Wilhelm Meyer-Förster Lena S. Roman   Stuttgart und Leipzig Deutsche Verlags-Anstalt   1903   Alle Rechte, insbesondere das Recht der Übersetzung in andere Sprachen, vorbehalten. Nachdruck wird gerichtlich verfolgt Papier und Druck der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart.     Dem Andenken meiner jungen geliebten Frau     Erstes Kapitel In den beiden ersten Rennen waren die blau-roten Farben des Grafen Johann Szatek mühelos Sieger gewesen, nun folgte der althistorische Kampf um die »Goldene Peitsche«, für den der Stall nicht weniger als drei Pferde satteln ließ, um wenn möglich auch auf diesen wertvollsten Preis des Tages Beschlag zu legen. Die Prinzessin von Wartenberg traf Szatek auf der Tribünentreppe, und als sie an ihm vorüberstreifte, sagte sie lachend: »Sie werden wieder gewinnen, Graf, wie Sie alles gewinnen«, – da er aber nur mit einem Achselzucken antwortete, hielt sie Maria Rostotschin, die neben ihr ging, einen Moment fest und wandte sich noch einmal zu Szatek: »Nein? Ja? Ich will eine Wette abschließen, ich will Geld gewinnen. Also reden Sie.« Er war schlechter Laune, man sah es ihm an, aber der Prinzessin gegenüber konnte er dieser Stimmung keinen Ausdruck geben. »Ich weiß es nicht. Wer soll im voraus wissen, wie ein Rennen abläuft? Die Götter wissen es.« »Aber Sie haben drei Pferde im Rennen –?« »Und Stennsberg hat eins, und das eine wird gewinnen.« »Meinen Sie wirklich –?« »Ja, Durchlaucht, das meine ich.« Sie sah ihn einen Augenblick zweifelnd an, als sei sie nicht recht sicher, ob er nicht bloß aus müder Gleichgültigkeit ihr diese Antwort gegeben habe, – denn niemand wurde von den Damen vor jedem Rennen so sehr mit Bitten um gute Ratschläge überlaufen wie gerade er, und daß man da ungeduldig wird, ist schließlich nicht zu verwundern, – aber er blickte, eine Treppenstufe höher stehend, so apathisch über sie und ihre Begleiterin hinweg, mit einem so verdrossenen Gesichtsausdruck, daß sie keine Lust hatte, das Gespräch fortzusetzen. Sie raffte die schweren Seidenfalten ihres Kleides zusammen und schob sich hinter Maria Rostotschin durch die Menschenmenge, die sich gerade hier vor den Tribünen in dichter Masse staute; sie war aber noch nicht bis an die Barriere des Sattelplatzes gekommen, als sie Szatek wieder neben sich sah, der ihr nachgegangen war. »Eine Frage, Durchlaucht –« »Ja –?« »Haben Sie – Lena gesehen? Die kleine Stennsberg?« »Nein. Weshalb?« »O nichts. Ich dachte nur –« Er wollte zurücktreten und wieder nach der Tribüne gehen, aber die Prinzessin legte lachend ihre Hand auf seinen Arm: »Sie haben davon gehört, nicht wahr? Daß Lena in eine Pension gesteckt werden soll? Es wurde schon gestern in der Stadt erzählt, es ist eine kostbare Idee. Kommen Sie mit, ich werde Ihnen Lena zeigen.« Ein nervöses Zucken ging einen Moment über sein Gesicht, dann stieß er plump hervor: »Weshalb soll sie in Pension?« »Ja weshalb?!« Sie lachte. »Lena hat keine Lust, ihr Vater noch weniger, aber Schwerin verlangt es. Schwerin ist ein Tyrann. Er würde Lena in ein Kloster sperren, wenn er es durchsetzen könnte.« Und spöttisch Szatek von der Seite musternd, der mit zusammengebissenen Lippen neben ihr ging, sagte sie: »Seien Sie ein Mann, Szatek, fordern sie Schwerin. Schießen Sie den Major tot. Denn es gibt niemand, der in einen fünfzehnjährigen Backfisch so über die Ohren verliebt ist wie Sie.« Er fuhr heftig auf: »Ich –?! In wen?!« »In Lena.« * Berlin hat glänzendere Renntage als den der »Goldenen Peitsche«; aber er ist einer der Frühlingstage, an denen alle Welt zur Rennbahn hinausströmt. Der breite Kurs der Hoppegartener Bahn, der in der Länge einer englischen Meile sich vom Dahlwitzer Walde her schnurgerade an den Tribünen vorbei bis zum Logierhaus zieht, schimmert mit einer dichten Grasnarbe in der Sonne wie ein riesenlanges, grünseidenes Band; die bunten Jacken der Reiter blitzen, und in allen Farben strahlen Tribünen und Sattelplatz, wo zwischen den Uniformen der Garderegimenter die neuen Frühlingswunder aus Paris und Wien sich zur Schau stellen. Die hundertjährigen Eichen stehen noch in winterlicher Starrheit, während Birken und Buschwerk in neuem Kleide prangen, aber dieser kahle, düstere Ernst der Baumriesen erinnert daran, daß der norddeutsche Winter noch vor wenigen Monaten die Mark Brandenburg in Fesseln hielt und daß es Zeit ist, sich des Lebens zu freuen. Die alte Frankfurter Heerstraße, die Monate öde und verlassen lag, als ob Chausseen eine der zwecklosen Einrichtungen menschlicher Mühe seien, trägt am Tage der »Goldenen Peitsche« eine endlose Wagenreihe, die durch Kaulsdorf, Biesdorf und die andern märkischen Nester gegen Dahlwitz lenkt. Der Flieder blüht. Die Kastanien blühen. Die Felder rechts und links an der Straße sind ein grüner Teppich, über den der Südwind streicht. Die Kirschen blühen in den Garten. In den Dörfern steht man die ersten Schwalben. Die große Stadt liegt weit zurück, man hört und sieht nichts mehr von ihr. * »Kisertet«, der tags zuvor in Begleitung des Rittmeisters, Lenas, seines Trainers, seines Jockeys, seines Führpferdes, seiner Stallburschen und dieses ganzen großen Apparats, mit dem berühmte Rennpferde reisen, von Hamburg angekommen war, stand etwas abseits in der südlichen Ecke des Sattelplatzes, um dort, von einer dichten Menschenmenge umlagert, für das große Rennen Toilette zu machen. »He has won last week the Hamburg-Spring-Handicap, Stennsberg –?« fragte einer der Umstehenden – – – Und der Rittmeister nickte, ohne zu antworten. Er hielt die Arme über der Brust gekreuzt, Kopf und Oberkörper etwas vorgeneigt, er verlor keine Bewegung seines Pferdes und folgte jeder Handreichung der Stallburschen, die mit Kamm, Bürste, Schwamm und Wassereimer neben Mr. Calder, dem Trainer, standen. Bisweilen neigte er sich vor und wechselte halblaut einige englische Worte mit dem Trainer, der jetzt den leichten Ledersattel auflegte; bisweilen wandte er sich auch zu Lena, die neben ihm stand und mit einer Dame sprach, – dann kreuzte er wieder die Arme und schaute schweigend auf das Pferd. Er sah müde aus. Sein Haar war an den Schläfen ergraut, und die Augen hatten etwas Glanzloses. Er trug einen dunkelgrauen Anzug von knappem, französischem Schnitt, einen übergeschlagenen Stehkragen, hellgraue Handschuhe, ohne die man ihn selten sah. Mit seinem von der Riviera-Sonne verbrannten Gesicht und der straffen Haltung war er immer noch ein schöner Mann, wer aber Stennsberg vor zehn Jahren gesehen hatte, als er mit »James the first« in Iffezheim und Liverpool die großen Rennen gewann, damals trotz seiner vierzig Jahre noch einer der guten Reiter Europas, und sah ihn heute wieder, der erkannte ihn schwerlich. Mehr als hundert Menschen standen im Kreise um »Kisertet«, Rennstallbesitzer, einige Damen, meist Offiziere. Stennsberg gegenüber auf der andern Seite sah man den Landstallmeister und neben ihm den Graditzer Trainer. Beide beobachteten das Pferd, und bisweilen wechselten sie einige Worte und nickten. Einige, die hinzukamen und sich neugierig in den Kreis drängten, fragten auf das Pferd deutend: »Wer ist das?« Und die Umstehenden antworteten halblaut, mit einer leisen Nüance des Staunens über eine solche Unkenntnis: »Kisertet.« »Ah Kisertet!« Sie beugten sich weiter vor, um das berühmteste Pferd des letzten Jahrzehnts zu bewundern. Eine andächtige Stille lag über dem Kreise, selbst die Damen sprachen nur halblaut. Man hatte ein Pferd vor sich, das alle großen Rennen der letzten Jahre gewonnen hatte, dessen Bild in jeder illustrierten Zeitung zu sehen gewesen war, ein Pferd, das noch vor kaum Jahresfrist an Wert ein großes Vermögen repräsentiert hatte. Der Hengst war im Jubiläumspreise zu Wien im letzten Herbst niedergebrochen, – die Kunst des Trainers hatte ihn wieder in die Höhe gebracht, – möglich, daß »Kisertet« noch manches Rennen mit den »geflickten« Beinen gewinnen würde. Alles in allem war er aber doch nur noch eine Ruine seiner einstigen Größe. Der Trainer ließ einen der Lederriemen zu Boden fallen, die Stallburschen sahen es nicht, er selbst konnte sich nicht bücken, weil er beschäftigt war, den Sattel zu ordnen, – da trat Lena vor, hob den Riemen auf und reichte ihn ihm. Er lächelte verlegen: »Miß Lena –« Und sie lächelte auch: »Man muß helfen.« Alle Umstehenden lächelten, sogar das ernste Gesicht des Landstallmeisters verzog sich ein wenig, – es war, was man ein »niedliches Intermezzo« nennt. Sie trat nicht gleich zurück. Ohne eine Spur von Verlegenheit nahm sie den Kopf des Pferdes zwischen ihre kleinen Hände, die in weißen Handschuhen steckten; sie glättete seinen Schopf und streichelte ihn, während sie mit gespitzten Lippen ein leises, feines Pfeifen hören ließ. Als dann der Hengst mit einem merkwürdig suchenden Tasten seinen schmalen Kopf senkte, nahm sie die Zügel aus der Hand des Stallburschen, und mit beiden Händen die Riemen ganz oben an den Ringen anfassend, wo sie an das Zaumzeug schließen, zog sie das stählerne Gebiß leicht hin und her, hin und her, immer dieses leise surrende Pfeifen von sich gebend, auf das das Tier bewegungslos zu horchen schien. »Kisertet« war der Typ des englischen Vollbluts, aber über dem schönen Pferde lag etwas Totes, Starres, das in seltsamem Gegensatz stand zu der nervösen Unruhe, mit der sonst die Rennpferde in dem Gewühl, dem Lärm, bei den Klängen der Musik und dem Drängen der fremden Menschen um sich spähen. Er war blind. Mit diesen blinden Augen, nur dem Zügel des Reiters folgend, hatte er alle die Siege erfochten, die ihm den Ruhm verschafften, eines der besten Pferde zu sein, die je aus einem deutschen Gestüt auf die großen Rennbahnen Europas hinausgekommen waren. – Die kalte Ruhe des Tieres hatte etwas Imponierendes, und vielleicht war sie es nicht zum wenigsten, die ihm im Kampfe so oft den Sieg gesichert hatte. Aber die Todesruhe in dem leicht vorgeneigten Kopfe hatte auch etwas Mitleiderregendes, das manchem der Umstehenden zum Bewußtsein kam. Es lag etwas Tragisches in diesem sonderbaren Gegensatze zwischen dem Können des Pferdes, seinen bewunderten Siegen und dem toten Hinstarren, das nichts von allem begreift, was ringsumher vorgeht. »Kisertet und Lena, ein Bild zum Malen,« sagte der alte Herzog von Sohrau, der mit Schwerin in den Kreis getreten war. – – Und es war vielleicht wirklich ein Bild zum Malen. Sie trug ein Matrosenkleid, das Hals und Nacken frei ließ und dessen unterer Saum auf den Bruchteil eines Millimeters mit dem obersten Rand des schwarzen englischen Stiefelchens abschnitt. Das Haar hing unter dem Strohhut lose herab, in der Mitte des Rückens mit einer blauen Schleife zusammengebunden. In den breiten Matrosenknoten über der Brust hatte sie sechs von den großen gelben Blumen gesteckt, die am Wegrand wachsen, die andre Leute zertreten und die auf Lenas dunkelblauem Kleide wie große goldene Sterne aussahen. Der Herzog trat in die Mitte neben »Kisertet«. »Guten Tag, Lena.« »Guten Tag.« »Ist das wahr, Lena, sie wollen dich in eine Pension stecken?« Er nannte sie noch immer »Du«, obwohl er es bereits seit drei Jahren mit dem »Sie« versucht hatte. »Ja, das ist wahr,« sagte sie und surrte leise weiter, immer das stählerne Gebiß »Kisertets« hin und her ziehend, »ich soll Kochen lernen, weil Schwerin es will. Er hat's befohlen.« Sie nickte Schwerin zu, der nun auch in den Kreis getreten war und mit seiner steifbeinigen Grandezza, mit dem Monocle im Auge und dem grauen Schnurrbart wie eingefroren aussah. – »Es ist übrigens die Frage, ob ich will. Ich habe es mir heute vormittag überlegt.« »So« – sagte Schwerin. »Ja.« »So – ?« »Ja.« Der Herzog, der den uralten Kampf des Majors v. Schwerin mit Lena kannte – (wie alle Welt diesen Kampf kannte) –, legte sich versöhnend ins Mittel: »Wo soll es denn hingehen, Lena? Ich meine: an welchen Ort, in welche Pension, welche Stadt, – ich meine, wie heißt der Ort –?« »Oldeslo.« Einen Moment kramte der Herzog in seinen geographischen Kenntnissen, dann sagte er erstaunt: »Oldeslo –? Wo liegt das?« »Ich weiß es nicht. Irgendwo. Sieben Stunden mit der Eisenbahn. Kein Mensch weiß, wo es liegt. Nur Schwerin weiß es.« Der Major machte ein bitterböses Gesicht: »Es liegt an der Weser. Es ist nicht das Oldeslo bei Hamburg, es ist das andre zwischen Münden und Corvey. Ich habe dir zwanzigmal erklärt, wo es liegt.« »Also schön,« sagte Lena, »zwischen Münden und Corvey. Jetzt weiß ich es. Ich werde versuchen, das zu behalten –« und sie streichelte Kisertets Kopf, der plötzlich, durch irgend etwas erschreckt, sich hastig emporgerichtet hatte. »So – so – o – o – komm down, – ah so – so – so – –« Der Trainer glättete mit der Bürste die Mähne des Hengstes, – mit einer leichten Bewegung hob er einen der kleinen Stalljungen in den Sattel – Lena ließ den Zügel los, – dann klopfte der Trainer Kisertet zärtlich auf den Hals: »Go on, my boy.« Die Menge teilte sich, und mit seinen langen ausgreifenden Schritten marschierte der blinde Hengst ruhig und sicher vorwärts. Die Hand in dem weißen Handschuh leicht auf seinen Arm gelehnt, ging Lena neben ihrem Vater. Dieser ganze Weg über den Sattelplatz war ein Grüßen ohne Aufhören: Damen – Offiziere – Offiziere – Damen – und wenn kein feierliches Grüßen so doch wenigstens ein Zunicken. Zwei-, dreimal wurde sie angehalten: »Ist das wahr? Lena soll in Pension? –« Und jedesmal, aber immer ungeduldiger, sagte sie ihren Spruch her: »Ja, nach Oldeslo. Zu einer Generalin von Massenbruch. Jawohl. Eine Verwandte von Excellenz von Massenbruch, aber nur eine sehr entfernte Verwandte. Wo das liegt? An der Weser irgendwo. Aber es ist überhaupt noch nicht bestimmt. Wann? Das ist erst recht noch nicht bestimmt. Ob Kisertet gewinnt? Weshalb nicht? Sicher wird er gewinnen. Wer ihn reitet? John Cannon. Wer sonst. Er hat ihn immer geritten. Ja, wir gehen auf die Tribüne. Auf Wiedersehen.« »Auf Wiedersehen.« Als sie an dem Musikpavillon vorbeigekommen waren, wo die Kapelle der Gardekürassiere Offenbachsche Melodien vor leerem Rasen spielte – denn alle Welt drängte auf die Tribünen und zu den Wettmaschinen, – legte Lena zärtlich die Hände um den Arm des Vaters: »Papa, was fehlt dir?« »Nichts.« »Du hast Angst – wegen Kisertet?« Er schüttelte den Kopf mit einer halben Verneinung: »Nicht Angst. Aber du weißt ja selbst: wenn Kisertet nicht gewinnt, es – wäre nicht gut.« »Nein, es – wäre – nicht gut.« Sie sagten nichts weiter, sie verstanden sich auch ohne das. Es waren nun schon Jahre, daß Lena diese Sorgen kannte und daran teil nahm. Es hatte eine Zeit gegeben, – sie lag eigentlich vor Lenas rechtem Miterleben – wo der Stall eine ununterbrochene Reihe von Siegen zu verzeichnen gehabt hatte: auf allen deutschen Plätzen, in Wien, Nizza, Ascot, wo das Geld zu Hunderttausenden hereinströmte, – aber das war längst vorbei. Eine Erfahrung von hundert Jahren und mehr lehrt, daß auch die glücklichsten Rennställe sich immer nur eine kurze Spanne Zeit auf der Höhe halten. Man kann das an zahllosen Beispielen aller Länder beweisen: Hastings, Lagrange, Apponyi, Rothschild u.s.w., u.s.w. Der Niedergang erfolgt bisweilen so jäh, mit einer so vernichtenden Schnelligkeit, daß Existenzen, die felsenfest gesichert erschienen, in kurzer Frist an die Grenze des Ruins gelangen. Stennsberg war nie einer der großen Spieler gewesen, die alles auf eine einzige Karte setzen, er hatte jahrelang mit einer erstaunlichen Zähigkeit gegen das schwindende Glück gekämpft, – aber vielleicht ist ein zerschmetternder Absturz besser als dieses Bergabgleiten, dieses langsame Erwürgtwerden, bei dem nicht nur der Körper zu Grunde geht, sondern die Seele auch. Ein Rest seiner einstigen Spannkraft gab sich vielleicht noch zu erkennen in der straffen Haltung, die er – wenigstens andern gegenüber, und auch Lena gegenüber – immer noch wahrte, aber er war seit Monaten schon ein gebrochener Mann, der in dem einen letzten Winter ergraut war. – – – Offenbachs lustige Melodien klangen über den Rasen, und ohne es zu wollen oder zu wissen, wiegte Lena im Takt den Kopf. – Sie hatte diesen Kampf an der Seite ihres Vaters nun schon lange mitgekämpft, aber von dem wahren Umfange desselben hatte sie kaum mehr als eine Ahnung. Und zum wenigsten heute schien wirklich kein Anlaß zu einer Sorge gegeben zu sein. Der Sieg Kisertets war so selbstverständlich, so absolut sicher, daß es sich wirklich nicht lohnte, lange darüber nachzudenken. Flüchtig fiel es ihr ein, daß sie, wenn Schwerin die Pension und Oldeslo durchsetzen würde, die lustigen Klänge wahrscheinlich auf sehr lange Zeit nicht mehr zu hören bekäme, aber der Gedanke hatte nichts besonders Düsteres. Die ewigen Rennen mit ewig denselben Leuten waren für Lena sicherlich nicht der Inbegriff menschlichen Glücks. Ein Wechsel im Leben ist bisweilen sehr amüsant, und dieses ferne unbekannte Oldeslo mit jungen Mädchen, Freundschaften, neuen Eindrücken, ganz neuen Menschen hatte etwas Geheimnisvolles, etwas Märchenhaftes, von dem man oft gehört hat, in das man aber nie hineinblicken durfte. Wäre nicht die zähe, anklammernde Angst vor der ersten großen Trennung gewesen, und das feine, halb unbewußte Gefühl, daß diese Trennung für den Vater einen Schmerz bedeuten würde, den sie selbst in solchem Umfange gar nicht begreifen konnte – – und wäre es nicht wieder ausgerechnet Schwerin gewesen, der Oldeslo entdeckt hatte und Tag für Tag Stennsberg und Lena mit seinem Plane quälte, – sie würde vielleicht längst eingewilligt haben. – – »Geh auf die Tribüne, Lena,« sagte der Rittmeister. »Ich habe noch ein paar Worte mit Cannon zu sprechen, erwarte mich.« Sie nickte zerstreut und wollte links abbiegen, als sie ihm aber flüchtig ins Gesicht sah, fuhr sie leise zusammen. Im nächsten Moment hatte sie seine beiden Hände ergriffen: »Du machst dir Sorgen ohne jeden Grund, Papa! Kisertet kann das Rennen nicht verlieren, es ist einfach unmöglich! Es ist ein Spaziergang für ihn, und weiter nichts. Wer soll ihn denn schlagen?! Wer soll denn das Rennen gewinnen?! Etwa Szateks Pferde?« Sie lachte mit einem hellen, nur ein klein wenig erzwungenen Lachen. »Smolensko ist ein Plater, Fille de l'air kommt nie über tausend Meter fort, und das dritte Pferd – ich weiß nicht einmal wie es heißt – das läuft überhaupt nur mit, weil Szatek bei all seinem Glück und trotz seiner vierzig Pferde von Rennen so viel versteht wie – –« sie suchte nach einem Vergleich, lachte und brachte den Satz nicht zu Ende. Sie sah drollig aus in ihrem Eifer, und jeder Fremde würde einigermaßen erstaunt und dann sehr belustigt gewesen sein, diese seltsamen Auseinandersetzungen von einem halberwachsenen Mädchen zu vernehmen. Aber der Rittmeister hörte ihr aufmerksam zu und nickte. Sie hatte vollständig recht, die Situation des Rennens konnte in keiner langatmigen Darlegung klarer und anschaulicher gezeichnet werden. Und im Grunde wäre es ja auch nur verwunderlich gewesen, wenn Lena allen jenen Dingen fremd geblieben wäre. Sie war in dem Zigeunerleben groß geworden: im Rennstall, in der Eisenbahn, in den Hotels, – sie hatte in allen Ländern Europas mehr Rennen und Pferde gesehen, als irgend einer der Mode-Sportsmen, die da drüben umherspazierten, – und sie hatte die sonderbare Wissenschaft von Pedigrees und Management gelernt und gekannt, als die jungen Kavallerieoffiziere, die heute die Helden des grünen Rasens waren, noch die Schulbank drückten. Manches Jahr war das alles Spiel gewesen, bis die Sorge kam. Wenn das Kindergesicht mitten in aller Lustigkeit unter den geputzten Damen und Herren plötzlich starr wurde, von einer solchen Traurigkeit überschattet, daß die Damen Lena erstaunt anblickten und dann hell auflachten: »Aber Lena, was für ein Gesicht –!« und wenn sie sich dann Mühe gab, mit einem Ruck die Lustigkeit wieder zu finden und selbst zu lachen – dann verstand sie nur einer . Lena brach einen Fliederzweig vom Busch und steckte zwei Blüten in den Lederriemen seines Rennglases: »Kisertet gewinnt, und heute abend gehen wir in die Oper, ja? Du hast es mir versprochen.« Er bejahte zerstreut: »Gewiß, gewiß. Da ist Szatek. Er wird dich auf die Tribüne bringen, ich komme nach.« – – »Ich habe Sie auf dem ganzen Rennplätze gesucht, Fräulein Lena,« sagte der Graf, und er hatte in der Tat alle Winkel des weiten Platzes durchstöbert. »Mich gesucht? Weshalb?« Szatek hatte keine Sicherheit ihr gegenüber, es war lächerlich, er verlor jedesmal die Grandseigneur-Haltung und seine unangenehme süffisante Miene, wenn er dem halberwachsenen Mädchen gegenüberstand. »Man sagt – das heißt – die Prinzessin sagt es – und einige andre sagen es auch: Sie wollen verreisen, Fräulein Lena, auf lange, in eine Pension?« Sie nickte gleichgültig: »Ja, es kann sein. Jeder Mensch fragt mich danach, es wird bald langweilig.« »Es ist noch nicht bestimmt?« »Ich sage ja: ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.« Sie ging über den Rasen, Szatek neben ihr, – dann bog sie kurz vor den Tribünen ab, um Kisertet noch einmal zu sehen, der mit John Cannon im Sattel durch eine dichte Gasse von Zuschauern auf die Bahn hinausgeführt wurde. Als sie sich umwandte, um zurückzugehen, bemerkte sie den Grafen noch immer neben sich, sie hatte ihn ein paar Sekunden lang ganz vergessen. Ohne besonderen Grund erschien ihr das komisch, und sie lachte: »Ich hatte Sie ganz vergessen.« »So.« »Da kommen Ihre Pferde.« »Ja.« Alle drei Reiter trugen den blau-roten Dreß der Szatekschen Farben, – Fille de l'air marschierte an erster Stelle, dann folgte Smolensko und als dritter ein großer Fuchs mit grobgefügten Knochen und schlappen Muskeln. »Wie heißt der?« »Skanderbeg.« »Wie ist er gezogen?« »Monseigneur – Seagull.« Sie musterte das Tier mit einem raschen Blick: – »Ein schlechtes Pferd.« »So?« »Es wird nie etwas gewinnen.« Er lachte nervös: »Das wird sich zeigen.« »Wir wollen das Rennen ansehen,« sagte sie, »in fünf Minuten geht es los. Wollen Sie mit dort drüben hin? Man sieht da besser als auf den Tribünen.« Ohne seine Antwort abzuwarten, als sei es ihr gleichgültig, ob er Lust hatte mitzukommen oder nicht, ging sie die Barriere entlang, einige hundert Schritt weit, bis die Tribünen eine beträchtliche Strecke hinter ihnen lagen. Ein paar Trainer standen dort, die mit ihren Renngläsern in die Ferne schauten, wo Kisertet mit dem halben Dutzend der andern Pferde zum Start galoppierte, – sonst war es einsam, und durch die Büsche gedeckt sahen sie nichts mehr von der Menschenmenge. »Bitte, Ihr Glas,« sagte sie hastig zu Szatek, »ich will sehen –« und als er es ihr gab, streifte sie die Handschuhe ab, schraubte es rasch zurecht, schwang sich, die Hand aufstützend, auf die Barriere und blickte angestrengt nach dem Dahlwitzer Walde, wo die Pferde sich jetzt in Reihe aufstellten. Szatek sah nichts von den Pferden, er sah nur Lena. Was kümmerte ihn das Rennen? Ob seine Pferde einen Preis mehr oder weniger gewannen, war so gleichgültig. Sie saß auf der Barriere wie eine Dame zu Pferde, leicht, zierlich, beide Arme hochgehoben, um das Glas zu halten, so daß die seine Rundung ihrer Brust sich scharf gegen den blauen Himmel abhob. Der linke Fuß im schmalen Stiefel und seidenen Strumpf schaute bei dem unbequemen Sitz unter dem Kleide hervor. Sie war ein Kind – eine Dame – beides. Er wandte keine Sekunde ein Auge von ihr mit einem Blick, der etwas Starres annahm, etwas Brutales. Er hatte sie zuerst in Longchamps gesehen, vor drei Jahren, als er seine Reise um die Welt beendet hatte. Sie war damals in Paris noch ein Kind von wenig mehr als zwölf Jahren, schlank, etwas eckig, und vielleicht war die erste Regung, die die Kleine bei dem in fünf Erdteilen übersättigten, seelisch und körperlich halb ruinierten Seigneur wachrief, eine Regung von Scham, – Sehnsucht nach vergessenen Empfindungen reiner Art, – das letzte Aufflackern einer matten Jugendpoesie. Er hatte sie nicht wieder aus den Augen gelassen. Er sah sie auf allen Rennplätzen, wo er zwischen den großen Toiletten der Damen die schmächtige Figur der Kleinen suchte, und so intensiv war sein Empfinden, daß er ein Jahr und länger es nicht über sich gewann, das erste Wort mit ihr zu wechseln, während er mit ihrem Vater Dutzende von Malen zusammentraf. – – – Einen Moment streifte Lena ihn mit dem Blick: »Sehen Sie doch, die Pferde stehen in Reihe, es wird sofort beginnen –« dann nahm sie das Glas wieder vor die Augen und schaute gespannt dorthin, wo der Starter eben die »rote Fahne« erhoben hatte. Eine Gedankenreihe, die er vielleicht schon oft erwogen hatte und die sich nun rein mechanisch ohne weiteres Nachsinnen wiederholte, ging ihm blitzschnell durch den Kopf: ›Du bist doppelt so alt als Lena, – heute ist sie noch ein halbes Kind, – aber in zwei Jahren nicht mehr – es werden hundert andre kommen, die dir zuvorkommen werden, – – warte nicht länger – –‹ und an diese Reihe schloß sich die entscheidende Erwägung: ›Sie geht fort, du wirst sie aus den Augen verlieren, vielleicht für Jahre, und wenn sie einmal wiederkommt, ist es zu spät!‹ ›Zu spät!‹ – das war der Spornstoß, der seinen Mut vorwärts trieb. Mit einem Schritt stand er neben ihr. »Fräulein Lena – –« »Ja –?« Sie sah ihn nicht an, sie blickte durch das Glas unverwandt die lange grüne Bahn entlang. – »Was gibt's –?« »Sie wollen fortgehen, Fräulein Lena, und deshalb – ich habe – –« Da richtete sie sich hastig in die Höhe: »Sie kommen!« Und hinter ihnen in der Ferne von den Tribünen her ein dumpfer, tausendstimmiger Ruf: »Sie kommen!« Sie beugte den Oberkörper so weit vor, um besser sehen zu können, daß sie mit der rechten Hand unwillkürlich, nach einem Stützpunkt tastend, rückwärts in die leere Luft griff, – im Augenblick hatte Szatek die Hand in der seinigen. »Lena, ich habe Sie lieb! Sagen Sie ein einziges Wort, Lena, daß Sie warten wollen und keinen andern – –« »Kisertet voran! Er gewinnt!« Sie hatte nichts gehört. Blitzschnell war sie herabgesprungen, und im nächsten Moment zwängte sie sich mit der Geschicklichkeit eines Wiesels durch die Balken der Barriere, um in das Innere der Bahn zu gelangen, wo sie das heranstürmende Feld dicht vor sich sehen würde. »Lassen Sie doch meine Hand los!« Einen Moment starrte sie ihm ins Gesicht, als verstände sie gar nicht, wie er dazu gekommen war, ihre Hand zu nehmen und weshalb er sie jetzt nicht freigab. Und in diesem Moment begriff sie. Was sie nicht gehört hatte, sagte der sengende Blick. Aber dicht hinter ihr begann der Boden unter den Hufschlägen zu beben, sie riß sich herum, und wieder eine Sekunde später hatte sie Szatek vergessen. Mit weit aufgerissenen Augen durchsuchte sie das Feld – – dann: »Kisertet!!!« Ein Verzweiflungsschrei kam von ihren Lippen. Dem Sturm gleich flogen fünf, sechs Pferde vorüber, dann schrie sie noch einmal auf: »Kisertet!!!« Dicht vor ihr taumelte der blinde Hengst. Mit einem Ruck suchte der Jockey das im Schwunge vornüberbrechende Pferd auf den Beinen zu halten, – es gelang – und dann, zehn, zwanzig Meter weiter, kam der Hengst zum Stehen. Er versuchte noch einen Schritt vorwärts zu gehen, aber das rechte Vorderbein knickte kraftlos zusammen. John Cannon stieg aus dem Sattel und beugte sich tastend zu dem Fuße des Tieres nieder. – In der Ferne hörte man das Tosen der Menge, das den Sieger begrüßt, – – Fille de l'air, die spielend leicht gewonnen hatte – Irgend jemand in Lenas Nähe sagte, nach dem Hengst hinüberdeutend: »Niedergebrochen –« Und ein andrer wiederholte es. »Yes. Broken down.« Dann entfernten sich die Leute und Lena blickte wie abwesend geradeaus. Sie wollte zu dem Pferde hinübergehen, das immer noch auf demselben Fleck stand, aber ihre Füße zitterten so sehr, daß sie sich einen Moment festhalten mußte. Die Arme auf die Barriere gestützt, den Kopf in die Hände gelegt, hatte sie das Gefühl einer großen Kälte, die langsam über sie hinzog. »Kisertet, – – niedergebrochen.« Nun würde bald alles zusammenbrechen. Die paar letzten Hoffnungen, die noch übrig waren. »Lena – ?« Sie wandte langsam den Kopf und sah Szatek. Sie hatte geglaubt, er sei fort, aber sie war nicht weiter erstaunt, als sie ihn neben sich sah, die Arme gleich ihr auf die Barriere gestützt. Mit einer unerhörten Kraftanstrengung richtete sie sich in die Höhe: nur diesem Menschen nicht zeigen, was der Schlag für sie bedeutete. Nur ganz kalt bleiben und ruhig: »Fille de l'air hat gewonnen, ich gratuliere Ihnen. Sie haben mehr Glück als wir.« Sie wollte an ihm vorbei, als er, außer sich, ihr den Weg vertrat. »Sie haben gehört, Lena, was ich gesagt habe. Sie können mich so nicht fortgehen lassen, – Sie müssen eine Antwort für mich haben.« Sie sah sein Gesicht, das mit allen Muskeln arbeitete, dieses Gesicht, das verlebt, verwüstet, in einer brutalen Leidenschaft zu lodern begann. Sie setzte einen Fuß rückwärts, dann den andern, sie wich langsam bis an die Barriere, Schritt für Schritt folgte er ihr. In einer aufdämmernden Kinderangst hob sie die Hände gegen ihn: »Lassen Sie mich –!« Und er trat wirklich einen Schritt zurück. Aber im nächsten Moment stand er neben ihr. Er ergriff ihre Hand, ihren Arm, er zog sie an sich. Sie schrie leise auf, aber er gab sie nicht frei. Sein Gesicht beugte sich so nahe zu ihr, daß sie entsetzt die Augen schloß. Er versuchte vielleicht seine Worte in Grenzen zu halten, – aber er war ihrer nicht Herr. Sie stießen mit seinem heißen Atem zischend hervor wie Raubtiere. – Erst ganz langsam wurde er wieder ruhiger. Dann begann er wie jemand, der alles sucht und heranzieht, was er sagen und bieten kann, aufzuzählen: seine polnischen Güter, seine Güter in Schlesien, – allen Glanz und alle Macht, die er seiner künftigen Frau zu Füßen legen konnte. Bis seine Stimme stockte und die Leidenschaft dem angstvollen, totenblassen Gesichte gegenüber verflackerte. Bis er begriff, was er getan. Er tastete mit der linken Hand an die Stirn und strich darüber, dann mit der rechten ebenso. Er atmete tief auf und streckte ihr mit einer matten Bewegung die Hand entgegen: » – – Lena – –?« Sie schob sich cm der Barriere her an ihm vorbei, zwei, drei Schritte, geduckt, immer die Augen wie besinnungslos auf ihn gerichtet, – noch zwei, drei Schritte, – dann plötzlich schnellte sie empor, und mit einer fliegenden, gehetzten Angst lief sie die Rails entlang in der Richtung nach den Tribünen. Einmal wandte sie sich um. Als sie sah, daß er bewegungslos stehen geblieben war, ging sie langsamer. Dann verschwand sie in der Menschenmenge. Zweites Kapitel Der Frühlingsabend lag über Hoppegarten, einer der sonderbaren Frühlingsabende, an denen die Sonne nicht niedergehen will, und an denen man sich, immer noch eingedenk der vergangenen Winterzeit, darüber wundert, daß der Tag nicht endet. Der letzte Extrazug war in der Richtung nach Berlin verschwunden, die letzten Wagen fortgerollt, nun lag der weite Rennplatz wieder einsam. Nur die Kellner waren noch beschäftigt, alles in Ordnung zu bringen, sie gingen in Hemdärmeln, setzten Tische und Stühle zurecht und halfen den Mamsells die ungeheuren Massen von Tellern, Gläsern und Kannen in große Kisten verpacken. Ein paar alte Frauen wanderten mit Körben umher und suchten die Papierschnitzel zusammen, meist zerrissene Wett-Tickets, die wie häßliche, gelbe Flecken über den weiten grünen Rasen verstreut waren. Die Aufräumungsarbeiter, boten einen wunderlichen Gegensatz zu dem Bilde, das noch vor kaum einer Stunde in buntem Gewoge den Platz geschmückt hatte. Lena war fort, Schwerin hatte sie auf Stennsbergs Bitte mit nach Berlin genommen, schließlich war der Rittmeister fast der einzige, der noch anwesend war. Er kam mit dem Oberroßarzt vom Logierhause her und ging mit ihm quer über den Platz nach den offenen Holzstallungen, in denen man am Nachmittage die Rennpferde gesattelt hatte, und von wo aus sie, in Decken gehüllt, in ihre Quartiere nach Hoppegarten und Dahlwitz heimgekehrt waren. Nur ein Tier befand sich noch dort: Kisertet. Der kleine Stallbursche, der auf ihn Obacht geben sollte, stand an die Holzwand gelehnt und schlief. Es bedurfte ja auch in der Tat keiner besonderen Wachsamkeit. Es würde keiner kommen, der Kisertet zu stehlen Lust hatte, und hätte doch jemand diesen merkwürdigen Einfall gehabt, so wäre es ihm schwerlich geglückt, das Tier auch nur hundert Schritte weit über den Platz zu schleppen. Der Hengst stand ganz still, wie er schon seit Stunden stand, dicht neben dem schlafenden Jungen, das rechte Bein leicht gekrümmt, den Fuß mit der gezerrten, kraftlosen Sehne gebeugt. Er hielt den Kopf vorgeneigt, und die weit offenen Augen starrten ohne Ausdruck geradeaus nach Westen, wo die Sonne immer noch über dem Kiefernwalde von Dahlwitz stand. Nach einer Weile fuhr der Junge aus seinem Schlafe auf, er hatte dicht vor sich Stimmen gehört, und als er erschreckt seine Augen aufriß, sah er den Rittmeister neben sich, während ein andrer Herr vor Kisertet kniete und den Fuß des Tieres in beiden Händen hielt. »Ist Mr. Calder fort?« fragte der Rittmeister. »Ist niemand hier? Auch der Futtermeister nicht? Wo sind die andern Stallburschen?« »Ja nerozumim, pane, ja nerozumel.« »Es ist nichts mehr zu machen,« sagte der Oberroßarzt, »fühlen Sie selbst, Herr Rittmeister, das Fußgelenk ist ruiniert, die Sehne völlig zerzerrt und wie zerrissen –« Stennsberg beugte sich nicht nieder. Er hatte keinen Anlaß, dem Tiere die schmerzhafte und zwecklose Berührung anzutun. »Ob Sie es versuchen wollen, Herr Rittmeister, den Hengst ein zweites Mal hoch zu bringen, und ob dieser Versuch überhaupt lohnt, das müssen Sie selbst wissen. In einem Jahre kann man ihn vielleicht so weit bringen, daß er den Fuß noch gebrauchen kann, im Schritt, vielleicht auch im Trab, aber von einer Verwendung auf der Rennbahn kann natürlich nie mehr die Rede sein. Was bleibt dann dem armen Kerl übrig?« Der Hengst stand ganz ruhig, immer den Kopf mit den weit offenem, blinden Augen geradeaus gerichtet, als ob alles, was da gesprochen wurde, ihn nichts angehe. Der Rittmeister wandte sich ab: »Also bitte, Herr Doktor, was Sie für richtig halten.« Er ging langsam, die Hände in den Taschen, über den Rasen, und als er sich einmal kurz umschaute, sah er, wie man Kisertet einige Schritte aus dem Stalle herausgezerrt hatte. Der kleine böhmische Stalljunge hielt das Pferd am Zügel und ein paar andre Stallburschen, die noch mit Aufräumungsarbeiten zu tun gehabt hatten, standen im Kreise, aber in einer respektvollen Entfernung. Dann tönte ein Schuß. Er hallte von den Holzwänden der Tribünen wider und verklang in der Abendlandschaft. Der Rittmeister wandte sich nicht um. Er hatte an der Eiche Halt gemacht und starrte vor sich hin in die Weite, bis er Schritte hinter sich hörte und der Oberarzt zu ihm trat. »Wollen wir nun gehen, Herr Rittmeister? Es ist Zeit für Sie. Wenigstens, wenn Sie den Siebenuhrzug erreichen wollen.« »Ja, gehen wir.« In der Nähe des Logierhauses trennten sie sich. Der Arzt ging links ab durch die Heckengänge, die auf den Dahlwitzer Weg führen, der Rittmeister legte die paar Schritte bis zum Bahnhofe allein zurück. Er mußte einige Zeit warten, dann kam der Strausberger Vorortzug, und er stieg ein, der einzige Passagier. Ein Wort summte ihm im Kopfe, das ihm vorhin an der Eiche eingefallen war und das ihn nun nicht losließ. ›Die Tiere schießt man tot, wenn sie nichts mehr taugen. Was geschieht mit den Menschen?‹ Er schloß die Augen, er war müde zum Sterben. Eine Weile nachher hielt der Zug, ein paar Türen wurden geöffnet und zugeschlagen, dann ging es weiter. Er öffnete die Augen wieder und blickte auf die Felder, die, immer noch hell von der Sonne beleuchtet, vorbeiflogen. An dieser Strecke kannte er jedes Haus, jeden Baum, er war sie tausendmal gefahren. Hin, her, immer hin, her, – jedes Jahr hundertmal und öfter. Er dachte an den Tag, an dem Lena ihn zum erstenmal hatte hinausbegleiten dürfen, einige Wochen oder einige Monate nach dem Tode seiner Frau. Sie war damals ein kleines Ding, kaum sechs Jahre alt. Sie saß in ihrem schwarzen Kleidchen in der einsamen Wohnung in der Kleiststraße und spielte mit ihren Puppen. Wenn er fort mußte, so hockte das Dienstmädchen neben der Kleinen und sagte: »O, Herr Rittmeister können ganz ruhig sein, ich spiele mit Lena, und nachher gehe ich mit Lena spazieren, nicht wahr, Lena?« – – aber er wußte, daß das leere Reden waren, und daß, wenn die Tür hinter ihm ins Schloß fiel, die Kleine todeinsam sein würde. So hatte er sie eines Tages auf die Rennbahn mit hinausgenommen. In ihrem schwarzen Kleidchen lief sie wie ein kleiner Hund hinter ihm her, allenthalben hin, in die Wage, zu den Pferden, in die Ställe, und alle seine Bekannten gaben der Kleinen die Hand, und die Damen wollten sie auf den Schoß nehmen und ihr Kuchen geben. So oft er aber Miene machte, sie mit diesen Fremden allein zu lassen, starrte sie ihm mit so großen angstvollen Augen nach, daß er es nicht über das Herz brachte, sie allein zu lassen. So blieb sie das Hündchen, das hinter ihm herlief. Jahr um Jahr war dahingegangen, ein Reiseleben, an dem Lena an der Seite ihres Vaters die halbe Welt kennen gelernt hatte. Jedesmal wenn in diesen nächsten zehn Jahren der Major mit ihm zusammengetroffen war, hatte Schwerin, den Lena »Onkel« nannte, zu dem Rittmeister gesagt: »Es gibt viele Dinge, Joachim, die man sich mit Ruhe ansieht, aber es gibt auch Dinge, die über das notwendige Maß hinausgehen; so mit Lena. Sie hat keine Mutter, und du schleppst sie mit dir umher, heute dahin und morgen dorthin. Ein Mädchen gehört unter die Frauenzimmer und nicht in die Hotels, nicht nach Nizza und nicht auf die gottverfluchten Rennplätze.