Friedrich v. Oppeln-Bronikowski Schlüssel und Schwert Ein Papstleben aus dem Cinquecento Inhalt Der Kardinal Montalto Vittoria Accoramboni Die Schicksalsnacht Montaltos Stoizismus Der Straßenkampf Das Faustrecht Das Konklave Papst Sixtus der Fünfte Der Fürst Orsini Die Wiederherstellung der Ordnung Vittorias Ende Das neue Rom Die Nadel Der Jesuitengeneral Die Welthändel Tassos Schatten Die Ligue Ein Abend im Vatikan Das Gottesgericht Die Greuel in Frankreich Die Doppelheirat Ein Himmelfahrtstag Papst und Dichter Navarra oder Philipp? Die venezianische Gesandtschaft Der Umschwung Die verkappten Lutheraner Der römische Karneval Der Ausbruch des Kampfes Das Grabmal Das Wunder Die Peterskuppel Das letzte Ringen Der Schicksalstag Der sterbende Sieger Der Tod 1. Der Kardinal Montalto Ein strahlender Apriltag des Jahres 1582 tauchte Rom in Licht und Farben. Eine bunte, lärmende Volksmenge wirbelte durch die engen, winkligen Gassen und staute sich schreiend an den Häuserwänden und den Buden der Kaufleute, wenn die Karosse eines vornehmen Fremden, in ihren Ledergehängen wippend, über das holperige Pflaster rumpelte, ein Reiterzug mit funkensprühenden Hufen das Gewimmel der Fußgänger durchschnitt oder ein hochräderiger, grell bemalter Campagnakarren, von buntscheckig ausstaffierten Pferden oder Maultieren gezogen, mit Bausteinen oder Weinfässern beladen, vorüberrasselte. Ganz arg ward es vollends, wenn zwei Wagen sich begegneten und die Lenker sich brüllend und peitschenknallend auszuweichen suchten. In seinem bescheidenen Wagen fuhr auch der Kardinal Montalto, Felice Peretti, von seinem Hausmeister Sangalletto begleitet, durch dies bunte Gewimmel nach dem Esquilin, um den Stand der Arbeiten an seiner neuen Villa zu besichtigen, die er bald zu beziehen hoffte. Das Volk erkannte ihn und machte dem Gefährt ehrerbietig Platz, denn er war in Rom wohlbekannt, und wenn man ihn auch nicht liebte, fand man es doch löblich, daß er im Purpur der Kirche das fromme Leben eines Franziskaners fortsetzte. Mönchische Strenge sprach aus seinem Antlitz mit den breiten Backenknochen, den vorgewölbten Augenbögen, unter denen ein Paar scharfe Augen blitzten, der kräftig gebildeten Nase über dem langen Vollbart. Die Römer kannten ihre Kardinäle, ihre Vergangenheit und Lebensart und wußten alle nach Gebühr zu schätzen. Den einen zischten sie boshafte Bemerkungen nach, die ihrem früheren Wandel galten. Andere verehrten sie wie Heilige. Wieder andere, aus den großen Herrscherhäusern Italiens, die Medici, Este, Farnese, waren beliebt wegen ihrer Pracht und Freigebigkeit, ihrer fürstlichen Lebenshaltung. Aber in den Augen des Volkes nahm der Kardinal Montalto doch einen besonderen Rang ein. Als armer Franziskanermönch hatte er sich einst durch seine Kanzelreden hervorgetan; dann hatte man ihn als Reformator der Zucht seines Ordens und als Inquisitor fürchten gelernt, und schließlich war er zum Berater des heiligen Papstes Pius V. emporgestiegen und einer der einflußreichsten Kardinäle geworden. Aber plötzlich hatte seine glänzende Laufbahn ein jähes Ende gefunden, und er hatte die Unbeständigkeit des Glückes bis zur Neige gekostet. Der jetzige Papst Gregor XIII. hatte den Günstling seines Vorgängers von allen Geschäften ausgeschlossen; seitdem sah man Montalto nur noch bei den Konsistorien und Kirchenfesten. Aber nicht genug damit, Gregor zeigte ihm seine alte Feindschaft unverhohlen und kränkte ihn durch spöttische Reden und sichtbare Demütigungen. Eines Tages, nach einer Funktion in Santa Maria Maggiore, als er Montaltos neue Villa in den Trümmern der Diokletiansthermen erstehen sah, war er in die Worte ausgebrochen: »Arme Kardinäle bauen sich keine Paläste!« Und er hatte ihm seine Pension, die »Schüssel des armen Kardinals«, entzogen. Ganz Rom wußte das und sah mit Verwunderung, wie gefaßt Montalto diese Kränkung ertrug. Nur eins fiel auf: daß er trotzig weiterbaute. Im übrigen lebte er höchst sparsam in größter Zurückgezogenheit mit seiner ganzen Sippe, seiner frommen Schwester Camilla und deren Kindern und Kindeskindern. Ihm waren nur 8000 Scudi Einkünfte geblieben, und was er davon erübrigen konnte, das legte er in Bauten und Büchern an. In Santa Maria Maggiore hatte er dem seligen Papste Nikolaus IV., seinem Ordensbruder, ein Grabmal errichtet und den Bau einer Kapelle begonnen, in der er selbst einst zu ruhen wünschte. Inzwischen pflanzte er in seiner Vigne Bäume und Rebstöcke wie ein einfacher Landmann und erbaute jene Villa, die seine Bücher und seine kleine Antikensammlung aufnehmen sollte. Aber wenn er in Demut ertrug, was Gott ihm verhängt hatte, und über seine eigene Zurücksetzung kluges Schweigen bewahrte, so vermochte er doch seine scharfe Zunge nicht zu zähmen, wenn er auf die öffentlichen Mißstände kam, die unter dem schwachen Gregor eingerissen waren und schon längst jedes Maß überschritten. Denn in Rom und in anderen Städten des Kirchenstaates herrschten Mord und Raub, und die vornehmen Mörder und Diebe gingen ungestraft aus. Vollends auf dem Lande waren die wilden Zeiten der Borgias wiedergekehrt; keine Landstraße, kein Dorf, keine Kleinstadt war vor den Banditen sicher. Die römischen Großen nahmen sie nicht nur in Schutz, sondern benutzten sie selbst, um ihre Fehden miteinander auszufechten. So bildeten die Räuber richtige Heere unter erprobten Hauptleuten und zogen mit Fahnen und Trommeln durchs Land. Und wenn die elenden päpstlichen Söldner sich ihnen zu stellen wagten, schlugen sie sie schimpflich in die Flucht. Von allerwärts fanden sie Zuzug, nicht nur von den Bauern, die ihnen völlig preisgegeben waren, sondern auch aus den Städten und von den Burgen des Adels. Alle, die was auf dem Kerbholze hatten und von der Justiz verfolgt wurden, die ihr Geld vergeudet hatten oder Abenteuer suchten, gingen in den Busch, wie der Ausdruck lautete, und wurden Briganten. Und das Volk wob ihnen einen blutigen Heiligenschein. Was half es da, daß Gregor eine schöne Straße, die seinen Namen verewigen sollte, nach der Wallfahrtsstätte Loretto und bis zum Hafen Ancona erbaut hatte, wenn doch kein Mensch sie ungefährdet beschreiten konnte? Und was fruchtete es, wenn er die Maremmen von Ravenna trocken legte, solange das Landvolk von jenen Blutsaugern gepeinigt ward? Lauter schöne hochfliegende Pläne, in denen seine Eitelkeit sich sonnte, aber bar jedes praktischen Nutzens, weil die nötige Tatkraft fehlte. Selbst an Logik gebrach es diesem hochberühmten Juristen. Der Hafen von Ancona war leer, weil die unmäßigen Zölle den Handel erdrückten, und die Landstraße diente nur den Briganten. Die beiden Klepper fuhren Montaltos Wagen eben an dem düsteren Palazzo Venezia vorbei, wo der Botschafter der Republik von San Marco wohnte. Der konnte ein Lied davon singen, wie oft die venezianischen Kuriere auf jener Landstraße ausgeraubt wurden! Dann fiel das Gefährt in Schritt und klomm an der ragenden Burg der Colonna vorbei den Hang des Quirinalhügels empor. Rechts stieg die Torre delle Milizie auf, ein trotziger Turm aus der Baronialzeit, vom Volke der Turm des Nero genannt, und links zweigte der steile Weg nach dem Quirinalhügel ab. Dann schoben sich Gärten und Vignen zwischen die Häuser, und die Straße ging in einen ausgefahrenen, steinigen Weg über, der bergauf und bergab zwischen Mauern hinlief, an denen schillernde Eidechsen entlanghuschten und bestaubte Steinbrechgewächse ihre schmächtigen Blüten entfalteten. Schließlich ragten die braunen Riesentrümmer der Diokletiansthermen auf, und rechts öffnete sich das Tor einer Vigne, durch das ein keuchendes Maultiergespann einen Karren voller Steine hineinzog. Das war Montaltos Besitztum. Maurer im Leinenkittel, braune Gestalten mit bloßer, zottiger Brust und sehnigen Armen, kamen und gingen über den Bauschutt. Montalto ließ den Wagen am Eingang halten und schritt durch den Garten. Grauer Staub wölkte auf, und aus dem Neubau der Villa quoll ein feuchtkalter Hauch wie aus Grüften in die warme Frühlingsluft. Mit Genugtuung sah Montalto, wie die letzten Gerüste abgerissen wurden. Als der Baumeister Fontana den Kardinal erblickte, kam er aus der Villa, klopfte sich den Kalkstaub vom Rock und begrüßte ihn ehrerbietig. Montalto nickte ihm freundlich zu. Er liebte den unternehmenden Mann mit der kühnen Adlernase und den kraftvollen Zügen. Als armer Maurer war er einst aus Como nach Rom gekommen und hatte sich durch Fleiß und geringe Ansprüche zum Meister emporgeschwungen. Er war rasch und tatkräftig, reich an Hilfsmitteln und sparsam in seiner Arbeit. Jetzt schoß er sogar die Löhne und Baukosten vor, weil die schmale Börse des Kardinals versiegt war. Er setzte große Erwartungen auf diesen Kunden im Purpurkleid und glaubte, daß Montalto noch eine große Zukunft bevorstände. Mochte er jetzt auch zusetzen, er hoffte künftig desto besser auf seine Rechnung zu kommen. Für ihn wie für alle Wagemutigen war Rom der große Tummelplatz der Talente; mit Kelle und Meßzirkel konnte man hier ebensogut sein Glück machen wie im Priesterkleide. Jeder Papst, jeder Kirchenfürst, jeder Vornehme baute, um seinen Namen oder den seines Hauses zu verewigen. Die großen Baumeister des goldenen Zeitalters, die Rom den Stempel ihrer Werke aufgedrückt hatten, waren freilich ins Grab gesunken; um so größer aber war für den jungen Nachwuchs der Ansporn, ihnen ebenbürtig zu werden. Auch Montalto hatte den Traum seiner Zukunft noch nicht völlig begraben. Er verhehlte ihn zwar mit Bedacht und besaß auch nicht mehr den blinden Glauben der Jugend. Aber immer wieder verglich er das, was jetzt war, mit dem, was hätte sein sollen und was vielleicht noch einmal sein würde. Hatte doch jeder Kardinal ein Recht, auf die höchste Würde der Christenheit zu hoffen, und die letzten Päpste waren sämtlich aus bescheidenem Stande hervorgegangen. Seinem eigenen Vater aber hatte ein Traum prophezeit, sein Sohn werde dereinst die dreifache Krone tragen. Durch Schutt und Staub stieg er die Treppe hinan und betrat einen Saal voller Gerüste, auf denen bereits die Freskomaler die Decke ausschmückten. Zwischen den Brettern hindurch schaute er eine Weile ihrer Arbeit zu, dann trat er auf die Loggia hinaus und hielt Umschau. Die Gärten ringsum standen in voller Frühlingspracht, von braunen Ruinen durchsetzt. Blühende Mandelbäume hoben sich wie rosige Flecken von dem jungen Grün ab; hier und da ragten schwarze Zypressen säulenschlank und feierlich auf. Aber Montalto hatte keine Maleraugen; sein Blick fiel auf andere Dinge. Was hätte sich hier oben nicht alles vollbringen lassen, wenn der Wille da war! Statt des Gassengewirrs in der ungesunden Niederung, die der Tiber alljährlich überschwemmte, breite geradlinige Straßen und luftige Häuser, eine neue Hügelstadt in hoher, gesunder Lage. Aber das Wasser fehlte hier oben, und die stolzen Bogenreihen der alten Aquädukte, die durch die ferne Campagna zogen, sanken in Trümmer ... Montalto wies mit der Rechten auf sie hin. »Was meinst du, Domenico,« sagte er vertraulich zu dem Baumeister, der neben ihm stand, »wenn wir hier Wasser hätten, um die Brunnen und Gärten zu speisen? Man müßte die alten Leitungen wiederherstellen oder neue erbauen. »Ein großes Werk, Eminenz,« entgegnete Fontana, »eines römischen Kaisers oder eines großen Papstes würdig. Aber erst müßte man die Briganten ausrotten, die das Land unsicher machen.« Montalto blickte ihn überrascht an. Dieser Maurer hatte Geist von seinem Geist und erriet seine Gedanken. Er würde gewiß noch Großes leisten. Aber er selbst war ohnmächtig und zur Tatlosigkeit verurteilt. Er rieb sich wund an diesem Gegensatze zwischen Wollen und Nichtvermögen, und sein Leben neigte schon dem Ende zu. Würde es ihm wohl beschieden sein, noch so lange zu warten, bis das Blatt sich wandte? Ein harter, finsterer Zug trat auf sein Antlitz. Eine tiefe Falte grub sich in seine Stirn, und die schwarzen lebhaften Augen sprühten Blitze unter den buschigen grauen Brauen. Fontana erschrak, als er diesen plötzlichen Wechsel seines Mienenspieles sah; er glaubte, den Unwillen seines Bauherrn erregt zu haben. »Eminenz,« begann er mit schüchternem Tonfall, »der Bau wird nicht mehr lange dauern. Das schöne Wetter begünstigt die Arbeit, und die Villa wird bald trocken sein. Die Maler sind ja schon emsig am Werke, und dann bleibt nur noch das Aufräumen.« Ebenso schnell wie Montaltos Züge sich verfinstert hatten, hellten sie sich wieder auf. »Ich glaube es dir,« sagte er freundlich, »denn du bist ein Mann, der Wort hält. Treibe nur deine Leute tüchtig an, daß sie ebenso emsig sind wie du ... Und dann weiter an das andere; vergiß meine Grabkapelle nicht.« »Damit hätte es wohl noch gute Weile«, entgegnete Fontana schmeichlerisch. »Eure Eminenz wird noch viele große Dinge vollbringen, ehe dieser Schlußpunkt gesetzt wird.« »Meinst du, Domenico?« lächelte der Kardinal. »Wenn du dich nur nicht betrügst. Die Tage eines Greises sind gezählt.« »Gott beruft keinen ab, bevor er sein Erdenwerk vollbracht hat,« entgegnete Fontana überzeugungsvoll, »am wenigsten einen, der Großes vermag.« »Du bist ein Schmeichler, Domenico«, brummte Montalto. »Es ist menschlicher Fürwitz, in die Pläne der Vorsehung eindringen zu wollen.« Der Baumeister stand mit glühenden Blicken vor ihm. Sein Glaube tat ihm wohl und erquickte ihn wie ein frischer Quell den durstenden Wanderer. »Nun, ich will dir deine Zuversicht nicht rauben«, lenkte er ein. »Auch ich weiß, was der Glaube vermag. Freilich hat meine Arbeit sich nicht so sichtbar ausgewirkt wie die deine, die in Stein dasteht. Doch als Arbeiter im Weinberg des Herrn war ich nicht minder emsig als du.« Und er sprach von seiner Jugend und den raschen Fortschritten auf den hohen Schulen von Ferrara und Bologna, wo er sich den Doktorhut der Gottesgelahrtheit und anderer Fakultäten mit großem Lobe erworben hatte. Als Montalto die Treppe wieder hinabgestiegen war, ging er mit seinem Hausmeister in den Garten, um die jungen, selbstgepflanzten Obstbäume zu besichtigen. War er doch als Gärtnerbursche und Hirtenknabe aufgewachsen, mit dem Sinn für das Wachstum der Pflanzen und das Gedeihen der Kreatur. In dem väterlichen Pachtgarten zu Grottamare in der Mark Ancona hatte er das Obst bewacht und des Nachts bei Sternenschein das Vieh gehütet wie der Knabe David. Er schämte sich dessen nicht: hatte Gott David nicht auch auserkoren vor allem Volke? »Gott ist groß in den Kleinen«, pflegte er zu sagen. Während sein Sinn in die Vergangenheit zurückschweifte, erklang plötzlich ein gellender Schrei aus dem Neubau, und Fontana stürzte erschrocken herbei. Nach kurzer Frist kam er bleich und erregt zu Montalto: beim Abreißen der Gerüste war ein Balken herabgestürzt und hatte einen Zimmermann am Kopfe verletzt. Der lag nun ohnmächtig auf einem Schutthaufen, von seinen Genossen umringt, und blutete aus einer klaffenden Stirnwunde. Niemand hatte ein reines Tuch bei sich. Montalto ging auf ihn zu, zog das seine aus der Tasche und gebot, ihn zu verbinden. Man riß seinen Leinenkittel in Fetzen und band sie über das Tuch, doch sie sogen sich bald voll Blut. »Meinen Wagen!« gebot der Kardinal. Aber schon schlugen ein paar Zimmerleute aus Stangen und Brettern eine Bahre zusammen, legten den Verletzten darauf und bedeckten ihn mit einem alten, zerlöcherten Mantel. Dann hoben sie ihn auf ihre kräftigen Schultern, um ihn nach dem nahen Kloster in den Diokletiansthermen zu tragen. Montalto zog seine Börse und gab Fontana ein paar Scudi. »Sorge in meinem Namen für ihn«, sagte er, »und laß mich bald wissen, wie es mit ihm steht. Gott helfe ihm!« Dann ging er hinter der Bahre zum Tore der Villa; es sah aus wie ein Leichenzug. Fontana bekreuzte sich dreimal. »Wenn es nur keine schlimme Vorbedeutung ist«, murmelte er Sangalletto zu. Als der Wagen beim Heimwege wieder an der Colonnaburg vorbeikam, dachte Montalto lebhaft an seine Vergangenheit zurück. Hinter der Burg, am Fuße des Quirinals, lag die Kirche und das Kloster Sant' Apostoli: dort hatte seine glänzende Laufbahn begonnen, und dorthin war er nach ruhmvollen Wanderjahren zurückgekehrt. Auch mit den Colonna hatte er damals wertvolle Beziehungen geknüpft, die noch jetzt andauerten. »Wie doch die Jahre vergehen«, sagte er zu seinem Hausmeister, der ihm gegenüber im Vordersitze saß. »Dreißig Jahre sind es nun her, daß ich dort einzog. Ich war damals ein junger Fastenprediger und erregte doch schon Aufsehen in der Hauptstadt der Christenheit. Das war viel, denn hier hatte ich nicht schlichte Fromme zu Hörern, sondern Krittler und Neider, sogar Kardinäle und fremde Botschafter. Aber ich war damals noch dreist und verschonte selbst die größten Herrscher Europas nicht. Der hochselige Kardinal Carpi war mein Gönner. Er hatte sich schon seit ein paar Jahren meiner angenommen, als ich bei einem Disput über einen zungenfertigen Kalabresen obsiegte. Es war damals die Zeit, wo die Kirche aus ihrem neuheidnischen Traume erwachte und sich zum Gegenschlage wider die Ketzer aufraffte. Der feurige Ignaz von Loyola und der sanfte Filippo Neri, diese heiligen Männer, die Kardinäle Caraffa und Ghislieri, die nachmals den Thron Petri bestiegen, würdigten mich ihrer Freundschaft und besuchten mich armen Mönch oft stundenlang in meiner Klosterzelle ... Ich werde Ghislieris ersten Besuch nie vergessen. Bei einer meiner Predigten hatte mir ein Feind einen versiegelten Brief auf die Kanzel gelegt. Als ich meine Predigt geendet, erbrach ich ihn. Es war eine Aufzählung aller meiner Hauptsätze, und bei jedem stand mit großen Buchstaben geschrieben: »Du lügst.« Ich erschrak und sandte den Brief an die heilige Inquisition. Gar bald erschien der Großinquisitor Ghislieri in meiner Zelle. Seine tiefliegenden Augen unter den strengen Brauen, seine scharfgeschnittenen Züge jagten mir Schrecken ein, und eine unerbittliche Prüfung begann. Aber je mehr er mich fragte, desto sanfter ward sein Ausdruck, und er lächelte fast. Schließlich umarmte er mich unter Tränen. Seitdem ist er mein zweiter Beschützer geblieben.« Montalto schwieg eine Weile, von dieser Erinnerung hingerissen. Dann begann er von neuem: »Aber auch weltliche Ehre ward mir zuteil. Als Hauslehrer kam ich in den Palazzo Colonna, und das war nichts Geringes für einen armen Mönch, denn wie du weißt, können mit dem Hause Colonna nur noch die Orsini und zwei bis drei andere Geschlechter an Macht und an Glanz wetteifern. Mancher Spargroschen wanderte seitdem nach meiner Heimat, denn meine Schwester Camilla war seit kurzem verwitwet und darbte mit ihren Kindern.« Sangaletto war zwar nur der Hausmeister des Kardinals, aber er besaß seine Zuneigung. Ihm gegenüber verhehlte Montalto nicht seinen Stolz, daß er aus niederem Stande durch eigenes Verdienst und durch Gottes Gnade zum Kirchenfürsten emporgestiegen war. Steil fürwahr und oft rauh war der Aufstieg gewesen. Siege und Niederlagen hatten miteinander gewechselt. Er war in die Welt hinausgesandt worden, um in den Klöstern seines Ordens die Beschlüsse des Tridentiner Konzils durchzuführen und dem heidnischen Unwesen zu steuern, das selbst diese frommen Stätten der Weltentsagung ergriffen hatte. In Siena, in Neapel hatte er mit heiligem Eifer und mit unerbittlicher Strenge durchgegriffen und sich den Dank seiner Oberen verdient, aber auch große Feindschaft bei seinen Ordensbrüdern erregt. In Venedig hatte er den Augiasstall nicht zu säubern vermocht; an dem einmütigen Widerstande war sein harter Wille erlahmt. Mutlos war er nach Rom zurückgekehrt, aber mit größeren Ehren und Vollmachten, als Consultor des Heiligen Officiums, war er wieder zurückgesandt worden und hatte weiter reformiert und geeifert, bis er beim Rate der Zehn als Unruhestifter verklagt ward. Er hatte den Index der verbotenen Bücher veröffentlicht, den Besitzern solcher Bücher die Absolution verweigert und so das blühende Buchgewerbe Venedigs geschädigt. Da hatte die Signoria seine Abberufung gefordert. Aber auch diese Verfolgung hatte ihm mit nichten geschadet, sondern ihn noch größer gemacht. Als apostolischer Vikar seines Ordens war er wieder in Sant' Apostoli eingezogen und hatte den Kampf mit den Widerspenstigen fortgesetzt. Der Kardinal Carpi hatte ihn weiter beschützt, und nach dessen Tode hatte Ghislieri, der den Papstthron bestieg, ihn zu seinem einflußreichsten Ratgeber erkoren. Seitdem stand er im Ruf unbeugsamer Härte, aber er hatte auch Proben von wahrhaft römischer Seelengröße abgelegt. In Venedig hatte er seinen ärgsten Gegner zum Prior des Frariklosters vorgeschlagen, und als der Haupturheber seiner zweiten Abberufung wegen schwerer Verfehlungen nach Rom zitiert ward, hatte er ihn durch seine Fürbitte beim Papste gerettet. So zeichnete sein Charakter sich immer schärfer ab: in der Sache hart und unnachsichtig, war er als Mensch hochherzig und ohne jede persönliche Rachsucht. Christliches Heldentum nannte man das, aber es war ebensogut römische Tugend, eines Trajan würdig. Welch ein Tatensturm lag hinter ihm! Und was hatte er nicht alles erlebt und erfahren! Alle Geschäfte des geistlichen Standes waren durch seine Hände gegangen; selbst die Geheimnisse des Vatikans hatten sich ihm entschleiert. »Ja, ich habe vieles erlebt!« sagte er plötzlich wie im Selbstgespräch. »Fast dünkt es mich jetzt wie ein Traum. Aber nun wird mein Lebensfaden bald abgeschnitten sein, und ich werde meine Tage in der neuen Villa beschließen.« »Wer weiß, was der Himmel Eurer Eminenz noch vorbehalten haben mag«, entgegnete Sangalletto. Aber der Kardinal winkte ihm mit müder Handbewegung ab. 2. Vittoria Accoramboni Endlich hatte Montalto sein Stadthaus erreicht. Er fühlte sich hier wohl im Kreise seiner Sippe, die ihm Ersatz für die eigene Ehelosigkeit bot. Als Jüngling hatte er nur seinem frommen Ehrgeiz gelebt und die Fleischeslust in sich niedergerungen. Vielleicht hatte das ihn so hart gemacht. Auch als Mann war er ein Muster von Sittenstrenge gewesen. Aber stets hatte er die Seinen unterstützt, und jetzt, wo er den Stachel des Fleisches nicht mehr fühlte, war das väterliche Gefühl in ihm rege geworden, und er fühlte das Bedürfnis, für die Seinen zu sorgen, so gut er vermochte. Seine Schwester, die er zärtlich liebte, half ihm diese Jahre neuer, unerwarteter Einschränkung mit Würde ertragen. Die Matrone, wie stets im Hause beschäftigt, begegnete ihm auf dem Flur und sagte mit bedeutungsvollem Lächeln: »Ein Bote erwartet dich, Felice. Er wollte das Paket nur dir selbst übergeben.« Montalto ging in sein Studierzimmer, das mit Büchern umstellt war. Von den braunen oder weißen Lederrücken hob sich hier und da eine Antike ab, die er in seiner Villa ergraben oder billig erhandelt hatte. Auf dem Tische lagen Schriftstücke neben einem aufgeklappten Folianten. Es war eine Ausgabe des heiligen Ambrosius, die er jetzt neu herausgeben wollte. Der Bote trat ein. Es war ein Kurier des Großherzogs Franz in Florenz, der ein Päckchen überbrachte. Montalto stellte ihm Quittung aus und entließ ihn mit einer Gabe. Dann erbrach er hastig Schnur und Siegel und freute sich im voraus des Inhalts, der einen Zuschuß zu den Baukosten bringen würde, eine Abschlagszahlung an Fontana. Befriedigt zählte er die frisch geprägten Zechinen, die auf seinen Schreibtisch rollten. Ein freundliches Handschreiben des Großherzogs lag bei. Der hatte zwar seinen eigenen Bruder im Kardinalskollegium sitzen, einen Mann, der durch seine hohe Geburt wie durch seine Klugheit großen Einfluß besaß und für einen Papstmacher galt, aber trotzdem zahlte er Montalto jetzt die Pension, die Gregor ihm genommen hatte, um sich seiner Freundschaft zu versichern. Das war damals gang und gäbe, und niemand fand etwas Unehrenhaftes dabei. Jeder Potentat hatte derart eine Partei im Heiligen Kollegium und einen offiziellen Vertreter, den sogenannten Protektor. In den laufenden Geschäften der Kurie konnte Montalto seinem Gönner jetzt freilich kaum etwas helfen, aber für die nächste Papstwahl war seine Stimme gewichtig, und wer wußte, wie lange Gregor es noch trieb? Montalto verschloß die Geldstücke in seine Schatulle; dann ging er frohen Herzens in den Speisesaal, wo die Seinen sich schon versammelt hatten. Sein Neffe Francesco Peretti und dessen junge Gattin Vittoria kamen ihm entgegen und begrüßten ihn, dann seine Nichte Maria Damasceni, die Gattin eines römischen Ritters. »Wo ist Fabio?« fragte der Oheim sie. »Er ist heute auf sein Landgütchen geritten«, entgegnete Maria. Schließlich hüpften auch ihre Kinder herbei und küßten Montaltos Hand: der kleine Michele Peretti und seine beiden halbwüchsigen Schwestern Flavia und Ursula. Nur der Älteste fehlte, der elfjährige Alessandro, der bereits in der Priesterschule war und die Eltern nur Sonntags besuchen durfte. Vittorias Anblick erfreute den Kardinal stets besonders. Ihre Schönheit erhellte seine ernsten Züge wie ein Sonnenstrahl. So mönchisch und sparsam er war, für sie hatte er stets eine offene Börse, und er fand es ganz in der Ordnung, daß sie ihre Reize durch Schmuck und reiche Kleidung erhöhte. Maria Damasceni mit ihrem feinen blassen Gesicht sah neben ihr fast wie ihre Mutter aus; auch besaß sie weder ihre melodische Stimme noch ihre Eleganz und Schlagfertigkeit. Montaltos Vorliebe für Vittoria ging bis zur Schwäche. Er übersah ihre Gefallsucht und ihren Aufwand, und kam es zwischen ihr und ihrem Gatten zu kleinen Zwistigkeiten, weil ein junger Römer ihr zu lebhaft gehuldigt oder weil ihre Ansprüche und Tränen Francesco gereizt hatten, so redete er Francesco begütigend zu und sagte: »Sie ist ja noch so jung.« Selbst auf ihre Brüder hatte er seine Gunst ausgedehnt und behandelte sie wie die Kinder seiner eigenen Schwester. Ottavio Accoramboni war auf seine Verwendung hin Bischof von Fossombrone geworden, Julius hatte durch seine Fürsprache eine der ersten Stellungen im Hause des Kardinals Sforza erlangt, und ihr dritter Bruder Marcello, ein Raufbold, der schon viel auf dem Kerbholze hatte, brauchte sich dank dem Schutze Montaltos weniger vor Strafe zu fürchten. Heute hatte sich sogar ein Freund Marcellos zur Tafel eingefunden, ein junger Ritter Cesare Palantieri, aber er behauptete, nicht mal zu wissen, wo Marcello sich gerade aufhielt, und gewiß kam er auch nicht des frugalen Mahles wegen, mit dem man im Hause Montalto fürliebnehmen mußte. Bei Tische machte er Vittoria beharrlich den Hof und erzählte höchst unheilige Dinge, während der Kardinal seiner Schwester von dem Fortschritt der Bauarbeiten berichtete und auch von dem Unglücksfall sprach, der sich heute ereignet hatte. Abergläubisch wie alle Römerinnen, bekreuzte sich Donna Camilla, als sie davon hörte, und gleich Fontana murmelte sie etwas von schlimmer Vorbedeutung. Es war erstaunlich, wie gut die schlichte Landfrau, die als Kind um Bajocs gebettelt hatte, sich in ihre jetzige Rolle hineingefunden hatte und mit welcher natürlichen Würde sie die Hausmutter spielte. Ab und zu blickte sie zu Vittoria hinüber, und mit einem Ohre verfolgte sie deren Gespräche, um nötigenfalls mit einem mahnenden Blick einzugreifen. Aber sie hörte nur Stadtklatsch. Ein reicher Prälat hatte bestimmt, sein Nepot sollte ihn nur dann beerben, wenn er eines natürlichen Todes stürbe. Ein Orsini hatte einem mahnenden Gläubiger gedroht, ihn zum Fenster hinauszuwerfen. Der Gläubiger bat, ihn erst beichten zu lassen. »Was!« rief der Orsini, »wer zu mir kommt, muß vorher gebeichtet haben!« Bei dieser Geschichte schien Montalto aufzuhorchen. Die Zuchtlosigkeit der römischen Adligen war ihm ein Greuel; noch mehr aber erbitterte ihn die Straflosigkeit ihrer Frevel. Besonders die Orsini konnten sich alles erlauben, aber auch die andern brauchten nur Zuflucht bei einem Kardinal, einem römischen Großen oder einem fremden Gesandten zu suchen; dann verschwanden sie für eine Weile und kehrten unangefochten zurück. Freilich trieb es auch Marcello Accoramboni nicht besser, aber bei ihm schien Montalto seine strengen Grundsätze zu vergessen -- alles aus Liebe zu Vittoria. So wahr ist es, daß kein Mensch ohne inneren Widerspruch lebt. Um das Thema zu wechseln, erzählte der Ritter von der bildschönen Clelia Farnese, der natürlichen Tochter des Kardinals. »Ich habe ihr heute morgen meine Aufwartung gemacht«, sagte er. »Aber mein Wort darauf, neben Euch, Signora, verbleicht ihre Schönheit wie der silberne Mond vor dem Glanze der Sonne.« »Das gleiche werdet Ihr morgen der Clelia Farnese versichern, nur umgekehrt«, lachte Vittoria mutwillig. Ihr Lachen hatte etwas Süßes, Geheimnisvolles, das alle Männer bestrickte. »Laßt mich in Stücke hauen, wenn das wahr ist«, beteuerte Palantieri. »Ich dürste nicht nach Eurem Blute«, entgegnete sie. »Ihr werdet es schon selbst bei einem Eurer Raufhändel verspritzen. Irre ich nicht, so hattet Ihr erst vor kurzem einen schlimmen Streit wegen einer Schönen. Und eine Weile waret Ihr aus Rom verschwunden, wie mein trefflicher Bruder Marcello.« »Ich bekenne meine Sünde«, nickte Palantieri stolz, denn dergleichen Händel gereichten einem Manne zur Ehre. »Aber meine Absolution ist diese: Ich kannte Euch damals noch nicht.« Francesco warf ihm einen wütenden Blick zu und schlug mit der Faust auf den Tisch. Alles blickte auf, und Donna Camilla winkte den beiden zu schweigen. Palantieri knurrte eine Verwünschung gegen den Gatten vor sich hin und schaute ihn herausfordernd an, wagte aber nicht weiterzugehen. Auftritte wie dieser waren im Hause nicht selten. Unter solchen Umständen war Vittoria wenig beliebt. Man neidete ihr die Gunst des Kardinals, ihre fast königliche Stellung. Sie aber fühlte sich allen Hausgenossen durch ihre Schönheit und Klugheit unheilvoll überlegen. Ihr guter Tropf von Gatte langweilte sie, und sie hatte keine Kinder von ihm. Wohl war er noch immer rasend verliebt in sie, aber er quälte sie mit seiner Eifersucht, und wenn er ihr auch die gleichen schönen Dinge sagte wie Marcellos Freund, so klangen sie aus dessen Munde doch viel schöner, denn Francesco war nur der Sohn eines besseren Bauern, jener aber ein Ebenbürtiger, ein römischer Ritter. So gut sie es also auch hatte, sie fühlte sich in diesem frommen Bürgerhause nicht wohl. Noch als halbes Kind hatte man sie vermählt, weil ihr Vater den bedenklichen Liebeswerbungen des gefürchteten Herzogs von Bracciano ein Ziel setzen wollte. Der Kardinalspurpur adelte zwar, wie man in Rom sagte, aber Montaltos Herrlichkeit war bald verblaßt, und jetzt führte sie, von glühendem Ehrgeiz erfüllt, ein Leben, das ihr unter ihrer Würde dünkte. Sie fühlte den Neid ihrer neuen Verwandten, vergaß die Wohltaten des Kardinals und verfluchte den Tag, der ihr Schicksal besiegelt hatte. Wenn sie ihre Eltern besuchte, traf sie dort nicht selten ihren alten Verehrer, den Herzog von Bracciano. Ihre Mutter begünstigte diese Zusammenkünfte, und beide Frauen träumten von einem glänzenden Schicksal, dem Francesco im Wege stand. Aber Vittoria hütete sich wohl, ihrem Gatten von diesen Stelldicheins zu erzählen; sie ließ ihn nur ihre Launen fühlen. Um so mehr berauschte sie sich jetzt an den Huldigungen des Ritters wie an einem Weihrauch, der ihrer Schönheit gebührte. Sie spielte zwar nur mit ihm wie mit allen, aber ihr Herz wallte leidenschaftlich, und als Francesco so blöd auf den Tisch schlug, schoß ihr das Blut ins Gesicht. Das Ende der Mahlzeit verlief einsilbig. Vittoria spielte mit ihrem Halsgeschmeide und warf feindliche Blicke auf ihren Gatten, der wütend auf seinen Teller starrte, und Maria beschäftigte sich mit ihren Kindern. Endlich stand man auf, und Vittoria griff zu einer Laute, die an der Wand hing. Sie schlug ein paar Akkorde an; dann begann sie mit süßer, volltönender Stimme zu singen. Es war ein selbstverfaßtes Gedicht, das ein römischer Musiker komponiert hatte. Montalto, der es schon kannte, zog sich wieder in sein Studierzimmer zurück. Er hörte nur noch die erste Strophe, die wehmütig hinter ihm herklang: »Verwegne Wünsche haben mich durchdrungen, Zum leichten Himmel sich emporgeschwungen, Nicht droben mich der sel'gen Lust zu weih'n, Ach, mich zu stürzen in die Erdenpein ...« Das war etwa das Leitmotiv von Vittorias jetzigem Seelenzustand. 3. Die Schicksalsnacht Montalto hatte sich wieder in den Heiligen Ambrosius vertieft und merkte nicht, wie die Stunden entschwanden. Es war bereits Nacht geworden, und noch immer saß er beim Lampenschein über seiner frommen Arbeit, während im Hause alles still ward. Plötzlich hörte er den Klopfer gegen die Haustür dröhnen, die schräg unter seinem Gemache lag. Schritte hallten im Flur, und lebhafte Stimmen sprachen durcheinander. Wer konnte zu so später Stunde noch kommen? War es Fabio, der von seinem Anwesen zurückkehrte? Oder gar der Schlingel, der Marcello, der mal wieder nächtlicherweile Obdach in seinem Hause begehrte? Er sah das keineswegs gern; nur aus Liebe zu Vittoria drückte er auch hier ein Auge zu. Marcello aber hatte es trefflich verstanden, seinen gutmütigen Schwager Francesco durch sein keckes, selbstsicheres Wesen für sich einzunehmen, so daß dieser ihn wie einen Freund behandelte und stets alles tat, was Vittoria für ihren Bruder wünschte. Aber diesmal mußte es doch etwas Besonderes sein, denn der Stimmenlärm wollte nicht verstummen. Schließlich stand Montalto auf und ging hinaus. Der Lärm kam aus Francescos Gemach, dessen Tür halboffen stand. Als er eintrat, sah er, wie sein Neffe sich den Degen umgürtete, während Camilla ihn mit erhobenen Händen anflehte, das Haus nicht zu verlassen. Doch er sagte: »Ich muß hingehen. Die Ehre gebietet es.« Montalto fragte nach dem Grund seines Fortgehens. Er war recht seltsam. Vittorias Kammerfrau Caterina hatte soeben von ihrem Bruder Domenico einen Brief erhalten, den sie ihrer Herrin gebracht hatte. Er war von Marcello geschrieben, der seinen Schwager dringend um Hilfe bat und ihn beschwor, unverzüglich nach dem Quirinalshügel auf den Platz vor dem päpstlichen Sommerpalaste zu kommen. »Zu dieser Nachtstunde!« rief Donna Camilla angstvoll. »Ist der Bote noch da?« fragte Montalto. »Nein, er ist sofort wieder weggegangen.« »Wer war es?« »Der Mancino.« (So nannte man Domenico, weil er linkshändig war.) »Eure Eminenz kennt ihn als zuverlässigen Mann«, bemerkte Vittorias Zofe ungefragt. »Jawohl!« nickte Donna Camilla heftig. »Ein Verbannter, der sich bei Tage in Rom nicht zu zeigen wagt! Geh nicht hin, mein Sohn, es könnte dein Tod sein. Jede Nacht geschehen unerhörte Dinge. Warum schreibt Marcello nicht, um was es sich handelt?« »Der Mancino gehört gleichsam zum Hause«, entgegnete Francesco. »Und ich kann meinen Schwager in der Not nicht im Stiche lassen.« »Wäre wenigstens Fabio da«, sagte die Matrone. »Er könnte dich mit den Dienern begleiten. Aber nun ist er mit dem einen fortgeritten, und uns bleibt nur noch Lorenzo.« »Ich will doch nicht in den Krieg ziehen, Mutter«, lächelte Francesco. »Lorenzo soll mich mit der Fackel begleiten, das genügt. Wir beide werden schon unsern Mann stehen.« »Nimm wenigstens noch den Hausmeister mit, wenn du durchaus gehen willst«, flehte die Mutter. »Ach, das Mönchlein!« lächelte Francesco. »Der fiele uns höchstens zur Last.« Er wollte hinauseilen, aber da warf Donna Camilla sich auf der Schwelle nieder, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Geh nicht hin, Francesco!« sprach sie. »Ich flehe dich an. Tu's mir zuliebe.« Und sie blickte wie hilfesuchend zu ihrem Bruder empor. »Es ist freilich bedenklich«, versetzte Montalto und strich mit der Hand über seinen Franziskanerbart. »Aber als Mann muß er wissen, was er tut.« Francesco küßte seine Mutter auf die Stirn und strich ihr über das graue Haar. »Mach mich nicht zum Feigling, Mutter«, sagte er. »In einer Stunde bin ich wieder zurück.« Da sprach die Matrone zu Vittoria: »Bitte du für mich, denn für mich hat er kein Herz mehr.« Vittoria sank gleichfalls ins Knie und wiederholte, wenn auch ohne Tränen: »Geh nicht hin, Francesco.« »Auch du, Vittoria!« rief er. »Wo dein Bruder in Gefahr schwebt!« Einen Augenblick schien er zu schwanken. Dann aber drückte er sich das Barett in die Stirn und sprach: »Ihr seid Frauen. Tröstet euch, Gott wird mich schützen. Ich muß eilen, ehe es zu spät ist.« Donna Camilla wollte ihn am Zipfel seines kurzen Mantels zurückhalten, aber er war schon die Treppe hinuntergeeilt. Die Fackel des Dieners leuchtete blutrot in der Finsternis. »Francesco! Francesco!« schluchzte die Mutter hinter ihm her. Aber schon fiel die Tür schwer ins Schloß. Da warf sie sich auf den Betstuhl, der im Gemache stand, und erhob flehend die Hände zur Jungfrau. Vittoria hatte ihre Ruhe bald wiedergefunden. »Beruhige dich doch, Mutter«, sprach sie. »Es ist ja nicht das erstemal, daß er zur Nachtzeit aus- und eingeht.« Die Matrone warf ihr einen feindlichen Blick zu. »Ja,« entgegnete sie, »und meist wegen deines Taugenichtses von Bruder!« Auch Montalto suchte sie zu beschwichtigen. Dann kehrte er in sein Studierzimmer zurück. Eine lange bange Stunde verstrich mit Warten und Beten. Montalto zwang sich vergebens zur Arbeit. Die lateinischen Worte des Kirchenvaters tanzten vor ihm auf dem Papier. Er stand auf, öffnete das Fenster und lauschte, ob er nicht den Schritt seines Neffen nahen hörte. Bisweilen streifte ein Trupp heimziehender Gäste, von Fackelträgern begleitet, lachend und singend durch die dunkle Straße, oder eine vermummte Gestalt huschte wie ein schwarzer Nachtfalter durch einen der spärlichen Lichtwürfel, die noch aus erleuchteten Fenstern fielen. Dann hörte er nichts mehr als das Bellen der herrenlosen Hunde, die nach Nahrung suchend umherstreiften. Sein Neffe kehrte nicht heim. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und blickte auf die kleine Nürnberger Uhr, die vor ihm stand und wie ein Totenwurm tickte. Plötzlich hörte er leise gegen seine Tür pochen. Es war Donna Camilla, die in ihrer Angst zu ihm kam. »Hätten wir nur noch einen Diener im Hause«, sagte sie bang. »Der könnte zu den Sbirren laufen und ein paar von ihnen mitnehmen, um Francesco entgegenzugehen. Denn es ist unnatürlich, daß er noch nicht zurück ist. Kannst du nicht den Hausmeister hinschicken? »Sie werden ihn in der Finsternis kaum finden,« wandte Montalto ein, »denn wir wissen ja nicht, welchen Weg er eingeschlagen hat. Aber wenn du durchaus willst, wecke ihn und laß ihn gehen.« »Die Sache scheint mir sehr schlau abgekartet«, sagte die Matrone, ihren Rosenkranz in den zitternden Fingern drehend. »Marcellos Freund hat gewiß die Gelegenheit ausgespäht und ihm flugs mitgeteilt, daß Fabio mit dem anderen Diener fort ist.« »Wer wird gleich so schwarzen Verdacht hegen«, entgegnete Montalto, wiewohl ihm selbst bang zumute war. »Hättest du Francesco nur einfach verboten, fortzugehen,« sagte sie vorwurfsvoll, »dann war alles in Ordnung. Aber in deiner unseligen Schwäche für Vittoria und ihre Sippe ...« Plötzlich dröhnten heftige Schläge gegen die Haustür. Camilla stürzte hinaus, und Montalto ergriff mit zitternder Hand seine Lampe, um ihr nachzueilen. Draußen ertönte wirres Gerede; dann hörte er den gellenden Aufschrei seiner Schwester. Etwas Entsetzliches mußte geschehen sein. Nach Fassung ringend, schritt er die Stufen herab, durch sein langes Priesterkleid behindert. Er sah Camilla ohnmächtig auf dem Treppenabsatz liegen; Vittoria und ihre Zofe waren bemüht, sie wieder aufzurichten. Vor ihnen stand zitternd und mit verstörter Miene Lorenzo. »Francesco ist ermordet!« schrie Maria Damasceni ihrem Oheim entgegen. Die Lampe fiel ihm fast aus der Hand; Maria nahm sie ihm ab. Da bekreuzte er sich mechanisch und empfahl Francescos Seele dem Himmel. Dann gebot er mit zitternder Stimme dem Diener zu reden. Aber auch der war kaum eines Wortes mächtig und rang nach Atem. Schließlich stammelte er: »Kaum waren wir zum Monte Quirinale emporgestiegen ... da blitzten drei Schüsse im Dunkeln auf ... Herr Francesco stürzte zu Boden ... Eine Büchsenkugel streifte meine rechte Hand ... Seht hier das Blut ... Die Fackel entfällt mir ... Und wie sie am Boden schwelt ... sehe ich drei, vier Männer über den Herrn herfallen ... Dolche blitzen auf ... ich ziehe blank und will auf sie losgehen ... Da rennen sie auf mich zu und brüllen: Weg, du Hund, oder du stirbst auch! ... Sie umkreisen mich und wollen mir in den Rücken fallen ... Da war nichts mehr zu retten ... Ich schreie: ›Mord! Mord!‹ und weiche zurück ... Sie hinter mir her, den ganzen Abhang herunter, dicht auf meinen Fersen ... Endlich, an der Colonnaburg, sehe ich Lichtschein ... Ein Schwarm von Nachtgästen mit Fackelträgern kommt über den Platz ... Da verschwinden die Mörder im Dunkeln ... Allein und ohne Fackel, wage ich mich nicht mehr hinauf nach dem Berge ... Ich laufe, was ich kann, durch die Nacht bis hierher ...« Erschöpft hielt er inne und strich sich das Haar aus der Stirn. Donna Camilla kam wieder zu sich und blickte sich verstört um. Als sie Vittorias Zofe erblickte, die ihr ein Riechfläschchen vorhielt, stieß sie sie mit Abscheu von sich. »Weiche von mir, du Hexe!« ächzte sie. »Du hast deine Herrin bezaubert und das ganze Unheil verschuldet.« »Ich eine Hexe, Madonna!« rief Caterina aus. »Die Schönheit meiner Herrin ist ein stärkerer Zauber als alle schwarze Kunst.« »Jedenfalls hat dein Bruder den Brief überbracht,« stieß Camilla hervor, »und du steckst mit ihm unter einer Decke.« Caterina brach in Tränen aus und schwor bei allen Heiligen, daß sie unschuldig sei. Vittoria stand bleich und schön da und drückte ihr Spitzentüchlein an die Augen. Ihre Lippen zuckten wie von einem krampfhaften Lächeln. »Wo ist Lorenzo?« fragte die Matrone plötzlich. »Ich will ihn sprechen.« Der Diener stand noch immer verstört im Flur. Als er sich rufen hörte, schrak er zusammen und kam näher. »Sahst du unter den Mördern bekannte Gesichter?« fragte Donna Camilla. »Nun, heraus mit der Sprache! War vielleicht der Ritter Palantieri dabei, der heute zur Tafel war? Oder Domenico?« »Mein Bruder!« kreischte die Zofe. »Schweig!« fuhr Camilla sie an. Und zu Lorenzo gewendet: »Oder vielleicht auch Marcello?« »Mutter! Diese Schmach vor allen Leuten!« schrie Vittoria auf. »Ich habe keinen erkannt«, stammelte der Diener. »Die schwelende Fackel ... Die Finsternis ... Die Flucht ... Ich hatte meine Sinne nicht mehr beisammen.« Montalto sah, daß er eingreifen mußte. »Camilla, sprach er feierlich, »noch wissen wir nicht, wie die Sache sich zugetragen hat. Richte nicht vorschnell. Der erste Schmerz ist oft maßlos. Warten wir die Untersuchung ab. Gott hat uns furchtbar geprüft, aber wir müssen stark bleiben. Beten wir zu ihm, daß er uns Kraft verleihe.« Von Maria gestützt, wankte die arme Mutter in ihr Schlafgemach, indes Vittoria, von ihrer Zofe gefolgt, zornbebend verschwand. Montalto ging zu seiner Schwester. Mit übermenschlicher Gefaßtheit setzte er ihren Klagen und Anklagen ein Ziel, ermahnte sie zur Standhaftigkeit und zur Duldung. Dann schickte er Sangalletto mit dem Diener zur Engelsburg, um den Mord anzuzeigen und die Sbirren auf die Beine zu bringen, während das Haus in düsteres Schweigen versank. 4. Montaltos Stoizismus Als die ersten rosigen Morgenwölkchen am Himmel erglühten, brachte man den Toten auf einer Bahre ins Haus. Die Sbirren hatten ihn an der gleichen Stelle gefunden, wo er ermordet war. Die Bahre ward in sein Gemach hinaufgetragen. Als der Mantel, der über sie gebreitet war, entfernt wurde, bot sich ein furchtbarer Anblick dar. Die aus großer Nähe abgefeuerten Schüsse hatten Francescos Rock verbrannt, und die Dolche der Mörder hatten seinen Leib buchstäblich durchlöchert. Das wachsbleiche, entstellte Gesicht war mit Blut besudelt; dicke Klumpen geronnenen Blutes klebten auch an seinem wirren Gelock. Vittoria spielte ihre Rolle gut. Sie warf sich über den Toten, raufte sich ihr glänzendes schwarzes Haar und flehte die Rache des Himmels herab. Kurz, sie tat alles, was ein liebendes Weib hätte tun müssen. Nur auf Montaltos Zuspruch beruhigte sie sich und ließ sich fortführen. Donna Camilla und ihre Sippe hatten ihre Gegenwart gemieden. Erst als sie den Toten verlassen hatte, trat die Mutter ein, beugte sich weinend über ihn und küßte seine bleiche, blutige Stirn. Montalto kniete neben ihr nieder und sprach laut die lateinischen Totengebete. Auch sein Antlitz war bleich und übernächtig, aber unbeweglich, als empfände er keinen irdischen Schmerz mehr. Die Seinen faßten es nicht, als er zwei Stunden darauf das Haus verließ und nach seiner Gewohnheit zu Fuß in den Vatikan ging, wo an diesem Tage ein Konsistorium stattfand. Wie groß war erst das Erstaunen der Kardinäle, als sie ihn in der Sala ducale erscheinen sahen; denn die Kunde von der Ermordung seines Neffen hatte sich schon verbreitet, und ein jeder nahm an, er werde sich wenigstens an diesem ersten Tage der Teilnahme an einem öffentlichen Akt entziehen. Aber die so urteilten, kannten Montalto nicht. Er erschien nicht nur als einer der ersten im Saale, sondern er nahm auch die Beileidsbezeigungen seiner Amtsbrüder mit erstaunlicher Fassung entgegen. Kaum einem stand er nahe, und sie machten nicht viel Wesens von ihm. Als alle Kardinäle versammelt waren und der Papst eintrat, wandte er seine Blicke sofort auf Montalto. So groß auch seine Feindschaft gegen ihn war, in diesem Augenblick schluchzte er auf und versprach schnelle und strenge Justiz. Auch Montalto verlor einen Augenblick seine Fassung, und seine Augen liefen über. Doch beschämt, vor seinem Feinde gerührt zu erscheinen, ermannte er sich rasch und dankte dem Papste ehrerbietig für sein Beileid. Dann begab er sich festen Schrittes auf seinen Platz. Das Erstaunen wuchs noch, als er im Laufe des Konsistoriums aufstand, vor dem Throne Seiner Heiligkeit niederkniete und mit ruhiger Klarheit über die Angelegenheiten seines Amtes Bericht erstattete. »Wahrlich, das ist ein großer Mönch«, flüsterte Gregor seinem Neffen, dem Kardinal von San Sisto, zu, als Montalto auf seinen Platz zurückkehrte. Die gleiche übermenschliche Fassung bewies er in seinem Hause. Sein Einfluß auf die Seinen war so stark, daß auch sie ihre äußere Ruhe bewahrten. Selbst bei dem Begräbnis, als die Leiche aus dem Hause getragen ward, ging ihr Schmerz nicht über das hinaus, was bei einem so traurigen Anlaß Brauch war. Die Beisetzung fand in der Kirche S. Maria degli Angeli statt, die Michelangelo in den Hauptsaal der Diokletiansthermen hineingebaut hatte, weit außerhalb der bewohnten Stadt, unweit der Villa Peretti. Wollte Montalto das Grab seines Neffen in nächster Nähe haben? Aber wie stimmte dazu seine anscheinend so große Gefaßtheit? Die Römer zerbrachen sich den Kopf über alle diese Dinge, und der Kardinal Montalto ward eine Weile zum Stadtgespräch. In den höfischen Künsten Bewanderte schrieben seine Gefaßtheit nicht natürlicher Fühllosigkeit zu, sondern einem hohen Grade von Verstellung. Nach ihrer Ansicht wollte Montalto sich durch dies Benehmen den Weg zum Papstthrone bahnen, indem er der Welt zeigte, daß er sich über alles Menschliche zu erheben vermochte. Diese Ansicht befestigte sich noch mehr, als er die üblichen Beileidsbesuche der Kardinäle, Prälaten und römischen Großen empfing. Jedesmal begnügte er sich mit einem kurzen Hinweis auf die Hinfälligkeit aller menschlichen Dinge und führte zum Beweis dafür ein Wort aus der Schrift oder aus einem Kirchenvater an. Dann ging er auf die eigenen Angelegenheiten des Besuchers über oder fragte nach den Stadtneuigkeiten, gleich als hätte er den Tröster schonend von dem Anlaß seines Besuches ablenken wollen. Besonderes Aufsehen erregte der Besuch des Herzogs von Bracciano. Man wußte, daß er Francescos Witwe einst umworben hatte und daß Marcello Accoramboni bisweilen Zuflucht bei ihm fand, und das genügte, um die weitgehendsten Vermutungen daranzuknüpfen. Paolo Giordano Orsini, Herzog von Bracciano, war freilich kein Jüngling mehr, und seine dicke, schwerfällige Gestalt war alles andere als schön. Zudem litt er seit einer Weile an einer eklen Krankheit am Bein, die Lupus genannt ward, denn sie war nur durch Auflegen von rohem Fleisch auf die schwärende Wunde zu lindern. Wäre er ein Schlächtermeister gewesen, denn so sah er aus, dann hätte gewiß kein Mensch in Rom der schönen Vittoria zugetraut, daß sie ihm ihr Herz geschenkt hätte. Aber was vermag nicht ein Fürstenhut und der Glanz eines großen Namens auf ein eitles Frauengemüt! Und fürwahr: selbst der tragische Tod seiner ersten Gemahlin, der Schwester des Großherzogs Franz von Toskana, die er einer Untreue wegen mit eigenen Händen erwürgt hatte, hatte Vittorias Ehrgeiz nicht abgeschreckt. Paolo Giordano erschien also in der Via papale mit kleinem Gefolge, wie es einem Manne seines Standes geziemte, und seine Höflinge, die mehr von der Sache wußten als andere, beobachteten voller Neugier das Mienenspiel beider Männer. Aber weder bei ihrem Herrn noch bei Montalto konnten sie etwas Besonderes wahrnehmen. Der Kardinal benahm sich durchaus so, wie es die höfische Sitte erheischte, und der Herzog brachte sein Beileid in wohlgesetzter Rede vor. Als er zu seiner Karosse zurückkehrte, wiederholte er seinen Gefolgsleuten lachend, was der Papst im Konsistorium gesagt hatte: »Wahrlich, das ist ein großer Mönch!« Schon am nächsten Tage begann sich das Dunkel zu lichten, das über dem Morde geschwebt hatte. Vittoria kehrte von einem Besuch bei ihrer Mutter nicht heim, und am folgenden Tage erfuhr man, daß beide Frauen nebst der Zofe Caterina sich in den Palast des Herzogs von Bracciano begeben hatten. Von dort aus schrieb Vittoria noch einen Brief an den Kardinal Montalto, worin sie ihren Schritt zu rechtfertigen suchte. Die Feindseligkeit, hieß es darin, die seine Familie ihr seit dem Unglück bewiesen, sei ihr unerträglich geworden; man glaube sie im Einverständnis mit den Mördern, und mit diesem Verdachte beladen, könne sie nicht mehr in seinem Hause leben. Zudem schiene auch die Polizei sie der Mitschuld oder Mitwisserschaft für verdächtig zu halten, und da sie ihres Lebens nicht mehr sicher sei, habe sie es vorgezogen, sich in den Schutz eines Mannes zu begeben, der sie vor ungerechter Verfolgung schirmen könne und wolle. Schließlich dankte sie Montalto für alle Güte, die er ihr und ihren Brüdern erwiesen, versicherte ihn ihrer Liebe und Anhänglichkeit und bat ihn, ihren Schritt zu verzeihen. Die Empörung über Vittorias Tun und über diesen Brief war im Hause des Kardinals groß. Nun war es ja sonnenklar, wer den Anschlag verübt hatte, und daß sie mitschuldig war! Aber Montalto krönte sein bisheriges Verhalten dadurch, daß er Vittorias Kleider und Juwelen, alles, was er oder Francesco ihr geschenkt hatte, zu dem Ritter Accoramboni bringen ließ. Da ward Donna Camilla und ihre Sippe an Montalto irre, und zu der dumpfen Trauer, die im Hause herrschte, trat innere Kälte und eisiges Fremdsein. Umsonst ermahnte er jetzt die Seinen, Gottes unerforschlichen Ratschluß auch fürder in Geduld und Demut zu tragen; allen dünkte es, daß er mehr verlange, als Menschen vermögen. Kaum war seine Villa vollendet, so siedelte er dorthin über und schien nur noch mit ihrer Ausstattung und mit seinen frommen Studien beschäftigt. Er überwachte die letzten Arbeiten der Maler und Steinmetze, pflanzte Bäume und benutzte die Abendstunden, um seine Ausgabe des heiligen Ambrosius in den Druck zu bringen. Donna Camillas Haar war seit der Mordnacht völlig gebleicht. Da das Grab ihres Sohnes so weit entfernt lag, ging sie oft in die Peterskirche; dort verweilte sie in langer Andacht vor dem Altar, der Michelangelos göttliche Pietà ziert, betete ihren Rosenkranz ab und blickte zu der jungfräulichen Mutter empor, die den Leichnam ihres gekreuzigten Sohnes im Schoße hielt. Ihren Bruder besuchte sie nur noch selten, wenn sie nach S. Maria degli Angeli gewallfahrtet war, und mehr aus Pflicht und Anstand als aus innerem Bedürfnis. Sie sprach mit ihm nur von den Haushaltungssachen und verließ ihn nie ohne einen stummen Vorwurf im Blick. Weder sie noch die Ihrigen begriffen Montaltos Seelenruhe, noch weniger, daß er nichts unternahm, um den Mord zu sühnen. Die Untersuchung, die der Gouverneur von Rom auf Befehl des Papstes eingeleitet hatte, verlief im Sande. Man erfuhr nur, daß wenige Tage nach dem Morde beim Gouverneur ein Brief eingetroffen war, welcher den Namen des Cesare Palantieri trug, der jetzt außerhalb Roms weilte. Darin hieß es, Seine Heiligkeit brauche nicht nach Perettis Mördern fahnden zu lassen, denn er selbst habe ihn wegen eines Streites, den er mit ihm gehabt habe, ermorden lassen. Aber für Montalto und die Seinen war es klar, daß dieser Brief nur eine Arglist war, um den Verdacht von den wahren Schuldigen abzulenken. Erst später hörte man, daß Domenico, der Bruder von Vittorias Kammerfrau, der den Brief des Marcello überbracht hatte, dingfest gemacht worden war. Auf die Folter gespannt, hatte er schon im zweiten Verhör gestanden, Vittorias Mutter habe die Tat veranlaßt, und vollbracht hätten sie ein paar Bravi eines hohen Herrn, dessen Namen er nicht zu nennen wage. Daraufhin war Domenico wieder auf freien Fuß gesetzt worden, und es hieß, er sei in seine Heimat Bologna verbannt, mit dem Befehl, die Stadt ohne Erlaubnis bei Todesstrafe nicht zu verlassen. In Rom beruhigte man sich über dies Ergebnis bald. Man kannte ja Fälle genug, wo Gregor vornehme Mörder frei ausgehen ließ, weil er sie nicht zu verfolgen wagte, und der Fürst Orsini war der mächtigste Mann und der unbotmäßigste Vasall des Kirchenstaates. Niemand aber zweifelte mehr, daß er der Anstifter des Mordes gewesen sei, zumal Vittoria so bald in seinen Palast übergesiedelt war. Zudem hieß es, daß er eine heimliche Ehe mit ihr eingegangen sei. Aber auch den Marcello Accoramboni bezichtigte man offen der Mitschuld und seine Schwester zum mindesten der Mitwisserschaft. Über den Kardinal Montalto dagegen zuckte man mitleidig die Achsel. Manche glaubten, daß er trotz gerechter Veranlassung zu gut oder zu tugendhaft sei, um irgendwem zu schaden. Andere schalten ihn einen ehrgeizigen Heuchler, der sich den Herzog nicht zum Feinde machen wolle, damit er ihm bei der nächsten Papstwahl nicht hinderlich werde. So blieb Montalto für die Römer ein ungelöstes Rätsel, denn er ließ keinen in seiner Seele lesen. Nur über die allgemeinen Mißstände von Gregors Regierung und über die Günstlinge des Vatikans goß er nach wie vor die Lauge seines Spottes aus, wenn ein paar alte Freunde wie der Kardinal Alessandrino, der Neffe des heiligen Papstes Pius V., gleich ihm von niederster Herkunft, oder der Monsignor Pïerbenedetti ihn in seiner einsamen Villa besuchten. Aber auch ihnen sagte er nicht, wie er über seine eigenen Angelegenheiten dachte. Sofort nach dem Morde seines Neffen hatte er seine Lage überschaut und mit römischer Logik die Folgerungen gezogen. Was er von Gregors Versprechungen und von seiner Justiz zu erwarten hatte, wußte er im voraus, und es war ja auch alles so eingetroffen. Zudem war der Fürst Orsini nicht nur ein unangreifbarer Mann, sondern, und das war die Hauptsache, auch der Schwager des Großherzogs Franz von Toskana, dem Montalto soviel Dank schuldete. Was also hätte er tun können? Vergeblich um Sühne betteln und mit Ausflüchten abgespeist werden, aber sich zugleich die Gunst des Großherzogs verscherzen, der sein einziger Rückhalt war? Das wäre ebenso würdelos wie unklug gewesen. So blieb ihm denn nichts als die Maske der Demut und Ergebung, die er von klein auf zu tragen gelernt hatte. Bisweilen mochte er sich selbst für einen christlichen Dulder halten, so fest war diese Maske ihm angewachsen. In Wahrheit aber glich er dem alten Heiden Prometheus, der an einen Felsen geschmiedet war, indes ein Adler an seiner Leber fraß. Seine alte Spannkraft ließ nach, seine Schläfen höhlten sich, die Runzeln in seiner Stirn gruben sich tiefer, und seine starken Backenknochen, das Erbteil seiner slawischen Voreltern, sprangen noch stärker hervor. So glich er schon fast einem Propheten oder Apostel auf dem Altarbild eines alten Meisters. Nur eine Sühne erlangte er, und das ohne sein Zutun, seltsam genug durch Paolo Giordanos eigene Sippe. Dessen Sohn Virginio nämlich aus seiner ersten unseligen Ehe mit Isabella von Toskana bestürmte seine Oheime, den Großherzog Franz und den Kardinal von Medici, eine zweite Ehe seines Vaters nicht anzuerkennen, denn er fürchtete, sie werde seine künftige Erbschaft schmälern. Bei beiden fand er Gehör. Sie waren zwar selbst skrupellose Politiker und Kinder einer bluttriefenden Zeit, der nichts Menschliches fremd blieb. In ihrem eigenen Hause war Blut geflossen, und Franz hatte sogar eine abenteuerliche Liebesehe mit der schönen Venezianerin Bianca Capello geschlossen, war also wenig befugt, eine zweite Ehe seines Schwagers als unebenbürtig anzufechten. Wenn er und sein Bruder dennoch Vorstellungen beim Papste gegen diese Ehe erhoben, so geschah es aus Furcht vor dem öffentlichen Ärgernis, das auch auf das Haus Medici fiel, wenn der Orsini den Preis seiner Untat erlangte. Und so schwach Gregor auch als weltlicher Herrscher war, als Oberhirt der Seelen durfte er sich doch nicht verleugnen; ja als solcher besaß er noch eine Macht, gegen die selbst ein Orsini sich nicht offen auflehnen konnte. Diesen Vorstellungen gab Gregor auch schließlich Gehör. Er erließ ein Monitorium, worin er Paolo Giordanos Ehe für nichtig erklärte, und Vittoria erhielt den Befehl, zu ihren Eltern zurückzukehren. So geschah es denn auch, aber häufig vertauschte Vittoria das Haus ihrer Eltern mit einem Gartenhaus ihres fürstlichen Liebhabers. Dieser offene Ungehorsam ward selbst dem schwachen Gregor zu viel. Eines Abends drangen Sbirren in den Palast Accoramboni, nahmen Vittoria fest und brachten sie in ein Kloster in Trastevere. Eine Weile darauf ward sie sogar in der Engelsburg eingekerkert und der Mitschuld an Francescos Ermordung angeklagt. Aber auch dieser Prozeß kam nie zum Austrag, und Vittoria blieb Jahr und Tag in der Engelsburg. Übrigens ging es ihr dort nicht schlecht, bis auf die Langeweile, die sie ausstehen mußte. Sie wurde wie eine Staatsgefangene behandelt, und der Orsini ließ es an nichts fehlen, um ihr Los zu erleichtern. Schließlich bequemte sein Eisenkopf sich dazu, in aller Form auf sie zu verzichten und die Ungültigkeit seiner Ehe anzuerkennen. Nunmehr ward sie freigelassen und das Verfahren gegen sie niedergeschlagen. Damit glaubte Gregor, der Gerechtigkeit Genüge getan zu haben. Allein Paolo Giordano hatte sich nur zum Scheine gefügt und gedachte, seinen Willen bei gelegener Zeit durchzusetzen. Vittoria kehrte also nochmals ins Elternhaus zurück. Sie hatte nun Zeit genug, über ihre verfehlte Rechnung nachzusinnen, aber auch sie hoffte noch auf eine glänzende Wendung ihres Schicksals. Als Donna Camilla einmal bei ihrem Bruder über diese klägliche Sühne klagte, entgegnete er: »Sie ist genugsam gestraft. Sie wird nun wohl selbst einsehen, wieviel weiser es gewesen wäre, sich mit den mäßigen Vorteilen eines günstigen Geschicks zu begnügen, als in verblendetem Ehrgeiz nach ungemeiner, aber ungewisser Größe zu trachten.« Diese Worte klangen wie seine eigene Lebensregel, aber Camilla vermochte so wenig wie ein anderer in die Tiefe seiner Seele zu schauen. Sie glich dem stillen Bergsee von Nemi im Albanergebirge, dessen glatte Oberfläche nur das Grün der bewaldeten Ufer und die Bläue des Himmels spiegelt, aber auf dessen geheimnisvollen Grund kein Menschenauge hinabdringt. Immerhin dünkte Vittorias Bestrafung der Matrone als eine Art von Sühne, und sie glaubte, ihr Bruder habe dabei irgendwie seine Hand im Spiele gehabt, wolle es aber nicht sagen. Denn es schien ihr undenkbar, daß er, der den Seinen so viel Gutes erwiesen hatte, Francescos Tod so ganz auf sich hätte beruhen lassen. Dieser Gedanke söhnte sie etwas mit ihm aus, und im Winter siedelte Montalto wieder in sein Stadthaus über. Doch das Unglück lag noch immer wie ein dunkler Schatten auf allen, und Camilla legte ihr Trauerkleid nicht mehr ab. So erhielt das Haus vollends das Gepräge eines Klosters. Ein neuer Kummer trug noch dazu bei: Marias zarte Gesundheit begann seit dem Tode ihres Bruders immer mehr zu wanken. Rote Flecken brannten auf den Backenknochen ihres blassen Gesichts, und die Ärzte befürchteten Schwindsucht. Montalto zeigte ihr jetzt besondere Liebe, und sie empfand sie wie eine Genugtuung; hatte sie doch einst unter Vittorias Bevorzugung tief gelitten. Aber ihr Zustand besserte sich nicht; sie schien bestimmt, ihrem Bruder bald ins Grab zu folgen. Donna Camilla schrieb auch dies Leiden den Zaubermitteln der Zofe Caterina zu; umsonst machte Montalto ihr klar, daß es ein natürliches Siechtum sei. Nur ein Sonnenstrahl fiel in dies düstere Haus, das waren die Besuche von Marias Sohn Alessandro. Montalto selbst neigte sich ihm in Liebe zu. Er ließ ihn öfter als sonst aus der Priesterschule kommen, um ihn zu prüfen und zu unterweisen. Der begabte Knabe mit seinen schönen, klugen Augen war geistig vor den Jahren entwickelt, und sein Lerneifer war groß. Die Oberen waren voll des Lobes über seinen Fleiß und seinen erbaulichen Wandel; selbst der strenge Montalto sah in ihm schon ein Kirchenlicht. In seinen Händen war Alessandro wie weiches Wachs und von fast mädchenhafter Schmiegsamkeit. Der Ritter Damasceni hingegen, ein emsiger Landwirt, der ganz in der Bewirtschaftung seines Gütchens aufging, hatte sein Herz seinem Jüngsten, dem kleinen Michele, geschenkt, in dem er den Stammhalter seines Geschlechtes sah. Mit zwölf Jahren erhielt Alessandro ein richtiges Priesterkleid. Das war ein großer Moment für die ganze Familie. Fortan trug er es mit der Würde eines Prälaten und mit peinlicher Sauberkeit; jedes Stäubchen klopfte und bürstete er von dem schwarzen Tuche. »Er soll es besser haben als ich«, sagte Montalto einmal zu den Eltern. »Auch ich legte mit zwölf Jahren das geistliche Gewand an, aber es war die härene Kutte des heiligen Franz mit dem geknoteten Geißelstrick und Sandalen an den bloßen Füßen. Das Geißeln freilich«, setzte er lächelnd hinzu, »besorgte schon mein strenger Ohm Fra Salvatore, von dem ich manche Schläge bekam. Und das Fasten brauchte ich nicht erst zu lernen; ich kannte es schon von zu Hause, denn die Mutter schickte mich mit einem Stück Brot in die Schule; ich verzehrte es am Rand eines Brunnens, der das Wasser dazu gab ... Und doch war diese harte Schule gut; es taugt nichts, die Kinder zu verweichlichen.« 5. Der Straßenkampf Das Maß der Prüfungen, die Gott dem Kardinal Montalto und den Seinen verhängt hatte, war indes noch nicht voll. Kaum anderthalb Jahre nach Francescos Ermordung kam der Orsini mit seiner Geliebten in Trevi zusammen, und fortan lebten beide wie Mann und Frau, sei es in seinem Palaste in Rom oder in dem düsteren Schloß von Bracciano. Und im April 1583, zwei Jahre nach jenem Morde, erfuhr man von einer neuen heimlichen Trauung. Mochte also Vittoria die Geliebte des Herzogs sein oder zum Schein seine Gattin, jedenfalls trotzten beide dem Papst ins Gesicht. Und in dem Palast des gefürchteten Großen hätte Gregor sie nicht zum zweitenmal zu verhaften gewagt. Ein Ereignis, das gerade damals stattfand, zeigte das ganze Maß seiner Ohnmacht. Wieder war es ein Orsini, ein Neffe des Herzogs, der den Anlaß dazu gab. An einem Apriltage des Jahres war der Kardinal Montalto nach seiner Gewohnheit zu Fuß in den Vatikan gegangen, nur von seinem Diener Lorenzo begleitet. Bei der Rückkehr schritt er über den Blumenmarkt an dem Palazzo Orsini vorbei. Der Markt prangte in allen Farben des Lenzes. Auf den Blumenständen schimmerte das Blau der Vergißmeinnicht wie Florentiner Seide, keusche weiße Lilien glänzten auf hohen Stengeln wie Heroldsstäbe der Engel, und zwischendurch flammte das blutige Rot der Rosen und Violen wie venezianischer Sammet. Plötzlich sah Montalto sich von Bewaffneten umringt. Es waren päpstliche Sbirren, die im nächsten Augenblick ihre Büchsen anschlugen. Gleich darauf krachten dicht vor ihm Schüsse, und über die Feuergarben und den Pulverdampf hinweg sah er die Oberkörper degenschwingender Reiter, die wütend auf die Polizeisoldaten einhieben. Er selbst wurde von ihrem Anprall zurückgerissen und taumelte gegen den Laden eines Handwerkers. Als er sich in die Tür flüchten wollte, wurde sie von innen hastig verschlossen. Sein Diener war von ihm abgedrängt. Plötzlich sah er, wie einer der Reiter die Sbirren durchbrach und blindlings auf den Wehrlosen losstach. Er stieß einen Schrei aus; dann verschwand sein Körper unter den Pferdehufen. Wieder blitzten Schüsse auf, und Montalto sah nichts mehr. Die Luft war erfüllt von Pulverdampf, Staub, Gebrüll und schallenden Hufschlägen. Ein durchgehendes Pferd raste durch das Getümmel. Sein Reiter, mit einem Fuße im Bügel hängend, ward über das Pflaster geschleift. Entsetzt und wütend zugleich pochte Montalto gegen die Ladentür. »Um Gottes und der Heiligen willen, öffnet!« rief er. Der Fensterladen über der Tür ging halb auf, und ein verstörtes Frauengesicht blickte hinaus. »Was gibt es? Wer seid Ihr?« »Ich bin der Kardinal Montalto. Sie haben meinen Diener erstochen.