Gänseliesel. Eine Hofgeschichte von Nataly von Eschstruth. Zweite Auflage.     Berlin. Berliner Verlags-Comtoir, Act.-Ges. 1886.     Meiner geliebten Freundin Frau Clara von Rochow geb. Gräfin Nostitz in herzlicher Verehrung zugeeignet                                 von der                                                         Verfasserin.     Band I. Erstes Kapitel. »Ihr Gänschen, daß ihr's alle wißt, Die Liesel eu're Kön'gin ist – Gik – Gak – juch! – –«         Weite, wogende Kornfelder, rotblühendes Haideland und bräunliche Steppe, begrenzt und durchschnitten von endloser Kiefernwaldung, ebenso melancholisch wie der Himmel, welcher sich in einförmigem Regengrau, oder in wolkenlos strahlender Sommerbläue, mit fern, fern verschwimmendem Horizonte darüber spannt, wer kennt sie nicht, diese eigenartig nordische Landschaft, so arm an bunter und reizvoller Abwechslung, und dennoch eine zaubervolle, thränenlächelnde Poesie? Keine Bergkuppe, kein malerisches Felsenhaupt strebt zum Himmel, meilenweit schweift der Blick über die Ebene, flach und einsam hingestreckt, ausdruckslos wie ein schlafend Angesicht. Aber dort, weit hin am Waldessaum, da leuchtet und blitzt es plötzlich auf wie ein zitterndes Silberband, da dehnt sich hellkräuselnde Flut breiter und breiter vor unserm Blick, ein schilfumkränzter See ist es, der tief 2 verborgen zwischen Wald und Haide sein träumerisches Lied von der Sehnsucht rauscht. – – – Juni war es, die Rosen blühten. Die Luft schien zu zittern, so heiß und klar war sie, und versuchte es der Wind, die träge Schwinge zu rühren, so trug er nur schwüle Duftwogen herzu, deren süßer Atem ihm selber den Sinn berauschte, darum sank er kraftlos hernieder in die Lindenblüten und regte sich nicht mehr. Am kleinen Bach entlang, mitten durch breite Kleefelder und Kartoffeläcker, schritt ein junges Mädchen. Ein grobgeflochtener Gartenhut, eine verblichene Bandschleife als einzigen, ungraziösen Schmuck tragend, hüllte Stirn und Augen in Schatten und saß recht nachlässig auf dem schlanken Köpfchen, von welchem zwei köstlich dicke, goldblonde Flechten etwas wirr und zerzaust über den Rücken hingen. Ein schlichtes Kattunkleid rauschte steifgestärkt um die zierliche Figur, auf zwei große, derblederne Schuhe niederfallend, welche ihre wuchtigen Nägelspuren tief in dem lockeren Sandboden zurückließen. Die sonnverbrannte Hand führte ein umfangreiches Butterbrot zum Munde, langsam und behaglich, abwechselnd mit den köstlichen Herzkirschen, welche auf breitem Kohlblatt, wohlgehütet auf dem gebogenen Arm lagen. Zeitweise blieb die junge Dame stehen, blickte sinnend auf den Klee und bog mit der plumpen Schuhspitze die grünen Blätter auseinander, lange vergeblich. Endlich beugte sie sich hastig vor, so eifrig, daß 3 die Kirschen über die Hand in den Wegsand rollten, und so interessirt, daß sie die Flüchtlinge gar nicht bemerkte. »Ein Vierblatt! Endlich!« klang es jubelnd von den Lippen, »na, Monsieur Friedel, jetzt mach' die Augen auf! Bin ich immer noch ein Pechvogel? Hier hab' ich's ja, das Glück, und wenn ich's Dir gezeigt habe, esse ich's auf. Grete sagt, das müsse man, wenn's wirklich Gutes bringen soll!« Das Butterbrot zwischen den Zähnen haltend, griff die Sprecherin vorsichtig in die dickabstehende Kleidertasche, warf einen schnellen Blick hinter sich auf den Weg und zog alsdann ein kleines, altmodisch gebundenes Büchlein hervor, einen Augenblick hielt sie es nachdenklich zwischen den Fingern. »Hm, ich will aufschlagen, welch ein Glück mir dieses Kleeblatt bringt,« überlegte sie mit reizend wichtigem Zug um den kleinen Mund, klappte langsam das Buch auseinander und schaute atemlos auf das Gedruckte unter ihrem Daumen. »Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Haiden,« las sie feierlich, mit einer Stimme und Betonung, welche Hamlets Geist alle Ehre gemacht haben würde, las pflichtgetreu bis zu Ende und seufzte tief auf, »half ihm doch kein Weh und Ach! Ich danke für solch ein Glück! Unsinn mit diesem Gedicht, von wem ist es denn eigentlich? Aha, Goethe, also doch etwas Schönes, – – ich verstehe es vielleicht nur nicht recht!« so preßte es sich murmelnd zwischen Zähnen und Butterbrot hervor, 4 und die junge Dame legte das Vierblatt behutsam zwischen die Blätter in Goethes Gedichte und versenkte das Bändchen wieder in die gewaltige Tiefe der Kleidertasche. In beschleunigtem Tempo schritt sie weiter, brach sich eine schlanke Weidenrute vom Bachufer und köpfte mutwillig die weißen Schafgarbdolden, welche überhoch am Feldsaum wucherten; die roten Lippen spitzten sich, in vergeblichem Versuch » Gaudeamus igitur « zu pfeifen, dieweil ihre Gedanken wieder bei Pastors Friedel weilten, und dieser Herr Studiosus und besagtes Lied ein unzertrennlicher Begriff waren. Der Weg lenkte jetzt von dem Bache seitwärts auf eine große Wiese, durchduftet von dem köstlichen Heu, welches in hohen Haufen darin aufgetürmt lag, und durchschnitten von der sandigen Fahrstraße, welche auf der anderen Seite bereits von hochstämmiger Kiefernwaldung begrenzt wurde. An dem flachen Grasrain dieser Straße saß Bärbel, die kleine Gänsehirtin. Die Sonne schien golden auf ihr nußbraunes Haar, welches in abstehendem Knötchen auf dem Kopfwirbel aufgebunden war, schien auf den gebräunten Nacken und die hartgearbeiteten Hände, in welchen sich das Angesicht barg, um dicke, bittere Thränen durch die Finger zu weinen. »Ei, Bärbel, was heulst Du denn?« klang es plötzlich neben ihr, und ein leichter Gertenklapps auf das gesenkte Haupt ließ die Kleine erschrocken aufschauen. »Hat Dir Jemand 'was gethan?« 5 Mit blödem Blick starrte Bärbel aus den rotgeweinten Augen, seufzte tief auf und schüttelte wehmütig den Kopf: »Ach nä, gnä' Frölen, mir hät Keen's wat to Leed dohn! äwerst rohren möt ick doch!« »Dömlich Dirn, wo kannst' Di for nix so hevven!« klang es voll wohlgemeinten Trostes zurück; »wist' unsen leeven Herrgot int' Rägenwetter pfuschen? Gliek seggst mi, wat di ankommen is.« Bärbel wischte krampfhaft mit dem Handrücken über das thränenüberströmte Gesicht. »Ach, gnä' Frölen, min' oarm Mudding – –« »Man tau! was is mit se?« »Se is sitn' poar Dagen all krank und tau Bed, un' het Fever seggt de Doctor – – und min lütt Swestern un de Brauder sin nu ganz ohn' Upsicht, un Keens do, wat min Modder waarten kan!« rang es sich schluchzend von Bärbels Lippen. »Ach lever God, ick mächt woll giern do sin!« »Oll Döskopp! worüm gehst denn nich, un sitzt all dar?« war die unzweideutige, hastig hervorgestoßene Antwort; »gliek gehst to Hus!« »Ach, ik ging so giern – äwerst de Gös!!« Und Bärbel warf einen verzweifelten Blick über ihre schnatternden Unterthanen. »Ik möt jo bi dat Deivelsviech blieven, Frölen Josephining!« Das gnädige Fräulein sah ebenfalls betroffen drein. 6 »Do hest recht, wat is dabi tau maken? Hast nich Eenen, de för di hin könnt?« Bärbel schüttelte trostlos den Kopf. »Is keen Menschenseel nich!« Und abermals stürzten die Thränen aus ihren Augen. »Ach, wenn ik nur för'n Ogenblick nach'r seihn könnt?« Da richtete sich Fräulein Josephine resolut in die Höhe, klatschte Bärbel mit der Weidenrute auf den Rücken, um die Rührung zu verbergen, und sagte kurz: »Sput di, oll' Rohrdirn, un' kiek een's vör tu Hus, ik hevv twei Stunn' Tid, ik bliev bi de Gös!« »Ach gnä' Frölen! ach Frölen Josephining!« jubelte die kleine Hirtin unter allem Schluchzen: »Sei willen bi de Gös blieven? Unse Herrgod vergelt's!« Und sie sprang flink empor, reichte Josephine das Zeichen ihrer Macht, die lange Haselnußrute, und schüttelte die Heuhalme von dem geflickten Röckchen. »Ik moak fixing! äwerst – gnä' Frölen – passen's ok gaut acht, daß de Gös nich int' Koorn un in de Tüfften gahn, sonst kreeg ik wat upp'n Puckel!« Und ehe nur die neue Stellvertreterin antworten konnte, flog Bärbel glückselig und behend wie ein Reh über Wiese und Feld dem nahen Dörfchen zu. Josephine stand momentan in ratloser Verlegenheit. Um sie her schnatterten und wackelten die Vögel des Kapitols, mit lauter Ovation die neue Herrin grüßend, welche es sich zur ersten Pflicht machte, die Haselnußgerte auf dem Federrock des revolutionären 7 Ganters in Bewegung zu setzen, bis auch er, der einzige Rebell, das energische Regiment der Thronfolgerin anerkannte und sich leise pfauchend in die Nesseln des Chausseegrabens zurückzog. Aufmerksam beobachtete die junge Dame ihre Schutzbefohlenen, jede Bewegung wurde streng überwacht, ob sich vielleicht ein Korn- oder Kartoffelgelüste der befiederten Unholde kund thue; aber alle Achtung vor Bärbels trefflicher Erziehung! keine der Gänse machte nur Miene, das erlaubte Terrain zu überschreiten. Die Sonne schien heiß, und Josephine begann sich zu langweilen. Sie rückte mit kräftigen Armen das Heu in den Schatten eines Ebereschenbaumes, welcher mit vielen anderen laubigen Kollegen die waldfreie Seite der Chaussee säumte, bereitete sich einen nicht gerade raffinirt majestätischen, aber doch einen herrlich duftenden Königsthron und zog mit einem Seufzer der Erleichterung den breiten Hut von den Haaren, um ihn recht fürstlich undankbar, gleich dem Mohren, welcher seine Schuldigkeit gethan, in die tiefste Tiefe des Grabens zu schleudern. Helles Licht flutete über das reizende Gesichtchen des gnädigen Fräuleins. Schelmerei und Mutwillen blitzten die dunkelblauen Kinderaugen unter schwarzen, langgeschweiften Wimpern, schlugen sich voll auf in naivem, neugierig forschendem Staunen und verschleierten schüchtern den Blick lautester Herzensgüte, gleich dem keuschen Blumenkelch, welcher vor unberufener Hand die Blättlein schließt, um nicht zu zeigen, wie reich und schön er ist. Kind und 8 Jungfrau stritten sich noch um die Seele dieses Blickes. Jetzt streifte er nachdenklich das frischgewaschene Kattunkleid, das Herzeleid der Tante Renate, welches nun einmal volle acht Tage getragen werden muß, coûte qui coûte! »Ich werde es völlig zerknittern!« überlegte die kleine Gänsemajestät, »und mir womöglich Grasflecken drein machen, außerdem ist es so steif und unbequem wie ein Brett! Es ist ja keine Menschenseele in der Nähe, und kommt wirklich ausnahmsweise etwas die Chaussee entlang, so sind es die Tagelöhner aus Groß-Stauffen oder die Milch-Jette, wer sollte sich denn sonst in diese Einsamkeit verlieren!« Und gar nicht an die Möglichkeit irgend einer civilisirten Begegnung denkend, streifte Josephine flink den blauen Kleiderrock aus und trug ihn etwas abseits hinter das schirmende Ellerngebüsch, wo er gleich einem kugelrunden Luftballon an niederem Ast über der Erde schwebte. Dann warf sie sich selbst in wohligstem Behagen mitten in das Heu hinein. Etliche Minuten verschränkte sie noch die Arme im dolce far niente unter dem Köpfchen und beobachtete mit blinzelnden Augen die rupfende und zupfende Heerde Bärbels, dann langweilte sie sich abermals, sprang auf, holte Goethes Gedichte aus dem Kleid und überließ die Gänse, in unerschütterlichem Vertrauen auf deren Wohlerzogenheit, ihrem Schicksal. Lang hingestreckt, dem Himmel den Rücken zukehrend und beide Ellbogen auf das Heu gestemmt, stützte sie den Kopf in die Hände und 9 versank, ohne mehr rechts oder links zu blicken, völlig in den zauberischen Wogen Goethescher Poesie. Zuerst fand sie noch Zeit, die saftigen Grashalme gedankenlos zwischen den Zähnen zu zermalmen; als aber Seite um Seite umflog, und die Augen immer größer und immer verständnißloser wurden, als die Gedichte nicht nach der Qualität, sondern nach der Quantität verschlungen wurden, da standen auch die kleinen Perlzähne still, und ihre Besitzerin fand geistige Nahrung so überreich, daß vegetarianische Genüsse vollkommen zu entbehren waren. Die Sonne aber stand am Himmel und zitterte mit einzelnen Strahlen über das wildlockige blonde Mädchenhaupt. Bärbels grauen Zwilchsack, den Schutz gegen Regen, Sturm und Gewitter, hatte Josephine vorsorglich über ihr helles Unterkleid geschlagen, und nur die Nagelschuhe schauten wie kleine Ungeheuer, leise im Versrhythmus den Boden klopfend, aus den groben Falten hervor. Also hütete die dereinstige Erbin von vielen Tausenden, Freiin Josephine Wetter von Stauffenberg, die Gänse an dem Chausseerain. Wo der Fahrweg fast stundenlang durch die Waldungen führt, eintönig geradeaus durch stark duftende Fichten und Kiefern, so eng bestanden und buschig, daß sie sich wie hohe, grüne Wände an beiden Seiten hinziehen, oder, lichter werdend, wie schlanke Palmschäfte emporragen, von deren knorrigen Häuptern die Nadelbärte malerisch herniederwehen, trabten langsam hin durch die fußhohen 10 Sandfurchen zwei Reiter. Das Gespräch stockte momentan; der letzte Gewitterregen hatte einen beträchtlichen Teil des losen Sandwalles herniedergeschwemmt, und die Passanten waren genötigt, die eingegrenzte Strecke Weges hintereinander zurückzulegen. »Zum Teufel mit dieser gottvergessenen Einöde!« grollte der jüngere der beiden Herren, seinen eleganten Goldfuchs parirend, um hinter dem Begleiter zurückzubleiben; »sollte man solche Zustände im neunzehnten Jahrhundert für möglich halten! Bei Nacht bricht man sich hier Hals und Beine – stop, ›golden dream‹, stop!  –« Der Sprecher war ein auffallend schöner Mann, seine Bewegungen die eines vollendeten Kavaliers. Groß und schlank, von jener leichten und graziösen Sicherheit im Sattel, welche auf den ersten Blick den Sportsmann verrät und welche in dieser Vollendung nur dem Kavallerieoffizier eigen ist, trug seine ganze Erscheinung das Gepräge sorglos lachender Heiterkeit. Dunkel flammende Augen erzählten unter der Devise »Ich kam – man sah mich – und ich siegte« – ein übermütiges Lustspiel von Triumphen, zu welchem der spöttische Zug um die Mundwinkel, welcher die Lippen so herausfordernd, fast leichtsinnig über den blendenden Zähnen schürzte, das ewig alte und ewig neue Drama von dem gebrochenen Herzen hinzufügte – » Pour passer le temps! « lautet sein gewissenloser Refrain. Ein dunkler, sehr zierlicher Schnurrbart korrespondirte mit dem 11 Haupthaar, welches in lockiger Fülle, wohlfrisirt, die Stirn umrahmte; das Civil war nicht dandyhaft, aber mit Geschmack und viel Sorgfalt gewählt. Anders, durchaus anders sein Begleiter. Von großer, vierschrötiger Figur und etwas linkischen Bewegungen, mit einem breiten, frischgeröteten Gesicht, aus welchem zwei hellblaue, unendlich treuherzige Augen schauten, gelbblondem Bart und Haupthaar. Es gab wohl nicht leicht einen größeren Kontrast, als zwischen ihm und seinem Gefährten. Er wandte das Haupt und lachte. »Man sieht, wie verwöhnt Du bist, Günther, wie wenig Hindernissen Du bis jetzt, excepté im Steeple-Chase, auf Deinem Lebenswege begegnet bist. Danke den Göttern für diese Sandschanzen und nimm sie mit gewohnter Schneidigkeit, sie verhüten die zweite Auflage einer Polykratestragödie!« »Dafür hat bereits mein Vater gesorgt, als er meine Wiege auf den sterilsten, langweiligsten Sandboden des ganzen deutschen Reiches stellte,« war die grollende Antwort, »als er mich jetzt um die schönsten Wochen meines Urlaubes kränkte, den modernen Robinson Crusoe auf der eigenen Scholle zu spielen! Mille diables , ich war absolut nicht neugierig auf hiesige Verhältnisse und wäre wirklich nicht auf Helgoland an Sehnsucht nach dem Schloß meiner Ahnen gestorben, aber der Alte that's nicht anders, ich soll durchaus in dem stolzen Gefühle eines Großgrundbesitzers hier schimmelig werden!« »Bist Du denn wahrlich zum ersten Male hier, 12 Freund Fortunatus? Unbegreiflich! ich finde Deine Heimat charmant, eine Idylle voll Frieden und Ruhe, die mir wohlthut wie ein Schluck frischen Wassers nach langer, brennender Oede inmitten des erstickenden Residenzstaubes!« »Ja, das bist Du auch, mein braver Hattenheim! – Quellwasser, Schwarzbrod und ein Hüttchen, in welchem Raum für ein glücklich liebend Paar ist, das sind die hohen Anforderungen Deines Geschmackes!« lachte Günther voll gutmütigen Spottes auf. »Hätte ich nicht gewußt, welch ein rührend genügsamer Kerl unter Deiner Flachsperrücke steckt, ich hätte niemals meine Einladung nach Lehrbach riskirt. Gott sei Dank, daß Du hier bist, alter Junge, ohne Dich wäre aus dem Prinzen Fortunatus bereits ein Fliegen klatschender Hypochonder geworden. Aber Thatsache ist es, daß ich zum ersten Mal, wenigstens mit Vollbewußtsein dieser Zumutung, Schloß Lehrbach mit meiner Gegenwart heimsuche. Siehst Du, Hattenheim, das kam so: Bis zu meinem siebenten Lebensjahre bewohnten meine Eltern ihre hiesige Besitzung jeden Sommer und siedelten erst nach meines Vaters schnellem Avancement dauernd in die Residenz über, wo Mama, schon damals viel leidend, stets genötigt war, statt Lehrbach heilsame Bäder aufzusuchen. Die Güter wurden verpachtet, Mama starb, und mein Vater stieg so hoch in Amt und Fürstengunst, daß er weder Zeit noch Gedanken für seine Scholle hatte. Wenn Du einmal Minister 13 bist, lieber Reimar, wirst Du das begreifen. Ich hatte natürlich auch mehr zu thun, als hier die Motten auszuklopfen, und so kam's, daß selbst meine Kindererinnerungen, bis auf mein Mooshaus im Park, pardon! einschliefen und vergilbten.« »Und jetzt? Seine Excellenz der Minister nebst dem Herrn Sohn zu gleicher Zeit auf vier Wochen allhier in den › oubliettes ‹ zu Lehrbach freiwillig eingekerkert?« Ueber Hattenheims frisches Gesicht flog das behagliche Schmunzeln, welches ihm bei einem vermeintlichen Witz eigen war. »› Oubliettes ‹ ist gut!« lachte Günther; »aber ›freiwillig‹ ist eine Niete, Dicker! Meine Bereitwilligkeit wenigstens hatte den Kappzaum auf, und mein Vater? Sieh mal Du, die jährlichen Renten sind ganz infame Tyrannen, die rütteln selbst eine Excellenz aus ihrer Apathie! Unser Pachtkontrakt war abgelaufen, und neue Abschlüsse bedingen eine genaue Kenntniß der Sachlage, ergo hieß es: An die Pferde! Der alte Graf und Herr zu Lehrbach aber fürchteten sich vor Einsamkeit und Langeweile, darum kommandirte er seinen Sohn Job Günther, Grafen und Herrn zu Lehrbach, zur persönlichen Dienstleistung, und da dieser Unheil und aufziehende Wetter ahnte, sorgte er bei Zeiten für einen Blitzableiter, welcher allhier hoch zu Rosse breit und wohlgenährt vor ihm her trabt, – – nichts für ungut, lieber Hattenheim! Dieses notwendige Uebel bist Du!« Bei den letzten Worten dirigirte Graf Günther 14 seinen Goldfuchs » golden dream « in kurzer Volte an die Seite seines Freundes, da der Weg wieder breit und frei vor ihnen lag. Ein fast zärtlicher Blick Reimar von Hattenheims streifte das schöne Antlitz des Kameraden, dessen lustiges Lachen, ging dasselbe selbst auf Kosten seiner eigenen oft bewitzelten Persönlichkeit, zum Sonnenschein seines einsamen Lebens geworden war. Beide junge Männer standen bei einem Regiment, den in der Residenz garnisonirenden Husaren, wohnten einander vis-à-vis und waren sogar durch Urvater Adam und eine angeheiratete Cousine etwas verwandt. Hattenheim, früh verwaist und viel auf sich selbst angewiesen, still und bescheiden, durch manch bittere Erfahrung verschlossen und neuen Bekanntschaften unzugänglich, war langsam, sehr langsam, aber desto sicherer der Freund Lehrbachs geworden. Les extrêmes se touchent – so verschieden wie die beiden Charaktere, so verschieden waren auch die Motive der Freundschaft, welche erst verschiedene Stadien zu durchlaufen hatte, ehe sie sich zu dem aufrichtigen, von beiden Seiten so ehrlich gemeinten Verhältnisse rückhaltlosen Vertrauens herangebildet hatte. Lehrbach, durch Glück und Sonnenschein verwöhnt und etwas oberflächlich beanlagt, war egoistisch und berechnend, wenn auch nur in Beziehung auf seine Persönlichkeit und das mit derselben verknüpfte Supremat über Parquet und Herzen. Sein letztes Stück Brod hätte er ohne Besinnen, sein Hab und Gut vielleicht leichtsinnig mit Hattenheim und 15 manchem Anderen seiner Kameraden geteilt, aber Frauengunst und den in heißem Kampfe eroberten Platz als Löwe des Tages, als enfant chéri der Residenz, den teilte er mit Niemandem, selbst mit dem braven Hattenheim nicht. »Ich will keine anderen Götter haben neben mir!« blitzten seine dunklen Augen, und diese, seine eifersüchtige Eitelkeit, war die erste egoistische Ursache seiner Annäherung an Reimar gewesen. Es war eine seltene und auffallende Thatsache, daß Günthers Kameraden fast sämmtlich sehr beliebte Gesellschafter waren, entweder durch ein einnehmendes Aeußere, oder durch mannigfache Talente ausgezeichnet, welche sie überall zu gerngesehenen und bevorzugten Gästen machten. »Es ist zum Rasendwerden mit dem Grafen Vroneck!« hatte Lehrbach oft mit dunkelroth echauffirtem Kopf gerufen, »da stellt sich der Kerl hin, und singt – bah! Unsinn, brüllt sage ich! – ein paar sentimentale Lieder, und Mütter und Töchter verdrehen die Augen und laden ihn womöglich ganz en famille zum Musiciren ein! – Ebenso mit Brocksdorff, Reuenstein und Clodwig! –Warum? – weil sie Geige und Clavier spielen, aber wie?! – Schauderhaft! – daß ich immer Leibschmerzen bekomme! – und trotzdem treiben die Damen einen förmlichen Cultus mit den Kerls, – immer Soiréen und Musik! – wo unser einer die Wand dekorirt und sich vorkommt wie Butter an der Sonne!« – Als Hattenheim aus einem schlesischen Ulanenregiment nach D. versetzt wurde, nahm Lehrbach den 16 neuen Vetter und Kameraden sofort unter den Arm und führte ihn längere Zeit spazieren. Da wurde ein hochnotpeinliches Verhör über ihn verhängt: »Sagen Sie mal, Verehrtester, spielen Sie Clavier – oder Geige – oder sonst so eine Jammerschachtel?« fragte er mißtrauisch. Hattenheim schüttelte erstaunt sein strohgelbes Haupt. »Nein, lieber Vetter, nur Skat und Meine Tante, Deine Tante.« »Famos! sehr nett von Ihnen – aber singen, oder dichten Sie vielleicht? – Lyrische Verse sind mir gräßlich – geradezu gräßlich, sage ich Ihnen! Unser guter Reuenstein dichtet mit wütender Consequenz! die armen Herrschaften, namentlich Prinzeß Sylvie, bekommen diese Stiefkinder Eratos meuchlings beigebracht – dutzendweise, und jedes unter anderem Namen, zum Beispiel »Sonett« oder »Ballade« oder »Distichon« – oder was sich der Kerl all' für Namen dazu ausdenkt – lächerlich, auf Wort; er blamirt sich nur damit! – Aber pardon – Sie dichten vielleicht selber?« Ein fast entsetzter Blick traf ihn aus den hellblauen Augen Reimars: »Nie! – nie! . . . Ich habe absolut kein Geschick dazu, ich bin überhaupt sehr stiefmütterlich von der Natur bedacht, ich besitze kein hervorragendes Talent! aber ich liebe und verehre die Kunst!« »Natürlich, ich auch, Vetterchen – ich male – wie man sagt – sogar ganz passabel! – Aber zum Kuckuck, das nützt mir doch nichts im Salon! Man 17 kann doch keine Portraitir-Abende arrangiren! Also kein Talent? Hm . . . thut gar nichts, Hattenheimchen, es wäre ja fürchterlich, wenn nur noch Genies geboren würden! A propos – Sie soupiren heute Abend mit mir, selbstverständlich! – werden doch bei Verwandten keine Umstände machen! Papa hat einen excellenten Weinkeller – allons donc! « Noch einen Blick über des Vetters Antlitz und Figur, welche so gar nicht den Eindruck eines »schneidigen Schwerenöthers« machten, und in Lehrbachs Herzen jubelte es: » Heureka! Dies ist mein Mann! Dies ist die Folie für mich, welche ich brauche, dies ist ein Freund, den Frau Fortuna, meine hohe Gönnerin, speziell für mich im lieben Schlesien gebacken hat!« Und von Stund' an nahm er den Vetter mit so viel – erst gekünstelter, bald aber herzlicher Liebenswürdigkeit in Beschlag, daß sich fast unbewußt für Beide ein reger Verkehr anbahnte, welcher bald eine feste und bleibende Freundschaft wurde, deren trefflicher Einfluß namentlich bei Lehrbach seine edlen Früchte trug. – Er lernte in dem unbedeutenden, gesellschaftlich so völlig übersehenen Freund einen Charakter kennen, so goldgetreu und selbstlos, so wahrhaft ritterlich und bieder, daß er seine Nähe nicht mehr aus Egoismus, sondern aus verehrungsvollster Zuneigung suchte. – Und Hattenheim? Das herzliche Entgegenkommen des bedeutend jüngeren Vetters that dem schüchternen, und dadurch sehr vereinsamten Manne wohl; 18 mancherlei Winke betreffs des Hoflebens, der neuen und ungewohnten Verhältnisse, die eifrige Bereitwilligkeit, ihn bei einflußreichen und beliebten Familien aufs beste einzuführen, verpflichteten ihn und erfüllten ihn bei seiner so wie so schon sehr sensibelen Natur mit unbegrenzter Dankbarkeit. – Dazu gesellte sich eine tiefe Bewunderung für den gefeierten, viel umworbenen Mann, dessen Schönheit, und die glänzende Begabung, dieselbe im Vollbesitz gesellschaftlicher Routine zur Geltung zu bringen, ihm das Ideal eines Cavaliers verwirklichten! Auch erkannte er in seiner großen Vorliebe für Alles was Kunst heißt, das wirklich beachtenswerthe Talent Günthers, welcher mit Leichtigkeit den Pinsel und Stift führte, und mit wenigen Strichen ein so sprechendes Portrait lieferte, daß es selbst wenig geübte Augen frappiren mußte! – Aber Lehrbach vernachlässigte seine Studien, weil das »alberne Geklexe« absolut undankbar und im Salon ja außer zur Dekoration durchaus unbrauchbar sei! – Erst auf langes, dringendes Bitten Reimars entschloß er sich durch vorzügliche Stunden sein Talent zur Vollendung zu reifen, und dankte ihm nun manchen Triumph, welchen er sich vorher gar nicht hatte träumen lassen. – Hatten ihm doch seine Caricaturen, welche er so keck und amüsant auf die Tanzkarten kritzelte, den ersten Cotillonorden der Prinzeß Sylvie eingetragen! – Weit entfernt, auch nur die mindeste Concurrenz zu suchen, freute sich Hattenheims selbstlose Seele 19 in fast väterlicher Liebe der Erfolge des Lieblings, strahlend vor Stolz und Freude über dieselben, als seien sie ihm und nicht Günther geworden, und von rührender Gutmüthigkeit, wenn der despotische Freund in übermütiger Laune den Pfeil des Witzes selbst auf ihn abschnellte. – Lehrbach fühlte sich unsagbar wohl dabei. – »Sag' mal, Dicker, hast Du eine unglückliche Liebe, oder bist Du heimlich verlobt, oder ohne Herz zur Welt gekommen?« fragte er einst am Morgen nach einem Balle, als er an Hattenheims Seite einen »Katerritt« unter den Fenstern des linken Schloßflügels machte, »ich bin noch nie im Leben einem so stockfischigen Kerl begegnet wie Dir! – Warum tanzt Du nicht? Fürchtest Du einem trefflich gedeihenden Embonpoint Abbruch zu thun, oder studirst Du auf den Junggesellen?« »Keins von beiden, Kleiner, ich will Dir nur nicht in das Gehege kommen!« Hattenheim schmunzelte und hieb mit der Reitgerte ein dürres Blatt von dem tiefhängenden Kastanienzweig. – » Bêtise! mit dieser Ausrede lasse ich mich nicht abspeisen – Hand aufs Herz, Reinz, schlägt's für keine Einzige?« »Leider noch immer nicht! seit fünf Jahren suche ich mein Ideal und finde es nicht, bin wohl zur unrechten Zeit auf die Welt gekommen! Lat bee , ich vermisse es nicht, und füge mich meinem Schicksal –« Lehrbach fixirte mit mißtrauischem Seitenblick 20 das Antlitz des Sprechers, welches sich plötzlich mit einem melancholischen Aufseufzen tief zur Brust neigte. – »Hattenheim, ich verlange Offenheit von Dir! ist es vielleicht ein und dieselbe, die wir –« Leises Auflachen unterbrach ihn. – »Nein, auf Wort nicht, Vetter! Hier meine Hand drauf, unser Geschmack ist sehr verschieden! Ich bin seit meiner Jugend einsam, an keine Weiber gewöhnt, darum mache ich vielleicht unmögliche Anforderungen an meine Zukünftige! Noch aber bin ich Freiherr, – frank und frei von jeder Neigung!« – »Ich glaube es Dir. Aber eins, Reimar, wenn Du jemals glaubst die Rechte gefunden zu haben« »So komme ich zu Dir, und frage um Erlaubniß, ob ich sie lieben darf!« – fiel der junge Offizier heiter ins Wort, mit sichtlichem Ergötzen den Argwohn im Auge Lehrbachs beobachtend: »bis dahin aber passons la dessus  –« Schweigend ritten beide Herren neben einander. Die Hufschläge der Pferde verklangen im tiefen Sande, selten daß eines derselben aufschnaufend die Mähne schüttelte, oder ein Sporn mit leisem Silberklang den Bügel streifte; keine Menschenseele weit und breit, es war ein einsamer, langweiliger Weg, welcher Schloß Lehrbach und Groß-Stauffen verband. Der Wald schnitt zur einen Seite ab und machte wogendem Aehrenfelde Platz, während die Chaussee scharf umbog und, von Ebereschenbäumen 21 eingefaßt, sich mählich in eine Wiesenebene senkte, aus deren buschigem Hintergrunde rote Dächer und der graue, viereckige Schloßturm von Stauffen aufragten. Hattenheim hatte in tiefe Gedanken verloren das Haupt geneigt und starrte mechanisch auf den glänzenden Nacken seines Braunen, als er sich plötzlich fest am Arm gefaßt fühlte, und Günthers Stimme ihm hastig ins Ohr raunte: »Stop Reinz!« Der Genannte zuckte empor und blickte seinen Gefährten überrascht an; ehe er aber die Lippen zu einer Frage öffnen konnte, fuhr Lehrbach flüsternd fort: »Pst, ein reizendes Bild, Dicker, eine famose Idylle!« Hattenheim straffte die Zügel und folgte mit dem Blicke dem Finger des Kameraden, welcher sich auf den Straßenrain, dicht vor ihnen, richtete. Dort graste in friedlicher Eintracht eine Gänseheerde zwischen Klee und Buntblümlein im hellglänzenden Sonnenlichte, während etwas abseits auf einem Heuhaufen ihre Hüterin den goldblonden Kopf in die Hand stützte und durch den Inhalt eines kleinen Buches so gefesselt schien, daß sie das Nahen der Fremden nicht bemerkt hatte. Das reizende Profil war den Reitern zugewandt und hob sich in weichen, reinen Linien von dem schattigen Hintergrunde ab. »Famoses Idyll!« flüsterte Lehrbach, ohne den Blick von dem blonden Mädchenkopf zu wenden, »eine ländliche Studie, wie sie gar nicht besser zu 22 finden ist! Habe ja Prinzeß Sylvie etliche Beweise meines Fleißes versprochen, Land und Leute aus Lehrbach, die kleine Hoheit hat merkwürdiges Interesse dafür! Donnerwetter, welch süßes Gesichtchen! » Gänseliesel « soll den Reigen eröffnen Hattenheim, mille diables! Hast Du jemals solch ein reizendes Modell gesehen?« Lehrbach zog eifrig sein elegantes Skizzenbuch aus der Brusttasche und warf einen schnellprüfenden Blick auf die Bleistiftspitze: »Halte, bitte, mal den Gaul so lange, Dicker, ich will mich schnell etwas näher pürschen, ehe meine ländliche Schöne ihre Katechismusstudien beendet hat – lernt gewiß die sieben Bitten für den Herrn Pfarrer . . .« Und der junge Offizier schwang sich so lautlos wie möglich aus dem Sattel, warf Hattenheim die Zügel zu und schlich behutsam in dem weichen Sande näher, bis zu dem nächsten Steinhaufen, auf welchen er sich, allerdings nicht ohne Ueberwindung, niedersetzte und, das Buch auf den Knien, eifrig zu zeichnen begann. Sein ahnungsloses Modell verhielt sich meisterlich ruhig, das Umschlagen der Seiten geschah schnell und ohne die Stellung zu verändern, und wenn sich die kleine Hand hie und da regte, um die vorfallenden Löckchen aus der Stirn zu streichen, so hinderte das den jungen Künstler keineswegs, ein allerliebst ähnliches, wenn auch ein klein wenig carikirtes Porträt zu liefern, denn der vielfach geflickte Sack, welcher ihre Figur einhüllte, und die 23 plumpen Nägelschuhe traten in humoristischer Treue hervor, auch etliche der gefiederten Unterthanen gruppirten sich in scherzhaftesten Posen um die junge Gebieterin! Mit amüsirtestem Lächeln sah Günther schon nach kurzer Zeit auf die vollendete Zeichnung hernieder, schrieb mit kräftigen Zügen: »Gänseliesel« und das Datum darunter und verglich alsdann Original und Kopie noch einmal mit prüfendem Blick. »Wie schade, daß sie die Augen niederschlägt!« dachte er, »es geht dadurch viel Schönes verloren! Schönes? natürlich, in solch allerliebstes Gesicht gehören ein paar Musteraugen, groß – lachend – natürlich blau, nach dem Blondkopf zu schließen! – Teufel noch eins, wenn die kleine Hexe doch einmal aufsehen wollte!« Aber »Gänseliesel« sah nicht auf, und der junge Offizier erhob sich, schritt lautlos, wie er gekommen, zu dem Pferde zurück und reichte Hattenheim die Skizze empor. »Die hätten wir!« lachte er leise. »Eine Entführung so heimlich, daß selbst die Hauptperson keine Ahnung davon hat! – Nun? ›Zur Kritik, meine Herren!‹ ich warte auf Dein unmaßgebliches Urteil, lieber Dicker!« Mit einem Blick, in welchem Uebermut und eine kleine Dosis Selbstzufriedenheit um den Vorrang stritten, blickte er zu dem Freunde auf und lehnte sich, seine Antwort erwartend und die Zügel in der Hand, gegen seinen Goldfuchs zurück. 24 Lange, fast ungewöhnlich ernst blickte Hattenheim auf das kleine Bild in seiner Hand hernieder. Ein vergleichender Blick flog nach der Leserin im Heu hinüber, um sich alsdann abermals auf die Zeichnung zu senken, während ein mildes, warmes Lächeln seine Züge verklärte. » Mirabile visu! « murmelte er und nickte ein paar Mal sinnend vor sich hin. »Ein herziges Gesicht und eine vortreffliche Zeichnung. Es kommt mir vor, als sei Dir lange nicht eine solch frappante Aehnlichkeit gelungen, und doch sind's nur wenige Striche, und gesenkte Augen! – Danke Dir, Günther, Du bist ein ganzer Kerl!« – und er warf noch einen Blick auf das Papier und reichte Lehrbach das Skizzenbuch zurück. Dieser klappte es zu und schob es in die Brusttasche. »Ja, leider gesenkte Augen!« sagte er, sich elastisch in den Sattel schwingend. »Aber nur auf dem Papier, in Wahrheit soll sie uns sofort den blauen Himmel ihrer Seele entschleiern! Hübsch gesagt, was? ist auch nicht von mir! – Vorwärts jetzt, avançons! « und ein leichter Zungenschlag ließ den Fuchs von Neuem ausgreifen. Hattenheim folgte fast mechanisch, um Halseslänge hinter dem Kameraden zurückbleibend, welcher dicht am Chausseerain in beschleunigtem Tempo seinem Modell entgegen eilte. Immer noch klangen die Hufe gedämpft im Sande, Lehrbach zog die Kornblume aus dem Knopfloch und warf sie mit geschicktem Schwung nach dem Buche der so 25 außerordentlich vertieften Leserin, welche jedoch in demselben Augenblick schon emporschrak und mit zwei großen, dunkelblauen Augen fast entsetzt auf die Reiter starrte. »Nun, kleine Haiderose, so ganz und gar vertieft?« lachte der schöne Mann, sein Roß parirend, »welch ein interessantes Buch haben wir denn da vor?« Dunkle Blutwellen ergossen sich über das Gesicht Josephinens, sie schlug erschrocken den Goethe zu und richtete sich mit schnellem Ruck empor. Momentan ruhte Auge in Auge, dann wiederholte sie plötzlich mit staunender Freude: »Haiderose?« und ehe nur Lehrbach ihr seltsames Benehmen deuten konnte, blätterten auch schon ihre Finger in fast zitternder Hast von Neuem in dem Buche. Günther blickte Hattenheim lachend an. »So naiv, daß sie selbst die botanische Eloge nicht begreift!« und sich abermals zu Josephine wendend, fuhr er fort: » Pardon , mein schönes Kind! ich bitte noch einen Augenblick die Lectüre zu unterbrechen und mir eine Frage zu beantworten!« Aber Gänseliesel schien seine Worte nicht zu hören, ihr Auge starrte auf das Buch. »Ganz recht!« rang es sich wie in lautem Selbstgespräch von ihren Lippen: »Röslein auf der Haiden!« und sie ließ das Buch sinken, blickte mit dunkeln, glänzenden Augen zu ihm auf und dachte im Herzen: Also Der ist Dein Glück! Lehrbachs scharfer Blick fiel auf das Buch. Er sah gedruckte Verse und ein vierblättriges, frisches Kleeblatt, welches zwischen den Blättern lag. 26 »Aha! Gedichte?« rief er, die Hand nach dem Goethe ausstreckend, »darf man wohl sehen, welch ein glücklicher Meister hier mit Haut und Haar verschlungen wird?« Wie gebannt hing Josephinens Blick an seinen lachenden Zügen, heißes Rot brannte auf ihren Wangen, und fast mechanisch reichte sie das Buch empor. »Goethe? grâce à Dieu! « die schlanke Figur des Grafen bog sich zu Hattenheim zurück: »Dicker! ich thue der Gegend hier Abbitte dafür, daß ich sie eine Wildniß genannt habe! Mehr Kultur als die Classiker auf der Gänsewiese kann man doch bei Gott! nicht verlangen!« Und sich zu Josephine zurückwendend, sagte er mit langem Blick in ihre Augen: »Ein Vierblatt? frisch gebrochen! wissen Sie auch, kleine Schönheit, daß dies Glück bedeutet?« Fräulein Wetter von Stauffenberg nickte eifrig. »Es ist ja schon eingetroffen!« lachte sie voll reizender Naivetät. »So? und inwiefern, wenn man fragen darf?« »Nun – Sie kamen des Wegs und nannten mich ja Haideröschen!« entgegnete sie treuherzig. »Und das ist ein Glück?« Lehrbachs flammendes Auge ließ das junge Mädchen plötzlich verwirrt die Wimpern senken, sie suchte stotternd nach einer Antwort, aber der Reiter fuhr mit einem abermaligen Blick in das Gedichtbuch leiser fort: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Haiden! Wie nun, wenn dieses Gedicht zur Wahrheit geworden wäre, wenn der Knab' – und der bin ich! 27 – das morgenschöne Röslein wirklich mit tausend Freuden ansähe?« Ein unbeschreiblicher Blick traf ihn aus den klaren Kinderaugen, lachendes Entzücken, Verlegenheit und süße Scheu waren sein Gemisch. »Wer sind Sie denn? und was wollen Sie hier bei uns?« fragten die roten Lippen, ohne näher auf seine Frage einzugehen. »Meinen Mut beweisen, daß ich mich nicht vor Rosendornen fürchte!« lächelte er, gerade im Begriff, noch einen Schritt näher zu reiten. In demselben Augenblick aber klang es laut und jubelnd über die Wiese: »Frölen Josephining! dar bin ik torück!« und als er erstaunt aufblickte, sah er ein schlankes, ärmlich gekleidetes Bauernmädchen querfeldein durch den Kartoffelacker laufen, um mit wenigen Schritten neben den Reitern und Josephinen zu stehen. »Gnä' Frölen, se sull gliek baben komm'!« rief Bärbel atemlos, faßte schnell die Hand der Baronesse und küßte sie voll dankbarer Innigkeit: »Ik dank' ok, daß se upp de Gös achte passt hebben, un' min Mudding ok, se is better, un' min lütt Brauder wart' se!« Lehrbach und Hattenheim wechselten einen Blick maßlosen Erstaunens. »Gnädiges Fräulein?« wiederholte Lehrbach, den Hut abziehend, »ich bitte tausendmal um Pardon, ich ahnte wirklich nicht – –« »Daß hier zu Lande die adligen Damen Gänse hüten?« lachte Josephine übermütig auf: »Das ist auch drollig, nicht wahr?« und die Händchen in unverhohlenem Vergnügen 28 zusammenschlagend, fuhr sie heiter fort: »Ich merkte ja gleich, daß Sie mich mit Bärbel verwechselten, weil Sie gar keinen Respekt vor mir hatten! Haha! was für ein komisches Gesicht Sie machen! ich könnte mich todtlachen über Sie!« Und Josephine zeigte mit so viel schelmischer Bosheit ihre Perlzähnchen, als wolle sie wirklich mit dem Todtlachen Ernst machen! »Sie sehen mich allerdings außerordentlich stupéfait , meine Gnädigste,« rief Lehrbach, sich schnell in seine eigentümliche Situation findend und ihr, gleich wie die junge Dame, die humoristische Seite abgewinnend: »Auf solch allerliebste Kapricen war ich allerdings nicht vorbereitet, und trotzdem ich mich jetzt unbarmherzig von Ihnen auslachen lassen muß, so beklage ich dennoch keinen Augenblick diese kleine Mystifikation, welche mir das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft schon etwas früher, wie erwartet, verschaffte. Gestatten Sie, meine Gnädigste, daß ich Ihnen meinen Freund, Lieutenant von Hattenheim vorstelle« – und mit einem abermaligen, noch tieferen Neigen seines Hutes fügte er langsamer hinzu: »Ich habe den Vorzug, Ihr Gutsnachbar zu sein, Graf Lehrbach!« Josephine hatte sich empor gerichtet und stand beiden Herren gegenüber. Bärbels Regensack hielt sie noch immer gleich faltenreichem Peplum um ihr Unterkleid geschlagen, das blonde Haar hing in halb gelösten Flechten, reichlich mit Heuhalmen durchzogen, über den Rücken, und die Weidenrute 29 in der Hand vervollkommnete den originellen Eindruck ihrer Erscheinung, welche jetzt alles Versäumte mit feierlich tiefem Kompliment wieder gut machen wollte. Zum ersten Mal traf ihr Auge Hattenheim, welcher sich schnell und etwas linkisch verneigte, aber es war nur ein flüchtiger, gleichgültiger Blick, welcher das flachsgelbe Haupt streifte, dann zog ein rosiges Lächeln über ihr reizendes Gesichtchen, und sich abermals an Lehrbach wendend, klang es wie leiser Jubel zu ihm auf: »Sie sind unser Nachbar? Sie wohnen jetzt in Lehrbach? O wie prächtig ist das, und wie freue ich mich darüber. Es war so einsam bei uns, alle Güter ringsum verpachtet, es kam mir oft recht langweilig vor, obwohl ich's nie anders gewohnt war! Aber nun wird es besser, nun kommen Sie öfters zu uns, nicht wahr?« Sie reichte ihm in herziger Unbefangenheit die kleine Hand entgegen, welche Günther hastig umschloß, sein Blick fiel darauf nieder, auf die braungebrannten, arg verwilderten kleinen Finger, welche sich doppelt grell gegen das zarte Perlgrau feiner Handschuhe abzeichneten; ein Lächeln huschte um seine Lippen. »So bald und so oft wie Sie uns gestatten, mein gnädiges Fräulein!« entgegnete er galant, mit einem abermaligen, langen Blick in ihre Augen, ›war so jung und morgenschön, lief er schnell , es nah zu sehn.‹ Sie dürfen ja nicht vergessen, daß Sie das Haideröslein sind und von mir, dem ›wilden‹ Knaben, am Wege gefunden wurden!« Josephine nickte strahlenden Auges, aber 30 durchaus harmlos mit dem schlanken Köpfchen: »Ja, ich wußte es, daß mein Kleeblatt Glück bringen mußte!« rief sie in schmeichelhaftester Aufrichtigkeit – »und ich werde auch Pfarrers Friedel nie mehr verspotten, wenn – –« Bärbel zupfte sie unruhig am Kleide: »Gnä' Frölen, se sullen jo glieck baben komm', seggt de gnä' Fru, se sullen im Gaarden Stickelbeeren plucken!« Abermals zuckte es um Lehrbach's Mundwinkel wie mühsam verhaltenes Lachen. »Wir halten Sie auf, meine Gnädigste!« sagte er, »und entziehen Sie Ihren häuslichen Pflichten! Gestatten Sie, daß mir uns morgen bei Ihren verehrten Eltern die Erlaubniß holen, recht häufige Gäste in Groß-Stauffen zu sein, und um den Vorzug bitten, auch Lehrbach auf den Empfang seiner verehrten Nachbarn vorbereiten zu dürfen?« Josephine stimmte eifrig zu: »Ja, kommen Sie morgen! und recht früh – und dann recht lange dableiben – ich will's Onkel und Tante gleich sagen« und sie unterbrach sich plötzlich, und legte den Finger an die Lippen: »Halt! da will ich Ihnen gleich einen schlauen Rat geben!« sagte sie geheimnißvoll. »Wenn Sie wollen, daß Onkel Bernd Ihnen recht gut sein soll, dann müssen Sie sehr viel von unserm lieben Kaiser sprechen, dann erzählt er Ihnen gleich seine Lieblingsgeschichten, und Tante Renate, wenn sie der nicht die Puten im Hof jagen, wird die auch schon nett sein.« 31 Jetzt lachte Lehrbach sein volles, übermütiges Lachen. »Unbesorgt, gnädigstes Fräulein, die Puten und Tante Renate sollen sich nicht in der Friedfertigkeit zweier Husaren getäuscht haben! ich danke Ihnen herzlich für den vortrefflichen Rat und küsse Ihre kleine Hand dafür! Also auf Wiedersehen, und hier das Buch mit all dem Glück, welches es in seinen Blättern birgt: Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Haiden!« und mit seinem dunklen Zauberblick neigte er sich tief hernieder, legte »Goethes Gedichte« in die Hand des Gänseliesels zurück und schwenkte grüßend den Hut. » A revoir! « Und der Goldfuchs bäumte hoch auf, schwenkte kurzum und trug seinen Reiter in schlankem Trab die Chaussee zurück. Auch Hattenheim hatte gegrüßt, aber Josephine besaß nur zwei Augen, und deren Blick hing wie gebannt an dem »wilden Knaben«, welcher schön und ritterlich wie Sanct Georg, der heilige Streiter dahin sprengte; so warf er ohne Dank und Gegengruß, mit einem leisen, melancholischen Zucken um die vollen Lippen, auch sein Roß herum und folgte dem Freunde. 32   Zweites Kapitel. »Wie neu seid ihr in dieser alten Welt!«         König Johann.   III. Auf. 4. Sc.     Die Sonntagssonne strahlte über Schloß Stauffen. »Schloß« Stauffen? Man nannte es so, hörte es so nennen und dachte nicht weiter darüber nach, inwieweit der stolze Titel mit dem einfachen Träger in Einklang stand; wenn man aber von der westlichen Parkseite die hohe, graue Mauer vor sich sah, deren Giebel sich so altersschwach vornüber neigte, dann mußte es Einem unwillkürlich vorkommen, als senke Schloß Stauffen tief beschämt sein runzliches Angesicht, in gerechter Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit auf die wohltönende Eloge des Volksmundes. Durch ein hohes, gewölbtes Steinthor betrat man den viereckigen, stellenweise gepflasterten Hof, auf welchen die Front des Schlosses seit langen, langen Jahren schon mit demselben deprimirten, Grau in Grau spielenden Angesicht hernieder schaute, griesgrämlich und mit hohlen Fensteraugen, wie ein alter Mann, welchem der viereckige, 33 kurze und massiv plumpe Turm mit dem grünlich schillernden Knauf wie eine Morgenmütze schief aufs Ohr gedrückt war. Bog man aber in den schmalen Weg zum Gemüsegarten ein, vorbei an der steinernen Auftreppe, über welcher das vielfach abgebröckelte Wappen Derer von Wetter prangte, durch eine kleine, grüne Lattenthür, überhangen von üppig treibenden Geisblattranken, und blickte sich den Schloßbau von dieser Seite an, so gewann er urplötzlich ein gänzlich verändertes Ansehen. Der grauköpfige Alte verwandelte sich in ein Rococofräulein, welches das weit vorspringende Dach mit lustig nickenden Grasbüscheln und den gurrenden Tauben dazwischen gleich einem chapeau à la jardinière auf das staubgepuderte Haupt gedrückt hatte. Eine rund vorspringende Steinterrasse blähte sich gleich dem Reifrock, und die enge Galerie, welche sich ihr an beiden Seiten anschloß, von wurmstichigen Holzpfählen gestützt, machte den Eindruck von spitzen Stöckelschuhen, auf welchen Demoiselle einherstelzte. Zwar zogen sich auch durch ihr Antlitz zahllose Falten und Schmarren, und die breite dunkel verhangene Terrassenthür lächelte gleich zahnlosem Munde darin, aber dennoch hing hie und da eine einzelne Jalousie gleich einem neckischen Schönheitspflästerchen schief in den rostigen Angeln, und gleichsam, als solle eine chiffonnirte Robe durch billige Hilfsmittel aufgefrischt werden, schlangen sich Epheu und wilder Wein in verschwenderischer Pracht, oft sogar 34 kokett bis unter das Dach empor gezogen, um und über die altersschwachen Mauern. Da nistete und zwitscherte es im lauschigen Gezweig, Kletterröslein hatten sich verstohlen in das Gerank gemischt und streuten im hohen Sommer den frischen Blütenschnee auf den grasigen Weg, ja, hier konnte man Stauffen ein Schlößlein nennen, aber ein schlafendes, idyllisches Traumgebild, wie es Frau Fama um das Lager ihres Dornröschens gebaut hat. Poesie und Prosa streiften hier hart an einander, der malerischeste Teil des Gebäudes schaute auf den Gemüsegarten hernieder, auf Kohlköpfe, Suppengrün und schwadronirende Mägde, und wie traut auch die Rosen um den heimlichen Altan schmeichelten, es kam Keiner, ihren süßen Duft zu trinken, Keiner, in ihrem dämmernden Frieden zu träumen und ihren Kelch zu wonnigem, kurzem Glück zu brechen, sie blühten einsam und vergebens, bis der Herbstwind kam und ihre Blüten in den Staub wehte. Alles war praktisch in Stauffen, zu praktisch oft, zum gerechten Erstaunen der Inspectoren und nachbarlichen Verwalter, welche sich nicht viel von den landwirtschaftlichen Kenntnissen des alten Rittmeisters von Wetter versprochen hatten. Als nämlich der Freiherr Bodo Wetter von Stauffenberg, ein vorzüglicher Oekonom, durch einen Sturz vom Pferde den Tod fand und sein kaum zweijähriges Töchterchen Josephine verwaist in dem alten Schloß, inmitten eines außerordeutlichen Landbesitzes, zurück ließ – 35 seine Gemahlin war ein halbes Jahr vor ihm in den kühlen Frieden der Familiengruft gebettet worden – da rollte am Vortage der Beerdigung eine alte Glaskutsche in den Schloßhof, aus welcher ein rüstiger Militär und eine stattliche Dame stiegen, um als neue Herren und Gebieter in Stauffen einzuziehen. Das war der jüngere Bruder des verstorbenen Freiherrn, Carl Bernd von Stauffen, der nunmehrige Vormund der kleinen Waise, welche von ihm und seiner Gattin mit herzlicher Liebe aufgenommen wurde. War ihnen doch das einzige, gleichalterige Töchterlein durch den Tod entrissen. Rittmeister Bernd hatte, durch den jähen Umschwung der Verhältnisse genötigt, seinen Säbel, welchen er zwei Feldzüge hindurch in Ruhm und Ehren getragen hatte, seinem Landesfürsten mit schwerem Herzen zurückerstattet, bekam als letztes Zeichen herzoglicher Huld und Gnade das Bändlein des H.'schen Hausordens in das Knopfloch geknüpft und sagte dem bunten, leichtlebigen Getreibe der Residenz für immerdar Lebewohl, um sich in die Einsamkeit seiner Güter zu begraben. Die farbige Soldatenmütze auf dem Kopf, durchschritt er sein neues Reich, hatte von nichts eine Ahnung und für nichts die ausreichenden Kenntnisse, nahm die ganze »donnerwettersche Geschichte« militärisch, alterirte sich in hohem Grade über die verbummelte Haltung seiner Arbeitskräfte, trug sich lange Zeit mit der Idee, im Hof Reveille und Retraite blasen zu lassen, und hatte auf alle Vorschläge seines Inspectors nur ein 36 gutmütig einverstandenes: »Na natürlich, immer schlank weg!« Kühe und Schafe verstanden es absolut nicht, sich bei ihm einzuschmeicheln, er nannte sie höchst wegwerfend die »Mistremonten« und fand sie durchaus überflüssig; desto ostensibler bevorzugte er die Pferde und Hunde, legte mit viel Geschick und Passion ein kleines Gestüt an und teilte nun seine Zeit zwischen den Koppeln und Waldungen, welch letztere er als passionirter Jäger durchpirschte. Da war es kein Wunder, wenn Nachbarschaft und Gutsverwaltung etwas bedenklich dreinschauten und Stauffen mit prophetischem Blick bereits in den Wendepunkt des Krebses versetzten. Aber sie hatten sich geirrt! Als in den ersten Tagen mannigfache Entscheidungen und Gutachten an den Freiherrn herantraten, und die Leute die Befehle des neuen Gebieters einholen wollten, da geschah es wohl regelmäßig, daß der Rittmeister die Sache eine Zeit lang mit martialisch ernstem Aussehn überlegte, den Bart zwirbelte und schließlich die Hand wuchtig auf des Fragestellers Schulter legte, mit den Worten: »Wissen Sie was, mein Guter? Gehen Sie mal zu meiner Frau! Der habe ich schon Alles auseinandergesetzt, wie ich das Ding haben will, ich bin momentan sehr beschäftigt, kann mich im Augenblick durchaus nicht darauf besinnen, aber meine Frau weiß es ganz genau, die ist ja auf dem Lande aufgewachsen!« Und Herr von Wetter blies ein paar sehr respekteinflößende Dampfwolken aus seiner Jagdpfeife und schritt hastig weiter. Wenn die 37 Leute aber zur gnädigen Frau kamen und sahen die hohe, markige Gestalt mit den kurzen, resoluten Bewegungen, den klugen Grauaugen und den energisch geschweiften Lippen, dann wußten sie ganz genau, wer der zukünftige Herr und Gebieter auf Stauffen war. Mit sehr aristokratischen kleinen Händen faßte Frau Renate von Wetter, geborene Gräfin Malwitz, die Zügel der Verwaltung, um sie in eiserner Konsequenz, klug und umsichtig, praktisch und sparsam, wie ein weiblicher Feldherr in Haus und Hof, Flur und Feld zu führen. In tiefster Einsamkeit zogen die Jahre dahin, verwischten mehr und mehr jede Spur vergangenen höfischen Lebens, streiften allmählig die Glacéehandschuhe von den Fingern des alternden Ehepaares und streuten den feinen Aschenregen nüchternster Prosa über Schloß und Bewohner, welcher erbarmungslos die zarten Blüten der Eleganz erstickte und dem Zeitgeist in landesüblicher Renitenz Thür und Thor versperrte. Nur möglichst praktisch, möglichst sparsam, um für Josephinchen Zins auf Zins zu legen, um dereinst sich selbst mit stolzer Genugthuung sagen zu können: »Wir sind gute Wirtschafter gewesen und haben das Deine erhalten und vermehrt!« So schwand einförmig Tag um Tag, zog unbemerkt die Silberfäden durch Tante Renatens Scheitel, gleich dem Reif, welcher welkende Blumen trifft, und streifte mit rosigem Kusse die Stirn Josephinens, wie der Frühling, wenn er Knospen zur Blüte weckt. Lieblich wie die Blume der Haide 38 wuchs das junge Mädchen empor, der brave Dorfpfarrer und die alte Gouvernante, deren Treue größer war als die Schulweisheit, welche sich auch bei ihr von gar Manchem nichts träumen ließ, leiteten ihren Unterricht, bei welchem Onkel Bernd oftmals über die Schwelle stolperte mit eifrig blinzelndem: »Du, Phine! Komm' flink mit, unten am Teufelskessel hat der Förster einen neuen Fuchsbau entdeckt, kannst Dir mal die rote Bagage zur Kritik beordern!« oder: »Du, Phine, die Fohlen sind ausgebrochen, setz' Dich mal auf Deinen Braunen und hilf treiben!« Dann zog wohl Mademoiselle erschrocken die Brille von der Stirn auf die Nase nieder, machte Augen und Mund gleich weit auf und rief schmerzlich: » Mais non! « Aber es hörte Niemand mehr, vier Nägelschuhe polterten die Treppe hinab. So war Fräulein von Wetter siebzehn Jahre alt geworden, Kind an Herz und Seele, Kind an Wollen und Wünschen, die verzauberte Märchenblüte der Einsamkeit, zu welcher erst der rechte Königssohn kommen mußte, um des Kelches tiefe Pracht aus träumender Knospe zu küssen. Die Sonntagssonne über Stauffen! Da stand sie am tiefblauen Himmel, lugte schräg durch die dichtlaubigen Kastanienwipfel auf den Schloßhof und lachte das neugierige kleine Fräulein aus, welches bereits seit zwei Stunden in ganz kurzen Intervallen die hohe Steintreppe hinab an das Hofthor lief, um die Ebereschenallee entlang zu spähen, dann aber mit 39 ungeduldigem Gesichtchen an das Souterrainfenster zu eilen und zu rufen: »Noch keinen Kaffee ausgießen, Hanne! sie kommen noch immer nicht!« »Sie!?« Wußte denn Hanne, die hohe, dürre, rührige Küchenmagd überhaupt, wer damit gemeint war? Gewiß, ganz Stauffen wußte es, denn außer zum Neujahrstag kehrte seit Jahren kein fremdes Wesen im Schlosse ein, und damit war auch Josephinens eifriges Zünglein gerechtfertigt. »I, wo werd' ich denn!« schüttelte Hanne den rotblonden Kopf, »die gnäd'ge Frau macht'n heut selbst, sogar mit 'nem neuen Kaffeebeutel, damit der alte Geschmack uns nicht die neue Sorte verdirbt, 's gibt heute von dem bessern, Sie wissen ja, Fräulein Phinchen, den Neujahrsjava, das halbe Pfund zu 80 Pfennig.« Das gnädige Fräulein nickte sehr zufrieden. »Natürlich, es kommt ja Besuch, und was für welcher! Auch die guten Tassen hat die Tante rausgethan!« »Und Kuchen gebacken, wie zu hohen Festen!« nickte Hanne anerkennend, mit dem Daumen über die Schulter zurück nach der Speisekammerthür deutend, »sogar mit Krümeln drauf, wie vor sieben Jahren, als der Manöveroberst hier war, du lieber Gott ja, damals ging's auch splendid hier zu, sogar schon zum Frühstück Wein auf dem Tische, geschweige denn zum Essen, wo es zu gleicher Zeit Fische und Putenbraten zu einem Mittag gab!« Josephine seufzte mit strahlenden Augen: »Ach, wenn wir's auch jetzt mal so schön machen dürften, 40 Hanne, was meinst Du, ob's die Tante thut?« und das Köpfchen neugierig durch's Fenster steckend, flüsterte sie eifrig: »Zeig' mal den Kuchen, wie groß er ist!« »I du lieber Gott, wie kann ich denn?« schüttelte Hanne resignirt, »die gnäd'ge Frau hat doch den Schlüssel in der Tasche!« »Ach so – na, er wird schon reichen! – wie viel Eier –« »Phine! Schwatzliese! Wo steckst Du denn wieder?« klang eine tief gefärbte Frauenstimme aus dem Fenster der ersten Etage nieder; Tante Renates graues Haupt, auf welchem die statiöse Sonntagshaube mit den breiten lila Bändern schwankte, erschien in dem grau steinernen Rahmen und spähte mit Falkenaugen hinab. »Hier! ich bin am Küchenfenster bei Hanne! Was soll ich denn?« antwortete die Gerufene mit übermütiger Schwenkung in den Sonnenschein tanzend und so tief knixend, daß die steifgestärkten weißen Kleiderröcke auf dem Pflaster rauschten. »Affenschwanz! Stipp doch nicht mit dem frischen Kleid in den Staub! . . . Umgedreht! . . . Wahrhaftig, da hat die wilde Hexe schon wieder auf der Mauer gesessen, Alles glatt gedrückt und Halme an der Schärpe! – Na, mir ist's ja egal, wie Du aussiehst, wenn die fremden Leute kommen, aber wundern werden sie sich, daß ein Mädchen seinen besten Staat so zurichtet!« Josephine schüttelte sich wie ein Pudel. »Ein paar Heuhalme, die ein Wagen im Vorüberfahren 41 abgestreift hat!« rief sie leichtsinnig, die trockenen Verräter geringschätzend hinzeigend, »Flecke hat's ja gar nicht gegeben! – Tantchen!?« »Was denn?« »Wirf mir doch, bitte, mal den Speisekammerschlüssel herunter!« schmeichelten die roten Lippen. »Papperlapap! Das hieße den Bock zum Gärtner setzen! Schnell herausgekommen, Mamsellchen, hilf mir die Ueberzüge von den Möbeln nehmen!« »Ueberzüge? – Wo denn?« wunderte sich Fräulein von Wetter mit großen Augen. »Na, in den guten Stuben, Dummkopf! ich muß sie doch für die Gäste aufschließen!« – Und Tante Renates Kopf zog sich zurück und ließ der weißen Mullgardine freie Bahn, welche sich hoch aufblähend der seltenen Freiheit erfreute. Mit glühenden Wangen stürmte Josephine die Treppe empor, begrüßt von einer energischen Zugluft, welche den Geruch frisch gescheuerter Dielen auf feuchten Schwingen mit sich trug. Der weite, saalartige Korridor der ersten Etage knirschte unter fein gestreutem weißen Sand, die Thüren, welche darauf mündeten und welche Josephine nur geheimnißvoll verschlossen kannte, standen sperrangelweit offen, und in der vordersten erschien just Tante Renate, eine gewaltige leinene Schürze über das grauseidene Kleid gebunden, dessen oeils de paon wehmütig auf einen schönen, lang entschwundenen Geschmack zurückschielten! In der Hand hielt sie den Federbesen und eine sehr zierliche, buntgemalte Porzellanfigur, 42 aber sie klemmte den ersteren unter den Arm, blies die geröteten Wangen auf, wie die Engelein, welche dem Sturm voranfliegen, und pustete unbarmherzig auf das zarte Fräulein los. »Man sollte es gar nicht glauben, was das für Staubfänger sind!« grollte sie dem jungen Mädchen entgegen, »Jahr aus Jahr ein alle Fensterläden geschlossen, und dabei liegt's wie ein grauer Schleier über allen Sachen, – Gott sei Dank, daß die Möbel verwahrt gewesen sind, sonst könnten wir am Ende den Motten Proste Mahlzeit wünschen!« Und sie wandte sich nach dem Zimmer zurück und sagte kurz: »Faß' mal mit zu, daß mir den Kattun abziehn!« Mit großen Augen schaute sich Josephine um, schritt auf den Zehen der Tante nach und hustete krampfhaft auf; ein scharf beitzender Geruch drang ihr entgegen und nötigte sie, der Tante letzte Worte eifrig zu beniesen. »Riecht's immer noch nach Kampher und Pfeffer hier?« fragte die Freifrau erstaunt, »ich habe ja schon die ganze Zeit die Fenster aufgesperrt und empfinde gar nichts mehr, oder ob ich's jetzt nur gewohnt bin?« fügte sie im Selbstgespräch hinzu, trat an das hochbeinige Sopha und begann, etliche Bandschleifen an der Lehne aufzuziehen. Josephine blickte sich sprachlos um. Die Erinnerung aus der Manöverzeit erwachte in ihr, wo diese kühlen, dämmerigen Zimmer mit den wunderlichen Möbeln, den großen Oelbildern an der 43 Wand, deren ernste Gesichter unter weißen Perrücken und Federhüten so gespenstisch auf sie niederblickten, wo all' diese fremden, bunten Kostbarkeiten wie ein Traum an ihr vorübergezogen waren. Dann hatte Tante Renate die braungeschnitzten Thüren wieder abgeschlossen, und die erste Etage lag öde und grabesruhig im alten Schlafe, kein Mensch dachte auch nur daran, jene Zimmer zu betreten, welche von Niemand vermißt und von Niemand erwähnt wurden. Heute aber flutete der Sonnenschein durch die geöffneten Scheiben, deren letzte soeben noch von dem Hausmädchen die blinden Aeuglein geputzt bekam, die schweren, grünseidenen Damastvorhänge mit den abgeblaßten Seidenfranzen knisterten entrüstet unter der Berührung des ungewohnten Luftzuges, und die dickköpfigen Chinesen aus goldgrundigem Ofenschirm blickten so dumm und verschlafen drein, als blende sie die plötzliche Helle. Aus hohem Glasschrank lockte es mit tausend Wundern! Allerliebste Nippes, gemaltes Porzellan und eingelegte Perlmutterkästchen, dazwischen große, fremdländische Muscheln und Korallenzweige, wer kann's mit einem Blicke überschaun! »Na Phine, wird's bald?!« erinnerte Tante Renate, »die Leute können ja jeden Augenblick schon kommen.« Fräulein von Wetter wandte sich hastig zurück und blickte fast erschrocken auf die Hände der Sprecherin, welche den prächtigen, blaublumigen Kattun von dem Sopha streiften, – du lieber Gott! 44 Da war ja die schönste, grüne Seide darunter, ebenso wie die Vorhänge! Das hatte sie sich allerdings nicht träumen lassen! Fiebernd in freudiger Hast half sie auch den steiflehnigen Sesseln ihr Mäntelchen ausziehen, blickte tief aufatmend über die seltene Pracht, huschte hin und her, rieb die Tischplatten und Kommoden ab, bat das herzallerliebste Tantchen himmelhoch, doch auch den häßlichen Müllsack von dem Kronleuchter zu nehmen, und schlang endlich die Arme jubelnd um den Nacken der Freifrau. »Aber eins mußt Du mir versprechen, Tanting, Pastors müssen es auch sehen!« Frau von Wetter murmelte etwas von Kinderei und Affigkeit, aber sie schmunzelte dabei, warf einen schnellen Blick rundum und schob das Pflegetöchterchen zur Thüre hinaus. »Marsch jetzt, damit der Parquetboden nicht unnötig vertrampelt wird!« Auf der Treppe kam ihnen Onkel Bernd mit qualmender Pfeife entgegen. »Ei, du lieber Gott! Bleibst Du mir wohl mit dem Schornstein aus den guten Stuben, Olling!« klang ihm Tante Renates Stimme wie Trompetengeschmetter entgegen, »da sollte die grüne Seide bald die Bleichsucht kriegen! Rechtsum kehrt, Männchen, geh' heute mal in den Garten, wenn Du paffen willst!« »Aber Renatchen, ist denn rein der Deuwel los . . . Himmel Bataille! Mottenkommission in der ersten Etage!« »Phine, geh' mal in die Eßstube unten und stell' den Zucker auf den Tisch, da ist der Schlüssel!« 45 Tante Renate wartete, bis das weiße Kleid um die Treppenbiegung gerauscht war, dann neigte sie sich dicht zu dem Ohr des Gatten, welcher zwei Stufen tiefer stand, und flüsterte ernsthaft: »'s ist um des Kindes Willen, Bernd. Der Graf Lehrbach hat einen heiratsfähigen Sohn, und unsere Phine wird im October achtzehn Jahre alt, verstanden?« Onkel Bernd schob seine wetterfarbige Husarenmütze mit gedehntem »Hum, Hum« von dem rechten Ohr auf das linke und sagte wehmütig: »Meinst Du, Alte? Ist unser Nestputch wahrhaftig schon flügge geworden? Wie die Zeit vergeht, hab's gar nicht gemerkt, daß mir die kleine Hexe über den Kopf gewachsen ist; na, in Gottes Namen, Renatchen, wenn's auch recht leer bei uns werden wird, die Rekruten schwärmen aus, und der Landsturm bleibt am Herd hocken,« und Onkel Bernd seufzte tief auf, klopfte seiner Frau wehmütig auf den Rücken und stolperte hastig die Treppe herunter. »Alterchen!« rief's noch einmal von oben. »Was denn, Mutterchen? »Zieh erst reine Manschetten an, eh' der Besuch kommt, ich habe sie Dir schon rausgelegt!« »Natürlich! Immer schlank weg!« nickte der Rittmeister zerstreut, tippte mit dem Finger in den kalten Pfeifenkopf und murmelte: »Ist mir die Phine doch wahrhaftig in den Tobak gefahren, vor lauter Schreck schmeckt's nicht mehr!« – – – – – – Die Chaussee entlang rollte leicht und elegant auf Gummirädern ein Gefährt. Das gemalte 46 Wappen auf dem Wagenschlag, lichtgraue Atlaspolster und reich gallonirte Dienerschaft auf hohem Kutscherbock bildeten die aristokratische Physiognomie der gräflichen Equipage, welche Excellenz der Bequemlichkeit halber selbst mit auf Reisen führte. Denn Landwege sind ein horreur für angegriffene Nerven, und Excellenz bedurfte sorgfältigster Pflege, sollte er wirklich einen wohlthuenden Erfolg des knappen Urlaubs in all' den Aktenstaub heimbringen. Tief zurückgelehnt in die schwellenden Kissen streifte er mit nachdenklichem Blick die vorübertanzenden Waldungen und Felder. Der leichte Luftzug spielte um das ergraute Haupt, unfähig, auch nur eines der penibel gekräuselten und frisirten Löckchen zu heben, welche, unter grauem Cylinder hervorquellend, die eingesunkenen Schläfen umrahmten. Schmal und bleich war das Antlitz, bartlos und scharf geschnitten; ein müder Zug lagerte um die Lippen und senkte zwei schlaffe Falten in die Wangen, – vornehm und reservirt fielen die Augenlider unter tief dunkeln Brauen bis fast über die Hälfte der Pupille und gaben daher dem Gesicht etwas Verschleiertes, Müdes, ohne jedoch den Blick zu dämpfen, welcher oft hastig, blitzend und schnell die Wimpern durchbrach. Die linke Hand war mit tadellosem Handschuh bekleidet und in den halbgeöffneten Rock geschoben; die rechte lag farblos und mager, die seidene Polsterquaste drehend, auf dem Wagenschlag. 47 Excellenz gegenüber saßen Job Günther und Hattenheim, beide in Civil, – der junge Graf mit ostensibel gewählter Haiderose im Knopfloch. » Voilà papa! Das Terrain unseres Abenteuers!« rief er soeben, sich lebhaft zur Seite neigend. »Hier, auf diesem Heuhaufen thronte Gänseliesel mit der siebenpunktigen Krone auf dem Haupt und regierte mit assistance des Herrn von Goethe ihre capitolinischen Unterthanen!« Der Minister lächelte und folgte mit dem Blick der Richtung, welche ihm Günthers Hand angegeben. »Sehr originell!« sagte er mit leiser, etwas bedeckter Stimme, »ein Zufall, welchem Du entschieden eine Deiner reizendsten Skizzen verdankst! Ich freue mich darauf, das Original kennen zu lernen, – Natürlichkeit thut wohl!« »Wie ein Schluck Quellwasser! – bien à propos bei sehr viel Durst geboten, cher pèere , für die Dauer würde man sich mindestens einen pikanten Tropfen Cognac hineinsehnen!« Ein vorwurfsvoller, fast empfindlicher Blick Hattenheims traf den schönen Sprecher: »Wie undankbar, Günther! Ganz wie der wilde Knab', der ein Röslein bricht, sich kurze Zeit den Hut damit schmückt und es überdrüssig bei Seite wirft! Ich dächte, wen Haideröslein mit so herzigen Augen angeschaut hat wie Dich, der hätte nicht den Mut, aus Eitelkeit die sonnige Blüte zu knicken!« »Sehr recht, lieber Reimar!« nickte Excellenz nachdenklich, Günther aber lachte hell auf, legte die 48 Hand klatschend auf die Schulter des Freundes und rief amüsirt: »Beim grausigen Fegefeuer, Dicker, Du scheinst mich ja in dem fürchterlichen Verdacht zu haben, ich wollte Gänseliesel den Hof machen? – Mort de ma vie – ich will's nämlich auch! – aber nicht ernsthaft, – werde ihr nicht einmal die Hand küssen, denn dazu hat mir dieselbe mit Hintenansetzung aller Eitelkeit schon zu viel »Stickelbeer'n in 'Gaarden 'pluckt!« – und ihr Herzchen? Nehmen thue ich es mir faktisch nicht, Dicker, und wenn sie es mir unaufgefordert schenken sollte!« – Lehrbach zuckte die Achseln und warf keck den lockigen Kopf zurück: »Ob ich Dich liebe, was geht's Dich an? Gönnt doch der Kleinen das bischen Poesie einer unglücklichen Liebe! Was soll sie denn sonst in ihr Tagebuch schreiben? Wie Du mir, so ich Dir! Sie lieferte mir eine gute Skizze, und ich revanchire mich und verhelfe ihr zu der Quintessenz jeglichen Frauendaseins, zu einem Jugendtraum!« Hattenheims frisches Gesicht schien bleicher als sonst. »Scherz' nicht so grausam, Günther, Du verleidest mir die Fahrt!« entgegnete er gepreßt. Der junge Graf neigte sich mit humoristischer Wichtigkeit zu seinem Vater, wies mit dem Daumen nach Hattenheim und flüsterte alterirt: »Du, Papa, sieh' Dir 'mal den Kerl an! Ich glaube, bei Gott, er ist verliebt!« Und sich übermütig umwendend und den Arm um den Nacken des Freundes 49 schlingend, lachte der Schalk aus seinen dunkeln Augen: »Dicker! Wüterich! Willst Du mich eifersüchtig machen? Dich Gänseliesels Anbetern einrangiren, hieße mir die Kugel durch den Kopf jagen!« »Günther, wir fahren in den Hof!« klang die Stimme Seiner Excellenz, und mit abermaligem Blick in das ernste Auge Hattenheims drückte der junge Graf ihm schnell die Hand: » Soyons amis, Cinna! Du sollst mit mir zufrieden sein!« Die Freitreppe herab rauschte es gewaltig von weißen Batiströcken, ehe der Bediente vom Bock springen konnte, hatten schon zwei kleine Mädchenhände eifrig den Griff des Wagenschlages erfaßt und bemühten sich, daran zu rütteln, während die Blauaugen glückstrahlend zu Günther aufschauten, und Josephine hastig rief: »Endlich kommen Sie! Schon seit zwei Stunden habe ich auf der Mauer gesessen und Ihnen entgegen geschaut! Kommen Sie schnell herauf, schnell, schnell!« Ratlos stand der Diener neben der jungen Dame, Günther jedoch faßte schnell deren Händchen, drückte es mit lachendem Willkommen und stieß gleichzeitig den Schlag auf, um mit gewandtem Sprunge neben Fräulein von Wetter zu stehen. »Sie sehen, daß der wilde Knabe Wort gehalten hat, meine Gnädigste,« rief er in sichtlicher Belustigung und verstummte in schneller Verbeugung gegen den alten Freiherrn, welcher in diesem Augenblick die Treppe heruntereilte, um etwas atemlos 50 und mit gesträubter Stirnlocke die Gäste, vor Allen aber Excellenz mit biederem Händedruck zu begrüßen. Höfliche Worte, heiterer Willkommen, die Anweisung an den Kutscher, auszuspannen, schwirrten momentan durch einander, dann trat der Minister plötzlich einen Schritt vor, reichte Josephinen mit freundlichstem Lächeln die Hand und fragte: »Haben wir hier etwa das Haideröslein in höchsteigener Person? Die kleine Schelmin, welche ehrbare Lieutenants so unverantwortlich düpirt? A la bonne heure! mein gnädiges Fräulein, Ihre kleine Mystifikation hat mich außerordentlich amüsirt!« Josephine machte einen tiefen, feierlichen Knix. Wie ein goldener Heiligenschein lockte sich das Haar um die weiße Stirn, zart und frisch wie ein Rosenblatt blickte das reizende Gesichtchen zu ihm auf, und zwei Grübchen in die Wangen senkend, lächelte sie schalkhaft: »Ja, Herr Graf, ich habe die Beiden tüchtig angeführt! Für Bärbel hielten sie mich und glaubten, das Gänsehüten verstünden nur die Bauernmädel! Ach, wenn Sie die Gesichter gesehen hätten, wie man den Irrtum gewahr wurde!« – Und abermals schlug ihr helles Lachen wie Silberglocken an das Ohr des alten Herrn. »Mein gnädiges Fräulein, Freund Hattenheim bittet auch um ein Wort des Grußes!« warf Günther lustig ein, den Erschrockenen energisch hinter Onkel Bernd hervorziehend. »Ach, da sind Sie ja auch! Verzeihen Sie mir, bitte, ich hatte Sie ganz und gar vergessen!« rief 51 Josephine in reizendster Naivetät, reichte schnell die Hand hin und machte noch einen Knix. Hattenheim ward sehr rot, verneigte sich und schwieg. Da erschien Tante Renate in der Thür, machte Onkel Bernd hinter dem Rücken Seiner Excellenz ein verstohlenes Zeichen der Ungeduld, die Herren eintreten zu lassen, worauf der Rittmeister bestürzt den Arm des Ministers in den seinen legte und gehorsamst bat, näher zu treten. Günther verneigte sich chevaleresk und folgte mit Josephinen. »Sie haben sich also wirklich auf uns gefreut und uns entgegen geschaut?« flüsterte er ihr zu. Die Kleine nickte eifrig. »Furchtbar gefreut!« versicherte sie. »Auf Hattenheim auch?« Die Kinderaugen sahen ihn erstaunt an, schnell schüttelte sie das Köpfchen. »Nein! Der ist so ganz anders wie Sie!« »Aber er ist ein guter, braver Mensch!« Günthers Blick ruhte voll und zauberisch auf ihrem Antlitz. »Du lieber Gott, wenn er bei so viel Häßlichkeit auch noch böse sein wollte!« Josephine verstummte erschrocken unter dem lauten Auflachen des jungen Grafen. »Armer Kerl!« klang's leise von seinen Lippen. »Da ist Tante Renate!« Fräulein von Wetter gab den Arm des Offiziers frei und eilte hastig ihm voraus an die Seite der stattlichen Matrone, welche mit seidenrauschendem Kompliment Se. Excellenz 52 begrüßte und den chevaleresken Handkuß mit viel Grandezza entgegennahm. »Unglaubliches Idyll hier!« raunte Günther in das Ohr des Kameraden, »sieh Dir mal die Alte an, Dicker! Die hat sicher ihre zwanzig Jahre unverändert in der Garderobe gehangen!« – Und er wandte sich der Genannten zu, klappte die Hacken zusammen und neigte den dunklen Lockenkopf in respektvollstem Gruße. »Liebe Renate, willst Du Excellenz nicht hinaufbitten?« sondirte Onkel Bernd etwas unsicher den Schlachtplan seiner Gattin, »es ist droben wohl am kühlsten?« »Gott bewahre!« schüttelte die Freifrau das resolute Haupt, »der Kaffee steht schon auf dem Tisch, und wenn man bei der Hitze fast zwei Stunden lang Chausseestaub geschluckt hat, dann bekommt man Durst. Bitte gerad' aus, verehrtester Graf, in die Eßstube!« Wieder fühlte Hattenheim einen leisen Stoß gegen seinen Arm und sah mit halbem Blick das verräterische Zittern der Günther'schen Schnurrbartspitzen. Schon aber stand Josephine mit glückstrahlenden Augen neben den beiden Herren und flüsterte mit kaum verhaltener Ungeduld: »Kommen Sie doch schnell! Es gibt ja eine Ueberraschung!« »Eine Ueberraschung?« rief Lehrbach eifrig, »dann bitte Sturmschritt, meine Herrschaften!« Und mit langen Schritten über die sandbestreuten Steinplatten schlurrend, eilte er den Voranschreitenden nach. An dem runden Eßtisch, von zahllosen 53 Fliegenschwärmen etwas zudringlich begrüßt, wurde der Kaffee von Hanne im Sonntagskleid präsentirt; Lehrbachs Augen flogen in ruhelosen Blicken rund durch das Zimmer, und sich nach kurzer Pause zu seiner jungen Nachbarin neigend, fragte er mit gedämpfter Stimme: »Sie stellen meine Neugier auf eine harte Probe, meine Gnädige, die Ueberraschung beunruhigt mich und bringt mich ganz um den behaglichen Genuß dieses Mokkas! Also: Farbe bekennen! Was führen Sie im Schilde?« Josephine lächelte in reizender Wichtigkeit. »Das haben Sie noch nicht gemerkt? Da steht ja die Ueberraschung auf dem Tisch! Wir haben ja extra Ihnen zu Ehren heute Kuchen gebacken!« Graf Günther mußte momentan heftig husten, dann schlug er aber in naivster Freudigkeit die Hände zusammen und rief: »Richtig, da steht er! Und wie delikat und lockend! Gewiß von Ihren reizenden kleinen Händen selbst angerührt! Bitte dringend um das größte Stück, mein gnädiges Fräulein, denn solche Delikatesse muß gewürdigt werden!« Mit strahlendem Gesichtchen zog Josephine den Teller heran und deutete auf ein gigantisches Randstück: »Dies hier! Dies ist's größte!« »Alle Achtung, meine gnädige Frau, selbstgebackener Kuchen?« lächelte nun auch Excellenz verbindlich, »und sogar ein Meisterstück des Haiderösleins? Dem zu Ehren muß selbst ich zulangen, der sonst ein erklärter Feind aller Süßigkeiten ist!« »Phine Kuchen backen?« Tante Renates grelle 54 Haubenbänder wogten heftig auf. »Nein, bester Graf, das möchte ich den Mandeln und Rosinen nicht zu leide thun, sie würden wohl niemals Bekanntschaft mit Milch und Mehl machen! Mein Alter hat mir das Mädel viel zu verkehrt gewöhnt, statt in die Küche, mit auf die Treibjagd, statt an den Nähtisch, auf ungesattelte Pferde! Wie viel Fohlen in der Hürde und wie viel Rehböcke im Revier sind, das weiß das Mamsellchen ganz genau, aber die Kochtöpfe herzählen?! Du lieber Gott, ist ja auch erst siebzehn Jahre, mag sich noch ein Weilchen der goldenen Freiheit erfreuen!« »Das denke ich ja auch, Renatchen!« räusperte sich Onkel Bernd etwas verlegen, und Excellenz wußte mit diplomatischer Gewandtheit beiden Gatten Recht zu geben. Günther hatte während dessen seine Kaffeetasse zum Munde geführt, als er sie wieder niedersetzte, zog Hattenheim erschrocken seinen Fuß unter den Stuhl, denn des Freundes eleganter Lackstiefel signalisirte in fühlbarer Weise. – »Mit Zucker versehen, Excellenz?« – Der Rittmeister offerirte die Krystallschaale mit gestoßenem Zucker, welche der Minister momentan unschlüssig in der Hand hielt. »Phine! Du hast den Löffel vergessen!« gab die Freifrau einen energischen Wink, »Sie müssen nämlich wissen, Herr Graf, daß bei uns nur gestoßener Zucker auf den Tisch kommt«, fuhr sie trocken fort, »die Mägde haben mir den 55 Würfelzucker immer mit vollen Händen aus dem Schrank gestohlen, selbst in dem kurzen Augenblick, wo er hier auf dem Tisch steht, da habe ich gestoßenen genommen, und gedacht: »so ihr Spitzbuben! nun versucht's mal und steckt'n noch in die Tasche!« – Wieder retirirte Hattenheims Fuß unter den Stuhl, Excellenz aber lachte amüsirt auf, und wußte Tante Renate als praktische Hausfrau mit liebenswürdigsten Worten anzuerkennen. – Nach und nach löste der Kaffee Onkel Bernds Zunge, alte Erinnerungen aus der Residenz tauchten auf und wurden besprochen, gemeinsame Bekannte fanden sich, viel unglaubliche Veränderungen der Stadt, der Menschen, manch' treue Seele längst in den kühlen Rasen gebettet, manch' alter Freund aus des Rittmeisters Regiment auf dem Gipfel strategischer Höhe. Man war hinaus in die Staatszimmer gegangen, hatte sich ganz kurze Zeit etwas befangen und hustend darin aufgehalten und folgte dann dem dringenden Wunsch Sr. Excellenz, zum Garten hinabzugehen, um in schattiger Laube zu sitzen, oder den Park zu besichtigen, man muß ja die liebe Sommerszeit nach Möglichkeit ausnutzen! Damit schien Tante Renate sehr einverstanden zu sein, ließ sich von Excellenz den Arm bieten und schritt die Treppe wieder hinab. »Heiliger Gott, ich bekam fast Stickkrämpfe da oben!« raunte Günther in das Ohr des Freundes, 56 »ich bin überzeugt, die erste Etage wird alle Jubeljahre einmal gelüftet, wenn hoher Besuch kommt, oder Hochzeit oder Kindtaufe ist, es roch ja verteufelt nach Pfeffer und Kampher, ich habe im ganzen Leben noch nicht so oft niesen müssen, wie in dem einen kleinen Käfig mit der grauenvollen Rosentapete, die Baronesse Gänseliesel von uns Allen am meisten bewunderte, gräßlich! Wie kann ein Christenmensch solches Kuhfutter auf den Wänden dulden!« Und der junge Graf hustete in der Erinnerung noch einmal auf und fügte laut hinzu: »Allerliebster Garten hier, charmante Laube, gnädigste Frau!« Excellenz erzählte von den ewig grünen Lorbeerwäldern Italiens und sagte freundlich: »Pardon für diese botanischen Weitschweifigkeiten, die Jugend beabsichtigt gewiß einen Gang durch die Parkanlagen?« Und er ließ sich etwas ermüdet auf den Rohrsessel nieder, welchen Onkel Bernd bereits seit zehn Minuten offerirte. »Parkanlagen?« Josephine lachte fröhlich auf, »die gibt's nicht mehr bei uns, da werden schon seit ein paar Jahren Himbeeren und Erdbeeren und Rüben und Braunkohl gezogen, weil's doch schade um die großen, unnützen Rasenflächen war!« »Und die Bosquets und die Eichenwaldung habe ich zu einer Koppel umgewandelt!« fiel der Rittmeister eifrig ein, »da werde ich die Herren nachher einmal hinführen, brillante Fohlen, reines Vollblut!« Die beiden Husaren horchten eifrig auf und 57 traten interessirt näher, Josephine aber rief bittend: »Ach, jetzt noch nicht, lieber Graf, jetzt wollen wir erst Pastors holen, damit sie sich 'mal oben die Stuben ansehen können!« Onkel Bernd räusperte sich verlegen, Günther aber verneigte sich chevaleresk. »Selbstverständlich, mein gnädiges Fräulein, Sie haben nur zu befehlen!« »Ach, das ist reizend, kommen Sie, bitte, schnell,« und Josephine wandte sich eifrig zur Gartenthür, »warum zögern Sie denn noch?!« »Pardon, meine Gnädigste, ich glaubte, Sie würden erst Hut und Handschuhe holen« – – »Handschuhe?! Hut?! hier im Dorf?!« Josephine schüttelte sich vor Lachen und warf die blonden Flechten zurück, »ich habe mein Lebtag noch keine Handschuhe angehabt, außer zu meiner Konfirmation, und wie wir 'mal zum Jahrmarkt in die Stadt gefahren sind! Und nun jetzt zu Pastors!« Und abermals zeigte sie im hellsten Vergnügen die kleinen Zähne und klappte die Thür auf. »Kommen Sie nur schnell! Sie brauchen auch keinen Hut aufzusetzen!« Mit wenig Schritten war Günther an ihrer Seite, Hattenheim folgte langsamer. »Aber Fräulein Josephine, sind Sie denn gar nicht um Ihren reizenden Teint besorgt?!« Lehrbach neigte sich mit dunklen Augen zu der jungen Dame nieder. »Teint?« Josephine blickte fragend auf, als 58 müsse sie erst die Bedeutung dieses Wortes überlegen, dann fuhr sie schnell fort: »Ah so, Sie meinen, ob ich keine Angst vor Sommersprossen habe! Nein! gar nicht, obwohl ich sie nicht hübsch finde, Pastors Gretchen hat einen ganzen Sattel auf der Nase.« »Wie fatal! Wie alt ist denn die junge Dame?« »Letzten Mittwoch achtzehn Jahre alt geworden!« erklärte Fräulein von Wetter eifrig, »aber der Friedel, der jetzt in der Stadt studirt, ist der Aelteste, der wird zwanzig alt!« Und mit großen, feierlichen Augen zu dem jungen Offizier aufblickend, fügte sie hinzu: »Vor dem werden Sie gewiß auch so viel Respekt haben wie wir, er ist nämlich ein Dichterling!« »Was ist er?« Lehrbach neigte sich näher, »Dichterling? Was ist das für ein Gewächs?« Fast vorwurfsvoll sah ihn Josephine an. »Nun mein Gott, Einer, der Gedichte machen kann!« »Ah so, ein Dichter!« »Nein, das ist er noch nicht ganz, weil noch nichts von ihm gedruckt worden ist!« erklärte Josephine würdig, »und so lange er noch nicht berühmt ist, heißt er noch nicht Dichter, sondern Dichterling!« »Hast Du gehört, Hattenheim? Man lernt nie aus im Leben!« und Günthers Bartspitzen zitterten unter verhaltenem Lachen. Schon von Weitem erscholl den Nahenden aus dem Pfarrhause ein Jubel entgegen, welcher 59 unzweideutig zu versichern schien, wie angenehm der Besuch sei; da wimmelte es plötzlich von Blondköpfen um sie her, vom lichtesten Silberblond bis zum höher und höher wachsenden Gold-, Asch- und Dunkelblond, Buben und Mädchen, so zahlreich, so vergnügt und so herzerquickend zutraulich, daß die jungen Offiziere in Betracht ihres zartfarbigen Civils vorsorglich hinter das gnädige Fräulein retirirten. Die Pastor'schen Sprößlinge hatten nämlich gewaltige Brodschnitten zum Willkommen geschwenkt, Schnitten, welche dick mit dunklem Kirschmus gestrichen waren, dessen Spuren in indianischer Tätowirung die rosigen Gesichtlein zeichneten. »Mama ist krank! Mama ist krank!« jauchzte es aus sechs Kehlen den Ankömmlingen entgegen, und selig im Verkünden dieser veritablen Neuigkeit, umringten sie Josephine und überschrieen sich im Verkünden der Details. »Eure Mama ist krank?« wunderte sich Fräulein von Wetter, ließ sich erzählen, daß die Frau Pastorin beim Muskochen den Arm verbrüht habe, hielt geduldig still, als sich so und so viele Hände hoben, um »das prachtvolle Kleid« zu bewundern, und verkündete schließlich den Zweck ihres Kommens. »Die guten Stuben dürfen wir sehen?!« erhob es sich wie Trompetengeschmetter im Kreise, »Hurrah, wir dürfen in die Etage!« Und wie der Wirbelwind sauste es zu der steinernen Treppe zurück, auf deren Schwelle soeben die älteste Schwester Gretchen, rot, 60 drall und urgesund, erschien, um mit verlegenem Knix den Besuch zu empfangen. »Dicker, süßer Dicker, hier finde ich ja Skizzen, wie sie sich die Prinzessin nicht träumen läßt!« flüsterte Günther in das Ohr des schweigsamen Freundes; »diese Pastorfamilie verdient sich Gottes Lohn an Modells! Die kleinen Flachsköpfe in ungewaschener Natürlichkeit, das 150 Pfund schwere Gretchen als beste Rekommandation der guten Landluft, nun haben sie hoffentlich noch einen Candidaten im Hause, welchen man mal bei Tisch, vor vollem Teller skizziren kann!« Hattenheim lächelte gutmütig und seufzte: »Die Menschen sind glücklich hier, Günther, und wenn wir noch so viel Grund haben, uns lustig über sie zu machen, ich glaube, kein Einziger von Allen möchte mit uns tauschen!« Lehrbach brach sich einen Jasminzweig, welcher über Pastors Gartengitter hing, und atmete den süßen Duft: »Gott sei Dank, daß der Geschmack verschieden ist, alter Junge, der Gedanke, auch nur ein Jahr meines Lebens hier vertrauern zu müssen, läßt mich frösteln. Außerdem bin ich überzeugt, daß Du Dich irrst. Die kleine Josephine ist nur glücklich hier, weil sie nichts Anderes kennt; einen einzigen Winter mal Hofluft atmen, Gaslicht sehn und Walzer tanzen, und Groß-Stauffen würde ihr vorkommen wie ein Grab, welches die köstlichen, kurzen Minuten eines Menschenlebens in grauenvollster Trägheit und Oede verschlingt. Wie möchte ich es 61 dem armen kleinen Wesen wünschen, aus diesem langweiligen Scheinleben und Traume einmal zur bunten, sonnigen Wirklichkeit zu erwachen!« Der junge Graf verstummte, denn aus der Hausthür kugelte und stolperte das wilde Heer der Flachsköpfe, welche, sauber gewaschen und übergekämmt – »Danaïdenarbeit!« schüttelte Günther das Haupt – von Josephine und Gretchen gefolgt, jubelnd die fremden Herren umringten, um den Weg zum Schlosse einzuschlagen. »Keine Rose ohne Dorn!« murmelte Günther und stürmte davon, um unter schallendem Gelächter den frechsten der kleinen Flachsköpfe zu haschen. – 62 Drittes Kapitel. »Diese Rose pflück' ich hier     in der weiten Ferne!« Lenau.         Zarte, violett schimmernde Nebelschleier wehten um die scharfgrätigen Felsenhäupter des Hochgebirges, zerrissen an den zackigen Kämmen und zerflossen wie Duft und ziehende Rauchstreifen am Himmel, dessen Kuppel sich tiefblau und fleckenlos über Berchtesgaden spannte. Wie ein geheimnißvolles Wallen und Wogen zog es in solch' früher Morgenstunde um die Bergformen, glitzerte wie stäubender Regentau über den dunklen Wäldern und lagerte wie über Nacht hervorgezauberte Seen in den Tiefen und Thalbecken des Gebirgskranzes. Mit majestätischen Schwingen zog ein Raubvogel seine Kreise durch die würzige Luft, weit von blumigen Matten trug das Echo einen frischen Jodler herüber, und dazwischen summte es wie ferne Glocken, klang und sang es feierlichen Morgengruß von der Stiftskirche in die duftige Frühe hinaus. In der 63 königlichen Villa, der Dependenz des Hotels »Vier Jahreszeiten«, wehten die weißen Spitzengardinen hinter den geöffneten Fenstern, flatterte die buntstreifige Marquise über dem Balkon, aus welchem zwei Lakaien in lautloser Behendigkeit die Reste eines kräftigen Luncheon zusammenschoben. Die Sonnenstrahlen blitzten in dem reichen Silbergeschirr und brachen sich in den Krystallgläsern, durch deren geschliffene Wände noch die Neige goldigen Tokayers funkelte, dieweil etliche Passanten und frühe Kurgäste es sich nicht versagen konnten, die Schritte zu mäßigen, um mit neugierigen Blicken die Front der Villa zu streifen und dem gewandten Treiben der fürstlich Gallonirten mit regstem Interesse zu folgen. Seitdem die regierende Herzogin von H. mit Prinzessin Tochter, dem jüngsten Prinzen Sohn und einem kleinen Gefolge zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden eingetroffen und in der königlichen Villa abgestiegen war, fehlte es nicht an verstohlenen und indiscreten Blicken, welche in das hocharistokratische Idyll zu dringen versuchten, um einen Begriff von jenem Leben zu bekommen, um welches Etiquette und die Kluft des Standesunterschieds für jeden Staubgeborenen, welchem das Schicksal kein mehrpunktiges Krönlein über das Monogramm gezeichnet, eine chinesische Mauer bauten. Herzogin Mutter war sehr wenig sichtbar, selten sogar, daß man sie auf einsamen Wegen im halbverdeckten Wagen in das Gebirge fahren sah. 64 Wie man sagte, fühlte sich die hohe Frau thatsächlich leidend und bedurfte der Ruhe nach dem anstrengenden Winterleben der Residenz. Dafür machten Prinzessin Sylvie, Prinz Detlef und die Damen und Herren ihrer Umgebung desto mehr von sich reden, ignorirten die Anwesenheit von ganz Berchtesgaden vollkommen und gefielen sich darin, als unabhängige Sommerfrischler aufzuatmen, respektive zu extravagiren. So deutete man sich wenigstens die Art der Prinzessin Sylvie und dachte beim Anblick ihres stark burschikosen Wesens: »Der sieht man's an, mit welcher Wonne sie die konventionelle Larve höfischen Ceremoniells von sich wirft! – Wie sie sich der goldenen Freiheit freut! Du lieber Gott, so arme Prinzessinnen sind doch schließlich auch Menschen, die sich nicht ewig auf Draht ziehen lassen!« So calculirten auch die Spaziergänger, welche an diesem frühen Morgen vor der königlichen Villa promenirten und die laute, etwas rauhe Stimme der Prinzessin durch das offene Fenster schallen hörten. Hoheit stand inmitten eines Parterresalons und band sich soeben die Spitzenécharpes einer mächtigen, weißgarnirten »Schute« unter dem Kinn zusammen, schnell und ungeduldig, ohne auch nur ein einziges Mal den Blick nach dem Wandspiegel zu richten, welcher ihre hohe, derbe und seltsam ungraziöse Figur widerstrahlte. 65 »Reuenstein! Haben Sie ein Boot bestellt?« Das rotblonde Haupt des Ordonnanzoffiziers schoß diensteifrig durch die Damastportière des Nebenzimmers, um sich sehr tief und devot zu verneigen. »Zu Befehl, Hoheit, das Boot erwartet uns, falls die Partie über den Königsee gemacht werden soll!« »Natürlich soll sie das! Denken Sie vielleicht, ich wäre in Berchtesgaden, um jeden Tag Promenadenstaub zu schlucken?« Prinz Detlef erhob sich aus dem Schaukelstuhl, in welchem er gähnend gelegen hatte, und versenkte die Hände in die Taschen seiner kurzen Lodenjoppe, welche er mit Vorliebe seit dem hiesigen Aufenthalte trug. »Du bist rein wie verdreht mit Deiner Wassermanie, Sylvie! Es soll mich wundern, wenn Du Dich nicht nächstens an den romantischen Ufern des Achen etablirst, um auf die Gefahr eines Sonnenstichs Frösche zu angeln! eh bien , ich fahre ja auch gerne Boot, aber wenn Du Einen in so früher Morgenstunde heraustrommelst, kannst Du nicht verlangen, daß es mit Begeisterung geschieht, denn nach dem Bootfahren kommt eine Eselstour – und die habe ich auf dem Strich! Der Weg über Unterstein und das Arco'sche Schloß ist viel bequemer.« »Na, dann laß Dich in Gottes Namen in Watte wickeln und per Sänfte befördern, und transportire Deine greisen Glieder so bequem wie möglich zum Königsee, ich fahre Kahn. Damit basta! Reuenstein, sperren Sie mal den infamen Köter in die 66 Nebenstube, er ist rein wie toll, wenn er sieht, daß ich den Hut aufsetze, marsch, Titian! will er hierher! zum Donnerwetter noch eins!« Und Prinzeß Sylvie ergriff die dänische Dogge, welche von dem zarten Locken und Pfeifen des Ordonnanzoffiziers absolut keine Notiz nahm, energisch bei dem Nackenfell und zerrte sie mit imponirender Kraft zum Nebensalon. Dann schmetterte sie die Thür ins Schloß. »Nun los, Kinder! Wo ist Ilse und die Aosta?« »Die Damen erscheinen soeben marschfertig!« » Bon ! vorwärts.« Sylvie knotete die langen schwedischen Handschuhe an die Quaste ihres roten Sonnenschirms und trat durch die Thür, deren Flügel ein Lakai vor ihr zurückschlug; Prinz Detlef setzte sich den Hut in den Nacken, hing den Riemen mit einer Feldflasche um und faßte den Alpenstock. »Also schwimmen wir!« sagte er resignirt. Die beiden Hofdamen, Gräfin Susanna Aosta und Fräulein Ilse von Dienheim standen bereits im Vestibül, die erstere streifte noch vorsichtig die Handschuhe über die weißen Händchen und kokettirte Prinz Detlef mit nägelbeschlagenen Bergschuhen entgegen, welche sie lachend unter dem schillernden, sehr kurzen Seidenrock hervorstreckte und im Vertrauen auf ihre außerordentliche Zierlichkeit bewundern ließ. Sie hatte auch die Genugthuung, daß Seine Hoheit das Perspektiv nahm, um das Füßchen zu suchen. Ilse Dienheim biß derweil ohne jede Anmut 67 in eine Aprikose und zog dabei eine Grimasse gegen Herrn von Reuenstein. »Richt' euch, marsch!« kommandirte Sylvie, sprang mit zwei Sätzen die Treppe hinab und schritt mit bekannter Hast durch den Sonnenschein, ohne den Schirm zu öffnen, nach dem Wagen. – Fräulein Ilse kopirte sie getreulich, obwohl sie schon sehr verbrannt war, während die Prinzessin einen merkwürdig unempfindlichen Teint hatte. Gräfin Aosta jedoch benutzte ängstlich ihren gigantischen Entoutcas und wippte graziös wie ein Bachstelzchen an der Seite des Prinzen Detlef, für dessen »entzückend fesches« Tirolerkostüm sie gradezu schwärmte. Unter schattigem Gebüsch lag der bunt bemalte Kahn auf den leisgekräuselten Wellen des Königsees. Mit silbernem Klange brachen sie sich an dem Kiel und sprühten blitzende Tropfen an den Rudern, welche der Fährmann beim Anblick der erlauchten Gäste in Bewegung setzte. Herr von Reuenstein stürmte den Damen voraus und begab sich eifrig »an Bord«, um das Sitzbrett, auf welchem die Prinzessin voraussichtlich Platz nehmen mußte, mit seinem buntgeränderten Batisttuch abzustäuben, dann voltigirte er ganz nervös vor lauter Ergebenheit über die mittlere Bank nach der Spitze des Bootes zurück, um Ihrer Hoheit beim Einsteigen behilflich zu sein. Sylvie aber stand oben auf dem Steg und 68 stemmte den Arm in die Seite, anstatt ihre Hand auf die dargebotene Rechte des Barons zu stützen. Ein feines, moquantes Lächeln zuckte um ihre vollen Lippen. »Der Reuenstein reißt sich mal wieder ein Bein aus vor lauter Liebenswürdigkeit! Zurück da! Ich kann allein!! mon dieu , ich bin doch keine Katze, die's Wasser fürchtet!« Der Ordonnanzoffizier chassirte gehorsam rückwärts, Sylvie aber sprang, einer ihrer übermütigen Launen folgend, plötzlich mit beiden Füßen zugleich, herzlich täppisch und ungeschickt in den Kahn hinab, mit solcher Wucht, daß das kleine Fahrzeug bedenklich auf und niederschwankte und in allen Fugen krachte. Reuenstein taumelte, unfreiwillig Platz nehmend, auf das Sitzbrett nieder, dieweil das Ruder des Fährmanns mit Vehemenz in das Wasser schlug und Ihre Hoheit mit einem Sprühregen von Schaum und Tropfen übergoß. Fräulein von Dienheim schrie vor Lachen über diesen süperben Witz, und Sylvie selber stand mitten im Kahn, hielt sich die Seiten vor Vergnügen über den Anblick Reuensteins und das entsetzte Gesicht des Schiffers. »Aber Reuenstein! Gott erbarme sich Ihrer Nerven!! Wie eine Fledermaus krallt er sich an den Brettern fest!« und Sylvie wischte sich die Thränen aus den Augen. »Ihr seid mir Helden, das muß ich sagen! Günther Lehrbach stand wie ein Baum, als ich es ihm damals in der Residenz auf dem kleinen See so machte, und zuckte mit keiner Wimper.« 69 »Weil er bereits Deinen unberechenbaren Einfällen gegenüber auf dem Posten war!« rief Prinz Detlef mit einem Gemisch von Aerger und Heiterkeit in Stimme und Blick, »solche Witze sind halsbrechender Natur, Sylvie, und lassen Deine Umgebung geradezu auf dem Pulverfaß sitzen.« »Wenn nun der Kahn umgeschlagen wäre, Hoheit!« mahnte Gräfin Aosta mit angstvoll großen Augen, welche ihr vortrefflich standen, und mit dem schmollenden Mündchen, welches Detlef jüngst in seinem heimatlichen Dialekt: » 'ne söte, lütte Snut' !« genannt hatte. »Dann hätte ich mich durch Schwimmen gerettet, und Ihr Anderen wäret Alle wie die bleiernen Enten versoffen!« entgegnete Hoheit in ihrer derben Art und schüttelte die Wassertropfen ab. »Ich bin überzeugt, daß Reuenstein gern für und durch mich sterben würde!« Das rotblonde Haupt klappte tief zur Brust herab. »Hoheit!« flüsterte er mit unendlich vielsagendem Blick. Während dessen war Ilse bereits eingestiegen und hatte ungenirt neben der Prinzessin Platz genommen, Detlef aber half der kleinen Gräfin, welche es verstand, sich höchst anmutig zu ängstigen, über den schwanken Steg in das Boot steigen und bekam zum Dank für seine Ritterdienste das reizendste » Merci mille fois, monseigneur! « mit einem 70 flammenden Aufblick der dunkeln Augen zugeflüstert. Wie weich und lautlos der Nachen auf dem Wasser dahinglitt! Der Himmel hatte lange voll Sehnsucht zu der Erde herab geschaut und blieb ihr doch so fern und strebte vergeblich an ihre blühende und duftende Brust zu sinken! – Da rief er die mächtigen Geister des Weltalls an und beschwor sie mit den gewaltigen Thränenströmen der Sündflut, ihn mit der Geliebten zu vereinigen. – Die Unsterblichen hatten Erbarmen, türmten unendliche Felsmassen empor und bauten eine gigantische Himmelsleiter aus Granitgestein um den Königsee empor, zu welcher die Wolken hernieder hingen, und deren Stirnen die Veste des Firmamentes stützten! Da war der Weg zu der Geliebten gebaut. – Der Himmel aber glühte auf wie lohendes Flammenmeer, warf den azurnen Mantel seiner Macht und Herrlichkeit um die Schultern, und stürzte sich als jauchzender Freier an die Brust der Erde hinab! – – Drunten in den Königsee hat er sich mit aller Pracht und Schönheit eingesenkt, da ist er gefangen geblieben, als die neidischen Mächte die Himmelsleiter zerbrachen und ihre Felsstufen als »steinernes Meer« über das Gebirg' zerstreuten, und wer hinab in die geheimnißvolle, zauberkühle Flut des Bartholomäus blickt, der schaut Mond und Sterne, azurblaue Schöne und sonnenheiße Liebesglut darin, uns eine süße, traumhafte Ruhe, als blicke er mit offenen Augen in den Frieden eines Himmelreichs hinein! – 71 Der Watzmann und der Hochkalter aber sind als Wächter aufgestellt, den köstlichen Schatz in der Tiefe des Königssees zu hüten. – – – – – – Die Wellen leuchteten in intensivem Smaragdgrün, goldene Sonnenlichter zuckten wie tanzende Funken darüber hin, und auf den gewaltig zum Himmel strebenden Felsstirnen lag es wie purpurner Glanz, die letzten Nebelgebilde waren auf den Matten zerflossen, und leuchtend schimmerten die Kreidebrüche und Granitsteinpartieen über den dunkeln Waldungen, wie ein köstlich gleißendes Diadem der Herrlichkeit, welches sich das Hochgebirge an das Haupt gedrückt. Der Fährmann hatte keine leichte Arbeit und sehnte das Ziel der Fahrt herbei, an welchem Herr von Reuenstein bereits Maultiere zur Weiterbeförderung bestellt hatte. Sylvie und Ilse hatten sich unter lautem Gelächter helle Wasserstrahlen in das Gesicht gespritzt, welche der Ordonnanzoffizier in aufopfernder Liebenswürdigkeit zumeist aufgefangen hatte. Die Prinzessin hatte befohlen, daß man ganz sans gêne unter einander verkehren solle und dem jungen Offizier angedroht: »So wie Sie noch einmal Ihre Pickelhaube so nervös von den Locken reißen, wenn ich die einfachste Frage an Sie richte, werfe ich Ihnen den neuen Florentiner unbarmherzig auf den tiefsten Grund des Königssees! Wozu ist man denn hier in ländlicher Einsamkeit? Spart Eure Lackstiefeln und Knixe, bis wir in die Residenz zurückkommen, Kinder, das wird so wie so schon bald genug sein!« – und Hoheit seufzte auf und dehnte die Arme. – 72 »Seit wann ziehen Sie denn diese Flagge auf, Hoheit?« informirte sich Ilse vertraulich, »bis jetzt zählten wir doch die Tage – –« »Allerdings, Mamsell Weisheit! – aber was nützt denn unsere Heimkehr? Bis zum October ist es ja doch mörderlich langweilig in der lieben guten Residenz!« »Aha! Da gehen gewisse Leute noch auf Jagdurlaub!« Wieder hatte Ilse eine Hand voll Wasser im Gesicht. »Ja, auf Urlaub!« persiflirte die Prinzessin mit einer Grimasse, »unser Herrlichster von Allen unterfängt sich ja, jedes Jahr nach dem Manöver mit meinem ältesten Bruder zu Jagd und Sport zu reisen, und dann, ohne Günther Lehrbach ist es doch zum Verzweifeln bei uns, das seht Ihr hoffentlich selber ein! Ja, Fortunatus! Ich möchte, der Graf wäre jetzt hier in diesem Felsenasyl und ließe mich Geschmack an Berchtesgaden gewinnen, dann würde uns Allen geholfen sein! Mama langweilte sich halb so sehr, ich amüsirte mich doppelt, und Ihr hättet nicht über meine Extravaganzen zu klagen, welche alsdann einzig und allein Graf Günther heimsuchen würden . . . er weiß sie besser zu würdigen, als Ihr!« Reuenstein machte einen vorwurfsvollen Einwand, Ilse aber zog eine Bonbonnière aus der Tasche, welche sie zwischen Sylvie und sich placirte, und entgegnete, einen Himbeerdrops zermalmend: »Der arme Lehrbach sehnt sich gewiß herzlich zu 73 uns her! Du lieber Gott, ich finde es eine unglaubliche Härte von dem Minister, diesen verwöhnten Jungen in die Einöde seiner Besitzungen zu vergraben! Er wird sicher melancholisch.« »Oder er verliebt sich in eine Dorfschönheit und lernt aus Verzweiflung Plattdeutsch!« lachte Sylvie hart auf. »Ich möchte wohl wissen, wie es ihm geht!« »Ich auch!« »Reuenstein schreibt vielleicht an ihn?« »Selbstverständlich! wenn Hoheit befehlen . . .« »Ich befehle, daß Sie den Mund halten! Ilse, stopf' ihn mit einem Bonbon!« Detlef und Gräfin Susanna erzählten sich währenddessen das Märchen von der schönen »Almnix«, die hier in den Wellen wohnt. Der Prinz neigte sich über den Rand des Kahns und blickte in die glitzernde Flut hinab. »Ich sehe sie!« Susanne beugte voll reizender Koketterie den Kopf, von welchem sie das Spitzenhütchen abgenommen hatte, über seine Schulter. »Lassen Sie mich schnell sehen, wie sieht sie aus?« Detlef blickte lachend auf ihr eigenes Spiegelbild im Wasser. »Da ist sie! Ein dunkles Lockenköpfchen hat sie und verteufelte Spitzbubenaugen, welche den armen Königssöhnen Herz und Verstand stehlen.