr von Wernitz sie zu ihrem Sitz zurückführte, sprachen sie ein paar Worte miteinander. Sie beantwortete seine konventionellen Fragen und Bemerkungen mechanisch, automatisch, mit einer Stimme, die in ihrem eigenen Ohr wie die einer Fremden klang. Bald nachdem der Assessor sie verlassen hatte, kam ihr Gatte. Sie stand bei seiner Annäherung auf. »Ich gehe nach Hause«, sagte sie und setzte sich sogleich, ohne seine Antwort abzuwarten, in Bewegung, so daß ihm nichts weiter übrigblieb, als ihr seinen Arm zu reichen und sie hinauszuführen. Im Wagen, der sie nach ihrer Wohnung führte, legte sie sich in ihre Ecke zurück und schloß die Augen und als er etwas zu ihr sagte, stellte sie sich schlafend. Ihre Hand, die er erfaßte und drückte, lag schwer, regungslos in der seinen. In der Wohnung angekommen, ergriff er sie an beiden Händen und sah ihr forschend in die Augen. »Bist du mir böse, Susanne?« »Böse? Ich habe nur konstatiert,« erwiderte sie mit einer müden Stimme, »daß wir in unsern sittlichen Anschauungen weit auseinander gehen. Wie sollen wir in Zukunft miteinander leben?« Eine tiefe Traurigkeit, eine verzweifelte Mutlosigkeit malte sich in ihren verstörten Mienen. Er schüttelte mit dem Kopf und lächelte. »Aber Susanne,« erwiderte er in leichtem Ton, »sei doch vernünftig! Was ist denn groß geschehen? Du hast dich einer gesellschaftlichen Verpflichtung gebeugt. Das ist doch wahrhaftig keine so wichtige Sache. « Sie sah ihn starr, mit unerschütterlichem Ernst an. »Hältst du es wirklich für unwichtig, wenn ein Mann seine Frau zwingt, das sittliche Empfinden in sich zu ersticken und gegen ihre innerste Überzeugung zu handeln? Siehst du nicht ein, daß ich mich vor mir selber schämen muß, daß ich keine Achtung mehr vor mir haben kann?« Ihre Stimme klang wie der Schmerzensschrei einer blutenden Seele. Ihre steinerne Ruhe hatte sie verlassen; sie zitterte am ganzen Körper; das Blut floß jäh in ihre bleichen Wangen zurück. Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht; er betrachtete sie bestürzt, betroffen. Dann bewegte er wieder, als begriffe er sie nicht, Kopf und Schulter. »Du bauschest eine Bagatelle über die Gebühr auf, Susanne. Deine Nerven sind augenblicklich zu erregt, deine Empfindungen zu exaltiert. Es würde zu nichts führen, heute noch weiter darüber zu sprechen. Morgen wirst du die Angelegenheit von selbst kühler betrachten.« Sie nickte und er blieb im Zweifel, ob sie ihm zustimmte oder ob es eine »Gute Nacht« bedeuten sollte. Dann wandte sie sich und schritt zur Tür. »Susanne!« rief er und tat ihr einen Schritt nach. Sie drehte sich langsam herum. Er näherte sich ihr mit erhobenen Armen; seine Augen blickten bittend, lockend, zärtlich überredend. »Na komm', sei gut, Suschen!« Aber die Kraft seines Willens, der Zauber seiner überlegenen, hinreißenden Männlichkeit versagte diesmal. Ihre Mienen zeigten noch immer denselben unempfindlichen, düsteren, hoffnungslosen Ausdruck. Und in der nächsten Minute hatte sie das Zimmer verlassen. XI. Susanne ging in den nächsten Tagen wie in halber Betäubung umher; es war ihr, als wanke alles um sie herum, als schwanke der Boden unter ihren Füßen. So ungefähr mußte dem Gläubigen zumute sein, in dessen fromme Seele ein unaustilgbarer Zweifel gefallen war, und der nun nicht mehr wußte, woran er sich halten sollte. Wie hoch hatte sie den Mann ihrer Liebe nicht gestellt! Lauter und untadelig war er ihr erschienen, als ein Ideal edler, charakterfester Männlichkeit. Und nun hatte er sich ihr als falsch und unwahrhaftig gezeigt aus kleinlichen, feigen Rücksichten. Nun war für immer der Glaube in ihr zerstört, daß er der Höherstehende, sittlich Überlegene war und daß er nie anders als gut und edel handeln konnte, denn hatte er nicht einen häßlichen, unsittlichen Zwang auf sie ausgeübt, den sie nie – nie vergessen konnte? Oder täuschte sie sich, war sie im Irrtum, urteilte sie zu engherzig, zu weltfremd? War es ihre Pflicht, sich auch hierin seiner besseren Einsicht und Erfahrung zu fügen? Nein! Nimmermehr würde sie das können, wenn sie nicht ihr Selbst aufgab und sich ihrer Selbstachtung entäußerte ... Die beiden Eheleute vermieden es wie in stillschweigender Verabredung, auf die Ursache ihrer ersten ernsteren Uneinigkeit zurückzukommen, denn jeder hatte die Empfindung, daß sie zu einer Verständigung nicht gelangen und nur noch den Konflikt verschärfen würden. Die ungelöste Disharmonie aber, die seit dem Ball zwischen ihnen bestand, gab ihrem Zusammenleben ein ganz neues, von beiden gleich peinlich empfundenes Gepräge. An äußerlicher Freundlichkeit fehlte es auf keiner Seite, und besonders war Susanne mit viel größerer Sorgfalt, ja mit förmlicher Ängstlichkeit beflissen, ihre Hausfrauenpflichten in vollem Umfange zu erfüllen. Sein Arbeitszimmer war immer aufs sorgsamste aufgeräumt, wenn er nach Hause kam, und nie hatte die junge Frau mit so gewissenhafter, ja pedantischer Pünktlichkeit das Mittag- und Abendessen zur angesetzten Stunde und Minute auftragen lassen. Und auf dem Schreibtisch des Hausherrn wäre auch bei der minutuösesten Untersuchung nicht die leiseste Unordnung und nicht das winzigste Staubkörnchen zu entdecken gewesen. Auch der Ehemann ließ es nicht an den Aufmerksamkeiten fehlen, an die er seine junge Frau gewöhnt hatte. Noch immer begrüßte er sie beim Gehen und Kommen mit dem üblichen Kuß und überreichte ihr ab und zu ein duftendes Blumensträußchen. Nach wie vor berichtete er ihr bei Tisch oder nachher, wenn sie zusammen im Wohnzimmer saßen, von seinen amtlichen Erlebnissen oder von anderen ihn geistig beschäftigenden Dingen. Auch in seiner Gewohnheit, ihr des Abends aus einem mitgebrachten wissenschaftlichen Buch vorzulesen, ließ er keine Änderung eintreten. Nur daß er sich nicht mehr unterbrach, um sich plötzlich zu ihr hinüberzubeugen und durch ein minutenlanges Kosen und Scherzen eine angenehme Abwechslung in den Abend zu bringen. Davon hielt ihn schon ihre ernste Miene, ihr stilles, gleichmütiges, ausschließlich dem Gegenstand der Lektüre zugewandtes Wesen ab. Auch ihre rein fachlichen Fragen, mit denen sie zuweilen das Vorlesen unterbrach oder mit denen sie einfiel, so oft er sich eine Erholungspause gestattete, ließen ein spielerisches, verliebtes Intermezzo nicht zu. Überhaupt ihrem gegenseitigen Verkehr war die frühere Wärme und Innigkeit, die lebhafte Freudigkeit, das unbefangene Einanderhingeben abhanden gekommen. Es lag etwas Verhaltenes auf allen ihren Worten und Lebensäußerungen, so oft sie beieinander waren, eine ihnen bis dahin ganz fremde Zurückhaltung, ein geistiges und seelisches Aneinandervorbeigehen, das so weit ging, daß sich sogar ihre Blicke, die früher so oft und so lange selig ineinandergetaucht waren, zu vermeiden anfingen. Eines Tages teilte Eugen Kamberg seiner Frau mit, daß der Oberbürgermeister ihn persönlich zu einer großen musikalisch-deklamatorischen Soiree eingeladen hatte. »Es wird sicherlich sehr interessant werden,« äußerte er, »die besten Kräfte unserer städtischen Oper und unseres Theaters werden mitwirken, alle offiziellen Persönlichkeiten der Stadt sind eingeladen. Ich habe natürlich sofort zugesagt.« »Auch für mich?« »Selbstverständlich doch.« »Das hättest du nicht tun sollen.« Er zog seine Stirn kraus, in seinen Augen flimmerte es unruhig. »Soll das etwa heißen –?« »Daß ich nicht mitgehen werde – ja!« Er sah sie im ersten Moment betroffen, fast verständnislos, ungläubig an. »Das ist doch nicht dein Ernst, Susanne?« »Sehe ich aus, als ob ich scherze?« Er machte eine lebhafte Bewegung; der Ärger stieg ihm sichtlich zu Kopfe. »Aber Susanne! Betrachtest du es denn als deine Aufgabe, mir Verdrießlichkeiten und Schwierigkeiten zu bereiten?« »Im Gegenteil! Ich will dich, uns beide, vor Unangenehmem bewahren. Übrigens, ich sehe nicht ein, warum mein Fernbleiben dir schaden könnte. Du brauchst doch nur einfach zu sagen, daß ich nicht wohl sei.« »Und wenn man an die Entschuldigung nicht glaubt?« Sie zuckte mit den Achseln, um anzudeuten, daß sie das nicht berühren und beirren könnte, entgegnete aber gleich darauf: »Wer würde sich denn über mein Nichtkommen den Kopf zerbrechen? Ich halte mich nicht für eine so wichtige Persönlichkeit.« »Aber du bist es – in diesem Kreise bist du es als Frau des Bürgermeisters.« »Als Frau des Bürgermeisters!« Sie lächelte bitter, und während sich eine Blutwelle in ihr Gesicht ergoß, fügte sie hastig, erregt hinzu: »Du erlaubst wohl, daß ich mich daneben auch ein bißchen als Susanne Neudeck fühle ... Ich bedaure, ich kann mich wirklich diesmal deinem Wunsche nicht fügen. « »Susanne!« Seine Rechte ballte sich in hervorbrechendem Zorn zur Faust und seine Augen funkelten sie ingrimmig an. »Aus Trotz, aus kindischem Trotz weigerst du dich?« Es war ein schmerzliches Zucken, das um ihre Mundwinkel flog. »Kennst du mich so schlecht, Eugen? Hältst du mich wirklich für so kleinlich und so erbärmlich? Nein, nicht in der Aufwallung des Augenblicks, aus wohlerwogenen Gründen, nach reiflicher Überlegung – ich habe ja doch den Fall voraussehen können – lehne ich ab, an der Soiree teilzunehmen. Ich ziehe nur einfach die Konsequenz aus meinen Erlebnissen auf der Gesellschaft des Präsidenten.« »Aus deinen Erlebnissen? Willst du dich nicht deutlicher erklären?« »Ich will allen unliebsamen Eventualitäten vorbeugen und jedem Konflikt mit dir nach Möglichkeit aus dem Wege gehen. Ich könnte dir nicht versprechen, daß ich ein zweites Mal mich deinem Gebot gegen meine Überzeugung und gegen mein eignes Empfinden ebenso blindlings unterwerfen würde, wie neulich.« Er antwortete nicht gleich, sondern schaute sinnend, überlegend, an seiner Unterlippe nagend vor sich hin. Hatte er inzwischen eingesehen, daß er zu weit gegangen war und daß ihr sittlicher Standpunkt in dieser Angelegenheit dem seinen überlegen war? Und wirkte die Erkenntnis, wie tief ihr Selbstgefühl, ihr weibliches Empfinden verwundet war, lähmend auf seine Energie? Er erhob sein Gesicht und warf einen ungewissen, forschenden Blick auf sie. Ihre Lippen waren fest aufeinandergepreßt; ein Zug herber Entschlossenheit trat in ihren Mienen hervor und zugleich sah er in ihnen die Spuren schwerer seelischer Kämpfe, schlafloser Nächte, die ihr feines Gesichtchen schmaler gemacht hatten und ihm einen leidenden Ausdruck gaben. Ein heißes Mitleiden erfaßte ihn plötzlich. »Susanne!« Seine Stimme klang weich, bittend. »Glaubst du, es hat mir Vergnügen bereitet? Es ging eben einfach nicht anders. Später, wenn du nicht mehr so impulsiv handeln wirst, sondern mehr nach Überlegung wie wir Männer, wirst du das begreifen. Und nun –« er faßte nach ihrer Hand – »komm', sei gut! Wir wollen uns doch nicht als Feinde gegenüberstehen. Wir wollen ja doch in Einigkeit und Frieden leben, wie bisher. Wir haben uns ja doch lieb, Susanne! Und zwischen zwei Menschen, die sich lieben, wird und muß sich immer ein Weg des Verständnisses finden.« Aber ihre Hand lag schwer, regungslos, ohne Gegendruck, in der seinen und in ihren Augen glomm noch sichtbar das Mißtrauen und das Widerstreben. »Also schön!« fuhr er warm, in freierem, lauterem, aufrüttelndem Ton fort. »Bleibe, wenn du nicht magst, wenn du dich nicht in der Stimmung fühlst! Ich will ja doch keinen Zwang auf dich ausüben, wenn es sich irgend vermeiden läßt. Und schließlich hast du recht: es genügt, wenn ich gehe und die Weltgeschichte wird nicht gleich stillstehen, wenn du dich einmal von einer Gesellschaft ausschließest.« Jetzt schmiegten sich ihre Finger an die seinen – jetzt wehrte sie ihm nicht, als er sie näher an sich heranzog. And als er nun seinen Arm um ihren Hals schlang und ihr aus nächster Nähe in die Augen sah und sie mit vibrierender Stimme, in der die Innigkeit seines Gemüts bebte, fragte: »Liebst du mich denn noch, Susanne?« da konnte sie sich nicht länger zurückhalten, da kam die Reaktion zum Durchbruch, da siegte die weibliche Weichheit, das natürliche Gefühl der Hingabe über alle anderen Empfindungen in ihr. Mit einem krampfhaften Aufschluchzen preßte sie ihr Gesicht an seine Brust. »Liebst du mich noch, Susanne?« wiederholte er. Sie erwiderte auch diesmal nichts, aber ihre Arme legten sich fester um ihn und mit der ganzen Glut und Innigkeit ihrer Empfindung, die nach der Zurückhaltung der letzten Tage um so rückhaltloser hervorbrach, drückte sie sich an ihn. XII. Und doch drangen in den nächsten Tagen bei Susanne Bedenken und Zweifel wieder an die Oberfläche und es regte sich in ihr eine bohrende Unzufriedenheit gegen sich selbst. Sie tadelte sich und empfand es als demütigend, daß sie ihm gegenüber so schwach war. Er brauchte sie nur einfach in seine Arme zu nehmen, und ihre Widerstandskraft, ihr Selbstgefühl schwanden dahin. Hatte sie keinen höheren Ehrgeiz, als nur seine Geliebte zu sein? Verflachte, korrumpierte sie dadurch nicht ihre Ehe? War sie nicht selber schuld, wenn er ihr seinen Willen immer wieder aufaufzwang, wenn er sich gewöhnte, sie als das gefügige Werkzeug seiner Interessen und Wünsche zu betrachten? War es nicht ihre Pflicht, ihm gegenüber mehr Willenskraft, mehr Selbstzucht, mehr Selbstachtung zu beweisen? Stand nicht ihre Zukunft, ihr beider Glück in Frage, wenn sie sich nicht endlich aufraffte und ihrem Zusammenleben eine ernstere und festere Grundlage gab? Ja, es war die höchste Zeit, daß sie sich auf sich selbst besann, daß sie ihn zwang, sie höher als ein Spielzeug, ein Mittel zur Freude und Lust zu bewerten, daß er sie auch achten lernte in ihrer Eigenart, daß er in ihr nicht nur das Weib, sondern auch den Menschen sah mit dem Rechte eines eigenen Lebens nach eigenem Willen und eigenen Neigungen. Eines Nachmittags, als Eugen Kamberg an seinem Schreibtisch saß, um ein Aktenstück durchzusehen, das er vom Amt mit nach Hause gebracht hatte, trat Susanne zum Ausgehen fertig in sein Zimmer. Sogleich schob er die Arbeit beiseite und erhob sich. »Ich komme mit. Du gehst doch spazieren, Susanne?« »Nein. Ich habe einen Besuch vor, den ich eigentlich schon längst hätte abstatten sollen.« »Bei der Frau Oberbürgermeister oder sonst einer Respektsperson, du Arme?« fragte er mit humoristischem Bedauern. Sie schüttelte, ebenfalls lächelnd, mit dem Kopf. »Nein, nur zu Frau Reichelt will ich.« Die Antwort überraschte ihn sichtlich. »Zu Frau Reich–? Aber wie kommst du denn auf einmal darauf, Susanne?« Sie hielt seinen fragenden, offenbar mißbilligenden Blick ruhig und unbeirrt aus. »Mein Gott, Ella erkundigt sich in jedem Brief nach ihr und da muß ich ihr doch endlich Auskunft geben. Übrigens fühle ich auch selbst das Bedürfnis, einmal wieder nach der mir so sympathischen Frau zu sehen.« Seine Stirn lag in Falten, sein Blick war nachdenklich und heftete sich mit einem Ungewissen Ausdruck auf die vor ihm Stehende. »Ich dachte,« sagte er langsam, zögernd, »daß du den Verkehr für immer abgebrochen hättest.« »Aber nein!« erwiderte sie lebhaft. »Warum sollte ich? Dazu liegt doch gar keine Veranlassung vor. Paula Reichelt hat geistige Interessen. Ich kenne keine zweite Frau in der ganzen Stadt, die ihr darin gleich käme. Überhaupt, das Ehepaar ist eigenartig und ich verspreche mir starke geistige Anregungen von ihm.« »Findest du denn die nicht in deinem Heim?« fragte er mit deutlichem Vorwurf. Sie nickte lächelnd. »Gewiß. Aber man muß sich doch vor Einseitigkeit bewahren. Stehst du nicht auch außerhalb des Hauses in Verkehr mit Leuten, von denen du geistig profitierst?« »Ich?« erwiderte er etwas gereizt, nervös an seinem Bart zupfend. »Das ist doch etwas anderes. Du solltest uns nicht immer in Vergleich bringen, Susanne. Ich bin schon im Interesse meines Berufes darauf angewiesen, aber du als Frau –« »Soll mich auf den häuslichen Kreis beschränken?« fiel sie, während ihr die Röte der Erregung ins Gesicht stieg, eifrig ein. »Oder soll ich vielleicht ganz in Sorgen für den Putz und in gesellschaftlichem Klatsch aufgehen. Wolltest du das sagen, Eugen? Ist das etwa dein Wunsch?« Er verneinte mit einer Gebärde. »Warum so bitter, Susanne?« Er griff nach ihrem Handgelenk und sah ihr kopfschüttelnd in das Gesicht, das von innerer Bewegung zuckte. »Bin ich das?« Sie atmete tief und strich mit der Hand über die erhitzten Wangen. »Entschuldige! Aber ich hatte den Eindruck, daß du meinem Verkehr mit den Reichelts hindernd in den Weg treten wolltest.« Ihre Augen blickten herausfordernd, während sich eine stille Spannung in ihren Mienen verriet. »Du irrst«, erwiderte er nach kurzem Zaudern. »Ich bitte – ich erwarte nur von dir, daß deine Beziehungen zu dieser Familie nicht einen allzu intimen Charakter annehmen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Allzu intim? Ja, man kann doch vorher nicht wissen, wie sich das Verhältnis zwischen uns in längerem Umgang gestalten wird und ich kann dir in dieser Ansicht gar kein Versprechen geben. Alles, was ich dir versprechen kann, ist, daß ich mit ihnen, in ihren Kreisen, öffentlich nicht hervortreten werde, um dich nicht in deinem Amt zu schädigen. Mehr kannst du billigerweise nicht von mir verlangen und ein Dritter vollends, meine ich, hat schon gar kein Recht, mich in meinem privaten Verkehr zu beschränken.« »Gewiß nicht.« »Nun also!« Sie atmete wieder tief auf, wie von einem Druck befreit, reichte ihm die Hand zum Abschied und neigte sich ihm entgegen. Er küßte sie und sah ihr dann nachdenklich mit besorgter Miene nach. Eine halbe Stunde vor der Abendbrotzeit kam sie zurück. Er beobachtete sie im stillen. Ihren lebhaften, frischen Bewegungen, ihren glänzenden Augen entnahm er, daß sie sich in bester Stimmung befand. Er aber konnte sich, obwohl er ihr die Zerstreuung, die seelische und geistige Anregung, die sie in der fremden Familie empfangen zu haben schien, wohl gönnte, eines unbehaglichen, fast eifersüchtigen Gefühls nicht erwehren, denn er glaubte zu bemerken, daß sie mit ihren Gedanken noch immer nicht recht zu Hause war. Von da ab suchte Susanne die ihr befreundete Familie wöchentlich zwei- oder dreimal auf. Gewöhnlich ging sie in der vierten Nachmittagsstunde und blieb meist bis gegen sieben Uhr. Eugen Kamberg vermied es geflissentlich, sie nach ihren Erlebnissen in der Familie Reichelt und nach den Gesprächen zu fragen, die zwischen ihnen geführt wurden. Aber aus gewissen Tatsachen ergab sich das klar. Susanne legte mit einem Mal ein starkes Interesse für die soziale Frage an den Tag und bat sich von ihm die Schriften von Engels und Marx und andere grundlegende und bekannte Bücher der sozialistischen Literatur aus. Und sie begann sich mit einem Eifer in das Studium dieser zum Teil recht schweren, streng wissenschaftlichen Werke zu vertiefen, der ihm durchaus nicht recht war. Denn erstens glaubte er wahrzunehmen, daß ihre Gesundheit und ihr Aussehen darunter litt. Gesellschaftliche Veranstaltungen besuchte sie gar nicht mehr, und es kam vor, daß er sie, wenn er des Nachts von irgendeiner Gesellschaft nach Hause kam, noch bei ihren Büchern traf, abgespannt, mit tiefen Linien vom vielen Denken und Grübeln in der Stirn, blaß, mit vornübergeneigter, schlaffer Haltung. Fast jedesmal, wenn er sie zu einem Nachmittagsspaziergang aufforderte, kostete es einen förmlichen Kampf, sie seinem Wunsche geneigt zu machen. Zweitens empfand er es als eine Beeinträchtigung seiner Interessen und als eine Verletzung seiner berechtigten Ansprüche als Mann, daß sie seinen Mitteilungen über seine amtliche Tätigkeit nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit schenkte wie früher. Dagegen entspannen sich jetzt regelmäßig des Abends große Debatten zwischen ihnen, die alle soziale Themata zum Gegenstand hatten. Dabei gerieten sie meist in eine hitzige Opposition gegeneinander und wenn es ihn auch mit einer gewissen Genugtuung erfüllte, daß sie ein so sachlich tiefgehendes und verständnisvolles Interesse für diese ernsten Fragen bekundete und ihre Ansichten mit großem Scharfsinn und beredten Worten zu vertreten wußte, so erregte es doch ein steigendes, bohrendes Mißbehagen in ihm, zu bemerken, daß ihre Stellung ihm gegenüber sich ganz und gar geändert hatte. Wenn er früher mit ihr über wissenschaftliche Fragen gesprochen hatte, so hatte sie sich sein Urteil und seine Meinungen fast immer ohne Widerspruch zu eigen gemacht. Nun aber war das anders geworden; nun wurde er täglich mehr inne, daß sie ihm geistig mehr und mehr entglitt und daß sie besonders in der sozialen Frage einen ganz anderen Standpunkt einnahm als er. »Die Arbeiterbewegung und die Frauenbewegung«, äußerte sie eines Abends, »haben viel Verwandtes miteinander, beide entspringen ähnlichen Ursachen und haben das gleiche Ziel: die Selbständigkeitserklärung der sozial Schwachen und Abhängigen.« »Wer hat dich denn auf einmal auf diese Entdeckung gebracht?« fragte er mit einem ironischen Lächeln. »Auf einmal? Das ist wohl allmählich in mir entstanden.« »Im Gedankenaustausch mit dem Ehepaar Reichelt?« »Du irrst, du solltest wohl wissen, daß ich mir meine Anschauungen nicht inspirieren lasse.« »Von mir allerdings nicht«, versetzte er bitter. »Aber ich bezweifle, daß du ohne diesen Verkehr je auf solche Gedanken gekommen wärst.« Er sah sie ein wenig spöttisch und zugleich vorwurfsvoll an. Plötzlich ergriff er ihre Hand und sagte ernst und warm: »Ist es nicht traurig, Susanne, daß du geistig immer mehr in einen Gegensatz zu mir gerätst und daß dir die Anschauungsweise dieses Herrn Reichelt näher steht als die deines Mannes?« Sie ließ ihre Blicke ernst und durchdringend auf ihm ruhen. »Ist das meine Schuld, Eugen? Herr Reichelt ist der einzige Mann, den ich kenne, der seiner Frau vollkommene Freiheit und Gleichberechtigung zuerkennt. Daß ich das bewundere, kann dich das befremden?« Die Mienen des Ehemanns verfinsterten sich, während er in das strahlende Antlitz seiner Frau blickte. »Das sagst du mit einem Enthusiasmus –« »Den ich allem Hohen und Edlen gegenüber empfinde.« »Edel?« Er lachte rauh. »Ein Phantast ist er – dein Herr Reichelt! In einer Ehe läßt sich völlige Gleichberechtigung ja überhaupt gar nicht durchführen, weil –« »Weil –?« Er sah ihr in die kampflustig blitzenden Augen, lachte ironisch und sprang auf, um zu ihr hinüberzueilen. »Einfach, Schatz, weil Mann und Frau in jeder Hinsicht grundverschieden sind. Der Mann ist von Natur mehr aktiv, die Frau passiv. Der eine küßt, der andere läßt sich lieber küssen.« Er beugte sich mit gespitzten Lippen zu ihr hinab, aber sie drängte ihn ärgerlich zurück. »Nein, ich will, daß du mir ernsthaft antwortest. Nicht Küsse, Gründe will ich.« Er aber schüttelte halb ärgerlich, halb belustigt den Kopf. »Nein! Geschwatzt ist nun genug! Denkst du, ich habe eine so hübsche kleine Frau genommen, um immer nur mit ihr zu disputieren? Dazu wäre ja deine Schwester, das Fräulein Doktor, viel geeigneter gewesen. Nein, küssen will ich dich, küssen!« Er umschlang sie kräftig und küßte sie herzhaft trotz ihrem heftigen Sträuben. Zornig, puterrot sprang sie auf und stampfte erregt mit dem Fuß auf. »Deine – deine Gewalttätigkeit finde ich verabscheuenswert«, stieß sie pustend und keuchend hervor. »Ich lasse mich nicht wie ein Kind behandeln, das man nicht ernst nimmt.« Dunkle Glut flammte in seinem Gesicht auf; auch sein Atem fing an schneller, lauter zu gehen; ein paar Sekunden lang sah er sie mit finster gerunzelten Brauen, drohend an. Endlich zuckte er mit den Schultern, schüttelte mit dem Kopf und kehrte, ohne ein Wort zu erwidern, zu seinem Platz zurück und nahm seine Zeitung zur Hand. Auch sie setzte sich und beugte sich über ihr Buch und so brachten sie den Rest des Abends schweigend, anscheinend eifrig lesend zu. XIII. Eines Nachmittags traf Susanne ihre Freunde in starker Unruhe und Erregung. Die kleine Libby hatte Krämpfe gehabt und man wußte nicht, kamen sie vom Magen oder rührten sie von einer Gehirnaffektion her. Jetzt ruhte das Kind, schwach, hinfällig, auf dem Schoße seines Vaters, der mit ebensoviel Sorge und Bekümmernis wie Liebe zu der schweratmenden kleinen Patientin hinabsah. Das kleine Dienstmädchen, das immer des Abends nach Hause ging und bei ihren Eltern schlief, hatte er in die Wohnung eines Kollegen entsendet, um ihn zu bitten, seine Arbeit für den Abend zu übernehmen. Der ärztliche Berater der Familie, ein Naturheilkundiger, hatte kühlende Umschläge auf die Herzgegend verordnet und es hatte in der Tat den Anschein, als ob das Mittel angeschlagen habe, denn die Krämpfe hatten ganz aufgehört und nur eine große Erschöpfung schien zurückgeblieben. Susanne ließ ihren Blick mit tiefem Mitleiden auf dem hinfälligen kleinen Geschöpfchen ruhen, das so welk und lebensschwach mit stark gekrümmten Beinchen dalag. Frau Paula saß am Schreibtisch und machte aus Büchern, die aufgeschlagen vor ihr lagen, eifrig Notizen. Emil Reichelt hob das gramdurchfurchte Gesicht und sah zu der emsig Arbeitenden hinüber. »Ich bewundere dich, Paula. Daß du trotz alledem deinen klaren Kopf bewahrst!« Sie ließ sich nicht die Zeit zu antworten, zuckte nur kurz mit den Schultern und schrieb fleißig weiter. »Ja, was arbeiten Sie denn?« fragte nun auch Susanne und näherte sich ihrer Freundin. »Ich habe doch heute abend Vortrag«, gab die Gefragte kurz zur Antwort. »Es ist doch Mittwoch.« »Ach so! Im Arbeiterinnenbildungsverein.« Susanne sah mit einem unklaren, zwiespältigen Gefühl bald nach der Schreibenden, bald nach dem kranken Kinde hin. »Meinst du nicht, daß es besser wäre, du sagtest ab?« warf der Gatte ein. »Dazu ist's zu spät! Soll ich zu allen einzelnen Mitgliedern herumschicken? Und du weißt, wie sehr sie sich immer die ganze Woche darauf freuen.« »Freilich. Aber in einem solchen Fall! Die Mitglieder werden dir nicht böse sein, wenn sie auch erst im Versammlungslokal erfahren, daß du durch die Erkrankung unseres Kindes verhindert bist.« Susanne legte mit einer unwillkürlichen Bewegung ihre Rechte der vor ihr Sitzenden beschwörend auf die Schulter. Aber die Schreibende verneinte mit einer entschiedenen Gebärde. »Das würde ich rücksichtslos finden. Emil ist ja doch hier; zu Hause bin ich also entbehrlich, während mich dort, wenigstens heute abend, niemand ersetzen kann.« Herr Reichelt sah fragend, bittend zu Susanne hinüber. »Vielleicht doch, vielleicht ist Frau Kamberg so liebenswürdig, dich im Verein zu vertreten.« Susannes Augen funkelten vor Lust und Hilfsbereitschaft. »Was für ein Thema ist es denn?« fragte sie eifrig. Paula Reichelt drehte sich zu der Freundin herum. »Das Jahrhundert des Kindes. Sie wissen, nach dem bekannten Buch von Ellen Key: ›Gebt ihnen das Recht, ihr volles persönliches Kinderleben vor einem Vater und einer Mutter zu leben, die selbst ein volles persönliches Leben leben.‹ Das ist die leitende Idee. Getrauen Sie sich darüber zu sprechen?« Susanne schüttelte mutlos mit dem Kopf. »Wie könnte ich? Ohne alle Vorbereitung! Dazu ist mir das Thema doch bei weitem nicht vertraut genug. Übrigens –« sie senkte beschämt ihr Gesicht, während ihr das Verbot ihres Mannes und ihr erster ernstlicher Zwist mit ihm plötzlich in die Erinnerung kam – »ich müßte es mir wohl auch ohnedies versagen.« »Nun also!« Frau Paula warf einen triumphierenden Blick zu ihrem Gatten hinüber. »Du siehst hoffentlich nun ein, daß es nicht anders geht und daß ich meine Vorbereitung endlich zum Abschluß bringen muß.« Sie beugte sich wieder eifrig über ihre Bücher hinab und der Bleistift flog nur so über das zum Teil schon mit kurzen Notizen gefüllte Blatt. Susanne aber setzte sich wieder zu dem bekümmerten Vater, sprach mit Flüsterstimme tröstend auf ihn ein und beobachtete mit ihm das in tiefer Lethargie daliegende Kind, bis ein Ruf der Freundin sie wieder an den Schreibtisch lockte. Frau Paula lehnte sich voll Genugtuung in ihren Stuhl zurück. »Fertig! Nun passen Sie einmal auf, Frau Susanne! Kann es ein herrlicheres, zeitgemäßeres Thema geben als dieses?!« Und sie skizzierte in großen Umrissen den Vortrag, während ihre Mienen deutlich die tiefe Befriedigung und das glühende Interesse widerspiegelten, mit dem der Gegenstand und ihre Behandlung desselben sie offenbar erfüllte. Das kleine Dienstmädchen kehrte zurück und berichtete, daß der Kollege die Vertretung bereitwillig übernommen habe. Dann brachte sie das Abendbrot – Brot, Butter und Aufschnitt – herein. Aber Emil Reichelt dankte, nur Frau Paula aß ein Butterbrot. Und nun war es Zeit zu gehen. »Du bleibst!