« Schritte knarrten die Stiege herunter und hallten im Flur. Dann wurde der Riegel zaghaft zurückgeschoben, und der Frauenkopf erschien in der Türspalte. »Rasch! sagte Montalto und wies auf den Diener, dessen Körper sich wieder unter den aufwallenden Staubwolken zeigte. Er zuckte noch ein paarmal, dann streckte er sich starr aus. Das Weib warf einen raschen prüfenden Blick auf den roten Kardinalshut, dann riß es kurz entschlossen die Tür auf und zog ihn am Ärmel hinein. Montalto wies nochmals auf den Toten. Aber die Frau schlug rasch die Tür zu und schob hastig den Riegel vor. »Dem ist nicht mehr zu helfen«, sagte sie. Es war höchste Zeit, denn ein Büchsenschuß klatschte gegen die Tür, und im nächsten Augenblick prallten die Kämpfenden so wild dagegen, daß der Rahmen krachte und der Kalk von der Wand sprang. »O Madonna, hilf uns!« schrie das Weib zu dem kleinen Muttergottesbild empor, das im Schein eines Öllämpchens in dem dunklen Gang aufleuchtete. »Sie brechen uns die Tür ein, um zu plündern und zu morden.« Das Getümmel entfernte sich etwas, und die Schüsse hallten weniger laut, wie die Schläge eines abziehenden Gewitters. Die Frau wollte die Stiege hinaufeilen, um durchs Fenster hinauszuschauen, als es dreimal rasch gegen die Tür pochte. »Öffne, ich bin's, Antonio«, rief eine atemlose Männerstimme. Das Weib ließ seinen Mann ein. Es war ein bleicher Mensch mit harten Zügen, dem ein schwarzer Haarschopf in die Stirn fiel. Beim Anblick des Fremden stutzte er. »Ich bin der Kardinal Montalto«, erklärte dieser. »Der Tumult auf der Straße zwang mich, hier Zuflucht zu suchen. Mein Diener liegt erstochen auf der Straße. Helft ihn mir hereinbringen; dann will ich gehen und Leute schicken, die ihn abholen.« »Unmöglich; Eminenz«, entgegnete der Mann. »Das ganze Stadtviertel ist in Aufruhr ...« »Aber was ist denn geschehen?« fragte Montalto. Ohne zu antworten riß der Mann eine Tür auf und lief in seine Werkstatt, Blöcke von Travertin und Marmor, halbfertige Säulenkapitelle und Balkonbrüstungen, wurden darin sichtbar. Es war die Werkstatt eines besseren Steinmetzen, der für den Vatikan und die Bauhütte der Peterskirche arbeitete. Er streifte sich hurtig die Ärmel hoch, schleppte mit seinen sehnigen, behaarten Armen ein paar Blöcke herbei und schichtete sie gegen die Tür. »So,« sagte er befriedigt, »nun werden sie nicht so leicht eindringen. Alle Welt verbarrikadiert sich.« Montalto wiederholte seine Frage. »Was geschehen ist, Eminenz?« wiederholte der Steinmetz. »Was in Rom so Brauch ist. Die Sbirren haben sich mit den Orsini in die Haare gekriegt. Sie hatten Befehl, einen von dem Gesindel zu verhaften, dem der hochmögende Herr Raimondo Orsini Unterschlupf gibt, und wie Eure Eminenz wissen wird, ist das keine kleine Sache, beim heiligen Petrus! Der Bargello wird sich wohl eine Stunde ausgesucht haben, wo die Herrschaft nicht zu Hause war. Ich sah auch wirklich, wie die Sbirren den Verhafteten abführten, wahrlich ein seltenes Ereignis! Aber der Bargello hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn sehr zur Unzeit kam der Herr Raimondo Orsini mit ein paar anderen jungen Baronen und ihren Reitknechten des Weges geritten. Er brüllte den Bargello sofort an, wie er dazu käme, sein Hausrecht zu verletzen, und gebot ihm, den Banditen unverzüglich freizulassen. Der Bargello entgegnete, er handele auf höheren Befehl, und das genüge ihm. Da schlug ihm der Junker mit der Reitgerte ins Gesicht; ich sah es selbst von der Türschwelle aus. Nun schlugen die Sbirren ihre Büchsen an, und der erste Schuß traf den Herrn Raimondo Orsini! ›Rache!‹ brüllten seine Leute, ›Rache!‹ Das weitere hat Eure Eminenz ja selbst miterlebt ... Nun wird es wieder Straßenkämpfe geben, Gott weiß, wie lange. Kein Mensch ist seines Lebens sicher, noch kann man seiner Arbeit nachgehen. Die Orsini werden alle ihre Leute in Stadt und Land aufbieten und die Sbirren wie Wild in den Straßen jagen. Dann brauchen nur noch die Banditen von draußen zu kommen; das wird eine schöne Plünderung geben ... Doch dies ist kein Verbleib für Eure Eminenz; kommen Sie hinauf in die Stube, da können wir Ausschau halten, wie die Sache steht.« Der Steinmetz ging voran, die enge, knarrende Stiege hinauf, und führte Montalto in ein kahles Zimmer, dessen glaslose Fenster mit Holzläden geschlossen waren. In dem Halbdunkel erkannte der Kardinal ein großes Ehebett mit hochgetürmten Kissen und dürftigem hölzernen Hausrat. Ein paar schmutzige, zerlumpte Kinder drückten sich scheu in eine Ecke. Die Frau wollte sie fortschicken, aber der Kardinal wehrte es ihr mit den Worten: »Unser Heiland sagt, lasset die Kindlein zu mir kommen.« Da glänzten die scheuen Augen der Frau auf; sie rief den Kindern ein Wort zu, und ihre Erstarrung begann sich zu lösen. Der Steinmetz war an ein Fenster geeilt und hatte den Laden ein wenig geöffnet: »Da sehe Eure Eminenz selbst, wie es hergeht«, sagte er, und Montalto blickte durch den Spalt hinaus. Der Platz war mit einer schreienden Volksmasse bedeckt, die zwischen den umgestürzten Blumenständen hin und her tobte. Mittendrin krachten immer noch Schüsse und bäumten Pferde empor. Dann stob der Schwarm kreischend auseinander, um sich im nächsten Augenblick wieder zusammenzuballen. Und über alledem wirbelte Staub und Pulverdampf, von den heißen Sonnenstrahlen niedergedrückt. »Eure Eminenz kann hier nicht bleiben«, fuhr der Steinmetz fort. »Geben Sie mir einen Ring oder irgendein Erkennungszeichen, und ich laufe flugs nach der Engelsburg zum Herrn Gouverneur, damit er Ihnen Bedeckung schickt. Denn ein einzelner, wenn er nicht vom Volke ist und sich klein machen kann, kommt heute nicht lebend vom Platze.« Der Steinmetz wußte wohl, zu welchem gefährlichen Gang er sich erbot. Aber er rechnete auf Belohnung, vielleicht gar auf die Protektion des Purpurträgers. Dieser Tag konnte sein Glück machen, denn es war ein Glücksfall ohnegleichen, daß ein Kardinal seine Bude betrat, und der Römer wußte aus täglicher Erfahrung, daß das Glück im Leben alles bedeutet. Montalto fand, daß der Mann recht hatte. Wo man seinem Kardinalshute jede Achtung versagte und seinen unschuldigen Diener erstochen hatte, wäre es in der Tat ein Kunststück gewesen, mit heiler Haut durch die aufgeregten Volksmassen heimzukehren. Er unterdrückte einen Seufzer, zog ein Papier aus der Tasche, und der Steinmetz holte ein Stück Blei aus der Werkstatt herauf. Dann schrieb Montalto ein paar Zeilen, händigte sie ihm aus und gab ihm zur Beglaubigung seinen Wappenring, denn als Kardinal führte er ein Wappen, wiewohl er nur ein Pächterssohn war. Der Steinmetz ging mit seinem Weibe hinunter. Montalto hörte, wie er die Steinblöcke von der Tür fortschob und Anweisungen gab, sie wieder zu verrammeln und niemanden einzulassen. Dann sah er den Mann in der Menge verschwinden. Das Getümmel auf dem Platze schien sich etwas zu legen. Die Kinder begannen in der Stube zu spielen und rollten ein paar Marmorstückchen über die Dielen. Die Frau kam wieder herauf und schob ihm einen Holzstuhl hin; dann trat sie an das andere Fenster, um Ausschau zu halten. Montalto wappnete sich mit Geduld, und seine Blicke kehrten sich von der Außenwelt ab. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Das also war aus Rom unter Gregor geworden! Wieder war es ein Orsini, der Anlaß zu einer Schlächterei gab, und wieder hatte ein Bravo der Orsini einen Mann seines Hauses getötet. Würden wenigstens diesmal die Schuldigen ihre verdiente Strafe erhalten? Ganz gewiß nicht! Dieser Papst würde keinem römischen Baron mehr ein Haar krümmen. Montalto ballte zornig die Faust, und ein paar Hassesblitze schossen unter seinen buschigen Brauen hervor. Das war der große Jurist, der einst die Zierde der hohen Schule von Padua gewesen war, bevor er in den geistlichen Stand trat! Sein Lieblingsvergnügen war es noch jetzt, Gerichtssitzungen abzuhalten und wohlweise Urteile zu fällen. Er konnte trefflich mit Formeln hantieren, Beweise am logischen Schnürchen aufreihen! Dann klappte er befriedigt die Akten zu und ließ den Dingen ihren Lauf! Montalto dachte an die Zeit zurück, wo er zuerst mit ihm zu tun gehabt hatte, wo der Haß zwischen dem Formelmenschen und dem glühenden Eiferer ausgebrochen war. Es war nicht lange vor Gregors Thronbesteigung, in Spanien, wo er den damaligen Legaten Buoncompagni begleitet hatte, um den Prozeß des Erzbischofs von Toledo zu führen, der als Ketzer verklagt war. Bei dieser Reise hatte Buoncompagni ihn grundlos gedemütigt, um ihn den Abstand zwischen einem Kardinallegaten und einem bloßen theologischen Berater gründlich fühlen zulassen. Er hatte ihn unter den Troßknechten auf einem Maultier hinterdrein reiten lassen wie einen Schreiber oder Diener, während er selbst, eitel und hochfahrend, zu Roß vorantrabte und ihn seinen Staub schlucken ließ, -- ihn, den Ratgeber des heiligen Pius, den Freund Loyolas und Filippo Neris, eine Säule der Gegenreformation! Ein Pochen gegen die Haustür riß ihn aus seinem Brüten empor. Er blickte hinaus und sah eine Halbkompanie päpstlicher Soldaten, mit Piken oder Büchsen bewaffnet, längs der Häusermauern anrücken. Auf dem Platze lief die Menge schon auseinander; man begann die Toten und Verwundeten aufzulesen, die auf dem blutdurchwirkten Teppich zertretener, durcheinandergestreuter Blumen lagen. Der Steinmetz kam mit Siegermiene herauf und brachte dem Kardinal seinen Ring zurück. »Du bist ein braver Mann, Antonio«, sagte Montalto und zog ein Goldstück aus seiner Börse. Nimm dies einstweilen für die Deinen. Und wenn du für mich arbeiten willst, so gehe nach meiner Villa auf dem Esquilin bei S. Maria degli Angeli und melde dich bei meinem Baumeister Fontana. Ich werde mit ihm sprechen. Es findet sich gewiß noch was für dich zu tun. Antonio strahlte. Er wollte den Saum von Montaltos Purpurkleid küssen, aber der wehrte es ihm und reichte ihm die Hand zum Kusse. Das Weib kniete nieder und bat um seinen Segen. Er gab ihn und wandte sich zur Tür, aber der Mann schien noch etwas auf dem Herzen zu haben. »Nun?« fragte Montalto. »Eminenz,« begann der Steinmetz zögernd, »nichts für ungut, wenn ich noch eine Bitte wage. Ich will nichts für mich haben ...« »Für wen denn?« »Wir alle beten: Herr, erlöse uns von dem Übel! Wenn die Stunde kommt, und sie ist vielleicht nahe, so gedenkt dieses Tages, und das Volk wird Euch segnen. Mehr wage ich nicht zu sagen.« »Gottes Ratschluß ist unerforschlich«, versetzte Montalto, seine Bewegung niederzwingend. Die Leiche des Dieners fand sich auf einer Türschwelle, wohin man sie gelegt hatte. Die Soldaten kreuzten vier Piken zu einer Art von Bahre und legten den Toten darauf, als hätten sie schon Übung darin. Dann breiteten sie einen Mantel über ihn und hoben ihn auf. Sein Kopf fiel schwer zurück und schaukelte hin und her; Blut troff aus der klaffenden Kopfwunde, die ein Pferdehuf geschlagen hatte. Der erste Halbzug setzte sich in Marsch; Montalto schloß sich an, und der Rest der Soldaten folgte mit der Leiche. Aus einigen Fenstern blickten neugierige Gesichter auf den traurigen Zug herab. So mußte der Kardinal durch die Straßen zurückkehren! Überall waren die Haustüren geschlossen und die Fenster der Kaufbuden mit Brettern verstellt. Hin und wieder stockte der Zug und mußte sich mit vorgehaltenen Piken Bahn brechen. Aber es kam zu keinem Straßenkampfe mehr. Nur in der Ferne hörte man noch hin und wieder Schüsse und Geschrei. Endlich gelangte man nach der Via Papale, wo Montalto von den Seinen schon bange erwartet ward. »Auch er!« seufzte er, als Donna Camilla die Leiche erblickte. Sie wußte im voraus, daß auch dieser Mord ungesühnt bleiben würde. 6. Das Faustrecht Wie der Steinmetz prophezeit hatte, tobten die Straßenkämpfe noch tagelang fort. Die Orsini brachten alle ihre Leute auf die Beine und zogen andere vom Lande herbei, um den Tod des Herrn Raimondo zu rächen. Überall machten sie Jagd auf die Sbirren und verfolgten sie bis in die geheiligte Umfriedung des Vatikans. Der Pöbel von Trastevere, der die Hüter der Ordnung haßte, beteiligte sich mit Freuden daran und zeigte seine ganze zuchtlose Wildheit. Nur der Bargello, der Anführer der Sbirren, auf den man besonders fahndete, war als Lastträger verkleidet entronnen. Doch er ward auf der Landstraße ergriffen und auf Andringen der Orsini vor der Engelsburg gehenkt, zum Lohne dafür, daß er dem Gesetz hatte Achtung verschaffen wollen. Erst nach dieser Sühne zogen die Orsini ihre Leute zurück, und Rom atmete wieder auf. Aber damit war noch nicht alles abgetan. Ludovico Orsini, der Bruder des Gefallenen, nahm noch persönliche Rache, die höher zielte. Gregor hatte einen natürlichen Sohn aus der Zeit seines weltlichen Standes, den Signor Giacomo, den er zum Herzog von Sora und zum Gonfalonier der Kirche erhoben hatte. Als solcher hatte er die höchste weltliche Macht im Kirchenstaat inne. Auf Andringen der Kardinäle hatte Gregor ihn zeitweise aus seiner Nähe verbannt, aber immer wieder siegte das Vaterherz über seine Gewissensbedenken, und jetzt hatte er ihn abermals in seine Würde eingesetzt. Eines Tages nun hatte sein Leutnant oder Stellvertreter Vincenzo Vitelli im Vatikan ein Spielchen mit ihm gemacht, denn der Herzog liebte die Kurzweil. Dann war er in seinem Wagen nach Hause gefahren. Unterwegs aber ward er auf offener Straße von Ludovico Orsini und einem Hauptmann niedergeschossen, und der Mörder erklärte dreist, sein Streich sei für einen anderen bestimmt gewesen, nämlich für den Signor Giacomo selbst. Da raffte sich dieser auf, ihn zu verfolgen; aber Ludovico ergriff die Flucht und wurde Bandit. Soweit war es in Rom mit der päpstlichen Herrschaft gekommen. Doch es kam noch schlimmer. Gregors einziger Freund war der Kardinal Savelli, ein Mann aus einem der erlauchtesten Häuser Roms. Eines Tages fuhr dessen Bruder, der Monsignore Mario Savelli, zwischen der Porta del Popolo und der milvischen Brücke spazieren. Das war damals der Korso der vornehmen Welt, auf dem jeden Nachmittag die Wagen und Reiter von den Fußgängern begafft wurden. Plötzlich ward er von vier unbekannten Reitern umzingelt und durch einen Büchsenschuß niedergestreckt. Inmitten der allgemeinen Bestürzung entkamen die Mörder unbehelligt. Aber die Frechheit der Banditen kannte keine Grenzen mehr. Unter ihren Hauptleuten war ein entlaufener Priester Guercino, der sich König der Campagna nannte und besonders gefürchtet ward. Eines Tages überfiel er mit seinen Leuten die Stadt Monte Abbandone, ließ alle seine Feinde ergreifen und sie vor den Augen ihrer Mütter und Frauen hinrichten, während seine Bravi auf dem Marktplatze tanzten. Er selbst hielt zwar noch auf eine gewisse Ehre, denn er nahm den Kurieren der fremden Mächte nur ihre Briefschaften ab, ließ ihnen jedoch ihr Geld; um so raubgieriger und grausamer aber waren seine Leute. Von allen Seiten liefen in Rom Klagen und Hilfeschreie ein. Da raffte Gregor sich auf und sandte den Signor Giacomo mit Truppen ins Feld. Es gelang ihm auch, die Räuberbanden zu zerstreuen, aber kaum war er heimgekehrt, so brach das alte Unwesen erst recht wieder aus. Auch der Ritter Damasceni, Montaltos Anverwandter, fiel ihm zum Opfer. Eines Tages ward er auf seinem Landgütchen von Räubern umzingelt, die ihm einen Ochsen aus dem Stalle zogen. Er bot ihnen Lösegeld, aber sie wollten das Fleisch, und als sich ein Wortwechsel entspann, stach der Führer der Rotte ihn kurzerhand nieder. Dann raubte man sein ganzes Anwesen aus, und die zitternden Knechte und Mägde entflohen nach Rom. Wie ein Blitz schlug dieser neue Frevel in Montaltos Haus. Selbst seine Fassung brach jetzt zusammen. »Gott im Himmel,« rief er mit Tränen im Blick, »wie lange läßt du uns noch unter dieser Zuchtrute leiden!« Er konnte sich jetzt mit dem Kardinal Savelli und mit Gregor selbst die Hand reichen; dank der Schwäche des Papstes war kein Mensch seines Lebens mehr sicher. Eine Rettung aber schien unmöglich, denn das Übel war von alters her eingewurzelt, und die Nachbarn des Kirchenstaates sahen es gern, daß der Papst in Not und Bedrängnis war. Je schwächer er dastand, desto mehr wuchs ihre eigene Macht. Maria Damasceni erholte sich von diesem Schlage nicht mehr. Ihr Leben erlosch wie eine Lampe ohne Öl, und eines Tages ließ sie ihre Kinder als Waisen zurück. »Nun mußt du noch einmal zur Mutter werden«, sprach Montalto zu seiner Schwester. »Ich aber werde Vaterstelle an den armen Waisen vertreten.« Des zum Zeichen gab er den Kindern den Namen Peretti und adoptierte sie in aller Form. Und zur Erziehung der beiden Knaben erkor er den gelehrten Monsignore Papio. So furchtbar dies neue Unglück auch war, es war doch fast wie ein Naturereignis, ein Walten blindwütender Kräfte, kein persönlicher Mord. Gleichwohl trug auch an ihm letzten Endes Papst Gregor die Schuld. Was aber tat dieser große Jurist? Er verhandelte mit dem Räuberhauptmann, weil er seine Ohnmacht einsah, und erlaubte ihm nach Rom zu kommen, um ihm eine Bittschrift zu überreichen. Darin forderte Guercino nichts Geringeres als seine Absolution für vierzig Morde; denn so sehr er auch des Papstes als Herrscher spottete, er glaubte doch an seine bindende und lösende Gewalt und wollte eines seligen Todes sterben. Ein Grauen überlief Gregor, als er die lange Reihe von Mordtaten las, für die er dem Räuber Vergebung gewähren sollte. Aber man sagte ihm, es bliebe ihm nur die Wahl zwischen drei Dingen. Entweder müsse er gewärtigen, daß sein Sohn von Guercinos Hand falle, oder er müsse diesen selbst umbringen lassen; wo nicht, müsse er ihm die Absolution geben. Endlich rang sich der Greis zu dem letzten Entschluß durch und unterschrieb blutenden Herzens das Dekret seiner eigenen Schande. Guercino aber kehrte zu seinen Bravi zurück, um neue Frevel zu begehen; hatte er doch seine Hand an der Gurgel des Papstes. So endete Gregors Herrschaft mit einer blutigen Posse, und er selbst ward das Opfer seiner elenden Schwäche. Als Oberhirt der Seelen mußte er Vergebung für Frevel gewähren, die er als weltlicher Herrscher aufs strengste hätte ahnden müssen. Seine weltliche und geistliche Macht klafften völlig auseinander. Noch ein Schritt weiter, dann brachen beide zusammen, und der Papst selbst vollendete das Werk Luthers und Calvins. Dann blieb ihm nur noch die Rückkehr ins Exil nach Avignon, und vertrieben ihn auch von dort die Wirren, die der Glaubenskrieg in Frankreich erregt hatte, so konnte er sich nur noch unter die Fittiche Spaniens retten. Wo war ein Mann, der die Kirche von ihrem Untergange zurückriß, der ihre geistliche und weltliche Macht wieder zusammenfaßte und die eine durch die andere stützte? Dieser Mann lebte, verstoßen, rechtlos, und verzehrte sich in stummer Qual. 7. Das Konklave Obwohl schon vierundachtzig Jahre alt und im dreizehnten Jahre seines Pontifikats, war Gregor noch immer rüstig und anscheinend von bester Gesundheit. Wie stets zeigte er sich in der Öffentlichkeit, las dreimal in der Woche die Messe, hielt seine Konsistorien ab und empfing die fremden Gesandten. Seine Höflinge schmeichelten ihm, er werde gleich seinem Vater ein biblisches Alter erleben und seine Kraft noch lange der Christenheit widmen. Da geschah es Ende November des Jahres 1584, daß der Blitz in die päpstliche Standarte auf der Engelsburg einschlug. Die abergläubischen Römer erblickten darin ein göttliches Vorzeichen seines baldigen Todes. Zwar schien seine Gesundheit nach wie vor unverwüstlich, doch das Vorzeichen hatte nicht getrogen. Anfang April 1585 bekam er ein Fieber, hielt aber trotzdem noch ein Konsistorium ab und empfing den spanischen Botschafter. Erst am nächsten Tage verbreitete sich das Gerücht, daß er bettlägerig sei und starke Erkältung habe. Da geriet ganz Rom in Gärung und sprach von nichts als von seiner Krankheit. Jedermann hatte plötzlich einen Freund oder Verwandten im Vatikan, von dem er sichere Kunde zu haben behauptete, und war es auch nur ein Stallknecht oder ein Küchenjunge. Und jeder stellte Prognosen an wie ein Arzt. Wurde doch Hoch und Niedrig gleichermaßen von dem Thronwechsel betroffen. Die einen fürchteten, alles zu verlieren, und die anderen hofften, alles zu gewinnen. Vor allem aber begann man über seinen Nachfolger zu orakeln, der aus dem Konklave hervorgehen werde. Menschenmassen erfüllten dauernd den Petersplatz und belagerten den Eingang zum Vatikan. Wie ein Donnerschlag fuhr am 10. April unter sie die Kunde, daß der Heilige Vater ohne Beichte und Kommunion plötzlich verschieden sei; sein Neffe, der Kardinal von San Sisto, hatte ihm die letzte Ölung gegeben. Zum Glück kam sein Tod so überraschend, daß die Banditen nicht darauf gerüstet waren; sonst hätten sie gewiß einen Handstreich auf Rom gewagt. Das erste, was darum geschah, waren Maßregeln gegen einen Überfall. Gregors zweiter Neffe, der Kardinal Guastavillani, der als Apostolischer Kämmerer die Staatsgeschäfte während des Interregnums zu führen hatte, bildete mit den Kardinälen Medici und Colonna ein Triumvirat, um die öffentliche Ordnung zu sichern. Kein Bandit ward in Rom geduldet; die großen Barone erhielten Mahnschreiben, ihre Leute in Schach zu halten; ebenso wurden der Großherzog von Toskana und der spanische Gouverneur in Neapel aufgefordert, vorbeugende Maßregeln auf ihrem Gebiete zu treffen. Um aber noch mehr zu tun, hoben die Sforza Mannschaften zur Verstärkung der Sbirren aus, und nach altem Brauche übernahmen die Savelli den Schutz des bevorstehenden Konklaves. So herrschte in Rom zwar Erregung, doch kein Aufruhr, und die Leichenfeiern für den Verstorbenen fanden streng nach dem vorgeschriebenen Ritus statt. Plötzlich aber erfuhr man, daß der Fürst Prospero Colonna mit seinen Bravi gegen die Stadt rücke. Zum Glück ließ er sich von seinem Bruder, dem Kardinal, Halt gebieten, doch kaum war Gregor bestattet, so erschien er selbst trotz dem ausdrücklichen Verbot der drei regierenden Kardinäle in Rom, zunächst nur mit einem Gefolge von dreißig Mann, aber an jeder Straßenecke nahm die Zahl seiner Anhänger zu, und auf dem Wege von seinem Palast bis zu dem des Kardinals Medici schwoll sie auf zweitausend an. Wozu diese drohende Geste? Gregor hatte ihm ein strittiges Lehen fortgenommen, aber er hatte es bereits wieder besetzt. Was wollte er also? Verhüten, daß eine Kreatur dieses Papstes gewählt wurde, oder dem Konklave seinen eigenen Kandidaten aufdrängen? Niemand erfuhr es, aber man machte sich schon auf neue Straßenkämpfe gefaßt. Zum Glück verließ er Rom wieder, wie er gekommen war, offenbar aus Furcht vor seiner Verhaftung, aber die Warnung war doch beachtlich. Man mußte rasch einen neuen Papst wählen und klare Verhältnisse schaffen. Dem Brauche gemäß begann das Konklave erst zehn Tage nach dem Tode des Papstes. Es war an einem Ostersonntag -- genau vier Jahre nach der Ermordung Francesco Perettis. In der überfüllten Peterskirche wohnten die Kardinäle dem Hochamt und der Predigt bei, dann zogen sie feierlich in den Vatikan ein und begaben sich in ihre Zellen, die in der Sala ducale und den anstoßenden Gemächern und Gängen hergerichtet waren. Zum Zeichen der Trauer waren sie mit violettem Tuch ausgeschlagen. Am nächsten Tage traf noch der Kardinal Andreas von Österreich ein, der Sohn des Erzherzogs Ferdinand und der schönen Philippine Welser. Der war trotz seiner Beleibtheit in sechs Tagen von Innsbruck nach Rom geritten und kam gestiefelt und gespornt vor dem Vatikan an, wo er halbtot aus dem Sattel sank. Das Konklave war bereits geschlossen, aber nach einigen Schwierigkeiten ließ man ihn noch ein. Schon vor Gregors Tode hatten sich Parteien im Heiligen Kollegium gebildet, und jetzt erörterte man im Konklave wie in der Stadt eifrig die Aussichten der papstfähigen Kandidaten. Unter ihnen nannte man auch den Kardinal Montalto. Für ihn war besonders die öffentliche Meinung in Rom, wogegen die Prälaten und Höflinge und die kleinen Diplomaten es für ausgeschlossen erklärten, daß der Kardinal Medici diese Wahl seines Schwagers wegen zulassen werde. Übrigens schien Medici selbst diese Meinung zu rechtfertigen, denn er erklärte Montaltos Kandidatur für aussichtslos. So blieb diesem denn nichts als sein einstiges Verdienst und das Wohlwollen der von seinem Gönner, dem heiligen Papst Pius V., erhobenen Kardinäle. Ihm gegenüber aber standen mächtige Gruppen, vor allem die beiden Nepoten des letzten Papstes und die zahlreichen Kardinäle, die ihm den Purpur verdankten, schließlich auch der einflußreiche Kardinal von Como, der unter den zwei letzten Päpsten die auswärtigen Geschäfte geleitet hatte. Und neben diesen Emporkömmlingen standen die großen Kardinäle, Angehörige der Herrscherhäuser wie Andreas von Österreich, die Kardinäle Farnese, Este und Medici, und ihnen fast ebenbürtig die Sforza, Colonna, Savelli und andere Große. Sie alle waren durch Geburt, Verdienst oder Glück ausgezeichnet, die Auslese der Kirche, Männer aus niederstem Stande neben solchen aus fürstlichem Geblüt, manche von leidendem Ehrgeiz erfüllt und alle in Parteien gespalten. Zwei sich widerstrebende Strömungen trieben sie wie Wind und Welle gegeneinander. Die eine entsprang aus der gegenseitigen Eifersucht der italienischen Staaten, die andere aus den Gegensätzen der europäischen Großmächte. Jeder große Kardinal vertrat die Interessen seines Hauses, und jeder große katholische Herrscher hatte das Recht zum Ausschluß eines mißliebigen Kandidaten durch seinen Kardinal-Protektor, der sein »Geheimnis« besaß. Dazu kamen noch die persönlichen Nebenbuhlerschaften der Kardinäle. Fürwahr, ein verworrenes Gewebe geistlicher und irdischer Belange, ein Labyrinth, in dem nur ein kluger Kopf sich zurechtfinden konnte! Und ein hohes Spiel, denn der Einsatz war die dreifache Krone. Die Spieler verrieten sich nur durch die Karten, die sie ausspielten. Anfangs war es bloß ein gegenseitiges Sichanfühlen, ein Verschleiern der eigenen Absichten, ein Erraten der Gegenspieler. Lauter tiefe Menschen, die zu schweigen verstanden und ihre Mienen in der Gewalt hatten, gewiegte Seelenkenner, die sich gegenseitig zu durchschauen suchten, allesamt vorsichtig und mißtrauisch, höflich und verstellt. Tagelang herrschte im Vatikan das Gewirr und Gesumme eines Bienenstockes, ohne daß das Chaos sich klärte. Schon am ersten Tage war ein Wahlgang in der Sixtinischen Kapelle erfolgt, aber die Stimmzettel waren ohne Ergebnis verbrannt worden. Das Volk, das draußen auf dem Petersplatz harrte, ersah es aus der Fumata, dem Aufsteigen einer Rauchwolke aus einer bestimmten Esse. Trotzdem harrte es weiter aus, um bei jeder neuen Fumata in ein neues Geschrei der Enttäuschung auszubrechen. In der Stadt liefen die widersprechendsten Gerüchte um. Man wettete auf die entgegengesetztesten Kandidaten, die einen auf Farnese, die andern auf Montalto, auf Savello, den einzigen Freund des Verstorbenen, oder auf Sirletto, der für einen Heiligen galt. Plötzlich hieß es, Farnese sei Papst geworden. Das Volk, das den prachtliebenden Kirchenfürsten schätzte, tobte durch die Gassen und schrie: »Es lebe der Heilige Vater!« Andere wollten in seinen Palast eindringen, um dort zu plündern. Nun war es zwar von alters her Fug und Recht, daß das Gesinde des Vatikans die Zelle des neuen Papstes ausraubte, aber der Pöbel wollte dies Recht auch auf den schätzereichen Palast ausdehnen. Sehr betroffen kehrte er um, als er erfuhr, daß Farnese noch nicht gewählt sei. Im Vatikan herrschte kein geringerer Wirrwarr; man fürchtete bereits eine lange Dauer des Konklaves. Und doch war Eile geboten, denn schon verbreiteten sich bedrohliche Gerüchte von einem Handstreich der Banditen, und eine halbe Nacht lang wagten die Kardinäle kein Auge zu schließen. Endlich erfuhr man, daß auch dies blinder Lärm gewesen war, und alles begab sich zur Ruhe. Nur ganz allmählich klärte sich die Lage ein wenig, indem die Kardinal-Protektoren von ihrem Ausschlußrechte Gebrauch machten. Da sah man manchen geknickten Ehrgeiz unter der Maske des Gleichmuts. Schließlich gab der Gegensatz zwischen den Häusern Farnese und Medici den Ausschlag. Dem klugen Florentiner lag nur an der Größe seines Hauses, dessen Oberhaupt er selbst eines Tages werden konnte, wenn sein kinderloser Bruder starb. Er wollte um jeden Preis verhindern, daß sein Feind oder ein Kardinal seiner Partei gewählt werde. Durch geschickte Ränke hatte er den Kardinal von Este, den Vetter des Königs von Frankreich und Bruder des Herzogs von Ferrara, auf seine Seite gebracht, während Farnese sich auf die Spanier stützte. Este war fast ebenso reich wie Farnese und gab ihm an fürstlicher Lebenshaltung nichts nach. Er war ein Gönner der Künste und freigebig gegen die Armen. Aber er war kränklich und hegte keinen persönlichen Ehrgeiz; Farnese dagegen, der schon mehrere Päpste gemacht und selbst mehrfach dicht vor der Papstwahl gestanden hatte, wollte nun endlich das Ziel seiner Wünsche erreichen. Es war die letzte Gelegenheit für ihn, denn er war fast doppelt so alt wie sein Gegner. Nur mit einem hätte er sich abgefunden: das war Gregors Freund Savelli, der in Madrid beliebt war, doch in Rom durch sein barsches und rechthaberisches Wesen abstieß. Der Endkampf nahte also heran, und die Erregung steigerte sich bis zur Siedehitze. Aber je heißer die innere Glut, desto größer ward die äußere Kälte, feurige Lava im Kampfe mit Eis. Jede falsche Regung der Leidenschaft konnte verderblich werden, jede kalte Berechnung zum Siege führen. An sich hatte Farnese noch immer die besten Aussichten. Er war der Neffe des Papstes Paul III., der Bruder des Herzogs von Parma und Oheim des Kriegshelden Alexander Farnese, der die Türkenflotte in den Grund gebohrt hatte und jetzt in Flandern Sieg um Sieg erfocht. Zudem war er der Senior des Heiligen Kollegiums und Vizekanzler der Kirche. Um seine Wahl zu vereiteln, stellte Medici dem Kardinal von Este die Wahl zwischen Albani und Montalto, der damit zum erstenmal auf die Liste der Kandidaten kam. Albani war der Kardinal-Protektor Frankreichs und Montalto der Mann seines eigenen Hauses. Aber Farnese und die Spanier leisteten heftigen Widerstand, und Frankreichs Einfluß war gering, denn es befand sich in der vollen Gärung des Glaubenskrieges, die selbst mehrere französische Kardinäle vom Konklave abgeschnitten hatte. Da ließ Medici seine Kandidaten fallen und wiegte die Gegner in trügerische Sicherheit. Doch die Zeit drängte und er mußte sich nach neuen Verbündeten umsehen. Er gewann zunächst den Kardinal Altemps, den Vertrauensmann des deutschen Kaisers. Der hieß eigentlich Hohenembs, aber die Italiener, die seinen Namen nicht aussprechen konnten, hatten ihn derart verwelscht. Altemps war ein Nepot Pius IV., mit dem Hause Österreich sowie mit den Farnese und Orsini verwandt; er hatte einen natürlichen Sohn, der als Graf Hohenembs legitimiert worden war. Medici schüchterte ihn zunächst durch die Drohung ein, er werde seinen Feind Ceneda zum Papste machen; dann brachte er ihn selbst dahin, den Namen Montalto auszusprechen. »Ich sehe wohl,« sagte Altemps, »Ihr wollt den Mönch. Aber ist er nicht ein Feind Eures Schwagers Orsini?« Wie erstaunte er, als Medici ihm versicherte, Montaltos Rache sei künftig ebensowenig zu fürchten wie bisher. »Nun, was geht es mich auch an«, versetzte der Deutsche. »Ich nehme Montalto an. Er ist mir lieber als Savello oder ein anderer spanisch Gesinnter.« »Trotzdem brauchen wir den Beistand der Spanier,« entgegnete Medici, »denn sie sind zahlreich.« Altemps versprach mit dem Kardinal Madruccio zu reden. Dieser Madruccio, Erzbischof von Trient, der Sproß eines südtiroler Herrengeschlechts, war nämlich Spaniens Vertrauensmann im Konklave. Mit ein paar spanischen Kardinälen war er eben erst unter starker Verspätung angelangt und hatte sich, obwohl von der Reise erschöpft, sofort in den Vatikan tragen lassen. Da man auch Andreas von Österreich noch nachträglich eingelassen hatte, durfte man ihm den Eintritt ins Konklave nicht versagen. Sein Erscheinen erregte Aufsehen, und tatsächlich führte es die Entscheidung herbei. Altemps war im Grunde sein politischer Gegner, aber beide Kirchenfürsten waren erhaben über die kleinlichen Ränke, die feigen Befürchtungen und die selbstsüchtigen Hinterabsichten, die sich rings um sie regten. Sie begegneten sich in dem Gedanken, daß die Kirche in diesen Sturmzeiten ein starkes Oberhaupt brauche, das über den Parteien stand. Montalto aber war politisch neutral, und seine Verdienste um die Kirche waren bekannt. So einigten sie sich auf Montalto und verabredeten sich die Einzelheiten. Sie wollten einen Gewaltstreich wagen und die Wahl nicht durch Stimmzettel, sondern durch die sog. Adoration. d.h. durch den Zuruf der Mehrheit erzwingen. Zu diesem Zweck sollten sich alle Kardinäle am nächsten Morgen in der Sixtinischen Kapelle versammeln. Montalto hatte sich bisher völlig zurückgehalten. Er wußte, daß er nur auf Erfolg rechnen konnte, wenn gebieterische Umstände sein einstiges Verdienst begünstigten und es den Neidern verzeihlich machten. Zudem hatte Medici ihm sein Verhalten genau vorgezeichnet, und es entsprach ja auch seiner bisherigen Aufführung. Bis zuletzt war es sein Schicksal, abwarten zu müssen, aber auch seine Stärke, es zu können. Doch sein Inneres glühte: endlich schien der schon halb begrabene Traum seines Lebens in Erfüllung zu gehen! Er fühlte sich wie ein gefangener Aar, dessen Gitterstäbe sich plötzlich lockern. Er reckte die Flügel und dürstete nach Freiheit und weitem Raum. Aber während er im Geiste schon nach der dreifachen Krone griff, stand ihm noch eine letzte Prüfung bevor, denn Medici stellte eine Bedingung. Während Altemps das entscheidende Gespräch mit dem Spanier hatte, erschien der Florentiner insgeheim in Montaltos Zelle. Es war schon Abend, und er nahm die Dunkelheit wahr wie ein Dieb. »Fra Felice,« sagte er, »ich knüpfe sonst keine Bedingung an Eure Wahl. Nur eins frage ich Euch: Wie werdet Ihr es mit Paolo Giordano Orsini halten?« Montalto verzog keine Miene, aber er fühlte, wie das Blut ihm zum Herzen schoß. Wie ein Mensch in Todesgefahr sein ganzes Leben noch einmal in Sekunden durchlebt, so jagten all die Schreckensbilder der letzten Jahre jetzt durch sein Hirn. Er sah sich vor Francescos Bahre kniend, sah das falsche, dreiste Gesicht seines Mörders, der ihm sein Beileid aussprach, sah das tränenüberströmte Antlitz Camillas und den ewigen Vorwurf in ihrem Blick ... Dann wieder sah er sich gottergeben in seiner Villa ... und plötzlich war er in ein Getümmel verstrickt, während sein Diener röchelnd zu Boden sank, vom Degen eines Orsini durchbohrt ... Medici räusperte sich, um ihn aus seiner Geistesabwesenheit aufzurütteln. Da kam er wieder zu sich, nahm sich zusammen und sagte mit fester Stimme: »Ich werde die Angehörigen des Hauses Medici als meine eigenen Verwandten betrachten.« »Ein Mann, ein Wort«, versetzte der Florentiner und drückte ihm die Hand. Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Montalto starrte lange vor sich hin, als erblicke er ein Medusenhaupt. Die Lampe warf gelben Schein auf die violette Wandbespannung. Plötzlich stand er auf, warf sich auf sein Betpult und murmelte: »Gott, ich danke dir, daß du mich diese Prüfung bestehen ließest!« Ein paar Tränen rollten in seinen grauen Bart ... Es ging schon auf Mitternacht, als er leise Tritte vor seiner Tür hörte und ein Mann in schwarzem Priestergewand eintrat, lautlos wie ein Gespenst. Erst bei schärferem Zusehen erkannte er in dieser Vermummung seinen alten Freund Alessandrino, den Neffen des heiligen Papstes Pius V. Den Finger an den Mund legend, flüsterte er: »Ich habe das Kleid meines Schreibers angelegt, um die Gegner zu täuschen. Heil dir, es geht alles zum besten!« Und noch leiser setzte er hinzu, denn die Wände hatten Ohren: »Die Spanier sind uns sicher. Ich sprach mit Madruccio. Morgen wird sich alles entscheiden. Ich bin schon von Zelle zu Zelle geschlichen, um unseren Freunden die Losung zu geben. Hoffentlich hat mich keiner von den Farnesianern gesehen. Bisher sind sie völlig ahnungslos; ihr Oberhaupt schläft den Schlaf des Gerechten und schnarcht.« Ein Weilchen tuschelten die beiden Kirchenfürsten noch wie zwei Verschwörer, dann schlich Alessandrino auf leisen Sohlen zur Tür. Auf der Schwelle drehte er sich noch einmal um und flüsterte: »Weißt du, daß morgen der Gründungstag Roms ist? Ein gutes Vorzeichen!« Und er huschte hinaus. Montalto legte sich angekleidet auf sein Bett. Er vermochte kein Auge zu schließen. Immer wieder traten Bilder von ungeheurer Größe vor seine fiebernde Seele. Er war wie ein Feldherr am Vorabend der Entscheidungsschlacht oder wie ein Künstler im Rausch eines großen Werkes. Dreizehn Jahre schwerster Prüfung schienen wie durch Zauberschlag ausgelöscht. Er begann sein Leben von neuem, wo er es beim Tode des heiligen Pius abgebrochen hatte. Wie ein Phönix stand er aus seiner Asche auf. Wahrlich, ein anderer als er wäre verzweifelt an der furchtbaren Erbschaft, die ihm jetzt schon greifbar bevorstand! All die grauenhaften Mißstände, die er am eigenen Leibe erfahren, die Hydra der Anarchie in Stadt und Land, die Leere der Staatskassen -- alles prophezeite den Untergang. Nur ein Herkules konnte diesen Augiasstall reinigen; er aber stand an der Schwelle des Greisenalters. Doch Montalto war in den furchtbarsten Prüfungen nicht zerbrochen. Er glaubte sich von Engeln geführt und des Sieges gewiß. Eine Stimme sprach zu ihm: »Du wirst über Schlangen schreiten; Löwen und Drachen wirst du zertreten.« Er fühlte sich von Gott erkoren, das zu sühnen, was Gregor gesündigt hatte. All die Pläne, die er jahraus, jahrein in seinem Busen gewälzt und immer wieder begraben hatte, zogen an seinem Geiste vorbei. Ungeheueres forderte von ihm die Zukunft, doch er gelobte Gott, nie zu erlahmen. Schließlich fielen seine brennenden Lider zu, und er schlief eine Weile, bis Medici ihn wecken ließ. Der Entscheidungstag brach an. Der Florentiner war schon bei Morgengrauen auf den Beinen. Er ließ Montalto in Madruccios Zelle bitten; dort wiederholte er ihm, was er schon wußte, und gab ihm Ratschläge für sein weiteres Verhalten. Auch er glaubte, die Farnesianer überlistet zu haben. Aber während er mit Montalto sprach, hatte Farnese eine andere Unterredung mit Este, aus der dieser zu seinem Schrecken ersah, daß sein Gegner alles wußte. Sonst von bestrickender Liebenswürdigkeit, war Farnese heute fast grob, und in seinem übernächtigen Antlitz flackerten ein paar kranke Augen. Er wußte, es war das letzte Mal, wo er im Konklave war; entweder das offene Grab oder der Stuhl Petri. Geradezu fragte er Este, was er vorhabe. Der entgegnete verlegen, er werde sich nach dem Kardinal Altemps richten; im übrigen wolle er sich der Mehrheit nicht widersetzen. »Und Ihr glaubt, Medici werde den Feind seines Schwagers zum Papste machen?« fragte er. »Wißt Ihr nicht, daß Paolo Giordano schon vor dem Konklave bei allen Kardinälen umhergelaufen ist und sie fußfällig angefleht hat, ihn nicht zu wählen? Este zuckte die Achseln. »Und entsinnt Ihr Euch noch, wie der Mönch unter Pius V. durch seine unmäßige Strenge überall verschrien war? Wollt Ihr einen Inquisitor zum Papste machen, der die Künste ächtet und Rom in ein Kloster verwandelt? Das wäre nicht gerade nach Eurem Geschmack.« »Die Mehrheit wird es entscheiden«, entgegnete Este. »Nun, da bin ich ohne Sorge. Sie rennt nicht in ihr Verderben.« Este ließ den Eifernden stehen und ging nach der prunkvollen Sala regia, in der sich schon andere Kardinäle eingefunden hatten. Eben wollte er mit ihnen die anstoßende Peter-und-Pauls-Kapelle betreten, wo die Frühmesse stattfinden sollte, als er Altemps begegnete. Zwischen den Türen flüsterte er ihm zu, daß die Gegenpartei alles wisse. »Um so schlimmer für Montalto«, entgegnete der Deutsche. Este setzte sich neben Gregors Nepoten Guastavillani, der schon da war. Er kannte ihn als unentschlossen und bestimmbar. Die Messe begann. Weihrauch wallte empor und umwölkte die beiden großen Wandfresken, Michelangelos Alterswerk. Ein silbernes Glöckchen erklang, und das Meßopfer ward vollzogen. Während Este neben dem Nepoten auf seinem Betstuhl kniete, flüsterte er ihm ins Ohr: »Montaltos Wahl ist gesichert, mit oder ohne Euch. Es liegt also in Eurem eigenen Vorteil, ihr nicht zu widerstreben.« Er sah, wie der andere erschrak. Dann hörte er ihn flüstern: »So weit ist es noch nicht.« »Doch«, entgegnete er. »Verlaßt Euch darauf. Die Anhänger wollen zur Adoration schreiten. Jeder Widerstand wäre umsonst. Sagt das den Gregorianern, vor allem Eurem Vetter San Sisto. Euer Widerspruch könnte nur zu peinlichen Szenen führen und Euch selbst schaden.« »Wenn es so ist,« stöhnte der Nepot, »so möge Gott uns beistehen.« »Amen!« versetzte Este. Die Tür der Kapelle öffnete sich wieder, und die Kardinäle kehrten in die Sala regia oder in die Sixtinische Kapelle zurück. Wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm liefen alle hin und her. Dann entstanden Gruppen, aus denen spöttische Worte oder Vorwürfe schallten. Man sah erregte, bleiche oder strahlende Gesichter. Die Türen zwischen beiden Sälen gingen immerfort auf und zu. Farnese hatte seine weltmännische Höflichkeit ganz verloren. Er schalt laut auf Este, dann auf Medici. Seine Augen sprühten, und seine hohe, schwere Gestalt reckte sich drohend auf. Er erkannte jetzt, daß er geschlagen war. Medici stand ihm gegenüber, als wolle er sich eines Angriffs erwehren; sein Antlitz war fast so rot wie sein Purpurkleid. Einen Augenblick schien alle Würde vergessen. Plötzlich drängten alle Kardinäle wieder nach der Peter-und-Pauls-Kapelle und rissen die beiden Kampfhähne mit. »Zur Abstimmung!« rief Este. »Der Papst ist gewählt. Adorieren wir ihn.« Lautes Händeklatschen erscholl, und dreißig Stimmen riefen: »Montalto! Montalto!« Medici, Altemps und Este hatten ihn in die Mitte genommen und schoben ihn in die Kapelle. Alle anderen drängten hinterher. Er trat vor den Altar und wandte sich ihnen zu. Auf den Stufen stehend, ragte seine gedrungene Gestalt über alle hinweg. Da warfen sie sich ihm zu Füßen; keiner wagte, stehenzubleiben noch gar Widerspruch zu erheben. Selbst Farnese vollzog den Ritus der Adoration. Dann richteten sich all die tonsurierten oder kahlen Häupter wieder auf und bedeckten sich mit ihren viereckigen Mützen. Da fragte Medici laut: »Welchen Namen wird Eure Heiligkeit führen?« »Sixtus der Fünfte«, sagte Montalto mit fester Stimme. Auch der Vierte dieses Namens war Franziskaner gewesen, gleich ihm aus niederem Stande, der Sohn eines armen ligurischen Fischers. Er hatte die Sixtinische Kapelle erbaut, die dann Buonarotti mit seinen unsterblichen Meisterwerken erfüllt hatte. Nach und nach leerte sich die Kapelle und die fiebernde Spannung verebbte. Farnese wankte gebrochen hinaus. Die Gregorianer schlichen beschämt und verwirrt fort oder zankten sich mit den beiden Papstneffen, während die drei Papstmacher den Erwählten beglückwünschten und ihn ihrer Ergebenheit versicherten. Er lächelte ihnen freundlich zu und dankte ihnen für ihre guten Dienste, indes sie ihn in die Gemächer seines Vorgängers geleiteten; denn in seiner eigenen Zelle herrschte wildes Getümmel. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Kunde von seiner Wahl durch den Vatikan verbreitet, und das Hausgesinde stürzte sich wie ein Schwarm von Raubvögeln in seine Zelle, riß das violette Tuch von den Wänden und balgte sich um das bißchen Hausrat. 8. Papst Sixtus der Fünfte Die Nachricht von der Papstwahl verbreitete sich mit Windeseile durch Rom. Als apostolischer Kämmerer hatte der Kardinal Guastavillani die Pflicht, sie dem Volke in verkünden. Es war eine bittere Pille für ihn. Der Petersplatz war heute schwarz von Menschen. Sie wußten bereits, daß der Papst gewählt sein mußte, denn sie hatten heute keine Fumata gesehen. Ein Freudentaumel ergriff sie, als sie auf der Loggia an der Front der alten Peterskirche die Gestalt eines Kardinals erblickten. Dann trat plötzlich Totenstille ein, und die Hand am Ohre lauschte jeder den lateinischen Worten, die von dem Balkon herabfielen: »Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus papam Dominum Felicem Montaltum , sacrae romanae Ecclesiae Cardinalem, qui sibi imposuit nomen Sixtus Quintus .« Bei dem Namen Montalto ging ein Freudenschrei durch die Menge. Die Vordersten riefen ihn weiter an die, welche ihn nicht verstanden hatten, und so rollte er wie eine große Woge über das Menschenmeer. Dann brach ein ungeheurer Beifallssturm aus. Tücher und Hüte wurden geschwenkt, und zahllose Stimmen schrien: »Es lebe Papst Sixtus der Fünfte!« Im selben Augenblick durchriß Kanonendonner die Luft: es waren die Stücke der Engelsburg, die Salut schossen. Schon setzten die ersten Glocken ein, erst langsam und feierlich, dann mit der ganzen Fülle ihres ehernen Klanges. Die Luft bebte von all diesen frommen oder kriegerischen Tönen, aber noch lauter war das Getöse der Menge und der immer stärker anschwellende Ruf: »Es lebe Papst Sixtus der Fünfte!« In plötzlichem Antriebe stürmten die vordersten Massen die Kirchenstufen hinauf und rannten im Wettlaufe durch die uralte Vorhalle, um sich in der Kirche einen Platz für die Pontifikalmesse zu sichern. Wie gierige Mäuler verschlangen die drei großen Portale die Menge, ohne daß der Platz leerer wurde, denn immer neue Scharen schoben sich nach. Andere wieder drängten rückwärts, um durch den Borgo zu laufen und die Kunde nach der Stadt zu tragen. So entstanden zwei wirbelnde, tosende Strömungen, in denen ein paar Wagen, die zum Vatikan strebten, wie Schiffe hin und her schwankten. Während die Peterskirche sich mit wimmelnden Massen füllte, legte Sixtus das Papstgewand an und ließ sich den hermelinverbrämten Scharlachmantel um die Schultern legen. Das Ornat und die dreifache Krone trug er heute noch nicht: erst am Krönungstage sollte er damit geschmückt werden. In der Mitte eines langen, buntfarbigen Zuges schritt er durch die Gänge des Vatikans, voran mit dröhnendem Schritte die Schweizer Garde in ihrer schon altertümlichen, geschlitzten roten Tracht, die Hellebarde in der Faust, dann das goldene Prozessionskreuz, der Zeremonienmeister mit seinem Heroldsstabe, die päpstlichen Kämmerer und der Papst selbst. Hinter ihm rollte die rote Woge der Kardinäle; dann folgten die Hausprälaten in weißen oder grauen Pelzmänteln über dem schwarzen Gewand, und zuletzt der bunte Schwarm der Höflinge. So ging es durch die langen, hallenden Gänge, bald in bräunlichem Dämmerlicht, bald in hellem Sonnenschein. Überall drängten sich Menschen herbei, fielen aufs Knie und riefen: »Es lebe Papst Sixtus!« Durch die offenen Fenster drang der Glockenschall herein, und noch immer durchriß Geschützdonner die frommen Klänge. Am Fuße der steilen Treppe San Gallos harrte die Sedia gestatoria mit den Wedelträgern, die auf hohen Stangen zwei riesige weiße Fächer aus Straußenfedern hielten. Sixtus bestieg den Thronsessel, und von acht kräftigen Schultern emporgehoben, schwankte er durch das große Mittelportal in die Peterskirche. Im selben Moment setzte heller Gesang wie von Frauenstimmen ein -- Palestrinas Ecce Sacerdos magnus, von den päpstlichen Kastraten gesungen. Dumpfes Brausen übertönte den Choral, und plötzlich drang aus der vieltausendköpfigen Menge von neuem der Ruf hervor: »Es lebe Papst Sixtus der Fünfte!« Er segnete nach allen Seiten, während sein Thronsessel langsam weiterschwankte. Zahllose Blicke richteten sich zu ihm empor. Tränen irrer Begeisterung glänzten in vielen Augen; andere schienen forschend zu fragen: »Was wirst du uns bringen?« Sein Antlitz war unbeweglich wie stets, aber seine Augen leuchteten. Seine Gestalt war leicht gebeugt, und sein grauer Bart spielte kaum ins Weiße. Er zählte jetzt vierundsechzig Jahre, doch wer ihn kannte, fand ihn um zehn Jahre verjüngt. Etwas Strenges, Gebieterisches ging von ihm aus, aber nichts Majestätisches, nichts vom Wesen eines vornehmen Herrn. Der erste Anblick packte, der zweite erschreckte fast. Doch das Volk fühlte: dieser Papst war aus seiner Tiefe emporgestiegen, um Ordnung zu schaffen. Als der Thronsessel am Hauptaltar niedergesetzt war und die Kardinäle ihn gleich einer roten Mauer umschlossen, legte sich der Tumult, und die Musik gewann wieder die Oberhand. Meister Palestrina hatte während des Interregnums flugs eine Messe komponiert, aber in dieser kurzen Zeit war kein Meisterwerk entstanden. Die Musik schien an den Übermaßen des Riesendomes zu zerschellen. Sixtus merkte es wohl. Er wandte sich zum Kardinal von Este um und sagte: »Pierluigi hat die Messe des Papstes Marcellus vergessen.« Das war das erste Urteil, das er fällte, zutreffend und hart. Ein Tedeum beschloß die Feier. Erst dieser tausendstimmige Gesang füllte den ungeheuren Raum aus und entsprach seiner Größe. Wie er brausend emporstieg und in schwindelnder Höhe feierlich verklang, so strebten auch die wuchtenden Pfeiler empor, und über ihnen schloß sich in weicher Rundung die gewaltige Wölbung. Nur dem Kernstück des Domes fehlte noch die lichte, schwebende Kuppel über der Vierung. Der blaue Himmel blickte durch das riesige Rund hinab wie in einen heidnischen Tempel. Dort oben harrte eine Aufgabe, eines großen Geistes würdig. Mit stürmischem Herrschergeist hatte der zweite Julius diesen Riesenbau unternommen, der größte Künstler des letzten Zeitalters hatte ihn fortgeführt, und noch immer ward daran gebaut, aber nur ein Ebenbürtiger konnte dies Werk ohnegleichen vollenden. Würde Fontana dieser Aufgabe gewachsen sein? Aber es galt nicht nur, einen großen Baumeister zu finden, Sixtus mußte auch die Schätze zusammenscharren, die ein solcher Bau erheischte. Und fürs erste drängten sich nötigere Aufgaben herbei. Die Peterskuppel konnte nur die Krönung seines Lebenswerkes sein. Als er unter dem brausenden Beifall der Menge in den Vatikan zurückgekehrt war, begann der endlose Reigen der Huldigungen. Die Kardinäle und römischen Großen, die Gesandten der ganzen katholischen Welt und der italienischen Staaten, ein Schwarm von Prälaten und Höflingen erfüllten Rafaels farbenprächtige Stanzen mit buntem Gewimmel. Unter ihnen fielen ein paar japanische Prinzen auf, von den Jesuiten aus dem fernsten Asien herbeigesandt, ein lebendiges Wahrzeichen für die Ausbreitung des Glaubens in fast sagenhaften Ländern. Ein jeder ward nach Rang und Würde in den Audienzsaal geführt, und jedem sagte Sixtus ein paar schickliche Worte, als hätte er lange Übung in höfischen Bräuchen. Alle wunderten sich über die ruhige Würde, mit der er sie empfing, und über die Sicherheit, mit der er das ungewohnte »Wir« brauchte, wenn er von sich sprach. Dem Botschafter der Republik Venedig hielt er eine besondere Rede. »In vergangenen Jahren, Priuli,« begann er, »standen Wir nicht immer in gutem Einvernehmen mit Eurer Signoria. Aber Vergangenes ist vergangen, und Wir hoffen zuversichtlich, die Republik von San Marco wird dem Heiligen Stuhle auch künftig eine treue Dienerin sein. Wir schätzen sie besonders als starken Hort der Christenheit wider die Ungläubigen und werden ihr Unseren Beistand nicht versagen. Aber Wir wissen auch, daß sie auf Ordnung in ihrem Gebiet hält. Wir werden ihr auch dabei die Hand reichen und rechnen auf ihre tatkräftige Hilfe, um Italiens Schmach, die Briganten, auszurotten.« Der Venezianer erstaunte. Kaum erwählt, dachte der Papst schon an die Türkennot, die Venedig am schwersten bedrohte, noch schwerer als die inneren Nöte Italiens. Wußte er doch nicht, daß Sixtus den Türkenhaß schon mit der Muttermilch eingesogen hatte; denn seine Voreltern stammten von dalmatinischen Flüchtlingen ab, die sich vor den Türkengräueln nach Ancona gerettet hatten. »Die Signoria«, entgegnete Priuli, »wünscht nichts sehnlicher als das Wohlwollen und den Beistand Eurer Heiligkeit. Sie wird ihrerseits nicht im Rückstande bleiben, um Ihre großen Pläne erfüllen zu helfen.« Als Sixtus ihn verabschiedet hatte, fuhr der Botschafter stracks zu Donna Camilla, um sie zu beglückwünschen. Er fand sie strahlend vor Glück und im Begriff, in den Vatikan zu eilen. Wie erstaunte er aber ob der dürftigen Schlichtheit des Hauses! Aus dieser ärmlichen Enge war Sixtus hervorgegangen! Und doch dünkte er ihm ein geborener Herrscher. Er faßte den Unterschied kaum und schrieb eine verwunderte Depesche an den Dogen. Endlich war der Reigen der Huldigungen vorüber, und der Papst zog sich in das Arbeitsgemach seines Vorgängers zurück, um sich ein Weilchen zu sammeln und auszuruhen. Dann vollzog er die ersten Ernennungen. Die Nepoten und Kreaturen seines Vorgängers verschwanden, und die seines Wohltäters Pius V., aus deren Mitte er selbst hervorgegangen war, kamen wieder zu Ehren. Rusticucci erhielt von neuem die auswärtigen Angelegenheiten, und sein alter Freund Alessandrino kehrte in die Consulta für die geistlichen Angelegenheiten zurück. Nur der Herzog von Sora, Gregors natürlicher Sohn, blieb einstweilen Gonfalonier der Kirche und Oberbefehlshaber der päpstlichen Truppen. Aber zum Schutze des Vatikans und des Borgo bestimmte Sixtus den Marchese Altemps, den Neffen des Kardinals, den er zum Herzog erhob. Auch ein neuer Gouverneur von Rom ward ernannt. Das alles verwunderte niemand, denn es war bei jedem Thronwechsel üblich. Kaum war Sixtus mit diesen ersten, vorläufigen Anordnungen fertig, so meldete der Kämmerer einen neuen Besuch: Donna Camilla. Er winkte ihm, sie sofort vorzulassen, und kam ihr freudig entgegen, um sie zu umarmen. An der Linken führte sie ihren Neffen Alessandro, der in seinem fadenscheinigen Priesterkleide recht ärmlich aussah. Von dem Glanze des Palastes geblendet und von der neuen Würde ihres Bruders verwirrt, wollte die Matrone vor ihm niederknien und stammelte: »Heiliger Vater! ...« Da zog er sie sanft zu sich empor und sprach lächelnd: »Camilla, wenn du mich Heiliger Vater nennst, muß ich dich Heilige Monica nennen, wie ich es bisweilen im Scherze getan. Deine Gebete haben mich auf den Stuhl Petri erhoben.« Und er öffnete ihr die Arme. Sie warf sich zitternd an seine Brust und brach in Freudentränen aus. Sixtus strich sanft über das weiße Haar, das unter ihrem schwarzen Spitzenschleier hervorquoll; dann nötigte er sie, sich zu setzen. »Dieser Tag«, sagte er, »ist die Sühne für all das Leid und all die Prüfungen, die Gott uns verhängt hat. Ich will dir und den Deinen alles vergelten, was ich vermag.« Ihre Augen leuchteten auf, denn sie hoffte jetzt auf Sühne. Da fiel sein Blick auf den jungen Alessandro, der in seinem abgeschabten Röckchen noch immer vor ihm kniete. Er winkte ihm aufzustehen und reichte ihm die Rechte. Der Jüngling drückte seine bebenden Lippen auf den Fischerring und war keines Wortes mächtig. Plötzlich wandte Sixtus sich um, griff nach seinem Kardinalshute, der auf einem Stuhle lag, und drückte ihn auf das Haupt seines Großneffen. »Trage fortan diesen Hut und meinen Namen, mein Kind«, sagte er warm. Alessandro wußte nicht, wie ihm geschah. Er nahm den Hut wieder ab, spielte verlegen damit und stotterte: »Heiliger Vater ... ich wage nicht zu glauben, daß Ihr mit mir einen Scherz treibt ... Aber, daß Ihr es ernst meint, will mir noch weniger in den Sinn ... Ich bin ja noch nicht mal zum Priester geweiht ...« »Das läßt sich nachholen, Kind«, lächelte Sixtus. »Du bist eifrig und klug. Du wirst es schon lernen, und ich werde dich auch fürderhin anleiten. Beim ersten Konsistorium werde ich dich zum Kardinal machen.« Alessandro blieb vor Freude und Schreck stumm und wie gelähmt. Aber auch Camilla blickte den Bruder mit ihren tränenfeuchten Augen betroffen an. Hatte der ungeheure Umschwung seines Schicksals seinen starken Geist wohl verwirrt? Als Sixtus ihr starres Befremden sah, fuhr er fort: »Ich tue es auch deinetwegen, Camilla. Siehe, das ist die Sühne, auf die du so lange geharrt hast. Nicht im Blut eines Menschen, den Gott vor seinen Richterstuhl ziehen wird, sondern durch Wohltaten. Ihr alle sollt mit mir zufrieden sein.« »Am Ostersonntag vor vier Jahren ...«, schluchzte sie auf, ihres Sohnes gedenkend. »So ist es«, nickte Sixtus schwermütig. »Und heute hätte ich Francesco zum Fürsten erhoben. Auch Vittoria hätte dann mit reinem Gewissen das Ziel ihres Ehrgeizes erreicht. Ganz Rom hätte ihr gehuldigt.« »Bruder!« schrie Camilla auf, »wie kannst du noch immer Mitleid mit dieser Kreatur haben! Du weißt ja noch nicht, was sich heute zugetragen hat.« »Und was?« »Am Tage deiner Thronbesteigung hat der Orsini sich erfrecht, sich mit ihr in Rom öffentlich trauen zu lassen. Das ist die letzte Schmach, die er dir und uns allen antut.« »So!« sagte Sixtus betroffen. »Die dritte Trauung! Ich habe ihn freilich nicht unter den Gratulanten erblickt. Wahrscheinlich wollte er eine vollendete Tatsache schaffen, bevor das Konklave zu Ende ging. Nun, wir werden ja sehen, ob sie als Herzogin glücklich sein wird. Vielleicht gehen ihr heute die Augen auf, wenn sie erfährt, daß der Kardinal Montalto den Stuhl Petri bestiegen hat, und ihr törichtes Herz empfindet bittere Reue.« »Sie und Reue!« lachte die Matrone höhnisch. »Sie wird sich in ihrem neuen Glanze sonnen. »Eine kluge Frau würde nicht mit ihr tauschen«, entgegnete Sixtus. »Gottes Wege sind zwar unerforschlich, aber so viel ist gewiß, sie wird ihres Herzogsmantels nicht froh werden. Bedenke doch, Camilla,« fuhr er begütigend fort, »wenn Paolo Giordano seiner eklen Krankheit erliegt, wird seine Sippe die Witwe nie als voll anerkennen, womöglich ihr Erbteil anfechten. Bleibt er aber noch am Leben, so kann sie ihre Jugend an seinem Krankenbette vertrauern, und leiht sie ihr Ohr wieder Huldigungen, um sich zu trösten, so kann es geschehen, daß der Unhold sie mit eigenen Händen erwürgt wie seine erste Gemahlin, die erlauchte Isabella ... Ich sehe nur Blut und Tränen um sie.« Noch nie hatte Felice sich so offen ausgesprochen. Camilla erkannte den wortkargen Bruder nicht wieder, der alles in sich hineinfraß. Es war, als wünsche er mit ihr endlich ins reine zu kommen, das Vergangene endgültig zu begraben. Sie wollte etwas einwenden, doch er schnitt ihr das Wort ab und sprach: »Nun aber, liebe Seele, laß uns für heute scheiden. Ich habe noch viel zu tun. Wir werden uns fürs erste nicht mehr so häufig sehen, denn du ahnst kaum, was jetzt alles auf mich eindringt. Vielleicht wird ein Tag kommen, da wir uns beide nach dem stillen Leben in der Via papale zurücksehnen. So nimm denn für heute Gottes Segen, und vergiß, was hinter dir liegt.« Er schloß sie nochmals an sein Herz; dann reichte er seinem Großneffen die Hand zum Abschiedskusse. »Und ist es wirklich so,« stotterte Alessandro, »wie Eure Heiligkeit gesagt hat?« »Mein Wort steht felsenfest«, entgegnete der Papst. »Einstweilen nimm meinen Hut mit und halte ihn in Ehren. Beim Konsistorium wird man dich feierlich einkleiden.« Er schellte und gebot dem eintretenden Kämmerer, den Majordomus zu rufen. »Im übrigen, Camilla,« fuhr er fort, »soll der Fürstenhut deinem Hause nicht entgehen. Ich bestimme ihn für Michele, sobald er ein wenig herangewachsen ist. Und was deine Enkeltöchter betrifft -- wenn sie mannbar sein werden, ist kein Haus in Rom, ja in ganz Italien so alt und so vornehm, daß es nicht eine Ehre darin suchen wird, sie zu freien.« Der Majordomus trat ein, und Sixtus gebot ihm: »Geleitet Madonna Camilla und den künftigen Kardinal Alessandro Montalto auf der Staatstreppe hinab, wie es einer Fürstin und einem Kirchenfürsten geziemt.« Und er erteilte beiden den Segen. Überwältigt und verwirrt, beugten sie das Knie und wandten sich zur Tür. »Übrigens noch eins«, sagte der Papst, sie zurückhaltend. »Ich nehme den kleinen Sangalletto zu meinem Geheimkämmerer. Die treue Seele hat es verdient. Du wirst dich gewiß mit einem anderen Hausmeister behelfen können. Sage es ihm gleich, damit auch er eine Freude hat.« Die Dämmerung sank herab, und Sixtus saß ein Weilchen allein in stillem Sinnen. Das Avemarialäuten klang sanft und lieblich durch das halb offene Fenster. Aber schon pochte es wiederum, und der Kämmerer meldete: »Ein Mann namens Fontana, der sich als Baumeister Eurer Heiligkeit ausgibt, begehrt vorgelassen zu werden und läßt sich nicht abweisen. Befiehlt Eure Heiligkeit, daß er eintritt?« »Ja, nickte Sixtus, »aber dies ist der letzte.« Auch Fontana war von dem neuen Glanze des Papstes geblendet. Er warf sich vor der weißen Gestalt auf die Knie, um den silbernen Schuh zu küssen. Dann stieß er hervor: »Heiliger Vater, ich habe nie gezweifelt, daß diese Stunde des Ruhmes kommen werde.« »Du hast recht behalten, Domenico«, lächelte Sixtus und winkte ihm aufzustehen. »Dieser Tag soll auch dir Glück bringen. Wir ernennen dich zu unserem apostolischen Baumeister. Du wirst viel zu tun bekommen, mehr vielleicht als ein Mensch leisten kann. Du sollst Baumeister, Ingenieure, Aufseher unter dir haben und Scharen von Arbeitern. Du sollst Kirchen und Paläste bauen und ein neues Rom schaffen, wenn du es vermagst ... Aber Wir wollen mit dem Dringendsten beginnen. Weißt du, was Wir meinen?« »Das Wasser?« fragte Fontana. »Du hast wieder ins Schwarze getroffen, Domenico«, lächelte Sixtus. »Ja, das Wasser, die belebende Flut. Gedenkst du noch jenes Tages in unserer Vigne, es war wohl damals, als das Unglück geschah, wo Wir dir die alten Aquädukte zeigten? Wohlan, jetzt ist die Stunde gekommen, sie wiederherzustellen oder neue zu bauen. Wir werden es noch heute anordnen. Aber du sollst dich nicht in dieser Fron aufreiben. Wir brauchen dich für größere Dinge. Du wirst Wasserbaumeister heranziehen und nur die Oberleitung behalten. Sie sollen sogleich Plane ausarbeiten und die Kosten veranschlagen. Der Gouverneur wird Euch eine Bedeckung stellen, damit Ihr bei Euren Vermessungen und Vorarbeiten ungestört bleibt. Aber Wir werden die Briganten schon bald zu Paaren getrieben haben. Inzwischen laß Steine in Tivoli brechen und Bauholz in den Wäldern von Nettuno schlagen. Alle nötigen Vorschüsse werden sofort bezahlt. Wir werden nicht knausern.« Er war unruhig auf und ab gegangen. Plötzlich blieb er stehen und fragte: »Übrigens, was ist dir der Kardinal Montalto noch schuldig?« »Nicht der Rede wert, Eure Heiligkeit. Keine zweitausend Scudi.« »Mit Zinsen?« »Nein.« »Wohlan, Wir geben dir einstweilen eine Anweisung auf zweitausend Scudi in Gold. Das ist die Hälfte mehr als in Silber.« Er setzte sich an seinen Schreibtisch unter dem rotausgeschlagenen Thronhimmel und griff zur Feder. Dann reichte er ihm die Verschreibung mit den Worten: »Wir danken dir, daß du dem Kardinal Montalto diese Summe vorgeschossen hast. Alles andere morgen, dein Gehalt, deine Bestallung; wir reden noch davon.« Sixtus hatte seine Worte hervorgesprudelt, und doch war alles klar bis ins einzelne, als gehöre er selbst zum Bau und hätte seine Pläne längst ausgestaltet. Das war nicht mehr der wortkarge, knausernde Kardinal Montalto, sondern ein ungestümer Herrscher, dem kein Ziel zu groß schien. Fontana fühlte sich im Bann eines höheren Willens, der ihn schwindelnd und atemraubend mitriß. Kaum sah er den Papst noch in dem Zwielicht; er sah nur noch eine helle Gestalt durch den braunen Schatten hinflirren, wie eine lange erstickte, plötzlich auflodernde Flamme. Dann trat ein anderes Bild vor seine Seele. Er sah einen starken Wasserlauf, der sich hoch aufgestaut hatte und jählings über die Dämme hinflutete und alles überschwemmte. »Lieber, Getreuer,« sprach Sixtus und reichte ihm die Hand zum Kusse, »es freut Uns, daß du noch heute gekommen bist. Auf Wiedersehen morgen. Wir erwarten deine Vorschläge über Menschen und Dinge.« Und er entließ ihn mit seinem Segen. »Licht!« gebot er dem eintretenden Kämmerer. »Ein Geheimschreiber soll kommen.« Dann setzte er sich wieder an seinen Schreibtisch unter dem rot ausgeschlagenen Baldachin. 9. Der Fürst Orsini Am nächsten Tage fand die Huldigung des römischen Adels statt. Als erster beugte Paolo Giordano Orsini das Knie vor dem neuen Herrscher und gelobte ihm Treue. Sixtus blickte ihn durchdringend an und gab keine Antwort auf seine Schmeichelreden. Dieser Anfang verhieß ihm nichts Gutes. Er fuhr sofort zu seinem Schwager, dem Kardinal von Medici, der ihn zu beruhigen suchte. »Fra Felice«, sagte er, »hat mir in die Hand gelobt, er werde die Angehörigen des Hauses Medici als seine Verwandten betrachten. Er ist ein Mann, der sein Wort hält; somit ist kein Grund zu Besorgnis.« Aber der Orsini gab sich damit nicht zufrieden. Sein schlechtes Gewissen ließ ihm keine Ruhe. Er bestand auf einer Privataudienz, um die wahren Absichten des Papstes zu ergründen. Medici versprach, sie herbeizuführen. Er fühlte sich als Papstmacher und war stolz auf den Sieg, den seine unbedenkliche Florentiner Staatskunst herbeigeführt hatte. Er glaubte das Ruder der Kirche in Händen zu halten. Am Nachmittag suchte er den Papst auf. Er fand ihn in der fiebernden Unrast der ersten Regierungsgeschäfte. Sixtus fühlte sich ihm zwar zu großem Danke verpflichtet, aber er wußte auch, daß Medici ihm nur auf den Stuhl Petri verholfen hatte, um die Wahl seines Todfeindes Farnese zu vereiteln. Im Grunde dankte er seine Erhebung nur Gott und dem eignen Verdienst. Die Menschen waren nur blinde Werkzeuge der Vorsehung gewesen. Und er gedachte selbst zu regieren. »Womit kann ich Euch dienen?