Joseph von Lauff Die Tanzmamsell I Miekske Pollmann Kommet alle, reicht mir die Hände und geht mit mir! – ich führe euch in das niederrheinische Land, wohin ich euch so oft geleitet, denn immer und immer wieder muß ich selber in den stillen Erdenwinkel hineinsehn, wo etwas liegt, von dem ich nicht sagen kann, warum es so schön ist, und wo mir immer das Herz schlägt, wie es mir immer geschlagen, als ich noch ein kleiner Junge war, die Schneeflocken leise, ganz leise niederspielten, etwas Geheimnisvolles über die weiche, weiße Spreite ging, und Miekske Pollmann mir von Sankt Nikolas und der kommenden Weihnacht erzählte. Und wenn es dann Sommer wurde, und der warme Blust über die Roggen- und Weizenschläge dahinrauchte ... Und die Mühlen gingen, und die Wasser lagen dann so ruhig in den kreisrunden Kolken, als wäre es Feiertag, und über Dämme und Wiesen wiegte sich die niederrheinische Stille, so still, so unendlich still ... Und aus der Stille wuchsen die niederrheinischen Menschen heraus, die Menschen mit ihrem verschlossenen Wesen und ihrem kantigen Ausdruck in den harten Gesichtern ... Und wenn ich dann in diese harten Gesichter hineinsah, dann sah ich auch bis auf den Grund ihrer Seele, und dann fand ich, daß ihre Seelen anders waren, als die Seelen anderer Menschen. Und dann stand ich und blickte hinein in den Sommertag und hörte die Stille und sah den weichen Rauch, der über die Roggen- und Weizenfelder dahinging. – Auch heute ist so ein Sommertag; drum kommet alle, reicht mir die Hände und geht mit mir. – Ich führe euch wieder in das Land meiner Jugend. * Um die Spätnachmittagsstunde ging ein merkwürdiger, fast seltsamer Mann durch die Straßen der kleinen niederrheinischen Stadt hin. Er ging eigentlich nicht, wiewackte und latschte vielmehr und hatte beide Hände in den schlotterigen Hosen vergraben. Um den Hals trug er ein schwarzes Tuch, dessen Enden in langen Zipfeln herabhingen, hatte einen blauleinenen Kittel an und eine klebrige Schirmmütze bis tief in den Nacken gezogen. Eine kurzstielige Kalkpfeife brannte im linken Mundwinkel; unter ihm lief das charakteristische Geklapper von blankgescheuerten Holzschuhen. Der hohläugige Kopf war ihm bis auf den leinenen Kittel gesunken. Der Kleidung nach sah er aus wie ein Mensch aus hiesiger Gegend. Aber niemand hatte ihn bis jetzt von Angesicht zu Angesicht gesehn, obgleich er kein landfremder Mann war und immer dort erschien, wo es Trauer und verweinte Augen absetzte. Nur Pitt Hoffmann, der Leichenbitter, der am Hauptmarkt neben der katholischen Pfarrkirche wohnte, kannte ihn näher, denn er war hellsichtig veranlagt und sah daher mehr als die anderen gewöhnlichen Leute. Und wenn er ihn sah, dann kribbelte ihm der Duft nach Firnis und Hobelspänen in die Nase hinein; dann wußte er, daß sein Geschäft blühen und der Totengräber zu tun haben würde. Und dann ging er hin und begoß diese Erkenntnis mit einem doppelt gebrannten Wacholder, denn alles mußte doch im Leben seinen regelrechten Abschluß bekommen. Auch heute stand Pitt Hoffmann in seiner Wohnung am Fenster. Da ging der stille Mann im blauen Kittel und mit brennender Kalkpfeife vorüber. Pitt Hoffmann kannte ihn wieder, drehte sich um, öffnete das Eckschab und genehmigte sich einen kräftigen Wacholder. »Auf daß das Geschäft blühe,« sagte Pitt Hoffmann, schnalzte mit der Zunge und begab sich wieder ans Fenster. Der Unbekannte war inzwischen weitergegangen, hatte die katholische Kirche passiert und war auf den stillen Marktplatz getreten. Hier sah er sich um. Er stand scheinbar in Überlegung, was er beginnen solle. Jetzt hatte er gefunden, was er suchte. Er ging ruhig auf die Posthalterei los. Dort angekommen, zog er die rechte Hand aus der Hosentasche und klopfte etliche Male gegen die Tür. Aber niemand öffnete ihm. Da trat er an das ihm zunächst gelegene Fenster, hob sich in den Holzschuhen und sah über die gehäkelten Vorsetzer in die Stube hinein. Es war ein eigentümlicher Blick, mit dem er hineinsah. Der Blick dauerte lange, schien aber nicht mit sich ins reine zu kommen. Da drehte sich die Gestalt im blauen Kittel herum, fast unwirsch und eckig, klapperte die Fliesen herab und trat wieder in das nahgelegene Kirchengäßchen zurück. Hier blieb er stehen. Mit stumpfen Augen sah er über den weltvergessenen Markt fort, ließ aber die Posthalterei nicht außer Acht, denn er wußte genau, was er dort suchte. Auch Pitt Hoffmann wußte es. – Mit dem königlichen Posthalter Naatje Ingelaat stand es hundsmiserabel, und seine Pflegetochter Luise, das Kind eines frühverstorbenen weitläufigen Vetters, ging mit rotgeweinten Augen herum und erwartete stündlich das Ableben des Hochbetagten, der sich aber sturköpfig weigerte, mit Spaten und Erde Bekanntschaft zu machen, und von seiner einträglichen Posthalterei und den dreißigtausend Talern, die er sich im Laufe der Jahre erspart hatte, nicht fort wollte. Aber es half ihm alles nichts. Der kurzbeinige Doktor Horré hatte schon recht, wenn er sagte: »Nu geht's bald mit Ignaz kopfüber. Hü, all meine Pferde! Er riecht nach dem Spaten.« Während nun der arme Naatje Ingelaat mit gefalteten Händen und in seiner Zipfelmütze auf dem Sterbebett lag und auf verlorene Posthornklänge zu hören schien, die fahrig wie zerrissene Bänder und Papierschnipfel durch die Luft flatterten, saß Miekske Pollmann vor ihrer Haustür, strich mit gichtischen Händen über ihr Kattunkleid und beobachtete mit viven Augen die wenigen Leute, die vorübergingen. Ab und zu mußte sie niesen, denn die Sonne stand schon tief und kitzelte mit seinen Strahlenfäden, die über die Dachschräge des gegenüberliegenden Hauses fielen, gerade in ihre Nase hinein. Nun kam es ihr wieder an. Sie mußte zum drittenmal niesen. Das tat denn auch Miekske – und das sah komisch aus, denn sie war von jeher 'ne drollige Person und ein apartes Weibsbild gewesen. Was nun das Aparte anbetraf, so hatte es damit diese Bewandtnis. – Klargeistig, glaubenskräftig – das war sie, und zwei Augen hatte sie im Kopf, die so sammetweich schienen wie die Mysterien der katholischen Kirche; ihre Seele war heiter und ihr Geist übermütig wie 'n Böckchen, das auf einer saftigen Wiese herumkapriolte, aber mit dieser Lustseligkeit harmonierte nicht das Armselige ihres gebrechlichen Körpers. Das war eben das Aparte an Miekske. Ihr klarer, kluger, strenggläubiger Kopf saß ihr tief zwischen den Schultern, die Füße wollten nicht, und die Hände taten immer so, als wenn sie irgend etwas gepackt hielten, und dann wieder so, als müßten sie irgendein Ding, das gar nicht da war, hastig ergreifen. Und das machte die Gicht, die sich schon frühzeitig an sie geschlichen, wie die Flechte Borke und Bast anschleicht, sich festsetzt und das Leben verkümmert – elend verkümmert. Allein ihr Geist besiegte die infame Misere und machte sie fähig, einer Nähschule vorzustehen und ihre sogenannte ›Malör-Penning-Kasse‹ ins Dasein zu rufen – und das war wiederum etwas ganz Apartes im Leben von Miekske Pollmann gewesen. Die ›Malör-Penning-Kasse‹ war ihre ureigenste Erfindung. Sie stand immer auf dem Tisch, wenn die zwölf- und dreizehnjährigen Mädchen in der Hinteren Stube saßen und mit Zwirn und Nadel hantierten. Und wenn dann so ein blutjunges Dingelchen sich aus einem xbeliebigen Grunde mausig machte, schwatzte oder ihm sonst ein Malörchen passierte, dann knöchelte Miekske mit ihren gichtischen Fingern auf dem Nähtisch herum und fragte: »Wer war das?« »Iche!« »Adele Knipp, du hast dir hören lassen. Strafe: twee Penning in de ›Malör-Penning-Kasse‹. Und dann klimperte das kupferne Geldstück in die aufgestellte Blechbüchse hinein, zu den anderen Pfennigen, die ihre Anwesenheit bereits früheren Beschlüssen verdankten. So ging es Tag für Tag und Woche für Woche, und wenn es dann Sommer wurde, die Chausseebäumchen mehlstaubig aussahen und die Äpfel schon rote Backen bekamen, dann wurde die Kasse ausgeschüttet und lustig verjubelt. Ein kleiner Korbwagen kam an, Miekske ließ sich verfrachten, die knirpsigen Mädchen spannten sich vor, und dann ging es hinaus, um da draußen in den Büschen und Alleen von Moyland die aufgespeicherten Pfennige in Stippmilch, Korinthenbrötchen und Spekulatiusmännchen umzusetzen. Das dauerte so lange, bis alles vertan war, Miekske sich aus ihrer Privatschatulle noch drei süße Schnäpschen genehmigt hatte, und die Kinder dann sangen: »Miekske sall läwe, Ne ›Malör-Kass'‹ dornäwe – Hoch, hoch, hoch!« die ganze Gesellschaft sich wieder vorspannte und das armselige Frauenzimmerchen nach Hause kutschierte. Hierauf ging's von neuem los: Nähschule, kleine Gesetzwidrigkeiten und scharfe Dekrete – den lieben, langen Winter hindurch, das Frühjahr hindurch, bis es wieder Sommer wurde, die Äpfel rote Backen bekamen und die ›Malör-Penning- Kasse‹ wiederum ihrem Schicksal verfiel und verjubelt wurde. »Miekske sall läwe ...!« Ja – Miekske Pollmann war von jeher ein kurioses und apartes Frauenzimmer gewesen! Sie war so apart und kurios wie ihr Bruder, der bislang ein vagabundierendes Leben geführt hatte, jetzt in Rom herumlungerte, in sich gegangen war und auf eine Rentmeisterstelle wartete, die er durch Vermittelung seiner strenggläubigen Schwester und auf die Fürsprache der hiesigen Kleriker hin beim Baron Steengracht in Moyland zu erlangen hoffte. Miekskes Bruder war schon alles und jedes gewesen: Weinreisender, Kommis in der Manufakturwarenbranche, Kassierer bei einer reisenden Zirkusgesellschaft, dann Zuave in päpstlichen Diensten, eine Stellung, die er sicherlich noch bis auf den heutigen Tag innegehabt hätte, wäre nicht die politische Machtstellung des Pontifikats frühzeitig in die Brüche gegangen. Nichts war dem armen Karlo Antonio Pollmann geblieben, als lediglich das Bewußtsein, ein hübscher Kerl zu sein, dem Papst gedient zu haben, sich bei festlichen Gelegenheiten in die Zuavenmontierung werfen und auf eine Rentmeisterstellung in seiner engeren Heimat hoffen zu können – alles! – aber den ›Karlo Antonio‹ ließ er auf seinen Visitenkarten nicht schießen, und noch eins nicht: sein unbändiges Glück bei den Weibern. Das hielt er fest, das verhätschelte er wie ein unerzogenes Kind, denn es war eine Macht- und Lebensfrage für ihn, eine Ankerstelle in seiner desolaten Verfassung. Und wie Miekske auch schreiben mochte, ermahnen mochte, letzteres Glück über Bord zu werfen – Karlo Antonio antwortete stets in der nämlichen Weise: »Das ist nun einmal mein Gusto; habe keine Bange deswegen, aber tue du man ein übriges und besorge mir die Rentmeisterstelle in Moyland.« Und dann war sie auch wieder zufrieden, ließ Gottes Wasser über Gottes Land laufen und freute sich, einen Bruder zu haben, der in Sachen der Kirche die hechtgraue Zuavenjacke und das hechtgraue Käppi getragen und vor dem großen Sankt Peter geschildert hatte und noch immer einen bildsauberen Kerl abgab; denn wenn sie ihren eigenen Körper beguckte, dann allerdings mußte sie sagen, daß es für sie ein leichtes sei, sich die Mannsmenschen vom Leibe zu halten – wohingegen ihr Bruder ... An jedem Finger hing ihm so ein üppiges Frauenzimmer; aber das tat, weil er so ein appetitlicher Mensch war und die Gier der Weibsbilder aufreizen konnte. »Allesamt Sünder!« meinte die Inhaberin der ›Malör-Penning-Kasse‹ zog ihr vives Köpfchen noch tiefer zwischen die hohen Schultern und machte dabei mit ihren gichtischen Händen etliche Bewegungen, als sei sie gewillt, Fliegen von ihrer bunten Schürze zu fangen – und saß doch tief in Gedanken, denn sie dachte an ihren einzigen Bruder, den schönen Tedesco, an das, was um sie vorging, wes sie täglich sehen mußte und hören mußte, an den Notstand der Kirche, der sich stündlich verschlimmerte und geeignet schien, die schwersten Bedenken in den Köpfen der denkenden, christkatholischen Menschen rege zu machen. Was wollten überhaupt die preußischen Landräte und die Kerle, die noch höher saßen in ihren fetten Ämtern? Anno 71 hatte die verfluchte Geschichte angefangen, und seitdem waren über drei Jahre vergangen. Aber statt besser zu werden – immer tiefer ging es mit den kirchlichen Rechten bergab; Knebel wurden angesetzt, Bischöfe in die Wicken gejagt, und wenn das so anhielt, wenn das weiter so ginge, was sollte dann überhaupt kommen und werden? – Die heilige Kirche und die Herren Kapläne kamen ja nicht aus ihrer Not heraus, und wer sollte dann Kindtaufe halten, die Wegzehrung austeilen und die heilige Firmelung geben? – Die ganze Geschichte war durchsichtig wie 'n Küchensieb. Das Recht wurde zu einer Unrechtssache gemacht. Die Herren Pastöre und Kapläne bekamen Seitentritte, und den lieben Heiland meinte man, und wenn man schließlich so alles bedachte, konnte man noch darauf gefaßt sein, nicht, einmal ehrlich und auf christkatholische Weise begraben zu werden. Aber was sie, Miekske Pollmann, anbetraf – sie ließe sich partout nicht von Pitt Hoffmann allein und 'nem lutherischen Prediger unter die Erde bringen. Lieber noch von 'nem Rabbiner oder 'nem anderen Heiden – ja, das wollte sie, und mit dieser Beteuerung, mit der sie jedesmal ihre kirchlich-politischen Grübeleien abschloß, glaubte sie ihrer Ansicht genug getan und den preußischen Staat in Grund und Boden geblitzt zu haben. Und so auch heute. »Lieber von 'nem Rabbiner oder 'nem anderen Heiden!« sagte Miekske mit fester Zuversicht, sprang auf ein anderes Thema über und berechnete im Geiste den Inhalt der ›Malör-Penning-Kasse‹. Hierbei gewahrte sie nicht, daß der Herr Vikarius Joseph Sauerbier die Straße heraufkam, ein Mann mit athletischen Formen, einem Stiernacken und gesunden Zähnen. Aber sein Gesicht war so fromm und gutmütig wie das eines Lammes, wenn auch ab und zu ein energischer Zug um die Mundwinkel des gemächlich näher kommenden Klerikers spielte. Joseph Sauerbier, der Sohn ehrsamer Schneidersleute, war in hiesiger Kirchengemeinde gebürtig. Er sollte, wie sein Vater, das Schneiderhandwerk erlernen, wollte aber nicht, denn er hatte Bärenkräfte, und sein Geist war so klar wie das Wasser im Brunnen. Da aber Vater Sauerbier auf seinen Willen bestand, mußte der Sohn Hals geben, tat's auch, sprang aber in seiner Eigenschaft als Lehrling mit seinen Bärenkräften so forsch auf den Schneidertisch, daß die Planke nachgab und mitten entzwei brach. Da sah Vater Sauerbier, daß es so weiter nicht ginge und fragte: »Was willst du denn werden?« – »Theologe möchte ich werden.« – »Nein,« sagte der Alte, »aber auf Schulmeister kannst du studieren,« tat seine Ersparnisse auf einen großen Haufen zusammen und schickte seinen Sohn auf die gelehrte Schule nach Münster. Und Joseph studierte – und dann, als er die Akademie bezog, schien es so, als wenn er auf den Schulmeister losginge, allein seine Kollegienhefte waren theologischen Inhalts. Das merkten Vater und Mutter Sauerbier in den Sommerferien – und noch eine merkte es, die sich in den kräftigen Studenten vergafft hatte, und das war dem Schmied Derksen seine rotblonde Tochter. Die verfolgte ihn unentwegt mit ihren sinnlichen Augen und sagte: »Wenn einer es machen kann, so kann ich es nur machen,« ging hin, trat vor ihren zerbrochenen Spiegel und, da es Sommer war, tat sie ihren dünnsten Rock an und ein Leibchen von Nessel, das noch feiner als Spinnweb sich anließ, und sah in die Scheibe. Und Anna Derksen war zufrieden mit sich, drehte sich auf ihren Absätzen herum und ging zum Studenten. Als sie aber vor ihm stand, reckte sie ihre Schultern zurück, daß ihr schöner Busen mächtig unter dem leichten Nesselkleidchen hervorsprang. Und wieder lockte sie mit ihren sinnlichen Augen. »Jetzt muß er wollen, wie ich will,« dachte das Mädchen. Allein der junge Theologe wandte sich ab und sagte mit vibrierender Stimme: » Apage, Satanas !« – Da wußte sie, daß er für sie verloren war für immer und ewig. Auch die Eltern wußten es, gaben sich aber schließlich zufrieden, als ihr Sohn zu Ehren und Würden gelangte, seine Primiz hielt und Geistlicher wurde. Und wenn Joseph später seine elterliche Schwelle beehrte, zog Vater Sauerbier ehrfurchtsvoll sein Troddelkäppchen vom Kopfe herunter und sagte zu Schmied Derksen und Anna: »Freut Euch mit mir, denn unser geistlicher Herr Sohn hat heute mit uns einen warmen Löffel Suppe gegessen.« – Der Herr Vikarius war weiter gegangen. Die Leute, die vor den Häusern saßen, grüßten ihn und meinten: »Jetzt geht Joseph von Arimathia zu Miekske. Nein, was die doch für 'n Glück hat!« – und sie nannten ihn so, weil der Herr Vikarius alljährlich, und zwar um die österliche Zeit, den hölzernen, grellilluminierten Leichnam des Herrn in eine Seitenkapelle der Kirche trug und dort auf gespreitete Leinwand und weiße Papierrosen legte. Das bedeutete das Grab, aus dem der Heiland am Ostersonntage auffahren sollte gen Himmel. Wenn dann alles vorüber war, die Glocken wieder von Rom kamen, trug er das hölzerne Bildnis wieder in den Verschlag der Sakristei zurück, wo es rasten konnte bis zur nächstjährigen Karwoche, in der die Glocken wieder stumm wurden wie die Fische im Wasser. Das war ein schönes Amt, was der Vikar innehatte. Die anderen Geistlichen der Pfarrei konnten es nicht bekleiden, denn ihnen fehlten die Körperkräfte hierzu; aber Joseph Sauerbier hatte sie und war hierdurch Joseph von Arimathia geworden. – Und Joseph von Arimathia war weitergegangen. Die kleinen Mädchen liefen herbei, tasteten nach seinen Händen und sagten: »Tag, Heerohme!« – und Adele Knipp, die wegen ihres häufigen mangelhaften Verhaltens der ›Malör-Penning-Kasse‹ am meisten Tribut zahlen mußte, stand hinter den Fensterscheiben und knickste; und so, von allen christgläubigen Menschen geehrt, war der Herr Vikarius bis zu Miekske Pollmann gekommen. Mit seinem blaubedruckten Taschentuch tupfte er sich den Schweiß von der Stirne, reichte der gebrechlichen Jungfer die Hand und meinte: »Tag, Miekske; haben Sie heute schon gebetet?« »Ja,« sagte Miekske, »das tu' ich allmorgens.« »Das ist schön und gut von Ihnen,« erwiderte Joseph von Arimathia, »wir haben es nötig, denn trotz des schönen Wetters hängen überall Trauerflore vom Himmel.« »Ach, ne...!« sagte Miekske. Sie sagte es mit einem gewissen Erstaunen, denn sie wußte so recht nicht, wo der Herr Vikarius mit seinen Trauerfloren hinauswollte. »Aber wieso. denn?« fragte sie in sichtlich bedrückter Stimmung, griff mit ihren zappeligen Händen ins Leere und begann wieder Fliegen zu fangen, die nicht da waren. »Je,« meinte Joseph von Arimathia und drehte den gesunden, freundlichen Kopf auf dem Stiernacken gen Himmel, »Naatje Ingelaat kann so recht keine Luft mehr bekommen. Er geht den Weg alles Fleisches. Bald wird er vor seinem Heiland erscheinen, und das ist ein Glück für den Mann, denn der Heiland hat die schönen Worte gesprochen: Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Aber was kein Glück für ihn ist, was ihm sehr übel vermerkt werden könnte da oben ...« Miekske Pollmann hatte einen großen Brummer gefangen. »Das ist,« fuhr der Herr Vikarius gelassenen Tones fort, »daß er in der Betätigung seines letzten Willens nicht die richtigen Wege gefunden. Seine Pflegetochter Luise und Johannes Wesselink dürften sich aller Wahrscheinlichkeit nach als glückliche Erben betrachten, während wir, die Kirche, die frommen Brüderschaften, das Kloster in einen Sack greifen mögen, der tatsächlich nichts anderes als ein ganz gewöhnlicher Sack ist: leer, ohne Inhalt – und er, was der Herr Posthalter ist, hatte doch früher so schöne Pläne gehabt und so schöne Gedanken ...« »So 'n christkatholischer Unchrist!« erregte sich Miekske. »Richtig,« versetzte Joseph von Arimathia. »Ich verstehe Sie, und die übrigen Menschen werden Sie gleichfalls verstehen. Man sollte in dieser verhängnisvollen Zeit, wo die heilige Kirche von Feinden und Widersachern gleichsam wie der große Sankt Sebastianus mit Pfeilen durchspickt wird, alles aufbieten, ihr jammernswertes Los erträglicher zu gestalten. Aber tun es die Menschen, tut es die preußische Staatsbehörde?! – Wir haben den aufgezwungenen Glaubenskampf durchzukämpfen, wir haben die Herren von Bismarck und Falk, wir haben die Maigesetze ... Wir haben häretische Anwandlungen in Hülle und Fülle; keine geistliche Autorität wird gewertet, so daß es möglich wurde, selbst an den hochehrwürdigen Bischof von Köln ...« »Was ...?!« jammerte Miekske. »Hand anzulegen,« war die ruhige, aber fatalistische Antwort. Die Inhaberin der ›Malör-Penning-Kasse‹ erschreckte sich derart, daß sie sich festhalten mußte, um nicht vom Stuhle zu fallen. »Märtyrer!« sagte der Herr Vikarius und legte die Hände über seine Soutane zusammen. Aber dann kam es über ihn, und er meinte mit energischer, aber verhaltener Stimme: »Ja, dahin ist es, leider Gottes, gekommen! Wir sollen nicht sein wie die Dohlen, die untätig zusehen und nur den Knopf des Kirchturms umschreien; wir gehören hinein in die Kirche. Wachet und betet und opfert! – allein der Posthalter Ingelaat ist nichts weiter wie eine Dohle gewesen. Wir müssen sparen und sammeln, wir müssen zu opfern verstehen, damit es auch der geistlichen Behörde vergönnt ist, den Kampf siegreich durchzuführen, der ihr gegen alle Menschengesetze und Gottesgesetze aufgedrängt wurde von einer Gewalt, die besser getan hätte, sich in Demut zu beugen vor Gott und seinen Stellvertretern auf Erden.« Joseph von Arimathia wischte sich wieder den Schweiß von der Stirne, während Miekske schwer in Gedanken saß und über die traurigen Zeitläufte nachsimulierte. Und aus ihren Gedanken wuchsen Tränen heraus, und aus ihren Tränen wurde der feste Entschluß geboren, sich tatkräftig in den Dienst der bedrängten und zu Unrecht gemaßregelten Kirche zu stellen. Sie fing denn auch noch etliche Brummer, die weder für sie, noch für die übrige Welt existierten, und sagte dann mit aller Bestimmtheit: »Sehen Sie, Mynheer Vikarius, ich bin ja, was meine eigene Person anbetrifft, nur ein gewöhnlicher und sterblicher Laie, aber wie wäre es nu, wenn ich als erste meine ›Malör-Penning-Kasse‹ auf den Altar der gottesfürchtigen Wohltätigkeit hinlegen täte? !« »Hm!« machte Joseph Sauerbier, »das wäre nicht übel. Wir sind auch für die kleinste Spende dankbar, wenn sie nur mit ehrlichen Händen gebracht wird.« »Das soll denn ein Wort sein,« freute sich die armselige Person so recht aus tiefster Seele heraus. »Mir bedrückt es nicht weiter, denn ich hänge nicht am Besitz, und mir scharniert es nicht weiter, denn was meinen Exerzitus ins Grüne, wie ich das immer so zu benennen gewohnt bin, anbetrifft, so können wir das ja bis auf den nächsten Sommer verschieben – und meine kleinen Mädchen sorgen schon dafür, daß die Blechbüchse in den langen Winterabenden wieder voll wird. Greifen Sie daher nur forsch in die ›Malör-Penning-Kasse‹. Sie steht auf dem Tisch in die Hintere Stube. Es ist gerne gegeben.« Miekske Pollmann mußte an sich halten, um nicht vor lauter Rührung dem Herrn Vikarius ein Küßchen zu geben. »Das macht Ihnen alle Ehre!« sagte Joseph von Arimathia, »und damit Sie sehen, wie der Herr alles Gute vergilt, wie der Same der Wohltätigkeit geeignet ist, hundertfältige Ernte zu bringen, kann ich Ihnen ein Freudenfähnchen entgegentragen und Ihnen die Mitteilung machen ...« »Was?!« meinte das arme Persönchen. »Ihre Bitte, Ihr Gesuch ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Ihr Herr Bruder Karlo Antonio Pollmann wird die Rentmeisterstelle in Moyland erhalten. Danken Sie dem heiligen Vater in Rom, danken Sie der hiesigen Geistlichkeit, durch die es möglich wurde, alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Und danken Sie Gott, daß Herr Karlo in päpstlichen Diensten gestanden und Zuave gewesen. Dieses, mein Fräulein, war der freudige Beweggrund, Sie zu beehren. Und nun: gelobt sei Jesus Christus!« Miekske Pollmann warf dem Sprecher einen innigen und dankbaren Blick zu. »In Ewigkeit, Amen,« sagte sie tonlos. »Aber, Mynheer Vikarius, die ›Malör-Penning-Kasse‹ ...!« »Ja, so,« meinte Joseph von Arimathia, ging ins Haus und nahm die stattliche Blechbüchse vom Tisch, kam wieder zum Vorschein und stolzierte, nachdem er sich nochmals bei Miekske Pollmann bedankt hatte, in den werdenden Abend hinaus. Und das verlähmte Frauenzimmerchcn sah ihm mit großen, schimmernden Augen nach, versuchte ihren Kopf aus den Schultern zu recken und konstatierte heiteren Gemütes, daß sie durch die Spendierung der weitbauchigen Kasse dem Himmel entschieden um zwei Tagemärsche näher gerückt sei, ein Gedanke, her sie so freudig erregte, daß sie die lieben Engel zu hören vermeinte, die oben in den Abendwolken musizierten, die Zimbel schlugen und geigten. Und der Abendwind ging durch die kleine niederrheinische Stadt hin, so lind und weich wie Watte und so säuselnd und sacht wie Eulenflug, und er faltete die Soutane des Herrn Vikars still auseinander, und wenn einer subtile Ohren gehabt hätte, um wie eine Spitzmaus zu hören, so hätte er auch die feinen Stimmchen vernommen, die aus den Rockschößen der Soutane und der ›Malör-Penning-Kasse‹ herauskamen. Es waren Mädchenstimmen und doch keine Mädchenstimmen. Es waren vielmehr wieder lebendig gewordene Unartigkeiten und sonstige Dinge, die gegen die Regeln der Nähschule verstießen. Es war ein verhaltenes Kichern und Lachen. Verkupferte Stimmchen ...! – Etliche davon hatten eine ganz besondere Kulör, und wer die kleine Adele Knipp kannte, der wußte auch, daß sie von der kleinen Adele Knipp herrühren mußten. Aber alle hatten den nämlichen Ursprung und schienen glücklich zu sein. Sie konnten auch glücklich sein, denn da sie sich in der schwarzen Soutane befanden, waren sie heilig geworden. Das war doch eine andere Sache, als später profanen Zwecken zu dienen und in Stippmilch, Leckerguts und Korinthenbrötchcn umgewandelt zu werden! Und mit diesen seligen Stimmchen im Rockschoße ging Joseph von Arimathia nach Hause, und als er den großen Markt passierte, stand Pitt Hoffmann noch immer am Fenster, sah mit seinem wächsernen Gesicht und den runden Augen in die immer stärker werdende Dämmerung hinein, die sich langsam und feierlich über Giebel und Dächer ausgetan hatte, und trommelte mit seinen weißen Fingern, die so weich und gelenkig wie die einer Hebamme waren, einen Trauermarsch gegen die angelaufenen Scheiben. »Auf daß mein Geschäft blühe!« sagte Pitt Hoffmann und vergönnte sich aus seinem Eckschab den dritten Wacholder. Der Herr Vikarius aber war weiter gegangen. In der Nähe der Sankt Nikolaikirche begegnete ihm der Postillon Stäwe Rademaker, der atemlos und mit verwehtem Gesicht vom Pastorat herkam. »Was gibt's, Stäwe?« fragte ihn Joseph von Arimathia. »Ach, Gott, ja – Herr Vikarius I – Mynheer Ingelaat ...« »Geht es schon so sehr aufs Sterben ...?!« Stäwe Rademaker knabberte traurig an seinem grauen Schnurrbart herum, der wie eine dicke Bürste über seine Oberlippe herabhing. »Ja, Herr Vikarius. Der Dechant Steinberger will mit die Wegzehrung kommen.« Dann trabte er weiter, der Posthalterei zu. »Amen,« sagte Joseph von Arimathia. Der unheimliche Mensch aber, der im blauen Kittel und eine Tonpfeife im Munde bislang im Kirchengäßchen gestanden hatte, verließ seinen Platz, sah sich um und schlug den Weg ein, den der Postillon Stäwe Rademaker gegangen war. Leise, verschüchtert blitzte in der Posthalterei ein Licht auf. Es war das erste Licht am heutigen Abend. II Muß i denn, muß i denn ... Luise Ingelaat, die Pflegetochter Naatjes, ging mit rotgeweinten Augen im Hause herum, und man merkte es diesen Augen nicht an, daß sie noch in den ersten Sommertagen selig und mit einem glücklichen Schimmer in das niederrheinische Land hinausgeblickt hatten, als hätten sie etwas Feiertägiges gefunden. Und sie hatten auch etwas Feiertägiges gefunden. Damals waren die Chausseebäumchen noch nicht verstaubt; die Wiesen lagen so frisch und gelbgesprenkelt unter dem Himmel, als wären alle Sterne über Nacht heruntergefallen und seien im saftigen Grase haften geblieben. Und die stillen, dunklen Wälder, die den Horizont abgrenzten, winkten aus der Ferne herüber, und der Rhein blinkte dazwischen herauf, und so ein weicher Wind kam von Holland gegangen, scheitelte die Gräser sacht auseinander und umwehte zwei Menschen, die zwischen den Wiesen und inmitten der großen, niederrheinischen Einsamkeit standen. Und das war sie und Johannes Wesselink, geachteter Leute Kind und ein guter Sohn, der sich in der Welt umgetan hatte, ein junger Zimmermann war, allsonntags über den Büchern saß und das Geschäft seines Vaters kräftig über Wasser hielt, als dieser eine ›Überfahrung‹ bekam und sich dann so ganz leise und sachte und auf weichen Socken aus dem Leben herausgemacht hatte. Dem jungen Zimmermann wuchsen ganz andere Gedanken unter der Stirn, wie man es sonst bei Leuten seines eigenen Standes und Schlages gewohnt war. Sein Sinn war von grüblerischer Natur, und sein Herz hing an Heimat und Scholle mehr wie das Herz von anderen Menschen, denn sie verstanden nicht den merkwürdigen Zauber, der ihrer eigenen Geburtserde anhaftete, aber Johannes verstand ihn und hatte ihn von Kind an verstanden. Denn wenn der Wind über die Gräser seiner Heimat dahinlief, wenn sich das Rohr mit den braunen Wedeln auf- und niederbewegte – dann sprach sie mit ihm, und wenn sich dann die schwarzen, fetten Ackerkrumen mit mannshohen Halmen bedeckten – dann wußte er, daß sie arbeiten wollte, und wenn es dann Abend wurde, die Windmühlenflügel scharfbegrenzt auf der Goldfolie des Himmels ruhten und sich nicht mehr bewegten, und wenn dann die tausend und abertausend Wisperstimmchen in den Wiesenschlägen sich regten, dann war es ihm so, als müsse jetzt das Glück aus der Niederung treten, ihm auf die Schulter tippen und sagen: »Hier bin ich, Johannes.« So ein Abend war damals gewesen. Die beiden Menschen standen in der großen Einsamkeit, die noch einsamer wurde, als sich die Fernen umdüsterten und ein großer Vogel über die weite Ebene revierte. Da drängte Luise ihre volle Gestalt fester in seine Arme hinein, und da er es merkte, wurde er heiß und sagte dann mit verhaltener Stimme: »Das habe ich mir immer gewünscht, ein Glück zu haben, wie ich es heute besitze.« »Wie meinst du das?« fragte sie leise. »Weil es aus dem Boden herausgewachsen ist, den ich liebe.« Da ging ein Schauer über sie fort, und sie küßte ihn lange. Er aber bemerkte, daß sie die Augen geschlossen hielt, als sie ihn küßte. Und da legte er seine harte Hand um ihre Taille und sagte: »Du mußt mich ansehn, Luise.« Sie gab keine Antwort, hielt aber ihre Augen geschlossen. »Du sollst mich ansehn, Luise,« sagte er noch einmal und mit dringlicher Stimme. »Das tut die niederrheinische Erde doch auch, wenn ich arbeitsmüde bin und dann hinausgehe, um in ihr Auge zu sehn. Und du bist doch das Liebste, was ich habe und was mir die Heimat gegeben.« »Ich bitte dich, laß mich, Johannes.« »Du willst nicht, Luise?« »Ich tu' es nicht gerne, denn wenn ich es tue ...« »Und wenn du es tust?« fragte er mit einem beklommenen Anflug. »Dann ist es mir, als wenn ich etwas sähe ... als wenn sich etwas zwischen uns drängte ...« Sie sprach nicht weiter und da wußte er, daß nicht alles so war, wie er es sich bei der Arbeit und in seligen Stunden ausgemalt hatte. »Gottverdammich!« kam es hart von seinen Lippen herunter. »Johannes!« rief sie verschüchtert und warf ihre weichen Arme rund um seinen Nacken herum. »Es war ja nichts, lieber Johannes!« »Nicht?!« sagte er tonlos, »aber mir ist so, als wenn das von früher...« »Nein, nein, nein...!« sagte sie schluchzend. Da zog er sie fester an sich und deutete mit der Hand in die umschleierte Landschaft hinein. »Sieh mal,« meinte er dann so ganz still und ganz leise, »das sehen andere Menschen nicht, wenn sie auch wollen. Ich will es dir zeigen, denn da ist etwas in die Gegend hineingekommen, was einem weh tut, wenn man es ansieht.« »Du grübelst schon wieder,« meinte sie ängstlich. »Das mußt du in den Kauf nehmen,« sagte er bitter, »wenn wir uns zusammentun wollen; denn es ist ein Stück von mir, was da rungeniert werden soll und absterben könnte. Es ist nicht von selber gekommen. Menschen haben es hineingetragen; es ist Menschenwerk. Es kommt von Rom her – es liegt auf den Kirchen – es kriecht in die Häuser hinein – es geht im Felde herum und zerdrückt den Frieden, den wir hier hatten, als wenn er nur eine erbärmliche Glasscherbe wäre. Und wenn das so weiter geht... Und sieh mal, Luise: wenn ich dann dich besehe und höre, was du mir gesagt hast, dann ist es mir so, als wäre etwas von der großen Not, die im Lande ist, auf dich übergesprungen, und dann sorge ich mich, daß du noch was im Herzen trägst, daß da noch etwas verborgen liegt, was unser Glück tot machen könnte.« Er sprach nicht weiter. Sie hatte ihn so innig umschlungen, daß er nicht mehr zu sprechen vermochte. »Das ist nicht wahr! – Das ist lange vorbei...!« sagte sie mit heißen Lippen. »Da sieh nur...« Und da schlug sie ihre großen Augen auf, die sammetweichen Augen mit der durstigen Seele, und da fand er alles, was er stets in den Blicken seiner Heimat gewahrte, wenn sie ihn ansah: das Tiefe, Klare und das endlose Sehnen – nur das nicht, um das er noch soeben gesorgt und gebangt hatte. Er hatte in ihnen etwas Feiertägiges gefunden, etwas von dem, was er brauchte, was er immer gewünscht hatte – und da glaubte er ihr und ließ alle Zweifel beiseite und wußte, daß er, der Fünfunddreißigjährige, glücklich werden sollte mit der, die ihren blonden Kopf an seine Schulter gepreßt hielt und nun wie verloren in das eingedunkelte Land sah, das seine Schleier um ein junges Geheimnis legte, das es soeben erlauscht hatte. Mit diesem Geheimnis im Herzen gingen die beiden durch die stillen Wiesen nach Hause und bewahrten es noch lange vor den übrigen Menschen. Erst um die herbstliche Zeit sollte es offenkundig werden, so verabredeten sie, wenn sie auch nicht verhindern konnten, daß die Wiesen von ihrem Glück erzählten, und einige Leute es ahnten, die gesehen hatten, wie sie Hand in Hand durch den stillen Abend gekommen waren. Aber die beiden schwiegen, und Luise vergaß, daß sie einmal anders gefühlt hatte wie heute, und Johannes mußte immer an das Feiertägige denken, das auf ihn übergangen, das er zuerst bemerkt hatte, als die Wiesen einschliefen und die eingedunkelte Niederung ihn ansah mit großer Liebe und unendlicher Sehnsucht. Das waren die Blicke von Luise gewesen. Und er dachte daran, wenn er zwischen Gesellen und Lehrlingen mit den schweren Hölzern hantierte, wenn er die Hängewerke richtete und seine Baupläne ausführte; er dachte daran, wenn er Sonntags über seinen Büchern saß, nachgrübelte, seinen eigenen Gedanken nachging und mit tiefer Not und heimlicher Bängnis erkannte, daß sich etwas Dunkles, Schwarzes über seine engere Heimat hinweglegte, daß daraus eine energische, unerbittliche Hand wuchs, den Frieden packte und ihn zu zersprengen drohte, als wäre er nur eine minderwertige Scherbe gewesen. Das Feiertägige seiner Liebe aber verließ ihn nicht, das war sein Eigen geworden. Und so waren die Tage vergangen und die Wochen vergangen. Ein weicher Spätsommerwind ging über die geworfenen Halme, wehte den Staub über die Chausseebäumchen und blies die Äpfel an, daß sie rote Bäckchen bekamen. Nur über die Wangen von Naatje Ingelaat legte sich etwas, das dem jungen Zimmermeister nicht gefiel, das ihm Kümmernis machte. Er ahnte Schlimmes, aber Pitt Hoffmann, der es ja wissen mußte, ahnte das Schlimmste, ließ seinen Trauerzylinder bei Schneidermeister Olbers aufbügeln und durch einen neuen Florbesatz aufmunterieren, so daß er wieder so frisch aussah, als wäre er direktemang aus dem Laden gekommen. Und das gehörte sich so, denn Naatje Ingelaat hielt auf Äußerlichkeiten und verdiente es reichlich. Und Pitt Hoffmann stand noch immer am Fenster. * Es war tiefe Dämmerung eingetreten, als Joseph von Arimathia seine Wohnung betrat. Hinter ihm machte auch der Tag seine müden Augen zu, und als er sie zumachte, ließ sich ein dünnes, gespenstisches Klingeln vernehmen, das von der Sakristei der katholischen Pfarrkirche herkommen mußte. Man konnte es für ein Geräusch ansprechen, das sich im Nebel verirrt hatte und jetzt nicht mehr wußte, wohin es seinen Weg nehmen sollte, so unruhig, kränklich und unstet drückte es sich an den Häuserzeilen vorbei, als müsse es irgendwo einen Ausweg gewinnen. Jetzt kam es durch das schmale Kirchengäßchen geklingelt – aber so spitz und verweht die seltsame Schelle auch klagen mochte, ihr wohnte eine geheimnisvolle, fast wundertätige Kraft inne; denn wie sie ertönte, da traten die Leute aus den Häusern und knieten verstört nieder, und die, welche sich auf der Straße befanden, knieten ebenfalls nieder, ließen die Köpfe sinken und machten das Zeichen des heiligen Kreuzes. »Herr, sei deinem armen Diener Naatje gnädig!