« gebot Frau Paula dem Mädchen, die sich ebenfalls entfernen wollte und nun ein weinerliches Gesicht zeigte. »Laß sie nur gehen!« meinte Herr Reichelt mißmutig. »Im Notfall wende ich mich an Frau Dietrich, unsre Nachbarin.« »Schön! In anderthalb Stunden hoffe ich ohnedies zurück zu sein, ich werde mich möglichst beeilen ... Nun, Frau Susanne!« Frau Paula, die zum Fortgehen fertig war, bemerkte erstaunt, daß ihre Freundin Hut und Jackett wieder ablegte. Die sorgenvollen traurigen Mienen des bekümmerten Vaters, der erbarmungswürdige Anblick des elenden Kindes, das wieder unruhig zu werden begann, hatte einen plötzlichen Entschluß in ihr hervorgerufen. »Ich bleibe!« erklärte sie entschlossen. »Das wollen Sie tun, wirklich, Frau Kamberg?« fragte der Redakteur mit dankbarem Blick. Sie nickte und setzte sich auf den Stuhl neben dem Sofa. »Aber was wird Ihr Mann sagen!« warf Frau Paula warnend, mit einem leisen Anflug von Spott ein. Susanne errötete und zuckte mit den Achseln. Aber Herr Reichelts Mienen, die sich schon freudig erhellt hatten, glitt ein Schatten. »Freilich. Er wird Ihretwegen in Unruhe sein. Und ich weiß nicht –« »Ich bleibe,« unterbrach Susanne und fügte lächelnd hinzu: »Sie müßten mich denn mit Gewalt hinausweisen.« Der Redakteur ergriff die Hand der neben ihm Sitzenden und drückte sie herzlich. »Dann sollten wir Herrn Bürgermeister Kamberg wenigstens Nachricht senden«, sagte er. »Jawohl.« Frau Paula nickte. »Ich springe selbst mit heran und sage Ihrem Dienstmädchen Bescheid.« Damit eilte sie rasch davon. Dr. Kamberg war nicht wenig erstaunt, als ihm sein Mädchen meldete, es sei jemand dagewesen mit der Botschaft, daß die Frau Bürgermeister den Abend über in der Familie Reichelt verbleiben werde. »Wer war denn da?« fragte er stirnrunzelnd. »Frau Reichelt selber doch!« Das Lächeln, das bei dieser Antwort um die Lippen des Dienstmädchens zuckte, erregte die Aufmerksamkeit des Hausherrn und er fragte die ihm Gegenüberstehende argwöhnisch nach dem Grund ihrer ihm sehr unmotiviert erscheinenden Heiterkeit. »Na, es ist doch eine zu komische Frau die Frau Reichelt«, erwiderte das Mädchen kichernd. »Sie kennen sie?« »Ja. Sie hat doch mal eine große Rede gehalten in einer Dienstbotenversammlung. Wir Dienstboten sollen uns nicht länger knechten lassen und wir wären ebensoviel wie –« Der Bürgermeister wehrte ärgerlich ab. »Ich verstehe. Es ist gut, Sie können gehen.« Als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte, ging der Einsame erregt auf und ab. Zornige Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Die Mitteilung des Dienstmädchens erfüllte ihn mit Beschämung und kochendem Ingrimm. Diese Frau Reichelt, die sich sogar vor den Dienstboten wegen ihrer extravaganten Agitationen lächerlich gemacht hatte, war die intimste Freundin seiner Frau. Aber war er nicht selber schuld, daß es bereits so weit gekommen war? Hatte er sich von vornherein zu schwach und nachgiebig benommen? Es war wirklich höchste Zeit, daß er einmal ein entscheidendes Machtwort sprach. Als Susanne um ¼ 11 Uhr nach Hause kam, empfing er sie in drohender Haltung. Mitten im Zimmer stand er mit übereinander gekreuzten Armen und sah sie mit funkelnden Augen an. »Du warst wieder mit dieser Frau Reichelt in einer Arbeiterinnenversammlung?« Seine Stimme klang laut, herrisch. Aber sie ließ sich nicht im geringsten einschüchtern, sondern verneinte mit der Ruhe eines guten Gewissens und berichtete über die Erkrankung des Kindes. »Mein Entschluß, noch zu bleiben,« fuhr sie mit sichtlich froher Genugtuung fort, »erwies sich als sehr gerechtfertigt. Das Kind bekam einen neuen Krampfanfall. Es war schrecklich. Eine Stunde lang machte ich ihm kalte Umschläge auf die Herzgegend, bis endlich Beruhigung eintrat. Ein wahres Glück, daß ich da war und dem armen Mann Hilfe leisten konnte!« »Dazu hätte doch seine Frau vollkommen ausgereicht.« »Aber die war ja doch nicht da!« »Nicht da?« Susanne gab Aufklärung. Dr. Kamberg hörte mit Staunen, in wachsender Entrüstung zu. Zuletzt streckte er mit einer aufgeregten Gebärde seine beiden Arme nach oben! »Aber das ist doch – unglaublich ist das doch! Du kompomittierst mich, du machst mich lächerlich, du machst mich unmöglich in der Stadt. Mindestens wäre es doch deine Pflicht gewesen, mich zu fragen, ehe du dich zu etwas so Ungewöhnlichem entschlossest.« »Du hättest es mir verboten?« »Freilich! Allerdings!« »Dann ist es doch besser, daß ich dich nicht gefragt habe.« »Besser?« »Nun ja, denn ich hätte dir nicht gehorchen können und dein Ärger würde nur noch größer sein.« Die Antwort kam ihm offenbar ganz unerwartet, denn er sah sie im ersten Moment ungläubig, bestürzt an. Ihr Antlitz war ruhig, ihre Mienen und Blicke beherrschte keine Regung des Trotzes, sondern eine feste, sichere Entschlossenheit. In dem Mann aber brach jetzt die Empörung los. »Erlaube mal, das wäre deine Pflicht gewesen, hörst du: deine Pflicht! Hast du mir nicht Gehorsam gelobt? Gebietet nicht das menschliche und göttliche Gesetz der Frau, dem Mann zu gehorchen?« »Vorausgesetzt, daß er nichts Unsittliches von ihr verlangt. Was ich getan habe, war meine einfache Menschenpflicht, von der ich mich durch niemand zurückhalten lassen durfte.« »Susanne!« Es klang halb schmerzlich, halb entrüstet. »Aber das heißt doch die Vernunft und die Sittlichkeit auf den Kopf stellen! Siehst du denn nicht ein, daß es die Pflicht der Mutter gewesen wäre, zu Hause zu bleiben?« »Das mag, das kann ich nicht entscheiden«, gab sie unbeirrt zur Antwort. »Ich habe kein Recht, Frau Reichelt über das, was sie als ihre Pflicht erkennt, Vorhaltungen und Vorwürfe zu machen.« »Aber ich habe das Recht, zu hindern, daß auch bei uns die verrückte Wirtschaft einreißt, die bei deinen Freunden zu herrschen scheint, ich habe das Recht und die Pflicht, dich von Torheiten und unbedachten Handlungen zurückzuhalten. Hast du denn nicht empfunden, wie unschicklich es war, daß du den ganzen Abend über mit dem dir doch fremden Herrn in seiner Wohnung allein bliebst?« Sie heftete einen erstaunten Blick auf den Aufgeregten, darauf lächelte sie. »Ich habe keine Zeit gehabt, darüber Erwägungen anzustellen. Jedenfalls habe ich nicht die mindeste Furcht vor dem Alleinsein mit Herrn Reichelt empfunden.« »Aber du hättest dir doch sagen sollen, daß du dich dem üblen Gerede der Nachbarn aussetztest, ja, es geradezu herausfordertest. Ich würde mich gar nicht wundern, wenn schließlich in der Stadt das Gerede entstände, zwischen dir und Herrn Reichelt –« »Nun?« »Wäre nicht alles in Ordnung.« Der Grimm und der Zorn, der sich den ganzen Abend über in ihm angesammelt hatte und der infolge ihres ruhigen, festen, entschiedenen Widerspruchs zur Siedehitze entfacht worden, sprudelte über: »Ja, wenn ich mir vergegenwärtige, mit welcher Begeisterung du neulich von ihm gesprochen hast, muß ich nicht schließlich selber auf diesen Gedanken kommen?« Die junge Frau zuckte wie unter einem körperlichen Schmerz zusammen; alles Blut wich aus ihrem Gesicht. Ihre Lippen krümmten sich verächtlich. »Pfui!« rief sie – nichts weiter, nur dieses eine Wort. Dann drehte sie ihm den Rücken. Er stand betroffen, verwirrt. Und als er sich aufgerafft und seine maßlose Heftigkeit bereut hatte, war sie schon aus dem Zimmer verschwunden. Sie hatte sich nebenan eingeriegelt und vergebens war all sein Klopfen, Bitten und Drohen. Er warf sich auf das Sofa und vergrub seine Stirn in den Händen. Eine tiefe, quälende Unzufriedenheit erfüllte ihn, am meisten mit sich selber. Wie hatte er sich nur so weit hinreißen lassen, sich selbst so tief erniedrigen können? Es fiel ihm schwer auf die Seele, daß er nun den Frieden und die Reinheit seiner Ehe selbst besudelt hatte. Die zarte und herbe Keuschheit ihres Wesens, mit dem jeder häßliche, unsaubere Gedanke einfach unvereinbar war, malte sich ihm so eindrucksvoll, daß er bis ins Innerste erschauerte, während er sich vergegenwärtigte, wie schmerzlich er sie verwundet haben mußte. Verzweifelt griff er sich ins Haar und schalt sich roh und brutal. Das, was sie selbst gegen ihn gefehlt, verblaßte mit einem Mal gegen die große Schuld, die er ihr gegenüber auf sich geladen. Abermals eilte er zur Tür, und in dem weichsten Ton, der ihm zu Gebote stand, bat er sie zu öffnen. Endlich hörte er sie rascheln und ihre Stimme ertönte: »Was willst du?« »Es ist Zeit zum Schlafen, Susanne.« »Ich bleibe hier.« Er erschrak. »Da? Aber das ist doch unmöglich, Susanne. Die ganze Nacht auf dem schmalen, kleinen Sofa? Und Decken hast du doch auch nicht.« »Die brauche ich nicht – nur Ruhe. Laß mich!« Ihre Stimme klang so entschieden, so fest und hart, wie er sie noch nie vernommen. Es überlief ihn heiß und kalt. Was nun? Was hatte sie vor? Es durchrüttelte ihn bis ins Innerste seines Herzens, als sich ihm jetzt zum erstenmal die Möglichkeit einer Trennung darstellte, und er empfand in jedem Blutstropfen, daß er sie in der Ehe noch viel inniger, stärker lieben gelernt hatte. Gerade so wie sie war, flößte sie ihm Liebe und Bewunderung ein. Wieviel höher war nicht die Liebe und Achtung einer Frau einzuschätzen, die sich selber achtete, wie Susanne es tat! Seine Arme streckten sich, ohne daß er sich dessen bewußt war, nach der Tür aus und eine heiße Sehnsucht nach dem lieben, trotzigen, eigenwilligen Geschöpf, das ihm zu imponieren und Respekt einzuflößen begann, trieb ihn wieder empor. Leise schlich er an die Tür und preßte ganz vorsichtig, unhörbar sein Ohr an die Spalte. Aber er wagte nicht zu klopfen und so beschloß er denn, sich in das Unabänderliche zu ergeben und ihren Willen zu respektieren. Und während sie in ihrem Zimmer kampierte, warf er sich im Wohnzimmer auf das Sofa, denn er wollte es nicht besser haben als sie. Als es sechs Uhr war und er das Mädchen in der Küche hantieren hörte, schlich er sich leise in das Schlafzimmer und legte sich hin, aus Scham vor dem Mädchen, damit sie nicht von dem ehelichen Zwist erführe. Die Augen auf die Tür gerichtet, wartete er. Aber Susanne kam auch jetzt nicht. So verharrte er zwei Stunden, ohne zu schlafen. Dann erhob er sich wieder und machte seine gewöhnliche Morgentoilette. Als er in das Wohnzimmer hinüberkam, fand er Susanne wie gewöhnlich am Frühstückstisch. Nur daß sie etwas matt und übernächtig aussah. Erschüttert schritt er auf sie zu. »Susanne, kannst du mir verzeihen?« Sie sah überrascht in seine von Reue und Beschämung bewegten Mienen, und ohne ein Wort zu erwidern, bot sie ihm die Lippen zum Versöhnungskuß. Er drückte sie freudig an sich und in dem Überschwang seines stürmischen Gefühls und in dem Verlangen, ihr eine Genugtuung zu bieten, rief er: »So, Schatz, nun laß uns frühstücken! Und dann begleitest du mich ein Stück, wenn ich ins Amt gehe. Du wirst doch gewiß den Wunsch haben, dich zu erkundigen, wie dein Schützling die Nacht verbracht hat.« Ein Freudenschrei lief über ihr Gesicht, sie nickte ihm begeistert zu. Nach dem Frühstück eilte sie hinaus, um sich zum Ausgehen fertig zu machen. Als sie wieder ins Zimmer trat, lag etwas Verhaltenes, Listiges in ihren Mienen. »Also vorwärts!« sagte er, nach seinem Hut greifend. Aber sie hielt ihn zurück und stand ihm verschämt lächelnd gegenüber. »Ich habe dir noch etwas zu sagen.« »So?« fragte er erstaunt. »Da bin ich begierig.« Sie beugte sich zu ihm hinüber und flüsterte ihm leise, innig ins Ohr: »Ich habe dich lieb, Eugen!« Da packte er sie entzückt beim Kopf und küßte sie so heftig, daß ihr der Atem verging und der Hut total seinen Sitz verlor, so daß sie noch ein paar Minuten brauchte, bis sie sich wieder in die richtige Verfassung gebracht hatte, um mit ihm den Weg antreten zu können.   XIV. Dr. Kamberg wunderte sich in den nächsten Tagen über sich selbst. Wie war es nur gekommen, daß er ihr so unbedingt nachgegeben hatte? Besaß sie den stärkeren Willen? Er lächelte. Die zarte, schwache Frau? Unmöglich! Oder lag es daran, daß ihr Standpunkt der gerechtere, logischere war? Er vertiefte sich in die Frage, ohne zu einem rechten Resultat kommen zu können. Im übrigen war er froh, daß der Sommer vor der Tür stand, und das gesellschaftliche Leben fast völlig ruhte. Daß sie sich von allen gesellschaftlichen Veranstaltungen ausschloß, war für die Dauer nicht durchführbar und er zitterte immer, daß ihr impulsives Wesen, ihr Unabhängigkeitsgefühl und ihre selbständige Art, Menschen und Dinge zu beurteilen, Situationen heraufbeschwor, die ihm bei seiner amtlichen und gesellschaftlichen Stellung die gräßlichsten Ungelegenheiten bereiten konnten. Nun lagen doch ein paar Monate vor ihm, in denen ihr glückliches Zusammenleben, seine Freude an ihren körperlichen und seelischen Reizen in keiner Weise getrübt werden konnte. Seine Ferien nahm er diesmal von Anfang August bis Mitte September. Mitbestimmend war beider Wunsch, die Sommermuße ungestört und allein miteinander zu verbringen. So konnte man Ella Neudecks Anfrage, ob sie die Sommerferien nicht gemeinsam in einem Ostseebade verleben wollten, abschlägig bescheiden, ohne Susannes Schwester zu verletzen, die ja ihres Berufes wegen an den Juli gebunden war. Nein, sie wollten sich durch niemand in dem Glück; einander wieder einmal ganz ohne Rücksichtnahme auf andere, ohne Beschränkung anzugehören, beeinträchtigen lassen. Und so traten sie ihre Nordlandreise an mit glückgeschwellten Herzen, in froher Erwartung, ganz erfüllt von dem Gefühl ihrer untrennbaren Zusammengehörigkeit, ähnlich wie damals im Herbst, als sie zum erstenmal an seiner Seite in die Ferne gefahren war. Nur daß diesmal alles strahlender und verheißungsvoller war: die Sonne und die Felder, an denen der Eisenbahnzug sie vorübertrug. Das alles gehörte ihnen: die Luft und der Himmel und die See, die sich vor ihnen ausdehnte, und sie waren ganz allein, um das alles zu genießen mit reiferen Sinnen, mit tieferem Bewußtsein ... Erfrischt, in heiterster Laune, in süßer Eintracht kehrten sie nach den köstlichen sechs Wochen ihres Lebens in ihr Heim zurück, mit dem stillen Bedauern, daß sie so ideal schöne, glückvolle Tage nie wieder erleben würden. Dennoch lag auch während der nächsten Wochen noch ein Abglanz der eben genossenen, unvergeßlichen Zeit auf ihrem Leben. Es war wie in den ersten Wochen nach ihrer Hochzeitsreise: wieder wartete sie seiner in Ungeduld, während ihn seine Berufspflichten fern von ihr hielten, wieder eilte sie ihm in den Flur entgegen, um ihm mit freundlichstem Lächeln, mit ihren innigsten Küssen zu begrüßen, wenn er heimkehrte. Wieder machten sie lange Spaziergänge zu zweien und verbrachten die Abende in trautem Alleinsein, in anregendem, von häufigem Kosen und Tändeln unterbrochenem Gespräch. Es war in der zweiten Oktoberwoche, als sie eines Abends einer Einladung des Portigschen Ehepaars zu einem gemeinsamen Theaterbesuch folgten. Herr Portig hatte eine kleine Loge besorgt, deren beide Vordersitze die beiden Damen einnahmen. Die beiden jungen Frauen plauderten sehr lebhaft miteinander, denn beide befanden sich in bester, gehobenster Stimmung, die eine, weil sie, im Glanze ihrer Schönheit und ihrer eleganten, geschmackvollen Toilette sich als Zielpunkt bewundernder Blicke wußte, die andere, weil sie der Vorstellung mit der frohen Erwartung einer frischen, genußfreudigen Seele entgegensah. Da beugte sich Frau Adele zu ihrer Cousine hinüber und flüsterte leise: »Wie gefällt sie dir?« »Wer?« fragte die junge Frau ahnungslos. »Nun, hast du denn noch nicht bemerkt, daß dich da drüben die Dame in der champagnerfarbenen Robe fast mit ihren Augen verschlingt?« Susanne hatte wohl flüchtig wahrgenommen, daß jemand sie durch das Opernglas betrachtet hatte, aber sie hatte dem Vorgang keine Bedeutung beigemessen und es für Zufall, höchstens für Neugierde, die der Frau des Bürgermeisters galt, gehalten. Jetzt warf sie einen raschen, verstohlenen Blick nach der schräg gegenüberliegenden Loge. In der Tat, die Dame hielt schon wieder ihr Glas auf sie gerichtet, und erst, als sie jetzt ihren Arm aufstützte und ihr Gesicht mit der Hand beschattete, gab die Frau ihr auffälliges Fixieren auf. »Wer ist das?« fragte Susanne verwundert, völlig ahnungslos. Frau Adele aber zeigte ein verschmitztes, lächelndes Gesicht und zwinkerte mit den Augen nach der Richtung der beiden hinter ihnen sitzenden Männer. Susannes Erstaunen stieg, aber sie hatte nicht mehr die Zeit, ihre Frage zu wiederholen, denn der Vorhang rauschte empor und die Vorstellung begann. Ihre ganze Seele wurde von der fesselnden Handlung des Stücks in Anspruch genommen; nicht nur die neugierige fremde Dame in der gegenüberliegenden Loge, auch ihre Nachbarin, ihr Mann und die ganze Zuhörerschaft verschwand ihren Blicken und ihren Sinnen. Erst als der Akt vorüber war und der hinabrollende Vorhang die Bühne abschloß, kam sie zum Bewußtsein ihrer Umgebung. Aber sie war noch so ganz im Bann der Dichtung, der die Künstler den Schein der Wirklichkeit geliehen, daß sie zunächst für nichts anderes Interesse hatte und lebhaft ihre Ansichten über den Inhalt des Dramas und die Darstellung mit den anderen Insassen der Loge austauschte. Erst als die Herren die Loge verließen, um sich nach der Theaterrestauration zu begeben und Susanne sich wieder nach der anderen Seite wandte, wurde sie an die Fremde erinnert, die vorher ihre Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war eine mit auffallender Eleganz gekleidete Dame von etwa dreißig Jahren, die neben einer älteren Dame in der Loge saß. Sie war groß, üppig, brünett, mit dunklen, keck blitzenden Augen. Die Frage nach der Fremden, die ihr auf die Lippen treten wollte, drängte sie wieder zurück, denn es lag etwas Kokettes, Herausforderndes in dem Benehmen der Dame, das sie unwillkürlich abstieß. Aber ihre Nachbarin wisperte ihr ins Ohr: »Ist sie nicht schön?« Susanne zuckte mit den Achseln und blickte in die entgegengesetzte Richtung, um anzudeuten, daß die Dame sie nicht interessiere. Frau Adele lächelte – es lag etwas Ironisches und zugleich Verheißungsvolles in dem Lächeln. »Wüßtest du, wer es ist,« bemerkte sie orakelhaft, »du würdest dich nicht so gleichgültig zeigen.« Susanne schüttelte mit dem Kopf und zog ihre Augenbrauen zusammen, befremdet über die Hartnäckigkeit, mit der ihre Cousine sich mit der Dame beschäftigte, die die Operngläser der Herren in ungewöhnlichem Maße auf sich lenkte. »Ich verstehe dich nicht«, erwiderte sie kurz. »Es ist Frau Kommissionsrätin Hilgers.« Susanne zuckte mit den Achseln, zum Zeichen, daß der Name ihr nichts sage. »Hat er dir denn nicht von ihr erzählt?« fragte Frau Adele interessiert, mit einem lauernden Blick. »Wer?« »Nun dein Mann.« In Susanne regte sich zum erstenmal eine leise, unbestimmte Unruhe. Unwillkürlich flog ihr Blick wieder zu der Fremden hinüber. Die gezierte Haltung, die Art, wie sie den Oberkörper hervorpreßte, das gefallsüchtige Lächeln, das fortwährend ihre vollen Lippen umschwebte, alles das verstärkte den unsympathischen Eindruck, den sie schon vorher von der auffallenden Erscheinung empfangen hatte. Und als die Dame, die von ihrer Nachbarin Frau Hilgers genannt wurde, jetzt merkwürdig feindselig, spöttisch zu ihr hinüberblickte, wandte sie ihr Gesicht rasch, befangen errötend, ab. Dennoch sog sie jedes Wort in sich hinein, als Frau Adele jetzt endlich Aufschluß zu geben begann. »Weißt du, sie ist keine von denen, die man gern bei sich empfängt. Früher haben wir ja mit ihr verkehrt, aber schließlich lud ich sie nicht mehr ein. Schon als Mädchen hatte sie keinen ganz guten Ruf. Als sie den reichen Kommissionsrat Hilgers heiratete, gewann sie ja eine gewisse gesellschaftliche Stellung. Seit drei Jahren ist sie Witwe. Man kann es dir ja sagen, denn es war ja vor deiner Zeit: dein Mann hat ihr stark die Cour gemacht, sie sollen sehr liiert miteinander gewesen sein und man munkelte schon, daß er sie heiraten würde. Aber er hat doch wohl Bedenken gehabt, denn sie soll noch andere Götter neben ihm gehabt haben. Ob's wahr ist, wer weiß es? Jedenfalls war sie so unvorsichtig, sich ins Gerede zu bringen. Vielleicht war auch nur schuld, daß er dich kennen lernte und sich Hals über Kopf in dich verliebte ... Aber was ist dir denn, Susanne?« Die junge Frau hatte die Empfindung, daß sie bleich und verstört aussah. Mit aller Willensanstrengung, die ihr zu Gebote stand, kämpfte sie die Gemütsbewegung, die die unerwarteten Mitteilungen ihrer Cousine in ihr hervorgerufen, in sich zurück und zwang ein Lächeln auf ihre Lippen. »Du hast doch wahrhaftig keinen Grund, dich deshalb zu alterieren«, fuhr Frau Adele eifrig fort. »Es war doch alles vor deiner Zeit. Wenn eine Grund hat, sich zu beklagen, dann kann es doch höchstens Frau Hilgers sein. Die Sache scheint ihr übrigens wirklich nahe gegangen. Sie hatte sich doch wohl Illusionen gemacht. Bald nach eurer Hochzeit verschwand sie aus der Stadt. Sie soll sich bis vor kurzem in Berlin bei Verwandten aufgehalten haben. Ob sie wohl nun dauernd wieder hier Wohnung genommen hat?« Susanne erwiderte nichts. Mit aller Kraft bemühte sie sich, sich ein ruhiges, gleichmütiges Aussehen zu geben, ohne daß ihr das recht gelingen wollte. »Aber sei doch nicht kindisch, Susanne!« redete Frau Adele kopfschüttelnd auf sie ein. »Ich begreife dich nicht. Du hast dir doch nicht etwa eingebildet, daß du die erste Liebe deines Mannes gewesen bist? So etwas gibt es doch überhaupt gar nicht.« Susanne war nicht imstande zu antworten, denn sie hatte Mühe, die Tränen, die in ihr mit aller Gewalt heraufdrängten, zurückzuhalten. Es war eine furchtbare Marter für sie, still, mit gleichmütiger Miene dasitzen zu müssen, während alles in ihr in Aufruhr war. Die Herren kamen zurück. Dr. Kamberg trat hastig, unruhig ein, als ob er etwas ahnte. Kaum hatte er sich gesetzt, als er sich mit einer Frage an seine Frau wandte. Ob sie es heiß finde? Offenbar lag ihm nur daran, einen Blick auf ihr Gesicht zu werfen. Aber sie kehrte ihm nur ihr Profil zu und antwortete mit einem kurzen »Nein«, wählend sie vermied, ihn anzusehen. Susanne hatte kein Bewußtsein von den Vorgängen auf der Bühne, als gleich darauf der zweite Akt begann. Sie erfaßte zwar das, was sich zwischen den Theaterdekorationen abspielte, mechanisch mit Auge und Ohr, aber sie war nicht imstande, den Sinn und den Zusammenhang der einzelnen, mit dramatischer Lebhaftigkeit einander folgenden Handlungen zu begreifen. Sie war wie betäubt, als ob ihre Denkkraft plötzlich gelähmt, als ob ihr die Fähigkeit zu kombinieren, abhanden gekommen wäre. Nur immer der eine Gedanke schwirrte unausgesetzt in ihr: Eugen hatte vor ihr geliebt – die entsetzliche, unfeine, aufdringliche, herausfordernde Person da hatte er geliebt! Das hämmerte in einem fort verwirrend, vernichtend auf sie ein. Ein heißer, brennender Schmerz, ein unendliches Wehegefühl durchzuckte sie. Und wenn sie allein gewesen, ohne Zeugen, in ihren verschwiegenen vier Wänden, sie hätte sich wohl zu Boden geworfen und hätte versucht zu weinen, um dem Druck Luft zu machen, der ihr das Herz so stark zusammenpreßte, daß sie sekundenlang ein Schwindel anwandelte und sie die Finger in die Logenbrüstung krallte, um einen Halt zu gewinnen. Aber vielleicht war es gar nicht wahr, vielleicht hatte Adele nur gescherzt? Die Grübelnde richtete sich straffer auf und schalt sich allzu leichtgläubig, töricht. Aber dieser Trost, der Versuch, sich selbst zu belügen, hielt nicht lange vor. Hatte Adele nicht ganz bestimmte, ausführliche Angaben gemacht und wie sollte sie gerade heute darauf kommen, sich in so frivoler, grausamer Weise gegen sie zu versündigen? Und bestätigte das auffallende Interesse der Fremden, ihre feindlichen Blicke nicht überzeugend alles, was ihr Adele mitgeteilt hatte? Es pochte und klopfte, siedete und gärte in ihr mit verdoppelter Gewalt und mehr als einmal war sie nahe daran aufzustehen, um die Loge zu verlassen, denn es war fast übermenschlich, die entsetzliche Qual zu ertragen. Ein Glück, daß während des Spiels der Zuschauerraum Halbdunkel war und daß niemand das schmerzliche, krampfhafte Zucken in ihren Mienen und die Tränen sehen konnte, die sich trotz aller geheimer Anstrengung ins Auge drängten. Ein paarmal strebte sie, ihr Weh durch Spott und Selbstverhöhnung zu ersticken. War sie wirklich so kindisch und albern und überhebend, sich einzubilden, daß sie eine so außergewohnliche, hervorragende Persönlichkeit war und daß sie erst kommen mußte, um in Eugen Kamberg die Liebe zu wecken? Aber ach, auch diese Erwägung half ihr nicht viel. Nie vorher hatte sie sich zwar mit dieser Frage beschäftigt, aber sie hatte die ganz selbstverständliche Empfindung gehabt, daß sie ebenso Eugens erste Liebe war, wie er die ihre. Und nun drückte sie das Bewußtsein wie mit Zentnerlast zu Boden, daß sein Interesse, sein Herz schon vor ihr einer anderen gehört hatte, daß die süßen, kosenden Worte, die er ihr in den schönsten Stunden ihres Lebens ins Ohr geraunt, auch eine andere beseligt hatten ... Der lärmende Applaus, der am Schluß des Aktes einsetzte, weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Aber sie war noch immer so benommen und verwirrt, daß es ihr unmöglich war, sich an dem lebhaften Gespräch zu beteiligen, das zwischen ihrer Cousine und den beiden Herren sich entspann. Den fragenden, forschenden Blicken ihres Mannes wich sie beharrlich aus; sie hatte das Gefühl, als könne sie ihm nun nie mehr in die Augen sehen. Sie war froh, daß der Zwischenakt diesmal nur ein ganz kurzer war und daß der Beginn des dritten Aktes sie der Notwendigkeit überhob, eine gleichgültige Miene zu heucheln und den Fragen und Bemerkungen der anderen ihr Ohr zu leihen. Wieder war es wie vorher, wieder wandte sie ihre Blicke der Bühne zu, ohne daß sie geistig erfaßte, was sie sah und hörte. Sie war so ganz erfüllt von dem, was ihr die letzte Stunde an wirklichem Leben gebracht, daß daneben nicht das mindeste Interesse für die Scheinvorgänge, die sich vor ihr abspielten, aufkommen konnte. Sie empfand es als eine Erlösung, als mit dem dritten Akt das Stück zu Ende war. Als Herr Portig vorschlug, gemeinsam in einem Restaurant zu speisen, erzitterte sie innerlich, aber ihr Mann kam ihr zu Hilfe, noch ehe sie selbst einen Wunsch ausgesprochen. »Susanne scheint nicht ganz wohl«, erwiderte er und zugleich zog er ihren Arm unter den seinen und drückte ihn zärtlich. Sie mußte sich Zwang auferlegen, um sich nicht entrüstet von ihm loszureißen. Erst als sie zu Hause waren, brauchte sie sich nicht mehr den Schein der Unbefangenheit zu geben. Sie setzte sich still abseits und starrte vor sich hin, während er am Tisch stand und dem Brot und kaltem Aufschnitt, den das Mädchen schon zurechtgestellt hatte, zusprach. »Willst du nicht auch etwas essen, Susanne?« fragte er, sich unterbrechend. Sie antwortete ihm nicht, ja sie schien seine Frage gar nicht gehört zu haben. Ihr Gesicht war dem Boden zugekehrt, sie saß unbeweglich wie ein lebloses Wesen aus Stein. Er legte den Rest seines Butterbrotes auf den Teller und näherte sich ihr. »Susanne, ich sehe, daß dich etwas innerlich beschäftigt, hat Adeles Zunge wieder einmal Unheil angerichtet, hat sie dir« – er zögerte einen kurzen Moment – »vielleicht von Frau Hilgers erzählt?« Er bemerkte, wie sie zusammenschauderte und wie die Blässe in ihrem Gesicht noch um einen Schatten fahler wurde. Er zuckte mit den Schultern und fuhr ganz gleichmütig und gelassen fort: »Du scheinst der Sache doch weit mehr Wichtigkeit beizumessen, als sie verdient.« Da erhob sie endlich ihren Blick und sah ihn forschend, fragend an, und mit schwerem, gepreßtem Atem rang sie sich die Frage ab: »Sie hat dir nahe gestanden?« Er nickte. »Ich habe keinen Grund, es zu leugnen. Als ich dich kennen und lieben lernte, war das selbstverständlich für mich erledigt. Du siehst, du hast keinen Grund, dich nachträglich darüber zu alterieren.« »Keinen Grund?« In ihrer Stimme zitterte die ganze flammende Entrüstung, die sie in diesem Augenblick beherrschte. »Willst du damit sagen, daß ich nicht das Recht habe, ein ebenso empfindliches Ehr- und Feingefühl zu besitzen wie du?« Und als er ihr nichts erwiderte, sondern nur stumm seine Schultern bewegte, fuhr sie fort: »Ich begreife nur nicht, daß du diese Frau nicht geheiratet hast, wenn du sie doch liebtest.