« fragte er den Kardinal freundlich und lud ihn zum Sitzen ein. »Eure Heiligkeit,« begann der Florentiner -- er sagte jetzt nicht mehr Fra Felice -- »der Anteil, den ich an Eurer Erhebung hatte, macht es vielleicht verzeihlich, wenn ich zwei Dinge vorbringe, die mir auf dem Herzen liegen.« »Sprecht offen wie mit einem Freunde«, entgegnete Sixtus. »Das erste ist dies«, begann Medici würdevoll. »Es geht ein Gerücht, dem ich mein Ohr kaum zu leihen wage: der junge Alessandro, Eurer Heiligkeit Großneffe, soll Kardinal werden.« »Ja, im nächsten Konsistorium.« Medici schien tief erstaunt. »Bei aller schuldigen Ehrfurcht«, sagte er, »wage ich zu bemerken: dieser Akt des Nepotismus wird Ärgernis erregen.« »Wieso?« »Wir leben nicht mehr im Zeitalter der Borgias. Die lutherische Ketzerei hat die Gewissen geschärft. Eure Heiligkeit kennt ja selbst zur Genüge die Irrungen und Wirrungen, die aus dem Verhältnis Ihres in Gott ruhenden Vorgängers zu seinem natürlichen Sohne entsprungen sind. An sich war diese Sache ja verzeihlich, denn der Signor Giacomo stammte noch aus der Zeit seines weltlichen Standes. Dennoch hat er diesen Sohn auf Andringen der Kardinäle aus seiner Nähe verwiesen und ihn erst in seinem höchsten Alter aus väterlicher Schwäche wieder zu sich gezogen.« »Was hat das mit meinem Großneffen zu tun?« »Auch er ist ein Blutsverwandter Eurer Heiligkeit. Was wird das Kardinalskollegium sagen, das Eure Heiligkeit erwählt hat, was Rom und die Welt, wenn Papst Sixtus seine Regierung damit beginnt, daß er einen noch nicht fünfzehnjährigen Priesterschüler zum Kirchenfürsten erhebt? Ich tue nur meine Pflicht gegen das Heilige Kollegium wie gegen Eure Heiligkeit selbst, wenn ich darauf hinweise.« Sixtus war sehr ernst geworden, und die Falten in seiner Stirn gruben sich tiefer. »Wir danken Euch für Eure offene Sprache und für Eure gute Absicht«, entgegnete er. »Wir haben von Euch nichts anderes erwartet. Aber die Verantwortung für Unsere Handlungen tragen Wir selbst.« »Alessandro ist noch nicht mal zum Priester geweiht«, wandte Medici ein. »Das läßt sich nachholen«, versetzte Sixtus. »Der Kardinal Andreas von Österreich hat bis heute noch nicht die Priesterweihe erhalten. Und was Alessandros Jugend betrifft, so wißt Ihr, daß der lange Farnese, Euer Feind, mit vierzehn Jahren den Purpur erhielt und seitdem auf der großen Weltbühne gestanden hat. Und Ihr selbst, Medici, habt auch nur die niederen Weihen erhalten.« Dieser Streich saß; Sixtus merkte es wohl. Medici zuckte die Achseln, als wolle er sagen: »Nun ja, dafür sind wir auch fürstlichen Geblüts; Alessandro aber ist nur ein ganz kleiner Landjunkersohn.« Um das Prickeln seines Tatzenhiebes zu mildern, fuhr der Papst fort: »Wir verdienten erst dann Vorwürfe für unsere Wahl, wenn sie sich als falsch erweisen sollte, aber Wir glauben das Gegenteil. Alessandro wird dem Namen Montalto Ehre machen, und Ihr werdet Euch seiner Jugend nicht zu schämen brauchen.« Medici sah, daß er auf einen eisernen Willen stieß, und so ging er zu seinem zweiten Anliegen über. Im Grunde war es ihm ganz gleichgültig, ob Montalto Kardinal wurde oder nicht, denn er dachte allein an die Größe seines eigenen Hauses. Er hatte ihn nur vorgeschoben, um den Papst in die Abwehr zu drängen und desto mehr für Paolo Giordano herauszuschlagen. »Das zweite«, fuhr er fort, »betrifft den Herzog von Bracciano. Eure Heiligkeit hat mir zugesagt, die Angehörigen des Hauses Medici als Ihre eigenen Verwandten zu betrachten, aber mein Schwager möchte sich selbst vergewissern, wie Sie ihm gesonnen sind, und er bittet um eine Privataudienz.« Sixtus war aufgestanden und machte einen Gang durch das Gemach. Dann sagte er, stehenbleibend, mit einem Anflug von Gereiztheit: »Allerdings hat der Herzog am Tage Unserer Wahl einen Schritt getan, den Wir nicht voraussahen und den Wir ihm übelnehmen könnten.« »Da muß ich ein Wort für ihn einlegen«, versetzte Medici. »Er hat während des Konklaves die ersten Rechtslehrer und Theologen befragt, und die haben ihm einstimmig versichert, das Eheverbot Gregors sei mit seinem Tode erloschen. Da hat er das Interregnum benutzt, um zum Ziel seiner Wünsche zu kommen.« »Er hätte bis zur Wahl des neuen Papstes warten müssen,« sagte Sixtus scharf, »denn während der Sedisvakanz ruht die bindende und lösende Gewalt.« »Will Eure Heiligkeit diese Ehe anfechten?« »Gott behüte Uns davor«, platzte Sixtus heraus. »Wir haben Besseres zu tun, als in alten Wunden zu wühlen. Aber Euch verstehe ich nicht, Medici, daß Ihr Eurem Schwager jetzt das Wort redet, wo er Eurer Schwester eine Nachfolgerin gibt, die Euch selbst nicht genehm war.« Der Kardinal schwieg wie ein Schachspieler, der über seinen Gegenzug nachsinnt. Schließlich sagte er spitz: »Das sind Familienangelegenheiten, so gut wie Alessandros Bekleidung mit dem Purpur. Ich könnte auch hier Gründe vorbringen, über deren Wert sich streiten ließe. Paolo Giordano läßt nun mal nicht von seiner Liebe zu Vittoria Accoramboni, und was bisher geschehen ist, hat ebensoviel Ärgernis erregt, als wenn man die Dinge hätte gehen lassen. Ich bereue jetzt selbst, daß ich einst Schritte getan habe, um diese Ehe anzufechten. Orsini ist ein Eisenkopf, und er erreicht schließlich doch, was er will, wenn nicht hier, so andernorts. Zudem verschlimmert sein Leiden sich zusehends, und er wird es wohl nicht lange mehr treiben. Geruhe Eure Heiligkeit also, nochmals ein Auge zu schließen und ihn zu empfangen.« »Wir stehen zu unserem Wort, Medici,« sagte Sixtus fest, »und werden ihn wegen des Vergangenen unbehelligt lassen. Aber was will er von Uns? Wozu eine Privataudienz? Genügt es ihm nicht, daß er sich mit dem römischen Adel zur Huldigung einfand? Will er uns dem Gespött preisgeben und überall erzählen, er habe seinen Willen ertrotzt, und Fra Felice habe seinen Segen dazu gegeben? Dazu würden Wir Uns nie hergeben.« »Gewiß nicht , stimmte der Kardinal zu. »Aber nichts liegt ihm ferner, als Eure Heiligkeit zu kränken. Ihn bedrückt nur die Sorge um seine Zukunft und um die seiner Gattin. Er war erschreckt über den Blick, den er bei der Huldigung empfing, und begehrt die Audienz nur, um sich der Huld Eurer Heiligkeit zu versichern. Ich schwöre, daß er nichts anderes will. »Nun denn, in Gottes Namen,« seufzte Sixtus, »Wir wollen ihn noch einmal empfangen. Ein Lächeln huschte über die undurchdringlichen Züge des Florentiners. Als kluger Schachspieler glaubte er wieder einmal gewonnen zu haben, und er war mit dieser ersten Machtprobe zufrieden. So verließ er den Vatikan mit der gleichen unerschütterlichen Ruhe und Würde, mit der er gekommen war. Im Portal traf er den Kardinal Alessandrino, den sein neues Amt in den Vatikan führte. »Ihr wart schon beim Papste!« rief dieser erstaunt. »Ja, Privatangelegenheiten«, lächelte Medici. »Ei, quält doch den guten Alten nicht gleich«, sagte Alessandrino. »Wir werden ja doch unfehlbar das Zepter führen.« »Meint Ihr?« entgegnete Medici. »Wenn Ihr Euch nur nicht verrechnet. Er wird uns alle in die Tasche stecken.« Am nächsten Tage erschien Orsini zur Audienz. Als Sangalletto ihn meldete, durchschritt Sixtus hastigen Schrittes ein paarmal das Gemach, um sich die Fassung zu erkämpfen. Dann winkte er dem Kämmerer, ihn vorzulassen. Der entsann sich noch wohl seines Beileidsbesuchs nach Francescos Ermordung. Die schwerfällige Gestalt des Fürsten erschien zwischen den Türvorhängen, hinkte auf den Papst zu und versuchte ein Knie zu beugen. Das war nicht mehr der anmaßliche Grande von einst, sondern ein Mann mit krankem Herzen und siechem Leibe; nur die harten, herrischen Augen hatten noch etwas von ihrer alten Tücke und Wildheit. »Eure Durchlaucht ist leidend. Bequeme Sie sich«, sagte Sixtus, auf einen Sessel deutend. Einen Augenblick begegneten sich beider Blicke wie Dolche. Dann begann der Orsini mit falschem Lächeln eine wohl einstudierte Rede, in der er das Vergangene klüglich überging. Er beglückwünschte Sixtus zu seiner neuen Würde und stellte ihm als getreuer Vasall seine Macht und seinen Besitz zu Diensten. Der Papst hörte ihn mit tiefem Ernst an. Als er ausgeredet hatte, entgegnete er, Wort für Wort abwägend: »Niemand wünscht sehnlicher als Wir, das Leben und Handeln Eurer Durchlaucht künftig des Blutes der Orsini und eines christlichen Ritters würdig zu sehen. Euer eigenes Gewissen wird Euch am besten sagen, welcher Art das Benehmen Eurer Durchlaucht gegen den Heiligen Stuhl und gegen Unsere Person gewesen ist. Was Ihr dem Kardinal Montalto und seiner Familie antatet, haben Wir Euch vergeben. Aber« -- und hier wurde seine Stimme drohend und seine Augen sprühten -- »irgendwelchen Widerstand gegen den Willen des Papstes Sixtus werden Wir nicht dulden. Wir gebieten Euch also hiermit, aus Eurem Palast und aus Euren Besitzungen unverweilt alle Banditen und Missetäter zu verweisen, denen Ihr bisher Freistatt gewährt habt.« Solche Sprache hatte der Fürst noch von keinem Papste vernommen. Sie erschreckte ihn, aber sein reizbarer Hochmut fühlte sich verletzt, und fast hätte er eine dreiste Antwort gegeben. Zum Glück bezwang er seine Zorneswallung, und da er sah, wie die Dinge standen, erhob er sich mit sichtlicher Beschwerde, beugte nochmals mühsam ein Knie, und der Papst entließ ihn mit dem Segenszeichen. Sangalletto, der ihn hinausgeleitete, wunderte sich über die Kürze dieser Audienz. Der Fürst fuhr sofort zu seinem früheren Schwager und berichtete ihm alle Einzelheiten. Medici war betroffen. »Fra Felice wird sein Wort halten,« sagte er, »im guten wie im schlimmen. Entlasse darum unverweilt alle Banditen, vor allem den Marcello Accoramboni, dem er am wenigsten verzeihen wird. Am besten aber: entziehe dich selbst seinem Machtbereiche.« »Du meinst?« »Daß dein krankes Bein dich verpflichtet, für seine Heilung zu sorgen. Suche die Bäder von Abano auf; sie liegen im Gebiet von Venedig, und dein Haus ist der Signoria von alters her durch Dienste und Gegendienste verbunden. Dort bist du in völliger Sicherheit.« »Dank für deinen Rat«, entgegnete er. »Ich will ihn reiflich bedenken. Aber daß ein Fürst Orsini einem Franziskaner das Feld räumen soll, das ist doch wohl noch nie dagewesen.« »Die Zeiten haben sich geändert«, entgegnete der Kardinal. »Wir haben uns einen Herrscher gegeben, der wie Julius der Zweite sein wird.« »Ihr wißt selbst nicht, was Ihr getan habt«, brummte der Orsini. Während diese Worte gewechselt wurden, hatte Vittoria einen ebenso dreisten Streich gewagt wie ihr zweiter Gatte, aber auch ihr bekam er schlecht. Sie erschien bei Donna Camilla in der Via papale, und als sie abgewiesen ward, drängte sie sich fast mit Gewalt in ihr Gemach. Die Szene war äußerst peinlich. Vittoria spielte die Harmlose, schmeichelte, bettelte, setzte ihr bezauberndstes Lächeln auf, warf sich schließlich der Matrone zu Füßen. Aber Donna Camilla schluchzte unaufhörlich und überhäufte sie mit bittersten Vorwürfen. Endlich ging Vittoria beschämt fort. Noch ganz aufgelöst vor Erregung, fuhr Donna Camilla am Nachmittag in den Vatikan, um ihrem Bruder diesen Vorfall zu berichten. Sie fand ihn mit Geschäften überlastet und konnte ihn nur kurz sprechen. Aber selbst seine unendliche Nachsicht schien jetzt zu Ende; er fand Vittorias Benehmen ebenso dreist wie töricht. Das beschwichtigte sie etwas. Als er jedoch von Orsinis Audienz erzählte, geriet sie wieder in helle Entrüstung. »Für wie dumm oder schwach müssen die beiden uns halten!« rief sie zornbebend aus. »Er sieht in dir auch jetzt nur den Mönch und in mir die Bauersfrau.« Mit tiefem Schmerz erkannte Sixtus, daß sein ganzes Bemühen, Camillas Herzenswunde zu schließen, umsonst gewesen war. Vittorias Besuch hatte sie wieder aufgerissen wie am ersten Tage. Er selbst sah die letzten Vorfälle zwar nicht mit den haßgetrübten Blicken seiner Schwester an, doch er erkannte wohl, daß die Dinge so nicht weitergehen könnten. Und er gedachte auf seine Weise zum Ziele zu kommen. 10. Die Wiederherstellung der Ordnung Nach der Huldigung des römischen Adels hatte Sixtus den Senator und die Konservatoren von Rom empfangen und drohend Gehorsam verlangt. Und an demselben Tage, wo er den Orsini eingeschüchtert hatte, erschrak ganz Rom über das erste Zeichen seiner Strenge. Um den ewigen Morden und Straßenkämpfen Einhalt zu tun, verordnete er etwas sehr Einfaches: er verbot das Waffentragen bei Todesstrafe. Vier junge Windbeutel, die während des Interregnums von den Sforza angeworben waren, hatten dies Verbot nicht befolgt und waren mit ihren Büchsen nach Hause gegangen. Sie wurden verhaftet und sofort zum Tode verurteilt. Am Abend erschienen mehrere Kardinäle bei Sixtus und stellten ihm vor, daß vor der Krönungsfeierlichkeit noch nie ein Mensch hingerichtet worden sei. Doch er blieb unerbittlich. »Wir können Unsere eigenen Verordnungen nicht Lügen strafen«, sagte er fest. Und am nächsten Morgen wurden die vier Jünglinge vor der Engelsburg gehenkt. Dies Strafgericht verbreitete lähmenden Schrecken. Nicht nur alle Missetäter, auch solche, die dem Kardinal Montalto geschadet hatten, fühlten sich ihres Lebens nicht mehr sicher. Paolo Giordano Orsini befolgte sofort den Rat seines Schwagers und verließ Rom mit den Seinen. Die Banditen in Bracciano, die Marcello Accoramboni gesammelt hatte, stoben auseinander, und der Herzog selbst begab sich auf venezianisches Gebiet. So hatte sich Sixtus binnen drei Tagen Achtung verschafft. Ein Blick, ein Wort, eine Tat hatten genügt. Aber der schwerere Teil seiner Aufgabe lag außerhalb Roms: die Ausrottung der Banditen. Sie konnte nicht von heute auf morgen gelingen. Inzwischen fand am 1. Mai seine Krönung im Petersdom statt. Ungeheuer war der Zulauf des Volkes. Alle fremden Gesandten wohnten der pomphaften Feier bei. Der französische Botschafter trug die Schleppe des Papstes, die japanischen Prinzen reichten ihm das Wasser und der Kardinal von Medici setzte ihm die dreifache Krone aufs Haupt. Nach der Krönung erteilte er den Segen von der Loggia der Peterskirche. Den Rest des Tages verbrachte er in seiner Villa auf dem Esquilin mit den Kardinälen Alessandrino und Rusticucci. Das war gleichsam ein Abschiednehmen von seiner Kardinalszeit, aber zugleich ein Gedenken an Pius V., dem er den Kardinalshut verdankte. Wie jene beiden ihm erzählten, umspann ihn selbst schon die Sage. Toren und Schwätzer suchten sich seine wunderbare Erhebung auf ihre Weise zu erklären. Die einen sagten, Fra Felice habe einen Pakt mit dem Bösen geschlossen. Nach andern war er hustend und auf Krücken ins Konklave eingezogen, um seinen Amtsbrüdern die Hoffnung auf seinen baldigen Tod zu geben, falls ihre Wahl auf ihn fiele. Kaum aber habe man ihn erkoren, so sei er um Haupteslänge emporgewachsen und habe seine Krücken an die Wand geworfen. Sixtus lachte bitter über diese Narren, und doch übertrieben sie nur etwas Wahres, denn tatsächlich hatte er eine Maske abgeworfen, die Maske der Demut und Entsagung. Alle Welt erstaunte über die Tatkraft, die der Einsiedler der Villa Peretti an der Schwelle des Greisenalters plötzlich entfaltete. Die Banditen sollten sie zuerst verspüren. Sie auszurotten erschien fast unmöglich. Seit Menschengedenken hatte es Banditen gegeben, und zählte man alle zusammen, so überstiegen sie gegenwärtig die Zahl aller italienischen Truppen. Wer diese Eiterbeule aufschneiden wollte, konnte einen allgemeinen Umsturz herbeiführen, die weltliche Macht des Kirchenstaates völlig zerstören. Es war noch ein Glück, daß das Konklave so schnell zu Ende gegangen war, doch inzwischen hatten sie Zeit gehabt, sich zu sammeln, und so lagerten sie schon vor den Toren Roms, wie die Horden Alarichs oder Attilas. Am klügsten schien es, sie nicht zu reizen, aber Sixtus nahm den Kampf auf Leben und Tod an. Er begann mit einem Geniestreich. Er verzichtete auf das strittige Lehen, das Gregor dem Fürsten Colonna entrissen hatte, und söhnte ihn so mit dem Heiligen Stuhle aus. Dann benutzte er eine Erkrankung des Fürsten, um dessen Bravi in seinen Dienst zu nehmen und die Räuber durch ihresgleichen auszutilgen. Er unterstellte diese kriegerprobten Leute dem Bruder des Fürsten, dem Kardinal Colonna, und schickte den Signor Giacomo zum Teufel. An ihrer Spitze zog der Kirchenfürst ins Feld, griff die einzelnen Räuberbanden an, wo er sie fand, und machte viele nieder; den Rest drängte er auf das Gebiet von Neapel. Den Hauptschlag führte er gegen die Bande des Priesters Guercino, dem Gregor einst die Absolution für vierzig Morde erteilt hatte. Der Räuberhauptmann selbst fiel in die Hände der Sieger. Sixtus ließ ihm den Kopf abschlagen und ihn zum blutigen Hohn, mit einer goldenen Krone geschmückt, vor der Engelsburg ausstellen. So endete der »König der Campagna«, dessen Horden einst Donna Camillas unglücklichen Eidam ermordet hatten. Sie selbst fuhr zur Engelsburg hin und nickte befriedigt beim Anblick des scheußlichen Hauptes. Seitdem ergriff lähmender Schrecken die Räuber, und wie durch Zauberschlag war die Campagna von dieser Plage befreit. Aber Sixtus tat nichts halb wie sein Vorgänger. Er setzte einen Preis auf den Kopf jedes Banditen aus und zwang die Gemeinden, ihn zu bezahlen. Er ermunterte die Behörden, sogar die Verwandten der Räuber, sie auszuliefern, ja er lehrte die Banditen selbst, einander auszurotten. Die ihre Gefährten erschlugen, blieben straffrei und erhielten den Kopfpreis. Da zerfleischten die Wölfe sich gegenseitig, indes die Schafe in Frieden weideten. Noch war kein Jahr des neuen Pontifikates verstrichen, da steckten die letzten Banditenköpfe auf Pfählen. Grausam war dieses Werk, aber die äußerste Not schrie nach Abhilfe, und jedes Mittel war recht. In Rom begann die Strenge des Papstes sich minder liebsam fühlbar zu machen. Sixtus hatte den anfangs ernannten Gouverneur entlassen, weil er ihm zu nachgiebig war, und an seine Stelle seinen alten Freund, den Monsignor Pierbenedetti, gesetzt, der mit unerbittlicher Strenge einschritt. Alle, die Banditen Obdach gewährten und sie nicht lebend oder tot auslieferten, wurden mit drakonischen Strafen bedroht, aber auch alle Falschspieler, Wahrsager und Astrologen, die in Rom ihr dunkles Gewerbe trieben. Die Lästerzungen, besonders die geschwätzigen Zeitungsschreiber, die den Leuten die Ehre abschnitten und geheime Dinge verbreiteten, erhielten zum Lohn eine hanfene Halskrause, und die Geistlichen bequemten sich wieder, das Gewand ihres Standes und die Tonsur zu tragen. Wie mit einem Zauberschlage war die alte Sittenverwilderung verschwunden. Nichts schützte vor Strafe, weder hohe Geburt noch gute Beziehungen, nicht einmal der geistliche Stand. Ein Priester, der mit einem Madonnenbild Gaukeleien getrieben, ward über den ganzen Korso geführt und ausgepeitscht. Andere Geistliche und Mönche, die Schwereres verschuldet, wurden auf den Galeeren angeschmiedet oder hingerichtet. Die Römer wohnten diesen Vollstreckungen in stummem Schauder bei; nur Marforio und Pasquino wagten sich darüber aufzuhalten, aber sie waren von Stein. Virginio Orsini, des Herzogs von Bracciano Sohn aus seiner ersten, unglücklichen Ehe, und ein paar andere junge Edelleute waren allein dreist genug, der Strenge des Papstes zu spotten. Eines Morgens sah man vor der Engelsburg Katzenköpfe auf Stangen gespießt, als wären es Häupter von Missetätern. Aber die Täter wurden bald dingfest gemacht, und man zweifelte nicht, daß sie ihren Vorwitz mit dem Tode büßen würden. Es war fast ein Wunder, daß sie mit dem Schrecken davonkamen. Doch Virginio hielt es für angezeigt, gleich seinem Vater das Weite zu suchen. Erst in Florenz, bei seinem Oheim Franz, fühlte er sich sicher. Ein anderer Orsini, jener Ludovico, der nach seinem unerhörten Mord an Vincenzo Vitelli geflüchtet war, hatte sich nach Venedig gewandt, seit die Herrlichkeit der Briganten zusammengebrochen war. Sein Mitschuldiger aber, der Hauptmann, ward ergriffen und hingerichtet. Und gleich ihm wurden andere wegen alter Verbrechen bestraft, die man längst vergessen glaubte. Des Papstes Justiz schien die Mordlust zu streifen, und doch wollte er nichts, als das Gesetz wieder zu Ehren bringen. Eine der ersten Silbermünzen, die er schlagen ließ, trug die Figur der Justitia mit der Umschrift: Publicae Quietis Parens, Mutter der öffentlichen Ordnung. Keine Unbotmäßigkeit duldete er. Selbst der Kardinal Guastavillani, Gregors Neffe, bekam seinen Unwillen zu spüren: er erhielt Arrest wegen Ungehorsams. Als Medici Fürsprache für ihn einlegte, erhielt er zur Antwort: »Eure Sprache verwundert Uns. Wir gedenken Uns hier in Rom Gehorsam zu verschaffen, wie Wir von den Fürsten Gehorsam verlangen.« Medici hielt Fra Felice für größenwahnsinnig: wollte er die Zeiten des siebenten Gregor erneuern, vor dem ein Kaiser barfuß im Büßergewande geharrt hatte, um seine Absolution zu erflehen? Selbst gegen seine Freunde und Anhänger zeigte Sixtus sich unerbittlich. Graf Robert von Hohenembs, der natürliche Sohn des Kardinals Altemps, der zu seiner Erhebung so viel beigetragen hatte, der Vetter jenes Herzogs von Altemps, den er selbst zum Gouverneur des Borgo ernannt hatte, ließ sich durch sein heißes Blut hinreißen, eine junge Römerin zu entführen. Auf dies Verbrechen stand Todesstrafe. Sixtus ließ ihn verhaften und ihn monatelang in der Engelsburg schmachten, deren Befehlshaber sein eigener Vetter war. Die Sache machte gewaltiges Aufsehen; selbst die Kardinäle fühlten sich in dem Sohne eines der Ihrigen getroffen. Umsonst baten sie Sixtus um Gnade; er hüllte sich in undurchdringliches Schweigen. Erst als der Oheim des Jünglings, Graf Hohenembs, aus Deutschland herbeikam und den Papst fußfällig anflehte, ließ er ihn aus besonderer Rücksicht frei. Doch mußte er Rom verlassen und trat in Avignon in päpstliche Dienste. Daß aber diese Begnadigung nicht Schwäche gegen einen Vornehmen war, ersah man aus dem furchtbaren Exempel, das Sixtus in Bologna statuierte. Der greise Graf Pepoli, der dort in hohem Ansehen stand, hatte einem Banditen Obdach in einem seiner Schlösser gewährt. Der päpstliche Legat forderte ihn auf, ihn herauszugeben, aber Pepoli weigerte sich, mit dem Vorgeben, daß dies Schloß kaiserliches Lehen sei. Der Legat schickte Sbirren aus, um den Räuber zu verhaften, doch die Leute des Grafen schlugen sie zurück. Das war offene Auflehnung. Der Legat ließ den greisen Pepoli selbst verhaften, ein Wagnis, dessen sich zu Gregors Zeiten niemand erkühnt hätte, aber Sixtus billigte sein Vorgehen und drohte dem Grafen mit Tod und Güterentziehung, falls er den Räuber nicht ausliefere. Umsonst legte sich der Herzog von Ferrara und dessen Bruder, der Kardinal von Este, ins Mittel; Sixtus bestand auf seinem Gebot. Aber auch der Greis blieb starrsinnig und reizte den Papst noch besonders, indem er sich an den Kaiser wandte und in einem Briefe schrieb, er hoffe den Händen dieses tyrannischen Mönches bald zu entrinnen. Dieser Brief ward aufgefangen und besiegelte sein Schicksal. Sixtus ließ ihn hinrichten; mit Rücksicht auf seinen Stand ward er im Kerker erdrosselt, und seine reichen Güter verfielen der Kirche. Solches geschah vier Monate nach der Thronbesteigung des Papstes. In Bologna herrschte tiefe Trauer, aber niemand wagte seine Entrüstung zu zeigen. Auch dort zitterte alles vor seinem Zorn. So kostete die Wiederherstellung der Ordnung fast so viel Blut und Tränen wie vordem der Rückfall in den Naturzustand. Und seltsam, einem Manne slawischer Abkunft war es beschieden, die römische Kraft, die in Räuberei und Verbrechen entartet war, wieder zu bändigen und sie großen Zwecken dienstbar zu machen. Sixtus blieb sich dieser Abstammung wohl bewußt. Die Römer merkten es, als er an der Ripetta dem heiligen Hieronymus eine Kirche und ein Hospiz für die Slawonen erbaute, die Volksgenossen seines eigenen Vorfahren Zanetto Peretti, der einst vor den Türken nach Italien geflüchtet war. Durch diese Stiftung mit der Abkunft des Papstes vertraut gemacht, spotteten die Römer und sprachen: »Nun wissen wir, woher seine Justiz stammt; sie hat etwas vom Orient und von seiner Barbarei.« Und doch war sie nicht anders als die beste Italiens, die von Venedig, die sich alsbald durch einen großen Schlag kundtun sollte. 11. Vittorias Ende Trotz dem Rate seines Schwagers hatte der Herzog von Bracciano die Bäder von Abano nicht aufgesucht, aber sie hätten ihm wohl auch nichts mehr genutzt. Er hatte einen Palast zu Salò am Gardasee bezogen, wo ihn sein scheußliches Leiden schon im November des Jahres 1585 hinraffte. Voller Mitleid für seine junge Gattin hatte er kurz vor seinem Tode noch ein Testament aufgesetzt, durch das er ihre Zukunft sicherzustellen hoffte. Er hatte ihr Geld und Wertsachen im Betrage von 100+000 Scudi vermacht, dazu alle Pferde, Wagen und bewegliche Habe, deren er sich auf seiner Reise bedient hatte. Sein gesamtes übriges Vermögen verblieb seinem Sohne Virginio, der vor kurzem seines Jugendstreiches wegen aus Rom entwichen war und jetzt in Florenz lebte. Aber wie trügerisch ist doch alle menschliche Voraussicht! Nach dem Tode des Fürsten war die schöne Witwe mit ihrem Bruder Marcello und dem gesamten Hofstaate des Verblichenen nach seinem Palast in Padua übergesiedelt und hatte sich dort unter den Schutz Venedigs gestellt. Auch ihr Bruder Flaminio, jetzt in hoher Gunst beim Herzog von Ferrara, kam zu ihr. Aber zugleich erschien Ludovico Orsini, der Mörder des Vincenzo Vitelli, plötzlich in Padua. Er hatte in Venedig eine Condotta erlangt und stand im Begriff, sich nach Korfu einzuschiffen, um dort den Befehl über die Truppen der Republik zu übernehmen, als er die Todesbotschaft seines Oheims von Vittoria selbst erhielt. Ludovico focht sogleich das Testament an und nötigte die Witwe, alle Wertsachen, die sie im Hause hatte, herauszugeben. In ihrer Not wandte sie sich an die Signoria von Venedig, schrieb an die Kardinäle von Este und Medici und wagte sogar, den Beistand des Papstes anzurufen. Unbegreiflich genug, war Sixtus geneigt, ihr zu helfen: seine Nachsicht gegen sie schien ohne Grenzen. Allein seine Hilfe kam zu spät. In der Nacht auf den 22. Dezember drangen zwanzig maskierte Männer auf Leitern in den Palast, während eine andere Schar ihn umstellt hielt. Mit Fackeln in den Händen fahndeten die Eindringlinge zunächst nach Vittorias Brüdern, aber Marcello war entflohen, und so konnten sie nur den Flaminio erstechen. Dann drangen sie in Vittorias Schlafgemach. Sie ließen ihr nicht mal die Zeit, ihre Seele Gott zu empfehlen, und zerfetzten ihren schönen Leib mit Dolchstößen. Dies geschehen, raubten sie die Schatulle mit ihrem Geld und ihren Juwelen und verschwanden im Schutze der Nacht. Ganz Padua schrie über diesen unerhörten Frevel auf. Ungeheuer war der Zulauf des Volkes zu der Kirche der Eremiten, wo die Leichen aufgebahrt waren. Die Schönheit der toten Herzogin rührte die Menge zu Tränen, und sie fluchte zähneknirschend den noch unbekannten Mördern. Auch Papst Sixtus war tief erschüttert, als er die Kunde vernahm. Nur Donna Camillas Augen leuchteten auf. »Wer Menschenblut vergießt,« sagte sie, »des Blut soll wieder vergossen werden. Gott selbst hat dies Strafgericht zugelassen, weil die menschliche Gerechtigkeit versagt hat.« Obwohl Sixtus selbst viele Bluturteile hatte vollstrecken lassen, um das Gesetz wieder zu Ehren zu bringen, machte dieser Ausbruch persönlicher Rachsucht bei seiner frommen Schwester ihn doch betroffen. Noch mehr erstaunte er, als sie fortfuhr: »Alle Anstifter jenes Mordes sind schlimm geendet, nur zwei nicht. Marcello Accoramboni lebt noch, und die Hexe Caterina ist noch nicht verbrannt.« Und sie drang in ihren Bruder, diese beiden der irdischen Gerechtigkeit nicht zu entziehen. Um sie endlich zu beschwichtigen, versprach er ihr: »Ich will tun, was ich vermag.« Die Signoria von Padua schöpfte sofort Verdacht auf Ludovico Orsini und lud ihn vor. Er erschien mit einem Gefolge von vierzig Mann. Man wies sie zurück und wollte ihm nur den Eintritt mit vier Begleitern gestatten, aber die anderen drängten nach, und an ihrer Spitze beschwerte sich der Orsini dreist über solche Behandlung, die ihm noch von keinem regierenden Fürsten widerfahren sei. Befragt, ob er über Vittorias Tod Auskunft geben könne, bejahte er es und setzte hinzu, er habe Befehl gegeben, den Vorfall der Justiz anzuzeigen. Als man jedoch ein Protokoll aufnehmen wollte, entgegnete er, Männer seines Standes seien zu solchen Förmlichkeiten nicht verpflichtet. Schließlich legte er einen Brief an Virginio Orsini vor, dessen Absendung man ihm gestattete. Aber die Signoria ließ den Boten abfangen, und in dessen Reitstiefel fand sich außer dem vorgezeigten Briefe noch ein anderer versteckt. Darin schrieb Ludovico, die Tat sei gelungen; auch machte er sich über die Signoria lustig, die er so trefflich hinters Licht geführt habe. Der Brief ward sofort nach Venedig gesandt. Schon am Weihnachtsabend traf der Avvogador Bragadin mit weitgehenden Vollmachten in Padua ein, um den Orsini lebend oder tot in seine Gewalt zu bekommen. Sofort ward die Bürgerwehr aufgeboten und der Palast Contarini, in dem er wohnte, umstellt. Da er außerhalb der Stadt am andern Ufer der Brenta lag, war dies leicht zu bewerkstelligen. Barrikaden wurden zum Schutze der Mannschaft aufgeworfen und dahinter Geschütz aufgefahren. Auch der Fluß ward mit Booten besetzt, die Bewaffnete trugen. Dann sandte die Signoria von Padua drei der angesehensten Edelleute der Stadt zu Orsini. Sie fanden ihn mit seinen vierzig Gefährten, lauter alten erprobten Kriegsleuten, die eben dabei waren, den Palast mit Brettern und Matten zu befestigen und die Schußwaffen in Ordnung zu bringen. Andere rissen das Blei von den Fenstern oder schleppten Zinnschüsseln fort, um Kugeln daraus zu gießen. Angesichts dieser Maßnahmen forderten die drei Edelleute den Orsini auf, sich zu ergeben, denn sobald er Widerstand leiste, könne er nicht mehr auf Milde rechnen. Doch er war ebenso starrsinnig wie der Graf Pepoli in Bologna. »Wenn die Wachen um den Palast zurückgezogen werden,« erklärte er, »so will ich mit zwei oder drei Gefährten vor der Signoria erscheinen, um mich zu rechtfertigen. Ich bedinge mir aber aus, frei in meinen Palast zurückzukehren.« Diese herausfordernde Antwort überbrachten die drei Abgesandten der Signoria. Als sie wiederkamen, verkündeten sie ihm: »Ihr müßt Euch auf Gnade oder Ungnade ergeben, sonst wird Euer Palast mit Kanonen zusammengeschossen.« Da schlug Ludovico mit der Faust auf den Tisch, und die Zornader auf seiner Stirn schwoll an. »Gut denn,« schrie er, »wenn ihr Krieg wollt, sollt ihr ihn haben! Ich ziehe den Tod schimpflicher Unterwerfung vor!« Als die Edelleute zurückgekehrt waren, wurde das Zeichen zum Angriff gegeben. Man feuerte anfangs nur Büchsenschüsse ab, in der Hoffnung, die Belagerten würden es nicht zum Äußersten kommen lassen, denn man wollte den Palast schonen. Doch mit dem Rufe »Krieg, Krieg!« trieb Ludovico seine Bravi zur Gegenwehr an. Offenbar gedachte er, sich bis zur Nacht zu halten und dann mit den Seinen durchzubrechen. Und wer wußte, ob die alten Kriegsmänner nicht Sieger geblieben wären! Hatten sie doch nur elende Bürgerwehr gegen sich. Und schlimmstenfalls war es für alle noch ehrenhafter, von einer Kugel zu fallen, als unter dem Beile des Henkers zu enden. Da also nichts weiter übrigblieb, wurden die Feldstücke abgefeuert. Als der Pulverqualm sich verzog, sah man eine Ecke des Palastes zusammenbrechen und mehrere Bravi unter ihren Trümmern begraben. Brauner Staub wirbelte aus dem krachenden Gemäuer auf. Ein Mann, der ein Tuch schwenkte, stürzte aus dem Tore hinaus und ergab sich, seine Unschuld beteuernd; es war der Hausmeister des Fürsten. Erst jetzt sah Ludovico die Vergeblichkeit seines Widerstandes ein. Er winkte mit einem Tuche zum Fenster hinaus und erklärte, er wolle sich mit seinen Leuten ergeben. Dann erschien er selbst in dem Tore; die Menge, die sich hinter den Barrikaden geschart hatte, empfing ihn mit Flüchen und Siegesjubel. Unter starker Bedeckung führte man ihn ab. Als er drohende Fäuste gegen sich geballt sah, sagte er achselzuckend: »Wenn ich hätte kämpfen wollen! ...« Dann drangen die Soldaten in den rauchenden Palast ein, und nach und nach sah man die Bravi herauskommen. Rottenweise, von Bewaffneten umringt, schritten sie mit gesenkter Stirn durch die drohende Volksmasse, lauter verwegene Gesellen mit Narben im Antlitz, manche schon mit grauem Spitzbart, die Reste der römischen Banditen. Dreiunddreißig zählte man; dann verlief sich die Menge. Alles harrte der Sühne dieses Frevels, denn die Republik von San Marco übte schnelle Justiz. Zwischen blutigen Büchsen und Dolchen fanden die Häscher in dem Palast noch einen silbernen Becher mit dem Wappen der Medici. Er hatte einst der unglücklichen Isabella von Toskana gehört, die der Herzog von Bracciano mit eigener Hand erwürgt hatte. Dann war er in Vittorias Besitz übergegangen und bei ihrer Ermordung geraubt worden. Dieser Becher diente als Beweisstück in dem summarischen Verfahren, das gegen den Orsini angestrengt ward. Papst Sixtus erfuhr das Ergebnis durch den Botschafter Priuli am Neujahrstage des Jahres 1586, dem ersten seines Pontifikats. Er hatte soeben das Hochamt in der Sixtinischen Kapelle zelebriert und empfing in der Sala ducale die Glückwünsche der fremden Gesandten. Als er sie mit dem Zeichen des Friedens verabschiedet hatte, trat Lorenzo Priuli nochmals an ihn heran, beugte das Knie und sprach: »Gestern abend erhielt ich die letzte Post aus Venedig. Seine Herrlichkeit, der Doge, läßt Eurer Heiligkeit melden: Der Fürst Ludovico Orsini ist am Tage Sankt Johannis, welches der 27. Dezember verwichenen Jahres war, in seinem Kerker erdrosselt worden, mit Rücksicht auf seinen Stand und sein erlauchtes Geschlecht, das sich manche Verdienste um die Republik erworben hat. Er ist mit Anstand gestorben. Seinem Testament gemäß hat man die Leiche mit großen Ehren in S. Maria del Orto zu Venedig beigesetzt, allwo schon die erlauchten Gebeine seines Herrn Vaters und Großvaters ruhen. Seine Waffen sind der Signoria übergeben worden, welche die schönsten in dem großen Waffensaal aufhängen ließ ...« Sixtus hatte die letzten Worte kaum mehr vernommen. »Ihr konntet Uns keine bessere Neujahrsbotschaft bringen«, sagte er lebhaft. »Wahrlich, Eure Signoria wird sich durch ihre prompte Justiz einen guten Ruf und Ansehen bei allen gesitteten Völkern erwerben. Dann winkte er Priuli, ihm in seine Gemächer zu folgen. Durch die Gänge schreitend, lobte er im Herzen die Gerechtigkeit Gottes, die keinen Frevel ungesühnt ließ. Sein Gemüt war tief bewegt. In seinem Arbeitsgemach angelangt, wiederholte er seine Lobeserhebungen. »So üben Wir selbst die Justiz«, setzte er hinzu. »Es ist ja auch schwer, einen wilden Vogel lange im Käfig zu halten«, lächelte der Venezianer. »Und was ist mit den andern geschehen?« fragte der Papst. »Fünfzehn seiner Leute sind bereits gehenkt, darunter etliche vornehmen Standes. Die Galgen für die übrigen sind noch stehengeblieben. Weil aber der Henker erschöpft und das Volk von dem schrecklichen Anblick wie gelähmt war, hat man ihre Hinrichtung auf den nächsten Werktag verschoben. Sie werden wohl alle aufgeknüpft werden, bis auf den Hausmeister, der sich bei den ersten Kanonenschüssen ergeben hatte.« »Gut! Gut!« sagte Sixtus, in die Hände schlagend. »Wir hoffen jedoch, daß die Signoria künftig keine übel berüchtigten Leute mehr in ihren Dienst nehmen wird. An Hilfe kann es ihr nicht fehlen, solange sie auf Gott den Herrn baut, der den guten Fürsten Legionen von Engeln zu Hilfe sendet.« »Ohne Zweifel , sagte der Diplomat, ein Lächeln bezwingend. »Aber Eure Heiligkeit wolle bedenken, daß die Signoria auch handfeste Männer braucht, die den Türken und der Pest Trotz bieten, und da kann sie nicht allzu wählerisch sein. Die meisten dieser Leute haben eins auf dem Kerbholz; sonst blieben sie gewiß lieber daheim. Ludovico Orsini ist ein Beispiel dafür.« »Es ist recht und billig,« nickte der Papst, »wenn sie ihre Missetaten im Kampfe gegen die Ungläubigen sühnen. Wäre der Orsini in Korfu gestorben, er hätte sich die Seligkeit verdienen können; nun aber wird er verdammt werden. Doch was meint Ihr von Marcello Accoramboni? Hat er das Kreuz genommen? Der Gesandte zuckte die Achseln. »Es ist Uns bekannt,« fuhr Sixtus fort, »daß er, von einem früheren Verbrechen zu schweigen, eine Bluttat in demselben Padua begangen hat, wo er den Dolchen der Mörder seiner Schwester entronnen ist. Warum wird er dafür nicht gerichtet?« So gut der Venezianer sein Mienenspiel auch beherrschte, dieser Zug rachsüchtiger Härte überraschte ihn doch, und ein Ausdruck des Schreckens glitt über sein feines Antlitz. Er meinte, der Papst müsse mit der Nachricht von dem großen Strafgericht an dem Orsini und seinen Gefährten genug haben. »Eure Exzellenz wird so gut sein, fuhr Sixtus fort, »an die Signoria zu schreiben, daß sie den Marcello vor Gericht stellt.« »Ich werde dem Gebot Eurer Heiligkeit sofort nachkommen«, entgegnete der Botschafter, sein Befremden niederkämpfend. Und er wartete auf das Zeichen seiner Entlassung. Doch der Papst schien heute redseliger als sonst. »Ihr mögt Uns für blutdürstig und unversöhnlich halten«, sagte er plötzlich. Und als Priuli eine abwehrende Gebärde machte: »Doch, doch! Wir sahen den Schatten, der über Eure Stirn flog. Aber nehmt Platz und hört zu. Wir wollen ganz offen mit Euch reden wie mit einem Freunde. Dann werdet Ihr Uns besser verstehen.« Der Botschafter ließ sich in einen Sessel nieder, und Sixtus setzte sich in seinen Armstuhl unter dem roten Thronhimmel. Dann fuhr er fort: »Wir könnten den Marcello Accoramboni von Eurer Signoria anfordern, um ihn für ein Verbrechen zu strafen, das er vor Eurer Zeit hier in Rom gegen Unsere Familie begangen hat. Aber Wir wünschen den Schein einer Privatrache zu meiden, wo die Signoria so triftige Gründe hätte, ihn wegen seiner neuen Missetat zur Verantwortung zu ziehen. Doch Wir sehen aus Eurem fragenden Blick, daß Ihr nicht recht im Bilde seid. Um so besser wissen Wir über diese Sache Bescheid. Marcello war es, der vor fast fünf Jahren Unseren Neffen Francesco Peretti in die Falle lockte und ihn zu jenem nächtlichen Gange bewog, von dem er nur als Leiche heimkehrte. Dennoch ist er bisher frei ausgegangen.« Er machte eine Pause, wie von einer allzu schweren Erinnerung bedrückt. Dann fuhr er lebhafter fort und vergaß sogar das feierliche Wir. »Von der Stunde an, wo ich den Tod des Unglücklichen erfuhr, legte ich diese Sache in Gottes Hand. Was vermochte ich auch anders? Papst Gregor zeigte zwar die Absicht, der Gerechtigkeit ihren Lauf zu lassen, aber es geschah nichts. Vielmehr brauchte er wenig anständige Winkelzüge. Nachdem der Prozeß eingeleitet war, ließ er die Akten dem Monsignor Portici übergeben -- er ist noch am Leben und Ihr könnt ihn selbst fragen --, und man erfuhr weiter nichts, als daß ein Mann, der Marcellos Brief überbracht hatte, in den Kerker geworfen ward. Dann aber ward dieser Mann dem Signor Giacomo übergeben und verschwand aus Rom ... Und dieser Papst«, schloß er spöttisch, »war ein berühmter Rechtslehrer gewesen, die Zierde Eurer Universität Padua.« Sixtus schwieg schweratmend. Die dunkelen Hintergründe des Gemaches, von denen seine weiße Gestalt sich abhob, erschienen dem Venezianer auf einmal wie ein Sinnbild. Er blickte in die düsteren Hintergründe seiner Seele. »Eure Heiligkeit hat viel gelitten,« murmelte er, »bevor Gott höchsten Glanz auf Sie warf.« Der Papst nickte lebhaft. »Und doch«, versetzte er, »empfängt ein jeder sein Leiden aus Gottes Hand, wie es ihm gemäß ist. Sankt Augustin sagt sehr richtig: wenn die Leiden der ganzen Menschheit in einem Zimmer beieinander wären und jedem stände die Wahl frei, er würde sich doch seine eigenen Leiden aussuchen. Allein Wir verschwatzen Uns ... Schreibt denn der Signoria, sie möge den Marcello vor Gericht stellen, damit Wir es nicht nötig haben. Wir lieben die Strenge, aber Wir sind nicht rachsüchtig. Inzwischen werden Wir die letzten Briganten vom römischen Boden ausrotten. Ist es nicht schon ganz anders geworden, Priuli, als bei Unserer Thronbesteigung?« »Die Kuriere von San Marco können es bezeugen, antwortete der Venezianer. »Sie segnen Eure Heiligkeit dafür, daß sie unterwegs nicht mehr ausgeraubt werden. Sixtus hörte solche Worte gern. »Wir rechnen dabei auf die Unterstützung Eurer Republik«, sagte er. »Wir werden Uns ebenso an den Großherzog von Toskana und an König Philipp als Herzog von Mailand und König von Neapel wenden, daß sie den Banditen ihre Grenzen sperren, damit sie nicht mehr von einem Land in das andere hinüberwechseln können und so Unsere ganze Mühe vereiteln. Mehr noch, Wir wollen mit der Republik einen Vertrag schließen, daß Wir uns gegenseitig alle Banditen und Missetäter ausliefern, die der eine vom andern anfordert. Was meint Ihr dazu?« »Das wäre jedenfalls etwas ganz Neues«, entgegnete der Venezianer. »Die Welt würde darüber staunen. Aber ich fürchte, die Signoria wird ihr Asylrecht nicht preisgeben wollen.« »Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg«, sagte Sixtus. »Die Signoria wird selbst einsehen, wie nützlich ihr ein solcher Vertrag werden kann, denn auch sie hat Feinde und Rebellen, die außer Landes gegen sie wühlen.« Damit reichte er dem Gesandten die Hand mit dem Fischerring.   Nicht lange, so hatte Sixtus sein Ziel bei Venedig und bei König Philipp erreicht. Der schrieb ihm eigenhändig, er habe seinen Ministern in Mailand und Neapel geboten, den Anforderungen des Papstes ebenso Folge zu leisten wie seinen eigenen Befehlen. Sixtus war zu Tränen gerührt, daß der größte Herrscher der Christenheit einen armen Mönch solchermaßen ehrte. Auch Venedig hatte den Banditen, die sich schon in seinem Gebiet befanden, die Rückkehr in den Kirchenstaat verboten und sich feierlich verpflichtet, keinen von Sixtus' Verbannten aufzunehmen. Ebenso war es zur Auslieferung von Missetätern erbötig. Auch das hatte das Herz des Papstes gerührt, und er hatte zu Priuli gesagt, er werde sein Blut für die Republik vergießen. Alle alten Mißhelligkeiten zwischen Sankt Peter und Sankt Markus schienen vergessen, alles Üble, was Sixtus einst in Venedig erfahren, war ausgelöscht. Nur eine war noch unzufrieden: Donna Camilla. Sie besuchte ihren Bruder fast täglich im Vatikan zur Abendstunde. Dann hatte sie freien Zutritt und bedurfte keiner Anmeldung. Meist fand sie ihn über Akten und Schriftstücke, Pläne und Listen gebeugt, denn er kümmerte sich selbst um alles, sogar im Bauwesen und in den Finanzen. Bisweilen mußte Camilla ihn sanft am Ärmel zupfen, um seinem Fleiß Einhalt zu tun. Dann blickte er auf, nickte ihr freundlich zu und begann mit ihr zu plaudern wie in der alten Zeit in der Via Papale. Einfluß auf seine Geschäfte gewährte er ihr freilich nicht, und sie war klug genug, ihn nicht zu fordern. Nur in kleinen Dingen, bei Anliegen und Gnadensachen, lieh er ihr bisweilen ein Ohr. Ganz und gar nichts mehr aber wollte er von der Sühne für den Mord seines Neffen wissen, wiewohl Donna Camilla ihn wiederholt fragte, ob Marcello noch immer nicht geköpft und die Hexe Caterina noch nicht verbrannt sei. Schließlich erklärte er ihr: »Wie du weißt, ist Caterina nach der Ermordung ihrer Herrin in Padua dingfest gemacht worden. Da ihre Unschuld sich herausstellte, wollte man sie freilassen, aber ich habe die Signoria gebeten, sie dem Bischof von Padua auszuliefern, der sie vor sein Tribunal stellen wird. Sollte sich ergeben, daß sie neue Zaubereien begangen hat, so soll sie verbrannt werden.« Donna Camilla zuckte die Achseln. Sie wußte, daß die Zofe nie den Holzstoß besteigen werde. »Und Marcello?« fragte sie. »Die Signoria weigert sich, ihn zu verurteilen. Sie hat ihn schon einmal vor Gericht gestellt, aber er ist freigesprochen worden, und sie will auf das einmal gefällte Urteil nicht zurückkommen.« »So laß ihn dir ausliefern!« rief sie aus. »Jetzt hast du doch die Macht dazu.« Lange hielt er ihrem halb flehenden, halb herausfordernden Blicke stand. Schließlich sagte er: »Ich will mir die Akten des Prozesses noch einmal ansehen.« Da schöpfte Camilla von neuem Hoffnung auf die Sühne. Zwei Tage darauf, als sie ihren Bruder wieder besuchte, fand sie ihn über das Aktenstück gebeugt und mit Tränen im Auge. Als er sie erblickte, schob er es unwillig fort und sagte: »Ich kann es nicht zu Ende lesen. Es sticht mir ins Herz.« Da umschlang sie in plötzlichem Überschwang seinen Hals und sagte mit feuchten Blicken: »Ich wußte nicht, daß du ihn so geliebt hast!« »Camilla,« rief er mit leisem Vorwurf, »wie konntest du daran zweifeln!« »So willst du dir also den Marcello ausliefern lassen?« fragte sie in plötzlichem Umschlag, der ihn erstaunte. »O tue es, tue es, damit mein Herz endlich Ruhe findet! Der schändlichen Vittoria hast du stets alle Wünsche erfüllt, und mir versagst du den einen!« »Vittoria hat mich nie um den Tod eines Menschen gebeten«, entgegnete er. »Nein!« fuhr Camilla auf, »dazu hat sie sich an Marcello und ihren Buhlen gewandt!« »Nun ja, meinetwegen,« versetzte Sixtus kopfschüttelnd, »ich will an die Signoria schreiben lassen. Bist du nun zufrieden?« »Gelobt sei Gott!« frohlockte die Greisin. So ward Marcello Accoramboni das erste Opfer des neuen Auslieferungsverfahrens zwischen dem Heiligen Stuhl und San Marco. Sixtus ließ ihn nach Ancona bringen und ihn im Kerker hinrichten. In Rom erfuhr man kaum etwas davon; zudem war man ja schon an die Ahndung alter Verbrechen gewöhnt. Nur Donna Camilla wunderte sich, daß ihr Bruder in diesem einzigen Falle so viel Scheu vor Blutvergießen gezeigt hatte. Hatte er denn nicht doppelten Grund, gerade dies Haupt fallen zu lassen? »Das war die einzige Versuchung, der ich erlegen bin«, seufzte er, als er ihr endlich die Kunde von Marcellos Hinrichtung brachte. Und als sie ihn erstaunt ansah, setzte er hinzu: »Deine Gebete haben mich auf den Thron Petri erhoben. Aber wer weiß, ob ich jetzt nicht verdammt bin, weil ich dein ewiges Flehen um Rache erhörte.« Da entgegnete sie in seltsamer Gefühlsverwirrung: »Wenn meine Gebete solche Macht hatten, wie du sagst, so werden sie dich auch aus dem Fegefeuer retten. Betete ich doch auch deshalb um deine Erhöhung, damit dein Arm stark werde, den alten Frevel zu sühnen.« Als Theologe war Sixtus an solche Kasuistik gewöhnt; die Jesuiten lieferten die stärksten Proben davon. Aber bei einem Weibe befremdete sie ihn doch. Der Mönch wußte nicht, daß auch Liebe und Haß im Frauenherzen ihre spitzfindige Logik haben. Fortan verglich er seine Schwester nicht mehr im Scherz mit der heiligen Monica. Beim Großherzog von Toskana hatte er weniger Glück mit der Unterdrückung der Briganten als bei Venedig und König Philipp. Franz betrachtete diese kriegerprobten Leute noch immer als Sammelbecken für Truppenwerbungen im Kriegsfall, denn die Florentiner Politik war nach wie vor ehrgeizig. Umsonst schrieb Sixtus seinem alten Gönner eigenhändig: »Helft Uns, diese Geißel des Volkes, diese Schande des Heiligen Stuhles ausrotten.« Franz blieb stumm gegen seine Bitten; die alte Freundschaft schien ganz in die Brüche zu gehen. Zum offenen Gegensatze kam es, als ein verwegener Bandit, Lamberto Malatesta, ein Mann aus dem ehemaligen Herrscherhause von Rimini, von neuem in den Kirchenstaat einbrach und die Romagna, Umbrien und die Marken brandschatzte. Er verheerte nicht nur das flache Land, sondern griff auch feste Schlösser an und eroberte sie. Eines Nachts wagte er sogar einen Handstreich auf die Stadt Imola. Sein Standquartier aber hatte er in Toskana, wo er richtige Winterquartiere bezog und sich mit Proviant und neuer Mannschaft versah. Umsonst beschwerte Sixtus sich in Florenz. Der Kardinal von Medici lehnte es ab, sich in diese Sache einzumischen, und der toskanische Gesandte in Rom setzte nichts durch, ebensowenig der päpstliche Nuntius in Florenz. Vielmehr ließ der Großherzog ihn einmal stundenlang im Vorzimmer warten, bevor er ihn empfing. Da lief Sixtus die Galle über. Er schrieb dem Großherzog ein langes Breve, erinnerte ihn an seine alte Freundschaft und verlangte kategorisch eine Antwort. Am selben Tage fand ein Konsistorium statt. In ihm legte der Papst eingehend Malatestas Umtriebe dar und erging sich in heftigen Klagen über den Großherzog, dem er soviel Liebe erwiesen habe und der ihm sowenig Liebe zeige. Mehr als vierzig Kardinäle und Prälaten hörten diese Worte, und am Nachmittag kannte sie ganz Rom. Aber Sixtus ging noch weiter. Sofort nach dem Konsistorium schickte er einen Kardinal zum toskanischen Gesandten und ließ ihm sagen: werde Malatesta nicht unverzüglich ausgeliefert, so werde er Zwangsmaßregeln ergreifen. Fast schien es, als wolle er Toskana den Krieg erklären. Die Römer tadelten seine Hitzigkeit, und doch erreichte Sixtus sein Ziel. Der Großherzog erschrak über die Nachrichten aus Rom und ließ den Papst durch seinen Gesandten beschwören, ihm seine Beschwerden nicht durch die Fama zukommen zu lassen, sondern auf diplomatischem Wege. Endlich also öffnete er sein Ohr und erfüllte den Willen des Papstes. Es war ein großer Sieg für Sixtus, als der gefürchtete Räuber unter guter Bedeckung nach Rom gebracht ward, wo ihm die verdiente Strafe zuteil ward. Mit ihm starb der letzte große Brigant aus den schlimmen Zeiten Gregors. An den Großherzog aber schrieb Sixtus einen überschwenglichen Dankesbrief und beteuerte ihm, er liebe ihn noch immer wie einst und mehr als jeden anderen Fürsten. Seitdem kehrte die alte Freundschaft zurück. 12. Das neue Rom Aber Sixtus wollte nicht nur Dorngestrüpp ausroden und Unkraut jäten, sondern auch das Neuland bebauen. Da verwandelte sich der Mann, der in Blut zu waten schien, in einen Segensspender, und der Buschwald, in dem die Banditen gehaust hatten, ward zu fruchtbaren Ackerfluren. Durch die fieberdunstenden Pontinischen Sümpfe zog er den Fiume Sisto, um sie zu entwässern und die Chiana von Orvieto ward trockengelegt. Die alten Tuchfabriken und Leinenwebereien blühten wieder auf, und Sixtus gab ihnen Unterstützungen aus der päpstlichen Kammer, »damit die Armen etwas zu verdienen bekommen«, wie er selbst sagte. Ein gewisser Peter von Valenzia hatte sich erboten, Seidenmanufakturen in Gang zu bringen. Sixtus befahl, in allen Gärten und Vignen, auf allen Wiesen und Waldstrecken Maulbeerbäume zu pflanzen: im Unterlassungsfalle bedrohte er die Gemeinden mit Geldstrafen. Den Gemeinden selbst aber half er auf, indem er ihr Rechnungswesen genau untersuchen ließ, die Veräußerung ihres Besitzes verbot und eine geordnete Verwaltung herstellte. Die Hafenstadt Civitavecchia versorgte er mit gesundem Wasser, indem er eine sechs Miglien lange Wasserleitung erbauen ließ. Und den Wallfahrtsort Loretto erhob er zur Stadt. Fontana stellte ihm die Schwierigkeit des Unternehmens dar, aber er sagte: »Mache dir keine Gedanken, Domenico. Schwerer ward es Uns, den Entschluß zu fassen, als die Ausführung fallen wird.« Täler wurden eingeebnet, Hügel abgetragen; jede Gemeinde der Mark Ancona ward angewiesen, ein Haus in Loretto zu bauen und Bürger anzusetzen. Und in kurzem stand eine neue Stadt da. Vor allem aber erfuhr Rom den stürmischen Schöpferwillen des Papstes. Fontana hätte sich zehnteilen müssen, um alle seine Pläne so rasch auszuführen, wie sie dem Geiste des Bauherrn entsprangen, der zugleich säen und ernten wollte. Um einigermaßen Schritt zu halten, hatte er seinen Bruder Giovanni und seinen Neffen Maderna zu Hilfe gezogen. Er verwandelte sich zum Wasserbauingenieur und zum Straßenbaumeister, aber zugleich begann er gewaltige Bauten beim Lateran, auf dem Quirinal, im Vatikan und in allen Stadtteilen. Er fluchte und schwitzte, aber er arbeitete wie ein Herkules. Ganz Rom ward umgewühlt und stand eine Weile auf dem Kopfe. In endlosen Fluchten schnitten neue, schnurgerade Straßenzüge logisch und unerbittlich durch Vignen, Gärten und antike Ruinen, um das neue Rom auf den Hügeln und seine altehrwürdigen Kirchen mit der Altstadt zu verbinden. Dämme wurden geschüttet, Hügel eingeebnet; selbst Häuser und eine Kirche verfielen der Spitzhacke. Und zugleich legte man schon die Röhren für die neue Wasserleitung. Die Römer spotteten, der Papst lasse Häuser abreißen, um andere zu bauen, aber sie selbst hatten den Nutzen von diesen graden Straßen, die stracks zum Ziele führten, und viele Hände fanden Arbeit und Verdienst. Bisher hatte es kaum ein paar grade Straßen in Rom gegeben; den Corso, der noch aus dem Altertum stammte, und die neue Via Pia, die Papst Pius IV. vom Quirinal bis zur Porta Pia gezogen hatte. Sixtus legte sie eben und baute eine Abzweigung nach der Porta Salara. Dann zog er quer durch ganz Rom eine endlose Straße, die seinen Namen erhielt. Sie stieg von der Porta del Popolo zu der Kirche über dem Spanischen Platz, den er durch einen Treppenweg mit ihr verband, führte weiter, die Via Pia schneidend, bis zur Basilika S. Maria Maggiore und endete bei S. Croce. Von S. Maria Maggiore zog er eine zweite Straße, teils auf Anschüttungen, bis zum Lateran, von da eine dritte bis zum Kolosseum, eine vierte von S. Maria zur Piazza Venezia und von hier eine fünfte bis zu den Diokletiansthermen, statt des alten hügeligen Landweges, auf dem er als Kardinal so oft nach seiner Villa gefahren war. Bisweilen besuchte er sie jetzt wieder in seiner päpstlichen Sänfte, wenn er den Straßenbau besichtigt hatte, denn er ordnete nicht nur an wie Gregor, sondern er wachte auch über die Ausführung und trieb zur Beschleunigung an. Er hatte die Gärten durch neue Grundstücke erweitert, ein paar antike Ruinen rücksichtslos wegbrechen lassen und freute sich der heranwachsenden Bäume, die er mit eigener Hand gepflanzt hatte. Noch größer aber war sein Stolz, wenn er von der Loggia aus die neue Stadt betrachtete, deren Grundzüge er festlegte, und die Bogenreihen seiner neuen Acqua Felice mit den alten Aquädukten wetteifern sah. Immerfort drängte und drohte er Fontana, die Wasserleitung fertigzustellen, denn ohne Wasser blieb die neue Hügelstadt unbewohnbar. Er hatte eine ergiebige Quelle bei Palestrina gekauft und war selbst mit vier Kardinälen hingefahren, um das Werk in Gang zu bringen. Zwanzig Miglien weit mußte ihr Wasser durch die öde Campagna herbeigeführt werden. Bis zu viertausend Arbeiter waren dabei beschäftigt; dennoch währte es anderthalb Jahre, bis die Leitung vollendet war. Dann aber rauschte es in Rom allerorten wie von Quellen, und Menschen, Tiere und Pflanzen labten sich an dem reinen, kalten Bergwasser. Bis auf das Kapitol, ja selbst nach dem fernen Trastevere, verzweigten sich die unterirdischen Leitungen, die siebenundzwanzig öffentliche Brunnen und viele Gärten speisten. An dem Hauptbrunnen in der Nähe der Diokletiansthermen stand Sixtus selbst in Stein gehauen als Moses, das Haupt von Strahlen umgeben, die Gesetzestafeln in der Linken, in der Rechten den Stab, mit dem er das Wasser aus dem Felsen schlug, Gesetzgeber und Wohltäter seines Volkes, das kniend zu der Quelle herandrängte. Seitdem füllten sich auch die leeren Straßenzeilen mit Häusern und Palästen, und dies neue Rom war weiträumig, reinlich und gesund. Selbst die Bettler, das Ungeziefer der Altstadt und der Kirchenportale, verschwanden in dem Hospiz, das der Papst für sie am Ponte Sisto erbauen ließ. So verdoppelte Rom sich zusehends, und überall entstanden neue Paläste, die ihm ihren Stil aufdrückten, nicht mehr schlicht und heiter wie in dem goldenen Zeitalter, sondern schwerwuchtend und festungsartig wie die großen Bauten der Alten oder der von Michelangelos Hand als Muster gesetzte Palast, in dem der weltmüde Kardinal Farnese seine Tage beschloß. Alles, was Sixtus selbst baute, bezahlte er aus der eigenen Tasche. Dazu aber mußte er Geld haben. »Ein Fürst ohne Geld ist nichts«, pflegte er zu sagen. Der Bauherr vermählte sich also mit dem Finanzkünstler. Er verstand nicht nur Wasser aus dem Felsen zu schlagen und Paläste hervorzuzaubern, sondern auch Gold mit der Wünschelrute zu finden. Alles, was er tat, grenzte ans Zauberhafte. Bei seiner Thronbesteigung hatte er ein jährliches Einkommen von zwei Millionen Goldscudi vorgefunden. Aber die Schulden waren so groß, und es aßen so viele mit aus der Schüssel, daß nur ein Zehntel davon zur Verfügung blieb. Da kam er auf den sehr einfachen Gedanken, die Ausgaben zu vermindern und die Einnahmen zu erhöhen. Er begann mit einem großen Strich durch den Haushalt, zog viele Gehälter ein und wies ihren Empfängern kirchliche Pfründen an. Seine eigene Tafel durfte täglich nur acht Paoli kosten. So ersparte er jährlich 150+000 Scudi. Aber die Hauptsache war, daß er neue Einnahmequellen erschloß. Er versuchte es zunächst mit einer Weinsteuer, denn in Italien trank auch der Ärmste Wein. Aber dieser Versuch war ein Mißgriff. Das arme Volk murrte, und er mußte diese Auflage wieder abschaffen. Handel und Gewerbe aber durfte er nicht zu hoch belasten, denn er wollte beide ja fördern. Die Kaufleute schrien schon auf, als er eine Abgabe von 2 v. H. auf den Warenumsatz in Ancona legte. Zudem beschränkte sich das Gewerbe vornehmlich auf die nördlichen Provinzen. Die Römer dagegen waren flinker mit den Zungen als mit den Armen. Sie lebten lieber von der Ausbeutung der Fremden als von ihrer Hände Arbeit. Wer arm war, diente einem Vornehmen oder Kardinal, und die großen Häuser hatten Scharen von Gesinde und Höflingen. Das alles war keine ertragbringende Arbeit. Nur die Fremden brachten Geld nach Rom, aber sie rissen damit auch die käuflichen Ämter und das Geldgeschäft an sich, besonders die Genuesen, aber auch die Florentiner und Venezianer. Nur in Genua und Venedig gab es damals Großbanken. Sixtus beschloß, dies Geld für den Kirchenstaat nutzbar zu machen. Zu seinen Finanzoperationen bediente er sich vor allem der Juden. Die lebten damals in ihrem schmutzigen Ghetto am Tiber, den Überschwemmungen, dem Fieber und dem Hohne der Christen preisgegeben. Nach Sonnenuntergang durften sie sich nicht mehr in der Stadt blicken lassen. Bei der Thronbesteigung jedes Papstes mußten sie ihr Huldigungsgeschenk am Titusbogen darbringen, der zur Feier der Zerstörung Jerusalems errichtet war. Seit Paul IV. sie gezwungen hatte, ihren Grundbesitz zu verkaufen, blieb ihnen nur das kleine Geldgeschäft und der Handel mit alten Kleidern. Auch mußten sie einen gelben Hut tragen. Gregor war noch weitergegangen, indem er eine Anzahl von ihnen zwang, an jedem Sabbat eine christliche Predigt anzuhören. Aber bekehrt hatte er sie nicht. Sixtus hob solche entehrenden Bestimmungen auf und erleichterte ihr Los. Niemand durfte ihnen in Rom mehr Schmach antun. Mehrmals geschah es, daß Christen auf dem Corso ausgepeitscht wurden, weil sie Juden geneckt hatten. In diesen gequälten Kindern Israels erkannte er gute Finanzleute, die für und nicht gegen den Kirchenstaat arbeiten konnten. Besonders ein aus Portugal vertriebener Jude Lopez stand bei ihm in Gunst und beriet ihn bei seinen Finanzplänen. Die Käuflichkeit vieler Ämter war ein Gebrechen der Zeit, aber sie hatte ihren Vorteil für die päpstlichen Kassen. Sixtus beschnitt die eingerissenen Mißbräuche und vermehrte diese Ämter beträchtlich. Die höchsten gewährten den Eintritt in die Prälatur; sie wurden nur an solche vergeben, die durch Befähigung, Vergangenheit und Stand Gewähr für gute Amtsführung boten. Geringere Ämter standen dem Bürgerstande offen. Alle diese Ämter waren lebenslänglich; die Einkünfte betrugen 5 bis 10 v. H. der Kaufsumme; das war die Besoldung, die aus den Steuern und Gefällen bezahlt ward. Die Kaufsumme verfiel beim Tode des Inhabers, aber auch, wenn er zum Bischof oder Kardinal erhoben ward. Ein gefährlicher Anreiz für die Kurie, diese Würden vorzüglich den Inhabern solcher »Monti« zu verleihen! Besonders die Genuesen wußten sich auf dem Weg über die Prälatur in sie einzudrängen. Auch Sixtus, so reich an neuen Ideen, blieb in diesem Punkte ein Kind seiner Zeit. Dennoch gelangte er auch hier zu neuen Einrichtungen. Zunächst schuf er eine geordnete Staatsschuldenverwaltung, das Archiv der Monti, wo jedermann für geringe Gebühr eine Gewähr und Übersicht seiner Rechte erhielt. Auch aus dieser Einrichtung schuf er sich eine Geldquelle, indem er sie auf neun Jahre verpachtete und einen neuen »Monte« darauf gründete. Einmal auf diesem Wege, errichtete er noch andere, lebenslängliche Monti zu 10 v. H. in kleinen Anteilscheinen zu 100 Scudi, aber in dem gewaltigen Ausmaße von 400+000 Scudi. Und schließlich ging er zu richtigen Staatsschuldverschreibungen über, die nicht mit dem Tode des Inhabers erloschen, aber nur 5 Prozent Zinsen trugen. Diese Monti erreichten eine halbe Million. Alle Zinsen wurden aus den Gefällen, den Stempel- und Zollgebühren und den Einkünften der Post bestritten. Schon im ersten Jahre seines Pontifikats hatte er so eine Million Scudi in Gold zurückgelegt. Anderthalb Jahre darauf waren es bereits zwei und nach zwei Jahren drei Millionen in Gold, soviel wie viereinhalb Millionen in Silber. Diesen Schatz legte er in der Engelsburg nieder und weihte ihn der heiligen Jungfrau und den Aposteln Petrus und Paulus. Und er traf strenge Bestimmungen über seine Verwendung. Nur in vier Fällen durfte dies Gold angetastet werden: für die Eroberung des Heiligen Landes oder für einen allgemeinen Kreuzzug gegen die Türken, bei feindlichen Einfällen in den Kirchenstaat, bei Hungersnot und Pestilenz und schließlich bei großer Gefahr, daß ein katholisches Land den Ketzern verfiele. Dies Finanzsystem ward sehr verschieden beurteilt. Die Kaufleute lachten, weil der Papst große Summen aus dem Verkehr zog und dafür die Staatsgefälle hergab. Seine rechte Hand, sagten sie, wisse nicht, was die linke tue. Das Volk aber murrte über die hohen Auflagen, die selbst den armseligen Tiberschiffer, die Weinschenken und Wechselbuden nicht verschonten. Aber waren allein kaufmännische Grundsätze entscheidend? Hatte Sixtus nicht auch Pflichten als Fürst und als Oberhaupt der Christenheit? Das Gold in der Engelsburg gab dem Stuhle Petri neuen Glanz, und da er noch mehr ersparte als jene drei Millionen, konnte er großartige Bauten ausführen, die Rom und der Kirche zugute kamen. Von der Republik von San Marco abgesehen, war er der einzige Fürst, der Geld hatte. Selbst Philipp von Spanien, der Herr der neuen Goldländer, hatte stets leere Kassen, denn Westindien war weit, aber vom Vatikan bis zur Engelsburg war es nur ein Schritt. Das alles blendete die Zeitgenossen, mochten sie auch über das Finanzsystem des Papstes schelten. Übrigens sorgte Sixtus väterlich für die Armen. Er setzte eine besondere Kongregation des Überflusses ein, der er 200+000 Scudi aus seinen Ersparnissen zuwies, um die Kornspeicher mit Vorräten für Jahre des Mißwachses zu füllen. Für den äußersten Notfall aber lagen ja noch die Millionen in der Engelsburg bereit. Sixtus krönte sein Verwaltungswerk, indem er richtige Ministerien einrichtete. Zu diesem Zweck schuf er sieben Kardinalskongregationen, die alle Zweige der Verwaltung leiteten. Ihre Wünsche und Ratschläge befolgte er stets. Acht weitere Kongregationen schuf er für die geistlichen Angelegenheiten. Zugleich setzte er die Höchstzahl der Kardinäle auf siebzig fest. Alle diese Einrichtungen haben bis zum Ende des Kirchenstaates gedauert. Bisher war das Heilige Kollegium zu einer sachlichen Regierung unfähig gewesen. Nur zu oft hatten die Kardinäle aus fürstlichem Geblüt, die Protektoren und Anhänger der Großmächte und die Kreaturen der verschiedenen Päpste ihr Verhalten mehr nach ihren Sonderinteressen als nach dem Wohle der Kirche und des Staates gerichtet. In den Konsistorien platzten diese Gegensätze immer wieder aufeinander. In den Kongregationen hingegen mußte sachliche Arbeit geleistet werden. Nach einer Weile wurden ihre Mitglieder vertauscht, und so eigneten sich alle Kenntnis und Geschick in den verschiedenen Geschäften an. Das wirkte auch auf die Konsistorien zurück, und wenn Sixtus in ihnen auch oft auf seinem Herrscherwillen beharrte, so ward dieser geistliche Senat doch zu einem Staatsrate, dessen Meinungen zu hören ihm selbst lieb war und dessen Beschlüsse seine eigene Politik in kritischen Zeiten zu decken vermochten. Und er hielt auf gute Ordnung. Schon beim Betreten des Saales bemerkte sein Falkenblick das Fehlen eines Kardinals oder Prälaten. Zungenfertig fiel er über die Abwesenden her und lieferte sie dem Gespött aus. Während die Versammelten noch in Gruppen zusammenstanden oder mit ihren Anliegen einzeln an ihn herantraten, erriet er sie an ihren Mienen und Bewegungen. Dann eröffnete er die Sitzung, trug selbst alles vor oder ließ es verlesen und verlangte, daß man ihm antworte. Er nahm Widerspruch hin, ja er forderte ihn selbst heraus, und seine scharfe Zunge fürchtete nicht zu unterliegen. Der alte Fastenprediger beherrschte das Wort; seine Reden waren Predigten voller Bibeltexte, aber auch voll sprudelnden Geistes. Mit den Waffen der Satire oder mit unerbittlicher Logik schmetterte er seine Gegner nieder. Diese Kämpfe waren ihm Erquickung, geistige Turniere. Und auch hier verstand er es, das Letzte aus den Menschen herauszuholen, um es großen Zwecken dienstbar zu machen. 