Alexander Moszkowski Die Ehe im Rückfall und andere Anzüglichkeiten 1917 Inhalt Anzügliche Vorrede Die Ehe im Rückfall Eine moderne Dame auf Reisen Der Neurosen-Kavalier Hulda lernt tanzen K-Reise eines Zerstreuten Der Spezialist Ein Roman mit Lokalfarbe Der Mann ohne Schlaf Ein merkwürdiges Mädchen Phantasien im Berliner Ratskeller Niemand weiß es Der Mann mit dem schönen Organ »Nanu schlägt's dreizehn!« Siehst du so aus?! Eine angenehme Unterhaltung Einer von Vielen Ich trage vor Der Herr Intendant »Der Gentleman« bei der Arbeit Geschnatter Werdegang eines Künstlers Rauchhunger Das Buch der Erfindungen und Entdeckungen Der Sprechanismus Warum? Impressionen Unten durch! Biographie des Giovanni Boccaccio Damen-Konversation Kleines Konversationslexikon Anzügliche Vorrede. In diesem Geleitswort werde ich ausschließlich von mir selbst sprechen. Oder wenigstens vorwiegend. Ich bin in dieser Hinsicht zu Konzessionen bereit: Goethe soll auch darin vorkommen. Dieser anerkennenswerte Kollege hat einmal gesagt: »Nur die Lumpe sind bescheiden«. Aber selten ist ein Spruchkeim auf steinigeren Boden gefallen. Wo man sonst in der Kollegenschar umblickt, überall wuchert die von Goethe so grimmig bloßgestellte Bescheidenheit. Ganz besonders ducken sich die Schaffenden in den Vorreden zu ihren Schriften. Schreiben dicke, gediegene Bücher, und stellen sich davor mit dem Hut in der Hand, in der demütigen Haltung des Bittstellers. Und diese Tonart – die reine Gnadenarie! »Ach, liebes Publikum, entschuldige nur, ich will's nicht wieder tun!« Und dann setzen sie auseinander, warum sie trotz alledem die verschämte Hoffnung hegen, ein paar Leser zu finden, die ihr bescheidenes Scherflein gnädig aufzunehmen die besondere Huld haben würden. Ein Wunder ist's ja nicht. In Deutschland erscheinen Jahr für Jahr 32 000 Bücher, also mindestens 31 000 mehr als nötig. Die bekannten Butterpolonäsen haben aufgehört, aber die Autorenpolonäsen bleiben. Zu Tausenden stellen sich die Verfasser beiderlei Geschlechts an und bitten um Einlaß bei den Sortimentern, um dort ein Stückchen Lesergunst zu erhaschen. Mit dem Gedränge! – das haben sie längst gemerkt – richten sie nichts aus, deshalb mimen sie die Bescheidenen und legen sich aufs Bitten. Im Grunde genommen ist es immer so gewesen. Aus unzähligen Beispielen nur eines: Schier hundert Jahre sind es her, seit Uhland seine Dichtungen in die Welt setzte, die kernigsten und tapfersten im deutschen Sprachgebiet. Und als er fertig war, gab ihnen Uhland einen Geleitspruch auf den Weg; seine Lieder sollten – wörtlich – »ein empfehlend Vorwort stammeln!« und dann entlädt sich ein ganzes Gewitter von Bescheidenheit in einem Platzregen von Entschuldigungen. Der Himmel wird angefleht, bessere Gedichte zu senden, gesündere, kräftigere, als die des schwäbischen Verfassers. Und der Himmel antwortete mit einem weltgeschichtlichen Druckfehler, der zugleich dem allzu bescheidenen Vorredner einen Denkzettel erteilen sollte. Als der Band in erster Auflage erschien, stellten sich die Lieder mit der Ansage vor: »Leder sind wir ...!« Aber bei der devoten Haltung in den Vorreden ist es trotzdem bis auf unsere Tage geblieben. Das Buch mag noch so Großes enthalten, auf den Vorsatzblättern wird es geduckt, verkleinert vom Verfasser, der absolut nicht zugeben will, daß er was gekonnt hat. Schon des Kontrastes wegen soll hier der umgekehrte Weg eingeschlagen werden. Wir, im majestätischen Plural geschrieben, verheißen Großes vor einem kleinen Bande mit kleinen schwankhaften Skizzen. Warum auch nicht? Der Leser kommt ja auf diesen Seiten nicht zum Wort, nur Wir, groß gedruckt. Wir behaupten also die Größe und Vorzüglichkeit dieses Werkes. Es erfolgt kein Widerspruch, der Antrag ist angenommen. Erstlich was die Größe betrifft: Der Augenschein und das Zentimetermaß zeigen allerdings die Schmalheit des Bändchens und den geringen Umfang seiner einzelnen Kostbarkeiten. Sie zeigen aber nicht, was zwischen den Zeilen steht – und das ist die Hauptsache. Damit allein könnte man zehn solche Bände füllen. Der Leser wird also aufgefordert, die zwischen den Zeilen versteckt lagernden Perlen herauszufischen, sie in Gedanken aufzureihen und sich an ihrem Glanz zu ergötzen. Er wird dann reichlich belohnt werden für die Mühe, diesen Band gekauft zu haben, der ihm zehnmal mehr liefert, als er dem Aussehen nach verspricht. Ich hätte ihn ja von Anfang an viel beleibter gestalten können, etwa im Format des Adreßbuchs von Groß-Berlin. Und ich hätte dazu noch nicht einmal die Hälfte der komischen Manuskripte verbraucht, die ich in meinem Leben geschrieben habe. Einer meiner Fachgenossen hat kürzlich ausgerechnet – ich selbst befasse mich nicht mit solchen Kleinigkeiten –, daß von mir im Druck ungefähr so viel erschienen ist, wie Goethes sämtliche Werke, doppelt genommen. Das bezieht sich natürlich nur auf die Menge, nicht auf den Inhalt, wenn auch nur in gewissem Grade. Einige meiner Schwänke sind entschieden humoristischer als Goethes Erlkönig und werden in öffentlichen Vorträgen mit größerem Beifall deklamiert als Goethes Farbenlehre. Und über meinen Anton Notenquetscher ist schon mehr gelacht worden, als über Iphigenie und Clavigo zusammengenommen. Ich glaube nicht, daß ich hier im Selbstlob zu weit gehe und des Weimaraners Anweisung zur Unbescheidenheit etwa mißbrauche. Denn daß ich allerhand vor Goethe voraushabe, läßt sich aktenmäßig und urkundlich beweisen. In einem Lebensalter, da Goethe noch nicht einmal den Tasso geschrieben hatte, stand ich bereits im Brockhaus und im großen Meyer; und während Götz von Berlichingen im Anfang nur gelegentlich an einer Rampe hervorkroch, erzielte mein erstes Theaterstück in Berlin allein mehr als ein Drittel Tausend Aufführungen. Auch hat der unsterbliche Prometheus im ersten Anlauf nicht entfernt die Auflagen erlebt wie meine Unsterbliche Kiste. Und dennoch! Aus der fast unübersehbaren Masse meiner Schriften nahm ich in scharfer Auswahl nur eine engbegrenzte Zahl rasch durchfliegbarer Skizzen, um mit ihnen diesen Band auszustatten. Und wie wiederum Goethe sagt: in dieser Armut welche Fülle! Ist es nicht, als ob er diese Zeile expreß als Motto für die vorliegende Sammlung gedichtet hätte? Sie beginnt, wie der Faust, mit einem Dialog, bloß weit anzüglicher und beißender; und während Goethe nicht müde wird, dem Ewigweiblichen zu huldigen, verrät diese zwiegesprächige Skizze einen ausgesprochen antiweiblichen Zug. Soll man heiraten oder nicht? – das ist der Kern des Problems, das dieser sinnvolle Schwank in einem Feuerwerk blendender Antithesen erörtert und zur endgültigen Lösung bringt. Er allein verdient schon den enormen Erfolg, den das ganze Buch davontragen wird, und dies ist auch der Grund, weshalb es den Titel der Skizze zum Generalnenner seines Inhalts erhebt. Noch weit vorzüglicher ist der zweite Zünder »Eine moderne Dame auf Reisen«. Nie zuvor wurde die Ultra-Dame, die Modepuppe der Großstadt, so erbarmungslos unters Seziermesser genommen wie hier! Und das Erstaunliche begibt sich: Wir erleben eine Vivisektion, deren Wirkung sich in einem erschütternden Lachen auflöst. Diese »moderne Dame« ist übrigens schon vor ihrem Erscheinen in diesem Heft, gleichsam im Urzustand, berühmt geworden. Oft vorgetragen hat sie bei zahllosen Zuhörern konvulsivische Zuckungen erzeugt und – was allem die Krone aufsetzt – sogar die Damen im Parkett zum Jubel mitgerissen, da sie im Spiegel dieser Glosse ihr ach! nur zu wohlgetroffenes Ebenbild erkannten. Auch der vorgenannte Anton Notenquetscher, eines meiner vielen Lieblingskinder, kommt in dieser Sammlung zu Wort. Er gebraucht es wie immer sachverständig, geistvoll und erachtet es als seine Aufgabe, sich selbst zu übertreffen. Er müßte nicht Notenquetscher sein, wenn ihm dies mißlänge. Und so geht es Seite auf Seite. Wäre ich nicht anderweitig so sehr beschäftigt – ich bin augenblicklich dabei, Rankes Weltgeschichte in Schüttelreime umzugießen, – so würde mich nichts davon abhalten, selbst einmal diese Sammlung vorzunehmen, um sie in aller Ruhe durchzulesen. Aus dem angeführten Grunde muß ich aber diese erquickliche Lektüre bis zur fünfzigsten Auflage vertagen. Der Herr Verleger hat mir zu diesem Zweck bereits ein Freiexemplar zugesagt. Ich ziehe das Fazit: Ein Spötter muß mit Selbstverspottung anfangen. Denn in diesem Geistesgebiete ist all und jedes auf Gegensatzwirkung gestellt. Man muß so, und man muß anders können. Dichterische Prosa, Verse im Gewand der Alltagssprache, feierlicher Witz und launiger Tiefsinn, – das sind die Widersprüche, welche diesem Schriftwesen ihre Kennzeichnung aufprägen. Nur eins findet darin keine Stätte: das selbstverständliche, das beweisbare, das wörtlich zu nehmende. Ein ausgezeichneter Schriftsteller der Neuzeit hat diesen Grundgedanken in die Form des Sinnspruchs gefaßt: Den nur sehe ich als Dichter an, Der auch gute Prosa schreiben kann. Und nur der gilt mir als Prosaist, Der gewandt in jeder Versform ist; Ernste Wirkung läßt uns der nur fühlen, Der des Witzes Würze nicht verschmäht, Heitre Wirkung wird nur der erzielen, Der bisweilen ernst zu sein versteht! Das Epigramm ist natürlich von mir. Alexander Moszkowski. Die Ehe im Rückfall. Maxim : Und wie geht es denn deiner Frau? Leo : Nicht besonders. Sie ist sehr erkältet, sie kann die Influenza gar nicht los werden. Ich werde Klotilde wahrscheinlich auf längere Zeit in ein mildes Klima bringen müssen. Unser Hausarzt meint, sie könne sich sonst nicht erholen. Maxim : Du arbeitest wie ein Packesel, und Clotilde muß sich erholen. Das Uebliche. Leo : Sie kann doch nichts dafür. Klotilde ist eben sehr schwächlich. Maxim : Und anfällig und nervös, und was weiß ich! Warum hast du die eigentlich geheiratet? Leo : Komische Frage. Weil ich sie geliebt habe. Maxim : Das ist auch ein Grund! Wahrhaftig! Leo : Rede doch nicht Maxim! Du bist ja selbst einmal verheiratet gewesen. Maxim : Aber mit Ausschluß der Liebe. Ich hatte doch wenigstens ein Motiv. Sie war steinreich. Uebrigens, wie lange war ich denn verheiratet? Es war eine Ehe mit dreitägiger Gültigkeit. Wer soll denn das länger aushalten! Leo : Nun, du siehst doch: ich halte es schon vier Jahre aus. Maxim : Und hast immer noch keinen Scheidungsgrund? Das ist tragisch. Leo : Ich suche gar keinen. Ich bin Ehemann aus Prinzip. Natürlich auch aus Neigung in meinem speziellen Falle. Maxim : Natürlich. Aus Neigung zu dieser einen; das hat die Allmacht so vorausbestimmt. Sie hat es gewollt, daß der Musiker Leo Kern unter den fünfzig Millionen Frauen der Kulturwelt mit dieser einen Clotilde, geborenen Leiden, zusammengeschmiedet wird. Die anderen kommen dabei gar nicht in Betracht, werden und dürfen auch nie wieder in Betracht kommen. Dies nennt man ja wohl geschlechtliche Auslese. Zwei Atome finden sich per Zufall im Weltenraume, das ist eine unter Trillionen von Möglichkeiten. Und nun reden sich diese beiden Atome ein, anders wäre es gar nicht gegangen. Leo : Ja, um Himmelswillen, in wie viele hätt' ich mich denn verlieben sollen? Maxim : Sag' mal, Leo, in wie viele Musikstücke bist du verliebt? Aufrichtig, wie viele sind dir ans Herz gewachsen? Leo : Selbstverständlich unzählige. Aber der Vergleich hinkt. Maxim : Wie jeder gute Vergleich, den man nicht bis zu Ende durchzudenken wagt. Hat man die Kurage, dann hinkt nur noch das Vorurteil, das der Parallele ausweichen will. Also du liebst unzählige Tonwerke. Deine Liebe zum C-moll-Nokturn von Chopin hat die Liebe zur D-moll-Tokkata von Bach nicht vermindert. Deine Neigung zur fünften Sinfonie von Beethoven hat dich nicht veranlaßt, den sinfonischen Etüden von Schumann den Rücken zu kehren. Das Bedürfnis der Auslese auf einen Singularis hast du nicht verspürt; du kannst tausend Herrlichkeiten treu sein. Und du würdest es als die empörendste Fessel empfinden, wenn du zeitlebens mit einer Komposition, die du liebst, verheiratet wärst. Oder was anderes: Du kommst nach Venedig und verliebst dich in einen Kanal. Sofort ist es dir klar, daß du nur mit diesem Kanal glücklich werden kannst, und du gelobst vor Gott und Behörden, daß du nie mehr den Reiz des Vierwaldstätter Sees, der Glocknergruppe, der Pariser Boulevards, der Ostender Digue, der Borromäischen Inseln und tausend anderer Szenerien als lebendig und begehrenswert bemerken wirst. Du verlobst dich mit diesem Kanal und bist dann aus Prinzip und Neigung mit der übrigen Welt fertig. Punktum. Leo : Maxim, das sind Paradoxe; im geschlechtlichen Leben liegen die Dinge anders. Jeder Physiologe und Soziologe wird dir sagen, daß die Monogamie als eine natürliche und sittliche Notwendigkeit besteht, und daß ... Maxim : Und daß die Menschheit ohne die Monogamie zugrunde gehen muß. Kennimus. Tatsache ist, daß die Menschheit in einer Reihe von Kulturvölkern auf den monogamischen Strang geraten ist und vorläufig nicht herunter kann. Tatsache ist aber außerdem, daß eine Reihe anderer Kulturvölker diesem Zwange nicht gehorcht, und daß kein Historiker weiß, auf welchem Strange die größere Lebensfähigkeit dereinst hervortreten wird. Die Weltgeschichte ist doch noch nicht aus. Und mit der Biologie soll man vollends mir nicht kommen. Sind die Hühner entartet, weil der Hahn einen Harem hält? Ist der Honig bitter, die Drohne dekadent geworden, weil das Bienenweibchen im Plural liebt? Oder würde sich das Pferdematerial verbessern, wenn man die besten Hengste verpflichtete, sich auf die Einzahl festzulegen? Bitte bei den Graditzern anzufragen. Leo : Tier und Mensch sind doch nicht dasselbe. Maxim : Gewiß nicht, das sind abgestufte Unterschiede. Aber gerade, je höher du hinaufgehst, desto energischer wehrt sich der Mensch gegen den Ehezwang. Leo : Erlaube mal: Schiller, Mozart, Schumann, Wagner, Bismarck ... Maxim : Und noch soundsoviele, die sich allesamt nicht hinauf-, aber deutlich hinuntergepflanzt haben. Eröffnen wir einmal die Gegenrechnung: Unverheiratet waren Michelangelo und Rafael; unvermählt Buddha und Jesus Christus; unverheiratet Konfutse, Galilei, Kepler; unverheiratet Kopernikus, Gauß, Mirabeau, Pitt, Beethoven, Menzel, Pythagoras, Plato, Spinoza, Descartes, Kant, Schopenhauer, überhaupt und besonders die Blüte der Philosophie. Leo : Und Sokrates? Maxim : Beweist nur, daß der größte Denker tapert und hineinfällt, sobald die Zwangsvorstellung der Ehe Herrschaft über ihn gewinnt. Du hättest noch Macchiavell nennen können. Beide waren mit Xantippen verheiratet, und an beiden hängt die Xantippe als die einzige Lächerlichkeit ihres Lebens. Gehen wir noch höher hinauf ... Leo : Du meinst zu den großen Monarchen? Maxim : Sozusagen; ich dachte eben an die Götter, Zeus und Wotan. Leo : Die hatten doch Göttinnen. Maxim : Richtig. Und nun überlege dir einmal, daß der Mythus, der sich doch anstrengte, sie so herrlich, so sublim als nur denkbar auszuarbeiten, nicht imstande war, ihnen die Würdelosigkeit zu ersparen: Zeus und Wotan, zwei durchaus polygame Naturen, von göttlichem Pluralbewußtsein erfüllt, imposant in der Vielheit ihrer Sexualwahl, wo erscheinen sie uns ungöttlich, albern, tragikomisch? Ganz ausschließlich in der Beziehung zu ihrer Frau; es ist, als ob der Weltgeist am höchsten Typus hätte das Exempel aufstellen wollen: die Bindung taugt nicht für einen, dessen oberster Beruf ist, frei zu sein. Leo : Es lebt doch aber in uns der Trieb, eine zu wählen, unser Schicksal mit dem ihren zu verschmelzen, für sie zu hoffen, zu leiden, zu arbeiten. Maxim : Proletendrang. Dämmerhafter Trieb ohne Kontrolle, ohne Berechnung. Man heiratet. Weiß man denn, wen man heiratet? Im besten Falle erwirbt man die Katze im Sack. Der blödeste Geschäftsmann würde keine Ware akzeptieren, deren Güte er nicht geprüft hat, der einfältigste Snob kein Haus kaufen, dessen Räume er nicht gesehen. Aber man heiratet. Leo : Erlaube mal, Maxim, man lebt doch in der Welt und hält Umschau, man prüft doch. Maxim : Nach der lyrischen Methode. Zwei Augensterne: O, daß sie mir ewig leuchten mögen! Ein hübschgewölbter Mund: O, daß ich dich küssen könnte bis ins Jenseits hinüber! Allenfalls noch ein Auskunftsbureau, in dem man erfährt, daß der Vater bis zu einer gewissen Summe kreditwürdig sei. Fertig. Das Schicksal hat gesprochen, daß zwischen Nordpol und Südpol keine vorhanden ist, die besser zu dir paßt, die dir wertvollere Garantien gibt, die dir mehr Enttäuschungen erläßt. Alle anderen lehnst du unbesehen ab und unwiderruflich. Und nun stelle dir vor, du sähest an der Spielbank einen stehen, der sein ganzes Vermögen restlos auf eine einzige Nummer setzt. Ist der wahnsinnig! würdest du rufen; er pointiert auf einen Gewinnfall und hat sechsunddreißig Chancen gegen sich, gegen seine ganze materielle Existenz! Er wird mit größter Wahrscheinlichkeit in der nächsten Minute ein Bettler werden. Ein Blödian! Ein Kretin! Na, und du, wenn du heiratest? Du setzt nicht nur deine Habe auf die eine Nummer, sondern dich selbst dazu, deinen Beruf, deinen Charakter, deine ganze Persönlichkeit, und hast nicht sechsunddreißig Chancen zu Feinden, sondern sechsunddreißigtausend. An der Roulette stimmt es doch wenigstens in einem Falle. Leo : Und im Leben doch auch manchmal. Maxim : Mir nicht bekannt. Du zum Beispiel, bist du glücklich? Leo : In gewissem Sinne, ja. Maxim : Das heißt, du zerbrichst dir den Kopf, wie du die Eheliebste nach dem Süden spedieren kannst, möglichst weit weg. Du leidest an ihrer Influenza, an ihren Nerven wirst du gezwickt. Deine Kompositionen werden von Jahr zu Jahr schwächer, weil die organischen Mängel deiner Frau dich ablenken, beeinflussen und minderwertig machen. Du bist ja nicht nur mit Klotilde, sondern auch mit Klotildens Defekten verheiratet. Ihre geschwollenen Mandeln drücken auf deine Melodie, ihr Husten durchschneidet deinen Kontrapunkt. Und selbst wenn sie ausnahmsweise nicht klagt, selten genug kommt's vor, so würde die Monotonie der Ehe keine Variation deiner künstlerischen Erfindung aufkommen lassen. Aber du bist glücklich, bravo! Staatsbürgerlich glücklich, weil du der Staatsraison dienst. Du erfüllst eine Bürgerpflicht, und das erhebt dich über alle Misere, genau wie damals, als du mit dem gepackten Affen in glühender Sonne über den Sturzacker exerziertest und dir sagtest: das ist sehr unangenehm, aber der Staat verlangt es, folglich habe ich mich fröhlich zu fühlen, wenn ich der großen Räson opfere. Leo : Du wirst doch das Glück in der Ehe als eine mögliche Erscheinung nicht überhaupt leugnen wollen? Maxim : I bewahre! Es ist ja so häufig, man braucht bloß in seinen Bekanntenkreisen die Reihe abzuzählen. Freund Bernhard führt eine zufriedene Ehe, weil er jetzt glücklich so viel verdient, um per Jahr fünf Spezialisten und drei Sanatorien für seine Frau bezahlen zu können. Freund Melchior ist glücklich, weil seine Frau kongenial ist und ihm vor den Dienstboten dieselben Flegeleien an den Kopf wirft, mit denen er seine eigenen naturalistischen Stücke pfeffert. Freund Konrad ist glücklich, weil ihn seine dritte Frau um fünfzig Prozent weniger betrügt als seine verflossene zweite. Und wie glücklich wäre erst Kuno mit seiner schönen, gebildeten, eleganten, geistreichen Frau, wenn ihn sein und ihr Intimus nicht vor drei Monaten glücklich über den Haufen geschossen hätte. Wohin man nur blickt, es ist eine Pracht! Leo : Sage mal, Maxim, findest du denn wirklich bei mir einen Abstieg in meinen künstlerischen Leistungen? Oder sagst du das etwa aus dialektischer Bosheit, um in der Frage Paar oder Unpaar ein persönliches gewaltsames Argument auszuspielen? Maxim : Beruhige dich, Leo, die Sache stimmt, und sie stimmt auf die natürlichste Weise. Die Gattenliebe ist an sich eine schlechte Helferin bei der geistigen Produktion, und in deinen Werken speziell hat sie geradezu feindlich gewütet. Wenn ich mir deine letzten Schöpfungen ansehe, so muß ich aufrichtig sagen: aus diesen Stücken spricht eine sehr intensive und liebevolle Beschäftigung mit der angetrauten Frau, die Stücke sind wirklich sehr schlecht. Leo: Maxim, ich habe diese Sachen mit meinem Herzblut geschrieben! Maxim : So ist es; aber in deinem Herzblut kreisen ihre Bazillen, und ihre Influenza steckt in deinen Kompositionen. Produktion ist Kampf, und zum Kampf muß man die Ellbogen frei haben. Hymen und Pallas Athene schließen einander aus. Auch davon weiß die Staatsräson ein Lied zu singen. Ein Staatsgesetz der alten Israeliten verbot den jungen Ehemännern die Teilnahme an den Feldzügen, weil man annahm, daß die Liebe zur Gattin eine Kampfesenergie nicht aufkommen lasse. Andere klassische Völker nahmen von solchem Verbot Abstand, mit der Begründung, daß der Kampf im Felde lange nicht so schwer zu tragen sei, wie der im Hause. So oder so: Elitetruppen sind ledig. Sieh mich an, Leo. Ich bin frei, und meine Freiheit feiert ihre