Ossip Schubin Im gewohnten Geleis 1901 Motto: On rencontre parfois dans la vie des passants brillants, qui n'arrivent jamais! Ihrer Excellenz Gräfin Helene Harrach, geb. Gräfin Pourtalès in treuer und dankbarer Verehrung gewidmet. Bonrepos , Juni 1900. Erstes Kapitel. Er war entschieden die Hoffnung der konservativen Partei in seinem Vaterland. Seit Menschengedenken war dem böhmischen Adel nichts so Geniales entsprossen. Von seinem ersten Hofmeister an, der ihm noch in der Kinderschulstube das Alphabet und das Einmaleins beigebracht hatte, bis zu den Professoren, von denen er auf der Universität in die höheren Staatswissenschaften eingeweiht worden war, hatte er allen, welche sich mit seiner Belehrung befaßt hatten, die angenehmsten Ueberraschungen bereitet. Er hatte alle Klassen des Gymnasiums mit Auszeichnung absolviert, und promovierte schließlich im zweiundzwanzigsten Lebensjahre. So etwas war noch nicht dagewesen. Er promovierte vor einem »Parterre von Königen«! Noch nie hatte ein junger Jurist in Prag auf eine so glänzende Gesellschaft heruntergeschaut, noch nie vor einem so aufmerksamen Auditorium die ihm zur Beleuchtung vorgelegten Streitfragen diskutiert oder feine Promotionsrede gehalten, wie Hans Graf Ronsky. Er sprach über die ethische Bedeutung der Staatsgesetze. Er sprach mit Feuer, mit hinreißender Ueberzeugung – von der Förderung der Kultur durch das Hineintragen eines idealeren Elements in die Nüchternheit der Paragraphen. Seine Erscheinung gehörte zu den angenehmsten – und seine Stimme zu jenen, welchen man gern zuhört, selbst wenn sie Extravaganzen vorbringen. Ja, man hörte diese Stimme nicht nur gern, sondern man glaubte ihr. Er hatte im höchsten Maß das, was die Franzosen l'accent juste nennen. Seine Augen bestätigten alles, was seine Stimme sagte – er machte immer so treuherzige Augen, wenn er sprach. Man glaubte ihm, weil er sich offenbar selber glaubte – und wenn er die Abenteuer des Herrn von Münchhausen erzählt hätte, so hätte man ihm auch noch geglaubt. Seine Rede dauerte länger, als es bei solchen Gelegenheiten üblich ist, aber nicht länger als die Aufmerksamkeit oder vielleicht als die Geduld seines Publikums. Eine elektrische Strömung von bis zur Begeisterung gesteigertem guten Willen durchzog seine Beredsamkeit. Ob das, was er vorbrachte, von irgend einer praktischen Durchführbarkeit war, darüber dachte keiner nach. Aber es war so edel gefühlt, so schön entworfen – es hatte niemand das Herz gehabt, Hans eine ernüchternde Einwendung zu machen. Die einzige Protestation, welche gegen diesen lang hinziehenden Redestrom erfolgte, waren die hörbaren Atemzüge eines älteren Herrn, der darüber eingeschlafen war. Der größte Teil des Publikums ahnte nichts von dieser Episode, welche sich übrigens nur als vorübergehend erwies, da die Nachbarn des schlafseligen Sünders ihn beide unmutig mit Empörung und Rippenstößen in eine wache Verfassung zurückriefen. Und als der junge Jurist schließlich mit den Worten endigte: »Das Gesetz soll nicht nur wie ein Polizeimann in pflichtschuldiger Wachsamkeit unsere materiellen Güter und Rechte schützen – nein, es soll auch wie der Engel mit dem feurigen Schwert in begeisterter Kampfbereitschaft vor dem Paradies unserer idealen Errungenschaften und Forderungen stehen!«... da hatte der Enthusiasmus gar keine Grenzen und fast kein Ende. Der Vater des Promoventen, welcher als ein gutmütiger, durch und durch konservativer Landedelmann im ganzen gegen alle Weisheit als sittenverderblich heftig eingenommen war, verschlang die Weisheit seines Sohnes um so gieriger mit dem Herzen, je eigensinniger sich sein Verstand dagegen wehrte, sie zu begreifen. Er vergoß Thränen – seine breiten Schultern zuckten vor Rührung. Die drei Hofmeister des Jüngers höheres Staatsweisheit, welche sich in einer der hintersten Reihen der Versammelten zusammengesetzt hatten, vergossen ebenfalls Thränen, und obgleich sie ihr ganzes Leben lang in bitterer Feindschaft verhadert hatten, zerquetschten sie sich jetzt beinahe die Hände vor gemeinschaftlicher Begeisterung. Der alte Leibjäger des Grafen Ronsky weinte wie ein Kind, obwohl er – ein Stockböhme – nicht ein Wort von der langen, in deutscher Sprache gehaltenen Rede des Herrn Grafen Hans verstanden hatte... und gar die Damen ...! Als der junge Doktor nach seiner glänzenden Dissertation in die Reihen seiner Angehörigen trat, da gab's ein Beglückwünschen, Händeschütteln, Umarmen ohne Ende. Plötzlich aus all den stürmischen Huldigungen heraus fühlte er eine, die intensiver als die anderen war – zwei zarte brennende Lippen auf seiner Hand. Er sah sich um, aber das Wesen, dem die Lippen gehörten, war bereits fortgehuscht – etwas wie eine Flammengarbe zuckte an seinen Augen vorbei – eine Fülle aufgelösten roten Haares, das einem etwa vierzehnjährigen Mädchen gehörte. Unwillkürlich verfolgte er sie mit den Augen, bis er ihres Gesichtchens ansichtig wurde. Endlich sah er's – etwas Unfertiges, Stumpfnasiges, Blasses, Sommersprossiges, das dunkelrot wurde, als er es mit seinem neugierigen und freundlich belustigten Blick ansah. »Wer ist das?« fragte ihn ein älterer Herr, einer seiner ihn beglückwünschenden Vettern, indem er die fliehende Gestalt des vor Begeisterung und Verlegenheit glühenden jungen Mädchens eifrig musterte. »Das? ... Die Tochter meines armen Bruders Konrad,« erwiderte Hans Ronsky. »Sie ist momentan bei meiner Schwester Leontin' zu Besuch.« »Ah!« Graf Miroslaw – so hieß der alte Herr – setzte sein Monocle fester ein, der rothaarige Wildfang hatte offenbar erhöhtes Interesse für ihn erhalten, »Verspricht hübsch zu werden ... aber ein verteufeltes Temperament! ... Hm! ... Wie ist denn eigentlich die Mutter?« Hans Ronsky zuckte die Achseln. »Ach, von der sprechen wir lieber nicht,« erwiderte er, »ich habe Konrad nie begriffen! Armer Konrad!« und dann ging man zu anderen Dingen über. Graf Miroslaw dachte nicht mehr an die Tochter des armen Konrad; Hans Ronsky dachte eigentlich auch nicht mehr an sie – trotzdem fühlte er den ganzen übrigen Tag noch das Brennen der zarten, feurigen Mädchenlippen auf seiner Hand. Nach der Promotion begab er sich mit seinem alten Vater – der Vater war ungewöhnlich alt für einen so jungen, und unglaublich beschränkt für einen so klugen Sohn – in das Ronskysche Palais. Dieses befand sich auf der sogenannten Kleinseite von Prag, dem eigentlichen Adelsviertel, in einer malerischen, steil bergansteigenden Straße, die sich bis an den Fuß des Hügels erstreckt, von dem aus die Kaiserburg auf ihre Umgebung herabsieht. Das Palais, welches als besonderes Abzeichen zwei einander wütend anfauchende Löwen – jeden an einer Seite des mächtigen Thorbogens – aufwies, stand um diese Jahreszeit – man befand sich im Juli – fast immer leer, wie die meisten Paläste, die seine vornehme Umgebung ausmachten. Diesmal war aber in den meisten von ihnen ein Teil bewohnt – von Verwandten, die herbeigekommen waren, das neue Licht zu feiern. Im Palais Ronsky wurde um sechs Uhr nachmittags ein großes Diner gegeben, zu dem außer den nächsten Angehörigen des jungen Doktors auch seine drei Hofmeister zugezogen wurden. Man brachte sehr viel Trinksprüche aus, und die ganze Gesellschaft sah Hans Ronsky bereits in einem historischen Licht. Die ehemaligen Hofmeister hielten sich nicht so lange bei dieser Veranstaltung auf wie die anderen Gäste. Als sie, und zwar alle drei gleichzeitig, das Fest verließen, ergingen sie sich, noch ganz eingehüllt in den Duft der vorzüglichen Zigarren, welche sie auf die Straße mitgenommen hatten, in Vermutungen bezüglich der Zukunft des Grafen Hans Ronsky. Obwohl sie drei verschiedenen Nationalitäten angehörten, indem der eine ein Deutscher, der zweite ein Czeche, der dritte ein Ungar war, zeigten sie sich doch für diesmal ganz einig in ihren Ueberzeugungen, das heißt in ihrem festen Glauben an die hervorragenden Fähigkeiten Hans Ronskys. Sie bauten eine wahre Walhalla von einem Luftschloß, in welchem Ronsky noch bei Lebzeiten den obersten und untersten – den einzigen Heldenplatz einnehmen sollte. »Endlich einmal ein Mensch unter den Aristokraten!« sagte der Deutsche, der natürlich ein Demokrat war, worauf der Ungar hinzufügte: »Und ein Genie dazu!« Der Czeche meinte: »Das wird ein Ministerpräsident!« Und der Deutsche sagte: »Wenigstens ein Bismarck!« Ueber dieses »wenigstens« konnte man schließlich doch nicht hinaus – darum schwiegen die gelehrten Männer eine Weile. Erst als sie sich von dem Uebermaß der geäußerten Zuversicht etwas erholt hatten, bemerkte der Czeche: »So ein Kavalier hat doch etwas für sich.« »Natürlich!« sagte der Ungar. Der demokratische Deutsche meinte: »Aber Hans Ronsky ist auch etwas ganz Exceptionelles!« So schritten sie gemeinsam über die alte Karlsbrücke – der Deutsche und der Czeche ihren verschiedenen Wohnungen zu, der Ungar dem Gasthof, wo er sein Nachtquartier bestellt hatte. Die Zigarren dufteten, und unter den mit altertümlichen Standbildern besetzten Brückenbogen rauschte der Fluß, auf dessen schwarzer Flut sich zwischen dem Licht sehr vieler naher Laternen der Schimmer ferner Sterne wiegte. In dunklen Umrissen ragte die Kaiserburg in den Nachthimmel empor. »Etwas ganz Exceptionelles!« wiederholte der Deutsche. Und der Czeche bemerkte: »Ich glaube, mit Ronsky wird eine neue politische Epoche anfangen in Oesterreich – die Epoche der Unparteilichkeit!« »Verzeihen Sie,« entgegnete der Deutsche. »Unparteilichkeit ist Schwäche – große Politiker waren nie unparteiisch. Die Hauptsache ist, man muß wissen, was man will!« »Nun,« meinte der Czeche nachdenklich – »man sollte doch allenfalls auch wissen, was die anderen wollen!« »Ja, wissen darf man es, aber man darf sich nicht danach richten! Das verwirrt nur,« bemerkte der Ungar, worauf er fortfuhr: »Ich glaube, eine strenge Durchführung des dualistischen Systems ist das einzig Mögliche in Oesterreich – und auf die wird er halten. Ungarn muß als Bundesgenosse behandelt werden und nicht als Provinz. Räumt man ihm die genügenden Rechte ein, so wird Cisleithanien immer einen verläßlichen Freund an ihm finden. Das wird er einsehen. Seine Mutter war eine Ungarin – das Magyarische in ihm meldet sich bei jeder ernsten Gelegenheit!« »Nun, ich muß hoffen, daß es sich nicht ganz so stark bei ihm melden wird wie bei Ihnen!« rief der czechische Hofmeister – »dann wäre er bald fertig. Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, daß wir uns Ihre Ansichten von der Sachlage gefallen lassen werden. Nein! nie! ... Ungarn, ein politisch reifes Land, als selbständig zu behandeln – und alle anderen Kronländer – Kronländer! – hören Sie, als unmündig in die politische Kinderstube zu stellen, das geht auf die Dauer denn doch nicht!« »Es ist das einzig Mögliche!« dozierte der deutsche Hofmeister – »eine politische Kinderstube, die von der deutschen Intelligenz beherrscht und erzogen wird!« »Ronsky wird anderer Ansicht sein,« behauptete der Czeche – »gleiches Recht für alle! wird er sagen. Sein Vater hat nie vergessen, daß er einem der ältesten böhmischen Geschlechter angehört – er hat sein Vaterland nie verleugnet, er hat immer für die czechische Sache gestimmt und sich Anno zweiundsiebzig für die böhmische Krone geopfert! Hans Ronsky wird nie vergessen, daß böhmisches Blut in seinen Adern fließt!« »Er wird nie vergessen, daß er seine Bildung der deutschen Kultur dankt, daß er an einer deutschen Universität den Ritterschlag des Ritters vom Geist empfangen hat!« rief der Deutsche. »Das war eben ein Fehler!« ereiferte sich der czechische Hofmeister. »Hätte er vielleicht an der czechischen Universität promovieren sollen?« fragte höhnisch der Deutsche. »Er hätte an beiden promovieren sollen,« erklärte bedächtig der Czeche. »Wäre das nicht doch eine etwas weitläufige und schwerfällige Prozedur gewesen?« fragte der Ungar von dem Gipfel seiner politischen Reife herab. »Es wäre eine freundliche Aufmerksamkeit gewesen für sein Vaterland – für seine Nation!« ereiferte sich der Czeche. »Nun ich's recht überlege, begreife ich nicht, daß er's unterlassen hat. Er muß es vergessen haben!« »Nein, er hat es nicht vergessen – er wollte nur der deutschen Intelligenz huldigen!« rief der deutsche Hofmeister. »Er ist durch und durch Zentralist, das kann ich euch beiden versichern – er wird mit den nationalen Prätensionen und Kindereien in ganz Oesterreich aufräumen – nicht nur mit den slavischen, sondern auch mit den ungarischen, die übrigens ihre größten Siege einer kleidsamen Magnatentracht verdanken! Ja, er wird Zentralist sein, es ist das einzig Vernünftige!« »Er wird Föderalist sein, es ist das einzig Gerechte!" schrie der Czeche. »Er wird Dualist sein, es ist das einzig Durchführbare,« behauptete der Ungar. Bis dahin hatten sie alle drei deutsch gesprochen, weil es die Sprache war, in der sie sich gegenseitig am besten verständigten. Jetzt fing ein jeder in seiner eigenen Sprache zu reden an, was dem gegenseitigen Verständnis Eintrag that, sich als politische Demonstration aber ganz gut machte. Dem Czechen, welcher zwei Jahre lang mit seinem Zögling in Ungarn verbracht und dank seines Sprachtalentes nützliche Kenntnisse gesammelt hatte, ging es noch am besten. Der Deutsche verstand gar nichts – aber so untergeordneten Nationalitäten gegenüber war das auch nicht nötig. Um seine Verachtung recht deutlich auszudrücken, sing er an zu singen, natürlich die »Wacht am Rhein«. Nun stimmten auch die beiden anderen Demonstrationshymnen an – die Wirkung war nicht harmonisch, und das Bestreben eines jeden ging nur danach, den anderen zu überschreien. Und als die drei, welche unter dem Kleinseitner Brückenturm so freundschaftlich vereint gewesen waren, auf dem Kreuzherrnplatz am anderen Ufer der Moldau auseinandergingen, reichte keiner dem anderen die Hand, und jeder schien es als eine besonderer Genugthuung zu empfinden, dem anderen den Rücken kehren zu können. Hans Ronsky hatten sie vorläufig vergessen, und als er ihnen später wieder einfiel, hätten sie nicht mehr so genau anzugeben gewußt, was sie von ihm hofften. In dem alten Palast in der Spornergasse ging es indessen noch immer lustig zu. Der böhmische Adel fuhr fort, seinen Intelligenzsieg zu feiern. Er feierte ihn mit Toasten, zuversichtlichen Prophezeiungen und schlechten Witzen. Seitdem die drei gelehrten Männer sich aus seiner Mitte entfernt hatten, fühlte er sich freier. Ganz so überzeugt von den zukünftigen Leistungen Hans Ronskys wie die drei waren seine Standesgenossen nicht – beschäftigten sich überhaupt nicht so viel mit »Leistungen«. Ein paar sehr junge und ein paar sehr alte Idealisten unter ihnen, diejenigen, welche die politischen Zustände in Oesterreich nicht mehr, und diejenigen, welche sie noch nicht kannten, glaubten noch an eine mögliche Besserung des Staatswesens. Die Erfahrenen unter ihnen waren längst davon überzeugt, daß in Österreich überhaupt nichts zu hoffen sei. Sie gaben sich einer bequemen Hoffnungslosigkeit hin, die ihnen erlaubte, in ästhetischem, von allerlei unpolitischer Kurzweil gewürztem Müßiggang dem langsamen Auseinanderfallen der Monarchie zuzusehen. Alles, was sie vom Schicksal verlangten, war, daß die Monarchie eben nur auseinanderfallen und nicht platzen sollte. Im übrigen hatten sie längst den Wahlspruch des fünfzehnten Ludwig auf ihre Fahne geschrieben: »A près nous le délouge!« und ließen sich's wohl sein. Immerhin freuten sie sich an dem neuen Licht, das unter ihnen aufgegangen war, wenn auch mit Maß. In einer der hohen Fensternischen des alten Saales, von dessen mit Gobelins bezogenen Wänden blaßrosa Menschenleiber aus märchenblauen Landschaftshintergründen heraufschimmerten, standen Fürst Karl von Lindberg, ein gewesener Staatsmann, und der schon erwähnte Graf Miroslaw, gewesener Diplomat – beide Vettern Ronskys im zweiten Gliede. »Was hältst du von dem Burschen ... Famos! – so etwas noch nicht dagewesen unter uns ... ein Kopf! ... Brillante Studien! Wenn unsereiner mit so einer Basis ins Leben getreten wäre, wär's besser gegangen!« rief Fürst Lindberg. »Weiß nicht,« erwiderte Graf Miroslaw. Er war viel gereist, hatte in seiner Eigenschaft als eleganter Bummler alle berühmten Hauptstädte der Welt kennen gelernt. Er war bekannt für seine treffenden, die verwickeltsten Situationen grell beleuchtenden Witzworte; ebenso wie für seine Uebereilungen im Gespräch. »Weiß nicht – sehr viele verlernen über ihren Bemühungen, Weisheit aufzuspeichern, die Fähigkeit, sie zu gebrauchen! Die meisten großen Männer waren auf der Schulbank nicht viel wert!« »Ja, aber mein Lieber, wir müssen doch mit unserer Zeit fortschreiten! Heutzutage verlangt man von einem Staatsmann etwas anderes als früher. Früher begnügte man sich mit der Praxis – heute verlangt man die Theorie neben der Praxis ... das heißt die wissenschaftliche Begründung unseres Thuns!« dozierte Fürst Lindberg. »Ach, hol der Teufel die wissenschaftliche Begründung, hol der Teufel die gesetzlich geschützte Neugierde und Impertinenz unserer Reichsratsabgeordneten, welchen das Recht eingeräumt worden ist, uns über unsere Regierungsmaßregeln zur Rechenschaft zu ziehen!« rief Graf Miroslaw. »Das, was man zum Regieren braucht, ist keine Schulweisheit – es ist Thatkraft und rascher Entschluß!« »Rascher Entschluß!« wiederholte der Staatsmann ... »ja, der bedingt ...« »Einen großen Mangel an ›wenn und aber‹ – und wenn ich nicht irre, hat unser Hans einen Ueberschuß davon!« »Ja, weißt du, in Oesterreich, wo man so viel berücksichtigen und bedenken muß ...« »Der Teufel hol die Rücksichten und Bedenken!« erhitzte sich Graf Miroslaw immer heftiger. »Weißt du, er hat gegen sich, daß seine Mutter eine Ungarin war, sein Vater ein Altczeche, und daß er an einer deutschen Universität promoviert hat!« meinte bedächtig der Staatsmann. »Mit einem Wort, daß er ein Oesterreicher ist!« lachte Graf Miroslaw. »Der Umstand ist ja allerdings traurig, aber nicht ausschlaggebend dafür, daß er ganz gewiß seine Carriere verfehlen wird. Er ist eine schwache Natur – im gewohnten Geleise wird er rascher vorwärts kommen als ein anderer – aber außerhalb des gewohnten Geleises wird er sich nie zurechtfinden. Neues wird er uns nicht bieten. Wir brauchen einen Blücher der Politik, und Hans Ronsky wird nie etwas anderes sein als ein Bureau-Hamlet!« Fürst Lindberg zuckte die Achseln; er führte die pessimistische Beurteilung, welche Graf Miroslaw der jungen Leuchte angedeihen ließ, auf neidische Gemütsaufwallungen des alten Diplomaten zurück. Indes stand Ronsky, umgeben von einer Schar zu ihm emporsehender Studiengenossen, in welche sich auch ein paar ältere Herren mischten, unter einem sehr großen Reiterporträt, welches einen historisch berühmten Helden Ronsky mit dem Marschallstab in der Hand und hohen, großartig bespornten Reiterstiefeln an den Füßen, auf einem mild schnaubenden Grauschimmel und gegen einen Hintergrund von rauchenden Trümmern, blutenden Leichen und mehr oder minder zertrümmerten Kanonen darstellte. Schön sah er aus, in seiner ganzen vornehmen schwarzen Länge unter dem Konterfei seines historischen Ahnen und gegen den Sims eines übrigens herzlich geschmacklosen roten Marmorkamins gelehnt! Groß und stramm, eine süperbe Haltung, den Kopf ein wenig zurückgeworfen, mit den feurigen ungarischen Augen, die ihm seine Mutter geschenkt, nach oben schauend – ein klein wenig Lord Byron, aber mit einem sehr steifen und sehr hohen Hemdkragen, war er ganz dazu geschaffen, nicht nur seiner Umgebung zu imponieren, sondern im gegebenen Moment die Menge hinzureißen. »Wir werden's noch erleben, daß du berühmter sein wirst als der Alte hinter dir!« sagte einer der jungen Leute. Hans sah um sich. »Wenn es auf Kosten von so viel Trauer und Zerstörung geschehen müßte, wär' mir die Berühmtheit nicht wünschenswert,« sagte er. Seine Stimme war wie ein Traum. Es war eine Männerstimme, aber sie hatte das weiche, umflorte Vibrieren mancher weiblicher Kontraaltos. »Das sieht dir ähnlich, das bist wieder ganz du!« riefen einige seiner besonders begeisterten Jünger. Hans legte dem neben ihm stehenden jungen Menschen die rechte Hand auf die Schulter. »Ihr wißt,« sagte er, »mein Motto ist ›Allezeit voran‹! Aber ...« er hob die linke Hand – eine sehr schmale, lange Hand mit einem losen Handgelenk – »aber...« fuhr er fort, »immer nur mit edlen Mitteln für einen edlen Zweck!« »Sonderbarer Schwärmer!« bemerkte einer der ihn Umgebenden. »Sonderbarer Schwärmer – her oder hin, aber ein Mordskerl ist er doch!« rief ein anderer; »und wir sind alle stolz auf ihn, das ist ausgemacht!« Das sagte der junge Mensch, auf dessen Schulter Hans sich gestützt hatte. Hans nahm die Hand von seiner Schulter, um ihn damit auf den Rücken zu klopfen. »Mein Getreuester!« murmelte er; »nun, ich hoffe, daß ich euch Ursache geben werde, immer auf mich stolz zu sein!« »Aber Hans!« murmelte der ›Getreueste‹ – im gewöhnlichen Leben hieß er Graf Binsky – und ringsum glänzten feuchte Augen. »Du, Hans!« tönte es jetzt aus einem anderen Ende des Saales herüber, »laß momentan deinen edlen Zweck und deine hohen Ziele in Ruhe, mögen sie wachsen und gedeihen! Aber sag mir ... hast du dich entschlossen – kommst du mit mir auf den Hirschen? Wenn du um elf Uhr mit mir abfährst, sind wir um zwölf in Mestec – schlafen zwei Stunden und sind um vier Uhr auf dem Anstand! – Sei fesch!« »Ich käme sehr gern," meinte Hans – dann sich den Kopf krauend, setzte er hinzu: »aber ich hab' dem Papa versprochen, daß ich mit ihm nach Stiblin fahr' – er findet, daß heute noch nicht genug Champagner getrunken worden ist auf meine Gesundheit, und hat irgend eine Feier in Scene gesetzt.« »Bei der von vorn angefangen werden soll,« lachte der Versucher. Es war ein Diplomat und hieß Graf Flintsch. »Hm! ... hm!« Flintsch vertiefte sich mit den Händen in feine Hosentaschen und mit den Augen in den Anblick des Plafonds, auf dem irgend ein vor zwei Jahrhunderten in Prag gastierender Maler in etwas greller, frei nach Julio Romano gehaltener Ausführung einen Phöbus gemalt hatte, der mit zwei wahnsinnig schnaubenden Schimmeln durch ein kupferfarbiges Flammenmeer hindurchraste. »Hm! Kutschiert der Kerl schlecht!« meinte nachdenklich Graf Flintsch; dann sich von neuem an Ronsky wendend, fügte er hinzu: »Hm! Es wird wohl eine höchst erbauliche Feierlichkeit sein. Huldigungen sämtlicher Vasallen, Rentmeister, Oberförster und Güterinspektoren von zehn Uhr früh bis fünf Uhr nachmittags, jede halbe Stunde ein anderes Detachement – zum Schluß Familiendiner mit sechs alten Tanten! Verflucht ledern!« Hans machte eine kleine Grimasse und streifte die Asche von seiner Zigarette herunter. »Das kann wohl sein,« gab er zu, »aber was willst du, der Papa freut sich darauf!« »So ist er!« murmelte der Getreueste, »das ist der ganze Hans. Was liegt daran, wenn er sich langweilt – sein alter Vater freut sich darauf!« »Aber beschäm' mich doch nicht so, Geni,« – der Getreueste hieß nämlich Eugen und wurde Geni gerufen – »das ist doch so natürlich!« »Was?« fragte trocken Graf Flintsch. »Nun, daß man seinen Vater nicht gern kränkt!« »Du hast deinen Alten schauderhaft verwöhnt – das kommt davon!« seufzte Flintsch, dann knickte er sich in einen sehr niedrigen Sessel zu Füßen des siegreichen Helden Ronsky zusammen und begann von neuem: »Weißt du – ich stehe mit meinem Vater sehr gut, ich mache nicht mehr Schulden, als er selber für unumgänglich notwendig hält – und da ich Malteserritter bin, braucht er nicht zu fürchten, daß ich mich zu einer Mesalliance hinreißen lasse. Aber, wenn er mir mit so etwas käme – hm! ... so etwas wie diese – Feier, die dir da in Stiblin bevorsteht – da... da würde ich einfach, auf die Verdienste gestützt, die ich nicht hab' – auf die du dich aber berufen kannst, sagen: ›Lieber Papa, ich habe dir heute so viel Vergnügen gemacht, daß du mir auch ein kleines Pläsier gönnen mußt. Ich kann heute nicht mit dir nach Hause fahren, ich muß mit Gustl Flintsch abziehen und einen Hirschen schießen!‹ Aber das ist natürlich deine Sache!« Der große Saal wurde allmählich leerer und leerer. Einer der Gäste nach dem anderen hatte Hans, ein letztes Mal beglückwünschend, die Hand geschüttelt und sich zurückgezogen. Der alte Ronsky war verschwunden, um sich zur Abreise zu rüsten, von älteren Herren war niemand mehr anwesend als Graf Miroslaw, welcher sich indessen der Gruppe junger Leute zu Füßen des historischen Ronsky genähert hatte und nun aufmerksam zuhörte. Er war sehr gespannt darauf, ob Hans Ronsky, welcher, wie er wußte, ein leidenschaftlicher Sportsman war, der Versuchung unterliegen werde oder nicht. Dem Gesichtsausdruck des jungen Mannes nach hätte er auf »ja« gewettet. Denn Hans Ronsky hatte angefangen, sehr nachdenklich auszusehen – und wenn man über eine Versuchung nachdenkt, so unterliegt man immer. »Meiner Ansicht nach wird dein Alter die Kränkung verwinden,« fuhr Graf Flintsch fort, »mehr als das – wenn du den Morgen nach deiner Promotion einen Sechzehnender schössest, so wär' er nur noch ein wenig stolzer auf dich als zuvor – falls das überhaupt möglich ist!« Flintsch blies die Backen auf und machte – wie er es zu stande brachte, ist seine Sache – einen ganz kurzen Hals und sehr breite Schultern: »Wissen Sie schon, Sie Schneider oder Müller oder Schmidt, mein Bub, der Hansi, hat einen Sechzehnender g'schossen, hundertfünfundsiebzig Schritt mit der Kugel am Morgen nach seiner Promotion – abends Champagner – in der Nacht die Eisenbahn – und früh der Hirsch – nicht zu glauben – aber 's ist halt eben der Hansi!« Die Nachahmung der Sprechweise des alten Herrn war so täuschend, daß alle Anwesenden in herzliches Lachen ausbrachen. Hans, der junge Doktor, wurde immer nachdenklicher. »Na, überleg dir's,« meinte Flintsch, »in dreiviertel Stunden geht der Zug. Ich eile jetzt, mich reisefertig zu machen. Wenn du fünf Minuten vor halb elf Uhr auf der Nordwestbahn bist, ist's Zeit genug!« Graf Flintsch war fort – Geni, der Getreueste, hatte sich ebenfalls verabschiedet, nur Graf Miroslaw war geblieben. Er sollte in dem Ronskyschen Palais übernachten. Er ging mit langen Schritten unter den leise klirrenden, venetianischen Glaslüstern über das spiegelglatte Parkett. Hans Ronsky stand noch immer unter dem Porträt seines historischen Ahnen und grübelte. Endlich hob er den Kopf. »Gute Nacht, Onkel Max!« rief er. Graf Miroslaw blieb stehen. »Zu was hast du dich entschlossen, Hansi?« »Neides zu verbinden,« erwiderte Hans lustig. »Ich hab' mir's überlegt, es geht famos. Ich fahr' mit Gustl, geh' mit ihm auf den Anstand, um elf Uhr fahr' ich ab von Mestec und bin noch zur rechten Zeit vor dem Diner in Stiblin!« »Famos! famos! Hans, aber beeile dich!« mahnte Graf Max Miroslaw. Hans verschwand, um mit seinem Vater zu reden. Ein wenig später rollten zwei Wagen aus dem mit Löwen garnierten Portal des Ronskyschen Palais. Hans fuhr auf die Nordwestbahn – sein Vater auf den Staatsbahnhof. Der Zug, mit dem der Vater abfahren sollte, ging um zehn Minuten später als der des Sohnes. »Hm! hm! Hat ein wenig lang überlegt, der junge Herr; wollen abwarten, was daraus wird,« brummte Miroslaw, dann verfügte er sich in das für ihn bereit gehaltene Schlafgemach hinauf. Etwas über eine Stunde mochte vorübergegangen sein – Miroslaw stand gerade im Begriff, einzuschlafen, als er einen Wagen unten halten hörte, worauf ein scharfes Klopfen an das bereits geschlossene Portal erfolgte. Graf Miroslaw sprang aus dem Bett, riß ein Fenster auf und blickte in die Straße hinunter. »Wer ist's?« rief er. »Ich,« antwortete eine verdrießliche Stimme – die Stimme Hans Ronskys. »Ja, was zum Teufel... ich glaubte, du seist längst über alle Berge.« »Nein... wie du siehst, nicht... ich hab' den Zug versäumt. Gustl konnte mir nur noch aus dem Coupéfenster zuwinken, als ich kam – und dann ...« »Nun?« »Dann versuchte ich den Papa einzuholen!... Um eine Sekunde hab' ich's verpaßt! Fatal!« Das Thor knarrte in seinen Angeln und öffnete sich. »Gute Nacht, Onkel Max,« klang's noch hinauf – dann hatte sich das Thor hinter dem jungen Mann geschlossen. Graf Miroslaw aber streckte sich von neuem behaglich auf seinem Lager aus. »Er hat den Zug versäumt – er hat zu lange gebraucht, um sich zu entschließen – er wird immer zu lang brauchen und... immer den Zug versäumen!« murmelte er vor sich hin und lächelte leise. Dann schlief er ein. Nach diesem über alle Maßen glänzenden Debüt praktizierte Hans Ronsky ein paar Jahre lang in einem Ministerium, worauf er die diplomatische Carriere antrat – und zwar aus verschiedenen Gründen. Manche behaupteten, es geschehe, um weiter zu praktizieren und im Auslande nützliche Erfahrungen zu sammeln, welche seiner späteren österreichischen Ministerpräsidentschaft zu gute kommen sollten; andere sagten, er würde Diplomat, um dem Hader der Parteien in Österreich zu entfliehen, und noch andere wußten es ganz bestimmt, daß er vor seiner Schwester Leontine ins Ausland geflüchtet war. Vielleicht waren alle diese Begründungen richtig – aber ganz besonders diejenige, welche auf seine Schwester Leontine Bezug hatte. Die Gräfin Leontine Woronitzky war nämlich eine bedeutende Frau, und wenn eine bedeutende Frau nicht der Segen ihrer ganzen Umgebung ist, so ist sie gewöhnlich der Fluch derselben. Das letztere war bei Gräfin Leontine Woronitzky der Fall. Infolgedessen war sie ganz danach angethan, daß jeder, welcher mit ihr näher zu thun hatte, so bald als möglich trachtete, ihr davon zu laufen und sich hiermit ihrer zärtlichen Bevormundung zu entziehen. Diese zärtliche Bevormundung, welche sie allen angedeihen ließ, die ihr das geringste Interesse einflößten, war fürchterlich! Am schmerzlichsten hatte dies der eigene Gatte der hervorragenden Frau empfunden, der, weil er ihr in dieser Welt nicht mehr entlaufen konnte, vor kurzem in die andere entflohen war. ‹ Hans floh nicht so weit, sondern erst für ein Jahr nach Washington, dann nach Berlin. Es war heute gerade acht Tage her, seitdem er seine Junggesellenwohnung in den Zelten bezogen hatte, und das Heimweh steckte ihm noch in allen Gliedern. Er fand alles häßlich in Berlin, besonders die Frauen. Die anmutigen unter ihnen erinnerten ihn an zierlich einherhüpfende Störche, während die energisch einfachen eine entschiedene Aehnlichkeit mit Kadetten in Weiberröcken aufzuweisen schienen. Sein Freund, Graf Flintsch, trachtete ihm vernünftige Ansichten beizubringen. Flintsch hatte sich in Berlin eingelebt und fühlte sich glücklich da. Er war eine von den vergnügten, sanguinischen Naturen, die sich jede Situation zurechtzurücken wissen und immer ihre Rechnung dabei finden. »Ich versichere dir, es wird dir hier noch sehr gut gefallen,« wagte er zu behaupten, »ganz besonders dir. Du bist nun einmal nicht danach angethan, dein Leben einzig mit Sport und Tänzerinnen zu verzetteln, was, ein paar Komtessenschwärmereien abgerechnet, in Wien nun mal unsere Hauptbeschäftigung ausmacht. Du willst etwas leisten, und ehe du dazu Gelegenheit findest, willst du mit gescheiten Leuten darüber reden – und ich versichere dir, daß, wenn es auch nicht so viele hübsche Komtessen hier giebt wie in Oesterreich, die Zahl der bedeutenden Frauen, mit denen man reden kann, größer ist!« »Nun, schließlich giebt es immerhin auch bedeutende Frauen bei uns zu Hause,« sagte Hans. Graf Flintsch erriet sofort, daß Hans an die Gräfin Leontine dachte, und Hans erriet, daß ihn Flinsch erraten habe. Die Augen der jungen Leute begegneten einander – sie fingen beide an zu lachen. »Hm! wie zum Beispiel Gräfin Woronitzky,« bemerkte Gustl kaltblütig. »Es ist ja natürlich, daß die nächsten Anverwandten unserem Gedächtnis immer am gegenwärtigsten sind – aber ich versichere dir, das ist doch noch etwas anderes. Bei aller grenzenlosen Hochachtung, welche ich für Gräfin Leontine hege, würde ich sie doch nicht zu den Frauen rechnen, mit denen man reden, sondern eher zu jenen ... hm ... denen man zuhören kann!« Wieder begegneten die Augen der beiden jungen Männer einander, und diesmal fingen sie wieder beide an zu lachen; aber sie lachten ganz kurz – denn Flintsch mußte natürlich aufhören, sobald Ronsky aufhörte, und Ronsky hörte nicht nur sehr bald auf, sondern nahm sogar einen staatsmännischen Ernst an. So mitten in seine unbefangene Jugendlustigkeit hinein kam ihm oft plötzlich der Gedanke, daß ein Mensch, der zum zukünftigen Ministerpräsidenten von Oesterreich auserkoren war, seine Würde wahren müsse, selbst den vertrautesten Freunden gegenüber. »Bei wem bist du denn eigentlich schon gewesen, wen hast du bereits kennen gelernt?« fragte Flintsch weiter. Ronsky zählte eine Reihe wohlklingender Namen auf. Flintsch schüttelte den Kopf. »Und unter all den Menschen solltest du niemand gefunden haben, mit dem du dich hättest unterhalten können?« »Niemand, mit dem ich mich wohl gefühlt hätte.« »Nun, ich versichere dir, das wird noch kommen; die Berliner Gesellschaft ist interessanter als die Wiener, schon, weil sie nicht so abgesperrt ist, schon, weil man in ihr Menschen begegnet, die man in Wien höchstens durch den Operngucker zu sehen bekommt. In ganz Wien findest du keinen Salon wie den von Rheinsbergs – ebenso, wie du kaum eine Frau findest in der Art der Gräfin Rheinsberg.« »Die ist zufälligerweise eine geborene Oesterreicherin," warf Hans ein. »Ja,« gab Flintsch zu, »und noch obendrein eine Böhmin, aber sie hat sich im Ausland entwickelt! Du hast sie noch nicht kennen gelernt?« »Nein...« Hans hatte sie noch nicht kennen gelernt, hauptsächlich deswegen nicht, weil ihm seine Schwester Leontine streng eingeschärft hatte, es nicht zu unterlassen. Leontine war nämlich eifersüchtig auf die Gräfin Rheinsberg, deren glänzender Geist und Schönheitsruf durch ganz Europa verbreitet war – und da sie eifersüchtig war, war sie natürlich auch neugierig. Der Grund, weshalb er der Gräfin Rheinsberg bis dahin ausgewichen war, verschwieg Hans dem Freunde, er brachte nur etwas Allgemeines über seine Antipathie gegen Blaustrümpfe vor. Flintsch zuckte die Achseln. »Warte, bis du sie kennen gelernt hast,« sagte er. Dann machte er Ronsky einen Vorschlag. Er stand eben im Begriff, einen Bazar zu besuchen, zu dem ihn mehrere Damen gebeten hatten. Auf dem Bazar würde Hans einen kompendiösen Klavierauszug von ganz Berlin antreffen – wenigstens von dem weiblichen Teil Berlins. Warum sollte ihn Hans nicht begleiten? Hans haßte Bazare – er hatte die Absicht gehegt, den Nachmittag, behaglich in einem Excelsiorfauteuil ausgestreckt, mit dem interessanten Studium von einem Band Toqueville zu verbringen. ... Er ließ sich bitten ... aber... er ließ sich erweichen. Der Erlös des in Rede stehenden Bazars war als milder Beitrag zur Errichtung eines Kinderspitals bestimmt. Infolgedessen hieß er der »Spitalsbazar« – ja, viele nannten ihn kurzweg das »Spital«. Man hatte große Mühe gehabt, ihm irgend eine packende, die Neugierde des Publikums anregende Seite abzugewinnen. Es gab auch dies Jahr gar zu viel Konkurrenz in Bazaren! Der einzige Bazar, welcher in diesem Jahr einen großen, unbestrittenen Erfolg aufzuweisen gehabt hatte, war der Frauengroschenbazar, welcher »grauer Frosch« genannt, unter der Präsidentschaft der Fürstin Bismarck im Kongreßsaal abgehalten worden war. Die Präsidentschaft der Fürstin sicherte dem Unternehmen die Sympathieen des Fürsten. Er war an beiden Bazartagen eine volle Glockenstunde lang anwesend gewesen – und das machte den Erfolg des Unternehmens aus. Das Publikum hätte sich totschlagen lassen, um den Reichskanzler zu sehen. Für das bloße Entree waren große Summen eingegangen – Kopf an Kopf hatten die Spießbürger den runden Tisch umstanden, an dem der Fürst zwischen zwei schönen Frauen mit herzhaftem Appetit sein Gabelfrühstück eingenommen hatte. Es war ein großartiger – ein historischer Moment, noch Kindern und Kindeskindern wollten sie's erzählen, daß sie den »Fürsten«, den »Reichskanzler« – daß sie »Bismarck« hatten Hummer essen sehen! Ja, so etwas konnte das »Spital« der Menge nicht bieten. Nach langem Hin- und Hersinnen hatte man sich dazu entschlossen, die ungarischen Zigeuner spielen zu lassen. Es war zwar nur ein recht mäßiger Ersatz für den Reichskanzler – aber immerhin etwas. Uebrigens nicht nur was seine pièce de résistance anbelangt, sondern in jedem Detail war der arme Spitalbazar auf Hindernisse gestoßen – ganz besonders in Bezug auf das Lokal, in dem er sich niederlassen sollte. Keines der Ministerien hatte ihm ein Obdach gewährt. Nach langem Hin- und Herirren hatte man ihm den großen Saal der Kriegsakademie geöffnet, wo er sich dann schließlich etwas verschämt und kleinlaut niederließ. Man hatte auch gar zu viele Bedingungen an seine Anwesenheit in der Kriegsakademie geknüpft. Zum Beispiel war eine Verordnung gekommen, daß die Komiteedamen nur eine Viertelstunde vor oder eine Viertelstunde nach zwölf Uhr die Haupttreppe benutzen durften, wodurch man einer Begegnung der Kriegsschüler mit den Komiteedamen vorzubeugen hoffte. Ob man fürchtete, daß die Begegnung die Komiteedamen aufregen könnte oder die Kriegsschüler, blieb dahingestellt. Immerhin war die Verordnung demütigend. Da, wie die Damen bald merkten, es mit den Zigeunern nicht gethan war, um dem armen Spitalbazar einen halbwegs zweckentsprechenden Erfolg zu sichern, hatte man schließlich eine glänzende Idee. Das Komitee wendete sich an die Gräfin Rheinsberg mit der Bitte, sich an die Spitze des Unternehmens zu stellen. Und die Gräfin Rheinsberg sagte zu. Von dem Augenblick an hob sich die Popularität des »Spitals«. Gräfin Rheinsberg war zwar nicht so berühmt wie der »eiserne Kanzler«, aber eine Zugkraft war sie doch, und alles, was sie anrührte, gedieh. Es war kaum ruchbar geworden, daß sie dem Bazar ihr Interesse widmete, als bereits zwei Prinzessinnen von Geblüt ihre Mitarbeiterschaft an dem wohlthätigen Werk freiwillig anboten. Diesen und noch anderen »Tratsch« erzählte Flintsch seinem ernst angelegten Freund auf dem Wege in die Dorotheenstraße, während er mit ihm die erschrecklich steile und gerade Treppe hinaufstieg, die in das Stockwerk führte, wo der Bazar einquartiert worden war. Hans hörte mit einem halben Ohr zu und lächelte mit einem Mundwinkel. Dann fing Flintsch an, von der Gräfin Rheinsberg zu schwärmen. Da blieb Hans mitten auf der Treppe stehen und zog die Brauen zusammen. »Du wirst sie entzückend finden!« versicherte Flintsch. Hans aber schüttelte die Zumutung ungeduldig duldig von sich ab. »Bezaubernde Eigenschaften mag sie haben,« gab er spöttisch zu, »sie dankt ihnen ja ihre glänzende Existenz; aber ich werde mich nie mit dem Umstand abfinden, daß sie sich als zwanzigjähriges Mädchen an einen Greis verkauft hat!« »Erstens war er, wenn auch ein älterer Mann, nichts weniger als ein Greis, da sie ihn heiratete,« verteidigte Flintsch die Gräfin, »zweitens hat sie ihre Pflicht an seiner Seite tadellos erfüllt – es ist auch nicht das Mindeste gegen ihren Ruf...« Doch da hatten sie den Saal erreicht – Tische rechts, Tische links, Tische in der Mitte, die ganze Länge des Saales entlang Tische – alle mit züchtig drapierten Beinen und die heterogensten Gegenstände tragend: Kinderwäsche, Verbandzeug, Seife und Parfüms – Kaffee und Thee – Fleischkonserven – Schokoladebonbons – Blumen – Luxusgegenstände und so weiter. Wie alle Wohlthätigkeitsveranstaltungen hatte der Bazar eine demokratische Verfassung, das heißt der aristokratische Aufputz ruhte auf plebejischer Basis, und an den vornehmsten Tischen machte sich irgend eine bürgerliche Intelligenz nützlich. Unten gegen die Eingangsthür zu war alles bürgerlich – dort wurden auch meistens baumwollene Gegenstände und Küchengerätschaften verkauft – aber gegen den oberen Teil des Saales zu wurde die Sache immer exklusiver und gipfelte schließlich in dem sogenannten Prinzessinnentisch. Neben der Eingangsthür saßen auf einer kleinen Estrade die Zigeuner. Sie feierten gerade eine Ruhepause und tranken Bier – das kleine Orchester im Schnürrock – der Dirigent, weizengelb mit pechschwarzem Haar und Bart – mehr malaiisch als zigeunerhaft anzusehen, in schwarzem Gesellschaftsanzug und Lackstiefeln. Ein Summen wie in einem großen Vogelkäfig, in dem die Vögel frisch eingefangen sind, ging durch den ganzen Saal. Das weibliche Element war entschieden vorherrschend! Der Geruch von Treibhausblumen mischte sich mit dem Geruch von rotem Kattun. Die beiden Freunde strebten dem Prinzessinnentisch zu. Zwei sehr niedliche, sehr vornehme Damen, denen die anderen vornehmen Damen besondere Ehrfurcht bezeigten, standen neben dem Tisch. Eine von ihnen blickte aufmunternd einem etwas geknickt einhergehenden, graubärtigen Mann ins Gesicht, der ihren Blick mit einem heftig abwehrenden: »Aber ich bitte, meine gnädigste Gräfin, ich habe schon ...« beantwortete. Er hatte nämlich schon einer anderen von den Damen einen Tausendmarkschein übergeben und wehrte sich gegen weitere Plünderungen. Er war einer der reichsten Bankiers von Berlin und ging immer so geknickt einher, als ob er die Menschen um Verzeihung bitten wollte, daß er so viel Geld habe. In dieser übertriebenen Bescheidenheit bildete er ein Gegenstück zu einer jungen Frau, auf welche Flintsch seinen Freund Ronsky aufmerksam machte. Sie stand, erdrückt von ihren unverdienten Vorzügen, mit beständig niedergeschlagenen Augen da und – so behauptete Flintsch – pflegte ihren Freunden mit Vorliebe zu versichern: »Ich kann ja nichts dafür, daß mich der liebe Gott so schön gemacht hat!« Der einzige Unterschied zwischen diesen beiden Helden der Bescheidenheit war, daß Herr Schwarz das Geld, für welches er sich entschuldigte, wirklich besaß, während die Schönheit der Frau von Binder mehr eine eingebildete Krankheit war. An dem Prinzessinnentisch machte sich Flintsch sehr liebenswürdig – er stellte seinen Freund vor, erzählte ein paar boshafte Anekdoten und kaufte einen Fächer, der von einer der Prinzessinnen gemalt worden war. Seinen Zweck aber erreichte er nicht: Marie Rheinsberg befand sich in dem Augenblick nicht an dem Prinzessinnentisch, infolgedessen konnte er ihr seinen Freund auch nicht vorstellen. Sein Blick schweifte durch den Saal. Von dem Blumenstand aus, der sich knapp neben dem Prinzessinnentisch befand, kamen zwei Mädchen auf ihn zu und reichten ihm lachend die eine einen Strauß Tulpen, die andere einen Strauß Veilchen. Ehe er ihnen die Blumen abnehmen konnte, war Hans ihm zuvorgekommen. Er reichte jeder der jungen Damen ein Zwanzigmarkstück, wobei er sich tief verbeugte und bat, vorgestellt werden zu dürfen. Nun wurde er umringt, aus allen Weltgegenden kamen schlanke Mädchenhände, die ihm Blumen anboten. »Der reinste Parzival,« murmelte Flintsch. Hans fing es an schwül zu werden – auf eine so gründliche Ausplünderung war er nicht gefaßt gewesen. Schon wollte er sich unter einem höflichen Vorwand und mit einer bescheidenen Schlußspende losmachen, als er plötzlich bemerkte, daß vom anderen Ende des Saales ihn ein Paar seltsam leuchtende Augen beobachteten. Die Augen standen unter einer weißen, von kastanienbraunem Haar umwellten Stirn. Stirn und Augen waren das Merkwürdigste in dem Gesicht, in dem übrigens alles schön war, die gesunden, aber zarten Farben, ebenso wie die Züge – eher große Züge, die in die Ferne ebenso wie in der Nähe wirkten und an die schönsten Köpfe von Burne Jones erinnerten; dazu eine volle Gestalt, etwas klassisch Harmonisches in allen Verhältnissen, und doch in der ganzen Erscheinung so viel Geist und Leben sprühende, echt moderne Vornehmheit. Ein pelzverbrämtes, dunkelblaues Sammetkleid, auf dem kastanienbraunen Haar auch irgend etwas Pelzverbrämtes, das einen Hut darstellen sollte und mit einem Busche von Reiherfedern und einer altertümlichen Diamantagraffe geschmückt war. Ohne sich erklären zu können, wie das kam, erriet Hans sofort, daß diese ausnehmend schöne Person die Gräfin Rheinsberg sein mußte, die arme Marie Berg, die sich an den reichen norddeutschen Edelmann verkauft hatte. Ein Wunsch, an ihr herumzumäkeln, befiel ihn, welcher Wunsch sofort von einem anderen abgelöst wurde – dem Wunsch, Eindruck auf sie zu machen. Vorbei war's mit Vorsicht und Mäßigung. Er zog seine Börse und schüttelte, ohne zu zählen, den ganzen goldenen Inhalt derselben in die Hände des ihm am nächsten stehenden jungen Mädchens aus, wobei er lachend sagte: »Einer für alle, so weit es reicht,« hierauf aber den ihm von allen Seiten aufgedrängten Blumenreichtum in die Arme nahm und mit einer ritterlichen Verbeugung auf den Prinzessinnentisch niederlegte. »Sehr gut! Damit hast du dir deinen Platz in der Berliner Gesellschaft erobert,« flüsterte ihm Flintsch zu. »Ein bißchen aufs Effektmachen müssen wir abzielen, besonders im Anfang!« Hans runzelte die Stirn. Er war einer von jenen, die es nicht lieben, wenn man die Dinge brutal beim Namen nennt. Sein Blick schweifte nach der Schönheit im pelzbesetzten blauen Sammetkleid – er merkte, daß ihre Augen ihm Beifall zollten. »Na, dort ist sie!« rief Flintsch. »Wer?« fragte scheinbar arglos Hans. »Nun sie – Gräfin Rheinsberg – dort neben dem Tisch mit den Fußsocken und wollenen Bettdecken steht sie. Sie ist nämlich ein schrecklicher Wohlthätigkeitsfex – aber ohne Ostentation, das muß man ihr lassen! Komm, Hans!« »Ja, wenn dir ein Gefallen damit geschieht!« Die beiden jungen Leute näherten sich der schönen Frau. Ein neugieriges Gemurmel surrte hinter ihnen drein. Flintsch kannte man seit zwei Jahren. Er war allgemein beliebt, war überall gern gelitten – aber er hatte nie Aufsehen erregt. Er war in jedem Sinn des Worts mittelgroß, paßte überall hinein und ragte nirgends hervor. Er war der Attaché, wie er im Buche steht – auch in seinem Aeußeren vom Kopf bis zu den Füßen Durchschnittsware des männlichen österreichischen Luxusartikels. Ronsky dagegen mußte auffallen, wo er erschien. Das ungarische Blut, welches er von seiner Mutter hatte, schlug stark bei seiner Erscheinung durch. In seine moderne Vornehmheit mischte sich irgend ein Element ritterlicher Romantik, das für die Frauen etwas Unwiderstehliches hatte. Er trug die Haare um ein Spürchen länger als die meisten seiner Standesgenossen und einen leichten, lockigen Bart um das schmale, auffallend feingeschnittene Gesicht. Dazu war er um einen Kopf größer als Flintsch. Kein Wunder, daß ihm alle Blicke folgten, und daß alle hoffähigen jungen Damen von Berlin sich nach seinem Her- und Auskommen erkundigten. Als die Gräfin Rheinsberg merkte, daß die beiden jungen Männer auf sie zuschritten, wurde sie plötzlich zerstreut – und aus Zerstreutheit kaufte sie ein halbes Dutzend wollener Decken und ein ganzes Dutzend baumwollener Nachtjacken. Sie hatte den Handel gerade abgeschlossen, als Flintsch vor ihr stehen blieb. »Gestatten Sie mir, Ihnen meinen Freund Graf Ronsky vorzustellen, einen Landsmann!« »Und wenn ich nicht irre, eine Art Vetter,« bemerkte die Gräfin und heftete freundlich lächelnd den Blick auf ihn. Ihr Lächeln hatte ebensoviel Glanz wie ihre Augen. Dabei reichte sie dem jungen Mann die Hand, eine Auszeichnung, die er mit einem ehrerbietigen Lippenstreifen erwiderte. »An mir war es nicht. Sie an unsere Verwandtschaft zu erinnern, Gräfin!« sagte er. Sein Ton war sehr höflich, aber etwas gezwungen. Ein Schatten zog durch ihre hellen Augen. Offenbar hatte sie das Gefühl, ihre Liebenswürdigkeit an einen Unwürdigen oder, was noch ärger ist, an einen Undankbaren verschwendet zu haben. Nun sind wir Menschen einmal derartig geraten, daß uns auf der Welt keine Verschwendung mehr gereut als verschwendete Liebenswürdigkeit. Sie änderte sofort Ton und Haltung, sprach von den gleichgültigsten Dingen so unverwandtschaftlich wie möglich. Die ungarischen Zigeuner hatten ihre musikalische Thätigkeit von neuem begonnen – sie spielten jetzt »Im Grunewald ist Holzauktion!« – einen entsetzlichen Gassenhauer, dessen Popularität seiner Zeit ebenso unanzweifelbar als unerklärlich und nervenangreifend war. Man konnte ihm nicht entgehen. Alle Gassenbuben plärrten, alle Studenten pfiffen, alle Leierkästen grunzten »die Grunewalder Holzauktion« – nicht einmal bei der Tafelmusik des Kaisers fehlte sie, und wenn ein Mensch sich um viele Jahre später daran erinnerte, was er in jenem Jahre genossen oder gelitten, so trommelte gewiß ein Stückchen Holzauktion in seiner Erinnerung mit. »Unerträglich!« murmelte Gräfin Rheinsberg. »Daß nicht einmal die Zigeuner von dieser musikalischen Epidemie verschont geblieben sind! Die Zigeuner hielt ich für immun. Ich hoffte, sie würden endlich etwas Ungarisches spielen!« »Und haben sie das bis jetzt nicht gethan?« fragte Ronsky. »Nein – ich hatte die größte Mühe, sie daran zu verhindern, die Tannhäuserouverture vorzutragen – wozu mir das kleine Orchester nicht geeignet schien – aber besser als die Holzauktion wär's doch noch gewesen!« »Bringen Sie Ihre Wünsche doch Herrn Janos Bela persönlich vor,« meinte Flintsch, »er widersteht Ihnen gewiß nicht!« Marie näherte sich dem Dirigenten und fragte ihn, ob die »Ungarischen Tänze«, welche von Brahms für Klavier bearbeitet worden sind, auf seinem Repertoire stünden. Von Brahms hatte er gehört – und daß einige ungarische Tänze für das deutsche Publikum zurecht geschrieben worden waren, wußte er. Die Frau Gräfin solle nur die Melodie summen, dann würde er sofort sagen, ob er aufwarten könne. Sie summte die ersten Takte von Nummer vier. Der Ungar nickte verständnisvoll. Er strich die ersten Takte der zauberischen Melodie über seine Geige. »Kenn' ich, kenn' ich, schönes ungarisches Lied – traurige Worte!« Er murmelte die Worte ungarisch, vor sich hin. »Wie lauten die Worte?« fragte die Gräfin Rheinsberg. »Ronsky, du sprichst ja ungarisch ...« bemerkte Flintsch. Der Ungar wiederholte die Worte. Marie heftete den Blick auf den jungen Oesterreicher. Eine tödliche Verlegenheit hatte sich seiner bemächtigt. »Die Worte ...« sagte er und ließ sie sich noch einmal von Janos wiederholen, dann übersetzte er: »Mein Schatz ist weit – ich darf ihn nicht lieben ...« Janos aber war mit dieser sehr freien Übersetzung keineswegs zufrieden. »Nein, nicht mein Schatz,« erklärte er eifrig, »mein Mann – mein Mann ist zu alt, ich kann ihn nicht lieben!« Ein Kreis hatte sich indessen um die schöne Frau gebildet, wie immer und überall, wo sie sich länger aufhielt. Sie fühlte, daß sich in diesem Moment alle Äugen auf sie richteten, daß sie sozusagen am Pranger stand. Sie behauptete ihre Haltung. »Zu alt – ist das ein Grund?« fragte sie mit einem flüchtigen Lächeln – aber dann, und das sah man ihr an, wußte sie doch, daß die geistreichste Antwort der Welt sie nicht vor den Glossen oder dem Mitleid der sie Umgebenden retten würde. So ließ sie die Sache über sich ergehen. Kurz darauf tönte der erste Geigenstrich durch den Saal. Sie begab sich zu dem Prinzessinnentisch zurück, wo bereits eine große Gruppe von Verehrern ihrer harrte und ihr alle die Huldigungen entgegenbrachte, an welche sie gewohnt war. Aber sie blieb zerstreut. Mehr als einmal suchten ihre Augen den jungen Vetter, der ihr eine Demütigung hatte ersparen wollen und der sie offenbar gerichtet, ehe er sie gekannt hatte. Den Erfolg gönnen uns unsere Mitmenschen nur, wenn sie an dessen praktischem Nutzen ihren Anteil finden. Keine Frau hatte, ohne aus einem vornehmen Privatleben herauszutreten, mehr Erfolg gehabt als Marie Gräfin Rheinsberg, geborene Freiin von Berg, und da sie doch nicht alle Menschen in den Lichtkreis aufnehmen konnte, der ihre Persönlichkeit umstrahlte, so gab es sehr viele, die ihr die Bevorzugungen des Schicksals übel nahmen. Mit einem Wort, sie hatte sehr viel Neider. Jeder weiß, daß Neid und Mißgunst die Eltern übler Nachrede sind. Und so war es auch in diesem Fall. Was Neid und Mißgunst ersinnen konnten, um Marie Rheinsberg in den Staub zu treten, das thaten sie. Sie nannten sie kaltherzig, berechnend, hochmütig. Etwas Schlimmeres konnten sie ihr freilich nicht nachsagen – einen schlechten Ruf wagten nicht einmal Neid und Mißgunst ihr anzudichten. Daß sie als ganz junges Mädchen einen Mann von nahezu sechzig Jahren geheiratet und durch diese Heirat eine glänzende Stellung erworben hatte, war im Grunde genommen das Einzige, was man gegen sie vorbringen konnte. Daß ihr Leben an der Seite des greisen Gatten ein tadelloses geblieben war, das konnte selbst der Neid nicht bezweifeln – nur verkleinerte der Neid natürlich ihr Verdienst dadurch, daß er ihre tadellose Lebensführung mit der Trockenheit und Nüchternheit ihrer Naturanlage erklärte. Marie hatte nie viel darüber nachgedacht, auf was ihre streng sittliche Lebensführung sich stützte, ob auf ein anerzogenes Prinzip oder einen angeborenen Instinkt. Es war nun einmal so, sie machte sich kein besonderes Verdienst daraus – aber sie war doch eher zufrieden mit sich und hegte halb unbewußt die Ueberzeugung, daß ihr Leben allen denen, welche je gewagt, ihr einen Vorwurf aus ihrer Heirat zu machen, den Mund stopfen mußte. Und heute zum erstenmal war ihr das Bewußtsein gekommen, daß dem nicht so war, daß der Umstand den Menschen immer noch zu kritteln und zu spötteln gab – daß er etwas war, an dem die Welt zartfühlend vorüber schwieg. Zum erstenmal hatte sie sich vor einem Menschen dafür geschämt, daß sie ihre junge Schönheit an einen Greis verkauft – zum erstenmal hatte sie ihre Handlung in diesem häßlichen Licht gesehen. Als sie an jenem Abend in das Palais in der Wilhelmstraße zurückkehrte, welches sie mit ihrem Gatten bewohnte, fand sie ihn leicht erkältet. Er hatte sich niederlegen müssen – sie verbrachte den Abend neben seinem Bett, las ihm vor, schenkte ihm Thee ein und versäumte zwei Soireen, bei denen sie sehnsüchtig erwartet worden war. An diesem Abend war sie froh, einen Grund zu haben, sich von der Welt fern zu halten, den Menschen auszuweichen. Gegen zehn Uhr verließ sie den Grafen Rheinsberg, nachdem sie sich ganz besonders bemüht hatte, ihn durch die Schilderung alles dessen, was sie im Laufe des Tages erlebt, zu zerstreuen. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück – sie war müde. Aber der Schlaf blieb ihr fern. Sie dachte an vielerlei – sie dachte an alles, was sie im Leben erreicht hatte – und vielleicht zum erstenmal, seit sie verheiratet war, dachte sie auch an das, was sie im Leben versäumt. Sie hielt sich nicht auf bei dem Gedanken – er kam als ungebetener Gast und wurde verscheucht – aber gekommen war er doch. Ruhelos schob sie den Kopf auf dem Kissen hin und her. Der Eindruck der schönen, glänzenden Gegenwart wurde verwischt, unklar – längst vergessene Sorgen schlichen an ihr vorüber und längst verglommene Träume tauchten in ihr auf. Die Träume blieben länger als die Sorgen. Sonst war es anders gewesen. Jahrelang hatte sie nur der Schattenseiten ihrer Jugend gedacht. Die Erinnerungen an jene Zeit waren immer mit einer Art lähmenden Entsetzens verbunden gewesen. Heute zum erstenmal mischte sich in das Entsetzen eine Art Sehnsucht. Sie hörte den Frühlingswind durch die alten Linden schaudern im Park von Sanssouci – dem halb verfallenen böhmischen Rokokoschlößchen, in dem ihre Wiege gestanden, aus dem, heraus sie ihrem Gatten in die Welt gefolgt war. Der Duft der Erde, wenn sie im Frühling neuer Lebenslust entgegenstrebt, zog durch ihre Seele. Sie sah das junge Gras mit frischen Frühlingsblumen besät und über all dem ein Funkeln und Flimmern wie geschmolzenes Gold, in das man Brillanten und Rubine gemischt hätte. So sah die Welt aus nach einem Regenguß, der noch vor wenigen Augenblicken aus einem pechschwarzen Himmel heruntergeströmt, nach einem Sturm, der wie eine Geißel durch die ganze Natur hingetobt war, peitschend und heulend. Aber er war vorüber und alles war wieder schön – schöner als vor dem Unwetter. Es war eben im Mai! Ah!... Sie runzelte die Brauen. Wie thöricht war es, sentimental zu werden! Das, was ihr schön in ihrer vergangenen Jugend erschien, waren ein paar flüchtige malerische Momente – von den drückenden, demütigenden Sorgen hatte sie täglich schwer gelitten. Aber sie war doch jung gewesen und frei – und jede Sorge war gewesen wie eine häßliche graue Puppe, aus der heute oder morgen ein Schmetterling herausflattern kann. O, es war alles gut, wie es gekommen war – sie sagte sich's wieder, immer wieder – aber im innersten Herzen blieb sie unruhig. Wie durch einen Nebel hindurch sah sie die Vergangenheit. Der Nebel lüftete sich, alles trat deutlicher hervor. Das alte ebenerdige, sich lang hinziehende Rokokoschlößchen, das sie mit ihren Eltern Sommer und Winter bewohnt hatte – die geistvollen Züge der Mutter – ihre großen dunklen Augen, aus denen der Optimismus einer sanguinisch romantischen Natur durch alle ihre Existenz verdunkelnden Sorgen siegreich hindurchleuchete – die gutmütige, vom Schicksal etwas verängstigte Physiognomie und vierschrötige Gestalt des Vaters, in den sich die geistvolle Frau verliebt hatte, als er noch ein schlanker Husarenoffizier gewesen war – der Vater, der immer so guten Willen hatte und alles verkehrt machte, der im Leben wie in einer großen Dunkelheit umhertappte. Er war nämlich geschäftsblind, wie andere Menschen farbenblind sind. Das wäre an und für sich kein großes Unglück gewesen, wenn sich nicht zu dieser Unfähigkeit ein unabweisbarer Trieb gesellt hätte, sich beständig in allerhand Unternehmungen zu mischen. Die traurigen Resultate, welche seine geschäftsblinde Veranlagung unter solchen Umständen für ihn und seine Familie zur Folge haben mußten, blieben nicht aus. Die Eltern hatten einander aus Leidenschaft geheiratet, der Vernunft zum Trotz. Sie hatte kein Geld – er hatte Schulden – was that's – sie liebten einander! Was daraus wurde? Nun, Marie hatte es mit angesehen! Solange Maries Mutter lebte, ging alles noch so leidlich. Die Mutter hielt den kümmerlichen Haushalt zusammen, wie sie konnte, und leitete mit Hilfe einer sehr gebildeten englischen Dame die Erziehung Maries. Die Bergs standen auch damals noch mit der ganzen Nachbarschaft in Verkehr. Die Baronin war eine ebenso beliebte als hochgeachtete Persönlichkeit, und ihr Gatte war überall wohl gelitten; teilweise weil er ein vorzüglicher Schütze war und auch weil seine Gattin es verstand, ihn daran zu hindern, Indiskretionen zu begehen. Nach ihrem Tode wurde die Sachlage demütigend. Fast alle Bekannten der Bergs zogen sich von ihnen zurück. Und das hatte seine besonderen Gründe. Eine geistreiche Frau, der man einmal ihre große Beliebtheit rühmte, erwiderte hierauf: »Ja, ich habe sehr viele Freunde – und was mehr ist, ich behalte sie; und wissen Sie den Grund davon?« Man wußte natürlich tausend Gründe und die allerschmeichelhaftesten. Sie aber winkte lachend ab und sagte: »Unsinn! Der einzige Grund, warum ich alle meine Freunde behalte, ist der, daß ich nie etwas von ihnen verlange!« Der Grund, weshalb Baron Berg alle seine Freunde verlor, war, daß er von allen etwas verlangt hatte. Kaum, daß seine Frau unter der Erde lag, that er sofort, von dem Mitleid, welches ihm alle seine Bekannten in seinem verwitweten Zustand bewiesen, dazu verleitet, dasjenige, vor dem ihn die Verstorbene stets so dringend gewarnt hatte – er ging einen nach dem anderen unter seinen Bekannten darum an, ihm entweder Geld zu borgen oder wenigstens seine Wechsel zu acceptieren. Auf diesem Ohre aber hörten sie nicht. Daß der Abfall der Freunde mit dem fast plötzlich durch eine heftige Lungenentzündung hervorgerufenen Tod der Mutter zusammenfiel, und worauf ihre gänzliche Vereinsamung zurückzuführen sei – darüber wurde sich Marie erst viel später klar. Anfangs fühlte sie nur den Verlust der Mutter – darüber hinaus war sie empfindungslos. Wenn man sie späterhin gefragt hätte, wie ihr nach dem Tode der Mutter zu Mute gewesen war, so hätte sie geantwortet: »Als ob das Dach über meinem Kopf eingestürzt wäre und mich betäubt hätte!