13. Die Nadel Von vielen Bauplänen hatte man in Rom zu Gregors Zeiten geredet, aber ihre Ausführung war stets unterblieben, weil der Wille und das Geld fehlten. Es waren besonders zwei, welche die öffentliche Meinung lebhaft beschäftigten: die Vollendung der Peterskuppel und die Aufrichtung des großen Obelisken aus dem Zirkus des Nero auf dem Petersplatze. Sixtus begann mit dem Kleineren, um mit dem Größeren zu enden. Noch immer ragte die granitene ägyptische Spitzsäule, mit rätselhafter Bilderschrift bedeckt, halb verschüttet unweit der Peterskirche, nahe bei der alten Sakristei. Schon der Papst Paul Farnese hatte sie verpflanzen wollen, aber Michelangelo selbst und sein Schüler San Gallo, die ersten Baumeister der Zeit, hatten es für unmöglich erklärt, diese Steinlast von einer Million römischen Pfunden zu heben und zu versetzen. Und dabei war es geblieben. Allein Sixtus wollte Rom und der Welt zeigen, daß ihm nichts unmöglich sei. Schon vier Monate nach seiner Thronbesteigung hatte er eine Kommission von Kardinälen, Prälaten und Sachverständigen eingesetzt, und diese hatte einen Wettbewerb ausgeschrieben. Aus ganz Italien liefen die Entwürfe ein, aber die Kommission gab Fontanas Plan den Vorzug. Gleichwohl erschien der Tessiner ihr noch zu jung und zu unerfahren, um das Werk auszuführen, und so übertrug sie es dem Giacomo della Porta, Michelangelos Schüler, der die Arbeiten an der Peterskirche leitete, und dem berühmten Florentiner Baumeister Ammanati. In den Pinienwäldern von Nettuno klangen unaufhörlich die Äxte, um die stärksten Bäume zu fällen und sie zu riesigen Balken zu behauen, und lange Züge starker, schwarzbrauner Campagnabüffel schleppten die Holzlasten nach dem Borgo. Zugleich dröhnten die Schmieden in Rom, Subiaco und Sora vom Klange der Hämmer, um die mächtigen Klammern und Schrauben zu schmieden, und aus Foligno kam der Hanf für die Taue, die in Rom gedreht wurden. Aber Ammanati bedang sich ein Jahr Bedenkzeit für die Ausführung aus, und der Papst wurde ungeduldig. Eines Tages erschien Fontana bei ihm und sprach: »Heiliger Vater, wenn jemand einen Plan gemacht hat, ist er nicht der Berufenste, um ihn auszuführen? Wie kann ein anderer in sein Denken eindringen?« »Du hast recht, Domenico,« nickte Sixtus, »aber was meinst du damit?« »Die Nadel.« So nannte man den Obelisken kurzerhand. Der Papst sah ihn durchdringend an, dann entgegnete er: »Wir glaubten dich ohnedies reichlich beschäftigt, und Wir selbst hatten so viele dringende Sachen im Kopfe, daß Wir diese einer Kommission anvertraut haben. Aber wenn viele sich zusammentun, wird stets ein großer Eselskopf daraus. Die Kommission hat dir Unrecht getan, Domenico. Du sollst die Leitung erhalten. Aber es wird eine große Probe für dich sein. Fürchtest du dich nicht?« Der Tessiner blickte ihn fest an. »Nein, sagte er, »wenn Gott und der Heilige Vater mir beistehen. In Rom schrie man auf, als man vernahm, daß dieser zugewanderte Maurer den Schüler Michelangelos und den berühmten Ammanati verdrängt hatte. Der kehrte tief verletzt nach Florenz zurück und ward vor Herzeleid krank. Und die Römer orakelten, daß die Sache mißlingen werde. Seitdem aber kam die Arbeit in Schwung. Der Obelisk ward bis zum Fuße ausgegraben. Ein riesiges Hebegerüst türmte sich empor, und ein ungeheurer Schlitten, auf Rundhölzern ruhend, ward gezimmert. Fünfunddreißig Winden wurden gebaut und der Obelisk selbst mit Brettern verschalt, die durch mächtige eiserne Bänder zusammengehalten wurden. Alles staunte ob dieser gewaltigen Zurüstungen. Am 7. Mai 1586 sollte das gefährliche Wagnis beginnen. Galt es doch, das Steinungeheuer an armdicken Tauen emporzuheben und es auf den Schlitten niederzulegen. Die Menge der Zuschauer war zahllos. In weitem Umkreise standen hinter einem Holzzaun die Kardinäle, Prälaten und Adligen, dahinter die Volksmassen, von Sbirren im Schach gehalten. Durch öffentlichen Anschlag hatte der Gouverneur von Rom Todesstille geboten und jeden, der einen Laut von sich gab, mit Kerker bedroht. Das war nötig, damit die neunhundert Arbeiter Fontanas Kommando vernahmen. Mit dem Leibe des Herrn gespeist und durch Gebet gestärkt, begannen sie ihr Tagewerk. Ein Trompetenstoß gab das Zeichen zur Hebung der riesigen Spitzsäule. Es war ein banger Moment, als sie auf ihrem Sockel zu wanken begann und dann langsam emporschwebte. An jeder Winde, die nach Art eines Göpelwerkes gebaut war, zogen im Kreise drei Pferde im Verein mit nervigen Armen. Man hörte nichts als das Knallen der Peitschen, das Kreischen der Winden und Flaschenzüge, das Knacken des Gebälks und das dumpfe Knirschen der Taubündel. Ab und zu schrie Fontana ein Kommando, das die Gruppenführer weitergaben. Plötzlich zerriß ein donnernder Krach die Stille wie ein Kanonenschuß. Einer der riesigen eisernen Reifen war geplatzt und polterte klirrend in dem Gehäuse herab. Der erste Schreck war gewaltig, aber zum Glück war kein Unheil geschehen, und die anderen Bänder trotzten dem ungeheuren Zuge. Taue wurden an Stelle des Reifens um die Verschalung gewürgt, und die Nadel schwebte eine Weile frei in dem turmhohen Gehäuse, während unter ihr bereits neue Holzmassen geschichtet wurden, um den Druck aufzufangen. Die letzten schlug man mit eisernen Keulen in die Lücke hinein. Der erste Akt des Schauspiels war zu Ende, und die Menge verlief sich befriedigt. Erst acht Tage danach war es so weit, daß der zweite beginnen konnte. Es war der schwerere Teil der Arbeit: die Niederlegung der Nadel auf den Schlitten. Diesmal war der Zulauf noch größer. Der Platz faßte die Menge nicht; auch die Dächer der umliegenden Häuser waren mit Menschen bedeckt. Alle Gesandten mit ihren Damen, Scharen von Fremden, die vornehmen Römerinnen waren zugegen, an ihrer Spitze Donna Camilla mit ihren Enkelkindern. Die Schweizer Garde und leichte Reiterei hatten vor dem Zaune Aufstellung genommen, um jede Unordnung im Keim zu ersticken. Wieder gab ein Trompetenstoß das Zeichen zum Anfang. Allmählich sah man die Spitze des Riesen zum Vorschein kommen und aus dem Turmbau heraus sich zur Erde neigen. Die Spannung der stummen Menge ward fieberhaft; aber sie durfte sich nicht nach außen entladen, denn die Römer hatten gehorchen gelernt. Plötzlich sank die Granitsäule rascher, und die Pferde und Menschen an den Winden wurden wie Spielzeug zurückgerissen. Eine leichte Rauchwolke quoll aus dem Tauwerk auf, und an einem der Stränge züngelten Flämmchen empor wie Sankt-Elmsfeuer. Die furchtbare Reibung hatte das Tauwerk entzündet. Lähmendes Entsetzen packte die Zuschauer; einen Augenblick schwebte malmender Tod über tausend Köpfen. Da schrie mitten aus der Menge eine Frauenstimme: »Acqua alle funi!« Wasser an die Taue! »Wasser!« brüllte jetzt auch Fontana. Eimer flogen von Hand zu Hand und spritzten das löschende Naß empor. Dann senkte die Nadel sich wieder langsam dem Schlitten zu. Endlich langte sie an; das Gebälk krachte; aber sie rührte sich nicht mehr. Das Werk war gelungen. »Abschirren!« schrie Fontana. Da brach die lange zurückgedämmte Erregung in tosendem Jubel aus. Nur mit Mühe hinderten die Schweizer und Reiter das Volk, den Zaun zu überklettern, um das Wunder aus der Nähe zu bestaunen. Mit einem Male sah man über den Köpfen der Menge ein Weib emportauchen. Die Umstehenden hatten die Ruferin auf ihre Schultern gehoben und wehrten den Sbirren, die sie verhaften wollten. Sie hatte das Schweigegebot verletzt, aber den Obelisken gerettet. Aus einem Fenster des Palastes hatte Papst Sixtus dem aufregenden Schauspiel zugesehen. Als das Volk ihn erkannte, brüllte es: »Zum Vatikan! Zum Heiligen Vater!« Das Weib ward nach dem Palasttor getragen; Fontana, der ihr auf dem Fuße folgte, führte sie selbst dem Papste zu, dem sie zitternd zu Füßen fiel. Dann erklärte er ihm den Vorfall und lobte ihren Mut. »Wie heißt du?« fragte Sixtus. »Maria Bresca.« Und er erkundigte sich nach ihrer Herkunft und ihren Verhältnissen. Sie war Witwe, stammte von ligurischen Schiffern ab und hatte einen Blumengarten am Tiber. »Gut!« sagte Sixtus. »Wir verleihen dir und deinen Nachkommen das Recht, die Palmenzweige zur Prozession am Palmsonntag zu liefern. Die Kerkerstrafe ist dir erlassen.« Sie küßte das Kreuz auf seinem silbernen Schuh, und er entließ sie mit seinem Segen. Dann wandte er sich an Fontana: »Du hast deine Sache meisterhaft gemacht, Domenico«, sprach er. »Wenn die Wiederaufrichtung der Nadel ebenso gelingt, werden Wir mit Unserem Lohne nicht kargen. Aber beinahe wäre es dir doch mißglückt, du Wagehals. War es nicht Gottes Fügung, daß ein ligurisches Schifferweib zur Retterin in der Not ward und dich, den Baumeister, belehrte? Gottes Segen ruht ersichtlich auf diesem Werke. Er will nicht, daß es mißlingt. Aber das darf dich nicht hindern, allen menschlichen Scharfsinn anzuwenden und aus der Erfahrung zu lernen. Gott hilft nur denen, die ihr Letztes hergeben.« Fast drei Monate währte es, bis alles so weit war. Der Gerüstturm mußte abgebrochen und in der Mitte des Petersplatzes wieder aufgebaut, der Sockel auf schwerem Unterbau errichtet werden. Und da der jetzige Standort der Nadel höher war als der künftige, mußte man noch eine haushohe Fahrbahn aufschütten, die mit Holzmassen versteift ward. Nur ellenweit rückte der Obelisk täglich auf seinem Schlitten vor, und als er endlich angelangt war, brannte die Sommersonne so erbarmungslos nieder, daß man die Aufrichtung bis zum Herbste verschieben mußte. Endlich kam der Tag, wo das Werk gekrönt werden sollte. Mit Bedacht hatte Sixtus den 10. September dazu bestimmt, den Tag der Kreuzeserhöhung. An diesem Tage sollte zugleich der Herzog von Luxemburg als französischer Sondergesandter in Rom eintreffen, um dem Papste zu huldigen, und mit ihm kehrte der ständige Botschafter, Marquis de Pisany, aus Frankreich zurück. Wie vordem mit Toskana, hatte Sixtus auch mit Frankreich ein Zerwürfnis gehabt, und auch diesmal war er Sieger geblieben. Nun sollten die beiden Franzosen mit ansehen, wie er auch über den toten Stoff Sieger blieb. Dem Brauche zuwider, zogen sie nicht durch die Porta del Popolo ein, sondern durch die Porta Angelica, die stracks auf den Petersplatz führte. Sixtus hatte ihnen seinen Großneffen, den jungen Michele Peretti, zum Empfange entgegengesandt, und nun kamen sie mit großem Geleit eingezogen, von Trompetern und Nobelgarden eingeholt und von Geschützdonner begrüßt. Der Platz war schon vom frühen Morgen an mit einer zahllosen Menge bedeckt. Der bewölkte Himmel erleichterte die Arbeit, und diesmal trat kein Zwischenfall ein. Man hatte die Taue im voraus durchnäßt und bespritzte sie dauernd mit Wasserstrahlen. Die Nadel war schon gut zur Hälfte aufgerichtet, als die Gesandten eintrafen. Um die Zeit zu kürzen, erklärte Pisany dem Herzog flüsternd die Einzelheiten. Dann ging er auf die Peterskirche über, die damals noch ein seltsames Gemisch von Uraltem und Neustem war. Eine Freitreppe, an deren Seiten die beiden Apostelfürsten die Wacht hielten, führte zu einem Vorbau aus der Zeit Konstantins. Drei Portale durchbrachen die mit erloschenen Mosaiken geschmückte Fassade, in der sich drei Rundbogenfenster öffneten. Hinter ihr ragte die alte Kirchenfront im blassen Schimmer uralter Goldmosaiken, noch erfüllt von dem Geiste des ersten christlichen Zeitalters. Darüber aber schwebte hoch in den Wolken der neue Wunderbau Michelangelos, noch ohne die Kuppel. Rechts davon erhoben sich die drei anmutigen Säulengeschosse der Loggia, und an sie stieß das Bautengewirr des Vatikans, finstere Gebäude des Mittelalters in seltsamem Verein mit den neuen Herrlichkeiten des letzten Jahrhunderts. So hatte jedes Zeitalter hier seine Spuren hinterlassen, und keins hatte das andere ganz verdrängt. Immer wieder aber kehrten die Blicke der fremden Gäste zu der Nadel zurück, die sich langsam, ganz langsam emporhob. Erst am Abend stand sie senkrecht und fest auf ihrem Sockel, und die letzten schrägen Sonnenstrahlen vergoldeten ihre Spitze. Da donnerten die Geschütze der Engelsburg abermals, und die Glocken erklangen. Ein ungeheurer Freudensturm erhob sich, als der Papst, vom Quirinal kommend, vor dem Vatikan eintraf, um die französischen Gesandten zu empfangen. Er begrüßte sie in der prunkvollen Sala regia und war sehr empfänglich für ihre Glückwünsche zu seinem Wagnis, dem sie mit staunenden Augen beigewohnt hatten. »Wollen die Exzellenzen den Tausendkünstler selbst sehen?« fragte er sie. »Denn Fontana, nicht Wir, hat dies Werk vollbracht.« Und er gebot, den Baumeister rufen zu lassen. Fontana trat strahlend ein. In Gegenwart der beiden Gesandten adelte er ihn zum römischen Ritter und hängte ihm eine schwere goldene Gnadenkette um den Hals. Dann sprach er: »Domenico, nachdem dir dies Werk gelungen ist, wird dir nichts mehr zu groß sein. Wir schenken dir alles Baumaterial, das du gebraucht hast, und damit niemand sagt, daß Wir knauserig seien, bestimmen Wir dir zehn Pfründen mit gutem Ertrag und überdies eine Pension von 2000 Scudi.« Der Tessiner war vor Glück sprachlos. Jetzt war er unbestritten der erste Baumeister in Rom. Am Abend, während die beiden Botschafter beim Papste speisten, brachten die päpstlichen Trompeter und Trommler ihm ein Ständchen vor seiner Wohnung. Die Römer staunten, als sie den sparsamen Papst so mit Geld um sich werfen sahen, und viele neideten Fontana sein Glück. Aber Sixtus wußte wohl, was er tat und was dies Werk wert war. Er ließ Medaillen darauf schlagen und die Kunde davon in die ganze Welt aussprengen. Überall in Europa sprach man davon wie von etwas Ungemeinem; hatten doch die größten Baumeister Italiens es für unmöglich erklärt. Alle Fremden, die Rom besuchten, fuhren zuerst nach dem Petersplatz. »Es war eine große Ehre für die französischen Botschafter,« sagte Sixtus stolz, »daß sie der Aufrichtung der Nadel beiwohnen durften.« Er krönte sein Werk, indem er sie mit großem Gepränge entsühnen und weihen ließ. Auf der Spitze des Obelisken prangte sein Wappen, der Berg und der Stern, von einem großen vergoldeten Kreuz überragt. Der Patriarch von Konstantinopel und eine zahllose Menge wohnte der Feier bei, indes die Kanonen der Engelsburg noch einmal Salut schossen. So feierte Sixtus den Sieg seines Willens, und durch die Weihung des altheidnischen Denksteins aus Mosis Zeit, der vom Nil nach Rom verpflanzt, auf die ersten christlichen Märtyrer herabgeschaut hatte, zeigte er der Welt den gewaltigen Sieg des Glaubens über seine Feinde. Torquato Tasso, der größte Dichter Italiens, feierte dies Ereignis durch ein volltönendes Sonett »Auf den Vatikanischen Obelisken«: »Nun schweige, Rom, auch du, Ägypten, schweige, Besiegt durch Werke, die man nie erschaut! Kein Staunen Memphis oder Nero zeige, Daß ihrem Ruhm die Dämmerstunde graut. Du heil'ger Stein, nun rage, und es steige Mit dir des Großen Ruhm, der dich erbaut, Und jedes Volk und jede Zeit sich neige, Und jedem Herzen sei er anvertraut. Die Grille soll ihn singen, in dem Hain Erschall' er laut, der Großtat ohnegleichen Als ebenbürt'ger Widerhall geschenkt. Doch sieh, Gewölk am Himmel, Blitzesschein! Zeus lächelt hold -- -- ich kenne dieses Zeichen Des höchsten Willens, des das Schicksal lenkt.« 14. Der Jesuitengeneral Im Herbst 1586, da das Weinlaub sich rötete und das Volksfest der Traubenlese begann, erschien in Rom der Jesuitengeneral Acquaviva, um dem neuen Papste Kunde von den Eroberungen seines Ordens in Deutschland zu bringen. Diese geistliche Weinlese war nicht minder verheißungsvoll als die in den latinischen Rebenhängen. »Was eben noch für abergläubisch, ja schimpflich gegolten,« sagte der General, »das hält man jetzt wieder für heilig. Worin man noch eben ein Evangelium gesehen, das erklärt man nun für Betrug.« Und er ging die einzelnen Länder durch wie ein getreuer Sachwalter, der seinem Herrn Rechnung über Soll und Haben legt. Der Hauptgewinn war am Rhein erzielt, wo die Gefahr des Verlustes am größten gewesen war. In den letzten Zeiten Gregors, wo alles drüber und drunter ging, war der geistliche Kurfürst Gerhard Truchseß von Köln zu Kalvins Irrlehre übergetreten, hatte ein Weib genommen und wollte das Erzstift säkularisieren. Der Adel war für ihn, und Kasimir von der Pfalz war ihm zu Hilfe geeilt, um die Stadt und das Kapitel zu bezwingen. Doch Gregor hatte ihn sofort abgesetzt, und der Bischof von Freising, Herzog Ernst von Bayern, war den bedrängten Glaubensbrüdern mit einem bayerischen Heere zu Hilfe geeilt, zu dem noch spanische Kriegsvölker aus Flandern stießen. Der Sieg blieb den Katholischen, und Kasimir von der Pfalz floh, vom Kaiser geächtet, zu Oranien. Zum Lohne war der Bayer Kurfürst von Köln geworden. Inzwischen hatte er noch die Bistümer Lüttich, Münster und Hildesheim erlangt und so vier Krummstäbe in seiner Hand vereinigt. »In Köln«, berichtete der Jesuit, »straft er jetzt das Anhören ketzerischer Predigten mit Geldbußen und Turm. Und schon sind die Söhne des heiligen Ignatius unterwegs, um in Münster Schulen einzurichten und die Jugend zu erziehen.« »Und wie sind jetzt die Sitten des Kurfürsten?« fragte Sixtus. In Rom und in Italien kannte man sie noch recht gut. Vor zehn Jahren war er als zwanzigjähriger Bischof mit zwei ehrbaren Hofmeistern über die Alpen geschickt worden, weil er es daheim allzu toll getrieben hatte. Aber in Italien trieb er es noch schlimmer. Seine beiden Tugendwächter ertappten ihn bei nächtlichen Ausflügen auf der Strickleiter, und eines Tages war er mit seinem Freunde, dem Tunichtgut Camillo Baldi, durchgebrannt. Von Gregor verfolgt, war er abwechselnd bei Bischöfen und in Klöstern eingefallen und hatte sich überall durchgepumpt, bis er bei dem duldsamen Kardinal Granvella, dem alten Staatsminister des Königs Philipp, in Gaëta gelandet war, allwo man sich die Zeit mit Weib und Wein, Gesang und Würfelspiel vertrieb. Schließlich aber ereilten ihn dort zwei Abgesandte seines Herrn Vaters, die ihn wieder heimführten. Unterwegs erleichterte er noch die Herzöge von Ferrara und Mantua um 10+000 Goldgulden, und als dann die beiden Gläubiger nebst vielen anderen mahnten, bestätigte Seine Hoheit ihnen dankend den Empfang ihrer Zeilen, bedauerte jedoch, augenblicks keine Zeit zu haben ... »Seine Aufführung?« lächelte der Jesuit. »Tolerari potest. Sie läßt sich ertragen.« Sixtus war nicht seiner Meinung, denn auch ihn hatte er anborgen wollen, und seine Sittenlosigkeit stieß ihn ab. »Der Erzbischof hat Uns um Geld angegangen«, sagte er. »Wozu? Er besitzt drei Bistümer außer seinem Erzstift, und dabei hat er noch nicht mal die höheren Weihen erhalten. Wie sollen die Dinge da gut gehen? Nichts werden Wir ihm schicken. Er entsage seinen Bistümern, begnüge sich mit Köln und lebe, wie es einem Prälaten geziemt. Dann werden Gott und die Menschen ihm helfen. Fährt er aber so fort, so kann es geschehen, daß er in die Fußtapfen seines Vorgängers tritt. Köln, Lüttich und Münster das gäbe ein schönes weltliches Kurfürstentum, stark genug, sich auch der spanischen Kriegsvölker zu erwehren.« »Nein,« entgegnete der Jesuit, »unsere Herrschaft am Rhein ist gesichert, solange die Spanier in Flandern stehen. Mit der Zeit wird sie sich vollkommen ausbilden.« »Und wie steht es mit dem Herzog von Cleve?« fragte der Papst weiter. »Wilhelm von Cleve ist ein lauer Katholik. Er nimmt flüchtige Ketzer auf und hält seinen Sohn, der unserer Sache eifrig zugetan ist, von allen Regierungsgeschäften fern. Der Sohn ist sehr aufgebracht darüber.« »Wir haben bereits«, entgegnete Sixtus, »Unseren Nuntius angewiesen, ihn zur Geduld zu ermahnen. Auch haben Wir den Kaiser gebeten, ihm einstweilen eine angemessene Stellung zu geben. Wir dürfen den Herzog nicht verprellen, sonst springt er uns ganz ab.« »Ich sprach den Nuntius in Düsseldorf«, sagte der Jesuit. »Er behauptet, sein Einfluß bei Hofe sei groß. Die Kalvinisten hätten auf dem Landtage Begünstigungen gefordert, aber er hätte das zum Scheitern gebracht.« »Optime!« rief Sixtus, in die Hände schlagend. »Und wie steht es in Paderborn und in Osnabrück?« »Auch da hat Gott uns Gnade erwiesen. Wie Eure Heiligkeit weiß, ist der frühere Erzbischof von Bremen, der auch Osnabrück und Paderborn hatte, zur Zeit Ihrer Thronbesteigung vom Pferde gestürzt und gestorben. Sonst hätte er wohl in die Fußtapfen des verruchten Truchseß von Köln treten können. So aber sind uns beide Bistümer gerettet. Paderborn ist freilich ein dürrer Acker, der keine Frucht trägt, denn die Bürger sind größtenteils Kalvinisten, und die Menschen sind dort schwerfällig und eigenwillig.« Dann ging er zu Oberdeutschland über. In Würzburg herrschte der junge, unternehmende Echter von Mespelbronn. Auch der war anfangs gefährlich gewesen. Als der Kurfürst von Köln seinen Staatsstreich wagte, sollte er mit ihm im Bunde gestanden und auch Sachsen um Hilfe angegangen haben. Jetzt aber war er ins Gegenteil umgeschlagen und rottete die Irrlehren mit Nachdruck aus. »Seit dem letzten Frühjahr«, sagte der Jesuit, »hat er in Würzburg Ernst gemacht, denn die Hälfte der Bürger besteht noch aus Ketzern. Aber er hat die Lauen bekehrt und die alten frommen Bräuche wieder eingeführt. Die Muttergottesandachten, die Prozessionen und Wallfahrten, die Bruderschaften -- alles ist wieder in Aufnahme gekommen. Die Klöster sind neu besetzt. Kirchen werden gebaut ...« »Ja,« unterbrach Sixtus, »man hat Uns aus Würzburg um Reliquien gebeten. »Wir haben sie bereits abgesandt.« »Und das Volk«, schloß der Jesuit, »ist guter Dinge. Sie bauen dort einen guten Wein, der unserem Orvieto verwandt ist. Fröhliche Menschen aber lieben Glockenklang und Musik und Kirchenpomp. Um Würzburg ist mir nicht bange, sowenig wie um Köln.« »Und Bamberg?« fragte Sixtus. »Der Bischof von Bamberg folgt dem Beispiel des Würzburgers. Er hat mir erklärt, er werde sich durch keine Gefahr abhalten lassen, seine Pflicht zu tun.« Der Papst war entzückt. Die großen geistlichen Stifter in West- und Süddeutschland waren starke Außenposten der Kirche, denn die Landesherren waren fast souverän. »Und was die österreichischen Erblande betrifft,« setzte Sixtus hinzu, »so sind Wir darüber völlig beruhigt. Sie sind die festesten Stützen des Glaubens, und da braucht man nicht mit Handschuhen anzufassen, sondern kann mit der Faust zugreifen. Jedem Widerspenstigen ist schwere Züchtigung sicher. Er wird in die Verbannung geschickt, und seine Güter werden eingezogen.« »Wohl, daß man in Österreich so vorgehen kann«, sagte der Jesuit. »Besonders gute Kunde haben Wir aus Salzburg«, fuhr der Papst fort. »Der junge Erzbischof Dietrich von Raittenau war ja früher hier bei seinem Oheim, dem Kardinal Altemps, und ist im Collegium germanicum erzogen. Wir kennen ihn gut; er ist voller Bewunderung für Unsere Regierungsart und ahmt Unsere Grundsätze in Salzburg nach. Wir hoffen, er reist über kurz oder lang wieder nach Rom; da soll er Uns selbst erzählen, wie weit er gekommen ist. Einstweilen hat er ganze Arbeit gemacht. Von jedem Untertanen hat er das Glaubensbekenntnis verlangt, und wer es nicht ablegte, mußte in Monatsfrist auswandern. Nicht viele freilich haben sich bequemt, mit der Kerze in der Hand Kirchenbuße zu tun und ihre Irrtümer abzuschwören. Die meisten, und just die Wohlhabendsten, haben ihre Güter verkauft und sind ausgewandert. Es ist ein starrköpfiges Bauernvolk. Wir fürchten nur, er treibt es etwas zu hitzig, denn ein Fürst ohne Geld ist nichts; das wissen Wir selbst am besten. Um zu Gelde zu kommen, hat er die Steuern und Gefälle stark erhöht, und mit diesem Gelde baut er Kirchen und Paläste im römischen Stil. Die Häuser der Exulanten aber hat er abreißen lassen. Wenn er sich nur nicht bankrott macht. Dergleichen mag in Spanien angehen, wo das Gold der neuen Welt die Löcher im Beutel stopft, allenfalls auch in Rom, aber nicht in einem armen Berglande.« »In Sachen des Glaubens«, entgegnete der Jesuit, und ein tigerhaftes Zucken ging um seine Mundwinkel, »ist es keine Gnade, Nachsicht zu üben, wenn man mit Strenge verfahren kann. Es ist besser, daß einige zugrunde gehen, als daß ein ganzes Volk verderbe.« Sixtus gab keine Antwort darauf, obwohl er es mit den Briganten nicht anders hielt. Er ging auf Augsburg und Regensburg über, wo die Katholiken allmählich die Oberhand gewannen und allzu hartnäckige Protestanten vertrieben. Es war ein großer katholischer Sieg, der sich von Land zu Land wälzte, bald mit gelinden, weltklugen Mitteln, bald mit unnachsichtiger Härte, je nach den Umständen. Und vor dieser Flutwelle ging der traurige Zug der Vertriebenen einher. Wie einst die italienischen Protestanten sich über die Schweiz und Süddeutschland ergossen hatten, so zogen jetzt die west- und süddeutschen Flüchtlinge nach dem Norden oder nach Holland, um dort eine neue Heimat zu suchen, und die protestantischen Fürsten nahmen sie mit offenen Armen auf. Dennoch zitterten die Fürsten selbst noch vor Rom und fürchteten einen Bannstrahl, wie Sixtus ihn zu Beginn seiner Regierung gegen Heinrich von Navarra geschleudert hatte. Manche schickten bereits geheime Agenten nach Rom, um ihre Geneigtheit zum Glaubenswechsel kundzutun, damit der Papst ihre Untertanen nicht des Gehorsams und Eides entbände. »Wollte Gott,« sagte Sixtus, »sie kämen alle zu unseren Füßen.« Acquaviva dagegen traute ihnen nicht. »Sie wollen nur Zeit gewinnen,« entgegnete er, »und die Kurie hinhalten. Ein kräftiger Bannstrahl würde sie zwingen, Farbe zu bekennen.« »Nein«, entgegnete Sixtus. »Die deutschen Fürsten müssen Wir vorerst mit zarten Fingern anfassen. Der Kaiser selbst hat Uns gebeten, keine solche Bulle zu veröffentlichen. Er fürchtet, sein Reich möchte ihm sonst ganz aus den Fugen gehen. Wir können nur auf die einzelnen Fürsten einwirken, und inzwischen setzen Eure Jesuiten ihr frommes Werk fort und bekehren die Seelen durch Schule und Predigt.« »Es kommt freilich viel auf die Landesfürsten an«, nickte Acquaviva. »Aber die Güter und Stifter der Kirche sind eine große Lockspeise für sie und bewegen viele zum Abfall. August von Sachsen hat sich allein drei Bistümer zugelegt.« »Wir haben einen starken Bundesgenossen im Adel«, wandte Sixtus ein. »Er hat ein ausschließliches Recht auf die Stifter und verteidigt sie fast überall wie sein Erbgut ...« Ein trauriges Gespräch für einen wahren Freund Gottes! Auf den Sieg ihres Glaubens erpicht, verquickten diese beiden weitblickenden Männer ihre heilige Sache unlösbar mit irdischer Politik und dem menschlichen Eigennutz. Und wer die Kriegsgreuel jener Zeit kannte, der hätte geklagt, daß sie Gottes Sache mit den Waffen des Teufels verfochten. Aber war es auf der Gegenseite anders? Beide Parteien waren so von Glaubenseifer verblendet, daß ihnen jedes Mittel recht dünkte, und die Zeit spitzte sich zu furchtbaren Entscheidungen zu. Überall Kampf und Qual, Hammer oder Amboß. Auch die Katholiken hatten jetzt ihre Märtyrer. Stahlharte Menschen saßen auf den Thronen Europas oder kämpften um sie: Papst Sixtus, Philipp von Spanien, Elisabeth von England und Heinrich von Navarra. Sixtus bewunderte die heldenhafte Königin, die Frankreich und Spanien die Spitze bot. Er hätte sie gern zum rechten Glauben zurückgeführt, aber sie lachte aller Bekehrungsversuche, und wie hätte sie an einen Glaubenswechsel auch nur denken können! Vielmehr sollte sie bald die ganze katholische Welt in Aufruhr versetzen. Nicht lange nach dem Besuche des Jesuitengenerals traf aus England die Kunde ein, daß Elisabeth die rechtgläubige Königin Maria von Schottland, die seit Jahren im Kerker schmachtete, zum Tode verurteilt hatte. Die Nachricht fiel wie ein Funke in ein Pulverfaß, und der lange angesammelte Zündstoff flammte auf wie ein riesiger Scheiterhaufen ... In Rom erfüllte Sixtus die Konsistorien mit seinen Anklagen wider die englische Isebel, die sich an dem geweihten Haupt einer Königin vergreife, die niemandem Untertan sei als dem Statthalter Christi. Aber mit Klagen war Maria Stuart nicht zu helfen. Auch hier mußte die weltliche Macht in den Dienst des Glaubens treten. So ballten sich schwere Wetterwolken über Europa. 15. Die Welthändel Die ganze Welt geriet in Gärung bei der Kunde, daß das schöne Haupt der schottischen Maria im Schlosse Fotheringhay gefallen sei. Der Mut der Hugenotten flammte auf, und die deutschen Lutheraner rüsteten, um ihnen zu helfen. Die ganze katholische Christenheit aber schäumte vor Entrüstung, daß Elisabeth diesen Streich gewagt hatte. Papst Sixtus brach in Tränen aus und prophezeite ihr ein schlimmes Ende. »Ohne Prozeß und Urteil,« klagte er, »allein durch weltlichen Machtspruch! Als gäbe es keinen Gott im Himmel und keinen Papst auf Erden mehr!« Und seine Bewunderung für Elisabeth flaute stark ab. »Wir hätten ihr längst das gleiche Schicksal bereiten können«, sagte er zu dem französischen Botschafter Pisany. »Denn man hat Uns selbst angeboten, sie für geringen Lohn zu ermorden, aber Wir haben solche Vorschläge mit Abscheu zurückgewiesen.« König Philipp hatte anfangs geglaubt, der Papst werde die Märtyrerin des Glaubens zur Heiligen erheben, doch man machte ihm klar, daß ihre Liebschaften dawiderständen. Gleichwohl war er entschlossen, ihren Tod zu rächen. Und er war der einzige, der es vermochte. Kaiser Rudolf war machtlos, denn sein Reich war durch die Glaubenswirren gespalten; zudem lähmten ihn die Türkengefahr und die polnischen Wirren, und in seinem eigenen Hause gärte es dumpf. Frankreich vollends war in offenem Bürgerkriege. Abwechselnd siegten die Königlichen und die Hugenotten. König Heinrich zog pomphaft in Paris ein, aber die Einwohner nahmen ihn mit Hohn und Spott auf, und die Ligue, im Bunde mit Spanien, drohte bereits mit Auflehnung. Und nun gar die italienischen Staaten, die sich gegenseitig beneideten und befehdeten -- was hätten sie vermocht! Philipp jedoch war der mächtigste Herrscher der Christenheit, und er hatte zehnfachen Grund zu einem Kreuzzuge gegen England. Schon lange brütete er darüber in dem düsteren Eskurial. Einst hatte es geschienen, als solle England von selbst seinem Weltreiche zufallen, denn er war der Gatte der blutigen Maria Tudor gewesen. Aber kinderlos war sie gestorben, und ihre Nachfolgerin Elisabeth war zu seiner furchtbarsten Feindin geworden. Sie unterstützte ihre Glaubensgenossen, die Hugenotten in Frankreich und die Rebellen in den Niederlanden. Nie konnte Spanien diese blühenden Erblande ganz zurückerobern, solange die Engländer das Nordmeer beherrschten. Wie ein alter nordischer Meerkönig fegte der Freibeuter Drake mit seinen leichten Klippern die See. Bald tauchte er an den Antillen auf oder unterstützte die Aufständischen in Portugal, bald überfiel er mit unerhörter Frechheit die spanischen Galeonen im Hafen von Cadix. Boten sie ihm in geschlossener Schlachtfront die Stirn, so wich er ihnen aus, um die schwerfälligen Kolosse einzeln zu umzingeln. Und das Gold, das sie aus der neuen Welt heimbrachten, das so dringend gebraucht ward, um die Rebellen in Flandern und Portugal zu bezwingen oder der Ligue beizustehen, kam den Ketzern der ganzen Welt zugute. Unbezwinglich war er; ging es so weiter, so war es mit der spanischen Herrschaft zu Ende, in Neapel wie in Sardinien und in der Neuen Welt. Nur ein großer Schlag gegen England konnte ihn ausrotten. Aber England war weit und nur zu Schiffe zu erreichen. Eine gewaltige Flotte mußte erbaut werden, und das kostete Zeit und viele Millionen. Hätte wenigstens Frankreich seine Häfen geöffnet, um als Stützpunkte für diese Armada zu dienen! Aber König Heinrich wollte nicht mal seine Neutralität zusichern; die Unterstützung der Ligue durch Philipp hatte ihn tief verstimmt, und die spanische Politik, die begehrlich auf Frankreich blickte, flößte ihm Grauen ein. So mußte der Kreuzzug denn von Portugal aus gewagt werden, so groß auch die Unzuträglichkeiten dieser weiten Fahrt waren. Papst Sixtus hatte seinen Beistand versprochen und eine Geldhilfe von einer Million Scudi gewährt. Er tat es um so lieber, als der Gedanke eines Kreuzzuges gegen England eigentlich von ihm selbst stammte. Beim Antritt seiner Regierung hatte er alle Fähigkeiten eines großen Staatsmannes mitgebracht, den Reichtum, die Kühnheit und die Neuheit der Ideen und das Vermögen, sich je nach den Zeitläuften zu wandeln, aber der Mönch, der von allen Staatsgeschäften ausgeschlossen, in seiner Villa gehaust hatte, war ohne jede praktische Schulung. Er eröffnete einige seiner Pläne dem spanischen Botschafter Graf Olivarez, einem alten, gewiegten Diplomaten, aber der hatte für den Neuling nur ein mitleidiges Lächeln. Erst vertraute er ihm seinen Lieblingsplan an, Elisabeth zu bekehren, sei es durch verkappte Jesuiten oder durch die Einwirkung des Königs von Frankreich. Dann wollte er Algier erobern, die Barbaresken bezwingen und dem Unwesen der Korsaren im Mittelmeer steuern. Spöttisch berichtete der spanische Botschafter das alles nach Madrid. »Er will durchaus etwas Großes tun«, schrieb er. »Der Krieg in Flandern genügt ihm nicht; er weiß nicht, was er kostet.« Auch König Philipp zuckte die Achseln. Zur Bezwingung der Barbaresken brauchte er dreißig Galeeren mit sechstausend Mann Besatzung, für Algier noch weit mehr. Nein, er wollte von diesen Luftschlössern nichts mehr hören! Dann wollte Sixtus mit Frankreich im Bunde England erobern, Elisabeth entthronen und den Sohn der Maria Stuart auf den Thron setzen. Welches Hirngespinst! Um England zu bezwingen, genügte kaum die spanische Weltmacht, geschweige denn das durch Glaubenswirren zerrüttete Frankreich. »Nein,« sagte Philipp, »erst Frankreich und Flandern, und auf dieser sicheren Grundlage auch England.« Sixtus sah es ein und schwieg. Als jedoch der spanische Botschafter ihm mitteilte, Heinrich von Frankreich wolle sich mit den Türken verbünden, geriet er in großen Zorn. Er drohte, ihn zu exkommunizieren und die ganze Christenheit gegen ihn aufzubieten. Diesmal war der Spanier entzückt, und seitdem wurden seine Pläne in Madrid ernst genommen. Aber auch Sixtus war jetzt Feuer und Flamme, als der Botschafter Olivarez ihm den Plan seines Königs eröffnete, einen Kreuzzug gegen England zu unternehmen. Sah er doch nur die Gefahr, die dem Glauben drohte, nicht die Folgen, die diese spanische Heeresfolge für ihn haben konnte. Seinem ungestümen Geiste mißfiel sogar das spanische Phlegma aufs höchste. Es dauerte ihm zu lange, bis die unüberwindliche Armada gebaut war. Immerfort wechselte Philipp seine Pläne; ja einmal entsank ihm aller Mut, und er gedachte ernstlich, mit Elisabeth Frieden zu schließen. Dem neuen venezianischen Botschafter Gritti, der an Priulis Stelle getreten war, schüttete Sixtus sein Herz über diese spanische Saumseligkeit aus. »Ach!« seufzte er eines Tages bei seiner Audienz, »die spanischen Galeeren treiben nur Handel, und die Spargroschen der Kirche werden zu fremden Zwecken mißbraucht. Darum Gottes Zorn auf den König, die Schlappen und Mißerfolge, die er allerorten erleidet. Während er in Flandern eine Stadt erobert, um zwei zu verlieren, verbündet ein Weib sich mit Navarra und den deutschen Fürsten und findet Mittel und Wege, um die ganze Welt auf den Kopf zu stellen. Elisabeth schickt ihre Agenten zu allen Heiden, selbst zu den Persern, um sie gegen Spanien aufzuwiegeln. Schon sind dreizehn Millionen verausgabt, und nichts ist geschehen. Wahrlich, König Philipp macht sich zum Gespött mit seiner Armada. Seht doch, was Drake mit seinen schwachen Kräften vollbringt! Fünfundzwanzig spanische Schiffe hat er in der Meerenge von Gibraltar verbrannt, noch mehr vor Lissabon. Er hat Philipps Flotten geplündert und sich solchen Ruf erworben, daß die Engländer ihm zueilen, um an seinem Ruhme teilzuhaben. Die Armada jedoch erfüllt Uns mit schlimmen Ahnungen. Wir haben den König gebeten, sie im letzten September auslaufen zu lassen, denn Schnelligkeit ist im Kriege alles. Er aber zaudert und entwirft immer neue Pläne, indes er Elisabeth Zeit gibt, sich zur Abwehr zu rüsten. Er läßt Truppen in Italien und Spanien ausheben, und sie verkommen in seinen Häfen durch Nichtstun und Seuchen. Er ist recht alt und schwach geworden, und sein Gichtleiden hat ihm alle Spannkraft geraubt. Dennoch beten Wir täglich für sein Leben, denn an ihm hängt in diesen Zeitläuften alles. Schließlich ging er so weit, alle weiteren Geldbeihilfen abzuschlagen. Als Olivarez ihn darum anging, sagte er: »Wir bedauern das vergeudete Geld. Man malt Uns zwar alles in den glänzendsten Farben, aber Wir hören die traurigsten Dinge. Die angeworbenen Leute sterben in den Häfen wie die Fliegen, und am Tage des Heiligen Lukas sind im Hafen von Lissabon achtundzwanzig Kriegsschiffe zugrunde gegangen, weil sie das Steuer nicht zu handhaben wußten. Wie wollen sie sich da auf die offene See wagen? Nein, dazu geben Wir Unser sauer erspartes Geld nicht mehr her. Wir werden es erst tun, wenn Ihr festen Fuß in England gefaßt habt.« Doch es sollte noch lange währen, bis die Armada in See stach, und inzwischen ereigneten sich andere, kleinere Dinge. Eines Abends, am Ende Oktober des Jahres 1587, saß Sixtus mit den Seinen wohlgemut beim Nachtessen, als der kleine Sangalletto mit verstörter Miene eintrat und den toskanischen Botschafter, Monsignor Alberti, meldete. »Zu dieser späten Stunde!« rief Sixtus aus. »Was ist denn geschehen?« »Schlimmes«, entgegnete der Kämmerer. »Der Großherzog ist ... Aber Eure Heiligkeit vernehme es selbst von dem Gesandten. Sangalletto war zum Vertrauensmanne des Großherzogs Franz geworden, wie sein Herr es einst gewesen war, und auch diese Freundschaft hatte goldenen Boden. Daher jetzt sein ungeheuchelter Schmerz. Sixtus ahnte diese Dinge wohl, aber er drückte ein Auge zu und gönnte seinem alten Hausmeister diesen Gewinn, zumal er ja selbst die alte Freundschaft mit dem Großherzoge weiterpflegte. Und wenn jetzt auch die Geldgeschenke, die er als Kardinal erhalten hatte, füglich ausblieben, so versorgte ihn Franz dafür mit Nachrichten über Frankreich, Deutschland und Spanien, die noch wertvoller waren und die er von dem verschlossenen Olivarez nie erhielt. Der ging ihn nur immer um Geld an, was der Großherzog nie tat. Von trüben Ahnungen erfüllt, stand er von der Tafel auf und beschied den Gesandten in sein Arbeitsgemach. Er wußte, daß Franz seit einer Weile erkrankt war. In seinem Lustschlosse zu Pozzo, wo er mit seinem Bruder, dem Kardinal, und mit seiner schönen Gemahlin Bianca Capello weilte, war ihm eines Tages nach der Mahlzeit unwohl geworden, und die Ärzte, die eine Pilzvergiftung befürchteten, hatten ihn zur Ader gelassen und Brechmittel verordnet. Aber sein Zustand hatte sich verschlimmert, und er hatte trotzdem weitergearbeitet. »Wie geht es Seiner Hoheit?« rief Sixtus dem Gesandten entgegen. »Er ist nicht mehr«, entgegnete Alberti tonlos. »Tot!« rief Sixtus und brach in Tränen aus. »Unser alter, Unser einziger Freund in der schlimmsten Zeit Unseres Lebens! Wahrlich, Unsere alten Getreuen verlassen Uns alle. Erst Cesi, dann Este und nun er!« »Leider hat es dabei nicht sein Bewenden«, fuhr der Gesandte dumpf fort. »Auch die Witwe des Entschlafenen ist am nächsten Tage verschieden.« Sixtus blickte ihn entsetzt an. »Weh!« rief er aus. »Liegt denn ein Fluch auf dem Hause Medici! Nichts als Blut und Tod. Don Garzia erdolcht seinen Bruder, einen Kardinal, auf der Jagd eines Hasen wegen, und der Vater erschlägt den Brudermörder im Zorne. Die erlauchte Isabella wird von dem Orsini erwürgt, und nun stirbt auch der Großherzog Franz und seine zweite Gattin unter seltsamen Umständen ...« »Die Sache sieht freilich sonderbar aus«, entgegnete Alberti verlegen. »Aber die Frau Großherzogin war seit Monaten leidend. Der Tod ihres hohen Gemahls hat ihr nur den letzten Stoß gegeben.« »Wie soll man das glauben!« rief Sixtus aus. »Sagt Uns die Wahrheit.« »Ich sage sie.« »Trotzdem wird es ein böses Gerede geben.« »Das ist leider schon der Fall«, nickte Alberti. »Die Leute erzählen die tollsten Dinge.« »Und was?« »Die Großherzogin, sagt man, wollte den Kardinal aus dem Wege räumen. Sie hätte ihm ein vergiftetes Huhn vorsetzen lassen, und als er es abwies, hätte der Großherzog selbst es verspeist. Da sie ihn nicht mehr warnen konnte, hätte sie einen raschen Entschluß gefaßt und den Rest der vergifteten Speise verzehrt ... Aber ich versichere Eurer Heiligkeit, das alles sind Fabeln. Die Frau Großherzogin stand in der letzten Zeit im besten Einvernehmen mit ihrem Schwager. Und ebensogut wie man ihr die Schuld zuschiebt, könnte man sagen, der Kardinal habe sie und den Großherzog vergiften lassen ...« Der Papst schüttelte noch immer den Kopf. »Das ist das Ende einer sündigen Liebe!« murmelte er vor sich hin. »Der Finger Gottes, wie bei Vittoria ...« Plötzlich blickte er auf und sprach: »Und nun wird der Kardinal Großherzog.« »Ich komme, Eurer Heiligkeit seine Thronbesteigung anzuzeigen«, sagte Alberti. »Er wird Eurer Heiligkeit selbst schreiben und um den nötigen Dispens bitten. Als Großherzog kann er nicht Kardinal bleiben. Er wird vielmehr heiraten müssen, um seinem Land einen Erben zu geben.« »Ein verheirateter Kardinal!« fuhr Sixtus auf. Diese Aussicht erschien ihm furchtbar, und doch sagte er sich in seinem raschen Geiste, daß die Staatsvernunft ihn dazu zwänge. Toskana mußte beim Hause Medici bleiben, sollten nicht die größten Wirren in Italien ausbrechen. Auf dem Gleichgewicht der Mächte aber beruhte die Stellung der Kurie in Italien. »Wir beglückwünschen Seine Hoheit zu dieser neuen Würde«, sagte er schnell gefaßt. »Wir werden ihm den nötigen Dispens erteilen. Aber Wir beklagen es tief, daß Wir ein so hervorragendes Mitglied des Heiligen Kollegiums verlieren.« Im Grunde war es ihm freilich sehr recht, daß er ihn verlor. Medici fühlte sich noch immer als Papstmacher. Er war der einzige, der offenen Widerspruch wagte, und der Papst liebte das ebensowenig wie das weltliche Wesen und den fürstlichen Hochmut des Kardinals. Dennoch bäumte sich sein Priestergemüt auf. Ein Kardinal, der heiraten wollte! Was würde die Welt dazu sagen! Fortan blieben beide auf gespanntem Fuße, wenn auch die gleichen politischen Notwendigkeiten sie immer wieder zusammenführten. Einmal schrieb Ferdinand dem Papste, er solle doch endlich aufhören, ihn als Kardinal zu behandeln. Nichtsdestoweniger zeigte er sich in Florenz noch immer im Kardinalspurpur, selbst dann noch, als bereits die Ehrenpforten und Triumphbögen für den Einzug der lothringischen Prinzessin errichtet wurden, die er zur Gemahlin erkoren hatte. Da riß Sixtus die Geduld. Er ließ den Monsignore Alberti kommen und beklagte sich in dürren Worten über diese Ungebühr. »Euer Herr«, sprach er zu ihm, »soll endlich seinen Kardinalshut zurückschicken. Wir können es nicht dulden, daß ganz Europa sich über die Hochzeit eines Kardinals aufhält.« Und er selbst schrieb ihm einen groben Brief. So stand es in jener Zeit mit den Welthändeln, und daheim wie draußen leitete Sixtus die Staatsgeschäfte in eigener Person. Schon bei seiner Thronbesteigung hatte er dem Florentiner gesagt, er gedenke selbst zu regieren, und er hatte Wort gehalten. Den Kardinal Rusticucci hatte er von den auswärtigen Geschäften entfernt, indem er ihm ein anderes Amt gab, und an seine Stelle hatte er seinen eignen Großneffen Montalto gesetzt. In einer Denkschrift hatte er ihm die großen Linien der Politik vorgezeichnet, aber bevor der unerfahrene Jüngling sich einarbeitete und ein eigenes Urteil gewann, konnten Jahre vergehen, und inzwischen war Sixtus um so lieber sein eigener Minister des Auswärtigen. Alle fremden Gesandten wandten sich nur an ihn. Die Römer spotteten zwar, ein Greis und ein Kind regierten jetzt die Welt, aber dennoch ward sie mit Nachdruck und Klugheit regiert. Noch nie seit den Tagen des zweiten Julius stand der römische Stuhl in Italien wie in der ganzen Welt so in Ansehen wie jetzt. Ein Ende hatte das freventliche Ringen zwischen Kaiser und Papst, das den Ketzern so trefflich Vorschub geleistet hatte, jene ruchlose Plünderung Roms durch die lutherischen Landsknechte des Kaisers Karl, jenes feige Imstichlassen desselben Kaisers durch den Papst Paul Farnese im Schmalkaldischen Krieg, oder gar der wahnsinnige Feldzug des Papstes Caraffa gegen Philipp von Spanien um den Besitz von Neapel, der Angriff einer Mücke auf einen Elefanten! Caraffa hatte ihn mit seiner Schande gebüßt und den Untergang seiner ganzen Sippe besiegelt. Die Ketzer aber hatten frohlockt, als der Papst sich mit dem katholischen König in den Haaren lag. Jetzt hingegen ging der Statthalter Christi Hand in Hand mit dem mächtigsten Weltherrscher, um die Ketzerei auszurotten. 16. Tassos Schatten Zwei Familiaren des Papstes, Graziani und Capelletto, schritten gemeinsam am Tiber entlang, dessen gelbe Fluten von den Regengüssen des Spätherbstes geschwellt waren. Sie gingen nach dem Palaste des Patriarchen Gonzaga, wo sie einen seltenen Gast besuchen wollten. Ein paar Franziskaner begegneten ihnen, den geknoteten Geißelstrick um die braune Kutte gegürtet und ein rundes Käppchen auf dem Haupte. Ihre Sandalen klapperten auf dem Pflaster. »Das Ordenskleid, das der Heilige Vater von klein auf getragen hat«, sagte Capelletto und bog ihnen ehrerbietig aus. »Seine Ordensbrüder haben ihm das Leben einst recht sauer gemacht«, entgegnete Graziani achselzuckend. Die beiden waren von Grund aus verschieden und stritten sich weidlich herum. Nur heute begegneten sie sich in dem Wunsche, dem größten Dichter Italiens zu huldigen. War doch Torquato Tasso, der Jesuitenschüler, fromm wie Capelletto und von heidnischer Schönheitstrunkenheit wie Graziani, und die beiden Gegensätze, die in ihnen lebten, bekämpften sich in seiner kranken Brust. Überall Spannung und Widerstreit. Erst vor wenigen Jahren war sein unsterbliches Werk, Das befreite Jerusalem, im Druck erschienen und zum Gemeingut ganz Italiens geworden. Alle Welt war berauscht von seiner Schönheit, aber während man den Namen des Dichters zu den Sternen trug, war er selbst leer ausgegangen. Raubdrucker hatten ihn um den Preis seiner Mühen betrogen, und selbst eine neue Ausgabe, die ein Freund veranstaltete, hatte ihm keinen Erlös gebracht. So mußte er denn weiter fremdes Brot essen und um die Gunst der Mächtigen buhlen. Inständig hatten die beiden Familiaren den Papst gebeten, etwas für ihn zu tun. Schien doch sein großes Epos, obwohl es den ersten Kreuzzug verherrlichte, ein Sinnbild der Gegenwart und eine flammende Mahnung an sie, sich wie damals zu einigen, um die Ungläubigen, wo nicht aus dem Heiligen Lande, so doch aus Europa zu vertreiben. Wer also war berufener als der Papst, dem Dichter seine Gunst zuzuwenden, zumal er selbst sich mit großen Kreuzzugsplänen trug und einen Urväterhaß auf die Türken hegte! Torquato Tasso in Rom, vom Papste unterstützt, war das nicht ebenso rühmlich wie die Aufrichtung der Nadel und andere Römerbauten? Sixtus hatte sich diesen Gründen nicht völlig verschlossen, zumal er selbst jenes herrliche Heldengedicht schätzte. Aber Monsignor Papio, der Erzieher seiner Großneffen, den Tasso um seine Fürsprache gebeten, hatte ihn vor dem krankhaften Sonderling gewarnt, der seinen Schirmherrn, den Herzog von Mantua, vor einer Weile heimlich verlassen hatte. Und so hatte Tasso sich denn vor ein paar Tagen im Vatikan umsonst um eine Audienz bemüht. »Wenn der Papst ihn doch wenigstens mit dem Dichterlorbeer krönen wollte«, versetzte Graziani. »Das wäre Balsam für seine Herzenswunden. Ist nicht auch Petrarca in Rom zum Dichter gekrönt worden? Man brauchte ja nur die alten kapitolinischen Bräuche zu erneuern.« »Soviel ich weiß,« widersprach Capelletto, »stammt dieser heidnische Brauch von dem ruchlosen Kaiser Domitian, der die Christen verfolgt hat. Ein frommer Papst wie Sixtus kann nicht in seine Fußstapfen treten.« Graziani zuckte die Achseln. »Hat er nicht auch die Siegessäulen der heidnischen Kaiser Trajan und Marcus wieder ausbessern lassen?« »Freilich,« nickte Capelletto, »um die Standbilder der Apostelfürsten Petrus und Paulus darauf zu setzen.« »Nun also«, entgegnete der andere. »Mag er auch diesen heidnischen Brauch auf christliche Weise erneuern.« Allein Capelletto blieb unbelehrbar. »Trajan und Marcus«, entgegnete er, »waren gute Kaiser. Domitian aber war ein zweiter Nero. Selbst der heidnische Senat hat das Andenken dieser beiden verflucht.« Und er bekreuzte sich dreimal. Graziani zuckte nochmals die Achseln. Er war ein Humanist von reinstem Wasser. Sallusts Lorbeeren ließen ihn nicht schlafen, und er hatte sich ein hohes Ziel gesteckt, eine lateinische Lebensbeschreibung des Papstes zu verfassen. Freilich sah er in ihm nur den großen Herrscher, der das Rom des Augustus wieder zum Leben erweckte. Seine mönchische Seite blieb ihm ganz fremd. Mit Wehmut gedachte er der Zeiten Leos X., wo die Helden der Vorwelt im Vatikan wieder auferstanden und der einzige Glaube der an das Altertum war. Wie fern lag doch jetzt schon dies goldene Zeitalter! Sein letzter glänzender Vertreter, der Kardinal Farnese, lebte noch, aber Alter und Enttäuschung hatten ihn mit Weltekel erfüllt, und auch er war zum Frömmler geworden. Nur durch Almosen und fromme Werke machte er noch von sich reden. Aus dem Vatikan aber war das ganze heidnische Göttergesindel verbannt. Nur der Apollo und der Laokoon wurden noch im Belvedere geduldet, als hätte der Papst für den rächenden Gott und den gequälten Dulder ein tieferes Verständnis gehabt. Aber mitten in den herrlichen Damasushof, den Julius II. für Tierhetzen und Turniere angelegt hatte, schob sich jetzt die neue Bibliothek, ein Asyl für die Bücher der Kirchenlehrer und Theologen. Selbst aus dem Kapitol waren die heidnischen Götter verschwunden, bis auf die Minerva, der man ein großes Kreuz in den Arm gelegt hatte. Und was war nicht alles an antiken Bauten untergegangen, nachdem es selbst die Stürme der Feudalzeit überdauert hatte! Mit stiller Wehmut gedachte Graziani des Septizoniums des Kaisers Severus am Rande des Palatins, das Sixtus zerstört hatte, um die Säulen nach Sankt Peter zu schleppen. Das Kolosseum war zur Reitbahn erniedrigt, und der Papst wollte ein Armenhaus und eine Wollfabrik darin einrichten. Über Raffaels heilige Scheu vor den Resten des Altertums hätte Sixtus gelacht. Unbarmherzig hatte er seine neuen Straßen durch die alten Ruinen gelegt und selbst in seiner Vigne auf dem Esquilin kostbare Römerbauten zerstört. Dafür grollte Graziani ihm oft im stillen, und doch mußte er ihn als Herrscher bewundern. Nicht zufällig hatte man ihn am Tage der Gründung Roms zum Papste erkoren ... Und er tröstete sich in dem Gedanken, daß auch die Cäsaren gewalttätig gewesen waren und ihre marmornen Foren auf den Trümmern der Vorwelt erbaut hatten. Capelletto dagegen war ein schlichter Frommer, der Bußübungen trieb, die Kirchen besuchte und den Himmel mehr liebte als die Erde. Nur für die neuen Naturwissenschaften hatte er Sinn und Verständnis. Vor allem aber liebte er die Musik, nicht die leichtfertigen Lieder und Tanzweisen, die noch vor kurzem Mode gewesen waren, sondern die heiligen, himmelstürmenden Klänge Palestrinas, die den Gebeten Fittiche liehen und sie zu den hohen Kirchenwölbungen emportrugen. Da stand er dann mit Schwärmerblicken wie geistesabwesend, und seine Seele schien sich in Klängen zu baden. Weltlicher Ehrgeiz lag ihm ganz fern; sein Glück war, dem gewaltigen Schirmherrn des Glaubens so nahe zu sein. War es nicht eine große Gnade des Himmels, daß er ihm, der Gewalt zu lösen und zu binden hatte, am Busen liegen durfte wie Johannes dem Heiland? Aber so verschieden die beiden auch waren, heute waren sie eines Sinnes, was Tasso betraf. Ganz Italien kannte nicht nur den Ruhm des Dichters, sondern auch sein Unglück. Jahrelang hatte sein einstiger Gönner, der Herzog Alfons von Este, ihn im St. Annenspital in Ferrara verwahren lassen, weil seine Schwermut sich zu gefährlichem Wahnsinn gesteigert hatte. Erst vor Jahresfrist hatte er ihn freigegeben, und der Herzog von Mantua, der mit den Estes verwandt war, hatte ihn zu sich genommen. Eine Weile war alles gut gegangen, aber eines Tages hatte sein Leiden ihn wieder gepackt, und er war von dannen gelaufen. Krank und bettelhaft war er nach einer abenteuerlichen Pilgerfahrt schließlich in Rom angelangt, und nun wohnte er bei dem Patriarchen Gonzaga, einem Verwandten des Herzogs, der von diesem bestürmt ward, den Flüchtling zurückzusenden. Die beiden Familiaren hatten den Palast erreicht, der auf einem kleinen Platz an der Via della Scrofa, der Saustraße, lag. Der Pförtner blickte sie mißtrauisch an und führte sie zu dem Hausmeister. Auch der forschte sie seltsam aus. Erst als sie sich auswiesen, nahm er eine andere Miene an und gebot einem Diener, sie hinaufzuführen. Sie stiegen bis unter das Dach, und der Diener pochte an eine Tür. Ihr Herz klopfte, als sie das Gemach betraten. Sie störten einen lebhaften Wortwechsel zwischen zwei Männern. Der eine stand vor dem andern, der in einem geschweiften Holzstuhle saß und heftig gestikulierte. Sein schmales Antlitz, von spärlichem Haupthaar gekrönt, lief in ein spitzes Bärtchen aus, und in seinen blassen verhärmten Zügen flackerten ein paar unstete Augen. Es war der Schatten des großen Tasso. »Wir gehören zum Hausstande des Papstes«, versetzte Graziani schüchtern. »Des Papstes!« rief Tasso aufspringend. »Bringt ihr mir eine Kunde von ihm?« »Leider nein , entgegnete Graziani. »Wir wollten nur dem großen Dichter unsere Huldigung darbringen.« Tasso sank matt in seinen Stuhl zurück. »Nehmt Platz«, sagte er mit müder Handbewegung. »Dies ist mein Freund Costantini, der Dichter«, setzte er hinzu. Der andere verneigte sich und blickte sie prüfend an. Dann sagte er: »Ich will Euch nicht stören«, und verließ das Gemach. Einen Augenblick herrschte befangenes Schweigen. Dann faßte Graziani sich ein Herz und sprach: »Verzeiht unsere Freiheit. Wir wollten nach Eurem Befinden fragen und Euch unsere schwachen Kräfte zu Diensten stellen. Geht es Euch gut?« »Gut?« wiederholte Tasso mit schmerzlichem Lächeln. »Gewiß ist dies kein Tollhaus wie das Spital in Ferrara, wo ich mit schmutzigen Armen und eklen Kranken zusammenhausen mußte. Der Patriarch weiß mich nach Gebühr zu schätzen. Aber seine Leute sind dumme, boshafte Teufel, besonders der Hausmeister, der die Künstler haßt. Alles umspäht mich und verfolgt meine Schritte. Auch hier bin ich ein halber Gefangener. Und doch wäre man mich am liebsten wieder los. Der Patriarch, selbst Costantini, quälen mich, nach Mantua zurückzukehren. Sie versuchen alles, List, Schmeichelei, Lügen und Drohungen ...« Graziani war von dieser Sprache betroffen. »Und hattet Ihr in Mantua nicht ein warmes Nest?« fragte er. »Lieber gehe ich betteln, als nach Mantua zurückzukehren«, fuhr Tasso auf. »Ich habe genug von dem Gnadenbrot bei Hofe, genug von den Ränkeschmieden und Pedanten, die mich anfeinden und mir das Leben vergiften, genug von der Gunst der Fürsten, die nur ein goldenes Joch ist. Ich will frei sein und meiner Muse leben, will das Werk meines Lebens vollenden ...« »Aber hattet Ihr nicht die Absicht,« fragte Graziani erstaunt, »Euch hier in Rom eine Stellung zu verschaffen? Sollte nicht Monsignor Papio beim Papste für Euch wirken?« »Ja, dieser Monsignor Papio!« spottete der Dichter, und sein Zorn prasselte hoch wie dürres Reisig im Feuer. »Ich habe ihn mit einem Sonett beschenkt, und zum Danke dafür legt er es darauf an, mir alle Türen zu versperren. Helft mir, den Papst zu sprechen! Ich bin wie ein gehetztes Wild. Man will mich um jeden Preis nach Mantua zurückschaffen, wenn nicht mit Güte, so mit Gewalt. Ich habe dem Papst eine Bittschrift gesandt und um seinen Schutz gebeten, aber ich habe keine Antwort erhalten; wahrscheinlich hat man sie unterschlagen.« »Man wird es schwerlich wagen, Euch mit Gewalt zu entführen,« entgegnete Graziani, »denn hier in Rom herrscht Ordnung und Gesetz.« »Meint Ihr?« versetzte Tasso, und sein scheuer Blick belebte sich mit Hoffnung. »Jedenfalls wollen wir versuchen, ein Wort für Euch einzulegen und Euch die Wege zu bahnen. Was erhofft Ihr Euch vom Papste?« »Er könnte mich zum Prälaten machen«, entgegnete Tasso, »oder mir eine Pfründe geben. Auch ein Kardinal oder ein Vornehmer könnte mir eine Pension aussetzen, damit ich ohne Sorge leben, studieren und dichten kann. Ich brauche einen Diener, der mich pflegt .... Aber wo ist ein Fürst oder ein Großer, der mir aus Mitleid mit soviel Unglück nur das Nötigste gäbe, um meinen Tisch zu bestreiten? Ich habe schöne Werke geschrieben; glaubt Ihr, ich hätte dafür nur einen silbernen Becher erlangt? Nein, ich gehe ins Kloster, ich werde Mönch. Ich habe genug von dieser schlechten Welt ....« Der schlichte Capelletto war tief gerührt, aber Graziani merkte wohl, wie zerfahren und ungereimt die Reden des Dichters waren. »Die Gunst unseres großen Papstes wäre eine größere Ehre«, wandte er ein. »Er soll zornmütig und gewalttätig sein«, sagte Tasso. »Wer weiß, ob ich mit einer so reizbaren Seele mein Auskommen fände.« »Er ist leutselig und schlicht mit den Seinen«, entgegnete Capelletto. »Davon können wir beiden ein Lied singen. Und wer ihn einmal für sich gewonnen hat, dem hält er die Treue.« Plötzlich sagte Tasso: »Erzählt mir doch etwas von eurem Papste. Man hört so wenig von großen Menschen. Die meisten Großen sind in ihr Zeremoniell eingewickelt, und hinter dem Schein der Größe verbirgt sich oft nur Erbärmlichkeit.« Da überboten sich die beiden Familiaren in Lobpreisungen ihres Gebieters. Graziani erzählte, wie er fieberdunstende Sümpfe getrocknet, den Buschwald in fruchtbares Ackerland verwandelt, den Gewerbfleiß gefördert und einen schweren Schatz in der Engelsburg gehäuft hatte. Für sich selbst lebte er anspruchslos, aber für gemeinnützige Zwecke, für die Herrlichkeit Roms und der Kirche, gab er Millionen aus. Und er pries des Papstes Gerechtigkeit, die Ausrottung der Briganten und die gute Ordnung, die jetzt allerorten herrschte. Aber Tasso blieb stumm. Da begann Capelletto die frommen Werke des Papstes zu preisen. Er hatte die Kirchenzucht wiederhergestellt, die Kongregationen geschaffen, die Heiligsprechungen erneuert und im Vatikan eine große Bibliothek für die Werke der Gottesgelehrtheit erbaut. Er ließ eine neue lateinische Bibel drucken, die er selbst durchsah. Aber Tasso blieb stumm. Erst nach einer Weile versetzte er: »Euer Papst ist gewiß ein großer Zuchtmeister. Und vielleicht ist er nötig, denn der lateinischen Kraft fehlt kaum etwas als die Zucht. Aber wo fasse ich den großen Menschen? Eine blendende Tat, die den Dichter begeistert, sie zu verherrlichen?« »Habt Ihr nicht selbst die Aufrichtung der Nadel in einem Sonett verewigt?« fragte Graziani erstaunt. »Ja«, lächelte Tasso, und seine flackernden Blicke bekamen mit einemmal Seele und Glanz. »Nun seht Ihr, da kommt Ihr ihm schon näher«, sagte Graziani. »Er ist ein Baumeister wie Augustus. Er hat die Siegessäulen des Trajan und Marcus wieder ausbessern lassen ....« »Und die Heiligen Petrus und Paulus darauf gestellt,« schaltete Capelletto ein, »um den Sieg des Glaubens über das Heidentum darzutun.« »Unterbrecht mich doch nicht«, brummte Graziani. »Er hat die Riesenstatuen der beiden Dioskuren von Künstlerhand ausbessern und vor dem Quirinal aufrichten lassen, und er hat Rom mit sprudelndem Quellwasser erfüllt, das er von fernher durch die Campagna herleiten ließ. Überall murmeln jetzt frische Brunnen. Ginget Ihr zur Sommerszeit durch die glutheißen Straßen, Ihr würdet es ihm danken, wenn Ihr Euch an den Rand einer kühlen Fontäne setzt ...« Und er erzählte von dem Hauptbrunnen der Acqua Felice mit seinem Marmorgetäfel und den vier Löwen, die ihn bewachten. Nur von dem Moses sagte er nichts. Capelletto wollte wieder einfallen, aber der Dichter entgegnete: »Ich sah den Brunnen.« »Und wer weiß, was er noch alles vollbringt, fuhr Graziani eifrig fort, »denn bei ihm ist kein Ding unmöglich. Was ganzer Geschlechter bedurft hätte, er allein hat es vollbracht. Er denkt schon an die Vollendung der Peterskuppel ....« Tasso war an seinen Schreibtisch getreten, auf dem Schriften Und Bücher in wirrem Gemisch lagen. Er griff zur Feder und machte mit dem Kiel ein Zeichen; als wolle er sagen: »Stört mich nicht.« Dann begann er zu schreiben. Die beiden Familiaren zogen sich ehrerbietig in eine der beiden Fensternischen zurück. Ihre Blicke schweiften über die Dächer hin bis zum Tiber. Schiffe glitten an ihnen vorüber. Flußaufwärts ragte das gewaltige Rund der Engelsburg, von mittelalterlichen Bauten bekrönt, und flußabwärts dehnte sich der Ripettahafen mit seinem bunten Getriebe. Lange schauten sie hinaus, denn Tasso schrieb noch immer oder blickte sinnend vor sich hin. den Federkiel in der Hand. Plötzlich begann er laut zu lesen, was er geschrieben hatte: »O Flut, die aus der Erde Tiefen drang, In raschem Fluß eilst du auf dunklen Wegen Und springst empor aus deinen Steingehegen Zu jener Stadt, die einst die Welt bezwang. Die Sonne spiegelt sich in deinem Lauf; Du aber staunst, wie ragende Zypressen Umsonst sich mit den Riesensteinen messen, Und was Augustus sah, ruft dich herauf. Im Frieden schöner als in Streit und Ringen, Schmückt Rom sich jetzt mit anderen Trophäen, Und andre Laute, andre Lieder klingen; In dichtrem Grün Efeu und Myrthe stehen. Ein Bogen nur mit bunten Täfelungen Und Bildern mannigfach empfängt dich hier; Abbilder sind's von reißendem Getier, Aus Höhlen und aus Waldesnacht entsprungen. Vier Löwen brüllen an den Marmorwänden, Die deinen frischen Überfluß umhegen, Und drüben von der Bergeshalde senden Gar süßen Klang die Hirten dir entgegen, Die Lied auf Lied im Wechselsange tauschen. Die Musen lud die Blumenflur zur Rast; Sie geben Antwort auf dein fernes Rauschen Mit soviel Versen, als du Tropfen hast ...« »Herrlich! Herrlich!« jubelte Graziani, als der Dichter innehielt, um ein Wort zu verbessern. »Das bringen wir dem Heiligen Vater. Es wird ein Freibrief für Euch sein.« »Meint Ihr?« fragte Tasso geringschätzig. »Ach, daß die Kunst stets nach Brot gehen soll! Ich dachte nicht daran, als ich dies schrieb. Der Gedanke an Lohn hätte es verdorben ...« »Und das alles habt Ihr so improvisiert!« rief Capelletto voller Staunen. »Ihr seid fürwahr selbst ein sprudelnder Quell.« »Es ist noch lange nicht alles«, lächelte Tasso. Und er fuhr fort: »Du gleichst den Grazien, belebte Flut, Die Sixtus ließ zu hehrer Stätte steigen. Er, der Gesetze gab dem Sternenreigen, Rief deine Kühlung her zur Sommerglut Und hob dich aus der Tiefe, die dich barg, Sein Volk zu laben, das er liebt, die Seuchen, Ja selbst den grausen Tod hinwegzuscheuchen; An Gnaden reich, war er auch hier nicht karg. So läßt er seines Volks geliebte Herde Von keinem andren Hirten irreleiten; Nicht fremde Satzung darf ihr Glück bestreiten; Kein Wolf ist, der der Lämmer eins gefährde. Kein Räuber darf ihm nahen; strenge Strafe Trifft alle Bösen, und zur rechten Stelle Führt er, ein guter Hirt, verirrte Schafe; Nun ruhen alle friedlich an der Quelle.« In diesem Augenblick pochte es an die Tür, und Costantini trat wieder ein. Aber Tasso schien ihn nicht zu bemerken und fuhr begeistert fort: »Das goldne Alter, das schon längst geendet Und ausgelöscht war, ist herabgestiegen, Nicht weil der Erde Mühsal abgewendet Und Wolf und Lamm geeint im Schatten liegen, Noch weil die Schlangen diese Welt verließen, Nein, weil Gerechtigkeit dem Bösen wehrt Und Rosen aus den rauhen Dornen sprießen, Weil er den wilden Blumen Sitte lehrt. Sieh, wie die Künste seine Größe loben, Wie manches Werk aus Meisterhand entsproß. Gefesselt ist die Wut, gestillt das Toben, Wie einst, da man den Janustempel schloß. So kehrt die Zeit Saturns zurück auf Erden, Weil Sixtus thront in seinen heil'gen Hallen; Doch hör' ich seines Namens Ruhm erschallen, Muß zur Posaune die Schalmei mir werden.« Die beiden Familiaren hatten mit wachsendem Entzücken gelauscht. »Gebt mir dies Blatt«, bat Graziani, als das Lied ausgeklungen war. »Ich möchte es dem Papste bringen. Ihr sollt soviel Abschriften haben, wie Ihr wollt.« »Nein«, lächelte der Dichter. »Es ist noch nicht fertig. An einer Canzone muß man meißeln und feilen wie an einem Standbilde.« »Du hast recht«, nickte Costantini. »Aber nun muß ich dich zur Erde zurückführen, Torquato. Der Patriarch wünscht dich zu sprechen.« Ein feindlicher Blick schoß ihm entgegen. »Ewig eure Quälereien«, fuhr der Dichter ihn an. »Ich weiß schon, was er will. Loswerden will er mich: ich soll zurück nach Mantua. Aber lieber will ich hier sterben.« »Laß ihn nicht warten«, bat der Freund. Da ging Tasso wütend hinaus und warf die Tür schwer ins Schloß. »Der Ärmste«, seufzte Costantini hinterdrein. »Wie ein launisches Kind, jedem Eindruck versklavt und zuchtlos ... Ihr dürft es ihm nicht anrechnen«, setzte er hinzu. »Aber man darf auch nicht alles glauben, was er sagt. Seine Seele gleicht einem Hohlspiegel, der die Dinge verzerrt, im Guten wie im Bösen. Er übertreibt alles, und überall wittert er schlimme Machenschaften.« »Nach allem, was er erlebt hat,« versetzte Graziani, »ist das wohl begreiflich.« »Gewiß,« nickte Costantini, »aber trägt ein anderer die Schuld an seinen Anfällen?« »Sie sind Verhängnis.« »So ist es. Aber auch, was er selbst verschuldet hat, legt er andren zur Last.