« Und jedesmal sagte dann der Rittmeister: »Ja, ja, Schwerin, es ist gut, diesen einen Monat noch, dann wird es anders. Ich denke nur darüber nach: wohin. Sobald ich etwas gefunden habe, bringe ich Lena fort, das ist selbstverständlich. Aber es war nie dazu gekommen. In Baden-Baden einmal, bei dem großen vierundachtziger Meeting, wo des Rittmeisters Pferde die Hälfte aller Preise gewannen – damals in Baden-Baden hatte er die kleine achtjährige Lena abends im Hotel auf den Schoß genommen und ihr eine lange Rede gehalten: daß es nun wirklich nicht länger so gehe, daß Miß Mary, die Gouvernante, sehr lieb und sehr gut sei, daß ein kleines Mädchen aber unmöglich länger so umherreisen dürfe und in ein richtiges Haus zu guten Frauen und andern kleinen Mädchen gegeben werden müsse, und daß – ja und so weiter – »Du weißt es ja selbst, Lena,« sagte er mit einer etwas zitternden Stimme, »du weißt es ja selbst –« Sie hatte geweint, sie war außer sich gewesen, aber dieses eine Mal blieb er fest, und am nächsten Tage wurde Lena – gegen den ausdrücklichen Willen Schwerins, der Lena in eine kleine Stadt und nicht in das großartige Baden-Baden geschickt zu sehen wünschte – zu der gnädigen Frau von Frankenberg gebracht, wo eine Reihe etwas verschüchterter Kinder sogleich den Auftrag erhielt, mit Lena ihre schönsten Spiele zu spielen, und wo die gnädige Frau mit solcher Liebe und Herzlichkeit Lena »ihr eignes kleines Töchterchen« nannte, daß nichts begreiflicher war als das böse, verbitterte Gesicht, mit dem sie am nächsten Tage beim Abschied Lena die Fingerspitzen ihrer Hand reichte. »Sie ist auf dem besten Wege,« sagte sie, »Herr Rittmeister, sich zu einem Mädchen auszuwachsen, das Ihnen sehr schwere und trübe Erfahrungen bereiten wird. Ich habe viele Kinder in meinem Leben in meiner Erziehung gehabt, aber ich muß Ihnen aufrichtig gestehen, daß mir ein solches Kind neu war. Ich habe dergleichen in der Tat nicht für möglich gehalten.« So kam nach der einen Nacht, in der Lenas Herz vor Angst und Verzweiflung hatte still stehen wollen, die Kleine wieder zu ihm, und seitdem hatte er sie trotz Schwerins Mahnungen und schweren Prophezeiungen nicht wieder von sich gegeben. Zum ersten und einzigen Male war er an jenem Tage mit dem Major hart aneinander geraten: »Scher dich um deine eignen Angelegenheiten, verstehst du mich?! Lena und ihre Erziehung gehen dich keinen Deut an, keinen Pfifferling! Ich verbitte mir jedes Hineinreden, ein für allemal!« So daß Schwerins Monocle – vielleicht auch zum ersten und einzigen Male – klirrend auf die Erde fiel und in Stücke zersprang. Es dauerte dann in der That geraume Zeit, ehe der Major seine guten Ratschläge in Bezug auf Lena wieder hervorholte. – – – Es war ein Zigeunerleben und ein Zigeunerreisen: vorn im Zuge im Coupé erster Klasse die Herren und Lena, hinten im Zuge der große rollende Wagen mit den Rennpferden und den Stallburschen. Ein Zigeunerleben, bei dem man allerorten Vorstellungen gab und die Pferde produzierte, wenn es freilich auch keine armseligen dressierten Zirkusgäule waren, sondern die Elite ihres Geschlechts, von denen jedes einzelne ein kleines Vermögen repräsentierte. Sie wurden ausgepackt, sie liefen auf der Rennbahn, sie gewannen Preise, und sie wurden wieder eingepackt, um drei Tage später hundert Meilen entfernt das Geschäft von neuem zu beginnen. Ein wehmütiges Lächeln ging über sein Gesicht, als er an die sonderbaren Unterrichtsstunden dachte, in denen Schwerin im Hotel »Gonnet et de la Reine« zu Cannes im Winter 1885 Lena lesen gelehrt hatte, – oder an die ewigen Rechenübungen im Coupé, wenn Schwerin zur anfänglichen Erheiterung und zur allmählichen Erbitterung der Mitreisenden stundenlang das Einmaleins exerzierte. Dieser Rechenunterricht des Majors, den er in drei Sprachen erteilte, blieb lange Zeit ein beliebtes Thema, um Schwerin im Klub oder auf der Rennbahn zu ärgern, und wenn das kleine Ding auf der Tribüne an der Loge des Herzogs von Sohrau vorbeihuschte, so hielt der alte Herr sie an den Zöpfen fest und examinierte: »Combien font vingt-neuf et cinquant-deux – –?« Worauf sie den linken Zeigefinger zwischen die Lippen schob und nach einigem Nachdenken und mit einem ängstlichen Seitenblick auf Schwerin, der steif, ernst und abwartend in der Loge saß, die richtige Antwort fand: »Quatre-vingt-un.« »Twenty-two and thirty-five?« »Fifty-six.« »Seven!!« schrie Schwerin – und das war für alle Anwesenden das Signal, um den Major einen Tyrannen zu nennen, dessen einzige Beschäftigung es sei, den verhätschelten Liebling der Rennbahn zu quälen. – – Mühelos und wie im Spiel hatte sie alles gelernt, was die fremden Länder ihr boten, die Sprachen, – die Kunst, die Museen, – Rom, Paris, London – fast alles, was ein Mensch an Großem zu sehen und zu lernen erhalten kann. Nur das Beste war Lena fremd geblieben: Die Heimat! Und alles was zu »Heimat« gehört: Kinderspiele und Kinderarbeit, Freundinnen, Pflichterfüllung – Sehnsucht! – – Er preßte die Hände gegen die schmalen Leisten der Türfüllung und starrte, ohne etwas zu sehen, in die Felder. »Durch meine Schuld. – Schwerin hat schon recht gehabt.« Dann richtete er sich auf: »Es ist nie zu spät.« Bilder tauchten vor ihm auf, eines das andre hastig drängend: Oldeslo, von dem Schwerin erzählt hatte, – ein großes stilles Haus, in dem man Lena gütig aufnehmen wird, – Mädchen, die zu Lena eilen und sie fragen: »Wie heißt du? Bleibst du hier? Bei uns? –« »Ja, ich bleibe bei euch.« – Ein kleines Zimmer, ein weißes Bett – nichts mehr von dem Lärm, von den verwitterten Gesichtern der Rennbahn. – Im Garten unten ein Lachen, die Mädchen spielen, Lena mitten zwischen ihnen. – Sie sitzt in ihrem Zimmerchen und schreibt einen Brief an ihn: »Ich bin glücklich hier, ich sehne mich nur nach einem, nach Dir.« – Der Kellner im Hotel bringt ihm den Brief, und er setzt sich hin und schreibt: »Noch ein Jahr, Lena, dann hole ich Dich wieder. Aber nicht hierher, sondern in unser eignes Heim. Du wirst Augen machen, Lena, wenn Du das siehst, ich verrate nichts vorher.« Ein Lächeln ging über sein müdes Gesicht, und mit einem tiefen Aufatmen hatte er die Empfindung, als ob dieser schwere Schlag, der ihn heute getroffen hatte, eine Art Erlösung bedeute, eine Entscheidung, die nun endlich alles Zögern und Erwägen zerbrach und ihm den Weg klar vorzeichnete. Der kostspielige Reisehaushalt mit der Gouvernante und dem Diener würde aufhören. Er für seine Person bedurfte wenig, fast nichts, das ganze Leben würde halb so teuer sein wie bisher, oder ein Drittel so teuer, oder noch billiger. Er würde sparsam leben wie nie zuvor. Nur die wenigen Monate noch den Kopf oben behalten, dann war aus dem Schiffbruch vielleicht noch genug zu retten, um Lenas Zukunft sicher zu stellen. Er fühlte diese Spannkraft in sich, die mit einem letzten Rest von Energie den zerbrochenen Spieler auftreibt, ihm Bilder vorgaukelt und immer noch einmal ihn an sich selbst glauben läßt. – – Er beeilte sich, er hatte Lena ja versprochen, mit ihr in die Oper zu gehen. Der Diener erwartete ihn im Hotelzimmer. »Sagen Sie meiner Tochter, ich käme in zehn Minuten hinüber. Dann holen Sie einen Wagen, Lena soll sich bereit halten, Fragen Sie den Major von Schwerin, ob er mit geht zur Oper.« Er kleidete sich hastig an, und als der Diener zurückkam, stand sein Herr schon in Frack und weißer Halsbinde vor dem Spiegel. Er stand straff aufrecht, trotz der grauen Haare und der müde gewordenen Züge immer noch ein Mann, der die Augen der Frauen auf sich lenkte, groß, hager, die alte Reiterfigur, Er lächelte seinem Bilde im Spiegel zu: »Es wird alles gut, es ist immer noch nicht zu spät. –« Als er in Lenas Zimmer trat, das im Schatten der gegenüberliegende Häuser schon halb im Dunkel lag, erhob sie sich und kam ihm entgegen. Aber erstaunt blickte er sie an. »In dem Kleide? Du willst doch nicht in dem Kleide zur Oper, Lena?« Sie antwortete nicht, sie kam mit kraftlosen Schritten auf ihn zu und lehnte sich wortlos an ihn. »Kind was hast du? Lena, ist etwas passiert?« Sie brach in ein wortloses Schluchzen aus, wie er es nie an ihr gesehen hatte. Aber auf alle seine angstvollen Fragen hatte sie keine Antwort, oder doch nur ein paar tonlose Worte: »Nichts. Es ist nichts.« Er nahm sie auf seinen Schoß und legte ihren Kopf an seine Brust und wiegte sie hin und her, wie früher, als sie noch ein kleines Mädchen war. Und während ihr Weinen leiser wurde und die Dunkelheit nun ganz das Zimmer füllte, erinnerte er sich, wie Lena nach dem Rennen totenblaß, schwankend zu ihm gekommen war. Aber er hatte keine Ursache gehabt, sich darüber zu wundern. Sie hatte in ihrer Art in Kisertet mehr verloren als er selbst. Das blinde, hilflose Tier war ihr Liebling gewesen, damals schon, als es klein und wenig beachtet mit den andern Jährlingen von Harzburg gekommen war. »Weshalb sieht er mich so an?« hatte das Kind gefragt. »Weshalb blickt er so eigentümlich?« Und als man ihr antwortete: »Das Pferd ist blind,« hatte sie in einer Aufwallung von Mitleid den schlanken Hals des Fohlens umarmt, so daß man schließlich Mühe hatte, sie von dem Tiere fortzubringen. – - Er wußte nicht, daß Lena heute etwas ganz andres verloren hatte. – – Erst eine lange Weile nachher brachte er die Rede auf Oldeslo, aber Lena begann wie außer sich von neuem zu schluchzen! »Laß mich bei dir bleiben, gib mich nicht von dir! Nie!« Einen Moment wurde er wieder wankend, dann setzte er ihr alles auseinander, wie er es bei der einsamen Heimfahrt sich ausgemalt hatte: »Du mußt vernünftig sein, Lena, du mußt an dich denken und an mich, sei mein gutes Mädchen, Lena! Es muß sein, nicht wahr? Und wenn es dir nicht gefällt, Lena, was schadet es? Du kommst wieder. Du schreibst nur ein einziges Wort, und ich komme und hole dich. Das sind sieben Stunden, dann bin ich bei dir. Nicht wahr, du willst, Lena? Glaub nur, es muß sein. – – Ja –?« Sie hörte nur halb auf das, was er sagte, – aus dem Dunkel tauchte das schreckliche Bild von heute nachmittag vor ihr auf: Szatek, wie er sie am Arm ergriffen und sie an sich gerissen hatte! Im Fieber, außer sich, sprang sie auf und fuhr sich mit den Händen über Gesicht und Haar, dann klammerte sie sich an ihn: »Ja, ich will, ich will! Ich will fort!« Er verstand sie nicht, aber zärtlich zog er sie wieder an sich und nahm sie von neuem auf den Schoß. »Siehst du, Lena, ein Jahr, was ist das? Das ist ein Nichts, – und dann hole ich dich. Wir schaffen für dich eine Heimat, wir gehen nie mehr auf die Rennplätze!« Sie umklammerte seine Hand noch fester: »Nie mehr auf die Rennplätze! Versprich es mir!« Allmählich vergaß sie, und während er sie immer auf den Knieen leise wiegte, ließ er die Bilder an ihr vorbeiziehen, die er sich ausgemalt hatte. Unten brauste das Tosen der Friedrichstraße. Aus irgend einem Zimmer des großen Hotels drang ein Lärm. Sie hörten nicht darauf. Man hört dergleichen nicht mehr, wenn man jahraus, jahrein in fremden Zimmern unter Fremden wohnt. Die Nacht kam, eine Frühlingsnacht, die auch hier inmitten der großen Stadt weich und warm durch die offenen Fenster drang. – »Lena – ?« Er bog ihren Kopf leicht zurück und sah sie an: sie hielt die Augen fest geschlossen. Den linken Arm um seine Schulter gelegt, den Kopf an seiner Brust, war sie eingeschlafen, – wie einst. * Drei Tage später reiste der Rittmeister nach Moskau, wo man nach Schwerins Behauptung immer noch am ehesten eine Gelegenheit findet, englische Pferde für gutes Geld an den Mann zu bringen. Wie Schwerin innerhalb und an den Grenzen Europas alles kannte, was andre Leute nicht kennen, die Shetland-Inseln (wo man die Ponies züchtet) so gut wie die Balearen, Oeland wie Kertsch, so wußte er selbstverständlich auch im inneren und innersten Rußland Bescheid. Und als selbst die Leute vom Fach das russische Pferd einer alten Tradition zufolge noch für brauchbar hielten, gab Schwerin bereits vor zwanzig Jahren sein Urteil im entgegengesetzten Sinne: »Die Gäule taugen nichts, durch die Bank, selbst die Orloffs nicht ausgenommen. Kein Land in der Welt hat für seine Klepper das englische Blut so nötig wie Rußland.« Stennsberg, der Herzog und Schwerins andre Bekannte legten ihm nahe, diese immerhin interessanten Beobachtungen in einer Zeitschrift zu besprechen, und man sah damals den Major monatelang mit wichtigem Gesichte umhergehen: »Ich werde darüber schreiben – –« Obwohl er aber eigens dieses Aufsatzes wegen kurze Zeit einen Sekretär engagierte, viele Abende den Klub nicht besuchte und sich schließlich sogar wochenlang nach Friedrichsroda begab, um in der Stille des Thüringer Waldes die Arbeit zu beenden, – so gelangte dieselbe doch nie zur Veröffentlichung. Er litt später nie, daß man auf dieses Thema in seiner Gegenwart zu sprechen kam, und während er mit außerordentlicher Gutmütigkeit kleine Scherze und Neckereien andrer Art über sich ergehen ließ, kam es des »russischen Pferdes« wegen zwischen ihm und Bernstorff 1883 im Herbst zu einer Forderung, die erst nach Aufwendung eines großen Apparats von Vermittelungsversuchen hoher und höchster Herrschaften kurz vor dem Kugelwechsel beigelegt wurde. Am Morgen nach der Abreise ihres Vaters fuhr Lena nach Oldeslo, mit Schwerin als Reisebegleiter. Er strahlte, nun endlich war erreicht, was er in Bezug auf Lena seit undenklicher Zeit vergebens angestrebt hatte. Während der Rittmeister in diesen langen zehn Jahren zerbrochen war, während Lena sich aus dem kleinen Dinge zu einem großen Mädchen entwickelt hatte, war Schwerin der einzige, der eigentlich noch genau so aussah wie damals. Wenn Clemens, sein Diener, ihn am Vormittag zurecht gemacht hatte und der Major unten im Hotel zum Frühstück erschien, das Monocle im Auge, eine Nelke im Knopfloch, elegant, frisch, rosig, dann sah kein Mensch dem alten Dragoner seine Jahre an, – ausgenommen vielleicht an dem etwas steifen Gange und an der vorsichtigen Manier, mit der er den Stuhl zurechtrückte, um ganz langsam sich niederzulassen. Ritterlich bot er Lena den Arm. Er trug seinen Reiseanzug, und zehn Schritte hinter ihm ging Clemens, ohne den Schwerin, da er in Oldeslo zu übernachten gezwungen sein würde, die Reise nicht ausführen konnte. Der Portier stand mit abgezogener Mütze, als Lena mit der kleinen Ledertasche in der Hand durch die Vorhalle des Hotels ging, und der Major faßte flüchtig an den Hut. Sie gingen langsam die Friedrichstraße an dem großen Hotel entlang, denn der Bahnhof war ja nahe, – und Lena wußte nicht, daß, als sie aus diesem Hause hinausgeschritten war, sie auch hinausgeschritten war aus ihrer Kinderzeit. Drittes Kapitel In den ersten Tagen des Mai war Lena nach Oldeslo gekommen, und wenige Tage später kehrte George Dufour nach Oldeslo zurück. Nachdem er vier Jahre – mit ganz kurzen Unterbrechungen – von seiner Heimat fern gewesen war. Die ersten Semester in Göttingen, dann in Marburg, schließlich die beiden letzten Jahre wiederum in Göttingen. Unterhalb des Hardisberges, wo der Oberforstmeister von Auerswald 1868 den hundertjährigen Buchenwald niederschlagen ließ, und die ganze Südseite des Berges dann neu aufforstete, zog sich in Windungen eine Stunde lang oder noch weiter, ein breiter Grasweg durch das noch niedrige Unterholz, das heute vielleicht auch schon ein Wald geworden ist. Auf diesem Wege an dem letzten heißen Julitage tauschten George Dufour und Lena den ersten Kuß. Als der Schnee wie ein weißer Teppich den Berg bedeckte, nahmen die beiden auf dem einsamen Wege im Unterholz des Hardisberges Abschied. Eine Liebe, die in Lenas Herzen unter der Frühlingssonne erwacht war aus Verlassenheit und Heimweh. Sie gehörten zu einander seit dem Tage, an dem George von Göttingen gekommen war und ihre Blicke sich zum ersten Male getroffen hatten. Ganz Oldeslo wußte es, – wußte es damals schon, als George und Lena nur stumm aneinander vorübergingen, ohne je ein Wort miteinander getauscht zu haben. Die kleine Stadt mit ihren toten Straßen und den niedrigen Häusern, die aussehen, als ob sie schlafen und in aller Ewigkeit schlafen würden, hat tausend Augen. Hinter den blinden Fensterscheiben späht es hervor, und abends unter den dunklen Haustüren tuschelt es: »George Dufour und das fremde Mädchen. Man weiß, was man weiß, man sieht, was man sieht.« Zwischen seinen großen ungefügen Händen hielt er ihre schlanke, zierliche Gestalt –: »Lena –« Und sie lehnte den Kopf an seine Schulter: »George! – –« als ob eine Ewigkeit sie getrennt gehalten hätte und sie in dieser Ewigkeit sich nacheinander gesehnt hätten. Die Sonne stand über dem Wesertale mit sengender Mittagsglut, kein Blatt regte sich, der große Hardisberg mit seinen Wäldern und Wiesen schien zu schlafen. Zu schlafen schien alles ringsumher: die endlosen Felder im Tale, die Stadt mit den roten Dächern und der langen Hauptstraße, in die man vom Berge gerade hineinschaut, die Dörfer jenseits des Flusses an der andern Seite der Berge, die Menschen; die Tiere und die Pflanzen auch. Aber der Hardisberg schlief nicht. Unter dem blauen Himmel glänzte er mit seinen Buchenwäldern und den großen Lichtungen an der Südseite wie ein leuchtender Smaragd, und über den ganzen Berg hin lief ein feines Klingen und Summen, das schwingend aus allen Gräsern emporstieg und wie ein flüsterndes Hochzeitslied zwischen die Küsse und die gestammelten Worte ohne Ende hineintönte. Bisweilen gingen sie ein paar Schritte, dann blieben sie wieder stehen, um sich anzuschauen, – der große George den Kopf niedergebeugt, Lena den Kopf in den Nacken gelegt. Sie gingen weiter und kehrten wieder um, immer nur eine kurze Strecke Wegs, als ob gerade auf dieser Wegstrecke niemand kommen würde, der sie sehen könnte. Er hielt seine schwere Hand so fest um sie gelegt, daß es Lena fast schmerzte. Unter dem dünnen Sommerkleide fühlte er ihr Herz pochen. Von der Stadt kam der Klang der Turmuhr, zwei lange Schläge, die über den Berg verhallten. »Ich muß fort, George, sie suchen mich zu Hause, was soll ich sagen?« Und im nächsten Moment dachte sie: ›Wenn er mich jetzt festhält und nicht fortläßt, so ist es auch gleich, mag kommen, was will.‹ Ihr Gesicht glühte, sie lehnte sich fester an ihn, als ob sie sagen wollte: ›Laß mich nicht, es ist ja alles gleich.‹ Aber George verstand sie nicht. Wie man eine Feder hebt, nahm er die schmale Gestalt vom Boden zu sich empor; in seinem von Narben zerfetzten Jungengesicht arbeitete es, als suchte er nach einem Worte, – aber er fand es nicht – dann sagte er nur: »Wann treffe ich dich wieder?« Ein ganz leises Zucken wie Enttäuschung ging über ihr Gesicht, ein ganz leises Zurückzucken durch ihre Gestalt, aber es währte nur den Bruchteil einer Sekunde, dann ließ sie sich willig von neuem in seine Arme schließen. Mit fliegenden Worten durchsuchte sie die nächsten Tage: – »Am Donnerstag?« – »Oder am Sonnabend?« – – »Wieder hier – ?« »Ja. hier –« »Ich werde dir schreiben.« »Ich dir auch –« Sie blickte noch einmal kurz, hastig auf den Weg, als ob sie dessen Bild sich einprägen und mitnehmen müsse, sie lehnte noch einmal an seiner Schulter. Aber dieser Gedanke von vorhin: wenn er dich festhielte und ließe dich nicht fort – kam ihr nicht zum zweiten Male. Von der Lichtung an der Waldecke sah George ihr nach. Den Feldweg entlang lief sie wie ein gehetztes Reh, an der großen Eiche, wo der Weg in die Chaussee mündet, begann sie langsam zu gehen. Jetzt bog sie rechts ein in den Heckengang, wo ihr niemand begegnen würde, – nun kam sie an der Mühle vorbei – und dann verschwand das helle Kleid. * An jedem Nachmittage zwischen vier und sieben ging die Generalin mit ihren Pflegebefohlenen spazieren, die Mädchen zu je zweien nebeneinander in der militärischen Reihenfolge, die in der ganzen Welt bei derartigen Instituten üblich ist und notwendig zu sein scheint. An jedem Nachmittage kam man an Georges Hause vorbei, dann schlug Lenas Herz zum Zerspringen. Es waren dreißig Schritte, die man an der Weißdornhecke entlang ging, man hatte volle Muße, in den Garten hineinzuschauen, nach dem niedrigen grauen Hause hinüber, das ein wenig versteckt sich hinter den Bäumen verbarg, – aber Lena sah nichts. Vor ihren Augen flimmerte es, Garten und Haus lagen wie im Nebel. Sie hatte bisweilen das Gefühl, in einem Traume zu gehen, als seien die Berge da drüben, die kleine Stadt und George selbst Traumbilder, die mit dem Erwachen zerflattern würden. Als säße sie wieder auf der Tribüne der Rennbahn und hielte die Augen geschlossen, während in der Ferne die Musik spielte und in der nächsten Minute jemand kommen würde, der sie weckte. Schwerin oder eine der Damen, oder – ja Szatek! Szatek, der sie plötzlich emporriß und sagte: »Wach auf, du, komm mit!« Sie war ein Kind gewesen bis zu der Stunde, in der er mit seiner brutalen Hand den Vorhang zerrissen hatte, – nun war sie schon lange kein Kind mehr. Der erste Kuß hatte George gehört, aber ihre Seele hatte nicht er aus dem Kinderschlaf geweckt, sondern der andre! – – Bisweilen, wenn sie an Georges Haus vorüberging, traf es sich, daß die alte Frau vorn in der Laube an der Hecke saß, das Strickzeug in der Hand, und mit ihren ruhigen gleichmütigen Augen auf die vorübergehenden Mädchen schaute, – dann war es, als ob durch eine äußerste Anspannung der Willenskraft der Nebel vor Lena sich teilte. Steif und förmlich verneigte sich die Generalin vor der Dame, und steif und förmlich erwiderte diese den Gruß. Teilnahmlos, wie auf etwas, was man alle Tage sieht, schaute sie die Reihe der vorübergehenden Mädchen entlang, wenn es aber der Zufall wollte, daß ihr Blick über Lena hinglitt und einen Moment auf ihr haftete, so stockte Lena der Atem, und ihr Herz schien still zu stehen. Seine Mutter! Sie blickte die Frau an, als ob sie jeden Zug des Gesichtes und jede Bewegung der Hände sich in das Gedächtnis graben müsse. An dem Holzpfosten der Gartentür befand sich noch der Klingelzug, dessen Draht an den Bäumen entlang gespannt nach dem Hause hinüberlief. Aber die Klingel hatte seit vielen Jahren Ruhe, und das Messingschild mit »George Dufour, Dr. med.« lag oben in dem alten Schranke und wartete auf den Tag, an dem es seinen Platz an der Gartentür unter der Klingel von neuem einnehmen würde, – für George Dufour den Jüngeren. Er hatte Lena davon erzählt, und jedesmal beim Vorübergeben blickte sie nach der leeren Stelle. Ein einziges Mal traf es sich, daß die Generalin mit Lena an ihrer Seite an der Laube Halt machte, um einige gleichgültige Worte mit der Dame zu wechseln. Die Reihe der andern ging langsam weiter, um einige hundert Schritte entfernt an der Ecke des Heckenganges Halt zu machen und zu warten. Ganz flüchtig deutete die Generalin auf ihre Begleiterin: »Fräulein Stennsberg, – Frau Dr. Dufour –«, dann wurde Lena nicht weiter beachtet. Sie hörte nichts von dem, was die beiden sprachen. Mit starren Augen blickte sie in das Gesicht, das jetzt so nahe vor ihr war, – sie hörte nur den Tonfall der Stimme, der etwas Stumpfes hatte. Das Gesicht war klein, alt, von Falten durchzogen, in den Augen lag eine Müdigkeit, aber eine Müdigkeit, bei der man den Eindruck hat, als sei sie immer dagewesen, als hätten solche Augen niemals hell und fröhlich geblickt. So oft Lena dieses Gesicht und diese Augen gesehen hatte, war ihr der Gedanke durch den Sinn gegangen: Alles wird anders sein, wenn sie spricht. Wenn sie spricht, wird es leise und zärtlich klingen, vielleicht sehr traurig, aber so weich und gütig, daß man vor ihr niederknieen möchte und nur auf diese Stimme hören, die mit innigen bewegten Worten sagen wird: ›Also das ist die kleine Lena, die George zur Frau haben will.‹ Sie hatte sich das hundertmal ausgemalt und sich vorgestellt, wie sie nach diesen weichen Worten die Arme emporschlingen und zum ersten Male ›Mutter‹ sagen würde. Nun sprach die alte Frau, und Lena stand mit großen weitoffenen Augen, und ihr war zu Sinne bei dieser matten trüben Alltagsstimme, als höre die Sonne zu scheinen auf, als ob sich große schwarze Schatten über den Weg legten. Ein Vogel sang in der Nähe mit einem klagenden und dann plötzlich laut jubelnden Ton. Sie blickte nach ihm hin, und gleich darauf schwang er sich von dem Baumzweig dicht vor ihr empor und flog schwingend über den Weg, noch einmal zurück und dann geradeaus in die blaue Luft. Die Sonne schien wieder, und als sie tiefaufatmend um sich schaute, sah sie, daß sie neben der Generalin zwischen den grünen Hecken schritt, und daß der Garten und die Laube und die alte Frau hinter ihnen lagen. – – Die Generalin hatte die Welt mehr kennen gelernt, als die meisten andern Menschen, und sie liebte es, von ihren Reisen zu erzählen, von London und Paris und den italienischen Seen. Dann saßen die Fräulein, die aus Kassel und Hannover stammten, zumeist aber aus der Nachbarschaft von den großen hessischen Gütern, mit erstaunten Augen eine Frau bewundernd, die das Britische Museum und den Louvre kannte, die an Napoleons Grab gestanden hatte und der Königin von England einmal so nahe gewesen war, daß sie sie mit der Hand hätte berühren können. Seit Lena Stennsberg in ihr Haus gekommen war, hatte die Generalin aufgehört, diese glanzvollen Erinnerungen vergangener Zeiten hervorzuholen, sie waren über Nacht verblaßt, und der feine Nimbus, der jene Reisen in fremde Länder bisher umwebt hatte, war zerflattert. Sie hatte von Paris erzählt, und das sechzehnjährige Mädchen hatte dazu genickt: »Paris ist sehr schön.« Groß, erstaunt, verblüfft hatte die Generalin sie angesehen: »Du kennst Paris –?« »Ja.« »Wann warst du dort –?« Und Lena sann nach – – »zum ersten Male 1887, – ja, – dann bei der Weltausstellung, – und dann 91, – wir waren damals den ganzen Winter drüben.« »Winter drüben –«, sagte die Generalin. Etwas wie eine große Erbitterung kam ihr einen Moment in die Kehle. Es drängte sie zu sagen: ›Jede andre Stadt und jeder andre Aufenthalt wären für ein junges Mädchen glücklicher gewählt gewesen‹, aber sie wahrte ihre Haltung, sie schwieg. Mit einer etwas erzwungenen Wendung lenkte sie das Gespräch auf London, sie sprach von Westminster-Hall und dem Tower, von dem schönen Richmond und Windsor, sie erzählte lange, länger als sonst, und sie verglich London mit Paris und betonte, ohne Lena anzusehen, aber jedes Wort für dieses Mädchen zugespitzt, daß London doppelt so groß und dreimal so interessant und jedenfalls in jeder einzelnen Beziehung historischer, einflußreicher, bedeutender und für den Fremden lehrreicher sei als das Babel an der Seine. Sie sprach mehr als eine Stunde, sie redete gegen ihre eigne Ueberzeugung (denn jene vierzehn Tage in Paris waren bisher die außerordentlichste Erinnerung ihres Lebens gewesen), und sie endete damit, daß es ihr aufrichtiger Wunsch sei, jeder ihrer Pflegebefohlenen möge es ein freundliches Geschick vergönnen, einmal wenigstens in ihrem zukünftigen Leben diese ganz einzige und volkreichste Stadt der Welt kennen zu lernen. Und groß, ernst wandte sie sich zu Lena, die, über ihre Arbeit gebeugt, stumm dabei gesessen hatte, mit ihren Gedanken bei ganz anderm als bei Westminster-Hall und den Schätzen des Britischen Museums: »Lerne London kennen, mein liebes Kind, dann wollen wir beide wieder einmal über Paris zusammen sprechen.« Zerstreut, wie aus einem tiefen Nachdenken aufgeschreckt, sah Lena sie an: »London –? – O, ich kenne es. Wir waren jeden Herbst in London, – wenn wir nach Newmarket reisten.« Eine Todesstille ging über das Zimmer, Die Mädchen im Kreise saßen ganz stumm und starr, kein Kopf bewegte sich, nur die Augen wanderten langsam, von der Generalin zu Lena und von Lena zu der Generalin. »Ja, so –«, sagte die Generalin nach einer Weile, und weiter sagte sie nichts. Und ohne Lena anzublicken, ging sie ohne Eile, den Mund fest geschlossen und die Augen geradeaus gerichtet, aus dem Zimmer hinaus. Sie kam nie auf das Thema zurück, aber Fräulein v. Baggersen, die den Unterricht leitete, glaubte im Interesse der Generalin zu handeln, wenn sie – rein gelegentlich und so gut wie absichtslos – Lena ausfragte betreffs der sonstigen Reisen, die Lena vielleicht noch auszuführen Gelegenheit gehabt hätte, und als sie diese Kenntnis mühelos erlangt hatte, stattete sie der Generalin Bericht ab: »Sie war in Wien, in Rom, in Sizilien, jedes Frühjahr in Nizza –« »Sie war vielleicht auch in Japan,« sagte die Generalin. »Warum nicht, weshalb nicht?!« * Der Hardisberg stand im Regen, es war unsommerlich kalt geworden. Ueber das breite Wesertal fort spannten sich die Wolken von der einen Seite der Berge nach der Bergkette jenseits des Flusses wie eine Brücke. Es war immer noch nicht Herbst, aber auf den endlosen Feldern im Tale sah man die Stoppeln, und die ersten Blätter fielen leise herab. Die Stadt Oldeslo lag ganz still und tot, und wenn Lena aus ihrem Fenster sich hinausbeugte und die menschenleere Straße entlang schaute, so sah sie nur den Regen, der niederplätscherte und auf dem ausgefahrenen Pflaster und den jahrhundertealten ausgetretenen Granitplatten des Bürgersteiges Lachen bildete. Die Spaziergänge an den Nachmittagen waren nur noch kurz, und wenn die Generalin es trotz Regenwetter für notwendig hielt, ihre jungen Damen hinauszuführen, so ging man dicht nebeneinander in Gummischuhen und Regenmänteln unter einer Doppelreihe von Schirmen wie in einem Trauerzuge. Aber Lena war glücklich. Sie sah George jeden Tag; zu einer festgesetzten Stunde ging er am Hause vorbei, und in diesem Harren, Warten und dem kurzen Moment, in dem ihre Augen sich begegneten, in der ängstlichen Sorge, diesen Moment nicht zu verfehlen, lag ein Zauber, der sie vielleicht fester aneinander kettete, als eine ungehinderte Liebesfreiheit die den vollen Becher des Glücks darreicht. Jetzt war die Zeit der großen Rennen in Iffezheim, die alljährlich in dem Chaos von Hin- und Herreisen eine Art von Ruhepunkt gebildet hatte. Frühmorgens streifte man durch die Berge des Schwarzwaldes, nachmittags fuhr man über Oos in das Rheintal, um die Rennen zu sehen, und am Abende saß man im Kurpark zu Baden-Baden, wo zwischen allen Bäumen bunte Lampions leuchteten, während die Musik mitten in dem Trubel ihre heiteren Melodien ertönen ließ, die dann in dem nächtlichen Schwarzwaldtale die Berge hinauf verklangen. Lena dachte daran, aber ohne Sehnsucht. Immer wieder klang aus ihres Vaters Briefen derselbe Ton: »wenn du dich in deiner Einsamkeit und Verbannung nicht glücklich fühlst, Lena, so schreib ein einziges Wort, und ich hole dich –« – Aber Lena war glücklich. Glücklich wie nie in ihrem Leben zuvor. Auch Schwerin schrieb. Regelmäßig an jedem Sonnabend setzte er sich hin und verfaßte mit seiner großen steifen Handschrift genau vier Seiten Text, in dem er mit einer sonderbaren Trockenheit genau berichtete, was in der Woche sich zugetragen hatte – zumeist eine rein schematische Aufzählung der sportlichen Tatsachen –, aber Lena wußte sehr wohl, wenn sie am Montag Morgen den Brief erhielt, daß der Major zum mindesten einen Nachmittag zur Abfassung seines Schreibens geopfert hatte. Und sie mußte lächeln, wenn es, zuerst nur schwach angedeutet, aber dann immer durchsichtiger aus des Majors Briefen wie Reue klang. Er hatte zehn Jahre den Rittmeister mit der Darlegung gequält, daß Lena fortgegeben werden müsse, und nun sein Wille erfüllt war, ging aus jeder seiner stilistisch gewundenen Andeutungen hervor, daß er Lenas Fortsein als eine große Leere empfand. Es kamen allerlei Sendungen von ihm an, zuerst nur spärlich und in bescheidenem Maßstäbe, dann häufiger, und schließlich in einem Umfange, der die Generalin und alle Bewohner des Hauses in Staunen versetzte. Große Körbe voll Trauben, Kisten voll Süßigkeiten, Blumenarrangements von einer Kostbarkeit, wie sie der Major in seinem bewegten Junggesellendasein an Damen zu senden vielleicht die Gewohnheit angenommen hatte, die im Hause der Generalin aber naturgemäß ein Befremden hervorrufen mußten. Und Briefe kamen auch von George, die trotz aller Wachsamkeit der durch eine zwanzigjährige Praxis wohlerfahrenen Generalin in Lenas Hände gelangten. Es waren Liebesbriefe einer absonderlichen Art, schwerfällig im Stil und ungelenk, aber so und nicht anders konnte der große George schreiben. Sie küßte die Briefe und verbarg sie und holte sie wieder hervor, um sie von neuem zu küssen. Sie war glücklich. Immer plätscherte der Regen gegen die Fenster, ein kalter Wind kam aus dem Wesertal und fegte draußen im Garten durch die Baumkronen. Lena breitete die Arme aus und schaute über den Garten weg nach den Bergen, an denen die Wolken wie schwere Schleier hingen. Berge und Tal und Weser und Stadt – nun hatte sie eine Heimat! Viertes Kapitel Sie trafen sich nur selten. In der Mittagsstunde nach der Mahlzeit, wenn die Generalin in ihrem Zimmer sich aufhielt und zu lesen vorgab, während sie in Wahrheit den für ihr Alter notwendigen Schlaf hielt – und wenn Fräulein v. Baggersen sich gleichfalls in ihr Zimmer zurückgezogen hatte und gleichfalls zu lesen vorgab und vielleicht gleichfalls schlief –, in dieser kurzen Mittagsstunde war dann und wann eine der Freundinnen tapfer genug, Lena zu begleiten. Es fand sich immer derselbe Vorwand: zur Post gehen, um Briefmarken zu kaufen (denn es war eine der Eigentümlichkeiten der Generalin, daß sie trotz des beträchtlichen Briefmarkenkonsums ihres Hauses sich nie entschließen konnte, größere Mengen derselben anzuschaffen und auf Lager zu halten), aber gleich hinter der Post bogen die Mädchen rechts ab die schmale Bergstraße hinauf, und mit pochendem Herzen ging es an den letzten Häusern vorbei, dann in den Feldweg und endlich – tief aufatmend – in den dunkeln Hardisberg. Der Zauber der Angst lag über diesen kurzen Minuten, sie gingen dicht aneinander geschmiegt, mit großen furchtsamen Augen, hastig, bisweilen rückwärts schauend, ob niemand folgte, vor jedem Kinde erschreckend, das über die Straße lief, – und dann endlich über das schlafende Oldeslo triumphierend, durch das sie mitten hindurch geschritten waren, und in dem niemand sie auf dem verbotenen Wege erspäht hatte! Der grüne Wald schien mit seinen schützenden Armen ein Märchenwald und die Stadt hinter ihnen der blinde Oger, dessen Krallen man durch ein Wunder entronnen ist. Dann kam George. »Wieviel Jahre bist du älter als ich, George?« – Sie rechneten nach: »Sechs, fast sieben!« Sie verlangte, daß George erzählte: von seiner Mutter, von seinem Vater, – alles Kleinste aus seinem Leben. Von Marburg und Göttingen, von seinen Freunden in Marburg und Göttingen, von seinen Arbeiten, – und wenn George ihren Kopf zwischen seine großen Hände nahm, aus denen dann nur noch ihr Gesicht schmal hervorschaute: »Lena, nun erzähle du auch –«. Dann lächelte sie: »Ach, ich!« Und flüchtig, als ob es sich kaum lohne, von dem allen zu reden, ging sie über die Jahre ihrer Kindheit hin, da und dort kurz verweilend, – nur wenn sie auf den Vater zu sprechen kam, wurde sie lebhaft: »Du hättest ihn damals sehen müssen, George, als wir in Nizza und Baden die großen Rennen gewannen, Papa selbst im Sattel! Als er ›James‹ ritt und Schwerin mich auf den Arm nahm – ich war damals noch klein – und ganz laut schrie über den ganzen Rennplatz hin: ›Da sieh, Lena! Da schau, Lena!‹ – ach, du hättest es sehen müssen, George, du hättest es sehen müssen –!« Er verstand sie nur zur Hälfte, er begriff das alles nicht, sie erzählte von Menschen und Dingen, von denen er kaum je gehört hatte, und sie huschte darüber hin, als wären es die selbstverständlichsten Dinge der Welt. Wenn er bat: »Lena, du mußt mir das erklären,« – dann zuckte sie ungeduldig die Achseln: »Ach nein, George, wozu, es ist ja alles so gleichgültig, wir wollen von dir reden, das ist hundertmal wichtiger.« Und plötzlich sagte sie: »George, wann werden wir heiraten?« Er sann nach, dann begannen sie beide zu zählen, zu rechnen. Sie verkürzten die Fristen, wo immer sich ein Monat oder auch nur eine Woche verkürzen ließ. Zu Ostern würde George mit dem Examen fertig sein, dann war er Arzt, selbständig und auf eignen Füßen. Dann war Lena siebzehn, fast achtzehn, – also nur noch ein kurzes Jahr, weniger als das, und sie würden für immer zusammengehören. Sie ließen sich los, sie gingen nebeneinander wie zwei, die jetzt nicht Zeit haben zum Kosen, und sie zählten noch einmal Woche für Woche – – »Und dein Vater, Lena –?« Sie sah ihn erstaunt an, einen Moment verstand sie ihn nicht, dann glitt ein glückliches Lächeln über ihr Gesicht, und behutsam seine Hände nehmend, als wären es nicht seine Hände, sondern zwei Hände, die zärtlich wie keine andern sie von Kindheit an umfaßt gehalten hätten, sagte sie leise: »Er wird dich sehr lieb haben, George.« Sie nahm seine Hände und legte sie an ihre Wangen und ließ sie sanft auf und ab gleiten. Sie sah ihn dabei nicht an, ihre Augen suchten jemand in der Ferne. »Und deine Mutter, George?« Er antwortete nicht gleich, – dann in ungeschickten Worten: sie würde auch sehr glücklich sein, gewiß. Sie würde überrascht sein, natürlich, – aber dann, – o, sie würde dann sehr glücklich sein. Lena preßte seine Hände und schaute ihm ins Gesicht: »George, wenn du es ihr sagen würdest, jetzt schon, du? Heute noch?« Er verlor die Haltung: »Du kennst sie nicht, Lena, sie ist eine alte Frau. Nein, nein, es ist unmöglich, sie würde es gar nicht begreifen.« Und stotternd, wie jemand, der nach Gründen sucht und sie nicht findet, zählte er her, wie seine Mutter sich ängstlich vor jedem möglichen Wechsel ihres oder seines Lebens fürchte, wie sie schon seinem Vater durch eine gutgemeinte Engherzigkeit das Leben schwer gemacht habe. Wie sein Vater immer wieder hatte hinaus wollen, in irgend einen größeren Wirkungskreis, daß er sich zeitlebens nach seiner Heimat Lausanne zurückgesehnt hatte, aber daß jeder Versuch an dem Widerstande seiner Mutter gescheitert sei. Langsam fand er ruhigere Worte: »Wir sind nicht reich, Lena, das ist es. Meine Mutter hat ewig rechnen müssen, – ihre ganze Sorge und wofür sie noch lebt, ist meine künftige Existenz. Ich muß ihr zeigen, daß ich etwas erreicht habe. An dem Tage nach dem Examen gehe ich zu ihr, dann erzähle ich ihr von uns beiden. Nicht wahr? – – Du – – ? Lena – –?« Sie nickte, ohne ihn anzuschauen, und als George ihren Kopf emporrichtete, ließ sie das willenlos geschehen, aber ihre Augen blickten ausdruckslos an ihm vorbei. »Ich habe doch recht, Lena, – nicht wahr?« Sie wandte sich langsam zu ihm: »– Recht –?« – als ob ihre Gedanken weit fort gewesen seien, und als habe sie in der einen Sekunde über Vieles, Fernes nachgesonnen, – – »ja, du hast vielleicht recht. Ich kenne deine Mutter nicht, aber du kennst sie. Du mußt das besser wissen als ich.