« » Méchant! « und die Aosta zog die Rose aus 74 ihrem Gürtel und führte einen leichten Schlag damit gegen seine Schulter. – – Vom Resselfall führt ein bequemer kleiner Reitweg nach der Gotzenalp empor. Die Sonne war höher gestiegen und flammte goldene Lichter über den moosigen Boden, schräg durch die Stämme der Waldungen fallend, um sie mit zitternden Strahlengürteln zu säumen. Die Luft war heiß, aber köstlich rein und würzig, durchduftet von dem bittersüßen, eigenartig herben Odem der Alpkräuter, welche auf üppigen Matten, hie und da selbst über das Weggeröll fortwuchernd, zu beiden Seiten, oft an steiler Felswand auch über der Straße, ihre farbigen Kelche in das Moos flochten. Bunt und schillernd lag das Steinicht unter den Hufen der Maultiere, welche ihre Reiter und Reiterinnen rüstig zur Alp emportrugen; farbige Fliegen blitzten wie neckische Koboldseelen kreuz und quer durch Germer und Kuckucksblumen, die bläulichen Libellen zitterten um Enzian und Aurikeln, Rhododendron und Kohlröschen, und zwischendurch raschelte geheimnißvoll die Eidechse, sonnte sich die Natter zusammengerollt auf dem glutatmenden Fels. Vogelstimmen zwitscherten durch die Stille, kurzes, behagliches Blöken tönte aus dem Almpferch der Seeauer Sennhütte herzu, und hie und da erhob sich ein frisches Lüftchen und strich leise flüsternd durch die langen, harzduftigen Nadelbärte 75 der Kiefern. Prinzessin Sylvie hatte längst das Signal zum Absteigen gegeben. Der Führer stieg langsam, die Zügel der herrenlosen Maultiere in seiner nervigen Faust vereinend, den Reitweg empor, derweil die Damen und Herren über Geröll und Wurzelwerk dem Pfadfinder in das Handwerk pfuschten. Fräulein von Dienheim hatte ein mehr praktisches als elegantes Taschenmesser gezogen und durchstöberte Gestrüpp und Waldsaum nach einem Spazierstock, welchen sie sich schneiden wollte, Sylvie hatte mit Assistenz des Ordonnanzoffiziers nach Erdbeeren gesucht und, da sich keine finden ließen, auf Alpenrosen und Enzian gefahndet; ein köstlich duftender Strauß von Alpenblüten wiegte sich bereits an ihrer Brust und sammelte sich in ihrer Hand, um auch dem Hut als Trophäe dieser Bergfahrt angesteckt zu werden. Gräfin Aosta pflückte ebenfalls besonders schöne Exemplare der Alpenflora und unterrichtete Prinz Detlef dabei in der Blumensprache – er war ein aufmerksamer Schüler, und die Blüten, welche er seiner reizenden Lehrmeisterin dann ostensibel überreichte, ließen die kleine Gräfin die Zähnchen in die Lippe beißen und mit den Nägelschuhen nicht allzu ernstlich den Boden stampfen, oft warf sie ihm eine pikante Antwort duftend an die Brust. Dann wußte sie einen grünlich schillernden Käfer zu erhaschen, welcher Turnübungen an ihrer Hand machen mußte, dabei stand sie so graziös auf dem Felsen, wiegte sich so 76 anmutig in der Taille und nannte den Prinzen einen Barbaren, weil er nur auf ihre Hand und nicht auf »den süßen kleinen Jongleur« sehe . . . wie Libellenflügel wehte das schillerige Seidenröckchen um ihre zierliche Figur. An der Seeauer Sennhütte wurde Rast gemacht. Sylvie warf sich der Länge nach auf das schwellende Moos im Schatten der nächsten Bäume und bestellte alle Delikatessen, welche eine Sennhütte bieten kann, dann stieß sie mit köstlich schäumender Milch mit Fräulein von Dienheim an, wechselte einen verständnißinnigen Blick mit ihr und raunte ihr zu: » Vive l'amour! « »Fortunatus!« nickte die Vertraute wie selbstverständlich, »wir gedenken seiner zwischen Himmel und Erde!« »Ilse!« Sylvie faßte den Arm der Hofdame, »ich habe einen Gedanken!« »Losgeschossen!« »Wir schreiben an Lehrbach, ich schicke ihm eine Blume, welche ich, seiner gedenkend, auf der Gotzenalp gepflückt habe . . .« »Famos! Sofort hier schreiben?« »Reuenstein, haben Sie ein Portefeuille bei sich?« »Ich schätze mich glücklich, damit dienen zu können!« Der Ordonnanzoffizier zog ein sehr elegantes Notizbuch aus der Tasche und blickte die Prinzessin, eines weiteren Befehls harrend, erwartungsvoll an. »Her damit!« 77 »Hoheit . . . .« »Na? Geheimnisse drin? Unbesorgt, das Grab ist eine Elster gegen mich! Wenn Sie Gedichte an mich hineingeschrieben haben, verzeihe ich sie Ihnen, und wenn Sie Schulden verzeichneten, bezahle ich Ihnen fünfzig Pfennige davon ab! So! Danke. Darf ich ein Blatt heraus reißen?« »Und wenn noch jedes Haar einzeln aus seinem Schnurrbart dazu, er würde voll Seligkeit stille halten!« warf Ilse trocken ein; dann nahm sie Papier und Bleistift. »Lecken Sie etwa auch an der Bleispitze?« fragte sie vorsichtig, ehe sie selber das Manöver ausführte. Reuenstein war nie beleidigt, er verneinte lachend und zog sich alsdann discret zurück, um noch etwas Butterbrot zu bestellen, es war eine recht hübsche junge Sennerin, welche in der Küche hauste. »Ich diktire!« sagte Sylvie. »Rede Herrin, Dein Knecht hört!« Sylvie warf die Blumen ihres Straußes geschäftig aus einander und unterzog sie einer genauen Musterung; endlich wählte sie einen köstlichen, tiefblauen Enzian. »Den soll der schöne Günther haben! Also los, schreiben Sie, Ilse: ›Gegeben am . . . . auf der Gotzenalp bei Berchtesgaden. Wir Sylvie, Prinzessin von H., haben allergnädigst geruht, aus lauter langer Weile Unserm getreuen Cotillontänzer Job Günther, Grafen zu Lehrbach, in Erinnerung an seine Treue und Ergebenheit beifolgende Enzianblüte eigenhändig zum »Gruße aus 78 Berchtesgaden« zu pflücken, und Unsere Hofdame Ilse, Freiin von Dienheim, beauftragt, dieselbe an ihre Adresse zu befördern.‹ – – So! nun schreiben Sie darunter, etwas kleiner . . . hierher . . . noch tiefer! . . . ›Diesen Enzian pflück' ich hier, In der weiten Ferne Lieber Günther, Dir, ach Dir – –‹« »Hahaha! brillant, der wird rein verrückt, wenn er das liest, Hoheit!« »Meinen Sie? Und nun streichen Sie die letzte Zeile mit dem ›lieben Günther‹ wieder aus! Das ärgert ihn! Der Schlingel kokettirt auch redlich mit uns, also revanche pour Pavie! Zeigen Sie her, das ist ein kapitaler Witz, ich möchte sein Gesicht sehen! Halt! damit er antworten muß, machen Sie noch folgende Nachschrift: ›Hoheit läßt anfragen, wie es mit den Lehrbacher Skizzen steht?‹ – – Dick unterstrichen – – so ist's gut! Nun schicken wir es sofort ab, wenn wir nach Hause kommen! Prost, Ilse! Der Spaß ist eine Bergfahrt wert!« Prinzessin Sylvie kippte übermütig einen Cognak aus Detlefs Feldflasche in ihr Milchglas und hob es gegen Fräulein von Dienheim. »Nochmals, vive l'amour! « Gräfin Aosta hatte während dessen den Hut des Prinzen mit einem Strauß geschmückt, und Herr von Reuenstein kehrte mit der interessanten Meldung zurück, daß die Sennerin Burgei ganz charmant jodeln könne. 79 »Antreten!« befahl Detlef eifrig. Und Burgei kam und jodelte. In den Zweigen flüsterte und rauschte es, der Wind hob seine Schwingen und trug die Klänge fernhin zum Thal. Rote Sonnenglut brannte auf den Bergen, und um die schroffen Felszinken des Unterbergs kreiste ein Weih, enger und enger zog er seine Kreise, dann schoß er jählings nieder. Der König der Lüfte gedachte eines armen kleinen Unterthans. Die Maultiere trabten davon, geknickte Blüten lagen welk und matt ringsum im Moos. – 80 Viertes Kapitel. »Wem nie durch Liebe Leid geschah, Geschah durch Lieb auch Liebe nie!« Wartburgspruch.           Es war noch früh am Morgen in Groß-Stauffen. Josephine lag in dem altmodischen Himmelbett, dessen dunkelblauseidene Gardinen weit zurückgeschlagen waren, faltete behaglich die rosigen Arme unter dem Kopf und lächelte in die drapirten Stofffalten empor. Wie herrlich ließ es sich so mit offenen Augen träumen, wie konnte man Alles so gemächlich noch einmal überdenken, was die letzten Tage an buntem Wechsel mit sich gebracht hatten! Klar und deutlich sah sie das Bild des schönen Mannes vor sich, sah die dunklen Augen, welche so lange und so wundersam auf ihr geruht, hörte all' die gefährlichen, liebenswürdigen Worte, welche ihr unschuldiges kleines Herz mit goldenen Fäden umsponnen hatten, fest und ewiglich, mit dem süßen Zauber einer ersten Liebe! Wonne und Glückseligkeit durchbebten die junge Seele, und wie die duftigen Rosenblättlein sich unbewußt aus enger Knospe 81 dem goldenen Licht entgegendrängen, so entfaltete sich rein und wunderhold auch in dem Herzen Josephinens ein strahlender Blütenkelch, von Glück und Sonnenschein zum Leben wach geküßt, duftend und glühend in zarter Schönheit, solange dieser Sonnenschein um den zarten Kelch schmeichelt, und gebrochen und zerknickt für ewige Zeit, sobald der Sturm des Lebens mit rauher Hand die Thränenperlen stäubt und die Blume grausam in den Staub des Schmerzes beugt. – Wie gut und schön war doch Graf Günther! Nannte er sie nicht Haideröslein und trug er nicht ihr zu Ehren diese Blüte an der Brust? Hatte er nicht gesagt, daß sie reizend und anbetungswürdig sei? Hatte er nicht Tante Renate bestürmt, den nächsten Winter in der Residenz zu verleben, damit er mit Fräulein Josephine im »weißen Saal«, angesichts der höchsten Herrschaften, einen superben Walzer tanzen könnte? Und als Josephine angstvoll versicherte, sie könne überhaupt noch nicht tanzen, da erbot sich der junge Offizier mit dem liebenswürdigsten Lächeln, ihr die paar Wochen seiner Anwesenheit ein eifriger Lehrmeister zu sein! Hattenheim hatte darauf hin das alte Tafelklavier geöffnet und couragirt einen Accord angeschlagen, worauf Josephine mit vergnügtestem Gesicht gefunden hatte: »Es klingt gerade wie eine Stimme aus zahnlosem Munde!« Das konnte nun Niemand groß ableugnen, aber Tante Renate sagte lakonisch: »Zum Lernen ist's lange gut, und wenn 82 ich's auch stimmen lasse, schlägt's die Phine doch binnen acht Tagen wieder kurz und klein!« »Sie spielen Klavier?« hatte Günther erstaunt gefragt, und Josephine selbstbewußt dazu genickt: »Mademoiselle gibt mir Stunde!« Und damit hatte sie sich ohne jede Prüderie hingesetzt und »An Alexis send' ich Dich!« ganz korrekt und taktvoll auswendig gespielt. Ach, und wie nah stand er neben ihr und sah auf ihre Hände und wie applaudirte er und rief: »Excellent, mein gnädiges Fräulein, darauf hätten wir den flottsten Galopp tanzen können!« Und dann wandte er sich an Mademoiselle und fragte: »ob sie wohl zum Tanze aufspielen könne?« Da knixte dieselbe ein schüchternes: »Ich will es versuchen, Monsieur,« und Lehrbach sagte ihr auf französisch viel Liebenswürdiges. Ach, und dann hatte sie auch wirklich ein Stück gespielt, und der junge Graf nannte es eine allerliebste Polka und sagte zu Tante Renate: »Also gar kein Hinderniß mehr, meine gnädigste Frau, nun müssen Sie uns gestatten, fleißig hier vorzusprechen, und uns recht oft die Ehre Ihres Besuches in Lehrbach schenken, und Sie sollen sehn, wie schnell Ihre Fräulein Nichte das Tanzen erlernt!« »Aber Gretchen muß dabei sein!« hatte Josephine gerufen, und »Selbstverständlich!« Lehrbach erwidert. Und dann wurde gleich ein Tag festgesetzt, wo der feierliche Anfang gemacht werden sollte. Daran dachte Josephine in der sonnigen, stillen Morgenstunde und ihre Gedanken flogen weiter 83 zum gestrigen Nachmittag, wo plötzlich ein Reiter in den Hof gesprengt war, der Graf Günther natürlich, welcher sie just beim Kirschenabbeeren überrascht hatte. »Pardon für diesen Ueberfall!« hatte er gerufen, den Hut geschwenkt und ihr zugelacht, »ich passirte auf meinem Spazierritt just die Schloßmauer und konnte es natürlich nicht unterlassen, Ihnen en passant ›Guten Tag‹ zu sagen! Sie vergessen es doch hoffentlich nicht, daß Sie morgen zu Tisch in Lehrbach erwartet werden?« Du lieber Gott – Josephine und diese Einladung vergessen! Er schien gar nicht zu ahnen, daß sie den lieben langen Tag keinen andern Gedanken im Kopf hatte als diesen. Das versicherte sie ihm natürlich auch, und sie stellte flink die Kirschenschüssel fort und rief: »Ich gehe noch ein Stück mit Ihnen, bis an die Waldecke! Warten Sie nur einen Augenblick!« Und sie war noch schnell an den Hofbrunnen gelaufen, hatte sich von dem alten Pferdeknecht flink mal über die klebrigen Hände plumpen lassen und war dann glückselig neben dem Pferd Graf Günthers einhergeschritten, mit gutem Kennerblick sofort die Vorzüge des edlen Renners herausfindend. Da hatte er sich sehr gewundert und ihr wieder viel, viel Schmeichelhaftes gesagt! Und sie hatte ihm vom Wegrain, aus den wogenden Aehren eine Kornblume brechen müssen, welche er mit einem seiner wundersam leuchtenden Blicke in das Knopfloch steckte, indem er sogar 84 dazu sagte, er wolle sie im Portefeuille mit nach der Residenz nehmen. Ach, wie klopfte ihr das kleine Herz vor Seligkeit, wenn er von der Residenz und von dem Wiedersehen im Winter sprach, und wie leicht schien es ihr, an seiner Hand das Tanzen zu erlernen, und wie schön war das Leben mit einem Mal, und wie lieb hatte sie seine dunklen Augen, die gewiß kein anderes Mädchen so innig anblickten, wie sie! Nein gewiß nicht, wäre er ihr nicht von ganzem Herzen gut, so würde er wohl ebenso still und langweilig sein, wie der dicke Hattenheim, der weiter nichts konnte und wußte, als verlegen zu erröten, wenn sie zu ihm sprach, dem sie gewiß ebenso gleichgültig war, wie er ihr! Aber Günther wußte stets etwas zu sagen, und sie glaubte ihm Wort für Wort und hätte ihr Leben verwettet, daß er all diese Worte redlich meinte! Was wußte sie auch von der gleißnerischen, falschen Welt, was von all den wohlgelittenen Lügen, welche die Menschen »liebenswürdige Redensarten« nennen? Wer hätte die süße Unschuld ihres Herzens so vergiften sollen, wie hätte jenes wehe, thränenreiche und bleiche Weib, welches »die Erfahrung« heißt, den Weg zu dieser friedlichen Einsamkeit gefunden? Sonnenschein strahlte am Himmel und in dem Herzen, lächelndes Zutrauen grüßte aus zwei Kinderaugen. An den grünen Vorhängen tanzten die goldenen Lichtfunken höher und höher empor, und die Träumerin mit offenen Augen lächelte ihnen zu und 85 dachte: »Nun sind's bloß noch sieben Stunden, dann fahren wir nach Lehrbach, und ich sehe ihn wieder und bin einen ganzen, langen Nachmittag mit ihm zusammen! Da wurde die Thür geöffnet, Tante Renate trat ein und schob die Seidenfalten zur Seite. »Na, Du Langschläferin?! Läßt Dir die Sonne auf die Nase scheinen und steckst noch in den Federn? Geschwind heraus und an die Arbeit! Du bist mir eine gute Hühnermutter! Schon sechs Uhr, und der Stall noch nicht auf, die armen Dinger sollen wohl verhungern?« Und die Freifrau gab jedem von den rosigen Armen einen Klapps, neigte sich nieder und küßte die Lippen, welche ihr ein ganzes Heer von zärtlichen Morgengrüßen entgegenjubelten. – – – Hoch und schwer, eine biderbe Glaskutsche, welche dazu angethan schien, selbst die zahlreichste aller Familien mit Kind und Kegel in ihr breitgewölbtes Innere gastlich und bequem aufzunehmen, schwankte das freiherrlich von Wetter'sche Fuhrwerk die sandige Chaussee nach Lehrbach entlang. Dunkelblaue Vorhänge nahmen sich sehr statiös hinter den etwas blinden Fensterscheiben aus, und wenn auch die ganze Chaise recht altersschwach in den Fugen ächzte, so war sie doch erst vor fünf Jahren mit dem schönsten Citronengelb auflackirt worden, welches sie schon von Weitem her aufs beste annoncirte. Auf dem breiten Kutscherbock saß Kilian, der Beherrscher der Koppeln, mit hohem, nach oben 86 viel breiter werdendem Cylinderhut, um dessen gesträubten Filz sich eine schwarzgewordene Silbertresse schlang. Ein langer, blauer Kutschermantel mit goldenen Wappenknöpfen, rote Weste und weiße Handschuhe repräsentirten die Livrée, deren fehlende Stücke von Kilians Sonntagsanzug vollkommen ersetzt wurden. Die Pferde aber, welche seine lange Peitsche kommandirte, stachen seltsam gegen das Gefährt ab, feurig und edel tänzelten sie über Wurzeln und Steinwerk, glänzende Vollblutfüchse, Prachtexemplare ihrer Gattung. Onkel und Tante saßen in dem geräumigen Fond, Josephine beanspruchte mit dem steifen, faltenreichen Rosakattunkleid den Rücksitz, und wenn sie selbst auch unter den streng wachsamen Blicken der Freifrau regungslos saß, so weit dies bei dem schiffähnlichen Schwanken der Chaise möglich war, so flogen doch die Blicke in rastlosem Wechsel bald aus diesem, bald aus jenem Wagenfenster, um ungeduldig zu prüfen, wie viel des Weges bereits absolvirt sei. Dabei stand das Mäulchen keinen Augenblick still, sondern erging sich in Vermutungen und Hoffnungen und erschöpfte das Thema »Lehrbach« nach jeder Richtung. »Sogar Uniform will er mir zu Ehren heute anziehen!« berichtete sie geheimnißvoll, »damit ich wissen soll, wie wir uns in der Residenz begegnen werden! Er fürchtet, ich würde ihn am Ende gar nicht wieder erkennen und ihn . . . Ja, du lieber 87 Gott, da sagte er ein so fremdes Wort, das verstand ich nicht, und als ich fragte, da lachte er und entgegnete: »»Nun, wir Offiziere nennen's auch ›schneiden‹ und weißt Du, Tanting, da war ich nun so klug wie vorher!« und ohne nur eine Antwort abzuwarten, drehte sie das Hälschen eifrig zur Seite und jubelte: »Da taucht schon die Ruine aus den Tannen auf! Die steht im Lehrbacher Park, und wir sind gleich da!« »Dann kannst Du jetzt die Handschuhe anziehen, Phine!« entschied Tante Renate, öffnete gleichzeitig ihren Pompadour und reichte der jungen Dame die seidenen Filets hinüber. Sie selber zog ihr weißes gesticktes Crêpe-de-Chine -Tuch enger um die Schultern, musterte Onkel Bernd noch einmal mit prüfendem Blick, rückte ihm die Cravatte zurecht und sagte: »Na nun in Gottes Namen! Vergiß nicht, Phine, was ich Dir über das Essen mit Messer und Gabel gesagt habe!« Fräulein von Wetter nickte selbstbewußt, band sich die hellen Hutbänder unter dem rosigen Kinn und saß in atemloser Erwartung. Der Wagen bog durch ein hohes, elegantes Parkgitterthor in eine breite, dunkel verwachsene Lindenallee ein, welche geraden Wegs auf das Schloß führte. Josephine kannte es. Es war ein einstöckiges Gebäude, lang ausgedehnt mit rundgebauten Seitenflügeln, vor welchen sich je eine Terrasse, durch aristokratischen Säulengang vor der Mittelfront verbunden, erhob. Entfernt von den 88 Wirthschaftsgebäuden, lag es vornehm reservirt wie ein kleines Rococoschloß inmitten der tadellos gehaltenen Parkanlagen, ausschließlich der Gutsherrschaft vorbehalten, welche dem Pächter das näher am Hof gelegene »Kavalierhaus« überlassen hatte. Sammetne Rasenflächen, von bunten, mannigfach geformten Teppichbeeten unterbrochen, breiteten sich auf dem freien Platz vor dem Schlosse aus, durchschlängelt von hellen Kieswegen und originell geschmückt durch die verschiedenen Bildwerke, welche aus dunklen Taxusbosquets der Umgrenzung leuchtend weiß emporstiegen. Inmitten des Platzes, vis-à-vis der Mittelfront, thronte eine gigantische Löwengruppe, in Bronce gegossen und künstlerisch ausgeführt, »eine Pietät für unser Wappentier!« hatte die verstorbene Gräfin lächelnd gesagt, wenn sich in früher Zeit die hohen und höchsten Gäste zu den Jagden in Lehrbach einfanden und bewundernd vor dem Meisterwerke standen. Im Schatten der Terassensäulen lag eine gewaltige Ulmer Dogge, den gelben Kopf auf die ausgestreckten Vorderpfoten geduckt, so daß das breite luxuriös gearbeitete Halsband wie eine goldene Schlange auf dem Nacken schillerte; dumpfes Rollen schütterte auf dem Kiesweg, und Graf Günthers trutziger Liebling spitzte die Ohren, hob die breite Nase und schaute mit souveräner Ruhe, aber unverkennbar befremdet auf das citronengelbe Ungeheuer, welches die Lindenallee herabschwankte. Gleichzeitig aber öffnete sich hinter ihm die Flügelthür, der Jäger Seiner Excellenz schritt hastig über die 89 Veranda, die Stufen der Freitreppe hinab und erwartete entblößten Hauptes, aber nicht ohne ein ganz leises Zucken um die Mundwinkel, das freiherrliche Gefährt, um mit der Routine eines Residenzlers den Wagenschlag aufzureißen. Langsam entstieg dem Wagen die korpulente Gestalt Onkel Bernds, welchem sich hastig und etwas verwirrt eine rosa Kattunwolke nachschob, aus deren rauschender Mitte sich eine zierliche Mädchentaille und ein gigantischer Florentiner Strohhut hob, dann folgte in gemessener Würde Tante Renate, welche sich einen Augenblick schüttelte wie ein Pudel, der unfreiwillig ein Bad genommen, die Volants des schwarzen Atlaskleides nach allen Seiten hin glattstrich und den Jäger mit freundlicher Herablassung fragte: »Wir kommen doch nicht zu früh?« »Durchaus nicht, Frau Baronin!« verneigte sich der Gefragte mit einladender Geste nach dem Schloß, »darf ich die Herrschaften bitten, näherzutreten?« Und er eilte die Treppe empor und öffnete devot die breiten Flügelthüren, an deren Seiten zwei reich gallonirte Diener erschienen, welche die Herrschaften zu dem Boudoir der Gräfin zu folgen baten, um daselbst abzulegen. »Lieber Gott, was soll ich denn ablegen?« flüsterte Josephine, mit geängstigten Augen über die fingerdicken Teppiche durch zwei hochelegante Zimmer des Parterres schreitend, welche Onkel Bernd auf den Fußspitzen, Tante Renate aber mit scharf prüfendem Blick traversirte. 90 »Halt den Mund!« entgegnete die Freifrau kurz, »das läßt man sich vor der Dienerschaft nicht merken, daß man fremd in den Verhältnissen ist!« Und sie trat in das Boudoir, an dessen Thür sich der Lakai mit tiefem Bückling zurückzog. Mit beklommenem Herzen schaute sich Josephine um, goldglänzende, atlasrauschende Pracht ringsum. Ein Himmelbett, von dessen Bronceknauf, einen Adler mit ausgebreiteten Flügeln darstellend, ein crèmefarbener Spitzenduft, von lichtblauem Atlas überhangen, niederwallte, mit den reichen Möbeln und Fensterdraperien harmonirend, welche das Zimmer zu einem der zartesten und poesievollsten Schmuckkästlein gestalteten, ausgestattet mit all den tausend eleganten Kleinigkeiten, welche dem Schlafgemach einer vornehmen Dame jenes eigenartige Lüster behaglichen Komforts verleihen. Tante Renate hatte das Zimmer mit schnellem Blick überflogen. »Unsinniger Plunder, der Unsummen kostet und nichts nützt,« murmelte sie, »steht seit sechzehn Jahren unberührt und den Motten aufgetischt!« Und sie goß aus der schlanken, Vergißmeinnichtgemalten Porzellankanne das Wasser in das goldumränderte Becken und herrschte Josephine kurz an: »Komm hierher, wasch' Dir die Hände!« »Aber Tanting, ich habe ja vorhin erst – –« »Papperlapap, vorwärts! Es gehört sich so, schon der Dienerschaft gegenüber!« Und die ganze Familie spülte sich feierlichst die 91 Hände ab. »Ach, wie prachtvoll!« flüsterte Josephine, »riech' mal, Tante, Parfümseife!« »Nun ja, was ist denn dabei!« entgegnete Frau von Wetter, »solche habe ich früher immer gehabt. Nun zieh die Handschuhe wieder an, wir wollen hinauf.« Und noch einmal glättend mit der Hand über den blonden Scheitel des jungen Mädchens streichend, schritt sie voran durch die glänzenden Falten der Portieren. Wieder nahm sie der Kammerdiener Seiner Excellenz in Empfang und führte die Herrschaften durch den Hirschgeweihgeschmückten, mit Waffen und Waidmannsbildern decorirten Korridor und über die teppichbelegte Treppe zur ersten Etage. Die Thüren öffneten sich, feiner, aristokratischer Ambréeduft wehte ihnen zu, und durch das halbe Dämmerlicht kamen ihnen die drei Herren entgegen, mit sporenklirrender Verbeugung und liebenswürdigstem Willkommen die verehrten Gäste zu begrüßen. Josephine kam es vor, als träume sie. Sie wagte es kaum, einen schüchternen Blick über die Ausstattung des Salons zu werfen; erst als die Stimmen durch einander schwirrten, als Graf Günthers heiteres »Grüß Gott!« an ihr Ohr schlug, hob sie den Blick, und jäh überrascht, entzückt von der schmucken Pracht einer Husarenuniform, schlug sie die kleinen Hände zusammen und rief aus tiefster und naivster Ueberzeugung: »Ach, wie schön!« Und damit war der Bann der Befangenheit gebrochen, 92 Scherz und Heiterkeit behaupteten ihr altes Recht, und das laute, übermütige Lachen Günthers bezeugte, daß er sich vortrefflich amüsire. Selbst Hattenheim fand heute Gnade vor Josephinens Augen, sie versicherte ihm mit viel Treuherzigkeit, daß er in Uniform entschieden hübscher aussehe, gar nicht so dick wie sonst und auch nicht so rot im Gesicht, und sie setzte eifrig hinzu: »Wenn wir tanzen, müssen Sie aber auch diesen prächtigen Schnürenrock anziehen, den müssen Pastors auch sehen!« Onkel Bernd begrüßte mit Entzücken die Uniform seines lieben alten Regiments. Es war plötzlich, als sänke ein Schleier von Auge und Geist, als schwänden all die langen Jahre zwischen Einst und Jetzt, als sei er wieder der flotte, schneidige Rittmeister von ehedem, welchen sechzehn Jahre Einsamkeit bis zur Unkenntlichkeit verwandelt hatten. Er thaute ordentlich auf, er vergaß seine Tabakspfeife und seine hartgearbeiteten Hände, die alte Zeit kam zurück und stellte ihn wieder auf höfisches Parquet. Und auch Tante Renate blickte feuchten Auges auf die Uniform, an deren schmucke Pracht sich die liebsten Erinnerungen einer fernen Jugendzeit, die seligsten Träume ihres Liebeslenzes knüpften! Wie viel gab es für Josephine zu sehen hier, welch' eine nie geahnte Pracht gleißte ihr aus allen Ecken und Enden entgegen! In zierlichen Lackstiefeln, mit dem lautlos gleitenden Schritt eines Hofmannes eilte Graf Günther dem naiven kleinen 93 Gast voran durch die diversen Salons, Josephine in den derben Lederschuhen tapp tapp hinterher auf dem Parquet. Und sie blieb vor den hohen Spiegeln stehen, betrachtete mit kindlicher Freude ihr eigenes, steifgeputztes Bild und konstatirte, daß sie dem Grafen Günther gerade über die Schulter sehen könne. Noch war ein Kaminsims voll alterthümlicher Nippes und Schalen, Vasen und Statuetten kaum zur Hälfte besichtigt, als der in schwarzes Civil gekleidete Kammerdiener Seiner Excellenz das Diner im Speisesaal meldete. »Lieber Reimar, als Gast hast Du den Vorzug, Fräulein von Wetter den Arm zu bieten!« lächelte Günther zurücktretend, und Josephine machte zwar ein ganz erstauntes Gesicht, legte aber schweigend ihren Arm in denjenigen des jungen Offiziers. Hatte Josephine bereits droben in den Salons ein weites Feld für Staunen und Verwunderung gefunden, so bot ihr der Speisesaal des Parterres mit seinem hocheleganten Tafelarrangement und den fast sämmtlich unbekannten Delicatessen des reichen Menus wohl den weitesten Spielraum naiven Entzückens. Der Minister schien die verkörperte Liebenswürdigkeit, geistreich, vornehm in jedem Wort und jeder Geste, wußte er als Diplomat und Staatsmann die Themata der Unterhaltung so geschickt zu wählen, daß Onkel Bernd den letzten Rest der Befangenheit von Zunge und Seele streifte, und Tante Renate animirter denn je in alten 94 Erinnerungen und dem gewohnten Fahrwasser ihrer langjährigen Thätigkeit schwelgte. Excellenz aber zog den prachtvollen Tafelaufsatz, einen künstlich gearbeiteten Silberbaum, an dessen Zweigen sich Marzipan und Chocoladenfrüchte schaukelten, näher heran, erzählte auf Josephinens staunende Frage, daß derselbe ein Geschenk des russischen Großfürsten sei, welchen er einst auf einer Reise nach Paris begleitet hatte, und während dessen löste er mit der bleichen, schlanken Hand die übrig gebliebenen Konfitüren völlig ab, legte sie auf den silbernen kleinen Teller und schob sie der jungen Dame zu. »Für Fräulein Haideröslein und die dazu gehörigen Pastors!« scherzte er, »Sie müssen doch ihren Getreuen einen Gruß aus Lehrbach bringen!« Josephine jubelte und dankte von ganzem Herzen, bat Graf Günther um eine Zeitung und sagte: »Nicht wahr, Sie gehen gleich mit mir, die Tüte in den Wagen zu tragen, sonst vergesse ich sie am Ende!« Und als die jungen Herren lachend einverstanden waren, beschloß man, alsdann gleich vom Hofe aus eine Tournée durch den Park zu machen. Dämmeriger Schatten wehte kühl und balsamisch aus den Laubgängen und blühenden Anlagen, welchen die drei jungen Leute, von der gelben Dogge gefolgt, gemächlich entgegen schritten. Eine dunkele Purpurrose leuchtete im Gürtel der jungen Dame, eine eben solche hielt noch die Hand Lehrbachs, welcher 95 sich mit zauberischem Blick zu Josephine nieder neigte und um die Erlaubniß bat, diese zweite Blüte eigenhändig in ihr blondes Haar stecken zu dürfen. Unbefangen blickte Fräulein von Wetter zu ihm auf. »Gewiß!« nickte sie anmutig, »wenn Sie es können?« Und sie bog das Köpfchen zur Seite und neigte es vor der wohlgepflegten, weißen Männerhand, welche sich mit behaglicher Umständlichkeit um den Schmuck der blonden Haarwellen verdient machte. Durch das zackige Akazienlaub fiel ein Sonnenstrahl schräg über das junge Paar, weckte goldene Lichtfunken auf den zitternden Löckchen und glühte auf der sammtenen Blüte, welche sich ihnen kosend anschmiegte. Hell auf blitzten die Brillanten an Günthers Finger. Hattenheim hatte mit untergeschlagenen Armen zur Seite gestanden, seine Brauen hatten sich finster zusammengezogen, und die fest geschlossenen Lippen schienen sich zu jähem Worte öffnen zu wollen, ein vorwurfsvoller Blick brannte auf Günthers lachendem Antlitz. Er wandte sich kurz und schritt langsam voran, durch die Blüten streuenden Zweige des Goldregens und Jasmins. Die Rose haftete. Günther und Josephine folgten der hohen Gestalt des Offiziers. »Wissen Sie auch, was solch' eine Rose bedeutet?« fragte Graf Lehrbach mit langsamer Betonung. Die leuchtenden Mädchenaugen blickten Erklärung heischend zu ihm auf. 96 »Die Rose ist das Sinnbild der Liebe ,« fuhr der junge Mann mit gedämpfter Stimme fort. »Schnell und ahnungslos bricht sie aus der Knospe, entfaltet voll berauschenden Duftes den purpurglühenden Kelch, sich und Anderen zu seligem Entzücken!« »Aber sie trägt Dornen und welkt so schnell!« schüttelte Josephine befremdend das Köpfchen, »das stimmt doch nicht mit der Liebe überein?« Ein langer dunkler Blick senkte sich in ihr Auge. »Auch das ist das Loos von Cupidos Pfeilen, daß sie oft scharf wie Dorn und Schwert sind, oft in Gift getaucht. Kennen Sie nicht den sinnigen Spruch, welchen Meisterhand in die Dichterlaube der Wartburg gemalt? ›Wem nie durch Liebe Leid geschah, geschah durch Lieb' auch Liebe nie!‹ Diese Worte sind wahr, unendlich wahr, Fräulein Josephine, denn wie die Rose ohne Tau nicht leben kann und ohne seine segensreichen Perlen niemals den Kelch zur vollsten Schönheit öffnet, so kann auch die Liebe nicht ohne Thränen bestehen, welche ihre größte Innigkeit und Stärke erst aus tiefstem Herzensgrund an das Licht locken!« »Wem nie durch Liebe Leid geschah,« wiederholte Fräulein von Wetter leise, mit tiefgeneigtem Haupt, und es war ihr, als fiele plötzlich ein Schatten in das blendende Sonnenlicht. »Ich möchte lieber die Sonne ohne Wolken schauen!« »Da fällt schon ein Blättchen aus der Rose!« Josephine stimmte wieder in seinen heiter werdenden Ton ein. »O weh, wenn das der Liebe Sinnbild 97 ist!« und sie folgte mit dem Blick dem kleinen Purpurblatt, welches wie ein Schmetterling von ihrem Gürtel hernieder vor Günthers Füße flatterte. Sie blieb stehen. Der junge Offizier lächelte sein altes, leicht frivoles Lächeln. »Mein Gott, warum verlangen Sie von Rosen und Lieben ein endloses Dasein! Es würde ja langweilig werden, wie schließlich Alles, selbst das Schönste auf der Welt! Besser, daß eine Blume kurz, als gar nicht blüht, und besser ein flüchtiger Glückstraum, als gar keiner!« »Wünschen Sie sich das?« »Nein, uns allen Beiden nicht!« Und er lächelte zu ihr nieder, daß leises Rot ihre Schläfen färbte, schritt weiter und zertrat achtlos das kleine Rosenblatt im Staub. »Es muß wunderlich in der Welt zugehen, ich freue mich darauf, sie kennen zu lernen!« Und Josephine streifte strahlenden Gesichtchens die blühenden Gebüsche mit der Hand und ließ die kühlen Blumensternchen in schnellem Weiterschreiten durch die Finger tanzen. »Und ich verspreche mir viel Genuß davon, Sie mit dieser bunten, schönen, lustigen und leicht hinrollenden Welt bekannt zu machen! Nach der langen Zeit dieser entsetzlichen Einöde muß es Ihnen ja vorkommen, als erwachten Sie aus bleiernem Traum, um endlich, gleich dem Schmetterling, die schimmernden Flügel in Luft und Licht und Wonne zu baden! O, es ist schön zu leben! Es ist schön, ein Schooßkind des Glückes zu sein!« Und der junge 98 Graf ließ den glänzenden Blick zum Himmel emporschweifen, lachende Jugendlust blitzte darin, sorglose, strahlende Heiterkeit eines Herzens, in welchem noch kein Thränentau die dornige Liebesblüte genetzt. Vor ihnen hob sich der Weg steil an felsigem Hügel empor, dessen Stirn die epheuumwucherten Mauerreste der Burgruine trug. Mit leichten Schritten eilte Lehrbach voran, wandte sich nach wenig Augenblicken zurück und reichte Fräulein von Wetter galant die Hand entgegen. »Hier gibt es Barrikaden, meine Gnädigste! Moosige Felsen und Blattschlingen, ganz Natur und Poesie, wie es sich für einen Altar der Vergänglichkeit geziemt!« Josephine lachte hell auf: »Glauben Sie, ich könnte nicht klettern?« Und ihm einen übermütigen Klapps auf die dargereichte Hand gebend, sprang sie trotz der massiven Chaussure leichtfüßig wie eine Gazelle über das Gestein. Günther schmollte und sah auf seine Hand nieder. »Wie grausam, Fräulein Josephine, mich also die Dornen der Rose fühlen zu lassen!« Im hellen Sonnenlicht, rosig, übermütig und liebreizend stand sie vor ihm, neigte das Köpfchen schelmisch zur Seite und recitirte voll Pathos: »Wem nie durch Liebe Leid geschah, geschah durch Lieb' auch Liebe nie!« Da lachten sie zusammen, Günther aber trat näher, nahm schnell ihre kleine Hand und zog sie an seine Lippen. »Durch Liebe Leid geschah?« wiederholte er mit wundersam fragendem Blick. 99 »Eine herrliche Aussicht hier oben!« ertönte in diesem Augenblick Hattenheims Stimme aus dem grünumrankten Spitzbogenfenster der Ruine über ihnen. »Eilen Sie sich, mein gnädiges Fräulein, damit Sie sehen können, wie schön doch Ihre Heimat ist!« »Ja, ich komme schon!« rief Josephine in harmlosester Lustigkeit und eilte behende durch die Trümmer auf den grasbewachsenen Hof des alten Gemäuers. Schnell trat sie an Hattenheims Seite. Die Hände auf die laubumsponnenen Quadern gestützt, die Augen starr auf das entzückende Bild geheftet, welches sich ihr darbot, stand sie stumm und regungslos, wie ein Kind, vor dessen Blick sich der geheime Zauber eines Kaleidoskops entrollt. Zu ihren Füßen von Licht und Klarheit umflutet, lag Lehrbach inmitten der grünen Wipfel; breit dehnte sich das Halbrund der Façade hinter der farbenprächtigen Rosenfläche, welche, von hier oben gesehen, einem köstlich gewirkten Teppich glich, aus dessen geschmackvoller Zeichnung die gelben Touffes des Goldregens, die glühenden Rosenbouquets und die weithin schimmernde Schneepracht des Faulbaumes und Jasmins emporleuchteten. – Dunkle Fichten schatteten längs der Parkgrenze, und durch ihre hangenden Zweige blitzte der kleine Weiher auf, dessen Silberflut ein paar Schwäne durchkreuzten, dessen zitternde Wellen gegen eine Insel spülten, bestanden von silbernen, tiefhängenden 100 Weiden und Fliedersträuchen, unter welchen blutrote Peonien das Nest der Schwäne umblühten, um ihr Bild gleich schaukelnden Feuerkugeln im klaren Wasser zu spiegeln. – Und weiter zurück leuchten die roten Dächer der Wirtschaftsgebäude verstohlen aus dem grün wogenden Wipfelmeer, – schaut ehrbar der runde Turm der Kapelle herüber, grenzt Haideland und kahlstämmiger Waldstrich den fernen Horizont, während sich auf der entgegengesetzten Seite des Schlosses fernhin das Ackerland zieht, grüne Kornfelder, von dunklen Kartoffel- und gelben Lupinenstreifen durchfurcht. – »Nicht wahr, dies ist ein herrlicher Ausblick?« unterbrach Hattenheim zuerst die Stille, und sein Blick flog in wehmütig langem Schauen über die nordische Landschaft. »Er gemahnt mich an daheim, wo's auch so frei und weit und einsam ist, wo keine Berge Auge und Atem beengen, wo Himmel und Erde noch in Eins verschmelzen.« »Wo sind Sie denn zu Hause?« fragte Josephine, zum ersten Mal voll Interesse zu dem blonden Manne emporblickend. »Da, wo sich die Füchse und Hasen gute Nacht sagen«, lächelte Hattenheim gutmütig, »weit droben in Ostpreußen, wo man polnisch sprechen muß, um seinen Nachbarn und Untergebenen nicht barbarisch zu erscheinen! Meine Familie stammt aus diesem schwarz-weißen Sibirien, und unser Stammschloß, ein fester, trotziger Bau, ebenso hart und viereckig wie der Schädel seiner Namenshalter, ist auf Fels 101 gebaut und schaut weit über klippiges, wildes Nordlandsmeer. – Kommen Sie einmal zu jenem Bogenfenster! Hier schaut es sich trefflich hinaus, namentlich für Einen, der gern die Gedanken so weit fliegen läßt, wie den Blick.« Und Hattenheim schritt über das moosige Gestein zu der entgegengesetzten Seite der Ruine, bog die Brombeerranken und die wuchernden Schlingen der Waldrebe zur Seite und ließ die junge Dame an die zerfallene Mauerbrüstung treten. »Hier hört das Gebild von Menschenhand auf,« fuhr er fort, »drüben Kultur und hier köstliche, poesievolle Wildniß, nichts wie Wald und Haide! Dort aber, sehen Sie, wie das geschmolzene Silber uns seinen Gruß entgegenblitzt? Das ist der Wantskasee, in dessen Schilf noch Wassernixen wohnen!« Josephine wollte eifrig antworten, aber Graf Lehrbach unterbrach sie, welcher mit dunkelgerötetem Angesicht, fast atemlos erst jetzt in die Ruine eintrat und dem Freunde ein rosiges Briefblatt entgegenschwenkte. »Reimar! Beim Teufel, ein ›Grüß Gott!‹ aus Berchtesgaden!« rief er aufgeregt, »mit einer Enzianblüte, von Prinzeß Sylvie eigenhändig gepflückt! Die kleine Dienheim schreibt mir ein süperbes Billet dazu, natürlich Dictat der Hoheit! Famos geschickte Wendungen, ›aus lauter Langerweile!‹ hahaha! Glaubst Du das, alter Junge, daß Sylvie und Ilse aus Verzweiflung Enzianblüten an alle Tänzer der letzten Saison schicken? Ich nicht! Wollen Skizzen 102 haben, umgehend und schneidig wie immer! Ob's lauter Kunstinteresse ist?« Und der schöne Mann zuckte leicht die Achseln, mit einem Lächeln, welches grenzenlose Eitelkeit und Ironie spiegelte, dennoch vibrirten die feinen Nasenflügel unter dem Einfluß seiner Aufregung. »Du glaubst, die Prinzessin interessire sich für Deine hiesige Robinsonade?« entgegnete Hattenheim mit fast hastiger Freude, während stolze Genugthuung sein redliches Antlitz noch höher färbte. »Sie wünscht Nachricht von Dir, via Dienheim?« »Du sagst's, mein Feldherr! Der Enzian ist Mittel zum Zweck!« Graf Günther nahm die gepreßte Blüte aus dem duftenden Briefumschlag und hielt sie mit graziös abgestrecktem kleinen Finger Fräulein Josephine entgegen. »Attention, meine Gnädigste!« lächelte er, »solche Blüten dürften eine Seltenheit sein! Vergegenwärtigen Sie sich die Scenerie einer ›Geier-Wally‹, denken Sie sich droben auf diesen Berghäuptern, deren Scheitel den Himmel stützen, um deren klüftige Felshänge die Wolken wehen, eine idyllische, einsame Almhütte, mitten auf blühender Matte erbaut! Da stand diese kleine, unschuldige Blume, welche weiter nichts von der Welt kannte, als die Schneehäupter, Schluchten und Thäler vor ihrem Blick, welche vielleicht die vornehmen Schwestern im Garten und Park beneidete, die, bewundert von viel tausend Menschenaugen, ein seligeres Dasein fristeten, denn sie, die in Verborgenheit dahin welkte! Aber sieh! den Fels empor klimmt 103 ein kleiner, kleiner Fuß, lichte Gewänder flattern über Moos und Alpenkraut, goldene, wilde Locken kosen mit dem Wind, und ein lächelndes Antlitz neigt sich zu der einsamen Blume. Da brach die Hand eines Königskindes den blauen Kelch. Ist das nicht ein seltenes Schicksal, Fräulein von Wetter, und ein neuer Beweis, daß nichts auf der Welt so verborgen ist, um nicht von der Sonne des Glücks erreicht zu werden?« »Ist die Prinzessin schon alt?« fragte Josephine statt jeder Antwort. »Alt?!« Lehrbach lachte schallend auf. »Mein gnädiges Fräulein, eine Prinzessin ist niemals alt, und zählte sie selbst Methusalem zu ihrem Jugendgespielen! Alt ist überhaupt kein hoffähiges Wort, die Leute in der Residenz sind ewig jung, und wenn sie sterben, ist es immer in den besten Jahren!« »Das ist ja gar nicht möglich!« ereiferte sich Josephine naiv. »Bei unserm lieben Herrgott und dem Erfinder des › eau de lys de Lohse ‹ und ›Pariser rouge ‹ ist kein Ding unmöglich! Aber Scherz à bas! Sie fragen, ob Prinzessin Sylvie alt ist? Eine delicate Frage, welche Sie vielleicht für beantwortet erachten, wenn ich Ihnen versichere, daß die lebenslustigste aller Hoheiten leidenschaftlich gern – Cotillon tanzt!« »Mit Ihnen?« Josephine blickte ihn lächelnd an, mit einem gewissen Stolz sogar, daß der Tänzer einer Fürstin demnächst in der Stauffner Eßstube 104 sie und Pastors Gretchen die graziösen Künste Terpsichorens lehren würde! »Gewiß!« nickte Günther ein wenig blasirt, und die Sporen des Sprechers mischten ihren melodischen Silberklang in das kurze Auflachen, mit welchem der junge Offizier die Hand auf die Schulter des Freundes legte und lebhafter fortfuhr: »Der Brief ist selbstverständlich per expreß gekommen, und ich bitte sehr, mich für wenige Augenblicke zu entschuldigen, ich möchte die Gelegenheit benutzen und dem Ueberbringer ein Telegramm mitgeben, welches mich in Berchtesgaden zu Füßen legen soll, à revoir also und tausendmal Pardon!« Und Graf Lehrbach salutirte degagirt und elegant, blickte noch einmal lang und ausdrucksvoll in Josephinens Augen und wandte sich hastig, um hinter moosigem Gestein und Waldesgrün, gefolgt vom gelben Rüden, zu verschwinden. Kurze Zeit verweilten die Zurückbleibenden noch in der Ruine, und es war seltsam, wie gesprächig und lebhaft Herr von Hattenheim wurde, hatte er allein für die Unterhaltung der jungen Dame zu sorgen. Mit glänzenden Augen lauschte Fräulein von Wetter zu ihm auf, als Reimar mit begeisterten Worten die Vorzüge des Freundes pries, seine Schönheit und Liebenswürdigkeit in selbstlosester Weise anerkannte und mit fast väterlichem Stolz eine Beschreibung entwarf, wie abgöttisch der junge Graf von Kameraden und Freunden verehrt, wie 105 ganz er enfant gâté der Damenwelt sei, wie sich fast jedes Fest in der Residenz um ihn und seine so hoch eleganten Arrangements drehe, wie ein Ball, welchem Lehrbach nicht vortanze, weder chic noch amüsant sei, und wie er durch die Stellung seines Vaters selbst bei Hofe ein täglicher und unentbehrlicher Freund geworden. »Wie glücklich muß er sein!« atmete Josephine hoch auf, und ihre Gedanken flogen voraus zum nächsten Winter, wo sie mit eigenen Augen all die Triumphe schauen sollte, welche sie doch gewiß an seiner Seite teilen würde. – »Zu glücklich fast!« – nickte Hattenheim ernst. »Ein allzu grelles und dauerndes Licht blendet den Menschen und stumpft ihn ab. Das Glück flattert Günther in den Schooß und umschmeichelt ihn mit viel zu verschwenderischem Zauber, er aber gibt sich ihm haltlos hin, – genießt die Bevorzugung eines launischen Schicksals wie ein selbstverständliches Anrecht, und vernachlässigt dadurch ein ernstes und gewissenhaftes Studium seiner selbst; – ich fürchte, dieses wolkenlose Schwelgen im Sonnenschein verflacht das so edel und groß angelegte Gemüt meines Freundes, und statt köstliche Seelenfrüchte zu reifen, wird er an der Uebersättigung und Seichtheit zu Grunde gehen, wie schon tausend Andere vor ihm, die zu schwach waren, eine Reihe von guten Tagen zu ertragen!« Und weiter schritten sie über moosigen Waldboden, unter hochgewölbten Buchenkronen dem kleinen Weiher entgegen. 106 Auf dem breiten Fahrweg, welcher durch den Park in die Felder führte, lag eine Kornähre. Hattenheim sah sie, zog den schon erhobenen Fuß zurück, beugte sich und legte den noch grünen Samenhalm zur Seite. Josephine war einen Schritt vorausgegangen, dennoch sah sie seine Bewegung und wandte sich zurück. »Was thun Sie da?« fragte sie erstaunt. Tiefe Verlegenheit färbte sein Antlitz höher, mit unendlich treuherzigem Blick schaute er zu ihr nieder. »Ich mochte nicht auf die Kornähre treten!« sagte er wie entschuldigend. »Und warum denn nicht?« Da neigte er das Haupt und lächelte auf seine milde, melancholische Weise. »Das ist eine Angewohnheit aus meiner Kindheit und eine Erinnerung an die Zeit, da ich noch viel durch die heimatlichen Felder ging. Da lagen auch stets die Aehren über den Weg, und ich konnte es nicht übers Herz bringen, das mit Füßen zu treten, was unser lieber Herrgott zu unserm Heil und Segen wachsen läßt, was manches Armen Hunger stillen kann, ich hob immer die Halme auf und legte sie zur Seite. Und so hab' ich's beibehalten bis zum heutigen Tage, wenn ich's in der Residenz auch nur sehr selten, oder sinnbildlich bethätigen kann! Sie werden mich wohl auch auslachen, wie Günther, oder es gleich wie er unter dem modernen Motto › chacun à son goût ‹ als eine Schrulle mehr auf der Welt passiren lassen!« 107 Josephine lachte aber nicht, sondern sah nachdenklich vor sich nieder; während seiner Worte war es ihr plötzlich gewesen, als sähe sie wieder ihr zartes Rosenblatt unter Günthers Sohle im Staube sterben, sie hob jäh den Blick, schaute Reimar voll ins Antlitz und sagte treuherzig: »Ich glaube, Sie sind ein sehr, sehr braver Mensch!« Da fielen die Sonnenstrahlen hell durch die Bäume und beleuchteten sein blondes Haupt und das verlegene, tief erglühende Antlitz. Josephine aber fuhr fort: »Sie sind gewiß nicht in lauter Glück und Sonnenschein aufgewachsen, und Ihnen ist sicherlich schon manches Leid geschehen, das die Menschenherzen weich macht, wie Graf Günther sagt?« Und halb fragend, halb zweifelnd und den Ernst ihrer Worte durch das sonnige Kinderlächeln mildernd, ja durch dasselbe beweisend, wie fern ihr eigentlich noch das volle Verständniß desselben sei, bog sie das Köpfchen zur Seite und blickte ihn forschend an. »Das Glück ist eine schlechte Mutter, hat Lieblinge und Stiefkinder, und wer zu den Letzteren gehört, wird selten seines Lebens froh!« Hattenheim sagte es ruhig, fast resignirt, dann bog er schnell die blühenden Zweige des Gebüsches, welche den schmalen Weg fast überwucherten, zur Seite und sagte heiter, dem Gespräch eine andere Wendung gebend: »Da sind wir schon am Weiher, mein gnädiges Fräulein; wenn Sie aber mit leeren Händen zu Hans und Grete, dem glücklichen Herrscherpaar dieses wässrigen 108 Idylls kommen, werden Sie sich wenig insinuiren! Hier! nehmen Sie das Brot, ich trage es schon immer in Reserve mit mir herum!« Josephine lachte lustig auf. » Chacun à son goût! Herr von Hattenheim, Graf Günther hat Recht! Sie beide sind verschieden wie Tag und Nacht – ah, da kommt er, sehen Sie, wie er sich geeilt hat!« Hans und Grete, das Schwanenpaar, ruderten herzu, und empfingen behaglich plätschernd die Gabe aus Josephinens Hand, Graf Günther stand daneben, klopfte den Freund kopfschüttelnd auf den breiten Rücken und lachte in einem Gemisch von Ironie und Anerkennung: »Dicker, Du bist ein ganz verrückter Kerl, aber doch das grundgütige Schicksal für Alles, was da kreucht und fleucht, ohne Dich stürbe Lehrbachs lebendes Inventar aus!« 109 Fünftes Kapitel. Und wie es rieselt und knittert darin! Das ist die unselige Spinnerin, Das ist die gebannte Spinner-Lenor', Die den Haspel dreht im Geröhre! Annette von Droste-Hülshoff.         Vierzehn Tage waren vergangen, und fast keiner von ihnen hatte sich seinem Ende zugeneigt, ohne den Verkehr zwischen Lehrbach und Groß-Stauffen auf das lebhafteste zu unterhalten. Entweder wechselten sich die Einladungen ab, oder die beiden jungen Offiziere erschienen ungebeten im Stauffener Schloßhof, um Onkel Bernd und Josephine zur Jagd oder zu Spazierritten abzuholen. Denn seitdem sie in Erfahrung gebracht hatten, daß Fräulein von Wetter eine ebenso kühne wie gewandte Reiterin war und nebenbei in dem altfränkischen Reitkleid der verstorbenen Mutter überraschend graziös und reizend zu Pferde aussah, konnte Graf Günther gar nicht satt werden, an ihrer Seite durch Wald und Feld zu streifen, oft im kecken Uebermut mit »Kamerad Josephine« eine kleine Schnitzeljagd improvisirend oder in waghalsiger Wette Hindernisse 110 suchend, um die Geschicklichkeit der Gegnerin auf die Probe zu stellen. Josephine bestand dieselbe glänzend. Hatte sie doch von Kindheit auf all' das spielend betrieben, was der Husarenoffizier einen edlen Sport nannte; über Gräben und Barrièren setzen, querfeldein das unebenste Terrain mit Leichtigkeit zurücklegen, war ja so selbstverständlich gewesen, wenn es galt, die ausgebrochenen Fohlen zu verfolgen oder Onkel Bernd im Jagdrevier aufzusuchen, um eine wichtige Nachricht von Haus und Hof zu bringen, je wilder desto besser – das wäre kein lustiger Ritt gewesen, von welchem die junge Dame mit ungelösten Zöpfen zurückkehrte! Auch jetzt ruhte Lehrbachs Blick oft überrascht auf der frappirenden Erscheinung der kindlichen Amazone, deren schlanke Gestalt im Sattel zu wachsen schien, deren Wangen glühten und deren Goldhaar oft in lang wallender Pracht, vom Wind gezaust, wie ein schimmernder Mantel um Schulter und Hüfte flatterte! Hei, wie sauste das so wild und frei über die Haide, wie flutete das Abendrot über Roß und Reiterin, wie sicher führte die unbehandschuhte kleine Mädchenfaust die Zügel! Zuerst hatte Hattenheim in unmutiger Besorgniß dem tollen Wettreiten gewehrt und Günther mit Vorwürfen überhäuft, wenn er die junge Dame stets zu neuen Wagnissen herausforderte; als aber Onkel Bernd lachend versicherte: »Das schadet der Phine durchaus nichts, die hängt wie eine Katze auf dem Gaul«, – und als er sich selbst von der seltenen Gewandtheit und Routine der liebreizenden kleinen Oreade 111 überzeugt hatte, da jagte er mit strahlendem Blick an ihrer Seite, nur Auge und Ohr für sie und dennoch voll ernster Vorsicht über Roß und Reiterin wachend. Wie unvergeßlich wurde ihm jener eine Nachmittag, an welchem plötzlich der Depeschenbote an den Stauffener Kaffeetisch in der Geisblattlaube trat und Tante Renate das geheimnißvoll verschlossene Papier reichte: »Für den Herrn Baron, gnädige Frau, mit bezahlter Rückantwort!« Die Freifrau zog eine große, rundgläserne Brille aus der Tasche, deren Stahlbügel über der Nase vorsorglich mit roter Wolle umwickelt war, und blickte voll feierlicher Ruhe auf die Adresse. »An meinen Mann . . . hm, werde Ihnen sofort die Antwort mitgeben«, und sie öffnete die Depesche und las in selbstverständlicher Bevollmächtigung ihren Inhalt aufmerksam durch. – »Wegen der Holzauktion, dachte es mir doch,« nickte sie nachdenklich – »und natürlich wieder so ein Blutigel . . .« Sie brach jäh ab und wandte sich zu Fräulein von Wetter: »Kannst dem Onkel den Zettel hinaus in die Anpflanzungen bringen, Phine, und ihm sagen, ich hätte dem Monsieur abtelegraphirt ein für alle Mal! So ein – und unsere alten Stauffener Eichen? Paßt nicht zusammen, selbst für den höchsten Preis nicht! Eher sollen sie doch liegen, bis sie zu Süßholz werden! Verstanden, Mamsellchen? Marsch!« Und sich zu den beiden jungen Offizieren wendend, fügte sie hinzu: »Wenn Sie mitreiten wollen, lassen Sie sich unsere beiden Füchse satteln, 112 damit's Ihren Pferden nicht zu viel wird . . . können auch bei mir sitzen bleiben, wenn es Ihnen besser behagt, ist mir egal.« Und Tante Renate warf die violetten Haubenbänder zurück und rauschte dem Schlosse zu. »Gehen Sie so lange in die Küche, Reinschke!« rief sie dem Postboten zu, »und lassen Sie sich Kaffee geben, ich setze während dessen die Antwort auf!« Josephine jubelte. »Wir reiten natürlich zusammen in den Wald! Am See entlang! Oh, ich sage Ihnen – ein prachtvoller Weg, den Sie noch gar nicht kennen! Schnell trinken Sie aus! Ich laufe voraus und helfe satteln! Für Sie die Füchse, ja? Da sollen Sie sich mal über »Temperament« wundern – wie das reine Schießpulver gehen die Dinger und dabei sanft wie eine Wiege! Also die Füchse! – Kommen Sie bald nach in den Hof!« Und ohne nur eine Erwiderung abzuwarten, trabten die Nägelschuhe der jungen Dame über den Kies, verschwand das geblümte Mousselinkleid wie eine schnell ziehende Wolke hinter dem nächsten Stangenbohnenbeet. »Donnerwetter!« lachte Günther auf. »Das nenne ich schneidig von der Alten! Die weiß, was sie will!« Und die Hand auf die Schulter des Freundes legend, sagte er mit scherzhaft drohender Stimme: »Dicker, wenn Du Dich noch einmal unterstehst und mir wie gestern an einem Abend vierzig Mark abgewinnst, dann wünsche ich Dir den ›Freiherrn Renate‹ zur Schwiegermutter!« 113 Hattenheim sah mit eigentümlichem Lächeln auf den Theelöffel hernieder, welchen er auf dem Zeigefinger balancirte. »Nur losgeschossen, ich riskire die Partie!« »Welche? Skat oder Pantoffel?« »Hazard!« entgegnete der junge Offizier mit schnellem Aufblick, »und damit fasse ich beide zusammen!« Und dann waren sie hinaus in den goldenen, lachenden Sonnenschein geritten, durch das rötlich schimmernde Brachfeld, über welchem die Vogelstimmen im Aether jubelten, vorbei an den ferngedehnten Wasserflächen, welche kleine krause Wellen gegen das Ufer trieben und gelbe Schilflilien spiegelten, die der warme Wind so sehnsüchtig zu der Flut herniederneigte! Oftmals hieß es vorsichtig im Bogen um die morastigen Wiesen reiten, über welchen Schilf und Riedgras starrte und just so rauschte und flüsterte, als ob es den ahnungslosen Wanderer warnen wollte. »Hier spukt's zur Nacht!« sagte Josephine, voll reizender Heimlichkeit das Köpfchen wendend, »die tolle Margret sitzt im Rohr und wäscht ihr Hochzeitskleid! – Dann hört man sie deutlich plätschern und reiben, und das Leinen im Wind klatschen! Hu, es soll grausig sein, ihren Gesang und ihr Gelächter dabei zu hören, das Blut erstarrt Einem zu Eis!« »Wer ist denn diese reinliche junge Dame?«– amüsirte sich Günther, sein Pferd dichter an die 114 Seite der Sprecherin drängend – »lohnt es sich, wie bei der Lorelei und Frau Venus ihre Bekanntschaft zu machen?« »Wer die Margret ist? Ei du lieber Gott, das ist die ungetreue Spinnerin, deren Bräutigam am Tage, da sie einen andern freite, hier im Moor seinen Tod suchte; zur Strafe sitzt sie selber wohl schon seit hundert Jahren im Schilf verzaubert!« »Die ungetreue Margret!« seufzte Günther mit langem Blick in Josephinens Auge. »Das kommt davon, wenn die schönen Mädchen zu leichtsinnig mit Männerherzen umgehen! Wie steht es denn jetzt damit in Stauffen? Hält man jetzt die Treue besser, als vor hundert Jahren?« Das Sonnenlicht verklärte ihr süßes Gesicht, die ganze Seele lag in dem Blick, welcher sich zaghaft und doch so unbefangen aufrichtig zu dem schönen Mann erhob. »Ja, jetzt ist man treu in Stauffen und bleibt's auch!« Da sprang er aus dem Sattel. »So wollen wir der bösen Margret Reich verkürzen und ihre Huldigung empfangen,« lächelte er fein, wagte sich trotz Gegenrede und Mahnruf an das Schilf heran und brach eine gelbe Lilie. Wie eine Feuerflamme glühte sie im grellen Sonnenlicht auf, da sie Josephine gegen ihr dunkles Reitkleid an die Brust steckte; das that den ehrlichen Augen Hattenheims weh, er senkte den Blick und wandte das Haupt schweigend zur Seite. 115 Weiter führte der Weg. Fichtenduft wehte durch hochstämmigen Wald, und Lichtfunken blitzten um graues Moos und Thymian, rote Schmetterlinge und Eintagsfliegen kreuzten über üppigem Heidelbeerkraut, und die dürren Nadelzweige knisterten unter den Hufen der Rosse. Dann rauschten ernste, uralte Eichenwipfel über den Reitern, warfen dämmerigen Schatten und überwölbten die schmale Schneise mit tiefhangenden Zweigen. Axtschläge klangen vernehmlich durch die Stille und einzelne laute Rufe und Männerstimmen. »Dort wird gehauen!« sagte Fräulein von Wetter, »der Förster meinte, es sei die reine Wildniß hier, und das Holz verfaule auf den Wurzeln! Da hat sich der Onkel entschlossen und läßt einzelne Stämme herausschlagen, damit es Luft gibt!« Günther blickte mit Kennermiene über die riesigen Stämme. »Natürlich!« rief er eifrig, »ich ließe den ganzen Krempel roden an Ihres Onkels Stelle, steckt ja ein Heidengeld in diesem Urwald, und trägt keine Zinsen! Mille diantres ja, wenn wir noch den zehnten Teil von diesen Zahnstochern in Lehrbach hätten! Ist aber abgeputzt, lauter neue Anpflanzungen, die lebhaft an Suppenspargel erinnern! . . . Ah voilà der gute Freiherr! Ihn selber sieht man noch nicht, aber seine Tabakswolken steigen hinter dem Holzstoß auf!« Wo sich der grasige Hügel am Waldessaum erhebt, wurde gerastet, da plauderten sie zusammen, 116 Onkel Bernd, der Förster und die Ueberbringer der Depesche. »Hat ihm meine Frau abtelegraphirt?« seufzte Onkel Bernd und kraute sich mit tiefem Seufzer hinter dem Ohr, »schade drum, der Kerl bezahlt schweres Geld für die Klafter, aber . . . wenn's mein ›Lykurg‹ nicht will, und hierin hat sie nun mal ihren Dickkopf, dann ist auch kein Stern, der leuchtet! ›Was die Frau will, das will Gott,‹ sagt der Franzose, na – und um des lieben Friedens willen, mag sie's machen, wie sie Lust hat . . .« Und sich zu dem Förster wendend, setzte Onkel Bernd den Schnurrbart ganz martialisch auf und sagte mit gerunzelter Stirn: »Da telegraphirt mir der Berliner Halsabschneider wegen der Auktion! Ich werde aber auf keinen Fall mit dem Kerl ein Geschäft machen, paßt mir nicht in den Kram, lasse mich ein für allemal nicht in meinem Willen beirren, verstanden, Herr Förster?! Soll sich zum Teufel scheeren, werde sofort eine ablehnende Antwort schicken! Immer schlank weg!« »Sehr wohl, Herr Baron!« nickte der alte Getreue ernsthaft, und Herr von Wetter wandte sich zu Josephine und den Offizieren und schmunzelte vergnügt: »Na nun kommt, Kinder, ich habe noch Butterbrode hier, auch ein paar Flaschen Bairisches!« Und sich vertraulich näher neigend, fügte er flüsternd hinzu: »Das dürft Ihr aber zu Hause nicht sagen, meine Frau findet das überflüssig . . . verstanden? . . . Die Butterbrode könnt ihr in Gottes Namen erwähnen, aber von dem Bairischen –« 117 und Onkel Bernd legte sich in bedeutsamer Geste die Hand auf den Mund. Wie lustig und vergnügt es sich plauderte! Von Wiesenhang und Haide und Waldboden sammelte Josephine die bunten Blüten und flocht sie zum Kranz und drückte sie auf ihr loses Haar, und Günther bog ihr die Eichenzweige herab und ließ sich knieend seinen Hut schmücken. Die junge Dame stand frei auf dem rasigen Hügel, grell abgezeichnet von dem fleckenlosen Himmel, welcher seinen vollen, purpurnen Sonnenglanz über sie hingoß, die Glockenblümchen zitterten in dem goldenen Haar, dessen schwere, windzerzauste Flechten über Schulter und Brust hingen, und sie winkte auch Hattenheim herzu, daß er das Knie vor ihr beuge. Etwas ungeschickt und linkisch ließ er sich auf dem weichen Rasen nieder, sein Antlitz schien noch röter denn sonst, und die Lippen zitterten nur, anstatt ihr solch galante Dinge zu sagen, wie Graf Günther, aber Josephine zeigte lächelnd auf den Eichkranz, aus welchem eine Kornähre – ziemlich ungraziös – hervorstrebte. »Ganz speziell für Sie dort vom Feld geholt!« sagte sie fröhlich, »Sie verdienen es, diese brave Pflanze als Helmzier zu tragen!« Und damit legte sie das buschige Grün um den Hut des jungen Mannes. Hattenheim aber blickte zu ihr empor, und das lichte, lächelnde Bild prägte sich tief und unvergeßlich in seine treue Seele. »Aber Dicker! – Heiliges Linksschwenkt, Du 118 siehst ja aus wie der göttliche Apis, um welchen die Aegypter tanzten!« rief Günther mit schallendem Gelächter. Und dieses Füllhorn von einer Kornähre über der Stirn . . . pardon , mein gnädigstes Fräulein, aber Sie sind doch ein wenig boshaft!« Josephine blickte erschrocken auf: »Boshaft? – Ich habe es sehr gut gemeint! Und wenn Herr von Hattenheim nicht zufrieden mit seinem Kranze ist, so mag er ihn fortwerfen!« Und um die rosigen Lippen zuckte es wie leichtes Schmollen. Hattenheim aber neigte sich schnell und küßte die Hand der jungen Dame. »Und wollte die ganze Welt mich auslachen, Fräulein Josephine, ich würde diesen Kranz dennoch mit Stolz und Freude tragen und warten, bis die geschmähte Kornähre ihre Früchte bringt, dann lache ich vielleicht auch, und wer zuletzt lacht; lacht immer am besten!« »Bravo!« klatschte Günther, »der reine Cicero!« Daheim in Groß-Stauffen war während dessen die Equipage des Ministers vorgefahren, welche »seine beiden jungen Strategen« zum Rückwege abholen wollte; er traf Tante Renate und die Pastor'schen Sprößlinge in der Jasminlaube und wurde mit großem, vertraulichem Jubel begrüßt. »Guten Dag ok, Du leiwe Grieskopp!« schmeichelte das kleine Liesing, mit weit ausgebreiteten Armen dem alten Herrn entgegenstürmend, um seine Knie mit fast peinlicher Kraftentwicklung zu umfassen, »wist uns en beten besöken, daß wir in die 119 gaude Stuw' dörfen, wie an' Samsdag tom Dansen?« Und dabei drückte sie ihn immer zärtlicher und reichte die kleine ›Karpensnut‹ zum Willkommenkuß entgegen. Auch die andern Flachsköpfe attaquirten von allen Seiten, und wie ein grauer Felsstein, um welchen die Flut brandet, stand die schlanke Figur des Ministers inmitten, in ängstlicher Vorsicht den grauen Cylinder emporhaltend und es doch nicht über sein gutes Herz bringend, sich rücksichtslos Bahn zu brechen. Eine allzu intime Berührung jedoch mit Liesings gespitztem Mäulchen schien ihm in Betracht der nahen kleinen Stupsnase zu riskirt, und so sprach er seinem silbergrauen Handschuh das Todesurteil und klopfte reihum die drallen Wänglein. »Du, leiwe Grieskopp! hest nicht hiert, wat ik seggt häv?« schrie Liesing in brennender Ungeduld, einen neuen Beweis liefernd, daß ein »Ordensstern und Tressenhut« nicht immer die nötige Anerkennung finden, und Titel und Namen in Groß-Stauffen eitler Willkür preisgegeben sind; aber ihr Stimmchen verklang im allgemeinen Wirrwarr, und zudem fühlte sie sich jetzt von Gretchens energischer Hand ergriffen und zurückgerissen. »Aber Liesing, wirst Du wohl artig sein und hochdeutsch sprechen!« raunte die große Schwester in tödtlichster Verlegenheit, und unter tiefsten Knixen vor Excellenz flog ein Flachskopf nach dem anderen in das nahe Bosquet, woselbst sich unter den Gelynchten eine wohlthuende Balgerei entwickelte. 120 Excellenz atmete auf und trat lächelnd zu Tante Renate, welche das kleinste Pastor'sche auf dem Schooß gehabt hatte, um mit ihm gemeinsam den Rest ihres durch Reinschke unterbrochenen Kaffees zu trinken, und sich nun erst von der zappelnden Last hatte befreien können. »Pardon für diesen Spektakel, Excellenz!« nickte sie mit kräftigem Handschlag. »›Jung Vieh' hat jung' Mut,‹ sagt ein hiesiges Sprüchwort, und seit die Tanzerei oben im Saal angefangen hat, sind die kleinen Racker schier aus Rand und Band. Bitte, nehmen Sie Platz!« Die Sonne war schon hinter die dunklen Fichtenwipfel getaucht, als die kleine Cavalkade wieder in den Stauffner Schloßhof eintrabte. Voran Graf Günther und Josephine. »Hei, stop!« rief der junge Offizier plötzlich, seiner Nachbarin in die Zügel fallend. »Das Terrain wird heimtückisch! Links schwenkt um die Schiebkarre!« Josephinens Köpfchen zuckte in den Nacken, mit großen Augen blickte sie ihn einen Moment sprachlos an, dann lachte sie laut auf und entwand ebenso energisch wie geschickt die Zügel seiner Hand. »Bei dieser Distanz so ängstlich?« spottete sie voll Uebermut. »Das wäre doch das erste Grünfutter, welchem ich aus dem Wege ging!« Und ein leichter Zungenschlag, eine kaum sichtliche Bewegung der Gerte: » En avant hop! « und die Hufe sprühten auf dem Pflaster, das dunkle Reitkleid wogte auf, 121 und leicht, graziös und schnell wie der Gedanke nahmen Roß und Reiterin das Hinderniß. »Famos! Auf Wort, brillant!« Und der Husar biß die Zähne zusammen, spornte sein Roß und folgte der jungen Dame. »Aber leichtsinnig, meine Gnädigste, wie ein amerikanisches Duell!« fuhr er, an ihrer Seite parirend, fort. »Ich hätte es niemals riskirt, eine Dame zu solchem Hazard zu invitiren, sie müßte denn den Namen Renz oder Hager tragen, oder sonst eine solch' halbe Centaurin sein! Sie wissen, daß ich nicht auf meinen Hals, sondern einzig auf den Ihren Rücksicht nahm!« Noch lag die Wolke auf seiner Stirn, er riß sein Pferd kurz zusammen und ließ den Bügel fallen. Josephine wandte das Köpfchen, und ihr lachender Blick wandte sich in erschrockenes Aufschauen: »Wie böse Sie aussehn, und nur aus Sorge um mich?« Er zuckte die Achseln und sagte scharf: »Auch aus Sorge um Sie, im großen Ganzen aber verträgt es kein Kavallerist, von einer Dame für einen ängstlichen Reiter gehalten zu werden!« Und er sprang zur Erde, und warf dem herbeieilenden Knecht die Zügel zu. Momentan verstummte Fräulein von Wetter und sah nachdenklich auf ihre Hand hernieder, über welche die Zügel grellrote Streifen gerieben hatten, dann neigte sie sich Herrn von Hattenheim zu, welcher schweigend bereit stand, sie vom Pferd zu heben. Er sah blaß aus, aber er lächelte. »Es war eine Lust, Ihnen zuzusehen!« sagte er. 122 »Und Sie waren nicht um Sorge um mein junges Leben?« »Nein, ich bin zu sicher im Vertrauen auf Ihre Meisterschaft.« Der plumpe Lederschuh der jungen Dame ruhte in seiner Hand. Ohne zu antworten, nur mit einem kurzen Lächeln glitt Josephine an seiner markigen Gestalt zur Erde hernieder, nickte ihm freundlich zu und schlüpfte flink in das Haus, um das unbequeme Schleppkleid abzulegen. Sie hörte bereits die Pastor'schen durch den Garten herzustürmen, wie gewöhnlich mit so schmetterndem Organ, als gälte es der Posaune von Jericho Konkurrenz zu machen. Atemlos trat sie in ihr Zimmer und preßte die Hände gegen ihr stürmendes Herz. »Wie wunderlich ist's doch!« dachte sie mit heißen Wangen, »und wie verschieden sind die beiden Freunde! Dieser langweilige Hattenheim, dem man's auf zehn Schritt weit ansieht, wie gleichgültig ich ihm bin, und er, Günther, der mich so wirklich und wahrhaftig lieb hat!« . . . . Und Haideröslein neigte sich mit strahlendem Lächeln zum Fenster und lugte hinaus in den Garten, aus welchem das Stimmengewirr zu ihr herüber tönte; da stand Hattenheim neben dem Minister und der Tante und streichelte in sichtlicher Verlegenheit den Krauskopf eines zärtlich zudringlichen kleinen Pastors, Günther aber lehnte etwas abseits an der Bretterlaube, umringt von den anderen Quälgeistern, welche mit gellender Versicherung ihrer Wiedersehensfreude ihre zweifelhaft gefärbten Hände 123 und Händchen dem zarten Residenzcivil näher als wünschenswert brachten. Da machte der Herr Lieutenant aber »kurze Fünfzehn«, packte den frechsten kleinen Kirschenesser wie einen Dachshund am Genick und hopp! hopp! saß einer nach dem anderen, sogar in bunter Reihe, auf dem Laubendach. Pastors nahmen's für einen Witz und zeterten höchstes Entzücken, Günther aber drohte ihnen noch einmal, faßte Hattenheims Arm und sagte: »So, die Landplage hätten wir kalt gestellt,« und folgte dann gelassen seinem Vater, Tante Renate und der Mademoiselle, welche voran in das Schloß gegangen waren. Mörderliches Geschrei erhob sich vom Laubendach. »Aber Günther, willst Du die Spatzen da oben sitzen lassen?« fragte Hattenheim betreten. »Natürlich, dann sind wir die Schreihälse los, die Rangen machen mich so wie so nervös,« und der junge Graf schritt die Treppe empor. Hattenheim folgte, doch nach wenigen Minuten kehrte er zurück, lief flink zur Laube und befreite die unfreiwilligen Aëronauten. Auf allgemeines Verlangen sollte noch vor dem Abendbrot, der obligaten dicken Milch, Schwarzbrot, Butter und Schinken, der erste Teil einer Quadrille à la cour eingeübt werden. Mademoiselle saß bereits »marschfertig« an dem Klavier und intonirte wohl schon zum sechsten Mal: »Als ich noch im Flügelkleide;« aber Graf Günther hatte die Reihen 124 seiner Getreuen noch lange nicht geordnet, er tanzte mit Josephine, Hattenheim und Gretchen zum vis-à-vis , der Dichterling hatte seine zwölfjährige Schwester Linchen mittelst eines leutseligen Puffs in den Rücken engagirt, und nun fehlte noch das vierte Paar. »Onkel Bernd! Du mußt mittanzen!« rief Josephine mit flehenden Augen, »und Tantchen, süßes Tantchen, Du auch! Ihr könnt es gewiß Beide noch brillant von früher her!« Und sie hing sich an den Arm des Rittmeisters und versuchte, ihn mit sich fort zu ziehen. Günther machte während dessen Tante Renate den Hof. »Sie, und das Tanzen verlernt haben, meine gnädigste Frau?« rief er mit ganz beleidigtem Gesicht, »das soll ich glauben? Ich, der genau Bescheid weiß in den Memoiren unserer Residenz und mehr als einmal von Papa gehört hat, welche der Damen Ihrer Zeit die Gefeiertste gewesen? . . . Nicht wahr, cher père , das bestätigst Du, und Dir gegenüber kann es die Frau Baronin auch nicht ableugnen.« Günther begleitete fast jeden Satz mit einer Verneigung und tiefem Blick in das schmunzelnde Gesicht der alten Dame, während dessen eine kleine Landplage ihn permanent hinterrücks kniff und dazwischen schrie: »Du, Herr Lehrbach, unse Friede kann äwerst ok klavieren!« Günther schlug um sich, Se. Excellenz aber verneigte sich mit chevalereskem Lächeln vor der Freifrau: »Mit der Jugend soll man jung sein, 125 meine Gnädigste, und es würde mir ein Vorzug sein, unsere graziöseste Tänzerin noch einmal bewundern zu dürfen; leider verbietet mir mein fatales Asthma, um Ihren Arm zu bitten, und gestattet mir nur, Ihnen als dankbares Publikum zu applaudiren.« Tante Renate fühlte sich sehr geschmeichelt. »Wem's zu wohl ist, Excellenz, wem's zu wohl ist, der geht aufs Eis tanzen!« seufzte sie kopfschüttelnd; »na, in Gottes Namen denn, den Kindern zu Liebe, nicht aus Koketterie. Sie böser Mann, der meinen grauen Haaren noch Elogen sagt!« Und sie drohte dem Minister mit dem Finger und legte dann die Hand energisch auf Onkel Bernds Schulter. »Also vorwärts, Alter, und halt die Ohren steif, daß wir uns nicht blamiren!« »Aber Renatchen, in diesen Kommißstiefeln,« sträubte sich Herr von Wetter voll plötzlicher Eitelkeit. »Ist ja ganz gleichgültig, Verehrtester!« lächelte Excellenz, und Günther und Josephine führten das würdige Paar im Triumph nach dem Platz. Auf den Stühlen an der Wand saßen die kleinen Pastors wie die Orgelpfeifen aufgereiht, baumelten mit den Beinen und schrieen hie und da dazwischen; Excellenz lehnte sich in seinen Sessel zurück und putzte sich das pince-nez mit dem duftenden Batisttuch. » Compliment au place! « kommandirte Günther. »Wat seggt he?« trompetete ein Flachskopf eifrig von der Wand herüber, Mademoiselle setzte 126 »Als ich noch im Flügelkleide« mit falschem Akkord ein, und der Unterricht begann. »Nachtigall, man hört Dir trampsen!« raunte der junge Graf in das Ohr des Kameraden, wenn Josephine und Gretchen mit den Nägelschuhen an ihm vorüberschwebten, und dann kniff er ihn wieder unvermerkt und murmelte durch die Zähne: »Ich kann nicht mehr ernst bleiben, Dicker, ich ersticke noch über die beiden Alten!« Hattenheim aber verzog keine Miene, sondern blickte sogar mit gewisser Rührung auf Tante Renate, welche das Kleid mit graziöser Handhaltung weit von sich abziehend so zierlich wippte und kokettirte, daß wie mit Zauberschlag ein ganzer Ballsaal voll Reifröcke, Medicisgürteln und schaukelnder Schläfenlocken vor seinem geistigen Auge stand. Auch Onkel Bernd ward wieder jung, drückte die Hand seiner Partnerin so ritterlich ans Herz und wiegte sich so einschmeichelnd in der Taille, daß die modernen jungen Herren schier wie die steifen Ladestöcke neben ihm aussahen. Mademoiselle hielt erschöpft inne, Günther küßte der Freifrau dankend die Hand und konnte nicht genug der Worte finden, seine Bewunderung auszudrücken, und die Wanddekoration wimmelte herzu und dankte Gott, daß sie sich einmal wieder Bewegung machen durfte. »Du Phine, nu äwerst mal den Tanz mit die Beene in die Luft!« kommandirte Eins, welchem Polka-Mazurka tiefen Eindruck gemacht hatte, und 127 ein Anderes schmeichelte um Tante Renate und erinnerte an »ok wat zu essen!« Da wurde noch ein halbes Stündchen für Rundtänze gestattet, und Excellenz bat um die Erlaubniß, sich eine Cigarette anzünden zu dürfen. Onkel Bernd machte eine Grimasse, als wollte er sagen: »O, Du heilige Unschuld«, sah angstvoll nach Tante Renate und räusperte sich verlegen. Die Freifrau schien einen Kopf zu wachsen, lächelte ihr liebenswürdigstes Lächeln und nickte: »Natürlich, Excellenz, so eine Cigarette ist ja selbst für ein Damenzimmer nur angenehmes Räucherpulver; mein Mann wird sofort das Nötige herzuschaffen!« Und sie wandte sich mit sprechendem Blick zu ihrem Gatten: »Sei so freundlich, lieber Bernd, und besorge Dein Rauchservice herauf!« Der Rittmeister strahlte: »Sofort, liebstes Renatchen, sofort!« und sich mit dem selbstbewußten Gesicht eines Hausherrn vor dem Minister in Positur stellend, rief er couragirt: »Famos, verehrtester Graf! Da setzen wir uns als Publikum hier auf das Sopha und rauchen einen gemütlichen Tobak zusammen; weiß der Kuckuck, wie ich meine alte Freundin zwischen den Zähnen vermißt habe!« Und er rieb sich die Hände und polterte, einen sorgfältigen Umweg um den Teppich machend, durch die Thüre. Fern grollte der Donner, matte Blitze flackerten, und durch die weit geöffneten Fenster strich ein kühler Luftzug. 128 Josephine lehnte sich weit hinaus und trank in durstigen Zügen die wonnige Frische, welche ihr die krausen Haarwellen von der erhitzten Stirn hob. Günther stützte sich an ihrer Seite auf das Fensterbrett und blickte auf ihr reizendes Profil hernieder. »Fürchten Sie sich vor dem Gewitter?« fragte er mit weicher, dunkler Stimme, und der Blick, welchen er dabei in ihr Auge senkte, war nicht mehr zornig wie vorhin. Sie schüttelte das Köpfchen, ihr ganzes Antlitz leuchtete Glückseligkeit. »Heute nicht!« »Und warum denn heute nicht?« Er neigte sich näher, und seine weiße Hand zog die Rosenranken, die voll blühenden, vom Spalier herein und zerpflückte die Blättchen mechanisch in den Wind. »Weil Sie bei mir sind!« Sie sagte es so einfach, so aufrichtig und herzinnig; sie glich der Rosenknospe zwischen seinen Fingern, ganz noch Kind, und dennoch bereit, die Seele zu voller, strahlender Blütenpracht zu entfalten; aber die Rosenknospe zerblätterte als Spielzeug in der Hand des jungen Mannes. »So haben Sie es gern, wenn ich bei Ihnen bin? Sie wissen es, daß ich Blut und Leben für Sie und zu Ihrem Schutze einsetzen würde?« – O du dunkles, dunkles Auge, wie glühst Du Dein Bild so ewig und so zauberisch in das Heiligtum des lautersten Mädchenherzens! Sie atmete wie in süßem Traum, sie nickte und lächelte: »Wenn's doch immer so bleiben könnte!« 129 Er hob eine Rose an die Lippen und küßte diese; dann hielt er sie empor in das grell aufzuckende Licht des Blitzes und sah sie mit schwärmerisch trunkenem Blick an: »Wünschen Sie es nicht, Fräulein Josephine!« rief er mit gedämpfter, aber dennoch leidenschaftlich erregter Stimme. »Die Gegenwart ist für Sie noch ein verschleiertes Rätsel, welches erst die Zukunft und die Welt Ihnen lösen werden, in tausend rotleuchtenden Stunden, die sich gleich Rosenblättern aus dem Kelche der Freude ringen! Dies hier ist die Zukunft, Fräulein Josephine, diese purpurne Blüte, welche Ihnen die Residenz und das bunte, rauschende Leben in das Haar flechten werden, und dieser Zukunft lassen Sie uns im köstlichen Tanze entgegenstürmen!« Wie verzaubert hing der Blick des jungen Mädchens an dem duftigen Symbol in seiner erhobenen Hand, das grelle Licht flammte darüber hin und tauchte die Rose in lachende Farbenglut. Dann schlugen plötzlich schwere Tropfen durch die Luft und zitterten wie Thränen an dem Kelch. Graf Günther aber trat hastig in das Zimmer zurück, legte den Arm um seine Tänzerin und wirbelte auf den süßen Walzerklängen mit ihr davon, gerade wie ein Sturmwind, welcher die Blüte faßt und ihre Blätter in den Staub weht. Während dessen hatten Excellenz und Onkel Bernd behaglich im Nebenzimmer gesessen und geraucht. Der Minister lag in einem hochlehnigen Fauteuil, hatte ein paar unmerkliche Züge an seiner 130 exquisit feinen Cigarrette geraucht und dieselbe dann fortgelegt, um die müden Augenlider noch tiefer über die Pupille sinken zu lassen; Onkel Bernd jedoch saß breit und wohlig in der Sophaecke, hatte seine kurze Meerschaumpfeife zwischen den Zähnen und blies Dampfwolken, daß bereits sein freundlich glänzendes Angesicht wie ein roter Vollmond aus blauen Nebelwolken lächelte. Dazu redete und gestikulirte er in höchstem Eifer und war soeben dabei, dem verehrten Freunde seine drei unvergeßlichen Begegnungen mit Sr. Majestät dem Kaiser zu erzählen. »Sehen Sie, Excellenz, dreimal hat unser alter Heldenkaiser persönlich mit mir gesprochen, und diese drei Erinnerungen sind die Lichtpunkte meines Lebens!« Der Minister horchte etwas interessirter auf. »Ah, charmant, bitte, erzählen Sie, Verehrtester!« bat er mit einer leichten Handbewegung. »Dergleichen seltene Memoiren haben unendlichen Reiz für einen guten Patrioten.« »Ja, das war eine ganz famose Sache!« rief Onkel Bernd, lebhaft mit der Hand auf die Tischplatte schlagend und drei dicke Dampfwolken dazu blasend, als müsse er sichtbaren Opferrauch vom Altar seiner Begeisterung wehen lassen. »Wie er das erste Mal mit mir sprach, war ich noch ein kleiner Bengel und ging in Eberswalde auf die Schule. Mein seliger Vater hatte uns Jungens in Pension zu dem dortigen Schuldirector gegeben und 131 nichts Anderes mit mir im Sinn, als später mal einen Grünrock aus mir zu machen, dem Serenissimus Gnade sämmtliche Fichten und Knircksbüsche des lieben Vaterlandes ans Herz legen würde, aber nix comprend sagt der Franzose, in meinem Kopfe revoltirte es mit Säbeln und Pistolen, das alte Soldatenblut schoß mir in die Augen und ließ mich meine Zukunft im flotten Attila sehen! Wie der Deuwel auf eine arme Seele, so war ich hinter den Soldaten her! Und der liebe Herrgott richtete es extra für Wetters Jüngsten ein, daß das große Königsmanöver in unserer Gegend abgehalten wurde! Potz Donnerwetter, wie kletterte ich auf den alten Kirschbaum an der Chaussee, wo Kopf an Kopf die Leute standen und die Truppen einziehen sahen; ›Juchhe!‹ schrie ich, und weil ich was Besonderes haben wollte: › Vive l'empereur! ‹, wie ich's von den Freiheitskriegen hatte erzählen hören. Plötzlich hieß es: ›Der Prinz von Preußen kommt!‹ Und richtig! Da wirbelte schon Staub auf! Na, aber nun hätten Sie meinen Eifer sehen sollen! Wie das reine Unglück rutschte ich auf meinem Aste vorwärts, um den leibhaftigen Königssohn recht genau zu sehen, der Ast aber bog sich und schwuppte wie ein Grasstengel, wenn ein Maikäfer daran turnt, und ich klammerte mich krampfhaft fest und schwebte just über des Prinzen Haupt und schrie: › Vive l'empereur! ‹ Gerade, als ob ich eine Vorahnung von 1871 gehabt hätte, was? Da dreht der Prinz den Kopf nach mir herum, sieht mich da hängen und lacht mit 132 dem ganzen Gesicht. ›Kleiner Donnerwetter Du! Machst Du, daß Du da runter kommst!‹ ruft er mir zu und droht dabei mit dem Finger, und das, das war das erste Mal, Excellenz, daß unser Allergnädigster Kaiser mit mir sprach!« Onkel Bernd schluchzte die letzten Worte ordentlich vor Rührung und Patriotismus, und der Minister hüstelte ein zustimmendes: »Ganz allerliebst!« »Das zweite Mal«, fuhr der Rittmeister nach ein paar mächtigen Dampfwolken fort, »war in dem Palais zu Potsdam, wo ich den Vorzug hatte, bei Anlaß eines Hofballs Page zu sein. Den Prinzen Wilhelm hatte ich glühend ins Herz geschlossen und konnte es gar nicht erwarten, ihn wieder von Angesicht zu Angesicht zu schauen. Frech und begeistert wie ich war, drängelte ich mich so dicht hinter ihn, daß ich seine Rockschöße mit den Händen streifte und ganz genau roch, was er für Parfüm im Schnupftuch hatte. Da war mir Frau Fortuna gnädig! Der Prinz trat ganz plötzlich einen Schritt zurück und gerade mit dem Stiefelhacken auf meine große Zehe. Erschrocken prallte er nach mir herum, sah mir einen Augenblick mit seinen ungeheuren Augen stracks ins Gesicht und sagte: ›Pardon!‹ Da bedauerte ich am Abend, als ich ins Bette ging, nur eins, nämlich, daß ein so schlacksiger großer Bengel so steife Gelenke hat; ich wollte nämlich im Uebermaß der Wonne meiner großen Zehe einen Kuß geben, aber es ging nicht!« – Günther und Hattenheim waren während der 133 Erzählung hinter den Sessel des Ministers getreten, der junge Graf sah dunkelrot aus und rief ein um das andere Mal: »Ist ja ganz famos, famos!« Und Excellenz schnaubte sich etwas umständlich die Nase und nickte dazu beifällig mit dem Kopf; nur Hattenheim stand wortlos und blickte mit seinen rührend treuherzigen Augen teilnahmsvoll auf das hocherregte Antlitz des Erzählers nieder. »Und das dritte Mal, Herr Rittmeister, was sagte er da?« drängte Günther eifrig. »Das ist noch gar nicht lange her!« nickte der Freiherr schmunzelnd. »'s war im zweiten Jahre, daß ich als pensionirter Krautjunker hier auf Stauffen saß und meiner Alten zu Liebe den Kammerherrntitel von dem Herzog angenommen hatte, um noch so dann und wann mal wieder die Nase in die Residenz zu stecken. Da starb die hochselige Herzogin-Mutter, und ich wurde selbstverständlich als dienstthuender Kammerherr sofort einberufen. Gott mag's mir verzeihen, als ich hörte, daß der König Wilhelm zur Beerdigung käme, da hat ein Auge geweint und eins gelacht! Da stand ich wieder hinter meinem unvergleichlichen, glorreichen Kaiser! Was der Hofprediger gesagt hat, davon weiß ich nicht die Bohne mehr, aber an dem Rockkragen des Königs Wilhelm ist mir jeder Stich unvergeßlich geblieben, und seinen Scheitel mit dem einen kleinen Haarstrupp, der vom Helm verschoben war, den könnte ich euch noch zeichnen, Kinder, den vergesse ich mein Leben lang nicht! Und als die 134 Feier vorbei war, da blickt der König plötzlich suchend umher und blickt und blickt und – heiliger Stern der drei Könige! – er wendet sich zu mir, sieht mich freundlich an, ebenso freundlich und unvergeßlich, wie einst auf dem Kirschbaum, und sagt leise und vertraulich wie zu seinem besten Freund: ›Haben Sie die Güte, Baron, sehen Sie mal, ob es zu regnen aufgehört hat!‹ Und seht ihr, Kinder, wenn es nun auch manchmal gießt wie mit Mulden, und wenn mir selbst das Korn dabei auswächst und die Kartoffeln darüber zum Teufel gehen, ich kann dem Regen nicht böse sein! Ist er doch daran schuld gewesen, daß mein Kaiser zum dritten Mal mit mir gesprochen hat!« Schnell wie ein Traum zogen die Wochen dahin; Josephine däuchten die Tage halb so lang denn sonst, und die Stunden, welche Graf Günther in Stauffen verweilte, welche sie in Lehrbach, oder in Wald und Flur an seiner Seite verlebte, die trugen sämmtlich ein paar bunte, farbenschillernde Schwingen, auf welchen sie davon flogen, so schnell und so treulos, wie die Libelle in heißer Sommerluft, welche schon längst entschwunden ist, ehe man die rätselhafte Märchenpracht ihrer Schönheit voll geschaut und begriffen. Noch einmal entfaltete der Sommerhimmel sein tiefblaues, strahlengesticktes Gewand, um es wie ein verheißungsvolles Banner über dem einsamen nordischen Lande wehen zu lassen, und doch war es 135 ein Tag, welcher Josephine so glanzlos und öde, so nebelverschleiert schien, als sei das ganze Firmament ein wogend Meer von Thränen, herniedertauend aus Blumen und Laub, aus Herz und Auge, ja, sie fühlte es haltlos von den Wimpern tropfen wie bitteres, unaussprechliches Trennungsweh! Heute mußte geschieden sein. Und die gräfliche Equipage rollte in den Schloßhof, und ein paar kurze, flüchtige Stunden zogen noch dahin, lustig und heiter wie stets, denn Graf Günther wollte schier Lachkrämpfe kriegen, als er Pastors wehklagend, mit großen reinen Schnupftüchern in den Garten anrücken sah; da schämte sich Josephine und schluckte die Thränen herunter. Warum auch traurig sein? Im Winter sahen sie sich ja in dem Zauberlande aller goldenen Träume, der Residenz, wieder, so war es fest abgemacht, und darum wurde dem jungen Offizier das Scheiden auch leicht, und er scherzte sich selber über den Abschied hinweg. Nur Hattenheim sagte wehmütig: »Der Sommer voll Glück und Frieden ist dahin, nun kommen die Herbststürme, und die Erinnerung an diese selige Einsamkeit wird dem Felsstein gleichen, über welchem wilde Flut zusammenschlägt.«. Josephine sah ihn verständnißlos an und sagte tröstend: »Ich komme ja im Winter zu Ihnen und tanze auf den Hofbällen!« Da zog es wie trübe Wolken über sein redlich Angesicht, und er seufzte: »Im Winter! Ja, ich fürchte, Sie treffen dann viel Eis und viele Kälte an, aber nicht überall, auch unter dem Schnee 136 gibt es Blüten, welche auf Ihr Kommen harren, die weiße Christrose, welche ein Kreuz trägt und das Symbol der Hoffnung ist!« Und er drückte dem jungen Mädchen erregt die Hand und wandte sich dann hastig ab, um auch Onkel Bernd Lebewohl zu sagen. Günther aber kam atemlos herzu, verfolgt von der ganzen Schaar der Flachsköpfe, welche er, in praktischer Nutzanwendung der reinen Taschentücher, mittelst derselben paarweise zusammengekoppelt hatte, selbstverständlich an den Händen, um den diversen Abschiedspätschings und Rührungspuffen geschickt aus dem Wege zu gehen. Diese fürchterlichen kleinen »Menschenflossen« waren stets der Ruin seiner zartfarbigen Glacees, darum war der Herr Lieutenant erfinderisch geworden. Er reichte Josephine beide Hände, sah ihr lange und ausdrucksvoll in die Augen und sagte: »Leben Sie wohl, Fräulein Josephine! Es war eine sehr idyllische Zeit, welche wir zusammen hier verlebten, bewahren Sie ihr und mir, bitte, ein freundliches Andenken und sputen Sie sich, daß Sie dieser Einsamkeit Valet sagen, eine ganze Welt voll Lust und Freude, Glanz und Pracht wartet auf Sie, darum auf Wiedersehen in der Residenz!« Und sein dunkles Auge glühte zu ihr nieder, und die Hand umschloß in letztem Druck die ihre, das war Alles wie ein Traum, für ihn wie ein flüchtig zerrinnender, für Josephine aber wie jener erste und einzige, welcher Menschenherzen ganz beseligt, dessen 137 Erwachen aber bitterer Thränentau begießt, und dessen Entschwinden weiße Totenblumen um die Stirne flicht. Da ward es still und einsam in Groß-Stauffen, wie all die langen Jahre vorher. Josephine aber zählte in brennender Sehnsucht die Tage bis zu dem Wiedersehen, traurig und still, wie der Vogel im Käfig, dem ein jubelnder Genosse aus blauer Luft ein zauberisches Lied von Glück und Liebe und Freiheit gesungen. 138 Sechstes Kapitel. »Man begeht öfters aus Schwachheit als     aus Vorsatz einen Verrat.« La Rochefoucauld.             »Er trat das arme Veilchen« – Goethe.             Die Räumlichkeiten des Offiziercasinos zu H. waren berühmt durch ihre Eleganz. Die Decke des in altdeutschem Stil erbauten Speisesaals stützte sich auf schlanke Säulen, an den Gewölbgurten und Zwickeln durch broncirte, reich komponirte und beziehungsvolle Stuckaturen geziert. Durch breite, geschnitzte Leisten in gleichmäßige Felder eingeteilt, an den wenigen freien Streifen von Gobelins überhangen, trugen die Wände als köstlichsten Schmuck die Fresken eines wohlbekannten Meisters, welcher vor langer Zeit beim H.'er Husarenregiment gestanden und aus alter Anhänglichkeit dies Denkmal erbaut hatte. Symbolische Gestalten, Ruhm und Lust des Krieges, Verkörperungen heldenhafter Herrschertugenden prangten auf goldenem Hintergrunde, umgeben von ornamentalen Malereien in lichten und schattirten blaugrünen Farbentönen. 139 Unterhalb dieser Gemälde liefen broncirte Lorbeergewinde, von barock geformten Schilden gehalten, um welche sich strahlenartig ein Kranz der erlesensten und seltensten Waffen reihte. Die Nordwand des hallenartigen Saales nahm das meisterlich gearbeitete Buffet ein, gleißend unter der Pracht der silbernen und goldenen Pokale, Teller und Kannen, welche, mit dem betreffenden Wappen und Namenszuge geschmückt, die Abschiedsgeschenke scheidender Kameraden repräsentirten. Inmitten prangte das landbekannte Souvenir eines Premierlieutenants, welcher das Gold in unerschöpflichen Bergwerken grub, und es darum mit verschwenderischen Händen auch über die Schuldscheine seiner Kameraden streute. – Es war ein gewaltiger Ständer von reich marquetirtem Ebenholz, welcher auf dem Mittelaufsatz eine künstlerisch gearbeitete Goldkanne mit dem Reliefbild des Landesfürsten, darum her aber fünfundzwanzig gleiche Trinkbecher mit den eingravirten Daten und Namen der Gedenk- und Ehrentage des Regiments trug. Der Ausstattung des Büffets entsprach die übrige Einrichtung, die hochgeschnitzten Tafelstühle, die antike, unendlich wertvolle Uhr, und die den Teppich ersetzenden sibirischen Wolfsfelle. Zu beiden Seiten schlossen sich die Rauch- und Spielsalons dem Eßsaale an, in behaglichster Eleganz, mit weichen Sammetpolstern, schleppenden Portièren, Schaukelstühlen und knisterndem Kaminfeuer den jungen Offizieren eine eigene Häuslichkeit ersetzend. 140 In diesen Räumen wurden die großen Feste abgehalten, bei welchen das reiche Regiment die Aristokratie der Stadt und des Landes, ja selbst die höchsten Herrschaften bei sich sah, um mit unübertrefflicher Opulenz den Wirt zu spielen. Der Novembersturm beugte die kahlen Baumwipfel des herzoglichen Parkes und trieb die ersten Schneesternchen gegen die hohen Spiegelscheiben des Casinos; eine feine Eiskruste knirschte unter der Sohle, und mit leise raschelndem Laut wirbelten die steifgefrorenen Kastanien- und Ahornblätter über Pflaster und Promenadenweg, um sich an den Beeteinfassungen zu Füßen der schwarz gefrorenen Astern- und Georginenbüsche wie traurige, kleine Hügel zu stauen. Kalt und frostig ragten die weißen Steinbilder aus den Bosquets, und droben über der grünlich schillernden Kuppel des Palais teilten dunkle Rabenflügel die Schneeluft; der Winter hatte über Nacht seinen Einzug gehalten. Auf der breiten Steintreppe des Offizierkasinos klirrten ein paar Sporen, rasselte ein Säbel unter den eiligen Schritten seines Herrn. Den Paletotkragen unter dem Kinn geschlossen, beide Hände in den Taschen, trat ein Premierlieutenant hastig über die Schwelle, schritt quer durch den teppichbelegten Korridor nach dem kleinen Büffetzimmer und trat, ohne abzulegen, ein. Obwohl es noch in den Mittagsstunden war, brannte doch schon die Gaskrone in dem dämmerigen Zimmer und warf ihr gedämpftes Licht auf das 141 frostgerötete Antlitz des Eintretenden. Starke, streng geschnittene Züge wurden beleuchtet, von kurzem, wohlgepflegtem Vollbart umrahmt und markirt durch lebhafte, kluge Augensterne, welche tief unter schwarzgewölbten Brauen lagen. »Ha famos, Clodwig! Edler Freiherr von und zu! Du kehrst zur rechten Stunde als Strohmann bei uns ein!« schallte es ihm im lärmenden Durcheinander von einem kleinen Nebentisch, an welchem ein Civilist und zwei Husaren Whist spielten, entgegen. »Schnell mal 'rein in den Norddeutschen Bund und mitgespielt!« Und die weißen, ringgeschmückten Hände boten sich ihm dar. »Heute nicht, Kinder; habe auf Wort keine Zeit!« rief der also begrüßte Regimentsadjutant und schüttelte mit suchendem Umblick den wohlfrisirten Kopf, »suche Lehrbach bereits seit einer halben Stunde, erst im Reithaus, wo er eigentlich noch sein sollte, dann in seiner Wohnung, wo er allerdings nur hie und da an Buß- und Bettagen mal zu finden ist, na, und schließlich hier; frühstückt er vielleicht? Schnell mal 'ran mit ihm, gibt ja eine Neuigkeit, Jungens!« »Neuigkeit? Alle Donnerwetter! Lehrbach! Fortunatus!« Und wie elektrisirt sprang das Kleeblatt empor, um im Verein mit etlichen anderen, am Büffet verhandelnden Herren einen farbigen Knäuel um den Ankömmling zu bilden. »Natürlich ist er hier, frühstückt mit einem Gast, einem D.'er Ulanen drüben in der Messe! Da ist ja sein besseres 142 Ich, der Weg zu seinem Herzen! Heda, Hattenheim, wo hältst Du den Herrlichsten von Allen versteckt?« Zwischen den dunkelgrünen Portièrenfalten tauchte Reimars robuste Gestalt auf, er stand mit seinem gutmütigen Lächeln da, eine Cigarrette zwischen den Zähnen, und wies mit lakonischem »Fasan mit Sauerkraut!« mit dem Daumen rückwärts über die Schulter. »Hat Besuch, nicht wahr?« fragte der Adjutant, den Paletot aufreißend und abwerfend; » en passant bis zum Schnellzug? Na, das ist mir ganz Wurst und für den Herrn vielleicht ein gütiges Schicksal, mit einem goldenen Hals aus der Familie Grand Crémant Impérial gebürtig, Bekanntschaft zu machen. En avant messieurs , bilden Sie meiner Mitteilung die angemessene Staffage!« Und im Sturmschritt, lachend und neugierig debattirend, durchmaßen die Herren die beiden angrenzenden Zimmer und traten in die Messe. Graf Lehrbach saß an der geschmackvoll dekorirten Tafel, an deren unterem Ende ein Déjeuner für ihn und seinen Gast servirt war. Drei andere Kameraden, welche ebenfalls in freundschaftlichen Beziehungen zu dem Ulan standen, hatten sich mittelst einer Flasche Portwein dem Frühstück angeschlossen. Gleich dem Herbststurm, welcher ungeduldig an den Fenstern rüttelte, wirbelte die heitere Schaar der jungen Offiziere, vom Freiherrn Clodwig geführt, in die ruhige Unterhaltung des kleinen Kreises, 143 um mit einem Schlage das Bild an dem Frühstückstisch völlig zu verändern. Laute Reden und Gegenreden flogen, Lehrbach hatte sich momentan erhoben und stützte die Hand, welche noch die feine Damastserviette hielt, auf die geschnitzte Lehne seines Stuhles. »Ein Telegramm, Clodwig?« rief er mit leichtem Befremden; »doch kein Unglück bei den Jagden?« »I, wo wird denn Einer vergessen, daß Selbstmord tödtlich ist!« lachte der Adjutant, und ein ganz junger, hellblonder Referendar stellte sich neugierig auf die Fußspitzen und versuchte, über des Sprechers Schulter hinweg die Adresse des Telegrammes zu buchstabiren. Clodwig aber schob schnell ein Zeitungsblatt davor. »Eins nach dem anderen!« und legte dann gerührt die Hand auf Günthers Schulter. »Lehrbach, großer, unsterblicher Mann, Deine tollen Streiche werden Dich noch berühmt machen, wie weiland den großen Sportshelden Münchhausen, da er's mit der Windmühle aufnahm; das erste Kapitel steht bereits fett gedruckt hier in den Sportsblättern, Hut ab davor!« Und in humorvoller Feierlichkeit hob er die Zeitung mit dem rot markirten Artikel gegen die Versammelten. »Herzeigen! herzeigen! Clodwig, schon' die Balken!!« jubelte es im Kreise, und Aller Hände hoben sich stürmisch nach dem Blatt. »Vorlesen! Hört! hört!« Schon aber hatte es Hattenheim mit hastigem Griff an sich gerissen, warf einen schnellen 144 Blick darauf und reichte es dann mit strahlendem Lächeln dem Freunde entgegen. »Weiß Gott, Dein Distanceritt, Günther!« Wieder ein allgemeines, jubelndes Durcheinander, während dessen der junge Graf den Artikel überflog; das Blatt vibrirte zwischen seinen schlanken Fingern, leichte Röte stieg ihm in die Schläfen, und seine Lippen öffneten sich tief atmend, als gälte es einen köstlichen Trunk zu schlürfen. »Von welchem Ritt sprechen die Herren?« wandte sich der Ulan an Clodwig, und dieser lächelte sein verbindlichstes Lächeln und ließ sich dem Frager gegenüber auf einen Stuhl nieder. »Hat Ihnen der Graf noch nicht davon gesprochen? Ich sage es ja! Bereits in Druckerschwärze getaucht, und dennoch bescheiden wie ein Veilchen das im Verborgenen blüht! Famose Geschichte mal wieder, so echt Lehrbach'sch, seit zehn Tagen der mündliche Leitartikel von Residenz und Umgegend. Kennen Sie vielleicht par renommée das kleine Jagdschloß ›Einsiedelei‹ in der Gegend, fünfviertel Stunden von hier entfernt? Lehrbach machte mit einem jungen Gutsbesitzer der Nachbarschaft, Herrn von Dähnwitz, die Wette, diesen Weg in der unglaublichen Zeit von zehn Minuten – sage zehn Minuten, verehrtester Herr Kam'rad – zu reiten. Die Sache wird durchgeschlagen, und unser Wagehals reitet los. Zwischen hier und dem Dorfe Kentlin jedoch kreuzt die Eisenbahn die Chaussee. Lehrbach jagt an, sieht beide Querbäume geschlossen und den Zug bereits 145 in der Entfernung von knapp hundert Metern heranbrausen. Wartete er den endlosen Güterzug ab, war seine Wette rettungslos verloren. Also, die Sporen gegeben, in einem Sprung über den ersten Schlagbaum, funkensprühend über die Schienen, den zweiten Sprung über die zweite Barrière, und wie der wilde Jäger auf feurigem Rosse saust er an dem entsetzten Bahnwärter vorüber, um in thatsächlich zehn Minuten sein Ziel zu erreichen! Wie gefällt Ihnen unser Tollkopf, Herr Kamerad? Ich sagte nur, der Mann muß unglaublichen Hunger gehabt haben, denn, denken Sie sich, er hatte um nichts Höheres gewettet, als ein gutes Frühstück!« » A la bonne heure! « nickte der Ulan, mit gerechtem Stolz Lehrbach auf den Rücken klopfend, »das hast Du brav gemacht, mein Junge, aber ein Sakramentskerl bist und bleibst Du doch, und wenn ich Dein Vater wäre, dann würde ich mal in Civil mit Dir sprechen!« »Aber weiter, meine Herren, weiter! Das dicke Ende kommt ja noch!« rief Clodwig mit erhobenem Organ durch das Stimmengewirr. »Bitte um silentium für die Depesche!« »Aha, richtig, die Depesche! Losschießen, kleiner Majoratsherr, wir fiebern!« »Hier, Lehrbach, lesen Sie selber.« Der Adjutant reichte dem jungen Offizier das Telegramm und wandte sich an die umstehenden Herren. »Die Depesche war an mich adressirt, messieurs , und ist mir ein Beweis gewesen, mit was für einem 146 Glückspilz wir es hier zu thun haben! Sich auf den besagten Distanceritt-Artikel in den Sportsblättern beziehend, bittet mich ein Mitglied des Berliner Rennklubs per Draht um Auskunft über Roß und Reiter, um Namen und eventuelle Verkaufsabsichten des Letzteren, und selbstverständlich das pédigree und den Preis des braven Renners – na, Güntherchen, was sagen wir denn nun?« Und Clodwig wandte sich, seine Mitteilung unterbrechend, nach dem Grafen, welcher soeben mit hochrotem Kopf die Depesche sinken ließ, stemmte die Arme in die Seiten und schnalzte mit der Zunge. In Lehrbachs Augen flimmerte es, seine Oberlippe zuckte nervös, aber die Stimme klang ebenso wie sonst, und die leichte Handbewegung, welche die Herren ersuchte, Platz zu nehmen, hatte beinahe etwas Nachlässiges. »Was wir nun sagen, Barönchen? Das ist mir vorläufig noch unklar; doch hoffe ich auf den guten Rat meiner Freunde hier und bitte mal vor allen Dingen, mit mir auf das erste Debüt meines ›Merkurs‹ anzustoßen!« Und der junge Offizier schob die Depesche in die Brusttasche seiner Uniform und wandte sich mit schnellem Schritt zu der servirenden Ordonnanz, um einen halblauten Befehl zu geben. Die Stühle wurden hörbar geschurrt und herzugerückt, Sporen klirrten und lachende Stimmen sprachen durcheinander. »Sag' ich's nicht? Grand Crémant Impérial! « 147 rief Clodwig, noch hinter seinem Stuhl stehend, »wie schade, daß ich keine Zeit habe, der Flasche auf den Boden zu schauen, aber der königliche Dienst und die Casinofrühstücks stehen auf gespanntem Fuße! Ich möchte gern, dem Wunsch des kauflustigen Herrn nach, die Anfrage umgehend beantworten, bester Graf, und bitte Sie daher, mich gütigst zu informiren. Meiner Ansicht nach verkaufen Sie unter allen Umständen, denn, entre nous soit dit, messieurs, der ›Merkur‹ hat zwar viel Ausdauer und sieht auch wenn er den Rücken glücklich hergegeben hat, ganz leidlich aus, aber damit sind wir auch am Ende seiner Vorzüge, Dienstpferd wird er mein Lebtag nicht!« »Ja, ja, ist eine Kanaille, schrammt!« schrie ein Secondelieutenant, blaß, dick und aufgeschwemmt, als hätte er vierzehn Tage im Wasser gelegen, quer über den Tisch; »will damals an den Manövervormittag denken, wo ich mir fast den Hals gebrochen habe auf der verdammten Mähre; wo nur in der ganzen Gegend ein Graben oder ein Gartenzaun zu haben war, der Merkur witterte ihn aus, und heisa, haste nich' gesehen, drüber weg!« »Das habe ich Ihnen ja vorher gesagt, Hassel! Hat eben Temperament, drei Stunden schlanken Trab im Sandboden. Prosit! Ihr geretteter Hals soll leben!« »Willst Du ihn denn als Renntier in den Stall stellen?« warf Hattenheim schmunzelnd ein. »Unsinn, Sie haben ja › Fancy fair ‹ und › Golden dream ‹! Wiegt drei Merkurs auf!« 148 »Erstens das, und zweitens ist der Braune zu massiv für die Bahn,« sagte Günther und wiegte den Kopf, »auch zu unverlässig, müßte immer selber in den Sattel, und das ist auf die Dauer lästig, höchstens Parforce-Jagden.« »Die lohnen gerade die Ration! Machen Sie keine Schnacken, Lehrbach; schießen Sie los mit dem Sterngucker!« »Und einen aristokratischen Preis gemacht,« ereiferte sich Hassel. »Sie haben's ja jetzt an der Hand, und diesen reichen Berliner Rittern gegenüber muß man das Maul voll nehmen.« »Sagen wir Viertausend Mark, und dann adieu Madrid!« »Was da, Viertausend! So viel hat er uns ja selber fast gekostet!« lachte Hattenheim verschmitzt; »immer gentlemanlike , meine Herren! Ein Gaul, der aus dem H.'er Husarenregiment kommt, kostet seine Fünftausend, und wenn er auf allen vier Beinen lahm ist!« »Bravo! bravo! . . Der Dicke hat recht, lassen Sie fünftausend telegraphiren!« »Ablassen ist auch leichter als ausschlagen!« nickte Clodwig. Lehrbach zog lachend sein Portefeuille. »Bei mir sind ein für alle Mal feste Preise, Barönchen, und wenn mir mein unbekannter Verehrer fünftausend Mark für den Gaul gibt, so hat er ihn; ergo , setzen wir die Rückantwort auf! Vorher aber, bitte, meine Herren, auf Ihr allseitiges Wohl!« 149 »Roß und Reiter! Vivat! . . Roß und Reiter!« jubelte es im Kreise, die schäumenden Gläser trafen sich in leisem melodischem Anklingen, wurden empor gehoben an die frischen Lippen und treulich bis zur Nagelprobe geleert. Dann öffnete Lehrbach seine Brieftasche und riß hastig ein Blatt aus dem Notizblock; etliche lose Papierstreifen flatterten auf die Tafel nieder, Bleistiftskizzen, von der Hand des Grafen entworfen. »Ah, pardon , gestrenger Meister, dürfen unsere profanen Augen bewundern?« fragte Clodwig und nahm das Papier empor. »Gänseliesel? chapeau bas , das ist ein reizendes Gesicht! Und im Monat Juni zu Groß-Stauffen entworfen! Hören Sie 'mal, Sie Ritter sonder Furcht und Tadel!« – Clodwig kniff das eine Auge zu und blinzelte den schönen Mann von der Seite an: »Das ist wohl so eine kleine Eroberung pour passer le temps ?« Lehrbach lachte hell auf. »Gänseliesel! Weiß Gott, da haben Sie ja das Gänseliesel in der Hand! Nur hübsch angesehen, scharf angesehen, mon ami ! Diese junge Dame gehört nicht zu meinen kleinen, sondern im Gegenteil zu meinen größten Eroberungen, welche ich je im Leben gemacht habe; für wen halten Sie die Gänse hütende ländliche Schönheit?« »Günther!« Hattenheims Gestalt richtete sich zu voller Höhe empor; ein ernster, fast finsterer Blick flammte zu dem Freund hinüber und haftete vorwurfsvoll auf dem lachenden Antlitz des jungen Mannes. 150 »Hu, beiß' nicht, Dicker!« schüttelte Lehrbach übermütig die dunklen Haarwellen aus der Stirne, »wir sind ja hier entre nous , und die Herren können sich doch bei Gott mit demselben Recht über etwas Außergewöhnliches amüsiren, wie wir.« »Das will ich meinen! Farbe bekennen, Graf! Sie machen uns neugierig!« lärmte es an dem Tisch. »Günther, ich bitte Dich!« Der junge Mann machte eine Bewegung, wie ein eigensinniges Kind, und schürzte ironisch die Lippe. »Du brauchst Dir bei Gott keine Skrupel zu machen, mon ami , die diversen Schinkenbrode und Gläser Buttermilch haben wir ja genugsam in unentgeltlichen leçons de danse bezahlt und haben außerdem absolut keine Verpflichtungen, unsere Sommermemoiren einem lachlustigen Publikum vorzuenthalten!