« »Kennt Ihr ihn schon lange?« Costantini nickte. »Es ist mein Stolz und mein Kreuz. Man muß viel Geduld haben. Wahrlich, er braucht Freunde, an denen er einen Halt findet, aber nicht viele halten es mit ihm aus, und er selbst ist wetterwendisch und mißtraut allen. Immer hin und her in qualvoller Unrast ... Sechs Dinge fängt er zugleich an, und hat man ihn endlich zu etwas gebracht, so springt er im letzten Augenblick ab.« »Und was, meint Ihr, soll nun aus ihm werden?« »Das beste wäre, er ginge wieder nach Mantua. Da hat er alles, was er braucht, und unser Herzog will es durchaus. Er hat ihn sich von Ferrara ausgebeten und ist gleichsam haftbar für ihn. Sich selbst überlassen, sänke der Unglückliche nur immer tiefer und zerstörte sich selbst. Er kann ja nicht wirtschaften; das Geld zerrinnt in seinen Händen wie Lenzschnee ... Er schreit nach den Ärzten, aber er befolgt ihren Rat nicht und verweigert ihre Gifte, wie er es nennt. Aber er selbst richtet sich durch Quacksalbereien zugrunde.« »Aber er will doch nun mal nicht nach Mantua zurück«, wandte Capelletto ein. »Eben das ist es«, seufzte Costantini. »Wir haben hier alles versucht, aber es war umsonst ... Und Gewalt anzuwenden, wäre hier in Rom nicht ratsam.« »Ganz gewiß nicht«, nickte Graziani. »Vermögt Ihr etwas auf den Papst,« fuhr er fort, »so redet ihm doch zu, daß er uns gewähren läßt.« Die beiden Familiaren zuckten die Achseln. »Wir vermögen nichts«, entgegnete Graziani. »Wir sind nur kleine Leute ... Höchstens vermöchten wir klingenden Lohn für ihn zu erbitten. Aber dazu müßten wir erst das Gedicht haben, dessen Schluß Ihr gehört habt. Es ist ein Preislied auf die Acqua Felice, herrlich wie alles, was er dichtet. Auch der Papst wird es gern hören.« »Ich will ihn bewegen, daß er es bald fertigstellt«, sagte Costantini. »Vielleicht gelingt ihm auch noch anderes der Art. Ich plane eine ganze Sammlung zum Lobe des Papstes. Torquatos Gedichte würden darin den Ehrenplatz einnehmen. Das könnte ihm Nutzen bringen, wenn er nur will; sein Geist ist ja so unerschöpflich reich. Bilder, Gedanken, Empfindungen, alles strömt ihm zu.« »Ja,« versetzte Graziani, »das haben wir selbst staunend erlebt. Was wir ihm nüchtern erzählten, das verwandelte er sofort in Poesie. Er ist wie König Midas, der alles zu Golde macht, was er berührt ....« »Leider nur in der Welt seiner Phantasie«, nickte der andere mit schmerzlichem Lächeln. Da wurde die Tür heftig aufgerissen, und herein trat Tasso, bleicher als vorher. »Ihr seid alle gegen mich verschworen,« warf er Costantini ins Gesicht, »du so gut wie der Herzog und der Patriarch. Bei Gott, wenn das Freundschaft ist, wie muß dann die Feindschaft sein! Verlästere mich nur nicht auch vor diesen, damit sie es dem Papst hinterbringen ... Wo ist meine Canzone? Habt Ihr sie mir nicht fortgenommen?« »Da liegt sie ja noch«, sagte Costantini. Die beiden Familiaren baten, sie bald abholen zu dürfen, aber sie erhielten eine unbestimmte Antwort. Als sie den Palast verlassen hatten, sagte Graziani traurig: »O Menschenschicksal, o Dichterruhm, wie traurig seid ihr verkettet!« Beide wußten nicht mehr, wo ihnen der Kopf stand, noch was sie beginnen sollten. Sie fühlten sich wie in einer Gewitterlandschaft inmitten eines Wirbelsturmes. Hier der gemütskranke Dichter mit seinem widerspruchsvollen Gebaren, seinen sprunghaften, übertreibenden Reden, dort ein Freund, den sie nicht kannten, der ihnen nicht ganz selbstlos, auf jeden Fall aber gebunden erschien, und dieser ganze Wirrwarr treibender Wolken und zuckender Blitze war überglänzt von den Sonnenblicken des Genius. »Nun verstehe ich,« sagte Graziani, »warum Monsignore Papio es nicht gewagt hat, dem Dichter eine Audienz zu verschaffen. Vielleicht war es gut so, denn wer weiß, ob sein seltsames Wesen ihm nicht selbst geschadet hätte.« Am Abend, bei der Tafel, wo Sixtus zu plaudern liebte, wagte Graziani von Tasso zu sprechen und das Gedicht auf die Acqua Felice zu rühmen, das er gleichsam aus dem Ärmel geschüttelt habe. »Ja,« sagte Sixtus, »das ging schneller, als die Leitung zu bauen.« Und als Capelletto die Schönheit der Dichtung unterstrich, spöttelte er: »Sie muß ausnehmend schön sein, denn Graziani teilt heute Eure Meinung, was sonst niemals vorkommt ... Aber Scherz beiseite: Tasso hat Uns gewiß trefflich besungen, wie er Unsern Vorgänger Gregor und seine Sippe besungen hat und auch Unsern Nachfolger feiern wird. Er schwankt wie ein Rohr im Winde, und nirgends hält er stand. Heute morgen war der Gouverneur von Rom bei Uns und bat um Unseren Beistand, um ihn wieder nach Mantua zu bringen, von wo er entflohen war. Wir haben es ihm abgeschlagen, denn hier soll ein jeder in Sicherheit leben, wie es ihm gefällt. Mag er denn bei dem Patriarchen bleiben oder sich einen anderen Gönner suchen; Wir hindern ihn nicht daran. Der Freunde hat er genug, wenn er selbst ihnen nur die Treue hält.« Da wagten die beiden Familiaren nichts weiter zu sagen und blickten sich betrübt an. Sie fühlten, wie zwei Welten auseinanderklafften, aber sie fühlten auch, was den großen Papst gegen den großen Dichter einnahm: seine menschliche Schwäche. Den Patriarchen Gonzaga aber erhob Sixtus kurz darauf zum Kardinal. 17. Die Ligue Menschliche Schwäche -- das war es, was Sixtus auch bei dem König von Frankreich zu verachten begann. Philipp von Spanien war starrsinnig und schwerfällig, aber Heinrich III. war der Wankelmut selbst. Wie ein steuerloses Boot tanzte sein Lebensschifflein auf den empörten Fluten des Bürgerkrieges: weder der Ligue, die es mit Spanien hielt, noch der Hugenotten wurde er Herr. Schließlich lehnte die Ligue sich offen gegen ihn auf, und er fand nirgends einen Rückhalt mehr. Sixtus war empört über dies Schauspiel. Dem französischen Huldigungsgesandten, Monseigneur de Luxembourg, der noch immer in Rom weilte, und dem Botschafter Pisany gegenüber sprach er sich bitter über die Wirren in Frankreich aus. »Auch die römischen Großen«, sagte er, »haben zu Beginn Unseres Pontifikats aufmucken wollen, aber sie haben sich rasch eines Besseren besonnen, denn sie merkten, daß es ihnen um Hals und Kopf ging. Euer König könnte sich das zum Vorbilde nehmen.« Er erbot sich, ihm mit starker Kriegsmacht zu Hilfe zu kommen, die Rebellen zu züchtigen und die Ketzerei zu ersticken, aber Heinrich lehnte es ab und suchte Anlehnung bei den Hugenotten. Da verlor Sixtus jedes Zutrauen zu ihm. Fortan zeigte er unverhohlene Vorliebe für die Ligue. Er rühmte den ritterlichen Herzog von Guise, den Liebling des Volkes, den Makkabäus des neuen Bundes. Der spanische Botschafter war damit zufrieden, aber er glaubte nicht an die Dauer dieser Gesinnung. »Der Papst hält es stets mit dem Stärkeren«, schrieb er spöttisch an König Philipp. »Eure Majestät wird sich ja schon längst eine Vorstellung von seinem Charakter gemacht haben, und wie wenig Verlaß auf seine Worte ist.« Aber es war nicht die Schuld des Papstes, wenn er so wetterwendisch erschien, sondern die der Ereignisse und Menschen in Frankreich, die immerfort wechselten wie die Bilder einer Zauberlaterne. Und wenn die Nachrichten von diesen Ereignissen glücklich eintrafen, waren sie oft schon durch andere überholt. Man hätte den Mantel des Erzzauberers Faust oder den Besenstiel einer Hexe haben müssen, um sie rechtzeitig zu erfahren. Bis Lyon gab es zwar eine regelmäßige Post, aber in Südfrankreich herrschte heller Aufruhr, und selbst wenn er einmal abflaute, brauchten die Briefe aus Paris zwei Wochen. Sixtus mußte daher abwarten lernen, und das war für sein stürmisches Wesen nichts Kleines. Doch es bildete ihn erst völlig zum Staatsmann. Im Mai 1588 kam eine neue schlimme Post aus Frankreich. Die Häupter der Ligue hatten sich mit den Bürgern von Paris zusammengetan; Barrikaden waren aufgeworfen worden, und der König war aus seiner Hauptstadt geflüchtet. Der Herzog von Guise war Herr von Frankreich. In Spanien frohlockte man darüber, aber in Rom herrschte große Bestürzung, und der Papst war ratlos. Anfangs wallte sein Herrscherstolz auf. »Wie!« rief er aus, als Pisany ihm diese Nachricht überbrachte, »hat Euer König denn nicht zwanzig Mann zur Hand gehabt, um den Rebellen zu verhaften und mit ihm nach Gutdünken zu verfahren!« Dann aber erwog er, daß die Ligisten zwar Rebellen, aber Hüter des Glaubens waren, und er ließ den Herzog vor den Anschlägen des Königs warnen. Er selbst wußte nicht mehr ein und aus. In dieser Ratlosigkeit ward er zum ersten Male schwach. Die steten Sorgen und Aufregungen und die immerwährende Arbeit begannen seine Gesundheit zu zerrütten, und er bekam Fieberanfälle. Mit Sorge sah Donna Camilla und seine Umgebung im Vatikan, wie er der Ratschläge der Ärzte spottete und das Fieber wie ein Bauersmann mit Weinsuppen bekämpfte. Sein Tatendrang blieb zwar der alte, aber seine Kräfte ließen nach, und sein Haar bleichte zusehends. So fand ihn der venezianische Botschafter Gritti an einem der ersten glühenden Julitage, als er ihm auf Befehl seiner Regierung Vorstellungen wegen der Wirren in Frankreich machte. Sonst pflegte er aufzustehen und während er sprach, unruhig im Zimmer auf- und abzugehen. Heute saß er matt auf seinem Thronsessel unter dem Baldachin und winkte dem Venezianer, auf einem Sessel Platz zu nehmen. »Heiliger Vater,« begann Gritti, »die Signoria hat mit großem Mißfallen die neuste Post aus Frankreich erhalten. Dies Land, einst das Auge der Christenheit und das Gegengewicht in der Wagschale der Mächte, ist völlig aus den Fugen geraten. Es geht um die Sache des Glaubens, welche die erste ist. Es geht auch um den Frieden der Christenheit, schließlich auch um die Ruhe und Selbständigkeit Italiens. Der Senat von Venedig besorgt, der König werde sich in seiner verzweifelten Lage den Ketzern in die Arme werfen. Die Signoria baut nur noch auf die hohe Einsicht Eurer Heiligkeit und auf Ihren Eifer für das öffentliche Wohl.« Der Papst seufzte tief. »Die Signoria«, sprach er, »hat recht. Frankreich ist ein edles Land, und die Kirche hat stets großen Vorteil von ihm gehabt. Wir lieben es über alles und haben dem König unseren Beistand angeboten. Wir wollten ihm mit 25+000 Mann Fußvolk und mit 8000 Reitern zu Hilfe kommen und sie aus unserer Tasche besolden. Da hätten wir die Ketzerei erstickt und die Rebellen gezüchtigt, und heute wäre er unumschränkter Herr seines Reiches. Aber er hat es nicht gewollt.« Sixtus schwieg einen Augenblick, als fiele das Sprechen ihm schwer. Dann fuhr er fort: »Kommen wir nun zu den letzten Ereignissen. Der Herzog von Guise ist mit acht Reitern in Paris eingerückt und hat sich zur Königin-Mutter begeben. Die ist mit ihm zum König gefahren. Der König hat ihn zwei Stunden warten lassen; dann haben beide freundlich miteinander gesprochen. Hierauf fiel es dem König ein, die Schweizer nach Paris zu ziehen. Und zugleich verlangte er von den Parisern Leute zur Verstärkung seiner Palastwache. Ein einziger hat sich dazu eingefunden. Als die Schweizer einrückten, erhoben sich die Pariser; es kam zu Straßenkämpfen, und viele Schweizer wurden erschlagen. Während des Aufstandes ruft man unseren Nuntius, Euren Landsmann Morosini, in den Palast und bittet ihn, sich ins Mittel zu legen. Er macht seine Sache sehr gut und geleitet den Herzog zum König. Beide zeigen sich in der Stadt, der Herzog stets mit dem Barett in der Hand ... Doch bei sinkender Nacht verläßt der König heimlich Paris und begibt sich nach Chartres ... Da fragen Wir Uns: was hatte der König zu fürchten, da der Herzog sich ihm ganz in die Hand gegeben hatte? Warum zog er die Schweizer herbei? Entweder hatte er den Herzog in Verdacht oder nicht. Hatte er ihn in Verdacht, warum ließ er ihn nicht verhaften? Und wenn er den Anfang eines Aufstandes bemerkte, warum ließ er ihm nicht den Kopf abschlagen und ihn auf die Straße werfen? Da hätten die Leute sich beruhigt. Hatte er aber keinen Verdacht, warum ließ er die Schweizer kommen?« »Jedenfalls, weil die Pariser ihn im Stiche ließen.« »Hatte er denn nicht den Herzog als Geisel in Händen?« »Hätte er den Herzog verhaftet oder gar getötet, so wäre die ganze Ligue aufgestanden und hätte seinen Tod gerächt. Denn sie war bewaffnet, der König aber nicht.« »Nein,« entgegnete Sixtus, »dies Exempel hätte gewirkt. Und wäre auch ein Aufstand ausgebrochen, wie durfte er sein Heil in der Flucht suchen? Ein König flieht nicht. Er siegt oder fällt. Hat Eure Republik nicht auch manche Aufstände erlebt? Was wäre aus Eurer Herrschaft geworden, wenn Eure Signoria ausgerissen wäre? Jetzt verlangt er von Uns, Wir sollten dem Herzog befehlen, Paris zu verlassen. Wir haben in Paris nichts zu befehlen, außer in Kirchen- und Ketzersachen. Und dies ist eine weltliche Sache der Staatsgewalt. Aber nicht genug damit, der König hat gedroht, sich mit den Hugenotten zu verbünden. In diesem Falle wird er etwas erleben. Trotzdem haben Wir an ihn geschrieben und ihn zur Standhaftigkeit ermahnt. Ebenso haben Wir an den Herzog geschrieben und ihm stark ins Gewissen geredet, sich dem König zu unterwerfen. Mehr vermögen Wir nicht. Mag er selbst zusehen, wie er fertig wird, da er Unsere Hilfe nicht gewollt hat.« Damit entließ er den Botschafter. 18. Ein Abend im Vatikan Noch war die Armada nicht in See gestochen, als Sixtus die Millionen in der Engelsburg einem anderen Zweck zuwandte: der Vollendung der Peterskuppel, die sein Lebenswerk krönen sollte. Mit der gleichen zornigen Raschheit, mit der er alles anfaßte, betrieb er auch diesen Bau. Tag und Nacht ward an der Kuppel gearbeitet, selbst an den Feiertagen, nur des Sonntags nicht. Sixtus hatte den alten Baumeister der Peterskuppel, Giacomo della Porta, Michelangelos letzten Schüler, aus Pietät nicht verdrängen mögen, aber er hatte ihm den tatkräftigen Fontana beigesellt, auf den er sich verlassen konnte. Übrigens vertrugen beide sich leidlich, denn sie waren an Michelangelos Plan gebunden. Für Fontana war dieser Auftrag eine übermenschliche Aufgabe, denn die technische Lösung erschien fast als unmöglich, und die Römer hatten sich schon an den Gedanken gewöhnt, daß der Riesenbau nie vollendet werde. Aber Fontana hatte an der Nadel gezeigt, daß ihm nichts unmöglich sei, und so sah denn ganz Rom mit staunenden Augen, wie das Unwahrscheinliche Wirklichkeit ward. Mit Befriedigung verfolgte Sixtus jeden Zollbreit, den der Bau wuchs. Würde er das Ende noch erleben? Das Nachlassen seiner Kräfte rechtfertigte diese Frage, und zugleich erklärte er den Fiebereifer, mit dem er zur Vollendung drängte. Auf zehn Jahre hatte man sie veranschlagt; er hatte höchstens zwei Jahre Frist gegeben. Allabendlich, wenn die Glocken das Ave Maria in den glühenden Himmel hinauf läuteten, erschien Donna Camilla, um den Bruder von seiner Arbeit abzuziehen. Dann nickte er ihr freundlich zu, erhob sich von seinem mit Schriften bedeckten Arbeitstisch und sagte: »Komm, wir wollen sehen, wie weit heute die Kuppel gediehen ist.« Und er schritt mit ihr durch die dunkelnden Gänge des Vatikans nach den Loggien des göttlichen Raffael, um Ausschau zu halten. Die bunten Fresken flammten noch einmal in verdoppelter Farbenpracht auf, bevor sie ins Dunkel der Nacht versanken. Sixtus würdigte diesen anmutigen Heidenspuk keines Blickes. Er trat in eine der weiten Öffnungen, die damals noch nicht verschlossen waren, und bekreuzte sich, während seine Lippen das Abendgebet sprachen. Dann lehnte er sich an die Brüstung und blickte hinaus. Seine gedrungene, leicht gebückte Gestalt in dem halblangen Scharlachmantel glühte wie feurige Bronze. Das Spätrot spielte in seinen unbeweglichen Zügen, übergoß die Runzeln seiner Stirn und rötete die vorspringenden Backenknochen. Selbst sein fast weißes Haar leuchtete rosig unter dem roten, hermelinbesetzten Käppchen. Er öffnete seinen Mantel und sog aufatmend den leichten Abendwind ein, der kühl und erquickend von den fernen sabinischen Bergen herüberwehte. »Das Fieber quält dich«, sagte Donna Camilla besorgt und trat neben ihn. »Nein«, entgegnete er abweisend. »Es wird mir nur etwas schwül in dem Mantel und der Pelzkappe.« In goldigem Glanze winkte der neue Quirinalspalast herüber, von Gerüsten umstellt. »Du solltest bald dorthin auf die gesunden Höhen ziehen«, riet seine Schwester. »Die Luft in der Niederung wird ungesund.« »Wäre Fontana nur erst mit dem Bauen fertig«, seufzte er. »Aber er hat zu viel zu tun«, versetzte er mit einem Blick auf den neuen Palastflügel des Vatikans, der gleichfalls noch unfertig dastand. Es war zuviel auf einmal, was er unternahm; er fühlte es selbst. Aber er wollte in die ungewisse Lebensfrist, die ihm noch blieb, die Verwirklichung all der Träume hineindrängen, die er in langen Jahren der Tatlosigkeit gehegt hatte. Rom lag dunstfrei und klar vor ihm, als wäre es eine Stadt ohne Essen und Schlote. Bunte Häuserfronten leuchteten goldgelb oder bernsteinfarben auf. Die hellen Travertinwände einiger neuer Paläste schimmerten rosig wie Tempelmauern. Dunkel und feierlich ragten die Zypressen und Pinien des Pincio auf. Hier und da blinkte die feurige Fußschlange des Tibers, von Brückenbögen gefesselt, aber flußabwärts war die Aussicht versperrt. Sixtus trat von der Brüstung zurück und lenkte den Schritt nach dem anstoßenden Kreuzarm, von dem aus sich die Peterskirche den Blicken darbot. Der dunkelnde Schattenriß der werdenden Kuppel setzte sich scharf von dem Abendhimmel ab, der aus dem Roten allmählich ins Zwiebelgrüne und Blaue hinüberspielte. Es waren vorerst nur die sechzehn riesigen Gewölberippen, die Fontana emporsteigen ließ, von einem Wald von Gerüsten umgeben, jedes einzelne deutlich erkennbar, aber in der Entfernung wie Spinneweben. Die letzten Arbeiter der Tagesschicht, kletterten von ihnen herab wie schwarze Ameisen. Fackeln flammten auf, und an den riesigen Kränen schwebten neue Steinblöcke empor, um das harmonische Halbrund aufzustufen. Lange blickte Sixtus hinauf. Wenn die Pilgerscharen von den fernen etruskischen Höhen herab das Ziel ihrer Wallfahrt, das Apostelgrab, erblickten und mit Tränen der Begeisterung in den Staub sanken, um dem Himmel zu danken, daß sie alle Fährnis und Beschwerde der Reise überstanden hatten, würde er dann nicht sein Verdienst daran haben? Doch sein eigner Ehrgeiz floß unlöslich mit den großen Zwecken der Kirche zusammen. Würden die Völker in ihrem schwachen, bedrohten Glauben nicht durch die Größe dieses Bauwerkes bestärkt werden? Und mußten nicht selbst die Verehrer des Heidentums diesem neuen Glauben zujubeln, der das Pantheon auf die Basilika des Konstantin türmte? Mußte dieser Glaube, der Größeres vermochte als die Alten, ihnen nicht als der größere erscheinen? Auch Donna Camilla empfand die Größe des Werkes und seines Bauherrn. Begeistert murmelte sie: »Was hast du in diesen paar Jahren nicht alles vollbracht zum Ruhm und zur Ehre der Kirche, zum Wohl deiner Untertanen und zu deinem eigenen Ruhm! Wahrlich, dein Name wird fortleben im Gedächtnis der Menschen bis in die fernsten Zeiten!« Die letzten Glockenklänge verhallten sanft, und die durchsichtige Dämmerung sank auf Rom herab, ein helles Zwielicht, mehr ein Nachleuchten, als hätten die Dinge sich so voll Licht gesogen, daß sie es jetzt wieder ausstrahlten und der Nacht ihre Herrschaft streitig machten. Am westlichen Himmel schwamm die silberne Mondsichel, und ein erster Stern flammte auf. Eine selige Stunde, wie sie nur der Süden kennt, die den Geist in holden Träumen wiegt. Auch die Seele des frommen Papstes schwelgte ein Weilchen in mystischen Wonnen. Er hatte an diesem Morgen eine Heiligsprechung im Petersdom mit großem Pomp vollzogen, und seine Gedanken kehrten unwillkürlich zu jener Feier zurück. »Gottes Gnade ist groß in den Kleinen«, sprach er feierlich, mehr zu sich selbst als zu seiner Schwester. »Wie der arme Fischer vom See Genezareth, dessen Riesengrab sich jetzt wölbt, bin auch ich, sein Nachfolger, in Armut geboren und zum Höchsten emporgestiegen. Kaiser und Könige sind mir Untertan wie der Leib der Seele. Aber was ist alle weltliche Macht des Papstes im Vergleich mit der Befugnis, einen armen Knecht Gottes zum Heiligen zu erheben?« Er fuhr aus seinen Träumen auf, denn der kleine Sangalletto verneigte sich vor ihm und fragte, ob der Kardinal Montalto seinen Bericht abstatten dürfe. Sixtus nickte ihm bejahend zu, und der Jüngling erschien. Ernst und würdig begrüßte er den Papst, dann seine Großmutter, wie ein vollendeter Weltmann. Er ging jetzt ins achtzehnte Jahr und hatte feine, einnehmende, etwas weibliche Züge. Er war nicht nur fromm und sittenrein geblieben, sondern auch klug und geschickt geworden. Sixtus war stolz, daß er sich in ihm nicht getäuscht hatte. Er war treu und verschwiegen wie das Grab; ihm konnte er alles anvertrauen. Aber auch die fremden Herrscher begannen ihn zu schätzen. Sie riefen seine Vermittelung beim Papste an, wenn ihre beglaubigten Gesandten nicht bei ihm durchdrangen. Und selbst wenn auch er nichts ausrichtete, war es doch kein diplomatischer Schritt gewesen, dessen Scheitern sie bloßstellte; kein Ansehen ward verletzt; keine Empfindlichkeit blieb zurück. Er aber zeigte bei alledem einen Takt, als sei er nicht in der Priesterschule erzogen, sondern in der großen Welt aufgewachsen. »Wir kommen gleich nach, Alessandro«, nickte Sixtus ihm zu. »Geh einstweilen voraus in mein Arbeitsgemach.« Als Montalto sich entfernt hatte, sagte Sixtus zu seiner Schwester: »Wahrlich ein würdiger Enkel, Camilla! Weißt du noch, wie du mich anstarrtest, als ich ihm den Kardinalshut aufsetzte? Aber ich habe alle Tadler Lügen gestraft.« Die Matrone verabschiedete sich beglückt, und Sixtus folgte seinem Großneffen in das Gemach, das jetzt ein paar silberne Armleuchter mit mildem Kerzenschein erfüllten. Er setzte sich wieder an seinen Arbeitstisch, auf dem eine große Nürnberger Uhr unerbittlich die Stunde wies. Montalto legte die neusten Nachrichten aus Frankreich vor. Sie waren alles andere als erfreulich. Wie der Nuntius Morosini meldete, hatte der Herzog von Guise sich in Paris verstärkt und die Bastille ohne Schwertstreich genommen, und jetzt schickte er sich zum offenen Kampfe gegen seinen König an. Der Nuntius hatte eine Aussprache mit Guise gehabt und ihm nochmals die Versöhnung mit Heinrich ans Herz gelegt. Wie stets hatte der Herzog beteuert, er wolle nichts als die Ausrottung der Ketzerei. »Wenn Ihr nichts anderes wollt,« hatte Morosini geantwortet, »so werdet Ihr Euch leicht mit dem König vertragen. Darf ich ihm sagen, Ihr seiet bereit, ihm als getreuer Untertan zu dienen, wenn er Euch die Mittel gibt, die Hugenotten zu bekriegen, sei es allein, sei es in Gemeinschaft mit ihm?« Der Herzog hatte es angenommen, und der Nuntius war hinter dem umherirrenden Hofe des Königs einhergereist. Was er dort gesehen, erfüllte ihn mit banger Sorge. Anmaßung und Furcht wechselten miteinander ab, aber die Furcht überwog. Morosini war mit der Zusage nach Paris zurückgekehrt, der König bewillige dem Herzog den Oberbefehl im Hugenottenkriege. Als jedoch die Bedingungen dieser neuen Versöhnung vereinbart werden sollten, verlangte der siegreiche Rebell die völlige Unterwerfung des Königs; von Bedingungen wollte er nichts mehr wissen. Da hatte Morosini sich beschämt aller weiteren Vermittelungsversuche enthalten. »Eine schlimme Gesellschaft! rief Sixtus aus. »Ihr böser Wille ist offenbar. Und sie werden ihren Willen durchsetzen, das ist gewiß.« Doch der Zeremonienmeister Allaleone kam das Nachtmahl zu melden, und der Papst ging mit seinem Großneffen in das Speisezimmer, wo sich schon die beiden Familiaren Capelletto und Graziani eingefunden hatten. Eine Weile sprach er noch mit Montalto von den Staatsgeschäften, dann aber wandte er sich den beiden Kampfhähnen zu, um sie gegeneinander zu treiben. Sixtus belustigte sich oft daran. Wie er selbst in den Konsistorien zu streiten liebte, so freute sich seine Kämpfernatur auch beim Mahle an Widerstreit. Das war seine Erholung von den Mühen und Sorgen der Tagesarbeit, und ein freies Wort nahm er dabei nicht übel. Graziani hatte vor kurzem seine lateinische Lebensbeschreibung des Papstes begonnen und ihm ein Stück davon vorgelegt, und jetzt lauschte er mit gespanntem Ohr auf jedes seiner Worte und machte sich bisweilen Notizen in sein Taschenbuch. Um so mehr ärgerte es ihn, daß Capelletto dazwischenschwatzte. Dieser hatte heute wieder sein Lieblingsthema vor, den endgültigen Untergang des Neuheidentums. Sixtus hatte das Stichwort dazu gegeben, als er von der Peterskuppel sprach und sie als Abschluß einer hundertjährigen Baugeschichte bezeichnete. »Jetzt kommt eine neue Kunst herauf«, setzte er hinzu. »Wird sie der alten wohl ebenbürtig sein?« »Mich dünkt,« sagte Capelletto, »sie wendet sich vom Neuheidentum ab. Die Maler und Baumeister wandeln bereits neue Wege.« Da konnte Graziani nicht mehr an sich halten. »Gott sei's geklagt,« sagte er, »sie bauen die reinen Kasernen. Und was die Maler betrifft, so sind sie elende Klexer wie Zuccaro, nicht wert, den großen Meistern des letzten Zeitalters die Schuhriemen zu lösen. Der Niedergang der Künste ist unaufhaltsam. Seht doch nur die Übertreibungen, die wilden Gebärden ohne Ursache. Pygmäen, die auf den Spuren der Giganten wandeln und nur ihre Fehler nachäffen und aufsteigern.« »Auch Eure heidnische Weisheit«, stichelte Capelletto weiter, »ist dem Untergange geweiht. Die Alten sind nicht mehr unsere Vorbilder; höchstens könnten sie unsere Schüler sein. Selbst ihre Sprache wird unmodern. Früher hielt alle Welt griechische und lateinische Reden, die mit gelehrten Zitaten gespickt waren. Jetzt redet man, wie einem der Schnabel gewachsen ist.« »Bei Gott, das merkt man«, spottete Graziani. »Kaum einer kann noch elegant griechisch oder lateinisch reden, geschweige denn schreiben.« »Gut! Gut!« lachte Sixtus. »Immer weiter so.« Und er trank ein großes Glas Wein gegen das Fieber. »Eure Alten sind tot«, fuhr Capelletto voll Eifer fort. »Seit Columbus Westindien entdeckt hat und ein Portugiese um die Weltkugel herumgefahren ist, lacht man über das Weltbild Eures Aristoteles. Ein neuer Geist durchglüht die Welt, der Geist des Glaubens und der Wissenschaft. Die Spanier und Portugiesen haben den Indianern den wahren Glauben gebracht, und überall gibt es Neuland für die Conquistadoren, auch in der Geisteswelt.« »Ein schönes Gemisch«, spottet Graziani. »Schwärmerei und Gelehrsamkeit im Bunde. Eine neue Scholastik. Aber die Wissenschaft ist eine Sache für sich, und der Glaube quillt aus dem Herzen.« »Ihr redet ja wie ein Ketzer«, fuhr Capelletto auf. »Aber was ist Euer Aristoteles denn, wenn nicht der Vater aller Scholastiker? Seht, was die Jesuiten jetzt alles vollbringen durch Glauben und Wissenschaft! Sie lehren die Jugend, legen Sternwarten an und gründen Bibliotheken. Aber sie lassen die Wissenschaft nicht auf Abwege geraten. Jede wahre Wissenschaft kommt von Gott und führt zu Gott zurück.« »Gewiß«, entgegnete Graziani. »Aber die Wissenschaft muß diesen Weg selbst finden. Man darf sie nicht in ein Prokrustesbett spannen.« »Wir hören Euch gern zu,« fiel Sixtus ein, »denn Wir wissen ja, Ihr meint es nicht böse, wenn Ihr Euch auch fast in die Haare kriegt. Ihr beide dünkt Uns wie ein Stück Unserer selbst, vielleicht unserer ganzen Zeit, die in großen Spannungen emporwächst. Der heidnische Sinnentaumel und das schöne Ebenmaß sind vorbei: darüber ist kein Zweifel. Überall Kampf und Widerstreit, Schwung und Erregtheit. Zwar werden die neubelebten Formen des Altertums nicht untergehen, aber sie erfüllen sich mit neuem Geiste, und eben dadurch wandeln sie sich. Wir verwerfen das Heidentum nicht, sondern wir überwinden es, indem wir es nutzbar machen und darüber hinausstreben. Wir stehen zwischen zwei Zeitaltern. Wir wissen noch nicht, wie die neue Zeit sein wird, denn täglich schaffen wir noch an ihrem Bilde. Sie wird etwas vom Altertum haben, aber noch mehr von der Inbrunst und Frömmigkeit der großen Zeiten des Glaubens, und aus beiden wird etwas Neues erwachsen, was noch keinen Namen hat. Gott allein weiß, wie es der Nachwelt erscheinen wird, und welchen Namen man ihm geben wird.« »Recht barock wird es den Späteren erscheinen«, murmelte Graziani. »Nun wohl, barock oder nicht«, lächelte Sixtus. »Jedenfalls wird es das Bild unserer Zeit sein und nicht das der Menschen vor zweitausend Jahren. Es wird seine eigene Größe haben.« »Seht Ihr, Graziani, so meinte ich es auch«, nickte Capelletto befriedigt. »Und nun vertragt Euch wieder und reicht Euch die Hände«, gebot der Papst. »Ihr seid Uns beide gleich lieb und wert. Du aber, Graziani,« lächelte er, »wirst deinem Widersacher noch einst Dank schulden, wenn seine Gebete deine heidnische Seele aus der Hölle erlösen.« Dann nahm er eine Birne vom Nachtisch und sprach: »Siehe da, Unser eigenes Gewächs! Unsere neuen Obstbäume machen sich. Unsere Gärten tragen jetzt schmackhafte Birnen statt nutzloser Blumen.« »Diese Birne,« sagte Graziani elegant, »verkündet den Ruhm des Hausherrn, denn Peretti kommt von Pera. Trägt doch auch der Löwe im Wappen Eurer Heiligkeit einen Zweig mit drei Birnen in der Pranke. Er ist freigebig und furchtbar zugleich.« »So ist es, Latinist«, lächelte Sixtus. »Es ist gut, daß es jedermann sieht. Aber hast du auch ein Gleichnis für den Namen Montalto?« »Der Balken im Wappen Eurer Heiligkeit?« entgegnete der Familiare schlagfertig, »weist einen Berg auf: Montalto. Und der Stern darüber zeigt die Gunst Fortunas an: Felice.« »Der Vorsehung, du Heide«, lächelte der Papst. Dann sprach er das Dankgebet. Alle bekreuzten sich, und die Tafel ward aufgehoben. Nach dem Mahle machte Sixtus mit seinem Großneffen und den beiden Getreuen einen Gang durch die Vatikanischen Gärten. Die südliche Sternennacht prangte über ihnen, und Schwärme von Leuchtkäfern schwirrten durch die Gebüsche. Zitronenbäume streuten ihren würzigen Blütenduft aus. Aber Sixtus war für solche Dinge wenig empfänglich. Der Duft der Zitronenblüten brachte ihn nur auf die neuen Goldorangen, Portogalli genannt, weil die Portugiesen sie zuerst angepflanzt hatten. Er wollte diese süß mundenden Früchte auch in seinem Garten ziehen. Unwillkürlich brachte ihn das auf alte Kindheitserinnerungen zurück, und er vergaß für ein Weilchen das feierliche Wir. »Ich sehe wieder den Garten meiner Eltern,« sagte er, »dessen Pacht unsere einzige Habe war, Apfel- und Birnbäume wuchsen darin, Feigen und rosablühende Mandelsträucher. Ein paar alte silbergraue Ölbäume umstanden die Trümmer eines tuskischen Tempels der Cupra. Hinter der stachlichen Hecke dehnten sich Weiden und Saatfelder. Reihen spitzer Zypressen zogen wie eine Prozession schwarzer Mönche zur Stadt, und fern ragten bläuliche Berge mit weißen Schneehäuptern. Wie weit liegt das alles nun hinter mir, und doch ist es, als wäre es gestern gewesen.« »Dem Herrn sind tausend Jahre wie ein Tag«, versetzte Gapelletto feierlich. »Ja,« sagte Sixtus; »er ist alt, und ich werde es auch. Ich möchte die Heimat wohl noch einmal wiedersehen, ehe ich sterbe.« Ein heißer, trockener Südwind sprang plötzlich auf, und am Horizont zeigte sich eine schwarze Wolkenwand. Aber am Zenith funkelten noch die großen Sterne wie kleine Lampen. »Ich habe eine harte Kindheit gehabt«, sagte Sixtus plötzlich. »Mein Ohm, ein Franziskaner, schoß das Schulgeld für mich vor, und mit zwölf Jahren trat ich in sein Kloster ein. Seitdem habe ich Gehorsam und Demut gelernt, wie die Ordensregel des Heiligen Franz es vorschreibt. Denn die Armut brauchte ich nicht erst zu lernen, und das Fasten war mir geläufig. Auch der Ohm war streng. Oft gab es kein Abendbrot; ich studierte im Kreuzgange des Klosters beim Flackerschein der Laterne, bis sie erlosch ... Aber meine Jugend war von Gesichten und Träumen erfüllt ... Mein Vater war ein armer Mann, so arm, daß er sich vor seinen Gläubigern verstecken mußte, und meine Mutter führte der Donna Diana in Ancona das Haus, um das Leben der Ihren zu fristen. Eines Nachts vernahm mein Vater eine Stimme: »Geh, Peretti, umarme dein Weib. Es wird dir einen Sohn gebären, der das Höchste erreicht. Bei Nacht schlich mein Vater zu ihr, und ich war das vierte Kind, das Marianna gebar ...« »Sol quarto die natus est, die Sonne ist am vierten Tage geboren«, schaltete Graziani ein. »Nun ja, das ist deine heidnische Weisheit«, spottete Sixtus gutmütig. »Aber benutze es immerhin, denn du willst ja mein Leben beschreiben, und die Jugend ist vielleicht der wichtigste Abschnitt im Dasein. Alles Spätere ist nur Entfaltung.« Er schwieg ein Weilchen; dann fuhr er fort: »Übrigens war mein Vater ein sonderbarer Heiliger. Er vertröstete seine Gläubiger auf mich. Wie Madonna Camilla mir erzählt hat, sagte er oft, daß er einen Papst trage, und er ließ die Leute meine Füße küssen. Darum hieß er mich auch Felice, den Glücklichen. Und fürwahr, ich hatte schon als Kind großes Glück. Als Säugling fiel ich in einen Teich, an dem meine Tante die Wäsche wusch, aber sie zog mich unversehrt heraus. Ein andermal fiel der Leuchter an meinem Bette um und setzte es in Flammen, aber die Mutter fand mich lachend und unversehrt.« »Wie Servius Tullius,« fiel der Latinist ein, »dem in der Wiege die Flammen das Haupt umgaben.« »Ja«, sagte Sixtus. »War er nicht der Sohn einer Sklavin? Arm und niedrig bin auch ich geboren, und ich schäme mich dessen nicht. Das Lesen lernt' ich aus den Fibeln, die die Schulkinder liegen ließen ... Wie deutlich tritt doch die Kindheit wieder vor das geistige Auge, wenn die Haare weiß werden und man mit einem Fuß schon im Grabe steht!« »Eure Heiligkeit wird noch lange leben«, sagte der junge Montalto, der bisher geschwiegen hatte. »Die Kirche, Rom und die ganze Welt brauchen Euch.« »Meinst du?« seufzte Sixtus und versank in Schweigen. »Wir wollen heimkehren«, sagte er nach einer Weile. »Wir haben Uns lange genug verschwatzt, und die Arbeit harrt. Wir haben noch viel zu schaffen.« 19. Das Gottesgericht Noch immer war die Armada nicht ausgelaufen, als aus Frankreich die Kunde eintraf, daß König Heinrich durch das kaudinische Joch der Ligue gekrochen sei. Er hatte ein sogenanntes Unionsedikt erlassen, kraft dessen er den Herzog von Guise zum General der französischen Heere ernannte. Sixtus hatte es vorhergesagt, und doch empörte die Nachricht sein Herrschergemüt. Zugleich meldete Morosini, daß die Hugenotten in Südfrankreich Fortschritte machten. Da kam er wieder auf seinen alten Plan zurück, mit starker Heeresmacht in Frankreich einzurücken, Navarra zu schlagen und die Ordnung wiederherzustellen. »Denn es hätte keinen Zweck, sagte er zu Gritti, »dem König schwache Hilfe zu schicken, wie es Unser Vorgänger getan hat. Er würde die Dinge dann nach seinem Willen ordnen und nicht nach dem Unsern.« Diesen Plan erweiterte der Nuntius Morosini, indem er ein Bündnis zwischen Spanien und Frankreich vorschlug. War das nicht viel richtiger, als daß König Philipp die Rebellen der Liga unterstützte? Wenn der katholische König und der allerchristlichste König mit dem Papste Hand in Hand gingen, dann waren die Ketzer in Frankreich und in Flandern bald ausgerottet. Später konnte man dann den Glauben in Deutschland und England wiederherstellen. Sixtus griff diesen Plan mit gewohntem Feuereifer auf und eröffnete sich dem spanischen Botschafter. Er wies ihn darauf hin, welche Vorteile dies Bündnis für den Krieg in Flandern und gegen England habe, daß damit der spanischen Sache ebenso gedient sei wie der des Glaubens. Er erbot sich selbst, zwischen beiden Herrschern zu vermitteln, doch Olivarez zeigte sich erstaunt und witterte sogleich die Hinterabsicht des Papstes, sich zum Schiedsrichter beider Mächte zu machen. Spanien aber wollte Frankreich in seine Gewalt bringen und es nicht durch ein Bündnis stärken. Olivarez sandte den Vorschlag des Papstes zwar sofort durch einen besonderen Kurier nach Madrid, aber monatelang traf keine Antwort ein. War das böser Wille oder lag es nur an der schlechten Verbindung mit Spanien? Allerdings war der Landweg durch die Wirren in Südfrankreich ungangbar geworden. Man wählte daher den Seeweg von Genua nach Barcelona, aber oft fingen die Korsaren die Kuriere, selbst beglaubigte Gesandte ab und gaben sie nur gegen hohes Lösegeld wieder frei. Nur auf den spanischen Kriegsschiffen waren sie einigermaßen sicher, die aber schickten sich jetzt zur Kriegsfahrt gegen England an, und in Madrid dachte man an nichts weiter. Endlich, am 8. August, stach die Armada in See -- eine Flotte von 132 Schiffen mit einem Heere von 32+000 Mann und 3100 Geschützen. Dergleichen hatte die Welt noch nicht gesehen. Wie ein leidenschaftlicher Spieler hatte König Philipp die Kraft und die Zukunft seines Landes auf eine Karte gesetzt. Eine Weile hielt Europa den Atem an. Dann liefen widerspruchsvolle Gerüchte um. Erst hieß es, die Armada habe einen großen Sieg erfochten; dann aber häuften sich die Unglücksbotschaften: die unüberwindliche Flotte war vernichtet! Was von ihr dem Feuer der englischen Geschütze entronnen war, suchte Zuflucht in den schottischen Häfen oder irrte, von Drake verfolgt und dem Hunger preisgegeben, in den unbekannten nordischen Meeren umher. Ungeheuer wie die Rüstung war auch das Schicksal der Armada. Elisabeth ließ eine Denkmünze schlagen: »Gott blies, und sie ward zerstreut.« Und König Philipp sagte: »Ich habe sie gegen Menschen, nicht gegen Flut und Stürme gesandt.« Nur Sixtus schrieb das Ereignis den Menschen zu: der Herzhaftigkeit einer Frau, die er ebenso haßte wie bewunderte, und dem spanischen Sosiego, jenem Gemisch von empfindlichem Hochmut und schläfriger Lässigkeit, das an der Wirklichkeit zuschanden geworden war. Seitdem sank König Philipp tief in seiner Achtung. Mit Bitterkeit gedachte er der Zeiten, wo man in Madrid seine eigenen weltbewegenden Pläne als Hirngespinste eines Mönches belächelt hatte. Nun zeigte es sich, daß alle diese wohlweisen Staatsmänner die Wirklichkeit ebensowenig zu meistern vermochten. Das war eine traurige Genugtuung für ihn und eine furchtbare Lehre. Er war jetzt fest entschlossen, seine Schätze nicht mehr den Spaniern anzuvertrauen, damit sie mit ihren Galeeren im Ärmelkanal versenkt würden, und überhaupt nichts mehr zu beginnen, wobei er nicht die Oberleitung behielt. Umsonst ging Olivarez ihn aufs Neue um Subsidien an und stellte ihm vor, er dürfe seinen Herrn in der Not nicht im Stich lassen. Auch die Kinder Israel seien zweimal zum gottgewollten Krieg gegen Benjamin ausgezogen, bevor sie obgesiegt hätten. Hieß das soviel wie daß Philipp mit diesem einen Kreuzzuge gegen England noch nicht genug hatte? Mochte er denn zusehen, woher er das Geld zu einem zweiten bekam. Wutschnaubend schrieb der Botschafter nach Madrid: »Der Schmerz des Heiligen Vaters über den Verlust von Millionen ist offenbar stärker als seine Sorge um die Wohlfahrt der Kirche und sein Eifer für die Ausrottung der Ketzerei. Er vergißt, daß unser Unglück auch dem Heiligen Stuhle und der Sache Gottes zum Schaden gereicht, und sein schlechter Charakter zeigt sich in vollem Lichte. Seine Hoffahrt wird unerträglich...« In der Tat fühlte Sixtus sich nicht wie ein Mitgeschlagener, sondern wie ein Gefangener, dem plötzlich die Freiheit geschenkt wird. Zu dem Venezianer Gritti sagte er: »Die Großmächte brauchen ein Gegengewicht; denn wird ein Herrscher übermächtig, so schreibt er den anderen Gesetze vor.« Das war Venedigs eigener Leitgedanke, seit es von seiner stolzen Höhe herabgesunken war; ja, es waren fast die gleichen Worte, die Gritti dem Papste vor nicht langer Zeit gesagt hatte. Er war stolz, ihn zu seiner Meinung bekehrt zu haben. Und doch blieb die Frage offen, wie dies Gegengewicht wieder hergestellt werden sollte. Einstweilen herrschte nur Lähmung und Ohnmacht, von der bloß die Ketzer den Vorteil hatten. König Philipp erholte sich von diesem Schlage nicht. Stundenlang schloß er sich mit seinem Beichtvater ein und zieh sich selbst der Schuld an dem ungeheuren Unglück. Noch düsterer als sonst brütete Schwermut über dem finsteren Eskurial, und menschenscheuer denn je, mit zerrütteter Gesundheit, saß der Herr zweier Welten gramvoll gebeugt in seinem Arbeitsgemach und unterzeichnete stumm, was man ihm vorlegte. Immerfort erhob er die Blicke gen Himmel, als frage er Gott, warum er seinen treuesten Knecht, seinen weltlichen Statthalter auf Erden, so hart gestraft habe. Papst Sixtus war anders geartet. Er war nicht der Mann, einen Mißerfolg als Gewinn zu buchen und die Tatlosigkeit als das Rechte anzusehen. Seine Tatlust drängte nach Erfolgen und Fortschritten. Er wandte seinen Blick vom Westen ab, wo die Ruhe des Todes oder trübe Gärung herrschte, und kam auf seinen alten Plan eines Türkenkrieges zurück, für den er Venedig gewinnen wollte. »Hätte der König von Spanien«, so sprach er zu Gritti, »seine Macht gegen die Türken gewandt, er hätte mehr Glück gehabt. Mit dem Gelde, das jetzt im Ärmelkanal liegt, hätte er diesen Kreuzzug dreimal bestreiten können. Unsere Subsidien wären dann nicht vergeudet worden. Selbst die italienischen Staaten hätten ihm ihre Hilfe nicht versagt, und hätte Eure Signoria nicht den Mut dazu aufgebracht, jede Frau in Venedig, die etwas bei Gelde ist, hätte ein paar Soldaten ausgerüstet. Es fehlte nur eins: ein Mann, ein Fürst, der die Sache wagte, ein Konstantin oder Theodosius. Aber Wir werden es wohl nicht mehr erleben, denn Wir sehen ja nirgends einen Mann. Nur die Weiber scheinen jetzt noch herrschen zu können.« Allein Gritti ging auf diese Philippika nicht ein, denn Venedig hatte Angst vor einem Türkenkriege. Umsonst suchte Sixtus ihm diesen Gedanken einzuschmeicheln und entwarf weltumspannende Pläne, um den Ehrgeiz der Republik anzuspornen. Im Bunde mit ihr und mit Toskana wollte er die Balkanvölker vom Türkenjoche befreien, die Schismatiker zur römischen Kirche zurückführen und sie dadurch doppelt an sich und an Venedig fesseln. Ja er wollte Ägypten erobern, die alte Fahrtrinne der Pharaonen von türkischen Kriegsgefangenen wieder ausgraben lassen und sie bis zum Roten Meere durchführen, so daß Venedig einen unmittelbaren Handelsweg nach Ostindien erhielt. Verlockend genug war dieser schimmernde Traum, denn seit der Entdeckung des Seeweges nach Ostindien waren Spanier und Portugiesen, Holländer und Engländer zu gefährlichen Nebenbuhlern Venedigs aufgestiegen. Sie brachten die Schätze des Orients um die Südspitze Afrikas herum in ihre eigenen Häfen, und zugleich erblühte ihr Handel mit der Neuen Welt. Gritti versprach zwar, diese Pläne seiner Signoria zu melden, und er tat es auch, aber er wußte wohl, wie die Antwort lauten werde, und er ließ dem Papste keinen Zweifel darüber. Wohl stand Venedig in Italien noch groß da, aber seit dem Tage von Agnadello war der Nimbus seiner Unüberwindlichkeit dahin, und seitdem hatte es auch seine wertvollsten Außenposten, Morea und einen großen Teil von Dalmatien, an die Türken verloren. Es war nur noch eine sinkende Macht, die das Erbe großer Ahnen nicht mehr zu behaupten vermochte. Der Untergang der Armada hatte ihm zwar etwas Luft geschafft, aber die Türkengefahr blieb die gleiche. Und Toskana -- das würde sich schön hüten, der Republik zu helfen. Es war ihr Nachbar und Nebenbuhler. So war auch hier die Welt zu klein für den Ehrgeiz des Papstes, und seine weltumstürzenden Pläne zerrannen zu nichts. Doch der Mensch denkt und Gott lenkt. Bald sollte Sixtus, der ein Hammer sein wollte, zum Ambos werden. 20. Die Greuel in Frankreich Zu Beginn des neuen Jahres 1589 traf in Rom eine schier unglaubliche Kunde ein: während der letzten Weihnachtstage hatte König Heinrich den Herzog von Guise und dessen Bruder, den Kardinal, den Oheim der Maria Stuart, im Schlosse von Blois ermorden lassen. Zugleich war der Kardinal von Bourbon, der letzte Sproß der Valois, und der Erzbischof von Lyon eingekerkert worden, und man wußte noch nichts über ihr weiteres Schicksal. Der Marquis de Pisany überbrachte dem Papste die amtliche Nachricht von diesem Gewaltstreiche nebst einem Handschreiben des Königs und suchte diesen nach Kräften zu entschuldigen. »Der Herzog von Guise«, begann er, »hätte meinem Herrn in Kürze die Krone geraubt, die er nur noch zum Scheine trug, und mit der Krone das Leben. Jetzt ist er endlich König! Aber es ging nicht nur um ihn und um seine Herrschaft, sondern auch um die Ruhe und Wohlfahrt seines Landes. So hat er nicht nur eine erlaubte, sondern eine fromme Tat vollbracht, denn das öffentliche Wohl geht dem Leben einiger Rebellen vor.« Und er erinnerte Sixtus an seine eigenen Worte über die Flucht des Königs am Tage der Barrikaden: »Hatte er denn nicht zwanzig Mann zur Hand, um den Rebellen zu verhaften und nach Gutdünken mit ihm zu verfahren?« Der Papst schien weniger aufgebracht, als der Botschafter befürchtet hatte, doch er sprach sich nicht aus. Erst dem nächsten Besucher, seinem Freunde Gritti, schloß er sein Herz auf. »Was sagt Ihr dazu?« fragte er ihn gleich beim Eintritt. »Wir können den Herzog von Guise nicht loben, denn er hat die Waffen wider seinen Herrscher erhoben und sich mit anderen Großen gegen ihn verbündet. Auch die Sache des Glaubens war kein stichhaltiger Grund. Es gebührt einem Vasallen nicht, dem Herrscher Gewalt anzutun. Er darf ihn warnen, ermahnen, überzeugen, aber sich gegen ihn auflehnen ist Sünde. Hätte der König ihn dafür gestraft, so war es sein gutes Recht. Als der Herzog damals mit acht Reitern nach Paris kam, hatte er gute Gelegenheit dazu. Brach ein Aufruhr aus, so konnte er ihm das Haupt abschlagen und es auf die Straße werfen lassen. Kein Mensch hätte sich gerührt, und ein jeder hätte ihn gelobt. Er aber entfloh nach Chartres. Nun hat sich der dritte Akt dieses Trauerspiels vollzogen. Der König ist Herr und schuldet nur Gott Rechenschaft. Aber sich mit seinem Gegner aussöhnen, ihm den Oberbefehl seiner Truppen geben und ihn dann in sein Zimmer locken, um ihn umbringen zu lassen, das ist kein Akt der Justiz, sondern Meuchelmord. Hatte er Verdacht auf den Herzog, so mußte er ihn verhaften und ihn vor Gericht stellen lassen. Dann konnte er ihn in aller Form Rechtens enthaupten lassen. Rührte sich wieder ein Aufstand, so durfte er verfahren, wie er damals in Paris hätte verfahren sollen. So aber bleibt seine Tat ein Mord, und das können Wir ihm nicht verzeihen.« Der Papst schwieg betrübt und verlegen. Dann fuhr er fort: »Was aber den Kardinal betrifft, so gehörte er Uns und nicht ihm. Er mußte sich an Uns wenden; dann hätten Wir ihn nach Rom vorgeladen. Wäre er nicht gekommen, so hätten Wir ihn seiner Würde entkleidet; dann konnte der König nach Belieben mit ihm verfahren.« Wieder schwieg er ein Weilchen; dann stöhnte er: »Unser Amt wird Uns sehr zur Last. Wir wollten, Wir wären wieder Kardinal. Dann brauchten Wir Uns nicht den Geist zu zermartern, was Wir jetzt tun sollen.« Noch nie hatte Gritti den Papst so müde gesehen. Er schrieb es dem Fieber und dem zunehmenden Alter zu. Aber es war vor allem die Sorge und Ungewißheit, die ihn bedrückte. Dieser König von Frankreich war ein Pfahl in seinem Fleische. Er mußte etwas gegen ihn tun, konnte den Mord eines Kirchenfürsten nicht ungesühnt lassen, und doch sagte er sich, daß er diesen anmaßlichen Schwächling in die Arme der Hugenotten triebe, wenn er ihn zu hart anfaßte. Das war der springende Punkt, und daran konnte auch alle Kasuistik über Recht und Unrecht nichts ändern. Die Schwere dieses Entschlusses war es, was ihm die Bürde seines Amtes so drückend machte. Das Kardinalskollegium hatte bei der Kunde von der Ermordung eines seiner Mitglieder einen einzigen Schrei der Entrüstung ausgestoßen. Besonders die Spanier bliesen ins Feuer. War doch der Herzog von Guise der Verbündete ihres Königs und der Vollstrecker seines Willens gewesen. Konnte Philipp diesen Mord ungesühnt lassen? Drei Tage nach dem Besuche des französischen Botschafters hielt Sixtus ein Konsistorium ab. Dem Brauche gemäß traten die Kardinäle bei seinem Erscheinen mit ihren Anliegen an ihn heran, bevor er die Sitzung eröffnete. Ihr fast allgemeiner Groll steigerte seinen Schmerz und seine Empörung noch. Endlich begaben sich alle auf ihre Plätze, und Sixtus eröffnete die Sitzung. Da konnte er nicht länger an sich halten. »Mit unendlichem Schmerze«, schrie er heraus, »haben Wir euch ein unerhörtes Verbrechen kundzugeben: den Mord an einem Kardinal, ohne Prozeß und Urteil, einen Gewaltstreich des weltlichen Armes ohne Unsere Erlaubnis, ohne Befragen des Heiligen Stuhles!« Und er erhob eine lange Anklage gegen den König, ohne den Herzog von Guise zu erwähnen. Er nannte ihn ungerecht, grausam, unehrerbietig und undankbar. Er flehte die Strafe des Himmels auf ihn herab und erkannte sich selbst das Recht und die Pflicht zu, ihn zu züchtigen. »Er hat Uns geschrieben,« fuhr er fort, »aber kein Wort von Reue und Absolution. Er ist ein Mörder und Gotteslästerer. Und doch haben sich einige Kardinäle gefunden, die sein Verbrechen zu beschönigen suchten, ohne zu bedenken, daß er die Ehre und Sicherheit des ganzen Heiligen Kollegiums angetastet hat. Wir selbst wollen nicht wieder Kardinal werden, obwohl Wir heute lieber nicht Papst wären. Aber ihr, ihr wollt eure Freiheiten und Gerechtsame verlieren. Ihr wollt euch von einem weltlichen Herrscher mit Füßen treten lassen. Denn dessen seid gewiß: wenn Wir diesen Mord an einem von euch nicht sühnen, könntet ihr alle sein Schicksal teilen!« Beifälliges Murmeln und halblaute Zurufe begleiteten diesen leidenschaftlichen Ausbruch. Er galt vor allem dem Kardinal von Joyeuse, der seit Estes Tode Protektor Frankreichs war. Dieser junge Fant war dem Papste besonders verhaßt. Er war lebhaft und prahlerisch wie ein Franzose, sprach sehr schlecht Italienisch und reizte ihn durch sein weltliches Gebaren und die schlagfertige Dreistigkeit, mit der er ihm zur Freude seiner Kollegen immerfort widersprach. Seit Medicis Ausscheiden war er zum Führer der Opposition geworden und hatte dem Papste manche bittere Stunde bereitet. Jetzt erhob er sich, zornrot vor Erregung, um zu antworten. Aber Sixtus donnerte ihn an: »Schweigt und setzt Euch auf Euren Platz!« Trotzdem blieb er stehen. Da übermannte den Papst die Wut. »Hinaus!« schrie er, »oder Ihr sollt Euren Ungehorsam büßen! Diesmal wagte keiner für Joyeuse einzutreten, denn fast alle teilten den Groll des Papstes oder zitterten vor dieser lebendigen Wetterwolke. Umsonst sah Joyeuse sich wie hilfesuchend im Saale um. Schließlich gehorchte er zaudernd dem Befehl des furchtbaren Greises. Bevor dieser das Konsistorium schloß, setzte er noch eine besondere Kommission für den Kardinalsmord ein. Sein Zusammenstoß mit Joyeuse aber erregte besonderes Aufsehen, da er sonst in den Konsistorien Widerspruch hinnahm, ja ihn oft selbst herausforderte. So führten die Ereignisse, stärker als die Menschen, zwangsläufig zu einer neuen Annäherung zwischen Spanien und der Kurie. Olivarez erhielt sogar den strikten Befehl, den Zorn des Papstes noch zu schüren und ihn wieder zum Vorspann der spanischen Politik zu machen. Plötzlich war König Philipp aus seiner Starre erwacht und zum Kriege mit Frankreich entschlossen. Was er durch den Untergang der Armada verloren, wollte er zu Lande wieder wettmachen. Schon hatte er mit den Häuptern der Ligue vereinbart, was er zum Lohne für die Rettung des Glaubens haben wollte: die Freigrafschaft Burgund, die Landbrücke zwischen Spanien und Flandern ... Sturmtage kamen für den Vatikan. Mit äußerster Heftigkeit kämpfte die spanische und die französische Partei um den Papst. Die Spanier und die Ligisten drängten ihn, sich öffentlich für ihre heilige Sache zu erklären. Die französischen Kardinäle dagegen und der Botschafter Pisany beschworen ihn, sich nicht wieder mit Philipp einzulassen, und Gritti warnte ihn vor einer neuen spanischen Knechtschaft. Zwischen diesen streitenden Parteien suchte er zunächst Zeit zu gewinnen, um sein Handeln den Ereignissen anzupassen. Wohlweislich hatte er zu diesem Zweck jene Kongregation ernannt, hinter deren Gutachten er sich verschanzen konnte. Inzwischen nahmen die Dinge in Frankreich einen immer rasenderen Lauf. Die Sorbonne entband das Volk seines Treueides gegen den König, und der Herzog von Mayenne, der Bruder des ermordeten Guise, rückte mit Heeresmacht auf Paris, während Heinrich um ein Bündnis mit Navarra, dem Führer der Hugenotten, bettelte. Morosini meldete bereits, dies Bündnis sei abgeschlossen. Olivarez, der jetzt täglich beim Papste erschien, stürzte in den Vatikan, als er es erfuhr. Seine feierliche, steife Gestalt in der schwarzen spanischen Hoftracht, auf der Brust die Ordenskette vom Goldenen Vlies, trat hinkend in den Empfangssaal, denn Olivarez hatte wie sein Landsmann, der heilige Ignaz von Loyola, bei Saint-Quentin eine Wunde erhalten. Kreuz und Schwert -- das war sein Gepräge wie das seiner meisten Landsleute, ein Stück Mittelalter, das in die neue Zeit hineinragte und sie übermannen wollte. »Der König von Frankreich verhandelt mit Navarra«, sagte er erregt. »Er will den Ständen in Blois die Thronfolge dieses Ketzers vorschlagen. Navarra wird keinen Augenblick zaudern, seinen Irrglauben zum Schein abzuschwören. Mein erhabener König hegt die größte Befürchtung, Eure Heiligkeit werde den rückfälligen Ketzer wieder in Gnaden annehmen. In diesem Falle bliebe ihm nichts übrig, als mit starker Heeresmacht in Frankreich einzurücken.« Olivarez fand den Papst viel zu lau und zurückhaltend. Sixtus lobte zwar Philipps Eifer für die gute Sache und hielt das Bündnis zwischen Navarra und Heinrich für wahrscheinlich; über die Kernfrage aber, wie er sich zu einer etwaigen Bekehrung Navarras stellen werde, ließ er sich nicht aus. Voller Mißtrauen und Besorgnis verließ der Spanier den Vatikan. Aber Sixtus hatte noch keinen Entschluß gefaßt. Als Gritti ihn erneut auf die Gefahr hinwies, daß Heinrich mit Navarra gemeinsame Sache machen werde, sagte er: »Das ist sehr wahrscheinlich.« Und zum Staunen des Venezianers setzte er hinzu: »Alles in allem verdient Navarra den Vorzug vor ihm. Und Wir zweifeln nicht, daß Heinrich das gleiche Schicksal erleiden wird, das er den Guisen bereitet hat. Er wird elend umkommen wie Saul.« »Aber was dann?« fragte Gritti. Um ihm keine Antwort zu geben, begann Sixtus zu reden. Er schalt auf seinen Vorgänger Gregor, dem er alle Schuld an den Wirren in Frankreich zuschob, auf Grittis Landsmann Morosini, den er sehr zu Unrecht der Mitschuld an jener Mordtat zieh, schließlich auf den König selbst. »Wir haben alles getan«, rief er aus, »was er wollte. Wir haben ihm erlaubt, geistliche Güter zu veräußern, obwohl es zum Schaden der Kirche war. Neuerdings hat er einen Legaten gewünscht, und Wir haben Morosini zum Kardinal erhoben, obwohl es gegen die Kirchenverfassung ist. Und nun seht, wie seine Geschäfte stehen. Er hat Gottes Geduld erschöpft. Kennt Ihr die Geschichte Pharaos? Er hat das Volk Gottes verfolgt und ist mit Roß und Wagen im Meer ertrunken. Siehe, das ist der Finger Gottes.« Und er erging sich in geschichtlichen Beispielen, um den Nachweis zu führen, daß noch nie ein Herrscher eine ähnliche Missetat vollbracht habe. »Selbst König Philipp,« schloß er, »der mit Unserem Vorgänger Paul Caraffa Krieg um Neapel führte, gab dem Papste die eroberten Städte zurück und schickte den Herzog von Alba nach Rom, um die Absolution zu erlangen. Heinrich aber hat keine Absolution erbeten, und er läßt noch immer einen Kardinal im Kerker schmachten.« Allein Gritti ward durch diese geschichtlichen Abschweifungen nicht klüger. Er merkte nur, daß der Papst die ganze Sache auf das geistliche Gebiet beschränken wollte. Und so geschah es auch. Auf Pisanys Vorstellungen hin bequemte sich Heinrich endlich dazu, seine Absolution zu erbitten. Er entsandte den Erzbischof von Mans nach Rom, und der Botschafter mußte ihm bei diesem peinlichen Schritt sekundieren. Sixtus empfing beide mit Vorwürfen und tiefen Seufzern. Schließlich erklärte er ihnen, die Absolution sei nur dann möglich, wenn der gefangene Kirchenfürst und der Erzbischof nach Rom gesandt würden. Da wagte Pisany einzuwenden: »Wie ist eine solche Reise bei den heutigen Wirren in Frankreich möglich?« Schließlich begnügte sich Sixtus mit der Forderung, daß die beiden seinem Legaten ausgeliefert würden. »Aber der Legat hat doch keine Leute, um sie bewachen zu lassen, wandte der Erzbischof ein. Da wich Sixtus noch einen Schritt zurück und verlangte nur, daß der König ihm schriftlich erklärte, die Gefangenen würden von seinen Leuten im Namen des Legaten bewacht. So weit gab Sixtus nach, nur um Heinrich nicht in die Arme Navarras zu treiben, aber er schiffte nur an der Scylla vorbei, um in die Charybdis zu geraten. Feig vor der Stärke, war Heinrich frech vor der Nachsicht. Er ließ die Gefangenen nach dem Schloß Amboise bringen, und im April erfuhr man, daß er den Vertrag mit Navarra unterzeichnet hatte. Nun war der Bruch vollkommen. Der Legat reiste spornstreichs von Paris ab und gelangte mit Mühe und Gefahr bis nach Lyon, wo heller Aufruhr herrschte. Auf den Papst wirkte diese Nachricht wie ein Keulenschlag. Er fühlte sich genasführt und bereute zu spät seine Nachgiebigkeit. Olivarez schalt laut auf seine Lauheit, während Gritti ihm in schlotternder Angst die Gefahr eines Türkenkrieges an die Wand malte. »In Konstantinopel«, sagte er, »freut man sich bereits auf den Krieg zwischen Spanien und Frankreich. Er wird das Signal zu einem Weltbrande sein.« Noch nie waren die Dinge in solcher Verwirrung gewesen. »Was sollen Wir tun«, sagte der Papst ratlos zu Gritti. »Wir sind arme Menschen.« Aller Herrscherstolz schien ihn in dieser Krise zu verlassen. »Nur Mut, Heiliger Vater«, tröstete der Venezianer. »Eure Weisheit wird schon Mittel zur Abhilfe wissen.« »So möge Gott Uns helfen«, stöhnte Sixtus. »Wir sind am Ende Unserer Weisheit.« Dennoch raffte er sich schließlich zu einer Tat auf. Am 5. Mai hielt er ein Konsistorium ab. Er machte den Kardinälen tiefstes Schweigen zur Pflicht. Dann ließ er die diplomatischen Schriftstücke vorlesen und schlug die Absendung eines Mahnschreibens vor, das die Zustimmung der Kardinäle fand. Darin ward der König von Frankreich aufgefordert, die Gefangenen binnen zehn Tagen freizugeben und binnen zwei Monaten selbst in Rom zu erscheinen oder einen Vertreter zu entsenden. Wo nicht, würde er exkommuniziert. Sein Bündnis mit Navarra aber ward mit keiner Silbe erwähnt, »aus Höflichkeit«, wie Sixtus zu Gritti sagte, in Wirklichkeit aber, weil er diese geistliche Sache nicht mit den Welthändeln verquicken wollte. Der Kardinal von Joyeuse und der Marquis von Pisany beeilten sich, Rom vor der Veröffentlichung dieses Mahnschreibens zu verlassen. Als es endlich öffentlich angeschlagen ward, empfand jedermann die Schwere dieses Ereignisses. Doch es kam zu spät. Schon ein paar Tage vor dem Konsistorium war Heinrich mit Navarra in Tours zusammengetroffen, um das Bündnis zu besiegeln. 21. Die Doppelheirat Im Schatten dieser großen Ereignisse hatten sich allerlei trübe und frohe Dinge in Italien zugetragen. Im März betrauerte ganz Rom den Tod des Kardinals Farnese, denn jedermann liebte ihn wegen seiner fürstlichen Lebenshaltung und seiner Wohltätigkeit. Über vierzig Kardinäle, ein nie gesehenes Schauspiel, folgte seinem Sarge nach der Kirche Gesù, seinem prunkvollsten Bauwerk. Dort ward er unter dem Hochaltar neben dem heiligen Ignatius von Loyola beigesetzt. Dieser Tod seines alten Nebenbuhlers gab dem Papste zu denken, denn gleich ihm ging er jetzt ins siebzigste Jahr. Wenn er auch mit größerer Befriedigung auf sein Leben zurückblicken konnte als Farnese, so legte ihm dessen Tod doch eins ans Herz: beizeiten für seine Sippe zu sorgen. Schon seit Jahren trug er sich mit großartigen Plänen darüber, die er nun zur Reife brachte und mit seiner Schwester besprach. Erstaunlich gut hatte Donna Camilla sich in ihre neue große Rolle hineingefunden. Sixtus hatte das Stadthaus verschönern lassen, in dem sie jetzt mit ihren Enkeltöchtern wohnte, und ihr seine prächtige Villa auf dem Esquilin geschenkt, nachdem er sie von den beliebtesten Modemalern mit Fresken hatte ausschmücken lassen. Sie besaß auch einen kleinen Hofstaat, einen Haushofmeister, zwei Kavaliere, eine Ehrendame, einen Kaplan, Pagen, Kammerdiener und Lakaien, Läufer und Wagen, dazu eine jährliche Pension von 12+000 Scudi. Das war für römischen Zuschnitt vielleicht bescheiden, aber Sixtus hatte die Schwester ermahnt, nie ihre schlichte Herkunft zu vergessen und das Laster der Emporkömmlinge, den übermäßigen Aufwand, zu meiden. Sie hatte sich das gesagt sein lassen, aber sie hatte große Reichtümer gehäuft, denn die ersten Fürsten der Christenheit, König Philipp, der Großherzog von Toskana, die Republik Venedig und andere wetteiferten darin, ihr Geschenke zu machen, und bei der Anlage dieser Gelder ließ sie sich von Lopez beraten. Sie kaufte Grundstücke in den neuen Stadtvierteln, erwarb Herrschaften und Gerechtsame, kurz sie entfaltete auf ihre alten Tage das Talent eines Kaufmanns. Die langen Jahre der Armut und Sparsamkeit waren ihr eine treffliche Schule gewesen. Woher aber hatte sie das Talent zu einer vornehmen Dame? Denn es war nicht anders, als sei sie in der großen Welt geboren und aufgewachsen. Jedermann bewunderte ihren Takt. Die Gesandten der Großmächte wie die kleinen Diplomaten machten ihr mehr oder minder beharrlich den Hof, und alle empfing sie wie eine Herzogin. Dies Gebaren war sehr vorteilhaft für die großen Pläne, die Sixtus mit den Seinen verfolgte; denn welcher Vornehme hätte wohl ein Mädchen ehelichen wollen, über dessen Sippe er sich schämen mußte? Nach dem Scheitern eines anderen Heiratsplanes hatte Sixtus sein Auge auf römische Große gerichtet, und das lag ja auch in der Linie seiner ganzen Politik. Nachdem er den Trotz der großen Vasallen gebrochen hatte, wollte er sie an sich heranziehen und sie fest an den Heiligen Stuhl ketten. Gute Beziehungen bestanden ja schon von alters her zu dem Hause Colonna, wo er selbst einst als Hauslehrer begonnen. Bei seiner Thronbesteigung hatte er sie noch enger geknüpft, und jetzt sollten sie gar durch Familienbande verstärkt werden. Schon mit zehn Jahren war die kleine Ursula Peretti dem Marcantonio Colonna versprochen worden, dem Enkel des kürzlich verstorbenen Türkenbezwingers von Lepanto, der trotz seiner zwölf Jahre bereits die Würde eines Großkonnetabels von Neapel bekleidete. Doch Verlöbnisse unter Kindern waren damals in vornehmen Häusern nicht selten, und die südliche Jugend erblühte rasch. Weit erstaunlicher war der andere Heiratsplan. Die blonde Flavia Peretti sollte den Fürsten Virginio Orsini ehelichen, damit also zur Nichte des Großherzogs von Toskana werden. Gewiß war das eine gute Partie, aber Virginio war der Sohn des Mannes, der den Oheim der Braut hatte ermorden lassen; zudem lastete auf ihm die Mitwisserschaft an der Ermordung der Vittoria Accoramboni, und schließlich hatte er den Papst durch die Katzenköpfe vor der Engelsburg dem Gespött ausliefern wollen. Allein für die Untat seines Vaters konnte er nichts, und das übrige waren Jugendsünden aus wilden, gesetzlosen Zeiten, die vergeben und vergessen waren. Was die Römer weit mehr erstaunte, war die Versippung des Hauses Peretti mit den Sprossen zweier Geschlechter, die seit Jahrhunderten in blutiger Fehde miteinander gelebt hatten. Seit die römischen Großen sich nicht mehr auf die Briganten stützen konnten und den Nacken gebeugt hatten, gab es freilich keine Partei der Orsini und der Colonna mehr, sondern nur noch eine französische und eine spanische Partei, aber diese Heirat überwölbte und begrub doch das Mittelalter in Rom, und auf dieser Kuppel, fast so kühn wie die des Petersdomes, erhob sich hinfort wie ein siegreicher Aufsatz der Papstthron. Ein sinnfälliges Zeichen dafür war es, daß Sixtus den beiden jungen Fürsten die höchste weltliche Würde verlieh, die er zu vergeben hatte: er erhob sie zu beistehenden Fürsten des päpstlichen Stuhles. Diese Würde ist ihnen bis auf den heutigen Tag verblieben. Die Römer schalten über den Nepotismus des Papstes, obgleich sie seit ewigen Zeiten daran gewöhnt waren; andere bewunderten diese neue Probe seiner schier übermenschlichen Selbstüberwindung. Hätten sie aber in ihrer Geschichte zurückgeblättert, sie hätten gemerkt, daß Sixtus auch hier in die Fußstapfen eines Ebenbürtigen trat. Papst Julius II., der die Peterskirche begonnen hatte, die Sixtus jetzt vollendete, hatte die gleiche Seelenkraft des Vergebens bewiesen wie dieser, indem er Laura Farnese, das Kind seines Vorgängers und Todfeindes, in seine Sippe aufnahm. Und ebenso hatte er als erster den Zwist der Orsini und Colonna beigelegt, indem er sich mit beiden versippte. Nur in einem waren die Ehen, die Sixtus stiftete, anders: ihnen fehlte der düstere Hintergrund der sittlichen Verwilderung der Borgiazeit, wo die Päpste Geliebte und leibliche Kinder besaßen. Aber wenn Sixtus auch hier vergab und vergaß, so fand er bei Donna Camilla keine Neigung dazu. Niemals, so erklärte sie, werde sie ihre Enkeltochter dem Sohne des Mannes zur Frau geben, der ihren Francesco ermordet hatte. Umsonst wies ihr Bruder sie auf die Vorteile dieser Verbindung hin; sie entgegnete, es gäbe auch andere große Partien, und verschwor sich, sie werde der Hochzeit fern bleiben. Es war das erstemal, daß sie ihrem Bruder offen zu trotzen wagte. Aber diesmal blieb Sixtus fest, und so mußte sie sich fügen. Um ihr jedoch nicht zu viel zuzumuten, benutzte er einen Brauch, der damals in Fürstenhäusern nicht selten war: er ließ die Ehe durch Prokuration vollziehen, während Virginio bei seinem Oheim in Florenz weilte. So sah Donna Camilla ihren Eidam erst eine Weile nach der Hochzeit, und vor der vollendeten Tatsache beugte sie sich. Endlich sah sie ein, was ihr Bruder ihr so oft vergeblich gepredigt hatte, daß es christlicher sei, altes Unrecht zu vergessen und es durch Wohltaten zu sühnen, als Rache zu nehmen. Beide Bräute erhielten eine Mitgift von 100+000 Scudi, überdies ein Nadelgeld von 20+000 Scudi in zinstragenden Liegenschaften, damit sie, wie Sixtus sagte, sich ein Paar Schuhe kaufen könnten, ohne ihren Gatten um Erlaubnis zu fragen. Von allen Seiten kamen kostbare Geschenke; am meisten bewundert ward ein Diamant und ein Perlenhalsband, das der Großherzog von Toskana seiner neuen Nichte gesandt hatte. Seltsamer Wandel des Schicksals, daß dies Mädchen die Nichte der unglücklichen Vittoria war, die er selbst einst als Verwandte abgelehnt hatte! Aber auch Papst Sixtus blieb nicht im Rückstande. Nach ihrer Trauung zog die kleine Ursula Colonna aus ihrer Tasche ein Schriftstück und übergab es dem Kardinal, ihrem neuen Oheim. Es war eine Verschreibung des Papstes auf eine reiche Pfründe. »Das Hochzeitsgeschenk für Eure Eminenz«, sagte die Neuvermählte schalkhaft. Torquato Tasso dagegen, der jetzt um die Gunst des Großherzogs Ferdinand buhlte, verherrlichte Virginios Hochzeit mit Flavia Peretti. Er sandte dem jungen Bräutigam nach Florenz ein langes, sehnsuchtsvolles Hochzeitsgedicht, für das er ein ansehnliches Geschenk erhielt, und für die Braut dichtete er eins seiner anmutigsten Sonette; denn trotz alles Weltschmerzes hatte der alte Sänger der Liebe noch immer liebliche Töne auf seiner Leier. Das vielbewunderte Sonett lautete: »Sieh, Flavia, hehre Tempel dir geweiht, Standbilder, Säulen, prangende Altäre Mit wundersamer Kunst zu deiner Ehre, Besiegt die Parze und des Schicksals Neid. Wohl hätte dem (so sprichst du), der mich freit, Ein glänzenderes Los gewinkt; er wäre Der Ahnen Vorbild nachgefolgt zum Heere, Von Mars mit Siegesruhm geschmückt im Streit. Doch ohne ihn, und wär's in Himmelsauen, Schlug' ich die Kronen und die Sterne aus; Mich lockt es nicht, glanzvoll herabzuschauen. Im Herzen nur vermag ich ihm ein Haus Mit keuscher Hand auf treuem Grund zu bauen, Und Amor ist der Leiter dieses Baus.