« Er fühlte, wie ihm das Blut ins Gesicht schoß. Einen Moment kam ihm – vielleicht zum erstenmal in seinem Leben – das Gefühl der grenzenlosen Abhängigkeit zum Bewußtsein, dieser in mehr als zwanzig Jahren erzwungenen Unterwerfung unter den Willen einer Frau. Ein Riese an Gestalt und Körperkraft, hatte er sich immer von andern leiten lassen, gutmütig und ohne Widerspruch. Von seinen Freunden und von seiner Mutter. Es rang in ihm, als ob er mit einem Ruck und einem entscheidenden Worte diese Fesseln zerreißen wollte, aber dann ging über sein gutes Gesicht ein so hoffnungsloser Zug, daß Lena alles vergessend mit einer stürmisch ausbrechenden Liebe die Arme um seinen Hals schlang. »Es ist ja so gleichgültig, George, wir wollen nie mehr davon sprechen. Es war nur ein Einfall von mir, weiter nichts. Wir haben ja beide Zeit, noch so viel Zeit, nicht wahr?« Ein glückliches, mütterliches Gefühl nahm sie ganz gefangen: für diesen großen, geliebten Jungen von nun an sorgen! Und während sie weiter sprach, lächelnd und so leicht über seine Verwirrung hinweggleitend, daß George die Fassung wieder gewann, arbeitete es in ihrem Kopf und sann sie nach: Sie würde Georges Führerin werden, ihn, der von der Welt nichts kannte und wußte, hinausbringen. Er allein würde nie den Weg hinaus finden, aber fortan hatte er sie als Leiterin! Hier in Oldeslo wollte man ihn einmauern! Wie einst seinen Vater. Und mit George sie selbst! Wie war es möglich, daß sie sich mit diesem Gedanken vertraut gemacht hatte?! Daß er ihr als eine Notwendigkeit erschienen war, die mit Georges Besitz für sie unlöslich verknüpft sein würde?! Sie fuhr sich über die Stirn, wie erwachend. Sie hatte das Gefühl einer Kraft in sich, die wachsen und eines Tages Fesseln zerreißen würde, aber – seltsam – in diese siegesfrohe Zuversicht klang es wie Trauer, als ob irgendwo im Herzen etwas Feinstes mit leisem Schrillen zersprungen sei. * Sie ging wieder bergab mit der Freundin. Die Kleine, ängstlich, erregt, trieb zur Eile: »Lena, wir kommen zu spät, die Generalin wird außer sich sein!« Aber Lena ging mit gleichmäßigen Schritten. Als die Häuser von Oldeslo kamen, hielt sie den Kopf nicht mehr scheu zur Seite, sondern blickte nach rechts und links, als ob sie zum ersten Male durch einen fremden Ort gehe und nun alles in Ruhe betrachte. Die schmale Bergstraße mit den eng aneinander gebauten Häusern und den langen Mauern war ihr jedesmal und heute noch wie eine Scene aus den Märchenstücken erschienen, die sie als Kind auf den Theatern bewundert hatte, – nun sah sie, daß es alte, baufällige Hütten waren mit schäbigen Vorhängen an den Fenstern und mit kleinen engen Höfen, in denen der Schmutz sich zu verbergen keine Mühe gab. Sie raffte unwillkürlich das graue Kleid zusammen, und zum ersten Male seit langer Zeit dachte sie daran, daß man am Tage der Ankunft ihre zierlichen Kleider in die großen Schränke der Generalin geschlossen hatte, aus denen dieselben – nach Versicherung von Fräulein v. Baggersen – erst dann wieder an das Tageslicht gebracht werden würden, wenn Lena nach einem Jahre oder so Oldeslo verlassen und in die große Welt zurückkehren dürfe. Wie man sich zu einem Märchenspiel fertig macht, so hatte sie ohne Widerstand das nüchterne graue Kleid mit dem weißen Umlegekragen angezogen, mit den engen weißen Manschetten an den Handgelenken und der einfachen Knopfreihe, die sich über ihrer Brust spannte und zerrte. Ein Märchen waren die ganzen Monate gewesen, und Lena hatte wie die Prinzessin, die auf Abenteuer auszog, mit verwunderten Augen in eine neue fremde Welt hineingeschaut und war sehr glücklich gewesen. Die Todesstille der kleinen Stadt, das Haus der Generalin mit der spartanischen Einfachheit, die strenge Einteilung der Stunden, die neuen Anforderungen, Einschränkungen, die Kleidung, die Mahlzeiten, – das alles zusammen genommen hatte schon durch den Gegensatz zu ihrem früheren Leben sie wie mit einem Zauber gefangen genommen. Dann alle Mädchen, die sich um sie drängten, sie bewunderten, ihre Freundschaft suchten, ein einziger großer Kreis voll Zärtlichkeit! Zwischen den verträumten Straßen und Gärten von Oldeslo lag das große weiße Haus der Generalin, das mit dem langen Speisesaal und den vielen kleinen Zimmern an die Hotels erinnerte, in denen Lena ihre Jugend verlebt hatte. Auch hier wechselten die Insassen, wenn auch freilich nicht Tag für Tag, so doch Jahr für Jahr. Und freilich war es ein Hotel ohne Portier und Kellner und ohne den Lärm der großen Karawansereien. Wenn man abends schlafen ging und die letzten Lichter erloschen waren, so lag das Haus in einer Grabesruhe, und nur der Wind, der draußen in den Bäumen des Gartens rauschte, unterbrach von Zeit zu Zeit das nächtliche Schweigen. Dann die Stadt selbst! – Zwischen den großen Pflastersteinen sproß das Gras, und wenn man nachmittags durch die Gassen ging, so lagen ganze Straßenzüge wie ausgestorben. Den Glanzpunkt bildete das Hotel zur »Kaiserkrone«, vor dem die Geschäftsreisenden in dem altmodischen, mit allen Fenstern klirrenden Hotelomnibus anlangten, und von wo aus ihre zweispännigen Reisewagen, schwer beladen mit großen Musterkasten, ins Land hinein fuhren. Oben am Marktplatz lag die Kirche, in die an jedem Sonntag die Generalin ihre Pflegebefohlenen führte. Und diese Kirche mit hölzernen Emporen, der kleinen, merkwürdig geschnitzten Kanzel und den niedrigen Glasfenstern, durch die das Sonnenlicht viele bunte Strahlen hereinschickte, mit der alten schönen Orgel, den seltsamen Kirchenstühlen, in denen man eingepreßt saß wie in großen Holzkoffern, mit der schweren Eichentür am Eingange, die nach Schluß des Gottesdienstes weit geöffnet wurde und durch die dann in breiten Massen das helle Tageslicht hereinflutete, – diese Kirche mit ihrem Gottesfrieden war für Lena die Krone des Märchens. Sie hatte alle großen Kirchen der Christenheit gesehen: St. Pauls Church in London, Notredame in Paris, den Dom zu Köln und den Riesen von St. Peter in Rom. Hin und wieder war sie in den vielen Reisejahren von Schwerin, der das bisweilen liebte, in den Gottesdienst mitgenommen, aber das waren flache, undeutliche Erinnerungen. Die kleine Kirche von Oldeslo, auf deren Empore sie Georges Gesicht sah, hatte Gefühle von einer Innigkeit in ihr wachgerufen, wie sie sie nie gekannt hatte. Dann war da der Bahnhof! Der kleine, lächerliche Bahnhof ohne Halle, durch den die Kurierzüge und Schnellzüge mit unverminderter Geschwindigkeit hindurchjagen, als ob es eine Stadt Oldeslo überhaupt nicht gäbe. Die Generalin liebte ihn, wie alle Leute von Oldeslo ihn liebten, und wie vielleicht alle Einwohner kleiner Städte ihre Bahnhöfe lieben, – und wenn es im Hardisberge regnete und draußen die Wege in Feld und Wald unpassierbar waren, so ging die Generalin die Breite Straße entlang, links über den Kirchhof weg zum Bahnhofe. An jedem Nachmittage um fünf Uhr, oder kurz vor fünf, sah man dann fernher aus der Ebene eine kleine Wolke aufsteigen, die sich schneller und schneller näherte und das Kommen des Paris-Petersburger Expreßzuges bedeutete. Er flog durch den Bahnhof, und zehn Sekunden später war er hinter der Böschung verschwunden. Aber für die Generalin und für alle Mädchen und schließlich auch für Lena war sein Vorüberbrausen immer ein kurzer aufregender Moment. Die Generalin liebte es, den Zug zu erläutern, seine Abfahrtszeit von Paris und seine Ankunftszeit in der russischen Hauptstadt. Er bedeutete für sie vielleicht jedesmal eine wehmütige Erinnerung an vergangene Tage, während er den Mädchen ein Symbol der Zukunft war. Einmal würde der Tag kommen, wo auch sie in die große Welt hinausfliegen würden, die allermeisten von ihnen wohl schwerlich mit dem Paris-Petersburger Schnellzuge, aber doch mit irgend einem andern, in irgend eine unbekannte Weite. Ja, auch der Bahnhof hatte zu Lenas Märchen gehört. Er war gewissermaßen der Torweg, durch den sie in die fremde Welt hereingeschritten war, und der Torweg, durch den sie einst wieder hinausziehen würde. Er bedeutete die Freiheit, eine Freiheit freilich, nach der Lena sich im Laufe dieses ersten Vierteljahres nie gesehnt hatte. – – – – – – – – Nun war der Traum vorbei. Sie ging an der Seite der kleinen Freundin den Berg hinab und sah drüben den Bahnhof liegen, – sie gingen die Breite Straße entlang und kamen an den Marktplatz und die Kirche, – sie schritten an der »Kaiserkrone« vorüber, aus deren Gastfenstern ein paar Geschäftsreisende lehnten, – sie sah die Häuser, die Menschen, und über dem allen lag nichts mehr von der lächelnden Stimmung des Märchens. Ja: etwas sehr Feines war in ihrem Herzen klirrend zersprungen. Sie kamen nach Hause. Irgend jemand, die Generalin oder Fräulein v. Baggersen, bemerkte, daß sie erstaunt sei, die beiden Mädchen so spät kommen zu sehen; wo sie gewesen seien, und daß es ungehörig sei, sich in solcher Weise umher zu treiben, – und Lena antwortete irgend etwas darauf, – sie erinnerte sich später nicht was. Aber sie sagte es in einem Tone so kühl und so ganz von oben herab, daß die andre sie anstarrte und, ohne eine Antwort zu finden, Lena vorbei ließ. Sie ging allein in ihr Zimmer und setzte sich auf das Fensterbrett und schaute hinaus in die Gärten, auf die roten Dächer, hinüber zur Kirche und über die Stadt fort nach dem Hardisberge. Sie empfand ein Schmerzgefühl. Das alles da unten hatte sie sehr lieb gehabt ... die Stadt, die Häuser, die niedrigen alten Mauern und die Heckengänge, vielleicht auch die Menschen, vielleicht auch dieses Haus hier, das ihr zum ersten Male etwas wie eine Heimat geworden war. Eine Heimat. Drüben rechts, verdeckt von Bäumen, lag Georges Haus. In diesem Hause wohnte seine Mutter, und diese Mutter würde mit allen Mitteln George festhalten wollen, ihn hier einzwängen in Oldeslo, ihn lebendig begraben. Ihn, und dann mit ihm auch Lena! Ein Haß gegen die Stadt stieg in ihr auf. Die Poesie, mit der sie das alles umkleidet hatte, war zerstoben. Es war nicht mehr die kleine Märchenstadt, sondern der tote, weltvergessene Ort. in dem man, müßte man ewig in ihm leben, ersticken würde. Sie hatte die große Welt ohne ein Gefühl des Bedauerns hinter sich verschwinden gesehen; nie in dieser ganzen Zeit war auch nur der Schatten einer Sehnsucht aufgestiegen; nun plötzlich regte es sich in ihr, und sie sah mit großen starren Augen über die Stadt und die Felder hinweg, in eine Weite, aus der es zu locken und zu winken schien: »Komm wieder, Lena!« Ihr Blick glitt das graue Kleid entlang, und sie fuhr leicht mit der Hand darüber hin, wie jemand, der etwas fortwischen will. – – »Komm wieder, Lena – –!« * An diesem Nachmittage beliebte es der Generalin, mit den Mädchen den Weg nach dem Hardisberg einzuschlagen. In der Stadt gingen die Damen mit ernsten und strengen Gesichtern, draußen im Felde begann das Schwatzen und Lachen, nur Lena ging in der ersten Reihe, ohne ein Wort zu sprechen. Sie durchkreuzten den Hardisberg, dann wollte es der Zufall, daß die Generalin in den alten grasverwachsenen Weg einlenkte, der unten am Berge herführt und auf dem Lena ihre glücklichste Stunde verlebt hatte. Man ging gemächlicher, man suchte Blumen, die Generalin selbst beugte sich und schnitt für die Porzellanvasen im Speisesaal lange Gräser ab. Lena stand in der Mitte des Weges und wartete auf die andern. Sie bückte sich nicht, sie sagte kein Wort, ihre Augen gingen nur müde im Kreise. Dann, ganz unvermittelt, hatte sie die Empfindung, daß dieses Lachen und Schwatzen und das Zerraufen der Blumen und Gräser auch die letzte ihrer sonnigen Erinnerungen zerstörte. Dort drüben hatte George sie umarmt, und an derselben Stelle kniete die hagere Generalin im schwarzen Kleide und schnitt mit dem verbrauchten Federmesser, das man aus der Zeichenstube kannte, in das Gras. Dann allmählich, als ob das der Höhepunkt der Krisis gewesen sei, wurde Lena wieder ruhiger. Sie gingen bergab, heimwärts, und Lena sah die Stadt in einem freundlicheren Lichte: lohnte es sich, das kleine, dürftige Nest zu hassen – ? Bloß deshalb zu hassen, weil man es fürchtete? Lena hatte nichts zu fürchten. Sie würde die Siegerin bleiben, leicht, mühelos, – George mit sich nehmen und ihn draußen emporführen zu einer Größe, zu einer Höhe, – bis er Oldeslo vergessen haben würde und alles, was ihn hier gekettet hatte. Ja, von nun an würde sie ihn schützen müssen und für ihn sorgen! Fünftes Kapitel Auf einem blauliniierten, zerknitterten Quartblatt, im Zickzack aus irgend einem Schreibheft gerissen, hatte Lena mit Bleistift geschrieben (unorthographisch, wie immer, wenn sie in Hast war): »Sei Punckt 12 an der Bahn, George, Papa kommt. Er reist Abends 10 wider ab. Du mußt auf jeden Fall kommen. Du mußt ihn sehen. Du sihst ihn zum aller-allerersten Mal! Ich bin glücklich vor Freude! Er kommt Punckt 12 oder ein paar Minuten später.« – – George war lange vor der festgesetzten Zeit auf dem Bahnhof, und als eine Viertelstunde nach ihm die Generalin erschien und mit Lena auf und ab promenierte, lehnte er seitab in dem Schatten einer Mauer. Aber Lena suchte hastig mit ihren Augen den Bahnsteig entlang, – dann fand sie ihn und nickte mit einem Lächeln. Sie sah ganz anders aus als sonst. Sie trug das graue Kleid, aber darüber – zu Ehren des Besuches und mit besonderer Erlaubnis der Generalin – eine Jacke aus dunklem Sammet mit Pelz besetzt, in der George sie nie gesehen hatte. Sie sah strahlend aus, und jedesmal, wenn sie an ihm vorbeikam, lächelte sie ihm zu. Sie wandte den Kopf alle Augenblicke nach der Richtung, aus welcher der Zug kommen mußte, – in jeder Bewegung und Miene sah man das Glück der Erwartung. Es war ein sonniger Oktobertag. Ein warmer Wind kam über die Felder, und ganz leise lösten sich die Blätter der Platanen und flatterten auf den Bahnsteig und die Schienen. Links drüben lag der Hardisberg, der mit den braunen Herbstfarben in der Sonne wie ein Schild aus Bronze glänzte. Nach einer Weile erschien der Stationsvorsteher mit der roten Mütze, hinter ihm der Gepäckträger, der in Oldeslo ein nicht schweres, aber auch nicht einträgliches Dasein führt, ferner der Postbote mit dem kleinen, schmalen, grauen Beutel, in welchem die Oldesloer Briefschaften enthalten sind, und dann endlich trat der Gepäckträger an die große Glocke, die er eine Zeitlang in Bewegung setzte. Denn nun sah man die feine Rauchwolke in der Ferne auftauchen, die dieses Mal keinen der vorbeifegenden Schnellzüge anzeigte, sondern den gemächlichen Mittagszug, der jahraus jahrein an jedem Tage in Oldeslo drei oder vier Minuten Station macht. George trat unwillkürlich ein paar Schritte vorwärts, aber Lena sah ihn nicht, denn mit großen weitoffenen Augen spähte sie dem Zuge entgegen, das Gesicht in einer halb glücklichen, halb ängstlichen Spannung – – – und dann schrie sie auf: »Papa!« Auf hundert Schritt Entfernung hatte sie ihn am Fenster erkannt. Mit einem Sprunge war sie von der Seite der Generalin fort, über das vordere Schienengeleise hinweg dem Zuge entgegen, und ehe noch der Zug zum Stehen gebracht war, hing sie an den Griffen des Wagens, die schmalen, gelben Stiefel auf dem Trittbrett, stürmisch dem Vater die Hände entgegenstreckend, der im nächsten Moment nichts sagen konnte als: »Aber Lena! Aber Lena!« Der Schaffner eilte heran, um zu öffnen, doch sie war ihm längst zuvorgekommen. Sie umhalste den Vater, sie belud sich mit seinem kleinen Koffer und dem grauen Bündel, in dem Stöcke, Schirme und Reitpeitschen zusammengebunden waren, dann ließ sie die Sachen achtlos zu Boden fallen und umarmte ihn von neuem, – und nahm die Sachen wieder auf, und schließlich lag sie an seiner Brust, schluchzend, lachend. Langsam und vornehm kam die Generalin heran; sie betrachtete die Gruppe mit diesem sonderbaren, einigermaßen verlegenen Lächeln, das man bei solchen Gelegenheiten aufsetzt und das eigentlich kein Lächeln ist. Fast gewaltsam machte sich der Rittmeister von Lena frei, aber in seinem linken Arm blieb sie doch liegen, als er nun auf die Generalin zutrat. Vielleicht war er auf das Zusammentreffen mit der Dame nicht vorbereitet, vielleicht hatte er erwartet, Lena allein zu finden – in seinem hageren, blassen Gesichte zuckte es einen Moment, und es kostete ihm Anstrengung, ein paar Worte zu finden. »Ich war in Rußland und – in – in England, meine Gnädige, ich wäre sonst längst gekommen. Sie haben sich Lenas so freundlich angenommen, – ja – ich bin Ihnen vielen Dank schuldig.« Er bot ihr den Arm und führte sie den Bahnsteig entlang dem Ausgange zu, während Lena seine linke Hand umklammert hielt. So kamen sie dicht an George vorüber, und mit strahlenden Augen sah Lena ihm ins Gesicht, als wollte sie sagen: ›Da ist er, George. Was sagst du nun?‹ Sie stiegen in Piepers zweispännigen Wagen, der draußen hielt und in Anbetracht des sehr kurzen Weges vielleicht nicht notwendig gewesen wäre, dessen Gebrauch aber die Generalin, die sonst stets zu Fuße ging, bei solchen Gelegenheiten für unerläßlich hielt. – Langsam verließ George den Bahnsteig und langsam kehrte er in die Stadt zurück. So oft er mit Lena zusammen gewesen war, hatte sie ihm in einer fast überschwenglichen Weise von ihrem Vater erzählt. Er kannte ihr Bild, auf dem der Rittmeister leicht vorgeneigt steht, ein großer, schlanker Mann im dunklen englischen Anzuge, ein aristokratisches Gesicht mit kurzgeschnittenem Haar und kurzem blonden Schnurrbart. Eine sehnige Reiterfigur, der man auf den ersten Blick den Offizier ansah. Und nun das! George begriff es nicht. Ein müder, gebrochener Mann, dessen Haar und Bart ergraut waren. Der, als Lena ihn stürmisch umarmte, so eigentümlich unsicher, ängstlich gelächelt hatte, und dem man es ansah, wie er sich an der Seite der Generalin Mühe geben mußte, eine straffe Haltung zu wahren. In der »Kaiserkrone«, in dem kleinen runden Zimmer, das an den großen Speisesaal stößt, wurde das Diner serviert. Die Generalin hatte, wie es die Höflichkeit erforderte, den Rittmeister gebeten, die Mahlzeit in ihrem Hause einzunehmen, als er aber nervös abwehrte und – stockend, in der vagen Hoffnung, sie werde nicht annehmen – sie seinerseits bat, mit Lena und ihm im Hotel zu speisen, fand sie keinen Anlaß, diese Bitte abzuschlagen. Die »Kaiserkrone« war ein altmodisches Haus, ganz anders als die tausend Hotels, die Lena in ihrem Leben gesehen hatte, und trotzdem hatte sie, nun sie am Arme des Vaters hineinschritt, die wunderliche Empfindung, wieder auf Reisen zu sein, wie einst. Sie war glücklich, sie lachte: »Sieh nur, Papa, die merkwürdige Treppe mit dem Holzgeländer, die niedrigen Korridore und die uralten Bilder.« Der Kellner nahm ihr das Jackett ab, und sie ließ ihn gewähren, ohne sich auch nur umzuwenden, wie eine Dame, wie damals. Nur einmal, flüchtig kam sie dazu, den Papa zu umarmen, ein paar Worte mit ihm zu flüstern (während die Generalin ihr den Rücken drehte, um vor dem goldgerahmten Spiegel ihre Locken zu ordnen), als sie ihn aber voll anblickte, ging über ihr Gesicht ein ängstliches Erschrecken: »Papa, du bist krank?! Wie siehst du aus?! Papa, sieh mich an!« Er wehrte ab: »– – Nichts, gar nichts. Aber ich will mit dir allein sein. Ich bin hergekommen, um mit dir allein zu sein.« Er murmelte etwas vor sich hin und biß sich in zuckender Nervosität auf die Lippen, – dann bot er der herantretenden Generalin den Arm. Man ging zu Tische. – – »Das war im Jahre 51, als ich zuerst nach Berlin kam« – erzählte die Generalin, – »mein Gott, wie jung war ich damals!« Sie nippte an dem spitzen Glas und nippte noch einmal. Ueber ihr vertrocknetes Gesicht hatte der schwere Wein eine sanfte Röte gemalt, und der sonst strenge Mund lächelte, – erzählte – – »– denn ich war zwanzig Jahre jünger als mein Mann, ich war ja ein Kind, als ich heiratete. Kennen Sie Solms, Herr Rittmeister – ? Die alte Excellenz? Er war einer unsrer Freunde. Also er lebt noch! Mein Gott, er lebt noch!« Sie nippte wieder – »Und schließlich: weshalb auch nicht? Weshalb soll er nicht mehr leben, nicht wahr? Er wird kaum achtzig sein.« Sie sprach fast ohne Unterbrechung, und diese Unterhaltung hatte etwas Einschläferndes, das Lena betäubte. Erinnerungen an ihre wunderliche Kinderzeit zogen an ihr vorbei, an die endlosen Diners in den großen Hotels, bei denen sie im weißen Kleidchen neben den Herren gesessen hatte, wo auch immer von Dingen die Rede gewesen war, die sie nicht kümmerten, und wo sie ebenso wie jetzt Mühe gehabt hatte, gegen das Einschlafen anzukämpfen. Nur wenn die Kellner neu servierten, wurde sie einige Minuten wach und schob ihren Teller neben den des Vaters, wie sie es immer getan hatte seit den halb vergessenen Kindertagen, in denen er bei den Diners ihren Teller gefüllt und die Speisen zerschnitten hatte. Mit einem erstaunten Blick musterte die Generalin diese eigentümliche Zuerteilung, aber sie dachte: »das ist in der vornehmen Welt vielleicht neuerdings Sitte« – und sie fuhr fort zu erzählen. Der Rittmeister trank hastig, Glas auf Glas – jetzt hatte er die Empfindung: ›es ist gut, daß die Frau als dritte mitgekommen ist. Wenigstens ist da jemand, der spricht, der über die ersten paar Stunden forthilft, der – der – ja was?‹ Er griff sich an den Kopf, als ob seine Gedanken da drinnen anfingen, aus der Reihe zu springen, – dann schenkte er neu ein: »Trink doch, Lena. Ihr Wohl, meine Gnädigste. Der Wein ist gut. Oder nicht? Was sagst du, Lena?« Er lachte: »Sie versteht sich auf Wein, aber sie hat vielleicht keine Uebung mehr.« Die Generalin stimmte ein in dieses sonderbare Lachen, und ganz Laune und ganz Wohlbehagen beugte sie sich vor und strich Lena mit der warmen, hageren Hand über die Baken: »Sie ist unsre liebe Lena, die wir alle sehr gern haben.« Das Mädchen zuckte zusammen, aber in des Rittmeisters Herz wühlten die paar banal-freundlichen Worte einen Sturm empor. Der Wein, die tödliche Nervenabspannung, alles drängte ihn vorwärts. Vor seinen Augen flimmerte es, er sah nur undeutlich die Generalin sich zu Lena hinüberbeugen, dann hatte er das Gefühl: ›nimm die Hände dieser Frau! Fleh sie an, Lena zu schützen, wenn – – Wirf dich vor ihr nieder und bitte sie! Bitte sie!!‹ Aber im nächsten Augenblick, noch rechtzeitig, kam er zur Besinnung. Die Hände auf die Lehnen des Sessels stützend, hob er sich mühsam in die Höhe, – er lächelte – dann bot er, unmerklich wankend, der Generalin den Arm: »Meine Gnädigste –« Sie war in rosigster Stimmung: »Sie werden den Kaffee bei uns zu Hause nehmen, Herr Rittmeister, in unserm Garten. Sie müssen doch auf jeden Fall mein Haus sehen, und Lenas Zimmer, und Lenas Freundinnen.« Wieder half der Kellner den Damen beim Ankleiden, und während der Wirt und die Kellner alle Türen aufrissen und sich tief verneigten, ging man hinaus auf die menschenleere Straße, die mit ihrem weißen Sonnenlichte die Augen blendete. Immer sprach die Generalin, immer ging Lena stumm hinterher. Stumm stand sie zur Seite, als die Generalin mit einem ihr sonst fremden Wortschwall Fräulein v. Baggersen vorstellte und, allen Mädchen zärtlich über den Scheitel streichend, die einzelnen Namen nannte. »Das sind meine Schützlinge, Herr Rittmeister, Lenas Freundinnen, die alle sehr glücklich sind. Seid ihr's nicht, Kinder?« Die Mädchen blickten sich an, so hatten sie die Generalin nie gesehen. Der Kaffee wurde serviert, dann ließ es sich die Generalin nicht nehmen, dem Rittmeister selbst das Haus zu zeigen, und immer ging Lena stumm hinter ihnen her, während der Rittmeister mit todmüder Artigkeit zu allem nickte und hie und da einige Worte fand. Erst spät am Nachmittag gelang es ihm, sich zu verabschieden. Die Generalin drang in ihn: »Sie werden uns die Freude machen, Herr Rittmeister, zurückzukommen, um das bescheidene Abendbrot bei uns zu nehmen. Wann fährt Ihr Zug? Erst um zehn? O da haben Sie noch soviel Zeit. Sie müssen es uns versprechen, Herr Rittmeister. Lena wird Ihnen die Stadt zeigen, und du wirst, meine liebe Lena, deinen Papa den Hardisberg hinaufführen, damit er die Aussicht sieht. Dann abends erwarte ich Sie wieder hier, ganz bestimmt.« Aber er verneinte, und als sie noch einmal darauf zurückkam, schlug er in einem so gereizten Tone die Bitte ab, daß sie plötzlich ernüchtert schwieg. »Ich habe Lena so lange nicht gehabt, ich habe sehr viel mit ihr zu besprechen. Sie müssen es verzeihen, meine Gnädigste, aber diese wenigen Stunden muß ich Lena reservieren. Sie wird mich abends zur Bahn begleiten, und ich werde Lena mit dem Wagen zurücksenden.« Dann endlich war er mit Lena allein. Hundert Schritte gingen sie schweigend nebeneinander her, aber auch dann lag über den Worten, die sie wechselten, eine bleierne Schwere. Die Stimmung, in der Lena ihn früh erwartet und begrüßt hatte, war unter dem Drucke dieser letzten Stunden niedergepreßt, und sie fand nicht die Elastizität, sich von diesem Drucke zu befreien. Sie zeigte ihm im Gehen die kleinen Sehenswürdigkeiten der Stadt, das Rathaus, die Kirche, das Gymnasium, – dann fragte sie nach Schwerin, wie es ihm gehe, was er jetzt tue und andres mehr. Die Fragen hatten etwas Kaltes, es lag kein rechtes Interesse darin, sie sprach, um zu sprechen. Als aber die Stadt zurückblieb, der schmale Streifen Felder, der bergansteigend zum Hardisberg führt, hinter ihnen lag und die ersten Buchen mit ihrem schlanken silbergrauen Stamm und der grünen Blätterkrone sie in ihren Schatten aufgenommen hatten, da plötzlich umarmte sie ihn stürmisch: »Papa, lieber Papa!« Sie wußte selbst nicht, wie es kam, aber sie brach in Tränen aus, fassungslose Tränen. – Sie umklammerte seinen Hals, sie barg ihr Gesicht an seiner Brust, es war wie ein Weinkrampf, der ihren ganzen Körper erschütterte. Erschreckt stemmte er die Hand gegen ihre Stirn und bog mühsam ihren Kopf zurück, um ihr in die Augen zu sehen: »Kind, was fehlt dir?! Du bist nicht glücklich, Lena?!« Aber sie umklammerte ihn nur fester: »Du bist es, der nicht glücklich ist, Papa, du nicht. Sag mir, was dir fehlt.« Es drängte sich ihm auf die Lippen: ›Sag Lena alles, sie ist die einzige, bei der du Trost findest und die dich versteht, und du hast nur noch wenige Stunden vor dir – –‹ – aber rings um ihn lagen die Sonnenlichter über dem braunen Laub des Waldes, und eine feige Stimme in ihm murmelte: ›Du hast noch Zeit; sag es ihr heute abend, wenn es dunkel geworden ist. Versuch diese wenigen Stunden noch einmal heiter zu sein um deinetwillen und um Lenas willen. Wenigstens so lange, bis die Sonne untergeht Mit einer sonderbaren Ruhe, die ihn selbst in Erstaunen setzte, redete er Lena zu, bis ihre Tränen zu fließen aufhörten und endlich ein Lächeln über ihren Mund huschte. »Es war die Erregung, Papa, daß ich dich endlich einmal wieder habe! Oder vielleicht, weil ich mir eingebildet habe, du wärest krank und unglücklich. Nicht wahr, du bist nicht krank und nicht unglücklich – ?« Er schüttelte mühsam den Kopf, und sie nahm den Hut ab, glättete ihr Haar, setzte ihn wieder auf und sagte: »Ich bin so froh, Papa, daß ich dich wieder habe, endlich einmal! Wie kam ich nur dazu, zu weinen, wo ich so heiter und lustig sein müßte?« Und dann war sie wirklich heiter und lustig. Sie lief wie ein Füllen den Waldweg vor ihm hinauf und wieder zurück in seine Arme, die er weit ausbreitete, so daß sie wie ein Ball hinein flog und einen Moment in seinen Armen schwebte. Sie suchte die letzten Herbstblumen und schmückte ihn damit in kindischer Art und schließlich ging sie gesittet neben ihm und begann wieder nach Schwerin zu fragen: »Was macht er? Erkundigt er sich bisweilen nach mir? Ich glaube, er sehnt sich ebenso nach mir, wie du es tust. Grüß ihn von mir, hörst du, ich schickte ihm einen Kuß.« Sie standen oben auf dem Hardisberge, wo man weit in das Tal hineinblickt, und Lena persiflierte die Generalin: »Dort ist Westen. Wenn man immer geradeaus gehen würde, so käme man zunächst an den Rhein, darauf nach Aachen, hierauf nach Belgien und schließlich nach Paris.« Und sie deutete mit einer komischen Grandezza nach Süden, nach Norden, nach Osten, in jeder Himmelsrichtung die geographischen Weisheiten zum besten gebend, welche die Generalin nach dem Muster berühmter Pädagogen auf den Spaziergängen, also gewissermaßen spielend, den Kleineren mitzuteilen suchte. Er lächelte. In diesem müden Gesicht nahm sich das Lächeln seltsam aus, aber Lena bemerkte es nicht. Vielleicht weil ihr die Fähigkeit fehlte, dieses Gesicht, das ihr allzu vertraut war, zu beurteilen. Wie man Menschen und Dinge, die einem am nächsten stehen, oft am allerwenigsten kennt. In der Langenhagener Mühle jenseits des Berges ließen sie sich ein bescheidenes Abendbrot herrichten, Es war sommerlich warm, aber außer ihnen befand sich niemand im Garten, denn die Leute von Oldeslo kommen mit vereinzelten Ausnahmen nur Sonntags hierher. Sie saßen an den alten Weiden dicht am Bach, wo zwischen zwei Mauern das große Holzrad sich langsam dreht. Vor ihnen lagen die Wiesen, die am Bache her das schmale Tal entlang ziehen, und auf denen mit der sinkenden Sonne der Schatten der Berge sich immer größer und gewaltiger ausdehnte. Als sie sich auf den Heimweg machten, dieses Mal nicht über den Hardisberg, sondern die Chaussee entlang, tauchte die goldige Scheibe hinter den Spitzen der Berge nieder. Sie sahen noch einmal in einer Waldlichtung sie zwischen den Baumstämmen leuchten, dann sank die Sonne und verschwand. Ein Frösteln ging über den Rittmeister hin. Nach einiger Zeit kamen die grauen Farben der Dämmerung. Der Oktoberabend war da, ein kühler Wind machte sich auf, und die Erde selbst begann eine feuchte Kälte auszuströmen. Sie gingen ganz langsam, sie hatten ja Zeit, der Rittmeister zur Rechten, während Lena in seinem linken Arm lehnte, den Kopf leicht an seine Schulter gestützt. »Weißt du noch, Papa, wie wir einmal so zusammen durch den Schwarzwald gingen, immer weiter, immer weiter, immer in die Tannen hinein, – und du lachtest, als ich ängstlich sagte, wir müßten umkehren? Und als wir dann erst mitten in der Nacht nach Gernsbach kamen und du mich schließlich auf den Rücken hattest nehmen müssen, weil ich nicht mehr weiter konnte?« Ob er's noch wußte! Es war eine Tollheit gewesen, bei der er sich verirrt und schließlich nicht mehr rechts und links gewußt hatte, – bei der Lena ihm im Arme einschlief, so daß er das Kind stundenlang auf dem Rücken tragen mußte, während ihr kleiner Atem über seinen Nacken strich. Keuchend, todmüde war er mit seiner Last schließlich nach Gernsbach gekommen. Und es war doch schön gewesen, – er noch jung, – und Lena ein Kind – – ! In der Ferne am Ende der Chaussee blinkten Lichter: Oldeslo. Ueber den Feldern war es Nacht geworden. Sie gingen schweigend, viele hundert Schritt, ohne ein Wort zu sagen, beide in alten Erinnerungen verloren. Bis plötzlich in Lenas Herz etwas zu zucken begann, immer rascher, immer rascher zu schlagen, so rasch, daß es ihr die Brust zusammenschnürte und ihr fast den Atem nahm, Und als die ersten Häuser der Stadt rechts und links neben ihnen auftauchten, griff sie hastig nach seinem Arm: »Nein, Papa, nicht hinein! Laß uns draußen bleiben.« »Weshalb?« Sie zitterte: »Ich – ich – ich habe dir – noch – viel zu – sagen.« Erschreckt blickte er sie an, aber Lena ließ ihm nicht Zeit zum Fragen. »Komm, Papa, komm mit,« und sie zog ihn mit sich wieder rückwärts in das nächtliche Dunkel, aus dem nur wie zwei lange starre Reihen an beiden Seiten der Chaussee die Bäume sich undeutlich abhoben. Sie hatte es ihm nicht sagen wollen, aber wie ein Druck hatte es in den düstern Stunden am Mittage und in der übersprudelnden Fröhlichkeit im Hardisberge und schließlich in dieser verträumten Abendwanderung auf ihr gelegen, bis es nun endlich in stockenden, stammelnden, dann immer hastigeren Worten hervorbrach: das einzige Geheimnis, das zwischen ihr und ihm bisher gestanden hatte, das kleine Geheimnis ihrer Liebe. Er ließ sie ausreden, er unterbrach sie nicht, – erst lange nachher, als sie schon weit in das nächtliche Dunkel hineingeschritten waren und die Lichter von Oldeslo nur noch wie schwache Punkte in der Ferne glänzten, – erst da begann er leise zu fragen, dies und das, wann sie George kennen gelernt habe, und wie alt er sei, – seine Eltern, seinen Beruf – –. Er trocknete ihr die Tränen mit seinem Tuche und sagte: »Weine nicht, Lena, es ist ja alles gut!« Sie wandten um und gingen den Weg zurück, und während ihre Worte, ihr Erzählen leise wie eine feine Melodie an seinem Ohre vorbei klangen, ging etwas über ihn hin wie ein Friede. Ein Friede, den er so manches Jahr nicht mehr recht gekannt hatte. Die kleine Lena. – – Ja, sie war kein Kind mehr, und nun war ein andrer gekommen, der Lena für sich nehmen wollte. – – Es war gut so. Es hatte eine Zeit gegeben, da er für sie Luftschlösser gebaut hatte, damals, als er selbst noch auf der Höhe des Glückes stand. Wenn irgend jemand vom Leben etwas hatte erhoffen dürfen, dann sicherlich das Kind, das in Glanz und Reichtum aufwuchs und nach der einst, wenn sie groß geworden sein würde, sich die Hände der Reichsten und Höchststehenden ausstrecken würden – – – Nun war auch dieser Traum zu Ende, aber er war fast glücklich darüber. Lena hatte ihren Weg gefunden, einen Weg, der aus der großen Welt zurücklenkte in die kleinste Einfachheit, und dieser Weg war sicherlich der rechte. Das Mädchen an seinem Arm, ging er schweigend durch die engen Straßen, durch die Häuserreihen, die von den spärlichen Lichtern der Straßenlaternen nur schwach beleuchtet wurden. Ein paar Leute standen vor den Türen und unterhielten sich mit den Nachbarn, einmal rasselte ein Wagen über den Marktplatz, dann war alles wieder ruhig. »Zeig mir das Haus,« sagte er, und sie gingen in der Dunkelheit hinter der Kirche vorbei, die Schulstraße entlang nach dem schmalen Heckenwege. Dann standen sie vor dem niedrigen Gartenzaun und blickten in den Garten hinein. Zwei Fenster in Georges Hause waren erleuchtet, sonst lag alles ganz still und tot. Das würde also Lenas künftige Heimat sein. Eine große Träne lief ihm über die Wange, und dann schloß er das Kind in die Arme und küßte sie: »Gott segne dich, Lena!« – – – – – – – – – – – Eine wunderliche Erregung kam über ihn: vielleicht war auch für ihn noch nicht alles verloren, und mit dieser süßen Jugendstimmung, die von Lena ausging, erwachte in ihm eine vage Hoffnung: wenn er noch einmal alles Letzte versuchte, vielleicht noch einmal Schwerin anging, ihn zu retten?! Wenn der noch einmal aushelfen würde?! Er wollte dann nichts mehr vom Leben! Nur noch einen kleinen toten Frieden! Vielleicht hier bei Lena – –! Großer Gott, wenn das möglich wäre! – – – – – – – – – – – Und während sie weiter gingen, planlos, und Lena leise, glücklich erzählte, sann er nach, zergrübelte er seinen Kopf: wer konnte ihm noch helfen?! Wer?!! Schwerin hatte gestern nachmittag im »Hamburger Hof« die Achseln gezuckt: »– – Alles hat seine Grenzen, Joachim, – noch einmal 50 Mille?!! – Nein, Unsinn! Ich bin kein Millionär, Joachim, den Teufel auch! Ich wollte, ich wär's!« Oder wenn er morgen in Hamburg zu Szatek ging und ihn anflehte – : »Szatek, seien Sie barmherzig, ich kann es nicht zahlen, – ich war wahnsinnig, als ich das Geld an Sie verlor – ich – ich –« Aber er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Der Pole würde ihn auslachen – oder – –! Ja, es blieb nur einer, Schwerin!! Wenn Schwerin sich erbarmen wollte! Er war der Einzige, – der Einzige. Dann zuckte ein Gedanke ihm durch den Kopf: Wenn Lena jetzt die Feder nahm und an Schwerin schrieb! Lena würde er das nicht abschlagen. Lena nicht! Lena nicht! Fieberhaft erregt zog er des Mädchens Arm fester in den seinen, und hastig vorwärts schreitend, sagte er: »Komm mit, Lena, zum Bahnhof – ich – ich – es ist noch etwas zu tun, wobei – – du mir helfen mußt –«. – – – – – – – – Es war neun Uhr abends, als sie in den Wartesaal traten, er hatte noch eine Stunde Zeit. Der kleine Raum war fast leer, nur vorn am Büffet waren ein paar Leute aus der Stadt mit Kartenspiel beschäftigt. – – Nun saß Lena über dem Briefbogen gebeugt, den der Kellner gebracht hatte, und schrieb mit zitternder Hand, was der Vater ihr diktierte, einen langen, ausführlichen Brief, in dem Schwerin zum letzten Male gebeten wurde, mit seiner Hilfe einzutreten. Es flimmerte ihr vor den Augen, – – nun wußte sie, was dieser Tag und dieses Kommen des Vaters bedeutet hatten. Die Tür des Wartesaals öffnete sich, und es ging jemand durch. Es war George. Lena sah ihn nicht. Mit einer steilen Schrift, die nicht mehr aussah wie ihre eigne Schrift, sondern wie fremde, tote Buchstaben, schrieb sie die letzten Worte: »Tu es, ich flehe Dich an. Ich werde es Dir nie vergessen. Ich bin, lieber Onkel Schwerin, immer in treuer Liebe und Dankbarkeit Deine Lena.« Sie schloß den Brief und steckte ihn in den Umschlag und schrieb mit bebender Hand die Adresse: »Herrn Major von Schwerin.« – – Nun standen sie auf dem finsteren Bahnsteig und warteten. Der Zug kam noch nicht. Ein kalter, schneidender Wind fuhr längs der Gleise über sie hin. Sie sprachen kein Wort mehr, aber Lena hielt seine Hand in der ihrigen und streichelte immer leise darüber hin. Vielleicht ahnten sie beide, daß es ihre letzte Stunde, die letzten wenigen Minuten seien, die ihnen zusammen in diesem Leben noch gehörten. In der Ferne ein schriller Pfiff, – dann langsam, fauchend kam der schwerfällige Zug in den Bahnhof gerollt. Und plötzlich fuhr Lena auf: »Da, Papa!« »Was?« »George!« Sie deutete auf ihn hin. Er stand zehn Schritte von ihnen entfernt, halb abgewandt, als wollte er durch seine Blicke Lenas Abschied von ihrem Vater nicht stören. Dicht vor ihnen hielt der Zug, die Schaffner öffneten die Wagen. Da, ganz langsam, ging der Rittmeister ein paar Schritte vorwärts, auf George zu, der zusammenzuckte und sich umwandte und ihn groß, erstaunt anblickte. Er sah, wie Lenas Vater die Hand erhob und ihm entgegenstreckte, – er legte seine Hand hinein und fühlte einen langen Druck. Kein Wort wurde gesprochen. – – Die Schaffner schlossen die Wagen, der Zug setzte sich in Bewegung. Da schrie Lena auf: »Papa!