« Günther warf sich, mit einem Blick in das zornesrot gefärbte Antlitz Hattenheims, laut auflachend in den Sessel zurück. »Ich bitte Dich um Gotteswillen, süßer Dicker, platz' Dir keine Ader auf der Stirn und nimm es nicht für ungut, wenn ich lache, aber, parbleu , wenn Du wütend bist, siehst Du frappant wie eine gelbe Eierflammeri mit Himbeersauce aus!« Hattenheim biß sich auf die Lippe: »Ich weiß, daß man mit Dir nicht rechnen darf, wie mit anderen Menschen, welche auch ohne Handschlag und Wort Diskretion zu wahren im Stande sind; auf alle Fälle wünsche ich mich einer solchen Rücksichtslosigkeit nicht schuldig zu machen!« 151 Günther zuckte mit jähem Aufblick die Achseln. »Du bist ein Pedant, Hattenheim, und liebst es zuweilen, Diskretion etwas zu outriren; n'importe , die Welt hat eben verschiedene Kostgänger, und wären wir Beide nicht so grundverschieden, würden wir nicht so gute Freunde sein, darum sollen die Extreme leben!« Er leerte schnell sein Glas und fuhr lustig fort: »Also das Gänseliesel, meine Herren! Bitte dringend die Skizze zu retourniren; dieselbe ist bestimmt, um das Wohlgefallen der Allerhöchsten Augen zu buhlen!« »Hier, Meister Lehrbach; aber nur gegen die genauen détails dieser allerliebsten Bekanntschaft!« Clodwig hielt die Zeichnung, welche, eifrig besichtigt, von Hand zu Hand gegangen war, scherzend auf den Rücken. »Recht so, Barönchen, Gewalt bricht Eisen; halten Sie das Gänseliesel als Pfand zurück!« klang es in wirrem Durcheinander über den Tisch. Günther hatte sich erhoben und entzündete eine Cigarette an der bläulichen Spiritusflamme. Der helle Lichtschein flackerte über sein schönes, sorglos keckes Angesicht. »Wie nun, meine Herren, wenn ich selbstlos genug gewesen wäre, dieses ländliche Juwel meinen verehrten Herren Kameraden für die kommende Ballsaison hierher einzuladen?« Jubelnder Lärm erhob sich an der Tafel und übertönte das kurze »Unglaublich!«, welches Hattenheim zwischen den Zähnen murmelte. »Ballsaison? 152 Tanze bloß auf allerdurchlauchtigstem Parquet!« näselte der magere Referendar in scherzhaft übertriebener Arroganz, doch Lehrbach nickte ernsthaft. » Allright , Verehrtester, dann schustern Sie sich bei mir, daß ich Sie mit der jungen Dame bekannt mache. Gänseliesel wird nirgends anders, als im exklusivsten Hofkreise seine Debüts feiern!« Abermals ein lautes, etwas frappirtes Gelächter im Kreise. »Wir lügen selber, Lehrbach!« Dann aber rückten die Köpfe noch näher und eifriger zusammen, und der junge Graf blies ein paar virtuose Dampfringe und erzählte seine erste Begegnung mit der Freiin Josephine Wetter von Stauffenberg. Und wie erzählte er sie! So voll köstlich drastischer Wahrheit, so boshaft und liebenswürdig zu gleicher Zeit, so erbarmungslos detaillirt und dabei trotz des mokanten Tons, so voll Humor und sprudelnder Heiterkeit, daß die Lachsalven der Zuschauer oft an der hochgewölbten Decke widerhallten, und selbst Hattenheim unwillkürlich einstimmen mußte, völlig dem Zauber unterlegen, welchen die geistvolle Unart des Freundes stets auf ihn geübt hatte. Mehr und mehr malte der junge Offizier das Groß-Stauffner Stillleben vor den geistigen Augen seines hochanimirten Publikums, und er blätterte weiter in seinem Portefeuille und ließ sofort die Illustration zu seiner Erzählung folgen. Da wurden die Flachsköpfe des Pfarrhauses, Tante Renate, Onkel Bernd, die gelblackirte Galachaise, etliche Typen des Dienstpersonals und schließlich noch 153 Gänseliesel selber im steifen Kattunkleid mit dem gigantischen Strohhut und den nägelbeschlagenen Tanzschuhen mit wieherndem Gelächter begrüßt, und erst, als die große Uhr in der Saalecke ein mahnendes »Deinen Eingang segne Gott« brummte und dazu mit melodisch gedämpftem Schlage die zweite Mittagsstunde ankündigte, da schrak Clodwig mit einem ehrlich gemeinten »Himmel Sakrament!« empor, griff hastig nach dem Säbel und rief mit einer Faust gegen Lehrbach: »Ich sage es ja! Die Märchen der Königin von Navarra, die Einen mit unsichtbaren Banden festhalten und Zeit und Dienst vergessen lassen! Lehrbach, Mensch! genügt Ihnen meine Nase noch nicht, daß Sie mir noch zu einer vom Kommandeur verhelfen wollen? Die Depesche her! Oder besser, besorgen Sie die Sache selbst, müssen ja nachher doch an die Bahn, und mir brennt's unter den Füßen. Au revoir , meine Herren; beim Mittagsessen können wir hoffentlich auf die fünftausend Mark anstoßen; bonne chance , bester Freund!« Und mit hastigen Grüßen und Händedrücken stürmte der Premierlieutenant sporenklirrend über Teppich und Schwelle in die kalte Winterluft hinaus. – – Anderen Tages schritt Graf Lehrbach die Promenade vis-à-vis dem Ministerium entlang, wie stets den Kopf im Nacken, ein strahlendes, unendlich zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Der Schnee lag wie weicher fleckenloser Sammet auf dem Wege, und der junge Offizier ging so dicht wie möglich an der Fahrstraße, wo die weiße Fläche am wenigsten 154 beschritten war, aus Zufall wohl; als aber eine Equipage vorübersauste, und der Kavallerist sich in selbstverständlichem Interesse nach den Pferden umwandte, da glitt sein Blick auch ganz verstohlen nach der Spur hernieder, welche sein Fuß auf den glitzernden Teppich gedrückt; sie war klein, auffallend klein und zierlich; nur der zeitweise scharfe Eindruck des Sporns unterschied sie von der Sohle einer eleganten Damenchaussüre; da zuckte es noch heller in seinem Auge auf, wie eine kleine Flamme, die auf dem Altar der Göttin Eitelkeit brennt. Auf dem Straßenpflaster knatterten Hufe, rollte es funkensprühend heran. Ein kleiner englischer Gig, vorn auf eine Dame, die Zügel in den Händen, hinter ihr, halb verdeckt, ein Lakai mit der herzoglichen Tresse am Hut. Lehrbach machte Front und salutirte lächelnd, mit jener graziösen Nonchalance, wie sie sich einzig das enfant gâté des Hofes erlauben durfte. Prinzessin Sylvie erblickte ihn; mit brüsker Bewegung riß sie die Pferde zusammen, daß sie kerzengerade emporstiegen, dominirte die Zügel mit kräftiger Hand und nickte dem jungen Offizier kordial zu. »Na, Graf, haben Ihren Gaul verkauft?« rief sie in der ihr eigenen, etwas derben Art, »und sogar noch einen riesigen Schnitt an dem Schinder gemacht? Gratulire! Wer ist denn drauf 'reingefallen?« Günther lachte und warf einen seiner unwiderstehlichen Blicke zu der hohen Sprecherin empor. »Ein Herr von Witzendorf, Hoheit, stiller, 155 immer liebenswürdiger Kavalier, dem Sie das Halsbrechen gewiß viel weniger wünschen würden, als mir!« Die Prinzessin fuhr mit der langen Peitsche sausend durch die Luft und lachte mit ihrer harten, etwas lauten Stimme ungenirt auf. »Was wissen Sie denn überhaupt, ob mich Ihr Hals interessirt? Brechen will ich ihn nicht, aber beugen!« »Tiefer, als vor dem schönsten Fuß in den Staub, kann man doch die Stirn nicht neigen, Hoheit, und dennoch ist mein Nacken zu steif?« »Sie reden wieder, was Sie nicht verantworten können. Wieviel haben Sie für den Merkur bekommen?« Lehrbach durfte sich ein ganzes Teil mehr herausnehmen, als jeder Andere. »Raten Sie mal, Hoheit!« Er legte die Hand auf den Säbelkorb und klappte mit der Scheide gegen die hohen Lackstiefel. »Na, zum Kuckuck, das ist eine Zumutung! Wer steht für den Geldsack eines Berliner Sportsman und für den gesunden Verstand eines Menschen ein, der auf den Sensationsbericht einer Kavalleristenzeitung hin telegraphisch einen Hasen im Sack kauft! Ich hätte keine zweitausend Mark für den Schaukelgaul gegeben, das versichere ich Sie! Als Sie ihn mir zum ersten Mal im Tattersall vorritten, sagte ich Ihnen gleich, daß er mit den Vorderbeinen ein vollständiges Balancée tanzt –« »Und nach den Sternen guckt! Ganz recht, aber darum gerade kaufte ich ihn: denn Gleich und Gleich 156 gesellt sich gern, und – Sie wissen's ja, Hoheit – ich blicke auch gern dahin empor; wo Sterne oder eine Sonne strahlen!« Und Graf Günther legte den Kopf noch weiter in den Nacken und schaute neckisch zu der Prinzessin auf. »Redensarten! Auf die kein Backfisch mehr 'reinfallen würde, geschweige denn eine Dame, die schon zwei Winter lang mit Ihnen getanzt hat!« Sylvie zog dem einen Goldfuchs, welcher ungeduldig ins Gebiß schäumte, eins über und zeigte lachend die sehr schönen, festen, weißen Zähne. »Sie sind ein unverbesserlicher Sünder, conte mio , und ich sehe zu meinem Bedauern ein, daß das Strafkommando der Lehrbacher Einsamkeit absolut ohne günstigen Einfluß geblieben ist! Na, ich werde Sie diesen Winter 'mal energisch an die Longe nehmen; statt des Fächers, diese hier!« Und sie hob drohend die Peitsche gegen ihn, senkte sie dann hastig salutirend und zuckte mit kräftiger Hand die Zügel; » au revoir , ich muß meine Schlingel hier ein Bischen einfahren, sind durch das lange Stehen zu übermütig geworden!« Und unberechenbar schnell, wie ein Irrlicht aufblitzt und wieder verschwindet, sauste das leichte Gefährt den bereiften Baumgruppen des Parkes entgegen. Lehrbach drehte seinen Schnurrbart und blickte ihm nach; er sah die Prinzessin, die üppige, breitschulterige Blondine, in einem kurzen und knapp anliegenden Jaquett aus grobem Lodenstoff, à la 157 garçon gearbeitet, auf dem hohen Kutschersitz schweben, auf dem rötlich-blonden Haar ein keckes Herrenhütchen von dunkelbraunem Schleier umwunden, welcher unter dem Kinn zu einem dicken Knoten geschürzt war. Er lächelte nachdenklich vor sich hin und schritt langsam weiter. Hübsch war Hoheit nicht, aber ganz entschieden originell. Ihr Teint war frisch, fast allzu frisch, die Augen blaugrau und meistens recht nüchtern dreinschauend, von hellblonden Wimpern umrahmt, welche den Ausdruck, ebenso wie die gleichfarbigen Brauen, absolut nicht erhöhen konnten. Eine kecke Stumpfnase strebte über den großen Mund ziemlich impertinent in die Luft; und die glatt abgeschnittenen Haare verdeckten die Stirn bis über die Hälfte. Der äußeren Erscheinung angemessen war das ganze Wesen der Prinzessin. Ihre Bewegungen waren schroff, ungraziös und oft sogar von brüsker Formlosigkeit, sie kokettirte »den Bub« und spielte sich gern auf die Amazone, sowohl im Thun und im Handeln, als auch in der Sprache, welche, durch eine laute und etwas rauhe Stimme unterstützt, sehr leicht etwas Derbes, ja Burschikoses annahm. Dennoch gab es Momente, wo all diese Bizarrerie in eine unvergleichlich süße und reizende Weiblichkeit dahinschmolz; das war in dem seltenen Fall, wo Prinzessin Sylvie an das Klavier trat und mit weicher, glockenheller Mezzosopranstimme ihre Lieblingslieder sang. Dann lag es wie 158 Sonnenglanz auf dem lächelnden Antlitz, die ganze Gestalt zum Ideal verklärend. Wundersam und unbegreiflich, der Sängerin selber unbewußt vollzog sich dieses Wunder. Aber die Prinzessin sang selten vor fremden Ohren und der Kreis der Bevorzugten war so verschwindend klein, daß die liebenswürdige Fama keine Stütze an ihm fand, das Lob eines Weibes in die Welt zu tragen, welches dieselbe nun einmal nur in Sporn und Sattel kannte. An dem Ende der Promenade, wo dieselbe die Anlagen abschneidet und aus vierreihiger Lindenallee in eine der Hauptstraßen verläuft, begegnete der Hoffourier dem Grafen und zog mit tiefer, fast devoter Verbeugung den glänzenden Cylinder. »Verzeihen Herr Graf, wenn ich aufhalte!« sagte er mit verbindlichem Lächeln. »Ich komme soeben aus Ihrer Wohnung, woselbst ich eine Einladung der hohen Herrschaften für heute Abend halb zehn Uhr hinterlassen habe. Prinz Alexander möchte gern eine Partie spielen, und da der Kammerherr von Sensfeld sich 'mal wieder hat dispensiren lassen –« »So muß das Mädchen für Alles, der gute Lehrbach, wieder aushelfen!« fiel ihm der Offizier lachend in die Rede. »Na, in Gottes Namen, Alter, ich werde antreten – wo sind wir denn, he?« Ein einzelner Sonnenstrahl fiel über das weiße, sorglich gekräuselte und frisirte Haar des getreuen Hofbeamten, welches gleich einer gepuderten Perrücke das noch sehr frische, gerötete Antlitz umgab; feiner Narzissenduft wehte aus dem geneigten Hute empor. 159 »Die Herrschaften nehmen den Thee in den Gemächern der Herzogin Mutter, da Hochdieselbe etwas enrhumirt ist und die Orangerie nicht passiren möchte! Ich glaube, Herr Graf« – ein feines Lächeln spielte um die Lippen des alten Herrn – »Sie würden sich unendlich verdient machen, wenn Sie das berühmte Portefeuille mitbrächten – Hoheit ist etwas verstimmt – ein paar Ihrer humorvollen kleinen Skizzen würden uns Allen den Sonnenschein mitbringen – man lacht gern im Turmzimmer!« Lehrbach nickte. »Sehr verbunden, Verehrtester, habe der Prinzessin bereits alle Neuigkeiten versprochen, die ich diesen Sommer gesammelt habe – ist zwar nicht Alles hoffähige Gesellschaft, die ich präsentire, aber dafür desto origineller. Auf Wiedersehen denn – um halb zehn Uhr? – Bon , da kann ich mich um das Souper in der Parkvilla drücken!« Der Hoffourier lachte gedämpft auf: »Süperbe!« hob mit unnachahmlich knapper Grazie den Cylinder und verabschiedete sich. Günther setzte seinen Weg fort, und die Sonne, welche jetzt voll durch die Wolken brach, reflektirte auf seinem heiteren Antlitz. 160 Siebentes Kapitel. »Die Damen bei Hofe, so sehr sie sich zier'n, Sie gleichen doch nicht meiner Lore!« Volkslied.         Herzog Franz Eginhard, der regierende Fürst, stand erst im achtundzwanzigsten Lebensjahr und war bis zum heutigen Tage noch nicht vermählt, obwohl schon manch alarmirende Nachricht in den Zeitungen aufgetaucht war und von Plänen und Absichten sprach, welche sich jedoch bis jetzt noch nicht realisirt hatten. Eine fast zweijährige Orient-Reise des jungen Fürsten war durch den plötzlichen Tod des Vaters jäh unterbrochen und führte den Prinzen unerwartet schnell zurück, um die Zügel der Regierung mit thatkräftiger Hand zu übernehmen. Die verwittwete Herzogin, seine Mutter, bewohnte nach wie vor den großen Neubau des Palais, ebenso ihre beiden jüngeren Kinder, Prinzessin Sylvie und der zur Zeit an der Universität der Residenz studirende Prinz Detlef. 161 Der etwas weiter im Park entfernt liegende Pavillon, ein kleines Schloß im Renaissancestil erbaut und eigentlich zum Wittwensitz der Herzoginnen bestimmt, war noch unverändert den beiden Geschwistern des verstorbenen Regenten, dem Prinzen Alexander und der Herzogin Marie Christiane überlassen. Inmitten dunkler Rotbuchgruppen, Platanen und Taxusgebüsche lag der zierliche Kuppelbau, mit kleinen Minarets neugierig über die laubigen Wipfel hinausstrebend, grünlich schillernd und goldig daraus aufblitzend, wie das geheimnißvolle Dornröschen-Schloß in der Kinderfabel. Schneeweiße Säulengänge umgürteten den Innenbau, sich für das erste Stockwerk zum Balkon abdachend, über dessen Goldgitter die schlanken Ranken der Clematis und süß duftenden Glycinias herniederwehten, und über welches die schlanken Marmorstatuen träumerisch die bleichen Häupter hoben. Glatt und farblos legten sich die Jalousien vor die Fenster, selten, daß eine Spiegelscheibe im Sonnenlicht aufblitzte, und der Wind den weißen Spitzenduft der Gardinen gegen die schweren Goldquasten der seidenen Ueberhänge zurückblähte, selten, daß ein Lakai auf leisen Sohlen durch die Vorhalle huschte, selten selbst, daß eine Equipage über die tadellos gehaltenen Sandwege rollte, um mit schnaufenden Rossen vor dem Portal zu halten. Das waren höchstens die formellen Visiten, welche Prinz Alexander, oder an besonderen Festtagen der Herzogin Marie Christiane 162 galten, die ständigen und häufigen Gäste des Pavillons kamen meist zu Fuß, hohe, dunkle Frauengestalten mit dem Rosenkranz und Gebetbuch in der Hand, mit dem weißen Kopftuch der Diakonissinnen, mit Schriften über Armenpflege und Hospitäler, mit wallendem Wittwenschleier und verweinten Augen. Herzogin Marie Christiane war die Wittwe des hochseligen Prinzen Friedrich Max, des Bruders des verstorbenen Regenten und des noch bei ihr in den Parterreräumen des Pavillons lebenden Prinzen Alexander. – Vor nahezu dreißig Jahren war sie aus ihrer süddeutschen Heimat in die Residenz des erlauchten Gemahls übergesiedelt, die einzige Katholikin am Hof, die einzig Strengdenkende inmitten eines leichtlebigen Kreises, die einzige Fremde in kleinen, engverflochtenen Verhältnissen. Anfänglich hatte man geglaubt, Zeit und Gewohnheit würden die schroffen Kanten der Verschiedenartigkeit ganz von selber abschleifen und zu jener unentbehrlichen Harmonie führen, deren Mangel leider in den ersten Jahren der Anwesenheit Marie Christianens sich schmerzlich fühlbar machte, dennoch hatte man sich verrechnet. Mit eiserner Konsequenz verfolgte die Prinzessin den einmal eingeschlagenen Weg, welcher so weit ab von den bunten Bahnen des lebenslustigen Hofes führte, unfähig, selbst ihren Widerwillen dem gleißnerischen Scepter der Etiquette zu unterjochen. – Statt sich zusammenzuziehen, senkte sich die Kluft stets schroffer und tiefer zwischen 163 der Fremden und dem Herzogshaus, anfänglich noch mühsam bemäntelt oder ignorirt, dann jedoch stets merklicher und unangenehmer markirt, bis schließlich kaum noch der Zwang ceremoniellster und frostigster Höflichkeit sie zu überbrücken vermochte. Da löste sich auch noch das letzte Band, welches bisher freundlich vermittelnd die Beziehungen zwischen Palais und Pavillon aufrecht erhalten hatte, der Gemahl der »Katholikin« Prinz Friedrich Max erlag seinem langjährigen Lungenleiden, als dringendsten und letzten Wunsch die Bitte an seine Gemahlin richtend, ihr einziges Töchterchen in seiner hiesigen Heimat erziehen zu lassen. Da ketteten neue Bande die pflichtgetreue Frau an ein unverstandenes und ungeliebtes Flecklein Erde. Ihre Wittwentrauer rechtfertigte es, daß sie sich still und abgeschlossen in ihr weißes Parkschlößchen zurückzog, einzig der Erziehung ihres Kindes und zahllosen, wohlthätigen Vereinen lebend. – Das Schicksal jedoch hob abermals seine dunklen Fittiche und schwebte über den Weg der hohen Frau, unerbittlich und furchtbar, wie der Wetterstrahl aus schwarzer Wolke, die einzige Blüte an ihrem Lebensbaum herniederschlagend. Die kleine Prinzessin starb. Auf einem Gang durch das städtische Krankenhaus, wohin die Herzogin ihr Töchterchen mitgeführt hatte, um des Kindes Herz und Sinn frühzeitig den Werken der Barmherzigkeit zugänglich zu machen, hatte sich die kleine Prinzessin allem Anscheine nach an einem bräunekranken Kinde angesteckt, heftiges 164 Fieber stellte sich ein, die angstvollen Bilder all der vielen Krankenlager, welche die Kleine im Hospital erschreckt hatten, jagten in wirren Phantasien an dem Bettchen vorüber, zu dessen Häupten der marmorne Christus lächelte: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.« . . . Da waren die goldenen Englein von dem Knauf des seidenen Betthimmels herniedergeschwebt, und hatten die Flügel um die kleine Prinzessin geschlagen, und die Thränen von der Mutter Wangen geküßt. – Da war es aus mit allen Hoffnungen und Träumen, da stand die Fremde ganz allein, ganz einsam und verlassen zwischen zwei Gräbern. Die Karnevalsschellen im Palais aber verstummten momentan, hinter den bunten Larven hervor blitzten zornige Augen, die Residenzler steckten die Köpfe zusammen und führten anstatt Zungen giftige Pfeile im Mund, die trafen alle das Herz der »Katholikin«, der »frommen Frau« im Pavillon. Von da an baute sich eine eisige Scheidewand zwischen Palais und Parkschloß, in offenen Angriffen, in schroffstem Gegenüber teilte sich die Gesellschaft in zwei feindliche Lager. Alles, was da leben wollte und leben ließ, jubelte dem Fasching des strahlenden Fürstensaals zu und warf unbarmherzig die Steine der Verleumdung, die Pfeilspitzen grausamen Spottes gegen »das Haus auf den sieben Hügeln.« Marie Christiane aber senkte das bleiche Angesicht, wie die Lilie, wenn ein giftiger Mehltau ihren 165 Kelch trifft. Ruhig und still lebte sie weiter, unbekümmert um alle Bosheit, welche sie mit Werken opfermutigster Liebe beantwortete, unerschrocken zwischen heimlichen und offiziellen Feinden, für deren Wohl und Heil sie rastlos bemüht war, in selbstlosem Verzicht auf Dank und Anerkennung. Enger und enger schloß sie den Kreis ihrer Freunde um sich ab. – Durch wirbelnde Schneeflocken, über weichen, glitzernden Teppich rollte die Equipage des Ministers lautlos wie ein Schatten dem Palais entgegen. Die Bäume und Sträucher zu beiden Seiten des Parkweges tanzten wie dunkel vermummte Riesengestalten vorüber, hie und da klang ein Hufschlag auf scharfem Stein, klirrte das silberplattirte Zaumzeug leise auf, wenn die Rappen schnaufend die Mähnen zurückwarfen, und der junge Husarenoffizier dehnte sich behaglich in den weichen Atlaspolstern und neigte das Haupt spähend gegen die Fensterscheibe. Durch die kahlen Baumwipfel sah er die hellerleuchtete Front des Palais liegen, rechter Hand die Empfangssalons der Herzogin. Die hohen Spiegelscheiben waren weder durch Jalousieen noch Rouleaux geschützt, ein tiefrotes Licht strahlte daraus entgegen und warf seinen leuchtenden Reflex auf die dichtverschneiten Fichtengruppen, welche sich auf den Rasenflächen der obersten Gartenterrasse, unmittelbar neben dem Balkon des Musiksalons, erhoben. Noch eine kurze Biegung um den weitvorspringenden Seitenflügel und die Lehrbach'sche Equipage sauste in den Schloßhof. 166 Unter dem überdachten, hellerleuchteten zweiten Portal stand bereits der reich gallonirte Huissier mit hohem Stabe, die beiden Thürflügel des inneren Korridors aufreißend und durch verbindlichstes Lächeln bekundend, wie oft und gern er diesen Gast bereits hier empfangen. Der junge Offizier trat hastig ein und griff leicht salutirend an die Mütze, warf einem der herzugleitenden Lakaien den Paletot entgegen und sprang wie ein Altbekannter ohne jegliches Wort die weiß marmorne, mit roten Läufern belegte Treppe empor, an deren beiden Endpfosten mythologische Frauengestalten mit starren Augen auf ihn niederschauten, und auf deren Mittelabsatz zwei gewaltige Karyatiden ihre flammenden Glasleuchter emporhoben. Graf Lehrbach trat durch eine türkische Teppichportière und das Antichambre der Herzogin-Mutter in die Galerie. Feuchtwarme Luft wogte ihm entgegen, durchduftet von demselben Parfum, welches, nur weniger intensiv als hier, die sämmtlichen Räume des Schlosses gleich einer hocharistokratischen Seele durchzog, schlanke Palmwedel nickten zu beiden Seiten des schmalen Ganges, überragt noch von blühenden Oleanderbäumen und breitblättrigen exotischen Gewächsen, deren grüne Pflanzenkübel von einem köstlich duftenden Pyramidenbau maskirt wurden, aus welchem Maiglöckchen, Hyacinten, Fliedertrauben, Azaleen und farbenprächtige Kamelien die zarten Köpfchen hoben. Graf Lehrbach schritt achtlos über den 167 purpurnen Teppich an der inmitten der Blumen plätschernden Fontäne, welche ein Triton keck aus vergoldetem Becken emporblies, vorüber in den angrenzenden Salon. Altertümliche, damastrauschende Pracht leuchtete ihm entgegen, von der gepreßten Sammettapete, welche den überlebensgroßen Gemälden fürstlicher Anverwandten Relief gab, von den Wandpolstern, Causeusen, Sesseln, Draperien bis zu dem schwellenden Teppich herab in verschiedenen geschmackvoll abgetönten Nüancen des Vieil or spielend. Unter den leicht schaukelnden Broncegehängen des Kronleuchters, hell beschienen von den verschiedenen Lichtern und Flammen, stand eine kleine Gruppe konversirender Herren und Damen. Die Herren in der Uniform der dienstthuenden Kammerherren, die beiden Hofdamen in hellfarbiger Seidenrobe, welche den à coeur entblößten Hals mit Spitzen und einzelnen Blüten umrahmte. Die kleinere der beiden Plaudernden hatte Lehrbach den Rücken gekehrt; ein dunkles Lockenköpfchen wiegte sich graziös auf schlankem Halse, ruhelos wie ein perpetuum mobile die eifrigen, etwas allzu geschmeidigen Bewegungen seiner Besitzerin begleitend, deren Gestalt sich in dem schillernden, eng anliegenden Seidenstoff, wie eine kleine, goldgekrönte Schlange vom dunkeln Teppich emporringelte. Das war Comtesse Susanne Aosta, die Südländerin mit den sprühenden Schwarzaugen, welche sich entschlossen hatte, die gerade vakante Stelle 168 einer Hofdame einzunehmen, als ihr Vater, der italienische Gesandte, vom Schlage getroffen, seiner glänzenden Stellung entrissen wurde. Ihr gegenüber, wenig ladylike mit übergeschlagenen Füßen auf der Lehne eines Sessels thronend, hatte Fräulein Ilse von Dienheim, die Gesellschaftsdame der Prinzeß Sylvie, die Hände um das Knie gefaltet und starrte gähnend zu der Sprecherin auf. Das Licht brach sich in dem Glanz ihres aschblonden Haares, daß es fast schien, als kräusele sich dasselbe tief ergraut um das blasse, großgeschnittene Gesicht, aus welchem sich zwei dunkelblaue, unendlich kalt und stolz blickende Augen unter festverwachsenen Brauen abhoben. Der Mund war flach und oft zu kleinen Grimassen verzogen, die Figur groß und knochig, derb in jeder Bewegung und in eine Façon gedrillt, welche der ureigenen Natur absolut entgegen und unkleidsam war. Alles in Allem aber war Fräulein von Dienheim sowohl an Aeußerem wie an Manieren der getreue Abklatsch der Prinzessin. Lautlos war Lehrbach auf dem weichen Teppich nähergetreten. »Und coûte que coûte , ich ruhe nicht eher, als bis ich's den Herrschaften gesteckt habe – beiße mir lieber einen Finger ab, als daß ich diese Neuigkeit verschweige!« hörte er gerade die Comtesse Susanna mit viel Schärfe in der Stimme sagen; dann schrak eines der glattgescheitelten Kammerherrnhäupter aus seiner eifrig horchenden Stellung empor und lachte dem Kommenden leise entgegen. »Ah, 169 voilà , unser Unentbehrlicher! Touchez-là, mon ami! ich freue mich unendlich!« und er reichte ihm die tadellos behandschuhte Rechte zum Gruß. A tempo fuhren die Köpfe herum. »Mein Gott, wie erschrecken Sie mich!« glühten die italienischen Augen voll reizenden Vorwurfs zu ihm auf, und Lehrbach klappte, mit einer kurzen Verbeugung ringsum, die Sporen zusammen, faßte lachend das dargereichte Händchen der Aosta und blickte amüsirt darauf nieder. »Wissen Sie auch, Comtesse, daß von dieser Miniaturausgabe wenig übrig bleiben würde, wenn Sie sich noch einen der Lilliputsfinger abbeißen wollten?« sagte er galant. »Das wäre ja ein schwerer Diebstahl an dem Glücke jenes Beneidenswerten, welchem dieses Händchen zum Inbegriff des Lebens werden wird!« »Au, mir wird schwach!« dehnte sich Fräulein Ilse mit einer Grimasse, welche jegliche Eitelkeit ausschloß. Gräfin Susanna aber zeigte in hellem Aufkichern die weißen Zähnchen und balancirte graziös auf dem spitzen Stiefelhacken. »Sie sind ein abscheulicher Mensch, Graf Lehrbach!« kokettirte sie, beide Hände auf den Rücken ziehend, »und wenn ich nicht gar so eingebildet auf meine Handschuhnummer wäre, würde ich Sie momentan sogar für moquant halten!« »Um mir entsetzlich Unrecht zu thun!« Ilse räusperte sich heftig und klappte mit dem Fächer gegen die Stuhllehne. »O, Sie Schandmaul!« nickte sie ihm ohne jede Prüderie zu, und der 170 Kammerherr an ihrer Seite lachte so herzlich, wie es ihm bei der engen Kravatte möglich war. Lehrbach zwirbelte mit einem Kompliment gegen Fräulein von Dienheim den Schnurrbart. »Vor allen Dingen, meine Gnädigste, lassen Sie mich erst ein Examen für diesen neuen Titel bestehen,« lachte er, »und schlagen Sie mir in der Chronique scandaleuse das Kapitel auf, welches Comtesse Susanne so sehr gegen ihren kleinen Finger erzürnte, ich verspreche Ihnen im Voraus, daß ich nach Kräften mit raisonniren werde!« »Hoho! Nicht durchgehen, monsieur Günther le plus beau! « brachte sich Gräfin Aosta mit einem Fächerklapps gegen den Arm des jungen Offiziers in Erinnerung; die beiden Kammerherren hüstelten unschlüssig und wechselten einen schnellen Blick. Ilse aber machte eine gymnastische Uebung mit den Armen und sagte trocken: »Man muß nur da raisonniren, wo man Kapital daraus schlägt, also warten Sie, bis Ohren in Ihrer Nähe sind, welche gleichzeitig aus Ihrem Zorn den schmeichelhaften Eifer eines Tiefentrüsteten hören!« »Superbe!« applaudirte einer der Herren mit beiden Daumen, Ilse aber fuhr gleichgültig fort: »Die alte Giftspinne, die Frau Landstallmeisterin hat mal wieder ihrer Bosheit Luft gemacht, und Prinzeß Sylvie und mich mit ihrem Interesse beehrt; – bah, was ich mir dafür kaufe! meinetwegen kann sie schimpfen bis sie schwarz wird!« 171 »Ueber Prinzeß Sylvie?« Lehrbach trat näher und grub die Zähne in die Unterlippe. »Ja denken Sie doch Graf, welch' eine unglaubliche Impertinenz!« fuhr Susanna mit schneidender Stimme dazwischen, »erdreistet sich diese unverschämte Person in offiziellem Damen-Kaffee, – natürlich zumeist Kreaturen aus dem Pavillon! – von Prinzeß Sylvie und Ilse, als von ›der tollen Prinzeß mit ihrem Küchendragoner ‹ zu reden!« Mir liegt daran, daß solch eine Frechheit höchsten Orts bekannt wird, damit die Herrschaften doch wissen, an was für liebe Freunde sie ihre Güte und Huld verschwenden!« »Und vor allen Dingen was für Dank sie an dieser ›Fremden‹ ernten!« warf der eine der Kammerherrn giftig ein, »das hat aber Serenissimus davon, daß er absolut seinen Marstall nach ›auswärtigem‹ Muster einrichten wollte, und diesen arroganten Herrn ›Ausländer‹ hierher beruft, der sich als kaiserlicher Unterthan berechtigt glaubt, auf uns Kleinstaatler mit gerümpfter Nase herab zu blicken! Wir brauchen und wollen keine fremden Elemente hier, wir genügen uns völlig entre nous !« »Das will ich meinen!« sekundirte die Aosta mit leise zitternden Nasenflügeln, »ich fürchte, das Kuckucksei wird Seiner Königlichen Hoheit noch manch liebes Mal recht unbequem im Neste werden, so unbequem vielleicht, daß er bittere Sehnsucht nach verschmähten Landeskindern bekommt!« »Auf alle Fälle würde ihm das erspart geblieben 172 sein, hätte er damals, nach unser Aller aufrichtigen Wunsch Ihren Herrn Schwager zum Landstallmeister befördert, Comtesse!« schaltete der Kammerherr ein, und es zuckte dabei ein gewisses Etwas um die farblosen Lippen, welches auf Fräulein Ilses Antlitz einen leicht moquanten Reflex fand; Günther aber warf mit etwas rauhem Auflachen den Kopf in den Nacken und sagte leichthin: »Ich glaube die Herrschaften legen diesem Altweiberklatsch viel zu viel Gewicht bei! Mon Dieu , ich bin selbst in der Wahl von Menschen, über welche ich mich ärgere, sehr exclusiv, und werde namentlich einer Frau von Norbach niemals die Ehre angedeihen lassen, irgend welche ihrer Aeußerungen oder Kritiken für competent zu halten!« – »Das haben Sie allerdings durch Ihr letztes Bonmot bewiesen, Graf!« lachte Susanna hell auf. »Durch welches?« – Ilse schaute interessirter denn gewöhnlich drein, und ließ den Fächer, welchen sie gerade vor den weit geöffneten Mund gehalten hatte, sinken. – Auch Günther blickte momentan fragend auf die Gräfin nieder. »Nun, die Sache mit dem Heringssalat!« »Kenne ich nicht! bitte, schießen Sie los, Graf!« – und Fräulein von Dienheim sprang von der Sessellehne mit beiden Füßen zugleich auf das Parquet hernieder, und stellte sich erwartungsvoll vor Lehrbach hin, – wie die Schatten glitten auch die beiden Herren näher.« »Ach machen Sie doch keine Schnacken!« wollte 173 der junge Offizier abwehren, aber Gräfin Aosta ergriff bereits mit vieler Lebhaftigkeit das Wort. »Denkt Euch doch nur, welch' süperber Witz! Als es neulich bei einem der fürchterlichen Norbach'schen ›Thees mit Musik‹ wieder den unvermeidlichen Heringssalat gab, flüsterte mir der abscheuliche Mensch da in's Ohr: ›Sagen Sie mal, Gräfin, hier wird wohl der Heringssalat im Vorrat für die ganze Saison in der Badewanne angerührt?‹« Schallendes Gelächter, so laut, wie es dieser Salon, außer aus Prinzeß Sylvies Mund, wohl kaum gehört hatte, unterbrach die Sprecherin, dann wandten sich Aller Köpfe erschrocken nach der seitlichen Flügelthür zurück, welche leise geöffnet wurde. Der Ordonnanzoffizier des Prinzen Alexander glitt auf unhörbaren Sohlen in den Salon, mit schnellem, ruhelos flackerndem Blick die Gruppe der Plaudernden, sowie den ganzen Raum bis zum fernsten Winkelchen überfliegend, dann mit seinem stereotypen Lächeln unter etlichen Verneigungen schnell herzutretend. »Herrschaften werden im Augenblick eintreten!« flüsterte er mit gedämpfter Stimme und sehr wichtigem Gesicht. Günther maß die schmächtige Gestalt des Ankömmlings, sein bartlos kränkliches Gesicht, auf dessen Stirne rötlichblonde Engländerscheitel gekämmt waren, mit einem Blick, wie andere Leute vielleicht einen nickenden Porzellanchinesen auf dem Kamin ansehen und ihm wieder nicken. 174 »So?« fragte er in einem Ton, welcher jovial hätte sein können, wenn ihn nicht ein allzu spöttisches Lachen durchklungen hätte. »Haben Sie auch Ihrem Herrn und Gebieter hübsch die Gummischuhe angezogen? Es hat geschneit draußen!« Ein Zucken lief über Aller Gesichter und die lauernden Augen des Angeredeten bohrten sich momentan scharf wie die Dolchspitzen in Lehrbachs übermütiges Antlitz, dann schien es, als würden die Züge wieder mit Gewalt in die verbindlich lächelnden Falten und Fältchen gelegt, und Herr von Reuenstein drohte scherzend mit dem Finger. »Aus Ihnen spricht der gelbe Neid, Graf, Sie gönnen mir meine neue Würde nicht!« lachte er etwas gezwungen auf. »Da sei ja Gott vor!« moquirte sich der Husar, unter der Devise größter und heiterster Liebenswürdigkeit, »im Gegentheil, Verehrtester, ich gerade habe mich am meisten über Ihre Ernennung gefreut, denn ich wußte am besten, wie sauer Sie es sich haben werden lassen, all jene kleinen Absonderlichkeiten Seiner Hoheit zu studiren, und bin überzeugt, daß kein Anderer diese schwierige Stellung mit mehr Eifer und Aufopferung erfüllen kann, als gerade Sie!« »Ganz recht, Graf Lehrbach, und ich hoffe, auch meinen lieben Freunden beweisen zu können, wie ich dieser gewichtigen Stellung vollkommen gewachsen bin!« entgegnete Reuenstein, und ein Ausdruck namenlosesten Hohnes schürzte die Lippe über die 175 Oberzähne; dann wandte er sich schnell zur Seite, nach der Mittelthür des Salons Front machend und sein penibel frisirtes Haupt bis fast zum Parquet hinab vor den Herrschaften neigend, welche soeben, gefolgt von der verwittweten Hofmarschallin, eintraten. Herzogin-Mutter trug eine bordeauxrote Robe aus stumpfem Atlas, mit einer Coiffüre von Crèmespitzen und breiten spangenartigen Rubinnadeln; ihr naturkrauses, noch wenig ergrautes Haar umrahmte die Stirn, wurde von dem Spitzenbandeau schlicht zurückgenommen und fiel kurzgeschnitten, und von einem Invisible zusammengehalten, bis auf Schulter und Nacken hernieder. Ihre Figur war groß, schlank und stattlich; ihre Haltung stolz und sehr gemessen, voll viel natürlicher Hoheit. Die scharf geschnittenen Züge des noch sehr frischen Gesichtes veränderten sich wenig, obwohl Ihre Königliche Hoheit viel und sehr animirt sprach; nur in den großen, sonst so kühl und oft erbarmungslos ernst und klug blickenden Augen blitzte und flammte dann das Leben auf, voll magnetischer Gewalt auf den Zuschauer wirkend, anregend und begeisternd in dem einen Augenblick, um in dem anderen Herz und Seele in eisiger Befangenheit erstarren zu lassen. Der regierende Herzog hatte diese Augen geerbt, ebenso den scharf geschnittenen Mund der Mutter, dessen geneigte Winkel dem ganzen Antlitz leicht einen zu herben und unerbittlichen Ausdruck gaben. 176 Er schritt an ihrer Seite; die Hand der Herzogin ruhte fest auf seinem Arm. »Ah, voilà , unser guter Lehrbach!« nickte sie im Eintreten dem jungen Offizier voll schmeichelhaftester Freundlichkeit zu. »Wieder zurück von Treibjagd und Turf? Recht so, mon ami , wir können uns die liebe Residenz hier gar nicht ohne ›Sonnenschein‹ vorstellen!« Und sie reichte ihm die Hand entgegen, welche Graf Günther mehr chevaleresk als devot an die Lippen zog. Auch der Herzog begrüßte ihn in fast familiärer Weise, und Prinzeß Sylvie wandte den hochfrisirten Kopf nach Fräulein von Dienheim zurück, welche sofort nach ihrem Eintreten hinter sie geschlüpft war und eifrig zu tuscheln hatte, und sagte in nicht allzu leisem Flüsterton mit einem Blick auf Lehrbach: »'s ist wirklich zu toll, der Kerl wird alle Tage hübscher!« In dem kleinen »Richtersalon«, welcher seinen Namen den vielen köstlichen Gemälden dieses Meisters verdankte, welche, an den Wänden oder auf Staffeleien aufgestellt, sämmtlich in diesem Zimmer vereinigt waren, beleuchtete eine Lampe mit drei Glocken die beiden reich servirten Theetische. Schleier von rotem Seidenpapier dämpften auch hier das Licht, wie in allen Räumen der Herzogin-Mutter, und warfen einen magischen und sehr vorteilhaften Widerschein auf die Gesichter der Anwesenden. Vor dem Sopha, dessen gerade Lehne sich wie ein hochgeschnitzter Kirchenstuhl erhob, stand der 177 kleinere, nur mit sechs Gedecken belegte Tisch, an welchem die Herrschaften Platz nahmen; etwas zur Seite, inmitten des Salons, befand sich die Marschallstafel für die Kammerherren und Hofdamen, heute allerdings nur als Ausnahme durch den beschränkten Raum bedingt, da an sonstigen Tagen, wenn der Thee nicht bei der Herzogin, sondern in den officiellen Salons eingenommen wurde, die nächste Umgebung der Herrschaften an einer Tafel mit denselben speiste. Graf Lehrbach war zu Fräulein von Dienheim an den zweiten Tisch zurückgetreten, Herzogin-Mutter aber wandte den Kopf und rief: »Ich wünsche das interessante Portefeuille nebst allen neuen Skizzen und dem Verfasser derselben in meiner Nähe zu haben!« Und mit huldvollstem Lächeln neigte sie den Fächer gegen den Sessel zu ihrer Seite, welchen Lehrbach mit lächelnder Verneigung und einem: »Königliche Hoheit machen meine bescheidenen Striche zu meinem beneidenswertesten Reichtum!« einnahm. Zur anderen Seite der hohen Frau saß der Herzog, neben ihm die verwitwete Hofmarschallin, und vis-à-vis Prinzeß Sylvie und Prinz Detlef, ein hochaufgeschossener junger Mann, mit ziemlich unbedeutendem, etwas arrogantem Gesicht, um welches der erste Flaum eines Backenbartes sproßte. Sein Anzug war von markirt englischem Schnitt, seine Bewegungen erinnerten an die nonchalante Art seiner Schwester, nur etwas blasirter, und einzelne kleine 178 Angewohnheiten, zum Beispiel, das silberne Armband mit der gigantischen Georgsmünze zu tragen, die Art und Weise des Trinkens und Rauchens kennzeichneten ihn als Saxo-Borussen, wie er auch die Farben dieser Verbindung stets mit berechtigtem Stolz und ziemlich ostensibel zur Schau trug. Die Lakaien beschrieben ihre lautlosen Cirkel um die Tafel, präsentirten auf silbernen Platten und füllten die mit zarten Arabesken geschliffenen Gläser, die Unterhaltung war allgemein und animirt. Nur Herzogin-Mutter war schweigsamer als sonst und starrte nachdenklich auf die kleinen Silberamouretten, welche am Fuß einer Fruchtschaale lagerten. Prinzeß Sylvie aß hastig und warf nur hie und da eine ihrer drastischen Bemerkungen zwischen das Gespräch, zeitweise sich nach Fräulein von Dienheim, welche schräg hinter ihr am Nebentisch saß, umwendend, um mit ihr in unverständlichen Gesten und Stichworten zu verkehren. Die Herzogin erhob sich heute noch früher denn sonst, legte die Hand auf den Arm ihres Sohnes und ließ sich in den Musiksalon zu einem bequemen Sessel führen, um auch hier Graf Lehrbach mit ein paar schmeichelhaften Worten an ihre Seite zu rufen. »Nun kommt das Dessert, lieber Graf, für welches uns Ihr Fleiß hoffentlich Sorge getragen hat!« lächelte sie, einen großen Federfächer vor der Brust entfaltend. »Ich habe bereits Wunderdinge von Ihrer Robinsonade auf Lehrbach gehört und freue mich sehr auf Ihre ›illustrirte‹ Erzählung.« 179 Prinzeß Sylvie zog sich geräuschvoll ein Tabouret an Lehrbachs Seite, zog Ilse mit kräftiger Hand neben sich nieder und neigte sich dann neugierig über das Portefeuille, welches Günther mit einigen galanten Redensarten seiner Brusttasche entnahm. »Eben ist Onkel Alexander gekommen!« sagte sie mit einer Handbewegung nach dem Nebenboudoir, »und hat sich bereits den Spieltisch vor's Sopha gezogen; wir wollen schnell anfangen, in Ihren Souvenirs zu stöbern, sonst holt man Sie am Ende noch weg, Graf!« Ihr Blick traf schnell das Auge Günthers und richtete sich dann schmollend gegen die Thür, durch welche die etwas gebeugte Gestalt des alten fürstlichen Herrn eintrat. Kurze, etwas gelangweilte Begrüßung; dann rief Herzog Franz Eginhard mit heiterem Lachen: »Na, komm nur, Onkel, und nimm es noch ein Stündchen mit mir als Gegner auf! Ich sehe schon, der Graf ist mal wieder unentbehrlich und würde auch allzusehr unter einer Veränderung leiden; Glück am Spieltisch hat er nicht, am Theetisch aber desto mehr, alors laissez le courir! « Prinzeß Sylvie stieß Ilse an, und Beide kicherten hinter den Fächern, Günther aber verneigte sich, zuckte lachend die Achseln und sagte mit der schalkhaften Miene gekränkter Unschuld: »Der Rest ist Schweigen, Königliche Hoheit!« Herzogin-Mutter nickte huldvoll und wandte sich, nachdem die Herren in das Boudoir zurückgetreten 180 waren, zu ihrer Hofdame: »Liebe Aosta, ich habe rechtes Verlangen nach Ihrem charmanten Wagnerpotpourri. Sie sind wohl so liebenswürdig, uns damit zu erfreuen?« Die Comtesse verneigte sich schweigend, biß die Zähne zusammen und schritt zu dem Flügel, um mit mißmutigstem Gesicht das Instrument zu öffnen. In demselben Augenblick trat Prinz Detlef hinzu und nahm voll liebenswürdigen Eifers die Noten zur Hand. »Spielen Sie für Ihren entzücktesten Zuhörer, Gräfin!« flüsterte er, sich dicht zu dem Lockenköpfchen niederbeugend, und wie mit Zauberschlag lag strahlender Sonnenschein auf den beweglichen Zügen der Südländerin, und ihr dunkler Blick flammte als stumme Antwort zu ihm auf. Leise schlug sie die weichen Accorde an, der junge Fürst lehnte vor ihr an dem Instrument und verwandte keinen Blick von dem rosig überhauchten Gesichtchen, welches sich, seiner pikanten Schönheit wohl bewußt, recht vorteilhaft im Profil präsentirte, und hie und da mit zauberisch blitzenden Augen zu dem »entzücktesten Zuhörer« aufschaute. Da langweilten sie sich alle Beide nicht. Von dem Nebentisch schmetterten mitten in die süßen Klänge des Liebesliedes aus der Walküre die unmelodischen Lachsalven Sylviens und Ilsens, welche immer näher zu dem köstlich interessanten Skizzenbuch rückend die Köpfe jubelnd zusammensteckten. Herzogin-Mutter wehte mit dem Spitzentuch über das echauffirte Gesicht und winkte dem jungen 181 Grafen ein atemloses: »Hören Sie auf, Sie moquanter Mensch, sonst hat mich Groß-Stauffen auf dem Gewissen!« Und dabei hielt sie die Skizze mit »Pastors auf dem Gartenhaus« in der Hand und lachte Thränen. »Das Gänseliesel muß ich sehen, und wenn ich zu Fuße nach Groß-Stauffen traben müßte!« rief Sylvie mit einem bekräftigenden Fächerschlag auf die Tischplatte, »das ist ja zum Schreien komisch. Und wenn ich mir die Tanzstunde vorstelle, Sie als maître Rocco und den braven Hattenheim als Executeur eines graziösen › Balancez ‹, hahaha! . . . . Da ist er ja! Bravo! . . . . Brillant, oh, und diese dicke Maschine ist wohl Tante Renate! . . . . Unglaublich, Graf, Sie sind ein wandelndes Fegefeuer! . . Aber vorzüglich, man sieht die Leute vor sich, und hier, Gott erbarme sich! Mama sieh Dir hier mal die alten Pastorschen an!« Und Sylvie schob das Blatt über den Tisch, warf sich in den Sessel zurück und gab ihrem Amusemeut so herzhaften Ausdruck, daß Comtesse Susanna ihr Spiel mit einem grellen Accord abbrach, und ebenso wie Prinz Detlef, mit wenig Schritten an den Tisch chassirte. Gleicherzeit erschien der Herzog in der Thür, hinter ihm, voll stierer Neugierde die Gesichter der Kammerherren. »Bitte, dearest love – sieh Dir diese Dinger hier an!« – rief Sylvie dem Bruder mit hochrotem Kopf entgegen, und Alles drängte näher, schaute, lachte und lauschte mit köstlichem Behagen den 182 Erzählungen Lehrbachs, welcher Groß-Stauffen und seine Bewohner in erbarmungsloser, aber höchst amüsanter Weise mit Wort und Stift – – – massacrirte. »Groß-Stauffen? . . . . Freiherr von Wetter?« – der Herzog blickte plötzlich nachdenklich auf. »Ich habe diesen Namen ganz kürzlich erst dieser Tage nennen hören, aber in welchem Zusammenhange doch? . . . . Wetter . . . . Wetter von Stauffenberg . . . . alter Landadel . . . . ich dächte, der Hofmarschall hätte irgend eine Meldung gemacht.« »I wo! – Du wirst bereits von den Aventüren dieses Pfadfinders hier gehört haben, welche die ganze Stadt mehr alarmiren als das neueste Werk von Wilhelm Busch!« – lachte Sylvie dazwischen. Franz Eginhard schüttelte noch immer nachdenkend den Kopf, Herr von Reuenstein aber schlängelte sich geschickt näher, verneigte sich mehrere Male und senkte sehr devot das rotblonde Haupt. »Königliche Hoheit gestatten, mit meinen bescheidenen Kenntnissen zu Hilfe zu kommen«, flüsterte er. »Durch Zufall erfuhr ich von Excellenz dem Oberhofmarschall, daß sich eine Familie Wetter von Stauffenberg aus Groß-Stauffen zur Teilnahme an den Hoffesten der kommenden Saison angemeldet habe, und zwar – wie der sehr originelle Brief bemerkt – auf freundliche Einladung des Grafen Lehrbach hin!« – Ein fast boshafter Zug schlich sich bei diesen letzten Worten um die schmalen Lippen des Sprechers, mit gewisser Spannung beobachtete er die Wirkung seiner 183 Malice und prallte ganz überrascht zurück, als sich ein schallendes, jubelndes Gelächter erhob, in welches Günther am herzhaftesten einstimmte. »Das haben Sie ja vortrefflich gemacht, Graf!« rief Prinzeß Sylvie entzückt. »Dafür sollen Sie mich bei der ersten Schlittenpartie – en dépit de tout le monde! – als ›jüngster Lieutenant‹ fahren, und selbst wenn Sie umkippen, soll das keinen Einfluß auf meine gute Meinung über Sie haben!« Günther kreuzte die Arme über der Brust. »Das Gänseliesel wird zum glücklichen Stern meines Lebens, Hoheit, und zahlt mir auf all' meine Stacheln mit lauter Rosen zurück.« Der Herzog aber rief heiter: »Ganz recht so! Das war der Anlaß, daß man mir den Namen nannte, finde es unrecht, daß sich eine der ältesten, angesessenen Familien des Landes so lange zurückgezogen hat, um in so trauriger Weise zwischen Stall und Pferdekoppel zu versauern, da können Sie, als wandelnde Chronika, mir wohl auch sagen, bester Reuenstein, wann wir die Herrschaften zuerst hier begrüßen werden?« Prinzeß Sylvie ließ den Fächer fallen, der Ordonnanzoffizier schoß dienstbeflissen hinzu, hob ihn auf und überreichte ihn mit krummem Rücken, dann wandte er sich wieder zu dem Herzog: »Ich bin in der glücklichen Lage, auch hierüber Auskunft geben zu können, Königliche Hoheit, Baron von Wetter wünschte Mitte nächsten Monats, anläßlich der allerhöchsten Geburtstagsfeier, mit 184 Gemahlin und Fräulein Nichte hierselbst präsentirt zu werden!« »Nächsten Monat schon!« jubelte es im Kreise. Comtesse Susanne deutete auf die sehr karikirte Zeichnung der »Tante Renate en revers de médaille «, preßte aufprustend das Spitzentuch gegen die Lippen und rief: »Aber doch hoffentlich nicht in dem Costüm?« und Ilse fügte trocken hinzu: »Da sei Gott für, die macht ja sonst die Lakaien scheu!« »Ich stehe für nichts ein!« verwahrte sich Günther übermütig, »höchstens für allgemeine Heiterkeit und einen sehr originellen Karneval mit Costümen aus der guten alten Zeit!« Da rief Prinz Alexander ungeduldig zu dem unterbrochenen Spiel zurück, Reuenstein stürzte diensteifrig näher und glättete eine umgeschlagene Teppichecke vor den Füßen des Herzogs, und Prinz Detlefs Augen persuadirten Gräfin Susanna zum Schluß des »Liebesduetts« an den Flügel. Günther aber saß behaglich zwischen Herzogin-Mutter und Prinzeß Sylvie und kannte Niemanden auf Gottes weiter Welt, der glücklicher und zufriedener mit sich gewesen wäre, denn er. 185 Achtes Kapitel. Entblättert die Rebe, vom Sturm bewegt, Ans Fenster die letzte Ranke schlägt, Feucht rieselt das Laub, verwelkt und dürr Wirbelt's umher in tollem Gewirr! Vierordt.             Lange, einsame Monate waren über Groß-Stauffen hingezogen. Wohl hatte die Herbstsonne noch voll heuchlerischer und wolkenloser Pracht am Himmel gestanden, so daß ein paar späte Rosenknospen an der Schloßmauer zutraulich die zarten Kelche öffneten und die Astern und Georginen auf den Gartenrabatten glaubten, es sei ihnen noch Frist zum Blühen und Hoffen gegeben. Aber in der Nacht war ein tückischer Reif gefallen, der hatte mit kühlen Lippen einen Kuß auf die Rosen gedrückt, daß sie bis in die tiefste Seele zusammenschauerten, weh und todesbang erbleichend, bis die Köpfchen herniedersanken zu langem, langem Traume. Dann waren dunkle Schatten über den Himmel gezogen, und über die weite Ebene sauste ein kalter Sturmwind, der knickte das braune Schilf am Seeufer, peitschte die Wellen und klirrte wie 186 grelle, tolle Lieder durch das Röhricht. »Hu!« sagten die Leute, »hört ihr, wie die ungetreue Wäscherin die Leinen klatscht? Das sind böse Weisen, die sie singt!« Der Wind aber flatterte mit grauen Schwingen ruhelos dahin, fegte die letzten Halme über die Stoppelfelder, knarrte und pfiff durch den düsteren Nadelwald und rüttelte an den Läden und Turmschaltern des Stauffener Schlosses. Da wirbelten die letzten Blätter in den Staub hernieder, und Josephine kam mit zerzausten Haaren heim, suchte sich ein traulich Eckchen am warmen Ofen, um mit lächelnden Lippen und halbgeschlossenen Augen gar selige, sonnige Sommerlust zu träumen. Tante Renate war geschäftiger als je, ging mit sorgenvoll gefalteter Stirn umher, seufzte oftmals tief auf und schüttelte das Haupt; kein Mensch glaubte wohl, wie schwer es war, so Haus und Hof für Monate voraus zu bestellen! Auch Onkel Bernd stand nachdenklich vor den Ställen, schaute mit wenig vertrauensvollem Blick auf seine geliebten Pferde und dachte im Herzen: »Wie werd' ich euch armes Luderzeug wohl wiederfinden? Werdet's merken, daß der Alte fehlt, daß sein Auge nicht mehr über der Haferkiste wacht; na in Gottes Namen, 's ist ja um des Kindes willen, die Phine soll tanzen und vergnügt sein, was hilft's da!« Und der kalte Novembertag war auch gekommen, wo die hohe, gelbe Kutsche vor dem Schloß stand 187 und Pastors mit verweinten Augen ab und zu rannten, um zahllose Schachteln und Kistchen und Kästchen in dem Innern des Ungetüms aufzustapeln; und dann kam Tante Renate im violetten Sammethut und dem kampferduftenden Pelzmantel, und sie umarmte die schluchzende Pastorin und sagte: »Na, ich verlasse mich auf Sie, liebes Pfarrerchen, Sie sehen mir ab und zu mal nach dem Rechten und schreiben mir, wie's steht! Hätte selber geglaubt, daß ich leichter einen Rettig mit den Wurzeln aus der Erde zöge, als meine alten Knochen von Stauffen losrisse, aber um der Phine willen! Das Kind muß raus, Pfarrerchen, muß absolut! . . . Und somit Gott befohlen, und die Mustöpfe und das Backobst, und was ich sonst noch in den Hausflur da gestellt habe, das nehmen Sie sich hübsch mit und essen Sie's Alle gesund und vergnügt auf!« Die kleinen Pastors quietschten trotz des Trennungsschmerzes hell auf vor Freude und drängelten ungestüm um den dicken Pelzmantel: »Du leiwe Olling, ik krieg äwerst ok wat aff?« Nur Gretchen behauptete die dunkle Stimmung, und brachte noch allerhand Grüße von ihrem Bruder, der ein Abschiedsgedicht für die Phine gesandt hatte. Josephine bedankte sich ganz beschämt über so viel Liebenswürdigkeit und lud den zukünftigen Classiker dringend ein, sie sofort aufzusuchen, wenn er die Universität in der Residenz beziehen würde. Seiner Krankheit wegen hatte er ja diesen Sommer ganz still verleben müssen, aber Neujahr, vielleicht 188 schon zu Neujahr, kam er nach in die köstliche, große Stadt! Mit vieler Umständlichkeit wurde zuerst die Tante, dann der sehr gerührte Onkel Bernd und zuletzt Josephine und Mademoiselle in die Chaise eingeladen, während Pastors ein herzzerreißendes Jammergeschrei anstimmten und die Tücher schwenkten, Alle mit überströmenden Augen, bis auf das Kleinste, welches in praktischer Umwandlung nachschrie: »Du, oll' Phining! äwerst tom Swineslachten bist widder to Hus! Sonst krieg' ik min lütt Worst nich aff! Häst hiert?« Und »Phining« beugte das Köpfchen weit vor und nickte und lachte und winkte »Ade!« Mit brennenden Wangen, glückstrahlenden Augen und hochklopfendem Herzen schied Fräulein von Wetter von der Heimat, nie waren ihr die Thränen ferner gewesen, als in diesem Augenblick, welchen sie mit Sehnsucht erharrt hatte, welcher einen so großen Wendepunkt ihres Lebens bildete und welcher wie leuchtende Morgenröte dem feurigen Sonnenglanz des Glückes voranschwebte! Wie das Vöglein, das aus dem kleinen, engen Ei geschlüpft ist, wonnevoll die Flügel dehnt und voll süßen Entzückens zum ersten Mal die weite, freie lachende Gotteswelt erblickt, so schaute auch Josephine halb hochmütig, halb verächtlich auf die zerbrochene Eierschale von Groß-Stauffen zurück, sie, der junge, flügge gewordene Vogel, welcher mit ungeduldigen Schwingen hinaus in die fremde, weite Welt flatterte, dem Glück entgegen! 189 Ihre Seele jauchzte den stummen Psalter tiefempfundener Wonne, all' die süßen Gaukelbilder der Zukunft glitzerten durch ihren Sinn, all' die seligen Träume der Vergangenheit lebten frischer auf denn je, wie ein Zauberschleier senkte es sich über Herz und Auge, zog fester und leuchtender seinen rosenroten Faden und wallte wie ein magisches Blenden um eine weiße Männerhand, die den Purpurkelch einer Rose emporhielt. »Dies soll das Symbol Ihrer Zukunft sein!« flüsterte es leise – bethörend in ihr Ohr. O du glückselige Wanderlust! Weiße Schneesternchen wehten um die Wagenfenster und hauchten einen dichten Reif dagegen, da verschwammen die Tannen und Gebüsche draußen und lagen in tiefem Nebel, selbst der Stauffener Schloßturm war von der Wegbiegung aus nicht mehr zu erblicken, die grauen Wolken schienen tief auf der Erde zu liegen, gleich einer gewaltigen Scheidewand, welche der Himmel selber zwischen das Vergangene und Künftige gestellt. Tante Renate fand es sehr kalt und wickelte sich einsilbig in ihren Pelz, Onkel Bernd ließ die schwarze Ledertasche mit dem Proviant nicht aus den Armen und schlurrte mit den Füßen recognoscirend auf dem Wagenboden, um ein Stück Fußsack zu erwischen. Während dessen dachte er auch einzig nur an seine armen Gäule daheim und an seine Wildschweine, Hirsche, Füchse und Hasen, welche in diesem Winter gewiß ganz unverschämt gewildert werden, weil der 190 Herr nicht zu Hause ist, und er seufzte tief auf und fügte in Gedanken hinzu: »Und meine hübschen Ableger werden auch zum Deiwel sein, die Pastern vergißt es doch gewiß, sie ordentlich zu gießen! Na, um der Phine willen! Mag's in Gottes Namen in die Welt hineingehen, einmal bläst es ja doch wieder zum Heimmarsch!« Auch Mademoiselle war einsilbig und von der Außerordentlichkeit des Reiseereignisses etwas beklommen, sie saß kerzengerade der Freifrau gegenüber und verbiß sich mit wunderlichen Grimassen das Gähnen, hie und da voll Verzweiflung all' die Schachteln und Packete auf ihrem Schooß mit den hageren Armen umklammernd, wenn der holprige Fahrweg die Insassen der Chaise wie ein Kaleidoskop durcheinanderschüttelte. Das langweilte Josephine; sie lehnte sich tief in die Wagenecke zurück, entfaltete Friedels Papier und las andachtsvoll und unendlich geschmeichelt die unsterblichen Reime, welche»nach großem Muster« mit viel rührender Anhänglichkeit an Heinrich Heine den »Abschied von Josephine« verherrlichten. Fräulein von Wetter seufzte nach dem Durchlesen der Zeilen unwillkürlich laut auf und drückte des Dichterlings gepanzertes Sonett in heftiger Anerkennung gegen die Brust. Onkel Bernd aber schien förmlich auf eine derartige Kundgebung gelauert zu haben, denn er rückte eifrig auf seinem Sitze vor und blinzelte die junge Dame verständnißinnig an: »Nicht wahr, hast Hunger, Phine?« 191 Die Gefragte schüttelte mit schwärmerischem Blick das Köpfchen: »Ach nein, Onkelchen!« »Du hältst Dir ja aber den Magen?« beharrte der Rittmeister, »hängt gewiß schief von dem verdeiwelten Geruttele, da . . . . hier haste ein Schinkenbrot, ich esse den Kameraden dazu.« »Aber Bernd!« wunderte sich Tante Renate schläfrig und schüttelte den violetten Sammethut, daß der verblaßte Penséestrauß erschrocken vornüber nickte, »wie weit soll's denn reichen, wenn jetzt schon das Gefuttere losgeht? Den Wein läßt Du mir auf alle Fälle noch in Ruh!« »Wir fahren ja mit der Bahn, Mutterchen, und sind in anderthalb Stunden da,« schmunzelte Onkel Bernd mit kräftigem Biß in die delikate Schnitte. »Du aber hast ebensoviel eingepackt wie vor fünfzehn Jahren, wo wir zwei Tage und zwei Nächte in dem alten Kasten hier troddelten; willste auch ein Brod? – Da hier . . . . ein's mit Schlackwurst,« und er drückte eifrig das Genannte in die mechanisch hingestreckte Hand der Gattin, welche durch den riesigen Pelzhandschuh einen beinah beängstigenden Umfang angenommen hatte. »Hier, Mamsell, auch was für Sie . . . . na, man nur immer schlank weg! 's ist Käse drauf!« Und die gelbe Chaise aus Groß-Stauffen quietschte langsam weiter durch den Schnee, dieweil es in ihrem Innern eine lange Zeit behaglich still blieb; Onkel Bernd hatte eine praktische Art, für Unterhaltung zu sorgen. * * * 192 Der Zug sauste wie ein unglaubliches Märchengebild durch das weißverschneite, nordische Flachland und führte die Insassen der Groß-Stauffener Kutsche wie mit Zauberei dem Ziel entgegen. Zuerst mit einem Gefühl unendlicher Bangigkeit, dann mit jubelndem Entzücken schaute Josephine durch das Coupéfenster in die Gegend hinaus, welche schneller fast, als sie denken konnte, gleich einem Guckkastenbild an ihr vorüberflog. Onkel Bernd hatte sich ihr gegenüber gesetzt, der großen Wärme wegen den Mantel abgelegt und sein bequemes Hausmützchen über die grauen Locken gezogen, ja sogar sein Pfeifchen hatte er sich anstecken dürfen, und so, im Vollbesitz aller Behaglichkeit, hielt er mit Josephine gnädige Musterung über die vorbeiwirbelnden Dörfer, Felder und Waldungen und erinnerte sich schließlich an das schöne Lied aus seiner Jugendzeit: »Welche Lust gewährt das Reisen,« welches er leise vor sich hinbrummte. Auch die Freifrau empfand zuerst unverhohlenes Vergnügen an der schnellen Beförderung auf einem ihr so ungewöhnlichen Wege, mußte aber dann all' ihre liebenswürdige Aufmerksamkeit der armen Mademoiselle widmen, welcher das Reisen weniger Lust gewährte als Onkel Bernd, und welche nun überzeugt war, daß der große Goethe sein »Der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an« einzig in einem gleichen Zustande so gewaltig wahr empfunden und niedergeschrieben hatte. Schneller als es sich die Familie von Wetter 193 jemals hatte träumen lassen, tauchten plötzlich die Kuppeln und Türme der Residenz über der sandigen, jetzt wie ein endloses Schneemeer daliegenden Ebene empor, nur hie und da noch durch eine kurze Strecke hochstämmigen Kiefernwaldes verdeckt, an welchen sich bereits die entfernt liegenden Fabriken und Eisenwerke der westlichen Vorstadt anschlossen. Ein unaussprechliches Gefühl schnürte das Herz Josephinens zusammen. »Wieder in seiner Nähe! Vielleicht schon in wenigen Minuten an seiner Seite!« jauchzte es in ihr auf. »O Du langes, schmerzliches Warten und Harren, daß Du nun für immer zu Ende bist!« Und sie preßte das glühende Gesichtchen gegen die Fensterscheibe, in deren Eisdecke sie eine große offene Stelle gehaucht hatte, und spähte dem Perron entgegen, auf welchem er vielleicht stand und sie erwartete. Mit gellendem Pfeifen brauste der Zug in die verdeckte Glashalle ein, wüster Lärm, Schreien, Rollen, Lachen und Läuten drang fast betäubend auf sie ein, dann riß der Schaffner die Coupéthür auf. »Zehn Minuten! Für Braubach, Zeuten und Drömnitz den Zug wechseln!« schrie er mit Löwenstimme, und Onkel Bernd, welcher bereits marschfertig beladen dastand, rief ein ängstliches: »Schnell, schnell doch – raus!« und schob Josephine vor sich her, in die wogende, fremde Menschenflut hinein. Da fielen die ersten bitteren Tropfen in den Kelch der Reiselust. Tante Renate steuerte mutig dem Wartesaal entgegen, ein wenig devoter 194 Dienstmann mit dem Gepäck neben ihr her und Onkel Bernd schimpfend hinterdrein; denn die Leute hier waren sämmtlich unverschämt grob und hatten für seine umständliche Art absolut kein Verständniß. Außerdem wollte er in keinem Hotelomnibus, sondern in einer Droschke fahren, was der Hoteldiener aber energisch verweigerte. »Na, dann zum Teufel, immer schlank weg und mang die Weindrosseln!« fauchte er endlich mit zornrotem Kopf. Mit angstvollen Augen spähte Josephine über die Menge, freudig aufzuckend, wenn sie eine schmucke Husarenuniform gewahrte, und doppelt enttäuscht, wenn der Träger derselben ein Fremder war. »Er weiß es ja nicht, wann wir kommen!« tröstete sie sich schließlich, »und die Ueberraschung wird doppelt groß sein!« Und sie folgte Tante Renate und wunderte sich, daß alle Leute ihr nachsahen und lachten. »Du, guck aber mal die Sturmhaube!« hörte sie gerade einen stumpfnasigen Jungen rufen und sah, wie er die rotgefrorene Hand, nach der Freifrau violettem Hute deutend, emporhob; »die kommt von der Maskerade! Ah, komm, da machen wir hinterdrein!« Ganz erstaunt starrte Josephine die frechen Bengel an, welche, Grimassen schneidend, neben Tante Renate herhüpften. »Aha, sie kennen uns nicht!« dachte sie, »wir sind ja ganz fremd hier, und der schöne Staatshut sticht ihnen in die Augen!« Und mit überlegenem Lächeln kletterte sie in den 195 großen Hotelomnibus, welcher sie endlich zum Ziel ihrer Reise bringen sollte. Dichter und dichter fiel der Schnee; es war schon so dämmerig, daß man die Gesichter der Straßenpassanten nicht mehr erkennen konnte, hier und da flammten die hellen Lichter in den Läden auf, und es war ein Wagengerassel, Stimmengewirr und Lärm um sie her, daß Josephine mit schwerem Köpfchen die Augen schloß. »Das Kind ist auch ganz herunter!« nickte Tante Renate, »es war eine stramme Tour, und meine Knochen sind wie gerädert! Jetzt wird oben in unseren Stuben zu Nacht gegessen und dann marsch ins Bett; soll doch übermorgen zum Ball nicht wie ein Käse aussehen, die Phine!« Und Tantchen raffte die Schachteln zusammen und erhob sich tief aufseufzend: »Gottlob, nun sind wir da!« Vor dem hohen Spiegel saß Josephine und wurde von Tante Renate eigenhändig zum Hofball frisirt. »Hübsch glatt und ordentlich, damit die Strähnen nicht gleich nach dem ersten Tanz um den Kopf fliegen!« sagte die Freifrau und drehte die schönen blonden Haare so fest und steif an dem Wirbel zusammen, daß sie wie ein glänzender, spitz abstehender Kauz dem schlanken Köpfchen gar wunderliche Façon gaben. Dazu wurde die Pomade nicht gespart, jedes Löckchen über der Stirn mußte fest gekleistert anliegen, so glatt, daß man sich in den flach 196 zurückgerissenen Haaren spiegeln konnte, und oben darauf, rund um den Flechtenknoten legte Tante Renate nun den dicken Kranz weißer und roter Kamelien, welchen sie persönlich mit genauer Angabe der Größe beim Hofgärtner bestellt hatte; denn Phine sollte frische Blumen tragen, wie das dazumal auch Mode gewesen war, als die Freifrau noch als Comtesse Malwitz hier am Hofe getanzt hatte. Mit großen, glückstrahlenden Augen lächelte das junge Mädchen ihrem Spiegelbilde zu. Sie fand sich allerdings sehr anders aussehend als sonst, aber entschieden höchst geputzt und der Feierlichkeit vollkommen angemessen; auch sagte die Tante, sie musternd nach allen Seiten drehend: »So, nun bist Du fertig und siehst recht manierlich aus! Auch der Kranz sitzt wie angenagelt und kann Dir beim Tanzen nicht herunterfallen; dennoch bitte ich mir aus, daß Du nicht zu wild bist, Phine!« Fräulein von Wetter schlang die schönen, weißen Arme, so rund und lieblich geformt wie die der tanzenden Marmorodaliske auf dem Kamine, voll stürmischer Zärtlichkeit um die Sprecherin und küßte sie stumm auf den Mund. Das kleine Herz war gar zu voll, um Worte zu finden, welche Alles hätten aussprechen können, was sie empfand. »Und nun das Kleid angezogen!« fuhr die Freifrau diktatorisch fort. »Hast Du schon die vier weißen Röcke an?« Josephine nickte eifrig und sah an sich nieder auf die breit abstehenden, steif gestärkten Jupons, 197 welche ihrer Zeit die weiteste der Krinolinen überspannt hatten; die schlanke Gestalt verschwand darin wie in einer aufgeblähten, unförmigen Wolke, aber die alte Dame sagte ruhig: »Bleib mit den Händen davon; die drücken sich schon mehr als genug im Wagen zusammen!« Und sie öffnete den großen Schließkorb und hob vorsichtig ein weißes Tüllkleid heraus, frisch gebügelt und gesteift, ein wahres Prachtstück von feinster Stickerei. Die Augen des jungen Mädchens strahlten vor Wonne, zärtlich strich sie über die vielen Volants, welche so duftig und reich mit den köstlichsten Blütengewinden bestickt waren, eines über das andere fallend, und »echte« Spitzen sogar daran; o, selbst die Prinzessin wird ein solch kostbares Kleid nicht aufzuweisen haben. Auch Tante Renate blickte mit wahrer Zärtlichkeit auf das prächtige Stück hernieder. »Ja, ja, Phinchen, darin habe ich einstmals große Triumphe gefeiert,« nickte sie mit seltener Weichheit in der Stimme, »war der Tag, wo ich meinen lieben Alten zum ersten Mal sah. Trat mich auf den Fuß, als er mit der kleinen Brandau einen stürmischen Galopp tanzte, und da sprachen wir zum ersten Mal ein Wort zusammen, tanzten auch gleich eine Extratonr; ja, ja, kleine Ursache und große Wirkung! So, mein Herzchen, nun halt den Kopf steif, daß ich Dir den Rock überwerfe, hier die Taille . . . bleib mit den Händen davon! Und sput' Dich ein Bischen, es schlägt schon halb!« 198 Mit sehr echauffirtem Antlitz vollendete die Freifrau die Toilette der jungen Dame, band ihr die buntfarbig geflammte Seidenschärpe, welche vor fünfundzwanzig Jahren gewiß einmal sehr modern gewesen war, mit gigantischer Schleife um die Taille fest und steckte den Kamelienstrauß an die Schulter. »Ist mir doch, als ob ich mich selber wieder jung sähe!« nickte sie mit fast melancholischem Lächeln, »und weiß nun, wozu ich all' die schönen Sachen so sorglich aufgehoben habe! Nun bist Du fertig, Kind! Jetzt stell' Dich dort in die freie Ecke an den Tisch und zieh Dir die Handschuhe an, aber nicht etwa hingesetzt! da sollte das frische Kleid gleich schön aussehen!« Und Tante Renate nestelte die lange Schleppe ihrer Staatsrobe, welche sie während ihrer Hilfsleistung emporgesteckt hatte, los und warf die weiße Parchendjacke ab. Auch die Toilette der Freifrau erblickte unverändert nach zwanzigjährigem Todesschlaf heute die fürstlichen Säle wieder, durch welche sie ehemals als viel bewunderte Pracht gerauscht war. Es war eine dunkellila Sammetschleppe, welche über ein Unterkleid von zart nüancirtem Damast fiel, in breiten Boden mit kostbaren Spitzen besetzt, welche auf der Vorderbahn durch große Amethystagraffen gehalten wurden. Obwohl Stoff und Points einen hohen Wert repräsentirten und weder vergilbt noch verlegen aussahen, so war doch der ganze Gesammteindruck der großen und ziemlich korpulenten Erscheinung der alten Dame ein so 199 unendlich altmodischer und ungewohnter, wie man ihn höchstens noch auf der Bühne an humoristischen Figuren gewohnt war. Josephine streifte mit vieler Mühe und Ungeschicklichkeit die weißen Handschuhe an, sah sich dabei möglichst oft in den Spiegel und dachte mit glühenden Wangen: »Ach, wenn mich doch Pastors jetzt sehen könnten!« Dabei wirbelten die Gedanken wie ein Heer bunter Schmetterlinge durch das kleine Köpfchen; all' die neuen Eindrücke der beiden letzten Tage stürmten wieder auf sie ein, um ihre rege Phantasie und ihre so wie so schon sehr sensible Natur aufs höchste anzuspannen und zu erfüllen. Erstlich der so vollkommen fremde Anblick der Großstadt, welche sich heute, am Geburtsfeste des Herzogs, von ganz außergewöhnlich lebhafter und prächtiger Seite zeigte; dann die Parade mit den vielen Soldaten und der köstlichen Musik, welche sie just gesehen hatten, als sie bei den vielen Staats- und Hofchargen Visite fuhren und überall nur Karten abzugeben brauchten, und die vielen geputzten Leute, welche sie alle so neugierig auf der Straße ansahen! Günther hatte sie noch nicht gesehen, obwohl sie mit sehnsüchtig klopfendem Herzen von frühester Morgenstunde an am Hotelfenster gestanden und auf den Marktplatz hinausgespäht hatte; auch unter den vielen Offizieren, welche heute schon den ganzen Tag über in den verschiedensten Uniformen dem Palais zuströmten, hatte sie ihn nicht entdecken können. Aber nun! Nun ist es bald überstanden, dies schreckliche 200 Harren und Hoffen, und sie wird in den Saal treten und sein überraschtes fröhliches Gesicht sehen, ach, und wird lachen vor Wonne und Seligkeit, lachen, daß alles Leid darüber vergessen ist! Vielleicht ist auch Hattenheim da! Das ist ihr aber ganz gleichgültig, nach dem hat sie gar kein Verlangen und würde noch kein Wort darum verlieren, wenn er selbst im Pfefferlande säße! Sie denkt nur an Einen, geht nur um dieses Einen willen zum Ball und würde ihr Herzblut für ihn hingeben, wenn's verlangt würde; sie hat ihn ja so lieb, so herzinnig lieb, diesen Einen! Da trat Onkel Bernd im Frack und weißer Weste, mit seinen Orden im Knopfloch und mit hochfrisirter Tolle aus dem Nebenzimmer herein. Er war den ganzen Morgen schlechter Laune gewesen, weil Tante Renate die Dinereinladung für den Nachmittag vor dem Ball nicht angenommen hatte. »Weil's zu viel wird; und ich keine doppelten Kleider zurechtgemacht habe!« hatte sie gesagt; aber der Rittmeister hätte gewiß viel mehr Vergnügen an dem Diner als an dem langweiligen Ball gehabt. »Na, 's ist um der Phine willen!« hatte er endlich resignirt geseufzt, und war schnell nochmal die Hauptstraße hinabgegangen, um sich eine weiße Kravatte zu kaufen. »Na, Alte, sind wir's?« fragte er schmunzelnd, stellte einen Teller mit belegten Brödchen und zwei Eiern vor sich auf den Tisch und fuhr eifrig fort: »Ehe wir weggehen, wird aber noch ein Brod 201 gegessen, damit uns nicht blümerant wird! Ranmarschirt, Phinchen! Da haste ein paar harte Eier und eine Butterschnitte, nun mal immer schlank weg; ist ja nur ein Ohnmachtshappen!« Josephine sträubte sich aus Leibeskräften. »Ich kann nicht, Onkelchen, mir ist der Hals wie zugeschnürt!« versicherte sie mit purpurleuchtenden Wangen. Tante Renate aber sprach ein strenges Machtwort, und mit verzweifeltem Gesichtchen, die bereits mit Handschuhen bekleideten Finger vorsorglich abspreizend, ließ sich Fräulein von Wetter von dem Onkel füttern, ganz wie vor langen Jahren, da sie als Baby auf seinem Knie gesessen hatte und der Rittmeister das Frühbrod der Kleinen, in zierliche Stückchen zerschnitten, als »Schwadron Soldaten« vor ihr aufmarschiren ließ. Dann rollte der Wagen drunten vor die Thür, und mit fiebernden Pulsen stürmte Josephine in die fremde, bunte Welt hinein; hinter ihr fiel die Thür schmetternd ins Schloß, just, als ob das Schicksal einen Riegel vor die Vergangenheit schieben wollte, als ob sich die goldene Pforte glückseliger Kindheit für ewige Zeiten hinter dem flüggen Vögelchen schlösse. 202 Neuntes Kapitel. »Mein Lieb ist falsch – Ach, wär' ich todt!« R. Franz , comp.         Das gewaltige Viereck des Palais lag wie ein strahlender, lichtverklärter Würfel inmitten einer kalten, schneedurchwehten Winternacht. An der Auffahrt, zu beiden Seiten des Portals, loderte es aus rötlich qualmenden Pechurnen, einen grellen Schein auf die weiße Schneedecke, auf die flatternden Fahnen werfend, welche wie gierige Zungen um die schlanken Säulen leckten und die Eissternchen als glitzernden Sprühregen von den Häuptern der broncenen Löwen fegten. Und die Wagen donnerten über die Asphaltplatten, und die pomphaft gallonirten Lakaien in roter Livrée und gepuderten Perrücken flogen herzu und rissen den Schlag auf; da rauschte es von Seide, Atlas und duftigen Spitzen, da klirrten Sporen und Säbel, da knarrten die Lackstiefeln über die schwellenden Purpurläufer. Das ganze Treppenhaus war in einen Garten 203 verwandelt, durch das Goldgitter der Balustraden nickten die blühenden Fliederzweige und Fuchsias, streuten die Oleander ihre rosigen Blattflocken, wiegten sich die zierlichen Farrenwedel unter der Erschütterung der Schritte, welche ununterbrochen die marmornen Stufen emporeilten. Weit geöffnet standen die Flügelthüren, freien Blick in die Empfangssäle gewährend, deren blendendes Lichtmeer sich noch in hundertfachem Reflex in den gewaltigen Spiegelwänden brach. Buntes, glühendes, lustatmendes Leben pulsirte unter diesen Flammen, ein geheimnißvolles Rauschen und Knistern und gazeduftiges Rieseln lang hinwogender Schleppen, ein üppiges Chaos farbensprühender Toilettenpracht, aus welcher die weißen, aristokratischen und tief decolletirten Nacken tauchten, besät mit blitzenden Preciosen. Da lagen die goldenen Reifen, die schmachtenden Blütenkränze, die kecken Strauß- und Maraboutagraffen in den hochtoupirten Haarwellen, da zitterten die Brillant- und Rubintropfen in wehenden Löckchen, ringelten sich schillernde Schlangenleiber um die Arme, lächelten, strahlten, träumten und lockten die zauberischen Augensterne reizender Frauen! Zwischendurch schoben und drängten sich die verschiedenartigsten Waffenröcke, Fracks und roten Uniformen der Landstände, Hof- und Forstbeamten, Vertreter der auswärtigen Mächte, der Kunst und Wissenschaft und selbst die würdigen Häupter der Kirche in vollem priesterlichen Ornat. 204 Da prahlten die langen Ordensreihen auf der Brust ihrer verdienstvollen Vertreter, renommirten die Kammerherrenschlüssel und blitzten die goldenen Tressen. Alle Eleganz, alle Distinktion, Noblesse und Schönheit schien hier zu leuchtendem Banner verwoben, welches die Göttin Fortuna mit jauchzendem »Evviva!« über dem Thronhimmel des Herrscherpaares entrollte. Fast betäubt von all' dem nie geahnten, märchenhaften Getriebe hatte sich Josephine ängstlich hinter Tante Renate verkrochen, ihr Herz schien stillzustehen beim Anblick dieser fremden, lachenden und übermütig konversirenden Menge, und heiß und schwindelnd schoß ihr das Blut in Wangen und Schläfe empor. Viele, unendlich viele Köpfe hatten sich blitzschnell nach der Saalthür gewandt, als der Freiherr von Wetter mit Gemahlin und Nichte eingetreten war; es schien, als ob plötzlich ein leise summendes Schweigen über dem weiten Saal lagerte, dann flüsterte und kicherte es, laut und lauter, und die funkelnden Fächer wogten lebhaft auf und nieder, und ein einziges, den Eingetretenen unverständliches Wort flog wie ein elektrischer Funken von Mund zu Munde: »Das Gänseliesel!« Josephine sah nicht die Blicke, welche auf ihr ruhten, sie hatte die dunklen Wimpern gesenkt und wagte kaum zu atmen; mechanisch folgte sie der Tante, welche mit hoch erhobenem Haupte etliche Schritte vortrat und kurze Umschau hielt. 205 Lauter, lauter fremde Gesichter! Da löste sich die hohe Gestalt eines Herrn aus der Gruppe etlicher zunächst stehender älterer Herren, trat voll liebenswürdigster Courtoisie Onkel Bernd entgegen und nannte seinen Namen! »Oberhofmarschall, Graf zu Lattdorf.« Der Rittmeister reichte ihm herzlich die Hand und stellte ihn seinen Damen vor; wie ein Alp fiel es von Josephinens Herzen, als er sie so freundlich im Namen der Herrschaften begrüßte. Dann aber bat er die Tante und Josephine, ihm zu folgen; er wollte sie mit seiner Frau bekannt machen. Und kaum, daß sie ein paar Schritte in den Saal gethan hatten, stand auch schon eine kleine, sehr blasse Dame vor ihnen, mit gewinnendem Lächeln und ein paar liebenswürdigen Worten. »Meine Tochter Ange,« fügte sie ihrer Begrüßung hinzu, und eine schlanke Blondine neigte sich tief über Tante Renates Hand und wandte sich dann mit sanften, dunklen Taubenaugen zu Josephine. »Haben Sie schon eine Tanzkarte, Fräulein von Wetter?« fragte sie und sagte dann, ohne sich lange besinnen zu müssen, sehr viele freundliche Worte. Sie versicherte, »daß sie gleich dem Vortänzer einen Wink geben würde. Eben, im Augenblick wäre Graf Lehrbach noch hier gewesen, jetzt flattere er schon wieder wie ein Schmetterling um die schönsten und fernsten Blumen!« Josephine war bei Nennung dieses Namens 206 mit glückstrahlenden Augen emporgezuckt. »Ach ja, der Graf, wenn er doch käme!« sagte sie mit erleichtertem Aufseufzen. »Sie kennen ihn bereits, ganz recht!« nickte Gräfin Ange mit einem Zug um den feinen Mund, welcher fast wie Mitleid aussah; »er wird Sie gewiß bald begrüßen, – wenn er Zeit hat, müssen Sie wissen. – Prinz Fortunatus ist ein viel begehrter Mann. Ich werde Sie unterdessen den Hofdamen und jungen Mädchen vorstellen, solange Mama noch mit Ihrer Frau Tante plaudert. Kommen Sie!« Und der gemalte Atlasfächer winkte ihr zu folgen. Da stand sie nun vor einem großen Kreise junger Damen, deren Namen alle an ihr Ohr klangen, aber keine einzige kam ihr freundlich entgegen oder gab ihr die Hand, sie standen alle wie die Marmorfiguren, neigten kaum die Nasenspitzen und wandten sich mit ostensibler Kürze wieder von ihr ab, um leise zusammen zu tuscheln oder zu lachen. Nur Fräulein Ilse von Dienheim stellte sich dicht vor sie hin, sah ihr keck ins Gesicht und fragte mit einer wunderlichen Grimasse: »Warum haben Sie denn Pastors nicht mitgebracht?« Da lachten Alle hell auf, Josephine aber wollte treuherzig und hocherfreut erzählen, daß ja Pastors gar nicht von Groß-Stauffen wegdürften, als Comtesse Ange mit finster gefalteter Stirn ihren Arm berührte. »Ihre Frau Tante wird den älteren Damen 207 bekannt gemacht; kommen Sie, Fräulein von Wetter, wir wollen uns gleich anschließen!« Und sie führte das junge Mädchen zurück. »Von Pastors müssen Sie aber nachher noch erzählen!« rief ihr Fräulein von Dienheim sehr laut nach, und abermals erhob sich ein lautes Gelächter unter den Umstehenden. Nun war es sehr langweilig, hinter Tante Renate herzugehen und vor all' den alten Damen einen tiefen Knix zu machen. Keine von Allen sprach ein Wort, und wenn man vorüber geschritten war, hoben Alle blitzschnell die Lorgnetten und steckten die Köpfe zusammen. Nur ein paar Mal wurde etwas geplaudert, als Tante Renate ein paar Bekannte von früher und sogar etliche Verwandte vorfand. Da blieb sie denn auch stehen und hatte viel zu erzählen; Josephine aber stand allein an der Wand und fühlte sich sehr unbehaglich. »Wo er wohl sein mag?« dachte sie, hob sich spähend auf die Fußspitzen und blickte sich suchend im Saale um – richtig, dort hinten stand er an einer Thür und lachte mit Fräulein von Dienheim und der Gräfin Aosta, und jetzt, jetzt sah er auch zu ihr herüber, ganz schnell nur! Ob er sie erkannt hat? Er lachte wieder, so sehr, daß sich seine schlanke Figur fast bog; und dann – nein, er kommt nicht, er geht durch die Thür zurück! Josephine grub die Zähnchen in die volle Unterlippe und hätte weinen mögen vor Ungeduld 208 und Jammer. Da schlug eine bekannte Stimme an ihr Ohr; neben Tante Renate steht Hattenheim, Hattenheim, der gute, alte Freund, der es ihm nun gleich sagen wird, daß sie da ist! Schon kommt der große blonde Mann auf sie zu und streckt ihr mit herzlicher Freude die Hand entgegen: »O, wie prächtig ist es doch, daß wir uns wiedersehen!« Und Josephine klammert sich unwillkürlich an diese Hand und kommt sich plötzlich nicht mehr so verlassen vor. Vielerlei haben sie sich zu erzählen, und Hattenheim reicht ihr die kleine Tanzkarte mit dem goldenen Namenszug und der Fürstenkrone und bittet sie um den ersten Tanz. Josephine nickt sehr vergnügt, Hattenheim winkt einen blutjungen Offizier herzu und macht ein Gesicht, als ob er ihn beißen wolle. »Sie haben noch einen Tanz, Brocksdorff?« fragt er mit dem Tone des Befehls. Der Lieutenant schlängelt sich einen Moment in peinlicher Verlegenheit. »Wenn der Herr Premier befehlen,« ringt es sich dann zwischen seinen Zähnen hervor, und er verneigt sich vor Josephinen: »Darf ich um die Polka vor dem Cottillon bitten, meine Gnädigste?« Josephine reichte die Karte mechanisch hin, sie hatte gar keinen Begriff, was es für eine Wichtigkeit um solch ein Engagement ist. Herr von Brocksdorff kritzelt seinen Namen, wirft einen wütenden Blick auf Hattenheim und geht schweigend weiter. 209 »Barönchen, machen Sie einen Umweg, Sie geraten in die Charybdis!« ruft er sehr laut dem Regimentsadjutanten zu, welcher eben an Hattenheim vorüber will. »Ach, lieber Herr von Hattenheim, thun Sie mir den Gefallen und rufen Sie endlich den Grafen Günther einmal zu mir her!« bittet und fleht Josephine mit feuchten Augen zu dem jungen Mann empor, und der holt tief Atem, preßt die Lippen zusammen wie Einer, der heftigen Schmerz empfindet, und blickt mit traurigen Augen auf ihr blondes Köpfchen hernieder. »Ich will ihn suchen, Fräulein Josephine,« nickt er gar seltsam, »ob ich ihn aber finden werde? Dieses blanke Parquet hier gleicht einem tiefen See; es versinkt manche Erinnerung und manches Glück darin!« Und er geht mit gesenktem Haupt davon. Wieder steht Josephine allein. Da sieht sie drüben an der Saalthür den Minister neben Onkel Bernd stehen. Helle Freude jubelt durch ihr Herz; sie überlegt nicht, sie schreitet beherzt durch die Menschen und eilt Günthers Vater entgegen. »Grüß Gott auch, Excellenz!« flüstert sie leise zu ihm empor. Das gütige Antlitz mit den müden Augen wendet sich ihr hastig zu. »Das Haideröslein!« lächelt er, die Rechte des jungen Mädchens chevaleresk zwischen seine beiden Hände schließend, »und nicht mehr am heimischen 210 Strauch, sondern in der Prunkvase des Fürstenschlosses, zwischen den stolzen Blumen unserer Residenz! Herzlich willkommen bei uns, und viel Glück und Freude zum ersten Debut!« Und sein Blick überfliegt ihre Gestalt, und ein melancholisches Lächeln huscht um seine farblosen Lippen. »Warum sind die lieben, wilden Goldhaare so gewaltig in Gefangenschaft gerathen?« fragt er leise und versucht ihr ein paar Löckchen in die Stirn zu streichen. »Tanzen Sie schnell den blonden Heiligenschein wieder um die Wangen, sonst kenne ich ja die kleine Josephine aus Stauffen gar nicht wieder. Hat mein Sohn Sie schon gesehen und begrüßt?« – Josephine schüttelt traurig das Köpfchen und über die Stirn des alten Herrn fliegt ein Schatten. »Ich werde den bösen Menschen schnell hierher schicken,« sagt er, ihr herzlich die Hand drückend, »sobald ich die Tante drüben begrüßt habe!« Und er nickt ihr noch einmal zu und winkt Onkel Bernd, ihn zur Freifrau hinüberzuführen; dann aber hält er inne, legt, wie erinnernd, die Hand an die Stirn und nimmt die Tanzkarte aus Josephinens Fingern, um einen schnellen Blick darauf zu werfen. Es ist, als verdüsterten sich seine Züge. Sein Blick überfliegt die Wand, an welcher eine Reihe junger Herren steht, winkt einem Civilisten und wendet sich zu Fräulein von Wetter zurück: »Baron d'Ouchy!« stellt er vor, »ein junger Attaché, welcher momentan in meinem Kabinet arbeitet; meine rechte Hand,« fügt er scherzend hinzu, »welche es sich zur Ehre rechnen 211 wird, anstatt meiner den Namen hinter einen dieser Tänze zu schreiben!« Und er nickt abermals und geht. D'Ouchy verneigt sich stumm. Er ist groß und schlank, sein Antlitz hebt sich sehr bleich gegen das tiefschwarze Haar ab, und zwei Augen glühen zu dem jungen Mädchen nieder, in welchen Leidenschaft, Geist und finsterer Stolz ein wundersam feuriges Gemisch bilden. Er wiederholt leise die Bitte um einen Tanz. Josephine blickt voll zu ihm empor, sie weiß es selber nicht, warum, aber sie lächelt ihm zu und sagt treuherzig: »Gewiß, Herr von Ouchy, mit Ihnen möchte ich sogar am liebsten einen Walzer tanzen, den kann ich am besten!« Da blickt er unverwandt in ihr Auge und sagt: »So geben Sie mir den Tischwalzer; da habe ich den Vorzug, auch noch während des Soupers Ihr Cavalier zu sein!« Sie nickt nur und sieht ihn mit den strahlenden Augen so dankbar an; Ouchy aber schreibt seinen Namen, verneigt sich stumm und geht an seinen Platz zurück. Josephine ist es, als ob er starren Blickes zu ihr herübersähe; aber nein, nicht er allein, die sämmtlichen Augen sind auf sie gerichtet, und die Gesichter, die sich nach ihr wenden, sehen so spöttisch aus, und sie stecken die Köpfe zusammen und lachen, lachen ganz gewiß über sie. Was ist denn an ihr, das so spaßhaft ist? Mit angstvollen Augen wendet sie den Kopf und sieht zum ersten Mal in den hohen Wandspiegel. 212 Ganz betroffen starrt sie sich an. Dieser unförmige, weiße Koloß mit der grellen Schärpe und den abstehenden Volants ist sie? Ja, jetzt erst fällt es ihr auf, wie anders sie gegen die übrigen jungen Mädchen aussieht, welche so schlank und atlasglänzend wie farbige Blütenkelche aus rieselndem Goldflor emporsteigen. Das Blut schießt ihr in die Wangen, sie atmet auf, als sich ein Schwarm neu angekommener Damen und Herren vor sie stellt, und drückt sich fester und fester gegen die purpursammetne Thürportière. Ach, könnte sie doch die schweren Falten derselben über ihr Kleid ziehen, damit es nicht gar zu breit und aufgeblasen aussieht! Scheu und angstvoll verharrt sie, gegen den Thürpfeiler und die Portièrenshawls gedrückt, und denkt mit zitterndem Herzen: »Ach, wenn er nur käme und mich hübsch fände, dann wär' Alles gut!« Da klingt eine Stimme an ihr Ohr; wie ein elektrischer Schlag durchzuckt sie's und läßt fast ihr Herz stille stehen vor Wonne und Entzücken. Dicht neben ihr, nur getrennt durch die Portière, hört sie deutlich Graf Günther sprechen. Er steht in dem Nebensaal und hat keine Ahnung, wie nahe ihm seine kleine Freundin aus Stauffen ist. »Ah, Pardon, Brocksdorff, ein Wort!« hört sie ihn rufen, ganz so hell und lachend wie daheim in Lehrbach, da er ihr von dem bunten, zauberischen Leben der großen Welt gesprochen, in welcher sie nun so bang und einsam steht und sehnsuchtsvoll 213 auf ihn harrt, der sie hierher gelockt. »Sagen Sie mal, bester Brocksdorff, ich sah Sie vorhin der Tanzkarte des Gänseliesels zum Opfer fallen. Thun Sie mir die einzige Liebe und sagen Sie mir, zu welchem Tanz haben Sie den unglückseligen kleinen Montblanc engagiren müssen?« »Lachen Sie nur!« entgegnet eine andere Stimme, halb ärgerlich, halb humoristisch, »Sie Unglücksrabe sind an dem ganzen Reinfall schuld. Hier, hinter der Polka vor dem Cotillon, können Sie lesen? Da steht als ewiger Klex auf meiner Tanzkarte: »Gänseliesel!« Zufrieden mit mir, Fortunatus?« »Danke tausendmal!« lacht Lehrbach entgegen, und Josephine hört, wie die Sporen mit leisem Silberklang zusammenklappen; »werde sofort mal hinschwirren und sie zu dieser Polka engagiren, › cela n'engange à rien! ‹ und ich habe wenigstens die Form gewahrt!« »Sie wollen gar nicht mit ihr tanzen?« »Aber, alter Freund, ich kann mich doch als Vortänzer bei Gott nicht zur Wachtel machen! Die kleine Hoheit bekäme ja Lachkrämpfe, wenn ich eine solch ridicule Tänzerin solo durch den Saal schwänge; eh non , dazu bin ich zu eitel. Nochmals tausend Dank, und . . . . nur Mut! bis zur Polka vor dem Cotillon ist noch lange Zeit, vielleicht wirft Ihnen Leukothea noch einen rettenden Schleier zu!« Und wieder leises Auflachen, die Portière knirscht in den schweren Atlasfalten, und Graf Günther 214 tritt hastig über die Schwelle in den Saal. Sein Blick schweift suchend umher, Josephine gewahrt er nicht. Ein wehes Gefühl hat das Herz des jungen Mädchens beschlichen: Wer mag das arme Gänseliesel sein, über die er so hart und spottend gesprochen und die er zur Polka vor dem Cotillon engagiren will? Armes, armes Ding, wenn sie den schönen Mann vielleicht lieb hat, ebenso heimlich und herzinnig wie sie . . . . Ihr glänzender Blick, in welchem alle Sehnsucht, alle fiebernde Erwartung durch Thränen zu schimmern scheint, brennt auf seinem Antlitz, und just, als hätte er den Blick gefühlt, wendet er das Haupt, Auge ruht in Auge, schnell tritt er näher und reicht ihr die Hand entgegen. »Schönen guten Abend, Fräulein Josephine. Welch eine charmante Ueberraschung, Sie hier zu sehen!« Und wirklich, das größte Erstaunen malt sich in seinen Zügen. »Soeben sagt mir Hattenheim, daß er bereits als Erster den Vorzug gehabt hat, Sie hier zu begrüßen.« Seine dunklen Augen senken sich in die ihren, und traurig, vorwurfsvoll fährt er fort: »Ich habe eben immer Pech, komme stets zu spät!« und er nimmt die Tanzkarte aus ihrer Hand. Tiefe Glut liegt auf ihrem reizenden, durch Frisur und Kranz leider so arg entstellten Gesichtchen. Mit jubelnder Freude blickt sie zu ihm empor, alles Warten, aller Kummer, alle Enttäuschungen sind vergessen in der Wonne dieses Augenblicks. 215 »O nein! Sie kommen nicht zu spät, Graf Lehrbach!« lächelt sie wie Sonnenschein zu ihm auf; »mit all' meinen Gedanken habe ich Sie zuerst hier in der Residenz, im Saal hier begrüßt und konnte es kaum erwarten, bis ich Sie nun wirklich wiedersah! O, wie glücklich, wie unendlich glücklich bin ich doch, daß ich hier sein kann!« Er senkt momentan den Blick. »Und wie geht es zu Hause? Bei Pastors?« »O, da muß ich Ihnen viel erzählen, unendlich viel und habe auch so viele Grüße für Sie, sogar Etwas mitgebracht von den beiden Kleinen, Liesing und Renatchen, den Zwillingen, die Ihnen ein sehr schön grünseidenes Buchzeichen gestickt haben; eigentlich wollte ich's mit hierher bringen, aber ich fürchtete, es in der Kleidertasche zu zerknittern. Nicht wahr, nun bleiben Sie doch bei mir? Und kommen mit zu Tante Renate und Onkel?« Sie sah bittend empor und wies mit der kleinen, ungeschickt behandschuhten Rechten ungenirt nach den Genannten hinüber, Günther aber grub die Zähne in die Unterlippe und bewegte etwas ungeduldig die Füße. »Fräulein Josephine,« sagte er, sich mit dem Rücken nach dem Saal drehend und ihr dann freundlich zulächelnd, »wissen Sie nicht, daß ich Vortänzer bin und unendlich viel zu thun habe? Sie dürfen mir nicht böse sein, wenn ich mich heute Abend weniger in Ihrer Nähe aufhalten kann, als ich wohl möchte; aber der Dienst . . . vous comprenez , und ganz gewiß, ich hole Alles wieder nach, werde Ihnen 216 im Hotel meinen Besuch machen, sowie ich Zeit habe. Geben Sie mir jetzt noch einen Tanz, dann können wir während desselben noch Alles besprechen; hoffentlich stimmen unsere Karten überein. Hätte ich nur gewußt, daß Sie kämen, hätte ich den Cotillon oder Souper für Sie reservirt, so ist es wirklich ein glücklicher Zufall, daß ich noch die Polka vor dem Cotillon frei habe; darf ich darum bitten? Voyons donc! « und er warf einen ersten Blick auf ihre Tanzkarte. »Die Polka vor dem Cotillon?« . . . Wie ein Aufschrei klang es von ihren Lippen. »O weh, schon besetzt!« rief auch Lehrbach, ganz brillant den Bestürzten spielend. »Das ist Schicksalstücke, meine Gnädigste, ich bedaure unendlich – aber mein Gott, was ist Ihnen?« Josephine klammerte sich an die Lehne des Sessels, welcher zu ihrer Seite an der Wand stand; fahle Blässe lag auf ihrem Antlitz, furchtbar dunkel und weit geöffnet starrten ihn die großen Augen an, die Lippen zitterten, und die Hand, welche sich auf ihr Herz preßte, knickte die weißen Kamelien. »Ist Ihnen nicht wohl, darf ich Sie in den Nebensalon führen?« fragte Lehrbach hastig; sein Blick schweifte von ihr zu der Saalthüre, vor welcher der Hofmarschall mit dem langen Stab erschien, mit dem er dreimal laut auf das Parquet stieß. Wie leises Aufschluchzen rang es sich aus Josephinens Brust. »Die Herrschaften kommen, um Gottes willen, 217 Fräulein Josephine, sind Sie krank?« wiederholte der schöne Mann noch einmal, und zwar mehr ungeduldig als beängstigt. Da schüttelte sie den Kopf. Jäh verändert war ihr Antlitz, jäh verändert ihre Stimme. »Es ist vorüber, Graf Lehrbach«, sagte sie, »ich danke für Ihre Hilfe, versäumen Sie Ihren Dienst nicht!« Und ohne eine Entgegnung abzuwarten, schritt sie erhobenen Hauptes durch den Saal zu Tante Renate zurück, welche allein auf einem Wanddivan saß. Lehrbach aber hatte ihre Worte kaum gehört, all' sein Interesse koncentrirte sich auf die allerhöchsten Herrschaften, welche soeben eintraten, und welchen er hastig entgegeneilte, um sich, dem Spalier der Herren vorn anstehend, tief und lächelnd zu verneigen. Mechanisch wie eine Marionette, bleich wie die weißen welkenden Blumen in ihrem Kranz, hatte sich Josephine verneigt, da sie den Herrschaften von Gräfin Aosta präsentirt wurde. Mit starren Augen hatte sie zu der brillantenstrahlenden Herzogin-Mutter aufgeschaut, ein paar freundliche Worte schwirrten vor ihren Ohren, welchen sie verständnißlos gelauscht hatte. »Sie werden nun länger bei uns bleiben?« schloß die hohe Frau, und Josephine knixte abermals und sagte mit heiserer, wunderlich rauher Stimme: »Das steht bei Gott.« Da traf sie ein erstaunter Blick, und die Fürstin schritt weiter, die Cour abzunehmen. Zu Josephine heran aber trat eine hohe, schlanke Gestalt, die 218 Herzogin Marie Christiane, mit schlicht gescheiteltem dunklem Haar und einem lang schleppenden schwarzen Sammetkleid, über welches goldene Spitzengewebe fielen; die neigte ihr so unendlich sanftes, trauriges Antlitz zu dem Fräulein von Wetter, sah sie mit ernsten Augen an und sagte: »Dann hoffe ich, meine liebe Baronesse, daß Sie ein häufiger Gast im Pavillon sein werden und mir recht viel von Ihrer stillen, friedlichen Heimat erzählen!« Da war es Josephine, als müsse sie die Arme um den Nacken dieser Frau schlingen und sagen: »Ja, Dich werde ich lieb haben!« Aber sie sah nur stumm empor, nickte hastig und fühlte, wie ihr die Thränen in die Augen schossen, und Marie Christiane folgte ihrer Schwägerin und schritt, sich schweigend vor den Spalier bildenden Damen verneigend, die Reihe entlang. »Kommen Sie in den Nebensaal, Fräulein von Wetter!« klang plötzlich die Stimme des Fräuleins von Dienheim hart in ihr Ohr, »Prinzeß Sylvie wünscht Sie kennen zu lernen!« Josephine zuckte empor, ein jäher Blick traf das Auge des Hoffräuleins, dann biß sie die Zähne zusammen und folgte hoch erhobenen Hauptes. Umringt von jungen Damen und Herren stand Prinzeß Sylvie, sie riß eben dem Grafen Lehrbach den köstlichen Federfächer aus der Hand und sagte mit ihrer lauten, metalllosen Stimme: »Her damit, den brauche ich selber bei der Pökelhitze!« und sie setzte die feinen Stäbe so stürmisch in Bewegung, 219 daß die Chenillefransen ihrer Corsage hoch aufwogten. Ganz zarter, silberdurchschwommener grüner Crêpe rieselte wie Meerwasser von ihrer hohen Gestalt zu langer Schleppe nieder, auf welcher gelbliche Wasserlilien in dicken Sträußen lagen und sich in graziösen Gewinden über den ganzen Saum des Kleides verzweigten. Smaragden blitzten wie ein Sprühregen in dem blonden Haar und lagen gleich zitterndem Netz auf Hals und Nacken, welche, ebenso voll und rot wie die Arme, wunderlich grell gegen die zarte Crêpefolie abstachen. Voll unverhohlener Neugierde richtete sie ihre Augen auf Josephine, sie ungenirt musternd und dann, hell lachend, ihr die Hand entgegenreichend. »Freut mich, Sie zu sehen, Fräulein von Wetter!« sagte sie, sichtlich amüsirt. »Graf Günther, Ihr sommerlicher Verehrer, hat uns schon viel von Ihnen erzählt und konnte es gar nicht erwarten, bis Sie glücklich hier waren! Nicht wahr, Sie Landstreicher?« Und Prinzeß Sylvie warf den Kopf zurück und sah Lehrbach übermütig an. » Allright! « persiflirte dieser und fächelte sich mit seiner Tanzkarte. Josephine stand regungslos; sie sah Graf Lehrbach nicht an, ihr Auge haftete groß und brennend auf dem Antlitz der Prinzessin. »Na, hoffentlich gefällt es Ihnen bei uns«, fuhr diese heiter fort, »und Sie leben sich schnell hier in die neuen Verhältnisse ein; es ist wohl das erste Mal, daß Sie von Groß-Stauffen fortgekommen sind?« 220 »Das erste und wohl auch das letzte Mal, Hoheit!« entgegnete Josephine hart und fest. »Aha, Sie wollen ganz bei uns bleiben!« nickte Sylvie. »Ganz recht! Auf so einer Landquetsche muß es ja rein zum Schimmeligwerden sein. Habe auch blitzwenig Sinn für Idyllen, kann's begreifen. Also vorwärts, wir wollen lostanzen! Detlef, sieh doch mal, ob dadrinnen das Geknixe bald fertig ist, und keinen Walzer, nur Galopp! Hören Sie, Graf? Mir ist's heute stürmisch zu Mut!« Prinz Detlef ließ das Monocle, durch welches er Josephine unausgesetzt betrachtet hatte, fallen, voltigirte mit einem »Platz dem Landvogt!« über Fräulein von Dienheims Schleppe und rief ihr dabei sehr hörbar zu: »Famose Augen, überhaupt gar nicht so übel, wie es auf den ersten Blick scheint. Aber an dem Kranz können sich drei Kühe satt fressen!« Fräulein Ilse und die Nächststehenden lachten schallend auf; Josephine aber stand regungslos, sie hatte die Worte wohl gar nicht auf sich bezogen. Der dienstthuende Kammerherr der Herzogin-Mutter schob sich unter unzähligen »Pardons« durch die lebende Mauer, welche sich im Nu um Sylvie und Fräulein von Wetter gebaut hatte, und verneigte sich tief vor der Prinzessin. »Königliche Hoheit, die Frau Herzogin lassen bitten!« flüsterte er mit außerordentlich wichtigem Gesicht, »Allerhöchst Dieselbe haben bereits im Kreise der Gesandtinnen und Excellenzen Platz genommen!« 221 »Gott sei Dank, dann geht's also los!« atmete Sylvie auf, sich hastig zur Thür des Nebensaals wendend. »Graf Lehrbach wird mit mir eröffnen, bleiben Sie an meiner Seite!« Und sie legte, aller Etiquette trotzend, die Hand auf den Arm des jungen Offiziers und ließ sich in den Tanzsaal führen. Die Staatsdame der Herzogin trat neben sie. »Verzeihung, Hoheit, wenn ich Ihre Anordnungen derangiren muß,« sagte sie, deutlich genug, um von Allen gehört zu werden. »Es war der Wunsch Ihrer erlauchten Mutter, den belgischen Gesandten durch den Vorzug, den Ball mit Ihnen zu eröffnen, auszuzeichnen.« »Den alten Holte van Ozede?« Sylvie schrie fast auf vor Lachen, »der mit seinem rechten Bein immer durch den Saal säbelt, als ob er Korn mähen wollte? . . . Nee, liebste Excellenz, das fällt mir auch gar nicht im Traume ein! Tante Marie Christiane übernimmt's vielleicht statt meiner, fragen Sie mal an!« Und unter dem stürmischen Beifall der Umstehenden stützte sich Sylvie noch fester auf Lehrbachs Arm und fuhr fort: » Allons donc! Wir müssen das Prävenire spielen, Graf, ehe nur Mynheer van Ozede Anstalten macht, sich was einzubilden; tanzen wir los!« »Hoheit, ich bin Wachs in Ihren Händen, aber . . .« Lehrbach zuckte etwas unschlüssig die Achseln. Sylvie stampfte trotzig das Parquet und warf 222 den Kopf in den Nacken. »Ich tanze aber mit keinem Anderen, als mit Ihnen!« rief sie eigensinnig, »und mit Mama will ich schon fertig werden!« Lehrbach schien zu wachsen, sein Blick flog wie eine stolze, unendlich kühne Herausforderung triumphirend über die atemlos lauschende Menge. In demselben Augenblick brausten die ersten Musikklänge durch den Saal. »Lostanzen!« kommandirte die Prinzessin und flog im nächsten Augenblick in Günthers Armen durch den flimmernden Lichterglanz. Prinz Detlef stand bereits erwartungsvoll mit Gräfin Aosta neben dem Sessel der Herzogin. Frappirt wandte er das Haupt, gleich seiner Mutter starrte er momentan sprachlos auf die Seitenthür, vor welcher die dicht gedrängten Paare plötzlich zurückwichen und durch welche Sylvie und Graf Lehrbach in vollem Tanz in den Saal chassirten. »Hahaha! Siehst Du, Mama, sie thut doch, was sie will!« rief Prinz Detlef mit vieler Genugthuung, verneigte sich vor der Aosta und wirbelte mit ihr davon. Schmal und klein genug war der Platz, welchen die vielen doppelten Reihen der Paare zum Tanzen übrig ließen, aber Prinzeß Sylvie und ihr schöner Tänzer jagten einen stürmischen Galopp, lang andauernd, unermüdlich, wie Sylvie nun einmal das Tanzen liebte. Herzogin-Mutter zürnte nicht. »Ein merkwürdig decidirter Charakter!« sagte sie mit wohlgefälligem Kopfnicken zu Marie Christiane, welche an 223 ihrer Seite Platz genommen hatte, »da heißt es biegen oder brechen! Aber ich liebe das bei jungen Leuten, namentlich bei Sylvie, welche von Kindheit an so absolut ihren eigenen Weg ging; aus dem kleinen Trotzkopf ist eisenfeste Energie geworden, und das versöhnt mich stets mit ihren zeitweisen Extravaganzen, welche ja au fond nur Beweise ihres so selten starken Geistes sind!« Und der Blick der hohen Frau folgte aufleuchtend dem jungen Paar, welches ihr in rasendem Tempo entgegenflog, um direkt vor ihrem Sessel, vor den purpurbelegten Stufen des haut pas , Halt zu machen. Scherzend drohte sie mit dem kostbaren Fächer; Lehrbach jedoch neigte sich tief über die gnädig dargereichte Hand, sagte etliche Worte und küßte die schlanken Finger; da sahen all' die neugierig emporgereckten Hälse und Augen nichts Anderes denn sonst: Der Protégé Lehrbach stand hinter dem Sessel der Herzogin und plauderte mit ihr wie einer, der auf dem Glatteis höfischen Parquets so sicher steht, wie auf festestem heimatlichen Boden. Sylvie aber hatte sich in einen Sessel geworfen und musterte mit etwas schnippischem Gesicht eine katholische Stiftsdame im Ornat, welche Marie Christiane an ihre Seite gewinkt hatte. 224 Zehntes Kapitel. Das ist ein Klingen und Dröhnen Ein Pauken und Schalmei'n – Und dazwischen schluchzen und stöhnen Die lieblichen Engelein! Heine.             