« Und als sie aus der Betäubung erwachte, da war ihr's, als ob nun nicht nur das Dach gefallen wäre, sondern als ob man dazu noch alle Mauern eingerissen hätte, so daß der kalte Herbstwind von allen Seiten zu ihr hereindrang. Zweites Kapitel. Die Luft war kalt und die Sonne war krank – Marie fror beständig innerlich und äußerlich. Das dauerte viele Monate so, man glaubte schon, sie würde der Mutter nachsterben. Aber die Jugend siegte schließlich über das Leid. Die pekuniären Verhältnisse waren indessen derart traurig geworden, daß Baron Berg sich genötigt sah, seine Ausgaben nach allen Seiten hin einzuschränken, weshalb er eines schönen Tages Miß Smith, Maries Gouvernante, mitteilte, daß er leider nicht mehr in der Lage sei, seiner Tochter eine Erzieherin zu halten. Aber die Engländerin verzichtete auf jedes weitere Honorar und blieb in Sanssouci. Es war ein Glück für Marie. Sie hatte jahrelang kaum einen anderen Umgang. Die Folgen ihrer Einsamkeit wurden eine starke Verinnerlichung ihres Wesens und ein Hang zur Ueberspanntheit. Sie hatte etwas mehr gelernt als andere junge Mädchen und unberechenbar mehr gelesen. Sie war noch nicht hübsch – versprach es aber zu werden, und sie hatte einen großen Durst nach Glück, der sich in den verschiedenartigsten und unklarsten Wünschen äußerte. Den Traum, den alle jungen Mädchen träumen, einem geliebten Mann den Himmel auf Erden zu bereiten, träumte sie nicht. Die Ehe ihrer Eltern, die nicht nur von Anfang an eine Liebesheirat gewesen, sondern es auch bis zum letzten Atemzuge der armen Baronin Berg geblieben war, hatte sie von allen sentimentalen Illusionen abgeschreckt. Sie hatte nur eine Sehnsucht – aus all der Enge ins Freie – aus dem Dunkel ans Licht – aus der Kümmerlichkeit in ein großes glänzendes Leben hinein! Die Not, die einengende, drückende, verdunkelnde, lag über Sanssouci, dessen heiterer Name in dieses Sorgenwirrsal wie eine bittere Ironie hineinklang. Einem bösen, jede Hoffnung brachlegenden Genius, gleich, kauerte sie um das Schlößchen, alle Auswege versperrend. Es war die Not mit geflickten Schuhen und ausgewachsenen Kleidern, die demütigende, erniedrigende Not, die einen von dem Verkehr mit seinesgleichen abschließt – nirgends ein Lichtstrahl – das Gefühl, als ob man in einem enger und enger werdenden, finsteren Gang weiterkriechen müsse, bis zum Erfrieren, Ersticken oder Verhungern – das Gefühl des Lebendigbegrabenseins. Seiner unbeholfenen, passiven Natur gemäß keines. Aufschwungs fähig, dazu durch seine verwöhnende Kavalierserziehung verweichlicht, durch die Nachsicht seiner Frau erschlafft, äußerte sich der einzige Versuch des Freiherrn, die Sachen zurechtzurücken darin, daß er sich einem ganz unvernünftigen Sparsystem hingab. Er verabschiedete alle seine höheren Beamten, um die Regie einzuschränken, aber anstatt die Fehlenden durch Anspannung seiner eigenen Kräfte zu ersetzen, streckte er sich auf seinem Diwan aus, brütete über sein trauriges Geschick und ließ die niedrigen Diener in unbeaufsichtigter Dummheit oder Gewissenlosigkeit wirtschaften und faulenzen, wie sie wollten. Nur an den Samstagen im Sommer, den Tagen, wo die Auszahlung stattfand, schwang er sich zu einer Vorspiegelung unheimlicher, phantastischer Thätigkeit empor. Hinter einem mit Kleingeld belasteten Tisch saß er auf der Terrasse von Sanssouci und folgte, in Ermangelung des heroisch abgeschafften Verwalters, den Tagelöhnern eigenhändig den Lohn für ihre Wochenleistung aus. Auf den Stufen der Terrasse hockten mit abgespannten Gesichtern und sonnverbrannten Händen die Tagelöhner und Tagelöhnerinnen – und auf der steinernen Balustrade, welche die Terrasse umschloß, grinsten steinerne Kobolde und Zwerge, allerhand an versteinerte Hofnarren erinnernde stilvolle Ungeheuer, höhnisch und belustigt um den letzten der Bergs herum. Manchmal amtierte er im Schlafrock und zu anderen Malen in einer verschlissenen Husarenuniform. Was am schrecklichsten war an diesen Samstagen, das war die Aufregung, die ihnen voranging, dieses hilflose, auf den letzten Augenblick hinausgeschobene Haschen und Suchen nach barem Gelde. Alles, was in Sanssouci veräußerlich war, Maries von ihrer Mutter ererbter Schmuck, ein paar alte Bilder und des Barons vertrocknetes Riemen- und Sattelzeug – alles wurde nach und nach für die Samstage geopfert. Als alle Zitronen um ihn herum ausgequetscht waren, that sich der Freiherr nach ergiebigeren Geldquellen um. Der Getreidehändler des nächsten Ortes trat in seine Rechte. Er verlangte sehr hohe Prozente, aber er war von einer fast unerschöpflichen Gefälligkeit. Von Zeit zu Zeit kaufte er dem Freiherrn, immer noch aus Gefälligkeit, ein Stück Feld ab oder ein Stück Wald. So verschleuderte der Freiherr nach und nach alles, was von seinem Gute abtrennbar war, um einen Spottpreis. Er hatte nie rechnen können und bildete sich etwas darauf ein. Er war überhaupt sehr zufrieden mit sich, führte alle seine pekuniären Unbequemlichkeiten auf den Umstand zurück, daß er immer ein anständiger Mensch gewesen war, und nannte sich, da er überhaupt die Gewohnheit hatte, in der dritten Person von sich zu reden, mit Vorliebe den »letzten Ritter« – und manchmal den »letzten Kavalier«. Und die Not wurde immer ärger. Aber manchmal schien die Sonne doch zwischen die alten Lindenkronen hinein, welche Sanssouci umschatteten. Die Regenbogen reichten bis zur Erde, und wilde Blumen schmückten die verwahrlosten Rasenplätze. Der Sturm rauschte über blühende Akazien hin, und die ganze Luft um Sanssouci herum duftete nach Träumen. Wenn nur nicht der Winter gewesen wäre, der öde, zusammenkrampfende Winter – und der windige, kotige Herbst! Der Sommer war immer schön in Sanssouci – aber die kalte Jahreszeit war nicht zum Aushalten traurig. In den letzten Jahren vor Maries Heirat knauserte der Baron sogar mit Heizmaterial. Um Holz zu ersparen, heizte er mit den alten Rokokomöbeln. Ein Zusammenbruch der gräßlichen Wirtschaft wurde täglich erwartet. Marie sehnte sich danach wie nach einer Befreiung. Manchmal dachte sie daran, Schauspielerin zu werden. Sie hatte schon das halbe Gretchen und die ganze Jungfrau von Orleans auswendig gelernt. Aber sie hatte doch das Gefühl, daß aus dem allem nichts werden würde, daß es ihr an dem rechten Talent fehle. Die einzige Kunst, zu der sie ebensoviel Neigung als Befähigung besaß, war die Musik. Sie scheute kein Opfer, um sich darin zu vervollkommnen. Zweimal in der Woche fuhr sie nach Prag, um Klavierstunden bei einer vorzüglichen Lehrerin zu nehmen. Eine Stunde zu Wagen, eine Stunde Bahn und dann noch das Zufußlaufen in der Stadt! Aber sie war tapfer. Es focht sie nichts an. Die Musikstunden waren der Fleck blauen Himmels in ihrem von Sorgen verfinsterten Leben. Ein Tag kam, an dem Baron Berg erklärte, die Klavierstunden und das Hineinfahren in die Stadt sei ein Luxus, den sie sich »vergehen lassen müsse«. Ihr war's, als hätte man neben ihr das letzte Licht ausgelöscht. Von nun an tappte sie gänzlich im Dunkeln. Und wie einem plötzlich Erblindeten zauberte ihr die von nun an ausschließlich auf sich selbst angewiesene Phantasie die herrlichsten Bilder vor. Ihre Mutter hatte ihr oft von der Pracht ferner Länder, von den wunderbaren Kunstschätzen Italiens, von den durch den Hintergrund einer tropischen Vegetation erhöhten Reizen der Architektur in Südspanien, von dem dämonischen Blendwerk der französischen Hauptstadt erzählt, Herrlichkeiten, die die Mutter nur flüchtig als junges Mädchen kennengelernt. Sie hatte Marie erläuternde Bilder gezeigt. Die Bilder hatten sich Maries Seele eingeprägt, sie glitten vor ihrem Auge hin wie eine Fata Morgana, in der köstlich reine Quellen unter schattenden Palmen hinrieseln – vor den Augen eines Verdurstenden. Sie war wie ein feuriges junges Tier, das man mit einem Strick an einen Pflock festgebunden hatte. Sie riß und zerrte an dem Strick, ungeduldig zu Anfang, als noch die Verzweiflung im Kampf mit der Hoffnung lag. Dann aber ging auch das zu Ende, eine gänzliche Stumpfheit war über sie gekommen, ein gleichgültiges, von einem Tag zum anderen Hinleben, als sich plötzlich die Sachlage änderte, und zwar durch eine Schwester des Barons Berg, die als ein gutmütig geschäftiger Deus ex machina in der Gegend auftauchte. Sie war eine der wenigen Angehörigen des Barons Berg, die sich nicht von ihm zurückgezogen hatten. Er hatte nämlich nie versucht, von ihr Geld zu borgen. Und als Graf Rinkberg zum Oberst befördert und in eine von dem Schlößchen Sanssouci kaum eine Stunde entfernte Garnison versetzt worden war, lag nichts vor, was dem Verkehr der Schwäger verstimmend entgegengetreten wäre. Die Oberstin nahm sich sofort Maries an, that, was sie konnte, sie »aufzumischen«, versuchte natürlich auch Marie zu verheiraten. Damit aber ging es nicht so flott von statten, als es die gutmütige Oberstin eigentlich gehofft. Im »Regiment« fand Marie keinen Anklang. Die Offiziere fanden sie zu ernst, zu gescheit, sie war ihnen, wie sie sich ausdrückten, »zu hoch«. Außerdem hatte sie kein Vermögen, und wenn man schon eine uneigennützige Dummheit beging, so beging man sie lieber für eine üppige und ungebildete Müllerstochter, die man kompromittiert hatte und für die man sich schließlich nach Ostgalizien versetzen ließ. Außer der Zukunft Maries machte der gutmütigen und lebenslustigen Oberstin nur noch ein einziger Umstand Sorge, und zwar ihre täglich zunehmende Korpulenz. Sie hatte einmal eine so schöne Figur gehabt. Ihr Arzt, den sie wegen ihrer sich bedenklich ausbreitenden Körperfülle zu Rate zog, schlug Marienbad vor, und dorthin begab sie sich und zwar in Gesellschaft ihrer Nichte. Und seltsam, Marie, die bei dem Offiziercorps in Bukow gar keinen Erfolg gehabt hatte, für die man bei den kleinen Regimentsfesten hatte Tänzer anwerben müssen, damit sie nicht sitzen blieb, wurde hier der Mittelpunkt einer interessanten Gesellschaft – ja, die Gräfin Rinkberg verdankte ihrer Nichte bald das Entgegenkommen von in- und ausländischen vornehmen Persönlichkeiten, welche sich sonst nie um die gutmütige, aber ziemlich gewöhnliche Oberstin gekümmert hätten. Herren und Damen wunderten sich über den Geist und die Haltung der Nichte einer Tante, welche trotz ihres Titels so ganz den Typus der einfachen, in Provinzgarnisonen herumsiedelnden Offiziersfrau aufwies. Unter den Persönlichkeiten, mit welchen sich Marie besonders gut unterhielt, war ein älterer Herr, ein Diplomat, der eine große Stellung unter seinen Standes-, sowie Berufsgenossen einnahm und mehr als einmal bestimmend in die Weltgeschichte eingegriffen hatte. Er machte opinion publique für das junge Mädchen, indem er in Gegenwart aller maßgebenden Persönlichkeiten behauptete, etwas Aehnliches an Geist, Bildung, Lebhaftigkeit der Interessen, Anmut der Erscheinung, Gesundheit des Charakters und Unverdorbenheit der Phantasie sei ihm noch gar nicht vorgekommen. Man fing an, sich nach den Eltern Maries zu erkundigen, die berühmte Fürstin X. erinnerte sich sogar, daß Maries Mutter eine weitläufige Cousine von ihr gewesen war, daß sie sie als Mädchen sehr gut gekannt, worauf sie Marie und die Oberstin, nachdem letztere ihre Kur glücklich überstanden hatte, nach ihrem wenige Bahnstationen von Marienbad entfernten Schloß einlud. Hier war Marie in ihrem Element. Während die Oberstin inmitten dieses raffiniert ausgeklügelten Komforts, dieser mit jedem künstlerischen Reiz ausgestatteten Umgebung ihre berühmte widerstandsfähige gute Laune verlor und ärgerlich bald über dies, bald über das lamentierte, fühlte sich Marie wohl wie ein junger Fisch, den man, nachdem er sich längere Zeit aussichtslos auf dem Grase herumgequält, endlich ins Wasser geworfen hätte. Die Großmut der Tante und ihr eigener, fast unbegreiflich guter Geschmack hatten ihr den entsprechenden Toilettenrahmen für ihre in dieser Umgebung täglich herrlicher aufblühende Schönheit geliefert. Sie wurde gefeiert, auf Händen getragen. Etwas im Hintergrund ihrer anderen vielfachen Verehrer, wohlwollend aufmunternd, aufmerksam beobachtend, hielt sich Graf Rheinsberg. Nach vierzehn Tagen war der Zauber vorbei. Marie saß mit ihrer Tante im Eisenbahncoupé. Die Oberstin atmete auf – wie korpulente Persönlichkeiten aufatmen, nachdem sie sich eines zu engen Korsetts entledigt haben. »Na, ich bin froh, daß es vorbei ist,« sagte sie; »ich freu' mich auf meinen Schlafrock und mein Stück Rindfleisch mit Sardellensauce!« Marie sagte nichts. Und nun folgte eine böse Zeit. Die Stumpfheit – die letzte Zuflucht der Hoffnungslosen – war Marie benommen. Sie fühlte jeden Nadelstich in ihrer Existenz. Sie haderte gegen ihr Schicksal mit einer Bitterkeit, die sich bis ins Unwürdige verlor. Und wenn die nicht nur gutmütige, sondern durch und durch edle Miß Smith ihr Vorstellungen darüber machte, so brach sie in Thränen aus, schämte sich, ohne die Kraft in sich finden zu können, ihrer Unzufriedenheit Einhalt zu thun. Da, an einem unfreundlichen Septembertag, einem Tag, an dem der kalte von Regengüssen durchstrichene Wind zwischen einer sich in Rot auflösenden Erde und einem hinter Wolken verborgenen Himmel hinstrich, kam Marie aus Prag zurück, wo sie ein paar notwendige Besorgungen gemacht hatte. Ganz erdrückt von einer Last der verschiedentlichsten Pakete stieg sie aus. Sie konnte unmöglich alles selber tragen. Ein Packer half ihr. Der Wind fuhr ihr in ihren dünnen, zerknitterten, ausgewachsenen Mantel hinein. Zu hübschen Sommer- und Abendtoiletten hatte die Großmut der Tante gereicht – aber vor der Anschaffung neuer Winterkleider war sie stehen geblieben. Zwei Offiziere mit gelb paspelierten braunen Paletots, Bekannte aus dem Regiment ihres Onkels, grüßten sie, ohne sich ihr zu nähern. Vielleicht waren sie zu zartfühlend dazu... Marie schämte sich unsinnig, das war kindisch von ihr – aber natürlich. Hinter der Station saß Baron Berg in einem über und über mit Rot bespritzten Phaethon – auf dem Bock ein Kutscher mit rot aufgedunsenem Gesicht, Flecken an seinem drapfarbenen Paletot und Grünspan an den Knöpfen. Baron Berg verhandelte von seinem Wagen aus heftig mit dem Getreidehändler, welcher diesmal Schwierigkeiten machte und auf die Vorschläge des Gutsbesitzers nicht mehr eingehen wollte. Berg war übellaunig und aufgeregt, er fuhr Marie an, als er sie mit ihren Paketen erblickte. Die Pakete wurden irgendwie in dem Wagen untergebracht und auf dem Kutschbock, wie's gerade ging. Beschämt kroch Marie in den Wagen, drückte sich in den geringen Raum zurück, den der umfangreiche Pelz ihres Vaters ihr frei ließ, ein Kleidungsstück, das er so sehr liebte, daß er es jedes Jahr einen Monat zu früh aus der Kiste ziehen ließ, wo es den Sommer über in Kampfer und Insektenpulver einbalsamiert lag. Der Packer verlangte ein Trinkgeld – Marie hatte nichts mehr, und der Freiherr forderte ihn auf, zum Teufel zu gehen. Die Unterredung mit dem Getreidehändler spann sich fort. »Ist das Ihr letztes Wort, Herr Baron?« rief der Händler. »Ja!« »Dann bleibt's auch bei meinem, ich bin nur ein armer Geschäftsmann, aber ein gewissenhafter – und wenn der Herr Baron ...!« Er hatte die Hand auf das Kotleder gestützt und steckte seinen zugleich gierig und unterthänig grinsenden Kopf in den Wagen hinein. Der Baron ließ zufahren, der Händler prallte mit dem Dach des Wagens zusammen und fiel der Länge nach in eine Pfütze. »Um Gottes willen!« rief Marie. »Geschieht ihm recht, dem Hund,« grollte der Baron, indem er sich selbstzufrieden den Schnurrbart streichelte. Er freute sich offenbar darüber, dem Geschäftsmanne einen Schimpf angethan zu haben. Er gefiel sich in seiner Rolle als »letzter Ritter«. Der Wagen rempelte gegen einen Prellstein. Baron Berg merkte, daß der Kutscher betrunken war. Er machte ihm heftige Vorwürfe – der Betrunkene antwortete. Es kam zu einem lauten Wortwechsel, bei dem der Freiherr dem Kutscher verschiedene Ochsen und Schweine an den Kopf schleuderte, schließlich aber dem Rüpel gegenüber immerhin den kürzeren zog, da ihm dieser die Zügel hinwarf und mit den in flämischer Sprache herausgeplärrten Worten: »Die schöne Equipage kann sich der Herr Baron selber kutschieren!« vom Bock heruntersprang. Baron Berg bestieg nun selber den Kutschbock in seinem geliebten, mit einem flatternden Kragen ausgestatteten und mit Biber ausgeschlagenen Bojarenpelz und seiner mottenzerfressenen Bibermütze. Die Scene trug sich auf dem Marktplatz zu, gerade vor dem Offizierskasino – die beiden Offiziere, welche Marie bereits am Bahnhof salutiert hatten, gingen vorüber und lächelten. Marie hätte unter die Erde sinken mögen. Endlich kam man zu Hause an. In der schlecht verwahrten, von Zuglüften durchschnittenen Wohnung konnte sich Marie nicht erwärmen. In ein dickes Tuch eingehüllt, saß sie Miß Smith gegenüber an dem Mittagstisch, während ihr Vater die mitgebrachte Posttasche durchstöberte. Obgleich ihm die Post fast nie etwas anderes als die eingelaufenen Rechnungen und die Zeitung brachte, harrte er dem Postsack doch stets mit derselben Spannung entgegen, prüfte dessen Inhalt mit derselben Aufmerksamkeit, als ob er darin die Nachricht zu finden erwarte, daß er das große Los gewonnen habe. »Ein Brief für dich,« sagte er, indem er, verdrießlich über die sich alle Tage erneuernde Enttäuschung, den Postsack wegwarf. »Von wem?« Marie kannte die Schrift nicht. Etwas unruhig riß sie den Brief auf. »Graf Rheinsberg,« murmelte sie, die Unterschrift entziffernd. Dann begann sie zu lesen. Plötzlich wurde sie erst rot, dann weiß. »Was ist dir?« fragte der Vater. Sie legte die Hand an die Stirn. »Nichts, nur – Graf Rheinsberg fragt mich, ob ich mich entschließen könnte, seine Frau zu werden.« – – Sechs Wochen später wurden sie getraut, Marie von Berg und Wilhelm Graf Rheinsberg, in der kleinen Kapelle im Park von Sanssouci, und zwar an einem kalten Novembertag, kurz vor dem Advent. Ein paar Blätter klammerten sich noch verzweifelt an die Aeste, wehrten sich gegen den Herbststurm, der die Bäume her und hin bog. Aus einer bleigrauen Wolke fielen Schneeflocken, die den Weg zur Erde nicht finden konnten. Marie stand in ihrem Schlafzimmer vor einem alten, blinden Stehspiegel, der alles schief zog, hinter ihr die Tante und die alte Kammerjungfer, die ehemals ihre Kinderfrau gewesen war. Das Brautkleid wollte nicht sitzen, Tante und Kammerjungfer zupften daran herum. Marie ließ sie gewähren, warf nur hie und da einen Blick in den Spiegel, um sich über das Resultat ihrer Anstrengungen zu unterrichten, zuckte die Achseln und murmelte: »Sonderbar.« »Was soll sonderbar sein?« fragte die Tante. »Daß Graf Rheinsberg mich heiraten will,« erwiderte Marie. Sie sprach von ihrem weißhaarigen Bräutigam als Graf Rheinsberg bis an die Stufen des Altars. »Und warum soll das sonderbar sein?« fragte etwas ärgerlich die Tante. Auf ihren Lippen schwebte es: »Viel sonderbarer finde ich, daß du ihn heiraten willst.« Diese Bemerkung aber verschluckte sie. »Warum es mir sonderbar vorkommt?« murmelte Marie. »Weil ich nicht begreife, was ihm an mir gefallen kann.« »Was ihm an dir gefallen kann?« wiederholte die Tante. Und wieder drängten sich eigentümliche Bemerkungen auf die Lippen der älteren Frau, und wieder schwieg sie, weil sie fühlte, daß, wenn sie einmal anfing zu reden, sie zu viel sagen würde. Hinter Tante und Kammerjungfer stand Miß Smith in einem uralten, dünnen, raschelnden, grauen Seidenkleid, das nach Kampfer, Lavendel und Moder roch, und wischte sich verlegen ganz kleine Thränen von beiden Seiten ihrer scharf geschnittenen Nase herab. »Child, child, don't believe, what that wretched glass tells you!« rief sie ihrer Schülerin zu – »you look most intestring, – und in kurzer Zeit wirst du eine Schönheit sein!« Maries Augen leuchteten auf. »Ach, wenn's nur wirklich der Fall wäre, Miß Smith!« rief sie. »Schön sein, reich sein, reisen, die Welt kennen lernen! ah! Wer von uns hätte wohl geglaubt, daß mir ein solches Glück noch beschieden sein sollte!« Die Erzieherin und die Tante wechselten einen Blick und blieben beide stumm. Die Erzieherin und die Tante schämten sich beide für Marie. Marie erriet ihre Empfindung nicht. Sie dachte nur, die beiden alten Damen verübelten es ihr, daß sie nicht sentimental that und weinte über den Abschied. Wie sollte sie sich grämen über den Abschied von zu Hause?! Sie sah sich um ... und da bemerkte sie plötzlich vieles, was schön war und an dem sie bis dahin achtlos vorübergeblickt – die reizende Form des Zimmers mit seinen abgerundeten Ecken und seinem halb gewölbten Plafond, die Malereien an den Wänden, blaue Gitter, an denen sich Rosenknospen emporzogen, die großen Thüren aus geschnitzter brauner Eiche – die Fensternischen aus demselben Material. Die Malereien an den Wänden waren verblaßt und von mancherlei häßlichen Krällern verunstaltet – das Eichenholz an Thüren und Fensternischen war wurmstichig. Aber es war doch schön und stimmungsvoll – und – mit einemmal heimelte es Marie an. Nur einen Augenblick zog's über ihr Herz hin wie ein kalter Schauer – dann, durch eine der dunkel vertäfelten Fensternischen, blickte sie hinaus in die märchenblaue Ferne, die sie zwischen den im Herbstwind zitternden Resten der alten Linden aufschimmern sah – nichts Deutliches, nur etwas zauberisch Duftverwischtes, über dem das Gold eines schönen Herbstsonnenstrahles lag ... Indem hörte man Wagen rollen. Der Bräutigam kam von der Bahn. Miß Smith, vor Aufregung bebend, trat an ihre Schülerin heran, küßte sie eilig und murmelte: » God bless you child! « Die Tante machte ihr das Zeichen des Kreuzes auf die Stirn. Es pochte an ihre Thür. Der Vater war's. »Marie, bist du fertig?« rief er. »Rheinsberg ist da, und der Pfarrer wartet schon.« Gäste waren keine gekommen – nur die Trauzeugen – Graf Rinkberg und Graf Miroslaw für Marie – zwei ganz gleichgültige, fremde Menschen, von denen Marie längst die Namen vergessen hatte, für den Bräutigam. »Ja, gleich,« erwiderte Marie mit einer ruhigen, zuversichtlichen Stimme. »Nur einen Augenblick,« bat die Kammerzofe. Plötzlich fühlte Marie einen scharfen Stich im Kopf. Sie stieß einen kurzen Schmerzenslaut aus. »Was machst du denn, Pepi?« rief sie. »Ach, Baronesse! ich habe nur den Brautkranz festgesteckt – es ist stürmisch draußen, ich dachte, er könnte herunterfallen!« entschuldigte sich die treue alte Person. »Der fällt nicht herunter – ich glaube, du hast ihn angenagelt,« meinte Marie humoristisch. »Er thut mir weh!« Marie hätte ihn gern umstecken lassen. Aber die Zofe weigerte sich. »Besser er thut weh, als er fällt herunter!« meinte sie, und Marie fügte sich. Mit hocherhobenem Kopf und unbefangenem Blick kam sie dem Bräutigam entgegen, der mit den Zeugen und Baron Berg in dem freskenbemalten Kuppelsaal stand, und zwar um einen Tisch herum, auf dem sich zwischen zwei Tellern Biskuits etliche Weingläser und eine Flasche Bordeaux befanden. Baron Berg rühmte diesen Bordeaux als etwas ganz Besonderes, Marie merkte, daß sowohl die Trauzeugen als auch der Bräutigam nur daran nippten und den Wein unter irgend einem Vorwand wegstellten. Und plötzlich kam ihr ein rasendes Mitleid mit dem vierschrötigen Vater, der alles verkehrt gemacht hatte im Leben – der bei ihrer Hochzeit erschien in einem fadenscheinigen Ueberrrock mit glänzenden Nähten und seinen Gästen Wein vorsetzte, auf den er stolz war, und den sie nicht trinken konnten. In die Kapelle betrug der Weg vom Schlößchen aus nur fünfzig Schritt, aber die fünfzig Schritt mußten gegangen werden. Man hatte Bretter gelegt vom Schloß bis zur Kapelle und über die Bretter Teppiche. Es war kalt, Marie trug um die Schultern einen Hermelinkragen, der noch von ihrer Mutter stammte. Seltsamerweise hatte sie, die doch ihrer Vergangenheit ohne jegliche Gefühlsduselei gegenüberstand, nichts von den Sachen anthun wollen, die ihr der Bräutigam geschenkt, ehe sie seinen Namen trug. Es war kalt draußen, und die Besorgnisse der alten Kammerjungfer um den festen Halt des Brautkranzes zeigten sich gerechtfertigt. Der Wind that, was er konnte, um den Kranz vom Kopfe der jungen Braut zu reißen, aber der Kranz saß fest, und der Schleier wehte hinter Marie her, wie von einem unsichtbaren Schutzengel getragen, der ihn von jeder schmutzigen Erdenberührung fern hielt. Die weiße Schleppe trug Marie selbst. Von allen Seiten drängten sich die Leute aus den naheliegenden Dörfern, um die Baronesse in die Kirche gehen zu sehen. Marie war stets gut gewesen gegen die Armen. Noch am Tage zuvor hatte sie für die Kinder aus der Umgebung ein Fest veranstaltet, ihnen verfrühte Christbäume angezündet. Die Oberstin fragte sich, ob die schlanke, junge Dame, die so unbefangen neben dem alten Bräutigam in die Kirche schritt, dieselbe war wie das junge Mädchen von gestern, das voll warmherziger Zärtlichkeit kleine Bälge auf den Arm genommen, damit sie sich selber das Zuckerwerk vom Christbaum langen sollten. »Pan buh pozehnej!« klang es von allen Seiten, und Marie lächelte den anhänglichen, wohlbekannten Gesichtern zu. Aber plötzlich überkam sie etwas Sonderbares. ... Die Blicke, welche die Tante mit Miß Smith gewechselt, hatte sie nicht enträtselt. Aber auf den naiven Gesichtern ihrer Armen stand das Mitleid zu deutlich, als daß sie es nicht hätte lesen können. Und da schlich ihr's ganz langsam durch die Adern wie eine Unruhe – eine Angst. Ehe sie sich dessen versah, kniete sie bereits vor dem Altar. Der Sturm rüttelte an den Fenstern – eine große Kälte drang von allen Seiten in die kleine Kirche hinein. Marie fror bis ins Mark. Auf die Fragen, die der Priester an sie richtete, antwortete sie wie im Traum. – – Das bindende Wort war gefallen – der Priester sprach seinen Segen. Von draußen durch den sausenden Sturm tönte ein Vokalquartett – eine Aufmerksamkeit, welche der sehr musikalische Schulmeister des nächsten Dorfes für die Tochter des Barons Berg in Scene gesetzt hatte. Sie machten einen eigentümlichen und rührenden Eindruck, die dünnen, herben, aber frischen Stimmen, die so rein und tapfer in den zerstörenden Herbstlärm hineinsangen, und Marie fing plötzlich an zu weinen. Sie richtete den Blick auf eines der schmalen Kirchenfenster, und hinter den kleinen, durchsichtigen Scheiben sah sie braune Bäume, die ihre kahlen und dürren Aeste in die finsteren Wolken streckten, und sie erinnerte sich plötzlich, daß sie die Bäume gesehen hatte, blütenbeladen, duftumweht. Ja, das war im Frühling gewesen – der war vorüber. Aber er würde wiederkommen ... wiederkommen. Eine harte, anklagende Stimme in ihr sagte ihr, daß der Frühling wiederkommen würde für die Bäume draußen – für ihr Herz nie mehr. Und sie selbst war schuld, sie hatte es nicht besser gewollt. Vorbei! ... ein für allemal vorbei! ... Mit einer Art Furchtsamkeit hob sie die Augen zu ihrem ihr nunmehr angetrauten Gemahl. Er war ein schöner Mann, schlank wie eine Tanne, von vollendeter Haltung, mit geistreichen, hellen blauen Augen, aristokratischem Profil und grauem Vollbart. Aber er war sechzig Jahre alt. Sie sagte sich, daß sie immer eine Stütze an ihm finden, daß sie würde stolz sein können auf ihn ... Aber es war doch der Winter, dem sie sich angetraut hatte. Miß Smith sowohl als die Gräfin Rinkberg machten beide betrübte Gesichter, als sie dem Wagen nachblickten, der mit den Neuvermählten auf die Bahn rollte. Was sollte daraus werden? – – Die Sache entwickelte sich besser, als man es hätte erwarten können. Derjenige, der um Jahre später am meisten darüber staunte, daß ihm das Kunststück gelungen, war Graf Rheinsberg selbst. Ich habe wahrlich unverschämtes Glück gehabt, pflegte er sich selber des öfteren zu sagen, wenn er nach Verlauf einiger Jahre an seine Trauung mit dem jungen Mädchen in der kleinen, verfallenen Kapelle gedachte. Mit zu dem Glück gehörte, daß seine spät auflodernde Leidenschaft von kurzer Dauer war. Wenn sich dieselbe weitergeschleppt hätte, so wäre Marie vielleicht trotz aller Charakterfestigkeit nicht im stande gewesen, ihre Existenz würdig durchzuführen. Die Ehe hatte ihr sehr unangenehme Ueberraschungen geboten. Von einer strengen, prüden, alten englischen Vestalin überwacht, im übrigen eine von jenen herben, in sich abgeschlossenen Naturen, denen die geschwätzigste Geschlechtsgenossin keine vertraulichen Mitteilungen zu machen gewagt hätte, war sie schwindelfrei und blind durchs Leben gewandert und schließlich zweiundzwanzig Jahre alt neben dem grauhaarigen Staatsmann an den Altar getreten, ohne eine Ahnung davon zu haben, zu was sie die Ehe verpflichtete. Wenn sie jünger gewesen wäre, hätte ihre Tante gewiß nicht verfehlt, sie aufzuklären – so nahm diese an, daß es nicht nötig sei. Die ersten Zeiten nach Maries Heirat gehörten infolgedessen nicht zu ihren glücklichsten. Da sie aber in altmodisch sittlichen Traditionen aufgewachsen und im übrigen keine ungesund grüblerische Natur war, so nahm sie ihr Los hin, wie es genommen werden mußte, ohne sich unnötige Gedanken darüber zu machen, und fast, ehe sie sich dessen versah, war der Druck von ihr genommen – die unglückliche Ehe hatte sich in eine sehr glückliche Freundschaft verwandelt, eine Freundschaft, die mit jedem Jahr inniger wurde und beiden Teilen von Tag zu Tag mehr innerliche Befriedigung bot. Von da an genoß Marie nicht nur unbefangen alle Vorteile, welche Rheinsbergs glänzende Stellung ihr einräumte, nein, sie freute sich immer verständnisvoller an dem Verkehr mit dem ungewöhnlich geistvollen Manne, sie fühlte sich gehoben durch seine Sympathie, spannte alle Kräfte an, um die gute Meinung, welche er von ihr hegte und welche sie übertrieben fand, zu rechtfertigen. Aus der glänzenden europäischen Hauptstadt, wo er eine sehr hohe diplomatische Stellung eingenommen, führte ihn der Dienst des Vaterlandes nach Berlin zurück. Die Berliner haben eine Vorliebe für alles Exotische. Marie wurde mit Begeisterung aufgenommen, gefeiert, gehätschelt, bewundert. Man war neugierig, in welcher Weise sie die ihr gebotene Gastfreundschaft erwidern würde. Die Neugier wurde befriedigt und allgemeiner Beifall gezollt. Der Salon der Gräfin Rheinsberg war einfach ein Unikum, ein Mittelpunkt nicht nur aller hervorragenden Männer und vornehmen Frauen ihres eigenen Kreises, sondern auch Sammelpunkt aller Berühmtheiten. Junge Künstlerinnen fanden bei ihr Stütze und Anregung – junge Künstler und Litteraten fanden bei ihr zugleich einen Sporn und – einen Zügel. Man konnte Berühmtheiten kennen lernen, ohne aus dem innersten Kern der guten Gesellschaft herauszutreten. Es war merkwürdig – zu merkwürdig! Die Mitglieder der guten Gesellschaft fanden den Salon Rheinsberg nicht zu excentrisch und die Künstler nicht zu flach. So etwas konnte nur die Gräfin Rheinsberg zusammenbringen, behaupteten die Freunde der schönen Frau. Dort, wo Marie Rheinsberg herrschte, blieb alles in jenen Grenzen, welche die Schönheitslinie um all ihr Thun und Lassen zog. Nie wurden unter ihren Augen jene Begeisterungsorgien gefeiert, durch welche andere Weltdamen ihre künstlerischen Sympathieen entheiligen lassen. Jeder Mann wußte, daß er seine häßlichen Wünsche und Triebe vor ihrer Thür lassen mußte, ehe er bei ihr eintrat, gerade wie er wußte, daß er verpflichtet war, sich den Schmutz von den Stiefeln zu putzen, falls er zufällig zu Fuße gegangen war und den Straßenkot bis vor ihre Schwelle geschleppt hatte. Aber zugleich wußte ein jeder, daß für ein fein zugeschliffenes Witzwort, eine halsbrecherische Paradoxe Marie das empfänglichste Publikum war. Jeder gab sein geistig Bestes, wenn er mit ihr zusammenkam. Sie führte ein herrliches Leben. Daß doch etwas fehlte bei all dieser Herrlichkeit, empfand sie nicht, und welchen Preis sie dafür gezahlt, hatte sie längst vergessen, es war ihr nicht eingefallen, daß andere Leute daran denken konnten, überhaupt je daran gedacht hatten. Das hämische Raubtierlächeln Verös Mischkas und die zartfühlende List ihres jungen Vetters, welcher die Worte des Zigeuners frei übersetzt hatte, um ihr eine Demütigung zu ersparen, hatten sie eines anderen belehrt. Heute zum erstenmal hatte sie erfahren, daß es Menschen gab, die sie bedauerten, und Menschen, die sie beinahe verachteten. Der Zorn stieg ihr in die Wangen. Wie durfte sich jemand das erlauben? dachte sie. Mochte ihr Mann fünfzig, mochte er hundert Jahre älter fein als sie selbst, niemand hatte darüber mit den Wimpern zu zucken, sie hatte ja stets ihre Pflicht gethan. Da kam ihr plötzlich etwas sehr deutlich zum Bewußtsein: daß sie ihre Pflicht durchführen mußte bis zum äußersten – bis zum letzten Atemzug, wenn sie nicht ihrer eigenen Verachtung zum Opfer fallen wollte. Aber es war ja nicht schwer, ihre Pflicht zu thun – eine Versuchung erschien ihr unwahrscheinlich, eine Niederlage unmöglich. Und doch, was war das für ein beklemmendes, zusammenkrampfendes Gefühl, als ob sie irgendwo in einem Kerker eingeschlossen sei. Es war ein schöner, großer Kerker – aber es war doch ein Kerker, und die Mauern, welche der Luxus um sie gezogen, waren höher als die, welchen die Not um sie aufgerichtet hatte in Sanssouci. Aus der Not hatte es ein Entrinnen gegeben – aus dem Luxus gab es keins. In den Tagen, die auf den Spitalbazar folgten, sah Marie Rheinsberg jedesmal, wenn sie von ihrer Nachmittagsspazierfahrt heimkehrte, mit ganz besonderer Aufmerksamkeit die indessen eingelaufenen Visitenkarten durch. Die Visitenkarte, die sie erwartete, stellte sich im Laufe der korrekten Frist ein und wurde mit einer Dinereinladung erwidert. Es war ein ganz kleines Diner, zu dem Marie Rheinsberg ihren Vetter einlud – nur sechs Personen – eine Dame von der österreichischen Botschaft, die mit Marie befreundet und deren Mann gerade auf Reisen war – Gräfin Olga Ronitz – außerdem eine geniale, kürzlich von ihrem Mann geschiedene Klavierspielerin und ein Historiker mit klassischem Profil und einer berühmten Vergangenheit. Der Historiker imponierte Hans am meisten; er hatte im Laufe seiner Studienzeiten den Namen desselben stets nur mit Andacht ausgesprochen – der Ruhm des Geschichtschreibers, der in Berlin eigentlich nur mehr ein Nachruhm war, grünte in Oesterreich noch frisch. Nach kurzer Zeit lenkte der Hausherr Ronskys Aufmerksamkeit von dem Historiker ab. Es ließ sich nicht leugnen, daß Graf Rheinsberg interessanter als der Gelehrte war. Hans hatte sich mit heftigen Vorurteilen gegen den alten Herrn zu Tisch gesetzt. Wenn er eine Verachtung gegen junge Mädchen hegte, die es über sich gewinnen konnten, alte Lebemänner zu heiraten, so empfand er auch eine recht ausgiebige Abneigung gegen die alten Sünder, welche sich bereit zeigen, die Vergnügungssucht der herzlosen, aber schließlich häufig recht unerfahrenen Mädchen auszunützen. Merkwürdigerweise wurde es ihm, nachdem er eine halbe Stunde mit Rheinsberg beisammen gewesen war, nicht mehr möglich, seine auf breiter theoretischer Basis ruhenden Gehässigkeiten festzuhalten. Er hatte einen Greis zu finden erwartet, in dem ein Wüstling versteckt war, den Greis hatte er gefunden, den Wüstling nicht – sondern statt des Wüstlings einen sehr geistreichen, außerordentlich unterrichteten alten Herrn, der im höchsten Maße fördernd auf die intellektuelle Entwickelung seiner jungen Frau gewirkt haben mußte und in einem durchaus edlen Freundschaftsverhältnis zu ihr stand. Mit seiner Antipathie gegen den Mann fiel auch seine Verachtung der Frau. Anregend war das kleine Diner im höchsten Maße. Die Konversation bewegte sich auf geistigen Höhen, die in Oesterreich nur in ganz besonderen Verhältnissen erklommen werden und auf denen sich Hans nicht mit voller Schwindelfreiheit behaupten konnte. Natürlich wollte er sich nicht verblüffen lassen und seinen Mann stellen. Er brachte das Gespräch auf sein Steckenpferd, die soziale Frage – er sprach über weitläufige Weltverbesserungen, die notwendig wären und mit denen er in Österreich anfangen wollte. Kopfschüttelnd hörte ihm Graf Rheinsberg zu, und als Ronsky von einer Radikalkur der kranken Zivilisation sprach, fing er an zu lächeln. »Allen Respekt vor Ihrem jugendlichen Ungestüm, aber ich glaube an keine Radikalkur des Weltalls und der Zivilisation. Ich glaube, daß beide an einer durchaus unheilbaren, durch einen Fehler im Schöpfungsplan entstandenen Krankheit leiden.« »Ja, aber wir können doch nicht einfach stehen bleiben und der Ausbreitung des Uebels ruhig zusehen!« rief Ronsky. »Im Gegenteil müssen wir unser Möglichstes thun, die Ausbreitung des Uebels einzudämmen,« entgegnete Graf Rheinsberg. »Aber wenn Sie an keine Heilung glauben?« sagte kopfschüttelnd Ronsky. »Mein Gott . . . Heilung! ... Es giebt viele unheilbare Leiden, die ein langes Leben nicht ausschließen. Die Krankheit unserer sozialen Zustände gehört dazu. Man muß einfach trachten, durch Palliative die Schmerzen der unheilbaren Krankheit zu lindern. Das ist meine Ansicht!« erklärte Rheinsberg. »Ich teile ganz Ihre Ansicht, Excellenz!« erklärte der Geschichtsforscher, »Ich bin immer für Palliative. Schon die alten Aegypter...« Ein Diener, der ihm ein besonders vorzügliches Hummersoufflée reichte, unterbrach seine Betrachtungen über die alten Aegypter. »Die soziale Frage kann überhaupt nicht gelöst werden ohne Hilfe der Religion,« begann Hans von neuem. »Ach, laßt unseren Herrgott aus dem Spiel, wenn es sich um die Staatskunst handelt,« erklärte Graf Rheinsberg. »Hier auf Erden muß man schauen, wie man ohne ihn fertig wird.« »Ich wundere mich, daß eine solche Weltanschauung Sie nicht mutlos gemacht hat, Excellenz,« bemerkte Hans. »Ich begreife nicht, daß Sie überhaupt so tapfer für das Wohl Ihrer Mitbürger gearbeitet haben, wenn Sie der Menschheit und unserem ganzen Leben keine tiefere Bedeutung beimessen.« Graf Rheinsberg zuckte die Achseln. »Ein Zahnschmerz hat auch keine tiefere Bedeutung,« erklärte er, »deswegen wird doch jeder demjenigen dankbar sein, der ihn von dieser Qual befreit. Unsere ganze Existenz ist eine Reise aus dem Dunkel ins Dunkel – aber was schadet's, daß man nicht genau weiß, wo man ankommt. Immerhin ist es gut, den vielen Reisenden, die den Schwindel mitmachen müssen, die Reisebedingungen so angenehm als möglich zu gestalten. Daran müssen alle vernünftigen Menschen arbeiten. Die Religion hat damit nichts weiter zu thun. Die ist eine Sache für sich und soll nicht in sozialpolitische Probleme hineingezogen werden, um uns die Lösung zu erleichtern, oder vielmehr eine Scheinlösung herbeizuführen.« »Diesen Standpunkt möchte ich nicht einnehmen im Leben,« warf Hans ein, »ich kann nicht existieren ohne ein Ideal, und für mich ist die Religion der große Jungbrunnen aller Ideale, wenn nicht deren Urquell!« Er hörte sich reden, seine volltönende Phrase gefiel ihm. Als er sich aber nach Beifall umsah, begegnete sein Blick nur gleichgültigen oder spöttischen Gesichtern. Mit einemmal fing Marie an zu lachen, ganz leicht, eher gutmütig. »Dürfte ich Sie fragen, wodurch ich Ihre Heiterkeit erregt habe, gnädigste Cousine,« wendete er sich nicht ohne Empfindlichkeit an sie. »Sie scheinen so fest davon überzeugt, der einzige hier anwesende Idealist zu sein,« entgegnete sie ihm; »zufällig ist mein Mann auch einer, aber er hat den stummen Idealismus.« »Das ist der einzig echte,« erklärte der Historiker. Es war das erste kluge Wort, das im Laufe des Diners von seinen Lippen gefallen war. Berühmte Schriftsteller geben sehr selten etwas Geistreiches umsonst. Und Hans schwieg; er fühlte sich plötzlich sehr jung, sehr grün, sehr unbedeutend. Er war noch nie in die Schranken gewiesen worden, und seine erste Erfahrung nach dieser Richtung hin war ihm nicht angenehm. Aber er war doch zu wohl erzogen, sich seinen Verdruß anmerken zu lassen. Seine Selbstbeherrschung wurde ihm nach Tisch durch besondere Liebenswürdigkeit Maries gelohnt. Uebrigens gewann er durch seine nachträgliche Haltung ihre Sympathie. Ehe er sich empfahl, teilte sie ihm mit, daß sie hoffe, ihn nun öfters zu sehen. Auf seine Frage, ob sie keinen Empfangstag habe, erwiderte sie, das sei nicht der Fall. Bei Tage sei sie überhaupt selten zu treffen, aber des Abends sei sie oft zu Hause und würde sich sehr freuen, wenn er sich einfinden wollte. »Ich werde es jedenfalls sehr bald versuchen," versicherte er, und sein Blick war so einschmeichelnd, seine Stimme klang so warm, daß Marie darüber vergaß, daß er bei Tisch Dummheiten gesagt hatte. Als die Gäste gegangen waren und Marie sich mit ihrem Gatten allein befand, fragte sie ihn, was er von ihrem Landsmann halte. Rheinsberg erwiderte hierauf: »Was soll ich von ihm halten – er ist, soweit ich zurückdenken kann, von allen Oesterreichern, mit denen ich je zusammen gekommen bin, der erste, der Phrasen gemacht hat. Uebrigens lege ich ihm keine besondere Wichtigkeit bei.« »Seine Landsleute scheinen anderer Meinung zu sein,« entgegnete ihm Marie, »er hat glänzend studiert, gilt in Österreich für eine geistige Leuchte und ist die Hoffnung der konservativen Partei...« »Die arme konservative Partei!« seufzte Graf Rheinsberg. Hierauf fügte er hinzu: »Uebrigens erklärt mir das, was du sagst, vieles. Er ist ein wenig Charlatan wie alle Propheten, das heißt wie alle Menschen, die unter dem Bewußtsein leiden, von der Mitwelt überschätzt zu werden – schade.... Nun ich's überlege, abgesehen von seinen kindischen Wichtigthuereien, hat er etwas Sympathisches an sich. Es spricht für ihn, daß er dir deinen Klaps nicht heftiger verübelt hat. ... Hm! . ... ein hübscher Mensch ist er, und ich habe selten ein so einnehmendes Organ gehört. Er wäre wie geschaffen, auf Volksversammlungen zu wirken, die Massen zu rühren; aber – die Massen zu lenken, wenn sie aufgerührt sind – das wird er nie im stande sein!" Bald darauf schieden die beiden. Marie war ein wenig unzufrieden mit ihrem Gatten – sie fand, daß er ihren Landsmann und Vetter zu streng beurteilte. Das Diner war am zweiten April gewesen. Auf den zehnten fiel Marie Rheinbergs Geburtstag. Sie wurde an diesem Tage zweiunddreißig Jahre alt. Der Geburtstag wurde immer sehr festlich gefeiert, die junge Frau mit Geschenken überschüttet. Die Feier blieb diesmal aus, da der alte Graf, durch einen Gichtanfall an seinen Lehnstuhl gefesselt, keine Gäste um sich versammeln konnte. Die Geschenke waren glänzender als gewöhnlich. Inmitten des Aufbaues stand ein Kuchen mit zweiunddreißig brennenden Wachskerzen besteckt. Das erste, was Marie that, nachdem sie den Geburtstagstisch in Augenschein genommen hatte, war – die Kerzchen auszulöschen. Aus seinem Lehnstuhl heraus beobachtete sie Graf Rheinsberg neugierig – mit einer Neugierde, in die sich eine Spur von Unruhe mischte. Marie hatte sonst immer eher mit ihrem Alter geprahlt, heute schien es sie zu ärgern, daß man ihr die Zahl ihrer Jahre ins Gedächtnis gerufen hatte. Von dem Geburtstagskuchen schweifte ihr Blick zu den umliegenden Gegenständen – einem rosig schimmernden Perlenhalsband und einer Last von alten venetianischen Rosenspitzen zwischen einem Wald von frischen Blumen, Marie hatte Vorliebe für Schmuck und alte Spitzen. Heute aber hielt sie sich nur kurz bei der Betrachtung dieser Kostbarkeiten auf und ging sofort zu den Blumen über. Wie viele Blumen und wie schön! Keine müdgereisten italienischen Blumen, sondern deutsche Rosen, Gardenien und Maiglöckchen, im Glashaus getrieben freilich. Immer und immer wieder beugte sie sich über die zartgefärbten Blüten und atmete deren Duft. Der Duft stieg ihr zu Kopf, es kam über sie wie eine holde Betäubung – die Betäubung, in der die Träume gedeihen. Den ganzen Tag hatte sie, die energische Marie Rheinsberg, etwas Schleppendes in ihrem Gang und halbverschlossene, an der Wirklichkeit vorbeisehende Augen. Sie war müde und konnte es doch nirgends lange aushalten – nicht auf diesem Fleck noch auf jenem. Und wenn sie unten das Thor gehen hörte, sah sie sich um. »Fehlt dir etwas, Marie?« fragte Graf Rheinsberg. »O nichts ... nichts ... nur ein wenig Frühlingsfieber,« murmelte sie. Er wiederholte das Wort sehr nachdenklich, zweimal hintereinander... »Frühlingsfieber... Frühlingsfieber!« »Es ist immer so, wenn der Frühling zu bald kommt, da macht er einen matt!« sagte sie. »So – findest du?« erwiderte der Graf. »Ich finde, der Frühling wirkt am aufreizendsten, wenn er sich verspätet hat. Dann kommt er plötzlich und blüht zu stark!« Da sie hierauf nichts antwortete, begann er nach einer Weile von neuem und diesmal mit einer etwas ärgerlichen Stimme: »Du littest doch sonst nicht an derlei Nervositäten; ich habe es bis jetzt nie gemerkt, daß der Frühling einen Eindruck auf dich macht!« »Es war auch in den letzten Jahren niemals der Fall,« gab sie ihm unbefangen zurück, »es ist das erste Mal, seitdem ich ein junges Mädchen war, daß ich das Frühlingsfieber spüre!« Der Graf sagte nichts mehr. Er wendete sich dem Kamin zu und fing an das Feuer zu schüren. Marie war es zu heiß gewesen, sie hatte die Fenster öffnen lassen. Ihm war kalt. – – Im Laufe des Nachmittags fragte sie den Grafen, ob er etwas dagegen habe, wenn das Diner um eine Stunde vorgeschoben würde. Olga Ronitz, dieselbe, welche Hans Ronskys erstes Diner in der Wilhelmstraße mitgemacht, hatte soeben bei ihr anfragen lassen, ob sie nicht mit ihr ein Konzert besuchen wolle, und zwar ein Mühlen-Konzert. Mühlen sang zum letztenmal in dieser Saison Der Graf hatte nichts dagegen, er hatte nie etwas dagegen, wenn sich Marie unterhalten wollte. So fuhr sie in das Konzert. Es wurde in der Singakademie gegeben. Mühlen sang den ganzen Abend, und sein musikalischer Zwillingsbruder, Hans Schmidt, begleitete ihn. Raimund von Zur Mühlen stand damals in seiner vollen Blüte und war im reinsten Sinne des Wortes die klingende Seele seiner Zeit. Seine Stimme war voll und weich, dabei von wunderbarer, sich jedem Gefühl anschmiegender Ausdrucksfähigkeit. Durch seinen Gesang schwebte der unwiderstehliche Reiz eines starken subjektiven Empfindens, das doch (und hierin birgt sich das Geheimnis des echten Künstlertums) von einer unbestechlichen Selbstkritik tyrannisch im Zaum gehalten wurde. In jedem echten Genie steckt ein Autokrat, der seine Begabung unbarmherzig knechtet. Dieser Autokrat steckte auch in Mühlen, und er zog um die ganze Glut und Leidenschaft, um den Schmerz und den Jubel seiner Leistung jene unerbittliche Schönheitslinie, deren Uebertretung für Marie ein unverzeihliches Verbrechen war – vielleicht das einzige unverzeihliche. Fast alles, was er sang, hatte auf den Frühling Bezug. Er sang die »Alten Laute« von Schumann, er sang Rubinsteins abgedroschenes, weil so wunderschönes: »Es blinkt der Tau in den Gräsern der Nacht«, er sang Tschaikowskys: »Warum ... ach, warum sind die Veilchen so blaß!« – und wie er alles wach gesungen, was die Menschenherzen im Frühling unruhig macht, endigte er mit zwei traurigen, die Hoffnung und Sehnsucht zum Tode verurteilenden Liedern, dem wundersamen Lied von Brahms: »Ach fänd' ich nur den Weg zurück, den holden Weg ins Kinderland« und einer minderwertigen Komposition von Tosti, die er aber mit so erschütternder Gewalt zum Ausdruck brachte, daß kein Auge trocken blieb, Ridona mi la calma, ridona mi la calma! lauteten die letzten Worte. Es war still in dem Konzertsaal wie in einer Kirche, und die Männer und Frauen lauschten wie auf eine Offenbarung – besonders die Frauen. Sie waren dem großen Künstler dankbar dafür, daß er alles in die Welt hinausgesungen, gejauchzt und geklagt hatte, was sie empfanden und was sie verschweigen mußten. Nachdem die letzten murmelnden Worte von Ridona mi la calma verklungen waren, blieben die Menschen einen Augenblick still, dann brauste ein endloser Beifallssturm durch den Saal, ein Beifallssturm, der zugleich dankte und verlangte. Die Menschen wollten sich noch nicht zufrieden geben, sie wollten nicht mit einem traurigen Eindruck von dem Sänger scheiden. Sie riefen ihn immer und immer wieder zurück. Und endlich that er ihnen den Willen. Mit dem ganzen Schmelz seiner von heftiger Empfindung warm gesungenen Stimme jauchzte er's ihnen zu, das Lied von Henning von Koß, das mit den Worten schließt: »Mach deine Arme auf, damit es Frühling werde...« Da dankten sie ihm ein letztes Mal und gingen ihrer Wege, schöner konnte es doch nicht mehr werden. Unten in der zugigen Vorhalle harrte Marie mit der sie begleitenden Dame des Dieners, der ihnen den Wagen melden sollte. Marie war zerstreut. Ihr Blut pochte noch nach dem Rhythmus der verklungenen Lieder. Auf die enthusiastischen Ausrufungen der Bekannten, die an ihr vorüberkamen, auf die: »Das war wieder einmal fabelhaft – wunderbar – herrlich!" – antwortete sie nur mit einem zerstreuten Kopfnicken, und als eine ganz besonders fanatische Enthusiastin – eine bekannte Sportsdame und Wagnerschwärmerin – ausrief: »Das war geradezu niederträchtig schön!« lächelte sie nur, ohne sich ausführlicher zu äußern. Da trat der Diener im hellen drapfarbenen Mantel, den Hut knapp neben dem Ohr haltend, an seine Herrschaft heran und meldete den Wagen. Die beiden Damen traten hinaus. Die Luft war lind und roch nach Veilchen. »Olga!« wendete sich Marie an ihre Begleiterin, »wenn wir noch eine Rundfahrt durch den Tiergarten machten, ehe wir nach Hause zurückkehren?« Und die Freundin war's zufrieden. Marie gab dem Diener den entsprechenden Befehl. »Aber es ist ausgemacht, daß wir beide schweigen,« erklärte sie hierauf der Freundin in ihrer etwas despotischen Art, der sie jedoch so viel Liebenswürdigkeit beizumischen verstand, daß niemand sie ihr übelnahm. Und so rollten sie denn schweigend aus der dumpfen Stadt in den Tiergarten, über den der Frühling seine ersten durchsichtigen grünen Laubschleier zu breiten begann. Man konnte weder die Blätter noch die Farbe erkennen, nur daß die Umrisse der alten Baumriesen weich und verschwommen zu werden begannen, sah man. Hie und da warf eine Laterne ihre gelben Strahlen in die Bäume und zeigte genau den Stand der Dinge, sonst erschien der ganze Tiergarten unter dem sternbesäten und von einer noch schmalen Mondsichel beleuchteten Himmel fiederig, silberig, grau. Der Stadtlärm tönte herüber, verstärkt durch die Wohllaute der Frühlingslust. Es klang wie rastloses Meeresbrausen, in das sich das Geläute ferner Kirchenglocken mischt. Aus der Erde dampfte ein feuchter aufreizender Geruch von üppiger, ans Licht hinausdrängender Fruchtbarkeit, huschende Schatten glitten zwischen den Bäumen dahin, manchmal hörte man einen Kuß. Die Freundin Maries sagte: »Unerhört!« Es war das einzige Wort, durch welches sie das ihr feierlich auferlegte Stillschweigen brach. Sie hatte es durchaus nicht zurückhalten können. Marie sagte gar nichts. Die leise hingleitenden Schatten unter den frühlingstrunkenen, der Blüte entgegenstrebenden Bäumen stimmten sie nachdenklich. Wer mochten sie sein, die sich küßten? Irgend ein Handwerker mit einem Dienstmädchen, das sich für eine halbe Stunde frei gemacht hatte; ein kleiner Commis mit einer Ladenmamsell; eine schlecht erzogene, alleinstehende Lehrerin – Leute, für die Marie im gewöhnlichen Leben, trotz ihrer überquellenden theoretischen und praktischen Humanität, eine Art Mitleid empfand, das mit der Verachtung sehr nahe verwandt war – Menschen, die bei näherer Betrachtung, und jeder einzeln genommen, gar nichts Interessantes oder Anziehendes an sich hatten, aber die ihr doch momentan überlegen waren. Sie waren fähig, in dem großen Wahn aufzugehen – dem Wahn, der sie einen für den anderen in Engel verwandelt hatte und die Erde in ein Paradies. Und dieser Wahn war das Glück. Und plötzlich – den Zusammenhang zwischen ihrer früheren Unruhe und dem Gedanken hätte sie selber nicht zu finden gemußt – fiel ihr der junge österreichische Vetter ein. Acht Tage waren verstrichen, seitdem er bei ihr zu Mittag gegessen, und seither war er noch nicht erschienen, hatte von ihrer freundlichen Aufforderung, an einem etwaigen freien Abend bei ihr vorzusprechen, noch keinen Gebrauch gemacht ... Vielleicht hatte er noch keinen freien Abend gehabt ... vielleicht hatte er es ihr nachträglich verübelt, daß er von ihr abgeklapst worden war. ‹ Solche kleine Verletzungen wirken manchmal nach ... der Heroismus, mit dem man sie anfänglich einsteckt, hält nicht vor. Es war auch unnötig gewesen, ihn lächerlich zu machen – ... im übrigen ... was ging er sie an. Nur... Vor dem Palais Rheinsberg angelangt, forderte Marie ihre Freundin auf, mit ihr hinaufzukommen und eine Tasse Thee zu trinken. Aber die Freundin lehnte ab. »Es war ja ausgemacht, daß du noch zu uns hinaufkommst, Olga – mein Mann freut sich auf dich," behauptete Marie. »Als es ausgemacht war, stand unsere Tiergartenspazierfahrt noch nicht auf dem Programm," erklärte Olga. »Die Theestunde ist vorüber – adieu, ein andermal! Wenn du sehr lieb bist, borgst du mir deinen Wagen zum Nachhausefahren!" Das verstand sich natürlich von selbst. So schieden die Freundinnen. Während Marie die hell erleuchtete, nach verdampftem Lavendelwasser riechende Treppe hinaufstieg, hörte sie zu ihrem großen Erstaunen Klavier spielen. Es tönte aus der Bibliothek her, in welcher sie ihren Gatten verlassen hatte – der Bibliothek, in welcher sie sich mit Vorliebe aufzuhalten pflegte und in welcher auch ein Bechsteinscher Flügel stand. Ganz deutlich hörte sie's – jemand spielte mit unbeholfenen Fingern halblaut den Trauermarsch aus der »Eroika". Sie trat ein. Ihr Mann hatte seinen Platz neben dem Kamin verlassen. Aber jemand anders befand sich in der Bibliothek. Von dem Flügel aus auf sie zu kam Hans Ronsky. Ein maßloses Erstaunen malte sich auf ihren Zügen. Er verbeugte sich lächelnd, etwas verlegen, worauf er sich beeilte, seine Anwesenheit oder, wie er es nannte, sein »Solo-Gastspiel« in der Bibliothek zu erklären. »Eine ganz so unbeschreibliche Frechheit, wie Sie es zu vermuten scheinen, steckt nun doch nicht dahinter,« erklärte er. »Als ich vor einer Weile hier ankam, fand ich Graf Rheinsberg, und wir plauderten sehr lebhaft miteinander. Dann wurde er müde – wollte sich aber nur unter der Bedingung zurückziehen, daß ich mich, wie er freundlich verlangte, als Verwandter benehmen und einfach Ihre Rückkehr abwarten sollte – Sie und Ihre Freundin müßten gleich ankommen, behauptete er.« »Ach!... es war sehr nett von meinem Mann, Sie dazubehalten – aber wie Sie sehen, ist die Freundin mir treulos geworden,« erklärte Marie. Als er aber hierauf nach seinem Hut greifen wollte, entgegnete sie ihm: »Seien Sie nicht thöricht, ich bin kein ängstlicher Backfisch, sondern eine sehr vernünftige Frau – eine Frau, die heute zweiunddreißig Jahre alt geworden ist –" fügte sie nicht ohne Ueberwindung hinzu, und dabei warf sie einen Blick nach dem Nebentisch, auf dem zwischen Maiglöckchen und Rosensträußen der Kuchen mit den zweiunddreißig Lichtern stand. »Nebenbei bin ich eine hungrige Frau,« fügte sie hinzu, »ich werde sofort Thee trinken und mich freuen, wenn Sie mir dabei Gesellschaft leisten wollen.« Dann nahm sie in dem Lehnstuhl Platz, den ihr Mann eben verlassen hatte. Ronsky setzte sich ihr gegenüber. Um weniges später tranken sie Thee und plauderten ungezwungen und lebhaft. Für heute hatte er auch jede Spur von Pose und Prätension abgestreift, im Gegenteil zeigte sein ganzes Wesen etwas einschmeichelnd Einfaches, Bescheidenes, Knabenhaftes, fast Kindliches, das sehr für ihn einnahm. »Ich wußte gar nicht, daß Sie so musikalisch sind,« sagte Marie unter anderem, auf seinen klassischen Klaviervortrag anspielend. »Ich liebe alle Künste,« sagte er. » Rather a sweeping assertion ," lachte sie, und dann mit gutmütiger Bosheit fügte sie hinzu: »Sie lieben alles, was den idealen Inhalt des Lebens vermehrt!« Ihre Augen begegneten einander. Er fing an zu lachen. »Die Parodie ist Ihnen vortrefflich gelungen,« meinte er, »aber die Bosheit ist Ihrer nicht wert – Sie haben mich neulich ganz genügend abgetrumpft.« »Eigentlich haben Sie recht!« gab Marie zu, »und denken Sie, es hat mir nachträglich leid gethan, Ihnen den kleinen Klaps versetzt zu haben!« »Klein?« wiederholte Hans und zog humoristisch die Brauen in die Höhe. »Klein oder groß – er hat mich gereut,« fuhr Marie fort. »Ich dachte mir, Sie hätten mir ihn doch übel genommen, und der Umstand, daß Sie so lange zögerten, bei uns zu erscheinen, sei auf meine Bemerkung zurückzuführen.« »Allerdings in gewissem Sinn,« erklärte Hans lächelnd, »aber nicht darauf, daß Sie mir die Rüge erteilt, sondern darauf, daß ich sie verdient hatte.« »Ja, wenn Sie die Sache so auffassen wollen, da werden wir sehr gute Freunde sein!« erklärte Marie und reichte ihm die Hand. »Sie müssen mir helfen, Ihrer Freundschaft würdig zu werden,» sagte er ernst, indem er die weiße Hand an seine Lippen führte. Wenn er, was seine politischen Führerfähigkeiten betraf, gegen die Meinung, welche seine Standesgenossen davon hegten, zurückstehen mochte, so besaß er hingegen ein Talent, das noch lange nicht genug anerkannt war – das Talent, sich bei Frauen einzuschmeicheln. »Wir wollen sehen, was sich thun läßt,« erwiderte sie gerührt. Und er fuhr fort, auf sich zu schimpfen, was häufig die geschickteste Art ist, sich in ein glänzendes Licht zu stellen. »Ich habe mich neulich doch gräßlich patzig gemacht,« sagte er. »Wissen Sie, Gräfin, die Tonart, in welcher bei Ihnen die Konversation geführt wird, war mir neu. Sie waren alle so schrecklich gescheit, da wollte ich mich auch etwas bemerklich machen. Wie es ausgefallen ist, haben Sie mit erlebt,« »Ach, es war nicht so arg!« versicherte sie ihm. »Außerordentlich komisch war mir's nur zuzuhören, wie mein Mann Ihnen Opposition machte – wie er mit Nüchternheiten renommierte aus Widerspruchsgeist.« »Das hatte ich eben nicht begriffen,« sagte Hans mit drolliger Treuherzigkeit, »jetzt kommt mir das ungewöhnlich dumm von mir vor. Was ist Graf Rheinsberg doch für ein merkwürdiger, großartiger Mann! Sie glauben gar nicht, wie viel neue Lichter mir aufgegangen sind in der halben Stunde, die ich heute abend mit ihm verplauderte. Es freute mich, Gelegenheit zu haben, mein Peccavi auch ihm gegenüber abzubeten. Wir sind sehr gut auseinander gegangen!« »Das scheint, sonst hätte er Sie nicht aufgefordert, mich zu erwarten.« »Er ermutigte mich, wie schon gesagt, dazu, mich ganz als Verwandter zu fühlen in seinem Hause,« begann Hans mit Nachdruck. »Aber ich warte natürlich noch Ihre Erlaubnis dazu ab.« »Es soll mich freuen ... Hans,« sagte sie. »So heißen Sie doch,« und dann setzte sie hinzu: »ich heiße Marie.« Indem schlug die Uhr am Kamin Mitternacht. Marie stand auf. »Wollen Sie es Ihrer Cousine sehr verübeln, wenn sie Sie jetzt hinauswirft?« fragte sie lächelnd. – »Auf Wiedersehen!« fügte sie hinzu, und er wiederholte: »Auf Wiedersehen!« Dann war er fort. Marie stieg die Treppe hinauf in ihr Schlafgemach. An der Thür des Zimmers ihres Mannes blieb sie stehen. Durch das Schlüsselloch drang Licht – sie pochte leise an die Thür. »Wer ist's?« tönte es von drinnen. »Ich, Marie!« »Sehr willkommen!« Marie trat ein. Durch Kissen hoch aufgestützt, lag Graf Rheinsberg in seinem Bett und las. Als seine Gattin eintrat, legte er das Buch weg. »Es ist sehr freundlich von dir, daß du dich noch hereinbemühst, mir gute Nacht zu wünschen,« meinte er. »Ich wäre schon längst gekommen,« erklärte sie, »aber du hattest mir unten einen Besuch zurückgelassen, dem ich mich widmen mußte. Ich habe ihn soeben fortgeschickt.« »Ah!... Hoffentlich hat er dich nicht gestört,« bemerkte Rheinsberg, »ihm schien schrecklich darum zu thun, dich noch zu sehen ...« »Er ist ein komischer Kindskopf,« lachte Marie. »Ja, das ist das Sympathischste an ihm,« murmelte der alte Graf. »Der unbewußte Charlatan war heute ganz verschwunden, und an seine Stelle war ein famoser Junge getreten. Ich hab' ihn entschieden ein wenig zu hart beurteilt. ... Ich hoffe, wir werden recht viel von ihm sehen. Hm! Aber eine Regeneration des österreichischen Staatswesens erwarte ich noch immer nicht von ihm. Einer, der seinen Namen mit fetten Buchstaben in die Weltgeschichte schreibt, ist er nicht!« »Du magst recht haben. ... Gute Nacht!« Damit verschwand Marie. Diese letzte Bemerkung ihres Mannes fand sie unnötig. Drittes Kapitel. In dieser Nacht schob Marie ihren Kopf lange schlaflos über die Kissen hin und her. Irgend etwas an den Kissen war ihr unliebsam. Durch den feinen Irisduft des spitzenumsäumten Batistes drang der Geruch salziger Essenzen, welcher alle Stadtwäsche verdirbt. Sie war sich dessen noch nie früher bewußt geworden; heute – spürte sie ihn deutlich. Und zugleich kam ihr ein Wunsch, ein so seltsamer Wunsch, sich nur noch einmal ausstrecken zu dürfen in ihrem harten, schmalen Bettchen in Sanssouci – nur noch einmal auf dem nach Waldluft und Tau duftenden derben Linnen auszuruhen. Erst gegen Morgen schlief sie ein. Sie hatte einen sonderbaren Traum. Ihr träumte, daß ihr ein Paar großmächtiger Flügel gewachsen wären – mit denen schwebte sie zwischen Himmel und Erde durch eine duftgesättigte Frühlingsnacht. Unter ihr breitete sich ein wundersamer Garten aus mit blühenden Bäumen, in denen versteckt Nachtigallen schlugen, über ihr wölbte sich, von taufend Sternen durchglitzert, der dunkelblaue Nachthimmel. Es zog sie hinunter zu dem blühenden Garten, aber wie sie sich auch bemühte, ihn zu erreichen – es war vergeblich. Immer hoher und höher trugen sie die Flügel zu dem dunklen Himmelsgewölbe empor, an dem die Sterne glitzerten, und je höher sie die Flügel trugen, um so kälter wurde ihr. Der blühende Garten wurde undeutlich grau – er versank wie eine Fata Morgana. Nur aus weiter Ferne hörte Marie die Stimme der Nachtigall ... dann erwachte sie. Es war recht merkwürdig. Unten in dem alten Garten, der sich hinter dem Palast in der Wilhelmstraße ausbreitete, schlug die Nachtigall wirklich. Das war, seit Marie den alten Palast bewohnte, noch in keinem Frühling geschehen. Ihr wurde recht seltsam zu Mut, als ob ihr eine große Freude den Atem benommen hätte, eine Freude, aus der ein großer Schmerz herauswuchs. Obwohl es noch recht früh war, hielt sie es nicht mehr aus im Bett. Sie klingelte der Kammerjungfer, die, nicht gewohnt zu dieser Morgenstunde gestört zu werden, mit einem mürrischen Gesicht eintrat. Marie verlangte ihr Bad, verlangte besonders kaltes Wasser. Sie tauchte unter in das kalte Wasser, sie kleidete sich rascher an als sonst. Während die Kammerjungfer ihr sodann das reiche Haar strählte, irrte ihr Blick etwas unstet in ihrem Schlafgemach umher und fiel dabei auf ein in altertümlich gepreßtes Leder gebundenes Buch, das sie gestern von ihrem Gatten geschenkt bekommen hatte. Als sie es auf ihrem Geburtstagstisch entdeckt, hatte sie es für ein Erbauungsbuch gehalten. Graf Rheinsberg hatte ihr lachend versichert, als solches sei es auch gedacht. Wie sie es aber aufschlug, stellte es sich heraus, daß es lauter leere Blätter enthielt. Da erklärte ihr Rheinsberg: »Wenn Durchschnittsmenschen sich erbauen wollen, so müssen sie mit ihren Seelen in fremde Gedanken hineinschlüpfen. Du aber bist zu eigenartig geraten, um dich – besonders in den Momenten, wo du das Bedürfnis fühlst, dich zu sammeln – einem fremden Denken unterzuordnen. Darum habe ich dir das Buch geschenkt, damit du jedesmal, wenn du das Leben ernster, tiefer fühlst als gewöhnlich, deine Stimmung in einen Gedanken läutern, den Gedanken in einen Satz einfangen und mit dem entsprechenden Datum auf eines der leeren Blätter niederschreiben mögest. Es wird deine Art sein zu beten.« Sie schlug das Buch auf. Sollte sie heute beginnen? ... Sie trachtete ihrer Stimmung auf den Grund zu kommen – dann schauderte ihr davor. ... Dennoch tauchte sie die Feder ein. Einen Augenblick ließ sie sie über dem Papier schweben, dann schrieb sie mit festen, energischen Zügen auf die erste Seite ihres Erbauungsbuches: »Das Glück ist nicht die Hauptsache im Leben. Die Hauptsache im Leben ist, vor niemand die Augen niederschlagen zu müssen – weder vor einem Menschen, noch vor einer Erinnerung! Berlin, 11. April 188..