« und sie lief neben dem Zuge her, rascher, rascher, über den Bahnhof fort in die Dunkelheit hinein – aber die hell erleuchteten Wagen schossen an ihr vorbei, einer nach dem andern, – und sie rollten hinaus, weiter, weiter, – bis sie in nächtlicher Ferne verschwanden. Sechstes Kapitel Dreimal beugte sich Schwerin zu dem Erdhügel, – das dritte Mal nur mit Aufbietung aller seiner Energie, denn sein rechtes Bein war nach dem Hin- und Hergerenne dieser letzten Tage steif und wie gelähmt, – und dreimal griff er mit dem schwarzen Handschuh und warf drei Hände Erde in die Grube. Bei der ersten sagte er leise, so leise daß es nicht einmal der dicht neben ihm stehende Prediger hören konnte: »Für unsre alte Freundschaft, Joachim –« Bei der zweiten: »Für deine ewige Seligkeit –« Und bei der dritten: »Daß der Herrgott im Himmel dir vergeben soll.« Dann trat er zurück zu den zehn oder zwölf Herren, die im Kreise standen, und die Zeremonie endete damit, daß der Pastor noch ein paar letzte Worte über das Grab sprach. Milde, vergebende Worte, wie sie vielleicht nicht jedem zu teil werden, der durch eignen Entschluß von dem Erdenleben Abschied genommen hat, die der Prediger aber im Hinblick auf den Rang des Verstorbenen und auf Rang und Ansehen der Umstehenden wohl spenden zu dürfen glaubte. Schwerin ging zu ihm und drückte ihm die Hand, als ob er gewissermaßen der Repräsentant der Familie sei, dann ließ er den gleichen Händedruck jedem der Anwesenden zu teil werden, und als die Herren sich langsam entfernten, nahm er den Arm des Pastors, um sich in dessen Begleitung gleichfalls heimzubegeben. »Es ist wegen meines Beines,« sagte er. »Ich muß mich aufstützen, Sie müssen verzeihen. Ich komme sonst positiv nicht von der Stelle,« und er erzählte dem liebenswürdig zuhörenden Herrn die Geschichte von Beaune la Rolande, wo er eine französische Kugel in den Schenkel bekommen hatte. Die kleine Wunde hatte, gut behandelt und vortrefflich geheilt, mehr als ein Jahrzehnt nicht die geringste Erinnerung hinterlassen, seit aber das Podagra den Major plagte, häufte er alle Folgen seines bewegten Lebens auf das – wenn man so sagen darf – Haupt dieser Kugel, und er erzählte so oft von ihr, daß er schließlich selbst an die Schuld des kleinen Geschosses glaubte. Er fand nicht immer einen so geduldigen und aufmerksamen Zuhörer, und als sie nach häufigem Anhalten und Stehenbleiben endlich an das Ende des Kirchhofes gelangt waren, hatte Schwerin die Schlacht von Beaune la Rolande in allen Phasen entwickelt. Er zeichnete mit seinem Schirm (denn es war ein trüber Tag, und noch vor einer Stunde zogen große Regenschauer über den Kirchhof und das offene Grab) lange, komplizierte Linien in den feuchten Sand: »Da standen die Franzosen, da wir –«, aber dann plötzlich erinnerte er sich und legte sein Gesicht in trübe Falten: »Ja, übrigens Stennsberg war auch dabei. Er war in jungen Jahren immer ein Glückspilz. Er ritt im dichtesten Kugelregen und bekam während des ganzen Krieges nicht die kleinste Schramme. Bis ihn die Kugel nun doch ereilt hat. Freilich in andrer Manier, – Sie wissen ja, wie ich es meine.« Nach einer Pause setzte er hinzu: »Es war schon so das beste. Wenn der Mensch keinen Ausweg mehr hat, ist dergleichen immer noch die anständigste Lösung.« Dem Pastor drängte sich eine Widerlegung dieser Auffassung auf die Lippen, aber im Hinblick auf Wesen und Charakter seines Begleiters und in der richtigen Erwägung, daß er den Major schwerlich zu einer entgegengesetzten Meinung werde bekehren können, unterließ er seine Rede. »Uebrigens,« sagte er, »ich höre und ich bin erstaunt, man hat es unterlassen, mir davon Mitteilung zu machen: es ist eine Tochter vorhanden.« »Was für eine Tochter?« »Eine Tochter des Verstorbenen.« Schwerin musterte seinen Begleiter einen Moment von der Seite, dann sagte er trocken: »Ja, die ist allerdings vorhanden.« »Hat man das junge Mädchen nicht, – ich meine von allen diesen Vorgängen, von dem schrecklichen Ereignisse – nicht in Kenntnis gesetzt?« »Nein,« sagte der Major. »Aber Sie werden mir zugeben – –« Schwerin wurde ungeduldig. »Ich weiß. Ich weiß alles, was Sie sagen wollen. Das haben mir in drei Tagen zehn Dutzend Menschen vorgepredigt, der Herzog, der ganze Klub, jeder Esel, den die ganze Sache keinen Deut angeht! Diese Mitteilung an Lena werde ich persönlich besorgen. In den drei Tagen konnte ich nicht fort, ich hatte alle Hände voll zu tun, das werden Sie wohl einsehen.« »Ja, ja,« erwiderte der andre. »Aber Sie werden mir in jedem Falle zugeben, Herr Major, das eilt. Man kann doch dem unglücklichen Kinde die Tatsache nicht beliebig lange vorenthalten.« Eine dunkle Röte, wie immer, wenn er sich ärgerte, stieg in Schwerins Gesicht: »Weshalb nicht? Ich wollte, ich könnte diese jammervolle Geschichte ihr ewig vorenthalten. Weshalb eilt das? Wollen Sie mir, bitte, erklären, weshalb das eilt?« – und sich in einen immer größeren Zorn hineinredend, der ihm in dieser trüben Stunde außerordentlich gut tat, verbreitete er sich über die Unsitte, alles Schreckliche und Traurige den davon Betroffenen mit Telegrammen und Eilboten ins Haus zu schicken. Er kam auf Beispiele aus seinem eignen Leben, in denen man ihn mit unwillkommenen Botschaften überschüttet hatte, triviale Beispiele, die in diesen Zusammenhang nicht recht paßten, und als er die wenig glückliche Wahl dieser Beispiele aus den erstaunten Augen des andern erkannte, steigerte sich sein Aerger. Bis es dem Pastor gelang, in einer durch die Atemnot des Majors bedingten Pause, ihn von dem Thema abzulenken. »Wer wird, verzeihen Sie, für das Mädchen sorgen?« »Ich.« »Sie sind mit ihr verwandt?« »Durchaus nicht.« Der andre bot ihm die Hand: »Das wird Gott Ihnen lohnen, Herr Major.« Aber Schwerin zuckte abweisend, mißmutig die Achseln, als ob eine sehr feine und sehr empfindliche Stelle in ihm unsanft berührt sei: »Davon abgesehen.« Am Ausgange trennten sie sich wie zwei Leute, die sich nie vorher im Leben gesehen haben, eine halbe Stunde zusammen waren, in dieser halben Stunde sich durchaus nicht verstanden und sich nach menschlicher Berechnung in diesem Dasein schwerlich wieder treffen werden. Sofort trat Clemens, der respektvoll mit zwanzig Schritten Abstand hinterdrein gegangen war, auf den Major zu und reichte ihm seinen Arm. Er war ebenfalls ganz schwarz gekleidet in einen alten Pariser Gehrock des Majors, mit Hosen in Bügelfalten und einen gleichfalls ausrangierten, aber immer noch sehr eleganten Cylinder seines Herrn. »Wo steht der Wagen?« »Draußen, Herr Major.« Aber nach einigen Schritten blieb Schwerin stehen und sah ihm ins Gesicht. Mit einer Stimme, die Clemens gegenüber unter allen Umständen und in jeder Lebenslage etwas Befehlshaberisches und Barsches hatte, sagte er: »Ich habe dich beobachtet, obwohl du im Hintergrunde standest. Du hast geweint.« »Nein, Herr Major.« »Doch. Sag nicht die Unwahrheit. Ich glaube, du warst der einzige.« Und als Clemens, wie es sich gehörte und wie es der Major durchaus verlangte, seine gegenteilige Behauptung nicht weiter verteidigte, sagte Schwerin: »Er hat dir manches Zwanzigmarkstück geschenkt, – das ist nun aus. Er war in solchen Dingen immer ein Gentleman, zu sehr. Ich wollte, er hätte dir und andern keine Zwanzigmarkstücke geschenkt.« Clemens winkte dem Kutscher, als aber der Major einsteigen wollte, besann er sich plötzlich eines andern. »Nein, ich will noch einmal zurück. Ich will das Grab sehen ohne diese schwarze Gesellschaft.« Es war ein ziemliches Ende Weges, das er nun zum drittenmal humpelnd zurücklegen mußte, dann stützte er sich schwer auf das Eisengitter und blickte lange Zeit, ohne ein Wort zu sagen, auf den niedrigen Hügel mit Kränzen. »Du warst mein einziger Freund, – weiß der Teufel, Joachim, du warst mein einziger – – – Ich wollte doch, ich hätte dir das Geld gegeben, obwohl es Wahnsinn gewesen wäre. Dir konnte kein Mensch mehr helfen, und ob das Ende nun ein Jahr früher oder später kam, das bleibt sich schließlich auch gleich, – wie? – Joachim – du –?« Aber das Grab antwortete nicht, und etwas Feuchtes rollte langsam über des Majors Backe. Nach einiger Zeit gewann er seine Ruhe wieder: »Das hilft alles nichts. Und nun wollen wir uns Adieu sagen, Joachim. Ich komme hier nicht wieder her, ich gehöre nicht zu den Leuten, die auf die Kirchhöfe laufen. Mach's gut, alter Junge, und über eine Weile komme ich auch. Gar zu lange wird's nicht mehr dauern, denn mit diesem miserablen Podagra im Leibe kann kein Mensch ein Methusalem werden.« Er wandte sich, um an Clemens' Arm heimzugehen, aber dieser war achtungsvoll zurückgetreten und stand hinter einem Busch in der Nähe, wo er die Inschriften der umliegenden Kreuze studierte. Ein schrecklicher Verdacht stieg in Schwerin auf: daß Clemens ihn aus irgend einem Grunde allein gelassen habe, aus irgend einer seiner Dummheiten heraus, vielleicht weil er wieder einmal einen Befehl falsch verstanden hatte, – daß niemand kommen würde, der ihm von hier forthelfen könnte, und daß er allein mit seinem jetzt ganz steifen und völlig lahmen Bein stehen bleiben und in dem feuchten Sande sich den Gelenkrheumatismus und damit den Tod holen würde. Dazu diese Einsamkeit, dazu die Gräber, ringsum nichts als Gräber, lauter schreckliche Mahnungen an Krankheit und Tod. Mit einer Donnerstimme rief er: »Clemens!« und als dieser nicht a tempo antwortete, noch einmal, wo möglich noch lauter: »Clemens!« Im nächsten Moment kam Clemens herangestürzt: »Herr Major – –?!« Aber Schwerin war außer sich. »Was soll das?! Was heißt das?! Weshalb läßt du mich allein?!« und es dauerte eine geraume Weile, bis Clemens mit dem uralten Rezept absoluten Schweigens und jeglichen Verzichts auf eine Rechtfertigung seinen Herrn beruhigte. In der Droschke begann der Major von Lena zu sprechen, und mit der Offenheit, die er seinem einzigen Vertrauten gegenüber zeigte, erörterte er die traurigen Verhältnisse: »Er hat rein nichts hinterlassen, nicht soviel, daß man Lena ein schwarzes Kleid kaufen könnte. Es ist jammervoll! jammervoll!« Dann holte er den Brief wieder hervor, den er, zerknittert und zwanzigmal gelesen, beständig bei sich trug. »50 000 Mark, – hätte ich sie ihm nun gegeben, geliehen, geschenkt, oder wie man das sonst nennen will, so wären sie fort, wie alles andre aus den letzten Jahren. Aber nun sind sie da, sind noch vorhanden, gewissermaßen gespart. Das ist sehr wichtig, beachte das, Clemens.« »Sehr wohl, Herr Major.« »Wem gehören diese 50 000 Mark? Mach dir das klar, überleg dir das. Wem werde ich diese 50 000 Mark geben? Selbstverständlich Lena. Sie gehören ihr gleichsam, das ist doch klar? Sie sind sozusagen ihr Eigentum – wie?« »Ja, das ist klar,« sagte Clemens, der den Zusammenhang nicht recht verstand, aber die dunkle Empfindung hatte, daß die Logik seines Herrn richtig sei. Schwerin schwieg eine Weile und dachte nach, dann sagte er: »Ich werde die Vormundschaft übernehmen, obwohl das außerordentlich viel Schreibereien mit sich bringt. Man muß da wiederholt zu Gericht, es ist eine der mühseligsten Einrichtungen, die erfunden sind. Aber ich werde es doch tun, und die Schreibereien wirst du besorgen, denn es sind ganz schematische Schriftstücke, bei denen von Verstand und Nachdenken und besonderer geistiger Beanlagung keine Rede sein kann. Vormundschaften müssen Leute aller Stände übernehmen, folglich wird das rein Technische nicht außerhalb deiner Fähigkeit liegen. Was –? Wie –?« Clemens bestätigte, daß er diese Schreibereien zu erledigen sich wohl im stande fühle, und Schwerin ging nun über auf die Hauptfrage: Wie Lena das alles beibringen? »Ich muß hin. Selbstverständlich. Heute noch. Persönlich. Sofort.« Dann versank er in Nachdenken: vielleicht war es die schwerste Aufgabe seines Lebens, die da seiner harrte. Es fiel ihm ein, daß vor vierzig Jahren in seiner Familie die Rede gewesen sei, daß Schwerin Diplomat werden sollte. Man hatte dieses Projekt später verworfen, aus welchem Grunde, erinnerte er sich nicht mehr, – aber immerhin bestand die Tatsache, daß seine Familie, eine ganze Familie verständiger Leute, ihn damals für fähig gehalten hatte, eine so außerordentlich schwierige und die feinsten Verstandeskräfte beanspruchende Karriere erfolgreich durchzuführen. Diese Erinnerung gab ihm eine große Beruhigung, und obwohl die erste wirklich schwierige diplomatische Aufgabe seines Lebens erst jetzt nach einem so langen Zeitraume an ihn herantrat, so würde er doch fraglos fähig sein, dieselbe in der entsprechenden zartfühlenden Weise zu lösen. Aber trotz dieser tröstlichen Voraussetzung kam er mit dem »Wie« durchaus nicht ins Reine. Vielleicht konnte er die Generalin bitten, die Tatsache Lena mitzuteilen, was ja auch durchaus ihre Pflicht sein würde, – aber gleich darauf schämte er sich seines Einfalles. Bis er schließlich zu der Ueberzeugung gelangte, daß man die traurige Angelegenheit wirklich fein und zartfühlend nur dann einleiten könne, wenn man Lena zunächst ganz ruhig und harmlos entgegentreten würde. In diesem Sinne ließ er durch Clemens folgende Depesche zur Post geben: »Meine liebe Lena! Komme morgen mittag durch Oldeslo, nur auf Durchreise. Bleibe zwei Stunden. Wäre erfreut, dich einmal wieder zu sehen, sei am Bahnhof, bitte allein. Dein treuer Schwerin.« Dieses letzte »Bitte allein« war die entscheidende Wendung der Depesche, denn er fühlte sehr deutlich, daß, wenn andre, z. B. die Generalin, sich in Lenas Begleitung einfinden würden, er kein Wort vernünftig hervorbringen und auf keinen Fall dieser armen kleinen Lena so entgegentreten könnte, wie es notwendig war. So kam es, daß Lena wieder wie vor Wochen zum Bahnhof ging und den Zug herankommen sah. Schwerin stand am Fenster und winkte. Er hatte seine Toilette sehr sorgsam und mit langer Ueberlegung zusammengestellt: ein schwarzer Anzug, aber ein heller Paletot, eine schwarze Krawatte und ein schwarzer Hut, aber graue Handschuhe, alles so kombiniert, daß Lena auf den ersten Blick hin nicht erschrecken und doch im späteren Verlauf des Tages in seiner Kleidung nichts Unpassend-Auffälliges finden konnte. Schon Stationen vorher, ehe er nach Oldeslo kam, hatte er erwogen, mit welchem Begrüßungsworte er Lena entgegentreten wolle, – denn gerade die ersten Worte sind bei solchen Gelegenheiten immer die entscheidenden, – nun er aber Lena so dicht vor sich stehen sah, vergaß er alles, und er rief, wie er immer gerufen hatte, wenn er die Kleine sah: »Holla! Lena!« Sie sah blaß aus, ein Zug erregter Spannung lag über ihrem Gesichte, als ob sie sich durch den leichten Ton der Depesche nicht hätte täuschen lassen und sehr wohl ahnte, daß der Major in irgend einer besonderen Mission die ganz unerwartete Reise unternommen habe. Sie lächelte ihm mühsam zu, dann öffnete sie selbst die schweren Messinggriffe des Wagens. Als sie aber nun versuchen wollte, mit Hilfe von Clemens, der aus einem benachbarten Coupé herbei eilte, dem Major beim Aussteigen behilflich zu sein, winkte er ihr ab: »Nein, nein, Kind, Unsinn. Der Schaffner soll kommen. Diese Trittbretter sind Satanserfindungen, über die ein Mensch mit halbwegs maroden Knochen sich eventuell den Hals brechen kann.« Der Schaffner erschien, auch der Zugführer, auch der Stationsvorsteher, der sich überzeugen wollte, aus welchem Grunde der Herr nicht ausstieg und infolgedessen eine Verzögerung der Abfahrtszeit veranlaßte, – – dann mit Hilfe oder zum wenigsten unter Assistenz aller dieser Herren gelang es, Schwerin aus dem Coupé auf den Bahnsteig zu schaffen. Die ganze Scene war so seltsam, daß Lena lächeln mußte, und als Schwerin, der sich schwer auf ihren Arm stützte, merkte, daß er, ohne es zu beabsichtigen, die erste Begrüßung in einer leidlich heiteren Weise bewerkstelligt hatte, wurde ihm leichter ums Herz. Er ging ganz langsam neben ihr her durch die Anlagen am Bahnhof, dann rechts ab den kleinen Weg, der über den Kirchhof direkt nach der Stadt führt. Sie sprachen zunächst über gleichgültige Dinge, und als Lena ängstlich nach ihrem Vater fragte, half der Major sich zunächst mit allgemeinen Redensarten über die Beantwortung hinweg. Es war merkwürdig, daß er im Fuße nicht das geringste Stechen spürte, während er seit Wochen und speziell heute während der Eisenbahnfahrt vor Schmerz gestöhnt hatte, – die Wahrnehmung setzte ihn so in Staunen, daß seine Gedanken zwischen dieser unerklärlichen Beobachtung und der schweren Aufgabe, die seiner harrte, hin und her pendelten. Dann plötzlich hatte er einen seltsamen Einfall: wenn er diese beiden Dinge verknüpfen und das eine als Ausgangspunkt für das andre wählen würde?! Von einem zum andern ließ sich vielleicht eine Brücke schlagen?! »Du hast keine Ahnung, mein Kind,« sagte er, »was ich in den letzten Wochen gelitten habe. Es sind Schmerzen, von denen jeder, der sie nicht selbst durchgemacht hat, keinen Begriff hat. Ich will nicht übertreiben, aber man kommt da oft zu einer Art von Verzweiflung, und by Jove, ich will verdammt sein, aber es ist wahr, bei Gott im Himmel, Lenachen, ich wollte oft, ich wäre tot.« Sie suchte ihn zu trösten, und sie unterbrach ihn mit kleinen Fragen nach diesem und jenem, aber der Major blieb zäh bei seinem Thema und mit einer Deutlichkeit, die schließlich anfing, Lena in Erstaunen zu setzen, kam er immer wieder darauf zurück: »Ich wollte, ich wäre tot. Wie viele andre Leute, die ich gekannt habe. Wer die Schmerzen des Lebens hinter sich hat, ist im Grunde der Allerglücklichste.« Lena widerlegte ihn mit einem Lächeln, aber dieses Lächeln erstarb, als sie in sein Gesicht blickte. Es war, als ob der Major aus den wenigen Predigten, die er in seinem Leben gehört hatte, alle salbungsvollen Worte zusammensuchte, seine Stimme wurde düster, bisweilen von einer grotesken Uebertreibung, dann wieder von einer echten Traurigkeit. Aber Lena hörte nur immer den Tonfall und das Stichwort, auf das der Major beständig zurückkam: »Glücklich, wer allen Schmerz des Lebens hinter sich hat.« Der kleine Kirchhof mit der Kapelle und den Kreuzen und den Grabdenkmälern begann sich vor ihr im Kreise zu drehen, ihr Atem ging schwer, dann mit Aufgebot aller Kraft ließ sie seinen Arm los und starrte ihn mit schneeweißem Gesichte an: »Was ist geschehen – –?« Er war vielleicht auf die Frage noch nicht vorbereitet, er hatte sie vielleicht erst später erwartet, wenn er mit noch deutlicheren Farben gemalt haben würde, – nun fand er nicht gleich die entscheidende Antwort. Er öffnete nur den Mund, er schloß ihn wieder, er wollte etwas sagen und konnte nicht. Da schrie sie laut auf: »Papa –?!! Er ist tot –?!! – –« – – Und so hatte Schwerin in seiner diplomatischen Weise die traurige Nachricht überbracht. – – In der Mitte des kleinen Kirchhofes neben der alten Kapelle, die seit hundert Jahren nicht mehr gebraucht wird und in der die Gärtner ihr Handwerkszeug aufbewahren, stand eine Bank, auf der Schwerin nun schon eine Stunde oder länger neben Lena saß. Was er in dieser Stunde gesprochen und wie er es versucht hatte, Lena zu trösten, wußte er selbst nicht mehr. Eine Zeitlang hatte er nur immer gesagt: »Lena, – kleine Lena – ja, ja – ja – –« Und: »– Der liebe Gott hat ihn nun bei sich, – was das beste ist – er sieht jetzt auf uns beide und auf dich insbesondere hernieder – ja, ja – –« Und dies und Aehnliches, was man in solchen Stunden sagt, wenn man das sichere Bewußtsein hat, daß der andre nichts sieht, und hört und keinesfalls die Worte auf die Goldwage legt. Er war sehr traurig, der alte Major, und sein Herz so beklommen, daß ihm das Atmen schwer wurde. Er begann nach einer Weile auch Worte praktischen Trostes einzuflechten, daß Lena sich um ihre Zukunft nicht zu sorgen brauche, und daß er, Schwerin, es für seine selbstverständliche Pflicht erachte, für Lena in jeder Weise einzutreten, – aber gleich darauf hatte er die unangenehme Empfindung, daß es unzart sei, von alledem zu sprechen. So brach er mitten im Satze ab und schwieg. Immer saß Lena stumm, die Ellbogen auf die Kniee gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben, – es folgten lange Pausen, aber schließlich konnte Schwerin dieses totenstille Schweigen nicht durchhalten. Er versuchte von neuem zu sprechen und immer von neuem, in dem unklaren Gefühl, daß Worte, und wenn es Worte der gleichgültigsten Art seien, allein im Stande sein könnten, in die Verzweiflung hinein wie ein schwacher Trost zu klingen. »Wir wollen nun aufstehen, Lena,« sagte er. »Ich werde dich nach Hause begleiten, – das wird das beste sein. – Soll ich –?« Sie ließ sich willenlos in die Höhe richten, als er aber noch einmal wiederholte, daß er sie selbst zur Generalin führen wolle, drängte sie ihn stumm seitwärts in eine ganz andre Richtung. So gingen sie eine lange Weile, ohne auf den Weg zu achten, von der Stadt fort, immer weiter ins Feld hinein. Immer redete Schwerin, – vielleicht währte es wieder eine Stunde oder länger, bis er nichts mehr zu sagen wußte. Er zermarterte seinen Kopf: ›Was soll ich jetzt noch sagen? Wovon soll ich reden?‹ – Aber er wußte wirklich nichts mehr. Er war so müde und so zerschlagen, wie in seinem ganzen Leben nicht, sein Kopf war ganz hohl, und als die Spannung in ihm sich nun langsam löste, begann der Fuß wieder zu schmerzen. Er sah sich verstohlen um und bemerkte zu seinem Schrecken, daß sie irgendwo draußen im Felde waren, daß ganz links in der Ferne der Kirchturm von Oldeslo hervorschaute, und daß von Clemens, wie man es nicht anders erwarten konnte, weit und breit nichts zu sehen war. ›Großer Gott‹, dachte er, ›was soll werden? Wie soll ich wieder zurückkommen? Ich kann ohnehin kaum noch von der Stelle.‹ Und in all seiner Trauer und seinem innigen Mitleid erfaßte ihn ein leiser Grimm. »Wir werden jetzt zurückgehen, Lena,« sagte er mit einer Stimme, die ein ganz klein wenig schärfer klang als vorher. »Wir können unmöglich immer weiter ins Blaue wandern.« Sie wandte um, ohne ein Wort zu sagen, und wieder gingen sie eine endlose Stunde, in der Schwerin beständig den Versuch machte, trotz des Brennens und Stechens im Fuße zu Lena von Trost zu reden oder von sonst irgend etwas. Als sie endlich dicht an die Stadt herangekommen waren, hatte er das Gefühl: du kommst nicht mehr weiter, du brichst auf dem ersten harten Pflasterstein zusammen. Wenn du diese Wanderung fortsetzt und sollst etwa noch mit zu der Generalin, durch die ganze Stadt, dann die Treppen hinauf und so weiter, so passiert dir ein Unglück. Und während er, ohne daß es Lena sah, nur auf einem Beine stand und den kranken Fuß in der Luft schweben ließ, sagte er: »Du wirst nun allein sein wollen, Lena, nicht wahr? Ja, selbstverständlich. Ich bleibe heute in Oldeslo, gegen Abend werde ich der Generalin meine Aufwartung machen. Wir sehen uns dann wieder. Ja –? Soll ich –? Ist dir das recht –?« Sie nickte stumm – Und so trennten sie sich. Er wartete und blieb aufrecht stehen, bis Lena hinter der Biegung verschwunden war, dann ließ er sich behutsam nieder mit einem von Schmerz verzerrten Gesichte, – und so saß er stundenlang an dem Chausseegraben, ganz unfähig, wieder hochzukommen, in seiner Willenskraft so gelähmt, daß er nicht einmal den Wunsch hatte, fortzugelangen. * Lena ging geradeaus, in die Stadt hinein. Sie überlegte nicht, ob sie rechts gehen müsse oder links, sie handelte ohne Bewußtsein, und sie fand doch ihren Weg. Wie eine Nachtwandlerin. Aber in dem Augenblick, als sie die Türklinke in die Hand nahm und die Tür öffnen wollte, um ins Haus hineinzugehen, lief ein kaltes Zusammenschrecken über sie hin. Sie ließ den Griff wieder los und strich sich über die Stirn, als ob sie erwache. Dieses Erwachen war nur ein ganz flüchtiges, – dann ging sie die Straße weiter ohne Plan und Ziel, wieder wie schlafend. Erst ganz langsam kam sie zu einem matten Denken: ›Was sollte nun werden? wo sollte sie hin? Sie hatte niemand mehr in der Welt, oder doch nur Schwerin, sollte sie zu ihm zurück?‹ Dann plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke: ›Geh zu George.‹ Sie wandte um, sie lief fast, in ihren Ohren summte es mit dem Takt der hastigen Schritte: ›Geh zu George, – geh zu George.‹ Sie stand vor dem niedrigen Gartenzaun, die Gartentür öffnete sich, nun ging sie den schmalen Kiesweg entlang, gerade auf das Haus zu. Die Haustür war offen, vor Lena lag der kleine niedrige Vorplatz mit der steilen Holztreppe, die in das erste Stockwerk hinaufführt. Rechts und links zwei niedrige weiß gestrichene Türen, über jeder eine vertrocknete Eichenlaubguirlande und dazwischen ein alter Stahlstich mit braunen Rostflecken und Mahagonirahmen. Sie atmete tief auf, alles ringsumher war still, nur eine große alte Standuhr, die einen Platz neben der Treppe hatte, ließ ihr eintöniges Geräusch vernehmen. Lena ging nicht weiter. Sie lehnte mit dem Rücken an dem Holzpfosten der Tür, – ein Friede kam über sie. ›Ich will hier warten, bis George kommt. Einmal wird er kommen. Ich will hier nicht fortgehen, bis George kommt.‹ So stand sie eine Weile, ihr Atem wurde ganz ruhig. Dann wurden polternde Schritte über ihr hörbar und kamen gleich darauf die Treppe hinab; ein kleines Dienstmädchen erschien in Holzschuhen und mit aufgerafftem Kleide, die Lena verwundert anschaute. »Zu wem wollen Sie?« »Wo ist George?« »Herr George?« – Das Mädchen war erstaunt, sie fand keinen Reim für diese Situation, dann sagte sie zögernd: »Ich weiß nicht, ob der junge Herr zu Hause ist, aber ich will nachsehen und ihn rufen.« Sie wischte sich die nassen Hände in der blauen Schürze und öffnete die eine der weißen Türen: »Kommen Sie herein.« Sie ließ ihre Holzschuhe im Flur vor der Tür stehen und ging auf den Strümpfen durch das Zimmer, um die Vorhänge aufzuziehen und das eine Fenster zu schließen. Als sie damit fertig war, wischte sie mit der Schürze über einen Stuhl und sagte: »Bitte,« und noch einmal: »ich will ihn rufen.« Dann schloß sie die Tür hinter sich, und Lena war allein. Dicht vor ihr auf dem Tisch lag ein weicher grauer Hut, Georges Hut. Sie nahm ihn in die Hände und ließ ihn nicht wieder los. Ehe das Mädchen die Vorhänge aufgezogen hatte, war es im Zimmer dunkel gewesen, jetzt schien die Abendsonne auf die mächtige, schneeweiße Büste der Juno, die auf einem Gipspostament an der Wand gegenüber den Fenstern stand. Lena blickte im Zimmer umher. Ihr war zu Mute, als ob Schwerin und seine traurige Botschaft schon viele Tage entfernt seien, – eine dumpfe, stumpfe Abspannung war gefolgt, – nur war es merkwürdig, daß bei diesem matten Halbschlaf der Seele die Augen alles sahen, mit einer solchen Klarheit, daß ihr nichts hier im Zimmer entging. In der Ecke stand ein polierter Tisch mit Schachfiguren aus Elfenbein, über dem Fußboden lag ein alter verblaßter Teppich, der vielleicht einmal hübsch gewesen war, aber sicher nie einen besonderen Wert gehabt hatte. In schmalen Holzrahmen hingen an den Wänden große Photographien: das Forum Romanum, Pompeji, Genf, Chillon, dann Michelangelos Fresken aus der Sixtina. – Lena hatte alle diese Städte und Bilder selbst gesehen, und die ganz leise Freude zog flüchtig durch sie hin, die man empfindet, wenn man Bekannte wiedersieht. Die Wände entlang standen große Regale mit zahllosen Büchern. Eine feierliche Ruhe lag über dem Zimmer, es war, als ob jemand das alles geschaffen und zusammengetragen und gesammelt habe, der längst nicht mehr lebt; und als ob seitdem niemand mehr hier drinnen gewesen sei. Lena saß, ohne sich zu rühren, und als immer noch niemand kam, schloß sie die Augen, und ein flüchtiger Traum ging über ihr Herz: die Tür wird aufgehen und George eintreten und sagen: ›Du hattest nie eine Heimat, Lena; der einzige, der dich schützte und lieb hatte, ist tot. Nun bleib hier und geh nie mehr fort.‹ – Und zwei weiche Hände einer alten Frau würden über ihren Scheitel gleiten und sie emporrichten, und die alte Frau würde sagen: ›Du hast George von hier fortführen wollen in die große Welt, nun kommst du selbst und bittest um eine Heimat. Nun weißt du, daß die Welt draußen die Menschen vernichtet, und wirst hier bleiben immer und mit George glücklich sein. – Komm mit, Lena, dein Zimmer oben ist fertig und wartet auf dich.‹ – – – Da –! Schritte draußen! Lena sprang auf. Schritte, die schlürfend die Treppe herunterkamen, ganz langsam jetzt über die Steinfliesen des Vorplatzes – jetzt an die Tür – Lenas Herz schlug zum Zerspringen. – Dann öffnete sich die Tür: – Georges Mutter –. Die Augen der beiden begegneten sich, sekundenlang, Lenas Augen groß, weit aufgerissen, die der alten Frau etwas verwundert, fast gleichgültig, ohne Verständnis – dann trat Lena vorwärts, ein, zwei Schritte, die rechte Hand flach gegen die rechte Brust gepreßt und die linke Hand flach gegen die linke Brust gepreßt – sie suchte nach einem Wort, sie sagte auch etwas, aber es war nur ein Bewegen der Lippen und ein leiser gurgelnder Ton, – dann trat sie noch einen Schritt vor, sie huschte mit ihren Augen über das Gesicht der alten Frau: ›Nicht wahr, du begreifst? Du verstehst –?‹ – Dann ging ein Zittern über sie hin, – dann fassungslos, außer sich, warf sie sich mit einem erstickten Schrei vor sie nieder. Sie umschlang ihre Kniee, sie vergrub das Gesicht in dem schwarzen Kleide. – – Sie hörte über sich Worte, – – Worte, die vielleicht erstaunt und geängstigt klangen, – Worte ohne Verständnis und Worte in wachsender Erregung, – aber sie schienen Lena ganz weit her zu kommen, aus einer Ferne. Sie ließ nicht los, sie umklammerte sie fester: ›Nur so liegen bleiben, in das schwarze Kleid hineinstarren, sich festhalten, festhalten, festhalten – –‹ Da! George! Seine Stimme! In den Knieen liegend, richtete sie den Oberkörper in die Höhe, ließ sie die Umklammerte frei, schaute sie rückwärts – dann riß sie sich empor – »George!« Sie sah ihm nur einen Moment ins Auge, als sie sagte: »– Mein Vater ist tot, George, du mußt mich schützen –,« dann lag sie in seinen Armen, den Kopf an seiner Schulter, die Augen fest geschlossen. Nach einer Weile hörte sie fragen: »Wer ist das, George?« – Und antworten: »Meine Braut –« Aber sie sah nicht diesen unbeschreiblichen Blick der alten Frau, in dem sich alles zusammendrängte: Frage, Staunen, Schmerz, Empörung, alle Enge einer kleinen Frauenseele und alle Weite des Mutterherzens. – Und sie sah nicht Georges Blick, der jenem antwortete, der zuerst weich und flehend sagte: ›Verzeih mir, wenn ich dir nie von ihr erzählt habe, nimm sie hin, tröste sie, sie ist mein Liebstes,‹ – und der langsam starr wurde, kalt, eisig, und dann matt, stumpf – – zwei Blicke, die hin und her gehend für zwei Menschen das Schicksal bedeuteten. Sie fühlte nur, wie George sie nach einiger Zeit ein paar Schritte seitwärts führte und sie niederzog auf den Sessel. Es war totenstill im Zimmer. Aber sie hielt seine Hände und hörte ihn bisweilen, das Gesicht dicht an ihr Gesicht gelehnt, flüstern: immer dieselben weichen tröstenden Worte. Sie sah nicht die alte Frau, die an der andern Seite des Zimmers bewegungslos saß, sie wußte vielleicht nicht einmal, daß diese dritte noch im Zimmer war, sie hatte sie vergessen. Und George, vor Lena in den Knieen liegend, einen Arm um ihre Taille geschlungen, hatte vielleicht auch vergessen, daß eine dritte im Zimmer war. Die Herbstsonne war längst hinter den Büschen des Gartens verschwunden, es begann zu dunkeln, nur der riesige Kopf der Juno blickte weiß aus dem dämmernden Zimmer. Vergessen! Die alte Frau saß ganz stumm, den Kopf leicht vorgeneigt, die Hände im Schoß gekreuzt. Sie war vergessen. Die beiden drüben, deren Flüstern wie ein Schatten über das Zimmer glitt, hatten sie vergessen. Sie begriff das alles erst halb, es war zu rasch gekommen, zu plötzlich. Der fremde Eindringling war ins Haus getreten und hatte George von ihr fort an sich gerissen, und George, der bisher niemand in der Welt als ihr allein gehört hatte, lag drüben vor dem fremden Mädchen und schaute sich nicht mehr um. Es war kein rechter Schmerz, der sie beherrschte, sie saß wie in einer Betäubung. Sie hatte jeden kleinsten Schritt in ihres Sohnes Leben bisher geleitet, und es war ihr nie in den Sinn gekommen, daß das je anders werden könnte. Nun hatte man sie beiseite geschoben wie etwas Gleichgültiges, dessen Wille und Entscheidung, falls sie nicht alles gutheißen, nicht weiter in Betracht kommen. – Ein Klopfen an der Tür – – – Und als niemand antwortete, wurde die Tür geöffnet, und das kleine Dienstmädchen trat herein, behutsam auf den Strümpfen gehend. Sie brachte die Lampe, die das Zimmer mit hellem Licht füllte, dann verschwand sie wieder geräuschlos, die Tür leise hinter sich zuziehend. George war aufgestanden, nun richtete er auch Lena in die Höhe: »Komm, Lena.« Sie öffnete die Augen und sah geblendet in das Licht, in dessen vollem Scheine die alte Frau drüben saß, totenblaß und ohne sich zu bewegen, nur den Blick starr auf die beiden geheftet. Auch Georges Augen wehrten sich mühsam gegen den grellen Schein. Auch er sah die Mutter, die regungslos herüberschaute. In einem überströmenden Gefühl, in einer letzten heißen Aufwallung zog er Lena mit sich, dicht vor sie hin: »Komm, Lena,« und beide Hände Lenas in den Schoß seiner Mutter legend, sagte er nichts als: »Mutter –? – Mutter – –?!« Aber Lenas Hände lagen auf zwei eiskalten Händen, die sich nicht bewegten, die sich nicht erhoben. Er sagte noch einmal: »Mutter –« Und dann noch einmal, mit einem Flehen, durch das es wie dumpfer Groll klang: »– Mutter!!« Dann riß er Lena empor: »Komm.« Er öffnete die Tür und schloß sie. Er geleitete Lena über den Vorplatz, in dem eine, kleine Lampe matt brannte, ein eisiger Herbstwind schlug ihnen von draußen her ins Gesicht. Sie gingen durch den nächtlich dunklen Garten den schmalen Kiesweg entlang, dann lagen Haus und Garten hinter Lena. * – – Zum ersten Male war Schwerin nach Oldeslo gekommen, als er Lena in den Frühlingstagen hergeleitete, – zum zweiten Male mit der schweren Todesnachricht, – und nun vierzehn Tage später, als der erste frühe Winterschnee über die Felder und Berge ein weißes Kleid gebreitet hatte, kam er zum dritten und letzten Male, um Lena zu holen. Er saß der Generalin gegenüber in dem engen Sofa hinter dem Mahagonitisch, wo er sich nicht nach rechts und links bewegen konnte, und während die Generalin, in ihrer Dozentenmanier auf und ab gehend, die Tatsachen erörterte, versuchte Schwerin vergebens hin und her zu rücken. Das Zimmer war klein, niedrig, überheizt, und Schwerin saß in seinem Winterpelz, den abzunehmen niemand erschienen war, in unangenehmer Nähe des Ofens. Er zerrte einen Handschuh von den Fingern und zog ihn gleich wieder an, – eine unbehagliche Situation, die durch die langatmigen und sich immer im Kreise drehenden Auseinandersetzungen der Generalin ins Endlose erweitert wurde. »Ich würde Ihnen, Herr Major, von der Angelegenheit sofort Mitteilung gemacht haben, aber es war aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Denn erstens konnte es mir wirklich nicht bekannt sein, wer die Vormundschaft für Lena übernehmen würde, und zweitens würde es gegen jeder Frau Empfinden verstoßen haben, in Tagen so tiefer Trauer irgend einem Wesen gegenüber, – sei es, welches es wolle, oder heiße es, wie immer es mag, – gewissermaßen als Anklägerin aufzutreten.« Breit, mit der ganzen schweren Betonung, die ein so ohne Beispiel dastehender Fall zu erfordern schien, wiederholte sie noch einmal alle Einzelheiten, und als sie den Hergang mit jedem Detail zweimal in derjenigen Fassung erzählt hatte, in der Oldeslo noch heute – vierzehn Tage nach dem Geschehnis – die Sache besprach, begann sie den Fall zu verallgemeinern, etwa wie ein Staatsanwalt, der zunächst die nackten Tatsachen referiert, um dasselbe Bild dann in großem Rahmen plastisch zur Anschauung zu bringen. »Ein junges Mädchen, das einer Dame der besten Gesellschaft zur Erziehung anvertraut worden ist und dem seit mehr als einem halben Jahre in dem Hause dieser Dame, ich will nicht sagen Liebe – denn ich vermeide prinzipiell jeden Ausdruck, der auch nur den schwachen Schimmer einer Uebertreibung bedeuten würde – in jedem Fall aber nichts als Gutes und Freundliches zu teil geworden ist, – ein solches Mädchen erfährt eines Tages die sicherlich unendlich traurige Nachricht, daß die Vorsehung ihm das Teuerste genommen hat. Dasselbe junge Mädchen, sechzehn Jahre alt, – in dem Sinne also, von welchem hier die Rede ist, noch ein Kind – entschließt sich zu einem Schritt – am selben Tage noch, bitte, beachten Sie das, Herr Major – der nicht nur mir (denn mein persönliches Empfinden soll dabei gar nicht in Betracht kommen, weil ein einzelner Mensch in Fragen des Feingefühls und Takts ja immerhin irren kann und vielleicht, seinem subjektiven Empfinden entsprechend, allzu strenge Forderungen aufstellt) – nein, Herr Major, der einer ganzen Stadt und jedem, der davon hört, als geradezu unfaßlich erscheint. Sie geht in das Haus eines jungen Mannes, der in hiesiger Stadt ansässig ist und setzt damit einem Verhältnisse, das an und für sich schon die schärfste Mißbilligung verdient, sozusagen die Krone auf. – – Nichts, Herr Major, liegt mir ferner als die im übrigen durchaus natürliche Erwartung: Lena hätte zu mir kommen sollen und bei dem einzigen weiblichen Wesen, das ihr hier nahestand, Trost suchen, – mein menschliches Gefühl aber, Herr Major, und mein Gefühl als Frau und als Erzieherin und als Dame der Gesellschaft und als ich weiß nicht was sonst noch, sagt mir, daß ein Mädchen, das in solcher Stunde seinem – ich gebrauche das stärkste Wort, weil ich kein andres finde – ›Liebsten‹ nachläuft, – daß ein solches Mädchen in meinem Hause und unter meinen Kindern schwerlich weiterhin den seinem Wesen entsprechenden Platz finden kann.