« »Eine Frau Hilgers heiratet man nicht«, versetzte er prompt, mit der Kraft der Überzeugung. Sie ließ ein kurzes, heiseres Auflachen hören. »Aber man liebt sie! Ja, wer garantiert mir denn, daß du nicht später auch einmal in bezug auf mich zu derselben Ansicht gelangst und bereust, mich geheiratet zu haben?« »Susanne!« Es vibrierte ein wirklicher Schmerz im Ton seiner Stimme. »Du solltest dich doch nicht selbst herabsetzen.« »Ich? Als ob du mich nicht aufs tiefste herabgesetzt hättest! Siehst du denn nicht ein, was du mir getan hast, als du meine Ahnungslosigkeit mißbrauchtest und mir von Liebe sprachst? Kann ich denn noch an dich glauben? Wer weiß, wie viele du geliebt hast vor mir und vor jener anderen! Muß ich dich nicht auf eine Stufe stellen mit jenem Herrn von Wernitz, den ich verachte aus dem Grunde meiner Seele, und dem ich nicht mehr erlauben würde, daß er auch nur meine Hand berührte?« »Susanne!« Der Ärger schoß in ihm hoch. »Du weißt ja nicht, was du sprichst.« Aber das Mitleid mit dem ungeheuren Schmerz, mit der tiefen seelischen Erschütterung, in deren Bann er sie sah, gewann rasch wieder die Oberhand in ihm. Und so griff er beschwichtigend, begütigend nach ihrer Hand. Doch sie riß sich ungestüm los und sprang auf und, ihn mit einem Blick voll flammender Empörung zurückweisend, schritt sie an ihm vorüber zur Tür. Und wieder verbrachte sie eine Nacht mit Denken und Grübeln, in schwerem seelischen Ringen. Sie fühlte sich erniedrigt, beschimpft, entehrt, und sie empfand es als unsühnbare Schuld, daß er es gewagt hatte, mit dieser Vergangenheit sich ihr zu nähern. Eine heiße, brennende Scham, ein unendliches Grauen erfaßte sie bei der Erinnerung an die Küsse, die er ihr gegeben. So wie sie hatte er auch die anderen geküßt, so wie sie hatte er auch die anderen in seine Arme genommen. Ihre höchsten, schönsten Empfindungen hatte sie ihm gewidmet, alles Hohe, Heilige, Süße, was in ihr war, und er – nur einen Bruchteil dessen hatte er ihr zurückgeben können. Mit Schaudern mußte sie erkennen, daß der Mann, zu dem sie einst wie zu einem höheren Wesen aufgeblickt, tief unter ihr stand. Die Überlegenheit des Mannes, an die sie immer wie an einen Glaubenssatz geglaubt, war überhaupt nicht vorhanden. In ihrer dummen Unerfahrenheit und blinden Gläubigkeit hatte sie ihn viel zu hoch eingeschätzt, und eine grenzenlose Enttäuschung und Entnüchterung war nun die Folge. Bittere Reue erfaßte sie, während sie sich der Warnung ihrer Schwester erinnerte, die sie vergebens von der Ehe hatte zurückhalten wollen. Ja, sie hatten recht die Frauenrechtlerinnen, die da predigten: »Los vom Manne!« denn für die Frau, die auf der Höhe ihrer Zeit stand, für die moderne Frau, war der Mann noch nicht geboren. Die Frau dieser Übergangszeit war ein unglückseliges Wesen. Aller Zwiespalt, alle Kämpfe der Zeit spiegelten sich in ihrem Lose: geistig, mit ihrer Anschauungsweise und ihrem besten Streben lebte sie in der Zukunft, und körperlich war sie an die Gegenwart gefesselt mit ihren alten Vorurteilen und alten entwürdigenden Gewohnheiten ... Doch diesen trotzigen und resignierenden Gedanken folgten Anwandlungen kleinmütiger Zerknirschung, schmerzlicher Verzagtheit, und sie bedauerte, daß sie nicht war wie die vielen anderen, die solche Skrupeln und Kämpfe nicht kannten, deren Streben und Wünschen nicht darüber hinausging, schön zu sein und ihrem Mann zu gefallen, die sich willig der Autorität des Mannes unterwarfen, weil sie das für etwas Selbstverständliches, Naturgewolltes hielten ... In den nächsten Tagen gingen die Eheleute aneinander vorbei und sprachen nur das unumgänglich Notwendige. Ja, es war unverkennbar: Susanne mied das Zusammensein mit ihrem Mann, soviel sie nur irgend konnte. Und er – er sah, daß er ohnmächtig war gegen das, was sie ihm entfremdete, und auch seiner bemächtigte sich eine tiefe Verstimmung, ein bohrender Verdruß, und er schalt sie im stillen überspannt, uneinsichtsvoll, ungerecht. Gewiß, es war eine unerfreuliche, unerquickliche Tatsache, daß die Männer in der Ehe nicht den ganzen ursprünglichen, unentweihten Schatz ihrer Liebe bieten konnten, den sie doch von der Frau verlangten, aber war er dafür verantwortlich zu machen? War das nicht eine Folge der sozialen Verhältnisse, über die der einzelne keine Macht hatte? Doch neben dem Unwillen und der Empörung regte sich in ihm auch tiefes Mitleiden mit ihr. Auch in ihr war die Liebe sicherlich nicht erstorben, sie wurde nur immer wieder unter den Aufwallungen ihres schwer verwundeten Scham- und Ehrgefühls zurückgedrängt. So rückte der fünfzehnte November, der Jahrestag ihrer Hochzeit, heran, ohne daß sie den Weg zueinander gefunden hatten. Vier Wochen war es her, daß er keinen freundlichen Blick mehr von ihr erhalten, daß er sie in seinen Armen gehalten und daß ihre Lippen die Annäherung der seinen geduldet hätten. Er ließ es sich jedoch nicht nehmen, Blumen zu bestellen, um das Bild, das sie beide im Hochzeitsgewand darstellte, zu bekränzen und einen kostbaren frischen Strauß in großer Vase auf den Tisch des Wohnzimmers zu stellen. Er bemerkte, wie sie bei dem Anblick erblaßte, wie sie zusammenzuckte und eine unwillkürliche Biegung machte, als wollte sie wieder das Zimmer verlassen, aber als er nun rasch auf sie zutrat, und sie an den Händen zurückhielt, wehrte sie ihm nicht. »Liebe Susanne,« redete er sie bittend an, »komm, sei wieder gut! Ich bedaure und empfinde es wie du schmerzlich, daß das Leben so unvollkommen ist und daß es so wenig Schönheit und Reinheit in der Welt gibt. Aber wenn du gerecht sein willst, wirst du einsehen, daß ich das Recht habe, von dir Verzeihung zu fordern, Verzeihung und Vergessen. Also komm, laß uns den Tag nicht in Gram und Verbitterung verbringen! War es nicht der schönste, unvergeßlichste Tag deines Lebens? Gereut es dich, ihn erlebt zu haben? Nein, nein Susanne, es kann, es soll dich nicht gereuen, denn du hast mich lieb, Susanne, du hast mich noch immer lieb, und ich – ich kann nicht leben ohne deine Liebe. Ich sehne mich nach dir – so sehr! In all den Tagen habe ich mich nach dir gesehnt, du Harte, Grausame, du Liebe, Süße!« Er schlang den Arm um sie, und sie wehrte es ihm nicht. Es schien, als ob die bebenden, kosenden Laute seiner Stimme sich wieder wie einst in ihr Herz hineinschmeichelten, denn er fühlte, daß sie sich an ihn lehnte, und jetzt schloß sie die Augen wie in süßer Selbstvergessenheit. Schon näherte er seine Lippen den ihren, schon verspürte er den Hauch ihres schneller gehenden Atems auf seiner Wange, da – ein schroffer Ruck und sie hatte sich von ihm losgerissen. »Nein, nein, nein!« Er machte eine heftige Bewegung und erhob zornig drohend die Hand. Sie sah es nicht – denn sie hatte ihr Gesicht in ihren beiden Händen verhüllt, überwältigt von der stürmischen Bewegung, von dem marternden, herzpressenden Kampf in ihrer Brust. »Laß mich!« stieß sie im Wirrwarr und Widerstreit ihrer Empfindungen hervor. »Ich kann nicht! Laß mir Zeit! Laß mir doch Zeit!« Sie eilte in voller Aufregung davon. Er aber ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen, aufs stärkste verstimmt, gekränkt. Ärgerliche Gedanken wurden in ihm laut: zu sehr hatte er sie verwöhnt, zu viel ihr bereits nachgegeben. Er hätte die Zügel von Anfang an fester fassen sollen. Aber nun war es genug der Nachgiebigkeit, des Entgegenkommens. Das schwor er sich ergrimmt zu: keinen weiteren Schritt würde er ihr entgegentun, und sollte ihre ganze Ehe in Trümmer gehen. An ihr war es nun, zu kommen und zu bitten. XV. Susanne war unzufrieden mit sich, denn sie sagte sich, daß sie inkonsequent und sinnlos handle. Wenn sie nicht vergessen, wenn sie nicht darüber hinwegkommen konnte, worüber doch – das ahnte sie jetzt wohl – alle oder doch die meisten Frauen hinwegkommen müssen, dann blieb ihr nichts als zu gehen, denn sie lebte nicht mehr mit ihrem Manne, sondern nur neben ihm, und das war keine Ehe. Wenn sie aber zu schwach war, sich von ihm zu lösen, dann hatte sie auch nicht das Recht, ihm länger wie einem Fremden zu begegnen und ihm Tag für Tag ihre Mißachtung zu bezeigen. Aber verachtete sie ihn denn überhaupt? War es gerecht gewesen, ihn auf eine Stufe mit Assessor von Wernitz zu stellen? Nein, das erkannte sie jetzt bei ruhigerer Überlegung wohl, daß Eugen nicht in Vergleich zu bringen war mit diesem Don Juan, der weder für seinen Beruf noch für sonst eine ernste Beschäftigung oder irgendeine ernste Idee Interesse besaß, der für nichts Sinn hatte als für das Weib, und dessen Lebensinhalt die Liebe war oder das, was er dafür hielt. Nein, dieser innerlich leere Mensch, der gedankenlos von einer zur anderen ging, blind seinen brutalen Instinkten folgend, stand tief, tief unter Eugen Kamberg, dem sie die Sünden früherer Generationen angerechnet hatte. Weichere, versöhnlichere Stimmungen machten sich wieder geltend und Liebe und Sehnsucht fing wieder an, ihr Herz lebhafter pochen zu machen. Und sie wartete auf ein freundliches, ermunterndes Wort, auf einen zärtlichen, verführerischen Blick mit dem Bewußtsein, daß sie nicht mehr die Kraft haben würde, ihm zu widerstreben, ihn kalt, unempfindlich abzuwehren. Aber nun war es zu spät, nun verhielt er sich gegen sie mit unerschütterlicher Zurückhaltung, mit kalter Gemessenheit, und sie erkannte wohl, daß sie sein Selbstgefühl zu tief verwundet hatte und daß seine Selbstachtung und sein Zartgefühl ihm verbot, sie zu überrumpeln und sich zu erzwingen, was sie ihm nicht aus freiem Herzen, aus eignem Antrieb gewähren wollte. Ein paarmal war sie nahe daran, den ersten Schritt zu tun, ihm, wenn er vom Amt nach Hause kam, mit strahlendem Antlitz entgegenzueilen und ihm ihre Lippen zu bieten, wie sie es so oft getan. Aber immer im letzten Moment malte ihr ihre Phantasie ein Bild, das ihren Willen lähmte, das sie zu Eis erstarren ließ und jede weichere, zärtlichere Regung in ihr erstickte. An diese Brust hatte eine andere ihren Kopf hingebend geschmiegt, dieser Arm hatte eine andere liebend umfangen, und diese Lippen hatten die dreisten, schamlos herausfordernden Augen und die breit aufgeworfenen sinnlichen Lippen jener koketten Brünetten geküßt, die ihr als eine Entartete, als eine tief unter ihr Stehende erschien, mit der sie sich nicht auf eine Stufe stellen durfte. Und wenn es ihr Leben gekostet, sie hätte es nicht fertig gebracht, ihn auch nur mit einem freundlichen Lächeln zu begrüßen. Und so blieb es dabei, daß sie einander zwar ruhig, aber kühl, teilnahmlos begegneten und daß das Verhältnis zwischen ihnen sich immer unleidlicher, unhaltbarer gestaltete. Und wenn sie auch manche Nacht bitterlich in ihre Kissen hineinweinte, sie war nicht imstande, eine Änderung herbeizuführen. Unendlich litt sie unter seiner Unempfindlichkeit und seiner gleichmütigen Haltung, hinter der er seinen dumpfen Groll, seine zunehmende Erbitterung verbarg, und unter ihrer eigenen Unentschlossenheit. Um sich zu betäuben und ihren Phantasiebildern und Grübeleien zu entgehen, begrub sie sich in ein emsiges Studium, und die trockensten, abstraktesten Themata suchte sie sich aus, um in schwerer, harter Gedankenarbeit vergessen zu suchen. Nicht einen einzigen Besuch machte sie in dieser Zeit, und selbst von dem Ehepaar Reichelt zog sie sich zurück, denn sie fürchtete, daß man ihr die Spuren ihrer demütigenden Erlebnisse vom Gesicht ablesen könnte. Aber gerade Frau Paula hätte sie um keinen Preis einen Einblick in die Kämpfe ihrer letzten Wochen gestatten mögen. Da erhielt sie eines Tages ein herzliches Schreiben von Frau Reichelt. Warum sie denn so lange nichts von sich hören lasse? Ob sie erkrankt sei? Doch in diesem Fall würde sie gewiß eine Zeile geschrieben und ihre Freunde nicht so ganz in Unkenntnis gelassen haben? Ob sie ihr oder ihrem Gatten irgend etwas übelgenommen, oder welche Gründe sie sonst habe, sich in ein so undurchdringliches Schweigen zu hüllen. »Jedenfalls will ich nicht unterlassen,« hieß es in dem Brief weiter, »Sie, liebe Freundin, darauf aufmerksam zu machen, daß wir am künftigen Mittwochabend das Vergnügen haben werden, eine der bekanntesten Führerinnen der Frauenbewegung aus Berlin in unserm Arbeiterinnenbildungsverein als Gastin zu sehen. Die Dame wird über die Selbstbestimmung des Weibes einen Vortrag halten, an den sich eine Diskussion schließen wird. Die Versammlung ist diesmal öffentlich, und der Zutritt steht jedermann frei. Wir hoffen, daß sowohl die Persönlichkeit der Rednerin, wie auch das zeitgemäße Thema die Frauen und Mädchen aus allen Kreisen der Stadt in großer Schar herbeiführen wird. Jedenfalls verspricht der Abend sehr interessant zu werden. Ich habe dafür gesorgt, daß einige Stühle in der ersten Reihe für uns reserviert werden. Es würde meinen Mann und mich sehr freuen, wenn Sie sich uns anschließen würden ...« Bei Susanne stand es sogleich fest, daß sie die Versammlung besuchen würde. Kein Thema hätte sie mehr interessieren können als das angekündigte. Überhaupt lechzte sie in ihrem jetzigen Gemütszustand nach einer Zerstreuung. Sie empfand, daß sie so nicht weiterleben konnte. Das Brüten über ihr persönliches Geschick, die abstumpfende Eintönigkeit und Unerfreulichkeit ihres engen häuslichen Kreises mußte sie bei längerer Dauer zum Wahnsinn treiben. Schon zu lange hatte sie sich von allem abgeschlossen, was anregend, belebend, tröstend auf sie wirken konnte. Und so schrieb sie sogleich ein paar freundliche Zeilen zurück, in denen sie für die Mitteilung herzlich dankte und ihre feste Zusage, an der Versammlung teilzunehmen und ihre Freunde abzuholen, ausdrückte. Freilich, hinterher kam ihr ein Bedenken. Hatte sie ihrem Gatten nicht versprochen, die Zusammenkünfte des Arbeiterinnenbildungsvereins nicht mehr zu besuchen? Aber sie half sich mit der Erwägung, daß es sich ja diesmal nicht um eine Veranstaltung im engen Vereinszirkel, sondern um eine öffentliche Versammlung handelte, über diese Skrupel hinweg. Und hatte Paula Reichelt nicht die Erwartung ausgesprochen, daß das allgemein interessierende Thema Frauen aus allen Kreisen der Bevölkerung anlocken würde? Dennoch sagte sie ihm nichts von ihrem Vorhaben, denn sie wollte sich der Möglichkeit eines Verbotes nicht aussetzen. Sie wußte ja, daß sie sich seinem etwaigen Befehl, die Versammlung nicht zu besuchen, nicht fügen würde. Und dann – ? Sie mochte die Möglichkeiten nicht ausdenken, die dann folgen konnten. Nein, lieber einem Konflikt aus dem Wege gehen. Was sie tat, konnte sie im schlimmsten Fall verantworten. War sie denn ein kleines Kind, das erst um Erlaubnis zu bitten hatte, wenn sie einmal einer selbständigen Willensregung folgen wollte? Als sie am Mittwoch um halb acht Uhr fertig zum Ausgehen in das Wohnzimmer trat, blickte ihr Mann, offenbar befremdet, unangenehm überrascht auf. »Du gehst aus?« »Ja, du mußt schon entschuldigen, wenn ich dich heute dein Abendbrot allein verzehren lasse, ich habe eine Einladung.« »Und davon weiß ich nichts?« Sie biß sich bei diesem indirekten Vorwurf auf die Lippen und reckte sich mit einer unwillkürlichen Bewegung straffer zusammen. »Ich habe nicht für nötig gehalten, es dir mitzuteilen,« versetzte sie herb, »denn ich glaubte nicht, daß es dich interessieren würde. Es ist eine Einladung von Frau Reichelt.« »Ach so!« Er sah sie prüfend an und seine stille Verwunderung wuchs; es lag etwas so merkwürdig Hastiges, Nervöses in ihrem Wesen, als wenn sie keine Minute mehr zu verlieren hätte. Aber er erhob nicht den geringsten Einspruch. »Also schön!« sagte er nicht unfreundlich. »Viel Vergnügen!« Sie nickte dankend und zugleich zum Abschied und entfernte sich eilig, als befürchte sie, er könnte doch noch eine Einwendung machen. Paula Reichelts Erwartung erwies sich als nicht unberechtigt. Der ziemlich große Saal füllte sich fast bis zum letzten Platz. Auch eine Anzahl von Männern hatte sich eingestellt, wenn auch die Frauen bedeutend überwogen. Die meisten Besucher gehörten offenbar dem Arbeiterstande an, aber man sah auch hier und da eine elegantere Frauentoilette. Susanne befand sich in einer angeregten Stimmung, wie seit langem nicht. Alles: das Hereinströmen der Menschen, die erwartungsvollen Mienen, das aufgeregte Sprechen der einzelnen sich begrüßenden Menschen stimulierte ihre abgespannten Nerven und versetzte sie von vornherein in einen rauschähnlichen Zustand, in dem alle unangenehmen Gedanken und Erinnerungen untergingen und sie sich nicht mehr als Einzelpersönlichkeit, sondern als Glied einer zusammengehörigen großen Gemeinschaft fühlte, die demselben Ziele zustrebte. Sie saß neben dem Gatten ihrer Freundin, während Frau Paula am Vorstandstisch oben auf der Estrade hinter dem Rednerpult Platz nahm. Als endlich eine Viertelstunde nach der angesetzten Zeit die Versammlung eröffnet wurde, horchte wohl niemand mit angespannteren Sinnen, mit lebhafterem Interesse zur Rednertribüne hinauf als Susanne. Die Rednerin des Abends enttäuschte ein wenig durch ihre Erscheinung. Es war eine Frau, Anfang der Fünfzig, korpulent, robust, mit groben, fast männlichen Zügen, denen auch die goldberänderte Brille, die sie vor den scharf funkelnden Augen trug, nichts Anziehendes, Sympathisches gab. Ihre Stimme war stark und tief und drang deutlich bis zu den hintersten Reihen des Auditoriums. Ihre Sprechweise war derb wie ihre Erscheinung und ihre Ausführungen an vielen Stellen mit blutigen Sarkasmus gewürzt, der wiederholt schallende Heiterkeit bei dem verständnisvollen Publikum auslöste. »Wenn die Männer nur wüßten,« sagte sie, »wie komisch es auf uns Frauen wirkt, wenn sie, die sich noch immer als die Herren der Schöpfung fühlen, uns selbstherrlich diktieren wollen: so habt ihr Frauen zu sein, so und nicht anders! Ja, sie maßen sich noch immer an, uns die Gesetze unsrer Entwicklung vorschreiben, ausschließlich bestimmen zu wollen, was der Stellung der Frau angemessen sei und was nicht. Als ob wir Frauen selber das nicht viel besser wissen müßten! Wir können die Oberhoheit des Mannes nicht länger anerkennen, denn wir wissen, daß uns der Mann in keiner Weise überlegen ist. Höchstens ist er es in der plumpen Körperkraft, dagegen aber haben wir unsre sittliche Überlegenheit in die Wagschale zu legen. Nur einem sittlich und geistig Übergeordneten, einem Gott, kann sich der denkende, empfindende Mensch freiwillig und freudig unterordnen. Will man uns etwa zumuten, daß wir in dem Mann unsern Gott erblicken sollen, wie es die Frauen von gestern getan haben? Sie lachen. Ja, es ist lächerlich, von uns zu verlangen, daß wir mit unsern wachen Augen den alten Traum weiterträumen sollen. Das moderne Leben hat uns aufgerüttelt, wir sind sehend geworden, wir lassen uns nicht länger gängeln und bevormunden, wir sind reif, geistig und sittlich reife Menschen und empfinden als solche die Arroganz des Mannes, unserm Denken und Empfinden eigenmächtig Schranken setzen zu wollen, als Schmach, als brennende, entwürdigende Schmach. Freiheit und Selbstbestimmungsrecht sind auch für uns Frauen kein leerer Wahn, keine tönende Phase, sondern das Leben selbst ...« In Susanne fand jedes der mit voller Lungenkraft von der Rednerin in die Versammlung geschleuderten Worte ein volles Echo. Alles das, was von der Rednertribüne in den Saal, hinunterdrang, war ja ihr eigenes Empfinden, ihr eigenes Denken, ihr eigenes Erleben. Alles das hatte sich ja im Laufe des letzten Jahres in ihr unter schmerzlichen Kämpfen emporgerungen und durchdrang und erfüllte sie jetzt in ihrem innersten Wesen. Auch ihr hatte sich ja das Dogma von der Überlegenheit des Mannes als ein trügerisches Märchen enthüllt, als ein überlebter, sinnlos gewordener Glaubenssatz, der vor dem grellen Licht des Tages nicht mehr standhielt. Auch sie hatte ja innerlich gelitten, als ihr die grausame Wirklichkeit den schönen Kinderglauben geraubt hatte, in dessen Bann es sich so ruhig und glücklich leben ließ. Ach ja, das war dahin, für immer dahin, und nun hieß es, die Konsequenzen ziehen, selbständig denken lernen, selbständig Entschlüsse fassen, sich von keiner anderen als der eigenen Einsicht und von keinem anderen als dem eignen Empfinden leiten lassen ... In der Diskussion, die nach dem nahezu einstündigen Vortrag eröffnet wurde, meldete sich zuerst ein Mann zum Wort. Mit scharfem Spott und beißendem Witz suchte er die Ausführungen der Frauenrechtlerin zu widerlegen. Die Frau, wie sie die Rednerin gezeichnet habe, sei keine Frau, sondern gehöre einem dritten Geschlecht an, das es bisher noch nicht gegeben habe und wahrscheinlich auch nie geben werde. Das Unvereinbare lasse sich eben nicht vereinen. Eine freie, ganz unabhängige selbständige Persönlichkeit und zugleich eine liebende Frau sein, sei etwas Unmögliches. Man könne nur das eine oder das andere, aber nicht beides zugleich sein. Die Frau, die richtige normale Frau, nicht das Zwitterwesen, von dem die Vorrednerin gesprochen, lasse sich gern die Arroganz des Mannes gefallen, ja, sie finde ihr innigstes Glück darin, sich dem Mann ganz zu eigen zu geben, sich seinem Schutze und seiner Führung anzuvertrauen. »Und wann ist Lieb' am reichsten, das ist sie, wenn sie gibt. Und sprich, wie redet Liebe, sie redet nicht, sie liebt« – habe ein bekannter Dichter gesungen, und das seien Ewigkeitsgefühle, die sich nie und nimmer aus der Brust der Frau reißen ließen, der normalen Frau, wie die Natur sie gewollt. Daran würden auch die Mannweiber nichts ändern, die jetzt das große Wort führten und die, weil sie wahrscheinlich aus irgendeinem Grunde von der Liebe ausgeschlossen seien, aus der Not eine Tugend machten. Wenn die Rednerin behaupte, die Frauen von heute wollten vor allem die Selbständigkeit, und sie wollten ebenso wie die Männer an allen Berufen teilnehmen, so mache er den Vorschlag, doch einmal eine Umfrage unter den werktätigen Frauen zu veranstalten. Da werde sich dann wohl ergeben, ob die Lehrerin, die Schneiderin, die sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend in dumpfen Arbeitsstuben quälen, ob die Buchhalterin, die Verkäuferin, die Tag für Tag im Laden stehe und sich mit den Käufern und noch mehr mit den Käuferinnen herumärgere, ob die Modistin, die Maschinenschreiberin, die Fabrikarbeiterin ihre Berufe und ihre Selbständigkeit so glühend liebten, daß sie um keinen Preis davon lassen möchten. »Hundert gegen eins will ich mit Ihnen wetten, daß von tausend solchen Mädchen und Frauen mindestens 999 Ihnen schleunigst ihre Berufe vor die Füße werfen werden, sobald ein einigermaßen annehmbarer Mann auf der Bildfläche erscheint. Nicht nur einiges, sondern alles werden sie dem geliebten Mann opfern und hingeben und sich den Teufel um Persönlichkeit und Selbständigkeit scheren. Ohne Besinnen, mit Eifer und Wonne werden sie sich in die sich ihnen entgegenbreitenden Arme des Mannes stürzen. Ich stelle den Antrag, wir machen gleich einmal die Probe und stimmen unter den anwesenden Damen ab. Wer von Ihnen die Liebe und Ehe noch immer als die wichtigste ausschließliche Angelegenheit der Frau betrachtet, erhebe den rechten Arm –!« Ein stürmisches Gelächter unterbrach den Sprechenden. Die anwesenden Männer und einige Damen klatschten Beifall, lachten und riefen »,Bravo!«, während der andere Teil der anwesenden Frauen zischte, murrte und lauten, entrüsteten Widerspruch erhob. Paula Reichelt aber schnellte zornrot von ihrem Sitz auf, schwang energisch die Klingel und rief den Redner zur Ordnung. Wenn der Herr nicht in angemessener, ernster Weise diskutieren könne, dann müsse sie ihm das Wort entziehen. »Schön!« fuhr der Redner fort. »Ich ziehe also meinen Antrag zurück, der übrigens nicht spaßhaft, sondern durchaus ernst gemeint war. Und ich schließe mit den Worten: Wenn die Frau immer mehr in den rücksichtslosen Wettbewerb auf allen Produktionsgebieten und in allen Berufen mit dem Manne eintritt, was soll dann schließlich werden? Entweder der Mann besinnt sich auf seine größere Kraft und legt ein energisches Veto ein, oder aber er läßt sich die Konkurrenz der Frau gefallen. Das Familienleben, die Pflege der Häuslichkeit hört auf, und das Heim wird nur noch Eß- und Schlaflokal. Weiter ergibt sich, daß die Gehälter und Löhne immer mehr gedrückt werden und die Arbeitslosigkeit noch größeren Umfang unter den Männern annimmt. Die natürliche Folge ist, daß die Männer noch weniger heiraten können, als schon bisher, daß schließlich die Ehe aufhört und das Menschengeschlecht ausstirbt, um so mehr, als ja die harten Strapazen des Berufslebens den Frauen schließlich alle weiblichen Reize rauben und sie unfähig machen werden, Liebe zu erwecken. Freilich, noch eine andere Folge ist denkbar. Vielleicht entschließen sich die Männer, wenn die Frauen erst alle Berufe für sich in Anspruch genommen und nicht nur Arzte und Rechtsanwälte, sondern auch Richter, Polizisten, Regierungsbeamte, Minister und Abgeordnete geworden sein werden, vielleicht entschließen sich dann die Männer, sich nun ihrerseits der verlassenen Häuslichkeit anzunehmen, die Küche zu besorgen und die Kinderpflege zu übernehmen, denn einer muß sich doch schließlich den hilflosen, kleinen Geschöpfen widmen, solange noch keine Kinderpflegeautomaten erfunden sind. Nur eine Frage macht mir noch Kopfschmerzen: wer wird künftig, wenn die Frauen ganz vom Berufsleben und der Politik absorbiert sein werden, die Kinder zur Welt bring –« Die schrille Glocke der Vorsitzenden schnitt dem Redner das Wort ab, und unter stürmischem Gelächter, unter Zischen und ironischen Bravorufen setzte er sich, vergnügt lächelnd, offenbar sehr zufrieden mit der Wirkung, die seine humoristisch-drastischen Glossen hervorgebracht hatten. In Susanne wogte eine stürmische, zornige Erregung. Jedes höhnende, ironische Wort des Spötters hatte sie wie ein Schlag ins Gesicht, wie eine ihr persönlich zugefügte Beleidigung getroffen. Der Gegenstand, der auf der Tagesordnung der Versammlung stand, dünkte ihr als der ernsteste, der höchste, heiligste in der Welt. Keine Frage der Gegenwart schien ihr so wichtig, so bedeutungsvoll für die ganze Zukunft der Kulturmenschheit wie die Frauenfrage, und nun kam einer dieser lästernden, sich überhebenden, frivolen Männer, denen nichts heilig war, und suchte mit leichtfertigen, faden Späßen das, was alle ehrliebenden, denkenden Mädchen und Frauen als ihre tiefsten Empfindungen und ihre sehnsüchtigsten Wünsche unter Wonnen und Schmerzen hegten und pflegten, zu besudeln und in den Staub zu ziehen. Alles in ihr fieberte und glühte vor Empörung und instinktiv, ohne daß es eines besonderen Entschlusses bedurft hätte, sprang sie auf und meldete sich zum Wort. Mit ihr zugleich hatten sich noch drei oder vier andere Frauen erhoben, aber da sie in der ersten Reihe stand und wohl auch aus persönlichen Gründen, winkte ihr Frau Paula und forderte sie auf, das Podium zu besteigen. Und als sie dem Gebot gefolgt und die kleine Treppe, die zur Estrade emporführte, hinaufgeeilt war, faßte die Vorsitzende sie voll strahlender Genugtuung an der Hand und führte sie zum Rednerpult. Mit lauter, vernehmlicher Stimme rief sie in das Auditorium hinab: »Frau Susanne Kamberg hat das Wort!