« Sie trocknete das Blatt sorgfältig und schloß das Buch. Ihr Herz klopfte heftig, sie hatte das Gefühl, als ob sie ein Todesurteil unterschrieben habe. Das war ja Unsinn, sagte sie sich – und wieder versuchte sie sich über ihre Stimmung klar zu werden und wieder schauderte ihr davor. Unten sang noch immer die Nachtigall in den kaum ergrünten Frühlingsbäumen, die nicht blühen konnten, weil sie von zu hohen Mauern beschattet waren. Hans Ronsky saß unterdessen in seinem kleinen Wohnzimmer Unter den Zelten und schrieb ebenfalls, aber nicht in ein Erbauungsbuch, sondern an seine Schwester Leontine, und zwar folgendermaßen: »Meine liebe Leontine! Herzlichen Dank für Deine freundlichen Zeilen. Du fragst mich, ob ich bereits die berühmte Gräfin Rheinsberg kennen gelernt habe, die Du in längst vergangenen Zeiten einmal getroffen hast, als sie noch Marie Berg hieß und bettelarm war. Nun ja, ich habe sie kennen gelernt, schließlich konnte ich nicht gut anders, und dann war ich ja auch neugierig. Hm! Daß ich mit einer ausgiebigen Portion Antipathie an diese Bekanntschaft gegangen bin, weißt Du. Der alte Mann, der das junge Mädchen heiratet, ist mir im allgemeinen ebenso widerwärtig, wie das junge Mädchen, das sich von dem Alten heiraten läßt. Aber die beiden Rheinsbergs können nicht mit dem gewöhnlichen Maßstab gemessen werden, das habe ich nach sehr kurzem Verkehr mit ihnen festgestellt. Er ist der geistreichste Mann, mit dem ich je gesprochen habe; das fällt schwer in die Wagschale neben einer so begabten Natur wie Marie. Denn sie ist begabt, zu begabt für eine Frau, die nie aus Reih' und Glied herausgetreten, nie sozusagen von ihrem Jahrhundert als Genie abgestempelt worden ist. Wie soll ich sie beschreiben? Sie ist so schön, daß man ihr beinahe ihren Geist verzeiht – beinahe, aber nicht ganz. Man möchte ihr doch etwas weniger helle Augen wünschen. Es muß ja für sie selber traurig sein, die Menschheit immer in diesem grellen Magnesiumlicht zu sehen, das ihre Augen ausströmen, und für die Menschen, die das Licht auf sich fühlen, ist es schließlich auch nicht angenehm. Gegen mich ist sie sehr gnädig – sie hat, denke ich, wirklich warme Sympathieen für mich – aber über diese Sympathieen hinüber beurteilt sie mich doch – und das ist und bleibt – wie soll ich mich ausdrücken – erkältend, ja manches Mal macht es mich nervös, fast ungeduldig. Und trotzdem ist sie reizend; sie ist wie ein anregendes Buch, das einem zu denken giebt, auf welcher Seite man es auch aufschlägt. Unwillkürlich fragt man sich: Hat sie je mit sich zu kämpfen gehabt? ... ist ihr Verstand eine Defensiveigenschaft, die sie nur ausgebildet hat, um ihr Herz besser zu bewahren? So, wie er jetzt ist, dieser Verstand, würde er auf der Bresche stehen bleiben, selbst nachdem ihr Herz vor der Leidenschaft kapituliert hätte. Es schwindelt einen bei der bloßen Vorstellung, daß man von so einer Frau geliebt werden könnte. Natürlich, lockend wär's! – berauschend, nach mehr als einer Hinsicht ... und doch ... nein, ich wünsche es mir nicht...« An diesem Punkt seines Briefes stockte Ronskys Feder. »In was für Betrachtungen verlier' ich mich?« fragte er sich ... »was erlaube ich mir für indiskrete, wahnsinnige Vermutungen? Geliebt werden von Marie Rheinsberg .. .!« Er fing an herzlich zu lachen. ... Dann las er seinen Aufsatz durch, wollte ihn erst zerreißen, überlegte sich's aber, der Stil gefiel ihm – er bewunderte seine Leistung. So faltete er den beschriebenen Bogen sorgfältig zusammen, um ihn mit dem Datum versehen in seiner Briefmappe zu bewahren als zeithistorisches Dokument, das ihm in künftigen Zeiten Aufschluß über längst vergangene Stimmungen geben sollte. Er verlor sich in Gedanken. Hierauf machte er sich daran, einen neuen Brief an seine Schwester zu verfassen – einen Brief, in dem er, von allen psychologischen Betrachtungen absehend, die Einrichtung der Rheinsbergschen Wohnung sehr genau beschrieb – dazu noch zwei von Maries Toiletten und das Menu des Diners, zu dem er eingeladen gewesen war. Diesen Bericht stattete er mit einer schönen Unterschrift aus und sandte ihn sofort auf die Post. Die Berliner Gesellschaft hatte etwas zu reden – sehr viel zu reden hatte sie. Marie Rheinsberg hatte eine Flirtation, Marie Rheinsberg, die sich sonst nur mit den hervorragendsten Staatsmännern und wissenschaftlichen oder künstlerischen Kapazitäten abgab, hatte eine Flirtation – mit einem jungen Mann, dem man in Berlin vorläufig noch nichts Besonderes nachzurühmen wußte, als seine angenehmen Manieren und sein hübsches Gesicht. Wann man auch bei ihr vorsprechen mochte, immer traf man den jungen Ronsky bei ihr – behauptete die Gesellschaft. Das war natürlich eine Uebertreibung – die aber, wie die meisten Uebertreibungen, aus einem Körnchen Wahrheit herausgewachsen war. Wenn man ihn nicht immer bei Rheinsbergs traf, so traf man ihn dort doch sehr oft. Von dem Herrn wie der Dame des Hauses gleich wohlgelitten, kam und ging er, wie's ihm beliebte. Man hatte ihn bei Rheinsbergs nicht nur aufgefordert, sich als Verwandter zu fühlen – man behandelte ihn auch als solchen, und in dem Winter, der auf sein Bekanntwerden mit Marie Rheinsberg folgte, war er bereits ganz das »Kind des Hauses.« Wenn Rheinsbergs empfingen, so half er immer ein wenig die Honneurs machen, und wenn Rheinsbergs ein Diner gaben, so schickte ihn Marie zu Schmidt Unter den Linden, um den Blumenschmuck zu bestellen. Sie überließ in solchen Fällen häufig alles seiner Eingebung. »Machen Sie Ihre Sache gut,« pflegte sie zu sagen – »und beeilen Sie sich.« Andere Weisungen gab sie ihm nicht mit auf den Weg. Gewöhnlich machte er seine Sache sehr gut, da er, wie viele Oesterreicher, unter den mancherlei Luxuseigenschaften, welche ihm die Natur geschenkt, auch die des guten Geschmacks ins Leben mitbekommen hatte. Aber zu anderen Malen wurde er geneckt und ausgelacht. Ob er geneckt, ob er gelobt wurde, immer befand er sich gleich wohl in dem reizenden alten Palais in der Wilhelmstraße – dem Palais im Barockstil mit den seltsam verschnittenen Buchsbaumbüschen in dem Hofraum, den nach der Straße zu ein altertümliches Eisengitter abschloß, und mit den alten Ulmen in dem Garten, der sich vor der Hinterseite des Gebäudes ausbreitete – den alten Ulmen, die so hoch und schmal hinaufwuchsen in ihrem vergeblichen Bemühen, über die hohen Mauern und die noch höheren Häuserrücken hinüber den Sonnenschein zu sehen. Obwohl Hans von seinem altklugen und theoretischen Standpunkt aus die Exklusivität der österreichischen Gesellschaft eigentlich immer als etwas Unzeitgemäßes zu verurteilen pflegte, hatten ihm doch die sich frei gehen lassende Vornehmheit, sowie der verwöhnende, herzliche, vertrauliche Ton der Wiener Gesellschaft, in der jeder den anderen kannte, und in die kein Fremder je den Einlaß fand, in Berlin sehr gefehlt. Seitdem er in dem Salon Rheinsberg heimisch geworden war, fehlte ihm nichts mehr. Die lustige Tratschkonversation mit den Vettern und Basen lernte er gern missen für das, was ihm bei Rheinsbergs geboten wurde. Seit jenem denkwürdigen Debüt bei seiner Cousine, wo's ihm zum erstenmal in seinem Leben sehr klar gemacht wurde, daß er nicht der einzige gescheite Mensch in Berlin und den umliegenden Ortschaften sei, hatte er fortgefahren, ähnliche demütigende, aber nützliche Entdeckungen zu machen. Marie wußte es so zu veranstalten, daß selbst die Demütigungen nicht ohne Reiz blieben, wenn sie von ihr kamen. Im übrigen überstürzte sie nichts. Nur ganz allmählich erweiterte sie seinen Horizont und leitete Licht in seine Seele – in alle Ecken und Winkel, wo es früher dunkel gewesen war; besonders in den Winkel der Selbsterkenntnis. Vor fremden Zuhörern fing er an sehr vorsichtig zu werden; vor ihr ließ er sich noch zu begeisterten Auslassungen hinreißen. Er sprach nicht mehr von seinen Idealen, wie er überhaupt nicht mehr so viel von sich und seinem Standpunkt und seinen Ansichten sprach; aber von der sozialen Frage, von der Notwendigkeit, die Welt zu verbessern, von der Schändlichkeit, dieser Aufgabe gegenüber die Hände in den Schoß zu legen, sprach er noch oft und viel. Marie wunderte sich manches Mal über die Naivetät, mit welcher er Plattheiten, die sie längst als überwundenen Standpunkt oder als eingebürgerte Gemeinplätze erkannt hatte, wie große Wahrheiten vorbrachte, die er wähnte entdeckt zu haben. Und da erinnerte sie sich, daß er aus einer Welt stammte, an deren Grenze »große Wahrheiten« als Schmuggelware zurückgewiesen werden; nur ganz kleine, schwache Portiönchen werden manches Mal durchgeschmuggelt, und wer sich so ein Portiönchen zu eigen machte, der dachte, er habe wer weiß was Wunderbares erwischt. Lachend machte Marie ihn darauf aufmerksam. Er stutzte einen Augenblick, dann lachte er auch und meinte, sie habe recht – er wolle sich bessern. Und er besserte sich. Nur wurde er dabei noch konfuser – beunruhigend konfus. Aber es wehte ein Zug so frischer, echter, junger Begeisterung durch die große Konfusion, ein so aufrichtiges Trachten nach allem Schönen, womit man die ganze Welt beglücken konnte. Was daraus werden würde? Manches Mal blickte Marie in den Kamin, in dem die lodernden Flammen so mächtig aus den großen Holzscheiten herausprasselten. Ganz allmählich wurden sie kleiner, stiller und stiller, dann ... nichts übrig von ihnen als ein wenig knisternde rote Glut, die langsam, kaum daß man den Uebergang merkt, in graue Asche versinkt. Wenn das Gespräch am allerinteressantesten war, verabschiedete sie ihn gewöhnlich unter dem Vorwand, daß sie müde sei. Aber wenn er gegangen, blieb sie noch längere Zeit in der Bibliothek, die Augen auf die Feuerstätte gerichtet, in der von den mächtigen Flammen nichts übrig geblieben war als ein wenig Asche. Der Herbst ging vorbei und der Winter, Hans Ronsky war immer gleich wohlgelitten im Rheinsbergschen Hause – aber die Berliner Welt machte die Bemerkung, daß sich nichts wesentliches geändert habe in den Beziehungen zwischen Hans Ronsky und Marie Rheinsberg – und die Welt von Berlin hatte sich wahrlich auf eine leidenschaftliche Zuspitzung der Sachlage gefaßt gemacht. Aber nein, es war eben nur eine Flirtation! Nach einiger Zeit meinte die Welt, es sei vielleicht nicht einmal eine Flirtation, nur eine gegenseitige verwandtschaftliche Sympathie – gar nichts dahinter – so urteilte die Welt. Die Welt urteilt fast immer falsch in solchen Dingen, nimmt ernst, was nicht ernst zu nehmen ist, und geht über tiefer liegende Dinge hinweg. Am allerirrtümlichsten beurteilte Olga Ronitz, Maries Freundin, die Situation. Sie bildete sich ein, daß Hans Ronsky sich in einer hoffnungslosen Leidenschaft für Marie verzehre. Diese Ansicht schöpfte sie aus dem Umstand, daß Hans immer so große Augen machte, wenn Marie irgendwo erschien – und so große Phrasen, wenn sie verschwand. Sie war keine tiefe Psychologin, die Gräfin Ronitz, aber eine gute Seele war sie. Sie sagte einem jeden das, von dem sie wähnte, daß es ihm Vergnügen machen würde, und sie dachte, es würde Marie Vergnügen machen, wenn sie ihr gegenüber die Schwärmerei Hans Ronskys betonte. »Wie er dich vergöttert, der arme Teufel!« begann sie einmal, da sie auf einen Sprung in das Palais Rheinsberg gekommen war, um mit Marie eine Wohlthätigkeitsangelegenheit zu besprechen. »Er läßt dich ja nicht aus den Augen, wenn du irgendwo erscheinst, und es amüsiert mich jedesmal, zuzusehen, wie er die Gelegenheit abpaßt, sich dir nähern zu können. Er hat Augen und Ohren für niemand anderes, wenn du mit ihm sprichst. Er liebt dich rasend!« »Er liebt mich gar nicht!« entgegnete Marie herb. »Er kultiviert meine Bekanntschaft nur, weil er mit mir über die soziale Frage reden kann. Ihn interessiert ja überhaupt nichts als die soziale Frage.« Graf Rheinsberg, welcher sich in diesem Winter viel wohler fühlte als im verflossenen Jahr, kehrte kurz nach diesem Gespräch von einem Ausgang nach Hause zurück. Bereits im Flur tönte ihm eine kräftig gespielte Fuge von Bach entgegen. Er erkannte den Anschlag seiner Frau. Sie spielte mit fast zornig betontem Rhythmus und ohne jegliche Vortragsschattierung. Er wüßte, daß sie immer damit anfing, Bach zu spielen, wenn sie eine große Unruhe in sich bekämpfte. Was konnte sie heute aufgeregt haben? fragte er sich. Als er die Thür der Bibliothek öffnete, in der sich der Flügel befand, ließ sie die Hände von den Taften gleiten und hörte, etwas verdrießlich über die Störung, auf. Er trat auf sie zu, betrachtete sie nachdenklich, dann mit wohlwollendem Lächeln, aber forschendem Blick und fragte: »Hat dich etwas geärgert, Marie?« »Was fällt dir ein, über was sollte ich mich geärgert haben?« fragte sie. Ihre Stimme klang gereizt, und zwischen ihren schön geschwungenen Brauen zeichnete sich eine gerade scharfe Falte. »Nun, kleine Anlässe findet man immer,« bemerkte Graf Rheinsberg, worauf er von dem Flügel hinweg auf den Kamin zuging, wo er sich in seinem Lieblingsfauteuil niedersetzte und eine Zeitung aufnahm. Aber anstatt zu lesen, blickte er abwechselnd auf die schöne, junge Frau an dem Flügel und auf die großen, von rasch zehrenden Flammen umloderten Holzklötze im Kamin. »Stör' ich dich?« fragte sie ihn einmal über ihre Schultern hinüber, ohne im Spiel innezuhalten. Er erwiderte: »Nicht im mindesten,« und fuhr fort in die Flammen zu starren. Sie aber fuhr fort Bach zu spielen. Er horchte aufmerksam. Sie spielte ungleich, bald rasch, bald stockend. Graf Rheinsberg hatte gar nicht geahnt, daß die Musik des ehrwürdigen Johann Sebastian so leidenschaftlich klingen könne. Was nur in ihr vorgehen mochte? Nach und nach wurde ihr Spiel weicher – zum Schluß lauschten die Töne melodisch fließend dahin, wie ein Strom, dessen Fluten sich keine Hindernisse mehr entgegenstellen. Mit einer harten heroischen Fuge hatte sie angefangen, sie beendigte ihr Spiel mit einem träumerischen Menuett. »Das hat wohlgethan!« rief sie, indem sie von dem Flügel aufstand und sich in einen Lehnstuhl ihrem alten Freund gegenübersetzte. »Ich hatte mich nämlich doch geärgert!« fügte sie hinzu. Sie schien zu erwarten, daß er sie nach dem Grunde ihres Aergers fragen würde; da er es unterließ, begann sie von selbst: »Ueber Olga Ronitz hab' ich mich geärgert. Sie schwatzt manchmal so dummes Zeug, wirft mir immer meine Eroberungen vor ... man muß sich ärgern!« »Ach! Olga Ronitz kann man überhaupt nicht ernst nehmen. Aufrichtig gesagt, habe ich mich oft darüber gewundert, daß du dir gerade die zur Freundin ausgesucht hast,« bemerkte lächelnd der Graf. »Freundin... ?« Marie zuckte die Achseln. »Freundin ist ein großes Wort,« sagte sie. »Sie ist mir bequem. Sie mischt sich in nichts, was sie nicht angeht. Ich bitte dich, sie ist mir nützlich. Eine Frau braucht man doch von Zeit zu Zeit.« »Gewiß, und du hast merkwürdig wenig intime Freundinnen unter deinen Altersgenossinnen,« sagte etwas nachdenklich der Graf. »Soll das ein Vorwurf sein, Wilhelm?« Sie stieß den eisernen Schürhaken zwischen die Holzklötze in die Feuerstelle. »Durchaus nicht!« beeilte sich der Graf zu versichern. »Es ist nur bezeichnend für deine gerade, gesunde, selbständige Natur, die sich von aller unnötigen Mitteilsamkeit, allen vertraulichen Sentimentalitäten und konfusen Herzensergüssen instinktiv fernhält. Ein interessanter Ideenaustausch ist zwischen dir und den meisten jungen Frauen ausgeschlossen, sie sind dir nicht gewachsen. Mit den bedeutenden älteren Damen stehst du ja ausgezeichnet, was mich freut. Nein, nein, Marie es wäre mir nicht im Traum eingefallen Kritik an dir zu üben. – Erstens läge nicht der geringste Grund dazu vor – und zweitens ... thäte es ein vernünftiger Mensch einer Frau deines Kalibers gegenüber ... schon aus Klugheit ... nie!« Marie saß etwas vorgebeugt auf einem niedrigen Sitz, den Ellbogen auf den Knieen, die Wange in die Hand gestützt. »Ja aus Klugheit ... nie,« murmelte sie ... »Du kannst recht haben!« Sie schwiegen beide eine Weile, dann legte sich Graf Rheinsberg die Hand an die Stirn: »Das nennt man Gehirnschwund ... nun, c'est de mon âge . Ich wußte die ganze Zeit, daß ich dir etwas mitzuteilen hatte. Aber erst wollte ich dich in deiner Bach-Orgie nicht stören – dann vergaß ich die Sache. Ronsky, mit dem ich vor einer Stunde auf der österreichischen Botschaft zusammengekommen bin, bat mich, dir zu sagen, daß er heute abend nicht bei uns speisen kann ... du erwartetest ihn doch ...« Marie hatte sich nämlich wie geistesabwesend die Augen gerieben ... »Ja, richtig,« sagte sie, und in etwas gezwungen scherzhaftem Ton setzte sie hinzu: »Ich hatte sogar Mandarineneis für ihn bestellt ... Nun, und warum kommt er nicht, hat er etwas Amüsanteres gefunden?« »Den Verdacht hat er um dich nicht verdient,« erwiderte mit etwas malitiösem Lächeln Graf Rheinsberg. »Jedenfalls ist er unbegründet. Ronsky ist telegraphisch nach Venedig berufen worden, wo sein Bruder, wie er mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgeteilt hat, in einem Duell schwer verwundet worden ist. ... Der arme Konrad! Seit er verheiratet ist, hat er immerfort Duelle gehabt. Es war vorauszusehen, daß ihm eines davon einmal den Rest geben würde.« »Konrad? ... Wer ist Konrad?« Gräfin Marie Rheinsberg schob nachdenklich die Brauen in die Stirn. »Ich wußte gar nicht, daß Hans einen Bruder hat.« »So! ... Das hat er dir nie mitgeteilt? Er ist in seinen Mitteilungen dabei stehen geblieben, daß er keine Schwester hat, nur eine Stiefschwester'« – trotz seiner siebzig Jahre gelang es dem alten Staatsmann vortrefflich, den sentimentalen Ton des jungen Diplomaten nachzuahmen oder vielmehr zu karikieren – »eine Stiefschwester, die ihn nicht versteht, dafür um so mehr quält mit Liebe und Bevormundung.« »Seiner Stiefschwester hat er allerdings erwähnt,« bemerkte Marie, »es ist seltsam, wie er dir auf die Nerven fällt, der arme Hans!« »Ich finde es viel seltsamer, daß er bei den langen Gesprächen, in denen er sich so sehr mit dir gefällt, nicht die Zeit gefunden hat, dir etwas von den wichtigsten Ereignissen in seiner Familie mitzuteilen,« erwiderte Graf Rheinsberg trocken. »Er scheint vollauf damit zu thun gehabt zu haben, von sich selber zu reden." »Da verleitet dich deine Antipathie doch zu einem falschen Urteil," erwiderte etwas gereizt Marie. »In den langen Gesprächen, in denen er sich, wie du soeben andeutest, mit mir gefällt, spricht er mit mir fast nur über die soziale Frage, wie ich heute Gelegenheit hatte auch Olga Ronitz mitzuteilen," »Hm! Meiner Ansicht nach beschäftigt er sich mit der sozialen Frage nur so intensiv, weil er ›unbewußt überbewußt‹ das Gefühl hat, daß ihn die Beschäftigung in ein schönes Licht stellt." »Meinst du?" murmelte Marie. Sie hatte einen Fächer aufgenommen und hielt ihn aufgespannt zwischen sich und die Kaminglut. Graf Rheinsberg beobachtete sie aufmerksam. Durch den Schatten, welchen der Fächer auf ihr Gesicht warf, glaubte er zu sehen, wie sie errötete. Ein Verdacht, der ihm bisher als gänzlich ausgeschlossen erschienen war, streifte ihn plötzlich wie ein nasser, kalter Fittich. Indessen sagte Marie in einem fremden Ton, den ihr alter Freund wohl bei ihr kannte, den sie jedoch noch nie ihm gegenüber angeschlagen hatte: »Das ist ein Punkt, über den wir nun einmal verschieden denken, und da wir uns schwer darüber einigen werden, so teile mir lieber mit, was es mit dem wichtigen Familienereignis, das Hans mir verschwiegen, auf sich hat." »Die Sache ist einfach genug," erwiderte der Graf. »Konrad Ronsky, der ältere Bruder deines Vetters – eigentlich ein Stiefbruder, Sohn derselben Mutter wie seine Schwester Leontine –, hat sich seiner Zeit mit einer russischen Cocotte verheiratet, und zwar nur einen Monat früher, als die besagte Dame mit einem Kind niedergekommen ist, das er für sein Kind hielt und wahrscheinlich noch hält. Sein Vater, der alte Ronsky, ein beschränkter Kopf, aber gerader Charakter, behauptete das Gegenteil. Hierauf strich er den Sohn aus seinem Herzen und verbot ihm, den Fuß über seine Schwelle zu setzen. »Konrad, der natürlich infolge seiner bedauerlichen Heirat aus der Carriere treten mußte, führt seither ein ziemlich trauriges Dasein, an allen Orten, wo die Halbwelt mit der großen Welt fraternisiert. In die wirklich gute Gesellschaft ist es ihm nie gelungen, seine Gattin einzuführen. Infolgedessen hat seine Lieblingsbeschäftigung darin bestanden, auf diese Gesellschaft zu schimpfen und mit geschmackloser Spitzfindigkeit alle etwaigen Schwächen und Verirrungen, welche dort vorkommen, über welche aber die Gesellschaft aus Gründen, die ihr zu beurteilen freistehen, den Mantel christlicher Liebe breitet, ans Tageslicht zu ziehen. Man behauptet sogar, daß er manches Mal seine Entdeckungen in demokratische Zeitungen einrücken ließ.« »So, das muß ja ein recht sympathisches Individuum sein,« murmelte Marie verächtlich. »Ach, im Grunde ist er nicht schlechter als hundert andere – ein schöner, eleganter Mensch, sehr warmherzig, aber ein undisziplinierter Charakter, heftig und schwach. Als ich nach Petersburg kam, war er noch in der Carriere; ich hatte ihn recht gern. – Das Weib hat ihn ruiniert.« »So, das Weib hat ihn ruiniert?« murmelte Marie, und ein eigentümlicher Schauder durchbebte ihre Stimme, fast, als fühle sie sich einem großen Geheimnisse gegenüber, vor dessen Enthüllung ihr graute, während sie doch nicht vermochte, ihre Neugierde davon loszureißen. »Das Weib hat ihn ruiniert. Ich möchte doch wissen, welcher Art die Frauen sind, für welche die Männer ihre ganze Existenz in den Staub treten?« »Meistens sind es recht gewöhnliche Geschöpfe,« versicherte Graf Rheinsberg gleichgültig. »Gewöhnliche Geschöpfe ...« wiederholte Marie. »Aber wie ist das möglich? Bedenke doch! Alles in die Schanze zu schlagen, wie es Konrad Ronsky gethan hat – Vater, Vermögen, Vaterland, seine gesellschaftliche Stellung – die Zukunft seiner Kinder – alles für ein Weib!« Graf Rheinsberg lachte. »Ich kann dir nicht helfen, Marie, das Weib, für welches er alle diese Opfer brachte, war ganz und gar nicht interessant. Eine dicke, rothaarige Person mit allerdings blendend weißen Schultern und Armen, gutmütig ...« »Ach, du hast sie persönlich gekannt, ja?« »Ja ... gutmütig, eher beschränkt. Der große Zauber, welchen sie allerdings auf die Männer ausübte, gereicht meinem Geschlecht keineswegs zur Ehre.« »Aber worin besteht er?« rief Marie leidenschaftlich und aufgeregt. »Das ist ein Problem, bei dem sich weder die Neugier noch selbst die Entrüstung einer Frau, wie du eine bist, lange aufhalten sollte, Marie,« erklärte Graf Rheinsberg ernst. »Die Lösung liegt, gottlob, ganz außerhalb deines Verständnisses. Ich weiß übrigens gar nicht, was du hast. Die zugleich erhabene und unbefangene Gleichgültigkeit, mit der du bisher an allen schmutzigen Dingen im Leben vorüberzugehen pflegtest, hat mir immer so sehr an dir gefallen.« Marie fühlte, wie ihr das Blut zu Kopfe stieg; sie schämte sich und war zugleich wütend darüber, daß sie sich schämen mußte. Sie war Fleisch und Blut wie eine andere. Für einen Augenblick haßte sie geradezu das hohe sittliche Piedestal, auf das ihr Gemahl sie gestellt hatte, ein Piedestal, von dem es kein Herabsteigen, nur ein Herabstürzen gab. Sie fühlte die übermäßig hohe Achtung, die er ihr zollte, wie einen hemmenden Druck. Es war, als habe man ihr ein Paar Handschellen angelegt. »Du überschätzest mich,« sagte sie halblaut und heiser. »Nein – aber manches Mal hättest du Lust, dich zu unterschätzen,« erklärte Graf Rheinsberg. »Ich kenne dich besser als du dich selbst!«» »Ein Punkt, über den wir uns nicht einigen werden,« meinte mit müdem Achselzucken Marie. »Ueber all unser Philosophieren hab' ich vergessen, dich nach dem Wichtigsten zu fragen: Kennt Hans Ronsky seine Schwägerin, und hat er sich des Bruders angenommen nach dieser traurigen Heirat?« »Wie es scheint – die Brüder standen in Briefwechsel, und merkwürdigerweise scheint der alte Ronsky Hans nach dieser Richtung freies Spiel gelassen – ja, die brüderliche Anhänglichkeit seines famosen Jüngsten für den mißratenen Nettesten mit Rührung belobt und bewundert zu haben. Es ist immerhin hübsch von Hans Ronsky, daß er sich von diesen unerquicklichen Verhältnissen nicht fern gehalten hat.« »Wer weiß ...« murmelte Marie finster, »vielleicht hat's ihm die rothaarige Schwägerin auch angethan.« Graf Rheinsberg betrachtete sie von oben bis unten, und während er sie anblickte, wurden seine Augen kleiner. »Sollte ich dich am Ende doch überschätzt haben?« Mit diesen Worten erhob er sich und verließ das Zimmer. Und Marie, die soeben seine Achtung als einen Zwang, einen Druck empfunden, fühlte sich doch bis ins Innerste verletzt und aufgeregt, als er Miene machte, ihr auch nur das kleinste Teilchen dieser Achtung zu entziehen. Noch nie hatte er sie aus so kleinen Augen angesehen. Es war sehr unangenehm, aus kleinen Augen angesehen zu werden. Sie nahm es ihm übel. Zeitweilig war offenbar kein Einverständnis zwischen ihr und ihm zu erzielen. Sie verzichtete darauf und zwar mit einer Art Trotz. Von dem Tag an trat eine merkliche Entfremdung ein zwischen dem Grafen Rheinsberg und seiner jungen Frau. Indessen rollte Hans Ronsky mißmutig seinem Reiseziel entgegen. Viele Jahre warm verstrichen, seit Konrad, von seinem Vater verflucht, die väterliche Schwelle nicht mehr überschritten hatte. Seither hatten sich die Brüder im Leben nur zweimal getroffen. Das erste Mal durch Zufall in Florenz, da der damals siebzehnjährige Hans als Belohnung für seine vortrefflich bestandene Prüfung in Begleitung seines Hofmeisters auf eine Bildungsreise durch Italien gesandt worden war. Bei Donay, während Hans mit seinem Hofmeister ein Glas Eis aß, merkte er, daß ein sehr vornehmer, etwas engbrüstiger Mann zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren ihn aufmerksam durch sein Monocle betrachtete. Dann begegnete er demselben Mann auf der Treppe des Hotel de la Paix, in welchem er einen Besuch abzustatten gehabt hatte. Schon wollte er sich erkundigen, wer denn der Fremde sei, an dem ihm irgend etwas so außerordentlich bekannt und vertraut vorkam, aber ein anderer Eindruck fuhr ihm dazwischen. Eine Stunde später in der Loggia dei Lanzi, als gerade Hans dem konventionellen Enthusiasmus seines Hofmeisters über den Perseus von Benvenuto Cellini mit einer naseweis witzigen Bemerkung in die Rede fiel, hörte er hinter sich lachen, und als er sich umblickte, bemerkte er wieder den blaffen, engbrüstigen Fremden. Diesmal trat der Fremde einen Schritt naher an ihn heran, »Erkennst du mich nicht, Hans?« fragte er. »Konrad!« rief Hans, und die Brüder reichten einander die Hand. Dann bummelten sie eine Stunde allein miteinander; der Hofmeister hatte liebenswürdigerweise selber darauf bestanden, sie allein zu lassen. Er ging indessen in ein Kaffeehaus, um Zeitungen zu lesen. Hans, der Heimweh hatte und, in Florenz bis auf zwei oder drei recht förmliche gesellschaftliche Beziehungen fremd, ausschließlich auf die ihm nicht immer kongeniale Gesellschaft seines Hofmeisters angewiesen war, freute sich über diese Begegnung. Nach einer Viertelstunde brach die Wand, welche die lange Trennung zwischen den Brüdern aufgerichtet hatte, gänzlich nieder – es war, als ob Hans erst gestern mit seinem kleinen Pony neben dem großen Pferd Konrads hingaloppiert wäre durch die rauschenden Wälder von Stiblin, der schönen Herrschaft im südöstlichen Böhmen, auf der sie beide ihre Jugend verlebt, und von der sie beide – Konrad hatte sich das noch nicht abgewöhnt – als von »zu Haus« sprachen. Allerhand kleine Erinnerungen tauchten in ihm auf: wie ihn Konrad einmal als sechsjährigen Knirps auf die Rebhühnerjagd mitgenommen und auf dem Rücken nach Hause getragen hatte, als sie beide von einem Gewitter überrascht worden waren – und bei der Erinnerung war's, als stiege ein Duft von nassen Wiesen und Quendel aus dem heißen Pflaster von Florenz zu ihm auf; – dann erinnerte er sich, wie ihn Konrad früh in den Marstall mitzunehmen pflegte und ihn auf die Pferde hob, und wie er einmal – er mochte damals sieben Jahre zählen –, als Konrad ihn »Hindernisse nehmen« lehren wollte, von seinem Pony herabgestürzt und für einen Augenblick, nicht bewußtlos, aber stumm vor Verwirrung und Schrecken liegen geblieben war. Obgleich er sich sehr weh gethan, hatte er nicht geweint. Er war ein strammer, kleiner Bengel, und der Umstand, daß die ganze Familie ihn wegen seiner verwegenen Reitkunst maßlos bewunderte und häufig allerhand Menschen in seinem Beisein Beispiele davon auftischte, befestigte ihn in dieser Eigenschaft. Er weinte nicht; aber Konrad, nachdem er den Jungen vom Boden aufgehoben, alle seine kleinen Glieder befühlt und sich davon überzeugt hatte, daß er sich nicht verletzt habe, war in Thränen ausgebrochen. Er war noch heute ganz derselbe schneidige, heftige, schwache und gutmütige Mensch; ja er, der Verstoßene, Deklassierte, betrachtete seinen verwöhnten jüngeren Bruder, dem naturgemäß alles zufließen mußte, was er verscherzt hatte, mit einem zärtlichen Familienstolz, in den sich auch nicht ein Körnchen Eifersucht, viel weniger noch Neid mischte, und Hans, der bereits damals an jede Art von Bewunderung und Verzärtelung gewöhnt war, wärmte sich in der kalten Atmosphäre der Fremde an dieser überströmenden brüderlichen Herzlichkeit. Konrad fragte nach allem, was er zu Hause zurückgelassen hatte, nach jedem Diener, jedem Tier, Zuletzt fragte er nach seinem Vater. Und als ihm Hans auch über diesen Auskunft gegeben hatte, schwieg Konrad; dann, indem er nachdenklich den Blick über den Arno hinschweifen ließ, an dem entlang er mit seinem jüngeren Bruder gewandelt war, sagte er: »Es war eine schöne Stund', Hansi – ich bin froh, daß ich dich getroffen hab'. Aber jetzt wird's wohl gescheiter sein, wir nehmen Abschied voneinander und ein jeder geht seiner Wege – ich möcht' nicht, daß du meinethalben Unannehmlichkeiten hättest – dem Papa wär's am Ende nicht recht, daß du mit mir verkehrst, und daß du's ihm verschweigst, könnte ich selber nicht wünschen.« Darauf aber hatte Hans mit der Ueberschwenglichkeit der Jugend und der Gutmütigkeit aller Ronskys geantwortet: »Verschweigen werd' ich dem Papa nichts, gleich in dem nächsten Brief schreib' ich ihm, daß ich dich getroffen hab'. Aber verbieten laß ich mir den Verkehr auch nicht – weißt du, ich setze gewöhnlich meinen Willen durch beim Papa – ich versteh's, ihn bei seinen schwachen Seiten zu packen.« Da hatte Konrad seinem jüngeren Bruder herzlich auf die Schultern geklopft und dabei gemurmelt: »Bist ein kleines Prachtexemplar, Hansi! – Na, 's ist nur recht, daß unser armer Vater wenigstens auf einen von uns stolz sein kann!« »Aber, Konrad!« rief Hans, indem er den Aelteren zugleich mitleidig und zärtlich aus feuchten Augen anblickte. Er war tief gerührt – im übrigen war er es gewohnt, daß man ihn für ein Prachtexemplar erklärte, und fand das ganz in der Ordnung. Abends speiste Hans bei seinem Bruder und seiner Schwägerin. Der Hofmeister war auch eingeladen worden, hatte aber, um sein pädagogisches Pflichtgefühl zu markieren, abgelehnt. Wenn er schon seinen Zögling nicht daran hindern konnte, mit Leuten zu verkehren, die seinem Brotherrn unliebsam waren, wollte er doch wenigstens beweisen, daß er in diesem Fall nicht mitgesündigt habe. Hans, der damals ein noch vom Leben ganz unberührter, unverdorbener Bursche war, empfand eine gewisse Neugier, die Schwägerin kennen zu lernen. Obgleich er noch nicht in die Einzelheiten der traurigen Familiengeschichte eingeweiht worden war, hatte er doch genug aus den an ihm vorbei geflüsterten Worten entnommen, um zu erraten, daß seine Schwägerin zu jenem weiblichen Typus gehörte, den Alexander Dumas der Jüngere so rührend in seiner » Dame aux camélias « geschildert hat. Er stellte sie sich lungensüchtig, warmherzig, vornehm und sympathisch vor. Seitdem er heimlich, in der Sattelkammer versteckt, wo er durch die Protektion seines Freundes, des Oberkutschers, vor allen Störungen behütet worden war, die romantische Geschichte der Marguerite Gautier gelesen, hatte er sich brennend gewünscht, »eine Kameliendame« kennen zu lernen. Das Herz klopfte ihm sehr stark, als er abends in seinem Smoking – bis zu einem Frack hatte er es noch nicht gebracht –, aus dem ein prachtvoll gestärktes weißes Hemd hervorglänzte, ein Hemd, auf dem man hätte Schlittschuh laufen können, und in tadellosen Lackschuhen, ein Bild des wohlerzogenen, jungen Gentleman, in den Lift des Hotel de la Paix stieg, um sich in das Appartement Konrad Ronskys hinaufziehen zu lassen. Der kleine Salon gehörte zu den bescheidensten des Hotels; denn da Konrad seit seiner Heirat auf sein von seiner Mutter ererbtes Vermögen angewiesen war, so waren seine Einkünfte, wenngleich ausreichend, keineswegs glänzend. Aber Hans, der in Bezug auf seine Einrichtung an eine etwas kahle und rechtwinklige Vornehmheit gewöhnt war, staunte darüber, wie geschmackvoll seine Schwägerin das kleine Gemach hergerichtet hatte. Ueberall Rähmchen mit Photographieen, Vasen mit Blumen, Nippes, golddurchwirkte Brokatlappen und Sofapolster von jeder Form und Größe – Sofapolster, in die man sich vergraben konnte –, dazu die Lampen alle mit riesigen spitzenumsäumten, rosa oder roten Seidenschirmen umschleiert, ein magisches, rötlich goldiges Helldunkel, die Luft nach Iris, Peau d'Espagne und frischen Rosen duftend. Und während Konrad ihn mit gerührter Herzlichkeit willkommen hieß, erschien plötzlich in dem halbdunklen Zimmer etwas Wunderbares, das dem siebzehnjährigen Hans wie durch Zauber heraufbeschworen zu sein schien – seine Schwägerin! Er hatte das Gefühl, als ob sie aus einer Versenkung emporgestiegen sei. In Wahrheit hatte sie sich nur aus einem sehr tiefen Lehnstuhl erhoben. Sie war mittelgroß, mit rotblondem, sehr sorgfältig und malerisch zugleich aufgekräuseltem Haar, das Gesicht ziemlich voll, mit großen dunklen Augen, deren fast schwarze Wimpern und Brauen Hans im Gegensatz zu ihrem roten Haar als eine besondere Schönheit an ihr bewunderte. Sie trug ein loses, langschleppendes, pelzbesetztes Kleid aus schwarzem Atlas, das Hans für einen Schlafrock gehalten hätte, wenn es nicht durch seinen Halsausschnitt und seine langen, aber sonst fast bis an die Achselhöhlen geschlitzten Aermel an eine Soireetoilette erinnert hätte, und das in der That, wie Konrad dem Bruder mitteilte, ein Tea-gown war. Diese Tracht war dem jungen Burschen, der die weiblichen Mitglieder seiner Familie fast immer nur fest eingeschnürt, entweder im Straßenkostüm oder im Ballkleid kannte, neu. Er fand sie ebenso entzückend als befremdlich, wie die ganze Erscheinung seiner Schwägerin. Der Hals und die Arme der Gräfin Ronsky waren ebenso schön wie die der schönsten antiken Statue, welche er im Laufe seiner Reise bewundert hatte, und hoben sich mit mattem Alabasterweiß von dem glänzenden Schwarz ihres atlassenen Gewandes ab. Ebenso schön waren ihre weißen, vollen, sorgfältig gepflegten Hände, bei denen man nicht wußte, was mehr zu ihrem Schmuck beitrug, die Brillanten, mit denen sie besät waren, oder die schmalen, mandelförmigen, rosig schimmernden Nägel, in welche die Finger ausliefen. Sie reichte Hans eine dieser zauberisch schönen Hände, und als Hans ganz verwirrt, huldigend mit seinen Lippen darüber fuhr, gab sie ihm einen herzlichen Kuß auf die Stirn und rief: » A la Russe n'est-ce pas! « Dem armen Hans brannten die Ohren, und Konrad lachte. Bald lernte Hans auch noch seine Nichte Monika kennen, ein kleines Mädchen in einem weitausgeschnittenen weißen Kleid und mit fast bis an die Kniee herabhängendem Haar, in dem es wunderschön blaßgoldig schillerte. Dann begab man sich zu Tisch in ein kleines kahles Speisezimmer, welches aber mit Blumen so reich ausgeschmückt war, daß man es für ein Treibhaus hätte halten können. Es war alles so gut und wurde so freundlich geboten, daß Hans sich ganz außerordentlich befriedigt fühlte von diesem verwandtschaftlichen Beisammensein. Seine Nichte erschien ihm als das hübscheste kleine Mädchen, das er je gesehen, und was nun gar seine Schwägerin anlangte, so war die deutsche Sprache zu arm, um ihr ausnehmend sympathisches Wesen ebenso wie ihren bezwingenden Liebreiz zu schildern. Als Hans gegen Mitternacht, von Konrad sehr herzlich bis an die Schwelle des Hotels, in dem Hans abgestiegen war, geleitet, zu seinem Hofmeister zurückkehrte, erklärte er diesem, er habe überhaupt noch nie eine so liebenswürdige Frau gesehen wie seine Schwägerin – eine Frau, die an alles dachte, was einem angenehm sein konnte. Wenn man rauchen wollte, so standen die Zigaretten schon da, und sie hielt einem lächelnd das angezündete Streichholz hin; und wenn man Durst hatte, las sie es einem auch an den Augen ab und mischte einem die merkwürdigsten Getränke aus Champagner und Fruchteis, und zu allem, was man sagte, lächelte sie so still mit so dunkelroten Lippen und blendend weißen Zähnen. Wenn er später überlegte, was sie gesagt hatte, so konnte er sich der Worte zwar nicht erinnern, wohl aber des Tonfalls ihrer Stimme, eines gedehnten, schwermütig melodischen Tonfalls. Sie sprach französisch mit einem starken russischen Accent. Das war entzückend. Hans hatte noch nie so schön französisch reden hören. Und ihre Liebe zu Konrad war wirklich zu rührend, und was ihre Vergangenheit anlangte, so war alles eine abscheuliche Verleumdung. Genauer hatte Konrad die Sache natürlich nicht erörtert, nur von entsetzlichen Familienverhältnissen, trauriger Jugend, großer Leidenschaft und einem Schuft, der zwischen alledem eine teuflische Rolle spielte, hatte er etwas einfließen lassen, während er dem Bruder das Geleit gab. Im übrigen war sie eine geborene Fürstin Napraxin, und Hans hatte sich's fest vorgenommen, seinem Vater das alles zu schreiben, und war überzeugt, binnen kürzester Zeit eine Versöhnung zwischen dem Familienoberhaupt und den Konrads herbeizuführen. So faselte der junge Phantast dem Pädagogen vor bis um ein Uhr in der Nacht. Doktor Schwarz, der ein praktischer Kopf und verläßlicher Mensch, wenn auch ein rabiater Politiker war, ließ ihn reden, so lang sein Atem anhielt. Als er fertig war, sagte er einfach: »Hm! Verzeihen Sie einem nüchternen Menschen, der das Leben kennt, das harte Wort – aber – – alles, was Sie mir da von Ihrer Frau Schwägerin vorphantasieren, imponiert mir gar nicht – und gefällt mir noch weniger! ... Hm! hm! – Frieden wollen Sie stiften zwischen Ihrem Herrn Vater und diesem traurigen Ehepaar? Das haben Sie sich fest vorgenommen? ... Nun, ich habe mir etwas anderes fest vorgenommen. Erraten Sie, was?« Nein, Hans erriet es nicht. »Daß wir morgen früh abreisen werden, das hab' ich mir vorgenommen. Sehen Sie sich nur um, es ist schon alles gepackt, mein junger Freund. Wenn Sie allein hier bleiben wollen, so ist mir's ja recht – aber das Geld hab' ich, und Ihrem Herrn Vater telegraphiere ich auch!" Und dabei blieb's. Am nächsten Tage wurde gereist. – – Es dauerte fünf Jahre, ehe Hans den Bruder wiedersah, und zwar diesmal in Brighton, wo sich die Brüder ein Stelldichein gegeben hatten. Die Versöhnung mit seinem Vater hatte Hans indessen nicht zu stande gebracht. Hingegen hatte der alte Herr seinem Liebling großmütig gestattet, mit dem Bruder zu korrespondieren. Er wollte Konrad nicht von allen guten Einflüssen absperren, erklärte der alte Herr. So schrieben denn die Brüder einander. Konrad schrieb öfter als Hans; er hatte immer das Talent gehabt, hübsche Briefe zu schreiben. Manchmal auch sandte er dem Bruder ein hübsches Geschenk: einmal einen Stoß sehr interessanter Photographieen aus Kairo, ein andermal, und zwar zu Hansens zwanzigstem Geburtstag, eine sehr geschmackvolle Krawattennadel, bei welcher Gelegenheit er hinzufügte, daß seine Frau sie ausgesucht habe, ein drittes Mal einen wunderschönen weißen russischen Bärenhund, wie sich ihn Hans lange gewünscht, und wie er nur durch die Protektion eines russischen Großfürsten zu erlangen war. Aber nie, obgleich ihn Hans des öfteren darum gebeten hatte, sandte er ihm eine Photographie seiner Frau. Weniger lange ließ das Bild seines Töchterchens auf sich warten, und da dieses eine sehr große Aehnlichkeit mit Konrad aufwies, zeigte es Hans dem alten Herrn – vielmehr ließ er es samt dem Brief, der das Bild begleitet hatte, auf dem Tische liegen, an welchem der alte Herr soeben seine Patience gemacht hatte. Kurz darauf ging er aus dem Zimmer. Als er wiederkam, war der alte Herr verschwunden – Brief und Bild mit ihm. Sie kamen auch nie mehr zum Vorschein, und so hoffte Hans noch immer auf eine Versöhnung. Er dachte sie sich etwas romantisch und außerordentlich rührend als ein großes, edles Familienfriedensfest. Diese Hoffnung dauerte bis zu dem nächsten Wiedersehen der Brüder, das in Brighton stattfand, wo sich Konrad bereits seit mehreren Jahren niedergelassen hatte. Als Hans, und zwar im Herbst vor seiner Promotion, nach England hinübergereist war, um sich dort ebenso wie in Schottland ein wenig Rast zu gönnen, nahm er mit großer Freude eine Einladung Konrads an, der ihn in rührend bescheidenen Worten aufforderte, ihn in seinem kleinen Heim in Brighton zu besuchen. Obgleich Hans alle Taschen voll Einführungen und Empfehlungsbriefe hatte und bereits zu den glänzendsten Grouse-Jagden in Schottland eingeladen war, so fühlte er sich doch gern bereit, seinem Bruder eine Woche von den für den Ausflug bestimmten zwei Monaten zu widmen. Er freute sich aufrichtig auf das Zusammensein mit dem Bruder – aber das Wiedersehen bot ihm eine sehr große Enttäuschung. Nichts war von dem alten Konrad übrig geblieben als die warme, rührende und neidlose Anhänglichkeit an den jüngeren Bruder. Im übrigen war alles in seinem Wesen verwildert, erschlafft und verzerrt ... Noch auffälliger verändert hatte sich die Schwägerin Sascha, wenigstens glich sie noch weniger dem Bilde, welches Hans jahrelang von ihr in seiner Erinnerung herumgetragen hatte. Teilweise mochte das wohl auf den Umstand zurückzuführen sein, daß Hans sie, anstatt in einem rosig durchschimmerten Halbdunkel, jetzt bei Tageslicht sah und infolgedessen deutlich bemerken konnte, wie stark sie geschminkt war. Auch zeigte sich ihre Gestalt in enganliegenden Morgenkleidern bereits ziemlich schwerfällig, besonders um die Hüften herum. Im übrigen hatte sie noch immer ihren angenehmen Tonfall in der Stimme und ihre schönen, weichen, weißen Hände mit den vielen blitzenden Brillantringen und den rosig schimmernden, mandelförmigen Nägeln – aber... Die ersten Tage waren geradezu langweilig. Die Konrads wohnten in einem kleinen Hause mit einer engen Treppe, das übrigens hübsch eingerichtet war, viel sorgfältiger und appetitlicher, als es Hans in Oesterreich, selbst in größeren Häusern, gesehen hatte. Besonders gefiel ihm das ebenerdige Wohnzimmer, welches auf die See hinaussah, mit seinem großen Erker, mit seinem hellen Teppich, seinen grünen Topfpflanzen, seinen leichten, bequemen, verschiedenfarbigen Möbeln. Der ganze Haushalt machte eher einen spießbürgerlichen Eindruck. Das Essen war schlecht, und Sascha beklagte sich beständig über ihre Dienstboten. Man machte einen Spaziergang auf den Pier, das heißt die beiden Brüder machten ihn; denn Hans entdeckte sehr bald – und es war ihm eine unangenehme Ueberraschung – daß Konrad es sorgfältig vermied, sich außerhalb seines Hauses mit seiner Frau zu zeigen. Abends kehrte die kleine Monika von einem Besuch bei Freunden zurück. Sie kam auf Hans zugeschossen wie ein Blitz und küßte ihm die Hand – eine Zärtlichkeit, die er dadurch erwiderte, daß er sie in die Arme nahm und tüchtig abherzte. Ohne eine regelmäßige Schönheit zu sein, war sie eigentümlich und zog, wovon Hans bald Gelegenheit haben sollte sich zu überzeugen, bereits damals, kaum dreizehnjährig, die Blicke der Männer auf sich. Von der Mutter schroff behandelt, vom Vater verzogen, in ihrer Bildung sehr zurück für ihr Alter, that sie Hans leid. Gleich den ersten Tag schloß er ein Schutz- und Trutzbündnis mit ihr, und sein größtes Vergnügen bestand darin, mit der Kleinen auszureiten. Hans hatte noch nie ein Kind so reiten sehen! Ein Kind ...? Trotz ihrer gänzlich unentwickelten Figur hatte sie bereits damals etwas bezaubernd Weibliches an sich. Hans konnte nicht aus ihr klug werden, und eben darum interessierte sie ihn. Im übrigen wurde ihm sein Aufenthalt bei den Konrads täglich unerquicklicher. Den ersten Tag kam niemand. Den zweiten Tag kamen drei Gäste, den dritten Tag zählte er sie nicht mehr. Es kamen nur Männer; sie spielten Karten mit Konrad. Offenbar hatte sie Konrad dem Bruder zu Ehren anfänglich fern halten wollen, dann aber nicht die moralische Kraft dazu gefunden, seine Lieblingsbeschäftigung zu entbehren. Freilich hatte er die ersten zwei Abende nur Whist spielen lassen; aber schon am dritten hatte man angefangen, sich Hazardspielen zuzuwenden. Auf allen Tischen standen Gläser mit heißem Grog. Der Geruch von Spirituosen mischte sich mit dem Duft von Iris und Peau d'Espagne, dessen sich Hans von Florenz her erinnerte. Und in dieser schwülen Atmosphäre bewegte sich Sascha des Abends ganz wie in Florenz mit ihrem schwermütig schleppenden Tonfall in der Stimme und mit ihrem malerisch losen Tea-gown. Sie hatte noch immer das alte Geschick, ihren Gästen alle ihre Wünsche vom Gesicht abzulesen und träg hingleitend immer mit derselben schwermütig apathischen Anmut für Bequemlichkeit und Bewirtung zu sorgen. Aber die Zuvorkommenheit, welche Hans im höchsten Grade entzückt hatte, als er ihr einziger Gast gewesen, infolgedessen in ihrer Bereitwilligkeit, ihn zu bedienen, eine halb mütterliche, halb schwesterliche, ihn persönlich auszeichnende Verwöhnung gesehen – dieselbe Zuvorkommenheit stieß ihn ab, als er bemerkte, daß sie sich auf alle Gäste erstreckte. Es lag etwas von einer odaliskenhaften Willfährigkeit darin. Sie spielte nie; wenn sie die Herren bedient hatte, so lehnte sie sich bequem in einen recht weichen Fauteuil zurück, rauchte eine Zigarette nach der andern und legte sich die Karten oder schnitzelte an ihren Nägeln. Manchmal las sie einen Roman dabei oder blätterte in einer illustrierten Zeitung. Hans erschrak, welche Art von Lektüre sie liebte und welcher Art die Abbildungen in den Journalen waren, die sie unbefangen herumliegen ließ. Sie hatte eine große Vorliebe für alles Sentimentale, dabei aber nicht den elementarsten Begriff von irgend einer Moral oder Anstandsgrenze. Am groteskesten waren ihre Ansätze zu einer umständlichen und weit ausholenden Prüderie, welche sie offenbar zur Auferbauung des jungen Schwagers von Zeit zu Zeit zum besten gab. Das alles war, Hans äußerst widerwärtig – am widerwärtigsten wegen des jungen Mädchens, der Tochter Konrads, die fröhlich und unbefangen zwischen all dieser Liederlichkeit herumschwirrte. Er wunderte sich darüber, daß ihm nicht sofort die lasciven Chromolithographieen und wollüstigen Aquarelle und Ölskizzen aufgefallen waren, welche an den Wänden hingen und ihm als ein ganz unstatthafter Wandschmuck erschienen in einem Hause, in welchem ein junges Mädchen heranwuchs. Eines Abends nach dem Diner, da Sascha die Brüder nach englischer Sitte allein gelassen hatte, machte er Konrad darauf aufmerksam. Aber Konrad, der sich jetzt jeden Tag bei Tisch in eine aufgeregte Gemütsstimmung hineintrank, antwortete ihm auf seine Bedenken mit einem ebenso unsinnigen als heftigen Ausfall gegen gezierte Komtessenerziehungen, und mit schauerlichen Schilderungen der Resultate, welche man durch diese blödsinnigen sittlichen Verkümmerungssysteme erreiche. Er hatte eine große Sammlung unsauberer Geschichten auf Lager, die alle Zeugnis ablegten für die verheimlichte Immoralität der jungen Mädchen und Frauen aus der guten Gesellschaft. Ein häßliches Wort jagte das andere – es war wie ein Strom von Kot, der ihm von den Lippen floß. Als er sich müde geschimpft hatte, begegneten seine Augen denen des Bruders. Er wurde totenblaß, seufzte tief, als ob er etwas Versöhnliches, Entschuldigendes vorbringen wollte, blieb jedoch stumm und verließ mit gesenktem Kopf und schleppendem Schritt das Zimmer. Den nächsten Tag, als Hans in den Salon herunterkam, waren die unanständigen Bilder zugleich mit der leichtfertigen Litteratur verschwunden. Zur Unbehaglichkeit des Hauswesens trug noch beträchtlich der Umstand bei, daß es schon nach den ersten zwei Tagen, während deren eine feierlich langweilige Paradestimmung geherrscht, fast bei jeder Mahlzeit zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Gatten kam, und die Gleichgültigkeit, mit der Monika diesen Lärm um ihre Ohren herumsausen ließ, ohne sich auch nur im geringsten in ihrer Eßlust stören zu lassen, bewies, daß solche Auftritte bereits seit längerer Zeit zu den alltäglichen Ereignissen gehörten. Erst nach einiger Zeit merkte Hans, daß die Eifersucht Konrads die Ursache dieser heftigen Ausbrüche war. Einmal kam er dazu, wie Konrad seine Frau am Oberarm gepackt hatte und sie wie wahnsinnig gegen ein Möbel stieß. Als er den jüngeren Bruder erblickte, ließ er die Frau los und wies sie nur mit einer herrischen und verächtlichen Gebärde zur Thür hinaus. Dann sein Gesicht mit den Händen bedeckend, warf er sich in einen Stuhl, und beide Ellbogen auf den Tisch stützend, schluchzte er wie ein Verzweifelter. Wie ein Blitz tauchten in Hans allerhand Erinnerungen an kleine Einzelheiten auf, die er bis dahin hatte unbemerkt an sich vorübergehen lassen. Er entsann sich eines großen, blonden, schönen jungen Menschen, der öfter als die anderen gekommen war, mit dem er sich besser als mit den anderen Stammgästen des Hauses vertragen und den er für einen besonderen Freund Konrads gehalten hatte. Er war weitaus der anständigste in der ganzen Gesellschaft, ein junger Mensch aus sehr gutem Hause: Lord Edward Medway. Nach einer Weile hob Konrad den Kopf und begann zu reden, explosionsweise, immer ein Stoß Worte und dann ein Fluch – eine widerliche Anschuldigung nach der andern häufte er auf seine Frau. Hans war wie versteinert. Zweiundzwanzig Jahre alt und in kerngesunden Familienverhältnissen aufgewachsen, hatte er sich seine Lebensansichten etwas konventionell, aber doch grundanständig gestaltet. In schnurgeraden Linien liefen sie über Stock und Stein auf ein würdiges Ziel, ohne mit dieser Schwäche zu paktieren oder gegen jene die Augen zu schließen. Für ihn gab es in diesem Fall nur ein Entweder – oder. »Wenn das, was du sagst, wahr ist,« sagte er, sich verlegen räuspernd, als sein Bruder geendigt hatte, »so hast du nur eins zu thun: dich so bald als möglich scheiden zu lassen. Ich glaube, daß es für dich in jedem Fall das Beste, ja daß es das Einzige ist, was dir eine Rückkehr ins Vaterhaus ermöglichen kann. Die Scheidung ist geboten; denn solche Auftritte wie der, von dem ich soeben das Unglück hatte, Augenzeuge zu sein, die sind keines anständigen Menschen würdig!« »Anständiger Mensch ...« murmelte Konrad; dann sich über die rotgeweinten Augen fahrend: »du hast ganz recht. Eine Scheidung ist das einzig Mögliche. Ich werde noch heute mit ihr « – er preßte in das Wort so viel Verachtung hinein, als Platz darin hatte – »ich werde noch heute mit ihr darüber reden!« Die Scene hatte am Vormittag stattgefunden. Hans erklärte seinem Bruder, er werde, um ihm Zeit zu gönnen, sich ungestört über diese unangenehme Angelegenheit mit Sascha auszusprechen, nach London fahren und erst gegen Abend zurückkehren. »Das Beste ist, ihr beide, du und die Kleine, reist dann mit mir nach Böhmen. Daß euch der Papa sofort aufnehmen wird, darf ich euch nicht versprechen – aber Leontine wird sich gewiß herzlich freuen, euch bei sich zu sehen. Und ich bin überzeugt, wenn der Papa einmal einsieht, daß deine ganze Ehe als eine schwere, traurige, aber überstandene Krankheit hinter dir liegt, so wird er dir verzeihen und dich mit offenen Armen empfangen." Konrad sagte »ja« und streckte sich erschöpft auf einem Sofa aus. Dabei fing er an, die Augen schließend, wie jedesmal, wenn auf seine Jugend die Rede kam, von schönen, längst vergangenen Dingen zu sprechen: von Eichenwäldern, von dem Geruch frischer Kirschenblüten im Frühling und von dem Duft welkender Erdbeerblätter im Herbst – von allem, was rein und unschuldig war ... Hans ließ ihn reden, bis die Worte ihm gleichmäßiger von den Lippen fielen und der Atem seine Brust regelmäßiger auf und ab hob. Dann sagte er ihm adieu und stieg in sein Zimmer hinauf, um sich zurecht zu machen und nach London zu fahren. Hans war sehr aufgeregt. Er lunchte im Savoy-Hotel oder vielmehr bestellte er sich dort ein Lunch, das er stehen ließ. Dann verfügte er sich in die Nationalgalerie; aber auch hier schleppte er sein aufgeregtes Gefühl mit und ging ebenso unempfänglich an den Kunstgenüssen vorbei, als er appetitlos vor seinem Gabelfrühstück gesessen hatte. Seine jugendliche Einbildungskraft zauberte ihm die fürchterlichsten Bilder vor. Er erschrak vor jedem Stückchen roter Farbe, das sich durch ein unheimliches Spiel seiner Einbildungskraft sofort zu einer Blutlache vergrößerte. Eine unaussprechliche Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er ahnte tragische Katastrophen: irgend jemand mußte der schwülen Stimmung in dem kleinen Haus in Brighton zum Opfer fallen. Schließlich setzte sich die Angst vor einem Doppelselbstmord in ihm fest. Er konnte es nicht mehr aushalten in London, nahm den ersten Zug, den er erreichen konnte – einen viel früheren, als er es anfangs vorgehabt hatte. Als er bei dem Hause, welches die Konrads bewohnten, angelangt war, erwartete er die äußeren Anzeichen von etwas Unheimlichem wahrzunehmen: eine Menschengruppe, die sich mit vorgestreckten Hälsen etwas Schreckliches erzählte, offene Thüren, herabgelassene Stores ... Aber nein – die Hausthür war geschlossen, die Fenster blinkten unverdunkelt auf den Strand hinaus. Immer noch hochklopfenden Herzens und mit von dumpfem Angstgefühl wie zusammengeschnürten Handgelenken schellte er. ›Ist mein Bruder zu Hause?‹ fragte er das Hausmädchen, welches ihm die Thür öffnete. ›Yes Sir! You'll find him in the drawingroom!‹ Eine Erleichterung überkam Hans – etwas wie eine aufatmende Dankbarkeit gegen das Schicksal. Er öffnete die Thür des ebenerdigen Wohnzimmers – auf demselben Sofa, auf dem er vor wenigen Stunden den Bruder ausgestreckt gesehen hatte, zermartert von erbitterter Verachtung gegen das Weib, dem er seine Existenz geopfert hatte – auf demselben Sofa erblickte er jetzt nebeneinander sitzend, eng und zärtlich umschlungen, Konrad und Sascha. Ihr zerzauster blonder Kopf ruhte wie ermattet mit halbgeschlossenen Augen an seiner Schulter, und beide hatten rotgeweinte Augen und rotgeküßte Lippen. Konrad sah auf; die Augen der Brüder tauchten ineinander. Blutrot vor Scham wendete sich Konrad ab. Hans trat zurück – sein ganzer junger Organismus pochte vor Ekel und Empörung. Allerhand tragische Möglichkeiten hatte seine Phantasie ihm vorgemalt – die eine, fürchterlichste, tragischste nicht: die entwürdigende Versöhnung! ... Obgleich es ein kühler Tag war, lief er hinunter zum Strand, um ein Seebad zu nehmen. Das Wasser war kalt, und die Wellen gingen hoch. Dennoch schwamm er weit hinaus, weiter, als es von der vorsichtigen Strandpolizei erlaubt war. Er freute sich an dem Kampf mit der schäumenden Flut, welche kühlend um seine jungen Glieder schlug, freute sich an dem Gefühl der erwärmenden Anstrengung, das aus all dieser sausenden, brausenden Kälte herauswuchs. Mit einemmal kam es wie eine ermattende Beruhigung über das Meer; es war, als ob eine laue Strömung hindurchgezogen wäre, und ehe sich's Hans versah, hatte er die Spannkraft in seinen Gliedern abgestreift und sich aufatmend ausgestreckt auf den Wellen, von denen er sich nun willenlos tragen und schaukeln ließ, während sie ihn mit schwermütigen Schlummerliedern umrauschten. Aber mitten in seinem Behagen erschrak er vor diesem angenehmen Erschlaffen. Ein Frösteln durchzog ihn. Sollte der Keim der zur Verweichlichung neigenden Trägheit, welche an Konrads Erniedrigung schuld war, auch in seinem Blute stecken? Rasch schwamm er ans Land. Noch denselben Abend verließ er Brighton. Viertes Kapitel. Seither war Hans dem Bruder nicht mehr begegnet, hatte sich auch nicht mehr nach einem Wiedersehen gesehnt. Um seine kleine Nichte freilich that es ihm leid. In trüben Farben hatte er seiner Schwester Leontine nicht nur das Schicksal des kleinen Mädchens geschildert, sondern ihr auch die Zukunft ausgemalt, welche dem unglücklichen jungen Geschöpf drohte, falls es nicht dauernd von der Mutter getrennt werden sollte. Leontine, wie immer zu allem Heroischen geneigt, außerdem sehr bereit, sich ihrem jüngeren Bruder zu verpflichten, gab Hansens dringenden Bitten nach und lud Monika zu sich, worauf sie dieselbe später in einem guten Pensionat unterbrachte. Von nun an kehrte Monika nur noch auf kurze Besuche zu ihren Eltern zurück. Ronsky hatte die Kleine nur am Tage seiner Promotion wiedergesehen, damals, wo sie ihm wie ein verliebter – nein ... (er strich in Gedanken das Beiwort) wie ein begeisterter Irrwisch entgegengesprungen war. Er mußte lächeln, wenn er ihres jugendlichen Ungestüms gedachte. Armes Ding! Schade um sie, eine reich begabte, aber ungezügelte Natur! Nun, Leontine würde schon das Ihrige dazu thun, sie glatt zu hobeln. Aber was sollte später mit ihr werden? Eine Art Ungeduld überkam ihn. Von dem frischen, gemütszarten jungen Burschen, der damals in Florenz ein höheres Wesen in seiner Schwägerin verehrt hatte, einen gefallenen Engel, das heißt die interessanteste Art aller Engel, bis zu dem von der Welt abgeschliffenen Diplomaten, der ohne eine Thräne im Auge, ohne eine gerührte Regung in der Seele dem sterbenden Bruder entgegenreiste, war ein weiter Weg. Wie hatte sich Konrad sein Leben so verderben können, fragte er sich immer wieder verdrießlich, wie konnte ein anständiger Mensch überhaupt »so etwas« heiraten! Denn wenn auch über Saschas Vergangenheit rätselhafte Schleier schwebten, wenn man auch nie ganz sicher festgestellt hatte, ob sie eine Cocotte oder nur ein »entgleistes« Mädchen gewesen – daß sie nichts Anständiges gewesen, das war sicher. Und Hans begann sich damit zu beschäftigen, welcher Art die Frau sein müßte, der er einmal unter allen das erhabene Amt einer Hüterin seines Heims anvertrauen wollte. Seltsam! Das erste, was ihm die Phantasie vormalte, war nicht eine Frau, sondern ein Hausflur, ein schöner, eichengetäfelter Hausflur, mit Waffen und alten Bildern geschmückt, ein Hausflur, in dessen Teppichen die Tritte geräuschlos versanken, und den ein Duft von verdampftem Lavendelwasser durchwehte. Er mußte lachen über sich – es war der Flur des Rheinsbergschen Palais. Daraufhin fragte er sich, ob eine Frau wie Marie Rheinsberg ihm zu seiner zukünftigen Lebensgefährtin passen würde. Er sah sie in ihrer Schönheit, in ihrer vornehm lässigen Anmut, die doch bei allen offiziellen Gelegenheiten der korrektesten Haltung Platz machte, ihre leuchtenden Augen, ihre weiche Stimme, ihren durchdringenden Geist – alles vergegenwärtigte er sich. Ja gewiß, wenn er eine zweite finden könnte, das wäre genau die Frau, die er brauchte. Kaum hatte er das festgestellt, so überkam ihn ein unruhiges, widerspenstiges Gefühl, als ob er schon morgen mit ihr hätte vor den Altar treten sollen. Ein fast gereiztes Aufbäumen gegen die ihm von ihr abgeforderte geistige Anstrengung!... Nein, er verehrte Marie Rheinsberg rasend, aber so eine Frau heiraten?... Und wieder wie damals in Brighton, als er in das Meer hinausschwamm und eine laue Strömung die Wellen beruhigte, fühlte er eine angenehme Abspannung seiner zum Widerstand bereiten Muskeln, eine träg hinsinkende Mattigkeit. Aber ehe sich die Angst hineinmischte, war er eingeschlafen. Durch seine Träume glitt irgend etwas Weibliches, Weiches, Warmes, Rosiges und Goldiges, das keine bestimmte Form annahm. In Wien, wo er keinen direkten Anschluß, dafür einen sehr langen Aufenthalt hatte, versäumte er wieder einmal den Zug. Er hatte den Aufenthalt dazu benutzen wollen, zwei Freunde zu besuchen, und sich in der Zeit verrechnet; infolgedessen kam er erst am Abend seines zweiten Reisetags in Venedig an. Die Luft war lau, der Frühling hatte hier einen Vorsprung gegen Berlin. Ein leiser Wind, der duftete, als habe er am Gardasee soeben die Rosen abgeküßt, durchspielte die Atmosphäre, aber aus den Lagunen stieg ein fauler Hauch. Von Wolken verschleiert, schwebte hoch oben am Himmel der Mond. Manchmal blickte er zwischen den Wolken heraus. Aber seine Scheibe war gelb und verwischt und von einem großen Dunstkreis eingefaßt. An beiden Seiten der Kanäle waren auf krummen, aus dem Wasser herauswachsenden Pfosten kleine Lämpchen angebracht, die lange, von dem Spiel der kleinen flachen Lagunenwellen unterbrochene Lichtstreifen über das schwärzliche Wasser warfen. Und neben dem Wasser ragten schattenhaft die alten Paläste, die feine Spitzenarbeit ihrer verschnörkelten Marmorfassaden undeutlich erkennbar, in der Dämmerung. Nur hie und da schimmerte ein bleiches Licht über die Fenster einer der alten Prachtbauten. Im übrigen war die Farbe, mit der das Mauerwerk in den unruhigen wolkigen Nachthimmel hineingezeichnet war, ein eintönig stumpfes Grau. Der ganze Anblick hatte etwas unwahrscheinlich Romantisches und zugleich abgestorben Trauriges. Es war wie das Gespenst einer toten Stadt. Zuweilen schien es Hans, als ob seine Gondel stehen bliebe, und die Paläste glitten an ihm vorbei, langsam, feierlich hinschwebend zwischen dem monddurchschimmerten Frühlingshimmel, der nach Rosen duftete, und dem schwarzen Kanal, aus dem ein Hauch widerlicher Fäulnis aufstieg. Trauriges Schweigen ringsumher, nichts zu hören als das ängstliche, wimmernde Plätschern des Wassers, das um die abbröckelnden Grundpfeiler der alten Patrizierhäuser leckte, dann, in die tote Stille hinaustönend, der melancholisch langgedehnte Warnungsruf eines Gondoliers, worauf um die Ecke eines Kanals etwas Langes, Schmales, Schwarzes, Phantastisches glitt: ein Gespensterschiff, eine Gondel, und ehe sich's Hans versah, war auch die wieder verschwunden, nur die langsamen, feierlichen Ruderschläge klangen leiser und immer leiser zu ihm herüber. Da, aus der Ferne – erst nur wie ein Seufzer – drang's an sein Ohr, dann deutlicher, aber immer noch verschleiert... der nach Rosen duftende Wind trug's über den sumpfigen Kanal – ein Liebeslied mit Guitarrebegleitung gesungen: » lo son felice, t'attendo in ciel! « Es war magisch und wie alles Magische schauerlich. Näher und näher kam's – jetzt glitt's an der Mündung des Kanals vorbei, den die Gondel Hansens durchschiffte, eine Barke, von farbigen Lämpchen umleuchtet – vorbei – nur aus der Ferne tönte noch einmal: » lo son felice, t'attendo in ciel! « Das Lied war süß, aber man hörte deutlich, wie eine Saite der begleitenden Guitarre sprang ... Und Hans, welcher Venedig nicht kannte, war von dem gespenstischen Zauber der Stadt ganz benommen, zugleich begannen ihn allerhand unheimliche Ahnungen zu durchfrösteln: die Guitarre, deren Saite sprang mitten in der Begleitung eines Liebesliedes, die schwarze Gondel, die an ihm vorüberschwebte, gerade als er an den Bruder gedacht und sich gefragt hatte, in was für einem Zustand er ihn wohl antreffen würde. Bis dahin hatte ihn im Lauf seiner ganzen Reife eine gereizte Ungeduld begleitet. Seit jenem unerquicklichen Beisammensein mit dem Bruder in Brighton war ihm jedes Gefühl für die verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit mit Konrad entschwunden. Und als er das Telegramm erhalten hatte in Berlin, das ihn an das Sterbebett des Verwundeten rief, war es ihm gewesen, als ob er aus allen seinen angenehmen und anheimelnden Lebensbedingungen herausgerissen worden wäre, um einen Fremden sterben zu sehen. Aber jetzt mit einemmal überkam ihn etwas von seiner alten brüderlichen Zuneigung, verschärft durch ein Gefühl der Reue. Warum hatte er den Zug versäumen müssen in Wien, warum hatte er so vielerlei unternommen – nur, weil es ihm langweilig gewesen war, ruhig auf den Anschluß zu warten! Er würde am Ende Konrad nicht mehr am Leben finden, und es würde seine Schuld sein. Nun ja – Konrad nicht mehr am Leben zu finden, darüber hätte er sich getröstet, aber daran schuld zu sein, das wäre gräßlich gewesen; er gab sich keine Rechenschaft darüber, aber es war so. Er hätte den Augenblick seiner Ankunft hinausschieben mögen, aber noch eine Wendung der langen, schwarzen Gondel, und man war angekommen. Herr Walter, der freundliche Wirt des Hotels Britannia, trat ihm auf dem kleinen, hölzernen Uferdamm entgegen. Hans nannte seinen Namen; er dachte, der Wirt würde ihm daraufhin sofort die Mitteilung machen, vor der er sich fürchtete. Aber der Wirt versicherte nur, es sei ein Zimmer vorbereitet für den Herrn Grafen, und der Hausknecht bemächtigte sich seines Gepäcks. Dann ging Hans durch den großen, flachen Flur, der zugleich den beliebtesten Zusammenkunftsraum für die Gesellschaft des Hotels bildete und in dem zwischen steifen grünen Fikus und rosigen, nach bitteren Mandeln riechenden Oleanderbäumen, um blank polierte Tischchen herum, lustig plaudernde Menschen, Männer im Gesellschaftsanzug, Damen in hellen Kleidern, gruppiert waren. Ein sehr junges Mädchen las einem jungen Mann den Charakter aus der Hand, wobei sie forschend mit ihrem zarten Zeigefinger der Lebenslinie nachtippte. Der junge Mann hatte sehr rote Ohren und sah verlegen aus. Ringsumher tönten Lachsalven. Es durchschauerte Hans; dann sagte er sich, die Leute würden nicht so laut lachen in einem Hause, wo ein Toter lag. Aber dieser Trost galt nichts, er wußte ja, daß in einem Gasthof der Tod verleugnet wird wie eine Sünde. An dem Portier vorbei, dessen großmächtiger Schreibtisch am äußersten Ende des Flurs, knapp neben der Thür des verglasten Lichthofes stand und der soeben für zwei Touristen den besten Zug nach Padua in seinem Kursbuch suchte, trat er in Begleitung des Wirtes, auf den Lift zu. Dort endlich entschloß er sich zu bemerken: »Eh' ich in mein Zimmer geh', möcht' ich bei meinem Bruder vorsprechen. Wollen Sie mich in seine Wohnung führen?