« Aber Sixtus sorgte nicht nur für seine Großnichten. Auch den jungen Michele Peretti hatte er nicht vergessen: war er doch der Stammhalter seines Hauses! Er hatte ihn an Stelle des Signor Giacomo, des Sohnes seines Vorgängers Gregor, zum Gonfalonier der Kirche, zum Gouverneur des Borgo und zum Hauptmann der päpstlichen Leibgarde ernannt, aber er wollte auch etwas für seine Zukunft tun. Er setzte ihn zum Universalerben seiner Großmutter ein, kaufte ihm Lehen und Herrschaften im Königreich Neapel, und König Philipp erhob ihn als Oberherr Neapels zum Fürsten von Venafro. Mit dreizehn Jahren ehelichte er die einzige Tochter des Mailänder Grafen Somaglia, eine der reichsten Erbinnen Europas. Da König Philipp auch Herzog von Mailand war, stand sie ebenfalls unter spanischer Oberherrschaft. So stark knüpfte Sixtus seine Hauspolitik an die spanische Weltherrschaft, bevor auch seine Kirchenpolitik wieder in das spanische Fahrwasser einlenkte. Aber er dachte nicht nur an die Lebenden. Er vergaß auch den einen nicht, dessen Tod das große Leid seines Lebens gewesen war: den armen Francesco Peretti. Ihm konnte er freilich nichts Gutes mehr antun, aber er wollte ihn wenigstens fürstlich bestatten lassen, in derselben Kapelle, die er sich zur letzten Ruhe bestimmt hatte. Noch ehe Fontana sein Grabmal in S. Maria Maggiore vollendet hatte, ließ er Francescos Gebeine dorthin überführen. Achtzehn Kardinäle in violetten Trauermänteln, die Freunde und Kreaturen des Papstes, umstanden den Katafalk in S. Maria degli Angeli, wo er beigesetzt worden war, und der Patriarch von Jerusalem zelebrierte die Trauermesse. Dann schritten die Hausgeistlichen des Vatikans, Domherren und Mönche aller Orden, besonders Franziskaner, mit brennenden Fackeln dem Sarge voraus oder folgten ihm nach. Ganz Rom war auf den Beinen, um diesen Leichenzug anzuschauen, der langsam von den Höhen des Esquilins herabkam, die Gärten der Villa Peretti umzog und die steile neue Straße nach S. Maria Maggiore hinanschritt, um in der prächtigen Grabkapelle des Papstes die sterblichen Reste des gutherzigen Jünglings beizusetzen, von dem man nur einmal im Leben gesprochen hatte: als er ermordet ward. An diesem Tage vergossen Donna Camilla und ihr Bruder noch einmal heiße Tränen. 22. Ein Himmelfahrtstag Am Himmelfahrtstage dieses Jahres zelebrierte Sixtus in schimmerndem Ornat die Papstmesse in der altehrwürdigen Lateransbasilika. Sie lag am äußersten Ende der Stadt in den neuen, einst wüst liegenden Stadtvierteln, die er der Besiedelung erschlossen hatte. Nach der Feier erteilte er dem Volke den Segen von der Loggia der neuen, zweigeschossigen Säulenvorhalle, die Fontana dem rechten Querschiffe vorgelegt hatte. Vor ihr ragte seit kurzem ein Obelisk, der größte in Rom, aber seit der Aufrichtung der Nadel auf dem Petersplatze schien diesem Tausendkünstler nichts mehr unmöglich. Vor zwei Jahren hatte man den ägyptischen Riesen nebst einem anderen, minder großen, am Fuße des Palatins in den Trümmern des Circus maximus ausgegraben, in drei Stücke zerschlagen und von einem Gewicht von einer Million und dreihunderttausend römischen Pfunden. Fontana hatte ihn wieder zusammengeflickt, und nun thronte er, fast 50 Ellen hoch, auf einem mächtigen Sockel. Torquato Tasso hatte auch diese Wundertat in einem Sonett besungen: Der Obelisk, mit Rätselschrift bedeckt, Einst himmelan getürmt von Pharaonen, Doch von August entführt des Nils Regionen, Zum Schmuck in seinem Zirkus aufgereckt, Zerbrochen lag er lang, in Schutt versteckt, Im Grab der Zeiten, die kein Ding verschonen. Du aber hobst ihn, läßt ihn wieder thronen, An stolzer Stätte neu zum Ruhm erweckt. Jahrtausenden gebeut dein Herrscherwille. Ein goldnes Kreuz auf seiner Spitze wehrt Siegreich dem Tod, daß ihn nichts mehr verhülle. Doch größer ist, als was man einst verehrt, Wenn man den alten Wundern neue Fülle Des Lebens schenkt und alten Ruhm verklärt. Das traf nicht nur für den Obelisken zu, sondern für alles, womit Sixtus diese ehrwürdige Stätte neu belebt hatte. An die Basilika schloß sich, schwer und gedrungen, der neue Lateranspalast an Stelle des alten, der noch aus den Zeiten des Kaisers Konstantin stammte. Bis zum babylonischen Exil der Kirche war er der Wohnsitz der Päpste gewesen, aber ein großer Brand hatte das altertümliche Bauwerk halb zerstört, und Sixtus hatte seine Reste nicht ohne Gewaltsamkeit wegreißen lassen. Nur die alte päpstliche Hauskapelle, die Sancta Sanctorum, hatte sein Baueifer verschont. Schließlich hätte er noch eine andere ehrwürdige Reliquie, die Heilige Treppe, die Konstantins Mutter, die fromme Kaiserin Helena, nach Rom hatte bringen lassen, auf den Lateransplatz versetzt, und Fontana hatte den Bau mit einer zweigeschossigen Vorhalle geschmückt. So verband sich hier Urältestes mit Neuestem, eine Ahnenreihe von Gebäuden, wie keine andere Stadt der Welt sie besaß. Die hohe Stadtmauer schloß den weiten Platz ab, seit fünfzehn Jahren von der neuen Porta S. Giovanni durchbrochen, die Papst Gregor erbaut hatte. Daß er diesen schlimmen Vorgänger überall antraf, wo er Großes schuf, ärgerte Sixtus im stillen. Das war wohl der einzige kleinliche Zug in seinem großen Charakter. Jetzt saß Gregor gewiß im wohlverdienten Fegefeuer: noch vor kurzem war er ihm im Traume erschienen, den Leib in Flammen gehüllt und mit kläglicher Miene. Da hatte er Seelenmessen für ihn lesen lassen, eine wenig schmeichelhafte Fürsorge! Nach der Messe begab er sich in den neuen Palast, um sich umzukleiden. Dann ließ er sich in der Sänfte zu Donna Camilla nach der Villa Peretti tragen, wo er das Mahl einnehmen wollte. Überall eilte das Volk herbei, um seinen Segen zu empfangen. Im Festgewande stand des Papstes Sippe an dem gedrungenen Portal, das Fontana erbaut hatte. Nur das junge Ehepaar Orsini fehlte, denn es verbrachte seinen Honigmond in Bracciano. Dagegen befand sich unter den Gästen der neue Venezianische Botschafter Alberto Badoer, der an Grittis Stelle getreten war. Sixtus wollte ihn bei dieser Gelegenheit näher kennenlernen. Am Fuße der Treppe empfing ihn Donna Camilla in rauschendem Seidenkleid. Er umarmte sie und ließ sich von ihr in den Speisesaal geleiten. Sie hatte nichts gespart, um ihn würdig zu empfangen. Auf einer Kredenz prangte reicher Silberschmuck. Betreßte Diener trugen die Speisen auf, und wachsame Mundschenke füllten die Becher. Aber in die Unterhaltung, das Klirren der Teller und Schüsseln, mischte sich die Vorlesung einer frommen Homelie. Dem Brauche gemäß speiste Sixtus allein an einer kleinen Tafel, aber das hinderte ihn nicht, mit den Gästen zu plaudern. An diesem strahlenden Junitage hatte er seine Sorgen vergessen und war heiter und aufgeräumt. Besonders den Botschafter Badoer, der in seiner Nähe saß, beehrte er oft mit seinen Anreden. Nach dem ersten Gange, einer riesigen, mit dem Papstwappen geschmückten Pastete, aus der beim Zerlegen kleine gebratene Vögel hervorkamen, rühmte der Venezianer mit Bedacht die neuen Herrlichkeiten des Laterans, besonders die Aufrichtung des großen Obelisken. »Auch den zweiten Obelisken aus dem Zirkus«, sagte Sixtus befriedigt, »lassen Wir noch aufrichten. Er läuft schon auf Rollen nach der Piazza del Popolo. So wird er das erste sein, was Eure Kuriere bei der Ankunft in Rom erblicken.« »Wer ein paar Jahre nicht hier war wie ich, versetzte Badoer, »erkennt die Stadt kaum wieder. Sie hat sich zusehends verdoppelt.« »Das stimmt , nickte Sixtus geschmeichelt. »Wir haben jetzt fast 100+000 Einwohner, doppelt soviel wie vor dreißig Jahren. Das macht, daß jetzt Ordnung herrscht. Es ist anders geworden als unter Unserem Vorgänger.« Und der unglückliche Gregor mußte die Kosten der weiteren Unterhaltung bestreiten. Selbst seine Verdienste wollte Sixtus nicht gelten lassen. »Welchen Wirrwarr«, sagte er zu Badoer, »hat er mit seinem neuen Kalender angerichtet! Er war nicht der Mann, um einen Julius Cäsar zu verbessern. Nun haben wir glücklich zwei Zeitrechnungen, denn weder die Schismatiker in Morea noch die Ketzer wollen sich dieser Neuerung fügen. Der Heilige Stuhl aber hat die Unehre davon. Überdies ist sie gegen die Autorität der Konzile, des Heiligen Ambrosius und der Päpste. Wir hätten sie wieder abgeschafft, hätten Wir nicht besorgt, das Ansehen des Heiligen Stuhles dadurch zu schmälern.« Badoer unterdrückte ein Lächeln. Er fand den Haß des Papstes auf seinen Vorgänger sonderbar: wußte er doch nicht, was er unter ihm und durch ihn gelitten hatte. »Eine andere Sorge unter so vielen«, fuhr Sixtus fort, »hat er uns mit der neuen Bibelausgabe hinterlassen. Wie Ihr wissen werdet, hatte schon das Konzil von Trient die Durchsicht der Vulgata angeordnet, aber sie gedieh nicht über die Vorarbeiten hinaus, und unter Gregor kamen auch sie ins Stocken. Erst Wir haben auch dies Werk in Gang gebracht. Wir haben es einigen Kardinälen zugewiesen, aber deren Arbeit hat Uns wenig befriedigt, und so mußten Wir selbst Hand anlegen. Man muß alles selber tun, wenn es ordentlich werden soll. Diese Arbeit hat Uns gewiß Freude gemacht, aber Wir haben so viele andere Sorgen auf dem Halse. Trotzdem nähern Wir Uns dem Ende Unserer Mühen. Wir sind schon bei der Apokalypse angelangt, und die Weisheit Salomonis ist bereits im Druck. Wir lesen die Korrekturen Blatt für Blatt mit, dann schicken Wir sie dem Padre Toledo und etlichen besonders bewanderten Augustinerpatres. Die legen die letzte Feile an und schicken die Blätter in Unsere neue Druckerei.« Badoer fand dies Gespräch ziemlich ledern und den Papst recht selbstherrlich auf Gebieten, auf denen er kein Meister sein konnte. Dennoch mußte er seine Tatkraft bewundern, die noch Zeit für eine so gelehrte und schwierige Arbeit fand. Schließlich war das Mahl beendet, und man räumte die Tafel ab, um den Nachtisch aufzusetzen. Andere Diener reichten das Wasser zum Händewaschen oder verteilten Blumensträuße, aber Sixtus lehnte den seinen ab. Er hatte keinen Sinn für diese Kinder Floras. Als er nach der Mahlzeit mit den Seinen durch die Gärten schritt, die in vollem Lenzschmucke prangten, warf er kaum einen Blick auf die unnützen Blumenbeete, über denen bunte Falter sich wiegten. Dagegen besichtigte er die jungen Bäume, die er mit eigner Hand gepflanzt hatte, und freute sich ihres Wachstums. Die Zypressen standen längs der Wege in langen Reihen wie Prozessionen von Mönchen, und die jungen Obstbäume setzten die erste Frucht an. »Wie diese Bäume,« sagte er zu Donna Camilla, »wächst auch die Jugend heran.« Und er wies auf die kleine Ursula, die mit ihrem erlauchten Gatten vor ihnen herschritt, während der Kardinal Montalto mit seinem Bruder Michele und dessen junger Gattin hinterdrein kamen. Gar prächtig nahm sich Donna Camilla inmitten dieser blühenden Enkelkinder und ihrer vornehmen Sippe aus. Sixtus wandte sich nach der Fürstin von Venafro um und sagte mit südländischer Natürlichkeit: »Wenn du einen Sohn bekommst, möge er Kardinal werden, zum Ruhme unseres Hauses und zur Ehre der Kirche.« Die junge Frau errötete leicht, aber sie blickte ihn mit strahlenden Augen an. »Und Gott schenke dir auch einen zweiten,« setzte er hinzu, »der dein edles Geschlecht fortpflanzt. Möchten Wir es doch noch erleben!« Dann rief er die kleine Ursula zu sich heran. »Und du,« sagte er, »wenn du einen Sohn bekommst, was wird er werden? Gewiß ein Kriegsmann wie der große Marcanton, der Türkenbezwinger ... Inzwischen aber, höre ich, hast du einen kleinen Olivarez über die Taufe gehalten. Wie hat er sich denn dabei aufgeführt?« »Schrecklich gestrampelt hat er«, lachte die junge Frau, der der Schalk im Nacken saß. »Fast wäre er ins Taufbecken gefallen.« »Ja, so sind die Spanier,« lächelte Sixtus, »ungebärdig und über alle Maßen fromm.« Ein Brunnen plätscherte ihnen entgegen, von einem jungen Boskett überragt. Sixtus blieb befriedigt stehen und sprach: »So hat ein jeder seine Aufgabe im Leben. Die Frauen gebären das neue Geschlecht. Ich aber habe den Heutigen und den Künftigen dies belebende Wasser geschenkt.« Dann bestieg er einen Hügel, von dem er als Kardinal oft Umschau gehalten hatte. Ein weiter Ausblick auf die Stadt und die Landschaft erschloß sich ihm. Nach Süden schweifte sein Blick über die weite Campagna, die jetzt die Bogenreihen der Acqua Feiice durchschnitten, bis zu den fernen Bergzügen, die in blauem Dufte dalagen. Und ringsum dehnte sich das neue Stadtviertel der Monti mit seinen gradlinigen Straßen, an denen sich schon zahlreiche Häuser erhoben. Hier war noch viel Raum für neue Geschlechter, aber der Anfang war gemacht, und die Fortschritte waren greifbar. Am äußersten Stadtende ragte die mächtige Gebäudegruppe des Laterans, und zu Füßen der Gärten hatte sich der einst wüste Thermenplatz zu einem Markte verwandelt. Ladenreihen waren an seinem Rande entstanden, und in der Mitte sprudelte ein Springbrunnen. Der Segen, den Sixtus heute morgen dem Volke erteilt hatte, war nicht bloß eine fromme Gebärde; er war wirklich ein Segensspender. Auch in seiner Seele war heute Feiertag. Er vertrieb die Wolken, die seinen Blickkreis verdunkelten. Mochten in Frankreich Streit und Wirrnis herrschen, in Rom und im Kirchenstaate waren Ordnung und Glaube und sichtliches Gedeihen. Die Wasserleitung, die gewaltigen Bauten, mit denen die Stadt sich schmückte, selbst der Erfolg seiner Heiratspolitik, die das Interesse seiner eigenen Sippe mit dem des Papsttums verknüpfte, alles erfüllte ihn mit stolzer Befriedigung. Er fühlte sich nicht wie Gott am siebenten Schöpfungstage, noch wie Moses auf dem Horeb, der das Gelobte Land nur von fern erblickte. Er stand mitten drin in Leben und Schaffen. Für kurze Frist entspannte sich sein rastloser Wille, und mit der ganzen Lebendigkeit seines Wesens gab er sich diesem ungewohnten Hochgefühl hin, in dem Bewußtsein, daß es nur eine kurze Feierstunde war, hinter der unerbittlich der Alltag wartete. Vielleicht brachte ihm die Zukunft noch schwerere Sorgen und Kämpfe als bisher. Auch die Seinen empfanden heute seine Güte und Liebe wie ein Himmelsgeschenk, und als Donna Camilla ihn bat, noch etliche Tage in dieser hohen, gesunden Gegend zu verweilen, ging er zu ihrer Überraschung darauf ein. Noch nie hatte er ihr so leicht eine Bitte gewährt. Kurz nachdem er in den Vatikan zurückgekehrt war, traf auch Virginio Orsini mit seiner jungen Gattin in Rom ein. Sixtus lud beide zu einem Familienmahle in seinen Gemächern, an dem auch Donna Camilla und ihre übrige Sippe teilnahmen. Flavia war schön geworden. Ihr dunkelblondes Haar, ihre blauen Augen und ihr schlanker Wuchs schmückten sie herrlicher als das Perlengeschmeide und der funkelnde Diamant, den der Großherzog ihr geschenkt hatte. Sixtus ließ sich von ihr und von Virginio viel von dem neuen Leben in Florenz erzählen. Zweifellos war ihr Oheim mehr zum Herrscher als zum Kardinal geschaffen, und Sixtus begann ihn jetzt höher zu schätzen. Nach dem Mahle lud er das junge Paar ein, sich in seiner sogenannten Garderobe, die vielmehr seine Schatzkammer war, ein paar wertvolle Andenken auszusuchen. Und als Virginio sich bei ihm bedankte, fragte er ihn lachend: »Nun, werdet Ihr morgen wieder Katzenköpfe vor der Engelsburg aufpflanzen? Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, da man keine Verbrecherköpfe mehr dort sieht.« Beschämt entgegnete der junge Fürst: »Heiliger Vater, hätte ich damals gewußt, wer Ihr seid, ich hätte diesen Jugendstreich unterlassen, der mich heute herzlich gereut. Aber damals wähnte ich, Ihr wäret wie Euer Vorgänger Gregor. Heute weiß ich, Ihr seid der größte Fürst in Europa, so furchtbar bei Widerstand wie gnädig bei Gehorsam. Und ich diene Euch gern. Sixtus nickte befriedigt; dann sagte er ernst: »Am Tage vor meiner Wahl fragte mich Euer Oheim, der jetzige Großherzog: »Wie werdet Ihr es mit den Orsinis halten?« Ich entgegnete: »Wie mit meinen eigenen Verwandten.« Wie Ihr wißt, kam ich mit Eurem verstorbenen Vater zu keinem Ausgleich. Es war wohl nicht meine Schuld, aber lassen wir die Toten ruhen. Um so mehr freut es mich, daß ich bei Euch mein Wort einlösen konnte; denn nun sind wir ja wirkliche Verwandte.« Virginio blickte ihm froh ins Gesicht. Dann entgegnete er: »Eures Vorgängers Sohn, der Signor Giacomo, pflegte zu sagen, es sei ein Unglück, der Sohn eines Papstes zu sein. Ich aber bin glücklich, daß ich Euer Eidam geworden bin. Sixtus umarmte ihn herzlich, und der junge Fürst küßte seine Vaterhand. Flavia stand in der ganzen Holdseligkeit ihrer Jugend vor ihnen. Ihre Augen schimmerten vor Freude. »Hältst du deinen Gatten auch gut im Zaume?« fragte der Papst lächelnd. »Ach!« seufzte sie mit komischem Ernst, »es ist schwer, ein feuriges Roß im Stalle zu halten. Immerfort drängt es hinaus zum Lauf und in die Freiheit. Virginio ist alleweil auf der Jagd oder sitzt im Sattel, wenn er nicht die Gesellschaft von Freunden sucht, um mit ihnen zu zechen.« »So, so«, lächelte Sixtus. »Aber die Frau ist fürs Haus bestimmt, und der Mann steht im Leben. Wie gefällt es dir denn in Bracciano?« setzte er hinzu. »Ein düsteres Schloß , entgegnete sie. »Es ist für den Krieg gebaut, und wir haben doch Gott sei Dank Frieden. Und an seinem Fuße wogt der grausliche See, von kahlen Höhen umschlossen, kreisrund und schwarz wie ein großer Höllenschlund. Er macht mich ganz schwermütig. Ich wohne lieber in unserem Palast in Rom als dort in der Einsamkeit.« Sixtus merkte wohl die Ernüchterung der jungen Frau nach den rauschenden Hochzeitsfeiern und den ersten Freuden der Ehe. »Auch die Einsamkeit hat ihr Gutes«, sagte er. »Sie gibt Zeit zu frommen Betrachtungen.« »Ach,« scherzte die Fürstin, »die Frömmigkeit kommt auch in Rom nicht zu kurz. Gibt es hier doch fast so viele Kirchen wie Tage im Jahre.« »Gut, gut!« lachte der Papst, in die Hände schlagend. »Wir wollen noch ein paar hinzubauen, damit das Maß voll werde.« »Sie verklagt mich ganz ungerecht«, fiel Virginio ein. »Im Winter, wenn wir in Rom sind, soll es ihr an Gesellschaft nicht fehlen. Und im Karneval soll es so hoch hergehen wie bei unserer Hochzeit. Nicht wahr, Flavia? Inzwischen aber entschädigt sie sich durch eine Seelenfreundschaft. Ihr ratet es gewiß nicht, mit wem. Wäre der Mann nicht so krank und abgelebt, ich könnte fürwahr eifersüchtig werden.« »Und wer ist es?« »Der Dichter Torquato Tasso, der Sänger der Liebe und des frommen Heldentums. Jawohl, kein anderer. Er hat ihr einen Kranz von Sonnetten geflochten wie ein Troubadour. Und sie ist ganz bezaubert von ihm und schreibt ihm zierliche Briefchen. Und jetzt hat der Ärmste ihr sogar persönlich gehuldigt.« »Ist das wahr?« fragte Sixtus. »Ja«, nickte die junge Frau. »Und da Virginio es selbst gesagt hat, um mich zu necken, so wage ich um eine Gunst für ihn zu bitten.« »Auch du«, seufzte Sixtus. »Meine Familiaren und andere liegen mir schon ewig in den Ohren mit ihm. Was will er denn von mir?« »Er brennt auf eine Audienz und klagt, alle Türen zu Euch würden ihm verschlossen.« »Er irrt«, entgegnete Sixtus kopfschüttelnd. »So wollt Ihr ihn empfangen?« fuhr sie lebhaft fort. »Nun ja, weil du für ihn bittest«, sagte der Papst und reichte ihr die Hand zum Abschiedskusse. 23. Papst und Dichter Während Tasso, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, im Vorzimmer harrte und mit Graziani und Capelletto plauderte, zog der Reigen der täglichen Besucher an dem Papste vorüber, wie ein Mückenschwarm, der das Licht umtanzt. Kardinäle, Würdenträger, Gesandte, Ordensvikare, Bittsteller aller Art wurden in buntem Wechsel vorgelassen. Die einen buhlten um Macht, Ehre, Einfluß oder Reichtum; die anderen verfochten die Interessen ihrer Herren oder ihrer Körperschaften, spannen Ränke oder suchten die ihrer Gegner zu durchkreuzen. Geistliches und Weltliches, Herrschsucht und Frömmigkeit verquickten sich in ihren Wünschen und Reden. Die einen kamen mit pochender Brust und im Rausche der Hoffnung, die anderen mit eiskalten Spielerherzen und rechnendem Verstände. Und alle suchte der durchdringende Blick des Papstes zu enträtseln. So glich sein Audienzsaal einem großen Spielsaale und er selbst dem Spielhalter, der Glück und Unglück austeilte. Und das Rad Fortunas rollte hier rasch. Ein Zufall, nicht zu berechnen, konnte morgen einen neuen Greis auf den Thron heben, und das ganze Spiel begann von neuem; alle Erfolge waren hinfällig. Gemütsart und Ziele des neuen Herrschers waren meist unbekannt, und selbst wenn man ihn als Kardinal kannte, wußte man nicht, wie er sich als Papst zeigen werde. Nur eins wußte man im voraus: er würde seinem Vorgänger und dessen Tun abhold sein. Da hieß es keinen verletzen, keinen gering achten, sich mit allen gut stellen, um sie alle zu verraten, jeden Blick, jedes Wort im Zaume halten. Ehrgeiz und Leidenschaft verbargen sich unter der Maske des Zeremoniells oder der Frömmigkeit, und man betrog sich mit aalglatten Worten. Unter diese Menschen war ein Dichter hereingeschneit, der sich selbst nicht beherrschte und jede Sicherheit verloren hatte. Er lebte seit einer Weile wieder in Rom beim Kardinal Gonzaga, nachdem er lange bei den Mönchen des Ölbergklosters in Neapel geweilt hatte, von der Hoffnung genarrt, die Spanier würden ihm die Güter seines Vaters zurückerstatten, die sie eingezogen und verkauft hatten. Mit dieser letzten Hoffnung war auch seine Gesundheit völlig zusammengebrochen, und er verzweifelte an seiner Genesung. »Ich habe fast vergessen,« sagte er zu Graziani, »daß ich als Edelmann geboren bin. Ich bin nichts, vermag nichts, will nichts als ein Leben ohne Unehre.« Als der Zeremonienmeister Allaleone ihm winkte, entfiel ihm aller Mut. Der Papst saß unter seinem Baldachin. Seine strenge Miene erschreckte ihn. War das der Mann, dessen Milde er anrufen wollte? Er sank zitternd ins Knie und küßte das silberne Kreuz auf seinem Schuh. Dann winkte Sixtus ihm aufzustehen. »Was wünscht Ihr?« fragte er trocken. Tasso war so befangen, daß er kein Wort vorbrachte. Sein Blick haftete auf dem Purpurteppich der kleinen Estrade. »Ihr habt doch eine Audienz begehrt«, sagte der Papst ungeduldig. »Wozu?« Endlich erhob Tasso den Blick. Er war voller Bitterkeit, fast ein Vorwurf. Doch vom Falkenblick des Papstes getroffen, schlug er ihn rasch wieder zu Boden, wie ein Opfer vor seinem Henker. »Um mich dem Vater der Gläubigen zu Füßen zu werfen«, würgte er hervor. Seine Stimme schien um Verzeihung zu flehen. »Die Weihe dieser Stätte,« fuhr er fort, »meine tiefe Gläubigkeit ... das Unglück meines Lebens ... mein Weltüberdruß ... alles drängt mich hierher ... und entmutigt mich zugleich.« Es waren nur wirre Worte, die er stammelte, hart und spröde, mit tonlosen Endungen, wie in sich selbst erstickend. Er hätte sie in Versen hinströmen müssen, um Eindruck damit zu machen. »Kamt Ihr nur deswegen?« fragte Sixtus mit wachsender Ungeduld. Da besann er sich auf die Gedichte zum Lobe des Papstes, die er in Händen hielt. Er hatte sie säuberlich abschreiben und heften lassen, um sie ihm zu überreichen. »Geruhe Eure Heiligkeit, diese Gedichte anzunehmen«, fuhr er mit festerer Stimme fort. »Es sind lauter Preislieder auf Ihr großes Wirken, das keiner mehr bewundert als ich. Einige habe ich Eurer Heiligkeit bereits zugesandt. Ich weiß nicht, ob Sie sie erhalten hat.« Dem Papst entging der vorwurfsvolle Unterton dieser letzten Worte nicht. Er nahm das Heft entgegen und legte es auf ein Tischchen unter dem Thronhimmel, auf dem Bittschriften und andere Schriftstücke lagen. »Wir werden es lesen, wenn Wir Zeit dazu finden«, entgegnete er. »Wir wissen ja, daß Ihr ein großer Dichter seid«, setzte er milder hinzu. Eine tiefe Enttäuschung malte sich in Tassos Zügen. War das alles? »Jetzt bin ich nur noch ein armer kranker Mensch,« seufzte er, »vom Unglück verfolgt und vom Fieber verzehrt.« »Auch Uns quält das Fieber, sagte Sixtus hart, »aber Wir lassen Uns von ihm nicht niederzwingen.« Der Dichter verstummte; ein seltsamer Blick, fast eine Flamme des Hasses, sprühte aus seinen Augen. »Warum kehrt Ihr nicht nach Mantua zurück?« fragte der Papst. Ein Ausdruck des Entsetzens trat auf Tassos verfallene Züge, als würde er zum Kerker verurteilt. Doch sofort bezwang er sich wieder. Ein krampfhaftes Lächeln zuckte über sein Antlitz, wie zur Entschuldigung. »Was ist Mantua gegen Rom«, stotterte er. »Hier umgibt mich die Größe des Altertums und die neue Größe der Gegenwart.« »So bleibt denn in Rom«, nickte Sixtus. »Wir hindern Euch nicht. Der Kardinal Gonzaga gibt Euch ja Unterstatt.« Tassos Schultern zogen sich schmerzlich zusammen. »Wohl,« seufzte er, »aber die Leute des Kardinals, besonders der Hausmeister, möchten mich fortbeißen und lassen es an allem fehlen. Ich möchte frei sein, um das Werk meines Lebens zu vollenden.« Bei den letzten Worten raffte sich seine Stimme empor, aber sein Blick war im voraus enttäuscht. »Wer ist frei!« entgegnete der Papst kopfschüttelnd. »So will ich Mönch werden«, stieß der Dichter in plötzlicher Verzweiflung hervor, und fast drohend setzte er hinzu: »Wenn ich mir keine andere Gnade erwarten darf ...« »Mönch werden«, wiederholte Sixtus bedächtig. »Da würdet Ihr Euch noch weniger gefallen als im Hause eines Kardinals. Die Härte der Klosterzucht würde Euch drücken, und Ihr würdet bald wieder fort wollen. Bleibt lieber im weltlichen Stande.« Tasso war dem Weinen nahe. Seine Hand machte eine Gebärde, als wollte er sagen: »Auch du bist erbarmungslos!« »So flehe ich wenigstens um eine Gnade«, bat er trotzig. Und als Sixtus ihn forschend anblickte: »Ich bitte um ein Fürwort bei des Königs von Spanien Majestät, daß man mir die Güter meines Vaters zurückerstatte, welche die Spanier grausam geraubt haben. Dann hätte ich alles, was ich brauche.« Sixtus schwieg eine Weile, dann sprach er: »Wir können Uns nicht in die Angelegenheiten des Königreiches Neapel mischen. Wendet Euch an den Kardinal Mendoza oder an einen anderen Spanier, daß er Eure Sache in Madrid vertrete.« Bei jedem dieser Worte sank Tasso mehr in sich zusammen, wie von Keulenschlägen getroffen. Der Papst griff nach der silbernen Klingel, die neben ihm stand, und als Allaleone eintrat, fragte er ihn: »Wer ist der Nächste?« »Der Baumeister Fontana.« Sixtus nickte befriedigt und erteilte Tasso den Segen. Erst jetzt begriff der Unglückliche, daß er verabschiedet war. Er beugte mechanisch ein Knie, fuhr wie aus einem Traum empor und wankte hinaus. Fast wäre er Capelletto schluchzend an die Brust gesunken. Der zog ihn in eine Fensternische und fragte ihn bang, was er erreicht hätte. »Nichts!« sagte Tasso, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen. »Weniger als nichts. Mir bleibt nur das Kloster.« In der Tat nahm er die Gastfreundschaft des Paters Oddi in S.Maria nuova an, denn seine Stellung im Hause Gonzaga war unhaltbar geworden. Wie ein Häuflein Asche, die in sich zusammensinkt, fanden ihn die beiden Familiaren, als sie ihn an einem glühenden Nachmittag im Juli besuchten. Das Kloster, später S.Francesca romana benannt, lag am Ende eines öden, verbrannten Platzes, an dem einst das Herz der Welt geschlagen hatte. Aber die beiden Familiaren wußten nicht, daß sie über die Stätte des Forum Romanum schritten. Der Platz hieß jetzt Campo vaccino, der Kuhplatz, nach den großhörnigen Campagnarindern, denen er zur Weide diente. Jetzt freilich waren auch sie der Sonnenglut gewichen, die jedes Hähnchen versengt hatte. Nur ein paar Fußgänger verloren sich müden Schrittes auf dem riesigen Platze. An seinen Rändern hatten sich ein paar Kirchen in die ehrwürdigen Reste großer Vergangenheit eingenistet, und überall ragten halbverschüttete Triumphbogen, Säulen und Trümmer von Marmortempeln aus dem Boden hervor, seltsam gepaart mit mittelalterlichem Festungsgemäuer und elenden Häusern der Gegenwart, ein dreifacher Verfall. Hier und da klaffte eine Grube, in der Steinmetze und Kalkbrenner gewühlt hatten, wie Hyänen in Gräbern, um Steine für Neubauten zu rauben oder kostbare Marmortrümmer in die Kalköfen zu schleppen. Aber jetzt hatte die Glut auch sie vertrieben, so gut wie die Viehherden. Schwermut und Verlassenheit lag auf allem, und die Sonne, die erbarmungslos niederbrannte, machte dies Bild des Todes noch furchtbarer. Nur der Trümmerberg des Palatins, der darüber hinaufwuchs, war dem Leben zurückgegeben. Auf den Resten der römischen Kaiserpaläste stuften sich die Terrassengärten des verstorbenen Kardinals Farnese empor. Hecken und Springbrunnen wechselten mit zierlichen Pavillons und der düsteren Feierlichkeit dunkelgrüner Steineichen. Die beiden Familiaren schritten stumm einher, von der Hitze bedrückt. Jeder empfand auf seine Weise die Tragik dieser Stätte. Graziani betrauerte den Untergang so vieler antiker Herrlichkeiten, und für Capelletto war dies Bild der Zerstörung eine erschütternde Mahnung an die Hinfälligkeit aller irdischen Größe. Der vielgeschossige Glockenturm des Klosters stach vor ihnen in den ehernen, tiefblauen Himmel, überragt von dem halbzerstörten Riesenrund des Kolosseums, das in gelbroter Glut strahlte. Aber noch höher reckte sich linker Hand, gleich dem verwitterten Knochengerüst eines fabelhaften Untiers der Vorzeit, die geborstene Halle der Konstantinsbasilika, das Vorbild der Peterskirche, von Gesträuch überwuchert. Neben dem kasernenhaften Klosterbau, der in dieser Weltabgeschiedenheit lag, öffnete sich wie ein Festungstor, von mittelalterlichem Gemäuer überbaut und bis zur Hälfte verschüttet, ein antiker Triumphbogen. Beim Hindurchschreiten streiften sie die verstümmelten Relieffiguren der Innenwände, den Triumph des Kaisers Titus und den siebenarmigen Leuchter aus dem Salomonischen Tempel. Jeder Stein kündete hier Weltgeschichte. Sie pochten an der Klosterpforte, und der Pater Guardian fragte nach ihrem Begehr. »Schon wieder Besucher«, brummte er, als sie ihm sagten, sie wünschten Torquato Tasso zu sprechen. Er öffnete schläfrig, und erfrischende Kühle schlug ihnen entgegen. Ein Mönch führte sie durch den kahlen, getünchten Gang und wies auf eine der Türen, die sich in regelmäßigen Abständen folgten wie in einem Gefängnis. Ein müdes Herein antwortet auf ihr Pochen, und eine kahle Zelle empfing sie. Von der getünchten Wand hob sich ein schwarzes Holzkreuz ab. Das einzige Fenster ging auf den sonnenversengten Klosterhof. Ein Holztisch und zwei Holzstühle standen umher, und aus dem Bette blickte ihnen das bleiche, zerstörte Antlitz des Dichters entgegen. Capelletto hatte ein paar Blumen mitgebracht, die er sanft auf das welke Bettuch legte. Tasso lächelte matt und ergriff sie mit seiner feinen, zitternden Hand, um den Duft einzusaugen. Der Familiare konnte die Tränen kaum zurückhalten. »Wie geht es Euch?« fragte er bewegt. »Schlecht«, seufzte der Dichter. »Niemand weiß ein Mittel gegen dies neue Leiden, das zu so vielen alten Unbilden hinzugetreten ist. Ich fühle mich fortgerissen wie von einem wilden Strome, gegen den es keinen Damm gibt.« »Pflegt man Euch wenigstens gut?« fragte Capelletto mitleidsvoll. »Nein«, sagte Tasso scharf. »Die Mönche verstehen nichts von Krankenpflege. Der Pater Oddi meint es zwar gut mit mir, aber die andern wollen mich los sein. Sie möchten mich nach dem Spital der Bergamasker schaffen. Meine Mutter stammt ja aus Bergamo und man will mir dort wohl. Vielleicht haben die Bergamasker Mönche ein menschliches Rühren mit mir.« »Ihr habt wirklich viel Unglück«, versetzte Graziani. Tasso nickte. »Mein Mißgeschick verfolgt mich hartnäckig«, seufzte er. »Bald wird die undankbare Welt den Triumph haben, mich ins Grab zu betten, wo ich doch gehofft hatte, daß der Ruhm, den dies Jahrhundert durch meine Werke erlangen wird, mich einer Belohnung nicht ganz unwert machte. Aber jeder denkt nur an seinen eigenen Ruhm. Auch euer Papst, den ihr mir zu Unrecht gerühmt habt, ist ebenso herzlos wie alle. Er denkt nur an sich. Was liegt ihm an mir und an meinem Werke? Nur eine nehme ich von seiner ganzen Sippe aus, die Fürstin Orsini und ihren Gemahl, der mich edel beschenkt hat. Welch eine holdselige Frau! Die Traumgestalten meiner Jugend stiegen wieder vor meinen alten, müden Blicken auf, als ich sie sah. Oh! Noch einmal jung sein und eine Frau anbeten!« Dem frommen Capelletto dünkte dies Gespräch zu weltlich, noch dazu in einem Kloster und im Mund eines Mannes, der Mönch werden wollte. Er trat an das Fenster und blickte durch die verstaubten Scheiben, an denen Fliegen tanzten, auf den öden Klosterhof. Doch im stillen sagte er sich: »Welch ein Gefängnis für einen Dichter!« »Und was gedenkt Ihr zu tun, wenn Ihr wieder genesen seid?« fragte Graziani den Kranken. »Ich gehe nach Florenz!« rief Tasso lebhaft. »Die Orsini werden mir den Weg bahnen, und der neue Großherzog ist ein Freund der Künste.« »Nach Florenz«, wiederholte Graziani erstaunt. »In die Stadt der Crusca, die Euch so geschulmeistert hat!« »Auch diese Anbeter des ewig Gestrigen werden mir huldigen, sagte der Dichter stolz, »wenn der Herrscher mir wohlwill.« »Und warum nicht nach Mantua?« »Lieber ins Grab!« fuhr Tasso auf. »Aber vielleicht geh' ich auch wieder nach Neapel. Der Marchese Manso di Villa will mir sein Haus auf dem Posilipp und sein Landgut Bisago auftun. Er hat mich recht in sein Herz geschlossen. Bei ihm brauche ich nicht zu katzbuckeln und Speichel zu lecken. Ach, zurück nach der Heimat, nach dem lachenden Golf von Neapel! Die Spanier müssen mir das Gut meiner Väter zurückgeben!« »Habt Ihr schon einen Fürsprecher bei König Philipp gefunden?« fragte Graziani. »Nein«, entgegnete der Dichter tonlos. »Die Spanier sind steif wie Holz und noch in ihrer Höflichkeit verletzend, als wäre ich ein Bettler und nicht ein Dichter und Edelmann.« »Und doch«, sagte Graziani, »werdet Ihr mit ihnen ins reine kommen müssen, denn sie haben nun mal die Klauen auf Neapel gelegt.« Die Vesperglocke schallte durch den Gang, und Gapelletto mahnte den Gefährten, daß sie heimkehren müßten. Als sie das Kloster verließen, sagte Graziani betrübt: »Diesem Unglücklichen ist nicht zu helfen. Er ist launisch und eigensinnig wie ein Kind. Jeden Augenblick will er etwas anderes. Mag er auf unseren Papst schelten: solche ungewisse Seelen sind dem Heiligen Vater ein Greuel. Ist er denn nicht hochherzig und freigebig gegen Verdienst und Treue? Fontana kann es bezeugen und so viele andere. Aber mit Versen allein gewinnt man ihn nicht, und wären sie noch so schön. Ich begreife jetzt, daß er nichts für den Dichter tut, so sehr ich es für Tasso beklage.« »Ja,« nickte Capelletto, »er weiß nicht, wo er hingehört. Weltkind und Mönch, das verträgt sich schlecht.« Und sie kehrten müden Schrittes durch die glühenden Trümmer des Forums zurück. In einer Grube, an der sie vorbeikamen, steckte noch eine vergessene Schaufel, als würde dort ein Grab ausgehoben. 24. Navarra oder Philipp? Kaum waren die in dem päpstlichen Mahnschreiben festgesetzten sechzig Tage verstrichen, so endete König Heinrich sein unrühmliches Leben unter dem Dolche des Eiferers Jacques Clement. Dunkle Gerüchte von diesem Frevel drangen bald nach Rom, aber die Bestätigung blieb lange aus, denn in Südfrankreich war jede Verbindung unterbrochen. Erst Ende August erhielt Papst Sixtus die amtliche Nachricht durch einen Kurier Medicis. Seine Prophezeiung war in Erfüllung gegangen: wie Saul war der König von Frankreich geendet. Inmitten seines Heeres, im Begriff, Paris zurückzuerobern, war er von einem armen Mönche mit einem Stoß umgebracht worden. Wahrlich, das war Gottes Finger! Sixtus sprach es offen aus. Der Weg zum Throne war nun für Navarra frei. Der erließ sofort eine Proklamation, worin er den Katholiken volle Glaubensfreiheit zusagte, und obwohl er Ketzer blieb, schlossen sich die Häupter des katholischen Adels ihm an. Diese Kunde rief im Vatikan neue Erregung hervor. In Madrid war die Nachricht von dem Königsmorde nicht eher eingetroffen als in Rom. Philipps Freude war groß, aber nicht rein. Den Königsmord selbst verabscheute er, und so betrauerte man im Eskurial Heinrichs Tod, während man im Herzen frohlockte. Sofort wurden neue große Aushebungen befohlen und die spanischen Truppen in Flandern an der französischen Grenze zusammengezogen. Der Krieg gegen Frankreich war jetzt fest beschlossen. Aber auch Papst Sixtus entschloß sich dazu. Siegte die Ketzerei in Frankreich, so griff sie auch nach West- und Süddeutschland, ja nach Italien über. Ein gemeinsamer Kriegsplan ward also entworfen. Von Norden her sollte Alexander Farnese, von Süden Philipps Heer, durch päpstliche Truppen verstärkt, zum Entsatz von Paris vorrücken und die bedrängten Glaubensbrüder befreien. Einstweilen sandte Sixtus den neuen Legaten Gaetani dorthin, um sie in Treue zu erhalten. Diese neue Politik im Bunde mit Spanien und der Ligue behagte dem Papste nach allem, was er mit beiden erlebt hatte, zwar wenig, und er machte kein Hehl daraus, aber ihm blieb nur die Wahl zwischen Philipp und Navarra, und wie konnte er da schwanken? Um jedoch nicht wieder bloß als Gefolgsmann Spaniens aufzutreten und sich die Freiheit des Handelns zu wahren, unternahm er eigene Schritte, die der spanischen Politik zuwiderliefen. Er bemühte sich, die Katholiken, die sich Navarra angeschlossen hatten, ihm abspenstig zu machen und alle Rechtgläubigen unter einer Fahne zu vereinigen; das aber hieß die Ligue halb mattsetzen. Und dann schwebte ihm eine große katholische Union vor, für die er Toskana und Venedig gewinnen wollte, um ein Gegengewicht gegen Spanien zu schaffen und sich selbst zum Schiedsrichter zu machen. Aber alle diese schönen Pläne fielen ins Wasser. Die katholischen Anhänger Navarras wollten nicht gemeinsame Sache mit den Rebellen der Ligue machen; vielmehr stellten sie dem Papste eine Sondergesandtschaft in Aussicht, um ihr Verhalten zu rechtfertigen. Toskana zeigte sich Spanien feindlich, und gar Venedig hatte die Keckheit gehabt, Navarra als König offen anzuerkennen. Es hatte seinen Botschafter zu ihm geschickt, und der alte Botschafter Heinrichs III. war in gleicher Eigenschaft nach Venedig zurückgekehrt und von der Signoria empfangen worden. So sehr hatte sich die venezianische Politik seit wenigen Monaten gewandelt. Sixtus war entrüstet über dies Verhalten und erhob in Venedig drohende Vorstellungen. »Will die Republik von San Marco Navarras Freundschaft der unseren vorziehen?« fragte er Badoer. Und als der ihm erklärte, jener Empfang sei nur ein Akt internationaler Höflichkeit, der zu nichts verpflichte, redete er ihm väterlich ins Gewissen. »Die Herren Venezianer«, sagte er, »haben Uns den Kopf recht heiß gemacht. Sonst gelten sie doch für kluge und vorsichtige Leute, die bedächtig handeln und die Zeit für sich arbeiten lassen. Wir entsinnen Uns eines Kupferstiches, auf dem die Graubärte der Signoria mit einer Brille auf der Nase dargestellt sind, wie sie dem Tun der anderen zusehen. Diesmal aber handeln sie mit Überstürzung; sie tun etwas, was kein anderer Fürst getan hat. Will die Signoria den Lehrmeister Europas spielen?« Graf Olivarez war nicht so nachsichtig wie der Papst. Er erklärte ihm mit dürren Worten: »Nimmt die Republik den Sendung Navarras als Botschafter an, so wird mein Herr und sein Eidam, der Herzog von Savoyen, ihre Gesandten aus Venedig abberufen. Dann bleibt dort nur der Vertreter des Heiligen Stuhles und der eines rückfälligen Ketzers.« Und er ließ nicht ab, den Papst mit seinen Vorstellungen zu quälen. Sixtus reiste auf ein paar Tage nach Sermoneta, um den spanischen Quälgeist loszuwerden und seine Lage zu überdenken, während er die Arbeiten zur Entwässerung der Pontinischen Sümpfe besichtigte. Nach dem Fehlschlage seiner Unionspläne erschien ihm das spanische Bündnis als drückende Fessel, und der Übertritt so vieler Rechtgläubiger zu Navarra gab ihm zu denken. »Heinrich wird Sieger bleiben, sagte er sich im stillen, »wenn Spanien ihn nicht angreift. Und schwört er seinen Irrglauben ab, so ist ein Angriff Spaniens nicht mehr zu rechtfertigen. Olivarez behauptet zwar, sein Übertritt könne nicht ehrlich sein, aber das hat er allein vor Gott zu verantworten. Ich dagegen habe für die Erhaltung des Glaubens in Frankreich zu sorgen. Als er von seinem Ausfluge zurückgekehrt war, schien er schon minder kriegslustig. »Die Republik von San Marco«, sagte er eines Tages zu dem erstaunten Badoer, »hätte jetzt eine schöne Gelegenheit, Navarra zum rechten Glauben zurückzuführen. Träte er über, Wir würden ihn mit offenen Armen empfangen.« Im nächsten Konsistorium tadelte er zwar das Verhalten der Signoria, die es so eilig gehabt hätte, den Gesandten eines Ketzers zu empfangen, aber in seinen Gesprächen mit Badoer trat seine alte Freundschaft für Venedig immer wieder hervor, und er kam mehrfach darauf zurück, daß die Republik auf Navarras Glaubenswechsel einwirken solle. Aber von solchen verschwiegenen Anvertrauungen bis zum Bruche mit Spanien war noch ein weiter Weg, und Badoer traute dem Papste ebensowenig wie Olivarez. Wie konnte Navarra auch jetzt, wo er der Hugenotten bedurfte, in den Schoß der Kirche zurückkehren? So schwebten die Dinge im ungewissen, als die venezianische Sondergesandtschaft in Rom eintraf, um sich bei Sixtus zu rechtfertigen und seinen Zorn zu beschwichtigen. Badoer war ein wenig gekränkt darüber, denn er fühlte sich Manns genug, die Belange seiner Republik zu vertreten, aber die drohenden Vorstellungen des Papstes hatten die Signoria erschreckt, und sie wollte sich in großer Form rechtfertigen. Zugleich sollten die Gesandten den Boden für den Wortführer der königstreuen französischen Katholiken ebnen, der bereits in Venedig eingetroffen war und demnächst nach Rom reisen wollte. Doch das alles waren nur äußere Anlässe und Nebenabsichten. In Wahrheit schwebte die Signoria noch immer in tödlicher Angst vor einem neuen Türkenkriege. Alle Nachrichten aus Konstantinopel bestätigten, daß der Großherr nur auf den Ausbruch des Krieges mit Frankreich wartete, um über Europa herzufallen. Hatte doch Navarra selbst ihn dazu ermutigt! Der tiefere Zweck dieser Sondergesandtschaft war also, den Heiligen Stuhl von dem Bündnis mit Spanien abzubringen. Das lag im Interesse Venedigs wie der ganzen Christenheit. Und dazu hatte die Signoria ihre erfahrensten Staatsmänner ausersehen. Der greise Lorenzo Donado war schon unter Gregor Botschafter in Rom gewesen und hatte den jetzigen Papst zu seiner Thronbesteigung beglückwünscht, kannte das Schlachtfeld also von alters her, und Lorenzo Priuli, Venedigs erster Botschafter unter dem neuen Pontifikat, hatte dem Papste besonders nahegestanden. Ein großer Schlag sollte in der Stille geführt werden. 25. Die venezianische Gesandtschaft An einem trüben Novembertage des Jahres 1589 betraten die venezianischen Sondergesandten mit Alberto Badoer die Sala regia und harrten voll banger Spannung der Audienz. Um sich die Zeit zu vertreiben, betrachteten sie die frostigen Fresken Vasaris und der Zuccari, welche die Großtaten der Kirche verherrlichten, von der Bezwingung der Salier und Staufer bis zu dem letzten Türkensieg und den Bildern der Bartholomäusnacht, die ihr Mißfallen erregten. Sie waren zwar alle gute Ghibellinen und freuten sich der Demütigungen jener alten germanischen Ungeheuer, die jetzt nur noch eine fromme Sage waren, aber für das Pariser Blutbad hatten sie nur ein Gefühl des Abscheus. Treue Söhne der Kirche, soweit diese nicht in ihre Hoheitsrechte eingriff, verurteilten sie doch jeden blutigen Fanatismus. Achselzuckend wandten sie sich von den Bildern ab. »Unser großer Paolo Veronese, der im letzten Jahre verblichen ist, hätte es besser gemacht«, sagte Donado voll Heimatstolz. Dann begannen sie langsam durch den schimmernden Saal zu schreiten, dessen kostbares Marmorgetäfel sich in den bunten Fliesen des Fußbodens spiegelte. Leiser Weihrauchduft, der Hausgeruch des Vatikans, drang aus der anstoßenden Peter- und Paulskapelle herein und wallte bis zu den hohen Tonnengewölben mit ihren anmutigen Stukkaturen empor. Während Donado in seinem schwarzseidenen Staatskleide mit der steifen weißen Halskrause und der goldenen Ordenskette auf der Brust, die Linke auf den Degenkorb gestützt, feierlich einherstolzierte, stritt Badoer sich lebhaft mit Priuli und machte seiner Galle Luft, indem er die Zickzackkurse der päpstlichen Politik bekrittelte. Immer wieder war die Republik den Wünschen des Papstes weit entgegengekommen, aber immer wieder hatte es Mißhelligkeiten zwischen Sankt Peter und Sankt Markus gegeben. Bald waren es kirchliche Streitigkeiten, bald der Türkenkrieg, zu dem Sixtus die Republik drängte. »Assur, der gewaltige Türke, die Rute Gottes, droht den Gläubigen«, sagte Badoer, den Papst nachäffend. »In Wahrheit verdrießt es ihn, daß der Sieg bei Lepanto nicht in sein Pontifikat gefallen ist. Er möchte noch einen größeren Sieg erfechten, und Venedig soll ihm die Kastanien aus dem Feuer holen.' »Venedig und alle Welt«, nickte Donado bedeutungsvoll. »Gewiß«, fuhr Badoer hitzig fort; »hat er doch auch mit dem Polenkönig verhandelt, ja selbst die arabischen Heiden, die Perser und Drusen, gegen den Halbmond aufgestachelt! Toskana und Spanien sollten ihm Schiffe stellen. Einen richtigen Kreuzzug wollte er unternehmen. Das eroberte Land aber wollte er zum Kirchenstaate schlagen.« »Ein verwünscht gescheiter Plan«, lächelte Donado. »Denn so gewänne er nicht nur neue Länder und Steuern, sondern auch neue Seelen, indem er die griechischen Christen zu Sankt Peter zurückführt. So wäscht bei ihm eine Hand die andere. Er will alles für sich haben.« »Das ist es«, nickte Badoer. »Aber es ist dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Wir schlagen uns nun schon seit Jahrhunderten mit dem Halbmonde herum, und doch ist er immer bedrohlicher geworden. Wie will da der Greis ihn in der kurzen Spanne seines Lebens bezwingen? Das alles sind müßige Träume des Ehrgeizes, Chimären der Mönchsphantasie, die er wahrscheinlich schon als Kardinal ausgeheckt hat, um sich in seiner erzwungenen Muße zu zerstreuen.« »Spottet doch nicht so«, fiel ihm Priuli ins Wort. »Wer hat wohl seit Julius Caesar so viel vollbracht wie dieser Mönch? Er hat Rom mit Wasser versorgt und Bauten aufgeführt, die ganzer Geschlechter bedurft hätten. Er hat die Pontinischen Sümpfe entwässert und den Buschwald, den Schlupfwinkel der Banditen, in fruchtbares Ackerland verwandelt.« »Sehr wohl«, nickte Badoer. »Doch begann dies Geschäft, wie Ihr wißt, schon sein Vorgänger Gregor im Süden von Rom. Er ist nur darüber gestorben. Und seit der Buschwald im Norden der Stadt gefallen ist, klagen die Ärzte, die Tramontana tobe mit ungehemmter Wut durch die Straßen, und das Fieber herrsche wie nie. So hat alles, was er tut, ein Janusantlitz. Er erdrückt das Volk mit Auflagen, um Millionen in der Engelsburg zu häufen. Borgt ein Kaufmann auf hohen Zins, um totes Metall aufzuspeichern? Aber Fra Felice ist nicht Kaufmann genug. Mit der Glut eines Eiferers macht man keine Geschäfte, am wenigsten Staatsgeschäfte. Die Signoria wenigstens verfährt nach den Regeln der Staatsklugheit, nicht nach denen der Inquisition.« »Ihr laßt fürwahr kein gutes Haar an ihm , entgegnete Priuli eifrig. »Ihr hättet nur hier sein sollen, als er den Thron bestieg, dann sprächet Ihr anders. Ich habe die letzten Zeiten Gregors noch in Rom erlebt: welch ein Treiben! Es war gang und gäbe, daß Männer ihre Weiber ermordeten, um eine andere Heirat zu machen. Verworfene Menschen kauften die Richterstellen, bezichtigten Unschuldige, erpreßten Geständnisse durch die Folter, sprachen Schuldige vom Kerker frei. Rache und Begier wüteten; Bluttaten, Schändungen, Erpressungen waren an der Tagesordnung. Sixtus befahl am Tage seiner Thronbesteigung, daß die Hügel mit Wasser versorgt würden, und drei Tage darauf ließ er vier Unbotmäßige aufknüpfen. Er ist im kleinen streng, aber im großen ein Segensbringer. Er straft jeden Ungehorsam drakonisch, aber er belohnt Treue und Tüchtigkeit. Bei Gregor war es umgekehrt. Der war im großen streng, aber die einzelne Tat sah er nach. Es lohnte sich nicht, seine Gunst zu gewinnen, und es schadete nichts, ihm zu trotzen. Sixtus aber gibt jedem, was ihm gebührt, und darum ist er ein großer Fürst.« »Schon gut«, sagte Donado, sich ins Mittel legend. »Ihr, Priuli, seht ihn noch immer in seiner ersten Glorie, nachdem Ihr die Mißwirtschaft seines Vorgängers erlebt hattet. Da schien alles trefflich und hoffnungsvoll, und der Gegensatz war mit Händen zu greifen. Ihr, Badoer, seht jetzt die Früchte seines Regiments, die enttäuschten Hoffnungen, die fehlgeschlagenen Pläne, denn jede Münze hat ihre Kehrseite. Er ist sicher ein großer Fürst. Das zu bestreiten wäre unsinnig. Aber er beginnt vieles, was über seine Kraft geht, und zu vieles auf einmal. Überhaupt bin ich den Zeloten abhold: da muß ich Badoer recht geben. Bei den blutigen Glaubenskriegen, die jetzt in Europa wüten, bläst er ständig ins Feuer. Schwillt diese Woge des Fanatismus noch höher, so kann es geschehen, daß Europa sich ein Menschenalter lang zerfleischt, indes Handel und Gewerbfleiß zugrunde gehen. Wir aber brauchen Gleichgewicht in Europa, auf daß Handel und Wandel gedeihen. Wahrlich, der unsere blüht erst wieder auf, seit die spanischen Galeeren wohlversenkt im Ärmelkanal liegen ... Wir dürfen daher nicht zulassen, daß Spanien sich wieder erholt und auf Frankreichs Kosten groß wird. Jedenfalls müssen wir den Papst von diesem Bündnis abbringen. Ist Frankreich erst wieder geeinigt, ob unter einem Katholiken oder unter einem Hugenotten, was liegt uns daran? dann mag Seine Heiligkeit meinethalben auf den Türkenkrieg zurückkommen, wenn er dann noch am Leben ist. Alles zu seiner Zeit! Und wer weiß«, setzte er leiser hinzu, »ob wir dann nicht seine verwünscht schlauen Absichten für uns nutzbar machen können. Er wollte ja auch Ägypten erobern, die sandverwehte Fahrrinne der alten Pharaonen wieder ausgraben lassen und sie bis zum Roten Meere durchstechen. Wenn wir das tun, wenn wir das Nilland besetzen und von türkischen Kriegsgefangenen einen Seeweg nach Ostindien durch die Sandwüste graben lassen, dann kann der Handel wieder nach Venedig zurückgelenkt werden. Die Spanier und Portugiesen, die Holländer und Engländer verdienen schon genug an der Neuen Welt: was brauchen sie uns noch den indischen Handel wegzuschnappen? Haben wir ihn erst wieder in Händen, so wird Venedig von neuem die Herren der Adria sein wie in der alten stolzen Zeit. Seine Augen glühten begehrlich, und er blickte sich um, ob auch kein Lauscher in der Nähe sei. In diesem Augenblick ward eine Pforte geöffnet; die Hellebarden der Schweizer glänzten auf, und der Majordomus stieß mit dem Zeremonienstabe dreimal auf die Marmorfliesen. Der Papst erschien und schritt auf seinen erhöhten Thronsitz zu, während die Gesandten ins Knie sanken. Als er Platz genommen hatte, winkte er seinem Gefolge, sich zu entfernen, und den Gesandten, sich zu erheben. »Mit denen zu zerfallen, die man liebt, das tut weh«, begann er, die Hand aufs Herz legend. »Aber Venedig hat Uns gekränkt. Navarra ist ein Ketzer und vom Heiligen Stuhle exkommuniziert. Dennoch hat Venedig ihn anerkannt. Fürchtet die Republik sich vor Navarra? Wir wollen sie mit allen Kräften verteidigen. Wir stehen nicht allein. Es gibt noch einen König von Spanien und einen Kaiser. Die Republik sollte unsere Freundschaft höher schätzen als die Navarras.« »Heiliger Vater, begann Donado mit demütigem Tonfall, »die Republik schätzt Eure Freundschaft über alles. Sie hat Proben genug davon abgelegt. Auch was sie jetzt tat, geschah nur zum Wohle des Heiligen Stuhles.« Sixtus blickte den Venezianer erstaunt an. Aber er fuhr unbeirrt fort: »Jawohl, denn immer bedrohlicher wird die hispanische Übermacht. Eure Heiligkeit selbst vermag nichts mehr zu tun, was den Spaniern nicht genehm ist. Italien ist ja schon halb in ihrer Macht; von Mailand und Neapel aus umklammern sie den Kirchenstaat und die anderen, noch freien Staaten. Beherrschen sie auch noch Frankreich, so hindert sie nichts mehr, Italien nach und nach zu verspeisen wie eine Artischocke. Schon jetzt strecken sie ihre Tintenfischarme nach uns aus. Der Gouverneur von Mailand, unser Nachbar, unterstützt alle Umtriebe gegen die Republik. In den Taschen der Verbannten und Verschwörer findet man spanische Dublonen. Gott gnade uns vor dem Schicksal Flanderns!« »Ihr malt den Teufel an die Wand,« entgegnete Sixtus, »aber Wir fürchten ihn nicht. König Philipp ist die festeste Stütze des Glaubens, und seine Siege sind die der Kirche. Ihr aber haltet es mit den Ketzern.« »Wir sind ebenso gute Katholiken wie die Spanier«, wandte Donado ein. »Vielleicht sogar bessere, denn wir wünschen dem Heiligen Stuhle die Freiheit. Wenn aber die Spanier erst die Alte Welt knechten, wie sie die Neue unterjocht haben, wird der Papst bald nur noch der Kaplan des Königs von Spanien sein.« »Übertreibt doch nicht immer so!« wehrte Sixtus ab. »Seht doch nur, Heiliger Vater,« fuhr Donado fort, »wie die Spanier sich hier in der Hauptstadt der Christenheit gebärden, stolz und verächtlich, mit spitzen Bärten und langen Degen, als wären sie bereits die Herren. Wahrlich, wir brauchen ein Gegengewicht gegen die spanische Hoffart.« Es schien des Redens kein Ende zu werden. Ein jeder beharrte auf seiner Meinung und wollte den andern bekehren. Donado wandte den Gegenstand hin und her wie einen schillernden Stoff, mit dem ein Kaufmann das Auge seines Kunden bestechen will. Sixtus aber geriet in Feuer und Flammen, drohte Venedig mit dem Kirchenbann, schlug dann wieder um und versuchte es von neuem mit Güte. Als beide Teile sich in Reden erschöpft hatten, baten die Gesandten um Urlaub. Der Papst machte Miene, ihnen seinen Segen zu verweigern. Doch es war, als kämpften zwei Seelen in seiner Brust. Einen Augenblick herrschte Stille wie vor einer großen Entscheidung. Schließlich aber sagte Sixtus: »Wir wollen mit der zuständigen Kongregation reden. Wir werden ihr sagen, daß Wir mit Euch gezürnt haben, aber Euch nicht ganz verurteilen mögen. Wir können Venedigs Benehmen zwar nicht billigen, doch wollen Wir auch die angedrohten Maßregeln nicht ausführen.« Damit gab er den Gesandten seinen Segen und umarmte Donado. Aufatmend verließen sie den Vatikan, und Donado sagte stolz: »Wir haben einen großen Sieg errungen.« Badoer dagegen ärgerte sich, daß er ihm diesen Trumpf weggeschnappt hatte. »Amen,« sagte er, »wenn dies alles nicht nur eine Finte ist, um uns in Sicherheit zu lullen. Der Papst steht auf zu gutem Fuße mit König Philipp, um uns nachzugeben. Ich weiß nicht, wie er sich vor dem spanischen Botschafter rechtfertigen will. Ist es aber keine Falle für uns, so begreife ich ihn erst recht nicht. Er erpreßt Millionen zum Kampfe gegen die Ketzer und vergibt ihren Freunden. Er wird altersschwach.« »Seid sicher,« entgegnete Donado, »mein Wort von der spanischen Weltherrschaft ist ihm in die Seele gefallen. Indem er noch hartnäckig nein sagte, war er im Innern schon halb umgestimmt. Die beiden Gewalten, die Europa entzweien, bekämpfen sich auch in seiner Brust, und er schwankt wie das Zünglein an der Wage. Warten wir ab, ob er nicht das Gleichgewicht findet, und machen wir ihm immer wieder die Gegenrechnung. Das aber sage ich: diese Stunde war ein Wendepunkt. Nicht im Donner der Schlachten, sondern in der Stille der Kabinette fallen die Würfel Europas.« 26. Der Umschwung In den ersten Januartagen des Jahres 1590 kam Monseigneur de Luxembourg als Abgesandter der katholischen Pairs von Frankreich nach Rom. Er kannte es schon von der Zeit her, da er Sixtus zu seiner Thronbesteigung beglückwünscht und der Aufrichtung der Nadel beigewohnt hatte. Eitel wie ein Franzose, fuhr er auch diesmal mit einem großen Troß von Karossen am Vatikan vor, gleich als wäre er noch ein beglaubigter Botschafter und nicht der Sendbote von Anhängern eines exkommunizierten Ketzers. Aber die Folgen dieses falschen Benehmens bekam er sofort zu spüren. Als das Portal sich auftat, sah er die Vorhalle von Schweizern erfüllt, als sei der Vatikan zum Kriegslager verwandelt. Seinem Gefolge aber nötigte man die Waffen ab wie Gefangenen. Nur ihm und drei Begleitern wollte man den Degen lassen und den Zutritt zum Papste gestatten. Einen Augenblick stutzte er und war im Begriff, wieder umzukehren. Aber man bedeutete ihm, daß im Vatikan niemand außer den Gesandten mit Waffen erscheinen dürfe. Da schlug seine Eitelkeit und sein Leichtsinn wieder durch. Sollte er sich als Memme zeigen? »Was kann uns geschehen?« sagte er lachend zu seinem Begleiter Monsieur de la Chapelle. Dennoch ward ihm beklommen zumute, als er durch die langen hallenden Gänge geführt ward, in denen überall Wachen standen. Und er mißtraute von neuem der italienischen Arglist, von der man sich in Frankreich Wunderdinge erzählte. Wenn der Papst ihn nun als Geisel behielt? An seine Freilassung konnte er die härtesten Bedingungen knüpfen. Wie groß aber war sein Erstaunen, als Sixtus ihn mit ausnehmender Freundlichkeit empfing. Er lud ihn zum Sitzen ein, während er selbst stehenblieb oder unruhig hin und her ging. Vielleicht hatte er Gründe, nach außen so spröde zu tun. So war Luxembourgs erster Schreck denn schnell verflogen, und er antwortete unbefangen auf die Fragen nach seiner Reise und nach seinem Quartier in Rom. Als ihm Sixtus jedoch den Vatikan zur Wohnung anbot, erschrak er von neuem: War das nur eine Höflichkeit oder vielleicht eine schonende Form, ihm seine Gefangenschaft anzukünden? Er lehnte es dankend ab, und der Papst bestand nicht weiter darauf. Jetzt gewann er seine ganze Ruhe wieder, und man kam stracks zur Sache. In großen Zügen entwarf der Herzog die Lage Frankreichs. Die Ketzerei erhob mächtig ihr Haupt, aber die Katholiken waren gespalten. Die Ligue hatte Philipp von Spanien zu ihrem Protektor erklärt, aber viele Rechtgläubige, besonders die Pairs, die den Herzog entsandt hatten, wollten nichts von einem fremden Fürsten wissen. »Somit«, schloß der Herzog, »ist Navarra der einzige mögliche König. Mit ihm wird man zu einem Einvernehmen kommen. Im Herzensgrunde ist er noch jetzt Katholik, und sobald seine Macht befestigt ist, wird er zur Kirche zurückkehren.« »Das sagt Ihr, Monseigneur«, entgegnete Sixtus. »Aber welche Gewähr bietet Ihr dafür?« »Parole d'honneur,« fuhr Luxembourg auf, »mein herzogliches Blut ...« Sixtus unterdrückte ein Lächeln. Mit dieser französischen Furie war schlecht umzugehen. Sie geriet immer gleich in Harnisch, wenn die Ehre ins Spiel kam. Aber dies war kein Handel mit Ehrenworten und Degenstichen, sondern eine sehr ernste Sache. »Wir zweifeln nicht an Ihrer Ehre noch an Ihrem herzoglichen Blute, Monseigneur,« entgegnete er ruhig, »aber Ihr könntet Euch irren und Eure Wünsche für Wirklichkeit nehmen.« »Nun denn,« versetzte der Herzog, »wer vermöchte besser als Eure Heiligkeit das Gewicht meiner Gründe zu erhöhen? Rettet die Seele des Königs und so vieler Franzosen, ja rettet ganz Frankreich. Eben das ist der Zweck meiner Sendung. »Und wenn König Philipp«, fragte der Papst, »mit seiner ganzen Heeresmacht in Frankreich einfiele, was glaubt Ihr dann? Würde er Eure hadernden Parteien nicht vor sich hertreiben wie Spreu vor dem Winde? Der Ligue ist er schon sicher, und die andern wird er bezwingen oder zu sich herüberziehen. Wer teilt, herrscht.« »Das eben ist es«, rief Luxembourg aus. »Er will Frankreich zerstückeln. Es ist mir lieb, das aus dem eignen Munde Eurer Heiligkeit zu hören. Aber uns kann gar nichts Besseres geschehen. Alle Franzosen werden dann zu den Waffen greifen, auch die feigsten und saumseligsten werden Farbe bekennen. Nicht mehr Hugenott oder Katholik wird die Losung sein, sondern Franzose oder Spanier. Wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm wird ganz Frankreich über den Räuber herfallen, der sich an ihm vergreift. Erstaunt hörte Sixtus diesem leidenschaftlichen Ausbruche zu, während er seinen Franziskanerbart durch die hohle Hand gleiten ließ. Die Sache bekam für ihn ein ganz neues Ansehen. »Inter duos litigantes tertius haeres gaudet: Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte als Erbe«, murmelte er vor sich hin. Hier bot sich eine unverhoffte Gelegenheit, den Schiedsrichter zu spielen und Spanien matt zu setzen. »Der Papst«, fuhr er laut fort, »ist der Schiedsrichter der Könige, denn die weltliche Gewalt ist der geistlichen untertan wie der Leib der Seele. Das hat schon der heilige Thomas gelehrt. Wir haben diesen Spruch nicht vergessen. Wir werden daher Eure Vorstellungen reiflich erwägen und Euch Unseren Bescheid geben, denn Ihr bleibt ja noch in Rom. Nur wundert Euch nicht, wenn Wir Euch das nächste Mal nicht anders empfangen als diesmal. Laßt deshalb künftig Euren großen Troß fort, der nur unnützes Aufsehen erregt. Wir haben allerhand Rücksichten zu nehmen, wie Ihr Euch denken könnt ...« »Mein Auftreten war vielleicht falsch«, sagte der Herzog beschämt. »Aber ich hoffte, im ersten Anlauf zu siegen ...« »O ihr Franzosen!« lächelte Sixtus. »In Rom geht man durch die Hintertür ein, und als Sieger verläßt man die Vordertür. Ihr aber zäumt das Pferd am Schwanze auf.« »Eure Heiligkeit hat mir einen Denkzettel gegeben«, lachte der Herzog, mit seinem Handschuh spielend. »Ich glaubte schon, ich sollte verhaftet werden.« »Verhaftet?« wiederholte Sixtus erstaunt. »Nun ja, der ganze Palast starrte von Waffen; meinen Leuten aber nahm man sie ab.« »Jetzt werdet Ihr Euch das zu deuten wissen, entgegnete der Papst, »denn wir fangen ja an, uns zu verstehen.« Und er reichte ihm die Rechte. Der Herzog tat einen artigen Fußfall und küßte galant den Fischerring, nicht anders, als ob er einer Schönen seine Liebe schwöre. Dann sagte er: »Ich werde nicht verfehlen, mich Donna Camilla und ihrer erlauchten Sippe zu Füßen zu legen. Der hier« -- und er wies auf Monsieur de la Chapelle -- »hat sogar die Ehre, mit Eurer Heiligkeit Großnichte verwandt zu sein, denn er ist mit den Orsinis versippt, und der Herzog Virginio hat ihn aufgefordert, in seinem Palaste zu wohnen. Bei so hoher Verwandtschaft wird es ihm und uns allen in Rom wohlergehen.« »Donna Camilla und ihre Sippe werden Eure Aufmerksamkeiten hoch aufnehmen, Herr Herzog«, sagte Sixtus geschmeichelt. »Aber bitte Vorsicht in Worten und Taten.« Damit entließ er den französischen Gesandten. »Welche Windbeutel!« sagte er zu seinem Großneffen Montalto, als er ihm dies Gespräch anvertraute. »Immer wie bei einem Liebesabenteuer oder auf dem Fechtplatz. Immer gleich Feuer und Flamme. Und doch sind sie unwiderstehlich.