« Susanne war so ganz benommen und erfüllt von dem, was in ihr gärte und zum Ausdruck drängte, daß sie nicht darauf achtete und auch nicht wahrnahm, wie im Saal plötzlich eine lebhafte Bewegung entstand, wie viele von den Anwesenden die Hälse reckten, sich überrascht fragend ansahen und einander Bemerkungen zuraunten, und wie dann alle mit starkem Interesse, in gespannter Erwartung zu ihr hinaufblickten. Sie hatte noch nie öffentlich gesprochen, aber ihre innerliche Bewegung war so groß, daß Scheu und Befangenheit ihr gar nicht zum Bewußtsein kamen. Aus dem Innersten ihres blutenden Herzens flossen ihr die Sätze, aus der Tiefe ihrer zerrissenen, fiebernden Seele. Sie sprach von der blinden Vertrauensseligkeit und Unwissenheit, in der die jungen Mädchen erzogen, von den trügerischen Vorstellungen und Anschauungen, die in ihnen großgezogen und genährt wurden, wie von der großen Enttäuschung, der keine Frau sich entziehen konnte, sobald sie aus der engen Häuslichkeit, aus dem schützenden Elternhause in das Leben trat. Gewiß, die Frau sei gern bereit zur Liebe und Ehe, aber die Männer stellten Anforderungen, denen die moderne Frau sich nicht mehr unterwerfen könnte. Nicht die Frauen, sondern die Männer zerstörten die Möglichkeit, in der Ehe Glück und Befriedigung zu finden. Die Entwicklung der Frau lasse sich nicht mehr zurückhalten oder gar zurückschrauben. Das Alte und Überlebte lasse sich nicht mehr lebendig machen. Nicht mehr in absoluter Unterordnung könnte die moderne Frau ihr Glück finden und nicht zur Unterdrückung auf der einen und zu Neid und Haß auf der anderen Seite, sondern zur Freude aneinander seien Mann und Frau bestimmt. Nicht die Frauen seien schuld, wenn sie die Lust an der Ehe immer mehr verlören, sondern die Männer. Andere, bessere Beziehungen zwischen Mann und Frau müßten geschaffen werden, bei denen auch die Frauen sich wohl, sich als freie Menschen fühlen könnten und bei denen sich die Menschheit nicht nur fort-, sondern auch zu einer höheren Stufe der Entwicklung hinaufzupflanzen vermöchte ... Sie führte alles das, was die Berliner Frauenrechtlerin gesagt hatte, noch weiter aus und mit mehr Glut und Leidenschaft und wuchtigem, fortreißendem Temperament. Und es war wohl niemand im Saale, der sich dem Eindruck entziehen konnte, daß es sich bei ihr nicht um kühle, am Studiertisch oder im Gespräch mit Geschlechtsgenossinnen, die aus der Frauenbewegung einen Beruf und einen Erwerb machten, ausgeklügelte Theorien handelte, sondern alle empfanden es instinktiv, daß sich eine zuckende Seele preisgab, daß sich hier schmerzlichste eigene Erfahrungen offenbarten, daß in den mit blitzenden Augen und flammenden Wangen hervorgesprudelten Sätzen nicht grüblerische, blasse Reflexionen zu Worte kamen, sondern das warme, blutende Leben pulsierte. Als Susanne geendet hatte, erscholl von allen Seiten begeisterter Beifall, und nicht der leiseste Ausdruck eines Widerspruchs oder einer Mißbilligungskundgebung wagte sich hervor. Die Damen vom Vorstandstisch erhoben sich spontan und umringten und beglückwünschten die Rednerin mit enthusiastischen Lobsprüchen und kräftigen Händedrücken. Ja, Frau Paula, die sonst so Ruhige, Überlegende, war so entzückt, daß sie die wie betäubt Dastehende umarmte und ihr auf beide Wangen schallende Küsse versetzte, eine Kundgebung, die auf Seiten des Publikums neue Beifallsrufe und abermaliges stürmisches Händeklatschen auslöste. Susanne war wie im Taumel. Fast bewußtlos ließ sie sich von der Freundin zu einem der Stühle am Vorstandstisch ziehen, und in einem Zustand halber Bewußtlosigkeit rauschten die Reden an ihrem Ohr vorbei, in denen zwei Frauen aus der Versammlung und zuletzt die Vorsitzende in einem Schlußwort ihr und der Berliner Rednerin ihre uneingeschränkte Zustimmung bekundeten. XVI. Als am anderen Nachmittag ihr Mann aus seinem Bureau nach Hause kam, sah Susanne sofort, daß er alles erfahren hatte. Die Zeitung hatte er am Morgen nur flüchtig durchflogen und dem Versammlungsbericht überhaupt keine Beachtung geschenkt. Jetzt schien er aber von irgendeiner anderen Seite informiert, das erkannte sie an seinem kurzen Gruß, an seinen finsteren, verschlossenen Mienen, in denen es wie ein Wetterleuchten von verhaltener Erregung zuckte. Das Essen wurde schweigend verzehrt, dann bat er sie in sein Zimmer. Er deutete ihr an sich zu setzen: er selbst stellte sich mit dem Rücken gegen seinen Schreibtisch, denn die Unruhe und Aufregung, die in ihm tobte, litt ihn wohl nicht in einer bequemeren Haltung. »Du hast gestern abend in einer Frauenversammlung gesprochen?« fragte er, sie mit drohenden Blicken betrachtend. »Ja.« »Warum hast du es mir nicht gesagt?« »Ich hielt mich nicht dazu verpflichtet. Warum sollte ich dir etwas mitteilen, von dem ich wußte, daß es dir nicht angenehm sein würde.« Ein herbes Lächeln flog um seine Lippen. »Also das wußtest du und dennoch tatest du es?« Sie zuckte ruhig mit den Achseln. »Du tust wohl auch manches und hast manches getan, was mir nicht angenehm war.« Er machte eine heftige Bewegung und riß das Papiermesser, das auf seinem Schreibtisch lag, an sich, bog es, daß es beinahe zersprang, und warf es dann wieder auf seinen Platz zurück. »Du hattest mir versprochen, dich nicht in Versammlungen zu betätigen«, fuhr er fort, ohne auf ihren Einwurf einzugehen. Sie bewegte abermals ihre Schultern. »Allerdings, das habe ich. Es war auch nicht meine Absicht zu sprechen. Der Augenblick riß mich hin. Ich konnte einfach nicht anders. Ich hätte kein menschliches Wesen von Fleisch und Blut sein müssen, wenn ich hätte schweigen sollen.« Sie sah ihn mit ihren großen blauen Augen, aus denen eine starke innere Erregung und ein fester Wille blitzte, unerschrocken an. Er schüttelte mit dem Kopf, als begriffe er sie nicht. »Aber hast du dir denn nicht gesagt, daß, du mich durch dein Auftreten kompromittiertest?« »Nein! Das habe ich mir nicht gesagt. Du mußt schon entschuldigen, aber ich habe überhaupt in dem Moment, als ich mich zum Worte meldete, und als ich darauf sprach, nicht an dich gedacht.« Ihre bittere Ironie trieb ihm die Zornesröte ins Gesicht. »Am so schlimmer! Dann hast du eben gegen deine Pflicht gehandelt.« »Ich war im Gegenteil ganz von dem Gefühl durchdrungen, daß es meine Pflicht als Frau war zu sprechen, so zu sprechen, wie ich sprach.« Er trommelte erregt mit den Knebeln auf die Schreibtischplatte; seine Stimme klang lauter, herrischer als vorher. »Ich bedaure, dich darauf aufmerksam machen zu müssen, daß es deine Pflicht als Frau, als meine Frau war, in einer Arbeiterinnenversammlung erstens überhaupt nicht aufzutreten und zweitens nicht so – so gänzlich maßlose Ansichten öffentlich zu äußern. Der Herr Oberbürgermeister hat mir lebhafte Vorhaltungen deshalb gemacht. Du kannst dir denken, wie peinlich das für mich war.« »Ich bedaure,« erwiderte sie und auch ihre Stimme nahm einen lebhafteren Klang an – »ich kann den Herrn Oberbürgermeister nicht als Autorität über die Frage anerkennen, ob das, was ich geäußert habe, zutreffend oder unzutreffend war, und ich kann auch dem Herrn Oberbürgermeister nicht das Recht einräumen, meine Ansichten und meine Handlungen zu kontrollieren.« »Aber er zieht mich als mein Vorgesetzter zur Verantwortung für alles das, was meine Frau öffentlich spricht und tut.« Sie schlug mit einer Geste voll Stolz und Selbstgefühl ihre Arme übereinander. »Ich bemerke dir, daß ich majorenn bin. Ich enthebe dich hiermit feierlichst jeder Verantwortung für mich.« »Aber die andern – meine Vorgesetzten bis hinauf zum Minister, sprechen mich nicht von dieser Verantwortung frei. Deshalb bin ich gezwungen, dir zu erklären, daß ich künftig nicht dulden werde, daß du irgend etwas tust, was mich zu kompromittieren geeignet ist.« Sie zog ihre Augenbrauen zusammen und erhob sich mit plötzlichem Ruck. »Soll das etwa heißen –?« »Daß ich dir zunächst verbiete, künftig irgendeine öffentliche Versammlung zu besuchen – ja!« In ihren Augen flammte es auf, doch sie beherrschte sich und erklärte ruhig und bestimmt: »Du erwartest wohl nicht, daß ich mich einem solchen Verbote fügen werde.« Sie kehrte ihm den Rücken zu. »Susanne!« rief er drohend und tat der Davongehenden ein paar Schritte nach. Sie blieb stehen und wandte ihm ihr entschlossen blickendes Gesicht wieder zu. »Wenn du dich weigerst,« rief er zitternd vor Erregung, »wenn du mir so offen und entschieden den Gehorsam aufkündigst, dann – das mache dir klar: dann brichst du die Ehe.« Sie zuckte zusammen; in ihr vibrierendes Gesicht ergoß sich eine brennende Röte, die aber gleich wieder einer um so fahleren Blässe wich. »Und dann,« fuhr er ganz von seinem Recht als Ehemann und dem Gefühl des ihm widerfahrenen schnöden Unrechtes durchdrungen, fort, indem er wiederholt mit dem ausgestreckten Mittelfinger seiner Rechten gebieterisch auf die Schreibtischplatte klopfte, »dann zwingst du mich schließlich Gewaltmaßregeln anzuwenden.« Sie wurde noch um einen Schatten bleicher; ihre schwache schlanke Gestalt streckte sich; ihre Brust keuchte und rang nach einer Erwiderung, aber sie brachte keinen artikulierten Laut hervor. Nur noch einen Blick, in dem sich ihre ganze sittliche Empörung ausdrückte, warf sie ihm zu, dann wandte sie sich, um das Zimmer zu verlassen. XVII. Während der nächsten beiden Tage sahen die jungen Eheleute einander nur während der Mahlzeiten. Sofort nachdem der Tisch aufgehoben worden, zog sich jeder in sein Zimmer zurück. Das Verhalten, das sie gegeneinander beobachteten, war grundverschieden. Er gab sich den Anschein völliger Unbefangenheit, richtete das Wort an sie – natürlich nur in bezug auf ganz indifferente Gegenstände – als sei nichts geschehen, und zeigte die sichere Haltung eines Menschen, der mit sich zufrieden ist und sich auf dem richtigen Wege weiß. Sie hingegen saß in sich gekehrt, still, die Augen niedergeschlagen und sprach nur, wenn er direkt eine Frage an sie richtete. In ihren Mienen und in ihrem ganzen Wesen kam eine innerliche Verstörtheit und das Gefühl einer erlittenen schweren Demütigung zum Ausdruck. An jeder ihrer müden, schlappen Bewegungen, in jedem der unstet, nervös flirrenden Blicke malte sich eine starke Erschütterung, die sie noch ganz in Banden hielt und zu keinem klaren Gedanken und zu keinem festen Entschluß kommen ließ. Am dritten Tag nach der letzten scharfen Auseinandersetzung mit ihrem Mann erhielt Susanne von ihrer Freundin eine kurze Mitteilung, die wie ein Schmerzensschrei, ein verzweifelter Hilferuf klang. »Unsre kleine Libby ist plötzlich wieder schwer erkrankt. Der Arzt läßt wenig Hoffnung. Mein Mann ist außer sich, und auch ich weiß nicht, wie ich es ertragen soll. Wollen Sie nicht einmal nach uns sehen?« Es war am Nachmittag, Susanne machte sich sofort auf den Weg. Ihrem Mann, der in seinem Arbeitszimmer saß, sagte sie nichts. Nur dem Mädchen teilte sie mit, wohin sie ging, und daß sie nicht wüßte, ob sie zum Abendbrot zurück sein würde. Frau Paula hatte nicht übertrieben. Auch Susanne hatte sofort den Eindruck, daß der Engel des Todes bereits über dem Lager des totenbleich, in Zuckungen daliegenden kümmerlichen kleinen Wesens schwebte. Emil Reichelt hatte alle Selbstbeherrschung, alle Fassung verloren. Bald saß er an dem kleinen Bettchen und belauschte jeden Atemzug, jede Miene seines kleinen Lieblings, während ihm die Tränen über die eingefallenen blassen Wangen liefen, bald sprang er auf, rannte wie ein Unsinniger im Zimmer umher und machte seinem gequälten Herzen, seiner fiebernden Reue in wilden Selbstverwünschungen Luft. »Wir haben sie getötet! Wir haben sie getötet!« Und selbst, als Susanne, erschüttert, ihn zu trösten sich bemühte und ihn darauf hinwies, wieviel Zeit und Liebe er dem Kinde immer gewidmet, schüttelte er hartnäckig mit dem Kopf. »Nein, nein! Wir haben unsre Pflicht gegen sie sträflich vernachlässigt. Und wenn sie uns genommen wird, ist's unsre eigne Schuld. Wir haben sie nicht verdient, wir haben kein Kind verdient!« Frau Paula zog die Freundin beiseite und erklärte ihr, daß die Wiedererkrankung des Kindes von dem Abend herrühre, da sie beide – sie und ihr Mann – die Versammlung besucht und das Kind dem kleinen vierzehnjährigen Dienstmädchen überlassen hätten. Sie hätten das Mädchen beim Nachhausekommen in festem Schlaf vorgefunden, das Kind habe wahrscheinlich stundenlang bloß gelegen und sich so eine starke Erkältung zugezogen. Und deshalb messe sich der bekümmerte Vater nun die Schuld zu. Schon zwei Nächte sei er nicht aus den Kleidern gekommen und zwei Tage nicht in der Redaktion gewesen. Sie selbst sei ebenfalls nicht vom Krankenbett gewichen und könne sich kaum noch aufrecht halten. Und in der Tat, diesmal schien auch bei Paula die Mutterliebe rückhaltlos durchzubrechen und all ihr Denken und Empfinden zu beherrschen, denn als bald darauf zwei Männer erschienen, um anzufragen, ob Frau Reichelt nicht ein Referat über die »Frau in der Gewerbeinspektion« in einem Fachverein übernehmen wolle, lehnte sie kurzerhand ab. Vorläufig könne sie keine Zusage geben, ja überhaupt nicht daran denken, das Haus zu verlassen. Dann setzte sie sich wieder an das Bett, nahm die Händchen der Kranken in ihre Hand, sprach der hin und wieder die Augen Aufschlagenden und Klagenden liebevoll zu und erhob sich wieder, als das Fieber stieg, um mit Susannes Hilfe dem Kinde einen kühlenden Umschlag um den ganzen Körper zu machen. Um acht Uhr ging Susanne mit dem Versprechen wiederzukommen. Als sie ihrem Gatten von ihrer Absicht sprach, die Nacht über bei der Familie Reichelt zu bleiben, machte er eine auffahrende Bewegung, und seine Stirn runzelte sich ärgerlich. Freilich, er besann sich gleich darauf und fragte: »Steht es denn so schlimm?« »Das Ableben des Kindes ist stündlich zu erwarten.« »Und haben denn die Leute keine andere Hilfe? Können sie sich denn nicht eine erfahrene Krankenpflegerin nehmen?« »Nein. Sie haben nichts als sein Gehalt, und das ist klein. Für alle ihre sonstige Tätigkeit in Vereinen und Versammlungen nehmen sie keine Entschädigung.« Er nickte. »Ich weiß. Er ist ein idealgesinnter Mensch, einer von den wenigen, die aus ihrer Überzeugung nie ein Geschäft machen.« Es war das erstemal, daß er sich so anerkennend über Emil Reichelt äußerte. Über ihr Gesicht flog ein warmer Schein. »Um so mehr fühle ich mich verpflichtet, ihnen in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen.« »Schön! Also dann geh! Hoffentlich tritt doch noch eine Besserung ein.« Sie dankte ihm mit einem Blick und machte sich bald darauf wieder auf den Weg. Am anderen Morgen kam sie, gerade als er aufgestanden war und das Wohnzimmer betrat. »Nun?« fragte er. Sie legte mit matten, schleppenden Bewegungen Hut und Jackett ab. »Es ist noch immer beim alten.« »Ah!« Er sah sie prüfend an. »Du siehst sehr übermüdet aus und solltest dich sofort schlafen legen.« Aber sie verneinte mit einer Kopfbewegung. »Dazu hätte ich nicht die nötige Seelenruhe. Ich will mich nur etwas erfrischen und mich umkleiden.« Er sah sie erstaunt, mißbilligend an. »Du hast doch nicht etwa die Absicht, gleich wieder zu den Reichelts zurückzukehren?« »Allerdings, das halte ich für meine Pflicht.« »Erlaube,« fuhr er ärgerlich auf, »mir scheint, du hast auch Pflichten gegen dich selbst und – gegen mich.« Sie schien den Nachsatz zu überhören und beantwortete nur die erste Hälfte seiner Bemerkung. »Gerade die Pflicht gegen mich, mein innerster Trieb, gebietet mir, dort zu sein, wo ich mich zurzeit für unentbehrlich halte.« Er zögerte ein paar Sekunden mit der Antwort und nahm mit ernster Gebärde die Zeitung vom Tisch. »Gut!« erklärte er endlich. »Ich will dich nicht zurückhalten. Aber ich möchte dir auch nicht meine Meinung vorenthalten, daß ich deine Rücksicht gegen – andere wieder einmal übertrieben finde.« Sie zuckte mit den Achseln, erwiderte nichts, sondern schenkte ihm Kaffee ein und sich selbst, und schweigend verzehrte sie ihr Frühstück ... Als er um drei Uhr wie gewöhnlich nach Hause kam, fand er sie bereits im Wohnzimmer. Sie sah verweint aus und schien auch erst vor kurzem zurückgekehrt zu sein. »Das Kind ist gestorben«, berichtete sie, noch ehe er eine Frage an sie gerichtet hatte. »Das tut mir leid – aber nun solltest du auch etwas für dich tun. Du kannst dich ja kaum mehr auf den Beinen erhalten.« Sie nickte. »Ja, ich bin müde, und du entschuldigst mich wohl –« Ihre Hinfälligkeit schien ihn zu rühren; Mitleiden und Bedauern spiegelte sich in seinen Mienen, und als sie sich anschickte, das Zimmer zu verlassen, tat er ihr hastig ein paar Schritte nach. Aber er hielt plötzlich wieder an, schüttelte mit dem Kopf und kehrte langsam zum gedeckten Tisch zurück, um allein sein Mittagbrot zu essen. Am dritten Tag begab sie sich zur Beerdigung. Während Frau Paula unablässig weinte, fand der trauernde Vater keine Träne. Mit geheimer Unruhe beobachtete ihn Susanne. Sein Gesicht war totenbleich, ab und zu flog ein krampfhaftes Zucken darüber. So oft Frau Paula ihrem Schmerz allzu laut Ausdruck gab, schien ihn das peinlich zu berühren, denn er heftete seine Blicke finster, fast drohend auf die Schluchzende. In seinem ganzen übrigen Wesen verriet sich eine nervöse Unruhe. eine schwer in ihm arbeitende Bewegung. Was ging in ihm vor? Susanne war sehr in Sorge um ihre Freunde, und so erschien es ihr als ganz selbstverständlich, sie vom Friedhof in ihre Wohnung zu begleiten. Es war in der sechsten Stunde, als sie in dem bescheidenen Heim der Reichelts anlangten. Susanne nahm sich der häuslichen Pflichten an. Sie entzündete die Lampe und stellte sie auf den Tisch im Wohnzimmer, dann begab sie sich in die Küche, um den Kaffee zu kochen. Als sie, von dem Dienstmädchen gefolgt, zu dem Ehepaar zurückkehrte, fand sie den Mann in einer Ecke hockend, anscheinend ganz in seinen Schmerz versunken. Frau Paula saß auf dem Sofa und weinte leise vor sich hin, erhob sich aber, um bei dem Herrichten des Tisches zu helfen. »Willst du nicht auch etwas zu dir nehmen?« fragte Frau Paula sich ihrem Gatten nähernd. Aber er wies sie barsch zurück. »Laß mich!« Erst als Susanne mit einer bereits gefüllten und mit Milch und Zucker versehenen Tasse an ihn herantrat, dankte er und nahm ein paar Schlückchen. Als er die Tasse wieder auf den Tisch zurückstellte, erblickte er das Dienstmädchen, das sich in seinem Trauerkleide offenbar sehr wichtig vorkam und sich, am Tisch sitzend, gütlich tat. Da sprühten seine Augen, und mit zorniger Gebärde herrschte er sie an. »Hinaus!« Die Kleine war ganz erschrocken und verharrte vor Schrecken wie gelähmt. Mit erhobener Hand ging der Wütende auf sie los. »Hinaus! sage ich dir.« Erst auf einen Wink Susannes sprang die Kleine auf und lief schreiend davon. »Aber Emil!« tadelte Frau Paula und faßte ihren Mann am Arm. Da richtete er seinen Grimm auf sie und schüttelte ihre Hand mit heftiger Bewegung von sich ab. Darauf erhob er drohend seine Fäuste vor ihr und sein Gesicht verzerrte sich zu einem Ausdruck wilden Hasses und Abscheus. »Du! du! Nimm dich in acht! Nimm dich in acht!« Frau Paula war im ersten Augenblick so überrascht, daß sie lautlos zurückwich. Es war ja das erstemal in ihrer Ehe, daß ihr Mann wagte, gegen sie aufzutreten. Nun aber brauste ihr verletztes Selbstgefühl auf. »Was fällt dir ein?« schrie sie ihn an. »Was soll das heißen?« Seine Aufregung wurde jedoch durch die Zurechtweisung nur noch gesteigert. »Das soll heißen,« rief er und packte sie derb an beiden Schultern, »das soll heißen, daß du eine Mörderin bist, hörst du, eine Mörderin. Du hast unser Kind verkommen lassen, unser Kind, unser armes gemißhandeltes Kind. Du mußtest ja in die Versammlungen laufen, mußtest dein Lichtlein leuchten lassen und deiner armseligen Eitelkeit frönen. Du mußtest ja Vorträge halten über die Rechte des Kindes und –« er lachte zornig auf, es gellte schaurig, wie das Lachen eines Wahnsinnigen – »indes verkümmerte dein Kind, dein einziges Kind. Du hast es zugrunde gelichtet, du – du!« Er rüttelte sie so heftig, daß sie hin und her flog, und zuletzt schleuderte er sie von sich, daß sie haltlos zu Boden taumelte. Sie dachte nicht mehr an Widerstand und Widerspruch. Sein rasender Zorn betäubte und schüchterte sie ein. Sie fing nur laut an zu jammern, während sie sich, von Susanne unterstützt, wieder aufrichtete. Susanne war selbst aufs äußerste erschrocken. Sie ahnte, daß es eine Nervenkrisis war, die den sonst so ruhigen, friedfertigen, von den Idealen der Gleichheit und der Gerechtigkeit ganz durchdrungenen Mann aus dem Gleichgewicht brachte. Ein heißes Mitleiden erfaßte sie mehr mit dem Mann als der Frau. Er hatte sich nach dem Wutanfall erschöpft auf einen Stuhl geworfen. Hier saß er, die Hände vor sein Gesicht geschlagen, und ein röchelndes Schluchzen erschütterte seinen ganzen Körper. Die beleidigte Frau aber begann zu schimpfen, nachdem sie von ihrer ersten Bestürzung wieder zu sich gekommen war. »Der rohe Mensch! Der brutale Mensch!« Susanne bemühte sich vergebens, sie zu beschwichtigen, aber der Unwille der Gemißhandelten war zu groß. In ihrer Ehe hatte sie sich angewöhnt, sich eher für den überlegenen Teil zu halten. Nie hatte ihr Mann sich einfallen lassen, ihr irgendwie entgegenzutreten, ihr Vorhaltungen oder Vorschriften zu machen. Nun war sie aufs tiefste empört über diesen Rest männlicher Roheit und Barbarei, wie sie es in gänzlicher Verständnislosigkeit der sich in ihm vollziehenden aus heißestem Schmerz, aus bitterster Reue geborenen Reaktion nannte. Und so erhob sie ihre Stimme, und sich zu dem noch immer schluchzenden Mann hinüberneigend, ließ sie einen ganzen Hagel von Verwünschungen auf ihn herniederprasseln. Er hörte anfangs nicht darauf, ganz seinem Schmerz, seinen zermarternden Selbstvorwürfen hingegeben. Endlich aber ließ er seine Hände sinken und sah sich wirr mit fragenden, forschenden Blicken im Zimmer um, als sei ihm das Bewußtsein der Gegenwart geschwunden, als müsse er sich wieder erst zurechtfinden. Sein Ohr lauschte, die Reden der unablässig Scheltenden drangen zu seinem Bewußtsein. Da sprang er plötzlich auf, da packte ihn von neuem die Wut. »Hinaus mit dir!« rief er und seine Augen quollen ihm fast aus den Höhlen, seine Haare sträubten sich. »Hinaus! Mir aus den Augen!« Sie aber schritt ihm, ebenfalls in hellem Zorn, entgegen. »Bist du von Sinnen? Bist du denn ganz und gar verrückt!« Er stürzte sich auf sie und faßte sie, außer sich, am Halse. »Ich bringe dich um, ich bringe dich um! Ich will dich nicht mehr sehen, du – du!« Da war ihr Widerstand gebrochen. »Hilfe!« kreischte sie, voll Angst und Atemnot rot und blau im Gesicht. Susanne warf sich zwischen die Ringenden, wehrte mit der rechten Hand den wütenden Ehemann ab und drängte mit der linken die Frau zurück. »Gehen Sie doch!« raunte sie der halb Bewußtlosen zu. Und während Frau Paula sich instinktiv aus dem Zimmer flüchtete, redete sie auf den Redakteur ein. Er rang nach Luft, wie nach einem Krampfanfall, und sah sie fragend, bestürzt, wie aus einem Traum, aus einer Betäubung erwachend an. »Was denn?« stammelte er. »Verzeihen Sie! Was war denn?« Er sank wieder atemlos, ganz erschöpft und ermattet auf den nächsten Stuhl. Susanne aber eilte davon. Sie sagte sich, daß ihre nächste dringlichste Aufgabe war, Frau Paula in Sicherheit zu bringen. Ihr bloßer Anblick – das sah sie – reizte den gänzlich Fassungslosen, den die tiefen Erschütterungen am Krankenlager, beim Todeskampfe seines Kindes seelisch ganz gebrochen hatten, aufs äußerste. Die beiden Eheleute mußten wenigstens für eine kurze Zeit getrennt werden, bis er den ersten heftigen Ansturm des Schmerzes überwunden hatte. In aller Eile half sie der angstvoll, zitternd im Flur Stehenden in ihren Paletot hinein und legte selbst hastig ihr Jackett an. Dann faßte sie die Hand der Freundin, die alles mit sich geschehen ließ und sich ohne Widerspruch ihren Maßnahmen fügte. Unterwegs, auf der Straße, entwickelte Susanne ihrer Begleiterin ihre Ansicht. Sie halte es für unbedingt nötig, daß Frau Paula die Nacht bei ihr verbringe, vielleicht auch noch die nächsten Tage. Ihr – Paulas Gatte – bleibe am besten einige Zeit sich selbst überlassen. Hoffentlich werde er sich bis morgen so weit beruhigt haben, daß sie mit ihm in Ruhe das weitere verabreden könne. Frau Paula sagte zu allem ja und dankte herzlich. Ihre anfängliche Empörung hatte tiefer Niedergeschlagenheit Platz gemacht, sie konnte sich nun doch nicht mehr des Eindrucks erwehren, daß aus dem Gebaren ihres Mannes wohl etwas anderes, als die bloße Aufwallung männlicher Rechthaberei gesprochen hatte. Sie schien zu ahnen, daß hier ein tiefer, nachhaltiger, seelischer Vorgang zum Ausbruch gedrängt hatte, und vielleicht ging ihr daneben auch ein ganz klein wenig die Erkenntnis von der Berechtigung seiner starken Erregung und Empörung auf, die sich so stürmisch gegen sie gekehrt hatte. Das Dienstmädchen öffnete und war so überrascht über die unvermutete Begleitung, mit der die Frau Bürgermeister nach Hause kam, daß sie ganz den üblichen Gruß vergaß. Susanne führte ihren Besuch zunächst in ihr Zimmer und suchte dann ihren Gatten auf, der ihrer im Wohnzimmer harrte. Sie sah, daß er aufs höchste überrascht war von ihrer Mitteilung; seine Augenbrauen rückten näher aneinander, wie immer, wenn er seine Mißbilligung über irgend etwas ausdrücken wollte; auch schüttelte er wiederholt lebhaft mit dem Kopf. »Du kannst doch nicht im Ernst daran denken, diese – diese Frau Reichelt die Nacht über bei uns zu beherbergen?« In ihrem Gemütszustand berührte sie sein kaltherziger Widerspruch, mit dem sie ganz und gar nicht gerechnet hatte, doppelt empfindlich. »Du wirst doch nicht annehmen, daß ich mit solchen Dingen scherze«, erwiderte sie und sah ihn mit ihrem ernsten Gesicht an, in dem noch die Spuren der durchlebten Aufregungen deutlich vibrierten. »Nun, dann muß ich dir erklären,« fuhr er unbeirrt fort, »daß ich mich in keinem Fall dazu verstehen kann, eine davongelaufene Frau, noch dazu die Gattin des Herrn Reichelt, in meiner Wohnung aufzunehmen.« In ihr war alles Wärme und Weichheit, Mitleid und herzliche Hilfsbereitschaft. Seine entschiedene Weigerung traf sie wie ein Schlag ins Gesicht. »Ich erlaube mir dir zu bemerken,« gab sie erregt zurück, »daß das nicht bloß deine, sondern auch meine Wohnung ist.« Das Zittern in ihrer Stimme und ihre matte Haltung, die trotz ihrem Bemühen sich zusammenzuraffen, die Anstrengungen und seelischen Erschütterungen der letzten Tage und Nächte sichtbar offenbarten, dämpfte seine Heftigkeit. »Sei doch vernünftig, Susanne!« sagte er ruhig, überredend. »Sieh doch selbst ein, daß es nicht geht! Halte mich doch nicht für eigensinnig, halsstarrig oder gar für herzlos! Es geht doch einfach nicht. Ja, wenn es nicht gerade diese Frau Reichelt wäre! Unser Mädchen kennt sie. Morgen weiß es die ganze Stadt.« »Aber ich kann sie doch nicht teilnahmlos, mitleidlos auf die Straße werfen!« »Nein! Du bringst sie einfach wieder nach Hause. Sie haben sich geschlagen, sie werden sich wieder vertragen.« Die Nuance von Verachtung, die im Ton seiner Stimmung lag, ohne daß er es vielleicht beabsichtigt hatte, erbitterte sie von neuem. »Darüber erlaubst, du mir wohl das Urteil. Vor morgen werde ich sie keinesfalls zu ihrem Manne lassen.« »Nun, dann wird sie irgendwo anders Unterkunft finden.« Ihre Ungeduld, ihre Erbitterung wuchs. »Wie? Du mutest mir zu, ich soll sie hinausweisen aus – aus kleinlichen Bedenken? In ihrem Zustand soll ich ihr den kühlen Rat geben, von Tür zu Tür zu gehen und anderswo um ein bißchen Mitleid zu betteln? Eine solche Erbärmlichkeit mutest du mir zu? Nein! Für mein Empfinden gibt's hier nur eins: Hilfe, Erbarmen. Das ist einfachste Menschenpflicht. Da darf mich das Gerede der Leute nicht kümmern.« Sie wollte sich entfernen, aber sein Ruf hielt sie zurück. »Susanne! Und doch muß ich dir erklären, daß Frau Reichelt nicht bei uns bleiben kann.« Sie schnellte herum, sie schien es nicht fassen zu können. »Wie, du willst mich wirklich hindern, ihr in meinem Zimmer eine Zuflucht zu gewähren für diese eine Nacht?« »Ich muß es. In unser beider Interesse. Du übersiehst, impulsiv wie du bist, wieder einmal die Folgen. In Ehezwistigkeiten soll man sich überhaupt nicht mischen. Wenn nun der Mann käme und mich zur Rede stellte? Soll ich es darauf ankommen lassen, daß er mir einen Skandal macht? ... Wenn es dir peinlich ist, will ich selbst mit Frau Reichelt sprechen.« Er machte ein paar Schritte der Tür zu. Aber sie stellte sich ihm entgegen und breitete zur Abwehr ihre Arme aus. »Wenn du sie hinausweisest, dann –« sie atmete tief, hob ihren Blick und sah ihm mit fester Entschlossenheit in die Augen – »dann weisest du auch mich hinaus.« Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Susanne!« Auch in ihm bäumte sich der Widerstand, flammte die Energie mit aller Macht auf. Er dachte an das, was bereits geschehen war und an seinen Vorsatz, er sagte sich, daß es sich, ganz abgesehen von dieser einen Sache, um die Gestaltung ihres ganzen zukünftigen Verhältnisses zueinander handelte, und daß er auf keinen Fall wieder nachgeben dürfe. Er trat ganz dicht vor sie hin und heftete seinen Blick drohend, gebieterisch auf sie. »Susanne, überlege dir wohl!