« sagten die meisten, und wie sie es sagten, da war auch Pitt Hoffmann mit seiner Frau, die das löbliche Amt einer ehrsamen Hebamme bekleidete, über die Schwelle getreten. Pitt machte eine bedeutsame Pose – und da knieten die beiden wie die übrigen Menschen: sie, die sich freute, wenn sie so einem kleinen Wesen den Eingang ins Leben leichter machen konnte, und er, der sich einen Wacholder vergönnte, wenn einer den dunklen Salto mortale tat und ins Gras beißen mußte. Geschäft ist eben Geschäft; man mußte es nehmen, wie's kam, ganz egal, ob es die Lebendigen oder die Toten spendierten. Die geisterhafte Klingel war näher gekommen. Da schlug sich Pitt Hoffmann mit seinen gelenkigen Fingern gegen die Brust und meinte dann mit salbungsvoller Betonung: » Dixi et salvavi ... Mama, bete mit« – denn er sagte der Feinheit und der noblen Lebensart wegen zu seiner Frau immer ›Mama‹ – » dixi et salvavi animam meam. « Jetzt ging die heisere, kränkliche Schelle vorüber. Sie wurde von einem kleinen Meßjungen in Bewegung gesetzt, der, mit schwarzem Chorrock und weißem Röckling bekleidet, eine Laterne mit Messingbeschlag in der linken Hand hielt und sie hin und her balancierte. Ein mattes Wachsartigen flimmerte hinter den Scheiben. Ein abgezirkelter Dunstkreis glitt über die Erde und von hier aus über eine kleine Gestalt, die dem Meßjungen folgte. Es war der Dechant Doktor Steinberger, ein tolerant gesinnter Mann, der die Worte des Heilandes nicht nur auf den Lippen, sondern auch im Herzen hatte und sie zu betätigen wußte. Wie sein kleiner Adlatus trug auch er Chorrock und Röckling. Sein Kopf war vornübergebeugt; er sah weder zur Rechten noch zur Linken, und seine weißen, frommen Hände umspannten eine kleine Kapsel mit den Heilssakramenten für christkatholische Menschen, die hier auf Erden nicht mehr mittun wollten und sich anschickten, ein weißes Kleid anzuziehen, um barfuß nach oben zu pilgern. Die Klingel ging weiter. »Nu können wir aufstehn, Mama,« sagte Pitt Hoffmann. »Heute in drei Tagen sind wir um fünf Taler zehn Groschen reicher, Mama, denn Naatje wird erster Klasse begraben.« Hierauf machte er wieder eine bedeutsame Pose, half seiner kompletten Frau auf die Beine und verschwand mit ihr in den dunklen Hausflur. Und immer noch das Bimmeln – das feine Gebimmel ...! – Im vorderen Zimmer der Posthalterei lag Naatje zwischen hochgeschichteten Kissen. Im Hause gingen die Mädchen auf Zehenspitzen herum. Der expedierende Sekretär hatte schon lange den Schalter geschlossen, war aber nicht heimwärts gegangen, weil jeden Augenblick das Ableben seines Herren eintreten konnte. Stäwe Rademaker machte sich geräuschlos in den Ställen zu schaffen. Die Halfterketten hatte er durch Stricke ersetzt und eine dicke Streu unter die Pferde geschüttet, damit kein Klirren entstände und das störende Getrampel aufhören sollte. »Das kann so 'ne arme Seele nicht leiden,« sagte der Alte, »denn sie geht auf Filzparisern herum, und wenn sie verschreckt wird, denn verliert sie die schlenkrigen Schuhe und kann das ewige Leben nicht finden.« Und dann wischte sich Stäwe über die stahlblauen Augen und horchte in Richtung der vorderen Stube, ob sich noch alles beim alten verhielte. Nichts ließ sich hören. »Die arme Seele hat noch nicht den Postschein genommen,« sagte er leise, »sie wartet noch 'n bißchen. – Liese, sei still; du kriegst was auf den Kopp, wenn du mit dem verfluchten Leinewebern nicht aufhörst.« Friedlich lief der Schein der Stallaterne über die Pferde. Und da drinnen ... Man mußte ordentlich zusehen, um Naatje zwischen den hohen Kissen zu finden. Er hatte sich ganz in sich zusammengezogen, so klein und vermickert sah er aus. Das gedämpfte Licht einer Lampe spielte um die eingefallenen Züge, die so durchsichtig wie dünnes Postpapier waren. Aber etwas von Verklärung ging darüber hin, etwas von jener Verklärung, die der gefunden, der leichten Herzens die große, unbekannte Wanderung antritt, um das ewige Reich zu gewinnen. Er hatte den Kampf aufgegeben und sich in Gottes unabänderlichen Willen gefunden. Luise und Johannes Wesselink befanden sich im Nebenzimmer, während der Rektor Franz Hartjes am Kopfende des Bettes saß, eine Hand des Sterbenden gefaßt hielt und mit ruhigen Augen die Atemzüge des Kranken verfolgte. Ab und zu sah er in die Nebenstube hinein, als wisse er nicht, warum Johannes Wesselink sich bei Luise befände. Er hätte es aber wissen können, wäre er nicht ein so etwas verwehter Kopf gewesen wie alle Gelehrten. Zudem stand er unter der Fuchtel einer energischen Frau, die, bei allen häuslichen Pflichten, noch die Präsidentschaft des Paramentenvereins besorgte und ihre noch immer respektabelen Reize dazu benutzte, den braven Gatten an der Strippe wie an einem Gängelbande zu halten. Das machte ihn stutzig, unentschlossen und ängstlich, und so kam es denn auch, daß er für gewisse Dinge kein Verständnis mehr hatte, denn er war eben verweht, wenngleich er auch ein denkender und strebsamer Mensch war. Hartjes hatte das Gesicht einer Spitzmaus, aber das einer gutmütigen Spitzmaus, stand in den fünfziger Jahren und war seit langem ein ständiger Skatkollege von Naatje gewesen – und nun saß er hier, hielt die Hand seines älteren Freundes gefaßt, um ihm das Ende leicht werden zu lassen. Jetzt bewegte sich Naatje. »Du,« sagte er mit kaum wahrnehmbarer Stimme, »klopft da nicht jemand?« »Nein,« sagte Hartjes. »Aber ich habe es doch deutlich gehört.« Da drehte sich der Rektor ängstlich herum und sah durch die Scheiben. »Nein, es hat niemand geklopft,« meinte er schließlich. »Aber die Tür hierneben steht offen?« »Ja – die steht offen.« »Dann mache sie zu,« sagte Naatje und wollte sich in den Kissen erheben. Da ging Hartjes und machte die Tür zu. Und dann wurde es wieder still in der Posthalterei, so still, daß man die einzelnen Briefschaften fallen hörte, die draußen ganz sachte in den Einwurf hineinpraktiziert wurden. Hartjes weinte leise vor sich hin, und wie er so weinte, da tastete Naatje ganz verloren über die Bettdecke hin, als suche er etwas, und da merkte Hartjes, daß er wieder seine Hand haben wollte. »Da ist sie, da ist sie ...!« meinte der Rektor, und als Naatje sie hatte, da sagte er plötzlich mit deutlicher Stimme: »Laß das man, Hartjes. – Mir wird's ja leicht, und für Luise habe ich schon Sorge getragen. Beim Notar ist das Testament deponiert. Ich gehe ja gern von meinem Geld und der Posthalterei fort, da ich nun weiß, daß es mir nicht ums Sterben so schwer wird. Aber das mit Luise ... das mit Luise ...!« »Was denn?« fragte der Rektor. Er gab sich einen ordentlichen Ruck, um nicht in seinen Tränen ersticken zu müssen. »Das mit Luise. Sie hat ja mal früher ... Aber sie ist ja nun wohl mit Wesselink einig ... Da ist sie versorgt für die Zukunft ... Aber wenn sie mit dem anderen Menschen – mit dem da in Rom – mit dem Kerl in der päpstlichen Jacke ...« Naatje reckte sich auf. Er setzte die letzte Kraft daran und streckte die Hand aus: »Hartjes, dann mag sie ... Hartjes, dann ist alles auf Doktor Steinberger und unsere Kirche ... Hartjes, was ist das ...?!« »Wo denn?« »Da klopft es doch wieder.« »Aber ich bitte dich, Naatje!« »Nicht?! – Aber da kuckt doch immer einer durch die Scheiben ins Zimmer!« Dem Rektor lief es kalt über den Rücken. »Keine menschliche Seele! – Niemand! – Hörst du, Naatje, keine menschliche Seele ...!« »So ...!« sagte Naatje, fiel in die Kissen zurück und legte sich still auf die Seite. Sein Sprechen wurde nun ein wirres Gerede. Er war wieder ein junger Posteleve, der hinter dem Schalter saß und Briefe sortierte, und dann kamen wieder die dreißigtausend Taler und Luise dazwischen, und Karlo Antonio Pollmann ... Und dann saß er mit seinen Kollegen im Herrenstübchen und hatte einen Grand mit Vieren und angesagtem Schneider in Händen. Sein Reden wurde immer verwirrter und seltsamer, bis er schließlich einschlief, und so ein stiller, seliger Abglanz sich über sein Gesicht austat, als wäre eine sanfte Hand ganz leise darüber gefahren. In diesem Augenblick war das heimliche Gebimmel, das bisher draußen gewesen, in den Hausflur gekommen. Auf weichen Sohlen, lautlos und wie ein lieber Sendbote des Herrn war Doktor Steinberger ins Sterbezimmer getreten. Und die Tür nebenan öffnete sich auch, und da kamen Luise und Johannes Wesselink herein, hielten sich bei den Händen und knieten an der Bettlade nieder. Der kleine Meßjunge steckte zwei geweihte Wachskerzen an, die er aus seinem Röckling zog, und auf zwei Metalleuchter stellte, die das Hausmädchen in die Stube gebracht hatte. Ängstlich, wie zwei arme Seelchen, die sich scheu im Kreise umsahen, standen die Flämmchen auf ihren niedrigen Schäften. Über das milde Gesicht des Geistlichen glitt es wie ein überirdisches Licht, und das überirdische Licht ging auch wie erlösend auf die über, die gekommen waren, Naatje die Augen zuzudrücken, wenn sie vergessen hatten, die irdischen Dinge zu sehen und sich daran gewöhnen mußten, in den überirdischen Glanz des ewigen Lebens zu schauen. Die heilige Handlung ging vor sich – und als sie vorbei war, als Doktor Steinberger, so mild und gütig wie er gekommen, auch wieder die Stube verließ, und das feine Geklingel der Schelle draußen verzitterte, da fühlte Naatje mit der Hand durch die Luft und legte sie zuerst auf den Kopf von Luise und dann auf den Scheitel von Johannes Wesselink ... Und dann flog so ein lustiger Zug um sein Gesicht, als er sagte: »Adjüs, Hartjes ...! – Rademaker soll kommen.« Und Rademaker kam; er kam um Abschied zu nehmen. Er wußte aber auch, was er seinem Herrn schuldig war, hatte sich seine beste Uniform zugelegt und das Posthorn mit 'nem funkelnagelneuen Bandelier um die Schulter geschlungen. Mit nassen Augen drehte er seinen Postillonshut zwischen den schwieligen Fingern. Das sah Naatje noch mit verschwommenen Blicken und meinte: »Stäwe, das ist proper von dir – und wenn es denn alle mit mir wird – so in 'ner halben Stunde – dann weißt du ...« »Well, Baas – dann weiß ich ...« Die Worte kamen ihm schwer an; er konnte kaum sprechen. »Schön so, Stäwe, dann bläst du – dann bläst du ...« »Ja, Baas – dann blas' ich ...« Und dann nahm er die Hand des alten Postmeisters und meinte: »Ja, in so 'ner halben Stunde, dann blas' ich. – Na, Baas – adjüs denn.« »Na, adjüs, Stäwe. – Stäwe, da oben ...!« Da ging Stäwe in seiner neuen Montur und dem blanken Posthorn zur Türe hinaus. Er mußte sich stramm halten, sonst wäre er vor Schmerz in die Knie gefallen. Die halbe Stunde verging – und da kam es vom Posthofe her: leise, sanft, aber klar und erschauernd lief es durch den laulichen Sommerabend. Die Menschen hielten den Atem an, als sie es hörten. »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus ...« klang es feierlich durch die Stille der Nacht hin. Und da flog so ein schöner Zug über Naatjes Antlitz – und dann schien er auf die weichen, verlorenen Posthornklänge wie im Traum zu hören. Dann war's alle mit ihm. Friedlich, zufrieden, glücklich war Naatje Ingelaat aus dem Städtle gegangen. Und Luise drückte ihm die Augen zu, und Wesselink rückte ihm den Kopf bequemer in den Kissen zurecht, und Hartjes legte ihm sanft die Hände zusammen. Und draußen ging Holzschuhgeklapper. Naatje hatte doch recht gehabt. Es hatte jemand am Fenster gestanden und durch die Scheiben gesehen. Das war der Mann im blauen Kittel und mit der brennenden Tonpfeife gewesen. Als alles aus war, ging er klappernd über den Markt fort. Niemand hörte es, außer Pitt Hoffmann. »Jetzt ist Naatje gestorben,« sagte er mit einer wehmütigen Pose. »Gott gebe ihm die ewige Ruhe.« »Amen,« sagte Frau Hoffmann. »Muß i denn, muß i denn ...« Leise, wie im Traum verhallten die Posthornklänge. Stäwe Rademaker aber setzte sich auf eine Futterkiste und weinte bitterlich. III Die Frau Rektern Zwei Tage hintereinander waren die Fensterscheiben an der Posthalterei völlig geblendet. Nur in die Stube, rechts neben der Haustür, wo der expedierende Sekretär seinen Arbeitsraum hatte, ließen die schräggestellten Jalousieläden noch eine Art von Dämmerlicht einfallen, das aber kaum hinreichte, die allernotwendigste Helle zu geben. Der Herr Sekretär Severin Piepmann hatte denn auch Mühe genug, die laufenden Arbeiten pflichtschuldigst zu erledigen. Aber er tat es, und während er die diversen Pakete ordnete, die Briefe sortierte, abstempelte und Kasse machte, pfiff er immer und immer wieder von neuem: »Es geht bei gedämpftem Trommelklang ...« und zwar so wehmütig, getragen und in düsterem Moll, daß die Leute, die ihre Korrespondenzen in den Briefkasten warfen, längere Zeit stehen blieben, um sich von der traurigen Weise durchschauern zu lassen. Am Morgen des dritten Tages, und zwar punkt neun Uhr, schlug die große Totenglocke an. Dreimal schlug sie an mit ihrer feierlichen und sonoren Stimme, um dann von der Sankt Antoniusglocke, Preziosa und Anna Susanna begleitet zu werden. Anna Susanna tat nur mit, wenn eine Persönlichkeit begraben wurde, und ihr schmerzlicher Ruf kostete drei Taler extra. Als das Sterbegeläut einsetzte, stempelte Severin Piepmann den einundzwanzigsten Brief ab und pfiff dann: »Ich, aber ich traf ihn mitten ins Herz.« Hierauf ließ er den Schalter herunter und ging nach Hause, um sich für das Begräbnis fertig zu machen. Bei dem ersten Anruf der großen Totenglocke war Pitt Hoffmann auf der obersten Stufe seiner Haustreppe erschienen. Hier blieb er für einige Augenblicke stehen, damit alle es merken sollten, was er doch für ein stattlicher Kerl sei. Auf dem blankrasierten Gesicht, das so proper wie ein frisch gebügeltes Schemischen aussah, lag die große Not und die ganze Kümmernis des heutigen Tages verkörpert. Trotzdem vergaß er nicht, die Würde seines übrigen Menschen gehörig in die rechte Beleuchtung zu setzen. Pitt Hoffmann posierte – stellte den linken Plattfuß etwas zur Seite und wiegte sich, den Zylinder unter fünfundzwanzig Grad nach rechts geschoben, selbstgefällig in den mageren Hüften. Fünf Minuten mochte er so gestanden haben, als er den flottierenden Trauerflor mit seinen schlenkrigen Fingern unter der linken Achsel durchzog und keck über den gekrümmten Arm praktizierte; gleich darauf nahm er den Medaillenstab fester zur Hand, stieß ihn taktmäßig auf und stolzierte dem Sterbehaus zu, um hier auf der Türschwelle die Honneurs für die geladenen Gäste zu machen. Die Herren Geistlichen kamen, die Leidtragenden kamen; selbst Miekske Pollmann hatte sich von etlichen Mädchen in ihrem Korbwägelchen ankutschieren lassen. Sie wollte doch Zeuge sein, wie Naatje Ingelaat von der schönen Posthalterei fort mußte und in die ›Pierekull‹ getan werden sollte. Schlag Glock halb zehn setzte sich der Trauerzug in Bewegung. Frau Rektor Hartjes, geborene Worms, verwitwete König, stand am geöffneten Fenster, als Naatje vorbeikam. Trotz ihrer fünfundvierzig Jahre war sie noch immer eine stattliche, man konnte fast sagen eine üppige Dame, die vornehmlich in sommerlichen Tagen, wo sie gewohnt war, eine dünne Kattuntaille zu tragen, noch Reize besaß, die nicht zu den alltäglichen gehörten. Ein allerliebstes Speckfältchen zog sich zu beiden Seiten des Halses bis zu dem niedlichen Grübchen herab, das sich unmittelbar über dem respektabelen Enkörchen ausgehöhlt hatte. Hier trieb denn auch so ein winziges Goldkreuzchen sein launiges Spiel. Es hob oder senkte sich, je nachdem das Innere der Frau Rektor mehr oder weniger freudig angeregt wurde. In ihren blankgeputzten Augen lag Selbstvertrauen und Würde. Selbstvertrauen, weil sie das von jeher gewohnt war; Würde, weil das zu ihrem Metier gehörte, denn sie konnte sich rühmen, Präsidentin des Paramentenvereins zu sein und die Bruderschaft zur ewigen Anbetung gegründet zu haben. Frau Rektor Hartjes war zudem ein Kirchenlicht, aber ein langes, großes, dickes, das fast mit einer souveränen Verachtung auf Andersgläubige herabschien, sobald es angesteckt wurde – und dieses Kirchenlicht stand nun am Fenster und sah, wie der arme Posthalter vorbeikam. Sie ließ denn auch alle, Honoratioren und nicht Honoratioren, Revue passieren. Zuerst kam Pitt Hoffmann – aber wie! – Das war verkörperte Wehleidigkeit, in sanftem Tempo dahinschreitende Trauer! Er vereinigte in sich die Allüren eines gespreizten Hofmarschalls und das sanfte Benehmen, die geberische Güte eines Beichtvaters. Er war ein rätselhaftes Wesen, eine Art von Schmierenreporter, ein Großhans, eine klagende Sphinx – Pitt Hoffmann war alles. Ihm folgte die Geistlichkeit. Dann kam der Leichenwagen und das Trauergefolge und ganz zuletzt Severin Piepmann, der noch immer nicht begreifen konnte, daß sein Herr auf den Kirchhof hinaus sollte. Er vergaß sich denn auch und pfiff immer und immer wieder »Es geht bei gedämpftem Trommelklang ...« gegen die Pflastersteine, aber so laut und getragen, daß es auch die Frau Rektorin hören mußte. »Gefällt mir nicht,« sagte diese indigniert, und sie gedachte schon, vom Fenster zurückzutreten, als sie Frau Pitt Hoffmann bemerkte, die von einem Geschäftsgang zu kommen schien und eiligst mit ihrem schwarzen Täschchen aus Wachstuch nach Hause wollte. Die kam ihr gelegen. »Einen Moment, meine liebe Frau Hoffmann!« »Gerne, Frau Rektoratschülerin,« sagte das vive, pummelige Weibchen, trat in den Hausflur und von hier in die behagliche Stube. »Ei, schon so fleißig gewesen?« »Wie sich das so gehört, meine verehrte Frau Rektoratschülerin. Heute morren so um viere 'rum die Frau evangelische Pastorin bedient – 'ne feine Sache, wie wir Wehmütters das heißen – und nu bin ich von Anna Derksen gekommen.« »Aber ich bitte Sie, meine liebe Frau Hoffmann, doch nicht dem Schmied Derksen ...!« »Ja – dem Schmied Derksen seine älteste Tochter.« »Die damals – ich meine, als der Herr Vikarius Sauerbier ...« »Dieselbigte Anna.« »Wie ist das nur möglich?!« entsetzte sich Frau Hartjes und schlug vor lauter Erstaunen die Hände zusammen. »Wie ist das nur möglich?!« »Alles ist möglich,« war die ruhige Antwort. »Und da haben Sie ...?! – Aber das muß ich näher wissen, das muß ich genauer erfahren ... Bitte, meine liebe Frau Hoffmann, wollen Sie nicht Platz nehmen und sich meines Sofas bedienen.« »Wie sich das gehört, meine verehrte Frau Rektoratschülerin,« sagte die rundliche Person, stellte ihr Wachstuchtäschchen auf den Tisch und schickte sich an, ihre kompletten Sitzteile in eine bequeme Sofaecke zu schieben. »Eins zuvor,« meinte Frau Hartjes. »Bitte,« sagte das rundliche Weibchen und schnellte wieder wie'n Gummiball von dem bereits halbeingenommenen Polster. »Sehn Sie mal, meine Beste,« erklärte Frau Hartjes, »Sie nennen mich immer ›Frau Rektoratschülerin‹. Das stimmt nicht, das entspricht nicht den wirklichen Tatsachen. Mein Mann ist allerdings Rektor; das Institut, dem er vorsteht, heißt Rektoratschule, und ich kann daher füglich auf den Titel ›Frau Rektorin‹ Anspruch erheben. Falls Ihnen nun dieses zu fern liegt, so bitte ich Sie, mich einfach Frau Präsidentin zu nennen. Die Damen der ewigen Anbetung nennen mich so, Miekske Pollmann tut es, und der Herr Vikarius Sauerbier gibt sich gleichfalls die Ehre – und, Hand aufs Herz, ich schmeichle mir, dieses Titels nicht unwert zu sein, denn, wie Sie selber wissen, bin ich bei der letzten Firmelungsfeier dem hochwürdigen Herrn Bischof als Präsidentin des Paramentenvereins vorgestellt worden.« »Aber ich bitte Ihnen,« meinte Frau Hoffmann, »das tu' ich ja gerne,« und damit machte sie sich's wirklich bequem auf dem gemütlichen Sofa. »Und nun – wie ist das mit der Anna Derksen gewesen?« sondierte ihre Partnerin, die sich gleichfalls niedergelassen hatte und ihr Goldkreuzchen zurechtwies, das vorwitzig in den Busen herabrutschen wollte. »Keine pure Neugierde läßt mich diese Frage tun,« fuhr sie erläuternd fort, »sondern lediglich meine Pflicht, mein Recht und meine Stellung als Präsidentin genannten Vereins, der nur unbescholtenen Frauen und Jungfrauen die Mitgliedschaft gestattet. Wie Sie ja wissen, ist Anna Derksen bislang ein regsames Glied meines Vereines gewesen; allein unter den obwaltenden Umständen ... Also – wie ist nun die Sache?« »Je – wie soll die nu sein!« meinte Frau Hoffmann. »Die Anna ist ja wohl von jeher so'n rassiges Frauenzimmer gewesen. Mit dem Herrn Vikarius hat sie auch anbändeln wollen, als der noch so'n junger Student war.« »Ist mir bekannt,« sagte Frau Hartjes, »aber der ist ihr bei diesem sträflichen Manöver schön unter die Augen getreten.« »Wie sich das gehört,« replizierte Frau Hoffmann, »denn er ist immer ein selbstverleugnerisches und edles Faktotum gewesen. Aber was sie ist: sie hat wohl ihre alte Liebe vergessen und ist so dreißig Jahre drüber geworden, denn vor 'nem geweihten Menschen soll die Welt Estimierung besitzen – aber das Rassige, was ihr nu einmal im Blut sitzt, dem kann man nicht wie 'nem Kröpper den Hals umdrehn; das will an die Luft, das will Aufmunterung haben. So hat sie denn auch öfters auf der Bettkante gesessen und hat ihre Beine besehen, und wie sie so kuckte, da kuckte auch immer der erste Geselle Jans in die Stube, und wie das so ist: der hat Gefallen an ihre Beine gefunden, und dann ist das so weiter gegangen, bis ich ihr heute morren bedienen mußte, genau so wie ich mir bei der evangelischen Frau Pastorin bemühte.« »Nur mit dem Unterschied,« fiel Frau Hartjes dazwischen, »daß die Frau Pastorin, wenn auch – leider Gottes! – keine christkatholische, so doch eine ehrlich getraute Person ist,« »Wie sich das gehört, meine verehrte Frau Pergamentpräsidentin. Aber auch hier, gütigst zu melden, habe ich durch meine Fixigkeit 'nem properen Jungen das Leben gegeben.« »Himmlischer Vater!« ereiferte sich die würdige Dame, »das ist ja Sünde, das ist ja eine nichtswürdige, himmelschreiende Sünde!« »Für mir nicht,« entgegnete Frau Hoffmann mit einem etwas patzigen Tonfall, »denn ich beziehe aus diesem Geschäft meine tägliche Nahrung, und das tägliche Brot kommt von Gott, und was unser himmlischer Vater ...« »Aber ich bitte Sie,« fiel ihr die Erregte dazwischen, »ich meine Sie ja auch gar nicht, meine beste Frau Hoffmann! Ich meine die andere – ich meine das sündige Mädchen ...! – Da muß ich eingreifen, das verlangt meine Eigenschaft als Präsidentin des Paramentenvereins, das gebietet meine Ehre als Vorsitzende der Bruderschaft zur ewigen Anbetung. Die muß mit Schimpf und Schande ...« »Wie sich das gehört,« konstatierte Frau Hoffmann, »denn warum hat sie immer so im Hemd auf die Bettkante gesessen und hat sich ihre Beine besehen. Und Jans muß ihr heiraten, sonst muß Joseph von Arimathia ihm einheizen, daß er meint, er wäre schon jetzt in die überirdische Hölle gekommen.« »Das muß er, das wird er,« sagte Frau Hartjes, und dann sah sie wie in Überlegung auf die Straße hinaus, wo die Schwalben ihr heiteres Spiel trieben und in zierlichen Schwenkungen an dem geöffneten Fenster vorbeischossen. In diesem Augenblick tönte aus dem Nebenzimmer der muntere Gesang eines Stieglitz herüber. »Ach, wie schön!« meinte das lebhafte Weibchen. »Das ist wohl ein Stieglitsch; der singt wohl den ganzen Morren so lieblich! – Und das ist immer von 'ner guten Vorbedeutung, denn mein Pitt sagt immer: Wenn so'n munterer Stieglitsch im Hause ist, dann leben die Eheleute lange zusammen.« »Das gebe der Himmel!« sagte Frau Hartjes, »und ich wünsche zu Gott, er möge mir noch ein langes, gemeinschaftliches Eheleben mit meinem lieben Franziskus vergönnen, denn bei Lichte besehen: selbst Herr Ingelaat ist viel zu früh aus diesem Leben geschieden.« »Viel zu früh,« konstatierte Frau Hoffmann. »Ich wüßte aber zu gern, wie sich das mit seinem Testament verhalten tun täte.« »Nun ich dächte, die Kirche und diverse milde Stiftungen werden den Hauptteil erhalten.« »Wie sich das eigentlich gehört, meine verehrte Frau Pergamentpräsidentin. Aber die Leute reden so viel. Es soll ein schweres Akkuschemang mit's Testament gewesen sein, und viele behaupten: Johannes Wesselink und Luise ...« »Kaum glaublich,« sagte Frau Hartjes, »weil er doch wissen muß, wie die Kirche in Not ist, wie wir arbeiten und kämpfen müssen, um unsere milden Stiftungen über Wasser zu halten – und dann: er wird doch wohl an das ewige Leben gedacht und sich überlegt haben, wie Gott diejenigen belohnt, die in seinem Namen Gutes tun und die bedrängte christkatholische Kirche mit einem mildtätigen Scherflein bedenken.« »Je,« machte die Kleine, »es gibt merkwürdige Leute auf Erden! – Indessen jedoch: was Ihr Herr ehelicher Mann ist, der könnte es wissen, denn er ist doch offenbarer Zeuge gewesen, wie Naatje ein langes Gesicht bekam und abrutschen mußte. – Aber nein, meine liebe Frau Pergamentpräsidentin, wie Ihr munterer Stieglitsch doch singt! Genau wie'n Paradiesvogel im Himmel! – Und nu muß ich gehn, denn Pitt kommt bald retour, und wenn er so mit 'ner kostbaren Leiche zu tun gehabt hatte, dann will er auch immer 'nen extra Kaffee vorgesetzt haben. Und daher ...« Die pummelige Frau hatte sich aus ihrer bequemen Sofaecke erhoben. »Grüßen Sie ihn vielmals von mir.« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann, griff nach ihrer schwarzen Wachstuchtasche und ging mit einem äußerst vornehmen Diener nach Hause. Der Stieglitz jedoch sang immer schöner und schöner, als sei er durch das große Lob von Frau Hoffmann in seinen Leistungen angeregt worden. Dabei lachte die liebe Morgensonne so heiter ins Zimmer hinein, daß selbst die alte Stutzuhr lustig wurde, ein Viertel nach zehn schlug und mit piepsiger Stimme einen Choral zum Besten gab, der so recht in diese schöne Morgenstimmung hineinpaßte. Sie war mit diesem Choral noch nicht ins Reine gekommen, als auch schon der Herr Rektor Hartjes vom Begräbnis zurückkehrte, seinen Zylinder auf das Schreibpult placierte und die schwarzen, baumwollenen Handschuhe auszog. »Guten Tag, meine liebe Petronella,« sagte er hierauf. »Nun haben wir unsern gemeinsamen Freund zur ewigen Ruhe geleitet. Es war eine erhebende, es war eine würdige Feier da draußen. Der Männergesangverein ›Concordia‹ gab sein Bestes her, und der Herr Schreiner- und Zimmermeister Gertzen hatte einen Sarg geliefert ... Nein, ich sage dir, Petronella, der Mann hat sich selbst übertroffen.« »So?!« »Ja – der Mann hat sich selbst übertroffen. Und ich für meine Person habe mich abgefunden mit meinem Schmerz und meiner gedrückten Verfassung, denn ich weiß ja: er ist selig gestorben, er hat die Krone des ewigen Lebens gewonnen – und was sterblich von ihm war, dem wird die Erde leicht werden hienieden.« »So,« sagte Frau Hartjes, »das weißt du so sicher?!« »Ja, das weiß ich bestimmt, Petronella.« »Wenn ich aber nun eine andere Ansicht vertrete ...« »Was verstehst du darunter?« fragte der Rektor etwas befangen, war näher getreten und versuchte mit dem possierlichen Goldkreuzchen seiner Frau unauffällig in Berührung zu kommen. »Bitte,« sagte Frau Hartjes in abweisendem Ton, »ich möchte mir zuerst eine Frage erlauben.« »Und die wäre?« meinte der Rektor. »Wie steht es mit dem Testament?« »Mit welchem Testament?« »Nun, mit dem Testament, was der Verstorbene vor Notar und Zeugen errichtet hat?« »Wie soll's damit stehen, Petronella? Luise dürfte sich als Universalerbin betrachten, falls sie gewillt ist, mit Johannes Wesselink ...« »Und wenn sie ihn nicht nimmt?« »Dürfte ein großer Teil milden Stiftungen und der Kirche verfallen.« »Und was gedenkt Luise zu tun?« »Wie ich wohl annehmen kann: sie hofft mit Johannes Wesselink in den Bund der heiligen Ehe zu treten.« »Und dann wäre alles für die Kirche, für eine gottwohlgefällige Sache verloren?« »Allerdings.« »So!« sagte Frau Hartjes und begann mit ihren blankgeputzten Augen ungemütlich herumzuwuschern, »und das sagst du so leichtfertig, als wäre die ganze Angelegenheit nur ein Kinderspiel, nur ein Garnichts gewesen. Ich muß mich höchlichst darüber verwundern, Franziskus, daß du nicht mal den Mut gehabt hast, dem Testament eine andere, bessere, ich möchte sagen eine christkatholische Wendung zu geben.« »Aber wie sollte ich können ...?« »Können?!« fragte Frau Hartjes. »Du bist doch in der letzten Stunde bei ihm gewesen, hättest ihm die Hölle heiß machen sollen, hättest ihm von der ewigen Gnade, von den Werken der Barmherzigkeit vorreden können ... Lieber Herrgott im Himmel da droben, warum bist du nicht auf diesen glücklichen Einfall gekommen?!« – Wie konnte der Verstorbene überhaupt eine so hartherzige und unüberlegte Handlung begehen?! – Und du ...« Mit funkelnden Augen war sie näher getreten. »Weil ich nicht wollte,« trumpfte ihr Mann auf, »weil ich das für richtig gehalten habe, was mein Freund Naatje getan hat. Und dann merke dir selber: De mortuis nihil nisi bene. « Frau Hartjes schnappte nach Atem. Ihr üppiger Busen kam in eine nervöse Bewegung. »Das Letzte verstehe ich nicht,« sagte sie bitter, »aber das Erste versteh' ich. So – das hast du also für richtig befunden?! – Das ist ja niedlich, das ist ja herrlich, das ist ja um die Kränke zu kriegen! Aber so seid ihr Männer all miteinander – und ich würde mich gar nicht darüber wundern, wenn die fromme Anna Derksen eines Tages zu mir käme und mir rundweg erklärte, sie sehe sich genötigt, gegen dich eine Alimentationsklage zu richten.« »Aber Petronella ...!« »Alles ist möglich, wie Frau Pitt Hoffmann gesagt hat,« fuhr nun die energische Dame auf ihren verschüchterten Mann los. »Alles ist bei euch Mannsleuten möglich: Bockssprünge und andere Sprünge, aber wo ihr wirklich entschieden eingreifen sollt, wo es heißt Farbe bekennen, für derlei Artikel seid ihr niemals zu haben.« »Ich bin von jeher ein königstreuer Philologe ...« »Ach was mit der Königstreue!« schnitt ihm Frau Hartjes das Wort ab, »Kirchentreue ist eine bessere Nummer, die wird höher bewertet – und da du in diesem Punkte so elend vor mir stehst wie'n Quartaner, der sein lateinisches Pensum schlecht memoriert hat, so bin ich leider genötigt ... Strafe muß sein; so bin ich leider genötigt ... Aber warte mal eben – das paßt nicht für andere Ohren ...« Und damit ging sie hin und schloß unsanft das Fenster ... »So bin ich leider genötigt, meine Maßnahmen zu treffen.« Mit ihrem Taschentuch wedelte sie sich hierauf die nötige Luft zu, um besser sprechen zu können. Jetzt wußte der Rektor, was kommen würde. Er versuchte daher einzulenken und meinte: »Aber, Petronella, ich weiß wirklich nicht ... ich kann mich' absolut nicht besinnen ...« »Das ist immer deine elende Ausflucht gewesen« versetzte sie bissig, »aber ich lasse mir nichts mehr gefallen. Heute mittag kommt Gertzen, und dann muß deine Bettstellage herunter.« Sie hatte ihren höchsten Trumpf ausgespielt, wobei sie sich so energisch in ihre stattliche Brust warf, daß das kokette Goldkreuzchen einen verliebten Hopser riskierte. Der arme Rektor war an der empfindlichsten Stelle getroffen, versuchte aber doch, mit halbem Auge über den derben Reiz seiner Gattin zu streifen. Das bemerkte denn auch Frau Hartjes, warf ihm einen verächtlichen Blick zu und meinte: »Du solltest dich schämen, Franziskus, und was das Testament anbetrifft: der Herr Vikarius wird der Medaille schon die richtige Seite abgewinnen. Ich gehe zu ihm.« Damit war sie aus dem Zimmer gerauscht, warf sich in Hut und Mantille und ging geradeswegs zu Joseph von Arimathia. Und dabei sang der Stieglitz so schön, und die liebe Sonne blinkte so munter in die Stube hinein, als sei gar nichts geschehen, als sei alles Frieden und Eintracht gewesen – und dennoch sollten es bald die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß die eheliche Gemeinschaft im Rektorat auf drei Wochen hinaus in die Brüche gegangen war. »Sic transit gloria mundi,« sagte Herr Hartjes und legte betrübt die Hände zusammen. – Der Herr Vikarius Joseph Sauerbier, eben erst vom Begräbnis zurückgekehrt, hatte sich umgekleidet und war dann in sein Studierzimmer gegangen. Hier fand er zu seiner Stärkung eine Tasse Bouillon vor. Unter Zuhilfenahme eines Milchbrötchens stippte er die kräftige Brühe herunter. Hierauf setzte er seine lange Pfeife in Brand, machte es sich in seinem Weidenholzsessel bequem und begann, zierliche Rauchwölkchen gegen die Zimmerdecke zu blasen. Und die bläulichen Rauchwölkchen umspielten die weißen Mullgardinen, hinter denen Nelken und Geranien standen, krochen die Bücherregale entlang und legten ihre zarten Schleier um das blecherne Gehäuse der ›Malör-Penning-Kasse‹, die vorläufig noch inmitten des geräumigen Tisches placiert war. Der feine Varinaskanaster kräuselte dünne Lasuren über die grellilluminierten Tapeten, so daß sie nicht mehr so grobmusterig aussahn, und belebte die ganze Umgebung mit seinen starken Aromen. Joseph von Arimathia kam in ein behagliches Träumen, schlug die Beine übereinander und trommelte die charakteristische Weise irgendeines Kirchenliedes gegen die Tischplatte, als die Haushälterin den Kopf durch die Tür steckte und den Besuch der Frau Rektor Hartjes anmeldete. »Mir sehr willkommen,« sagte der Herr Vikarius, erhob sich und ging dem Besuch mit einem sehr angenehmen Lächeln entgegen. »Herr Vikarius ...« »Frau Präsidentin ...!« sagte Joseph Sauerbier mit salbungsvoller Betonung und machte Anstalten, sein Pfefferrohr auf den Pfeifenständer zu deponieren. »Unter keinen Umständen, Herr Vikarius,« wehrte die würdige Dame ab, »wenn Sie nicht wollen, daß ich meinen Besuch auf das kürzeste Zeitmaß beschränke. Tabaksdampf aus einem geistlichen Munde kommt mir vor wie Myrrhen und Weihrauch.« Über die Züge des kräftigen Klerikers glitt ein verbindliches Schmunzeln. »Ich weiß Ihre feine Anspielung zu schätzen,« sagte er in gehobener Stimmung, nötigte seinen lieben Besuch auf einen Stuhl und setzte sich gleichfalls. Alsdann schlug er seine Beine wieder übereinander und fragte: »Und nun, meine hochverehrte Frau Präsidentin, was verschafft mir die Ehre?« »Das ist mit wenigen Worten schwer auseinanderzusetzen,« meinte Frau Hartjes, »und Sie müssen mir schon gestatten, des längeren auszuholen, um auch das kleinste Titelchen in die rechte Beleuchtung zu stellen.« »Ganz nach Ihrem Belieben,« entgegnete Joseph von Arimathia, »denn wie Sie wissen, meine hochverehrte Präsidentin, stehe ich immer willig und gern zu Ihrer Verfügung.