Triumphe auf jedem Blatt, das ich der Öffentlichkeit übergebe. Maxim Freygang in allen Zeitungen, in aller Munde, in allen Schaufenstern. Die Leute wissen: dem fällt fortwährend Neues ein, jedes Impromptu des Lebens findet ihn bereit und aufnahmefähig; der Ehe ewig gleichgestellte Uhr metronomisiert nicht seine Arbeit, sein Gehirn ist nicht mit häuslichen Sorgen verkalkt. Nur ein einziges Werk ist mir mit Pauken und Trompeten durchgefallen, und dieses Werk habe ich wirklich genau in jenen drei Tagen konzipiert, die für mich die Flitterzeit bedeuteten. Wir sprachen ja bereits davon. Niemand wird weise, ohne Lehrgeld zu zahlen. Aber Lehrling auf Lebenszeit? Mir genügte eine halbe Woche, dann zerbrach ich das Joch, der Hippogryph ward ausgespannt, und lächelnd schwang ich mich auf seinen Rücken! * * * Die Fortsetzung: Im Namen des Königs! (Aktenzeichen.) In Sachen des Tonkünstlers Leo Kern in Berlin und seiner Ehefrau Klotilde, geborenen Leiden, hat die 30. Zivilkammer des Königlichen Landgerichts für Recht erkannt: Die Ehe der Parteien wird getrennt. Statt jeder besonderen Meldung: Maxim Freygang Klotilde Kern, geb. Leiden, Vermählte . Eine moderne Dame auf Reisen. Sie kann nicht mit den Kindern reisen, da bringt sie der Trubel um; sie kann nicht ohne die Kinder reisen, da bringt sie die Sehnsucht um. Sie kann nicht bei geöffneten Fenstern fahren, da erkältet sie sich; sie kann nicht bei geschlossenen Fenstern fahren, da erstickt sie; sie kann nicht große Tagestouren leisten, da weiß sie nicht, was sie mit dem Rest des Tages anfangen soll; sie kann nicht rückwärts fahren, da wird ihr schwindlig; sie kann nicht vorwärts fahren, da bekommt sie Zugluft. Sie kann nicht den D-Zug benutzen, da stört sie das Gewimmel auf dem Korridor; sie kann nicht den Nicht-D-Zug benutzen, da fehlt ihr der Korridor; sie kann während der Fahrt nicht essen, da wird ihr übel; sie kann während der Fahrt nicht fasten, da verhungert sie; sie kann im Fahren nicht sprechen, das reizt ihr den Kehlkopf; sie kann im Fahren nicht schweigen, das kann sie überhaupt nicht. Sie kann nicht den Ecksitz einnehmen, da kommt ihr der Rauch ins Gesicht; sie kann nicht den Mittelsitz einnehmen, da ist sie zu sehr eingekeilt; sie kann nicht immer sitzen bleiben, da schlafen ihr die Glieder ein; sie kann nicht stehen, da verliert sie die Balance; sie kann sich nicht anlehnen, das verdirbt ihr die Frisur; sie kann nicht gerade dasitzen, das hält ihr Rückgrat nicht aus. Sie kann im Fahren nicht lesen, da flimmerts ihr vor den Augen; sie kann dabei nicht auf Lektüre verzichten, da hält sie's vor Langeweile nicht aus; sie kann im Kupee nicht wach bleiben, dazu ist sie viel zu schläfrig; sie kann da nicht einschlafen, dazu stuckert es viel zu viel. Bei Seefahrten kann sie nicht auf Deck bleiben, da fliegt sie über Bord; sie kann nicht in der Kajüte bleiben, da ist's ihr zu dumpf; sie kann sich nicht vorn aufhalten, da wird sie seekrank; sie kann sich nicht in der Mitte aufhalten, da riecht es nach Maschinenöl; sie kann sich nicht hinten aufhalten, da riecht es nach Teer; sie kann nicht im Kabinenbett schlafen, da ist's ihr zu eng; sie kann nicht im Salon auf dem Sofa schlafen, da fällt sie herunter. Im Gebirgswald kann sie nicht laufen, da verknaxt sie sich den Fuß; lagern kann sie sich auch nicht, da kriechen ihr die Ameisen an; steigen kann sie nicht, da bekommt sie Herzklopfen; bergab gehen kann sie auch nicht, da zittern ihr die Kniee. Über Gletscher wandern kann sie nicht, da ängstigt sie sich halbtot; auf Gletscher verzichten kann sie auch nicht, da hält sie's vor Neid gegen die Gletscherwanderer nicht aus; in kleinen Hotels existieren kann sie nicht, da schlägt ihr der Mangel des Komforts auf die Nerven; in großen Hotels existieren kann sie auch nicht, da schlagen ihr die Rechnungen auf die Nerven; im Hotel hochwohnen kann sie nicht, da kriegt sie zu wenig Bedienung; im Hotel tiefwohnen kann sie nicht, da ist zu viel Lärm und Gelaufe. Im Zimmer frühstücken kann sie nicht, das ist ihr zu langweilig: im Speisesaal frühstücken kann sie nicht, da wird sie mit der Toilette nicht fertig; auf der Veranda frühstücken kann sie nicht, da kommen Wespen. Tee frühstücken kann sie nicht, das ist ihr zu labbrig; Kaffee frühstücken kann sie nicht, der ist ihr ärztlich verboten; Schokolade frühstücken kann sie nicht, das macht sie dick. Die Jalousie hochlassen kann sie nicht, da blendet sie die Sonne; die Jalousie herunterlassen kann sie nicht, da kriegt sie sie nicht mehr in die Höhe. An der See bleiben kann sie nicht, da will sie ins Gebirge; im Gebirge bleiben kann sie nicht, da will sie an die See; im Meer baden kann sie nicht, da ist's ihr zu kalt im Wasser; nicht-baden kann sie auch nicht, denn wozu ist sie da überhaupt hingefahren? Aber sonst kann sie alles! Der Neurosen-Kavalier. Eine Wiener Maskerade, frei nach der berühmten Oper. ( Szene : Im Schlafzimmer der Feldmarschallin.) Oktavian : Wie du warst! Wie du bist! Das weiß niemand, das ahnt keiner ! Marschallin : Du irrst dich, Bubi. Das ahnt jeder , das weiß jeder, der eine angejahrte Fürstin in zärtlichem Geplauder mit einem jungen Herrchen sieht, das Mezzosopran singt. Erstens ahnt man und weiß man, daß hier das gefährliche Alter mitspielt; zweitens, daß Hugo von Hofmannsthal, weil er hier ohne Sophokles arbeitet, sich seine Kompagnieschaft anderswoher besorgen muß. Ich zum Beispiel, die ich beabsichtige, auf meine Liebe zugunsten einer jüngeren zu verzichten ... Oktavian : Ach, ich weiß schon: du stammst aus »Sodoms Ende« von Sudermann; das macht die Frau Ada ja ebenso. Marschallin : Richtig. Und du selbst, Bubi, Sopranistin im Kavalierskostüm, die sich nachher wieder als Mädchen verkleidet, du hast früher als Page Cherubim in »Figaros Hochzeit« gedient. Oktavian : Aber seitdem ist die Entwicklung mächtig über mich gekommen. Den Mozart habe ich mir gründlich abgewöhnt. Marschallin : Ebenso wie der Falstaff, der nachher auftreten soll, den Nicolai und Verdi abgestreift hat. Oktavian : Was du sagst, Geliebte! Ein Falstaff kommt auch vor? Marschallin : Gewiß doch! Wir sind doch hier die lustigen Weiber von Wiensdor. Und auf Grund dieser drei bekannten Figuren und Motive spielen wir nunmehr die herrliche Oper von Strauß. Oktavian : Gott, wie originell! Heißt denn diese dritte Person wirklich Falstaff? Marschallin : Nein, so komisch geht es hier nicht zu. Er heißt Ochs von Lerchenau. Übrigens hat der erste Falstaff doch noch immer einen Anstrich von Noblesse, während dieser Ochs sich wie ein Viechskerl erster Klasse benimmt. Da er hier sofort auftrampeln wird, hast du dich hinter einen Vorhang als meine Zofe umzukleiden und Mariandl zu heißen. Oktavian : Und auf diesen steinalten Bühnentrick soll er hereinfallen? Marschallin : Nicht bloß der Ochs, sondern das ganze Premierenpublikum. Weil die Musik dazu vom Komponisten der »Elektra« ist, weil Elektra mit Sophokles zusammenhängt, weil Sophokles zum klassischen Altertum gehört, und weil trotzdem hier ein Wiener Walzer vorkommt. Oktavian : Diese moderne Kunstästhetik schmeckt nach Neurose. (Ab hinter den Vorhang.) Marschallin : So ist es, lieber Neurosenkavalier. Der Baron Ochs (tritt auf): Was mich hierher führt? Erstens will ich meine Verlobung mit der steinreichen Sophie Faninal anzeigen; zweitens will ich in Gegenwart der Frau Fürstin mit dero Zofe scharmutziern; und drittens will ich mich dabei so schafsdämlich und klotzig betragen, daß fünfzig Opern drüber durchfallen könnten, wann se nit von Strauß komponiert wär'n. Marschallin : Mariandl, komm' Sie her. Servier' Sie Seiner Liebden. Baron Ochs (zur vermeintlichen Mariandl): Süßer Engelschatz, sauberer, hätt' Sie Lust, mit mir in einem Chambre séparé zu sumpfen? Oktavian (als Zofe): Ich weiß nicht, ob ich das darf. Der Souffleur : Lokalkolorit! Weanerisch reden! Oktavian (sich verbessernd): I weiß halt nit, ob i dös derf. Stimme im Parkett : Also hören's, die Stelle allein entschädigt für zwanzig Mark Entree. Stimme im ersten Rang : Die Fledermaus ist ein Flederhund dagegen! Hier offenbart sich der echte Wiener Hamur! Stimme auf der Galerie : An Tusch für Nestroy! Baron Ochs : Außerdem handelt es sich um eine hochadelige Gepflogenheit: ich brauche für meine Verlobte, Jungfer Sophie Fananal einen Bräutigamsführer, der ihr die neusilbernen Rosen überbringt. Und deshalb bitte ich Sie, liebe Marschallin, mir einen solchen Neurosenkavalier zu verschaffen, nämlich einen blutjungen und bildhübschen Kerl, Hosenrolle, der mich saudummes Luder bei meiner Braut sofort dermaßen blamiert, daß der zweite Akt möglich wird. Marschallin : Dann brauchten wir ja diesen zweiten Akt erst gar nicht zu spielen. Baron Ochs : Und den dritten Akt noch weniger, dessen Pointe darin besteht, daß ich meine Perücke stundenlang nicht finden kann. Darüber lacht sich außer Herrn Hofmannsthal doch kein Mensch halbtot. Marschallin : Es wird ja ohnehin in dieser Oper von Tag zu Tag soviel gestrichen, daß der Intendant hierfür bereits ein extra Streichorchester angeschafft hat. Bis jetzt sind schon dreiviertel Stunden herausgebracht, und man verspricht sich den größten Effekt davon, wenn aus diesem Gesamtkunstwerk alles Überflüssige entfernt ist. Oktavian : O je, da spielen wir ja die ganze Kummedi in fünfzehn Minuten! Marschallin : Alles, was fehlt, ist ein Glück. Auf dem Zettel befinden sich noch zwei ekelhafte Italiener; wenn die erst herausgestrichen sind, fordern die Billetthändler das Doppelte. Baron Ochs : Aber die Übergabe der Rosen muß stehen bleiben, denn das ist eine uralte Wiener Kavalierssitte, die bis auf König Pharao zurückgeht. Und auf das Frauenterzett verzichten wir auch nicht, weil da plötzlich zur ungeheuren Überraschung aller Hörer Musik vorkommt. Marschallin : Das sind so Entgleisungen, die heutzutage bei den besten und berühmtesten Komponisten vorkommen. Oktavian : Selbst bei den Kakophonikern von Gottes Gnaden. Sie vergreifen sich ab und zu in den Mitteln und geraten dann plötzlich in einen wahren Morast von Wohlklängen. Sophie (eintretend): Ich sei, gewährt mir die Bitte, in eurem Terzett die dritte. Marschallin : Gut, daß Sie kommen, liebe Faninal. Das kürzt enorm. Da kann ich das Mariandl gleich mit der Sophie verloben, und dem dreistimmigen Vokalsatz steht nun nichts mehr im Wege. Oktavian-Mariandl : Also setzen wir jetzt unser Frauenstimmrecht durch! Baron Ochs : Darf ich nicht mitsingen? Marschallin : Das dürften Sie, wenn Sie statt eines Ochs von Lerchenau eine Lerche von Ochsenau wären. So aber haben Sie jetzt zu schweigen; das ist die dankbarste Stelle in Ihrer Partie. (Frauenterzett.) Stimme im Parkett : Also das ist unerhört wohlklingend, das ist so schön wie Mozart und Lehar zusammengenommen. Stimme im ersten Rang : Solange eine Musikliteratur existiert, ist ein solcher Melodiker seit fünf Minuten noch nicht dagewesen! Strauß in der Loge : Hören Sie es, Intendant? und nun verlange ich noch weitere fünfzehn Prozent Tantieme, oder ich entlasse Sie auf der Stelle. Der Intendant : Alles bewilligt, nur lassen Sie mich morgen noch wenigstens einen halben Akt streichen! Hulda lernt tanzen. Das mußte ihr der Neid lassen: sie war gut gewachsen und besaß eine gewisse Schmiegsamkeit des Körpers, die sich nach auswärts gemessen von den Zehen bis zu den Fingerspitzen erstreckte. Sie verstand auch lieblich und grundlos zu lächeln. Kurzum, ein Talent. Und schon damals, als sie den ersten Kursus unter Aufsicht einer gereiften Ballettmama erledigte, war es ersichtlich: die bleibt bestimmt nicht in der letzten Quadrille stecken, die schiebt sich in den Vordergrund, zu eigenen Taten, zu besonderen Leistungen. Und so geschah es wirklich. Nicht, daß sie sich etwa in raschem Götterfluge die Fertigkeiten des klassischen Meistertanzes, die Künste einer Fanny Elßler und Marie Taglioni angeeignet hätte. Das war ihr zu mühselig und unbequem. Sie entsagte also diesen Ansprüchen, denen sie doch niemals genügt haben würde, schon aus dem einfachen Grunde, weil sie eigentlich nicht sonderlich musikalisch war. Nur ihre Muskeln, Knochen und Sehnenstränge nahmen Anteil am getanzten Rhythmus, während ihre feineren Nerven davon unberührt blieben. Aber je weniger sie es im Ohr hatte, desto erheblicher hatte sie es im Gehirn. Sie las viel und wurde gebüldet. Und aus den Einzelheiten dieser Büldung erwuchs ihr ein Plan. Hulda wollte die Tanzkunst »erlösen«. Nämlich aus den Fesseln des Tanzes. Dieses sinnlose Gespringe und Gehopse führe zu nichts. Ein Walzer, eine richtige Tanzpolonäse, eine Mazurka, ein Bolero, eine Sarabande, – wie fade! Millionenfach war das dagewesen. Tausende konnten es, da gab es nichts darzustellen, zu erläutern, körperlich zu symbolisieren. Also zunächst einmal andere Musik her! Einige Nokturnos und Balladen von Chopin standen am Anfang der neuen Übungen, Tongewebe für Ohr und Kunstverstand, die sich absolut nicht tanzen ließen. Eben deswegen wurden sie nunmehr getanzt. Und da die Beine hierfür nicht ausreichten, wurden die Arme zum Erläuterungsdienst mit herangezogen. Hulda zupfte auf einer unsichtbaren Harfe, fing mit einer nicht vorhandenen Angel rätselhafte Fische in der Luft, hißte unsichtbare Segel und kletterte an geisterhaften Stangen. Manchmal, wenn die Musik stürmte und gewitterte, warf sie sich auf den Boden, wenn Chopin beschwichtigte, sprang sie empor und wenn die Verlegenheit gar zu groß wurde, blieb sie stehen, machte Kunstpause und lächelte. Das war ihre holde Augendeutung zu dem Thema, daß sich ein mißverstandener und vergewaltigter Komponist im Grabe herumdrehte. Nach einigen Monaten tanzte und lächelte sie sich in Beethoven hinein. Und als ihr dies mit mehreren Sonaten, wie sie meinte, geglückt war, reifte in ihr der Plan, zu den Symphonien überzugehen. Die Wahl konnte nicht zweifelhaft sein. Hulda hatte das Wehen der Heldenzeit verspürt, also entschied sie sich für die heroische Symphonie. Beethovens Eroica als Ballett, – das mußte ihr vom Publikum ohne Zweifel als Tat und Schlager angerechnet werden. Nur ein Übelstand war dabei. Als sie eben dabei war, in stiller Probe den ersten Satz des heroischen Tonwerkes anzuhüpfen und anzulächeln, brachte man ihr eine unbequeme Zeitungsnotiz; aus dieser war zu ersehen, daß schon eine andere Mitstrebende auf denselben fabelhaften Gedanken verfallen war; denn die Notiz lautete wörtlich: »Demnächst soll, wie wir erfahren, im Stadion Beethovens Eroica getanzt werden. Mehr als 1200 Personen sollen mitwirken. Die Tanzdichterin Rita Sacchetto an der Spitze der Künstlerschar, von denen ein großer Teil ihrer in Berlin ins Leben gerufenen Tanzhochschule entstammt... Die Anmut wird sich im Dienst unserer Feldgrauen bewegen. Ein Riesenorchester soll unter der Führung eines bekannten Dirigenten den überwältigenden Eindruck des Eroicatanzes zur Geltung bringen.« Also die Erstgeburt der Idee war dahin! Und dann: gegen die überwältigende Mehrheit von 1200 Mitwirkenden konnte die Einheit der Hulda nicht aufkommen. So pocht das Schicksal der Konkurrenz an die Pforte. Mit dröhnenden Rhythmen verkündete es die Mahnung: Hulda, verzichte! Sie gehorchte der starren Notwendigkeit und gab diesen heroischen Tanzplan auf. Desto eifriger begann sie auf anderen Fährten herumzuspüren. Mußte es denn überhaupt Musik sein? Hier setzte eine neue Erleuchtung ein: die letzte Schranke, die sich der Befreiung der Tanzkunst entgegenstellte, war zum Falle reif. Hinaus mit den Tanzbeinen aus den beengenden Fesseln der Töne in das Feld des reinen Gedankens! Noch ist das Programm der begabten Dame nicht ganz fertig zur Darstellung; aber sie studiert es bereits in vielversprechenden Soloproben. Sie wird Fichtes Reden an die deutsche Nation tanzen, ferner Bismarcks Gedanken und Erinnerungen, Nietzsches Lehre vom Übermenschen, Kants Abhandlung vom ewigen Frieden und schließlich – allerdings auf mehrere Tanzabende verteilt – Rankes Weltgeschichte. Übrigens ist es nicht ausgeschlossen, daß sie später einmal auf Beethoven zurückgreift, nicht etwa aus Reue über das Einschlagen verkehrter Kunstwege; denn wer so folgerichtig tanzt wie sie, ist über derartige Anwandlungen erhaben. Aber das Publikum steckt doch voller unberechenbarer Launen, könnte sich bei Gelegenheit der Verwandtschaft zwischen Musik und Tanz erinnern und in den vorzeitlichen Geschmack zurückfallen. Sollte dies eintreten, dann wird Hulda lächelnd bei Beethoven da anknüpfen, wo sie ihn verlassen hat. Natürlich abermals reformatorisch: mit dem Taktstab in der Hand vor einem als Ballettkörper gedachten Riesenorchester, dessen Streicher und Bläser nach den Klängen der Eroica mittanzen müssen. Beethoven wollte bekanntlich diese Symphonie ursprünglich dem ersten Napoleon widmen und Hans von Bülow hat sie später zur Bismarck-Symphonie ernannt. Von diesen zwei Sprungbrettern aus will die neugestaltende Tänzerin die letzte Pirouette wagen, indem sie die Eroica ihrem eigenen Tanzgenie widmet. K-Reise eines Zerstreuten. »Wohin so eilig, Zyprian?« Mit diesen Worten stellte ich meinen alten Freund spät abends an der Straßenecke. »Komm ein Stückchen mit,« sagte der Angeredete; »oder noch besser, begleite mich in meine Wohnung. Ich werde dir unterwegs erzählen. Ich komme nämlich von meiner Reise.« »Wo bist du denn gewesen?« »Überall und nirgends. Aber das läßt sich nicht in zwei Worten erledigen. Also unterbrich mich nicht. Ich bin noch ganz voll von meinen Erlebnissen und freue mich wirklich, einen getroffen zu haben, der gut zuhört.« Ich schloß mich ihm an, und Zyprian legte los: »Heut morgen reifte in mir der Plan. Seit Kriegsbeginn bin ich ja in Berlin festgenagelt und ärgere mich über die sechzig Jahre, die ich auf dem Buckel trage. Nichts fürs Vaterland geleistet! Denn daß ich fleißig Liebesgaben hinausschicke und tüchtig Kriegsanleihe zeichne, das wird doch als Aktivposten der Tätigkeit nicht allzu hoch gerechnet. Ich selbst empfand das schmerzlich genug, und als der Sommer herankam mit seiner Reiseverführung, da sagte ich mir: es wird zu Haus geblieben! Kannst du nicht ins Feld, so soll dich auch keine Sommerfrische, keine Bergwanderung und kein Seebad erquicken! Kurzum, ich blieb. Bis endlich heut früh die alte Gewohnheit und die liebe Erinnerung durchschlugen. So eine Anwandlung überrumpelt einen, ehe man sich dessen versieht. Und im Augenblick rief ich meine Wirtschafterin: »Packen Sie mir meinen großen Handkoffer; was man so für ein bis zwei Wochen braucht. Sie verstehen schon. Etwas Mundvorrat nicht zu vergessen. Sie wissen ja, was ich gern habe. Und wenn Sie damit fertig sind, dann holen Sie mir eine Droschke – wenn Sie eine kriegen.« Etliche Stunden gingen darüber hin, während deren ich zahllose Zeitungen durchstöberte. Die Alte packte gewissenhaft, darauf konnte ich mich verlassen. Endlich meldete sie, die Droschke stünde schon unten und der Koffer wäre aufgeladen. Hut, Mantel und Schirm vervollständigten mich in der Sekunde. »Leben Sie wohl, Brigitte, und hüten Sie mir das Haus!« Damit schwang ich mich die Treppe hinab und geriet an den Kutscher. »Also los!« sagte ich zu dem Mann, der mich fragend anglotzte. »Hat Ihnen die Frau nicht gesagt, wohin?« »Die, wo mir vom Standplatz jeholt hat? Nischt hat se mir gesagt.« »Nun, Sie sehen doch, daß ich verreisen will. Der Handkoffer redet sozusagen Bände. Also fahren Sie gefälligst nach einem Bahnhof.« »Ja, det is bald jesagt, lieber Herr, in 'ner Stadt wie Berlin! Da missen Se sich schon jenauer ausquetschen. Ick meene: nach welchem Bahnhof?« Die Frage war nicht unberechtigt. Sie verlangte einen bestimmten Bescheid, während mir nur der lockere Umriß einer Reise überhaupt vorschwebte. In dieser Verlegenheit brachte ich es bis zu der Gegenfrage: »Welches ist denn der nächste?« »Na, der nächste, det wird wohl der Anhalter sein.« »Sehen Sie, Kutscher, da hätten wir's ja. Nehmen wir den Anhalter Bahnhof!« »Von mir aus hätten Se ooch nach'm Lehrter Bahnhof können, mir wäre det ejal,« versicherte der Rosselenker. »Schön!« antwortete ich. »Ihre Stimmung soll mir gelten, fahren Sie nach dem Lehrter!