Ganz allein und vergessen hatte Josephine in dem Nebensaal gestanden, als Prinzeß Sylvie am Arm ihres Tänzers den lockenden Walzerklängen gefolgt war und die umstehenden Herren und Damen in etwas zügelloser Hast nachgedrängt hatten. Mit glanzlosem Blicke starrte sie vor sich nieder auf die wirr verschwimmenden Sternmuster des persischen Teppichs, auf die weißen Blumenblätter, welche zerdrückt von ihrem Kleide herniederwehten und ebenso unter der erbarmungslosen Sohle Vorübereilender starben, wie ehemals die Rosenblüte im Park zu Lehrbach, die Graf Günthers stolzer Schritt zermalmte, da er just gesagt: »Wem nie durch Liebe Leid geschah.« Ja, ihr war Leid geschehen, tiefes, namenloses Herzeleid! Noch aber lag es wie ein schwerer, unheilvoller Traum auf ihrer Seele, noch war sie unfähig, sich die ganze Größe ihrer Qual 225 begreiflich zu machen. All' das fremde Getriebe betäubte sie und legte sich wie Centnerlast auf ihre Sinne, sie hätte aufschreien mögen in namenloser Pein und preßte dennoch die Lippen zusammen und fühlte, daß ihre Kehle zugeschnürt war. Sie hätte zusammenbrechen mögen unter der Wucht ihres zermalmten Glückes und stand dennoch mit brechenden Knieen hoch aufgerichtet und starr wie ein steinernes Bildniß. Ach, könnte sie weinen. Ach, wäre sie allein! Dieser Kerzenglanz sticht ihr die Augen aus, diese wüsten Musikklänge reißen ihr Herz und Seele auseinander, ganz einsam und verlassen ist sie, und dennoch wogt es wie grelle, bunte Fiebergebilde um sie her. Eine Stimme schlägt an ihr Ohr. »Fräulein Josephine,« sagt sie so weich und innig, »wie schwer haben Sie es mir gemacht, Sie zu finden! Kommen Sie, lassen Sie uns tanzen!« Da schauen ihre blauen, fast unnatürlich glänzenden Augen zu ihm auf. »Sie wollen mit mir tanzen, Herr von Hattenheim?« fragte sie leise, mit zitternder Stimme. Erschrocken fast neigte er sich zu ihr: »Gewiß, Fräulein Josephine, ich habe mich unendlich darauf gefreut, denn es ist seit langen Jahren zum ersten Mal heute, daß ich hier am Hofe tanze!« Ein Blick trifft ihn, so warm, so dankerfüllt, so unendlich glücklich und doch in Thränen schwimmend. »Wie gut sind Sie!« flüstert sie, »wie treulich 226 Sie es mit mir meinen! Gewiß, Sie, der keine Kornähre, noch so klein und schlicht, im Staub zertreten kann, Sie lassen auch kein Menschenherz im Jammer verkommen, und das begreife ich heute erst, erst heute!« Sie hat die beiden Hände zusammengelegt, ein Zittern fliegt drüber hin. »Fräulein Josephine, was ist Ihnen? Mein Gott, welch' eine Veränderung!« stottert er, bis unter die blonden Haarwellen erglühend; »sind Sie krank? Sie scheinen mir so bleich!« Sie schüttelt mit herzzerreißendem Lächeln das Köpfchen. »Es gibt Krankheiten, für die kein Kraut gewachsen ist, aber die sieht kein Mensch.« »Wollen Sie nicht tanzen?« Er faßte ihre Hand und legte sie auf seinen Arm. Da fühlte er einen jähen, leidenschaftlichen Druck der bebenden Finger, ihr Antlitz richtet sich zu ihm empor, glühende Röte fliegt über das farblose Antlitz. »Nein, ich will nicht mit Ihnen tanzen!« ringt es sich schnell, aufgeregt von ihren Lippen; »denn das wäre ein schlechter Lohn für all' Ihre Güte und aufopfernde Freundschaft, welche Sie mir heute bewiesen! Sie, der einzige Mensch, die einzige Seele, die sich meiner Verlassenheit heute Abend erbarmt, Sie sollte ich dem Gespötte dieser Menschen aussetzen? Sie sollte ich dazu verdammen, Ihre Tanzkarte mit dem ewigen Schandfleck ›Gänseliesel‹ zu verunstalten? Sie sollte ich so unendlich blamiren, mit mir, der lächerlichen, der 227 ungestalten Tänzerin, den Saal zu durchmessen? Oh nein, Herr von Hattenheim, dazu bin ich viel zu stolz!« Sie steht vor ihm, nicht mehr als das naive, glückselige Kind aus Groß-Stauffen, sondern als ein ernstes, um Jahre gealtertes Weib, von dessen flammendem Auge die Schleier gefallen sind, welche ehedem noch Welt und Leben deckten. Wie der furchtbare, hagelschwere Gewittersturm die Rosenknospe wild erfaßt und sie mit rauhem Atem schüttelt, bis die zarten Hüllen brechen und der Rose leuchtender Kelch sich, thränengebadet, ihnen entringt, also hatte auch der Sturm des Lebens diese junge Seelenknospe voll grausamer Wucht zu Boden gepeitscht, um sie als vollerblühte Rose triumphirend zu erheben. Hattenheim stand unbeweglich, fahles Grau lag auf seinen Zügen und seine Brust arbeitete wie in schwerem Kampfe. »Fräulein Josephine,« rang es sich wie ein Aufstöhnen von seinen Lippen, »wer hat es gewagt, Sie also zu kränken? Wer war schamlos genug, meinen Freund Lehrbach zu verklagen?« Da hob sie in finsterem Trotz das Haupt. »Forschen Sie nicht,« unterbrach sie ihn kurz, fast rauh, »und seien Sie überzeugt, daß ich auf Verläumdungen niemals Etwas gegeben hätte; habe ich doch kein größeres Glück gekannt, als das Vertrauen auf Treu' und Redlichkeit.« Wieder klang die süße, unaussprechlich wehmutvolle Milde durch 228 ihre Stimme. »Was hinter mir liegt, ist ein schöner, wolkenloser Sommer, über den der Winter nun sein weißes Leichentuch gebreitet. Lassen Sie ihm die Ruhe, scheuchen Sie ihn nicht mit herben Worten auf, vielleicht kann er schlafen und träumen, wie ein jeder Winter, der auf fernen Frühling hofft. Ich bitte Sie, dem Grafen Lehrbach niemals über diese Stunde zu sprechen, ich bitte Sie als Freund! Lassen Sie ihn in dem Gedanken, ich hegte noch dieselbe Meinung über ihn, wie in Stauffen.« »O, das sollen Sie auch in Wahrheit thun!« rief Hattenheim erregt. »Verurtheilen Sie Günther nicht zu streng und zu hart, Fräulein Josephine, er ist nicht so schlecht, wie er Ihnen scheinen mag! Ein Glückskind, ein verwöhnter, viel begehrter und eitler Mann, dessen Sinn so leicht noch ist, wie die Bürde seiner Sorgen, aber gut, seelensgut und brav im tiefsten Herzen, das verbürge ich! Zürnen Sie ihm nicht, ich bitte Sie darum, Alles wird noch gut werden.« Ein bitteres Lächeln spielte um den Mund des jungen Mädchens. »Sie treten keine Kornähre, geschweige denn Ihre Freundschaft unter die Füße!« sagte sie leise. »Möge sie Ihnen belohnt werden, wie es Ihre Redlichkeit verdient! Und nun führen Sie mich, bitte, in den Tanzsaal, ich möchte doch gerne sehen, wie schön Prinzessin Sylvie ihren flotten Galopp tanzt.« Er sah sie traurig an. »Kommen Sie,« nickte er, »vielleicht bringt Sie das bunte Treiben auf 229 andere Gedanken!« Und er biß die Zähne zusammen und faltete finster die Stirn. »Es mußte so kommen, ich ahnte es; ach, daß ich es hätte abwenden können!« murmelte er wie im Selbstgespräch. Gräfin Ange kam ihnen entgegen. »Ich suchte Sie, liebes Fräulein von Wetter,« sagte sie in ihrer sanften, freundlichen Weise, »und Sie müssen es sich schon gefallen lassen, daß ich heute ein wenig als Vorsehung über Ihnen walte! Ein junger Referendar wünscht Ihnen vorgestellt zu sein und bittet um den nächsten Tanz, falls er noch frei ist. Du bist wohl so gut und dirigirst Herrn von Landeck nachher zu uns, bester Reimar?« Herr von Hattenheim verneigte sich schnell, er sah den erstaunten Blick Josephinens und lächelte. »Gräfin Ange ist meine Kousine!« sagte er mit warmem Blick auf die Komtesse. »Da freut es mich doppelt, wenn Sie Beide sich gut vertragen.« »Das werden wir!« lächelte Josephine voll süßer Aufrichtigkeit. »Sie sind mir jetzt schon lieb wie eine alte Bekannte! Warum tanzen Sie aber nicht?« Ange drückte ihr herzlich die Hand. »Ich tanze vorläufig noch auf keinem Ball,« sagte sie; »ich hatte im Herbst eine Lungenentzündung und muß vorsichtig sein. Dafür kann ich aber desto besser mit Ihnen plaudern und Ihnen nochmals die einzelnen Namen der Herren und Damen sagen und Ihnen hiesige Verhältnisse erzählen!« Und Gräfin Ange Lattdorf 230 setzte sich auf die weichen Atlaspolster des Divans nieder und winkte Josephine und Hattenheim an ihre Seite. Die Walzerklänge jubelten hell auf, und Prinzessin Sylvie flog im Tanze durch den Saal; dunkle Röte deckte ihre Wangen, und sie lehnte den Kopf fest an die Brust ihres Tänzers, die zarten Crêpewogen wehten bereits zerfetzt um die Schleppe. Josephine aber schloß momentan die Augen und sah in Gedanken das Symbol ihrer Zukunft, die rote Rose, in Günthers Hand, wie der Blitz sie beleuchtet, wie der dräuende Himmel seine Thränen in ihren Kelch geweint. »Wem nie durch Liebe Leid geschah,« zitterte es wie ein schluchzendes Echo durch ihre Seele, »geschah durch Lieb' auch Liebe nie . . . .« Graf Günther aber lachte, und die Flöten und Geigen schmetterten ihren Gruß dazu. Wie ein farbenschillerndes Meer flutete es in den kurzen Tanzpausen durch die Säle, die angrenzenden Salons und Galerien; da lachte und flüsterte es, da rauschten die Fächer in coquetten Händen, da wirbelte Puder und glitzernder Goldstaub, wogten berauschende Parfums, und zwischendurch klirrten die hohen Sectkelche, welche ununterbrochen von den Lakaien auf silbernen Platten präsentirt wurden. Graf Günther hatte sich in der schmalen Galerie, welche den weißen Saal und Wintergarten verband, behaglich in einen Sessel geworfen, zwei bereits geleerte und ein noch volles Champagnerglas 231 neben sich auf dem von zwei Majolikamohren gestützten Kaminsims und den Fächer des Fräuleins von Dienheim lässig bewegend in der Hand. Hattenheim trat in die Thür, warf einen schnellen, spähenden Blick über den kurzen Gang und trat dann schnell und direkt auf Günther zu. Sein auffallend farbloses Antlitz sah förmlich alt aus, so tiefe Falten und Furchen senkten sich in die Stirn und um die Mundwinkel, düster brannten die sonst so heiter und mild blickenden Augen, und die Hand, welche sich dem Freund sonst bei jeder Gelegenheit so herzlich entgegenstreckte, hing regungslos, fest zusammengeballt hernieder. »Na, Dicker, führt Dich die Sehnsucht zu mir?« nickte ihm Lehrbach zu und dehnte mit einem Stoßseufzer die Arme, »'s ist mal wieder die reine Pferdearbeit heute Abend, fühle meine Knochen kaum noch! Setz' Dich doch, Alterchen, Du verbaust mir ja die Aussicht nach der interessanten Gruppe da drüben, wo die Katholikin eben dem protestantischen Stiftspfarrer den Katechismus abhört.« Hattenheim rührte sich nicht. Sein scharfer Blick hing an Lehrbachs Antlitz, als wolle er bis auf den Grund der Seele schauen; er sah, daß der junge Offizier diesen Blick mied, daß seine heitere Harmlosigkeit fingirt war. Fester noch preßte er die Lippen zusammen. »Du hast recht, Günther, es ist ein animirter Abend heute, so lustig und heiter, daß selbst ich die Absicht habe, zu tanzen.« 232 Betroffen schaute Graf Lehrbach empor, die Worte und die Stimme Reimars paßten so gar nicht zusammen. »Aha, Du willst tanzen? Recht so, Dickerchen! Du verdienst Dir Gottes Lohn und bethätigst mal wieder meinen alten Ausspruch, daß Du ein rührender Kerl bist. Kann mir schon denken, für wen Du Dich in einem schneidigen Cotillon aufopfern willst, habe auch auf Dich gerechnet, denn ich selbst, na, verstehst mich wohl, Reimar, als Vortänzer ging's bei Gott nicht!« »Nein, als Vortänzer kann man mit keinem Gänseliesel tanzen, man würde sich ja allzusehr mit seinem Opfer an den Pranger stellen, und das ist nicht vortheilhaft für den Protégé der Prinzeß Sylvie!« nickte Hattenheim mit bitterem Lächeln. »Habe es auch niemals von Dir erwartet, Günther, leider Gottes nicht.« »Ich weiß, daß ich Deine Vorwürfe verdiene, aber ich bitte Dich, eine andere Zeit und einen neutraleren Boden zu diesem tête-à-tête zu wählen.« Der Husarenoffizier hatte das schöne Haupt momentan gesenkt, er atmete schwer auf und streckte Hattenheim die Hand entgegen. »Wenn sie nur andere Toilette gemacht hätte, Reimar, aber dieser ridicule Staat aus Großmutters Schatzkästlein, beim Himmel, ich will lieber vierzehn Tage lang jeden Mittag Lungenhachée essen, als mich heute Abend mit dem kleinen Unglücksraben präsentiren!« Günther zwang sich wieder zu einem übermütigen Ton, drückte die 233 Hand des Freundes und sagte mit seinem so unwiderstehlich liebenswürdigen Lachen: »Ich amüsire mich heute Abend so brillant, Dicker, thu' mir die einzige Liebe und mach' nicht mehr dieses furchtbare Henkergesicht, sondern komm morgen zum Frühstück zu mir und sag' mir mit Deiner ganzen, zerschmetternden Ueberzeugung, daß ich ein grundschlechter Kerl bin! – Und wie ein Lämmchen will ich leiden, nur vergeben sollst Du mir!« fügte er trällernd, mit entsprechender Geste hinzu. Ueber Hattenheims Züge zuckte es wie tiefe Wehmut. »Ich kam nicht hierher, Dir Vorwürfe zu machen, Günther,« sagte er sehr ernst. »Dazu habe ich kein Recht. Aber ein anderer Grund führt mich zu Dir, ein Grund, über den Du vielleicht sehr lachen wirst, der Dir aber beweisen soll, wie gewissenhaft ich bin!« »Losgeschossen!« Graf Lehrbach schaute mit regem Interesse an der hohen Gestalt des Kameraden empor. »Erinnerst Du Dich noch eines Spazierrittes aus den ersten Tagen unserer Hierherkunft,« begann Reimar, einen Augenblick die Hand über Stirn und Augen legend, »bei dem wir unsere Ansichten austauschten und, so zu sagen, die Pakten unserer Freundschaft erneuten?« »Das versteht sich!« nickte Günther etwas erstaunt, winkte einen Lakai herzu, nahm ein neues Glas Sect und offerirte auch Hattenheim. Dieser dankte mit kurzer Geste und fuhr gedämpfter fort, 234 sich auf den Sessel an Lehrbachs Seite niederlassend, um den Blick voll auf das Antlitz des Freundes zu werfen: »Wir machten scherzweise aus, uns gegenseitig niemals in das Gehege zu kommen, wo es den Meisterschuß mit Amors goldenen Waffen gelte; und ich versprach Dir, Deine allerhöchste Genehmigung einzuholen, falls ich jemals die Absicht haben sollte, zu tanzen, die Cour zu machen, mich zu – verlieben. Ich hielt dies Alles damals für Dinge der Unmöglichkeit und glaubte nicht, daß ich jemals in dieser Angelegenheit zu Dir sprechen würde; ich habe mich geirrt, wie schon oft im Leben, und was mich in diesem Augenblick zu Dir führt, ist die Auslösung jenes Wortes.« »Reimar, Dicker, Goldjunge!« schrie Lehrbach auf, schnellte empor, legte beide Hände auf die Schultern des Sprechers, um ihm mit hochgerötetem Antlitz in die Augen zu schauen. Hattenheim wehrte ihn jedoch finster ab, schüttelte fast trotzig das Haupt und fuhr mit schneidender Stimme fort: »So frage ich Dich denn, lieber Freund, ob ich Dein Nebenbuhler bin, wenn ich mich um die Gunst des Fräuleins von Wetter, des Gänseliesels, bemühe?« Momentan schaute Lehrbach drein, als wisse er nicht, ob er es hier mit Ernst oder Scherz zu thun habe, dann lachte er laut und übermütig auf, warf sich in den Sessel zurück und rief: »Nein, bei Gott nicht, Reimar! Nimm sie hin, sie sei Dein; meinen Segen obendrein!« 235 »Ich danke Dir.« Hattenheims Stimme klang fast ironisch, aber in seinem Auge leuchtete es wundersam auf. Lehrbach wurde ernster. »Hattenheim, ich hoffe, Du scherzest; Du willst mich auf recht wunderliche Weise ärgern.« »Durchaus nicht.« Reimar erhob sich und stand hoch aufgerichtet vor dem jungen Offizier; sein Antlitz war bleich, nur über die Stirne flammte es, und sein Atem flog schnell und mühsam. »Wohl uns, daß unser Geschmack so verschieden ist, hoffentlich bleibt er auch so, und das Wort, das Du mir gegeben« – Hattenheims Stimme erhob sich fast drohend und klang wie eine heimliche Herausforderung – »wird zum Fundament unseres gegenseitigen Glückes, denn es ist das Wort eines Ehrenmannes!« Fast gebieterisch bot er die Hand dar, und Günther schlug ohne jegliches Zaudern ein, mit einem Gesicht, als ob er sagen wollte: » tant de bruit pour une omelette! « Dann faßte er sein Sectglas, hob es Reimar entgegen und leerte es in hastigem Zug. Mit schrillem Klang schlug die silberne Kette, welche von Ilses Fächer herniederschaukelte, gegen den zarten Glaskelch – ein breiter Sprung lief quer durch den geschliffenen Rand. Keiner der beiden Herren schien es bemerkt zu haben. »Auf Wiedersehen!« sagte Hattenheim und wollte sich zum Gehen wenden, die Introduction einer Quadrille schallte aus dem Tanzsaal herüber. 236 Lehrbach aber hielt seine Hand mit jähem Druck noch fest, neigte sich dicht zu seinem Antlitz und sagte voll Aufrichtigkeit: »Dies tête-à-tête eben war recht wunderlich, Reimar, gehst Du als Freund von mir?« Da sahen ihn die redlichen blauen Augen mit gar seltsamem Ausdruck an, eine unendliche, opfermutige und wehmutvolle Liebe leuchtete daraus entgegen, sekundenlang ruhte Blick in Blick, dann atmete Hattenheim tief auf und sagte voll schwerer Betonung: »Ich kam als Freund zu Dir, Günther, und gehe als ein solcher; wie treu ich es aber als Freund meine, und wie hoch mir die Freundschaft gilt, das wird Dir erst die Zukunft beweisen.« Hastig, fast ungestüm, erwiderte er den Händedruck, wandte sich schnell ab und schritt hocherhobenen Hauptes durch die Galerie zurück. Lehrbach sah ihm nach. »Ein wunderlicher Heiliger,« dachte er, »aber ein Herz von Gold. Du hast recht, Du ahnungslose Welt, wenn Du mich Fortunatus nennst!« – – Hattenheim ging geraden Weges zur Oberhofmarschallin. »Verehrteste Tante, dürfte ich Dich um wenige Minuten Gehör bitten?« flüsterte er unter den geräuschvollen Musikklängen zu ihr nieder, und Gräfin Lattdorf nickte ihm freundlich zu, erhob sich und schritt an seinem Arm einem etwas isolirt stehenden Eckdivan zu. Hattenheim sprach lange, gedämpft und sehr 237 eindringlich; er konnte bitten wie ein Kind, unermüdlich, mit so treuherzigem Blick. Die Gräfin hörte zu, ohne ein einziges Mal zu unterbrechen. Dann legte sie die schmale Hand auf seinen Arm und sah ihn voll an: »Du bist eine brave Seele, Reimar, und was in meinen Kräften steht, soll gewiß geschehen, um Dir behülflich zu sein. Soeben sprach ich mit Frau von Wetter, sie ist in hohem Grade erbittert über das kühle, unfreundliche Entgegenkommen der Gesellschaft, der alten Freunde selbst, welche kaum Zeit gefunden haben, sie zu begrüßen; auch scheint sie sehr gekränkt, daß Josephine so wenig florirt, und erklärte mir sehr entschieden, daß dies der erste und letzte Ball gewesen sei, welchen sie hier in der Residenz während dieser Saison besucht; sie will ^ à tout prix nach Stauffen zurück. Ich werde mich aber bemühen, Deinen Intentionen gerecht zu werden, und auch Gelegenheit suchen, der Herzogin-Mutter meine Meinung über eine derartige Behandlung altangesessener Familien zu äußern. Eine kleinste Auszeichnung der Herrschaften würde genügen, die Stellung der Wetterschen Familie vollständig zu restauriren.« Hattenheim drückte in unendlicher Dankbarkeit die Hand der Sprecherin; diese aber fuhr mit fast neckendem Tone fort: »Und wenn Frau Renate absolut nicht zu bewegen ist, hier zu bleiben, lieber Reimar, was würdest Du dann Deiner Tante für eine Decoration um den Hals hängen, wenn sie 238 sich sogar erböte, ›lütt Josephining‹ als lieben Gast den Winter über da zu behalten?« »Für eine solch außerordentliche Güte und Freundlichkeit ist noch kein Orden gestiftet worden, teuerste Tante, denn sie ist einzig in ihrer Art!« rief der junge Mann mit dunkeler Glut auf Wangen und Stirn, neigte sich hastig und küßte die zierliche Hand, welche noch immer auf seinem Arm ruhte. »Nicht einmal Herz und Seele kann ich Dir in treuester und vasallenhaftester Ergebenheit zu Füßen legen, denn darüber verfügst Du schon seit langer Zeit als eine unendlich gnädige Herrin!« »Deinen Dank nehme ich als eine gerechte Belohnung aus Deinen strahlenden Augen entgegen,« lächelte die Hofmarschallin, »aber Herz und Seele gebe ich Dir zurück, denn ich glaube, Freundchen, die hast Du momentan selber viel zu nötig, wenn Du sie überhaupt noch besitzest!« Und sie erhob sich und that einen schnellen Umblick. »Dort sitzt Frau von Wetter, wieder allein bei Josephine und Ange, allons donc , ein günstiger Moment, meine Mission zu beginnen!« Sie sah nicht das wehmütige Lächeln, welches die Lippen Hattenheims bei ihrer scherzenden Bemerkung umspielt hatte, sie schritt, auf seinen Arm gestützt, hinter dem Gewühl der tanzenden und Spalier bildenden Paare hindurch, um wenige Augenblicke später mit vieler Freude von Tante Renate begrüßt zu werden – – Prinzessin Sylvie hatte bereits Unglaubliches 239 im Tanzen geleistet. Ihr Antlitz glühte wie eine voll erschlossene Rose, halb aufgelöst hingen die blonden Haarsträhnen in Stirn und Nacken hernieder, und um den Kleidersaum wehten die zerfetzten Crêpestreifen, welche der Toilette einen unsagbar chiffonnirten Anstrich gaben. Zwar nahm ihre hohe Trägerin die Schleppe ungenirt auf und riß die defekten Garnirungen mit kräftiger Hand ab, knäulte sie ungeduldig zusammen und warf sie auf den ersten besten Divan. Lachte dann hell auf, wenn Graf Lehrbach solch einen »Flicken« mit vielsagendem Blick und nicht immer sehr unbemerkt auf die Brust unter die Uniform schob, und sagte höchstens mit einem Fächerklapps: »Lumpensammeln ist nicht gentlemanlike , Lehrbach! Da . . . hier haben Sie ein besseres Souvenir!« Und sie warf ihm den glitzernden Fächer zu und machte ein Gesicht dabei, als existire keine Seele weiter im ganzen Saal außer dem schönen Mann an ihrer Seite. Welch' eine reiche Sammlung von Fächern, Blüten, Taschentüchern und Handschuhen hatte Günther bereits daheim in seinem Schreibtisch aufgestapelt! Und jedes einzelne Stück war ein Souvenir! Die kurze Tanzpause, die letzte vor dem Souper, hatte soeben begonnen. Die jungen Damen plauderten in kleinen Gruppen, naschten von den präsentirten Süßigkeiten und beobachteten ihre Nebenbuhlerinnen. Die Mütter begannen bereits hinter den Fächern zu gähnen, oder fieberten vor Verlangen, einer Anrede 240 der höchsten Gastgeber gewürdigt zu werden, um so mehr, da die hohe schlanke Gestalt der Herzogin-Mutter sich heute nur sehr selten von ihrem Sessel erhob, um eine kleine Tournée bei den älteren Herrschaften zu machen. Sie war noch immer erkältet, und ihre Robe von maisgelbem Atlas mit dem Tablier von etwas härter nüancirtem Brocat ließ die tiefe Blässe ihres schmalen Gesichtes noch merklicher hervortreten. Der Ordonnanzoffizier hatte auch voll rührender Ausdauer mit dem Hermelinkragen auf dem Arm hinter der hohen Frau gestanden, bis ihm endlich ein huldvoller Wink gestattete, denselben um die Schultern der Fürstin zu legen. Da war er reich belohnt für seine Geduld. Marie Christiane hatte nur während des ersten Tanzes an der Seite der Herzogin-Mutter gesessen; dann war es wohl ganz absichtslos gekommen, daß sie, längere Zeit mit Franz Eginhard plaudernd, bei dem plötzlich beginnenden Tanz einen isolirteren Platz gewählt, ihre Hofdame und die Landjägermeisterin zur Seite, welchen sich im Laufe des Abends noch verschiedene Freunde des Pavillons anschlossen, bis sich schließlich eine Saalecke bildete, in welcher man viel dunkele Ornatsgewänder beisammen sah. Einmal hatte sich Marie Christiane direkt zu Frau von Wetter und deren Nichte begeben, welche recht verlassen auf ihrem Divan gesessen hatten, um längere Zeit angelegentlichst mit ihnen zu plaudern. 241 Gräfin Aosta bemerkte es und wandte sich mit spöttischem Achselzucken zu einer Palastdame. »Sie macht Proselyten!« lachte sie, laut genug, um von Prinz Detlef gehört zu werden; der wechselte auch einen schnellen Blick mit ihr, verneigte sich und bat um eine Extratour. Sylvie stand in einem Nebensalon, löste die Tanzkarte von ihrem Gürtel und sah flüchtig darauf nieder. Lehrbach trat an ihre Seite. » The lancers! « las die Prinzessin, rümpfte die Nase und warf geringschätzend die Lippen auf. »Wieder diese viereckige Langeweile. Ich begreife gar nicht, Fortunatus, warum Sie diese entsetzlichen Tänze hierhin drucken lassen!« »Könnte ich alle Galopps mit Ihnen tanzen, Hoheit, würde ich nur solche auf die Tanzordnung setzen,« entgegnete der junge Offizier langsam, mit viel Betonung und einem tiefen, etwas kühnen Blick in das Auge der Fragerin. »So aber bin ich egoistisch genug, Ihren anderen Partnern solche Touren zuzudenken, welche Ihnen durch ihr ursprüngliches Genre die Tänzer gleicherzeit mit verleiden!« Sylvie hatte die Wimpern tief über die Augen sinken lassen, ihr verschleierter Blick ruhte auf dem schönen Angesicht des Grafen, schnell und heftig atmete sie auf; dann zuckte ihr Kopf in den Nacken, und mit der ihr eigentümlichen eckigen Bewegung sagte sie laut und ungeduldig: »Ein infamer Backofen hier! Ich bin schon ganz aufgelöst vor Hitze und sehne mich danach, etwas frischere Luft zu 242 atmen. The lancers werden wohl auch ohne mich klappen, und wenn sie's nicht thun, hol sie meinethalben der Kukuk! Ihren Arm, Lehrbach! Ich wünsche einen Gang durch den Wintergarten zu machen!« Und ohne nur eine Entgegnung abzuwarten, legte sie ihre Hand fest auf den Arm des Husaren und wandte sich der Galerie zu. Am Anfang derselben standen mehrere kleine Spieltische, an welchen die älteren Herren sich nach Kräften amüsirten und es oft in erstaunlichen Ziffern bewiesen, auf welch goldenem Boden die meisten Stammbäume des Landadels Wurzeln geschlagen. Auch Franz Eginhard, welcher Tanz und leichte Konversation nicht sonderlich liebte, hatte sich mit einem fürstlichen Gesandten, dem Minister Grafen Lehrbach und Prinz Alexander zum Whist niedergesetzt, schäumende Champagnergläser klirrten auf, Goldstücke rasselten unter den weißen, brillantblitzenden Händen, welche sie zusammenwarfen; sonst aber herrschte tiefe Stille, nur Prinz Alexander hüstelte hie und da etwas nervös auf, und die Musikklänge tönten gedämpft und abgerissen aus dem weißen Saal herüber. In der Nähe am Kamin, die Augen unverwandt auf die fürstlichen Herren gerichtet, lehnte der Ordonnanzoffizier, Herr von Reuenstein, in ängstlicher Gewissenhaftigkeit bereit, sofort dienstbeflissen hinzuzuspringen, falls dem Herzog oder Prinzen eine Karte entfallen sollte. Auch konnte man ja nicht wissen, ob vielleicht der Herzog eine 243 Cigarette anzuzünden wünschte und ein Schwefelholz dazu brauchte . . . Sylvie und Lehrbach schritten auf weichem Teppich vorüber, die Prinzessin warf ihrem Bruder scherzend die weiße Lilie, welche sie aus ihrem Gürtelstrauß gezogen und mit welcher sie auf der flachen Hand Jongleurkünste exercirte, in die Karten, nickte ihm und dem Minister zu und musterte Herrn von Reuenstein, dessen Haupt sich vor ihr bis fast zum Teppich neigte, mit etwas sarkastischer Grimasse. Das Auge des Ordonnanzoffiziers folgte dem jungen Paar. Es war ein böser, hämischer Blick, welcher konstatirte, daß das Ziel der Wanderung der Wintergarten war; für sein Leben gern wäre er gefolgt, um interessante Neuigkeiten auszuspioniren, aber er kannte die Tragweite solcher Indiskretionen und wußte, daß das Pflänzlein Klatschrose nirgends üppiger, aber auch nirgends giftiger und gefährlicher sproßt, als auf dem Parquet. Und sich die Finger verbrennen? Nein, dazu war er doch nicht mit so unendlicher Mühe bis auf die erste Sprosse der Leiter geklettert, deren Spitze in einen Feldherrnstab und strahlende Fürstengunst auslief. Vielleicht konnte er andere Augen finden, die für ihn sehen, andere Ohren, die für ihn hören; es gehen ja so viele ältere Damen mit Vorliebe in den Wintergarten. Also aufgepaßt; da kommen schon zwei, drei Personen. Schade. Es ist Hattenheim, der beste Freund Lehrbachs, seine Cousine Ange und der kleine, weiße Zuckerhut 244 von Groß-Stauffen. Fräulein von Wetter ist nicht so übel, wie sie auf den ersten Blick scheint, sie hat entzückende Augen, einen Teint, wie ein blasses Rosenblatt, und dazu ein eigenartiges Lächeln, das immer schmerzlicher wird, je weiter der Abend vorrückt . . . Arme Kleine, es war sehr hart, daß Niemand sich Deiner Tanzkarte erbarmte. Ich hätte Dich ja gern engagirt, ich, Baron von Reuenstein, der Ordonnanzoffizier, denn trotz Deiner ridiculen Toilette hat mir Dein reizendes Gesichtchen höchlichst wohlgefallen. Aber, wie konnte ich! ich, der Ordonnanzoffizier! Alle Welt lacht und spottet ja über Dich! Man nennt Dich Gänseliesel, und, was das Schlimmste ist, Graf Lehrbach hat Deine Verhältnisse mehr als armselig geschildert, also nicht einmal eine gute Partie! Und nur um in Deine hübschen Augen zu sehen, sollte ich, der Ordonnanzoffizier, so unglaublich verwegen gegen den Strom schwimmen? Bedaure unendlich, allerliebstes Gänseliesel, aber dazu bin ich doch viel zu sehr Hofmann, der seine Feder immer so bläst, wie der allgemeine Atem weht! So war ungefähr das Selbstgespräch, welches der junge Offizier am Kaminsimse hielt, da er mit dem verschwommenen Blick den Vorüberschreitenden folgte. Im Wintergarten wehte eine feuchtwarme, stark durchduftete Treibhausluft. Fontainen plätscherten im lauschigen Grün, Orangenbäume badeten sich in einem Meere von Wohlgeruch, und auf dem weichen 245 Sand malten sich die zackigen Schatten der Palmen, Agaven und köstlich getürmten Philodendrons, welche ihre Blattkronen hoch über den blühenden Gebüschen und Pyramiden wölbten. Zwei Broncelöwen flankirten die Ruhebank, welche, unter wiegenden Schneeballen und Fliedertrauben halb versteckt, zum Rasten einlud. Vor ihr schlängelte sich der rötliche Sandweg, welcher in mannigfachen Windungen, viel verzweigt und labyrinthisch durch Grotten und Spaliere geführt, den ganzen, außerordentlich großen Raum des Wintergartens durchschnitt, welcher einen um so ausgedehnteren Eindruck machte, als sich ihm in direkter Verbindung die weitläufigen Gewächshäuser anschlossen, welche sämmtliche Ziersträucher und exotischen Gewächse des Schloßgartens im Winter beherbergten. Auf der Bank, zurückgelehnt gegen die kühlen Zweige der Kamelien, saß Prinzessin Sylvie, das Antlitz zu dem jungen Kavalier erhoben, welcher sich mit leicht vibrirender Hand auf die Broncelehne stützte und sich tief zu dem blonden Weib herniederneigte. »Und was haben Sie mir zu sagen, Hoheit?« fragte er leise mit dem so eigentümlich dunklen, heißen Klang in der Stimme. Sylvie atmete hastig. »Den Marsch machen will ich Ihnen, Sie unartiger Mensch,« rief sie mit einem Blick, in welchem Koketterie und Harmlosigkeit um den Sieg stritten. »Glauben Sie vielleicht, Ihre bodenlosen Verläumdungen armer, 246 unschuldiger Menschen kämen mir nicht zu Ohren? Jetzt einmal gebeichtet, Sie Méchant, wer ist die Königin von Saba?« Günther kreuzte die Arme über der Brust und verneigte sich tief, – »in ernster Anwendung meine unendlich kluge Prinzessin, welche mich soeben durch ihre Allwissenheit überrascht, – in » méchanter « Anwendung jedoch selbstverständlich nur die Frau Baronin von Tessin!« »Himmel – dies Kameel!« – schrie Sylvie auf – »Sie sind unerhört, Lehrbach!« »Urteilen Sie selbst, Hoheit. – Neulich stehen wir vor dem neuen Gemälde Munkacsys: »Christus vor Pontius und Pilatus!« – Die Baronin sieht es lange, lange und schweigend an; endlich rümpft sie verächtlich die Nase und zischt durch ihre zwei einsamen Vorderzähne – fehlt ja eine Hauptperson!« »Und welche, meine Gnädigste?« frage ich eifrig, in der festen Ueberzeugung, mein Wissen jetzt außerordentlich vervollkommnen zu können . . . Sylvie hob drohend den Finger – »Nun mein Gott« . . . hier steht »Christus vor Pontius und Pilatus!« – schmetterte die Baronin in gellender Entrüstung, – »ich sehe aber nur den Pontius . . . und der Pilatus? mein verehrter Graf – sehen Sie ihn vielleicht?« »Au! . . . Kalau!!« – Sylvie warf sich brüsk zurück, und lachte mit weitgeöffnetem Munde dergestalt, daß es an den Glaswänden wiederhallte, – »Sie übertreiben, Lehrbach, – »zwar historisch aber 247 nicht wahr!« heißt die Devise, unter welcher Sie der armen Tessin dieses neue Anekdötchen aufhalsen!!« – Günther zuckte mit einem feinen Lächeln die Achseln. – »Hören Sie weiter! – Jüngst ging ich stillvergnügt durch die neuen Anlagen, und hatte keine Ahnung, daß daselbst Frau von Tessin ihren Wechsel hat –« »Gut waidmännisch gebrüllt Löwe!« – »Ich fiel ihr demzufolge zum Opfer, und mußte sie ein Stück Wegs vor den Verfolgungen des Verschönerungsvereins schützen, welcher, wie man sagt, der Baronin zehn Mark geboten hat, wenn sie die Anlagen meiden wolle« – – – – – – »Sie sind ein empörendes Schandmaul, Fortunatus!« – »Da begegnet uns eine Compagnie Infanteristen, welche die Fahne abgeholt hat, und unsagbar stolz diese Trophäe, welche zu Lumpen zerschossen ein Stück Weltgeschichte erzählt, vor sich herträgt. – »Aber ist es möglich!« schreit die Tessin auf, –»wie kann man solch zerfetzte Fahne auf die Straße schicken! Ist denn keine der Regimentsdamen ambitiös genug solchen Scandal zu verhüten und die Löcher da zu flicken, oder neues Zeug zu kaufen? . . . Tableau!!« Sylvie hatte das Spitzentaschentuch gegen ihr hochgerötetes Antlitz gepreßt und lachte Thränen; Günther aber sah sie mit einem schalkhaften Lächeln außerordentlich harmlos an, und fragte mit tiefen Augen: »Und nun wollen Sie sich wundern, wenn ich diese seltene Frau: »Königin von Saba« nenne?« 248 Die Prinzessin riß eine Fliedertraube von dem schwankenden Ast und zerrupfte die einzelnen Blüten, um sie gegen Lehrbachs Wange zu werfen. »Gott soll Einen vor Ihrer Zunge bewahren, Graf, sie ist unglaublich boshaft, und doch würde es ewig schade sein, wenn Sie sich bessern wollten!« Einen Moment herrschte Schweigen; wie irres Auflachen klangen die Geigen aus dem Saal herüber, weiche, berauschende Duftwolken säuselten um die jungen, fieberheißen Stirnen. »Haben Sie mir gar nichts zu erzählen?« Ein fast herausfordernder Blick blitzte aus den grauen Augen zu dem schönen Mann empor. »Zu erzählen?« Günther seufzte leise auf, neigte sich noch tiefer auf den blonden Scheitel der Prinzessin hernieder und sah sie mit seinen dunklen Augen an: »Zu sagen hätte ich wohl viel, Hoheit, doch da ich es nicht darf, so muß es denn beim Erzählen bleiben! Ich kenne eine traurige Mär, die mir heute wilder denn je durch die Sinne braust, eine Geschichte, die so uralt scheint und doch so neu ist, die man mir vielleicht als prophetisches Liedlein an der Wiege gesungen hat und deren Inhalt mir die düsteren Nornen in das Lebensbuch geschrieben haben, just in das Kapitel, welches bei anderen und glücklicheren Sterblichen von blühender Myrte umrankt ist!« »Und das Märlein heißt?« Wieder sanken die Wimpern tief verschleiernd über die Augen der Fragerin. Die Worte klangen leise, wie gepreßt 249 durch die Zähne, und die Lilienkelche zitterten an der heftig atmenden Brust. »Kein Glück und kein Stern!« flüsterte Graf Lehrbach mit brennendem Blick. »Hörten Sie niemals von dem blonden, vielreizenden Königskind, dem armen, verliebten Pagen und den zertretenen Blaublümlein unter dem Kemenatenfenster, die des jungen Knaben Herzblut tranken?« Sylvie sah empor, sah wie gebannt in sein Auge. Ihre vollen Lippen waren halb geöffnet, durstend, schmachtend und doch von einem wunderlichen Zug umspielt, als ringele sich eine kleine Schlange durch dies Lächeln. »Nein,« sagte sie kurz, »will auch davon nichts hören; bin selber solch ein blondes Königskind, welches . . .« sie verstummte jäh. »Welches –?« Lehrbachs Hand griff in die Zweige des blühenden Kirschbäumchens, wie silberner Schnee wirbelten die weißen Blättchen auf Haupt, Hals und Schooß der Prinzessin nieder, in stummer, glühender Frage brannte sein Auge auf ihrem Antlitz. »Welches nun und nimmer dulden würde, daß Blaublümlein unter dem Kemenatenfenster zertreten würden!« Laut und hart klang ihre Stimme, die weißen Zähne schnitten in die Unterlippe, und doch lachte sie mit bezauberndem Blick zu dem Mann an ihrer Seite empor und neigte das Haupt noch näher zu seiner Schulter. »Und ob ich Dich liebe, was geht's Dich an!« recitirte Günther mit dämonischer Gewalt in der 250 Stimme. »Versuchen Sie es – verbieten Sie es einem Herzen, aus Liebe für Sie zu brechen.« »Dazu muß ich erst wissen, wo ein solches Herz zu finden ist!« Seine Antwort war sein Blick. »Kein Glück – kein Stern,« fuhr Sylvie träumerisch fort, »und der alte Refrain – sie mußten Beide sterben, sie hatten sich viel zu lieb . . . wie ist doch jene goldene Zeit der Fabel so sentimental und so langweilig!« Sie lachte plötzlich hell auf, warf den Kopf keck in den Nacken und sah mit dem ihr eigenen Gemisch von Spott und Leidenschaft voll in Günthers Auge. »Da lobe ich mir doch unsere moderne Zeit, zu deren göttlichem Leichtsinn ein Offenbach seine Musik geschrieben! Damals waren die Wasser, welche das Königskind von seinem Lieb trennten, gar viel zu tief, ›und ließ sie zusammen nicht kommen‹, heut zu Tage aber baut die liebenswürdige Caprice einen Kahn, umsegelt geschickt die Klippen, welche auf der Tanzkarte The lancers heißen, und landet das blonde Königskind und den getreuen Pagen im dämmerigen Zaubergarten, unter dessen Palmen man jedoch auch jetzt noch nicht ungestraft wandelt, wenn man darüber das Souper vergißt. Kommen Sie, Fortunatus, lassen Sie an meiner Seite das Märchen leben, dessen Inhalt von schöneren Blüten als zertretenen Blaublümlein spricht!« Und sie sprang ungestüm empor, schüttelte lachend die Blütenflocken aus dem Haar und legte ihre Hand auf seinen Arm. 251 »Prinzessin . . . von welchen Blüten soll dies Märchen der Zukunft reden?« Lehrbach stand regungslos, seine Stimme bebte. Sylvies Blick flog über die farbige Pracht des Bosquets, sie brach schnell ein Zweiglein Lorbeer und reichte es ihm mit schillerndem Blick. »Von diesen hier!« sagte sie leichthin, »von dem Kraute der Unsterblichkeit, welches die Stirn der göttlichen Lieblinge schmückt und welches sich einzig dem goldenen Reife auf der Fürstenstirn anschmiegen darf. ›Lorbeer‹, Graf Lehrbach, ist die zauberische Brücke, welche selbst die gähnendste Kluft überspannt, also hoffen wir auf Krieg und Sieg, welcher Ihnen diese Krone mitbringt!« Es lag ein scharfes Lächeln auf den Zügen der Sprecherin, und die Worte »diese Krone« klangen beinah wie das Kichern des kleinen Hochmutsteufels; kühl wie Schneeluft wehte es den jungen Offizier aus den grauen Augen und der herben Stimme an. Die Lippen zusammengepreßt, eine Falte auf der Stirn, hatte Lehrbach auf den Lorbeer gestarrt, dann aber beherrschte er sich schnell, lächelte sein einnehmendstes Lächeln und zog die Hand mitsammt dem grünen Reis an die Lippen. »Wohl mir, Hoheit, daß diese Hand den ersten Zweig zu einem Kranz gepflückt, welcher zum hohen Ziel meines Lebens werden wird!« In demselben Augenblick rieselte es wie eine weiche Schleppe, klangen gedämpfte Schritte auf dem Sandweg; jäh zusammenzuckend wich Josephine 252 von Wetter zurück und starrte tief erbleichend auf Graf Lehrbachs schönes Antlitz, welches sich in langem Kusse auf die Hand der Prinzessin neigte. Günther richtete sich empor, warf mit einem Lächeln und schnellem Blick auf Josephine, Ange und Hattenheim das Haupt in den Nacken und schritt, Ihre Hoheit am Arm, mit einem etwas forcirt selbstbewußten Gesicht an ihnen vorüber. Sylvie nickte Gräfin Ange unendlich harmlos zu, klopfte Josephine en passant auf die Schulter und sagte mit huldvollstem Lächeln: »Sie haben Ihren schönen Freund vortrefflich gezogen, little country-miss ! Die paar Wochen in ländlicher Einsamkeit haben ihn zu dem liebenswürdigsten und anspruchslosesten Menschen gemacht, den man sich nur denken kann, er küßt selbst die Hand, welche ihm das bittere Kräutlein Lorbeer reicht!« Ein leises, kurzes Auflachen, dann schritt die Prinzessin am Arm ihres Tänzers vorüber; wie ein schillernder Eidechsenleib raschelte die lange Schleppe hinter ihr her und fegte die Kamelienblüte mit sich fort, welche Josephine durch den jähen Schreck aus den Fingern geglitten war. Sie stand und schaute dem Paare nach, bis Sylviens burschikose Stimme verklang, bis das silberne Gewand zum letzten Mal hinter den Spalieren hervorleuchtete. Dann strich sie mechanisch mit der Hand über die Stirn, richtete die großen, glanzlosen Augen auf Hattenheim und fragte wie Eine, die plötzlich aus langem Traum erwacht: 2530 »Kann denn eine Prinzessin einen Mann heiraten, der keine Fürstenkrone trägt?« Hattenheim schaute düster vor sich hin, Gräfin Ange jedoch lächelte seltsam und entgegnete: »Sie kann es wohl, aber – sie thut es nicht! Seltsam, mir fällt immer des Ekkehard kurze Geschichte ein: ›Und es war ein dunkler Nachtfalter, der flog zum Berg hinauf und flog um das Licht und wußte, daß er verbrennen müsse. . . .‹« Hattenheim lachte ingrimmig auf: »Der Nachtfalter war ein dummer Teufel! heißt's am Schluß des Märleins!« »War ein Husarenoffizier, der hoch hinaus wollte!« schüttelte Ange leicht ironisch das Köpfchen. »Verbrannte die Flügel! – ich fürchte, so heißt der Schluß des Märleins und der Wahrheit!« »Es ist so schwül hier, ich mag keine roten Rosen sehen!« sagte Josephine mit zitternder Stimme, »lassen Sie uns umkehren!« Allein, mit schwer bewölkter Stirn saß Tante Renate auf dem Wanddivan, als die drei jungen Leute zu ihr zurückkehrten. Ihr scharfer Blick traf das bleiche, verstörte Antlitz Josephinens, sie schrak empor, ihre Hand krampfte sich unwillkürlich um den derben Elfenbeinfächer. »Bist Du krank, Phine?« fragte sie kurz. Wie durch Thränen traf sie der Blick des jungen Mädchens. »Mein Kopf thut grausam weh, lieb Tanting!« nickte sie, preßte die Hand aber dabei auf das Herz. 254 Frau von Wetter erhob sich schnell. »So laß uns nach Hause.« »Ach ja, nach Hause!« Wie ein Aufschrei klang's. »Jetzt schon, vor dem Souper, Frau Baronin?« rief Gräfin Ange mit ehrlichem Bedauern. »Das ist ja unendlich schade für unsere netten Pläne, wir wollten so gemütlich an einem kleinen Tisch zusammen sitzen!« Die Freifrau drückte ihr die Hand. »Sie meinen es gut, liebe Komtesse, aber ich glaube, Josephine und ich haben keinen sonderlichen Appetit auf fernere Genüsse, einfachen Landmenschen wie uns liegt solch ein Fest gar wunderlich schwer im Magen! Grüßen Sie Ihre liebe Mutter von mir, wir werden ihr morgen unseren Abschiedsbesuch machen, jetzt möchte ich nicht stören, sie spricht mit der Herzogin; und bitten Sie, daß sie unser Gehen mit dem Unwohlsein meiner Nichte bei den Herrschaften entschuldigt!« Josephine war es, als wallte ein grauer Nebel vor ihren Augen, sie stützte sich schwer auf den Arm der Tante, welche ihr mit besorgtem Blick denselben darbot: »Komm, mein Herz, Du bist das bunte Getreibe der großen Welt noch nicht gewöhnt,« und sich zu Hattenheim wendend, fuhr sie mit freundlichstem Ton und Blick fort: »Sagen Sie es, bitte, meinem Mann, daß wir vorausgefahren sind, Herr von Hattenheim, ich möchte ihn nicht stören, er amüsirt sich so gut. Und nochmals viel herzlichen Dank, daß Sie sich unserer so liebenswürdig angenommen haben!« Hattenheim neigte sich stumm 255 über die dargereichte Hand und küßte sie. In seinen Zügen arbeitete es wie namenlose Erregung, und seine Stimme klang schluckend, als er nach kurzer Pause entgegnete: »Sie gestatten mir, die Damen zu dem Wagen zu geleiten.« Ange drückte Josephinens Hand: »Wir nehmen keinen Abschied, wir sehen uns wieder!« Ein herzzerreißendes Lächeln antwortete ihr; dann schritten sie über die weichen Teppiche des Nebensaals, zum Vestibul hinaus, die marmornen Stufen hinab, zu deren Seiten die weißen Azaleen und Schneeglöckchen die Köpfe erfroren hängen ließen. Wie hatten sie so freudig die zarten Blättchen zu den flammenden Girandolen erhoben, da Josephine hier die Treppe emporgestiegen war, ebenso glückselig und zuversichtlich, ebenso bebend und lustgeschwellt wie das Herz der lieblichen Mädchenknospe, und nun kehrte sie nach ein paar kurzen, kurzen Stunden zurück, und es war ein Frost gekommen und hatte Beide geknickt, die weißen Blüten und das junge Herz, und aller Lust war ein schnelles Ende gemacht. Die Schneesternchen wirbelten durch die scharfe Winterluft und stürzten sich in die qualmenden Pechflammen, als wollten sie sagen: »Es ist kalt, uns friert, habt Mitleid, nehmt uns an euer heißes Herz und laßt uns erwarmen!« Aber das Feuer züngelte grell empor, knisterte wie ein höhnisches Auflachen und faßte die weißen Flocken – da sanken sie zu ihm nieder und starben. 256 Josephine fühlte es kühl auf ihr Antlitz wehen, aber sie schritt unbedeckten Hauptes zum Wagen. Was sollte sie denn schützen? . . . den welken Kranz in ihrem Haar? . . . dessen Zeit war um. Hattenheims Hand umschloß die ihre. »Auf Wiedersehen!« hatte er gesagt, und der Flackerschein der Lichter hatte sein Antlitz gestreift, just, als ob sich eine Strahlenkrone auf die Stirn herniedersenke. Ja, er verdiente sie, der treue, häßliche Hattenheim, der Einzige, der des Gänseliesels Namen freiwillig auf die Tanzkarte geschrieben, der Einzige, der sich ihrer nicht geschämt hatte. Und der Wagen sauste davon, der Lichtglanz erlosch, noch einmal grelle, hellaufjubelnde Geigentöne . . . dann summte es gedämpfter und immer ferner, und dann ward es dunkel und still. Josephine aber lag laut aufschluchzend an der Brust der Freifrau; eine zitternde Hand strich über ihr Haupt, zwei Lippen drückten einen Kuß auf ihre Stirn, und eine weiche, wehmüthige Stimme flüsterte leise: »Armes, armes Kind Du! . . .« Dann kam eine lange, einsame Nacht. Oft steht ein lieblich Bäumlein im Frühling, mit großen, schwellenden Knospen, um welche Sonnenglanz und schmeichelnde Lüfte wehen, mit ihrem Kosen die Blüten zum Licht zu locken, aber die Augen des Lenzes schlafen weiter, unberührt, als ginge sie dieses holde Grüßen gar nichts an. Plötzlich aber rauscht und saust es durch die Wipfel, 257 Blitze zischen, es kracht und wettert rings, und dann fallen Tropfen, dick, schwer, voll schmerzlicher Wucht, immer mehr und mehr, ein endloser Strom, welcher die zitternden Zweiglein badet und dann wird's still. Wenn aber das Morgenlicht die Erde grüßt, dann steht der schlafende Baum in fremder, köstlich stolzer Pracht; dann hat er einen rosigen Schleier um das Haupt geworfen gleich dem jungfräulichen Weibe, dessen Auge sich dem Leben, dem Glück, der Liebe erschlossen, das in kurzer, rätselhafter Wandlung plötzlich aufgehört, ein Kind zu sein! Wunderlich Mädchenherz, du gleichst dem knospenden Baum der Frühlingsnacht. Sonnig Lächeln weiht und segnet deine Kinderstirn, aber nur die Thränen großen, namenlosen Schmerzes wecken des Weibes heilig ernste Majestät. »Wem nie durch Liebe Leid geschah, geschah durch Lieb' auch Liebe nie.« 258 Elftes Kapitel. »Doch wenn sie liebt, nimm Dich in Acht!« »Carmen« Bizet.             Die eleganteste Straße der Residenz war die Bellevue, eine Filigranarbeit köstlichster Gitter, hinter welchen inmitten tadellos gepflegter Gärten, reservirt und hoch aristokratisch die einzelnen Villen lagen. Sie zog sich längs des Parkes in gerader Linie dem Palais zu, gewissermaßen eine Verlängerung des Schloßplatzes, um welchen sich die Gesandtschafts-Hotels, die Privathäuser des Prinzen Detlef und verschiedener auswärtiger Fürstlichkeiten, Museum, Galerien und der Dom gruppirten. Den Platz zum Teil noch überblickend, dicht am Beginn der Bellevue, lag die Villa Carolina. Hochstämmige Ulmen und Lindenbäume beschatteten im Sommer ihr Dach, welches sich platt, mit verschiedenen allegorischen Figuren geschmückt, über das einstöckige, blendend weiße Gebäude breitete, dessen Seitenwände zwei mächtige, von Säulen getragene Balkons flankirten. 259 Ein hohes Broncegitter säumte den schmalen Vordergarten, zwei geschmackvolle Reverberen erhoben sich neben der Thüre. Der Hofmarschall, Graf zu Lattdorf, bewohnte Villa Carolina. In dem kleinen Boudoir der ersten Etage, welches den Austritt auf den linksseitigen Balkon gewährt, sitzt eine junge Dame, trotz des Zwielichts noch eifrig über ein Buch geneigt. Ein dunkles, sehr elegantes Kleid fällt in weichen Falten von ihren Hüften, spannt sich knapp um die schlanke, außerordentlich graziöse Figur, und schließt mit goldener Stickerei hoch an dem Hals. Die letzten Reflexe eines roten Abendhimmels spielen auf dem blonden, sehr modern und kleidsam frisirten und von weichen, duftigen Stirnlöckchen umzitterten Köpfchen. Der Schnee fällt dichter draußen; dürre Weinranken werden von dem Wind über die Balkonballustrade geweht, düsterer färbt sich der Himmel und die Schatten werden tiefer in dem kleinen Salon. Da läßt die junge Dame das Buch sinken und streicht langsam mit der Hand über die Stirn, wendet das Antlitz zum Fenster und blickt regungslos hinaus in das tolle Treiben der Schneesternchen. Es ist Josephine von Wetter. Ist sie es auch wirklich? Kaum, daß man sie wiedererkennt, so wundersam hat sie sich verwandelt. Noch ist es dasselbe rosige, süße Gesichtchen, welches Graf Lehrbach im Heu der heimatlichen Flur gezeichnet und 260 »Gänseliesel« getauft hat, aber es ist kein Kindergesicht mehr, ein ernster, veredelnder Hauch liegt darüber, welcher sich oft sogar in schmerzlichen Linien um die Lippen zieht. Die Stirn scheint markiger geworden zu sein, sie trägt plötzlich das charakteristische Gepräge der Familie, nach welchem man die Freiherrn von Wetter so oft »Trotzköpfe« geheißen hat, die kleine Falte senkt sich scharf zwischen die dunkeln Augenbrauen. Auch der Blick hat sich verändert. Wohl ist ihm der lachende Glanz noch eigen, aber er zeigt sich nicht mehr so wie früher, er scheint seelenvoller, sinnender, kühler und mehr in sich gekehrt, oft sogar sprüht es wie Stolz und leidenschaftlicher Trotz daraus hervor. Die Künste der Schneiderin und Modistin haben jede Aehnlichkeit mit dem Groß-Stauffener Haideröslein wie mit Zauberei verwischt. Da sieht man es, wie Kleider Leute machen! Ueber der ganzen Erscheinung der jungen Dame schwebt der Nimbus distinguirtester Eleganz; wenn Josephine einen Blick in den hohen Wandspiegel wirft, vom lockigen Scheitel bis hinab zu dem zierlichen Hackenstiefelchen, und dann an die steifen Kattunkleider und die Nagelsohlen von daheim denkt, dann muß sie unwillkürlich die kleine Hand an die pochende Schläfe pressen, es ist ihr wie ein Traum. Tief in die Sammetpolster ihres Sessels zurückgelehnt, liegt sie und starrt träumend in die wirbelnden Schneeflocken hinaus. So hatten sie auch an jenem Unglücksabend in tollem Tanze die 261 Luft durchflimmert, an jenem Abende, welcher bestimmt gewesen war, einen jähen Wendepunkt ihres Lebens zu bilden. Wie Nebelbilder ziehen die Stunden, die Bilder jenes Hofballes an ihr vorüber. Ihr Herz krampft sich zusammen in dem Gedanken an all' die namenlos bittere Qual, welche ihrer jungen Seele so erbarmungslos der Liebe Leid kund gethan. Sie blutet noch fort, die Wunde, welche Falschheit und Spott ihr geschlagen, wenn's obenauf auch ruhig geworden ist, gleich dem Wasserspiegel, unter welchem viel blühendes Leben begraben liegt, das Sturm und Flut zur Tiefe riß. Die Erinnerung an den ersten Ball verschwimmt in einem Meer von Thränen. Kaum weiß sich Josephine noch klar zu entsinnen, wie es gekommen, daß sie hier in Villa Carolina eine zweite Heimat gefunden. Sie erinnert sich noch, daß am nächsten Morgen Onkel Bernd mit selig verschwärmtem Gesicht von dem vortrefflichen Souper erzählt hat, von den zahllos vielen alten und neuen Freunden, welche ihn permanent umringt haben, um sich seine »Kaiserbegegnungen« mitteilen zu lassen, wie er fast den ganzen Abend in diesen, seinen liebsten Erinnerungen geschwelgt hat. »Es war ja Spott – bitterer Hohn – ein nichtswürdiges Spiel, das sie mit Dir ahnungsloser Seele getrieben!« hätte Josephine aufschreien mögen, sie preßte die Lippen zusammen und schwieg. 262 Dann hatten sie angefangem ihre Sachen wieder einzupacken. Sie erinnerte sich noch, wie ein Lakai kam und ein Billet von der Hofdame, Gräfin Aosta, brachte, welches die überraschende Mitteilung enthielt, daß Königliche Hoheit, die Frau Herzogin-Mutter die Frau Baronin von Wetter zu einer Audienz in das Palais befehlen ließ. Und Tante Renate setzte mit vieler Genugthuung den violetten Sammethut auf und machte ein so resolutes Gesicht, als gälte es jetzt, mit aufgestreiften Aermeln für ein gutes Recht zu kämpfen. Sie war davongefahren, lange Zeit ausgeblieben und dann mit etwas schiefgewehter Coiffüre und hochrotem Kopf wieder heimgekehrt. Ihr Auge blitzte, und ihren energischen Schritten und Bewegungen sah man es an, daß sie innerlich hochbefriedigt war. Onkel Bernd fieberte vor Neugierde und that sofort sechs Fragen auf einmal, seine gestrenge Hausfrau aber sagte nur lakonisch: »So! . . . Jetzt hab' ich's mir mal vom Herzen geredet und hab' der Herzogin ein Licht über ihre liebenswürdigen Residenzler aufgesteckt! . . . Weiß nun, was an den lieben Freunden dran ist! Aber sehr freundlich war sie und bedauerte sehr, daß sich Phine gestern Abend nicht gut amüsirt hat, meinte, weil sie noch zu fremd sei, würde schon bald anders werden!« Und jäh vor das junge Mädchen hintretend und beide Hände auf ihre Schultern legend, fragte sie kurz und hart: 263 »Sag' Phine, möchtest Du wohl noch hier bleiben?« Da hob diese ihr blasses Gesichtchen, und zum ersten Mal trat der Charakterzug der Wetters scharf in dem Antlitz hervor. »Ja, Tante, für mein Leben gern, es graut mir vor der Stauffener Einsamkeit!« sagte sie entschlossen. Die Augen der alten Dame blickten sie durchdringend an. »Auch allein . . . ohne Onkel und mich – als Besuch bei Ange Lattdorf?« fuhr sie mit etwas vibrirender Stimme fort. »Mich bringen keine hundert Pferde wieder auf einen Hofball.« Wenn die Freifrau ein ängstliches Aufschrecken, ein heftiges Sträuben gegen diese Trennung erwartet hatte, so irrte sie; Josephine sah sie ruhig an, ohne mit einer Wimper zu zucken, schien förmlich empor zu wachsen unter tiefem Atemzug und entgegnete: »Auch allein, liebe Tante, wenn es nicht anders sein kann; bei Lattdorfs schon am liebsten, denn ich habe Ange aufrichtig gern!« Zuerst schien Tante Renate fast beleidigt durch diese schnelle Zustimmung, dann aber überlegte sie es sich anders, nickte befriedigt und strich mit der Hand über der Nichte Blondköpfchen. »Das ist recht, Kind, mußt anfangen selbständig zu werden, um allein Deinen Weg zu finden. Einsam wird es uns zwar sein, ohne Dich, ganz wunderlich einsam, aber im Frühling kommst Du ja wieder, und es ist besser für Dich und uns, wenn die Wirtschaft daheim beaufsichtigt bleibt. Hat mir schwer genug auf der 264 Seele gelegen, wie's drunter und drüber gehen wird ohne mich!« Onkel Bernd kämpfte wie ein Held mit seiner Rührung. Nachmittags war man dann zur Villa Carolina gefahren. Mit unendlich vieler Liebe und Herzlichkeit wurde Josephine im Familienkreise aufgenommen; sie kam sich keinen Augenblick fremd unter diesen Menschen vor. Tante Renate verhandelte lange Zeit mit der Gräfin, welche sie nach dem Thee bat, ihr in den Nebensalon zu folgen – wie sie scherzend sagte. »Ich weiß, liebe Gräfin, daß meine Nichte vollkommen neu equipirt werden muß,« kam Frau von Wetter sofort auf des Pudels Kern. »Die altmodischen Fähnchen passen nicht mehr hier in die elegante Welt, das habe ich gestern gesehen. Du lieber Gott, Sie dürfen mir keinen Vorwurf machen, daß ich mich nicht früher umgeschaut habe, aber fast zwanzig Jahre aus dem Lande leben, heißt mehr als verrosten. Josephine soll und darf es an nichts fehlen, sie hat unseren Namen zu repräsentiren! Wenn Sie die Güte hätten, teuerste Frau, mir eine Liste mit den nötigen Toiletten und Mänteln, Hüten \&c. \&c. aufzusetzen, würde ich unendlich dankbar sein! Ich schreibe noch heute Abend an Gerson und lasse die ganze Bescheerung zusammen kommen!« »An Gerson?« Gräfin Lattdorf zuckte die Achseln und sagte mit vertraulichstem Plauderton: »Dazu 265 würde ich Ihnen nicht raten, Sie machen sich unnötig eine enorme Depense, denn Gerson ist wohl gut, aber doch recht teuer! Ich kann Ihnen eine bessere Quelle nennen, aus welcher ich seit langen Jahren alle Toiletten für mich, meine beiden verheirateten Töchter und Ange bezogen habe! Es ist ein hiesiges Konfektionsgeschäft, eines unserer ersten, renommirtesten und solidesten Häuser. Die Toiletten sind sämmtlich hochelegant und originell, ohne auffallend zu sein, dabei von superber Façon, welche mit den sehr civilen Preisen kaum in Einklang zu bringen ist; wie gesagt, der ganze inländische Adel zählt zu der Kundschaft dieser Firma.« Tante Renate war gern einverstanden, beide Damen besprachen noch die diversen Details, und dann kehrten Herr und Frau von Wetter mit vielen herzlichen Dankesworten in das Hotel zurück, Josephine blieb gleich in dem reizend behaglichen Fremdenzimmer, welches bereits für sie hergerichtet war. Dann kam der Abschied von den Pflegeeltern; Lattdorfs und Hattenheim gingen mit an den Bahnhof. Josephine hatte nicht geweint, nur hinterher, am Abend, in der Dämmerung war sie in ihr Zimmer gegangen, hatte das Antlitz auf die weißen Stickereien ihres Kopfkissens gedrückt und bitterlich geschluchzt. Komtesse Ange folgte ihr und schlang zärtlich die Arme um das einsame, unglückliche Kind; da 266 war ihrer Freundschaft erster Knoten geknüpft . . . . Die nächsten Tage waren voll Trubel und Aufregung. Gräfin Lattdorf fuhr jeden Vormittag mit Josephine von Laden zu Laden, kaufte ihr all' die tausend eleganten Dinge, welche eine Dame von Stande nötig hat, um vor der Kritik ihres Spiegels bestehen zu können. Die Kammerjungfer frisirte sie in der nämlichen Art wie Ange, und die Komtesse jubelte hell auf, drehte die kleine » country-miss « nach allen Seiten und konnte sich an der reizenden Verwandlung gar nicht satt sehen. Nach ungefähr acht Tagen war die erste Toilettenlieferung fertig gestellt, zwei dunkle Hauskleider und eine hellseidene Abendtoilette. Josephine kam sich zuerst recht fremd und beklommen in den neuen Sachen vor, welche so ganz anders an ihrem Körper saßen, als die Stauffener Blousen und Röcke, welche Tante Renate mit Hilfe der Nähmamsell des nächsten kleinen Marktfleckens meist selbst geschneidert hatte, aber die Kammerfrau der Gräfin, welche die Anprobe hielt, rief ein um das andere Mal wahrhaft enthusiastisch: »Brillant, gnädiges Fräulein, wie angegossen sitzt Alles! – oh, mon Dieu , wie das Ihre Figur verändert!« Und Ange und die Gräfin nickten sehr befriedigt, und sagten, »sie sei gar nicht wieder zu erkennen!« Da trat Josephine vor den Spiegel und schaute ganz betroffen auf die schlanke, elegante 267 Erscheinung, welche das Glas zurückwarf. War sie das? Nein, das war ein bunter, strahlender Schmetterling, welcher plötzlich aus der grauen Larve geschlüpft war. Dann begriff sie nicht, wie sie jemals so geschmackloses Zeug, wie die soeben abgestreiften Wollenfalten hatte tragen können, und wenn sie an ihre Hofballtoilette dachte, stieg ihr das Blut in die Wangen. Auffallend war es, welche Aehnlichkeit sie jetzt in der Figur mit Gräfin Ange hatte. Diese bewegte sich nur graziöser und eleganter, hatte ein so sicheres Auftreten und wußte so verständig und welterfahren zu reden, da bat Josephine mit süßem Schmeichelwort, sie doch als gelehrige und dankbare Schülerin anzunehmen. All' die Aeußerlichkeiten konnte sie ihr schon trefflich absehen, aber die Lücken in der Bildung, namentlich in der Belesenheit empfand sie selber sehr schmerzlich. Ange lachte und sagte: »Du bist gerade klug genug, liebes Herz, und Deine Naivetät wird den Menschen besser gefallen, als all das mühsam aufgepfropfte Wissen, mit welchem Blaustrümpfe und Schöngeister renommiren! Die Lektüre guter Bücher wird Dir schnell den Schliff geben, welchen Du Belesenheit nennst!« Und sie hatte ihren Bücherschrank geöffnet und ihr einen Roman gereicht: »Benutze jeden freien Augenblick und lies! Hier lernst Du das Leben der eleganten Welt und des Hofes kennen, das wird zwar manchen Nimbus von Deinen Idealen streifen, aber Dir doch sehr nützlich sein! Und hier findest Du mehr zum Lesen, wenn es Dir gefällt, moderne 268 Sachen, über die man sprechen und ein Urteil haben muß!« Ach lesen! Mit welcher Leidenschaft las doch Josephine! Oft mangelte ihr das rechte Verständniß für die Verhältnisse, dann fragte sie Ange. Mehr und mehr schlossen sich die jungen Mädchen einander an, es däuchte Beide, als seien sie seit langen Jahren so innig vereint und sich zugethan gewesen. Der ernste, sinnende und doch so praktisch gesunde Sinn der jungen Komtesse hatte das gefunden, was er brauchte, eine Freundin, welcher sie Etwas sein konnte, welcher sie unentbehrlich war, welcher ihre reichen Fähigkeiten dienen konnten. Sie sorgte, unterwies, bemutterte und bildete heran, sie liebte Josephine aufrichtig um ihres lauteren Herzens, ihrer süßen Natürlichkeit halber. Nie hatte sie vorher das Bedürfniß gehabt, sich so herzlich an eine andere junge Dame der Gesellschaft anzuschließen, die waren so fertig, so superklug und so unendlich welterfahren und modern. Sie verkehrte mit Allen, ohne einer Einzelnen näher zu stehen, obwohl sie große Unterschiede zwischen ihnen machte, sie empfing die Mädchen wohl, aber sie nahm sie nicht bei sich auf. Hattenheim verkehrte viel in dem Lattdorfschen Hause. Mit dem Vorrecht des Verwandten kam er oft freundschaftlich und ungebeten zum Thee, oft allein, hie und da in Begleitung eines Freundes, welcher mit Gräfin Ange musiciren wollte. 269 Mit großen Augen, fast betroffen hatte Reimar auf Fräulein von Wetter geschaut, da sie ihm zum ersten Mal »verwandelt« entgegentrat. Er war frappirt von soviel Schönheit und Anmut, welche ihr Licht bis jetzt so unbegreiflich unter den Scheffel gestellt hatte. Josephine reichte ihm die Hand, fragte mit ihrem herzigen Kinderlächeln, wie ihm das Gänseliesel denn als Städterin gefalle, und ob er sie auch so gewaltig verändert finde? Sie hoffe es, denn es habe arg notgethan! Da stieg ihm das Blut in die Schläfe, er sagte ihr ein paar ungeschickte Worte, die aber sehr schmeichelhaft klangen, und stand wieder schweigend und schaute sie verstohlen an. Als er der Gräfin »Guten Abend« sagte, umspannte er ihre Hand mit fast schmerzhaftem Druck. »Du hast es herrlich verstanden, Tante, ich danke Dir dafür, nun wird sie anders im Ballsaal stehen!« flüsterte er, aber es lag eine tiefe Wehmut in seinem Blick, und im Herzen dachte er: »Wie lieb war sie mir mit dem häßlichen Kleid und dem krausen Kinderkopf, das ist hin, ewig hin, nun wird sie nie mehr lachen wie früher, 's ist ein Rauhreif gefallen und hat die kleinen Falten um die Lippen und in die Stirn gesenkt, und Günther hat es auf dem Gewissen.« Und wie er an Graf Günther dachte, da blitzte sein Auge plötzlich auf, und sein Blick flog wieder über Josephinens reizende Erscheinung, stolze Genugthuung schwellte seine Brust. 270 Noch hatte Fräulein von Wetter kein größeres Fest nach jenem ersten Hofball besucht, sie wollte bis Neujahr warten, um dann mit Ange zusammen die Saison zu beginnen. Graf Lehrbach hatte sie einmal flüchtig wiedergesehen, als sie zur Mittagsstunde durch den Park geschritten war, um Ange, welche eine Visite bei einer kranken Excellenz abstattete, entgegenzugehen. Da waren ihr drei sehr laut konversirende Spaziergänger entgegen gekommen, die Prinzeß Sylvie in kurzem Jaquet, beide Hände in den Taschen und eine Schwippgerte unter den Arm geklemmt, Fräulein von Dienheim im kecken Jägerhut mit einem Hund an der Leine, und zur Seite Graf Lehrbach. Alle drei waren plötzlich verstummt und hatten sie starr angesehen, Sylvie bediente sich sogar in ungenirtester Weise ihres Kneifers. Dann hatte Josephine gegrüßt und ihre ganze Aufmerksamkeit der Prinzessin geschenkt, Günthers Blick vermeidend. Aber sie hatte es bemerkt, daß er sich noch hastig nach ihr umwandte, und hörte die Stimme Sylviens: »Donnerwetter – das war ja Ihr ländliches Idyll, Fortunatus!« – dann eilte sie mit fiebernder Hast weiter. Jener Gang durch den Park hatte übrigens noch ein Nachspiel. Als Josephine an den Pavillon kam, stand sie einen Augenblick still, um sich an dem entzückenden Anblick des kleinen Schlößchens zu erfreuen. Die 271 klare Wintersonne beleuchtete die weißen Säulen und weckte blitzende Funken auf der Kuppel und den Minarets, welche sich wie märchenhafte Zauberbauten gegen den klaren, blaugrauen Winterhimmel abhoben. Der Schnee lag auf den grünen Fichten, Taxus und Cederbosquets, so frisch und fleckenlos, als sei ein glitzernder Schleier über sie gebreitet, und droben auf dem Balkongitter hing der dichte Epheu wie eine festliche Guirlande, durch welche die vergoldeten Pfeilspitzen der Stäbe wie grelle Sternchen aufleuchteten. Als Josephine die Front umgehen wollte und die Biegung des Weges durchschritt, wich sie unwillkürlich zurück und blieb momentan, in Anschauen versunken, hinter dem dichten Bosquet des stachlichen Houx stehen. An einem geöffneten Fenster der ersten Etage stand Herzogin Marie Christiane. Ein dunkler Pelz lag auf ihren Schultern, ein schwarzes Spitzentuch umhüllte das Haupt und ließ das schmale, durchsichtig bleiche Gesicht fast geisterhaft grell hervortreten. Mit weißen Händen streute sie Brodkrumen und Getreidekörner auf den beschneiten Rasen hernieder und sah es mit ihrem milden, geduldigen Lächeln, wie das zwitschernde Völklein kleiner Perlhühner, Pfauen, Tauben und überwinternder Vögel sich darüber her stürzte, piepsend, flatternd, gurrend und oft naseweis zum Fenstersims emporstrebend, um die Körnlein schon unter den Fingern der Fürstin wegzustibitzen. 272 Kaum, daß Josephine das reizende Bild ganz mit dem Blick erfaßt hatte, schrak sie auch schon jäh empor und stürmte mit leisem Schreckensruf zwischen die gefiederten Gäste Marie Christianens. Ihr Schrei fand droben am Fenster ein Echo. Mit täppischen Sprüngen war der junge Hühnerhund des Prinzen Alexander von der freien Balkontreppe des Parterres herabgejagt, war schneller als der Gedanke mitten zwischen die scharrende Schaar gestürmt und hatte ein Perlhühnchen gefaßt, um es in einem Spiel auf Tod und Leben unter den Pfoten zu halten. Mit gellendem Geschrei stäubte das bunte Völkchen auseinander, aber gleichzeitig flog ein großer Ballen Schnee aus Josephinens Händen gegen den Hund, welcher mit linkischem Satz zur Seite sprang und momentan sein Opfer freigab. Fräulein von Wetter sprang zu, raffte das Hühnchen empor, welches halb betäubt, kläglich piepsend, mit den Flügeln schlug, und nahm es wehklagend in den Arm. »Tausend Dank, mein liebes Fräulein!« rief Marie Christiane mit noch leicht vibrirender Stimme; »das nenne ich einen Retter in der Not! Bitte kommen Sie mit dem armen, kleinen Patienten zu mir herauf; wir wollen sehen, ob er bösen Schaden gelitten hat!« Sehr verlegen, jetzt erst ihre Situation bedenkend, grüßte Josephine respektvoll empor; die Herzogin nickte und winkte noch einmal, dann trat 273 sie vom Fenster zurück, und das junge Mädchen hörte einen hellen Glockenton aus dem Zimmer herniederhallen. Ohne zu zögern, faßte sie das Perlhuhn sicher und behutsam, schritt um den Pavillon herum und stieg die Treppe zu dem Säulengang empor. Das Gesicht eines Portiers erschien hinter der Glasthür, sah die Fremde einen Augenblick scharf musternd an und öffnete dann stumm mit einer devoten Verneigung. »Die Herzogin?« fragte Fräulein von Wetter, sich etwas unschlüssig in dem großen, hallenartigen Vestibul umblickend. »Bitte, diese Treppe. . . . . Der Lakai steht droben, Hoheit empfängt aber um diese Stunde nicht,« fügte er gleichzeitig hinzu, »wenn gnädige Frau sich jedoch bei der Hofdame, Fräulein von Sacken, melden lassen wollen. . . .« In demselben Augenblick stürmte ein Lakai die teppichbelegten Stufen herab, verneigte sich sehr tief und atemlos vor Josephine und sagte mit einladender Geste: »Hoheit erwarten das gnädige Fräulein!« Durch lange, helle Korridore ging's, an den Seiten Gemälde und kunstvolle Wandleuchter, in den Wandnischen laubiges Grün. Eine altmodische Uhr tickte auf dem Kamin, helles Feuer prasselte hinter dem gußeisernen Gitter. Dann trat sie in ein mäßig großes Gemach, warm und behaglich, mehr einfach als elegant. Weiche Wollenportièren deckten die Thüren und 274 dämpften das Fensterlicht; ein breitlehniges Sopha, hohe Sessel und ein Glasschrank mit vielen Nippes hinter den Scheiben, in der Fensterecke ein Harmonium, dicht daneben ein Tisch mit vielen, sichtbar eifrig benutzten Büchern in schlichtem Einband und an den Wänden verschiedene Porträts fürstlicher Anverwandten bildeten die Einrichtung, nicht zu vergessen die grüne Epheulaube auf dem Fenstertritt. Durch die Portièren der Seitenthür trat die Herzogin, ging mit schnellen Schritten auf Josephine zu und reichte ihr herzlich die Hand. Sie hatte den Pelz abgelegt, aber das Spitzentuch umhüllte noch ihr Haupt, die Wangen waren vor Erregung gerötet. »Nicht, nicht, mein liebes Kind!« wehrte sie mit unendlich wohllautender Stimme, als Josephine sich, durch das Huhn auf ihrem Arm genirt, etwas ungeschickt zum Kuß auf die Hand herniederneigte. »Sie kommen ja als Krankenträgerin, nicht als ceremonieller Besuch zu mir! Wie freundlich und geistesgegenwärtig von Ihnen, der bösen Diana noch rechtzeitig das grausame Spiel zu unterbrechen. Armes, kleines Geschöpfle, arg zerzaust hat Dich der wüste Gesell, hast's Dich nimmer versehen gehabt.« Der süddeutsche Dialekt klang durch ihre Worte, lieb und weich mischte er sich in das Kosen, mit welchem sie das Tier von Josephinens Arm nahm und sich mit ihm auf den Sessel neben dem Fenster setzte. »Das Beinchen hat ihm der Hund gebrochen, Hoheit,« sagte Josephine, ohne jegliche Scheu neben 275 der hohen Frau niederknieend, um dem geschickten Walten der schlanken Hände zuzusehen, welche die einzelnen Glieder untersuchten, »und hier an der Brust und dem Hals sind Federn ausgerissen, es blutet an zwei Stellen!« »Ganz recht,« nickte Marie Christiane, »oh weh, das Knöchelchen ist durch . . . hier stößt der Splitter vor . . . . Da wird's arge Schmerzen leiden, wenn's uns nit völlig dran kaput geht! Und war so ein lieb Gickele, hat mir immer so viel Spaß gemacht.« Sie drehte den Kopf beengt in dem Spitzenshawl. »Machen Sie das Maß Ihrer Güte voll, Fräulein von Wetter, und nehmen Sie mir das Tuch ab«, fuhr sie dann fort, »es genirt mich und ich kann das Hühnle nit loslassen, sonst hupft's mir davon!« Josephine löste den Shawl von dem glatten Scheitel der Herzogin so vertraulich und unbefangen, als sei sie ein jahrelanger Gast im Pavillon; und als die hohe Frau dann eigenhändig eine Bandage um das gebrochene Glied legen wollte, da holte Josephine den Verbandkasten aus der untersten Schublade des Glasschrankes, welche ihr die Herzogin bezeichnete, die homöopathische Apotheke und von dem Schreibtisch im Nebensalon die Brille . . . und griff eifrig zu, zog auf Geheiß den warmen Mantel ab und plauderte so ehrlich und harmlos von Stauffen, wo sie auch manches Puthuhn durchgepäppelt habe, und von ihrer Verwunderung, daß 276 die Herzogin ja geschickt und sicher sei, wie der beste Arzt! Da lächelte die hohe Frau, blickte ihr tief in die klaren Augen und erzählte von Hospital und Armenpflege, wo sich dergleichen leider Gottes durch die Praxis lerne, man müsse nur Geduld und ein gläubiges Herz haben. Und Josephine schien es, als ginge ein wundersames Strahlen von der bleichen Stirne aus. Sie half noch ein Lager für das Huhn bauen, nahm dazu den Nähkorb, welchen sie, mit Charpie und Leinwandstreifen angefüllt, hinter der Epheulaube gewahrte, und Marie Christiane nickte eifrig und läutete ihrer Kammerfrau, daß sie noch ein wollenes Tuch besorge. Dann bestand sie darauf, daß Josephine erst noch eine Tasse Bouillon tränke, es sei Frühstückszeit, welche sie durch ihre gütige Hilfe in der Villa Carolina versäumt habe. Der Lakai servirte die gemalte Tasse und eine Silberplatte mit Sandwichs belegt, und Josephine langte gehorsam zu. Es war seltsam, sie hatte so gar nicht das Gefühl, am Hofe zu sein; es war Alles so unendlich behaglich und ungezwungen bei der Herzogin, man glaubte in dem traulichen Heim einer lieben Freundin zu sitzen, wo man weiß: »Hier findest Du ein Herz, wenn Du eines suchst.« Just als Josephine sich verabschiedete, trat Fräulein von Sacken ein. 277 Sie schien nicht überrascht, sie wußte wohl schon von dem fremden Besuch in dem Pavillon; sie lächelte und reichte dem jungen Mädchen herzlich die Hand. Sie war schon älter, sehr wenig hübsch und außerordentlich einfach gekleidet, aber sie hatte einen sehr liebenswürdigen Ausdruck im Gesicht und schien recht heiteren Temperaments zu sein. Die Herzogin entließ das junge Mädchen mit den gütigsten Worten. »Als getreue Pflegerin müssen Sie aber nun auch von Zeit zu Zeit nach Ihrem Patienten sehen,« sagte sie scherzend, »und jedes Mal mein willkommener Gast sein. Dann erzählen Sie mir, wie gut Sie sich bei Spiel und Tanz amüsiren und tragen das Echo jenes heiteren Lebens in meine Einsamkeit. Auf Wiedersehen denn, Fräulein Josephine, und einen Gruß an die Gräfin und Ange!« So war Fräulein von Wetter gegangen, um nach wenigen Tagen mit Komtesse Ange ihren Besuch zu wiederholen. Dem Hühnchen ging es über Erwarten gut und in der Epheulaube wurde lange und traulich geplaudert. Auch dem Vortrag eines jungen Missionars wohnten die beiden Mädchen in dem Pavillon bei. So waren fast vier Wochen verstrichen, die Mitte des Decembers erreicht und Weihnachten stand vor der Thür. – – – Noch immer schneite es draußen, noch immer lag Josephine regungslos in dem Sessel und träumte hinaus. Dort hinten, wo sich die Domkuppel wie 278 ein schwarzer Koloß gegen den Nachthimmel abzeichnet, liegt Stauffen. Still, einsam, friedlich, ein aufgeschlagenes Buch voll süßer Erinnerungen. Ach, daß sie dort wäre! Jähes Heimweh packt ihre Seele und läßt kühle Schauer über sie hinwehen; sie schlägt die Hände vor das Antlitz und stöhnt leise auf. »Nicht zurück, nicht dahin, wo ich so glücklich war, ich ertrüg' die Wandlung nicht! Alles spricht dort von ihm, und die Ruhe gellt mir schrecklicher in die Ohren, als hier sein spöttisches Lachen!« Und wieder breitet sie sehnsüchtig die Arme aus und schluchzt: »Tante Renate!« und dann liegt sie still in den Sammetpolstern und faltet die zitternden Hände. Warum blieb sie denn hier? Das wußte sie selber nicht, aber sie konnte nicht fort. Es war ihr, als habe sie all' ihr Glück in einen großen, schwarzen Sarg gelegt und den Deckel zugeschlagen, jeder Hoffnung, jedes Trostes bar; aber es schien, als habe sie auch den langen Trauerschleier gleichzeitig mit festgenagelt, und der hielt sie nun und ließ sie nicht fort von dem düsteren Schrein und war das thränenfeuchte Band, welches sie so rätselhaft fesselte. Und dann wieder senkte sich die Wettersche Falte in die Stirn, die Lippen preßten sich trotzig zusammen, und durch die Zähne klang's: »Ich geh nicht . . . . . so nicht . . . nicht, als ob ich vor ihm entfliehe, nicht, als ob seine Falschheit mich ins Herz getroffen; das Gänseliesel wird ihm erst noch gegenüberstehen, wird ihm zeigen, daß nicht alle Herzen sein Spielzeug sind. Ich bleibe!« 279 Und so hatte sie auch Tante Renate gleich im Voraus gesagt, daß sie zu Weihnachten nicht nach Stauffen kommen werde, das sei nur ein erneuter Abschied, kaum ein Wiedersehen. Und die Freifrau hatte erstaunt den Kopf geschüttelt und bei sich gedacht: »Es ist wunderlich, welch' einen Einfluß so ein Bischen Herzeleid auf den Charakter hat. Jene eine Ballnacht hat das Mädchen um Jahre gealtert, hat sie zu einer Wetter gemacht; ihr Vater war auch so. Erst ein Jüngling, sorglos wie ein lachender Morgen; dann, nach dem Tode seines einzigen Söhnchens, ein Mann mit eckiger Stirn und eisernem Willen. Das Schicksal reift über Nacht.« – Dunkel war es in dem kleinen Boudoir geworden, kaum, daß man noch die einzelnen Gegenstände unterscheiden konnte. Nur durch die offene Ofenthür fiel heller Feuerschein und warf tanzende Lichter auf den Teppich. Leise Schritte klangen auf dem Korridor, die Portièren teilten sich, und Komtesse Ange trat ein. »Richtig, noch schwarze Finsterniß hier oben! Kleiner Nachtfalter, wo steckst Du? . . . . Bist Du hier? . . . . . Gib Stimmchen!« Und die junge Dame tastete sich vorwärts, zog im Vorüberschreiten an dem Schellenzug und trat dann neben den Sessel am Fenster, auf welchem ihr Josephine ein leises: »Guck, guck!« entgegen gerufen hatte. Sie zog das blonde Köpfchen an ihre Brust. 280 »Ahnst Du gar nichts, kleine Weisheit?« scherzte sie; »sagt Dir Dein klopfendes Herzchen nicht, welche Neuigkeit ich bringe?« Josephine schrak fast empor. »Eine Neuigkeit?« fragte sie hastig. »Wer ist wohl drunten bei Mama?« »Hattenheim!« »O ahnungsvoller Engel Du! Ganz recht, Hattenheim und Baron d'Ouchy, und was bringen sie wohl?« »O, sag es schnell!« bat Fräulein von Wetter fast ängstlich. »Nichts Geringeres als die Nachricht, daß übermorgen die vielbesprochene Schlittenpartie zu Stande kommen wird. Daß Reimar Dein Kavalier sein wird, ist selbstverständlich« – die Stimme der Komtesse wurde leiser – und mich hat Baron d'Ouchy engagirt, weil er der einzige Herr ist, den Du mit allerhöchstem Wohlwollen auszeichnest, und ganz entschiedene Sympathien dazu gehören, um in einem Schlitten zu fahren, denn langweilige Gesellschaft ist in diesem Falle unerträglich.« Da Josephine schwieg, fuhr Ange lebhafter fort: »Es ist prächtig, daß wir Vier zusammen in unserem Schlitten fahren werden, Mama wünscht es, da sie es nicht für passend hält, zwei junge Leute allein stundenlang sich zu überlassen, obwohl es allgemeiner Brauch ist. Hast Du schon solch eine große Partie mitgemacht?« Josephine verneinte. »Mit wem wird Graf Lehrbach fahren?« fragte sie plötzlich. 281 Ange lachte leise auf. »Da sieht man's, wie fremd Du noch hier bist, kleines Närrchen. Graf Lehrbach! Glaubst Du, das enfant gâté des Hofes, der Entrepreneur der ganzen Partie, würde im letzten Schlitten sitzen? Entweder verstößt Prinzeß Sylvie ihm zu Ehren mal wieder gegen jegliche Etiquette und wählt ihn zu ihrem Kavalier, oder er tröstet sich mit Fräulein von Dienheim und macht es wie vergangenes Jahr, statt hinter dem Schlitten der Hoheit, neben demselben zu fahren; das nennt man dann einen seiner Geniestreiche und klatscht Bravo. Aber nun komm, liebes Herz, eben bringt Heinrich Licht. Ich will ein paar Noten heraussuchen, und dann gehen wir hinunter und musiciren, d'Ouchy spielt sehr gut Geige und scheint darauf zu brennen, Dich wiederzusehen. Also schnell!« Der Diener hatte die brennende Lampe auf den Tisch gestellt und war auf leisen Sohlen wieder hinter der Thüre verschwunden, Ange kniete vor einem Bücherschrank und packte etliche Notenhefte zusammen. »Wer ist eigentlich Baron d'Ouchy, sein Name klingt so fremdartig!« fragte Josephine gedankenvoll. Ange unterbrach sich momentan und blickte auf. »Er ist französischer Emigrant von aristokratischem Geblüt, aber sehr arm. Er interessirt mich, obwohl ich außer seinem Geigenspiel wenig Einnehmendes an ihm finde. Ich halte ihn für eines jener stillen Wasser, auf deren Grunde Wirbel und rasende Flut kochen; sein Auge zeigt's, da wechselt Feuer und Eis wie Aprilwetter, und die 282 Augenbrauen sprechen von einem Fanatismus, der über Leichen geht.« »Mir kam er so ruhig und kühl vor, als sei er aus Marmor gemeißelt, wie die Statue hier.« Fräulein von Wetter legte die Hand auf den Sockel einer mythologischen Heldenbüste, welche zu ihrer Seite auf dunkler Säule stand. Ein seltsamer Ausdruck spielte um die Lippen der Komtesse. »Ganz recht, er ist ein berechnender Charakter, kühl bis ans Herz hinan, die Leidenschaften spiegeln ihre Flamme nur in seinem Auge, ohne zu zünden; er wird sich nicht leicht verlieben. Wenn er es aber thut, wird es nicht die allbekannte Liebe und Schwärmerei sein, sondern rasender Wahnsinn jeder Fiber und jedes Nervs, eine fessellos sich Bahn brechende Lawine, die zu Grunde reißt, was sich ihr entgegenbäumt. Ich würde mich fürchten vor einem solchen Geliebten!« Ange hatte sich erhoben, sie stand vor Josephine und legte die weiße Hand auf ihre Schulter. Wie ein warnendes Aufleuchten ging es durch ihr sanftes Auge, sie neigte das Haupt noch näher, daß fast Wange an Wange ruhte. »Doch wenn er liebt, nimm Dich in Acht!« sang sie leise und fügte dann ernst hinzu: »Seine Liebe wird der Zigeunerliebe gleichen, von welcher Carmen singt, ›fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht‹, und die bringt keinen Segen!« Josephine sah fast erstaunt auf die Freundin. »Hast Du Angst, ich würde mich in ihn verlieben?« lachte sie leise herb auf. 283 Ange schüttelte langsam den Kopf. »Nein«, sagte sie kurz, schlang den Arm um die schlanke Taille des jungen Mädchens und schritt mit ihr über den Korridor, die Treppe hinab. Der rote Lichtschein fiel auf das bleiche Antlitz d'Ouchys; er stand der Thür zugewandt an einem Büchertisch und durchblätterte Journale. Sein Auge traf Josephine, als sie eintrat, es schien zu wachsen im Blick, Betroffenheit malte sich in seinen Zügen, dann zog ein Lächeln um die Lippen, daß die Zähne grell aufblitzten. »Charmant!« hatte er gemurmelt. Man unterhielt sich sehr animirt; Josephine hatte sich neben Hattenheim gesetzt und plauderte von der Schlittenpartie, d'Ouchy sah die Noten an, welche ihm Komtesse Ange reichte, und stritt sich mit ihr über italienische Musik. Dann setzte sie sich auf seinen Wunsch an den Flügel und spielte aus der Parsifal-Ouvertüre, welche er heftig angefeindet hatte; er stand auch, wie es schien, in regungslosem Lauschen, auf das Instrument gelehnt, so oft aber Josephine emporsah, begegnete sie seinem Blick. Zum Schluß war er zerstreut; dann griff er selber zur Geige und trug etliche ungarische Lieder vor. Es war nicht leicht, ihn zu accompagniren: er spielte unberechenbar, ohne Takt, aber dennoch meisterlich. Oft schien Ange die Hände lauschend still zu halten, dann stürmte sie, von seinem Feuer hingerissen, in wilder Melodie dahin, und immer klappte es trefflich; sie verstanden 284 einander gerecht zu werden, ihr Spiel ergänzte sich gegenseitig. D'Ouchys düstere Züge verklärten sich während seines Vortrags, seine hohe Gestalt wuchs noch empor, es lag eine heiße Glut auf der Stirn und vertiefte den Blick; die weißen Zähne gaben dem Antlitz einen fast dämonischen Ausdruck. Wild, zügellos, immer wechselnd war sein Spiel, Lachen und Schluchzen und dazwischen ein greller Aufschrei und dann ein leises Flüstern, als ob der Wind durch Trauerweiden streift. Als er die Geige aus der Hand legte, war er wieder der Alte, kühl, höflich, sehr bescheiden. Die Hofmarschallin war entzückt und sagte ihm tausend anerkennende und aufrichtig gemeinte Worte, er schrieb jedoch jedes Verdienst der so unvergleichlichen Unterstützung der Komtesse zu. Dann wandte er sich zu Josephine, welche mit großen leuchtenden Augen zu ihm aufsah; sie hatte noch niemals im Leben ein solches Spiel gehört. Sie wollte ihm auch gern Etwas sagen, aber sie wußte nicht recht, was; sie war so ungeschickt in Redensarten. Da reichte sie ihm denn in reizender Naivetät die Hand entgegen und sagte treuherzig: »Ich möchte Ihnen noch lange zuhören!« Baron d'Ouchys Blick traf den ihren, er neigte sich stumm und drückte chevaleresk einen Kuß auf ihre Hand; wie heiß seine Lippen waren! Josephine erschrak davor. Beim Thee saß sie zwischen Hattenheim und 285 dem Hofmarschall, mit welchem sie besonders gern plauderte. Mit d'Ouchy redete sie fast gar nicht, nur einmal kam es ihr unwillkürlich, einen Vergleich zwischen ihm und Reimar anzustellen. Die ganze Art und Weise des jungen Diplomaten war ihr fremd und machte sie beklommen, in Hattenheims blauen Augen aber sah sie, wie man durch ein offenes Fenster in die Heimat schaut; sie fühlte sich so sicher und geborgen an der Seite des blonden, ernsten Mannes. Die Nacht war kalt und stürmisch. Der Wind pfiff um die Fenster und schüttelte die kahlen Baumwipfel, ein Hagel von Eiskörnern schlug prasselnd gegen die Scheiben. Josephine schrak oft aus dem Schlaf empor. Es war ihr dann immer; als höre sie Baron d'Ouchys Geige durch den Sturm, wild und toll, und sie drückte das Antlitz in die Kissen und hielt sich die Ohren zu, aber es klang dennoch fort und wurde zu Anges Stimme, die sang: »Doch wenn er liebt, nimm Dich in Acht!« Erst leise, dann immer lauter, wie Donner klang's zuletzt und die Geige schrillte hell auf dazu! . . . Aber nein . . . horch . . . es ist ja nur der Sturm . . . es ist ja dunkele, einsame Nacht: seid still, ihr bösen Stimmen. Da faltete sie die Hände und dachte an daheim; leise kam der Traum und küßte von Neuem ihre weiße Stirn. 286 Zwölftes Kapitel. »Er liebt mich . . . liebt mich nicht« »Faust,«, Goethe.             Der nächstfolgende Vormittag brachte für Josephine eine unverhoffte und große Freude. Der Diener überreichte ihr eine Visitenkarte; »Seine Excellenz Graf von Lehrbach,« sagte er dazu und sah ganz verblüfft auf die junge Dame, welche unwillkürlich laut aufjubelte. Wenige Minuten darauf stand der alte Herr vor Josephine, reichte ihr herzlich beide Hände entgegen und sah sie mit innigem Blicke an. Es schien, als schwände der müde Ausdruck seiner Züge, als lächelten die Lippen weniger zerstreut als sonst. Wie herzlich er sich des Haiderösleins freute, wie liebenswürdig er ihrem Geplauder zuhörte, und wie genau er sich von ihrem Ergehen erzählen ließ. »Ich war sehr überrascht, meine kleine Freundin, zu erfahren, daß Sie noch hier sind,« sagte er mit warmem Händedruck, »ich war zwei Tage nach dem Ball in Ihrem Hotel, um Sie und die 287 verehrten Pflegeeltern zu begrüßen und zu mir einzuladen, fand aber leider das Nest schon leer und bekam nur den Bescheid, daß die Herrschaften abgereist wären. Von Ihrem Zurückbleiben erfuhr ich erst vor kurzer Zeit durch Günther und hätte Sie schon früher aufgesucht, wenn ich nicht gerade in letzter Zeit mit Geschäften und Sorgen überhäuft gewesen wäre. Da hatte ich kaum Zeit, einmal Luft zu schöpfen, war von früh bis spät an der Arbeit – fühle es auch – es hat not gethan, daß ich jetzt noch eine Hülfe bekam.« Er seufzte leise auf und fuhr mit der bleichen Hand, von welcher er während des Gesprächs den Handschuh abgestreift hatte, über die gefurchte Stirn. Josephine sah ihn besorgt an. Er schien ihr plötzlich sehr gealtert, und die Augen sahen überwacht und trübe aus, auch das sorgfältig frisirte Haar lag dünner und silberner an der Schläfe. Sie fand so viele Worte, ihm Liebes und Freundliches zu sagen; eine aufrichtige, unbegrenzte Verehrung schwellte ihr Herz. Und wäre er auch nicht Günthers Vater gewesen, sie mußte ihm doch gut sein, denn er war anders als sein Sohn. Er hatte sie nicht verleugnet, sondern war augenscheinlich bemüht, das wieder gut zu machen, was Jener verschuldet hatte. Sie fühlte sich so wohl, so glücklich in seiner Nähe. Lange plauderten sie. Der pünktliche Minister versäumte fast die Audienz bei dem Herzog, so völlig 288 gab er sich dem behaglichen Zauber dieses kleinen Boudoirs hin, dessen Herrin auf niederem Tabouret an seiner Seite saß und wie eine Rose zu ihm auflächelte; ein Sonnenstrahl zitterte über das Blondköpfchen, da schimmerte jede Stirnlocke wie gesponnenes Gold. »Und das ist Josephine von Wetter, dieselbe, die an jenem unglückseligen Hofballabend vor mir stand?« fragte er sich und schüttelte den Kopf dazu. Dann erhob er sich endlich und nahm Abschied. »Morgen sehe ich Sie aber doch bei der Schlittenpartie, Excellenz?« Das junge Mädchen begleitete ihn durch die Thür auf den Korridor hinaus. Graf Lehrbach schüttelte mit seinem melancholischen Lächeln das Haupt: »Die Zeiten liegen hinter mir, Fräulein Josephine; hab' Schlitten gefahren und gezogen, da ich jung war. Jetzt tragen diese Schultern ein schweres Joch. Aber meinen Jungen schicke ich als Vertreter, und ich denke, mit dem werden Sie besser zufrieden sein, als mit meinem zerstreuten grauen Kopf, welcher den holden Damen nur noch ein väterlicher Ratgeber sein kann!« Und mit seiner ritterlichen Art neigte er den Hut vor Josephine, nickte ihr herzlich zu und stieg mit noch immer elastischen Schritten die Treppe hinab. – – Hei, wie das klingelte und pfeilschnell über den glitzernden Schnee sauste! Die Sonne stand am Himmel und leuchtete ohne zu wärmen; klar und kalt war die Luft, und lange Eiszapfen hingen von den Dächern. 289 Josephine fühlte sich so geborgen in ihrem Schlitten, lachte über das ganze Gesichtchen und schwatzte so viel, wie sonst in acht Tagen nicht. Alles machte ihr Freude, und die Freude strahlte aus den großen Augen und zuckte um die Lippen. Reizend sah sie aus mit den frisch geröteten Wangen unter weißem Gazeschleier, in der dunkelgrünen Sammetjacke und dem silberglänzenden Mövenpelz, in wirkungsvollem Kontrast zu Gräfin Ange, welche in tiefdunkler Toilette, von schwarzem Pelz umwogt, an ihrer Seite saß. Auch Hattenheim war lustiger denn je, oft schien er Ange fast aufgeregt. Als sie auf dem Rendezvousplatz anlangten, suchte sein Auge den Entrepreneur. Der ließ auch nicht lange auf sich warten, er sauste in vierspännigem Hofschlitten an der Seite der Prinzessin Sylvie daher. Aus Zufall hielt der »goldene Herzogslöwe« dicht neben dem Lattdorfschen Schlitten, ehe sich der Zug hinter dem Musikcorps ordnete. Graf Lehrbach schaute grüßend herüber und nickte verschiedentlichst dem Freund Hattenheim noch extra zu, dann ruhte sein Blick auf Josephine, welche sich eifriger denn zuvor mit Baron d'Ouchy unterhielt. Reimar beobachtete ihn, und es blitzte wunderbar aus in seinem Auge, da er unwillkürlich Prinzessin Sylvie mit dem Gänseliesel verglich. Hoheit sah nicht vorteilhaft aus. Die Kälte hatte ihre Wangen fast blaurot gefärbt, die langen Federn ihres Amazonenhutes wehten ungraziös um 290 den Kopf, und ein entschieden übellauniger Zug lag um die aufgeworfenen Lippen. Es war, als hätte Graf Lehrbach die Gedanken des Freundes erraten, auch sein Blick schweifte von Josephine zurück. Dann wandte er schnell den Kopf und begrüßte Prinz Detlef, welcher sich in Begleitung zweier Verbindungsbrüder zu Pferde der Partie anschloß. »Es ist amüsanter!« hatte er gesagt, »man kann sich auf diese Art bei verschiedenen Schlitten anklexen, sonst ist man die ganze Zeit neben einer einzigen Schönen festgenagelt!« Gräfin Aosta hatte mit giftigem Seitenblick die Nase gerümpft. Detlef klemmte sein Monocle ein und ritt, nach allen Seiten grüßend, durch die Reihen der größtenteils hocheleganten Schlitten, warf der schönen Aosta zur Versöhnung ein Bouquet Schneeglöckchen in den Schooß, welches sie schweigend acceptirte und an die Brust, in die reiche Verschnürung ihrer ungarischen Jacke steckte. Der Prinz sah sie einen Moment erwartungsvoll an, dann neigte er sich zu ihr hernieder und sang mit gedämpfter Stimme und keckem Blick: »Mein Susannchen – keine Antwort? Ei, laß Dein Gesicht doch sehn!« Da blitzten die dunkelen Augen halb schelmisch, halb böse zu ihm auf, und die kleine Hofdame entgegnete scharf: »Sollte Cherubino nicht wissen, daß Susanne Grund zum Schweigen hat?« Detlef lachte hell auf: »Da wir einmal beim 291 Figaro sind, meine reizende Gräfin, wollen wir auch dabei bleiben!« Er deutete mit der Reitgerte nach den Schlitten des Musikcorps. »»Dort vergiß süßes Flehn – leises Wimmern«« – rät Schelm Figaro Allen, die betrübten Herzens sind, also au revoir beim ersten Walzer!« Er warf sein Roß herum und dirigirte es seitwärts aus der Reihe der Gefährte, welche begannen, sich zum Zug zu ordnen. Sein Haupt zuckte in den Nacken, mit blasirtem Lächeln ließ er die einzelnen Schlitten an sich vorbei defiliren, hier und da als Gegengruß nonchalant an den Hut greifend, oder ein paar nicht immer originelle Worte zurufend. Plötzlich schärfte sich sein Blick, mit halb geöffnetem Mund, die Zähne zeigend, starrte er einen Moment regungslos in den Lattdorfschen Schlitten. » Bless me! . . das Gänseliesel . . .« murmelte er, hob seine Reitgerte und neigte sie ostensibel galant. »Sag's ja, famose Augen! . . . war nur die rasende Toilette damals! . . .« Und er drehte mechanisch den Kopf und folgte ihr mit den Blicken. Die beiden Saxo-Borussen, ein englischer Lord und ein pommerscher Freiherr, welche pflichtgetreu neben ihm hielten, fragten nach dem Namen der allerliebsten Fremden; der Prinz nannte ihn kurz, er schien plötzlich zerstreut, dann sagte er wie im Selbstgespräch: »Erst mal in der Nähe ansehen, werde einen Tanz heut Abend riskiren!« Die Musik schmetterte eine Fanfare, dann 292 brauste der Feuerwehrgalopp über den Schloßplatz, und in rasendem Tempo jagte das herzogliche Viergespann an der Spitze des Zuges durch das gaffende dichtgedrängte Publikum die Bellevue hinab. In glänzendem Zug folgten die Schlitten, sprengten die einzelnen Kavaliere und die gallonirten Spitzreiter an den Seiten entlang. Hei, wie der Schnee unter den Hufen flog, wie die bunten Federn auf den schnaufenden Pferdeköpfen nickten, wie gefleckte Felle, köstliche Decken und flatternde Schabracken prunkten; Wie die Geläute so frisch und lustig klangen, die Musik dazwischen jubelte! Wie das stampfte, klirrte, rasselte und den weißen Schnee geballt zur Seite schleuderte! Ja, Graf Günther, es ist etwas Schönes, Köstliches um das bunte Leben der Großwelt! Josephine verstand es jetzt gar wohl; sie konnte sich einen Begriff davon machen, wie berauschend solche Freuden sein mußten, wenn man sie mit glücklichem Herzen genießt! . . Glücklich! . . . Ach, daß sie doch so ganz verstohlen in jenen Schlitten, den goldenen Löwen, der mit gestreckten Tatzen auf den Kufen ruht, hätte schauen können! Da lag das blonde Königskind in den Sammetpolstern und sah in die dunkeln Augen ihres Kavaliers, kräuselte vielleicht spottend die Lippen, wenn er von dem »Gänseliesel« erzählte, und lachte dann um die Wette mit ihm über die Nägelschuhe und das rosa Kattunkleid; wenn er ganz besonders humoristisch erzählte, reichte sie ihm vielleicht auch wieder die Hand zum Kuß, wie damals im Wintergarten. 293 Warum friert es sie auf einmal so sehr? O, sie kann ja auch lachen, Graf Günther, noch lauter, noch toller sogar! Und Sie sollen es hören, Sie sollen sich wundern darüber, Sie sollen es erfahren, daß man vom Wetterschen Stolz und Trotzkopf spricht! Und weiter geht's im Saus und Braus, hinein in eine Welt, die, zu Eis und Schnee erstarrt, sich doch mit lügnerischem Sonnenglanze schmückt, gerade wie ein todtbleiches Antlitz, welches lächelt. Baron d'Ouchy scheint sie beobachtet zu haben. »Warum sind Sie plötzlich so still?« fragt er. Da sieht sie ihn an und lacht: »Es ist Ruhe vor dem Sturm!« »Wollen Sie ihn heraufbeschwören oder über Herz und Seele brausen lassen?« Das laute Getön verlangt es, daß er sich näher zu ihr neigt, sein Auge spiegelt sich fast in dem ihren, es ist dunkler, rätselhafter als je. Sie lacht abermals, diesmal etwas bitter. »Beides wäre kühn! Der Sturm ist ein wilder Geselle, der viel Schönes in den Staub reißt, ich fürchte mich vor ihm!« Da blitzen seine Zähne durch die Lippen, sein Atem streift fast ihre Wange. »Mit meinem Mantel vor dem Sturm beschütz' ich dich!« entgegnet er. Da sieht Hattenheim einen Raubvogel in der Luft und ruft es Josephine zu. Man fuhr die Chaussee entlang durch den Stadtforst, an den Schießständen und dem Exercirplatz 294 vorbei, passirte die zwei nächsten Dorfschaften und kehrte in großem Bogen, ohne Aufenthalt durch das entgegengesetzte Stadtthor zurück. Auf Wunsch der Herzogin Mutter sollte erst zum Schluß und in der Residenz selber etwas getanzt werden, da man leider im vergangenen Jahre traurige Erfahrungen mit bösartigen Erkältungen gemacht hatte. So fuhren die Schlitten an dem Offizierskasino vor, dessen Portal bereits festlich erleuchtet und mit Tannengrün geschmückt war und dessen Räume das Offiziercorps bereitwilligst für Spiel und Tanz zur Verfügung gestellt hatte. Die Damen erschienen in dunkeln oder helleren Seidenkleidern, ohne Schleppe und Blumen, nur Prinzessin Sylvie ließ sich von ihrer harrenden Kammerfrau Sträuße blühenden Schneeballs als originellen Schmuck an Brust und Haar befestigen. »Brr, ich bin schauderhaft erfroren!« schüttelte sie sich, inmitten des Tanzsaals stehend, wandte sich zu dem Thee präsentirenden Lakai und ergriff die Cognakflasche. »Haben Sie kein Glas?« fragte sie kurz. »Ich fliege, Hoheit!« lachte Graf Günther, stürmte zu dem Buffet und kehrte mit einem kleinen Madeiraglas zurück, welches sein gemaltes Wappen trug. »Ich beneide diesen Kelch!« sagte er galant, verneigte sich und überreichte ihn. Ohne jegliche Prüderie füllte Sylvie das Glas bis fast zum Rand, wandte sich in ihrer derben Art zu den Kavallerieoffizieren, welche, sie umringend, ihrem Beispiel in 295 animirtester Stimmung folgten, und rief: »Na, nun mal los! Wollen sehen wer es besser kann! Vive l'amour, messieurs! « » Vive l'amour! « jubelte es im Kreise, und die Gläser wurden bis zur Nagelprobe geleert. »Und nun fahren Sie in Gottes Namen Ihren Thee an!« fuhr Sylvie leicht aufhustend fort, »jetzt fängt es an, mir behaglich zu werden!« Es wurden nur Extratouren getanzt. Prinz Detlef hatte sich umgezogen und kam etwas später. Er hörte die Musik, als er in das Vorzimmer trat. »Heda! Brocksdorff, arbeiten sie schon?« fragte er, mit dem Daumen über die Schulter nach dem Saal deutend. » Allright , Hoheit, man tanzt bereits!« lachte dieser höchlichst amüsirt. »Na, dann vorwärts, an die Pferde!« dehnte der Prinz resolut die Arme, trat in den Saal und ließ Gräfin Susanna noch ein ganzes Weilchen zappeln, indem er Fräulein von Wetter belorgnettirte; dann sah er, wie die schöne Hofdame die welken Schneeglöckchen zornig neben sich auf den Divan warf, er lachte und engagirte sie. Josephine stand neben Ange. Sie hatte mit Hattenheim und d'Ouchy getanzt, jetzt wollte sie sich einen Augenblick ausruhen. Reimar wich nicht von ihrer Seite, tanzte mit keiner anderen Dame, sein Blick verfolgte Günther. Dieser engagirte seinen »Verpflichtungen« nach zuerst Sylvie, dann die nächste Umgebung der Prinzessin. 296 Prinz Detlef schritt quer durch den Saal auf Ange Lattdorf zu und grüßte sie, anscheinend ohne die mindeste Notiz von ihrer Nachbarin zu nehmen. »Nun, kalte Schönheit?« redete er die Komtesse an, »es ist gut, daß die Blumen auf Ihrem Kleid gestickt sind, sie würden sonst an Ihrem Herzen erfrieren!« »Besser, als wenn sie verbrennen würden, Hoheit!« Ange richtete sich hoch auf, ihr ernster, kühler Blick lag voll auf seinem Antlitz. »Ist Geschmackssache!« lachte Detlef den Schnurrbart drehend, »ich möchte es wohl erleben, Sie einmal etwas enflammirt zu sehen, es würde Sie trefflich kleiden, ich appellire an Ihre Eitelkeit. Sehen Sie, Ihr unnahbarer Blick schüchtert mich förmlich ein, sauve qui peut! « Und völlig unvermittelt drehte er sich auf den Hacken um und verneigte sich vor Fräulein von Wetter: »Darf ich bitten, meine Gnädigste, ein Galopp!« Momentan sahen ihn Gänseliesels blaue Augen fast erschrocken an, dann färbten sich ihre Wangen etwas höher, und die frischen Lippen lächelten. Sie tanzten, und Aller Augen sahen auf sie hin, durch die Reihe der konversirenden Mütter ging ein jähes Aufblitzen der Lorgnettengläser, dann gab es ein eifriges Tuscheln und Nicken und Achselzucken. Hattenheim aber warf den Kopf in den Nacken und sah fast triumphirend aus, er hatte gesehen, wie Graf Günther die Augen zusammengekniffen, als erblicke er in dem vorübertanzenden Paar ein neuntes Weltwunder. »Das ist süperbe!« flüsterte 297 Reimar in das Ohr seiner Cousine, »Seine Hoheit hat eine Wetterfahne aufgesteckt, nun werden wir sehen, wie bald der Wind von anderer Seite weht!« Detlef unterhielt sich noch einen Augenblick mit Josephine, sagte ihr, sie dürfe nie wieder einen Kamelienkranz aufsetzen und müsse als gebildete junge Dame öfters in die Oper gehen, er habe sie noch kein Mal im Theater gesehen. »Ich sehe ja täglich so viel Komödie!« hatte sie lachend erwidert, »werde aber dennoch Ihrem guten Rat folgen, Hoheit, um Wahrheit und Dichtung unterscheiden zu lernen!« »Sie scheinen Anlage zum Sarkasmus zu haben?« Der Prinz sah sie amüsirt an. »Nicht Anlage, sondern Anlaß dazu, Hoheit! In Groß-Stauffen nahm ich noch Alles, was ich sah und erfuhr, für baare Münze, hier wurde mir als erste Lebensweisheit gelehrt, Vieles zu hören und nichts zu glauben!« Unwillkürlich schweifte ihr Blick zu Günthers schönem Angesicht hinüber. Detlef lachte lustig auf. »Das nenne ich Pessimismus im Flügelkleide!« rief er erregter als sonst. »Sie scheinen eine böse Meinung über die große Welt zu haben, und vielleicht nicht so ganz ungerechtfertigt, sie hat manchmal blinde Augen und leidet an der Schwäche, willenlos ein Feldgeschrei nachzuplappern, welches der Löwe des Tages als Parole ausgibt. Voyons donc , es soll mir eine angenehme Sorge sein, Ihre Meinung über Wahrheit und Dichtung nach Kräften zu verbessern!« 298 Er verneigte sich vor Josephine, führte sie zu Ange und Hattenheim zurück und schritt dann mit auffallend heiterem Gesicht durch den Saal, direkt auf Prinzeß Sylvie zu, welche mit Graf Lehrbach unter dem Kronleuchter coquettirte. »Hören Sie mal, Graf!« rief er Günther, mit vertraulichem Schlag auf die Schulter, zu, »Ihr kleines Gänseliesel ist zum Anbeißen! Danke Ihnen für diese Acquisition! Wird unserer Saison zum Schmuck und den Damen zum crève-coeur werden, hahaha! . . Glaubst Du nicht auch, Sylvie?« »Du meinst die kleine Wetter?« fragte Ihre Hoheit, die Lippe ein wenig aufwerfend, mit schnellem Seitenblick in Günthers lächelndes Antlitz, »es ist merkwürdig, wie der moderne Zuschnitt sie embellirt, gleichsam als Illustration zu der Geschichte vom häßlichen, jungen Entlein, welches zum Schwan wird!« »Freuen Sie sich nicht dieser Wandlung, Lehrbach?« fuhr Detlef mit leichter Ironie fort. »Aufrichtig, Hoheit, um so mehr, da sie so vollkommen und so reizend ist!« Der junge Offizier sagte es fast mechanisch, sein Blick folgte der schlanken Gestalt Josephinens, welche soeben am Arm eines Tänzers vorüberschritt, um sich zur Quadrille aufzustellen. »Ich wünsche, mit Deinem englischen Freund zu tanzen,« sagte Sylvie kurz zu ihrem Bruder, »schick ihn her!