« Und erst als der Wirt in gleichgültig sachlichem Ton erwiderte: »Wie der Herr Graf befehlen!« sagte er: »Geht's besser?« Der Wirt zuckte etwas mutlos die Achseln: »Immer im Gleichen!« Hans atmete auf: Konrad lebte! ‹ In einem freundlichen Appartement im dritten Stock fand er den Bruder. Man hatte ihm das Bett in den Salon gestellt, weil es das geräumigste Zimmer des kleinen Gelasses war. In Eisumschlägen verpackt bis unter die Achselhöhlen, lag Konrad halb aufgerichtet in den Kissen, die Hände auf der Decke vor sich ausgestreckt. Das Gesicht und die Hände waren beide wachsbleich. Die Schwägerin saß am Fußende des Bettes in einem fleckigen roten Schlafrock mit türkischem Besatz, ein weißes Tuch um die Stirn geknüpft. Als Hans eintrat, erhob sie sich und kam ihm ziemlich übellaunig entgegen. »Quel malheur!« rief sie. »Quel malheur!« Konrad öffnete die Augen, »Hans!« murmelte er, »also bist du doch gekommen!« »Aber, Konrad, wie konntest du zweifeln! ... Wie geht's?« ... Hans faßte den Bruder bei einer der blassen Hände, die so kraftlos auf der Decke lagen. Die Hand war heiß und trocken. »Wie's geht? – in zwei Tagen werde ich sterben – ich hoffe wenigstens...« »Konrad!« rief vorwurfsvoll Sascha und brach in einen Strom von Thränen aus. »Ach, laß mich um Gottes willen – nur nicht den Lärm!« stöhnte Konrad; dann die Faust ballend: »Wirf sie hinaus, hörst du – wirf sie hinaus!« Das Fieber brannte ihm in roten Flecken auf den Wangen. Hans trat an die Schwägerin heran. »Ich denke, es ist besser, Sie entfernen sich – Sie sehen, er spricht im Fieber. Gönnen Sie ihm Zeit, sich zu beruhigen!« »Ach, im Fieber!... Es ist immer dasselbe – nicht einmal vor den Kellnern weiß er sich zu beherrschen! C'est une honte – une honte – une honte! »Ich pflege ihn wie ein kleines Kind, hundertmal am Tag braucht er mich, und wenn er mich einen Augenblick nicht braucht, so jagt er mich hinaus. Es ist eine Schande, ja, eine wahre Schande, eine Schmach!« Damit ging sie. »Mach das Fenster auf, ich kann den Geruch nicht vertragen, er ist mir widerlich!« stöhnte Konrad. Hans öffnete das Fenster, dann setzte er sich an das Bett des Bruders. »Ist Monika nicht hier?« fragte er. Konrad schüttelte den Kopf. »Ich will nicht, daß sie kommt,« sagte er; »wenn ich das gewollt, hätte ich längst um sie telegraphiert – aber hm, es war ohnedies schwer, sie von Sascha loszureißen. Jedesmal in den Ferien hat's Scenen gegeben, denn wenn das Mädel und die Mutter sich eigentlich recht schlecht vertragen, so sind sie doch nicht auseinanderzubringen, sobald sie wieder zusammengekommen sind. Weißt du – Sascha hat eins – sie macht's einem unglaublich bequem im Leben! ... Man braucht sich nie für irgend etwas zu schämen neben ihr!« Er schwieg erschöpft... Dann mit noch matterer Stimme: »Sie verwöhnt nicht... sie demoralisiert!... Na, jetzt ist's zu End'... zu End'!« Er blickte weit vor sich hin, hob ein wenig die Hände und ließ sie wieder sinken ... »Hans!« »Konrad!« »Ich habe eine Bitte. Du ahnst es wohl, daß ich dich nicht nur hercitiert habe, damit du mir's Sterben... das ist das Wort, Sterben« – er stieß die zwei Silben mit großer Bitterkeit heraus; es waren die einzigen, die er fast laut sprach – »das Sterben erleichterst – nein!... Es handelt sich um mein armes Mädel. Willst du mir versprechen, dich ihrer anzunehmen? Willst du ihr Vormund sein?« »Von Herzen gern,« versicherte Hans und reichte ihm die Hand. »Ich danke dir ... sie soll nicht zu ihrer Mutter zurück. ... Laß sie in der Pension. – Und wenn du einmal verheiratet bist – dann bitt' deine Frau .. . du bist einer, dem keine Frau leicht etwas abschlägt, bitt' deine Frau, sich ihrer anzunehmen, dann wird sie geborgen sein!« »Gewiß – ich geb' dir meine Hand darauf! Da, Konrad. ... Nur noch eins . .. weiß unser Vater, daß du verwundet bist, hast du ihm telegraphieren lassen? Trotz allem, was euch auseinandergerissen hat im Leben – vielleicht gerade deshalb, würde er dich gewiß noch gern sehen wollen.« Konrad schüttelte den Kopf. »Gern sehen ... was würde er sehen? Es wäre, als ob er einen Sarg aufreißen ließe, um jemand zu sehen, der schon längst tot ist; was findet er? Einen Haufen Fäulnis, das ist alles! Ist auch schon längst nichts mehr übrig von mir als ... na, weiter.... Er braucht mich nicht mehr zu sehen; aber eh' ich mich da draußen am Campo Marte vor die Pistole Neveris gestellt hab' ... er hatte recht und ich hatte unrecht, darum hab' ich mich auch zusammenschießen lassen, drum ... und auch ... ach! ... Nun, vordem hab' ich einen Brief an meinen Vater geschrieben – den bring ihm – und ... wenn's nicht deutlich genug darin stehen sollte, wie leid mir's thut, daß ich ihn so tief gekränkt habe im Leben, so sag's ihm von mir! ... War alles nicht der Mühe wert ... nicht der Mühe wert, nicht der Mühe...« Konrad unterbrach sich. Die Barke mit den zwischen allen Schatten von Venedig herumirrenden Liebesliedern glitt jetzt unten vorbei, Konrad horchte... Eine weiche, wollüstige Melodie schwebte durch das geöffnete Fenster mit dem Wind, der nach Rosen duftete, und nach der faulen Ausdünstung des Kanals. Einen Augenblick hielt die Barke unten; dann glitt sie vorbei. »... nicht der Mühe wert ...« murmelte Konrad. Durch den Korridor tönte ein Schritt; er hielt vor der Thür des Kranken. Es war der Doktor, ein großer Mann mit einem roten Gesicht und breitem Nacken, dessen Hauptgeschicklichkeit darin bestand, seinen sterbenden Patienten die unwahrscheinlichsten Hoffnungen glaubwürdig darzustellen und sich ausgezeichnet dafür bezahlen zu lassen. Hans stellte sich ihm vor, doch der Arzt schien über seine Persönlichkeit orientiert zu sein. Er war gekommen, um nach dem Stand der Wunde zu sehen und die Eiseinpackung Konrads zu erneuern, wobei ihm Hans behilflich war. Als er dem Sterbenden versichert hatte, daß es über Erwarten gut mit ihm stünde, seufzte er tief, worauf er sich mit der breiten Zange über die trockenen Lippen fuhr, die einer Anfeuchtung zu bedürfen schienen, und sich in dem Zimmer umsah wie nach etwas, das er dort zu finden gewohnt war. »Der Sherry steht dort,« murmelte Konrad, die eine Hand ein wenig aufhebend. »Ach, richtig – Sie denken doch noch an alles, Herr Graf – an alles! Das ist ein gutes Zeichen – ein sehr gutes Zeichen!« Damit schenkte er sich ein sehr großes Glas voll Sherry, trank's auf einen Zug aus und verabschiedete sich. Hans gab ihm das Geleit. Als er zurückkam, fragte Konrad: »Wie steht's?« Hans, unvorbereitet, zögerte mit der Antwort. Worauf Konrad mit gereizter, heiserer Stimme murmelte: »Du kannst mir die Wahrheit sagen; ich fürchte mich nicht vor dem Sterben. Im Gegenteil, ich wünsche mir den Tod.« Und Hans, der diesen Ausspruch buchstäblicher nahm, als solche Aussprüche zumeist genommen werden sollen, faßte Konrad bei der Hand. »Alter!« murmelte er. »Ach, also ganz hoffnungslos? In den nächsten vierundzwanzig Stunden?« Konrad zog den Atem fast pfeifend zwischen seinen Lippen ein, dann biß er die Zähne fest aufeinander. Hans fragte den Bruder, ob er nicht einen Priester wünsche. Aber Konrad schob die Brauen zusammen und schüttelte den Kopf. Die Stunden vergingen. Hans hatte auf des Bruders Bitte das elektrische Licht abgedreht. Das Zimmer, in dem er sich mit dem Sterbenden befand, war dunkel bis auf den Schimmer, der vom Kanal herauf durch die Fenster drang, und den gedämpften Lichtstrahl, der durch die halboffene Thür des Zimmers kam, in das sich Sascha zurückgezogen hatte. Anfangs hörte man sie leise wimmern und weinen, nach und nach verstummte sie. Hans stand auf, spähte durch die Thür; er dachte, sie kniee irgendwo im Gebet versunken auf dem Boden – aber nein! ... Sie saß an einem Tisch, auf dem neben einer Puderquaste und einer Weinflasche eine kleine, rotverschleierte Nachtlampe stand, und legte sich die Karten. Das Fieber stieg jetzt bei dem Sterbenden von Minute zu Minute. Seine Schmerzen wurden qualvoll, sein Bewußtsein verwirrte sich immer mehr und mehr, bis zu Delirien, die von kurzen Momenten der Zurechnungsfähigkeit unterbrochen und von entsetzlichen Angstgefühlen durchzogen wurden. Er schrie einmal um das andere: »Vater!... Hans! Vater... Vater!« mit einer schrecklichen, heiseren, krächzenden Stimme. Manchmal rief er auch: »Mutter!« Dann aber wurde die Stimme viel dünner und weicher, fast als ob er sich in seine Kindheit zurückversetzt geglaubt hätte... Nach dem, was Hans aus den wirr durcheinander gestammelten Worten des Sterbenden entnehmen konnte, wurde Konrad von dem Wahn gequält, sich in einem finsteren Wald verirrt zu haben, in dem schreckliche Ungeheuer, die er nicht sehen konnte, durchs Dickicht um ihn herum raschelten und ihn mit heißem Atem anfauchten. Hans machte Licht, aber das konnte Konrad auch nicht aushalten. Wenn er Licht sah, war's ihm, als ginge der ganze Wald in Flammen auf. Er schrie wie ein Wahnsinniger. Hans hatte Mühe, ihn im Bett zu halten. Sascha wollte ihm helfen, aber ihr Erscheinen vermehrte die Aufregung des Unglücklichen; sie durfte nicht bei ihm bleiben. Draußen auf dem Korridor öffneten sich verschiedene Thüren, geängstigte Touristen verließen ihre Zimmer, um sich gegenseitig zu beklagen. So etwas war nicht zum Aushalten, man mußte mit dem Wirt sprechen! Hans schickte noch einmal zu dem Doktor. Aber der Doktor kam nicht; er war nicht zu finden. Gegen drei Uhr morgens fiel plötzlich das Fieber, die Schmerzen hörten auf. Hans erschrak. Der Doktor hatte ihn darauf aufmerksam gemacht, daß dies kurz vor dem Tode geschehen würde und daß es ein sehr schlechtes Zeichen sei. Das Bewußtsein kehrte zurück. »Hans!« rief Konrad mit einer Stimme, die so schwach und verändert war, daß Hans sie nicht als die des Bruders erkannt hätte, »Hans!« »Hast du noch einen Wunsch, Konrad?« Hans beugte sich über ihn. »Ja ... einen ...« Konrad sprach sehr langsam, seine Stimme klang schwächer, immer schwächer, es war, als rücke sie in die Ferne. »Es ist wegen meines Grabes ... früher dacht' ich, es wär' mir einerlei, aber ...« »Du wirst doch bei uns liegen, Konrad, in unserer Gruft in Stiblin?« Er schüttelte den Kopf. »Nein ... aber auf der Pawlowska – du weißt, oben – von wo man auf die Elbe hinunterschaut – ein freier Platz – knapp am Walde – das duftet – nach Quendel – und frischer ... streichender Luft ... frischer.... Dort steht ein altes schwarzes Kreuz – und vor dem Kreuz hat mich meine Mutter als kleines Kind zum erstenmal – niederknieen und ein Gebet sagen gelehrt ... dort ...« »Ja, Konrad, ja! Sei ganz ruhig, Konrad!« Konrad drückte ihm schwach die Hand und versank in dumpfes Schweigen. Mit einemmal war das Zimmer voll Licht, voll glänzendem, feierlich reinem Morgenlicht – die Glocken in den Kirchen fingen an zu schwirren. Hans hörte ein leises Knistern und Rauschen – er sah auf – in der Thür stand Sascha mit rotgeweinten Augen, die Karten in der Hand. Plötzlich bemerkte er, wie sie die Karten fallen ließ – ihr Gesicht wurde grünlich blaß. Hans blickte nach Konrad. – Er war tot. In dem Leben Marie Rheinsbergs ging alles seinen gewohnten Gang, wenigstens äußerlich. Aber die innere Harmonie ihres Denkens und Empfindens war gänzlich gestört. Das Fieber zehrte an ihr, eine Unruhe, deren sie nicht mächtig werden konnte. Und anfangs war sie selber im unklaren über den Grund ihrer inneren Zerfahrenheit gewesen; aber plötzlich erkannte sie's, wonach ihr Herz verlangte, nach wem sie sich Tag und Nacht sehnte. Ein Blitz, so ein scharfer Gefühlsblitz, wie er manchmal plötzlich unser ganzes Wesen zerreißt, hatte ihre Seele aufgehellt und ihr schonungslos die Wahrheit gesagt. Marie kämpfte mit ihrer Sehnsucht, mit ihrer Neigung. Hundertmal des Tages mußte sie mit irgend einem Gefühl, einem Gedanken ringen, der sie zu ihm zog. Es war ein aufregendes, böses Ringen, aber der rechte Schmerz, der rechte Ernst war noch nicht dabei. Es war doch immer eine wilde, unsinnige Freude, mit der sie rang, und mochte sie thun, was sie wollte, während des Ringens kam die Freude, die sie töten wollte, ihr näher und schmiegte sich enger, wärmer an ihre Seele, so daß Marie es schließlich besser fand, sich nicht mit dem unnützen Bekämpfen des mächtigen Gefühls weiter abzugeben, sondern in ihrem Herzen wachsen zu lassen, was wachsen wollte, und, so gut es ging, darüber hinwegzuleben. Aber es ging eben nicht gut. Bei einem Ballfest, das die Frühlingssaison einleitete, hatte sie den Kotillon mit Hans Ronsky tanzen sollen. Das war nun unmöglich. Als das Fest kam, wurde sie verdrießlich, und obgleich sie indessen den Kotillon an einen der hervorragendsten Kotillontänzer von ganz Berlin verschenkt hatte, erklärte sie ihrem Gatten im letzten Augenblick, daß sie sich unwohl fühle und keine Lust habe, das Fest zu besuchen. Graf Rheinsberg zuckte die Achseln und meinte: »Wie du willst!« Aber sein Blick und seine Stimme waren so kalt, daß sie es sich doch noch anders überlegte und sich auf den Ball begab. Sie entfaltete aber an dem Abend nichts von ihrer gewohnten Liebenswürdigkeit, sondern zeigte sich wortkarg und launisch, und, was das Aergste war, sah elend aus, so elend, daß ihr die einen anrieten, Buzzi, die anderen Schweninger zu konsultieren. Sie ließ die Ratschläge geduldig über sich ergehen ohne darauf zu erwidern, ohne auch nur zuzuhören. So war eine Woche vergangen und einige Tage darüber. Marie wußte, daß Konrad gestorben war; so viel hatte ihr Hans in einem kurzen Briefchen mitgeteilt. Sie wußte, daß der Verstorbene zu Hause hatte begraben werden sollen, in Böhmen, und daß hierauf Hans nach Berlin zurückkehren würde. Sie erwartete ihn von einem Tage zum andern. Sie verzehrte sich vor Aufregung, sie tröstete sich damit, daß alles ins gewohnte Geleise zurückkehren würde, sobald er wieder da wäre, sobald sie keinen Grund mehr haben würde, beständig an ihn zu denken, weil sie zu oft die Freude haben würde, ihn zu sehen. Dann trat der kalte Blick ihres Mannes ihr ins Gedächtnis, die trockene Art, mit ihr zu reden, welche er in letzter Zeit angenommen hatte. Sie fragte sich, wie das werden sollte, ob der alte Herr Hans je wieder mit derselben freundlichen Unbefangenheit empfangen würde wie früher. Eine schreckliche Angst durchschauderte ihr die Adern und hemmte ihren Atem. Nein! ... In die liebe Vergangenheit gab's keinen Weg zurück. Ein rasender Zorn über sich selbst erfaßte sie, ein Zorn über den Mangel an Selbstbeherrschung, durch den sie ihr Gefühl verraten hatte. Und sie wußte eigentlich gar nicht, wie es gekommen war, daß sie sich verraten hatte, wann und wodurch es geschehen war. Nur so viel wußte sie genau, daß ihr Gatte, der so lange ihr warmer, alter Freund gewesen, den Grund ihrer inneren Aufregung ahnte, daß er unzufrieden mit ihr war. Manchmal durchklangen ihre Seele plötzlich die Worte: »Sollte ich dich vielleicht doch überschätzt haben, Marie?« Eine gewisse Feindseligkeit gegen ihn regte sich in ihr. Sie sagte sich, daß er sie mißverstand, daß er sie durch sein unerhörtes und unberechtiges Mißtrauen quälte. An etwas wirklich Unrechtes dachte sie ja nicht – nie. Im ungebundensten Traum war ihr das nicht eingefallen. Sie fing an, sich zu beobachten. Wenn zufällig die Rede auf Ronsky kam, so trachtete sie seinen Namen mit einer ganz besonders gleichgültigen Betonung auszusprechen. Manchmal machte sie eine abfällige Bemerkung über ihn. Aber sie sah bald ein, daß sie jeden anderen eher täuschte als den Grafen Rheinsberg. Die Verstellung war nicht ihre Sache, die Scham stieg ihr in die Wangen bei dem Gedanken, daß sie sich in dieser erniedrigenden Kunst versucht hatte. Und über all das innere Fieber, den inneren Schmerz ging das Leben äußerlich seinen gewohnten Gang. – – Der zehnte April kam: Maries Geburtstag. Er wurde gefeiert wie immer, etwas mehr als der letzte sogar, da sich diesmal Graf Rheinsberg ganz wohl befand und nicht wie im vergangenen Jahr den ganzen Tag in Watte verpackt neben dem Kamin verbringen mußte. Auch diesmal hatte Graf Rheinsberg seine junge Frau mit einer Auswahl der herrlichsten Juwelen beschenkt. Ein Wald von Treibhausblumen erfüllte die Bibliothek, in welcher der Aufbau der Bescherung hergerichtet worden war. Die vielen Sträuße, die mit Blumen gefüllten Vasen und Körbe sowie die blühenden Flieder- und Mandelbäumchen in geschmackvoll verkleideten Blumentöpfen konnten gar keinen Platz mehr finden auf den Tischen, der halbe Fußboden war damit bedeckt. Aber wie sehr sich Marie auch bemühte zu lächeln, zu danken – es war kein Licht in ihrem Lächeln, keine Wärme in ihrem Dank. Graf Rheinsberg merkte, daß sie beständig zwischen Visitenkarten, die an den Blumen staken, zwischen den Briefen und Telegrammen, die sich auf einer silbernen Platte häuften, etwas suchte; und jedesmal, wenn ein Telegramm hereingebracht wurde, wechselte sie die Farbe. Sie hatte einen Geburtstagsgruß von Hans erwartet. Aber der Vormittag verging, und es war kein Lebenszeichen von ihm eingetroffen. Den ganzen Nachmittag kamen Leute. Marie empfing sie alle mit demselben geistesabwesenden Lächeln und fiebrigen Blick, goß ihnen Thee ein, reichte die Bonbons herum, die sie aus allen Weltgegenden in den entzückendsten Kassetten – Schachteln konnte man das nicht nennen – zugeschickt bekommen hatte, und zeigte geduldig ihre Geschenke. Aber die gewohnte Lebhaftigkeit fehlte – man wunderte sich, daß es um Marie Rheinsberg herum so müde zugehen konnte. Mit einemmal belebte sich die Situation. Ein junger Sekretär aus dem auswärtigen Amt kam mit einem erschrockenen Gesicht und einem Extrablatt. Hatten die Herrschaften schon von dem entsetzlichen Bahnunglück gehört, das sich auf der Strecke zwischen Bodenbach und Dresden zugetragen? Der Wagen erster Klasse war zertrümmert, buchstäblich zertrümmert, zwei Wagen zweiter auch gänzlich zerschlagen, die Zahl der Opfer noch nicht festgestellt, die Leichen nicht agnosziert. Und gerade eine Bahnstrecke, die so viele Bekannte benutzten! Man zitterte vor den genaueren Nachrichten. Ein aufgeregtes Zusammenflattern, Durcheinanderfragen folgte der Mitteilung – dann Grabesstille. Aber aus dieser Stille heraus hörte Marie plötzlich ganz deutlich die Worte: »Der arme Ronsky ist ja schon tot – –« Ein Schwindel, eine Uebelkeit, eine Empfindung, als ob die Wände um sie herum schwankten, dann sich zusammenschoben. Alles Licht war ausgelöscht – eine fürchterliche Atemnot – für einen Augenblick, kurz, aber entsetzlich deutlich, das Gefühl des Lebendigbegrabenseins, dann nichts mehr ... Als sie wieder zu sich kam, lag Marie auf einer Chaiselongue in einem Zimmer, in dem keine Blumen, keine Geschenke und keine Gäste waren. Ihr Kleid war gelockert, eine gestickte Decke über sie ausgebreitet, rings um sie herum die Atmosphäre von einem scharfen Aethergeruch durchzogen. Ihr Mann stand neben ihr. Besorgt blickte er in ihre langsam und verwirrt zu ihm aufsehenden Augen. Sie legte die Hand an die Stirn, trachtete sich zurechtzufinden, ihre Gedanken tasteten in die Vergangenheit zurück – ein schmerzlich entsetzter Ausdruck durchzuckte ihre Züge. Ehe er sich noch ganz darauf ausgeprägt hatte, bemerkte Graf Rheinsberg: »Marie, dein Schrecken beruht auf einem Irrtum – Hans Ronsky lebt. Er ist vor einigen Stunden in Berlin angekommen. Der, von dem heute nachmittag die Rede war, ist sein Bruder!« Ein paar Stunden waren vergangen. Marie war von neuem in den Salon zurückgekehrt. Sie war noch zu matt, um zu denken und Entschlüsse zu fassen, um sich vor der Zukunft zu fürchten, sich die Zukunft überhaupt auszumalen. Sie konnte sich nur freuen darüber, daß Hans Ronsky noch lebte. Alles andere auf der Welt war ihr gleichgültig. Einen großen Teil der Blumen hatte sie wegtragen lassen, weil ihre gereizten Nerven den zu starken Duft nicht ertragen konnten. Aber ein Strauß Theerosen stand auf einem Tischchen neben dem großen Fauteuil, in dem sie lehnte. Sie hatte sagen lassen, daß sie heute keine Besuche mehr empfangen würde. Da hörte sie draußen im Flur eine Stimme, bei der ihr's wie eine elektrische Strömung durch die Glieder fuhr. Ihre von Aufregung geschärften Ohren vernahmen durch die schwere Thür hindurch die Worte: »Das thut mir unendlich leid – sagen Sie Ihrer Excellenz ...« Man wies ihn ab, man ließ ihn nicht vor! Alles zuckte in ihr! Ja, wie sollten denn ihre Leute ahnen, daß der Befehl, welcher die ganze Berliner Gesellschaft von ihrer Schwelle wies, nur für den einzigen nicht gültig war!... Aber nein ... einer von ihnen mußte es doch geahnt haben! Oder hatte Hans darauf bestanden, fragen zu lassen. Das lag sonst gar nicht in seiner korrekten, weltmännischen Art. Der Kammerdiener brachte seine Visitenkarte mit den Worten: »Herr Graf lassen fragen, ob er Excellenz einen Augenblick sehen könnte?« ... Eine Minute später trat er ein, in Trauerkleidern, aber mit einem feuchten Glanz in den Augen, den sie noch nie darin bemerkt hatte und dem ihr Herz entgegenjauchzte. »Marie!« – er kniete vor ihr nieder – »es war sehr indiskret von mir, Ihre Thür zu stürmen, aber ich hatte so sehr den Wunsch, Sie zu sehen! Man sagte mir, Sie seien unwohl, Sie sähen schlecht aus, Sie seien heute mitten in Ihrer Geburtstagsfeier ohnmächtig geworden.« Daß man ihm die Veranlassung des Schreckens, welcher ihre Ohnmacht herbeigeführt, mitgeteilt hatte, verschwieg er zartfühlend, aber sie las es doch aus seinen Augen. Sie errötete, und etwas von ihm wegblickend, murmelte sie: »Ich war allerdings die letzte Zeit nicht ganz auf dem Posten, und heute die Hitze, die vielen Menschen, der starke Blumenduft! Ich habe fast alle Blumen hinausschaffen lassen müssen, es war heute ein Wald ... ein Wald!« »Und von mir war kein Strauß da!« sagte Hans. »Und seit Wochen hatte ich mich darauf gefreut, Ihren Geburtstag ganz besonders zu schmücken; ich hatte bereits eine solche herrliche Kombination im Kopf ...« »Und heut haben Sie vergessen.« Sie lächelte matt. »Ich ... aber Marie!« Er hatte sich auf einen kleinen Sessel niedergelassen, auf dem er fast zu ihren Füßen saß. »Aber Marie! ... nein, nichts hatt' ich vergessen, und den ganzen Tag hab' ich an Sie gedacht; aber Ihnen aus meiner tiefen Trauer heraus« – er blickte auf seine Kleider herab – »Blumen schicken – das könnt' ich nicht! Ich hatte mir vorgenommen, spät zu kommen, wenn alle Gäste gegangen wären, um Ihnen Glück zu wünschen, und als mich die Nachricht traf, Sie wären unwohl geworden und empfingen nicht mehr, mußte ich wenigstens nach Ihrer Gesundheit fragen. Ach, ich bin Ihnen so dankbar dafür, daß Sie mich empfangen haben ...« »Ja, aber Sie müssen versprechen, nicht lang zu bleiben ...« »Ich gehe gleich ...« »Nein, noch eine Minute ...« Die Worte flogen hin und her, hastig, fiebrig, ohne deutlichen Sinn; es waren eigentlich gar keine rechten Worte, nur die in Silben ausklingenden Schläge von zwei fiebernden Herzen, die sich riefen und antworteten. Marie gegenüber, hinter dem Rücken des ihr zu Füßen kauernden jungen Mannes, öffnete sich die Thür. Graf Rheinsberg sah herein, trat jedoch sofort zurück. Hans war so vertieft gewesen, daß er die Thür nicht hatte gehen hören. Aber Marie konnte sich nicht mehr sammeln. Ihre Stimmung war gestört. »Ich habe mich sehr gefreut, daß Sie gekommen sind, aber ... ich bin doch sehr müde ... es ist besser, Sie gehen jetzt!« »Adieu! Ach, es war so wunderschön, wieder bei Ihnen zu sein!« Sie saßen einander gegenüber an jenem Abend bei Tisch, wie so viele Abende, Graf Rheinsberg und seine junge Frau. Den Gästen, welche gebeten gewesen waren, hatte man Maries wegen wieder abgesagt. Die Eheleute befanden sich allein. Graf Rheinsberg sprach in seiner sachlichen Art von politischen Tagesneuigkeiten und gesellschaftlichen Ereignissen. Marie konnte nicht reden; sie hatte deutlich das Gefühl, daß sich etwas Entscheidendes vorbereite. In welcher Form es kommen würde, davon fehlte ihr jede Ahnung. Nach dem Diner verfügten sich beide in die Bibliothek wie alle Tage. Marie schenkte den schwarzen Kaffee ein, Rheinsberg trank seine Tasse stehend in einem einzigen Zug aus. Während er sie niederstellte, heftete er die Augen auf Maries Porträt, das über dem Kamin hing. »Das Bild ist sehr ähnlich,« sagte er, »nur macht es dich um zehn Jahre älter! Ich möchte wissen, ob du in zehn Jahren so oder ganz anders aussehen wirst.« »Was meinst du, Wilhelm?« fragte sie, durch seine Worte unbestimmt erschreckt. »Ich meine, daß es noch gar nicht ausgemacht ist, nach welcher Richtung hin sich deine Individualität entwickeln wird.« Sie erwiderte nichts. Er ging zweimal in dem großen Gemach auf und ab, dann knapp vor Marie stehen bleibend, sagte er kurz: »Marie, möchtest du dich scheiden lassen?« Sie fuhr zusammen. »Wilhelm, woran denkst du ... ich versichere dir ...« Wie versteinert war sie in ihrem Lehnstuhl sitzen geblieben. Er setzte sich ihr gegenüber, sein Gesicht war sehr ernst, aber von keinem zornigen, eifersüchtigen, unedlen Gefühl aufgeregt oder entstellt. »Du willst mich versichern, daß du dir mir gegenüber nichts vorzuwerfen hast. Das weiß ich so gut wie du selbst. Du bist noch makellos, aber ... Marie ... es fängt an, dir schwer zu fallen!« Sie senkte den Kopf. Er rückte etwas näher an sie heran, und seine Stimme klang weicher. »Du mußt nicht glauben, daß der Zorn aus mir spricht,« sagte er, »oder die kleinliche Eifersucht eines alten Mannes. Nein, aus mir spricht die Angst eines Freundes, der um die Zukunft eines seinem Herzen sehr nahe stehenden Menschen besorgt ist, außerdem spricht aus mir die Reue eines alten Mannes, der schlecht an einem jungen Mädchen gehandelt hat und es gut machen möchte.« »Du schlecht an mir gehandelt ...?« Sie strich sich die Haare aus der Stirn. »Ja, Marie. Du interessiertest mich vom ersten Augenblick, da ich dich erblickt hatte. Sehr bald kam mir der Wunsch, dir im Leben ein wenig zu helfen, etwas für dich zu thun. Das hätte ich ja auch können, aber ich durfte nicht deine Notlage ausnutzen, um dich an mich zu ketten. Anfangs ging die Sache ja gut, du schienst dich in deiner außergewöhnlichen Existenz so zufrieden zu fühlen, daß sich die Skrupel, welche ich mir sehr bald nach meiner Verheiratung zu machen begonnen hatte, wieder verflüchtigten. Du warst so wundervoll, so eigentümlich, so einzig in deinem Wesen, daß ich dich für etwas fast Ueberirdisches ansah – mich daran gewöhnte, Uebermenschliches von dir zu erwarten. Ich hatte unrecht – ich seh' es ein.« Er hielt inne. Sie war keines Wortes mächtig. Weiß wie Alabaster, mühsam atmend, lehnte sie in den dunkelroten Polstern. »Wenn ich ein jüngerer Mann wäre,« begann er von neuem, »so hätte ich kurzen Prozeß gemacht und Hans Ronsky irgendwie aus meinem Hause entfernt. Ich hätte dein momentan betäubtes, aber sehr starkes Pflicht- und Ehrgefühl wachgerufen, was mir nicht schwer gefallen wäre, und ich bin überzeugt, binnen kurzem wäre die Sache beigelegt gewesen. Da ich aber um siebenunddreißig Jahre älter bin als du, darf ich nicht so schroff vorgehen. Ich geb' dich frei! Und indem ich dich freigebe; dank' ich dir noch für die schönen zehn Jahre, die ich mit dir verlebt habe. – Ich weiß, daß eine Scheidung bei euch Katholiken große Schwierigkeiten macht, eine Wiedervermählung einen Religionswechsel im Gefolge hat; ich weiß auch, daß das alles deine Vereinigung mit Ronsky erschweren würde. Aber in unserem Falle ist vielleicht mehr als eine Scheidung, es ist eine Ungültigkeit unserer Ehe zu erreichen. Und ich will, was ich an politischen Verbindungen habe, daran setzen, um sie für dich durchzuführen. Antworte mir heute nicht, Marie. Du bist nicht fähig dazu. Ueberlege dir die Sache, und wenn du sie reiflich überlegt hast, dann komm zu mir und teile mir deinen Entschluß mit. Und jetzt: gute Nacht!« Sie hatte sich niedergelegt. Wie sie in ihr Bett gekommen war, hätte sie später nie mehr zu sagen vermocht. Das Bewußtsein von allen äußerlichen Dingen war ihr abhanden gekommen. Sie wußte nicht mehr, was um sie herum geschah, sie wußte nur, was in ihr vorging. Erst war's nur eine entsetzliche Angst, eine Angst vor der siegreichen Schwäche, die uns der Willenskraft beraubt; eine Angst vor dem großen Wahnsinn, der uns um unsere Zurechnungsfähigkeit betrügt. Und der Wahnsinn war da, von allen Seiten schmiegte er sich an ihre Seele! Ach, und er war schön! ... Es war, als ob sich blühende Zweige durch die Risse von kahlen Mauern streckten, kahle Mauern eines Gebäudes, das noch vor kurzem stolz und stark war, und in das nun ein Blitz hineingefahren ist. Warum mußte man die Blüten hinausstoßen – warum sollten die Mauern kahl bleiben ...? Mochte doch von den zerrissenen Mauern fallen, was noch fest geblieben war, was noch aufragte, was einen noch hinderte und beengte, damit man ganz frei hinaufjauchzen konnte in den sonnendurchglühten blauen Himmel und untergehen in einem Meer von Blüten! Ah! ... der Wahnsinn ... Sie hatte Mühe, nur einen Zipfel ihrer alten sittlichen Überzeugungen zu erhaschen, um sich daran festzuhalten, um nicht zu versinken. Und es war so angenehm dieses Gefühl des langsamen Sinkens, des Fallenlassens einer großen Last – des Aufhebens seines Ichs! Ihr Schicksal lag in ihrer Hand. Ihr Mann gab sie frei, und Hans ... heute zum erstenmal hatte sie es gemerkt: Hans liebte sie. Warum noch zögern? Aber da kam ein ganz anderer Gedankenstrom. Sie sah die Kapelle vor sich, in der sie dem alten Mann angetraut worden war; sie sah die mitleidigen, befremdeten Gesichter, mit denen ihr ihre Angehörigen nachblickten, während sie zum Altar schritt; nicht nur ihre Angehörigen, auch die Armen des nächsten Dorfes, ihre Armen – selbst die Allerärmsten bemitleideten sie. Dann dachte sie ... an den nächsten Morgen – den Morgen, wo sie mit einemmal die Blicke begriffen, und erkannt hatte, welchen Preis sie für die Veränderung ihrer Lebenslage gezahlt. Sie dachte, was sie in all diesen Jahren dafür genossen. Wie viel dazu gehört hatte, um ihre schiefe Stellung gerade zu richten, so daß niemand mit den Augen zu zwinkern wagte über sie. Und sie sagte sich, daß, wenn sie jetzt fahnenflüchtig würde, sie nichts Besseres war als ein armutsscheues Mädchen, das ihre Jugend an einen Greis verkauft hatte für ein gutes Leben. Das Fieber schüttelte sie. Ihr war's, als ob alles an ihr, alles, was mit ihr in Berührung kam, in Flammen aufginge. Sie sprang aus dem Bett, öffnete das Fenster, das Fenster, das in den Garten sah, in dem die Rosen nicht blühen konnten, weil die Mauern ringsherum zu hoch waren, und in den sich im vorigen Jahre doch eine Nachtigall verirrt hatte. Sie hakte die Fensterrahmen gegen die Wand – o, sie war stark und geschickt, wußte sich selbst zu bedienen! Dann kroch sie in ihr Bett zurück. Durch das Fenster schwebte eine herbe Kälte, sie drang ihr bis ins Mark, bis ins Herz. Eine große Beruhigung überkam sie, sie atmete freier. Der Wind blies scharf, eisig, die Zweige der Bäume im Garten unten ächzten. Eine große Traurigkeit stieg in Maries Seele auf, ein Mitleid mit den armen Knospen, die die kalten Schatten der hohen Mauern hinderten aufzublühen. Dann verschwand auch das. Ihre Atemzüge kamen lang und regelmäßig – die Schlacht war gewonnen. Sehnsucht und Schmerz würden noch kommen und sich hinschleppen, vielleicht jahrelang, wie nach jeder Schlacht. Aber die Unruhe, der Kampf, die waren vorbei. Sie wußte nun, was sie zu thun hatte, und würde es thun. Eine feierliche und stolze Wehmut überkam sie, die Wehmut, mit der man die Toten begräbt, die siegreich für eine gerechte Sache gestorben sind. Sie dachte an den sonderbaren Traum, den sie damals an ihrem Geburtstage geträumt hatte. Die großen Flügel hatten sie emporgetragen, hinweg von dem blühenden Garten, in dem die Nachtigallen sangen. Am nächsten Morgen, als Graf Rheinsberg in seinem Ankleidezimmer frühstückend seinen Thee trank und die Zeitung las, klopfte es leise an seine Thür. »Marie!« rief er; er ahnte, daß sie es war. Sie sah noch blasser aus als am Tage vorher; aber die träge Schwermut war aus ihrer Haltung geschwunden. Sie hielt sich sehr gerade und kam auf ihn zu, rasch, freundlich lächelnd, mit einem Lächeln, das die Schatten unter ihren Augen dunkler zeichnete. »Hast du gut geschlafen?« fragte sie ihn. »Nein! – Und du?« »Gar nicht,« erwiderte sie, und dann setzte sie sich ihm gegenüber. Eine kleine Weile blieben sie beide stumm. Sie spielte mit einem Falzbein aus Ebenholz, das auf dem Tische lag, wo des Grafen Frühstückzeug stand. Plötzlich hob sie an; ihre Stimme klang heiser, und sie sah ihm nicht in die Augen beim Sprechen: »Wilhelm! Willst du mir einen Gefallen thun?« »Marie! ... Du weißt ...« »Ja, Wilhelm, ich weiß, wie gut du immer zu mir warst. Willst du dir von deinem Arzt eine Badekur verschreiben lassen, irgend wohin, recht weit weg von Berlin. Ich möchte mit dir fort! Gleich ... so bald als möglich!« »Marie, hast du dir's gut überlegt?« Sie senkte den Kopf. »Es war nichts zu überlegen, ich bin nur aus einer Betäubung erwacht – das ist alles!« »Marie!« »Ja, ich bin erwacht, und da hab' ich mich erinnert an Dinge, die ich vergessen hatte ...« Sie sprach ungleich, bald hastig, bald langsam, immer sehr leise: »Alles, was ich im Leben Gutes und Schönes genossen habe, verdank' ich dir – aber ... davon sprechen wir lieber nicht – ich verdank' dir mehr. Ich war ein unzufriedenes, unreifes, zerfahrenes Ding, als du mich nahmst. Du hast mich erzogen, du hast mich sehen und verstehen gelehrt. Du hast mich zu der Frau gemacht, die jetzt vor dir steht und sich schämen würde, der hohen Meinung, welche du von ihr gehegt hast, nicht würdig zu sein.« »Aber, Marie! Verlang nicht mehr von dir, als du zu leisten vermagst – bedenke, dein Entschluß ist bindend ein für allemal – ein zweites Mal komme ich auf die Sache nicht zurück. Ich kann noch viele Jahre leben!« »Ich hoff's!« flüsterte Marie. »Und ich werde jedes Jahr segnen!« »Marie!« »Ja!« Sie sprach jetzt kaum hörbar. »Das ... das andere, das ist eine Krankheit, ein Wahn – sprechen wir nicht davon! Es wird vorübergehen ... ich hoffe – wenn du mir hilfst. Aber mein Gefühl für dich wird bleiben. Ich habe niemand auf der Welt so gern gehabt wie dich, seitdem sie mir die Mutter begraben haben.« Sie kniete nieder neben dem alten Mann und küßte seine Hand. Er sagte nichts, entzog ihr nur seine Hand und legte sie auf ihren gebeugten Kopf. Die Berührung dieser kühlen Hand that ihr wohl. Ein seltsames Gefühl der Beruhigung überkam sie; dasselbe Gefühl, das sie heute im grauen Morgendämmer überkommen, als sie das Fenster geöffnet hatte und der eisige Windhauch über ihren heißen Körper gestrichen war. – – Es ist um drei Jahre später – in Böhmen – und zwar auf Schloß Wodanka, dem Herrensitz des Grafen Miroslaw, desselben Grafen Miroslaw, welcher damals, am Tag der Promotion Hans Ronskys, der Begeisterung seiner Standesgenossen widersprechend, den Leistungsfähigkeiten der neuen Leuchte von Oesterreich eine so skeptische Beurteilung entgegengesetzt hatte. Das Ehepaar Miroslaw, ebenso die seit acht Tagen sich in Wodanka aufhaltende Schwester Hans Ronskys, Gräfin Leontine Woronitzky, befinden sich im Salon, nicht in dem großen mit Gobelins bespannten, in dem man Gäste zu empfangen pflegt, sondern in einem kleinen, freundlichen, intimen, der sich an die Zimmer der Gräfin Miroslaw anschließt. Außerordentlich traulich, hat das Gemach doch gar nichts von dem fein ausgeklügelten Raffinement der »modernen« Einrichtungen. Möbel und Wände sind mit lustig geblümter Cretonne bezogen; an den Wänden hängen ein paar Bilder in altmodischen Goldrahmen, Familienporträts, meistens von Schrozberg: Graf Miroslaw in der Kammerherrnuniform, seine Gattin im weißen, spitzenbesetzten Atlaskleid, dekolletiert, mit einem hermelingefütterten Mantel über der linken Schulter und kurzen, nur wenig über das Handgelenk hinausreichenden weißen Handschuhen. Ende April. Das Mittagessen ist vorüber. Draußen gießt's, im Kamin prasseln ein paar dicke Holzscheite, die bis in die Mitte des Zimmers hinein Funken sprühen und einen harzigen Geruch ausströmen. Durch die geschlossenen Fenster sieht man, von grauen Regenschleiern abgetönt, den sich in frühlingsmäßiger Farbenungleichheit hinziehenden Park. Hie und da ein Stück zarten Grüns zwischen sich noch kahl in den blassen Himmel hineinzeichnendem Gezweig. Es ist wie ein hastig angetuschtes Aquarell, unfertig, aber vielversprechend. Das Rauschen des Regens, das Rieseln des Wassers aus den Dachrinnen tönt in das Prasseln der flammenden Holzscheite. Dazwischen, weich zwitschernd, hört man das Stimmchen eines irgendwo zwischen zartem Laub zusammengeduckten Vogels, der vergeblich nach der Sonne späht. »Ist das gemütlich!« ruft die Hausfrau aus. Sie sitzt neben dem prasselnden, nach brennendem Holz duftenden Kamin und strickt an einem weißen Kinderdeckchen, welches für ihre Schwiegertochter, die Gattin ihres ältesten, erst seit einem Jahr verheirateten Sohnes, bestimmt ist. Es ist ein ganz gewöhnliches Deckchen, aber die Gräfin häkelt es mit großer Sorgfalt auf einem über ihre Kniee gebreiteten weißen Tuch. Infolgedessen ist es blendend weiß geblieben, sieht freundlich und appetitlich aus, und Gräfin Klotilde Miroslaw freut sich bereits darauf, es, mit rosa Bändchen durchzogen, auf der Wiege ihres ersten Enkelkindchens ausgebreitet zu sehen. Sie ist eine hübsche, rosige Frau in den Vierzigern, mit einem wohlwollenden Gesichtsausdruck und einem weißen Putzhäubchen auf ihren graudurchschimmerten blonden Wellenscheiteln. Ziemlich stark, von phlegmatisch behäbiger Anmut, trägt sie ein anspruchsloses lila Foulardkleid, aus dem ihre Handgelenke rund, glatt und weiß hervorsehen. Ganz besonders hübsch nehmen sich ihre weichen, vollen Kinderhände aus bei ihrer anmutig emsigen Geschäftigkeit. »Hm! ja, ja, recht gemütlich!« bestätigt Gräfin Leontine Woronitzky. Sie sitzt über einen weitläufigen Stickrahmen gebeugt und arbeitet an einem Meßgewand. Ihre Erscheinung sticht eigentümlich ab gegen die ihrer liebenswürdigen Cousine. Die Gräfin Leontine weiß das selbst. Außerdem ist sie fest davon überzeugt, daß sie vorteilhaft absticht von der »guten Kloklo«. Sie ist eine Frau, die einmal sehr schön gewesen sein muß, die Gräfin Leontine, eine von jenen schönen Frauen, die sich in das Altwerden nicht finden können und darauf bestehen, alle Veränderungen ihres Aeußeren, welche die einfachen Folgen zunehmender Jahre sind, als etwas Vorübergehendes zu betrachten und infolgedessen zu bekämpfen. Ebenso korpulent, wenn nicht noch stärker als Gräfin Klotilde, schnürt sie sich im Gegensatz zu dieser nicht nur bis zum Krankwerden, sondern trägt fast immer eng anliegende Kleider, in der irrigen Hoffnung, schlank darin auszusehen. Ihr Teint ist leicht kupferig. Sie pudert sich stark und sieht infolgedessen nicht gerade frisch und jugendlich, dafür aber fast immer mehr oder minder heliotropfarbig aus. Ihr Blick ist hart und scharf, ihr Lächeln geziert und vorsichtig. Sie lächelt stets mit der Absicht, liebenswürdig zu sein, ihrem Nebenmenschen eine besondere Huld zu erweisen, und bedeckt dabei die Zähne, soweit es angeht, mit den Lippen, aus Angst, ihre Zahnplomben bloßzulegen. Sie trägt natürlich wie immer so auch heute ihre schwarze Schneppe mit weißem Vorstoß und – so behauptet wenigstens Graf Max Miroslaw – macht den Eindruck, als wäre sie die inkognito reisende Maria Stuart. In den letzten drei Wochen hat sie allen ihren intimen Bekannten mitgeteilt, daß sie in diesem Frühjahr »wirklich endlich einmal« diese guten Miroslaws besuchen muß – sie kann es ihnen nicht anthun, heuer wieder nicht zu kommen. Zu gleicher Zeit hat sich Graf Miroslaw in Wodanka mehr als einmal gegen seine Gattin geäußert: »Wenn uns nur nicht die Leontin' überrumpelt; sie hat heuer in Wien nichts Rechtes zu thun. Ich fühl' so etwas wie ein Telegramm von ihr in der Luft. Wenn uns nur nicht die Leontin' überrumpelt!« Dies hat ihn jedoch nicht verhindert, als das gefürchtete Telegramm richtig den Weg in sein Haus gefunden hatte, den wenig erwünschten Besuch in höchst eigener Person vom Bahnhof abzuholen und auf das ritterlichste willkommen zu heißen, obwohl der Besuch noch obendrein nicht allein, sondern in Gesellschaft eines jungen Mädchens, und zwar des Mündels Hans Ronskys, erschienen war. So ist es in der Welt. Acht Tage lang hat er ihr die liebenswürdigsten Huldigungen entgegengebracht, jetzt aber fängt ihm der Weihrauch an auszugehen. Die Gräfin Leontine hat auch nach dieser Richtung zu große Ansprüche an ihn gestellt! –- »Wirklich recht gemütlich ...« wiederholt sie und zieht einen langen Faden aus ihrer Stickerei. »Wenn das Wetter nur nicht so scheußlich wäre. Ich bitte euch, habt ihr denn je gutes Wetter hier? Jedesmal, wenn ich da bin, regnet's!« Graf Miroslaw beißt sich auf die Lippen, schweigt aber, wenn auch mit Anstrengung. Nach einer Weile hebt Gräfin Leontine von neuem an: »Ist die Post denn noch immer nicht gekommen?« Es ist heute bereits das dritte Mal, daß Gräfin Woronitzky sich nach dem Posteinlauf erkundigt, was nicht verfehlen kann, ihren Gastgebern auffällig zu werden. »Leontine, wenn du ein junges Mädchen wärst, würde ich darauf schwören, du erwartest einen Liebesbrief,« meint die Hausfrau mit gutmütiger Schelmerei. »Ach, was das anbelangt« – die Gräfin Leontine hebt die dunklen Augensterne zum Himmel – »was das anbelangt, haben wir Witwen immer mehr Auswahl an Courmachern als junge Mädchen. Wenn ich mir die Freier nicht so energisch vom Leib geschafft hätte nach meines armen Mannes Tod, hätt' ich einen an jedem Finger, Aber ich will nicht ... will durchaus nicht mehr heiraten! Das haben meine Verehrer endlich verstanden, und jetzt hab' ich Ruh' ... gottlob!« »Wenn du dich nur nicht eines schönen Tages nach all den zurückgewiesenen Huldigungen sehnst!« meint Gräfin Klotilde. Sie geht stets auf die »Wahnvorstellungen« ihrer Base ein, es macht ihr Spaß und vermeidet Unannehmlichkeiten. »Ach, meine liebe Klotilde, ich brauche nur den Finger auszustrecken,« seufzt elegisch Leontine, »aber ich will nicht ... will absolut nicht!« »Ist auch gescheiter,« brummt der Hausherr. Er ist noch immer schlank und hat noch immer durchdringend helle blaue Augen unter buschigen dunklen Brauen in einem von Sportsvergnügungen im Freien geröteten, regelmäßig geschnittenen Gesicht. Nur ist er ein wenig kahler geworden als früher und sein spitzig zulaufender Vollbart etwas weißer. Augenblicklich sitzt er in einer tiefen Fensternische und legt sehr bedächtig Patiencen mit kleinen, hübsch gemalten Kärtchen, die nicht mehr neu sind. Whist mit auch nur etwas abgebrauchten Karten zu spielen, wäre ihm unstandesgemäß und widerwärtig erschienen; aber bei Patiencekarten ist ein wenig Schmutz erlaubt. Patiencekarten schlagen in den Kreis der Pietät, und Dinge der Pietät können immer ein wenig Patina an sich haben; es sind das sichtbar gewordene Erinnerungen, die an ihnen kleben. Dabei raucht er eine dicke, dunkle Zigarre. Gräfin Leontine hat ihm gleich nach ihrer Ankunft in Wodanka gestattet zu rauchen. Sie »gestattet« immer alles mögliche in den Familien, in denen sie sich zu Gaste befindet. Das gehört zu ihren Eigentümlichkeiten. Ehe in irgend einem Hause, das sie mit ihrer Anwesenheit beehrt hat, eine Woche nach ihrer Ankunft verfließt, ist sie Hausfrau geworden. Dabei hilft ihr, daß sie in ganz Oesterreich als eine hervorragende Kapazität bekannt ist, weshalb sich's unter ihren Gastgebern verschiedentliche zur Ehre anrechnen, von ihr entthront zu werden. Die Herrschaften auf Wodanka gehören nicht zu diesen übermäßig bescheidenen Persönlichkeiten, worüber Gräfin Leontine in ihrem Innersten staunt. »Ist's erlaubt, zu fragen, aus welchem Grunde dich die Post heute so besonders interessiert? Vielleicht wegen der Fortschritte der Cholera in Rußland?« wendet sich der Graf nach einem Weilchen von neuem an seine Base. »Ach, ich fürchte mich nicht vor der Cholera – anständige Menschen bekommen keine Cholera,« versichert Gräfin Leontine. »Im übrigen soll sie nur kommen, man hätte ein interessantes Feld der Thätigkeit.« Graf Miroslaw schweigt, aber um seine Lippen schwebt ein Lächeln wie das Gespenst einer erwürgten Bosheit. Im Gegensatz zu seiner Cousine ist er durchaus kein Philanthrop von Profession, nichtsdestoweniger scheint er zu finden, daß es für eine von der Cholera verseuchte Bevölkerung vielleicht doch ein geringer Trost wäre, der Gräfin Leontine Woronitzky ein interessantes Feld der Thätigkeit zu bieten. Eine Pause – nichts zu hören als das Rauschen des Regens gegen die Fensterscheiben und das immer mutlosere Gezwitscher der Vögel, die auf den Sonnenschein warten. Nach einer kleinen Weile nimmt Leontine den Faden des Gesprächs von neuem auf. »Einen Brief von Hans erwarte ich,« bemerkt sie. ›Seit einer Woche hat er mir nicht mehr geschrieben. Das ist recht merkwürdig! Entweder ist er krank, oder seine Gedanken sind durch irgend etwas von mir abgezogen.« »Vielleicht hat er eine Liebschaft,« bemerkt gleichgültig Graf Miroslaw. »Ach, das wäre nicht das Aergste,« erwidert ihm Leontine. »Du weißt, Max, ich bin nicht engherzig – Jugend muß austoben.« »Meiner Ansicht nach tobt Hans viel zu wenig,« brummt der Graf. »Eben ... eben, und da könnte es am Ende etwas Ernstliches sein, das ihn vom Schreiben abhält. Und ich muß sagen, wenig auf der Welt wär' mir unangenehmer als eine Schwägerin, die mir nicht paßt! So etwas könnte ich einfach nicht zugeben – da müßte ich einschreiten.« »Davon bin ich überzeugt,« versichert der Hausherr. Und wieder schweben ihm Gespenster totgeschlagener Bosheiten um den Mund. Die Gräfin Leontine merkt nichts davon und ist fest überzeugt, er habe ihr Beifall gezollt. Für den Augenblick lenkt ihre Arbeit sie von andern Interessen ab. Sie arbeitet mit sehr langen Fäden, sich von Zeit zu Zeit zurückbeugend, um ihr Meisterwerk aus der Ferne zu prüfen. Dann wieder nimmt sie eine Lupe und mustert es. »Bitte, bemüh dich ein wenig hierher, Kloklo. Würdest du diese Arabeske in Gold oder Silber ausführen?« wendet sie sich jetzt an die Cousine. »Aber liebe Leontine, du weißt ja, daß ich davon rein gar nichts verstehe,« wehrt sich gutmütig die Gräfin Miroslaw. »So wie du es machst, wird es gewiß am allerschönsten sein!« »Ach ja ... ich weiß ja, daß ich ein bißchen Geschmack habe – es wäre kindisch, wenn ich das in Abrede stellen wollte – aber komm' immerhin!« »Hm! Du meinst, ein Bettler und der Papst sehen mehr als der Papst allein,« lacht Gräfin Klotilde. »Gewiß!« erwidert Leontine verbindlichst. Sie bildet sich ein, besonders höflich zu sein und etwas bestätigt zu haben, was für ihre Cousine schmeichelhaft ist. Solche Zerstreutheiten des Hochmuts begegnen ihr oft. Gräfin Klotilde, die ganz genau weiß, daß sie nicht gerufen worden ist, um zwischen der Ausführung in Gold oder Silber zu wählen, sondern einfach um die Leistung ihrer Cousine zu bewundern, hüllt ihre Großmutterarbeit sorgfältig in das auf ihren Knieen ruhende weiße Tuch und tritt dann erst an den Stickrahmen. »Wunderbar! Aber geradezu fabelhaft!« ruft sie. » Magnifique! Superbe! « Sie stockt, weil ihr Vorrat von Beiwörtern versiegt ist. »Wo hast du denn das Dessin herbezogen?« »Bezogen?« Leontine zuckt die Achseln. »Ich beziehe nie ein Dessin. Die Vorzeichnungen, die man in den Laden fertig bekommt, langweilen mich. Es muß immer etwas Eigenes, eine freie Erfindung dabei sein, wenn's mich packen soll. Ich bin ja vielleicht eine verrückte Gredl!« – mit einem liebenswürdigen Aufblinzeln nach ihrem Vetter hin, der allerdings manchmal diese Ansicht hegt – »ja, ja, Max, ich weiß schon, ich bin einmal so!... Wo ich das Dessin herhabe? Die ursprüngliche Idee hat mir eine Vorlage in der ›Modenwelt‹ gegeben, aber ich habe sie adaptiert – adaptiert. Zum Schluß hab' ich mir den Lietzenmeyer kommen lassen ... wir haben einen halben Tag über den Streifen beraten, und dann hat er mir ihn von einem seiner Schüler zu Ende zeichnen lassen.« »Donnerwetter! ... Daß der Lietzenmeyer auch noch Stickmuster beaufsichtigt!« brummt der Hausherr, indem er zugleich mit großer Sorgfalt mischt, weil ihm seine Patiencen nicht ausgehen wollen. »Das that er natürlich nur für mich,« versichert Gräfin Leontine. »Aber ich bin nun einmal so – es muß immer ein großer Zug sein in einer Arbeit, sonst komm' ich damit nicht vom Fleck. Ich ärgere mich oft über mich selbst – bin halt eine verrückte Gredl ...!« »Zu dummes Wetter!« murmelt der Graf, sich ins Zimmer zurückwendend, und damit schiebt er die Patiencekarten zusammen und gähnt. An ein Hinausgehen ist nicht zu denken, und die häuslichen Vergnügungen sind für ihn bald erschöpft. »Ich wundere mich wirklich, daß du's noch bei uns aushältst, Leontin'. Jetzt regnet's schon den vierten Tag. Du mußt dich ja sterblich langweilen bei uns,« bemerkt er. »Warum denn? Ich langweile mich nie, ich weiß mich zu beschäftigen, und dann ... ich muß ja noch abwarten, wie die Geschichte mit der Nixa ausfällt!« »Was für eine Geschichte?« »Nun, der junge Doppelberg macht ihr ja so auffallend den Hof,« erklärt Gräfin Leontine. »Er ist ganz und gar in sie vernarrt. Ich hab' sie neulich gefragt, ob sie ihn allenfalls nehmen würde, und weißt du, was sie mir geantwortet hat? ›Darüber soll Onkel Hans entscheiden – wenn er wünscht, daß ich ihn heirate, so nehm' ich ihn!‹« »Armer Hans! Was man von ihm nicht alles verlangt!« brummt Graf Miroslaw. »Nun, ich sag', wenn der Doppelberg wirklich Ernst zeigt, dann ... fort mit Schaden! Je eher, je lieber.« »Wenn Hans halbwegs vernünftig ist, so wird er, da gegen den guten Doppelberg nach keiner Richtung hin etwas einzuwenden ist, sagen, in so etwas misch' ich mich nicht; da muß sich das Mädchen allein entscheiden,« meint Gräfin Klotilde. »Ein Veto kann und muß man mitunter in solchen Fällen abgeben, bestimmend darf man nur sehr selten eingreifen!« »Ach was! Ich würde mich in diesem Fall nicht genieren,« brummt Graf Miroslaw, »ich sage noch einmal: fort mit Schaden! Ich bitte dich, liebe Leontin', mit Mädeln wie Nixa muß man sich beeilen. Das bißchen beauté du diable ist bald verblüht – was bleibt dann übrig? Eine alte Jungfer mit einem unbändigen Temperament und einer unmöglichen Mutter – die bringst du dann nicht mehr an.« »Ach, was die Mutter anbelangt, die zählt nicht; die ist aus Nixas Leben gestrichen. Im übrigen ... nun ... Max, du verstehst die Nixa nicht!« »Ach, ich versteh' sie vielleicht besser als du!« erklärt Graf Miroslaw. »Ich versteh' nur nicht das Wesen, das du mit ihr treibst.« »Nixa ist für mich ein interessantes Feld der Thätigkeit!« »Wie die Cholera,« murmelt der Graf. Ohne diese Einschaltung zu bemerken, fährt Leontine fort: »Ich brauche ein Feld der Thätigkeit; ich muß immer etwas erziehen und vervollkommnen. Und da der liebe Gott mir keine Kinder gegönnt hat ...« »Und dein Mann gestorben ist ...« murmelt der Graf beiseite. »Da mir der liebe Gott keine Kinder gegönnt hat, so freu' ich mich wenigstens, die Kinder anderer zu erziehen, und die Nixa hat sich mir so attachiert...« »Hm! ich gratuliere dir zu deiner Eroberung!« versichert der Graf. »Sie steht entschieden nicht in Gnaden bei dir. Nun ja, sie ist nicht banal, ist nicht wie andere junge Mädchen,« meint die Gräfin, »sie ist eine tiefe, leidenschaftliche Natur!« »Gott gnad' dem Mann, über den sie den Pantoffel schwingt!« brummt Graf Miroslaw. »Ach, die Post!« ruft er jetzt, von neuem zum Fenster hinaussehend. »Sieh, sieh! Die Nixa ist dem Joseph in den Regen hinaus entgegengelaufen und untersucht den Postsack. Na, ich hoffe, das Mädel führt keine geheime Korrespondenz.« »Um Gottes willen, interpellier sie nicht, Max; du würdest alles verderben!« warnt ihn die Gräfin Leontine. »Wenn jemand etwas aus ihr herausbekommt, so bin ich's.« Kurz darauf öffnet sich die Thür, und herein tritt ein hochaufgeschossenes, schlankes junges Mädchen in einem einfachen Wollkleid, darüber eine derbe Lodenjacke mit großen Hirschhornknöpfen. Ohne eigentlich schön zu sein, ist sie doch eine auffallende und für Männer eine verführerische Erscheinung, dank ihrer jungen, biegsamen, schlanken Gestalt, dank ihrer herrlichen, weißroten Hautfarbe, dank ihrer vollen, leidenschaftlichen, wie mit Blut gefärbten Lippen. Um ihre ganze Person hängt ein Duft von Chypre und Peau d'Espagne; sie hat offenbar von ihrer Mutter die Gewohnheit ererbt, sich stark zu parfümieren. »Sieh da, wir haben einen neuen Postboten!« neckt sie der Graf. »Seit wann zeigt man denn ein besonderes Interesse für den Posteinlauf?« Nixa wird feuerrot. Gräfin Leontine macht, hinter ihr stehend, warnende Zeichen, dann nimmt sie das junge Mädchen um die schlanke Taille. »Du siehst, du bist beobachtet worden, liebes Kind,« sagt sie. »Onkel Max hat aus dem Fenster zugesehen, wie du den Postsack untersuchtest, und die Herren sind so kurios, gleich dachte er, du habest eine geheime Korrespondenz.« »Ich scherzte nur,« brummt der Graf. »Das sagt er jetzt, weil ich ihn ausgelacht hab'!« ruft die Gräfin Leontine. »Was mich anbelangt, leg' ich für dich die Hand ins Feuer. Ich weiß sehr gut, daß es sich, falls du wirklich einen Brief heimlich erwartest, nur um irgend ein kleines, bestelltes Cadeau handelt, wahrscheinlich für meinen Geburtstag. Hab' ich recht geraten. Kleine?« »Nein, ich erwarte nichts,« erwidert Nixa trotzig mit einer etwas rauhen, tiefen Stimme, »es ist auch nichts an mich gekommen.« »Und ist ein Brief an mich gekommen?« »Ja, einer von deinem Bruder Hans.« Nixa setzt sich und wartet offenbar gespannt darauf, daß man ihr etwas von dem Inhalt des Briefes mitteile. Die Gräfin Leontine beginnt auch richtig das zwischen ihren Händen entfaltete Schriftstück mit dem ihr eigenen salbungsvollen Selbstgefühl laut vorzutragen, stockt aber bald, fängt erst an, undeutlich zu murmeln, worauf sie gänzlich verstummt. Der Ausdruck einer schlecht verhehlten, verdrießlichen Aufregung zeichnet sich deutlich um ihre Mundwinkel. Ihr Vetter hat indessen die Zeitungen durchgeblättert. Der einzige Brief, welchen er erhalten hat, befindet sich in einem bläulichen Umschlag und stammt aus einer Advokatenkanzlei, gehört somit unzweifelhaft in die Kategorie der Geschäftsbriefe, weshalb ihn der Graf ruhig liegen läßt. Seiner zum Prinzip krystallisierten Ansicht gemäß sollte man sich nie beeilen, Geschäftsbriefe zu öffnen – man ärgert sich doch nur darüber. Für Gräfin Klotilde ist ein ganzer Stoß freundlich aussehender Episteln angelangt, von ihrem Sohn, von ihrer Schwiegertochter, von ihrer Schwester. Sie gehört zu den Menschen, mit denen man gern korrespondiert, weil sie sich für alle mitgeteilten Nachrichten wohlwollend interessieren und keine besonderen Ansprüche an den Briefstil ihrer Korrespondenten stellen. Nachdem sie den letzten Brief zu Ende gelesen hat, sieht sie sich nach ihrem Gatten und ihrer Cousine um. »Darf man wissen, was dich so verstimmt hat, Leontine?« fragt Gräfin Klotilde. »Ach ... ach ... Ich werd' dir's später sagen,« erwidert sie mit einem Blick auf Nixa, welche indessen mit finsterer Aufmerksamkeit die Gräfin Leontine beobachtet hat, als ob sie es ihr hätte vom Gesicht herunterlesen mögen, was der Brief enthält. »Ach ... hm! ... Ich bitte dich, Nixa ... es ist Zeit, daß du ein wenig musizierst. Geh hinauf und spiele die neunte Etüde von Kramer, ich komm' dir sogleich nach.« Der Blick des jungen Mädchens wird noch finsterer; fast macht es den Eindruck, als ob es Lust hätte, sich dem Wunsch der Gönnerin zu widersetzen; dann aber nimmt sich Nixa zusammen, wirft nur im Hinausgehen Gräfin Leontine ein einschmeichelndes: »Nicht wahr, du kommst bald nach?« zu und entfernt sich. »Nun?« fragt Gräfin Klotilde, »was gibt's denn, meine arme Leontine? Es wird vielleicht nicht so arg sein!« »Was es gibt? Ich hab' es ja gewußt – ich hab' es ja gewußt: die Existenz meines Bruders steht auf dem Spiel – das gibt's.« »Ach, du siehst immer alles im schrecklichsten Licht – das habt ihr groß angelegten, romantischen Naturen. Einer so hausbackenen Person wie mir wird die Sache gewiß nicht halb so fürchterlich erscheinen!« »Das heißt, sie wird dir nicht so nahe gehen!« erwidert Leontine. »Wir wollen sehen! ... Hat dein Bruder vielleicht die Absicht, eine Koryphäe aus dem Variététheater zu heiraten?« fragt etwas spöttisch Graf Miroslaw, der indessen angefangen hat, Kartenhäuser zu bauen, wobei er beständig mißtrauische Blicke nach dem uneröffneten Geschäftsbrief wirft, wie nach einem aus einem Hinterhalt auf ihn lauernden Feind. »Ach, es ist vielleicht noch ärger!« klagt Leontine. »Aber ich will euch den Brief vorlesen, dann urteilt ihr selbst. »Liebe Schwester! Was Du mir über Dein gemütliches Leben in Wodanka schreibst, freut mich sehr und ebenso der Umstand, daß die Miroslaws dich so sehr feiern und für Deine hervorragenden Eigenschaften ...« – Gräfin Leontine blättert um –– »Das gehört nicht hierher – ihr wißt, wie Brüder sind, wenn sie sich mit ihren Schwestern überhaupt vertragen, so überschätzen sie sie ... hm! ... so ... aber hier ...« »Sehr freundlich finde ich es, daß Max und Klotilde auch Nixa mit verwandtschaftlicher Herzlichkeit willkommen geheißen haben. Wie du schreibst, hat sie einen sehr günstigen Eindruck auf Quido (ich glaube, wir nannten ihn immer ›Quietsch‹) Doppelberg gemacht. Ich kann nur sagen, daß ich mich freuen würde, wenn da eine Heirat zu stande käme. Doppelberg hat, wenn auch sein Stammbaum nicht ganz rein ist, immerhin einen recht guten Namen und etwas Vermögen. Mit dem, was Nixa mitbringt, könnten sie sehr gut leben. Ein solider Bursch ist er auch, also ...« »Fort mit Schaden!« schaltet Graf Miroslaw ein. »Du siehst, Hans teilt meine Ansicht. Es ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ihn vernünftig finde! ... Wenn das der Grund deiner Aufregung ist ...« »Ach, nein ... natürlich nicht ... obgleich es mich allerdings kränkt, daß ... Aber höre nur weiter ...« »Auf Deine Proposition, in Dresden mit Dir und Nixa zusammenzukommen, kann ich vorläufig nicht eingehen, liebe Schwester. Ich bin durch allerhand festgehalten. Es geht mit der Bevölkerung gar nicht, wie ich es möchte ...« »Hm!