« Bei dem Wort ›Präsidentin‹ machte Frau Hartjes jedesmal eine leichte Verbeugung. Auch jetzt konnte sie es nicht unterlassen und warf ihm zudem noch einen recht liebevollen Blick zu. »Da ist nun zuerst die äußerst fatale Geschichte mit der Anna Derksen,« begann sie. »Die Angelegenheit ist nicht so ohne weiteres tot zu machen und kurzer Hand zum alten Gerümpel zu werfen, denn in sittlicher Hinsicht ist hier ein Fall in die Erscheinung getreten, der Veranlassung gibt, betreffs der städtischen Moral, die allerschwersten Bedenken zu hegen.« »Ganz meine Ansicht,« nickte Joseph von Arimathia. »Und wenn man erwägt,« fuhr die Sprecherin fort, »daß besagter Person die Ehre zuteil wurde, dem Paramentenverein angehören zu dürfen, daß sie mir unterstellt war – dann allerdings muß ich sagen ...« In nervöser Hast häkelte sie ihre Mantille auf und bekam ihr Goldkreuzchen zu fassen, das wieder Miene machte, in das Enkörchen zu rutschen. Der Herr Vikar sah das Manöver und schlug verlegen die Augen zu Boden. »Dann allerdings muß ich sagen ...« »Sehr richtig,« fiel der geistliche Herr dazwischen, » Cum infamia wird sie aus der Liste gestrichen.« »Die einzige Möglichkeit,« ergänzte Frau Hartjes. »Das wäre nun die erste Geschichte, was aber die zweite anbetrifft, so möchte ich folgendes sagen. Sehen Sie mal, Herr Vikarius: wir haben barmherzige Seelen so nötig wie die täglichen Brotschnitten. Die bedrängte Kirche braucht Geld, um den Kampf gegen unwürdige Anmaßungen tatkräftig in die Wege zu leiten, das Kloster braucht Geld, die Brüderschaft zur ewigen Anbetung ist für jeden Groschen herzlich erkenntlich – und ich bin dieserhalb schon von Pontius zu Pilatus gelaufen. Ich war beim Herrn Landrat, ich hatte eine Audienz beim hochwürdigen Bischof in Münster, allein überall hatte man nur vertröstende Worte ... und tritt nun mal so ein Glücksfall ein, wo ein wirklich Begüterter das Zeitliche segnet ...« »Hm!« sagte Joseph von Arimathia, »Sie scheinen wohl den neuesten Testamentsskandal vor Augen zu haben.« »Gewiß, Herr Vikarius.« »So ist das leider immer gewesen,« konstatierte Herr Sauerbier. »Die es können, halten den Beutel zu, während die Armen im Geiste« – mit einer bedeutungsvollen Geste zeigte er auf die ›Malör-Penning-Kasse‹ – »während die Armen im Geiste gern und opferfreudig ihr Scherflein darbringen. So hat denn auch Miekske Pollmann das da gestiftet. Sie hat klugen Sinnes die kleinen Malörchen und Ungebührlichkeiten ihrer Untergebenen zu Geld gemacht – und anstatt ihren berühmten Ausflug zu unternehmen, hat sie gern und willig gegeben.« »Die barmherzige Seele!« sagte Frau Hartjes. »Allerdings,« ergänzte der Herr Vikar, »sehe ich die Dinge doch nicht ganz so schwarz an wie Sie, meine hochverehrte Frau Präsidentin; denn hinsichtlich des Testamentes könnten sich doch noch Ereignisse einstellen, die geeignet sind, der Sachlage eine ganz überraschende Wendung zu geben. Noch ist nicht das letzte Wort gesprochen – und was mich anbetrifft: ich pflege erst die Äpfel zu schütteln, wenn sie eßreif geworden sind, obgleich ich Ihnen nicht verhehlen will, daß Ihr Herr Gemahl, daß der Rektor ... Er ist doch in den letzten Stunden beim Erblasser gewesen und hätte es einrichten können ...« »Das ist es ja eben!« sagte Frau Hartjes. Mit einem energischen Ruck war sie vom Stuhl gefahren und setzte ihr Sonnenschirmchen kampfbereit vor sich hin. »Das ist es ja eben, Herr Vikarius, was ich Ihnen besonders zu sagen hatte, und keiner bedauert lebhafter wie ich, daß ich mit einem Manne durchs Leben gehen muß, der nicht den christlichen Mut besessen hat, für eine gerechte, für eine heilige Sache eine gottwohlgefällige Lanze zu brechen. Aber Strafe muß sein. Ich habe ihm eine strenge Lehre zugedacht, die ihn hoffentlich befähigen wird, seine liberalen Anwandlungen beiseite zu lassen, und ihn bestimmt, sich fernerhin so zu betragen, wie ich es für richtig befinde. – Getrennt von Tisch und Bett für die nächsten drei Wochen ... Noch heute nachmittag kommt seine Bettstellage nach unten.« »Gehen Sie nicht allzusehr mit ihm ins Gericht,« meinte Joseph von Arimathia mit einem zufriedenen Lächeln. »Herr Vikarius,« entgegnete die entrüstete Dame, »ich mußte so handeln. Das bin ich mir selber schuldig, das mußte ich tun im Interesse der leidenden Kirche. Ich freue mich aber, daß Sie hinsichtlich des Ingelaatschen Testamentes noch nicht alle Hoffnung verloren haben. Und somit, Herr Vikarius, ich empfehle mich Ihnen und habe die Ehre.« »Frau Präsidentin ...« Von Joseph von Arimathia bis zur Tür geleitet, trat Frau Hartjes alsbald auf die Straße. Von Sankt Nikolai läutete die Mittagsglocke. Alle hörten sie: die Friedfertigen und die, welche den Kampf suchten. Sie rief allversöhnend, und aus ihren Klängen tönten die Worte heraus: »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers – und Gott, was Gottes!« – aber die meisten hörten nicht und wollten nicht hören, was die heilige Stimme verkündete. Nicht, daß alle mit Absicht fehlten. Sie waren betört, sie waren in ihrer Gewissensfreiheit beengt. Ihre Interessen waren lediglich kirchliche Interessen geworden – und ihre Seele lag jenseits der Berge. Sie dachten nicht mehr an die glorreichen Kämpfe, an den Einheitsgedanken, der wie Sturmwind durch Deutschlands Gaue gebraust war. Gebt dem Kaiser, was des Kaisers – und Gott, was Gottes! – aber sie hatten kein Herz mehr für die heimische Erde, für die eigene Heimat. Ihre Blicke waren getrübt für die näheren Dinge, aber geschärft für die Dinge, welche von Rom kamen – und somit läutete die Glocke für die meisten vergebens. – Von Joseph von Arimathia war Frau Hartjes nach dem Zimmer- und Schreinermeister Grades Gertzen gegangen und hatte dort Auftrag gegeben. Um die Vesperzeit kam er denn auch mit seinem Gesellen in die Wohnung des Rektors. Unter Assistenz der Frau Präsidentin wurde Hand angelegt, und es währte nicht lange, da stand das männliche Bett in einem unteren Zimmer. »Herr, dein Wille geschehe,« meditierte der Rektor, war aber fuchsteufelswild dabei, nahm Stock und Hut, um in einer benachbarten Kneipe seinen Unmut herunterzuspülen. Alsbald wußte denn auch die kleine Stadt, was bei Hartjes passiert war. Und die meisten lachten ins Fäustchen und sagten: »Nein – die Frau Rektern!« IV Wandervögel Nach längerer, eingehender Debatte war der Inhalt der ›Malör-Penning-Kasse‹ dem Paramentenverein zugesprochen worden und dortselbst zur Ausschüttung gelangt, während die blecherne Sparbüchse selber sich wieder bei Miekske befand, und die jungen Mädchen sich redlich bemühten, das entstandene Manko wieder zum Ausgleich zu bringen. Sie hatten hierzu des Abends bei der Lampe auch Zeit und Muße genug, denn die Tage kürzten sich merklich, und die Nächte längten sich wie'n abgegriffenes Strumpfband, Grund genug für Miekske Pollmann, die während der Sommermonate eingeschränkte Nähschule wieder in ihrem ganzen Umfange aufzunehmen. Ganz allmählich hatte sich der Spätsommer in den Herbst hineingetrödelt. Der Wind grapste in die Bäume hinein, fauchte und sauste und schüttelte die safrangelben Blätter zu Boden. Dann fegte er Straßen und Felder blank, um dem später zu erwartenden Winter Gelegenheit zu geben, seine keuschen Schneeflocken sacht und milde auf die propere Erde zu betten. Und der Wind kam und blies in die Häuser hinein, und da er es tat, wischte er auch bei Rektors den Unmut von den Dielen herunter und stellte die feindlichen Bettstellagen wieder fein säuberlich nebeneinander, obgleich Herr Hartjes seinen liberalen Standpunkt festhielt, und sie, was die Frau Rektorin war, auch nicht um Haaresbreite von ihrer frömmelnden Richtung abwich; allein die Zeit hat eine lindernde Hand. Die Gesetze der häuslichen Ordnung lassen sich nicht übers Knie brechen. Sie wollen sich ausleben und Betätigung finden. Und der Wind kam und ging über die Stoppel; er blies auch die Obstbäume an, die an den Chausseen und in den Baumgärten standen. Da bekamen die Äpfel rote Backen und wurden geschüttelt. Nur das Bäumchen, das Joseph von Arimathia zu schütteln gedachte, blieb vor der Hand noch unberührt. Zwar nahm er tagtäglich die Früchte in Augenschein und prüfte sie mit den Blicken eines gewiegten Kenners; allein sie schienen ihm noch nicht eßreif geworden. Und so wartete er und konnte auch warten, wenngleich Luise und Johannes Wesselink schon längst als Versprochene galten und vor Ende des Jahres zu heiraten gedachten. Und der Wind kam und blies in die politisch-religiösen Wirren hinein. Allein er blies die Maigesetze nicht fort und nicht die Erklärung der preußischen Bischöfe, die vorgaben, sich nicht einseitigen Staatsgesetzen und Verordnungen über kirchliche Dinge unterwerfen zu können, denn sie wollten nur dem Papste geben, was des Papstes, und nicht dem Kaiser, was dem Kaiser gehörte, und so geschah es, daß viele Unkraut säten, wo sie Weizen hatten hinstreuen sollen, daß viele den Weg nicht mehr finden konnten, den sie hätten einschlagen müssen, und wenn Verständige kamen und sagten: »Dort müßt ihr hingehen!« – so fanden sie kein Verstehen mehr und sahen nur in höhnische Gesichter hinein und in verbitterte Herzen. Johannes Wesselink fühlte das vor allen anderen, und etwas wie eine beklemmende Angst flog ihn an, wenn er darüber nachsimulierte, wenn er mit Luise Hand in Hand durch den niederrheinischen Herbst ging, die tuschelnden Stimmen hörte und die merkwürdigen Blicke gewahrte, die wie Disteln und Dornen stachen – und da bangte er für sich und sein Glück und den Frieden seiner engeren Heimat. Und der Wind kam und wehte neue Wandervögel ins Land, die nicht so ganz unvorbereitet erschienen, denn Miekske Pollmann hatte so etwas von ihrem Bruder Karlo Antonio und einer Rentmeisterstelle durchsickern lassen, und der ›Klevische Volksfreund‹ hatte eine Annonce gebracht, die dem verehrten Publikum einen Tanzkursus für junge Herren und Damen offerierte, von acht Talern Salär sprach und die Erlernung selbst der schwierigsten Pas im Ländler und Kontertanz in sichere Aussicht stellte. Anderen Falles sollte das Eintrittsgeld ohne jede Verkürzung zurückgezahlt werden. Die Turnhalle sei schon gewonnen – und diese Annonce war mit dem klingenden Namen Pauline von Satzenhofen gezeichnet. Das wirkte. Auf Wochen hinaus wurden die feindlichen Gegensätze gemildert; die sich befehdet hatten, spielten wieder ›Schafskopf‹ und ›Sechsundsechzig‹ zusammen, der umdüsterte Horizont klärte sich zeitweilig auf, und Severin Piepmann, der inzwischen in die verwaiste Posthalterstelle gerückt war. Pfiff wie ein ausgelernter Dompfaff ›Freut euch des Lebens‹, setzte eine Punschbowle an und machte hierbei den Vorschlag, Liberale und Ultramontane sollten bei dieser Gelegenheit allen Hader begraben und ein allgemeines Verbrüderungsfest feiern. Das ging zwar nicht, wenn auch der Punschbowlenabend in aller Fidelität und Einheit verlief, und der Herr Gastgeber in seiner animierten Stimmung erklärte, die schöne Anna Derksen vom Fleck weg heiraten zu wollen, wenn das Mädchen nur wolle. Das ging aber auch nicht, weil Herr Piepmann bereits verheiratet war und über eine halbwüchsige Tochter verfügte, und Jans Prüft sich bereits mit dem Standesamt und Vater Derksen verständigt hatte und bald voran zu machen gedachte, so daß Herr Rektor Hartjes alle Mühe aufwenden mußte, den Herrn Posthalter auf andere Ideen zu bringen und froh war, den Angeheiterten nach dem zehnten Glase Punsch so weit bemuttert zu haben, daß er willig nach Haus ging. Aber die übrige Nacht hindurch hörte ihn der Nachtwächter pfeifen, und das ›Freut euch des Lebens‹ verstummte erst, als der Zeiger der Rathausuhr auf fünf rückte. So war denn gekommen, was niemand voraussehen konnte: die Tanzmamsell und Karlo Antonio Pollmann waren in den Brennpunkt des Interesses gerückt, hatten einen fidelen Punschabend zuwege gebracht und auf Wochen hinaus die unruhigen Gemüter besänftigt. Ja – selbst der vergoldete Turmhahn auf Sankt Nikolai sah die Welt mit anderen Augen an und blinzelte quietschvergnügt über das eingeschleierte Land hin. Am dritten Tage nach dem Punschbowlenabend blies der Wind noch immer, aber er blies gelinder und wehte die gelbe, schwerfällige Postkutsche an, die von Kleve über Moyland nach der kleinen niederrheinischen Stadt rumpelte. Stäwe Rademaker saß auf dem Bock, dampfte schwere Wolken aus einem Maserholzkopf und spie in regelrechten Intervallen scharfe Spritzer über Bock und Chaussee fort. In Moyland hielt er die Pferde an, um Briefe und Postpakete abzugeben und frische dafür in Empfang zu nehmen. Fast gleichzeitig sprang ein fixer Mensch aus dem Wagen, der eine brennende Virginia zwischen den Zähnen hielt, sich fester in seinen landfremden Mantel, eine Art von Don Diego, hineindrehte und dann Stäwe befragte, der schwerfällig unter dem Spritzleder hervorkoch: »Wie lange Aufenthalt, Schwager?« »Tien Minüte, Mynheer.« » Grazie ,« sagte der Fremde, »kann mir also ein bißchen die Beine vertreten,« blieb aber noch stehn und besah sich mit sichtlichem Interesse die Gegend, als sei er gewillt, hier Hütten zu bauen. Dann erst umschritt er die Postkutsche, aber in einem so energischen Tempo, daß lichte Pünktchen von der Virginia absprühten. Der ganze Kerl hatte ein martialisches Aussehn. Ein flottes Käppi mit ledernem Vorstoß beschattete ein verwittertes, wenn auch interessantes und nicht unschönes Gesicht, unter dessen Nase ein schwarzgewichstes Schnurrbärtchen aufstrebte und fast die Augenwinkel berührte. Weiße Ledergamaschen schlossen den unteren Menschen ab, die ihrerseits wieder einen tadellosen Schnürschuh bis zur Hälfte bedeckten und sich rühmen konnten, an dem schmucken Bein eines Menschen zu sitzen, der es verstand, kavaliermäßig aufzutreten und sich wie 'n flotter Magyar in den kräftigen Hüften zu wiegen. Das tat er auch redlich – und nachdem er wenigstens fünfundzwanzigmal Gäule und Kutsche umkreist und gemustert hatte, blieb er nochmals stehen, ließ den niedergebrannten Glimmstengel aus der rechten Mundecke fallen und praktizierte mit einer gewissen Eleganz einen frischen Rattenschwanz hinein, den er schleunigst in Brand setzte. » Molto bene ,« sagte er leichthin. Mittlerweile war Stäwe fertig geworden, langte sich das Posthorn zurecht, wobei er gleichzeitig die dicke Bürste von Schnurrbart beiseite strich, und blies dann: »Ach, du mein lieber Gott, Muß ich schon wieder fort Auf die Chaussee – Auf – die – Chaus – see...« » Magnifico !« sagte der Fremde, indem er die rechte Hand mit einer vielsagenden Pose hob und den Daumen mit dem Zeigefinger berührte. » Merci , Mynheer,« bedankte sich Stäwe, »aber nu' rin in die Postkutsch.« »Warum denn? – Wieso denn?« »Weil's Zeit ist.« » Bene – dann also: avanti : – Aber halt! – ich möchte mir zuvor noch erlauben...« Mit einer chevaleresken Gebärde warf er einen Zipfel seines Don Diego über die Schulter. »Kennen Sie mich?« »Ich? – Ne,« sagte Stäwe. »Sonderbar! – Aber Sie sollten mich kennen...« Stäwe fühlte die nadelscharfen Blicke des Sprechers, die ihn wie Eiskristalle berührten. »Nicht?! – Aber Sie sollten mich kennen,« wiederholte der Fremde noch einmal, aber mit getragenem Pathos, stellte den linken Fuß zur Seite und wippte den glimmenden Rattenschwanz zwischen den gekniffenen Lippen. »Bedauerlich – höchst bedauerlich, wo die Welt mich kennt: der heilige Vater, Rom, der große Sankt Peter ... Ich war berufen, den großen Coup zu machen, die Erde aus den Angeln zu heben; anch' io sono ... Aber wie das so ist, der Prophet wird nicht in seinem Vaterlande gewertet.« »Ich besinne mir nicht,« versetzte der Alte. »Aber Sie werden's; Sie werden von mir hören, Sie werden mich kennen lernen, Sie werden ... Basta – und somit: Schwager, avanti .« Hierauf drehte er sich mit einer unnachahmlichen Geste der Postkutsche zu, warf noch eine Art von Kußhändchen in die Gegend hinein und sagte: » A rivederci !« – dann war er in den Wagen gesprungen. »Gottverdomie!« brummelte Stäwe in seine Schnurrbartbürste hinein, als er wieder auf dem Bock saß und die Pferde in Trab gebracht hatte, »ich lasse mir mit Haut und Haaren heruntermangieren, wenn das nicht ...« Wiederum trabten die Postklepper durch die schwermütige Landschaft, die mit Pappeln besetzt war, deren monotones Rauschen die weite Ebene noch weltverlorener und einsamer machte. Dünne Nebel arbeiteten sich aus den verschläferten Wiesen heraus, verfingen sich in dem kahlen Geäst der Bäume und ließen die schwarzen Krähen und Dohlenvögel fast grau erscheinen, die langsamen Fluges über die tagesmüde Erde dahinglitten. Alle strebten dem matterleuchteten Westen entgegen. Ja – Stäwe hatte recht. Der sonderbare Passagier mit den chevaleresken Manieren, dem schwarzgewichsten Schnurrbart und den katzengrauen Augen, die noch empfindlicher stachen als das scharfe Gehäuse der Kardendistel, war in der Tat Karlo Antonio, der große Karlo Antonio Pollmann, der Bruder von Miekske, der nach einer fast fünfjährigen Abwesenheit wiederum seine Vaterstadt beehrte, um von hier aus die ihm übermittelte Rentmeisterstelle in Verwaltung zu nehmen. Karlo Antonio war nicht der alleinige Passagier in dem mit unsanften Stößen dahinpolternden Wagen. Ihm gegenüber saß eine bereits ältere Dame in einer seidenen, etwas fadenscheidigen Fransenmantille, die dazu filierte Handschuhe trug und einen altmodischen Hut aufgesetzt hatte, dessen äußerste Spitze mit grotesk-komischen Schirtingrosen geschmückt war, während gegen die Polster der linken Wagenecke ein zweites weibliches Wesen sich lehnte, das wie traum- und weltverloren ins Leere stierte und zeitweilig die fließenden Wassertropfen verfolgte, die an den beschlagenen Fensterscheiben entstanden. Eine mächtige Strohwanne, von einer schwarztaftenen Schleife gehalten, rahmte ein bleiches Gesicht ein, in dem zwei Augen standen, die an die großen, dunklen Augen eines seligen Traumes gemahnten. Der Rock bauschte sich zierlich, wahrscheinlich durch eine Krinoline veranlaßt, die auch die Ursache war, daß der Ansatz eines zierlichen Beines und ein kleiner, kräftiger Fuß, der in einer Lastinghülle steckte, zum Vorschein gelangte. Honiggelbe Löckchen, sichtlich durch Anwendung des Brenneisens sorglich gekräuselt, hingen seitwärts der Schläfen und gaben dem Gesicht einen altfränkischen Ausdruck, vermochten aber nicht das Unschuldige, Dämmerhafte und Insichgekehrte der ganzen Erscheinung zu stören, die noch immer wie in Gedanken dasaß, die fließenden Wassertropfen zu zählen schien und dann wieder in die melancholische Landschaft hinaussah, als suche sie etwas, als müsse sie etwas finden, das sie mit ganzer Seele herbeisehnte. Die beiden Damen mußten zusammen gehören, denn häufiger tuschelte die Ältere herüber, wobei jedesmal die Schirtingrosen ihres Hutes in eine zitterige Bewegung gerieten. »Glaubst du denn nicht, daß unsere Verhältnisse sich bessern könnten, daß wir endlich in der Lage sein werden, einen kleinen Zehrpfennig beiseite zu legen?« fragte sie schließlich. Sie hatte mit einer kaum wahrnehmbaren Stimme gesprochen. »Schwerlich,« war die lakonische Antwort. »Dann nicht,« sagte die Alte, sichtlich verdrossen, machte sich an ihrem Pompadour zu schaffen und begann leise zu hüsteln – und da erinnerte sich Karlo Antonio, daß er eine Virginia rauchte. »Signora, Signorina,« meinte er zu den Damen gewandt und mit verbindlichstem Tone, »wenn etwa meine Zigarre ...« und dabei machte er Miene, den Glimmstengel auf die Straße zu werfen. Die Jüngere blieb in sich gekehrt und würdigte den Fragesteller kaum eines Blickes, während die Ältere mit etwas spitziger Stimme und süßlichem Lächeln des weiteren auseinandersetzte, daß sie sich durch den Rauch einer Zigarre in keiner Weise behelligt fühle. Im Gegenteil, setzte sie erläuternd hinzu, sie habe immer gehört, daß Rauch konserviere und die Eigenschaft habe, wohltuend auf das Behagliche der Seele zu wirken » Tante grazie ,« meinte Herr Pollmann, lehnte sich bequem ins Polster zurück und fühlte sich, nunmehr berechtigt, den einmal angeknüpften Gesprächsfaden weiter zu spinnen. »Wir haben wohl ein gemeinschaftliches Ziel?« sagte er leichthin, und dabei nannte er den Namen des kleinen Ortes, den die Post in einer guten halben Stunde erreicht haben mußte. »Allerdings.« »Besuch von lieben Verwandten, Signora ...?« »Das weniger.« »Nicht?! – Dann vielleicht eine Geschäftstour ...? – Die jetzigen Zeitläufte wirbeln die Interessen bunt durcheinander. Heutigen Tages drängt das Leben auf Ausgleich. Einkäufe, Verkäufe, notarielle Beurkundungen wollen eben gemacht sein.« »Auch das nicht, mein Herr.« »Also Kunstinteresse!« konstatierte Herr Pollmann. »Die Schätze der Sankt Nikolaikirche suchen ihresgleichen in der ganzen Umgebung. Was sag' ich: in der ganzen Umgebung? Das ist zu wenig gesagt, das ist gar nichts gesagt ...! – Veramente , Signora: Rom, Mailand, Paris – der Erdball kann uns um diese Altertümer beneiden. Also Kunstinteresse, Signora?« »Leider – nein,« meinte die Alte. »Unsere bescheidenen Mittel gestatten uns nicht, aus diesem Grunde größere Touren zu machen. Sie müssen nämlich wissen, mein Herr ... Mein Name ist Fanny Baronin von Satzenhofen – und hier meine Tochter ...« Die jüngere Dame machte eine leichte Verbeugung. Bei dem Worte ›Baronin‹ war Karlo Antonio vom Sitz gefahren, um sich dann mit einer zeremoniellen Geste wieder niederzulassen, wobei er den Rattenschwanz mit dem verbindlichsten Lächeln von der Welt durchs Fenster spedierte. »Sie müssen nämlich wissen, mein Herr,« erzählte die Alte, »wir, das heißt die Vorfahren meines seligen Mannes, haben bessere Zeiten gesehen; sie waren begütert, sie waren mehr als begütert, sie waren eine Art von Rotschild, aber mit einer angestammten freiherrlichen Krone im Wappen und brachten es fertig, fünf Stunden hintereinander auf ihrem eigenen Grund und Boden herum zu kutschieren.« »So, so, so ...!« machte Herr Pollmann. »Ja – sogar noch der Urgroßvater meines seligen Mannes ... Allein – was soll ich Ihnen noch lange erzählen! – Kutscher, Diener, Livreen, Kammerzofen und Sillerygläschen gingen im Laufe der Tage den Weg alles Fleisches, so daß schließlich mein armer Gemahl sich genötigt sah, als simpler preußischer Steuerbeamter ...« Mit einem tiefen Seufzer überließ sie die weitere Ausmalung des traurigen Loses derer von Satzenhofen der regen Phantasie ihres aufmerksamen Zuhörers. » Tristissimo !« sagte Herr Pollmann, »und Sie, Signora, da sind Sie wohl auf den Einfall gekommen ...« »Auf welchen Einfall ...? – Was hätte mir einfallen sollen ...?« »Nun ich dächte ... man könnte doch immer vermuten ... man hat doch Exempel, daß selbst Damen aus der allerfeinsten Gesellschaft ... Ich meine, um mich präziser zu geben, daß solche edle Frauen sich genötigt sehn dürften, irgendeine Beschäftigung ... Man muß doch leben, Signora, denn die Ersparnisse eines verstorbenen Steuerbeamten, der dazu noch die zweifelhafte Ehre gehabt hat, in preußischen Diensten zu stehen ...« »Leider! – wir haben uns genötigt gesehen. Von dem alten, verblichenen Glanz kann man nicht leben, und daher: wir sind Künstler geworden, mein Herr; das heißt nicht ich, sondern hier meine Tochter Pauline.« »Also artista ?« »Ja,« meinte die Alte. »Hm!« sagte Herr Pollmann, »und darf man fragen, welches Fach sich die Baronesse gewählt haben, worin sie brilliert und die Herzen mit fortreißt?« Über die vergrämten Züge der jüngeren Dame lief ein spöttisches Lächeln. »Warum sollten Sie nicht fragen dürfen?« versetzte die Alte. »Also denn: erste Heldin, Signora?« »Nein.« »Naive?« »Auch das nicht.« »Primadonna, Soubrette ...?« Die Alte verneinte. »Nun?« »Sie ist Anstands- und Tanzlehrerin.« »Hm!« meinte Herr Pollmann und schraubte seine Hochschätzung um etliche Fingerbreiten herunter. »Sie erstaunen, mein Herr?« »Im Gegenteil, auch in diesem Berufe ...« »Bitte, bitte, ich verstehe in Menschenherzen zu blicken,« sagte die Alte, »und verüble es keinem, wenn er über das Schicksal derer von Satzenhofen ... Man muß sich eben an alles gewöhnen, wenn es auch schwer wird. Ich behalte Contenance, mein Herr, obgleich dem Urgroßvater meines seligen Gatten niemand an der Wiege gesungen hat, daß dereinstmals seine Ur-Urenkelin ...« »Aber Mutter ...!« »Sei ruhig, mein Kind; allein ich kann's nun einmal nicht mehr verwinden, daß in unserer Familie mal Wagen, Livreen und wirkliche Kutschpferde waren ...« wuscherte in ihrem Pompadour herum und wischte sich mit einem Taschentuch, auf dem eine siebenfältig geperlte Krone gestickt war, über die Augen. Karlo Antonio glaubte dem Gespräch eine andere Wendung geben zu müssen und sagte: »Aber, Signora, es kommen auch bessere Zeiten; man muß sich in das Unvermeidliche schicken, man muß den Kopf oben behalten – immer avanti ! – und da wollen Sie in hiesiger Kirchengemeinde ...?« »Ja.« »Und gedenken Geschäfte zu machen?« »Wir hoffen.« »Und Ihr Gasthof – wenn Sie mir diese Frage erlauben?« »Gasthof?! – Ach, du mein Himmel! – wir müssen uns anderweitig behelfen. Die Mittel, die diesbezüglichen Gelder ...! – Wir haben uns in Kleve erkundigt, und da hat man uns an eine gewisse Bettje Theißen verwiesen.« » Molto bene ,« sagte Herr Pollmann. »Zwar schrullig veranlagt, sehr bescheiden hinsichtlich der klingenden Münze – aber Liebe, große Liebe im Herzen.« »Ich danke Ihnen, mein Herr. Sie scheinen mir übrigens mit den hiesigen Verhältnissen sehr vertraut zu sein.« »War ich, Signora, und hoffe es wieder zu werden, obgleich mir die preußischen Zustände wenig behagen. Der vom Zaun gebrochene Krieg, der leider Gottes zu ungunsten der französischen Waffen entschieden wurde, die Drangsalierung der geistlichen Hirten, der ganze sogenannte Kulturkampf – alles Dinge, die einem wahrhaft gläubigen Katholiken die Schamröte ins Gesicht schlagen müssen.« »Sie scheinen für die deutsche Sache wenig Verständnis zu haben,« ließ sich eine bestimmte, aber angenehme Stimme vernehmen. »Aber, mein Kind ...!« sagte die ältere Dame. »Jeder Deutsche sollte auf die Errungenschaften der verflossenen Jahre doch stolz sein; jeder Deutsche sollte doch soviel Ehre besitzen ...« Mit einer unwirschen Geste drehte sich die junge Sprecherin auf die andere Seite. In ihren stillen, großen Augen brannte es wie von einer tiefen Erregung. »Ansichtssache,« versetzte Herr Pollmann. »Jedenfalls liegen meine Interessen nicht hier in dem gemaßregelten Deutschland. Die italische Sonne, Rom, der große Sankt Peter...! Ich habe in päpstlichen Diensten gestanden.« »Ei!« sagte die Alte, »das ist sehr interessant – und Sie haben sich trotzdem entschlossen...?« » Si , Signora – um die derangierten Verhältnisse eines hier ansässigen Barons ...« Er sprach nicht weiter. Mit lautem Gestucker rumpelte der Postwagen in die kleine niederrheinische Stadt ein. Stäwe blies seine obligate Fanfare; dann knallte er mit der Peitsche, daß es nur so eine Art hatte. Neugierige drängten sich zur Türe heraus und liefen in Erwartung der kommenden Dinge der Posthalterei zu, denn es bestand kein Zweifel mehr, was für Passagiere eintreffen würden. »Herr Pollmann kommt!« riefen die einen. »Die Tanzmamsell kommt!« schrien die anderen, machten lange Beine und erstaunte Gesichter und waren so fix wie die Postklepper, die noch gemächlich äppelten und dann mit monotonem Geklapper auf den Marktplatz einbogen. Eine feine Dämmerung häkelte sich bereits von Straße zu Straße, hatte aber noch immer hinreichendes Licht, alle Vorgänge deutlich erkennen zu lassen. Nur hin und wieder fiel ein matter, orangefarbiger Lampenschimmer ins Freie hinaus, den irgendein vorsorglicher Manufakturist oder ein sonstiger Ladenbesitzer geweckt haben mochte – eine überflüssige Ängstlichkeit, denn sie hätten auch ohne das noch ihre Pfennige abzählen und einheimsen können. Allein die vom Niederrhein sind subtil veranlagt und übersehen die Dinge lieber doppelt und dreimal. Gut Ding will Licht haben und muß klar sein wie die Sonne des ewigen Gottes. Vor der Posthalterei hatte sich eine Gruppe von Männern in schwarzen Gehröcken und weißen Westen eingefunden, die offenbar mit der Ankunft der fälligen Postkutsche zu tun hatte. Daneben stand ein Mann in schwarzer Soutane. Es war Joseph von Arimathia. Seitwärts hatte sich ein anderer placiert, der einen hohen Zylinder auf dem Kopf balancierte, und sich damit beschäftigte, weißbaumwollene Handschuhe über die schlenkrigen Finger zu streifen, hierauf eine Stimmgabel hervorholte, sie anknipste und sich alsdann der Männergruppe gesellte. Und das war Pitt Hoffmann, der im Nebenamt noch den Männergesangverein ›Concordia‹ dirigierte. Jetzt kam der Wagen gerappelt. »Prrr!« sagte Stäwe. Alle Augen wurden größer und alle Gesichter immer gespannter und länger. Der Schlag wurde geöffnet, und siehe da: ein weißbestrumpftes, zierliches Frauenzimmerbeinchen erschien – Joseph von Arimathia wandte sich ab – und dann ein honettes Persönchen, dem eine ältere Dame folgte, die nach einer Bettje Theißen fragte, und als diese kam, ihr diverse Gepäckstücke einhändigte und noch verschiedene Aufträge erteilte. »Die Tanzmamsell!« flüsterten die Kinder, stießen sich an und verfolgten die allerliebste Person, als sie sich mit ihrer Mutter und Bettje Theißen eiligst entfernte. »Die Tanzmamsell...!« – und dann präsentierte sich Karlo Antonio Pollmann auf dem niedergelassenen Trittbrett: als Held, in hechtgrauer Uniform, als päpstlicher Zuave a. D. und ohne den Don Diego, den er abgestreift und über den linken Unterarm gelegt hatte. Mit scharfen, aber wohlwollenden Augen fixierte er die Männergruppe und die übrigen Leute. Er wußte nicht, was er mit ihnen anfangen sollte. Aber das sollte jetzt kommen. »Pst!« sagte Pitt Hoffmann, knipste noch mal und gab leise den Ton an; dann benutzte er die Stimmgabel als Taktstock. »Eins, zwei, drei...!« sagte Pitt Hoffmann, und: mit des Sturmes Allgewalt, brausend, ans Herz gehend schlug es dem Erstaunten aus dreizehn edlen Männerkehlen entgegen. »Denkst du daran, mein tapf'rer Lagienka...« zog es über den Markt fort, und zwar so hinreißend, daß selbst Severin Piepmann, von Briefen und Postpaketen weg, vor die Tür trat und in höchstgetragener Weise, gewissermaßen als Begleitung, in den würdigen Kantus hineinpfiff. Bewegten Herzens war Karlo Antonio näher getreten. »Das ist zu viel, meine Herren!« wollte er sagen, konnte es aber nicht, weil die ›Concordia‹ gerade mit der dritten Strophe eingesetzt hatte. Nichts blieb ihm erspart, er mußte den edlen Gesang bis zur letzten Note auf sich einwirken lassen. »Geh du mit mir und schließ' die Augenlider Und scheidend sprich: Soldat, denkst du daran?« Jetzt war's alle. »Aus!« sagte Pitt Hoffmann, wischte sich den Schweiß von der Stirne und ließ die Stimmgabel sinken. »Jetzt kommt die Ansprache.« »Meine Herren, Signori, Maestro...« versuchte Karlo Antonio das Wort zu ergreifen. Aber er kam nicht weiter. Joseph von Arimathia hatte sich bereits zweimal geräuspert, die Hände ineinandergelegt und dann mit Bewegung und seelenvoller Stimme begonnen: »Herr Pollmann! Ich begrüße Sie hier auf heimischer Erde; ich begrüße Sie im Namen der Stadt und im Namen der leidenden Kirche. Seien Sie uns herzlich willkommen als gläubiger Katholik, als gewesener Diener des heiligen Vaters, als nunmehriger wohlbestallter Rentmeister in Moyland. Nur durch Gottes Hilfe ist es möglich geworden, Ihnen dieses bedeutsame Amt zu versorgen – und wir hoffen zu ihm, daß Sie dessen eingedenk sind in allen Lagen und Schwierigkeiten des Lebens, daß Sie stets zu finden sein werden, wo es not tut, wo wir Pioniere bedürfen, die gewillt sind, für die heiligsten Güter zu kämpfen, genau wie Ihre Schwester Miekske es immer getan hat und selbst in ihrer bedrängten Lage es vermochte, sich von einer gewissen Kasse zu trennen, die ihr anderen Falles bedeutsame und, ich betone, leibliche Genüsse verbürgt haben würde. Dess' seien Sie eingedenk. Die Kirche und wieder die Kirche! – Das sei Ihr Leitstern fürs Leben. In diesem Zeichen werden Sie siegen, Herr Pollmann. Und somit überreiche ich Ihnen die Bestallung für die Rentmeisterstelle in Moyland. Werden Sie glücklich.« Und der Männergesangverein ›Concordia‹ schrie »Hurra!« und »Vivat!«, und der Herr Dirigent ließ die bleigrauen Augendeckel herunter, legte die Linke mit dem weißbaumwollenen Handschuh aufs Herz und versicherte auf Leben und Sterben: »Herr Rentmeister, wenn Sie mich nötig haben, wenn Sie mir gebrauchen können – hier bin ich; ich heiße Pitt Hoffmann.« Karlo Antonio wußte nicht mehr, was er anfangen sollte. Schließlich kam ihm aber doch ein Gedanke; er lüftete sein Käppi und sagte in gehobener, begeisterter Stimmung: » Grazie tante ! – Meine Herren! – Signori, Maestro, Abate!– mir fehlen die Worte. Wie's aber in meinem Inneren aussieht, wie ich denke und fühle, das möge hier die päpstliche Zuavenmontierung beweisen, die ich zur Feier des Tages angelegt habe – ein Ehrenkleid, das ich sonst nur an den höchsten Festtagen zu tragen gewohnt bin. Das möge genügen.« »Genügt uns,« konstatierte Joseph von Arimathia, »und nun gehen wir zu Miekske.« Und der Herr Postmeister blies und pfiff ihnen nach: »Denkst du daran, mein tapfrer Lagienka...« und war dann wieder über die Schwelle getreten. Auch Stäwe Rademaker lenkte die Postkutsche stallwärts, murmelte aber noch zwischen den Zähnen: »Kuriose Menschen, für so 'nen Kerl solche Fisematenten zu machen! – Dämels...!« und dann war es still, fast totenstill auf dem weiten Marktplatz geworden. In den Häusern der kleinen Stadt hellten die Fenster auf – eins nach dem andern. Und die Stunden vergingen. Es wurde neun Uhr – es wurde zehn Uhr. Dann rief der Nachtwächter die elfte Stunde an. Da verloschen die Lichter auch wieder. Es war so, als wäre ein stiller Geist durch die Straßen gegangen und hätte sie ausgepustet – eins nach dem anderen. Nur ein einsamer Lichtschein drang noch aus einem niedrigen Häuschen heraus, das mit seiner Hinterfront an den Garten und die Werkstätte von Johannes Wesselink anstieß. Hier wohnte Bettje Theißen. Und wer durch die Spalte einer herabgelassenen Gardine gespäht hätte, der hätte auch bemerkt, wie da ein allerliebstes Persönchen in bloßen Schultern stand, die honigfarbigen Löckchen auf Papilloten wickelte und sich sorglich zurecht machte. Bald darauf war auch dieses Lichtchen gestorben. Die Tanzmamsell war schlafen gegangen. V Joseph von Arimathia schüttelt sein Bäumchen Etliche Tage später, und zwar in der Nacht vom Freitag zum Samstag, war der erste Frühfrost gekommen. Der nahm auch die letzten Blätter von dem alten Nußbaum herunter, der in sommerlichen Tagen den Zimmerplatz und die Werkstätte von Johannes Wesselink weithin beschattete – und da merkten erst die Heruntergeholten, wie frei sie waren, wie ungebunden sie sich im Tode geben mochten viel ungebundener als da, wo sie noch an den Stielen hingen und nicht weiter hinaus konnten, als die beengende Fessel es wollte. Und wie das mit den Blättern ist, so ist das auch vielfach im menschlichen Leben. So mancher möchte gern anders; er möchte gern hinaus in die Freiheit, in das erlösende Licht. Aber er kann nicht; er muß den Verhältnissen Rechnung tragen – und erst dann, wenn da ein Großer, Stiller, Gewaltiger kommt, der mit sanfter Hand nach oben deutet und dann mit seinem Hauch die matten Kerzen zum Verlöschen bringt – dann erst merkt der Heimgegangene, wie frei er geworden, wie erbärmlich das verfehlte Leben gewesen, wie er nur die Flügel zu spannen braucht, um dem erträumten Glücke zu folgen. – Mit dem letzten Blätterfall war so ein schöner Samstagmorgen hereingebrochen, der mit liebevoller Hand seine Strahlen über den Zimmerplatz legte, wo Johannes Wesselink unter seinen Gesellen hantierte und Anordnungen traf, die für den neuen Schulbau in Elten zurecht gezimmerten Hölzer aufzustapeln und für die Verfrachtung geeignet zu machen. Heute hatte wieder etwas Dumpfes, Grüblerisches in seine Seele gegriffen. Warum? – das wußte er selbst nicht; er wollte es nicht wissen und suchte Heilung, Trost in der Arbeit. Neben dem stattlichen Nußbaum duckte sich das engbrüstige Häuschen von Bettje Theißen. Mit blanken Scheiben und blanken Gardinen sah es über Gesellen und Bauhölzer fort und konnte die breite Grabenstraße verfolgen, die unmittelbar an der Arbeitsstelle vorbeiführte. Johannes Wesselink streckte sich plötzlich, wischte sich den Schweiß von der Stirn und trieb mit einem heimlichen Lachen die Axt in den Baumstamm, als er bemerkte, wie ein untersetzter Mann mit Schurzfell, verrußtem Gesicht und Quäkerbart von der Grabenstraße auf den Zimmerplatz einbog, ihm die Hand entgegenstreckte und sagte: »Tag, Johannes, wo geht's dich?