« » Allright! « nickte Detlef, und die Prinzessin 299 drehte sich brüsk um und eilte ohne ein weiteres Wort für Günther zum Wandpolster, auf welchem Fräulein von Dienheim saß und die Füße weit in den Saal streckte. Sie warf sich neben ihr nieder, hielt den gigantischen Fächer vor Gesicht und Brust und hatte ihr viel Wichtiges in die Ohren zu flüstern. Lehrbach aber trat hinter Josephine. »Guten Abend, mein gnädiges Fräulein!« Sie wandte das Köpfchen und neigte es stumm. Ein freundlicher, aber unendlich ruhiger Ausdruck lag auf ihren Zügen, der Blick war kühl. »Ich wollte mir neulich erlauben, Sie aufzusuchen!« »Ich bedauerte, daß Sie sich vergeblich bemüht hatten!« Kurze Pause. Er neigte sich näher. »Können Sie auch die Quadrille noch tanzen?« »Ich hoffe es.« Sie strich den Handschuh an dem weißen Arm empor, die Goldspange klirrte leise dabei. »Und denken Sie noch an die Zeit, wo Sie diesen Tanz lernten?« Sein dunkles Auge sah sie ganz so an wie früher. Sie lachte leise auf. »Natürlich! So etwas Spaßhaftes vergißt man nicht so leicht!« Momentan sah er sie fast betreten an, er wußte nicht, ob dies Scherz oder ein bitterer Seitenhieb sein sollte, aber es lag so gar nichts Beleidigtes oder Gereiztes in ihrem Wesen, nur eine unendliche, liebenswürdige Gleichgültigkeit. 300 »Sie sind öfter mit Hattenheim zusammen?« fragte er weiter. Ihr Auge leuchtete auf: »Nicht so oft, als ich es wohl wünschte! Treue Freunde entbehrt man stets!« Das war wieder der alte, herzliche, warme Klang in ihrer Stimme. Günther biß sich auf die Lippe. »Es freut mich, daß Sie ihn jetzt richtig beurteilen und anerkennen!« sagte er mit einer Wolke auf der Stirn. »Es ist hoffentlich noch nicht zu spät dazu!« Sie war sehr heiter und nickte Reimar, welcher sich soeben mit seiner Dame als viertes Paar zu dem Quarrée einstellte, herzlich zu. Die Musik intonirte. »Auf Wiedersehen, mein gnädiges Fräulein!« Sie neigte hastig und stumm das Köpfchen gegen ihn, und Lehrbach schritt durch die tanzenden Paare, um, an die Wand gelehnt, der Quadrille zuzusehen. Hattenheim hatte die Unterredung der Beiden genau beobachtet, er lächelte still vor sich hin und tanzte lauter Konfusion, dann führte er seine Dame schleunigst zu ihrem Platz zurück, füllte en passant vom Tablette eines Dieners einen Krystallteller mit Crème und brachte ihn eifrig zu Fräulein von Wetter. Das war der Vorwand, um während der kurzen Pause in ihrer Nähe zu sein. Ein Walzer folgte auf die Quadrille. Reimar sah, wie Graf Lehrbachs Blick suchend 301 über die Menge irrte und an Josephinens blondem Köpfchen haftete, wie er sich dann selber hastig durch die tanzenden Paare lavirte und direkt auf das Gänseliesel lossteuerte. Er war nur noch wenige Schritte entfernt, als Hattenheim sich gelassen vor Josephine verneigte und mit ihr davontanzte. Günther sah ihm mit einem fast zornigen Blick nach, kreuzte die Arme und wartete. Aber sein Freund kam nicht an diesen selben Platz zurück, sondern pausirte mit seiner Tänzerin gerade am entgegengesetzten Ende des Saales. Wie prächtig sie sich unterhielten, wie sie lachten und gar keinen Blick für jemand Anderes hatten! Günther tanzte mit Gräfin Aosta und versuchte dann sein Heil zum zweiten Mal bei dem Gänseliesel. Aber . . . diantre!  . . . der Hattenheim ist rein des Teufels, er tanzt sie ihm wieder vor der Nase weg und diesmal direkt neben Prinzeß Sylvie. Hoheit hat sogar die Caprice, die Kleine anzureden. . . . »Sie haben ja neulich im Pavillon Samariterdienste gethan,« sagt sie unter Anderem. Josephine erzählt von ihrer Begegnung mit der Herzogin. »Sind Sie auch katholisch?« fragt Sylvie, die Oberlippe etwas über die Zähne emporziehend. Und als Fräulein von Wetter ganz erstaunt verneint, sagt sie spöttisch: »Sie scheinen aber auf dem besten Wege, es werden zu wollen! Kennen Sie nicht die 302 Geschichte aus dem Struwelpeter, das Schicksal der armen, ahnungslosen Jungens, die schneeweiß in des große Tintenfaß hineinkommen und kohlschwarz wieder daraus emportauchen? Der Pavillon ist ein großes Tintenfaß, hält aber »hinter dem Berg« damit, was man lateinisch » ultra montes « heißt!« Der Ordonnanzoffizier, Herr von Reuenstein, welcher neben Ihrer Hoheit stand, hüstelte ein »Brillant!« und bekam fast Stickkrämpfe vor Lachen, Josephine aber hatte die Prinzessin gar nicht verstanden. Dann sprang das Gespräch auf Pferde über und wurde plötzlich auch von Seiten des Fräulein von Wetter sehr animirt, sie sprach von den Stauffener Koppeln und nannte die Predigrees der hervorragendsten »Sterne« des Gestüts, und die imponirten selbst der Prinzeß Sylvie. »Reiten Sie? Ja? . . . Das muß ich sehen! Sie können sich einen von meinen Gäulen aussuchen und ihn mal im Tattersall 'rumjuxen! Wäre ja famos, wenn wir nun die Costümequadrille zu acht Paaren zu Stande brächten!« Josephinens Gesichtchen strahlte. »Ich reite lieber im Freien, Hoheit,« lachte sie, »ich brauche Platz für meine Passion!« »Wenn Sie etwa denken, ich fürchte mich vor einer Steeplechase bei Glatteis, dann können Sie mir etwas thun . . . leid nämlich!« rief Sylvie derb. »Nächstens reiten Ilse und ich mal wieder einen von unsern kleinen ›Pfadfindern‹, wollen Sie da mit?« »Sehr gern!« jubelte das Gänseliesel. 303 »Na – Sie werden sich aber wundern, durch Dick und Dünn geht's!« Sylvie legte die Hand wuchtig auf die Schulter der jungen Dame. »Wenn Sie die Feuerprobe bestehen, Sie Jungfer Tollkühn, dann will ich Ihnen das Reifezeugniß zum Kavallerieoffizier und Sportsman ausstellen, bis jetzt habe ich außer Ilse noch Keine gefunden, die mit einer Prinzeß Sylvie Schritt hält!« Ein unendlich moquanter Zug lag auf den stark geröteten Zügen der Sprecherin, sie musterte Josephine mit einem schillernden Blick, dann nickte sie ihr leichthin zu. Prinz Detlef stand neben ihnen und begehrte zum zweiten Mal einen Tanz von Fräulein von Wetter. Das war das Signal für den Ordonnanzoffizier, daß er nun ohne jegliches Risiko seine protegirende Gesinnung über klein Gänseliesel demaskiren dürfe. Er stürzte sofort nach dem Prinzen zu ihr hin und begehrte eine Extratour; er, der Ordonnanzoffizier, Freiherr von Reuenstein! Natürlich, die Anderen machten es ihm sofort nach, selbst Herr von Brocksdorff begab sich jetzt freiwillig in die Karybdis, ohne den Klex zu bedenken, den er sich und seiner Tanzkarte auf dem Hofball dadurch gemacht hatte. Denn die unfehlbare Hand des Prinzen hatte der Königin Mode eine neue Flagge aufgehißt, und auf dieser Flagge prangte der ominöse Name »Gänseliesel!«, dessen Trägerin mit einem Schlag so durchaus courfähig geworden war. 304 Günther stand neben Sylvie. Er war verstimmt und konnte sich schlecht beherrschen. »Wo sind denn Ihre Schneebälle hin, Hoheit?« fragte er, auf das welke Laub blickend, aus welchem die weißen Blüten längst entblättert auf das Parquet gewirbelt waren. »An meinem heißen Herzen geschmolzen!« entgegnete sie etwas schnippisch und fügte ironisch hinzu: »Wie gut, daß Sie nicht daran schuld sind!« Als er schwieg, erzählte sie ihm, daß nächster Tage ihr Vetter, der Erbprinz Karl Theodor von X., auf etliche Zeit zum Besuch kommen würde. Sein Blick sprühte zwar auf, aber er sagte nur mit heiterem Gesicht ein paar sehr erfreut klingende Redensarten. »Haben Sie schon mit Ihrer schönen Freundin getanzt?« fragte sie plötzlich. »Nein!« »Und warum nicht?« Er lächelte seltsam; wie Wetterleuchten zuckte es über sein Antlitz. »Um diesen Genuß noch vor mir zu haben, Hoheit!« sagte er gelassen. Aber er tanzte doch nicht mehr mit ihr, er entschuldigte sich nur bei Josephine, daß es ein höchst seltsames Mißgeschick sei, welches ihm Freund Hattenheim heute den ganzen Abend stets, fast auffallend, zuvorkommen lasse! Er sei beim besten Willen nicht dazu gekommen, sie zu engagiren. Sie sei allzubegehrt gewesen! Und was hatte sie darauf geantwortet? Ein 305 paar höfliche, phrasenhafte Worte, so heiter und glückstrahlend, als habe sie auch nicht das lindeste Bedauern darüber. Dann hatte Lehrbach Hattenheims Arm im Vorübergehen gefaßt. »Du tanzest ja wie ein Wasserfall, Dicker!« sagte er fast erbittert. Reimars blaue Augen lachten ihn voll harmloser Seligkeit an. »Das sollt' ich wohl nicht als Kavalier, als vielbeneideter Kavalier eines solch' reizenden Wesens? Du glaubst gar nicht, Günther, zu welch' bezaubernder Rose die kleine, ungestaltete Knospe sich entfaltet hat, die volle, süße Naivetät und Frische des Stauffener Kindes, veredelt durch Eleganz, vollendet durch den gediegensten Ernst! Ach Günther, Du machst Dir keinen Begriff davon, wie heiß es Einem um das Herz wird, wenn die holden Augen so aufrichtig, so treu, so . . . . so . . . .« »So verliebt – sag's nur – so verliebt Einen ansehen!« Günther stieß es durch die Zähne hervor, dann lachte er auf und klopfte den Freund auf die Schulter. »Gratulire, alter Junge! Du bist ein Glückspilz, auf Wort! . . . . und ich gönne es Dir von Herzen!« Damit war er davongestürmt, direkt zu dem Champagnerbuffet. Hattenheim sah ihm nach. Er atmete tief auf, ein wunderliches Zucken ging über seine Züge. »Glückspilz!« murmelte er, »nein ich bin es nicht, ich weiß besser Bescheid!« Er hatte ja so oft den Blick Josephinens beobachtet, wenn er verstohlen 306 zu dem schönen Haupt des Freundes hinübergehuscht war, er hatte das Zittern ihrer Hand gefühlt, da Günther mit ihr gesprochen hatte, und er hatte es im tiefsten Herzen empfunden, daß nicht er der Glückspilz war, welchem das Hangen und Bangen dieser jungen Seele galt. Zum Schluß des Festes, welcher ziemlich früh, schon vor Mitternacht von der Herzogin Mutter befohlen war, wurde ein Blumenwalzer getanzt. Keine Bouquets, sondern nur einzelne, besonders schöne Blüten, wurden den Damen zum Abschiedsgruß gereicht, eine Reminiscenz der guten alten Zeit, welche die Blumensprache und ihre zarten Geständnisse noch hoch in Ehren hielt. Josephine war reich mit diesen duftigen Huldigungen bedacht worden; sie tanzte soeben mit dem Ordonnanzoffizier, Herrn von Reuenstein, welcher einen stark duftenden Jasminzweig überreicht hatte, nachdem er vorsichtshalber erst noch am Buffet die Meinung des Prinzen über die junge Dame erforscht hatte; dieselbe schien sehr gut und fest zu sein, ergo ! Es hat immer etwas für sich, mit den höchsten Herrschaften zu sympathisiren, darum that er ein Uebriges und zeichnete Fräulein von Wetter als einzige junge Dame, welche keine Charge am Hof bekleidete, durch einen Jasminzweig aus. Er, der Ordonnanzoffizier, Herr von Reuenstein, welcher sonst nur den einflußreichen alten Excellenzen, Staats- und Hofdamen »durch die Blume« zu verstehen gab, daß er ihr ganz gehorsamer Diener sei, 307 welcher darauf rechnet, nur in wohlwollender Weise vor den allerhöchsten Ohren erwähnt zu werden. Herr von Reuenstein verneigte sich dann auch zum Schluß mit einem Gesicht, in welchem deutlich die Frage zu lesen stand: »Du weißt doch auch, Gänseliesel, welche Ehre Dir widerfahren ist, und wirst den Jasmin zum Andenken pressen?« Dann ging er mit gewichtigem Schritt durch den Saal zurück, um in der Nähe zu sein, wenn Prinzeß Sylvie nach ihrem sortie de bal rufen sollte. Josephine stand einen Augenblick allein; die Blumen schienen sämmtlich vergeben zu sein, nur noch einzelne Paare tanzten, die meisten standen oder saßen in kleinen Gruppen und plauderten. Da trat Baron d'Ouchy zu ihr heran, er hielt eine italienische Kamille, welche er spielend zwischen den Fingern drehte. Er überreichte sie Josephine. »Ach, eine gelbe Gretchenblume!« »Sie geben der Blüte den rechten Namen, mein gnädiges Fräulein, geben Sie ihr nun auch die Bedeutung einer Gretchenblume!« Seine Geste lud das junge Mädchen ein, Platz zu nehmen, er ließ sich an ihrer Seite nieder. Groß und fragend schauten die blauen Augen zu ihm auf. »Haben Sie den ›Faust‹ noch nicht gelesen?« fragte er weiter mit seiner gedämpften und doch so klangvollen Stimme. Josephine schüttelte des Köpfchen: »Handelt's von diesen Blumen? Bitte erzählen Sie mir!« 308 Sein Blick verschleierte sich, er nahm den Jasminzweig aus dem Strauß, welchen Josephine neben sich auf das Polster gelegt hatte, um ihn etwas zu ordnen, und atmete den süßen Duft. »Die Heldin des ›Faust‹ heißt Gretchen, und ihr verdanken die Zupfblumen den poetischen Namen, welchen Sie soeben nannten. Gretchen liebt den Faust und wandelt mit ihm allein im silbernen Mondlicht, zwischen blühenden Beeten und Gebüschen durch dem Garten. Sie neigt sich und pflückt die große, weiße Sternblume, wendet sich halb ab von dem Geliebten und beginnt die Blättchen der Blume abzurupfen; also will es der reizende, alte Aberglaube.« »Die Blättchen abzurupfen? Im Aberglauben? Was bedeutet das?« Sie blickt ihn aufmerksam an, ihre Lippen lächeln. Sein dunkles Auge glüht wie im Fieber. »Die Blumen besitzen die Kraft zu wahrsagen,« flüstert er, »den Mädchen zu verraten, ob sie geliebt werden. Wollen Sie auch das reizende Orakel befragen und an den Mann dabei denken, der Ihnen lieb und wert ist, so nenne ich Ihnen die Worte!« Dunkle Röte deckt ihre Wangen und färbt selbst den weißen Hals, sie nickt eifrig: »O gewiß, das ist ja ein prächtiger Scherz!« und sie faßt die Blüte und läßt sich belehren. Mit zaghaften Fingerchen zupft sie die einzelnen Blätter ab, und der wunderliche Lehrmeister an ihrer Seite spricht ihr leise die Worte vor: »Er liebt mich – er liebt mich nicht – er liebt mich – liebt mich nicht« – 309 da faßt sie das letzte Blatt: »Er liebt mich!« Wie ein zitternder Schrei des Entzückens klingt es von ihren Lippen, ihr glühendes Gesichtchen ist ihm zugewendet, mit glänzendem Blick schauen ihn die dunklen Augen an. »Ja, er liebt Sie!« Sein Blick brennt in dem ihren, sein Atem fliegt. Dann springt er auf. »Lassen Sie uns schnell tanzen«, sagt er. Und sie fliegt dahin wie im Traum. Sein Arm umschlingt sie so fest, und er ist so groß, daß ihr Köpfchen bei jeder schnellen Wendung unfreiwillig an seiner Brust ruht. Da läßt sie die Wimpern über die Augen sinken. »Günther!« ist der einzige Begriff, den sie denken kann, sie wähnt, daß sie im Stauffener grünen Saal tanzt, daß Alles, was zwischen Einst und Jetzt liegt; ein schwerer Traum gewesen, daß die Hand, welche die ihrige in so bebendem Druck umspannt, nur die ihres schönen Freundes ist . . . . . »Er liebt mich!« hatte die gelbe Blume gesagt. Da verstummen die Geigen und Flöten; da erwacht sie. Sie ist verwirrt, sie glaubt, der fremde Mann an ihrer Seite muß ihrer Seele heimlichste Gedanken in ihren Augen lesen; sie senkt die Blicke vor ihm, sie antwortet ganz konfus und strebt zu Gräfin Ange zurück. Sie sieht nicht, welch' ein Ausdruck seine Züge beherrscht, welch' ein Sprühen und Flackern durch das schwarze Auge geht. »Doch wenn er liebt, nimm Dich in Acht!« scheint es ihr aus seinem heißen Atem zuzuraunen. 310 Josephine achtet es nicht; ihre Gedanken sind so weit davon, sie sieht, wie Graf Günther der Prinzessin den Arm bietet, um sie nach dem Wagen zu geleiten, er lächelt auch jetzt, aber es ist ein anderer Ausdruck in diesem Lächeln, als damals in dem Wintergarten. Als er an Josephine vorbeischreitet, trifft sie sein Blick. Sylvie nickt ihr zu, halb freundlich, halb spöttisch. »Wir reiten also!« ruft sie ihr zu. Bald gehen auch Lattdorfs. Hattenheim muß der Hofmarschallin den Arm bieten, d'Ouchy hat bereits Komtesse Ange aus dem Nebensalon abgeholt und folgt mit ihr der voranschreitenden Gräfin und ihrem Kavalier. Josephine geht allein, sie muß nach allen Seiten grüßen und findet, daß man ihr jetzt bedeutend freundlicher dankt, als auf dem Hofball. Da erscheint Graf Lehrbach wieder in der Thür. Er verneigt sich tief vor der Hofmarschallin und Ange, dann sieht er Josephine und tritt hastig auf sie zu. »Darf ich Sie zum Wagen führen, Fräulein Josephine?« Sie legt mechanisch ihre Hand auf seinen Arm; in ihrem Herzen klingt ein Echo: »Er liebt mich«, und das flammt momentan verräterisch aus ihrem Auge. Günther hat den Blick erhascht; er neigt sich dicht zu ihr hin. »Werden Sie mir das nächste Mal einen Tanz aufheben?« 311 Da zuckt es wieder weh und schmerzlich, wild und trotzig durch ihr Herz, sie zwingt sich zu einem gleichgültigen, etwas ironischen Ton: »Vielleicht die Polka vor dem Kotillon?« Er beißt sich auf die Lippen, die Gasflammen flackern im Luftzug, das macht ihn wohl so bleich aussehend. »Zürnen Sie mir?« fragt er gepreßt, kurz und rauh. »O nein! worüber? Daß Sie mich als Gänseliesel gezeichnet haben und mir für diesen originellen Spitznamen sorgten?« Sie lacht leise auf, aber das Lachen hat in seinen Ohren den Klang, als füge sie hinzu: » Cela ne vaut pas la chandelle! « Er möchte wild mit dem Fuße stampfen und die Zähne knirschen, aber er bezwingt sich. »Man hat mich bei Ihnen verleumdet . . . einem harmlosen Scherz eine boshafte Auslegung gegeben!« »Sie irren sich, Graf Lehrbach, wäre ich beleidigt oder böse, würde ich nicht hier an Ihrer Seite schreiten!« Sie ist unbewußt raffinirt coquett. Er sieht sie an, ganz wie damals. »Fräulein Josephine,« murmelt er hastig, »Sie werden mir erlauben, bei Gelegenheit auf dieses Thema zurückzukommen, ich will beichten und Sie werden begnadigen. Ja, Sie werden es!« beharrt er fast zornig, da sie ihn nur mit erstauntem, kühlem Blicke von der Seite ansieht. »Bei dem Andenken an die schönen, ungetrübten Stunden dieses Sommers,« 312 fügt er weich hinzu, »und ebensowenig, wie ich ein Schuldbewußtsein gegen Sie auf dem Herzen ertragen kann, ebensowenig werden Sie in Zukunft diesen fremden, kalten Ton in unserm Verkehr durchführen! Gute Nacht, auf Wiedersehen!« Ange ist mit einem Kopfschleier, Hattenheim mit dem Pelzmantel Josephinens aus der Garderobe zurückgekommen und rufen nach Fräulein von Wetter; Lehrbach verabschiedet sich mit verbindlichem Gruß, reicht Hattenheim zum ersten Mal im Leben nicht die Hand, sondern schreitet mit der eiligen, bewölkten Zerstreutheit eines viel beanspruchten Entrepreneurs nach dem Saal zurück. Reimar lächelte still vor sich hin; er sah gar nicht erstaunt und gar nicht piquirt aus. Der Himmel war bedeckt, linder Tauwind strich um ihre Stirn, als Josephine in den Wagen stieg.     Band II. Dreizehntes Kapitel. In die Flanke gehauen die Sporen! Und wer die Zügel nicht schießen läßt, Der habe das Rennen verloren. – Strachwitz.             Mit der großen Gratulationscour und dem Neujahrsball eröffnete die Saison die glänzende Suite ihrer Feste. Da baute sich Prinz Carneval seinen lustigen Thron aus Goldflor, Blüten und Perlen und wiegenden Walzerklängen, da ließ er sein keckes Banner durch das Land wehen, und schrieb mit schäumendem Rebenblut die Devise, das jauchzende » haï narrô! « darauf. Wer fragt nach der Zukunft, wenn die strahlende Gegenwart mit ihren Schellen rasselt, wenn Alt und Jung die Narrenkappe über die Ohren zieht, singt und springt und lustig ist? »Pflücket die Rosen, eh' sie verblühn!« trällert die Göttin Fröhlichkeit, schürzt ihr buntes Gewand und greift zu Maske und Fächer. Blind und taub wirbelt sie im tollen Tanze daher, über Rosen und Dornen, Fetzen und Scherben, atemlos durch lange Tage und Nächte hindurch, 2 bis sie schließlich halb betäubt die goldenen Schuhe von den Füßen schleudert und die Asche auf ihr Haupt streut. Dann legt Prinz Carneval demütig seine klingelnde Krone nieder, und die mächtige Tyrannin Zeit malt ihm das Kreuz auf die Stirn und facht ein Feuer auf dem Altar, dessen Flammen Pokusstab und Larve verschlingen. Nichts bleibt zurück von all' der flüchtigen Herrlichkeit, kaum eine Erinnerung, kaum ein Sprung im Herzen; es regnet Asche und deckt Alles zu, bis die Monate ihren Ring geschmiedet, bis es plötzlich wieder lockt und klingt und rasselt! Josephine lebte wie im Traum. Abend für Abend schlüpfte sie gleich dem Aschenbrödel in das Prachtkleid, um mit flinken Rossen davon zu sausen, mitten in den Taumel der Freude hinein. Wunderbar schnell hatte sie sich in dies Leben gefunden, sich zum Erstaunen gut seinen Capricen und Absonderlichkeiten angepaßt. Sie begriff selber nicht mehr, daß es so lange Jahre hindurch ganz anders gewesen war. Die große Güte, mit welcher die Herzogin-Mutter die junge Dame auszeichnete, die offenbaren Huldigungen, welche ihr Prinz Detlef darbrachte, hatten ihren Eindruck auf die Hofgesellschaft nicht verfehlt. Man schwamm mit dem Strom und hastete sich, einen Weg einzuschlagen, welcher so ostensibel von oben herab angedeutet wurde. Man war weit entfernt, dem Worte »Gänseliesel« jemals einen ironischen Beigeschmack gegeben zu haben; im 3 Gegenteil, man fand es ein allerliebstes Sobriquet , welches ja nur den Triumph andeutete, welchen die Schönheit der jungen Dame selbst ohne jegliche Folie über Graf Lehrbach gefeiert. Er hatte seine Skizze gezeichnet, um ein reizendes Gesichtchen zu verewigen. Man lächelte und nickte Fräulein von Wetter zu, wo man sie nur sah, bekam auch einen sehr höflichen und artigen Gegengruß und Antwort auf jede Frage. Aber dabei blieb es auch, »warm werden« konnte man nicht recht mit der hochmütigen kleinen Person, welche die Wettersche Stirnfalte gar zu schroff zwischen den Augenbrauen trug. Wozu das Leben oft bei anderen jungen Mädchen lange Jahre braucht, das hatte das Schicksal in ein paar kurzen Wochen bei Josephine gereift, die Menschenkenntniß nämlich und gleichgültige Verachtung, welche meistens mit ihr Hand in Hand geht. Sie hatte die Leute der Gesellschaft durchschaut, sie hatte das Gift gefühlt, welches sie verspritzen, welches wie Reif und Frost auf ihre junge Seele gefallen, und dessen Wunden kein Honigseim schmeichelnder Heuchelei wieder heilen konnte. Sie war ja nicht um der Menschen, sondern um ihres Stolzes Willen hier, der sollte wenigstens sein Haupt triumphirend heben, hoch über ihr Herz heben, welches so erbarmungslos in den Staub getreten war. Dazu kam auch das plötzliche, beseligende Bewußtsein, eine Rolle in der Welt zu spielen. Ihr reger Geist überblickte schnell die Lage der 4 Dinge, sie sah sich umschwärmt, gefeiert und ausgezeichnet, sie empfand, daß man sie schön nannte, und sie bemühte sich, liebenswürdig zu sein und zu gefallen. Ja, das Gemisch ihrer ursprünglichen Naivetät mit dem heiteren Humor, welchen das Gefühl der Sicherheit ihr gab, sowie mit den eifrig erlernten Kenntnissen und der natürlichen Begabung für eine schlagfertige und gewandte Konversation bildete ein so eigenartiges Ganze, daß es ihr nicht schwer fiel, stets von Neuem zu entzücken. Vor Allen empfand Graf Lehrbach den Zauber ihres originellen Wesens. Ohne daß es Josephine ahnte, oder es sich bewußt war, ja ohne daß sie es bezweckte, übte sie einen unwiderstehlichen Reiz auf ihn aus. Sie bemühte sich, seine Untreue durch ein möglichst gleichgültiges Verhalten zu bestrafen, ohne jedoch ihr leidenschaftliches Herz derart zu beherrschen, daß es nicht hier und da durch das Auge zum Verräter wurde. Dieses Schwanken zwischen kühler Gelassenheit und jäh aufglühendem Blick, diese sich stets berührenden Extreme und der Kampf zwischen Haß und Liebe einigten sich, und verschmolzen unbewußt zu einem Spiel vollendetster Coquetterie, welche allen Zauber der Natürlichkeit zum Schild hatte und allen unangenehmen Beigeschmack des Raffinements entbehrte. Was Graf Günther erst freiwillig von sich geworfen hatte, das wurde ihm nun zum fiebernden Verlangen, an welchem er mit dem zähen Eigensinn aller verwöhnten Menschen festhielt. Er war es 5 gewohnt, Alles, was eine Rolle in der Gesellschaft spielte, an der Hand zu haben, er suchte seinen Triumph darin, überall bevorzugt zu sein, er nahm es als Privilegium seiner Schönheit, überall offene Herzen zu finden; und nun stieß er zum ersten Mal im Leben auf Widerstand! Ein völlig ungerechtfertigter Zorn gegen Hattenheim erfaßte ihn. Er war es gewohnt, daß der Freund bis jetzt jeder seiner eigensinnigen Launen Vorschub geleistet hatte, daß er stets in selbstlosester Weise zurückgetreten war, wenn er sah, daß der verzogene Liebling die Hände rücksichtslos nach Etwas ausstreckte, was auch Reimar begehrlich erschien. Aber diesmal schien er taub und blind für Günthers Wünsche zu sein, und das Wachs seiner Gutmütigkeit, welches der junge Graf bis jetzt immer so eigenwillig geknetet hatte, war starr und eckig geworden und baute sich als felsiges Hinderniß zum ersten Mal auf Günthers Siegesbahn. Hattenheim liebte Josephine, das hatte er längst, schon seit dem Aufenthalt in Stauffen bemerkt, und er hatte nichts dagegen gehabt. Auch auf dem ersten Hofball noch nicht, denn er dachte ja mit keinem Gedanken an das graue, kleine Mauerblümchen, welches er so völlig übersehen, und das in seiner Einsamkeit für ihn erblüht war, nun aber war das anders geworden! Nun hatte er auch Geschmack an dem blonden Lockenköpfchen und den blauen Augen gefunden, und es war ganz selbstverständlich, daß Reimar ebenso wie früher, auch 6 diesmal bescheiden zurücktrat und dem Freunde das Feld räumte. Aber er that es nicht, im Gegenteil, er wich keinen Fuß breit, er zeigte ihm sogar die Zähne! Und das infame Versprechen, das er ihm erst so listig in der Galerie abgenommen hatte! Das band nun dem jungen Helios die strahlenden Schwingen und ließ es nicht zu, daß er den Kampf mit stolzem Siegesbewußtsein aufnahm und den Gegner aus dem Sattel hob. Er schien unglaublich fest zu sitzen. Wo Josephine sich zeigte, war Hattenheim sicher in ihrer Nähe, er maßte sich überall ein solch' ritterliches Recht auf sie an, daß es kein Wunder war, wenn man sich bereits eine bevorstehende Verlobung in die Ohren flüsterte und der fast unglaublichen Umwandlung des sonst so reservirten Mannes schwerwiegende Gründe unterlegte. Warum duldete das Josephine? Günther biß sich bei diesem Gedanken zornig auf die Lippe und lachte schneidig auf. »Ei, weil sie seine Liebe eben erwidert! Weil ich sie an jenem Ballabende geradezu in seine Arme getrieben habe und ihr selber die Alternative stellte: ›Ihn oder mich, seine treue Verehrung oder meinen ungetreuen Spott!‹, und da wählte sie natürlich ihn und seine Treue!« »Aber sie hat mich früher geliebt, ich müßte ja nicht die Weiber kennen! . . Und ihre Seele war ein aufgeschlagenes Buch! Aber es war mir nicht 7 interessant genug, darin zu lesen, ich blätterte ein wenig darin und warf es gelangweilt zur Seite! Reimar aber hatte Ausdauer, er las sich durch bis zu den Kapiteln, welche süßen Lohn verheißen!« »Ist aber Hattenheim etwa der Mann dazu, mich so völlig vergessen zu machen? Nein! Sie muß an mir hangen und mich trotz ihres Hasses fortlieben, ich nahm ihr Herz und gab es ihr noch nicht zurück. All' ihre Kälte ist Verstellung, sie giebt mir verdienten Lohn und zahlt Gleiches mit Gleichem zurück; aber nicht ewig, sie wird dem alten Zauber anheimfallen, und dann . .?« An das »Dann« dachte Graf Günther nicht weiter; ihn interessirte nur das »Jetzt«, er wollte nur die Prinzessin Sylvie ein wenig reizen! Ja, das war doch immer die Hauptsache! Das Benehmen Ihrer Hoheit ärgerte ihn; sie war launisch, oft hochmütig seit einiger Zeit. Sie coquettirte mit ihm, pour passer le temps! Liebte er sie? Oh nein! Er, der Gourmand weiblicher Schönheit, fand nichts begehrenswert an ihr außer der Krone und dem Nimbus, welcher sie umschwebte, er hatte nur hochfliegende Pläne, keine süßen Träume im Herzen. Die Hand einer Prinzessin! Das war der höchste Tribut, welchen das Leben seiner Eitelkeit zahlen konnte, nur danach strebte er. Alles Andere fiel ihm ja von selbst zu. Aber die Hand dieser Prinzessin schlug in letzter Zeit oft scherzend nach ihm und reichte ihm Lorbeeren anstatt Rosen, bah! . . Sie ist eben verwöhnt, ich muß sie knapper halten! 8 Sie kennt noch keine Eifersucht, voyons donc , die ist oft bittere, aber gute Arzenei für den Uebermut. Ihr Vetter wird kommen, die kleine Hoheit scheint sich in dem Gedanken wohl zu befinden, einen Hochzeitsschleier um die Krone eines Erbprinzen zu spinnen. Nur Geduld, Graf Lehrbach spinnt dafür ein feines Netzchen, dessen Fäden hält Gänseliesel in der Hand, und dessen Maschen sind bestimmt, dem stolzen Vöglein mit dem Purpurkleid süße Fesseln um die Schwingen zu stricken! So dachte Graf Günther in den ersten Tagen nach der Schlittenpartie und forschte mit bewölkter Stirn, wann das Eintreffen des Erbprinzen Carl Theodor zu erwarten sei. Und dann beobachtete er Sylviens Gesicht, wenn er dem Gänseliesel die Cour machte. Nach und nach aber sah er immer weniger zu der Prinzessin hinüber, weil es ihm viel interessanter war, Josephinens Mienenspiel zu beobachten, und die Ankunft des fürstlichen Freiers war ihm bald vollkommen gleichgültig. Nur das ärgerte ihn namenlos, daß Sylvie über Fräulein von Wetters kühles Verhalten spöttisch lachend den Kopf zurückwarf, als sie seine Niederlage erkannte, sein vergebliches Bemühen, mit Hattenheim zu rivalisiren. Das sollte und durfte nicht sein! Seine Stimmung war immer gereizter, sein Zorn gegen Reimar stets offenbarer. – – – – Im Theater war er in die Lattdorfsche Loge getreten, um Josephine während einer Zwischenpause einen Veilchenstrauß zu überreichen, er wußte, 9 daß Sylvie jede seiner Bewegungen von der gegenüber liegenden Loge beobachtete. Hattenheim hatte ihn freundlich begrüßt, ohne jedoch den Stuhl an der Seite der jungen Dame zu räumen. Er schien es ganz selbstverständlich zu finden, daß er diesen Platz einnahm. »Sag' mal, lieber Dicker, Du bist wohl sehr müde?« fragte Günther scherzend und rüttelte zum stummen Wink an der Sessellehne. Reimar sah ihn an. »O nein!« sagte er trocken. »Na, dann steh auf und gönne mir die Freude, Dir Gelegenheit zu geben, auf mich herab zu sehen!« »Das würde mir peinlich sein!« Hattenheim schüttelte mit fast verschmitztem Lächeln den Kopf. »Zum Kukuk noch eins, Dicker, ärgere mich nicht!« Noch klang es lachend von den Lippen des schönen Mannes, aber sein Antlitz rötete sich bereits, und die Ader auf der Stirn schwoll an. Reimar musterte ihn amüsirt. »Wenn Du auf so unsicheren Füßen stehst, alter Freund, setz' Dich in Gottes Namen; ich riskire es schon, Dir eine Weile Platz zu machen!« Damit erhob er sich, stützte sich aber mit abgewendetem Gesicht so bedauerlich auf die Rampe, daß Günthers Veilchensträußchen, welches Josephine vor sich auf die Sammetbrüstung gelegt hatte, von seinem Ellenbogen in das Parquet hinab gewischt wurde. »Oh!« sagte er nur, »da unten liegt's!« »Das sehen wir!« lachte Lehrbach scharf auf, 10 dann nahm er von dem Sessel Besitz, während Hattenheim sich zur Thür wandte. »Wo wollen Sie denn hin?« rief ihm Fräulein von Wetter fast erschrocken nach. »Sehen, ob die Veilchen noch zu retten sind!« »Aber eilen Sie sich, daß Sie zum nächsten Akt wieder da sind!« Sie nickten sich Beide zu, wie Menschen, die ganz einig sind. Lehrbachs Schläfe hämmerten. »Das ist gleichzeitig eine Abschiedsbewilligung für mich?« fragte er mit einem mißglückten Versuche, heiter zu erscheinen. In demselben Augenblick trat Baron d'Ouchy ein, um bei Ange anzufragen, ob er morgen nach dem Diner bei dem russischen Botschafter die neuen Notturnos mit ihr proben dürfe. Der Fächer in den Händen der Komtesse bebte leise, als streife ihn ein Luftzug. Sie nickte ihm mit demselben liebenswürdigen Lächeln zu, welches ihr schon zur Gewohnheit geworden war. Dann sprachen sie über Musik, über die Oper, welche man soeben hörte – Zampa. »Ich liebe dieses Werk,« sagte der junge Diplomat, sich gleichzeitig an Josephine wendend. »Unbegreiflich!« erregte sich Ange, »triviale Melodien und ein unsinniger Text!« »Aber so leidenschaftlich empfunden, daß es durch Mark und Bein geht!« »Leidenschaften, die nicht nachahmungswert sind, finde ich immer unschön, und darum lassen sie 11 mich kalt,« entgegnete die Komtesse mit einem jener Blicke, welche Prinz Detlef »unnahbar« nannte. »Sympathisiren Sie vielleicht mit diesem Teufel in Menschengestalt, welchem nichts mehr heilig ist?« »Ja, ich würde so lieben können wie er!« Ange zuckte empor, Josephine aber lachte harmlos auf. »Dann muß man sich ja vor Ihnen fürchten!« »Thatsächlich, mein gnädiges Fräulein?« Es lag etwas Dämonisches in den blassen Zügen des Sprechers. »Für mich hat nun der Gedanke, schrankenlos und maßlos geliebt zu werden, etwas Berauschendes! Ein Mann, welcher vor irgend einem Hinderniß, mag es selbst sein Leben gefährden, zurückschreckt, anstatt kühn und trotzig die Hand nach der Erwählten seines Herzens auszustrecken, der liebt meiner Ansicht nach nicht, er macht es sich und Anderen nur weiß!« »So würden Sie auch rauben und entführen, wie der Bandit auf der Bühne drunten?« Die blauen Augen Josephinens sahen ihn fast übermütig an, Ange aber neigte sich zur Seite und drückte leise aufhustend das Spitzentuch gegen die Lippen, sie sah recht bleich aus. »Gewiß!« lachte d'Ouchy. »Dem Schicksal würde ich selbst eine junge Dame, welche ich liebe, entreißen, rauben und entführen, um jeden Preis!« Lehrbach hatte sich verstimmt zurück in den Sessel gelehnt. 12 »Nur dem Schicksal?« fragte er, »was nennen Sie so, d'Ouchy?« »Alles, was mir oder ihr zur Fessel wird!« Ein feines, scharfes Zucken ging um seine Lippen. »Also gesprengte Fesseln, Sie drücken es nur allgemeiner aus,« nickte Günther. »Unser Einer würde vielleicht sagen: Ich schieße meinen Nebenbuhler einfach über den Haufen! Sie sind vorsichtiger und ringen Ihr Glück nur dem Schicksal ab!« »Dafür bin ich Diplomat!« Die schwarzen Wimpern des Franzosen sanken über die Augen; wie ein Marmorbild stach das farblose Antlitz gegen den dunkelbraunen Hintergrund der Wandbekleidung ab. Josephinens Blick hatte sich bei Günthers Worten jäh und durchdringend auf ihn geheftet, ihr Haupt richtete sich höher empor und die Lippen öffneten sich zu einer Antwort, anscheinend ebenso scharf, wie die Linie, welche sich zwischen die Brauen senkte. Dann atmete sie kurz auf und wandte sich schweigend nach der Thür, durch welche Hattenheim wieder eintrat. Er hielt einen kleinen Veilchenstrauß und überreichte ihn der jungen Dame. »Der ›Gestürzte‹ ist es leider nicht!« sagte er mit vergnügtem Lachen, »der war bereits von der Frau Baronin von Tessin als willkommener ›Segen von oben‹ annektirt, blüht jetzt an ihrer Brust und veranlaßt seine nunmehrige Besitzerin, dem Grafen Lehrbach durch mich herzlichsten Dank sagen zu lassen.« 13 Günther fuhr wie ein gereizter Löwe empor, doch Reimar Hattenheim zuckte die Achseln und verneigte sich gegen Josephine. »Glücklicher Weise ist es mir gelungen, Ersatz zu schaffen und meine Ungeschicklichkeit wieder gut zu machen, gnädiges Fräulein, die Veilchen sind zwar nur von mir, aber sie duften und blühen eben so gern für Sie wie die anderen, ohne zu desertiren wie diese!« Lehrbachs Zähne gruben sich in die Lippe, es kostete ihm schwere Mühe, sich zu beherrschen. Josephine aber reichte Hattenheim dankend die Hand und befestigte den Strauß in den Spitzen ihres Seidenfichus. »Damit sie sicher aufgehoben sind!« lächelte sie. Die Musik intonirte von Neuem, der Vorhang rollte empor. Günther erhob sich und stieß den Sessel zurück, ohne seinem Freunde einen Blick zu gönnen. Dann lehnte er sich mit verschränkten Armen gegen die Wand zurück und verharrte schweigend; nur das rastlose Klopfen seines Stiefelhackens gegen das Wandgetäfel verriet den Sturm, welcher in seinem Innern tobte. Dann, als die Oper beendet, widmete er seine sämmtliche Aufmerksamkeit und Ritterdienste der Hofmarschallin, liebenswürdig, elegant, übermütig wie immer. Auf dem Heimweg schloß sich Hattenheim ihm an, harmlos wie ein Kinderherz, vertraut und freundschaftlich wie immer. Er schien gar nicht zu 14 bemerken, wie sein Kamerad so verändert war, wie steif und kühl, wie bitter ironisch seine Antworten klangen, wie ingrimmig er auflachte, wenn er sein übervolles Herz vor ihm ausschüttete. Und das that er den ganzen Weg entlang, wußte nichts Anderes zu reden als enthusiastisches Entzücken über Fräulein von Wetter, als begeistertes Lob ihrer Schönheit und Güte. Als Günther sich aber mit Kopfschmerz und Müdigkeit von einem gemeinsamen Abendessen dispensirte und mit steifem Gutenachtgruß seine Wohnung aufsuchte, da schritt Reimar von Hattenheim langsam und einsam weiter über den mondbeschienenen Schnee, senkte das Haupt in tiefen Gedanken und seufzte auf wie Einer, dessen Herz zum Brechen schwer ist. Da war sein lachendes Antlitz jäh verändert, da lag ein sorgenvolles Sinnen auf der gefurchten Stirn, ein tiefer Kummer um die Lippen. Dann aber blieb er stehen und strich mit der Hand die blonden Haare zurück und blickte tief aufatmend zu dem klaren Nachthimmel empor. »Es wird gelingen!« murmelte er zuversichtlich, »so oder nie! . . Gott wird helfen, ich meine es ja so gut!« Und die alte freudige Ruhe kam ihm zurück, er ging in seine Wohnung, nahm ein Buch und las bis spät in die Nacht hinein. Gleich nach jener Unterredung mit Prinzessin Sylvie hatte sich Josephine ein Reitkleid bestellt. Jetzt war dasselbe von sehr moderner und kleidsamer 15 Form eingetroffen, und wenige Tage darauf brachte ein Lakai ein kleines Billet von Fräulein von Dienheim, welches ihr mit langen, dünnen, outrirt großen Buchstaben mitteilte, daß Ihre Hoheit die Prinzessin Fräulein von Wetter auffordern lasse, sich morgen Vormittag elf Uhr an einem Spazierritt zu beteiligen. Die braune Vollblutstute »Sorma«, das gewöhnliche Reitpferd der Prinzessin, stände ihr zur Verfügung. »Bringen Sie aber Leim mit, daß Sie im Sattel bleiben!« lautete ein eigenmächtiges Postscriptum der Schreiberin. Es war ein auffallend milder Wintertag. Die Sonne hatte den Schnee auf den Straßen vollkommen fortgetaut, von den Dächern tropfte es glitzernd hernieder, und in den Vorgärten prangte das Tannengrün über dem feuchtgelben Rasen. Durch den Schloßpark trabte eine kleine Cavalcade, voran Prinzeß Sylvie auf einem feurigen Goldfuchs, im knappen, dunkelblauen Reitkleid, welches ihre volle Figur wie ein Schraubstock umspannte, in der Hand die Gerte mit goldenem Pferdekopf, und auf dem festgeknoteten Haar einen weichen Filzhut, welcher mit marinefarbigem Schleier fest auf den Kopf gebunden war – ein Zeichen, daß es Hoheit wieder stürmisch im Sinn hatte. An ihrer Seite ritt Prinz Detlef, ferner der Sohn des Landstallmeisters und Graf Lehrbach. Hinter ihr Fräulein von Dienheim, deren Figur sehr eckig war und deren Bewegungen zu Pferd noch ungemein viel rüder als auf dem Parquet 16 erschienen. Zu deren Seite Hattenheim, Baron d'Ouchy und Josephine von Wetter. Ein scharf prüfender Blick Ihrer Hoheit hatte das Gänseliesel im Sattel gemustert. Sie lächelte halb spöttisch, halb boshaft über die Art und Weise der jungen Dame, die Zügel zu fassen, dann aber, als sie mit den Worten: »Die Mähre hat ja factisch noch die Spuren des Lauchheimer Dickichts an dem Bein da!« einen heftigen und unvorhergesehenen Gertenhieb gegen die Vorderfüße der »Sorma« that, daß diese aufschreckend zur Seite sprang, da imponirte ihr doch die Kaltblütigkeit der kleinen Coutry-miss , welche nicht einen Moment die Haltung verlor. »Fräulein von Wetter reitet die Sorma?« rief d'Ouchy fast erschrocken, »ist es nicht riskirt, Hoheit, die junge Dame diesem capriciösen Pferd anzuvertrauen, welches bekanntlich unserm besten Kavallerieoffizier Schwierigkeiten bereitete? Sorma ist ein Halsbrecher und seit fast zehn Tagen, außer in dem Marstall, nicht bewegt worden!« »Wenn sich Fräulein von Wetter vor einem etwas hitzigen Temperament fürchtet,« entgegnete die Prinzessin voll beißender Ironie, »so steht ihr selbstverständlich ein anderer Gaul zur Verfügung! Wir haben ja leider Gottes Exemplare in den Ställen, auf welchen ein altes Hökerweib ohne Sattel und Zaum reiten kann!« Josephine lächelte: »Ich bitte Hoheit, mir die »Sorma« ohne Scrupel zu überlassen, wir werden uns schon an einander gewöhnen!« 17 Dann war man abgeritten. Durch den Schloßgarten in sehr gemäßigtem Tempo, dann durch den Waldpark, welcher mit einem nicht allzu hohen Stangenzaun umfriedigt war. Der alte Forsthüter wollte herzueilen und die Thüre vor den Herrschaften aufreißen, Sylvie aber schrie ihm ein ungehaltenes: »Seid Ihr verrückt, Alter . . . Sein lassen!« zu, hieb ihren Fuchs mit der Gerte über den Nacken und flog Allen voran über den Zaun. Ein hochstehender Ast hatte den Saum ihres Kleides gefaßt und ihn zerfetzt, der scharfe Ruck ließ die Reiterin sich bedenklich im Sattel biegen. Sie parirte ihr Pferd, riß es herum und beobachtete mit bebenden Nasenflügeln die Nachfolgenden. Detlef und Lehrbach sprangen zuerst, dann folgte Fräulein von Dienheim mit lautem »hepp! hepp!« Hattenheim dicht hinter ihr, ebenso der Sohn des Landstallmeisters. d'Ouchy zögerte, dunkle Blutwellen stiegen in sein bleiches Gesicht, seine Lippen bebten. »Ich ängstige mich um Sie!« raunte er Josephine gepreßt zu, »springen Sie zuerst!« Sie lächelte und nickte. Ein leichter Zungenschlag, eine kaum merkliche Berührung mit der Reitpeitsche, und Sorma streckte sich im Sprung, schlank, graziös wie eine Gemse flog sie über die Barrière. Wie verwachsen mit dem Rücken der Stute, ruhig, fast bewegungslos behauptete Josephinens schlanke Figur den Sattel. »Bravo!« jauchzte d'Ouchy, »brillant!« klang 18 es von Prinz Detlef und Lehrbach herüber; Sylvie aber wandte heftig den Kopf. »Vorwärts!« rief sie zwischen den Zähnen, faßte die Zügel mit eisernen Fingern und jagte die menschenleere Chaussee entlang. Wo sich der Weg teilt, sprang sie von der Straße ab, querfeldein über den Exerzierplatz, in wilden Sprüngen über Hecken und Gräben; sie hatte nichts Ruhiges, nichts Vornehmes mehr in ihrer Haltung. Endlich verkürzte sie das Tempo, richtete sich wieder zu der alten trotzigen Haltung empor und warf einen forschenden, beinahe stechenden Blick auf Josephine. Diese sprengte unverändert an ihrer Seite, Fräulein von Dienheim, d'Ouchy und Hattenheim beträchtlich voraus. Nur ihre Wangen waren lebhafter gerötet, ihre Augen leuchteten vor Lust und Eifer, ihre Haltung aber war völlig unverändert. Sylvie wußte, was es bei »Sorma« hieß, zu stoppen. Sie lauerte auf diesen Moment und sah bereits Roß und Reiterin planlos weiter über das Feld jagen; aber sie hatte sich geirrt. Die Stute probirte allerdings schäumend und schnaufend zu revoltiren, aber die kleinen Hände zwangen sie wie eiserne Klammern. Und da sie dennoch kerzengerade emporstieg, pfiff die Gerte durch die Luft und traf Hals und Schenkel, dann klopfte und lobte die schlanke Mädchenhand das gefügige Tier. Die ganze Scene war das Werk eines Augenblickes gewesen, aber sie hatte das Antlitz der 19 Prinzessin merklich verwandelt. Groß und überrascht starrte sie auf das Gänseliesel, welches mit strahlendem Lächeln soeben an sie heranritt. »O Hoheit, wie danke ich Ihnen für diesen Ritt!« rief sie voll warmer Aufrichtigkeit, »jetzt war es mir zum ersten Mal wieder zu Sinn, als wäre ich daheim.« Sylvie nickte ihr zu, es lag eine gewisse Anerkennung in ihrem Lächeln: »Sie verstehen es, Kleine! Ich hätte nicht gedacht, daß Sie so sicher im Sattel säßen!« Ilse kam mit hochrotem Kopfe näher. Sie sah arg verweht aus, die starren Blondhaare hingen ihr in langen Strähnen im Gesicht und Nacken, sie saß nicht mehr so steif wie erst, man sah es ihr an, daß sie bereits müde war. »Wohin denn nun?« fragte sie und schnaubte sich energisch die Nase. Sylvie musterte mit einem schnellen Blick die Herren. »Jetzt wollen wir einmal sehn, ob Graf Lehrbach Recht hat, wenn er behauptet, das Forsthaus Marienhütte sei von hier eine halbe Stunde weit, wenn man die Chaussee reitet, und dreiviertel Stunden, wenn man den Umweg durch den Wald macht!« » Eh bien , Hoheit, ich beharre bei dieser Behauptung, lassen Sie es uns ausprobiren!« zuckte Günther nonchalant die Achseln. »Ausprobiren?« Sylvie lachte spöttisch auf. »Nein, wetten wollen wir, messieurs , und uns in zwei feindliche Haufen teilen! Auf die eine Seite 20 die Böcke und auf die andere die Schafe – sans comparaisons!  . . . Die Herren reiten die Chaussee und wir Damen gehen die Wette ein, über den Wald noch eher da zu sein, als Sie! Also eine Viertelstunde abzugewinnen, das läßt sich doch hören!« »Unsinn, Sylvie!« schüttelte Detlef ärgerlich den Kopf, »wie können wir Euch Damen allein durch Wald und Feld jagen lassen, wenn Etwas passirte –« Das rauhe Auflachen der Schwester unterbrach ihn. Hoheit zog das rotkantige Batisttuch aus der Brusttasche und rieb damit über Stirn und Wangen. »Wenn Etwas passirte, wären wir Drei doch weiß Gott danach angethan, uns männiglich aus eigener Kraft zu helfen. Das schwache Geschlecht hat auch seine starken Ausnahmen, mein Junge, und außerdem ist es dem Teufel wohl ganz einerlei, ob noch sechs Kavaliere dabei sind, wenn er einer schönen Amazone den Hals brechen will! Du thust, als wäre ich noch niemals allein geritten! Vorwärts also! Die Herren die Chaussee entlang und wir den Waldweg, und wer zuerst am Ziel ist, hat gewonnen!« »Was gilt denn die Wette, Hoheit?« rief Lehrbach lachend entgegen. »Ich schlage vor, wir stellen uns erst sicher, denn sonst müssen wir Herren, zu ewiger Galanterie geboren, doch auf jeden Fall hinterher sehen. Wie wäre es, wenn wir die Damen zu einem gestickten Teppich oder Ofenschirm verurteilten?« Sylvie schnitt ihm eine Grimasse, und 21 Fräulein von Dienheim tippte in stummer Frage gegen die Stirn, dann rief die Prinzessin: »Sie scheinen zu wissen, wo ich sterblich bin, Fortunatus, und wollen die Nähnadel als Waffe gegen mich heben! Fehlgeschossen! Die besiegte Partei gibt nachher ein Frühstück bei Boppart in der Bellevue, und Sie bringen den Toast auf die siegreichen Damen aus, Graf, das ist meine Privatrache für Ihr Teppichattentat!« »Bravo! Ein Frühstück! . . Austern und Sekt!« jubelte es aus dem Kreise der Herren zurück. Dann wurden die Pferde nach den verschiedenen Direktionen gewendet, und Sylvie kommandirte: »Eins . . zwei . . Hurrah – hepp! hepp!« . . . Wie geschossen stürmten die Rosse davon, die Hufe knatterten auf dem steinigen Boden, noch kurzes Echo von der Chaussee herüber, dann flogen die noch leicht beschneiten Tannenzweige des Waldes über die Häupter der drei Reiterinnen hinweg. »Hört!« rief Sylvie in ihrer derben Art, »wir überlisten die Kerls! Ich habe die Karte studirt; wenn wir quer durch die Wiesen über die Ziegelei reiten, ersparen wir uns mindestens zwanzig Minuten! Immer diese Schneise hier entlang, dort lichtet sich das Gehölz schon!« »Famos!« entgegnete Ilse, »das ist ein Hauptspaß! Wir müssen zuerst da sein, sonst soll ein Donnerwetter drein schlagen!« Die Stimmen verwehten halb bei dem schneidenden Luftzug, in rasendem Tempo jagten die Rosse dahin. 22 Die Waldlisière lag bereits hinter ihnen, vor den Blicken dehnte sich freies Feld, im Hintergrund von einer Baumgruppe und etlichen roten Dächern unterbrochen. »Dort liegt die Ziegelei! Immer die Direktion genommen – ein Graben, Kinder! . . hepp! hepp!« . . Und die Kleider wogten auf, das Hinderniß wurde genommen, weiter ging es in wilder Flucht, daß die Schollen stoben. Näher und näher rückte das Gehöft. »Rechts ab!« schrie Sylvie, »über die Obstallee und die Wiesen dort – oben der hohe Baum ist die Forsteiche, der ›dicke Förster‹, dann sind es kaum noch fünf Minuten bis zum Ziel!« »Wir haben einen bedeutenden Vorsprung, Hoheit!« jubelte Josephine. »Sind mindestens zwölf bis fünfzehn Minuten früher da, als die Beherrscher der Welt!« setzte Ilse hinzu. Lautlos fast sausten die Hufe über den Wiesengrund, Prinzeß Sylvie war um zwei bis drei Pferdelängen voraus. Plötzlich schrie sie auf: »Halt! .  zurück! . . wir kommen in Moorboden!« Helles Wasser spritzte um die Hufe ihres Pferdes, wie zusammengebrochen sanken die beiden Vorderfüße in den Sumpf, tiefer und tiefer. Mit übermenschlicher Kraft riß es Sylvie zurück. »Verfluchte Lache! daß dich der Satan holte!« knirschte sie bleich wie ihr Chemisette, »he! Cäsar! . . . heb' dich! . . 23 zurück! . . faß' Fuß, mein Pferd . . . so . . . so . . . brav jetzt, hoch Cäsar! . . . hei! . . . spring' auf!« und nochmals gab sie ihm Hilfe, so viel sie vermochte. Das Pferd arbeitete sich mit den Hinterfüßen immer weiter auf das trockene Land, endlich hob es sich mit lautem Aufschnauben und prallte auf das feste Erdreich zurück. Gleichzeitig aber rutschte seine Reiterin von seinem Rücken zur Erde nieder. »Um Gottes Willen!« rief Josephine und faßte voll Geistesgegenwart Cäsars Zügel. Aber das Pferd stand zitternd und in Schweiß gebadet da. Sylvie half sich auf, befreite den Fuß aus dem Bügel und preßte die Hände momentan wie betäubt gegen die Schläfe, kein Blutstropfen kreiste in dem sonst so roten Gesicht. »Hoheit – bei allen Teufeln – was ist denn geschehen?« rief Ilse und machte Anstalten, aus dem Sattel zu springen, »haben Sie sich verletzt, sind Sie unglücklich gestürzt?« . . . Da kam wieder Leben in die Prinzessin. »Bleib' oben! . . . reitet Ihr zu! . . . dort den Umweg um das Gehöft . . . es ist noch Zeit!« . . . Und wild mit dem Fuß aufstampfend, fuhr sie mit zornglühenden Wangen fort: »Die Sattelgurte geplatzt!« . . . hat die verdammte Mähre bei dem Zappeln und Rausarbeiten gesprengt! . . . Was nun thun? . . . Zu Fuße laufen? . . . O, ich könnte verzweifeln vor Wut!« Und Sylvie faßte den Sattel und schleuderte ihn dann außer sich vor Aufregung mit kräftigen Armen auf die Erde zurück. 24 Josephine war von ihrem Pferd geglitten. »Schnell, Hoheit, hierher zu dem Prellstein! Steigen Sie auf! . . . Reiten Sie!« . . . drängte sie in fiebernder Hast. »Und Sie?« . . . »Steigen Sie auf! . . . Ich komme schon!« Und Josephine faßte, allen Respekt vergessend, die Prinzessin am Arm und schob sie neben die »Sorma«. Sylvie stieg mit Fräulein von Wetters Hilfe auf. »Vorwärts, Ilse!« knirschte sie, »dort im Bogen um die Wiese, auf die Eiche zu! . . . Wir holen Sie nachher hier ab, Josephine!« Und die Peitsche auf den Hals des Pferdes fallen lassend, stürmte sie wie eine verkörperte Walküre, von Ilse gefolgt, davon. Plötzlich hörte sie Hufschlag hinter sich. »Hei ho!« jubelte die Stimme des Gänseliesels. Da saß Fräulein von Wetter auf ungesatteltem Pferde. »Wie eine Katze hängt sie auf dem Gaul«, würde Onkel Bernd sagen, der sie ja oft in dieser Situation gesehen hatte, wenn sie übermütig in der Koppel herumtollte. Die Zügel um die Hände geschlungen, förmlich eingekrallt in die dichte Mähne, schwebte die junge Dame in halb liegender Stellung auf dem Pferderücken. »Josephine!« schrieen beide Damen starr vor Staunen. »Vorwärts! . . . ich komme etwas langsamer nach!« hallte es zur Antwort, und dahin schmetterten die Hufe auf dem Feldweg. 25 Vor ihnen tauchte die Eiche, das Dach des Försterhauses auf; noch zwei – drei Minuten, dann flog Prinzeß Sylvie dem Ziel entgegen. »Hurrah!« jauchzte sie. »Gewonnen!« Ihr entgegen auf der Chaussee sprengten die Herren, Lehrbach und Detlef voran, um ein paar Pferdelängen hatte Ihre Hoheit die Gegner geschlagen. Ilse traf mit den Herren zu gleicher Zeit ein. » Me voilà! « schrie sie mit glühendem Gesicht, ihr dampfendes Roß neben Sylvie vor der Thüre des Försterhauses parirend, »der enge Weg ließ es nicht zu, daß ich neben Hoheit ritt, sonst wäre ich zu gleicher Zeit am Platz gewesen!« »Faule Fische!« lachte Lehrbach. »Ihr Schwarzer ist viel zu wohlerzogen, um der Prinzessin den Triumph zu verkürzen, und hat viel zu wenig ›Race‹, um sich neben Cäsar behaupten zu können!« »Wo ist die kleine Wetter?« riefen Detlef und d'Ouchy wie aus einem Munde dazwischen. Hattenheim war bereits bis an die Wegbiegung weitergeritten und winkte mit dem Taschentuch ihr entgegen. »So weit zurück?« Günther sah im höchsten Grade frappirt aus, »ist dem Pferd etwas zugestoßen, lahmt es?« »Hurrah!« klang es plötzlich. Baron d'Ouchy prallte förmlich zurück. »Unglaublich . . . allmächtiger Gott, Fräulein von Wetter reitet ohne Sattel!« Er war vom Pferd gesprungen, hatte einem der 26 während der Zeit herbeigeeilten Forstläufer den Zügel zugeworfen und stürmte der jungen Dame entgegen, welche hell auflachend in schlankem Trabe hinter den Gebüschen auftauchte. »Fräulein Josephine!« rief Detlef ganz starr vor Staunen. »Mein Gott, sind Sie denn bei Renz in die Schule gegangen?« »Das nicht, Hoheit, aber ich bin ›in Freiheit dressirt‹, wie Onkel Bernd sagte!« erwiderte sie von ihrem capriziösen Sitz herab, »außerdem lehrt die Not beten und riskiren!« D'Ouchy stand an ihrer Seite. Sein Antlitz leuchtete, wie verzückt sah er zu ihr auf, er hob die Arme nach ihr. »Kommen Sie herab, Sie Zauberin!« sagte er leis. Da glitt sie hernieder von dem Rücken des Rosses; sekundenlang hielt er die schlanke, weiche Gestalt an der Brust, ihre Hand legte sich unwillkürlich auf seine Schulter, der rechte Arm umschlang seinen Nacken. Er trug sie noch zwei Schritte weiter auf den Kiesweg, dann ließ er sie sanft zur Erde hernieder. Sie wankte, ihre Glieder waren steif geworden von Ritt und Kälte. Er legte ihren Arm auf den seinen und stützte sie. »Aengstigen Sie sich noch um mich?« neckte sie. Er schüttelte schweigend das Haupt, die Kehle war ihm wie zugeschnürt. Der Förster hatte der Prinzessin vom Pferd 27 geholfen, Mägde und Kinder lugten neugierig an Fenster und Thür. Die Herren umringten Josephine. »Haben Sie ein Malheur gehabt? Wo ist Ihr Sattel?« forschte Hattenheim mit einem Gesicht, in welchem Schreck und stolze Freude noch um den Sieg stritten. »Sie sind eine Künstlerin! Welch' eine Leistung war Ihr Ritt ohne Sattel!« exaltirte sich Detlef, »ich küsse diese kleine Meisterhand!« und er beugte sich chevaleresk und ließ dem Wort die That folgen. Nur Lehrbach stand stumm neben ihr, sein Blick lag düster auf ihrem Antlitz, er sah plötzlich im Geiste diese weiße Stirn blutüberströmt, die schlanken Glieder gebrochen und verstümmelt . . . ein Zittern überkam ihn, er bangte zum ersten Mal – noch nachträglich sogar – um ein fremdes Leben. »Mein Gott, nun erklären Sie uns doch den Vorfall, meine Damen!« rief Detlef ungeduldig. »Hat Dir Fräulein von Wetter eine Probe ihres Mutes geben wollen, Sylvie!« Die Prinzessin trat näher. »Nicht ihres Mutes, sondern ihrer treuen Freundschaft und Ergebenheit!« sagte sie hochaufgerichtet, zog das Gänseliesel in die Arme und drückte einen Kuß auf ihre Stirn. »Ich habe Respekt vor Ihnen, Josephine, und Leute, die mir imponiren, die liebe ich. Wir werden jetzt oft zusammen sein, wir werden Beide diesen Morgen nicht vergessen.« Dann wandte sie sich zu dem Förster, 28 übermütig wie immer. »Na Alterchen, nun schließen Sie mal die gute Stube auf, und gönnen Sie uns kurze Rast, ich will auf Ihrem Kanapé sitzen, ein Glas Warmbier trinken und den Herren hier das neueste Abenteuer erzählen, also avanti! « Und sie nahm Lehrbachs Arm und schritt die Steinstufen zum Forsthause hinan. 29 Vierzehntes Kapitel. »Sich seh' die Netze, die Dich rings umgeben.« Schiller.             In die geräumige Eckstube des Parterres, das Schmuckkästlein der Frau Oberförsterin, waren die hohen Gäste unvermutet, wie die lieben Sonnenstrahlen draußen, hereingewirbelt. Gewaltige Hirschgeweihe, gekreuzte Büchsflinten und altmodische Stahlstiche zierten die grell blau tapezirten Wände, spiegelblanke Nußbaummöbel standen in etwas steifer Ordnung Parade, und auf dem Fensterbrett blühten Krokos und Hyazinthen neben dem breit aufgespannten Asklepiastock. Da hatte die Großmutter Oberförster gerade auf dem bequemen Rohrsessel vor dem Nähtischchen gesessen und mit großer Hornbrille auf der Nase an dem roten Kinderjäckchen gestrickt, welches dem schreienden Enkelchen im Korbwagen drüben zum ersten Geburtstagsangebinde werden soll, als sie es plötzlich wie die wilde Jagd auf dem Pflaster draußen knattern hört, und Prinzeß Sylvie in höchsteigener 30 Person hoch zu Rosse unter dem alten Eichbaume hält. Hinter ihr her und von der andern Seite ihr Gefolge, lachend und rufend . . . . kaum, daß der alte Oberförster seinen grünen Uniformsrock noch überwerfen kann. Man war an dergleichen plötzliche Visiten schon im Forsthause gewöhnt, und darum hatte auch die junge Frau stets die weißgestickte Schürze und das rotbraune Sonntagskleid »marschfertig« hinter der Kammerthür hängen. Großmütterchen warf schnell die buntbenähte Decke über ihre Arbeit, wischte hastig im Vorbeieilen noch einmal mit dem Aermel über die blanke Tischplatte und zog im Hausflur die größeren Enkel energisch mit sich in die Küche. »Ihr sollt keine Maulaffen feil halten!« raunte sie streng, »helft lieber das Feuer unter dem Herde schüren, daß die Prinzessin nicht zu lange warten muß!« Und sie trippelte aufgeregt nach der Speisekammer, um die Ingredienzen des so beliebten und stets befohlenen Eierbieres zusammenzuholen. Während dessen hatte es sich Prinzeß Sylvie schon auf dem grünen Ripssopha unter dem gestickten Haussegen bequem gemacht. An ihrer rechten Seite streifte Detlef die Handschuhe aus, zur linken lag Graf Lehrbach in einem Armsessel und rieb sich die erstarrten Hände. Hattenheim und d'Ouchy zogen den großen Sorgenstuhl aus der Ofenecke für Josephine herzu, und Fräulein von Dienheim stand noch inmitten der Stube, machte lebhafte Schwingungen mit den 31 Armen und reckte und dehnte sich im Rücken. »Wie eine Krähe, die mit den Flügeln schlägt!« kritisirte Günther zu allgemeinem Ergötzen. Dann erzählte Sylvie ihren Unfall im Morast, schimpfte weidlich auf den unschuldigen »Cäsar« und nannte Fräulein von Wetter in rückhaltloser Anerkennung »ein Mordsfrauenzimmer, das besser reitet als wir Alle zusammen!« Dann zankte sie sich mit ihrem Bruder, welcher die Wette unter diesen Umständen für absolut ungültig erklärte, da die löbliche Hand der Gerechtigkeit und Vorsehung den »Schmuh« der Damen entlarvt hätte! »Der Waldweg war ausgemacht, und Ihr seid den Zustreckeweg über die Wiesen geritten, also müßtet Ihr von Gottes und Rechtswegen noch energisch in Strafe genommen werden!« schloß er seine Rede mit einem nachdrücklichen Gertenschlag auf der Försterin ängstlich gehüteten Nußbaumtisch. »O, öffnet eure Augen, blinde, bethörte Männer, und sehet, wie das Weibervolk euch voller Arglist täuscht!« summte Günther mit verschiedentlichem Aufseufzen vor sich hin, hob die schlanke Hand und machte eine negative Geste, »nee, nee, Hoheit, mit dem Frühstück ist es diesmal nichts, wir wollen mit der Försterin Eierbier vorläufig auf gute Besserung der Damen anstoßen!« » Bon! Ich gebe meine Wette als ehrliches und rechtschaffenes Gemüt verloren,« lachte Sylvie schließlich, »und werde meinen Tribut bezahlen, wenn auch nicht durch selbstgestickte Teppiche oder 32 Austernfrühstücks bei Boppart. Raten Sie einmal, Fortunatus, womit ich Sie zu regaliren gedenke?« Günther hob mehr höflich als eifrig den Kopf. Er hatte gerade Betrachtungen über die Hand des Gänseliesels angestellt, welche, weiß und gepflegt, durch nichts mehr an die braune, ungeschonte kleine Faust von ehemals erinnernd, auf der breiten Sessellehne ruhte. Er war zerstreut und versuchte das durch ein interessant nachdenkliches Gesicht zu cachiren. »Ich wage nicht, meine unbescheidenen Hoffnungen und Wünsche laut werden zu lassen, Hoheit,« lächelte er resignirt, »aber ich vertraue Ihrem excellenten Geschmack blindlings und applaudire voll Entzücken schon im Voraus jeglichem Ihrer originellen Einfälle!« »Gut gebrüllt, Löwe, noch einmal brüllen!« hatte Fräulein Ilse aus dem Hintergrund zu bemerken. Sylvie aber stützte die Wange in die Hand und blickte dem jungen Grafen stracks in die Augen. »Ich werde Ihnen einmal etwas vorsingen!« sagte sie kurz. Jubelnder Beifall erhob sich. »Famos, Schwesterchen! Das ist eine reizende Idee von Dir und eine sehr praktische dazu,« lachte Detlef etwas übermütig auf, »strengt im schlimmsten Falle die Kehle und in keinem Falle den Geldbeutel an. Hut ab! Aber Du erlaubst, daß wir Klauseln machen und als wohlberechtigtes Auditorium wenigstens das Programm aufsetzen, außerdem sind wir 33 aber von der großen Auszeichnung, welcher Du uns würdigst, vollkommen überzeugt!« Sylvie klopfte ihn persiflirend auf die Schulter und fuhr in seinem Tone fort: »Bitte aber dringend um ein kräftiges Souper vor und nachher, um diese musikalische Ehre aushalten zu können! Nicht wahr, mein Jungchen, diesen Nachsatz verschlucktest Du der praktischen Schwester gegenüber? Na, meine Herrschaften, damit Sie sehen, daß ich mich nicht mit fremden Federn und Eigenschaften schmücken will, verzichte ich auf das Renommée einer sparsamen Hausfrau und lade Sie hiermit Alle zu einem Souper nach dem Musikgenuß ein, dessen Menu ich höchstselbst mit allem Raffinement aufsetzen werde.« Baron d'Ouchy wandte sich lebhaft zu der Prinzessin: »Das Maß Ihrer Huld und Güte voll zu machen, Hoheit, gestatten Sie Ihrem siegreichen Publicum wirklich das Programm Ihres Koncertes auszuwählen?« »Meinetwegen!« Sylvie zeigte die weißen Zähne. »Jeder darf sich sein Lieblingslied bestellen, und wenn ich nur einigermaßen kann, werde ich es singen, nur gegen Eins verwahre ich mich, kein Requiem! . . . . Dazu mangelt es mir absolut an Routine!« Und sie warf den Kopf zurück, mehr übermütig als frivol. In demselben Augenblick öffnete sich die Thür, die junge Försterin im sonntäglichen Staat trat tief knixend über die Schwelle, hielt das Präsentirbrett 34 mit den dampfenden Gläsern in den Händen und senkte tief erglühend den mit reichen Blondzöpfen geschmückten Kopf bei dem stürmischen »Hurrah, das Eierbier!« welches sie empfing. Sylvie war sehr leutselig, lobte die Braukünste der kleinen Frau, fragte nach Haus und Hof und reichte sogar die Hand zum Kuß, als die verlegene Frau Försterin sich bescheiden wieder rückwärts koncentrirte. Dann faßte sie das große Tulpenglas des stark gewürzten Getränkes und hob es gegen Josephine. »Auf das Wohl der Reiterin ungesattelter Pferde!« rief sie heiter. Die Gläser klangen zusammen. Dann schwirrte das Gespräch einen Augenblick durcheinander, bis Prinz Detlef die Stimme erhob und die Ansicht aussprach, daß Fräulein von Wetter unmöglich ohne Sattel heimkehren könne und als reizende Gefangene hier warten müsse, bis ein Wagen aus der Residenz zum Abholen geschickt werde. »Selbstverständlich!« nickte Sylvie, »Sie sind das Opfer Ihrer Großmut geworden, liebe Wetter, und müssen nun den Kelch bis zur Hefe leeren, zwei bis drei Stunden Haft bei Brod und Warmbier, es klingt grausam, soll aber nach Kräften gemildert werden! Wer von den Herren wird als ritterlicher Schutz bei unserer aristokratischen Kunstreiterin zurückbleiben, um freiwillig ihr Exil zu teilen?« Sämmtliche Herren erklärten sich eifrigst bereit, obwohl Josephine lachend versicherte, sie bedürfe hier weder Unterhaltung noch Schutz, der 35 wackere Oberförster sei ja mit vielen Doppelbüchsen zur Hand. Prinz Detlef aber zuckte die Achseln. »Ein Kampf um Josephine,« lachte er, »Du wirst begreifen, liebe Schwester, daß hier von freiwilligem Zurücktreten keine Rede sein kann!« »Na, dann knobelt's doch aus!« warf Sylvie trocken ein. »Brillant! Das ist eine Idee!« amüsirte sich d'Ouchy, »es gibt hoffentlich Würfel oder Karten hier im Hause. Ich fliege, Hoheit, die Werkzeuge der Entscheidung in Ihre Hand zu legen!« Wirklich, der alte Sünder, der Großpapa Oberförster, hatte Karten im Hause! »Dieser Duckmäuser!« drohte ihm Sylvie mit dem Finger. Dann entfaltete sie die nicht mehr ganz neuen Karten zu einem Fächer und trat zu dem kleinen Kreise der Herren. »Wer die höchste Karte hat, wird die Ehre haben, bei Fräulein von Wetter zurückzubleiben!« sagte sie feierlich und ließ Prinz Detlef ziehen. »Hurrah! Treff-König!« Graf Lehrbach lachte etwas nervös auf: »Bravo, Hoheit, dieser Zug war eines Königssohnes wert!« Baron d'Ouchy zog Pique-Bube – brrr!! . . . »Ist Essig, alter Freund!« schmunzelte Hattenheim und sah dem Sohn des Landstallmeisters interessirt auf die Finger. »Hahaha! Carreau-Sieben!« jubelte es im Kreise, »na, bescheidener konnten Sie nicht gut sein, bester Baron!« 36 Dann trat Hattenheim hinzu. Er faßte ruhig eine Karte und zog – Treff-Aß! . . . »Hurrah, der Dicke hat das große Loos gezogen!« rief Günther überlaut, aber seine Lippen bebten, und er ward bleich wie das Taschentuch, welches er in nervösem Spiel durch die Hand zog. »Infam!« wetterte Detlef. »Wollen Sie auch ziehen, oder gönnen Sie Hattenheim die Palme die Sieges?« fragte Sylvie und blickte mit seltsamem Blick zu Lehrbach auf. Sie schien seine negative Antwort wohl sicher zu erwarten, denn sie hatte bereits die Hand mit den Karten niedersinken lassen. »Nein, Hoheit, so verwöhnen darf ich doch meinen Freund nicht!« Günthers Blick blitzte zu Reimar hinüber, er schien den Ausdruck in Sylviens Zügen kaum zu bemerken, »und freiwillig das Feld räumen, wäre hier kein Edelsinn, sondern Mangel an Vertrauen auf mein Glück! Voyons donc , ob ich bei Frau Fortuna wirklich zum bête noir geworden bin!« Und mit dem eigensinnigen Zucken der Lippen riß Graf Günther eine Karte aus dem Spiel, sah abgewendet mit flüchtigem Blick darauf nieder und hob sie dann stumm empor, ein unaussprechlicher Triumph glühte in den dunklen Augen. »Coeur-Aß! Bei allen Teufeln!« schrie Detlef, »›fürwahr, ich muß Dich glücklich preisen!‹ Sie sind ja ein ganz unglaublicher Kerl, Lehrbach!« »Einen Schluck auf den Sieger Lehrbach!« 37 beeilte sich der Sohn des Landstallmeisters dem jungen Grafen zu flattiren. »Pardon, meine Herrschaften!« warf Hattenheim ruhig ein, »vorläufig schwankt der Sieg noch zwischen zwei Aß! Die Karten hier stechen sich, und um den endgültigen Sieg zu konstatiren, müssen Freund Günther und ich noch einmal ›in des Geschicks geheimnißvolle Urne‹ hinabtauchen! Darf ich bitten, Hoheit; ich hoffe, diese schöne Hand bietet mir auch zum zweiten Mal das Glück!« Er zog. »Treff-Zehn . . . . O weh, da ist viel Chance, mich zu überbieten.« Günthers schlanke Fingern wühlten lange unentschlossen zwischen den Karten, das steife Papier knisterte leise unter der Berührung. Endlich entschloß er sich. Coeur-König! . . . . Heureka!« Es lag ein eigentümlicher Klang in der Stimme des jungen Offiziers, eine unverholene Genugthuung in dem Lachen, mit welchem er Reimar die Karte entgegenbot. Auch hatte er eine Betonung auf das Wort »Coeur-König« gelegt, welche mehr ausdrückte als den Namen des Blattes allein. Niemand außer Hattenheim bemerkte es. »Ich räume das Feld!« entgegnete dieser achselzuckend, »und sehe ein, daß Du im Kartenspiel Glück hast – neidlos, mein alter Freund, denn das Sprüchwort weiß einen sehr schönen Trost für diejenigen, welche Unglück im Spiel haben!« Hattenheim sagte es scherzend, ohne die 38 mindeste Schärfe in der Stimme, dennoch grub Günther die Zähne in die Unterlippe, und Prinzeß Sylvie lachte leise auf. »Sie wollen uns doch nicht glauben machen, Herr von Hattenheim, Fortunatus habe Unglück in der Liebe?« »Dicker, lächle nicht so geheimnißvoll, das kompromittirt mich ja!« versuchte Lehrbach sich zu moquiren. Reimar aber wiegte das Haupt, schmunzelte mit schrägem Seitenblick nach dem Freund und sagte unbeirrt: »Im Allgemeinen allerdings nicht, Hoheit!« Sylvie horchte auf, und Fräulein von Dienheim rückte mit offenem Munde näher. »Und im Speziellen?« fragte die Prinzessin gedehnt mit einem undefinirbaren Blick in Günthers Auge. Ehe Hattenheim Zeit zu einer Antwort fand, hatte sich Graf Lehrbach näher geneigt, brachte unter der Etiquette eines tiefen Kompliments seine Lippen möglichst nah' an Sylvies Ohr und entgegnete hastig und gedämpft: »Einzig im Speziellen habe ich Unglück, Hoheit, und breche anstatt Rosen – Lorbeerzweige!« Sylvie lächelte sehr zufriedengestellt. Die Antwort hatte sie eigentlich nicht erwartet, darum kam sie um so gelegener; Fräulein von Dienheim gähnte gelangweilt und nahm einen großen Schluck Eierbier. Sylvie blickte schnell empor und drohte ihm mit dem goldenen Reitgertenknopf, aber es lag 39 kein ungnädiger Ausdruck auf dem frischgeröteten Gesicht. Josephine hatte mit Baron d'Ouchy und Prinz Detlef bei Seite gestanden und geplaudert. Sie schien das ganze Gespräch überhört zu haben, kaum, daß sie ein höfliches Interesse für die »Stichwahl« an den Tag gelegt hatte. Nur einmal war ihr Blick demjenigen des jungen Grafen begegnet, als er so triumphirend sein »Coeur-König« ausgerufen hatte, dann hatte sie sich schnell zu d'Ouchy gewendet und zum ersten Mal das Mißgeschick mit dem gesprengten Sattelgurt bedauert. »Ich habe immer Pech!« hatte der junge Diplomat zwischen den Zähnen gegrollt, »ein Narr, der heut zu Tag noch wartet, bis das Glück einmal ungerufen kommt!« Prinzeß Sylvie mahnte an den Aufbruch, trank ihr Glas aus und erhob sich. Lehrbach neigte sich und gab ihr die lange Schleppe des Reitkleides über den Arm, sein Blick fiel auf den Fuß der hohen Amazone, er war sehr groß und massiv, größer fast, trotz der eleganten Bekleidung, als der des Gänseliesels in den nägelbeschlagenen Schuhen im Groß-Stauffener Heu. Dann nahm Sylvie seinen Arm und schritt zur Thür, im Hausflur noch die Cour der Försterfamilie abnehmend, welche feierlich knixend die hohen Gäste erwartete. Auch Prinz Detlef fühlte sich veranlaßt, ein paar leutselig scherzende Worte mit den kleinen Trabanten und der resoluten Großmama zu wechseln. 40 Die Pferde waren währenddessen bewegt worden, und »Sorma« harrte bereits, von dem Oberförster selber geführt, zunächst der Steintreppe, um seine hohe Herrin von Neuem in den Sattel aufzunehmen. Josephine und Graf Lehrbach blieben droben an der Hausthür zurück und winkten der kleinen Cavalcade ihre Abschiedsgrüße nach, lange schwenkten die Herren ihre Hüte, wandte Prinzeß Sylvie nickend den Kopf, dann schoben sich die buschigen Tannen dazwischen und entzogen das Forsthaus den Blicken der Reiter. Zum ersten Mal wandte sich Josephine zu ihrem Begleiter. »Ich glaube, wir stören die Försterfamilie ungemein mit unserem aufoctroyirten Besuch!« sagte sie leise. »Wie wäre es, wenn wir einen kleinen Gang durch das Gehölz dort machten? Die Holztische und Stühle beweisen mir, daß zur Sommerszeit hier eine Art Gartenwirthschaft besteht, also wird es auch nicht an Anlagen und Wegen in der Umgegend fehlen! . . . Das Wetter ist außerdem so herrlich, und in der Stube war es grausam heiß, man merkte, daß der große Kachelofen freien Brand verschlingt!« Lehrbach lächelte. »Gewiß, Fräulein Josephine, lassen Sie uns eine Promenade machen! Ich bin Ihr gehorsamer Sklave, befehlen Sie über mich!« Dann wandte er sich zu den Förstersleuten und gab etliche Instruktionen, während Josephine einen kleinen krausköpfigen Bub am Händchen nahm und sagte: »Du gehst mit uns, Kleiner, und zeigst uns 41 Deine schönen Spielplätze, damit wir uns nicht im Wald verirren! Willst Du? Ich bringe Dir das nächste Mal auch eine große Düte voll Bonbons mit!« Fritzchen nickte schüchtern und sah die fremde Dame zärtlich an, dann hob er den kleinen Speckarm und deutete nach den Tannen. »Da hinten in dem Wald ist unsere Schaukel,« sagte er vertraulich. Schweigend schritten sie in den sonnigen Wald. Der Schnee war geschmolzen, braunes, graues und grünes schillerndes Moos bedeckte den Erdboden, die Wege rauschten von fußhohem Laub, und durch die kahlen Baumzweige lachte der blaue Himmel. Kein Laut ringsum, nur ein paar Krähen stritten sich fernab in dem Wipfel einer hohen Kiefer. Günther sah auf die junge Dame nieder. »Das Schicksal hat mich heute an Ihre Seite gestellt, mein gnädiges Fräulein, um mir einen Wunsch zu erfüllen und zu Diensten zu sein; ich war egoistisch genug, ohne Frage von diesem Vorrecht Gebrauch zu machen, und doch wäre es meine Pflicht gewesen, mich erst zu versichern, ob das Schicksal auch Ihnen einen Gefallen gethan hat, gerade mich zu Ihrem Kavalier zu bestimmen?« »Einen Gefallen?« Josephine lächelte unbefangen, »ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich noch nicht darüber nachgedacht habe! Ich fand es von einem Herrn so liebenswürdig wie von dem anderen, sich in zweistündigem Warten für mich hier aufzuopfern.« 42 Lehrbachs Züge verdüsterten sich. »Hierauf gehörte es sich, Ihnen eine Schmeichelei zu sagen, ich habe mir aber Ihnen gegenüber die banalen Redensarten abgewöhnt.« Ein jäher Blick brach aus ihren blauen Augen. »Und warum?« fragte sie mit einem fast bitteren Zug um die Lippen, »jetzt bin ich ja an die Art und Weise der großen Welt gewöhnt und laufe nicht mehr Gefahr, Wahrheit und Dichtung zu verwechseln. Es würde mir sogar recht ungewohnt an Ihnen sein, mit trockener Aufrichtigkeit abgespeist zu werden, Ihre liebenswürdigen kleinen Phrasen haben mich verwöhnt!« Er lachte herb auf. »Gedenken Sie in Zukunft stets in diesem Ton mit mir zu verkehren?« fragte er schroff. »Ich antworte nur auf Ihre Fragen. Daß es vielleicht in anderer Weise geschieht als früher, verschuldet das bunte, wunderliche Leben der Residenz, in welches mich Ihre eigenen verführerischen Schilderungen gelockt, und welches nun seine Feile angelegt hat, um all' die überflüssigen kleinen Kanten und Ecken des Gänseliesels – man nennt sie Leichtgläubigkeit und Vertrauen – fein säuberlich abzuschleifen! Wundert Sie das? Sie kannten ja die große Welt, Sie mußten am besten wissen, wie viel mir fehlte und wie viel ich noch brauchte, um in ihren schillernden Rahmen zu passen! Und nun, da diese große Welt mein Wesen in eine neue Form gegossen, erstaunen Sie über Ihr eigenes Werk?« 43 Seine Lippen bebten. »Sie irren sich, Fräulein von Wetter, ein solches Kunststück bringt die Residenz nicht fertig! Eine neue, fremde Glasur hat sie Ihnen wohl gegeben, aber Herz und Seele hat sie nicht berührt . . . . ich kenne Sie besser . . . . ich weiß, daß Sie einzig mir gegenüber eine Maske tragen, daß ich verurteilt bin, für eine einzige Ballnacht als Schuldiger zu büßen! Das ist ungerecht von Ihnen! Hat die Residenz nicht ihre anfängliche Blindheit gut gemacht? Sind Sie nicht gefeiert, bevorzugt, ausgezeichnet wie kaum eine zweite Dame der Gesellschaft?« »Durch Ihr Verdienst?« Josephine lachte leise, wehmütig auf. »Warum diese Auseinandersetzungen, Graf? Wenn Sie glauben, daß dies willkürliche Spiel einer Mode und Gesellschaft mir das ersetzt, was ich als hohen Preis dafür gezahlt, so irren Sie! Könnte ich tauschen mit Einst und Jetzt, ich thäte es und dankte Gott auf den Knieen und wäre wieder, was ich früher war, das schlichte Gänseliesel ohne Handschuhe und Hut im Stauffener Heu, mit dem Frieden im Gemüt und der Glückseligkeit im Herzen. Ach, daß es so anders geworden ist!« Es klang wie leidenschaftliches Aufschluchzen durch ihre Stimme, sie hatte sich hinreißen lassen von ihrer Erregung und mehr gesprochen, als sie wollte. Da fühlte sie ihre Hand ergriffen, sah Günthers seltsam verändertes Angesicht dicht zu ihr herabgeneigt. »Warum quälen Sie mich so?« sagte er gepreßt. »Ja, wehe mir, daß ich das Haideröslein 44 aus dem heimatlichen Boden riß, wehe mir und Ihnen!« Sie beherrschte sich, befreite ihre Hand und schüttelte das Haupt. »Wir werden Beide sentimental, wie es scheint, Graf Lehrbach!« sagte sie leichthin, »und das paßt schlecht in den Carneval, wo es lachen und scherzen heißt! Hin ist hin, und todt ist todt, und ich versichere Sie, daß ich auf dem besten Wege bin, mich zu trösten über das verlorene Idyll meines Landlebens! Im Gegenteil, ich glaube viel zu fest an Fügung und Bestimmung, um nicht den Umschwung meiner Verhältnisse für mein bestes Glück zu halten. Die Schule des Lebens bleibt Keinem erspart, und mir hat das gütige Schicksal treue Freunde an die Seite gestellt.« »Sie meinen Hattenheim!« »Ihn vor Allen, ganz recht!« nickte sie heiter. »Er ist vom ersten Tage an mein Anker in dieser stürmischen Menschenflut gewesen, mein Lootse, welcher mich an das lockende Ufer der bunten Welt gerettet hat! Nun ist mir nicht mehr Angst bei dem Gedanken, daß die meisten Blüten dieses verlorenen Paradieses giftig sind! Außerdem ist er so verändert, gar nicht mehr der stille, schüchterne Hattenheim von früher. Oft necke ich ihn, daß sein Uebermut auf dem besten Wege sei, in veritablen Leichtsinn auszuarten!« Und Josephine lachte frisch und herzlich auf. Schon der Gedanke an den blonden Mann schien ihr Antlitz zu verklären. 45 »Wieder ein Beweis dafür, daß das Glück übermütig macht, bei Reimar lobt es die Welt, und bei mir scheint sie es desto herber zu tadeln!« Josephine überhörte seinen Einwurf, sie war mit einem Male wie verwandelt, sprach mit warmem Eifer für den Freund, dessen unvergleichlicher Charakter ihr täglich mehr und mehr verständlich würde, von seiner Anhänglichkeit an Lehrbach und den neidlosen Wünschen, welche er für die Zukunft des Freundes hege. »Sehen Sie, Graf Lehrbach, schon um Hattenheims willen darf ich Ihnen niemals ernstlich böse sein, denn das würde einen Mißklang in unserer Harmonie geben, und die zu erhalten ist doch mein eifrigstes und liebstes Bestreben!« Sie sagte es scherzend, neckisch fast, und legte dabei die Hand auf das Krausköpfchen des kleinen Fritz, welcher seine Aermchen in steigender Zutraulichkeit um die fremde Dame schlang. Lehrbach ließ seine Reitgerte durch die Luft sausen. »Glauben Sie, Fräulein Josephine, ich fürchtete Ihren Zorn? Wie viel lieber möchte ich Ihnen verhaßt als gleichgültig sein!« Auch durch seine Stimme klang plötzlich wieder der alte Uebermut. Als er keine Antwort bekam und die junge Dame mit dem Kinde scherzte, fuhr er lachend fort: »Mir ist es plötzlich zu Sinn, als wären wir wieder in Groß-Stauffen, als sei Ihr kleiner Courmacher da ein Pastorscher Flachskopf, als wäre noch alles so sonnig und strahlend, wie im Lehrbacher Park! Fräulein Josephine« – er 46 vertrat ihr den Weg, daß sie ihn ansehen mußte, sein Auge lachte sie an, wie damals, da der dunkle Blick ihre ganze Seele nahm – »wollen Sie mich wirklich glauben machen, Sie hätten den Sommer schon so ganz und gar vergessen?« Sie kämpfte einen schweren Kampf gegen ihr stürmendes Herz; sie wußte ja, daß all' seine Worte und Blicke nur ein falsches Spiel waren, leere Spreu, die der Wind verwehte, sobald er ihr den Rücken kehrte, und doch lag ein so süßer Zauber in dem leuchtenden Auge, eine so unerklärliche Gewalt in der Stimme dieses Mannes! Josephine zwang die Erinnerung in sich wach an jenen Augenblick, da diese Stimme sie um »die Polka vor dem Cotillon« gebeten hatte, schneidendes Weh durchzuckte sie und ließ die Wettersche Linie schärfer zwischen den Augenbrauen hervortreten. Sie vermied es, ihn anzusehen, leichter Sarkasmus kräuselte ihre Lippen. »Und wollen Sie mich wirklich eitel machen in dem Gedanken, daß Sie sich dieses Sommers noch so genau erinnern?« »Eitel machen? Sie beweisen mir durch dieses Wort, daß Ihnen mein Thun und Lassen nicht gleichgültig ist, daß Ihnen meine Gedanken noch etwas gelten!« Sie sah ihn an, ein Lächeln huschte über ihr reizendes Gesicht. »Selbstverständlich! Schon um Hattenheims willen!« Sein Sporn klirrte laut, so hart setzte er den Fuß auf den Boden. 47 »Wie ich doch dem Dicken zu Dank verpflichtet bin!« lachte er auf, dann schlug er mit der Reitgerte die grünen Tannenspitzen zur Seite des Weges ab und schwieg. Fritzchen wurde redselig und unterhielt statt seiner, faßte Josephinens Hand fester und zog sie im Sturmschritt einen kleinen Hügel hinan. Die Tannen lichteten sich, auf einem kleinen Plateau erhob sich die gewaltige Eiche, welche im Munde des Volkes »der dicke Förster« heißt, umgeben von steinernen Ruhebänken und gestützt von Trägern, welche die kolossalen unteren Aeste vor dem Niederbrechen schützten. Weit vor den Blicken dehnt sich das flache Land, schneidet die Chaussee wie ein helles Band durch Wald und Felder; und grüßen von fern die schlanken Türme und Kuppeln der Residenz. »Da schau! Da sieht man noch die Fräulein Prinzessin reiten!« alarmirte Fritzchen und deutete eifrig mit dem Finger zum Thal, wo, weit ab auf der Chaussee, die Cavalcade Sylviens just aus dem bergenden Wald hervorsprengte. Wie kleine, winzig kleine Figürchen sahen Mensch und Tier von hier oben aus. »Wahrhaftig! Schon weit über die Ziegelei hinaus!« rief Günther lebhaft, hielt die Hand schattend über das Auge und verfolgte die Reiter mit dem Blick. »Wie sie wieder jagt, die scythische Amazone des neunzehnten Jahrhunderts!« murmelte er mit scharfem Zug um die Lippen. »Da 48 bleibt das Ewig-Weibliche im Steigbügel hangen und wird in den Staub geschleift! Wieder Allen voran! Atemlos und colorirt wie von der Hölle angeblasen, eine Titelblatt-Illustration zu dem großen Lehrbuch der Emancipation!« Günther wandte sich brüsk ab und blickte auf Josephine, tiefer Ernst lag plötzlich auf seinem Antlitz. »Fräulein von Wetter«, sagte er mit warmer Aufrichtigkeit in Blick und Ton, deutete mit dem Peitschenstiel zu den Reitern hinab und trat einen Schritt näher, »gefällt Ihnen der Anblick da unten? Nennen Sie es gut, wie Penthesilea reitet?« Betroffen schaute das junge Mädchen empor. »Wie darf ich mir darüber ein Urteil anmaßen?« schüttelte sie den blonden Kopf. »Mißtrauen Sie mir? Ich frage Sie als Freund und Kavalier, der Jedermann für berechtigt hält, eine Ansicht zu haben!« »Ich möchte Sie nicht kränken!« »Mich kränken, indem Sie über Prinzessin Sylvie urteilen?« Er lachte laut auf, dann schüttelte er ernst das Haupt. »Sie kränken mich nicht, Fräulein Josephine, sprechen Sie, finden Sie das Bild da unten schön oder würdig?« Sie sah ihn ehrlich an. »Weder das Eine noch das Andere, ich finde das Reiten ein schönes, ritterliches Vergnügen, wohl mehr für den Mann als das Weib bestimmt, aber ich habe bis jetzt noch nicht gewußt, daß es in dieser Weise ausarten 49 kann, daß es der Coquetterie der Frau so weites Feld bietet, daß es, mit einem Wort, so häßlich übertrieben werden kann! Ich weiß, Graf Lehrbach, daß ich mir selber mit diesem Urteil den Stab breche, denn ich reite selber und, wie ich es Ihnen erst vorhin bewiesen habe« – Josephine erglühte bis unter die Haarwellen – »noch emancipirter als die Prinzessin, auf ungesatteltem Pferde! Ich reite unendlich gern, bin seit meiner Kindheit Tagen mit Pferden umgegangen, und habe in meiner Einsamkeit keine Gelegenheit gehabt, durch fremden Anblick einen Maßstab anzulegen. Warum sagten Sie mir nie ein Wort des Tadels, da wir zusammen in Stauffen ritten? Warum veranlaßten Sie selbst mich zu den verwegensten Kunststücken, und warum verurteilen Sie jetzt, was Sie damals gut hießen?« Günthers Blick ruhte wie träumend auf ihren erregten Zügen. »Damals!« wiederholte er, schöpfte tief Atem und schüttelte das Haupt, »es ist so Vieles anders geworden seit damals. Außerdem irren Sie, wenn Sie glauben, ich verurteilte das Reiten der Damen im Allgemeinen; durchaus nicht, mein Mißfallen ist sehr speciell und Prinzeß Sylvie gegenüber wohl auch ›gekränkter Schönheitssinn‹! Als Pfuscher auf dem Gebiet der Malkunst habe ich ein wenig Blick für Grazie und Anmut, und da thut es meinen Augen weh, ein Schauspiel wie die ›Parforcejagd‹ da unten anzusehen, bei welcher die kleine Hoheit und Fräulein von Dienheim jeglicher Aesthetik mit Knütteln in das Gesicht schlagen!« 50 »Sie sind ein zu scharfer Kritiker!« »Ein sehr mildes Urteil über Ihr graziöses Reiten würden Sie mir vielleicht als eine jener ›liebenswürdigen Phrasen‹ auslegen, welche Sie mir doch nicht mehr glauben, also bleibt mir kein Mittel, Ihnen das Gegenteil der Schärfe zu beweisen!« Günther hatte die Mütze abgenommen und strich mit der Hand die dunklen Haarlocken aus der Stirn, der ernste Ausdruck seiner Züge war sehr ungewohnt, er machte ihn älter aussehend. »So haben Sie also nichts dagegen, wenn ich in Zukunft weiter reite?« scherzte sie. »Ich will mich auch bemühen, dem Verschönerungsverein keinen Kummer zu machen!« Er hob das geneigte Haupt und sah sie fest an. »Ich habe kein Recht, eine Bitte an Sie zu richten, Fräulein von Wetter«, sagte er mit ungewohnter Weichheit in der Stimme, »und sehe meine Vermessenheit vollkommen ein, dennoch würde es mir wie eine Schuld vorkommen, aus Furcht vor einer schroffen Antwort jetzt zu schweigen! Darf ich sprechen?« Ihre kleine Hand stützte sich auf die Banklehne, fast mechanisch nickte sie, ihr Blick hing an seinen Lippen. »Reiten Sie in Zukunft nicht mehr mit Prinzessin Sylvie!« Er sagte es langsam und klar, es lag etwas in seinem ganzen Wesen, was nichts mit dem übermütigen Fortunatus von sonst gemein hatte. 51 »Und warum nicht?« Josephine richtete sich höher auf, »fürchten Sie, daß böses Beispiel gute Sitten verdirbt?« Fast zuckte es wie Ironie um ihren Mund. Er schüttelte das Haupt. »Dazu hätte ich Ihnen gegenüber wohl keinen Grund; Ihr gesundes Urteil wird Sie besser schützen, als je eine Warnung. Dennoch fürchte ich für Sie. Ich kenne Prinzessin Sylvie. Es giebt noch gefährlichere Pferde als die ›Sorma‹ im Marstall, und noch halsbrechendere Ritte als den heutigen. Man wird Ihrer Kunst ein Meisterstück ausklügeln, welches die heutige Scharte im Eitelkeitspanzer der Hoheit ausmerzen muß! Sie kennen die Welt und die ehrgeizigen Weiber noch nicht! Man wird Sie zu Reiterstücklein bringen, die über kurz oder lang zum Hazard ausarten, und einer solchen Gefahr vorzubeugen, ist meine Pflicht und Schuldigkeit, Fräulein von Wetter. Der Umstand, daß ich und wohl noch viele Andere die Frau lieber in anmutiger Weiblichkeit im Salon als auf dem Rücken rasender Gäule sehen, lieber als Gretchen am Spinnrad, denn als geharnischte Heldin von Dom Remi, der Umstand redet in dieser Angelegenheit absolut nicht mit, sondern einzig die Sorge für Ihr Leben, für Ihre gesunden Glieder läßt mich zum Anwalt Ihrer Sorglosigkeit werden! Weil ich Sie nicht einer Gefahr, welche ich kenne und ermesse, aussetzen will, darum bitte ich Sie, Fräulein Josephine, künftig auf das Wettreiten mit Prinzessin Sylvie zu 52 verzichten. Was nicht angefangen ist, braucht nicht abgebrochen zu werden, darum bitte ich Sie herzlich, unter passendem Vorwand jegliche Aufforderung abzulehnen!« Der junge Offizier hatte mit wachsender Erregung gesprochen, über Stirn und Schläfen schimmerte es rot, ein fast trotzig entschiedener Ausdruck lag auf dem schönen Antlitz, und dennoch hatte Josephine noch nie zuvor einen ähnlichen Klang herzlicher Aufrichtigkeit von seinen Lippen vernommen. Sie senkte den Blick und schob mit der Fußspitze die kleinen Kiesel zusammen. »Und fürchten Sie denn nicht, daß der Prinzessin selber bei ihrer Tollkühnheit ein Unglück passiren kann?« fragte sie statt aller Antwort. Günther zuckte die Achseln; ein wenig schmeichelhaftes Lächeln neigte seine Mundwinkel. »Nein!« entgegnete er herb, »mit dem Gedanken habe ich mich noch nicht beschäftigt; Hoheit macht einen so männlichen Eindruck und betont es so besonders bei jeder Gelegenheit, daß es auch Ausnahmen unter dem schwachen Geschlechte gäbe, daß sie des Rates und Schutzes eines Stärkeren gar nicht zu bedürfen scheint. Aber warum diese Zwischenfrage? Antworten Sie mir doch auf meine Bitte, oder habe ich wieder das Mißgeschick, von Ihnen falsch verstanden zu sein?« Die alte Bitterkeit und Ungeduld klang schon wieder durch seine Worte. Josephine neigte das Köpfchen zurück und blickte ihm voll in das Auge; es war ein unsagbar süßes 53 Lächeln, welches wie Sonnenschein auf ihrem Antlitz leuchtete. Schnell reichte sie ihm die Hand entgegen, und es däuchte Graf Lehrbach, als bebten die schlanken Finger unter dem Druck seiner Rechten. »Nein, Graf Lehrbach, Sie sind nicht falsch verstanden, sondern in diesem Augenblicke mehr denn jemals unter meine Freunde gezählt! Ich danke Ihnen von ganzem Herzen für das freundliche Interesse, welches Sie an mir und meinem Schicksal nehmen, und ich verspreche Ihnen, all' Ihre Worte wohl zu merken und zu berücksichtigen, wenngleich ich überzeugt bin, daß Sie Ihre Antipathie gegen den kühnen Sport der Prinzessin zu schwarz blicken läßt! Was in meinen Kräften steht, werde ich thun, um Ihre Bitte zu erfüllen. Wird es mir aber durch Verhältnisse unmöglich gemacht, mich von den künftigen Excursionen zu Pferd zurückzuziehen, so halten Sie es nicht für Eigensinn von mir, sondern für die Laune des Schicksals, welches mir vielleicht ›ein Ende voll Schrecken‹ bestimmt hat!« Lehrbach küßte ihre Hand. »Das verhüte Gott!« sagte er kurz. Der Wind erhob sich und strich kühl durch das laublose Geäst der Eiche. »Es ist wohl Zeit zum Umkehren!« sagte Fräulein von Wetter nach kurzer Pause. Günther stand hochaufgerichtet, sein Blick schweifte glänzend in stummem Jubel über die Thalebene, wo fern an der Biegung des Weges das dunkle 54 Reitkleid Sylviens wie ein schnell ziehendes Wölkchen hinter dem Tannengrün verschwunden war. Tief atmete er auf und wandte sich zurück. »Ja, wir wollen gehen,« nickte er, »die Sonne versteckt sich hinter Schneewolken, damit sich thörichte Menschen nicht etwa einbilden, es sei wieder Sommer geworden!« Fritzchen trabte jubelnd hinter den dürren Blättern her, welche der Wind bergab wirbelte. Josephine und Günther folgten eine kurze Zeit schweigend, bis der junge Graf plötzlich begann, Zukunftspläne zu entwerfen: er wolle künftigen Sommer den ganzen Urlaub in Lehrbach zubringen und den Bau der neuen Fasanerie überwachen, welchen sein Vater bereits projectirt habe, er habe dem Landleben früher nie viel charme zugetraut, aber er sei anderer Meinung geworden; er habe jetzt solch' eine fabelhafte Passion für Lehrbach, daß er sogar gesonnen sei, die Aufforderung des Prinzen Detlef, ihn nach Paris zu begleiten, abzulehnen, selbst in dem Fall, daß Herzogin Mutter und Sylvie sich anschließen würden, um die Weltausstellung mit Allerhöchstihrem Besuch zu beehren. Graf Lehrbach war sehr animirt und heiter, wie seit Wochen nicht, er lachte und scherzte, er hatte den Himmel voller Geigen hängen. – – – 55 Fünfzehntes Kapitel. »Welch Leben in den Kleinen!« Herwegh.             Villa Carolina hatte wieder einen weißflockigen Schleier übergeworfen, und glitzernde Eiszapfen an die Dachfirst gehängt. Rosiges Licht schimmerte durch die bereiften Fensterscheiben des kleinen Boudoirs, welches Gräfin Ange und Josephine als trauliches Plaudereckchen mit Vorliebe in den Nachmittags- und freien Abendstunden aufsuchten. Ange hatte hier ihr Piano stehn, welches durch den brillanten neuen Flügel aus dem Musiksalon verdrängt worden war, und sie konnte Fräulein von Wetter keine größere Freude bereiten, als hier in der behaglichen Stille die Tasten zu rühren, in eigenen Phantasien, welche so wundersam Lust und Weh verflossener Stunden zu malen verstanden, ein zauberisches Gewebe von Hoffen und Harren, von Lächeln und Thränen, Leidenschaft und banger Klage, ein hohes Lied der Liebe und des Hasses, durch welches die einzelnen Melodien schmeichelten. 56 Auch heute saß Josephine vor dem knisternden Kamin im Schaukelstuhl und lauschte mit zurückgeneigtem Haupt und halb geschlossenen Augen dem Spiel der Freundin. Eine zartblaue Seidenrobe floß in glänzenden Falten um ihre Figur und lag in spitzenduftiger Schleppe lang auf dem Parquet, Schneeglockensträuße zitterten an Brust und Haar, und mattglänzender Silberschmuck schlang sich um Nacken und Arme. Die jungen Damen waren soeben von einem Diner zurückgekehrt, welches der Kommandeur des Husarenregiments gegeben hatte und zu welchem auch der Hof vollzählig erschienen war. Prinzessin Sylvie und Detlef waren lebenslustig, amüsirten sich gern und zeichneten die meisten Privatfeste der Hofgesellschaft durch ihre Anwesenheit aus. Die Hofmarschallin hatte sich etwas ermüdet gefühlt und sich zurückgezogen, Ange und Josephine aber hingen einen rosa Schleier über die Lampe, machten es sich vorerst noch in den Sesseln des kleinen Boudoirs bequem und tauschten ihre Erlebnisse aus. Josephine war vom Freiherrn Clodwig geführt worden, welcher sich fast während der ganzen Dauer des Diners den Kopf zerbrach, ob die Brillanten der russischen Botschafterin echt, ob die Bachforellen noch angesichts des Kochtopfes gelebt hätten – aus Vorsicht verzichte er lieber – und ob sich wohl Prinzeß Sylvie jemals zu einer Mésalliance entschließen würde; er sei hochgradig gespannt! Und dabei hatte 57 er keinen Blick von Ihrer Hoheit verwandt, welche sich lebhafter und vertraulicher als je mit Graf Lehrbach unterhielt; man hatte den jungen Offizier selbstverständlich an ihre Seite placirt. Josephine wußte auf keine der Fragen eine rechte Antwort zu geben, sie wechselte mit Ange, welche, von dem Ordonnanzoffizier Herrn von Reuenstein geführt, dicht neben ihr saß, einige Blicke, welche viel Resignation ausdrückten. Zum Glück saß Baron d'Ouchy beiden Damen gegenüber, als Kavalier der jüngsten Tochter des Generalintendanten der Herzoglichen Schauspiele, einer sehr stillen und schüchternen Blondine, welche mehr Gewicht auf die diversen Süßigkeiten des Menus, als auf pikante Würze der Unterhaltung legte. So konnte der junge Diplomat ungenirt an den Gesprächen seines vis-à-vis teilnehmen. Er sprach hauptsächlich mit Komtesse Lattdorf, blickte aber desto mehr zu Josephine hin, er schien völlig von der Unterhaltung mit Ange absorbirt und verlor dennoch kein Wort, welches zwischen Clodwig und Fräulein von Wetter gewechselt wurde. Nur einmal, als Prinz Detlef fernher von der Tafel sein Champagnerglas ostensibel gegen Josephine hob, schloß er sich dem Wohl an und wandte sich direkt mit ein paar höflichen Worten an die junge Dame, gleichzeitig zog er eine römische Sternkamille aus der vor ihm stehenden Vase und steckte sich die »gelbe Gretchenblume« mit bedeutsamem Lächeln und vielsagendem Blick in das 58 Knopfloch. » En souvenir! « flüsterte er dabei mit seiner gedämpften Stimme. Josephine wußte in dem ersten Augenblick gar nicht, was er damit sagen wollte, dann fiel ihr die Zupfblume und ihr Orakel »er liebt mich!« ein. Sie senkte verwirrt den Blick und errötete in dem Gedanken an Graf Günther. Ange hatte sich sehr darüber amüsirt, daß Herr von Reuenstein in fast nervösem Eifer dem Beispiel Detlefs gefolgt war und sein Glas bis zur Nagelprobe auf das Wohl des Gänseliesels leerte, dann aber dasselbe wie eine besondere Ovation gegen den Prinzen neigte, damit sich Hochderselbe überzeugen konnte, daß er es ehrlich gemeint hatte. Sonst ließ die Komtesse nicht viel verlauten, ob sie sich amüsirt habe oder nicht, sie war wenig redselig an diesem Abend und setzte sich unaufgefordert an das Klavier, um zu spielen. Wieder waren es heißblütige Zampamelodien und die ungarischen Tänze d'Ouchys, welche wie sprühende Flammengarben unter den weißen Händen dahinrauschten. Josephine lauschte regungslos, ihr Blick hing an den sanften Zügen der »kalten Schönheit«, welche, während des Spieles so auffallend verändert, vor Erregung zu beben schienen; sie sah nur das Profil, aber die Lippen desselben zuckten, und die Spitzen über der Brust wogten unter den schnellen Atemzügen. An dem Portal drunten hatte es geschellt, da 59 man aber keinen Wagen rollen hörte, beachtete es Josephine nicht. Dennoch klangen Schritte im Korridor, und der Diener erschien in der Thür, reichte Fräulein von Wetter eine Karte und fragte, ob er den jungen Herrn hier herauf führen solle? Josephine hatte kaum einen erstaunten Blick auf den schön geschriebenen Namen des Kartenblattes geworfen, als sie hell aufjubelte. »Der Friedel! . . Pastors Friedel! . . . . Schnell führen Sie ihn herauf, Heinrich!« Und dann erhob sie sich hastig und faßte Anges Hand. »Du mußt hier bleiben, liebstes Herz, und ihn sehen! Bedenke doch! der Dichterling, der noch nachträglich Graf Günthers Skizzenbuch schmücken kann, wenn er die sämmtlichen Pastorschen als Staffage des ›Gänseliesel‹ haben will, Pastors Friedel wird in Fleisch und Blut vor Dir stehen! O Gott, wie wird mir der Anblick jetzt selber so komisch sein, und doch dürfen wir nicht lachen, Ange, er ist ein so guter, braver Mensch!« Die Komtesse nickte lächelnd und trat von dem Klavier etwas tiefer in den Schatten des laubigen Blumentisches zurück. Schon teilten sich die Portièren, zuerst erschien die blonde Mähne Friedels, dann, etwas linkisch über die Schwelle stolpernd, seine hohe, magere Gestalt im schwarzen Sonntagsrock. »Friedel! . . Grüß Gott und herzlich willkommen!« jubelte ihm eine wohlbekannte Stimme entgegen, zwei 60 schlanke Hände boten sich ihm dar und faßten die seinen. Blaue Seidenwogen, Spitzen, Blumen und Silberglanz schwirrten vor seinen Blicken, dann starrte er wie ein Kind mit großen, angstvollen Augen in das lächelnde Gesichtchen, welches aus dem blendenden Chaos auftauchte, und murmelte: »Bist Du es denn auch wirklich, Phine?« Und als sie es ihm fast übermütig heiter versicherte und ihn näher zum Licht zog und lachte: »Gewiß bin ich es! Die alte treue Phine aus Groß-Stauffen, die nur in eine neue und schönere Haut geschlüpft ist, wie sie die Residenz hier feil bietet!« Da schien er sich allmählich zu überzeugen, schüttelte aber sehr erstaunt den Kopf und sagte: »Du hast Dich aber so gewaltig verändert, daß ich Dich wirklich kaum erkannt hätte! Na, da werden die Kleinen die Augen aufreißen, wenn sie Dich so städtisch zugerichtet sehen!« Dann reckte er in plötzlicher Erinnerung an seine Würde und sein späteres lorbeerbekränztes Standbild auf dem Marktplatz die hagere Figur zu voller Höhe empor, schob die Hand à la Humboldt über der Brust in den Rock und verfiel in das gewohnte Pathos. »So sage, Josephine, wie Dir's hier ergeht, und künde mir in traulichem Gespräch all' das Erlebte aus der Zeit der Trennung!« Bei der rhythmisch nickenden Bewegung seines Kopfes bekam die blonde Mähne jedesmal das Uebergewicht und sträubte wie eine Borste vornüber; aus der Ecke des Blumentisches klang es ganz leise wie mühsam unterdrücktes 61 Lachen. Friedel bemerkte es nicht und holte tief Atem, um weiter zu dociren, als Josephine mit schnellem Schritt zu Ange trat und sie in das Bereich das Lampenlichtes zog. »Vor allen Dingen möchte ich Dich erst meiner Freundin, der Gräfin Lattdorf, vorstellen, lieber Friedel,« sagte sie, und fügte mit einer Geste nach dem Dichterling hinzu: »Dies ist der Friedel Fichtner, liebe Ange!« Der zukünftige Classiker hatte das Haupt zurückgeworfen und die Wimpern interessant über die Augen sinken lassen. »Herr Friedrich Fichtner!« verbesserte er nachdrücklich und beschrieb dann in tiefer Verneigung einen rechten Winkel. Erst bei seinem Emportauchen würdigte er sein vis-à-vis eines Blickes, und dieser Blick hatte eine wunderbare Wirkung! wie versteinert stand der Studiosus und starrte die junge Gräfin an. Die schlanke Gestalt vor ihm in dem maisgelben, weich glänzenden Atlasgewand, mit den leuchtend roten Blüten an der Brust und den sanft lächelnden Rehaugen, welche ihm die aristokratische Hand entgegenstreckte und ihn freundlich willkommen hieß, schien ihn völlig durch ihren Anblick zu bezaubern. Das arrogante Selbstbewußtsein des Dichterlings wurde in den Grundfesten erschüttert, dunkle Glut stieg in sein bleiches Antlitz, und die Hand, welche den schwarzen Konfirmationshut hielt, zitterte wie Espenlaub. Dabei aber schien es ihm, als wehe ihm von 62 der idealen Frauengestalt ein süßer Frühlingshauch entgegen, als ginge ein Sonnenstrahl aus ihren Augen, der warm und maienhell seine tiefste Seele plötzlich durchdrungen. Schüchtern ließ er sich, so knapp wie möglich, auf der Ecke eines Polsterstuhles nieder, drehte den Hut zwischen den Fingern und stotterte auf Josephinens stürmische Fragen lauter konfuse Antworten. Er erzählte die wenigen Ereignisse von Haus und Hof, brachte Briefe und Grüße von Tante und Onkel, und zwischendurch kehrten seine Blicke immer wieder zu Gräfin Ange zurück, verklärt und andachtsvoll, wie man ein Heiligenbild ansieht. Allmählich aber gewann er seine Fassung wieder und mit derselben die pathetische Würde, welche seinem Wesen eine so unfreiwillige Komik verlieh. Gräfin Ange hustete oftmals in ihr Taschentuch. Als Josephine nach der Familie Fichtner und ihrem Ergehen fragte, huschte ein überlegenes Lächeln um Friedels Lippen. »Eine Ueberraschung harret Deiner, Josephine, die Meinen sind sämmtlich hier und werden bei des nächsten Morgens Lichte bei Dir vorsprechen. Heute Abend war's zu spät geworden, Kälte und Wind schreckte die Mutter, welche die wegemüden Kleinen frühzeitig betten wollte!« Josephine schlug in grenzenlosem Staunen die Hände zusammen und ließ sich den Grund dieser unglaublichen Neuigkeit erzählen. Der bestand nun ganz einfach in der Einladung des älteren Bruders 63 der Pastorin, welcher vor ganz kurzer Zeit und sehr überraschend als Stiftspfarrer in die Residenz berufen war und morgen seinen Geburtstag feiern sollte. Auf die Versicherung der Tante Renate, daß es mit der Bahn nur noch ein Katzensprung bis zur Stadt sei, hatten sich Fichtners trotz der schlechten Jahreszeit entschlossen, in corpore den Studiosus Friedel auf drei Tage nach der Residenz zu begleiten. Der Jubel der Kinder sei unbeschreiblich, und es würde Mühe kosten, sie in Rand und Band zu halten. Glücklicherweise sei die Freifrau so gütig gewesen, das Allerkleinste in Stauffen zu behalten, sonst wäre ja die Reise unmöglich gewesen. Und morgen wollten sie kommen! . . . Sie schwatzten ununterbrochen von Josephine und der Ueberraschung und Freude, die sie haben würde! Und Fräulein von Wetter freute sich auch wirklich auf diesen Besuch, wie ein Kind auf eine neue Weihnachtspuppe. Endlich brach Friedel auf, als der Diener den jungen Damen meldete, daß der Thee servirt sei. Das Weggehen war freilich seine schwache Seite, er kam so viel leichter zur Thür herein als hinaus, er klebte wie Pech. Josephine erhob sich erschrocken. »Mein Gott, wir sind noch nicht umgekleidet!