Hugo Freiherr von Blomberg 1820 – 1871 Die Dame von Faverne Seht Ihr Navailles? Spiegelnd hebt's im See die spitzen grauen Türme in die Höh, das Schloß Navaillies. Drüben liegt die Stadt im Sonnenschein, den Fuß im blauen Bad; so Stadt als Schloß gehörten schon von je den Herren Faverne. Des Schlosses Dame stand im hohen Saal, im Trauerkleide noch um den Gemahl – ein Jahr war's her, daß spurlos er verschwand-, und ehrerbietig vor der Fraue stand in Schmuck und Waffen die Vasallenzahl der Herrschaft von Faverne. Sie sprach: »Das Wort der Kirche spricht mich frei: mein eigner Wille, euer Wunsch – es sei! Dem Vetter des Gemahls reich ich die Hand, er herrsche über mich und alles Land! Den Eid der Treue schwört ihr morgen neu dem Herren von Faverne.« Am Hochzeitstag vom Schlosse Fahnen wehn, geschmückt mit Teppichen und Blumen schön schwimmt durch den See der Kahn mit Sang und Klang: drin sitzt der Bräutigam in Waffen blank und ihm zur Seite, bräutlich anzusehen, die Dame von Faverne. Da ist geschehn ein wundersames Ding: Die weiße Hand der Braut ins Wasser hing, sie spielte drin in süßer Träumerei – da tut sie plötzlich einen leisen Schrei: hinweg vom Finger war der goldne Ring der Damen von Faverne. Der Ring, den ihr der erste Ehherr gab, den sie zu tragen schwur bis in das Grab; sie bricht in Tränen aus, wie will nicht frein: der Ring soll wieder erst gefunden sein! In Schloß und Stadt sagt man die Hochzeit ab der Dame von Faverne. Vom See die Fischer ruft man all zusamm' – Was bringen sie herauf aus tiefem Schlamm? ein Mannsgeripp – am Finger stak der Ring: ein rost'ger Dolch in seinen Rippen hing mit goldnem Knauf – der Dolch vom Bräutigam der Dame von Faverne. Der Mörder flieht, die Rache folgt ihm nach; man spricht, daß er am Kreuzweg sterbend lag. Den Witwenschleier und den goldnen Ring trug bis zum Tag, da sie zu Grabe ging, und trägt ihn drin wohl bis zum Jüngsten Tag die Dame von Faverne.