« »Danke.« »Das seh' ich; bist ja frisch bei die Arbeit. Wohl für die neue Schule in Elten?« «Richtig – und ich fahre noch vor Abend hinaus, um spätestens Montag nachmittag die ersten Balken zu stellen.« »Das nenne ich Arbeit« sagte der Alte, »aber das ist nicht mein Pangschang, man muß auch mal ›blau‹ machen können,« und damit zog er eine zusammengedrückte Flasche aus der Hosentasche heraus und goß sich eine wasserhelle Flüssigkeit hinter das Schurzfell. »Aber, Derksen, Ihr solltet endlich mit dem Schnapsen aufhören; das bringt Euch herunter.« »Ganz meine Ansicht. Aber meine innerlichen und auswärtigen Umstände, Johannes...! die muß man in Rechenschaft ziehen, denn du weißt aus eigener Beaugenscheinigung: ich habe nu mal als höchstseliger Witwer so'n ganz ungemeines Stück von Frauenzimmer im Hause. Desgleichen weißt du aus eben und demselbigten Umstand, daß ich anno 48 bei die Preußen gedient hab' und mir gründlich auf militärische Dinge verstehe; denn das ist von jeher mein Pangschang und meine höchste Nummer gewesen.« »Das weiß ich.« »Und nu frage ich dir: wie soll ich mir als alter Preuße und beförderter Obergefreiter benehmen?« Wiederum gluckste er ein Schlückchen herunter. »Das mußt du mir nicht übel nehmen, Johannes; ich muß Besänftigung haben, weil ich immer mit meinem militärischen Gewissen konträr steh' und nicht kapieren kann, warum ich so'n dämlicher Schafskopp von Esel geworden bin, obgleich ich die preußischen Obergefreitenknöppe besitze. Ich habe auf Posten gestanden, aber das sage ich dir: lieber 'nen Korb mit Flöhen bewachen, als Schildwache halten vor so'nem auserwählten Stück von 'nem lieblichen Fraumensch. – Mit Arimathia hat's angefangen; der hat abgeschnappt. Dann ist Jans Prußt gekommen; der hat nicht abgeschnappt – und dann ist Frau Pitt Hoffmann gekommen, hat Kamillentee gekocht, noch so'n bißchen gewartet und mir dann so'nen niedlichen Kerl von Bengel unter die Nase gehalten. Und dann knickste sie und sagte: Ich gratuliere, Herr Derksen. – Na, ich hätte sie lieber ... und nu frage ich dir: soll ich ein Bandeisen nehmen und meine eigene Tochter ...« Mit einem unartikulierten Laut hob der Alte die Schnapsflasche in die Höhe, als wenn er zuschlagen wollte. Unheimlich blitzte es auf in den wütigen Augen. »Nein,« sagte Johannes Wesselink, »das sollt Ihr nicht tun.« Die Schnapsflasche sank nieder. »Ganz meine Ansicht,« fiel Derksen wieder in seinen florigen Zustand zurück, »obgleich es nicht mein Pangschang ist. Heiraten muß sie. Schön, dachte ich, und geh' zu Pitt Hoffmann, weil er immer so großartig und baronmäßig auftritt und mir einmal gesagt hat: Derksen, wenn du jemals in die Predullig hinein kommst, hier wartet der Mammon; du kennst mir – ich heiße Pitt Hoffmann. Dabei hatte er sich auf die Hosentasche gekloppt, daß man die Taler so sprangen. – Also ich zu ihm und sage: Pitt, meine Tochter muß heiraten. – Schön, meinte Pitt Hoffmann, was weiter? – Aber zu's Heiraten gehört Geld, sagte ich leise. – Stimmt, sagte Pitt Hoffmann, was sonst noch? – Und da möchte ich gefälligst, obgleich es nicht mein Geschmack ist, um fünfhundert Taler Vorschuß ersuchen. Übernächsten Martini ... Aber ich kam nicht weiter, denn was tut nun mein Kerl? – Lachen tut das infamige Rindvieh, kloppt mir auf die Schulter und meinte: Und da soll ich die fünfhundert Taler bezahlen? – Ja. – Weil seine Tochter sich mit Jans Prußt amüsiert hat? – Ja. – Und weil daraus so'n kleiner Bengel erfolgt ist? – Ja. – Und weil sie deshalb nu heiraten wollen? – Ja. – Hö! meinte Pitt Hoffmann, dann will ich Ihnen klaren Wein in die Bouteille hineintun – und rief dann wie so'ne stinkige Hitte, die gar nicht mein Pangschang ist und meine achtundvierziger Freiheitsehre beleidigt: Und da soll ich die Rechnung begleichen, Herr Derksen?! – Wenn Sie weiter nichts haben, dann kommen Sie wieder, wenn Sie mal tot sind, dann werde ich Sie gratis begraben.« Wütend griff sich Derksen zwischen Hemdekragen und Quäkerbart, als wolle er sich selbst strangulieren. »Äh!« – kam es ihm gepreßt aus der Kehle, »und das muß ich mir als achtundvierziger Freiheitsheld und königlich preußischer Obergefreiter von so einem Leichenhuhn gefallen lassen?! Miserabel, ganz miserabel!« Der Kopf sank ihm auf das Schurzfell herunter. Er suchte nach Worten. Jetzt fand er sie, aber seine Stimme war friedfertiger, ruhiger geworden. »Und nu bin ich zu dir gegangen, lieber Johannes,« sagte er leise. »Und warum seid Ihr nicht eher gekommen?« »Weil ich mir scharnierte,« sagte der Alte und schien die Bauhölzer zu zählen, die auf den Wagen gebracht wurden. »Gut,« meinte Johannes Wesselink, »Ihr sollt die fünfhundert Taler erhalten.« »Was ...?!« schrie der Alte, »wirklich erhalten ...?!« Dann riß er die Mütze von seinen grauen Haaren herunter und versuchte die Hand des jungen Zimmermeisters zu fassen. Und Tränen standen ihm in den Augen, die so klar waren wie das gebrannte Wasser in seiner Schnapsflasche; aber sie waren edler und reiner, und sie gingen auch dem Manne ans Herz, der versprochen hatte, die erbetenen fünfhundert Taler zu geben. »Aber nicht mehr trinken,« sagte Johannes. »Auf Leben und Sterben ...!« Wie zum Schwur hielt Leopold Derksen die rechte Hand in die Höhe. »Dann kommt,« meinte Johannes. »Ich gebe Euch Vollmacht; mit der geht Ihr auf die Sparkasse ins Rathaus ... und was die Rückzahlung betrifft: Ihr könnt Ausstand haben bis Johanni übers Jahr, und langt's nicht, auch länger.« Langsamen Schrittes gingen die beiden über den Zimmerplatz und von hier in den rückwärtsgelegenen Hausflur – Derksen mit schwimmenden Augen, aber als rehabilitierter königlich preußischer Obergefreiter, und Johannes mit dem Bewußtsein im Herzen, einem braven, alten, wenn auch in den letzten Monaten heruntergekommenen Burschen einen Stein aus dem Wege geräumt und ihm die Hand geboten zu haben, sich, seine Tochter und seine häuslichen Verhältnisse wieder reputierlich zu machen – und sie hatten dabei nicht gemerkt, wie sich in einem Fensterrahmen des Häuschens, wo Bettje Theißen wohnte, ein allerliebstes Persönchen gezeigt hatte, das mit großen Augen in die Welt sah und mit einer stillen und bescheidenen Art von Mitgefühl der ganzen Auseinandersetzung gefolgt war. Hierauf hatte sich das Fenster wieder lautlos geschlossen – und der ehrwürdige Nußbaum summelte leise im Wind, und die liebe Sonne blitzte hindurch und legte die seinen Schatten der blattlosen Zweige quer über das Gespärre der Balken und Hölzer, die immer weniger wurden und sich allmählich auf Karren verfrachtet sahen, die ihren Weg über die Grabenstraße und dann zum Tor hinausnahmen, um im Laufe des Tages nach Elten zu fahren. Es war ein reger Betrieb auf dem Zimmerplatz. Alle Gesellen und Arbeiter hatten vollauf zu tun. Immer neue Wagen kamen und gingen, holperten von der Arbeitsstelle herunter, bis so des Nachmittags gegen fünf Uhr herum das letzte Fuhrwerk besorgt war und die Gesellen Schicht machen konnten. – Es war schon schummrig geworden; der Nachmittag wollte verdämmern, und die alte Linde, die auf dem Markt stand, hatte sich bereits in graue Tücher gehüllt, als Luise am Fenster saß und in das ersterbende Licht des Tages hineinsah. Sie hatte noch auf Monate hinaus die Gerechtsame, in der Posthalterei wohnen zu dürfen. Den Kopf in die Hand gestützt, träumte sie leise vor sich hin, und sie merkte es kaum, wie sich das Dunkel auch durch die Gardinen drängelte und sich's in den Zimmerecken bequem machte. Fast eine Viertelstunde verrann so – und sie saß da noch immer, und ihre Gedanken gingen zurück und rafften eine Begebenheit auf, wie da vor Jahren einer gekommen, der ihren Lebenspfad zu kreuzen gedachte. Und dieser Mensch hatte sie geküßt mit verzehrender Inbrunst ... aber es war seltsam dabei: wie sie auch denken und nachgrübeln mochte, und trotz des schmerzlichen Sehnsuchtsgefühls, das sie noch immer beherrschte – ein anderer Mund beugte sich über sie, und ehrliche Arme suchten sie an sich zu reißen ... und da war leise die Türe gegangen. Sie merkte es kaum. Wie in Verwirrung strich sie sich über die Haare. Trotz der Dunkelheit fanden sich ihre gegenseitigen Blicke. »Johannes, bist du es?« »Ja.« Einen Augenblick zögerte sie noch, als wenn sie in Überlegung stände, als wenn sie etwas suchen müsse; dann aber warf sie sich ihm stumm in die Arme. »Du gehst heute nach Elten?« fragte sie schließlich. »Und wann kommst du zurück?« »Ende der nächsten Woche.« »So lange bleibst du?« meinte sie zögernd. »Du weißt doch selber, Luise ...« »Ja, das weiß ich,« sagte sie flüsternd, »aber mir wäre es lieber gewesen, wenn du jetzt immer hierbleiben könntest,« und da drängte sie sich fester an ihn, als wenn sie bei ihm Schutz suchen müßte. Er verzog die Stirn und schüttelte matt den Kopf: »Das geht nicht, Luise.« Kein Laut regte sich mehr in dem umdüsterten Zimmer. Nur eins regte sich und war näher getreten. Und das legte ihm die zwingende Hand auf die Schulter und sah ihn an bis tief in die Seele. Sie war da. Die Zweifelsucht von früher war wieder gekommen, und da war es ihm, als senke die Decke sich tiefer, als müsse sie sich auf ihn legen und seine Liebe erdrücken. Er fuhr sich wie verweht über die Stirne. »Was ist dir, Johannes?« »Du, Luise,« sagte er krampfhaft, umklammerte sie und drückte sie an sich, »du mußt mir das nicht übel nehmen. Es war ja alles vorüber – ich war ja zufrieden – ich dachte an nichts mehr ... Ich war ja damals so glücklich zwischen den Wiesen – und jetzt ist der Mensch doch wieder gekommen.« Der Leib des jungen Weibes zuckte plötzlich zusammen, als wenn er eine schmerzliche Berührung empfände. »Ich will es nicht wissen, lieber Johannes ...!« Er fühlte, wie sie in seinen Armen erstarrte. »Weißt du – nicht wissen ... das ist gut so, Luise. – Aber ich kann's nicht verwinden, Luise. – Du hast ihn doch auch schon gesehen?« Ruckartig riß sie sich los und versuchte in seine Augen zu starren; aber die Antwort kam nicht von ihrem Munde herunter. »Du hast ihn doch auch schon gesehen?« »Ja – ich habe ihn auch schon gesehen.« Es klang wie von zusammengebissenen Lippen. »Und da ist mir ...« sagte er tonlos. »Weißt du – mir ist so ... Es will mir nicht aus dem Kopf ... Früher ist das anders gewesen, jetzt aber hat es sich wieder an mich geschlichen.« Er griff sich an die Schläfen und begann schmerzlich zu lächeln: »Wenn sich das nur wieder kurierte! – Es wird wohl ein Irrtum sein – es ist ja ein Irrtum ...! – Es war ja alles vorüber; ich hatte mir das alles so herrlich ausgedacht; vor Advent wäre unser Glück in Schicht und Richte gekommen ... Und jetzt ist mir so was Schweres in die Arme gefahren, so was wie Eisen in die Arme gefahren, und zieht mir die Hand immer nach der nämlichen Stelle herunter.« Sie hätte aufschreien mögen. »Aber was hast du, was ist dir, Johannes?!« Er lächelte mit herben Lippen. »Das weiß ich ja selber nicht,« sagte er düster, »aber ich kann nicht dagegen an: es zieht mir immer die Hand nach der nämlichen Stelle herunter, als wenn sie da etwas aufheben müßte, als wenn da ...« »Johannes ...!« »Als wenn da unter einem schwarzen Tuch etwas läge – sich etwas befände – als wenn da von früher ... Du ...!« sagte er plötzlich, und seine Stimme nahm einen heiseren Klang an, »ich muß das schwarze Tuch aufheben ... Es ist ja nichts, das weiß ich ja alles; es ist purer Widersinn, was ich fühle und denke – aber nun ist der Mensch doch wieder gekommen, und da will ich doch wissen: was ist zwischen euch beiden geschehen?« Das Wort war heraus, und dabei preßte er ihre Hand, als wenn sie sich in einem Schraubstock befände. »Was zwischen uns geschehen ist ...?!« rief sie entsetzt. Er sah ihre Augen nicht, aber er fühlte, daß sich dort ein verzehrendes Feuer ausgetan hatte. »Ja – das will ich wissen.« Er hatte mit einer fast brutalen Stimme gesprochen. »Nichts!« rief sie gellend, »als das, was ich dir früher gesagt hab'. Er ist frech gewesen – und hat mich in seine Arme genommen ...« »Und sonst ist nichts zwischen euch geschehen?« »Nichts – so wahr mir Gott helfe!« Ein Beben ging durch ihren gemarterten Körper. Sie war dem Umsinken nahe. »Luise, Luise ...!« Was ihn angetastet hatte, war wieder von ihm gegangen. Die Stunde von damals, die heilige Stunde, als er mit ihr in den stillen, dämmerigen Wiesen gestanden, glaubte er wiedergefunden zu haben. Mit einem dumpfen Laut riß er die Schluchzende an sich. »Das hab ich ja alles gewußt ...!« rief er mit zerrissener Seele. »Vergieb mir, Luise!« Und sie warf ihre Arme um seinen Nacken herum, und sie umklammerten sich, als wenn sie gegenseitig beieinander Schutz suchen müßten. Sie fühlte sich glücklich, und unter schmerzhaftem Kusse gewahrte sie, wie seine Tränen ihr Antlitz benetzten. So standen sie lange – und dann hatte sich die Türe nach vergeblichem Klopfen leise geöffnet. »Mynheer Wesselink,« sagte eine ruhige Stimme, »es ist nu wohl Zeit, daß wir abfahren müssen. Sie warten schon alle.« Und dann hatten sie Abschied genommen, aber es war kein fröhlicher Abschied gewesen. Etwas Dumpfes, Brütendes war dazwischen getreten. Sie begleitete ihn bis zur Haustür. Dann ging er. »Henndrinecke, bringen Sie Licht,« rief sie in die Küche hinein. Und da brachte Henndrinecke Licht in die vordere Stube. – – – Fast genau um dieselbe Stunde ertönte in der Kaplanei ein feines Klingelzeichen. Gleich darauf erschien denn auch die Haushälterin des Herrn Vikars im Studierzimmer und stellte mit weichen, feuchten Händen, die wie Gallerte aussahen, eine Öllampe mit mattgrüner Glasglocke auf den Tisch. Joseph von Arimathia war soeben von einem längeren Spaziergange zurückgekehrt. An seinen Schnallenschuhen haftete noch der Staub der Landstraße. Er war in Moyland gewesen, wo er seinen Schützling dem Herrn Baron präsentiert hatte. Keine Mißhelligkeiten, keine ›Wenn‹ und ›Aber‹ – die ganze Einführung war im beiderseitigen Sinne verlaufen. Halb in seinen Korbsessel zurückgelehnt, den er bis dicht an den Kamin gerückt hatte, dachte er jetzt über die Vorstellung nach, blinzelte ins Licht und rieb sich die Hände gegeneinander, wobei die Knöchel ab und zu in ein gelindes Knacken gerieten, eine Manipulation, die er immer zur Ausführung brachte, wenn er seine Gemütsruhe gefunden hatte und äußerst vergnügt war. »Therese, das wäre nun mal wieder richtig gefingert,« sagte Joseph von Arimathia mit behaglichem Schmunzeln und streckte die Beine von sich, daß die silbernen Schnallen auf seinen Füßen im Kaminfeuer zu blitzen begannen. »Was der Herr Vikar anfassen,« sagte die schlampige Person mit klebrigem Lächeln, »das wird immer richtig gefingert. Auch das mit dem Testament...« »Das glaubst du, Therese?« »Und ob!« versetzte die Dicke. »Die Frau Präsidentin hat's mir gesagt, Miekske Pollmann ebenfalls; von Bettje Theißen will ich gar nicht mal sprechen.« Die ersten Namen betonte sie mit einer überzeugungstreuen Verehrung, beim letzten hatte sie nur ein verächtliches Zucken, das dem Herrn Vikarius auffallen mußte. »Aber Therese,« fragte er mit gerunzelten Brauen, »was veranlaßt dich nur, so despektierlich von Bettje Theißen zu reden?« »Weil ich sie für ein Paket schmutziger Wäsche verschleiße.« »Aber, Therese, ich muß dich wirklich ersuchen...!« »Ersuchen oder nicht ersuchen,« meinte die Dicke, indem sie asthmatisch nach Luft schnappte, »ich kann mir nu einmal nicht helfen: sie hat's doch mit dem jungen Lehrer gehalten. Das haben doch Zeugen gesehen, das ist unterfertigt und steht in ihren Papieren geschrieben.« »Und trotzdem,« entgegnete Joseph von Arimathia, »soll niemand den Stein gegen sie aufheben. Gras ist über die ganze Geschichte gewachsen; sie ist in sich gegangen; sie hat ihr Amt als Lehrerin aufgeben müssen und muß sich nun kümmerlich in ihrem erbärmlichen Häuschen ernähren. Wahre Buße nimmt alle Sünden hinweg.« »Wenn auch,« trumpfte die dicke Person auf und bekam ihren umfangreichen Busen zu fassen, »ich kann solche Frauenzimmers nu einmal nicht leiden, denn ein altes Sprichwort besagt: Was so 'n richtiger Fuchs ist, der verliert wohl seine alten Kulören, aber nicht seinen alten Gusto – und ich kann mir nicht helfen: sie hat noch immer so liebliche Augen.« »Das sind heilige Augen.« »Was für welche?« »Heilige Augen, weltfremde, entsagende Augen! Aber das verstehst du nicht. – Das sind Blicke, wie eine geläuterte Seele, wie die Askese sie eingibt.« »Je – denn!« meinte Therese, steckte die Hände unter ihre Schürze und wollte sich langsam entfernen, drehte sich aber nochmals um und meinte: »Wenn Sie das denn sagen, Herr Vikarius, dann kann ich mich ja wieder mit ihr freundlich benehmen.« »Tu das,« sagte Joseph von Arimathia. »Die Nächstenliebe ist die höchste Tugend auf Erden, abgesehen davon, daß ihr beide, du und Bettje Theißen, geistig verwandt seid.« »Aber, Herr Vikarius...!« »Gehörst du nicht der Bruderschaft zur ewigen Anbetung an?« »Das tu' ich.« »Und sie?« »Auch.« »Also ...!« lächelte Joseph von Arimathia. »Ach, nein,« meinte die behäbige Person und wollte sich schütteln vor klebrigem Lachen, »nu versteh' ich die Sache. Nein – was der Herr Vikarius doch ein gelehrter und witziger Herr sind! – Ach, was – das will ja gar nichts besagen. Nein – der Herr Vikarius sind ein Ausbund von Witzigkeit, ein richtiger Witzbold.« »Schon gut,« sagte Joseph von Arimathia, »und da wir soeben noch von christlicher Nächstenliebe gesprochen haben, so möchte ich mein Abendessen so gegen neun Uhr gerichtet wissen.« »I – wo denn! – Wollen der Herr Vikarius noch ausgehn?« »Ich denke. – Und dann, Therese: wann geht hier die letzte Post nach Kleve?« »So um sieben 'rum.« Der Vikarius sah nach der Uhr und nickte befriedigt. »Da weißt du vielleicht,« fragte er weiter, »ob sich unter den Passagieren auch der Zimmermeister Wesselink befindet?« »Gewiß, der ist mit 'rausgerappelt.« »So? – das ist ja erfreulich.« »Ja. – Herr Severin Piepmann hat es Pitt Hoffmann erzählt, und Frau Hoffmann ist soeben bei mir in der Küche gewesen. – Nein, Herr Vikarius, was der Mensch nicht alles zu tun hat! – Nu baut er sogar noch die luthersche Schule in Elten. Es ist zwar man 'ne luthersche Schule, aber er baut sie doch, während mein Schwager Gertzen, der doch auch ein gelernter Zimmermann ist... Ach, du mein Heiland! – der hat höchstens was zu tun, wenn wir ihm 'ne Hühnerleiter bestellen, oder die gnädige Frau Präsidentin ihren Mann aus der Stube 'rausklingt und ihm die Bettstellage ...« Joseph von Arimathia warf ihr einen vielsagenden Blick zu. »Ach, so ...!« meinte Therese und hielt sich mit ihren fettigen Händen den Mund zu. »Aber Punkt neun wird gerichtet. Piekfein, Herr Vikarius! – Gebratene Leberwurst und gestowte Kartoffeln.« Dann ging sie. An der Tür blieb sie wiederum stehen und versuchte nochmals zu schäkern. »Aber, Herr Vikarius – das mit Bettje Theißen ... Heilige Augen ...?!« Mit unterdrücktem Kichern hatte sie hierauf die Klinke ergriffen. »Herr Vikarius, heilige Augen ...?!« »Ja,« sagte Joseph von Arimathia, »wirklich heilige, asketische Augen, Therese.« Er hatte sich niedergebeugt und sah in die glimmenden Scheite; als er bald darauf wieder aufblickte, war er allein in der Stube. In dem geräumigen Zimmer war ein gedämpftes Licht ausgetan. Der merkwürdige Schein der Lampe hatte alles wie mit grünlichen Gazeschleiern umhängen. Bücherregale und Stahlstiche waren nicht mehr deutlich erkennbar. Alles flimmerte resedenfarben unter dem Schimmer der mattdurchleuchteten Lampenglocke. Nur vom Kamin aus streckte sich ein scharfumgrenzter Lichtschein ins Zimmer; in diesem Lichtschein standen die silbernen Schnallen des jungen Cölibatärs wie zwei blitzende Sterne. Joseph von Arimathia erhob sich. »Gut – also nach Elten gefahren,« sagte er tonlos. Eine innere Befriedigung spielte um seine Mundwinkel. Er stand regungslos und wie in Gedanken. Sein mächtiger Körper mit dem tonsurierten Kopf auf dem Stiernacken schien bis zur Decke zu wachsen. Er war wie eine Säule der Kirche. Er kannte nichts Höheres als ihr zu gehorchen, für sie zu arbeiten und in ihrem Dienst dereinstens gottselig zu sterben. Alles übrige war ihm nichts weiter wie ein klingendes Erz und eine tönende Schelle. Warum auch anders?! Er war ja Priester, er war prädestiniert für diese Mission, er wäre in seinem Amt ein Märtyrer geworden, wenn man es von ihm verlangt hätte. Und seine Gestalt wurde immer größer und größer. Der grünliche Schein, der von der transparenten Lampenglocke ausging, berührte ihn wohlig. Der resedenartige Farbenschmelz wurde immer intensiver und reiner. Und Joseph von Arimathia sah in diesen grünen Gazeschleier hinein; es war ihm so, als wenn sich da etwas zu regen begänne, Wurzeln schlüge, aufstrebe und wüchse – als wenn da ein Bäumchen ... Und er sah alles mit leiblichen Augen – und seine Blicke dehnten sich in freudiger Erregung maßlos ins Weite, denn er konnte nicht irren: es strebte nach oben – es hatte Zweige und Laubwerk – und die Äpfel waren eßreif geworden. »Heilige Jungfrau!« rief Joseph von Arimathia, »da steht ja mein Bäumchen!« Er streckte die Hände und griff in die Luft. »Ich will dich schütteln – schütteln – schütteln!« sagte er mit triumphierendem Lächeln. »Die Früchte müssen herunter – herunter – herunter...!« Und er schüttelte weiter aus Leibeskräften; er vermeinte, das Gepurzel der Äpfel zu hören – und dann hatte er mit großen Schritten das Zimmer verlassen. Die Sterne standen mit fröstelndem Schein am Himmel, als er hinaustrat. Er achtete nicht darauf; nur mit Hut und leichter Soutane bekleidet ging er durch die kalte, friedliche Stille des Abends. Etliche Menschen begegneten ihm. Er sah sie kaum, er erwiderte den Gruß nicht, den sie ihm boten. Er hatte etwas anderes zu tun, als an so was zu denken. Ab und zu tastete er in die Luft und begann wieder zu schütteln. Es schien ihm ordentlich Freude zu machen, seinen Traum weiter zu spinnen und das Erträumte in die Wirklichkeit zu übersetzen. Er sah das Bäumchen, das er schütteln mußte, lebhaft vor Augen. Er fühlte es, er hatte den Stamm zwischen den Händen... Er brauchte nur die gefallenen Äpfel aufzulesen und in ein Körbchen zu bringen... »Ein gutes Werk soll es werden,« murmelte Joseph von Arimathia zwischen den Lippen, »ein Werk der christlichen Nächstenliebe, ein Werk der Erkenntnis.« Jetzt stand er vor der Posthalterei. Hastig zog er die Klingel. Henndrinecke kam. »Ist das Fräulein zu Hause?« »Ja, Herr Vikarius; ich werde dem Fräulein ...« Sie wollte vorausgehn, allein eine kurze Handbewegung des jungen Geistlichen belehrte sie anders. Da blieb sie zurück und deutete links auf die Türe. »Ich danke Ihnen.« Joseph von Arimathia ergriff die Klinke und trat lautlos ins Zimmer. Luise saß still bei der Lampe. Sie wandte ihm den Rücken zu. Jetzt hörte sie Schritte, ein leises Geräusch; sie kehrte sich um – und ein Mann in schwarzer Soutane stand vor ihr. Schreckhaft fuhr sie auf. »Sie, Herr Kaplan ...?!« »Ja – ich bin es, Luise.« Fast unmerklich hob er die Hand, als wenn er sie zu segnen gedächte. »Und Sie kommen ...?« »Zu Ihrem Besten – im Namen Gottes – im Namen der Kirche.« »Was heißt das ...?!« fragte sie, nahezu sprachlos geworden. »Weil ich in dir eine Apostatin der Liebe vermute,« sagte er ruhig. »Aber, Herr Kaplan, wie soll ich das alles verstehn?« »Du wirst es verstehn; denn sieh', meine Tochter: die Liebe hat eine weite Bedeutung. Sie umfaßt ebensowohl die eigennützige wie die uneigennützige, ebensowohl die natürliche wie die übernatürliche Liebe – und wenn ich meinen Leib im Interesse des Glaubens dem peinlichsten Martyrium preisgeben würde, trüge aber nicht die wahre Liebe im Herzen, ich wäre zwar ein Bekenner des Glaubens, aber ein unwürdiger, denn mir fehlt die Krone des Lebens: die reine, tugendhafte, allbefreiende Liebe. Und ich fürchte, Luise...« »Was, Herr Kaplan?« Sie war mit aufgerissenen Augen näher getreten. Joseph von Arimathia machte eine sanfte Bewegung. »Sei still, meine Tochter,« sagte er leise. »Die wahre Liebe ist wie ein erquickender Bronnen; sie ist duldsam und gütig, sie beneidet nicht und freut sich der Wahrheit; sie hofft und hängt nicht am Reichtum, sie erbittert nicht und denkt nicht an Arges, und sie will nicht, daß ich den sterben lasse in meinem Herzen und ihn tilge aus meinem Gedächtnis, aus meiner Seele, wo er doch wohnen sollte – leben sollte für ewig. Und ich glaube, Luise...« »Herr Kaplan, hören Sie auf!« flehte sie krampfhaft. Eine düsterrote Glut war ihr über Hals und Wangen gerieselt. Sie wollte noch mehr sagen, aber ihre Zunge versagte. »Ja, Luise,« versetzte Joseph von Arimathia, und seine Stimme, die bisher sanft wie das Girren der Taube gewesen, die wie das milde Geplätscher einer jungen Quelle erschienen, ging über sich fort, wurde mahnend und dringlich und nahm einen Ton an, der an die Auslassungen eines fanatischen Priesters erinnerte. »Ja – wisse, Luise: die Dogmatik redet mit überzeugenden Worten; sie kennt nichts Halbes und trifft mitten ins Schwarze, wenn sie also verkündet: Der Christ soll seinen Nächsten lieben wie Gott – und wer ist im vorliegenden Sinne dein wahrhafter Nächster gewesen?! – Ja, lieben wie Gott, meine Tochter, denn um den wirklichen Nächsten lieben zu können, ihm die Treue zu halten, muß man gefestet sein wie die Kirche des Herren, die auf den Felsen gebaut ist. Und dazu ist nötig: reiße dein Herz von den irdischen Gütern um seinetwillen, um Gottes willen, denn tust du es nicht, so bist du ein dreifacher Mörder geworden. Ein Würger deiner selbst, weil du deine eigene Seele getötet hast, ein Würger des anderen, weil du ihn sterben ließest in vergeblicher Hoffnung, ein Würger der ganzen menschlichen Gesellschaft, weil du, so viel an dir liegt, das Lebensprinzip der Menschheit vernichtest. Und du« – seine Worte wurden hart wie die Kiesel am Wege – »und du hast schon einmal geliebt, heißer geliebt, tiefer geliebt, mit ganzer Seele geliebt – und wagst es, diese frühere, reinere, heiligere Liebe mit Füßen zu treten ...?!« Luise mußte sich an der Tischkante halten, um nicht niederzufallen; dann bäumte ihr Inneres auf. »Ich bin mit Johannes versprochen!« rief sie mit stammenden Augen. »Das weiß ich,« sagte der Vikar mit vernichtender Ruhe, »aber ich weiß auch, daß in deiner Brust ein anderer wohnte und früher gewohnt hat als dieser Eindringling, der nur Zutritt erhielt, weil es eine juristische Floskel erheischte, weil es der letzte Wille eines betörten Mannes verlangte, und es dir besser gefiel, mit liebeleeren Händen nach einem kostbaren Becher zu greifen, als liebebeseelt die schlichte Schale eines schönen, aber arbeitsamen Lebens an die Lippen zu führen. Das Allerheiligste hast du aus deinem Herzenstempel gerissen, nur um dem Gesetz zu genügen und deiner Selbstsucht zu frönen. – Mammon! – Mammon! – Mammon ...!« Ekstatisch warf er beide Arme nach oben. »Das ist nicht wahr!« schrie Luise. Mit einem verhaltenen Laut war sie in sich und auf den Boden gesunken. Dann hob sie den Kopf und sah entsetzt in das Gesicht des vor ihr stehenden Mannes. »Es ist so,« sagte Joseph von Arimathia und lächelte – und lächelte sanft, und seine Stimme sank wieder herab zu dem sanften Gurren einer Taube und dem milden Geflüster eines Bächleins. »Ja, es ist so, Luise – und du solltest doch wissen, daß eine reine und gottwohlgefällige Liebe nichts mit dem Mammon zu tun hat.« Eine minutenlange Stille entstand. Langsam wandte Luise den Blick ab. Um ihre Lippen spielte ein schmerzliches Zucken. Krampfhaft, mechanisch legten sich ihre Hände zusammen. Und ihre Sinne gingen zurück, weit zurück über Monde und Jahre. Und ihre Nasenflügel weiteten sich und sogen wieder den Duft ein, der damals über die Roggenfelder wehte, als der andere sie an sich gerissen und wütend geküßt hatte. Und die Luft war so lind, und der Duft der Roggenblüte kam so betäubend herüber, und die Wachtel lockte im Kornfeld – und dann waren die Sterne aufgegangen am Himmel ... Und sie vermeinte Glocken zu hören, ferne Abendglocken über den Wald fort, und in diese Glocken hinein tönten wieder die Worte des Priesters, sanft, belehrend, dann immer lauter werdend, bis sie anschwollen zu vollen Akkorden: mahnend, zürnend, gebietend – um dann wieder hinzu sterben zu einem sanften Geflüster, das allmählich verhallte. Sie wollte die zwingenden Gedanken abschütteln – nichts hören – nichts wissen ... und dennoch erschauerten ihre Lippen wie unter der zwingenden Gewalt verbotener Küsse. Atemlos horchte sie auf die Worte des Geistlichen, der sich niedergebeugt hatte und mit weißen Händen ihren Scheitel berührte. »Denn wisse, Luise, du bist ruhig geworden, und aus deiner Ruhe heraus wird für mich die Hoffnung erwachsen, die mich befähigt, dein Denken anders zu lenken und dich zu begleiten auf den Weg der wahren Erkenntnis. Nur so wirst du glücklich. – Was liegt daran, wenn alles der Kirche verfällt, du aber keinen Schaden erduldest an deiner Liebe und deiner unsterblichen Seele. – Und wenn du es dennoch tätest, wenn du dem Mammon zuliebe deine wahre, heilige Neigung zertreten würdest und deine echten Gefühle zerstampftest ... Luise, ich frage dich als Priester, als dein Seelsorger, als Gesalbter des Herren – kannst du mit einem anderen Begehren im Herzen deinen Gatten umfangen in christlicher Einfalt, ihm dienen, ihm willfahren, bei ihm sein in stillen Stunden, wo die Lippen heißer werden und die Augen ihre eigene Sprache reden, ohne des andern zu gedenken, dich nach ihm zu sehnen, dich nach ihm zu bangen ...?!« Er hielt inne. Der Atem versagte ihm; dann aber rang sich wie eine Befreiung die Antwort von seinen Lippen herunter. »Nein! – Nein! – Nein! – das kannst du nicht, meine Tochter, das wirst du nicht können.« Der Vikar reckte sich auf. »Der Satan steht hinter dir!« rief er heiser und abgehackt. Die Stimme war wie die einer geborstenen Glocke geworden. »Die Sünde lebt – die Begierde ist nicht tot – das Fleisch ist lebendig ...! – Und wenn er dann käme ... Ich will dir anzeigen, welche die sind, über welche der Teufel Gewalt hat. Das will ich dir sagen, das muß ich dir sagen ...« Er beugte sich nieder und raunte ihr mit geschlossenen Augen ein Wort ins Ohr. Dann fuhr er zurück, als wäre dieses Wort ein Pesthauch gewesen. »Was?!« rief die Ärmste. Sie sah ihm starr ins Gesicht. Mit zuckenden Lippen war sie vom Boden gefahren. »Ehebrecherin ...!« Luise griff in die Luft. »Herr Vikar, was wollen Sie eigentlich von mir?!« schrie sie bis in die tiefste Seele getroffen; dann stierte sie apathisch ins Leere. »Nichts, meine Tochter, gar nichts, mein Kind,« sagte Joseph von Arimathia. Seine Stimme, die drohend und erschreckend geklungen, war sanft und flehend geworden. In dieser Stimme lagen Tränen, die niederfließen wollten. »Ich will nichts, meine Tochter; aber ich kenne Schwester Klarissa. Sie wohnt bei den barmherzigen Schwestern, sie wohnt an heiliger Stätte und ist mild und gut wie die weiße Taube, die den harrenden Menschen den Ölzweig brachte, nachdem sich die Wasser verlaufen. Wende dich an sie, wende dich an Schwester Klarissa. Verlassen Sie dieses Haus, nur einige Tage, nur einige Wochen. Prüfen Sie sich im stillen Gottesfrieden, gehen Sie in sich – und Sie werden finden, was Ihnen not tut. – Gehe zu ihr – bleibe bei ihr – und bedenke die Worte: Und wirkte ich Wunder, so daß ich Berge versetzte und Tote erweckte, trüge aber nicht die wahre Liebe im Herzen, so wären es entweder Wunder des Truges, oder wären es wirklich echte Wunder gewesen, so würde ich dennoch und trotz meiner Wundergabe vom Himmel verworfen. Und daher: suche die wahre Liebe zurückzugewinnen – denn glücklich der Mensch, der die Prüfung bestanden.« Er wandte sich und ging langsamen Schrittes der Tür zu. Luise konnte keine Worte mehr finden. Sie konnte nicht weinen, weil sie keine Tränen mehr hatte. Mit weiten Augen sah sie noch, wie die große Gestalt in der schwarzen Soutane hinausging. Sie war tot für die Gegenwart. Aber sie hörte wieder die Glocken über dem Walde – gerade wie damals. Und die Luft war so lind, und der Duft des blühenden Getreides wehte von den Roggenfeldern herüber – und die Wachtel lockte im Korn – und die Sterne waren aufgegangen am Himmel – unzählige Sterne ... Joseph von Arimathia hatte sein Bäumchen geschüttelt. VI Was die Göttin der Gerechtigkeit nicht alles zustande bringt! Die Tage trödelten sich langsam bis in die Mitte der Woche hinein. Sie liefen alle mit erfrorener Nasenspitze einher; seit Menschengedenken war nicht solches Wetter gewesen. Früher denn sonst setzte die Kälte ein und machte sich wie ein Bäckermeister zu schaffen. Sie puderte Mehlstaub umher, überzuckerte die alte Marktlinde von unten bis oben und bestreute die Fensterscheiben mit Kandisblumen, daß es nur so blinkte und blitzte. Mit Sinter Klas hatte es noch gute Weile, man dachte noch gar nicht daran, und trotzdem versuchten schon Knaben und Mädchen, in den zugefrorenen Gossen die Bahn zu schlagen. Als das Miekske Pollmann bemerkte, tat sie eine doppelte Portion Kohlen in ihren altmodischen Kanonenofen, rieb sich behaglich die gichtischen Hände und meinte: »Jetzt kann ich meinen ersten Brat-Äppel-Kaffee geben, denn jetzt schmeckt es am besten ...« Und der Herr Rektor Hartjes stand nach dem ersten stärkeren Frosttag vor der steinernen Themis, die über der Rathaustür thronte, und sah betrüblich nach oben. Dort war ein Unglück passiert. Die Kälte hatte sich in die feuchten Spatzennester, die hinter dem Spruchband saßen, gefressen, hatte dort die frostigen Ellenbogen gestemmt und ein Stück der in Stein gemetzten Inschrift heruntergebrochen. Von dem ›Fiat justitia, pereat mundus‹ war nur noch das ›pereat mundus‹ übriggeblieben, und das schmerzte den klassisch gebildeten Mann, und da gerade das Oberhaupt der Stadt vorüberging, sprach er ihn an und meinte: »Herr Bürgermeister, alle Spatzennester müssen herabgeholt werden, sonst können wir noch das Schlimmste erleben.« »Soll geschehen,« versetzte Herr Backers. »Außerdem,« fuhr der Rektor fort, »beleidigt es mein heiligstes Empfinden, daß sich im verflossenen Sommer ein Schwalbenpaar mit ihrem Kugelnest unmittelbar über die Büste der Frau Justitia angebaut hat. Die altheidnische Legende weiß nun zwar von einem Manne namens Poliphem zu berichten, dessen Stirn mit einem mächtigen Auge geschmückt war. Er durfte sich also einäugig nennen, und war ein seltsam Begebnis, daß aber in altheidnischer Zeit eine dreibrüstige Person gelebt haben sollte, habe ich nicht zu ergründen vermocht und plaidiere dieserhalb dafür, daß auch das Schwalbennest, und zwar aus ästhetischen Gründen ...