« Der Major saß ganz stumpf. Er regte sich nicht mehr und hatte den Versuch aufgegeben, sich aus der Enge seines Platzes und seines Pelzes zu befreien. Der Wortschwall betäubte ihn und begann sein Denken zu verwirren. »Ich habe,« sagte die Generalin, »die Angelegenheit selbstverständlich nicht auf sich beruhen lassen, sondern dieselbe in alle Phasen und alle Instanzen hinein verfolgt, – und ich gebe Ihnen die Versicherung, Herr v. Schwerin, daß nicht nur in diesem Hause, sondern in ganz Oldeslo der Fall in durchaus gleichlautender Weise besprochen wird. Ich habe, meinem innersten Wesen zuwider, die Sache auch insofern weiter verfolgt, als ich mit der Mutter des betreffenden jungen Menschen Rücksprache zu nehmen mich verpflichtet fühlte, und ich kann Ihnen nur soviel sagen, Herr Major, daß die Dame, – eine Dame der guten bürgerlichen Gesellschaft, eine Witwe, die Frau eines früher hier ansässigen verstorbenen Arztes, – meine Ansicht durchaus teilt. – Ich habe dann mit Fräulein v. Baggersen, die seit vielen Jahren die treue Förderin meiner Bestrebungen ist, den Fall hin und her besprochen; wir haben uns beide gefragt, ob es mit Rücksichtnahme auf die verwaiste Lebensstellung Lenas und mit Rücksichtnahme auf das für den Ruf eines jungen Mädchens vernichtende Urteil der Welt nicht doch noch möglich sei, Lena bei uns zu behalten, – aber so schmerzlich es ist, Ihnen, Herr Major, das rund heraus sagen zu müssen, wir sind beide immer wieder zu demselben Schlusse gekommen: nein! es geht nicht! Es gibt eben Dinge, über die man als Frau und Dame und Erzieherin nicht fortkommt, und ein Liebesverhältnis, das – ohnehin schon unstatthaft und im höchsten Maße verwerflich – derartige Konsequenzen angenommen hat, nämlich die Konsequenzen des Nachlaufens und direkt ins Haus des jungen Mannes Gehens, muß jede weitere Gemeinschaft zwischen dem betreffenden Mädchen und uns ausschließen.« Sie deutete durch eine Handbewegung an, daß sie alles gesagt habe, was dem Major gegenüber zu sagen ihre Pflicht sei, und langsam mit beiden Händen den Mahagonitisch vor sich fortstoßend, gelang es Schwerin, sich aus der Enge zu befreien. Große Schweißperlen liefen ihm über das Gesicht, und während die Generalin klingelte und dem hereintretenden Mädchen die Ordre gab: »Fräulein Lena soll zu mir kommen,« gewann Schwerin das Fenster, wo er die unklare Einbildung einer weniger intensiven Hitze hatte. Undeutlich, wie ferne böse Schatten glitten die unzähligen Liebessünden seines bewegten Lebens an ihm vorüber, und dieser harte Richterspruch, der da eben über die kleine Liebe eines Kindes gefällt war, schien ihm – aber auch das nur undeutlich – wie eine ins Riesenhafte wachsende Anklage gegen sein eignes Leben. Ganz schwach dämmerte ihm die Empfindung, daß die Dame da vor ihm als Repräsentantin einer Stadt, einer Gesellschaftsklasse, ja mehr noch: einer ganzen Weltanschauung, mit wuchtiger Hand etwas zerstört habe, das ihm selbst sehr fein und duftig erschien, aber er fand nicht die richtige Formulierung dieser Gedanken. Es klopfte draußen, dann ging die Tür auf, und Lena kam herein. Sie zuckte leise zusammen, als sie Schwerin sah, von dessen Ankunft sie zu verständigen niemand für nötig gehalten hatte, aber so gewaltig war die große Würde, die von der Generalin ausging, und mit solchen Zentnerlasten hatte man Lena in diesen vierzehn Tagen zu Boden gedrückt, daß sie scheu an der Tür stehen blieb und dem Major nur flüchtig zunickte. In dem schwarzen Kleide, das ganz einfach und glatt nach einem uralten Schnitt angefertigt war und das ihre schlanke Gestalt förmlich einzuengen schien, sah sie anders aus als früher, viel jünger, wie ein schmächtiges Kind. Das Gesicht war blaß, sie stand mit gesenkten Augen, die Arme herabhängend, die schmalen weißen Finger ineinandergelegt. »Ich habe mit deinem Vormunde gesprochen, Lena,« sagte die Generalin. »Du wirst dementsprechend im Laufe des Nachmittags deine Koffer packen lassen, und Herr v. Schwerin wird die Liebenswürdigkeit haben, dich morgen früh mit sich zu nehmen. Oder wünschen Sie die Reisedispositionen in andrer Form, Herr Major?« »Nein.« »Dann ist es gut. Du kannst nun gehen, Lena.« So ging sie wieder. Ein paar Worte sprach die Generalin noch in gehaltenem Tone mit Schwerin, – dabei streiften seine Augen immer über die Tür hin, als ob der kleine schwarze Schatten da noch stünde. »Es ist mir schwer gefallen, Herr Major, Ihnen diese Stunde bereiten zu müssen, aber ich hoffe, daß ein Mann Ihrer Erfahrung und Ihrer Grundsätze mir vollkommen recht geben wird. Ich habe eine Verantwortung, Herr Major, in vierfacher Hinsicht: meinen jungen Mädchen gegenüber, deren Eltern gegenüber, ferner vor mir selbst und schließlich vor der Allgemeinheit. Versetzen Sie sich in meine Lage, – das ist alles, was ich sagen kann.« Schwerin ging mühsam die Treppe hinunter, eine breite steile Holztreppe ohne Teppiche. Er spähte aus nach Lena, um ihr im Vorübergehen tröstend die Hand zu drücken, aber er sah weder sie noch sonst jemand, und so verließ er das Haus. Immer schwirrten ihm diese letzten Worte der Generalin im Kopfe herum: »Versetzen Sie sich in meine Lage,« – als er aber eine Zeitlang das zu tun versucht hatte, vergebens natürlich, blieb er plötzlich stehen, denn eine Erkenntnis kam ihm klarer und klarer zum Bewußtsein – – – Seine Hände ballten sich zur Faust, – und indem er sie erhob und gegen irgend etwas drohend schüttelte: vielleicht nur gegen die Generalin, vielleicht aber auch gegen die ganze Stadt um ihn her, fand er endlich das befreiende Wort: »Hol euch der Satan alle zusammen! – Zusammen!!« Siebentes Kapitel Als im Klub die Rede darauf kam, daß Schwerin eine ältere Dame suche, die mit Lena zusammenwohnen und an ihr gewissermaßen Mutterstelle vertreten könne, zog ihn der alte Herzog von Sohrau beiseite und empfahl ihm Frau v. Pauly: »Eine Dame, mein lieber, guter Schwerin, die viel Unglück gehabt hat. Ihr Gemahl stand als Arzt in Sohrau beim Regiment, sie ist Anno 80 verwitwet und hat später ihr ganzes Vermögen verloren. Sie lebt hier in Schöneberg, und Sie würden, auf mein Wort, ein gutes Werk tun.« Der Major hatte keinen Anlaß, diesen freundlichen und in jedem Falle gutgemeinten Hinweis des Herzogs außer acht zu lassen, und so ließ er sich von dem Diener im Schreibzimmer des Klubs Papier geben und verfertigte einen seiner mühseligen Briefe, in dem er mit Hinweis auf Sr. Durchlaucht Empfehlung Frau Doktor v. Pauly um eine Unterredung bat. Sie kam noch am selben Tage. Als sie den Major, mit dessen Lebensgewohnheiten natürlich unbekannt, zu Hause vergebens gesucht hatte, gab sie ihre Karte im Klub ab, eine kleine altmodische Karte aus Glanzpapier, die der vornehme Portier von der kleinen, hageren, schwarz und gleichfalls altmodisch gekleideten Dame mit einer herablassenden Handbewegung entgegennahm. – Er setzte seinen Kneifer auf und las die Inschrift, dann wurde er höflicher und nahm den Kneifer wieder ab und sagte: »Nein, Herr v. Schwerin ist nicht im Klub. Sie werden ihn,« – er sah nach seiner goldenen Uhr, – »um diese Zeit wahrscheinlich im Hotel de Rome finden. Befehlen gnädige Frau eine Droschke?« Aber sie winkte ängstlich ab: »Nein, nein,« – und ohne zu wissen, wo dieses Hotel de Rome etwa liegen könnte, entfernte sie sich mit kleinen, eiligen Schritten, die etwas Gleitendes, Schleifendes hatten, wie bei Damen, welche selten ausgehen und die meiste Zeit ihres Lebens Pantoffeln ohne Absätze tragen. Sie lebte seit bald zwölf Jahren in Berlin oder vielmehr in Schöneberg vor dem südlichen Tore, aber die große Stadt hatte für sie etwas Furchterweckendes, und als sie jetzt über die Linden huschte, sann sie einen Moment darüber nach, ob sie seit zwei, drei oder gar noch mehr Jahren nicht mehr hier gewesen sei. Natürlich traf sie, wie es bei solchen ängstlichen, schicksalbedeutenden Irrfahrten fast immer der Fall ist, Schwerin weder im Hotel de Rome noch in zwei andern Häusern gleichen Ranges, in die man sie weiterschickte, aber mit der zähen Ausdauer jemandes, der endlich einmal einen ganz kleinen Hoffnungsstern leuchten sieht, setzte sie ihren Rundgang fort, bis sie spät abends, – es war fast zehn, und sie hatte keinen Hausschlüssel und erwog bereits die Eventualität, daß sie diese Nacht im Freien werde kampieren müssen, – wieder im Klub landete und dann wirklich endlich die Mitteilung erhielt: »Ja, Herr v. Schwerin ist anwesend; er sitzt oben; er spielt Karten, Ob Herr Major freilich gerade jetzt gestört sein will –?« Aber sie ließ nicht nach, und mit einem bittenden, angstvollen Tone sagte sie: »Ich muß ihn sprechen, auf jeden Fall.« Man führte sie die breite Marmortreppe hinauf, deren Stufen mit purpurrotem Sammet bedeckt sind, man ließ sie in ein Empfangszimmer treten, das ebenfalls in purpurroten Farben leuchtete, und sie saß in dem roten Sammetsessel zwischen den roten Wänden, roten Teppichen, roten Vorhängen, in all dieser unerhörten roten Pracht wie ein schwarzes verschüchtertes Nichts. Nach einer Weile trat ein Herr herein in dunklem Gehrock, mit einem Monocle im Auge, steif, etwas eingefroren, nach Anzug und Aussehen der Typ eines sehr vornehmen, älteren, pensionierten, sehr gut gestellten hohen Militärs, vielleicht Generals. Das war Schwerin. Sie hatte sofort die Empfindung: alle Hoffnungen sind vergebens gewesen, – aber diese Empfindung erwies sich in den nächsten zehn Minuten als durchaus irrtümlich, Schwerin war von großer Liebenswürdigkeit, und sie wurden, – wenn das Wort zu verwenden erlaubt ist – außerordentlich schnell handelseinig. Dann erhob sich der Major in seiner chevaleresken Art: »Sie werden keinesfalls bereits zu Nacht gespeist haben, meine Gnädige, gestatten Sie,« – und er klingelte, – aber der Gedanke, hier, jetzt, in dem roten Zimmer und Schwerins Anwesenheit, irgend etwas verzehren zu müssen, hatte für die kleine Frau etwas Erschreckendes, und hastig wehrte sie ab: »Nein wirklich nicht, wirklich nicht, – o nein, wirklich nicht!« Er setzte ihr in seiner weit ausholenden Art die Verhältnisse auseinander: daß er für Lena eine mütterliche Freundin suche, die für das elternlose, heimatlose Mädchen ein Heim begründen könne, – und sie ihrerseits verlor ihre Befangenheit und erzählte, wie es die Situation erforderte, die kleine, ziemlich kümmerliche Geschichte ihres Lebens. Es war elf Uhr abends, als sie sich trennten. Schwerin ging selbst ohne Hut und Paletot die große Treppe mit hinunter und gab, in dem offenen, zugigen Portal stehend, allen widersprechenden Bitten der Dame entgegen, Ordre, eine Droschke erster Klasse herbeizuholen. »Auf Wiedersehen, morgen, meine Gnädige!« Sie hatte ihm gefallen, in der Tat. Sie trug das Haar mit Wasser glatt gestrichen, was er nicht leiden konnte, – sie war klein, hager, mit einem trübseligen Munde, was er alles dreies gleichfalls gemeinhin nicht leiden konnte, – aber für diesen besonderen Fall schien sie vortrefflich zu passen. Sie zählte nach Schwerins Taxe mindestens fünfzig Jahre, aber die Augen blickten im Widerspruch zu allen Gesichtszügen bisweilen ganz heiter, und die Stimme hatte den weichen, gutlautenden Ton, der auf ein liebenswürdiges und friedfertiges Wesen schließen läßt. Und vor allem, sie war eine Dame! In derselben Nacht spielte Schwerin bis zwei Uhr mit dem Herzog Piquet. Er verlor dabei eine runde Summe, aber er blieb guter Laune und schüttelte beim Abschiede dem alten Herzog die Hand: »Ich glaube, ich habe du einen guten Griff getan. Diese Sache mit dem Engagement hat mir viel Sorgen gemacht.« – Und so kam es, daß »die Dame, die viel Unglück gehabt hatte«, in Schwerins Leben trat und dasselbe fortan in einer Weise beeinflußte, an die Schwerin nicht im Traume gedacht hatte. * Es gab in den nächsten Tagen für den Major ziemlich viel zu tun. Man besichtigte Wohnungen, was in der Art geschah, daß Frau v. Pauly aus der Wohnungszeitung eine lange Liste zusammenstellte, daß man von Haus zu Haus fuhr und daß Schwerin so lange in der Droschke sitzen blieb, bis die »gnädige Frau« die betreffenden Zimmer oben angesehen hatte. Kam sie herunter und sagte: »Es ist nichts«, so fuhr man weiter, – hielt sie aber die Wohnung aus irgend einem Grunde für besichtigenswert, so half Clemens seinem Herrn aus der Droschke und schob ihn mit Aufwendung einer nicht geringen Mühe die Treppen hinauf. Alle Stufen zusammenaddiert, die Schwerin an diesem ersten Tage emporstieg, hätten vielleicht die Höhe des Eiffelturmes ergeben, und einzig die Rücksicht auf seine unermüdlich eifrige Begleiterin hielt ihn ab, seiner schließlich sehr schlechten Stimmung Ausdruck zu geben. Sie fuhren noch einen zweiten und einen dritten Tag, und als es der Zufall einmal wollte, daß sie am Nollendorfplatz wieder eine Treppe erstiegen hatten und eine übertrieben große, acht Zimmer umfassende Wohnung mit bemerkenswert schöner Aussicht betrachteten, benutzte die »gnädige Frau« Schwerins große Ermattung zu einer ganz eigenartigen Attacke, die vielleicht lange vorher strategisch vorbereitet war, vielleicht aber auch nur einer augenblicklichen Eingebung entsprang: »Wäre es nicht das beste, Herr Major, wenn Sie sich um Lenas willen zu einem großen und wirklich entscheidenden Schritt entschließen wollten? Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihre kleine Junggesellen-Wohnung inmitten der großen geräuschvollen Stadt aufgeben und mit Lena hierher ziehen. Sie wären dann immer in Lenas Nähe, dann erst könnten Sie wirklich an ihr Vaterstelle vertreten. Wie glücklich würde Lena sein, und wie lieb würde sie alles daran wenden, Ihnen das Leben zu verschönen! Eine solche Wohnung! Acht Zimmer! Wie könnte man das alles einrichten! Hier die beiden Zimmer für Sie, Herr Major, daneben Ihr Schlafzimmer, drüben Lenas Zimmer und meines, dort der Salon, das letzte Zimmer rechts als Eßzimmer, – den ganzen Tag Lena bei Ihnen, um Sie besorgt, wie ein Töchterchen, das wieder einen Vater hätte!« Sie war aufgeregt, sie ging hin und her, maß die Breite der Fenster und die Höhe der Stuben, sie deutete hinaus: »Diese Fernsicht, der blaue Himmel, und die frische Luft von den Feldern draußen! Wie behaglich könnte man das alles einrichten! – und die Küche! Sie haben die Küche noch nicht gesehen, Herr Major?« »Nein,« sagte Schwerin und wehrte matt ab, denn trübe, ängstliche Zweifel stiegen in ihm auf, aber sie führte ihn durch den Korridor in die große helle Küche mit dem breiten schneeweißen Herd, und die Phantasie der kleinen Dame, die zwölf Jahre in Schöneberg mit einem Petroleumkocher hatte wirtschaften müssen, sah über lichtem Feuer große eiserne Töpfe brodeln, in denen des Majors Lieblingsspeisen zubereitet wurden. Er wehrte sich immer noch mit einer dunklen Ahnung kommenden Unheils, aber sie malte in feinen und bewegten Farben, und als sie darauf zu sprechen kam, daß die verwaiste kleine Lena zum ersten Male eine Heimat finden und abends neben dem Major sitzen und ihm vorlesen und mit ihm plaudern und ihm dann gute Nacht sagen würde, wurden ihre Augen feucht, und eine Pause trat ein, und dieser unglückliche Schwerin, der in dem leeren Zimmer auf dem einzigen dort befindlichen Rohrstuhle saß, fühlte, daß seine Augen gleichfalls naß wurden. Er war besiegt. Besiegt vielleicht durch die rein äußerliche Erschöpfung des endlosen Suchens. Er sah wie der Wanderer in der Wüste eine Fata Morgana aufsteigen, und schwach, widerstandslos fand er nicht mehr die Kraft, das Wahngebilde mittels der Macht eines ruhig denkenden Verstandes zu zertrümmern. * Nichts wunderlicher als die dreifache Wohnungseinrichtung, die im Laufe der nächsten Wochen in den acht Zimmern am Nollendorfplatz zur Aufstellung kam. Mit seiner opulenten Freigebigkeit hatte Schwerin für Lena zwei sehr reizende Zimmer gekauft, den kleinen Salon ganz in Blau, das Schlafzimmerchen in Weiß und Lila, – beide freilich nur in dem Geschmacke eines erstklassigen Tapezierers ohne irgend welchen individuellen Zug, – aber kein größerer Gegensatz als zwischen dieser Schmetterlingseinrichtung und den uralten, altmodischen, verbrauchten, geschonten, gestickten Dingen, die in einem einspännigen Möbelwagen von Schöneberg anlangten und die zwei für die Frau Doktor v. Pauly reservierten Zimmer füllten. Schwerin hatte beim ersten Anblick dieser niederträchtigen, jeden künstlerischen Eindruck verpfuschenden Möbel die Absicht, ein Machtwort zu sprechen, den ganzen Kram auf die Straße zu setzen und die Eigentümerin durch eine solide Einrichtung zu entschädigen – aber er fand sie mit solchem Eifer beschäftigt, die miserablen, verschlissenen Dinge gut zu plazieren, daß er es nicht über das Herz brachte, das Gerümpel ihr zu verleiden. Und wieder im Gegensatz zu der Frau Doktor Stuben und zu Lenas zierlichen Räumen standen Schwerins drei Zimmer, in denen das ganze Raffinement einer vierzigjährigen Junggesellenwirtschaft sich breit machte. Freilich blieben drei große Kisten, die den Umzug aus der Dorotheenstraße mitgemacht hatten, für alle Zeiten verschlossen, drei Kisten mit Gegenständen gefüllt, die in der Dorotheenstraße paradiert und Schwerins Wohnung vielleicht den eigentlichen Charakter gegeben hatten. Aber alle jene Dinge, Bilder, Statuetten, Bücher hatten in dem neuen Familienheim keine Existenzberechtigung. Alles änderte sich. Dieser Clemens, der bisher ein angenehmes und behagliches Dasein geführt hatte, wurde notwendigerweise zu häuslichen Arbeiten herangezogen, man mietete eine Köchin, hundert Haushaltungsfragen mußten erwogen werden, deren Dasein bis dato dem Major unbekannt gewesen war. Es gab mit Umzug, Einrichtung und so weiter soviel zu tun, daß Schwerin volle drei Wochen hindurch positiv keine Zeit fand, in den Klub zu gehen. Dann eines Tages besann er sich. Es war hübsch, das alles, es gefiel ihm sogar. Der Kontrast gegen seine bisherige Lebensweise war so stark, daß er ihn förmlich jung machte. Aber man kann schließlich nicht alle Fäden zerschneiden, die man während der Dauer eines ganzen Lebens geknüpft hat, und so teilte Schwerin am Schluß der dritten Woche seinen Damen mit: »Morgen abend gehe ich in den Klub.« Dieser Abend im Klub war außerordentlich nett, vielleicht schon deshalb, weil er nach so langer Zeit wieder eine Abwechslung bedeutete. Es sind immer die Gegensätze, die das Leben heiter gestalten. Schwerin wurde viel befragt, nach Lena, nach seinem neuen Haushalt, – man lobte ihn und fand den kompletten Wechsel seiner Lebensweise höchst bemerkenswert. Er war doch ein Teufelskerl, der Schwerin, der mit sechzig Jahren noch im stande war, alle Traditionen umzuwerfen und wie ein ganz junger Mensch neue Wege zu wandeln! Und die alten Junggesellen im Klub, die mittags mit gefüllter Zigarrentasche kommen und spät nachts mit leerer Zigarrentasche wieder in ihr einsames Quartier gehen, beneideten ihn. Dieser alte Dragoner, der wie sie alle seinerzeit den Anschluß verspaßt hatte, war im Handumdrehen ein glücklicher, versorgter Mann geworden, um den zwei Damen, eine junge und eine alte, sich daheim mit einer Sorgfalt mühten, die sonst nur Familienvätern nach einem entsagungsreichen Dasein als später Lohn am Abend des Lebens zu teil wird. Er trank eine Flasche mehr als sonst und kam in so guter, angeheiterter Stimmung nach Hause wie selten zuvor. Ganz leise öffnete er die Türen und schloß sie wieder, ganz leise auf den Zehen ging er über den Korridor in das Wohnzimmer, ein Streichholz in der Hand, – da fuhr er erschreckt zusammen! Dicht vor ihm im hellerleuchteten Zimmer saß die Frau Doktor, die sogleich aufstand und ihm liebenswürdig entgegenkam. »Guten Abend, Herr Major.« »Sie –, Sie haben gewartet –? –?« »Das war doch selbstverständlich, Herr Major.« »Nein, das war wirklich nicht nötig,« sagte er, aber sie nahm ihm seinen Mantel ab und sagte herzlich, gütig: »O ich habe gern gewartet, das verstand sich ja ganz von selbst. Ich habe so viele Nächte an meines armen Mannes Krankenlager gewacht. Ich bin es gewöhnt.« Schwerin stammelte ein Paar Worte, – ganz unklar hatte er die Empfindung, daß dieser Vergleich mit dem Krankenlager eines längst Verstorbenen für ihn etwas Beängstigendes hatte, dann ließ er sich unsicher, tastend auf einen Stuhl nieder. »Sie werden gewiß noch eine Tasse Tee trinken wollen, Herr Major?« »Nein. Durchaus nicht, danke.« Aber sie ging trotzdem eilig in die Küche und brachte ihm nach einigen Minuten wirklich Tee. Das alles war wirklich sehr nett, sehr zuvorkommend, nur daß es ihn beklemmte, ängstigte, und daß es ihm ganz deutlich auffiel, welche Mühe es ihm verursachte, mit der schweren Zunge vernünftig zu reden. Sie holte seine Pantoffeln und den seidenen Schlafrock, sie ging selbst in das behaglich durchwärmte Schlafzimmer und schloß das Fenster, sie war so aufmerksam und besorgt, daß er immerfort nur sagen konnte: »O das ist zu viel, das ist wirklich zu gütig, da – das – –« Dann kam ihm ein Gedanke: weshalb war dieser Esel von Clemens nicht anwesend?! Wie konnte sich dieser Schurke erlauben, zu Bett zu gehen und statt seiner die Dame wachen zu lassen –?! Als er in einer gezwungen-höflichen Fassung diesem Gedanken Worte lieh, fiel sie ihm in die Rede: »Aber ich bitte Sie, Herr Major, das ist doch schließlich meine Pflicht. Wenn man müde nach Hause kommt, will man die kleinen Handreichungen nicht von einem bezahlten Diener entgegennehmen. Ich bin ganz glücklich, daß ich das tun darf. Ich bin Ihnen zu so großem und herzlichem Danke verpflichtet. Das wird immer, so oft Sie ausgehen, meine kleine Pflicht bleiben, die werde ich mir nie nehmen lassen.« ›Nie nehmen lassen‹ – ging es Schwerin durch den Kopf. Mit diesem ›nie nehmen lassen‹ verabschiedete er sich, und mit diesem ›nie nehmen lassen‹ legte er sich schlafen. Er löschte das Licht aus, aber nach einer Weile zündete er es wieder an und sah nach der Uhr: ›½ 4‹. Also bis ½ 4 hatte sie auf ihn gewartet, und würde in Zukunft warten, wenn es auch später würde, ½ 5, – 5, – ½ 6, – 6, oder eventuell noch später! Stets würde er im Klub den ganzen Abend hindurch an sein Nachhausekommen denken müssen, immer würde er mit der Uhr in der Hand sitzen und immer würde, und wenn es noch so spät werden sollte, der Refrain der kleinen, hageren Dame, ›die das viele Unglück gehabt hatte‹, lauten: »O ich habe gern gewartet. Ich bin es ja gewöhnt, ich habe so viele Nächte an meines Mannes Krankenlager gewacht.« * Lena und Frau v. Pauly blieben einander fremd. Die vielen kleinen Beziehungen, die ein gemeinsamer Haushalt mit sich bringt, führten Schwerin und die Frau Doktor viel näher zusammen, als die beiden Frauen. Vielleicht daß Lena in dieser Zeit der Trauer und tiefsten seelischen Erschütterung überhaupt nicht fähig war, sich an irgend jemand, der ihren Weg kreuzte, anzuschließen, aber auch sonst hatten beide in ihrem Wesen so wenig Gemeinsames, daß eine intimere Annäherung schwerlich je zu erwarten war. Schwerin äußerte irgend wann einmal den Wunsch, daß Lena sich mit den häuslichen Pflichten vertraut machen möchte, sie fügte sich auch ohne Widerspruch, aber nach einigen Tagen schlief der schüchterne Versuch wieder ein. Wenn Lena die tote Einsamkeit nicht mehr zu ertragen vermochte, so flüchtete sie nie zu der fremden Frau, sondern immer zu Schwerin. Sie duckte sich auf seinem türkischen Diwan zusammen und unterhielt sich mit ihm. Sie hatten so vieles Gemeinsame erlebt, daß es lange Zeit an einem Thema für ihre Gespräche nicht mangelte. Aber später stockte bisweilen die Unterhaltung; abends in der Dämmerung wurden die Pausen länger und länger, und wenn der Major von seinem Platze am Fenster aus nach dem Diwan hinüberschaute, auf dem Lena in der dunklen Ecke bewegungslos kauerte, so hatte er die Empfindung: sie ist eingeschlafen. Ganz leise ging er dann näher, sobald er aber dicht herangekommen war, schauten ihm Lenas Augen aus dem Dunkel groß und weit entgegen, so daß er regelmäßig eine Art von Schreck bekam. Er setzte sich dann wohl neben sie und nahm ihre Hand, und ohne daß er selbst recht wußte weshalb, wurde er in diesen Stunden traurig und schwermütig. Wie jemand, der in einer dumpfen Luft dicht vor dem Ersticken noch rechtzeitig sich emporreißt und die Fenster öffnet, so sprang er dann auf und begann loszuwettern: »Zum Kuckuck, Lena, das geht so nicht länger! Man soll nichts übertreiben! Auch die Trauer nicht! Sei vernünftig! – – Du!!« Sie stand auf und versuchte zu lächeln. »Dein Unglück ist,« sagte er, »daß du nie in einer vernünftigen Schule warst, nichts gelernt hast. Wer in der Schule war, weiß sich in allen Lebenslagen irgendwie zu beschäftigen! Lies Bücher, anständige, vernünftige Bücher, die dich auf andre Gedanken bringen!« – – und er, der zeitlebens sich um die Litteratur sehr wenig gekümmert hatte, kramte aus seiner Bibliothek die Klassiker hervor, die ganz zu unterst in seinem Bücherschrank unter einem Wust von Rennkalendern, Gestütbüchern, dicken Jahrgängen eingebundener Sportzeitungen, Militärranglisten und vielleicht auch Schriften weniger harmlosen Inhaltes begraben lagen. Mit dem nervösen Uebereifer ihres Alters und ihrer trüben Stimmungen versenkte sich Lena in die Bücher. Sie las ganze Nächte hindurch, und als sie in wenigen Wochen die langen Reihen von Bänden durchflogen hatte, begann sie, – überladen, verwirrt, von einem Durst nach Aussprache gequält – jemand zu suchen, mit dem sie über das Gelesene sprechen könnte, der manches Unverstandene erklären und für ihre übervolle Seele ein Verständnis haben würde. Sie hatte keine Wahl, der einzige war eben wieder Schwerin, – und wie der Zauberlehrling, der die Geister entfesselt hat, sah der Major zuerst erstaunt, dann erschreckt die schweren Brigaden der Klassiker drohend heranrücken. Lena verlangte nicht, daß er jedes Wort aus den großen Bücherreihen kenne, sie wußte selbst gut genug, daß sich der Major zeitlebens mit andern Dingen vorwiegend beschäftigt hatte, aber sie war doch schmerzlich enttäuscht, als er ihr in rein nichts Rede und Antwort stehen konnte. »Wie denkst du über Hamlet, Onkel Schwerin?« fragte sie mit einem letzten schwachen Versuch, und sie war gewiß, daß er wenigstens diesen Hamlet, von dem alle Welt spricht und der alle vierzehn Tage einmal an irgend einer Berliner Bühne zur Aufführung gelangt, einigermaßen kennen würde. »Ja, ja, Hamlet –,« sagte er und gab sich einen verzweifelten Ruck, – »sehr richtig, – ein klassisches Werk, meine liebe Lena. Ein englisches Drama, von Shakespeare, Englands berühmtesten Dichter. Ich habe das Stück anno 68 selbst in London gesehen, ausgezeichnet. Ich kenne es nicht deutsch, nur englisch – verstehst du – ich habe früher sehr viel Englisch gelesen: Bulwer, Scott, Cooper – ja, ja diese Engländer! Sie sind in allem groß! In Pferden, im Reiten, in Gaunereien und – was natürlich nichts damit zu tun hat – in Litteratur!« Aber er wußte sich mit dem besten Willen der Einzelheiten des Dramas nicht mehr zu entsinnen, und so schützte er eine Ausrede vor: daß er momentan keine Zeit habe, darüber zu reden, daß er aber morgen – jawohl, morgen – auf das Thema zurückkommen werde. Und als Lena das Zimmer verlassen hatte, mit dem Buche in der Hand, klingelte er hastig dem Diener: »Du gehst sofort zum Buchhändler und holst Hamlet von Shakespeare. Du sagst niemand etwas davon. Du bringst das Buch hier in mein Zimmer und versteckst es, falls ich nicht anwesend sein sollte, dort in der Ecke. Verstanden?« »Ja,« sagte Clemens, aber Titel und Dichter waren ihm natürlich nicht geläufig, so setzte sich der Major an den Schreibtisch und schrieb auf einen großen Bogen weißes Papier die Bestellung: ›Hamlet von Shakespeare.‹ Es war seine Absicht gewesen, in den Klub zu gehen, statt dessen saß er nun bis über Mitternacht und las das Buch. Zuerst mit einem verdrossenen Aerger, dann aufmerksamer und schließlich in einer Art von Selbstachtung. Er verstand aller Wahrscheinlichkeit nach von den dichterischen Schönheiten und dem Tiefsinn des Dramas nur das Wenigste, aber Hergang und Stoff wirkten auf ihn mit der Kraft, die nur eine naive Seele empfindet. Auf solche Weise kam es, daß Schwerin – immer der gleichen Kriegslist folgend – über Winter eine beträchtliche Anzahl von Dramen las, und es gelang ihm gelegentlich einmal im Klub den langen Kleist bei dessen Unkenntnis von seines großen Oheims Werken so gründlich aufs Trockene zu setzen, so an die Wand zu drücken und dermaßen festzunageln, daß alle Anwesenden mit erstaunten, ängstlichen Gesichtern Schwerin beobachteten. »Es ist ein Skandal,« sagte er, – »ein Skandal –,« und ohne daß er es sich selbst eingestand, erfüllte ihn dieser Triumph seines klassischen Wissens mit einer vielleicht größeren Genugtuung, als alle Rennbahnsiege, die er einst erfochten hatte. – – So ging es den Winter hindurch; als aber der Frühling kam und die Sonne an jedem Tage ein paar Minuten später unterging, wurde Schwerin unruhig, aufgeregt, und am Ostermontag erklärte er seine Absicht, heute nachmittag zum Rennen gehen zu wollen. Die kleine Frau u. Pauly war außer sich vor Schreck: »Bei dem Ostwind, Herr Major!! Wo Sie kaum eben den Husten überstanden haben –!! – Zum Rennen!!« Einen Moment zögerte er selbst, – es war vielleicht wirklich ein nicht zu billigender Leichtsinn, – aber es ging ihm wie den altgewordenen Remonten, denen die Trompete ins Ohr klingt, und die dann die Ueberzeugung gewinnen, daß sie unbedingt dabei sein müssen. »Nein, nein, ich muß,« sagte er, – »ich, ich –« und er begann zu lügen, – »ich habe da Verpflichtungen; sehr wichtige, es ist unmöglich – absolut –« Und so ging er wirklich. Es war Ostwind, allerdings, in allem übrigen aber der allerschönste Frühlingstag, und als Schwerin nun in seiner Droschke in dem schwarzen Menschenstrom fuhr, der nach Charlottenburg hinauspilgerte – und als er dann draußen stand in diesem tollen, lustigen Wind, der über die Höhen von Westend und das junge Frühlingsgras fegte, da war es ihm, als ob er aus einem wüsten Traum erwache. ›Ich habe mich einsperren lassen‹, dachte er, ›total! Ich war in diesem Winter nahe daran, einzuschlafen. Weiß dieser und der, was in mich gefahren ist, aber ich glaube wirklich, es hätte nicht viel gefehlt und ich säße heute zu Hause in Filzpantoffeln!‹ Er sah wieder die düsteren Winterabende in der Wohnung am Nollendorfplatz, Lena in Trauerkleidern, die kleine Dame des Hauses gleichfalls in Schwarz, – er dachte an Hamlet und die Angst vor dem Ertapptwerden irgend welcher Unkenntnisse, – er erinnerte sich seiner spärlichen Versuche, den Besuch im Klub allwöchentlich wenigstens einmal aufrecht zu erhalten, und er sah wieder die Lampe, den Tee, die Pantoffeln, das hagere, kleine Gesicht, die alle vereint bei jedem Nachhausekommen ihn wie einen hilflosen alten Herrn sorglich erwartet hatten. Pferde wieherten, allenthalben flatterten Fahnen; da schob der Major wie ein Junge beide Hände in die Hosentaschen und versuchte ein paar Töne zu pfeifen. »Ich pfeife auf alles! Auf alles! Das muß alles ganz anders werden. Das muß alles wieder so werden wie früher. Schließlich auch mit Lena. Das Mädel geht zu Hause zu Grunde, genau wie ich selbst.« Er schüttelte hundert Bekannten die Hand und trank ein Glas Sekt und wettete und gewann und trank noch ein Glas Sekt und gewann wieder und fuhr abends mit Otto Oettingen in dessen Dogcart via Charlottenburg nach Berlin. Er speiste wieder im Hotel, er ging mit Otto in den Wintergarten, er war bis Mitternacht und darüber hinaus der lustige Schwerin, der, wie alle Leute versicherten, bei vernünftiger und heiterer Lebensweise nie alt werden würde. Dann fuhr er in offener Droschke nachts zwei Uhr durch den Tiergarten nach Hause und trällerte ein Lied und kam mit ganz festen Schritten in die Wohnung und sagte zu der verdutzten, wartenden, mit Pantoffeln kommenden Frau Doktor: »Wenn wir nicht ernstliche Feinde werden wollen, meine verehrte gnädige Frau, dann muß das jetzt aufhören! Nie mehr Pantoffeln, nie mehr Tee, nie mehr dieses Gewarte! Weiß der Kuckuck, ich kann das nicht leiden! Ich bin kein Greis, meine verehrte Gnädige, ich bin ein Mann, der mit dem Leben keineswegs schon abgeschlossen hat. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir noch eine Flasche Sekt trinken, denn es ist noch früh am Tage.« Und als sie erschreckt, ganz starr vor Staunen und total kopflos hinausgegangen war, um die erwähnte Flasche zu holen, fand sie ihn zurückkommend am offenen Fenster stehen. »Es ist Frühling draußen, und hier drin herrscht eine Luft wie um Weihnachten! Das muß alles anders weiden, meine verehre Gnädige, – dieser ganze Haushalt muß umgekrempelt werden, – ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen. Sind wir auf der Welt, um alte verdrossene Leute zu sein?! Weiß der Teufel, nein!!« Er öffnete selbst die Flasche und goß den Wein ein, nicht in die dünnen Kelche, die sie mit zitternder Hand herbeigeholt hatte, sondern in zwei große Wassergläser: »Auf Ihr Wohl, meine Gnädige, und auf unser aller Wohl! Das ist das letzte Glas, das wir beide miteinander zu nachtschlafender Zeit trinken, denn von jetzt an möchte ich, – hol mich dieser und der! das ist mein fester Entschluß! – vom Klub nach Hause kommen ohne Empfang.« Zwei große Tränen standen ihr in den Augen, aber der Major legte ihr mit Hintenansetzung jeglicher Feierlichkeit die Hand auf die Schulter und stieß derb mit den Gläsern an: »Darum keine Feindschaft. Immer heitere Gesichter. Das ist die Hauptsache! Immer jung bleiben! Lustig!« * Das war für lange Zeit Schwerins letzter heiterer Tag. Er hatte sich in der offenen Nachtdroschke oder bei dem am Fenster stehen oder irgend wann in dem tückischen Ostwind einen Knacks geholt, der nach Ansicht des Arztes vielleicht nie wieder ganz und gar zu reparieren sein würde. Es wurde zunächst einmal ein wochenlanges Imbettbleiben als Basis aller künftigen medizinischen Maßnahmen verordnet, und während draußen der Ostwind in einen linden West umsprang und nun wirklich der Frühling einzog, der mit dem hinterlistigen Talmi-Frühling vom Ostermontag nichts mehr zu tun hatte, – und während dieser sonnigen Apriltage, die in einen wunderschönen Mai hinüberleiteten, lag der Major hinter verschlossenen Fenstern, in dicke Tücher verpackt, unter denen sich unangenehme, kalte Umschläge verbargen. Er durfte nicht rauchen, er durfte nicht trinken, – er bekam morgens eine Bouillon, nachmittags eine Bouillon, abends eine Bouillon, alle drei mit eingeweichten Semmeln, – er wurde nahezu vier Wochen lang nicht rasiert, – und als der Doktor mit zufriedenem Lächeln nach etwa einem Monat Schwerin gestattete, zum erstenmal ein Stündchen aufzustehen, war der Major so schwach, daß er in den Beinen zusammenknickte und ohne Clemens' und der gnädigen Frau Unterstützung unfehlbar vornüber gefallen wäre. Er blickte in den Spiegel und sah einen alten Herrn mit eingefallenem Gesicht und grauen scheußlichen Bartstoppeln, dem man um den Hals ein dickes Tuch gewickelt hatte, und der ohne Monocle aussah wie – – es war wirklich schwer zu sagen wie was. Bis ihm ein schauderhafter Vergleich einfiel: »Ich sehe aus wie ein Verbrecher!« Alle lachten, sogar Clemens mit einem respektwidrigen, tönenden Gewieher, sogar Lena, die zärtlich ihre Arme um des Majors Hals legte und sagte: »Du mußt dich nur schonen, Onkel Schwerin, dann wird alles bald wieder besser.« Aber Schwerin lachte nicht. Eine Stunde später, als man ihn rasiert, frisiert, zurechtgemacht hatte, als das graue Tuch entfernt und statt dessen ein seidener Shawl ihm um den Hals gelegt war, als er in der Fensternische saß in seinem bequemen Stuhl und das Monocle ins Auge geklemmt hatte, da endlich hatte er wieder ein menschliches Aussehen, und der fatale Vergleich von vorhin war hinfällig geworden. Aber wenn auch kein Verbrecher, so war der arme Schwerin doch ein alter, verfallener Mann geworden, das spürte er selbst am allerbesten. Man erlaubte ihm, eine ganz leichte »Henri Clay«, aber sie schmeckte abscheulich, und er legte sie nach ein paar Zügen wieder fort. An jedem Tage brachte Lena von ihren Spaziergängen große Blumensträuße mit heim, über die er sich zu freuen vorgab, die ihm in Wahrheit aber immer einen Stich ins Herz versetzten. Er las nicht mehr Hamlet und die Klassiker, denn es gibt Stadien im menschlichen Leben, in denen man auf die kleinen Heucheleien vergangener Zeiten verzichtet. Seine Lektüre waren wieder wie zu aller früheren Lebenszeit die Sportzeitungen, aber sie hatten auch nichts Heiteres für ihn, im Gegenteil, denn wenn draußen die Sonne schien und er sich sagen mußte: jetzt fahren sie nach Hoppegarten, morgen beginnt das Meeting zu Leipzig, – und er nachsann: ich bin nicht dabei und werde vielleicht nie wieder dabei sein, – dann kam ihm seine Lage eigentlich erst recht zum Bewußtsein. Ganz langsam begannen seine Kräfte wieder zu erstarken, in den letzten Tagen des Mai durfte er zum erstenmal einen Spaziergang machen, zweimal um den Nollendorfplatz herum, – so oft er indessen die schüchterne Behauptung aufstellte, er fühle sich wieder ganz wohl und werde eventuell das alte Leben demnächst wieder aufnehmen, geriet seine Pflegerin in eine fast hysterische Erregung. Sie deutete an, daß sie lieber alles: Stellung, Wohlleben und die freundschaftlichen Beziehungen zu dem Major verlieren wolle, als je wieder dulden, daß Schwerin vorzeitig auf seinen Ruin ausginge. Wenn er hustete, begann sie vor Schreck zu zittern, und obwohl Schwerin mit eiserner Energie und in banger Furcht vor solcher Wirkung gegen jeden Hustenreiz ankämpfte, so ließ sich natürlich dieser Tyrann kranker Leute nicht immer unterdrücken. Dann wurden alle Türen verschlossen, alle Fenster verstopft, und die Angst vor dem Zugwind wurde in so tausend Ausrufen variiert, daß der Major schließlich selbst diesen Zugwind als seinen künftigen Mörder zu betrachten begann. Sie besaß aus ihres Gatten Nachlaß eine ganze Anzahl von Krankenbüchern, die sie aus einem uralten, mottenzerfressenen Seehundskoffer hervorsuchte und Schwerin dringend zu lesen empfahl. Lange Zeit weigerte er sich mit dem guten Instinkt einer von Haus aus gesunden Natur auf diese Lektüre sich einzulassen, aber die Bücher lagen vor ihm, grinsten ihn an, bis er sie schließlich öffnete, um dann aus ihnen mit immer wachsendem Schrecken zu erfahren, daß der Mensch nichts als ein Wanderer zwischen zehntausend Krankheiten ist, deren irgend eine ihn über kurz oder lang mit tödlicher Sicherheit zu Fall bringen wird. Er führte im übrigen ein ziemlich behagliches Leben, kein Mensch konnte mit mehr Liebe und Sorgfalt verhätschelt werden, und dieses Wohlleben ohne alle Sorgen und Aufregungen mit spätem Aufstehen und zeitigem Zubettgehen hatte etwas Erschlaffendes, Einlullendes, bis Schwerin in seinem Capua langsam die Welt draußen zu vergessen begann. Abends nach Tisch legte er Patience, die seine Pflegerin ihn gelehrt hatte, – ein toller Gegensatz zu Schwerins früheren Kartenspielen! Bisweilen spielten sie auch sechsundsechzig, die Partie um zehn Pfennig, was aber Frau v. Pauly so sehr aufregte, daß sie, namentlich wenn sie im Verlust war, des Herzklopfens wegen aufhören mußte. Lena saß stumm dabei, ohne je mitzuspielen. Es war eine Lethargie über sie gekommen. Sie fühlte sich nicht unglücklich, nur eingeengt und müde. Sie dachte an Oldeslo und daß es dort eigentlich sehr fröhlich gewesen sei, – sie hatte da Freundinnen gehabt, – George, – aber sie fühlte nicht einmal eine rechte Kraft der Sehnsucht. Fast an jedem Tage kamen Briefe von George, in denen von seinen Arbeiten und dem gut bestandenen Doktorexamen die Rede war. Sie sehnte sich nach ihm, gewiß, aber auch das ohne eine leidenschaftliche Kraft. Auf die junge Liebe war der Mehltau gefallen, zu sehr, – sie hatte oft den Eindruck, als ob sie beide, George so gut wie sie selbst, sich in ihren Briefen Mühe geben müßten, im Beginne und am Schlusse warme Worte zu finden. – – An einem Sommerabend traf sie von einem Spaziergang heimkehrend Schwerin auf dem Balkon, wo er die Blumen begoß, – er stellte, sobald er Lena sah, die Blechkanne beiseite, ging mit Lena in das Zimmer zurück, schloß die Türen und begann in einer sonderbaren Erregung auf sie einzureden: »Uebermorgen ist in Harzburg die große Auktion! Da lies, es werden achtzehn Jährlinge versteigert. Lena, ich war jedes Jahr in Harzburg, du weißt, es war immer einer der lustigsten Tage im ganzen Jahre, und weißt du, ich möchte, – ich möchte wirklich noch einmal hin.