« Langsam, aber zuverlässig setzte sich das Gefährt in Bewegung. Wir kamen an den Königsplatz, wo plötzlich der Eiserne Hindenburg als eine übermächtige Erscheinung aufragte. Da kam mir eine Unterlassungssünde zum Bewußtsein. Seit dem Tage der Einweihung hatte ich mir vorgenommen, mich an dem vaterländischen Hammerwerk zu beteiligen. Jetzt mahnte mich das Gewaltbild des Feldherrn selbst an die verabsäumte Pflicht. Ich ließ daher halten, stieg aus und bedeutete dem Kutscher, er möge drüben am Reichstag auf mich warten; das könnte höchstens drei Minuten dauern. Womit ich mich allerdings verrechnet hatte. Denn in dichten Ketten bildete das Publikum Spalier, und eine Viertelstunde verstrich, ehe ich mir an der Eingangshalle einen Nagel erstanden hatte. Aber dafür verursachte mir auch die Zeremonie helle Freude, und ich empfand so recht die Weihe des Augenblicks, als ich meinen Nagel an der vorpunktierten Stelle auf dem Schienbein des Helden einschlagen durfte. Ich schrieb alsdann meinen Namen in das ausgelegte Erinnerungsbuch, nahm eine Schleife und eine Gedenkschrift als Andenken mit und stand abermals nach einer halben Stunde auf dem Königsplatz in lebhafter Verwunderung darüber, daß all meiner Vergeßlichkeit zum Trotz ich doch noch an meinen lieben Hindenburg gedacht hatte. Plötzlich fiel mir meine Droschke ein. Donnerwetter! Die hatte ich ja an den Reichstag vorangeschickt, wo sie schon eine Ewigkeit wartete. Richtig, da stand sie. Ich mit einem Satze hinein und: »Kutscher, also jetzt nach der Lehrter Bahn!« »Was woll'n Se denn da, Herr? Da jeht doch jetzt jar keen Zug nich!« »Das wäre allerdings ein Übelstand; wo geht denn einer?« »Na, zum Beispiel auf'n Potsdamer, aber der könnt Se doch nischt nützen.« »Woraus schließen Sie das, Kutscher? Zug ist Zug. Also fahren Sie nach dem Potsdamer Bahnhof!« Wenige Minuten später befand ich mich am Schalter, in dessen Innern ein vertrauenerweckender älterer Beamter hauste. Ich hatte das deutliche Vorgefühl, daß ich hier zu einem klaren Ergebnis gelangen würde. »Ich bitte um einen eisernen Nagel.« »Eiserne Nägel gibt's hier nicht,« erklärte der Schalterbeamte, »hier gibt es bloß Fahrkarten.« »Ach, entschuldigen Sie nur, ich war eben in Gedanken beim Hindenburg. Ich wollte ja auch eigentlich eine Fahrkarte, und zwar zweiter Klasse.« »Wohin?« »Irgendwohin. So, wie Sie mich hier sehen, möchte ich nämlich eine Reise machen.« »Ja, das kommt vor auf Bahnhöfen. Aber Sie müssen doch wissen, wohin Sie wollen.« »Ich dachte vielmehr, ich würde es hier erfahren. Die Wünsche des einzelnen sind in dieser Zeit bedeutungslos gegen den Staatswillen. Sie als Beamter verkörpern augenblicklich für mich den Staat, also entscheiden Sie, bitte, über mein Reiseziel.« »Darauf kann ich mich gar nicht einlassen. Wollen Sie nach Magdeburg, nach Harzburg, nach Köln?« »Die Rheingegend hätte mancherlei für sich; im Prinzip wäre dagegen gar nichts einzuwenden. Anderseits ...« Weiter kam ich nicht. Mein Nachbar zur Linken, ein ungeduldiger Fahrgast von herkulischer Gestalt, gab mir einen Rippenstoß, der wahrscheinlich eine abfällige Kritik über meine Unschlüssigkeit ausdrücken sollte. Jedenfalls verlor ich meinen Standort vor dem Schalter und flog auf der anderen Seite heraus; eine Flut tadelnder Bemerkungen folgte mir obendrein. Aus alledem entnahm ich, daß dieser Bahnhof für mich nicht das Geeignete sei. Draußen, nahe der Köthener Straße bemerkte ich eine Droschke, die mir so bekannt vorkam. »Haben Sie mich vorhin hierher gefahren?« fragte ich den Kutscher. »Is möglich. Vielleicht ooch nich. Is übrigens eejal. Steijen Se man in. Wohin möchten Se denn?« »Das ist vorläufig ein offenes Problem. Fahren Sie mich mal einstweilen eine halbe Stunde spazieren, und wenn Sie in die Nähe eines Bahnhofs kommen, setzen Sie mich ab. Ich will mir das Weitere unterwegs überlegen.« »Na, na,« meinte der auf dem Bock, »so eenen habe ick schon 'nmal jefahren, et war een Kassendefraudant. Aber so sehen Sie ja nich aus. Und übrigens – wat jeht's mir an? Los!« Unterwegs überlegte ich wirklich. Mein Reiseplan mußte schärfer umgrenzt werden. Wo war ich denn sonst immer hingereist? Ach, richtig! Vor Jahren war ich mehrfach in der Schweiz gewesen, und ich entsann mich erhebender Eindrücke. Daß mir das vorhin nicht eingefallen war! Jetzt aber war das Programm vorgezeichnet: nur einige Minuten festen Entschlusses, und das lockende Dunstbild konnte in die erfreulichste Wirklichkeit übersetzt werden; schon morgen konnte mir auf grünen Matten das Alphorn tuten. Und wieder stand ich am Schalter, diesmal aber mit einem scharf nach Baedeker bestimmbaren Richtungsziel: »Wieviel kostet eine Fahrkarte zweiter Klasse nach Luzern am Vierwaldstätter See?« In dem Antlitz des Beamten spiegelte sich Mitleid und Fürsorge, während in seiner Stimme der Ton eines sanften Verweises hindurchklang. »Erstens,« sagte er, »ist hier keine Auskunftstelle, doch das nur nebenbei; zweitens müßten Sie bei einer Reise ins Ausland laut Verfügung einen Paß mit Photographie und Beglaubigung des Gesandten vorlegen; drittens aber – und dies ist der Hauptpunkt – befinden Sie sich hier auf dem Stettiner Bahnhof, auf dem eine Beförderung nach der Schweiz gänzlich ausgeschlossen ist.« Der Fall lag schwierig, ja, wie es schien, unlösbar. Nur eines sprang mit Klarheit hervor: daß ich auf den bisher beschrittenen Wegen überhaupt nicht aus Berlin herauskam. Ich beschloß daher, während ich ziemlich belämmert abzog, mein ganzes Vorhaben zunächst einer durchgreifenden Nachprüfung zu unterziehen. Neben diesem verständigen Grundgedanken keimte eine starke Empfindung in mir auf: ich verspürte Heimweh! Sehnsucht nach meiner hübschen Wohnung, von deren Behaglichkeit ich mich ach so lange schon abgetrennt hatte. Und wie wir nebeneinander hergehen, lieber Freund Alex, siehst du mich auf dem Wege nach meinem trauten Heim in der Yorckstraße, wo ich in weisem Zwiegespräch mit dir meine Pläne vervollständigen möchte.« »Freund Zyprian,« rief ich aus, »du wirst mir das Zeugnis ausstellen, daß ich als guter Zuhörer meinesgleichen suche. Nicht ein einziges Mal habe ich dich unterbrochen. Wenn ich mich aber jetzt zum Wort melde, so kann meine Rede nur mit einer Frage beginnen: » Zyprian, wo hast du deinen Koffer ?« Er blieb stehen, stutzte, besah seine Hände und erklärte in völliger Übereinstimmung mit dem Augenschein: »Mein Koffer – der ist fort!« Wir erörterten die Möglichkeiten. Er konnte auf einem der zahlreichen Bahnhöfe stehengeblieben sein – »Oder in der Droschke,« ergänzte jener. »Was du, lieber Freund, mit beschränkender Einzahl als » die Droschke« bezeichnest, ist zweifellos ein Plural. Du hast meines Erachtens mindestens ebensoviel Droschken benutzt wie Bahnhöfe. Und das verwickelt die Angelegenheit enorm. Hat dein Koffer ein Erkennungszeichen?« »Jawohl,« entgegnete mein Freund, »der Schlüssel steckt drin!« »Dann ist es also das Sicherste, ihn verloren zu geben. Du ersparst dir dadurch Wege und Scherereien.« »Und außerdem vereinfachen sich dadurch meine Reisepläne: ich bleibe dann eben hier.« Die Wirtschafterin Brigitte hatte uns schon am Fenster erspäht. Sie lief uns auf der Treppe entgegen mit der freudigen Ansage: »Na, das ist gut, daß Sie wieder da sind – der Koffer ist auch schon hier!« Natürlich war es die Droschke Nummer eins, die ihn nach langem vergeblichem Warten am Reichstagsbau wieder an der Ursprungsstätte abgeliefert hatte. Und nun entwickelte sich eine wahre Kette von Erfreulichkeiten: denn beim Auspacken enthüllte der Koffer ein wahres Arsenal von Leckerbissen, das die sorgliche Schaffnerin darin verstaut hatte. Da war des Schmausens kein Ende. Aus jedem Eckchen stieg ein Päckchen hervor, angefüllt mit den schmunzelbarsten Substanzen zum Vor-, Mittel- und Nachtisch. »Du hättest weit reisen können, Zyprian,« sagte ich, »ehe du auf so eine Beköstigung gestoßen wärst. Denn sieh mal, den Koffer hättest du ja doch unfehlbar unterwegs irgendwo verloren.« »Das ist anzunehmen,« versetzte der andere; »und außerdem, bei jeder Reise gibt es eigentlich nur zwei eindrucksvolle Merkmale: die Abfahrt und die Heimkehr. Beide habe ich erlebt. Was dazwischen liegt, ist Nebensache. Hauptsache bleibt, daß ich meinen Willen gehabt habe, und ein unverhofftes Geschenk dazu: denn, unter uns, Max, es ist wirklich das erstemal in meinem Leben, daß ich von der Reise heimkehre mit Koffer! Im Krieg ist eben alles anders!« Der Spezialist. Der Professor galt als eine Autorität ersten Ranges, und eben darauf kam es mir an. Denn ich wollte ein Ende machen mit dieser verdammten Neurasthenie, die ich schon seit einem Jahre mit mir herumschleppte. Ich hatte mich besonders angemeldet und wurde infolgedessen ohne Verzug außerhalb der Sprechstunde vorgelassen. »Also worüber klagen Sie speziell?« fragte der Professor, indem er mich zum Sitzen einlud. »Ich wünschte, es wäre speziell zu bezeichnen,« erwiderte ich, »aber ich fürchte, es ist etwas Allgemeines. Neurasthenie in optima forma , in harmonischer Vereinigung sämtlicher Symptome, die überhaupt vorkommen können; wie beim Normalpferd in der Tierarzneischule. Schwindel, Platzfurcht, Flimmern, Angstzustände, – alles habe ich an mir beobachtet. Können Sie mir wohl ein radikales Mittel dagegen verordnen?« »Das wird sich finden,« meinte der Professor. »Zunächst wollen wir Sie einmal genau untersuchen.« Er betrachtete meine Pupillen, während er eine angezündete Kerze vor meinen Augen hin- und herbewegte. In seinem Antlitz malte sich Zufriedenheit. Die Pupille funktionierte nach allen Regeln der Optik. Dann kam der sogenannte Patellar-Reflex an die Reihe. Ich mußte im Sitzen die Knie übereinanderlegen, und der Arzt schlug mir mit einem flachen Instrument gegen das vordere Schienbein. Die Extremität hüpfte vorzüglich, beinahe känguruhmäßig. »Im Zentralsystem scheint also alles in Ordnung zu sein,« gutachtete der Professor. »Etwas ernstes liegt bestimmt nicht vor. Immerhin wollen wir der Vollständigkeit wegen noch ein weiteres Phänomen heranziehen. Versuchen Sie einmal mit geschlossenen Augen auf einem Bein zu stehen.« Ich versuchte, und es gelang. Ich hielt mich in dieser schwierigen Pose zirka fünfzehn Sekunden ohne die mindeste nationalliberale Schwankung. »Brillant!« erklärte der Arzt. »Genau genommen fehlt Ihnen gar nichts. Ihre Neurasthenie beruht in der Hauptsache auf Einbildung. Verstehen Sie mich recht: wir Geistesarbeiter sind eben heutzutage alle ziemlich neurasthenisch veranlagt ...« »Sie auch, Herr Professor?« »Aber wie! Bei mir liegt es sogar komplizierter, als bei Ihnen. Wenn ich auf einem Bein balanzieren will und mache dabei die Augen zu, so falle ich einfach um. Jeden Tag probier' ich's zehnmal, nichts zu wollen.« »Ich gebe Ihnen den guten Rat, Herr Professor, probieren Sie es seltener. Übrigens, Sie sind doch die Autorität, womit behandeln Sie sich denn selbst?« »Hauptsächlich mit Brom.« »Ach, Herr Professor, ehrlich gestanden, von dem Brom halte ich sehr wenig. Ich habe natürlich das ganze Jahr an mir herumexperimentiert und dabei gefunden, daß die Brompräparate mehr schaden als nützen. Leiden Sie manchmal an Ohrensausen?« »Manchmal, lieber Herr? Eigentlich dauernd!« »Sehen Sie, Herr Professor, das kommt nämlich direkt vom Brom . Also lassen Sie das gänzlich weg und nehmen Sie lieber Baldrian.« »Ätherischen?« »Nein, gewöhnlichen; täglich etwa drei halbe Teelöffel, das schafft doch eine gewisse Erleichterung. Rauchen Sie viel?« »Da sind wir beim Kernpunkt!« meinte der Arzt. »Die Neurasthenie ist, wissenschaftlich ausgedrückt, die chronische Schwester der akuten Nikotinvergiftung. Ich war natürlich früher ein starker Raucher, bin aber allmählich zur völligen Abstinenz von der Zigarre übergegangen.« »Falsch, falsch, Herr Professor! Wer einmal Raucher war, der muß es bleiben! Die Neurasthenie will gerade von dieser Enthaltsamkeit nichts wissen; glauben Sie meinen persönlichen Erfahrungen! Es brauchen ja nicht gerade schwere Importen zu sein, aber eine Zigarette tut wirklich bei diesen nervösen Beklemmungen gute Dienste.« »Meinen Sie russische Zigaretten?« »Nein, lieber türkische und zwar mit möglichst langem Mundstück;« – ich zog mein Etui, – »darf ich Ihnen eine anbieten?« »Sehr freundlich.« »Und da wir gerade dabei sind, sollten Sie auch etwas Baldrian versuchen; ich habe es immer bei mir; bitte!« Der Medikus drückte auf den elektrischen Knopf. Der Diener erschien. »Einen Teelöffel!« befahl die Kapazität. »Ich bin überzeugt, es wird Ihnen wohltun,« ergänzte ich; »wie steht es denn mit Ihrem Schlaf, Herr Professor?« »Ach, nicht besonders,« klagte er; »besonders mit dem Einschlafen habe ich oft recht große Not, und mit dem Veronal muß man doch vorsichtig sein.« »Wenn Sie eine Tablette Veronal in einem Viertelliter starker Zitronenlimonade auflösen, haben Sie den vollen Effekt ohne jede störende Nebenwirkung. Ich bin durch Zufall darauf gekommen, als ich mich letzten Herbst in Wengen aufhielt. Kennen Sie Wengen?« »Nur als Passant, da ich Sommer für Sommer meiner Nerven wegen an die Nordsee gehe.« »Also Seebäder sind direkt Gift für Sie. Nur Höhenklima in Verbindung mit warmen Wannenbädern und sanfter Kopfmassage!« Ich erhob mich. »Wann darf ich wiederkommen, Herr Professor?« »Wenn es Ihnen recht ist, nächsten Donnerstag um dieselbe Zeit. Und dann überhaupt jeden Donnerstag bis auf weiteres.« Ich stellte mich pünktlich zu den Konsultationen ein. Der Professor befand sich zusehends wohler. Er behauptete, er könne jetzt volle acht Sekunden mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen. Eine Wohnung im Berner Hochland hat er schon vorausbestellt. Die Liquidation betrug 120 Mark. Ein Roman mit Lokalfarbe. Schon längst beabsichtigte mein Verleger, einen ganz echten Berliner Roman herauszugeben. Er hatte mir von diesem Vorhaben Mitteilung gemacht und mich gebeten, ihm zu einem solchen vermöge meiner Konnexionen mit den literarischen Spitzen der Hauptstadt zu verhelfen. Ich versprach ihm das und verfolgte diese Idee fortan wie meine eigene Angelegenheit. Allein zur Verwirklichung des Vorhabens fehlte uns geraume Zeit eine sehr wesentliche Kleinigkeit, nämlich der geeignete Dichter. Fritz Mauthner, Paul Lindau, Heinz Tovote, Max Kretzer usw. befanden sich damals in festen Verlegerhänden und erklärten außerdem auf Befragen, daß sie die Lokalfarbe nicht gründlich herauszuarbeiten vermöchten, wenn ihnen nicht mindestens zweihundert Druckbogen zur Verfügung gestellt würden. Mit diesen privilegierten Vertretern des Berliner Romans war mithin nichts anzufangen. Zu unserem Glück präsentierte sich kürzlich auf dem Bureau ein Jüngling, der nachweislich längere Zeit als Zettelausträger für den Berliner Adreßkalender tätig gewesen war und in dieser Eigenschaft die umfassendsten Kenntnisse auf lokalem Gebiet erworben hatte. Wir erblickten in ihm sofort den richtigen Mann, abonnierten ihn zur Befruchtung seiner Erfindungsgabe in einer Leihbibliothek und hatten schon nach vierzehn Tagen das Vergnügen, ihn im höchsten Maße episch angeregt zu finden; nach einer weiteren Woche kristallisierten sich seine Einfälle um einen Kern unzweifelhaft Berliner Charakters, und nachdem wir ihm einige Gramm Berliner Blau in sein Tintenfaß geschüttet hatten, begann er, munter darauflos zu schreiben. Nunmehr sind wir in der Lage, sein Opus zu veröffentlichen und damit einem längst gefühlten Bedürfnis der Lesewelt entgegenzukommen: Herr von Oedipus. Berliner Sittengemälde. Einem gepflasterten Aal vergleichbar schlängelt sich die Krausnickstraße, indem sie ihre Quelle an der Mitte der Oranienburger Straße verläßt, in anmutiger Biegung von West-Süd-West nach Ost-Nord-Ost, um an der Großen Hamburger Straße das Ende ihrer Häuser mit Nummer 23B zu erreichen. Vor diesem Hause hielt an einem heißen Sommertage – der Thermometer des Optikers Linse am Haackschen Markt zeigte zur nämlichen Zeit, zu der der Zeiger der Normaluhr auf dem Potsdamer Platz die Drei berührte, siebenundzwanzig Grad im Schatten – eine elegante Equipage, der man die Provenienz aus dem Kühlsteinschen Atelier und den Preis von zweitausendfünfhundert Mark auf dreihundert Schritt Entfernung, also beinahe von der Auguststraße aus, ansehen konnte. Diese Equipage gehörte dem Herrn von Lajus, einem Rittergutsbesitzer aus Preußisch-Theben, der mit seiner Gemahlin, einer geborenen Jokaste, vor etlichen Jahren nach der Residenz übergesiedelt war, wo er in Blumeshof ein von dem Möbelfabrikanten Markiewicz eingerichtetes, wahrhaft fürstliches Heim besaß. In der vierten Beilage der Vossischen Zeitung vom fünften Juli, in der sechsten Zeile von unten, hatte Herr von Lajus die Ankündigung einer »Wahrsagerin wunderbar« gefunden, welche in dem geschilderten Hause, Berlin N., wohnen sollte. Und richtig, als er hier im zweiten Seitengebäude das dritte Stockwerk erreicht hatte, las er auf einem neben der Tür klebenden Papierzettel die orientierenden Worte: »Witwe Delphi, geborene Dreifuß, Kartenlegerin, bitte stark zu klingeln.« Das, was der elegante Herr bei der vielwissenden Witwe während der nächsten Viertelstunde für zwei Mark fünfzig erfuhr, war nicht gerade erfreulich. Sie orakelte nämlich: »Hüten Sie sich gefälligst vor Ihrem Herrn Sohn; er wird Sie, Ihre Frau Gemahlin, und sich selbst in die schlimmsten Schwulitäten bringen, das heißt, sobald er das Abiturientenexamen am Friedrich-Werderschen Gymnasium gemacht hat.« Die Equipage rasselte durch die Krausnick-, Oranienburger- und Friedrichstraße davon. Als Herr von Lajus an dem Hause Nr. 94 vorbeifuhr, hörte er die Töne eines daselbst in der zweiten Etage gespielten Klaviers. Denn der berühmte Theodor Kullack lebte damals noch und unterrichtete zur erwähnten Stunde gerade die oberste Damenklasse. Herr Lajus kannte das Stück, dessen Klänge durch die geöffneten Fenster über der Müllerschen Konditorei zu ihm herniederdrangen. Es war Schumanns »Vogel als Prophet«. Dabei fiel ihm der Storch ein, denn er besaß gar keinen Sohn, konnte aber noch einen bekommen. Drei Monate später war es wirklich so weit. Das Lajussche Ehepaar entschloß sich zu einem Akt der Selbsthilfe, der, wie ungebräuchlich er auch im aristokratischen Westen der Hauptstadt sein mag, dennoch durch das grausame Orakel der Witwe Delphi eine gewisse Entschuldigung fand: das Kind wurde ausgesetzt und auf der Dammböschung des Kanals, nahe bei Schönberger Ufer Nr. 52, deponiert. Dort fand es der Dienstmann Nr. 637, der es seiner Instruktion gemäß auf dem Polizeirevierbureau in der Lützowstrasse ablieferte. Die sofort durch den Herrn Kriminalkommissarius von Weien eingeleiteten Requisitionen verliefen resultatlos. Dagegen meldete sich ein gewisser Herr Polybus, gebürtig aus Korinth an der Oder, und seine Frau Merope, welche sich schon längst einen Erben ihrer mehrfachen, in pommerschen Dreiundeinhalbprozentigen angelegten Millionen gewünscht hatten, und nunmehr den Findling adoptieren wollten. Diesem Verlangen wurde Folge gegeben, nachdem sich Polybus durch Revers verpflichtet hatte, seinen Pseudosohn in der Puttkamerschen Orthographie und überhaupt so konservativ wie möglich zu erziehen. Der Knabe wurde unter dem Namen Max ins Standesregister eingetragen; in der Familie wurde er kurzweg Oedipus genannt. Wir überspringen eine Reihe von Jahren, während deren sich die wichtigsten Veränderungen zutrugen. Die Spittelkirche war abgerissen, das Straßenbahnnetz durch die Linie Lützowplatz–Stadtbahnhof Börse erweitert, der grüne Graben teilweis zugeschüttet worden, und der Neubau der Potsdamer Brücke näherte sich rüstig seinem Ende in einem der kommenden Jahrhunderte. Der kleine Oedipus hatte mittlerweile nicht nur eine Länge von 1,65 Meter, sondern auch das Maturitätszeugnis erreicht. Der Abiturientenkommers wurde bei Mosolf am Moritzplatz gefeiert. Oedipus trank bei dieser Gelegenheit zwölf Ganze und sieben Schnitte Patzenhofer und wettete im Rausch mit einigen Kommilitonen, er würde in der Nacht durch die Oranien-, Koch-, Linden-, Leipziger, Bellevue- und Tiergartenstraße bis zur Hofjäger-Allee mitten auf dem Fahrdamm rückwärts gehen. »Du wirst überfahren werden,« bemerkte ihm der Konkneipant Agenor, der zwar wegen absolut ungenügender Leistungen im Lateinischen durchgefallen war, allein trotzdem den Abiturientenkommers mitmachte. »Vor einem Oedipus biegen alle Wagen aus!