« »Auch das wird gemacht,« sagte Herr Backers, und so geschah es denn, daß noch an demselben Tage Polizeidiener und Nachtwächter mit Leiter, Bürste und Wassereimer anrückten, um die mißhandelte Themis von Schwalben- und Spatzennestern zu säubern. Selbstverständlich ließ es sich Herr Hartjes nicht nehmen, jede freie Stunde, die ihm verblieb, der Überwachung des Reinigungswerkes zu widmen. Auch noch kurz vor dem häuslichen Silentium der Schüler stand er in eifriger Konferenz mit Polizeidiener und Nachtwächter, belehrte hier und dort, gab sachmäßige Anweisungen, und zwar unter Berücksichtigung aller Details, bis es schließlich dazu kam, daß er den Vesperkaffee verpaßte. Um diese Zeit hatte Miekske Pollmann ihre beste Nähschülerin ausgesandt, um für ihre morgige Visite in aller Form die Gäste zu bitten. Mit Pelzmützchen, Kaninchenmuff und Seelenwärmer ausgerüstet, machte Adele Knipp ihre Sache denn auch sehr gut. Ihr Näschen sah aus wie 'n glühendes Köhlchen. Nachdem sie schon über eine Stunde herumgeklingelt hatte, sprach sie auch jetzt bei der Frau Rektorin vor. Vollbusig und in Erwartung ihres Mannes saß Frau Petronella Hartjes beim Vespertisch und klimperte ungeduldig mit einem Löffelchen gegen die Porzellankanne, als Adele Knipp das Haus des Rektors beehrte. »Tag, Frau Präsidentin.« »Tag, mein Kind – was gibt es denn Schönes?« »'ne moije Empfehlung von Miekske Pollmann, und Miekske Pollmann läßt die Frau Präsidentin morgen nachmittag vier Uhr zu 'nem Köppje Kaffee mit Erdeicheln, Musekötteljes und Bratäpfel bitten.« »Danke. Wer kommt noch?« fragte Frau Hartjes. »Die Posthalterin Piepmann mit Tochter, dann Fräulein Therese von Arimathia.« »Wer weiter?« »Frau Hoffmann.« »Hat sie angenommen, Adele?« »Ja – Frau Hoffmann gibt sich die Ehre.« »Wer sonst noch?« »Bettje Theißen.« »Die kommt,« konstatierte Frau Hartjes. »Wenn die auch nicht käme, dann fielen Ostern und Pfingsten zusammen; man weiter. Wer ist sonst invitiert?« »Die beiden Damen mit die komischen Namen.« »Die Tanzmamsells ...?!« »Ja,« sagte Adele. »Die Jüngere wollte zwar nicht, als aber die Ältere hörte, wer alles hinkommen täte, da sagte sie zu der anderen Dame: Da siehst du, Pauline ... Wir haben zwar noch ungemein mit's Auspacken und den Arrangements fürs Tanzen zu schaffen – aber man weiß uns zu schätzen. Und wenn man bedenkt, daß sogar eine Frau Präsidentin ...« »Die Tanzmamsells haben ein feines Benehmen,« fiel Frau Hartjes dazwischen. »Das gefällt mir an ihnen – und von diesen ehrenwerten Damen bist du nun zu mir gekommen?« »Ja,« meinte Adele. »Aber warum denn zuletzt?« »Weil Miekske Pollmann gesagt hat: Das Beste kommt immer ans Ende. So ist es auch auf der Hochzeit zu Kana gewesen.« »Auch ein feines Benehmen,« nickte Frau Hartjes, »und somit kannst du Fräulein Pollmann sagen, daß es mir eine Herzensfreude sein würde, ihrer Einladung Folge zu geben. Nun geh schön, und wenn du dem Herrn Rektor begegnest ...« »Der steht noch immer am Rathaus,« versetzte die Kleine, »und kuckt zu, wie sie der komischen Person die Möschennester aus den Armen 'rausnehmen.« »Also schon wieder!« konstatierte Frau Hartjes, »und ich habe ihm doch heute morgen verboten ... Nein, diese Männer ...!« Sie wollte noch mehr sagen, faßte sich aber und meinte: »Also ich komme – und 'ne schöne Empfehlung an Fräulein Pollmann, Adele.« »Danke!« knickste die Kleine, dann ging sie, wäre aber beinahe über den Rektor gestolpert, der, mit einem Pack Hefte und einer revidierten Ausgabe des Cornelius Nepos unterm Arm, eiligst das Zimmer betrat, sein Päckchen auf den Tisch schob, Hut und Mantel beiseite legte und sich dann an den Ofen begab, um sich dort die durchfrorenen Finger zu wärmen. »Guten Tag, Petronella,« sagte er in heiterer Laune und rieb dabei vergnügt die Hände zusammen. »Nein, dieses Wetter, dieses herrliche Wetter da draußen! Knusperig, herzhaft ...! Man wird wieder munter, gelenkig – man wird wieder zum Jüngling.« »So?!« meinte Frau Hartjes. »Ja, Petronella, und wenn ich so alles bedenke: wir zwei beide, wir könnten doch in unserer Jugendfrische zusammenleben wie Philemon und Baucis.« »Wer war Philemon?« »Ein glücklicher Grieche,« sagte der Rektor. »Und sie?« »Eine glückliche Griechin,« dozierte Herr Hartjes, »beides liebevolle Menschen aus der altgriechischen Sage – hellenische Menschen, die sich auf die ars amandi verstanden.« Zärtlich glitten dabei seine Augen über die opulenten Formen seiner stattlichen Gattin. »Ach, was – mit den Griechen ...!« versetzte Frau Hartjes. »Das sind alte Heiden mit 'ner Heidenwirtschaft gewesen, und ich mag solche nun einmal nicht leiden. Aber ich will dir was sagen, Franziskus« – sie war näher getreten und fixierte ihn mit ihren stechenden Blicken von oben bis unten – »du scheinst mir auch auf die sauberen Sprünge der alten Griechen kommen zu wollen.« »Aber wieso denn?« »Hast du nicht den lieben langen Tag vor dem nackten Fraumensch am Rathaus gestanden?« »Petronella, nur Kunstinteresse ... Ich spreche meinen Quartanern gerade von den hellenischen Göttern – und da bekanntlich auch Themis ...« »War das nicht auch eine Griechin?« »Allerdings ...« »Na – also.« »Aber ich sollte doch meinen ...« »Schweige, Franziskus! – Nicht nur, daß diese Weibsperson nicht mal wie 'ne anständige Frau ein Korsett an hat – nein, sie ist ja dekolletiert bis zu den Hüften herunter, und da hast du die Dreistigkeit, bei hellichtem Tage, im Angesicht deiner Schüler und Mitmenschen ...« »Petronella, ich sage dir ja: nur Kunstinteresse. Themis war die erste Gemahlin des Jupiter, aus dem Geschlecht der Titanen. Sie ist die Göttin der Gerechtigkeit und trägt Binde und Wage – beides Zeichen ihres heiligen Amtes.« »So,« meinte Frau Hartjes mit funkelnden Augen, »sie trägt Binde und Wage...« »Ja,« warf sich der Rektor forsch in die Brust, »und weil mir diese durch die Spatzennester gefährdet erschienen...« »Willst du mir weis machen wollen,« fiel Frau Hartjes zungenfertig dazwischen, »daß du nur aus Kunstinteresse...« »Frau, ich habe meine gewichtigen Argumente...!« »Die verfangen bei mir nicht. Derartige Beweistitel haben wackelige Beine, und jede Frau, die noch ein gewisses Gefühl für Pflicht und Moral hat...« »Aber Petronella!« rief der Rektor und schlug verzweifelt die Hände zusammen, »du mußt doch endlich begreifen...« »Hier ist nichts zu begreifen,« versetzte sie wütend, trat auf ihn zu und meinte mit einem so recht bitteren Lachen: »So seid ihr Duckmäuser aber alle zusammen genommen – und du bist der Schlimmste von allen! Das Feinste haben sie im eigenen Hause, und doch gehen sie hin und besehen sich so 'n griechisches Fraumensch. Schämen solltest du dich vor Gott, vor mir und deinen Quartanern. Spatzennester...?! – Es ist ja zum Lachen! – und dabei noch die Stirne zu haben, einem mit Kunstinteresse und hellenischer Bildung zu kommen. Wahrhaftig – du bist mir schon der rechte Philemon! – sei aber gewiß, ich bin nicht gewillt, die sehr zweifelhafte Rolle der Baucis zu spielen. Und daher: ich werde dir schon die griechischen Sprünge vertreiben. Heute abend...« Da war's alle mit dem sonst so gutmütigen und friedfertigen Rektor. »Weib?!« donnerte er los, ergriff das Paket Hefte und warf es über den Tisch fort, daß die Blätter nur so herumvoltigierten. Dann faßte er den Cornelius Nepos und streckte das Buch in die Höhe, wie Moses vor Zeiten die Gesetzestafeln gefaßt haben mochte, als ihm die Pflicht oblag, sie seinem störrischen Volke zu zeigen. »Weib, ich hab's satt! – Meine Galle läuft über wie das Ölkrüglein der Witwe von Sarepta. Schon wegen meines verstorbenen Freundes Ingelaat hast du mir einen Heidenspektakel gemacht; nun kommst du mit der göttlichen Themis und schiebst mir Dinge unter, die mich in den Augen meiner trefflich geleiteten Rektoratschule herabsetzen müssen. Nicht in meinen herrlichsten Träumen sind mir solche Gedanken gekommen.« »Na – deine Träume ...!« sagte Frau Hartjes. »Weib!« schrie der Rektor zum anderen und hielt dabei seinen Cornelius Nepos um etliche Zollbreiten höher, »nur die Spatzennester sind es gewesen!« »Nein,« replizierte Frau Hartjes, »der schamlose Busen!« »Die Spatzennester!« »Der schamlose Busen!« »Spatzennester, Schwalbennester ...!« hielt ihr der Rektor flammenden Auges entgegen, »und selbst gesetzten Falles, es wäre der Busen der göttlichen Themis gewesen: ich hab's satt und genug und lasse mich von dir nicht mehr länger kuranzen. Tu, was du willst. Klinke mich aus bis in den untersten Keller, meinetwegen hundert Jahre und mehr noch, denn lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende; ich verzichte auf alles. Hier, Petronella« – und er bekam das hochgehaltene Buch fester im Griff, zog es herunter und schlug mit der Linken auf den etwas schadhaften Einband – »hier, Petronella, ist das Buch aller Bücher, der Cornelius Nepos: Liber de excellentibus ducibus exterarum gentium – das Buch, welches handelt von allen berühmten Männern und Führern aller Nationen und Zeiten: von Miltiades über Pausanias, Sohn des Kleombrotos, aus dem spartanischen Königshause der Agiaden, bis zu Hamilkar Barkas und Hannibal herunter. Und so etwas von Miltiades und Hamilkar Barkas ist mir in die Knochen gefahren. Sie sind Helden gewesen – Helden und Männer. Ich habe gelernt und gelesen – und bin endlich zur Einsicht gelangt, daß ich es ihnen gleich tun muß, daß ich das knechtische Joch des Weibes über Bord zu werfen habe, um mich als Held und Mann zu gerieren. Fort mit der kaudinischen Schmach und dem Debakel von Kannä! Mann will ich sein, wie die glorreichen Männer es waren! Exempla trahunt ! – ich folge ihnen nach – und somit Petronella: ich esse heute abend bei Marie Janssen ›Im Ridder‹.« Klatschend flog der Cornelius Nepos gegen den Rahmen des Spiegels und von hier aus zu den Heften und Löschblättern, die fast den halben Boden des Zimmers bedeckten. Und der Rektor selber ...?! Stolz wie Hannibal, als sich dieser zum syrischen König begab, ging er in die selbstgewählte Verbannung – zum ›Ridder‹, drehte sich aber zwischen Tür und Schwelle nochmals herum und sagte, ohne mit den Wimpern zu zucken: »Und was dich selbst anbetrifft, Petronella – meinetwegen kannst du Grades Gertzen bestellen.« Jetzt war er wirklich gegangen. Frau Hartjes hatte sich in einen Sessel geworfen; sie war sprachlos und saß da wie die Geschichtsschreiberin Klio. Und das paßte auch wirklich, denn sie stierte, umgeben von zerstreuten Blättern und Papierschnitzeln, ins Leere, überdachte das Vergangene und grübelte darüber nach, was die kommenden Tage ihr bringen würden; nur fehlte der Gänsekiel. Dafür hielt sie aber das Kaffeelöffelchen gefaßt, das sie während der ganzen Auseinandersetzung mit ihrem Manne nicht aus den Händen gegeben hatte, als müsse sie dieses unscheinbare Ding jeden Augenblick als Griffel benutzen, um das rebellische Verhalten ihres rechtlich angetrauten Helden zu buchen und in die richtige Beleuchtung zu stellen. Allein, wie sie auch grübeln mochte, sie hatte den Faden verloren, sie konnte den erforderlichen Dreh nicht mehr finden – aber das wußte sie: das Heft war ihr heute aus den Händen genommen; sie war besiegt, und ihr Gatte war Sieger geblieben, und diese Erkenntnis machte sie sprachlos, gefühllos und unfähig, ihre Vespermahlzeit herunterzubringen. Und sie saß da noch immer, als das Dienstmädchen Licht brachte und schweigend die verstreuten Quartanerhefte einsammelte und mit einem vielsagenden Blick beiseite legte. Und sie saß da noch immer, als es bereits spät Abend geworden, sich bekannte Schritte im Hausflur vernehmen ließen, ihr Mann eintrat und an sie die Frage richtete: »Ist der Zimmermann Gertzen hier gewesen?« »Nein.« »Und meine Schlafgelegenheit ist noch immer da oben?« »Dann werde ich auf dem Sofa in meinem Studierzimmer kampieren. Alea jacta est ! Verstehst du?« Herrisch stülpte er sich den Hut wieder auf, als er das sagte; dann verließ er die Stube, aber mit einem Schritt, wie ihn der reckenhafte Punier an sich gehabt haben mochte, als er die Schlacht am Trasimenischen See gewonnen hatte. Jetzt war der Bann gebrochen. Frau Petronella reckte sich auf. Sie hatte richtig gesehen. Jeder Held, auch der stärkste, ist mit einer Achillesferse behaftet, denn sie, die Frau Rektor, hatte wohl gemerkt, wie der Zeiger der Uhr ging. Trotz seines aufgesetzten Hutes und trotz seines Heldentums hatte ihr Mann so komisch geäugelt. Das belebte ihre desolate Verfassung. »Der kommt wieder,« sagte sie mit einer fast triumphierenden Stimme, klingelte das Mädchen herbei, ließ den Tisch abräumen und begab sich nach oben. – Der andere Morgen kam mit seinen glitzernden Eisblumen und den Myriaden von Rauhreifsternchen, die im Gezweige der alten Marktlinde hingen. Auch die frisch gesäuberte und von ihren Spatzennestern befreite Göttin der Gerechtigkeit war ganz überzuckert und strahlte einen überirdischen Glanz aus, so daß die Leute stehn blieben und das Bildnis mit wohlgefälligen Augen beschauten. Auch der Rektor war unter ihnen, erklärte den Zweck der Säuberung und setzte des längeren auseinander, daß die steinerne Person eine Titanide gewesen, mit in die christliche Anschauung hinübergenommen sei und bis auf den heutigen Tag dazu berufen wäre, Gesetz und Recht zu verkörpern »denn es ist eine von jeher bestehende Satzung,« fügte er erklärend hinzu, »daß sich die menschliche Gesellschaft von der höchsten Instanz bis zu irgendeinem Mitglied der Familie herunter auch nicht die geringsten Übergriffe gefallen lassen darf, denn: suum cuique.« »Ganz mein Pangschang,« meinte Leopold Derksen, der ebenfalls zu den Zuschauern gehörte, »sonst ist die ganze Prostemahlzeit for gar nichts. Ein königlich preußischer Obergefreiter muß sein Recht haben, desgleichen dito die Kirche, aber keinen Hammerschlag mehr nicht.« »Richtig,« nickte Herr Hartjes, »sie darf nicht alles bekommen.« »Auch meine Meinung,« bestätigte Derksen, »zum Beispiel Pitt Hoffmann, denn er gehört gewissermaßen doch auch zur Kirche und singt die Toten zu's ewige Leben – und das kostet Moneten, mehr wie die ganze Begraberei wert ist, und das darf die da ... wie heißt doch das Fraumensch?« »Themis,« sagte der Rektor. »Richtig – das darf die da nicht wollen, denn nur der Lebendige hat recht. Und meine Tochter hat recht, weil sie 'nen Jungen gekriegt hat, und Johannes Wesselink hat recht, weil er fünfhundert Taler vorgeschossen hat desgleichen dito die beiden, ich meine Anna und Jans, weil sie sich heiraten wollen – und in vierzehn Tagen ist Hochzeit – und das haben wir der da ... wie heißt doch das Fraumensch, Herr Rektor?« »Themis.« »Richtig, Herr Rektor – das haben wir der da zu danken, und drum vertrete ich die Meinung, daß wir alle zwei beide mit 'nem forschen Hurra hochleben lassen. Zuerst Ihnen, Herr Rektor, weil Sie das Frauenzimmer haben reinigen lassen, desgleichen dito das Frauenzimmer selber, weil sie das Recht in die Welt gesetzt und keinen Pangschang dafür hat, daß Pitt Hoffmann so heidenmäßig teuer die Toten besingt und in die Grube hineinkomplimentiert. Drei Taler pro Kopf – bei Ingelaat sind's sogar fünf Taler zehn Groschen gewesen – ist 'ne übermäßige Summe. Und darum, Mitbürger, bringe ich den zwei beiden ein Hoch aus. Sie sollen leben: Hoch, hoch, hoch!« Und die anderen stimmten ebenfalls ein und riefen ein über das andere Mal: »Hoch, hoch, hoch!« daß es man so über den Marktplatz fortrollte, als hätten die Klever Füsiliere eine regelrechte Salve mit allen Schikanen vom Stapel gelassen. Und Derksen trat auf den Rektor zu, der sich äußerst geschmeichelt fühlte, klopfte ihm vertraut auf die Schulter und sagte: »Sehen Sie, Herr Rektor, das ist so was für 'ne Achundvierziger-Obergefreiten-Seele, das ist ganz mein Pangschang, und ich würde mir über alles Erwarten fühlen, wenn Sie mir bei der Hochzeit von Anna die außerordentliche Ehre anerweisen täten, zu kommen, denn Sie sind ein Mann von Gerechtigkeitsgefühl, gerade wie die da ... wie heißt doch das Fraumensch?« »Themis.« »Richtig, Herr Rektor. – Sie fühlen wie die da, desgleichen dito wie Johannes Wesselink, der leider nicht hier ist, weil er sich noch bis Ende der Woche in Elten befindet; aber das schadet nicht weiter, denn wenn er zurückkommt, dann werde ich ihm alles erzählen, was Sie für ein nobeler Mann sind und nicht so denken wie Pitt Hoffmann, der es selbst noch den Toten aus der Nase herauszieht, denn: jedem das Seine! – aber wie sagten Sie doch vorhin, Herr Rektor?« »Suum cuique.« »Ganz meine Meinung – und da werden Sie auch wohl dafür sorgen können, Herr Rektor, daß Johannes Wesselink sein testamentliches Recht und seine Luise bekommt, daß da nicht andere Finger herummausen können. Und dessentwegen lasse ich Sie nochmals leben, Herr Rektor.« »Bravo!« riefen die andern. Und »Hoch, hoch, hoch!« ging das wieder. »Ich danke Ihnen allen,« sagte der Rektor, »ich danke Ihnen allen aus ganzem Herzen, weil ich sehe, daß Sie meine kulturellen Bestrebungen zu unterstützen geneigt sind,« und da er ein sehr bescheidener Mann war, gedachte er sich auch ganz bescheiden den weiteren Ovationen zu entziehen – allein das ging nicht so einfach. Alle zogen mit: Leopold Derksen, der Nachtwächter, die halbe Rektoratschule – und als der lärmende Zug an der Posthalterei vorbeikam, steckte Severin Piepmann den Kopf zum Fenster heraus, spitzte den Mund und pfiff das Signal, das die Hornisten auf dem Exerzierplatz bliesen, wenn feindliche Reiterei gemeldet wurde. »Hei!« sagte Piepmann, »was los?!« Dann gellte es in den schrillen Tönen einer Pickelpfeife über den Markt fort: »Gib acht, du preußische Infanterie, Da kommt die feindliche Kavallerie – Karree! – Karree! – Karree...!« »Karree! – Karree! – Karree...!« antworteten die Rektoratschüler in der nämlichen Weise und schwenkten die Mützen. Mit hellem Gepfeife ging es vorüber. Auch Pitt Hoffmann, der mit dem Zimmermeister Gertzen auf der Türschwelle stand, gedachte mit einzustimmen. Als er aber gewahrte, wem die Ovation galt, hielt er den Mund und sagte verächtlich: »Da bringen sie den liberalen Rektor nach Hause. Wenn er nicht die vornehme Frau hätte, man sollte ihm aus seinen liberalen Ideen 'nen Strick drehen und ihn lebendig ersäufen.« »Das wäre die beste Satisfaktschon für die katholische Kirche,« meinte Gertzen, indem er sich langsam mit seinem Zimmermannsdaumen einen Tropfen von der Nasenspitze fortwischte, »und ich frage: warum denn? – Weil er immerzu mit meinem Konkurrenzmann dakohr ist, und Wesselink auch nicht in der besten Reputatschon steht bei allen christkatholischen Menschen. Ich frage: warüm denn? – Weil er testamentlicher Erbe geworden, die luthersche Schule baut und mir immerzu in meinem Handwerk herumpickt wie'ne Krähe mit 'nem grindigen Schnabel.« »Je,« sagte Pitt Hoffmann und macht dazu eine wichtige Geste mit seinen schlenkrigen Fingern, »das ist ja nun wohl deine eigne Sache. Warum kannst du ihm nicht in die Verlängerung springen?« »Ich?« fragte Gertzen und wischte abermals einen klaren Tropfen von seiner Nase herunter, »wo dieser Mensch in so 'ner kolosalen Reputatschon steht bei allen Behörden?! Der Landrat, der Postmeister – alle fressen ihm ja aus der Hand, als wären da man so schiere Goldkörner zu finden. Selbst der Herr Dechant Steinberger hat einmal gesagt: Der Turmhelm muß nächstens herunter. – Warüm denn? – Weil er Holzmaden hat von oben bis unten. – Und wer soll ihn bauen? – Ich? – Im Gegenteil; der Kerl mit der großen Reputatschon soll ihn bauen. – Warüm denn? – Das frag' ich mir immer; aber wenn dieser Tort mir angetan würde, dann mache ich Revolutschon und mangiere aus purem Ärger nur noch Sägemehl und Hobelspäne herunter.« »Abwarten,« meinte Pitt Hoffmann. »Warüm denn?« »Ich bin auch noch da.« »Das seh' ich.« »Und habe auch noch ein Wörtchen zu reden.« »So?« »Ja – und der Männergesangverein ›Concordia‹ ist auch noch da, desgleichen deine Schwägerin Therese Vogels, vom Herrn Vikarius mal gar nicht zu reden, und da wollen wir sehen, wer den Turmhelm baut – denn Geschäft ist Geschäft, und jeder will seine Brotschnitten haben.« »Pitt – und da glaubst du, daß der Kerl mit der kolosalen Reputatschon ...« »Gertzen – ich heiße Pitt Hoffmann! – und wenn das nicht mal hilft, dann lasse ich noch meinen Freund den Herrn baronischen Rentmeister Karlo Antonio Pollmann kommen, der schlägt man so mit seinem Zuavensäbel dazwischen ...« »Donnerwetter!« »Das hilft,« sagte Pitt Hoffmann, »und zum richtigen Beschluß trinken wir noch einen Wacholder zusammen.« Hierauf invitierte er seinen Besuch, näher zu treten und rief dann: »Mama, zwei Wacholder!« Inzwischen war der Triumphzug bis vor die Haustür des Rektors gekommen, hatte hier in zwei Reihen Posto gefaßt, und zwar in der Absicht, den Gefeierten zu guter Letzt noch in pompöser Weise defilieren zu lassen. Bevor sich Hartjes aber hierzu entschloß, war er willens, seinem dankerfüllten Herzen nochmals Luft zu machen und sagte: »Meine Herren! – Es war allerdings in altgriechischen Zeiten eine eingebürgerte Sitte, berühmten Rhetorikern und Künstlern, sei es auf dem Gebiete der Malerei, sei es auf dem Gebiete der Plastik, inferner den Siegern bei den olympischen Spielen brausende Ovationen zu bringen und Palmen zu streuen; daß man aber in einer modernen Ära, also in unseren Zeitläuften, einem schlichten, wenn auch königstreuen Philologen, der allerdings sein Staatsexamen magna cum laude gemacht hat, eine derartige Ehre antut, das, meine Herren ...« Er wurde unterbrochen. »Was gibt's hier?« fragte eine energische Stimme. Gleichzeitig hatte sich das appetitliche Gesicht der Frau Rektor aus dem geöffneten Fenster geschoben. »Je, Madam,« sagte Derksen und nahm selbstgefällig seinen Quäkerbart zwischen die Finger, »wir haben Ihrem Herrn Gemahl die Ehre erwiesen.« »Warum denn?« »Weil das mal so unser Pangschang ist, denn er hat uns bürgerlichen Leuten das Recht wiedergegeben, wie das von jeher Gebrauch war – und weil er die schmutzige Dame ... wie heißt doch die Dame, Herr Rektor?« »Themis,« flüsterte ihm der Gefragte mit einer gewissen Beklemmung ins Ohr. »Richtig, Herr Rektor – weil Ihr Herr Gemahl diese schmutzige Dame wieder zu Ehren gebracht hat, desgleichen dito sie hat waschen lassen von oben bis unten.« »Was für 'ne Dame denn?« fragte Frau Hartjes. »Na – die vor dem Rathaus.« »Ihr seid wohl verrückt!« wetterte Frau Hartjes mit feurigen Augen und schlug dabei das Fenster zu, daß fast eine Scheibe herausgeknallt wäre. »Herr Rektor,« kratzte sich Derksen bei dieser Wendung der Dinge etwas betreten hinter den Ohren, »nun gehn Sie man stolz und allein in die Höhle der Löwin. Ich ziehe mit die andern nach Hause, denn zwischen eheliche Dinge soll man die Finger nicht stechen. Das ist niemals meine große Nummer gewesen – und das habe ich auch immer so bei meiner selig Abgestorbenen also gehalten.« »Das will ich,« sagte der Rektor mit aller Bestimmtheit, verabschiedete sich und trat mit dem Hut auf dem Kopf in den Hausflur. »Die nunmehr gereinigte Dame wird Ihnen beistehn!« rief ihm Derksen noch nach, dann zog er mit der ganzen Gesellschaft wieder dem Markt zu. Mittlerweile war es Essenszeit geworden. Während der Mahlzeit herrschte zwischen den Eheleuten ein frostiges Schweigen. Der Rektor schätzte das Gefühls- und Stimmungsthermometer seiner Gattin auf achtzehn Grad Kälte. Frau Hartjes rührte den Löffel nicht an, ebensowenig die leckere Bratwurst mit Rotkohl. Als sie das Zimmer verließ, streckte der Vereinsamte die Hände zur Decke. »Themis! – Themis! – Themis ...!« meinte er seufzend, dann warf er sich verbittert aufs Sofa. So kam er trotz seiner Triumphe nicht durch. So ging es nicht weiter, das fühlte er. Theorie und Praxis sind grundverschiedene Dinge. Sie sehen zwar sehr schön aus, stehen aber meistens wie Hund und Katze zusammen. Und daher: all seine hellenischen, römischen und karthagischen Götter und Helden hatten erfrorene Füße. Die Frau Rektorin aber stand mit sich in schwerer Beratung, ob sie, der verärgerten Stimmung wegen, den Kaffee bei Miekske absagen solle. Sie schwankte hin und her, erwog die Gründe, die dafür und dagegen sprachen, war endlich schlüssig und meinte: »Ich gehe – denn ich darf Miekske doch die Schande nicht antun.« Hierauf zog sie ihr ›Bestes‹ an und machte sich fertig. – Draußen war die Kälte so bissig wie ein ekliger Dorfspitz geworden. Bei Miekske stand der mächtige Kanonenofen im herrlichsten Pottlot. Und Adele Knipp, die sich mit einer Kollegin angeboten hatte, beim Kaffee zu helfen, schob immer neue Schippen voll Kohlen in die Ofentür hinein, daß bald eine behagliche Wärme sich austat und mollig die große Nähschulstube durchkroch, die Miekske zum Empfangssalon umfrisiert hatte. »So,« sagte Miekske, »nun kannst du die feine Porzellanschüssel mit die Paradiesäppel hereinbringen, Adele, denn sie müssen nun aufgesetzt werden. Gleich kommen die Damen.« Das tat auch Adele. Und Miekske setzte sich hin, legte die zappeligen Hände zusammen und wartete in getragener Stimmung auf die kommenden Dinge. »Knitter – knatter!« machte der Ofen. VII Die Bratäpfel quietschen Inzwischen war eine halbe Stunde vergangen. Der Kanonenofen, der noch vor kurzem wie ein behäbiger ›Heerohme‹ im schwarzen Pottlot gestanden, hatte glühende Backen bekommen – wirklich glühende Backen, die sich komisch ausnahmen gegen das sanfte Lampenlicht, das Miekske rechtzeitig angemacht hatte, um später die Gemütlichkeit des Kaffees nicht durch das Hereinbringen der Lampe zu stören. Vor der Hand war es allerdings noch nicht nötig gewesen, denn es war erst vier Uhr, und der Tag hätte noch immer Kraft genug gehabt, die Tafelrunde ein Stündchen unter Beleuchtung zu halten – aber so war's besser, und bei Licht trank und plauderte sich das behaglicher und schöner zusammen, als wenn so ein schummeriger Novembernachmittag ins Zimmer geguckt hätte. Miekske verstand sich darauf, die richtige Stimmung zu machen; sie gab schon ihr Bestes, vornehmlich heute, wo es doch gewiß darauf ankam, auch ihrem Bruder Karlo Antonio durch ihre Arrangements zu beweisen, was sie ihm schulde; denn das mußte sie sich selber sagen: sie war nicht mehr die Vorsteherin einer Nähschule und die Inhaberin der ›Malör-Penning-Kasse‹ allein; sie war höher gestiegen und in eine Gesellschaftssphäre gerückt, die annähernd der Stellung ihres Bruders, und zwar in seiner Eigenschaft als emeritierter Zuave und nunmehriger Rentmeister, entsprach, und das bedingte Pflichten und mußte beobachtet werden. Na – das tat denn auch Miekske. – Auch die subtilsten Empfangszeremonien waren von ihr berücksichtigt worden, so daß selbst Fanny von Satzenhofen, die doch gewiß zu beurteilen verstand, was sich schickte, äußerst angenehm überrascht war und auch sofort mit ihren Komplimenten losrückte, als müsse die Gastgeberin gleich zum Beginn des Kaffees ordentlich geschminkt und einbalsamiert werden. Und Miekske dankte gerührt und besah ihre Finger, worauf Handschuhe saßen – wirkliche Handschuhe aus echtem Glacéleder! Sie machten sich zwar etwas seltsam auf den gichtischen Fingern – aber sie waren doch da und blieben auch da, selbst dann noch, als Adele bereits mit der großen Porzellankanne herumging, und ihre Kollegin, Fräulein Bellecke Kermes, den stattlichen Rodongkuchen anpräsentierte; denn von den Invitierten fehlten noch zwei, und das waren Frau Pitt Hoffmann und die Vorsteherin des Paramentenvereins, und bevor die Frau Präsidentin ... Nein, bevor die Frau Präsidentin nicht da war, blieb es hinsichtlich der Handschuhe beim Alten; das gehörte sich so, und Miekske hatte gelernt, was sich schickte, sah öfters zur Tür, ob die sehnlichst Erwartete noch immer nicht käme, und dann musterte sie wieder die Tischordnung, ob sie alle richtig placiert habe. Alles stimmte, sie hatte schon nach Rang und Würden ihre Anordnungen getroffen. Ihr gegenüber, und zwar an der Schmalseite des Tisches, saß Fräulein Piepmann, während sie die beiden adeligen Damen rechts und links von sich selber gebeten hatte. An Fräulein von Satzenhofen schlossen sich die Frau Posthalterin Piepmann, Fräulein Therese Vogels und Bettje Theißen an, wohingegen der leere Stuhl inmitten der anderen Tischseite für die Frau Rektor bestimmt war. Rechts von dieser hatte sich Frau Pitt Hoffmann zu setzen. Es war alles schon richtig – und Miekske lächelte befriedigt, als die Hausklingel ging, Adele aufmachte und gleich darauf Frau Hartjes in steifer Seide, mit blitzeblanken Augen und einem ganz allerliebsten Enkörchen ins Zimmer rauschte. »Guten Tag, meine Lieben!« »Ach, die Frau Präsidentin ...!« sagte Miekske, versuchte, sich in ihrem Stuhl zu erheben, um ihre beiden Nachbarinnen nach allen Regeln der Etikette vorzustellen. Allein die Alte war fixer als sie, machte eine leichte Verbeugung und sagte: »Mein Name ist Fanny Baronin von Satzenhofen – und hier meine Tochter ...« »Sehr angenehm,« versetzte Frau Hartjes. »Es ist mir eine außerordentliche Freude, wirklich adelige Damen begrüßen zu können. Wie gefällt es denn den Damen in unserem bescheidenen Städtchen? Haben sich alle Erwartungen erfüllt, die Sie in betreff der Anmeldungen zum Tanzkursus wohl zu hegen berechtigt waren?« »Wir danken, Frau Präsidentin,« meinte die Alte, »denn außer Fräulein Piepmann und dem Herrn Quartaner Julius Hoffmann, haben sich unter anderen noch Toni Küppers, Klara Horré und die Söhne und Töchter des Herrn Notars und anderer Honoratioren in die Liste eintragen lassen. Dem Herrn Schandarm seine Tochter haben wir jedoch, politischer Umstände halber, für gratis genommen. Außerdem hoffen wir noch auf weiteren Zuspruch und gedenken, in den nächsten Tagen die erste Stunde zu geben.« »Das ist ja sehr erfreulich zu hören,« meinte Frau Hartjes, indem sie sich an die Allgemeinheit wendete, »und ich bedaure lebhaft, daß es mir vom Himmel versagt wurde, selber Mutterfreuden zu fühlen, sonst wäre es mir eine große Ehre gewesen, auch meine Töchter und Söhne der Baronesse anzuvertrauen, denn ich verkenne keineswegs den hohen ethischen Wert, der einem sittlich geleiteten Tanzkursus innewohnt,« und damit setzte sie sich und ließ sich von Adele Knipp mit Kaffee und von Bellecke Kermes mit einem Stück Rodongkuchen bedienen, wandte sich aber wieder den fremden Gästen zu und fragte: »Die beiden Damen sind doch gewiß christkatholischen Glaubens und sicherlich entzückt von den Kunstschätzen hiesiger Kirche?« »Über die Kunstschätze von Sankt Nikolai sind wir allerdings entzückt,« versetzte die Tanzmamsell. »Sie suchen ihresgleichen in der Betätigung kirchlichen Schaffens, allein wir sind evangelischen Glaubens und haben uns in dieser Überzeugung allzeit behaglich und glücklich gefunden,« und ihre Augen sahen dabei so überzeugungstreu über den Tisch fort, als säße darin ein junger Frühlingstag mit all seinem Sonnenschein und all seinem Lerchensang und all seiner seligen Hoffnung und Liebe. Und das schöne Gesicht war dabei so apart und verlockend von den Hängelöckchen eingerahmt, daß man meinen sollte, der Richtige müßte jeden Augenblick kommen, um einen innigen Kuß auf das allerliebste Mündchen zu drücken. »Also nicht christkatholischen Glaubens?!« meinte Frau Hartjes und warf einen vielsagenden Blick zu Miekske Pollmann herüber. »Je!« zuckte Miekske die Schultern, »denn ist das nicht anders,« zog ihre Handschuh aus und machte dazu eine Bewegung, als hätte sie einen dicken Brummer gefangen. »Aber ich bin doch immer der Meinung gewesen,« legte sich nun die dicke Therese von Arimathia ins Mittel, »daß alle Edelmänners und solche, die von Edelmänners abstammen täten, unseres Glaubens sein müßten – anderenfalls täte die ganze Baronschaft im Mond liegen.« Über die Züge der Tanzmamsell lief bei dieser Auslassung ein heiteres Lächeln. Die Mutter jedoch dachte anders darüber und sagte: »Aber, mein Fräulein, ich muß mir doch ernstlich verbitten ...« »Die Frau Baronin hat recht,« kam ihr Bettje Theißen zu Hilfe, eine Person mit blendend weißem Halskragen, schlicht gescheiteltem Haar und Augen, die so groß und unschuldig aussahen wie frische Maronen, »nein, die Frau Baronin hat recht, denn sie ist meine Einwohnerin, und ich habe selber gesehen, wie sie eine Tasse aus Sevresporzellan in Verwahr hat, die zwar keinen Henkel mehr besitzt, aber mit einer siebenfältigen Krone geschmückt ist und erwiesenermaßen aus dem Besitz ihres seligen Großvaters herstammt.« »Aus dem Besitz des Urgroßvaters meines seligen Mannes,« verbesserte sie Frau von Satzenhofen, »und wenn man dann bedenkt,« fuhr sie in getragener Weise fort, »daß diese Sevrestasse das einzige Überbleibsel eines einst fürstlichen Vermögens abgibt, dann, meine Damen ...« Mit einer tieftraurigen Geste zog sie gleichzeitig ihr Taschentuch aus dem gehäkelten Pompadour und fuhr sich damit über die Augen: »Ja, dann, meine Damen ... Sie müssen nämlich wissen, was ein fürstliches Vermögen bedeutet! – denn wir, das heißt die Herren von und zu Satzenhofen, waren dereinstmals imstande, fünf Stunden hintereinander über ihr wirkliches Eigen zu fahren.« »Kann ich noch,« meinte Therese von Arimathia mit einem so recht fetten und klebrigen Lachen, »ohne mich zu die Edelmänners zu rechnen, denn das ist doch keine so gewaltige Sache; nur die Zeit würde mir so 'n bißchen lang dabei werden, drum mach' ich's man kurz,« und dabei wuscherte sie sich mit der Hand über ihre rechte Sitzgelegenheit, daß sich die meisten Damen indigniert abwenden mußten. »Aber ich bitte Sie, Fräulein Therese ...!« sagte Frau Piepmann, »wir sind hier in einem christkatholischen Hause.« »Weiß ich,« versetzte Therese, »ich erlaubte mir ja auch man so 'n harmloses Späßchen und wollte nur beweisen, daß die evangelischen Baröners nur halbe Edelmänners sind, während die katholischen bis über die Nase im goldenen Dreck sitzen, wie zum Beispiel der Edelmann von Miekske ihrem vornehmen Bruder.« »Und trotzdem,« entgegnete Bettje Theißen, wobei ihre Augen so feurig wurden wie heiße Maronen, »wäre es für mich eine unsägliche Wonne, wenn da so ein evangelischer Kavalier käme und mir seine Liebe gestände. Das wäre herrlich, himmlisch! – denn wenn da so ein Kavalier mit seiner männlichen Würde ...« »Was?!« erstaunte sich die dicke Therese und rückte mit ihrem Stuhl etliche Handbreiten näher auf Frau Piepmann zu, »das sagen Sie mit Ihren heiligen Augen, wo Sie schon mit einem gewissen Herrn Lehrer so 'n kleines Malörchcn ...« Das weitere schluckte sie aber mit aller Entsagung herunter, weil sie an den Herrn Vikarius dachte, brummelte aber trotzdem in die Kaffeetasse hinein: »Und ich kann mir nicht helfen: ich tu' sie für meinetwegen doch für 'n Paket mit schmutziger Wäsche verschleißen.« Adele Knipp und Bellecke Kermes drückten sich kichernd hinter den Kanonenofen, wo schon die Äpfel zu quietschen begannen. »Aber, meine Damen,« legte sich nun die Frau Rektor ins Mittel, »wollen wir nicht das äußere Dekorum bewahren, vornehmlich jetzt, wo zwei adelige Vertreterinnen des anderen Glaubens ...« »Ich wollte mir ja nur eine Vermahnung erlauben,« entschuldigte sich Therese Vogels, »und nur konstatiert wissen, daß sich das nicht gehört, denn wenn man so was behauptet, so tut man sich, wenn auch mit heiligen Augen, das letzte Honnör aus dem Herzen wegamüsieren.