« »Hier gibt's nichts mehr zu überlegen«, unterbrach sie schroff und das, was sich seit Wochen und Monaten in ihr angesammelt, brach unaufhaltsam hervor. »Zu sehr habe ich mich bereits von dir biegen und beugen lassen. Ich lasse mich nicht mehr zu unsittlichen Handlungen von dir zwingen. Und wenn du mich hinderst, einer Unglücklichen ein Obdach zu bieten, dann kann ich diese Wohnung auch nicht mehr als die meine betrachten.« »Soll das heißen – ?« »Daß ich mit ihr gehe, daß ich sie nicht im Stich lasse.« »Ich verbiete dir –« Er wollte sie am Arm fassen, aber sie wich rasch einen Schritt zurück und maß ihn mit einem sprühenden Blick. »Also wirklich Gewalt? Rohe Gewalt? Hast du denn gar keine Selbstachtung mehr?« Eine glühende Röte schoß ihm ins Gesicht, rasch zog er seine Hand zurück. Er bebte am ganzen Leibe vor mühsam beherrschter Erregung. »Wenn du die Nacht aus dem Hause bleibst, dann –« »Dann darf ich nicht mehr zu dir zurück. Ja, glaubst du denn, daß ein Zusammenleben zwischen uns nach dieser Szene überhaupt noch möglich ist?« Er erwiderte nichts, sondern stöhnte nur in sich hinein. Mit erhobenem Haupt schritt sie zur Tür. XVIII. Susanne logierte die Nacht über mit Frau Paula in einem Hotel. Am anderen Morgen begleitete sie die Freundin in ihre Wohnung. Während Frau Paula in die Küche schlüpfte, betrat Susanne das Wohnzimmer. Sie fand Herrn Reichelt übernächtig, ganz gebrochen. Er hatte die Nacht offenbar in seinen Kleidern verbracht und kein Auge geschlossen. Er stürzte ihr trotz seiner Müdigkeit lebhaft entgegen. »Wo ist Paula?« Sie deutete nach der Küche. »Sie fürchtet sich vor Ihnen.« Eine schwache Röte lief über sein Gesicht und sein Blick senkte sich vor ihr. »Ich schäme mich, Frau Susanne.« Sie griff rasch nach seiner Hand. »Das sollten Sie nicht, armer Freund. Ich halte Sie nicht für verantwortlich für das, was Sie gestern getan haben. Und das ist auch Paulas Ansicht.« Er griff sich mit beiden Händen an die Stirn. »Offen gestanden, ich habe nur eine sehr unklare Erinnerung. Ich habe es wohl sehr arg getrieben?« Sie half ihm rasch über das peinliche Thema hinweg. »Also ich darf Paula rufen? Und Sie versprechen mir, ihr keine harten Worte mehr zu sagen?« »Das verspreche ich Ihnen.« Ein Schatten senkte sich auf sein Gesicht. »Ich habe in dieser Nacht viel nachgedacht, und ich habe gefunden, daß die Hauptschuld mich selber trifft. Jawohl! Ich blinder Tor, ich Prinzipiennarr l Ich habe geglaubt, meiner Pflicht als Mann nachleben zu müssen und habe darüber meine Pflicht als Vater aufs sträflichste vernachlässigt. Ich hätte nicht dulden dürfen –« Er unterbrach sich. »Doch das ist ja nun alles gegenstandslos, wir haben ja nun kein Kind mehr.« Seine Stimme zitterte und eine Träne rann ihm über die eingefallenen bleichen Wangen. Sie drückte ihm noch einmal warm die Hand. »Um so mehr müssen Sie jetzt einig und innig zueinander halten, Paula und Sie!« Sie eilte hinaus und kam mit der Freundin zurück. Und während die beiden Ehegatten einander ergriffen umschlungen hielten, schlich sie sich leise davon. Als die Stunde herangekommen war, in der sie ihren Mann im Rathause wußte, kehrte sie noch einmal nach ihrer Wohnung zurück, um einen Koffer mit der nötigsten Leibwäsche und mit Kleidern zu füllen. Dann ließ sie eine Droschke holen und fuhr nach dem Bahnhof. Ihrer Schwester teilte sie durch ein Telegramm ihre Ankunft und die Stunde ihres Eintreffens mit. Ella und »Tante Kramer« erwarteten sie auf dem Bahnhof. Beide waren zartfühlend genug, keine Fragen zu stellen. Sie selbst gab nur eine kurze, hastige Erklärung, die deutlich verriet, daß ihr ein näheres Eingehen nicht erwünscht war. Sie sagte, daß Mißhelligkeiten zwischen ihr und ihrem Mann vorgefallen wären, und daß sie deshalb für einige Zeit, vielleicht für länger, sein Haus verlassen habe. Sie bezog wieder das Zimmer, in dem sie als Mädchen geschlafen und studiert hatte. Ella begegnete ihr freundlich, ja mit größerer Wärme als sonst. Dabei vermied sie ängstlich, von Susannes Eheleben zu sprechen oder auch nur die geringste Frage über die Ursache und den Charakter des Ehezerwürfnisses an ihre Schwester zu richten. Sie begnügte sich, ihr Interesse und ihr Mitgefühl durch Mienen und Gebärden zum Ausdruck zu bringen, indem sie gelegentlich mit sanfter Hand über Susannes blasse abgehärmte Wangen strich und sich einmal sogar so weit hinreißen ließ, einen Kuß auf den gesenkten Scheitel der still, in sich versunken Dasitzenden zu drücken. Dagegen konnte »Tante Kramer« ihre Neugierde nicht lange bezähmen. Als sie erst wieder ein bißchen vertrauter miteinander geworden waren, nahm die ältere die jüngere eines Tages bei der Hand. »Ist denn etwas so Schlimmes vorgefallen, Susanne? Es wird doch um Gottes willen nicht zur Scheidung kommen?« »Wahrscheinlich.« Die alte Frau schlug erschrocken, bekümmert die Hände zusammen. »Nur das nicht, nur das nicht, Susanne! Eine geschiedene Frau, das ist nicht Fisch, nicht Fleisch, nicht Frau und auch nicht Mädchen! Das ist das allerunglücklichste Wesen von der Welt!« Um Susannes Mundwinkel zuckte es schmerzlich. »Ich bin der Ansicht, daß eine Frau, die sich von ihrem Mann nicht verstanden und nicht geachtet sieht, noch tausendmal unglücklicher ist.« Tante Kramer machte ein sehr erstauntes Gesicht und schüttelte entschieden mit dem Kopf. »Nicht geachtet? Wie meinst du denn das? Ich kenne ja deinen Mann. Das ist kein schlechter Mensch. Spielt er denn, oder trinkt er, oder hält er's mit schlechten Frauenzimmern?« Susanne lächelte. »Verzeihe mir, aber du hast sehr primitive Anschauungen von der Ehe, Tante Kramer. Meinst du, daß jede Ehe schon glücklich ist, wenn der Mann nicht spielt, nicht trinkt und sonst nicht liederlich lebt?« Die alte Frau nickte energisch. »Das ist doch die Hauptsache. Was kann denn sonst noch vorkommen? Sein Auskommen hat dein Mann auch, und wenn's mal 'n bißchen Uneinigkeit gibt, deshalb läuft man doch nicht gleich auseinander.« Susanne erhob sich mit einer ungeduldigen Bewegung. »Lassen wir das!« sagte sie kurz. »Du würdest mich doch nicht verstehen. So etwas muß jeder mit sich selbst abmachen.« Sie verließ das Zimmer, während Tante Krämer mißbilligend, beleidigt ihren grauen Köpf schüttelte und ihrem Empfinden in dem Ausruf: »Neumodische Frauenzimmer!« Luft machte. Aber sie wagte doch von da ab nicht mehr, das heikle Thema zu berühren. Mit peinlichem Gefühl sah Susanne ihrer ersten Begegnung mit den Geschwistern Möller entgegen. Aber auch hier war man taktvoll bemüht, die Empfindlichkeit der Heimgekehrten möglichst zu schonen. Fräulein Dr. Anna schüttelte, wie es ihre Art war, Susanne derb die Hand. »Das ist recht, daß du wieder da bist«, sagte sie ermunternd und offenbar sehr befriedigt. »Ich habe es nicht anders erwartet. Du bist wirklich zu schade für die Ehe.« Siegfried legte, wie es seine Gewohnheit war, seine Hand für einen kurzen Moment leicht, kaum fühlbar in die Susannes und sagte dabei: »Nun werden wir wieder zusammen arbeiten, nicht wahr, Susanne?« Sie nickte. »Wenn du willst, Siegfried!« Es war in der Tat ihre Absicht, ihr Studium wieder aufzunehmen und sich für das Oberlehrerinnenexamen vorzubereiten, denn die Zinsen des von den Eltern ererbten Vermögens reichten nicht zum Lebensunterhalt. Wohl hatte ihr Gatte ihr bereits in der ersten Woche einen Geldbetrag zugesandt, aber sie hatte das Geld ihm umgehend zurückgeschickt. Schon vorher hatte sie ihm mitgeteilt, daß sie wieder wie früher mit ihrer Schwester leben würde, und daß sie ihm anheimstelle, die Ehescheidungsklage gegen sie wegen böslichen Verlassens anzustrengen. Er aber hatte erwidert, daß er es damit nicht so eilig habe, er hoffe im Gegenteil, sie würde, wenn erst die erste Verbitterung vorüber wäre, wieder den Weg zu ihm finden. Mit einem bitteren Lächeln hatte sie den Brief gelesen. Natürlich, in seinem Herrengefühl erwartete er, sie solle kommen, ihr Unrecht einsehen, während er von seiner Unfehlbarkeit überzeugt war. Aber er irrte sich, sie dachte auch nicht einen Augenblick an die Möglichkeit einer Wiedervereinigung. Sie hatte nichts zu bereuen. Im Gegenteil, sie hatte viel ertragen, mancherlei Unrecht erduldet und gegen ihre Überzeugung sich unterworfen, bis sie eingesehen hatte, daß sie vor dem moralischen Bankerott stand. Es schien, daß man zur Ehe nicht tauglich war, wenn man soviel geistige Bildung sich angeeignet hatte, um sich ein eigenes Urteil bilden zu können. Selbständigkeitsdrang mochte gut sein im Kampf ums Dasein, im Eheleben war er für eine Frau vom Übel. Susanne arbeitete mit einem Feuereifer. Sie mußte ja das, was sie in dem Ehejahr vergessen hatte, wieder auffrischen, bevor sie den Besuch der Vorlesungen wieder aufnehmen und ihr Studium zum Abschluß bringen konnte. Siegfried Möller, der sein Staatsexamen schon hinter sich hatte, war ihr dabei von großem Nutzen. Tag für Tag repetierte er stundenlang mit ihr, in ihrem kleinen Zimmer, ihr wie einst gegenübersitzend. Nie wurde zwischen ihnen der letzten Vergangenheit gedacht, es war, als wenn das Ehejahr in Susannes Leben überhaupt nicht vorhanden gewesen. Und doch geschah, was früher nie vorgekommen war: Siegfried Möller wurde zuweilen zerstreut, ließ seine Blicke verwundert, prüfend auf der jungen Frau ruhen und einmal unterbrach er sich mit dem Ausruf: »Weißt du, Susanne, du hast dich doch sehr verändert!« »Wieso denn?« »Dein Gesicht hat einen ganz andern Ausdruck, und dann bist du auch stärker, voller geworden.« »Ich bin eben ein Jahr älter.« Aber der Kandidat schüttelte mit dem Kopf. »Das ist es nicht. Ich bin doch auch älter geworden. Habe ich mich denn auch so verändert?« Sie betrachtete ihn eine Weile prüfend und lächelte. »Nein. Nicht im geringsten,. Du siehst noch geradeso aus, wie damals.« »Nun also. Deine Erscheinung aber hat einen ganz anderen Charakter bekommen, ich möchte sagen einen frauenhafteren –« Doch sie unterbrach ihn unwirsch. »Laß doch das! Das ist doch wirklich ganz nebensächlich. Die Hauptsache ist, daß ich geistig so rasch als möglich wieder dieselbe werde wie früher.« Sie war vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein bei der Arbeit, um das Ziel zu erreichen. Aber neben diesem Bestreben war noch etwas anderes, das sie unablässig anspornte und antrieb. Das war die Furcht vor der Erinnerung, das Verlangen zu vergessen. Einmal zwang eine Erkältung sie, ihre Arbeit für ein paar Tage auszusetzen und im Bett zu bleiben. Da drängte sich der Vergleich zwischen einst und jetzt von selber auf. Sie erinnerte sich, daß sie einmal während ihrer letzten Sommerreise ein paar Tage an einer Halsentzündung krank gelegen. Fast den ganzen Tag über hatte Eugen an ihrem Bett gesessen, er hatte ihr das Gurgelwasser gereicht und ihr lindernde Umschläge gemacht. In der Zwischenzeit hatte er ihre Hand in der seinen gehalten, und mit leiser, sanfter Stimme zu ihr gesprochen. Alle seine Worte und seine Mienen und die Art, wie er sie pflegte und sich bemühte, ihr über die langweilige Zeit und über ihre Schmerzen hinwegzuhelfen, hatten eine so ungemein wohltuende Wärme und Innigkeit ausgestrahlt. Es war ein so wohliges Gefühl gewesen, in sein liebevolles zu ihr herniederblickendes Gesicht zu schauen, und selbst wenn sie die Augen geschlossen, wirkte das Bewußtsein, ihn in ihrer Nähe zu wissen, befreiend, beruhigend, sanft einlullend. Jetzt war sie den größten Teil des Tages allein. Ella war so beschäftigt, daß sie sich kaum die Zeit zu einem kurzen viertelstündigen Krankenbesuch abringen konnte, und auch »Tante Kramer« konnte sich ihr nur an den späten Nachmittag- und in den Abendstunden widmen. Und selbst wenn sie sich mit ihrem Strickstrumpf zu ihr setzte, war ihr ihre Gegenwart eher lästig als angenehm. Das Klappern der Nadeln, der Klang der überlauten harten Stimme, ihre Gewohnheit, die nichtigsten Dinge in einem breiten, uneindämmbaren Redefluß zu erörtern, regte sie auf und trug nicht dazu bei, ihr das körperliche Unbehagen weniger fühlbar zu machen und die aufgeregten Nerven zu beruhigen. Auch bei anderen Gelegenheiten, wenn sie sich zuweilen des Nachmittags ermattet für ein halbes Stündchen auf die Chaiselongue streckte oder sich – meist allein – einen kurzen Spaziergang gönnte, arbeitete die Phantasie in ihr und malte ihr allerlei kleine Bilder aus der Vergangenheit. Früher bei ihren täglichen Spaziergängen mit Eugen pflegte er seine Hand auf ihren Arm zu legen und zärtlich an sich zu drücken. Nie hatte, wie es zuweilen jetzt geschah, ein Unverschämter oder ein Betrunkener sie anzusprechen oder zu belästigen gewagt. Dicht nebeneinander waren sie dahingeschritten, lebhaft miteinander plaudernd und ab und zu einen lächelnden, freundlichen Blick tauschend. Es war kein Hasten und ängstliches Laufen gewesen wie jetzt, sondern mit Muße und mit Genuß waren sie promeniert, so lange es ihnen behagte. Anregend und erfrischend zugleich war es gewesen und noch in der Erinnerung färbten sich ihre Wangen und das Blut pulsierte rascher und das Herz klopfte lebhafter. Freilich, wenn sie dann aus dieser Versunkenheit wieder zur Gegenwart erwachte, biß sie sich jedesmal ärgerlich auf die Lippen und verhöhnte sich selbst als sentimental und phantastisch. Waren nicht diesen unbedeutenden Lichtblicken in ihrem Eheleben bittere Demütigungen und Erniedrigungen gefolgt, mit denen die kleinen Unannehmlichkeiten, denen sie jetzt zuweilen ausgesetzt war, gar nicht in Vergleich gebracht werden konnten? War sie jetzt nicht eine freie, unabhängige Persönlichkeit, die tun und lassen konnte, was ihr beliebte, der sich kein fremder Wille, keine fremden Anschauungen aufzwangen, die ihren Neigungen und Ansichten unbehindert nachgehen konnte? Und war das nicht die Hauptsache? XIX. Es war nicht mehr das ruhige, selbstzufriedene, von naiver, ungekünstelter Wißbegierde und mädchenhaftem Ehrgeiz geleitete Arbeiten wie früher. Etwas Fieberisches, Ungesundes, Forciertes lag in der Hast und in der durch die Uhr geregelten pedantischen Gewissenhaftigkeit, mit der Susanne jetzt bei den Büchern saß. Das Arbeiten war ihr nicht mehr Selbstzweck, sondern es war wie ein Narkotikum, das sie gebrauchte, um sich zu betäuben. Auch in den von Anna Möller begründeten und geleiteten Verein für Frauenrecht trat sie wieder ein, und auch hier beteiligte sie sich mit Eifer und Hingabe. Keine Zusammenkunft, keine Beratung ließ sie aus und an den Debatten, bei denen sie früher nur Zuhörerin gewesen, beteiligte sie sich jetzt mit einer Lebhaftigkeit und zugleich von einem so radikalen Standpunkt aus, daß es ihr schon wiederholt das freudige Lob der Vorsitzenden eingetragen hatte. Eines Abends begab sie sich wieder einmal mit ihrer Schwester zu einer öffentlichen Versammlung, die der Verein »Frauenrecht« einberufen hatte, um seinen Bestrebungen möglichst viele Anhänger zu gewinnen. Auf der Treppe kam ihnen eine einfach gekleidete etwa vierzigjährige Frau entgegen, die hastig, wie jemand, der nicht viel Zeit übrig hatte, trotz ihrer ziemlichen Wohlbeleibtheit die Stufen hinaufeilte. Ella Neudeck redete die freundlich Grüßende an. »Sie sollten uns nicht so ganz und gar im Stich lassen, Frau Bahlke.« Die Frau lächelte. »Ich muß ja wohl, Fräulein Neudeck. Sie wissen ja warum ... Ja, das ist nun vorbei!« »Aber Sie könnten doch mal eine Ausnahme machen. Ein oder zwei Abendstunden werden Sie doch mal erübrigen können. Zum Beispiel heute haben wir ein Thema vor, das auch Sie interessieren dürfte.« Die Frau hatte schon den einen Fuß auf die nächste Stufe gesetzt; man sah ihr an, daß sie in der Eile war. Trotzdem fragte sie höflich: »Was ist es denn, Fräulein Neudeck?« »Wir sprechen heute über die Frage: Was schulden wir den Kindern.« Frau Bahlke lachte und schüttelte lebhaft mit dem Kopfe. »Das ist gut für theoretische Mütter. Sie wissen ja, ich habe sechs Kinder. Da habe ich keine Zeit zum Disputieren, da lehrt einem schon die Praxis, was man den Kindern schuldig ist.« Sie nickte noch einmal freundlich und setzte ihren Weg eilig fort. Auch die beiden Schwestern gingen weiter, die ältere rot vor Ärger über die indirekte, humoristische Abwehr. Auch Susanne hatte die Begegnung und das Wort der Fremden zum Nachdenken angeregt. »Ich habe sechs Kinder, da habe ich keine Zeit zum Disputieren ...« »Wer war denn das?« fragte sie nach einer Weile. »Eine Frau Bahlke«, versetzte das Fräulein Doktor, geringschätzig die Lippen aufwerfend. »Sie hat mit ihrem Mann und ihren Kindern vor einigen Monaten die Wohnung über uns bezogen. Früher, vor meiner Zeit, soll sie in unserer Bewegung sehr rührig gewesen sein. Aber seit acht Jahren ist sie nicht viel aus dem Kinderzimmer herausgekommen. Man kann wohl sagen: eine Familiensklavin, eine Märtyrerin des Mutterberufes.« Die Mienen der Frauenrechtlerin drückten deutlich das Gefühl ihrer sittlichen Überlegenheit aus, das von einer Regung des Mitleids gemildert schien. Susanne aber schüttelte still für sich den Kopf, während die Erscheinung der korpulenten Frau vor ihr geistiges Auge trat. Das blühende, gesunde Aussehen, das vergnügte Gesicht und das lebhafte, freundliche Wesen deutete nicht gerade auf ein Märtyrerleben hin. Ein paar Tage später führte der Zufall Susanne zum zweitenmal mit der Hausgenossin vom oberen Stockwerk zusammen. Susanne kam eben von einem Spaziergang zurück, da bot sich ihr im Hausflur am Fuß der Treppe ein merkwürdiges Bild dar. Frau Bahlke stand inmitten einer Kinderschar, denen sie vor dem Hinaufsteigen Verhaltungsmaßregeln erteilte. »Du, Karl, gehst voran!« sagte sie zu einem etwa zehnjährigen Knaben. »Und du, Martha, nimmst Fritz und Lieschen an der Hand! Hübsch vorsichtig, daß ihr nicht die Treppen runterkugelt!« Ein etwa zwölfjähriges Mädchen ergriff die Händchen von zwei kleineren Kindern im ungefähren Alter zwischen drei und fünf Jahren und begann langsam, bedächtig, Stufe für Stufe mit ihnen hinaufzusteigen. »Na komm' her, Pauline l« Die sorgsame Hausmutter reichte ihre freie linke Hand einem neben ihr stehenden kleinen vielleicht sechsjährigen Mädchen, während sie in ihrem rechten Arm ein ganz kleines, kaum einjähriges Kindchen trug. Susanne hielt unwillkürlich ihre Schritte an und grüßte. Frau Bahlke dankte freundlich, die Hausgenossin sofort erkennend. »Die Schwester von dem Fräulein Doktor im ersten Stock, nicht wahr?« sagte sie mit ihrem breiten, behäbigen Lächeln. »Frau Kamberg«, stellte sich Susanne vor. Die andere nickte. »Weiß! Im Hause spricht sich ja so was gleich herum. Sind verheiratet und bei Ihrer Schwester zu Besuch.« Sie streifte die ihr Gegenüberstehende mit einem interessierten, mitleidigen Blick, unter dem Susanne unwillkürlich errötete und verlegen den Kopf senkte. »Ja, ja«, fuhr Frau Bahlke rasch fort, offenbar um der Jüngeren über ihre Befangenheit hinwegzuhelfen. »Man hat seine Plage mit der kleinen Gesellschaft.« Dabei lächelte sie so vergnügt, wie um sich selber Lügen zu strafen. Indes fing sie an, pustend, etwas schwerfällig mit ihrer Last die Treppe emporzuklimmen. Da sie aber keine ihrer Hände frei hatte und ihr Kleid nicht heben konnte, stolperte sie. Mit instinktiver Gebärde legte Susanne rasch den Arm um sie. »Danke! Danke schön! Nun hätt's beinahe 'n Malheur gegeben«, sagte Frau Bahlke. Susanne aber streckte ihre beiden Arme aus und beugte sich zu dem an der Mutterbrust ruhenden kleinsten Kinde hinab. »Darf ich Ihnen die Kleine nicht ein bißchen abnehmen?« »Es ist ein Junge – unser kleiner Max«, belehrte die Mutter. Und nach kurzem Besinnen: »Wissen Sie was, geben Sie lieber der da Ihre Hand!« Sie deutete auf das neben ihr schreitende Mädchen und fügte offenherzig hinzu: »Das ist wohl für alle Teile sicherer.« Susanne ließ sich nicht nehmen, die Mutter mit ihrer Kinderschar bis zum zweiten Stockwerk hinauszubegleiten. Vor der Flurtür verabschiedete sie sich. Frau Bahlke, inmitten ihrer Kinderschar, reichte ihr die Hand und bedankte sich herzlich. Da rief der kleine dreijährige Fritz, dessen neugierige blaue Kinderaugen unverwandt an der sympathischen, hübschen Erscheinung der jungen Frau verweilten: »Kommst du nicht mit, Tante?« Und die viereinhalbjährige Pauline klatschte in ihre Hände. »Ja, Tante, ich zeige dir auch meine Puppe. Wenn du die auf den Bauch drückst, dann schreit sie und so'n schönes Rosakleid hat sie an – ei weih!« Frau Bahlke aber nickte zustimmend. »Man kann doch immer noch von den Kindern lernen. Ich hätte Sie gleich auffordern sollen, ein bißchen einzutreten, da Sie doch schon vor unsrer Tür sind.« In Susanne wallte ein warmes Gefühl auf. Der Anblick der blonden, rosigen Kinderschar, die jetzt insgesamt ihre Augen verlangend, bittend auf sie richtete, die frischen, hellen Kinderstimmen mit ihrem naiven Geplapper hatten etwas Herzerfrischendes, Lockendes. »Wenn ich nicht störe«, sagte sie bescheiden. »I bewahre«, rief Frau Bahlke in ihrer einfachen, herzlichen Weise. »Im Gegenteil!« Sie schloß die Flurtür auf und ließ die Kinder zuerst eintreten, dann folgte sie mit Susanne. Die ganze Schar ging in das Wohnzimmer. Der kleine Max erhob seine Stimme. »Bist hungrig«, sagte Frau Bahlke und reichte den Schreier der ältesten Schwester. »Sollst gleich dein Pappchen haben.« Während sie in die Küche ging, holten die Kinder ihr Spielzeug: Lieschen ihre Puppe, Fritz ein kleines Pferdchen und die sechsjährige Pauline schleppte eine Puppenküche herbei mit Miniaturgeschirr, das sie der »Tante« mit großer Wichtigkeit und Umständlichkeit zeigte. Schon nach zehn Minuten kam Frau Bahlke zurück, nahm den Jüngsten auf ihren Schoß und fütterte ihn mit einem Milchbrei. Indessen trug sie der Ältesten auf, für die beiden jüngeren Geschwister Fritz und Lieschen Milch zu wärmen und Brot zu schneiden. Darauf erhob sie sich, um das Jüngste in das nebenanliegende Schlafzimmer zu tragen und nickte der Besucherin ihr zu folgen. Als sie den rundlichen kleinen Max entkleidet hatte, hob sie ihn mit mütterlichem Stolz in die Höhe. »Ist er nicht süß?« In der Tat, es war eine Lust mitanzusehen, wie der dralle, kleine Kerl mit den dicken Beinchen strampelte und dabei vor Vergnügen quietschte. Frau Bahlke legte den Kleinen in sein Bettchen und nickte ihm lächelnd zu, bis er nach wenigen Minuten die müden kleinen Äuglein schloß. »Glauben Sie nun,« wandte sie sich an Susanne, die alledem mit steigendem Interesse, in wachsender Bewunderung und stiller Rührung zusah, »glauben Sie nun, daß mir keine Zeit bleibt, in Frauenversammlungen zu gehen? Meinen Sie nicht auch, daß ich hier Dringenderes und Nützlicheres zu tun habe?« Susanne bedachte sich nicht einen Augenblick, sondern nickte zustimmend, voll Überzeugung. »Und doch,« fuhr die andere mit einem Lächeln feiner Selbstironie fort, »doch war ich einmal eine ebenso enragierte Frauenrechtlerin wie Ihre Schwester und kam mir furchtbar wichtig vor, wenn ich mit im Rat saß und eine neue Zeit mit herbeiführen und die Welt umkrempeln half – wenn auch nur theoretisch und in der Einbildung.« »Aber wie war denn das möglich?« trat es der interessiert Zuhörenden unwillkürlich auf die Lippen, während sie ihre Augen mit einem fast ungläubigen Ausdruck auf die behäbige Gestalt richtete und sich das echt mütterliche Wesen der neben ihr Sitzenden vergegenwärtigte. »Das will ich Ihnen sagen«, begann Frau Bahlke und wieder schwebte ein ironisches Lächeln um ihre vollen Lippen. »Das erklärt sich ganz einfach und natürlich, wie alles im Leben. Ich war achtundzwanzig Jahre alt, als ich in die Bewegung eintrat. Ich war Kindergärtnerin, freilich das richtige Herz für die Kleinen hatte ich damals noch nicht, wenn ich auch meine Pflichten äußerlich fleißig und gewissenhaft erfüllte. Also mit meinen achtundzwanzig Jahren war ich freudlos, einsam und verbittert, denn die Hoffnung, einen Mann zu kriegen, hatte ich aufgegeben. Ja, ich war auf dem besten Wege, eine so recht verknöcherte – mager und dürr war ich damals, wie'n Haubenstock – eine so recht verknöcherte, boshafte alte Jungfer zu werden und auf die Männer hatte ich einen besonderen Haß geworfen. Natürlich, sie waren ja alle achtlos an mir vorübergegangen. Mußte ich ihnen da nicht gram sein? Da – ich war schon im dreiunddreißigsten – lernte ich meinen Mann kennen. Er war Witwer – der Karl und die Martha sind meine Stiefkinder, aber ich habe sie ebenso lieb, wie meine eignen. Ich merkte es bald, daß ich ihm gefiel und mir – mir imponierte sein echt männliches, energisches und selbstsicheres Wesen ganz ungemein. Sie müssen wissen, er hatte um seiner Überzeugung willen seinen schönen, geliebten Lehrerberuf aufgegeben, weil er sich von seinem Rektor nicht drücken und nicht vergewaltigen lassen wollte. Na, Sie können sich wohl denken, daß ich mein Bestes tat und alles aufbot, mich von meiner anziehendsten Seite zu zeigen. Merkwürdig, wie rasch ich allen meinen Männerhaß vergaß. Und als er mich dann nahm, mein lieber guter Karl, dann wurde ich erst ein glücklicher Mensch. Sie hätten nur sehen sollen, wie ich aufblühte. Ordentlich wie eine zweite Jugend kam es über mich. Na ja, das ist gerade wie mit den Blumen und der Sonne. Im Schatten verkümmert alles – selbstverständlich!« In Susanne rangen widerspruchsvolle Gefühle miteinander. Die offenherzigen Mitteilungen, die natürlichen, einfachen Argumente der Frau, die ja mit ihrer von Gesundheit und Glück strotzenden Erscheinung ein untrüglicher lebender Beweis für die Richtigkeit derselben war, machte einen starken Eindruck auf sie und doch regten sich Zweifel und Fragen in ihr. Ja, sie kannte es ja auch, das Glück der ersten Liebe, die Honigmonate der Ehe, aber auch den bitteren Bodensatz hatte sie kennen gelernt, die große Ernüchterung. Wie kam es, daß die glückstrahlende, schlichte Frau an ihrer Seite von den Konflikten und Enttäuschungen des späteren Ehelebens nichts zu wissen schien? »Ich will Ihnen mal etwas sagen, meine liebe Frau Kamberg,« entriß sie die Stimme der neben ihr Sitzenden ihren Grübeleien, »wenn jedes Mädchen bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahre einen Mann bekäme, hätte die Welt nie und nimmer eine Frauenbewegung gesehen.« In der jungen Frau aber erhob sich jetzt ein lebhafter Widerspruch. »Aber«, rief sie mit brennenden Wangen und funkelnden Augen, »die Frauenbewegung will doch nicht nur den unversorgten Mädchen Beschäftigung und Erwerb beschaffen, es handelt sich doch vor allem darum, der Frau, auch der verheirateten, mehr Freiheit, eine größere Selbständigkeit, einen höheren individuellen Wert und mehr Anerkennung und Achtung seitens des Mannes zu verschaffen.« Doch die rundliche, zufriedene Frau schüttelte nur lächelnd mit dem Kopf. »Ach du mein Gott!« erwiderte sie gelassen und nahm die Hände der neben ihr Sitzenden in die ihren. »Mehr Freiheit, mehr Selbständigkeit! Wer ist denn frei und unabhängig, meine liebe Frau Kamberg? Die Männer sind es am allerwenigsten, niemand ist es. Rücksichten hat jeder zu nehmen, nicht nur die Frau. Und unsittlich ist es nach meiner Auffassung, wenn ein Mädchen, das sich zur Heirat entschließt, nicht den ernsten, ehrlichen Willen hat, sich denjenigen Beschränkungen, die die Ehe naturgemäß, besonders von der Frau, fordert, zu unterziehen – mit Freuden zu unterziehen, nicht etwa mißlaunig, mit Unlust. Denn dann würden sie sich ja selbst die Stellung einer Dienerin und nicht die einer selbstlosen, treuen Kameradin zuweisen.« Susanne senkte unwillkürlich ihre Blicke; die Worte trafen sie fast wie eine persönliche Anklage. Sie bemühte sich mit aller Kraft, das Gefühl des Unbehagens, der Verlegenheit von sich abzuschütteln. Aber sie hatte für das, was in ihr wogte, noch keinen Ausdruck gefunden, als sich die Tür öffnete und der kleine Fritz und sein Schwesterchen Lieschen hineinstapften. »Muttchen, müde, so müde!« rief der Knabe weinerlich, während das kleine Mädchen zu Susanne lief, sich an sie schmiegte und mit bittenden Augen zu ihr aufsah, so daß die junge Frau nicht anders konnte, als die Kleine auf ihren Schoß zu ziehen. »Also vorwärts in die Baba! 's ist Zeit für euch!