« rief sie mit einem schnellen Blick nach der Uhr. »Friedel hat uns so interessant unterhalten, daß wir Essen und Trinken vergessen haben!« Der Studiosus koncentrirte sich eiligst und unter angemessen 64 tiefen Verneigungen rückwärts, Ange reichte ihm abermals die Hand und sagte freundlich: »Ich denke, Sie werden nun Josephine öfters bei uns aufsuchen und auch einmal zu Mamas Empfangsstunde kommen, damit ich Sie den Eltern vorstellen kann. Auf Wiedersehen denn!« Herr Friedrich Fichtner wurde blutrot, aber er bewahrte diesmal die Haltung, machte eine salbungsvolle Bewegung mit der Hand und entgegnete: »Ich werde sehen, was sich thun läßt!« »Bring' dann Deine Gedichte mit!« rief Josephine. »Wenn ich mich zum Vortrag inspirirt fühle, sonst vermag ich's nicht!« Abermals eine Reverenz, welche in einem Stolper über die Thürschwelle gipfelte, und der Dichterling war hinter den Portièren verschwunden. »Ein sehr spaßhaftes Original!« lachte Auge gutmütig, »ich bin wirklich begierig, etwas von seinen sogenannten Dichtungen kennen zu lernen!« Am nächsten Morgen, kaum, daß die Herrschaften sich vom Frühstückstisch erhoben hatten und die Hofmarschallin sich zurückgezogen, um Toilette zu machen, wurde die Klingel der Villa Carolina in stürmische Bewegung gesetzt. Heinrich, der elegant Galonnirte, tänzelte auf weichem Teppich zur Hausthür und öffnete. Aber er prallte fast erschrocken zurück, als sich eine Wolke fröhlich jauchzender Kindlein, ähnlich wie 65 weiland der Heuschreckenschwarm in Egypterland, in heftigem Ansturm gegen ihn ergoß. Eine junge Dame mit sehr roten Wangen und ungewohnter Toilettenfaçon versuchte die naseweisesten Kleinen an den Zöpfen oder Aermchen, was sich am passendsten dazu darbot, zurückzuhalten. »Wi wöllen tom Phining!« schrie die »Landplage« dem verblüfften Heinrich wie Trompetengeschmetter entgegen, und Gretchen setzte verlegen hinzu: »Ist Fräulein von Wetter zu sprechen?« Heinrich kannte sonst seine Pappenheimer ziemlich genau, aber diesmal musterte er den seltsamen Besuch doch recht konsternirt. »Wen habe ich die Ehre zu melden?« fragte er reservirt und starrte erstaunt auf die Pastorschen hernieder, welche sich zwischendurch und neben seinen sperrenden Beinen in das Vestibül ergossen. »Hee weeß nich', wer wi sin'?« johlte es voll Hohngelächter um ihn her, »wat'n öll' Döskopp!« und die Kleinen begannen eine gründliche Besichtigung des eleganten Hausflurs. Heinrich fing an, sich zu ärgern. Sein verwöhnter und gediegener Geschmack als gräflicher Silberdiener rümpfte die Nase über das ungemein gewöhnliche Aussehen dieses zahlreichen Besuches, über die Röckchen, Höschen und Mäntelchen, deren Schnitt den praktischen Sinn der selbstschneidernden »Fru Pastern« absolut nicht verleugnen konnte, über die abstehenden, festgeknüllten Zöpfchen, an deren gekrümmter Spitze ein elegantes 66 Cigarrenbändchen kolossalen Effekt machte, über die blaugefrorenen Händchen, welche selbst im Traum noch keinen Handschuh gesehen hatten; aber das wenig imponirende Resumé seiner Betrachtungen wurde erschüttert durch das unglaublich sichere Auftreten der kleinen Herrschaften, welche sich so ungenirt und herausfordernd benahmen, wie es Heinrich bis jetzt nur bei der arrogantesten und blasirtesten Aristokratie angetroffen hatte. Er wagte demnach nicht, seine Miene »zweiter Klasse« aufzusetzen; nur das konnte er sich nicht versagen, einen kleinen Flachskopf, welcher Kletterversuche an dem bronzirten Treppengeländer anstellte, herzhaft beim Wickel zu nehmen und zur Erde zurückzubefördern mit dem entschiedenen Verbot: »Geklettert wird hier nicht, Musjöchen!« Das nahmen die Kleinen nun für einen süperben Witz und bestürmten den neuen Freund mit energischer Zärtlichkeit. Renatchen hing sich wie ein Perpendikel an die langen Rockschöße des schier verzweifelnden Bedienten, Lieschen und Gottholdchen besichtigten etwas zudringlich die Sammethosen, rote Weste und Wappenknöpfe. »He is akerad so andrekt wie de lütt' Ap of't Kamel! Hest nich ok'n Federhut?« erinnerte sich ein Vierter in schmeichelhaftester Weise an den Jahrmarkt, und wieder ein Anderes puffte ihn ungeduldig in die Seite und fragte mit durchdringendem Organ: »Du segg' mal, bist wohl ok'n Graf?« Und es hielt ihm als Ursache dieser Frage 67 das rothseidene Taschentuch hin, welches Renatchen soeben in einer der Rocktaschen entdeckt hatte. Da riß aber Heinrichs Geduld, selbst die Devotion eines Bedienten krümmt sich, wenn man sie tritt. Er schüttelte die Quälgeister von sich ab, wie weiland Richard Löwenherz die Pfeile der Ungläubigen von seinem Schild, gleichzeitig aber schaute er betroffen zu der Treppe empor, woselbst mit schallendem Gelächter Gräfin Ange und Josephine, von dem Lärm herbeigelockt, erschienen waren. »Phining! . . . . Hurrah Phining!« schmetterte es im Chor. Wie das wilde Heer purzelte es die Treppe hinauf und hing sich an Fräulein von Wetter; was da nicht Platz mehr fand, embrassirte in selbstverständlicher Innigkeit ohne jegliche Scheu und Prüderie die junge Komtesse. Gretchen aber wischte sich die Schweißtropfen von der Stirn und atmete bei dem Anblick der Freundin wie von Centnerlast befreit auf. – Nun waren Pastors da! . . . Und das merkte man! Da gab es ein Bewundern, Besichtigen, Erzählen und Jubeln, daß den Damen der Kopf wehe that. Heinrich aber stand in schlechtester Laune drunten im Vestibül und bürstete sich ab. »Gottvergessener Racker!« grollte er, »wie ein Affe säh' ich aus, sagt das kleine Donnerwetter?« und er tänzelte entrüstet vor den Spiegel. Währenddessen hatten die Kleinen auch eine große Schachtel aus Gretchens Händen gewunden. »Phine, kiek mal, een Kauken!« schrie Renatchen 68 brennend vor Neugierde, ob der große Napfkuchen der Tante Renate sofort angeschnitten würde. »Meenst, daß ok Räsinen innbacken sin'? Probir em better gliek!« und es fuhr einstweilen rekognoscirend mit dem angeleckten Finger über den Zucker. Wie nett von der Phine! Sie teilte den Kuchen wirklich sofort aus. Ein Flachskopf schien bereits stark von Onkels Festkuchen gefrühstückt zu haben. »Nee, ick mag keen Kauken mehr, äwerst polks mi de Räsinen rut!« entschied er sich, und Gottholdchen dachte sogar an den »Herrn Lehrbach« und »den Dicken mit's rote Gesicht«, die doch auch etwas bekommen sollten. Um ein Uhr mußten Pastors wieder daheim sein, Ange aber lud die ganze Gesellschaft zum Nachmittagskaffee ein, damit Hattenheim doch auch die Freude des Wiedersehens genießen könne. Sie schrieb gleich ein Billet an den Vetter, denn sie hatte sich vorzüglich mit den ländlichen Gästen amüsirt. Hattenheim kam auch sehr präcise, aber nicht allein. Graf Lehrbach, welcher zufällig beim Empfang der Einladung zugegen gewesen war, begleitete ihn, »allerdings mit dem Risiko, als ungebetener Gast unter den Tisch zu kommen!« Villa Carolina war wie verwandelt, bis auf die Straße hinaus hörte man den Jubel der kleinen Gäste. Günther war die Liebenswürdigkeit selbst, er 69 schien entzückt von dem Besuch der »Landplage« und bot Alles auf, seine Freundschaft für die Groß-Stauffener in ostensibelster Weise zu dokumentiren. Da köstlich hoher Schnee lag, lud er alle Anwesenden ein, morgen Mittag eine Schlittenfahrt durch die Stadt zu machen, um den Kindern alle Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Abends wolle er eine Loge im Theater nehmen, um sich an dem Entzücken der Flachsköpfe zu erfreuen. Er schien gar nicht daran zu denken, daß man in der Gesellschaft die Achseln über ihn zucken könne, daß es doch etwas riskirt sei, sich in dieser schlichten Begleitung so öffentlich zu präsentiren; er war es gewohnt, daß man seine Capricen stets comme il faut fand und ihnen applaudirte. Aber auch, wenn dem nicht so gewesen, wäre er diesmal seinem eigenen Willen gefolgt. Denn höchst seltsam! Für Graf Günther schien das Urteil der Menge plötzlich ganz einerlei geworden zu sein. Es war, als habe er nur nach einer Gelegenheit gesucht, ein Unrecht an Groß-Stauffen gut zu machen, und da er sie gefunden, zahlte er dem »Gänseliesel« den Tribut seiner Schuld in eclatantester Weise. Josephine war frappirt über sein Benehmen. Sie dankte ihm für seine Güte im Namen ihrer Schützlinge, »er erwerbe sich ein hohes Verdienst um die Kleinen!« Da sah er sie mit seinem dunkelleuchtenden Blick seltsam an und schüttelte den Kopf. »Wenn ich Ihre Zufriedenheit erwerbe, ist es mir lieber!« sagte er. 70 Hattenheim hatte es gehört, obwohl er sehr eifrig mit der Kartenlotterie beschäftigt war, welche man soeben mit hohen und sehr süßen Einsätzen der kleinen Gesellschaft zu Ehren arrangirte. Er lächelte still vor sich hin, nahm ein großes Marzipanherz und legte es auf die Karte des Hauptgewinns. Mit rührender Geduld wußte er die kleinen Schreihälse im Zaum zu halten, wenn sich die diversen Hände aller Spielregel zum Trotz sofort nach den Süßigkeiten ausstreckten und das »Ueberhelfen« für wichtiger und bedeutend amüsanter hielten, als das ihnen absolut neue Spiel mit dem vielen Stillsitzen. Heinrich trat ein und brachte eine große Baisertorte, welche mit stürmischer Freude begrüßt wurde und dem Herrn Silberdiener in Folge dessen ein hochnäsiges Lächeln ablockte. Nun wußte er doch ganz genau, daß die flachsköpfigen Unholde absolut nicht von »Race« waren, sonst wären sie wohl an dergleichen Tractamente besser gewöhnt. Sein Blick streifte verächtlich den mobilen kleinen Attentäter, welcher ihn so perfide mit einem Affen verglichen hatte, das vergaß er ihm sein Lebtag nicht! Ahnungslos jedoch ob der bösen Konduite, welche ihm der Galonnirte in Gedanken ausstellte, schlug das Herz des braven Gottholdchen dem Spender der köstlichen Torte mit warmer Zuneigung entgegen, und als sie nun alle vor ihren Tellern saßen und 71 Heinrich sich devot wieder rückwärts koncentrirte, da hielt er es für seine Pflicht, dem Worte des britischen Dichters Ehre zu machen, das da lautet: »Auf Höflichkeiten antwortet man mit Höflichkeit!« Den silbernen Löffel in der Hand schwingend, mit erhobenem Organ und einem Ton herzgewinnendster Zärtlichkeit rief er dem Herrn Bedienten nach: »Aewerst Heinrich! worüm blievst nich' all dar? Komm hier! fost ok'n beten Kauken eten!« – Und das dralle Händchen deutete einladend nach dem freien Platz an Günthers Seite. Gräfin Lattdorf, welche gerade zu einer kurzen Umschau eingetreten war, Lehrbach, Hattenheim und die beiden jungen Damen konnten nicht umhin, hell aufzulachen. Heinrich aber zog sich mit einem schwer indignirten Gesicht schleunigst zurück. »Entweder hat das Balg mich wieder höhnen wollen, oder es hat gar keine Lebensart,« grollte er mit giftigem Blick und ließ, mit leise pfeifendem Zischlaut durch die Zähne, seine Hand scharf die Luft durchschneiden. »O hätt' ich Dich, wie wollt' ich Dich!« dachte er dabei. Am folgenden Nachmittag war Graf Günther wirklich mit zwei prächtigen Schlitten vorgefahren und hatte seine Protégés als zappelnden, laut jubelnden und sehr dankbaren Ballast »an Bord« genommen. Im ersten Schlitten fuhr er, Josephine und vier eng zusammengequetschte Flachsköpfe, in dem nachfolgenden Ange, Gretchen, Hattenheim, der 72 Dichterling und noch ein Kleines, mit welchem die Lücke zwischen Friedel und seiner Schwester ausgestopft war. Günther amüsirte sich göttlich. Je auffälliger sich die »Landplage« in ihrer urwüchsigen Fröhlichkeit benahm, je mehr die erstaunten Leute sie anstarrten und die Hälse reckten, desto mehr animirte er durch irgend einen charmanten Witz oder durch plötzlich hingestreute Bonbons die Stimmung seiner so leicht entzückten Gäste. Vor dem linken Schloßflügel fuhr er sehr ostensibel zweimal vorüber und grüßte lachend zu Prinzessin Sylvie empor, welche er um diese Zeit öfters schon am Fenster angetroffen hatte. Hoheit schlug die Hände zusammen, und Fräulein von Dienheims blasses Gesicht fuhr wie ein Stoßvogel über die Schulter ihrer Herrin, um ja nichts zu versäumen. Der Ordonnanzoffizier, Herr von Reuenstein, promenirte gerade durch die Hauptstraße und sah und hörte den Schlitten kommen, er wandte sich interessirt zu einem Schaufenster und begnügte sich an dem Spiegelbilde. Vorsicht ist immer besser, er wollte erst sehen, wie die neue Caprice des jungen »Löwen des Tages« Allerhöchsten Orts begutachtet wird. Wie leicht konnte er durch ein freundliches Lächeln, einen einverstandenen Gruß sich einen Klex machen, wenn man im Palais vielleicht die Nase darüber rümpfte! »Nur Echo sein!« Das war die Devise, unter 73 welcher er sein Knopfloch für den Hausorden am doppelfarbigen Bande präparirte. Zum Diner war Günther wieder an den Hof befohlen. Man bestürmte ihn um Aufschluß über seine so originelle Schlittenfahrt; Prinzessin Sylvie lachte Thränen bei der Nachricht, daß »die Landplage« die Residenz heimgesucht habe, und rief lebhaft: »Weiß das Donnerwetter, Fortunatus, was Sie uns diesen Winter für amüsante Momente bescheren. Der reine esprit-de-vin in das Zuckerwasser unserer Langeweile! Weiß Gott, wie ich Sie mit der Aeppelfuhre ankommen sah, dachte ich sofort an Pastors, die Bälge haben ja ein unglaublich komisches Extérieur!« Selbst Herzogin-Mutter beschloß, diesen Abend in das Theater zu fahren, um sich die Modelle der gräflichen Skizzen in natura zu betrachten, und Sylvie fügte hinzu: »Da kann man sich also auch noch einmal im ›Joseph in Egypten‹ amüsiren! Eigentlich eine unglaublich unpassende Kindervorstellung, aber ein Glück für unseren Komiker, der sich der Konkurrenz der Flachsköpfe gegenüber doch entschieden nicht behaupten könnte!« Nie war die Aufmerksamkeit im Opernhaus eine so getheilte gewesen, wie an diesem Abend. Aller Augen richteten sich auf die Loge des Grafen Lehrbach, welcher in strahlender Heiterkeit, umringt von seinen quitschfidelen kleinen Gästen bereits fünf Minuten vor Beginn der Vorstellung erschienen war. 74 Gretchen hatte sich verlegen zu Lattdorfs und Josephine zurückgezogen, welche ihre Plätze vorsichtshalber nebenan gewählt hatten. Die Kleinen waren unverdrossen vergnügt und von einer wahrhaft herzerfrischenden Lebendigkeit, dazu sauber gewaschen und glatt gekämmt – so lange es dauerte! Dennoch schien die nie geschaute Pracht eines Opernhauses, Menschen und Lichter und schließlich die Musik einen etwas lähmenden Eindruck auf die jungen Seelchen zu machen. Günther war beinahe enttäuscht über den feierlichen Ernst, mit welchem seine Trabanten anfänglich dasaßen und die Hände falteten, erst als er seine Pralinétüte in dem Hintergrund des Sessels ahnen ließ, kam etwas von der alten Elektricität in die diversen Aermchen und Beine! Renatchen, das frechste von Allen, gewöhnte sich am schnellsten in die neue Situation und kam sich weder déplacirt noch unberechtigt auf seinem Sammetstuhl vor. Zu Günthers Gaudium capricirte es sich darauf, die Residenzler zu kritisiren, deutete mit vieler Nonchalance mit dem fetten, kleinen Zeigefinger direkt auf die mißliebige oder angenehme Persönlichkeit hin und machte laute Bemerkungen dazu, auch fühlte es sich öfters in Versuchung geführt, den Leuten im Parquet unten zuzunicken, ihnen zutrauliche Avancen zu machen, oder ihnen voll souveräner Arroganz die schönsten Groß-Stauffener Fratzen zu schneiden, selbstverständlich zu allgemeiner Heiterkeit. 75 Auch Prinzessin Sylvie mußte die Erfahrung machen, daß Renatchen selbst einer erlauchten Persönlichkeit nichts schuldig blieb. Als Hoheit nämlich unausgesetzt das große Opernglas auf die Lehrbachsche Loge richtete und Renatchen durch Günthers Gruß und lachende Gesten darauf aufmerksam wurde, legte die unglaubliche kleine Person schnell die Händchen hohl um die Augen, machte eine glotzende Grimasse und belorgnettirte Ihre Hoheit auf diese Weise ebenfalls. Diesmal gab es aber von Graf Lehrbach einen streng verweisenden Klapps auf die Händchen, wenngleich Prinzeß Sylvie vor Lachen fast ersticken wollte. Während der Ouvertüre verhielt man sich ruhig, nur einmal schrak der Kapellmeister entsetzt über ein grelles, dann aber schnell gedämpftes Geschrei zurück, das war in dem Augenblick, wo Lieschen von der etwas älteren Schwester in tyrannischer Weise die Nase geschnaubt bekam. Sonst aber verlief der ganze Abend über Erwarten gut, bis auf den einen Moment, wo die Orientalen auf der Bühne in den unvermeidlichen weißen Gewändern erschienen und Renatchen zu dem triumphirend herausfordernden Rufe: »Hemdenmatz! . . Hemdenmatz!« Anlaß gaben. Das ganze Haus schütterte vor Lachen und sah mehr zu der Loge als zu der Bühne hin. Prinzessin Sylvie sandte in der großen Zwischenpause eine Zuckertüte an die »famose kleine Range zur Linken des Grafen«, worauf hin Renatchen 76 lebhafte Kußhände zu der herzoglichen Loge hinübersandte und sehr vernehmlich »Dank' ok!« dazu schrie. Man hatte sich noch niemals so gut bei »Joseph in Egypten« amüsirt, wie an diesem Abend, wenngleich etliche von Renatchen übel behandelte Personen entrüstet die Achseln zuckten und fanden, daß Graf Lehrbach vor Uebermut gar nicht mehr wisse, was er Alles anfangen solle. Je nun, der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht, und die Sonne herzoglicher Huld scheint nicht ewig. »Fürstengunst und Vogelsang, klingt recht schön, doch währt nicht lang« sagt ein altes Sprüchwort, voyons donc , wie lange Graf Lehrbach noch sein impertinent despotisches Scepter schwingen wird! 77 Sechzehntes Kapitel. »Merken Sie sich! Ein Freund bin ich! Keinem Andern trau'n! Auf mich nur bau'n! Was auch geschah, ich bin da!« Genée.             Prinzessin Sylvie hielt Wort. Es wurde eine musikalische Soirée im Palais arrangirt, welche großartiger denn je zu werden schien. Die Einladungen waren wenigstens zahlreich ergangen und hatten die Damen in großer Toilette, die Herren in Gala befohlen. Man reimte sich die Veranstaltung dieses Festes mit der Ankunft des Erbprinzen Karl Theodor zusammen, welche Tags zuvor definitiv in Aussicht stand. Wie man hörte, sollte das Arrangement des Abends ein ganz eigenartiges werden, von der Prinzessin selber bestimmt. Hochdieselbe hatte nur Dilettanten aus der höchsten Aristokratie zugezogen, um durch deren musikalische Leistungen ihrem eigenen Vortrag das unvermeidliche Relief zu geben; nur die verschiedenen Zwischenpausen sollte die Hofkapelle in dem angrenzenden Wintergarten mit 78 melodiösen Potpourris, einer von Sylvie besonders bevorzugten Kompositionsgattung, ausfüllen. Der kleine Saal neben dem Wintergarten war bestimmt, das Podium zu tragen, auf welchem Ihre Hoheit zum ersten Male vor größerem, wenn auch sehr exclusivem Kreise singen wollte. Die Glaswand, welch den Koncertraum von dem Palmenhaus trennte, war zurückgeschoben und gewährte nun den freien Durchblick auf das üppige Grün, welches, sich zu malerischsten Gruppen türmend, den Prospekt des Saales bildete. Gräfin Aosta hatte gemeint, das Kind müsse doch einen Namen haben, und das Schöne sei leicht mit dem Nützlichen zu verbinden; man solle doch ein Entrée fordern und den Ertrag für die verunglückten Bergleute des Stephanschachtes bestimmen! Das hatte Sylvie nur ein mokantes Lächeln abgelockt. »Wir wollen doch dem Pavillon nicht ins Handwerk pfuschen!« sagte sie, die Achseln zuckend, »und den Siegern der Wette nicht den Triumph schmälern! Ich singe zu Ehren meiner Freunde, für die Bergleute strenge ich nicht meine Kehle, sondern meinen Geldbeutel an. Gehen Sie doch nächsten Sonntag nach der Predigt mit dem Klingelbeutel herum, liebe Aosta, und sammeln Sie für den Stephanschacht, dann kommen Sie noch vier Wochen früher in den Himmel, als wir, und der Beichtvater aus dem Pavillon macht Brüderschaft mit Ihnen!« Susanna lachte mit. Dann schrieb Fräulein von Dienheim an die 79 Teilnehmer des Wettrittes und bat im Namen ihrer erlauchtigsten Gebieterin um Angabe der betreffenden Lieblingslieder. Da kam mancherlei Geschmack zu Tage, welcher die Prinzessin höchlichst erstaunte. Hattenheim schrieb förmlich humoristisch an Ilse zurück, daß er sein einziges Lieblingslied – er sei in dieser Beziehung einseitig wie der alte Dessauer – »Ich hatt' einen Kameraden« doch unmöglich Ihrer Hoheit zum Vortrag zumuten könne, und darum verzichte er auf die Gnade einer eigenen Wahl, mit der Versicherung, daß ihm jegliches Lied aus dem Munde einer Prinzessin Sylvie gleich lieb und unvergeßlich sein würde!« »Der Dicke ist ein netter Kerl!« hatte Sylvie gesagt, da Fräulein von Dienheim diesen Brief vortrug. – – Die Gasflammen kochten leise summend an dem mächtigen Kronleuchter, welcher wie eine funkelnde Brillantkrone über dem Podium schwebte. Lautlose Stille herrschte in dem Saale, kaum daß eine Armspange klirrte, daß der leicht geschwungene Fächer in den Händen der Herzogin Mutter in den Atlasfalten knisterte; vor dem Koncertflügel saß Gräfin Ange Lattdorf und akkompagnirte Leon d'Ouchy, Marquis de la Bruyère, welcher mit einem stürmischen Czardas die Reihe der musikalischen Vorträge eröffnete. Auf den Sesseln direkt vor dem haute pas hatten die höchsten Herrschaften Platz genommen, Herzog Franz Eginhard zur Seite seiner Mutter; der 80 Erbprinz Karl Theodor, ein ernst dreinschauender Herr mit dunklem Vollbart und durchdringendem Blick, in der Uniform seines Garde-Dragonerregiments, zur Linken derselben neben Prinzeß Sylvie. Dann folgte Prinz Detlef, neben ihm die Oberhofceremonienmeisterin, welcher sich je nach Rang und Etiquette die Damen des Hofes anschlossen. Die jungen Frauen und Mädchen saßen erst in den letzten Stuhlreihen hinter den Gesandtinnen, Excellenzen und höheren Chargen, während im Hintergrund, bis weit zu dem Wintergarten hinein, die alten und jungen Herren in buntem Gemisch gedrängt standen. Auf einem Seitenpolster neben dem Podium saßen isolirt die mitwirkenden Herrschaften, vornan Ilse, Josephine, Lehrbach, Hattenheim und der Sohn des Landstallmeisters, als die Sieger der Wette auf markirtem Ehrenplatz. Baron d'Ouchy leistete Außerordentliches, und Gräfin Ange begleitete ihn meisterlich, es war ein Zauberregen von Glut und Funken, welchen die Geige des jungen Diplomaten über die lauschenden Häupter seines Auditoriums sprühte, und Josephinens Blick hing wie gebannt an diesem blassen Gesicht, dessen dämonisches Auge tiefliegender und leidenschaftlicher denn je unter den dunklen Brauen loderte. »Sehr interessant! Sieht ganz süperbe heute Abend aus!« flüsterte die Aosta in das Ohr ihrer Nachbarin, »der Baron ist ein geborener Künstler, man muß sich unwillkürlich an Paganinis geheimnißvollen Zauber über die Weiberherzen erinnern!« 81 Herzogin Mutter gab das Zeichen zu einem lebhaften Applaus, d'Ouchys ritterliche Verneigung wußte Komtesse Ange in den Vordergrund zu stellen. Detlef musterte sie mit zwinkernden Augen. Die kalte Schönheit glühte wie eine Rose, ihre Hand schien auf dem Arm des Diplomaten zu beben, er erhaschte den Blick, mit welchem sie zu ihm emporsah, als er sie zu ihrem Platze führte. Dann trat Gräfin Aosta an dem Arm Lehrbachs zu dem Flügel und brillirte mit Chopin. Fraisefarbener Atlas mit Goldborten knisterte in langer Schleppe über das Podium, ein kleiner Kolibri aus Edelsteinen wiegte sich funkelnd in dunkelen Löckchen ihrer hohen Frisur; sonst war sie etwas stark gepudert. Auch sie erntete reichen Beifall, Prinz Detlef rief sogar sehr laut und vernehmlich »Bravo!« Da zuckte ihr Blick wie ein sengender Strahl zu ihm hinüber. Nach ihr verneigte sich Herr von Brocksdorff vor den Herrschaften und sang mit vielem Herzklopfen »Schau ich mich um in diesem edlen Kreise« und ein neues Lied von Alfred Sormann: »Rosen«, welches mit besonderem Beifall aufgenommen wurde. »Zeigen Sie mir mal den Wisch her!« rief ihm Sylvie eifrig zu, »den einen Uebergang haben Sie vor lauter Angst falsch gesungen, aber sonst haben Sie dem genialen Sormann Ehre gemacht!« Und sie durchblätterte während des nächstfolgenden Trios von Geige, Cello und Clavier das Musikstück voll lebhaften Interesses. 82 Dann erhob sich die Prinzessin, nahm den Arm ihres Bruders und betrat, auf der anderen Seite von Graf Lehrbach geleitet, das Podium. Sie war sehr unbefangen, benahm sich ganz wie sonst und lachte und sprach noch laut zu dem Publikum. Der Kapellmeister, ein schlanker, recht distinguirt aussehender Herr, Komponist vieler bereits volkstümlich gewordener Lieder, überreichte ihr mit tiefer Verneigung das Notenblatt und nahm alsbald vor dem Instrumente Platz, um die sehr bleichen Hände spielbereit auf die Tasten zu legen. Sylvie wandte sich nach dem Wandpolster und winkte Baron d'Ouchy mit dem weißen Blatte zu: »Ihr Tribut wird zuerst abgezahlt, d'Ouchy, weil Sie entschieden den besten Geschmack von der ganzen Cohorte da haben!« Der Attaché verneigte sich geschmeichelt, die Umsitzenden kicherten, und Ilse versetzte ihrem Nachbar Lehrbach einen ungenirten Stoß mit dem Ellenbogen. »Spiritus, merkst Du was?« Dann gab Ihre Hoheit dem Kapellmeister ein Zeichen und sang. »Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer«, das Spinnlied Gretchens, hatte sich Baron d'Ouchy erbeten. Hinreißend schön sang es die Prinzessin; man hätte es nie für möglich gehalten, daß diese harte, burschikose Stimme so zauberisch in Weichheit schmelzen, daß ein so tiefes, von Glück und Leidenschaft durchzittertes Empfinden sie beseelen könne. 83 Und wundersam, als ob sich mit jedem Ton und Klang ein fremder Bann von dem ganzen Wesen der Sängerin löste, so wandelte sich auch die schroffe Eckigkeit ihrer Erscheinung in einen Schimmer von Anmut, welche einen außerordentlichen Eindruck auf die Zuhörer ausübte. Der Lichtglanz umfloß ihre hohe Gestalt und weckte gelbe Funken auf den Goldbändern, welche sich, von Brillantagraffen gehalten, nach griechischer Art durch ihr Haar schlangen, und eine ebenso kostbare wie geschmackvolle Toilette aus weißem Sammet mit goldgestickten Amarillisblüten ließ ihre hohe Trägerin fast schön erscheinen. Graf Lehrbach hatte Sylvie schon öfters singen hören und war jedesmal frappirt gewesen von der liebreizenden Wandlung, welche die Zauberin Musik an ihr vollbrachte; aber so anmutig wie heute hatte er die Amazone doch noch nicht zuvor gesehen. Er sah sie nachdenklich an, er bewunderte sie, aber dennoch war sein Blick, der ihre glänzende Gestalt überflog, ein ungemein kühler. »Recht raffinirt!« dachte er, »der Erbprinz Karl Theodor sitzt ihr gegenüber und winkt mit einem Krönchen, das merkt man.« Dann huschte sein Blick zu Josephine, welche auf seiner anderen Seite neben Hattenheim saß; ihr weißer Arm fiel ihm auf, wohl des Kontrastes mit der Prinzessin wegen, welche sich heute noch recht kräftig gepudert hatte, aber die »Jugend« leuchtete dennoch eigensinnig durch das dickste eau de lis . 84 Es lag ein reizender Ausdruck in dem Gesichtchen des ganz entzückt lauschenden Gänseliesels, auch Prinz Detlef schaute öfters zu ihr hinüber, und Hattenheim saß so stolz und behaglich neben ihr und sah die Leute so herausfordernd an, als wolle er sagen: »Mein ist sie! und der Graf Günther von Lehrbach war ein Narr, daß er sie sich wegschnappen ließ!« Dieser warf trotzig den Kopf zurück. »Noch ist nicht aller Tage Abend!« dachte er und hatte absolut kein Interesse dafür, daß Prinzessin Sylvie ihr Lied beendet, daß eine feierlich respektvolle Ruhe herrschte und nur Erbprinz Karl Theodor sich erhob, an das Podium trat und der erlauchten Sängerin ausdrucksvoll die Hand küßte, er schrak erst aus seinen Gedanken empor, als die Stimme Ihrer Hoheit laut und rauh wie immer seinen Namen rief: »Lehrbach! . . Jetzt kommt die Programm-Nummer, welche Sie in bescheidenster Weise ausgesucht haben. ›Der moderne Graf mit dem altmodischen Geschmack‹ wollen wir sie nennen!« Und Sylvie wechselte mit Ilse einen schnellen Blick und entfaltete ihr Notenblatt. Günther hatte sich erhoben, um sich lächelnd, stumm zu verneigen, dann wandte er sich hastig zu Josephine: »Mag das Lied auch altmodisch sein, ich liebe es unendlich und weiß, daß es für zwei Menschen zum Schicksal geworden ist!« Ihr Auge schlug fragend zu ihm auf. In demselben Augenblick klang es neckisch, silberhell und 85 unendlich ansprechend durch die Einfachheit des Vortrages von Sylviens Lippen: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Haiden!« Josephine zuckte zusammen, das Blut wich aus ihren Wangen, regungslos starrte sie in die dunkeln Augen, welche sich in schnellem, brennendem Blick in die ihren tauchten. »Sah ein Knab' ein Röslein stehn!« Ja, da lag wieder die sonnige Groß-Stauffener Wiese vor ihr! Da ruhte sie wieder mit wohligem Behagen in dem Heuduft und sah das vierblätterige Kleeblatt in dem vergilbten Gedichtbüchlein liegen und hörte leisen Hufschlag in dem tiefen Sand des Fahrweges – »lief er schnell es nah zu sehn, sah's mit tausend Freuden!« – Ja! da war der wilde Knab' mit den dunkeln Zauberaugen gekommen, tausend wonnige Freuden mit ihm, tausend glückselige Worte, lauter Sonnenschein ohne Wolken und Schatten, ein kurzes, ein namenloses Glück erster Liebe! Und dann? – Dann brach der wilde Knab' das Haideröslein und trat es unter die Füße! In Dunst und Nebel versinkt das lachende Sommerglück der Stauffener Einsamkeit, ein schwüler, blendender Ballsaal steigt vor ihrem geistigen Auge empor, voll schriller Geigenklänge und bitterer Todesqual – »half ihm doch kein Weh und Ach! mußt' es eben leiden« – ja, das war das Ende vom Lied, das war das Schicksal des morgenschönen Rösleins, grausam zerpflückt und bei Seite geworfen, sterbend unter den Füßen des wilden Knaben, der auf leuchtender 86 Siegesbahn dahin stürmt, einem schwindelnd hohen Ziel entgegen! »Röslein – Röslein – Röslein rot, Röslein auf der Haiden!« . . . . O wie das ins Herz schnitt! . . . . Josephine blickte nicht empor, ihre Hände lagen starr und regungslos in dem Schooß, der Lichtschein fiel über sie hin und glitzerte in den weißen Schmelzperlen, mit welchen ihr duftiges Spitzenkleid besäet war. Da sah es aus, als sei ein Thränenregen über die liebliche Mädchenblüte getaut. Günther wurde von Ilse hastig flüsternd mit Beschlag belegt, Hattenheim aber blickte mit forschendem, fast durchdringendem Blick auf seine bleiche Nachbarin nieder. »Das war ein Klang ans alter Zeit!« sagte er leise. »Hatten Sie ihn vergessen, Fräulein Josephine?« Sie blickte ihn an, es war ein herzzerreißendes Lächeln, welches um ihre Lippen spielte. »Vergessen?« – und sie schüttelte das Köpfchen, als wollte sie sagen: »Wie schlecht kennst Du doch ein Mädchenherz!« Dann atmete sie auf. »Es liegt so viel zwischen der Zeit der Haiderosen und dem Jetzt, ein stürmischer Herbst, ein grausamer Winter voll Kälte, Eis, Todesweh – und doch erinnert man sich so gern an Vergangenes und hat die Erinnerung doppelt lieb, wenn sie das Einzige ist, was uns geblieben.« Hattenheim nickte mit trübem Lächeln vor sich hin, dann sah er die junge Dame plötzlich schnell 87 an und sagte hastig: »Ich möchte nachher gern einmal recht offen mit Ihnen sprechen, erlauben Sie es mir?« Fräulein von Wetter neigte nur bejahend das Haupt, Prinzeß Sylvie sang ein drittes Lied. Die Kapelle im Wintergarten füllte die erste größere Pause durch »Die Reise um die Welt« und »Tannhäuserphantasien« aus. Nie hatten die schlanken Palmen ein reizvolleres Bild beschattet, als das des elegantes Getriebes, welches an diesem Abend in buntem Wechsel an ihnen vorüber wogte. Am Arm ihrer ritterlichen Kavaliere promenirten die älteren und jüngeren Damen inmitten der blühenden Pracht dieses gigantischen Treibhauses; hier standen in kleiner Gruppe ein paar Eleven der Diplomatie in eifrigem Gespräch, die Orden prunkten auf der Brust, die Köpfe neigten, hoben und drehten sich in derselben auffallend gemessenen, fast möchte man sagen, vorsichtigen Weise, welche auch die Gesten zeigten, die hier und da den Worten des Sprechers erst die eigentliche Bedeutung gaben. Etwas zur Seite kokettirte eine junge Hauptmannsfrau, von welcher Graf Lehrbach behauptete, man könne sechs Tassen Thee auf ihrer Unterlippe präsentiren, mit dem Vorgesetzten ihres Mannes, einem sehr eitlen Brigadier, dessen größter Fehler es war, jede Schmeichelei aus schönem Munde dem betreffenden Gatten in wohlwollendster Weise in die Conduite zu schreiben, und wieder etwas seitwärts hatten sich zwei alte Generalinnen eine außerordentliche 88 Neuigkeit anzuvertrauen. »Skandal! Wirklich Skandal!« leuchteten die funkelnden Aeuglein im fetten Gesicht, und den Händen, welche so harmlos den Fächer schwangen, sah es kein Mensch an, daß sie erbarmungslos den Stab über einen lieben Nächsten brachen. Prinz Detlef plauderte bereits längere Zeit mit einer jungen Dame, deren silberdurchwirkte Schleppe in Kollision mit seinen eiligen Füßen gekommen war. »Sie sehen sich mal wieder mit so unheimlich scharfen Augen um, meine Gnädigste!« rief er, »als inspicirten Sie das Schlachtfeld eines neuen Romans! Stimmt's?« Die Blondine nickte lachend: »Es giebt viele Opfer, Hoheit!« »Famos! Donnerwetter noch Eins – komme ich auch darin vor?« »Wie dürfte ich das riskiren, Hoheit!« »Machen Sie keinen Summs! Riskiren Sie feste darauf los! Schildern Sie mich mal so ganz, wie ich bin! Ich versichere Sie, mit solch einem netten Kerl machen Sie Furore!« Tu l'as voulu, George Dandain! Gegenüber hatten sich ein paar Referendare und Lieutenants einen versteckten Laubenplatz erobert, um der Genüsse, welche weiß gepuderte Lakaien ununterbrochen servirten, froh zu werden, und an ihnen vorüber, schnell und duftig wie glitzernde Feengestalten, schwebten zwei junge Damen, um die Köpfchen in glückseligstem, geheimnißvollstem Kichern zusammenzustecken. Wenige Minuten später hatte 89 der Wintergarten sich kaleidoskopartig geschüttelt und zeigte auf denselben Stellen völlig veränderte Bilder. Das lachte, schwatzte und eilte auf zierlichen Atlasschuhchen ruhelos dahin! Auf zwei Sesseln, welche vis-à-vis dem plätschernden Springbrunnen gegen die blühende Coulisse einer Orangen- und Mandelbaumwand zurückgeschoben waren, saßen Josephine und Hattenheim in ernstem Gespräch. Das Antlitz der jungen Dame war geneigt, so tief, daß die zarten Gänseblümchen, welche in flachem Kranz in den blonden Haarwellen lagen, ihre einzelnen roten Knospen bis fast in die Stirnlöckchen herab zittern ließen. Sie bewegte den Fächer mechanisch in den Händen und atmete schwer, jedoch der Husarenoffizier an ihrer Seite, mit dem roten, ehrlichen Gesicht und den gutmütigen Augen, sprach eifrig und mit gedämpfter Stimme auf sie ein. »Sie wissen, daß Lehrbach mich seinen Freund nennt, und daß ich ihm mit dem Recht zu dieser Vertraulichkeit auch gleicherzeit das heilige Gelöbniß gegeben habe, ihm in jeder Lage des Lebens ein Freund zu sein! Ich habe eine hohe Meinung von der echten Freundschaft und habe sie zu dem Inbegriff meines Lebens gemacht, woran sollte ich sonst mein Herz hängen? Der Liebe bin ich stets ein Stiefkind gewesen!« Er schüttelte wehmütig lächelnd den Kopf, als Josephine mit schneller Bewegung das Haupt hob, um ihn hastig zu unterbrechen, dann fuhr er mit erhobener Stimme fort: »Was ich aber einmal bin, das bin ich ganz, 90 und Keiner, der auf mich vertraut, soll jemals von mir verlassen sein, dazu ist der Reimar Hattenheim eine zu gewissenhafte Haut! Daß es nun meine heilige Pflicht ist, über Günthers Glück zu wachen, das sehen Sie doch wohl ein, Fräulein Josephine, und wenn ich Sie bitte, mich dabei zu unterstützen, so werden Sie es mir nicht abschlagen?« Sie sah ihn mit feuchtem Blick an. »Bedarf das noch der Frage?« Dann senkte sie abermals die dunkeln Wimpern. »Warum müssen Sie das Glück Ihres Freundes schützen, ist es gefährdet?« fuhr sie leise fort. Hattenheim sah nachdenklich zu Boden. »Erinnern Sie sich vielleicht noch eines kurzen Gespräches, welches wir im Lehrbacher Park führten? Es hatte das ›Glückskind‹ Lehrbach zum Thema. Ich sprach Ihnen schon damals die Befürchtung aus, daß der dauernde und allzugrelle Sonnenschein das Herz meines Freundes austrocknen würde zu einer Wüste von Ueberdruß, Seichtheit und Haltlosigkeit. Günther ist im Glücke groß geworden, er ist ein herzensguter Mensch mit vielen kleinen Fehlern, welche ihm über den Kopf zu wachsen drohen, er ist ein edles Gemüt, aber er ist kein Charakter! Die Glut eines unbewölkten Himmels läßt auch die Menschenpflanze üppig und farbig emporschießen, aber nur der Thränenregen und der Sturm des Schicksals läßt sie stark und fest werden, nötigt sie, ihre Wurzeln tiefer zu schlagen und sich aus eigener Kraft über dem Staube zu behaupten. 91 Günther aber ist ein Schilfrohr, welches jeder Windzug der Laune gefällig hin und her wirft, es muß ihn der Ernst des Lebens mit einem Ungewitter von Kummer und Herzeleid schütteln, um ihn aus seiner glücklichen Apathie emporzureißen! Wie soll ein Boden gute Früchte tragen, wenn ihm Tau und Regen fehlt? Erst wenn dem Glückskind das Herz wehe thut und blutet, merkt es, daß es eines besitzt, erst wenn es weinen gelernt hat, wird es einen klaren Blick bekommen, es gehören bitter salzige Tropfen dazu, um die rosigen Nebel, welche die Menschen so kurzsichtig machen, aus den Augen zu waschen! Und nun verzeihen Sie mir eine Frage, welche vielleicht sehr indiscret klingt, aber von Herzen treu und redlich gemeint ist! Ihre Güte und Liebenswürdigkeit und all die tausend Beweise Ihres Vertrauens, welche mir auch Ihnen gegenüber die Stellung eines Freundes eingeräumt haben, geben mir eine gewisse Berechtigung dazu!« Reimar strich tief aufatmend die blonden Haare aus seiner Stirn zurück, es kostete ihn allem Anscheine nach viele Ueberwindung zu reden, er war ja für gewöhnlich so ungewandt mit der Zunge, und nun wagte er sich plötzlich an diplomatische Kunststücke! Dunkle Glut brannte auf seinem Antlitz. Josephine aber blickte ihm voll in das Auge, ihre Stimme bebte vor Milde und Rührung. »Das weiß Gott, daß Sie mir ein Freund sind, Herr von Hattenheim! Wer wohl mehr denn Sie?! 92 Sprechen Sie ganz aufrichtig zu mir, ich will gern einer jeden Frage Antwort geben!« Er neigte sich tiefer. »Graf Günther hat Ihnen in Groß-Stauffen sehr gehuldigt, er war Ihnen nicht gleichgültig?« »Nein!« klang es fest und ruhig von ihren Lippen. »Und er ist es auch jetzt noch nicht?« Ihre Hände verschlangen sich krampfhaft, farblos wie die weißen Spitzen ihres Kleides sah sie zu ihm auf. »Auch jetzt noch nicht. Mein Herz ist wunderlich, es kann selbst im Winter nicht vergessen, daß es einmal Sommer gewesen!« Er nickte leise, unendlich wehmütig vor sich hin. »Die Zeit rollt schnell, bald wird die Erde wieder blühende Rosen tragen und einen neuen Sommer grüßen, auch Sie müssen nur durch Eis und Schnee dem kommenden Lenz entgegen gehn, Fräulein Josephine! Graf Günther hatte Sie bei Ihrem ersten Wiedersehn gekränkt, der Wind der Eitelkeit, des Hochmuts wehte das schwanke Rohr haltlos von Ihnen zurück. Zürnen Sie ihm noch über diese kleine Schwäche, welche ja leider recht häßlich, aber doch recht menschlich ist?« Sie schüttelte lächelnd das Köpfchen. »Zürnen? Nein! Nur unvernünftige Kinder klagen, wenn sie sich am Dorn der Rose stechen, ich bin merkwürdig alt und verständig hier geworden; und da ich der herben Meisterin Erfahrung in der Schule des 93 Lebens mein schmerzliches Lehrgeld bezahlt habe, gab sie mir zum Trost die Resignation ins Herz, welche ein Schicksal geduldig und ohne Groll erträgt!« Wieder legte er die Hand momentan über die Augen, die Musikklänge brausten wild auf, und die Orangenblüten dufteten betäubend stark; dann sah er sie mit klaren Augen an und fuhr fort: »Mein Freund versucht sein Unrecht auf alle Weise an Ihnen gut zu machen, er nähert sich Ihnen ostensibel, er sagt Ihnen wieder die alten, schönen Worte aus Groß-Stauffen?« Liebliche Röte färbte ihr Antlitz, aber sie begegnete dennoch seinem Blick. »Er thut's, wenn auch nicht so gradaus wie früher!« »Und Sie?« Ein fast bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen. »Ich? Ich glaube den schönen Worten nicht mehr.« »Dann thun Sie meinem Freunde bitter Unrecht, Fräulein Josephine!« Hattenheim richtete sich energisch empor, als läge plötzlich eine gewaltsame Festigkeit in seinem Wesen, etwa wie ein banges Kind, welches, seine eigene Schwäche fürchtend, die Augen zudrückt und blindlings auf das Ziel losstürmt. »Unrecht?« Josephine blickte ihn überrascht an. »Verlangen Sie, daß ich nach den Erfahrungen, die ich an Graf Lehrbach gemacht habe, noch einem solchen leeren Klang vertrauen soll? Wohin verwehten die Worte des Sommers? Wohin beugt der 94 Wind das schwanke Rohr morgen am Tag?« Und das junge Mädchen schüttelte gequält das Haupt. »Das ist vorbei, Herr von Hattenheim.« »Die Zeit und die Menschen ändern sich! Ich komme jetzt auf mein Thema von vorhin zurück. Kann Lehrbach jemals zu einem Mann, zu einem trefflichen Charakter erzogen werden, so ist es einzig durch die Macht des Kummers. Und dieser Kummer und dies segensreiche Herzeleid haben bereits ganz leise und heimlich ihre Hand auf seine Schulter gelegt! Graf Günther liebt Sie, Fräulein Josephine, und diesmal nicht nur mit Worten!« Ein leiser, zitternder Laut rang sich von ihren Lippen, dann starrte sie regungslos in sein Auge, die Hände im Schoß gefaltet, wie im Traum. »Er liebt mich . . . .« »Lange hat der Sieg geschwankt,« fuhr Reimar hastig fort und sah auf den goldglitzernden Sand zu seinen Füßen nieder, »erst war es Eitelkeit, welche ihren Triumph über die Zierde der Salons feiern wollte; dann war es Eigensinn, welcher aus den Privilegien siegreicher Schönheit einen Sieg machen will, Eifersucht auf mich, der es wagte, seinen Weg zu kreuzen, und jetzt endlich ist es die heiße, leidenschaftliche Liebe geworden, welche zwar noch trotzig gegen sich selber kämpft, aber dennoch die einzige ist, welche jemals einen Sieg in seinem Herzen gefeiert. Das Feuer, mit welchem er spielen wollte, hat ihn selber gefaßt und lodert nun wie ein klärendes Opferfeuer durch seine Seele. Diese 95 Flamme nun zu schützen und sie so zu entfachen, daß sie Heil und Segen bringt, das ist unser Beider heilige Pflicht, Fräulein Josephine, denn läutert diese Liebe nicht sein Herz, so wird Graf Günther nie und nimmermehr ein Anderer. Noch aber liebt er Sie nicht so, wie er Sie lieben soll, wie es eine Bedingung für Ihr beiderseitiges Glück ist, denn noch ist es Leidenschaft, die schnell und hitzig aufglüht, noch ist es immer ein Kampf mit Trotz und Eitelkeit! Das Herzeleid hat ihn erst mit sanfter Hand berührt, es soll ihn aber in den Sturm führen, der das haltlose Pflänzlein entweder knickt, oder als markigen Stamm bewährt, noch darf ihm kein Sieg werden, Fräulein Josephine, noch nicht, und wenn Sie Graf Günther wirklich und wahrhaft lieben, so verbergen Sie es vor ihm, zu Ihrem und zu seinem Heil! Sie haben sein Herz in der Hand, läutern Sie es, wandeln Sie es zu echtem Gold! Was auch seine Augen und Worte Ihnen sagen mögen, lassen Sie sich nicht von ihnen erweichen. Bedenken Sie, daß Ihre Kälte und Gleichgültigkeit die gewaltigste Waffe ist, welche Sie besitzen! Günther ist eifersüchtig auf mich, nähren Sie diese Einbildung, thun Sie Alles, um ihn in dem Wahn zu bestärken, daß Sie für ihn verloren sind, und seien Sie versichert, daß dies der einzige Weg ist, unsern Freund so zu gestalten, wie wir ihn uns beide wünschen. Ich werde über ihn wachen, ich werde Ihnen mit Rat und That zur Seite stehen und Ihnen sagen, wenn das Maß voll ist. Bewahren Sie Eis und Schnee noch kurze 96 Zeit, und Sie werden sich einen Sommer voll Glück und Segen damit verdienen!« Josephine wußte kaum den Inhalt seiner Worte zu fassen, es brauste und wirbelte durch ihren Sinn wie die entfesselten Frühlingsboten, die mit silbernen Schwingen über Wald und Feld stürmen, die kahlen Wipfel schütteln und den Schnee von der keimenden Saat fegen, um der weiten Gotteswelt in donnerndem Jubel zu versichern, daß der Mai gekommen, daß der Winter vorbei sei! Sie hatte die Hände unwillkürlich gegen die Schläfe gepreßt, schüttelte leise das Köpfchen und wiederholte in Gedanken – »er liebt mich!« Die Fontaine sprühte ein paar helle Wassertropfen über den Bassinrand, und auf dem Sandweg klang das weiche Rauschen einer Frauenschleppe, Ange und Baron d'Ouchy kamen an ihnen vorüber. Da schrak Josephine empor. »Ich danke Ihnen für Ihre treuen Worte, Herr von Hattenheim!« sagte sie schnell und aufgeregt, »ich werde sie beherzigen und befolgen. Lassen Sie uns bei Gelegenheit noch einmal auf dieses Thema zurückkommen!« Dann wandte sie sich zu Komtesse Lattdorf, welche neben sie getreten war und ihr mit einem seltsam forschenden Ausdruck in das Auge sah. »Wir suchten Euch!« lächelte sie, »das Koncert beginnt von Neuem, und zwar so glanzvoll, daß wir es absolut nicht versäumen dürfen; Herr von Reuenstein spielt Zither!« 97 » Allright! Und Frau von Tessin singt Schnadahüpfle dazu!« klang Graf Lehrbachs Stimme hinter ihr. Er ging mit Prinzessin Sylvie im Sturmschritt dem Saale zu, wandte noch einmal das Haupt und nickte übermütig zurück. 98 Siebenzehntes Kapitel. Motto: »Hüte dich! Hüt' dich, schön's Blümelein!« (Altes Kirchenlied.)             Das von Prinzeß Sylvie, zu Ehren der Sieger in dem Wettritt gegebene Koncert nahm seinen Fortgang. Leon d'Ouchy war an Josephinens Seite getreten. Es lag ein fast starrer Ausdruck auf seinen Zügen, er schritt schweigend neben ihr her. »Darf ich um den Vorzug bitten, Sie zu Tisch zu führen?« fragte er endlich kurz. »Wenn uns die Plätze nicht bestimmt werden, gewiß!« Er sah sie fast erstaunt an; er hatte kaum darauf zu hoffen gewagt. »Man läßt heute der Jugend ihre Freiheit, nur die älteren Herrschaften soupiren mit den Hoheiten, uns hat man Marschallstafeln in der Galerie gedeckt!« Er sagte es schnell, abgerissen, mit seiner leisen, etwas undeutlichen Stimme, sein Blick beobachtete sie. »Wünschen Sie in der Nähe des Herrn von Hattenheim zu sitzen?« 99 Josephine schaute fast betroffen auf. »Ich habe gern meine Freunde in der Nähe, aber es ist absolut keine Nothwendigkeit.« Wieder senkte sich sein düsterer Blick tief und durchdringend in ihr Auge. »Ich glaubte Ihnen einen Gefallen zu thun!« »Sehr freundlich, ich nehme Ihren guten Willen vielleicht ein ander Mal in Anspruch.« Dann traten sie in den Koncertsaal. Herr von Reuenstein saß bereits an einem kleinen Tischchen vor seiner Zither, um derselben in höchster Aufregung »Hoch vom Dachstein« abzuquälen. Hie und da ging es auch einmal daneben, und das Kompliment des Ordonnanzoffiziers, mit welchem er sich einem sehr verehrten Publikum zum Schluß empfahl, war länger und ausdrucksvoller als die ganze Pièce. Herzogin Mutter aber nickte ihm huldvoll zu, und Prinzessin Sylvie hatte die Gnade ihn zu fragen, »wie viel Saiten ihm während des Vortrages geplatzt und wie viel Schrauben ihm losgegangen wären?« Das hatte natürlich Graf Lehrbach soufflirt! Aber besser, eine solch kleine Malice ertragen, als völlig ignorirt werden. Die Leute sahen ja nur, daß die Prinzessin zu ihm redete und daß Herr von Reuenstein sehr geschmeichelt lächelte, ergo ! Wie viel Elogen konnte man mutmaßen! Damit tröstete sich der Ordonnanzoffizier. Graf Lehrbach war übrigens anmaßender als je. Er kam sehr eilig herzuchassirt und bat den Ordonnanzoffizier, doch schnell mitzukommen und 100 den Daumen vor die offene Balkonthüre zu halten; es ziehe Prinzeß Sylvie in den Nacken! Und dabei sah er auf den besagten Finger des Herrn von Reuenstein hernieder, welcher durch das Zitherspielen auffallend breit und unförmig geworden war. Natürlich hatte Günther die Lacher auf seiner Seite. Und da er der Günstling und sein Vater der Allmächtige am Hofe waren, ballte der Ordonnanzoffizier, Herr von Reuenstein, die Hand nur in der Tasche und lachte sehr amüsirt mit. – – – – Wieder gab es eine Pause, wieder wogte das bunte Leben in den Wintergarten zurück. Prinzessin Sylvie hatte eine neue Caprice in Scene gesetzt. Auf den Arm des Gänseliesels gestützt, sah man sie längere Zeit zwischen den blühenden Spalieren auf und nieder schreiten. Sie bevorzugte die Kleine ganz ostensibel, und Ilse Dienheim erzählte mit etwas hämischem Gesicht, daß Hoheit kürzlich dem Grafen Günther recht ungnädig zu verstehen gegeben habe, daß seine Skizzen übertrieben boshaft und sein Benehmen gegen die Familie von Wetter durchaus nicht gentlemanlike gewesen seien. Es werfe auch in der That ein schlechtes Licht auf Lehrbach! Er sei so liebenswürdig in Groß-Stauffen aufgenommen, und habe als Dank dafür mit seinen maliciösen Zeichnungen die armen Menschen so übel in der Residenz verleumdet! Josephine sei sehr reizend! Namentlich ihr brillantes Reiten habe ihr das Herz der Prinzessin erobert! Sie müsse nur, wenn Hoheit an ihre 101 aufrichtige Ergebenheit glauben solle, endlich Farbe bekennen und sich von den »Schwarzen« trennen. Palais oder Pavillon? Darüber müsse das reizende Stauffener Fräulein bald Klarheit verbreiten. Sie sei noch ein zu häufiger Gast bei Marie Christiane, als daß man ihre volle Aufrichtigkeit glauben könne. »Palais und Pavillon« ginge nicht! Das Zögern und Nichtverstehen dieser klaren Dinge würde wohl noch der Stein des Anstoßes werden, daß sie nicht offiziell zur Intima Sylvies erhoben würde. Das war ein außerordentlich interessantes Thema für die große Menge, man reckte die Hälse und lauschte atemlos, aber man hatte als Antwort nur feine Nadelstiche gegen den Protégé Lehrbach. Denn es war doch absolut noch nicht an der Zeit, eine Meinung auszusprechen und offizielle Parteilichkeit zu riskiren, wiewohl es manch liebem Freund in den Fingern juckte, je eher je lieber des verwöhnten Prinzen Fortunatus stolzes Siegesbanner herabzusetzen. Neid und Bosheit hatten schon lange Zeit im Dunkeln gearbeitet und die Contreminen gelegt, welche nur noch auf den Funken warteten, um unter des Glückskindes sichern Füßen loszuplatzen. Er hatte sich zu viele Feinde gemacht, hatte es die Leute zu sehr fühlen lassen, daß er ihnen überlegen war, hatte mit unbedachten und übermütigen Worten zu viel böse Saat gesäet. Noch beugten sich aber die Nacken huldigend vor der »rechten Hand des 102 Herzogs«, dem Minister, und seinem Sohne, wenngleich die Zähne dabei knirschten. Nur Gräfin Aosta nahm ungenirt Partei gegen das Gänseliesel und intriguirte gegen Josephine, wo sie nur irgend konnte. Aber ihr Gift fand keinen dankbaren Boden, im Gegenteil man lächelte etwas ironisch und blinzelte sich verständnißinnig zu. Am lautesten lachte Prinz Detlef darüber und taufte sein neuestes und kostbarstes Rennpferd »Gänseliesel«, eine Ovation, welche viel von sich reden machte. Als Prinzessin Sylvie ihre Promenade mit Fräulein von Wetter beendete, um dem Erbprinzen Karl Theodor die Details ihrer verlorenen Wette zu erzählen, hing sich Fräulein von Dienheim an Josephinens Arm und that ebenfalls sehr vertraut mit ihr. Au fond wollte sie aber nur wissen, was Ihre Hoheit Alles geplaudert hatte und nebenbei den Leuten den Glauben nehmen, daß sie eifersüchtig sei. Denn dazu war sie zu blasirt und zu schlau, wenngleich sie nichts versäumte, um das Heft in der Hand zu behalten. Sie führte das Gänseliesel schließlich zu einem Bosquetplatz, auf dessen halbrunder Bank bereits ein paar junge Damen und Offiziere Platz genommen hatten, um sich unter animirtem Geplauder an Ananas-Crème zu erfrischen. Ilse ließ sich mit kräftigstem Aplomb neben den Freiherrn Clodwig nieder, verschränkte die Arme auf dem Rücken und lehnte den Kopf behaglich 103 zurück. »Na Kinder, habt Ihr schon mal wieder zum Futtern geblasen? Weiß der Kukuk, wie Ihr solch süßes Gemausche überhaupt hinter die Cravatte kriegt! Heda! . . James! . . Bringen Sie mir mal eine pikante Schnitte hierher!« Der Lakai stürmte davon, Clodwig und Konsorten aber brachen höchlichst amüsirt eine Lanze für ihren Ananas-Crème. Josephine hatte sich auf den Eckplatz der Bank niedergesetzt. Der Kopf war ihr so heiß und wirr, das Herz so voll Jubel und Sorge, ach, daß sie jetzt hätte allein sein können! Ihr isolirter Platz an Ilsens Seite schloß sie glücklicherweise etwas von der allgemeinen Konversation aus, die Menschen neben ihr waren so sehr mit ihrem eigenen Vergnügen beschäftigt, daß sie keine Zeit und kein Interesse für Andere hatten. Auch waren sie tolerant genug, Jedermann auf seine Façon sich amüsiren zu lassen. Die Kapelle spielte eine Phantasie über moderne Opernthemata, oft brausten die Klänge so nah, daß sie fast das Gelächter der Umsitzenden übertönten. »Worüber denken Sie nach?« fragte es plötzlich leise in ihr Ohr. Josephine schrak empor. Hinter ihr, auf die Banklehne gestützt, zwischen den blühenden Zweigen stand Baron d'Ouchy. Er neigte sich tief zu ihr hernieder und lächelte über ihren Schreck. »Samiel aus den Koulissen! Sie glaubten sich wohl ganz sicher vor mir auf diesem raffinirt unzugänglichen Platz und beabsichtigten in recht egoistischer Weise, 104 nur Ihren eigenen Gedanken Audienz zu geben? Wie wenig kennen Sie doch noch die Diplomaten, deren Pflicht es ist, Unmögliches möglich zu machen!« »Solange die Hindernisse nur aus Blumenzweigen bestehen, ist dem Verdienst sehr schnell die Krone gewunden!« »Wie grausam Sie mich aus meinen Illusionen stürzen! Unsere Zeit ist leider Gottes viel zu kultivirt, um uns noch auf dem Weg zu dem Glück mit Drachen und Riesen kämpfen zu lassen. Die modernen Ritter müssen eben andere Waffen führen als die Ahnherrn zu Andromedas Zeiten und bestehen oft einen heißeren Strauß auf dem Schlachtfelde des Geistes, als weiland der Königssohn, welcher nur einen Lindwurm zu erschlagen brauchte, um die geliebte, am Felsen gefesselte Jungfrau zu erringen!« Josephine lächelte zu ihm auf. »Und mit wem kämpfen die Ritter ohne Furcht und Tadel heut zu Tage?« »Mit ihrem Gewissen!« – Es klang gepreßt durch seine Zähne. Das bleiche Antlitz, welches sich noch näher zu ihr herabneigte, trug das Gepräge eines leidenschaftlichen Seelenkampfes. Ein fast grausam harter Zug lag um die schmalen Lippen. »Den Helden der Vorzeit war ein Gegner von Fleisch und Bein gegenüber gestellt, welchen ein starker Arm, ein scharfes Schwert und kühner Mut mit einem einzigen Schlage zu Boden strecken konnten, da war es ein Gang auf Tod und Leben, Sieg oder 105 Untergang! Solch ein Zweikampf ist ein berauschendes, poetisches Glück, Fräulein Josephine, ist das einzig Gute an der guten alten Zeit! Heut zu Tage aber ist es kein scheußliches Ungeheuer, welches sich zwischen zwei Menschen drängt, es ist ein glitzerndes, glutäugiges Gespenst mit lachendem Angesicht, ein dämonisches Weib mit erhobenem Füllhorn, es ist das Gold, das mit schillerndem Panzer gegen Hieb und Stich gefeit ist!« »Und läßt sich Gold nicht erringen?« fragte das junge Mädchen mit fast ängstlichem Blick auf seine Stirn, über welche die Erregung purpurne Glut goß. »Wozu ist die Arbeit in der Welt, wenn sie nicht das symbolische Schwert ist, welches die Drachen, Gold und Silber in den Staub zwingt?« Leon d'Ouchy lachte bitter und scharf auf, es blitzte in seinem dunklen Auge wie wilde Entschlossenheit. »Wissen Sie, was es heißt, sich mit eigenen Händen sein Brod verdienen?« Er schüttelte finster das Haupt. »Das Schwert ›Arbeit‹ ist stumpf und schwer wie Blei, das siegt nicht mit einem Schlag, sondern verlangt ein ganzes Menschenleben, um in rastlos mühseligem Kampfe geschwungen zu werden, das verlangt zum Sold für seine Dienste die Jugend und die beste Kraft des Mannes! Was nützt mir ein Triumph mit weißen Locken?! Die Liebe und die Maienlust des Lebens sind dahin, das Herz ist in den Staub getreten, damit die Hand nach langen, langen Jahren – vielleicht! – 106 nach einem Säckel Gold greift! Beim Himmel, eine Waffe, die das eigene Herzblut ihres Kämpen trinkt, die ist ein Fluch! – Ich will für meine Liebe, meine Jugend in die Schranken treten! Ich will das dämonische Weib mit dem falschen Sinn und dem goldenen Boden unter den Füßen zu mir heran locken mit dem heißen Flehen der Leidenschaft; in wenig Tagen schüttet sie ihre Loose aus dem Füllhorn – und gibt sie mir Sieg und Gewinn, und läßt sie den glitzernden Segen des Reichtums über mein Haupt träufeln, so will ich noch an gute Mächte glauben. Läßt sie mich aber im Stich, so will ich sie gewaltsam an mich reißen, will sie mit eisernen Fäusten packen und unterthan machen, wie der Held der nordischen Sage Fafner, den Hüter der goldenen Schätze, bezwang!« Es lag ein Klang in der Stimme des Mannes, welcher das junge Mädchen unwillkürlich erzittern ließ. Es kam ihr vor, als sei die leise flüsternde Stimme neben ihrem Ohr das Zischen einer Natter, welche sich verderbend um die Glieder ringelt. »Spielen Sie in der Lotterie?« fragte sie zaghaft. D'Ouchy nickte mit glimmendem Blick: »In wenig Tagen entscheidet es sich!« Dann strich er mit der Hand über die Stirn, ließ sie momentan über den Augen ruhen und starrte auf das blonde Köpfchen hernieder. »Warum sahen Sie mich mit so zauberischen Augen an, als ich vorhin Geige spielte?« fragte er plötzlich. »Ich fühlte Ihren Blick.« 107 »Sie spielten noch nie so schön wie heute!« lächelte sie unbefangen aufrichtig, »und einem Menschen, der es versteht, Herz und Seele so außerordentlich zu entzücken, dem blickt man doch gern in das Antlitz, weil man sich unwillkürlich einbildet, dort müsse die Lösung des Rätsels stehen, dort müsse man mit Augen irgend ein Merkmal sehen, welches Gott seinen Lieblingen auf die Stirne gedrückt!« Es ging ein seltsames Zucken über sein Antlitz. »Ich bin kein Gottbegnadeter, Fräulein von Wetter, ich bin ohne jegliches Talent geboren; was ich kann, ist das Resultat eines eisernen Fleißes. Ihr Blick hat mich begeistert – inspirirt – ich stand nur für Sie auf dem Podium, ich spielte nur für Sie! Mir war es, als müßten Sie das auch heraushören! Welch eine jämmerliche Meisterin wäre die Musik, könnte sie nicht die Seelen zwingen! Wie Zauberschlangen winden sich die süßen Melodien um das Weiberherz, da ist kein Blutstropfen, keine Faser, kein Nerv, welche nicht der lockenden Gewalt anheimfiel, ich weiß es, ich spiele um hohen Lohn!« Sein Blick brannte in verzehrendem Feuer, die Zähne blinkten grell durch die Lippen, ein unheimliches Leuchten ging über sein Angesicht. Josephine fühlte seinen heißen Atem ihre Wange streifen, und doch war es ihr, als wehe ein Grabeshauch schaudernd über sie hin – – sie wußte nicht warum, aber sie fürchtete sich vor diesen grundlosen Augen. Da klangen Musikklänge von dem Orchester herüber, 108 grell aufbrausend wie ein laut gerufenes Wort – Josephine zuckte empor. »Hören Sie?« Er lächelte und nickte, Feuerlilien wiegten sich neben seinen Schultern, Goldregenblüten zitterten über seinem Haupt. »Carmen-Phantasien, Fräulein Josephine! Die Lieb' die vom Zigeuner stammt, fragt nicht nach Recht, Gesetz und Macht! Mögen Sie dieses Lied auch so gern wie ich? Es hat einen besonderen Reiz für mich, da auch in meinen Adern Zigeunerblut fließt, ich verstehe es so wohl, ich sehe mich darin wie in einem Spiegel, ich selber liebe, wie die Zigeuner lieben!« »Sie? . . . . In Ihren Adern Zigeunerblut?« Fräulein von Wetter war sehr bleich bei dieser Frage. Er lachte leise und seltsam auf. »Nicht wahr, das ist wunderlich? Aber dennoch Thatsache; meine Amme war eine Heimatlose, ein braunes, wildes Weib mit blitzendem Auge und leidenschaftlicher Vorliebe für Gold. Ketten und blinkende Spangen trug sie an Armen und Hals, es war das Erste, was mir in die Augen stach! Wir lebten damals einsam auf dem Stammschloß in der Bretagne, kein junges Weib meilenweit in den Wäldern zu finden, unser Gesinde waren Dirnen oder Greisinnen. In der Nacht, da ich geboren wurde, flackerten Zigeunerfeuer an der Parkmauer, und unter den Fenstern des Schlosses tanzten und rasselten die braunen Kinder der Freiheit. – Meine Mutter starb, und 109 viel Gold bewog die schwarze Almiacita, die Treppe emporzusteigen, um mir die erkaltete Frau unter dem seidenen Bettbaldachin zu ersetzen. Da strömte das heiße, giftige Zigeunerblut in meine Adern! Meine Wiegenlieder waren Klänge von Liebe und Haß, mein erstes Spielzeug waren die klirrenden Münzen auf der Brust Almiacitas, das erste Wort, welches ich lallte, war eine fremde geheimnißvolle Sprache. Dann entfloh meine Pflegerin über Nacht, des Vaters leerer Beutel konnte sie nicht mehr mit funkelndem Segen fesseln. – Ich aber wuchs empor, ein wilder, zügelloser Zigeunerbub.« Leon d'Ouchy schwieg, von dem Orchester klangen die Carmenlieder. »Wie kamen Sie nach Deutschland?« fragte Josephine gedankenvoll. »Lassen Sie mich das ein ander Mal erzählen!« flüsterte er, »ich habe noch eine Frage an Sie zu richten, und die Zeit ist knapp.« Sein Blick überflog prüfend die Umsitzenden, sie waren sehr lustig und ganz mit sich selber beschäftigt; da man so »unter sich« war, erzählte Ilse ein paar höchst amüsante und kräftige Pferdestallanekdoten. Die Andern klatschten Beifall. »Eine Frage an mich?« wiederholte Josephine emporschauend. Sein Blick traf ihr Auge. »Sind Sie mit Herrn von Hattenheim verlobt?« fragte er fast rauh – »es ist keine Indiskretion von mir, sondern eine Frage an das Schicksal.« 110 »Mit Hattenheim?« Unwillkürlich lachte ihm Fräulein von Wetter in das Gesicht, dann senkte sie erglühend den Kopf, sie sah Graf Lehrbach in einiger Entfernung mit Ange stehen und plaudern, er blickte gerade zu ihr herüber. D'Ouchy bemerkte es nicht, ein Aufblitzen ging über seine Züge, er beugte sich noch tiefer, er redete hastig wie ein Fieberberauschter. »Ich ahnte – ich wußte es! Es durfte und konnte ja nicht sein! Ihr Herz gehört einem Andern, Josephine, welcher nur noch einen Gedanken hat, nur noch eine Seligkeit kennt, Ihr süßes lächelndes Angesicht! Warum erschrecken Sie? Lassen Sie mich Ihr holdes Geheimniß ahnen, welches mir ja doch ein jeder Ihrer Blicke, ein jedes Ihrer Worte verrät – ein offenes Buch ist Ihre Seele! Bleiben Sie treu – ich beschwöre Sie! – nur wenige Tage noch seien Sie standhaft, das Glück hat noch kein letztes Wort mit uns gesprochen, der Liebe Allgewalt muß siegen! Ein Wort nur, Josephine. Vertrauen Sie mir und versprechen Sie es mir?« Sein Antlitz war dunkelgerötet, mit flackerndem Blick und bebenden Lippen harrte er ihrer Antwort. »Doch wenn sie liebt, nimm Dich in Acht!« warnte es von dem Orchester. Wie im Traum sah ihn Josephine an, verwirrt, fassungslos. Woher wußte dieser Mann, daß sie Günther liebte? Wie hatte er in ihr tiefinnerstes Herz blicken können, und wie hatte er es erraten, was doch außer Hattenheim keine Menschenseele 111 ahnte? War er Lehrbachs Freund? Seit wann? Niemals zuvor hatte sie es bemerkt oder davon gehört, und nun mit einem Mal riß ein Schleier vor ihren Augen und offenbarte ihr so Unglaubliches! Er hatte auch damals die Gretchenblume in Günthers Interesse gebracht, er nahm seine Partei, er wollte auch jetzt für ihn reden! Wie viel Unerwartetes stürmte doch heute auf sie ein und verwirrte ihr den Sinn. Angst und Jubel schnürten ihr die Brust zusammen, sie stand inmitten eines schäumenden Wirbels und lauschte betäubt auf den tosenden Klang. Da verstummte die Musik, da erhob sich Ilse und rief ihren Namen. »Fräulein Josephine, Ihre Antwort!« rang es sich fast keuchend von d'Ouchys Lippen. Sie sah ihn lächelnd, voll glückseligen Vertrauens an, nickte ihm stumm, aber fest, entschieden zu, und legte die Hand auf Ilses Arm. Sie sah nicht mehr die Wirkung dieser Antwort, sie eilte mit schnellen Schritten dem Koncert zu, woselbst Prinzeß Sylvie zum Schluß des Festes noch zwei Lieder versprochen hatte. Die bunte Menschenflut nahm sie auf, und Graf Günther trat an ihre Seite, um ihr zu erzählen, daß er sich von Gräfin Lattdorf die Erlaubniß geholt habe, ein stummes Mitglied der musikalischen Abende zu sein, er werde die Villa Carolina nun öfters heimsuchen! Sylvie sang, und auf der Stirn Karl Theodors lag ein Schatten, welchen man zuvor nicht bemerkt hatte, er schien von dem Augenblick an etwas 112 mißgestimmt, wo ihm Sylvie von dem Wettritt erzählt hatte. Vielleicht auch, daß es ihm zu heiß in dem Saal war. Atemlos lauschte die Menge, in dem Wintergarten jedoch, unter den schwanken Farrenblättern und den stark duftenden Gardenenzweigen stützte Leon d'Ouchy das Haupt in beide Hände und starrte mit brennenden Augen vor sich nieder. Durch seine Seele jubelte es wie wilde Zigeunerweisen, klirrte es wie das rote Gold auf Almiacitas brauner Brust. 113 Achtzehntes Kapitel. »Hast Du einen Freund hienieden, Trau' ihm nicht zu dieser Stunde, Freundlich wohl mit Aug' und Munde, Sinnt er Krieg im tück'schen Frieden!« Eichendorff.             Josephine hatte einer Einladung der Herzogin Marie Christiane Folge geleistet und eine »frühe Tasse Thee« im Pavillon getrunken. Es galt die Besprechung eines Bazars, welchen die hohe Frau zu Gunsten des städtischen Waisenhauses arrangiren wollte. Fräulein von Wetter erfreute sich in hohem Grade ihrer Zuneigung, zum großen Staunen der Gegenpartei, welche schnell in Erfahrung gebracht hatte, daß das junge Mädchen weder bigott noch zur Diakonissin beanlagt war. Im Gegenteil, das Gänseliesel war außerordentlich lebenslustig, besuchte die Kirche durchaus nicht mit strenger Regelmäßigkeit und machte vor keinem Menschen ein Hehl daraus, daß es ihr absolut keine Freude bereiten würde, an der Strickschule oder in Hospitälern thätig zu sein. 114 Man sah sie auch niemals in diesen Wohlthätigkeitsanstalten der Herzogin. »Wie ist das möglich? Wie harmonirt das?« fragte man sich. Fräulein von Wetter gab eine sehr einfache Auskunft: »Hoheit hält es für Unrecht, einen Menschen in eine religiöse Bahn zu drängen, wenn der Betreffende nicht selbst ein inneres Bedürfniß fühlt, sich in Gott wohlgefälliger Weise nützlich zu machen; aus erzwungenen Wohlthaten erwachse kein Segen. Auch meint Hochdieselbe, ich sei noch zu jung, um mich der Krankenpflege oder dem Armenverein zu widmen, vorläufig solle ich noch tanzen und lustig sein, das Leben würde schon von selber allzuschnell seinen Ernst fühlbar machen! Ein gläubig Gemüt und ein froher Sinn sei dem lieben Herrgott ebenso wohlgefällig, wie ein seufzendes Beten und Bußethun!« Da zuckte man die Achseln und begriff diese Ansicht nicht so recht. Man hatte sicher erwartet, daß Fräulein von Wetter eines schönen Tages als »graue Schwester« aus dem Pavillon schlüpfen würde; denn Marie Christiane war doch eine fanatische Heilige, die ihr eigenes Kind auf dem Altar der Barmherzigkeit geopfert hatte. Alle Welt wußte es, daß sich die kleine Prinzessin in einem Krankenhause, wohin sie Marie Christiane mitgenommen, den Keim der tödtlichen Krankheit geholt hatte. Man beobachtete dieses extreme Freundschaftsverhältniß mit dem regsten Interesse. – – 115 Die Beratung der Damen hatte doch etwas länger gedauert, als man vorausgesetzt hatte; der kurze Februartag war bereits im Westen erloschen, einzelne Sterne flimmerten durch die dunkle und etwas stürmische Nacht. Josephine war die Letzte, welche ging, die Herzogin hatte sie mit ein paar Fragen privaten Inhalts noch etliche Minuten aufgehalten. Der Lattdorf'sche Diener stand mit der Laterne im Vestibul und wartete; leider war der Wagen von dem Hofmarschall zu der Fahrt nach Hofe benutzt worden. Josephine liebte es außerordentlich, durch den stillen, dunklen Park zu gehen, wenn der Wind durch die Aeste pfiff und in den hohen Tannen rauschte; das klang so heimatlich und traut durch ihren Sinn. Ihr schwarzes Spitzentuch fest um das Köpfchen geschlungen, eilte die junge Dame leichtfüßig den einsamen Weg voran. Die Laterne Heinrichs warf ihre flackernden Lichtstrahlen zurück und tauchte die schlanke Gestalt in rötlichen Schein, an den Seiten der Promenade standen die finsteren Kiefern- und Buchsbaumgruppen wie vermummte Gespenster. Da löste sich ein Schatten von dem Bosquet, ein Sporn klirrte auf, fest in den Mantel gewickelt trat eine Gestalt neben Fräulein von Wetter. »Guten Abend, Fräulein Josephine!« Es war die Stimme des Grafen Lehrbach. Das junge Mädchen schrak leicht zusammen. 116 »Sie hier? . . . . Um diese Zeit . . . . bei diesem Wetter?« »Wie Sie sehen, – ne rien que moi!  . . . . Sie gestatten, daß ich Sie durch den Park begleite, es ist spät geworden, man hat heute eine lange Sitzung droben in ›den heiligen Hallen‹ gehalten.« Es klang wie heimliches Amüsement durch seine Worte. »Woher wußten Sie von unserer Zusammenkunft?« Josephine sah fast betreten zu ihm auf, der Laternenschein fiel auf sein lächelndes Angesicht und der Wind zauste seinen Mantel. »Ich weiß Alles!« »Ihr Weg führt Sie zur Bellevue?« »Ich begleite Sie, gleichviel, wohin Sie meine Dienste befehlen!« »Ich möchte Sie nicht aufhalten –« »So lassen Sie uns, bitte, gehen!« Es lag ein seltsamer Klang in seiner lachenden Stimme. Josephine schritt schweigend an seiner Seite, der Wind raschelte in dem welken Laub zu ihren Füßen. »Sie geruhten, mich bei unserm letzten Sehen recht auffallend zu ignoriren!« sagte er plötzlich kurz. »Wirklich? Es lag nicht in meiner Absicht.« »Sie sind so unendlich in Anspruch genommen, daß für alte Freunde keine Zeit bleibt!« Es lag viel Bitterkeit in seiner Stimme. »Das ist wohl zu ungerecht geurteilt, Graf Lehrbach, Herr von Hattenheim machte mir noch niemals einen derartigen Vorwurf.« 117 Sie sagte es sehr kühl, preßte die Hand mutig auf das Herz und spielte ihre Rolle vortrefflich. »Hattenheim! . . . . Haha! . . . . Natürlich Hattenheim! Der brave Dicke schießt ja immer den Vogel ab und kann sich über eine stiefmütterliche Behandlung Ihrerseits bei Gott nicht beklagen! Bei jeder Gelegenheit erlauben Sie ihm ja, an Ihrer Seite zu glänzen, er trägt Ihnen die Schleppe und ist unentbehrlich! Warum haben Sie mich, den Sie doch ebenso lange und, wie ich denken sollte, noch besser kennen als Reimar, nicht ein einziges Mal durch diesen Vorzug ausgezeichnet?« »Man muß vorsichtig sein, Graf Lehrbach, es gibt Menschen, die so exquisiten Geschmack haben, daß sie eine kleine Gänseblume vom Lande höchstens in peinliche Verlegenheit setzt! Sie, der es gewohnt ist, der Königin Rose Ritterdienst zu thun, werden unmöglich das kleine Wegkraut aus Groß-Stauffen vermissen!« Er lachte fast zornig auf. »Ein seltsam Wegkraut, das so viel scharfe Dornen trägt!« Dann schritten sie wieder eine Zeitlang schweigend durch die finstere Nacht. »Welchen Tanz werden Sie mir morgen Abend bei dem Englischen Gesandten reserviren?« Der Mond brach durch die Wolken und beschien ihr spöttisch lächelndes Antlitz. »Die Polka vor dem Cotillon!« Sein Säbel schlug hart auf den Boden, die Hand seines Trägers ballte sich zur Faust an seinem Korbe. 118 »Und warum just diesen Tanz?« fragte er fast knirschend. »Weil das Schicksal leider nicht wollte, daß wir ihn an dem ersten Hofball zusammen tanzten, und weil Sie das damals so sehr bedauerten!« Nicht die mindeste Schärfe lag in dem Ton ihrer Worte. Lehrbach entgegnete nichts, aber er ging plötzlich so rasend schnell, als wollte er den Sturm mit Fäusten fassen. Als die junge Dame gelassen ihr erstes Tempo beibehielt, mäßigte er seine Schritte plötzlich. »Schenken Sie mir den Cotillon,« bat er weich. Sie senkte das Köpfchen tiefer. »Ich bedauere, Graf, dieser Tanz gehört für die ganzen noch kommenden Feste der Saison Herrn von Hattenheim.« Wieder lachte er auf, rauh und hart; er trat dicht an sie heran und neigte sich zu ihrem Ohr. »Man erzählt sich in der Gesellschaft seit vorgestern, seit dem Koncert im Wintergarten, wo man Freund Reimar so lange an Ihrer Seite neben dem Springbrunnen sitzen und so eifrig flüstern sah, es sei ein fait accompli , daß – daß Sie Beide verlobt seien! Dies von Ihnen zu erfahren, habe ich zwei volle Stunden in Kälte und Sturm vor der Thür des Pavillons gestanden und hätte auf meinem Posten ausgeharrt bis zum nächsten Morgen, wenn die Herzogin Sie über Nacht zu Gast behalten hätte! Fräulein Josephine,« er faßte ihre Hand 119 und umschloß sie mit fast schmerzendem Druck, »ist es Wahrheit, hat es Reimar gewagt, Sie zum Eigentum zu begehren, haben Sie ihm Ihr Jawort gegeben, ist es möglich, daß Sie – Sie, Josephine, die Braut dieses Mannes sind?« Heftig, stolz und zürnend befreite sie ihre Hand. »Welch ein Recht haben Sie, mir eine solche Frage zu stellen, welch ein Recht, sich in meine Angelegenheiten zu mischen?« Mit erhobenem Haupt, unnahbar wie eine Königin stand sie vor ihm; das silberne Mondlicht floß wie verklärend um das liebreizende Angesicht, über dessen Goldhaar der Wind den schwarzen Spitzenschleier wehte. »Welch ein Recht?« Er biß die Zähne zusammen. »Nun, ich dächte, einem Freunde kann man dieses Recht schon einräumen!« »Was Sie denken, ist für mich absolut nicht maßgebend.« Josephine schritt hastig weiter in die menschenbelebte Bellevue. »Und ich hoffe meine Bestimmungen noch allein treffen zu können, ohne über dieselben Rechenschaft schuldig zu sein. Der Begriff der Freundschaft ist unendlich weit und mit dem Vorrecht eines vertrauten Ratgebers absolut nicht identisch. Würde ich Ihnen dieses Letztere einräumen, so hätte ich wohl schon ohne Ihre diktatorische Aufforderung eine Mitteilung gemacht; daß dieselbe unterblieb, kennzeichnet Ihnen wohl am besten die Stellung, welche Sie mir gegenüber einnehmen.« 120 Starr wie ein steinernes Bild stand er an ihrer Seite, über seinem Haupt flammten die Laternen der Villa Carolina. »Diese Antwort ist nicht mißzuverstehen,« sagte er leise, »und was das Quälendste an ihr ist, ich habe sie verdient! Gute Nacht, mein gnädiges Fräulein, vergeben Sie mir meine unbesonnenen Worte – wenn Sie mich noch unter die Menschen rechnen, welche man eines freundlichen Gedankens würdigt.« Er grüßte kurz und sehr förmlich, der Wind riß den Militärpaletot flatternd von seiner Schulter, ein Lichtstrahl huschte noch über das bleiche Angesicht, dann trat er mit festem Schritt in das Dunkel der Nacht zurück. – – – – – – – Droben aber in ihrem stillen kleinen Stübchen lag Josephine auf den Knien und weinte heiße Thränen auf die gefalteten Hände. * * * Hattenheim saß in seinem Zimmer, den Kopf in die Hand gestützt, eine kurze Pfeife zwischen den Zähnen, und las. Der hohe Kachelofen strömte eine behagliche Wärme aus, das Licht der Lampe war durch einen grünen Schirm gedämpft; und auf einem kleinen geschnitzten Nebentisch summte der Theekessel über Spiritus, welcher das kochende Wasser zu dem ostpreußischen Schlummerpunsch lieferte. Hattenheim war nach der Meinung der Kameraden eine rechte »Hausunke«. Nur wenn er mußte, brachte er seine Abende 121 im Casino oder Weinkeller zu, und die viele Geselligkeit und der »Minnedienst bei Hof« waren ihm von jeher ein Gräuel gewesen, er hatte sich stets nach Kräften davon »gedrückt«! Und erst in dieser Saison erlebte es die Residenz, daß sich Lehrbachs stiller Freund mit wahrer Wonne in den Strudel des high life stürzte – nun, er hatte ja seine Gründe dazu, sagte man, so » wetter wendisch« zu sein. Dennoch gab es auch jetzt noch keinen höheren Genuß für ihn, als die stille Behaglichkeit seiner vier Wände. Wenn er von dem Dienst heimkehrte, keine Einladung seiner harrte, er so recht gemütlich in einen alten, bequemen Attila schlüpfen konnte und in dem molligen Großvaterstuhl vor Punsch und Romanbuch saß, ja, dann hätte er nicht mit Prinzen und Königen aus dem Schlaraffenlande getauscht, dann war er so ganz zufrieden mit sich und der Welt. Früher hatte Reimar wenig Passion für Lektüre gehabt, da waren es meist wissenschaftliche Bücher gewesen, aus welchen er sich für das Examen der Kriegsakademie präparirte, und seine bis dahin angesammelte Bibliothek bestand aus dem Dienstreglement, dem neuen Testament und Heines Gedichten. Dann aber, als das Studiren begann, hatte sich der Bücherschrank erstaunlich schnell gefüllt, bis er sich mit seinem bunt zusammengewürfelten Inhalt derart in Hattenheims Herz stahl, daß er keine größere Passion hatte, als seine Bibliothek nach allen 122 Seiten zu vervollkommnen. Da erst lernte er den Wert eines guten Buches schätzen, da brauchte er keine Welt und Menschen mehr, da war er niemals mehr allein, wie zuvor, da wandelten viel holde, kühne, gewaltige und sinnige Traumgestalten durch sein stilles Zimmer. Reimar war ein sehr solider Mensch, aber in Büchern verschwendete er geradezu. Und seine Kameraden, die nicht so recht begriffen, wie man sich für andere Drucksachen als Weinetiquettes und Speisekarten interessiren könnte, nannten ihn in Folge dessen »die Codex-Raupe.« Auch heute saß Hattenheim andächtig mit einem neuen »Schmöker«, welchen er en passant in der Buchhandlung erstanden hatte. Die Kritiken schimpften unglaublich darüber, darum mußte wohl etwas Gutes daran sein – schon aus Opposition nahm er stets Partei für die mißhandelten Poeten. Auf einer Pferdedecke neben dem Sopha schnarchten die beiden Dachshunde, welche, außer dem Burschen, den Haushalt Reimars vervollständigten. Es waren zwei wohlgenährte, drollige Teckel, welche auf die nicht gerade schmeichelhaften Namen »Latsche« und »Lausbub« hörten und sich großer Sympathien im Casino und bei der Straßenjugend erfreuten, da sie ein unzweifelhaftes Clowntalent besaßen. Der Wind sauste um die Fenster und fauchte durch den Rauchfang; auf der Straße war es still geworden, nur ein einzelner, hastiger Schritt klang 123 auf den Steinplatten des Trottoirs. Die Hausthür ward aufgerissen und rücksichtslos wieder in das Schloß geschmettert, dann klappte Hattenheims Korridorthür, und im nächsten Moment klang der Schritt über die Stubenschwelle. Reimar hob etwas erstaunt den Kopf. »Ach, Du bist es, Günther? Grüß Dich Gott!« Er schob den Sessel zurück, ging dem Freund entgegen und bot ihm die Hand zum Gruß. Stumm und bleich stand ihm der junge Offizier gegenüber, die Arme in den Paletot gewickelt, die Augen wie düstere Schatten auf sein Gegenüber geheftet. »Guten Abend,« sagte er kurz und frostig, »ich komme zu etwas später Stunde, doch hoffe ich, daß Du Zeit für mich hast!« Er warf den Mantel ab, schritt an Hattenheim vorüber und ließ sich in einen Sessel fallen. Wieder richtete er den durchdringenden Blick auf den Kameraden. »Du weißt, daß ich immer Zeit für Dich habe und Dich bis jetzt jederzeit bei mir empfing,« antwortete Reimar ruhig und freundlich, »womit kann ich Dir jetzt dienen, was führt Dich zu mir?« Günther lachte wunderlich auf, dunkle Glut brannte auf seinen Wangen. »Ich will Dir gratuliren, alter Junge! Dir Glück wünschen, Du Glückspilz! . . . Hahaha! . . . Du hast die Rolle mit mir getauscht, und ich bin der Erste, welcher seinen Kratzfuß dazu macht!« 124 Er schlug aufgeregt mit der Hand auf die Tischplatte, die Brillanten an seinem Finger schossen farbige Blitze, wie Koboldsaugen funkelten sie nach Hattenheim hinüber. »Gratuliren? . . . . So?« Der blonde Mann mit der ungelenken Figur und der eckigen Stirn setzte sich gelassen nieder, klappte das Buch zu und blickte dem Freund fest in das Auge. »Du nimmst also meinen Glückwunsch an?« Die Lippen des jungen Grafen bebten. »Gewiß, aber erst dann, wenn ich Dir ein offizielles Recht dazu gebe. Vorläufig ist mir keinerlei Glück bekannt, von welchem ich Dir Mitteilung gemacht hätte!« Reimars Stimme klang sehr ruhig, er lehnte sich in seinen Sessel zurück und kreuzte die Arme. »Das stimmt allerdings!« lachte Günther scharf auf. »Du verstehst Dich meisterlich auf interessante Geheimnisse und schämst Dich nicht, selbst vor mir damit hinter dem Berge zu halten! Hast vielleicht Gründe dazu und denkst an den Helden Tristan, der das Vertrauen seines Freundes mit Falschheit lohnte! Die heutige Zeit schürt ja keinen Holzstoß mehr, warum also diese überflüssige Heimlichthuerei?« Es lag eine furchtbare Gereiztheit in Günthers Stimme, in nervöser Hast trommelte er mit den Fingern auf der Tischplatte. Keine Wimper zuckte in Reimars heiterem Antlitz, voll Seelenruhe öffnete er seine Cigarettenkiste, schob sie Günther über den Tisch zu und sagte: 125 »Steck' Dir die Friedenspfeife an, amico , und dann sag' mir mal hübsch klar und deutlich, was Du nun eigentlich willst? Vorläufig scheint es noch gewaltig bei Dir zu stürmen, und auf geschichtliche Gleichnisse verstehe ich mich nicht, wie Du weißt.« Fast heftig stieß Graf Lehrbach die Cigarrette zurück, seine Lippen kräuselten sich höhnisch. »Noch deutlicher? Eben habe ich Fräulein von Wetter nach Hause begleitet und bei ihr besseres Verständniß für meinen Glückwunsch gefunden, welchen Du in einer, für die junge Dame wenig schmeichelhaften Weise refüsirst!« »Alle Donner . . . Josephine hat. . . . .« Wie ein jäher Schrecken klang es von Reimars Lippen, tiefe Röte flammte über sein Angesicht, dann brach er schnell ab und fuhr ruhig fort: »Ja, sie mag mich sehr gern, sie spricht viel von mir, nennt es auch immer ein Glück, daß wir uns im Leben begegnet sind. Ich habe die feste Absicht, sie zu heiraten, Deinen Konsens habe ich ja bereits eingeholt!« »Und wann, Freund Reimar, wenn man fragen darf?« Günther richtete sich mit flammendem Blick empor, seine Stimme klang laut und drohend, die volle Heftigkeit seines Charakters kam zum Durchbruch. »Nun, an jenem Abend, als Du Dich genirtest, mit Fräulein von Wetter durch den Saal zu tanzen, als Du Dich nicht mit dem kleinen ›Montblanc‹ zum Gespötte machen wolltest und mir mit vollem Sektglas in der Galerie zusangest: ›Nimm sie hin, 126 sie sei Dein!‹ Ich dächte, eine klarere Zustimmung kann man nicht gut verlangen!« »In der Galerie?« Günthers Zähne gruben sich in die Unterlippe. »Jenem Scherz willst Du jetzt eine ernste Bedeutung unterschieben? Das paßt allerdings in Deine Pläne und ist ein feiner Schachzug, welcher Deinem diplomatischen Geist alle Ehre macht! Damals in der Galerie . . . Da hatte ich allerdings nichts dagegen, daß Du ihr die Cour machtest, von einer ernsten Absicht, von Heiraten war jedoch mit keiner Silbe die Rede.« Hattenheim hatte sich ebenfalls erhoben, hoch aufgerichtet stand er dem jungen Grafen gegenüber. »Und habe ich Dir überhaupt Rede zu stehen über das, was ich thun und lassen will?« fragte er stolz. »Bindet Dich nicht Dein ernstes Versprechen, Dein Handschlag an jenem Abend, da Eitelkeit und Hochmut Dich zum Spielball machten, so sehe auch ich mich nicht durch eine kindische Neckerei verpflichtet, Dich um Erlaubniß zu meiner Wahl zu fragen!« »Du hast in empörender Weise im Trüben gefischt! Du hast gewußt, daß Josephine mich liebte und dennoch. . . . .« »Dich liebte? . . . . Liebte sie Dich wirklich an jenem Abend noch, nachdem Du sie um die Polka vor dem Cotillon gebeten? Auch eines Haiderösleins Blühen und Glühen stirbt, wenn es feig und grausam in den Staub getreten wird!« »Ah, die Polka vor dem Cotillon!« rief Günther mit schneidendem Hohngelächter. »Also 127 von Dir stammt dieses Wissen, von Dir erfuhr Josephine die unglückliche Vorgeschichte des Tanzes! Und Du, Du willst noch behaupten, daß Du mit ehrlichen Waffen gekämpft habest? Dann allerdings ist eine Blüte in den Staub gerissen, wenn man es ihr gellend in die Ohren schreit! Dann hört allerdings eine Liebe auf, wenn sich gute Freunde finden, diese Liebe zu verketzern und ihr Ideal zu schwärzen, dann allerdings muß des Haiderösleins Glauben und Vertrauen welken, wenn die Falschheit ihr Gift in seinen Kelch gießt! Und das von Dir – von Dir, Reimar, auf dessen goldenes Herz ich schwor!« Es war eine haltlose, verzweifelte Leidenschaft, welche durch die Stimme des jungen Mannes zitterte, mit sprühendem Blick und geballten Händen stand er Hattenheim gegenüber. Bleich und regungslos war Reimars Antlitz, seine breite Brust arbeitete schwer, ruhig und fest klang seine Stimme, wenngleich eine fast drohende Haltung seine Gestalt noch wachsen ließ. »Du bist erregt, Günther, Du bist mein Freund, und darum will ich Deine Worte in diesem Sinn hören und beantworten. Daß Du mich einer Falschheit für fähig hältst, kann ich Dir leider Gottes nicht verbieten, wenn auch der Gedanke wie eine eisige Hand in mein Herz greift, daß Du mich aber ihrer beschuldigst , das kann und darf ich Dir verbieten, und ich thue es mit der ganzen Energie und stolzen Würde eines Ehrenmannes. Dem Kameraden gegenüber würde es nur eine Antwort darauf 128 geben, mit Säbel und Blut geschrieben. Dem Freunde aber darf ich vorher noch mit Worten entgegnen und widersprechen. Nicht zu meiner Entschuldigung, sondern als Erwiderung auf Deinen Angriff versichere ich Dir, daß mir Deine Unterredung mit Brocksdorff und die wenig ritterliche Komödie, welche Du betreffs der Polka vor dem Cotillon aufführtest, vollkommen fremd war, bis ich dieselbe aus dem Munde von Fräulein von Wetter vernahm. Du hattest zum ersten Mal Pech im Leben, Du Glückskind, daß Du die kleine Intrigue just neben der Portière einfädeltest, hinter welcher Josephine scheu und von aller Welt ignorirt verborgen stand. Was sie mit eigenen Ohren mit anhören mußte, ließ sich leider Gottes von der beredtesten Freundschaft nicht ableugnen und ungeschehen machen!« Günther taumelte fast zurück. »Sie selber – hinter der Portière . . . . Allmächtiger Gott, welch ein furchtbares Zusammentreffen! Reimar – sei barmherzig – sag' mir, daß Du Dich jetzt nur an mir rächen willst!« Bleich wie der Tod starrte der junge Graf in das Auge des Freundes, feuchte Perlen traten auf seine Stirn, er faßte, sich stützend, nach der festen Sessellehne. Hattenheim schüttelte finster das Haupt. »Wollte Gott, daß ich es zu sagen vermöchte! Daß ich Dir die Gewissensbisse ersparen und jenem armen Mädchenherzen die bitteren Stunden voll Qual und grausamer Enttäuschung ungeschehen machen könnte, 129 welche Dein leichtsinniges Wort so erbarmungslos über sie heraufbeschworen. Da fiel ein Reif in der Frühlingsnacht, der viel jungem Glück zum Bahrtuch wurde! Da riß die rauhe Wirklichkeit den Schleier des Idealismus in Fetzen, da war der Traum ausgeträumt, den die Poeten – erste Liebe nennen!« Günther sank auf den Sessel nieder und barg das Antlitz in beide Hände. »Schweig, Reimar, laß Vergangenes im Grab, es ist vorbei, Alles . . . . und dies Bewußtsein ist genug Strafe für mich!« »Josephine zürnt Dir nicht!« sagte Hattenheim leise. Bitteres Auflachen antwortete ihm. »Nein! Selbst dazu bin ich ihr zu gleichgültig! Das Pflänzlein Erinnerung ist mit der letzten Wurzel und Faser aus ihrem Herzen ausgerottet! wo einst der Name Günther in roten Rosen blühte, da starren jetzt nicht einmal Dornen mehr, da ist es leer, leer und öde. O Reimar! Daß sie mich doch hassen wollte! Zorn und Haß lassen sich durch Liebe zwingen, wie das Eis in Flammenglut dahin schmilzt, aber diese Gleichgültigkeit ist ein lächelndes Grab, welches Eis und Feuer zugleich verschlingt!« »Danke Gott dafür! Du hast einmal mit Feuer gespielt und viel Unheil dadurch gestiftet, warum zum zweiten Mal eine Katastrophe heraufbeschwören, für welche Du keine beglückende Lösung hast. Danke Gott, daß Josephine überwunden hat und eine Liebe 130 im Herzen erstickte, welche Du nie erwidert hast und niemals erwidern wirst!« »Niemals erwidern wirst!« Es lag ein unaussprechlicher Ausdruck in den Worten, welche Günther leise wie im Traum nachflüsterte. Sein Blick hob sich zu Reimar, dunkel und sprühend, noch immer beseelt von dem ungestümen Trotz, welcher dem jungen Mann von jeher eigen gewesen. – »Kannst Du in mein Herz blicken? Weißt Du etwa, was ich empfinde? Das Schicksal geht seltsame Wege, kreuz und quer, und findet endlich doch sein Ziel. Laß gut sein. Was fragst Du in Deinem Glück nach anderer Leute Kummer? Ein Jeder ist seines Glückes Schmied. Du hast das Eisen zu einem Ring verschmolzen, da es heiß war; mein Hammer war der Uebermut, der es mitsammt dem Ambos in Grund und Boden schlug. Hin ist hin – und todt ist todt! Genieße die Ernte, die Du so weise und redlich gesäet hast, Reimar, und trag es mir nicht nach, was ich in der Heftigkeit vorhin gesagt. Ich war ja noch mit seliger Blindheit geschlagen und klammerte mich an die Hoffnung, nur bei Josephine verleumdet zu sein, wie der Ertrinkende an dem Strohhalm; ich hatte geglaubt, Alles noch in das rechte Geleise zu bringen. Nun bin ich sehend geworden und fühle den Boden unter den Füßen wanken, jetzt, da ich mein Herzblut dafür hingäbe, so recht sicher zu stehen. An den Polykrates muß ich denken, der war auch ein Glückskind, bis alles Unheil doppelt und dreifach über ihn hereinbrach. 131 Du hast Sturm und Nebel hinter Dir. Deine Sonne kommt spät, aber desto strahlender. Mög' sie Dir Gott wolkenlos erhalten. Leb wohl, Reimar, thu' mir den Gefallen und erwähn' diesen Abend nicht bei unserm ferneren Verkehr, er würde einen Schatten auf unsere Freundschaft werfen. Und somit Gott befohlen, auf Wiedersehen!« Es lag eine starre Resignation auf dem schönen Antlitz des jungen Offiziers, ein trotziges Hinnehmen des Unvermeidlichen, welches mit vieler Bitterkeit gemischt war. Dennoch war ein Klang in seiner gewaltsam beherrschten Stimme, welche Reimar bis in das innerste Herz traf. Er trat langsam zu Lehrbach, legte die Hand auf seine Schulter und sah ihm fest in die Augen. »Günther,« sagte er weich, »Deine Heftigkeit hat mich zu einer Indiskretion gezwungen, welche mir Josephine schwer vergeben würde, wenn sie um dieselbe wüßte. Sie wünscht, daß Du niemals erfahren sollst, wie direkt sie Deine untreuen Worte in das Herz getroffen. Ich bitte Dich, darum keinerlei Aenderung in Eurem Verkehr eintreten zu lassen. Außerdem gebietet es mir meine Pflicht, Dir zu sagen, daß noch kein bindendes Wort zwischen Fräulein von Wetter und mir gewechselt wurde. Ich dulde Dich gern als Rivalen an meiner Seite und werde weit davon entfernt sein, Dir Dein Glück zu beneiden, wenn es Dir gelingen sollte, das Haideröslein in neuer Blüte an dem geknickten Stengel aufzurichten!« 132 Fast heftig schüttelte Graf Lehrbach das Haupt, krampfhaft drückte er die dargebotene Rechte des Freundes. »Sammle keine Kohlen auf mein Haupt, Reimar, beweise es mir nicht stets von Neuem, wie unwert ich Deiner Freundschaft noch bin! Josephine soll glücklich werden, darum verdient sie Dich, Du brave Seele. Ihre Liebe gehört Dir, und was ich mir leichtsinnig verscherzt habe, kann ich niemals wiedererwerben, die Wunde, welche Untreue einem Mädchenherz schlägt, heilt nie wieder.« »Du bist ein glücklich beanlagter Charakter, Günther, Du wirst das Gänseliesel schnell vergessen und andere Blüten genugsam finden, welche sie ersetzen!« Fast angstvoll fragend hafteten Hattenheims blaue Augen dabei auf Günthers Antlitz, das aber hob sich bleich und ernst und schien plötzlich um viele Jahre gealtert. »Glaubst Du? Die Zukunft wird es lehren. Wäre seltsam, wenn mir all mein Leichtsinn untreu werden wollte, es gibt noch so viele andere Weiber, solche sogar mit Fürstenkronen auf dem Scheitel. Gute Nacht, Reinz, nur Narren fangen Grillen, und ich bin doch kein Narr?! . . . Gute Nacht!« Die Thür knarrte in den Angeln und schlug wieder zu, Reimar stand mit der Lampe in dem Hausflur und öffnete die Hausthür, der Wind pfiff kalt herein und machte die Lichtflamme hoch aufflackern, noch ein »Gute Nacht«, noch ein Händedruck, und sporenklirrend stieg Günther die Steinstufen hinab. 133 Gekommen war er hastig, leichtfüßig, zwei Stufen auf einmal nehmend. Da er zurückging, war sein Schritt schwer und langsam wie der eines alten Mannes. Hattenheim trat in sein Zimmer zurück, ließ sich mit schwerem Aufseufzen in den Sessel fallen und stützte das Haupt gedankenvoll in die Hände. Sorge und Kummer furchten seine Stirn. Er hatte Günther noch nie so lieb gehabt wie an diesem Abend, da er ihm zum ersten Mal im Leben einen Schmerz bereiten mußte, er fühlte ihn doppelt mit, er litt vielleicht mehr darunter als der junge Hitzkopf, der bis jetzt alles Leid von sich abgeschüttelt hatte, wie der Blütenbaum die Regentropfen. »Wird er auch diese Stunde so schnell aus den Gedanken wischen, diese Stunde, in welcher er Josephine von Wetter für ewige Zeit verloren?« Hattenheim stöhnte gequält auf und wühlte die Hand in sein dichtes Blondhaar. »Nur das nicht, lieber Herrgott, sonst wäre ja aller Kampf umsonst gewesen, nur um ihretwillen nicht, die es verdient, glücklich zu werden!« Lange starrte er regungslos vor sich hin. Er meinte es ja so gut, warum sollte ihm das Schicksal diese Bahn durchkreuzen? Gott hilft ja Allen, die es brav und redlich im Sinn haben. Also wird er auch sein Werk mit Erfolg krönen. Es steht ja der Frieden und das Lebensglück von drei Menschenherzen auf dem Spiele, was soll aus ihm selber, 134 aus seinem Liebling und aus Josephine werden, wenn der Leichtsinn größer ist denn Liebe? Dennoch vertraut er so fest auf Günther. Er kennt ihn ja, so gut, wie er kennt ihn sonst kein Mensch! Die Andern beurteilen ihn nur nach seinem lachenden Angesicht und den flotten, tollen Streichen, die so oft von sich reden machen. Er aber kennt das Herz des Freundes, und das hat goldenen Grund. Günther liebt, er wird, er kann und darf nicht von dieser Liebe lassen! Günther ist ein hitziger, trotziger Charakter, ein Hinderniß wird ihn höchstens reizen, niemals entmutigen. Hatte er nicht die Wirkung seiner Worte gesehen, stand nicht eine erschütternde Bestätigung dieser Annahme in dem bleichen, zuckenden Antlitz des Glückskindes? Mitten in das Herz hatte ihn Reimar getroffen. Er sah es ja, wie seine Worte schmerzten, wie die junge, lachende Seele unter ihrem Einfluß rang! Wie grausam war er gewesen, er, der milde, treue Hattenheim, der keine Fliege leiden sehen konnte! Das that er an seinem Herzblatt, seinem liebsten Freunde?! . . Gott im Himmel wußte ja, warum er es that, der wußte auch, wie schwer es ihm wurde. »Bittere Arznei heilt am schnellsten und besten,« sagen die alten Frauen in seinem Heimatdorf, und das tröstet am meisten diejenigen, welche sie einem teueren Wesen einflößen müssen. So dachte auch Reimar, und mit dem Gedanken kam seine Ruhe und Freudigkeit zurück. 135 Neunzehntes Kapitel. »Denn mancher Sturmwind heult und tobt, der unser Schifflein probt, Und wenn die Prüfung wir besteh'n – sei Gott gelobt!« – Rückert.         Vierzehn Tage waren seit dem Koncert bei Hofe vergangen. Man amüsirte sich weiter in der Residenz, ein Fest jagte das andere. Namentlich am Hofe hatten sich die Diner und Balleinladungen gehäuft, da es galt, den Erbprinzen Karl Theodor nach Kräften zu amüsiren. Baron Clodwig hatte auf den meisten dieser Feste als Vortänzer figurirt, da Graf Günther Lehrbach leider durch eine starke Erkältung an das Zimmer gefesselt war. Außer Hattenheim war keinerlei Besuch bei ihm angenommen worden. Prinzessin Sylvie schien den jungen Offizier in der ersten Zeit gar nicht zu vermissen, kaum, daß sie nach ihm fragte. Als aber Graf Lehrbach nach zwölf Tagen wieder bei einem Galadiner erschien, wußte sie ihn gar nicht ostensibel genug auszuzeichnen, meist unter den Augen des Erbprinzen, welcher 136 dem Kokettiren ihrer Hoheit mit wahrhaft stoischer Ruhe zusah. Er ritt noch einmal einen der berühmten »Pfadfinder« der Prinzessin mit und reiste dann sehr plötzlich ab. Man sagte, eine Depesche habe ihn zu wichtigen Verhandlungen nach Hause beordert. Sylvie war etwas gewaltsam heiter und harmlos, ließ Graf Günther durch ein Billet der Dienheim an sein versprochenes Kostümbild erinnern, mit der Bemerkung, daß bereits ein sehr stilvoller Rahmen auf ihrem Schreibtisch desselben harre. Für wessen Bild der Rahmen mit der goldenen Fürstenkrone eigentlich bestimmt gewesen war, ahnte nur Fräulein Ilse, welche dabei gewesen war, als das Kabinetporträt Karl Theodors hinein probirt wurde. Man hatte in der Hofgesellschaft mit Bestimmtheit eine Verlobung im Palais erwartet, um so mehr, da sich etliche Gerüchte von der »Brautschau« des Erbprinzen Karl Theodor in den Zeitungen breit gemacht hatten. Man war in Folge dessen sehr enttäuscht und raunte sich allerlei Vermutungen in das Ohr. Schade, daß die kleine Hoheit so wild war. Das hatte ihr ganz entschieden diese Partie verscherzt. Und statt sich die Sache zu Herzen zu nehmen, schien sie jetzt erst recht all ihren excentrischen Passionen die Zügel schießen zu lassen; die letzte Hofjagd hatte sie mit ihrer Anwesenheit in sehr praktischem Kostüm beehrt, welches allerdings einem Landjunker eben so kleidsam gewesen wäre, wie ihr. 137 Sie hatte auch drei starke Keiler erlegt und sogar ihr Couteau de chasse in Anwendung gebracht. Dem Herzog war es nicht ganz recht gewesen. Auf seiner Stirn hatte eine Wolke gelagert, welche ungefähr so viel sagen wollte wie: »O, daß doch ein Petruchio kommen wollte, die Widerspenstige zu zähmen!« Villa Carolina strahlte in festlichem Glanze; der Hofmarschall Graf zu Lattdorf schloß mit einem Balle die glänzende Reihenfolge von Diners und Soupers, welche er alljährlich, seiner Stellung gemäß, in seinem Hause veranstaltete. Ange war eine reizende liebenswürdige Wirtin, welche mit erstaunlicher Gewandtheit und vornehmer Grazie an der Seite ihrer Mutter die Honneurs machte. Sie erschien überall zur rechten Zeit, sorgte für die Tanzkarten der jungen Damen und die Unterhaltung der älteren Herrschaften, dirigirte mit einem einzigen Blick die servirenden Lakaien, trennte sehr geschickt die disharmonirenden Elemente und wußte sehr zart und fein eine schüchterne Annäherung zu unterstützen. Kurzum, sie genoß in der Gesellschaft das Renommée einer vollendeten Gastgeberin. Nur heute war sie auffallend zerstreut; über ihrer ganzen Erscheinung lag ein Hauch sentimentaler Milde; was sie that, hatte das Gepräge mechanischer Gewohnheit. Nur einmal hatten sich ihre Wangen lebhafter gefärbt, als Prinz Detlef zu ihr herantrat und von Baron d'Ouchy erzählte. 138 Er sei schon seit acht Tagen in die Bretagne abgereist, da ihn ein Telegramm von dem Ableben eines Onkels benachrichtigt habe; er sei mit lachendem Angesicht in das Koupé gesprungen und habe Andeutungen gemacht, als erwarte ihn eine bedeutende Erbschaft. Es sei ihm sehr zu gönnen, es habe ihm nichts als Reichtum und eine Frau gefehlt. Er sei ein famos netter Kerl! Nun, hoffentlich bringe das eine das andere mit sich! Und Prinz Detlef setzte sich zu dieser Bemerkung den Kneifer auf und fixirte die kalte Schönheit voll ungenirten Interesses. Fataler Weise wurde gerade Thee präsentirt, und Ange neigte sich tief über das Tablette. Als sie sich aufrichtete und in formellen Worten das Schicksal des jungen Diplomaten beglückwünschte, waren ihre Züge kühl und unverändert wie immer, nur die Tasse klirrte seltsam in ihrer Hand. »Wie langweilig!« dachte Detlef, schwenkte links um und setzte sich der Aosta gegenüber, um Gänseliesel die Cour zu machen; zwischendurch erzählte er ihr sehr laut von »spanischer« Vendetta und fragte die Gräfin Susanna schrägüber, ob sie ein Vielliebchen mit ihm essen wolle? Er möchte ihr so gern einen Dolch schenken! Da warf die schöne Hofdame mit sprühendem Blick den Kopf in den Nacken und fragte spöttisch: »Damit ich Sie mit eigenen Waffen schlagen kann?« Und sie erhob sich brüsk und rauschte mit einer 139 endlosen Schleppe davon, welche sich goldschillernd hinter ihr her schlängelte. »Da zischt die Sternschnuppe hin!« lachte Detlef, den Hals so weit wie möglich nach ihr umdrehend. »Wehe dem Staubgeborenen, welchem die Meteorsteine ihres Zornes jetzt auf den Kopf hageln!« Nach kurzer Zeit jedoch pirschte er hinter ihr her und nahm ihr den Fächer weg, um sich damit zu wedeln. »Haben Sie sich wirklich losgerissen?« fragte Gräfin Aosta schnippisch. »Ich dachte, Sie hätten in Groß-Stauffener Boden für heute Abend Wurzel geschlagen als fahnenflüchtiger Emigrant?« Ihr Blick kokettirte zu ihm empor, Detlef aber legte den entfalteten Fächer gegen die Brust und sagte schwärmerisch: »Mein Herz würde brechen, sollte es sich von seiner Heimat trennen?« »Das ist die Residenz hier?« Er schüttelte den Kopf und neigte sich tief zu ihren dunklen Augen: »Fern im Süd das schöne Spanien, Spanien ist mein Heimatland!« Da war der Frieden für eine kurze Weile wieder geschlossen. – Hattenheim stand schweigend und beobachtete. Er hatte sich freiwillig neben den großen chinesischen Ofenschirm drängen lassen, welcher seine robuste Figur fast zur Hälfte verdeckte, hielt seine Theetasse mechanisch in der Hand und ließ den Blick 140 aufmerksam durch die beiden Salons, welche er von seinem Platze aus bequem überblicken konnte, schweifen. Günther und Josephine behielt er im Auge, und als letztere im Gespräch mit Excellenz Lehrbach die lange Flucht der Zimmer durchwandelte, da empfand er plötzlich ein großes Interesse für die Lattdorfschen Gemälde, schritt mit nachdenklichem Gesicht von einem zum andern, blieb hier kürzere und da längere Zeit im Anschauen versunken stehen, je nachdem es das vor ihm gehende Paar bedingte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, als müsse sich heute irgend etwas Entscheidendes ereignen. Günther und Josephine hatten noch kein Wort gewechselt. Die Begrüßung hatte »im Allgemeinen« stattgefunden durch eine stumme Verneigung, ein Umstand, der nicht weiter auffiel, da der junge Graf seit seiner kurzen Krankheit merkwürdig reservirt und wortkarg war, kaum daß er die phrasenhaften Formen der Höflichkeit wahrte. Er schien zerstreut, mißgestimmt und zu keiner Unterhaltung aufgelegt; von seiner ehemaligen Schlagfertigkeit, seiner sprudelnden Laune und den köstlichen Bonmots mit dem meist etwas scharfen Beigeschmack war vollends keine Rede. Man fand das natürlich. Der arme junge Mann war noch völlig abattu, noch Rekonvalescent, er war gewiß viel zu früh wieder auf dem Posten! Was hatte ihm denn eigentlich gefehlt? Man sagte, ein nervöses Fieber. Gewiß durch eine starke Erkältung veranlaßt, das Reithaus war 141 so kalt und zugig, schon verschiedene Herren hatten sich Krankheiten darin geholt. Man sah es dem Grafen ja an, daß er noch nicht völlig hergestellt war. Sein brünetter Teint schimmerte förmlich bleich, die Augen lagen tief und waren glänzender denn je, das stand ihm ganz vortrefflich und machte ihn interessanter als das frivole Lächeln und der herausfordernde Blick. Prinzeß Sylvie nahm ihn auch völlig in Beschlag, sie war so rücksichtsvoll, mit dem »armen Lazarus« nur einmal die Runde durch den Saal tanzen zu wollen. Aber Graf Lehrbach versicherte mit aufflackernder Röte im Gesicht, daß ihm eine solch stiefmütterliche Behandlung mehr schaden würde, als der rasendste und andauerndste Galopp. Er sei nicht mehr Patient, wenn etwas an ihm krank wäre, so sei es sein Herz, und dafür sei das Tanzen ein köstliche Betäubung. Er hatte es ziemlich leise gesagt, und sein Blick, welcher dabei durch den Saal schweifte, hatte sich verdüstert, da er Gänseliesels lächelndes Antlitz traf. Sylvie aber sagte hochaufatmend und decidirt: »Na dann los!