« entgegnete der Jüngling, indem er den achten Schnitt erledigte. Damit ergriff er das Rappier, welches zum Silentiumschlagen gedient hatte, trank sich gegenüber bei Buggenhagen mit dem dreizehnten Ganzen frischen Mut und begab sich auf die nächtliche Wanderschaft. Bis zur Tiergartenstraße Nr. 5 ging alles ganz gut. Allein hier kam ihm die Equipage des Herrn Lajus in die Quere, welcher gerade vom Fischessen beim Konsul Kreon in der Stülerstraße kam und zum Freitagsskat bei Eteoklessens in der Königgrätzerstraße wollte. Ein kurzer Wortwechsel – eine unselige Tiefquart (Oedipus hatte nämlich beim Universitätsfechtlehrer Neumann fechten gelernt) – und der erste Teil des Orakels der Witwe Delphi war in Erfüllung gegangen. Oedipus floh bis in die Gegend des neuen Viehhofes, wo er sich lange verborgen hielt. Die Polizei entfaltete eine fieberhafte Tätigkeit, um des Mörders habhaft zu werden. Diesmal leitete der Oberkriminalkommissarius von Hüllessem die Untersuchung, die indes abermals resultatlos verlief. Wiederum waren einige Jahre verstrichen. Oedipus hatte sich unter falschem Namen bei der medizinischen Fakultät inskribieren lassen, bei Waldeyer und Dubois-Reymond gehört und alle Examina bestanden. Da wurde er eines Tages zu einer schönen Patientin nach Blumeshof berufen, die über Fußweh klagte. Zehn Ärzte hatten sie bereits vergeblich behandelt und einstimmig erklärt, daß hier ein wahres Sphinxrätsel vorläge. Doktor Oedipus untersuchte den Fall, verwarf alle Bäder und Einreibungen, verordnete vielmehr ein paar bequemere Schuhe aus der Werkstatt des Schusters Daffke in der Schützenstraße. Die Patientin genas sofort und reichte ihrem Retter zur Belohnung vor dem Standesbeamten in der Genthiner Straße ihre begehrenswerte Hand. Durch Klatschereien zwischen den Dienstboten kam schließlich alles an den Tag. Die nun folgende Szene spottet jeder Beschreibung, besonders der des Verfassers. Genug, daß der amtliche Polizeibericht des nächsten Tages Ursache zu einer lakonischen Notiz hatte, in welcher Dr. Oedipus und Frau, geb. Jokaste, als erhängt, resp. schwer verwundet gemeldet wurden. Vierundzwanzig Stunden lang war das Haus in Blumeshof von einer dichten Menschenmenge belagert, die durch berittene Schutzleute in respektvoller Entfernung gehalten wurde. Die Witwe Delphi an der Ecke der Großen Hamburger Straße hatte also, alles in allem genommen, mit ihrem Orakel nicht so ganz Unrecht gehabt. Der Mann ohne Schlaf. Du siehst wirklich etwas angegriffen aus, lieber Franz, sagte ich zu meinem Freunde, als ich ihn an der Josty-Ecke traf; wobei zu bemerken, daß Franz Trünius eigentlich gar nicht mein Freund ist, sondern nur so ein entfernter Kollege. Wir sahen einander wochenlang nicht und konnten sehr gut ohne einander auskommen. Gerade hierin lag die stillschweigende Übereinkunft, uns wechselseitig als Freunde zu betrachten. Ich brauchte also jene bekümmerte Redensart über seinen Gesundheitszustand, obschon er in Wahrheit aussah wie immer und ein angenehmes Rosa auf seinen Bäckchen aufwies. Franz aber nahm das Wort bitterernst: »Angegriffen seh' ich aus? Ich werde bald gar nicht mehr aussehen. Es bringt mich unter die Erde. Hast du eine Ahnung, Alex, wie das ist, wenn man nicht schlafen kann?« »So so. Schlaflosigkeit. Aber das gibt sich wieder. Man nimmt ein bißchen Sulfonal oder dergleichen, dann wird man's los. Ich selbst habe daran gelitten, ...« »Stümper! Du redest mit einem Fachmann der Schlaflosigkeit! Ganze Apotheken voll solchen Zeugs hab ich schon geschluckt, ebenso gut könnte ich Kaffeebohnen kauen.« »Dann zähle doch im Bett ganz langsam von eins bis hundert; oder bis zweihundert, du sollst mal sehen ...« »Und wenn ich bis fünf Milliarden zähle, bleibe ich wach. Hab's ja probiert; mir ist aber nicht zu helfen, und ich gehe daran zugrunde.« »Wie hast du dir denn das zugezogen?« »Das hängt mit dem Krieg zusammen; erstens habe ich mich überlesen; ich lese täglich meine zwanzig bis dreißig Zeitungen, deutsche und ausländische. Man will doch wissen, was vorgeht.« »Na ja, Anlage zum Zeitungshamstern hast du ja schon immer gehabt.« »Orientierungsbedürfnis in Verbindung mit Schaffensdrang. Ich habe nämlich zwölf verschiedene Werke unter der Feder; erstens: Englands Raubpolitik im Lichte des einundzwanzigsten Jahrhunderts; zweitens: Vergleich dieses Weltkriegs mit dem Peloponnesischen Kriege; drittens: der Einfluß der Dolomitenkämpfe auf den holländischen Export; viertens ...« »Hör' auf, Franz, ich kann nicht folgen. Übrigens muß ich jetzt fort. Also gute Verrichtung und vor allem: wohl zu schlafen!« Damit entfernte ich mich nach der Potsdamer Straße, während mein Freund im Kaffeehaus unter einem Berg von Zeitungen verschwand. – Nach einigen Tagen fiel es mir doch aufs Gewissen, daß ich meinem Kollegen so wenig innere Teilnahme gezeigt hatte. Wirst dem Patienten eine Krankenvisite machen, dachte ich und klingelte vormittags um neun an seiner Flurtür. Sein Dienstmädchen öffnete, legte den Zeigefinger an die Lippen und machte: »Psch-sch-sch-t!« »Warum denn Psch–sch–t?« »Der Herr schläft.« Ich verduftete auf den Fußspitzen. Am nächsten Dienstag erneuerte ich meinen Besuch um Mittag gegen halb zwölf. Diesmal kam ich gar nicht die Treppen hinauf, sondern wurde schon unten vom Pförtner abgefertigt: Zu wem wünschen Sie denn? »Na, Sie kennen mich doch, – ich will zu Herrn Trünius.« »Da darf keener ruff. Der Herr schläft.« »Na, er muß doch einmal zum Vorschein kommen!« »Det is nich gesagt. Manchmal kommt er zum Vorschein, manchmal ooch nich. Seit vorjestern is er überhaupt nich zum Vorschein gekommen!« »Ja, was macht er denn immerzu in der Wohnung?« »Herrjott, sind Sie bejriffsstutzig; ich hab's Ihnen doch jesagt: er schläft.« »Seit wann schläft er denn so?« »Mit kleenen Unterbrechungen unjefähr so zwei Jahre. Einjezogen is er hier April 1914, seitdem is et so. Er wird wohl 'n sehr jutes Gewissen haben.« Am anderen Freitag probierte ich es wiederum, so gegen sieben Uhr nachmittags. Der Zustand schien sich verschärft zu haben, ich gelangte nicht einmal bis zum Pförtner. Auf der Straße wurde Stroh geschüttet, wie für einen Schwerkranken; und ich hörte die Leute reden: »das ist wegen dem Herrn im zweiten Stock; – damit, daß die Wagen keinen Lärm machen; und ein ernstbebrillter Herr mit Medizinalvollbart fügte hinzu: Wahrscheinlich ein Fall von Lethargie!« Aber am übernächsten Tage fand ich den Patienten wieder im Kaffeehaus hinter einer Verschanzung vielsprachiger Zeitungsblätter. Na, alter Junge, rief ich, du hast dich ja gründlich auskuriert! bist inzwischen unter die Siebenschläfer gegangen! »Wer? – Was? – Ich? – Wieso?« »Bekenne nur, ich weiß Bescheid: du bist eine Schlafratze erster Ordnung!« »Also das ist geradezu beleidigend. Meine letzte Nacht hättest du bloß erleben sollen: mit starren offenen Augen dazuliegen, in dieser Totenstille, immer bloß die Sekundenschläge der Taschenuhr zu verfolgen, dabei über zwölf verschiedene Kriegswerke nachzudenken ...« »Das muß wirklich eine schwere Arbeit gewesen sein; namentlich da es in dieser totenstillen Nacht unausgesetzt gewittert hat, mit einem Gedonner ohne Ende. In Groß-Berlin haben alle Betten gewackelt, und du bist der einzige, der's nicht gemerkt hat!«« Unwillig wandte er sich ab. Denn den angeblich Schlaflosen – wie viele zählt jeder in seiner Bekanntschaft ! – kann gar nichts ärgerlicheres widerfahren als die Entdeckung, daß sie eigentlich an Wachlosigkeit leiden! Ein merkwürdiges Mädchen. Edith war die Tochter wohlerzogener Eltern und besaß auch sonst eine Reihe von Eigenschaften, die sie befähigten, in den Mittelpunkt einer erzählenden Skizze zu treten. Sie war also hübsch, gebildet, tugendhaft und spielte mit Maß Klavier. Nur mit der Gesundheit haperte es etwas. Der Arzt konstatierte Nervosität auf bleichsüchtiger Grundlage und verordnete eine Seereise. Es war ein Versuch mit untauglichen Mitteln. Edith konnte das Meer absolut nicht vertragen und kam ganz erschöpft zu den häuslichen Penaten zurück. Von dieser Reise her behielt sie eine unüberwindliche Idiosynkrasie gegen alles, was nur entfernt mit dem Begriff des Ozeanischen zusammenhing. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß man nur auf einem schaukelnden, schlingernden Schiff seekrank werden kann. Feinere Naturen reagieren empfindlicher. Es gibt Leute, die schon seekrank werden, wenn sie in der Zeitung lesen, daß die deutsche Ostseeküste von Memel bis Borkum gewarnt worden ist; oder wenn sie an der Litfaßsäule das Plakat eines Extradampfers erblicken: ja die einfache Lösung eines Schiffstickets genügt bei manchen, um die bekannten Reflexbewegungen auszulösen. Edith ging in dieser Hinsicht weiter. Eine Überfahrt auf dem Wannsee bis zum Schwedischen Pavillon erzeugte bei ihr Zustände, als ob sie einen Zyklon auf dem Karaibischen Meer absolviert hätte, und ähnliche Symptome traten bei noch weit harmloseren Anlässen zutage. Sie wurde seekrank, wenn im Konzert die Hebriden ouvertüre von Mendelssohn gespielt wurde, wenn sie eine Ansichtskarte von Helgoland empfing, wenn sie am Aquarium vorüberging, oder auch nur an einem Häuschen von Wellblech , wenn sie Meerrettig roch, und sie mußte sich den Besuch des Rheingold versagen, weil darin Wellgunde und Woglinde vorkommen. Um das Unglück zu vollenden, war Edith verlobt. Die Geschichte war aus einer Kinderliebe erwachsen, und nun fügte es das Schicksal, daß ihr Ottomar sich dem maritimen Berufe zuwandte und nach mehrfach bestandenen Examinibus Marine offizier wurde. Zwei Strömungen kämpften nunmehr in der Psyche des Mädchens. Die elementare Neigung des Herzens zog sie zu dem Auserwählten, aber die Idiosynkrasie gegen alles Ozeanische revoltierte ihr den Magen. Brom und Validol versagten vollständig. Sie fühlte sich Braut eines Seeoffiziers, und folglich war ihr immer übel. Die Ärzte traten zum Konsilium zusammen und erklärten schließlich: wenn sich Edith nicht entlobt, dann geht sie an Seekrankheit zugrunde. Aber der brave Ottomar fand ein anderes Mittel zur Lösung der Wirrnis. Er richtete an die vorgesetzte Militärbehörde eine Eingabe: man möchte ihn zur Landtruppe versetzen, um die Magenwände seiner Verlobten zu beruhigen. Dieses Gesuch fand den gewünschten Erfolg. Und nun besteht nur noch eine Schwierigkeit. Ottomar hat nämlich das Heim für sich und seine künftige Gattin in der See straße unweit der Sylter straße gemietet, ohne zu bedenken, daß Edith in einer so stürmischen und salzlufthaltigen Gegend unmöglich wohnen kann. Phantasien im Berliner Ratskeller. Der Referendar Hans Schneider fand es auf dem Geburtstagsdiner bei seinem Onkel, dem Fabrikbesitzer Ottomar Schneider, furchtbar langweilig. Er hatte daselbst eine alte dicke Tante zur Tischnachbarin bekommen, die ihn mit den abgestandensten Familiengeschichten anödete und dabei fortwährend zum Essen animierte. Und dieses Essen! Es schien von einer zehnfach verliebten Köchin herzurühren, die alles, was ihr an kulinarischer Kunst fehlte, durch Reichlichkeit des Salzgehaltes zu verdecken gesucht hatte. Dafür waren aber die Tischgetränke nicht zu genießen. Onkel Ottomar hielt in dieser Hinsicht auf puritanische Einfachheit und verköstigte die ganze Gesellschaft mit einem einzigen Rotsaft, der zwischen Margaux und Kanzleitinte ungefähr die Mitte hielt, den er aber » Chateau Lafitte Schloßabzug« nannte. Um das Unglück zu vervollständigen, befanden sich an der Tafel noch verschiedene andere Mitglieder aller möglichen Schneiderschen Linien, die einander in Familien-Toasten überboten, und hierin an Länge, Witzarmut und Selbstgefälligkeit das Menschenmöglichste leisteten. Kurzum, es war nicht zum Aushalten. Als aber nach aufgehobener Tafel eine entfernte Kusine sich am Klavier niederzulassen begann, um das Intermezzo aus der » Cavalleria rusticana « vorzutragen, beschloß der Referendar einen Staatsstreich zu wagen. »Weißt du, Onkel,« sagte er, »ich habe furchtbare Kopfschmerzen und muß unbedingt ein wenig auf die Straße!« – »Daß du mir aber bald wiederkommst,« entgegnete der Onkel. – »Gewiß, gewiß!« stöhnte Hans Schneider und fort war er. Mit jener Plötzlichkeit, mit der geniale Gedanken den Menschen oft überkommen, war es ihm klar geworden, daß er den Rest des Abends auf einem höchst flotten Maskenball zubringen müsse, zum Trost für die ausgestandenen Leiden. Und zehn Minuten später befand er sich wirklich in der »Philharmonie«, jenem prachtvollen Etablissement, das den Hauptstädtern nicht nur die erlesensten Sinfoniekonzerte, sondern auch die famosesten Redouten bietet und so das Nikische Element mit dem Neckischen vereinigt. Mit dem Blicke des Sachkenners musterte der Referendar die holde Weiblichkeit, fest entschlossen, in Bälde mit irgendeiner Fee zu pokulieren, welche das Andenken an seine fürchterliche Tischnachbarin, die dicke Seitentante von vorhin, gründlich in seiner Seele ausrotten sollte. Eine holdselige Spanierin lächelte ihm verheißungsvoll zu. Er näherte sich ihr und sprach sie an, allein schon nach den ersten präludierenden Worten merkte er, daß in der exotischen Hülle eine Fabrikmamsell aus der verlängerten Ackerstraße steckte, und nach einigen verbindlichen Worten ließ er sie stehen. Ähnliche Enttäuschungen erlebte er bei verschiedenen Repräsentantinnen anderer Völkerschaften, bis er plötzlich an einer wunderbaren Araberin hängen blieb. Schon ihr Sprachorgan, noch mehr aber die gebildete und reservierte Art ihrer Konversation verriet ihm, daß er es hier mit etwas besserem zu tun habe. Wenn sie eine Konfektioneuse war, so gehörte sie unbedingt einem Konfektionshaus allerersten Ranges an. Vielleicht war es aber gar eine Dame der feinen Gesellschaft. »Holde Odaliske,« flötete der Referendar, »würde es wohl Ihren Intentionen entsprechen, mit mir eine Flasche Heidsieck auf Ihr spezielles Wohl zu leeren?« »Warum nicht? – allein unter einer Bedingung.« »Und die wäre?« »Daß Sie Ihren abscheulichen Frack mit einem Kostüm vertauschen. Nennen Sie es Laune oder wie Sie wollen, jedenfalls habe ich mir vorgenommen, heute meine intimere Gesellschaft nur einem Landsmann zu widmen. Ich bin Araberin, seien Sie also Araber!« »Ich füge mich Ihrem Wunsche unter einer Gegenbedingung: daß Sie auf mich warten, bis ich ein solches Kostüm aufgetrieben habe.« »Seien Sie unbesorgt; ich verlasse das Lokal nicht vor Schluß des Balles.« – – In einer Droschke auf Zeit fuhr Hans Schneider von einem Maskengarderobengeschäft zum andern. Er fand sie zwar, dem Usus in der Karnevalszeit entsprechend, sämtlich geöffnet, aber ein echtes Araberkostüm vermochte er nicht aufzutreiben. Überall zeigte man ihm »Mönche«, »Tiroler«, »Chinesen«, »Stierkämpfer«, Tierverkleidungen aller Art, – nur keinen »Araber«. »Kutscher, wissen Sie nicht noch so ein Geschäft?« »Jawohl, ick weeß eens in de Königstraße, da jiebt et allens.« »Also rasch dahin!« Und hier fand er wirklich das Gesuchte: ein echtes Beduinenkostüm, das ihm obendrein wie angegossen saß. Er sah bildschön darin aus. Während der ganzen Expedition hatte er seinen Durst wacker niedergekämpft, einen wahren Höllenbrand, der sich aus dem versalzenen Geburtstagsdiner entwickelt hatte. Jetzt aber mußte unbedingt eine gehörige Quantität Flüssigkeit aufgegossen werden, – noch eine Minute Aufschub wäre mit Selbstmord identisch gewesen. »Kutscher, fahren Sie hinüber nach dem Weineingang des Rathauskellers und warten Sie dort auf mich!« Eine leere Nische nahm ihn auf. Der Kellner machte zwar ein sehr verdutztes Gesicht, als er den Orientalen erblickte, wurde aber sofort sehr freundlich, als der Fremdling Rüdesheimer Auslese bestellte. Die erste Flasche hielt nicht lange vor. »Die Odaliske wartet ja auf mich,« dachte der Referendar, während er sich mit der zweiten beschäftigte; und bei der dritten dachte er gar nicht mehr. – Nach einer Weile sagte der Kellner: »Es ist schon recht spät, Sie müssen nach Hause gehen, Herr Araber.« »Gut, daß Sie mich daran erinnern,« entgegnete der Referendar; »wieviel macht das?« »Bezahlt haben Sie ja schon.« »Ja, ja, bezahlt hab' ich schon; wo ist denn der Ausgang?« »Hier, die Treppe hinauf!« Die Treppe nahm gar kein Ende. Und plötzlich wurden Flügeltüren vor ihm aufgerissen, und er befand sich im großen Rathaussaal, dem berühmten Kongreßbild von Anton von Werner gegenüber. Aber nicht wie sonst, leblos auf die Leinwand gebannt, erschienen die Figuren, sondern leibhaftig saßen sie um den Kongreßtisch, wie damals, als sie im Reichskanzler-Palais über die Geschicke des Orients beratschlagten. »Na, da ist ja der Emir in höchsteigener Person!« rief Graf Andrassy, »nun werden wir mit unseren Debatten viel schneller zum Ziele kommen.« »Seien Sie mir willkommen, Hoheit,« mit diesen Worten ging Fürst Bismarck auf den Ankömmling los, »es ist uns eine hohe Ehre, daß Sie sich persönlich zu uns bemühen; wir sind gerade dabei, über Ihr Wohl und Wehe die wichtigsten Entscheidungen zu treffen.« »Aber ich bin ja gar nicht der Emir,« stammelte der Referendar; »daß ich zufällig so aussehe, erklärt sich dadurch, daß ich ...« Lord Beakonsfield, der englische Delegierte, unterbrach ihn: »Es ist im höchsten Maße erfreulich, daß Eure Wüstenhoheit sich in so guter Laune befinden. Das wird unsere Verhandlungen ungemein erleichtern. Wollen Sie gefälligst Platz nehmen!« – Mechanisch gehorchte er der Aufforderung. Hierauf nahm Fürst Gortschakow das Wort: »Um die orientalischen Wirren ein für allemal zu beenden, schlage ich hiermit formell vor, Arabien einfach zu teilen!« Fürst Bismarck erklärte, diesen Antrag sofort zur Abstimmung bringen zu wollen; »wer dafür ist, erhebe die rechte Hand: – Das ist die Majorität; Arabien wird geteilt!« – »Und zwar auf der Stelle,« ergänzte Gortschakow; »jedes Land wird durch seinen Herrscher repräsentiert, wir haben den Emir hier, – teilen wir ihn!« Der Pseudo-Araber suchte zu entfliehen. Aber die Repräsentanten der Großmächte waren flinker als er, sie ergriffen ihn bei Armen und Beinen und waren eben im Begriff, ihn in Stücke zu reißen – »Zu Hilfe, zu Hilfe!« schrie der Referendar. »Na endlich!« sagte der Kellner des Rathauskellers; »seit einer Stunde schüttle ich Sie an Armen und Beinen, aber Sie wollten nicht aufwachen.« »Ist denn Bismarck noch da? murmelte Hans, noch immer schlaftrunken. »Nein, Bismarck ist längst fort,« entgegnete der Kellner, »und Sie sollten auch machen, daß Sie fortkommen, es ist schon furchtbar spät.« Draußen wartete die Droschke noch immer. »Nun aber fix nach der Philharmonie!« befahl der Referendar. Als er am Ball-Etablissement ausstieg, bemerkte er ein Paar, das sich eben zum Heimweg anschickte; er erkannte am Arm eines großen bepelzten Herrn seine schöne Odaliske. Und kaum hatte Hans Schneider seine lange Nachtfahrt auf Zeit bezahlt, als jenes Paar in die nämliche Droschke stieg und davonfuhr. Niemand weiß es. Gegen neun Uhr abends erschien ein vornehm aussehender Herr im Hotel, der das beste und teuerste Zimmer verlangte. Man hatte außerdem beobachtet, daß er dem Schofför, der ihn von der Bahn brachte, zwei Mark Trinkgeld verabreichte. Grund genug, um ihn in den Mittelpunkt des Interesses für das gesamte Personal zu rücken. Auf dem Fremdenzettel vermerkte er in flüchtigen Zügen »Dr. Eulenspiegel«, und verfügte sich dann sofort ins Speisezimmer, um dort einen Imbiß einzunehmen. Der Pikkolo stand ihm am nächsten, und den winkte er heran: »Gehen Sie in die Küche und bestellen Sie mir ein Kalbsrippenstück. Aber nicht mit Gemüsen, auch nicht mit Béarnaise, sondern mit Sufflineflasen .« Der Pikkolo entfernte sich mit verblödetem Antlitz. Nach wenigen Minuten erschien ein erwachsener, aber nichtsdestoweniger äußerst schüchterner Kellner: »Verzeihung, was hatten der Herr zu dem Rippenstück befohlen?« Der Gast machte mit den Fingern die erläuternde Bewegung des kulinarischen Streuens: »Ich wünsche Sufflineflasen. Aber fügen Sie in der Küche expreß an, daß die Sufflineflasen nicht länger als fünf Minuten dünsten.« Der Kellner verschwand in sichtlicher Verstörtheit. Er wurde alsbald durch einen imponierenden Oberkellner ersetzt, der seine Vorgänger entschuldigte. Das Personal sei teilweise noch neu, ungeschult und verstünde nichts. Der Herr wünsche wahrscheinlich eine Omelette soufflée ? »Ganz im Gegenteil; Sufflineflasen ! Ihr Koch wird schon wissen. Und außerdem noch eins: sagen Sie doch dem Hausdiener, er soll mir sofort den Koffer puntillieren lassen !« Der kurz zuvor noch so imponierende Oberkellner knickte zusammen. Er machte Augen wie eine Gans, der man mit einem Knüppel auf den Kopf geschlagen hat. Lautlos und verzweifelt entfernte er sich. Im Hotel herrschte Aufregung. Das Personal raschelte durcheinander und versuchte zu enträtseln. Niemand getraute sich mehr an den Gast mit den schwierigen Aufträgen. Endlich entschloß sich der Chef des Hauses in eigener Person zu einem Vorstoß: »Bitte nochmals um Verzeihung, es wird in der Sekunde alles besorgt werden. Was Ihren Koffer betrifft, so hatten der Herr Doktor besondere Wünsche?« »Jawohl, der Hausdiener soll ihn sofort puntillieren lassen. Das kann er ja machen, während ich hier das Rippenstück mit Sufflineflasen esse.« Dem Chef erstarb die Gegenrede in der Gurgel. Es wurde ihm klar: Dieser Gast war nicht zu bedienen; und gerade der mit dem besten und teuersten Salon im ganzen Hause! Das Renommee des Hotels stand auf der Kippe. Da ergänzte der Gast beiläufig: »Übrigens habe ich es mir überlegt. Statt der Sufflineflasen möchte ich eigentlich lieber Bratkartoffeln haben. Und den Koffer kann ich mir ja auch alleine puntillieren .