« brummt Graf Miroslaw. »War nicht anders zu erwarten! Nachdem er selber die Gegend auf den Kopf gestellt hat, wundert er sich, daß sie nicht mehr auf zwei Beinen geht!« Gräfin Leontine fährt indessen fort: »Du schreibst, daß unser Vetter Max meine Broschüre ›Es muß anders werden in Oesterreich‹ etwas abfällig beurteilt, und daß er sich geäußert hat: ›Wissen wir schon lang! Aber wie soll es werden?‹ Nun bin ich gerade mit einer zweiten Broschüre über dieses ›Wie‹ beschäftigt. »Aber der Stoff häuft sich mir, ich brauche eine ordnende Hand. Und denke Dir, da kommt mir wie vom Himmel heruntergeschneit ein hilfreicher Engel, wenigstens erwart' ich ihn täglich, stündlich! ... Du weißt doch, wie sehr befreundet ich mit den Rheinsbergs in Berlin war. Da, gestern, als ich von der Bahn nach Natek fahre und dabei den Weg durch den Park von Sanssouci nehme, merk' ich um das verwahrloste Schlößchen herum eine auffällige, säubernde, ordnende Thätigkeit. Auf meine Frage, was das bedeute, teilt man mir mit, daß die Frau Gräfin erwartet wird. Nichts hätte mich mehr freuen können als die Aussicht auf diese Nachbarschaft. Der Verkehr mit Marie wird nicht nur ein sehr angenehmer, sondern ein fördernder und anregender für mich sein. »Sie hat vierzehn Jahre an der Seite ihres Mannes im Mittelpunkt des interessantesten politischen Getriebes gelebt; ich freue mich, etwas zaghaft, ihr meine neueste Arbeit vorlesen zu dürfen. Sie wird einen klaren Blick haben für das Viele, was gewiß schlecht, das Wenige, was vielleicht gut darin ist. Ich erwarte sehr viel von ihrer geistigen Unterstützung.« Gräfin Leontine läßt den Brief in ihren Schoß sinken. »Nun, was sagt ihr dazu?« stöhnt sie. »Ich sage,« ruft Graf Max energisch, »daß, wenn ich die Aussicht hätte, eine so herrliche Frau wie Marie Rheinsberg zur Nachbarin zu gewinnen, ich an etwas anderes denken würde als daran, mir meine verpfuschte politische Broschüre von ihr zurechtschneidern zu lassen!« »Max, du hast Hans nie zu würdigen gewußt! – Aber darum handelt es sich nicht,« ereifert sich Gräfin Leontine, »in diesem Fall kann ich Hans nicht freisprechen. Es ist albern – geradezu albern von ihm, sich mit seinen politischen Bedenken, an eine fremde Frau zu wenden, eine Person, die beinahe eine Ausländerin ist – wenn man doch in seiner Familie Kapazitäten hat ... die ... Aber davon wollen wir nicht reden. Die Hauptsache ... das Aergste ist ... daß ... daß diese geistigen Beziehungen ja doch nur der Anfang sein werden vom Ende!« »Und das Ende wäre ... ?« fragt Graf Max etwas scharf. »Daß er sie heiratet!« erklärt Gräfin Leontine, und dabei legt sie den Brief des Bruders weg, um sich die Thränen aus den Augen zu wischen. »Nun, das wäre nicht das Aergste, sondern das Beste, was deinem Bruder widerfahren könnte!« ruft der Graf. »Er braucht eine Frau, die ihn am Zügel hält – er braucht eine Frau, die in seinem konfusen Schädel aufräumt, wie man in einem verwahrlosten Wäscheschrank Ordnung macht – er braucht – mit einem Wort: er braucht eine Frau, die gescheiter ist als er!« »Max!« Aber Graf Max ist ins Feuer geraten, und das läßt sich so leicht nicht löschen. »Sie ist reizend, nicht nur grundgescheit, sondern vernünftig – amüsant, liebenswürdig – eine sehr anziehende Erscheinung! Ich habe sie nicht nur als Mädchen gekannt, ich habe sie in Paris wiedergesehen und voriges Jahr in Rom! ... Ich sage dir, ein Segen wär's für Hans – ein Segen!« »Ein Segen ... !« wiederholt Gräfin Leontine und faltet die Hände in Verzweiflung, »ein Segen! Eine Frau, die um fünf Jahre älter ist als er – eine Frau, von der ich überzeugt bin, ja überzeugt, daß er ein Verhältnis mit ihr gehabt hat!« »Wie du das nur glauben kannst ...« Plötzlich verstummt der Graf. Gräfin Klotilde, welche dem Wortwechsel bis dahin mit dem gleichgültigsten Phlegma zugehört hat, macht: »Pst!« und deutet nach der Thür. Gleich darauf hört man leichte Schritte und Kleiderrauschen. Graf Miroslaw öffnet die Thür, erblickt jedoch nur noch den äußersten Zipfel eines dunklen Kleides. »Nixa hat gehorcht,« sagt er trocken. »Unsinn! So etwas ist Nixa nicht im stande – es wird eines von den Stubenmädchen gewesen sein oder die Kammerjungfer Klotildes,« ereifert sich die Gräfin Leontine. Aber der Umstand, daß ganz knapp darauf eine Etüde von Kramer, kräftig gespielt, aus dem Oberstockwerk ertönt, dürfte die Vermutung des Grafen bestätigen. Ihm ist's übrigens gleichgültig, ob Nixa gehorcht hat oder nicht. Die neue Nachbarschaft Hans Ronskys und deren mögliche Folgen interessieren ihn viel zu sehr, als daß er sich lange bei Nixa und ihren Unarten aufhalten möchte. »Ich begreife gar nicht, daß du dich nicht freust, rasend freust für Hans!« ruft er. »Was hast denn du an Marie auszusetzen, außer den fünf Jahren Altersüberschuß?« »Alles ... alles!« ruft Gräfin Leontine. »Sie ist eine Intrigantin, eine Poseuse, sie will alles besser wissen, ... sie wird meinen Bruder regieren wie einen Schulbuben, jeden vernünftigen Einfluß von ihm fernhalten ... mit einem Wort ... sie paßt mir nicht!« »Das ist allerdings ausschlaggebend,« murmelt der Graf. »Es käme vielleicht auch ein wenig darauf an, ob sie Hans paßt ... aber das ist wohl nebensächlich!« Das murmelt er ganz leise, nur zu seiner eigenen Genugthuung. Gräfin Leontine legt die Seiden-, Silber- und Goldrollen zusammen, stellt den Stickrahmen gegen die Wand und zieht sich zurück, um mit Nixa zu musizieren oder an ihren Bruder zu schreiben. So wenig Hans Ronskys regierungssüchtige Schwester es glauben mochte, Maries Rückkehr in die Heimat hatte mit Hans Ronsky nichts zu thun. Sie hatte keine Ahnung, daß er ihr nächster Nachbar sein würde, nicht einmal, daß er aus der Carriere getreten war, ahnte sie. Im Briefwechsel hatte sie nie mit ihm gestanden, und als sie nach einem mit ihrem Gatten im Süden verbrachten Winter nach Berlin zurückgekehrt, war er inzwischen nach Japan versetzt worden. Von da an hatte sie nichts mehr über ihn gehört. Das erste Mal, daß sie nach seiner Adresse hätte fragen mögen, war nach dem Tode ihres Gatten gewesen, als es geheißen hatte, ihm eine Todesanzeige zu senden. Aber gerade damals hatte irgend ein besonderes Zartgefühl sie daran gehindert, sich nach ihm zu erkundigen. Ja, sie hatte es sogar unterlassen, ihm die Todesanzeige persönlich zu senden. Vielleicht hatte sie im Grunde ihres Herzens erwartet, er würde seiner Teilnahme trotz dieses Umstandes Ausdruck geben. Das aber war nicht geschehen, und daraufhin hatte sie gemeint, daß sie wohl aufgehört habe, ihm wichtig zu sein, und versuchte es nicht ohne Erfolg, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Sie hatte so manches hinzunehmen gelernt, was ihr früher als unerträglich erschienen wäre. Zu ihrer Reise nach Böhmen hatte folgendes die Anregung gegeben: Ihr österreichischer Rechtsfreund hatte vor kurzem an sie ein Schreiben gesandt, in welchem er, ihr den verwahrlosten Zustand des verlassenen Schlößchens treulich schildernd, die Frage an sie richtete, ob es nicht besser wäre, das kleine, mit den weitläufigen Räumlichkeiten und dem endlosen Park belastete Gut zu verkaufen. Schnell entschlossen, hatte sie sofort dem Rechtsfreund zurückgeschrieben, alles vorläufig in der Schwebe zu lassen, da sie sich selbst von dem Zustande des alten Heims überzeugen und zusehen wollte, ob es nicht mit Hilfe ausgiebiger Reparaturen erhalten werden könnte. Dann hatte sie den in Sanssouci hausenden Förster davon benachrichtigen lassen, daß sie an dem und dem Tage in Zdibitz, der Bahnstation für Sanssouci, eintreffen würde und er demzufolge für Wagen an der Bahn, ebenso für ihre Unterkunft im Schloß zu sorgen habe, worauf sie dann – und zwar zwei Tage nach der Aufregung Leontine Woronitzkys – frisch und wohlgemut in den Schnellzug gestiegen war, der Berlin mit dem Herzen der österreichischen Monarchie verbindet. Bis über die böhmische Grenze hinüber hatte Marie nichts Besonderes empfunden – die Eisenbahnfahrt hatte für sie nicht mehr bedeutet als hundert andere Eisenbahnfahrten auch. Seit sie aber die Grenze hinter sich hatte, stieg ihre Aufregung von Minute zu Minute. Ihr Herz klopfte immer stärker, während sie den Blick auf das Fenster heftete, an dem die Landschaft in rasender Eile vorüber wirbelte. Der Wagen schwankte, das Coupé roch nach Rauch und heißem Eisen. Marie wurde ungeduldig. Wenn sie nur schon da wäre! Wie sie sich auf das Ankommen freute ... auf das Ankommen zu Hause! Auf was freute sie sich? ... Vor allem ... nun, vor allem auf die Luft! Auf die süße, reine Luft, die aus den Wäldern den Duft gestohlen hatte, mit dem sie das Schlößchen und den Park umschmeichelte, dann ... auf den Sonnenschein, den grünlich schimmernden, sanften, weichen Sonnenschein von Sanssouci, der durch die zarten, noch nicht voll entwickelten Blättchen des Frühlingslaubes sickernd, alle unschönen Unbarmherzigkeiten grelleren Lichtes umgehend, das Schöne verklärte und das Häßliche verschleierte; auf die Aussicht aus ihrem Fenster, die, abwechselnd von Schatten durchdüstert, von goldenen Lichtbächen durchschimmert, die lockendsten Wunder andeutete, ohne die Phantasie durch fest umrissene Formen zu stören; auf die aus grauen Träumen aufwachende Sieghaftigkeit der Sonnenaufgänge, mit ihrer Begleitung von jauchzendem Vogelgezwitscher und sich dem Morgentau öffnenden Blumenkelchen, und auf die schöne Schwermut des allabendlichen Sonnenabschieds, bei dem man es so lange kupfrigrot hinter dem schwarzen Kieferngezweig glühen sah, eh die Sonne wirklich unterging, und dann, wenn die Sonne verschwunden war und die Vögel schwiegen und die Blumen ihre Kelche geschlossen hatten, auf das leise Schauern und Flüstern der Büsche und Bäume in dem dichter und dichter herabsinkenden taugekühlten Dunkel der Nacht; auf den ganzen singenden, rauschenden, jubelnden, klagenden Duft- und Waldzauber, der ihre Jugend umschattet und beschirmt hatte – ihre arme, ungenossene, fern – fern zurückliegende Jugend! Näher – immer näher ... den Kirchhof kennt sie und den Eichenwald. Die Eichen sind noch braun, tragen das vertrocknete Blätterkleid vom Vorjahr – aber zwischen ihnen lacht die leicht auf silbernem Stamm schwebende Grazie einer grünlich umschleierten Birke. Jetzt ragt aus der flachen Landschaft der malerische, langgezogene Umriß des durch unheimlichen Gespensterspuk verödeten Schlosses Zdibitz empor. Erst der Schaffner, dann die Kammerjungfer, hinter dieser der Kammerdiener zeigen sich an der Thür des Coupés, treten ein, um die verschiedenen Polster und Sächelchen zu sammeln, mit denen sich die verwöhnte Frau beim Reisen zu umgeben pflegt. Es hat sich nicht viel verändert auf der Station. Die Veranda hat ein breiteres Dach bekommen und die Wirtin eine breitere Taille – das ist alles. Selbst der Stationschef ist noch derselbe. Nach einem kurzen überlegenden Augenblinzeln erkennt er Marie, vielleicht teilweise, weil er auf ihre Ankunft vorbereitet war, und geleitet sie mit vielen Bücklingen bis zu den für sie bereitstehenden Wagen – einer für sie, einer für die Dienerschaft, einer fürs Gepäck. Marie streift den Kutscher flüchtig mit einem Blick ... sein breites, rotes Gesicht strahlt vor Freude, und die Hand, die er an den Hut gelegt hat, zittert. »Joseph!« ruft sie. »Ich bitt', ich – Excellenz, küß die Hand, gräfliche Gnaden!« Es ist derselbe, eilig vom Stallbuben zum Kutscher beförderte Bursche, der sie zwei Stunden nach ihrer Trauung heruntergefahren hat mit ihrem grauhaarigen Gatten auf die Station. Damals war er ein hübscher, schlanker Junge, der dem blonden Wäschermädel den Hof machte. Jetzt hat er das Wäschermädel geheiratet, ist dick geworden und hat fünf Kinder. Marie erfährt das alles im Laufe der Fahrt. Sie redet böhmisch mit dem Kutscher; es freut sie, ihre vaterländischen Laute von neuem zu vernehmen. Nach den korrekten Domestiken, die sie die vielen Jahre lang gewöhnt war, heimelt sie der slawische Diener mit seiner hündischen Treue und naiven Zutraulichkeit sonderbar an. Humpeltipum ... die Straßen sind schlecht, nichtsdestoweniger laufen die flinken Fiakergäule, ausgemusterte Dragonerpferde, tüchtig drauf zu. »Sind zwar nur Fiakerrösser, aber ich fahr' Excellenz wie mit dem Postzug,« hat Joseph ihr angekündigt, und er hält sein Wort. Zwischen grünen Getreidefeldern eilen sie vorbei, an weißknospenden Pflaumenbäumen, dann durch ein Dorf, ein lang hingestrecktes, gemütliches Dorf mit smaragdgrünem Moos auf schwarzen Strohdächern, mit grell blinkenden Sonnenlichtern auf tief eingesetzten, kleinen Fenstern, mit watschelnden, gelbflaumigen jungen Gänsen überall. Jetzt ein kleines Stück durch einen alten Fichtenwald, der dem Frühling zu Ehren neue grüne Kerzchen an alle seine schwarzen Zweige aufgesteckt hat – noch einmal in die sonnenüberglänzte Straße hinaus – dann durch ein weit aufgerissenes Thor zwischen zwei halbverfallenen Pfeilern in den Park von Sanssouci hinein, eine vernachlässigte Straße hinauf, die unregelmäßig von alten Linden und Kastanien eingefaßt ist. Und jetzt liegt es vor ihr, von einer niedrigen Terrasse blickt es auf sie herab, lang und ebenerdig, mit einem Kuppeldach in der Mitte, das alte Jagdschlößchen, welches das Ziel ihrer Reise bildet. Die Thüren sind offen. Auf den Stufen der Terrasse steht der Förster und eilt ihr voll ehrfurchtsvoller Willkommensfreude entgegen. Sie ist daheim. – – Jetzt sind mehrere Stunden seit ihrer Rückkehr in die Heimat verflossen. Die Sonne senkt sich – die Schatten fangen an lang zu werden. Sie hat die für sie vorbereitete Mahlzeit eingenommen in dem geräumigen Saal, in den man geradeswegs von der Terrasse hereintritt. Er ist mit altväterischen Fresken gemalt, und von der hohen Kuppel herab hängt ein Kronleuchter von geschliffenem venetianischem Glas. Die Thüren und Fensternischen sind aus geschnitztem altem Eichenholz. Das Parkett ist schadhaft, und quer durch die Fresken ziehen sich klaffende Risse; bei der Einrichtung mischen sich gebogene Thonetsche Sessel zwischen Sessel und Sofas mit beschmutzten, an den Ecken zerfaserten Cretonneüberzügen in abgeschabten weißen, teilweise auch vergoldeten Gestellen. Zwischen zwei der vornehm geschnitzten Eichenthüren breitet sich ein Büffett aus von außergewöhnlicher Häßlichkeit, schwarz poliert mit fürchterlichen Messingbeschlägen. Marie erinnert sich noch ganz gut, daß mit einem Teil der Louis XVI.-Möbel manchmal geheizt worden ist, und daß ihr Vater das entsetzliche schwarze Büffett hinter dem Rücken der Mutter bei einem Dorftischler bestellt hat. Ein eigentümliches unruhiges Gefühl hat sich ihrer bemächtigt. Die Freude an der Heimat wächst von Minute zu Minute, zugleich aber auch das drückende Bewußtsein der Einsamkeit. Ihr ist's, als sähe sie heute zum erstenmal den Frühling wieder, seit sie Sanssouci verlassen, und deutlich ist sie sich dessen bewußt, daß der Frühling auch in ihr treibt und blüht. Es ist ein Anachronismus, aber er ist da, und sie kann ihn nicht bannen. – – Möchte sie's? Sie tritt in die offene Thür des Saales, wandert in den Park hinaus. Ja, die Schatten werden lang, die Sonne steht tief, der ganze Park ist ein Gemisch von zartem Grün und Goldschimmer. Das Laub noch so durchsichtig, daß die Sonne durchscheint – ja, an den alten Linden merkt man das Laub noch kaum. Aber wie schön! ... Gott, wie schön! ... Was ist denn das für ein abscheuliches, undankbares Gefühl, das sich in ihr regt? Das Gefühl, als ob sie, aus langer Kerkerhaft entlassen, in die Freiheit hinausträte! Das ist die Freiheit, das Rauschen in den alten Bäumen und jungen Büschen, das Rauschen, das neues Leben bringt! Wie verliebt die Vögel in den Zweigen zwitschern, wie weich die taufeuchte, nach Quendel und Harz duftende Luft an Maries Wange vorüberstreicht! – Von ihrem Spaziergang durch den schönen, wilden Park zurückgekehrt, bemerkt sie in dem Saal ihr altes Klavier – denselben Bösendorfer, welcher der Vertraute aller Auf- und Abschwankungen in ihrer jungen Seele war – daneben einen Stoß nach Moder und Kampfer riechender Noten. Ganz obenauf die Trios von Schumann. Sie öffnet das Klavier – der Schlüssel steckt. ... Nach den ersten Accorden, die sie hineingreift, bemerkt sie, daß es ihr zu Ehren gestimmt worden ist. Sie greift nach den Trios von Schumann, sie erinnert sich, daß der erste Satz des ersten Trios ihr Lieblingsstück in ihrer jungen Mädchenzeit war, daß sie an dem Abend vor ihrer Hochzeit bis tief in die Nacht noch gerade diesen ersten Satz gespielt, ohne die Violin- und Cellostimme. Es fehlte ihr irgend etwas dabei, da sie ihn spielte, aber dennoch mußte sie ihn immer wieder und wieder spielen. Sie hebt an. Aus den Saiten des alten Flügels tönt's wie das Wogen und Beben in einem jungen Herzen, an das der Frühling pocht. Plötzlich zuckt sie zusammen. Ihre Hände gleiten von den Tasten. Mit der quendeldurchwürzten Frühlingsluft dringt durch die offene Thür des Saales der Klang rasch rollender Wagenräder, die vor der Terrasse stehen bleiben. Dann ... sie traut ihren Augen kaum ... in die Saalthür tritt eine hohe, schlanke Gestalt ... und die Gestalt bleibt nicht in der Saalthür stehen, sondern kommt auf sie zu. »Marie! Marie! Wie wunderschön, daß Sie hier sind! Wenn Sie wüßten, wie ich mich über unsre Nachbarschaft freue!« »Hans! Sie hier? –– Auf nichts in der Welt war ich weniger gefaßt ... als Sie hier zu sehen!« Mit diesen Worten erhebt sie sich von ihrem Sitz vor dem Klavier, langsam, mit den fast unbeholfenen Bewegungen einer plötzlich aus dem Schlaf Geweckten. Dabei behält sie die Finger auf den Tasten, wie um sich zu stützen. Der junge Mann sieht sie groß an. »Wollen Sie mir damit bedeuten, Sie hätten es passender gefunden, daß ich meinen nachbarlichen Willkommensgruß auf morgen verschoben hätte?« fragt er. »Ihren nachbarlichen Willkommensgruß? ... Haben Sie vielleicht die kleine Tinka Liebenstein geheiratet, daß Sie jetzt in Natek seßhaft sind?« fragt Marie und schaudert leicht, mitten in der weichen, lauen Frühlingsluft. »Ich bin nicht verheiratet, Marie!« erklärt er mit einem energischen Kopfschütteln, und ganz unnötigerweise setzt er hinzu: »Gott bewahre mich!« »Also?« »Ist es Ihre Absicht, mich schlecht zu behandeln?« fragt halb empfindlich, halb mutwillig der junge Mann. »Wieso?« »Weil Sie mir bis jetzt noch nicht die Hand gereicht haben. Selbst Prinzessinnen von Geblüt reichen ihren Unterthanen die Hand zum Kuß.« »Ihren Unterthanen ... ?« Sie lächelt träumerisch, indem sie, das Versäumte nachholend, ihm die Rechte entgegenstreckt. »Ich fühle mich noch immer als Ihr Unterthan – ich erkenne Sie mithin als meine Souveränin an und leiste Ihnen den Eid der Treue.« Bei diesen Worten streift er ihre Hand mit seinen Lippen. Sie tritt mit ihm hinaus auf die Terrasse, weil ihr zu Mute ist, als ob sie sich draußen wohler fühlen, die große Beklommenheit, welche über sie gekommen ist, leichter abstreifen würde. »Und jetzt setzen Sie sich,« fordert sie ihn freundlich auf, indem sie selber auf einer der weißen Gartenbänke Platz nimmt, »setzen Sie sich und erzählen Sie mir, wie Sie nach Natek kommen. Meiner Zeit gehörte es Liebensteins.« »Sie scheinen sich im Ausland wenig um unsere österreichischen Verhältnisse bekümmert zu haben,« bemerkt der junge Mann fast ein wenig verdrießlich, »sonst müßten Sie wissen, daß Natek bereits vor zwei Jahren exekutiv geworden ist, nachdem sich der letzte Liebenstein erschossen hatte. Damals hat es mein Vater erworben, und nach meines Vaters Tode ist es mit seinen anderen verschiedenen Besitztümern an mich gelangt. Da ich es arg heruntergewirtschaftet und die Bevölkerung verwildert fand, so habe ich seit einem halben Jahre meinen Wohnsitz in dem alten Nateker Schlosse aufgeschlagen.« »Und hausen nun dort teilweise als Missionar,« schaltet Marie halb lachend ein. –- »Ja, teilweise als Missionar,« gibt er ebenfalls lachend zurück. »Hm! ... Sind Sie immer noch gentleman socialist ?« fragt sie. »Marie, wollen Sie mich verspotten mit dieser Titulatur?« fragt er halb empfindlich. Sie hat das Gefühl, als ob er jetzt überhaupt stark zur Empfindlichkeit neige. Ein wenig empfindlich war er immer, aber nicht in diesem Grade. »Es fällt mir gar nicht ein,« beeilt sie sich ihm zu antworten. »Ich wollte Ihnen im Gegenteil etwas Freundliches sagen. Mir gefällt die Zusammenstellung ausnehmend, und ich möchte wahrhaftig wünschen, daß sich die beiden Begriffe öfter zusammenfänden. Einer mäßigt und veredelt den andern. In meinen Augen kann man kein echter Gentleman sein, ohne ein wenig ins Sozialistische hinüberzugravitieren – und kein anständiger Sozialist, ohne zugleich ein Gentleman zu sein.« »Sie treffen immer den Nagel auf den Kopf, Sie sind noch immer die geistreichste Frau des Jahrhunderts,« erklärt er, indem er den Hut sehr tief vor ihr abzieht. Es ist eine Uebertriebenheit in seinen Worten, ja selbst in seinen Gesten, die ihr auffällt; sie fühlt sich ein klein wenig verletzt, hat aber weder Zeit noch Lust, sich bei seinen Unzulänglichkeiten aufzuhalten. »Lassen Sie meinen Geist aus dem Spiel – der hat augenblicklich für keinen Menschen Interesse, nicht einmal für mich. Erzählen Sie mir lieber, was Sie alles Menschen- und Weltverbesserndes vorhaben.« »Menschen- und Weltverbesserndes ...« murmelt er mit einer gewissen Bitterkeit, die bald da, bald dort aus seinem Wesen hervorbricht. »Ich halte mich vorläufig in bescheidenen Grenzen. Ich trachte, der Bevölkerung einen gewissen Grad von Bildung zuzuführen, ich habe ein paar Professoren angestellt, die am Sonntag und Donnerstag deutsche und böhmische Vorträge halten in einem Saal, den ich zu diesem Zwecke habe erbauen lassen; jeden zweiten Sonntag halt' ich selbst einen Vortrag, einmal in böhmischer, einmal in deutscher Sprache.« Marie schweigt. Sie hat einen kleinen Scherz auf der Zunge; sie möchte ihm sagen, daß er sich, wenn er so fortfährt, bald herrlich für den Romanhelden einer gewissen sentimental und konfus angelegten demokratischen Schule eignen werde, aber eine heillose Angst, ihn einzuschüchtern, hält sie zurück. Statt dessen bemerkt sie nur nachdenklich: »Stürmen Sie nicht vielleicht zu rasch vorwärts mit der Bildung des Volkes?« »Kann man zu rasch vorwärts stürmen?« fragt er. Sie seufzt nachdenklich, »Die Bildung ist ein schweres Gericht,« antwortet sie, »ein Gericht, von dem man schwachen Magen nur sehr kleine und besonders zubereitete Portionen Vorsetzen darf. So sehr die Bildung zur Verschönerung des Lebens beiträgt, wenn sie, gut verdaut, den Menschen ins Blut übergegangen ist, so sehr trägt sie auch zur Verbitterung und Verzerrung der Existenzen bei, wenn sie unverdaut im Magen liegen bleibt oder, schlecht verdaut, zu allerhand erhitzenden Krankheiten führt, als da sind: Selbstüberhebung, unreife Zweifelsucht und allgemeine Unzufriedenheit. In modernen Zeiten sind alle Revolutionen auf ungesunde Bildung und Unzufriedenheit zurückzuführen. Gesetzlich erzwungene Bildung und gesetzlich geschürte Unzufriedenheit!« »Ja, aber Revolutionen sind notwendig – sie sind nur die stürmischen Läuterungsprozesse der modernen Kultur!« ruft Hans. »Und glauben Sie nicht, daß es vielleicht zweckentsprechender wäre, diese Läuterungsprozesse etwas allmählicher und weniger stürmisch herbeizuführen?« fragt Marie. »Das ist Ansichtssache,« erwidert er. »Vor etwa hundert Jahren,« beginnt Marie von neuem, »soll sich ein von mißglückter Philanthropie müder Volkstribun geäußert haben: Lasst mich in Ruh mit eurer Bildung und Aufklärung! Das Volk braucht Seife und einen Gott! ... und mein Mann, der doch immerhin zu den schärfsten Köpfen seiner Zeit zählte, behauptete, dieser Ausspruch sei bisher weder an epigrammatischer Kürze noch an Weisheit übertroffen morden.« Kaum hat Marie den Namen ihres Mannes ausgesprochen, so bereut sie's. Die Erinnerung paßt nicht hierher – sie muß störend wirken zwischen ihr und Hans. »Nun, Graf Rheinsberg war ja in der That sehr gescheit,« meint Ronsky, »dennoch begreif' ich nicht, wie er finden konnte, daß der berühmte Ausspruch Dantons die modernen Volksbedürfnisse in sich zusammenfaßt.« »Nun, er meinte, daß die gewissen modernen Volksbeglücker ihre philanthropischen Experimente beim unrechten Zipfel anfassen, daß das Volk nicht von vornherein der Wissenschaft, sondern vor allem der Kultur bedarf, man infolgedessen vor allem dafür zu sorgen hat, daß seine materiellen Lebensbedingungen besser gesichert, angenehmer, hygieinischer, sittlicher gestaltet werden!« »Und einen idealen Gehalt wollen Sie dem Leben des Volkes nicht gönnen?« ruft aufgeregt Hans. »Das von Ihnen als nicht umfassend bezeichnete Wort Dantons lautet: ›Seife und einen Gott!‹« entgegnet Marie lustig. »Ich wundere mich, daß Graf Rheinsberg diesen Ausspruch so bewundert hat,« meint Hans. »Er war ja so sehr gegen die Religion eingenommen!« »Fiel ihm gar nicht ein... das sagte er nur so –-« lacht Marie – »aus Widerspruchsgeist. Er schätzte die Religion sehr hoch – er hatte nur eine Abneigung gegen volltönende Phrasen.« Hans biß sich auf die Lippen und wurde blaß. Marie bereute ihre Uebereilung und hätte alles thun mögen, um sie ungeschehen zu machen und auszulöschen. Nach einer Weile begann Hans von neuem: »Das Einzige, was mir im Lauf unseres Gesprächs ganz klar geworden, ist, daß ich nicht mehr den Mut finden werde, Sie zu bitten, meiner Sonntag über acht Tage stattfindenden Vorlesung beizuwohnen.« »Ich werde gewiß kommen,« versichert ihm Marie rasch. »Ich bitte Sie ausdrücklich, es nicht zu thun!« entgegnet er, »Sie bringen mich vollkommen um das bißchen Selbstvertrauen, das jeder Mensch nötig hat, um irgend etwas unternehmen zu können,« »Hans!« ruft Marie vorwurfsvoll. Ihr Herz klopft stürmisch. Es thut ihr entsetzlich leid, daß ihr erstes Wiedersehen durch seine Empfindlichkeit getrübt werden sollte, und nach Frauenart zeigt sie sich ganz bereit, den Fehler in sich zu suchen – sich ganz klein zu machen neben ihm. »Hans! Ich muß mich gewiß falsch ausgedrückt haben,« sagt sie, »nichts lag mir ferner, als Sie in Ihren schönen, edlen Bestrebungen zu entmutigen.« Wie warm ihre Stimme ist, wie ihr schöner, ruhiger Blick ihm zu Herzen dringt! ‹ Er sitzt ihr gegenüber, zwischen ihnen steht ein kleiner, runder, ehemals weißlackierter Gartentisch. Ihre Hand liegt darauf. Er greift danach und zieht sie innig an seine Lippen. »Marie! Ich war thöricht!« ruft er, »verzeihen Sie mir. Erinnern Sie sich an unsern ersten kleinen Konflikt, an den Klaps, den Sie mir erteilten, als ich zum erstenmal die Ehre hatte, in Ihrem Hause zu speisen?« »Ja, ich erinnere mich« – sie nickt humoristisch – »und ich erinnere mich auch, wie freundlich und hochherzig Sie sich meinen etwas vorlauten Klaps haben gefallen lassen.« »Sie sind einzig, Marie!« ruft er mit Begeisterung. »Sie haben sich gar nicht – aber rein gar nicht verändert. Gott sei Dank! Sie sind ganz die, die ich vor drei Jahren zum letztenmal in Berlin gesehen und auf die ich mich so wahnsinnig gefreut habe. Nun ich daran denke, Marie – unsre Bekanntschaft endete ein wenig plötzlich. Ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, was der Grund war.« Das Rot steigt Marie in die Wange, ihre Stimme klingt rauh. »Mein Mann war unwohl,« murmelt sie, »es wurde ihm von einem Tage zum andern Karlsbad verschrieben, und dann zogen mir aufs Land.« »Ja, richtig!« murmelt Hans, »es machte sich gewiß ganz natürlich – aber denken Sie, Marie, mir war sehr leid, daß uns das Leben so auseinander gerissen hatte, ohne daß wir ein letztes Mal Gelegenheit gefunden hatten, uns so recht herzlich auszusprechen. In meiner Seele zitterte es eine ganze Weile weiter, als ob ein Lieblingsmusikstück von mir in der Mitte abgebrochen wäre. Es war ein so unbefriedigtes Gefühl in mir. Anfangs dachte ich – denken Sie, Marie, so vermessen war ich –-, Sie würden mir schreiben. Aber Sie schrieben nicht! Als ich hörte, Sie beabsichtigten nach Sanssouci zu kommen, freute ich mich unsinnig. Aber ich versichere Ihnen, ich fühlte mich Ihnen gegenüber ein wenig zaghaft, als ich herfuhr, Sie zu begrüßen. Ich hatte ... ohne recht sagen zu können, warum, das Gefühl, in Ungnade gefallen zu sein bei Ihnen!« »Aber Hans!« ruft Marie aus und erschrickt selbst vor der Innigkeit des Tones. Er aber überhört achtlos den verräterischen Klang ihrer Stimme, vergißt wenigstens, ihm irgend eine Wichtigkeit beizulegen. »Ich fürchtete so, Sie könnten sich verändert haben,« fährt er fort, »besonders gegen mich. Aber nein, Sie sind ganz dieselbe geblieben; nach dem ersten Wort, das Sie zu mir sprachen, merkte ich, daß Sie ganz dieselbe geblieben sind, die ich vor drei Jahren so sehr in Berlin vermißt und auf die ich mich heute so innig, wenn auch zaghaft gefreut habe!« »Haben Sie sich wirklich so sehr auf mich gefreut?« Sie lächelt ihr warmes, offenes Lächeln – niemand auf der ganzen Welt kann lächeln wie Marie Rheinsberg. »Wie hätt' ich denn nicht sollen, Marie? Sie waren ja immer so gut gegen mich – wie eine Mutter waren Sie gegen mich!« Er hat ihr etwas Liebes, Freundliches sagen wollen; warum ist ihr plötzlich, als stieße man ihr einen Dolch ins Herz? Sie schämt sich für ihre Unvernunft, nimmt sich zusammen, aber ein Frösteln durchschaudert sie doch mitten in der warmen Frühlingsluft. Er merkt es nicht, ist er doch nie ein scharfer Beobachter gewesen. Einen ruhigeren Ton anschlagend, sagt sie: »Und nun erzählen Sie mir weiter von ihren schönen edlen Plänen! Sie finden gewiß auf der Welt keine aufmerksamere Zuhörerin als mich.« »Marie, darf ich wirklich? Fall' ich Ihnen nicht zu sehr zur Last mit meinem thörichten Gerede?" »Weiß Gott nicht!« erwidert sie und spricht die Wahrheit. Nach einigem Zögern ist er in vollem Zug. Was er alles vorhat, erzählt er ihr, was alles anders werden muß. Manchmal flicht sie eine kleine Bemerkung in seinen Vortrag ein, eine kleine, sanfte, teilnehmende Bemerkung; ihn durch einen scharfen Geistesblitz zu verwirren, einzuschüchtern, hütet sie sich. Er betrachtet Natek als sein Königreich, ein winziges Königreich, gerade groß genug, um darin zu experimentieren. Und manchmal sieht es Marie genau, daß sein Vorhaben verkehrt ist, sieht es mit ihrem immer wachen Verstand, der durch nichts zu betäuben ist, nicht einmal durch die Leidenschaft. Sie möchte ihm in die Zügel fahren, aber sie hütet sich, hütet sich aus Angst, ihm seine Zutraulichkeit zu nehmen, aus Angst, ihn zu verscheuchen. Wenn sie sieht, daß er sich vor den Menschen bloßstellen, sich ernstlich schaden könnte durch seine Überspanntheit, dann, so sagt sie sich, ja, schwört sich's feierlich zu, dann soll es ihr an Mut nicht fehlen, ihn zu warnen. Aber jetzt ... warum ihn kränken, warum eine Verstimmung herbeiführen in den ersten Stunden ihres Wiedersehens?! Er spricht und spricht, und sie hört zu – unermüdlich, freut sich an seinem jugendlichen Feuer, freut sich an seiner jungen, warmen Stimme, seinem schönen, belebten Antlitz, an seiner Nähe, freut sich an ihm, wie sie sich an dem Frühling freut. Er gehört mit zum Frühling für sie. Die Sonne ist längst untergegangen, der Mond steht über den alten Linden voll und glänzend, sein bleicher Schein schimmert auf den Rasenplätzen, die der Nachttau befeuchtet hat. Er versilbert alle Vorsprünge der Bäume und Büsche, alles, was durchsichtig aus den kompakten Schattenmassen hervorragt. Die Vögel schweigen. Durch die alten Linden zieht sich ein seltsames zärtliches Zittern und Schauern, teilt sich den zart belaubten jungen Fliederbüschen mit und selbst den langen Halmen auf dem verwilderten Rasen. Es ist, als ob die ganze Welt in einer Art sehnsüchtiger Angst befangen läge... Durch die drei Glasthüren des Saales schimmert gelbes Licht, der Kammerdiener tritt auf die Terrasse. »Excellenz, wo soll angerichtet werden?« Wie aus einem Traum geweckt, sehen sie beide auf. » »Um Gottes willen, wie spät es geworden ist!« ruft Hans. »Verzeihen Sie mir, Marie – es plauderte sich zu gut!" »Ich habe mich sehr gefreut, mit Ihnen zu plaudern,« erklärt Marie, und nach einem leichten Zögern fügt sie hinzu: »Wenn es nicht so spät wäre, hätt' ich Sie aufgefordert, mit mir zu soupieren, aber ich ... bin etwas müde. ... Kommen Sie morgen zum Gabelfrühstück. Wollen Sie?!« »Ob ich will ... Adieu, Marie – es war zu schön bei Ihnen!« Dann machte er ein paar Schritte in der Richtung des Stallhofes, der, von dem Schlößchen ganz abgetrennt, dem Walde zu gelegen war. »Zahradka!« rief er. Eine andere Art, den Wagen zu bestellen, gab es nicht in Sanssouci. Zahradka fuhr vor. »Also adieu, Marie, auf gute Nachbarschaft!« Fünftes Kapitel Es war spät. Gleich nach der leichten Abendmahlzeit beeilte Marie sich zur Ruhe zu gehen. Der Kammerdiener schritt von einem Zimmer ins andre, schloß die Läden, prüfte deren Sicherheit und teilte seiner Herrin mit, daß er bereits zwei Nachtwächter gedungen habe. »Wozu denn?« fragte Marie. »Nun, zur Bewachung des Schlosses. Ich habe mich erkundigt, Excellenz, und es waren immer zwei Nachtwächter da!« »Ja, zur Bewachung der Gold- und Silberfasane in der Voliere bei dem Bassin dort unten,« erklärte gleichgültig Marie. »Zur Bewachung des Schlosses war niemand nötig.« »Excellenz!« rief Lenze entsetzt. »Excellenz, das Schloß war aber auch noch nie von einer einzelnen Dame bewohnt. Ich fühle mich für das Leben Eurer Excellenz verantwortlich!« – Dann fuhr er fort, Fensterläden zu verschließen und Thüren abzusperren mit wichtig zusammengezogenen Brauen und einem Kopfschütteln, das so viel sagen wollte als: Die Damen sind immer waghalsig – weil sie keine Ahnung haben von der Gefahr! Marie ließ ihn gewähren. Ob er zwanzig Nachtwächter gedungen hatte oder keinen einzigen, war ihr ganz gleichgültig. Sie fürchtete sich vor keiner Gefahr, gegen die man sich mittels einer Gendarmeriepatrouille sichern kann, aber sie fürchtete sich ... vor was? ... das hätte sie selbst nicht zu sagen gewußt. Vielleicht wollte sie sich nicht klar werden darüber. Ihr eigenes Herz ist für die edle Frau ein Heiligtum, in das sie sehr selten das volle Tageslicht hineindringen läßt. Ohne auf die umfassenden Verteidigungsmaßregeln des Dieners weiter zu achten, schritt sie auf ihr Schlafzimmer zu. Es war ziemlich hell erleuchtet, fast zu hell, so daß man seine ganze Herabgekommenheit ebenso wie die Poesie seiner ursprünglichen Ausschmückung wahrnehmen konnte. Die Wände waren mit mattblauem Gitterwerk bemalt, um das sich Kletterrosen rankten, über jeder Thür ein verblaßtes Blumenstück und in den Ecken die vier Jahreszeiten: der Sommer in sehr luftigem Gewand, schläfrig auf einem Haufen Garben hockend und mit einem Kranz von Mohnblumen auf dem Kopf; der Herbst, etwas berauscht, einen Becher schwingend und nur spärlich mit Rebenranken bekleidet: der Winter in einen weitläufigen blauen Mantel eingehüllt, dessen Kapuze er über den niedlichen Blondkopf gezogen hatte; der Frühling schlank und fein, über grüne Felder hinschwebend, eine Glocke in der Hand, die aus dem Kelch eines Schneeglöckchens gebildet war. Mit der Glocke wollte der Schalk offenbar alles in der Natur zum holdseligen Leben erwecken, was in der Winterkälte geschlafen hatte. Marie Rheinsberg wähnte das feine, verführerische Stimmchen dieses Glöckchens zu hören: »Tim – tim – tim – wach auf, der Frühling ist da!« Sie lächelte dem Frühling zu und sah sich nach einer elektrischen Schelle um, dann lächelte sie über sich. Wer hatte je von einer elektrischen Schelle gehört in Sanssouci! Ein gestickter Glockenzug – Lilien und Rosen in Schmelz auf feinem Stramin ausgeführt – baumelte neben der Thür herunter. Marie kannte ihn gut, erinnerte sich, daß er das Geschenk einer armen Cousine gewesen war, die damit ihren Sommeraufenthalt bezahlt hatte. Als sie daran ziehen wollte, blieb er ihr in der Hand. Sie fragte sich, wie man es ehemals anzustellen pflegte, um der Dienerschaft bekannt zu geben, daß man sie brauche. Es gab nur zwei Arten: schreien oder selber zu den Leuten laufen. Ehe sie sich noch darüber klar geworden war, welche dieser beiden Methoden in ihrem Fall die anwendbarere wäre, erschien die Kammerjungfer ungebeten und zwar von dem umsichtigen Lenze gesandt. Noch sehr von der Reise mitgenommen, wenig von ihrer neuen Umgebung entzückt, klagte die Zofe ihrer Herrin sofort etwas vor von den zahlreichen Unbequemlichkeiten in Sanssouci. Die Oefen heizten nicht, die Fußböden schwankten einem unter den Füßen, und durch die Deckenkuppel im Saal drang der Regen. Der Förster selbst hatte es ihr erzählt, neulich bei einem Gewitter sei das Wasser in zwei dicken Schnüren heruntergeflossen, man habe Waschschüsseln unterstellen müssen, um es aufzufangen. Weder die Waschküche noch der Kohlenkeller hätten Schlösser, und das allerärgste war, die Leute in der Umgebung sprächen alle böhmisch! Fräulein Betty hatte sich nicht gedacht, daß die Menschen in Böhmen noch so weit hinter der Kultur zurückgeblieben seien; es war wirklich schrecklich! Diesem Gejammer widmete Marie nur eine flüchtige, ironisch schattierte Aufmerksamkeit. Erst als die Zofe bemerkte: »Excellenz verzeihen die Frage – es ist nur – meinen Excellenz, daß es der Mühe wert sein sollte, die Koffer auszupacken? Excellenz werden es doch keinesfalls lange aushalten in diesem Eulennest,« da erwiderte Marie etwas scharf: »Packen Sie nur getrost aus, ich bin fest davon überzeugt, daß ich es ganz gut aushalten werde!« »Excellenz,« bemerkte hierauf gereizt die Zofe, »wenn ich die Koffer auspacke, so muß ich doch wissen, wo ich die Sachen unterzubringen habe.« »Nun, ich glaube, es gibt Schränke genug,« erwiderte Marie. »Allerdings, Excellenz, aber sie sind voll alter Fetzen und Gerümpel.« Sie öffnete einen; Marie war's, als habe man eine Thür in ihre Vergangenheit aufgerissen. In buntem Durcheinander lagen da in den Fächern armselige Dinge, die sie an ihre Mädchenzeit erinnerten: Wäschestücke, Blusen, ein paar alte Schuhe, obenauf ihr Brautkranz und ihr Schleier. Nach ihrer Abreise mußte das Hausmädchen in Eile alles irgendwie fortgeräumt haben, dann war es so geblieben – vierzehn Jahre lang! »Soll ich das Zeugs hinauswerfen, oder wollen Excellenz eine Auswahl treffen?« »Ich werde mich darüber entscheiden – morgen... und jetzt können Sie gehen, Betty, ich brauche Sie nicht mehr.« Während sie die Thür des Schlafgemachs ihrer Herrin hinter sich schloß, keimte in dem Herzen der Verabschiedeten bereits die Absicht, sich nach einem neuen Posten umzusehen. Sie war eine Schweizerin, stammte also aus dem Herzen der Kultur. Kein Wunder, daß sie es in diesem Bärenlande nicht aushalten konnte! Marie war indessen stehen geblieben vor dem offenen Schrank. Ein kleinlicher Verdruß, eine kindische Scham darüber, daß die vornehme Zofe durch diese dürftigen Überbleibsel einen Einblick in die klägliche Armut ihrer Vergangenheit gethan, streifte ihre Seele. Diese thörichten Anwandlungen machten bald anderen Gefühlen Platz, Von den zerrissenen, mühsam geflickten Hemdchen, den derben Schuhen, den verwaschenen Kleidchen wandte sich ihr Blick dem Brautkranz zu. Der hatte ihr den Ausweg geschaffen aus all der Kümmerlichkeit heraus – sie schloß das Schubfach. Sie wollte an andere Dinge denken, an den Frühling, an die Zukunft. Aber ihr war's, als ob der welke, verstaubte alte Brautkranz wie ein böses Omen vor ihr aufgetaucht sei, etwas, das die Hoffnung hemmte, das die Fähigkeit brachlegte, Luftschlösser zu bauen. Und während sie den Kopf auf ihren Kissen hin und her schob, konnte sie, wie sehr sie sich auch bemühte, doch immer nur an dieselben zwei Dinge denken: an ihren Hochzeitstag und – an den Todestag ihres Gatten. Gerade ein Jahr war es her. Sie waren heimgekehrt von einem langen Aufenthalt in Rom. Sie hatten den Abend recht heiter verplaudert. Er hatte sich viel wohler gefühlt als seit langem, und sie hatte sich aufrichtig darüber gefreut. Es war ihr ein Trost, daß sie sich gefreut hatte, daß sie seinen Wert nie so vollständig erkannt hatte wie in diesen letzten zwei Jahren, daß sie in ihm immer nur den Freund gesehen, der ihr mit unendlicher Zartheit über eine schwere Zeit hinübergeholfen hatte, und nicht den Riegel vor ihrem Glück. Um elf Uhr trennten sie sich. Er küßte sie auf die Stirn und sagte ihr noch: »Du bist eine brave Frau, Marie – möge dir das Schicksal vergelten, was du mir in diesen letzten zwölf Jahren warst!« Ihr war eigentümlich leicht ums Herz gewesen nach diesen Worten. Sie hatte in jener Nacht besser geschlafen als seit langem. Da plötzlich hatte sie ein scharfes Pochen an die Thür geweckt. »Um Gottes willen, Frau Gräfin, mit seiner Excellenz steht es sehr schlecht!« Sie war aufgefahren und mit einem Ruck in ihre Schuhe und Kleider hinein. Ihr Herz war stehen geblieben. Da lag er, hoch aufgerichtet in den Kissen, blau im Gesicht, mühsam röchelnd, vom Schlag gerührt. O, wenn er sie nur noch erkennen, ihr ein letztes Wort sagen wollte zum Abschied! Sie hatte sich über ihn gebeugt und seinen Namen gerufen, und er hatte die Augen geöffnet und auf sie gerichtet; er hatte sie erkannt und hatte noch ein letztes Wort zu ihr gesprochen: »Dank ... Dank ...« Er wiederholte es immer wieder – es war das einzige, das er noch finden konnte. Das Wort auf den Lippen war er gestorben – am zehnten April war's gewesen, an ihrem Geburtstage. Man hatte das Fenster seines Zimmers geöffnet, um Luft hereinzulassen. Und während sie noch ganz aufgelöst vor Schmerz neben seinem Bette gekniet, seine erkaltende Hand in der ihren, hatte sie aus dem Garten herauf die Nachtigall schlagen hören, und schaudernd hatte sie befohlen, man solle das Fenster schließen. Sie hatte ihn unsagbar betrauert, unsagbar entbehrt! Erst sehr langsam hatte sich ihr Herz von neuem den Sonnenseiten des Lebens zugewandt – der einen großen Hoffnung. So lange sie Hans nicht wieder gesehen, war die Hoffnung groß und stark. Heute aber schien's als ob sie doch nicht recht Wurzel fassen wollte. In ihrem Herzen schrie's auf: er liebt dich ja doch nicht, er wird dich nie lieben, du bist zu alt für ihn, und er wird es nie vergessen, daß du die Gattin eines Greises gewesen bist. Flieh, so lange es noch Zeit ist, flieh, bevor du dein Ich ganz verloren hast! Sie nahm sich vor zu fliehen. Aber sie floh nicht. Den nächsten Tag fand sich Hans Ronsky zum Gabelfrühstück ein. Sie besprachen zusammen das Nötigste, um Marie den Aufenthalt in Sanssouci erträglich zu gestalten. Die Dachdecker, die provisorische Herrichtung des Stalles, ein paar Pferde und einige Milchkühe wollte Hans verschaffen. Um den Koch wurde nach Berlin telegraphiert, die Küchenmädchen sollten aus Natek geschickt und der Kutscherposten dem dicken Joseph verliehen werden, auf seine dringende Bitte. Dies alles deutete auf einen längeren Aufenthalt. Marie erklärte sich von dem Fleckchen Erde entzückt, bekannte die Absicht, das alte Schlößchen neu herrichten, nach Möglichkeit konservieren zu wollen. Da man ihm aber keine neuen Bequemlichkeiten abzwingen oder einfügen konnte, ohne sein ganzes altmodisch malerisches Gepräge zu vernichten, gedachte sie ein neues, modernes Wohnhaus, ein englisches Cottage in den Park hinein zu bauen und suchte einen geeigneten Platz dafür. Hans half ihr suchen, half ihr wirtschaften; sie half ihm politisieren und utopistische Luftschlösser bauen. Immer peinlicher und deutlicher fühlte sie sich von dem Bewußtsein beunruhigt, daß er einen falschen Weg wandle, daß er den falschen Weg noch obendrein ohne Ueberzeugung ginge, infolgedessen bald diesen, bald jenen Seitenweg versuche, daß er vor lauter Hin und Her nirgends ankommen, sondern eines schönen Tages, wegmüde oder wegverdrossen, über ein unbedeutendes Hindernis stolpernd, stecken bleiben und den Rest seines Lebens, die Hände in den Taschen, das Jahrhundert an sich vorüberfließen lassen werde, wie es eben konnte, wie es eben mochte. Aber sobald ihr der Verstand so herbe Dinge über ihren Abgott zu sagen begann, hieß sie ihn schweigen. Für den Augenblick war der Verstand in den Bann gethan, das Herz allein hatte das Wort. Ein Tag mußte kommen, wo der geknebelte Verstand seine Fesseln sprengen, sich an Marie fürchterlich für die ihm aufgezwungene Passivität rächen würde. Aber der Tag war noch fern ... Die Boten flogen nur so hin und her zwischen Natek und Sanssouci – Boten mit freundlichen Sendungen seinerseits, Sendungen von Treibhausblumen, Treibhauserdbeeren und früh getriebenem Gemüse, Boten mit freundlichen Dankbriefchen, mit zuvorkommend geliehenen und empfohlenen Büchern ihrerseits. Er schickte seine Gärtner, Blumenbeete vor dem Schloß auszustechen und mit Primeln, Levkojen, großblühenden Stiefmütterchen und anderen freundlichen Frühlingskindern zu bepflanzen. Er kam fast alle Tage, um selber nachzusehen, kam zum Lunch, zum Nachmittagsthee, manchmal zum Diner um acht. Dann plauderten sie immer noch ein Weilchen in dem alten Kuppelsaal. Rings um sie eine Art bernsteinfarbiger Dämmerung, in die die Lampen zwei vereinsamte kleine weißliche Lichtinseln bohrten, und durch die hindurch die Schäfer und Schäferinnen an der Wand gespensterhaft undeutlich, aber mit einer Undeutlichkeit, die ihnen Leben verlieh, den Gesprächen zwischen der schönen Frau mit den leuchtenden blauen Augen und den leicht ergrauten Schläfen und dem jungen lebhaften Manne zu lauschen schienen. Seltsame Gespräche, in denen volltönende Namen, wie Karl Marx, Ferdinand Lassalle und Herbert Spencer aufklangen. Die Schäfer und Schäferinnen an der Wand mochten auf andere Dinge gefaßt gewesen sein zwischen einem jungen Mann und einer schönen Frau. Aber sie wurden enttäuscht! Zärtliche Regionen streifte das Gespräch nie. Vielleicht waren die Schäfer und Schäferinnen nicht die Einzigen, die sich enttäuscht fühlten. Vielleicht kochte mehr als einmal ein Gefühl des Verdrusses in dem Herzen Marie Rheinsbergs auf. Merken freilich ließ sie sich's nie. Manchmal auch erschrak sie über die Konfusion in seinen Ansichten, über das zu weite Ausholen kleinen Fragen gegenüber. Es schwebte ihr auf der Zunge, ihm etwas darüber zu sagen, ihn zu warnen. Aber im letzten Augenblick fehlte ihr der Mut. Sie hob sich ihre Warnungen, ihre Ratschläge bis später auf. Und so ging alles seinen Gang und ohne sich darüber Rechenschaft zu geben, hatte sie ihn langsam in den schönen Wahn hineingetäuscht, daß sie alle seine Absichten zweckentsprechend finde, ihn selbst als ein großes politisches Genie betrachte. Er fühlte sich unendlich wohl in ihrer Nähe, freute sich von einemmal zum anderen auf die Stunden, die ihn mit ihr zusammenführen würden, und sagte ihr das oft in knappen, innigen Worten. Und sie freute sich an seiner Herzlichkeit mit einer Freude, in der allerdings etwas Unbefriedigtes war. Aber dieses unbefriedigte Gefühl beruhigte sich mehr und mehr. Sie dachte nicht über den Augenblick hinaus – der Augenblick war schön. Daß Ronsky ihr alle Tage unentbehrlicher wurde, ahnte sie nicht, weil sie ihn alle Tage begrüßen durfte, alle Tage stundenlang mit ihm verkehrte, weil jeder Abschied nur der Quartiermacher für ein neues Wiedersehen war, weil nie der Schatten einer anderen Frau zwischen ihn und sie trat, sie fest überzeugt war, daß sie unter allen für ihn am höchsten stand, daß, wenn er sie nicht heiratete, er überhaupt nie heiraten würde. Manchmal kam ihr der Gedanke, daß die Welt ihren regen Verkehr mit einem jungen Manne in dieser völligen Einsamkeit mißdeuten dürfte, die Absicht, eine Freundin einzuladen, streifte ihre Seele. Olga Ronitz käme gleich, aber ... jede Störung wäre ihr unerträglich gewesen. Eine Freundin, die entweder lästig mit dabei säße, während sie und Hans zusammen plauderten, oder die sich gar mit schelmischer Diskretion zurückziehen würde ... nein, entsetzlich! ... lieber sollte die ganze Welt sie mißverstehen – so lange sie nur ihrer eigenen Achtung sicher war. Was lag daran! Heute hatte sie ihn in Natek besucht. Es war der bedeutungsvolle Sonntag seiner Vorlesung. Es war eigentlich gar keine Vorlesung, sondern ein freier Vortrag, den er in einem auf seine eigenen Kosten erbauten Saal hielt – ein Vortrag zur Verherrlichung des Handwerks. Er hielt ihn stehend, die Hand leicht auf eine Tischplatte gestützt, die schlanke Gestalt hochaufgerichtet, den braunen Kopf stolz zurückgeworfen, die dunkeln Augen blitzend von Begeisterung, der ihm eigenen, leicht entzündbaren Begeisterung. Die böhmische Sprache, ein Gemisch von weich hinsingenden Vokalen und fast abstoßend harten Konsonanten, flog in stürmischen Wogen von seinen Lippen. Sein Organ klang so weich und voll und warm, daß die, welche der böhmischen Sprache nicht mächtig waren, hätten denken können, er trage Liebesgedichte vor. Aber es war nicht von Liebesdingen die Rede. Angefangen hatte er den Vortrag mit der Versicherung, daß kein Mensch sich dessen zu schämen brauche, ein Handwerker zu sein. Die Handwerker zerfielen in zwei Kategorieen, in die Kategorie der nützlichen Handwerker, welche, wenn sie ihren Beruf mit dem nötigen Ernst handhabten, als Handlanger der Wissenschaft bezeichnet werden könnten; und in die Kategorie jener anderen, welche zur Verschönerung des Lebens dienten. Beide Kategorieen seien demnach berufen, den idealen Inhalt des Lebens zu erweitern und zu vertiefen. Diesmal, so erklärte er weiter, wolle er sich nur mit der zweiten Kategorie beschäftigen. Hierauf breitete er einen Stoß Photographieen vor den Seifensiedern, Maurerpolieren, Tischlern, Schmieden und Zimmerleuten aus, die sein Publikum bildeten, und zeigte ihnen den Dogenpalast, den Petersdom und sehr viele Abbildungen moderner und antiker Goldschmiedekunst, darunter natürlich auch Abbildungen der Meisterwerke Benvenuto Cellinis. Er schloß seine mehr oder minder freie Improvisation mit den Worten: »Und hiermit glaube ich bewiesen zu haben, daß die Kunst nichts weiter ist als das in den Adelstand erhobene Handwerk!« Bei dieser Phrase, welche ihm besonders gut zu gefallen schien, hatte er die Augen Maries gesucht, und hierbei war ihm eine gewisse Enttäuschung zu teil geworden. Die Augen wichen ihm aus, und was mehr war, Maries ganzes Gesicht hatte einen unruhigen, nicht recht zufriedenen Ausdruck. Das war verdrießlich, und darüber konnten ihn die massenhaft geschrieenen » Slávás « der ehrsamen Handwerker und ihrer Gattinnen, an welche seine Expektorationen gerichtet waren, nicht trösten. – – Jetzt saß er mit Marie im Schloßhof von Natek unter einer großen Linde, deren dünner Laubansatz freilich nicht genügt hätte, Schatten zu spenden; aber das Schloß half der Linde dabei und verhinderte die Sonne, die beiden Menschen irgendwie ungebührlich zu behelligen. Ein Krug leichten, kunstvoll gekühlten Champagners und eine silberne Schüssel voll ausgezeichnet schöner Glashauserdbeeren stand zwischen Marie und dem jungen Mann. Sie hatte sich einige vorgelegt, aber sie beeilte sich nicht damit. Irgend etwas schnürte ihr die Kehle zu – die Feigheit. Sie wußte, daß er von ihr hoffte, sie würde ihm etwas Anerkennendes über seinen Vortrag sagen. Aber was hätte sie ihm denn sagen können, das zugleich anerkennend und aufrichtig gewesen wäre, als daß er sehr schön ausgesehen hatte beim Reden und daß seine Stimme gut geklungen hatte? Eine Weile herrschte tiefes Schweigen, nur in dem weichen Lindenlaub rauschte es leise, und von Zeit zu Zeit knisterte der grobkörnige Kies, mit dem der Hof bestreut war, unter den Schritten von ein paar Menschen, die mit tiefen Bücklingen und neugierigen Blicken an Marie und Hans vorbei dem Park zustrebten. »Es ist außerordentlich großmütig und menschenfreundlich von Ihnen, Hans, dem Publikum jeden Sonntag freien Eintritt in den Park zu gestatten,« begann Marie. »Das ist doch wirklich das geringste, was ich thun kann,« versicherte Hans; »ich schäme mich ohnehin, daß ich den armen Leuten nicht alle Tage den Eintritt gewähre, besonders im Sommer, wo der Park der einzig kühle Ort in der Umgebung ist.« »Das ist sehr schön und hochherzig gedacht,« murmelte Marie. »Hm! ... Aber ... Ihnen schwebt ein ›Aber‹ auf den Lippen,« sagte er, »heraus damit!« »Ich ...« – sie zwang sich zu einem großen Aufrichtigkeitsanlauf – »ich finde, daß Sie bei all Ihren philanthropischen Veranstaltungen zu weit gehen!« Sie verstummte verlegen, hierauf begann sie erst die Glashauserdbeeren über alle Maßen zu loben, dann die schöne Form der Linde, unter welcher sie saßen. Hans Ronskys Gesicht verdüsterte sich immer mehr: »Lassen wir das, Marie! Sie machen mich nervös – mir ist momentan etwas anderes wichtiger, als daß mein Gärtner gute Glashauserdbeeren zu ziehen versteht. Hm! ... Marie ... Sie haben mir bis jetzt noch gar nichts über meinen Vortrag gesagt. Ich erwarte ja keine Komplimente von Ihnen; aber etwas Interesse, eine aufrichtige Meinungsäußerung kann ich doch von Ihnen verlangen!« »Ach, Hans, es fällt mir so schrecklich schwer, darüber zu sprechen! Sie meinen alles so gut, so edel. Und wenn Sie fehlen, so fehlen Sie doch nur aus den schönsten Absichten – aus purer hochherziger Ueberspanntheit!« »Hm!... hm!« Hans trommelte nachdenklich auf der Tischplatte ... »Sie sind sehr liebenswürdig, Sie verzuckern die Pille, so gut Sie können; aber Sie finden, daß ich fehl gehe!« Seine Stimme klang heiser, und sein Gesicht war blaß geworden. »Hans! ... Bitte, nehmen Sie mir's nicht übel!« In ihrer Aufregung und Herzlichkeit faßte sie ihn bei beiden Händen – »so gut ich's versteh', gehen Sie fehl. Was war Ihre Absicht, als Sie den Vortrag hielten?« »Nun, das Selbstgefühl des Handwerkerstandes zu stärken. Ich denke, das sollte ich Ihnen deutlich gemacht haben!« rief Hans. »Mir haben Sie das allerdings deutlich gemacht ... aber ... aber ich glaube, es ist ganz unnötig, das Selbstgefühl des Handwerkerstandes in der Weise zu stärken, wie Sie es zu thun versuchen! Sie fingen Ihren Vortrag mit den Worten an: ›Niemand braucht sich zu schämen, ein Handwerker zu sein!‹ Ja, Hans, gottlob ist es noch gar keinem wackeren böhmischen Handwerker eingefallen, sich seines Gewerbes zu schämen, und daß er deshalb getröstet werden müßte, ein Handwerker zu sein, geht im ersten Augenblick einfach über sein Verständnis. Er denkt darüber nach – warum bedauert mich der Herr ... und schließlich bedauert sich der Handwerker selbst! ... Hans, Hans! Sie säen ja Unzufriedenheit und Mißgunst mit vollen Händen, alles aus übertriebenem Edelmut, alles, weil Sie sich einbilden, ein jeder Handwerker in Natek müsse so fühlen, wie Hans Ronsky fühlen würde, wenn er an seine Stelle verschlagen würde. Sind Sie mir sehr böse, Hans?« »Ich bin Ihnen gar nicht böse,« erklärte er. »Es thut weh, aber es war gewiß notwendig, mich aufzuklären!« »Ganz genau hab' ich Ihnen nicht folgen können,« fing sie von neuem an, »ich habe zwar meine Muttersprache seiner Zeit gut gesprochen, aber etwas habe ich sie doch verlernt, wenngleich ich immer trachtete, im Auslande jedes bedeutende böhmische Buch zu lesen, das neu erschien.« »Nun, in vierzehn Tagen halte ich den Vortrag noch einmal deutsch,« meinte Hans, »wenn Sie die Geduld hätten ...« »Natürlich werde ich mich einfinden! Mich persönlich hat ja Ihre Rede außerordentlich angesprochen. Ich fand sie sehr geistreich, lebendig ... nur, wie gesagt. Sie überschätzen Ihr Publikum!« Sein Gesicht fing an, sich aufzuhellen. »Und unter schätzen Sie es nicht ein wenig, mein Publikum, Marie? Soll man dem Volke nicht das Beste bieten, was man zu bieten hat?« »Gewiß, aber mit Auswahl. Das dünkt Ihnen kleinlich, aber ich habe doch recht! Ich habe ja weder Ihre Bildung noch Begabung, Hans, aber wir Frauen haben mitunter einen gewissen praktischen Sinn, der den großen männlichen Idealisten abgeht – wir wirken manchmal gut als Bremse.« »Marie! Sie sind ein Engel!« rief Ronsky, »wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen ...!« In diesem Augenblick trat der Kammerdiener Ronskys an den kleinen Tisch unter der Linde. »Ich bitt', gräfliche Gnaden, der Förster von Cin ist da, möcht' mit gräflichen Gnaden sprechen.« »Sie verzeihen, Marie ...« Hans erhob sich, um mit dem Förster zu reden. Nach einer Weile kehrte er zurück. »Der Zajiz« (so hieß der Förster) »teilt mir soeben mit, daß die Birkhähne auf der Rowina noch balzen. Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, morgen früh auf die Balz zu gehen. Sie sagten mir neulich, Sie wären seit Ihrer Mädchenzeit nicht mehr auf der Birkhahnbalz gewesen und hätten Lust, das Aufwachen des Waldes wieder einmal mit anzusehen. Soll ich Sie um halb Drei abholen? Die Rowina grenzt an die Wälder von Sanssouci.« Als Marie kurz darauf, nachdem in betreff des morgigen Jagdvergnügens alles Nötige besprochen worden war, nach Sanssouci fuhr, freute sie sich, daß alles noch so gut abgelaufen war, und lobte Hans in ihrem Innersten dafür, daß er die Wahrheit so gut vertragen habe. Wie viel Schmeichelei sie aufgewendet hatte, um dieses Resultat zu erzielen, wie klein sie sich gemacht hatte, um ihn nicht zu demütigen, darüber vermied sie genauer nachzudenken. »Es ist so viel Schwung, so viel jugendlicher Heroismus in seinem ganzen Wesen. Mein Gott, es gibt ja Menschen, die allenfalls über ihn lachen könnten, es gibt auch Menschen, die über den Don Quijote lachen; und doch ist der Don Quijote für mich die rührendste Figur, in welcher je ein Dichter die Uebertriebenheit des Edelmuts, die Ablehnung alles Gemeinen, die sich ewig von neuem schaffende Illusion synthetisiert hat!« Marie war seit ihrer Mädchenzeit nicht mehr auf der Birkhahnbalz gewesen und freute sich deshalb wie ein Kind auf dies Vergnügen. Sie legte sich um neun Uhr nieder, um Eins klopfte die verdrießliche Kammerjungfer weckend an ihre Thür. – Marie stand auf, lustig wie ein Vogel, Sie sang, während sie sich wusch und ankleidete – ein derbes warmes Lodenkleid ... einen Lodenhut – ganz weidgerecht. Dann setzte sie sich in den Saal, dessen Fensterläden alle verschlossen waren, an einen Tisch, auf dem eine vereinzelte Lampe stand, aß Sandwiches, trank ein Glas Portwein und wartete. Sie forderte den alten Lenze auf, die Holzläden vor der Thür zurückzuschlagen. Lenze aber hatte Angst, das durch die Scheiben schimmernde Licht könne Räuber anlocken. Sie lachte ihn aus und fragte ihn, ob er sich einbilde, daß Räuber wie die Motten nach dem Lichte flatterten. Der Alte schüttelte den Kopf, folgte zwar ihrem Befehl, aber offenbar nur mit großem Widerstreben. Lichter anzünden und Fensterläden zurückschlagen um zwei Uhr in der Nacht in einem einsamen Waldschlößchen, das erschien ihm, dem Stadt- und Schutzmanngewohnten, als eine haarsträubende Herausforderung des Schicksals. Draußen war es noch fast dunkel, der Widerschein der Lampe spiegelte sich rot in einer schwarzen Fensterscheibe. Marie war zu früh aufgestanden – sie mußte warten. Ihr dicker, zobelbesetzter Reisepelz lag neben ihr. Sie fragte den Diener, ob er den Fußsack vorbereitet habe. Es war ihr sonderbar, so mitten in der Nacht dazusitzen in diesem stillen, einsamen Schloß. Sie fing an unruhig zu werden. Hatte Ronsky die Zeit verschlafen, hatte er die Verabredung überhaupt vergessen? Sie griff nach einem Roman und las. Er war nicht aufgeschnitten, das Zertrennen der Blätter tönte in die Stille der Nacht hinein wie das Rauschen eines Windstoßes – unheimlich laut. Endlich hörte man leise, leise das sich allmählich verstärkende Rollen von Wagenrädern. Es hielt vor dem Schloß. Jetzt pochte jemand an eine Fensterscheibe. Angstvoll trat der Kammerdiener an die Glasthür, öffnete sie behutsam und meldete Marie, daß der Herr Graf Ronsky draußen warte. Marie schlüpfte in ihren Pelz und trat hinaus, Ronsky kam ihr entgegen, begrüßte sie vergnügt und half ihr in den Wagen. »Ich habe ein leichtes Gewehr für Sie mitgebracht,« rief er, »wenn Sie schießen wollten.« Marie dankte ... das wollte sie sich noch überlegen, meinte sie. »Und sind Sie ordentlich verpackt?« fragte er. Sie deutete auf ihren Pelz. Der alte Lenze und Ronskys Jäger bemühten sich gemeinschaftlich, ihr in den Fußsack zu helfen – und fort ging's durch den totenstillen Park, durch die dunkelgraue Nachtluft, in welche die Wagenlaternen zwei schmale, blasse Lichtstreifen zeichneten. Der Kammerdiener machte hinter Marie die Thür zu und verschloß sorgfältig die Fensterläden. »Was ist denn das eigentlich für ein Vergnügen, zu dem ein junger Mann eine Dame, die's auch noch nicht aufgegeben hat, jung zu sein, um zwei Uhr in der Nacht abholt?« fragte die Kammerjungfer. »Das ist ein Vergnügen, bei dem die Herrschaften in einem in die Erde gegrabenen Loch sitzen und auf einen mißtrauischen Vogel schießen, der sich ihnen nur zum Schuß naht, weil er aus Verliebtheit dumm geworden ist,« erwiderte der Kammerdiener, der in seiner Jugend Büchsenspanner gewesen war. »Was Sie sagen! ... Und wie lange sitzen sie in dem Loch beisammen?« »Manchmal zwei bis drei Stunden,« erwiderte Lenze ärgerlich. »Was geht Sie das übrigens alles an, Fräulein Betty?« »Es muß eben ein sehr großes Vergnügen sein, mit so einem jungen Herrn zwei Stunden lang in einem Loch zu sitzen,« sagte die Kammerjungfer bissig. »Und ich finde es ein eigentümliches Vergnügen, über seine Herrschaft loszuziehen, besonders über so eine Heilige wie unsere Frau Gräfin, hören Sie's, Fräulein Betty, und wenn das noch einmal geschieht, so ...