« Sie sah ihn etwas erstaunt an: »Ja, weshalb nicht?« »Es ist,« sagte er, – »ja, wie soll ich mich ausdrücken, – es ist, – weißt du, Lena, wenn du mich begleiten würdest, dann ginge es vielleicht. Sie wird mich nicht so allein reisen lassen wollen, das heißt – und natürlich hat sie auch vielleicht recht – denn es ist immerhin eine Reise, eine ganze Ecke, und natürlich muß ich mich noch schonen, – aber wenn du mitreisen würdest, dann wäre alles anders, das ist klar, – und deshalb, Lena, du tätest mir einen großen Gefallen, wenn du selbst mit ihr das – wenn du es mit ihr besprechen wolltest, jetzt gleich.« Lena verstand vielleicht nicht ganz sein sehnsüchtiges Verlangen, sie war so müde und gleichgültig, daß Schwerins plötzliches Projekt sie mehr überraschte als erfreute, – als er aber aus ihren Mienen die Teilnamlosigkeit las, verdoppelte sich sein Eifer. Und wie aus der Pistole geschossen kam ihm ein rettender Gedanke: »Du könntest dann an – an George schreiben, daß er auch hinkäme, daß er dich – uns – in Harzburg träfe.« – Sie sah ihn völlig verdutzt an, zum erstenmal war dieses Wort »George« zwischen ihnen gefallen, nie hatte Schwerin seiner Erwähnung getan, – es zuckte in ihrem Herzen, als ob ein feiner Stich sie verwundet hätte. Er merkte, daß er in seine Attacke wieder einmal unsinnig rasch draufgegangen war, daß mit diesem vehement ins Treffen gebrachten »George« wahrscheinlich der ganze Plan vernichtet sei, und seine Züge nahmen einen so ängstlichen Ausdruck an, so hoffnungslos, daß Lena – von tausend Gefühlen durchstürmt und erwachend aus einem dumpfen hindämmern – sich plötzlich an seine Brust warf und ihr Gesicht verbarg. Schwerin war erschreckt, er deutete diese Erregung wiederum falsch, und in dem Schuldbewußtsein, Lena gekränkt, beleidigt, verwundet zu haben, sagte er hastig: »Nein, Lena, wir wollen ja auch nicht hin, ich will ja gar nicht, es ist ja alles Unsinn.« Da beugte sie den Kopf zurück und sah ihn an: »Doch! Doch!!« Ihr Gesicht strahlte: »Wann werden wir fahren? Erst morgen?! Nein, heute schon! Ich werde George depeschieren.« – Ganz außer sich vor Glück tat sie ein paar Schritte, als gelte es schon, die Sachen zusammen zu suchen, und strich über das Kleid mit diesem ersten Gedanken: ›Was werde ich anziehen –?‹ – dann lief sie mit ausgebreiteten Armen wieder zu ihm: »Lieber, lieber Onkel Schwerin!« – Stark, gewaltig trat der Major in den Vorplatz und rief mit seiner alten, lange nicht mehr gehörten Donnerstimme: »Clemens! Die Koffer her! Wir packen! Wir fahren nach Harzburg!« Clemens stürzte herein, die Frau Doktor stürzte herein, – sie sahen, wie Schwerin den rechten Pantoffel vom Fuße weg gegen den Ofen schleuderte: »Meine Stiefel her! Ich bin noch nicht altes Eisen! Noch lange nicht rheumatisches, verrostetes Eisen!« – Und als Clemens ihn ungläubig anschaute und ganz dumm, hoffnungsvoll, entzückt fragte: »Werden Herr Major in Harzburg – Herr Major wieder Pferde kaufen –?« schlug Schwerin ihn auf die Schulter, jugendfrisch, lustig: »Das wird sich finden, Clemens! Sich finden!!« Achtes Kapitel Lena hielt Georges Hand in der ihrigen, so zog sie ihn mit sich durch die hin und her drängenden Menschen bis zu Schwerin, dicht vor ihn hin: »Das ist George.« »Freut mich,« sagte Schwerin und schüttelte Georges Hand, »freut mich aufrichtig.« – – Aber er war nervös erregt, weil Lena ihn fünf Minuten lang hier hatte allein stehen lassen. Sie waren von Braunschweig aus mit dem Extrazuge gefahren, der eigens der Harzburger Jährlingsauktion wegen von Hannover kam, und als Lena bei der Ankunft in Harzburg aus dem Fenster des Coupés gespäht hatte und George aller Verabredung, allen Eilbriefen, allen Telegrammen zuwider in dem Gedränge wartender Leute nicht sofort zu finden war, hatte sie rücksichtslos den Major stehen gelassen und war mit ängstlich suchender Miene in dieses Gewühl untergetaucht, hastig rechts und links blickend, mit ihrer schmächtigen Figur sich hindurchwindend, immer rücksichtsloser, immer erregter, bis sie endlich mit einem leisen Aufschrei in Georges Arme fiel. »Du! Du! Endlich!« Dann hatte sie ihn an der Hand ergriffen und ihn mit sich gezerrt, den ganzen Weg zurück, wieder durch das Gewühl, oft sich umschauend und ihm zunickend, dann wieder ausspähend nach Schwerin und die Wogen vor sich zerteilend wie ein kleiner Schleppdampfer, der einen der großen Ozeanfahrer in den Strom bugsiert. »Das ist alles vortrefflich,« sagte Schwerin, »aber du hast mich unverantwortlich warten lassen. Es ist die allerhöchste Zeit, wir finden schließlich keinen Wagen, ich werde schließlich noch zu Fuße laufen müssen.« Eine Wagenburg hatte sich vor Ankunft des Zuges am Bahnhofe aufgestaut, Jagdwagen, Equipagen, Halbchaisen, alle vortrefflich bespannt und mit Kutschern in der herzoglichen Livree. Auf diese Wagenburg hatte seitens der angekommenen Herren ein Sturm stattgefunden, und nun die Wagen gefüllt waren, suchte jeder der Kutscher möglichst rasch aus dem Gedränge hinauszukommen. »Wir bekommen richtig keinen Platz mehr,« sagte Schwerin, aber gerade zur rechten Zeit noch, um das aussteigende Gewitter seines Zorns zu zerstreuen, kam vom Gestüt her ein gutes Schimmelgespann, dessen Kutscher die erste kurze Fahrt bereits beendet hatte und nun zurückgeschickt war, um Nachzügler aufzulesen. »Heda Sie!« schrie Schwerin, aber sein Winken und Rufen wäre nicht einmal nötig gewesen, – eine halbe Minute später saß er mit Lena und George wohlgeborgen und aufatmend in dem gelben Jagdwagen hinter den Schimmeln. Die Pferde liefen, was sie laufen konnten, der Wagen sauste auf und nieder, und bei einer scharfen Biegung sprang er, über einen Stein rollend, so derb empor, daß Lena dem gegenübersitzenden George geradewegs in die Arme flog. Sie lachte so laut und herzlich, wie Schwerin sie seit undenklicher Zeit nicht mehr lachen gehört hatte, und ganz unmotiviert, der Situation absolut nicht entsprechend, nur um seiner nunmehr glänzenden Stimmung irgendwie Ausdruck zu geben, holte er seine Zigarrentasche hervor und klopfte George auf die Schulter: »Nehmen Sie eine Zigarre, lieber Freund.« Es war mittags elf Uhr, ein sonniger Julitag. Sie sahen vor sich die lange Wagenreihe, – von den Hecken rechts und links nickten die wilden Rosen. George begriff das alles nicht. Er hatte mit Lena noch kein einziges, vernünftiges Wort gesprochen, von Liebesworten ganz zu schweigen. Sie hatten ihn ohne weiteres zwischen sich genommen, man war in den Wagen gestiegen, man jagte mit den zwei Dutzend andern Wagen vorwärts, und er hatte keine Ahnung wohin. Aber zum Fragen fand er nicht Zeit, denn drei Minuten später war die Fahrt beendet. Sie stiegen aus und befanden sich in einem Kreise von mindestens hundert Herren, die zwischen zwei langen Mauern vor einer verschlossenen Tür auf Einlaß zu warten schienen. Jeder begrüßte jeden, jeder schien jeden zu kennen, aber kaum war Lena aus dem Wagen gesprungen, als sie auch schon den Mittelpunkt dieses großen Kreises bildete. Dutzende drängten heran, Dutzende schüttelten ihr die Hand, und immer dieselben Ausrufe und Fragen: Wie groß sie geworden war! Wie lange hatte man sie nicht gesehen! Fast zwei Jahre! Ja, wo war sie denn gewesen?! Man hatte sie halb vergessen gehabt, wie diese rasch lebende Welt ihren Vater schon halb vergessen hatte. Nun war Lena Stennsberg auf einmal wieder da, kein Kind mehr, sondern ein großes, schlankes Mädchen, noch halb in Trauer, aber bildhübsch, viel hübscher noch, als sie einst zu werden versprochen hatte. Dem einen oder andern wollten sich bei der Begrüßung einige verspätete Worte von Beileid auf die Lippen drängen, – aber dieser Todesfall lag ja schon so weit zurück, – es hatte wirklich keinen Sinn, jetzt in dieser lachenden, heiteren Menge und in der Sommerstimmung der Harzberge daran zu erinnern. George stand einige Schritte beiseite. Schwerin sprach mit ihm, irgend etwas, vielleicht sehr Freundliches, aber George hörte nur mechanisch und antwortete nur mechanisch, denn sein Blick war auf Lena geheftet, die da dicht neben ihm stand, allen Herren die Hand reichte – lächelte, sprach, – – andern die Hand reichte,– – und immer wieder hörte er erstaunte Ausrufe rechts und links und vor und hinter sich: die kleine Lena! Lena Stennsberg! Sie ist wieder da! Wo kommt sie her?! Die Holztür in der Mauer öffnete sich, dann drängte der ganze Strom von Herren hinein. Eine langgestreckte, eingefriedigte Wiese lag vor ihnen, und den Eintretenden gegenüber an der andern Seite der Holzbarriere stand ein Pferd, schlank, zierlich, das erstaunt und etwas ängstlich die hereinflutende Menschenmenge anstarrte. Es war einer der Vollblutjährlinge, ein junges Tier, dessen ganze Figur aber auf einen flüchtigen Blick hin an alles eher als an ein Füllen denken ließ. Zwei der Gestütswärter begannen die Stute zu scheuchen, und nun galoppierte sie in der großartigen, weitausgreifenden Aktion des Vollblutpferdes die Mauer entlang. Immer wieder wurde sie weiter gescheucht, sie hieb mit den Hinterhufen in die Luft, wieherte laut auf und flog in ihrem glänzenden Haarkleide wie ein Ball die Wiese entlang, mitten zwischen den Herren hindurch, von denen einige erschreckt zurückwichen, haarscharf an George vorbei. Er war erstaunt er hatte ein solches Pferd nie gesehen. Als er sich umschaute, war er von Lena getrennt, aber er fand sie gleich darauf wieder, und sie gingen nun mit den andern nach der Ecke der Wiese, in die der Jährling sich geflüchtet hatte. Man schloß einen Kreis um das Pferd, ganz dicht, und einige der Herren traten heran und musterten die Muskulatur und die Formation aus nächster Nähe. Die Stute ließ sich alles gefallen. Sie stand ganz still und blickte nur erstaunt auf die vielen Menschen, deren Augen sämtlich auf sie gerichtet waren. Lena beugte sich nieder, riß ein Büschel aus der Wiese und reichte ihr das Gras, und zutraulich neigte die kleine Stute den schmalen Kopf vor, neugierig, schnuppernd. Der Oberlandstallmeister, der die Honneurs machte, trat lächelnd neben die beiden: »A very fine little filly, Miss Lena, – eh –?« Und sie nickte ernsthaft: »Yes. A very good horse.« Dann ging man weiter, durch immer andre Holztüren und immer neue Paddocks, mehr als ein dutzendmal wiederholte sich das gleiche Schauspiel. Einige der Herren machten sich jedesmal Notizen, den meisten schien die Sache aber auf die Dauer unter dieser brütenden Julihitze langweilig zu werden. Was Schwerin betrifft, so gab er nach der fünften oder sechsten Besichtigung das Weitergehen auf, weil sein Bein dieses stundenlange Umherstehen nicht vertragen konnte; in Lena aber schien die feine Erregung nur zu wachsen. Sie suchte mehr als einmal nach Georges Hand und zog ihn aus der zweiten Reihe vor, um mit ihm ganz nahe an die jungen Tiere heranzutreten: »Sind sie nicht wunderschön? Gibt es auf der ganzen Welt ein prachtvolleres Tier als diese jungen englischen Pferde?« Mit wunderlichen Ausdrücken, die George nur zum geringsten Teile verstand, nannte sie ihm die Vorzüge dieses und jenes Pferdes, immer rasch beobachtend und immer irgend einen entscheidenden Vorzug oder einen entscheidenden Fehler schnell sehend. Sie war wie in einem Rausch, alles erinnerte sie an die vergangene Zeit und an ihren Vater, mit dem sie oft als Kind in Julitagen diesen Rundgang durch das Harzburger Gestüt gemacht hatte. Aber heute zum erstenmal lag in der Erinnerung an ihn nichts Wehmütiges mehr. Wieder dann drückte sie seine Hand und sagte ganz leise: »Ich bin so glücklich, George, nun habe ich dich endlich einmal wieder. Du bist auch glücklich? Ja?« Ja, er war glücklich. Sie sah ganz anders aus als früher, größer geworden, das Gesicht noch blaß, aber die Augen strahlend. Er hatte sie immer nur in dem grauen Kleid gesehen, wie es die andern Mädchen im Hause der Generalin trugen, heute zum erstenmal erschien ihm Lena auch in der Kleidung als Dame. Ueber den alten Schloßhof trat man unter der efeubewachsenen Mauer des Schlosses in eine kleine Turmtür, ging eine steile Wendeltreppe empor und gelangte in die Zimmer und Säle, wo der Oberlandstallmeister seine Gäste willkommen hieß. Da oben war es kühl in vollem Gegensatze zu der Julihitze draußen auf den Wiesen. Schwerin war schon anwesend und nahm George und Lena sogleich in Beschlag. »Ich habe einen Platz reserviert, kommt nur mit,« und zwischen den mit Silbergeschirr beladenen langen Tischreihen hindurch führte er sie in das letzte kleine Zimmer. »So, da werden wir speisen. Ich habe einen verteufelten Hunger, das ist das Beste, was man nach Harzburg mitbringt.« Die Herren ließen sich in bunter, ungezwungener Reihe an den Tischen nieder, – Reden, Lachen füllte die Zimmer, und die Lakaien aus dem herzoglichen Schlosse zu Braunschweig begannen die Schüsseln umherzureichen. »Fräulein Lena als die einzige Dame an den Ehrenplatz,« sagte der Oberlandstallmeister, dann hob sich Schwerin, der seine Serviette schon entfaltet hatte, ein wenig aus seinem Stuhl in die Höhe und stellte den übrigen Herren, die hier am »Honoratiorentische« Platz genommen, George vor: »Gestatten die Herren: mein junger Freund, der Doktor Dufour, Se. Durchlaucht der Herzog von Sohrau, Herr v. Cleve, Se. Durchlaucht der Fürst von Langenberg, Graf Bernstorff, Oberst v. Massow – und nun, meine Herren, gesegnete Mahlzeit.« »Wo hast du die letzte Zeit gesteckt, Schwerin?« fragte Massow, aber der Major brummte eine unverständliche Antwort: »Was trinkst du, Lena, rot oder weiß?« Es war George, als ob er verirrt sei, oder als ob er träume. Was bedeutete das alles? Niemand hatte ihn zu Tisch geladen, und nun saß er hier, sah vor und hinter sich die Lakaien, hörte den Herrn, der als der Herzog von Sohrau bezeichnet war und links neben ihm saß, ihn irgend etwas fragen und hörte sich antworten und hatte die Empfindung, daß alles sich im Kreise zu drehen begann. Es wurden Speisen gebracht, die er nicht kannte, von denen er mechanisch nahm, – man füllte die Gläser vor ihm mit Wein, zuerst mit gelbem, dann mit rotem, dann mit weißem, schließlich mit Champagner, – er trank, aß, – Schwerin stieß mit ihm an, – der Herzog hielt eine Art von Toast, in dem er davon sprach, daß man Lena zwei Jahre nicht gesehen habe und sie nun in aller Zukunft nicht wieder zu verlieren wünsche, – die Gläser klirrten, man stieß mit Lena an, – aus allen Zimmern klang lautes Reden und Lachen, – George war nahe daran, die Haltung zu verlieren. Aber mit der Zeit wurde er ruhiger. Er hatte zuerst geglaubt, jeder hier müsse ihn anstarren wie einen Fremden, der sich unerhörterweise in eine Gesellschaft gedrängt habe. Aber nun sah er, daß kein Mensch ihn besonders beachtete, daß höchstens dann und wann sein Nachbar ein freundliches Wort mit ihm sprach oder der Oberst vis à vis ihn anredete: »Sind Sie schon häufiger in Harzburg gewesen?« »Haben die Jährlinge Ihnen gefallen? Welcher am besten?« »Werden Sie kaufen?« Und langsam begriff er, daß alle die Anwesenden Gäste des herzoglichen Gestüts seien, daß sie ohne weitere Einladung gekommen waren, und daß man dieses fürstliche Diner nur deshalb servierte, weil man von jedem einzelnen hoffte, daß er nachmittags an der großen Auktion der Vollblutpferde sich aktiv beteiligen werde. Man unterhielt sich, man lachte lauter, die Stimmung wurde immer ungezwungener, niemand kümmerte sich um den andern; da plötzlich fühlte George, wie Lena seine Hand suchte und diese Hand drückte. Ganz leise sagte sie: »George, ich bin so glücklich.« Sie erhob ihr Glas, nickte ihm lächelnd zu und setzte es an die Lippen. Dann fragte sie nach Oldeslo, nach der Generalin und den Mädchen, von denen die meisten nun wohl auch schon von Oldeslo fort waren. Sie begannen ihre Erinnerungen auszutauschen, sie rückten mit ihren Stühlen näher aneinander, und während ringsumher von den Pferden die Rede war, von »Savernake« und den Vorzügen des »Stockwell-Blutes«, während Schwerin für »Chamant« eine Lanze einlegte und dieserhalb mit dem Herzog in einen ernstlichen Streit geriet, – saßen Lena und George nebeneinander und vergaßen alles um sich her. Sie preßte seine Hand: »Du versprichst es mir, George, du kommst nach Berlin,« und als er zögerte, wurde sie erregter: »Wenn du mich lieb hast, George, kannst du mich nicht länger allein lassen. Du wirst in Berlin ebenso gut arbeiten wie zu Hause, oder vielleicht noch viel besser. Wir würden uns immer nur eine Stunde jeden Tag treffen, und wenn du die Stadt erst kennst, wirst du nie wieder fort wollen.« Er sann vor sich hin und antwortete nicht. – Dann, ganz unvermittelt, schaute er auf: »Lena –?« »Was?« Er begann zu sprechen mit einer halblauten Stimme. Ganz ruhig und so klar, daß er sich selbst darüber wunderte, setzte er ihr auseinander, daß für sie und ihn selbst die Entscheidung nahe sei. »Wir müssen wissen, was wir wollen, Lena. Wenn ich für uns beide eine Zukunft begründen soll, dann ist jeder Tag verloren, an dem ich nicht geradeaus auf das Ziel losmarschiere. Ich kann da nicht experimentieren, Lena, am allerwenigsten in Berlin, wo die jungen Aerzte verhungern. Eine sichere Zukunft finden wir beide nur in Oldeslo. Wenn ich allein stände und für niemand zu sorgen hätte, könnte ich gehen, wohin ich Lust hätte, aber so – – –« Lena saß in ihrem Stuhl zurückgelehnt, die Hände ineinander verschränkt. Rings um sie her die Kavaliere mit den großen Namen und reichstem Besitz – und neben ihr George, der von Sorgen redete und seiner kleinen dürftigen Zukunft. Aber er sprach weiter, mit dieser Stimme, die sie so lange nicht gehört und nach deren Klang sie sich gesehnt hatte. Seit sie ihn heute wieder gesehen und die Stimme gehört hatte, hielt der Zauber von einst ihr Herz von neuem gefangen, stärker als je. Nein, sie würde nie mehr von ihm lassen können, nie mehr glücklich sein ohne ihn! – Er erzählte, er malte mit warmen Farben die künftigen Tage ihres gemeinsamen Glücks, er erinnerte an die Sommertage im Hardisberge, – und da stieg vor ihr die vergangene schönste Zeit wieder herauf, und wieder schimmerte um die kleine Stadt ein Glanz jener Märchenstimmung, die sie einst selbst gewebt hatte. Durch das geöffnete Fenster sah sie die Harzberge, davor die grünen Wiesen. Das alles war in Oldeslo fast ebenso. Nichts von dem grauen Dunst, der an heißen Abenden über Berlin lag, alles weite Natur, in die man, so oft Oldeslo zu klein und zu eng werden würde, hinausflüchten konnte. Sie rang mit einem Entschlusse, dann plötzlich beugte sie sich zu ihm hinüber: »George, du sollst nachgeben, denn – denn – ich will auch nachgeben. Komm nach Berlin, komm nur dieses eine Jahr, weil ich dann, wenn es vorüber ist, ich verspreche es dir, weil ich dann alles tue, was du willst, und zu dir komme nach Oldeslo.« Er fuhr auf: »Lena, ist das wahr –?« »Zu dir, George, – für immer.« Schweratmend blickte sie über die silberglänzenden Tafeln, auf diesen Kreis Menschen, in den sie nach langer Trennung heute zum erstenmal zurückgekehrt war, der sie mit offenen Armen aufgenommen hatte, wie jemand, der von Kindheit an zu ihm gehört hatte. Beide hatte sie heute wiedergefunden: George und die große, glänzende Welt, – einen von beiden konnte sie nur festhalten, einen von beiden mußte sie wieder verlieren. Nun hatte sie gewählt. Aber als sie das entscheidende Wort gesprochen hatte, lief es einen Moment kalt über sie hin, und sie begann hastig zu reden, als ob sie das entflohene Wort halb wieder zurückholen, oder halb wenigstens einschränken wollte. »Aber du sollst mir Zeit lassen, George, zum allerwenigsten noch ein Jahr. Deine Mutter wird ohnehin keine Eile haben, mich zu empfangen.« Bei diesem Wort Mutter, das in allen ihren Briefen nie erwähnt worden war, glitt ein harter Zug um ihren Mund. »Was sagt sie von mir? Hat sie je wieder von mir geredet?« Sie trank das Kelchglas mit einem Zuge leer und lehnte in ihren Stuhl zurück. Ohne George anzusehen, die Augen irgend wohin über den Tisch in die Ferne gerichtet, sagte sie: »Ich bin kein Kind mehr, George, ich bin einmal zu deiner Mutter gekommen, ich komme kein zweites Mal. Dieses zweite Mal wird sie zu mir kommen. Oldeslo ist nur klein, aber man braucht auch in Oldeslo nicht zu sehen, wenn man nicht Lust hat.« – – »Es gibt kein größeres Hazardgeschäft auf der Erde,« sagte Schwerin, »als Jährlinge zu kaufen.« Und er erörterte dieses für den Gastgeber sehr glücklich gewählte Thema mit dem hitzigen Eifer, den er nur nach dem Genuß beträchtlicher Quantitäten Wein zu entwickeln pflegte. George und Lena saßen schweigend, sie hörten die hin und her gehenden Reden, aber ihre Gedanken waren weit entfernt. Erst nach einer langen Weile neigte sich Lena wieder zu ihm. Ihre Stimme hatte den alten, weichen Klang: »Ich war zu heftig, George, verzeih.« Und sie begann auf ihn einzureden, innig, eindringlich: »Wenn du mich lieb hast, George, dann beweise es auch, dann reiß dich ein Jahr los und komm nach Berlin, und zeig mir dies eine Mal, daß du auch für mich ein Opfer bringen kannst.« Sie schilderte in zärtlichen Worten: wie sie zusammen sein und George das große Berlin mit allem Farbenglanz an ihrer Hand kennen lernen würde, dieses ganze bunte Leben, das sie später in Oldeslo nie wieder finden und auf das sie dann für immer verzichten würden: »Wir sind noch so jung, George, laß uns dieses eine Jahr noch draußen bleiben.« Die Sonne flimmerte über den Tischen, die Gläser klangen, immer neu schenkten die Diener ein, – ganz nahe vor sich sah George die fragenden, bittenden Augen, und dann nickte er: »Ja, ja, ich werde kommen.« »Wann?« »Bald.« »Nein, wann? In der nächsten Woche! Versprich es mir, George.« – – Er versprach es. Einen Moment sah er einen Schatten aufsteigen, der flehend die Arme nach ihm ausbreitete: ›Tu es nicht, George, bleib bei mir! Du brichst mir das Herz und dir selbst –‹ Aber er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, als ob er etwas fortwische, und in sein Ohr drangen Lenas dankbare Worte. – – Ein Stuhlrücken. Der Oberlandstallmeister hatte sich erhoben: »Wenn es Ihnen recht ist, meine Herren, gehen wir in den Garten.« In dem Gedränge der aufbrechenden und hinausgehenden Gesellschaft lehnte sich Lena dicht an George: »George, wir werden so glücklich sein.« Im großen Halbkreis saß man unter den alten Bäumen des Schloßhofes, die Diener reichten den Kaffee, – nun begann die Auktion, deren wenige Stunden Aufschluß darüber geben sollten, ob das große herzogliche Vollblutgestüt mit seiner jüngsten Aufzucht nach Ansicht der Fachleute immer noch auf der alten glänzenden Höhe stand. Schwerin saß in der vordersten Reihe, fast ganz in der Mitte, neben ihm Lena, während George in der Reihe hinter ihnen Platz gefunden hatte. Die Jährlinge wurden einzeln vorgeführt, das Pedigree verlesen, und dann nahmen die Gebote ihren Anfang, mit 50 Doppelkronen beginnend und in Absätzen von mindestens 3 Doppelkronen aufwärts steigend. Der »Rapina«-Hengst war einer der ersten, der in den Ring gefühlt wurde, um zehn Minuten später mit dem auch für Harzburger Verhältnisse immensen Zuschlag von 20 000 Mark in den Besitz des Herzogs von Sohrau überzugehen. »Du hättest ihn kaufen sollen, Onkel Schwerin,« sagte Lena; aber er lachte und zündete eine seiner großen Havannazigarren an: »Wenn man sechzig Jahre alt ist, kauft man keine Gäule mehr, meine liebe Lena.« »Aber wenn man siebzehn ist.« Er sah sie etwas erstaunt an: »Du möchtest wohl Pferde kaufen, kleine Lena? Was? Das wäre ein netter Spaß.« Sie antwortete nicht, aber ein sonderbarer Gedanke war ihr durch den Kopf gegangen. Nun saß sie leicht vornüber geneigt, das rechte Bein über das linke geschlagen, den einen Arm auf das Knie gestützt und das Kinn leicht auf die Hand gelehnt. Mit großen aufmerksamen Augen sah sie die Jährlinge einen nach dem andern in den Ring kommen, im Schritt und Trab vorbeigehen, sie musterte die Linien der Tiere, und immer durchkreuzte dieser selbe Gedanke ihren Kopf. Plötzlich wandte sie sich um zu George: »Gib acht.« »Was?« »Das Pferd da! Erinnerst du dich?« Er blickte nach dem Pferde, das an der Hand des Stallburschen hereingeführt wurde, und wußte nicht, was Lena meinte. »Erinnerst du dich nicht?« »Nein. Was denn? Ich weiß nicht.« »Es ist die Stute, die wir ganz zuerst sahen, vorhin, heute morgen, erinnerst du dich nicht?« Er betrachtete das Pferd, das jetzt nahe vorbei geführt wurde, und wunderte sich über Lenas Gedächtnis. Vielleicht war es wirklich die schöne Stute, die sie ganz zuerst heute vormittag gesehen und der Lena das Büschel Gras gereicht hatte. Aber schließlich schienen alle diese Tiere einander zum Verwechseln ähnlich, und er begriff nicht, wie Lena im stande war, aus den zwei Dutzend just das eine herauszufinden. Flüsternd, als ob es sich um ein Geheimnis handle, das sie nicht laut erörtern dürfe, beugte sie sich zu ihm rückwärts: »Sieh sie dir an, genau. Ich habe im Leben keinen besser gemachten Jährling gesehen. Sie ist etwas überbaut, das sieht jeder, aber das schadet nichts. Erstens gleicht sich das aus, wenn sie wächst und dann –« Die Stute begann vorbei zu traben, und Lena war so erregt, daß sie auf George nicht mehr achtete, sondern sich weit verbeugte, um keine der Bewegungen des Tieres aus den Augen zu verlieren. »Fuchsstute von Savernake a. d. Maid of Killarney v. Rosicrucian a. d. Kenegie v. Albert Edward,« rief der Auktionator, und als die ersten paar Sekunden niemand auf die Stute reflektieren zu wollen schien, begannen plötzlich die Gebote von allen Seiten so rasch zu folgen, daß der Auktionator Mühe hatte, das jeweilig höchste Gebot heraus zu finden. »200 – – 250 – – 270 – – 300 – – 305 – – 350 – –« Man war erstaunt. Niemand hatte bei dem Rundgang am Vormittage und niemand nachher bei dem Diner von der Killarneystute viel Wesens gemacht. Nun sahen sich die einzelnen Bieter überrascht an, wie die Auguren. »350 Doppelkronen zum ersten,« rief der Auktionator, »350 Doppelkronen zum zweiten, – niemand mehr?« Eine helle Stimme aus der Mitte des Kreises antwortete: »360!« Aller Augen wandten sich erstaunt um, das Gesicht des Auktionators selbst nahm einen verblüfften Ausdruck an, und wie von der Tarantel gestochen, drehte sich Schwerin zu Lena: »Bist du toll, Lena?« Sie wollte etwas entgegnen, aber im selben Augenblicke ertönte aus der fernsten Ecke ein neuer Ruf: »370!« »380,« sagte Lena. Schwerin stotterte ein paar Worte, er kam zu keinem zusammenhängenden Satze, und nun begann dieses Duell, dem man bei derartigen Gelegenheiten so oft beiwohnt, dem man immer mit einer gewissen Aufmerksamkeit folgt, das aber vielleicht niemals eine solche Sensation hervorgerufen hatte wie in diesen wenigen Minuten. »390,« sagte eine Stimme im Hintergrund, und kaltblütig, das Gesicht etwas blaß geworden, aber so ruhig wie kein Mensch auf dem ganzen Platze, sagte Lena: »400!« George saß stumm. Er verstand den Vorgang nicht recht, aus den Zwischenrufen vor und hinter ihm und Schwerins steigender nervöser Erregung begriff er indes, daß da irgend etwas Merkwürdiges vor sich ging. Der Major neigte sich ganz dicht zu Lena, mit gedämpfter Stimme, die vor Ueberraschung und Zorn zitterte, sagte er : »Du hörst auf! Das sind keine Spielereien mehr! Wer soll das Pferd bezahlen? Etwa du?« Sie blickte ihn gleichgültig an: »Ja, ich.« Es ging ihm wirr durch den Kopf: Mach ihr die Sache klar. Daß die 50 000 Mark, die du für sie deponiert hast, im Grunde genommen ihr gar nicht gehören. Daß sie dein eignes Geld sind, das du ihr – ja, zum Kuckuck was denn – gutgeschrieben oder – ja – geschenkt hast. Von dem du ihr nur vorgeredet hast, daß es aus ihres Vaters Erbschaft stamme, daß dieses Geld ihr freilich gehören soll, aber zum Teufel nicht zu solchen Verrücktheiten! Er setzte an, er brachte ein paar unzusammenhängende Worte hervor, aber wie ließ sich diese ganze lange Geschichte auseinandersetzen?! Während alle Nachbarn ihre Köpfe herüberbeugten und auf Lena sahen und jedes Wort hören mußten?! Eine Auseinandersetzung, zu der man drei Stunden nötig hatte, aber nicht drei Minuten, – die man nicht im Flüstertone abmachen konnte und die Lena unmöglich klar werden würde, solange die verdammte Stimme im Hintergrunde und die brüllenden Ausrufe des Auktionators Lena fortwährend weiter hetzten. »450!« rief die Stimme, und »460!« sagte Lena. Wie mit einer Eisenklammer griff Schwerin um Lenas Handgelenk: »Du hörst auf!!« – aber sie sah ihn mit einem erst erstaunten und dann kalten Blicke an: »Laß los, du tust mir weh.« »490!« rief es im Hintergrund, – eine unerklärliche Angst legte sich um Georges Herz. Er beugte sich dicht zu Lena vor: »Hör auf, Lena, ich bitte dich!« – und Schwerin, diesen einzigen Bundesgenossen in der höchsten Not findend, ergriff noch einmal Lenas Hand: »Du hörst es, er bittet dich auch!« »500!« sagte Lena. Ein Händeklatschen den ganzen Halbkreis entlang. »500 Doppelkronen zum ersten,« rief der Mann auf der Auktionatortribüne, »500 Doppelkronen zum zweiten – niemand mehr? –« dann hob er bedächtig, noch ein wenig wartend, seinen Hammer und ließ ihn langsam niederfallen: »500 Doppelkronen zum dritten und letzten. 10 000 Mark.« »Bravo, bravo!« rief irgend jemand, und »bravo, bravo!« ging es im Widerhall über den Platz. Die Stute, vielleicht etwas erschreckt, wieherte auf, – dann kam mit seinen langen, bedächtigen Schritten der alte Herzog von Sohrau in die Mitte auf Lena zu: »Meine Herren! Wir haben wieder eine Sport-Lady im Lande! Noch dazu die allerjüngste auf dem Kontinent! Meine Herren, ein Bravo für unsre jüngste Sport-Lady!« Jeder war aufgesprungen, jeder drängte heran, die ganze Auktion war für Minuten unterbrochen. Und inmitten dieses Kreises stand neben dem Mädchen Schwerin mit einem unglücklichen Gesichte, das zu lächeln versuchte; denn der Herzog schlug ihm auf die Schulter: »Bravo auch für dich, alter Schwerin! Lena soll sich bei dir bedanken. Wer einen solchen Lehrmeister wie Schwerin hat, muß auch als Mädel auf dem Turf was gelernt haben!« George sah Lena nicht mehr. Sie stand zwischen den um sie herdrängenden Herren die alle aufgeregt lachten, redeten, gratulierten, er selbst stand abseits, und das Gefühl durchzuckte ihn: ›sie gehört dir nicht mehr. Sie wird dir nie mehr gehören!‹ »Wie soll die kleine Stute heißen, Lena?« fragte der Herzog. »Wir wollen sie taufen, sofort. Sie muß den schönsten Namen bekommen.« Lena schaute einen Moment in die blaue Luft, als wollte sie einen Namen da oben irgendwo herholen, dann ging ein Lachen um ihren Mund: »Sie soll meinen eignen Namen haben, Durchlaucht.« »Welchen –?« »Lena S.« »Lena – –?« »Lena S.« »Lena S. Bravo!« – Er schüttelte ihre Hände. Und »Lena S.! Bravo!« ging es durch den ganzen Kreis. Nur Lena S. konnte die schlanke kleine Stute heißen, selbstverständlich! Nur Lena S.! Wenn man den schönsten Namen für sie haben wollte, so hatte Lena ihn selbst gefunden! Alle Welt war über die Episode entzückt, enthusiasmiert. In das etwas alltägliche und eintönige Getriebe des Rennsports war plötzlich etwas hineingekommen von Jugend, von Schönheit, ein aufsteigender Funke von Poesie, – sie drängten um das Mädchen, – und Herren, die Lena nie gekannt oder nur flüchtig gesehen hatten, schüttelten ihre Hände, wie jeder Lenas Hände schüttelte. – Erst nach geraumer Weile nahm die Auktion ihren Fortgang. Wieder saß Schwerin in der Mitte und George hinter ihm, aber Lena war fort. »Ich will mir das Pferd ansehen,« hatte sie gesagt, und Schwerin, verdrossen und auf das tiefste verstimmt, hatte ihr seine Begleitung nicht angeboten. Er hörte und sah nichts mehr von der Auktion, seine Zigarre war erloschen. Einen solchen Streich hatte man ihm in seinem ganzen Leben noch nicht gespielt. Als er aber anfing, ruhiger darüber nachzudenken, sagte er sich: ›Im Grunde genommen hast du die Sache selbst verschuldet. Hättest du Lena von vornherein klaren Wein eingeschenkt, so hätte sie nie auf diese Idee kommen können.‹ Es fiel ihm auch ein, daß er in seiner Eigenschaft als Vormund den Kauf für null und nichtig erklären könne, aber natürlich war daran nicht zu denken. Seine Bekannten und Freunde würden ein Donnerwetter über ihn entladen, und es würden daraufhin so viele Weiterungen, langwierige Auseinandersetzungen und ein solcher Hagel von Mißbilligung folgen, daß – – nein, unmöglich! Und als er eine Weile später noch ruhiger geworden war, ging ein Lächeln über sein gutmütiges Gesicht: aus dieser kleinen Lena war trotz Oldeslo und der Wohnung am Nollendorfplatze, trotz der Generalin und Frau v. Pauly ein ganzes Mädchen geworden, das seinen eignen Willen hatte und seinen eignen Weg finden würde. ›Ja, sie wird ihren eignen Weg finden,‹ sagte er vor sich hin, aber dann zog wieder ein Schatten über sein Gesicht: ›Was wird das für ein Weg sein?!‹ – – Der Lärm verklang hinter Lena immer ferner. Nun ging sie um das Schloß herum in der Richtung nach den Gestütsställen. Es war alles ganz still, niemand zu sehen – jeder aus Haus und Hof, der nicht sonstwie beschäftigt war, stand drüben als neugieriger Zuschauer bei dem Verkauf der Jährlinge. Als sie über den Hof schritt, traf sie den alten englischen Gestütsmeister, der einen Stalljungen herbeipfiff und eben Ordre gab, ein neues Pferd zur Auktion hinauszuführen. »Ich möchte die Killarneystute sehen,« sagte sie, »ich habe das Pferd gekauft, ich möchte es noch einmal besichtigen. Wo ist der Stall?« Er griff an den Hut, und sie fügte hinzu, um sich zu legitimieren: »Mein Name ist Stennsberg – Lena Stennsberg.« »O ich kenne,« sagte er, »ich habe Fräulein oft gesehen, schon als sie noch so klein war, als Fräulein herkam jedes Jahr mit dem Papa.« Sie gab ihm die Hand und lächelte: »Habe ich einen guten Kauf gemacht?« Er dämpfte seine Stimme, als ob es sich immer noch um ein Geheimnis handle: »Sie ist the best von allen, kein Pferd in Harzburg besser. Sie wird mehr Rennen gewinnen als die zwanzig andern.« Er gab einem Stalljungen seine Ordre und begleitete Lena selbst durch die weitläufigen Gebäude bis zu dem Stalle. Dann bot er ihr seine harte schwielige Hand noch einmal: »Ich wünsche viel Glück, Miß Stennsberg. The little filly soll winnen das Derby, soll winnen alle großen Rennen. She is a very fine Galoppierer, und Sie wissen, Miß Stennsberg, the little horses sind oft die best.« Dann ging er, und Lena war allein. Die langgestreckte Wiese, die der Killarneystute als Tummelplatz gedient hatte, und die sie nun bald vertauschen würde mit den Galoppierbahnen bei Berlin, lag ganz still in der Nachmittagssonne. Von dem Pferde war nichts zu sehen, aber als Lena in die offene Tür des Stalles trat, blickten die großen schwarzen Augen aus der Dunkelheit ihr entgegen. Die Stute stand ganz frei ohne Halfter, – Lena ging ohne eine Spur von Aengstlichkeit nahe zu ihr heran, und ohne zu erschrecken, beugte das Pferd seinen schmalen Kopf vorwärts und kam ihr einen Schritt entgegen. Lena zog die Handschuhe ab und streichelte zärtlich den Kopf und die Mähne: ›Lena S.,‹ sie lächelte. ›Lena S.,‹ wie sich das seltsam anhörte, ihr eigner Name, – und sie nahm von neuem den Kopf der Stute und zog ihn zu sich nieder und liebkoste ihn: ›Lena S. Wir werden gute Freunde werden. Du sollst flinker sein als alle andern, wir werden beide in die große Welt hinauskommen, weit hinaus, vielleicht sogar übers Meer, und sie sollen alle dir zujubeln und mir zujubeln: Lena S.!‹ Man vernahm keinen Laut, nicht einmal das Zirpen der Grillen, das über die Wiese tönte. Ein Traum ging über Lena hin: wie dieses Pferd, das ihren Namen trug, Siege an Sieg draußen reihen werde, sie reich machen, und für George und sie selbst – – – wenn das möglich wäre! Wenn Lena das Glück erkämpfen und George und sich selbst vor diesem drohenden Schicksal bewahren könnte, wenn sie beide sich nicht mehr sorgen müßten und aller Zwang aufhörte! Wenn sie mit Siegen und Erfolgen George den Boden ebnen würde, daß er nie mehr um der kümmerlichen Sorge willen in die kleine Stadt zurückzukehren brauchte und neben ihr, mit ihr, in der großen Welt leben könnte!! Das alte Spielerblut, diese einzige Erbschaft ihres Vaters, war in ihr erwacht, lebendig geworden: das Glück erzwingen! Nicht warten, bis es spät einmal herbeikommt, sondern es selbst heranziehen, mit dem Glücke kämpfen und das Glück besiegen! Die Sonnenlichter, die durch die offene Tür hereinzitterten, verschwanden plötzlich, – ein dunkler Schatten war in die Tür getreten. Sie blickte sich um, aber sie erkannte nicht recht, wer der Fremde sei. Dann zuckte sie leicht zusammen: Szatek! Er schien mit den Augen zu suchen, er kam aus dem grellen Lichte draußen und fand sich nicht zurecht. »Fräulein Lena,« sagte er, – dann trat er einen Schritt vorwärts. »Ich wünsche Ihnen Glück, Fräulein Lena. Sie haben das beste Pferd gekauft, das heute zu haben war. Wir haben da vorhin einen zähen Kampf ausgefochten, wir beiden.