« Der spanische Botschafter hatte kaum von dem seltsamen Empfang der Franzosen vernommen, als er in den Vatikan eilte. Wollte Papst Sixtus der spanischen Sache untreu werden? Hier war Gefahr im Verzuge. Er mußte den Kappzaum fester anziehen. Aber Sixtus ließ ihn lange im Vorzimmer warten, bevor er ihn vorließ. Er machte sich mit gutem Grunde auf Stürme gefaßt und wollte ihre erste Wucht abdämpfen. Endlich ließ er den Spanier eintreten. Er konnte den Besuch des Franzosen nicht ableugnen, gab ihm aber eine harmlose Deutung. »Haben Wir ihn etwa feierlich empfangen?« fragte er. »Er kam als Katholik zum Oberhirten der Kirche, um Uns in seiner Gewissensnot um Rat anzugehen. Durften Wir ihm Unser Ohr verschließen?« »Gewiß nicht«, entgegnete Olivarez kalt. »Aber gewiß auch kam er nicht nur als Beichtkind zu seinem Beichtvater. Das hätte er in Frankreich bequemer gehabt. Er brauchte sich ja nur an den Stellvertreter Eurer Heiligkeit, den Kardinal Gaetani, zu wenden. Seine Reise hat einen politischen Anstrich, sonst wäre er nicht wie ein Gesandter mit großem Pomp vorgefahren. Somit berührt sein Schritt die Interessen meines erhabenen Königs. Ich muß ihm daher unverzüglich berichten.« Jeder dieser Sätze saß wie der nervige Streich einer Toledaner Klinge. »Wir hindern Euch nicht daran, Herr Graf«, entgegnete Sixtus scharf. »Aber vergeßt auch nicht zu berichten, daß Wir ihn nicht wie einen Botschafter empfangen, sondern sein ganzes Gefolge zurückgewiesen haben.« »Das sind Äußerlichkeiten, Heiliger Vater«, entgegnete Olivarez dreist. »Es kommt nicht auf die Art des Empfanges an, sondern auf das, was dabei gesprochen worden ist. Was darf ich meinem König darüber berichten?« Der Papst warf ihm einen zornsprühenden Blick zu. »Wollt Ihr Uns das Handwerk lehren?« fuhr er den Spanier an. »Wir wünschen nicht, daß man sich berufen fühlt, Uns zu schulmeistern. Wir verstehen es besser als Ihr und seit länger. Schreibt das Eurem König, wenn das andere Euch nicht genügt.« »Nun denn, versetzte der Spanier mit verhaltenem Ingrimm, »wenn Eure Heiligkeit nichts weiter sagen will, wird mann das richtig zu deuten wissen. Es bleibt mir daher nichts anderes, als Eure Heiligkeit in aller Form zu bitten, daß Sie den Herzog von Luxembourg nach Frankreich zurücksendet. »Wer gibt Euch den Auftrag dazu?« donnerte der Papst ihn an. »Zeigt Uns den Befehl Eures Königs.« Olivarez blieb stumm. »Wohlan, so habt Ihr aus eigener Machtvollkommenheit gehandelt, Euer Benehmen ist unverantwortlich. Ihr seid ein Stein des Anstoßes, und Wir werden Euren König bitten, Uns einen anderen zu schicken.« Olivarez war aufs Tiefste verletzt. »Ich habe Vollmacht von meinem erhabenen König,« sagte er stolz, »so zu handeln, wie es den Umständen entspricht. Der Weg nach Madrid ist weit; ich kann nicht wegen jeder Kleinigkeit einen Kurier hinschicken und auf Antwort warten.« »Eine Kleinigkeit nennt Ihr das!« schrie der Papst und schlug wütend in die Hände. »Ihr wollt Uns vorschreiben, wen Wir empfangen dürfen und wen nicht!« Die Anmaßung des Spaniers reizte seinen Eigensinn; sie war eine handgreifliche Bestätigung dessen, was Donado ihm prophezeit hatte. »Wir werden Luxembourg nicht zurücksenden«, fuhr er etwas ruhiger fort. »Wir sind sehr zufrieden, ihn hier zu haben, denn er ist eine wertvolle Geisel. Wir werden ihn zwar nicht als solche behandeln, sondern ihm alle Huld erweisen, aber er ist Uns eine Bürgschaft für das Wohlverhalten derer, die ihn entsandt haben. Solange er hier ist, können sie Uns nicht an der Nase herumführen. Gott selbst hat Uns diesen Weg eröffnet, und Wir werden nicht so mutwillig sein, ihn Uns zu verschließen.« Olivarez wollte etwas einwenden, aber der Papst schnitt ihm das Wort ab. »Lehrt Ihr Uns nicht, schrie er ihn an, »wie Wir Uns in Sachen der Ketzerei zu verhalten haben. Wir wissen es besser. Vom Verhandeln bis zum Paktieren ist ein weiter Weg. Wir werden nicht allein Luxembourg Gehör geben, sondern auch Navarra, auch dem Türken, dem Perser und allen Ketzern der Welt, ja selbst dem Teufel, wenn er sich hier einstellte!« »So habe ich nichts mehr zu sagen«, entgegnete Olivarez und verließ zornbebend den Saal. Er war zwar an die Heftigkeit des Papstes gewöhnt, aber heute erschien sie ihm mehr als verdächtig, -- eine bloße Finte, um ihn loszuwerden. Und er schrieb einen wutschnaubenden Brief nach Madrid. Als der Kardinal Montalto eintrat, fand er seinen Großoheim in höchster Erregung. »Wer einen Gefährten hat, hat einen Herrn«, seufzte Sixtus. Und plötzlich brach er in Schluchzen aus und rief händeringend: »Was tun! Was tun! Gott, zeige mir einen Weg!« Er fühlte es: mehr denn je lag das Schicksal der Welt in seiner Greisenhand. 27. Die verkappten Lutheraner Durch die Porta del Popolo ritten zwei vornehme Fremde in Rom ein, gefolgt von vier bewaffneten Dienern, deren Pferde große Packtaschen trugen. Kaum hatten sie das Torgebäude erreicht, so fielen Mautbeamte über sie her und wollten ihr Gepäck untersuchen. Der eine Reiter, ein baumlanger Mann mit rotblondem Haar und feuerroten Wangen, sträubte sich dagegen und griff nach der Börse, um den Plagegeistern ein Lösegeld zu geben, aber sie schüttelten beharrlich den Kopf. »Das gibt es nicht mehr«, sagte der älteste Zöllner. »Papst Sixtus hält auf gute Polizei. Ihr müßt es schon dulden.« Der Hüne erhob die Reitgerte, als wolle er auf den Beamten einschlagen, aber sein Begleiter, ein mittelgroßer, braunhaariger Mann, fiel ihm in den Arm. »Um Gottes willen,« sprach er auf Deutsch, »fangt doch hier nicht gleich so an. Wollt Ihr den Papst sprechen oder mit seinen Kerkern Bekanntschaft machen?« »Damned country«, knurrte der andere. Schließlich ließ er sich bereden, und alle sechs saßen ab. Die beiden Herren warfen ihre Zügel den Dienern zu, und während diese die Packtaschen öffneten, ließen sie selbst ihre Blicke umherschweifen, als ginge die Zolluntersuchung sie nichts an. Links an das Tor schloß sich eine Kirche in edlen, schlichten Formen, an die ein weitläufiges Kloster stieß. Mitten auf dem weiten Platze ragte der Obelisk, der kürzlich dort aufgerichtet war, und nicht weit davon sah man ein mächtiges steinernes Waschbecken, an dem Scharen von Weibern wuschen oder auf Brettern kniend, ihr Leinen mit flachen Holzstücken walkten. Rudel von Maultieren, von barfüßigen Treibern mit Stecken angespornt und mit schweren Traglasten bepackt, Reiter und Fußgänger zogen, Staub aufwölkend, vorüber und strebten den drei schnurgeraden Straßen zu, die von dem Platze ausstrahlten. Links erhob sich in steilem Absatz ein wüstes Hügelland, dessen Zypressen und immergrüne Eichen des Winters spotteten, und rechts hinter dem Häusermeer wölbte sich fernab die riesige Kuppel des Petersdomes in den heiteren, lichtblauen Himmel empor, noch von Gerüsten umspannt wie von Spinneweben, aber schon endgültig in der reinen Harmonie ihrer Linien. Meilenweit hatten die Fremdlinge dies Wahrzeichen Roms erblickt, und je höher es emporwuchs, desto größer war die Bewunderung des Deutschen geworden. Ein paar zerlumpte Bettler drängten sich an die Ankömmlinge heran und baten weinerlich um ein Almosen. Hinterdrein kam noch einer auf Krücken gehinkt und führte die Finger zum Munde, als bäte er um Brot. Der Engländer blickte an ihnen vorbei, als wären sie Luft, aber der Deutsche griff in seine Tasche und warf ihnen ein paar Kupfermünzen hin. Während sie sich noch darum balgten, erschien aus dem Torhaus ein Sbirre und jagte sie barsch fort: »Wißt ihr nicht, daß Betteln verboten ist!« herrschte er sie an. »Marsch, ins Hospiz!« Da nahmen sie schleunig Reißaus. Selbst der Lahme schien plötzlich laufen zu können. Ein paar Müßiggänger waren herbeigeschlichen und glotzten die fremden Vögel an. Besonders der Lange mit seinen jähen Gebärden und seinen seltsamen Lauten erregte ihre Neugier und ihren Spott. Zum Glück verstanden sie nicht, was er sagte, sonst hätte es wieder Auftritte gegeben. Einer von ihnen trat an den Deutschen heran, zog seinen schmierigen Hut und erbot sich, die Herren in einen Gasthof zu führen. »Ein prächtiger Gasthof mit gutem Wein und frischen Mädchen«, sagte er. »Danke«, entgegnete der Deutsche ruhig. »Wir wohnen im Orso. Bemüht Euch nicht.« Da zog der Mann betrübt ab. »Seht Ihr, Mylord«, fuhr der Deutsche fort, »so muß man hier mit den Leuten verfahren. Ihr müßt Euch endlich den Landessitten bequemen, sonst werdet Ihr schlechte Geschäfte machen. Denn ich kann hier nicht immer bei Euch sein wie auf der Reise.« In der Tat waren beide seit Ancona zusammen geritten und in den gleichen Gasthöfen eingekehrt. Beide waren verkappte Lutheraner und von ihren Höfen als geheime Agenten nach Rom gesandt. Der Deutsche kam aus Wittenberg vom Kurfürsten von Sachsen, und auch der Brite kannte diese Hochburg der Ketzerei, denn er hatte auf der hohen Schule zu Wittenberg studiert, und so verstand er noch halbwegs die neue Sprache, die Luther durch seine Bibelverdeutschung geschaffen und zum Gemeingut gemacht hatte. So hatten denn beide sich bald angefreundet und sich schließlich Anvertrauungen gemacht. Der englische Hüne war dem Sachsen sehr lieb auf den Landstraßen gewesen, denn er hätte mit jedem Räuber kurzen Prozeß gemacht, und er selbst hatte ihm in den Städten oft ausgeholfen, denn er sprach leidlich Italienisch, das jener nur radebrechte. Allerdings hatten die Wutanfälle des Briten in den Quartieren ihm manchen Ärger bereitet; er hatte sich oft ins Mittel legen müssen, um Raufereien zu verhüten oder gar Dolchstiche abzuwenden. Und jetzt mußte er schon wieder dazwischentreten. Die Zöllner hatten nämlich ein Buch in fremder Sprache entdeckt und wollten es beschlagnahmen. Fluchend ging der Lord auf sie zu und schrie mit erhobener Gerte: »Das ist ein Fremdenführer! Gebt es sofort wieder heraus oder ...« Doch die Römer verstanden sein Kauderwelsch nicht. »Eure Exzellenz beruhige sich«, sagte der Älteste. »Ich habe Befehl, alle Bücher zu beschlagnahmen und sie dem Heiligen Offizium einzureichen. Es wird Ihnen die erlaubten Bücher zurückgeben. Belieben Sie nur, Ihre Namen und Ihr Gasthaus hier einzuschreiben.« Der Sachse kam hinterdrein, um neue Tätlichkeiten zu verhüten. Er zog ein Schriftstück aus seiner Brusttasche und sagte: »Wir haben Empfehlungen an die Kardinäle Santi Quattro und Santa Severina. Vielleicht genügt das.« Der Beamte warf einen Blick hinein, verbeugte sich und sprach: »Schade, daß Eure Exzellenz das nicht gleich gesagt hat. Ihr Gepäck ist frei.« Und er winkte den Zöllnern, die Untersuchung einzustellen. Als die Reisenden wieder aufsaßen, fragte er sie noch, wo sie absteigen wollten. »Im Orso«, wiederholte der Deutsche. »Wohl, das ist der erste Gasthof in Rom. Reiten Sie nur hier rechts die Ripetta hinauf bis zum Tiber und dann immer am Flusse entlang bis zur Engelsbrücke. Da wird Ihnen jedes Kind Bescheid geben.« Sofort erbot sich ein Eckensteher mitzulaufen. Er ließ sich auch nicht abschrecken, als die Reiter im Trab über den Platz ritten, sondern lief keuchend hinterdrein, aber wohlweislich auf der Seite des Deutschen und nicht neben der Gerte des bösen Engländers. Gartenmauern und ärmliche Häuser ohne Fensterscheiben säumten die Straße, in die sie einbogen. Dann folgten hohe Paläste, bis ans Dach mit bunten Fresken bemalt, und plötzlich umfing sie das bunte, geräuschvolle Treiben des Ripettahafens. Der Brite blickte verächtlich darüber hinweg. »Dies müßte Euch doch an London gemahnen, Mylord«, versetzte der Deutsche. »Goddam,« entgegnete der andere, »wenn es nur auf den Lärm ankäme, ja. Denn sie machen einen Spektakel, als wäre hier wunder viel los. Und doch sind es nur armselige Schleppkähne und Ruderboote, keine hochbordigen Kauffahrer und kühnen Segler, die das Weltmeer durchfurchen.« Und er ritt achtlos durch das Volksgewimmel, das vor den Hufen seines Pferdes kreischend auseinanderstob. Der Deutsche war froh, als sie in stillere Gassen kamen, die am Tiber entlangführten. Hin und wieder hob sich aus dem Häusergewirr ein Palast mit strengen Säulengeschossen oder ein mittelalterlicher Adelsturm, der sich der neuen Zeit widersetzte. Der Cicerone, der nebenherlief, deutete über den Fluß weg auf einen riesenhaften Rundbau, der mit kleineren Bauten bekrönt war: die Engelsburg. Und dahinter ragte immer gewaltiger die Kuppel des Petersdomes mit dem Wald ihrer Gerüste. »Ein tolles Land«, brummte der Engländer. »Ganze Stadtviertel liegen verödet, und in anderen baut man auf Teufelholen. So ist alles hier; in der Gosse da steht noch Eis, und in der Sonne schwitzt man.« Mit unnennbaren Empfindungen sog der Deutsche diese ersten Eindrücke ein. Mehr zu sich selbst als zu seinem mürrischen Gefährten sagte er: »Nun wird der Traum meiner Sehnsucht endlich Wirklichkeit. Als Knabe las ich auf der Burg meiner Väter die alten Autoren. Mein Präzeptor war ein trefflicher Humanist. Ich kannte den Tiber und das Kapitol, noch ehe meine Augen sie sahen. Ich habe das Leben des Cäsar, Augustus und Scipio besser im Kopfe als das meines Vaters. Sie sind gestorben und er auch. Aber er hat sich von mir und dem Leben in achtzehn Jahren weiter entfernt als sie, die schon fast zwei Jahrtausende tot sind. Und nun soll ich alle die Orte sehen, die mit ihrem Leben verknüpft sind, und wohin ich den Fuß setze, werde ich Spuren einer großen Vergangenheit finden.« »Ihr seid ein guter Kenner der alten Schriften und in Schattenbilder verliebt«, sagte der Brite geringschätzig. »Keineswegs«, wandte sein Gefährte ein. »Rom ist auch heute der Nabel der Welt. Weshalb kommen wir beide denn her? Um dort, neben jener unvergleichlichen Kirche, die Sache unseres Landes zu verfechten. Alle Völker streben dorthin, wie Gestirne, welche die Sonne umkreisen.« »Gott sei's geklagt, ja«, murrte der andere. »Aber dadurch wird Rom mir nicht lieber. Ich sehe hier nichts, als was ich bisher in Italien sah. Prunk und Elend stoßen aufeinander, und das pomphafteste Heidentum dient zur Stütze der Frömmelei.« »Ja, Italien ist reich an Gegensätzen«, nickte der Deutsche. »Und just darum ist es schön. Ein jeder kommt hier auf seine Rechnung. Man kann sich in das Altertum versenken oder die neuen Herrlichkeiten bestaunen, sich der Andacht hingeben oder das Treiben des Volkes anschauen. Welche Fülle überall und welche Mannigfaltigkeit!« »Goddam!« fluchte der Lord, »ich kenne nur ein Land, das schön ist, mein England. Aber selbst Euer Deutschland ist mir lieber als dies verfluchte Italien. Als ich im verwichenen Herbste durch Schwaben reiste, kam ich durch freundliche, saubere Städte und Dörfer mit buntbemalten Giebelhäusern und blinkenden Fensterreihen, hinter denen weiße Gardinen hingen. Vor den Türschwellen spielten blonde, saubere Kinder mit apfelroten Wangen und blauen Augen. Dann wieder kam ich durch rauschende Wälder und an sanftströmenden Flüssen entlang. In der Schweiz mußte ich eine Weile stilliegen, denn die Straßen waren voller Neuschnee und dräuender Lawinen. Endlich wagte ich mich über die schaurigen Alpenpässe mit ihren unwirtlichen Eiswüsten und ihrem weißen Tod. Aber kaum war ich hinüber, so empfing mich eine andere Welt. Schwarzhaarige, gelbhäutige Menschen mit Räubergesichtern und schmutzige, zerlumpte Kinder, grauer Staub und greller Sonnenschein, kahle Berge und fieberschwangere Sumpfniederungen. In den Städten Kirche an Kirche mit ewigem Bimbam, prunkhafte, verwahrloste Paläste und finstere Steinhäuser, schmutzige Herbergen mit harten Betten ohne Wäsche, aber voll Ungeziefer, und nichts zu essen. Keine Tür schloß, und die Fensterscheiben waren zerbrochen. Auf den Straßen faulenzende Mönche, Krüppel und aufdringliches Bettlerpack, freche Buhldirnen, die mir bis ins Gasthaus nachliefen und mich belästigten. Was soll an diesem Lande schön sein?« »Es ist das Land der Kunst und der Sonne!« sagte der Deutsche weihevoll. »Als ich Deutschland verließ, waren die Straßen ein schneebedeckter Schlamm unter bleifarbenem Himmel. Hier aber umfing mich ewiges Grün und lachende Sonne. Auf den Wiesen blühten die Blumen wie im Mai. Nur die fernen, verschneiten Berggipfel gemahnten noch an den nordischen Winter. Ich liebe diese linde, heitere, klare Luft, diesen Wohllaut der Sprache, die Musik überall, die zum täglichen Leben gehört wie der Wein. Das alles gießt mir neues Leben durch die Adern, setzt mich in einen leisen immerwährenden Rausch. Glückliches Italien!« Auf der stolzen Römerbrücke, die den Fluß überspannte, drängten sich Wagen, Reiter, Sänften und Fußgänger in zwiefacher Richtung. Alles, was zum Vatikan und zum Petersdom wollte oder von dort zurückkehrte, zog an den Fremden vorüber. Dicht an dieser Schlagader lag ihr Gasthof, ein altertümlicher Ziegelbau. Bald sollten auch sie sich in den großen Strom mischen. 28. Der römische Karneval Von Monsieur de la Chapelle begleitet, verließ der Herzog von Luxembourg die pomphafte Kirche Gesù, das vielbewunderte Vorbild so vieler neuer Kirchen, in der jetzt der weltmüde Kardinal Farnese an der Seite des heiligen Ignatius ruhte. Der Hochaltar über dem Grabmal strahlte von tausend Kerzen, deren rosiger Schein sich in dem Gold und dem bunten Marmor der Säulen und Wände spiegelte, und schmachtender Gesang schwebte zu den farbenreichen Gemälden der hohen Wölbung empor. Alles, was irdische Kunst vermochte, war in dieser Kirche vereint, um die Seelen dem Himmel zu gewinnen. Draußen aber lärmten die Karnevalsmasken mit Klappern und Pfeifen, denn Papst Sixtus hatte das Maskenverbot seines Vorgängers aufgehoben. Mandolinen klangen durch die blaue, durchsichtige Dämmerung, und Fackeln wurden geschwenkt wie bei einem heidnischen Feste. So wohnten Geistliches und Weltliches hier dicht beieinander und vermischten sich seltsam. Der Abgesandte der katholischen Pairs wagte sich mit seinem Begleiter in das Treiben hinein, ohne Diener und Fackel, nur der Kraft der Ellbogen vertrauend. »Fürwahr,« sagte er, »sie feiern das Fest des Saturn in der Hauptstadt der Christenheit.« »Und übermorgen«, lachte Monsieur de la Chapelle, »werden sie fasten und beten und in Sack und Asche gehen. Aber möchten Euer Gnaden nicht zum Corso einlenken? Da können wir noch mehr erleben.« Die schmale Palaststraße hinauf und hinab wirbelte eine ausgelassene Menge in den tollsten Vermummungen, aber die Fenster waren bereits geschlossen, denn das Aveläuten hatte dem Werfen mit Blumen und Naschwerk ein Ziel gesetzt, und die letzten, mit Masken beladenen Wagen rollten davon. Nur ein paar Narren schütteten ihr Mehl noch auf die Kleider der Fußgänger oder teilten müden Armes noch ein paar Peitschenschläge aus. Die beiden Franzosen ließen sich weidlich bestäuben und lachten zu dem tollen Spiel. »Seht doch nur«, sagte der Herzog, und wies auf einen bunten Schwarm, der zwei Männer umkreiste, die sich nur mit großer Not ihrer Peiniger erwehrten. »Die Schalksnarren!« lachte er. »Wie ein Hornissenschwarm um ein Gespann.« »Sie hänseln wohl wieder ein paar Juden im Schutze der Maskenfreiheit«, sagte de la Chapelle geringschätzig. »Nein,« entgegnete Luxembourg, »der eine ist ein blondhaariger Riese. Er schlägt immerzu um sich wie ein Scheunendrescher und schilt in unverständlichen Lauten.« »Wollen wir ihn erlösen?« schlug Monsieur de la Chapelle vor. Er fühlte sich heute in seinem Element, denn er sprach Italienisch und kannte die Landessitten. »Meinethalben«, nickte der Herzog. »Ihr versteht Euch ja auf solche Streiche. Aber gebt acht, daß Ihr diese Plagegeister nicht auf uns zieht.« »Keine Sorge, Euer Gnaden!« sagte der junge Edelmann keck. Dann klatschte er laut in die Hände und krähte wie ein Hahn. Alles drehte sich um und ließ von den beiden Gefoppten ab. Nur ein paar Verbissene suchten dem Hünen noch ein Bein zu stellen, um ihn zu Falle zu bringen. Da lachte de la Chapelle laut auf, oder besser, er wieherte. »Haha!« rief er aus. »Welch ein Schauspiel! Ihr wollt einen Bären das Tanzen lehren, aber Ihr fangt es falsch an.« Das närrische Gelächter des Fremdlings und sein komischer Akzent erregten Aufsehen, und alles blickte ihn an. Da kam er tänzelnd näher und sang näselnd ein Liedchen, das er neulich von ein paar Ciocciaren aufgeschnappt hatte: »Viel schöner als der Papst ist mein Geliebter Und ist viel röter als ein Kardinal Und ist viel weißer noch als eine Rübe Und ist viel größer als ein Leuchtenpfahl«. Ein tolles Gelächter belohnte seinen Singsang, und die letzten Quälgeister ließen von dem Engländer ab, der wie ein Mohnkopf glühte und unverständliche Schmähungen ausstieß. Sein Begleiter aber war in der Menge verschwunden. »Seht, wie zahm der Bär ist, wenn man ihn richtig behandelt«, lachte der Franzose und nahm den Geplagten beim Arm. »Es lebe der Bärenführer!« schrie die Menge und umringte die Herren mit einem johlenden Reigentanz. Da quarrte eine Stimme: »Achtung! Die Sbirren!« Und: »Sixtus kommt!« fiel eine andre ein. Das war der Ruf, mit dem die Mütter ihre unartigen Kinder zu schrecken pflegten. Im Nu stob der Haufe auseinander. Schwere Schritte dröhnten über das Pflaster, und der Führer des Polizeitrupps rief barsch: »Genug der Possen! Die Nachtstunde hat geschlagen!« Aber kaum waren die Sbirren weitermarschiert, so rottete das Volk sich wieder zusammen und umkreiste von neuem den Engländer, der sich wütend das Mehl von seinem Rock klopfte und noch immer auf den schamlosen Pöbel schalt. »Ruhig!« gebot der Franzose, obwohl er um Haupteslänge kleiner war. »Die Vorstellung ist beendet. Der Bär muß wieder in seinen Stall.« Und er zog den scheltenden Mann rasch in eine Seitengasse. »Ihr seid da an schlimme Kumpane geraten«, sagte er lachend. »Aber versteht Ihr auch, was ich sage?« Es fand sich, daß der Engländer etwas Französisch verstand. Freilich sprach er es selbst so, als ob er einen Kloß im Halse hätte, und der Franzose mußte von neuem lachen. »Kamt Ihr deshalb nach Rom, um die Leute mit Fußtritten zu traktieren?« fragte er kurzweilig. »Oder welches Geschäft treibt Euch her? Wollt Ihr Euer Geld im Spiel oder in der Liebe vertun, oder hegt Ihr wohl gar fromme Absichten?« »Nicht dies noch jenes«, entgegnete der Engländer ernst. »Ich komme in Staatsgeschäften.« »Bei Gott, wenn Ihr die so betreibt ...«, platzte de la Chapelle heraus. Aber im nächsten Augenblick schoß ihm ein Gedanke durch den Kopf, und er drehte sich blitzschnell um. »Ein Staatsmann«, warf er dem Herzog zu, der hinter ihm herkam. Dann sagte er sehr höflich zu seinem Begleiter: »So können wir uns die Hand reichen, denn auch wir reisen in Staatsgeschäften.« Der Herzog hatte bei dem Stichworte aufgehorcht. Jetzt lüftete er sein Inkognito halb und suchte den Engländer auszuforschen. Er sprach von Navarra, rühmte seine Tapferkeit und Großmut und vergaß auch seine Galanterien nicht. Schließlich ließ er durchblicken, daß der Papst ihm gewogener sei, als man glaube. »Oh, er hat ihn doch exkommuniziert« , wandte der Brite ein. »Das gereut ihn jetzt selbst«, flüsterte Luxembourg vertraulich. »Aber das in tiefstem Geheimnis! Euer Wort darauf.« Der Engländer reichte ihm seine Pranke. Luxembourg schrie fast auf, als er den Druck dieses Schraubstockes fühlte. »Auch meine Königin ist groß«, sagte der Lord. »Selbst der Papst bewundert sie ob ihrer Tatkraft und Entschlossenheit. Wäre sie nicht Protestantin und er nicht Papst, er würde sie heiraten.« Luxembourg schüttelte sich vor Lachen. »Hat ... er Euch ... das etwa selber gesagt?« ... stieß er hervor. Aber der Brite gab keine Antwort. »Eure Königin will sich wohl bekehren?« forschte er weiter. »Das nicht, aber ... das sind Staatsgeheimnisse.« Der Herzog unterdrückte einen neuen Lachanfall; wußte er doch schon genug. Offenbar hatte Elisabeth einen Fühler nach Rom ausgestreckt, sogut wie Heinrich IV.! »Doch es ist nicht geheuer in dieser Gasse«, sagte er. »Hier schleicht lichtscheues Gesindel umher, das uns mit verdächtigen Blicken mustert. Wir wollen eine belebtere Straße aufsuchen, wenn auch nicht gerade den Corso«, setzte er mit leichtem Spotte hinzu. »Oh, ich fürchte mich nicht«, entgegnete der Engländer. »Übrigens erblicke ich dort das Pantheon, und nun kenne ich den Heimweg.« Die Herren verabschiedeten sich mit feierlichem Anstande, und der Brite drückte Monsieur de la Chapelle die Hand, daß er quietschte, zum Danke dafür, daß er ihn aus den Klauen des Pöbels befreit hatte. »Ich wohne im Orso«, setzte er hinzu. »Man nennt mich dort nur den Inglese; das genügt. Es würde mich freuen, Euch wiederzusehen und Euch einen Gegendienst zu leisten.« »Wir wollen uns das gesagt sein lassen«, nickte der Herzog, als sie sich verabschiedet hatten. »Ja, was man in Rom alles erleben kann!« setzte er lachend hinzu. »Sonst erfährt man Geheimnisse wohl von einer Mätresse im Alkoven, oder man kauft sie einem Geheimschreiber, einem Kammerdiener ab. Hier jedoch findet man sie gratis auf der Straße! Aber ist es nicht seltsam«, fuhr er wie im Selbstgespräche fort: »Während der Legat Gaetani in Paris die Geschäfte Spaniens besorgt und die Einwohner zum Widerstande gegen ihren rechtmäßigen König anfeuert, empfängt hier der Papst den Abgesandten Elisabeths, der Bundesgenossin des Königs, vermutlich einen Protestanten. Die Welt steht auf dem Kopfe.« »Vielleicht kommt sie gerade dadurch wieder auf die Beine«, versetzte Monsieur de la Chapelle mit komischer Handbewegung. »Ihr mögt recht haben«, nickte der Herzog. »Übrigens war Euer zweiter Streich noch besser als der erste, wenn auch nicht so scherzhaft. Ihr habt Eure Sache glänzend gemacht.« »Und mit was darf man Euer Gnaden nun unterhalten?« fragte de la Chapelle aufgeräumt. »Allabendlich ist jetzt eine Theatervorstellung in vornehmen Häusern. Die Truppe der Desiosi spielt; sie ist die erste in Italien. Vorgestern hat sie im Palazzo Ridolfi agiert, gestern bei Federigo Cesi, und heute kommt sie zu meinem Verwandten Orsini. Da sind wir stets willkommen.« »Gut, gehen wir dorthin«, entschied der Herzog. »Da könnt Ihr die Reize der Schauspielerinnen mustern, bevor Ihr Euch für eine entscheidet.« Der Jüngling lachte laut auf. »Leider nicht«, sagte er. »Sonst hätte ich schon gewählt. Aber in diesem frommen Babel werden die Weiberrollen von Männern gespielt, und wenn man nicht der griechischen Liebe fröhnt ...« Der Herzog schnitt seine Zote ab. »Um so schlimmer für Euch«, sagte er. »Also gehen wir in den Palazzo Orsini, wofern es Euch nicht nach dem Viertel der Kurtisanen zieht.« »Alles zu seiner Zeit«, sagte de la Chapelle. »Dort müßte ich erst meinen Degen ablegen, bevor man mich einläßt. Denn im Kurtisanenviertel ist das Waffentragen noch strenger verboten als im Vatikan.« »Schandmaul!« drohte der Herzog. »Nichts als Torheiten habt Ihr im Kopfe.« »Je nun,« lachte de la Chapelle, »es ist nur einmal im Jahre Karneval.«   Während die Franzosen den Weg zum Palazzo Orsini einschlugen, war der Engländer an der nächsten Straßenecke wieder auf seinen deutschen Reisegefährten gestoßen, den er auf dem Corso verloren hatte. »O dies Rom«, riefen beide, als sie sich erkannten, aber es klang verschieden. »Kommt, Mylord«, sagte der Deutsche. »Ich führe Euch in eine gute Wirtschaft, wo es ehrbarer zugeht als auf dem Corso. Da könnt Ihr das Karnevalstreiben ungestört beobachten und Euch über Euer Mißgeschick trösten. Nur eins bedinge ich mir aus: laßt endlich Eure Gewaltsamkeiten. Sie sind hier nicht am Platze, und die Sbirren sind nicht immer zur Stelle, aber die Dolche sitzen locker in der Scheide.« »Goddam!« stöhnte der Engländer, »diese Hauptstadt der Christenheit ist ein Mörder- und Wanzennest. Ich verstehe nicht, daß Ihr Geschmack daran findet, überall umherzukriechen. Ihr verweilt in den Kirchen und lauscht der Musik mit verliebten Augen, wenn Ihr nicht gar wie ein Gespenst in alten Ruinen hockt und Fieberdünste einsaugt. Und nun wollt Ihr mich noch in eine Garküche locken, wo die Speisen mit Öl gesotten und mit Knoblauch gewürzt sind! Brr! Der Knoblauchdunst ist mir ebenso zuwider wie der Weihrauchduft!« »Aber der Wein ist gut. Ihr sollt schon zufrieden sein.« »Goddam! Ich bin kein Weinverächter. Aber ich schätze auch einen starken Trunk Bier, und der ist in diesem verfluchten Lande nirgends zu kriegen. Nichts als Wein und Sonne, Sonne und Wein. Sie langweilen mich. Ich sehne mich nach einem guten Humpen Porter und dem Londoner Nebel!« »Das gibt es hier freilich nicht«, lachte der Deutsche. »Aber wenn Ihr durchaus nicht mitkommen wollt, so laßt uns in eine Theatervorstellung gehen.« »Nur das nicht«, wehrte der Lord ab. »Ich kenne die zotigen Possen und die steifleinenen Tragödien der italienischen Schauspieler. Ich sah sie in Florenz und verstand zum Glück nur die Hälfte davon. Ich gebe sie alle für ein Werk unseres göttlichen William hin.« »Wer ist das?« »Der neuste Stern an unserm Dichterhimmel. Kommt nur nach England und überzeugt Euch selbst.« »Ich sah freilich englische Schauspieler, die durch mein Land zogen«, entgegnete der Deutsche. »Aber ihre bluttriefenden Tragödien haben mich wenig erfreut.« Sie waren vor dem Wirtshause angelangt. Eine Laterne baumelte über der Tür, und darunter hing als Wahrzeichen ein Pinienzweig. Der Lord ließ sich widerwillig hineinziehen. Auch hier herrschte ausgelassenes Karnevalstreiben. Manche Gäste hatten die Maske noch vor dem Gesicht. Spitze Vogelschnäbel kreuzten sich mit Eselsköpfen. Feiste Fratzen mit grinsenden Lippen saßen neben abgezehrten Heuchlergesichtern. In der Mitte der Weinstube tanzte ein Paar, das Mädchen mit einem Efeukranze im Haar, den Kopf weit zurückgeworfen, mit schwimmendem Blick, das Tamburin hoch in der Luft schwenkend, einer heidnischen Mänade vergleichbar, während der Mann sie mit Kastagnetten klappernd umkreiste, Bocksprünge vollführte oder vor ihr niederkniete. Ein alter Dudelsackpfeifer, der auf einem Weinfasse hockte, entlockte seinem geblähten Sack eine quärrende Musik, und ein angetrunkener Ciocciare, die Beine mit Leinen und Binden umwickelt und ein Fell um die Schultern, wie der alte Hirtengott Pan, taumelte zwischendurch und stieß heisere Laute aus. »Eine schöne Matrosenkneipe, in die Ihr mich geschleppt habt!« brummte der Engländer. Aber sein Gefährte hörte nicht auf ihn. Er stand wie gebannt von diesem wildschönen Schauspiel. »Holla, my dear!« sagte der Engländer und schüttelte ihn derb am Arme. »Ihr schmelzt ja vor Andacht hin wie in einer Kirche. Ihr seid schon ganz wie dies Volk, das heute in heidnischem Sinnestaumel schwelgt und sich morgen mit Asche ein Kreuz auf die Stirn malen läßt. Da wachte der Deutsche auf. »Ist es nicht schön, sagte er traumbefangen, »daß in Rom sich beides vereinigen läßt? So kommen der Leib und die Seele zu ihrem Rechte.« Endlich hielt das tanzende Paar erschöpft inne, und die Zuschauer schlugen jauchzend in die Hände. Der Deutsche zog den Lord in einen Seitenraum und wollte ihn an einen Tisch nötigen, an dem schon ein paar andere Gäste saßen, Mädchen mit safrangelbem oder feuerrotem Kopftuch und junge Burschen mit rabenschwarzem Haar, die Weinbecher und schilfumflochtene Fiaschi vor sich stehen hatten. Aber der Wirt hatte die vornehmen Fremden bemerkt und wollte sie vor der Zudringlichkeit der Dirnen und der Ausgelassenheit der Zecher schützen. Er kam auf sie zu und komplimentierte sie nach einer Estrade, die um etliche Stufen höher lag. »Belieben Eure Exzellenzen, sich hier zu bequemen«, sagte er. »Hier können Sie das Treiben ungestört übersehen. Denkt doch ein jeder nur an sein Vergnügen und achtet des andern nicht ... Befehlen Sie eine Flasche roten Marino? Es ist das Beste, was der römische Boden zeitigt. Soll ich Ihnen ein paar hübsche Mädchen heraufschicken, damit sie Ihnen Gesellschaft leisten?« Der Engländer machte eine heftige abweisende Handbewegung. »Ei nun,« sagte der Wirt betroffen, »Herkules und Messalina, das gäbe doch ein schönes Paar.« Als keine Antwort erfolgte, hielt er es für geraten, sich zurückzuziehen. Ein Bursche, dem das krause Gelock in die Stirn fiel, setzte einen großen, bauchigen Fiasco mit dünnem Schwanenhals auf. Der Deutsche schenkte ein, und sein Gefährte goß ein volles Glas hinunter. »Ihr bleibt kalt, Mylord«, sagte er zu ihm. »Und doch müßte dieser Mummenschanz Euer Herz erwärmen. Man treibt ihn ja auch bei uns im Norden, am Rhein und in Flandern.« »Wollte Gott, ich wäre erst wieder dort«, brummte der Brite. »Italien stinkt mich an wie der Atem einer Dirne.« »Ihr müßt wenig Schönheitssinn haben«, entgegnete der Deutsche mit leisem Vorwurf. »Als ich Euch vorhin auf dem Corso verlor, trat ich in die Kirche Gesù, die von tausend Kerzen strahlte. Weihrauchduft wallte süß empor, und liebliche Musik trug mich wie auf Engelsflügeln in eine selige Welt. Und dann beim Heraustreten die dunkelnden Straßen mit der kraftvollen Architektur ihrer Paläste und darüber die silberne Mondsichel. So kam ich von einem Märchen ins andere.« »Man sollte meinen, Ihr seid ein Poet oder ein Maler«, entgegnete der Engländer geringschätzig. »Hier wird man beides«, nickte der Deutsche traumverloren. »Früher stand ich oftmals in der Werkstatt des Meisters Cranach, -- nicht des Vaters, dessen Ruhm alle Welt kennt, sondern des Sohnes, der vor ein paar Jahren verblichen ist. Er taugte nicht soviel wie jener, aber er war doch ein Künstler, der manch achtbares Werk hinterlassen hat. Er konnte alles malen, den Erlöser am Kreuz mit brechenden Augen oder Neptunus und Amphitrite auf ihrem Muschelwagen, von Delphinen gezogen und von ihrem seltsamen Hofstaate umringt. Er konterfeite die sündige Eva, die nackt vor einem schlangenumwundenen Baume steht und mit vollen Zähnen in einen Apfel beißt, oder die göttliche Venus im Mantel ihres Goldhaares, die sich in einem Spiegel bewundert. Und seht, was daheim nur der eine vermochte, das füllt hier die Paläste und Kirchen. Man trifft es auf den Straßen, und es liegt selbst in dem tanzenden Paare dort. Was daheim nur ein schüchternes Brünnlein war, ist hier ein rauschender Strom von Schönheit.« Der Lord ließ einen gelangweilten Blick durch die Wirtsstube gleiten. »Und der papistische Glaube?« fragte er streng. »Kamt Ihr denn nicht selbst her, um mit dem Papste zu sprechen?« fragte der Deutsche erstaunt. »Nicht um meinen Glauben abzuschwören, der auch der Eure ist,« entgegnete der andere vorwurfsvoll, »sondern nur, um Frieden zu suchen mit dem Vatikan. Wir wollen die Papisten bei uns nicht länger verfolgen, wenn sie selbst Frieden halten und unsere Insel nicht mehr mit Aufruhr und Ränken erfüllen. Wir wollen es sogar bezahlen, wenn es sein muß«, setzte er hinzu, mit der Faust auf den Tisch schlagend. Eine Weile herrschte Stille zwischen den beiden, und der Deutsche lenkte seine Blicke wieder auf das Karnevalstreiben. Die Mädchen an den Tischen knabberten Kürbiskerne oder Konfekt, das sie beim Werfen mit Süßigkeiten auf der Straße aufgefangen hatten. Nur hin und wieder nippten sie an den Weinbechern ihrer Liebhaber. »Sie trinken wenig« murmelte er. »Ihre Trunkenheit ist Freude. Glückliches Volk!« »Seid Ihr überhaupt noch ein Lutheraner?« stieß der Brite plötzlich hervor. »Oder seid Ihr schon zum Römling geworden?« »Ich bin beides«, entgegnete der andere. »Ich bin im Lande Luthers aufgewachsen, aber Rom ist mir zur zweiten Heimat geworden. Ob ich gleich noch derselbe bin, ich fühle mich doch bis ins Knochenmark verwandelt.« »Man kann nur ein Vaterland haben«, brummte der Lord. »Ihr werdet das Eure mitsamt Eurem Glauben verlieren.« »Schwerlich«, entgegnete der Deutsche kopfschüttelnd. »Aber seht, wenn man den Katechismus mit der Muttermilch eingesogen hat, bekommt man auch Augen für das Gegenteil. In meiner Jugend ward es bei uns noch strenger gehalten als jetzt. Nichts als Bekenntnis und Lehre; nichts, was dem Herzen oder den Sinnen genügt hätte. Wie sanft und gefällig aber fließt hier das Leben hin. Selbst die Armut erträgt sich leichter. Diese Kinder der Sonne nehmen mit wenig fürlieb und brauchen nicht schwer zu frohnden. Vorhin, in der Kirche, beobachtete ich das arme Volk, Bettler und alte Weiblein. Die fühlten sich schon auf Erden im Paradies. Sie vergaßen ihr Elend über der himmlischen Schönheit, die ihnen entgegenstrahlte. Wie töricht sind wir doch, die Kirchen am Werktage zu schließen, als wäre darin nichts zu suchen, und all die fromme Zier daraus zu verbannen.« »Ihr wißt Euch trefflich auf den Standpunkt des Gegners zu stellen«, knurrte der Brite. »Wahrlich, ich sehe Euch schon der Mutter Kirche wieder unter die Flügel kriechen, wie die Küchlein, wenn der Sperber in der Luft hängt.« »Ihr wißt so gut wie ich,« wehrte der Deutsche ab, »daß ich nicht deshalb hierherkam.« Er schwieg eine Weile; dann fuhr er leiser fort: »Unter unserm hochseligen Herrn, dem Kurfürsten August, lag die Gefahr eines Glaubenswechsels näher denn jetzt. Er war des Kaisers Freund und bangte davor, der Papst möchte ebenso mit ihm verfahren wie mit Navarra und sein Volk von Gehorsam und Treueid entbinden. Wäre unsere hochselige Kurfürstin Anna, die Dänin, nicht noch strenger in ihrem Glauben gewesen als die Römischen, er wäre vielleicht nicht lutherisch geblieben. Selbst der Papst -- das vertraue ich Euch insgeheim an -- sagte mir, er habe ihm bis an sein Ende die Absolution bereit gehalten.« »Und Euer jetziger Herr?« fragte der Brite beklommen. »Der steht sich schlecht mit dem Kaiser und neigt den Kalvinisten zu, die von der Kurfürstin Anna bedrückt wurden. Deshalb nimmt er jetzt auch Partei für Navarra. Er will Frieden unter den Bekenntnissen und daß jedem das Recht werde, auf seine Weise selig zu werden. Das ist zweifellos besser, als sich um des Glaubens willen die Köpfe einzuschlagen. Und auch Ihr, Mylord, Ihr wollt ja nichts anderes. Selbst der Papst ist dazu geneigt, trotz aller spanischen und habsburgischen Ränke. Er empfängt Anhänger Navarras, und es heißt, er wolle einen Prälaten zu ihm entsenden. Auch er blickt über dies bluttriefende Zeitalter hinaus. Er hat sich gewaltig geändert, seit er den Bannfluch gegen Navarra geschleudert hat.« »Gott weiß, wie das alles enden wird«, seufzte der Brite. »Der Papst mag den Frieden wollen, aber die Spanier werden es hintertreiben.« »Ja, die Spanier sind zähe Gegner«, seufzte der Sachse. »Und der Kaiser stärkt ihnen noch den Rücken. Sein Botschafter hat den Papst kürzlich gebeten, den sächsischen Einflüsterungen kein Gehör zu geben.« »Da seht Ihr ...« »Und doch vertraue ich auf ihn. Er ist ein gewaltiger Fürst und hat Proben genug von seiner Willensstärke gegeben. Er wird sich keinen fremden Willen aufzwingen lassen.« Der Engländer winkte dem Wirt, daß er zahlen wolle. Dem tat es leid, daß die beiden schon gehen wollten, denn er hatte auf mehr gerechnet. Aus Gewinnsucht wie aus Neugier suchte er sie in ein Gespräch zu verwickeln, um sie noch länger zu halten. »Ihre Exzellenzen kommen aus fremden Ländern«, begann er schmeichlerisch. »Vermutlich über das Meer oder über die grauslichen Alpenpässe. Haben Sie schon den Papst und Sankt Peter gesehen?« »Beide«, nickte der Deutsche. »Ja, Rom ist die erste Stadt der Welt«, fuhr der Wirt selbstgefällig fort. »Es ist die hohe Schule für alle Talente. Und was Klugheit und Frömmigkeit nicht schafft, das schafft das Glück und der Zufall. Ich habe es zwar nur so weit gebracht, wie Eure Exzellenzen sehen, aber der Kardinal Galli war auch nicht viel mehr als ich: er war Mundschenk beim Heiligen Vater. Ja, wer in den geistlichen Stand tritt, der kann es zur höchsten Macht bringen, wie der arme Mönch, der uns jetzt regiert. Der Kardinal Alessandrino begann als Schneidergeselle und ward Dominikaner, um den Schlägen seines Meisters zu entgehen, und der Kardinal von Como, der unter dem letzten und vorletzten Papste allmächtig war, war zuerst Läufer bei einem Monsignor Gariberti. Als er dann zur Macht kam, erschien sein früherer Herr in dem Schwarme der Höflinge, um ihm seine Aufwartung zu machen, und war froh, einen gnädigen Blick zu erhaschen.« Der Lord gähnte und wollte bezahlen, aber er hatte nicht mit der Geschwätzigkeit des Wirtes gerechnet. »Wissen die Exzellenzen übrigens schon das Neueste?« fuhr dieser fort. »Die Fastenprediger haben es schon von den Kanzeln verkündet. Der Ketzer Navarra soll die verfluchte Mörderin Elisabeth ehelichen.« Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Faustschlag auf ihn niedersauste, aber er wich ihm katzenhaft aus und prallte zurück. »Laßt doch endlich Eure Gewalttaten«, rief der Deutsche erschrocken. Dann suchte er den Wirt zu beschwichtigen. »Ihr habt seine Herrin gekränkt,« sagte er zu ihm, »denn der Herr ist Engländer.« In jähem Umschlage lachte der Wirt laut auf. »Verzeiht,« sprach er, »das wußte ich nicht. Aber bei uns ist es nicht Brauch, sich für seinen Herrn beleidigt zu fühlen. Hier denkt jeder nur an sich, und die losen Zungen ernten nicht Schläge, sondern Lob und Beifall. Freilich, Papst Sixtus, still! still!« sagte er, den Finger auf den Mund legend. »Der weiß sich Respekt zu verschaffen, ob er uns auch mit seiner vermaledeiten Weinsteuer und mit seinen hohen Auflagen Anlaß genug gegeben hat, auf ihn zu schelten.« Der Brite stand auf, wiewohl noch Wein in der Flasche war. »Schmeckt der Wein nicht?« fragte der Wirt zudringlich. »Und doch hat er nicht seinesgleichen; ich verstehe mich darauf... Wissen Sie, wie ich zu meinem Weinhandel kam?« setzte er mit komischem Mienenspiel hinzu. »Ich war noch jung, da der Papst Paul Farnese regierte. Damals ließ sich noch gut leben. Mein Wandel würde heute großes Ärgernis erregen; damals war er kaum anstößig. Er hat sogar mein Glück gemacht. Ich ward plötzlich fromm, gab Almosen und beichtete fleißig. Die Pfaffen wurden auf mich aufmerksam: ›Siehe da,‹ hieß es, ›ein Sünder, der Buße tut!‹ Dann fing ich einen kleinen Weinhandel an. Die Priester sandten mir vornehme Kundschaft; dafür hatten sie's gratis bei mir... Ich wette, auch Sie hat ein geistlicher Herr hergeschickt... Ja, ja,« schloß er pfiffig, »Rom ist ein Ort, wo auch der Sünder zum Guten gelangt.« Der Engländer hatte von seinem Wortschwall genug und warf ihm einen Scudo hin. Der Wirt gab heraus und sah die beiden betrübt ziehen. »Beehren Sie mich bald wieder«, bat er katzbuckelnd. »Welch ein Pack!« schalt der Brite, während er rücksichtslos zum Ausgange drängte. »Selbst ein Faustschlag heilt sie nicht von ihrer Kriecherei. Das ist die heutige Römertugend.« Draußen umfing sie eine jener milden südlichen Winternächte, wo die Luft fast durchsichtig war, obwohl der Mond nicht mehr strahlte. Wie ein dunkelblauer Samtbaldachin wölbte sich der Himmel über der Stadt, und die Sterne leuchteten voll und breit wie zahllose Lämpchen. Etliche schienen auf die Erde gefallen zu sein und in den Straßen umherzuirren: es waren die Fackeln der heimkehrenden Gäste. In dem Gartengeviert eines Palastes hallte noch eine Serenade. »Nun,« fragte der Lord, »seid Ihr endlich von Eurem römischen Fieber geheilt?« »Keineswegs«, war die Antwort. »Ich habe nur herzlich gelacht. Denn auch das war ein Stück Karneval.« Wie ein neckischer Spuk wirbelte noch eine Papierschlange im Nachtwinde vor ihnen her, als sie schweigsam zu ihrem Gasthofe zurückkehrten. 29. Der Ausbruch des Kampfes Wieder ballten sich Sturmwolken über dem Vatikan, wie zur Zeit, da die Guises ermordet waren. Um die Seele des gewaltigen Kirchenfürsten, der die Welt beherrschen wollte, stritten sich abermals die großen Parteien, die Europa zerklüfteten: hier Spanien, die Ligue und der Kaiser, dort Venedig, Navarra und die königstreuen Katholiken mit ihrem sächsischen Anhang. Aber die spanische Partei war die stärkere. Sie warf nicht nur das weltliche, sondern auch das geistliche Schwert in die Wage. Selbst im Kardinalskollegium war sie in der Überzahl. Schon wandten die Eiferer die Waffen des Glaubens gegen den Papst, und die Bettelmönche machten dem Volke weis, er stände bereits im Bunde mit Navarra. Unterdes hoben die Spanier in Neapel und Mailand Truppen zum Kriege mit Frankreich aus, aber sie konnten ebensogut gegen Rom verwandt werden. Schon sah Sixtus die Greuel des Sacco die Roma und des Krieges der Spanier mit dem Papst Paul Caraffa wiederkehren. Dann war er für alle Zeiten entehrt. Täglich hatte Olivarez Unterredungen mit ihm; er scheute vor keiner Drohung, keiner Einschüchterung zurück. Wie stets schüttete Sixtus sein Herz dem venezianischen Botschafter aus. »Die Spanier bedrohen Uns mit Krieg«, sagte er. »Sie wollen Uns durch Furcht ihren Willen aufzwingen.« »Wie sollte der katholische König es so an Achtung vor dem Heiligen Stuhle fehlen lassen!« wandte Badoer ein. »Er vielleicht nicht,« entgegnete Sixtus, »aber seine Gesandten und Kreaturen reden und schreiben derart. Wir wollen nicht prahlen, daß Wir ohne Menschenfurcht seien, aber Wir fürchten Gott mehr als die Menschen, und so sind ihre Drohungen vergebens. Vielleicht gelingt es Uns auch bald, Navarra zu bekehren; dann werden sie die Lust verlieren, Uns zu quälen.« »Hunde, die bellen, beißen nicht«, tröstete Badoer. Doch er blieb selbst voller Sorge und Ungewißheit. Auch Sixtus kam von seiner Angst nicht los, so sehr er sich Mut zu machen suchte. Schließlich gab er Badoer zu bedenken, ob nicht eine Liga zwischen dem Papste, Venedig und einigen italienischen Fürsten angezeigt sei. Des Großherzogs von Toskana glaubte er so gut wie sicher zu sein. Badoer versprach, bei der Signoria anzufühlen, aber er wußte im voraus, daß sie lieber weise Ratschläge gab, als Farbe zu bekennen und mannhaft zu handeln. Auch der Papst war sich wohl bewußt, daß diese Liga nur ein äußerster Notbehelf sein konnte. Einstweilen suchte er Zeit zu gewinnen und ließ sich auf Verhandlungen mit Spanien ein, um Olivarez zu beschwichtigen. Er kam also auf den alten Bündnisplan zurück, wollte die größere Hälfte der Lasten an Geld und an Truppen tragen, behielt sich aber die Ernennung des Oberbefehlshabers vor und nahm den späteren Beitritt italienischer Mächte zu einer großen katholischen Liga in Aussicht. Kurz, er wollte sich nicht mit Haut und Haaren verkaufen. König Philipp ging auf alles ein; lag ihm doch viel daran, sich mit dem Ansehen des Papstes zu decken. Als jedoch der Kardinal Gesualdo seine Antwort überbrachte, fand er den Eifer des Papstes stark abgekühlt. Sixtus wollte erst neue Nachrichten von seinem Legaten abwarten. Die Ligue, sagte er, habe sich gespalten; wie es heiße, wolle der Herzog von Mayenne, der Bruder des ermordeten Herzogs von Guise, mit Navarra Frieden schließen; durch Voreiligkeiten könne man diesen Abschluß nur beschleunigen und andere Winkelzüge mehr. Und als Gesualdo betonte, in den jetzigen Zeitläufen könne nur rasches Handeln etwas nutzen, ein Grundsatz, den Sixtus selbst in der Zeit der Armada so oft ins Feld geführt hatte, erklärte er rundheraus: »Wir müssen Uns an die kanonischen Vorschriften halten und zunächst Mahnschreiben erlassen.« »Und wenn die nichts fruchten?« »Dann müssen Wir zu Zensuren schreiten.« Offenbar wollte er die Sache ganz auf kirchliches Gebiet hinüberspielen, genau wie dereinst in den Wirren mit Heinrich III. Sofort war Olivarez auf dem Plan. Er hatte am Morgen gebeichtet und kommuniziert, um seine Seele zu stärken. So trat er vor den Papst, beugte mühsam ein Knie und sprach: »Eure Heiligkeit erlaube, die Befehle meines Herrn auszuführen. Eure Heiligkeit möge den Herzog von Luxembourg sofort wegschicken. Eure Heiligkeit möge Navarra für alle Zeit unfähig erklären, die französische Krone zu tragen. Eure Heiligkeit möge unverzüglich alle Kardinäle, Prälaten, Prinzen und Herren, die ihm Folge leisten, exkommunizieren. Wo nicht, wird der katholische König sich von der Obödienz gegen Eure Heiligkeit lossagen und alle seine Kräfte in den Dienst der Sache Christi stellen, denn er kann nicht dulden, daß sie zugrunde gerichtet wird.« Das war die offene Kriegserklärung, ein Ultimatum in verletzender Form. Zornbebend richtete Sixtus sich von seinem Thronsitze auf; die Ader auf seiner Stirn schwoll an, und seine Blicke sprühten Blitze. »Es ist Ketzerei,« schrie er, »sich derart gegen den Statthalter Christi zu betragen. Keinem Fürsten der Welt steht es zu, den Papst zu belehren, den Gott zum Meister der Menschen gesetzt hat. Weicht von dannen, Stein des Anstoßes!« Er wollte nach der Klingel greifen, um den Botschafter hinausführen zu lassen. »Bevor ich gehe,« entgegnete Olivarez hartnäckig, »will und muß ich meinen Protest zu Ende bringen, und sollte Eure Heiligkeit mir den Kopf abschlagen lassen. Sie weiß wohl, daß mein König mich rächen und meine Treue an meinen Kindern belohnen wird.« »Ganz ruchlos betragt Ihr Euch«, donnerte Sixtus ihn an. »Wir zweifeln erheblich, ob Ihr solche Instruktionen habt oder ob Ihr wieder aus eigener Willkür handelt. Hat der König aber solches geschrieben, so antworten Wir ihm, daß er am wenigsten befugt ist, Uns in Sachen des Glaubens Gesetze vorzuschreiben. Ohne Unser Wissen hat er zur Zeit der Armada einen Vertrag mit dem Türken und ein Bündnis mit dem ketzerischen König von Dänemark geschlossen, und nun will er Uns lehren, wie man die Ketzer behandeln soll! Möge er nicht zu weit gehen, sonst könnte er Unsern Zorn herausfordern. Wir könnten ihn exkommunizieren und die Völker Spaniens und seiner andern Länder des Treueides entbinden!« Damit wandte er dem Botschafter den Rücken und verließ wutschnaubend den Audienzsaal. Sangalletto und etliche Höflinge, die draußen den Stimmenschall gehört hatten, erschraken, als sie den Papst derart im Zorne sahen, und alsbald raunte ganz Rom von einem Bruch zwischen Spanien und dem Heiligen Stuhle. Allein als der erste Zorn verraucht war, erkannten beide Teile, daß sie den Bogen überspannt hatten. Gesualdo und einige andere Kardinäle legten sich ins Mittel, und Sixtus erklärte sich bereit, den Botschafter wieder zu empfangen, falls er die Unmäßigkeit seiner Sprache mildere. Auch Olivarez fand sich zum Nachgeben bereit und erschien zu einer sogenannten Versöhnungsaudienz, aber diese Aussprache führte nur zu neuen Zerwürfnissen. Der Papst riß sofort das Gespräch an sich und erklärte, er könne Luxembourg nicht von heute auf morgen fortschicken. Man müsse ihm die Möglichkeit lassen, sich mit Ehren zurückzuziehen. Jedenfalls müsse er erst die Berichte des Legaten abwarten, die in Bälde eintreffen müßten. Schließlich brauchte er sogar Kraftausdrücke. »Glaubt Ihr etwa,« sagte er, »Wir ließen die Schmach auf Uns sitzen, einen Ketzer wie Navarra nicht zu bekämpfen? Wir wollen Unsere Truppen zu den spanischen stoßen lassen, und müßten Wir auch Unsere Mitra versetzen.« Olivarez fand sich wieder in die Formen zurück, aber er traute den Worten des Papstes nicht. »Möge Eure Heiligkeit nicht nur Truppen, sondern auch Ihr Herz schicken«, sagte er. »Was soll das heißen?« »Daß die Worte Eurer Heiligkeit nicht mit Ihren Taten in Einklang stehen«, sagte er dreist. Und er brachte von neuem die alten Forderungen vor; die Erklärung der Thronunfähigkeit Navarras und die Exkommunizierung der königstreuen Katholiken. »Das wäre im Augenblick das Allerverkehrteste«, entgegnete Sixtus. »Wir würden ihren Bund dadurch nur um so fester schweißen. »In diesem Falle wäre Spanien genötigt, einen öffentlichen Protest kundzugeben. Der Doktor Martos von der Sommaria in Neapel hat ihn für alle Fälle schon ausgearbeitet. Ich bitte Eure Heiligkeit um Ihre Einwilligung dazu.« »Was,« schrie Sixtus auf, »ein Schisma! Und zu diesem Akte der Ketzerei sollen Wir Unseren Segen geben? Bei Gott und allen Heiligen, wer sich zu diesem gottlosen Schauspiel einfindet, den werden Wir ohne Ansehen der Person aus Rom verjagen!« Der Papst war keuchend in seinen Thronsitz zurückgesunken. Olivarez blieb kalt und steif stehen und rührte kein Glied. Schließlich sagte er trocken: »Die Gesandten genießen das Vorrecht der Immunität. Wenn Eure Heiligkeit Ihre Drohung ausführt, so ist das für mich kein Anlaß, die Befehle meines Königs nicht auszuführen. Lieber werde ich aus Rom verjagt, als daß mein König mir den Kopf abschlagen läßt. Um aber zu zeigen, daß der Protest keine Ketzerei enthält, bitte ich um die Erlaubnis, ihn im nächsten Konsistorium verlesen zu lassen. Das Heilige Kollegium wird wohl der beste Richter in der Sache sein.« Mit diesem furchtbaren Menschen war nicht fertig zu werden. Er handhabte alle Kunstgriffe der weltlichen und geistlichen Diplomatie mit kalter, unbeirrter Meisterschaft. »König Philipp will wohl selber Papst werden?« spottete Sixtus ingrimmig. »In diesem Falle müßten Wir ihn erst zum Kardinal machen.« »Nein,« lächelte Olivarez geringschätzig, »sein weltliches Reich genügt ihm.« Und er bat nochmals um die Erlaubnis, den Protest zu veröffentlichen. Sixtus schlug es ihm zum zweitenmal ab, und er verließ unverrichteter Dinge den Vatikan. Als Sangalletto wieder eintrat, fand er den Greis halb ohnmächtig in seinen Thronsitz zurückgesunken. Er wollte hinauseilen und Hilfe holen. Aber Sixtus ermannte sich wieder. »Es ist nichts«, sagte er. »Es geht Uns schon besser. Wir befehlen Euch zu schweigen. Ein Glas Wein. Und dann wieder an die Arbeit, an die Arbeit!« wiederholte er leise, fast schmerzlich. 30. Das Grabmal Qualvoll waren die folgenden Tage und Wochen. Der Papst ging jetzt ins siebzigste Jahr, und seine Kräfte ließen immer mehr nach. »Die Spanier sind furchtbar!« klagte er Badoer. »Sie bringen Uns ins Grab. Unser Nuntius in Neapel hat Uns die Einzelheiten ihrer Rüstungen gemeldet; sie sind sehr beträchtlich ... Habt Ihr derweil über ein Bündnis zwischen Uns, Eurer Republik und Toskana nachgedacht?« »Heiliger Vater,« sagte Badoer kleinlaut, »daran ist nicht zu denken. Die Signoria wird sich nicht in den Rachen des Löwen stürzen, und was Toskana betrifft, so sind die Nachbarn leider immer die besten Feinde.« Sixtus blickte ihn trostlos an. »Also verlaßt Ihr Uns auch«, seufzte er. »Dann sind Wir ganz verlassen.« Seitdem fühlte er sich innerlich hohl und morsch. Was er sprach, war doppelzüngig, was er dachte, ungewiß, was er tat, umsonst. Er mußte den Pakt mit den Spaniern schließen, sonst zwangen sie ihn mit Gewalt dazu. Und es nutzte doch nichts, ihn zu schließen: man wußte, sein Herz war nicht bei der Sache. Und wie sollte er es ihr auch zuwenden? War es doch nicht Glaubensschwäche, was so viele Rechtgläubige in Frankreich Navarra zuführte, sondern die Furcht vor der spanischen Knechtschaft. Wie sollte er diese treuen Söhne der Kirche exkommunizieren und Navarra selbst die Rückkehr zu ihr verschließen! Nein, dies spanische Ansinnen war nur eine politische Finte unter dem Deckmantel des Glaubens: der Papst sollte sich zum Werkzeug der spanischen Herrschgelüste hergeben. Immer klarer durchschaute er dies ruchlose Spiel, seit Donado ihm in jener denkwürdigen Audienz die Augen geöffnet hatte. Alles, was der Venezianer ihm damals prophezeit hatte, war eingetroffen: was er selbst als Übertreibung bezeichnet hatte, blieb noch hinter der Wirklichkeit zurück. Bald würde er nicht nur der Kaplan, sondern der Gefangene der Spanier sein! Zum ersten Male seit seiner Thronbesteigung schien das Leben ihm schal und wertlos. Er stand wieder in einer ausweglosen Sackgasse, wie unter Gregor XIII. Aber damals war er nur Kardinal gewesen, und was man ihm angetan hatte, war Privatsache, die Ermordung seines Neffen. Jetzt aber war er Papst; die Blicke ganz Europas waren auf ihn gerichtet, und es ging um die höchsten Güter der Menschheit, um Glauben und Freiheit. Selbst als weltlicher Herrscher erfuhr er jetzt unerwarteten Kummer. Die schöne Ordnung, die er im Kirchenstaate geschaffen, geriet ins Wanken. Die Banditen lebten wieder auf. Seit man in Mailand und Neapel andere Wege ging als in Florenz und Venedig, hatte auch ihre gegenseitige Unterdrückung aufgehört, und Toskana gewährte ihnen abermals Zuflucht, um sie im Bedarfsfall als Soldaten anzuwerben. Ja man bemerkte sogar, daß die Briganten, die aus dem Königreiche Neapel herüberkamen, spanische Dublonen ausgaben; der katholische König wiegelte sie also gegen den Heiligen Stuhl auf. Die ganze saure Arbeit von fünf Jahren schien Sixtus ausgestrichen, und alles das dankte er Spanien! Er fühlte sich in seinem empfindlichsten Punkte getroffen und litt schwer darunter. Aber ein Unglück kommt niemals allein. Durch den Mißwachs dieses Jahres war eine Teuerung entstanden, und die Kornmagazine gingen auf die Neige. Wie stets, schob das Volk alle Schuld auf die Regierung. Wenn die Leute fragten, für wen das Gold in der Engelsburg gespeichert werde, so hieß es: »Für die Sippe des Papstes.« Alles schien sich gegen ihn zu verschwören. Sein Leben war ein Siegeszug ohnegleichen gewesen; nun verebbte plötzlich die fabelhafte Welle des Glückes, die ihn emporgetragen hatte. Er fühlte sich aus der Gnade gefallen; abwärts ging es mit ihm und mit seiner Herrschaft. Auf einmal erschien ihm der Tod in einem ganz neuen Lichte, nicht mehr als der peinliche Mahner zum Schaffen und zum Vollenden, sondern als Erlöser von der Eitelkeit aller menschlichen Dinge. Eine Weile dachte er nur noch über das Leben hinaus. Der Einfluß des Kardinals Montalto auf die laufenden Geschäfte nahm jetzt erheblich zu, aber gerade das war ein Zeichen, daß seine eigenen Kräfte erlahmten. Auch Montalto sah sich in einer Sackgasse. Er fürchtete die spanische Macht, die nach dem Tode des Papstes Rache an ihm nehmen konnte, wenn er sich ihren Wünschen nicht fügte. Er gedachte des furchtbaren Strafgerichtes, das einst auf Philipps Betreiben an den Nepoten des Papstes Caraffa vollstreckt worden war. Und doch hätte er es lieber gesehen, wenn der Greis sich nicht mehr in Kriege und Aufregungen stürzte. So warnte er denn seinen Großoheim immer wieder davor, sich zu tief in die spanische und französische Sache einzulassen. »Du hast recht, Alessandro«, sagte Sixtus. »Wir können jetzt nichts tun als Zeit gewinnen und den Dingen ihren Lauf lassen. Sie werden ja so oder so ein Ende nehmen.« Aber plötzlich stöhnte er auf: »Wäre Navarra doch erst Herr von Paris; dann würde sich alles bald klären.« Ein seltsamer Wunsch aus dem Munde des Papstes! Wie fern lag jetzt die Zeit, da er begeistert von den Legionen von Engeln gesprochen hatte, die Gott der Ligue zu Hilfe senden werde! »Gleich schlimm, wenn Navarra siegt und wenn er besiegt wird!« versetzte Montalto. Sixtus nickte stumm. »Und aus Deutschland, kam da gute Kunde?« fragte er, um etwas zu sagen. »Wenig Gutes. Ernst von Baden scheint gewillt, sich zu bekehren, aber Casimir von der Pfalz bleibt ein Pfahl im Fleische. Er sitzt alleweil im Sattel, um den Hugenotten in Frankreich oder den Ketzern in Flandern Beistand zu leisten, Munitionszüge abzufangen oder dem Kaiser ein Schnippchen zu schlagen. Und der fromme Kaiser Rudolf guckt derweil nach den Sternen ...« Montalto sah, wie die Hände des Greises auf seiner Stuhllehne zitterten. »Heiliger Vater,« riet er, plötzlich abspringend, »Ihr solltet Euch baldigst auf die gesunden Höhen begeben. Die Luft in diesem niedrigen Stadtteil wird schlecht. Der Tiber sinkt und setzt Schlammbänke ab. Ihr schuldet es Euch, der Christenheit und den Eurigen, Euch gesund zu erhalten.« Sixtus machte eine müde Bewegung, als wollte er sagen: »Was liegt daran?« Dann fragte er: »Wie weit ist der Neubau auf dem Quirinalshügel? Ich will Fontana sprechen. Ich will hören, wie weit mein Grabmal gediehen ist.« Der junge Kardinal blickte ihn mit tiefer Betrübnis an. »Komm und umarme mich«, sagte er, plötzlich weich werdend. »Wer weiß, wie lange ich es noch kann.« Montalto warf sich an seine Brust; dann nahm er mit stummer Bewegtheit Abschied. Fontana war bald zur Stelle. Er weilte gerade in dem neuen Palastflügel des Vatikans, dessen Rohbau er fast vollendet hatte. Auch der Neubau des Quirinals war so weit gediehen, daß der Papst ihn beziehen konnte, ohne vom Lärm der Arbeit gestört zu werden. »Und Unser Grabmal?« fragte Sixtus. »Wir wollen es morgen besichtigen.« Fontana erschrak etwas, denn es war noch immer nicht vollendet, obwohl er es schon in der Kardinalszeit des Papstes begonnen hatte. Aber nach seiner Thronbesteigung waren so viele dringendere Arbeiten dazugekommen, und zudem hatte Sixtus den Bauplan großartig erweitert. Die Grabkapelle sollte nicht nur eine würdige Ruhestätte für ihn selbst werden, sondern auch für den heiligen Papst Pius V., dem er den Kardinalshut verdankte, und die alte, schlichte Kapelle, die eine ehrwürdige Reliquie, die heilige Krippe, umschloß, sollte darin eingebaut werden. Fontana hatte die Krippenkapelle mit Maschinen dorthin verrückt und sie in der Mitte versenkt, und darüber hatte er eine hohe Kuppel gewölbt, das verkleinerte Abbild der Peterskuppel. Das alles hatte viel Zeit und Arbeit gekostet. »Und die Peterskuppel?« fragte der Papst weiter. »Nur noch wenige Wochen, Heiliger Vater, antwortete er, »und das Rund ist geschlossen. Nur die Laterne fehlt noch.« »Wann wird es soweit sein?« »Im Mai, hoffe ich.« »Gut. So werden Wir den Bau bei der Himmelfahrtsmesse weihen.« Am nächsten Morgen ließ er sich in seiner goldenen Sänfte wie in einem Heiligenschrein durch die Stadt tragen. Mißmutig blickte er auf die Straßen. Das Volk, das sonst bei seinem Vorbeikommen auf die Knie gefallen war und seinen Segen erfleht hatte, wich ihm jetzt aus oder trat in die Haustüren. Nur die Priester und Mönche, die ihren Gebieter fürchteten, erwiesen ihm die schuldige Ehrfurcht. War das der Dank für sein mühseliges Schaffen? Vielleicht sehnte man sich schon nach einem neuen Gregor! Müde sank er in die Sänfte zurück; er mochte nichts mehr sehen. »O Eitelkeit aller irdischen Mühen!« murmelte er. Sobald er zum Abhang des Esquilins gelangt war, stieg die neue Straße, sein Werk, von Neubauten und Gärten umsäumt, in gerader Linie aufwärts zu der hochragenden Kirche, die damals noch ein Gemisch finsterer mittelalterlicher Bauten war. Mit dem hohen Glockenturm wetteifernd, ragte auf dem Platz an ihrer Rückseite der Obelisk von dem halbzerstörten Mausoleum des Kaisers Augustus, den Fontana vor Jahren hier aufgerichtet hatte, denn der neue Augustus hatte seinem Vorgänger nicht an Größe nachstehen wollen. Durch eine Seitentür betrat Sixtus die altehrwürdige Basilika. Ihr Inneres stammte noch aus spätrömischer Zeit. Ein Wald weißer Marmorsäulen trug einen Mosaikarchitrav; darüber zogen sich uralte Mosaikgemälde hin, die noch vom Hauche der Antike belebt waren. Nur die Mosaiken über der Tribuna stammten aus dem Mittelalter. Er beugte das Knie vor dem Hochaltar; dann schritt er auf seine Grabkapelle zu. Auch bei ihrem Bau war es nicht ohne Gewaltsamkeit abgegangen; der eingesprengte Rundbogen durchbrach den herrlichen altchristlichen Mosaikfries. Ein kunstvolles schmiedeeisernes Gitter, mit dem Golde der Neuen Welt frisch vergoldet, schloß die Kapelle ab. Die Kammerherren und Schweizer blieben draußen stehen, und Sixtus schritt mit Fontana allein hindurch. Rechts und links öffneten sich zwischen Säulen zwei kleine Kapellen: die der heiligen Lucia, an deren Namenstage er geboren war, und des heiligen Hieronymus, des Schöpfers der Vulgata, die er verbessert hatte. Dann betrat er die große Grabkapelle. Fontana hatte die Arbeiter entfernt und den Bauschutt forträumen lassen. Aber noch verunzierten Gerüste die hohe, lichtdurchflutete Kuppel, und ein feuchter Kalkdunst wie aus uralten Grabkammern schwebte in der Luft. An der Rückwand, wo später der Altar stand, war der steinerne Papstthron, zu dem ein paar Stufen hinanführten. Ein rotes Kissen lud zum Sitzen ein. Sixtus stieg die Stufen hinan und nahm Platz. Rechts und links von ihm, in den Nischen, standen die Apostelfürsten Petrus und Paulus, Schlüssel und Schwert in Händen. Zu seinen Füßen, mitten in der Kapelle, führte eine doppelte Freitreppe zu der heiligen Krippe hinab. Vor ihr knieten im Gebet die Gestalten der drei Könige aus dem Morgenlande. Dann blickte er auf das Grabmal seines Gönners, des heiligen Papstes Pius, das die rechte Wand einnahm. Es war durch Säulen aus grüner Breccia gegliedert. Rechts und links von dem sitzenden Standbilde des alten Inquisitors und oben an der Attika erinnerten Marmorreliefs an seine Taten. In den beiden Seitennischen standen der heilige Dominikus, der Stifter des Ordens der großen Ketzerverfolger, aus dem er hervorgegangen war, und dessen erster Blutzeuge, der heilige Petrus Martyr, zwei Sinnbilder der kämpfenden und der triumphierenden Kirche. Sein eigenes Grabmal an der gegenüberliegenden Wand war gleichartig, aber noch fehlte sein kniendes Standbild und der Schmuck der Reliefs. Nur die beiden Nischenfiguren waren schon aufgestellt, der heilige Franz, der Stifter seines Ordens, und der heilige Antonius von Padua, dessen ruhmvollstes Mitglied. Sie schienen des Toten zu harren, bei dem sie Wacht halten sollten. Lange ließ Sixtus seine Blicke über diese verschwenderische Pracht hingleiten. Die edlen Formen des Baues, die Wände mit ihren Nischen und korinthischen Pilastern, an denen Papstwappen mit Passionssymbolen in eingelegter Arbeit wechselten, das bunte Marmorgetäfel, das der unerschöpfliche Steinbruch des Altertums geliefert hatte, und die frischen Goldornamente an den Rippen der hohen Kuppel, zwischen denen Engelchöre das Lob des Höchsten sangen -- das alles war ein Muster jenes neuen Stils, der seit dem Bau von Gesù aufgekommen und von Fontana weiter entwickelt war. Das war nicht mehr die reine Schönheitsliebe des goldenen Zeitalters, sondern ein Prunken mit kostbaren Stoffen und ein Schwelgen in Farben, als wäre die Baukunst zur Malerei geworden. Schließlich nickte Sixtus befriedigt. »Du bist ein geschickter Mann, Domenico«, sagte er. »Du verstehst dich nicht minder auf Wasserleitungen, Obelisken und gewaltige Wölbungen als auf die zierliche Anmut, die Wir hier sehen. Wir danken dir, daß Unsere letzte Schlummerstätte so schön sein wird. Wir werden darin würdig ruhen und Gott bitten, er möge deine Arme noch zu manchem schönen Werke stärken, dereinst aber deine Seele in Gnaden aufnehmen.