« »Das ist meine Sache,« behauptete Bettje Theißen mit aller Bestimmtheit. Eine peinliche Stille ging um, und Miekske hatte schon Bange, daß die Gemütlichkeit ihres Kaffees umschlagen könne, eine Vermutung, die im Bereich des Möglichen lag, wäre nicht in diesem Augenblick Frau Pitt Hoffmann ins Zimmer getreten. »Miekske,« sagte sie fast außer Atem, »Sie müssen mir wirklich entschuldigen, denn schon heute morren so um sieben herum...« »Das weiß ich,« sagte Miekske mit verbindlichem Lächeln, »Pastöre, Dökters und Damen von Ihrem Stande ... Aber Sie gestatten wohl, meine liebe Frau Hoffmann: Frau Baronin von Satzenhofen und Fräulein Baronesse...« »Sind mir bekannt,« nickte Frau Hoffmann, »denn mein Julius, gelernter Quartaner bei der Frau Pergamentpräsidentin ihrem Herrn Rektor ...« »Dann bitte,« entgegnete Miekske und deutete mit lustigen Fingern auf den übrig gebliebenen Stuhl, »dann bitte ich sehr darum, sich neben die Frau Präsidentin placieren zu wollen.« »Wie sich das gehört,« sagte das pummelige Weibchen, ließ sich nieder und fingerte fünf Stückchen Zucker in die Tasse hinein, die ihr Adele Knipp angereicht hatte, »wie sich das gehört, meine Beste, denn mein Pitt sagt immer: Wer sich selber erniedrigt, verdient, wo er hinkommt.« »Umgekehrt dürfte es lauten,« meinte Frau Hartjes, »denn es heißt doch, so weit ich mich erinnere: Wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden vor Gott und den Menschen.« »Das wohl richtig,« sagte Frau Hoffmann, »aber mein Pitt ist nicht idealistisch, sondern mehr reellemang veranlagt und läßt sich nicht gern die Butter von die Brotschnitten nehmen, und sein Ausspruch ist auch auf mir übergegangen. – Aber, Frau Pergamentpräsidentin,« fragte sie plötzlich, »was ist das heute morren, so um Mittag herum, für 'ne Geschichte mit dem Herrn Rektor gewesen?« »Was für 'ne Geschichte...?!« ging das plötzlich bunt durcheinander. Eine erwartungsvolle Stille folgte diesem energischen Ausruf. »Da Sie es zu wissen scheinen,« meinte Frau Hartjes in sehr ernster Stimmung, »und die übrige Welt es vermutet, brauche ich auch wohl keinen Anstand mehr zu nehmen, es hier zu erzählen. Die Geschichte ist also... Aber, Adele Knipp und Bellecke Kermes, geht mal so 'n bißchen in die Nebenstube von Miekske.« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann. »Und Sie, Fräulein Piepmann ...?« wendete sich die Erzählerin an das blasse Mädchen, das Miekske gegenüber am anderen Kopfende des Tisches saß. »Ach, nein – ich dürfte doch schon halber zu den Erwachsenen zählen.« »Schön,« sagte Frau Hartjes, als sich Adele und Bellecke zögernden Schrittes entfernt hatten, »dann will ich, wenn auch schweren Herzens, die Geschichte verkünden.« »Das wird sein.« lispelte Bettje Theißen, rutschte unruhig auf ihrem Binsensitz herum und begann feurig mit ihren heißen Maronenaugen zu leuchten. »Meine Damen,« begann denn auch die Rektorin nach einigem Zögern, »Sie kennen doch alle die heidnische Person, die sich über dem Eingang des Rathauses befindet?« »Kennen wir,« entgegnete Miekske, »und die hat mir schon immer bedrückt und immer scharniert, wenn ich sie ankucken mußte, und ich sage mir immer: Lieber 'nen heidnischen Rabbiner als so eine Person vor Augen zu haben.« »Dem pflichte ich bei,« konstatierte Frau Hartjes, »und da ist nun mein Mann als Kenner des Hellenentums und königstreuer Philologe auf den sonderbaren Einfall gekommen, obiges Bildnis von allen Spatzennestern, die doch der liebe Gott in gerechter Vorsehung über die besagte Blöße gezogen hat, von unten bis oben säubern zu lassen.« »Mein Zeit nicht!« entsetzte sich Therese von Arimathia. »Ja,« sagte die Rektorin, »aber das ginge ja noch, wenn er nicht immer vor der gereinigten Person stände und sie sich so genau besähe wie die lateinischen Extemporalienhefte seiner Quartaner. Er sagt zwar aus Kunstinteresse – aber ich kenne das und weiß, was die Männer unter Kunstinteresse verstehen. So 'ne üppigen Formen ...!« und dazu machte sie ein paar Hände, als müsse sie zwei stattliche Kürbisse mit allen zehn Fingern umgreifen. »Wie sich das eigentlich nicht gehört,« versetzte Frau Hoffmann, schüttelte mißbilligend den Kopf und tauchte energisch ein großes Stück Rodongkuchen in die Kaffeebrühe, um es später in aufgeweichtem Zustand herunter zu löffeln. »Ja, ja – man hat schon seine fitalen Akkuschemangs mit die Männer,« erklärte sie weiter, »und zwar von morrens bis abends. Aber Hand aufs Herz – so was ganz Schlimmes kann ich eigentlich in seiner Betrachtung nicht finden.« »Nicht?« sagte Frau Hartjes. »Nein. – Miekske zwar nicht – aber wenn ich mir und Fräulein Therese und Ihnen betrachte: wir sind doch auch nicht so ohne und haben doch auch was zu zeigen...! – Wie sich das gehört, meine sehr verehrte Frau Pergamentpräsidentin.« »Das ist eine ganz andere Sache,« hielt ihr die Rektorin entgegen. »Wir sind von Gott geschaffen, und was wir besitzen, das hat uns der himmlische Vater gegeben. Allein die Person vor dem Rathaus ist ein heidnisches, steinernes Bildnis, und geschrieben steht: Du sollst dir kein geschnitztes Bild machen, dasselbe anzubeten. Und das tut mein Franziskus – das heißt: er hat es zwar nicht selbst geschnitzt, aber er betet es doch an und besieht sich's – und das, meine Damen ...« Ein helles, glockenreines Lachen klang plötzlich in diese geharnischte Epistel hinein, und zwar so herausfordernd, daß sich alle Blicke fast gleichzeitig auf ein und denselben Zielpunkt bewegten – und darunter waren Blicke, die so scharf wie ein Pfefferkorn waren. »Aber, Fräulein von Satzenhofen,« rief die Präsidentin des Paramentenvereins, »ich bitte Sie um Gottes willen, was ist da zu lachen?!« »Weil ich es in der Tat komisch finde, derartige Ansichten von sich zu geben,« sagte die Tanzmamsell, und sie kicherte dabei so fröhlich vor sich hin, daß ihre honigfarbigen Löckchen beim Vorbeugen fast den Rand der Kaffeetasse berührten. »Und das finden Sie komisch?« fragte Frau Hartjes mit blitzenden Augen. »Ja, Frau Rektor, das finde ich komisch – denn wo kämen wir hin, wenn wir alles und jedes, was uns die Alten in künstlerischer Hinsicht überliefert haben, mit dem Mäntelchen falsch verstandener Schamhaftigkeit umkleiden und bis über die Ohren zuknöpfen wollten. Ihr verkrüppelt dadurch euer natürliches Empfinden und behaftet euch mit einer Schwäche, an der ihr zugrunde geht. Unser ganzes Sinnen und Trachten sei die Sehnsucht nach Schönheit. In ihr liegt die Vorbedingung für eine glückliche Zukunft. Kunst ist nun einmal Kunst – da darf niemand dran rütteln. Sie hat nichts mit Prüderie und der Einfalt beschränkter Köpfe gemeinsam. Sie will verstanden, gelernt sein, sie hilft uns über die Alltäglichkeit des Lebens hinweg, sie tröstet uns in betrübten Stunden und erzählt uns von vergangenen Zeiten, von ihrem Denken und Fühlen, und ich kann es daher wohl begreiflich finden, wenn der Herr Rektor dafür ein gewisses Interesse bekundet. Die Kunst, meine Damm, will eben gelernt sein!« »Auch die mit die Tanzbeine?« fragte Therese Vogels mit einem höhnischen Lächeln. »Ja, meine Beste, auch die mit den Beinen, und nochmals gesagt: das was der Herr Rektor getan hat, zeugt lediglich von großer Pietät zu einem Werk von nicht geringer Bedeutung, und darum sollten Sie, Frau Rektor, etwas glimpflicher mit den Anschauungen Ihres Herrn Gatten verfahren.« »Meine ich auch,« ließ sich Bettje Theißen vernehmen, »denn die Kunst veredelt und nährt uns alle an ihren himmlischen Brüsten.« »Ach, Sie...!« sagte die dicke Therese und sah verächtlich auf die verzückte Lehrerin a. D. »Heilige Augen...!« fügte dann aber leise und so beiseite hinzu: »Sorgen Sie man, daß Sie kein zweites Malörchen bekommen, und Sie, Herr Vikarius, können sich ruhig Ihr Lehrgeld zurückgeben lassen.« Frau Hartjes saß wie versteinert. »Himmlischer Vater!« seufzte sie endlich, wußte aber nichts Besseres zu tun, als ihr goldenes Kreuzchen zu fassen, um hierdurch für alle Fälle gewappnet zu sein, etwa auftretende böse Geister in die Wicken zu jagen. Eine unbehagliche Stimmung machte sich geltend, die Therese von Arimathia dadurch zu verscheuchen gedachte, daß sie sich vorbeugte und auf die Fassungslose einsprach. »Aber, ich bitte Sie, meine liebe Frau Präsidentin – evangelische Edelmänners sind nun einmal evangelische Edelmänners! – Sie verstehen sich auf künstlerische Sachen, haben dafür aber keine richtige Scham und kein Geld nicht, wohingegen die katholischen moralisch Benehmen und Moneten besitzen, aber von Kunst nichts verstehen – und diese Erkenntnis muß Sie trösten, Frau Präsidentin.« Aber nichts wollte bei der verstimmten Frau Hartjes verfangen. Das harmonische Zusammensein während der Kaffeestunde hatte einen ekligen Preller bekommen und wäre auch entschieden aus Leim und Fugen gegangen, hätte Miekske nicht in ihrer umsichtigen Weise den richtigen Moment erwischt und über die Schulter gerufen: »Bellecke, Adele...! – kommt man wieder herein, die Frau Präsidentin ist fertig geworden. Bringt aber auch die Erdeicheln mit, denn sie müssen nu gar sein!« Das wirkte. Die Erdeicheln kamen, eigentümliche Knollengewächse, charakteristische Gebilde der niederrheinischen Erde, die, in wellendem Wasser gekocht und dann von ihrer Schale befreit, ein süßes Arom von sich geben und zu einer richtigen Visite gehören wie die Schneeglöckchen zum März, wenn die Ackerschollen noch weiße Streifen haben und der Waldboden riecht, als sollten jetzt bald die Anemonen erwachen. – Und wie sie anpräsentiert wurden, da rumorte es auch lauter im alten Kanonenofen; lustige Fünkchen schwänzelten in den Aschenkasten hinein, so daß es aussah, als müßten sie der couragierten Tanzmamsell zu Ehren einen fröhlichen Hopser riskieren. Die Erdeicheln strömten dazu einen Duft aus, der selbst aus dem verbittertsten Gemüt alle Mißstimmungen forträuchern mußte, und wären es auch die schlimmsten gewesen. Das taten sie auch – und was sie noch nicht ganz fertig gebracht hatten, wo da noch so 'n Unmutsstäubchcn lag, was noch gefegt werden mußte, um auch das letzte Restchen von Mißhelligkeit aus dem Wege zu räumen – das besorgten die Bratäpfel. Sie begannen sich in ihren großen Porzellanassiette mausig zu machen, bräunten sich in ihrem eigenen Fett, bekamen geschwollene Bäuche, piepsten und sangen und gerierten sich wie die reinsten Bauchredner auf Kirmes, so daß sich bei diesem pudelnärrischen Geschwätz der schmalzigen und aufgeblasenen Kerle die dicke Therese vor Lachen die Seiten festhalten mußte, um kein Milzstechen zu kriegen. »Nein – diese Bratäpfels!« wieherte sie vor eitel Wonne und Seligkeit und schlug sich dabei umschichtig auf die patschigen Beine. »So was gibt's ja nicht wieder!« und wie sie das sagte, prustete sie in ihrer ausgelassenen Heiterkeit eine Erdeichel, die sie bereits in den Mund gesteckt hatte, über den Tisch fort. »Nein – diese Bratäpfels ...!« Und da ging das nicht anders: die Frau Rektorin lachte, die Tanzmamsell lachte, selbst die sonst so reservierte und ernste Frau Piepmann verzog ihr Gesicht zu einem heiteren Lächeln, und als das Miekske bemerkte, wurde sie fröhlich und sagte so recht aus tiefster Seele heraus: »Und nu, meine Damen, weil alles einen fröhlichen Dreh gekriegt hat, wollen wir uns auch wieder fröhlich benehmen und die unanständige Person vor dem Rathaus begraben.« »Wie sich das gehört,« meinte Frau Hoffmann, »denn wo so liebreiche Bratäppels quietschen, da muß einer ja pläsierlich gestimmt sein, und wer's nicht ist, der wird es noch werden, denn mein Pitt sagt immer: Wo so was sich hören läßt, da gibt es keine Toten im Hause.« »Aber meine Liebe,« fiel Frau Hartjes dazwischen, »Sie haben dasselbe doch schon von meinem Stieglitz behauptet.« »Stimmt auch, meine verehrte Frau Pergamentpräsidentin, denn was für Ihnen der Stieglitsch ist, das sind für Miekske die Bratäppels – denn Pitt versteht sich darauf, und solange er zu befehlen hat, wird hier kein Toter aus dem Hause getragen.« »Im Gegenteil,« versetzte Therese, »wir wollen sogar hoffen, daß bald frisches Leben in die Nähschule hineinkommt, und Miekske sich in anderen Umständen befindet.« »Aber wie wäre das möglich?« fragte Frau Piepmann. »Ganz einfach!« dozierte die Dicke an ihren gallertartigen Fingern herunter. »Herr Karlo Antonio braucht nur die Courage zu haben, er braucht sich mit seiner Auserwählten nur ins Benehmen zu setzen, und dann sorgt schon Frau Hoffmann dafür, daß Miekske sich zu 'ner reputierlichen Tante herausmustern täte.« »Wie sich das gehört,« nickte Frau Hoffmann. »Ach, Gott – ja!« versicherte Miekske, »wenn mein Bruder nur ein Einsehn hätte,« und dabei schnappte sie zwei dicke Brummer gleichzeitig von ihrem schwarzen Pelerinchen herunter. »Karlo Antonio ...! – Ist das derselbe Herr, der mit uns im Postwagen ankam?« fragte die alte Baronin. »Stimmt,« sagte Miekske. »Dann muß ich allerdings gestehen,« meinte die Alte, »daß er mir sehr imponiert hat. Sein ganzes Benehmen besticht; ich möchte es kavaliermäßig nennen und wäre nicht abgeneigt, ihm mal bei Gelegenheit meine altadelige Sevrestasse zu zeigen, denn er hat etwas Gräfliches an sich.« Miekske warf ihr einen dankbaren Blick zu. »Und ob,« sagte Therese, »denn er sticht alle Edelmänners zusammen genommen, ganz partie egal ob luthersch oder katholisch, direkt in die Tasche – und hätte er Anno Siebzig zu befehlen gehabt, hätte der heilige Vater auf ihn gehört und ihn mit seinem Zuavensäbel losschlagen lassen: wir hätten keine Maigesetze nicht – und keinen Bismarck nicht – und erst recht keinen Habicht.« »Falk wollten Sie sagen,« meinte Frau Hartjes. »Richtig, Frau Präsidentin – ›Falk‹ wollte ich sagen, und Windthorst wäre Kommandeur von 's Ganze geworden – und die Herren Kapläne brauchten keine Examens zu machen – und der Kirchenstaat läge noch auf derselben Stelle – und die Landräte täten nicht so große Mäulers besitzen – und der heilige Vater wäre noch regierbar, hätte noch ein Szepter in der Hand und brauchte sein Leben nicht auf hartem Roggenstroh und bei verschimmelte Pumpernickels zu verschleißen ... Ja, meine Damen – Miekske ihr Bruder ist schon der rechte, der hat Akki und wird schon sorgen, daß er Luise 'rumkriegt, denn es ist noch nicht alle Tage Abend geworden – ganz partie egal, ob der hochnäsige Zimmermannskerl hinter die dreißigtausend Talers herpfeifen muß, Luise sich mit Karlo Antonio veramüsiert, Miekske in die Ehrenwürde einer Tante hineinsteigt, und das Kap'tal vom seligen Naatje dem Klingelbeutel verfallen tun täte.« »Wie sich das gehört,« meinte Frau Hoffmann, »denn mein Pitt sagt immer: Die Herren Kapläne und die Klingelbeutels können's vertragen.« »Und ob,« konstatierte die dicke Haushälterin und schnappte nach Atem, »besonders in diesen miserablen Zeiten wo liberal Trumpf ist, und die arme Kirche ausgepowert wird wie 'ne hungrige Katze.« »Dem kann ich nur aus ganzem Herzen zustimmen,« legte sich nun die Frau Rektor ins Mittel. »Es ist ein himmelschreiendes Unrecht, wie es die Menschenmöglichkeit war, ein solches Testament zu errichten. Das ist Gewissenszwang, Bedrohung des eigenen Willens, denn ich bin der festen Überzeugung: Luise würde ganz anders handeln, wenn die diesbezügliche Klausel nicht wäre.« »So?« fragte Frau Piepmann. »Ja, meine Beste. Nur die dreißigtausend Taler haben es bewirkt, daß sie ihre wahre, einzige, offenherzige Liebe wie eine Pharisäerin verleugnet hat und willens ist, mit dem Zimmermeister Wesselink in den Stand der heiligen Ehe zu treten. Allein, so viel ich die Situation zu übersehen vermag, dürften doch Überraschungen nicht ausgeschlossen erscheinen. Ich habe mich bereits selber verwendet, und der Herr Vikar war so liebenswürdig, mir seine tatkräftige Hilfe in Aussicht zu stellen. Ja – ich glaube sogar ...« »Hat's schon getan,« versicherte die dicke Therese. »Um so besser,« sagte Frau Hartjes, »und die Sympathien aller Bessergesinnten, Einsichtsvolleren werden sich auf seiner Seite befinden, denn fragen Sie sich selber, meine Damen: wie kann der schlichte Zimmermann neben Karlo Antonio bestehn? Hier 'ne vornehme Stellung – dort ein simples Handwerkerschurzfell. Hier 'ne große Reputation als päpstlicher Zuave und Verfechter des alleinseligmachenden Glaubens – und dort: Spießbürgertum in krassester Form, gepaart mit der Anmaßung liberaler Ideen ... Nein, meine Damen – wenn ich zu wählen hätte ... Und daher bin ich dafür...« »Stimmt!« nahm ihr Therese das Wort von den Lippen herunter, »er muß aus ihrem Herzenstempel heraus, und dafür muß Karlo Antonio eingesetzt werden, ganz partie egal, ob der Konkurrenzmann meines Schwagers darüber Bankrott anmelden täte. Das käme dann wieder andern Leuten zugute!« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann. »Es wird zwar ein schweres Akkuschemang werden,« setzte sie erläuternd hinzu, »könnte aber noch so eben geraten, denn mein Pitt sagt immer ...« »Es muß geraten,« ergänzte Frau Hartjes und warf sich dabei energisch in die seidene Bluse, »unter allen Umständen muß es geraten, selbst unter der Voraussetzung, daß nichts weiter dabei herauskäme, als daß lediglich die Kirche und der Paramentenverein den Profit davon hätten, denn göttliche Sachen stehen höher wie menschliche – und die Liebe ist weiter nichts als eine menschliche Sache.« »Das finde ich hartherzig!« rief plötzlich eine erzürnte Stimme herüber. Gleichzeitig war die Tanzmamsell in die Höhe gefahren und stand nun da, als sei sie gewillt, den Kampf vom Zaun zu brechen. Der schöne Frühlingstag mit all seiner Laune und all seiner Liebe, der bislang in ihren stillen Augen geruht hatte, war einer frostigen Kälte gewichen, die alles zu verderben drohte, was vor kurzem noch so heiter und blühend gewesen und den Anschein hatte, als könne darüber kein Rauhreif hinweggehn. Und doch war ein Rauhreif darübergegangen, und das schöne Leben lag nun frostig und kalt da. »Und das sagen Sie mir?« erhob sich Frau Hartjes mit giftigen Augen. »Ich bitte Sie, meine liebe Frau Präsidentin ...!« suchte Miekske Pollmann vermittelnd einzugreifen. »Lassen Sie, Miekske,« wies sie Frau Hartjes energisch zurecht und wandte sich wieder an das ruhig vor ihr stehende Mädchen: »Kennen Sie überhaupt die hiesigen Verhältnisse? – Kennen Sie zum Beispiel Fräulein Luise persönlich?« »Nein.« »Und den Zimmermeister Wesselink?« »Nein.« »Ja, dann, meine Liebe,« ging das bunt durcheinander, »hätten Sie besser geschwiegen! Ja, dann, meine Beste, hätten Sie Ihre Zunge mehr in acht nehmen sollen!« »Ruhe, meine Damen!« sagte Frau Hartjes und ergriff ein Kaffeelöffelchen. Ihre blitzeblanken Augen waren noch blitzeblanker und geputzter denn vorhin geworden. »Aber Sie, meine Beste,« versetzte sie drohend, »könnten hierdurch noch in die schönsten Unannehmlichkeiten geraten, und ich danke jetzt meinem Schöpfer, daß ich keine Kinder besitze, um sie Ihnen nicht anvertrauen zu müssen.« In heiligem Eifer hatte sie das unschuldige Kaffeelöffelchen zu Boden geworfen. »Schwamm über die Sache,« legte sich jetzt die dicke Therese ins Mittel, »denn es kann einem doch ganz partie egal sein, was so 'ne Tanzmamsell für Muvemangs hat. Evangelische Edelmänners sind nun mal evangelische Edelmänners! – weil sie den Verstand man in die Beine und nicht im Kopfe besitzen, und das muß für Sie 'ne Art von Freude bedeuten. Und was Frau Pitt Hoffmann betrifft: sie muß ihren Julius zurückziehen.« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann. »Aber das hilft mir nicht,« meinte die Rektorin, indem sie ihre Blicke fest auf die Tanzmamsell richtete und ihre Worte hart auf den Schleifstein legte, um sie gehörig zu schärfen. »Meine Reputation als vornehme Dame und als Vorsteherin des Paramentenvereins ist in sträflicher Weise berührt worden – und daher frage ich Sie, Baronesse, was Sie veranlaßt hat, den Vorwurf der ›Hartherzigkeit‹ auf mich zu laden?« »Weil ich es eben hartherzig finde,« entgegnete die Tanzmamsell mit erkünstelter Ruhe, »daß hier Steine aufgenommen werden, um damit das Glück anderer Menschen zu zerstören, denn ich fühle heraus, was all diese Worte bezwecken, daß sie nur da sind, den letzten Willen eines Verstorbenen zu hintertreiben, und nur gesprochen werden, um selbstsüchtige Dinge in die Wege zu leiten. Wenn das nicht ...« »Sie werden schweigen!« war Frau Hartjes näher getreten. »Nein – ich spreche,« lautete die ruhige Antwort. »Adele,« rief Miekske, »präsentiere die Assiette mit Bratäppel!« Sie wußte nicht mehr, was sie anfangen sollte. Es war ihre letzte Formel gewesen, den Sturm zu beschwören. »Ich ersuche Sie nochmals schweigen zu wollen,« sagte Frau Hartjes mit eisiger Ruhe. Sie behielt ihre äußere Würde, konnte es aber nicht fertig bringen, auch ihrem goldenen Kreuzchen die erforderliche Reserve zu geben. Immer lustiger kapriolte das putzige Ding auf ihrem stattlichen Busen, stellte sich aufrecht, um dann wieder verliebt in das Enkörchen zu schlüpfen. »Nein – ich spreche,« wiederholte die Tanzmamsell, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen, »und zwar deshalb, weil ich Ihnen noch Aufklärung schulde, die Sie selber verlangt haben. Sie maßen sich an, über das Schicksal zweier Seelen zu richten, die auseinanderzubringen Sie gar nicht die Berechtigung haben. Das göttliche Recht will gar nicht die Liebe zertreten – aber die Menschen wollen's; es ist Menschenwerk, wenn so was geschieht, und nichts ist leichter, als das sorglich aufgebaute Glück zweier Herzen niederzureißen – und das wollen Sie tun; aber nichts schwieriger, als es wieder aufzurichten, wenn es gestürzt ist – und das wollen Sie nicht tun, und deshalb halte ich Sie für so hart wie die Kiesel und noch für härter, denn die Kiesel wissen nicht, was sie wollen – Sie aber könnten es wissen. Und deshalb fühle ich mich berufen, euch allen, die ihr hier sitzt, den Spiegel vor Augen zu halten und euch dieses zu sagen: Dem reinmenschlichen Fühlen stellt ihr schamlos die falschverstandenen Sonderinteressen der Kirche entgegen, als wenn es nichts Höheres auf Erden gäbe als gierige Klingelbeutel und brennende Kerzen.« »Unerhört!« »Lassen Sie mich aussprechen, Frau Hartjes. – Gesetzlichen Rechten sucht ihr das Wasser abzugraben und durch Winkelzüge eure Herde in die gemeinsame Hürde eines dumpfen Willens zu treiben, ohne Skrupel und ohne zu fragen, ob hierdurch dem eigenen Selbst, der Familie und dem Vaterlande gedient ist. Mit frömmelnden Augen laßt ihr Menschenherzen verbluten und geht lächelnden Mundes über arme Seelen hinweg, die sich in sich selber und mit heißer Sehnsucht verzehren. Wenn das nicht infam ist ...! – Aber ihr da vom Niederrhein seid hart und gefühllos, und ich bedaure lebhaft, Zeuge gewesen zu sein ...« Sie konnte nicht weiter sprechen. Große Tränen waren ihr in die Augen getreten. »Kommen Sie, Mutter, wir wollen nach Hause gehn.« »Bravo!« rief Bettje Theißen, war aufgesprungen und hatte sich an die Seite des erregten Mädchens begeben. »Ich gehe mit, – Das nenne ich groß von der Liebe gesprochen!« In ihren Maronenaugen brannte ein heiliges Feuer. Eine Totenstille ging um; aber Miekske zerriß sie, fing einen dicken Brummer von der Kaffeetasse herunter, aber so energisch, daß sie vom Tisch herunterpurzelte und am Boden zerschellte. »Adele, die Bratäppel – die Bratäppel ...!« das war alles was sie noch zu sagen vermochte, dann zog sie ihr armes Köpfchen noch tiefer zwischen die hohen Schultern zurück und legte ergebungsvoll ihre zappeligen Hände zusammen. Allein Adele dachte gar nicht mehr an die große Assiette; ihre Blicke waren erregt auf das unverhangene Fenster gerichtet, durch das der Abend mit seinen dunklen, kalten Augen hineinsah. »Adele, was gibt's denn?« »Fräulein Miekske, da kuckt wer!« «Wer denn Adele?« «Ich weiß nicht – aber da kuckt wer!« »Christus, das ist ja geradezu eklig!« sagte Frau Hoffmann und versuchte, unmerklich das Zeichen des heiligen Kreuzes zu machen, »denn mein Pitt sagt immer ...« «Auch Miekske stierte gegen die Scheiben. »Aber wer denn, Adele?« »Ich glaube ...« Draußen ließen sich Schritte vernehmen. »Jetzt weiß ich's.« sagte Therese, »denn die kenn' ich.« Und damit ging die Tür auf, und ein hoher Mann in langer Soutane, der den Kopf mit einer gewissen Würde und Feier auf dem Stiernacken wiegte, trat ins Zimmer. Eine tiefe, erwartungsvolle Stille empfing ihn. Sie kannten ihn alle. Es war Joseph von Arimathia. In gleicher Respektabilität wie er den Kopf auf dem Stiernacken trug, machte er auch in gleicher Respektabilität eine leichte Verbeugung. »Sie ist da, meine Damen,« sagte er alsdann mit sanfter Betonung. »Wer?!« fragten fast alle gemeinsam. »Luise.« »Wo?!« »Im Kloster, um dort den Frieden zu suchen und Rat zu holen bei Schwester Klarissa. Sie ist des Rates bedürftig.« »Himmlischer Vater!« stieß Frau Hartjes heraus und mußte sich niedersetzen, um die ganze Tragweite der soeben gehörten Worte in sich aufnehmen zu können. »Aber, Herr Vikarius, das müssen Sie uns alles genauer erzählen.« »Gerne,« sagte der geistliche Herr und machte abermals eine leichte, aber sehr korrekte Verbeugung. »Adele, 'ne Tasse ...!« rief Miekske Pollmann über den Tisch fort. »Nein, die Ehre, mich so zu beehren!« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann. Und Joseph von Arimathia setzte sich nieder. Bettje Theißen aber, die Tanzmamsell und die Alte von Satzenhofen empfahlen sich und gingen nach Hause. Und Bettje Theißen machte heilige Augen, als sie das Zimmer verließ. »Na – die ...!« meinte Therese. VIII Hüben und drüben Ende der Woche ließ die Kälte ihre steifen Ohren herabhängen. Sie war nicht mehr der scharfe Dorfspitz von früher, hatte das Beißen verlernt und sah stumpfen Blickes in die trüben Wolken hinein, die sich schwerfälligen Fluges über die niederrheinische Gegend fortschaukelten. Die alten Chausseebäume, die die Klever Landstraße begleiteten, hatten ihre feinen Rauhreifkristalle verloren, sahen aus, als seien sie aus dem Leihamt gekommen und griffen nun mit bettelleeren Zweigen in die schwere Luft hinein, als müßten sie sich etliche Wolkenfetzen herunterholen, um mit diesen zerrissenen Nebellappen ihre Blöße zu decken. Ein naßkalter Westwind verfing sich in dem kahlen Geäst und weckte jenes charakteristische Rauschen, das die große Einsamkeit, die sich ringsumher ausgetan hatte, noch einsamer und trostloser machte. Die grünen Spitzen des Winterroggens duckten sich unwirsch in die Ackerfurchen hinein. Der Geist des Unwirtlichen war ihnen zuwider, genau so zuwider wie dem alten Stäwe Rademaker, der die gelbe Postkutsche über Moyland und Kleve nach Elten dirigierte, um sie noch an demselben Tage wieder nach Hause zu bringen. Lässig hielt er die Zügel zwischen den verklammten Fingern, stemmte Kopf und Postillonshut gegen den Wind an und blies von Zeit zu Zeit kurze Rauchwölkchen aus dem linken Mundwinkel heraus, die, seitwärts gerissen, sich bald in Höhe des Chausseegrabens wieder zerteilten. Immer hüstelnder verfing sich die dicke Luft mit den stöhnenden Bäumen. Das Rauschen war stärker geworden. »Lieber 'ne pudelfröhliche Kälte wie so was,« knurrte Stäwe in seine feuchte Schnurrbartbürste hinein und bekam die Zügel straffer zu fassen. »Mar dat batt niet; Liese, Hektor – man vöran!« Die Pferde dampften; ihr kompakter Dunst nebelte den gelben Fleck ein, der hinter ihnen her rumpelte. Bald darauf war er gänzlich verschwunden; nur das Gepolter der Räder, die dumpf über die Unebenheiten des Bodens stuckerten, ließ sich noch in der Ferne vernehmen; dann war auch dieses verklungen. Von Stäwe Rademaker und seinem Gespann war nichts mehr übrig geblieben; die Landschaft lag wieder wie vorhin: mißfarben und von Wolkenschleiern bedeckt, die wie schwermütige Gedanken über sie fortzogen. Miserabel war's in der niederrheinischen Gegend! – aber nicht dieses allein: der Geist des Unwirtlichen torkelte mit ranzigem Gesicht die Landstraße entlang, machte der kleinen Stadt einen Besuch und fand sich alsbald im Pastorat wieder, wo er sich in eine Ecke des Sofas hineinflegelte, die Beine übereinanderschlug und die Gemütlichkeit aus dem sonst so behaglichen Arbeitszimmer des Dechanten verscheuchte. Selbst der segnende Heiland, der, unter Glas und Rahmen gebracht, über dem Klavier hing, konnte seiner nicht Herr werden – er blieb, wo er war, regte und rührte sich nicht und war sichtlich bemüht, die zwischen den vier Wänden herrschende Spannung immer intensiver zu machen. Doktor Steinberger hatte sich ans Fenster begeben. Mit gerunzelten Brauen sah er auf die Straße hinaus. Scharf umgrenzt lag die talergroße Tonsur zwischen den Haaren, die schon anfingen, ins Graue hinüberzuspielen. Ab und zu rückte er an der goldenen Brille; wie in Gedanken fuhr er sich über die Stirne. So stand er lange. Er war nicht allein in der Stube. Als er sich wandte, schien der stille Friede, der sonst seinen Zügen anhaftete, von seinem Antlitz gewichen. Er tat etliche Schritte über den bescheidenen Teppich, hielt aber die Augen auf dem Boden geheftet. Als er an den runden Tisch gekommen war, blieb er stehn und setzte die weißen Fingerspitzen der rechten Hand so auf die Fingerspitzen der linken, daß sie sich fast senkrecht berührten; dann hob er die Blicke. »Herr Vikar, Sie scheinen also meine Ansichten nicht teilen zu wollen?« fragte er mit ruhigem Tonfall. Keine Antwort erfolgte. »Ich bin doch sonst immer verständlich gewesen,« sagte der Dechant mit sarkastischem Lächeln »will aber zu Ihrem Besten annehmen, daß Sie mit Ihren Gedanken abwesend waren und erlaube mir daher nochmals die Frage: sind unsere Ansichten konform, oder vertreten Sie eine andere Meinung?« »Ehrlich gestanden,« versetzte Joseph von Arimathia, »ich habe mir ein anderes Urteil gebildet.« »So ...!« sagte der Dechant. Nichts verriet, was in seinem Innern vorging. Er verharrte in seiner leidenschaftslosen Ruhe, die ihn fast niemals im Stich ließ; nur in die Fingerspitzen der durchgeistigten Hände schien ein nervöses Hasten gekommen; sie trennten sich in bestimmten Intervallen, um sich gleich darauf wieder in ihrer früheren senkrechten Berührung zu wissen. »Also ein anderes Urteil gebildet ...?!« meinte er leise, »ein Urteil, von dem ich annehmen muß, daß es gewillt ist, sich mit meiner Anschauungsweise in direkten Zwiespalt zu setzen.« «Ja.« »Das nenne ich brav und ehrlich gesprochen. Sie vertreten das Prinzip der offenen Tür, ein Standpunkt, der geeignet ist, baldige Klärung zu schaffen. Ich will daher gleiches mit gleichem vergelten und tue Ihnen zu wissen, daß ich Ihr Verhalten in fraglicher Angelegenheit nicht nur mißbillige, sondern mich auch genötigt sehe, es als einen Mißgriff allerschlimmster Art zu bezeichnen.« »Hochwürden ...!« Mit einer energischen Geste war Joseph von Arimathia in die Höhe gefahren. »Herr Vikar,« meinte der Dechant mit gelassener Würde, »Sie werden mir das Zeugnis nicht versagen können, daß ich mich der äußersten Ruhe befleißige, und muß Sie daher gleichfalls und mit aller Bestimmtheit ersuchen, sich jeder äußeren Erregung enthalten zu wollen. Nur so mögen wir in amtlicher Weise verkehren. Ich verhehle ja nicht: Sie haben weltliche Anfechtungen durchlebt und sie glorreich bestanden. Das empfiehlt Sie und hat Sie allzeit empfohlen; allein Sie sind noch jung, und weil Sie noch jung sind – zu lebhaft, und aus dieser Lebhaftigkeit heraus haben sich allerlei Anschauungen und Marotten gebildet, die ich als die Beweggründe Ihrer unverantwortlichen Handlungsweise ansprechen möchte.« »Ich habe nur im Interesse der Kirche gehandelt.« »Das haben Sie nicht,« war die ruhige Antwort, »denn die ganze Art und Weise, wie Sie der leidigen Testamentsangelegenheit eine andere Wendung zu geben versuchten, wie Sie geneigt sind, lediglich aus diesem Grunde ein bestehendes Verlöbnis auseinander zu sprengen – das, Herr Vikar, mag Ihren jugendlichen Instinkten entsprechen und den grotesken Luftsprüngen Ihres Übereifers alle Ehre bereiten; mir aber ist es ein Dorn im Auge, denn Gott hat den Menschen mit Liebe geschaffen und ihm die freie Wahl des eigenen Willens, die persönliche Freiheit, gegeben. Er hat vor sich Leben und Tod; was er will, wird ihm gelassen werden – und ich spreche es als verderblich an, falls sich einer unterfängt, sei's, wer es sei, die persönliche Freiheit knebeln zu wollen. Und Sie, Herr Vikar ...« »Ich wiederhole nochmals, Hochwürden,« entgegnete der Gemaßregelte mit harter Betonung, »ich habe lediglich im Interesse der Kirche gehandelt und bin nur willens gewesen, einem irregeführten Menschenherzen ...« »Nein,« unterbrach ihn Doktor Steinberger in lebhafter Weise, »dieser aufgestellten Prämisse kann ich meine Sanktion nicht erteilen. Sie gedachten Weizen zu streuen, vergriffen sich aber in der Wahl des Saatkorns und bestreuten den Acker mit Unkraut. Die Satzung der Kirche verlangt keine Weltflucht, sie will und darf sich nicht mit Gütern bereichern, die dazu bestimmt sind, die Fundamente der bürgerlichen Gemeinschaft zu stärken. Die Satzung der Kirche, wie ich sie vertrete, will heiteren, gläubigen Gemütes dem Herrn dienen, sie kennt keine Nötigung, sie weiß nichts von gewaltsamer Trennung der Herzen und gebietet, daß sich die Menschen ihres Lebens freuen sollen, behaglichen Sinnes und in gläubiger Einfalt. Ihre unbedachten Maßnahmen aber bezwecken das Gegenteil und sind nur geeignet, den Gegnern der katholischen Kirche als gefährliche Waffen zu dienen. Vornehmlich in jetziger Zeit, wo die Gegensätze hart aufeinanderprallen, wo unliebsame Erörterungen zwischen Staat und dem heiligen Stuhle ...« »Ich stehe unbedingt auf dem Standpunkt des heiligen Stuhles,« warf Joseph von Arimathia dazwischen, indem er Kopf und Stiernacken energisch zurückbog, »und verdamme alles und jedes, was die Staatsgewalt in dieser Hinsicht getan hat. Jene Auslassungen sind nur Eingebungen des Satans gewesen.« »Eine Hypothese,« sagte der Dechant mit gerunzelter Stirne, »die ich Ihrer Jugend, Ihrem Stürmen und Drängen zugute halte, unter dem Gesichtswinkel aber betrachtet, daß Sie hier auf heimischer Erde, im geeinten deutschen Vaterlande das Amt eines Priesters bekleiden, lebhaft bedaure; denn Sie scheinen übersehen zu wollen, daß die Allmacht Gottes alle legitimen Regierungen, genau so wie unsere Kirche, in Schutz nimmt, in welcher Form sie auch begründet sein mögen, und wer sich gegen sie auflehnt, ist nicht nur ein Feind der menschlichen Gesellschaft, sondern auch ein Feind gegen sich selbst und ein Feind des ewigen Gottes, dessen Vorsehung das geeinte Reich auferstehen ließ in nie geahnter Herrlichkeit.« »Bis ein Steinchen von der Höhe sich loslöst,« erwiderte der Vikar mit gekniffenen Lippen, »das den Fuß des Kolosses zerschmettert.« »Das ist ja unerhört!« sagte der Dechant. Der sonst so überlegende und bedächtige Mann kam in eine gewisse Erregung. »Durch was und womit wollen Sie diese geradezu ungeheuerliche Behauptung verfechten und aufrecht erhalten?« »Durch die Worte des heiligen Vaters selber, die er an seinem fünfundzwanzigjährigen Jubeltage gesprochen hat.« »Das war anders gemeint, das haben Sie mißverstanden,« fiel der Dechant dazwischen. »Gott und sein Stellvertreter auf Erden können nichts anderes wollen, als daß man die Landesobrigkeit achte, liebe und ihren Gesetzen gehorche.« »Allein sie gebieten auch,« konstatierte Joseph von Arimathia, »daß man die Wahrheit sage, den Irrtum bekämpfe und sich auflehne gegen die Anmaßung, welche die Fundamentseinrichtung der katholischen Kirche in Grund und Boden zu stampfen wagt. Wie?! – oder haben wir es jetzt nicht mit einer Verfolgung zu tun, die der gerechten Sache den Fuß ins Genick setzt, mit einer kontinuierlichen Hetze, den Germanismus über den Romanismus prävalieren zu lassen?