« Aber die Kammerjungfer war verschwunden – die Drohung blieb dem alten Lenze im Halse stecken. – Indessen trabten die leichten Jucker Ronskys die breite Straße entlang, welche zwischen den hohen Bäumen des Parks in die Wälder führte. Der Weg war sandig, der Hufschlag der Pferde klang gespenstig leise; es war nur wie ein Huschen, das die tiefe Nachtstille unterbrach. Die Luft war köstlich frisch, vom Tau gekühlt, vom Duft der sich im Schlafe kräftigenden Waldbäume gewürzt. Ringsum alles weder dunkel noch hell, nicht form- aber farblos, eine in großen, halbverwischten Zügen gehaltene Kohlenzeichnung, kein Bild. Steil hinauf geht's zu einer Lichtung, auf der einzelne Riesenkiefern ihre Stämme in den Himmel strecken und wo Quendel und Ginster angefangen haben zu blühen und zu duften. Man sieht die Blüte nicht, aber man genießt den Duft. Der Boden ist braungrau, die Wälder sind schwarz, der Himmel bedeutend heller als die Landschaft, zwischen zerrissenen Wolken blinken einzelne Sterne, ihr Licht dringt nicht herunter auf die Erde. Jetzt fährt der Wagen aufs freie Feld, über eine weite, von Wäldern vielfach umdunkelte Heide. Im Westen über einer niedrigen Hügelkette sieht man die Mondscheibe in einer Insel von grünlich-gelblichem Licht zwischen finsteren Wolken sich dem Horizont zuneigen. Bald darauf ist der Mond verschwunden, die Welt noch um eine Schattierung dunkler geworden. Dann ein schlafendes Dorf, dessen weiße Mauern durch die Dämmerung schimmern. Ein Hund schlägt an, ein Hahn kräht gedehnt und traurig. Dann liegt auch das Dorf hinter ihnen. – Sie sind wieder in einen Wald eingebogen. Der Weg ist noch sandiger; sie können kaum vom Fleck; die Kraft der Pferde erlahmt. Jetzt hält der Wagen. Neben einer Schneise steht der Förster des Reviers mit seinen beiden Hegern, um die Herrschaften bis zu dem »Schirm« zu geleiten. Ronskys Jäger springt vom Bock, um Marie behilflich zu sein, teilt sich mit den beiden Hegern in das Tragen der von Marie und Ronsky abgelegten Pelze, des Fußsacks, der Gewehre. Sie gehen eine ganze Strecke durch den Wald, dann am Waldrand entlang, dann über eine Lichtung. Aus einem an die Lichtung stoßenden Brachfeld ragt etwas, das in der verwischenden Dämmerung fast wie eine indianische Federkrone in vielfach vergrößertem Maßstabe aussieht – dort eine Wiederholung desselben Undings ... und dort ... Es sind die »Schirme«, in das Brachfeld gegrabene Löcher, um die man Fichtenzweige in die Erde gesteckt hat. Der Förster zeigt den Herrschaften den am günstigsten gelegenen Schirm, hilft ihnen sich unterbringen, übergibt Hans Ronsky die Gewehre und zieht sich mit seinen Trabanten zurück. »Wappnen Sie sich mit Geduld, Marie, wir werden warten müssen!« sagt Ronsky. »Es ist schon spät im Jahre, und sehr ergiebig wird die Sache auf keinen Fall sein.« »Ja, ja, ich weiß schon, gar so sehr aus der Stadt bin ich doch nicht,« erwidert sie ihm. »Wollen Sie eine Zigarette?« »Ja, mit Vergnügen!« Nachdem sie ein paar Züge gethan hat, wirft sie sie weg. »Es ist schade, den Morgenduft zu verderben. Riechen Sie den Tau, Hans?« fragt sie. »Ja ... herrlich!« »Das Wundersamste, was es gibt!« murmelt sie. »Tau auf jungem Gras!« Sie thut einen tiefen, genießenden Atemzug. Er folgt ihrem Beispiel. »Herrlich!« murmelt er noch einmal, dann schweigen sie beide. In ihrem Pelz geborgen, genießt sie die herbe, feuchte Frische um sich herum. Uebernächtig, wie sie ist, fühlt sie sich ganz befangen in einer behaglichen Müdigkeit, die etwas wie einen dämpfenden Nebel über alle ihre Empfindungen zieht, ein Zustand, in dem sich die Gegenwart mit Träumen und Erinnerungen mischt. Manchmal fragt sie sich, warum sie sich gar so wohl fühlt. Es ist schön, dazusitzen und dem langsamen Erwachen der Natur zuzusehen, ist schön, allein zu sein in dieser köstlichen Morgenfrische – mit ihm! Er ist ungeduldiger; der Jäger ist wacher in ihm als der Mensch. Gespannt lauscht er dem Birkhahn entgegen. Manchmal klingt aus der Ferne herüber etwas Undeutliches, leicht pochend Schauderndes. Da flüstert er: »Der Birkhahn ... er kommt!« ... und dann beugt er sich vor, aber der Birkhahn kommt nicht. »Es ist schon zu spät im Jahre,« klagt er immer wieder und setzt hinzu: »vielleicht wird sich überhaupt keiner mehr zeigen.« Und dann murmelt er: »Zu dumm! Lohnte auch wahrlich, Sie für so ein verfehltes Unternehmen aus den Federn zu scheuchen!« Sie antwortet nicht; sie lächelt nur. Die Dämmerung lichtet sich etwas. Die Farben freilich sind immer noch nicht zu erkennen; nur ein unruhiges Weiß durchspielt das gleichmäßige Grau. In Wald und Feld wird es langsam lebendig. Zwischen den eintönig klagenden Ruf der Brachschnepfe auf den Feldern, klingt das zärtliche Girren der Waldtaube aus dem Forst heraus, dann wieder das heisere Krächzen des Fasans, dem jedesmal ein schaudernder, plusternder Flügelschlag folgt. – Ein seufzender Windhauch streicht durch den Wald und trägt den Duft der Fichten zu dem Taugeruch auf dem Brachfeld. Und in diese Naturlaute hinein tönt aus einem fernen Dorf, das man nicht sieht, das melancholische Horn eines Nachtwächters. Vier Uhr. ... Der Birkhahn meldet sich noch immer nicht. »Das wird mir zu dumm!« brummt Hans Ronsky. »Bitte, sagen Sie es mir, wenn Ihnen die Geduld ausgegangen ist!« »Aber sie ist mir gar nicht ausgegangen,« versichert sie. »Hm! ... Sie sind wirklich fabelhaft gutmütig!« meint er, »jede andere Frau hätte mich mit Insulten überhäuft wegen des mißlungenen Unternehmens ... aber ... pst ... vielleicht. ... Nein, es ist nichts,« Marie lacht leise. »Wie, Sie lachen, Marie! Mir war's, als girre eine Waldtaube neben mir.« Wieder schweigen sie beide; aber sie fühlt's, daß sein Blick durch die Dämmerung hindurch ihr Antlitz sucht. Er räuspert sich ... fängt einen Satz an und bleibt stecken ... »Was haben Sie auf dem Herzen? Beichten Sie!« neckt sie ihn. »Marie!« flüstert er. »Nun?« »Werden Sie sehr böse sein, wenn ich Sie etwas ganz Ungebührliches frage?« Ihre Augenbrauen zucken ein wenig. »O ... ich bitte!« murmelt sie. »Ich – ich möchte nur wissen ... ob Sie ... eine so ... o, ich erspare Ihnen die Beiwörter – eine Frau wie Sie durchs Leben gegangen sind ohne einen Roman?« »Es scheint so ...« Sie zuckt die Achseln. Ihr Mund ist trocken geworden, und plötzlich kommt ihr eine Hoffnung, eine Ahnung. Sie erwartet etwas Wunderbares, das über ihr Leben entscheiden muß. »Nun, dann kann ich Ihnen nur gratulieren, Marie. Ihre Unerreichbarkeit muß felsenfest gestanden haben, denn Sie müssen doch sehr oft vergeblich geliebt worden sein.« »Meinen Sie wirklich?« flüstert sie. »Aber Marie!« unwillkürlich beugt er sich vor, »Sie müssen doch wissen, daß Sie anbetungswürdig sind!« Maries Herz klopft so laut, daß sie Angst hat, er könne es hören. Sie möchte von neuem anfangen zu reden, nur damit er es nicht schlagen hören sollte. Aber es fällt ihr nichts ein, sie schweigen beide. Eine Waldtaube girrt in der Ferne, und die Wälder rauschen dazu. Es ist jetzt bedeutend heller geworden, die weißliche Unruhe in der grauen Luft wird stärker. Mit einemmal hebt sich's wie leicht bewegte Schleier von der Erde empor. Ein grüner Schimmer taucht aus der Farblosigkeit des Bodens auf. Kurz darauf kann man die einzelnen Hälmchen erkennen, müde auf der Erde niedergestreckt unter ihrer Last von Tau. In den Wäldern wird es immer unruhiger, eine Stimme antwortet der andern. Und jede Stimme ist ein Lockruf der Liebe oder eine Antwort darauf. Und mit einemmal kommt es Marie zum Bewußtsein, daß die ganze Natur um sie herum nur nach einem strebt, nach dem verklärenden, erwärmenden Zauber, der das Leben schafft, jedes Pflänzchen sehnt sich der Blüte entgegen, aus der die Frucht reift. Nicht nur die Vögel in den Bäumen, die Bäume selbst, ja die gärende Frühlingserde atmet Liebe, schlafende Kräfte wachen auf, und vergessene Keime drängen ans Licht. Ihr wird sonderbar zu Mute, es ist, als ob das große Fieber sich auch ihrer bemächtigt habe, sie fühlt den Schmerz des Lebens wie noch nie, und sie weiß, daß sie das Glück mit derselben Kraft würde empfinden können. Es ist ganz nah, es mischt sich mit dem Schmerz, wie sich der nahende Morgen rings um sie herum mit der fliehenden Nacht mischt. Sie trachtet ihrer Empfindung einen festen Umriß abzuzwingen, aber nein, das Denken verscheucht den Umriß. Wozu denken, warum nicht den Augenblick genießen! Sie merkt, wie der junge Mann von neuem anfängt, sie zu betrachten, und zwar mit einem Ausdruck sich immer steigernder, erwärmender Bewunderung ... Sie sieht ihn an mit einem hilflosen, durch Thränen leuchtenden Blick, der ihm alles verraten müßte, wenn er zu lesen verstünde. Eine köstliche und doch beunruhigende Ahnung streift ihn – – Plötzlich lenkt etwas feine Aufmerksamkeit ab. Er wendet den Kopf ... es gibt ihr einen Stich ... »Sehen Sie dort die Henne?« murmelt er. Richtig ... dort, kaum sechzig Schritte entfernt von den beiden, trippelt ein schlanker Vogel mit einem schmalen, spitz zulaufenden Schweif über das graugrün schimmernde Feld. In seinen Bewegungen ist eine sonderbare, wichtigthuerische Feierlichkeit. »Jetzt muß der Hahn kommen ... hören Sie ihn?« flüstert Hans. Durch die kühle, herbe Morgenluft schwebt, zwischen allen anderen Vogelstimmen deutlich vernehmbar, ein klagender, einschmeichelnder, sehnsüchtiger Laut, etwas zwischen einem Girren und einem Trillern, dann eine fast regelmäßig gebildete, aufwärts steigende Tonleiter, dann wieder dasselbe Girren, heißer, dringlicher, voll demütig flehender Leidenschaft. »Sehen Sie ihn?« murmelt Hans mit stockendem Atem. Ja, sie sieht ihn ... er kommt näher, schlägt mit seinem großen schwarzen Stoß ein Rad, hebt und senkt die Flügel. ... Er scheint über sich hinauszuwachsen, schwebt über der Erde, gleitet wieder nieder, fängt von neuem an zu girren, zu trillern, zu bitten ... Hans legt seine Büchse an. ... Ein überwältigendes Mitleid ergreift Marie. ... Er drückt los – der Schuß geht fehl ... im entscheidenden Augenblick hat Marie den Freund beim Arm gepackt. »Aber, Marie!« ruft er etwas unwirsch, »was ist Ihnen denn eingefallen?« »Mir war leid um den Vogel,« murmelt sie ... »es war mir entsetzlich, daß er sterben sollte im schönsten Augenblick seines Lebens!« »Dem schönsten ...?« »Ja, dem Augenblick vor dem Glück,« seufzt sie. Aber er ist nicht zu besänftigen. »Nun, das ist ja alles sehr poetisch; aber wenn man so sentimental sein wollte, müßte man jeden Sport aufgeben. Ich wußte gar nicht, daß Sie so sind. Jetzt haben wir unsere Zeit umsonst verloren!« »Haben wir wirklich unsere Zeit so ganz und gar verloren?« frägt sie träumerisch mit einem Blick nach Osten. – In der Lücke der dunklen Waldmauern, welche den Horizont umgrenzen, hat es angefangen, dunkelrot zu glühen, der mit leichtem Gewölk bedeckte Himmel schillert im seltsamsten Farbenspiel. Es ist, als ob blaßviolette und rosa Wellen über einen türkisgrünen Untergrund zögen. Der Tau auf den Grashälmchen schimmert wie Quecksilber ... ein kalter, nach Erde riechender Hauch schaudert über das Brachfeld hin. Da, mit einemmal ... rein, verklärend und jauchzend von oben schwebt es herunter, eine große Befreiung, wie klingendes Licht ... die Lerchen haben angefangen zu singen, und die ganze Erde wird hell. Ueber den schwarzen Wäldern, breit und rot, steigt die Sonne, fächerförmig von ihrem Mittelpunkt ausgehend, strecken sich ihre Strahlen über den Tau, erst kupferfarbig, dann golden; goldene Streifen, von silbernen Schleiern umhüllt. Das Gold vermischt sich mit dem Silber, breiter und breiter werden die Streifen, die Schatten verscheuchend, von der Erde Besitz ergreifend, bis sie im allgemeinen Licht der langsam höher steigenden Sonne verschwinden. – Die Lerchen jubelten und trillerten noch, die ganze Himmelskuppel schien aus dieser hellen, schwebenden, sozusagen leuchtenden Musik aufgebaut; und von dem silbernen Klanghintergrund hoben sich alle die anderen Stimmen des Frühlingsmorgens ab – eine nach der anderen. »Haben wir wirklich unsere Zeit verloren?« fragte sie noch einmal. »Nein!« sagte er, aber seine Stimme klang nicht überzeugt. Zwischen den Schatten der Wälder, die sich lang hinstreckten über das Brachfeld, sah man jetzt den alten, breitschulterigen Förster schreiten, von seinem Hund und seinen Trabanten begleitet. »Na, ich ... gratuliere, Gräfliche Gnaden, hatte schon Angst, es würde sich kein Hahn mehr zeigen... aber...« »Mein lieber Kembitzky ... es ist nichts zu gratulieren... ich habe den Hahn gefehlt,« erklärte Hans. »Aber, Gräfliche Gnaden!... das ist doch nicht möglich, er kam ja auf fünfzig Schritt ... ein Schütz wie der Herr Graf...« »Sie müssen sich hineinfinden, Kembitzky! Ihr Schüler hat Ihnen heute wenig Ehre gemacht,« versicherte Hans und zündete sich eine Zigarette an. Der alte Förster war verblüfft, daß Graf Hans Ronsky, dem er vor zwanzig Jahren zum erstenmal das Gewehr zwischen die Hände gelegt hatte, und der seitdem einer der sichersten Schützen Oesterreichs geworden war, einen Birkhahn auf fünfzig Schritt gefehlt hatte! Sein Blick schweifte von ihm zu der schönen Frau. Dann begaben sie sich zu dem wartenden Wagen. Die flinken Pferde zogen an; Hans und Marie waren beide still. Die Luft erwärmte sich; Marie streifte ihren Pelz ab, Hans half ihr dabei. Sie merkte, daß er sie unaufhörlich betrachtete. Die Farbe kam und ging auf ihren Wangen. Und so fuhren sie weiter durch den Duft des Waldes, den kräftigen, herben und doch wundersam süßen Morgenduft, durch das helle, leuchtende und doch von einer dämpfenden Feuchtigkeit verschleierte Licht. Rings um sie herum jauchzende Vogelstimmen und seiner Entfaltung zustrebendes zartes Grün. Endlich hielt der Wagen vor dem Schlößchen. Alles schlief noch ... der Jäger mußte klopfen, ehe der Schloßwärter, sich die Augen reibend, die Thür öffnete. »Haben Sie mir verziehen, Hans?« fragte Marie. »O, Marie! es ist an Ihnen, mir zu verzeihen!« rief er. »Es war ja wunderschön – und ich war ein Tropf, ich hatte die Poesie der Stunde nicht gleich erfaßt.« Sie reichte ihm die Hand, von der sie, ohne sich selbst davon Rechenschaft zu geben, wohl nur um die Morgenluft darüber hinstreichen zu fühlen, den Handschuh heruntergezogen hatte. Er drückte einen langen, innigen Kuß darauf. »Marie! Mir ist, als hätte ich Sie erst heute kennen gelernt!... Marie...« »Adieu!« rief sie, ihm die Hand entziehend. Ehe er sich's versah, war sie im Schloß verschwunden; die Thür war hinter ihr zugefallen. »Wäre es möglich, daß sie mich liebt?« Das war die Frage, welche sich Hans Ronsky immer und immer wieder vorlegte, während er aus dem Walde nach Hause fuhr. Sein Herz jauchzte ihm die Antwort zu. »Ja, sie ist mein, sie liebt mich – sie – und sie ist eine einzige, herrliche Frau!" Ein Gemisch von Seligkeit und Begeisterung erfüllte ihn ganz. Aber schon im Laufe seiner Fahrt von Sanssouci nach Natek fiel die Temperatur seiner Gefühle. Er hatte an die Möglichkeit einer leidenschaftlichen Zuneigung Maries für ihn nie oder doch nur einen längst vergangenen kurzen Augenblick lang gedacht. Jetzt, da er knapp davorstand, empfand er ihre Liebe mehr als eine Auszeichnung denn als ein Glück. Daß seine Beziehungen zu Marie nicht mehr auf der alten Basis bestehen konnten, daß sie nunmehr einem Ziel zustreben durften, hatte er heute einsehen gelernt. Der Gedanke, daß sie um fünf Jahre mehr zählte als er, streifte ihn, war ihm aber weiter nicht unangenehm. Er war nicht der erste, der eine ältere Frau zum Altar führte! Und sie war noch immer bildschön, dabei eine unvergleichlich vornehme Erscheinung. Der alte Ehrgeiz, der ihm seit seiner Jugend herrliche, wenn auch immer weiter in die Zukunft rückende Ziele vorgezeichnet, meldete sich. Sie würde vorzüglich repräsentieren in einer hohen offiziellen Stellung, und welche Gehilfin er an ihr haben würde! Aber gerade bei diesem Gedanken durchzog ihn eine etwas unangenehme Empfindung, als ob ihm jemand einen Zügel hätte anlegen wollen. Er dachte an ihren unbefriedigten, unruhigen Blick während seiner Vorlesung in Natek und dann nach der Vorlesung an ihr ablehnendes Urteil. Und doch, mit wie viel Anerkennung war dieses sanft ablehnende Urteil verbunden gewesen, wie hoch stand er trotz allem in ihrer Achtung! Nach Natek zurückgekehrt ließ er dem Gärtner auftragen, in dem Warmhaus von allem, was gerade blühte abzuschneiden, was am schönsten war. Diese blühenden Schätze wollte er ihr selber bringen, wenn er nach Sanssouci fuhr, um... Dann frühstückte er mit großem Appetit – an ein Ausschlafen dachte er nicht. Ihm verschlug es nichts, seine Nachtruhe um ein paar Stunden zu kürzen. Mittlerweile lief die Post ein. Er empfing sie stets mit Vergnügen, brachte sie doch zumeist schwärmerische Aeußerungen von Studiengenossen, die seine Lebensführung bewunderten und nicht aufgehört hatten, Großes von ihm zu erwarten. Das thut immer wohl, so lange man nämlich selber noch nicht aufgehört hat, Großes von sich zu erwarten. Diesmal aber bereitete Hans das Lesen der Briefe kein ungeteiltes Vergnügen. Einer seiner Getreuen, und zwar der Getreueste, welcher bereits seit mehreren Jahren im politischen Getriebe Oesterreichs eine untergeordnete, aber gewissenhaft durchgeführte und – zum mindesten in den Augen seiner Parteigenossen – nützliche Rolle spielte, schrieb ihm: »Mein teurer Freund! Du weißt, wie ich auf Dich baue, auf Dich hoffe, an Dich glaube! Von Jugend an habe ich in Dir eine Kraft gesehen, die dazu berufen sein sollte, dem Zerfall unserer zusammenbröckelnden Monarchie, unseres lieben, kranken Oesterreichs, Einhalt zu thun. Ich habe Dich immer gleich bewundert, während Du als junger Diplomat Deinen Ideenkreis erweitertest, es lerntest, unsere Angelegenheiten von einem allem Parteihader entfremdeten objektiven Standpunkt anzusehen, und jetzt, wo du, mutig einer glänzenden Laufbahn entsagend, dich mit größter Aufopferung dem Studium unseres Volkes widmest. Ich sehe mit der größten Spannung dem Moment entgegen, wo Du es endlich für geboten halten wirst, aufzutreten, Dein ganzes Genie nutzbringend zu entfalten. In meinen Augen ist Deine letzte öffentliche Meinungsäußerung, Deine Broschüre ›Es muß anders werden!‹ nicht nur von hohem litterarischem Wert, sondern auch von unabsehbarer politischer Bedeutung. Leider gibt es Menschen, die anders urteilen. Diese behaupten, Du decktest nach allen Weltgegenden hin so viele Uebelstände auf, daß es nicht abzusehen sei, aus welcher Richtung Du das Heil erwartest. Außerdem bliebest Du zu sehr an Einzelheiten haften und könnest infolgedessen keine Synthese ziehen. Du identifiziertest Dich so vollständig mit allen Parteien, daß es Deinen Lesern unmöglich würde, herauszubringen, ob Du ein Hoch-Tory (verzeih den ungebildeten Ausdruck, ich gebrauche ihn als Citat) – also, ob Du ein Hoch-Tory seiest oder ein Anarchist. Auf diesen lächerlichen Unsinn erwiderte ich: ›Du seiest vor allem ein Idealist!‹ Worauf man mir zur Antwort gab: damit sei nichts gesagt, die Idealisten seien vorläufig keine politische Partei; und Dein Onkel Miroslaw, welcher dieser Diskussion beiwohnte, setzte sogar hinzu: ›Gott sei Dank!‹ Ein anderer unserer Parteigenossen äußerte sich sogar: ›Hm! Selbst ein Idealist hat manchmal gewußt, was er will; und der Teufel hol mich, wenn Ronsky das weiß!‹ Auf diese Blasphemie erwiderte ich nur: ›Die zweite Broschüre, welche mein Freund soeben unter der Feder hat, wird euch darüber aufklären!‹ Nach dem hier Aufgezeichneten wirst Du wohl den Zweck dieses Schreibens erraten haben. Zögere nicht länger, die Zeit drängt! Je rascher die Veröffentlichung Deiner neuen Flugschrift vor sich geht, desto besser!« Außer dieser Epistel hatte die Post Hans Ronsky noch zwei Briefe gebracht, und zwar einen von seinem böhmischen Hofmeister, der Chefredakteur einer offiziellen, in böhmischer Sprache erscheinenden Zeitung geworden und einen von seinem deutschen Hofmeister, der jetzt Professor und Reichsratsabgeordneter, und zwar mit ausgesprochen deutscher Färbung, war. Beide verlangten einen kurzen Auszug der neuen, bereits vor ihrem Erscheinen so hohes Interesse erregenden Broschüre. Nur der Ungar hatte sich nicht eingestellt. Der stand auf festem politischen Boden und bettelte nicht um Unterstützung bei schwankenden politischen Geistern. Die drei offenen Briefe lagen vor Hans auf dem Schreibtisch, als der Gärtner an seine Thür klopfte und auf ein zerstreutes »Herein« eine Garbe von duftenden, taufrischen Lilien, sowie einen mit Moos ausgepolsterten Korb voll wundersamer dunkelroter Rosen herbeitrug. Er hatte darauf gehalten, dem Herrn eigenhändig seine Produkte zu unterbreiten, um das ihm rechtmäßig gebührende Lob einzuernten. Hans starrte ihn groß an. »Was, zum Teufel, ist Euch eingefallen, mir mein halbes Warmhaus kahl zu scheren!« schrie er. So ganz und gar hatte er bereits seinen Auftrag, den er vor kaum einer Stunde gegeben, vergessen. Mit einem Gefühl unerklärlicher Wonne und Seligkeit war Marie aus dem Wald in das Schlößchen zurückgekehrt. Sie sagte sich, daß, wenn sie Hans nicht ins Wort gefallen wäre, ihre Verlobung bereits stattgefunden hätte. Im Innersten fühlte sie sich eigentlich schon als verlobt. Sie hatte sich sogleich, nachdem Hans fortgefahren war, niedergelegt und war fest eingeschlafen. Als sie aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel, es bereitete ihr eine unangenehme Ueberraschung, feststellen zu müssen, daß sie sich müder fühlte als am Morgen, ehe sie sich niedergelegt hatte. Sie erinnerte sich, daß, wenn sie als Mädchen nach einer durch solche Birkhahnbalz gestörten Nacht zwei Stunden geschlafen, sie frisch wie ein Reh aufgewacht, die Lücke in ihrer Ruhe gar nicht mehr empfunden hatte. »Die Jugend ist eben vorüber!« sagte sie sich: Sie stellte die Thatsache fest mit einer gewissen ruhigen Sachlichkeit, aber zugleich auch mit einer ihr am Herzen nagenden Verzweiflung, Das Gefühl von Wonne und Seligkeit, mit dem sie aus dem Wald zurückgekehrt war, konnte sie nicht mehr finden, wenigstens war es nicht ungetrübt. Allerhand Zweifel und Bedenken schoben sich in ihr Glück. Es war, wie wenn Wolken über einen blauen Sommerhimmel zögen und die Sonne verdeckten. Aber die Sonne drängte sich doch wieder durch ... Warum war sie ihm ins Wort gefallen? fragte sie sich immer wieder verdrießlich, warum hatte sie, von einer unerklärlichen Scheu getrieben, sein Geständnis verhindert? Etwas in ihr sagte ihr, daß es gut so gewesen war, daß es der Loyalität ihres Charakters widersprochen hätte, sich eine flüchtige Erhitzung seines Herzens – sie gehörte zu den Frauen, welche das Wort »Sinne« nicht einmal in Gedanken aussprechen – zu nutze zu machen, um ihn an sich zu binden. »Wenn er mich wirklich liebt, kommt er heute noch und hält um mich an, ruhig und ernst, ohne Ueberstürzung, wie sich's in unserem Fall geziemt,« sagte sie sich. Sie erhob sich von ihrem Lager, konnte sich jedoch nicht entschließen, nach der Kammerjungfer zu klingeln, und kleidete sich ohne deren Hilfe an. Sie hatte den dringenden Wunsch, allein mit ihren Gefühlen zu sein. Sie fühlte sich schwer und müde, fühlte die Last ihres Körpers mehr als gewöhnlich. Ihr war's, als ob sie ein Glas zu starken Weines genossen oder den allzu betäubenden Duft einer Blume eingeatmet hätte. Halbvergessene Melodieen schlichen durch ihre Seele, die Melodieen, mit denen Mühlen damals vor vier Jahren in dem Berliner Konzert den Frühling wach gesungen hatte. Den Frühling ... sie dachte an ihre nächtliche Fahrt mit Olga Ronitz im Tiergarten. »Das war kein Frühling – nur die Sehnsucht nach dem Frühling hat Mühlen geweckt. Der Frühling ist tot geblieben,« sagte sie sich, »der rechte, unbändige, alles umstoßende, alles belebende, alles berauschende, alles bethörende Frühling! Aber jetzt muß er kommen!« Es war, als sollte ihr Herz, das sie in ihrer Jugend grausam und rücksichtslos begraben, verklärt und selig auferstehen. Aber sie vermochte nicht, sich der neuen Seligkeit mit der Unbefangenheit der Jugend hinzugeben. Ein Schwindel, ein Gefühl der Unsicherheit und der Unruhe, der Angst mischte sich erst ganz leise, dann immer deutlicher in das Glück, ihr war's, als habe sie plötzlich ihren sittlichen Halt verloren. Sie schwebte zwischen Himmel und Erde und suchte vergebens den Boden unter den Füßen. Ihr altes »Ich« kämpfte gegen ihr neues Glück, und wenn sie für einen Augenblick aufhörte zu kämpfen, so hatte sie sofort, wie in jener heiß durchkämpften Nacht in Berlin, das erleichternde, aber erschlaffende Gefühl des Herabschwebens, des Sinkens. Ihr war's, als sollte sie in einem Meer von Wonne untergehen. Sie trat ans Fenster. In wundervoller Schönheit breitete sich der Park vor ihr aus, der weiße Fliederbusch vor ihrem Fenster blühte. Alles war Duft, Sonnenschein, Vogelgezwitscher, leuchtende, klingende Schönheit. Rings um sie herum jauchzte der Frühling – immer lauter, immer einschmeichelnder pochte er an ihr mühsam verschlossenes Herz, ungestüm, siegessicher. Sie atmete mühsam, faltete krampfhaft die Hände und murmelte vor sich hin: » Ridona mi la calma ... ridona mi la calma !« Sie nahm sich zusammen, sagte sich, daß eine vernünftige Frau schließlich noch etwas anderes auf der Welt zu thun habe, als vor einem offenen Fenster zu stehen und einen blühenden Fliederbusch anzustarren. Sie begab sich in den kleinen Salon, in dem sie sich gewöhnlich aufzuhalten pflegte – ein kleines trauliches Zimmer, dessen Wände mit einer alten Tapete verkleidet waren, auf der verschiedene Chinesen unter aufgespannten Sonnenschirmen um allerhand Türme und Tempelchen herumtanzten. Ein köstlicher Duft von frischen Blumen schlug ihr entgegen. Sie sah sich um und bemerkte auf dem Tisch neben einer der tiefen, braun ausgetäfelten Fensternischen einen Korb voll Lilien und Rosen. Ihr Herz schlug stark, sie eilte auf die Blumen zu, suchte ein Billet, irgend einen Zettel ... umsonst. Hierauf läutete sie. Schon längst hatte Hans Ronsky einen seiner Mechaniker aus Natek herübergesendet, um das einsame Waldschlößchen mit elektrischen Schellen zu versehen. Der alte Lenze trat ein. »Lassen Sie die armen Blumen doch nicht verdursten!« rief sie ihm zu, »bringen Sie ein paar Vasen! Wo kommen die Blumen übrigens her?« »Der Herr Graf aus Natek hat sie geschickt.« »So ... und war kein Billet dabei?« »Nein, Excellenz, nur ein Päckchen. Da mir der Bote das als etwas sehr Wichtiges übergeben hat – ich mußte den Empfang unterschreiben –, so habe ich es in meinen Schrank verschlossen. Excellenz wollten wir nicht wecken, wir dachten, Excellenz hätte die Ruhe nötig nach der anstrengenden Jagdpartie.« Marie runzelte ein klein wenig die Brauen. »Bringen Sie mir das Päckchen,« befahl sie. Lenze brachte es. Es war ziemlich dick. Marie merkte sofort, daß es ein Manuskript enthielt, also keine – Liebeserklärung. Ein Widerwillen überkam sie plötzlich vor den Blumen, die sie noch vor kurzem so liebevoll betrachtet hatte. Sie überließ es dem alten Lenze, sie in den Vasen zu ordnen, und zog sich in das kaum verlassene Schlafzimmer zurück, um das Paket zu öffnen. Als sie es geöffnet hatte, wurde sie totenblaß, das Manuskript entfiel ihren Händen – – einen kurzen Augenblick drehte sich alles mit ihr – vor ihren Füßen schien sich ein Abgrund aufgethan zu haben, der ihren Traum verschlang. Sie faßte sich bald. Außer diesem Manuskript enthielt die Sendung noch den Brief des »Getreuesten« und einen Zettel folgenden Inhalts: »Liebe Marie, verehrte teure Freundin! Es drängte mich eigentlich, heute noch selbst zu Ihnen hinüberzufliegen, um zu sehen, wie Ihnen unsere mißglückte Birkhahnbalz bekommen ist. Leider macht mir der Posteinlauf einen Strich durch die Rechnung. Ich habe die verschiedensten wichtigen Briefe zu beantworten, unter anderen den meines Freundes, Eugen Binsky, den ich zu Ihrer Orientierung beigelegt habe. Erst wollte ich, ohne weiter zu zögern, meine Flugschrift in die Druckerei schicken. Dann aber kam mir doch der Wunsch, vorher Ihr Urteil darüber zu vernehmen. – Vielleicht sind Sie so gut, das Manuskript durchzufliegen, und deuten mir freundlichst an, wo sie eine Aenderung erforderlich finden. Es wird sich wohl nur um Kleinigkeiten handeln! ... Bitte, machen Sie mir kleine Bleistiftzeichen, wo Sie nicht einverstanden sind, und schreiben Sie mir überhaupt, wie Ihnen mein Essay gefällt. Die Sache eilt sehr! Verzeihen Sie, daß ich Sie damit behellige, aber ich setze das unbedingteste Vertrauen in Ihre Freundschaft! Mit tausend Handküssen. Ihr Ronsky. Verzeihen Sie mir den Ausdruck ›mißglückte Birkhahnbalz‹. Er ist schlecht gewählt. Ich habe Ihnen den gefehlten Hahn längst vergeben. Es war doch wunderschön!« Marie wurde so zornig, daß sie Lust hatte, ihm das Paket ungelesen zurückzusenden. Dann langsam legte sich der kleine Zorn und machte einem großen Schmerze Platz. Sie schloß sich in ihr Zimmer ein, um nicht gestört zu werden, und setzte sich zu eingehendem Studium zurecht, worauf sie zuerst den Brief des »Getreuesten« aufmerksam durchlas. Dann versenkte sie sich in das Manuskript. Sie las und las – mit kurzen Unterbrechungen – bis in den Abend, bis in die tiefe Nacht hinein. Anfangs las sie eine Stelle oft vier-, fünfmal, um deren Sinn ganz in sich aufzunehmen. Sie legte Papierstreifen mit kleinen Anmerkungen zwischen die Blätter. Aber als sie weiter vorgedrungen war, hörte sie auf, sich mit einer eingehenden Kritik der Arbeit zu plagen. Die Sätze wurden immer verworrener, die kundgegebenen Ansichten immer widersprechender. Hie und da eine sehr hübsch ausgefeilte Phrase, ein poetisches Gleichnis, ein interessanter Gedanke; aber nichts, was für die zeitgenössische Politik einen Wert gehabt, nichts, was auf nur eine einzige der die Welt bewegenden Fragen ein neues Streiflicht geworfen hätte. Eine erdrückende Menge von Belesenheit, eine verwirrende Vielseitigkeit, die jedem Standpunkt gerecht werden wollte, eine tötende Ausführlichkeit bei Einzelheiten – und Phrasen! Phrasen!... Eine naive Art, prätentiös hergerichtete Gemeinplätze als etwas ganz Neues auf dem politischen Präsentierteller herumzureichen.... Das war das Erschreckendste von allem! – – Nie Nacht war hereingebrochen, als Marie mit dem Lesen dieses Machwerkes zu Ende war. Sie sah ratlos um sich, ein unsäglich warmes, mütterliches Mitleid mit ihm, mit der Unzulänglichkeit seiner Begabung oder seiner Ausdrucksmittel quälte sie, der innigste Wunsch, ihn zu schützen, ihn vor dem schonungslosen Urteil seiner Zeitgenossen zu bewahren. Diese Flugschrift durfte nicht veröffentlicht werden! – –- In jener Nacht legte Marie sich nicht nieder – nicht einen Augenblick – sie dachte und dachte. Und dabei ging sie auf und ab, bis die Füße unter ihr schwankten. Armer Hans! Er schien seiner Sache so sicher, es war schrecklich, ihn aus allen seinen Himmeln reißen zu müssen! Würde er ihr die Demütigung, die sie ihm anthun mußte, je verzeihen? Gab es einen Mann, der einer Frau etwas Derartiges verzieh? Dann aber sagte sie sich herb, daß es darauf nicht ankomme; die Hauptsache war, ihn vor der Veröffentlichung seines mißglückten Aufsatzes zu bewahren, und es hieß nun überlegen, wie dies am besten zu bewerkstelligen sei. In seinem Brief hatte er ausdrücklich gebeten, ihm zu schreiben, was sie von seiner Flugschrift halte. Dagegen bäumte sich alles in ihr auf. Sie wollte ihn zu sich rufen, ausführlich mit ihm reden. Aber nach kurzem Kampf sagte sie sich, daß es doch besser sei, zu schreiben. »Ich würde den Mut zur Aufrichtigkeit nicht finden, wenn ich ihm in die Augen sähe, ich würde mit dem zweiten Wort aufrichten, was ich mit dem ersten niedergerissen hätte. Es ist besser, daß ich schreibe,« entschied sie. Die Lampe, welche die ganze Nacht über gebrannt hatte, flackerte trübe und ging plötzlich aus; das blasse Morgenlicht drang in grauen Streifen durch die Ritzen in den Fensterläden. Marie schlug die Läden zurück und öffnete ein Fenster: durch das blasse, glanzlose Morgenlicht schimmerte der weiße Fliederbusch und grüßte sie mit seinem Duft. Sie dachte an gestern um dieselbe Zeit ... Das vielfarbige Geglitzer der ersten Sonnenstrahlen lag über dem Tau der Rasenplätze von Sanssouci, als sie die Feder zur Hand nahm und an ihren jungen Freund schrieb. Aber nichts wollte ihr genügen; wohl zehnmal vernichtete sie das Geschriebene. Der Tag war voll hereingebrochen, als sie endlich ein paar Zeilen zusammengebracht hatte, die sie zweckentsprechend fand. »Lieber Hans! Ich habe Ihre Flugschrift gelesen und zwar mit dem größten Interesse. Ich finde vieles darin sehr schön! Wenn Sie jedoch auf mein Urteil den geringsten Wert legen, werden Sie Ihre Arbeit nicht veröffentlichen. Talent verrät sie ja auf jeder Seite, und der ideale Zug, der mich in Ihrem Wesen so sympathisch berührt, der mir selbst Ihre Fehler lieb macht, läuft durch die ganze Schrift. Aber das zielbewußte Wollen, die deutlich ausgesprochene Tendenz fehlt. Wenn Sie sich die Mühe nehmen möchten, im Laufe des Tages zu mir herüberzufahren, so könnten wir die ganze Sache noch genauer durchsprechen. Vorläufig nur so viel von Ihrer Ihnen treu und herzlich ergebenen Marie Rheinsberg.« Sie legte den Brief zu dem Manuskript, siegelte es eigenhändig ein und übergab es dem alten Lenze mit dem Bedeuten, es augenblicklich durch einen sicheren Boten nach Natek befördern zu lassen. Nachdem das geschehen war, schloß sie sich in ihrem Zimmer ein, legte sich auf ihr Bett und weinte, wie sie in ihrem Leben noch nicht geweint hatte. Graf Miroslaw hatte bereits so viele Geschäftsbriefe uneröffnet liegen lassen, daß sich auf seinem Schreibtisch unter dem langgestreckten Bronzejagdhund, den er als Briefbeschwerer benutzte, ein ganz ansehnliches Häuflein dieser, wie er sich auszudrücken beliebte, »lauernden Feinde« angesammelt hatte. Aber heute war einer angekommen, den er trotz alles inneren Widerstrebens hatte aufmachen müssen, denn es war ein Expreßbrief gewesen, und es hatte »dringend« darauf gestanden. Sein erster Ausruf, nachdem er ihn durchflogen, war: »Hab' ich nicht recht, wenn ich behaupte, man solle nie Geschäftsbriefe lesen, man ärgert sich doch nur darüber!?« Ein Helles Auflachen seiner liebenswürdigen Gattin, an die er sich mit seiner gewagten Behauptung gewendet hatte, antwortete dem eigenartigen Ausspruch. Gräfin Leontine, welche zugegen war, lachte auch, dann fügte sie hinzu: »Du bist einzig, mein lieber Max – wirklich einzig! Ha – ha – ha!« Worauf der Graf, den der Expreßbrief in eine sehr üble Laune versetzt hatte, ausrief: »Ich weiß schon, Leontine, ich weiß schon, du bewunderst mich wieder einmal ... aber darum handelt es sich momentan gar nicht!« »Um was handelt es sich denn eigentlich?« fragte Gräfin Klotilde. Sie war soeben im Begriff gewesen, mit ihrer Cousine vierhändig zu spielen, und erfaßte die Gelegenheit, sich vom Flügel loszumachen. Es war nämlich einigermaßen ermüdend, mit Leontine vierhändig zu spielen. Sie berief sich so oft auf »ihre Auffassung«, besonders bei der Neunten Symphonie von Beethoven. Es war gewiß die allerbeste Auffassung, das hatte Bülow der Gräfin Leontine selbst bestätigt – ja, er hatte beim Dirigieren an einer oder zwei Stellen sogar sich nach ihrer Auffassung gerichtet – aber es war doch ermüdend. »Du spielst mir zu gut,« versicherte Gräfin Klotilde mit ihrem freundlichen Phlegma. Und Gräfin Leontine strich das Kompliment mit derselben herablassenden Würde ein, mit der sie eben alle Komplimente als bare Münze einzustreichen pflegte. Es war vormittags; die Herrschaften befanden sich nicht in dem kleinen, freundlichen, mit Cretonne überzogenen Wohnzimmer, in welchem die Gräfin Leontine so eifrig an ihrem Meßgewand gestickt hatte, sondern in dem sogenannten Musiksalon, einem feierlichen, um zwei Meter höheren Raum, der sich im Mittelbau des Schlosses befand und mit alten Gobelins austapeziert war. Im übrigen hatte er weder viel Zierat noch viel Möbel aufzuweisen, außer einem roten Marmorkamin, der erst vor drei Jahren hereinpraktiziert und ganz und gar mißraten war. Trotzdem hatte der Raum etwas vornehm Anheimelndes an sich. Nur die endlos hohen Fensternischen sahen kahl und nüchtern aus, obgleich sie mit weißer, von Goldleisten geschmückter Holzvertäfelung verziert waren. Man hatte sich seit zwanzig Jahren noch nicht einigen können über die Farbe der Vorhänge. Es paßte immer nichts zu den Gobelins, und selbst die zahlreich gespendeten Ratschläge der Gräfin Leontine hatten noch keine Entschlüsse zur Reife gebracht. Der Graf war mit seinem Expreßbrief wie eine Bombe in das feierliche Gemach hereingestürzt, mitten in das Andante der Neunten Symphonie. »Um was handelt sich's denn, Alter?« fragte noch einmal die Gräfin Klotilde. »Ach, um nichts ... das heißt um alles ... um alles!« schnaubte der Graf. »Die Kommission behandelt unsere noch nicht parzellierten Gründe als Ackerland und bietet einen Gulden pro Quadratklafter ... einen Gulden! Es ist geradezu zum Lachen! Hans scheint das mit einer Gleichgültigkeit hinzunehmen.... Du hast nichts mehr mit den Gründen zu thun, Leontine, wie ...« »Nein – gar nichts, ich habe meinen Anteil noch bei Lebzeiten meines Mannes an Hans abgetreten.« »Ja, richtig ... richtig! Wir sind die ausschließlichen, glücklichen Besitzer!« brummte der Graf, »Hans und ich! Aber Hans ist unbegreiflich! Nach dem, was mir der Doktor Hampe schreibt, ist ihm alles Wurst ... alles ... er will sich nach mir richten ...! Das ist unerträglich, wenn sich die Leute nach einem richten wollen – ich will mich nach den anderen richten! Der Hampe behauptet, mir müßten es auf einen Prozeß ankommen lassen, es gäbe keinen anderen Ausweg!« »Jedenfalls wäre es besser, du besprächest dich noch vorher mit Hans,« meinte Gräfin Klotilde. »Ja, ja! Du hast ganz recht,« versicherte ihr Gatte, »ich muß ihm sofort schreiben. Wir müssen uns ein Rendezvous geben.« Die Gräfin Leontine, welche indessen fortgefahren hatte, halblaut Motive aus der »Neunten« zu klimpern – wenn sie die »Neunte« einmal aufgeschlagen hatte, konnte sie sich nie losreißen von ihr –, zog jetzt plötzlich die Hände von den Tasten. Ihr Gesicht nahm einen nachdenklichen, dann einen beruhigten Ausdruck an, wie das eines Feldherrn, dem plötzlich ein glänzender Schlachtplan eingefallen ist. »Aber warum muß es denn in Prag sein?« fragte sie, worauf sie hinzusetzte: »Ich werde ihn ganz einfach auffordern, herzukommen. Noch heute will ich ihn einladen.« Die Gräfin Leontine that alles selbst, sie lud sogar unaufgefordert Gäste ein in fremde Häuser. Gräfin Klotilde lächelte nur vor sich hin, dem Hausherrn aber war die Geduld gerissen. »Ich danke dir vielmals für die Mühe, die du dir um meinetwillen geben willst. Aber ich kann deine Freundlichkeit nicht annehmen. Ich habe die schlechte Gewohnheit, meine Gäste selber einzuladen.« Diesem Ausfall war selbst das mit Eisen gepanzerte Selbstgefühl der Gräfin Leontine nicht gewachsen. Sie erhob sich und streckte sich zu ihrer vollen Höhe empor. »Wie du wünschest, lieber Max!« Dann verließ sie mit dem herrlichen Anstand, der bei allen Hoffesten an ihr gerühmt wurde, das Gemach – jeder Zoll eine Königin. Ein peinliches Schweigen folgte ihrem Abgang. Graf Miroslaw war selber betroffen von dem, was er angerichtet hatte. Er wußte es ganz genau, was nun folgen würde. Die Gräfin Leontine würde mit ihrer Abreise drohen, sie würde alle zehn Koffer, mit denen sie stets zu reisen pflegte, in ihre Appartements bringen lassen, dann würde sie der Kammerjungfer Ratschläge in betreff des Packens erteilen, Klotilde würde sich zu ihr hinaufbegeben und eine Stunde lang an ihr herumtrösten müssen – und dann würde sie wieder bleiben und weiter regieren; man würde nur vorsichtiger mit ihr umgehen, ihr noch mehr Rechte einräumen müssen als früher. Einen Gast, und mochte er noch so nervenangreifend sein, unhöflich behandelt zu haben, war eine Sünde, für die man büßen mußte, besonders wenn der Gast eine Frau und der Sünder ein Gentleman war. Fatal! Der Graf sah sich ratlos nach seiner Gattin um, wie jedesmal, wenn ihm das Leben Schwierigkeiten in den Weg warf. Sie machte ein bekümmertes Gesicht, um ihn recht zu ängstigen. »Aber, Klotilde,« fragte er beklommen – »war's denn wirklich so arg? War ich wirklich grob?« Gräfin Klotilde brach in ein herzliches Lachen aus. »Ja ... ich kann's nicht leugnen,« erwiderte sie. Er fing an unruhig auf und ab zu gehen. »Fatal! ... Sehr fatal! ... Es wär' mir recht leid, wenn Leontine es ernstlich übel genommen hätte, denn ... trotz all ihrer Schrullen bleibt sie doch eine hervorragende Frau! ... Zu dumm!« Erdrückt von der Last seines Schuldbewußtseins, setzte er sich nieder und versank in tiefes Nachdenken. »Und an allem ist dieser infame Expreßbrief schuld! Daß man auch jetzt keine Stunde des Tages mehr vor der Post sicher sein kann! Telegramme sind arg genug, aber noch Expreßbriefe! ... Ich nehme keinen Expreßbrief mehr an! ... Hab' ich übrigens nicht recht, daß es unnütz ist, Geschäftsbriefe zu lesen? Es ist doch nur eine Formalität! Der Anwalt hat seine vorgefaßte Meinung, bei der er bleibt und gegen die er keinen Einwand aufkommen läßt. Zu was die Schreiberei! Verflucht! ... Ich hätte mich doch nie so hinreißen lassen, wenn ich mich nicht früher über den Expreßbrief blau und grün geärgert hätte! Glaubst du wirklich, daß die Leontin' abreisen wird?« »Keine Spur! Beruhige dich ... und ein andermal sei ein wenig vorsichtiger!« lachte die Gräfin Klotilde, dann nach einer Pause fügte sie hinzu: »Warum willst du denn deinen Vetter nicht einladen?« »Warum?« fuhr der Graf auf, »warum? Ich hab' ja nichts dagegen – nicht das geringste ... aber schließlich find' ich doch wirklich, daß man mir so etwas in meinem eigenen Hause selber überlassen kann.« »Nun, das ist gewiß auch ein Standpunkt, und wenn du ihn hättest behaupten wollen, ohne ein Ungewitter herauszubeschwören, so hattest du nichts weiter zu thun, als an Leontines übergefälliger Proposition vorübergehend zu sagen: ›Du hast recht, Leontin' – ich werd' mich sehr freuen, Hans zu sehen – ich schreib' ihm gleich!‹ ... Jetzt, nachdem du die Sachen auf die Spitze getrieben hast, bleibt dir wohl nichts anderes übrig, als klein beizugeben.« Graf Miroslaw fuhr fort, unruhig auf und ab zu wandern. »Du hast recht, Klotild', wie immer,« versicherte er. »Hm! Könntest du nicht zu Leontin' hinaufschauen und ihr sagen ... hm! ... was du willst – du wirst schon etwas finden zu meiner Entschuldigung!« »Ja! ja! Alterl ... ich werde ihr sagen, daß der Expreßbrief an allem schuld war!« »Das ist ja auch ganz richtig ... und dann kannst du sie bitten, den Brief an Hans zu schreiben, oder sie soll ihm telegraphieren, das klingt noch dringlicher!« »Nun, wir wollen's schon machen, irgendwie wird's wohl gehen,« versicherte Gräfin Klotilde aufmunternd. »Du bist die Vernunft in Person,« lobte der Graf. »An dem Tage, an dem ich um dich anhielt, hab' ich das gescheiteste Stückl in meinem Leben ausgeführt!« Er nahm ihre kleine, volle weiße Hand in die seine und tätschelte sie zärtlich. »Nun, es wär' wohl auch gegangen ohne mich, du hast nur eine schlechte Gewohnheit ... du kutschierst zu schnell um die Ecken herum!« »Ja, ohne dich hätt' ich schon verschiedene Räder an verschiedenen Ecken verloren – das steht fest!« »Hat der Herr Graf seinen Jäger mitgebracht, oder kommt der vielleicht mit dem nächsten Zug?« So fragte der alte Kutscher des Grafen Miroslaw Hans Ronsky, dem er nach Katschow, der Bahnstation, von der aus man nach Wodanka fuhr, entgegengekommen war. »Es ist auch eine Britzka da für das Gepäck!« setzte er hinzu. ‹ Hans kannte den alten Kutscher in der drapfarbenen Sommerlivree mit blauem Kragen. Er war ein Musterkutscher, fuhr wie der Teufel und war nie betrunken. Hans pflegte ihm sonst jedesmal etwas Freundliches zu sagen. Heute sah er ihn kaum an und erwiderte auf seine Frage nur trocken: »Ich habe keinen Diener mitgenommen. Ich denke nicht, mich lange in Wodanka aufzuhalten.« »Das ist aber schad',« bemerkte der Kutscher mit der respektvollen Zutraulichkeit eines alten böhmischen Herrschaftsdieners. Dann betrachtete er den jungen Herrn kopfschüttelnd. »Dem ist was ›der quer gangen‹,« stellte er bei sich fest, worauf er, sobald sich Hans in den blauen Polstern des gelben Phaetons zurechtgesetzt hatte, die Pferde antraben ließ. Der alte Kutscher hatte recht, es war ihm etwas »der quer gangen«. Er hatte Marie seinen Aufsatz eingeschickt – einesteils wirklich, um einen guten Rat in betreff der letzten Ausfeilung von ihr zu erhalten, hauptsächlich aber, um sich von ihr beloben, bewundern, wieder einmal so recht nach Herzenslust verhätscheln zu lassen. Er hatte viel von seiner Flugschrift gehalten, hatte sich seines Erfolges sicher gefühlt. Ihr abfälliges Urteil hatte ihn ganz und gar niedergeschmettert, dann aber im höchsten Grade aufgebracht. Wenn sie noch von ihrer persönlichen, unmaßgeblichen Meinung gesprochen hätte! Aber so mit voller Sicherheit ihn bestimmen zu wollen, auf die Veröffentlichung zu verzichten, darin verriet sich die Selbstüberhebung einer verwöhnten Frau – das war einfach unerhört! Blaß vor Zorn hatte er den Brief Maries in tausend Fetzen zerrissen, dann, noch zitternd vor Erregung, ein paar Zeilen an seinen »Getreuesten« geschrieben, an den er sofort das Manuskript absenden ließ. Ihm war, wie er dem »Getreuesten« mitteilte, darum zu tun, in dieser Angelegenheit das reife Urteil eines politischen Parteigenossen zu hören. Die Veröffentlichung wollte er von dem »Getreuesten« abhängig machen. Der Zorn der Enttäuschung, das gekränkte Selbstgefühl hatten ihm noch in allen Adern gepocht, als das Telegramm seiner Schwester aus Wodanka an ihn gelangt war. »Max wünscht dringend, dich in wichtigen Geschäftsangelegenheiten zu sprechen. Reise sofort!« Nichts hätte ihm gelegener kommen können! Wenige Stunden später war er ins Eisenbahncoupé gestiegen. Der Weg von Katschow nach Wodanka war weit und drei Viertel davon war schlecht. Graf Miroslaw prozessiert bereits seit zwei Jahren mit drei Gemeinden, welche sich nicht entschließen wollten, die Straße herrichten zu lassen. Er wäre gewiß im vollsten Sinne des Wortes besser gefahren, wenn er, statt zu prozessieren, für die Ausbesserung selbst aufgekommen wäre. Aber wie viele Menschen, die im großen ganzen ein sehr anständiges Leben ohne alle Grundsätze führen, war er in Kleinigkeiten ein Prinzipienreiter erster Klasse. Das Terrain war hügelig, bergauf, bergab ging's durch die Wälder, dann zwischen sumpfigen Wiesen dahin. Kurz vor Schluß kam noch ein Stück steil bergansteigender Straße. Aber was war das? Dort, wo die Straße ihren Höhepunkt erreichte, stand eine weiße Martersäule, und daneben erblickte Hans eine weibliche Figur. Das Gesicht vermochte er nicht zu erkennen, aber das eine sah er genau, daß das Mädchen dort oben jung, hochaufgeschossen und schlank war und daß es rötliches Haar hatte, welches in der untergehenden Sonne wie Gold glänzte. Sich mit der Hand die Augen schützend, spähte es nach der Richtung aus, von wo der Wagen kam. Als sich Hans aber vorbeugte, um es genauer zu mustern, wendete es sich rasch, fast heftig um und eilte, von der Straße abbiegend, querfeldein über eine Wiese davon. Und wieder verriet ihm jede Bewegung, daß die Fremde sehr jung war. Er konnte sich gar nicht satt sehen an der halb wilden Unbefangenheit, mit der sie vorwärts hetzte. Sie lief so rasch, daß ihr Kamm ihr aus der Frisur fiel. Ihr reiches Haar rollte herab und flatterte hinter ihr her wie eine lodernde Flammengarbe. Rotgoldig zeichnete es sich ab gegen das Türkisblau des Abendhimmels. Er sagte sich's später oft, daß sein Herz damals Feuer gefangen habe an der züngelnden Flamme ihres im duftigen, feuchten Frühlingswind hinflatternden Haares. ... Wer konnte das sein? ... Wer anders als sein Mündel Nixa, die kleine Halbwilde, die am Tage seiner Promotion mit so heißer Begeisterung seine Hand geküßt – Nixa, die er zum letztenmal als unfertigen, unbeholfenen Backfisch kurz nach dem Tode seines armen Bruders gesehen hatte. Konnte sie sich so herrlich entwickelt haben? Er merkte, daß sie im Laufen die Richtung nach dem Park zu eingeschlagen hatte, dessen mächtige alte Bäume man über eine niedrige weiße Mauer aufragen sah, und daß sie in einem Thürchen dieser selben Mauer verschwand. Offenbar gehörte die Unbekannte zum Schloß. Ja, wer konnte es anders sein als Nixa! »Willkommen, Hans! ... Hoffentlich gefällt's dir hier, und du hältst's recht lang bei uns aus!« Mit diesen Worten empfing Graf Miroslaw den Vetter, dem er bis in die Durchfahrt entgegengekommen war. Er sah sehr schön und vornehm aus in einem hellen Anzug, der seine noch mit sechzig Jahren schlank gebliebene Figur gut kleidete. Er paßte zu der Treppe, auf der er seinen jungen Anverwandten hinaufgeleitete, einer breiten, hochüberwölbten Treppe. Die mit weißlicher Oelfarbe gestrichenen Wände waren durch allerhand merkwürdig halbrunde Fenster und Nischen unterbrochen, die alle mit reich entwickelten grünen Pflanzen verstellt und dort, wo sie bis an den Boden reichten, mit wundervoller, altväterischer Eisenarbeit vergittert waren. »Hast du deine Gewehre mitgebracht? Es stehen dir drei starke Böcke gleich morgen zur Verfügung. Der Wildstand ist Heuer gut; ich bin froh, daß ich dir wenigstens das zu bieten hab'. Im übrigen wirst du's ledern finden bei uns!« Graf Miroslaw war ganz Liebenswürdigkeit und Gastfreundschaft. Er hatte den Expreßbrief völlig vergessen und überhaupt, daß der Vetter eigentlich einer geschäftlichen Angelegenheit halber »dringend« nach Wodanka citiert worden war. »Und wo ist dein Jäger?« fragte er, nachdem er ein paar Höflichkeiten mit Hans ausgetauscht hatte. »Ich hab' ihn nicht mitgebracht,« erwiderte Hans. »Ich bin ja nur in aller Eile herübergerutscht auf Leontines Telegramm hin. Es scheint, daß es sich um wichtige Geschäftsangelegenheiten handelt.« »Ach ja! ... Richtig! ... Die Geschichte wegen der Expropriation ... aber weißt du, Hans, besprechen müssen wir uns ja und eine Meinung abgeben; aber eigentlich geschieht das doch nur zur Parade. Wir werden schließlich alle beide den Ausweg erwählen, den uns der Hampe als den einzig richtigen darstellt. In jedem Fall bin ich froh, dich hier zu haben. Und jetzt entkommst du uns nicht so bald!« »Aber ich hab' ja gar nichts veranlaßt zu Hause, gar nichts geordnet für eine längere Abwesenheit,« entgegnete Hans. In diesem Augenblick wurde er der Schwester ansichtig, welche, mehr Maria Stuart als je, in dem weiten, luftigen Flur stand, auf den die Treppe ausmündete, und nun ihren Bruder mit einer Ueberschwenglichkeit umarmte, als ob er ein drei Jahre lang vermißter, endlich heimkehrender Nordpolfahrer gewesen wäre. Im Salon kam ihm die Gräfin Klotilde entgegen, herzlich, gutmütig, wohlthuend. Eine anheimelnde Atmosphäre durchströmte das ganze Haus. Hans wurde nach seiner Reise gefragt und wie er Natek verlassen. Der Hausherr streifte mit einer flüchtigen Frage seine angenehme Nachbarschaft, worauf er ihn in das für ihn hergerichtete Zimmer hinaufgeleitete, damit er sich zum Souper »sauber« mache. »Eigentlich konntest du bleiben, wie du bist – wir sind ganz unter uns,« hatte der Hausherr dem Gast mitgeteilt, »aber es wird dir vielleicht selber angenehmer sein, dich umzukleiden. Ich schick' dir den Franz!« »Ganz unter uns ...« Während Hans sich des Eisenbahnstaubes entledigte und seinen Reiseloden mit einem Smoking vertauschte, fragte er sich, was dieses »unter uns« bedeute. Ob die goldhaarige Walküre, die er dort neben der Martersäule erblickt, am Ende doch nicht sein Mündel sei, ob sie vielleicht gar nicht zu den tafelfähigen Schloßbewohnern gehöre? Es war nicht zu denken – solche in Freiheit dressierte Rassefüllen wie die wuchsen nicht auf in der Enge einer Beamten- oder Inspektorswohnung. Die dröhnende, tragisch mahnende Stimme eines Gongs schnitt seinen Gedankenfaden entzwei. Zugleich pochte jemand an seine Thür. Der alte Schloßwärter meldete, die Herrschaften hätten sich im Salon versammelt, das Souper sei bereit. Es war im Gobelinsalon, wo sich die Herrschaften versammelt hatten. Sofort bei seinem Eintritt bemerkte Hans seine goldhaarige Walküre, sein jugendliches Mündel Nixa. Sie trug ein weißes Kleid, das bis zum Hals, ja mit seinem knappen gestickten Stehkragen bis an das Kinn hinaufreichte, die Arme bis an die Ellbogen freilassend. Die Arme waren zart, wunderschön geformt und weiß und glatt wie Alabaster. Das Haar, welches er vorhin hatte ungebunden im Winde wehen sehen, war jetzt zusammengerollt, aufgesteckt und wellig von Stirn und Schläfen zurückgestrichen. So machte es den Eindruck, fast zu schwer für den kleinen Kopf zu sein. »Monika!« rief er herzlich, »da bist du ja! Hast du dich aber verwandelt! Alle Achtung! Ich freu' mich sehr, dich wiederzusehen!« Monika senkte die Augen, sah verlegen aus und wurde rot. Er imponierte ihr offenbar sehr. Ihre Schüchternheit rührte ihn. Allerhand ritterliche Instinkte tauchten in ihm auf. Er nahm die Hand, welche Nixa ihm mit einer etwas linkischen Bewegung gereicht hatte, und führte sie an seine Lippen. »Bist du es denn wirklich?« lachte er. »Die kleine Monika, die ich zum letztenmal vor drei Jahren sah, war dick, hatte einen kurzen Hals und unzählige Sommersprossen. Sie stand im unvorteilhaftesten Alter. Für jemanden, der die Uebergangsperiode nicht mitgemacht hat, wäre es wirklich schwer gewesen, die Kaulquappe von damals mit der Nixe von heute zusammenzureimen!« Er verbeugte sich lächelnd. »O, wie galant du sein kannst! Ich hätte gar nicht geglaubt, daß ein so hervorragender Mann wie du sich zu so etwas hergibt!« »Und wie du zu schmeicheln verstehst!« »Schmeicheln! ... O, Onkel Hans ...!« Eine solche überzeugte Fülle von Anbetung sprach aus ihren zu ihm aufgeschlagenen Augen, daß es ihm durch Mark und Bein ging! Doch da wurde die Flügelthür geöffnet: man begab sich zu Tisch. Hans Ronsky war ungewöhnlich angeregt und gesprächig bei dem Souper. Das hübsche Speisezimmer mit der eichengetäfelten Decke und den spanischen Ledertapeten, von denen sich die in schmalen, altväterischen Goldrahmen gefaßten Familienporträts abhoben, war gut beleuchtet, das Essen vorzüglich, wenn auch eher österreichisch als französisch zubereitet. Nur die Weine waren französisch: alter Burgunder und weißer Bordeaux, herrlicher Yquem, dessen in Eis gekühltes Feuer eine einschmeichelnd aufregende Wirkung auf Hans ausübte. Er fühlte sich wie von einer Last erleichtert, von einer Fessel befreit, er hielt Vorträge über die politische Lage Oesterreichs und gebrauchte unaufhörlich seine Lieblingswendung: »Meines Erachtens etc. ...« Alle anwesenden Damen, von seiner Schwester angefangen, hörten ihm andächtig zu. Plötzlich hörte er sich eine Phrase sagen, die besonders geistreich war, die dem Hausherrn ein lautes »ausgezeichnet« abgewann, und er ward sich bewußt, daß die Phrase gar nicht von ihm war, daß sie von Marie herrührte. Er schüttelte die Erinnerung von sich ab; aber von dem Augenblick an verhielt er sich stiller. Ueber den sehr einfach, aber mit blendender Sauberkeit gedeckten Tisch hinüber bemerkte er Nixa, die ihn mit anbetenden Blicken anstrahlte, die Augen jedoch sofort auf ihren Teller senkte, als sie bemerkte, daß auch er ihr seine Aufmerksamkeit zuwendete. Er sah es genau, daß die Befangenheit des jungen Mädchens, anstatt abzunehmen, mit jeder Minute wuchs. Ein gerührtes Mitleid durchwärmte ihn. Er hätte sie in die Arme nehmen mögen, um sie zu streicheln, zu beruhigen, zutraulich zu machen und dann abzuküssen ... abzuküssen ... »Weißt du, Nixa, daß ich dich heute bereits aus der Ferne erblickt habe?« bemerkte er nach einer Weile. »Du mich?« »Ja, ich dich! Ich glaube nicht, daß man dich so leicht mit einer anderen verwechseln könnte. Du standest dort bei der Martersäule und spähtest die Landstraße hinauf. Offenbar hast du irgend was erwartet, den Postboten wahrscheinlich, der dir ein neues Kleid bringen sollte. Als du des Wagens ansichtig wurdest, schienst du sehr enttäuscht zu sein, denn du hast mit aller Geschwindigkeit die Flucht ergriffen.« Nixa war feuerrot geworden. Niemand an der Tafel antwortete. Gräfin Klotilde wechselte einen Blick mit ihrer Cousine, worauf diese, man war beim Dessert, die Tafel aufhob. »Die Herren können sich noch ein wenig beim Wein unterhalten,« meinte die Dame des Hauses. »Wir werden uns ohne sie im Salon behelfen. Meinem Mann macht es ein besonderes Vergnügen, wenn er ein wenig ›tischeln‹ kann, und ihr hättet die beste Gelegenheit, eure langweiligen Geschäftsfragen zu erörtern.« Hans war aufgestanden, um den Damen die Thür zu öffnen. Als Nixa an ihm vorüberkam, suchte er ihren Blick zu erhaschen, aber sie hielt die Augen eigensinnig zu Boden gesenkt ... Er fühlte es deutlich, daß es ihm verdrießlich war, zu seinem Vetter und den Weinflaschen zurückzukehren, um so mehr, als er merkte, daß er den Vetter vom »Tischeln« nicht so leicht würde loszureißen vermögen. Es war das eine englische Sitte, welche Graf Miroslaw kennen und lieben gelernt hatte, als er noch Attaché in London war. Als echter österreichischer Edelmann hätte er es gänzlich unstatthaft gefunden, sich bis zu irgend einem unästhetischen Grade zu betrinken, das war gut für Rekruten oder Studenten. Hingegen liebte er es, seine Lebensanschauungen mittels eines Glases starken Burgunders optimistisch zu stimmen, sich überhaupt in eine gute Laune »hineinzupiepeln«, wie er es nannte. »Noch ein Glas?« sagte er jetzt, indem er dem Vetter den Chambertin hinüberschob. Hans goß sich pro forma ein paar Tropfen ein. »Du weißt nicht, was gut ist,« versicherte Miroslaw und streckte die Arme ein wenig von sich, »mir ist geradezu zu Mute, als hätte ich Sonnenstrahlen im Leib, und ein Wohlwollen fühl' ich gegen meinen Nächsten – nicht zu beschreiben! Ich möcht' die ganze Welt umarmen!« Er schenkte sich noch ein Glas ein, dann mit einem lustigen Augenblinzeln zu dem Vetter hinüber: »Hast du die arme Nixa in Verlegenheit gebracht!« »Aber wieso?« fragte Hans. »Na, als du ihr erzähltest, daß du sie dort bei der Martersäule bemerkt, wie sie dir entgegenspähte! ... Du gabst freilich vor, zu denken, daß sie die Post erwartet haben müsse. Aber das war durchsichtig.« »Max, ich versichere dir ...« beteuerte Hans. Der Hausherr fing an zu lachen. »Solltest du wirklich an die Postsehnsucht geglaubt haben?« rief er. »Nein! Bist du naiv! Du ... unter uns –– cela ne tire pas à conséquence . Die Nixa hat ja geradezu eine tragische Leidenschaft für dich. Wir haben sie neulich dabei betroffen, wie sie ein Briefcouvert geküßt hat, nur weil es mit deiner Handschrift verziert war.« »Max!« »Thatsache ... Thatsache, mein Lieber!« versicherte Miroslaw. »Nun, sterben wird Nixa an dieser Schwärmerei nicht – für irgend etwas schwärmen junge Mädchen immer. Früher hat sie für einen Tenor geschwärmt. Wie hieß er nur? ... Macaroni oder Salami. So etwas Italienisches! Die Schwärmerei datiert übrigens sehr weit zurück. Sie muß noch in kurzen Kleidern gesteckt haben, als sie sein Bild im Medaillon um den Hals trug. Ist das dumm ... ein junges Mädchen! ... Und es gibt Männer, die sich gern mit so etwas abgeben. Mir ist das unbegreiflich! Zum Anschauen sind ja die Mädel mitunter recht hübsch – aber man kann mit ihnen nicht reden, sie sind zu langweilig. Und immerfort muß man sich in acht nehmen, daß man sich nicht vergaloppiert. Ich habe mein ganzes Leben nur mit einem jungen Mädchen gesprochen – das war die Klotilde, und mit der eigentlich auch erst, als ich schon mit ihr verheiratet war.« Hans fing an zu lachen, worauf der Hausherr des Lapsus, dessen er sich schuldig gemacht hatte, gewahr wurde und ebenfalls lachte. Zu gleicher Zeit klopfte er sich auf die Stirn und dann der Flasche Chambertin auf den Stöpsel. »Ich glaube, es ist Zeit, daß wir uns in den Salon verfügen, sonst muß ich meinen Verstand in der leeren Flasche suchen. Mein Geist und der Chambertin dürften die Plätze gewechselt haben.« Um das reizende Schlößchen von Sanssouci herrschte eine bleierne, verschlafene Müdigkeit, als ob die, welche es bewohnte und die Seele des Ganzen gewesen war, alle Teilnahme am Leben verloren hätte. Seit mehr als einer Woche erwartete sie ihn jeden Tag, jede Stunde – er kam nicht. Die hohen alten Faulbäume hatten ihre schwül duftenden Blüten abgestreift, der Boden unter ihnen war mit zarten weißen Blättchen wie mit Schnee bestreut. Und über den Fliederbüschen lag ein gelbbraunes Welken, als ob eine Flamme versengend darüber hingezogen wäre. Zwischen den schwertförmigen Irisblättern, die scharf und spitz eine grüne Mauer um das Bassin vor dem Schloß aufbauten, streckten sich grünviolette, flachgepreßte Knospen hervor, ja an vielen Stellen prangten die Irisblumen schon in der vollen Pracht ihrer veilchenblauen, gelben oder weißen Anmut. Die Vielfarbigkeit des jungen Frühlingslaubes hatte sich in ein allgemeines helles Grün verwandelt, das, besonders an den Linden- und Kastanienbäumen, etwas grell und unvermittelt gegen das Schwarz der Baumrinden an Stämmen und Aesten abstach. Der schönste Augenblick des Frühlings, die vielverheißende Unfertigkeit, war vorüber. Das ausgeführte Bild war nicht so schön wie die Skizze, und es lagen auch schon zu viel welke Blüten im Gras. Marie sah bleich aus und war zusehends abgemagert. Durch die Dienerschaft hatte sie erfahren, daß Hans für ein paar Tage verreist war, aber das erklärte nichts. Eine rasende Unruhe rüttelte an ihrer Seele, zehrte an ihrer Gesundheit. Wie sie die Sache auch hin und her drehen mochte, sie fand doch für sein langes Ausbleiben nur eine Erklärung: er hatte ihr ihre Aufrichtigkeit übel genommen. Anfangs hatte der Aerger über seine thörichte Empfindlichkeit sie dermaßen erfüllt, daß sie darüber die Sehnsucht nach ihm vergessen hatte. Es ist doch nicht möglich, daß ich einen so eitlen, kleinlichen Menschen liebe, hatte sie sich ein über das andere Mal gesagt. Es ist ja gut, sehr gut, daß ich ihn zu rechter Zeit als das erkannt habe, was er ist. Aber in kurzer Zeit fiel der Zorn, und die Sehnsucht kam wieder. Sie fand tausend Entschuldigungen für ihn. Sie hätte zartere Worte finden sollen, um seinen schönsten Traum zu zertrümmern, um eine Hoffnung, auf die er seinen ganzen Lebensplan aufgebaut hatte, hinzurichten! Daß sie ihn kränken, eine Verstimmung heraufbeschwören würde, hatte sie nicht nur gefürchtet, sondern erwartet. Sie hatte sich zu einer stürmischen Auseinandersetzung gewappnet. Aber daß er plötzlich, ohne ein erklärendes Wort, aus ihrem Leben heraus verschwinden würde, darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Wie sie sich auch Vernunft predigte, ihre Zeit wie sonst mit ernsten oder nützlichen Beschäftigungen auszufüllen trachtete, sie konnte ihre innere Unruhe nicht bemeistern. Es lag ihr schwer auf der Brust, mit jedem Atemzug wähnte sie einen Zentner zu heben. In ihren Adern floß das Blut heiß, bald langsam, bald stürmisch, immer schmerzlich, als wolle es ihre Adern sprengen. Sie war zugleich matt und rastlos. Sie hätte Lust gehabt, sich auf ihr Lager auszustrecken und sich nie mehr zu rühren. Aber sobald sie sich niederlegte, war ihr, als habe sie sich auf lodernde Flammen gebettet; und sie richtete sich auf, um von neuem, aber vergeblich eine Zerstreuung zu suchen. Doch sie fand sie nicht, da alle ihre Gedanken immer wieder zurückstrebten nach demselben Punkt, von dem sie dieselben nicht loszureißen vermochte. Die schöne und starke Fähigkeit, sich für die vielfältigsten Dinge zu interessieren, die sonst eine ihrer bezeichnendsten Eigenschaften ausgemacht hatte, war gänzlich gelähmt. Wenn sie sich eine Stunde lang zum Lesen oder zum Musizieren zwang, wußte sie nachher nie, was sie gelesen, was sie gespielt hatte. Und wenn man vor ihren Augen eine der alten Linden vor der Terrasse umgehauen hätte, die sie so liebte – sie hätte es nicht gemerkt, oder es wäre ihr gleichgültig gewesen. Ihr ganzes Sein war nur noch ein gespanntes Sehnen und Lauschen. Immer horchte sie auf das leichte Räderrollen, das ihr sein Kommen verkünden mußte. Aber es war nichts zu hören, nichts als das leise Flüstern der Bäume, das Singen der Vögel, das Summen und Schwirren der Insekten: der ganze volle Jubelaccord des Frühlings, in den das Fallen welkender Blüten hineinknisterte. Seit Ronskys Ankunft in Wodanka sind heute vierzehn Tage vergangen. Anfangs war die Verlängerung seines Besuches für ihn mit Skrupeln verbunden. Aber die Skrupel haben sich bald verflüchtigt. Er amüsiert sich ausgezeichnet, und das Gefühl des Wohlbehagens, das ihn gleich in der ersten Stunde nach seiner Ankunft unter dem Dach seiner Verwandten umfangen hat, ist noch im Steigen. Es ist ein sehr schöner Frühlingstag, ein warmer, duftiger, von kühlenden Winden durchspielter Maitag. Die Gräfin Leontine steht an einem offenen Fenster ihres Schlafgemaches und blickt, hinter einer Gardine verborgen, aufmerksam hinunter auf ein junges Paar, welches um das große, mit Rosen bepflanzte Rundell vor der Schloßfront ein Radwettrennen veranstaltet: Hans und Nixa, beide, wie sie vom Lawntennis-Platz gekommen sind, in hellen, schmaldurchstreiften Wollanzügen und mit fast gleichen Matrosenhüten. Sie sehen beide sehr angeregt aus und scheinen gegenseitig an ihrer Gesellschaft viel Freude zu finden. Nixa fährt unendlich besser als ihr junger Vormund. Nachdem sie das Rennen glänzend gewonnen, gönnt sie sich das Vergnügen, ihn durch die merkwürdigsten Kurven und andere komplizierte Figuren, die sie mit ihrem Rade in den gelben Sand hineinzeichnet, zu verblüffen. Zu dem Fenster, von dem aus Leontine die beiden heimlich beobachtet, tönen herzliche Lachsalven, bewundernde und warnende Ausrufe hinauf. »Teufelsmädel! ... Famos! ... Um Gottes willen, brich dir nicht den Hals!