«, tanzte zweimal durch den Saal und flüsterte Lehrbach zu: »Nun eine Pause. Ich ängstige mich um Sie!« Günther verneigte sich stumm und tief; er dachte daran, wie ihn dieses Wort und dieser Blick noch vor wenigen Wochen so hoch entzückt haben würde. Damals reichte sie ihm nur einen Lorbeerzweig, heute überhörte er fast ihre bedeutungsschweren Worte. 142 Den ganzen ersten Tanz über und die folgende Pause fesselte ihn Sylvie an ihre Seite; man kannte schon ihre rücksichtslose Weise, welche aller Etiquette ein Schnippchen schlug. »Mit alten Weibern befasse ich mich nicht,« erklärte sie ja öffentlich und kehrte von manchem Privatfest zurück, auf welchem sie die Gastgeber außer einem: »Guten Tag, Excellenz, das ist ja sehr nett von Ihnen, daß Sie uns mal amüsiren wollen!« oder: »Na Adieu, liebe Gräfin, Ihr Fest war ganz famos! Lassen Sie sich's gut bekommen!« fast völlig ignorirt hatte. Man nahm ihr das keineswegs übel, man respektirte ihr so eigenartiges Wesen. Die Herzogin Mutter und Franz Eginhard suchten es auch auf alle Weise wieder gut zu machen. Prinz Detlef schwor dahingegen zu Sylviens Fahne. Er hatte sich mehr als einmal gesträubt, der Vorschrift nach eine alte Ministerin oder eine dazu am nächsten stehende ergraute Gemahlin Höchstgestellter bei Diners zur Nachbarin zu haben, sondern zum Entsetzen des Hofmarschalls oder der betreffenden Wirte das ganze Tafelarrangement umgestoßen, indem er einer hübschen Lieutenantsfrau oder einer anderen jugendlichen Schönheit den Arm bot. »I wo!«lachte er, »der Teufel soll Prinz sein, wenn man als solcher nur altes Leder an den Arm gehängt kriegt! Wozu sind denn die Glatzköpfe da? ›Jedem das Seine!‹ steht auf dem Orden, welchen das Verdienst um den Hals geknüpft bekommt!« Was ließ sich dagegen sagen? Herzogin Mutter 143 die kluge, despotische Frau war so unglaublich schwach gegen die eigenen Kinder, und der Herzog erfuhr dergleichen Vorkommnisse fast gar nicht, oder vergaß sie zu schnell bei den vielen Arbeiten und Studien, welche seine Zeit vollkommen absorbirten. – – – Hattenheim tanzte heute wenig. Trotz der geöffneten Fenster herrschte eine drückende Hitze in dem Tanzsaal, welche ihm bei der aufgeregten Stimmung in welcher er sich befand, unerträglich wurde. Er sah außerdem, daß Günther vollständig von Ihrer Hoheit in Anspruch genommen und Josephine derartig von Herren und Damen umringt war, daß eine verhängnißvolle Begegnung zwischen Beiden in keiner Weise zu befürchten war. So schritt er gedankenvoll durch die verschiedenen Salons, in welchen Spieltische aufgestellt waren und die älteren Damen in kleinen Cirkeln plauderten und sich nach Kräften an Süßigkeiten eßbarer und hörbarer Art die Zeit vertrieben; er hoffte ein kühleres Fleckchen zu finden, um einmal aufatmen zu können. Fernab, am Ende der langen Zimmerreihe, lag das kleine, trauliche Boudoir der Komtesse Ange. Wie ein Hauch süßer, jungfräulicher Poesie wehte es um die rosafarbenen Atlasmöbel, die Blüten und Statuetten, Bücher und Schreibtischnippes; aus einer Ampel floß gedämpftes Licht hernieder, und im hohen Broncekäfig schlief ein farbiger Arra. Eine Handarbeit lag auf dem gemalten 144 Guéridon. Hattenheim nahm sie mit spitzen Fingern empor und betrachtete mit ängstlich großen Augen das feine Spitzengewebe, durch welches die bunten Seidenfäden gestickt waren. Wie Spinnwebe war's und hielt gerade von elf bis zwölf, er hätte nicht zur Probe daran zupfen und zerren mögen. Sein Blick fiel auf die feinen, feinen Stiche und Musterchen, dann auf seine großen, viereckigen Hände. »Du lieber Gott!« dachte er, »wenn Du solch ein Ding fertig bringen solltest!« und dabei fiel ihm sein Säbel ein, der so ganz anders wuchtig in der Hand lag, der war seine Nähnadel, mit dem konnte er, wenn's Not that, gar blutigrote Röslein sticken! So ein Weib und Alles, was dazu gehört, ist doch ein zerbrechlich Werk! Paßt nicht für einen Jeden, am wenigsten für solch einen ungeschlachten, riesigen Kerl, wie er einer war! Sein Blick fiel in den Spiegel, er lächelte wehmütig und legte die Stickerei aus der Hand. »Welch Eine möchte mich wohl lieb haben!« dachte er seufzend. Er trat an den Schreibtisch. Da lag ein Buch, und aus seinen Blättern schaute ein Zeichen. Reimar schlug es auf und las: »Ich schaue auf den Grund seiner Seele und erbebe vor solcher Untiefe, die wildeste That traue ich diesem Manne zu; er hat keinen Gott, kein Gewissen – nur eine zügellose Leidenschaft, die ihn beherrscht. Dennoch übt er eine dämonische Gewalt über die Herzen aus, auch über das meine; ich ringe im verzweifelten Kampf gegen mich selber, ich 145 sehe den Abgrund vor mir und fürchte, daß mich ein Schwindel dennoch in ihn herniederreißt. O, daß er nicht mehr vor mir spielen möchte! Diese Klänge sind mein Verderben. Sind Reimars Augen in der Nähe, fühle ich mich beschützt, aus denen kommt süßer Frieden, kommt Vertrauen über mich; kein Mann ist mir so das Ideal aller Rechtschaffenheit wie er –« Fast entsetzt ließ Hattenheim das Buch sinken und blickte sich erschrocken um, wie Einer, der auf verbotenem Wege ertappt ist, purpurne Glut stieg in sein Antlitz und machte es voll tödtlicher Verlegenheit dreinschauen. Dies war das Tagebuch seiner Cousine Ange! Es war kein Zweifel möglich, ihre Schrift und ihr goldenes Monogramm auf dem Deckel – allmächtiger Gott, wie entsetzlich indiskret von ihm! – Dennoch stand er wie gebannt und starrte auf das Buch hernieder, welches wieder an seinem alten Platz lag und ganz harmlos aussah, wie jedes andere Buch auch. Ein unbeschreiblich seliges Gefühl durchschauerte ihn. Wie wohl that das doch, solche Worte über sich zu lesen, ein solches Urteil ausgestellt zu bekommen! »Rechtschaffen! . . . . O Du liebe, gute Ange, wenn ich Dir doch in meines Herzens Dankbarkeit die Hände küssen könnte! . . . . Rechtschaffen! . . . . Ja, das war's ja, was ich immer sein wollte, wonach ich gestrebt habe, seit ich den Begriff dieses Wortes überhaupt zu fassen vermochte, rechtschaffen – bin 146 ich's denn wirklich? Ange sagt es, dann muß es wohl wahr sein!« Voll scheuer Zärtlichkeit strich seine große Hand über das geschlossene Buch, wieder und immer wieder – es drängte ihn, so seine Freude zu äußern, es war ihm, als müsse er diesen weißen Blättern etwas Liebes thun! Dann fuhr es ihm durch den Sinn, wer wohl der Andere sei? . . . Er hatte zu flüchtig gelesen, aber noch einmal aufschlagen? Um die Welt nicht! Hätte er gleich gewußt, daß dies ein Tagebuch sei, er hätte es mit keiner Fingerspitze berührt. Nun, er wollte mal ein Bischen Acht geben, ob er es merkte, wer gemeint war. Wie er auch hin- und herdachte, er wußte in der ganzen Stadt Niemand, der so böse sein konnte, wie Ange ihn charakterisirte! Er bekümmerte sich allerdings so wenig um die anderen Männer! Wie heiß war es ihm wieder geworden! Sein Kopf brannte wie Feuer! Die Jonquillen und Monatsröschen auf dem Blumentisch zur Seite schwankten leise, ein kühler Luftzug strich plötzlich über seine Stirn. Reimar wandte sich ihm hastig zu. Richtig! Hier war die Balkonthür geöffnet, der milde Thauwind vermochte es nicht, die schwer herniederrauschenden Atlasportièren zu heben, er fächelte nur ganz heimlich, von der Seite her, die Blumenköpfchen auf dem vergoldeten Ständer. 147 Der Husarenoffizier schob die Shawls auseinander und trat mit entzücktem Aufatmen in die Nacht hinaus. Nur einzelne Sterne blinkten durch die schweren Regenwolken, und von dem Dach hernieder tropfte es eine einförmige Melodie. Reimar blieb dicht hinter der Portière stehen, um seine Lackstiefeln nicht auf dem nassen Balkon zu beschmutzen. Er hörte eilige Schritte hinter sich in dem Boudoir, das majestätische Rauschen einer seidenen Schleppe und die Stimme Sylviens, welche etwas hastig ausrief: »Gott sei Dank, endlich mal ein leerer Käfig! Da drinnen bekommt man, weiß Gott, den reinen Brummschädel von Hitze und Lärm! Lassen Sie uns hier plaudern, Fortunatus, es ist lange genug her, daß wir kein ungestörtes Wort zusammen gewechselt haben!« Dann wurde ein Sessel gerückt, die Prinzessin nahm Platz. Hattenheim fühlte sein Herz schlagen, eine unaussprechliche Angst erfaßte ihn. Da drinnen schwebte ein Damoklesschwert über dem Glück des Gänseliesels, über dem Frieden seiner eigenen Seele, über dem mühseligen Gewebe, welches er zum Heil des Freundes aus so vielen Thränen und sorgenvollen Stunden zusammengefügt hatte. Nur jetzt erbarm' Dich, lieber Herrgott, um Josephinens willen! War es rechtschaffen, daß er hier stehen blieb? Im Sinne eines Lauschers, nein! Im Sinne eines Freundes, welcher zum Aeußersten entschlossen, ja! 148 Mit fast trotziger Entschlossenheit kreuzte Reimar die Arme über der Brust und verharrte regungslos. Jedes Wort konnte er verstehen, durch die schmale Spalte der beiden Portièrenshawls sah er Sylvie in dem Sessel liegen, den Blick zu Lehrbach erhoben, welcher sich ihr gegenüber auf die Broncelehne eines Stuhles stützte. »Hoheit waren durch erlauchten Besuch allzu sehr in Anspruch genommen,« sagte er mit gedämpfter Stimme, »und in dem lauten Trubel einer Residenz schweigt nicht nur die Nachtigall, sondern auch die Stimme traulichen Geplauders verstummt unter dem profanen Marktgeschrei einer öffentlichen Meinung!« Die Prinzessin schüttelte den Kopf, glitzernd stäubte der Goldpuder auf ihren vollen Nacken hernieder. »Das ist eine Redensart, welche sich überlebt hat. Ich habe die Erfahrung gemacht, daß die Stimme des Herzens niemals lauter spricht als in dem Gewühl der großen Welt, welches sich als lästige Scheidewand zwischen zwei Seelen drängt. Selbst die Gedanken revoltiren dagegen und lassen es schmerzlich empfinden, daß man inmitten der bunten Menge einsamer ist denn im stillen Heim! Da verlangt die Sehnsucht mehr denn je nach ihrem Recht, und ein altes Lied behauptet sehr richtig: ›Wenn Zwei sich nur gut sind, dann find' sich der Weg‹! – Wenn also die Stimme traulichen 149 Geplauders verstummt, so ist es in dieser toleranten Zeit ihre eigene Schuld.« »Um Vergebung, Hoheit, das ›alte Lied‹ ist nicht für unsere Verhältnisse gedichtet,« entgegnete Graf Günther sich emporrichtend, ein seltsamer Ausdruck lag auf seinem schönen Antlitz, »›kein Graben zu breit, und keine Mauer zu hoch‹ bezieht sich leider Gottes nur auf Hindernisse, für welche sich in der That ein Steg und eine Leiter finden lassen! Ich jedoch kenne eine Kluft und Schranke, welche sich weder überbrücken läßt, noch für welche eine Leiter gebaut werden kann, mag der Wille noch so fest und die Liebe und Sehnsucht noch so heiß sein! Was frommt da ein Plaudern und Flüstern hin und her? Es zeigt erst doppelt klar, wie weit man von einander getrennt ist!« Es lag ein harter Klang in Günthers Stimme, sein Blick traf kühl und fest das Auge der Prinzessin, welche so weich und schmachtend wie noch nie aus dem Atlaspolstern zu ihm emporlächelte. Ihr voller Arm hing über die Sessellehne hernieder, eine Goldschlange ringelte sich daran in die Höhe und funkelte Günther mit ihren Rubinenaugen herausfordernd an. »Sie irren, Graf!« sagte sie, den Kopf noch weiter zurückneigend. »Für den Mutigen gibt es keinerlei Schranke auf der Welt! Und ein Mann, welcher den Beinamen Fortunatus führt, sollte seinem Glück erst recht vertrauen! Er strebt empor, und sie neigt sich ihm herab, das ist die zaubermächtige 150 Leiter, welche die Liebe selbst an die schwindelndste Höhe lehnt!« Sylviens Wesen war jäh verändert, dieselbe bezaubernde Hingebung beherrschte es, welche ihr beim Gesang eigen war. Günthers Antlitz blieb regungslos, fast war es Ironie, was aus den dunklen Augen zuckte. »Und dennoch wäre es vermessen, sie zu besteigen,« entgegnete er fast schroff. Sylvie atmete schneller, eine wachsende Ungeduld klang durch ihre Worte. »Karl Theodor ist abgereist, anders, als er gedacht hatte!« flüsterte sie mit zauberischem Blick, richtete sich etwas empor und neigte sich näher zu ihm hin. »Ein Beweis dafür, daß ein Herz noch schwerer wiegt, als eine Fürstenkrone! Sie haben mir noch kein Wort darüber gesagt, Lehrbach, ist es Ihnen denn so ganz gleichgültig, wie meine Loose fallen?« »Ich wünsche Ihnen das Glück in seiner schattenlosesten Vollkommenheit, Prinzessin!« – wehte es ihr steif und förmlich entgegen, »und hoffe, daß Ihnen das Leben so viel Rosen streut, als ich von ihm Lorbeer zu erringen hoffe! Mögen Ihnen in einer heiteren Zukunft die Dornen an den Blüten erspart bleiben, welche einem treuen Herzen so unheilbare Wunden schlagen können, und möge sich das Künftige so beglückend für Sie gestalten, daß Sie Vergangenes niemals zurücksehnen!« Eine Falte hatte sich in die Stirn Ihrer 151 Hoheit gesenkt, dann lachte sie leise auf, neigte fast schelmisch den Kopf und legte vertraulich ihre Hand auf seinen Arm. »Trotzkopf Sie! – Zürnen Sie noch immer?« »Wie dürfte ich nur einen solchen Gedanken fassen, Hoheit!« Jetzt klang aus seinen Worten die Ungeduld. Sylvie führte momentan das Spitzentaschentuch gegen die Schläfe, berauschender Duft wehte daraus empor, die kleine Fürstenkrone über dem Namenszug stach grell in die Augen. »Ihr dürft's nicht, aber Ihr thut's!« flüsterte sie, »Ihr Männer werdet Tyrannen, sobald Ihr Euch Euerer Macht bewußt werdet! Da macht Ihr aus jedem Blütenzweig, den man Euch reicht, eine Geißel, und im mißtrauischen Zergliedern unserer Gunstbezeugungen entblättert Ihr die Rose und zerpflückt sie so lange, bis nur Dornen stehen bleiben!« Sie hob schnell die Hand, brach eine halberschlossene Monatsrose von dem Blumentisch an ihrer Seite und reichte sie dem jungen Offizier hin. Der Ausdruck ihrer Züge, ihr Lächeln, ihre Worte ließen keinen Zweifel mehr, welch ein Recht sie ihm mit dieser Blüte schenkte, welch eine Aufforderung ihm hiermit » sub rosa « zu Teil wurde. »Und was sagen Sie mir nun, Sie böser, allmächtiger Mann?« hauchte sie. Hattenheims Herz stand still, fast schwindelnd preßte er die Stirn gegen die kalte Scheibe der zurückgeschlagenen Thür, seine Hände krampften sich wie zum Gebet gefaltet zusammen. Günther nahm die Blüte und küßte die Hand der hohen Geberin. Ein trotzig mokanter Zug hatte seine Lippen gekräuselt. Dann trat er zurück und sah auf sie hinab, wie Einer, der da triumphirt: »Das warst Du mir schuldig, Schicksal!« »Ich sage Ihnen, Hoheit, daß ich bedauere, diese kostbare Blüte in keiner würdigeren Hand zu wissen!« Sylvie zuckte empor. »Wenn mir dieselbe verdienstvoll genug erscheint, wäre dieser Zweifel wohl gelöst!« Günther lächelte. »Diese Rose berechtigt ihren Empfänger, sich für den Glücklichsten der Sterblichen zu halten,« sagte er mit leisem Beben der Nasenflügel, »und ladet ihn ein, des Daseins glutenvollsten Becher an die Lippen zu setzen. Was in diesem Kelch geschrieben steht, heißt: ›Lebe! Sei überselig! Genieße auf dem höchsten Gipfel, welchen jemals der Fuß eines Irdischen erreichen kann! Offen steht Dir die Welt, und an ihrer goldenen Pforte steht die Liebe mit lächelndem Mund und winkt Dir ein berauschendes Willkommen!‹ »Wie glücklich muß diese Rose einen Mann machen, der mit aller Lust, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele noch in eine solche Zukunft hineinjubeln kann! »Wollte ich jedoch meine Brust mit dieser Blüte 153 schmücken, so hieße das, sie auf ein Grab legen, in welchem alle Hoffnung und alle Lebensfreudigkeit für immerdar eingesargt liegen!« Günthers Stimme war sehr fest, sein Antlitz sehr bleich und ernst geworden. »Wer mit der Liebe abgeschlossen hat wie ich, Hoheit, der spürt kein Gelüste mehr, sich mit Rosen zu schmücken. Die Zeit liegt hinter mir wie ein Traum. Der Lorbeer, den Sie mir damals im Wintergarten gereicht, ist zum ernsten Symbol geworden, zwischen dessen bitterem Kraut die zarten Rosenblüten welken mußten, neben welchem keine lustige Farbe mehr passen will. Ich habe früher gelacht, wenn man von Einsiedlern sprach, und nun lenke ich selber in einen einsamen Weg, welcher mich als Einsiedler durch die Irrgänge des Lebens führen wird, ohne Kutte und Rosenkranz, Hoheit, aber auch ohne ein zweites Herz!« »Lehrbach!« schrie Sylvie fast gellend auf und faßte in maßloser Erregung seinen Arm. »Sie reden im Fieber! Kommen Sie zu sich!« Ihr Auge blitzte, eine verkörperte Penthesilea stand sie vor ihm. »Ja, Hoheit, haben Sie Nachsicht mit einem Kranken!« lächelte er sarkastisch, »Sie wissen ja, daß die Kapricen eines Grafen Lehrbach unberechenbar sind!« Sylvie lachte schneidend auf; ein konvulsivisches Lachen, welches sie schüttelte. »Da haben Sie recht, bei Gott! Sie verstehen es, die Menschen 154 zu überraschen! Warum lassen Sie sich nicht bei dem Theater engagiren? Ich verspreche Ihnen einen großartigen Erfolg, denn eine solche Komödie, wie Sie den Leuten vorspielen, hat man noch nicht oft gesehen!« Mit wildem Griff riß sie ihm die Rose aus der Hand und trat sie unter die Füße, ihr Antlitz war bleich bis in die Lippen hinein. »Ein Ritter, welcher seinem Orden keine Ehre macht, verdient nicht, ihn zu tragen!« zischte sie mit haßfunkelndem Blick, »und Leute, welche keine Rose zu würdigen verstehen, dürfen sich nicht wundern, wenn man sie in Zukunft nur die Dornen fühlen läßt!« Sie maß ihn von oben bis unten, ein unaussprechliches Gemisch von Verachtung und zitterndem Zorn sprach aus ihren Blicken, dann wandte sie ihm brüsk den Rücken und rauschte durch die Thür. – – – Hattenheim hatte zuerst in stummem, namenlosem Jubel die gefalteten Hände zum Himmel erhoben, dann überkam es ihn wie ein Schwindel, es war ihm, als müsse er sich dazwischenstürzen, um den Verwegenen an die furchtbare Tragweite seines Handelns zu gemahnen. Schon aber sah er die schimmernde Gestalt der Prinzessin im Thürrahmen verschwinden, sah Günther Lehrbach hochaufgerichtet, stolz und triumphirend stehen, um auf die zermalmte Blüte hinabzublicken. Er schlug die Portière auseinander, trat zu ihm und legte die Hand schwer auf seine Schulter. 155 »Günther, Unglückseliger, was nun?« fragte er mit versagender Stimme. Da sah ihn der junge Offizier an, lachte schallend auf und schlang den Arm um den Nacken des Freundes. »Nun werden wir eben Dornen fühlen, alter Junge!« rief er aufgeregt, mit blitzendem Auge und herausfordernder Bewegung des schönen Hauptes, »die schönen Tage von Aranjuez sind vorüber, jetzt treibt das Boot des Glückskindes auf hohe See hinaus und hört den Sturm durch die Segel wehn! Das ist seltener Klang, Reimar! Glück auf dazu! Jetzt will ich sehen, wie stark mein Arm ist!« 156 Zwanzigstes Kapitel. Denn stets ist wandelbar das Glück! Und zu den allzuraschen, hohen Flügen Pflegt oftmals sich ein schneller Sturz zu fügen! Tasso.         Als die Hofmarschallin während des Frühstücks die Briefschaften überreicht bekam, hob sie ein schmales, längliches Couvert mit sehr dicken, energischen Schriftzügen empor und winkte Josephine damit zu. »Von Tante Renate, an mich adressirt, liebes Herz!« sagte sie, öffnete den Briefumschlag und entfaltete den Bogen. Es war ein für Tante Renatens Verhältnisse ungewöhnlich langer Brief. Gräfin Lattdorf las ihn aufmerksam durch, lächelte am Schluß fast schelmisch und reichte ihn Fräulein von Wetter über den Tisch hinüber. »Es stehen wichtige Dinge darin, liebe Josephine, lies aufmerksam und richte Dich danach! Aber halte reinen Mund über den ›,goldenen Inhalt‹, denn in einer Residenz fängt man die Goldfischchen mit Angel und Netzen!« 157 Ange machte ein überraschtes Gesicht, das Gänseliesel aber blickte die Gräfin mit großen Augen an und nickte eifrig. »Was geht's die fremden Leute an, wat min leiwet Tanting schreibt! Wenn Sie gestatten, gnädigste Gräfin, lese ich den Brief oben in meinem Zimmer, da kann ich ungenirter weinen, wenn das Heimweh kommt!« Sie sagte es mit lachendem Mund, erhob sich schnell und stürmte die Treppe empor, um die wichtigen Mittheilungen aus Groß-Stauffen zu erfahren. Droben in dem kleinen Boudoir, behaglich in einen Schaukelstuhl geschmiegt und die Füße, mit roten Saffianpantöffelchen bekleidet, auf das dicke Fell eines sibirischen Wolfes gestreckt, entfaltete Josephine den Brief und las. Wunderliches genug stand darin. »Liebste Gräfin,« schrieb Tante Renate, »ich halte es für meine Pflicht, Sie über die Vermögensverhältnisse meiner Nichte aufzuklären. Es wäre möglich, daß sich ein armer Schlucker in sie verliebt und Phine diese Neigung erwidert. Erwünscht wäre es mir ja gerade nicht und geschieht auch hoffentlich nicht. Aber manchmal geht es Einem recht quer im Leben, und gegen die Liebe ist noch kein Kraut gewachsen, ebenso wenig, wie gegen den Tod. Sollte sich also die Phine, die ja noch ein so junges, dummes Ding ohne viele Ueberlegung ist und nur das Herz und nicht den Verstand fragt, in einen armen Lieutenant oder Referendar verlieben, und Sie bemerken das, liebe Gräfin, so lassen Sie die 158 Sache ruhig gewähren. Und wenn es ein solider Mann aus alter und vornehmer Familie ist, so geben Sie ihm, bitte, so hinten 'rum einen Wink, daß er die Phine haben kann. »Ich weiß, daß man uns, resp. meine Nichte in der Residenz für ziemlich unbemittelt hält, und habe auch gar nichts dagegen. Denn um des Geldes willen soll meine Phine doch weiß Gott nicht genommen werden, das könnte mir gerade passen! So ein Luftibus womöglich, der den Buckel voll Schulden hat! Für den hätten mein Alter und ich gerade gespart und auf die hohe Kante gelegt! O, ich wollte ihn! Da können also die Leute ruhig in dem Glauben bleiben. Nur wenn's zum Klappen kommt, dann mag's der Betreffende erfahren, damit es kein Unglück gibt; denn nach dem Herzen wählen soll die Phine, sonst lieber bleiben, was sie ist. Also, beste Gräfin, das Kind ist nämlich ein ganz fettes Bröckchen. Die Leute, welche sich einbilden, Groß-Stauffen fiele als Lehen an einen entfernten Vetter, die irren sich. Mein guter, seliger Schwiegervater hat das Lehen schon bei seiner Verheiratung abgelöst, da es nur noch auf sechs Augen stand, die Seitenlinie geht uns gar nichts an. Erfahren hat das aber Niemand groß, denn gefragt hat man nicht, und erzählt haben wir's auch nicht. Außerdem hat Phine das Baarvermögen ihrer Eltern, welches von Seiten der Mutter durch eine nachträgliche Erbschaft der verwittweten Fürstin Groppen von Erffenstein recht beträchtlich geworden ist. 159 Dadurch, daß wir über fünfzehn Jahre lang immer Zins auf Zins schlugen, ist es zu einer hohen Summe angewachsen. Außerdem muß man hinzurechnen, daß meine Nichte auch meinen Mann und mich noch einmal beerbt, und wir haben das Unsere auch nicht verputzt, sondern nur von der Hälfte meines Vermögens die letzte Hypothek von Stauffen abgezahlt. Das Gerücht, mein Mann verstände nichts von der Landwirthschaft, habe Phinens und sein eigenes Vermögen zugesetzt und doch noch Schulden gemacht, das ist eine ganz gemeine Lüge. Weil wir nicht wie die Großmoguls gelebt haben, kein neues Schloß bauten und nichts für äußeren Schnick-Schnack anwendeten, darum heißt es, das Gut sei völlig verkommen. Mögen doch die Leute schwatzen, einmal werden ihnen die Augen aufgehen! Und außerdem, was liegt daran? Die können mir Alle den Buckel hinaufsteigen, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Phine ist ja gerade keine Millionärin, aber viel fehlt auch nicht dazu. »So, liebe Gräfin, nun wissen Sie Bescheid. Machen Sie von diesen Mittheilungen Gebrauch, wenn es notwendig scheint und zu Phinens Glück beitragen kann. Im Allgemeinen aber lassen Sie mein Landpommeränzchen in dem Gerede, ein armes Mädchen zu sein; wenn die Lieutenants Geld wittern, sind sie hinterher, wie der Teufel auf Kirschkuchen, und da könnte mein Kleines leicht an den Unrechten kommen! »Eben fällt mir ein, daß meine Nichte sich ja 160 nach Allem, was Sie mir über das Mädel mitteilten, ganz gewaltig verändert hat; es ist merkwürdig, daß alle Wetters über Nacht zu Charakteren werden. Da wäre es vielleicht gut, wenn Sie ihr diesen Brief zu lesen gäben! Alt genug ist sie ja, und außerdem thut's nichts, wenn sie über sich und ihre Verhältnisse Bescheid weiß. Mein Mann empfiehlt sich Ihnen gehorsamst, er ist soeben auf der Jagd, hofft Ihnen dieser Tage ein Stück Wild zu Füßen legen zu können. Pastors sind Alle gesund und schlachten morgen ihr drittes Schwein, da habe ich Rat und That versprochen. Sonst lassen sie allseits unzählige Male grüßen. An mein Phinchen einen Gruß und Kuß; der kleine Affe soll mir doch auch einmal schreiben, wer ihr eigentlich die Cour macht, die Menus und Toiletten sind mir ja ganz egal. Daß sie mit der Prinzessin reitet, freut mich sehr, es scheint sich also wirklich Alles ganz gut gemacht zu haben. Das verdanken wir Ihnen, liebste Gräfin! Ich umarme Sie von Herzen als Ihre getreue und dankbare Renate Wetter von Stauffenberg, geb. Gräfin Malwitz.         » P. S. Wenn Phine noch etwas an Wäsche braucht, soll sie nicht kaufen, sondern schreiben, ich habe ganze Schränke voll guten, derben Leinens liegen. »Bei dem Kutscher Kilian hat der Storch gestern einen vierten Jungen gebracht. »Zwei junge Stuten, die ›Nora‹ und ›Goldfuß‹ sind an einen Remontepräses verkauft, privatim, für 161 den Berliner Marstall. – Sonst nichts Neues. – Tante Renate.« Josephine hatte sehr aufmerksam gelesen, sie sah ein wenig gedankenvoll, aber durchaus nicht überrascht oder freudig erregt aus, sie begriff nicht recht, warum die Tante solch ein Wesen um das Geld machte, als ob das wirklich die Hauptsache beim Heiraten wäre! Dazu gehört doch nur Liebe, sonst nichts. Was das Geld anbelangte, war Josephine überhaupt noch unglaublich naiv, sie hatte sich noch niemals Gedanken darüber gemacht, ob sie arm oder reich sei; nun wurde sie erst aufmerksam und dachte darüber nach. Ja, das Geld muß doch ein unglaublicher Tyrann sein. Sie fand es so thöricht, daß die armen Leute bei der strengen Kälte Schnee schaufelten oder mit halberfrorenen Gliedern durch die Straßen liefen und Schwefelhölzchen oder Zeitungen feilboten; da sagte man ihr: »Ja Du lieber Gott, die müssen's, die wollen Geld verdienen!« Und als ein Infanterieoffizier über den vielen Dienst klagte, und Josephine lachend entgegnete: »Ei, so nehmen Sie doch den Abschied!« – da zuckte er die Achseln und sagte seufzend: »Sie glauben wohl, man könne aus dem »Deutschen Tageblatt« Papiergeld schneiden?« Wieder das Geld! Und als sie zu Ange sagte: »Wenn Du echte Perlen so schön findest, warum kaufst Du Dir denn 162 keine?« – da bekam sie zur Antwort: »Weil ich kein Geld dazu habe, Herzchen!« Und als Prinzessin Sylvie neulich raisonnirt hatte: »Himmelwetter, was hatte Prinz H. bei dem letzten Rennen für einen kapitalen Gaul auf der Bahn! Wenn ich nur Geld hätte! Den müßte ich in dem Stall haben!« – da merkte Josephine, daß das Wörtlein Geld sein fatales Regiment selbst bis in die höchsten Sphären erstreckt. Jeder will Geld; – durch das neunzehnte Jahrhundert zieht sich ein goldener Faden, und an diesen knüpft das Schicksal alle seine Attribute, Glück und Leid, Lachen und Thränen, – blutige Schuld und kühnes Wagen, – ein Ringen, Jagen und Verzweifeln, – Genießen und darben; das Diadem, welches die Weltgeschichte auf der Stirne trägt, ist die rollende Münze, die Devise auf dem Banner, welches sie schwingt – das einzige Donnerwort: Geld! – Josephine dehnte die Arme. Sie hatte nun Geld. Hatte sie es je vermißt? Nein! Jemals gewünscht? Nein! Sie war glücklich und traurig gewesen, und das Geld war an Beiden nicht schuld. Vielleicht lernte sie es später noch einmal schätzen! Wie das kommen könnte, war ihr unklar! Günther liebte sie ja und hielt sie doch für arm. Das war mehr wert, als Millionen! Sie faltete den Brief der Freifrau zusammen und brachte ihn der Gräfin zurück. 163 »Nun, Josephinchen, wirst Du jetzt übermütig werden?« lächelte diese. Gänseliesel schüttelte mit hellem Lachen das Köpfchen. »Noch lange nicht! Solcher Reichtum ist unsicheres Glück! Mein Verlangen aber ist echtes Gold, und darum suche ich solches, von welchem es im Liede heißt: »Fort rollen Dukaten, Papiergeld verweht, ein treuliches Herz doch ist Gold, das besteht!« Die Dinerstunde in Villa Carolina war längst vorüber, und noch immer wartete die Familie, bereits im Speisezimmer versammelt, auf den Hofmarschall, welchen irgend ein unerwartetes Ereigniß so außergewöhnlich lange aufhalten mußte. Mau mutmaßte die unglaublichsten Dinge, um sich die Zeit zu vertreiben, meist sehr heiterer und amüsanter Natur, denn die Gräfin sowohl wie Ange waren derartige Unregelmäßigkeiten im Dienste Lattdorfs viel zu sehr gewohnt, um sich zu ängstigen oder Schlimmes vorauszusetzen. Als der Graf aber endlich eintrat, genügte ein einziger Blick in sein tiefernstes, fast verstörtes Antlitz, um erkennen zu lassen, daß seine Verspätung diesmal nicht durch die Arrangements und Entwürfe neu projektirter Hoffestlichkeiten verursacht sei; eine sorgenschwere Wolke lagerte auf seiner Stirn. »Ist Dir etwas Unangenehmes passirt, lieber Georg?« fragte die Gräfin in französischer Sprache, Heinrich servirte soeben die Suppe und musterte 164 ebenfalls voll besorgten Interesses das veränderte Aussehen seines Herrn. Der Hofmarschall lächelte und schüttelte beruhigend das Haupt. »Mir glücklicher Weise nicht, chérie , aber einem Anderen. Sprechen wir später davon.« Schweigend wurde das Diner eingenommen. Wie eine Centnerlast lag es auf Aller Herzen, die Ungewißheit war vielleicht quälender und aufregender als die Nachricht selber. Den Kaffee trank man meist in dem angrenzenden Wohnzimmer des Grafen, auch heute zog man sich dahin zurück, um in den behaglichem hohen Sesseln mit den Ueberzügen von gepreßtem Leder und Fell eine»wachende« Siesta zu halten. Ange und Josephine wollten bescheiden ihr Boudoir aufsuchen, der Hofmarschall aber winkte ihnen in seiner chevaleresken Art, zu folgen. »Es wird die jungen Damen gewiß auch interessiren, was die ganze Stadt in Allarm versetzt hat«, sagte er, »und die Angelegenheit an und für sich bürgt mir schon dafür, daß man keinen indiskreten Gebrauch davon machen wird.« Und der Graf berichtete, daß sich das gesammte Ministerium wegen einer Urkundenfälschung in höchster Aufregung befinde. Das fatale Vorkommniß kompromittire hauptsächlich den Minister Grafen von Lehrbach, da seine Namensunterschrift in unglaublichster Weise gemißbraucht, resp. gefälscht sei. Es handele sich um eine sehr bedeutende Geldsumme, welche unterschlagen sei. 165 Die Sache sei auf dem Wege, zum öffentlichen Skandal zu werden, und rühre unendlich viel Staub auf. Zur Erklärung der ganzen Angelegenheit erzählte Graf Lattdorf Folgendes: »Dem hiesigen Herzogshause fiel anläßlich einer Erbschaft der Besitz einer ziemlich bedeutenden Enklave in H. H.'schem Gebiete zu. Dem eigenen Lande weit entlegen, schien diese Acquisition mehr eine Bürde und Unbequemlichkeit, als ein Vorteil, und der hochselige Herzog ging gern auf den Vorschlag des Königs von H. ein, die Enklave, inmitten seines Landes gelegen, käuflich an ihn zu überlassen. »Die an das hiesige Herzogshaus auszuzahlende Summe belief sich in die Millionen, und ein Berliner Bankhaus wurde beauftragt, besagte Gelder in zu vereinbarenden Raten an den hochseligen Herzog auszuzahlen. Einzahlung und Quittung gingen durch die Hände des Ministers von Lehrbach. »Der jähe Tod des Herzogs und der Regierungsantritt seines Sohnes Franz Eginhard ließen keinerlei Veränderung in dem Laufe der staatlichen und privaten Verhältnisse eintreten. Im Gegenteil, die ungewöhnliche Neigung des jungen Regenten, welcher in seinem Minister gleicherzeit einen treubewährten Staatsdiener und einen herzlich ergebenen Freund sah, erteilte ihm eine unbegrenzte Vollmacht in jeder Beziehung und überließ auch die Zahlungsangelegenheit vollständig Seiner Excellenz, welcher dieselbe mit größter Sorgfalt und Genauigkeit überwachte. 166 »Während Beginn des Winters war das Kabinet so außerordentlich mit Arbeiten überhäuft, daß Graf Lehrbach seine Kräfte hätte verdoppeln müssen, um sämmtliche Fäden der laufenden Geschäfte in seiner Hand zu vereinigen. Nur dem dringendsten und Wichtigsten konnte er sich ausschließlich widmen, während alles Andere, nur einigermaßen Aufschubfähige bis auf Weiteres in den Hintergrund treten mußte. Man hatte bereits Baron d'Ouchy, den umsichtigen, geistvollen und außerordentlich befähigten jungen Attaché dem Kabinet des Ministers zuerteilt, bis ihn Seine Excellenz Graf Lehrbach vor drei Wochen mit den lobendsten Anerkennungen seinem vormaligen Wirkungskreise zurückgeben konnte. »Nun, da die dringendsten Angelegenheiten erledigt und die Arbeiten des Ministeriums in ruhigere Geleise einlenkten, widmete sich Graf Lehrbach den seiner Zeit etwas vernachlässigten Geschäften und wünschte vor allen Dingen, die noch ausstehenden Berliner Geldsendungen zu regeln. »Es handelte sich um den letzten Rest der ganzen Kaufsumme, eine Anweisung auf ungefähr zweimalhunderttausend Thaler. »Der Minister ließ an das betreffende Bankhaus schreiben und bat um die Auszahlung und Abrechnung. »Eine umgehende Rückantwort benachrichtigte ihn, daß besagte Summe im Laufe des Januars – Angabe des Datums – bereits an das Kabinet 167 abgesandt und auch von Seiner Excellenz quittirt sei, es beruhe die jetzige Anfrage wohl auf einem Irrtum. »Die Bestürzung des Ministers war außerordentlich, um so mehr, da keinerlei Nachweis über die Empfangnahme der Gelder aufzufinden war. »Depeschen jagten hin und her. »Heute morgen endlich erschienen die beiden Prinzipale des betreffenden Bankhauses, um die Quittung zu präsentiren. »Die Aufregung hatte ihren Höhepunkt erreicht. Graf Lehrbach starrte bleich und regungslos auf seine Namensunterschrift, welche so täuschend ähnlich, so grauenhaft klar und deutlich war und – – die dennoch gefälscht sein mußte. »Er selber begab sich sofort zu dem Herzog, beantragte eine Untersuchung und bat unter obwaltenden Umständen um die sofortige Entbindung von seinem Posten. »Franz Eginhard befand sich in qualvollster Aufregung. Er wünschte die ganze Angelegenheit niedergeschlagen. Graf Lehrbach jedoch bestand mit eiserner Konsequenz auf den gerichtlichen Recherchen. »Man konnte es hier nur mit einem unglaublich frechen und verbrecherischen Bubenstück zu thun haben, das war allgemeine Ansicht. Dennoch hatte Graf Lehrbach Gelegenheit zu bemerken, wie auffallend kühl und reservirt ihm plötzlich die Herren gegenüberstanden, welche noch vor wenigen Tagen 168 mit krummen Rücken vor dem Zucken seiner Augenbrauen gezittert hatten. »Die Akten waren versiegelt, die einzelnen Verhöre bereits vorgenommen. »Man harrte der wissenschaftlichen Entscheidung über die Namensunterschrift und erwartete fest und sicher den Ausspruch auf Fälschung. Damit war wenigstens der entsetzliche Schein der Schuld, die so furchtbar kompromittirende Verwickelung des Ministers in diese Angelegenheit niedergeschlagen. »Es herrscht eine unaussprechliche Bestürzung und Aufregung in sämmtlichen Kreisen der Residenz, man tuschelt sich in die Ohren und steckt die Köpfe zusammen, man zuckt mit giftigstem Lächeln die Achseln und bedauert den armen Minister! Er hatte so viel für Stadt und Land gethan, hatte sich so verdient um die Geselligkeit gemacht! Seine Feste suchten ja ihres Gleichen, waren gerade in diesem Winter so verschwenderisch großartig, fast fürstlich gewesen! Und Lieutenant Günther hatte dabei noch Unglück im Spiel gehabt und ein sehr kostbares Pferd bei den Herbstrennen verloren, aber dennoch in bekannter flotter Weise fortgelebt! Was mochte das Alles für Unsummen gekostet haben? Und nun noch diese Alteration mit der Namensfälschung und der Unterschlagung! Man war in hohem Grade auf die Entwickelung der Dinge gespannt. »Herzog Franz Eginhard fuhr persönlich bei seinem Günstling vor und erkundigte sich, ob bereits ein Resultat erzielt worden sei. Verhöre bei dem 169 Sekretär und den Schreibern waren bis jetzt absolut erfolglos geblieben, weitere Untersuchungen bei den Postanstalten im Gange. Der Minister schreitet einher, wie eine wandelnde Leiche, er hat sich in sein Privatbureau zurückgezogen, Niemand außer seinen beiden höchsten Beamten hat Zutritt zu ihm, selbst sein Sohn Graf Günther nicht. Derselbe ist mit Hattenheim zweimal auf dem Ministerium gewesen, merkwürdig gefaßt und voll stolzer Zuversicht, die mißliche Angelegenheit baldigst aufgeklärt zu sehen.« Das war Alles, was der Hofmarschall von dem unsäglichen Ereigniß wußte. Leichenblaß hatte Josephine seinen Worten gelauscht; ihre Lippen zitterten, die kleinen Hände krampften sich um das feine Batisttuch auf ihrem Schooß. »Wer kann solch eine schändliche That begangen haben?« rang es sich wie Schluchzen aus ihrer Brust, »der arme alte Mann, wie furchtbar mag er unter der Wucht einer solchen Verdächtigung leiden!« Auch Gräfin Lattdorf war schmerzlich ergriffen von dem Schicksal, welches über die so glückliche Familie hereingebrochen war. »Das überwindet Lehrbach nie!« seufzte sie, »das ist der Nagel zu seinem Sarg.« Nur Ange saß regungslos, wie aus Stein gemeißelt. Unnatürlich groß und weit geöffnet starrte ihr Auge ins Leere. 170 Dann zuckte sie empor. »Ist Baron d'Ouchy zurück?« fragte sie kurz. »Man hat ihm telegraphirt,« nickte Graf Lattdorf, »und hofft viel von seinem guten Gedächtniß. Er arbeitete zu jener Zeit mit Lehrbach, kann also hoffentlich noch Auskunft geben, wer von den Unterbeamten in den betreffenden Tagen auf dem Bureau beschäftigt war, eventuell eine Unterschrift des Ministers in die Hände bekommen hat. Ein verdächtiger Umstand ist, daß ein Schreiber, allerdings aus einer anderen Abteilung, sehr plötzlich seine Entlassung erbeten hat, so viel ich weiß, ist er bereits verhaftet.« Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf dem fahlen Gesicht der Komtesse, sie erhob sich und füllte ihrem Vater eine zweite Tasse Kaffee, dann verließ sie unter dem Vorwand, ihre Stickerei holen zu wollen, das Zimmer. Auch Josephine beurlaubte sich. Die Thränen stürzten ihr verräterisch aus den Augen; sie eilte in ihr Zimmer und rang die Hände im Gebet, eine namenlose Angst überkam sie. Das Mitleid; die Sorge um den kranken, alten Mann preßten ihr das Herz zusammen. Nach etlicher Zeit trat Ange ein. Es lag eine starre, fast freudige Ruhe auf dem zarten Antlitz, aber auch ihre Augen waren gerötet. »Ich habe an Reimar geschrieben und ihn gebeten, uns umgehend Nachricht zu geben, falls sich etwas aufklären sollte!« sagte sie. 171 Josephine schlang die Arme um ihren Hals. »Wenn es nur bald ist!« schluchzte sie, »sonst tödtet die Aufregung den armen Grafen! Erst neulich klagte er, daß er sich so krank fühle!« »Möge Gott uns Allen gnädig sein!« Es lag mehr in der Stimme Anges, als bloße Sorge um das Schicksal der Lehrbachs. – – – * * * Ein dämmerig grauer Wintertag war es. Durch die hohen, wenig verhängten Fenster des herzoglichen Kabinets fiel das fahle Licht, wie nebelige Schatten zog es hie und da durch das Gemach, fast gespenstisch starrten die Marmorfiguren aus den dunklen Nischen und Ecken. Dennoch zeigte der goldene Zeiger der Pendule erst die Mittagsstunde. In dem Antichambre flüsterte und raunte es, schlich es auf leisen Sohlen hin und her. Der Flügeladjutant des Herzogs, zwei Kammerherren, der stellvertretende Minister und ein Wirklicher Geheimerat standen in der Fensternische, steckten geheimnißvoll die Köpfe zusammen und gestikulirten in lebhafter Weise. Jetzt mußte es sich ja entscheiden! Die Uhr holte zum Schlage aus, ein jeder ihrer lang zitternden Töne warf eine Kugel in die Urne des Schicksals; schwarz oder weiß? Welche Farbe wird den Ausschlag geben?« Das Ministerium erzitterte in den Grundfesten. Eine Krise war eingetreten, welche mit gewaltigem Ernst den Boden unter den Füßen 172 des allmächtigen Günstlings schwanken ließ. An einem Ruck und Stoße hing das Bestehen und das Untergehen einer Epoche, welche den Namen Lehrbach als leuchtenden Stern auf dem Banner getragen. Wie werden die Würfel fallen? Wen werden sie im erbarmungslosen Rollen zu Boden stürzen, wem werden sie die schwarze, und wem die heitere Seite zuwenden? Wo das Schicksal den Becher schüttelt und sein grausames Hazard um das Loos von Menschen und Völkern spielt, da fallen wuchtige Trümpfe, da wälzt sich das Rad der Zeit oft in einer einzigen Nacht über die Wipfel der Bäume, welche drohen in den Himmel zu wachsen. – – Sobald in dem Zimmer des Herzogs ein lautes Wort erscholl, verstummte das eifrige Gezischel im Antichambre zu atemlosem Lauschen, dann neigten sich die Köpfe so weit wie möglich vor, ein eigenartiges Mienenspiel zuckte auf den glatten Gesichtern, ähnlich dem Wetterleuchten, welches Donner und Blitz ankündigt. Der Wirkliche Geheimerat mit dem feisten Antlitz, dem Doppelkinn und blanken Schädel fieberte vor Aufregung; dunkle Glut lag auf Wangen, Stirn und Glatze, die scharfen Aeuglein funkelten unter weißbuschigen Brauen, und das stark parfümirte Tuch in seiner Hand war in fortdauernd wehender Thätigkeit. Graf Lehrbach war nie sein Freund gewesen. Seit Jahren schon lechzte er danach, dem stolz 173 rollenden Siegeswagen dieses despotischen Mannes einen Stein in die Räder zu wälzen, niemals aber hatte er es wagen dürfen, mit einem konträren Atemzug auch nur ein Härchen auf der Stirnlocke Seiner Excellenz zu sträuben, niemals hatte sich die lindeste Handhabe gefunden, an seiner Machtstellung zu rütteln. Und jetzt! Jetzt endlich bequemte sich das Schicksal, den seufzenden Kreaturen des Ministeriums auf eklatanteste Weise Genugthuung zu verschaffen! Zitternd vor Spannung lauschte der Wirkliche Geheimerat nach dem herzoglichen Gemach; die Kammerherren glitten auf lautlosen Sohlen über die Teppiche, in dem Thürrahmen tauchte die schlanke Gestalt eines Legationsrates auf und flüsterte eifrig mit dem Adjutanten. Dieser zuckte die Achseln, lächelte ein Gemisch von vorsichtiger Teilnahme und Schadenfreude, ließ sich von den hämischen Gesichtern der Kammerherren sekundiren und trat in die Fensternische zurück. Wie lange dauerte die Audienz! Man freute sich so aufrichtig über etwas Skandal und prickelnde Neuigkeiten, es wäre wirklich recht deprimirend, wollte sich hinter jener Thüre die mysteriöse Affaire Lehrbach, wie gewohnt, günstig und glatt abwickeln! Je länger das Warten dauerte, desto enttäuschter und länger wurden auch die Gesichter der lieben Freunde Seiner Excellenz. Währenddessen streute die Sanduhr, welche das 174 Glück des Hauses Lehrbach verkündete, ihre letzten Körnlein. Die Hand auf einen Fauteuil gestützt, so hoch und stattlich emporgerichtet, wie es die gebrochene Gestalt des alten Mannes noch gestattete, stand Seine Excellenz der Minister Graf von Lehrbach vor seinem Fürsten. Bleich, wie aus Wachs gebildet, starrte das Antlitz aus dem grauen Dämmerlicht des Salons, fast beängstigend tiefe Schatten senkten sich um die Augen und gruben ihre scharfen Falten in Wangen und Stirn, mattglänzend, ungekünstelt schmiegte sich das silberweiße Haar um die eingesunkenen Schläfen. Graf Lehrbach war in wenigen Tagen zum Greis gealtert. Dennoch lag eine energische Ruhe, eine stolze, trotzige Ueberzeugung und Festigkeit, auf den gefurchten Zügen, voll und frei begegnete der fieberisch brennende Blick dem Auge des Herzogs, fest und zuversichtlich klang die Stimme. Franz Eginhard hatte die Arme gekreuzt und hielt momentan in dem erregten Auf- und Abschreiten durch die Länge des Zimmers inne. Er stand dicht vor dem Minister, mit welchem er soeben noch einmal die Details der ganzen Angelegenheit sowie die Resultate der bisherigen Recherchen durchsprochen hatte. Zwei rote Flecken brannten auf seinen Wangen, ein unheimlich drohendes Feuer sprühte aus dem grauen Auge. »So beharren Sie bei Ihrer Aussage, in keiner 175 Weise irgend welche Kenntniß von der ausgestellten Quittung zu haben, Herr Graf?« fragte er durch die Zähne. Lehrbachs Lippen zuckten. »Wenn es einer Wiederholung meiner Versicherung bedarf, Königliche Hoheit, bin ich bereit, dieselbe eidlich zu erhärten.« »Sie bestreiten noch immer die Echtheit der Namensunterschrift?« Wie keuchend rang es sich aus der Brust des Herzogs. Die Brauen des Ministers zogen sich zusammen. »Ich thue es, Königliche Hoheit, und erwarte mit Bestimmtheit die Bestätigung von Seiten der Prüfungskommission.« Wie Wetterleuchten zuckte es über das Antlitz Franz Eginhards; er trat einen Schritt näher und legte die Hand auf die Schulter des langjährigen Beamten. »Lehrbach!« sagte er weich und herzlich, »wir sind hier allein, nur Gott im Himmel ist Zeuge Ihrer Worte . . . . Sie wissen, wie nahe Sie mir und meinem Herzen getreten, lange Jahre haben es Ihnen bewiesen, daß Sie nicht mein Staatsdiener, sondern mein väterlicher Freund sind, vor welchem ich niemals eine Angelegenheit, möchte sie noch so wichtiger und diskreter Art gewesen sein, verbarg, vor welchem ich mich niemals scheute, selbst meine Sorgen und Verlegenheiten rückhaltlos zu enthüllen. So, wie Sie mir stets ein verschwiegener und ergebener Freund gewesen sind, so will auch ich jetzt 176 nicht Ihr Fürst, sondern nur Ihr Vertrauter und Ihr Freund sein! Ein jedes Wort, welches hier zwischen uns gewechselt wird, soll in meiner Brust versargt und, ich versichere es Ihnen, Lehrbach, auch vergessen sein! Vertrauen Sie sich mir an, beweisen Sie mir, daß Sie wenigstens mir gegenüber kein falsches Spiel spielen wollen!« Ein Beben ging durch die Gestalt des Ministers, er neigte sich und küßte die Hand des Herzogs. »Mein gnädiger Herr,« sagte er leise und tief erregt, »möge Gott dieses milde und gütige Wort mit tausendfachem Segen lohnen. Anzuvertrauen, Königliche Hoheit, habe ich Ihnen jedoch nichts. Daß ich von ganzem Herzen und von ganzer Seele Ihnen zugethan bin, dessen bedarf es wohl keiner Versicherung mehr, denn dafür sprechen zu viele Beweise. Daß ich aber jemals im Leben eine That begangen hätte, welche ich vor Eurer Königlichen Hoheit verheimlichen müßte, das scheine ich leider Gottes wieder und immer wieder versichern zu müssen! Der Anlaß zu diesem Mißtrauen ist mir fremd, und nur mein reines, freudiges Gewissen und das Bewußtsein, in diesem Augenblick ebenso redlich und ehrlich vor Ihnen zu stehen, wie all die langen Jahre meiner Dienstzeit, lassen mich den Gedanken ertragen, daß mein gnädigster Herzog überhaupt einen Verdacht gegen mich in seinem Herzen hegen konnte!« Wie eine schwere, unheilschwangere Wolke zog es über Franz Eginhards Stirn; dennoch besänftigte 177 der Blick dieser müden, wehmütigen Augen seine aufquellende Heftigkeit. »Wir Alle sind Menschen, Lehrbach, wir Alle sind als schwaches Fleisch gar vielen Versuchungen ausgesetzt. Ihr Sohn bedarf einer bedeutenden Zulage und verbraucht außerordentliche Summen, wie ich gehört habe, da ist es ja begreiflich, daß es hie und da nicht reichen will, daß es unsagbar schwer ist, einem Liebling etwas abzuschlagen, kurz gesagt, daß man einmal über seine Verhältnisse lebt –« Der Herzog unterbrach sich und schaute mit forschendem Blick, wie fragend, zu Lehrbach hinüber. Wie ein Schüttelfrost ging es durch dessen Glieder. Wiederholt schon hatte er die Hand, wie in jähem Schmerz, gegen das Herz gepreßt, fahle Blässe und dunkle Glut wechselten auf dem Antlitz, gleichwie im Schwindel faßte er krampfhaft die Sessellehne, aber sein Haupt zuckte stolz, trotzig kühn in den Nacken. »Ich kenne die Rechnungen meines Sohnes, Königliche Hoheit, und habe sie meist eigenhändig bezahlt, Schulden hat Günther Gott sei Dank nicht, und bei der Bilanz, welche ich gezogen, stellte sich keinerlei Deficit heraus; die Abrechnungen und meine Privatpapiere stehen jederzeit einer Einsicht zur Verfügung.« Es lag ein kalter, harter Klang in der Stimme des Ministers. Franz Eginhard schien zu wachsen, seine Zähne gruben sich in die Unterlippe. 178 »Sie sehen also dem Urtheil Sachverständiger, der Entscheidung über die Unterschrift getrost entgegen und erkennen dieselbe gleich mir als kompetent an?« »Ich habe eine so hohe Meinung von dem Scharfblick unserer Wissenschaft, daß ich mit Ungeduld ihres Ausspruches harre, welcher mich meiner jetzigen, so unwürdigen Lage entreißen und meine angetastete Ehre vor der Welt rechtfertigen muß! « Franz Eginhard trat mit düsterer Stirne näher. »Und wenn er es nicht thut?« Mit sprühendem Blick hob Lehrbach das Haupt. »Dann, Königliche Hoheit, bedauere ich jeden Tag und jede Stunde, in welcher ich in dem Dienst eines Landes ergraut bin, welches die Wahrheit und Gerechtigkeit unter die Füße tritt!« Alles Blut wich aus den Wangen des Herzogs; als wollte es mit seinem Blick die elende, kranke Gestalt des alten Mannes zerschmettern, richtete sich das graue Auge groß und furchtbar auf den Sprecher, dann stieß er mit einem Ausdruck unendlicher Verachtung den Sessel, dessen Lehne seine Hand umspannt hatte, von sich. »Komödiant!« klang es scharf und verletzend zwischen seinen Zähnen, mit hastigem Griff riß er ein zusammengefaltetes Papier von seinem Schreibbureau und warf es vor Lehrbach auf die Marmorplatte des Tisches nieder. »Lesen Sie das Urteil von vier Autoritäten und wagen Sie es, mir noch in das Auge zu blicken!« donnerte er. 179 Mechanisch neigte sich der Graf. Das Papier knitterte und schwankte in seiner Hand, wie geistesabwesend starrte er auf die Buchstaben nieder, schwer stützte sich seine Linke auf die Broncekante des Tisches. Ein gurgelnder Laut rang sich von seinen Lippen, seine Züge verzerrten sich, wie unter physischem Schmerz. »Nicht gefälscht – erkennen auf Echtheit der Namensunterschrift – –« Seine Lippen bewegten sich, krampfhaft schlossen sich die Finger um das Papier. »Leugnen Sie auch jetzt noch, Angesichts dieses Urteilsspruches, Ihre absolute Unkenntniß von der Quittung?« »Was vier Autoritäten sagen . . . . muß wohl wahr sein . . . . es ist mein Namenszug . . . . ich glaube es jetzt selber . . . . aber . . . . wie er hier auf dieses Papier kommt . . . . das weiß nur Gott im Himmel!« Der Blick des Herzogs maß die wankende Gestalt mit tiefster Verachtung. »Oder Ihr Geldbeutel, mein Herr Graf!« sagte er höhnisch, »nur um den Skandal zu vermeiden, um mein Ministerium nicht durch seinen jahrelangen Chef zu brandmarken, werde ich –« Ein dumpfer Aufschrei unterbrach ihn – mit beiden Händen in die Luft tastend, taumelte ihm der Minister entgegen, dann brach er wie vom Blitz getroffen zusammen, in schwerem Fall schlug das weiße Haupt zu den Füßen des Regenten nieder. 180 Frauz Eginhard riß die Thüre auf. »Seine Excellenz den Minister hat eine Ohnmacht betroffen,« rief er mit heiserer Stimme den Herren im Antichambre entgegen, »sorgen Sie dafür, daß der Kranke mit aller Vorsicht und Sorgfalt in seine Wohnung transportirt werde!« Noch an demselben Vormittag befahl der Herzog, die Recherchen und Verhöre einzustellen und die ganze Angelegenheit niederzuschlagen. Der verdächtigte Schreiber war bereits als schwerkranker Mann auf ein mehr als genügendes Alibi hin an demselben Morgen aus seiner Hast entlassen. Wie ein Sturmwind ging es durch die Residenz. Es gab nur noch eine Lösung der Affaire, und diese kostete dem Namen Lehrbach seinen guten Klang. Droben hinter den dichtverhängten Fenstern, einsam, verlassen von Gott und der Welt lag Seine Excellenz, welchen ein Schlaganfall völlig gelähmt und auf das Krankenlager gestreckt hatte. An seiner Seite kniete sein verzweifelnder Sohn, welcher bereits einen sofortigen Urlaub erbeten und sein Entlassungsgesuch bei dem Regiment eingereicht hatte. Da war die stolze Herrschaft der Lehrbachs für ewige Zeiten gebrochen. – – – 181 Einundzwanzigstes Kapitel. »Wenn Alle untreu werden, So bleib ich Dir doch treu!« – Novalis.         Die Kunde von der Erkrankung Seiner Excellenz und die eigentümlichen Gerüchte über die plötzliche Ordre des Herzogs, jedwede Untersuchung betreffs der Defraudation niederzuschlagen, flogen wie auf Sturmesschwingen durch Stadt und Land und rissen zaubermächtig die heuchlerischen Larven von dem Antlitz der meisten Mitglieder der Gesellschaft. Da zischte die lange gedämmte Flut des Hasses und der Mißgunst plötzlich himmelhoch empor, da war endlich das Signal gegeben, mit offenem Visir gegen den Namen Lehrbach vorzugehen. Wie viele scharfe Krallen schlugen sich da unbarmherzig in das wehrlose Opfer, um ihm die Ehre und den guten Klang des Namens zu zerfleischen, um das stolze Wappenschild herniederzureißen und in den Staub zu treten! Wohin war die große Zahl der Freunde zerstoben, welche noch vor wenigen 182 Tagen den Rücken vor der Allmacht des Ministers bogen und den Kapricen des Glückskindes ein schmeichlerisches Bravo klatschten? Da blieb kein Einziger von Allen. Wie unklug wäre es gewesen, öffentlich für einen Mann zu sprechen, welcher allerhöchsten Ortes so ostensibel in Ungnade gefallen, über welchen man ungenirt die ehrenrührigsten Dinge erzählte? Jeder ist sich selbst der Nächste. Wer von all den lächelnden dekorirten und hochgestellten Herren steht wohl fest auf dem höfischen Parquet? Da strauchelt auch der Sicherste und läuft Gefahr auszugleiten, da hat ein Jeder gerade genug zu thun, um seiner eigenen Position die Balance zu halten. Auch zur Villa Carolina fanden all die Gerüchte und Schreckenskunden ihren Weg. Eine verzweifelte Aufregung erfaßte Josephine. Die Wettersche Linie trat scharf und drohend zwischen die Augenbrauen, keine Thräne netzte das bleiche Antlitz, aber die kleinen Hände ballten sich in zitternder Entrüstung. Der alte, ehrwürdige Graf ein Dieb? Dieses edle, silberumlockte Haupt mit den sanften, müden Augen und dem melancholischen Lächeln sollte verbrecherische Gedanken hinter der Stirn gehegt haben? Eher wollte sie glauben, daß die klare Sonne selber vom Himmel herniederstieg, um ihr leuchtendes Diadem der Herrlichkeit in Sumpf und Staub zu drücken! Mochten Autoritäten einen Spruch fällen, welcher Art sie wollten! Josephinens Glauben an 183 die Rechtschaffenheit des unglücklichen alten Mannes war größer als die schlagendsten Beweise moderner Wissenschaft. Ganz allein, ganz verlassen und hilflos liegt er auf seinem Schmerzenslager! Wer ist bei ihm? – Das weiß man nicht, man vermutet, sein treuer Kammerdiener und – vielleicht sein Sohn! Wie können diese einen so schwer Erkrankten pflegen? Der Graf ist auf der rechten Seite völlig gelähmt, sogar der Sprache beraubt. Ist denn keine von all' den Damen, welche sich auf so unzähligen Festen Seiner Excellenz noch vor kurzer Zeit so himmlisch amüsirten, zur Stelle, um ihn mit weicher, schonender Hand zu pflegen? Keine von Allen. Wie sollte man auch? Die Schwelle dieses Hauses war verpönt, man wandte den Kopf ab, wenn man daran vorüberfuhr. Und nun gar sich als treue Freundin geriren und Krankenpflegerin bei diesem »dunklen Ehrenmann« werden? Eine solche Nichtachtung allerhöchster Ungnade wäre ja geradezu Rebellion gewesen! Hatte doch Prinzessin Sylvie gestern öffentlich mit unglaublicher Ironie geäußert: »Wie geht es denn dem Herrn Exminister? Man sagte mir, er habe einen ›Schwindel‹-Anfall gehabt!« Da wußte man, was es im Palais geschlagen hatte. Josephine erklärte der Hofmarschallin mit der größten Entschiedenheit, daß sie fest entschlossen sei, sich der Pflege des Ministers anzunehmen, und 184 bestürmte sie um die Gefälligkeit, sofort mit ihr bei dem Kranken vorzufahren. Ein trauriger, etwas verlegener Ausdruck trat auf das Antlitz der Gräfin Lattdorf. Sie machte es Josephine begreiflich, daß sie auf die Stellung ihres Mannes Rücksicht zu nehmen hätte und der allgemeinen Meinung einfach nicht Opposition bieten dürfte . Sie hege die freundschaftlichsten Gesinnungen für Lehrbachs, dieselben aber in solch eclatanter Weise zu äußern, verbiete ihr die Ergebenheit und Devotion, welche sie in ihrer Position als Palastdame und als Gattin des Hofmarschalls dem Herzog schuldig sei. Es sei doch absolut nicht erwiesen, daß Graf Lehrbach an der Defraudation unschuldig sei, wenngleich sie der festen Ueberzeugung wäre. Im Gegenteil, alle Beweise sprächen gegen ihn, dokumentirten es sogar, und es würde der Welt gegenüber schon unmöglich sein, die Partei dieses Mannes zu nehmen. Josephine hörte die Gräfin ruhig an und gab ihr seufzend Recht, sie kannte ja die große Welt genügend, um die Tragweite eines solch auffälligen Schrittes bemessen zu können. »Könnte es auch für Sie und Ihren Herrn Gemahl Unannehmlichkeiten haben, wenn ich im Hause des Grafen aus- und eingehe?« fragte sie gesenkten Hauptes. Die Hofmarschallin sah sie betroffen an. »Ohne Chaperonne, liebstes Herz? Unmöglich!« »Und wenn ich mir für eine Begleiterin sorge?« 185 »Wenn dieselbe einer solchen Stellung entspricht, ohne Frage! Du bist Dein eigener Herr und weder durch Stellung noch sonstige Verbindlichkeiten verpflichtet, Rücksicht auf den Hof und die Gesellschaft zu nehmen. Allerdings sage ich Dir im Voraus, daß man viel und gewiß nicht vorteilhaft darüber reden wird, die bösen Zungen wagen sich ohne Scheu auch an die Werke der Barmherzigkeit. Wenn Du den Mut hast, der ganzen öffentlichen Meinung die Spitze zu bieten, so wage es in Gottes Namen; ratsam ist es jedoch auf keinen Fall.« Da hob Josephine das blonde Köpfchen; eine strahlende, opfermutige Freudigkeit lag auf dem lieblichen Gesichte. »Ich kenne nur einen Richter über mein Thun und Lassen!« sagte sie stolz, »und das ist mein Gewissen! Ich werde die Rücksicht, welche ich Ihrem Hause schulde, keinen Augenblick außer Acht lassen, liebe Gräfin, und bemüht sein, meiner Handlungsweise ein Relief zu geben, welches den bösen Zungen doch eine gewisse Schranke auferlegen soll; ich werde zur Herzogin Marie Christiane fahren und um ihre Hilfe bitten!« Mit wenig hoffnungsvollem Lächeln schüttelte die Hofmarschallin den Kopf: »Dieser Weg wird vergeblich sein, fürchte ich. Der alte Lehrbach war allzu ausgesprochenes Mitglied von der Gegenpartei des Pavillons, und Graf Günther hat sich sogar mehr als einmal erdreistet, die hohe Frau 186 und Personen ihrer Umgebung in sarkastischer Weise zu karikiren. Fräulein von Sacken hat ja nur einer solchen Zeichnung ihren Spitznamen ›die fromme Helene‹ zu verdanken! Marie Christiane ist von all dem wohl unterrichtet, und Du wirst wohl selber einsehn, liebes Kind, daß in Folge dessen wenig Sympathieen für die Lehrbachs im Pavillon herrschen.« Josephine war noch bleicher geworden, aber die Zuversicht leuchtete dennoch aus ihren Augen. »Ich kenne die Herzogin, ich habe schon höhere Tugenden als das ›Vergeben‹ an ihr bewundern dürfen; ich versuche es wenigstens und wage einen Bittgang zu ihr!« »Meine aufrichtigsten Wünsche begleiten Dich, wenngleich ich selten so hoffnungslos war wie in dieser Angelegenheit!« Josephine küßte die Hand der Gräfin, dann eilte sie in ihr Zimmer, um Hut und Mantel anzulegen und ihren Vorsatz sofort auszuführen. Ein Gemisch von Schnee und Regen schlug ihr in das Antlitz, der Wind pfiff durch die Parkanlagen und zauste ihre Kleider, wie ein Frösteln ging es durch die ganze Natur, grau in grau schwamm der Himmel, und die Fläche des kleinen Sees, welcher zur Seite hinter den Bosquets glänzte, wogte zitternd auf und nieder, wie eine ruhelos atmende Brust. Still und einsam wie immer lag der Pavillon. Josephine war ein gern gesehener Gast; Fräulein von Sacken meldete sie bei der Herzogin und 187 erhielt die Weisung, das junge Mädchen direkt in das Schlafzimmer der hohen Frau zu führen; heftig auftretender Husten und rheumatische Schmerzen nötigten Marie Christiane, auf etliche Tage das Bett zu hüten. Dennoch wollte Hochdieselbe Josephine sehn, um so mehr, da Fräulein von Sacken mitgeteilt hatte, daß die Kleine mit einer dringenden Bitte zu Ihrer Hoheit käme. Die Unterredung war viel kürzer, als es Josephine gedacht hatte. Sie brauchte gar nicht zu bitten! Die einfache Erzählung der Thatsache genügte, um das wärmste Mitgefühl und die aufrichtigste Teilnahme bei der Herzogin sowohl wie bei Fräulein von Sacken zu erwecken. Beide Damen hatten bereits von der Ministerkrise und der herrschenden Aufregung gehört, ohne jedoch die Details in Erfahrung gebracht zu haben. Es verkehrten so wenige Menschen aus der großen Welt in diesem stillen Hause. Marie Christiane nahm es für ganz selbstverständlich, daß man sich der Pflege des alten Herrn auf das sorgfältigste annehmen müsse. Sie wies ebenfalls die Glaubwürdigkeit einer Veruntreuung seinerseits mit Entrüstung zurück und hoffte mit Bestimmtheit, daß sich eine baldige Lösung dieses peinlichen Rätsels finden würde. Sie fand Fräulein von Sacken auch sofort bereit, mit Josephine in dem Lehrbachschen Hause vorzusprechen, um sich über die ganze Lage der Dinge zu orientiren. 188 Man beschloß, es umgehend zu thun, und befahl die Equipage. Auf alle Fälle sollte die Hofdame zwei bewährte Krankenpflegerinnen für die Nacht engagiren, denn voraussichtlich konnten sich die Damen selbst doch nur etliche Stunden während des Tages der Pflege widmen. »Ich werde bei den grauen Schwestern vorfahren, Hoheit?« informirte sich Fräulein von Sacken. Die Herzogin sann einen Augenblick nach. »Die Lehrbachs sind nicht katholisch,« sagte sie dann mit ihrer leisen, sanften Stimme, »man möchte vielleicht diese Wahl ungeschickt oder gar anmaßend von mir nennen, die Welt ist ja so schnell bereit, auch dem besten Bemühen eine boshafte Deutung zu geben. Unter den protestantischen Diakonissinnen haben wir ja ebenfalls ausgezeichnete Pflegerinnen. Die Oberin wird mir zu Liebe schon Schwester Magda damit beauftragen, und dann ist der Minister vortrefflich aufgehoben.« Josephinens Herz bebte vor Dankbarkeit und Glück. Sie kniete neben dem Himmelbett nieder, unter dessen kreuzgekröntem Baldachin die hohe Frau inmitten der schneeigen Spitzen, Stickereien und Linnen lag, mit dem glattgestrichenen Scheitel und den dunklen milden Augensternen, aus welchen ein ganzes Evangelium von Liebe und Vergebung strahlte. Sie neigte das Köpfchen über die bleiche Hand der Herzogin und küßte sie, und als sich die schlanken 189 Finger herzlich auf ihr Haupt legten, da war's, als flute Frieden, Licht und Zuversicht durch ihre Seele. Im Hause des Ministers schien man völlig den Kopf verloren zu haben. Der Geheime Medizinalrat und Leibarzt des Herzogs hatte sich mit einer sehr eiligen Fahrt auf das Land entschuldigt und seinen jungen Assistenzarzt zu dem Grafen Lehrbach geschickt, welcher bleich und regungslos, einem Todten gleich, auf seinem Lager ruhte. Noch ebenso angekleidet, wie er vor zwei Stunden in das Palais gefahren war, das breite Ordensband um den Hals, den Stern des Hausordens auf der Brust. Die Bestürzung der Dienerschaft war zu groß gewesen, man wagte nicht eine eigenmächtige Anordnung zu treffen und war nach etlichen ungeschickten Versuchen, die leblos steifen Glieder Seiner Excellenz zu entkleiden, aus Sorge, den Zustand des Kranken noch zu verschlimmern, davon abgestanden. Erst nach zwei Stunden hatte man Graf Günther in der Stadt gefunden. Er hatte mit seinen Kameraden gefrühstückt. Bleich wie der Tod wurde sein Antlitz bei dem wehklagenden Bericht des Dieners, er erhob sich, die Hand, welche sich auf den Tisch stützte, zitterte dergestalt, daß die vor ihm stehenden Weingläser leise erklangen, dann wandte er sich mit stummem Wink zu Hattenheim und verließ, auf dessen Arm gestützt, mit schweren Schritten das Restaurant. Den ganzen Tag und die ganze Nacht über 190 wachten die beiden Offiziere in Gemeinschaft mit dem Arzt an dem Krankenbett des Ministers. Der alte Kammerdiener hörte nur einmal aus dem Zimmer des jungen Grafen ein fast wahnwitziges, gellendes Gelächter schallen, welches wie in dumpfem Stöhnen erstickte, dazwischen klang Hattenheims ernste, beruhigende Stimme. Dann war Alles still, und als er später die Lampe in das Zimmer brachte, da saß Graf Günther vor dem Tisch und drückte das Antlitz auf die beiden verschränkten Arme, welche auf der Ebenholzplatte ruhten; er schlief wohl – Herr von Hattenheim jedoch saß ihm gegenüber und schrieb sehr eifrig auf großen, halbgeknickten Bogen. Am anderen Tage trug der Sohn des Ministers Civil, und die Dienstboten starrten betroffen in sein farbloses Antlitz, mit welchem über Nacht eine so jähe Veränderung vor sich gegangen war. Der Sonnenschein war verschwunden, schwere unheilvolle Schatten lagen darüber ausgebreitet, eine starre Entschlossenheit, und zum ersten Mal, seit man ihn kannte, machte Graf Günther den Eindruck eines ernsten, gereiften Mannes. Die Vorhänge vor den Fenstern des Krankenzimmers waren fest zugezogen, ein matter Lichtschein fiel durch ihr Damastgewebe und ließ die Gegenstände des Gemaches in Dämmerung verschwimmen, nur der broncirte Knauf des Betthimmels schwebte als mattglänzende Krone über den seidenen Kissen, auf welchen das greise Haupt des Kranken ruhte. 191 Tiefe Stille herrschte ringsum, nur ein leiser Schritt klang in kurzen Zwischenpausen auf dem schwellenden Teppich, und ein rosiges Mädchenantlitz neigte sich mit besorgtem Blick über den Schläfer, um die Eiskompressen auf dem Haupt zu erneuern. Der Kranke atmete nur tiefer auf und regte leise zuckend den linken Arm, dann lag er abermals in der Lethargie, welche ihn seit Ausbruch des Leidens noch nicht verlassen hatte. Der Arzt erkannte die rechte Seite für gelähmt und zuckte bedenklich die Achseln; er hatte mit freudiger Dankbarkeit die Hofdame Marie Christianens und Fräulein von Wetter an dem Krankenlager begrüßt, da ihm die weibliche Hilfeleistung und Pflege ungemein gefehlt hatte. Josephine nahm sofort den Platz am Bett des Ministers ein, derweil Fräulein von Sacken, dem Wunsch der Herzogin gemäß, nach dem protestantischen Diakonissenhaus in der Vorstadt fuhr. Die Unruhe und Bestürzung hatten ihre deutlichen Spuren in dem Krankenzimmer zurückgelassen. Alles lag bunt durcheinander und machte einen unwohnlichen und sehr wüsten Eindruck. Josephine schritt lautlos auf und nieder und versuchte Ordnung zu schaffen, hob den feuchten Eiseimer von dem Seidendamast eines Sessels und die Tasse mit der warmen, dunkelbraunen Bouillon von dem so zart und duftig gemalten Tischchen, welches aus dem nächsten Salon herzugeholt war; es lag so tausenderlei umher, wofür sie absolut 192 keinen passenden Platz fand. So elegante Schlafzimmer sind doch nicht auf kranke Bewohner eingerichtet, dachte sie. Indem klangen Schritte im Nebensalon, sehr hastig wurde die Portière getheilt, und Graf Günther stand auf der Schwelle. Ein unbeschreiblicher Ausdruck lag auf seinen Zügen, er blickte das junge Mädchen an wie ein holdes Wunder, welches man nicht begreifen kann, seine bebende Hand streckte sich ihr entgegen. »Also ist es Wahrheit – Sie sind hier!« – es rang sich mühsam von seinen Lippen, er wollte mehr sprechen, aber die Kehle war ihm wie zugeschnürt, sein Herzschlag drohte ihn zu ersticken. Fräulein von Wetter hatte mit ängstlichem Blick nach dem Kranken den Finger auf den Mund gelegt und bedeutete dem jungen Mann zu schweigen, dann trat sie ihm lautlos entgegen und legte ihre Hand in seine dargebotene Rechte. »Ja, ich bin hier, Graf Lehrbach, und werde Ihren lieben Vater nicht verlassen, bis er gesund ist!« flüsterte sie kaum hörbar, mit vollem Blick in sein Auge. »Sie müssen mir schon dies Recht einräumen, denn getreue Nachbarn halten zusammen, und nichts liegt Lehrbach näher denn Groß-Stauffen.« Sie sah seine furchtbare Aufregung, sie fühlte den krampfhaften Druck seiner kalten Finger. »Gehen Sie! Ich bitte darum!« sagte sie leise. Da neigte er sich und küßte mit zuckenden Lippen ihre Hand. »O Josephine!« murmelte er, »Gott 193 lohne Ihnen diesen Augenblick. Er hat mir den Glauben an die Welt zurückgegeben!« Als er sich aufrichtete und das junge Mädchen seinem Blick begegnete, da sah sie es feucht an seinen dunklen Wimpern glänzen, der erste Thau, welcher in das verseichtete, sonnedurchglühte Herz des Glückskindes fiel, dann wandte er sich hastig ab und trat über die Schwelle zurück. Josephine aber hob die gefalteten Hände zu dem Bilde des gekreuzigten Heilandes, welches vor ihr an der Wand zwischen zwei breiten Bronceleisten eingelassen war, und brachte voll gläubigen Vertrauens ihr wehes Herz dem Herrgott dar, welcher selber das Elend vor Sein gnädiges Angesicht ruft: »Kommet her zu Mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid!« Langsam schlichen die Stunden. Der Arzt kam und beobachtete den Zustand des Kranken. Er äußerte sich nicht darüber, aber es lag ein sorgenvoller Ausdruck in seinen Zügen. »Wir müssen soviel wie möglich dem Fieber vorbeugen,« sagte er im Fortgehen zu Fräulein von Sacken, welche soeben die Nachricht gebracht hatte, daß gegen Abend eine Diakonissin zur Pflege eintreffen würde, vorläufig fordert die Natur noch so gewaltig ihre Rechte, daß die höchlichst überreizten Nerven wie in einem Todesschlafe liegen. Doch denke ich, daß das Bewußtsein noch im Lauf dieser Nacht wiederkehren wird.« 194 Dann gab er noch etliche Verordnungen und versprach, in einigen Stunden abermals nach dem Kranken zu sehen. Fräulein von Sacken löste währenddessen Josephinen ab. Graf Günther begrüßte die Hofdame mit tief gesenktem Haupt, glühende Röte brannte auf seiner Stirn und die wenigen Worte, welche er sprach, klangen gepreßt und heiser. Fräulein von Sacken war voll aufrichtiger Herzlichkeit und Teilnahme, sie war vollkommen einverstanden mit der Bitte des jungen Offiziers, die Nachtwache mit der barmherzigen Schwester teilen zu dürfen. Dann zog sich Graf Lehrbach wieder zurück. Hattenheim kam in der Dämmerung. Er reichte Josephinen beide Hände entgegen, es lag ein tiefer Schmerz auf seinem Antlitz. Er bat sie leise, ihm in das Nebenzimmer zu folgen, da er ihr Verschiedenes mitzuteilen habe. Josephine trat in den Salon der verstorbenen Gräfin und setzte sich auf einen kleinen Sessel neben dem Fenster nieder, sie stützte das Köpfchen in die Hand und blickte traurig zu dem blonden Manne empor. Hattenheim sagte ihr, daß Günther seinen Abschied eingereicht habe, und daß auch er dem Beispiel des Freundes zu folgen gedenke. Die Wandlung der Verhältnisse sei ihm derart unerträglich, daß er fest entschlossen sei, vollkommen mit allem Hiesigen zu brechen. »Das war viel Sturm auf einmal,« fuhr er 195 mit tiefem Aufseufzen fort, »zu viel fast! Wer hätte ein solches Unglück ahnen können! Ich habe entsetzliche Stunden durchlebt, Fräulein Josephine, ich sah es mit an, wie die Wucht dieses Unwetters das schwanke Rohr zu Boden peitschte. Mein Herz stand still in dem Augenblick der Entscheidung, ich habe mehr gelitten als Günther selbst; aber Gott sei gelobt, die Krisis ist überstanden. Der Sturm hat das Mark des Rohres geprüft, hat es mit mildem Atem geschüttelt und es bis in seine tiefsten Wurzeln erzittern lassen, aber geknickt hat er es nicht! Im Gegenteil, es ist sich jetzt der eigenen Kraft und Stärke bewußt geworden und stolzer und höher denn je emporgeschnellt! »In den ersten Stunden nach der furchtbaren Katastrophe fürchtete ich für Günthers Verstand, er schien gebrochen an Leib und Seele, seine Verzweiflung war herzzerreißend, dann hatte sein Schmerz ausgetobt, eine starre, trotzigkühne Entschlossenheit bemächtigte sich seiner. ›Wie gut war es, Reimar‹, sagte er, ›daß jenes graue Gespenst, welches Schicksal heißt, schon vorher bei mir angeklopft hatte, das war der Ritterschlag, welchen mir das Herzeleid gab, damit ich jetzt als Mann und Held die Waffe in heißem Kampfe führen kann.‹ »Wir haben die Zukunft bereits durchsprochen, Pläne gemacht. »Günther wartet eine Entscheidung in der Krankheit seines Vaters ab und will dann sofort 196 von hier abreisen, um sich in Düsseldorf oder München als Maler auszubilden. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als diesen Beruf zu erwählen, wenn er seine Zukunft sicher stellen will, denn das Glückskind, der flotte, übermütige Graf Lehrbach, welcher gewohnt war, das Gold mit vollen Händen auszustreuen, ist über Nacht zum Bettler geworden.« Josephine schrak empor. »Wie ist das zu verstehen?« fragte sie atemlos. Hattenheim strich gedankenvoll mit der Hand über die Stirn und dämpfte seine Stimme zum leisen Flüsterton. »Sie wissen, daß man den Minister beschuldigt, eine bedeutende Summe veruntreut zu haben«, sagte er schwer atmend, »und werden es begreiflich finden, daß Günther Alles aufbieten wird, die Ehre des Vaters so viel wie möglich zu rechtfertigen. Leider Gottes sind wir ja so völlig im Unklaren, ob es Thatsache ist, daß der alte Graf in unbegreiflicher Schwäche mit fremden Geldern spekulirt hat, daß er aus irgend welchem Grund jene Quittung unterschrieb und nicht buchte, kurzum, der entsetzliche Zweifel, ob er schuldig ist oder nicht, ist die furchtbarste Qual für Günther, welche ihn trotz seines Glaubens an die Rechtschaffenheit des Vaters fast zu Boden drückt. »Durch den jetzigen Zustand Seiner Excellenz ist auch jegliches Forschen nach Klarheit abgeschnitten. »Günther erklärte sofort, daß er nur im Sinne 197 seines Vaters handeln würde, wenn er mit seinem eigenen Vermögen die fehlende Summe deckte, und hat diesbezüglich bereits seine Erklärung an das Ministerium abgegeben. »Da nun das baare Vermögen nicht ausreicht, sieht sich mein Freund genötigt, sein Stammgut Lehrbach zu verkaufen.« Ein leiser, zitternder Aufschrei rang sich von den Lippen Josephinens. »Lehrbach verkaufen? Mein Gott, das darf nicht sein! Der Gedanke ist entsetzlich!« Hattenheims Haupt sank noch tiefer auf die Brust. »Und dennoch wird uns nichts Anderes übrig bleiben. Leider Gottes bin ich persönlich allzusehr durch das Majorat gebunden und kann die erforderliche Summe durch mein Baarvermögen nicht stellen, sonst würde ich selbstverständlich das alte Stammschloß der Lehrbachs vor den Händen fremder Leute retten. Nun werde ich in erster Linie nach einem Käufer suchen, welcher auf die Bedingung eingeht, das Gut der Familie zurückzugeben, wenn sich die Verhältnisse derart gestalten, daß es Günther wieder einlösen kann!« Eine dunkle Glut brannte auf dem Antlitz des jungen Mädchens. »Haben Sie diese Angelegenheit in die Hand genommen, Herr von Hattenheim?« Reimar nickte. »Da Günther die Residenz so schnell wie möglich verlassen möchte, habe ich mich erboten, seine Privatangelegenheiten zu regeln. Es 198 wird auf alle Fälle besser sein, denn Günther ist unglaublich unpraktisch und versteht von geschäftlichen Dingen so gut wie nichts. Ich möchte ihm so unendlich gern wenigstens so viel Vermögen erhalten, daß er seine Studien bestreiten kann, welche womöglich an den teueren Stunden und dem kostspieligen Leben einer großen Stadt scheitern!« »Wird denn sein Vater keine Pension beziehen?« »Nein! Günther hat dieselbe im Namen Seiner Excellenz abgelehnt; wir sind übereingekommen, daß der alte Herr im Notfall auf mein väterliches Gut übersiedeln wird!« Josephine atmete schnell. »Ist Lehrbach sehr teuer, kostet es mehr als eine Million?« fragte sie plötzlich. Hattenheim mußte unwillkürlich lächeln. »O nein!« schüttelte er das blonde Haupt, »so hoch wollen wir nicht hinaus. In runder Zahl kann ich Ihnen den Wert des Gutes aus dem Kopfe nicht nennen, doch stehen ja leider Gottes momentan die Ländereien so außerordentlich niedrig im Preise, daß wir mit Mühe die notwendige Summe dafür erhalten werden.« Einen Augenblick sahen ihn die dunklen Augen des Gänseliesels fest und leuchtend an. »Ich werde Lehrbach kaufen, Herr von Hattenheim!« sagte sie kurz. »Sie?« Reimar lachte trotz seines Kummers. »Wollen Sie Groß-Stauffen unter den Hammer 199 bringen, um ein Stückchen Lehrbach zu erwerben? Wie gut und treu Sie es meinen, Fräulein Josephine! Dieser gute Wille wiegt in Günthers Augen gewiß mehr, als all die Goldsäcke, welche ihm ein Käufer für sein Besitztum bieten wird!« »Sie halten mich für ein armes Mädchen?« Auch über das Gesichtchen der jungen Dame huschte ein schelmisches Lächeln. Reimar wurde sehr verlegen. »Ich halte Sie wenigstens nicht für reich genug, um ein Gut, wie Lehrbach, ankaufen zu können!« sagte er wie entschuldigend. Josephine zog einen Brief aus der Tasche. »Lesen Sie!« Hattenheim blickte sie erst betroffen und unschlüssig an, dann entfaltete er gehorsam das Schreiben der Tante Renate, neigte sich näher zu dem Fenster und überflog seinen Inhalt. Am Ende ließ er Hand und Brief langsam sinken und schaute starr vor Erstaunen auf die junge Dame nieder. »Nun?« neckte Josephine mit fast strahlender Heiterkeit. »Hat das Gänseliesel nicht Geld wie Heu? Und ist es nicht eine rechte Chance für Groß-Stauffen, daß seine Besitzerin einen armen Lieutenant heiraten kann?« »Das ist allerdings eine Ueberraschung, welche ich mir nicht hatte träumen lassen!« Reimar sah viel eher bestürzt als erfreut aus, »und es würde ja ein außerordentliches Glück für Günther sein, wenn Ihr Herr Onkel sich zu dem Ankauf des 200 Gutes entschließen würde; pardon , haben noch andere Leute außer Ihnen Kenntniß von dem Inhalt dieses Briefes?« »Außer Lattdorfs Niemand, vor wenigen Tagen ist dieses Schreiben überhaupt erst angekommen; warum fragen Sie?« Der junge Offizier atmete erleichtert auf. »Es würde jetzt eine höchst einfache Lösung der ganzen verwickelten Angelegenheit geben, wenn – nun, wenn Sie Günther heirateten! Ihre kühne Liebe würde darin kein Opfer erblicken, denn sie scheute sich ja auch nicht, angesichts der ganzen Welt an die Seite des verleumdeten und verlassenen Mannes zu treten, dessen guten Namen man steinigt. Für Günther könnte das jedoch nur ein Glück sein, welches ihn mit der Wucht seiner unverdienten Gnade zu Boden drücken würde, und für Sie wäre es überhaupt kein Glück, denn noch haben Sie keinerlei Garantie für die Wandlung in Günthers Charakter. Erst wenige Schritte hat er auf der dornenvollen Bahn des Schicksals gethan, und vorläufig hat der Sturm wohl das tiefe Meer seiner Seele aufgewühlt und die Schlacken und den Schlamm herausgewaschen, aber Perlen hat er uns noch nicht gezeigt, und geglättet und geläutert hat die Flut sich auch noch nicht. Wollte das Glück seinem Liebling sofort wieder zu Hilfe kommen, so würde es mit einem einzigen Sonnenstrahl die reiche Ernte versengen, welche wir mit Sorge und Thränen gesäet haben, Fräulein Josephine. Ich 201 flehe Sie darum zu Ihrem eigenen und zu Günthers Heil an, lassen Sie erst den Segen dieser kummervollen Zeit auf ihn wirken, lassen Sie ihn erst erkennen, was es heißt, durch eigene Kraft auf festen Füßen stehen, lassen Sie ihn nur kurze Zeit in die Schule des Lebens gehen, damit er lernt, sich selber sein Brod zu verdienen! Glauben Sie mir, dadurch thuen Sie ihm einen größeren Liebesdienst, als wenn Sie ihm jetzt alles Gold und alles Glück der Welt in den Schoß schütteten.« »So soll Lehrbach in fremde Hände kommen?« fragte Josephine leise mit tief gesenktem Haupt. »Wenn Ihr Herr Onkel seine Einwilligung zu dem Ankauf gibt, würde er dadurch meinen größten Wunsch erfüllen!« schüttelte Reimar eifrig den Kopf, »nur darum bitte ich Sie, daß meinem Freund der Name des Käufers verborgen bleibt, daß er nicht ahnt, in wessen Hände sein Stammgut übergeht. Da er mir unumschränkte Vollmacht in dieser Angelegenheit gegeben hat, wird es mir hoffentlich gelingen, die Komödie durchzuführen, um so mehr, da Günther in seiner qualvollen Aufregung bat, ihn so wenig wie möglich von all diesen Vorkommnissen wissen zu lassen. Er braucht zu seinem Studium vor allen Dingen seine innere Ruhe und seinen Gleichmut, und diese würden durch ein stets neues Mahnen an die hiesige Misère wohl am grausamsten gestört werden.« Josephine reichte ihm herzlich die Hand entgegen. »Ich füge mich vollkommen Ihren 202 Anordnungen, Herr von Hattenheim, und weiß, daß Graf Günthers Angelegenheiten in den besten Händen ruhen! Sie haben bisher als guter Schutzgeist über meinem Leben gewacht und es mir bereits mit dem besten Erfolge bewiesen, wie gut ich daran that, mein Wohl und Weh Ihrer Fürsorge anzuvertrauen! Ich werde sofort an Onkel und Tante schreiben und ihnen Mittheilung über die Lage der Dinge machen. Dann werden sie hoffentlich sofort hierher abreisen und mit Ihnen das Nähere besprechen.« 203 Zweiundzwanzigstes Kapitel. »Jetzt ist er in die weite Welt!« Scheffel.         Drei Wochen waren seit der Erkrankung des Ministers verstrichen. Eine wesentliche Veränderung war nicht in seinem Befinden eingetreten; er lag bleich und stumm auf dem Lager, die Augen weit und verständnißlos geöffnet, ohne seine Pfleger zu kennen, ohne durch eine Miene und Bewegung zu verstehen zu geben, daß er irgend welchen Anteil an seiner Umgebung nehme. Sehr selten machte er einen mechanischen Versuch zu sprechen, es war dann nur ein schweres Lallen, welches absolut unverständlich blieb. Selbst seinem Sohne gegenüber verharrte er in dieser Lethargie. Der Arzt erklärte, daß der Zustand des Kranken noch Jahre lang mit sehr allmählicher, vielleicht auch gar keiner Besserung fortdauern, daß aber auch ein erneuter Schlaganfall die schwache Lebensflamme über Nacht löschen könne. Er erklärte dem jungen Grafen, daß seine Anwesenheit durchaus nicht 204 notwendig sei und das Warten auf eine Entscheidung sich sehr in die Länge ziehen könne. Da beschloß Graf Günther zu reisen. Von der Stadtkirche hatte es die sechste Abendstunde geschlagen; die Ampel in dem Krankenzimmer brannte bereits, und Hattenheim saß mit tiefgesenktem Haupt in dem bequemen Lehnstuhl und behütete den Schlummer des Ministers. Er hatte sich erboten, bis zur Ankunft der Schwester Magda, welche für heut die Nachtwache übernommen hatte, den Platz am Krankenbett einzunehmen, da sowohl Fräulein von Sacken wie Josephine in den Nachmittagstunden durch den Bazar Marie Christianens verhindert waren, sich der Pflege anzunehmen. Hattenheim war diese Ruhe außerordentlich angenehm, er konnte so ganz seinen Gedanken nachhängen, konnte sichten und klären Alles, was in der letzten Zeit so mächtig auf ihn eingestürmt war. Viel, gar viel ging ihm durch den Kopf. Er hatte gestern Abend eine Unterredung mit Ange Lattdorf gehabt, welche plötzlich einen Abgrund vor ihm aufriß, dessen Tiefe ihn schwindeln ließ. Welch ein furchtbarer Verdacht keimte in diesem Mädchenherzen, wie wußte er mit einem Mal so plötzlich, wen Ange Lattdorf der That für fähig hielt. Sie vertraute ihm ihren Argwohn an. Ihr bleiches Antlitz zeigte ihm, wie ihre Seele unter ihren eigenen Worten litt, wie sie erbarmungslos ihr Herz zermarterte mit selbstgeschaffener Pein. Baron d'Ouchy! Diesen charmanten, 205 allgemein so sehr beliebten Mann wollte sie verdächtigen? Das war eine fixe Idee! Eine krankhafte Marotte! Keine Menschenseele in der ganzen Residenz wird jemals auf einen solchen Gedanken kommen! Und dennoch in der Art und Weise, wie die Komtesse ihre Vermutung begründete, lag viel Wahrscheinlichkeit. Auch Josephine hatten sie ins Vertrauen gezogen und in eine ungemeine Aufregung versetzt. Mit Fanatismus griff sie diesen neuen Faden in dem Labyrinth der momentanen Verhältnisse auf, sie erinnerte sich plötzlich wieder so mancher Aeußerung des jungen Mannes, mit welchen sie die Liste der denuncirenden Momente um ein beträchtliches bereicherte; dennoch beruhte ja Alles nur auf sehr vagen Mutmaßungen. Warum aber konnte d'Ouchy nicht in Wahrheit geerbt haben? Warum sollte der Tod des besagten Onkels, die plötzliche Abreise, die Andeutungen auf eine Verbesserung seiner pekuniären Verhältnisse nur fingirt sein? Dafür fehlten doch jegliche Beweisgründe! Demungeachtet, so lächerlich der Verdacht Hattenheim auch vorkam, erklärte er sich dennoch eifrig bereit, Recherchen anzustellen. Es traf sich günstig, daß die französische Erzieherin seiner einzigen Schwester in der Bretagne zu Hause war und sich nach der Verheiratung ihrer Schutzbefohlenen in die Heimat zurückgezogen hatte. Hattenheim wollte seine Schwester sofort um 206 die Adresse dieser Dame bitten, man konnte ja nicht wissen, ob dieselbe nicht von Nutzen sein würde. All diese Gedanken schwirrten durch seinen Kopf, dazu kam der Kummer, welchen ihn die am morgenden Tag bevorstehende Abreise seines Lieblings bereitete, und welchen er dennoch so heldenmütig zu bekämpfen suchte. Gedämpfte Schritte weckten ihn aus seinen Träumereien; Günther stand hinter ihm und legte den Arm um den Nacken des Freundes. »Mein treuer Reinz!« sagte er leise, neigte sich nieder und drückte das Antlitz gegen die Wange Hattenheims, »wie soll ich jemals meine Schuld gegen Dich abtragen!« Das alte verlegene Lächeln zuckte über das gerötete Antlitz Reimars. »Mach' doch keine Geschichten, Kleiner!« schüttelte er den Kopf, »ist mir ja eine Erholung, daß ich mich einmal hier in der behaglichen Stille ausruhen darf! Da sieh, bis eben habe ich gelesen, dann kamen wieder all die tausend Gedanken über mich! Hast Du schon gepackt? Wo warst Du denn, mein Junge? Ich klopfte vorhin vergeblich an Deine Thür!« Eine unaussprechliche Zärtlichkeit lag in dem Blick und der Stimme des blonden Mannes, er hatte sich so fest vorgenommen, nicht weich zu sein in den letzten Stunden, und nun saß er da und streichelte den dunklen Lockenkopf des Freundes wie eine Mutter, die ihr Baby liebkost. Günther richtete sich empor. »Komm mit in 207 das Nebenzimmer!« flüsterte er mit einem Blick auf den Schlafenden. Hattenheim folgte auf den Fußspitzen, es sah so unbeholfen und linkisch aus, wenn er sich bemühte, recht lautlos zu gehen, und dennoch hatte diese besorgte Art seiner Bewegungen etwas ungemein Rührendes und Einnehmendes. Günther zog ein Billet aus der Tasche und reichte es Hattenheim hin. »Sieh, wie man feurige Kohlen auf mein Haupt sammelt!« sagte er tief aufatmend. Reimar las. Es war ein Billet von der Herzogin Marie Christiane, welche den jungen Grafen ersuchte, ihr einen Besuch abzustatten. »Warst Du da?« Günther nickte. »Ich komme soeben von ihr.« »Und welches war der Zweck der Audienz?« Günther hatte sich in einen Sessel geworfen und wühlte die weiße Hand in sein Haar. »Das war ein Gang in das Fegefeuer!« sagte er mit zitternder Stimme, »das war die furchtbarste Vergeltung, welche ich je für meine Nichtswürdigkeiten empfangen habe! O Reimar! Warum werden den Menschen die Augen meist zu spät geöffnet, warum duldet es eine göttliche Gerechtigkeit, daß man toll und wild durch das Leben hintaumelt und sich an dem Besten und Edelsten in erbärmlichem Leichtsinn, in frivolster Spötterei versündigt! Wie habe ich jenes bleiche, ernste Weib mit meiner Bosheit gegeißelt! Wie habe ich ihr den Heiligenschein um 208 die Stirn gezeichnet und sie in Gemeinschaft mit der Prinzeß Sylvie verketzert! Wie habe ich Alles, was sie anging und zu ihr hielt, durch meine spitzen Zeichenstifte Spießruten laufen lassen, wie habe ich den Fluch der Lächerlichkeit über den Pavillon geschleudert und mich stolz in die Brust geworfen, wenn jenes verächtliche Publikum der großen Welt jenen Bubenstreichen applaudirte! O Reimar, warum ist da keine Hand gekommen, um mir die Feder aus der Hand zu reißen? Warum mußte erst der heutige Tag kommen, um mich so klein und elend vor jene Frau zu stellen, um mir Thränen der Scham und der Reue in die Augen zu pressen! Wohin ich blicke, sehe ich mich gedemütigt! Warum zahlt man mir nicht Gleiches mit Gleichem zurück? Warum foltert man mich mit einem Edelmut, gegen welchen ich mich nicht wehren kann, und welcher meine Brust mit heißeren Qualen füllt, als die Bosheit und der Haß jener großen Menge, welchem ich in stolzem Trotz die Stirn bieten kann? »Die Verläumdung meiner Feinde stählt meinen Mut, ihr furchtlos zu begegnen, aber das milde Vergeben und Vergessen Derer, um die ich es nicht verdient habe, das wuchtet auf mir wie Bergeslast und zeigt mir erst, was für ein erbärmlicher Kerl ich bin, und wie tief der Sturz war, welcher mich zu ihren Füßen niederwarf!« Die ganze leidenschaftliche Erregtheit seines Naturells kam zum Durchbruch, bebend vor Schmerz und Scham preßte Günther sein Antlitz auf die 209 Atlaspolster der Sessellehne, wie ein Aufstöhnen rang es sich aus seiner Brust. Hattenheim trat neben ihn und legte die Hand beruhigend auf die glühende Stirn des Freundes. Er redete ihm zu wie einem Kinde. »Und was wollte denn nun die Herzogin von Dir?« fragte er endlich, als sich Günther energisch aufrichtete und das Haar aus seiner Stirn strich. »Sie gab mir ein Empfehlungsschreiben an den berühmten Maler P. in München,« entgegnete der junge Graf mit zusammengepreßten Zähnen, »einem Manne, dessen Schüler sein so viel bedeutet, wie das Patent zur Meisterschaft in der Tasche haben. Ich werde mit einem Schlage das erreichen, wonach Andere lange Jahre hindurch streben. Wenn er mich als Schüler annimmt, geschieht es einzig der Herzogin zur Liebe. Ja, soweit geht Marie Christiane in ihrer unfaßlichen Güte, daß sie die Stunden für mich bezahlt, obwohl sie mich glauben machen will, der Professor unterrichte sehr talentirte und unbemittelte junge Leute hier und da unentgeltlich. Sie ist decent genug, mir die volle Größe ihrer Wohlthat zu verheimlichen. Dennoch wird dieselbe zeitlebens eine Schuld für mich bleiben, welche ich nicht abzahlen kann. Daß die Herzogin nur durch Josephine von Allem unterrichtet ist, ist wohl selbstverständlich.« Hattenheim legte die Hand auf die Schulter des Sprechers. »Siehst Du, Günther – ich sage es ja immer, das Glück hat noch nicht sein letztes 210 Wort zu Dir geredet! Es bereut schon, seinen Liebling so schlecht behandelt zu haben, und bemüht sich, Dir durch die Güte edler Menschen den neuen Lebensweg nach Kräften zu ebnen!« Günther blickte finster empor. »Ich habe die Launenhaftigkeit des Glückes kennen gelernt, Reimar, und vertraue ihm nicht mehr. Ich will auf eigenen Füßen stehn. Je mühseliger mein Weg ist, desto größer der Triumph, das Ziel zu erreichen. Glaubst Du, die Gerüchte, welche über mich coursiren, wären nicht bis zu meinen Ohren gedrungen? Man zerbricht sich den Kopf darüber, was aus dem unbedeutenden, oberflächlichen Lehrbach, welcher mit Mühe und Not sein Offiziersexamen gemacht hat, werden wird! ›Kunstreiter vielleicht‹ – spottet man, ›denn im Sattel wußte er sich ganz manierlich zu behaupten!‹ Meinst Du nicht, Reinz, daß dies ein würdiges Ende für die glänzende Laufbahn des Glückskindes wäre? – Ich will beweisen, daß man noch anderen Lorbeer als solchen, welchen die Manege bietet, erwerben kann! Und sollte über Nacht ein Wunder geschehen und mir das ›verlorene Paradies‹ meiner Stellung, meines Reichtums und meines gerechtfertigten Namens zurückerstatten, ich würde es nicht als ein Glück preisen und nicht Besitz davon ergreifen. Ich würde stolz und trotzig den jetzt eingeschlagenen Weg weitergehn, um den Leuten zu zeigen, daß der unbedeutende Graf Lehrbach sich auch eine Stellung in der Welt aus eigener Kraft erwerben kann, ohne am Cirkus zu scheitern!« 211 »Möge Gott es Dir gelingen lassen, Günther, und Dir die Ausdauer schenken, welche zu einem solchen Leben voll Arbeit, Entsagung und Demütigung notwendig ist! Ich fürchte, der Kontrast ist zu entsetzlich schroff, Du kennst nicht den Fluch der Armut, Du hast bis jetzt die Menschen von oben herab geschaut und weißt nicht, wie es thut, sich ihnen unterzuordnen. Vorhin habe ich noch darüber nachgedacht, ob es jetzt nicht ein Segen für Dich wäre, der Verlobte einer Prinzeß Sylvie zu sein! Wie anders würden dann die Würfel gefallen sein!« Der prüfende Blick Reimars schien bei den letzten Worten bis in die tiefste Seele des jungen Offiziers dringen zu wollen, wie in atemloser Spannung erwartete er die Antwort. Günthers Auge blitzte. »Wirklich? Glaubst Du?« Ein fast neckender Zug spielte um seine Lippen und warf sie verächtlich auf. »Damit ein Unglück noch zum andern gekommen sei, wünschst Du mir die Fesseln eines Weibes, welches ich kaum respektiren, geschweige denn lieben kann? Du hast eine seltsame Ansicht von dem Glück, Reimar. Es muß wahr sein, was die Leute sagen, ich habe mich auffallend verändert seit einiger Zeit und schärfere Augen bekommen. Früher ließ ich mich noch von einer Krone blenden und hielt sie für wertvoller als das Haupt, welches sie trug, da wäre ich im Stande gewesen, mein Herz auf dem Altar der Eitelkeit zu opfern! Da war ich das Glückskind, über welches Fortuna ihr reichstes Füllhorn ausgeschüttet, und 212 ich streckte unersättlich die Hände nach noch glänzenderem Loos und strebte selbst nach Fürstenkronen. Heute bin ich ein Bettler an Ehre, Glück und Gold, und dennoch, glaub' es mir, Reimar, auf mein heilig Wort, würde ich keine andere Antwort für eine Prinzessin Sylvie haben, als die, welche ich ihr neulich gab. Denn das Einzige, was ich aus dem großen Schiffbruch rettete, ist mein Herz , und das verschachere ich selbst um eine Krone nicht!« Hochaufgerichtet stand Job Günther, stolzer und triumphirender als jemals in den Tagen seines Glückes. Ja, die Leute hatten recht, er war ein Anderer geworden. Hattenheim zog ihn an seine Brust. Strahlende Glückseligkeit lachte aus seinen Augen, er nickte stumm zur Antwort. »Das ist Dein Werk«, dachte er im Herzen. »Der liebe Herrgott hat's gelingen lassen, und wenn die Arznei auch grausam bitter schmeckte, sie hat meinen Liebling doch an Leib und Seele gesund gemacht!« Günther aber trat zu dem Krankenlager, neigte sich über das greise Haupt seines Vaters und blickte mit wehem Herzen in die weitgeöffneten, ausdruckslosen Augen. Mit zärtlichsten Namen nannte er den Kranken, streichelte die bleichen, abgezehrten Hände und küßte sie mit zuckenden Lippen. Regungslos lag der Minister, kein Blick, keine Miene verriet, daß er sein einzig Kind erkannte. Und so – so von ihm scheiden! 213 Ein namenloser Schmerz zitterte durch die Brust des jungen Mannes, brennend heiß traten die Thränen in sein Auge. Er kniete neben dem Bett nieder und drückte das Antlitz auf die kühlen Linnen. Die Hand des Ministers glitt mechanisch über die seidenen Falten der Decke und blieb willenlos auf dem lockigen Haupt des Sohnes ruhen. Da war's, als wolle er ihn segnen. Ein Zittern ging durch Günthers Glieder, er verharrte regungslos, wie eine Ahnung bebte es durch seine Seele, daß dies ein Abschied für ewig sei. Die Lichtflamme knisterte auf und warf einen schnellen Widerschein auf das lebensgroße Bild der verstorbenen Gräfin, welches dem Krankenlager gegenüber an der Wand hing. Mit dunklen Augen schaute die bleiche Frau auf Gatten und Sohn hernieder, und wie ein verklärtes Lächeln wehte der Lichtschein über ihr Antlitz. Schwester Magda war lautlos eingetreten, Hattenheim winkte ihr stumm, da schritt sie zurück und ließ die Portière niederfallen. »Stören wir nicht diesen Abschied,« flüsterte Reimar leise, »seine ernste Weihe ist der Talisman, welchen mein armer Freund in die hohe Flut des Lebens mit hinausnimmt!« Und stille blieb es, todtenstill in dem Krankenzimmer. – 214 Dreiundzwanzigstes Kapitel. Was ist das Leben ohne Liebesglanz? Ich werf' es hin, da sein Gehalt verschwunden! Schiller.         Frisches, lachendes Maiengrün knospete rings an Bäumen und Hecken. Die Vögel jubelten in der blauen Luft, die Menschen sperrten Fenster und Herzen auf und ließen die goldenen Sonnenstrahlen ein, welche eine farbenglänzende und luftige Brücke zwischen Himmel und Erde bauten und der weiten Welt verkündeten: »Der Mai ist gekommen! Der Winter ist aus!« Auch durch die hohen Spiegelscheiben des Lehrbachschen Hauses flutete es wie Licht und Frühlingslust. Kisten standen auf dem Hausflur aufgetürmt, verpackte Möbel und Reisekoffer. Zwischendurch schritten Fräulein von Sacken und Josephine und wiesen die Dienerschaft an, welche mit regem Eifer in den – zumeist schon ausgeräumten Zimmern – hantirten. Das Haus war von der Herzogin Marie Christiane angekauft worden, um zur Winterwohnung für die hohe Frau ausgebaut zu werden, da der Pavillon sich bei 215 den stets zunehmenden rheumatischen Leiden derselben als zu kalt und feucht erwiesen hatte. Morgen sollte nun das Haus geräumt werden und der Umzug des kranken Ministers von Statten gehen, da die Besserung desselben sehr bedeutende Fortschritte gemacht hatte, auch Bewußtsein und Sprache langsam wiederkehrten. Man sprach sehr viel darüber. Gewisses wußte Niemand, aber das Gerücht ging, daß Herr von Hattenheim das Gut Lehrbach ebenfalls unter der Hand, und ohne daß Jemand etwas davon geahnt hatte, an eine sehr reiche Ausländerin verkauft habe, mit dem Vorbehalt, daß Seine Excellenz Zeitlebens eine Wohnung in dem linken Schloßflügel innebehalten könne. Das war allem Anscheine nach gestattet, denn wie man hörte, sollte in den nächsten Tagen die Uebersiedelung nach Lehrbach stattfinden. Man zerriß sich die Mäuler über das »Gänseliesel«, welches sich so vollkommen als zu dem Hause Lehrbach gehörig gerirte und sogar dem alten Minister zu Liebe die Residenz ebenfalls verlassen wollte. Man nahm sich auch vor, dem kleinen Landfräulein merklich zu verstehen zu geben, daß sie hier überflüssig geworden sei. Prinzessin Sylvie sollte sogar ganz öffentlich geäußert haben: »Die gute Freundin eines Schwindel-Monsieur paßt nicht zu uns; die wird feste geschnitten, Kinder!« Dadurch war das Signal zu allgemeiner Demonstration gegen Fräulein von Wetter gegeben. Nur Prinz Detlef war dickköpfig und nahm die Partei der 216 jungen Dame, ritt ihr sogar Fensterparaden und erklärte, daß er und seine Farbenbrüder schon dafür sorgen würden, daß die reizende kleine Josephine eine Rolle auf den Bällen spielen solle! Darüber gab es hitzige Debatten. Leider wurde aber keiner Partei Gelegenheit gegeben, Fräulein von Wetter die Gesinnungen zu beweisen. Denn das Gänseliesel spielte das Prävenire und besuchte seit der Erkrankung der alten Excellenz keine Gesellschaften mehr, und die Bälle hörten ja so wie so durch die Fastenzeit schon von selber auf. Nur bei Gelegenheit des Wohlthätigkeitsbazars, auf welchem Josephine mit Fräulein von Sacken Spitzen und Stickereien verkauft hatte, war es sehr auffällig gewesen, wie ostensibel die meisten Herrschaften der Hofgesellschaft mit weggewandtem Kopf an der jungen Dame vorübergingen und weder von ihr noch von ihren Verkaufswaaren Notiz nahmen, bis schließlich Prinz Detlef kam und wie mit Zauberschlag das Bild veränderte. Der einzige Einkauf, welchen er machte, bestand aus Josephinens Stickereien. »Wie blödsinnig benimmt er sich!« knirschte Sylvie, als sie sah, in welchen Quantitäten ihr Bruder dem Gänseliesel abkaufte. Da wimmelte es plötzlich von Saxo-Borussen um den Tisch des Fräulein von Wetter. Unglaubliche Preise wurden bezahlt, und in wenigen Minuten waren sämmtliche Verkaufsartikel der jungen Dame 217 vergriffen. Wie eine Siegestrophäe schlangen sich die Herren die Spitzen oder gestickten Streifen neben den Farben ihrer Verbindung um die Brust. Prinz Detlef trug sogar sehr ostensibel drei Chenilleglocken aus dem Fichu des Gänseliesels, für welche er am Schluß eine ganz horrende Summe geboten hatte, als Orden in dem Knopfloch. Das war ein unglaublicher Aerger für die meisten Anwesenden und verursachte der Gräfin Aosta für längere Zeit Migräne. Die kostbare Toilette aber, welche sie sich in den Farben der Saxo-Borussia hatte anfertigen lassen, blieb vorläufig als »zur Disposition gesetzt« in dem Schranke hängen. Herr von Reuenstein hatte einen verzweifelt schweren Stand und wußte beim besten Willen nicht, wie er sich gleichmäßig in die beiden feindlichen Lager teilen sollte. Als er mit Prinzessin Sylvie an dem Gänseliesel vorüberging, schnitt er sie natürlich; und als er sah, daß Prinz Detlef bei ihr kaufte, lief er sehr hastig und viel beschäftigt an ihrem Tische vorüber und rief ihr zu: »Bitte, mein gnädiges Fräulein, reserviren Sie mir ein zolllanges Stückchen Spitze zu zehn Mark!« Das richtete er aber so ein, daß nur der Prinz die Bestellung hörte und ihm gnädig zunickte; die feindliche Partei bemerkte diesen Zwischenfall gar nicht und erhielt ihm ihre Huld und Gnade ebenfalls. Baron d'Ouchy hatte von vornherein an dem Tisch des Fräulein von Wetter Posto gefaßt; es war das erste Mal, daß ihn Josephine nach seinem 218 Urlaub wieder sah, und unwillkürlich zuckte sie bei seinem Anblick zusammen. Sie fand ihn verändert, er sah sehr elend und abgespannt aus, auch war sein Blick noch unruhiger und flackernder denn sonst und konnte dem ihren anfänglich nicht ganz so frei begegnen wie früher. Er erkundigte sich nach dem Befinden des Ministers und schien aufrichtigen Anteil an dem Schicksal des alten Mannes zu nehmen; das war wohl selbstverständlich. »Wer hätte das gedacht!