« »Wie es dem Deutschtum gebührt,« sagte der Dechant. »Ansichtssache, Hochwürden,« bemerkte der Vikar, indem er seine Fingergelenke in ein lautes Knacken versetzte. »Alles stürmt gegen uns ein: Freigeister und enragierte Logenmänner, und was die politischen Parteien in diesem Kampfe anbetrifft, so bewahrheitet sich auch hier wieder die alte Erfahrung, daß Pilatus und Herodes Freunde werden, sobald es gilt, gegen Christus und seine Kirche zu streiten. Warum denn sonst der sogenannte Kulturkampf? – Warum denn sonst das angemaßte Recht, die Priesterseminarien unter staatliche Aufsicht zu stellen?« »Weil der Staat daran interessiert ist, was für Leute aus ihnen hervorgehen.« »Ansichtssache, Hochwürden. Warum denn ferner die rigorose Bestimmung, auch die Theologen ins Staatsexamen zu treiben? Wir sind doch keine Priester von Königs Gnaden, Hochwürden!« »Um das Denkträge aus unserem Kreis zu verbannen,« war die sachliche Antwort, »oder sollen wir Theologen auf minderwertigerem Boden stehen als die Vertreter der anderen Fakultäten?« Joseph von Arimathia zuckte die Schultern. »Ansichtssache, Hochwürden, und zwar schon deshalb, weil die kirchliche Behörde hierdurch das Heft aus der Hand gibt – und schließlich: wozu der kategorische Erlaß, sämtliche Pfarrer und Hilfspriester vor ihrer Anstellung der Begutachtung eines Oberpräsidenten zu unterwerfen? – eine Demütigung unserer Bischöfe in optima forma .« »Weil wir nicht nur Diener der Kirche sind, sondern auch Diener des Staates, und letzterer daher beanspruchen kann, nur solche Geistliche um sich zu wissen, die seine Intentionen verstehen und deutsch fühlen mit Herz und Nieren und bis in die innersten Knochen.« »Nein,« sagte der Vikar, »das sind die Prinzipien eines heidnischen Staates.« »Ich muß mir energisch verbitten ...« Doktor Steinberger war etliche Schritte näher getreten. »Verzeihung, Hochwürden,« schlug Joseph von Arimathia einen sanfteren Ton an, »ich wollte nur sagen: wir können die Staatsgesetze unserer Kirche gegenüber nicht als die letzte Quelle alles Rechtes betrachten, ohne die Gottheit Christi und die Göttlichkeit seiner Lehren und Stiftung zu leugnen, ohne das Christentum selbst von der Willkür der Menschen abhängig zu machen. Und in diesem Sinne, Hochwürden ...« »Schon gut,« sagte der Dechant, indem er die klaren Augen zu Boden schlug und die weißen Fingerspitzen der rechten wieder auf die der linken Hand stellte, »Sie verstehn mich nicht, Herr Vikar, oder wollen mich nicht verstehen. Verlassen wir daher dieses verfängliche Gebiet; es hat einen schlüpfrigen Boden. Wenn Sie aber älter, reifer geworden sind, wenn Sie Ihre Eigenschaft als Heißsporn beiseite gelegt und erkannt haben werden, wie viel Blut unserer Söhne auf französischer Erde verspritzte, wie viel heiße Tränen geflossen, wie viel verzweifelte Arme von Müttern und Bräuten sich jammernd gen Himmel streckten, um dem Vaterland wieder die ihm gebührende Stellung in der Weltgeschichte zu geben, wenn Sie selber toleranter geworden und es über sich bringen können, tolerante Gesinnungen walten zu lassen – dann, Herr Vikar, wird für uns beide die Zeit gekommen sein, wo wir in sachlicher Weise zu disputieren vermögen. Bis dahin aber ...« Doktor Steinberger machte eine nicht mißzuverstehende Handbewegung. »Bis dahin aber ...« »Hochwürden ...« versuchte der Vikar, nochmals das Wort zu ergreifen. »Nun?« »Auch mein Freund Doktor Majunke, dem ich vom Seminar her manche Anregung verdanke ...« »Bleiben Sie mir mit diesem Heiligen vom Leibe,« sagte der Dechant. »Wäre dieser geschwätzige Mann mit seinen gehässigen Angriffen und mit seinen geschichtlichen Falsifikaten nicht gewesen, es stände besser sowohl um den kirchlichen wie um den staatlichen Frieden. – Aber was soll das alles, Herr Vikar?! – Alle diese Auslassungen bringen den Kern der Sache, um die es sich handelt, nicht zutage. Die Gründe Ihrer Handlungsweise mögen von einer Art sein, von der sie nur immer sein mögen – solange ich hier als Dechant fungiere, so lange Sie mein Untergebener sind, haben Sie sich meinem Willen und meinen Verfügungen unterzuordnen. Haben Sie darauf etwas zu erwidern?« »Nein – ich habe nichts zu erwidern.« »Gut denn – so bestimme ich also: Lassen Sie jede Beeinflussung Ihrerseits unterwegs. Sorgen Sie für Aufrechterhaltung des Friedens, stellen Sie den status in quo wieder her, schonen Sie die heiligen Empfindungen Andersgesinnter, und bemühen Sie sich um die definitive Wiedervereinigung derjenigen Herzen, die Sie in Ihrem Übereifer zu trennen versuchten. Ich kann nicht anders: ich messe gleiches mit gleichem Maß, ich will die religiöse und politische Situation nicht noch verwickelter machen, ich will, nicht, daß der Keim der Fäulnis geweckt wird, ich will, daß Toleranz und Vaterlandsliebe geübt werde, ich will Frieden haben in meiner Parochie – Frieden und Eintracht, und seien Sie überzeugt, ich werde unablässig bestrebt sein; diese meine Ansicht als stete Richtschnur für mein Handeln aufrecht zu halten. Und Sie, Herr Vikar – geben Sie Gott, was Gottes und, wenn es Ihnen möglich ist, dem Kaiser, was des Kaisers. Und somit, Herr Vikar ...« Doktor Steinberger machte eine leichte Bewegung. Joseph von Arimathia verstand ihn. «Gelobt sei Jesus Christus!« «In Ewigkeit – Amen.« In demütiger Haltung, aber innerlich nicht niedergeworfen, verließ der junge Kleriker das Zimmer, und als er hinausging, erhob sich auch der Geist des Mißmuts im Sofa, verzog sein grämliches Gesicht zu einem süßlichen Lächeln, griff nach der Türklinke und ging, nachdem er nochmals fragend über die Schulter geblickt hatte, gleichfalls ins Freie. Als sich der Dechant nunmehr allein wußte, war auch wieder so ein stiller, seliger und behaglicher Friede an seine Seite getreten. Und dieser Friede fältete die Gardinen sacht auseinander und winkte der verschleierten Sonne zu, daß sie sich auftat und mit einem verklärten Licht in die Stube hineinspielte; hierauf präsentierte er dem insichgekehrten Manne Zigarren und Feuerzeug – und als dann so ein feines, gekräuseltes Rauchwölkchen zur Decke emporstieg, als der Sonnenstrahl weiterrückte und den segnenden Heiland liebevoll umglänzte, da setzte sich Doktor Steinberger ans Klavier und variierte in stiller Verzückung ein Thema aus Händels Messias. Gesenkten Hauptes hatte Joseph Sauerbier die Schwelle verlassen. Er wußte nicht mehr, was mit ihm geschehn war, was um ihn vorging. Mechanisch holte er sein blaubedrucktes Sacktuch aus der Tasche hervor und betupfte sich damit Stirne und Schläfen. Er war wie betäubt, wie von Sinnen. »Was war das soeben?!« sagte er alsdann wie aus allen Wolken gefallen. »Aber was auch kommen mag: Herr, du mein Gott, ich bringe dir diesen Kelch der Bitternis dar – dir, der du weißt, daß mir jeder selbstsüchtige und unlautere Gedanke fernliegt,« und mit dieser Selbsttröstung ging er zu Pitt Hoffmann und von hier zu Frau Hartjes und dann in die Felder hinaus, um wieder Herr seines eigenen Ichs und seiner Gedanken zu werden. Er befand sich wie in einem Fiebertraum. Wirre Bilder gaukelten an seinem gemarterten Denken vorüber. Er überhörte die Mittagsglocke und vergaß die Mahlzeit. Unwillkürlich schlug er den vereinsamten Weg über den Paternosterdamm ein, der die kleine Stadt im großen Bogen umzirkte. Nur ein matter Schimmer des wieder eingedunkelten Tages lag auf Ackerfurchen und Wiesen. Schmutziggraue Wolken überflogen die Landschaft. »Pater noster, qui es in coelis ...« sagte Joseph von Arimathia. Mit gebeugtem Rücken, wie unter der Last einer unsichtbaren Bürde, schritt sein dunkler Schatten über den Deich fort. Er hörte das Sausen der kahlen Pappeln, die in der Niederung standen. Der Wind wurde immer stärker und stärker und blies die Soutane des grübelnden Mannes über den Weg fort. Er vernahm die Stimmen, die die Einsamkeit hervorbrachte, und wähnte in ihnen die Sprache Gottes zu hören. Da hielt er den Fuß an. Sein Kleinmut ging unter, und sein Nacken straffte sich wieder. Er streckte beide Arme gen Himmel. Mit suchendem Blick stierten seine Augen nach oben. »Das ist also unser Ideal,« rief er mit heiserer Stimme, »die Liebe – die Opferfreudigkeit – der Kampf gegen Frechheit und Anmaßung, um der bedrängten Kirche zu helfen ...?! – Lachhaft, rein lachhaft! – Roma locuta, causa finita ...! « Die Arme sanken ihm an der Soutane herunter, nur der mächtige Nacken blieb so straff gerichtet wie vorhin. » Roma locuta ...! – aber nicht für mich; ich folge nicht der Weisung eines minderwertigen Priesters. Eitel Geschwätz – leeres Gerede ...!« Er sah sich scheu um, ob ihn jemand gehört haben könnte. Aber niemand war da; nur die Einsamkeit lag vor ihm mit ihren leeren, glotzigen Augen, und die Pappeln stakelten mit ihren nackten Armen durch die Luft und sprachen mit dumpfem Sausen herüber. Niemand war da, und Joseph vom Arimathia fühlte sich sicher. »Nur ein leeres Geschwätz!« rief er wieder, »und damit will man unsere Kindheit füttern, die Armen im Geiste aufrichten und die Zungen der Durstigen kühlen?! – Überall Kopflosigkeit und der wilde Drang, sich als Apostat und Speichellecker des Staates zu fühlen! – Die Dohlen schreien's vom Kirchturm herunter, die Kinder stammeln's im Traume: Herr, deine Langmut währt ewig! – Fort damit! – ich will kein Apostat sein und kein Speichellecker des Staates! – Das mögen andere besorgen! – Roma locuta, causa, finita ...! – aber für mich nicht, für die hiesige Kirchengemeinde auch nicht, und wenn es sein muß: ich nehme den Leib des Herrn vom Kalvarienberge herunter, richte ihn auf und schreie dem Volk zu: Tut Buße, und laßt die arme Seele nicht knechten! – Und wenn mich dafür die weltliche Macht anpackt und niederwirft ... Ist Jesus nicht ans Kreuz geschlagen? – Hat er geklagt? – Hat die triumphierende Kirche nicht allzeit gelitten? – Gut – auch ich verstehe zu leiden.« Er sprach nicht weiter. Mächtig wuchs die athletische Gestalt in den trüben Himmel hinein. Der Vikar hatte das Gleichgewicht der Seele wiedergefunden. Mit großen Schritten ging er über den Deich fort – stundenlang und immer weiter und weiter. Sein Körper ermüdete nicht, er verlangte nicht nach Speise und Trank – sein Denken war zuversichtlich und heiter geworden. Links von ihm lag die weite Niederung mit ihren Weiden und geworfenen Ackerschollen, rechts die kleine Stadt. Diese umkreiste er in seiner schwarzen Soutane, als müsse er eine undurchdringliche Hegung um sie herumziehen. Drei Stunden war er gegangen. Die alten Pappelbäume sausten noch immer. Eine Schneebö ging nieder. Regen und Graupelkörner waren dazwischen. Da trat er den Heimweg an. Als er sich wandte, war es bereits halbwegs dunkel geworden, und die Sonne stand als große, dunstige Scheibe am niedrigen Himmel. – Inzwischen, also während der Zeit, wo sich Joseph von Arimathia damit abgemüht hatte, seinen Unmut niederzukämpfen und die kleine Stadt auf dem Paternosterdeich zu umkreisen, saß die Tanzmamsell in ihrer sehr bescheidenen Wohnung, beschäftigt, Georginen und Nelken aus Wachs zu bossieren – ein Nebenerwerb, den sie betrieb, um ihre Einnahmequellen etwas reichlicher fließen zu lassen. Fingerfertig ging ihr die gewohnte Arbeit von den zierlichen Händen, und ihre Löckchen nickten dabei, als müßten sie jedem eingesetzten Staubfaden, jedem gemodelten Blättchen noch ihre spezielle Begutachtung zuteil werden lassen. Es war ein vergnügliches Schaffen – nur die Gedanken der Künstlerin schienen nicht so recht bei der Arbeit. Öfters hob sie den Kopf, und dann gingen ihre Blicke in den grauen Tag hinein, und ihr Denken lief über den Zimmerplatz, wo der alte Nußbaum mit seinen Zweigen in der schweren Luft herumtastete, und von hier die breite Grabenstraße entlang. Sie machten schließlich vor einem weitläuftigen Gebäude Halt, das den Anschein hatte, als träte über seine Schwelle keine menschliche Seele in den hallenden Hausflur, als ginge über seine Schwelle niemand ins Freie, und die Fenster waren alle gleichmäßig mit weißen Schirtinggardinen verhangen. Über dem Portal aber standen die Worte geschrieben: Pax vobiscum . Das Zimmer, in welchem die Tanzmamsell saß, war einfach gehalten. Blaue Tapeten, ein wurmstichiger Tisch von poliertem Kirschbaumholz, diverse wackelige Stühle, ein kränkliches Sofa, eine buntfarbige Schilderei der wundertätigen Muttergottes von Kevelaer – alles! – und wäre die vergoldete Konsole mit der Sevresporzellantasse nicht gewesen, man hätte das ganze Inventar für ärmlich ansprechen müssen, denn die Vermieterin war so wenig mit Glücksgütern gesegnet wie die Spatzen, die in ihrem geplusterten Wams trübselig da draußen in den vergrämelten Novembertag hineinschilpten. Nur die Zutaten der beiden adeligen Damen gaben dem Mobiliar einen feineren Anstrich. Tasse und vergoldete Rokokokonsole waren zudem noch, und zwar zum Schutz gegen die Zudringlichkeiten der impertinenten Fliegen, mit einem Musselinschleier bedeckt, der sich sehn lassen konnte. Hierzu kam noch ein mit braunem Rips überzogener Sessel, ebenfalls ein Erbstück aus glorreicher Vergangenheit, der vor Konsole und Sevrestasse gerückt, der alten Baronin als Sitzgelegenheit diente, wenn sie den unwiderstehlichen Drang in sich fühlte, mit sich allein zu sein, um in das mystische Dunkel und den wonnigen Familiennebel derer von Satzenhofen unterzutauchen. – Ach! – dann flimmerte das zarte Gold der freiherrlichen Krone geheimnisvoll aus dem Gazeschleier hervor, verkündete von verblichenem Glanz, von Livreen, Hundemeuten, Pikören und den sanften Tönen des Hifthorns, und dann wieder von dem melodischen Klang der Champagnergläser, wenn die Herren von Satzenhofen Tafel hielten und dem hungrigen Volk, das draußen ›Vivat‹ schrie, Goldstücke statt Kupfermünzen in die gierigen Hände warfen. Das alles erzählte die freiherrliche Krone unter dem Musselinschleier ... und jetzt?! – Alles vorüber ...! Es war still in der ärmlichen Stube. Nur ab und zu gingen gedämpfte Schritte über der Tanzmamsell. Sie rührten von Bettje Theißen her, die die Gewohnheit hatte, nach dem Mittagessen spazierenderweise die verschiedenen Sätze des ›freudenreichen Rosenkranzes‹ zu beten – dann wieder ertönte das rhythmische Geklapper eines Bügeleisens aus dem Nebenzimmer herüber, das immer dünner wurde und schließlich gänzlich verstummte. Und als es verstummte, ging die Tür auf, und die alte Baronin trat ein und stellte mit selbstgefälliger Miene ein eigentümliches Phantom vor sich hin. In ihrem Übereifer ließ sie die Türe geöffnet, so daß man die Schlafstube zu übersehen vermochte, deren Fenster auf die Grabenstraße gingen. Und das Phantom aus spanischem Rohr stand mitten im Zimmer, und darüber war eine Krinoline gelegt und darüber wieder ein plissiertes Seidenkleid mit Ballausschnitt und gepluderten Ärmeln. Die Tanzmamsell hätte mit ihrem allerliebsten Figürchen nur hineinschlüpfen brauchen, um den duftigen Flittern erst das richtige, warme, pulsierende Leben zu geben. Die Alte aber ging in stiller Bewunderung um Krinoline und Seidenkleidchen herum, legte die Hände zusammen und meinte dann, zu ihrer Tochter gewendet: »Sieh mal, Pauline, nun ist doch noch alles fix und fertig geworden.« »Ich danke dir, Mutter.« »Eigentlich viel zu fein für 'ne simple Tanzstunde; aber man muß schon. Der Termin wird festgehalten, und übermorgen kannst du mit der ersten Stunde beginnen. Leider stehen nur Bürgerliche zu deiner Verfügung. Du wirst deine Schwierigkeit haben, du wirst in manchen sauren Apfel beißen müssen, denn wir Adligen haben doch 'ne ganz andere Turnüre wie so was.« Dabei brachte sie eine Schnupftabaksdose zum Vorschein und warf sich ein Prischen in die spitzige Nase. »Das macht nichts,« lächelte die Tanzmamsell und legte eine fertige Georgine beiseite. »Mutter, du weißt ja: als Adam grub und Eva spann, wo war da der Edelmann ...« »Aber, Pauline! – unser alter Kulturzustand ...« »Kulturzustand?!« fiel das allerliebste Persönchen dazwischen, »hm, hm! – und was das Alter anbetrifft ... Ja, Mutter, er ist wirklich veraltet.« »Pauline, Contenance behalten!« , »Wirklich veraltet, Mamachen! – Andere Zeitläufte bedingen andere Gebräuche und Sitten. Was mache ich mit einer freiherrlichen Krone und dem sonstigen Plunder? Nicht angestammte Rechte und Vorurteile bedingen das Leben – der Mensch hat als solcher in die Erscheinung zu treten, und nur den kann ich als nobilitiert ansprechen, der adlig von Geist ist und vornehm ist bis in die innerste Seele, sonst keinen ... Aber nun sage mir mal, mit welcher Kopfzahl der bürgerlichen Elemente habe ich denn eigentlich zu rechnen? Du hast doch die Liste geführt.« »Und wie!« sagte die Alte, indem sie noch immer bewundernd um Krinoline und Seidenkleidchen herumging. »Wenn ich den gestrichenen Julius und die Gratis-Tochter des Herrn Schandarmen in Abrechnung bringe, macht es dreizehn Paare zusammen, und bringe ich dann noch das Entree für den Schlußball in Anschlag, so kommen wir noch mit einem eisernen Bestand von achtzehn Taler zehn Groschen über den Winter herüber.« »Und ist dabei die Miete für die Turnhalle berücksichtigt?« »Ja.« »Und die Ausgabe für Bohnerwachs?« »Ja – und was die Musik anbetrifft ...« »Nun?« fragte die Tanzmamsell. »Für den Schlußball ist Sorge getragen,« meinte die Alte, »während ich mich für den eigentlichen Tanzkursus in selbstloser Weise entschlossen habe, und zwar der Ersparnisse wegen, die erforderliche Musik durch mein Pfeifen zu ersetzen. Fräulein Bettje Theißen ist außerdem so liebenswürdig gewesen, mir ihre tatkräftige Hilfe anzubieten. Sie schwärmt für uns und wird die gepfiffene Tanzmelodie durch ein Triangel sachgemäß unterstützen. Ach, mein Kind, ich tue ja alles, um unser Dasein in Ehren über Wasser zu halten!« Gerührt griff die alte Baronin in ihren Pompadour und drückte sich ihr feines Taschentuch mit der eingestickten freiherrlichen Krone gegen die feucht gewordenen Augen. »Aber, Mutter,« suchte sie Pauline zu trösten, »andere Leute haben noch schwerer zu tragen.« »Wieso denn?« fragte die Alte. »Mein Gott! – denke doch nur an das arme Geschöpf, dem sie mit aller Gewalt die Wurzeln des Glückes untergraben wollen – an den armen Menschen hier neben ... Es ist ja ein himmelschreiendes Unrecht! Am liebsten ginge ich auf und davon. Hier die Gegend bedrückt mich. Die Leute sind alle kalt und gefühllos. Durch fanatische Priester, durch beschränkte Seelen werden Menschendasein vernichtet. Überall diese starren Gesetze, dieses Knebeln unter dem Vorwand des Glaubens. Denke doch nur an den entsetzlichen Kaffee, an die frommen Gesichter, an das impertinente und doch so salbungsvolle Gerede, an dieses Augenverdrehen, an diese Lammsherzen, die keine Duldung ertragen – an alles ... Es will mir nicht aus dem Kopf ... Gegen meinen Willen verfolgt's mich... So aus aller Seligkeit herausgerissen zu werden ...! – und das alles durch die gläubige und plumpe Einfalt alberner Menschen. – Wenn ich mich doch nur aussprechen könnte, ihr gegenüber mich aussprechen könnte ...! – Es liegt da etwas verborgen, was ich fortnehmen möchte. Da liegen Tränen verborgen ...« und dann sprach sie leiser und mit einer hin und wieder versagenden Stimme: »Ich möchte so gerne diese Tränen hinwegnehmen; ich möchte so gerne ...« »Was möchtest du?« fragte die Mutter. »Zu ihr hingehn,« sagte die Tanzmamsell, indem sie wie verloren in den grauen Tag hinausblickte, als stände dort ein großes Leid vor der Schwelle und wüßte nicht, wo es seine Schritte hinwenden sollte, »denn weißt du, Mutter, ich fühle so recht: wir beide würden uns schon verstehn, und manches könnte sich noch anders gestalten.« »Das wirst du nicht.« »Wenn mich aber das Herz treibt ...!« sagte die Tanzmamsell. Ihre honigfarbigen Löckchen kamen in ein erregtes Vibrieren. »Auch dann nicht,« entgegnete die Mutter. »Das würde unsere hiesige Position, die an und für sich schon schwierig genug ist, noch schwieriger machen. Überhaupt – man muß sich bei der hiesigen Bevölkerung ... Wer klopft da, Pauline? – Herein ...!« »Wenn die Damen nichts dagegen haben ...« sagte eine demütige Stimme, und damit war auch schon Bettje Theißen so ganz unerwartet und in diskreter Weise ins Zimmer geglitten, blieb aber entgeistert stehn, als sie das Phantom mit der Krinoline und dem Seidenkleidchen bemerkte. »Nein – diese Ballgarderobe!« machte sie endlich ihrem Herzen Luft, schlug die Hände zusammen und ließ ihre großen Maronenaugen leuchten. »Nein – diese Noblesse! – man sollte ja meinen, sich in einem adligen Boudoir zu befinden ...« »Ist man auch, Fräulein Theißen,« bemerkte die alte Baronin. »Nein – wie ich das liebe, meine hochverehrte Baronin!« rief Bettje aus und umschritt in respektvoller Entfernung das Objekt ihrer Bewunderung, indem sie abwechselnd ihre Hände trennte und dann wieder mit einem gelinden Klatschen vereinte. »Nein – diese Volants! – und diese plissierten Girlanden ...! – Man fühlt ja ordentlich darunter das Ideal einer zärtlichen Seele! – Ach! wie ich das liebe: diese Menge Einzelheiten, diese intimen Geheimnisse beim Ankleiden, Entkleiden, Frisieren. Das kribbelt einem ja ordentlich bis in die Fingerspitzen herunter. – Und Sie, Baronesse« – und dabei blieb sie mit glänzenden Blicken vor der Tanzmamsell stehen – »Sie haben ja so 'ne zarte Haut, und das paßt denn so gut zu der mattgrünen Kulör – und was Sie hier oben besitzen, das kommt durch den Ausschnitt noch besser zur Geltung – und Ihre prächtigen Beine...! – Nein – diese Beine...! – Das muß sich ja ausnehmend machen, wenn da die Volants...« »Das tut's auch,« fiel die Alte dazwischen, »denn wenn meine Tochter die erste, zweite und dritte Position vordemonstriert ... Na, ich sage Ihnen, Fräulein Theißen ... Aber wollen Sie nicht Platz nehmen? – Es plaudert sich doch behaglicher in einem bequemen Fauteuil wie so stehenden Fußes.« »Mit Wonne, meine sehr verehrte Baronin, obgleich ich eigentlich aus einem anderen Grunde ...« »Und der wäre?« fragte die Alte. »Ach, Gott – ja ...!« sagte Bettje, und ihre leidenschaftlichen Augen nahmen den Ausdruck großer, trauriger Güte an, »es soll ja in hiesiger Stadt etwas passiert sein ...« »So?« »Ja. – Der Küster hat es Pitt Hoffmann erzählt, Pitt Hoffmann seiner Frau, die Frau dem Gemüsemann, und der Gemüsemann ist soeben bei mir gewesen. – Nein, Baronesse – diese prächtigen Beine... ! – Wenn da die Plissees drüber fallen! – Und dann noch so'n bißchen Parföng ... Wissen Sie, Baronesse, das ist erst die richtige Sauce fürs Ganze.« Mit spitzen Fingern und wie in stiller Verzückung fuhr sie alsdann liebkosend über das seidene Fähnchen. »Aber, Fräulein Theißen,« drängelte die Alte, »Sie wollten doch eine Geschichte...« »Ach, Gott – ja, meine sehr verehrte Baronin...! – Wo war ich doch nur? – wo bin ich doch nur soeben gewesen?!« »Der Gemüsemann war bei Ihnen. Es soll ja in der Stadt etwas passiert sein.« »Richtig,« bemerkte Bettje Theißen. »Denken Sie nur, meine sehr verehrte Baronin, der Dechant Steinberger hat den Herrn Vikarius zu sich beordert – und der Herr Vikarius ist zu ihm gegangen – und die Konferenz hat sehr lange gedauert – und allerhand Schicksalsschläge ... Ja, man behauptet sogar ... Aber nein, Baronesse – der Ausschnitt! – Das muß sich zu himmlisch machen, wenn da Ihr Nacken, der weiße Hals und das übrige drin sitzt...« Und wiederum versenkte sie sich schweigend in die Mysterien des aufgebügelten Ballkleides, überwand sich aber und fragte: »Wie weit bin ich doch soeben gekommen?« »Ja, man behauptet sogar...« »Richtig – man behauptet sogar, daß sich das Ganze um Luise gedreht habe.« »Um Luise...?« »Ja – um Luise. Und darüber sind die beiden geistlichen Herren aneinander geraten – und der Herr Dechant hat seinen Standpunkt vertreten – und der Herr Vikar hat auch seinen Standpunkt vertreten ... Aber der Herr Dechant ist heller gewesen – und da ist Joseph von Arimathia übersinnig geworden und soll in seinem übersinnigen Zustand ... Aber nein, Baronesse – wenn man da mit so 'nem bißchen Parföng nachhelfen würde...! – Das lieben die Männer, besonders die Männer, die noch kein Rasiermesser brauchen ... Aber ich bitte um Verzeihung, meine sehr verehrte Baronin, wie war das soeben?« »Und Joseph von Arimathia ist darüber übersinnig geworden und soll in seinem übersinnigen Zustand ...« »Richtig – und nun rennt die dicke Therese von Pontius zu Pilatus, von Pitt Hoffmann zu Miekske, von Miekske zur Frau Paramentpräsidentin – und ich will mich nicht Bettje Theißen nennen, wenn sie nicht trotz unseres sehr kühlen und respektvollen Standpunktes ... Sehen Sie, wie ich recht habe, meine sehr verehrte Baronin ... Gerade über den Zimmermannsplatz ...! Die will was – die will zu mir auf die erste Etage ... Aber wenn Sie gestatten...?« »Bitte.« Und damit riß sie auch schon einen Fensterflügel auf und rief über den Platz fort: »Fräulein Therese, wenn Sie zu mir wollen ... Ich bin nicht auf der ersten Etage, sondern hier unten – und die Frau Baronin hat gütigst gestattet...« »Ich komme,« sagte die Dicke, und es währte nicht lange, da war auch schon die asthmatische Person mit Muff, Hut und einem selbstgehäkelten Seelenwärmer ins Zimmer getreten. »Guten Tag allerseits,« sagte Therese, indem sie die Beine spreizte, vermutlich um das Desolate ihrer ganzen Verfassung besser stützen zu können, »ich wollte eigentlich zu Ihnen, Fräulein Theißen, und nicht zu die evangelischen Edelmänners, aber es ist nun doch mal ganz partie egal, ob ich zu Ihnen oder zu die vornehmen Leute ... Aber nein, diese Robe! – da soll wohl die jüdische Ballmamsell vor Herodes drin tanzen...? – ganz partie egal, ob ich mir nach oben oder hier nach unten bemühe; denn er ist doch sonst immer gewohnt, an diesem Hause vorüber zu gehen, und da möchte ich fragen ... Denken Sie sich nur, meine Damens...« Sie hielt einen Moment inne, um Atem schöpfen zu können. »Was denn?« fragte die alte Baronin. »Er ist nicht mal beim Mittagessen gewesen, und ich hatte doch Schöpsenkeule mit Wirsing!« »Nicht möglich!« rief Bettje erstaunt aus. »Ja – Schöpsenkeule mit Wirsing, natürlich ohne scharfe Gewürze, denn das ist nichts für geistliche Herren – und das mußte unbesehen wieder vom Tisch herunter. Es wird zwölf Uhr – er kommt nicht, es wird ein Uhr – er kommt nicht, es wird zwei Uhr – er kommt nicht, es wird drei Uhr... und dabei Schöpsenkeule mit Wirsing ...! – Und nun kann ich mich vor lauter Angst nicht mehr halten.« »Da hatten Sie doch mal im Pastorat anfragen sollen,« sagte Bettje mit einem innigen Mitgefühl in ihren sammetweichen Maronenaugen. »Hab' ich,« konstatierte die dicke Therese mit abgehackten Worten, »aber er war nicht mehr da, dann bei Pitt Hoffmann – auch nicht mehr da, dann bei der Frau Rektor – schon lange fort. Aber wohin? – Ja, das wüßte sie nicht. Und nun bin ich in der Hoffnung mit allen schlimmen Gedanken und glaube, daß mein guter Vikarius... Ach, dieses Elend, dieses himmelschreiende Elend!« Verzweifelt rang sie die Hände. »Mein Vikarius, mein guter Vikarius ...! – wenn dem was passiert wäre ...!« »Wärmen Sie Ihre Schöpsenkeule nur wieder auf,« meinte die Tanzmamsell mit heimlichem Lächeln, »der ist nicht in den Himmel gefallen und kommt schon wieder.« »So?!« meinte Therese von Arimathia mit feurigen Augen und machte dabei ein Gesicht, als müßte sie aus ihrem Hemd 'ne bissige Wanze 'rausfangen, »das glauben Sie? – Da könnten Sie schön daneben geglaubt haben. – Sie haben kein Herz, Sie haben kein Garnichts, sonst würden Sie mir mit so 'ner Behauptung nicht kommen, denn Sie wissen noch nicht als evangelischer Edelmann, was ein christkatholischer Vikarius bedeutet – besonders der meine ... Aber das ist mir ganz partie egal, und das sage ich schon,« und dabei schlug sie sich mit ihren dicken, weichen Fingern auf ihren selbstgehäkelten Seelenwärmer, daß es man so knallte und klaschte, »beim Herrn Dechanten hat's angefangen. Er steht mit meinem Vikarius nicht auf demselbigen Standpunkt. Der Herr Dechant vertritt die liberalige Seite – aber mein Vikarius sagt immer: In religiösen Dingen kann uns kein Bismarck und kein König von Preußen befehlen, denn der liebe Gott steht über allen Berliner Gesetzen. Weil nu aber das Testament und die ganze Geschichte mit Luise 'ne religiöse Sache ist – darum sind sie aneinander gekommen, wie die Köchin gesagt hat. Mein Vikarius hat Oberwasser behalten, ist aber verärgert davongegangen und bis jetzt nicht wieder gekommen – und wenn das so weiter geht ...« Die schlampige Person hatte durch ihren Muff hindurch das neben dem Ofen liegende Stocheisen ergriffen und stellte sich mit demselben dergestalt in Positur, als müsse sie gleichsam mit flammendem Schwert vor dem Paradies ihrer Überzeugung Schildwache halten. »Und wenn das so vorangeht ...« räsonierte sie weiter, »ich mache den Herrn Dechanten für jedes Malör, was etwa meinem Vikarius passieren tun täte, verantwortlich. Alle stehn in dieser Sache direktemang hinter mir: ich selber, Karlo Antonio, Pitt Hoffmann, Miekske und die Frau Präsidentin – und dann wollen wir sehen, wer von den zwei beiden den längsten Faden herauskriegt. Indessen ich glaube, mein Vikarius wird den längsten schon ziehen, denn er ist ihm über in allem, besonders im richtigen ›Oho‹, und was gemacht werden kann, das macht er – und was er tun will, das tut er – und er hat mal gesagt: Luise kriegt den Wesselink nicht – drum kriegt sie ihn nicht, und er hat mal gesagt: Sie bleibt solange im Kloster, bis sie sich anders besonnen – und drum bleibt sie auch solange im Kloster bei Schwester Klarissa, ganz partie egal, ob Doktor Steinberger mit seiner liberaligen Meinung...« »Wer behauptet das?!« war die Tanzmamsell entrüstet dazwischen gefahren. »Ich,« konstatierte Therese, »weil mir das mein Vikarius gesagt hat – und er läßt sich eher die Zunge ausreißen, bevor er gestattet ...« »Das ist ja Gewissenszwang,« rief Pauline von Satzenhofen mit flammenden Augen, »das ist ja Freiheitsberaubung und eine ganz erbärmliche Knechtung der Seelen! – Und was Sie persönlich anbetrifft – Sie sollten sich schämen ...« »Ach, was!« versetzte Therese und trat ihr energisch entgegen, »was verstehen Sie als Tanzmamsell mit die Beine und als evangelischer Edelmann vom christkatholischen Glauben?!« »Soviel, um Sie für eine alberne Person zu taxieren, um Ihr Geschwätz hier lästig zu finden, um Ihnen zu sagen, daß ich dasjenige, was ich vorhatte, jetzt auch tun werde, um endlich die Stricke auseinander zu reißen, die Dummheit, Habgier und verkehrte Auffassung wahrer Nächstenliebe um die Willenskraft eines armen Mädchens gelegt haben – und wolle Gott, daß es noch nicht zu spät ist, daß es mir noch gelingen möge, eine glückliche Stunde zu finden.« Mit tränengepreßter Stimme hatte sie die letzten Worte gerufen. Bettje Theißen war vor Rührung sprachlos geworden. »Was willst du tun?« fragte die Mutter. »Was ich dir eben schon sagte. Tränen will ich hinwegnehmen,« meinte die Ärmste, »ich will es wenigstens versuchen ...« ging ins Nebenzimmer und war bald darauf mit einem übergeworfenen Baschlik ins Freie getreten. Mit heiligen Augen sah ihr Bettje Theißen nach. »Die geht ins Kloster,« sagte sie tonlos. »Das tut sie,« nickte die alte Baronin und legte ergebungsvoll die Hände zusammen. »Die ist wohl verrückt,« platzte die dicke Therese heraus, »auf so 'nen frechen Einfall zu kommen! Die will wohl meinem Herrn Vikarius in seine christkatholische Handlungsweise hineinmengelieren ...! – So 'ne aufgeschirrte Mamsell! – Großartig wie dem Herrn Baron von Moyland sein Kutschpferd! – Aber laß sie man kommen. Wir sind auch noch da, denn meine Augen kucken wie'n richtiges Perspektiv bis in die innerste Seele – und was ich da bei die evangelischen Edelmänners zu bekucken bekomme, das ist auch nicht so, um es hinter den Spiegel zu stecken. Die Tanzmamsell will unsere heilige Sache verbiestern; das habe ich schon auf dem Kaffee bei Miekske gemorken, und drum ist es mir ganz partie egal, wenn ich sage: Lumpenpack sind alle evangelische Edelmänners zusammengenommen.« Drohend hatte sie dabei das Stocheisen hinter den Ofen geworfen. »Das ist ja unerhört!« ereiferte sich die alte Baronin, »und ich fordere Sie daher auf, unverzüglich meine Wohnung zu verlassen.« »'ne schofelige Wohnung ...!« sagte die Dicke mit ihrem klebrigen Lachen. »Ich fordere Sie gleichfalls hierzu auf,« befahl Bettje und stellte sich nachdrücklich auf die Seite ihrer Inwohnerin, »wenn Sie nicht wollen, daß ich mein Hausrecht in Anspruch nehme. Ich habe es satt, bis zum Hals hinauf satt – Ihr pöbelhaftes Benehmen. Ich hätte schon längst mit Ihnen gebrochen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie eine heimliche Neigung besitzen: Sie trinken heimlich – Sie sind eine heimliche Säuferin, und das hat Sie bis heute noch in meinen Augen in etwa entschuldigt. Jetzt aber ...« Mit ihrer Rechten deutete sie auf die Tür und sagte bedeutsam: »Ich bitte gefälligst.« »Was?!« ereiferte sich die dicke Therese, »mich als heimliche Säuferin estimieren zu wollen! – Ich konstatiere ausdrücklich: Sie haben sich an einer Jungfrau der ewigen Anbetung vergriffen; das ist Gottesraub, das ist Kirchenschändung – und das weitere werden Sie noch zu hören bekommen. Gut – ich gehe,« setzte sie resigniert hinzu, »aber bevor ich gehe, habe ich noch eine Frage zu stellen.« »Bitte.« »Kennen Sie Pitt Hoffmann?« »Ja.« »Und wissen Sie, was der immer liest?« »Nein.« »Der studiert immer im Kalender für Zeit und Ewigkeit von Alban Stolz, und den hat er mir zu lesen gegeben – und wissen Sie, was darin geschrieben steht mit großen Buchstaben?« »Nein.« »Dann will ich's Ihnen sagen – Sie Frauenzimmer mit die heiligen Augen. Da steht drin geschrieben: Es ist irgendwo ein christlicher Kirchhof, und die Kreuze auf den Gräbern sind von dreierlei Farbe. Schwarz sind die Kreuze der Verheirateten; blau die Kreuze der Ledigen und der Kinder; braun die Kreuze der ungeratenen Weibsleute, welche nicht verheiratet waren und auch keine Jungfern geblieben sind, damit ihre Schande selbst nach ihrem Tode nicht im Dustern bleibt. – Und das erzählt Alban Stolz – und das ist brav von dem Manne. – Und wenn Sie mal abkratzen müssen – wissen Sie, was Sie dann bekommen ...?« Bettje Theißen verfärbte sich. »Wissen Sie, was Sie für'n Kreuz dann bekommen ...?!« schrie die Dicke noch einmal, wobei sie ihre Augen wie auf Stielen vorschob und wiederholt nach Atem schnappte. »Ein braunes, dickes – und drauf steht mit weißer Farbe ›Bettje Theißen‹ geschrieben. Das wollte ich sagen – und damit: blasen Sie mir den Hobel aus, Sie Frauenzimmer mit die heiligen Augen!« – dann ging sie. Trüb und grau sah der Abend ins Zimmer. Die Sonne stand als große, dunstige Scheibe am niedrigen Himmel. Am Hause Bettjes aber war Joseph von Arimathia vorübergegangen. IX Nonnenhannes Bettje Theißen drehte sich in der schummerigen Stube um und um. Das Entsetzen hatte ihr das Gesicht in den Nacken gerückt, und da sah sie in den zersprungenen Spiegel, wußte aber nicht, ob das Bild, das in der Scheibe stand, ihr eigenes Konterfei war oder nicht, so sehr hatte sie sich über die dicke Therese geärgert. Das war ja ein entsetzliches Fraumensch! – Das war ja eine Sache, die vor den Schandarmen gehörte! – Sie so vor aller Welt und mit so einem steinernen Herzen bloßzustellen und in dieser niederträchtigen Art zu blamieren ...! War das durchlebte Wirklichkeit, oder war es nur ein wüstes Träumen gewesen?! – Sie wußte es nicht. – Sie befühlte ihren Kopf – es war ihr Kopf, sie besah ihre Hände – es waren ihre Hände, sie streifte mit sondierenden Fingerspitzen an ihrer halbseidenen Bluse herunter – es war ihre Bluse, sie hatte sie beim Manufaktoristen Grades van der Grinten erstanden und einen Taler fünf Silbergroschen für die Elle gegeben – und somit, alles in allem genommen, sie war noch immer dieselbe, sie war noch immer Bettje Theißen geblieben, aber ihre Füße versagten. Sie mußte sich setzen – und so verfiel sie denn auf den ripsenen Fauteuil, der vor der Konsole mit der Sevresporzellantasse stand, schob ihn noch einen Schritt näher heran und ließ sich, hierauf mit einem schweren Seufzer in die schon etwas fadenscheinigen Polster hineinrutschen. »Nein, diese Person!