« Mit einem Freudensatz sprang der Hotelier aus dem Saal ins Vestibül. Der Odem der Erlösung wehte durch das Hotel. Sechs Minuten später dampften die Bratkartoffeln vor dem schwierigen Herrn, und der Hausdiener vergoß eine Träne der Verzückung über dem rätselhaften Koffer. Tags darauf bei der Abreise, verteilte der Fremde fürstliche Trinkgelder, aber was er mit den Sufflineflasen und dem Puntillieren gemeint hat, das hat er nicht verraten. Wir werden es deshalb auch niemals erfahren. Und das ist sehr schade. Denn Sufflineflasen müßten doch eigentlich, wenn sie bloß existierten, ganz vorzüglich schmecken, und ein puntillierter Koffer besitzt vor einem unpuntillierten zweifellos den Vorzug der Neuheit. Der Mann mit dem schönen Organ. Bei einer der zahlreichen Tagungen ergriff er das Wort. Er hatte bessere Tage gesehen, als er noch am Stadttheater als Heldenspieler die Herzen der Backfische entzündete. Aber nun war die große Welle über ihn hinweggegangen, und nun hatte er sich der neuen Kunst völlig in die Arme geworfen. Ein jüngerer Kollege, Kinofeind bis auf die Knochen, opponierte heftig: »Die heilige Schauspielkunst, die hehre Himmelstochter, würde verraten, verkauft und prostituiert, wenn die dramatischen Werke, des Wortes beraubt und nach Kilometern berechnet, in stummen zappelnden Figuren auf die Leinwand geschmissen würden; kein anständiger Schauspieler dürfe zu solcher Vergewaltigung die Hand bieten.« Aber da strich sich der verflossene Altmeister die gefärbte Schmachtlocke aus der Stirn, runzelte die nicht minder getünchten Brauen und donnerte den Jüngling nieder: »Schuweigen Sie, Gellebschnabel! wer purostituiert sich? die Kunst? nein, das Pubelikum, das eine Gurröße, wie mich, fallen ließ! Lohnt es sich heute noch, ein Orrugan zu besitzen, das wie Orrugelklang durch die Erräume burraust? Da sind die neuen Gurrößen aufgekommen, welleche gurrunzen und schenattern und vom kulassischen Derrama keine Ahnung haben! Wie habe ich einst den Eggemont, den Mufisto, den Effalstaff, den Efferanz Moor hingelegt! Dafür ist jegliches Verreständnis verreschuwunden! Man will die schönen Berrusttöne nicht mehr hören. Die Kuritiker in ihrer Furechheit haben das kulassische Derrama ruinürt, von Eurüpüdes bis zu Gurillparzer. Schön sperrechen nennen sie dekulamüren! Da bin ich denn zu dem Entscheluß gekommen: düsen Schuwindel mache ich nicht mehr mit. Entweder das ganze Orrugan oder gar kein Orrugan. Ich verrestumme und verreschereibe mich dem Fillem! Auf der heutigen Sperrechbühne ist für meine Ausderrucksmögelichkeiten kein Pellatz mehr. Vorebei, vorebei! Ich kann nicht elleugenen, daß dieser Scheritt für mich schuwierig war. Nicht mehr am Perroszenium stehen, nicht mehr Kassekaden von Torochäen in die Hörorschaft schumettern! Das ist bittor! Aber ich habe überwuneden. Und auch für Sie, mein junger Fureund, wird döreinst die Gelocke schulagen, und Sie werden für das Küno agüren. Da ist der Erubikon, wir müssen hinübor!« »Nanu schlägt's dreizehn!« So ein Herrendiner hat seine Vorzüge. Die Unterhaltungsthemen stellen sich von selbst ein, das Essen gestattet Konzentration, und wenn es vorbei ist, braucht man keine Dame nach Haus zu bringen. Diesmal hatten wir es besonders interessant getroffen, denn unter den Anwesenden befanden sich drei Tagesberühmtheiten, die soeben erst einen weithin hallenden Bühnenerfolg errungen hatten. Alle drei zusammen. Einer der drei Autoren saß bei Tafel zu meiner Rechten. Ich lernte in ihm einen Herrn kennen, der Balduin Birch hieß und enorme Quantitäten Kaviar vertragen konnte. Ebenso rezeptiv verhielt er sich meinen Gratulationen gegenüber, die ich in reichlicher Fülle auf ihn einströmen ließ, denn das Stück der Trias-Kompagnie hatte mir wirklich ausgezeichnet gefallen. »Sagen Sie, Herr Birch,« interpellierte ich ihn vor der Suppe, »wie machen Sie das eigentlich zu dreien? Ich denke mir das außerordentlich schwierig. Zwei Verfasser, – das kann ich mir vorstellen; die können sich immer auf einer mittleren Linie treffen; aber drei? das muß doch zu großen Komplikationen führen.« »Es ist nicht so schwer, wie Sie annehmen«, entgegnete der andere. »Die Buchdruckerkunst ist ja auch von drei Männern erfunden worden. Ebenso konnte die Entdeckung Amerikas nur gelingen, nachdem drei Kapazitäten sich darum bemüht hatten. Ganz so einfach liegt die Sache natürlich bei einem Schauspiel nicht. Allein, wenn erst der Titel des Stückes feststeht, dann einigt man sich schließlich schon über den Rest.« »Ja, das muß man sagen: der Titel Ihres Stückes ist famos: › Nanu schlägt's dreizehn !‹ Das prägt sich ein, klingt volkstümlich und drastisch, das wirkt wie eine Bombe. Man lacht schon, eh's anfängt.« »Beiläufig bemerkt,« ergänzte Birch, »der Titel ist von mir. Meine Kompagnons hatten erst ganz andere Vorschläge. Unter uns, keinen Hund hinterm Ofen hätten wir damit hervorgelockt. Plötzlich stand es klar vor mir. Und nachdem ich einmal das erlösende Wort ausgesprochen hatte, gab es selbstverständlich keine Meinungsverschiedenheiten. In dieser Hinsicht, wie überhaupt, bildeten wir eine vollkommene Einheit.« »Und dann fingen Sie sofort an, Szene für Szene aufzuschreiben?« »Noch nicht; meinem Kollegen Daniel Dax schwebte eine schwere Tragödie in sechsfüßigen Jamben vor. Mein zweiter Kollege wiederum wollte absolut eine lyrische Oper daraus machen. In diesem Hinundher entschied ich: es wird ein Berliner Schwank. Und dabei ist es denn auch geblieben.« »Sehr zum Vorteil der Sache, wie der Erfolg bewiesen hat. Und wie geschickt Sie drei dann die politische Aktualität hineinverwoben haben! Besonders die Entlarvung des jesuitischen Muckers fand ich ganz ausgezeichnet.« »Gewiß. In allem Dramatischen kommt es heutzutage auf die Tendenz an. Mein Kollege Waldemar Watzki fabelte freilich von tendenzlosen Ewigkeitswerten. Das habe ich ihm aber gründlich ausgeredet. Mit einem Wort, die Tendenz des Ganzen, die von mir ist, drang durch. Ich muß übrigens anerkennen, daß der Kollege Dax mich hierin unterstützte, nachdem ich einmal die Hauptfigur erfunden hatte. Und so einigten wir uns denn rasch auf das Szenarium, wie es von mir ursprünglich skizziert und alsdann genau ausgearbeitet worden war.« Nach aufgehobener Tafel lösten wir uns zur Mokka-Episode in zwanglose Gruppen auf. Ich geriet an Herrn Daniel Dax, den ich ebenso herzlich wie motiviert beglückwünschte, indem ich besonders die Feinheiten des Dialogs rühmend hervorhob. »Ja, das haben mir schon manche gesagt«, entgegnete der Autor. »Was wäre aus dem Dialog geworden, wenn mir meine Mitarbeiter daran auch nur eine Silbe geändert hätten! Denn sehen Sie, darin liegt zugleich das Geheimnis der Charakteristik, die in diesem Stück völlig von mir ist. In dieser Hinsicht haben sich Birch und Watzki großartig bewährt, indem sie mir völlig freie Hand ließen. Es war wirklich ein ideales Zusammenarbeiten.« »Ich glaube beinahe selbst, einer allein kriegt's niemals so heraus. Diese Fülle der Witzworte und Pointen! Da muß einer immer den Grundgedanken haben, der zweite die Fassetten daranschleifen und der dritte damit Fangball spielen; sonst wäre ja dieses beständige Glitzern und Funkeln gar nicht zu erklären.« »Sie haben fast das Richtige getroffen. Nur muß ich Ihre Annahme dahin einschränken, daß sämtliche Pointen von mir sind, und zwar wortwörtlich. Wo ich so ein Schlagwort hinstelle, da steht es eisenfest. Gott, wir haben ja das Resultat schließlich gesehen: jeden Abend viertausend Mark Kasse und über achtzig Bühnen in der Provinz. Ich kann meinen beiden Mitarbeitern gar nicht genug für den intuitiven Scharfblick danken, der sie befähigte, zu jedem meiner Einfälle Bravo zu sagen.« Nach Mitternacht stellte es sich heraus, daß der dritte im Bunde und ich den nämlichen Heimweg hatten. Wir plauderten auf der Straße sehr angeregt über das gefeierte Stück. Dabei fuhr es mir heraus, daß die Idee des Ganzen von Herrn Birch herrühre. »Nanu schlägt's dreizehn!« rief Herr Waldemar Watzki. »Ich dränge mich wahrhaftig nicht in den Vordergrund, und rede kein Wort davon, daß das ganze Lokalkolorit und sämtliche Aktschlüsse von mir sind. Aber was die Idee des Ganzen anbetrifft, so handelt es sich – unter tiefster Diskretion natürlich – um eine uralte französische Posse aus dem Jahre 1813, die ich vorigen Sommer in Paris aufgestöbert habe. Und die Idee, diesen verstaubten Bühnenschmöker zu übersetzen und aktuell herauszuputzen, verstehen Sie wohl, diese Idee ist von mir!« Siehst du so aus?! Wie auf Geisterfüßen war die junge Dame ins Atelier geglitten. Und schon aus dieser Andeutung ahnt der Leser, was er zehn Zeilen später genau wissen wird: daß es nämlich keine junge Dame war, sondern eine Fee. Man hätte ein Blödian sein müssen, um das nicht sofort zu merken. Und der Inhaber der Kunstwerkstätte, Herr Gabriel Flex, war wirklich ein Blödian. Auch in anderer Hinsicht. Er hatte soeben sein Selbstbildnis beendet, in jener merkwürdigen futuristischen Art, die auf Ähnlichkeit verzichtet und an deren Stelle eine aus Komik und Grauen gemischte Unmöglichkeit setzt: die Entmenschung des Menschen. »Entschuldigen Sie, wenn ich störe,« sagte die Fee; »aber ich habe mich wohl in der Tür geirrt. Ich dachte, hier wohnt ein Künstler, und ich wollte mich eigentlich malen lassen.« »Können Sie bei mir haben,« entgegnete Gabriel; »Öl oder Aquarell, Brustbild, Kniestück oder ganze Figur, ganz wie Sie wünschen.« »Bevor ich mich entscheide,« sprach die Fee, »sagen Sie mir doch: was ist das für eine Fratze, die Sie auf der Staffelei haben?« »Das bin ich selbst; daran werden Sie wohl nicht gezweifelt haben.« Mit verändertem Tonfall fragte die Besucherin weiter: »Siehst du wirklich so aus?« »Ja gewiß! so sehe ich mich!« »So höre, Menschenskind! Von diesem Augenblick soll dich jedermann so sehen wie du selbst dich siehst! Kunst und Natur sei eines nur: wie deine Kunst, so deine Natur! Wandle hinfort in der Gestalt, die du selbst im Bildnis dir gegeben!« Damit schritt sie hinaus, und im selben Augenblick vollzog sich die Verwandlung. Die Ähnlichkeit wurde eine vollkommene: Gabriel sah nunmehr wirklich so aus wie sein Bild. Er betrachtete sich im Spiegel und stutzte. War das der Reflex seines Kunstwerks oder seines Körpers? Er verbeugte sich vor dem Spiegel, spreizte die Arme, setzte den Hut auf, nahm ihn ab, – kein Zweifel, es hatte sich etwas ereignet. So eine Art von Pygmalion-Wunder, ein Übergang vom Künstlerischen ins Lebendige. Ein bißchen unbehaglich zwar, diese Veränderung in ihrer Plötzlichkeit, aber immerhin, es ließ sich auch in dieser Figur leben. So oder so, dachte Flex, ein hübscher Kerl bin ich doch, und jetzt vielleicht noch interessanter als zuvor; die futuristische Kunst hat sich in mir zur futuristischen Persönlichkeit erhöht! Er klingelte seiner Aufwartefrau, denn es war Vesperzeit. Die alte Mathilde erschien in der Tür, beladen mit dem Kaffeebrett und dem darauf gebauten appetitlichen Stilleben. Lebte Wilhelm Busch noch, so könnte er zu der Sprengwirkung, die sich alsbald einstellte, ein neues »Klickeradoms«-Gedicht machen. Porzellanscherben prasselten in einer Brühe von Milch und Kaffee auf dem Estrich, während die alte Mathilde davonstürzte und mit ihren Schreckensrufen die Luft erfüllte: Der Golem! Der Golem! brüllte sie, da sie sich vom Kino her einer ähnlichen fabelhaften Mißgestalt entsann; dann flog sie in mehrfachen Kobolzsätzen die Treppe hinunter, brachte sich in Sicherheit und ward nicht mehr gesehen. Sie ist und bleibt eine Gans! murmelte Gabriel, während er auf dem Fußboden schwimmen ließ, was schwamm, und aus dem Wirrsal nur eine Druckschrift hervorfischte, die als Kreuzband mitgekommen war. Es war die Kunstzeitschrift »Samum«, in der er einen großen Artikel über seine Person und über seine unlängst in der »Ultra-Sezession« ausgestellte Landschaft vorfand. Das tat ihm wohl, denn der Artikel erhob ihn als Meister des Neo-Inexpressibilismus in alle Wolken, indes die alten verschimmelten Großherren von Dürer bis zu Lenbach einschließlich in Schimpf und Schande getaucht wurden. Mindestens zehnmal las er den Aufsatz durch, dann fiel ihm ein, daß er jetzt in Ermangelung einer Wirtschafterin die Pflege seiner Leiblichkeit außer dem Hause zu versuchen habe. Er verfügte sich also ins Restaurant. Nur eine kurze Wegstrecke war es bis dahin, allein die genügte, um die ganze Straße in Aufruhr zu versetzen. Ein Omnibusgaul wurde scheu und ging dermaßen durch, daß er erst in Spandau angehalten und getröstet werden konnte. Ein ganzes Mädchenpensionat sprang vor Entsetzen in den nahen Landwehrkanal. Ganz abgesehen von zwei Dienstmädchen, die es vorgezogen, am Blitzableiter des nächsten Warenhauses emporzuklettern. Der Aufenthalt im Restaurant währte nur wenige Minuten: denn der Wirt stürzte in der Gemütsstimmung des rasenden Ajax herbei und erklärte die Erscheinung des neuen Gastes für gleichbedeutend mit Hausfriedensbruch; unter den übrigen Gästen sei Panik ausgebrochen, drei Kellner lägen bereits auf Rettungswache. Gleichzeitig tauchte ein Hüne von Schutzmann auf, der den Maler Gabriel beim Wickel nahm und wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Verbindung mit Auflauf, Tumult und Sachbeschädigung nach dem nächsten Polizeibureau abschleppte. Der Vorsteher des Reviers erklärte mit äußerster Bestimmtheit: »Solch ein Individuum könne er unmöglich dabehalten. Diese Polizeiwache«, so setzte er mit unbeirrbarer Beamtenlogik hinzu, »hat schon manchen Unhold in ihren Mauern gesehen, aber immerhin, es waren Menschen; und nach meiner Instruktion habe ich darauf zu halten, daß hier nur Menschen eingeliefert werden, nicht aber Gnomen, Waldschratte, Werwölfe oder dergleichen. Welcher Fall hier vorliegt, weiß ich nicht. Darüber sollen erst Sachverständige entscheiden. Besorgen Sie deshalb, Schutzmann, eine geschlossene Droschke und fahren Sie dieses Schauerwesen nach dem Zoologischen Garten; oder fürchten Sie sich, mit sowas allein in einem Wagen zu fahren?« »I wo werd' ich denn!« meinte der Hüne; »ich war doch früher drei Jahre Tierbändiger bei Hagenbeck.« Zufällig war der Direktor des Zoo verreist. Es blieb also nichts übrig, als den p. p. Gabriel einstweilen in eine leere Gitterzelle zu sperren. Hier sollte er so lange in Verwahrung bleiben, bis der Direktor als amtlich und wissenschaftlich anerkannte Autorität den Wahlspruch fällen würde: Mensch oder Nicht-Mensch. Natürlich drängte sich das Publikum vor dem Käfig, um das Wundertier zu sehen und die Unerschöpflichkeit der neubildenden Natur zu bestaunen. Man blätterte in den Katalogen, fand aber keine Auskunft. Ein bebrillter Herr bemerkte: nach der Bekleidung zu schließen, scheint es doch eine Abart von Mensch zu sein; vielleicht das lang gesuchte Zwischenglied von Mensch und Vierhänder. Allein der Wärter war anderer Meinung: »Unser Pungo trug auch einen Anzug, und war doch ein Schimpanse.« – »Aber hören Sie doch, er redet ja.« – »Das beweist gar nichts, es gibt doch sogar Pferde, die Quadratwurzeln ausziehen.« Allgemein herrschte die Meinung vor, daß hier etwas Unerhörtes vorliege. Nur ein Gartenbesucher wollte sich entsinnen, auf einer Kunstausstellung des äußersten Westens bereits etwas Ähnliches gesehen zu haben. Plötzlich entdeckte der Häftling unter den Beschauerinnen ein Fräulein, dessen Anblick ihn in Wallung versetzte. Und hier möge erwähnt werden, daß er seit Monaten mit einer jungen dramatischen Kunstschülerin verlobt war, deren Talentmangel gerade anfing, sprichwörtlich zu werden. »Amanda!« rief er, »Amanda, kennst du mich nicht? Ich bin es ja, dein Gabriel!!« Worauf Amanda einen so überwältigenden Herzensschrei ausstieß, daß sie von einem nahebei stehenden Intendanten sofort lebenslänglich für erste tragische Rollen verpflichtet wurde. Eine Sekunde später war sie unter Bruch des Kontraktes wie des Verlöbnisses verschwunden. – In später Nacht gelang es Gabriel, aus der Gitterzelle auszubrechen, und am frühen Morgen finden wir ihn in seiner Werkstatt, maßlos niedergedrückt und halb verhungert. Abermals öffnete sich die Tür, und die verhängnisvolle Fee glitt geräuschlos in seine Nähe. »Nun fertige von neuem dein Selbstbildnis!« befahl sie. Er rückte Staffelei und Spiegel zurecht und gehorchte. Und wiederum wurde es ein Muster von Unähnlichkeit. Denn eher kann einer aus seiner Haut heraus, als aus seinen Untugenden. Aber was erschien nunmehr auf der Leinwand? Leser, du hast es geraten! Im Bilde erschien jetzt das sehr wohlgetroffene Porträt des Künstlers, getreu nach seiner vormaligen Erscheinung, ein Menschenkind, recht und schlicht und unbedeutend, wie es vordem als Dutzendware der Natur unter anderen Vielzuvielen gelebt hatte. »So sehe ich aus!« bekräftigte er. Und damit fiel der schlimme Zauber von ihm; während die Fee entschwebte, gewann er seine ursprüngliche Gestalt. Aber das gefährliche Abenteuer hatte ihm doch die Fortsetzung seiner Kunst stark verleidet. Also beschloß er, sich eine neue Zukunft aufzubauen; und um sich nicht gänzlich von Pinsel und Farbe zu trennen, wurde er – was er von Anfang an hätte werden sollen – ein braver Hausanstreicher, dessen Wert und Preis nach dem Quadratmeter gemessen wird. Eine angenehme Unterhaltung. Nirgends findet man so merkwürdige Reisegesellschaft als unterwegs . Der Satz ist unbestreitbar. Seine Richtigkeit lernte ich im Eisenbahnabteil kennen, als ich die Rheingegend befuhr. Da saß mir gegenüber ein Mann, der war schwerhörig, was ich allerdings erst im Lauf einer längeren Unterhaltung merkte. Ich langweilte mich gottsträflich, wie immer, wenn ich durch hochinteressante Landschaften komme. Deshalb suchte ich mit meinem Gegenüber eine Unterhaltung anzuknüpfen. »Hübsche Aussicht hier!« sagte ich; »das da drüben ist der Drachenfels im Siebengebirge.« »Im Wieviel gebirge?« fragte der Mann. »im Sieben gebirge,« wiederholte ich. »Teilweis erinnert die Gegend an die Ufer des Vierwaldstätter Sees.« »Des Wieviel waldstätter Sees?« fragte der andere. »Des Vier waldstätter,« betonte ich. »Ein vorzüglicher See! manchmal glatt wie ein Spiegel, manchmal aufgeregt wie das Meer, wenn Neptun mit dem Dreizack einherfährt.« »Mit dem Wieviel zack?« »Mit dem Drei zack! Auch den Kanton Zürich liebe ich sehr. Waren Sie schon einmal in Maria-Einsiedeln?« »In Wieviel siedeln?« »In Ein siedeln! Sehr lohnender Ausflug und treffliche Verpflegung im Gasthof zu den »Drei Königen«. » Wieviel Könige?« »Zu den drei Königen. Beinahe so gut wie in München im Hotel »Vier Jahreszeiten«. » Wieviel Jahreszeiten?« » Vier Jahreszeiten. Kann ich Ihnen sehr empfehlen. Voriges Frühjahr wohnte ich dort. Ich kam aus Zweisimmen ...« »Aus Wieviel simmen?« »Aus Zwei simmen. Dort war's mir aber zu kalt. Es war gerade die Zeit der drei gestrengen Herrn ...« » Wieviel gestrenge Herrn?« » Drei gestrenge Herrn. Natürlich ist die Wetterregel, die sich an diese Tage knüpft, eine Legende, ebenso wie mit den Siebenschläfern.« » Wieviel Schläfer?« » Sieben schläfer. Diesmal aber war es tatsächlich recht kühl. Von München fuhr ich ins Elsaß nach drei Aehren ...« »Nach wieviel Aehren?« »Nach drei Aehren! Sie werden bereits bemerkt haben, daß ich sehr viel reise, immer auf Siebenmeilenstiefeln ...« »Auf Wieviel meilenstiefeln?« »Auf Sieben meilenstiefeln. Und ich habe das Talent, in kürzester Zeit unglaublich viel zu sehen; in dieser Hinsicht bin ich, das kann ich wohl sagen, ein Tausendsassa.« »Ein Wieviel sassa?« »Ein Tausend sassa. Ich weiß auch im Vorbeifahren immer, was draußen los ist. Diese Spitze zum Beispiel,« – dabei wies ich mit dem Finger aus dem Wagenfenster, – »ist der Turm der Dreifaltigkeitskirche ...« » Wieviel faltigkeit?« »Der Drei faltigkeitskirche; und das dort,« – dabei veränderte ich die Richtung des Zeigefingers – »ist die Zwölfapostelkirche.« » Wieviel apostelkirche?« » Zwölf apostelkirche. Wir sind übrigens sofort in Köln mit seinen elftausend Jungfrauen.« » Wieviel tausend Jungfrauen?« » Elftausend Jungfrauen. Mir scheint, Sie hören ein bißchen schlecht; das hätten Sie mir doch gleich sagen können, bevor ich meine Lunge so strapazierte, ich Einfaltspinsel.« » Wieviel faltspinsel?« » Ein faltspinsel!