« sagte Frau Bahlke und begann sogleich den Knaben zu entkleiden. Auch Susanne ging mit Eifer daran, dem kleinen Lieschen die Haken des Kleides zu lösen und die Bänder der Unterröcke aufzuknüpfen. Freilich, so behende und fix wie Frau Bahlke ging es ihr nicht von der Hand, denn es war ja das erstemal in ihrem Leben, daß sie ein Kind zu Bett brachte. Aber die Kleine half selbst und schnürte geschickt ihre Schuhe auf und zog sich selbst die Strümpfe herab. Als sie bereits im Hemdchen war, schlang sie, auf Susannes Schoß stehend, die Arme um ihren Hals und schmiegte die zarte Kinderwange an ihr Gesicht. »Ich habe dich lieb, Tante«, flüsterte sie ihr dabei schmeichlerisch ins Ohr. In Susanne quoll eine neue, wohlige Empfindung empor. Noch nie hatte sie aus einem Kindermund so zärtliche Worte gehört und es war eine ganz instinktiv unbewußte Regung, daß sie die Kleine an sich drückte und herzlich auf Wangen und Mund küßte. Dann trug sie den Hemdenmatz in sein Bettchen, das in derselben Stube stand. Frau Bahlke, die den kleinen Fritz schon längst gebettet hatte, stand mitten im Zimmer und sah ihr mit freundlich strahlenden Augen zu. »Ich glaube,« sagte sie, sich der jungen Frau nähernd, »Sie werden einmal eine ausgezeichnete Mutter abgeben.« Und als Susanne heftig errötete und sich vor Verwirrung und innerlicher Bewegung nicht zu lassen wußte, legte sie ihren einen Arm um die Taille der jungen Frau und strich ihr mit der anderen Hand beschwichtigend, ermunternd über die glühenden Wangen. »Ja,« sagte sie dabei ernst, in warmem Ton, »solch ein liebes, frisches Kindchen ist ein wahrer Segen für eine Frau und ich kann mir gar nicht denken, daß eine Ehe unglücklich werden kann, wo gesunde, liebe Kinder vorhanden sind.« Und während sie die Jüngere langsam zur Tür des Nebenzimmers zog, fuhr sie lächelnd, gedankenvoll fort: »Sehen Sie, nun muß ich doch zurücknehmen, was ich vorhin gegen die Frauenbewegung sagte. Sie war doch sehr notwendig und hat sehr Gutes gewirkt, indem sie den jungen Mädchen neue Berufe erschloß und sie selbständig machte, so daß sie nicht mehr wie früher nötig haben, der Versorgung wegen zu heiraten. Und ich glaube, ich könnte mich selbst noch einmal für die Frauenbewegung begeistern und mich in ihr betätigen, wenn sie sich das weitere Ziel setzte, die Mädchen zu einer höheren, sittlicheren Auffassung der Ehe zu erziehen und die rechte Lust und Liebe zur Ehe in den jungen Mädchen zu erwecken. Aber das gerade Gegenteil tun sie ja. Sie legen den Grund zur Selbstüberschätzung und zur Nichtachtung und Geringschätzung des Mannes in sie und machen sie unfähig und unlustig zur Ehe.« Sie betraten wieder das Wohnzimmer. Die Kinder eilten ihnen entgegen und jedes hatte ein Anliegen an die Mutter. »Du, Muttchen,« rief der zehnjährige Karl, der neben seiner Schwester am Tische gesessen hatte, mit Schularbeiten beschäftigt – »ich kriege die Aufgabe nicht raus: Frau N. kauft einen Zuckerhut im Gewicht von 7 1/2 Kilogramm; sie bezahlt für das Kilogramm 75 Pfennig, während sie im Einzelkauf 80 Pfennig gibt. Wieviel hat sie bei diesem Einkauf gespart?« Und Martha bat: »Ach Muttchen, hilf mir doch ein bißchen bei meinem Aufsatz, ja: ,›Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt‹. Ist doch furchtbar schwer, nicht, Muttchen?« Während sich Frau Bahlke zu dem Jungen setzte, konnte Susanne, die sich eigentlich verabschieden wollte, nicht gut anders, als der Zwölfjährigen ein wenig beizustehen. Sie waren alle in emsiger Tätigkeit, als draußen die Korridortür ging und Männerschritte laut wurden. Sogleich richtete sich die korpulente Frau Bahlke mit jugendlicher Lebhaftigkeit in die Höhe und ein Freudenschein lief über ihr vollwangiges Gesicht. »Vater!« Und auch die Kinder sprangen mit demselben Rufe auf: »Vater!« und eilten dem Eintretenden entgegen. Es war ein etwa fünfzigjähriger, mittelgroßer und auch ein wenig zur Korpulenz neigender Mann in auffallend guter, dunkler Kleidung. Überhaupt sein Äußeres war sehr sorgfältig gepflegt, wie bei einem Menschen, der aus besonderen Gründen darauf Wert legt, einen vorteilhaften, anständigen Eindruck zu machen. Seinen Zügen war ein Ausdruck von Energie und Entschiedenheit aufgeprägt, die aber, sobald er sich zu Frau und Kindern wandte, innere Wärme und Gutmütigkeit durchschimmern ließ. Er küßte seine Frau und begrüßte auch seine Kinder mit freundlichem Nicken und mit sanft über den Kopf streichender Gebärde. Als er die Besucherin erblickte, blieb er erstaunt stehen. Susanne erkannte ihn auf den ersten Blick. Sie war ihm zuweilen auf der Treppe oder im Hausflur begegnet und er war ihr durch den höflichen, achtungsvollen Gruß, den er nie versäumte, angenehm aufgefallen. Auch er schien sich, während ihn seine Frau, seine Schulter mit einem Arm umschlingend, näher zog, um ihn Susanne vorzustellen, ihrer zu entsinnen. Mit freundlichem Lächeln bot er ihr die Hand. »Ich glaube, wir kennen uns schon – wenn auch nur par distance .« Als die Begrüßung erledigt war, faßte Frau Bahlke ihren Mann von hinten am Arm und Rockkragen und zog ihm sanft den guten Rock herab. »Nicht doch!« wollte er mit einem Blick auf die Besuchen« wehren. Aber die Hausfrau beruhigte ihn. »Frau Kamberg entschuldigt schon. Sie weiß ja, daß man es einem Mann bequem und behaglich machen muß, wenn er müde und abgehetzt nach Hause kommt.« Sie half ihm in den bequemen Hausrock, den die kleine Martha schon herbeigebracht hatte, und drückte ihn auf einen der um den Tisch stehenden Stühle nieder. Darauf winkte sie den beiden älteren Kindern, die sich sogleich daran machten, dem Vater die Halbstiefel aufzuschnüren, während sie selbst die gefütterten Hausschuhe herbeiholte. Dabei strahlte ihr Gesicht in einem fort von Freundlichkeit und Zärtlichkeit und in allen ihren Bewegungen und Handreichungen drückte sich Herzenswärme und der liebevollste, hingehendste Eifer aus. Jetzt sah sie ihrem Mann forschend, mit einem mitleidigen Blick ins Gesicht. »Hast dich wohl wieder weidlich plagen und ärgern müssen?« Er lachte. »Daran fehlt's ja nie. Aber einen Abschluß habe ich heute wenigstens zustande gebracht.« Während er sich schmunzelnd und zufrieden die Hände rieb, wandte sich Frau Bahlke an ihre Besucherin. »Mein Mann hat nämlich einen sehr schweren, anstrengenden Beruf. Er ist Agent und vermittelt den Verkauf und Ankauf von Geschäften und Grundstücken. Da muß er denn den ganzen Tag vom frühen Morgen oft bis zum späten Abend herumrennen, von einem Ende der Stadt zum andern, treppauf, treppab. Dabei oft wochenlang kein Verdienst. Und den sonstigen Ärger! Es gibt ja so viele Menschen, die mit Lug und Trug operieren. Da hat's denn natürlich ein anständiger Mann schwer. Ach ja!« Schon war sie wieder davon, nach dem Pfeifenständer hin, der in einer Ecke stand, um eine lange Pfeife herabzunehmen, deren Kopf sie rasch mit geübten Händen stopfte. »Da, Väterchen!« »Mit gütiger Erlaubnis!« sagte er höflich, zu Susanne gewendet, während die eifrige Hausfrau einen Fidibus entzündete und an den bis zum Rande geschichteten Tabak hielt. Fünf Minuten später verabschiedete sich die junge Frau. Sie wunderte sich nicht wenig, als sie unten in ihrer Wohnung feststellte, daß sie eine volle Stunde in der Bahlkeschen Familie verweilt hatte. Ihre Schwester erwartete sie schon mit Ungeduld, denn sie hatte vor, am Abend an einer Ausschußsitzung des Vereins »Frauenrecht« teilzunehmen. »Wo bleibst du denn so lange?« fragte Ella. Susanne berichtete voll Eifer, in ihren Mienen noch den Abglanz des heiteren, wohligen Gefühls, den die Beobachtung des schlichten Familienglückes in ihr hervorgerufen hatte. Fräulein Dr. Ella schüttelte mit dem Kopf. »Ich begreife dich nicht. Was findest du denn an dieser furchtbar nüchternen, hausbackenen Frau?« »Hausbacken?« Susanne blickte sinnend in die Flamme des Gasglühlichts, das über dem Tisch brannte. »Nun ja«, fuhr die Ältere fort. »Ich kann mir nichts Gräßlicheres denken, als so ganz in dem öden, niedrigen Kleinkram des Lebens aufzugehen, sozusagen nichts zu sein als Haus- und Familientier. Muß ein denkender Mensch dabei nicht geradezu stumpfsinnig werden?« »Stumpfsinnig?« Die junge Frau lächelte still vor sich hin. Nein, einen stumpfsinnigen Eindruck hatte ihr die gesunde, frische, fröhliche Frau Bahlke ganz und gar nicht gemacht ... XX. Die Ausschußmitglieder des Vereins hatten sich vollzählig versammelt und aller Mienen war eine große Spannung anzumerken und die Wichtigkeit, die man der Beratung beilegte. Es handelte sich um große Dinge. Ein Konkurrenzverein hatte sich vor kurzem aufgetan: der Verein »Frauenschutz«, der dem älteren Verein gefährlich zu werden drohte, und es galt die aufstrebende Konkurrenz zu vernichten, noch ehe die Fahnenflucht, die schon mehrere Mitglieder des Muttervereins erfaßt hatte, weiter um sich griff. Es waren zwölf Damen anwesend, von Ausgang der Zwanzig an bis in jene höheren Altersregionen, deren nähere Bezeichnung auch heute noch die meisten Frauen trotz Aufklärung und Frauenbewegung gern vermeiden. Außer Susanne waren nur noch zwei verheiratete Damen darunter. Die Toiletten aller Damen waren dunkel, einfach, das Reformkleid dominierte; die Haare waren schlicht gescheitelt. Die Modetorheiten nicht mitzumachen, wahr Ehrensache unter den Führerinnen der Frauenbewegung. Fräulein Dr. Anna Möller, die Vorsitzende, eröffnete die Beratung. In ihrer scharfen, schonungslosen Weise sprach sie über die Gründe des Verrats, die das ehemalige Vorstandsmitglied des Vereins »Frauenrecht« veranlaßt hätte auszuscheiden und einen Konkurrenzverein aufzutun. Nur Eifersucht und Gehässigkeit seien die Motive dieser nichtswürdigen Handlung gewesen, die einen Verrat an der ganzen Frauensache darstelle. Unbefriedigter Ehrgeiz habe die ehemalige Kameradin, die vergebens nach dem Amt der Vorsitzenden oder mindestens ihrer Stellvertreterin gestrebt, zur Verräterin gemacht. Nach Anna Möller nahm eine der verheirateten Frauen, eine ältere Dame mit wohlwollenden, freundlichen Gesichtszügen das Wort. Ehe man sich zu Maßregeln entschlösse, die vielleicht ebenfalls als Ausfluß persönlicher Empfindlichkeit und Gehässigkeit angesehen werden könnten, möchte man versuchen, eine Versöhnung herbeizuführen. Vielleicht lasse sich der junge Verein bereden, sich an den älteren anzuschließen oder mit ihm ein Kartell abzuschließen, um wenigstens Hand in Hand mit ihm zu arbeiten, wenn sich eine Verschmelzung nicht herbeiführen lasse. Die Behauptung der Vorrednerin, daß nur persönliche Gründe die untreu gewordene Schwester zu ihrer Neugründung veranlaßt habe, sei doch vielleicht nicht ganz zutreffend. Vielmehr sei die Annahme, daß auch sachliche Ursachen vorhanden gewesen, nicht ganz von der Hand zu weisen. Schon wiederholt sei unter den Mitgliedern die Klage laut geworden, daß der Verein allzu radikal und einseitig vorgehe. Damit stoße man Zögernde, Bedächtige, toleranter Veranlagte vor den Kopf. Anschauungen und Vorurteile, die jahrtausendlang herrschend gewesen, ließen sich nicht von heute auf morgen in ihr Gegenteil umwandeln. Darum langsameres Vorgehen, gemäßigteres Streben und vor allem nicht Haß und Kampf gegen die gleichstrebenden Schwestern, die vielleicht nur in einigen unwichtigen Punkten abwichen! Nach dieser Rednerin, der nur von einer einzigen Gleichgesinnten Beifall gezollt wurde, erhob sich zunächst die Vorsitzende wieder. Mit der ihr eigenen Heftigkeit verteidigte sie sich gegen den Vorwurf persönlicher Gehässigkeit. Für sie sei nur immer die hohe, hehre, gerechte Sache der Frauenemanzipation maßgebend. Aber mit Verrätern paktiere man nicht und mit Halbheiten, mit Milde und Sanftmut reformiere man nicht die Welt. Nicht Honig müsse man in die Seelen der großen Rasse der indolenten Frauen träufeln, sondern einen Feuerbrand müsse man in sie werfen, und gegen den Spott, Hohn und den Haß der Männer könne man nur mit den schärfsten Waffen und mit rücksichtsloser Entschlossenheit etwas ausrichten. In gleichem Sinn sprachen sich auch die meisten übrigen Ausschußmitglieder aus und die nur noch schüchtern sich hervorwagenden Einwände der milder Gearteten wurden durch die spitzen Zungen der andern entrüstet abgefertigt. Susanne beteiligte sich nicht an der Diskussion. Die von Gehässigkeit und Malice durchtränkten Reden rauschten an ihrem Ohr vorbei, ohne bis zu ihrer Seele zu dringen, die in die Erinnerung untertauchte und in angenehmeren, anmutenderen Empfindungen Zuflucht suchte. Das liebliche Bild des anheimelnden, traulichen Familienglücks, dessen Zeuge sie vor wenigen Stunden gewesen, beschäftigte ihre Phantasie und sie malte sich aus, wie das einmütige Ehepaar mit den beiden älteren Kindern in trauter, friedlicher Gemeinschaft am Familientisch saß, bestrebt, einander Liebes und Gutes zu erzeigen, wetteifernd in Freundlichkeit, Güte und Liebe gegeneinander. Und das Herz schlug ihr hoch und höher und ein stilles, unbestimmtes, träumerisches Sehnen weitete ihr die Brust, je mehr sie sich in die weitere Ausgestaltung des reizvollen, erhebenden Phantasiegebildes versenkte. Der schrille Ton der Vorsitzenden rief sie in die Wirklichkeit zurück. »Ich ersuche nun um Vorschläge,« sprach die Vorsitzende, »wie wir den uns feindlichen neuen Verein je eher, je besser vernichten und in welcher Weise wir am wirkungsvollsten für uns Propaganda machen können.« Susanne hörte staunend zu, und die bittere, widrige Stimmung von vorher kehrte in verstärktem Maße zurück. Die einen schlugen vor, ein Flugblatt zu veröffentlichen, durch das die Handlungsweise der Abtrünnigen und ihre Motive lächerlich gemacht und an den Pranger gestellt würden, andere rieten zu noch stärkeren, noch schonungsloseren Mitteln. Sie wollten der Verhaßten, die den Konkurrenzverein gegründet, die Wurzeln ihrer bürgerlichen Existenz abgraben und ihr so den Aufenthalt in der Stadt unmöglich machen ... Während Susanne ihre Blicke auf den erhitzten Gesichtern der Rednerinnen verweilen ließ, machte sie eine Wahrnehmung, die ihr bisher entgangen war. Fast allen war ein breiter, schmallippiger Mund und ein kräftig entwickeltes, starkes, grob geformtes Kinn eigen, dazu die von Zorn und Wut verzerrten Mienen – es war kein erhebender Anblick. Zarte weibliche Reize, liebliche Anmut schienen sich mit draufgängerischer Energie und starkgeistigen Leben beim Weibe nicht zu einen. Endlich nahm Susannes Schwester das Wort. »Die kleinen und kleinlichen Mittel«, sagte Ella Neudeck, »sollten wir, als unsrer nicht würdig, verschmähen. Nicht durch Intrigen und Gehässigkeiten gegen unsre Gegnerinnen, sondern durch positive Leistungen sollten wir agitieren und wirken. Wenn wir die Aufmerksamkeit und das Interesse unsrer für moderne Ideen empfänglichen Schwestern auf uns lenken und ihre Sympathie uns gewinnen wollen, dann müssen wir etwas Großes wollen und vollbringen. Und so bringe ich einen Gegenstand von grundlegender Bedeutung zur Debatte, den ich schon wiederholt mit unsrer verehrten Vorsitzenden besprochen habe. Ich schlage vor, die Forderung des Stimmrechts auch für Frauen mit aller Energie, mit allem Eifer zu propagieren. Wir beginnen damit, einen Verband für Frauenwahlrecht zunächst bei uns zu gründen und öffentliche Versammlungen in unsrer Stadt abzuhalten, in denen wir unsre Forderung erheben und motivieren. Weiter wollen wir überallhin in alle großen Städte Deutschlands Agitatorinnen und Rednerinnen entsenden, um für die Sache des Frauenstimmrechts zu werben. Ein Netz von Vereinen muß über alle Gaue Deutschlands gezogen werden, die sich dann zu einem großen einigen Bunde zusammenschließen, und das Ziel muß sein, eine Petition auszuarbeiten, die wir mit Tausenden, Zehntausenden, ja hunderttausend Unterschriften dem Deutschen Reichstag einreichen wollen. Das Beispiel der unermüdlichen, heldenmütigen Suffragettes in England muß uns anfeuern und wir dürfen nicht eher ruhen, als bis wir das Ideal erreicht haben, das jeder denkenden, selbstbewußten modernen Frau voranleuchtet: die Erwerbung der politischen Rechte auch für uns Frauen.« Unbeschreiblichen Jubel erregten die Worte der Rednerin. Alle Anwesenden sprangen auf, umringten und beglückwünschten Ella Neudeck mit enthusiastischen Worten und stürmischen Händedrücken. Ja, eine der jüngeren und temperamentvolleren Damen, die ihren weiblichen Gefühlsschwang noch nicht zu meistern gelernt, umarmte und küßte die Überraschte, sich ärgerlich Wehrende, eine Kundgebung, die von der Vorsitzenden mit einer bissigen Bemerkung als »läppisch« und »backfischmäßig« gebrandmarkt wurde. Und nun ging man mit heiligem Eifer, mit stolzem Hochgefühl daran, das Thema nach allen Seiten zu ventilieren. In jeder der wichtigen Mienen, in jedem der tönenden Sätze, in jeder feierlichen Geste drückte sich das Bewußtsein aus, die Augen der ganzen Kulturwelt auf sich gerichtet zu wissen. Von dem Verein, dessen Ausschußmitglied man war, ging die Morgenröte einer neuen besseren Zeit für die deutsche Frauenwelt aus. Als Mitschöpferin einer neuen Zeitepoche, als Trägerin einer der bedeutungsvollsten, gewaltigsten Kulturfortschritte fühlte man sich. Lebhaft gingen die Wogen der Debatte. Vorschläge kamen und verschwanden. Endlich einigte man sich, vorläufig folgende Leitsätze aufzustellen: »Es gibt keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Alle Möglichkeiten, die für den ersteren vorhanden sind, sollen auch für die letztere existieren, ebensowenig kennen wir eine männliche und eine weibliche Bildung, männliche und weibliche Berufe. Wir erkennen in der Natur nur gleichberechtigte Menschen, im Staat nur gleichberechtigte Bürger an. Die Zeiten sind vorbei, in der ein Teil der Menschen im Ernst glauben durfte, über den anderen Teil Herr sein zu können. Der Weg, den wir gehen, ist der der natürlichen Entwicklung. Unsre Bewegung steht an der Spitze der weltbewegenden Fragen. Alle übrigen Fragen: die soziale, die des allgemeinen Weltfriedens und so weiter werden nicht zum Austrag gebracht werden, bis die Frauenfrage gelöst ist. Das Ceterum cenxo aber, das wir den Gesetzgebern so lange in die Ohren schreien müssen, bis sie uns hören: ist die Forderung des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für alle großjährigen Menschen ohne Unterschied des Geschlechts, denn wir können unsre Forderungen, unsre volle gesetzliche Gleichstellung nur mit Nachdruck vertreten und durchsetzen, wenn wir wahlberechtigte Bürger sind und unsern Einzug in das Parlament gehalten haben. Die Zeit aber ist erfüllt, das Frauenstimmrecht muß und wird kommen ...« Als die beiden Schwestern sich in der Mitternachtsstunde auf den Heimweg machten, glühte Dr. Ella noch vor Erregung und Bewegung und sprach in einem fort. Susanne aber antwortete nur einsilbig, den widerspruchsvollen Eindrücken des Abends hingegeben. Als sie sich ihrem Hause näherten, erhob sie den Blick zu den Fenstern des zweiten Stockwerks. Die Wohnung der Familie Bahlke lag in tiefem Dunkel. Wohl schon seit Stunden ruhten sie in ruhigem, friedlichem Schlummer. Sie hielten es ja nicht für ihre Aufgabe, sich mit weltbewegenden Problemen zu erhitzen und abzumühen. Und in dem Wirrwarr der verschiedenartigen Empfindungen und Gedanken, die die Erlebnisse des Nachmittags und des Abends in der jungen Frau hervorgerufen hatten, rang sich ein klares Gefühl an die Oberfläche: das Gefühl einer warmen Sympathie, einer ehrlichen Hochachtung vor dem Mann, der unter schwierigsten Umständen tapfer, mühselig die Existenzmittel für seine große Familie erwarb und für die Frau, die ihren Lebensgefährten mit aufopferungsvoller Sorge und Liebe umgab, die der Welt gesunde Kinder schenkte und sie zu tüchtigen, starken, frohen Menschen erzog. XXI. Der Zorn und die Empörung, die Eugen Kamberg in den ersten Tagen nach der plötzlichen Abreise seiner Frau erfüllt, wich sehr bald einem beklemmenden Gefühl bohrender Unlust, tiefer Niedergeschlagenheit. Er verlängerte seine Bureauzeit, soviel er nur irgend konnte, ohne aufzufallen und unerwünschte Bemerkungen herauszufordern. Während der Arbeit machte sich die Mißstimmung, das Bewußtsein seiner Verlassenheit nicht so fühlbar, sobald er aber den Gang nach Hause antrat, kam die seelische Depression mit aller Wacht über ihn. Seine Schritte zögerten und verlangsamten sich, je mehr er sich seiner Wohnung näherte, und wie eine darniederdrückende Last senkte es sich auf ihn, wenn er den Korridor betrat. Eine unheimliche Stille lagerte in allen Zimmern, eine Atmosphäre der Öde, der Schwermut, die keine freudige Regung, keine fröhliche Empfindung, keinen lebhafteren Gedanken aufkommen ließ. Die respektvoll blöden Mienen der Magd begrüßten ihn, ihre plumpen Finger servierten ihm das Essen und ihre bäurisch-grobe Sprache tönte in sein Ohr. Kein Wunder, daß er sich beeilte, seine Mahlzeit abzukürzen und daß er die Speisen ohne Genuß, nur um den ersten Hunger zu befriedigen, hinunterwürgte. Und dann warf er sich auf die Chaiselongue, um dumpf vor sich hinzubrüten und um immer wieder über die aufstachelnde, nervenzerrüttende, anscheinend unlösbare Frage zu grübeln: Wie war es nur gekommen? Wie hatte es nur geschehen können? Wer war schuld, daß sie nun getrennt voneinander lebten: Susanne oder er? ... Mit kleinen Meinungsverschiedenheiten hatte es begonnen, bis es schließlich zu dem großen Konflikt gekommen war, der sie aus dem Hause getrieben hatte. Ihr Trotz, ihr Eigensinn, ihre Weigerung, sich seiner Autorität zu fügen, war die Ursache aller dieser Mißhelligkeiten zwischen ihnen gewesen. Am letzten Ende freilich war ihre Erziehung schuld. Aufgewachsen unter den emanzipierten Weibern hatten sich allerlei überspannte Ideen bei ihr festgesetzt, die sich in der Wirklichkeit nicht realisieren ließen. Intelligent wie sie war, hätte sie das schließlich selbst einsehen müssen, anstatt ihm trotzig, rechthaberisch die Stirn zu bieten und es zum Äußersten zu treiben. Ihn traf jedenfalls – das konnte er sich zu seiner Beruhigung sagen – nicht die Schuld, denn hätte er, der Ältere, Erfahrenere, an Wissen Überlegenere ihr nachgeben sollen? Und hatte er ihr nicht noch jetzt in seinem versöhnlich gehaltenen Brief die Möglichkeit zur Rückkehr geboten? Aber auch diesmal hatte sie, anstatt inzwischen ihr Unrecht einzusehen, seine Hand schroff zurückgestoßen. Und so blieb ihm nichts übrig, als sich in das, wie es schien, Unabänderliche zu fügen und sich an den Gedanken zu gewöhnen, daß sie nicht wiederkehren würde, daß sie ihm verloren war. Töricht war er, daß er sich mit unfruchtbaren Grübeleien herumschlug und sich das Herz schwer machte. Als verständiger, energischer Mann mußte er die Dinge nehmen, wie sie waren und sich das Leben auch unter den veränderten Umständen so behaglich als möglich einzurichten suchen. Und so fing er an, sein Leben wieder so zu gestalten, wie er es als Junggeselle geführt hatte. Er gab die häuslichen Mahlzeiten auf, speiste wieder an der »juristischen« Tafelrunde, die von mehreren unverheirateten Richtern, Rechtsanwälten und Assessoren gebildet wurde, und besuchte auch an den Abenden den alten Stammtisch. Freilich seine Stimmung hob sich nicht im geringsten. Im Gegenteil, er mußte die Beobachtung machen, daß er sich unter den Junggesellen nicht mehr am rechten Platz fühlte. Die ewigen Fachsimpeleien kamen ihm öde und trocken vor, noch mehr widerten ihn die Witze an, die einer oder der andere der Herren gelegentlich zum besten gab. Am widerwärtigsten aber berührte es ihn jedesmal, wenn Landrichter Wolter sein Steckenpferd ritt und über den physiologischen Schwachsinn der Frauen spöttelte. Jedes seiner höhnenden Worte traf ihn wie eine persönliche Beleidigung. Er wußte ja, wie oberflächlich, ungerecht und unwürdig es war, die Frauen in Bausch und Bogen als minderwertige Geschöpfe, gewissermaßen als Menschen niederer Gattung hinzustellen, die in geistiger, seelischer und sittlicher Hinsicht tief unter dem Manne ständen. Heiß stieg es in ihm auf und er mußte sich Zwang auflegen, um dem zynischen Spötter nicht heftig zu widersprechen und ad absurdum zu führen. Aber gerade die Rücksicht auf seine heikle Lage als verlassener Gatte hinderte ihn, für die Frauen einzutreten und vielleicht persönlich gefärbte Bosheiten des Zynikers herauszufordern. Daß man nicht mehr an eine bloße harmlose Besuchsreise seiner Frau glaubte, sondern Susannes plötzlicher Abreise eine Deutung gab, die der Wahrheit sehr nahe kam, konnte ihm nicht entgehen und auch dieses Bewußtsein trug dazu bei, ihm den Besuch des Stammtisches und überhaupt gesellschaftlichen Verkehrs zu verleiden. So fing er wieder an, sich von der Berührung mit Menschen, soviel er irgend konnte, zurückzuziehen und sich wieder in der Einsamkeit seiner Wohnung seinen aufwühlenden Empfindungen und Gedanken hinzugeben. In diesem Zustand, zwischen Zorn, Erbitterung und Schmerz hin und her schwankend, traf ihn ein Brief von Frau Willberg, der Mutter der Kommissionsrätin Hillgers. Die alte Dame bat ihn um seinen Besuch, da sie gern in einer Rechtsangelegenheit seinen fachmännischen Rat hören möchte. Bevor sie sich entschließe, die Sache einem Rechtsanwalt zu übertragen, hätte sie gern die Ansicht eines in keiner Weise interessierten, uneigennützigen und juristisch gebildeten Herrn erfahren und deshalb rechne sie, in der Annahme, daß er für sie und ihre Tochter noch nicht alles freundschaftliche Interesse verloren habe, auf die Erfüllung ihrer Bitte.   Eugen Kamberg hatte sogleich den Eindruck, daß die erbetene Konsultation nur ein Vorwand und daß der ganze Brief nur auf Veranlassung seiner ehemaligen Freundin geschrieben war, die es an der Zeit zu halten schien, sich in Erinnerung zu bringen.   Ob er ging oder ob er unter irgendeiner höflichen Ausflucht abschrieb? Seine Phantasie zauberte ihm das Bild seiner koketten Freundin vor die Seele: ihre prächtige, imposante Erscheinung mit den vollen Formen, den feurigen Augen und dem lebhaften, bestrickenden Mienenspiel. Auch im übrigen war sie eine anziehende Persönlichkeit. Sie spielte ausgezeichnet Klavier, sang mit guter Stimme und noch besserem Vortrag und wußte durch ihr sprudelndes Temperament auch den sprödesten Weiberfeind hinzureißen. Geistige Interessen hatte sie freilich nicht, aber sie verstand sehr amüsant zu plaudern, um so mehr, als sie vor keinem Gesprächsstoff zurückschreckte. Ihre Gefallsucht trieb sie, sich stets von ihrer liebenswürdigsten Seite zu zeigen und nichts zu verschmähen, was dazu dienen konnte, sich angenehm zu erweisen und Sympathie zu erwecken. Ja, sie war eine anschmiegsame Natur, deren weiblicher Instinkt dahin ging, die Schwäche eines Mannes zu erspähen und sich ihm möglichst anzupassen. Eugen Kamberg überlegte nicht lange. Wie viele vergnügte Stunden hatte er nicht mit ihr verlebt! Eine Abwechslung, leichte Unterhaltung tat ihm bei seinem jetzigen Gemütszustande nötiger als je. Geradezu wie eine heilende, oder mindestens lindernde Arzenei würde Frau Hillgers Gesellschaft auf ihn wirken. Warum sich also die wohltuende Zerstreuung versagen? Susannes wegen? Sie kümmerte sich ja nicht um ihn. Tor, daß er noch immer an sie dachte, anstatt sich ein für allemal damit abzufinden, daß sie das Band zwischen sich und ihm für immer zerrissen hatte! So schrieb er denn ein paar Zeilen an Frau Willberg, um sich für einen der nächsten Abende anzumelden. Mit außergewöhnlicher Sorgfalt widmete er sich seiner Toilette, und den Scheitel im Haar zog er wohl dreimal, bis er endlich nach Wunsch gelungen war. Auf dem frischen Bügelhemd paradierte eine hellfarbene, fast kokett ausschauende Krawatte und ins Knopfloch steckte er eine stolze Orchidee. Mit zufriedenen Blicken betrachtete er sein Spiegelbild und lächelnd strich er die Spitzen seines Schnurrbarts etwas zurück, damit die aus seiner Studentenzeit herrührende blutrote Schmarre auf der linken Gesichtsseite nicht ganz verdeckt wurde. »Das gibt Ihnen etwas so Keckes, Ritterliches!« hatte Frau Hillgers einmal zu ihm gesagt. Und sie hatte die Stelle mit ihren wohlgepflegten weißen Fingern berührt und nicht nur mit ihren Fingern. Es durchschauerte ihn heiß bei der Erinnerung. Auch ein Paar hellfarbene Handschuhe wählte er. Zuletzt fiel ihm noch etwas ein. Er suchte einen fast vergessenen Flakon hervor und goß gegen seine Gewohnheit ein paar Tropfen des stark duftenden Parfüms in die hohle Hand, um seinen Gehrock damit zu besprengen. Ein vergnügtes Liedchen trällernd machte er sich endlich auf den Weg. In dem Salon, in den ihn das Dienstmädchen führte, empfing ihn Frau Hillgers. Mit ihrem bezauberndsten Lächeln begrüßte sie ihn. »Ich danke Ihnen im Namen Mamas herzlich für Ihren Besuch – und in meinem eigenen«, fügte sie halblaut mit einem bestrickenden Augenaufschlag hinzu. Dabei reichte sie ihm die Hand, die er galant an seine Lippen zog. Das Rot der Befangenheit stieg ihm dabei ins Gesicht. »Ihre Frau Mutter – ?