« Und wie graziös sie dabei aussieht, wie leicht und anmutig sie ihre Kunststücke macht! Was unsere Zeit alles erlebt, Nixen auf dem Velociped! Ich hätte gar nicht geglaubt, daß das verdammte Rad eine Frau so gut kleiden könnte! »Hör mal, Nixa, das ist zu arg!« erklärte Hans schließlich mit komischer Entrüstung. »Meine männliche Würde leidet es nicht, mich dermaßen von dir in den Schatten stellen zu lassen! Ich muß dir deine Künste ablernen, um dich, sobald es irgend angeht, darin zu übertreffen!« Aber mit dem Uebertreffen schien es noch gute Wege zu haben. Wie viele vorzügliche Reiter, manipulierte Hans mit dem Zweirad schwerfällig und ungeschickt. Als er, Nixas Beispiel nachahmend, die Arme auf dem Rücken verschränkte, behauptete er sich nur mit Mühe, und als ihm plötzlich ein laut bellender Spitz entgegensprang, machte er bei dem Versuch, dem Spitz auszuweichen, eine so ungeschickte Bewegung, daß er samt seinem Rade zu Boden und zwar gegen eine weißlackierte Gartenbank fiel. »Um Gottes willen, Onkel Hans!« Ehe er sich's versah, war Nixa von ihrem Rade heruntergesprungen und reichte ihm beide Hände, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Ihre Besorgnisse gutmütig verlachend, schnellte er zwar ohne ihre Hilfe empor, dabei aber stellte es sich heraus, daß er auf den linken Fuß nicht recht gut auftreten konnte. »Es ist nichts ... ich habe mir nur ein wenig den Knöchel verstaucht!« rief er, »gebrochen ist er nicht; es hätt' schlimmer ausfallen können. Das kommt vom Ehrgeiz, Kleine!« »Ja,« versicherte Nixa, »das kommt vom Ehrgeiz. ... Ach, der Ehrgeiz ist überhaupt ein gräßlicher Unruhstifter und Quälgeist. Ich kann den Ehrgeiz nicht leiden!« »Hast recht! Bist ein großer Philosoph sans le savoir , wie übrigens alle echten Philosophen!« Sie saßen jetzt beide auf der weißen Gartenbank, gegen die Hans so ungeschickt mit seinem Fahrrad angeprallt war. Plötzlich legte der Vormund seinem Mündel väterlich den Zeigefinger unter das Kinn. »Was ist denn das, Nixa? ... Thränen?« Und er tippte einen großen Tropfen von der Wange des jungen Mädchens weg. »Wo kommen denn die her, Nixa?« »Es war nur ... ich bin so fürchterlich erschrocken, als ich dich auf dem Boden liegen sah,« schluchzte Nixa. »Ich hatte Angst, du habest dir am Ende das Bein gebrochen – wie August Schönberg im vorigen Jahre.« »Kleiner Narr!« rief Hans, »ich hätte gar nicht geglaubt, daß Nixen so warmherzig sein können.« Er nahm ihre Hand, streichelte sie leicht und führte sie an seine Lippen. »Und es wär' dir sehr leid gewesen um mich, wenn ich mir das Bein gebrochen hätte, was?« »Natürlich, sehr!« erklärte sie, während sie sich mit dem Rücken ihrer Hände die nassen Augen trocken rieb. »Aber es wär' doch auch wieder sehr schön gewesen – ich hätte dich von früh bis spät gepflegt.« »Kleiner Narr! ... Kleiner, rührender Narr!« murmelte Hans. Während er noch aufrichtig bewegt dem jungen Mädchen in die thränenglänzenden großen Augen sah, den schieferblauen Augen der Rothaarigen, kam der alte Kammerdiener auf den großen, im Halbkreis mit Rokokostatuen besetzten Platz vor dem Schloß und meldete: »Frau Gräfin lassen sagen, es sei Besuch gekommen.« »Wer ist denn gekommen?« erkundigte sich etwas ärgerlich über die Störung Nixa. »Der Herr Graf Doppelberg und der Herr Major aus Kralow mit Frau Gemahlin!« Damit zog sich der Kammerdiener zurück. »Wer ist denn der Major?« fragte Hans. »Ein gewisser Müller, seit drei Monaten Müller von Ahnenreich genannt ... man konnte ihn, scheint's, ganz gut leiden, solang er ledig war. Seitdem er geheiratet hat und überall seine Frau vorstellen will, wünscht man ihn an das Ende der Monarchie.« »Wen hat er denn geheiratet ...?« »Ach, irgend jemand,« erklärte Nixa hochmütig, »sie heißt Schulze, infolgedessen nennt man das Paar Müller und Schulze. Ein bißchen Geld hat sie, auch ein bißchen Bildung. Mit beidem macht sie sich unbeliebt.« »Von wem weißt du denn das alles?« »Doppelberg hat mir's erzählt,« erwiderte Nixa. »Hm! Und Doppelberg ist ...?« »Ach!« – sie errötete ein wenig – »Doppelberg ist ein Oberleutnant.« »So!« ... Hans sah das junge Mädchen von der Seite an. Nicht ohne Spannung, ja nicht ohne geheime Unruhe wartete er auf das, was sie über Doppelberg sagen würde. »Ein Oberleutnant ... und weiter nichts ...?« drang er in sie. »Ach, nebenbei ist er ein ganz anständiger Mensch, der famos Lawntennis spielt und mich heiraten will!« »So ... so ... heiraten will er dich – was sich so ein Gelbschnabel alles erlaubt! Dann interessiert er mich natürlich lebhaft, da muß ich mir ihn sogleich ansehen,« scherzte Hans und machte Miene aufzustehen. Dabei jedoch stellte es sich heraus, daß ihn der Fuß doch bedeutend mehr schmerzte, als er anfangs angenommen hatte. Er verzog ein wenig den Mund und stieß ein ärgerliches »Zu dumm!« heraus, um sich dann von neuem niederzusetzen. »Ich werde dich bitten müssen, mir einen Diener zu schicken, auf den ich mich stützen kann,« bemerkte er, worauf Nixa, energisch den Kopf schüttelnd, erwiderte: »Warum? Du kannst dich auf mich stützen, wenn du durchaus ins Schloß willst. ... Aber eilt's denn gar so ... ich versichere dir, es ist hier viel hübscher als im Salon.« »Wohl möglich, aber ich brenne vor Neugierde, Doppelberg kennen zu lernen,« versicherte Hans mit jener scherzhaften Übertreibung, hinter der sich die Wahrheit mitunter zu verstecken liebt. »Gefällt er dir? Als Theresianisten hab' ich ihn gekannt, aber davon, wie er jetzt aussieht, hab' ich keine Ahnung. Ist er hübsch?« Sie zuckte die Achseln und streifte aus niedergeschlagenen Augen sein Gesicht mit einem raschen, schlauen Blick, den er nicht merkte. Hierauf sagte sie: »O ja, er gefällt mir ganz gut. Er ist hübsch und gut gewachsen, reitet vorzüglich – o, famos reitet er! Hindernisse versteht er zu nehmen! Er tanzt auch sehr gut ... und liebt mich rasend.« »Nun ...« Hans Ronskys Brauen zogen sich immer finsterer zusammen. »Mehr kann man nicht verlangen!« »Eigentlich nicht – das sag' ich mir auch,« seufzte Nixa und sah zu Boden. Eine längere Pause trat ein. In den Bosketts, die aus den Rasenplätzen aufragten, zwitscherten die Vögel verliebte Duette, dazwischen hörte man die Spritze des Gärtners, welcher die Rosenbäumchen abwusch. Hans nahm zuerst den Faden des Gesprächs wieder auf. Seine Stimme klang ganz verändert, als er fragte: »Hat er sich dir schon erklärt, Monika?« Sie warf etwas ärgerlich den Kopf zurück. »Vor allem bitte ich dich, mich nicht Monika zu nennen, ich werde dir gar nichts verraten, wenn du mich Monika nennst!« »Ja, aber du heißt doch so!« »Wie man mich getauft hat, hab' ich selber fast vergessen,« erwiderte sie, »aber wie man mich nennt, das weiß ich ganz gut. Die Leute, die mir fern stehen, nennen mich Monika; die, die mir näher stehen, nennen mich Nixa ... und du ... wenn du mich gern hast ... Onkel Hans ... wenn du mich gern hast, nennst du mich Nix.« »Aber ich hab' dich ja immer gern,« versicherte er, sich zu ihr niederbeugend und ihre Hand in die seine nehmend. Was für eine weiße, glatte, seidenweiche Hand es doch war! Wie süß die Vögel in den Bosketts zwitscherten und wie würzig der Duft des frisch begossenen Rasens sich mit dem Geruch des jungen Laubes mischte! Wie herrlich sind doch Frühling und Jugend, die erste, unreife, so viel versprechende Jugend! »Ich hab' dich ja immer gern,« versicherte er noch einmal, ihre Hand etwas fester in die seine hineindrückend. »Ja,« sagte sie, mit dem Kopf nickend, »aber manchmal hast du mich lieber!« Sie warf den Kopf zurück und lachte. Dabei öffneten sich ihre frischen roten Lippen über den gesunden, blendend weißen Zähnen, und ihre goldschimmernden, nicht sehr dunklen, aber dichten und langen Wimpern senkten sich über ihre glänzenden Augen. »Onkel Hans,« bettelte sie, »nenn mich Nix! Nenn mich immer Nix!« »Wir wollen schon sehen!« erklärte er, »wir wollen's uns gut überlegen – wenn du sehr brav bist! ... Aber sag mir, wie nennt dich Doppelberg?« »Der! Gräfin Monika nennt er mich – wie sollte er mich denn anders nennen?« »Und er hat sich noch nicht erklärt?« »Nein – ich habe ihn noch nicht zu Worte kommen lassen,« behauptete Monika, wobei sie einen sehr langen Hals machte und die Mundwinkel etwas hochmütig herunterzog. »Ja, meine liebe Monika!« Sie sprang auf und machte Miene davonzulaufen. Er hielt sie an einer Kleiderfalte fest. »Also, meine liebe Nix, wenn du es durchaus willst ... meine liebe Nix ... wenn er sich noch gar nicht erklärt hat, so hängt ja die ganze Geschichte in den Wolken, und du bildest dir's am Ende gar nur ein, daß er dich heiraten will!« »Hm! Onkel Hans!« – und ihre Augen nahmen einen harten, finstern Ausdruck an – »du scheinst zu denken, daß es einem Mann sehr schwer fallen müßte, sich zu entschließen, mich zu heiraten!« »Aber, Nix!« »Ach, Onkel Hans, du weißt doch, daß ich die Wahrheit sag'. Uebrigens hast du recht – sehr recht im großen ganzen – aber nicht was Doppelberg anlangt. Ich hab' immer Verehrer gehabt, aber Doppelberg ist der erste, der's ernst meint. Woher ich das weiß? Er klagt und seufzt ja bei allen unseren Bekannten über seine Gefühle und fragt, ob man glaube, daß er Chancen habe, und dann wird mir das wieder zugetragen, und ich werde gefragt.« »Und was hast du bis jetzt geantwortet?« »Irgendetwas, das die Sache hinausschiebt, das mir Zeit gönnt, mir's zu überlegen.« »Also du überlegst dir's doch!« rief Hans. »Wenn ein Mädchen anfängt, in solchem Fall zu überlegen, so ist sie eigentlich schon entschlossen, zu heiraten ohne Liebe. Denn die Liebe schließt die Ueberlegung aus. Nix, Nix! Wärst du so etwas im stande?« Seine Stimme klang zugleich scharf und erregt. Wieder schoß aus ihren niedergeschlagenen Augen ein Blick zu ihm hinüber, ein Blick, den er nicht bemerkte. Dann murmelte sie: »Geh nicht zu scharf ins Gericht mit mir, Onkel Hans. Was soll aus so einem Mädchen wie ich werden, wenn es sitzen bleibt? Er ist ein anständiger Mensch. Manchmal sage ich mir, greif zu! Deine Zeit ist kurz, du bist keine von denen, die man noch heiratet, wenn sie verblüht sind. Und vielleicht hätt' ich mich entschlossen, wenn ... wenn ich nicht ...« Sie senkte den Kopf und wendete sich von ihm ab. »Wenn nicht ... wenn du nicht einen anderen gern hättest. Hab' ich's erraten, Nix ... mein armer, kleiner Nix?« Er nahm sie bei beiden Händen und zog sie an sich heran. »Wer ist's? Nix, beicht's deinem alten Vormund, wer? Wirst du mir's sagen?« »Nie!« rief sie aus. »Hast du denn gar kein Vertrauen zu mir, Nix?« drang er weiter in sie, und plötzlich eine kalte, gekränkte Miene annehmend, setzte er hinzu: »Nun, wie's dir beliebt!« und dabei ließ er ihre Hände aus den seinen gleiten. Da sprang sie auf, schlang einen ihrer jungen, warmen Arme um seinen Hals, küßte ihn auf die Stirn und rannte davon. »Nix! Nix!« rief er ihr nach, »laß mich doch nicht so erbärmlich im Stich, Nix! Hast du denn vergessen, daß ich ein Krüppel bin?« Aber sie wendete sich nicht, sondern floh über die Rasenplätze, so rasch sie ihre jungen Glieder tragen konnten. Wie wunderschön elastisch so eine junge Gestalt ist! 's ist doch was Herrliches um so einen frischen, unberührten Menschenfrühling! dachte Hans bei sich, während er ihr nachstarrte. Im ersten Stock schließt sich ein Fenster, ohne daß er es merkt. Es ist das Fenster, hinter welchem seine Schwester die kleine Scene, die sich soeben zwischen ihm und seinem Mündel abgespielt, aufmerksam beobachtet hat. »Hm! ... hm!« macht Gräfin Leontine, indem sie sich in ihren Lieblingsfauteuil zwischen ihrem Schreibtisch und ihrem improvisierten Reisealtar setzt. Und sie faltet die Hände und verfällt in ein tiefes Nachdenken, aus dem sie erst der Gong weckt, der die Schloßbewohner von Wodanka zu dem Diner herbeiruft, das wie gewöhnlich um halb Zwei aufgetragen wird. Major und Majorin waren zum Diner eingeladen worden. Denn wenn auch Graf Miroslaw den Major seit dessen Verheiratung Gott weiß wohin wünschte, so war er doch noch immer sehr höflich gegen ihn und zwar aus zwei Gründen. Erstens aus allgemeiner Menschenfreundlichkeit, welche, mochte er von sich sagen, was er wollte, einen Hauptzug seines Charakters bildete, und zweitens ... ja, zweitens, weil man trachten mußte, das Regiment bei guter Laune zu erhalten, »dem Fery zulieb«. Fery war der jüngste Sprößling des Grafen: ein bildschöner Junge, ebenso intelligent wie faul, was teilweise die Schuld seines Vaters war, welcher den Schulfleiß als eine überflüssige Abnützung der geistigen Fähigkeiten betrachtete. »Lern nur gerade so viel, daß du durchkommst!« hatte er ihm von Kindheit an eingeprägt, und danach hatte sich Fery, bis dahin gehalten. Er war nie durchgefallen, außer im letzten Jahr, und dies auch nur dank der Unvorsichtigkeit eines Professors, welcher ihm eine Frage gestellt hatte, auf die er nicht vorbereitet war. Von da an mußte er die Studien etwas ernster nehmen und sogar den Sommer im Miroslawschen Palais auf der Kleinseite zwischen zwei Hofmeistern verbringen, die in ihn hineintrichterten, was das Zeug hielt, das heißt so viel, als er sich irgendwie gefallen ließ; denn das Freiwilligenjahr nahte heran, und darauf mußte man vorbereitet sein. Im Herbst sollte Fery in das derzeit in Kralow stehende Dragonerregiment eintreten, da mußte man sich doch liebenswürdig gegen den Major zeigen! Uebrigens auch ohne sich durch Ferys Zukunft bestimmen zu lassen, wäre einem nicht viel anderes übrig geblieben, als die Müllers zu Tisch einzuladen. Die Majorin hatte sich gleich nach ihrer Ankunft herzzerbrechend über die schlechten Wege geäußert, ja sogar erklärt, wenn sie eine Ahnung davon gehabt hätte, wie schlecht und wie weit der Fahrweg zwischen Kralow und Wodanka sei, hätte sie die Tour nicht unternommen; in einem Tag sei die Partie gar nicht auszuführen! Worauf der Major ihr etwas hastig in die Rede gefallen war: »Ach, meine Liebe, du verstehst das nicht – wenn die Pferde zwei, drei Stunden ausgeruht haben, so laufen sie wieder wie der Teufel.« Aber unter drei Stunden geht's nicht, und so wurden denn der Herr und die Frau Major Müller von Ahnenreich zum Diner eingeladen. Daß unter diesen Umständen auch Graf Doppelberg zum Bleiben aufgefordert wurde, verstand sich von selbst. Hans Ronsky wurde reichliche Gelegenheit geboten, den Verehrer seines Mündels zu beobachten, und nicht ohne heimlichen Verdruß mußte er feststellen, daß eigentlich selbst der anspruchsvollste Vormund gegen diesen Bewerber schwerlich etwas einwenden konnte. Schlank, hoch aufgeschossen, schmal in den Hüften, schmal im Gesicht, mit aristokratischer Hakennase und etwas konventionell zuvorkommendem Leutnantslächeln, stillen, freundlich anspruchslosen Manieren, ohne jegliche Spur von Affektation oder Prätension, war Doppelberg vom Kopf bis zu den Füßen der normale österreichische Kavallerieoffizier. Sehr gutmütig im gewöhnlichen Leben, praktisch, in seinem militärischen Beruf tüchtig, sonst nicht von nervenbeunruhigenden geistigen Interessen geplagt, schien er wie geschaffen zu einem rücksichtsvollen Ehegatten, umsichtigen Familienvater und verträglichen Hausgenossen. In Bezug auf Namen und Vermögen bot er mehr, als was Monika eigentlich erwarten durfte. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, daß Graf Miroslaw, nachdem die Gäste weggefahren waren, seinem Vetter Ronsky im Rauchzimmer, wo die beiden Herren eine »Erholungszigarre« rauchten, zurief: »Die Nixa hat wirklich ein unverschämtes Glück! Der Doppelberg ist in sie verliebt wie ein Narr! Und da überlegt sie sich's noch!« Hans lag mit stark geschwollenem Knöchel auf einer Chaiselongue ausgestreckt und hörte schweigend zu. »Und da überlegt sie sich's noch!« wiederholte, neben dem Vetter stehen bleibend, Graf Miroslaw. »Das ist ihre Sache,« bemerkte Hans nun endlich ziemlich trocken, indem er einen langen Zug aus seiner dunkelbraunen Havanna that, worauf er nachdenklich eine Reihe zierlicher blauer Rauchringe vor sich hin blies. »Meinst du? ... Da bin ich nicht ganz deiner Ansicht,« ereiferte sich der leicht erregbare Graf Max. »Ganz und gar nicht deiner Ansicht, Ich finde, in solchem Fall haben doch ältere, erfahrenere Leute die Jugend darauf aufmerksam zu machen, was vernünftig ist. Und das kannst du der Nixa schriftlich geben, daß sich ihr eine solche Gelegenheit ein zweites Mal nicht bieten wird.« »Kann man nicht wissen!« murmelte Hans. Die Rauchringe flogen ihm jetzt etwas hastiger von den Lippen, und ihre Form war nicht mehr so präzis rund wie früher. »Aber, mein lieber Hans!« Graf Miroslaw unterbrach seinen Spaziergang, um sich rittlings auf einen Rauchsessel an dem Kopfende der Chaiselongue, auf der Ronsky ausgestreckt lag, niederzulassen. »Aber, mein lieber Hans, bedenke nur die Nebenumstände! Die Mutter der Nixa – mag sie zehnmal eine russische Fürstin gewesen sein, wie man behauptet – eine Petersburger Demimondlerin war sie gewiß!« »Onkel Max!« fuhr Hans auf, »Ich bitte dich, laß das! ... Schließlich war sie die Frau meines Bruders!« »Beruhige dich nur, mein Alter, wir sind ja ganz unter uns! Vor der Welt würde ich natürlich diesen Punkt niemals berühren. Aber du begreifst doch, daß all meine Diskretion die Welt nicht hindern wird, an die Antecedenzien deiner Schwägerin zu denken. Daß der Umstand die Heirat Monikas erschwert, läßt sich wohl nicht leugnen. Herrgott! Wenn einer meiner Buben ... aber das gehört nicht hierher! Doppelberg hat Vermögen und keine Eltern, die ihm etwas dreinreden könnten. Du solltest froh sein, sie anzubringen. Ich bitte dich, red ihr doch zu, stell ihr die Sache vor – schau, daß sie zugreift!« Aber Hans erwiderte nur: »Fühle mich nicht berufen, mich hineinzumischen.« Max Miroslaw schob seine buschigen Brauen in die Höhe und betrachtete den Vetter aus seinen krystallklaren, dunkelblauen Augen aufmerksam. »Hast du etwas gegen Doppelberg, Hans?« »Nein,« entgegnete dieser mit immer deutlicher zu Tage tretender Verdrießlichkeit, »persönlich habe ich gegen ihn nichts einzuwenden. Ich fürchte nur, daß er Monika nicht gewachsen sein wird!« Graf Miroslaws helle Augen öffneten sich für einen Augenblick sehr weit, dann schlossen sie sich ganz. Ein kaum merkliches Lächeln huschte über seine Lippen, er brach keine Lanze mehr für Doppelberg, ergab sich überhaupt von da ab einem gedankenvollen Schweigen. Nach einer Weile stand er auf, trat in eine der tiefen Fensternischen und fing an leise vor sich hinzupfeifen – irgend einen Donizettischen Gassenhauer, den er vor vierzig Jahren von der Grisi oder von Mario im Kärnterthortheater gehört haben mochte. Wäre es vielleicht doch möglich, daß Nixa eine bessere Partie machen könnte, als Doppelberg ist? dachte er. Auf so etwas war Graf Max allerdings nicht gefaßt gewesen. Das blasse, glanz- und schattenlose Grau eines Frühlingsabends zwischen Sonnenuntergang und Mondaufgang liegt über dem Park von Wodanka, über seinen zierlich abgezirkelten und verschnörkelten Blumenbeeten in der nächsten Umgebung des Schlosses, über seinen sich weit hinziehenden, von wundervollen alten Baumgruppen unterbrochenen Wiesen, dort, wo sich der Garten in den Park verläuft, über seinem sich terrassenförmig abstufenden französischen Garten mit den scharfkantig verstutzten Laubmauern, zwischen denen man grüne Sandsteinstatuen von Göttern und Göttinnen aufschimmern sieht. In dem Gobelinsalon sitzt Gräfin Klotilde Miroslaw und spielt halblaut, mit großer Verve und etwas steifen Fingern Walzer von Strauß, teils zur Zerstreuung des maroden Hans Ronsky, der in einem bequemen Excelsiorfauteuil lehnt, während sein geschwollener Fuß, vorsichtig von dem zu Hilfe gerufenen Landarzt bandagiert, vor ihm ausgestreckt auf einem Sessel ruht. »Hab' ich den Walzer gern getanzt!« ruft die Gräfin, während sie nach Beendigung der »Geschichten aus dem Wiener Wald« die Hände vom Klavier zieht. »Hast du überhaupt je viel getanzt?« fragt Hans. »Gewiß und mit Passion! Besonders die ersten zwei Jahre nach meiner Heirat, Meinem Alten war's gar nicht recht, er hatte eigentlich schon ausgetanzt, als ich anfing, aber das war kein Grund für mich, aufzuhören! Einmal, als er mir ins Gewissen predigte, erklärte ich ihm: Weißt du, Max, ich seh' wirklich nicht ein, weshalb ich mich ausruhen sollte, nur weil du keinen Atem mehr hast. ... Nun ... dann sind die Kinder gekommen ... da hab' ich selber den Atem verloren.« »So!« Hans Ronsky scheint nachzudenken. »Max ist bedeutend älter als du – nicht wahr?« »Um vierzehn Jahre!« »Die Ehen, bei denen der Mann bedeutend älter ist als die Frau, fallen oft gut aus," murmelt er, »während umgekehrt – bereits ein geringes Uebergewicht an Jahren bei der Frau dem Mann gegenüber störend wirkt. Meinst du nicht?« »Im Durchschnitt und bei Durchschnittsmenschen wohl,« gesteht die Gräfin Klotilde zu, »nichtsdestoweniger weiß ich Fälle, in denen geradezu ideale Ehen ...« Sie bricht plötzlich ab und beschäftigt sich mit einer Lampe, die blakt. »Es ist nicht zum Aushalten – der Cylinder steht schief ... Mein alter Waschaty wird sich sein Lebtag nicht in die Petroleumlampen finden,« erklärt sie. »Er ist noch aus der Oelzeit, und das Aergste ist, wenn ich ihm einen Vorwurf mache, nimmt er's übel. Soll ich dir etwas vorlesen, Hans, oder eine Partie Halma mit dir spielen? Du armer Invalid!« »Du bist die Einzige, die sich meiner ein wenig annimmt« bemerkt Hans mit einer durch seinen Zustand keineswegs gerechtfertigten Erbitterung. »Für die anderen existier' ich nicht einmal. Wo sind sie denn alle?« »Max und Leontin' gehen im Park spazieren.« »Ja, und ...« Er stockt. »Und Nixa ... wo die steckt, das kann ich dir selber nicht sagen. Wahrscheinlich schreibt sie an ihrem Tagebuch. Wenn man ein junges Mädchen nicht finden kann, nehm' ich immer an, daß sie an ihrem Tagebuch schreibt.« – – Aber Monika schreibt nicht an ihrem Tagebuch, sie ist mit interessanteren Dingen beschäftigt. Während sie im Begriffe stand, im Garten unten spazieren zu gehen, hat sie durch eine der scharfkantigen, dichten grünen Mauern des sogenannten französischen Gartens hindurch ihren Namen nennen hören, worauf sie, behend und leicht wie eine Katze sich der grünen Mauer nähernd, folgendes vernommen hat. »Leontin', ich warne dich ... Hans steht im Begriff, sich in Monika zu verlieben.« Monika erkennt die Stimme des Grafen Miroslaw. Durch ihre Augen blitzt ein seltsames, schwüles Wetterleuchten, mitten in die allgemeine Glanzlosigkeit hinein. Die eine Hand fest auf ihr hochschlagendes Herz gepreßt, mit der anderen vorsichtig die verräterisch raschelnden Röcke an sich haltend, den Kopf vorgebeugt, in der ganzen, halbgebückten Gestalt den Ausdruck lauernden Lauschens, schleicht sie an der grünen Laubwand entlang, hinter der Graf Miroslaw mit seiner Cousine auf und nieder wandelt. Die Antwort der Gräfin Leontine kann sie nicht vernehmen, vielleicht hat die Gräfin gar nicht geantwortet, aber sehr deutlich hört und versteht sie das, was der Graf weiter spricht: »So unwahrscheinlich meine Behauptung klingt, stützt sie sich auf sehr genaue Beobachtungen. Und die Nixa kokettiert mit ihm, daß es nur so wettert ...!« »Darin irrst du. Sie gibt sich einfach, wie sie ist. Sie ist viel zu unbefangen. Heute vor dem Gabelfrühstück mußte ich ihr eine kleine Rüge erteilen,« erwidert jetzt die Gräfin Leontine. »Hm!« brummt Graf Miroslaw, »das wird in diesem Fall nichts nützen. Das Einzige, wodurch du der Gefahr allenfalls vorbeugen könntest, wäre, unter irgend einem Vorwand aufzupacken und mit Nixa fortzureisen. Wir würden dich zwar entsetzlich entbehren,« fügt er gefühlvoll hinzu, »aber natürlich, wenn es heißt, einer solchen Kalamität vorzubeugen ...« »Kalamität ...« Gräfin Leontine wiederholt das Wort gedankenvoll ... »Kalamität!« »Nichts auf Erden wäre mir unwahrscheinlicher vorgekommen, als daß Hans sich in Nixa verlieben könnte – ein Mensch, der bis vor wenigen Tagen unter dem Einfluß einer so hervorragenden Frau wie Marie Rheinsberg gestanden hat. Es ist einfach komisch!« Dann hört Nixa wieder eine Weile nichts. Anfangs denkt sie, daß der jetzt leise zwischen den Blättern herumstreichende Nachtwind sie am Horchen hindert, daß die beiden zu leise reden, um von ihr verstanden zu werden. Aber nein, es ist nur eine Pause in dem Gespräch eingetreten – ein langgezogener Gedankenstrich. Gräfin Leontine nimmt den Faden von neuem auf. »Max! Heute früh, als ich merkte, welchen Eindruck Nixas unbefangene und kindliche Zuthunlichkeit auf meinen Bruder übte, bin ich erschrocken; nun mir aber deine Bemerkungen die zweite Gefahr vor Augen führen, die Hans droht, denke ich ruhiger über die Sache. Wenn ich zwischen zwei Kalamitäten wählen muß, der, ob Hans Marie Rheinsberg heiratet oder Monika – dann wähl' ich die zweite. Wenn er Monika heiratet, bleibt ihm wenigstens eins gesichert, mein unbegrenzter Einfluß auf seine Frau, und – ich will mich nicht überschätzen – aber ich glaube, daß unter den obwaltenden Umständen dieser Einfluß das Wichtigste für Hans ist. Er hat sich mir entfremdet, er entzieht sich meinem Rat. Ich kann ihm nur noch auf Umwegen beikommen – durch seine Frau! Und wenn er Nixa heiratet, hab' ich ihn ganz in der Hand. Sie ist mir blind ergeben, sie denkt nur durch mich ...« »Ja, was ist das?« fragt stehen bleibend Graf Miroslaw, indem er einem plötzlichen Aufrascheln weiblicher Kleider und einem davoneilenden Schritt nachhorcht. »Ein aufgescheuchter Vogel!« erklärt die Gräfin Leontine. »Das müßte ein sehr großer Vogel gewesen sein! Wenn mich nicht alles täuscht, hat deine dir blind ergebene kleine Freundin wieder einmal gehorcht. Es ist nicht das erste Mal, daß ich sie darauf ertappe. Ich muß sagen, daß das eine Gewohnheit ist, die ich für mein Teil der zukünftigen Frau meines Bruders lieber abgewöhnen möchte.« »Was dir nur einfällt, Max! Ich begreife gar nicht, wie du auf einen solchen Gedanken kommen kannst! Die Person dort war gewiß ein Hausmädchen, das von einem Stelldichein mit einem Reitknecht nach Hause lief. Der Stall liegt nach der Richtung ...« Indessen tritt Monika in den Salon, in welchem sie ihren Vormund in übellaunige Verdrossenheit vertieft antrifft. Gräfin Klotilde hat sich entfernt, um, wie jeden Abend persönlich, in Regierungsangelegenheiten mit Koch und Haushälterin zu verhandeln, ein Umstand, der Monika keineswegs unbekannt ist. Mit sittsam niedergeschlagenen Augen und befangener Haltung geht sie an Hans vorbei und versenkt sich in die Betrachtung einer Anzahl illustrierter Journale, die auf einem eingelegten Tischchen liegen. »Monika!« ruft Ronsky ärgerlich. Sie rührt sich nicht. »Nix!« Da sieht sie sich um. »Komm doch näher!« Sie erhebt sich, macht ein paar Schritte, jedoch ohne sich ihm so weit zu nähern, daß er die Hand nach ihr ausstrecken könnte, – »Was ist denn in dich gefahren, Nix?« ruft Hans ärgerlich. »Du bist ja wie ausgewechselt seit heute früh, machst die Musterkomtesse, sagst nicht A noch B. Ich versichere dir, so gefällst du mir gar nicht!« »Ach, Onkel Hans ... Onkel Hans ...« »Schließlich mußt du wissen, daß es nicht zum größten Vergnügen gehört, mit einem verstauchten Knöchel stundenlang auf einem Fleck sitzen oder liegen zu müssen. Ich hatte gehofft, daß mir meine kleine Nix ein wenig Gesellschaft leisten würde, aber keine Spur!« »Ach, Onkel Hans, wenn du wüßtest...« »Nun, was denn, Schatz?« Wieder tritt sie um einen Schritt näher, aber immer noch nicht nahe genug, daß er sie berühren könnte. »Onkel Hans! Ich schäme mich so ... so ... Tante Leontine hat uns heute zugesehen – heute vormittag, und auch gesehen, daß ich dich ... daß ich dich auf die Stirn geküßt habe, und sie hat mir Vorstellungen gemacht ... ach, gezankt hat sie mit mir wie noch nie! Sie sagt, ich sei kein Kind mehr ... ich dürfe mich dir gegenüber nicht so gehen lassen. Und ich schäme mich so!« Jetzt ist sie ihm ganz nahe. Er greift nach ihrer Hand. – »Meine kleine Nixe, mein armer kleiner Schatz – wie haben sie dich nur so quälen, so unnütz, so geschmacklos einschüchtern können!« Noch ehe er sich's versieht, hat sie sich von ihm losgerissen und ist zum Zimmer hinausgeeilt. Er bleibt allein mit einem rot und gelben Flimmern vor den Augen und einem schwindeligen Gefühl im Kopf – auf den Lippen das Brennen eines ungelöschten Durstes. Sechstes Kapitel Die Nacht schlief Ronsky unruhig, er träumte dies und das. Allerhand Dinge, die er lieber nicht geträumt haben wollte. Es dämmerte noch, als er plötzlich mit heftigem Herzklopfen erwachte. Er kraulte sich den Kopf. Darüber, daß sein Blut erhitzt und in Wallung gekommen war, konnte er sich keiner Täuschung hingeben. »Sollte ich mich wirklich in die Nixa verliebt haben?« fragte er sich. Die Leidenschaft ist gewöhnlich eine Gefühlsüberschwemmung, die langsam am Verstand emporsteigt, bis er endlich darin untergeht. Es gibt einen Augenblick, in welchem der Verstand die Flut noch steigen sieht; wer ihn benutzt, um mit seinem Verstand zu entfliehen, der ist gerettet. Aber die wenigsten benutzen ihn. Fast alle legen sich die Sache dahin zurecht, daß die Furcht vor der angenehmen Gefahr unnötig ist. Entweder sind sie überzeugt, daß die Gefahr vorüber, die Flut im Sinken ist, oder sie reden sich ein, daß gar keine Gefahr besteht, daß die schwüle Flut doch nicht bis zu ihrem Verstand steigen könne. Zu letzteren gesellte sich Hans Ronsky. Am Anfang seines Lebenslaufes hatte eine ganze Provinz seinen Verstand überschätzt, jetzt überschätzte er ihn selber. So dumm würde er doch nicht sein, die Tochter seines Halbbruders und einer russischen Cocotte zu heiraten! Über ein herzliches Getändel, wie es zwischen Vormund und Mündel fast vorgeschrieben war, durften seine Beziehungen zu ihr nicht hinausgehen; aber vielleicht war selbst das herzliche Getändel zu viel. Er mußte vorsichtig sein, nicht um seiner selbst willen – denn sich hatte er in der Hand – aber des heißblütigen, zu rascher Begeisterung geneigten jungen Mädchens halber. Ihr unschuldiges Herz konnte Feuer fangen, oder sie konnte sich etwas in den Kopf setzen, und das mußte um jeden Preis vermieden werden. Das Beste war, sie heiratete Doppelberg – darin hatte sein Vetter Max recht, er selbst wollte ihr im gegebenen Fall zureden. Indessen wollte er durch eine betonte Väterlichkeit, die mit einer größeren Zurückhaltung gepaart war, zeigen, daß ihre Gefühlsüberschwenglichkeiten ihn ein wenig erschreckt hatten, daß sie sich keinen unsinnigen Hoffnungen hingeben durfte. Als er darüber mit sich einig geworden war, hielt er die Sache eigentlich für erledigt. Im übrigen, wenn er die geringste ernstliche Veranlassung dazu sehen würde, so zum Beispiel eine gesteigerte Erregung bei dem jungen Mädchen, würde er nicht zögern, seine Zelte in Wodanka abzubrechen. Aber die gesteigerte Erregung bei Monika blieb aus, vielmehr entzog sie sich seiner Beobachtung. Als Hans den Tag, nachdem er sich den Knöchel verstaucht hatte, in den Salon heruntergehumpelt war, um sich dort auf einem Diwan auszustrecken, setzte sich seine hübsche Nichte ihm zu Füßen und fragte, ob er wohl wünsche, daß sie ihm die Zeitung vorlese. Hierauf erwiderte er freundlich, aber abweisend: »Ich danke, Monika, du bist sehr liebenswürdig – aber ich bin kein guter Zuhörer, ich lese die Zeitung lieber selbst.« Sie fuhr zusammen und warf ihm aus ihren großen Augen einen gekränkten und zornigen Blick zu. Dann aber sagte sie kühl: »Wie du willst, Onkel Hans. Es war nur, weil du mir gestern Vorwürfe gemacht hattest, da wollte ich meine Pflicht thun.« Damit verließ sie das Zimmer. Von da an hatte sich Hans über keine rührenden Zutraulichkeiten und kindlichen Zuvorkommenheiten ihrerseits mehr zu beklagen. Im Gegenteil kam ihre Zurückhaltung nicht nur der seinen gleich, sondern übertraf sie noch um ein gut Teil. Hans hatte seinen Zweck erreicht und war zufrieden. Sie hatte begriffen. Es war alles in Ordnung und vorläufig gar keine Veranlassung, die Zelte in Wodanka abzubrechen. Sie hatte begriffen. Alles Mögliche hatte sie begriffen. Hans hätte sich eigentlich wundern müssen, wie gut sie begriffen hatte, unter anderem, daß sie ihre ganze Taktik ändern müßte, wenn sie nicht alles, was sie bereits gewonnen geglaubt, für immer verlieren wollte. Und das wäre ihr schrecklich gewesen, nicht wegen Rang und Stellung, die sie verscherzt hätte – Rang und Stellung waren ihrer wilden Natur eigentlich eine Last –, sondern weil sie in Hans Ronski, verliebt war. Es gibt Frauen, die gänzlich den Kopf verlieren, wenn sie lieben, andere wieder gibt es, deren Schlauheit dem Manne gegenüber zunimmt mit der Leidenschaft; zu denen gehörte Monika. Sie hatte noch nicht orthographisch schreiben können, als sie von ihrer Mutter getrennt worden war; aber wie man es anstellen müsse, einem Manne den Kopf zu verdrehen, das hatte sie genau gewußt. Von ihrer Mutter hatte sie die Gewohnheit einer raffinierten Körperpflege geerbt – die Gewohnheit, sich stark und eigentümlich zu parfümieren und, was sie an physischer Schönheit besaß, zur Geltung zu bringen. Ohne daß je viel Worte darüber gefallen wären zwischen ihr und ihrer Mutter, wußte sie mehr von der Kunst, einen Mann zu fesseln, als Frauen wie Marie Rheinsberg je lernen. Noch tadellos rein im beschränktesten, wörtlichsten Sinne, war ihre Phantasie doch durch den Austausch von Vertraulichkeiten vielwissender Freundinnen, durch das Lesen von Romanen mit deutlich ausmalenden Schilderungen ganz und gar verderbt. Sie wußte genau, was einen Mann reizen konnte. Infolgedessen gebot sie im höchsten Maße über die spitzfindigste aller weiblichen Künste: sich abwechselnd in eine züngelnde Flamme und in einen schillernden Eisblock zu verwandeln. Augenblicklich verwandelte sie sich Hans gegenüber in einen Eisblock. Und Hans hatte nichts dagegen einzuwenden, so lange er fest davon überzeugt war, daß die Verwandlung auf seine Veranlassung hin stattgefunden hatte, und so lange kein zweiter Mann sich zwischen ihn und das junge Mädchen stellte. Im übrigen hatte er gar nicht die Absicht, seinen Aufenthalt in Wodanka ungebührlich zu verlängern, nur fand er immer neue zwingende Gründe zu bleiben. Erstens hätte ihm sein kranker Fuß beim Reisen noch Schwierigkeiten bereitet, und zweitens waren die geschäftlichen Angelegenheiten, derentwegen er nach Wodanka berufen worden war, nicht erledigt, denn der Doktor Hampe, dem die Durchführung anheimgestellt worden war, hatte sich dagegen gesträubt, die Verantwortung auf seine Schultern zu nehmen – eine aufdringliche Gewissenhaftigkeit, die ihm Graf Miroslaw sehr verübelte. Wozu hatte man denn einen Advokaten, wenn nicht dazu, daß er einem Entscheidungen und die vorangehende mühsame Gedankenarbeit ersparte. Doktor Hampe bestand darauf, den beiden Besitzern der durch die Expropriation bedrohten Baugründe die Pläne der Bauplätze, die Grundrisse der in Aussicht gestellten Parzellierungen vorzulegen, ihnen die Schwierigkeiten genau auseinanderzusetzen, ehe man sich entschied, ob man den ungerechten Forderungen der Regierung kleinmütig nachgeben oder den Prozeß mit ihr führen wollte. Der Doktor hatte seinen Besuch in Wodanka angesagt; der mußte nun in jedem Fall abgewartet werden. Hans wartete ihn ab. Der Mann des Gesetzes, dringend beschäftigt mit einem Erbschaftsprozeß, wurde immer wieder verhindert, und so war der Mai vorüber, als der Anwalt endlich telegraphisch sein Kommen ansagte. Graf Miroslaw harrte ihm mit einer gewissen vergnügten Feierlichkeit entgegen wie allen Gästen. Er langweilte sich manchmal auf dem Lande, besonders im Frühjahr, wo man dem Jagdsport eigentlich nur mäßig frönen durfte. Nun gar im Mai, wo's noch so oft regnete. Gäste brachten doch eine gewisse Abwechselung in dieses ewige Einerlei. Infolgedessen teilte er seiner Gattin sofort nach dem Empfang des Telegramms mit, daß man den »guten Hampe« doch auffordern müsse, über Nacht zu bleiben. Im übrigen erteilte er dem Schloßwärter selbst Befehle, welches Zimmer er für den Doktor herzurichten habe, und beaufsichtigte das Menu. Als nun der Doktor Hampe erschien, empfing ihn Graf Miroslaw vor dem Schloßportal im hellgrauen Sommeranzug, strahlend vor Gastfreundschaft, das Bild des leutseligen liebenswürdigen Kavaliers, von dem etwas dünnen grauen Scheitel bis zu den Spitzen seiner schmalen gelben Juftenhalbschuhe. »Willkommen, mein lieber Hampe!« Er schüttelte ihm kräftig die Hand. »Willkommen!« »Ich hoffe, ich erscheine nicht zu ungelegen, Herr Graf,« entgegnete der Rechtsfreund. »Aber es ist dringend notwendig, daß ich die Herrschaften genau in die Sachlage einweihe.« »Mein lieber Hampe, wenn Sie durchaus darauf bestehen, mich mit dem Einblick in die geschäftliche Lage ...hm ... hm ... konfus zu machen, so sei's Ihnen vergönnt – nur ... ebenso gut könnten Sie mir Einblick in die Sternkarte aufzwingen und dann von mir verlangen, ich solle meine Meinung über den Kurs eines Schiffes abgeben. Ich verstehe rein nichts davon, gar nichts!« »Herr Graf ...« »Na ja, na ja, Sie sollen Ihren Willen haben, Doktorl, aber jetzt geben Sie mir ein wenig Ruh',« rief Graf Miroslaw, »und lassen Sie das Geschäftliche Ihres Besuches nicht allzu sehr in den Vordergrund treten. Sie sind unser Gast und Sie halten sich, hoffe ich, etwas länger bei uns auf. Viel haben wir Ihnen freilich nicht zu bieten.« Dabei warf er einen selbstbewußten Blick auf seine reizende Umgebung. Graf Miroslaw war sich trotz seiner überströmenden Gastfreundschaft und aufrichtigen Liebenswürdigkeit des Umstandes deutlich bewußt, daß er dem Doktor durch diese Aufforderung, sich als Gast in Wodanka zu fühlen, eine große Ehre erwies. Infolgedessen überraschte es ihn etwas unangenehm, als der Doktor ziemlich trocken erwiderte: »Ein Geschäftsmann wie ich ist leider nicht nur zur Unterhaltung auf der Welt, sonst würde ich mit Vergnügen meine Zeit bei Ihnen verlieren, Herr Graf. So geht es leider nicht. Ich muß sogar die Herren bitten, mir recht bald ihre Aufmerksamkeit zu schenken, und hoffe ich, daß Sie mir nachmittag eine Gelegenheit zur Disposition stellen können, Herr Graf!« Graf Miroslaw kam plötzlich zu der Ueberzeugung, daß er sich wieder einmal »vergaloppiert« hatte. Einem Menschen, der den Unterschied zwischen einer »Gelegenheit« und einem Miroslawschen Wagen nicht zu fassen gelernt hatte, dem konnte man mit einer Einladung nach Wodanka kein Vergnügen machen. Hierauf änderte er sofort seinen Ton und sagte, sich zu seinem Kammerdiener wendend, der drei Schritte hinter ihm im Thorweg stand: »Führen Sie den Herrn Doktor in sein Zimmer, Waschaty! So sehr Ihre Minuten gezählt sind, Doktor, den Reisestaub werden Sie vielleicht doch abschütteln wollen vor unserer Konferenz. – Auf Wiedersehen!« Und mit der Empfindlichkeit eines verkannten Liebenswürdigkeitsgenies drehte sich Graf Miroslaw auf seinem Absatz um und überließ es dem getreuen Waschaty, seinem Rechtsfreund die Honneurs zu machen. Der Wagen, welcher den Doktor abgeholt, hatte auch die Post heraufbefördert. Hans, dem ein Brief auf sein Zimmer gebracht wurde, erschrak, als er die Schrift der Adresse erkannte. Es war die Schrift Marie Rheinsbergs. Er runzelte ein wenig die Stirn, sein Herz klopfte stark; es kostete ihm Mühe, den Brief zu öffnen. Aber als er es endlich doch that, überkam ihn eine unendlich angenehme, warme Empfindung. Ihm war zu Mute – wie ... ah, er hätte es anfangs gar nicht zu sagen gewußt wie! ... Dann erinnerte er sich ... wie wenn seine Mutter, als er noch ein halbes Kind war, ihm verzeihend über den Kopf strich, nachdem sie ihn kurz zuvor gestraft hatte. Ja, genau so war ihm jetzt zu Mute. Der Brief lautete: »Lieber Hans! Es hat mir sehr leid gethan, so lange nichts von Ihnen zu hören, besonders leid, weil Sie Natek verlassen hatten, gerade nachdem der erste Mißton in unsere Freundschaft gedrungen war. Ich hatte so darauf gerechnet, meinen Brief mündlich zu erläutern, die Schroffheiten, welche jede Aufrichtigkeit mit sich bringt, zu der man sich mühsam hat zwingen müssen, wieder gut zu machen. Gewiß hatten Sie vor Ihrer Abreise keine Zeit mehr, zu mir herüberzukommen, aber ein paar Zeilen hätten Sie mir schreiben können, nur um mir zu sagen, daß Sie mir meine Aufrichtigkeit nicht übel genommen haben. Denken Sie, anfangs glaubte ich, daß Sie mir böse wären; aber jetzt verachte ich mich für den Verdacht. Durch Zufall hab' ich erfahren, daß Sie sich in Wodanka, wohin Sie dringender Geschäftsangelegenheiten halber berufen worden sind, den Fuß gebrochen haben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid Sie mir thun, wie besorgt ich um Sie bin. Bitte, schreiben Sie mir, wie es Ihnen geht, wie und wann Sie sich das Bein gebrochen haben, wer Sie behandelt, mein armer Hans! ... Gerade Sie, der Sie das Stillsitzen so schlecht vertragen! Daß Ihnen das geschehen mußte! In zwei bis drei Monaten ist wohl alles in Ordnung – aber zwei Monate sind lang – schade darum! Kann ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein, so bitte, lieber Hans, schreiben Sie mir eine Zeile. Als barmherzige Schwester stellt sich Ihnen vollkommen zur Verfügung Ihre Ihnen treu ergebene Marie Rheinsberg. P. S. Bitte, lassen Sie mich nicht auf Antwort warten, ich bin sehr, sehr besorgt!« Seine Augen blieben noch lange auf dem Briefe haften. Einen Moment glaubte er zwischen den Zeilen etwas recht Merkwürdiges zu lesen – die Abbitte einer Frau, die ihre Leidenschaft opfert, um der Freundschaft ein Hindernis aus dem Weg zu räumen. Aber seine schwankende Seele konnte überhaupt keinen Eindruck festhalten, nie einen Gedanken zur Ueberzeugung ausreifen lassen. Er war wie eine Pflanze, die beständig Knospen treibt und es nie zu einer ordentlichen Blüte bringen kann, viel weniger noch zu einer Frucht. Immerhin hatte Maries Brief sein Empfinden nach Richtungen zurückgelenkt, in denen es sich lange nicht bewegt hatte. Ein schwaches Echo jenes Gefühls mit geistiger Anregung verbundenen ruhigen Behagens, das ihn jedesmal überkommen hatte, wenn er den Fuß über die Schwelle von Sanssouci gesetzt, schwebte wie aus weiter Ferne zu ihm herüber. Es war wie ein sanfter Traum, einer jener Träume, in denen das Bewußtsein noch mit leichtem Zügel die tollen Sprünge der Phantasie leitet. Und plötzlich weckte ihn etwas aus dem friedlichen Traum. Eine tiefe, fast rauhe Mädchenstimme, die rief: »Famos, daß Sie kommen! Steigen Sie nicht ab – ich habe nämlich selbst gar keine Lust abzusitzen. Nur der Johann eilte nach Haus. Sein Gaul war vier Wochen lang krank und durfte sich heute nur im mäßigsten Erholungstempo bewegen.« Lange, bevor noch Monika mit dem Sprechen so weit gekommen war, hatte sich Ronsky mühsam hinkend zum Fenster geschleppt und spähte nun, hinter einem Vorhang verborgen, hinunter auf den großen von Rosenbüschen umhegten Sandplatz vor dem Schloß. Er sah Nixa auf einem etwas aufgeregten Grauschimmel, in einem vorzüglich sitzenden Reitkleid, auf den roten Haaren einen weichen grauen Filzhut; neben ihr Doppelberg in blauer Bluse, der längst verpönten und nie entwöhnten Vormittagstracht österreichischer Reiteroffiziere, sehr gut sitzend auf einem feurigen Irländer, dessen lange muskulöse Beine jedem Hindernis gewachsen schienen. Man hätte schwer zu sagen gewußt, welcher von den beiden jungen Menschen sich besser ausnahm, der junge Mann oder das Mädchen. Hinter ihnen stand ein krummbeiniger Reitknecht, die Linke mit dem Zügel am Sattelknopf, während die Rechte sorgfältig dem Pferd an den Vorderbeinen herabtastete, um den Zustand der Muskeln zu prüfen. »Wenn Komtesse erlauben, so führ' ich mein Pferd in Hof – is e abgehetzt – muse abg'rieben wern!« »Führen Sie Ihr Roß, wohin Sie wollen, Sie Schafskopf!« rief ihm Monika ungeduldig zu, ohne ihn anzusehen; mit jener hoffärtigen Schroffheit, welche sie Untergebenen gegenüber fast immer an den Tag legte. »Aber Sie, Graf Doppelberg, begleiten mich noch bei einem letzten Galopp! Wissen Sie, so einen Galopp zum Atemverlieren, über die Wiese dort unter dem Park. Oder ist Ihr Roß auch schon hin?« »Nun, ganz frisch ist der Tom nicht mehr, aber für Sie, Gräfin, pump' ich doch immerhin noch einen Galopp aus ihm heraus. Wenn's gilt, wird er sich eine Ehre daraus machen, in Ihrem Dienste zu sterben. Nur einen kleinen Ausschnaufer, dann geht's los. Uebrigens seh' ich Sie heute zum erstenmal zu Pferd, Gräfin. Ich wußte gar nicht, daß Sie reiten.« »Leidenschaftlich!« entgegnete Monika. »Es ist das Einzige, was mich mein armer Papa gelehrt hat. Onkel Max wollte mich durchaus nicht aufsitzen lassen. Er behauptete, er habe keine Damenpferde im Stall. Na, da hab' ich mir denn ein Herrenpferd satteln lassen – es geht famos, sehen Sie.« Sie setzte ihr Pferd in Bewegung, es riß an der von Schaum triefenden Kandare, bog den Hals schnaubend nach rechts und links, machte ein paar halsbrecherische Lançaden, die jede ungeschickte Reiterin sofort aus dem Sattel gehoben hätten. Doch ehe Hans noch Zeit gefunden hatte, ängstlich zu werden, bewegte sich das Tier mit gewölbtem Hals und gebogenen Vorderfüßen in einem kurzen und gleichmäßigen Staccatotrab um den Platz herum. »Famos, Gräfin, famos!« rief Doppelberg in heller Begeisterung. »Nicht wahr, und jetzt?« Sie wendet sich nach ihm um. »Ich stehe zu Diensten!« Hans sah sie nebeneinander den breiten Reitweg entlang traben, der auf die Wiese führte; sah sie in dem grünen Laub der Roßkastanien verschwinden. Noch aus der Ferne hörte er den scharfen Rhythmus des sich mehr und mehr beschleunigenden Tempos. Er wendete sich vom Fenster ab mit geballten Fäusten, sein Atem ging schwer. Ein leichtes Klopfen an der Thür schreckte ihn aus seinen mißmutigen Gedanken empor. »Hans, kannst du uns ein paar Augenblicke schenken?« fragte Graf Miroslaw, der sich persönlich heraufbemüht hatte, um den Vetter abzuholen. »Der Hampe wartet schon!« »Hans, ist dir etwas? Du siehst ja miserabel aus,« fragt ihn teilnahmsvoll der Vetter, während beide zu der Konferenz hinabsteigen, die in dem sogenannten Audienzzimmer des Grafen stattfinden soll. Aber Hans antwortet nicht, es ist weder ein vernünftiges noch ein unvernünftiges Wort aus ihm herauszubringen. Mit unermüdlicher, aber vergeblicher Gewissenhaftigkeit breitet der pedantische Anwalt allerhand Grundrisse für den von der Regierung geplanten Bahnhofbau vor ihm aus und erläutert die Situation mit verwirrender Peinlichkeit, indem er seine Perioden abwechselnd mit: »Unter den obwaltenden Umständen ist zu bedenken ...« und »Andererseits darf nicht aus den Augen gelassen werden ...« einleitet. Hans hört gar nicht zu, und doch steht auf seinem Gesicht ein Ausdruck gespannten Horchens. Aber nicht Doktor Hampe ist es, auf den er horcht; er horcht auf jedes Geräusch, das unter dem Fenster vorbeihuscht, auf jedes, das durch den Korridor zieht. Wie lang sie ausbleibt – ist sie vielleicht schon zurück? Hat sie sich ihres Reitkleides entledigt und tändelt mit Doppelberg im Salon? Ihm ist's, als krabbele ihm eine Armee von Ameisen durch die Adern, seine Handflächen brennen, sein Mund ist trocken. Das ganze Schloß erscheint ihm voll neckender Stimmen, Rascheln von Unterröcken und Klirren von Sporen. Mit einemmal hört er wirklich, was er bis dahin nur zu hören geglaubt, hört Sporengeklirr und daneben einen leichten weiblichen Schritt – dann Stimmen, eine männliche, dringende: »Bitte, bitte, Gräfin – seit zehn Tagen lassen Sie mich zappeln – darf ich hoffen auf den Cotillon?« Die weibliche Stimme antwortet einschmeichelnd kokett: »Haben Sie denn gezweifelt, daß Sie ihn schließlich doch bekommen, Ihren Cotillon, Graf Doppelberg? Für wen hätt' ich ihn denn sonst aufheben sollen?« »Hm! hm!« räuspert sich Graf Miroslaw mit einem vielsagenden Blick nach der auf den Korridor mündenden Thür. »Hm! hm!« ... Dann mitten aus der Geschäftsverhandlung heraus bemerkt er: »Na, na! sie scheinen ja weiter zu sein, als ich geglaubt hatte, die Nixa und der Doppelberg. Bei dem Cotillon dürfte sich die Sache wohl entscheiden!« »Also, meine Herren,« schließt der Doktor, »nachdem ich Ihnen das pro und contra ziemlich klar vor Augen geführt zu haben dächte, möchte ich über die Wünsche der Herrschaften, wie ich vorgehen soll, definitiven Bescheid erhalten...« »Handeln Sie nach Ihrem besten Wissen und Ermessen,« erklärt Graf Miroslaw. »Was mich anlangt, so bin ich von vornherein mit jedem Weg, den Sie in dieser Angelegenheit einschlagen, zufrieden.« »Ich ebenfalls,« murmelt Hans geistesabwesend. Dann erkundigt sich der Hausherr noch liebenswürdig, zu welchem Zug der Doktor den Wagen wünscht, und die Sitzung ist aufgehoben. Im Laufe des Diners wird Ronskys Zustand immer unerträglicher. Monika und Doppelberg, welche nebeneinander gesetzt worden sind, plaudern munter miteinander und scheinen sehr ineinander vertieft. Sie essen ein Vielliebchen miteinander, sie lachen vertraulich über kleine Geheimnisse, in welche ihre Tischnachbarn nicht eingeweiht sind. Gleich nach Tisch zieht sich Ronsky unter dem Vormunde, Briefe schreiben zu müssen, in sein Zimmer zurück. Er versucht, sich über seine Gefühle klar zu werden. »Hab' ich mir denn die ganze Zeit selber etwas vorgelogen, sollte ich wirklich verliebt sein in diese Kokette?« Kaum hat er das Wort Kokette ausgesprochen, so möchte er es wieder zurücknehmen, es erscheint ihm als eine zu harte Bezeichnung für Monika. »Was habe ich für eine Berechtigung, es ihr übel zu nehmen, daß sie sich mit dem hübschen Burschen, der es offenbar ernst mit ihr meint, unterhält? Sie hat mich ja tief genug in ihr Herz blicken lassen. Aber ich habe gethan, was ich konnte, sie mir zu entfremden. Mir war es selber darum zu thun, keine Hoffnung in ihr aufkommen zu lassen, mir war es darum zu thun, daß sie Doppelberg heiratet, ich wollte ihr ja sogar zureden. Und jetzt nehme ich ihr's übel, daß sie sich ohne mein Zureden selbst dazu entschlossen hat!« Aber kaum, daß er diesen Gedanken formuliert hat, löst, wie das fast regelmäßig bei ihm der Fall, ein neues Bedenken seine Reflexionen ab. »Ich bin rein verrückt! Weiß Gott, ich muß mich zusammennehmen ... ich könnte am Ende wirklich.... Wäre was Sauberes, ein Mädchen heiraten, das sich in derselben Woche zwei Männern an den Hals geworfen hat – die Tochter einer elenden Abenteurerin, bei der sich das Blut der Mutter deutlich meldet! ... Ich reise ab – es ist wirklich das Beste, ich reise ab!« – – Das Beste wäre es vielleicht gewesen, aber er reiste nicht ab. Immer höher stieg die Hochflut seiner Leidenschaft an seinem von trockenen Prinzipien musterhaft verschanzten Verstand empor, höher, immer höher. Der geringste Zufall, und der Verstand sank unter in den schwülen Wellen. Hans versuchte, sich in die Erinnerung an Marie Rheinsberg zu flüchten, welche er offenbar als ein kühlendes Präservativ zu betrachten schien. Er entfaltete noch einmal ihren Brief und machte sich daran, ihn zu beantworten. Die Antwort fiel ungewöhnlich herzlich aus, ja an gewissen Stellen erwärmte sich die Herzlichkeit bis zu einem Grade, der Mißverständnisse hätte heraufbeschwören können. Wie er sich auch abmühte, drängten ihm heute immer nur die zärtlichsten Beiwörter in die Feder. Nein, das war nicht möglich! Er mußte den Brief noch einmal schreiben! Uebrigens warum denn? Warum sollte er Marie zum Beispiel nicht schreiben: »Wenn Sie auch von meiner Freundschaft längst überzeugt sein müssen, so wissen Sie doch nicht, bis zu welchem Grade ich Sie verehre. Sie sind die einzige Frau auf der Welt für mich; die anderen, mit denen ich manchmal getändelt habe, sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen zu lösen. Ich zähle die Minuten, bis ich von hier fort kann, um zu Ihnen zu eilen und Ihnen zu Füßen zu sinken!« Ja, warum sollte er ihr das nicht schreiben? –- Und doch zerriß er den Brief und schrieb einen anderen, der aber nur noch zärtlicher, inniger ausfiel als der erste. Die Worte darin machten den Eindruck, als wären sie von dem Gluthauch der Leidenschaft auf dem Papier zusammengeweht worden. Diesen Aufsatz steckte Hans in einen Umschlag, adressierte ihn und trug ihn selbst in den Korridor hinunter, wo die für die Post bestimmten Briefe auf einen alten Eichentisch niedergelegt wurden. Hier holte sie der Kammerdiener ab, um sie in die schwarze Ledertasche zu stecken, welche täglich zweimal zu dem nächsten Postamt wanderte. Nachdem Hans seinen Brief dort deponiert hatte, wendete er sich, um in sein Zimmer hinaufzuhinken. Als er den ersten Treppenabsatz erreicht hatte, vernahm er das Rauschen eines duftigen Batistkleides – Nixa – o, gewiß wieder mit Doppelberg!... Aber nein ... das Sporengeklirr, auf welches Hans horchte, fehlte. Sein Herz klopfte – er blieb stehen. Das Rascheln hielt inne, offenbar war Nixa – wie genau er ihren Tritt kannte! – an den sogenannten Posttisch herangetreten, um gleichfalls einen Brief dort niederzulegen. An wen sie nur geschrieben haben mochte? Er bückte sich ein wenig. Durch eine der mit grünen Pflanzen geschmückten, vergitterten Oeffnungen, welche die Stiegenwand unterbrachen, konnte er sie sehen. Sie stand neben dem Posttisch und hielt einen Brief in der Hand, seinen Brief, den Brief an Marie Rheinsberg. Offenbar interessierte sie die Adresse. Ihr Gesicht nahm einen unruhigen, gequälten Ausdruck an, ihre Augen blickten finster. Sie ließ den Brief auf den Tisch fallen. Dann starrte sie wie geistesabwesend um sich. Plötzlich blieb ihr Blick auf dem Schrägen haften, an dem die Kleidungsstücke hingen, die man zu zwanglosen Spaziergängen in den Garten überzuwerfen pflegte. Sie ging darauf zu, erfaßte eines davon und fing an, den grauen Loden leidenschaftlich zu streicheln und zu küssen. Um Hans drehte sich alles wie im Wirbel. Jeder Blutstropfen in ihm glühte, jede Fiber zitterte. Es war sein Regenmantel, den das junge Mädchen küßte.– – Als er um zwei Stunden später, wie aus einer Betäubung erwachend, seines unsinnigen Briefes an Marie Rheinsberg gedachte und so rasch, als es sein lahmer Fuß zugab, hinuntereilte, um ihn noch rechtzeitig zurückzuziehen, fand er ihn nicht mehr. Der alte Kammerdiener, den er danach fragte, versicherte ihn: »Gräfliche Gnaden dürfen unbesorgt sein, der Brief ist schon seit anderthalb Stunden fort. Er ist gewiß schon mit der Abendpost befördert worden.« In Wodanka sollte getanzt werden, und zwar zwei sehr schönen Nichten des Grafen Miroslaw zu Ehren, welche, erst kürzlich mit ihrem verwitweten Vater von den Rennen aus Pest zurückgekehrt, ihr in der Umgegend befindliches Schloß zum Sommeraufenthalt bezogen hatten. Gegen vier Uhr des Tages, an welchem das Fest stattfinden sollte, kamen die Nichten in Wodanka vorgefahren, und zwar in einem echten englischen Mailcoach, hinter einem schäumenden, schnaubenden Vierergespann, das, von hoch aufgewirbeltem Staub umweht, wie auf Wolken einherzuschweben schien und von dem Gatten der älteren der beiden Nichten, einem jungen Ungarn, dem Grafen Bela Ungadyi, mit imponierendem Geschick gelenkt wurde. Die beiden Nichten hatten noch zwei befreundete Komtessen mitgebracht, die sich zufällig als Gäste bei ihnen aufhielten. Ein Hauch von junger, ausgelassener Heiterkeit umgab die ganze Gesellschaft; es war, als ob der Genius der Lebensfreudigkeit als unsichtbarer Passagier mit auf dem Mail gesessen habe. Der lebhaften Aufforderung des Hausherrn folgend, kam der noch immer hinkende Hans gleich mit dem Miroslawschen Ehepaar der fröhlichen Sippschaft entgegen. Graf Max hatte es sehr eilig, dem Vetter die schönen Nichten zu zeigen. Durch die sich langsam senkende Staubwolke, welche dem Postzug bis an das Schloß gefolgt war, hörte Hans, der sich diskret ein paar Schritte im Hintergrund hielt, lachen und zwitschern. Es gab offenbar schrecklich viel auf der Welt, über das man lachen konnte. Eigentlich war für diese junge Gesellschaft das Lachen das Wichtigste im Leben. Die Gräfin Clemence – so hieß die jüngere, ledige der beiden Nichten – hätte vielleicht noch ein gutes Wort fürs Tanzen eingelegt und die junge Gräfin Ungadyi fürs Küssen – aber damit wäre der Kreis ihrer Interessen geschlossen gewesen. O, dieses frische, junge Lachen, das in dem vollen, den Park durchjauchzenden Frühlingsjubelaccord mit dem weichen Flüstern der Blüten, dem Summen der Insekten, dem Singen der Vögel zusammenfloß! Es war wie ein silbernes Glockenläuten, mit dem die Jugend ihren Lebensmorgen feierte. Wie gut es klang... wie schön es war, jung zu sein. Und plötzlich kam es Hans zum Bewußtsein, daß er die eigentliche Jugend, die lustige, sorglose versäumt hatte mit lauter altklugen Grübeleien, vielleicht recht lobenswerten, aber entsetzlich sterilen Bestrebungen, und der Gedanke nagte ihm am Herzen wie ein Wurm. Als man mitten zwischen dem Lachen und Zwitschern Zeit fand, ihn vorzustellen, mußte er gestehen, daß sein Vetter Max bei der Schilderung seiner Nichten ihre Schönheit durchaus nicht zu hoch gepriesen hatte. Besonders die jüngere, unverheiratete war eine unbeschreiblich reizvolle Erscheinung. Solche große, mandelförmige Augen, so bauschiges, in seiner wehenden, schwebenden Leichtigkeit an gekräuselten Wellenschaum erinnerndes Haar, ein so fein modelliertes Oval und so vornehm und kühn geschnittene Züge erinnerte sich Hans bis dahin nur auf den schönsten Frauenporträts von Lawrence gesehen zu haben. Die Gräfin Ungadyi war ebenfalls sehr hübsch, wenn auch ohne das Strahlende, Sonnige in der Erscheinung ihrer Schwester. Sie kleidete sich nach der neuesten Mode, war sehr verliebt in ihren Mann und hatte seit einem halben Jahre ihre eigenen Ansichten über Nestlesches Kindermehl. Auf der Veranda versammelte man sich zu einem frischen, einladenden Nachmittagsimbiß. Man genoß mit großem Appetit Erdbeeren mit Schlagsahne, Eiskaffee und verschiedentliche Kuchen, alles durcheinander, und lachte dazwischen immerfort. Es gab, gottlob, gar so viel, über das man lachen konnte, auf der Welt! ‹ Eine sehr merkwürdige Beobachtung machte Hans. Nixa kam nicht zum Vorschein. Wie er später erfuhr, haßte sie die schönen, trotz ihrer äußerlichen Leutseligkeit sehr stolzen Mädchen, die ihr einmal durch irgend eine Schattierung ihres Benehmens zu verstehen gegeben hatten, daß sie sie nicht völlig als ihresgleichen betrachteten. Graf Miroslaw war von seinen reizenden Nichten entzückt, er verbrachte den Nachmittag abwechselnd an seinem Schreibtisch und in der anregenden Gesellschaft der jungen Mädchen. Wie er sich selber ausdrückte, konnte er sich bei der Jugend erholen von den schweren Sorgen, die ihn am Schreibtisch bedrückten. Das waren aber auch Sorgen! Um den Ansprüchen der jungen Damen zu genügen, hatte Graf Miroslaw dem in Abwesenheit des Obersten das Regiment führenden Major Müller geschrieben, mit der Bitte, ihm so viele Tänzer als möglich aus dem Offiziercorps zu senden, er hatte ihm carte blanche gegeben für die Einladungen. Wie es schien, hatte aber der Major eine schlechte oder gar keine Wahl getroffen, was übrigens den Standpunkt des Grafen Miroslaw in Ehren, immerhin das Taktvollste gewesen war. Dies sah der Graf natürlich nicht ein, sondern seufzte tief über die bunte Reihe der Gäste. Nun, man mußte sich eben schon etwas gefallen lassen, dem armen Fery zuliebe. Aber trotz aller Opfer, die er seinem Liebling zu bringen bereit ist, fährt der Graf schließlich doch aus der Haut, als er, die von Müller gesandte Liste durchsehend, darunter den Namen des Rechnungsoffiziers entdeckt. »Fehlt nur noch der Kurschmied!