« schrie ich, indem ich meine Sachen zusammenraffte, um auf den Bahnsteig zu springen. Einer von Vielen. (Besuch bei einem Komponisten.) Er: Ach, wie ich mich freue. Sie bei mir zu sehen! Sie treffen mich gerade in einer Arbeitspause. Ich muß Ihnen erzählen, was ich vorhabe und nachher will ich es Ihnen auch vorspielen. Ich: Das haben Sie gar nicht nötig, Verehrtester. Schonen Sie Ihre Beredtsamkeit und Ihr Klavier. Ich werde Ihnen erzählen, was Sie vorhaben. Ich werde Ihnen Ihre überraschenden Gedankengänge haarscharf entwickeln. Er: Sie mir? aber erlauben Sie, Sie können doch gar nicht wissen ... Ich : Selbstverständlich weiß ich. Sie sind doch Kapellmeister und Sinfoniker, das genügt mir. Also hören Sie: Momentan stehen Sie im Begriff, Beethovens Zehnte Sinfonie zu schreiben. Sie wollen dem titanischen Ringen der Menschheit den letzten, höchsten orchestralen Ausdruck verleihen. Er: Allerdings – das heißt, gewissermaßen... Ich: Warum so schüchtern? Bekennen Sie sich doch voll und ganz zu Ihren Absichten. Ich wette darauf, Sie schildern in den ersten drei Sätzen Ihrer neuen Sinfonie den faustischen Drang einer verzweifelten Heldenseele. Im zweiten Satz haben Sie Momente melancholischer Entsagung. Im dritten bringen Sie den temperamentvollen Aufschwung. Und ich wette darauf, im letzten Satz werden Sie Chor und Soli aufbauen, um die letzte höchste Erlösung Ihrer Gigantenseele in ebenso erhabenen wie niederschmetternden Tönen zu feiern. Er: Ja, natürlich brauche ich Chöre und Solisten... Ich: In Minimo fünfhundert ausführende Personen. Es wäre Verrat an den heiligsten Gütern der Kunst, wenn Sie weniger beanspruchten. Ich wette darauf, das überleitende Fugato, in dem Sie das innere Zerwürfnis Ihres Helden schildern, wird Ihnen ganz fabelhaft gelingen und unter Dutzenden absolut gleichwertigen Fugatosätzen als ein Unikum dastehen. Ich wette darauf, im Erlösungssatze wird über hohen Trillern und Flageolets eine Lohengrin-Reminiszenz himmeln und wimmeln. Ich wette darauf, Sie brauchen ein Glockenspiel, um ferne Sphärenklänge anzudeuten. Ich wette darauf, daß Sie abwechselnd von Wagner in Brahms, von Brahms in Tschaikowsky, von Tschaikowsky in Bruckner und von Bruckner wieder in Wagner verfallen. Er: Man steht doch auf den Schultern seiner Vorgänger! Ich: Daher der Name Kapellmeistermusik. Früher machte man flache, heute schreibt man transzendente. Früher mußte alles klingen , heute muß alles mißklingen . Im übrigen gleicht sich alles aus. Den Kapellmeister möchte ich sehen, der nicht Beethovens Zehnte Sinfonie schriebe! Nichts für ungut. Ich wette darauf, Sie werden einen immensen Erfolg haben. Das Publikum applaudiert immer wie besessen, wenn man es anderthalb Stunden viviseziert hat und die Quälerei schließlich doch einmal aufhört. Der Satz, mit dem die Hörer dann in die Höhe fahren, ist der eigentliche Erlösungssatz. Ich wette darauf, man wird Sie originell finden. Denn im Konzertsaal besteht die Originalität darin, daß es alle egal machen. Ich wette darauf, Sie werden eine glänzende Presse haben; besonders wenn Sie inzwischen verstorben sind. Und ich wette darauf, daß ich mit diesen Wetten zehnmal mehr verdienen könnte als Sie und Ihre Kollegen mit zehn Zehnten Sinfonien! Ich trage vor. Skizze von A. M. Es ist eigentlich das einfachste und leichteste von der Welt. Man wird von einer literarischen oder literarisch gestimmten Gesellschaft eingeladen, eventuell läßt man den Vortrag von einem Agenten deichseln, dann steigt man auf das Podium, wird mit Applaus empfangen, macht eine huldvolle Verbeugung und liest vor. Was man geschrieben hat, wird man doch schließlich noch lesen können. Sonderliche Vortragskünste werden vom Autor niemals erwartet. Das Publikum ist schon zufrieden, den beliebten Soundso aus seinen eigenen Schriften vortragen zu hören, die nämlichen Humoresken, die es zu Haus auf dem Kanapee weit bequemer belächeln könnte. Man braucht keinen Sufflör, kein Stichwort, kein Requisit außer seiner Druckschrift und einem Portemonnaie, in das man nachher das Honorar versenkt. Das alles ist Summa Summarum gar kein Kunststück. Noch eigentlicher ist es aber eigentlich verdammt schwer . Bei leerem Saale ist man schon blamiert, ehe man anfängt, bei vollem Saale ist man einer gegen vier- oder fünfhundert. Die Humoreske, die Verssatire, die bis jetzt im Buche ein unbescholtenes Dasein führte, wird plötzlich mit allen Angriffsflächen herausgestellt und muß verteidigt werden. Im Druck hatte sie nur einen Verfasser, im Vortragssaal bekommt sie einen laut plaidierenden Anwalt. Das Auditorium verwandelt sich in ein Tribunal. Bei der ersten versagenden Pointe merkst du: Die Sache steht schief, Verurteilung ist nicht ausgeschlossen. Du weißt, in zehn Zeilen kommt eine neue Pointe, auf die stürmst du los, du verhaspelst dich, überliest eine Zeile, der Satz wird sinnlos, auf den hinteren Reihen ruft einer: Lauter! Was ungefähr gleichbedeutend ist mit: Schon faul! Der Angstschweiß bricht dir aus und betröpfelt dir die Augengläser. Die dritte Pointe ist schon gar nicht zu finden. Man bekommt einen Haß auf das Manuskript, auf das Buch, auf die zuhörende Menschheit. Endlich lachen ein paar Leute; ob über deine Humoreske oder über deine Verlegenheit, bleibt zunächst unentschieden. Gott, wie leicht ist das Schreiben und wie schwer das Vortragen! Und dazu die schaurige Prognose: Noch anderthalb Stunden solo auf dem Podium, ohne Souflör, ohne Stichwort, ohne Requisit! Wenn's nur erst zehn Uhr wäre! Dann Schluß und nie wieder! Ich trage vor. In Dresden, in Leipzig, in Frankfurt oder anderswo. Alles geht nach Wunsch, die Hörer amüsieren sich sichtlich, eine angenehme Applauswelle hat schon mehrfach den Strand der Estrade gekräuselt. Mitten im Vortragssatze kommt mir der Gedanke: Was bedeutet das eigentlich? Weshalb sitzen diese Menschen hier? Was willst du von ihnen und was wollen sie von dir? Mechanisch lese ich weiter, während die Gedankenkette sich fortspinnt: Was geschieht, wenn jetzt die Beleuchtung ausgeht? Oder wenn Feuer ausbricht? Oder wenn eine Dame Schreikrämpfe kriegt? Oder wenn mir das nächste Blatt im Vortragsheft fehlt? Oder namentlich wenn ... Herrgott, da ist es schon geschehen! Mir rutscht die Hose! Statt daß die Leute platzen, platzen mir die Knöpfe, woran die Hosenträger verankert sind. Ich bin gewiß für die Preßfreiheit, und es empört mich, wenn ein Redakteur sitzt ; aber seine Hosen müssen sitzen ! namentlich im Hellicht der öffentlichen Vorlesung. Selbst die Sansculottes der französischen Revolution behielten ihre Hosen an, wenn sie zum Volk sprachen. Und weiter verlängert sich die Gedankenkette nach unten, während ich oben ein satirisches Gedicht über moderne Kunstströmungen vortrage: Ich weiß, daß meine schwarzen Beinkleider vorzüglich wirken, solange sie sich eins fühlen mit ihrem Besitzer und nicht ausschließlich der Gravitation folgen. Ich weiß, daß mir momentan eine dritte Hand fehlt, da die beiden verfügbaren am Vortragsbuch beschäftigt sind. Ich weiß, daß der Anblick meiner weißen Unterhosen nicht für die Augen einer größeren Korona berechnet ist, daß der Moment der Entschleierung katastrophale Folgen bedingt, und daß es für alles einen Generalpardon gibt, nur nicht für die restlose Deklarierung der Beine. Einen Moment schießt es mir durch den Kopf, hier hilft nur: Ohnmacht fingieren, sich tot stellen. Allein, da man im Augenblick der Gefahr prinzipiell das Falsche tut, so breche ich das Gedicht ab, mache eine Kunstpause und verschwinde ins Künstlerzimmer. Wäre ein Kinematograph zur Stelle gewesen, – was für ein » Autoren-Film « hätte das werden können! Ich trage in einer schlesischen Provinzstadt vor. Statutengemäß knüpft sich daran eine freie Diskussion, die sich an einem Kreuzfeuer von Fragen und Antworten entzündet: Zurufe aus dem Publikum: Antworten des Vortragenden: Schreiben Sie Ihre Sachen alle allein? Nur einzelne; bei anderen habe ich mir von Lattenfritze, Aristophanes und Anton Notenquetscher helfen lassen. Was halten Sie von dramatischer Kompagniearbeit? Sehr viel; hat doch sogar Schiller mit zwei Schädeln gedichtet. Wer wird den nächsten Grillparzerpreis erhalten? Entweder Rabindranaht Tagore oder Kutschte; jedenfalls würde ihn Grillparzer , wenn er heute lebte, nicht bekommen. Kann man Wedekind mit Molière vergleichen? Bedingungsweise; im Text ist Wedekind freier, aber in der Tantième ist Molière freier. Wer war bedeutender: Dante oder Quattrocentro? Läßt sich nicht beantworten, denn Quattrocento war überhaupt kein Dichter, sondern ein Maler. Ihr Urteil über das Stück Odysseus unseres Landsmanns Gerhart Hauptmann? Es hat den Vorzug, daß Penelope darin nicht vorkommt, und den Nachteil, daß Odysseus darin vorkommt. Gibt es beim Dichter auch Berufskrankheiten? Allerdings, besonders beim dramatischen: er leidet oft vor der Aufführung an Kleptomanie und bei der Aufführung an Durchfall. Der Herr Intendant. (Szene: Eine kleine Residenzstadt. ) Der Intendant: Also wie gesagt, es soll ein Exempel statuiert werden an diesem neuen Kapellmeister, den wir, Gott sei's geklagt, in einer schwachen Stunde engagiert haben, – wie heißt der Kerl doch gleich? Wurm, die rechte Hand des Intendanten: Der Name tut ja nichts zur Sache. Selbstredend bin ich durchaus Ihrer Meinung, Exzellenz, es muß ein Exempel statuiert werden von außergewöhnlicher Strenge, gleichsam als abschreckendes Beispiel. Übrigens, warum eigentlich, wenn ich fragen darf? Der Intendant: Weil dieser Mensch die Frechheit besitzt, sich zu fühlen, den Hochnäsigen zu spielen, zu vergessen, daß er sich an einem fürstlichen Gunst-Institut befindet, weil er so tut, als wäre er wer, was nach Paragraph fünfzehn unseres Disziplinarreglements schärfstens verboten ist. Die rechte Hand: Grund genug, um gegen ihn einzuschreiten; aber mit welchen Mitteln, Exzellenz? Der Intendant: Zum Glück war mir noch nie für die Ausführung eines Entwurfs bange, wo ich mich mit einem: » Es soll so seyn! « einstellen konnte. Die rechte Hand: Exzellenz belieben den Präsidenten aus Kabale und Liebe zu zitieren. Meiner bescheidenen Ansicht nach lassen wir hier die Liebe gänzlich außer Betracht, um uns ohne jede Zersplitterung mit der Kabale zu befassen. Immerhin ... Der Intendant: Wurm, es gibt kein Immerhin, wo es sich um die Züchtigung eines Kapellmeisters handelt, ... Die rechte Hand: Der, wie ich mir einzuschalten erlaube, als eine Zierde seiner Zunft gilt. Der Intendant: Gerade das wird ihm den störrischen Hals brechen. Was heißt das überhaupt: »Zierde der Zunft«? Wie kann man eine Zierde sein, wenn man nichts besitzt als das Amt, die Noten mit einem Stecken zusammenzufuchteln? Ein Mensch, der es in der Reserve nicht einmal bis zum Gefreiten gebracht hat! Dem will ich Mores beibringen. Sagen Sie, Wurm, könnten wir uns nicht überhaupt ohne Kapellmeister behelfen? Die Orchesterleute wissen doch so schon, was sie da zu spielen haben. Die rechte Hand: Aber sie blicken nach dem Dirigenten! Der Intendant: Nach dem Intendanten sollen sie blicken und nach der Hofloge! Tatsächlich, wir sollten den Kapellmeister einfach abschaffen und auf die Straße setzen. Die rechte Hand: Eine solche Maßregel wäre vielleicht doch zu radikal. Aber man könnte ihn vielleicht in Buße nehmen auf Grund der Behauptung, daß er gestern bei der siebenhundertsten Reprise der » Bajazzi « schlecht dirigiert habe. Der Intendant: Wenn er es darauf anlegt, daß die Spieler auf ihn blicken, dann dirigiert er immer schlecht, der Frechdachs! Die rechte Hand: So allgemein ließe sich das wohl kaum behaupten. Aber vielleicht im speziellen Falle, einfach deshalb, weil ein Gegenbeweis nicht geführt werden kann. Also wir erklären, will mal sagen, daß er den ersten Akt zu schnell und den zweiten Akt zu langsam genommen habe. Der Intendant: Bravo, bravo! mir kam es auch gleich so vor, als ob er den ersten Akt zu langsam und den zweiten Akt zu schnell dirigiert hätte. Viel zu langsam und viel zu schnell; eine wahre Affenschande von Tempo, daß sich der Komponist im Grabe herumdrehen müßte. Die rechte Hand: Der Komponist lebt noch. Beiläufig: wir dürfen da einander nicht widersprechen. Ich schlug ergebenst vor, daß er den ersten Akt zu sehr beschleunigt habe. Wenn aber Exzellenz wünschen, kann auch das Umgekehrte protokolliert werden. Der Intendant: Formulieren Sie die Anklage wie Sie wollen. Ich habe da nur das Ziel im Auge: Das renitente Individium muß geduckt werden! Sehn Sie doch mal in unserem Kodex nach, zu was er disziplinariter gepönt werden kann; zu Wasser und Brot, oder zu Halseisen oder Krummschließen, oder so was Ähnlichem. Die rechte Hand: Leider ausgeschlossen. Die Humanitätsduselei der Neuzeit zwingt uns zu milderen Maßregeln. Man könnte ihn höchstens aus unserer kleinen Residenz verbannen, mit der Maßgabe, daß er in einem Umkreis von dreitausend Kilometern und in einem Zeitraum von neunzig Jahren nie wieder öffentlich auftreten darf; was ja wohl den Ruin und bürgerlichen Tod dieses Kapellmeisters bedeuten wird. Der Intendant: Werden Sie bloß nicht gerührt, Wurm, das steht Ihnen nicht. Also dreitausend Kilometer sind gut. Wenn er meinethalben in Peking oder in Borneo die »Bajazzi« falsch dirigieren will, so kann er ja sein Leben damit fristen. Sagen Sie, Wurm, dann müssen wir wohl einen neuen engagieren? Die rechte Hand: Einen besseren, – ich meine als Künstler – werden wir kaum finden. Der Intendant: Daß Sie ihm bloß das nicht ins Dienstbuch hineinnotieren! Der Kerl kriegt's fertig und veröffentlicht's! Also es bleibt dabei: er dirigiert miserabel und darf hier in der Nähe nie wieder auftreten, weil er uns durch seine unvergleichliche Kunst eine höchst unliebsame Konkurrenz machen könnte. »Der Gentleman« bei der Arbeit. Aus den vorhandenen Brevieren der Eleganz läßt sich klar ersehen, wie sich der Gent zu kleiden hat, wenn er spaziert, fährt, besucht, bummelt, sportet, flirtet, heiratet, also wenn er faullenzt, nicht aber, wenn er – was doch immerhin vorkommen mag – auf Seitensprünge gerät und irgendetwas tut. Ratlos steht der Gentleman , sobald er auf den Gedanken verfällt, eine Leistung zu verüben, er weiß dann einfach nicht, was und wie er sich anziehen soll, und alle Literatur läßt ihn im Stich. Diese Lücke soll hier ausgefüllt werden. Schon beim einfachen Dichten können die gröbsten Verstöße begangen werden. In England gilt es als durchaus stilwidrig, im Smoking mit dem blanken Zylinder auf dem Kopf den Pegasus zu besteigen. Ein mehraktiges Drama kann nur dann gelingen, wenn der Autor sich in hellblauem Pyjama von reiner Seide an den Schreibtisch setzt und dabei einen weichen Filzhut von sattem Grün auf dem Poetenhaupt balanziert. Harmlose Sonetten und Balladen mit unblutigem Ausgang lassen sich auch im gestreiften Sakko dichten. Außerordentlich wichtig ist die Wahl der Krawatte sowohl für den Dramatiker als namentlich für den Komponisten. Die Tatsache, daß Beethoven seinen »Fidelio« ganz ohne Schlips komponiert hat, steht allzu vereinzelt da, als daß sie zum Range einer Kunstregel erhoben werden könnte. Ein richtiger Schlips ist für einen gediegenen Kontrapunkt ebenso notwendig, als ein falscher selbst die vorzüglichsten Harmonien ruiniert. Wer es darauf anlegt, im Finale einer Sinfonie besonders weihevolle und hinreißende Momente zu finden, der sollte prinzipiell von dem Gebrauch zu heller Schlipse absehen. Dagegen verbürgen mausgraue oder tabakbraune Krawatten auf ganz fein in gleichen Farben untermusterten Hemden orchestrale Effekte von unerhörter Gewalt. Natürlich ist auch hier auf die Individualität der Schaffenden Rücksicht zu nehmen. Richard Wagner trug eine flaschengrüne Krawatte zu schwarzem Cutaway, als er den ersten Akt des Parsifal schrieb. Hieraus aber schließen zu wollen, daß die grüne Krawatte die allein mögliche Vorbedingung für ein Weihfestspiel bilde, wäre verfehlt. Die echte Gralstimmung in einer Partitur läßt sich zweifellos auch auf Grund einer olivengrünen oder milchblauen Krawatte erzielen, falls der Komponist nur nicht verabsäumt, sie in fächerartig auseinanderfallende Flügel zu schlingen. Schwieriger wird das Problem beim Philosophen , Mathematiker und Naturforscher. Galilei trug zur Entdeckung seiner Fallgesetze ein Nachthemd mit weitem Kragen von Stehumlegeform. Leibniz wiederum bediente sich eines Morning-Hemdes mit angenähten Perlmutterknöpfen und Einsatz aus Pikee, als er die Differentialrechnung erfand. So sehr indes hier auch die Laune des Einzelnen mitspricht, so sicher wird man behaupten dürfen, daß epochale Errungenschaften in den exakten Wissenschaften unmöglich erzielt werden können, wenn der denkende Forscher sich nicht dabei ein Monokel vor die Pupille klemmt. Das sollte jeder Gentleman im Auge behalten, sofern er beabsichtigt, zwischen Dinner und Evening-Flirt die Welt als Gedankenathlet aus den Angeln zu heben. Geschnatter. (Im Frauen-Abteil zwischen Görlitz und Breslau.) Zugwechsel. Drei Damen verstauen ihr Handgepäck in den Netzen des Personenzuges. Freudige Überraschung. Herrjeh! – Sie kommen mir ja so bekannt vor, – sind Sie nich ...? und Sie! – aber freilich, wir sind ja zusammen in Chemnitz auf Schule gegangen, – Gott, wie die Welt klein is, so trifft man sich wieder! wo reisen Sie denn hin? – nach Breslau, zur Ausstellung, da bin ich von Verwandten eingeladen, – und ich doch auch – und ich auch, – wie sich das trifft, – wohnen Sie denn noch immer in Chemnitz? – I wo, ich bin in Kottbus verheirat', mein Mann heißt Jeschke; – und ich in Iserlohn, mein Mann heißt Kröbsch, – und ich in Flöha, mein Mann heeßt Nippold. Ich hab' auf'm Bahnhof in Görlitz noch schnell e Täßchen Kaffee getrunken, – ich doch auch, – ich auch, merkwürdig, daß wir uns da nich schon gesehen haben. Bei uns in Kottbus trinken wir den Kaffee stärker. Bei uns in Iserlohn nehmen wir mehr Milch dazu. Bei uns in Flöha kochen mer'n heeßer. Komisches Gebäck haben se hier; bei uns in Kottbus backen se de Semmeln viel größer. Bei uns in Iserlohn nehmen se mehr Weizen dazu. Bei uns in Flöha ist das Gebäck knuspriger. Is doch hübsch, so zu reisen, man sieht doch was von der Gegend. Und die vielen Schornsteine da drüben; scheint 'ne Fabrikstadt zu sein. Bei uns in Kottbus sind auch Fabriken, mehrschtens Spinnereien für Kammgarn und Wolle. – Bei uns in Iserlohn sind's mehr Messingfabriken. – Bei uns in Flöha mehr in Dachpappen. Seh'n se bloß, Frau Jeschke, da drüben, auf der Chaussee, die Menge Jungens mit de bunten Fähnchen: Ob se hier schon Schulferien haben? – Bei uns in Kottbus fangen die Schulferien erst in vierzehn Tagen an. – Bei uns in Iserlohn schon in acht Tagen. – Bei uns in Flöha am 12. Juli. Wollen wir nicht die Kupeefenster ein bißchen runterlassen? es is so stickig hier, ich krieg's schon mit'm Schwitzen! Bei uns in Kottbus wird's ooch manchmal eklig heeß. – Bei uns in Iserlohn bloß im Sommer um Mittag. – Bei uns in Flöha geht Sie immer e kiehles Liftchen. Es kommt aber 'ne Menge Ruß durch de Fenster, seh'n Se bloß, das macht orntlich Flecke auf de Bluse, das kriegt man nachher gar nicht mehr raus. Bei uns in Kottbus reinigt man das chemisch. – Bei uns in Iserlohn geben wir's in de Dampfwäscherei. – Bei uns in Flöha machen mer das zu Hause mit Terpentin und heeß Wasser. Jetzt müssen wir aber wirklich zumachen, draußen gewittert's und ich hab so Angst vorm Donner. Wenn's nur nicht wo einschlägt! Bei uns in Kottbus schlägt's sehr oft ein. Erst vorige Woche is'n Dachstuhl abgebrannt. Bei uns in Iserlohn kann das gar nicht vorkommen, unsre Feuerwehr is ausgezeichnet. Bei uns in Flöha haben wir davor Blitzableiter. Ich bin doch sehr neugierig auf Breslau; – ich auch; – ich auch; – da soll doch so ein schönes altertümliches Rathaus sein ... Bei uns in Kottbus ... Bei uns in Iserlohn... Bei uns in Flöha ... Werdegang eines Künstlers. Man nannte ihn ›eine Hoffnung‹ und einen ›Woller‹; namentlich seit von ihm eine werdende Kuh in Öl auf die Ausstellung gekommen war, die die eine Hälfte der Beschauer für eine Nymphe in Marmelade und die andere Hälfte für einen zerplatzten Hummer gehalten hatte; bis es sich herausstellte, daß es eine rote Krawatte zwischen zwei Hingerichteten war. Erst nach acht Tagen entdeckte man, daß das Bild verkehrt hing. Als man es richtig hängte, ergab sich die wahre Absicht des Künstlers, der ein Korallenriff im Spreewald gemeint und dieses Riff durch eine Pyramide von Zigarrenkisten sehr täuschend dargestellt hatte. Er rang sich damals vom Impressionismus über den Kubismus hinweg zum Expressionismus hindurch, wandte sich aber, nachdem diese ismen innerlich überwunden waren, dem Unsinnpressionismus zu. Dabei fesselte ihn auch das Prinzip, menschliche Gliedmaßen als Würste darzustellen, der sogenannte Salamismus. Von mehreren Pariser unanimistischen Cerebristen stark beeinflußt, entschloß er sich, den Salamismus mit dem Dekadentismus auf der Linie eines pointillistischen Perversismus zu verschmelzen, um so das ihm vorschwebende Ideal des inkohärenten Skandalismus zu erreichen. Aber es ging ihm ähnlich wie Saul, der seines Vaters Eselinnen suchte und ein Königreich fand. Unser Maler suchte ein künstlerisches Königreich und fand den Asinismus zugleich mit dem Ultraklerismus, worauf er als das Haupt dieser Schule von mehreren Kunst-Klerikons lobend erwähnt wurde. Noch war seine Entwickelung nicht abgeschlossen; und je mehr er sich über den Nonsensismus und Exkrementismus (mit teilweisen Stationen bei einem mißverstandenen Drecklektizismus) zum Futurismus evolutionierte, desto deutlicher erkannte er das wahre Heil im Plusquamperfektismus. In dieser Krisis wurde er Freibluffmaler mit einem leisen Anhauch von Stieselismus. Allein der Zufall wollte, daß er um die nämliche Zeit die Hauptwerke der neurömischen Praekafferaeliten kennen lernte (so besonders den geschundenen Tintenfisch auf dem Parnaß von Beppo Dromedari), und diese Anregungen führten ihn zu einem geläuterten Infamismus, der sich bekanntlich vom Antipixismus ebenso unterscheidet, wie der Porkismus vom Klimbimismus. Den Halluzinismus streifte er nur flüchtig, um sich desto lebhafter als überzeugter Gummizellist dem Misepeterismus und dem Botokudismus in die Arme zu werfen. Schon damals wurden seine Gemälde als die eines ganz hervorragenden Zwangsjaquisten gewertet, und einige Kritiker traten dafür ein, daß er im Gebiete des Brägokliterismus an die bedeutendsten Impotisten, Paroxisten und Exkalkulisten des Jahrhunderts heranreiche. Heute gilt unser genialer Held als der anerkannte Führer der Tintesoffisten, und es ist bezeichnend, daß auch die Vertreter des Bestramplismus wie des Außerdasismus ihn für sich reklamieren. Seinen Bildwerken wird fast durchweg der Ehren-Scheusaal angewiesen; er selbst aber ist bescheiden geblieben, er verschmäht Medaillen und Ernennungen, nimmt vielmehr als Kunstmaler nur den einen Titel in Anspruch: Kunstmalheur! Rauchhunger. »Und jedes Ohr hing an Aeneens Munde.