« fragte er, um seine Bewegung zu verbergen. Sie zeigte eine gekünstelt besorgte Miene. »O, Mama geht es gar nicht gut. Sie leidet in neuer Zeit viel an Schwächezuständen. Auch vorhin fühlte sie sich plötzlich so matt, daß sie sich niederlegen mußte. Hoffentlich erholt sie sich rasch, so daß sie Ihnen noch persönlich danken kann.« Eugen Kamberg murmelte ein paar Worte des Bedauerns. »Und die geschäftliche Angelegenheit, von der Ihre Frau Mutter schrieb?« fragte er sodann. Sie lächelte und sah ihn beinahe vorwurfsvoll an. »Aber haben Sie es damit denn so eilig?« Ich weiß gar nicht mal recht, um was es sich eigentlich handelt. Das kann Ihnen Mama später selber erklären. Wir wollen uns doch die Freude unseres ersten Wiedersehens damit nicht verderben. Eine zwiespältige Empfindung durchschauerte ihn. Daß die von Frau Willberg erbetene Konsultation nur ein Vorwand gewesen, hatte er ja geahnt, aber die Ungeniertheit, mit der die ihm Gegenübersitzende das nicht einmal zu verbergen für nötig hielt, berührte ihn doch etwas peinlich. Daneben stürmten die Erinnerungen auf ihn ein, die von dem wohlbekannten behaglichen Raum und von der Nähe der verführerischen Frau und selbst von dem Parfüm, das ihren Kleidern entströmte, hervorgerufen wurden. »Wissen Sie, daß Sie mir gar nicht gefallen, lieber Freund«, hörte er sie sagen. Er blickte erstaunt auf. Sie gab ihrem Sesselchen einen Ruck, so daß sie ihm ein Stückchen näher kam. »Wirklich«, fuhr sie eifrig fort. »Sie sehen so ernst, so freudlos aus. Wenn ich noch daran denke, wie lebhaft, wie fröhlich sie früher sein konnten!« Sie legte ihre Hand leicht, mit einer graziösen, vertraulichen Gebärde auf seinen Arm und neigte sich zu ihm hinüber. Ihre Augen blickten ihn triumphierend, ermunternd an. Heiße Glut durchströmte ihn, und das alte wohlige, übermütige, lebensfrohe Gefühl, das ihre Gegenwart immer in ihm entzündet hatte, wallte in ihm auf. »Das Ehejahr scheint Ihnen gar nicht gut bekommen zu sein, armer Freund.« Es lag etwas Spöttisches in dem Ton und zugleich ein Ausdruck der Genugtuung. In ihm aber war im Nu ausgelöscht, was noch soeben lichterloh gebrannt. Steif, kerzengerade, saß er in seinem Sessel und seine Mienen wurden zusehends kühl. Sie bemerkte sogleich, daß sie einen faux pas begangen und bemühte sich nun, den Fehler wieder gutzumachen. Ihre Nasenflügel blähten sich und sie zog hörbar die Luft ein. »Sie bevorzugen noch immer Veilchen«, sagte sie. »Erinnern Sie sich, daß ich dieses Parfüm an Ihnen immer so sehr liebte?« Er zuckte mit den Schultern und murmelte ein paar unverständliche Worte. Sie aber ließ sich nicht abschrecken, sondern beugte sich ganz zu ihm hinüber. Ihre beiden Hände erhoben sich zu seinem Rockaufschlag. »Ah, eine Orchidee – meine Lieblingsblume!« Ihre Stimme klang schmelzend, tremolierend und ein gefühlvoller, zündender Blick traf ihn. »Es ist sehr lieb von Ihnen, daß Sie auch daran gedacht haben.« Er schämte sich vor sich selbst und er mußte sich Zwang antun, um ihr nicht unhöflich zu wehren, während sie jetzt die Blume aus seinem Knopfloch zu nesteln sich anschickte. Ihr Oberkörper ruhte fast an seiner Brust. Seine Augenbrauen zogen sich finster zusammen, seine Blicke irrten unstet, ruhelos umher. In nächster Nähe vor ihm schimmerte der breite, tief herabgehende Spachteleinsatz. Es dauerte lange, bis es ihr gelungen war, die Blume zu lösen. Jetzt steckte sie die Erbeutete mit einem koketten, verschämt sein sollenden Lächeln an ihre Taille, sich in ihrem Sessel zurücklehnend und behaglich ein Bein über das andere schlagend. Unter dem Saum ihres hellfarbenen, fest um die Glieder gespannten Kleides zeigte sich ein Streifen eines eleganten, duftigen, weißen Spitzenjupon und darunter wippte das kleine, in weitausgeschnittenem Lackschuh, mit rosafarbenem Strumpf bekleidete Füßchen auf und ab. Doch je sichtbarer ihre Bemühungen wurden, sein Gefallen zu erregen, desto unempfänglicher und kälter zeigte er sich. Er durchschaute sie wohl; ihre Absicht enthüllte sich ihm mehr und mehr; er sah ja, wie sie sich auch in der Wahl ihrer Toilette gerüstet hatte, ihn zu überrumpeln, einen schnellen Sieg zu erringen und ihn zu sich zurückzuzwingen. Verflogen war die unternehmungslustige, zerstreuungslüsterne Stimmung, die ihn hergeleitet hatte; eine beschämende Ernüchterung bemächtigte sich seiner, und während sie alle Künste ihrer skrupellosen Koketterie spielen ließ, regten sich Scham und Widerwille in ihm. Ihr girrendes Lächeln, ihr gefühlvoller Augenaufschlag, ihre berechnet verführerische Pose kam ihm schamlos und frech vor und anstatt Bewunderung und Leidenschaft erweckte sie Verachtung und Ekel in ihm. »Also Ihre Frau Mutter fühlt sich nicht wohl?« kam er auf den Ausgangspunkt ihres Gesprächs zurück, ihre letzte Bemerkung ganz ignorierend. »Da möchte ich doch lieber nicht stören –« Er erhob sich; auch sie schnellte überrascht und erschrocken empor. »Aber lieber Freund! Sie werden doch nicht schon wieder gehen? Ich sagte Ihnen ja schon, daß es nichts Schlimmes ist und daß ich hoffe, auch Mama wird noch zum Vorschein kommen. Nein, so rasch lasse ich Sie nicht. Sie müssen doch erst einmal mit mir anstoßen.« Er setzte sich wieder. Wozu auch fliehen, wie ein Knabe? Er wußte sich ja gefeit gegen ihre strahlende, üppige Schönheit, gegen ihre Verführungskünste. In dem Augenblick, da sie so taktlos von seiner Ehe gesprochen, war eine Vision vor ihm aufgezuckt. Ihm war, als sähe er Susannes blaue Kinderaugen, die mit einem verwunderten, traurigen Blick auf ihm ruhten. »Susanne!« flüsterte er still, zärtlich in sich hinein. Frau Hillgers eilte leichtfüßig zum Büfett, auf dem schon eine Flasche Wein und Gläser bereitstanden. Eugen Kamberg konnte sich eines ironischen Lächelns nicht erwehren, als sie jetzt mit der Flasche und zwei Gläsern zu ihm zurückkehrte. »Marsala!« Er wußte, sie liebte die feurigen, berauschenden Südweine. Eine Wandlung vollzog sich plötzlich in ihm. Die widrige, lähmende Stimmung von vorher zurückdrängend, sprang er auf, nahm ihr galant die Flasche ab und füllte die Gläser. Lustig ließ er sein Glas an das ihre klingen. »Auf eine neue, ungetrübte, treue Freundschaft!« sagte sie. Er nickte und trank. Auch sie tat einen kräftigen Zug, der das Glas fast bis zur Hälfte leerte. Ihre Augen leuchteten unter der Wirkung des starken, stimulierenden Getränkes noch intensiver, eroberungslustiger. Eugen Kamberg begann zu plaudern; er sprach von dem Berliner Leben und fragte in scherzendem Ton nach ihren Erlebnissen in der interessanten Reichshauptstadt. Sie ging zuerst mit Lebhaftigkeit auf das Thema ein, sich kokett spreizend und in selbstgefälligen Andeutungen blähend. Aber freilich, als sie wahrnehmen mußte, daß sich in allem, was er sagte, ein feiner Spott, eine leichte Malice verhüllte, daß er sie überlegen ironisierte, erlahmte ihr Eifer, kühlte sich ihre Glut ab und bemächtigten sich ihrer Unsicherheit und Zweifel. Jeden Versuch, den sie trotzdem noch unternahm, gefühlvoll zu werden, wehrte er mit kühlem Sarkasmus ab. Endlich gab sie den Kampf auf. Sie wurde einsilbig, legte sich, wie ermüdet, in ihren Sessel zurück und markierte ein unwiderstehliches Gähnen. Er erhob sich sofort, um sich zu verabschieden. Sie machte noch einen schwachen Versuch, ihre Enttäuschung zu maskieren. »Ich werde doch einmal nach Mama sehen« – Aber er unterbrach sie: »Nein, nein, ich will sie nicht derangieren. Ein andermal! Ihre Frau Mutter schreibt mir vielleicht, wenn sie sich wieder wohler fühlt.« Sie nickte nur apathisch, ja, sie hatte, geärgert, erbittert, gedemütigt wie sie war, nicht mehr soviel Selbstbeherrschung, sich zu einer freundlichen Miene, zu einer höflichen Einladung aufzuraffen. Draußen lächelte er selbstzufrieden vor sich hin. Er hatte gesiegt. Freilich, schwer war es ihm ja nicht geworden. Er wunderte sich über sich selbst. Noch vor anderthalb Jahren war er entzückt gewesen von dem Charme und der Liebenswürdigkeit der schönen »Frau Circe«, wie sie in seinem Bekanntenkreise hieß. Sie hatte hinreißend, berauschend wie ein feuriger Trank auf ihn gewirkt, jetzt kam sie ihm schal und lächerlich vor. Ihr lockendes Lächeln, ihr koketter Augenaufschlag, ihre sorgfältig zusammengestellte Toilette und all die anderen weiblichen Kunststückchen und Listen, mit denen sie ihn früher geködert und zu ihren Füßen gezwungen und die sie auch heute wieder – freilich vergebens – in Anwendung gebracht, erschienen ihm albern, läppisch und mehr als das: verächtlich und gemein. Sie ließen nur Verachtung und einen grenzenlosen Widerwillen in ihm zurück. Als er zu Hause angelangt war, warf er sich auf den nächsten Stuhl in seinem stillen, dunklen Arbeitszimmer, stützte den Kopf auf und schloß seine Augen. Ein herrliches, liebliches Bild erschien vor ihm, erhebend, beseligend, begeisternd. »Susanne!« rief er in die Dunkelheit hinein, schmerzlich, reuevoll, sehnsüchtig. »Susanne!« Nie war ihm der eigenartige Zauber ihrer Persönlichkeit so überzeugend aufgegangen wie in diesem Augenblick. Wie ganz anders geartet war ihre Schönheit als die der Frauen, die bisher in seinem Leben eine Rolle gespielt hatten! Die Schönheit der anderen war nur rein körperlich und hatte nur auf die Sinne gewirkt. Susannes Schönheit aber war viel feiner, zarter, differenzierter, es war eine Schönheit, welche die Seele durchscheinen ließ, es war eine Schönheit, in der Körperliches mit Geistigem, Seelischem zu einer wundervollen Harmonie zusammenschmolz. Blind, töricht, täppisch war er an dem Schönsten, Köstlichsten, das ihre Liebe ihm geboten, vorübergegangen. Brutal, verständnislos hatte er sie eigensüchtig, herrisch kneten wollen nach seinem Willen, nach dem Bilde, das sich sein Unverstand, sein Egoismus, seine kleinliche, materielle, rohe Auffassung der Liebe und Ehe von der Gattin geformt. Das Schicksal hatte ihn bevorzugt vor vielen, vielen Männern, indem es ihn eine so seltene, edle Frauennatur finden ließ, wie Susanne es war. Anstatt sich ihrer Eigenart, ihrer stolzen, keuschen, hochstrebenden Persönlichkeit zu erfreuen, hatte er sie hinabdrücken wollen zu einer der seelenlosen, willenlosen, schablonenhaften Menschenpuppen, die jedes eigenen, individuellen Reizes bar waren. Erst jetzt empfand und erkannte er, wieviel feiner und vertiefter ihr Seelenleben war als das seine, und daß er die Liebe in ihrer ganzen himmelantragenden Seligkeit überhaupt noch nicht kannte. In seinem blöden Herrengefühl, von der landläufigen Meinung verführt, daß er als Mann alles besser wissen und verstehen müsse als die Frau, hatte er verschmäht, von ihr zu lernen da, wo sie ihn lehren konnte. Er hatte nicht soviel Geduld, und Einsicht und nicht genug Seele besessen, und von ihr lieben zu lernen und nun sah er zu spät, daß er sich damit selbst um den wertvollsten Teil des Lebens betrogen hatte. Erst jetzt ahnte er, ein wie unvergleichlich hohes Himmelsgeschenk es sein mußte, sich die Liebe einer so fein gearteten, komplizierten Frauenseele, wie die Susannes, voll zu erschließen. Er aber hatte die feinsten Regungen in ihr nicht begriffen, sie plump verhöhnt, zurückgeschreckt und ihre Seele nicht zur Blüte und Reife kommen lassen. Und zugleich mit dieser Erkenntnis ging ihm die Überzeugung auf, daß er nach Susanne nie mehr lieben würde und konnte. Alle Frauen waren reizlos, trivial, unliebenswert neben ihr, der einzigen, die er von sich gestoßen und für immer verloren hatte. »Susanne!« rief er und sprang stürmisch auf seine Füße und streckte die Arme sehnsuchtsvoll in das Dunkle: »Susanne!« XXII. Susanne war erbittert gegen sich selber. Von Tag zu Tag verlor sie mehr die Lust am Studieren. Der erste fieberische Eifer war verraucht und an seine Stelle war eine sich täglich steigernde Interessenlosigkeit und Unlust getreten. Es kostete ihr eine ungeheure Anstrengung, ihre Gedanken auf die abstrakten, trocknen Gegenstände ihres Studiums zu konzentrieren. Mit aller Willensanstrengung konnte sie es nicht hindern, daß mehr und mehr eine träumerische Stimmung sie in Gedanken und Erinnerungen einspann, die weit ablagen von den in den Vorträgen der Professoren behandelten Gegenständen und den Materien, mit denen sie sich in ihrem Studierzimmer zu beschäftigen hatte. Die Buchstaben in ihren Kollegienheften tanzten vor ihren verschwimmenden, zerstreuten Blicken und ihre Phantasie malte ihr einen Männerkopf mit energisch geschnittenen Zügen und dunklem Vollbart und sie hörte eine sonore, von tiefer Innigkeit durchzitterte Stimme. Überall, wohin sie ging und wo sie sich befand, schwebte ihr dieses Bild vor und trieb ihr Herz zu schnelleren, unruhevollen Schlägen. Es war nichts Seltenes, daß sie mitten beim Arbeiten die Bücher zur Seite schob und ihre Stirn in die Hände vergrub und sich widerstandslos dem Spiel ihrer Phantasie überließ, bis sie, plötzlich wieder erwachend, aufsprang, zum Waschbecken eilte, um die glühenden Wangen zu kühlen. Nichts half es, daß sie dann, zornig gegen sich selbst, sich mit den geballten Händen vor die Stirn schlug, sich die Lippen blutig nagte und sich wieder emsig über ihre Bücher beugte, es dauerte gar nicht lange, da glätteten sich die Denkfalten, die angespannten Mienen wurden schlaff und die Blicke schweiften wieder zerstreut, ziellos über die Blätter hinweg. Einmal – sie wußte selbst nicht, wie sie darauf gekommen – zuckte plötzlich ein Bild aus der Vergangenheit in ihrem Geiste auf, das in höchstem Grade aufstachelnd auf sie wirkte und sie innerlich wie in Flammen setzte. Sie sah sich im Theater an der Seite ihrer Cousine Adele Portig und drüben in der Loge jene fremde, aufgeputzte, kokette Brünette, von der ihr die Cousine erzählt hatte, daß sie Eugens Geliebte gewesen. Es war als wenn plötzlich ein Fieber in ihren Adern entzündet wäre. Sie sprang auf, eilte an das Fenster und lehnte den glühenden Kopf gegen die kühlen Scheiben und ohne daß sie sich dessen bewußt war, stiegen ihr schwere Seufzer aus der bedrückten Brust herauf. Sie stürzte wieder in das Zimmer zurück, warf sich der Länge nach auf das Sofa und wühlte stöhnend ihr flammendes Gesicht in die Polster. Noch nie hatte der Schmerz, bittere Reue ihre Seele so zerfleischt. Wenn er nun von neuem in die Netze der Versucherin fiel, war sie nicht schuld? Wußte sie sich nicht den Vorwurf machen, daß sie ihn selbst in ihre Arme getrieben? Heiße, zuckende Angst durchzitterte sie, ein marterndes, wühlendes Gefühl fiebernder, unerträglicher Pein. Es war ihr, als habe sie ihn erst jetzt verloren. Warum war sie nicht zurückgekehrt, als er ihr geschrieben, anstatt ihm kalt, trotzig, ablehnend zu antworten? Nun war es zu spät – zu spät! Ein paarmal packte sie der Impuls aufzuspringen und so wie sie war nach dem Bahnhof zu stürzen, um zu ihm zu eilen und ihn zu schützen vor den Verführungskünsten der anderen und mit ihr zu kämpfen um ihn. Aber freilich, die Scham, das Selbstgefühl hielt sie von dem Äußersten zurück. Sie wappnete sich mit all ihrem Stolz und ihrem Ehrgefühl, um nicht zu unterliegen. Wenn er sie so leicht vergessen konnte, wenn er so schwach war, daß er den Lockungen eines leichtsinnigen skrupellosen Geschöpfes ohne weiteres nachgab, dann war er auch ihrer Liebe nicht wert. Aber ach, der armselige kalte Stolz ging bald wieder schmählich in Trümmer und von neuem erfaßten sie Angst und Reue und wieder haderte sie unter Seufzern und Tränen mit sich. In diesem Gemütszustand war es ihr unmöglich zu arbeiten; ihre innerliche Unruhe litt sie nicht im Hörsaal, wo man still an seinem Platz sitzen mußte und nicht jäh aufspringen und umherlaufen durfte, wenn man es vor Bangigkeit und stachelnden, quälenden Phantasiebildern nicht mehr aushalten konnte. Wie schal und unwichtig kam ihr auf einmal ihr Studium und die ganze Wissenschaft vor. Was halfen ihr die Kenntnisse, die sie sich erworben hatte, was nützten ihr der Titel und die Stellung einer Oberlehrerin, den sie erstrebte, wenn ihr das blühende Leben, das Süßeste, Schönste verloren ging, das sie besessen hatte? Nur ein einziges Mittel gab es, wenigstens für Minuten, für Viertel- und halbe Stunden, ihre Furcht, ihre Neue, ihren Schmerz zu betäuben. Das war ein Besuch in der kinderreichen Familie im oberen Stockwerk. Angesichts des freundlichen, ermunternden Lächelns der guten Frau Bahlke, unter den fröhlich lärmenden, jauchzenden Kindern schwieg die Stimme in ihrer Brust, wich der Druck, der ihr das Herz zusammenkrampfte. Das kluge Auge der erfahrenen, gütigen Frau sah wohl, was in dem Herzen der Jüngeren vorging; ihr blieben das unruhige Flirren der Blicke, der kummervolle Zug um den Wund, die Spuren des unablässigen inneren Ringens und Kämpfens in den Mienen der anderen nicht verborgen, und wenn sie auch mit Worten nicht daran rührte, oft gab sie doch durch eine plötzliche stumme Gebärde oder durch einen mitleidigen, tröstenden Blick ihrem Mitgefühl Ausdruck. Eines Abends aber, als sie sich allein im Schlafzimmer mit den eben zur Ruhe gebetteten kleinsten Kindern befanden, konnte sie sich nicht länger zurückhalten. Die neben ihr Sitzende mit einem Arm umschlingend und sanft an sich ziehend, flüsterte sie: »Geht es denn wirklich nicht? Können Sie denn nicht wieder zu ihm zurück, liebe Frau Susanne?« Da drückte die im tiefsten Innern Getroffene ihr zuckendes Antlitz an die Brust der Älteren und schluchzte bitterlich. Die erschütterte Frau Bahlke ließ die Weinende eine Weile gewähren, sie in einem fort liebkosend, streichelnd, dann ergriff sie ihre beiden Hände und sagte in warmem Ton, aus dem das ehrliche Gefühl überzeugend herausklang: »So, kleine Frau, wenn Sie nun wollen, dann schütten Sie einmal ihr armes gequältes Herzchen ordentlich aus! Es wird Sie erleichtern und ich – es ist nicht Neugierde, die mich bewegt, sondern der Wunsch, Ihnen zu raten, zu helfen, wenn es irgend geht.« Da richtete sich die Schluchzende auf und begann leise, beschämt zu sprechen. Dennoch tat es ihr sichtlich wohl, daß sie einmal das, was sie bisher still in ihrer Brust verschlossen hatte, einer verständnisvollen, mitfühlenden Seele anvertrauen konnte. Frau Bahlke hörte aufmerksam, aufs stärkste interessiert zu. Ab und zu schüttelte sie mit dem Kopf oder warf eine kurze Frage ein. Als Susanne geendet hatte, hob sie den Blick fragend zu der Älteren empor. »Sie haben beide schuld«, gab Frau Bahlke ihrer Meinung Ausdruck. »Er sowohl wie sie. Er hätte sein Temperament, seine Herrennatur mehr zügeln, er hätte Ihnen mehr Geduld, mehr Nachsicht und mehr Güte beweisen sollen, das größere Unrecht aber ist auf Ihrer Seite. Sie hätten berücksichtigen müssen, daß er aufgewachsen ist in den alten Anschauungen und daß das, was Sie ihm am meisten angerechnet haben, nicht sein Verschulden ist, sondern das der Gesellschaft, innerhalb deren er lebt. Wie konnten Sie verlangen, daß er sich gewissermaßen im Handumdrehen von den Vorurteilen, die ihm in Fleisch und Blut übergegangen waren, freimachen, daß er sich um ihretwillen zu denen, mit denen er amtlich und gesellschaftlich verkehren muß, in Gegensatz bringen sollte? Glauben Sie, daß einer Frau Eigensucht, Stolz, Selbstgefühl besser ansteht als Hingebung, Aufopferung und Selbstvergessen? Zu geben, dem Geliebten Staffeln zu bauen, ist für ein wahrhaft liebendes Weib viel beglückender als im kleinlichen, selbstischen Dünkel sich dem Manne zu verschließen und in erster Linie an sich selbst zu denken. Das schlimmste aber ist, daß Ihrer Ehe eins gefehlt hat –« »Eins?« »Ja, eins: die Vollendung der Ehe, das Kind. Ihr falscher Ehrgeiz, ihr Frauenstolz hätte sich nicht gebläht und wäre nicht aufgekommen, und nie wäre es Ihnen eingefallen, von ihm zu gehen, wenn Ihrer Ehe ein Kind beschieden gewesen wäre, das sie dankbar, froh, ergeben und demütig gestimmt haben würde.« Das Wort traf Susanne mit seiner großen Wahrheit wie eine Offenbarung, und ihr Blick flog instinktiv zu den Betten der beiden Kinder hinüber, die mit ihren rot geschlafenen Bäckchen wie zwei Engel aussahen. Eine warme Welle wogte in ihr empor, ein heimliches, süßes Sehnen wurde in ihr wach. Auf ihren blassen Wangen erschienen rote Rosen, und in ihren Augen glomm ein intensiveres Leuchten. Ein Seufzer heißen Bedauerns rang sich aus ihrer hastig atmenden Brust herauf. Von diesem Tage an hatte Susannes Sehnen einen bestimmten Punkt gefunden, auf den es sich konzentrierte. Die Äußerung ihrer älteren Freundin verließ sie nicht mehr. Sie begann jetzt die Ehe von einer ganz anderen Seite zu betrachten, in einem anderen Sinne aufzufassen als bisher. »Die Vollendung der Ehe: das Kind!« hatte Frau Bahlke nicht so gesagt? Und wenn ihr nun das Kind beschieden gewesen wäre, hätte sich ihre Ehe dann anders gestaltet, wäre sie dann glücklicher geworden? Sie vertiefte sich angelegentlich, mit allen Sinnen in diese Frage, und immer wieder malte sie sich das Leben aus, wie es sich ihr gestaltet haben würde, wenn in seinem Mittelpunkt ein so süßes, kleines Wesen gewesen wäre, wie sie es täglich in den Armen ihrer neuen Freundin erblickte. Wenn in ihr die Phantasie zu arbeiten begann, dann kam ihr das trockne, theoretische Studium widerwärtig, überflüssig, geradezu hassenswert vor. Mit verächtlicher, geringschätziger Gebärde warf sie ihre Bücher in die Ecke und gab sich ganz dem verlockenden, anheimelnden, beglückenden Bilde hin, das sie sich in allen Einzelheiten ausmalte. Wie sie ihr Kind betreute, wie keine Stunde des Tages verging, ohne daß sie sich mit ihrem Liebling beschäftigte! Des Morgens hielt sie es in das Bad, die drallen, rosigen Gliedchen von allen Seiten mit dem laulichen Wasser bespülend. Darauf bettete sie es in dem sauberen, schneeigen Linnen, nahm es auf den Schoß und reichte ihm die Nahrung. Das war wohl einer der schönsten Momente des Tages für eine junge Mutter, zuzuschauen, wenn ihr Liebling mit vollen Pausbacken an ihrer Brust Leben und Kraft in sich hineinsog. Sobald das dralle kleine Geschöpf satt war, wurde es in den Schlaf gesungen. Welch ein Genuß zu beobachten, wie die Äuglein zu blinzeln begannen, kleiner und kleiner wurden, wenn der müde Liebling sich streckte und gähnte, die kleinen runden Ärmchen reckte und endlich sich dem Allüberwinder Schlaf ergab! Dann behutsam, husch, husch ganz leise den Schläfer auf frischem, weichem Lager gebettet. Und wenn dann später der junge Vater vom Amt nach Hause kam, dann schlichen sie beide auf den Zehenspitzen an sein Bettchen, und Arm in Arm standen sie und schauten glückstrahlend, voll süßester Genugtuung auf den kleinen Schläfer hinab, und sie schmiegte sich voll überströmender Dankbarkeit an den Mann, dem sie das höchste Glück des Lebens verdankte, das tiefste, stärkste, reinste, stolzeste und beglückendste Gefühl des Menschenherzens ... Susanne staunte und verwunderte sich alle Tage mehr, daß sie nicht schon früher daran gedacht, das alles so empfunden hatte! Und nun, wo ihr die Erkenntnis aufgegangen, war es zu spät. Nun blieb ihr nichts, als verzweifelt die Hände zu ringen, als zu weinen und zu klagen. Aber war es denn zu spät? Wenn sie zurückkehrte, wenn sie ihn bat, sie wieder bei sich aufzunehmen, würde er sie zurückweisen? Stundenlang lag sie in der Nacht wach und grübelte voll Zweifel und Bangen. Und auch den Tag über wurde sie von dieser Frage verfolgt, die sich mitten in der Vorlesung und während ihrer häuslichen Arbeiten in ihre Seele schlich. Immer wieder rief sie sich das Bild ihres Mannes in das Gedächtnis, überdachte sie alle Einzelheiten ihres Zusammenlebens und zergliederte seine Charaktereigenschaften bei sich. Würde er die häßlichen Auftritte vergessen, die zwischen ihnen vorgefallen, ihren Widerspruch, ihre Lieblosigkeiten? Würde er das harte Wort zurücknehmen, das er ihr in der letzten Minute ihres Zusammenseins ins Gesicht geschleudert? Würde er bereit sein, ein neues Leben mit ihr zu beginnen? Fast kein Tag verging, wo sie nicht einmal der Impuls durchzuckte, zu ihm zurückzukehren. Aber Mutlosigkeit und Scham und ein Rest von Bedenken und Trotz hielten sie immer wieder zurück. Wohl ein Dutzend Briefe hatte sie schon begonnen, um sich mit ihm schriftlich über die Frage auseinanderzusetzen, die im Mittelpunkt ihres Denkens und Sehnens stand. Aber immer wieder zerriß sie das Geschreibsel, das ihr bald zu kalt, zu geschraubt und wirkungslos, bald zu warm, zu innig und zu würdelos-demütig vorkam. Vergebens war es, daß sie wieder im Studium Betäubung und Vergessen suchte. Nach fieberischem, heftigem, unnatürlich ungestümem Anlauf erlahmte ihre Lust und ihre Kraft gar bald und sie erkannte, daß sie in diesem seelischen Zwiespalt unfähig war zu ernster, anhaltender Arbeit. Die Vorlesungen durchträumte sie, wenn sie sich gezwungen hatte sie zu besuchen, und zu Hause suchte sie anstatt des Lehrbuches in Goldschnitt gebundene Prachtwerke hervor, in denen sie seit ihren frühesten Mädchenjahren nicht mehr geblättert hatte. Und mit sehnsuchtsvoll sich weit öffnendem Herzen ließ sie den Zauber weicher, stimmungsvoller Lyrik auf sich wirken, und die Reime, die in schön klingenden Rhythmen die uralten ewigen Mädchengefühle besangen, fanden ein jubelndes, schluchzendes Echo in ihrer Brust. »Seit ich ihn gesehen, Glaub' ich blind zu sein; Wo ich hin nur blicke, Seh' ich ihn allein; Wie im wachen Traume Schwebt sein Bild mir vor, Taucht aus tiefstem Dunkel Heller nur empor. Sonst ist licht und farblos Alles um mich her, Nach der Schwestern Spiele Nicht begehr' ich mehr, Möchte lieber weinen Still im Kämmerlein; Seit ich ihn gesehen, Glaub' ich blind zu sein.« Keines der Gedichte ergriff sie so tief wie das schlichte Chamissosche Lied, keines gab so treu und wahr ihre Empfindungen wieder und riß sie so widerstandslos mit sich fort, keines entfachte in ihr eine so verzehrende Sehnsucht, ein so heißes Weh. Wenn das Sehnen und die Traurigkeit überhand nahmen, so daß sie es nicht mehr ertragen konnte, flüchtete sie aus ihrer Einsamkeit zu Menschen, um sich zu zerstreuen. Täglich in den Nachmittagsstunden fand sich bei einer ihrer Freundinnen ein Zirkel junger Mädchen zusammen, Schülerinnen aus der Sekunda des Mädchengymnasiums, die gemeinsame Arbeitsstunden abhielten, um mit vereinten Kräften ihr Ziel: die Versetzung in die Prima zu Ostern zu erreichen. Die Gymnasiastinnen waren der Studentin sehr dankbar, wenn sie ihnen half, die Schwierigkeiten des Livius und der Algebra und Geometrie zu überwinden. Alle waren mit Eifer und Fleiß bei der Sache. Der Wettbewerb, eine Aufgabe am schnellsten und am besten zu lösen, stachelte ihren Ehrgeiz und ihre Kräfte bis zum äußersten an. Und dennoch erfaßte Susanne ein heißes Weh, wenn sie die über die Bücher gebeugten Rücken sah, die schlaffe, müde Haltung, die vom vielen Stubenhocken gebleichten Gesichter, die Denk- und Sorgenfalten in den Stirnen und den trocknen, freudlosen Zug um die blutleeren Lippen. Eine von ihnen hatte etwas Ähnliches, Verbittertes, Hoffnungsloses, unnatürlich Angespanntes in ihren Mienen und ihrem Wesen, wie sie es bei sich selbst empfand. Hatte auch sie eine ähnliche herbe Erfahrung, der Bankerott ihres Glaubens und Vertrauens zu dem Wann, der Drang nach Ersatz, Trost und Zuflucht vor der Verzweiflung zum Studium getrieben?... Zwei von den anderen hatten trotz ihrer jungen Jahre nichts Frisches, Elastisches, Jugendliches mehr an sich, nichts von der Anmut, Grazie und Lieblichkeit des jungen Mädchens. Sie schienen nie jung und fröhlich und sorglos gewesen zu sein und nie etwas anderes als die Arbeit und den Ernst des Lebens vor sich gesehen zu haben. Gemessen war jede ibrer Bewegungen, pedantisch und engherzig ihre Äußerungen und Ansichten. »Geborene alte Jungfern!