« Damit reichte er ihm die Hand. Der Baumeister kniete ergriffen nieder und küßte den Fischerring. »Ei, du weinst wohl gar?« versetzte Sixtus, als er ein paar warme Tropfen auf seinem Handrücken fühlte. »Fasse dich, du wirst noch Unserem Nachfolger und dessen Nachfolger dienen, denn ein Tausendkünstler wie du ist nicht so leicht zu finden.« »Wer weiß«, schluchzte der Baumeister. »Und wenn auch, einem Papste wie Ihr nimmermehr.« Sixtus wehrte seine Worte fast unwillig ab. Um das mißliche Gespräch über den Tod nicht fortzuspinnen, ging Fontana auf die Einzelheiten des Baues über und erzählte von den Maschinen, mit denen er die Krippe versetzt und versenkt hatte. »Wir wollten das Heilige Grab den Türken entreißen,« bemerkte der Papst, »und es nach Unserer Heimat Montalto versetzen. Im Schutze dieser hochheiligen Reliquie hätten Wir am liebsten geruht, da, wo Unser Leben begann. Nun müssen Wir Uns mit dieser Krippe begnügen, da, wo es endet. Schade, daß Unsere Heimat nicht höheren Ruhm erlangt hat als den, Unsere Wiege gewesen zu sein. Zu dem Heiligen Grabe wären die Pilger geströmt wie nach Loretto. Wer aber wird hierher kommen, außer den Fremden, die Rom mit großen Augen begaffen? Ein kleines Häuflein von Freunden und die Schar derer, die sich freudig versichern werden, daß die Gruft ihren Raub nicht mehr hergibt. Und bald, wenn sie tot sind, wird keiner mehr kommen. Ein anderer wird dann auf Petri Stuhl sitzen und das Schiff der Kirche durch die empörten Fluten der Zeit lenken. Aber auch er wird bald das Steuer aus müden Händen lassen und froh sein, daß er Ruhe findet für immer. O Eitelkeit aller irdischen Größe!«Der Papst hatte diese Worte wie zu sich selbst gesprochen, und Fontana hatte in ehrerbietigem Schweigen zugehört. Er vergaß den mächtigen Kirchenfürsten und ah nur noch den fieberkranken Greis, der von seinem Tode sprach. Da gedachte er seines eigenen Vaters, der schon vor Jahren in die Grube gefahren war. »Du hast Weib und Kinder, Domenico«, fuhr der Papst fort. »Du wirst mit ihnen weiterleben und grünen. Wir aber sind ein dürres Reis, das bald abgehauen wird und verdorret. Darum spute dich, spute dich, dies Grab zu vollenden.« Er gab ihm seinen Segen und schritt gebückt hinaus in den Wald der weißen heidnischen Tempelsäulen. 31. Das Wunder Um den schrecklichen Olivarez zu beschwichtigen, brach Sixtus zum Scheine die Brücke mit den königstreuen Katholiken in Frankreich ab. Monseigneur de Luxembourg verschwand aus Rom, um eine Wallfahrt nach Loretto anzutreten, und die Spanier in Rom sangen Siegeslieder. Aber nach einer Weile tauchte er wieder auf, und Olivarez ward immer zudringlicher mit seinen Vorstellungen und Drohungen. Er bestand auf seinem Protest, bestand darauf, daß der Papst die katholischen Anhänger Navarras exkommunizierte und diesen für alle Zeit unfähig erklärte, die französische Krone zu tragen. Und zugleich drängte er auf den Abschluß des Kriegsbündnisses. Mit Beschämung sah Sixtus, daß er den Spaniern rettungslos verfallen war. Um aber die Schande seiner Unterwerfung wenigstens auf ihre Urheber abzuwälzen, berief er eine Kongregation, die er absichtlich aus spanischen Kardinälen zusammengesetzt hatte; über ihr Gutachten hegte er keinen Zweifel. Die Sitzung fand am 19. März statt. Der Papst legte die Vorgänge der letzten Zeit dar; dann stellte er zwei Fragen: Soll der Protest des Doktors Martos zugelassen werden? Sollen Navarras Parteigänger sofort exkommuniziert werden? Er selbst befürwortete eine Frist von zwei Wochen. Der Kardinal Gesualdo erhob sich und ergriff in seiner gezierten Weise das Wort. Soviel aus seiner stelzfüßigen Rede zu verstehen war, sprach er sich für die unbedingte Annahme der spanischen Forderungen aus. Der Kardinal von Como, des Papstes alter Feind, stimmte ihm schadenfroh bei, aber auch Madruccio, der im letzten Konklave höheren Sinn bewiesen hatte. Doch der Kardinal von Aragon, ein Stockspanier, hielt eine unerwartete Rede. »Ich habe geschworen«, begann er feierlich, »mein Blut für die Kirche hinzugeben. Aber ich habe auch die wohlverstandenen Interessen meines Gebieters und Wohltäters, des Königs, wahrzunehmen. Darum kann ich frei heraussprechen. Nichts wäre den Interessen des Königs abträglicher, als Seiner Heiligkeit die Obödienz aufzukündigen und gegen die Beschlüsse des Papstes zu protestieren. Das Ärgernis wäre nicht nur in Spanien, sondern in der ganzen Christenheit unsagbar, und in Frankreich würde es den Interessen des Königs am meisten schaden. Würde das halbe Land exkommuniziert, so würde ganz Frankreich sich von der Kirche lossagen. Ein Schisma würde entstehen, und die übrige Welt würde diesem Beispiel flugs nachfolgen. Der Adel, die Geistlichkeit Frankreichs würden in ihrer Ehre und in ihrem Nationalgefühl aufs tiefste verletzt, und alle gingen zu Navarra über, der sie schon jetzt mit offenen Armen erwartet. Somit laufen die Forderungen des spanischen Botschafters der Religion wie der Staatsvernunft gleichermaßen zuwider.« Mit wachsendem Erstaunen folgte die Versammlung dieser herzhaften Rede, und Sixtus traute seinen Ohren kaum, als Aragon schloß: »Darum muß die Exkommunizierung der Anhänger Navarras aufgeschoben werden, bis der Nuntius über den Erfolg seiner Schritte berichtet hat. Und nur im äußersten Notfalle dürfen Zensuren verhängt werden, aber nicht allgemeine, sondern nur namentliche.« Keiner der Purpurträger konnte sich der zwingenden Logik dieser Gründe verschließen, und alle stimmten Aragons Schlußfolgerungen bei. Aber sie waren verwundert über ihren eigenen Mut. Der Papst entsandte sofort zwei Kardinäle zu Olivarez, um ihn von dem Beschlüsse der Kongregation in Kenntnis zu setzen. Der Spanier war mit seinen eigenen Waffen geschlagen! An diesem Tage atmete Sixtus zum erstenmal wieder auf. Beim Nachtmahle war er so guter Dinge, wie ihn seine Familiaren lange nicht gesehen hatten. »Gott hat ein Wunder geschehen lassen!« sagte er zu Montalto. »Nicht Wir, die Spanier selbst haben die Liste dieser Kongregation aufgestellt, und doch hat sie Unsere Wünsche erfüllt; ja sie ist noch darüber hinausgegangen.« Am Abend dankte er Gott auf den Knien, daß er ihn wieder in Gnaden aufgenommen habe. Das Wunder war sogar noch größer, als er vermeint hatte. Er wußte noch nicht, daß Navarra den Herzog von Mayenne wenige Tage vor jener denkwürdigen Kongregation vernichtend geschlagen hatte. Damit war die Ligue, Spaniens Hilfstruppe, so gut wie erledigt; Navarra brauchte nur noch Paris zu erobern, um sich krönen zu lassen. Diese große Kunde drang anfangs nur als Gerücht nach Rom; erst am Ende des Monats ward sie bestätigt. Seitdem war Sixtus fest entschlossen, den Kopf aus der spanischen Schlinge zu ziehen. Jetzt arbeitete die Zeit für ihn; denn es schien ihm fast gewiß, daß Navarra als König zur Kirche zurückkehren werde. Aber ebenso klar war es ihm, daß er es jetzt noch nicht konnte. Eines Abends, beim Nachtmahl, als er lange schweigend gesessen hatte, fuhr er plötzlich wie aus einem Traume auf und sprach zu Montalto: »Wie könnte Navarra jetzt katholisch werden? Er braucht ja die Hugenotten noch. Auch die Königin von England und die deutschen Fürsten ließen ihn fallen, und Philipp söge ihn auf wie ein Ei.« Seitdem schalt er in den Kongregationen auf Olivarez und auf seinen eigenen Legaten, der sich viel zu weit mit der Ligue eingelassen habe. Er nannte jenen einen Verbrecher und diesen höhnisch den Legaten Spaniens. Und er sprach es offen aus, er werde für die spanische Sache weder Geld noch Soldaten hergeben. »Man verschreit Uns als geizig,« sagte er in einer Kongregation, »aber das sind Wir nicht. Wir wollen die Schätze der Engelsburg nur nicht vergeuden, um Navarra zu reizen und ihm die Rückkehr in den Schoß der Kirche zu verlegen. Da richten Wir lieber Obelisken auf, vollenden die Peterskuppel und erbauen schöne Paläste, die Uns und der Kirche zum Ruhme gereichen. Denn Wir leugnen nicht, daß Uns Ruhmbegierde erfüllt.« Wie ein alter, sturmgebeugter Baum richtete er sich stolz wieder auf. Und er kämpfte weiter gegen den furchtbaren Spanier, der sein Leben vergiftete. Unaufhörlich kreiste sein Denken um die eine Frage: Wann wird Navarra in Paris einziehen? Aber Spanien gab seine Beute noch nicht aus den Klauen. Philipp wollte einen letzten Trumpf ausspielen, indem er den Herzog von Sessa nach Rom schickte. Er war zu der Einsicht gelangt, daß Olivarez durch seinen Starrsinn und seine Grobheit mehr Schaden als Nutzen gestiftet hatte; und tatsächlich war er über seine Befugnis hinausgegangen, als er mit Krieg und einem Schisma gedroht hatte. Der junge Herzog sollte also durch Sanftmut und Ehrerbietung wieder gutmachen, was der Botschafter durch seine leidenschaftliche Härte gesündigt hatte. Der Papst erwartete ihn mit banger Ungeduld, Olivarez dagegen mit dem Gefühl gekränkten Stolzes. In Rom aber zweifelte man nicht, daß er endlich die Lösung der schleichenden Krise bringen werde, die das öffentliche Leben vergiftete. Der Papst, so meinte man, werde dann endgültig zum Sklaven Philipps werden oder die Partei der Hugenotten ergreifen. 32. Die Peterskuppel Ehe der neue Quälgeist aus Spanien eintraf, genoß Sixtus noch ein letztes Glück; am 15. Mai war die Kuppel des Petersdomes vollendet. Es fehlte nur noch die Bleiverschalung der äußeren Wölbung und der kleine Aufsatz, die sog. Laterne. Fontana hatte sein Meisterwerk vollbracht; es war sein letztes in Rom und der letzte, höchste Triumph seines Bauherrn. Sixtus hatte eine Treppe vom Vatikan zur Peterskirche anlegen lassen, eine sehr naheliegende Sache, auf die aber keiner seiner Vorgänger verfallen war. Nicht selten stieg er auf ihr hinab, um die Fortschritte des Baues zu verfolgen und zum Eifer anzuspornen. Fontana freilich erschien nur auf Befehl vor ihm, denn er hockte zumeist in seiner Bauhütte, wenn er nicht auf den Gerüsten herumkletterte oder andere Bauten beaufsichtigte. Eines Tages begegnete Sixtus ihm zufällig in der Kirche. »Domenico,« fragte er ihn, »wer wird den Ruhm dieses Bauwerkes genießen, du und Giacomo della Porta oder Wir?« Der Baumeister blickte ihn verständnislos an. »Laß sein,« lächelte er, »du kannst Uns nicht antworten. Ihr und Wir waren nur die Vollstrecker eines höheren Geistes. Unser Ruhm liegt darin, daß wir seine Pläne ins Leben gezogen haben. Wir können stolz darauf sein, aber ist es nicht auch eine Mahnung zur Demut? Wir waren nur die Handlanger Buonarottis.« Fontana schien gekränkt. »Heiliger Vater,« sagte er, »Meister Buonarotti war ein Riese, und ich bin ein Zwerg. Dennoch steht es fest, daß er den ganzen Plan von Bramante geerbt hat. Er hat ihn nur unwesentlich verändert, besonders den der Kuppel. Wer sich von Bramante entfernt, pflegte er zu sagen, entfernt sich von der Wahrheit. Und er selbst nannte sich nur dessen Vollstrecker. So hat es Meister Giacomo mir oftmals versichert. Er und ich waren also gleichwie Buonarotti nur Handlanger Bramantes.« »Dein Künstlerstolz ist gekränkt,« lächelte Sixtus, »aber du verstehst nicht, wie Wir es meinen. Sieh, Domenico, in Unseren Jahren wird man wieder demütig. Wir haben alles menschliche Leid und alle menschliche Größe bis zur Neige ausgekostet und stehen am Abschluß Unseres Lebens. Und wenn Wir heute seine Summe ziehen, so kommen Wir dahin zurück, von wo Wir ausgegangen sind: dem Ewigen in Demut zu dienen. Gott offenbart sich auch in diesem Bauwerk, und deine Arbeit, so rauh und irdisch sie scheinen mag, ist ein reiner und edler Gottesdienst. So und nicht anders haben Wir es gemeint.« Endlich kam der langersehnte Tag, wo die letzten Baugerüste fielen und der Kuppelraum in seiner ganzen Größe und Schönheit hervortrat, noch ohne den Schmuck der Mosaiken und Verzierungen, aber dadurch um so reiner und eindrucksvoller. Fontana hatte Wort gehalten: zwei Tage vor Himmelfahrt war das Werk vollbracht. Sixtus wollte es in Ruhe besichtigen, bevor er es durch die kirchliche Feier einweihte. Auch der Baumeister hatte sich zu diesem Ehrentage eingefunden. Er hatte sein Festgewand angelegt, über dem die schwere goldene Gnadenkette mit der Schaumünze des Papstes prangte. Unter dem linken Arm hielt er einen großen purpurnen Lederband. Sixtus konnte sich an dem neuen Wunder nicht sattsehen. Er schritt hin und her, blickte empor in die schwindelnde Höhe, verlor sich in dem ungeheuren Raume. Die paar Begleiter, die seinen Thronsessel umstanden, erschienen ihm wie winzige Ameisen. Schließlich nahm er Platz, von der Größe seines eigenen Werkes überwältigt. In majestätischer Ruhe thronte die Kuppel auf den Doppelpilastern der Trommel, deren tragende Kraft sich in den Gewölberippen fortpflanzte. Durch die sechzehn Riesenfenster fluteten Ströme von Sonnenlicht in das harmonische Rund und gaben ihm etwas leicht Schwebendes, die Verklärtheit stiller Größe. Und überall wiederholten sich in den Schiffen diese ruhigen Rundungen, bald in Überschneidungen, bald in gerader Flucht den ungeheuren Raum überspannend, eine stumme und doch mächtige Musik voll unendlicher Harmonien, die sich in der Kuppel zum gewaltigen Finale aufsteigerte. Lange saß Sixtus traumversunken, als lausche er diesem stillen Rhythmus. Er fühlte sich von ihm emporgetragen, weltentrückt. So mochte Gott am siebenten Schöpfungstage empfunden haben, da er sein Werk ansah und es gut fand. Nichts, weder der Kardinalshut, als er ihm verliehen ward, noch die dreifache Krone, als man sie ihm aufs Haupt setzte, kam diesem göttlichen Gefühl gleich. Eine nie gekannte Seligkeit, ein Rausch ohne Wein, erfüllte seine Brust, und seine Augen gingen über von sanften Tränen. Endlich hatte sein stürmisches Herz Ruhe gefunden in der übermenschlichen Größe des Vollbrachten. Er winkte Fontana zu sich heran und fragte: »Wo ist Giacomo?« »Der Alte hat das Fieber und getraut sich nicht heraus«, entgegnete der Baumeister. »Die letzten Anstrengungen haben ihn erschöpft.« »Schade, daß er heute nicht hier ist«, versetzte der Papst. »Denn auch ihm sind Wir großen Dank schuldig. Er war der letzte Gehilfe Buonarottis, und er hat sich einem Jüngeren gefügt. Das ist viel. Aber wie sollen Wir dir und ihm danken, Domenico? Euer Ruhm ist euer bester Lohn. Wir wollen zwar auch heute mit Unserem Lohne nicht kargen und haben euch beiden ein ansehnliches Geschenk zugedacht. Aber was ist alles Geld im Vergleich zu einem göttlichen Werke? Alle großen Dinge sind unbezahlbar. So schämen Wir Uns denn fast, daß Wir mit leeren Händen kommen. Bitte dir eine besondere Gnade aus, Domenico, die Erfüllung eines Herzenswunsches, den Wir nicht kennen, und Wir wollen tun, was wir vermögen. Fontana kniete nieder und sprach: »Heiliger Vater, als Meister Buonarotti diesen Bau übernahm, verzichtete er auf jeglichen Lohn. Für ihn war diese Arbeit ein Gottesdienst. Er dachte ebenso, wie Eure Heiligkeit es neulich zu mir gesagt hat. Ich aber, sein Handlanger, wie Eure Heiligkeit meint, habe reichlichen Lohn erhalten, und ich genieße alle die Glücksgüter, die Sie mir früher zugewandt hat. Ich habe Weib und Kinder und ein schönes Haus, und mein Bruder und Neffe haben als meine Gehilfen Wohlstand erworben. Wozu noch Geschenke? Gebt sie lieber dem alten Giacomo, auf daß er nun ruhen kann von aller Arbeit. Ich habe nur einen Herzenswunsch: Eure Heiligkeit möge mir noch viele Jahre ihre Huld erweisen.« Ein schmerzliches Lächeln glitt über die Lippen des Greises. »Domenico,« sprach er nach einer Weile, »das ist ein Wunsch, dessen Erfüllung nicht in Unserer Macht liegt. Einen solchen durftest du nicht äußern. Unserer Huld bist du sicher, solange Gott Uns am Leben läßt. Doch Wir sind alt wie Giacomo und werden auch bald ruhen von aller Arbeit. Du aber schaffe weiter; vollende, was du noch vermagst, solange Wir leben, denn wer weiß, wie du es später antreffen wirst. Nur heute laß alle Arbeit ruhen und feiere mit Uns diesen Tag der Vollendung. Du hast das Größte vollbracht, was das Zeitalter zu fordern hatte, und dein Name wird klingen, solange diese göttliche Kuppel sich über dem Grabe Petri wölbt.« Damit reichte er ihm die Hand zum Kusse und wollte aufstehen, um fortzugehen. Doch der Baumeister griff nach dem purpurnen Lederbande, den er unter dem linken Arme trug, schlug den Deckel auf, auf dem das Wappen des Papstes in Gold eingepreßt war, und begann mit erhobener Stimme die großen Buchstaben der Widmung zu lesen: »Wie alles Wasser vom Meere kommt und zum Meere zurückfließt, so sind aus der spendenden Hand Eurer Heiligkeit all die prächtigen Bauten hervorgegangen, die in diesem Buche beschrieben sind. Recht und billig ist es, daß sie bei seiner Veröffentlichung zu ihr zurückkehren, zum ewigen Gedächtnis Ihrer Seelengröße und meiner treuen Knechtsdienste bei der Ausführung so vieler großer Dinge ...« Mit freudigem Erstaunen nahm Sixtus das Buch zur Hand und blätterte es durch. In großen, sauberen Stichen, von Erklärungen umrankt, folgten sich alle Bauten seiner Regierung, von dem Obelisken auf dem Petersplatze, dessen Aufrichtung seine erste Großtat gewesen war, bis zu der Peterskirche, die schon im Schmuck der noch unwirklichen Fassade prangte, wie Michelangelo sie entworfen, überragt von der eben vollendeten Kuppel; dazwischen sein Eigenstes, was ihn persönlich betraf, von seiner geliebten Villa Peretti bis zu seiner letzten Ruhestätte in S. Maria Maggiore. Dies Loblied klang ihm holder als alle Oden Tassos. Es war ein sichtbares Spiegelbild steingewordener Poesie, keine Sammlung schillernder Seifenblasen. »Wie schön, wie schön«, nickte er. »Und das alles danken Wir dir, Domenico. Wahrlich, du unterläßt nichts, um Uns zu beschämen, damit Wir vollends als Bettler vor dir stehen.« Fontanas Augen strahlten in feuchtem Schimmer. Er blickte stumm zu dem Greise empor wie zu einem Gnadenbild. Auch Sixtus war sprachlos vor Rührung. Er hatte beide Hände des Baumeisters ergriffen, und die Blicke beider Männer flössen ineinander wie die eines Vaters und seines geliebten Sohnes. Alles Trennende fiel zwischen ihnen nieder wie Staub; kein Gedanke an äußeren Lohn stand mehr zwischen ihnen; kein irdisches Wort trübte die Weihe dieses Augenblicks. Endlich raffte der Papst sich zum Fortgehen auf. »Komm mit, Domenico«, sagte er liebreich. »Du sollst heute an meiner Tafel speisen, nicht wie ein Botschafter, sondern wie ein vertrauter Freund.« Und er ließ ihn neben sich hergehen. Seit jener Stunde hatte Sixtus seine alte Festigkeit wiedergewonnen. Die weltlichen Ängste und Sorgen pochten zwar noch an das Tor seiner Seele, aber er ließ sie nur noch ein wie einen Schwarm von Bettlern, dem er Gnade erwies. Er fühlte, sein Lebenswerk war vollbracht, wenn auch noch nicht ganz vollendet, gleichwie der Peterskuppel der letzte Abschluß fehlte. Die Frist, die ihm noch blieb, war Gnade des Himmels. Er wollte sie nutzen, so gut er vermochte, und er war fest entschlossen, sich durch nichts mehr einschüchtern zu lassen. Ein Wagnis war sein ganzes Leben gewesen, ein Wagnis der Beginn seiner Herrschaft, da er die Briganten austilgte und die großen Barone niederzwang, ein Wagnis seine Bauten von der Aufrichtung des Obelisken bis zu dem eben vollendeten Wunder der Peterskuppel. Mit einem Wagnis, dem größten von allen, wollte er auch sein Leben beschließen. Mit ruhiger Seele erwartete er fortan die Ankunft des Herzogs von Sessa. Mochte er kommen, wann er wollte, und bringen, was seinem König beliebte. Zwei Dinge standen für ihn fest, wenn er sie auch nicht mehr erleben sollte: Navarras Thronbesteigung und somit sein Übertritt; der Friede in Frankreich und somit ein neues Gleichgewicht in der Welt. Mochte Philipp Krieg führen oder nicht: der Ausgang dieses Krieges schien ihm vorgezeichnet durch das Schicksal der Armada. 33. Das letzte Ringen Ungeheuer war der Zulauf zu der Himmelfahrtsmesse im Petersdome, aber er galt weniger der Person des Papstes als der Einweihung seines letzten und größten Werkes. Jedermann fühlte es, mit der Vollendung der Peterskuppel war auch sein Leben beschlossen. Und so herrschte denn nicht mehr die hoffnungsvolle Begeisterung wie bei seiner ersten Papstmesse, sondern eine Art unwilliger Bewunderung und zugleich ein Gefühl der Befriedigung, daß die Tage des strengen Papstes gezählt seien. Was man von ihm sah und hörte, bestätigte diese Vermutung noch. Durch das immerwährende Fieber und die Quälereien der Spanier erschöpft, mit gelbem Antlitz und tiefgefurchten Zügen, saß Sixtus gebückt in seinem schimmernden Ornat auf dem vergoldeten Tragsessel zwischen den beiden riesigen Rädern aus weißen Straußenfedern. Mühsam hielt er sich aufrecht; müde teilte seine zitternde Rechte mit dem Fischerring über dem goldgestickten Handschuh den Segen nach allen Seiten aus, während er inmitten der brausenden Menge durch das Spalier der Schweizer und der Palastgarde getragen ward. Langsam und stockend folgte der buntfarbige Zug der Kardinäle in ihren herrischen Purpurgewändern, der Erzbischöfe und Bischöfe in ihrem Ornat, der Chorherren und Benefiziaten von St. Peter in ihren weißen und grauen Pelzmänteln, der Diplomaten und römischen Großen in ihrer spanischen Hoftracht mit der weißen Halskrause. Endlich ward der Papstthron unter dem roten Brokatbaldachin vor dem Hochaltar niedergesetzt, und alles gruppierte sich um ihn streng nach der Rangordnung und dem Zeremoniell. Aber zu schwach, um das Hochamt selbst abzuhalten, ließ Sixtus nur seine Mitra auf dem Hochaltar aufstellen und ein Kardinal zelebrierte die Messe an seiner Statt. Man hielt das für eine schlimme Vorbedeutung. Wie aus einem Grabe drang bisweilen die Stimme des Offizianten durch das dumpfe Gemurmel der Menge; nur wenn der Chorgesang wie eine Sturmflut von Klängen emporquoll, schien er den Kuppelraum bis zu seiner schwindelnden Höhe zu erfüllen. Waffenklirrend sanken die Schweizer und Garden ins Knie, als die Monstranz erhoben ward. Eine breite Sonnenbahn fiel wie ein Segenszeichen von oben durch die riesigen Fenster der Kuppel herab und verklärte die blauen Weihrauchwolken, die zu ihr emporstiegen. Aber immer wieder wandten die Blicke der Menge sich von diesem mystischen Schauspiel ab und richteten sich auf den Greis, der in seinem schimmernden Mantel dasaß wie eine marmorne Grabfigur. Wie lange noch würde diese lebende Leiche über Leben und Tod triumphieren? Sixtus hatte sich auf die Feier gefreut, aber ein neuer Fieberanfall quälte ihn, und während seine Blicke über diese Welt voller Glanz und Schönheit hinschweiften, über all diese Kapellen und Papstgräber mit ihren großen Erinnerungen, dachte er wehmütig an all die Pläne, die er nicht mehr würde ausführen können, die Ausschmückung und Verschalung der Kuppel, die Vollendung der Seitenschiffe, die Marmortäfelung des Fußbodens und vor allem den Abschluß nach dem Petersplatze, den Fontana auf seinem Stiche bereits vorgegaukelt hatte. Das alles hinterließ er seinen Nachfolgern zu ihrem Ruhme. Auch sein Werk war nur ein Glied in einer langen Kette: es wies über sein Leben hinaus. Als man ihn nach dem Segen wieder hinaustrug, merkten die emporspähenden Blicke, daß er von Fieberschauern geschüttelt ward. Und nach dem Hochamte mußte er alle Audienzen absagen. Auf Andringen seiner Familie und seiner Ärzte entschloß er sich endlich, in den neuen Sommerpalast auf dem Quirinal überzusiedeln, den Fontana zu dem einfachen Bau seines Vorgängers hinzugefügt hatte. Wehmütig nahm er Abschied von dem neuen Flügel des Vatikans, der im Rohbau bis an das Dach fertig war. Sixtus hatte ihn zur künftigen Papstwohnung bestimmt, aber er fühlte, er würde diese hohen, luftigen Gemächer nicht mehr bewohnen. Auch hier baute er nur für andere, für die Zukunft. Der Umzug geschah in großer Form. Voran ritten Trompeter und Offiziere, dann kamen die Schweizer in ihrer roten puffigen Tracht und der Papst selbst in seiner offenen, vergoldeten Sänfte, die innen mit Scharlach ausgeschlagen und mit goldenen und silbernen Fransen verziert war. Ihm folgten die Kardinäle, dann die Bischöfe auf starken Maultieren, und hinter diesem geistlichen Fähnlein ritt eine Schwadron päpstlicher Lanzenreiter. Gar prächtig nahm sich der Quirinalspalast jetzt aus. Die beiden verstümmelten Marmorkolosse aus den Bädern des Konstantin waren von Künstlerhand ausgebessert und mitten auf dem weiten Platze aufgerichtet, und zwischen ihren Marmorbasen sprudelte ein Brunnen der Acqua Felice sein klares Bergwasser. Sixtus warf einen letzten Blick auf das Häusermeer zu seinen Füßen, das bis zum Gianicolo und zum Monte Mario wogte, überragt von der Peterskuppel, die ihren mächtigen Akzent darauf setzte. Dann blickte er zu dem Portal empor, über dem jetzt sein Wappen statt dem seines Vorgängers prangte. »Gregor hat den Bau begonnen,« dachte er, »aber ich habe ihn bezahlt. Und ein anderer wird bald darin wohnen.« Derweil schwankte seine Sänfte in den großen Hallenhof mit seinen gedrungenen Pfeilern, den noch immer Baugerüste erfüllten. Zwei Wochen darauf traf endlich der Herzog von Sessa in Rom ein und erschien mit Olivarez zu seiner ersten Audienz. Der junge Grande, der in die geheimsten Absichten seines Herrschers eingeweiht war, führte sich mit schmeichelnder Liebenswürdigkeit ein. Sixtus war auf heftige Vorwürfe und auf neue Drohungen gefaßt. Er fürchtete, zum Abschluß des Bündnisses in grober Form gedrängt zu werden, und seine Hände zitterten fieberig auf der Stuhllehne. Aber nichts dergleichen geschah, und er beruhigte sich rasch. Der Herzog erinnerte nur an die eigenen Vorschläge des Papstes vom letzten Winter, bedauerte das lange Sichhinschleppen der Verhandlungen und betonte, daß Gefahr im Verzuge sei. Dann forderte er die Exkommunizierung der Anhänger Navarras. Von einer Beihilfe des Papstes mit Geld oder mit Soldaten sprach er kein Wort. »Es ist allerdings wenig geschehen«, entgegnete Sixtus. »Uns hat man zwar immerzu geplagt, aber den Herzog von Mayenne hat man nicht unterstützt, und wie die Dinge jetzt stehen, hätte es auch kaum noch einen Zweck. Die Ligue hat ausgespielt. Lieber werfen Wir Unser Geld in den Tiber, als daß Wir es für eine verlorene Sache hergeben. Die Feindschaft zwischen den Häusern Bourbon und Guise ist eine weltliche Sache, die mit der Religion nichts zu schaffen hat. Deshalb haben sich auch so viele Kardinäle, Prinzen und Herren Navarra angeschlossen. Wir wollen Uns nicht zum Parteigänger der Ligue machen, sondern strikte Neutralität wahren.« »Wohlan, entgegnete der Herzog, »wenn Eure Heiligkeit uns die zugesagte Hilfe verweigert, wird Spanien allein vorgehen. Unsere Truppen in Savoyen und in Flandern sind zum Einmarsch bereit. Er beobachtete die Wirkung dieser Worte auf den Geist des Papstes, aber sie schien gering. »Das hieße sein Geld zum Fenster hinauswerfen«, sagte er. »Soviel Wir vom Kriegswesen verstehen, muß man seine Truppen zusammenhalten, aber sie nicht verzetteln. Doch der König von Spanien tue, was ihm beliebe. Seine Gallionen bringen ihm fortwährend das Gold aus der Neuen Welt. Wir werden ihn nicht hindern, Frankreich zu erobern. Aber wenn dies geschehen ist, was dann?« »Der Kardinal von Bourbon«, erwiderte Sessa, »ist kürzlich verstorben. Er war der Letzte des Hauses Valois. Durch seinen Tod ist der französische Thron frei geworden. Mein König denkt nicht daran, Frankreich zu behalten, aber er will einen katholischen König.« »Das ist auch Unser sehnlichster Wunsch«, nickte Sixtus. »Aber es gibt mindestens drei Prätendenten, den Herzog von Mayenne, der bei Ivry geschlagen ward, den Herzog von Savoyen, Eures Königs Eidam, und den Lothringer. Ist Frankreich erobert, so fängt die Schwierigkeit also erst an.« Er sagte dies mit einem Anfluge von Spott. Wie hatte man ihn selbst doch einst in Madrid phantastischer Pläne geziehen, und nun wollte man sich in das Fell des Löwen teilen, während Navarra nur noch Paris zu erobern brauchte, um sich zum König krönen zu lassen! So ging die Unterredung mit unendlichem Wortschwall weiter, und als die Gesandten sich schließlich beurlaubten, waren sie nicht klüger, als wie sie gekommen waren. Doch inzwischen traf ein Handschreiben Philipps an Sixtus ein, der letzte Trumpf, den er ausspielte. »Nichts hat mich mehr überrascht, als daß Eure Heiligkeit der Ketzerei Zeit läßt, in Frankreich Wurzel zu fassen, und daß Sie nicht mal gegen die Anhänger Navarras vorgehen will. Die Kirche steht im Begriff, eins ihrer kostbarsten Länder zu verlieren. Die verbündeten Ketzer setzen die ganze Welt in Brand; Italien schwebt in größter Gefahr, und doch zaudert man, die Ketzerei auszurotten. Ich eile zu Eurer Heiligkeit wie ein Sohn zu einem geliebten und verehrten Vater. Ich erinnere Sie an die Pflichten des Heiligen Stuhles. Gott und die Welt kennt meine Ergebenheit für ihn, und nichts kann mich davon abbringen. Aber je größer die Ergebenheit ist, desto weniger kann ich es dulden, daß Eure Heiligkeit die Pflichten gegen die Kirche und gegen Gott selbst vernachlässigt. Auch wenn ich Sie damit belästige und kränke, ich muß darauf bestehen, daß Sie Hand ans Werk legt ...« Nun schien kein Ausweg mehr möglich! Mit großem Widerstreben willigte Sixtus in die Aufsetzung eines Bündnisvertrages. Seine eigenen alten Vorschläge wurden darin aufgenommen, aber er bewilligte nur 16+000 Mann Truppen, die erst ausgehoben werden sollten, indes Philipp 25+000 Mann bereitstellte. Der Herzog von Urbino ward zum Oberbefehlshaber ausersehen. Die Wahl des neuen Königs von Frankreich aber überließ Sixtus dem König von Spanien; er selbst behielt sich nur das Recht vor, die italienischen Fürsten zum Beitritt zu diesem heiligen Kriege einzuladen. Damit gab er sich fast ganz in die Hände Spaniens; nur in einem Punkte blieb er fest: er wollte nichts mit der Ligue zu tun haben. Aber während er diesen Vertrag aufsetzen ließ, hoffte er stündlich auf die Kunde von der Einnahme von Paris. Endlich war der Pakt so weit fertig, daß nur noch die Unterschrift fehlte. Da versammelte der Papst, obwohl fieberkrank, die französische Kongregation, und zu ihrem unbeschreiblichen Erstaunen, denn sie hielt den Vertrag schon für geschlossen, stellte er ihr die Frage: »Der französische Thron steht leer. Kommt es dem Papste zu, ihn neu zu besetzen?« Auf den Herzog von Sessa und auf Olivarez wirkte diese Kunde wie ein Donnerschlag. Sie fühlten sich genarrt und verraten. Der Papst schützte sein Fieber vor, um sie nicht zu empfangen, doch sie überschütteten ihn mit Botschaften, Bitten und Drohungen. Er ließ sie ersuchen, sich zu gedulden und ihn während der Hundstagsglut ein wenig zu schonen. Er sei von den besten Absichten beseelt, doch als Oberhaupt der Kirche habe er die Pflicht, die Rechte des Heiligen Stuhles zu wahren. In ihrer Wut stellten die beiden Botschafter ein Ultimatum. Sei das Bündnis gegen Navarra bis zum 1. August nicht geschlossen, so würden sie den Vertrag ohne Unterschrift nach Madrid senden. Aber wenn der Papst die spanischen Gesandten nicht empfangen wollte, so sprach er trotz seines Fiebers doch mit dem Botschafter Venedigs. Badoer war aufs höchste besorgt und hielt nicht mit seinen Befürchtungen zurück. Er erzählte dem Papste alles, was er über den Vertrag in Erfahrung gebracht hatte. Aber Sixtus schüttelte den Kopf. »Ihr wißt mehr als Wir«, sagte er. »Die Spanier reden viel und tun wenig. Nach Olivarez' Behauptung sollte die Provence schon im letzten Dezember erobert sein, aber bis jetzt ist noch kein Spanier eingerückt. Sie nehmen den Mund voll mit dem Herzog von Urbino, ihren Truppen und wunder was noch. Wir lassen sie reden und warten ab. Wir werden ja sehen, was daraus wird.« Badoer betonte die Vorteile der Neutralität für den Heiligen Stuhl, aber er vermochte dem Papst sein Geheimnis nicht zu entlocken. Sixtus machte sich nur über die Spanier lustig. »Alles geht drüber und drunter«, sagte er. »Wie Unser Nuntius aus Köln meldet, erhält das Heer in Flandern seinen Sold nicht; Meutereien sind an der Tagesordnung, und Farnese hat große Mühe, sich gegen die Rebellen zu behaupten. Und da reden sie von Heeren, die sie nach Frankreich entsenden wollen! Sie wollen die Welt erobern und können Cambrai nicht einnehmen. Sie haben versucht, Zufuhr nach Paris zu bringen, aber ihre Truppen, ihr Geschütz, ihre Lebensmittel sind abgefangen worden, und die Pariser sind dem Verhungern nahe. Unser eigener Legat«, setzte er ingrimmig hinzu, »frißt Gras wie ein Schwein; er hat es nicht besser verdient.« Badoer atmete auf, als er den Papst so sprechen hörte. Es war so gut wie gewiß, daß Sixtus den Vertrag nicht unterzeichnen werde. 34. Der Schicksalstag Der 1. August war herangerückt. Durch gelbe Wolken fiel grelle Morgensonne. Schwarze Schatten liefen über die dürstende Landschaft, wie Vorboten unheilvoller Ereignisse. Die Berge waren zum Greifen nahe, bleifarben, wie schmutzige Aschehaufen. Der Schirokko blies dicke Sandkörner durch die Fensterspalten, füllte die Kirchen mit betenden Frauen und machte die Männer zum Jähzorn geneigt. Alles war erschöpft und zugleich gereizt. Die französische Kongregation hatte ihre Beratungen beendet, und der Papst versammelte sie im Quirinal. Mit fieberglühenden Wangen nahm er auf seinem Thronsitze Platz und forderte die Kardinäle auf, ihre Meinung zu äußern. Schweigend hörte er sie an; erst nach einer Weile ergriff er das Wort. »Wir haben Eure Meinungen reiflich erwogen, begann er, »und Unser eigenes Gewissen befragt. Hierauf fassen Wir folgenden Beschluß: Wir entsenden einen Prälaten zu den Prinzen von Geblüt und einen andern zu den Städten und Ortschaften, die zur Ligue halten, mit dem Auftrage, sich binnen gemessener Frist zur Wahl eines katholischen Königs zu versammeln. Wir beauftragen beide, alles daranzusetzen, daß diese Wahl einstimmig ausfällt. Der so gewählte König kann auf Unseren Beistand zählen. Wir werden ihn mit allen geistlichen und weltlichen Mitteln unterstützen. Was ist Eure Meinung darüber?« Ein spanischer Kardinal erhob sich und erklärte: »Eure Heiligkeit kann nach Gutdünken handeln, aber ich kann es nicht billigen, daß ein Vertreter des Papstes zu einem Ketzer entsandt wird.« Die Hände des Greises zitterten krampfhaft. Er wollte den Dreisten andonnern, aber er sank in seinen Thronsitz zurück; das Fieber hatte ihn übermannt. Trotzdem blieb er im Saale, aber die Leitung entglitt seinen Händen. Die Kardinäle äußerten ihr Für und Wider, und schließlich einigte man sich über die Abfassung einer Denkschrift, worin die getroffene Entscheidung erklärt und begründet ward. Dies Schriftstück ward den beiden spanischen Botschaftern mitgeteilt. Überdies sollte es zur Rechtfertigung des Papstes an alle katholischen Mächte versandt werden. Sixtus war mit allem einverstanden. Kaum hatten die beiden Spanier die Denkschrift erhalten, so eilten sie zum Quirinal. Sie wurden abgewiesen, beharrten darauf, vorgelassen zu werden, und ertrotzten schließlich eine Audienz bei dem Fieberkranken. »Die Spanier töten Uns«, klagte Sixtus seinem Großneffen Montalto. »Aber lieber wollen Wir als Märtyrer sterben, denn Uns von ihnen Gesetze vorschreiben lassen.« Die beiden Peiniger traten in sein Gemach. Er saß matt in seinem Lehnstuhl und winkte ihnen, Platz zu nehmen. »Bevor Wir Truppen entsenden,« sagte er, »wollen Wir Prälaten entsenden.« »Einer von ihnen«, entgegnete der Herzog, »soll dem Gerüchte nach zu Navarra entsandt werden.« »Und wenn dem so wäre?« »Was verspricht sich Eure Heiligkeit davon?« fragte Sessa. »Glaubt Sie, daß die Katholiken Navarra abspenstig gemacht werden, wenn der Heilige Vater einen Boten zu dem Ketzer schickt?« »Wir sind nicht gehalten, Euch Unsere Geheimnisse anzuvertrauen«, entgegnete Sixtus. »Geheimnisse!« lächelte der Spanier. »Man schreit es ja auf den Straßen aus. Aber ein päpstlicher Sendbote bei Navarra ist ein öffentliches Ärgernis und ein Schimpf für den König von Spanien. Sollte Eure Heiligkeit diesen Boten entsenden, wo Sie doch ein Bündnis mit uns schließen will, so werden wir das unverzüglich nach Madrid berichten, damit Seine Majestät sieht, was sie von Eurer Heiligkeit zu halten hat.« »Ihr habt Euch trefflich den Ton des Grafen Olivarez angewöhnt«, fuhr Sixtus auf. »Ihr beschimpft Uns in Unserem eigenen Hause. Wir kennen Euren König als guten Fürsten, aber Ihr verfälscht und vergiftet seine Absichten. Woher wißt Ihr denn, daß ihm Unser Vorhaben mißfallen wird? Wir sind nicht sein Sklave, daß Wir ihm Rechenschaft schulden, sondern sein Vater, und es steht den Söhnen nicht zu, Rechenschaft von ihrem Vater zu fordern. Suprema Sedes a nemine judicatur. Wir verstehen Uns besser auf die Theologie als Ihr, die Ihr einen langen Degen an der Seite tragt. Wir sind Doktor der Theologie und anderer Fakultäten. Wir haben den Kanon, die heilige Geschichte, die Kirchenväter und Theologen, die Beschlüsse der Päpste und der Konzile studiert. Wer gibt Euch ein Recht, Uns zu drohen? Ein Gerücht, sagt Ihr, das Ihr auf der Straße auflaset. Seid Ihr deshalb nach Rom gekommen? Besser wäret Ihr nie erschienen.« Die beiden Gesandten standen tief verletzt auf. »So werden wir heute den gebrochenen Vertrag nach Madrid senden, entgegnete Sessa scharf. »Und der König wird marschieren.« »Tut, was Euch beliebt«, schrie Sixtus. »Wir hindern den König nicht, zu marschieren.« Und in spöttischem Tone setzte er hinzu: »Was hat er bisher in Frankreich erreicht? Nichts!« »Wir stehen erst am Anfang«, entgegnete Sessa. »Wohlan, Wir sind auf den Fortgang gespannt! Gott gebe, daß es nicht so endet wie mit der Armada und dem Herzog von Mayenne.« Sangalletto, der den Auftritt draußen mit pochendem Herzen gehört hatte, öffnete die Tür und ließ die Gesandten hinaus. Der Kardinal Montalto kam bestürzt hereingeeilt; er glaubte, es ginge mit dem Papste zu Ende. Seine Brust keuchte und seine Pulse flogen. »Philipp will sich zum Gott erheben lassen«, phantasierte er. »Er wird enden wie Nebukadnezar.« Als er sich wieder erholt hatte und an ein Fenster trat, hörte Sangalletto ihn seltsame Worte murmeln: »Glückliche Elisabeth,« sagte er, »dir war es vergönnt, ein Fürstenhaupt fallen zu sehen!« Als die beiden spanischen Gesandten den steilen, glühenden Treppenweg vom Quirinalsplatze zum Corso hinabstiegen, wo der Palast des spanischen Botschafters lag, fühlten sie sich endgültig geschlagen. Mit einem Gemisch von Groll und Genugtuung sagte Olivarez: »Ich kannte den Papst besser als Eure Durchlaucht. Nur durch Furcht war bei ihm etwas zu erreichen. Sie aber haben es mit Güte versucht. Ihre Botschaft scheint mir endgültig gescheitert.« »Ja, ich habe genug davon«, entgegnete der Herzog. »Ich kehre nach Spanien zurück und nehme den unvollzogenen Vertrag mit. Er ist nur noch ein Wisch Papier...« »Er wird unsere Rechtfertigung sein«, entgegnete Olivarez. »Und er wird den Papst vor der ganzen Christenheit an den Pranger stellen.« »Ein Jesuitenpater in Madrid«, nickte der Herzog, »hat ihn schon öffentlich als Ketzerfreund gebrandmarkt.« Pranger und Brandmarkung -- es fehlte nur noch, daß die beiden Spanier den Wunsch hegten, den Papst im San Benito auf dem Scheiterhaufen zu sehen. »Seine Brust ist ein Schlangennest«, versetzte Olivarez. »Nichts als Lügengespinste, Ränke und Falschheit. Ich beneide Eure Durchlaucht um Ihre Heimkehr. Könnte ich nur mitfahren! Ich will Seine Majestät um einen anderen Posten bitten, der eines kastilischen Edelmannes würdiger ist.« »Ich will es Euch wünschen, Herr Graf«, entgegnete Sessa. »Einstweilen werdet Ihr hier wohl einem Leichenbegängnis beiwohnen. Je eher, desto besser. Und beim nächsten Konklave seid Ihr unentbehrlich.« 35. Der sterbende Sieger Die letzten Aufregungen in diesen Gluttagen und das immerwährende Fieber warfen den Papst ernstlich aufs Krankenlager. Aber er war ebenso störrisch gegen die Ärzte wie gegen die Diplomaten. Er wollte sich nicht mal den Puls fühlen lassen und suchte das Fieber nach wie vor auf Bauernart durch Weingenuß zu brechen. Mehrmals hatte er so heftige Anfälle, daß sein Tod nahe schien. Aber immer wieder setzte er sich an seinen Arbeitstisch und erledigte die laufenden Geschäfte, empfing den Gouverneur von Rom und andere Besucher. Nur die beiden Spanier empfing er nicht mehr; ihr bloßer Anblick erfüllte ihn mit Haß und Ekel. Olivarez hatte ihn zum ersten Male das Fürchten gelehrt und ihn vor sich selbst gedemütigt. In seinem Geiste verschmolz er ihn bisweilen mit Paolo Giordano Orsini. Lahmte er nicht auch wie jener Unhold, und hatte er nicht fast den gleichen herrischen und grausamen Blick? Und wer hatte ihm je so viel Leid angetan wie diese beiden? Aber auch Sessa war ihm kaum minder verhaßt. Als dieser endlich abgereist war, flackerte seine Lebenskraft noch einmal auf wie das Licht einer verlöschenden Lampe. Am 13. August hielt er sein letztes Konsistorium ab, um den Kardinälen Lebewohl zu sagen. Er ernannte zunächst noch einen Kardinal, der den Namen Pepoli trug. Wollte er damit das Strafgericht wieder gutmachen, das er zu Beginn seiner Herrschaft an dem edlen Greis in Bologna vollzogen hatte? Dann begann er mit matter Stimme Rechenschaft über sein Pontifikat abzulegen. »Wie Unser Heiland Jesus Christus«, so sprach er, »mit seinen Jüngern Gutes und Schlimmes geteilt hat, so haben auch Wir, sein Stellvertreter, die Pflicht, den Kardinälen Unsere Leiden und Freuden mitzuteilen.« Und er zählte alles auf, was er zum Ruhme der Kirche und zum Nutzen und Glanze von Rom getan hatte. Es war eine lange stolze Liste, seine Selbstverklärung in der Form eines politischen Testaments. Dann schwieg er eine Weile vor Schwäche, raffte sich wieder auf und schloß mit den Worten: »Drei Nachrichten haben Wir Euch noch zu verkünden. Die erste ist die Bekehrung des Markgrafen von Baden, ein neuer Sieg des Glaubens in Deutschland. Die zweite ist, daß Unsere Galeeren drei Raubschiffe aufgebracht haben, der erste Erfolg Unserer Marine, den Gott Uns geschenkt hat. Denn Wir haben sie nicht geschaffen, um christliche Herrscher zu belästigen, sondern um das Meer von den Korsaren zu säubern. Die dritte Nachricht ist minder erfreulich. Ihr alle kennt den Mißwachs des letzten Jahres. Wir hofften ihn durch unsere Kornspeicher wettzumachen, aber die Vorräte sind erschöpft. Wir haben kein Korn mehr in den Speichern, noch Geld in Unseren Kassen. Wir schlagen Euch daher vor, eine halbe Million Scudi aus dem Schatz in der Engelsburg zu nehmen, um Getreide anzukaufen. Wir sind froh, jederzeit über solche Summen verfügen zu können, die andere Fürsten für Kriege und Blutvergießen ausgeben, Wir aber zum Wohl Unserer Untertanen. Wir wollen dadurch auch der Welt zeigen, daß Wir für schlechte Jahre Vorsorge getroffen haben, wie die emsige Ameise im Sommer Vorräte einheimst, um sie in der Härte des Winters zu verzehren.« Wie füglich, fand dieser Antrag einstimmige Annahme. So streute die Hand des Sterbenden noch einmal Segensfülle über Undankbare aus. Aber Sixtus hatte noch etwas auf dem Herzen, was er den Kardinälen aus Scham verhehlte: das Unwesen der Briganten hatte derart überhand genommen, daß sie bereits vor den Toren von Rom erschienen wie unter seinem Vorgänger Gregor. Er hatte Ottavio Cesi mit Truppen entsandt, um sie zu vertreiben, aber die Feiglinge wollten sich mit den Räubern nicht schlagen und hatten gemeutert. Anfangs verhehlte man dem Kranken diese traurige Kunde, als er sie aber erfuhr, grämte sie ihn tief, und er traf sofort energische Maßregeln. Häufig arbeitete er noch mit dem Kardinal Aldobrandini, der die Dataria, das Pfründenamt, unter sich hatte und dicht beim Quirinal wohnte. Er hatte eine Vorliebe für diesen fleißigen Florentiner gefaßt, der als Feind der Medici im Exil geboren war und schwere Schicksale bestanden hatte. Als Uditor der Rota war er einst mit ihm selbst im Gefolge des Legaten Buoncompagni, des späteren Papstes Gregor, nach Spanien gereist. Sixtus hatte ihn zum Kardinal erhoben und ihn als Gesandten in Polen erprobt; dann hatte er ihm dies einflußreiche Amt zugewandt. Aldobrandini war freilich kein Kirchenlicht, obwohl er dafür galt und im Rufe eines Diplomaten stand. Er war dick und schwerfällig, aber auch zuverlässig, und darum stand er bei Sixtus in Gunst. »Nun werdet Ihr bald hier einziehen«, sagte er einmal zu ihm, und als der Florentiner ihn erstaunt anblickte: »Nun ja, Wir haben ein Vorgefühl, als solltet Ihr bald Unser Nachfolger werden. Wohl Euch, Ihr werdet die Früchte Unserer Arbeit genießen und Navarras Sieg erleben. Verschließt ihm dann nur nicht die Pforte der Kirche, denn Wir sind sicher, er wird Einlaß begehren. Dies ist Unser letztes Vermächtnis.« Das Fieber verzehrte ihn zusehends, und ein Brustfluß machte ihm das Sprechen schwer. Am 24. August mußte er die gewöhnlichen Audienzen der Botschafter absagen lassen. Die Ärzte waren verzweifelt, daß er noch immer so unfügsam war, aber niemand wagte ihm ernste Vorstellungen zu machen. Auch Sangalletto war trostlos. »Wahrlich,« sagte er zum Kardinal Montalto; »ich bin ein Märtyrer im Dienst Seiner Heiligkeit. Heute abend will ich das Eis brechen, da doch keiner den Mut dazu hat. Er tat, wie er gesagt hatte, und den Vorstellungen seines alten Hausmeisters lieh Sixtus endlich Gehör. Seitdem ließ er die Ärzte gewähren, aber es war jetzt zu spät. Er begann schwer zu leiden, und Donna Camilla verbrachte lange Stunden an seinem Schmerzenslager. Oft neigte sie sich weinend über ihn, wenn er nach Atem rang, und umarmte ihn. Nach einer schlimmen Nacht verlangte er die Messe zu hören. Seine Familiären und der Kardinal Montalto waren dabei zugegen; auch Aldobrandini war herbeigekommen. Sixtus hatte sein Bett verlassen und saß in einem Lehnstuhl. Bei der Erhebung der Monstranz versuchte er niederzuknien, aber es gelang nur mit Hilfe Sangallettos und seines Großneffen. Gegen Mittag verlor er die Besinnung; einen Augenblick hielt man ihn für tot. Sein Beichtvater, seine Angehörigen und sein alter Freund, der Kardinal Alessandrino, wurden eilends herbeigerufen. Dumpfe Starre lag über dem Palast, und im Hofe stand ein Dutzend Kuriere bereit, sich in den Sattel zu schwingen. 36. Der Tod Verzehrende Glut brütete über Rom. Die Steine schienen in den Mauern zu schmelzen, und die lotrechte Sonne brannte erbarmungslos nieder auf Menschen und Tiere. In den Gärten starrten die Zypressen mit ihren schwarzen Spitzen unbeweglich in den ehernen Himmel empor, wie ein unbezwingliches Schicksal, und am Horizont ballten sich dicke gelbe Wolken, des erlösenden Gewitters harrend. Trotzdem herrschte auf dem Quirinalplatze ungewöhnliches Leben. Gesandte und Kardinäle kamen und gingen, in der Sänfte oder zu Fuße, die Hand vor den Augen haltend, um sie gegen das blendende Licht zu schützen. Die roten Gewänder der Purpurträger leuchteten wie Blut in der Volksmenge, die sich immer zahlreicher zusammenfand. Aus den einzelnen Gruppen drang dumpfes Raunen. Mit listigem Lächeln wiesen die Leute auf diesen oder jenen Kardinal hin und vertrauten ihren Freunden an, daß sie bei der nächsten Papstwahl auf ihn zu wetten gedächten. In den Vorzimmern des Palastes war ein gedrücktes Flüstern, ein Lauschen und Warten. Donna Camilla rauschte mit trüben, verweinten Augen vorbei. Montalto kam ihr bleich entgegen und führte sie in das Gemach des Papstes. Bei seinem Erscheinen verneigten die Höflinge sich schon minder tief als sonst. Der Fürst von Venafro mit seiner Gemahlin, der Fürst und die Fürstin Colonna und die Fürstin Orsini weilten bereits bei dem Sterbenden. In einer Ecke des Vorsaales saß der alte Kardinal Alessandrino und weinte dicke Tränen. Er gedachte des letzten Konklaves und jener Nacht fiebernder Erregung, wo er seinem Freunde Montalto den Sieg verkündet hatte. In einer Fensternische stand Capelletto gebeugt und stumm neben Graziani, der bisweilen ein Wort über die Größe des Papstes sprach, das er epigrammatisch zuspitzte. »Er ist wie Augustus«, sagte er. »Er hätte nie kommen sollen oder ewig bleiben müssen. Nun werden die Pygmäen das Werk des Riesen zerstören.« »Man sollte Sorbetts herumreichen lassen«, bemerkte ein Höfling. »Die Schwüle ist kaum noch erträglich.« »Wartet, bis der erste Regen fällt«, spottete ein Jesuit. »Dann könnt Ihr die Regentropfen aufschnappen, um Eure Zunge zu letzen, wie der reiche Mann in der Hölle.« »Nein, die Hölle ist draußen«, entgegnete der Höfling und trat mit ihm an ein Fenster. »Seht doch nur, alle Augenblicke kriegt einer den Sonnenstich. Trotzdem weichen sie nicht vom Fleck, wie Löwen im Zirkus, die auf den Fraß harren.« »Ich bin gespannt, was sie tun werden«, versetzte der Jesuit lächelnd. »Wißt Ihr übrigens schon,« fragte sein Partner, »daß der Kammerjude Lopez, der Portugiese, und die Mehrzahl seiner reichen Glaubensbrüder mit Sack und Pack ausgerissen sind, um der Volkswut zu entgehen? Man macht sie für die harten Finanzmaßnahmen des Papstes verantwortlich.« Ein Kammerherr trat bleich in den Vorsaal und bahnte sich stumm einen Weg durch die ihn umdrängenden Frager. Dann winkte er dem Kardinal Alessandrino und den beiden Familiären, ihm zu folgen. »Er will Abschied von uns nehmen«, murmelte Capelletto, die Tränen niederkämpfend. Plötzlich erschien Graf Olivarez, steif und hochmütig, mit hinkendem Gange, die Hand auf den Korb seines langen Degens gestützt. Bei seinem Anblick steckte alles die Köpfe zusammen und tuschelte boshaft. »Will er ihm den Todesstoß versetzen? ... Er hat ihm Gift beibringen lassen und wartet auf die Wirkung.« Sangalletto, der eben den Vorhang hob, um die Gerufenen einzulassen, trat auf ihn zu und antwortete auf seine Fragen mit bissiger Höflichkeit: »Soweit ist es noch nicht. Gedulden Euer Gnaden sich noch etwas.« Und er komplimentierte ihn wieder zur Tür. »Hat er die Sterbesakramente empfangen?« fragte der Spanier im Hinausgehen. »Er ist zu schwach dazu«, antwortete der Kämmerer kleinlaut. »Dann sei Gott seiner Seele gnädig«, versetzte Olivarez mitleidig. Er sah ihn bereits in der Hölle. Als der Papst die Gerufenen erkannte, richtete er sich noch einmal auf, und Sangalletto stützte sein Kopfkissen empor. Seine Augen flackerten, und mit kaum hörbarer Stimme sprach er: »Liebe und Getreue, Wir wollten euch noch einmal sehen und euch Unsern apostolischen Segen als Scheidegruß geben. Gregor hat vierundachtzig Jahre gelebt, aber Uns ruft Gott schon mit siebzig ab, ehe Wir Unser Erdenwerk ganz vollbracht haben. Unerforschlich sind seine Wege.« Die Angehörigen hatten ihnen Platz gemacht, und alle drei sanken weinend vor dem Bette nieder. Sixtus erhob die Rechte, um das Zeichen zu machen, aber sie vollendete es nicht, und er sank ohnmächtig in seine Kissen zurück. Der Kardinal Montalto winkte ihnen, zu bleiben, und sie traten zurück. »Sein Puls ist kaum mehr zu fühlen , sagte der Leibarzt. Der Sterbende begann zu röcheln, und seine Finger scharrten über die Bettdecke, als wolle er sich selbst das Grab wühlen. Ab und zu stieß er dunkle Worte hervor, welche die Anwesenden mit Bangnis erfüllten. »Er phantasiert«, sagte Donna Camilla und beugte sich über ihn, um den Schweiß von seiner Stirn zu wischen. Aber er erkannte sie nicht mehr; sein Geist war dieser Welt schon entrückt. Er glaubte den Todesengel zu sehen, der sich über ihn neigte. »So nahst du mir endlich, dunkler Bote , murmelte er. »Ich habe dich längst erwartet. Einst bangte mir vor deinem Flügelschlage, denn mir blieb noch so viel zu tun. Nun aber kommst du, mich zu erlösen.« »Sein Todeskampf ist schwer , seufzte Montalto unter Tränen. Und er kniete nieder, um die lateinischen Totengebete zu sprechen. Aber er und die andern täuschten sich über seine Todesnot und über den Sinn seiner Worte, denn sie vernahmen die Reden des Engels nicht, den Sixtus erblickte. Der sprach zu ihm: »Fra Felice, du hast viele gute Werke vollbracht, aber du warest auch hart und zornmütig und bisweilen hoffärtig. Gott verzeihe es dir in Ansehung dessen, daß du deinen schlimmsten Feinden viermal verziehen hast. Denn als Mönch hast du einen Feind zum Prior empfohlen und das Haupt deiner Gegner beim Papste freigebeten. Als Kardinal hast du den Mördern deines Neffen verziehen -- bis auf einen, den du später hinrichten ließest; das mindert dein Verdienst --, und als Papst hast du dem verstoßenen Ketzer Navarra die Hand zum Frieden geboten.« »Wüßte ich nur,« stöhnte der Sterbende, »ob er in den Schoß der Kirche zurückkehren wird. Dann stürbe ich in Frieden. Gönne mir einen Blick in die Zukunft; dann will ich von hinnen fahren und auf das Verdienst meines Heilands bauen.« »Es sei«, sprach der Engel. »Das Werk, das du schufest, wird Jahrhunderte überdauern, und so magst du sehen, wie es weiter gedeiht. Ich gewähre dir drei Blicke in die Zukunft.« Da ward sein Geist auf den höchsten Gipfel der Alpen entrückt, und der Engel stand neben ihm. Doch der kalte Glanz des Firnenlichtes blendete seine Augen. »Ich sehe nichts als starrende Schneegipfel und grausige Schlünde«, sprach er mit halb vernehmlicher Stimme. »Du siehst wie ein Mensch«, entgegnete der Engel. »Sieh mit den Augen der Seligen! Vor dem Herrn sind tausend Jahre wie ein Tag.« Und er berührte seine Lider mit den Fingern. Da wurden seine Augen aufgetan, und er sah ganz Europa, die Länder und Städte und die winzigen Menschlein, die wie Ameisen darin umherkribbelten. Sie zogen rasch an ihm vorüber wie die Bilder einer Zauberlaterne auf einer Leinwand. »Siehe da, sprach der Engel, auf Frankreich deutend, »Heinrich von Navarra zieht als Sieger in Paris ein. Nun betritt er Notre Dame, um die Messe zu hören. Aber er schont die Hugenotten, und das Land hat Frieden.« »Frieden!« murmelte Sixtus. »Gelobt sei Gott! Aber erhält er auch die Absolution des Papstes?« fragte er plötzlich bang. »Sieh«, sprach der Engel und wies auf Rom. Vor der Peterskirche war der Papstthron aufgeschlagen. Die Kardinäle und Prälaten umstanden ehrerbietig den Heiligen Vater, der eine goldene Rute in der Rechten hielt. Gesandte traten vor den Thron und verlasen ein Schriftstück. »Was ist das?« fragte Sixtus. »Es sind die Abgesandten König Heinrichs des Vierten«, erklärte der Engel. »Sie verlesen sein Bittgesuch um die Wiederaufnahme in den Schoß der Kirche.« Die Gesandten warfen sich dem Papste zu Füßen, und mit einem Schlage seiner goldenen Rute erteilte er ihnen die Absolution. »Gelobt sei Gott«, sagte Sixtus. »Nun kann meine Seele in Frieden hinfahren. Aber wer ist der Papst? Ist es nicht Aldobrandini?« »Er ist es«, nickte der Engel. »Er ist in deine Fußtapfen getreten; er hat die Briganten von neuem ausgerottet und die Peterskirche vollendet.« »Gelobt sei Gott!« wiederholte der Papst. Als der Kardinal Aldobrandini seinen Namen hörte, glaubte er sich noch einmal erkannt und beugte sich über den Sterbenden. Aber seine Augen blickten ins Leere. Der Engel wies auf Deutschland. Am Fuße der Alpen und an den Küsten des Nordmeeres ballten sich dunkle Wolken, und unter ihnen ballten sich die Menschen zu Heeren. Ein Blitz flammte auf und fuhr nieder. »Der schlug in Böhmen ein«, sagte der Engel. Und der Donner hallte über ganz Deutschland, und die Wolken und Heere wälzten sich aufeinander zu, und unter dem himmlischen Gewitter entlud sich ein irdisches aus hunderttausend Feuerschlünden. »Dort liegt Sachsen«, sagte der Engel Und das doppelte Gewitter raste über dem Lande Luthers. Dann aber breitete es sich rasch über ganz Deutschland aus, und wo die Wolken und Heere sich verzogen, erblickte Sixtus zerstörte Städte und verwüstete Fluren, über denen Rabenschwärme kreisten. »Herr Gott, ende diese Pein!« stöhnte er. »Wie er leidet«, schluchzte Donna Camilla. Plötzlich zerteilten sich die Wolken und Heere. »Und das Land hat Frieden«, sprach der Engel. »Die Rechtgläubigen stimmen ein Te Deum an, und die Lutheraner singen: ›Nun danket alle Gott.‹ Und alle kehren zu ihren zerstörten Städten und verwüsteten Fluren zurück, um sie wieder aufzubauen und zu bestellen ... Nun aber ist deine Zeit abgelaufen.« »Gönne mir noch drei Blicke in die Zukunft«, bat Sixtus. »Du warst stets unersättlich«, entgegnete der Engel. »Aber es sei.« Und er wies wieder auf Frankreich. Da ballten sich neue Wetterwolken, und plötzlich brach das Unwetter über Paris aus. »Weh!« ächzte Sixtus, »eine neue Bartholomäusnacht!« Blutgerüste stiegen empor, und die Häupter fielen unter dem Fallbeil wie die Ähren unter der Sense des Schnitters. Und der Pöbel drang in die Kirchen und verwüstete sie. Und der Papst sah halbnackte, verwilderte Menschen, mit Meßgewändern vermummt, durch die Straßen toben wie bei einem höllischen Karneval. Und andere tranken aus den heiligen Abendmahlskelchen und brüllten bezecht: »Es lebe die Freiheit!« Und die Heere ballten sich zusammen und wälzten sich über halb Europa. Und der Papst entfloh aus Rom. »Weh!« stöhnte Sixtus. »Das Reich des Antichrist ist gekommen. Ich will nichts mehr sehen.« »Du hast es selbst gewollt«, entgegnete der Engel. »Sieh nun hin.« Und er wies auf einen Mann, der plötzlich aus dem Gewühl emporwuchs. Da verschwanden die Blutgerüste. Und der Mann reckte sich turmhoch auf, und die Heere überschwemmten ganz Deutschland. »Wer ist das?« fragte Sixtus. »Ein Italiener aus Korsika«, entgegnete der Engel. »Seltsam!« murmelte der Papst. Der Engel wies auf Venedig hin. »Dort wählen sie einen neuen Papst«, sprach er. »Und der Mann reicht ihm die Hand zum Bunde, und der Papst zieht nach Paris. Und beide treten in Notre Dame ein, und der Papst salbt ihn.« »Die Kirche hat wieder einen Schirmherrn«, sagte Sixtus erleichtert. »Oder ist es ein neuer Philipp von Spanien, der sie knechten will?« »Sieh«, sprach der Engel. »Der Papst will ihm die Krone aufsetzen. Er aber entreißt sie ihm und krönt sich selbst wie ein Heide.« Und der große Heide warf den Papst in den Kerker und legte seine Hand auf ganz Europa. Und seine Heerscharen wälzten sich bis in die Eiswüsten Rußlands. »Wehe,« stöhnte Sixtus, »ein neues heidnisches Weltreich!« »Nein«, sprach der Engel. »Ein Koloß auf tönernen Füßen.« Und die Heere wogten zurück und ballten sich wieder in Sachsen. Und der Koloß stürzte. »Und Europa hat Frieden«, sprach der Engel. »Nun aber ist deine Zeit abgelaufen.« »Gönne mir noch einen Blick in die Zukunft, nur einen«, flehte Sixtus. »Laß mich sehen, was aus der Kirche wird.« »Die Herrschaft der Kirche ist wieder befestigt«, sprach der Engel. »Selbst die Könige der Ketzer schicken ihre Gesandten nach Rom.« »Um sich zu bekehren?« fragte Sixtus freudig. »Nein, um Frieden zu haben. Aber frage nicht weiter.« »Gönne mir doch einen letzten Blick«, flehte Sixtus. »Was wird aus Rom und dem Kirchenstaat?« »Du Vorwitziger!« schalt der Engel lächelnd. »Du weißt nicht, um was Du bittest. Aber es sei.« Der Kardinal Montalto vollzog weinend die Zeremonie der letzten Ölung, aber Sixtus fühlte nichts mehr. Er sah ein Heer sich um Rom ballen. »Sind das Briganten?« fragte er bang. »Oder lutherische Landsknechte, welche die Heilige Stadt plündern wollen? Oder ein spanischer Zwingherr, der päpstlicher ist als der Papst?« »Nicht das eine noch das andere«, entgegnete der Engel. »Es sind Italiener.« Und das Heer erstieg die Mauern und besetzte Rom. Und die weltliche Macht des Papstes war dahin. »Wehe«, stöhnte der Sterbende. »Dreimal wehe! Italiener! Kinder, welche die Hand gegen die Mutter erheben! Schlimmer als die Briganten! Schlimmer als die Spanier! Schlimmer als die Ketzer! Sie seien dreimal verflucht!« »Gott sei seiner Seele gnädig!« schluchzte Donna Camilla. »Amen«, sprach der Kardinal Montalto. Und er betete das Da profundis. »Was wird nun aus der Kirche?« ächzte Sixtus. »Geraubt ist ihr das Patrimonium Petri, das sie zwei Jahrtausende besaß. Wehe, dreimal wehe!« »Die Kirche grünt und blüht«, entgegnete der Engel. »Was sie an weltlicher Macht verliert, kommt ihrer geistlichen Macht zugute. Und die Welt hat Frieden ...« »Frieden!« wiederholte Sixtus. Und sein Haupt sank zur Seite, und er verschied lächelnd. »Gott hat ihn zu sich genommen«, schluchzte Donna Camilla und warf sich über den Toten. Alle Anwesenden sanken aufs Knie und bekreuzten sich. Einen Augenblick herrschte Totenstille in dem Gemach. Plötzlich aber rüttelte ein Windstoß an den Fenstern, und ein Regenschauer prasselte gegen die Scheiben. Das Gewitter brach los. Ein Blitz zuckte auf, und ein Donnerschlag krachte, daß alle erbebten. »Zeus hat ihn in den Olymp erhoben«, flüsterte Graziani. Aber Capelletto hörte ihn nicht. »Sankt Peter hat ihn ins Paradies geführt«, sagte er, in Tränen hinschmelzend.   Der Maggiordomo öffnete die Tür des Sterbegemaches und trat in den Vorsaal. Dann stieß er mit seinem Stabe dreimal auf die Steinfliesen und sprach mit dumpfer Stimme: »Seine Heiligkeit, Papst Sixtus der Fünfte, ist soeben verschieden.« Einem Ährenfeld gleich, über das eine Bö hinfährt, sank alles ins Knie. Doch im nächsten Moment richteten sich all diese menschlichen Halme wieder auf. Gruppen entstanden, Stimmen schwirrten, und hastige Schritte strebten zur Tür. »Nun wird manche Wetterfahne sich drehen«, lächelte der Höfling in der Fensternische. »Laßt sehen, was das Volk draußen tun wird«, versetzte der Jesuit mit gespannter Miene. Die Menge auf dem Quirinalsplatze hatte bisher in geduldiger Neugier geharrt. Erst der Ausbruch des Unwetters hatte sie aufgeschreckt. Nun aber fuhr die Kunde vom Tode des Papstes wie ein zweiter Blitzschlag in sie, und ein wilder Tumult brach aus. Die rechtlose Zeit des Interregnums begann, und die Volksleidenschaft, bis zuletzt durch die Furcht vor dem großen Papste niedergezwungen, spritzte auf wie der Gischt eines brodelnden Kessels, dessen Deckel man plötzlich auftut. Flüche und Drohungen wurden laut; Fäuste ballten sich zu dem Palast empor, und ein Bettelmönch schrie aus der Menge heraus: »Der Böse hat Fra Felices Seele entführt. Seht nur die dicke schwarze Wolke über dem Palaste!« Mit aufgerecktem Arme wies er auf die dichte Staubwolke hin, die der Wettersturm steil emporwirbelte. Regenschauer prasselten hinein und peitschten die aufkreischende Menge. Plötzlich gellte eine Stimme: »Auf zum Kapitol!« Mit fliegenden Kleidern tobte das Volk durch den Regenguß fort wie ein Schwarm Korybanten, während Blitze über den Himmel hinjagten und Donnerschläge krachten, als nahe das Jüngste Gericht. Mitten in diesem Getöse streute die Glocke des Kapitolsturms ihre erzenen Trauerklänge über die Stadt, indes die Menge den Stufenweg Michelangelos hinaufraste. Sie mußte etwas haben, woran sie ihre Wut ausließ. Auf dem Platze zwischen den drei Palästen ragte das Standbild des Papstes, das die Konservatoren von Rom ihm gesetzt hatten. »Fluch dem Bedrücker! Dem Erpresser! Dem Ketzerfreund. Er ist an der Hungersnot schuld!« gellte es aus tausend Kehlen. Plötzlich flog ein Tau wie ein Lasso um den Hals des Standbildes. Hundert nervige Arme griffen zu, als gälte es, einen neuen Obelisken aufzurichten. Die Wütenden glitten auf den nassen Steinfliesen aus, stürzten nieder, rafften sich wieder empor und zerrten weiter, bis das Standbild wankte. Mit dröhnendem Krach schmetterte es auf die Steine; seine Bruchstücke spritzten umher wie die einer berstenden Granate, schlugen in die Menge, die kreischend zurückprallte. Im nächsten Moment stürzte das Volk wie besessen über die Trümmer her und zerschlug sie wie Brennholz. Ein jeder wollte an diesem Rachewerk teilhaben. Man stieß und riß sich um die einzelnen Stücke, trat mit Füßen darauf und spie sie an. Dann knüpfte man den Strick um den verstümmelten Rumpf und schleifte ihn polternd den triefenden Treppenweg abwärts, um ihn in den Tiber zu stürzen. Erst als das Unglück geschehen war, langte der Konnetabel Colonna, der Gatte der Ursula Peretti, mit einer großen Zahl von Edelleuten an, um dem Toben des Pöbels Einhalt zu tun. Am nächsten Tage versammelten sich die Konservatoren von Rom in ihrem Palaste, um über ihren Anteil an den Leichenfeiern zu beraten und Anordnungen für das bevorstehende Interregnum zu treffen. Von der Volkswut erschreckt, beschlossen sie, künftig nie wieder einem Papste bei Lebzeiten ein Denkmal zu setzen. Doch in die Fenster des Konservatorenpalastes blickte von fernher in stiller Größe das harmonische Halbrund der Peterskuppel, das unsterbliche Denkmal Michelangelos und Sixtus des Fünften. Der Baumeister Fontana fiel in Rom in Ungnade und wandte sich nach Neapel, das er mit herrlichen Bauten erfüllte. Dort herrschte jetzt Graf Olivarez als spanischer Vizekönig. Seltsamer Wandel des Schicksals! Der treuste Diener des Papstes an der Seite seines grimmigsten Feindes! Torquato Tasso jedoch fand in Rom unter dem Papst Aldobrandini, was er unter Sixtus vergebens ersehnt hatte: Fürsorge und Ruhm. Selbst sein heißer Wunsch, zum Dichter gekrönt zu werden, war der Erfüllung nah, als er starb. Den Lorbeerkranz aber legte man ihm auf den Sarg. ENDE