« Allerdings hieß er nicht Aeneas, sondern Dr. Erich Heinsius; ein junger Gelehrter aus Leipzig, der als Urlauber in unserem Kreise weilte und uns schon eine Stunde lang von seinen Abenteuern im Felde unterhielt. Jetzt war er bei einem Erlebnis auf Vorposten in der Champagne. Und er schilderte uns die Stimmung in der sternenklaren Winternacht, das tiefe Eintauchen in die Einsamkeit der vorgeschobenen Stellung, während es von Feindeshorizont her zuckte und grollte: Ob mit Recht oder mit Unrecht – ich hatte ein Gefühl von Kugelsicherheit. Abergläubisch im landläufigen Sinne bin ich ja nicht, das könnt ihr euch wohl denken; aber die Nerven gehen ihren eigenen Weg der Logik und sind manchem Zauber zugänglich, den der Verstand ablehnt. Und in meinem Fall ging der Zauber von einem Amulett aus, das ich einmal einem alten Hausierer auf der Landstraße abkaufte. Wer Lust hat, mich auszulachen, der lege sich keinen Zwang auf; kurzum, ich trug das Amulett an einem Faden um den Hals, und wenn ich auch an seine Wirksamkeit nicht eigentlich glaubte, so dachte ich doch manchmal: schaden kann's ganz gewiß nicht. Aber ich fühlte mich in dieser Nacht nicht recht wohl. Es beschlich mich etwas wie heraufziehendes Fieber; eine unnennbare Unruhe in Brust und Hals. Und plötzlich wußte ich, was mir fehlte: meine Krankheit war ein ganz gemeiner Rauchhunger. Der überrumpelte mich mit jener Gewalt, von der der Dichter singt: nur wer ein Raucher ist, weiß, was ich leide! Auf Vorposten Rauchen ist nun nicht ganz instruktionsgemäß. Aber darüber wäre ich hinweggekommen. Wenn ich nur etwas gehabt hätte, um gegen die Instruktion zu sündigen. Der Fall lag schwierig: in all meinen Taschen fand sich auch nicht ein Körnchen Tabak. Es gibt einen kategorischen Rauchimperativ, gegen den man wehrlos ist. Man kann in der Wüste verdursten, und überall verrauchhungern. Hätte ich trockenes Seegras oder Kartoffelkraut gehabt, ich hätte es in der hohlen Hand angezündet. Aber nichts war vorhanden, kein Stoff, kein Surrogat, und Sankt Nikotinus durch kein Flehen erreichbar. Ich suchte im Nachdenken Ablenkung und Betäubung, Die ganze Raucherei – so erwog ich in meiner Feldeinsamkeit – währt ja erst vierhundert Jahre. Bis dahin haben die größten Genußkünstler durch Jahrtausende das Rauchen entbehrt, ohne daß es ihnen fehlte. Durch das ganze Altertum geht kein Schrei nach dem Rauche. Dem römischen Kaiser Varus kostete ein einziges Abendessen für zwölf Personen dreiviertel Millionen Mark, und nach so einem Diner gab es keine Importe! Numidische Hähne wurden in Zyperwein erstickt, und zur notwendigen Krönung solcher Werke fand sich nicht einmal eine Sechserzigarre! Wie haben die Leute das nur ausgehalten? Warum folgten sie nicht dem Beispiel ihrer eigenen Götter, die von ihren Dienern immer wieder Räucherwerk verlangten? Aber diese Überlegungen halfen mir nicht viel. Im Gegenteil, mir wurde immer übler. Ach, wenn sich jetzt ein Wunder begäbe! Der Himmel hat doch schon Manna regnen lassen, vielleicht regnet es mir zuliebe diese Nacht mit Glimmstengeln! Dieser Niederschlag blieb aus. Aber aus dem klaren Nachthimmel löste sich plötzlich eine hellglimmende Sternschnuppe und sauste vom Sternbild des Wagens in den dunklen Horizont. Natürlich wünschte ich mir dabei etwas, ganz dasselbe, was ich mir schon vor der Sternschnuppe gewünscht hatte: Hilfe aus der Rauchnot. Dabei fiel mir das Amulett ein. Ich nestelte es los und umspannte es fest in der hohlen Faust: »So zeige mal heute besonders, was du kannst!« – und im Druck der Hand spürte ich, wie sich da etwas regte. Also tatsächlich, das Amulett ging auf! Es hatte die Form eines flachen Medaillons von Fingerlänge, und nie zuvor war mir eingefallen, daß es auch einen Inhalt haben könnte. Jetzt entschleierte sich dieser Inhalt: – drei richtige Zigaretten! Das war das Geheimnis des Hausierers gewesen, dem ich das Dings abgekauft hatte. Nicht mit Sprüchen und Beschwörungsformeln hatte er seinen Scarabäus ausgestattet, sondern mit einer praktischen Gegenständlichkeit, die in höchster Bedrängnis aushelfen konnte! – Hier wurde der Feldgraue von einem seiner Zuhörer unterbrochen: »Das ist ja höchst merkwürdig, Doktor! Aber jetzt müssen Sie uns auch ganz genau erzählen, was Sie empfunden haben, als Sie die drei Zigaretten rauchten!« »Hochgenuß natürlich, Götterfreude,« meinte ein anderer; »übrigens hoffe ich, daß Sie sich den Vorrat in drei Rationen eingeteilt und nicht im ersten Anhieb alle drei Zigaretten aufgeraucht haben. Ein weiser Krieger hält doch Maß.« »Gewiß habe ich Maß gehalten,« entgegnete Erich Heinsius. »Und mehr, als Sie denken: nicht eine einzige habe ich geraucht, so lange ich da draußen stand.« »Menschenkind! Mit Ihrem quälenden Rauchhunger? Ja, weshalb denn nicht?« »Weil ich dazu noch eine zweite Zauberkapsel hätte haben müssen. Die aber war nicht vorhanden. Ich besah nur das Amulett mit den Zigaretten. Dagegen fehlte mir: ein Amulett mit Streichhölzern!« Das Buch der Erfindungen und Entdeckungen. Ein kurzgefaßtes Vademekum zum Auswendiglernen. anno 1010 Guido von Arezzo erfindet das Klavier, das später durch Erard, Steinway und Bechstein zur höchsten Vollendung gebracht wurde und schließlich die ganze Kulturwelt mit Freibilletten überschwemmte. 1285 Salvino degli Armati erfindet die Brille, weil er voraussah, daß 1436 Johann Gutenberg mit der Erfindung der Buchdruckerkunst die Augen ruinieren würde 1300 Berthold Schwarz erfindet das Pulver zum Unterschiede von allen denen, die es nicht erfunden haben. 1492 Kolumbus entdeckt Amerika und verschafft dadurch Wilson die Möglichkeit, gegen Mexiko einzuschreiten. 1500 Peter Henle erfindet die Taschenuhr und verbessert durch sie die Lebenshaltung aller Taschendiebe. 1590 Zacharias Jansen erfindet das Mikroskop, mit dem der Reichsschatzsekretär im Etat einen Überschuß entdeckt. 1596 Heemskerk entdeckt in Spitzbergen ein lohnendes Reiseziel für die Luxusfahrten der Hapag. 1602 Galilei entdeckt die Fallgesetze, nach denen die Minister wie die Butterbrote immer auf die gute Seite fallen. 1643 Torricelli erfindet das Barometer und verdirbt dadurch zahllose Landpartien. 1714 Fahrenheit erfindet das Quecksilberthermometer und graduiert es so, daß sich kein Mensch auf der Skala zurechtfinden kann. 1782 Montgolfier erfindet den Luftballon, den andernfalls Zeppelin und Colsmann bestimmt erfunden hätten. 1807 Robert Fulton erfindet das Dampfschiff und ermöglicht dadurch die Notiz im Kursbericht: »Hansa begehrt«. 1810 Fr. König erfindet die Schnellpresse und verpflichtet sich damit die Firma Ullstein zu höchstem Dank. 1860 Philipp Reis erfindet das Telephon und die durch den Induktionsstrom bewirkte Neurasthenie. 1867 Alfred Nobel entdeckt im Dynamit den Nobelpreis für den Weltfrieden. 1914 Edison erfindet den elektrischen Multiplikator und gewährt dadurch den englischen Agenturen den Vorteil, gleichzeitig zwölf Lügendepeschen auf demselben Draht zu befördern. Der Sprechanismus. Ich: Bitte um Verzeihung; ich war so frei, Sie persönlich aufzusuchen, da ich Sie telephonisch nicht erreichen konnte. Das Telephonfräulein: Das liegt lediglich an Ihnen. Sie sprechen so undeutlich, daß ich, solange ich im Amt beschäftigt bin, jede Verständigung mit Ihnen ablehnen muß. Ich: Aber jetzt haben Sie mich doch eben vollkommen verstanden. Das Fräulein: Sprechen und telephonieren ist zweierlei. Ich habe darüber einen lehrreichen Artikel an die Zeitungen gesandt ... Ich: ... den ich natürlich gelesen habe. Gerade deswegen komme ich zu Ihnen. Ich fühle mich getroffen und möchte mich bessern. Würden Sie mir wohl eine kleine Privatstunde geben? Das Fräulein: Sehr gern. Beginnen wir also mit den Zahlen. Ich: Ja, die Zahlen! Sie schreiben in Ihrer Belehrung: »Würde zum Beispiel die drei mit Betonung des Konsonanten ›r‹ und die zwei auf ostpreußische Art, also nahezu dreisilbig ausgesprochen, dann kämen Verwechslungen viel seltener vor.« Das scheint mir ein bißchen schwierig; ich verstehe lateinisch, griechisch, hebräisch und etwas Sanskrit, aber das ostpreußische ist mir fremd. Also wie spricht man zwei , seiner Einsilbigkeit zum Trotz, drrrrrreisilbig aus? Das Fräulein: Mit dem ›r‹ machen Sie schon Fortschritte. Aber Ihre zwei ist in der Tat miserabel. Sie müssen sagen: »z e – w e – i«, damit die drrrrrrei Silben in aller Bestimmtheit herauskommen. Andernfalls klingt Ihre ›z w e i‹ wie ›Amt Tempelhof‹, und Sie werden falsch verbunden. Ich: Das ist mir ganz ze – we – ifellos ; wie steht es nun mit der vier ? Das Fräulein: Die vier müssen Sie kassubisch aussprechen, nämlich, vie – a – i – a – iier , und die fünf lithauisch mit verstärktem Pfeifmechanismus: › f a – so – fü – hünnef .‹ Für die sechs bleibt der Froschlaut in den masurischen Gewässern maßgebend, also: ›seckeckeker‹. Die sieben lautet nunmehr: › Sie – hüben !‹, die acht: › Ach –ach –ach –Tee – tee ‹ die neun : › N o – h ü – h i n ‹ und die z e h n : › T s e – T s e – he – h eh n ‹. Haben Sie das begriffen? Ich: Vollkommen, mein Fräulein, und ich bin Ihnen zum erstenmal, seit ich ein Telephon besitze, sehr verbunden . Zwei Stunden später. Ein anderes Telephonfräulein im Dienst: Hier Amt! Ich am Telephon: Sie – hüben – – vie – a – i –a– ier – – ze – wa – i – – ach – ach – ach –Tee tee – – – – – –. Das Telephonfräulein: Mein Herr, lassen Sie diese Vertraulichkeiten! ich werde mich beschweren! Die Aufsicht: Eine Telephondame meldet, daß Sie ihr unsittliche Anträge gestellt haben. Sie wollten sie zum Tee einladen ; wir werden natürlich sofort gegen Sie die Klage einleiten! Warum? Warum ist die Aussicht immer auf der anderen Seite? Warum kommt die pikante, alleinreisende Dame nur in Feuilletons vor und niemals in dem Abteil, in dem man selber fährt? Warum stehen im Gepäckwagen die leichten Koffer immer unten und die Dreadnought-Koffer immer oben? Warum reist man immer nur durch und nie nach Corbetha? Warum ruft der Berliner Juhu, wenn er sich in Tirol langweilt? Warum singt der Deutsche: mein » Vaterland « muß größer sein, und warum genügen ihm nicht die 56 000 Tons dieses Riesenschiffes? Warum heißt es » die Vaterland« und nicht auch » die Kaiser Wilhelm die Große«? Warum regnet es selbst dann, wenn der Pilatus einen Hut hat? Warum stellt das Hotelmädchen meine Schuhe prinzipiell verkehrt? Warum ist das Gasthofsbett inwendig feucht und die Wasserflasche inwendig trocken? Warum erhöht sich der Zimmerpreis, wenn ich keinen Appetit habe? Warum findet ein anderer Gast Perlen in der Auster und ich Schwaben in der Suppe? Warum ist immer die Umgebung des Punktes lohnender, wichtiger und interessanter als der Punkt? Warum wird mein Koffer immer zuletzt ausgeladen? Warum tut man nicht zu unterst in den Koffer Glassplitter, um den Zollbeamten, die in der Wäsche wühlen, das Handwerk zu verekeln? Warum reisen soviel Breslauer nach Zermatt und kein Zermatter nach Breslau? Warum wird die Forelle noch teurer, sobald sie den Namen Saibling annimmt? Warum liebt man nicht seinen Nächsten wie sich selbst, wenn mitten in der Nacht noch ein fremder Herr ins Schlafkupee gesteckt wird? Warum muß ich, um vom Bahnhof nach dem Gasthaus gegenüber zu gelangen, den Hotelomnibus benutzen? Warum hört im Fahrplan der Zug immer da auf, wo er weitergehen soll? Warum gerate ich im Kursbuch, wenn ich die Jungfraubahn suche, immer auf die Linie Kandrzin–Schwientochlowitz–Oswiecim? Warum schicken mir alle Freunde von der Ostsee schwere Pakete und warum vermuten sie, daß ich acht Zentner Flundern essen will? Warum interessiert es einen, wenn man in der Fremdenliste einen Bekannten findet, der leider da ist, und warum freut man sich nicht vielmehr über die Bekannten, die Gottseidank fehlen? Warum muß ich zum Anschlußzug immer durch einen endlosen Tunnel nach Bahnsteig VII? Impressionen. Ich : Also, was haben Sie da gemalt? was stellt das vor? Der Maler der Zukunft : Ihre Frage verblüfft mich. Sie wissen es ja aus dem Kataloge: es sind badende Kinder bei Sonnenuntergang. Ich : So so. Aber, ich sehe keine Kinder, kein Wasser, keine Sonne. Ich sehe nur Farbentupfen, die unvermittelt nebeneinander stehen. Der Maler : Das ist ein Kunstprinzip. Wir nennen es »Analyse«. Ich löse die natürlichen Farben nach den Gesetzen der Optik in ihre Bestandteile auf und setze sie einzeln auf die Leinwand. Aufgabe Ihres Auges ist es nunmehr, die »Synthese« vorzunehmen, das heißt also: die spektralen Elemente wieder zum natürlichen Ganzen zu vereinigen. Das ist allerdings nicht so einfach, denn das Auge muß hierzu erzogen werden. Ich: Sie werden es mir schon beibringen. Durch Belehrung und Zuspruch. Wissen Sie was? kommen Sie doch morgen zum Frühstück zu mir. Da können Sie mir Ihre Theorie ausführlicher entwickeln. – – Der Maler nahm meine Einladung an und erschien am nächsten Tage um zwölf Uhr an meinem Frühstückstisch: »Nanu? was haben Sie denn da?« Ich : Austern! essen Sie die gern? Der Maler : Leidenschaftlich, – aber wo sind die denn? Ich sehe da gar keine Austern, sondern nur eine Menge kleiner Gläschen. Ich : Das ist auch ein Kunstprinzip, und ich nenne das ebenfalls ›Analyse‹. Die Sache ist nämlich die: Ich habe vier Dutzend Austern nach den Gesetzen der Chemie analysiert und setze Ihnen hier die einzelnen Bestandteile vor. In diesen Gläschen finden Sie, sauber getrennt: Aqua destillata , Chlor, Natrium, Glycerin, Kalihydrat, Buttersäure und Pelargonsäure. Aufgabe Ihrer Zunge ist es nunmehr, die ›Synthese‹ vorzunehmen, das heißt also: diese chemischen Einzelsubstanzen wieder zur natürlichen Einheit der echt holsteiner Auster zu vereinigen. Der Maler : O, o! Sie wollen mich aufsitzen lassen! Ich : Ganz und gar nicht. Sie sind doch der Mann des verfeinerten Geschmacks. Ihre Organe sind darauf eingerichtet, synthetisch zu erfassen, was ein anderer analytisch entwickelt hat. Die plumpe Naturauster ist Kitsch. Hier finden Sie das beliebte Reizgericht endlich in impressionistischer Aufmachung. Also bitte, bedienen Sie sich und delektieren Sie sich an meinen Austern genau so, wie ich mich an Ihren Bildern! Unten durch! Nach Kellermanns berühmtem Roman »Der Tunnel«. In jener Zeit, also in grauer Zukunft, brütete über New York eine so unbeschreibliche Hitze, daß ihre Beschreibung einen ganzen Druckbogen des Originalromans beansprucht. Das Quecksilber schmolz förmlich in den Thermometern, und das Asphaltpflaster troff in Kaskaden vom Broadway in den Hudson-River. Als die Hitze in Temperatur auszuarten drohte, wurde einer der höchsten Wolkenkratzer, nämlich das Atlantik-Hotel, vom Sonnenstich befallen. Dies äußerte sich dadurch, daß auf dem Dachgarten dieses Hotels, also in einer Höhe von 800 Fuß über dem Asphaltspiegel, eine Gründerversammlung tagte. Man besprach den riesigen Eisenbahntunnel, der unter dem Atlantischen Ozean laufend Europa in einen Vorort von Amerika verwandeln sollte. Die bestehenden Schiffsverbindungen beanspruchten immer noch zwei Tage Überfahrt, was allgemein als ein unerträglicher Zustand empfunden wurde. Mit dem Expreß durch den Tunnel würde man das in fünf Stunden absolvieren können. Man wollte endlich von antediluvianischen zu menschenwürdigen Verkehrszeiten übergehen. – Wurde der Tunnel gebaut, so war es möglich, in New York zu frühstücken, in Paris zu lunchen, in London zu dinieren und zur Abendbörse in New York zurückzusein; also ein Kulturwerk ersten Ranges. Mac Allan , der große Ingenieur, zwölffacher Dr. ing., hielt eine epochale Rede, worin er seinen projektierten Tunnelbau von der technischen, wie von der finanziellen Seite beleuchtete. Noch waren nicht alle Portemonnaies gewonnen, denn es war zwar sehr heiß, aber so heiß, daß alle Gelder flüssig wurden, war es doch noch nicht. Speziell der Eisenbahnkönig Lloyd , der privatim gern von dem Schnorrer Rockefeller zu sprechen pflegte, hielt den Daumen noch fest auf der Börse. Aber Ethel Lloyd , seine Tochter, liebte Max Allan heimlich, wie bereits in sämtlichen Zeitungen der Vereinigten Staaten gestanden hatte. Einer dieser heimlichen Liebesblicke traf den Vater, und da der alte Lloyd gewohnt war, die kleinen Kapricen seines Kindes zu erfüllen, so stand er auf und sagte: »Ich halte Max Allans Tunnel zwar für eine Utopie, aber um nicht kleinlich zu erscheinen, so will ich für die Vorarbeiten vierundfünfzig Milliarden Dollars zeichnen.« Über die Möglichkeit des Werkes entspann sich eine Debatte, in der neben Mac Allan besonders eine deutsche Autorität das große Wort führte. Diese Autorität war kein geringerer als Herr von Schacht , der Delegierte der Berliner Hoch- und Untergrund-Bahn . »Meine Herren,« so begann er, »Sie reden von einem Tunnel, und Sie haben keinen. Wir Berliner aber haben welche, die nicht nur ausgezeichnet funktionieren, sondern sich auch reichlich verzinsen. Ihr Tunnel steht auf dem Papier, unsere Tunnels stehen in der Wirklichkeit. Wir können uns auf die Erfahrung berufen ...« »Heraus mit den Erfahrungen!« scholl es ihm von allen Seiten entgegen; »der Tunnel zwischen Amerika und Europa soll genau so gebaut werden, wie die Berliner Untergrundbahn! « »Bravo!« bekräftigte Herr von Schacht. »Jetzt sind Sie auf dem richtigen Wege, meine Herren. Also, um nur eines vorwegzunehmen: der unterozeanische Tunnel ist ein totgeborenes Kind, falls er nicht ein Gleisdreieck bekommt, auf dem umgestiegen werden kann.« »Darüber wird sich reden lassen,« schaltete Mac Allan ein; »ich habe bereits eine Haltestelle auf den Azoren vorgesehen; hier soll der Tunnel zutage treten.« Herr von Schacht prüfte den Konstruktionsplan auf dem Globus. »Das trifft sich sehr gut,« sagte er; »die Azoren liegen im Weltmeer wie geschaffen für ein Gleisdreieck. Da können Sie also Ihren Weltentunnel links nach Cap Finisterre abzweigen und rechts nach Warschauer Brücke . Die gebirgige Natur der Azoren kommt dem Projekt zu Hilfe. Sie finden daselbst den Pico Alto, einen Vulkankegel von 2300 Meter Höhe. Das ergibt die Voraussetzung für eine ungeheure Treppenanlage , die sich ein Ingenieur von Ihrem Genie nicht entgehen lassen darf.« »Großer Gott!« stutzte Mr. Lloyd, »wie soll ich mit meinem Bauch die Treppen hinaufkommen!« »Immer zu Fuß!« erläuterte der deutsche Delegierte; »unsere lieben Berliner haben sich auch daran gewöhnt.« »Ich will doch aber mit dem Expreß nach Europa!« jammerte Lloyd weiter. »Da werden Sie eben expreß über zwölftausend Stufen klettern. Fürchten Sie nur keine Verspätung; Herr Mac Allan wird meinem Rat entsprechend ein Dutzend Schaffner auf die Azoren stellen, die alle › Bitte beeilen! ‹ rufen werden, und zwar so laut, daß Ihr Bauch förmlich Propeller bekommt.« »Papa!« hauchte Ethel dazwischen, »mache keine Einwendungen; sonst heirate ich Mac Allan hier vor deinen Augen.« »Unsinn,« brummte Mr. Lloyd; »bei dieser Hitze heiratet man nicht!« Mac Allan fuhr fort: »Nachdem wir uns über das Gleisdreieck auf den Azoren geeinigt haben, ist wohl ein weiterer Einspruch gegen mein Projekt nicht zu befürchten.« Aber Herr von Schacht hatte noch schwere Bedenken auf der Brust: »Mein verehrter Kollege, Sie mögen ja sonst sehr ingeniös sein, aber von einem richtigen Tunnel haben Sie doch nur eine höchst mangelhafte Ahnung. Ein richtiger Tunnel ist nämlich unmöglich, ja, er wird direkt ein Nonsens ohne Kadiner Kacheln .« Mac Allan stutzte: »Ich muß gestehen,« sagte er, »ich habe bei meinem Werk vorwiegend an die Bohrmaschinen gedacht, an die Schwierigkeiten der Erddurchquerung, an die geologische Struktur ...« »Und gar nicht an die Bahnhöfe ?« »Gewiß, an die auch; auf meinem Plan finden Sie sogar mehrere unterirdische Bahnhöfe, die ich in einer Tiefe von vielen Meilen unter dem Ozean für notwendig erachte...