« pflegte Frau Bahlke solche wenig erfreulichen Mädchenerscheinungen zu nennen. Die letzten zwei waren Töchter aus vornehmen, wohlhabenden Familien. Ihnen war das Studium offenbar nur Modesache; sie betrieben es aus Eitelkeit, aus Sensationslust, aus Sport. Sie wollten sich interessant machen, den Neid ihrer weniger bevorzugten Schwestern erregen und sich einen Reiz mehr geben in den Augen der Männerwelt. Die Törinnen! Sie waren Opfer der Suggestion, der Lehren, die Anna Möller und andere wohl von Geburt schon Anormalen, der Liebe Verlorenen ihnen in die Ohren schrien. Sie brachten ihre Frische, ihre Gesundheit und auch ihre natürlichen Mädchenreize dem Nachahmungstrieb und einem falschen Ehrgeiz zum Opfer. Und während sie eine neue, ganz moderne Anziehungskraft zu gewinnen trachteten, büßten sie zuletzt gerade den sieghaftesten weiblichen Zauber ein, wenn nicht gar die Lust und die Eignung zur Ehe ... Am liebsten suchte Susanne die Familie im oberen Stockwerk ihres Hauses auf. Hier war Gesundheit und Natürlichkeit, hier war Frohsinn und Liebe, hier wohnten Harmonie und Glück. Häufig verbrachte Susanne ihre Abende bei dem freundlichen Ehepaar, und wenn die Kinder, auch die älteren, zu Bett gebracht waren, saßen die drei Erwachsenen noch lange in anregendem Gespräch beieinander. Es war natürlich, daß Frau Bahlke, die selbst einst überzeugte Frauenrechtlerin gewesen und dennoch sich zur musterhaften Hausfrau und Mutter entwickelt und umgebildet hatte, viel über die Frauenfrage nachgedacht und mit ihrem Mann darüber debattiert hatte. Für Susanne war es ein hoher Genuß, den Ansichten der reifen, in Theorie und Praxis geschulten und erfahrenen Frau zu lauschen. Nach solchen Abenden kam sie immer mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen, in starker innerer Bewegung nach ihrem Heim zurück, und viel zu erregt, um schlafen zu können, pflegte sie die Eindrücke und Ergebnisse der Debatten des Abends in Form von Aphorismen und Leitsätzen auf dem Papier zu fixieren, die sie dann wieder und wieder überlas, durchdachte und bei sich verarbeitete. XXIII. Eines Morgens erhielt Susanne einen Brief von ihrem Mann. Sie erkannte seine Handschrift sofort, und das Herz pochte ihr in gewaltigen Schlägen, als sie das Kuvert mit den bekannten Schriftzügen in der Hand hielt. Seit dem einen Male – es waren nun drei Monate her – hatte sie keine Zeile mehr von ihm erhalten. Hatte er alle Hoffnung aufgegeben, teilte er ihr nun mit, daß er die Ehescheidungsklage eingereicht habe? Ihre zitternde Hand zögerte, den Umschlag aufzureißen. In diesem Augenblick, der sie mit dem Schicksal bedrohte, ihre ganze Zukunft, ohne ihn leben zu müssen, empfand sie, wie tief sie ihn liebte, tiefer, stärker, verlangender als je. Sie raffte alle ihre Selbstbeherrschung, ihre Kraft zusammen. Dennoch stockte ihr fast der Atem, während sie den Brief entfaltete. »Geliebte Susanne!« Sie atmete hoch auf. Es war die alte schlichte, innige Anrede, die er ihr auch früher, in ihrer Brautzeit, gegeben. In wachsender Erschütterung, mit überströmenden Augen las sie weiter: »Ich habe morgen früh einen schweren Gang anzutreten, und da ist es an der Zeit, Dich einen Blick in meine Seele tun zu lassen, Dir gewissermaßen eine Generalbeichte abzulegen. Ich weiß nicht, wie Du jetzt innerlich zu mir stehst, und ob Du ähnliche innere Wandlungen durchgemacht hast, wie ich in den letzten Wochen und Monaten. In mir ist alles Reue, Weichheit, Zerknirschung, und nur ein Wunsch beherrscht mich ganz: wieder gut zu machen, ein neues Leben mit Dir zu beginnen. Wenn mir das vergönnt wäre, diesmal – dessen bin ich absolut sicher – würde es anders mit uns werden. Wie oft habe ich mich nicht in dieser Zeit an den Kopf gefaßt und habe mich gefragt: Wie war es denn nur möglich? Wie konnte es denn nur sein..? Ich habe Dich doch lieb, und Du hattest mich lieb, und dennoch sind wir auseinandergegangen wie zwei Feinde, die miteinander nicht auskommen konnten. Um es gleich herauszusagen: ich erkenne an, daß die Hauptschuld an mir lag. Ja, denn ich hätte auch da, wo ich Dich im Unrecht sah, bitten, überreden, überzeugen sollen anstatt zu befehlen, anstatt mich nur auf den Standpunkt des Herrn im Hause zu stellen. Ich schäme mich vor mir selber. Befiehlt man überhaupt einer Frau von Deiner geistigen Bildung, von Deinem Arteil, von Deiner feinen seelischen Konstruktion? Wie jämmerlich muß es wohl um meine Gründe bestellt gewesen sein, wie wenig habe ich die Liebe zu Dir betätigt, daß ich mir nicht anders zu helfen wußte als durch den Befehl, durch meinen Zorn! Woher kamen denn im Grunde unsre Konflikte? Doch nur aus dem uralten Zwiespalt zwischen männlichem und weiblichem Empfinden, der heute mehr als je die Welt in zwei feindliche Lager spaltet: in Mann und Weib. Du bist eine moderne Frau, ich aber habe mich Dir nicht als moderner Mann bewiesen. Erst jetzt sehe ich ein, wie unwürdig und beschämend es für einen feinfühligen, ehrliebenden Mann sein müßte, sein ganzes Leben lang eine Gefährtin an seiner Seite zu haben, die ganz in geistiger und seelischer Abhängigkeit, ich möchte beinahe sagen: in tierischer Dumpfheit dahinlebt. Anstatt es als Bevorzugung, als Glück zu empfinden, daß ich in Dir eine ebenbürtige Lebensgenossin hatte, habe ich Dir kurzsichtig, kleinlich, rückständig Dein eignes inneres Leben verargt. Ich konnte es nicht ertragen, daß Du selbst mit erkennenden Augen ins Leben sahst und ein feineres, sittlicheres Empfinden besaßest als ich. Du solltest nur immer von mir nehmen: nicht nur Deine leibliche, auch Deine geistige Existenz, und ich hielt es unter meiner Würde, auch von Dir zu nehmen da, wo Du reicher warst als ich. Welchen Zweck hat denn die Ehe sonst, als sich gegenseitig zu fördern und zu helfen? Aber ich wollte mich nicht von Dir fördern lassen, denn ich hielt mich ja Dir in allem überlegen. Und doch hätte ich von Dir lernen können das, was das Leben verfeinert und verklärt: die Harmonie zwischen der geistigen und sinnlichen Natur des Menschen, eine höhere, edlere, seelischere Kultur. Ich Tor! Blind habe ich gegen mein eigenstes, höchstes Interesse gewütet, und anstatt Deine feinere, differenzierte Eigenart, die ein feineres, differenzierteres Glück versprach, zu hegen und zu pflegen, habe ich mir in Dir ein Weib mit groben, unpersönlichen, robusten Zügen und Sinnen erziehen wollen. Erst Deine Abwesenheit hat mich voll erkennen lassen, was ich in Dir verloren habe und daß Du das Recht hattest, höhere Ansprüche zu stellen, weil Du ein höheres Glück gewähren konntest als es eine Frau von gestern zu bieten imstande gewesen. Ja, anstatt Dich zu fördern und alle geistigen, seelischen und sittlichen Möglichkeiten in Dir zu entwickeln, habe ich Dich gehemmt und Dich hinabdrücken wollen. Wie klein war ich, als ich Dich zwang, mit Assessor von Wernitz zu tanzen, obgleich sich Dein sittlicheres, weiblicheres Empfinden gegen jede nähere Berührung mit diesem Menschen auflehnte. Ich aber mit meinem gröberen Ehr- und Sittlichkeitsbegriff glaubte ihm die äußeren Zeichen der Achtung schuldig zu sein, solange der brutale, gewissenlose Genußmensch den öffentlichen Eklat vermied. Wie plump und verächtlich muß ich Dir damals erschienen sein! Wie wenig fein, wie weit entfernt von wahrhafter Sittlichkeit, wie tief unter Dir stehend! Und so ging es weiter bis zu unserm letzten großen Konflikt. Immer demütigte ich Dich aufs empfindlichste und verletzte meinen kleinlichen, selbstischen Interessen zuliebe Deine zartesten, edelsten Regungen und Empfindungen. Unerbittlich versagte ich Deiner Freundin in der bittersten Stunde ihres Lebens eine Zuflucht in unserm Hause, nur weil ihr Mann mein politischer Gegner war. Rechthaberei, der Herrenstandpunkt und die Furcht vor den Vorurteilen meiner Vorgesetzten und meiner Mitbürger beherrschten mich. Ich hätte mich Deiner würdiger zeigen und mir sagen sollen, daß kein ernster, sittlicher Grund vorliegt, einem ehrenhaften Menschen Sympathie, Achtung und Hilfsbereitschaft oder auch Freundschaft zu versagen, wenn einen nichts von ihm trennt als lediglich die politische Überzeugung, und daß es eine läppische, heuchlerische Überhebung ist, sich besser und sittlicher zu dünken, als ein anderer, dem angeborene Veranlagung, das Leben und persönliche Erfahrungen andere Anschauungen eingepflanzt haben, der auf anderem Wege die allgemeine Wohlfahrt erreichen zu können glaubt. Ja, fürwahr, wir sollten einander im politischen und sozialen Leben mehr Verständnis, mehr Duldung, mehr Achtung entgegenbringen ... Kann meine Reue, mein Eingeständnis, daß ich mich meiner Handlungen schäme, mich vor Dir entsöhnen? Ach, Susanne, ich wage zu hoffen, daß du alles verzeihst und alles vergißt, was Dich von mir entfernt hat, daß Du mir die Möglichkeit nicht verschließest, sollte ich den morgenden Tag glücklich überstehen, Dir zu beweisen, daß mich unser kurzes Zusammenleben bereits geläutert, sittlicher gemacht und eine feinere seelische Kultur in mir angebahnt hat, mit einem Wort, daß ich Deiner nicht mehr ganz so unwert bin, daß ich Dir in Zukunft ein verständnisvollerer Lebensgefährte sein würde ... Vor zwei Tagen, als ich wieder einmal ganz in meinen Schmerz versunken war, als mein Herz vor Sehnsucht nach Dir schrie, erhielt ich den Besuch des Assessor von Wernitz. Er kam sich von mir zu verabschieden, da er nach Berlin versetzt worden war. In meiner Stimmung wirkte sein Anblick, der schnarrende Klang seiner Stimme, seine ganze fade Art geradezu wie eine Herausforderung auf mich. Mit Mühe wahrte ich die üblichen Formen höflicher Gelassenheit. Schon hatte er sich erhoben, da kam ihm der unglückliche Einfall, von Dir zu sprechen. Er erkundigte sich nach Deinem Befinden und trug mir eine Empfehlung an Dich auf. Da schossen Schmerz und Empörung in mir auf, ich konnte mich nicht mehr beherrschen. War er nicht der Anlaß unsrer ersten ernstlichen Verstimmung gewesen? In meiner durch die unablässigen Kämpfe der letzten Wochen krankhaft erregten Phantasie vergrößerte sich seine Schuld ins Ungeheuerliche, erschien er mir als der eigentliche Störer unsres Ehefriedens. Ich unterbrach ihn barsch, heftig. Er war aufs höchste überrascht und forderte in seinem süffisanten, überhebenden Ton eine Erklärung von mir. Da verlor ich vollends alle Selbstbeherrschung, alles Maß. ›Ich verbiete Ihnen, den Namen meiner Frau überhaupt in den Mund zu nehmen‹, herrschte ich ihn an, und als er, aufs tiefste indigniert, mit drohender Miene und mit den Worten: ›Sie werden von mir hören‹, meine Wohnung verließ, hatte ich das Gefühl innigster Zufriedenheit. Mir war, als hätte ich Dir endlich eine Genugtuung bereitet für den schmachvollen Zwang, den ich Dir einmal um seinetwillen auferlegt hatte. Gestern überbrachten mir die Kartellträger des beleidigten Herrn von Wernitz seine Forderung, und morgen früh um sieben Uhr werden wir uns im Walde mit der Pistole in der Hand gegenübertreten. Diesen Brief will ich in unsrer Wohnung zurücklassen mit dem Auftrage, daß er zur Post gegeben werden soll, falls ich bis zehn Uhr nicht zurück bin. Er enthält also meine letzten Worte an Dich, und wenn er morgen in Deine Hände gelangt –« Die Lesende ließ das Blatt sinken und sah sich verstört, mit flackernden Blicken um. War es ein Traum, ein quälender, häßlicher Traum? Sie sah auf den Tisch zurück, das Knistern der Blätter, nach denen ihre zitternde Hand instinktiv griff, belehrte sie, daß es Wirklichkeit, grausame Wirklichkeit war. Sie hatte ihn wiedergefunden und in demselben Moment auch wieder verloren – für immer! Nein, nein! Das konnte ja nicht sein! So hart, so unerbittlich würde das Schicksal sie nicht strafen. Sie hatte seine Mitteilungen gewiß falsch verstanden. Hastig ließ sie noch einmal ihre Augen über die Zeilen gleiten, um gleich darauf mit dumpfen Stöhnen in die Stuhllehne zurückzusinken. Kein Zweifel: Eugen hatte sich seinem Gegner zum Zweikampf gestellt, und bereits gestern früh hatte er den Todesschuß empfangen. Eine plötzliche Schwäche wandelte die Unglückliche an, ein lähmendes Ohnmachtsgefühl. Aber sie biß die Zähne zusammen und kämpfte die unzeitgemäße Anwandlung tapfer zurück. Jetzt hieß es handeln, klar, bestimmt, ohne den Verlust auch nur einer einzigen Minute. Schnell sprang sie auf, packte die nötigsten Sachen in einen Handkoffer und gab ihrer Tante die notdürftigste Erklärung. Ihre Schwester Ella war in der Schule, für Frau Bahlke schrieb sie ein paar herzliche, kurze Zeilen. Dann nach dem Bahnhof! Zum Glück verließ der nächste Zug schon nach einer knappen Viertelstunde die Halle. Unterwegs rang sie in einem fort zwischen Furcht und Hoffnung. Die entsetzlichsten Phantasiebilder, die ihr das Blut in den Adern erstarren ließen, folterten sie so unerträglich, daß sie krampfhaft die Zähne übereinander biß, um sich nicht laute Schmerzensschreie entschlüpfen zu lassen. Eine unbeschreibliche Marter war es, still, untätig dasitzen zu müssen, während alles in ihr nach Betätigung drängte. Sie fühlte, daß sie die langen Stunden so nicht hinbringen konnte, daß sie sich zu irgendeinem Akt der Verzweiflung hinreißen lassen würde. Und so half sie sich, indem sie mit gewaltsamer Willensanstrengung jeden Gedanken an ein so furchtbares Ende ihres Konfliktes zurückwies. Sie lehnte sich mit geschlossenen Augen in die Polster des Wagens und zwang ihren Geist, Möglichkeiten zu erfinden, die eine andere glücklichere Lösung versprachen. Das Mädchen konnte den Auftrag ihres Herrn falsch verstanden und den Brief voreilig in den Kasten geworfen haben. Und wenn sie nun plötzlich unerwartet vor ihn hintrat, würde er sie mit jubelndem Entzücken in seine Arme schließen. Ja, sie lächelte bei diesem Einfall, den sie in allen Einzelheiten weiter ausspann. Wie überrascht würde er sein, denn er ahnte ja nicht, daß sich in ihr eine ähnliche Wandlung vollzogen, wie in ihm selber. Licht und hell wurde es dabei in ihrer Seele, und der letzte Rest ihres Irrtums und ihres Trotzes fiel von ihr ab: Die Liebe und der Schmerz waren ihre Lehrmeister gewesen und alles Extreme hatten sie, fern voneinander, jeder für sich, um so nachhaltiger und überzeugter überwunden. Freilich, je näher sie dem Ziele ihrer Fahrt kam, desto mehr erblaßten die freundlichen Bilder und desto lebhafter meldete sich die Unruhe wieder in ihr. Die Zähne schlugen ihr wie im Fieberfrost zusammen und ihre Nerven waren aufs äußerste in ihr angespannt. Der Zug hatte kaum gehalten, als sie das Coupé verließ und dem Ausgang zustürmte. Sie warf sich in die nächste Droschke und nannte dem Kutscher mit lallender Stimme die Adresse. Und nun zog sie die Klingel, während ihr das Herz bis zum Halse hinauf klopfte. Das Dienstmädchen, das ihr öffnete, sah sie mit starren, großen Augen an wie eine übernatürliche, gespenstische Erscheinung. Ohne sich mit einer Frage aufzuhalten, durcheilte Susanne den Korridor. Ihr Instinkt führte sie den rechten Weg. Leise öffnete sie die Tür des Schlafzimmers. Der schwarz gekleideten, bescheidenen Frauengestalt, die sich bei ihrem Eintritt erhob, nickte sie grüßend zu, dann ging sie mit wankenden Schritten zum Bett. Er, der ihre Phantasie seit Stunden unablässig beschäftigt hatte, ruhte bleich, mit geschlossenen Augen zwischen den Kissen. Da sank sie, unfähig sich länger aufrechtzuerhalten, in ihre Knie nieder und bemühte sich, das ungestüm hervorbrechende Schluchzen, das sich nicht mehr zurückdrängen ließ, hinter ihren Händen zu ersticken. XXIV. Eugen Kamberg war im Duell schwer verwundet worden. Man hatte ihn vom Kampfplatz in eine Dorfschenke gebracht. Dort hatte der Arzt die Kugel entfernt und ihm den ersten Verband angelegt. Auf seinen Wunsch wurde er darauf nach seiner Wohnung überführt. Als er anlangte, war er bewußtlos und konnte dem Mädchen, das den ihm anvertrauten Brief bereits zur Post gegeben, keine Aufträge erteilen. Die Gegenwart Susannes wirkte Wunder. Die Genesung machte schnelle Fortschritte. Kein Wort wurde in den ersten Tagen zwischen den beiden Eheleuten gewechselt, das die Vergangenheit und die mit ihr begrabenen Konflikte berührte. Susanne teilte sich mit der Krankenpflegerin in die Wartung des Kranken, ihm bei ihren Handreichungen unablässig mit zärtlichen, beruhigenden, verheißenden Blicken zulächelnd. Auch er begnügte sich, gelegentlich seine Lippen auf die sanfte, seine Schmerzen lindernde Hand zu drücken und ab und zu ein leises inniges: »Danke!« zu stammeln. Erst nach einer Woche nahm er ihre Hände zwischen die seinen und entschuldigte sich wegen der Schrecken und der Aufregungen, die er ihr, ohne es zu wollen, verursacht hatte. »Aber froh bin ich doch,« fügte er mit einem wehmütigen Lächeln hinzu, »daß es so gekommen ist, denn ohne meinen Brief würde ich ja kaum das Glück gehabt haben, dich wiederzusehen.« Da beugte sie sich mit glänzenden, in tiefster Liebe strahlenden Augen zu ihm hinab und legte ihren Mund an sein Ohr. Und während ihr die Stimme vor innerster Bewegung bebte, flüsterte sie: »Ich wäre auch ohnedies gekommen, wenn auch erst in vier oder in acht oder in zwölf Wochen. Gekommen aber wäre ich, auch wenn du mich nicht gerufen hättest, von ganz allein, nicht aus Mitleid –« Als sie verschämt stockte, machte er eine lebhafte Bewegung mit seinem Kopf, und ihre Lippen fanden sich zum erstenmal wieder zu einem innigen Liebeskuß ... Als Eugen wieder im Vollbesitz seiner Kraft und Gesundheit war, legte sie ihm in Erwiderung seiner brieflichen Beichte ein ebenso offenes Geständnis ab und weihte ihn in die durchlittenen schmerzlichen Kämpfe ein. So begannen sie geläutert, erhoben und gestärkt durch die Erfahrungen und Leiden der Vergangenheit ein neues Leben, wetteifernd miteinander in Liebe, Selbstverleugnung und Opferwilligkeit. Sie kämpften und erbitterten sich nicht mehr gegeneinander, wie zwei Feinde mit entgegengesetzten Interessen, sondern jede Differenz, jede Meinungsverschiedenheit, jeden Gegensatz der Neigungen und Anschauungen lösten sie in gegenseitigem Entgegenkommen, in gütiger, liebevoller Aussprache, wie zwei Menschen, die sich durch ein großes, alle anderen Empfindungen und Interessen überragendes und versöhnendes Gefühl geeint, unlöslich für immer gebunden fühlen. Und sie empfanden es nicht einmal schmerzlich, wenn der eine dem anderen zuliebe seiner natürlichen Eigensucht etwas abgerungen hatte, im Gegenteil, es lag etwas unvergleichlich Süßes und Beglückendes in dem Bewußtsein, sich über sich selbst erhoben und seiner Liebe durch ein Opfer Ausdruck gegeben zu haben ... Eugen Kamberg war es, der Susanne antrieb, sich endlich einmal nach ihrer alten Freundin umzusehen. »Ich bitte dich,« sagte er, als sich Susanne auf den Weg machte, »mich bei Frau Reichelt zu entschuldigen. Ich hoffe, sie wird trotz meiner Ungastlichkeit von damals nicht verschmähen, deinen Besuch recht bald zu erwidern. Ich würde dann gern die Gelegenheit benutzen, den schlechten Eindruck zu verwischen, den sie von mir erhalten hat.« Susanne fand das junge Ehepaar in bester Eintracht, und staunend, zu ihrer lebhaften Freude beobachtete sie, daß sich während ihrer Abwesenheit das Verhältnis zwischen den beiden Ehegatten wesentlich verändert hatte. Als sich Susanne nach dem Arbeiterinnenbildungsverein erkundigte, teilte ihr Paula Reichelt mit, daß sie den Vorsitz niedergelegt habe. Und mit einem fast demütigen Blick nach ihrem Mann, wie ihn Susanne bisher nie an ihr bemerkt hatte, setzte sie hinzu: »Emil meint, daß ich mich bei meinem jetzigen Zustand vor jeder geistigen Überanstrengung in acht nehmen muß.« Susanne nickte zustimmend. Sie hatte es gleich bei der Begrüßung bemerkt, daß ihre Freundin einem freudigen Ereignis entgegensah und eine schmerzliche Empfindung, fast wie Neid, war unwillkürlich in ihr aufgestiegen. »Ja,« fiel der Redakteur ein, »Paula hat mir versprochen, daß sie alle öffentliche Tätigkeit aufgeben wird, bis – nun bis unser Kind das schulpflichtige Alter erreicht haben wird.« Und als Frau Paula schüchtern, bittend einwandte: »Aber einen oder zwei Vorträge könnte ich doch ganz gut noch halten«, widersprach er ernst und bestimmt: »Nein, auf keinen Fall! Ich könnte es nicht verantworten, es steht zu viel auf dem Spiel.« Als er sich bald darauf empfahl, um in die Redaktion zu gehen, bemerkte Frau Paula ein wenig beschämt: »Sie werden mich wohl jetzt recht lächerlich finden.« Susanne aber widersprach lebhaft. »Nein, ich finde, Sie haben erst jetzt das richtige Verhältnis zueinander gefunden.« Da strahlte es über Frau Paulas ganzes Gesicht und sie drückte der Freundin herzlich, dankbar die Hand. »Meinen Sie? Wirklich? Und ich glaubte schon, Sie würden mich grenzenlos verachten und mir Ihre Freundschaft kündigen.« Darauf sah sie eine Weile schweigend, bedrückt vor sich hin und Susanne ahnte, welche schweren, bitteren Kämpfe sie hinter sich hatte. Plötzlich hob Frau Paula ihr Haupt, und ein fast schelmisches Lächeln zuckte aus ihren Augen. »Das ist das erstemal in seinem Leben,« sagte sie, »daß mein Mann gegen ein Parteidogma verstößt. Aber er meint, Dogmen, die vor der Vernunft nicht bestehen können, brauche ein denkender Mensch nicht zu respektieren. Das Dogma von der völligen Gleichberechtigung und der Gleichstellung der Frau mit dem Mann, wie es zu unserm Parteiprogramm gehört, sei ein Unsinn, weil es den einfachsten Geboten der Natur widerstreite ...« Eugen Kambergs und Susannes schwer errungenes neues Glück erlitt eine schmerzliche Unterbrechung durch die Anklage wegen Duellvergehens, der seine Verurteilung zu sechs Monaten Festungshaft folgte. Bevor er seine Strafe antrat, reichte er seine Entlassung als Bürgermeister ein, denn er hatte vor, seine Zulassung als Rechtsanwalt nachzusuchen. Susanne hatte sich bemüht, ihm diesen Entschluß auszureden, aber er blieb unerschütterlich. »Im Interesse unsrer Zukunft,« sagte er, sie sanft auf seine Knie ziehend, »halte ich es für besser, meine Stellung aufzugeben, deren Pflichten in mein Ehe- und Familienleben eingreifen und die von meiner Frau sogar allerlei Rücksichten verlangen, die ich ihr von meinem jetzigen Standpunkt aus nicht auferlegen mag. Mein Selbst- und Ehrgefühl bäumt sich dagegen auf, meinen Vorgesetzten das Recht einzuräumen, meiner Frau Verhaltungsmaßregeln und Beschränkungen in ihrer persönlichen Freiheit zu diktieren. Ich will mich nicht wieder der Zwangslage aussetzen, dich, wenn du ein gutes Werk beabsichtigst, daran hindern zu müssen, weil vielleicht der eine oder andere der mir vorgesetzten Herren an deinem Verhalten Anstoß nehmen könnte.« Aber die harte Zeit der Trennung und Einsamkeit half sich Susanne durch den regen Verkehr mit dem Reicheltschen Ehepaar, durch lebhaften Briefwechsel mit Frau Bahlke, die ihr gleich nach dem ersten Tage ihrer Abreise brieflich ihren herzlichen Glückwunsch ausgedrückt hatte, und durch geistige Tätigkeit hinweg. Sie war nun endlich in der Lage, ihren früheren Wunsch, an den Bestrebungen des Arbeiterinnenbildungsvereins teilzunehmen, erfüllen zu können, indem sie an Stelle Frau Paulas belehrende Vorträge aller Art hielt. Eine tiefe, wohltuende Befriedigung und Genugtuung bereitete ihr diese Tätigkeit, der sie sich mit allem Eifer und großer Gewissenhaftigkeit und ehrlichem Fleiße hingab. Das andachtsvolle Interesse, die wie verklärt strahlenden Mienen und der ungekünstelte ehrliche Dank ihrer Zuhörerinnen war ihr Lohn, der sie reichlich für alle Mühen entschädigte. Freilich, als sie einmal ein Thema behandelte, das in Zusammenhang mit der Frauenfrage stand, und als sie hierbei ihre in eigner Erfahrung gewonnenen Ansichten offen und rückhaltlos darlegte, mußte sie eine niederziehende Erfahrung machen. Ein paar Tage darauf brachte die »Volksstimme« einen heftigen, von persönlichen Gehässigkeiten nicht freien Angriff gegen sie, dessen Veröffentlichung Emil Reichelt nicht hatte hindern können, denn er war von dem ihm vorgesetzten Chefredakteur des Blattes selbst geschrieben. Die Folge war, daß zu Susannes nächstem Vortrag kaum die Hälfte der Mitglieder erschien, und daß sie sich der Erkenntnis nicht entschlagen konnte, daß kleinliche Unduldsamkeit und Engherzigkeit sie wieder einmal mit ihrer ehrlichen Überzeugung und ihrem sittlichen Wollen in einen Konflikt gebracht hatte. Diese Erfahrung würde sie wohl sehr darniedergedrückt und empfindlich geschmerzt haben, wenn nicht gerade in diesen Tagen Eugen, dem ein Drittel seiner Haft auf dem Gnadenwege erlassen worden war, zu ihr zurückgekehrt wäre. Dazu kam, daß sie um diese Zeit eine Gewißheit erlangt hatte, die ihrem ganzen Wesen einen neuen Impuls gab, ihrem Leben einen neuen, sehnlichst erwünschten Inhalt verhieß. Als sie es Eugen, zitternd vor Glück und Stolz, mitteilte, stand er zuerst wie betäubt, dann aber riß er sie jubelnd, außer sich vor Entzücken, an sich und wollte sie im Übermaß seiner Freude hoch in die Luft heben, aber er besann sich rasch und faßte sie sanft um und führte sie so behutsam, fast ängstlich zum Sofa, daß sie laut auflachen mußte. Auch während der Folgezeit legte Eugen Kamberg eine so zarte Rücksichtnahme und ein so feinfühliges Verständnis und Eingehen auf die Empfindungen und Wünsche der zukünftigen jungen Mutter an den Tag, daß es diese tief rührte und ihre Liebe und ihr Glück noch mehr vertiefte, soweit das überhaupt noch möglich war. Bei Susanne selbst aber stand von da ab die Sorge für das Kind obenan unter allen ihren Pflichten. Sie richtete ihre ganze Tätigkeit, ihr Leben und ihr Bestreben und Verhalten auf das Wohlergehen des Wesens, das ihrer Ehe erst die rechte Weihe, ihrem Frauendasein erst die Vollendung und den eigentlichen Wert verleihen sollte. Und als endlich die Zeit erfüllt war und das kleine Geschöpf, das Fleisch von ihrem Fleisch, Blut von ihrem Blute war, zum erstenmal an ihrer Brust lag, und als ihr Gatte, Tränen in den Augen vor Erschütterung, sich über sie neigte, und sie die glühendste Dankbarkeit, Bewunderung und Ehrfurcht von seinem Antlitz strahlen sah, da durchströmte sie trotz ihrer Schwäche ein starkes, erhebendes Gefühl, daß alle überstandenen Leiden, alle Kämpfe der Vergangenheit davor in nichts zerronnen ... Die Jahre gingen dahin. Für Susanne gab es noch immer nichts Wichtigeres, nichts Reizvolleres, nichts Heiligeres, als sich mit allen Sinnen, mit der ganzen Kraft ihres Körpers und ihres Geistes der Pflege ihres Kindes hinzugeben. Starke körperliche Mühen, schlaflose Nächte, angsterfüllte, seelenerschütternde Stunden gab es für die junge Mutter, dennoch war alles dies nichts im Vergleich zu den unvergleichlichen Wonnen, das Kind nach Überwindung der unvermeidlichen Kinderkrankheiten blühen und gedeihen zu sehen, lebensfrisch, lebensstark. Und als die ersten Seelenregungen des Kindes sich offenbarten und die junge Mutter Tag für Tag neue Entdeckungen im Kinderlande machte – gab es etwas auf Erden, das für sie hätte auch nur annähernd so wichtig sein können? Vor allem aber erkannte sie mit beglückendem Bewußtsein und unendlicher, tiefster Genugtuung, daß niemand dem Kinde die Mutter ersetzen konnte. Auch die erfahrenste und gewissenhafteste Pflegerin hatte nicht das überströmende Zärtlichkeitsgefühl, die hingebende, strahlende Liebe der Mutter zu bieten, unter deren Wärme sich die Kinderseele allein in Heiterkeit, Frohsinn und Offenheit entfalten konnte. Freilich, sie erkannte auch, daß es eine ungeheure Kraftanspannung erforderte, wenn man dem Kinde Mutter sein wollte in der ganzen Bedeutung dieses Wortes, und ihr durch die eigene Erfahrung geschärftes Auge sah auch, wieviel gewissenlose und törichte, unverständige Mütter in dieser Beziehung pfuschten und sündigten und wieviel hier noch zu lehren und aufzuklären war. Wie der Gelehrte von seinen Forschungen, der Künstler von seinem Werk, so mußte die Mutter von ihrem Kinde erfüllt sein. Und lächerlich und unsinnig waren die Anschauungen und Bestrebungen der streitbaren »neuen« Frauen, die auf »Tagen« und Kongressen zusammenkamen und die Welt mit ihrem Geschrei erfüllten, die die Ehe als eine Herabwürdigung der Frau und die Mutterschaft als eine Last ansahen, die ihre Armut nicht erkannten, und die andern, die sich reich fühlten, arm machen wollten, so arm, wie sie selbst es waren. Ein heiliger Zorn erfaßte sie gegen die Verblendeten, die da glaubten, der Frau das Glück zu bereiten, wenn sie ihr Gleichberechtigung und Stimmrecht verschafften, sie in politische Kämpfe und Gehässigkeiten zerrten und für die Liebe und Ehe unempfindlich und untauglich machten ... Nicht: »Los vom Mann!« müßte es heißen, im Gegenteil, immer inniger müßte sich die Frau an den Mann schließen, dann würde auch seine Liebe innerlicher, seelischer, reiner und schöner werden.