« ruft er in höchster Entrüstung seiner Gattin zu, der er, wie in allen schwierigen Lebenslagen, sein Leid klagt. »Fehlt nur noch der Kurschmied! Und ich hätte doch wirklich darauf rechnen können, daß sich der Müller uns dankbar erweise, schon dafür, daß man seine Frau eingeladen hat.« »Ja, das finde ich auch,« versichert mit humoristischer Ueberzeugung die Gräfin. »Da er es aber unterlassen hat, so würde ich gute Miene zum bösen Spiel machen und sehen, daß meine Gäste sich wohl fühlen, wer immer sie sein mögen, und mir wegen der Geschichte keine grauen Haare mehr wach Aber Graf Miroslaw ist noch immer nicht beruhigt, Wehrpflicht das alles nicht nötig hätten!« sprudelt er weiter, als er wieder unter die lachende Jugend zurückkehrt. »Was?« fragen die Nichten. »Nun, das G'schichtenmachen mit dem Regiment. Wenn es sich nicht um das Freiwilligenjahr meines armen Buben handelte, hätte ich einfach die Offiziere eingeladen, die mir passen, und mich den Teufel um die anderen geschert. Aber so muß ich mit den Wölfen heulen. Es ist ein Kreuz! Ich kann euch gar nicht sagen, was ich mich ärgere, wenn ich mich an die allgemeine Wehrpflicht erinnere! Ich versichere euch, Kinder, die Schlacht von Königgrätz habe ich Bismarck längst verziehen...« »Ich auch!« versichert Ungadyi lächelnd. »Na, ihr Ungarn habt guten Grund dazu – hm! ... hm! ... aber ...« »Onkel Max! ... Der Fery, der Fery!« ruf Clemence und klatscht in die Hände, da sie eben ein Phaeton an der Veranda vorüberrollen sieht. »Auf dieses Vergnügen war ich gar nicht gefaßt!« »Teufelsbub! Was fällt denn dem ein! Ist mir durchaus nicht recht, daß er seine Studien unterbricht! Da muß ich gleich sehen, was das ist,« Von beiden Nichten begleitet und mit vor Freude glänzendem Gesicht geht der Graf seinem Hoffnungsvollen entgegen, um »ihm eine Strafpredigt zu halten«. »Na, wie kommst denn du eigentlich hierher, Ferus, was fällt dir denn ein, woher weißt denn du, daß heute bei uns getanzt wird?« Fery sieht den Vater aus lustigen blauen Augen groß an ... »Woher?... Woher?... Du hast mir's ja geschrieben, Papa!« Und wieder lachen die Nichten. Der Abend ist hereingebrochen. Die Logiergäste sind bereits alle angekommen. In den Korridoren begegnet man hie und da einer Kammerjungfer, die, eine Haarkräuselmaschine in der Hand, nach Spiritus verlangt. Graf Miroslaw hat endlich die harte Arbeit der Tafelordnung beendet und prüft jetzt die Vorbereitungen, die sonst noch zum Empfang der Gäste gemacht worden sind. Mit feierlicher Hausherrnbefriedigung gleitet sein Blick über die langen Tafeln in dem Speisesaal, einem ganz weiß gestrichenen, mit Stuckarabesken aus der besseren Rokokozeit reich verzierten Raum. Alles, wie es sich gehört! Blendend weißes, wie Atlas glänzendes Tischzeug, durchsichtiges Krystall, schweres altes Silber, als einzige Verzierung silberne Körbe von allerhand Formen, dicht mit Rosen gefüllt, die späterhin zum Cotillon verwendet werden sollen. Es ist diesmal in dem Saal ebener Erde gedeckt worden, wie denn überhaupt das ganze Fest in dem Erdgeschoß abgehalten werden soll, das sich an das Treibhaus schließt. Zwischen dem Speise- und dem Tanzsaal liegt die Bibliothek, in welcher die Spieltische aufgestellt worden sind für die »vernünftigen Menschen«, die dem Tanzvergnügen nicht mehr frönen, und während Graf Miroslaw auch da nachsieht, ob alles in Ordnung ist, beschäftigt sich Fery der Hoffnungsvolle mit dem »Tapeur«, der sich bereits an den Flügel gesetzt hat, um zu probieren, und dem Fery die aus Prag mitgebrachten allerneuesten Tanzstücke vorlegt. Der »Tapeur« ist aus Trischkow, der nächsten Kreisstadt, ein alter Mann mit langen, weißen Haaren um eine glänzende Glatze herum und mit großen glutigen Augen hinter weit vorspringenden Backenknochen. Ein verbummeltes Genie sozusagen, hat er sich vor zwanzig Jahren aufs Land zurückgezogen, um ungestört an einer Oper mit einem »packenden« Libretto zu schreiben. Die Oper ist noch nicht fertig, der geniale Komponist ernährt sich hauptsächlich durch Klavierstimmen, wobei er jedesmal seine Thätigkeit damit abschließt, daß er, um die Tonreinheit des gestimmten Instruments zu probieren, die effektvollste Nummer seiner unvollendeten Oper – Trauermarsch mit eingeflochtenen Tanzmotiven – in die Tasten hineindrischt, und zwar gerät er dabei jedesmal in ein solches Feuer, daß er gleich darauf von neuem zu stimmen anfangen muß. Es läßt sich nicht leugnen, daß der Polka-Trauermarsch ein wenn auch paradoxes, immerhin geniales Musikstück ist, aber Papa Machkowsky, wie er sich seit seinen Konservatoristentagen mit Vorliebe nennen ließ, hat längst nur noch einen Ehrgeiz, man möge den Trauermarsch, welchen er frei nach Smetana »Aus meinem Leben« betitelt hat, hinter seinem Sarge spielen, wenn er dereinst zur letzten Ruhestätte getragen oder gefahren werden wird. Der Trauermarsch schließt mit einer Polka ab, und komischerweise behauptet Machkowsky, die Polka sei das allertraurigste an der ganzen traurigen Rhapsodie. Machkowsky ist eine Legende, sein Genie ein Glaubensartikel in der Familie Miroslaw. Noch heute ist Graf Max fest davon überzeugt, daß der Machkowsky im Grunde genommen mindestens ebensoviel Talent gehabt habe als Smetana, und daß es nur seiner Faulheit beizumessen sei, wenn er nicht zwei »Verkaufte Bräute« geschrieben habe. Graf Fery findet zwar, daß der Machkowsky »gewesen«, daß er steife Finger habe und klappere, aber für die ältere Generation sind das Blasphemieen, die ältere Generation hört Machkowsky mit der Erinnerung an die Zeiten, wo er Verlobungen zusammenzuspielen verstand wie sonst keiner, an die Zeiten, wo niemand an seinem Genie zweifelte, nicht einmal er selbst – bis er eines schönen Tages seine ganze Zukunft verkaufte für eine Schüssel Knödel, das heißt für eine hübsche Fleischhackerstochter, die sie zuzubereiten verstand ... »Bravo, Machkowsky!« ruft Graf Miroslaw dem Alten, welcher soeben eine zugleich schmachtende und ritterliche Mazurka probiert, aus der Bibliothek zu, dann, sich an Graf Ungadyi wendend, welcher bereits im Gesellschaftsanzug zu ihm getreten ist, um ihm empfangen zu helfen, erzählt er dem Edelmann die Biographie des böhmischen Musikanten, aus welcher er, dem ungarischen Landsmann zu Ehren, recht eigentümliche, den ganzen czechischen Nationalcharakter beleuchtende Schlüsse zieht. »Siehst du, Bela,« ruft er, »aus diesem einen Menschen erkennst du das ganze böhmische Volk! Die schlechteste Eigenschaft des Böhmen ist seine Genügsamkeit; wenn ein Böhm' einmal seine Marjanka und seine Knödel hat, so lockst du ihn mit keiner Chimäre aus seiner gutgeheizten Ofenecke heraus. Das ... das – diese verfluchte Genügsamkeit ist's allein, weshalb die Böhmen vielleicht einmal eine tüchtige und sehr wahrscheinlich eine wichtige, aber nie, nie eine besonders glänzende Rolle spielen werden. Das ist der Grund, weshalb wir euch Ungarn nicht schon längst über den Kopf gesprungen sind!« »Wirklich ... und ist das auch die Ansicht eures großen politischen Nationalgenies?« fragt etwas skeptisch Bela. »Von welchem Nationalgenie sprichst du?« fragt Graf Miroslaw. »Von Ronsky – von wem denn sonst? Von allen Seiten hör' ich, daß man sich so viel von ihm versprochen hat.« »Versprochen hat – ob man sich aber noch sehr viel von ihm verspricht...« »Nun, wie es heißt, soll in der allernächsten Zeit eine großartige politische Broschüre von ihm erscheinen.« »Hm!... hm!...« »Du scheinst nicht sehr an die glänzende politische Zukunft Ronskys zu glauben ...« lacht Bela. »Fürchtest du vielleicht auch, daß die Genügsamkeit sein größter Fehler ist und er einmal für eine Marjanka und eine Schüssel Knödel seine Carriere aufgibt?« »Mein lieber Bela, das ist ein Witz, der nicht schlecht ist, der aber doch beweist, daß du von unserer politischen Lage gar nichts weißt. ... Die Nation, der ich die Genügsamkeit zum Vorwurf mache, ist ja nur das politische Material, mit dem wir arbeiten, aber wir gehören eigentlich nicht zu dieser Nation. Wir sind von böhmischen Kinderfrauen verwöhnt worden, wir sind mit böhmischen Liedern in den Schlaf gesungen worden, wir lieben die Nation oder lieben vielmehr das Volk, das gutmütige, feinfühlende, anhängliche Volk, das die Sprache der Nation spricht und dem mit der Sprache seine Individualität, seine Poesie, seine Abgeschlossenheit genommen würde – aber wenn wir anderen von unserer böhmischen Nationalität sprechen, so ist das eine Pose. Der böhmische Adel ist weder aus seiner Nation herausgewachsen, noch mit ihr zusammengewachsen, der böhmische Adel wählt sich seine Nationalität, wenn er erwachsen ist, wie sich bei gewissen Sekten die Menschen den Glauben wählen... ich bitte dich, mein lieber Bela, ein Glaube und eine Nationalität, die man sich wählt, die sind beide nicht waschecht. Der böhmische Adel hat keine Nationalität, er hat nur einen Kaiser, und er hat sich auch um nichts anderes zu scheren als höchstens um den Wohlstand und das Wohlergehen der Provinz, in welcher er zufälligerweise geboren worden ist. Wir lernen jetzt alle böhmisch, aber wir lernen es, wie man eine fremde Sprache lernt. Wir sprechend im Ausland aus Spaß und im Inland aus Pflichtgefühl, aber der Teufel hol' mich, wenn's zehn unter uns gibt, die am Abend ihr ›Vaterunser‹ böhmisch beten!« Damit hatte sich Graf Miroslaw außer Atem gesprochen, und doch war er noch lange nicht fertig mit seiner Weisheit. Jedenfalls hatte er lange genug gesprochen, um dem Neffen die Ueberzeugung beizubringen, daß Onkel Max eigentlich ein verflucht gescheiter Kopf sei und von seinen Standesgenossen nur deswegen unterschätzt werde, weil seine Gescheitheit nicht mit dem Grad von Pedanterie »angerichtet« war, der ihr in den Augen des größten Teils der Menschheit erst die Würde verleiht, Infolgedessen hörte er aufmerksam zu, als Graf Miroslaw, nun wieder zu Atem gekommen, von neuem anhob: »Siehst du, mein lieber Bela, ich bin gerade gescheit genug, einzusehen, daß ein aus unserer Klasse herausgewachsener ›Führer‹ der böhmischen Nation ein Unding ist!« »Und Ronsky?« fragt Bela. »Ronsky ist eben noch nicht gescheit genug, um es einzusehen. Er wird gerade gescheit genug werden, sobald ihm die Nation samt seinen Idealen heimgeleuchtet haben wird. Wenn sich die böhmische Nation noch zu etwas Großem entwickelt, so wird es ohne unser Hinzuthun und, wenn ich mich nicht sehr irre, durchaus nicht zu unserer Freude geschehen. Sie wird die demokratischste aller Nationen sein, und ihre demokratische Organisation wird halten, weil sie nicht wie bei allen anderen Nationen ein Uebergangsstadium, sondern ein Ausruhestadium sein wird – ein Ausruhen in der Genügsamkeit, die den Aufschwung schwer, hingegen das Sichbescheiden zwischen engen Grenzen, das Sichfügen in ein erreichtes Ziel möglich macht .... Aber ich bitte dich, was soll denn unsereins in so einem Paradies für Gebrüder Schuster und Handschuhmacher? Was spielen wir da für eine Rolle?« »Wir dürfen eben nicht mehr daran denken, eine Rolle zu spielen, sondern einzig und allein daran, unsere Pflicht zu thun!« ruft jetzt mit Pathos Fery Miroslaw, der sich soeben den beiden anderen zugesellt hat. »Woher hast denn du die Weisheit?« fragt der hinzutretende Graf Flintsch, Ronskys ehemaliger diplomatischer Kollege, der jedoch seinem Beruf treu geblieben und nur mit einem Urlaub für ein paar Wochen auf das Gut seiner Eltern zu Besuch gekommen und zu dem heutigen Fest geladen worden ist. Die Worte Ferys erscheinen dem Grafen Flintsch als der Inbegriff alles »Geschwollenen«, und Fery, der sie offenbar im selben Licht betrachtet, beeilt sich zu erklären: »Von mir stammt die Weisheit nicht, das kannst du mir glauben! Von Ronsky rührt sie her, ich hab' sie aus seiner letzten, soeben erst dem Druck übergebenen Flugschrift citiert.« »Na, von Hans Ronsky dürfte dieses Diktum auch nicht stammen,« erklärt Graf Max, »Das ist so ein Stück zum Gemeinplatz verhärteter Allerweltsweisheit, mit der sich Ronsky aus Mangel eigener Erfindungsgabe ausgeholfen hat.« »Ja, was ist denn eigentlich mit dem Ronsky?« wirft Graf Flintsch ein. »Ich erinnere mich, daß am Tag seiner Promotion in Prag sehr viel Lärm geschlagen wurde. In Berlin waren wir zusammen, dann kam er mir aus dem Gesicht, und jetzt, als ich durch Prag reiste, hörte ich sehr viel von seiner neuesten That, einer politischen Flugschrift, die soeben veröffentlicht werden soll. Wißt ihr etwas Näheres darüber?« »Weißt du etwas Näheres?« wendet sich Graf Miroslaw an Fery. »Nun, Eugen Binsky, der sogenannte ›Getreueste‹ Ronskys, hat uns neulich bei Onkel Karl in Prag Bruchstücke daraus vorgelesen. Er – Binsky – machte ein Aufhebens davon, als handle sich's mindestens um einen dritten Teil Faust.« »Na, und was sagten die anderen?« »Die anderen sagten ... Hm!... Einige sagten, das ganze Schriftstück sei ›ein Unsinn, der sich gewaschen hat‹. Hierauf meinten welche, ein gewaschener Unsinn sei doch noch besser als ein ungewaschener, und Onkel Karl sagte ...« »Was sagte Onkel Karl, darauf kommt's mir nämlich an,« fragt Graf Miroslawm. Onkel Karl war derselbe alte Staatsmann, der bei Hans Ronskys Promotion so viel von dessen Zukunft erhofft hatte. »Onkel Karl... Onkel Karl war sehr betrübt – er sagte, Ronskys Schreibweise mache ihn so unruhig wie der Blick eines Menschen, der mit jedem Aug' nach einer anderen Weltrichtung schielt.« »Da haben wir's!« ruft entzückt Graf Miroslaw. »Ganz meine Ansicht, nur, daß ich nicht so viel Jahre gebraucht habe, um sie mir anzueignen. Und wenn Ronsky sechs Augen hätte, so würde er mit jedem nach einer anderen Weltgegend schielen. Eine redliche politische Ueberzeugung laß ich mir gefallen, mag sie auch noch so paradox sein. Vor einem Ravachol Hab' ich Respekt, vorausgesetzt, daß er sich mit Courage hinrichten läßt; aber vor einem Politiker, der zugleich Aristokrat, Sozialist, Deutscher und Czeche sein will, vor dem kann ich keinen Respekt haben – Gott bewahre mich vor so einem Konglomerat!« »Und dabei ist er ein famoser Mensch, wenn die Politik aus dem Spiel ist,« meint Fery. »Neulich bei Weißenbergs hat er einen Rehbock auf zweihundert Schritt geschossen, natürlich mit der Kugel!« Flintsch und Ungadyi lachen. Graf Miroslaw aber wird nachdenklich: »Nein, meine Lieben, selbst wenn die Politik nicht im Spiel, ist er ein Mensch, der stets Mittel und Wege finden wird, sich nach reiflicher Ueberlegung zwischen zwei Stühle zu setzen.« Damit ist sein Urteil über Hans Ronsky abgeschlossen. Fery aber fordert Flintsch lebhaft auf, den neuen Walzer mit ihm zu probieren, den der Machkowsky soeben spielt, worauf die beiden jungen Herren in den Tanzsaal eilen und seelenvergnügt zu den zündenden Rhythmen Machkowskys als einziges, aber außerordentlich animiertes Paar durch den Tanzsaal wirbeln, so lange, bis sie draußen den ersten Wagen rollen hören. Das »Tanzerl« in Wodanka gehörte entschieden zu den »gelungensten Festen« der Saison. Selbst in der »Bohemia«, dem ersten deutschen Journal Prags, erschien am Tag nach dem Fest eine Notiz darüber, eine Notiz, die von keinem anderen herrührte als dem braven und dankbaren Rechnungsoffizier Runkel und die in einer so schwungvollen Tonart verfaßt war, daß sie schließlich auch den Grafen Miroslaw mit der Anwesenheit des Hauptmanns unter seinem gastlichen Dach versöhnen sollte. Eine umsichtigere Hausfrau als die Gräfin Klotilde konnte man sich nicht denken, und ein liebenswürdigerer Hausherr als Graf Miroslaw, nachdem er mit seinen präludierenden Unausstehlichkeiten fertig geworden, wäre überhaupt auf der ganzen Welt nicht zu finden gewesen. Daß die ritterliche Vornehmheit seiner Erscheinung bei solchen Gelegenheiten besonders zur Geltung kam, braucht wohl kaum erwähnt zu werden, ebensowenig, daß er für jeden seiner persönlichen Bekannten stets das Wort traf, welches er oder sie gerade zu hören wünschten. Das gehörte zum Abc. Aber er fand auch den Weg in alle Ecken, in die sich verschüchterte Individuen geflüchtet hatten, er wußte jeden aufzurichten, der aus Verlegenheit in der Konversation gestolpert war, er legte ein Genie an den Tag, die plumpste Dummheit in ein verzeihliches Licht zu rücken. Gräfin Leontine schwebte als segnender Genius über allen Anordnungen. Von Zeit zu Zeit schlich sie sich an den Hausherrn oder die Hausfrau heran, um aus verwandtschaftlicher Liebe auf irgend einen Uebelstand aufmerksam zu machen. Aber selbst diese aufopfernden Freundschaftsbeweise waren nicht im stande, die Stimmung zu trüben. Das ganze Fest duftete nach Rosen, und das silberne Lachen der Komtessen schwirrte durch den Duft hin wie das Plätschern eines über Stock und Stein springenden Gebirgsbaches. Die Gräfin Clemence trug ein rosa Kleid, das anmutig und frisch war wie sie selbst. Ihrem ganzen Wesen war es anzumerken, daß sie an nichts dachte, als sich zu unterhalten, zu tanzen und die jungen Herren zu necken, zu »hetzen«, wie sie es nannte – ohne irgend eine weiterliegende Absicht, wie zum Beispiel einem romantisch angelegten Jüngling den Kopf zu verdrehen oder einen gut situierten Majoratsherrn zu einem Heiratsantrag zu veranlassen. Die Gräfin Ungadyi, welche in einem blauseidenen Gewand mit schönen Spitzen, Brillantboutons und einem Spürchen Würde (ihrem verheirateten Stand zu Ehren) eingetreten war, vergaß diesen ganzen Ballast nach der ersten Polka und tanzte bald mit einem Feuer, einer Leichtigkeit und Unermüdlichkeit, daß kein Mensch mehr ihren eigenen Ansichten über Nestlesches Kindermehl viel Vertrauen entgegengebracht hätte. Die beiden Wiener Komtessen zeigten sich anfangs ein wenig wählerisch in Bezug auf die Tänzer aus dem Offizierscorps, wollten nur mit diesem und nicht mit jenem Leutnant tanzen, aber der sonst ziemlich phlegmatische Fery trat so energisch für seine zukünftigen Regimentskameraden auf, daß die Damen ihre Zurückhaltung aufgaben, ehe sie Zeit gehabt hatten, eine Verstimmung zu verursachen, worauf auch sie, von der allgemeinen Heiterkeit angesteckt, sich mit der Unbefangenheit der anderen jungen Mädchen dem Tanz und der Freude hingaben. Der Raum war herrlich. Auf dem Parkett hatte man, wie Gräfin Clemence behauptete, mit hölzernen Beinen tanzen können, und die Musik war über alles Lob erhaben. Der alte Machkowsky führte heute aber auch gar zu tolle Kunststückchen aus. Von »Klappern« war keine Rede mehr. Der Flügel, ein Bechstein, dröhnte unter seinen Händen wie ein ganzes Orchester; dann wieder weinte und lachte er weich und innig wie eine verschleierte Menschenstimme; er jauchzte, tobte, klagte, flehte, raste, triumphierte, alles in den packenden Tanzrhythmen, die der Spieler als echter böhmischer Musikant auch in seiner überschwenglichsten Begeisterung nie zu markieren vergaß. Er spielte jede Nummer für irgend ein besonderes Paar, das er in die Augen faßte und während der ganzen Dauer des einen Tanzes nicht aus den Augen verlor, und er sah es dem einen Paar stets genau an, ob es ein rasches oder ein langsames Tempo, eine lebhafte oder schmachtende Vortragsweise verlangte. Zu den ihm von Fery vorgelegten Walzern improvisierte er die kühnsten Bässe, verstärkte die Melodieen durch die interessantesten Einschaltungen. Sonderbar nahm sich seine Erscheinung aus, sein fleischloses Gesicht mit den großen Augen, die aus so tiefen Höhlen herausglühten, daß man sie kaum sah, die aufgeworfene Nase mit den großen Nasenlöchern, die eingesunkenen Wangen. Von Zeit zu Zeit leckte er sich die trockenen Lippen und zeigte seine großen, gelben, lückenhaften Zähne. Dann wurde er unheimlich. »Er sieht aus wie ein Totenkopf,« sagte Graf Flintsch, »es ist, als ob ein Skelett im schwarzen Frack zum Tanz aufspielte.« Graf Miroslaw fand das auch. Ein andermal wollte er den Machkowsky hinter einer spanischen Wand oder wenigstens hinter einer grünen Pflanzenpalissade spielen lassen. Nur war er nicht ganz sicher, ob das nicht am Ende den armen Alten kränken könnte. Um das Skelett im schwarzen Frack wirbelte die blühende, neckende, jauchzende, lachende Jugend. Himmelblau – meergrün – rosa – blaßviolett und silbrigweiß, es war wie ein zerflatternder Regenbogen, aus dem Engelsköpfchen herausnickten. Die hellblauen Röcke der Offiziere paßten zu dem Ganzen, nur sehr wenige schwarze Fracks störten die Farbenwirkung. Natürlich wurde die Frage angeregt, welches unter den anwesenden jungen Mädchen das schönste sei. Graf Miroslaw stimmte für seine Nichte Clemence. Zu seinem Erstaunen aber konnte man sich hierüber nicht einigen. Mehr als einer der benachbarten Herrschaftsbesitzer versicherte, die Gräfin Clemence sei wirklich ganz reizend, fragte jedoch gleich danach, wer das junge Mädchen sei mit dem goldblonden Haar. Und als Mitternacht vorüber war, ließ sich's nicht mehr leugnen, daß Nixas Anmut die Reize aller anderen Komtessen überstrahlte. Je länger sie tanzte, um so leuchtender und weißer wurde ihre Haut, um so tiefer das Rot auf ihren Lippen und das Blau in ihren Augen. Sie trug ein weißes Kleid, nicht eine Blume, nicht ein buntes Band, als einzigen Schmuck zwei ungewöhnlich große Brillanten in den Ohren, Brillanten, welche ihrer Mutter gehört hatten und welche alle Lichtstrahlen des Tanzsaales an sich zu ziehen schienen. Ihr Kleid war sehr einfach gemacht, aber es legte sich um ihre Glieder wie das Kleid keines der anderen anwesenden Mädchen. Und diese Glieder, wie schön waren sie, besonders die Arme! Ihre Handschuhe reichten kaum bis an den Ellenbogen hinauf, und Aermel trug sie überhaupt nicht, nur eine Spange, die die Taille an den Schultern zusammenhielt. Im übrigen war das Kleid nicht mehr und nicht weniger ausgeschnitten als die Kleider der anderen Komtessen, dennoch hatte Ronsky allerhand daran auszusetzen, und gelbe und rote Flammen flackerten ihm jedesmal vor den Augen, wenn er Monika in den Armen ihres Tänzers vorüberwirbeln sah. Ach, wenn er nur wenigstens hätte mittanzen können, aber nein! sein verstauchter Fuß schmerzte ihn nach einem mißglückten Versuch, eine Quadrille zu gehen, mehr denn zuvor. Er konnte sich kaum rühren. Sie dagegen tanzte unermüdlich. Von Zeit zu Zeit rauschte sie dicht an ihm vorbei, so dicht, daß ihr leichtes Kleid an sein Knie schlug. Einmal streifte ihn ihr Blick, aber dann nicht wieder; es war fast, als ob sie sich bemühe, von ihm wegzusehen. Nur eine weiße Erscheinung mit lohendem Haar, ein herrlicher Nacken, über den sich der Kopf eines fremden Mannes beugte ... dann ... als sie längst fort war, umschwebte ihn noch das leise Nachzittern des eigentümlichen Duftes, den ihre kundige Mutter sie bereiten gelehrt, der allen ihren Kleidern entströmte, der von ihrer Person selbst auszugehen schien. – – Es wurde schwüler im Saal, auch die Gefühlstemperatur erwärmte sich. Hans sah, wie alle Männerblicke nur nach Nixa strebten, an ihr hängen blieben. Er schloß die Augen, aber dadurch wurde die Qual nur noch stärker! Rings um ihn das Wogen der erhitzten Luft, durch die sich geheimnisvolle magnetische Strömungen zogen, das Hüpfen und Schleifen flinker Füße, das Rauschen duftiger Gewänder, das Klingeln leichter Sporen, das rasche Atmen junger Lippen. Ach! ... Wie eine laue Welle stieg's an ihm hinauf, am Herzen faßte es ihn. Ihm war's, als müsse er ersticken! Machkowsky spielte wie verrückt! Es war beim Cotillon, daß Hans die Augen geschlossen hatte. Als er sie wieder öffnete, war der Cotillon beendigt... Die Paare spazierten an ihm vorbei in die Bibliothek und von dort in den anstoßenden Saal auf die bereit stehenden Erfrischungen zu. Alle jungen Mädchen trugen Rosen in den Händen, ihre Augen glänzten wie die Sterne, um sie herum vibrierte eine Atmosphäre erhöhter Lebenslust. Ein Paar blieb in dem Saal zurück – Monika und Doppelberg. Ronsky sah, wie der Offizier sie bei beiden Händen nahm und innig auf sie einredete. Dann verschwanden beide ins Treibhaus. Das Tageslicht fing an in den Kerzenschimmer des Tanzsaales ernüchternd hereinzuschweben. Durch die langen, kleinscheibigen Fenster sah man hinaus auf eine verschlafene Welt mit blaßgrünen, weiß überschimmerten Rasenplätzen und mit Akazienbäumen, die mit weißen Blüten wie mit Wellenschaum gekrönt waren und deren grüne Wipfel sich leise gegen einen hellrosa Himmel hin und her wiegten. In das Rauschen der Bäume klang das Rufen des Kuckucks, das hohe, dünne, aber unendlich süße Zwitschern der Lerchen. Dazwischen hörte man das Rollen und Traben davoneilender Equipagen. Der Tanzsaal war leer. Wer von den Gästen noch nicht heimgefahren war, hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen. Fery, der seinen Aufenthalt bei den Eltern wie immer bis zum letzten Augenblick auskosten wollte, hatte es nicht der Mühe wert gefunden, sich niederzulegen, und war mit dem Jäger auf den Anstand gegangen, um noch in aller Eile einen Bock zu schießen. Zum Ausschlafen war Zeit in Prag. Die Professoren würden ein Einsehen haben, sie waren immer so rücksichtsvoll. Durch die Korridore zog ein leises Klirren von Silber und Porzellan. Der alte Kammerdiener verstand keinen Spaß und ließ nicht locker, bevor nicht sämtliches Geschirr wieder verschlossen war. Graf Miroslaw rieb sich die Hände aus Vergnügen darüber, daß es überstanden war, so gut überstanden war. Clemence hatte ihn zum Schluß umarmt und ihm versichert, daß sie sich im Laufe des ganzen Faschings nicht so gut unterhalten habe, und daß Fery wie ein Engel tanze. Für beides war der Graf sehr empfänglich. Jetzt stand er eben im Begriff, seiner Gattin auf das ritterlichste für ihren freundlichen Beistand zu danken, bei welcher Gelegenheit er sich erkundigte, ob sie keine unzufriedenen Gesichter bemerkt habe. Das würde ihm sehr leid thun. Anfangs wußte sie sich an keines zu erinnern, dann... »Nun ich's überleg'!... Hans Ronsky war sehr verstimmt. Was hat er nur?« »Ronsky... was er hat? Ja, was er hat... er ist verliebt in die Nixa und kann sich nicht entschließen, sie zu heiraten!« erklärte achselzuckend Graf Miroslaw. »Der flößt mir kein Mitleid ein!« – – Indessen saß Hans verdrossen in der Bibliothek. Er konnte sich auch nicht entschließen, schlafen zu gehen. Eine gespannte Neugier hielt die Ruhe von ihm fern. Wenn er nur seiner Schwester hätte habhaft werden können, aber sie war wie in den Erdboden versunken. Er hatte zu ihr hinaufgeschickt – »nein, Ihre Excellenz haben sich noch nicht zur Ruhe begeben.« So saß er denn da und wartete. Eine Schlaftrunkenheit überkam ihn. Er war halb eingenickt, als ihn das Geräusch nahender Tritte aufscheuchte. Seine Schwester Leontine in der Gesellschaft der beiden Miroslaws war in die Bibliothek getreten. Die Worte: »Sie hat sich Bedenkzeit ausgebeten« – schlugen an sein Ohr. »Leontine!« rief er heiser. Da segelte sie bereits auf ihn zu, in ihrem langhinschleppenden, schwarzen Moirékleid, auf dem Kopfe einen langen Spitzenschleier, den eine Brillantnadel zusammenhielt. Alles an ihr raschelte und knisterte von Seide. »Sie rauscht wie ein Strom im Frühjahr,« hatte heute der witzige Fery, von ihr behauptet. »Wünschest du etwas von mir, Hans?« fragte sie mit ihrer sanftesten Stimme. »Wünschen? Ich suche dich seit einer halben Stunde. Es kann auch eine ganze gewesen sein. Aber mit meinem humpelnden Bein konnte ich deinem hohen Flug nicht folgen, du warst wie das Glück immer gerade da gewesen, wenn ich irgendwo ankam. Hm!... Ich wollte nur wissen... die Geschichte mit Doppelberg... ich hätte gern erfahren, wie's steht.« »Wie es steht? Er hat sich heute erklärt,« erwidert Gräfin Leontine. »So... und sie...?« Die Worte fielen kaum hörbar von seinen Lippen. »Sie hat sich Bedenkzeit ausgebeten.« »Bis wann?« »Bis morgen früh,« erklärte Leontine. »Hm!... Liebt sie ihn?« »Bah! sie wird ihn lieben, wenn sie einmal verheiratet ist,« mischte sich Graf Miroslaw in das Gespräch. »Darauf kann ich mich als ihr Vormund nicht verlassen,« erklärte Hans mit einer aufgeregten Schärfe in der Stimme, die alles verriet. »Ich bin meinem verstorbenen Bruder für ihr Schicksal verantwortlich. Ist sie noch auf?« »Ja, sie wünschte sehr, sich mit dir zu beraten. Sie wartet auf dich im Treibhaus.« Hans erhob sich, ohne sich nach rechts oder links umzusehen. So gerade, wie es ihm sein kranker Fuß erlaubte, ging er auf den Ballsaal zu, durch welchen man in das Treibhaus gelangt. »Du, Hans! ... Ich an deiner Stelle ...« rief Graf Miroslaw ihm nach. Aber Hans wandte sich nicht mehr um. Da zuckte Graf Miroslaw nur langsam, sehr langsam die Achseln und seufzte, die unsterblichen Worte Goethes citierend: »Da macht wieder einmal einer einen dummen Streich!« – – In das erwartungsvolle Schweigen hinein, welches die Bibliothek erfüllte, klangen jetzt seltsam unheimliche Töne: eine feierliche Melodie im Viervierteltakt, dann plötzlich ein Haschen und Hüpfen, Lachen und Kichern – etwas wie eine ironische Heiterkeit, dann wieder ein wollüstig um verlorene Freude klagender Schmerz – die tragischen Accorde des Anfangs wiederholten sich ... dann ... ein Hexensabbath von durcheinanderklingenden Dissonanzen, ein unreines Geklapper und schließlich eine ganz nüchterne Polka. »Was ist denn das?« fragt Leontine. »Ach nichts ... nur der Machkowsky, der seinen Trauermarsch spielt.« Seit vierzehn Tagen hat es nicht mehr in Sanssouci geregnet, seit acht Tagen ist es schwül wie im August. Das Gras ist abgemäht und liegt in großen, grünen, duftenden Schwaden auf den Wiesenstoppeln, die von der Sonne braun und gelb gebrannt sind. Ueber dem zarten, übermäßig rasch entwickelten Laub schwebt eine große Müdigkeit. Alles scheint langsam vor Durst zu sterben. Die ganze Farbenskala ist um ein paar Töne heller – fast möchte man sagen um eine Oktave höher als vor zwei Wochen. Der Lebenssaft in der Natur scheint ausgetrocknet zu sein, und doch befindet man sich in den ersten Tagen des Juni, der Frühling ist noch nicht vorbei. Alles lechzt nach Regen wie nach der Erlösung. Von Zeit zu Zeit haben sich ein paar Wolken gezeigt, aber ein kleiner, austrocknender Wind, der bald nergelnd dicht an dem Erdboden hinzischelt, bald zornig an den Kronen der alten Bäume zerrt, hat sie immer wieder verscheucht. Weder Tag noch Nacht hat er geschwiegen, die ganzen acht Tage. Er hat in die Pein des Durstes die Aufregung des Fiebers gemischt. Heute endlich ist der Wind verstummt – am südwestlichen Horizont ballt sich's finster zusammen. Kein Blatt regt, nichts bewegt sich als dichte Schwärme von Bienen, welche um die blühenden Akazienbäume wogen und um die Rosenhecken vor dem Schloß. Denn in die große Dürre hinein blühen die Rosen und Akazien wie noch nie. Es ist, als schwebten Wolken von Blüten auf den Aesten der Bäume, an denen das Laub welkt, und an den Rosenhecken vor dem Schloß drücken sich die rosigen Blüten Kopf an Kopf, und ringsherum in den Triumphgesang der Bienen hinein knistert das Fallen der Blütenblätter, das Rauschen und Schauern des von der Hitze beschleunigten Welkens. Marie Rheinsberg saß in dem großen Kuppelsaal, in dem es immer kühl war, und in dem eine beruhigende Dämmerung herrschte. Sie arbeitete an einer Häkelei, hastig, wie es Frauen thun, die ihre Gedanken nicht wach werden lassen möchten. Früher hatte sie draußen gesessen, aber sie hatte sich vor der Hitze ins Schloß geflüchtet, vor der Hitze und vor dem Duft; besonders der Duft der Akazien regte sie auf. Seit acht Tagen hatte sie keine Nachricht mehr von Hans. Vor acht Tagen einen herzlichen, nein, mehr als das, einen leidenschaftlichen Brief – einen Brief, der ihr das Paradies aufzuschließen schien, und auf den hin sie ihn täglich, stündlich erwartet hatte – seither nichts... nichts!... Auch heute hatte ihr die Post keinen Brief von ihm gebracht, aber doch eine interessante Nachricht. Während sie, um sich langsam von ihrer Enttäuschung zu erholen, in der Zeitung blätterte, war ihr ein Feuilleton aufgefallen, »Ein politisches Chamäleon« überschrieben. Ihr ahnte Böses. Ja, der Artikel beschäftigte sich mit Ronsky, mit seiner neuen politischen Broschüre, die der Verfasser des Artikels behandelte, wie sie es verdiente. Der Feuilletonist polemisierte nicht, er lachte nur. Marie war starr. Das hatte sie ihm ersparen wollen, er aber hatte ihren Rat nicht beachtet. Sie war noch ganz in die Lektüre des Feuilletons vertieft, als ein leises Pochen an der Saalthür sie weckte. Sie blickte auf. An der Glasthür des Saales stand Hans Ronsky. Er sah hübscher aus als je. Dennoch nahm Marie sofort eine ungünstige Veränderung an ihm wahr. Seine großen schwarzen Augen hatten ihren alten treuherzigen Blick verloren. Der Blick war ausweichend und unruhig geworden. Er streifte alles und hielt nichts fest. »Wie geht's, Marie?« »Ganz gut – ein wenig einsam!« gab sie ihm zurück. Ihre Stimme klang wie immer, sie lächelte. Er zog die Brauen zusammen und blickte sie forschend an. »Sie sehen nicht gut aus, Marie,« sagte er, »waren Sie krank?« »Ich ... ganz wohl war mir nicht, das Schlößchen ist feucht wie alle unbewohnten Bauten. Ich habe ein wenig Malaria gehabt und bin noch nicht ganz wiederhergestellt.« »Haben Sie den Arzt konsultiert?« »Wozu?« entgegnete sie. »Wenn's nicht bald gut wird, verlaß ich Sanssouci und fahr' für ein paar Wochen nach Homburg, das ist alles. Es sind Freunde von mir dort.« Das klang so natürlich, so fröhlich, daß Hans sich plötzlich in feinen Skrupeln und Aengsten, die ihm bis an die Schwelle von Sanssouci gefolgt waren, wie ein selbstgefälliger Gimpel vorkam. Er fühlte sich beschämt, verdrossen, ärgerte sich plötzlich über sich und bewunderte sie mehr als je. Ihm war's, als ob er im Laufe seiner Abwesenheit vergessen habe, wie schön und liebenswürdig sie sei. Der vornehme Raum war für ihre Erscheinung wie gemacht. Durch das bernsteinfarbene Halbdunkel des hohen Kuppelsaales mit seinen freskenbemalten Wänden leuchteten ihre Augen märchenhaft. Während der verlegen durchschwiegenen Gesprächspause streiften Ronskys Augen das Zeitungsblatt mit dem unseligen Feuilleton. Sie wollte die Hand danach ausstrecken und den Artikel verbergen, aber es war zu spät. »Ach, Sie haben gelesen,« sagte er. »Ja,« erwiderte sie, »es hat mir sehr leid gethan.« »Was?« fragte er. »Daß ich so hart mitgenommen worden bin?« »Ja, das, und auch, daß Sie meinen Rat mißachtet haben.« »Das hat mir natürlich auch leid gethan,« bemerkte mit einem linkischen Lächeln Hans. »Nur ... schließlich ... ich hatte meine Flugschrift ein paar politisch gereiften Freunden vorgelegt – die erklärten sich einstimmig für die Veröffentlichung. Es war dumm von mir – nicht mehr Wert auf Ihr Urteil zu legen, Marie, aber ... Sie hatten auch zu schroff geschrieben – es war sehr kindisch von mir ... aber ich gesteh's, ich war wütend über Ihren ersten Brief ... jetzt seh' ich ein, daß ich unrecht gehabt habe.« »Schade, daß Sie einer mündlichen Auseinandersetzung aus dem Wege gegangen sind,« murmelte sie. »Ich fürchte, daß Ihre Broschüre, in der manches Packende, poetisch Schwungvolle steht, aber fast gar nichts Zweckentsprechendes, Ihrer politischen Carriere, von der ich ... von der man doch sehr viel erwartet hat, hinderlich sein wird.« »Ach, vorläufig denke ich nicht mehr an eine politische Carriere. Vielleicht kommt es noch einmal später – aber jetzt...« »Jetzt?« sie fragte es schroff. Ihre Augen hefteten sich mit einem finsteren Ausdruck auf ihn; eine Ahnung kam ihr plötzlich. »Ich... ich habe Ihnen eine Neuigkeit mitzuteilen, Marie!« stammelte er. »Nun?« »Ich... wir sind immer gute Freunde gewesen – meine beste Freundin waren Sie stets und werden es bleiben, hoffe ich,« stotterte er, »und darum sollen Sie auch die erste sein, der ich die große Neuigkeit mitteile. – Ich habe mich – verlobt!« Wie ihr zu Mute war! Als habe jemand die Sonne ausgelöscht und die Erde aus dem Gleichgewicht gehoben. Alles um sie herum war schwarz und der Boden unter ihr schwankte. Sie wähnte ohnmächtig zu werden. Aber das dauerte nur eine Sekunde. Dann wußte sie ganz genau, daß der Augenblick gekommen war, den Kampf aufzunehmen mit sich selbst, daß es hieß: siegen oder nie mehr den Kopf hochhalten dürfen im Leben! Für sie hieß das so viel als siegen oder sterben. Der Heldenmut der Frau wirkt Wunder, er ist in seiner Art großartiger als der Heldenmut des Mannes. Der Heldenmut des Mannes stürmt auf Flügeln der Begeisterung, sozusagen von Militärmusik angefeuert, vorwärts, begleitet von dem beobachtenden Beifall der Welt. Er hat fast immer ein Publikum. Die Frau aber hat zumeist kein Publikum, darf keines haben, wenn nämlich, wie es in den häufigsten Fällen geschieht, ihr Heldenmut mit ihrem Anstandsgefühl Hand in Hand geht, wenn sie rücksichtslos auf ihr gebrochenes Herz treten muß, damit niemand sehen möge, daß es gebrochen ist. –- »So... verlobt haben Sie sich?" sagte Marie. Ihre Stimme klang ganz ruhig, nur etwas herb. »Das freut mich von Herzen! Meinen Glückwunsch, Hans!« Sie reichte ihm von neuem die Hand. Ihm stieg das Blut in die Wangen. Wahrhaftig, ein Gimpel bin ich gewesen... ein Gimpel, mir einzubilden, daß sie etwas anderes für mich fühlt als Freundschaft... eine Frau wie die, dachte er; und wenn der Gedanke ihm einerseits Erleichterung bot, so verdroß er ihn doch andererseits recht empfindlich. Indessen streifte er die ihm dargebotene Hand mit den Lippen, worauf er weiter stotterte: »Ja, verlobt hab' ich mich ... so etwas hätten Sie mir nicht zugetraut, als ich von Ihnen Abschied nahm, wie?« Sie sah ihn immerwährend an mit großen, kalten, überlegenen Augen. »Und mit wem haben Sie sich verlobt?« fragte sie. »Mit meinem Mündel, Monika Ronsky.« »Ach ...! Ich gratuliere und hoffe, daß wir uns gut vertragen werden – die junge Frau und ich!« »Das hoffe ich auch,« versicherte er eifrig. »Ich würde es meiner Frau nie verzeihen, wenn sie Sie nicht zu schätzen wüßte!« »Ist das nicht eine sonderbare Bedingung, die Sie an Ihre Gunst knüpfen?« fragte Marie trocken und etwas wie leichter Spott huschte um ihre Mundwinkel. »Ich halte darauf, daß meine Frau meine Religion teilt,« erwiderte er, »infolgedessen auch den Marienkultus!« »Was für ein schönes Talent Sie haben, Phrasen zu drechseln,« warf Marie hin, dabei fragte sie sich heimlich: Wie lange werde ich das noch aushalten? Wann geht er endlich? Aber äußerlich ließ sie sich nichts merken und ihre Stimme klang immer gleich ruhig, während sie sich mit den Worten zu ihm wendete: »Haben Sie ein Bild Ihrer Braut?« »Ja.« Er reichte ihr ein Kabinettbild. Sie merkte, daß die Bewegung, mit der er es hervorzog, zögernd und gezwungen war, die eines Menschen, der seines Erfolges nicht sicher ist. Sie betrachtete das Bild aufmerksam. »Sie ist sehr hübsch, sieht klug, energisch und sehr leidenschaftlich aus!« sagte Marie, indem sie ihm das Bildchen zurückgab. »Das ist sie auch,« versicherte Hans. »Es ist merkwürdig, wie Sie sich darauf verstehen, Physiognomieen zu enträtseln, Marie! Uebrigens thut ihr das Bild nicht Gerechtigkeit. Sie ist wirklich reizend! Sie hat eine so wundervolle, leuchtend weiße Gesichtsfarbe, so viel Leben, und dann, ihre raschen, flinken Bewegungen. Sie hat die bestrickende Leichtigkeit der ersten Jugend. Wenn sie durch den Wald läuft, denkt man, es kommt ein Reh! Uebrigens bin ich überzeugt, Ihr Einfluß, Marie...« Diesmal unterbrach sie ihn etwas scharf. »Mein Einfluß! Ich bitte Sie, geben Sie sich in Bezug auf meinen Einfluß keinen zu großen Hoffnungen hin, Sie dürften herbe Enttäuschungen erleben. Uebrigens ist das Ganze ein Unsinn. Zwischen Mann und Frau soll kein dritter treten. Wenn Sie etwas an Ihrer Frau verbessern wollen, müssen Sie es selber besorgen!" Sie erschrak, wie scharf ihre Stimme klang. Aber es war auch nicht mehr zum Aushalten! Würde er denn immer da bleiben und an ihr herumblicken, ohne den Mut zu finden, ihr in die Augen zu sehen? Sie haßte ihn, sie verachtete ihn und erschrak doch auch wieder über die Heftigkeit, die sie in sich aufsteigen fühlte. Sie stand knapp davor, die Macht über sich zu verlieren. Ihre moralische Temperatur brauchte nur noch um einen Grad zu steigen, und die Mauern, welche die Erziehung um ihr innerstes »Ich« aufgerichtet hatte, brachen zusammen. Die Dressur kapitulierte vor der Leidenschaft. Sie nahm sich zusammen: sie durfte ihren Halt nicht verlieren. »Und was haben Sie für die nächste Zeit vor?« fragte sie weiter. »Bleiben Sie jetzt hier?« »Ach nein! Nächste Woche muß ich nach Wien, wo meine Braut durch meine Schwester verschiedenen von unseren Verwandten vorgestellt werden soll. Nixa will bei dieser Gelegenheit mit Leontine auch die Ausstattung besorgen.« »Und wann soll die Hochzeit sein?« »Anfang Juli!« So plauderten sie noch eine Weile weiter. Endlich machte er Miene, sich zu entfernen. Er hatte sich's so eingerichtet, nicht zum Thee in Sanssouci bleiben zu können. Sie war froh, daß er ging. Als er Abschied von ihr nahm, trug sie ihm Grüße auf an seine Braut, dann lächelte sie noch einmal, er küßte ihr die Hand – und dann ... Gott sei Dank, war er fort. Sie war allein mit ihrem Schmerz! ... Endlich! Sie hätte Lust gehabt, sich in ihrem Schlafzimmer einzusperren, den Kopf gegen die Wand zu stoßen und zu weinen ... weinen! ... Aber wie abscheulich wäre es gewesen, sich dem Schmerz hinzugeben, wie unwürdig! Und sie mußte sich hüten vor allem, was unwürdig war. Es paßte nicht zu ihr. Es gab ja Frauen – viele – die meisten vielleicht, denen man Schwächen verzieh. Mit denen aber hatte sie sich nie vergleichen wollen. Nun hieß es die Sonderstellung, die sie stets eingenommen hatte, zu behaupten, sich zu hüten vor einer feigen Kapitulation. Und das Aergste, das Allerärgste war ... die Enttäuschung, die sie an ihm erlebt hatte, der Gedanke, daß er sich so klein gezeigt, so klein, daß er des großen Schmerzes gar nicht wert war. Wie demütigend war es, sich um ihn zu grämen! Einen Augenblick dachte sie, die Liebe sei untergegangen in der Verachtung. Aber sie irrte sich – so leicht stirbt die Liebe nicht. Wie lang der Tag war! Sie zählte die Stunden, und dann fragte sie sich plötzlich, was sie erwartete. Es war mit allem vorbei auf der Welt, was sie freuen konnte. Wenn der Tag vorüber war, würde ein anderer kommen, der gerade so schwer zu ertragen, gerade so von Schmerz und Verzweiflung erfüllt sein würde wie dieser. Als die Schatten länger wurden, fing eine schreckliche Rastlosigkeit an, sie zu martern. Sie ging in den Park hinaus. Die Akazien dufteten betäubend – sie konnte den Duft nicht aushalten, ohne zu wissen, was ihr daran widerstrebte. Sie eilte in die fernen Teile des Parkes, wo alte, ernste Fichten sich erhoben. Hier war die Luft voll stärkender, würziger Herbigkeit. Sie atmete freier. Zwischen den Stämmen der Fichten sah sie in die Ferne, in den dunkelblauen Duft, hinter dem sich Wunder zu verbergen schienen. Und plötzlich fing der Duft an zu flimmern und zu glühen, die untergehende Sonne hatte ihn angezündet. Zwischen Himmel und Erde brannte es lichterloh. Es dauerte nicht lange, dann verglomm das Feuer und über den Duft zog sich's wie ein schwarzer Flor. Ein Klagen, das immer stärker wurde, schluchzte in den Wipfeln der alten Kiefern und Fichten. In den herben Atem der Nadelbäume mischte sich der betäubende Duft, dem Marie hatte entfliehen wollen, stärker, süßer, und wie sie sich bückte, sah sie, daß der Boden mit welkenden Akazienblüten bestreut war. Der Wind hatte die Blüten von den Bäumen gestreift und ihr zu Füßen geweht. Sie konnte nirgends sicher sein vor der peinigenden Süßigkeit dieses Duftes. Sie wandte ihre Schritte heimwärts. Durch die sinkende Dämmerung schimmerte ein grüßendes Licht. Als sie näher trat, merkte sie, daß es aus der Kapelle kam, derselben Kapelle, in der sie getraut worden war. Sie eilte darauf zu und blickte durch die Thür. Der Raum war leer. Sie setzte sich in einen der alten Betstühle und vergrub das Gesicht in die Hände. Draußen sang der Wind, durch die offene Kirchenthür trug er den Duft der Akazien. Jetzt wußte sie, woran sie der Duft erinnerte, an den Duft von Orangenblüten, an ihren Brautkranz. Sie wußte, daß sie ihm nicht mehr entfliehen konnte, daß sie ihn ertragen mußte, bis der Frühling vorüber und die Blüten tot waren. Nur die Vernichtung von all dieser Schönheit konnte ihr Beruhigung verschaffen, nur der Tod ihrer eigenen inneren Jugend ihr Frieden bringen. Ihr Herz klopfte peinlich stark; tausend kleine Züge von Eitelkeit, von Charakterschwäche Ronskys fielen ihr ein. Sie fragte sich, wie ihr Herz dieses ungeheuerlichen Irrtums fähig gewesen war. Mit einemmal gedachte sie des grauen Novembertags, an dem sie in dieser selben Kapelle dem alten Mann angetraut worden war. Es kam ihr wie eine Erleuchtung. Die Jugend, die um ihr gutes Recht betrogene Jugend hatte sich an ihr gerächt – das war alles. Sie wußte es jetzt ganz genau, aber das Bewußtsein brachte keinen Trost. Draußen klagte der Wind nicht mehr: der Sturm hatte ihn abgelöst, und der klagte nicht, sondern tobte und schrie. Plötzlich hörte er auf. Dumpfes Donnergeroll klang aus der Ferne, dann fielen große Tropfen ernst und schwer zwischen den noch wie im Fieber schauernden Zweigen der alten Kiefern und Fichten, der Linden und Akazien von Sanssouci. Sie hörte es wie im Traum. Sie warf sich auf die Kniee vor dem Altar und stieß den Kopf gegen die scharfe Kante der Stufen ... Ridona mi la calma ! ... Wie aus weiter Ferne schwebten die Worte durch den Gewitterduft des sterbenden Frühlings. Draußen grollte der Donner, der klagende Wind trug weiße Blüten in die Kirche und die Regentropfen klirrten gegen die Fensterscheiben ... Um die Stunde, wo sich Marie zum Diner anzukleiden pflegte, fing man an sie zu vermissen, und als das Gewitter loszubrechen begann, fing man an sie zu suchen. Endlich fand man sie! Ohnmächtig vor dem Altar, an welchem sie auf den Frühling des Lebens verzichtet hatte, welke Frühlingsblüten rings um sie herum. Es war um fünf Jahre später, in Paris Ende Juni. Paris fing an sehr leer zu werden. Aber ein paar Menschen, die Zeit genug übrig hatten, sich nach Unterhaltung zu sehnen, und Geld genug, um dafür zu zahlen, gab es doch noch. Und für deren Bedürfnisse mußte gesorgt werden. Infolgedessen stand ein Teil der Theater noch offen, und wurden auch noch einige Konzerte gegeben, freilich meistens in den Cafés chantants, so halb und halb im Freien. Nur eine sogenannte Elitetruppe hatte noch ausgehalten in der französischen Hauptstadt, trotz der täglich zunehmenden Hitze und der täglich abnehmenden Anzahl zahlungsfähiger Musikliebhaber. Und das war die Truppe des berühmten russischen »Volkssängers« d'Agranjeff, welcher regelmäßig zweimal in der Woche im Trocadero seine Chöre mit immer derselben Präzision abwechselnd im russischen und im westeuropäischen Kostüm dirigierte. Dank der bereits damals aufsprießenden Vorliebe der Franzosen für alles Slavische, ebenso wie einer erstaunlichen Niedrigkeit der Eintrittspreise fand sich ausnahmsweise noch immer ein recht anständiges und vielzähliges Publikum bei diesen Konzerten ein. Immerhin wurde die Zahl der Zuhörer bei jeder Aufführung geringer, und Zweifler, wie sie jedes heroische und aufopfernde Unternehmen unwandelbar heraufbeschwört, prophezeiten mit Sicherheit, daß d'Agranjeff seinen Entschluß nicht würde ausführen können, sondern seine Konzertthätigkeit in Paris vor dem vorausbestimmten Termin, dem 14. Juli, würde abschließen müssen. Diesmal war das Konzert allerdings sehr leer. Auf eine Numerierung der Plätze hatte man unter den Umständen verzichtet, oder vielmehr kümmerte sich niemand um die Nummern der Stühle, sondern setzte sich, wo es ihm gerade gefiel, und da für jeden der Anwesenden eine große Auswahl ausgezeichneter Plätze übrig blieb, so zeigten sich die Liebhaber russischer Musik im Trocadero sehr verträglich. In der Mitte des Saales saß in einem anständigen grauen Anzuge ein etwas hölzern aussehender Mann mit schlauen und feurigen braunen Augen in einem flachen, stumpfnäsigen Gesicht und schrieb von Zeit zu Zeit Notizen in sein Taschenbuch. Es war Herr Czerny, einer der drei ehemaligen Hofmeister Hans Ronskys, und zwar der Czeche, der mit einem journalistischen Auftrag in Paris weilte und gekommen war, sich von der anstrengenden Beobachtung einer Kammersitzung in Versailles auszuruhen. Die russischen Lieder umschmeichelten recht wohlthuend sein böhmisches Ohr, und das Zuhören hinderte ihn nicht daran, fleißig an dem »Pariser Brief« zu schreiben, den er jede Woche für seine czechische Zeitung zu liefern hatte. Plötzlich hob er den Kopf. Auf die fast gänzlich leere Reihe, in welcher er saß, kamen in einer Pause des Konzerts noch zwei Herren zu, der eine, blond mit einer Glatze und einem rötlichen Vollbart, zwinkerte ihn aufmerksam durch seine goldumränderte Brille an, der andere, ein kleiner, breitschulteriger, krausköpfiger Schwarzer, rief sofort mit sehr ausgesprochenem ungarischen Accent: »Czerny, Sie hier, was machen's hier?« Nun rief auch der Blonde: »Richtig, Czerny! welches Zusammentreffen der Umstände, daß man sich hier finden muß! ... drei Oesterreicher in Paris! Es klappt wie in einem Roman!« Und darin hatte Doktor Schwarz recht. »Was machen Sie eigentlich hier?« »Geschäft!« antwortete der Czeche kurz und deutete auf die dicht beschriebene Seite seines Notizbuches, das er hiermit zusammenklappte und in der großen, auffällig aufgesetzten Brusttasche seines neuen grauen Rockes verschwinden ließ. Arbeiten und sich vormusizieren lassen, das ging; aber arbeiten und plaudern, das ging nicht. Und vorläufig war ihm das Plaudern lieber. Ungar, Czeche und Deutscher schienen übrigens gleichermaßen erfreut, einander wiederzusehen, und ganz vergessen zu haben, daß sie vor zehn Jahren in bitterer Feindschaft auseinandergegangen waren. Das Zanken war gut zu Hause, im Ausland fühlte man eine entschiedene Zusammengehörigkeit. Man hatte doch sehr viele gemeinschaftliche Interessen. Nach verschiedenen Hin- und Herfragen stellte sich's heraus, daß der Ungar bereits seit Jahren als Sekretär des österreichischen Hilfsvereins in Paris thätig war, und daß Doktor – jetzt »Professor« – Schwarz mit ersparten Kollegiengeldern eine Bildungsreise nach Paris unternommen und bei dieser Gelegenheit Herrn Fekete als einen im Auslande möglicherweise nützlichen Bekannten aufgesucht hatte. Eine neue Nummer auf dem Podium schnitt ihnen die Rede ab. Herr d'Agranjeff trat diesmal im Frack auf, welches Kleidungsstück ihn außerordentlich unvorteilhaft kleidete. Wenn Herr d'Agranjeff im westeuropäischen Kostüm auftrat, so bedeutete das auch so viel wie westeuropäische Musik, und da lohnte es zumeist nicht, zuzuhören. Nichtsdestoweniger zischten die Menschen in der Reihe vor ihnen die halblauten Gesprächsversuche der drei Oesterreicher nieder, so daß sie mit ihrem Gedankenaustausch bis zur nächsten Pause warten mußten. Aber die Pause blieb nicht lange aus und als sie kam, war sie ausgiebig. Denn im Laufe dieser Pause galt es nicht nur für Herrn d'Agranjeff, sondern für sein ganzes Personal, sich aus dem Westeuropäischen ins Russische zurückzuverwandeln, und das brauchte Zeit. Das Gespräch war auch bald in vollem Schwung und wurde wie immer – Böhmen und Ungarn mögen es mir verzeihen –-, wenn sich drei Oesterreicher vertragen, deutsch geführt. Jeder der drei Beteiligten sprach natürlich sein eigenes Deutsch – aber das so nebenbei!... Deutsch war es doch. »Wie kommen Sie denn eigentlich in diese Butike, Schwarz?« fragte Czerny den Professor. »Weil seit gestern wieder eine Bombenepidemie spukt und unser Freund Fekete mir versicherte, der Trocadero sei momentan der einzige bombensichere Ort – so lange er nämlich unter russischem Protektorat steht.« »Hm! hm!... und, abgesehen von den Bomben, wie gefällt's Ihnen in Paris?« fragte Czerny. »O, recht gut,« sagte Professor Schwarz, »das Bier ist schlecht!« »Das find' ich auch,« rief eifrig der Czeche, »und teuer!« »Und die Kost ist so langweilig,« klagte Schwarz, »immer Fleisch ... man sehnt sich – nein, nicht daß ich Ihnen schmeicheln möchte, Czerny – aber auf mein Wort, ich sehne mich nach einer böhmischen Mehlspeise!« »Hätt' auch nichts dagegen,« brummte der Ungar. »Na, wenn's den Herren angenehm wäre, so könnt' ich sie in ein von einem böhmischen Gastwirt gehaltenes Bierhaus führen, das mich gestern ein Landsmann kennen gelehrt hat. Echtes Pilsener, wenn auch nicht so gut wie zu Haus, aber doch Pilsener, und dazu ein Rindfleisch ...!« »Gekochtes Rindfleisch mit Sauce!« rief der Deutsche, »ah, famos! Und Knödel dazu!« »Ja, Knödel,« bestätigte ernsthaft der Czeche und sandte vor Begeisterung ein Kußhändchen ins Leere. »Da bin ich Ihnen sehr dankbar,« versicherte Professor Schwarz, »noch heute müssen wir hin.« »Für böhmische Knödel hab' ich eine Schwäche,« versicherte der Deutsche, »und gar Dalkerln – die trifft kein französischer Koch. Erinnern Sie sich noch in Stiblin? ... Alles andere hat der Koch zusammengebracht – nur Knödeln und Dalkerln nicht.« »Ach, Sie meinen bei Ronskys?« unterbrach ihn der Ungar. »Sie haben ganz recht ... Wie lang das her ist! – Haben Sie in letzterer Zeit etwas von Ronsky gehört? Ich meine von Hans, unserem Schüler?« »Ja,« erwiderte der Deutsche, »ich war im vergangenen Frühjahr bei ihm in Natek, hab' ihm helfen sollen, seine Rede vorzubereiten an seine Wähler.« »Ah ... hat er sich jetzt für die deutsche Partei entschieden?« fragte etwas gereizt der Czeche. »Bewahre – er hat sich noch immer für nichts entschieden, hat seine Rede deutsch und böhmisch gehalten, was zur Folge gehabt hat, daß ihm die Deutschen und die Böhmen die Fenster eingeschlagen haben. Seit der Zeit grollt er seinem undankbaren Vaterland und hält sich vom politischen Leben fern!« »Hm! Schade um ihn,« meinte der Ungar, »war ein famoser Bursch – wenn er ein Ungar gewesen wäre, so wär' was aus ihm geworden.« »Hm! Vielleicht rafft er sich auf!« »Ich glaube kaum, es ist aus!« sagte der Czeche. »Er hat auch eine zu dumme Heirat gemacht,« meinte nachdenklich der Deutsche. »Nun, wie ist denn die Gräfin?« fragte Czerny. »Die Gräfin geht noch an – tyrannisiert ihn mit Zärtlichkeit, betäubt ihn mit Küssen. Von einer hübschen jungen Frau läßt man sich's gefallen – aber was arg ist, das ist die Alte, wissen Sie, Czerny – die Mutter der Gräfin. Das ist eine alte Kartenschlägerin, und der Graf muß sie dulden, wochenlang. Was Wunder, daß die Hälfte seiner alten Bekannten von ihm abgefallen ist!« »Nun, das begreif' ich nicht!« rief Fekete. »Beim Flügel nehmen und 'rausschmeißen die Gredl. Die Frau würde schon klein beigeben. Ein wenig Energie in so einem Fall ist absolut nötig.« »Wann hat unser Hans Energie aufbringen können, hm!« brummte Czerny, »wissen Sie, es gibt ein französisches Sprichwort, das heißt: On ne peut pas faire une omelette sans casser des oeufs – heißt so viel als: man kann keinen Eierkuchen machen, ohne Eier zu zerbrechen!« »Und Sie denken,« meinte der Deutsche, »daß Ronsky sich nie entschließen würde, Eier zu zerbrechen? – Ja, das glaub' ich selbst, er ist zu rücksichtsvoll, zu zartfühlend!« Der Czeche spitzte die Lippen. »Hm! ... Nie entschließen... das ist nicht das Wort... zu spät entschließen wird er sich – zu lang überlegen wird er sich's! Und das ist das Aergste! Die Menschen, die nicht mit sich fertig werden können, die sich weder entschließen können, die Eier zu zerbrechen, noch die Eier in Ruhe zu lassen, die Menschen, die die Eier zerbrechen, wenn sie angebrütet sind! Denken Sie an mich – zu denen gehört unser Freund Ronsky! In seiner Ehe ebenso wie überall anders wird er Skandal machen, wenn der Skandal nichts mehr nützt!« »Es ist ein Kreuz!« seufzte Professor Schwarz. »Hm!... Ist es Ihnen zufällig eingefallen, daß heute gerade der Jahrestag ist von seiner Promotion? Wissen Sie noch, wie lustig wir damals waren, wie wir auf seine Gesundheit getrunken und was wir uns von ihm versprochen haben?« »Ja!« sagte der Czeche, »und wie wir uns dann gezankt haben? Wenn ich jetzt zurückdenke, ist es zum Lachen – ich habe seither oft gelacht über uns! Wenn man sich einmal das Vergnügen gegönnt hat, vom Eiffelturm auf Europa herunterzuschauen, so lernt man die Dinge objektiver betrachten, man wundert sich dann wirklich darüber, wie es kommt, daß die Völker sich nicht vertragen können!« »Sind Sie einmal so vernünftig?!« rief entzückt der Deutsche, »das freut mich von Herzen. Ein gescheiter Mensch wie Sie mußte es einsehen lernen, daß es besser ist, in der erhabenen deutschen Nation aufzugehen, als sich in einem engherzigen czechischen Partikularismus abzuschließen!« »Ach, so habe ich das nicht gemeint! Ich dachte, Sie würden in Paris die Ueberzeugung gewonnen haben, daß man freie Bahn läßt für alle, und daß man den Völkern die Sprache gönnt, die ihnen Gott gegeben hat. Nein, das sollten Sie wirklich einsehen, Schwarz, wir mögen ja mitunter zu viel Wert legen auf Kleinigkeiten – aber ein jeder wehrt sich seiner Haut, wie er kann. Und wir sind nun einmal die Pioniere einer großen Bewegung, die Spitze des gegen Westeuropa vorgeschobenen Keils des Slaventums – und regen Sie sich auf, wie Sie wollen, Schwarz – den Slaven gehört die Zukunft!« »Das ist geradezu unverschämt!« ereiferte sich Schwarz, und der kleine Ungar, der bis dahin das Gespräch recht gleichgültig über sich hatte ergehen lassen, rief ebenfalls: »Das ist unverschämt!« Schon wollte er eine rabiate politische Rhapsodie vom Stapel laufen lassen, als ihn das plötzliche Auftreten d'Agranjeffs und seines Chors auf andere Gedanken brachte. Im alten Bojarenkostüm wirkte der Russe ebenso großartig, als er sich im westeuropäischen Kostüm gewöhnlich ausgenommen, und auch die Choristen und Choristinnen kleidete die malerische russische Tracht vortrefflich. Das russische Kostüm bedeutete, daß von nun an nur russische Lieder zur Aufführung kommen sollten. Der erste der drei noch auf dem Programm verzeichneten Gesänge war kein Volkslied, sondern nur ein Gassenhauer; der zweite eine anspruchsvolle, aber nicht sehr originelle Komposition, ein effektvoller Gemeinplatz; der dritte aber, das Lied der Schiffer auf der Wolga, war ein echtes russisches Volkslied und von so bannender Wirkung, daß selbst die drei aufgeregten Oesterreicher atemlos zuhörten. Es war wie ein banges, sehnsüchtiges Rufen und Verhallen – Stimmen, die furchtsam nacheinander tasteten in einer sternlosen Nacht – die Stimme der Hoffnung und die der Angst, die sich abwechselnd riefen und antworteten und schließlich in einem wehmütigen Murmeln erstarben. Das alles nahm sich aus wie das Rauschen eines tiefen Stromes, der über Angst und Hoffnung und Verzweiflung, über Träume und Wirklichkeiten mit derselben feierlichen Gleichgültigkeit hinwegfließt. Da alle drei Oesterreicher musikalische Naturen waren, so brachen alle in Beifall aus, der jedoch sofort seine Einheit einbüßte, als der Czeche mit vor slavischer Begeisterung glühenden Augen ausrief: »Ein so schönes Volkslied hat weder das große Deutschland noch das kleine Ungarn aufzuweisen! Es ist wie die Stimme des großen slavischen Stromes, der seiner Zukunft entgegenrauscht!« Daraufhin hörte natürlich sowohl der Ungar als der Deutsche auf, die Hände zu rühren. Indessen applaudierte, was an Musikliebhabern oder auch nur an slavophilen Bummlern in dem Saale anwesend war, wie toll. d'Agranjeff in seinem goldgestickten, rotumgürteten Bojarenkostüm verbeugte sich immer wieder, wollte aber sein Schifferlied nicht wiederholen lassen, worin er recht hatte. Ein Kunststück kann man wiederholen – ein Wunder gelingt nicht zweimal hintereinander. Doch lasen es die Stammgäste der russischen Konzerte seinen Mienen ab, daß der Augenblick gekommen war, wo sie sich eine Nummer seines reichhaltigen Repertoires wählen durften. Von einer Galerie herunter scholl der Ruf: »Kde domow muj!« Bald wiederholten ihn mehrere Stimmen, am lautesten die Stimme des Herrn Czerny. Bekanntlich ist das Kde domow muj ein sehr friedliches böhmisches Nationallied, welches von einem Kapellmeister Skraup gegen Mitte dieses Jahrhunderts komponiert, im Jahre 48 in die Mode kam. Auf dem Programm des Russen paradierte es als »Kriegshymne, gesungen von den Böhmen bei der Schlacht am Weißen Berge – bei welcher, Ende des vierzehnten Jahrhunderts (?!), die böhmische Nation ihre Unabhängigkeit einbüßte« – eine Bezeichnung, welche zwar für die Geschichtskenntnis d'Agranjeffs ein trauriges Zeugnis ablegte, dafür aber den Nimbus der einfachen und lieblichen Melodie vor dem Pariser Publikum um ein Bedeutendes erhöhte. Authentisch, wie die ganze im Trocadero spielende Scene. » Kde domow muj – Kde domow muj! « schrie Herr Czerny wie besessen und stieß dabei mit seinen beiden dicken Absätzen ebenso wie mit dem Stock seines Schirms zornig und enthusiastisch auf den Boden. Das wurde dem Ungarn neben ihm zu arg. Er brüllte aus voller Kehle: »Rakocyi-Marsch – Rakocyi-Marsch,« welcher ebenfalls eine Programmnummer des Konzertes war. Nun wurde Professor Schwarz ganz und gar rabiat und verlangte das »Deutsche Lied«. Das stand zwar nicht auf dem Programm des russischen Volkssängers, aber dem Deutschen war das gleichgültig. Da alles, was ungarisch, deutsch und böhmisch im Saale des Trocadero war, mitschrie und sich alle drei Nationalitäten ziemlich stark vertreten zeigten, so entstand bald ein so grauenhafter Lärm, daß sich unter den friedliebenden und unbeteiligten Konzertbesuchern eine Panik zu entwickeln drohte. Da erschien der schnell besonnene d'Agranjeff noch einmal auf dem Podium an der Spitze seines Chors und ließ die russische Volkshymne fortissimo anstimmen. Bei diesen feierlichen Klängen verstummte der Czeche, während der Magyar noch stärker pfiff als zuvor. Der Deutsche stutzte und spitzte die Lippen. Ehe er jedoch noch mit sich einig geworden war, ob er sich der feindseligen Demonstration des Ungarn anschließen solle oder nicht, war die Hymne beendet, worauf sich des Germanen ein recht unbefriedigtes Gefühl bemächtigte. Vielleicht hatte er auch einmal den Zug versäumt.