« »Und womit wollen Sie diese Bahnhöfe bekleiden? etwa mit Bimsstein, daß Ihnen die Atlantic auf die Speisewagen regnet? Oder mit Papiertapeten? Nein, Herr Mac Allan, wer unterirdische Bahnhöfe sagt, muß auch Kadiner Kacheln sagen, beide Elemente sind untrennbar verknüpft, und wenn Sie das nicht einsehen, können Sie Ihren ganzen Tunnel süß und sauer einpökeln.« »Und der Kostenpunkt?« warf Mac Allan ein. »Darf gar keine Rolle spielen. Oder liegt Ihnen etwa nichts daran, daß unser hoher Herr die Einweihungsfeier Ihres Weltentunnels mit seiner Gegenwart beehrt?« Ein himmlischer Blick der Miß Ethel, ein Blick von undurchdringlicher Tiefe, traf wiederum den Vater. Mr. Lloyd erhob sich und sagte: »Wir Amerikaner sind stolz auf unsere Blutsverwandtschaften. Die Wiege meines Urgroßvaters hatte die Ehre, in Elbing zu stehen. Ich bewillige zwei Milliarden extra für die Kadiner Kacheln.« »Sind Sie nun zufrieden, Herr von Schacht?« fragte Mac Allan. »So ziemlich: nur noch einige Punkte wären zu erörtern.« »Sie meinen gewiß die Ventilationsvorrichtungen für den Riesentunnel, die bei einer Länge von Tausenden von Kilometern ein Problem für sich bilden.« »Mit der Ventilation können Sie es halten, wie Sie wollen. Das ist keine Wichtigkeit. Wichtig ist vielmehr die Trennung der Raucher von den Nichtrauchern, notabene für die erste Betriebszeit. In der zweiten Betriebszeit muß ein prinzipielles Rauchverbot erfolgen. In der dritten: Raucherlaubnis mit Stellung der Rauchwagen nach Osten; das ist entscheidend für die Prosperität eines solchen Unternehmens. Und dann, vor allen Dingen: Knipsen! Billette knipsen! Da sitzt der Lebensnerv der ganzen Sache. Sie wollen doch schließlich zwei Kontinente miteinander verbinden und denken dabei immer an Ihre Bohrmaschinen. Denken Sie lieber an die Knipszangen!« Die Gründerversammlung war von diesen Argumenten überwältigt, sie erhob sich wie ein Mann und brüllte über den Dachgarten hinweg: » Three cheers for the Knips !« Damit war das Schicksal und die Existenz des Tunnels entschieden. Am nächsten Tage begann die unterirdische Arbeit, die zwölf Jahre währen sollte. Auf den Etappen dieses Baues lagen fünfzehn Explosionen, sechzehn Massenstreiks und siebzehn Finanzkatastrophen, wobei sich die Bankfirma Plytegger \& Co. besonders hervortat. Aber endlich stand der erste Expreß auf den Schienen, die den Bauch der Mutter Erde durchquerten. Mac Allan, von glühendem Ehrgeiz zerfressen, als erster auf seinem eigenen Werk nach Europa zu fahren, vergaß alles um sich her, sogar die Lösung eines Tickets; ihm genügte die Lösung des Problems. Der Kontrolleur an der New Yorker Sperre rief ihm zwar nach: » D e er Herrr !« aber Mac Allan stürmte vorwärts, schwang sich in den Jungfernzug und ratterte davon. Jetzt war er an den Treppen des Azoren-Gleisdreiecks und stieg dermaßen um, daß ihm die Zunge aus dem Halse heraushing. Und 55 Minuten später vernahm er die Stimme eines Beamten: »Europa-West, alles aussteigen!« Aber hier ereilte ihn das Verhängnis. Ohne ein geknipstes Billett kam er nicht heraus. Mochte er auch alles besitzen, was ein Säkularingenieur nur wünschen kann, Genie, Tatkraft, die Bewunderung der Kulturwelt, – eins besaß er nicht, das Notwendigste von allem: eine gültige Fahrkarte . In eigener Falle saß er gefangen. Durch den Planeten war er gedrungen, aber der Kontrolleur an der Europa-Sperre blieb undurchdringlich. Fünf Stunden und sieben Minuten hatte die Durchfahrt von der neuen zur alten Welt gedauert. Seitdem sind Jahre verstrichen, Mac Allan ist grau geworden, im Innern seines unrasierten Hauptes nistet die Paranoia senilis . Und noch immer läuft er den unterirdischen Bahnsteig auf und ab, ohne die geringste Aussicht, jemals ans Tageslicht zu gelangen. Denn es geht eher ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Fahrgast ohne Billett durch die Sperre . Biographie des Giovanni Boccaccio. Nach authentischen Quellen, von Jeremias Mückerlein . Boccaccio beging seine erste Ungehörigkeit im Moment seiner Geburt, da er im Jahre 1313 als der uneheliche Sohn eines florentinischen Kaufmanns und einer Französin zur Welt kam. Wahrscheinlich hat er persönlich einer schnöden Statistik zuliebe die legitime Heirat seiner Eltern verhindert, denn einem Ausländer aus dem vierzehnten Jahrhundert ist alles zuzutrauen. Eine weitere Gemeinheit bestand darin, daß er nicht, wie es sich gehört hätte, in Florenz, sondern in Paris geboren wurde, wo außer ihm noch sehr viel andere Apachen das Licht der Welt erblickten. Von seinem Vater wurde er zum Kaufmann bestimmt. Da er sich aber mit Recht vor den Kaufmannsgerichten fürchtete, so studierte er sechs Jahre lang kanonisches Recht, in der Absicht, später die Priester in wirksamer Weise verleumden zu können. Wann er zum erstenmal mit der Polizei in Konflikt kam, ist nicht ermittelt; jedoch soll er schon als Knabe kleine Gedichte gemacht haben. Im Jahre 1338 begann seine Liebe zur Fiametta, die den Giovanni an Unehelichkeit der Geburt womöglich noch übertraf, denn sie war die natürliche Tochter des Königs Robert von Neapel. Außerdem war Fiametta, um den Skandal zu vervollständigen, verheiratet. Kein Wunder, daß sich als Frucht dieses unerlaubten Verhältnisses mehrere höchst bedenkliche Sonnette, epische Ottaverime und Prosaromane ergaben. Unter diesen ist besonders »Troilus und Cressida« zu erwähnen, mit welchem Roman er später den Shakespeare zu einem Plagiat verführte, denn böse Beispiele verderben gute Sitten. Einige Jahre später erklärte er sich in seinen Schriften plötzlich als heftiger Feind der Frauen und der Liebe; nach dem Rezept aller Rowdies, welche »Haltet den Dieb!« rufen, nachdem sie eben erst gemaust haben. Im Jahre 1351 wurde er mit seinem Komplizen Petrarca der Begründer jener Ära von Nuditäten und im § 184 des Strafgesetzbuchs besonders bedrohten Ungehörigkeiten, die sich unter dem Namen »Renaissance« eine traurige Berühmtheit erworben hat. Er belebte unter anderer antiker Schundliteratur auch den Homer. An einer zielbewußten Hand, derartige Zoten in Hexametern zu unterdrücken, fehlte es leider in Italien vollständig, und so konnte die Renaissance weiterwuchern. Um dieselbe Zeit pfuschte Boccaccio mehrfach ins diplomatische Handwerk und verübte wiederholte Gesandtschaften, so an den Markgrafen Ludwig sowie an die Päpste Innozenz VI. und Urban V. Die Chroniken berichten, daß er in dieser Eigenschaft das Vertrauen seiner Mitbürger genoß, ein Beweis, daß diese sogenannten Mitbürger genau so korrumpiert waren, wie er selbst. Übrigens weiß man ja, daß Botschafter keiner Zollpflicht unterliegen, und so bleibt die Vermutung, daß Boccaccio nur deshalb Gesandter wurde, um Zigaretten zollfrei einzuschmuggeln. Den Gipfel der Frechheit erreichte Boccaccio, als er in Florenz die Pest einschleppte, um aus ihr einen Vorwand für seinen ruppigen ›Dekamerone‹ zu gewinnen. Die Pest (auch Schwarzer Tod genannt) war zwar nicht ganz so schlimm wie die Renaissance, aber immerhin starben in Florenz mehrere Hundert Personen täglich, was zu der Annahme berechtigt, daß ein ungesunder Zustand vorlag. Die Hoffnung der anständigen Leute, daß Boccaccio selbst die Mortalitätsliste füllen würde, schlug leider fehl, vielmehr blieb der Unhold dermaßen am Leben, daß er hundert Novellen verfaßte, die seitdem die Literatur verunreinigen. Die meisten sind so pervers, daß man sie in sämtliche lebende Sprachen übersetzen mußte, um sie auszurotten. Endlich erreichte den Frevler sein Schicksal. Mehrere deutsche Gerichte stellten fest, daß in zirka 600 Jahren eine Verjährung noch nicht eingetreten sei, und verboten den Dekamerone auf Grund des Gesetzes gegen die gemeinschädlichen Folgen des Methylalkohols und anderer Druckschriften. Bei der Ergreifung der Buchhändler taten besonders die Lex Heinze und der Polizeihund Flott vortreffliche Dienste. Dieser allein hat mindestens fünfzig Sortimenter verbellt. Seitdem ist der Giovanni Boccaccio tot und darf nur noch in zahllosen Prachtausgaben verkauft werden, bei Bezug größerer Partien mit dreißig Prozent Rabatt. Möge es allen Klassikern so ergehen! Damen-Konversation. Nur eine dünne Holztür trennt mich von meiner Nachbarin im Gasteiner Hotel. Wer sie ist, wie sie aussieht, wie sie heißt, ich weiß es nicht. Aber ich höre sie sprechen. Hält sie Monologe? memoriert sie eine Rolle? nein, sie unterhält sich mit einer zweiten Dame. Sie hat Besuch. Eine Konversation entspinnt sich. Nicht wie zwischen uns Männern, bei denen sich Frage und Antwort, Rede und Gegenrede durch Zäsuren abteilt; was wohl davon herrührt, daß wir Männer das Reden und Hören nicht zur einheitlichen Funktion zu verschmelzen vermögen. Die Damen verstehen das besser. Sie reden gleichzeitig, in einem Duett, das zum Unisono verschmilzt und sparen dadurch fünfzig Prozent ihrer kostbaren Zeit. Und das klingt so: »Guten Tag, meine Liebe, – Guten Morgen, freue mich – nein, wie wohl Sie aussehn! – daß Sie sich blicken lassen, – denken Sie nur – was? Gastein! – mir bekommen die Bäder gar nicht – ist das nicht herrlich? und diese Radiumbäder! – ich habe die ganze Nacht kein Auge – ich bin schon beim fünften – zugetan, und so eine fliegende Hitze im Kopf – fünften Bad meine ganze Neuralgie losgeworden – ich bin wahrscheinlich zu lange im Bad geblieben, – mache schon jeden Tag große Touren, – oder das Wasser war zu heiß – war gestern mit einem Führer – ich dachte, der Schlag trifft mich – auf dem Gamskarkogel – und dann habe ich auch keinen Appetit mehr – er sagt, ich könnte ganz gut – zum Essen, alles widersteht mir – auf den Großglockner steigen, – ich kann eben die Höhenlage gar nicht – natürlich angeseilt – gar nicht vertragen – ich hätte lieber sollen nach Wiesbaden – und das Essen hier in der Germania – Wiesbaden gehen oder nach Kreuznach – ist wirklich ausgezeichnet – da hat man doch mehr ebene Spaziergänge – sechsmal am Tag könnt' man dinieren – ich werde wohl morgen wieder – das kommt von der Höhenlage – wieder abreisen – wissen Sie, zwischen tausend und elfhundert Meter das ist – wissen Sie vielleicht, wann der Vormittagszug – das ist überhaupt das Gesündeste – nach Salzburg hinunterfährt? – deswegen ist ja auch mein – und ob man in Salzburg – Schwager hier, Gastein bekommt ihm ausgezeichnet – gleich Anschluß nach München hat? – Und was der Wasserfall für eine liebliche – Nachts fahre ich nämlich prinzipiell nicht – liebliche Musik macht, ich kann mich gar nicht – na adieu, ich habe mich schon zu lange – satt dran hören, ich will mindestens noch – verplaudert; wenn nur das Wetter – noch drei Wochen hier bleiben – endlich einmal – ach Sie gehen schon? also auf – endlich einmal besser würde – auf Wiedersehen in Berlin!« Kleines Konversationslexikon. für Abstinenten und solche, die es nicht werden wollen. Alkohol . Stammt aus dem Arabischen, ist im Alkoran verboten und infolgedessen bei den Ungläubigen, die sich prinzipiell nichts verbieten lassen, sehr beliebt. Mißbrauch des Alkohols tritt ein, sobald er denaturiert, in anatomischen Museen auf Gläser gezogen und zum Kupferputzen verwendet wird. Mit Maß – d. h. aus dem Maß – genossen, führt er dagegen zu höchst erfreulichen Kulturerscheinungen, unter denen die ›Fidelitas‹ obenan steht. Aquavit. Sympathische Begleiterscheinung des skandinavischen Volkscharakters. Stand früher auf allen schwedischen und dänischen Büffets zum Gratisgebrauch für jeden Gast, der sich mit der Pauschalsumme von einer Krone auf den Frühstückstisch abonniert hatte. Seitdem indes größere Touristenscharen den Kahlfraß organisierten, muß das Aquavit besonders bezahlt werden, was zu einer bedauerlichen Verödung des geselligen Lebens auf den Trajektschiffen geführt hat. Bernkastel . Kreis im preußischen Regierungsbezirk Trier, hat 667 Quadratkilometer, 92 Landgemeinden und ein vorzügliches Bildungsinstitut, auf dem strebsame Bacchuszöglinge ihren ›Doktor‹ machen können. Bettschwere. Wurde gleichzeitig mit den Fallgesetzen von Newton entdeckt und von seinen Nachfolgern praktisch vervollkommnet. Sie stellt einen Spezialfall der Gravitation dar, die als das eigentliche Lebensprinzip des Universums betrachtet werden muß. Zur Erzeugung einer wirksamen Bettschwere bedient man sich am besten der malzhaltigen Substanzen, durch deren Einfüllung in den Organismus der menschliche Körper ›schwerer als die Luft‹ wird. Die Rotation, die das Bett unmittelbar nachher annimmt, ist als eine nur scheinbare von Kopernikus nachgewiesen worden. Macht das Aufstehen zwölf bis vierzehn Stunden später Schwierigkeiten, so bedient man sich am besten eines Hebekrans. Komment (Kneipkomment). Im objektiven Sinne die Summe der erzwingbaren, schlechthin bindenden (autoritativen) Vorschriften, durch welche das äußere Verhalten der Kneipmenschen zu einander geregelt wird; in subjektivem Sinn eine Sammlung von Bierregeln, die so blödsinnig ist, daß alles aufhört, und so fabelhaft sinnreich, daß sie zu den Perlen der Weltliteratur gerechnet werden muß. Delirium . Man unterscheidet Delirium clemens , Delirium demens , Delirium tremens und das Delirium Böhmen's . Im höchsten Stadium erscheinen weiße und schwarze Mäuse, bei deren Anblick der Delirant in der Regel anfängt, lyrische Gedichte zu machen. In noch höheren Stadien schlagen blaue Flämmchen aus der Epidermis hervor, wonach das betreffende Individuum der Besteuerung für automatische Feuerzeuge unterliegt. Ellipse . Eine Figur, die sich häufig auf Nachhausewegen zeigt und von dem gesteigerten Wohlbefinden des Wanderers Kunde gibt. In besonderen Fällen geht die Ellipse in eine Spirale über, die zur Folge hat, daß der Angesäuselte sein für ihn so überflüssiges Heim überhaupt nicht findet. Eine eigentliche Obdachlosigkeit tritt trotzdem nur selten ein, da auf diesen Kurven in der Regel gute Wirtshäuser liegen. Fachinger . Vorzügliche Zutat zu weißen und roten Weinen, bei Schultheiß, Pschorr, Siechen und Patzenhofer weniger zu empfehlen. Über die Dosierung gehen die Meinungen auseinander. Einige Kenner empfehlen die folgende: Man bringe seine Tante mit, bestelle Wein und Fachinger, trinke den Wein selbständig und kredenze das treffliche Mineralwasser der Tante. Hausmarke . Kostet in eleganten Tanzlokalen zehn Mark, ohne der Wohltätigkeit Schranken zu setzen, und wird von den Stammgästen bevorzugt, die kein Entree bezahlen. Schmeckt übrigens annähernd so gut wie die Sorten zu zwanzig und fünfundzwanzig Mark, die beim Konsumenten entweder eine sehr hohe Steuerstufe oder eine sehr tiefe Portokasse voraussetzen. Johannisberger . (Auslese, Schloßabzug, Kabinet.) Zeichnet sich durch ein auserlesenes Bukett sowie dadurch aus, daß er viel häufiger vorgespiegelt als getrunken wird. Die Aussicht, ihn in Lokalen mit seinen Weinen und zweitem Eingang vom Flur vorgesetzt zu bekommen, ist gering. Naive Jünglinge, die sich derlei einreden, werden in der Weinsprache als » Grand Mouton « bezeichnet. Kater . Eine betrübsame Erscheinung, die auf einer Unterernährung der Haarwurzeln beruht, und bei der die Pupillen eine Neigung zum starren System verraten. Steigert sich besonders in Teuerungsjahren, sobald die saueren Heringe und die Rollmöpse anfangen, unerschwinglich zu werden. Der physische Kater ist vom moralischen im Sensorium nur durch eine schwache Rabitzwand getrennt. Beide vereinigt sind sichere Anzeichen dafür, daß man sich kurz zuvor ausgezeichnet amüsiert hat. Antipyrin hilft gegen den moralischen, bleibt aber dem physischen Kater gegenüber wirkungslos. Kaltstellen . Stützt sich auf das Vorurteil, daß ein Vergnügen nur dann über Pari steigt, wenn der Sekt unter Null gekühlt wird. Zum Kaltstellen gehört ein Kübel, der den Vorzug besitzt, daß das Flaschenetikett sich ablöst und untertaucht, so daß man der eingeladenen Dame über Herkunft und Preis des Weines alles Mögliche vorschwindeln kann. Luft . Ein gasförmiger Stoff, der sich durch die moderne Likörtechnik zu einer tropfbaren Flüssigkeit komprimieren läßt und in dieser Form nach Pfefferminze riecht. In den dafür bestimmten Anstalten verlangt man »vor'n Sechser feine Luft« und erhält alsdann eine Luftsubstanz, die dem Berliner bekömmlicher ist, als die atmosphärische. Magnum . Kommt von Carolus Magnus her, der seinen Sieg über die Langobarden mit einer besonders großen Champagnerflasche feiern wollte und deshalb zum Magnum griff. Eine Magnum flasche ist doppelt so groß und doppelt so angenehm, wie eine gewöhnliche, und wenn man sie in fünfzehn Minuten austrinkt, sieht man doppelt soviel, als nach einer normalen. Mauerleiche . Entsteht, wenn ein Bürger in jüngeren Jahren, am besten ein akademischer, nach erheblicher Leistung den natürlichen Stützpunkt verliert und gegen eine feste Wand gelehnt wird. Im Feuerbestattungsgesetz sind die Mauerleichen ausdrücklich von der Berechtigung ausgenommen, ein Krematorium zu beziehen. Unter dem Einfluß kalter Kompressen pflegen sich bei den Mauerleichen neue Durstimpulse einzustellen, ein Vorgang, der Ibsen zu seinem Drama: ›Wenn wir Toten erwachen!‹ begeistert hat. Mäuse . Siehe Delirium. Mikosch . An Kneiptafeln nach Anbruch der Fidulität gern gesehener Gast, auf dessen Antlitz ein breites Grinsen lagert. Erzählt mit Vorliebe Witze, bei denen sich schon die Großväter gewälzt haben, und erzielt bei den Enkeln immer denselben Effekt, falls er nicht das Pech hat, nach der ersten Pointe hinausgeschmissen zu werden. Nagelprobe . Uraltes Requisit aus der Praxis der Trinker, das in Verbindung mit Bordeaux oder Burgunder zu roten Flecken auf dem Tischtuch und zu völlig nutzloser Salzverschwendung führt. Naxos . Berühmte Insel, auf der Ariadne sich unter Bacchus Assistenz dem stillen Suff ergab, was unter anderen bedauerlichen Konsequenzen auch eine Vertextung und Vertonung durch Hoffmannstal und Richard Strauß veranlaßte. Originalabzug . Wo die Bezeichnung auf der Weinkarte fehlt, soll der Name nicht sowohl die spezielle Herkunft des Weines als den allgemeinen Charakter des Wirtes und die ungefähre Lage im Keller bezeichnen. Patina . Kostbarer Überzug auf Kupfernasen, den mit Vitriol abzuscheuern oder mit den Fingernägeln abzukratzen nur einem stillosen Vandalen einfallen wird. Probierstuben . Angenehme Lokalitäten, zeitweise heiter, jedoch unbeständig, am Tage kühl, nachts sehr warm, Gewitter nicht ausgeschlossen. In einigen Probierstuben wird der probierende Gast von probierenden Damen probeweise unterstützt. Man fängt mit ganz leichten Sorten an und hört mit dem Glockenschlag sechs Uhr früh auf. Zum Schutz gegen Störung durch Staub und Straßenlärm wird die Jalousie um elf Uhr abends herabgelassen. Quäker . Die Vorläufer der späteren Temperenzler, die deshalb auch im siebzehnten Jahrhundert mit Recht verfolgt und verbannt wurden. Die heute noch sporadisch vorkommenden Quäker halten es für erlaubt, Porter zu trinken, und knüpfen nur die Bedingung daran, daß man dabei auf das Porter schimpft. Rathauskeller . Die tiefer gelegenen Räume der Stadtparlamente, in denen im schroffen Gegensatz zu den höher gelegenen Beratungszimmern ausschließlich die Vernunft regiert . Schattenseite . Bei mehreren Weinhügeln die bevorzugte, bei vielen Diners mit versalzenen und angebrannten Gängen die einzige Lichtseite. Sinnlose Betrunkenheit. Führte ehedem in Verbindung mit harten Gegenständen zu liebenswürdigen Exzessen, zu glänzenden Plädoyers und nicht selten zu freisprechenden Erkenntnissen, wenn man die Vorsicht gebrauchte, einige Monate vorher bei einer feudalen Kuleur einzuspringen. Trinklied . In älteren Opern selbstverständlich, neuerdings nur noch auf Grammophonplatten mumifiziert und von der Staatsanwaltschaft als unbedenklich freigegeben. Eine moderne Abart ist das Hochzeitstafellied, welches von einem talentvollen Kusin verfaßt ist, immer acht Strophen zuviel hat und wegen allgemeiner Konversation niemals bis zu Ende gesungen wird. Unfug , grober. Siehe Abstinenz, Temperenz, Antialkohol und die übrigen Kulturschädlinge. Verdunstung . Entsteht durch das Aufsteigen des Luftgases aus dem Magen in das Großhirn und erzeugt daselbst jene glückselige Stimmung, in der man die Welt für einen Dudelsack ansieht und sich sogar mit Fleischnot, Steuerdruck, Futurismus und Hypothekenausfall aussöhnt. Wasserverdrängung . Hauptinhalt der zukünftigen Weingesetzgebung. Unter Wasserzusatz versteht man jenes Delikt, das als das kräftigste Argument gegen die Abschaffung der Todesstrafe angesehen wird. X-Strahlen . Besitzen die Kraft, die härtesten Dickschädel aus den Kreisen der Mucker, Trauben- und Traubverächter zu durchleuchten und in diesen Schädeln ein trostloses Vakuum nachzuweisen. Zahlen! Schmerzhafte Ergänzung zum Begriff des Kellners, häufig mit Additionsfehlern verquickt und deshalb auch ›der schmerzhafte Augenblick‹ genannt. Das Zahlen bedeutet den bittersten Faktor im Leben des Zechers, rechtfertigt sich aber dadurch, daß man nach so vielen süßen Momenten unbedingt noch einen Bittern genehmigen muß.