« sagte er mit düsterem Kopfschütteln. Dann brachte er einen Veilchenstrauß, welchen er bei Ange gekauft hatte, und überreichte ihn Josephine mit einem sehr beredten Blick. »Trifft man Sie denn nirgends mehr?« fragte er leise, als Fräulein von Sacken sich einen Augenblick abwandte. »Vergebens hoffte ich bei jedem Fest Ihnen zu begegnen, ich habe Ihnen viel zu sagen, Fräulein von Wetter!« Josephine sah ihm fest in das Auge. »Ich sehe nur noch die Menschen, welche den Mut haben, in dem Lehrbach'schen Hause aus- und einzugehen.« »Würden Sie mich daselbst empfangen? Ich versichere Ihnen, daß ich noch ganz andere Proben von Courage ablegen würde und es mit schwierigeren Hindernissen aufnähme, wenn mir dieselben den Weg zu Ihnen versperrten. Man sagte mir jedoch, daß keinerlei Visiten bei dem Minister angenommen werden und daß mein Weg ein vergeblicher sein würde.« 219 Josephine senkte das Haupt. »Vorläufig müssen wir allerdings auf die größte Ruhe im ganzen Hause sehen.« »Ich fragte soeben Komtesse Ange, ob wir nicht wieder einmal musiciren wollten. Sie lehnte es für die nächste Zeit wegen ihrer nervösen Kopfschmerzen ab. Ich habe also keine Aussicht, Sie bald wiederzusehn?« Es lag etwas Verzehrendes, Fieberisches in seinem Blick. »Demnach nicht!« »Wie ist es so schwer, sich gedulden zu müssen, wenn man sich am Ziele glaubte!« murmelte er düster. »Vergessen Sie nicht, Fräulein Josephine, daß ich mit Schmerzen auf eine Nachricht von Ihnen warte, welche mir einen Besuch im Hause des Ministers gestattet!« »Ich werde Sie benachrichtigen.« Josephine sah ihn dankbar an. Sie glaubte nicht anders, als daß d'Ouchy über die unselige Affaire mit ihr sprechen wollte. Indem trat Prinz Detlef mit heiterstem Gruß zu ihr heran. Seit der Zeit fand sie oft zarte, vielsagende Blumensträuße in Villa Carolina vor, welche ein kurzer Gruß d'Ouchys begleitete; sie nahm dieselben für ein sehr liebenswürdiges Zeichen seiner Teilnahme. Ange war auffallend bleich und ernst, nach und nach kam jedoch eine freudige Ruhe über sie. Sie 220 atmete oftmals wie erleichtert auf und stand zuweilen stundenlang am Fenster, um auf Reimar zu warten. Als er ihr mitteilte, daß er gleich Günther seinen Abschied eingereicht habe, war es ihm vorgekommen, als ginge ein Zittern durch ihre schlanke Gestalt, als sei ein Zusammenschrecken daran schuld gewesen, daß die kleine Porzellanfigur, welche sie gerade von dem Sims genommen hatte, um sie abzustäuben, aus ihrer Hand glitt und auf dem Parquet in Scherben schlug. Er hatte dann die Splitter so geschäftig aufgelesen, daß er ihre Antwort gar nicht recht gehört hatte, aber es war ihm, als hätte sie gesagt: »Wie einsam wird es werden, wenn Alle gehn.« Darauf hin hatte er sie daran erinnert, daß sie ja für die Sommermonate als Gast nach Groß-Stauffen und Lehrbach geladen sei. Das solle eine herrliche Zeit geben, der Landaufenthalt würde ihr gewiß ebenso behagen wie ihm, und er sei höchlichst gespannt, seine verehrte Cousine auch einmal ohne Glacéhandschuhe und ohne den steifen Zwang einer Residenz kennen zu lernen! »Wirst Du denn auch in Lehrbach sein?« hatte Komtesse Lattdorf mit flüchtigem Rot auf den Wangen gefragt. »Ich habe Fräulein Josephine versprochen, im Juli auf vierzehn Tage oder drei Wochen zu kommen, um den Neubau, welcher bereits vom alten Grafen Lehrbach begonnen ist, etwas zu controliren.« 221 »Und in Zukunft wirst Du dauernd auf Deinem elterlichen Gut leben?« Reimar nickte. »Die Pacht von Hattenheim und Laubsdorf läuft nächstes Jahr ab. Ich werde alsdann versuchen, meine Scholle selber zu bewirthschaften, und glaube wohl, liebe Ange, daß ich die Einsamkeit mehr empfinden werde als Du, die so viel Zerstreuung und Anregung in der großen Welt findet. Bei mir ist es sehr still und einsam, ich werde ganz allein auf meinem grauen Strandschloß sitzen und meine einzige Freude werden die Briefe meiner fernen Freunde sein. Aber besser so, als inmitten dieses bunten Lebens wie ein Einsiedler umhergehn. Ich bin ein wunderlicher Gesell und gehöre nicht unter die Menschen und werde auch nicht von ihnen vermißt werden – –« »Doch, Reimar! Ich werde Dich täglich und schmerzlich vermissen!« Ange reichte ihm die kleine Hand herzlich entgegen, »und werde es erst recht durch den Verlust empfinden, welch ein lieber und treuer Freund Du mir gewesen!« »Ein rechtschaffener Freund, Ange, ein rechtschaffener!« stotterte er mit dunkler Glut auf der Stirn, und unwillkürlich huschte sein Blick nach dem Schreibtisch der Komtesse. Das Tagebuch lag jedoch nicht mehr da, er hatte es überhaupt nach jenem Ballabend nicht wieder gesehn. – – – Er wußte ja nun auch, gegen welchen Mann seine Cousine bei ihm Schutz suchte, wer mit giftigen Melodieen ihre Seele zu umstricken drohte, wessen 222 Liebe nicht Recht, Gesetz und Macht kennt! Und er richtete sich unwillkürlich empor zu seiner vollen, stattlichen Höhe, dehnte die nervigen Arme und warf das Haupt in den Nacken. »Nur getrost, liebe Ange, hier steht Einer, welcher Dich rechtschaffen gegen jeden Zampa schützen wird!« Von Baron d'Ouchy fing er dann auch an zu sprechen und teilte seiner Cousine mit, daß er leider keinerlei Resultat bei seinen Nachforschungen erzielt habe. Der Onkel des jungen Diplomaten sei thatsächlich in der Bretagne gestorben, wenngleich derselbe in solch bescheidenen Verhältnissen gelebt habe, daß eine große Hinterlassenschaft kaum glaublich sei. Dennoch sei es ja sehr oft die Marotte eingefleischter Geizhälse, daß sie darben und hungern, um ihren Mammon desto höher und goldener aufspeichern zu können. – Ange hörte den Bericht mit niedergeschlagenen Augen. »Ich muß gestehen, daß mein Glauben an irgend welche Aufklärung in dieser unglücklichen Angelegenheit bedenklich erschüttert ist. Wenn d'Ouchy seine Hände dabei im Spiel hat, so halte ich ihn nach all den jetzigen Erfahrungen für viel zu raffinirt, um sich nicht nach allen Seiten hin gedeckt zu haben. Sehr begierig bin ich, ob er sich Josephine thatsächlich erklären wird; sein Benehmen läßt kaum noch einen Zweifel zu.« – – – – – – So war der Mai gekommen, und der Tag stand vor der Thür, an welchem Seine Excellenz der Graf 223 Lehrbach sein Haus räumen mußte, um für alle Zeiten von der Bühne der großen Welt abzutreten, auf welcher er lange Jahre eine so einflußreiche und hervorragende Rolle gespielt hatte. Aus den Augen, aus dem Sinn! Man hatte sich an die geschlossenen Fensterläden des Ministerhotels gewöhnt, man fragte nicht mehr viel danach, ob hinter ihnen ein bleiches Angesicht in todtähnlichem Schlafe lag. Seit man die schlanke Gestalt nicht mehr an der Seite Franz Eginhards sah, seit das weiße Haupt mit den grauen, durchdringenden Augen nicht mehr über das Wohl und Wehe eines ganzen Landes wachte, gedachte man seiner nicht mehr und ließ das Geschehene wie ein Nebelbild in dem Meer der Vergessenheit zerrinnen. In kaum acht Wochen! Man lebt schneller in einer Residenz als im stillen Idyll eines Groß-Stauffen. In dem Salon neben dem Krankenzimmer klangen gedämpfte Stimmen. Josephine war Baron d'Ouchy entgegengetreten, welcher ihr sehr unerwartet gemeldet wurde. Er stand neben einem Sessel. Die Hand, welche sich auf die Lehne stützte, zitterte. Die grünseidenen Vorhänge waren geschlossen und warfen einen fast lividen Schein über das schmale, farblose Gesicht des Diplomaten. Tiefliegender denn je brannten die düsteren Augen unter den Brauen, und in herbem Trotz preßten sich die Lippen noch schmaler denn sonst zusammen. 224 »Sie wollen abreisen, mein gnädiges Fräulein?« fragte er kurz. Josephine reichte ihm herzlich die Hand und nickte unbefangen. »Wir müssen die Wohnung hier räumen, weil bereits in nächster Woche die baulichen Veränderungen vorgenommen werden sollen!« »Und Sie wären gegangen, ohne Ihr Versprechen zu erfüllen, mir vorher noch einen Besuch im Lehrbachschen Hause zu gestatten?« D'Ouchys Lippen bebten. »Da Sie für heute Abend eine Einladung zu Lattdorfs erhalten haben, glaube ich, mein Wort damit eingelöst zu haben!« Josephine setzte sich ermüdet auf die Chaiselongue nieder, und lud d'Ouchy mit einer höflichen Geste ein, ebenfalls Platz zu nehmen. »Sie wissen, mein gnädiges Fräulein, daß es in Gesellschaft unmöglich ist, sich in privater Angelegenheit auszusprechen, und es ist der hauptsächliche Zweck meines Besuches, Sie allein zu sehen. Ich hätte Sie nicht für so grausam gehalten, mich so lange Zeit in quälender Ungewißheit harren zu lassen, denn ich darf nach unserer Unterredung in dem Wintergarten wohl annehmen, daß Ihnen der Grund meines Besuches nicht unbekannt ist?« Eine jähe Angst überkam das junge Mädchen, warum wollte er sie noch mit Erinnerungen quälen? Sie lenkte ab. »In dem Wintergarten sprachen wir über Drachen und Ungeheuer und das moderne Gespenst, 225 welches Gold heißt«, lachte sie etwas gezwungen heiter, »und erinnere ich mich sehr wohl, daß Sie den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen wollten, um die Berge zu stürzen, welche es Ihnen in den Weg türmt. Dieser Weg zum Glück war Ihrer Ansicht nach mit Gold gepflastert, und wenn ich nun etwas Geschick zum Kombiniren habe, so nehme ich an, das der Grund Ihres heutigen Besuches der ist, mir von dem Triumphe zu erzählen, welchen Sie über den Drachen ›Gold‹ gefeiert haben. Denn soviel ich gehört habe, sind Sie als reicher Mann aus der Bretagne zurückgekommen.« D'Ouchys Blick hing wie gebannt an ihrem lachenden Gesichtchen. Reizender denn jemals däuchte ihm Fräulein von Wetter in dem schlichten schwarzen Kleid, von welchem sich die kleinen Hände so weiß und edelgeformt, wie aus Marmor gemeißelt, abhoben. »Allerdings, Fräulein Josephine, das wollte ich Ihnen sagen. Nehmen Sie nicht Anteil daran, daß mir plötzlich die goldenen Thore zum Glück aufgethan sind?« »Von Herzen gratulire ich Ihnen dazu, und ich wundere mich, daß Sie vor kurzer Zeit noch so hoffnungslos in die Zukunft blickten! Warum haben Sie den alten reichen Erbonkel so ganz verheimlicht? Das Bewußtsein seiner Existenz hätte Sie doch mit der größten Zuversicht erfüllen müssen.« 226 Es lag plötzlich etwas gewaltsam Starres in den Zügen des jungen Diplomaten. Er neigte sich näher und dämpfte seine Stimme. »Gestatten Sie mir, mich Ihnen rückhaltlos anzuvertrauen, Fräulein Josephine! Was nie einer anderen Menschenseele gegenüber verlauten soll, und was ich als mein tiefstes Geheimniß erachte, will ich Ihnen als das größte Zeichen meiner zuversichtlichen Ergebenheit mitteilen.« Josephine zuckte empor und starrte atemlos in sein Auge. D'Ouchy aber fuhr flüsternd fort: »Jener Onkel in der Bretagne war kein Erbonkel, von welchem ich mir goldene Schätze erhoffen durfte; ich wußte, daß ich nur ein ganz kleines, unbedeutendes Kapital von ihm zu erwarten hatte. Dennoch war ich entschlossen, diese kleine Summe zum Schicksal meines Lebens zu machen. Glückseliges Leben oder schnellen Tod sollte sie mir bringen. Ich wollte sie in die Wagschaale werfen und mein Alles auf eine einzige Nummer setzen. Noch vor Jahresfrist würde mir ein solches Beginnen als Wahnsinn erschienen sein, denn damals kannte ich kein Ziel, welches eines solchen Hazardspiels wert gewesen wäre. Wie aber das Schicksal eines Menschen oft von einem Augenblick besiegelt wird, so entschied sich auch mein Loos durch einen einzigen Blick in ein blaues Mädchenauge, welches meine ganze Seele, mein ganzes Herz zu eigen nahm. Wie ein wildes Fieber faßte mich die Leidenschaft, ich war entschlossen, Alles für meine Liebe zu 227 wagen, mir Sieg oder Untergang zu bereiten in dem tollkühnen Streben nach ihrem Besitz. Ich spielte in der Lotterie, und ich verlor, ich sah keinen Weg mehr, welcher mich zum Ziel führen konnte. Ich stand im Begriff, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Da kam die Nachricht von dem Ableben meines Onkels. Noch einmal klammerte sich meine Hoffnung voll glühenden Aufflackerns an einen Strohhalm. Ich reiste nach der Bretagne und nahm die erbärmliche kleine Summe in Empfang. Sie sollte der letzte Wurf sein, welchen ich nach dem Glücksring wagte. Ich reiste nach Monte Carlo. Entweder wollte ich als reicher Mann, oder niemals wieder hierher zurückkehren. Ich setzte meine Summe, und ich gewann! Nie hat ein Mensch mit rasenderem Glück gespielt als ich, der Verzweifelnde, welcher Blut und Leben auf die Karte der Coeur-Dame setzte. Ich bin als reicher Mann hierher zurückgekehrt, die Liebe hat mich nicht verlassen.« D'Ouchy machte tiefaufatmend eine Pause, ein verzehrendes Feuer glühte in seinem Blick, näher neigte er sich und faßte Josephinens Hand mit zitternder Leidenschaft. Eine tiefe Enttäuschung hatte sich während seiner Worte auf ihrem Antlitz gemalt, mit großen, glanzlosen Augen starrte sie ihn an, d'Ouchy aber fuhr in fieberischer Erregung fort: »Und wissen Sie auch Josephine, wer also zum Inbegriff meines Lebens geworden ist? Wer es 228 mir mit dem Sonnenblicke blauer Augen angethan hat, daß plötzlich all mein Sein und Denken einem Sturmwind glich? Diese süßen, lachenden Lippen sind es gewesen, welche mich mit wahnsinnigem Durst nach ihrem Kuß erfüllt haben, deren verheißungsvolle Worte mich berauschten und in den Kampf auf Tod und Leben trieben, welche meines Daseins Schicksalsspruch geflüstert haben an jenem Abend, da Sie mir versprachen, kurze Zeit in Treu und Glauben noch ausharren zu wollen. Das Ziel ist erreicht, Josephine, ich habe mich ohne Grauen vor Nacht und Verderben in die Tiefe des Lebensmeeres gestürzt, um Dich, Du weiße Perle, dem Schicksal abzuringen. Und nun, da ich den Sieg gewonnen, verlang' ich auch den Preis, den Du mir verheißen, Dich, Josephine, Dich und Deine Liebe!« Mit einem leisen Aufschrei war Fräulein von Wetter vor ihm zurückgewichen. War d'Ouchy wahnsinnig geworden? Das heiße Zigeunerblut kochte hinter seinen Schläfen und färbte sein Antlitz mit dunkler Glut; wild entfesselt brannte das Feuer der Leidenschaft in den düstern Augen und ließ sie schaudernd in den Abgrund einer zügellosen Menschenseele blicken. »Doch wenn er liebt, nimm Dich in Acht!« gellte es vor ihren Ohren, wie ein Nebel zerriß es vor ihren Augen. Hoch und stolz richtete sie sich empor. »Sie erlauben sich mir gegenüber eine Sprache, Baron d'Ouchy, deren Sinn ich nicht verstehe, und 229 deren beleidigende Art ich mir verbitte. Welch ein Recht haben Sie, und welch eine Veranlassung habe ich Ihnen zu dem wahnsinnigen Glauben gegeben, daß ich Sie liebe?« Wie erstarrt stand ihr der junge Mann gegenüber, fahl wie die Gipsreliefs über seinem Haupte ward sein Antlitz. »Josephine!« schrie er auf, wie Einer, der die Todeswunde in der Brust fühlt. Einen Augenblick herrschte tiefe Stille, dann trat Leon d'Ouchy wankend einen Schritt näher. »Warum haben Sie ein so grausames Spiel mit mir getrieben?« fragte er mit zitternden Lippen. Josephine sah ihn entsetzt mit weit geöffneten Augen an. »Ein Spiel mit Ihnen? . . Mein Gott – Sie sprechen in Rätseln, Baron d'Ouchy, es scheint hier ein peinlicher Irrtum zu walten!« Er biß die Zähne zusammen, preßte die Hände gegen die Brust. »Haben Sie mir nicht in dem Wintergarten versichert, daß Sie nicht mit Hattenheim verlobt seien, daß Sie in Treue noch kurze Zeit ausharren wollten, bis es sich entschieden habe, ob das Glück nicht auch uns sein lächelnd Antlitz zeige? War das nicht mehr als eine Versicherung, daß meine Liebe erwidert sei?« D'Ouchy stützte sich schwer auf die Sessellehne, ein fast irres, drohendes Feuer sprühte aus seinem Blick. Josephine schlug die Hände vor das Angesicht. »Diese Frage war für Sie gethan? Allmächtiger Gott, wie konnte ich so mit Blindheit geschlagen sein?« 230 »Für mich gethan? . . . . . . Für wen sollte ich sonst eine Frage an Sie richten, welche über das Lebensglück zweier Menschen entscheidet?« Wie Schluchzen klang es durch die Stimme des jungen Mädchens. »Ich hielt Sie für seinen Freund, ich hatte keinen andern Gedanken als ihn und war der Meinung, daß Sie längst das Geheimniß meines Herzens erraten hätten!« Wie ein Sterbender starrte d'Ouchy zu ihr herab, momentan war es, als ringe er keuchend nach Worten, dann gellte plötzlich ein wahnwitziges Lachen auf. Seine schlanke Gestalt brach auf den Sessel nieder, wie zischend rang es sich von seinen Lippen: »Ein Anderer! Also Alles für einen Anderen! Und das war Deine große Verheißung, Glück, das war der Lohn, um welchen die Hölle ihren Sieg gefeiert! Ein Anderer, ein Anderer, der mir die Narrenkappe über die Ohren zog!« Dann sprang er plötzlich wieder auf und umklammerte die Hand Josephinens mit fast schmerzendem Druck. »Und dennoch kein Anderer! Denn Ihr Erröthen, Ihr schüchtern gesenkter Blick, der Ausdruck Ihrer Züge, da Sie vor mir der Gretchenblume süßes Orakel befragten, all die tausend kleinen Liebenswürdigkeiten, mit welchen Sie mich auszeichneten, die galten keinem Anderen, die galten mir! Und darum, Josephine, erbarm' Dich meiner Verzweiflung und meines verlorenen Lebens, laß mir den süßen Glauben an Deine Liebe, ohne welche ich nicht mehr bestehen kann! Hab' Mitleid mit dem 231 Manne, auf welchem der Fluch einer ungebändigten Zigeunerwildheit lastet, dessen Leben nur eine einzige rotglühende, betäubend und berauschend duftende Liebesrose trägt, an welcher seine Seele verblutet, wenn ihr Kelch erbarmungslos geknickt wird! Was ein Mensch um seiner Liebe willen wagen und opfern kann, habe ich gethan! Zum Inbegriff meines Lebens habe ich sie gemacht und werde zum Bettler, wenn ich sie verlieren soll! Josephine, laß mich nicht – so nahe dem Ziele – noch zu Grunde gehen! Und wenn Du mich getäuscht hast, so laß es jetzt sein, da Du mich glauben machen willst, daß ein Anderer die Saat geerntet, welche ich mit der Ruhe meines Gewissens, mit dem höchsten Einsatz, welchen ein Mann wagen kann, gesäet habe!« Es lag ein unaussprechlicher Ausdruck in dem farblosen Antlitz, welches zu Josephine emporstarrte wie das eines Schuldigen, welcher seines Richterspruches harrt. D'Ouchy war an ihrer schlanken Gestalt herniedergeglitten, wie ein Verzweifelnder rang er zu ihren Füßen. Ein namenloses Weh erfaßte das Herz des jungen Mädchens, die zitternde kleine Hand legte sich auf sein Haupt. »Möge Gott mir vergeben, was ich unbewußt an Ihnen gesündigt habe, Leon«, sagte sie weich, mit versagender Stimme, »und möge er Ihnen den Frieden wiederschenken, welchen ich Ihnen ahnungslos geraubt habe. Auf den Knieen will ich ihn darum bitten, zu unser Beider Heil! Meine 232 aufrichtigste Teilnahme an Ihrem Mißgeschick, mein treuestes Hoffen für Ihre glückliche Zukunft weihe ich Ihnen von ganzem Herzen, mehr kann ich Ihnen nicht geben, Baron d'Ouchy. Denn die Liebe, welche Sie verlangen, gehört einem Andern, von dem ersten Augenblick, welcher mich den Begriff Liebe verstehen lehrte, bis zu dem letzten Augenblicke und zu dem letzten Schlage, welchen mein Herz thut!« Baron d'Ouchy hatte sich emporgerichtet, mit gläsernem Blick starrte er ihr in das Auge. Wild, außer sich vor fiebernder Leidenschaft riß er sie an sich. »Wehe Dir und mir, wenn dies Wahrheit ist!« keuchte er. »Du weißt nicht, Weib, was ich für Dich gethan habe! Gib mir meine Seele zurück, welche ich verpfändete, zahle mir mit Küssen meinen Judasgroschen aus,« und er neigte sich, um, gegen ihre verzweifelte Abwehr ringend, seine Lippen auf ihr lockiges Haar zu pressen – – Dann schrak er plötzlich zusammen, ließ die Arme schlaff herniedersinken und wandte das Haupt lauschend zur Nebenthür. » Leon d'Ouchy! « rief es ihn mit leiser, klagender Stimme. Ein Zittern lief durch seine Glieder, wie von unsichtbarer Hand widerstandslos hingerissen, wankte er dieser Stimme nach gegen die Thüre des Nebenzimmers. »Das war der Minister,« murmelte er, »das war Lehrbach« – und mit unsicheren Schritten, gleich einem Mondsüchtigen, bebend vor Grauen und dennoch wie gebannt näherte er sich Schritt um Schritt dem Krankenlager. 233 Starr, regungslos lag der alte Mann, seine weit geöffneten Augen brannten aus ihren tiefen Höhlen dem Nahenden entgegen. »Leon d'Ouchy,« flüsterte er mit fieberischer Anstrengung, »ich hörte Ihre Stimme! . . . Ich erkannte Sie . . . ich wartete schon lange auf Sie! . . . O, warum verließen Sie mich, mein einziger Freund, und überantworteten mich der Bosheit Anderer!« Er schwieg erschöpft, dann ging ein nervöses Zucken über sein gespenstisch bleiches Antlitz, zitternd streckte sich die abgezehrte Hand dem jungen Diplomaten entgegen. »D'Ouchy!« fuhr er mit flackerndem Blick fort, während die Ungeduld und die Bemühung, seiner lallenden Zunge Herr zu werden, ihm zarte Röte in die Wangen trieb. »Wissen Sie es schon, was man mir angethan hat? Oh, hier mein Elend, welches Sie mit Augen sehen, ist das Schlimmste nicht, was mich heimgesucht hat! Meine Ehre ist krank, d'Ouchy; mein Name gebrandmarkt! Gott im Himmel weiß, daß ich schuldlos bin! . . . D'Ouchy . . .« große Thränen rannen über die hageren Wangen des Kranken, voll flehender Angst umklammerte er die Hand des jungen Attachés, welcher auf den Stuhl neben dem Bett zusammengesunken war und bei dem Anblick seines vormaligen Chefs die Rechte in qualvollem Aufstöhnen vor das Antlitz geschlagen hatte. »Nicht ich allein bin in den Staub getreten, mein armes Kind, mein Günther, vernichtet, für sein ganzes Leben unglücklich . . . und durch mich, durch mich, d'Ouchy, der nur für sein Glück leben 234 wollte! . . . Warum nahm mich Gott nicht früher von der Welt, warum erst Schande über mein ganzes Haus bringen! . . . Jetzt läßt mich der Jammer nicht sterben, oh, und ich bin müde, so todesmüde! . . . Sie sind ein kluger Mann, Leon, Sie haben mich lieb . . . ich weiß es . . . war ja auch zu Ihnen wie ein Vater, habe es treu und ehrlich gemeint, hätte alle Kräfte auch für Ihr Glück eingesetzt, und nun . . . nun erbarmen Sie sich meines Elends . . . helfen Sie mir und meinem Kinde . . . forschen Sie nach! . . . Finden Sie den Thäter! Und geben Sie mir meinen Namen, meinen ehrlichen Namen wieder!« . . . Wie ein Schmerzensschrei klang es von den Lippen des Greises, die Stimme erstickte, nur die Augen hafteten in thränenglänzender Qual auf dem Antlitz des Diplomaten. Fräulein von Sacken und Hattenheim waren eingetreten. D'Ouchy erhob sich und stützte sich wie ein Schwerkranker auf die Sessellehne, er zwang sich zur Ruhe, obwohl seine Zähne wie im Schüttelfrost aufeinander schlugen. Er hielt die kalte leblose Hand des Ministers noch umschlossen, er neigte sich tief zu dem silberweißen Haupt hernieder. »Ich werde thun, was in meiner Kraft steht, Excellenz«, sagte er mit heiserer Stimme, »ich will mich aufopfern in der Pflicht, Ihnen die Ehre und die Achtung der Welt zurückzugeben, verlassen Sie sich darauf. Wenn ich aber den Thäter ermittelt habe,« er neigte sich noch tiefer und flüsterte fast 235 nur in das Ohr des Kranken, »dann versprechen Sie mir, dem Unglücklichen in Ihrem Herzen die schwere Schuld zu vergeben; vielleicht hat ihn die Vergeltung schon furchtbarer heimgesucht, als es jemals die härteste Strafe eines irdischen Gerichts vermag!« »Gott segne Sie, d'Ouchy, ich verspreche es!« Langsam senkten sich die Lider über die starren Augen, ein tiefes Aufseufzen seliger Erleichterung hob die kranke Brust, d'Ouchy aber neigte sich, drückte schnell die Lippen auf die Hand des geächteten Mannes und schritt alsdann mit mühsam erzwungener Festigkeit durch das Zimmer der Thür zu. Hattenheim trat ihm entgegen und bot ihm die Hand dar. Er schrak fast zurück vor den verstörten Zügen des jungen Mannes, welcher sich kurz vor ihm und Fräulein von Sacken verneigte und hinter der Thür verschwand. »Armer d'Ouchy!« sagte die Hofdame. »Der Anblick des Kranken hat ihn unsagbar ergriffen, man hätte sich vor seinem Aussehen entsetzen können. Wie eine wandelnde Leiche wankte er an mir vorüber.« Hattenheim atmete schwer. »Armer d'Ouchy!« wiederholte er wie in tiefen Gedanken. Fräulein von Wetter wurde von dem Kammerdiener für die nächsten Stunden entschuldigt. Sie sei von heftigen Kopfschmerzen befallen und für kurze Zeit nach Villa Carolina zurückgefahren. 236 Vierundzwanzigstes Kapitel. »Sie liegen krank und zum Sterben     im oberen Kämmerlein!« Chamisso.         Man hatte sich über die Affaire Lehrbach ausgesprochen in der Residenz. Neue Ereignisse, neue kleine Skandale, wenn auch bedeutend harmloserer Natur, ließen sie in der Gesellschaft nach und nach in Vergessenheit geraten, und keine Seele gedachte der Möglichkeit, daß diesem Ministerdrama noch ein Nachspiel folgen könne, welches mit einem Schlage jene vergangenen Ereignisse aufs Neue in den Vordergrund drängen würde. Ein fast unglaubliches Gerücht verbreitete sich blitzschnell in der Residenz. Baron d'Ouchy hatte sich erschossen. In einem Anfall von Geistesstörung, so vermutete man, da das seltsam veränderte Wesen des jungen Diplomaten bereits seit Wochen aufgefallen war. Man glaubte in erster Zeit, daß der Kummer über den Sturz des Ministers, dessen Liebling und 237 leidenschaftlicher Anhänger er gewesen, die Schuld daran habe. Und so ganz plötzlich war es gekommen! Allerdings kurze Zeit nach einem Besuch beim Grafen Lehrbach, welchen er in höchster Aufregung verlassen haben sollte. Etliche Briefe hatte er noch geschrieben und dieselben durch seinen Diener besorgen lassen, dann hatte ein Schuß in dem Schlafzimmer des Baron d'Ouchy die Bewohner des deutschen Gesandtschaftshotels alarmirt. Durch unverschlossene Thüren eindringend fand man den Attaché in einem Sessel liegen, starr und leblos bereits. Die Kugel war durch die Schläfe in das Gehirn gedrungen, und es mußte dem zu Folge der Tod unmittelbar eingetreten sein. In dem Kamin flackerte noch ein kleines Feuer; verkohlte Papiere, Ueberreste von Cotillonorden und welken Blumen, sowie eine vergilbte Bandschleife zeugten davon, daß der Verblichene zuvor seinen Schreibtisch für fremde und profane Augen eingerichtet habe. Das Motiv dieser unheilvollen That schien vorerst ein Rätsel, über welches man sich die Köpfe zerbrach. Tiefe, allgemeine Teilnahme und aufrichtiges Bedauern herrschte in der Residenz, denn d'Ouchy war ein allgemein sehr beliebtes Mitglied der Gesellschaft gewesen, von welchem man erwartet hatte, daß er nach seiner reichen Erbschaft eine hervorragende Rolle unter der Jeunesse dorée spielen würde. 238 Die Aufklärung aber, welche nicht lange auf sich warten ließ, war fast noch aufregender, noch unbegreiflicher als die That selbst. D'Ouchy hatte ein Schreiben an das Ministerium hinterlassen, in welchem er sich der Defraudation, welche Seiner Excellenz dem Minister, Graf von Lehrbach zur Last gelegt worden sei, für schuldig bekannte. Er gab eine genaue Aufklärung der so unglaublich scheinenden Affaire, und versicherte, diesen unseligen Schritt in einem Zustand der Verzweiflung und der höchsten Not gethan zu haben, ohne zu ahnen, daß derselbe so fürchterliche Folgen für das Haus Lehrbach haben könne. Er sei der festen Ueberzeugung gewesen, daß der Herzog seinen Günstling in jeder Hinsicht schonen, und daß die ganze Angelegenheit von vornherein, ohne den mindesten Staub aufzurühren, niedergeschlagen werden würde. Daß Graf Lehrbach die Stellung als Minister aufgeben müsse, hätte er allerdings mit Bestimmtheit vorausgesehen, dieses Unglück jedoch im Verhältniß zu seiner eigenen verzweifelten Lage für kaum eines gehalten. Was er an seinem edlen Gönner und Freund verbrochen habe, sühne er jetzt durch freiwilligen Tod, und sei bereit, durch eine genaue Darlegung der Verhältnisse die angegriffene Ehre Seiner Excellenz zu rechtfertigen. – – Es folgte nun eine Detaillirung der einzelnen, gravirenden Momente. Die Namensunterschrift des Ministers war in der That echt. Eine Verkettung der günstigsten 239 Umstände hatte den jungen Attaché bei seinem Vorhaben in überraschendster Weise unterstützt, und ihn in die Lage versetzt, ohne jegliche Gefährdung seiner eigenen Persönlichkeit, den so unglaublich riskirten Schritt zu wagen. Von Arbeit überbürdet, nervös und in hohem Grade abgespannt, hatte Graf Lehrbach sich einer etwas von seiner gewöhnlichen Weise abweichenden Manier bedient, die laufenden Geschäfte zu erledigen. Er las die einzelnen Aktenstücke, welche ihm zur Unterschrift vorgelegt wurden, aufmerksam durch, eines nach dem anderen, und schichtete die geprüften Schriften neben sich auf, um sie alsdann, meist ziemlich mechanisch und schnell, nach einander zu unterzeichnen. Baron d'Ouchy war ihm oftmals dabei behülflich gewesen, hatte die einzelnen Akten, Rechnungen und Quittungen zugereicht und sie nach empfangener Unterschrift weiter besorgt, und dabei eine günstige Gelegenheit benutzt, die Quittung des Berliner Bankhauses unbemerkt unterzuschieben. Der Minister, welcher sich nur bei dem Lesen der Aktenstücke seiner Lorgnette bediente, seinen Namen jedoch einer Angewohnheit zu Folge fast immer mit ein und demselben Federzuge, ohne nur scharf auf das Papier zu sehen, niederschrieb, übersah bei seiner Fernsichtigkeit vollkommen den Inhalt der Quittung, welche er unterschrieb, und überließ sich dem guten Glauben, daß ein jedes einzelne dieser Papiere bereits aufs sorgfältigste von ihm durchgesehen sei. 240 So war es möglich gewesen, ohne jegliches Risiko und ohne nur Verdacht zu erwecken, zu der Unterschrift Seiner Excellenz zu gelangen. Es war, als ob das Glück die verhängnißvolle That d'Ouchys auf jede Weise begünstigen wolle. Ungewöhnliche Verhältnisse trugen dazu bei, die Geldsummen in unauffälligster Weise in die Hände des Attachés gelangen zu lassen und d'Ouchy empfing sie in der Ueberzeugung, daß der Günstling des Herzogs auf viel zu sicheren Füßen stehe, um ernstlich durch diese Defraudation Ehre und Ansehen zu verlieren, wenn er wirklich noch eine Entdeckung derselben erleben sollte; er war ja so alt und hinfällig geworden, der Allmächtige am Hofe. Mit diesem Gedanken betäubte d'Ouchy sein Gewissen, da es sich anfänglich mahnend geregt hatte; im großen Ganzen aber schäumte das Zigeunerblut viel zu wild und zu verwegen, um überhaupt etwas zu bedenken. Ueber Leichen führte sein Weg, mit erbarmungslosem Fuße niedertretend, was sich als Schranke einer Liebe entgegenstellte, die weder Recht noch Gesetz und Macht kennt! So war plötzlich ein greller Lichtschein auf die mysteriöse Affaire Lehrbach gefallen, welcher dem Publikum die Augen blendete und den Herzog Franz Eginhard mit solch unvermuteter Klarheit förmlich zu betäuben schien. Wie ein Wirbelwind faßte es Aller Herzen! kaum hatte der Sturz des Ministers und die sensationellen Ereignisse, welche ihn bedingten, eine 241 solche Aufregung hervorgerufen, als diese unsagbar überraschende Lösung jenes Rätsels, welches der Ehre und dem Lebensglück eines völlig Schuldlosen das Todesurteil gesprochen hatte. Franz Eginhard befand sich in qualvollster Erregung. Gewissensbisse folterten ihn. Die volle, kaum unterdrückte Neigung für den treuen Freund, welcher ihm nahe gestanden hatte wie ein Vater, an dessen Krankheit und Elend seine harten Worte, seine Ungnade schuld gewesen, erwachte mit der ganzen Innigkeit in seinem Herzen. Sie trieb ihn sofort nach dem Ministerhotel, um mit doppelt und dreifacher Huld und Auszeichnung die Wunden zu heilen, welche der Ehre jenes greisen Hauptes so unbarmherzig geschlagen waren. Zu spät. Leer und öde stand das Lehrbachsche Haus. Noch trug der gelbliche Sand der Gartenwege die Spuren des kleinen Krankenwagens, welcher Seine Excellenz für ewige Zeiten in die Verbannung getragen. Er erfuhr von dem Arzt, daß die außergewöhnliche Aufregung, in welche ein Gespräch mit Baron d'Ouchy den Kranken versetzt habe, seinen Zustand um Beträchtliches verschlimmert habe, so daß vorläufig erst die volle Ruhe des Landaufenthaltes ihre Wirkung auf die alterirten Nerven ausüben müsse, ehe man es wagen dürfe, den alten Herrn mit einer neuen Nachricht zu erschüttern, wenn dieselbe auch noch so erfreulicher Natur sei. 242 So beschloß der Herzog ein eigenhändiges Schreiben an Graf Günther zu senden, mit dem Ersuchen, seinem Vater, sobald wie es dessen Zustand erlaube, Mitteilung von demselben zu machen. Er forderte den jungen Offizier auf, möglichst sofort in die Heimat zurückzukehren, um seinem wohlaffektionirten Fürsten Gelegenheit zu geben, ihm seine außerordentliche Freude über die Lösung der peinlichen Angelegenheit aussprechen zu können. Die Residenz werde ihn mit offenen Armen empfangen. Graf Günther antwortete in einem sehr ergebenen und hochbeglückten Schreiben. Die Aufforderung »zurückzukehren« lehnte er jedoch sehr entschieden mit der Bemerkung ab, daß er so völlig mit Leib und Seele bei seinen Studien sei, und ein solch verlockendes Prognostikon für sein Talent von seinem Meister und Lehrer ausgestellt bekommen habe, daß er es für seine Pflicht halte, auf dem eingeschlagenen Wege weiter zu wandeln, um einen Lorbeer zu ernten, welchen er hoffe, seiner Zeit seinem gnädigsten Fürsten zu Füßen legen zu dürfen. In demselben Sinne erhielt auch Hattenheim ein Schreiben seines Freundes. – »Ich will mich in Zukunft nicht mehr auf das Glück, sondern auf meine eigene Kraft verlassen, lieber Reinz,« schrieb er, »und hoffe alsdann einen sicherern Boden unter meinen Füßen zu haben, als wie bisher, wo ich mit blinden Augen auf dem 243 Turmseil des Zufalls balancirte, welches mich mit tödtlichem Sturz bedrohte, sowie die Göttin Fortuna ihrem Protégé die Hand entzog. Ich will auch den guten Leuten da oben zeigen, daß der »Cirkus« doch noch nicht »Lehrbachs letzte Idee« zu sein braucht. Ich male an einem ziemlich umfangreichen Bild, welches eine Vorstudie für ein Ausstellungsgemälde sein soll. Der Professor fand die Methode meiner heimatlichen Lehrer vortrefflich, und überraschte mich mit der beglückenden Kritik, daß meine Arbeiten das Niveau des Mittelmäßigen bereits um ein Weites überschritten hätten. Im Juli und August bekomme ich Ferien, dann fliege ich in Deinen Arm, mein treuer Reinz, und nehme Dir alle Last, welche Dir meine Ungeduld und feige Wanderlust aufgebürdet hat, von den breiten Schultern. Gott sei Dank, daß d'Ouchy so anständig war und die Gelder nicht vor seinem Ableben verputzt hat, nun kann ich mit gutem Gewissen mein liebes Lehrbach zurückkaufen. Ich hätte gar nicht geglaubt, daß ich für das »weiland Krähennest« ein solch zärtliches tendre haben könnte, aber ich versichere Dir, Dicker: der Gedanke, Lehrbach zu verlieren, war für mich der furchtbarste unter all dem Kummer, welchen ich durchkostete.« Ein seliges Lächeln hatte Reimars ehrliches Antlitz verklärt, als er diesen Brief zu Ende las. Ja, das war wieder sein glücklicher, lachender Liebling von ehedem, welcher diese Zeilen geschrieben hatte, und doch war er ein Anderer geworden; in 244 dem Herzen, wo früher das giftige Pflänzchen Eitelkeit und Leichtsinn auf seichtem Boden sproßte, da wogte es jetzt von köstlichem Hoffnungsgrün. * * * An dem Tage, da das Gerücht von Baron d'Ouchy's so jähem und entsetzlichem Ende wie ein Unheilsvogel mit düstern, bluttriefenden Schwingen in der Residenz von Haus zu Haus flatterte, um den Leuten zu erzählen, daß das Schicksal auf den stürmischen Pfad eines Zampa seine Klippen gebaut habe, an welchen sein heißes Herz und sein gebrechliches Schifflein rettungslos gescheitert sei, an dem Tage senkte sich auch über die Villa Carolina eine drohende Wolke, welche allem Glück und allem Sonnenschein ein Ende zu bereiten schien. Gräfin Auge hatte in ihrem Boudoir gesessen, um eine sehr feine, mühsame Malerei zu beenden. Ein Geigenkasten aus dunkelem Ebenholz stand vor ihr, dessen Deckel ihre schlanke Hand mit den eigenartigsten Arabesken schmückte, welche sich, aus den Attributen der Musik zusammengestellt, um den gekrönten Namenszug des Baron d'Ouchy schlangen. Ange arbeitete an einem Vielliebchen, welches ihr der junge Diplomat anläßlich eines kleinen musikalischen Streites abgewonnen hatte. Sie neigte sich tief über Pinsel und Palette, es war ihr, als ginge ein Summen und Klingen aus diesen verschnörkelten Figuren, feurige Weisen, wie sie nur Leons Geige sprühte, als wirbele es plötzlich wild durcheinander in tollem Tanze, als 245 würden die schwebenden Genien zu fratzenhaften Zerrbildern . . . . . . Die Komtesse richtete sich momentan empor und preßte die Hände gegen die Schläfe, schloß die Augen und atmete tief auf, sie arbeitete zu angestrengt und andauernd, sie mußte eine Weile ausruhen. Wie ihr Herz stürmte und klopfte, war sie denn krank? Es lag wie Centnerlast auf ihrer Seele, eine unerklärliche Unruhe und Angst erfaßte sie, vielleicht wird ihr eine Spazierfahrt durch den Schloßpark, ein Aufatmen in frischer Luft gut thun. Ange schlug den Deckel ihres Malkastens zu; die Spitze ihres Aermels streifte die kleine Schaale, in welcher Carmin aufgerieben war, sie schlug um, ein blutroter Farbenstrom ergoß sich grell über den Deckel des Geigenkastens, just über das Monogramm d'Ouchys und tropfte auf den Teppich nieder. Wie ein Schauder ging es durch Anges Glieder, sie sprang empor und rührte eilig die Schelle. Die Kammerjungfer erschien. »Bringen Sie schnell Wasser und einen Schwamm,« rief ihr die junge Dame entgegen, »ich habe rechtes Malheur gehabt! Fast zu Ende mit der großen, mühseligen Arbeit, und nun verderbe ich mir zum Schluß die ganze Malerei!« »Ach, gnädigste Komtesse, haben Sie's denn schon gehört?! . . . . . .« jammerte Lore mit starrem Blick auf die Carminflecken: »diese rote Lache mahnt mich wieder dran . . . . puh . . . . ich kann gar nicht 246 hinsehen! . . . .« und sie deckte die Hand über die Augen. Ange sah sie erstaunt an. »Was ist denn passirt? Was soll ich wissen? . . . .« »Ach, Komtesse, der Baron d'Ouchy! . . . . der schöne, vornehme Herr . . . . und so ein Unglück, so ein schreckliches Unglück!« Groß und gläsern starrten sie die Augen der jungen Dame an. »Baron d'Ouchy? . . . . was ist ihm geschehen?« fragte sie kaum hörbar. »Erschossen hat er sich! . . . . wie ein Blitz aus heiterem Himmel! . . . . eben erzählt es Tessins Diener drunten . . . . in seinem Sessel haben sie ihn liegen gefunden, todt und kalt bereits, kein Mensch weiß, warum.« Ange wurde bleich wie Schnee, sie hob beide Hände in zitternder Abwehr gegen die Sprecherin. »Eben ist auch Herr von Hattenheim gekommen und erzählt es der Frau Gräfin, ich sollte Komtesse gerade herzuholen.« »Wasser!« rang es sich wie ein Schrei von Anges Lippen. »Ja, ja . . . . sofort, ich bringe auch ein Tuch zum Nachreiben!« und, fast erschrocken über den fast rauhen Befehl ihrer sonst so gütigen Herrin, stürmte Lore durch die Thür. Sie sah nicht mehr, wie die junge Dame die Hände gegen die Brust preßte, wie sie noch einen Schritt vortaumelte in das Zimmer, wie sie ohne Laut zusammenbrach . . . . 247 Als Lore wiederkehrte, wich sie mit gellendem Schrei zurück, um sich alsdann völlig fassungslos neben der todesstarren Gestalt niederzuwerfen, und mit ihren Hilferufen die Villa Carolina in höchste Bestürzung zu versetzen. – – Auf starken Armen hatte Reimar von Hattenheim die Ohnmächtige in den Nebensalon getragen, um sie daselbst so zart und behutsam auf die Chaiselongue zu betten, als sei die bleiche Last auf seinem Arm eine sturmgeknickte Lilie, deren Kelch unter der lindesten Berührung zu entblättern droht. Nach qualvoll langen, unerträglich langen Minuten schimmerte das erste lebenswarme Rot auf den Wangen der Komtesse, sie schlug die dunkeln Wimpern auf, ihr erster Blick senkte sich in die blauen Augen Reimars, welcher neben ihr kniete und ihre kalten Hände voll bebender Hast zwischen den seinen rieb. Ein Angstschrei rang sich aus ihrer Brust, sie klammerte sich an die große, ungefüge Männerhand: »Laß ihn nicht herein, Reimar . . . . schließ die Thür zu . . . . hörst Du nicht? . . . . Schritte . . . . näher, immer näher . . . . Allmächtiger Gott!« – Laut aufschluchzend neigte sich die Hofmarschallin über ihr Kind und drückte schirmend die fieberheiße Stirn gegen ihre Brust. Vor die Hausthür rollte der Wagen des Arztes. * * * Gräfin Ange Lattdorf war an nervösem Fieber erkrankt. Ihre erhitzte Phantasie quälte sie mit 248 unheimlichen Bildern, sie hörte durch die Stille der Nacht die wilden, feurigen Czardasweisen des Baron d'Ouchy brausen, hörte des Zampa leidenschaftliche Lieder, welche wie tolles Tongewirre anschwellend zum donnernden Sturmgeheul hohnlachender Phantomen ihr Lager umkreisten, um ihr gellend, leise, süß und furchtbar drohend in das Ohr zu raunen: die Lieb', die vom Zigeuner stammt, kennt weder Recht, Gesetz und Macht – und dann dröhnte ein Schuß! wimmernd . . . . aufschluchzend verklangen die gespenstischen Stimmen, ein bleiches Angesicht tauchte aus dem Nebel empor, mit dunkel flackerndem Blick und einer Stirn, über welche wehe, blutige Flammen zuckten, und eine Hand streckte sich nach ihr aus . . . . Gellend auf schrie Ange vor Qual und Entsetzen, »Reimar! . . . . Hilf mir, Reimar! . . . .« und ein blondes Männerhaupt, eine hohe, markige Gestalt trat neben sie, die hob den Arm gegen das bleiche Gespenst, faßte es mit eisernem Griff und drückte es zu Boden, tiefer . . . . immer tiefer . . . . bis es hinter den wirren, wallenden Teppichmustern verschwand. Da atmete sie auf wie von unseligem Bann erlöst, faßte die Hand des blonden Mannes und klammerte sich zitternd daran fest, bis sie von Neuem aus dem Halbschlaf emporschreckte, bis sie der sanfte Druck dieser Hand abermals in süßen, milden Schlummer koste. Drei Nächte hindurch hatte der Hofmarschall 249 an dem Krankenbett seiner Tochter wachen müssen, welche in zitternder Angst seine Hand umschlossen hielt und ihn Reimar nannte. Dann trat eine schnelle Besserung ein und auf Wunsch des Arztes sollte die Komtesse bereits gegen Ende des Mai zu ihrer Erholung nach Groß-Stauffen abreisen, woselbst sie mit herzlicher Sehnsucht von Josephine erwartet wurde. Frühlingssonne fiel in das Balkonzimmer der Villa Carolina. Goldene, lachende Strahlen webten einen Duftschleier um die blühenden Zweige des Blumentisches, neben welchen der bequeme Sessel geschoben war, in dessen Kissen die Komtesse seit etlicher Zeit schon wieder die Tagesstunden verlebte. Sie sah noch blaß aus, aber ihr Auge hatte den alten Glanz, den ruhig heiteren Blick, welcher Jedermann so unaussprechlich wohlthuend in die Seele leuchtete. Außer etlichen Besuchen der Herzogin Marie Christiane, welche in höchsteigener Person sogar schon an das Krankenlager der jungen Dame getreten war, hatte Ange noch keinerlei Visiten empfangen. Nur Reimar von Hattenheim ging täglich aus und ein, und die zahlreichen Bouquets von Maiglöckchen, Veilchen und Primeln, welche aller Ecken und Enden im Zimmer Anges dufteten, repräsentirten seine Morgengrüße, mit welchen er sich täglich schon in aller Frühe nach dem Befinden der Cousine erkundigte. 250 Mit wahrer Ungeduld erwartete ihn Ange. In diesen behaglichen, stillen Plauderstunden hatten sich Beide erst so recht eigentlich kennen gelernt, da war so viel zur Sprache gekommen, was sonst wohl niemals im Gespräch berührt worden wäre. Und wenn Reimar von seiner Jugend, von daheim, dem einsamen, majestätischen Schloßbau erzählte, nach welchem er sich zurücksehne wie der Eisbär nach seiner Scholle, dann zerflossen die Erinnerungen an wilde Carmenlieder wie Nebelgebilde im hellen Sonnenlicht, dann war es Ange zu Mute, als strich eine milde Hand ganz leise über ihre Augen, damit sie sehend würden. Heute hatte Fräulein von Dienheim ein Billet geschickt, mit der Anfrage, »ob Komtesse Ange die zwei Augensterne ihrer Huld nun endlich wieder über Gerechte und Ungerechte leuchten lasse, und ob sie, Ilse, nicht mit langer Nase abzuziehen brauche, wenn sie unter Mittag mal in Villa Carolina Sturm läuten würde?« Der Medizinalrat war just anwesend gewesen, als man das stark nach Jockeyklub duftende Briefchen in die Hände der jungen Gräfin geliefert hatte. »Die Dienheim?« lachte er, »natürlich, die dürfen Sie empfangen, Komtesse, deren Besuche sind nicht aufregender Natur, solange nicht die Fäuste ins Spiel kommen! An klirrenden Sporen und deutschen Kernworten werden Sie sich nicht den Magen verderben, wenngleich es etwas unsympathische Kost für Sie ist!« 251 Als sich dann später ein mörderlicher Skandal vor Villa Carolina erhob, Hundegekläff, Pfeifen und lautes, sehr biderbes Raisonniren, da sagte Ange unwillkürlich lachend: »Jetzt kommt Ilse! Sie annoncirt sich in gewohnter Weise!« Und richtig, nach einer etwas geräuschvollen Verhandlung im Korridor stolperte und sprang es vernehmlich die Treppe empor, die Thür wurde mit kräftigem Schlag auf die Klinke geöffnet und dann stürmte Sylviens große Ulmer Dogge geradenwegs auf Ange zu. Ilse folgte laut lachend. »Haben Sie's gehört, wie die infame Töle sich selber die Thür aufmacht? Das haben wir ihr im Schweiße unseres Angesichts beigebracht, um Susanne zu äffen. Die fürchtet sich nämlich vor der kalten Schnauze hier wie vor der asiatischen Cholera, und darum jagen wir ihr den »Pirat« und die »Madonna« täglich ein Dutzendmal in die Stube! Komm hier, Du Lump! . . Schönchen! . . Gib der Tante einen Kuß! . . . Sie wollen nicht, Ange? Ekeln Sie sich vor ihm? Na dann geben Sie ihm doch einen Tritt!« Und Ilse setzte sich auf die Armlehne eines Sessels und baumelte mit den Füßen. »Haben Sie vorhin den Raddau vor dem Hause gehört? Die Köter bissen sich mal wieder mit einem Plebejer, darum habe ich die »Madonna« zur Strafe in Ihre Schränkestube unten gesperrt! Sie glauben gar nicht, wie oft man dazwischenfahren muß.« Und Ilse ließ ihren kleinen, sehr eleganten Spazierstock 252 bekräftigend durch die Luft sausen. »Darum ist ja jetzt auch der Skandal mit der Oberlandjägermeisterin, haben Sie schon davon Wind gekriegt?« Ange verneinte. »Das alte Gestell hat über Hoheit und mich skandalisirt, die tolle Prinzeß und ihr Küchendragoner hat sie uns betitelt!« und Ilse nahm ungenirt ihren Fuß empor, um das Schnürsenkel ihres englischen Schuhs, welches sich meistens ungebundenster Freiheit erfreute, zusammenzuknoten. »Ah ich entsinne mich, davon gehört zu haben, aber nichts Genaues, ich hielt es für eine der unvermeidlichen Klatschgeschichten.« »Nee, diesmal war die Sache ernst! Die alte Kröte wird's auch gewahr werden, wie schlecht Sylviens Laune seit einiger Zeit ist, Hoheit nimmt jetzt Alles gleich persönlich! Also hören Sie, die Sache war nämlich so: Prinzeß Sylvie und ich wollen einen Nachmittagsbummel machen und durch den Park gehen, um uns Hölzer zu neuen Spazierstöcken zu schneiden, und weil's Herzogin Mutter befohlen hat, nahmen wir die Hunde als Chaperon mit! Ich weiß es ja längst, daß Fafner ein Durchgänger ist, und wollte ihn gleich an die Leine nehmen, aber Prinzeß Sylvie will, daß er Ordre parirt, und behauptet, schon mit dem Köter fertig zu werden; also ziehen wir los. Natürlich sind wir knapp bis an die Gärtnereien gekommen, als auch schon mein Fafner selbständig wird, und Hurrah hinter der Postkutsche herjagt. Wir natürlich 253 hinterdrein geschrieen, gepfiffen, daß uns fast die Lungen platzten, aber Kirschkuchen! Hin ist hin, und Fafner gibt Fersengeld. Natürlich ärgerte uns das, denn faktisch, so ein Köter ohne Appell ist mir noch verhaßter wie eine Omelette mit 'ner eingebackenen Maus! Wie wir nach einer Stunde endlich auf dem Rückweg sind, wer kommt angeschwänzelt? Monsieur Fafner! »Warte, du Kanaille, jetzt bekommst du erst mal ein Paar aus der Armenkasse ausbezahlt!« grollte Prinzeß Sylvie, und lockte ihn 'ran. Aber da wir keine passenden Stöcke gefunden und geschnitten hatten, waren wir in Verlegenheit, womit wir ihn hauen sollten, bis ich auf die Idee kam, eine Latte von dem Staket des Küchengartens zu reißen, und damit gegen ihn loszuziehn. Erst prügelte ich ihm ein paar über, und dann nahm Hoheit den Stab der Gerechtigkeit und gab das Dessert, derweil ich den Köter hielt. Na, und da wollte eben das Unglück, daß ich einen Nagel an der Latte mit rausgerissen hatte, und der kratzte den Fafner an die Nase, wie er sich wälzte und mit dem Kopf zur Seite fährt! Da liefen ihm so ein paar Tröpfchen Blut über, und in dem Augenblick muß uns der Kukuk die alte Norbach in die Quere schicken, damit sie nun in der Stadt herumrennt, und Gott dankt, daß sie was zu hecheln hat! So; das ist der ganze Salat! Auf die Reden der Dame Norbach gebe ich gerade so viel!« und Ilse schnippte verächtlich mit Daumen und Zeigefinger in die Luft, und schaute fragend auf Ange. 254 Diese beschränkte sich darauf, die Achseln zu zucken mit einem: »Unglaublich!« welches ebensogut der Oberlandjägermeisterin, als der »tollen Prinzeß und ihrem Küchendragoner« gelten konnte; Ilse aber nahm die Semmel, welche neben der Frühstücksbouillon der Komtesse lag, und ließ den »Pirat« danach springen. »Es ist jetzt recht oft schlecht Wetter bei der Hoheit,« sagte sie mit etwas boshaftem Augenzwinkern, »können Sie sich denken, warum?« Ange machte ein sehr erstauntes Gesicht und schüttelte das Köpfchen. »Na ich danke, sind Sie harmlos! . . . Apropos . . . erzählt ihr Vetter nicht manchmal von Lehrbach?« »Sehr selten! der Graf arbeitet so sehr angestrengt, daß er nicht mal zum Schreiben kommt!« »Glauben Sie, daß es der Kerl wirklich zu etwas bringt? Wir sind hochgradig gespannt.« Ilses Blick schien förmlich zu schillern. Ange war entsetzlich lakonisch, und Ilse hatte so wenig Talent, etwas aus den Leuten herauszuquetschen. »Sagen Sie mal, ich glaube, Lehrbach liebt das Gänseliesel?« »Ach? Sie überraschen mich, Ilse!« »Na, Sie sind doch die Intima?« »Meiner Unwissenheit nach doch wohl nicht!« »Die Wetter hat aber Lehrbach gekauft?« »Das Erste, was ich höre! Reimar sprach nur von einer wildfremden Dame!« 255 »Sylvie ist wütend, daß sie sich den Ankauf hat entgehen lassen. Glauben Sie, daß Sie jetzt noch Schritte thun könnte, sich mit der Besitzerin in Verbindung zu setzen? »Das möchte wohl schwer halten!« Ange konnte kaum das verächtliche Lächeln bemeistern, welches sich um ihre Lippen schlich. »Hoheit läßt Sie dringend bitten, uns doch durch Ihren Vetter die Adresse der Dame zu verschaffen, wollen Sie?« »Ich werde selbstverständlich Reimar darum bitten!« » Bon! Hoheit wird sich erkenntlich zeigen. Uebrigens, wie geht es denn eigentlich mit Ihrer Gesundheit? Sie sehen so wohl aus, daß ich beinah ganz vergessen hätte zu fragen!« Währenddessen riß »Pirat« einen Gueridon um, Ilse pfiff ihm und schwang den Stock. Bald darauf ging sie. Als Ange Lattdorf nach etlichen Wochen abreiste, versäumte es Herr von Reuenstein nicht, an der Bahn zu erscheinen, um für das Gänseliesel einen Rosenstrauß mitzuschicken. Er erbat sich zu diesem Zwecke Urlaub von dem Herzog und Prinz Detlef, welche er auf einem Morgenspaziergang begleitete, und wurde auch mit dem huldvollsten Lächeln von den hohen Herrn entlassen. »Der Einzige von Allen, der sich immer gleich bleibt!« nickte Detlef dem Enteilenden nach, »ich 256 habe bemerkt, lieber Franz, daß die Knopflöcher dieses armen Kerls noch verteufelt öde aussehen . .« »Dem Manne kann geholfen werden!« lachte der Herzog in bester Laune. 257 Fünfundzwanzigstes Kapitel. Krone des Lebens – Glück ohne Ruh', Liebe bist Du! – Goethe.         Im weißen Brautgewand standen die Linden des Lehrbacher Parks. Geheimnißvolles Summen und Schwirren ging durch die Blüten, als ob sich die laubigen Wipfel gegeneinander neigten, um sich holden Märchenklang von Liebe und Glück verheißungsvoll in das Ohr zu flüstern. Die weißen Blattflocken wehten auf das blondlockige Haar Josephinens hernieder, welche, das Köpfchen tief über ein Buch geneigt, neben dem Rollstuhl des Ministers saß, um dem alten Herrn vorzulesen. Die wundervollen Sommertage hatten ihren Einfluß auf sein Befinden nicht verfehlt. Noch war es allerdings ein marmorbleiches Antlitz, um welches die Silberlocken wehten, und welches noch unverkennbar die Spuren größter Leiden trug, dennoch war der starre, apathische Ausdruck vollkommen daraus gewichen. Und der noch 258 vor kurzer Zeit so verständnißlose Blick der grauen Augen war jetzt klar und ausdrucksvoll, und schmolz in Liebe und Weichheit, wenn er auf dem reizenden Gesichtchen seiner kleinen Pflegerin haftete. Die Lähmung war allerdings noch nicht gehoben. Und es schien auch wenig Hoffnung vorhanden, daß dieselbe sich jemals geben würde, Excellenz war schon zu alt und gebrechlich, um sich von einem solchen Leiden vollkommen erholen zu können. Schien es den Aerzten doch schon ein Wunder, daß der getrübte Geist sich in dieser Weise erfrischt und geklärt hatte. Graf Lehrbach beherrschte seit zwei Wochen die Sprache wieder, verstand Alles und nahm an Allem den regsten Anteil; das war ein großes Glück und eine namenlose Freude für seine Umgebung. Geduldig hatte er der unglaublich nüchternen und in jeder Weise unschädlichen Erzählung, welche ihm Josephine vorlas, zugehört. Plötzlich hob er die bleiche Hand und legte sie auf den Arm des jungen Mädchens. »Laß genug sein, mein Haideröschen, Du ermüdest Dich!« Mit schelmischen Augen blickte sie auf. »'s ist zu langweilig, gelt?! Aber das soll's ja sein, soll Ihnen, Excellenz, als bester Schlummerpunsch zu einer kleinen Siesta verhelfen, welche Ihnen so gut thut! Wenn Sie erst wieder die ganze Nacht von A bis Z durchschlafen, wird Ihnen auch diese interessante Lectüre geschenkt, deren treffliche Dienste wir vorläufig noch nicht unterschätzen dürfen!« 259 Der Minister lächelte. »Ich bin heute ganz und gar nicht müde, mein Liebling!« sagte er zärtlich, »und habe heute Nacht so fest geschlafen, daß ich sogar einen wunderschönen Traum hatte! Der schwebt mir immer noch vor, so klar und deutlich, daß ich mir einbilden könnte, ich wäre noch gar nicht daraus erwacht. Leg' die Reisebeschreibungen, vor welchen ich dankbar den Hut ziehe, bei Seite, und laß uns plaudern, Phining! Du böses Mädchen hast mir noch gar nicht erzählt, was Günther heute Morgen geschrieben hat, und dabei sah ich doch einen Expreßboten über die Terrasse gehen. Also schnell gebeichtet, Mademoiselle l'avare ! Gönne auch anderen Leuten ein Brosämlein von dem Reichtum Deiner Neuigkeiten.« Josephine war neben den Krankenwagen niedergekniet und hatte beide Arme auf der Lehne verschränkt. Mit neckischen Augen blinzelte sie zu dem alten Herrn empor, während ein höheres Rot verräterisch in ihre Wangen stieg. »Fehlgeschossen, Gestrengster! Graf Günther und Briefe schreiben? Du lieber Gott, wo bliebe die deutsche Reichspost, wenn sie sich von dem Porto dieses Herrn ernähren sollte! Alle vier Tage eine Karte mit den lakonisch diktatorischen Worten: »Wie geht es Papa? Bitte dringend um Bulletins! Brief folgt.« Punktum! Oft spart er sich sogar die Unterschrift, und wenn dann wirklich dieser Brief folgt, dann ist er immer an Sie, und niemals an mich gerichtet!« 260 »Der arme Junge!« Ein fast schalkhaftes Zucken ging um den Mund des alten Herrn, »er wird denken: aut Caesar aur nihil! – entweder Alles an die Josephine schreiben, was ich will, oder gar nichts.« Josephine schlug ganz erschrocken die Augen nieder. »Der Brief war von Herrn von Hattenheim!« sagte sie schnell. »So? Und was will denn unser braver Reimar?« Halb unschlüssig blickte das junge Mädchen empor. »Das sollte Ihnen eigentlich erst als Dessert aufgetischt werden!« lächelte sie, »wenn Sie recht brav eingenickt wären und die Freude Ihnen nicht mehr das Nachmittagsschläfchen hätte stehlen können. Da Sie aber Gott Morpheus doch nun einmal den Gehorsam gekündigt haben, so brauche ich nicht länger mit meiner Ueberraschung hinter dem Berge zu halten!« Der Minister streichelte liebevoll ihr Köpfchen. »Da sieht man's, wie sie mit mir altem Manne umgehen!« scherzte er. » Voilà das Skriptum Hattenheim,« fuhr Josephine heiter fort, einen Brief aus der Kleidertasche ziehend, um ihn feierlichst zu entfalten und seinen Inhalt laut vorzutragen: »Mein gnädigstes Fräulein! Da haben Sie nun bereits geglaubt, Sie wären den ›guten alten‹ Hattenheim für ein Weilchen los?! Trügerischer Wahn! Wenn diese Zeilen Sie erreichen, haben Sie gerade noch Zeit, 261 um in der Logirstube die Fenster aufzusperren und sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß mein Besuch als Damoklesschwert über Ihrem Haupte schwebt! Ich habe die Absicht, dem lieben Lehrbach meinen Besuch wieder meuchlings beizubringen, nachdem ich vor kaum acht Tagen von seinem gastlichen Dache Abschied genommen habe! Motiv der That ist ein Brief Günthers, welcher mich soeben hier in der Residenz überrascht. Seine Ferien beginnen bereits in den nächsten Tagen, und er bittet mich, »nach Lehrbach Staffet tu lopen«, um seine Ankunft bei Ihnen Allen vorzubereiten. Ich glaube, der eitle Gesell wünscht Guirlanden über die Thür! Haben Sie die Güte, mein gnädigstes Fräulein, Seiner Excellenz diese Freudenbotschaft im passenden Moment mitzutheilen. Ich schreibe vorsichtshalber an Sie, weil ich seit acht Tagen keine Nachricht über das Befinden meines teuern väterlichen Freundes erhielt. Um Wagen und Pferde an die Bahn bitte ich ebenso dringend wie ergebenst. Mich allseits zu Gnaden empfehlend, küßt Ihnen respektvollst die Hand Ihr gehorsamster R. v. Hattenheim.«     Josephine blickte mit strahlenden Augen empor; schon während des Lesens glühte es über ihr geneigtes Gesichtchen, und durch die Stimme zitterte es wie mühsam unterdrücktes Jauchzen. Aber sie beherrschte sich meisterlich und fuhr eifrig fort. »Sehen Sie, Excellenz, welch eine Neuigkeit Ihnen 262 die geizige Josephine zwei volle Stunden lang vorenthalten hat! Du lieber Gott! schwer genug ist es mir wahrlich geworden! So, hier haben Sie den Brief! Erfreuen Sie sich noch einmal an seiner Lectüre und malen Sie es sich aus, welch eine Freude das sein wird, wenn Graf Günther plötzlich als leibhaftige Ueberraschung hier vor Ihnen stehen wird!« Wie verklärt schaute der alte Herr in die glückseligen Augen des Haiderösleins, seine Hand erzitterte leicht auf dem Arm des jungen Mädchens. »Mein Günther, mein Herzensjunge wird kommen!« flüsterte er mit feuchtem Blick. Josephine erhob sich, eine nervöse Unruhe erfaßte sie plötzlich. Es war ihr, als müsse jeder Blick, jedes Wort zum Verräter an ihrem Herzen werden. »Ich will noch einmal die Fremdenzimmer revidiren, Excellenz,« sagte sie hastig, »und auch gleichzeitig die Wohnung für Ihren Herrn Sohn herrichten lassen. Denn nachher muß ich mit Tante Renate und Ange nach Groß-Stauffen zurück, und kann in den nächsten Tagen nicht wiederkommen. Vielleicht morgen noch einmal. Später leistet Ihnen ja dann Graf Günther Gesellschaft und Sie werden mein Ausbleiben nicht empfinden!« Ein feines Lächeln spielte um die schmalen Lippen des Kranken. »So, so!« sagte er nur, »also untreu will mir mein Haideröslein werden und nach Stauffen zurückgehen! Daß ich doch einen Magnet 263 hier hätte, um den lieben Flüchtling zu halten! Aber sieh da,« unterbrach er sich plötzlich, den Kopf etwas hebend, um nach dem Gitterthor, welches die Parkallee vor ihnen abschloß, auszuspähen, »da kommt ja schon die gelbe Chaise! Oh, und alle Pastors drinnen, ich höre sie schon!« Richtig, da schwankte es citronengelb auf hohen Rädern heran, das liebe, alte Stauffener Ungeheuer, diesmal halb geöffnet und wie es schien, mit einer Anzahl von Flachsköpfen bevölkert, deren hellstimmiges Juchzen soeben die Einfahrt von Lehrbach begrüßte. »Ja, da kommen sie schon!« lachte Josephine glückselig, »all Ihre kleinen Verehrer, welche die Sehnsucht hertreibt! Ich will mich aufopfern, Excellenz, und Ihnen die Landplage noch ein bischen fern halten! Oder wünschen Sie geräuschvolle Unterhaltung?« »Gewiß, mein Liebling! Laß mir die kleinen Schreihälse herzu, wir sind uns ja gegenseitig von Herzen gut, wenn sich auch gewaltige Extreme in unserem Verkehr berühren.« Josephine faßte das sehr einfache, aber doch moderne und außerordentlich kleidsame Mousselinkleid leicht zusammen und eilte leichtfüßig und graziös, wie ein schlankes Reh, die schattige Allee hinab, dem Wagen entgegen. Der entlud bereits seine reiche Bevölkerung. Ein kleiner Pastor nach dem andern kollerte über den rechtsseitigen Wagenschlag, dessen Griff zerbrochen 264 war und welcher darum, praktisch wie Alles in Groß-Stauffen, einfach zugenagelt wurde; so daß Tante Renate und Ange, Jede mit einem verdeckten Korb beladen, auf der linken Seite, welche sich in normal passirbarem Zustande befand, ausstiegen. Frisch, blühend und rosig wie die verkörperte Jugend und Gesundheit lachte Gräfin Ange der Freundin entgegen. Ihre Wangen hatten sich gerundet und völlig jene blasse durchsichtige Färbung verloren, welche ihr in der Residenz ein so viel beneidetes vornehmes Aussehen gab. Die Sonne hatte sich ein Vergnügen daraus gemacht, das zarte Gesichtchen etwas südlich zu färben, denn die junge Dame lief mit Passion ohne Hut umher, und wusch sich mit hartem, eiskaltem Brunnenwasser, nach Gräfin Aostas Ansicht das absurdeste Beginnen einer Dame, und der vollständige Ruin jedes guten Teints! Lauwarmes filtrirtes Regenwasser mit einem Zusatz von Floridatinktur, voilà ce qu'il faut , um so schön zu sein, wie Gräfin Susanna. Aber Ange Lattdorf hatte jegliche Eitelkeit in der Residenz zurückgelassen; ihre Verwandlung war eine fast unglaubliche. »Siehst Du, Phine, das nenne ich eine tüchtige Wirthschafterin!« hatte Tante Renate oft mit entzücktem Schmunzeln gesagt, wenn das mit viel Mißtrauen in Stauffen aufgenommene Stadtdämchen, begeistert von dem Landleben, bereits am frühen Morgen im Kuhstall erschien, sich mit Passion beim 265 Buttern, Brodbacken, Gemüse- und Obsternten beteiligte, und mit strahlenden Augen versicherte, »jetzt erst habe sie die eigentliche Freude am Leben!« Hattenheim stand oft mit hochatmender Brust und blickte wie verklärt auf die junge Dame, welche ihre eleganten Toiletten in dem Schrank hängen ließ, und sich zur dankbarsten Freude Josephinens die alten, fürchterlichen Kattunkleider des Gänseliesels hervorkramte, um sie voll Wohlbehagens aufzutragen. Tapp tapp ging es dann in den Nägelschuhen über das Hofpflaster, die Zöpfe über den Rücken hängend, einen Korb am Arm und rechts und links einen Flachskopf im Schlepptau. Da wurde es dem braven Hattenheim plötzlich eng um das Herz, und er wandte ganz erschrocken den Kopf zur Seite, als könne man ihm seine Gedanken über Cousine Ange von der Stirn lesen. Was war es denn plötzlich, was ihn so wundersam an ihr entzückte? Just dasselbe, was einst sein Herz beim Anblick Josephinens hatte höher schlagen lassen, dieses schlichte, weibliche Aussehen, welches sein Ideal einer Gutsfrau verwirklichte. Ange war nicht halb so hübsch und ideal mehr wie in der Residenz, keine Spur von der Salondame war geblieben, und der »kalten Schönheit« blühten warme Rosen auf den Wangen. Aber Reimar Hattenheim däuchte es, als habe sich ein unglaublich holdes Wunder mit ihr begeben, welches 266 ihm plötzlich die Augen geöffnet, um Gräfin Ange reizender, liebenswerter und anmutiger zu finden denn je zuvor im Leben. Josephine dahingegen glich dem Schmetterling, welcher die bunte Pracht der einmal entfalteten Flügel nicht wieder in unscheinbarer Hülle verstecken kann. Sie kleidete sich mit sehr viel modernem Geschmack, und blieb in jeder Bewegung und jedem Kostüm die elegante Vertreterin der vornehmen Welt. »'s ist gut, sehr gut so!« nickte Reimar oft vor sich hin, »für Günther paßt's nicht anders, er hat einen allzu künstlerischen und exquisiten Geschmack: unmoderne Tournüre ist ihm ein Gräuel.« Und dann blickte er unwillkürlich zum Himmel und dachte mit dankbarem Herzen: »Wie herrlich der liebe Herrgott doch Alles zu lenken weiß! Der weiß am besten, wie's zusammen paßt!« – – So war die gelbe Chaise in den Lehrbacher Park eingefahren, und brachte, wie fast allabendlich, einen Pulsschlag Stauffner Lebens in diese Stille und Einsamkeit. Die Landplage war anfänglich in strengster Weise dressirt, in Gegenwart des kranken alten Herrn keinerlei geräuschvolle Kundgebung ihrer Anwesenheit zu wagen, was auch in gehorsamster Weise befolgt wurde, da das starre, ausdruckslose Antlitz in seiner leichenhaften Blässe die jungen Seelchen in ängstlicher Scheu erhielt. Als aber nach und nach die Besserung vorschritt, und der Minister im Stande war, hie und da mit den Kleinen zu verkehren, da schmolz das Eis der 267 Befangenheit, und ließ den alten, sprudelnden Uebermut wieder aus dem Herzen quellen. Da begann ein Wettstreit, den »liven ollen Griskopp« möglichst launig und originell zu unterhalten. Wie ein Spatzenschwarm flatterte es sofort um den kleinen Krankenwagen, nur da, wo »Excellenzing« sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, wurde der Spielplatz erwählt. Auch heute sah sich der alte Herr sofort wieder von seinen Getreuen umringt. Tante Renate und Ange begrüßten ihn nur »vorläufig«, da die Freifrau ihrer Angewohnheit gemäß sofort den Lehrbachschen Haushalt einer Musterung unterzog, um zu sehen, »ob's dem armen alten Mann auch an nichts fehle?« Seine Haushälterin war ja eine vorzügliche, von Frau von Wetter selbst empfohlene Person, »aber du lieber Gott! wie kann man heut zu Tage noch einem Menschen trauen. Außerdem ist die Phine viel zu quakelich, hat recht viel Geschick zur Krankenpflege, aber absolut keinen Feldherrnblick für Küche und Keller.« Das war ja seit jeher das Herzeleid der Tante gewesen. »Sehen Sie, Excellenzchen, heute habe ich Ihnen schönen Himbeergelée und Saft mitgebracht!« nickte sie dem Kranken zu, und hob die weiße Serviette ein wenig von ihrem Handkörbchen, »ganz frisch eingekocht, nach speciellem Recept für Patienten, also nicht in kupfernem Kessel, sondern in Flaschen, verstehen Sie, das hat aber leider zur Folge, daß die Farbe nicht so schön bleibt! Na, da kommt's 268 ja aber nicht drauf an! Zeige mal Deine Butter, Ange! hm . . . . ein Bischen weich geworden, trotz der vielen frischen Kohlblätter! Das macht die miserabele Hitze in dem engen Wagen! Wollen sie gleich in kaltes Wasser stellen. Sehen Sie mal, Excellenz, wie goldgelb und lecker die ist! Und von wem höchst eigenhändig gebuttert? Hier, von unserem Prachtmädel, unserer Angelica! Hörst Du, Phine? . . . . so lasse ich mir es gefallen!« Dann trat die Freifrau ihre Wanderung durch Küche und Keller an, dieweil die beiden jungen Mädchen die Logirzimmer inspicirten. Ange glühte wie die dunkle Rose an ihrer Brust, als sie von Reimars plötzlicher Rückkehr vernahm. Sie brach im Vorübergehen einen duftigen Strauß, um sein Zimmer damit zu schmücken, sie lachte und jubelte, wie ein ausgelassenes Kind. Droben in dem kühlen Dämmerlicht der Stuben schlang Josephine plötzlich den Arm um den Nacken der Komtesse. »Ange!« rief sie mit zitterndem Jubel, »ist es Dir denn auch so wunderlich zu Sinn? Mir ist die Welt plötzlich zu eng, und ob mir schon der Himmel weit offen däucht, ist doch nicht Platz genug für all meine Glückseligkeit!« Da strahlte ein Lächeln über das Antlitz der jungen Gräfin. »Das macht, es hat die Nachtigall die ganze Nacht gesungen, da sind bei ihrem süßen Schall, da sind bei Schall und Wiederhall die Rosen aufgesprungen!« sang sie leise, wie ein flüsterndes Bekenntnis in das Ohr der Freundin. – – 269 Währenddessen ließen es sich die Flachsköpfe angelegen sein, den Minister mit ihren vortrefflichsten Unterhaltungskünsten zu erfreuen. Renatchen, bei welchem noch jeder Begriff von Behaglichkeit mit der Sorge um den nicht zu klein geratenen Magen Hand in Hand ging, entlud aus dem zweifelhaft sauberen Ledertäschchen, auf welchem in blauem Perlengrund eine Katze gestickt war, eine Portion schwarze Kirschen, welche unverkennbare Spuren an sich trugen, daß ihre Besitzerin in der Enge des Wagens schon zum öfteren auf ihnen gesessen hatte. Nicht gerade appetitlich triefte es von den kleinen Fingern, welche die Gequetschten mit energischer Nötigung den Lippen des alten Herrn präsentirten. »Iß doch man 'n beten, die Maden hevv ik schon all' rutpolkst!« offerirte Renatchen voll herzgewinnender Liebenswürdigkeit, und als sich »de oll Grieskopp« beharrlich weigerte, zuzulangen, und mit freundlichstem Lächeln sagte, »die Kirschen sind ja ganz zerdrückt, Renatchen, wirf sie fort, und laß Dir von Josephine frische aus dem Garten hier geben!« da nickte die kleine Dame ganz einverstanden und sagte: »die frischen könn' man better nach die ollen kommen, wegsmieten thue ik die noch lang' nich'!« sprach's und aß mit vollen Backen. Lieschen überraschte inzwischen den alten Herrn mit einem neuen Kunststück. »Paß mal uff, Herr Excellenz! jetzt schieß ich Dir een' Purzelbock!« worauf hin sie sich ächzend bemühte, ihre korpulente kleine Gestalt um die eigene Achse zu rollen. Die 270 Leistung wurde anerkannt und nach einmaliger Wiederholung der hohen Temperatur halber eingestellt. Gottholdchen dahingegen hatte bereits raffinirtere Dinge ersonnen, welche seiner Ansicht nach nicht wirkungslos an dem Kranken vorüber gehen konnten. »Du! kiek mal! Wat de Padde mit de Been' slenkert, wenn he se mi'm Strohspier onnern Liev kittelt!« juchzte es im Chor, als der kleine Unmensch ein Fröschlein in besagter Weise maltraitirte, und es schien Allen schier unbegreiflich, daß der Herr Excellenz so geschmacklos sein konnte, dieses Plaisir sofort zu untersagen. »Kannste ok de Padde in' Mund nehmen? . . . . nee? Aewerst ik! kieck mal dar!« »Du! to Hus spölen wi jetzt immer ›Exellenzing‹, dann muß Gottholding sich akkerad so hinsetzen wie Du, un' zu uns seggen: ›Kinnigs, kiekt mal tau, ob de Mamsell ok Kauken fer euch hett!‹ un' dann is Liesing de Mamsell un' backt' 'em fixing ut Sand!!« Der Minister verstand diese zarte Anspielung sofort: »Na lauft mal hin zur Mamsell und sagt ihr, sie soll euch Obst und Kuchen geben!« lächelte er höchlichst amüsirt, worauf hin die Landplage wie bei gefallenem Stichwort in höchsten Jubel ausbrach und wie eine losgeschossene Schrotladung davonstob. Nun war für kurze Zeit wieder Ruhe um den 271 alten Herrn. Dann bestürmten Pastors die Komtesse, mit ihnen dem Wagen Reimars entgegenzugehen. Josephinen suchten sie vergebens, sie war wohl allzusehr im Fremdenzimmer beschäftigt. Den sandigen Fahrweg entlang rollte die Lehrbachsche Equipage. Als sie in die Nähe des Schloßparkes kam, hielt sie auf Befehl an, und zwei Herren stiegen aus, um den Fußweg durch die Wiesen und die Anlagen einzuschlagen. Graf Günther und Hattenheim. Als das Gebüsch sie den Blicken des Kutschers entzog, blieb der junge Graf stehen und legte tief aufatmend die Hand um den Nacken des Freundes. »Daheim, Reimar! . . . wieder daheim! . . . Gott sei gelobt, daß ich mit solch frohem und leichtem Herzen diesen Boden wieder betreten kann! Eine Zeitlang hatte ich die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder Besitzer von Lehrbach zu sein. Und wenn ich heute daran zurückdenke, will's mich dünken, als hätte mich nur ein schwerer Traum gequält.« Hattenheim blickte in das schöne Antlitz des Sprechers. »Seine Spuren hat er aber dennoch zurückgelassen, dieser Traum,« scherzte er, »ich werde morgen eine Lupe holen und die weißen Haare suchen, von welchen Du mir in Deinen ersten Briefen schriebst! Wo sitzen sie denn, Kleiner, he? ich will diesem frechen Altweibersommer doch 'mal energisch mit der Scheere zu Leibe gehen!« Günther lachte. »Um mir meinen mühseligst 272 verdienten Orden, mit welchem Schicksal und Erfahrung ihre Kämpen auszeichnen, abzuknöpfen? Nein, Dicker, meine grauen Haare verteidige ich, wie eine Wildkatz' ihre Jungen! Nicht Jeder kann ein solches Denkmal an den Schläfen aufweisen! Siehst Du, mit diesen grauen Haaren ist der alte Günther von ehedem zu Grab gelegt, und ein Grenzstein gesetzt, welcher den großen Wendepunkt meines Lebens markirt! Sieh hier,« und Job Günther zog den Hut von den dunkeln Locken, »überzeug' Dich, welch ein ehrwürdiger Mann aus der Welt heimkehrt!« Lachend neigte er das Haupt und Reimar konstatirte voll feierlichen Ernstes, daß sich thatsächlich über den Schläfen etliche ›Silberflocken in dem Pelz‹ befänden, daß sonst aber noch keine Motte darin gewesen sei! »Ja, ja, Kleiner, es ist die höchste Zeit, an die Zukunft zu denken, werde nächstens ein reelles Heiratgesuch für Dich in das Deutsche Tageblatt einrücken lassen!« Günther lachte. »Hast Du so wenig Hoffnung und Vertrauen auf die Unwiderstehlichkeit Deines Freundes, daß Du Dich bereits zu solchem Akt der Verzweiflung versteigen willst?« Es war noch immer das sonnige Antlitz des Glückskindes, welches sich mit strahlenden Augen der Ruine zuwandte, deren graues Gemäuer bereits dicht vor ihnen aus den laubigen Wipseln stieg. »O nein!« schüttelte Reimar seufzend den Kopf, »ich fürchte sogar diese Unwiderstehlichkeit recht sehr!« 273 »Also doch! Na Mut, Dicker! Wem soll ich aus der Nähe bleiben?!« Es zog trotz der scherzenden Worte dennoch wie ein Schatten über seine Stirn. »Es ist ein seltsames Zusammentreffen, Günther«, fuhr Reimar mit gesenktem Haupt und sehr ernsthaft fort, »daß vor wenigen Tagen ganz plötzlich die jetzige Besitzerin von Lehrbach hier eingetroffen ist, um das Gut wenigstens noch einmal mit Augen zu sehen, ehe sie es Dir zurückgibt. Sie wollte die ganze Sache eigentlich mit mir abwickeln, da sie aber von Deiner Ankunft hörte, zog sie es vor, lieber direkt mit Dir zu verhandeln. Dieses tête-à-tête macht mir nun viel Kummer, lieber Günther, denn die Dame ist bezaubernd und vielleicht noch unwiderstehlicher wie Du – –« Günther, welcher zuerst aufmerksam lauschend stehen geblieben war, that ein paar ungeduldige Schritte. »Zum Kukuk mit solchen Schnacken, Reinz, ich heirate überhaupt niemals!« entgegnete er förmlich ärgerlich. »Wir wollen uns wieder sprechen, wenn Du dem entzückendsten aller weiblichen Ideale, der Besitzerin von Lehrbach in die Augen geschaut hast!« Der junge Graf biß sich auf die Lippe. »Kennst Du mich so schlecht?« fragte er gepreßt. »Erlaß es mir, mich über Herzensangelegenheiten zu äußern.« 274 Dann fuhr er ruhiger und gleichgültig fort: »Wie heißt die Dame eigentlich? Es ist unglaublich, aber wahr, daß ich bis jetzt trotz all meiner Anfragen noch keine Antwort von Dir erhalten habe, wer unser Gut eigentlich angekauft hat? Eine Ausländerin, schriebst Du?« Reimar kraute sich hinter dem Ohr, es wurde ihm unsagbar schwer, seinen Schalk zu bemeistern. »Ja weißt Du, Kleiner, es ist so ein ›Donnerwetterscher‹ Namen, daß ich Mühe habe, ihn auszusprechen, ich will Dir aber ihre Visitenkarte verschaffen. Was Rares von Familie ist sie allerdings nicht, etwas parvenue , man sagt, sie solle in ihrer Jugend Gänse oder Puten gehütet haben, was weiß ich! Aber auf alle Fälle ist sie reizend.« Günther war zerstreut. »Ist . . . . ist Josephine in Lehrbach?« »Zeitweise!« »Sie kennt die Dame auch?« »Ei gewiß!« »Harmoniren sie zusammen?« »Oh, ein Herz und eine Seele!« »So schnell?!« »Wo die Wetter ist, da ist die . . . . die Dingsda auch, und was Josephine will, das will sie auch, und was Gänseliesel bestimmt, dazu gibt sie ihren Segen, mit einem Worte, unzertrennlich!« Günther blickte starr vor sich nieder, sonst hätte ihn Reimars verschmitztes Schmunzeln irritiren müssen. 275 »Ist denn das Frauenzimmer eigentlich Wittwe, daß sie so allein in der Welt herumsegelt und so selbständig über derartig große Summen, wie sie zum Ankauf von Lehrbach erforderlich waren, verfügen kann?« »I wo! . . . . ein alter Onkel heftet sich an ihre Fersen! Na gedulde Dich nur, Du wirst sie wohl noch heute Abend von Angesicht zu Angesicht schauen!« Gedankenvoll blickte Günther auf: »Ist wohl Josephine jetzt auch bei Papa?« fragte er. »Ich hoffe es, mein Mausel; gewiß weiß ich nichts, denn ich komme ja soeben, gleich Dir, von der Reise!« Der junge Graf blieb plötzlich stehen, faßte Hattenheims Arm und blickte ihm fest in das Auge. »Reimar«, sagte er sehr bewegt, »Du hast die Anspielungen in meinen Briefen stets ignorirt, und mir niemals aus freien Stücken irgend welche Konfidenzen gemacht, wie es um Dich und Josephine steht. Jetzt nun, ehe ich ihr wieder entgegentrete, schenke mir klaren Wein ein, damit ich weiß, in welcher Art ich mich ihr gegenüber zu verhalten habe. Liebst Du sie, Reimar?« »Nein, Günther, ich liebe sie nicht!« »Undenkbar! »Höre mich an.« Die Stimme des jungen Mannes klang sehr fest, sein Antlitz wurde feierlich ernst. »Als ich Josephine zuerst kennen lernte, das schlichte, einfache Naturkind, mit dem grauen 276 Regensack bedeckt im Heu liegend, da ging es plötzlich wie ein seliges Aufleuchten durch mein Herz, welcher Art das Weib sein müsse, welches mich dereinst beglücken könne. Ich lernte meinen eigenen Geschmack verstehen. Solange ich Josephine in Groß-Stauffen sah, erschien sie mir die Verwirklichung des Ideals, welches ich mir von einem Mädchen gemacht hatte, obwohl ich einsah, daß ihm noch Manches zur Vollkommenheit fehlte. Ich bemerkte, daß Alles, was sie für Haus und Hof that, nur Gehorsam war, daß sie aus Lust und Liebe, aus eigenem Herzensdrang keine Landwirtin war. Ich entschuldigte es mit ihrer Jugend. Von dem Augenblicke an jedoch, wo ich sie modernisirt und elegant im Lattdorfschen Hause wiedersah, war das Traumbild zersplittert, welches ich mir bei unserer ersten Begegnung für die Zukunft gemalt hatte, da war Josephine nicht mehr das naive, ländliche Gänseliesel aus Groß-Stauffen, da war sie eben das, was all die tausend anderen Großstädterinnen für mich waren, eine Salondame. Wohl ist sie mir auch da noch liebreizend und entzückend, im Sinne der Schönheit wohl sogar noch viel anmutender wie früher erschienen, aber ich sah sie nur noch mit den Augen und nicht mit dem Herzen an, ich war ihr Freund, nichts weiter. Du weißt, ich bin ein wunderlicher Gesell, Du darfst mich nicht mit dem normalen Maßstab messen, ich gehe eigene Wege, welche ich mir oft selber mit Dornen pflastere. Daß ich Dich lange Zeit in dem Wahn gelassen, ich sei ein Freier 277 Josephinens, das – das – that ich Deinetwegen. Und den Grund hierfür erzähle ich Dir ein andermal. So, nun ist Dir hoffentlich der Wein klar genug eingeschenkt, darling , und schmeckt wohl auch doppelt süß nach der vielen bitteren Arzenei, die ich Dir vorher zu kosten gab, zürn' mir nicht deswegen, sie hat einen ganzen, einen Staatskerl aus Dir gemacht!« Reimar zog den Freund an die Brust, durch seine Stimme klang es wie ein Aufjubeln nach Todesangst. Prüfend sah ihm Günther in die Augen. »Du bist eine so unglaublich brave Seele, Reinz, die mir schon mehr wie einmal ein ungeahntes Opfer gebracht hat, daß Du mir einen Argwohn in diesem Augenblick nicht übelnehmen darfst! Hand aufs Herz, Reimar, sind Deine Worte Wahrheit, oder erzähltest Du mir nur ein schönes Märchen, um Dein Herzeleid und meine Scrupel in schönen Traum zu wiegen?« Hattenheim lächelte und legte die Hand feierlich auf das Herz. »Lauter Wahrheit, Job Günther, vorläufig nur Worte, aber, so Gott will, auch bald eine That, welche Dir besser denn alles Reden beweisen wird, daß Dein alter Freund mit keinem Gedanken mehr an ein Haidenröslein denkt, welches einzig für den wilden Knaben hier an meiner Seite erblüht ist!« Wie ein erstauntes, fast betroffenes Aufzucken ging es durch die Züge des jungen Grafen. 278 »Reimar . . . Du . . .?« Dann unterbrach er sich und faßte die Hand des Freundes mit herzlichstem Druck. »Das würde mein Glück vollkommen machen, Reimar, kein Wunsch würde mir mehr bleiben!« Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann fragte Günther hastig und leise: »So glaubst Du, daß ich Hoffnung habe, daß Josephine die Meine wird? All die namenlosen Opfer, welche sie meinem Vater gebracht hat, bürgen mir wohl dafür, daß sie mir all meine Schuld vergeben hat, was aber kann mir Gewißheit geben, ob sie mich auch liebt? . . Ich werde nun und nimmer den Mut haben – –« »Pst!« sagte Reimar, den Sprecher jäh zurückhaltend, » stop my Darling! « Dabei hob er die Hand und wies auf ein lichtes Frauengewand, welches durch das Gebüsch von der Ruine herüberschimmerte. Der Weg hatte sich mälig gehoben und führte in kleinem Bogen zu dem alten Gemäuer empor, welches überwuchert von blühendem Gezweig, rosig, weiß und goldig überhangen von Jasmin, Rotdorn und Herlizien einem verzauberten Dornröschenschloß glich, auf dessen moosigem Fenstersims das süße, goldlockige Königskind mit sehnsuchtsfeuchten Augen ihrem kühnen Heldenjüngling entgegenträumt. »Da sitzt die Herrin von Lehrbach!« flüsterte Reimar geheimnißvoll, »komm' schnell, daß ich Dich als Opfer auf den Altar ihrer Holdseligkeit lege.« 279 Unwillig wich Günther zurück. »Laß uns zurückgehen und einen Umweg machen!« grollte er. »Das sollte fehlen, Du Hitzkopf, komm, pirsch' Dich noch ein bischen näher und sieh Dir wenigstens die gütige Fee einmal an, welche schirmend ihre Hand über das Schloß Deiner Ahnen gehalten hat.« Er schob Günther mit energischem Arm bis zu der Biegung des Weges vor. Rotgoldene Abendsonne warf ihre letzten Strahlengarben über die schlanke Mädchengestalt, welche den beiden Herren den Rücken kehrte und auf dem grünübersponnenen Gestein saß. Mehr mechanisch wie eifrig zeichnete sie einen Namen oder Buchstaben gegen einen grauen Quader, das Köpfchen war geneigt, wie ein zitternder Schleier lag der Sonnenglanz auf den wehenden kleinen Löckchen, welche ein Windzug kosend aus der Stirne strich. Tiefblauer, endloser und lichtdurchflammter Sommerhimmel wölbte sich über dem zackig gebrochenen Gemäuer, jubelnde Vögel schwangen sich hoch empor in die azurne Klarheit, zirpten und lockten in den duftenden Akazienzweigen, aus welchen die säuselnde Luft einen schneeigen Blütenregen über die Einsame schüttelte. Günther zuckte zusammen, stand regungslos und starrte wie gebannt auf das liebreizende Bild. »Josephine! . . . .« murmelte er, »Josephine . . . . die Herrin von Lehrbach!« . . . . Ein Beben ging durch seine Glieder, er hörte es nicht, daß Reimars Schritte hinter ihm 280 verklangen, er hatte nur noch einen Gedanken, nur noch einen Begriff alles Daseins, jene lichte Mädchengestalt auf dem Gemäuer dort! Das purpurne Sonnengold fluthete berauschend durch seine Sinne, der süße Akazienduft faßte ihn wie mit Zaubergewalt und zog ihn näher zu ihr heran. »Josephine!« klang es wie ein jubelnder, liebe- und glückdurchzitterter Aufschrei durch Sonnenglanz und Duftwogen. »Josephine!« Das blonde Mädchenhaupt schrak empor, sah mit großen, angstvollen Augen einen »wilden, braunlockigen Knab'« neben dem rankenden Haidenröslein stehen, der sah sie an mit demselben dunkelleuchtenden Blick, welcher einmal schon ihre ganze Seele zu eigen nahm, der hob die Arme und breitete sie nach ihr aus . . . . Da wogte und wallte es plötzlich um sie her, da stürzten die weißen Blüten erstickend auf sie nieder, es wankte das Gemäuer unter ihrem Fuß, und das Abendgold schlug in himmelhohen Flammen über ihrem Haupte zusammen, Josephine aber preßte die Hände gegen die Brust, ein leiser, halberstickter Jubellaut rang sich von ihren Lippen – – und dann fühlte sie sich ganz sicher und geborgen in dem wonnigen Taumel des Glückes. Zwei starke, treue Männerarme umschlangen sie, zwei zuckende Lippen neigten sich auf ihre traumgeschlossenen Augen. Ein Flüstern und Atmen ging durch die ganze Natur, rosige Wolken wehten über den Himmel, wie Glockenläuten regten sich die Blumen im Wind. 281 Ein Sonnenstrahl traf den Felsquader, auf welchen die weiße Mädchenhand soeben noch die Buchstaben gekritzelt: »Wem nie durch Liebe Leid geschah, geschah durch Lieb' auch Liebe nie!« Hell auf glänzten sie, wie lauteres Gold. – 282 Sechsundzwanzigstes Kapitel. Es war noch früh am Tage. In dem Groß-Stauffener Garten blühte und duftete es im hellen Sonnenschein. Die türkischen Bohnen an der Kürbislaube hatten ihr farbiges Prachtkleid angelegt und glühten wie rote und blaue Flämmchen zwischen dem dunkeln Geisblattlaub, welches schattend bis über das Laubendach hinauswucherte. Goldlack und Tulpen, Lavendel und Herzblumen lachten auf den nachbarlichen Rabatten unter Johannis- und Himbeersträuchern hervor, Salatköpfe und Levkojen, Petersilie und schlanke Schwertlilien standen in bester Eintracht nebeneinander, und über den warm glitzernden Kiesweg krochen die Schnecken, rannten schmucke Goldkäfer, tanzten tausend zarte Flüglein wie Goldstaub durcheinander. Gräfin Ange saß in der Laube und schnitt Bohnen. Sie hatte eine große blaue Küchenschürze über das rosa Kattunkleid geschlagen und die Aermel zur Hälfte an den weißen Armen emporgestreift. 283 Wie ein letzter Ueberrest städtischer Eleganz blitzte der schmale Goldreif ihres Porte-bonheur über dem feinen Handgelenk. Ange war ganz allein und hörte den Vöglein zu, welche so wunderholde Lieder aus den Wipfeln zu ihr niederklingen ließen. Von lauter heller, holdseliger Sommerzeit sangen sie, von der Welt, die so schön, von den Menschen, die so glücklich sind! Zwischendurch schallte das lustige Lachen der Mägde, welche Heu auf der Wiese wendeten, in vollen Wogen trug ein Luftzug hie und da den süßen Duft herzu. Welch ein Morgen war das! Ange ließ momentan die fleißige Hand ruhen und träumte mit offenen Augen. Wie schön mag es erst sein, wenn man in solch einem blühenden Garten sitzt und sieht fernhin die weißen Meereswogen rollen. Reimar erzählte ihr so viel von seinem Strandschloß. Einsam mußte es dort sein, aber nur für Einen, der ganz allein ist, zu Zweien wär's ein Paradies! »Ich wollt, ich wäre ein Vögelein, dann flög' ich wohl über das Meer . . . . . .!« Ange lächelte. Ja, ihr glücklichen kleinen Sänger, die ihr schnelle Schwingen tragt, noch beneide ich euch nicht darum, noch ist's gar herrlich, hier zu sein! »Guten Morgen, liebe Ange!« klang es plötzlich neben ihr. 284 Sie war nicht erschrocken, sie blickte auf und reichte Hattenheim die Hand, als hätte sie ihn längst erwartet. Er trug Jagdcivil und hatte bestäubte Stiefeln, der grüne Waidmannshut kleidete ihn vortrefflich, wie eine Reckengestalt aus der Zeit, da noch der Falke auf der Hand sein Recht behauptete, stand er vor ihr. »Bist Du zu Fuß gekommen?« fragte die Komtesse. Er setzte sich neben sie. »Ich wollte eigentlich in den Wald, um für den alten Herrn ein Stück Wild zu holen, hatte aber kein Glück heute Morgen; eh' ich's mir versah, kam ich von dem rechten Wege ab und war in Groß-Stauffen. Ich dachte mir, daß Du hier in der Laube seist!« »Das nenne ich eine Felddienstübung! . . schnell, laß mich heraus, daß ich Dir Frühstück besorge!« Er streckte den Arm als Barrikade vor. »Bleib da!« bat er mit weicher Stimme, »ich möchte mich erst eine Weile hier ausruhen!« Ange setzte sich wieder nieder, es wurde ihr so beklommen um das Herz. Momentan herrschte Schweigen. »Ich habe Dir etwas mitgebracht!« sagte Reimar, öffnete die Jagdtasche und reichte ihr einen Strauß von Waldglöckchen und Erdbeeren. »Wie gut von Dir, lieber Reimar, daß Du an mich gedacht hast!« entgegnete sie, ohne seinem Blick zu begegnen, nahm die Blüten und steckte sie an die Brust. 285 »Ich denke so viel, fast immer an Dich, Ange!« sagte er ganz leise. Wie die Blumen zu ihr empordufteten! Mit bebenden Händen schnitt Ange ihre Bohnen. Reimar neigte sein Haupt näher und sah ihr zu. »Früher habe ich immer geglaubt, ich müsse mich gewaltig in Acht nehmen, wenn ich Dir die Hand gab, um nicht einen von diesen kleinen, zarten Fingern zu zerbrechen, da hätte ich niemals gedacht, daß die so viel zuwege bringen könnten, und schämte mich, wenn ich meine große, ungefüge Faust daneben sah; jetzt aber ist's mir zu Sinne, als ob auf der ganzen Welt nicht zwei Hände besser zusammenpaßten denn unsere hier!« Ganz verwirrt blickte das junge Mädchen empor, dunkle Glut färbte Beider Angesicht. »Was Du für wunderliche Ideen hast!« stotterte sie. »Gefallen sie Dir nicht?« Reimars Stimme bebte zwischen Furcht und Hoffnung, ach, daß er doch den Mut hätte, nur ein einzig Mal aus freien Stücken diese kleine Hand zu fassen! »Liebe, liebe Ange!« O weh, da glitt das Messer in der zitternden Hand von der Bohne ab und traf den Finger; ein roter kleiner Blutstreifen zog sich über die zarte Haut! Mit hastigem Griff bemächtigte sich Reimar des Patienten, alle Scheu war plötzlich vergessen, er drückte seine Lippen darauf nieder und küßte den Finger gesund. »Reimar!« bebte es von ihren Lippen. 286 Da kam ihm erst das Bewußtsein dieser Kühnheit! Aus lauter Verlegenheit hielt er auch ihre andere Hand fest und küßte sie ebenfalls. »Ei du heiliges Linksschwenkt!« erscholl es plötzlich neben ihnen, ein Schatten fiel in die Laube und mit leisem Aufschrei schrak die Komtesse zurück und rang ihre Hände frei. Da stand Onkel Bernd mit der qualmenden Pfeife, stemmte beide Hände in die Seiten und schmunzelte wie Einer, der's recht pfiffig gemacht hat. »Also bereits eine zweite Auflage von Brautleuten, Kinder? Na, in Gottes Namen, immer schlank weg! Haben's ja längst schon kommen sehen und gewußt, daß der liebe Herrgott euch Beide für einander bestimmt hat! Hattenheim, liebe, treue Seele! in meine Arme, und Sie auch, Komteßchen, will der Erste sein, der euch Beide den Fahneneid auf die Flagge der Liebe schwören läßt!« und Onkel Bernd umarmte mit überströmendem Herzen und vereinigte die beiden, vor Schreck fast betäubten jungen Leute an seiner Brust. »Der liebe Gott segne Euch, Kinder! Kommt schnell zu Renate, die wird eine Freude haben! Heiliges Kanonenfutter noch eins, und ich hab's zuerst rausgekriegt!« Dabei klopfte er noch einmal zärtlichst Reimars Rücken und stolperte, so schnell ihn seine Füße trugen, nach dem Schloß zurück. Sprachlos stand Ange und schlug die Hände vor ihr glühendes Angesicht, Reimar aber blickte mit strahlendem Antlitz 287 zu ihr nieder, schlang kühn den Arm um ihre schlanke Gestalt und zog sie an seine Brust. »Ange!« sagte er mit der ganzen Innigkeit seiner sonoren Stimme, »bist Du dem braven Onkel Bernd böse, daß er unsere Herzen besser durchschaut hat, als wir selber?« Da hob sie das Köpfchen mit thränenlächelndem Blick, schlang die Arme um seinen Nacken und flüsterte: »Wie habe ich Dich so lieb!« Als nach kurzer Zeit die Beiden Arm in Arm durch die blühenden Beete nach dem Schloß zurückwandelten, da hing Reimars Waldblumenstrauß geknickt und zerdrückt an der Brust der Komtesse; dennoch hat sie ihn sorglich in ihren kleinen Raritätenkasten eingeschlossen und für ewige Zeiten zum süßen Angedenken aufbewahrt. Ob die duftigen Blüten wirklich so viel erzählen konnten? * * * Als der Herbstwind bereits über die Stoppeln wehte und das fallende Laub zusammenwirbelte, als die Schwalben den grauen Schloßturm von Stauffen umkreisten, und ihm das ewig neue Liedlein vom Scheiden und Wiedersehen sangen, da tönten eines Tages die Glocken von der Dorfkirche in gar wundersamem Klang, so voll und gewaltig, so voll Jubel und Wehmut zugleich, als wolle auch ihre eherne Zunge ein Lied zum Himmel singen von Finden und Trennen. Die Blüten waren verweht, reife Früchte hingen im Gezweig. 288 Die Göttin Liebe war über die Fluren von Lehrbach und Groß-Stauffen gewandelt, hatte die Rosen gebrochen und sie auf den Pfad eines überglücklichen Paares gestreut, leise und unbewußt löste sie den bunten Kranz aus dem Goldhaar Josephinens, um ein Kränzlein von Myrte darauf zu drücken. In festlichem Schmuck prangte die Kirche; stille, heitere Sonntagsruhe atmete die sonnige Welt. Die lieblichste der Bräute lächelte am Arm des schlanken, dunkellockigen Offiziers, welcher als wilder Knab' die kleine Haiderose gebrochen hatte, um sie nun, nach Kampf und Sturm, als ernster und erprobter Mann für ewig an seinem Herzen zu tragen. Leise rauschte der weiße Atlas über die Schloßtreppe hernieder, der kleine aber sehr distinguirte Kreis der geladenen Gäste hatte sich im Freien vor dem Hause versammelt, um sich zu Fuß nach der nah gelegenen Kirche zu begeben. Seine Excellenz der Minister erwartete das Brautpaar bereits zur Seite des Altars in derselben. Als der Zug sich ordnete, donnerte es plötzlich mit rasendem Hufschlag auf der Chaussee heran, zwei Equipagen sausten in den Schloßhof und parirten vor der Freitreppe. Ein Jäger mit wehendem Busch und den herzoglichen Tressen sprang von dem Kutschersitz und riß den Schlag auf. Franz Eginhard und Marie Christiane 289 entstiegen dem ersten Wagen, Prinz Detlef, Fräulein von Sacken und Herr von Reuenstein folgten in dem zweiten. Die Glocken sangen und klangen von dem Turm. Geführt von Herzog Franz Eginhard und Prinz Detlef schritt Josephine über die Schwelle der Kirche, Günther folgte an der Hand Marie Christianens und der Freifrau Wetter von Stauffenberg. Bleich, regungslos wie ein Marmorbild starrte der Minister dem Zug entgegen, dann ging plötzlich ein Beben und Wanken durch seine Glieder, er hob die Hand seinem Fürsten entgegen und versuchte, zitternd vor Erregung, sich aus dem Rollstuhl zu erheben. »Mein gnädigster Herr!« klang es wie Schluchzen von seinen Lippen. Die Orgelklänge schwollen an, und brausten in gewaltigem Jubel: »Lobe den Herrn, meine Seele!« Franz Eginhard legte die Hand Josephinens in die des jungen Grafen, trat alsdann mit schnellem Schritt neben den Krankenwagen und schlang den Arm um die Schultern des Ministers. »Lobe den Herrn, meine Seele!« flüsterte er ihm tief ergriffen zu, neigte sich und küßte die Stirn unter den silbernen Locken. – – – – – Graf Günther kehrte mit seiner jungen Gemahlin nach München zurück, woselbst er seine Studien vollendete. 290 Er arbeitete mit rastlosem Fleiß, und gönnte sich nur einmal einen kurzen Urlaub, um mit Josephinen der Vermählungsfeier Anges und Hattenheims beizuwohnen. Dieselbe fand zum heimlichen Kummer des jungen Paares in der Residenz statt, da der Hofmarschall auf den Wunsch der Brautleute, in aller Stille auf Reimars Gut getraut zu werden, durchaus nicht einging. Es schien ihm so wie so schon unbegreiflich, daß sein verwöhntes, zartes Töchterchen Wohlgefallen an dem Landleben finden könne! »Na Kinder, wenn ihr es in eurem schwarzweißen Sibirien gar nicht mehr aushalten könnt, dann kommt den Winter über nach Villa Carolina zurück, für Amüsement wird die Residenz schon sorgen!« sagte er sich selbst zum Trost und fügte lachend hinzu: »Aber nicht als verbauerte Krautjunker dürft ihr mir hier einrücken, hörst Du, Ange? Nicht wie Gänseliesel mit einem Kamelienkranz auf den Hofball gehen! Sonst verleugne ich euch!« Ange hatte nur zärtlich die Hand ihres Verlobten gedrückt, und Reimars strahlendes Gesicht sah gerade so aus, als wolle er sagen: »Wenn wir nur erst glücklich hier heraus wären, mit dem Wiederkommen hat es keine Gefahr!« Und so war es auch. Das Strandschloß der Hattenheims hat niemals wieder auf lange Zeit leer gestanden; seitdem der große, blonde Gutsherr sein schlankes, junges Weib buchstäblich auf Händen 291 über die Schwelle getragen hat, da zog ein Frühling in die grauen Mauern ein, welcher aller Ecken und Enden seine Purpurrosen der Glückseligkeit sprossen ließ und ein Banner auf die Zinnen pflanzte, welches leuchtend hell wie das Lächeln wonnigsten Friedens seine Grüße über die rollenden Meereswogen wehte. Durch die fleißigen Briefe und die späteren Besuche der jungen Lehrbachs blieben sie trotz ihrer Einsamkeit von Allem, was draußen in der Welt vorging, aufs beste unterrichtet. Denn Graf Günther, dessen Name bereits ein Stern unter den hervorragenden Malern der Jetztzeit geworden, lebt in der Metropole des deutschen Reiches in den glücklichsten Verhältnissen, Fürstengunst und außerordentliche Erfolge flechten ihm einen Lorbeer um die Stirn, welcher ihn merkwürdiger Weise nicht eitel macht. So voll und früchteschwer dieser Kranz auch sein mag, die roten Rosen der Liebe überwuchern ihn im Herzen des Künstlers, denn Graf Lehrbach liebt sein reizendes Weib abgöttisch. In der heimatlichen Residenz hat sich auch Manches verändert. Seitdem die Ehre des Ministers Grafen Lehrbach in den Augen der Welt so glänzend rehabilitirt war, bildete sich ein inniges Freundschaftsverhältniß zwischen Franz Eginhard und Marie Christiane, welches die Stellung der vereinsamten Frau in günstigster Weise änderte, obwohl Prinzessin Sylvie es nicht an Intriguen und öffentlichen 292 Demonstrationen fehlen ließ, um die »Katholikin« wegzubeißen. Man wußte sich diesen unversöhnlichen Haß nicht zu deuten. Die Prinzessin war verbittert, launischer und excentrischer wie je, bis sie sich plötzlich an einen verwittweten Großherzog vermählte und der Residenz höchst ungnädig den Rücken wandte. Man war sehr gespannt, wie diese Ehe ausfallen würde, und ungemein überrascht, als Gerüchte auftauchten, die »Widerspänstige habe ihren Petruchio gefunden, welcher sie zähme.« Man hatte dem älteren Mann eine solche Energie gar nicht zugetraut. Es sollte anfänglich heftige Scenen gegeben haben. Nach der Geburt einer kleinen Prinzessin jedoch war der Trotz gebrochen, und das Wunder vollbracht, daß die hohe Frau mehr bei der Wiege als im Sattel saß. Nach und nach entwickelte sie sehr viel Anlage zum Starkwerden, und es war wohl schließlich eine Folge ihrer körperlichen Schwerfälligkeit, daß man die Großherzogin Sylvie eine phlegmatische Frau nannte. Fräulein Ilse von Dienheim folgte ihr zu allgemeinem Erstaunen nicht als Hofdame in die neue Residenz, sondern vergähnte noch etliche Winter lang ein zweckloses Dasein in der Heimat, bis sie eines schönen Tages bei einem Sturz vom Pferd die Hüfte brach, und lange Zeit in einer Klinik liegen mußte. Als sie endlich gesundete, überraschte sie die Welt durch ihre Verlobung mit dem Arzt, welcher 293 sie kurirt hatte, und da derselbe weder Titel noch Mittel besaß, verschwand sie spurlos von der Schaubühne der großen Welt. Gräfin Aosta kokettirte noch eine Zeit lang erfolglos mit Prinz Detlef, bis sie sich entschloß, einem alten Botschafter und berüchtigten Lebemann die kleine Hand zu reichen, deren Besitz derselbe nicht völlig zu schätzen weiß, wie böse Zungen behaupten; sie lebt zur Zeit im Ausland. Am besten ist es Baron Reuenstein, dem ehemaligen Ordonnanzoffizier geglückt. Seine Brust ist reich dekorirt, sein Rücken noch immer elastisch krumm, die Mittel sind noch immer durch den Zweck geheiligt. Er hofft es sogar bis zum Erzieher der zwei Söhne Franz Eginhards, welcher sich ziemlich überraschend vermählte, zu bringen. Man sieht in ihm das Ideal eines Höflings. Viele behaupten, er sei falsch, und sie trauen ihm nicht weiter, als sie ihn sehen – je nun, die Leute täuschen sich manchmal. Die Pastor'schen Flachsköpfe wachsen unaufhaltsam heran und sind der ganze Trost von Tante Renate und Onkel Bernd, welche sich unendlich einsam und verlassen in Groß-Stauffen vorkommen. Um so mehr, als Seine Excellenz zu dem jungen Paar übergesiedelt ist, woselbst zwei berühmt schöne, in jeder Weise verzogene und verhätschelte Enkelchen wie Sonnenschein in den Herbst seines Lebens strahlen. Tante Renate wird auf ihre alten Tage noch 294 ungeduldig und kann es kaum erwarten, bis die Mailüfte wehn und das erste Hoffnungsgrün aus dem Erdboden keimt, dann trägt sie die gelbe Chaise jeden Tag nach Lehrbach hinüber, wo sie nach Herzenslust waschen und fegen und ausklopfen läßt. Denn wenn erst die Sonne in die geöffneten Fenster lacht, kommen auch bald die Wandervögel herzu geflattert, und die liebsten von Allen sind ihr doch diejenigen, welche ihr traulich Nestlein in Lehrbach aufschlagen. »Immer schlank weg!« nickt Onkel Bernd und reibt sich vergnügt die Hände, »mach's ihnen nur recht behaglich, Mutterchen, damit wir die Phine eine Zeit lang hier behalten; werden mir immer viel zu schnell fahnenflüchtig! . . . . kaum ein paar Monate zur Ruhe gekommen, läßt der Günther schon wieder zum Satteln blasen!« Und der Freiherr blies ein paar dicke Dampfwolken, und lief schon vier Wochen vorher jeden Tag in den Wald, um einen »Empfangsbraten« zu schießen. Vor etlichen Jahren ging ich in der Metropole durch die reichen Ausstellungssäle der Königlichen Akademie der Künste. Unter den vielen Perlen hoher Meisterschaft fesselte mich ein Gemälde besonders, vor welchem dicht gedrängt eine Schaar von Bewunderern stand. Es war ein ziemlich großes Bild, dessen Sujet eben so eigenartig war wie die Ausführung. Auf einem Heuhaufen an dem Chausseerain liegt eine Mädchengestalt und hütet die Gänse, welche sie in 295 humoristischen Posen umgeben; ein grauer Regensack umhüllt ihre Gestalt, goldenes Sonnenlicht flutet über das blonde Köpfchen mit dem süßen, liebreizenden Antlitz. »Aha! vom Grafen Lehrbach!« klang hinter mir eine sonore Herrenstimme: »Süperbe, ganz meisterlich! . . . . Und welch sprechende Aehnlichkeit! Die blonde Schönheit ist nämlich seine Frau, welcher man ja auf seinen meisten Bildern begegnet, ideales Gesicht! . . . . Bei Gott, der Mann hat ganz recht, daß er sich nicht scheut, seinen vollen hocharistokratischen Namen unter seine Werke zu schreiben, er ist ein Künstler von Gottes Gnaden! Wie heißt das Bild? Welche Nummer trägt es? . . . . Ich will im Verzeichniß nachschlagen!« . . . . Ein paar Blätter wurden flüchtig raschelnd umgewendet. » Voilà! . . . . Nr. 599. Graf Lehrbach, ›Gänseliesel‹!«