« Sie antwortete nicht gleich. An dem ganzen Vormittage hatte sie um sich gespäht mit einem Gefühl von Angst: war Szatek nicht da? – aber sie hatte ihn nicht gesehen, und sie hatte aufgeatmet. Nun erinnerte sie sich jener Stimme, die aus dem Hintergrunde des Kreises gegen sie auf die Killarneystute geboten hatte. Dieser Stimme, die trotz der kurzen Zahlenausrufe ihr bekannt erschienen war, aber von der sie nicht gewußt hatte und sich nicht hatte besinnen können, wem sie gehörte. »Ich würde keinem andern die Stute gelassen haben,« sagte er, »nicht für 500 Doppelkronen und nicht für 1000, und nicht für noch mehr. Ihnen habe ich sie gelassen, Fräulein Lena.« Eine Zornröte stieg ihr zu Gesicht, aber sie biß sich auf die Lippen, und indem sie den linken Handschuh über die Hand streifte, wollte sie an ihm vorübergehen. Er wich ihr nicht aus. »Machen Sie Platz,« sagte sie. »Wir haben uns zwei Jahre lang nicht gesehen, Fräulein Lena, aber Sie haben nicht vergessen, was ich Ihnen damals gesagt habe. Ich habe auf Sie gewartet, Lena, ich komme heute, mir meine Antwort zu holen.« »Machen Sie Platz,« sagte sie. Sein Ton veränderte sich, er wurde weich, fast flehend. Er begann alles wieder zu sagen wie damals, ihr aufzuzählen, was er ihr bieten konnte, einen der größten Besitze Europas, eine Stellung in der Welt, die nur von der einer Fürstin überboten werden konnte. »Ich lege Ihnen alles zu Füßen, Lena, alles, und mich selbst.« »Machen Sie Platz,« sagte sie. Mit einer fast rohen Bewegung stemmte er beide Hände gegen die Türpfosten, so daß er den Eingang breit versperrte, seine Stimme nahm einen rauhen Klang an: »Sie stehen allein, Fräulein Lena. Sie besitzen nichts. Ihre Zukunft ruht auf der Gnade des Herrn v. Schwerin, oder wenn Sie so wollen« – er lachte – »auf den vier Füßen dieses Gauls.« Dann schlug seine Stimme um in eine erregte Leidenschaft: »Machen Sie mich nicht unglücklich, Lena! Ich habe auf Sie gewartet, ich habe mich jede Stunde nach Ihnen gesehnt, ich habe dieses Leben nur ertragen, weil Sie wiederkommen würden. Weil Sie dann kein Kind mehr sein würden und wissen, was es heißt, wenn ich – wenn, – wenn ich Ihnen sage, Lena, daß ich Sie liebe, wie ich nie einen Menschen geliebt habe!« Sie hatte auch den rechten Handschuh über die Hand gezogen. Nun richtete sie sich plötzlich auf: »Lassen Sie mich gehen.« Er selbst stand im Schatten, auf Lena fiel das Licht durch die Türöffnung groß und grell, unwillkürlich wich er vor ihrem Blick beiseite. Aber in dem Augenblick, als sie an ihm vorüberschritt und den Ausgang bereits gewonnen hatte, riß er sie in einem Ausbruch verzweifelter Leidenschaft rückwärts. Mit ersticktem Aufschrei suchte sie sich frei zu machen, dann fühlte sie seine Küsse, deren Glut ihr den Atem nahmen. – – – Sie schritt über den Rasen, besinnungslos geradeaus. Die Wiese endete, eine hohe Hecke versperrte das Weitergehen, und nirgends war ein Ausgang. So ging sie zurück in einer Angst, die ihr die Kehle zuschnürte, und wieder zurück, ganz dicht an der niedrigen einzigen Tür vorbei, ohne sie zu sehen, wie blind. Immer Szatek neben ihr. Seine Stimme war tonlos geworden: »Vergeben Sie mir, Lena. Ich war wahnsinnig, – ich – es gibt ein Verhängnis, dem niemand entrinnt.« Hoch oben über den Wiesen zwitscherte eine Lerche, sonst war alles ringsum still. Als sie zum zweitenmal an der Tür vorbeikamen, sah Lena die niedrige Pforte und ging hastig darauf zu. Nun schritt sie über den Hof, eine Weile ging Szatek noch neben ihr. »Sagen Sie nur das eine Wort, Lena, daß Sie mir verzeihen.« Und als sie immer schwieg, das Gesicht geradeaus gerichtet in der bebenden Angst, sie könne den Weg verfehlen und neben ihm weiter gehen müssen, nahmen seine Mienen wieder den leidenschaftlichen, wilden Ausdruck an: »Mag kommen, was will, Lena, ich lasse Sie keinem andern! Ich kann ohne Sie nicht leben! Ich wüßte nicht, was ich täte!« – Dann blieb er langsam zurück. Seine Schritte verhallten auf den Pflastersteinen des Hofes hinter ihr. Sie strich mit den Händen über Augen und Gesicht und sah sich um: Ja, das war Harzburg, – ganz recht. Da stand noch der Leiterwagen im Hof – vielleicht war es derselbe wie damals – auf dem sie als kleines Mädchen entzückt hin und her geklettert war, während die Herren drinnen in den Ställen die Pferde besichtigten. Von den Steinstufen der Treppe war sie heruntergesprungen, ganz allein, immer wieder, vielleicht eine Stunde lang, – erst von zwei Stufen, dann von drei, dann von vier, – bis sie aufgeregt, stolz, ganz glücklich ihren Vater herbeigeholt hatte: »Papa, ich springe fünf Stufen herunter!« Sie wunderte sich nicht über diese gleichgültigen, nichtssagenden Erinnerungen – ihr Blick ging leer nach beiden Seiten. Neuntes Kapitel Die Fahrt nach Harzburg blieb Schwerins letzte Reise. Es dauerte noch eine geraume Weile von Jahren, ehe er die große und allerletzte Reise antrat, – in diesem irdischen Jammertal aber gab der Major Kutschern, Eisenbahnen und allen Leuten, die sich mit der Beförderung von Passagieren beschäftigen, nie mehr etwas zu verdienen. Als er im Laufe des Herbstes im Klub nicht mehr erschien, und als der Winter ins Land zog und Schwerin immer noch unsichtbar blieb, kam eines Tages der Herzog selbst mit dem grün gekleideten Jäger auf dem Bock am Nollendorfplatz vorgefahren, um sich nach dem Major zu erkundigen. Er war betrübt, den Freund in einem Zustande anzutreffen, der Schwerins Klub-Mitgliedschaft für alle Zukunft nur noch als leere Formel erscheinen ließ, – er verabsäumte es nicht, im Laufe des Winters und Frühjahrs noch einigemal sich persönlich nach des Majors ›Wohlergehen‹ zu erkundigen, – aber derartige Besuche werden, wie die Erfahrung lehrt, immer spärlicher, bis sie eines Tages ganz aufhören und die Leute anfangen, den Mann im Hintergrunde zu vergessen. Wenn sie nach einer Reihe von Jahren in den Zeitungen lesen, daß der alte Freund gestorben sei, machen sie sich Vorwürfe, daß sie ihn so lange vernachlässigten, und reden sich ein, sie hätten geglaubt, er sei schon lange aus dem großen Register der Lebenden gestrichen. Der einzige, der in dem ganzen langen Jahre Schwerins Einsamkeit teilte, war George. Er kam freilich in erster Linie um Lenas willen, aber der Major hatte doch den Vorteil davon, und als es im Laufe des Jahres um den alten Herrn einsamer wurde, saß Schwerin mittags bisweilen mit der Uhr in der Hand und wurde ungeduldig, wenn George sich verspätete. An dem Sommertage, an dem ›Lena S.‹ gegen die zweijährigen Altersgenossen draußen in Hoppegarten ihr erstes, von Lena mit fieberhafter Spannung erwartetes Rennen bestreiten sollte, kam George schon zeitig vormittags, um Lena und Frau v. Pauly abzuholen. Aber er traf sie nicht mehr zu Hause. »Und wenn du eine Stunde eher gekommen wärst,« sagte Schwerin, »so würdest du sie auch nicht mehr vorgefunden haben. Die beiden Frauenzimmer waren nicht mehr im Hause zu halten. Du wirst sie draußen auf der Rennbahn treffen. Setz dich, mein Junge, du hast noch Zeit.« Er nannte ihn ›du‹, und wenn zwischen zwei Menschen von so verschiedenem Alter noch von Freundschaft die Rede sein konnte, so waren die beiden in ihrer Art wirkliche Freunde geworden: »Nimm eine Zigarre, mein Junge, nicht die, – die, – die auch nicht, nimm eine von diesen.« Er hatte einen kleinen Berg von Zigarrenkisten um seinen Lehnsessel aufgestapelt, flache, breite Kisten, in denen alle großen Sorten von ›Garcia‹, ›Clay‹ etc. zu finden waren. Das war jetzt sein einziger Luxus. Man hatte ihm ungefähr alles verboten, was dem Major vierzig Jahre hindurch das Leben schön und angenehm gestaltet hatte, und vielleicht war es nur ein Zufall, daß der Doktor in die Liste verbotener Genüsse nicht auch die Zigarren einbezogen hatte. Die dunkeln schweren Tabake konnten Schwerin unmöglich zuträglich sein, aber mit einer peinlichen Angst vermied er es, jemals dem Doktor gegenüber die Zigarrenfrage zu berühren. Es war höchst wahrscheinlich, daß bei der leisesten Andeutung ihm auch dieser Genuß entzogen werden würde, und so wurde der Doktor stets in dem frisch ausgelüfteten Wohnzimmer empfangen, wo nichts an die ungeheuren Rauchwolken erinnerte, die jenseits der Tür Schwerins Zimmer füllten. »Rauch die Zigarre nicht zu Ende, mein Junge,« sagte er, »die erste Hälfte ist immer die beste, nimm jetzt diese,« und George, der wußte, daß er mit einem bescheidenen Widerspruch den Major ärgern würde, ließ sich den Wechsel gefallen. Sie sprachen ein paar Worte, dann saßen sie stumm nebeneinander und rauchten. So ging es immer. Eine Weile suchten beide das Gespräch im Gange zu halten, dann schlief es ein, ohne daß sie sich besondere Mühe gaben, es neu zu beginnen. Es lag ein Behagen über diesen verrauchten, verträumten Stunden, zum wenigsten für Schwerin. Er sah heimlich nach der Uhr und dachte: ›Es wäre jetzt Zeit, daß der Junge aufbräche, er kommt schließlich noch zu spät zum Rennen, und Lena ist dann außer sich,‹ – aber in seinem Egoismus gab er diesem Gedanken eine Stunde und länger keinen Ausdruck. Bis er schließlich doch sagte: »Es wird Zeit, mein Sohn, du mußt gehen.« Aber George ging nicht. Er hatte immer in seinem Wesen etwas Schwerfälliges gehabt, etwas Unentschlossenes, – das trat jetzt stärker hervor denn je. Die große Stadt, in der er nun seit einem Jahre lebte, hatte sein Blut nicht leichtflüssiger gemacht, und das kam nie so deutlich zum Ausdruck, als in diesen langen Stunden bei Schwerin, wo er in den Sessel zurückgelehnt saß, bisweilen ein paar Worte mit dem Major wechselte, bisweilen eine neue Zigarre nahm und dann wieder vor sich hin dämmerte. Zwei- oder dreimal war er mit Lena draußen beim Rennen gewesen, er hatte sich Mühe gegeben, ihren Auseinandersetzungen zu folgen, ein Interesse zu zeigen, aber das alles ließ ihn im Grunde genommen gleichgültig. In diesem buntfarbigen Getriebe, in dem Lena jedesmal aufglänzte und aufblühte, ging er teilnahmslos, ohne Verständnis. Schließlich wurde Schwerin besorgt: »Es ist die höchste Zeit, mein Junge, es geht nicht länger, du mußt fort.« Er nahm eine Faust voll der großen ›Garcias‹ aus der Kiste und schob sie ihm in die Hand: »Da nimm mit,« als ob diese Zigarren für George auf der Fahrt zum Rennen eine Art Trost- und Beruhigungsmittel sein würden. So ging George. Er kam zu dem Extrazuge zu spät und mußte fast eine Stunde warten, bis der Vorortzug eintraf, mit dem er hinausfahren konnte. Als er endlich anlangte, waren die ersten zwei Rennen bereits vorüber. Er traf Lena neben Frau v. Pauly in der Loge auf der Tribüne. Er entschuldigte sich: »Verzeih, Lena, daß es so spät geworden ist, ich hatte, – ich kam zu spät zu dem Zuge.« Sie gab ihm ihre kleine Hand: »Du wirst immer zu spät kommen, George. Das wird nie anders werden,« aber sie war nicht böse, sie lachte nur, dann beugte sie sich wieder vor über die Brüstung, um mit Frau v. Rostotschin und den andern Damen, die sich vor der Loge drängten, zu plaudern. Immer neue Damen und Herren kamen vorbei und hielten einen Moment an, um ein paar Fragen auszutauschen: »Wird ›Lena S.‹ gewinnen? Wer reitet sie?« Und Lena, aufgeregt, allen antwortend, mit allen lachend, hatte zahllose Händedrücke zu wechseln. Es war ihr großer Tag. »Lenas Debüt,« sagte der Herzog. George saß auf dem Stuhl hinter den beiden Damen, er neigte sich vor und gab sich Mühe, mit den andern zu lachen, wenigstens den Anschein zu erwecken, als sei er bei der Sache und höre aufmerksam zu. Der Herzog hielt eine Rede, einen förmlichen Vortrag: »Meine Damen, denken Sie an die Ducheß of Montrose, die mit siebzig Jahren noch einen der größten Rennställe Englands besaß! Sie war jeden Morgen im Stall, in hohen Schaftstiefeln, mein Wort darauf, ich habe sie selbst in Newmarket auf ihrem Pony gesehen, – oder denken Sie an die Königin von Neapel, deren Pferde voriges Jahr in Baden-Baden die großen Rennen gewannen! Meine Damen! Das sind Vorbilder, denen little Lena nacheifert!« Alle Welt war darüber einig, daß ›Lena S‹ das Rennen gewinnen werde. Die Trainer schworen darauf, die Sportzeitungen gleichfalls, und als die Schar der Damen und Herren vor der Loge sich einen Augenblick gelichtet hatte, beugte sich Lena rückwärts zu George: »Stell dir vor, George, sie haben mir vorhin 25 000 Mark für die Stute geboten! Aber natürlich, ich habe nicht angenommen,« – und ganz glücklich preßte sie seine Hand: »Mach doch ein heiteres Gesicht, George. Heute begründen wir beide unser Glück!« Er nestelte an seinem Rock und holte aus der Tasche ein Papier hervor: »Da ist ein Brief für dich, Lena.« Etwas erstaunt, neugierig lächelnd sah sie auf seine Hand: »Was für ein Brief?« »Da.« Sie nahm den Brief und las die Ueberschrift, dann flog ein Schatten über ihr Gesicht: »Von deiner Mutter – – ?« »Ja.« Sie faltete den langen dünnen Briefbogen auseinander und begann zu lesen: »Meine liebe Lena! Ich will Dich so nennen, obwohl ich Dir noch nie geschrieben und Dich noch nie so genannt habe. Es ist jetzt ein Jahr her, daß George von mir fort ist: Du hast ihn mitgenommen – – Er sagte damals, als er ging: es sei nur für ein Jahr und nicht für länger, Du selbst hättest es versprochen – Nun ist das Jahr herum! Mein liebes Kind, Du warst nur einmal bei mir, ich verstand Dich damals nicht und war so aufgeregt, daß ich Dir nicht so begegnet bin, wie es eine Mutter sollte – Ich habe nicht gewußt, damals, wie lieb George Dich hat. Jetzt habe ich's erkennen gelernt. Damals hatte George nur mich – – Meine liebe Lena, so will ich Dir sagen, daß ich Dich um Verzeihung bitte, wegen damals. Ich will Dir eine gute Mutter werden, und nun ist das Jahr herum, und Ihr müßt kommen. Denn ich kann nicht länger ohne meinen Jungen leben. Er hat nur dies eine Jahr fortbleiben wollen, und Du hast es ihm ja auch versprochen, daß es nicht länger dauern sollte. Lena, schreibe ein einziges Wort, dann will ich das Haus herrichten lassen und Euch die Hochzeit richten. Denn da es so sein soll, wollen wir uns lieb gewinnen. – Liebe Lena, ich wollte Dir diesen Brief schon lange schreiben, aber ich habe es nie getan. Aber nun ist das Jahr herum.« – – Mit matten Augen las Lena den Brief zum zweitenmal, – dann, als sie geendet hatte, hielt sie ihn noch immer vor ihr Gesicht, unfähig, sich zu George umzuwenden und zu ihm zu sprechen. Nach einer langen Weile beugte er sich über ihre Schulter: »Lena –?« Eine seltsame Empfindung stieg in ihr auf, etwas wie Haß. Wie kam er dazu, ihr diesen Brief jetzt zu geben?! – – In dieser Stunde – – ? Es war eine Taktlosigkeit, die ihr Blut in Wallung brachte. Schroff reichte sie ihm das Blatt: »Da ist der Brief. Steck ihn ein.« Sie wandte sich wieder ab und sah starren Blickes geradeaus auf das weite Feld der Rennbahn. Die Musik spielte, – allenthalben Lachen, lustige Gesichter. ›Meine liebe Lena‹ – – es summte ihr im Ohr, – – ja, jetzt war sie die ›liebe Lena‹, ja jetzt! Nun man endlich einzusehen gelernt hatte, wem George gehörte! Daß George nie heimkommen würde, wenn die ›liebe Lena‹ nicht wollte! Aber da war das ›verzeih mir‹, das gequält und geängstigt aus jeder Zeile des Briefes klang, dieses ›verzeih mir‹, das die alte Frau dem jungen Mädchen schrieb – zwei Worte, gegen die es keinen Widerstand gab – – – ›Nun ist das Jahr herum – –‹ Ja, nun war das Jahr herum. Ganz recht. Das eine Jahr, das sie sich ausbedungen hatte. Zeit, die Koffer zu packen. Zurück nach Oldeslo. Dem allen hier Lebewohl sagen. Auf Nimmerwiedersehen. Wenn George auf seinen Schein bestand, so war er im Recht, selbstverständlich. Er hatte lange genug gewartet, er hatte sich ja nie Mühe gegeben, ihr zu zeigen, wie er sich heimsehnte. Vielleicht hatte er seiner Mutter das alles geschrieben, und dieser herzliche Brief mit ›meine liebe Lena‹ war wohl nur das Echo, das gehorsam antwortete. George begriff, was in ihr vorging. Er beugte sich vor und leise, – so leise, daß Frau v. Pauly, die dicht neben ihr saß, kein Wort hörte, – begann er zu sprechen. Immer auf die weite grüne Fläche blickend und auf die weißen Wolken, die sich am blauen Himmel vorbeischoben, hörte Lena zu. – – – – Es war lange her, daß er nicht mehr so mit ihr geredet hatte. Er fand alle die Worte wieder von einst, die lieben, klingenden Worte, die Lena glücklich gemacht hatten. Er sprach von Oldeslo, von der Hochzeit, von dem kleinen Hause und dem Garten, – von dem Hardisberge. – – – Dicht vor der Tribüne in einem Kreise von Damen lehnte Szatek an der Barriere. Während Georges Worte in ihr Ohr tönten, heftete sich Lenas Blick auf diesen Kreis. Man drängte zu Szatek heran, man huldigte ihm, immer noch stand er im Zenit seiner Erfolge. Aber er sah blaß aus, verfallen, und während George weiter sprach, irrten Lenas Gedanken seitab. Etwas wie ein triumphierendes Lächeln glitt über ihren Mund: ›Da stand Szatek, beneidet! Und ging doch zu Grunde! An ihr!‹ Wo immer und wann sie ihn sah, bohrten sich seine Blicke in ihr Gesicht! Wie sie sich um ihn her drängten, und wie gleichgültig er zwischen ihnen stand! Als ob er alles, was gesprochen wurde, nur halb höre. – Er machte eine Wendung und blickte hinüber zu der Tribüne. Er ließ seinen Blick apathisch die Reihen entlang gehen, bis er plötzlich auf ihr haften blieb und im selben Moment Leben gewann. Zum erstenmal hielt sie diesen Blick aus, wandte sie ihre Augen nicht ab. Ueber sein Gesicht ging ein Staunen, fast ein Erschrecken, er starrte sie an, als ob er nicht begriff, was sie wollte – dann war es, als ob er zusammenzitterte, – er trat mitten aus dem Kreise heraus einen Schritt vorwärts, – und in diesem Moment erst hob sie langsam den Blick und sah über ihn fort. * Im Nu waren die Pferde heran, im Nu vorbei, und aufgeregt, wie in ihrem Leben nicht, fiel Frau v. Pauly Lena um den Hals: »Sie hat gewonnen! Grün-weiß war die allererste!« Auch George war erregt: »Sie hat gewonnen, Lena! Sie hat gewonnen!« Aber Lena sah mit glanzlosen Augen hinter den Pferden her: » – Nein.« Ihre Stimme hatte einen heiseren Klang, sie stand aufrecht in der Loge, das Gesicht schneeweiß, beide Hände auf die Brüstung gestützt. Sie blickte wie alle andern rings um sie her nach der Richterloge hinüber, wo eine kleine schwarze Nummer an dem Ziffernbrett, das den Sieger verkündet, in die Höhe flog. »Nummer 18.« Jeder auf den Tribünen und jeder auf dem Sattel-Platz wiederholte die Nummer und rief sie seinem Nachbar zu, jeder war erstaunt, fast jeder enttäuscht. »Nummer 18.« Man suchte auf dem Programm: Wer war das? und man las einander vor: »Nr. 18. Georgette, Herrn Reinhards Georgette.« Ein Pferd, an das niemand gedacht hatte! Alle Welt war außer sich, man wollte darauf schwören, daß ›Lena S.‹, die Favoritin, den Kopf vorn gehabt habe, aber niemand war so außer sich und so aufgeregt wie die kleine Frau v. Pauly: »Grün-weiß war die erste, ich habe es deutlich gesehen. – Ich habe es deutlich gesehen, – mein Gott, ich habe es doch deutlich gesehen!!« Auch George war empört, er glaubte an ein Mißverständnis, an eine der betrügerischen Manipulationen, die der Laie allenthalben auf dem Rennplatz wittert, – nur Lena sagte kein Wort, sie hatte mit ihrem geübten Blick besser gesehen als die andern, und in diesem Augenblick, wo die Entscheidung des Richters ihr sagte, daß ihr Blick sie nicht getäuscht habe und ›Lena S.‹ geschlagen sei, kam eine wunderliche Ruhe über sie. Das Publikum strömte von den Tribünen hinab zum Sattelplatz, und dieselben Leute, die sich vorhin so eifrig mit Lena unterhalten hatten, eilten vorbei mit einem hastigen Gruß und einem flüchtigem Nicken: »Schade! Wer das gedacht hätte! So knapp geschlagen!« Lena lächelte – »Man muß sich darein finden.« Auch der Herzog kam heran und drückte ihr die Hand: »Nicht den Mut verlieren, Lena. Sie wird ein andres Mal gewinnen. Daß die kleine Stute laufen kann, hat sie gezeigt. Also kein trauriges Gesicht.« – – »Wir wollen hinuntergehen,« sagte Lena, zu George und ihrer Begleiterin. Sie wunderte sich über sich selbst, wie ruhig sie das sagte, und mit wie gleichgültigen Schritten sie jetzt unten auf dem Platze durch die Leute ging. Sie traf Mr. Calder, den Trainer, und wandte sich flüchtig zu George: »Verzeih ein paar Minuten, ich möchte mit ihm sprechen.« Sie ging neben dem Engländer her, der ihr den Verlauf des Rennens kurz auseinander setzte, genau so, wie sie selbst diesen Verlauf beobachtet hatte: »Die Stute hatte einen guten Start, Miß Lena, es gibt da gar keine Entschuldigung. Sie hätte gewinnen müssen, und über tausend Meter hatte sie auch wirklich gewonnen, lieber die letzten zweihundert Meter fiel sie dann ab. Die andre kam und schlug sie sehr sicher. Die Leute reden dummes Zeug, wenn sie behaupten, unsre Stute hätte gewonnen. Sayres gewann auf Georgette mit zehn Pfund in der Hand.« Lena nickte nur, und der Engländer, in der dunklen Empfindung, daß er nach dieser geschäftsmäßig kalten Darstellung die Pflicht habe, dem Mädchen ein paar Trostworte zu sagen, fügte hinzu: »Uebrigens, Miß Lena, man kann immerhin zufrieden sein; sie lief nicht schlecht und wird kleinere Rennen sicher gewinnen.« Der Stallbursche kam mit der Stute hinter ihnen her, ein zweiter Junge lief mit Eimer und Bürsten herbei, nun begann der Trainer die Stute abzureiben und ihr die Decken aufzulegen. Lena lehnte an der Holzeinfriedigung vor den offenen Stallungen und schaute zu. – – – Die Hoffnungen waren nun zu Ende. – Kein schlechtes Pferd, sicher nicht, sogar ein leidlich gutes Pferd, mit dessen Besitz mancher zufrieden sein würde, und das wohl immer noch ein hübsches Stück Geld wert war, – aber auch nicht mehr. Keine Heldin der Rennbahn, die, wie Lena erhofft und wie sie noch eine Viertelstunde vorher bestimmt erwartet hatte, von Sieg zu Sieg eilen und ihre Herrin reich und freimachen würde. – – Frei! – – – – – Sie wird ihre Rennen gewinnen, gewiß. Ein paar leidliche Erfolge, die das Pferd und die Futterkosten und die Trainingkosten bezahlt machen, – aber weiter auch nichts. »Lena S.« Das Pferd trug ihren Namen und hatte ihr Schicksal getragen und war, – wenn man so wollte – das Bild ihrer eignen Vergangenheit und Zukunft. Alle Welt hatte das, schöne Pferd bisher angestaunt und bewundert, und in dem ersten großen Moment, wo es etwas leisten sollte, hatte sein Können versagt. Der kurze Ruhm war vorbei, wie Lenas eigner kurzer Ruhm vorbei war. Der gute alte Herzog würde sich hüten, in Zukunft vor Herren und Damen phantastische Vergleiche anzustellen mit den großen Sportladies von Epsom und Chantilly, und die Herren und Damen würden fortan etwas geringschätzig lächeln: »Diese Lena, die sich vordrängen und etwas ganz Besonderes erreichen wollte!« Die kleine Stute, die dicht vor ihr stand, schmiegte ihr den Kopf entgegen mit einer fast zärtlichen Bewegung, und Lena strich leicht über das feuchte Haar des Kopfes und die feinen Nüstern, die sich immer noch nach dem Rennen hastig bewegten. Ein Jahr, und vielleicht noch ein Jahr wird die Stute ihr Brot auf der Rennbahn verdienen, dann wird sie irgendwo in Vergessenheit untertauchen, vielleicht in die behagliche Weltferne eines kleinen Gestüts, vielleicht auch in die jammervolle Laufbahn eines ausrangierten Rennpferdes, das sein Brot in harter Arbeit und in rohen Händen kümmerlich verdienen muß. Wie alle, die nicht zur rechten Zeit im stande sind, den Platz in der vordersten Reihe zu erkämpfen. – Sie suchte in der Tasche nach dem Briefe und fand ihn nicht, dann erinnerte sie sich, daß sie ihn George wiedergegeben hatte. Ja, Oldeslo. Der Brief war heute zur rechten Zeit gekommen. – – – – – Jemand trat neben sie, und als sie gleichgültig nach ihm hinschaute, sah sie Szatek. Einen Moment trafen sich ihre Augen, dann wandte sie sich wieder ab und blickte nach dem Pferde. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber er biß sich auf die Lippen und schwieg. So lehnten sie nebeneinander an den Holzbalken wie zwei Fremde, die nichts voneinander wissen. In nervöser Hast sann er nach über irgend ein einleitendes Wort, – vielleicht konnte er zunächst über das Rennen sprechen und daß Lenas Mißgeschick ihm leid tue – oder – – Es war das erste Mal seit einem Jahre, daß er sie allein traf –, wenn er diese Gelegenheit verpaßte – – Schließlich begann er mit einem erzwungenen Lachen und einer banalen Wendung: »Fräulein Lena, wie wäre es, wenn wir tauschten –?« Sie antwortete nicht. »Siebzig Pferde für eins –? Alle meine Pferde für dieses eine?« Er versuchte wieder zu lächeln, aber er empfand deutlich die ganze Albernheit seiner Redensarten, und nur um keine Pause eintreten zu lassen, fuhr er in demselben Tone fort: »Man sagt, man soll auf der Rennbahn alle sieben Jahre die Farben wechseln. Es ist Aberglaube, aber wir sind alle abergläubisch. Grün-weiß ist hübscher als Blau-rot, – ich möchte Grün-weiß als künftige Farbe.« Sie atmete erregt und starrte immer geradeaus auf das Pferd. Sie fühlte, wie er nach ihrer Hand tastete, willenlos ließ sie ihm die Hand. Dann hörte sie andre Worte, flüsternde Worte, die er schon damals gesprochen hatte, die aber anders klangen als damals, – Worte aus einem vertrockneten Gaumen, der sich verdurstend nach der Quelle beugte. Wie durch einen Nebel sah sie drüben auf der Wiese Menschen gehen, sie unterschied den einen und andern –: da spazierte Bernstorff mit der Prinzessin von Wartenberg – da John Cannon im blauen Dreß – da standen ganz fern drüben an der Eiche zwei Offiziere und gestikulierten lachend – – – Und da! Sie zuckte zusammen – – – Ja, da kam George! Gerade auf sie zu. Mit seinem breiten, schweren Gange. Immer näher – – – Er ging in demselben Nebel, der vor ihren Augen flimmerte, und wurde im Näherkommen größer – größer – Nun stand er vor ihr – breitschultrig – Er lächelte: »Lena –?« Er sah auf Szatek, der zusammengezuckt war und sich aufrichtete – Und sah wieder auf Lena und lächelte immer noch – »Was – was heißt das – Lena –?« – Dann zog er Szatek am Rock über der Brust dicht zu sich heran und schmetterte ihn rückwärts gegen die Holzbalken. Sie schrie auf: ›George!!‹ Sie warf sich gegen Szatek, der, außer sich, vorwärts sprang, und umklammerte seine Arme: »Nein! Nein!!« Er wollte sich losmachen, einen Moment rang er mit ihr, – dann glitt über seine blutunterlaufenen Augen ein Schatten. Er beugte sich nieder und hob den Hut vom Boden auf. Ganz langsam wendete er und sah auf seinen Gegner mit einem seltsamen Blick, in dem keine Erregung mehr lag, sondern nur noch eine eisige Kälte. Er ging. – – Lenas Augen irrten nach den Seiten: kein Fremder hatte die Scene gesehen. Drüben standen Gruppen von Leuten, von denen niemand herschaute. Nur die zwei Stallburschen blickten mit aufgesperrtem Munde George an. Und mit kreideweißem Gesicht stand die kleine Frau v. Pauly neben ihr. – Sie gingen zum Tore der Rennbahn hinaus, Lena zwischen den beiden, – der Lärm der Menschen blieb langsam hinter ihnen zurück, nur ein verlorener Ton der Musik kam noch einmal herüber. Es war Lena, ob hinter ihr die Welt verhallte, versank. Zehntes Kapitel In den nächsten Monaten hatte der Major die unklare Empfindung, daß George auf seinem Krankenlager nichts so sehr entbehre als die ›Clays‹ und ›Garcias‹. Wenn der Medizinalrat durch dieses tägliche unsinnige Gefrage Schwerins aufgebracht grob wurde: ›Zum Kuckuck, Herr Major, das ist doch nur Scherz! Wie kann jemand mit einem Schuß in der Brust Zigarren rauchen?!‹ – so winkte Schwerin etwas eingeschüchtert ab: »Ich sage ja nichts. Ich frage ja nur. Ich frage nur: wann –? Ungefähr wann? wann er wieder darf.« Statt aller Antwort nahm dann der Rat eine der mächtigen Zigarren, die in Schwerins Zimmer in zwanzig Kisten umher standen: ›damit sie nicht umkommen‹ – und setzte sich in den großen Sessel, in dem George immer gesessen hatte, und sagte: »Ich werde Ihnen eine halbe Stunde Gesellschaft leisten, für eine solche Zigarre kann man schon was tun.« Schwerin war froh, daß er jemand bei sich hatte, der rauchte und mit ihm sprach, – aber so wie mit George saß es sich nicht, obwohl der Doktor erzählte und redete, während George eigentlich nie erzählt und geredet hatte. Das große helle Eßzimmer mit der Aussicht auf die Bülowstraße war als Krankenstube eingerichtet, und in des Majors kleinem Bibliothekzimmer nebenan hatte man für Georges Mutter eine Bettstelle aufgeschlagen. Als der Genesende zum erstenmal in einem Sessel ans Fenster getragen wurde, brachte Schwerin ihm eine der kostbaren Cigarren aus der 94er Ernte: »Du sollst sie nur in den Mund nehmen, mein Junge, so, ohne Feuer, – wenn man lange nicht geraucht hat, ist das genau so, als ob man wirklich rauchte. Ich kenne das von Orleans her, probier es mal.« Von der Zeit an war der Major wieder zufrieden. Sie saßen bei einander, Stunde um Stunde, – Schwerin tat von Zeit zu Zeit einen schwachen Zug aus der Zigarre, gerade nur soviel, um sie im Gang Zu halten, – sie sprachen ein paar Worte – und bisweilen schlief er ein. Einen Tag und zwei Nächte hatte Lena damals an dem Krankenlager gewacht. Georges Hand in der ihrigen war sie todmüde vornüber gesunken, und als Schwerin selbst behutsam die Tür geöffnet und die fremde alte Frau in das Zimmer geführt hatte, hielten sie beide in der Tür an: – – zwei blasse schlafende Gesichter lagen auf dem weißen Kissen dicht aneinander geschmiegt. »Wecken Sie sie nicht – –« Aber Schwerin weckte sie: »Lena, wach auf!« Lena war aufgefahren mit weit geöffneten Augen, und zwei Arme hatten sich um sie geschlossen: »Kind! Kind!« – - * Es kam die Rede darauf, daß George nirgendwo besser gesunden könne als in Oldeslo, daß man Schwerins Gastfreundschaft unmöglich länger acceptieren könne, und daß der Major in dieser Hinsicht ohnehin schon über alles Maß in Anspruch genommen sei, – aber Schwerin litt es nicht, daß man dergleichen Reden in seiner Gegenwart wiederholte. Er sah der Trennungsstunde, die schließlich einmal kommen mußte, ängstlich und traurig entgegen, denn daß Lena George begleiten würde, war ja ganz selbstverständlich, und ungefähr ebenso selbstverständlich war es, daß sie beide nie wiederkommen würden. Die Wunde war verheilt. Noch ein paar Monate, dann hatte Georges Natur die alte robuste Kraft wieder erlangt, und dann – ja dann stand nichts mehr im Wege, daß George und Lena Hochzeit hielten. Irgendwann später einmal mochte Lena vielleicht kommen, um Schwerin zu besuchen, aber das lag in einer unbestimmten Ferne – und nach des Majors unausgesprochener Ueberzeugung waren die Chancen sehr gering, daß Lena ihn dann noch lebend vorfinden würde. Er erwog den Gedanken, ob es nicht das beste wäre, wenn er selbst seine Zelte abbrechen und sie in Oldeslo neu aufschlagen würde, – er wäre dann immer bei Lena und könnte mit George tagein tagaus Zigarren rauchen, – er trat indessen diesem Plane nie näher. Bei Lichte betrachtet, war der Major in seinen acht Zimmern am Nollendorfplatz nicht viel mehr als ein Gefangener, – aber es hatte doch immerhin etwas Beruhigendes, daß dieser Nollendorfplatz in Berlin lag, und daß der Major allem dem, was den Inhalt seines Lebens ausgemacht hatte, räumlich wenigstens nahe blieb. Er hörte die Pferdebahn klingeln, Droschken vorüberfahren, den etwas abgeschwächten und hier an der westlichen Grenzen verfeinerten Lärm der Großstadt, – und alle diese Details, jedes für sich betrachtet, störend und unangenehm, vereinigten sich zu einem Ganzen, dem zu entsagen Schwerin nicht die Kraft in sich fühlte. Hier am Nollendorfplatz konnte er aller Wahrscheinlichkeit nach eine Reihe von Jahren noch hinvegetieren, während er in Oldeslo, das war ganz klar, nach kurzer Zeit eingehen würde. Und so bizarr ihm der Gedanke auch erschien, so hatte er doch die undeutliche Empfindung, daß er seinen letzten Schlummer lieber auf irgend einem dieser Berliner Kirchhöfe schlafen möchte, über die der Atem der Weltstadt geht, als auf dem kleinen einsamen Friedhofe zu Oldeslo, wo er damals mit Lena gesessen und die schwierigste Stunde seines Daseins verlebt hatte. – Georges Mutter und die kleine Frau v. Pauly waren in ihrer Art Freundinnen geworden. In den letzten Wochen vor der Abreise begannen sie mit Lena Einkäufe zu machen, und während George neben Schwerin auf dem Balkon saß, sah sich Lena von den beiden Frauen ganze Nachmittage durch die Stadt geführt, von Geschäft zu Geschäft. Sie sollte prüfen: gefiel ihr dies und gefiel ihr das? Sie nickte: ›ja‹, – und wenn man sie bat, ihre Ansicht zu äußern, so hatte sie nur ein paar flüchtige Worte ohne Verständnis und ohne Anteilnahme. Man kaufte Berge von Wäsche, alles, was zur Aussteuer erforderlich schien, alles in einer soliden Auswahl, die der Schönheit weniger Konzessionen machte als der Dauerhaftigkeit. Bisweilen wollte Lena widersprechen, aber sie kam nicht dazu, sie schwieg. Sie schwieg auch, als man ihr das Hochzeitskleid kaufte, einen weißseidenen, gemusterten Stoff. Sie legte nur die schmale Hand unter die wuchtigen Seidenfalten auf den Ladentisch und wog den Stoff in der Hand. Er schien ihr so schwer, als würde sie am Hochzeitstage unter seiner Last zerdrückt werden. Zu verschiedenen Malen erwogen beide Damen die Frage, ob Lena jetzt schon in Oldeslo, in der Zeit vor der Hochzeit, in demselben Hause wohnen könnte wie George. Sie waren einig, daß man in Oldeslo darüber den Kopf schütteln würde, und zwar mit einer gewissen Berechtigung, – aber sie legten als Milderungsgrund den Umstand in die Wagschale, daß George noch immer Rekonvalescent sei, und daß jeder billig denkende Mensch die Angelegenheit als einen Ausnahmefall beurteilen würde. Ein flüchtiges Lächeln ging bei diesen Auseinandersetzungen um Lenas Mund – aber das Lächeln verschwand wieder, und ihr Gesicht nahm einen fast noch starreren Ausdruck an. Eines Morgens, – zwei Tage vor der Abreise, – begann man Lenas Sachen in Koffer und große Reisekörbe zu packen. Alles, was Lena gehörte, auch die wenigen Gegenstände, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, ihren ganzen kleinen Besitz. Sie stand dabei, ohne viel zu helfen. Das eine oder andre Ding nahm sie wieder heraus und betrachtete es noch einmal und legte es dann doch wieder in den Koffer, wie man etwas einschließt, was man bisher sehr gern hatte und nun fortgibt. – – – – Wie Schwerin es fertig brachte, die Treppen hinunterzukommen, in die Droschke zu steigen und die Treppen des Bahnhofs hinauf zu gelangen, blieb ihm im weiteren Verlauf seines Lebens, so oft er auch darüber nachsann, ein Rätsel. Es war das definitiv letzte Mal, daß er in seinem Leben die Potsdamerstraße, den Potsdamer Platz, den Potsdamer Bahnhof und das große lärmende Berlin außerhalb des Nollendorfplatzes zu sehen bekam. Als der Zug aus der Halle hinaus gefahren war und man das weiße Taschentuch, das aus einem Fenster des Zuges wehte, nicht mehr erkennen konnte, verließ der Major, auf Clemens und einen der Gepäckträger gestützt, den Bahnhof. Er sah durch sein Monocle noch einmal den Schalter, an dem er seit vierzig Jahren alle wichtigen Billets für seine zahllosen Reisen gekauft hatte: nach Baden-Baden, nach Italien, nach Paris, nach London, – und wo er heute zum letzten Male drei Billets gefordert hatte: nach Oldeslo. »Wir werden dem Mann da drin nichts mehr zu verdienen geben, Clemens,« sagte er. Am Bahnhofsausgang stand ein kleines Mädchen mit Veilchen, das Schwerin, als er schon in der Droschke saß, heranwinkte, um ihm für ein Silberstück ein kleines schmächtiges Bouquet abzukaufen. Er steckte die Blumen, wie er es zeitlebens getan hatte, in das Knopfloch und trug sie die ganze nächste Woche. Er gehörte nicht zu den sentimentalen Leuten, aber diese paar Veilchen bewahrte er noch auf, als sie längst verdorrt und halb schon vermodert waren. * Ueber der Haustür hingen Guirlanden; eine ältere Dame, die Lena nicht kannte und die ihr nachträglich als eine ihrer künftigen Verwandten vorgestellt wurde, machte die Honneurs. Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand ein Topfkuchen, ganz mit Blumen ausgefüllt und mit einen etwas dünnen Kranze umgeben. Man geleitete Lena die enge Treppe hinauf, die frisch gescheuert und mit weißem Sande bestreut war. Auch oben gab es Guirlanden, und vor einer kleinen Weißen Tür sah man ein Pappschild mit einem grünen Eichenkranze bedruckt, in dessen Mitte in roten Buchstaben ›Willkommen‹ stand. Man öffnete ihr die Tür, sie blickte in ein kleines Helles Zimmer mit weißen Gardinen und weißem Bett, über dem feierlich und traurig Raffaels »Kreuztragung« hing. Die Tür hinter ihr schloß sich, unwillkürlich wandte sie sich um, – sie sah sich mit George allein. Mit einem müden Lächeln streckte er ihr die Hände entgegen, das Gesicht schmal und blaß, und mit einem Aufschluchzen fiel sie in seine Arme. * In diesen ersten Tagen schien beider Liebe noch einmal aufzuflammen. Sie wußten beide, daß sie nahe daran gewesen waren, sich zu verlieren, und wenn das schwere Ereignis, das über sie hingegangen war, sie wieder enger zu einander geführt hatte, so weckten der Hardisberg und die Erinnerungen ihre Liebe zu neuem Leben. Als aber diese ersten feinen Stimmungen des Wiederfindens alter Erinnerungen verrauscht waren und nüchterne Ausblicke vor ihnen sich öffneten, sank das Feuer wieder in sich zusammen. Es war nur eine flackernde Flamme gewesen, die noch einmal die vergangene Zeit beleuchtet hatte, und nun langsam erlosch. Vielleicht hätte alles anders sein können, wenn George und Lena sich allein gegenüber gestanden hätten. Aber die kleine, zerbrechliche Liebe, die, nur ihrer beider Obhut anvertraut, sicherlich unverletzt durch alle Fährnisse hindurch getragen wäre, war der Gegenstand neugieriger Betrachtung geworden, den jeder mit plumpen Fingern betastete. Man starrte Lena auf der Straße an als die Heldin eines Zweikampfes, den die Leute draußen in der Welt schon wieder vergessen hatten, der hier aber in Oldeslo noch nach einem Menschenalter besprochen werden würde. Neugierige Gesichter, die unter andern Umständen hier im Hause sich nie gezeigt hätten, erschienen unter dem Vorwande, sich nach George und seinem Befinden erkundigen zu wollen. In der Enge des Hauses konnte Lena ihnen nicht ausweichen, man sprach mit ihr, man musterte sie. Gelegentlich einmal traf sie die Generalin, die an ihr vorübergehen wollte, aber dann doch, wohl von derselben Neugier geleitet, stehen blieb, um mit Lena ein paar Worte zu wechseln. Ihr Ton war anders als früher, höflicher und zugleich herablassender. Als ob Lena damals zwar ihre Schülerin, aber doch gesellschaftlich ihr gleich gestellt gewesen sei, während jetzt ein Abgrund künftigen Klassenunterschiedes sie weit voneinander trennte. Täglich sah Lena das Pensionat vorüber gehen, fremde Gesichter, von denen sie keines mehr kannte, die aber alle sie neugierig anblickten. Und Lena hatte die Empfindung, daß das Kinder seien, denen gegenüber sie selbst sich müde und gealtert vorkam. * – – Im Auftrage Schwerins schrieb Frau v. Pauly lange Briefe, und eines Tages sandte sie des Majors Sportzeitung, in der mit Blaustift unterstrichen der Bericht der Frankfurter Rennen stand: »Lena S., Siegerin des Ehrenpreises Sr. K. Hoheit des hochsel. Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen. Staatspreis 5000 Mark!« Sie las den ausführlichen Bericht der Zeitung, in dem der Verlauf des Rennes genau geschildert war, – und sie las ihn noch einmal – und ein drittes Mal. Ein Zittern der Freude war über sie hingegangen, – nun legte sie das Blatt gleichgültig aus der Hand. Ein Gewinn, der die Unkosten deckte, weiter nichts. – Ihr erster Sieg und vielleicht auch ihr letzter. Aber sie griff noch einmal nach der Zeitung: irgendwo hatte sie Szateks Namen gelesen – – – sie suchte – dann fand sie: »Graf Johann Szateks Fuchshengst ›Van Tromp‹ gewann gestern den Grand Prix de Deauville. Der Graf war bei dem Siege seines Pferdes persönlich anwesend.« Ja Szatek! Er blieb Sieger, wohin er ging und was immer er unternahm! Wie er gegen George im Zweikampf Sieger geblieben war. Der Szateks Bahn kreuzte, und den dieser mitleidlos aus seinem Wege geräumt hatte. Sie suchte den Gedanken an Szatek fortzustreifen, aber es gelang ihr nicht, er kam immer von neuem. Und der banale Erfolg seiner Treffsicherheit, den er vielleicht einzig einer von Jugend auf geübten Fertigkeit verdankte, bereitete ihm, so sehr sie auch mit dem Verstande dagegen anzukämpfen suchte, eine Art von Glorie. Schließlich: für wen hatte er das getan? Für sie! Er hatte um ihretwillen dem Tod ins Gesicht gesehen! Dasselbe hatte George getan – ja – Aber Szatek war Sieger geblieben! Sieger! – – – – Wieder ging ein Sommer zu Ende. Man schrieb an Schwerin, er möge die Güte haben, Lenas Taufschein und alle die Papiere zu besorgen, die für das kirchliche Aufgebot notwendig sind. Der Herbst kam und die ersten Zugvögel verließen die Weserberge und gingen südwärts. In dieser Zeit war es, als ob in Georges Mutter eine Angst emporstieg. Eine Angst um George, der stummer und einsilbiger wurde, – und eine Angst um Lena. Als ob sie fühlte, was in Lena vorging. Sie verdoppelte ihre Anstrengungen, dem Mädchen in allem die Hände unterzulegen, sie begegnete ihr mit einer Herzlichkeit, die erzwungen war, und die selbst George bisweilen wie etwas Uebertriebenes empfand, dessen Zweck er nicht begriff. Lena wehrte sich nicht dagegen, sie war machtlos; man wollte sie festhalten, und sie hatte nur ein dumpfes Empfinden des Ersticktwerdens. Sie kämpfte gegen sich selbst: Aushalten! Um jeden Preis! Bis zu einem Tage, – zu einem Tage, an dem George seine Haltung verlor! Sie starrte ihn an: es war ja nicht möglich?! Er hatte ihre Liebe immer entgegengenommen wie etwas Selbstverständliches, das ihm gehörte und immer gehören würde, trotz jener Tage in Berlin, trotz Szatek, trotz allem, was zwischen sie getreten war – Nun plötzlich schien er unsicher zu werden! Er suchte nach Worten, die er nie gebraucht hatte, – fand zärtliche Aufmerksamkeiten, die etwas Aengstliches hatten und zu seiner schwerfälligen aufrichtigen Art in wunderlichem, fast traurigem Gegensatze standen. Es schnürte ihr das Herz zusammen. Sie wollte sich in seine Arme werfen und seinen Hals umklammern und sagen: ›George, laß das! Das ist ja alles nicht nötig! Ich gehe nie von dir! Nur bleib, wie du warst: mein guter großer George mit deinem Kinderherzen, das nichts von solchen gemachten Worten weiß! – –‹ Aber sie sprach es nicht aus. Am ersten Tage nicht, – und am zweiten nicht, und dann nie mehr. – – An einem der letzten Septemberabende ging sie mit George im Garten. Sie beugte sich nieder und brach ein paar Astern ab, dann sagte sie unvermittelt: »Ich möchte am Montag in Berlin sein. Lena S. wird im ›Renard-Rennen‹ laufen. Es ist das größte und wertvollste Herbstrennen. Sie wird es nicht gewinnen, es ist fast unmöglich, aber immerhin, ich möchte dabei sein.« »Du willst hinfahren – ?« »Ja.« Sie ging neben ihm und sah ihn nicht an, – sie sprachen nicht, aber sie fühlte, wie George mit seiner Erregung kämpfte. Als sie ins Haus treten wollten und er einen Schritt seitwärts ausbog, um Lena vorangehen zu lassen, wandte sie sich zu ihm um: »Hast du etwas dagegen, George?« Er sagte nichts als: »Wann kommst du wieder?« Sie bewegte die Lippen, aber sie antwortete nicht gleich. Es ging ihr hastig durch den Sinn: ›Sag ihm die Unwahrheit; – – sag, du kämest in ein paar Tagen zurück,‹ aber sie blickte in sein Gesicht, das angstvoll zu ihr niederschaute. Zögernd, langsam, mit einer Stimme, die alles verriet, was in ihr vorging, sagte sie: »Ich – George – ich – weiß es nicht.« Er tat einen Schritt vorwärts: »– – Lena – ?« Dann endlich fand sie die Offenheit, mit der sie ihm immer begegnet war: »Hierher – George – nein, nicht wieder.« Ein Nebel legte sich vor seine Augen, er sah Lena ganz ruhig, hörte sie diese Worte ganz ruhig sagen, – da riß er sie an sich und preßte ihre Arme zusammen und schüttelte sie in maßlosem Grimm: »Du hast mich zu Grunde gerichtet!!« Sie wehrte sich nicht, sie ließ sich hin und her rütteln, ohne eine Hand zu bewegen, ohne auch nur den schwächsten Versuch zu machen, sich aus dem schmerzenden Griff seiner Hände zu befreien, – ihre Gestalt lag in diesem Griff wie leblos, nur die Augen waren aus dem blassen Gesicht immer auf ihn gelichtet. Dann außer sich, warf er sich vor ihr nieder: »Verzeih mir, Lena!! Vergib mir!!« – er begann zu flehen, nach verzweifelten Worten zu suchen, haltlos, wie vernichtet. Lenas Hände bedeckten sich mit seinen Tränen, aber während ihr Herz zuckte, blieben ihre Augen trocken. Und mitten in seine Ausbrüche von Schmerz hinein gingen ihre Gedanken seitab. Sie dachte daran, daß sie seit ihrer Kinderzeit nicht mehr geweint hatte, auch damals nicht, als Schwerin ihr die Todesnachricht brachte. Und sie sann nach, wie sie das erklären sollte. Draußen im Garten begann es zu dämmern. In diesem Hausflur, an derselben Stelle hatte sie vor einem Jahre gestanden, als sie verzweifelt gekommen war, um bei George ein Heim zu suchen. Er lag immer noch vor ihr, den Kopf an sie gepreßt, und während Lena die Augen über den kleinen Flur gehen ließ, über die Holztreppen und über die weißen Türen, – und während immer leise ihre rechte Hand über Georges Kopf glitt, wie man tut, wenn man ein Kind beruhigen will, wurde sein Weinen leiser und leiser. Elftes Kapitel Am 28. September kam auf der Rennbahn zu Hoppegarten das Renardrennen zur Entscheidung. Graf Johannes Renard, Schlesiens größtem Züchter, zur Ehre und zum Andenken. Schwerin saß einsam zu Hause. »Sobald das Rennen vorbei ist, telefoniere ich,« hatte Lena mittags beim Gehen gesagt, »einerlei, ob Lena S. dann gewonnen oder verloren hat.« Nun saß Schwerin seit nachmittags um drei Uhr und wartete. Um zwei Uhr hatte er zu Mittag gespeist, um halb drei war er von Clemens auf das Sofa gebettet worden, um den Nachmittagsschlaf zu erledigen, aber die Aufregung hatte ihn am Schlaf und Schlummer verhindert, und er saß und wartete. Das Telephon befand sich unten beim Hauswirt, der, gegen seinen Mieter Schwerin immer von außerordentlicher Liebenswürdigkeit, sich bereit erklärt hatte, den Apparat an diesem Nachmittage so lange für Clemens zu reservieren, bis die erwartete Nachricht eingetroffen sein würde. So gute Qualitäten Clemens in seiner vieljährigen Dienstzeit sich angeeignet hatte, so war ihm doch speziell der Gebrauch des Telephons nie recht geläufig geworden, und als er um drei, um halb vier, um vier, um halb fünf, um fünf hinauf kam, um dem Major jedesmal zu rapportieren, daß immer noch keine Nachricht eingetroffen sei, begann Schwerin in seiner Einsamkeit und in der folternden Ungewißheit alle Schuld auf Clemens zu entladen. Er hatte nicht aufgepaßt, – er hatte das Telephon falsch gehandhabt, – was das Wahrscheinlichste war: er war beim Warten unten in dem engen Telephonkasten eingeschlafen!! Der Diener beteuerte das Gegenteil, und in der Tat war dieser im Leben phlegmatische Clemens dem Telephon gegenüber und dem stundenlangen Warten gegenüber von einer solchen Nervosität befallen, daß die Behauptung, er wäre dabei eingeschlafen, selbst seine friedfertige Seele in Aufregung versetzte. Zum erstenmal seit vielen Jahren erlaubte er sich einen Widerspruch: »Ich bin nicht eingeschlafen.« »Wohl!« schrie Schwerin. »Nein, Herr Major.« »Wohl.« »Nein, Herr Major.« Schwerin ließ vor Staunen seine Zigarre auf den Teppich fallen, dann sagte er mit einer ganz veränderten und fast dünn gewordenen Stimme: »Also so weit ist es gekommen. Dieser Mensch straft mich Lügen in meinem eignen Hause.« Und als Clemens erschreckt, ernüchtert und wieder ganz zum Bewußtsein gekommen, den Vorwurf entkräften wollte, fand Schwerin nur ein Wort: »Geh.« So begab sich Clemens von neuem an das Telephon, und der Major war wieder allein. Er kam eine Zeitlang zu gar keinem rechten Nachdenken. ›Es bricht alles zusammen,‹ ging ihm durch den Sinn, ›es lohnt sich bald wirklich nicht mehr, weiter zu vegetieren. Sie kümmern sich einfach nicht mehr um mich. Mein Wille ist gleich null. Bei Lena, bei Clemens, bei jedem.‹ Ja, diese Lena! – Nun war sie wieder da. – Was aus dem allen noch werden sollte, er, Schwerin, wußte es wirklich nicht. Heute vor drei Tagen, ungefähr um dieselbe Zeit, als die Herbstdämmerung durch die Fenster hereinschaute, hatte sich die Tür aufgetan und jemand in Hut und Jacke war auf Schwerin zugeeilt und hatte die Arme um ihn geschlungen. Er war außer sich gewesen: »Lena, wo kommst du her?! Lena, was soll das?! Lena, was willst du hier?!« Aber sie hatte kaum geantwortet und hielt nur immer die Arme um seinen Hals. Bis er nach zahllosen Hin- und Herfragen den Sachverhalt so festgestellt hatte, wie er ihn bei Lenas Anblick sofort in der ersten Sekunde vermutet hatte. Sie hatte dann gebeten: »Ich konnte nicht anders, Onkel Schwerin, verzeih mir!« – und Schwerin hatte schließlich mit dem Kopfe genickt: »Ja, ja, Lena, es ist ja gut,« – aber verzeihen, was man wirklich verzeihen nennt, – – nein, – – das würde er ihr nie können. Er hatte in den drei Tagen sich alle Mühe gegeben, den alten Ton wieder zu finden – – es war ihm nicht gelungen und würde ihm nie mehr gelingen. Er erinnerte sich an die vielen Stunden, die George da drüben im Sessel bei ihm verträumt hatte, wie sie lange Abende zusammen seinen Rheinwein getrunken und seine Zigarren probiert hatten. Nun war das alles zu Ende. Nein, nicht das, denn das war schon lange zu Ende, aber alles andre: das Glück dieses armen George und seine Zukunft. Es dämmerte in ihm auf: Lena ist das geworden, was ihr Vater und wir alle aus ihr gemacht haben: eine Zigeunerin, die nie eine Heimat gehabt hat und nie eine Heimat haben wird; ein Mädchen, das zu Grunde geht an seinen Kinderjahren! – – – – In der Nacht darauf hatte er einen Plan gefaßt, der in seiner Einfachheit ihn selbst überraschte: man mußte Lena klaren Wein einschenken, ihr die Verhältnisse in aller Ruhe auseinandersetzen, ihr sagen, daß sie im Grunde genommen nichts war als eine Bettlerin. Das würde sie zur Vernunft bringen. – Aber es brachte Lena nicht zur Vernunft. Im Gegenteil. Sie hatte ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck angeschaut: »Wer weiß, ob ich eine Bettlerin bin. Einstweilen habe ich noch das Pferd. Es gibt ja Wunder, und das Wunder will es vielleicht, daß die kleine Lena S. am Montag siegt. Wenn sie siegt, ist sie das beste Pferd im Lande. Und ich bin reich.« Schwerin war aufgefahren mit einem empörten Lachen: »Halt mich nicht zum Narren! Es gibt keine Wunder! Am allerwenigsten auf dem Rennplatz! Das weißt du genau so gut wie ich! Willst du mir sagen, daß du diesen unglücklichen George nur heiraten wirst, wenn solche Wunder eintreten?! Willst du das sagen, du?!« »Ich will nichts sagen.« »Aber du sollst sagen! Du sollst nicht stillschweigen und aus dem Fenster gucken und mir nicht antworten! Ich will wissen, wie das mit George wird! Ich will das wissen!!« Mit einem müden, gleichgültigen Ausdruck kam sie immer auf ihre eintönige Rede zurück: »Ich kann nicht in Oldeslo leben, – ich kann in solch kleinlichen Verhältnissen nicht leben, – ich kann es nicht.« Er hatte alle Register der Schulmoral aufgezogen, alle banalen Weisheiten hervorgesucht, die er in seinen sechzig Jahren aufgelesen hatte, und deren jeder Mensch für solche Fälle eine beträchtliche Anzahl auf Lager hat, – er hatte gedroht, gewarnt, düstere Zukunftsbilder vor ihr aufgerollt, – aber Lena blieb bei ihren wenigen Worten: »Ich kann es nicht.« Ohne Clemens' Hilfe, ohne die Hilfe irgend eines Menschen hatte er es mühselig fertig gebracht, aus seinem Stuhl sich aufzurichten und mit einer großen drohenden Geste sich vor sie hinzustellen: »Und was willst du dann tun, wenn dieses alberne – wenn dieses Wunder nicht eintritt?! – Was wird dann aus George?!! – aus dir?!! – Sie hatte nur die Achseln gezuckt. * Um sechs kam Clemens mit seinem Rapport noch einmal und um halb sieben zum letztenmal, – gleich darauf klingelte es draußen, und Schwerin hörte im Vorplatze die Stimmen seiner Damen. Die Tür öffnete sich, die kleine Frau v. Pauly kam herein. Sie fand sich in der Dunkelheit nicht zurecht, sie suchte mit den Augen, aber sofort scholl ihr Schwerins Stimme entgegen, die sie mit Fragen überschüttete: »Warum hat Lena nicht telephoniert? Wie ist das Rennen ausgefallen? Warum kommt Lena nicht herein? Hat sie gewonnen? Was ist nun?! Warum wurde ich hier mit Warten zu Tode gequält –?!!« – Und durch die nervenzerrüttenden Ereignisse dieses Nachmittages erregt, durch des Majors durcheinander wirbelnde Fragen um den letzten Rest von Fassung gebracht, berichtete die kleine Frau verworrenes Zeug, vermengte Fragen und Antworten und versetzte durch ihre hilflose Aengstlichkeit den Major in einen solchen Grimm, daß er zum erstenmal in seinem Leben ihr gegenüber seine große Höflichkeit außer acht ließ: »Ich will wissen, wer das Rennen gewonnen hat!« Sie blickte ihn mit einem völlig erstarrten Ausdruck an, die herausgeschriene Frage donnerte in ihrem Kopf herum und schlug an alle seine Wände: »Wer hat das Rennen gewonnen?« – Nein, sie wußte es wirklich nicht! Man hatte ihr draußen auf der Rennbahn den Namen des Pferdes gesagt, das weit vor den andern Pferden und weit vor Lena S. als Sieger das Ziel passiert hatte, – aber unmöglich, diesen Namen wieder zu finden! »Wer das Rennen gewonnen hat, Madame,« sagte Schwerin mit einer unheimlichen Ruhe, hinter der ein Ungewitter lauerte. Die Sache ging ihm über den Spaß. Seit vier Stunden wartete er auf die Nachricht, und nun, da jemand vor ihm stand, der das Rennen selbst gesehen hatte, weigerte sich dieser jemand, ihm Auskunft zu geben! Es gibt ein arabisches Märchen, in dem jemand in einen Berg eingeschlossen ist, dessen Ausgang er nur wieder finden kann, wenn er sich auf den Namen des Berges besinnt. Angst und Verzweiflung lähmen in dieser Lage alle seine Sinne und Denkfähigkeit. Genau so oder wenigstens ähnlich so erging es der kleinen Frau v. Pauly. Sie erinnerte sich undeutlich, daß der Name des siegreichen Pferdes ein seltsames, verrücktes Wort war, mit dem man nie und nirgendwo sonst in der Welt Pferde benennt, – und als sie noch ein oder zwei Sekunden nachgesonnen hatte und zu der Ueberzeugung gelangt war, daß sie diesen Namen nie finden würde, flüchtete sie zu der letzten Zuflucht schwacher Seelen und brach in ein verzweifeltes Schluchzen aus. ›Also ich werde richtig hier sitzen bleiben, und niemand wird kommen, um mir Auskunft zu geben,‹ dachte der Major. ›Gut so, nur weiter. Ein hilfloser Mensch, der sich nicht mehr bewegen kann, in einer Umgebung von Schlafmützen lebt und am besten tut, selber einzuschlafen.‹ Es war ganz dunkel im Zimmer geworden. ›Es bringt auch niemand eine Lampe,‹ dachte er. ›Gut so, nur weiter.‹ Aus einer Ecke des Zimmers klang das unterdrückte Weinen der Frau v. Pauly, und als Schwerin eine Weile das angehört hatte, versuchte er sein Heil noch einmal. Mit einer ganz zarten und höflichen Stimme sagte er: »Besinnen Sie sich einmal ganz in Ruhe, liebe Frau v. Pauly, – wer hat das Rennen wohl gewonnen?« Aber keine Antwort erfolgte. – Eine Weile später kam Clemens herein, um schweigend die beiden Lampen anzuzünden und sich dann schweigend zu entfernen. – – – Wieder eine Zeit später sah der Major die kleine Frau v. Pauly von ihrem Stuhl in der Ecke sich vorsichtig erheben und leise hinausgehen, – dann war er wieder allein. Er hatte einen Augenblick die Empfindung, in einer Art von Irrenhaus zu sein. Er nahm eine Zigarre, brannte sie an, tat zwei Züge und legte sie wieder fort. ›Wenigstens weiß man jetzt soviel,‹ dachte er, ›daß Lena S. nicht gewonnen hat. Hätte Lena S. das Rennen gewonnen, so würde die Frau den Namen gewußt haben. Sie hat ihn nicht gewußt, ergo hat Lena S. das Rennen nicht gewonnen. Wie es vorauszusehen war. Wie es ganz selbstverständlich war. Was nun werden soll, weiß ich nicht.‹ – – Die Tür ging auf, Lena kam herein. Ganz ruhig ging sie auf ihn zu und gab ihm die Hand: »Guten Abend. Verzeih, daß wir nicht telephoniert haben. Ich habe es vergessen. Ich war sehr erregt, ich habe nicht daran gedacht.« Sie trug noch das Kleid, in dem sie heute draußen gewesen war, – das erste helle Kleid seit ihrer Trauerzeit. Sie ging an einen der großen Sessel, rollte ihn über den Teppich neben Schwerins Stuhl und setzte sich neben ihn: »Ich habe dir Grüße zu bestellen. Alle fragten nach dir, wie es dir geht. Der Herzog wird nächster Tage einmal kommen, dich zu besuchen. Auch Bernstorff will kommen.« Er blickte sie erstaunt an. Sie war so gefaßt und gleichmütig, als ob nichts passiert wäre. »Erzähl mir von dem Rennen,« sagte er. »Valérien hat gewonnen.« »Wer war zweiter?« »Kirawedda.« »Und Lena S.?« Sie zuckte leicht die Achseln: »Sie war an der Distanz geschlagen.« »Sie war nicht unter den drei ersten?« »Nein.« Und als Schwerin sie mit großen fragenden Augen anschaute, als ob er das alles nicht begriffe, begann sie zu erzählen: »Der Sieg in Frankfurt im Landgrafenrennen war wohl nur ein Zufall. Lena S. ist ein schlechtes Pferd, ganz ohne Frage. Es ist merkwürdig, wie man sich in Jährlingen täuschen kann, ich hätte in Harzburg darauf geschworen, daß sie allererste Klasse werden würde. Sie kam schlecht vom Start, das ist eine gewisse Entschuldigung, und Dockeray ritt sie auch nicht gut, denn er nahm soviel aus ihr heraus, um das verlorene Terrain wieder gut zu machen, daß die Stute nach einer halben englischen Meile ganz aussichtslos im Rudel galoppierte. Nachher nahm er die Peitsche, es war lächerlich. Wenn ein Jockey nicht fühlt, daß sein Pferd geschlagen ist, und nimmt ohne jeden Grund dann noch die Peitsche, das ist einfach lächerlich. Solche Leute setzt man bei uns in Deutschland immer noch auf die Rennpferde!« Sie stützte den Arm auf die Lehne des Sessels und legte den Kopf in die Hand. Sie schien nachzusinnen, aber ganz gleichmütig, und ihre Augen gingen langsam über die Linien des Teppichs. Nach einer langen Pause, in der Schwerin sie immer anblickte und sich immer nur fragte: ›Was heißt das alles? Was ist geschehen?‹ – beugte er sich vor und legte seine Hand auf ihr Knie: »Lena –?« »Ja –?« »Was – was soll nun werden –?« »Graf Johann Szatek hat um meine Hand angehalten.« Er wollte emporfahren, aber er war wie gelähmt. Es wirbelte ihm durch den Kopf: George, – das Rennen, – Lena, – Szatek, – und wieder Lena, – und wieder George, – – das war ja unmöglich!! Sie konnte George nicht beiseite werfen, wie man einen verbrauchten Handschuh abstreift!! Mit heiserer Stimme sagte er: »Weißt du, wer dieser Graf Szatek ist? Weißt du, wer deinen Vater ruiniert hat?« »Wer?« »Szatek.« – Und als sie nicht antwortete und ihn nur anstarrte, erzählte er ihr mit einer Stimme, die immer rauher wurde, in abgerissenen Sätzen alles, was er von jener Affaire wußte. Daß Szatek es gewesen war, der in Hamburg dem Rittmeister den Todesstreich versetzte, als er ihn im Spiel ruiniert und auf der Bezahlung der Schuld bestanden hatte. Lena war in ihrem Sessel zusammengesunken, die Arme schlaff vor sich auf die Knie gelegt und den Kopf gesenkt. – – Der Major hatte schon lange geendet. Sie saß immer noch und gab kein Zeichen von sich. Da beugte er sich noch einmal vor und berührte ihre Hand: »Hast du gehört, was ich gesagt habe, – er hat deinen Vater ruiniert.« Sie richtete den Kopf in die Höhe und sah ihn mit einem wunderlichen Blicke an: »Ja, ich höre es.« Etwas wie ein Lächeln ging um ihren Mund, vor dem Schwerin zurückfuhr, – leise, unhörbar sagte sie vor sich hin: »Und ich werde ihn ruinieren.« Sie träumte. Ueber dem schmalen blassen Gesicht lag ein grausamer Zug, der nur langsam wich. Sie dachte an George: ›Armer George‹ –, dann sann sie wieder vor sich hin: ›Wer mich nimmt, wird zu Grunde gehen, – besser er als du. Du hast nicht Schritt neben mir gehalten, George, aber er wird auch nicht Schritt halten. Er noch weniger als du.‹ – Wieder glitt das wunderliche Lächeln um ihren Mund: sie sah Zukunftsbilder, Glanz, Verschwendung. Sie war die Gräfin Szatek, vor der alle Welt sich beugen und der alle Welt huldigen würde. Während er selbst, Szatek, im Nebel hinter ihr verschwand, weil er nicht Schritt halten konnte, weil er vernichtet war. Sie ging ganz allein die große, glänzende Straße, ganz allein – – Sie wußte nicht, wie lange sie vor sich hingeträumt hatte, – vielleicht stundenlang. Jemand berührte ihre Schulter, und sie schaute sich hastig um: »Was wollen Sie?« Es war Clemens. »Der Herr Major muß schlafen gehen, gnädiges Fräulein, es geht auf Mitternacht.« Sie sah nach der Uhr: wirklich elf Uhr vorbei. Dann blickte sie auf Schwerin, er schlief. »Ja, es ist gut. Besorgen Sie alles, er soll schlafen gehen.« Clemens öffnete die Tür zu dem Schlafzimmer und ging leise auf den Zehen hinein, um alles zu ordnen. Lena stand auf, sie trat neben Schwerin und betrachtete ihn, dann nahm sie seine welke Hand: »Denn ich bin jung und ihr anderen seid alt, ihr alle zusammen! Auch George. Ja, George, auch du.« Sie strich sich über die Stirn und ging an das Fenster. Sie schlug die Vorhänge auseinander. Der Platz mit seinen Lichtern lag vor ihr; darüber hinaus dehnten sich im Lichterglanz die langen, breiten Straßenzüge nach Westen. Mit müden, glanzlosen Augen blickte sie hinaus und wiederholte die Worte: »Denn ich bin jung – denn ich bin – – jung.« Zwölftes Kapitel Man hatte Frau v. Pauly zu der Hochzeit eingeladen, selbstverständlich. Sie ließ das Kleid aus lila Seide, das sie seit Jahrzehnten besaß, eigens dieser Hochzeit wegen ändern, – und als dann alles fertig gestellt und weiße Handschuhe und der ganze Tand angeschafft war, dessen man bei solchen Festen als Dame bedarf, – ließ sie in letzter Stunde den Plan fallen. Angeblich Schwerins wegen. Um ihn nicht allein zu lassen. In Wahrheit aber wohl nur, weil in den schlaflosen Nächten der Gedanke sich immer klarer in ihr festgesetzt hatte, daß alle Aenderungen und der neue Besatz dem lila Kleid keine Lebensfähigkeit mehr zu verleihen im stande gewesen waren. Sie zog es an und zeigte es Schwerin, – sie zog es noch zu zwei andern Malen an und zeigte es wiederum dem Major, – Schwerin hatte indessen neuerdings eine sonderbare Art angenommen, zu allem zu nicken und bei den ernstesten Fragen einzuschlafen, – auf sein Ja oder Nein konnte man mithin bei solcher Angelegenheit keinen Wert legen. Aber erst als sie in dem Kirchenstuhle saß und der lange Zug glänzender Toiletten an ihr vorbei defilierte, kam es ihr zum Bewußtsein, welcher Gefahr sie durch die Verzichtleistung entgangen war! Unmöglich, sich vorzustellen, welche Disharmonie der lila Fleck in das leuchtende Bild gebracht hätte, das sich wie ein Frühlingskranz von Licht und Blüten rings um den Altar wand! Ein Angstschweiß brach ihr aus allen Poren, und obwohl sie in diesem Kirchenstuhl sicher saß wie in Abrahams Schoß und keine Macht der Welt sie und das lila Kleid in den Kreis da vorn hinauszerren durfte, so flößte doch der bloße Gedanke, etwas Unfaßliches gewollt zu haben, ihr solchen Schrecken ein, daß sie eine Zeitlang ganz bewegungslos saß und nichts von den Vorgängen merkte. – – Alle Kirchenstühle, alle Sitze, alle Emporen der Matthäikirche füllten sich mit Zuschauern, – diese Hochzeit war das Ereignis der Saison, – und während die Orgel schon leise präludierte, hörte man draußen immer noch Wagen auf Wagen rollend vorfahren. Ein Kirchendiener lief eilig durch die mittelste Reihe und kam gleich darauf zurück mit einem vergessenen Bouquet, – man sah vor dem Altar Uniformen, Lorbeerbäume, Orangenbäume, Orden, Seide, Blumen, Herren im Frack – man hätte, um alles sehen zu können, seine Augen verdoppeln müssen und würde vielleicht selbst dann keinen alles erschöpfenden Eindruck gewonnen haben. Allmählich vergaß Frau v. Pauly ihr Kleid und das, was dieses Kleid hätte herbeiführen können, – ihr Kopf ging hin und her, bald rechts, bald links, sie konnte nicht folgen, es gab soviel zu sehen, man wurde verwirrt und verlor jeden klaren Ueberblick. Dann ganz plötzlich sah sie Lena! Sie hatte, nach der Haupttür gewendet, den wichtigsten Moment: das Hereintreten des Brautpaares, verpaßt! War das Lena – ? Ja selbstverständlich, – wer sonst – ? Sie sah ganz anders aus als je zuvor! So groß und schlank und gerade aufgerichtet – – – »– Sie ist es wirklich –,« sagte Frau v. Pauly vor sich hin, – »wirklich.« Die Orgel ließ brausend ihre Stimmen durch den weiten Raum erschallen – tausend Blicke richteten sich auf die einzige Gestalt in weißer Seide, die jetzt auf dem roten Sammet niederkniete. Da begann die kleine Frau v. Pauly zu schluchzen. Sie wußte selbst nicht weshalb. Es war kein rechter Anlaß zum Weinen, und alles in allem genommen hatte sie Lena und was Lena anging eigentlich immer fremd gegenüber gestanden, – – aber sie mußte weinen, sie konnte nicht anders. Ihr war so feierlich und so weh, sie dachte an vieles und an nichts. Diese Orgeltöne bei Hochzeiten hatten zeit ihres Lebens für sie etwas Erschütterndes gehabt. Irgend jemand dicht neben ihr begann gleichfalls zu schluchzen, und als sie mit dem Taschentuch vor dem Mund sich umschaute, sah sie, daß dieser jemand ihre Nachbarin war, eine ältere Dame ganz in Schwarz, die ihr zunickte und ihr schweigend die Hand drückte. »Eine schöne Braut,« flüsterte die Dame, und Frau v. Pauly bestätigte es: »Sehr!« »Eine sehr junge Braut.« »Sehr.« Es erwies sich, daß die Dame in Schwarz im stande war, alle Glieder dieser glänzenden Gesellschaft, die sich dicht vor ihnen um den Altar gruppierte, einzeln mit Namen zu bezeichnen, und da sie eine solche Fülle von Wissen nicht ungenutzt schlummern lassen konnte, beugte sie sich während der Rede des Pastors zu ihrer Nachbarin und flüsterte ihr die Namen ins Ohr. »Da rechts die Kleine in Blau, das ist die Gräfin Bernstorff, – dann neben ihr der Oberst v. Massow.« »Der Lange – ?« »Nein doch! Der rechts! Der, ganz an der Ecke.« »Der mit den Orden – ?« »Orden – na ja – Orden haben alle – aber Sie meinen den richtigen.« Eine dramatische Wendung nahm das Flüstergespräch erst in dem Augenblick, als nach der Aufzählung Frau v. Pauly tiefaufatmend sagte: »O Gott sei Dank, daß ich nicht zu dieser Hochzeit gegangen bin!« »Wieso nicht gegangen?« fragte die andre. »Sie sind doch da, meine Liebe.« »Ich meine zu der Hochzeit selbst, ich meine da vorn hin, unter die andern. Ich meine zu der Hochzeit selbst.« Einen Augenblick hatte die Dame in Schwarz das schreckhafte Empfinden, neben jemand zu sitzen, dessen Geisteskräfte nicht ganz intakt sind, dann sagte sie gütig belehrend: »Da hätten Sie eingeladen sein müssen, meine Liebe, nicht wahr? Das ist klar, Sie hätten eingeladen sein müssen.« »Das war ich auch,« sagte Frau v. Pauly. Sie öffnete ihr Gesangbuch und zeigte der andern die schwere, goldgeränderte Karte mit der Einladung. Die Dame starrte sie an, – sie machte den Mund auf, um etwas zu sagen, – sie blickte wieder auf die Karte – und dann – aber das Wort erstarb ihr im Munde, weil voll und brausend in diesem Augenblicke die Orgel neu einsetzte. Man reckte die Köpfe. Einige in den Bänken standen auf – andre – schließlich alle – – Denn das Brautpaar hatte sich erhoben, und die Gräfin Szatek begann am Arme ihres Gemahls den Rundgang. Man schüttelte ihr die Hand, man drängte sich um sie, – sie kam dicht an dem Kirchenstuhl der beiden Damen vorbei, den Kopf leicht in den Nacken gelegt, das Gesicht etwas blaß, aber die großen Augen ganz ruhig und kühl. Und so ging sie hinaus. Um drei Uhr war die kirchliche Zeremonie beendet gewesen, aber erst kurz vor fünf Uhr kam Frau u. Pauly nach Hause. Die Dame in Schwarz hatte sie um keinen Preis eher losgelassen. Nun saß sie und erstattete Schwerin Bericht. Auf die Rückseite der Einladungskarte hatte ihre neue Freundin alle Namen aufgeschrieben, deren Träger bei der Hochzeit anwesend gewesen waren. So konnte sie mühelos dem Major die Gäste vorzählen. Schwerin saß und hörte zu. Er hatte auch heute warten müssen, stundenlang, wie er jetzt oft warten mußte, aber in seinem Gesicht lag nichts mehr von dem alten cholerischen Aerger. Es war, als ob dieses Gesicht in den letzten Monaten kleiner geworden war. Der Schnurrbart schimmerte fast weiß, und das Monocle lag auf dem im Sessel zurückgelehnten Gesichte zwischen vielen Falten eingebettet wie ein kaltes, weißes Glas, das höhnisch alle Wechsel überdauert hat. Frau v. Pauly hatte den natürlichen Wunsch, daß er wenigstens einige Fragen stellen möchte: nach Lena, nach dem Pastor, nach der Rede, nach den Gästen, – aber Schwerin fragte nicht. Wenn sie aufhörte zu erzählen, so entstand eine Pause, die nicht eher zu Ende ging, bis sie selbst das Wort von neuem ergriff. Nur einmal sagte er: »Ja, ja, das ist nun so.« Und eine Zeit nachher klingelte er: »Clemens soll kommen.« Er war seit Monaten aus seinem großen Sessel nicht mehr aufgestanden, außer abends, um sich ins Bett schaffen zu lassen, – nun gab er zu verstehen, daß man ihn in die Höhe richten sollte. Sie taten es verwundert. Und ohne daß einer von den dreien etwas sprach, ließ er sich in die Zimmer nebenan führen, – in Lenas Zimmer. Er ging in das eine und darauf in das andre und stand in der Mitte und ließ seinen Blick über die Gegenstände gehen: das Bett, den kleinen Schreibtisch. Dann, beim Hinausgehen, schloß er, ohne ein Wort zu sprechen, den Schlüssel an der Tür und schob ihn in die Tasche. Seine Begleiterin brach in Tränen aus, – er musterte sie erstaunt, als ob er nicht begriffe, weshalb, – aber dann nickte er: »Ja, ja, – es ist wahr.« – Er saß wieder in seinem Sessel, die Augen geschlossen, – bis er sich unerwartet einen Ruck gab: »Wir müssen über das alles sprechen. Es gibt nun niemand mehr, für den ich zu sorgen habe. Wenn ich abgerufen werde, dann soll das alles hier und das übrige Ihnen gehören.« Sie fuhr auf: »O Gott, Herr Major!« – Und sie wollte noch mehr sagen, alles das, was man in einer solchen Ueberraschung und Rührung hervorzubringen pflegt, – aber mit einem Rest seiner alten Heftigkeit winkte er ab: »Ich will das nicht, lassen Sie das, entweder – oder!« Er nahm aus der Tasche einen Bund Schlüssel – »schließen Sie, bitte, auf, da die Schatulle, geben Sie her.« Er kramte eine Weile in dem eisernen Kasten, nahm Schriftstücke heraus und legte sie wieder hinein, – alles etwas stumpf, ohne rechte Ueberlegung – und so mitten im Kramen und Suchen fielen ihm die Augen zu. Aengstlich, erwartungsvoll hatte Frau v. Pauly seine Bewegungen verfolgt, nun berührte sie leise seinen Arm: »Herr Major – ?« Er öffnete die Augen und zwinkerte unsicher: »Ja, ja, was denn?« Dann erinnerte er sich und beugte sich wieder über die Schatulle und kramte weiter. Er nahm seine Brille; als er aber eine Zeitlang die Aufschriften auf den einzelnen Schriftstücken studiert hatte, legte er die Brille wieder beiseite, ganz gedankenabwesend. Ein langes gelbes Couvert mit Siegeln hatte er in der Hand behalten, nun brachte er es dicht vor die Augen und versuchte zu lesen. »Was steht da drauf?« fragte er. Sie beugte sich über seine Schulter und las: »Mein Testament.« »Ja, ja, mein Testament. Das war es, was ich suchte. Wir können es nun zerreißen, nicht wahr? Die Frau Gräfin Szatek hat solche Bagatellen nicht nötig.« Und langsam riß er mit der zitternden rechten Hand die Papiere der Länge nach auseinander. Sie sagte nichts. Sie war erregt, wie es jedem in ihrer Lage ergangen wäre, aber sie war nie eine Frau gewesen, die mit Geld umzugehen verstanden oder den Besitz höher als notwendig geschätzt hatte. Der alte Schwerin würde eines Tages sterben und sie seine Erbin sein, aber dieser Gedanke hatte für sie nur etwas Trauriges. Er nahm wieder seine Brille und suchte wieder unter den Papieren, aber alles ohne rechtes Nachdenken, wie ein Kind, das in seinem Spielzeugkasten kramt. Ein Bild fiel ihm in die, Hand, Lenas Bild, das sie darstellte, als sie noch ein kleines Mädchen war. Langsam zerriß er das Bild, – dann, verwirrt, hielt er die beiden Teile aneinander. Das gab wieder das ganze Bild, aber ein langer häßlicher Riß ging hindurch. Er sah sich um, als suchte er jemand, und als er Frau v. Pauly fand, die noch immer hinter seinem Sessel stand, nickte er und deutete auf das Bild: »Sie war doch das liebste kleine Mädchen.« * Es war Abend. Schwerin saß immer noch in seinem Sessel. Die Schatulle war wieder zugeschlossen und fortgestellt, Clemens hatte die Lampe neben ihm auf den Tisch gerückt und dem Major die Abendzeitung in die Hand gegeben. Die Tür wurde zögernd geöffnet, und Frau von Pauly schaute herein: »Herr George ist da.« »Wer?« George trat ins Zimmer. Er ging zu Schwerin und gab ihm die Hand. Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben ihn. »Ja, ja,« sagte der Major, »ganz recht, ganz richtig.« Und mechanisch, wie er das immer getan hatte, holte er eine seiner Kisten vom Boden: »Nimm eine Zigarre, mein Junge. Da stehen Streichhölzer. Gib mir auch eine. Schneid sie ab.« Es fiel ihm ein, daß er George lange nicht mehr gesehen hatte, aber er wußte nicht recht, wann zum letztenmal. Bis er sich erinnerte, daß es damals gewesen war auf dem Bahnhof, als George mit Lena abreiste nach – wie hieß doch der Ort – Oldeslo, – richtig. »Bist du schon lange hier, mein Junge? Ich meine in Berlin? Du warst doch fort?« George nickte. »Wie lange bist du wieder hier?« »Seit drei Monaten.« »Wo –? Hier in Berlin –?« »Ja.« Eine Zeitlang sprachen sie nicht, und Schwerin sann über das alles nach. Er konnte sich das nicht recht zusammenreimen. Namentlich das, weshalb George nie bei ihm gewesen war. »Warum hast du dich nie sehen lassen, mein Junge?« – Aber George antwortete nicht. Wieder nach einer Weile, in der Schwerin sich von neuem bemüht hatte, in seine etwas unklaren Gedankenreihen Ordnung zu bringen, fragte er plötzlich: »Warst du in der Kirche, George?« Und dann, als George nur nickte und wieder vor sich hinstarrte, bekam Schwerin seine widerspenstigen Gedanken endlich in Reih und Glied. Es dämmerte in ihm auf, daß er George trösten müsse, und weit ausholend, begann er ihm eine Geschichte zu erzählen von einer Liebe, die vor vierzig Jahren gespielt hatte und bei der es dem Leutnant Schwerin genau ebenso ergangen war wie heute dem armen George. »Sie hat auch einen andern geheiratet, mein Junge, und ich bin doch 67 Jahre alt geworden. Oder bin ich schon älter? Ich weiß es selbst nicht mehr, aber es kommt ja auf eins heraus.« Er bot George die Hand, und sie blickten sich an. »Du wirst ein Glas Wein trinken wollen, mein Junge?« »Nein. Danke.« »Bleibst du in Berlin?« »Nein.« »Wann reist du ab?« »Heute.« »Nach Oldeslo.« »Ja.« »Hm. – Komm, schenk uns ein. Da das Glas.« Er trank es auf einen Zug leer, dann schien das Denken in ihm aufzuwachen, lebhafter zu werden. »Gib mir noch mal deine Hand. Ich will dir etwas sagen: Du wärst mit ihr nicht glücklich geworden. Glaub mir das. Zu einer Doktorsfrau in eurem Oldeslo ist Lena nicht geboren. Glaub mir das. Vielleicht geboren, ja, geboren sind wir alle zu allem Möglichen, – aber nicht erzogen! Das ist der Kasus, mein Junge, bedenke das! Sie war wie eine kleine Prinzeß, und wir haben damals immer gesagt, halb in Scherz: sie wird einen Prinzen heiraten.« Neben ihm auf dem Tisch lag das zerrissene Bild. Er [unleserlich] und legte es zusammen: »Sieh mal her.« George stand neben ihn, er blickte auf das Bild, – da [unleserlich] erstenmal verlor er seine Fassung. Er preßte die Hand vor das Gesicht und wandte sich ab. Er nahm seinen Hut, – dann, die Tränen niederkämpfend, trat er noch einmal zu Schwerin: »Adieu.« »Mein Junge,« sagte Schwerin und suchte vergebens aus seinem Sessel in die Höhe zu kommen, »Gott mit dir!« Als George seine Hand frei machen wollte, beugte sich der Major noch einmal zur Seite, nahm eine große Kiste Zigarren vom [unleserlich] en und schob sie ihm in den Arm: »Da, nimm mit, für unterwegs.« Und als George etwas erstaunt abwehrte, sagte Schwerin: »Zum Andenken an mich, mein Junge. Rauch sie und denke, wenn du die letzte geraucht hast, nun ist der alte Schwerin auch verraucht, in die Luft verweht. Wie etwas, weißt du, an das sich niemand mehr erinnert. Vielleicht Lena ausgenommen. Und wenn sie an mich denkt, sag selbst, an was soll sie da groß denken? Sie wird lächeln: ›Ja, ja. Schwerin richtig. Der mich lesen und schreiben gelehrt hat. Voilà tout!‹ –.«