« schluchzte sie so recht aus tiefster Seele heraus, daß sich die alte Baronin gerührt niederbeugte und sie zu trösten versuchte. »Halten Sie Contenance, meine Beste,« sagte sie in zutraulicher Weise, indem sie aus ihrem Pompadour ein Fläschchen mit Melissengeist hervorholte und damit Bettje Theißen besprengte. »Denken Sie doch nur an mich – an meine Tochter! – Denken Sie doch nur an den entsetzlichen Kaffee ...! – Wir haben Contenance gehalten. – Denken sie nur an die soeben vorgebrachten Insulte! – Wir haben Contenance gehalten. – Denken Sie an das Benehmen dieser Person einer wirklichen Baroneß gegenüber – und Sie werden selber Contenance behalten. So eine brutale Domestikennatur macht nicht mal Front vor alten Traditionen, die selbst einen Herrn von Methusalem in den Schatten zu stellen vermögen ... Sie rüttelt mit ihren ekelhaften Händen an Stammbaum und Adel, brüskiert uns und wagt es, selbst die Perlen einer freiherrlichen Krone ... Unerhört! – aber wir haben Fassung bewahrt, und was wir zu tun vermochten, das können Sie als schlichte, bürgerliche Person ... Darf ich Ihnen noch etwas Melissengeist geben?« »Ach, bitte – ja!« sagte Bettje und beglückte die Alte mit einem dankbaren Lächeln, die ihrerseits wieder einen Sprühregen der scharfen Essenz über sie ausgoß und dann ins Nebenzimmer ging, um die grünlackierte Rübsenöllampe zu holen. Das war auch nötig. Die Dunkelheit fingerte immer nachhaltiger ins Zimmer hinein und umspannte alles mit ihren grauen, dämmerigen Baumwollfäden, denn die matte Scheibe am niedrigen Himmel war untergegangen. Und wie sie untergegangen war, da sauste der alte Nußbaum auf dem Zimmerplatz auch stärker herüber, und die Bäume auf der Klever Chaussee standen schärfer im Wind, und sie standen grau in grau wie das eingedunkelte Land, das gerne einschlafen wollte, aber nicht einschlafen konnte, weil es noch immer so wehte und sauste, und keine Ruhe hereinbrach. Die niederrheinische Erde konnte die Augen nicht schließen; wenigstens schien es so, denn inmitten der Landstraße lagen zwei glühende Punkte in einer matterleuchteten Dunstmasse, die gemächlich aus der Ferne herankroch. Und in der dunstigen Masse war ein Getrabe wie von Pferdehufen, und rasche Funken wurden zur Seite gerissen, die wie feurige Fliegen das schwanke Gitterwerk der Chausseebäume durchtanzten – ganz genau so wie feurige Fliegen, und das kam daher, weil Stäwe Rademaker, der von Elten heimwärts kutschierte, keinen Deckel auf seinem Pfeifenkopf hatte, und der Wind hineintapste, als müßte er auch das letzte glimmende Tabakpartikelchen in alle Welt hinausblasen ... Feurige Fliegen ...! – und sie irrten wie unstete, wirre Gedanken über das unruhige Land, das nicht einschlafen konnte und immer auf das monotone Seufzen und Stöhnen hören mußte, das keine Pause hatte und nicht daran dachte, es gelinder zu machen. »Donnerkiel!« sagte Stäwe und hielt seinen Postillonshut steifer gegen den harten Wind an, »nu weiß ich nicht, soll ich's ihm sagen, oder soll ich's ihm nicht sagen? Will mal Zympathie anwenden, möglich, daß die Knöppe es wissen!« – und er zählte mit verklammten Fingern an seinen Postillonsknöpfen herunter: »Sagen – nicht sagen – sagen – nicht sagen – sagen – nicht sagen ...! – denn nicht,« meinte er mit einer gewissen Befriedigung, »die Knöppe haben schon recht. Maul halten ist immer noch ein besserer Bremsklotz, wie vorzeitig reden. – Hektor, Liese – man vöran!« Die matterleuchtete Dunstmasse haspelte weiter – und die Zweige der unruhigen Chausseebäume schwankten über sie hin – und der alte Nußbaum, der auf dem Zimmerplatz stand und sich eingemummt hatte, fühlte plötzlich, wie ein warmer Strahl über ihn fortging und seinen Schatten gegen die Giebelwand des niedrigen Hause drückte, in welchem Johannes Wesselink wohnte. Es war ein heller Lichtschein, der aus dem Zimmer der Tanzmamsell kam und weithin ins Freie hinauslief. Auf dem Tisch brannte die grünlackierte Rübsenöllampe, und Bettje Theißen saß noch immer auf der nämlichen Stelle und sah mit ihren großen, runden Augen ins Leere, und dann blickte sie schärfer zu und wähnte einen Kirchhof zu sehen, wo unter vielen schwarzen und blauen Kreuzen ein braunangestrichenes war, auf dessen Querholz eine ungeschickte Hand ›Bettje Theißen‹ in weißer Ölfarbe hingemalt hatte. Neben dem Kreuz aber standen zwei Personen und unterhielten sich mit häßlichem Lachen. Und Bettje kannte die beiden. Sie verstand auch, wovon sie sich unterhielten. »Da ist ja ein Kreuz,« sagte Pitt Hoffmann. »Ja – da ist ein Kreuz,« meinte die dicke Therese. »Und darauf steht ›Bettje Theißen‹ geschrieben.« »Ja – darauf steht ›Bettje Theißen‹ geschrieben.« »Und zwar mit weißer Ölfarbe.« »Ja – mit weißer Ölfarbe.« »Und das Kreuz hat 'nen anderen Anstrich wie die übrigen Kreuze; es ist braun.« »Ja – es ist braun.« »Also ...?!« lachte Pitt Hoffmann. »Also ...?!« lachte die dicke Therese. »Das ist ja niederträchtig, das ist ja infam!« wimmerte Bettje. »Ist Ihnen noch immer nicht wohl?« fragte die alte Baronin und ließ wiederum einen feinen Sprühregen von Melissenwasser über sie hingehn; dann nahm sie die Hand der armen Person und meinte mit einer so recht lieben Stimme: »Was ist das für eine fatale Geschichte? – Fräulein Theißen, Sie sollten sich mir gegenüber offenbaren – Sie sollten sich aussprechen. Das macht leichter ums Herz; was man zu tragen hat, das trägt sich besser zu zweien.« Hierauf stellte sie die Flasche mit Melissengeist beiseite und nestelte an ihrem Pompadour herum, um ihr Taschentuch zu nehmen und es gegen die wehleidigen Augen zu drücken. Ein tiefes Schweigen entstand. Bettje Theißen konnte nicht mit der Sprache heraus; ihre aufgerissenen Augen waren noch starrer denn vorhin geworden. »Man kann über eine Sache irrsinnig werden,« sagte sie endlich, »und ich war vor fünfzehn Jahren hart daran, es zu werden. Jetzt ist's verwunden. Ich leide nicht mehr darunter; im Gegenteil: ich bin glücklich geworden. Warum? – das sollen Sie später erfahren – aber damals ... Wissen Sie, meine sehr verehrte Baronin: was das unausstehliche Fraumensch gesagt hat, das sind nun an die fünfzehn Jahre gewesen. Ich war damals 'ne blutjunge Lehrerin im benachbarten Wissel. Glauben Sie mir, der Ort liegt so eigentümlich zwischen Weiden und Wiesen ... und wenn dann in Sommertagen die Wasser so langsam dahinkrochen, und so ein warmer, schwüler Heuduft über die Erde ging, daß es einem ordentlich den Atem benahm – und wenn dann am Johannisabend die Feuer brannten ... Sehn Sie, meine sehr verehrte Baronin, an einem solchen Abend ist es damals gewesen. Ich war mit dem jungen Menschen über die Deiche gegangen, um die Johannisfeuer zu zählen ... Und sie brannten dem Rhein zu, nach Hönnepel, und andere brannten dem Binnenland zu, in Richtung von Moyland und Kleve, und andere standen wiederum auf den Deichen und leckten mit ihren gierigen, aber stillen Zungen nach oben ... Und wir beide waren allein und zählten die Feuer, die in der weiten Niederung und auf den Deichkronen brannten. Und der junge Mensch beugte sich über mich, daß ich seinen weichen Atem spürte, und fragte: Bettje, siehst du die Feuer? – Ja, ich sehe die Feuer. – Und siehst du auch das, was in meinen Augen brennt? fragte er wieder mit heiserer Stimme. – Ja, das sehe ich auch, sagte ich leise – und als ich das sagte ...« »Das muß ja herrlich gewesen sein!« meinte die alte Baronin. »Das war es auch,« entgegnete Bettje, »aber es fehlte nicht viel, so wäre ich darüber in Irrsinn gekommen – und das sind jetzt fünfzehn Jahre gewesen. – Und der Juniabend war still und verschwiegen und hat nichts ausgeplaudert. Aber wissen Sie, meine sehr verehrte Baronin, ich konnte es selber auf die Dauer nicht länger verbergen – und da wurden wir beide mit Schimpf und Hohn aus unserm Lehramt gestoßen. Ich ging zu meiner Mutter zurück und bewohnte dies Häuschen; er jedoch zog in die weite Welt, um eine Unterlage für unsere spätere Ehe zu suchen. Aber wissen Sie, meine sehr verehrte Baronin, der junge Mensch hatte kein Glück; alles mißlang ihm, außer an dem Abend, wo die Feuer mit einer so heißen Liebe und mit so feurigen Zungen gen Himmel spielten. Da war er findig gewesen, aber später – was er auch anfangen mochte: alles ging ihm verquer, und wäre er auf die Idee gekommen, Hüte zu machen, und hätte sie auch in modernster Form und Fassung zuwege gekriegt – soviel wäre dann sicher gewesen: von dem Moment an wäre die Menschheit ohne Köpfe auf die Erde gekommen. Er war eben kein Glückskind, versuchte aber durch den Gewinn des großen Loses sich über Wasser zu halten und spielte in zehn Lotterien. Aber immer nur Nieten – immer nur Nieten ...! – Seine ganze Tätigkeit war nichts anderes wie ein großmaschiges Sieb, durch welches alles hindurchlief: Arbeit und Lose. Anno 66 aber gelang's ihm. Da streckte er plötzlich bei Königgrätz die Arme gen Himmel, und rief: Adieu, Bettje! – jetzt habe ich die große Nummer gezogen. Acht Tage später hatte auch unser kleines Mädchen die große Nummer gezogen und war still nach oben gegangen.« »Das ist ja entsetzlich!« sagte die alte Baronin. »Das war's auch,« entgegnete Bettje wie in dumpfer Betäubung, »und nun saß ich da in meiner tiefen Not und in meinem furchtbaren Elend. Die Kinder verhöhnten mich, die erwachsenen Menschen verlästerten mich, und die dicke Therese sah immer so aus, als wenn sie mich anspucken wollte ... und so sind die Jahre vergangen. Ich habe oft am Wasser gestanden und habe auch die Arme gen Himmel gestreckt und gewartet, ob die große Nummer nicht käme. Aber sie kam nicht, und so habe ich denn alles ertragen, was die Menschen mit ihrem boshaften Wesen mir antaten, vergaß allmählich meine tiefe Not und verwand alle Nichtigkeiten und Erbärmlichkeiten des täglichen Lebens. Ja, sogar ein Hauch des Glückseligen spielte mich mit den Tagen an – und jetzt bin ich, im Hinblick auf das Vergangene, vollkommen glücklich geworden.« Mit einem stillen Lächeln legte Bettje Theißen ihre Hände zusammen. »Wie ist das aber nur möglich?« fragte die Alte. »Ich bekam heilige Augen,« entgegnete Bettje mit unendlicher Ruhe. »Wer hat das gesagt?« »Joseph von Arimathia.« »Der hat das wirklich gesagt?« »Ja,« nickte Bettje. Die Alte trat näher und sah ihr tief in die Augen. »Das sehe ich jetzt erst,« meinte sie plötzlich. »Joseph von Arimathia hat recht. Ja, Fräulein Theißen – Sie haben wirklich heilige Augen.« »Das weiß ich,« sagte Bettje und war wie in stiller Verzückung vom Sessel gefahren, »aber nicht deshalb, weil es Joseph von Arimathia behauptet, sondern deshalb, weil ich ein reines Glück in mir trage, das ich aus allem Elend mit hinüber gerettet – und das kann niemand mir nehmen: nicht die Schmähsucht der Menschen, nicht die Kugel von Königgrätz, nicht der Tod meines Kindes ...« Bettjes Augen wurden immer größer und größer, und sie stand da, als wenn sie in die Vergangenheit schaute. »Und das Glück stammte von damals,« begann sie leise weiter zu sprechen, »als die Feuer brannten ... Und der Heuduft wehte herauf – und es ging wie ein Hochzeitslied durch die Luft – und ein warmer Atem war bei mir ...« »Aber um Gotteswillen! – Fräulein Theißen, was bedeutet das alles?« »Das bedeutet, daß ich glücklich war,« sagte Bettje in ihrer unerschütterlichen Ruhe von eben, »und wenn auch Elend und Kummer daraus hervorgingen, es ist doch eine heilige Sache gewesen.« »Und das glauben Sie?« »Ja,« sagte Bettje. »Viel Wasser ist seitdem den Rhein talwärts gelaufen. Es hat vieles hinweggeschwemmt, aber das Andenken an die heilige Sache ist mir für immer geblieben. Den Toten von Königgrätz habe ich längst vergessen, aber der junge Mensch von der Deichflanke her, der lebt noch immer ... Und wenn er wiederkäme ... Wissen Sie, ich habe eine brennende Seele ...« »Hören Sie auf, Fräulein Theißen!« »Ich kann doch nicht dafür, daß es einmal so ist,« entgegnete Bettje und richtete ihre großen Augen in stiller Ergebung und mit feierlichem Ernst auf die alte Baronin, »und alle, die so geartet sind wie ich bin und sagen, sie hätten anders gehandelt, die heucheln und lügen, denn sie können doch das Gebieterische ihrer brennenden Seele nicht totschlagen ... Und darum verfluche ich auch die damalige Stunde nicht, wo der Heuduft heraufstieg, und die Johannisfeuer durch den Abend brannten und lohten – und wenn sie wiederkäme ...« Und Bettjes Stimme wurde immer lauter und lauter: »Und wenn sie wiederkäme – jene schöne, unselige Stunde ...! – Und selbst, wenn die ekelhafte Therese von Arimathia dreimal riefe und schrie: Du bekommst ein braunes Kreuz, du Verdammte! – mag sie es rufen und schreien ... Es war eine heilige Sache, und ich bin glücklich gewesen.« »Um Gotteswillen ...!« rief die alte Baronin, denn draußen wurde leise gegen die Scheiben gefingert. »Wer ist da ...?« Ängstlich war Frau von Satzenhofen ans Fenster gegangen und hatte einen Flügel geöffnet. Ein kalter Wind schlug ihr entgegen. Sie sah in ein ernstes Gesicht; das war von einem Quäkerbart umrahmt und wurde grell von dem herausfallenden Licht der Lampe umschienen. »Nein, so was ...!« sagte Bettje Theißen und war gleichfalls erschrocken näher getreten. »Wer sind Sie?« fragte die Alte, noch ganz mit sich im unklaren über die neue Erscheinung. »Leopold Derksen,« sagte eine ruhige Stimme; sie war aber, was das Ruhige anbetraf, gekünstelt, denn sie hatte einen fahrigen Anflug und eine große Sorge war in ihr. »Und was soll's denn?« fragte die alte Baronin. »Es ist jetzt ein Viertel auf sieben,« sagte Derksen mit seiner ruhigen und doch flatterigen Stimme, »und Schlag Klock acht kommt mein Freund Johannes Wesselink mit der Post wieder von Elten. Er kennt noch nicht seine große Predullig; seine inneren und äußeren Umstände sind höchst miserabel. Und drum habe ich mit 'nem Bandeisen am Kloster gestanden, um die Tür einzuremmsen, wenn's nötig sein sollte.« »Jesus, mein Christus!« rief Bettje Theißen entsetzt und schlug die Hände zusammen. »Ja – das hätt' ich gemacht, denn das ist so mein Pangschang, wenn's hart auf hart geht,« fiel der Alte jetzt mit grimmiger Betonung dazwischen und streckte eine Faust in die Stube. »So 'n Bandeisen und wache Augen jagen die schlimmsten Fisematenten zum Deuwel. Mir kann keiner betuppen; selbst nicht Pitt Hoffmann und Joseph von Arimathia, und für meinen Freund schlage ich fünfzehn Türen zusammen, wenn's not tut.« Damit zog er die Faust wieder ein und schlug sie dreimal auf Brust und Schurzfell, daß es einen dumpfen und bedrohlichen Ton gab. »Aber was haben wir dabei zu tun?« fragte Bettje Theißen ganz außer Fassung. »Sie nichts,« sagte Derksen, indem er seine beiden Hände auf das Fensterbrett legte, »aber Sie, die ich für die Mutter der Tanzmamsell anspreche – denn die Tanzmamsell schickt mir.« »Meine Tochter ...!« »Ja,« sagte Derksen. »Aber wieso denn ...?!« »Weil ich am Kloster gestanden. Und da ist die Tanzmamsell gekommen und fragte, was ich hier mit dem Bandeisen täte. Da hab' ich ihr gesagt, warum ich hier stände, und daß das die Predullig meines Freundes und meine königlich preußischen Obergefreitenknöppe verlangten. Hierauf ist sie ins Kloster gegangen, und ich habe weiter auf Posto gestanden, wohl 'ne halbe Stunde und länger, und da ist sie wiedergekommen, und ihre Augen sahen aus, als wenn sie geweint hätten.« »Mein Gott, mein Gott ...!« schluchzte Bettje. »Das hat mir aber gerührt, und da hab' ich gefragt: Mamsell, kann ich Ihnen einen Gefallen erweisen? – Ja, das können Sie, sagte sie desgleichen dito. – Und da fragte ich wieder: Mamsell, was kann ich for Ihnen besorgen? – Da kuckte sie mir an und sagte ganz leise: Dann gehn Sie zu meiner Mutter und bestellen ihr, sie solle sich mit Bettje Theißen nach oben begeben. Alles müßte seine Heimlichkeit haben; es wäre möglich, daß sie jemand mitbringen würde. Und dann gehen Sie selber zur Post und bringen Ihren Freund ebenfalls in die Wohnung von Bettje, denn möglicherweise kann alles noch einen Dreh zum Besseren nehmen.« »Göttlicher Vater ...!« jubelte Bettje. »Das freute mir gleichfalls,« konstatierte der Alte, »und weil mir das freute, da mußte ich sagen: Mamsell, das ist ganz mein Pangschang, und wenn Sie 's verlangen, so will ich for Ihnen durchs Feuer marschieren. – Und wie ich das sagte, da wollte sie auch noch was sagen, konnte es aber nicht, nahm aber dafür meine Hand, und da fühlte ich, wie eine heiße Träne darauf fiel. Und das vergesse ich der Mamsell niemals im Leben, denn ihre Träne ist für meinen Freund und die arme Luise gewesen. Gleich darauf hat sie sich umgedreht und ist wieder ins Kloster gegangen. – Ich aber will hiermit meine Bestellung gemacht haben. Also gehen Sie mit Bettje stille nach oben, während ich desgleichen dito zur Post hin mache, damit ich meinen Freund auf alles präpariere. Es wird ein schweres Stück Arbeit, denn er ist aus gutem Stamm gewachsen und gesund an Leib und Seele wie 'n kerniges Eichenbrett. Aber wenn er's erfährt ... Auch dem kernigsten Eichenbrett wird das Herz auseinandergerissen, wenn ihm da von hinterwärts so'n infamer Keil plötzlich hineinkommt; indessen jedoch, man darf auch in der größten Predullig ... und das soll mir noch als Hoffnung verbleiben. – Kommt aber Luise nicht her, oder mischen sich noch im letzten Momang Pitt Hoffmann und Joseph von Arimathia dazwischen« – drohend streckte der untersetzte Mann wieder die geballte Faust in die Stube – »ich habe mein Bandeisen mang die Lindenbäume verstochen ...« Darauf war er mit harten Schritten durch den Abend und das Gesause des Windes gegangen; die beiden aber, die in der Stube zurückblieben, hatten fast den Atem verloren, und Bettjes Gedanken waren wie in ein tiefes Wasser gefallen, kamen aber wieder aus der dunklen Tiefe ans Licht, und da sagte sie mit verklärten Augen und mit einer großen Liebe im Herzen: »Nun kommt doch für Luise die heilige Sache, denn sie ist nicht geschaffen dazu, immer den Rosenkranz zu beten und ihre heiße Seele totzuschlagen ... Sie ist geschaffen wie ich und will auch erleben, was ich damals erlebte, als die Johannisfeuer brannten, der junge Mensch sich über mich beugte und ein warmer Sommerabend über uns fortging.« Und wie sie das sagte, da nahmen Bettjes Augen einen feierlichen, überirdischen Glanz an. »Es ist gut,« sagte Frau von Satzenhofen, schloß das Fenster wieder und ließ noch im Schlaf- und Wohnzimmer die Gardinen herunter. »Jetzt wollen wir tun, was Leopold Derksen gesagt hat,« wendete sie sich wieder an Bettje Theißen. »Wir wollen hinauf gehn, aber die Lampe kann stehn bleiben.« »Ja,« sagte Bettje, »die kann stehn bleiben ...« Sie war wie träumend geworden, und ihre großen Augen sahen wie Kinderaugen ins Leere. Und sie schienen wieder die Feuer zu sehen, die auf den Deichen und in der Niederung brannten, wenn der Tag des heiligen Johannes gekommen. »Nein – diese unselig-schönen Feuer ...!« flüsterte Bettje. »Was meinen Sie?« »Nichts,« sagte Bettje. »Dann wollen wir gehn,« versetzte die Alte. »Das wollen wir,« entgegnete Bettje, und da gingen die beiden nach oben. Und Bettje machte Licht, und dann setzten sie sich auf das sehr bescheidene Sofa. Die Alte wuscherte mit ihren hellen Augen in der Stube umher, die schlichte Kalkwände hatte und nur wenig Mobiliar aufweisen konnte. Aber eine große Miezekatze schnurrte hinter dem Ofen. Die hatte ein Fell, das wie ein Roggenfeld um die Junizeit aussah, wenn der Wind darauf stand und ein Leuchten darüber hinwegging. In einer Ecke hing ein hölzerner Jesus Christus, dessen Leichnam grell illuminiert war. Von den blutrünstigen Füßen baumelte ein kleines Päckchen an einem seidenen Faden herunter. Frau von Satzenhofen richtete ihre Blicke darauf und fragte: »Fräulein Theißen, was ist das?« »Eine Hand voll Heu vom Paternosterdeich,« entgegnete Bettje. Ihre Stimme war dabei weich und florig geworden. »Wohl ein Andenken – eine liebe Erinnerung ...?« »Ja,« sagte Bettje. »Kommenden Johanni werden's fünfzehn Jahre, daß es hier hängt. Meine Hand griff es auf, als seine heißen Augen über mir waren.« »So ...!« sagte die Alte. Sie hatte Bettje Theißen verstanden. Ihre Blicke liefen wieder unruhig umher, als wenn sie noch etwas entdecken müßten. Aber sie entdeckten nichts mehr in der armseligen Stube. »Hm!« sagte die Alte; dann nahm sie ihre Schnupftabaksdose und gönnte sich ein heimliches Prischen. Ihre Lippen waren aufeinander gekniffen. Auch Bettje Theißen konnte vor Erwartung der kommenden Dinge keine Worte mehr finden. So saßen die beiden, waren mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt und hörten auf das Rauschen des alten Nußbaums und auf die Sprache des Windes, der durch die Fensterritzen allerhand Geschichten erzählte. Eigentümliche Stimmen liefen im Kamin auf und nieder, schwiegen für einige Augenblicke, um dann von neuem weiter zu plaudern. Kurz darauf begann auch der Wasserkessel, der auf dem Ofen stand, leise zu singen. Während dieses Singsangs waren fünfzehn Minuten verflossen. Da war es so, als wenn die Türe, die hofwärts gelegen war, angeklinkt würde und sich müde Schritte über den unteren Hausflur bewegten. »Da sind sie ...!« sagte Bettje mit verhaltenem Atem, war dabei aber erregt aus ihrer Sofaecke gefahren. »Wer?« fragte die Alte. »Nun, ich denke: die Baronesse – Fräulein Luise ... und wenn Sie gestatten ...« In größter Eile wollte sie sich schon nach unten begeben. »Bleiben Sie,« sagte die Alte in aller Ruhe. »Fräulein Theißen, man muß Contenance behalten.« »Das muß man,« erwiderte Bettje mit einem schweren Seufzer, schluckte ihre sehnsuchtsvolle Begierde herunter und nahm wieder Platz auf dem blumigen Sofa, dessen ausgeleierte Federspiralen piepsten und zwitscherten, als hätte eine behäbige Mäusemutter dort Wochenstube gehalten. Tiefbewegt legte Bettje Theißen ihre Hände zusammen und hörte wieder auf das Sausen des Windes und auf verworrene Klänge, die in bestimmten Intervallen aus der Ferne herübertönten. Mit ängstlichem Horchen zählte sie die einzelnen Schläge. Jetzt war sie damit fertig geworden. »Acht Uhr,« sagte Bettje und machte wiederum Miene, sich aus ihrer Sofaecke zu erheben. »Jetzt ist die Postkutsche fällig; Frau Baronin, soll ich nicht etwa ...« »Bleiben Sie,« meinte Frau von Satzenhofen wie vorhin. »Fräulein Theißen, man muß Ruhe beobachten, man muß sie selbst in den schwierigsten Lebenslagen behalten. Denken Sie nur einmal an mich,« fügte sie nachdenklich hinzu, indem sie einen bestimmten Punkt der Zimmerdecke fixierte, wo die Lampe einen beweglichen Lichtkreis hingemalt hatte. »Ich, die ich nur von der Vergangenheit zehre und mich nur im Paradies gewesener Träume befinde – ich muß noch mehr wie Sie Contenance behalten. Denken Sie: früher diese superben Negligés, diese Parfüms, diese Toilettenwasser in einem altadeligen Hause ...! – Ach! – und die höfischen Knickse, diese zierlichen Menuetts zwischen Taxushecken und Lorbeerbäumen ...!« und dabei näselte sie mit kränklicher Stimme, indem sie den Kopf auf und nieder bewegte: »Als ich noch im Flügelkleide ...« »Ach, meine sehr verehrte Baronin,« entgegnete Bettje, »das muß ja himmlisch gewesen sein!« »Himmlisch und superbe zugleich,« sagte die Alte in schmerzlicher Anmut, »denn die von Satzenhofen verstanden es, Feste zu geben ... Feste sage ich Ihnen ...! – Nein, Fräulein Theißen, wenn da die Kristallüsters brannten, und auf der nobel gedeckten Tafel die langgestielten Narzissen wie arme Seelen in den venezianischen Gläsern erstarben ...! – Und diese Damastservietten ...! – Und diese Pendülen ...! – Und diese galonierten Livreen ...! – Nein, Fräulein Theißen ...! – Und was ist von all dem Glanz übrig geblieben?! – Was, Fräulein Theißen ...?« Sie richtete ihre grauen Augen auf Bettje. »'ne Sevresporzellantasse und ein alter Fauteuil – sonst nichts,«, sagte sie traurig. Sie ließ den Kopf auf die Brust sinken und verschränkte die Hände, die auf ihrem Schoß geruht hatten, in stiller Entsagung. »Und das haben Sie selber noch alles gekannt und durchlebt?« fragte Bettje mit sanfter Stimme und rührender Teilnahme. Die Baronin schlug die Augen auf und sah sie mit feuchten Blicken an. »Ich? – Nein!« sagte sie schließlich, »aber der Urgroßvater meines seligen Mannes ...« »Ach, so ...!« meinte Bettje und gab ihren Gedanken wieder eine andere Richtung, denn abermals wurden die Stimmen des unheimlichen Novemberabends lebendig. Ein kurioses Flüstern und Raunen lief in der Ofenröhre auf und nieder. Dazwischen ließ sich ein leises Geräusch vernehmen, als ob Bälle über den Boden gerollt würden. Und die Miezekatze schnurrte und drehte seine Stimmfädchen durch ihre rosige Nase, und von draußen kam es her, als wenn da ein Dudelsackbläser stände, der die wunderlichste Musik in den Abend hinausbliese. Alles war wie verwunschen in der ganzen Umgebung. Der Wasserkessel fauchte und surrte, und der kupferne Deckel klappte dazu, als müsse er zu der ganzen Sache taktieren – und dann wieder ... Bettje Theißen war seltsam erregt; sie hatte das unbestimmte Gefühl, als wenn sie jeden Augenblick aufspringen müßte. Auf der Straße war ein Geräusch wie von eiligen und doch wie von schlurfenden Schritten, das allmählich stärker wurde und plötzlich verstummte. Bettje unterschied deutlich, wie die Haustür sich öffnete und dann wieder zugemacht wurde. »Ich halt's nicht mehr aus!« sagte sie in tiefer Beklemmung, erhob sich und durchmaß das Zimmer mit unruhigen Schritten. »Behalten Sie Contenance,« sagte die Alte. »Das will ich,« erwiderte Bettje. Jetzt hörte sie nichts mehr; nur der Wind orgelte weiter. Aber da wieder ... Eine Tür wurde geschlagen, dem ein leises Wimmern folgte. »Mein Gott!« sagte Bettje, hielt den Fuß an und preßte die verschränkten Hände gegen die Lippen. Die alte Baronin hatte sich ebenfalls vom Sofa erhoben. »Jetzt sind sie ins Zimmer getreten,« flüsterte Bettje. Nach einiger Weile ließ sich da unten eine junge Stimme vernehmen; dann ein Schrei ... Es war ein Aufschrei. »Himmlischer Vater!« jammerte Bettje, stürzte zum Zimmer hinaus und von da auf die Treppe. Die Tanzmamsell stand unten im Hausflur und fuhr sich mit der Hand über die Augen, während sie mit der Rechten den Griff der Stubentür umfaßt hielt. Gleichzeitig war Leopold Derksen gesenkten Kopfes nach draußen gegangen. »Bleiben Sie oben,« sagte die Tanzmamsell und legte dabei den Zeigefinger der linken Hand gegen die Lippen. Da drehte sich Bettje schweigend herum und ging mit ihrem armen, erstaunten Gesicht wieder ins Zimmer. Und da drinnen – in der Stube, vor deren Tür die Tanzmamsell mit verweinten Augen stand und in ihrer tiefen Not und Erwartung vermeinte, ihr Herz müsse zerspringen: da waren die beiden .. Und der Schrei von so eben ... Luise hatte ihn ausgestoßen; dann war sie rücklings getaumelt und hatte sich an einer Kante des Tisches gehalten. Johannes stand vor ihr. Er hielt den Blick starr auf sie gerichtet. Eine große Veränderung prägte sich seinem Gesicht auf. Die gefalteten Hände, der Schmerz, der seine Züge entstellte, erzählten, was in ihm vorging. Sein Antlitz war bleich wie der Tod; es schien so, als wenn auf seinen Lippen ein Blutstropfen stände. Eine quälende Minute verging. Endlich ließ er den starren Blick von ihr ab und wandte seine Augen ins Licht, als ob er aus einem schweren Traume erwache; dann fragte er mit heiserer Stimme: »Also – du bist bei denen im Kloster gewesen?« »Ja – ich bin bei denen gewesen.« »Und du bist aus freien Stücken gegangen?« Sie antwortete nicht. »Willst du nicht sprechen?« fragte er mit zuckendem Munde, indem er die Augen wieder zu ihr emporhob. Da griff sie mit beiden Händen um seinen Hals. »Ja, ich will,« sagte sie hastig, gab ihn aber wieder frei und verfiel in ihr voriges Schweigen. »Und du bist aus freien Stücken gegangen?« wiederholte er nochmals. Ein leises Zittern überflog ihren Körper. »Ja – und nein,« sagte sie endlich und mit trockenem Schluchzen. »Ich bin nun einmal so,« stieß sie krampfhaft hervor, »ich kann nicht dafür – ich hab's dir schon früher gesagt ... Ich betäubte, belog mich ... und da ist der Mensch mit den heiligen Worten zu mir gekommen ... und aus den Worten sind böse Gedanken gewachsen ... und aus den Gedanken ...« Sie sprach nicht weiter. Langsam wich sie zurück. »Du,« sagte er unstet und zögernd, als blieben ihm die Worte auf den Lippen kleben, »so muß ich wohl annehmen, daß du es wegen des andern Menschen getan hast.« Mit verstörten Augen war er näher getreten. »Tue mir nichts!« rief sie mit verhaltenem Aufschrei. »Ich?« fragte er heftig. »Nein – ich tue dir nichts.« Er schüttelte leicht mit dem Kopf. Alles, was von Aufregung in ihm gewesen, schien erdrückt und war einer dumpfen Ruhe gewichen – eine Ruhe, die an die lähmende Stille des Kirchhofes erinnerte. »Schon öfters habe ich in dieser tiefen Not gesteckt,« sagte er schartig. »Damals zwischen den Wiesen ... Deine Augen aber machten mich wieder zufrieden. Dann, als ich nach Elten mußte ... Dein Kuß nahm mir die grimmige Not aus dem Herzen. Jetzt aber ist sie zum dritten Male gekommen und ist mir bis zur Kehle gestiegen.« Erneut griff der Sturm in seine gemarterte Seele. Die Zeit der Selbstbeherrschung war nur wie eine fliegende Sekunde gewesen; er hatte das Gefühl, als wäre in seinem Innern etwas zerrissen. »Ich halt's nicht mehr aus! – Es will mich erwürgen ...!« »Johannes ...!« rief sie entsetzt und beugte sich rücklings. »Also – der Mann mit den heiligen Worten ...?!« »Ja.« »Und der andere ...?« »Ja – ich war in Versuchung.« »Und jetzt ...?« »Sie ist vorüber. Bitteres Weh ist barmherzig gewesen und gab mir Erkenntnis, und wie ich erkannte, da ist auch die Sünde von mir gewichen.« Heiße Tränen waren ihr in die Augen geschossen, und da sah er, wie die Verzweiflung sie packte. »Das kommt wieder,« sagte er mit schmerzlichem Anflug. »Das ist gerade so wie bei Hochwasserzeiten. Die kommen alljährlich und gehen alljährlich und finden kein Ende. Und wenn man da einen Deich vorlegen wollte – die Wasser machen schon rechtschaffene Arbeit. Sie gehen ihren vorgezeichneten Weg. Und wenn sie auch anders wollten – sie können nicht anders. Sie müssen besorgen, was eine dringliche Macht ihnen vorschreibt. So ist das von jeher gewesen. Und wie das mit den Hochwasserzeiten ist, so ist das auch mit dem, was du in der Brust hast, beschaffen. Das kommt immer wieder, Luise.« »Nein – das kommt nicht wieder!« Sie war hart an seine Seite getreten; er fühlte ihren Atem und sah das Leid, das ihr ankam. »Es ist besser so,« sagte er leise, »besser, daß es sich jetzt entschieden hat, als wenn es noch lange gewährt hätte; denn es mußte mal kommen. Ich sah den Tag voraus, wo mein Glück in Scherben ging. Aber daß er so früh kam ... Es tut zwar weh, wenn ich glauben muß, daß es gut für uns beide ist, daß er so früh kam.« Mit einem erstickten Aufschrei war sie bei ihm und hatte seinen Mund mit ihren Lippen geschlossen. »Sprich nicht weiter,« schluchzte sie mit verzehrender Inbrunst. Mit sanfter Gewalt machte er sich los aus ihrer starren Umarmung. Da wich sie zurück, aber ihr Gesicht war wie das einer Toten geworden. »Du sollst nicht mehr sprechen,« keuchte sie tonlos. »Meine Sache ausreden muß ich.« »Und da willst du ...?« »Ja,« sagte er mit einer unendlichen Ruhe. »Ich will gehn. Es ist schon das Beste; ich will gehn und mir ein anderes Stückchen Erde gewinnen. Ich finde sie zwar nirgends wieder – die niederrheinische Erde, das Land meiner Kindheit. Aber was soll ich noch länger? Die Trümmer meines Glückes zusammenlesen, sie wieder mühsam vereinen ... ? – Und wenn ich es täte – es sind immer nur Scherben. Und selbst, wenn ich die Kraft besäße, manches, was nun einmal geschehen ist, ungeschehen zu machen, wenn wir beide noch so wären wie früher – ich kann mir nicht helfen: über dir und mir liegt etwas, das nicht fort will und da bleiben wird, bis es zu spät ist. Es liegt auf den Feldern, auf den bedrückten Menschen; es will in deine Seele hinein. Es ist der Blick eines jungen Raubvogels mit unbeweglichen Augen. Nein, es ist schon besser, Luise ... Das sind so meine schweren Gedanken. Ich kann sie nicht von mir nehmen und anderswo hintun. – Ich muß schon fort; wir müssen uns eben vergessen – und ich muß zusehen, wie ich es über mich bringe, vergessen zu können.« »Und das wegen des Mannes mit den heiligen Worten?« Ein schmerzliches Zucken ging über ihr Gesicht, als sie das sagte. »Ja.« »Und weil ich daran war, durch meine Gedanken in Sünde zu kommen?« «Ja.« »Und deshalb willst du jetzt von mir, Johannes?!« »Ja,« sagte er ruhig. Da ging es über sie hin wie ein Sturmwind. Sie glaubte, den Ruf geborstener Glocken zu hören. Mit wilder Leidenschaft war sie näher getreten. »Und wenn du das tust,« rief sie mit gellendem Aufschrei, »dann tue auch dieses ...!« Mit beiden Händen hatte sie in den Ausschnitt ihres Kleides gegriffen und zerriß es, daß die rosige Nacktheit ihrer jungen Brust hervordrang. »Du – dann habe aber auch den Mut, vorher dein Messer da hinein zu stoßen. – Johannes! – Geliebter...!« Mit trunkenen Augen und heißen Lippen hatte sie ihre Arme um seinen Nacken geworfen. »Lach doch, Johannes! – Lach doch, Johannes ...!« und sie lachte selber, aber es war ein entsetzliches Lachen, das allmählich erstarb, um dann zu einem bitteren Schluchzen zu werden. Und da fühlte sie, wie er sie an sich zog, immer fester und fester ... wie er den Kopf niederbeugte und mit seinem Mund ihren Scheitel berührte. Und niemand sah es – und die Tanzmamsell saß einsam im Flur auf der Treppe und hatte ihr Köpfchen mit den verweinten Augen in die Hände gelegt und hielt Wache da draußen, daß keiner den Frieden störe, der sich angeschickt hatte, seine Hand allversöhnend auf zwei verwundete Herzen zu legen, die willens gewesen, sich für immer zu trennen. Und die Tanzmamsell fühlte, daß sich alles zum Guten gewendet, und wie sie das fühlte, da waren ihr so fremde und schwere Gedanken gekommen, und diese Gedanken bohrten sich in ihre Seele hinein und zeigten ihr den jungen Zimmermeister, wie sie ihn öfters gesehn hatte, wenn er in all seiner Kraft, mit sinnigen Augen und ernster Stirn zwischen seinen Gesellen hantierte. Sie konnte nicht von ihm lassen, und da glaubte sie, daß sich ein böses Ding in ihre Seele hineinfressen wollte ... »Du hattest ein Glück in Händen – und hast es von dir gegeben ...« Sie trieb ein frevelhaftes Spiel mit ihren Gedanken. »Ja – du hast es von dir gegeben und hast doch selber so ein großes Dürsten nach Liebe ... Aber das ist ja alles erbärmlich – erbärmlich!« Mit toten Blicken sah sie zur Linken. Da in ihrem Zimmer war das Glück, das sie für die andere geopfert hatte. »Es ist gut so,« sagte sie schmerzlich, erhob sich von den Treppenstufen und ging lautlos nach oben. – Der Abend ging in die Nacht hinein, die Nacht in den Morgen – und als es hellichter Tag geworden, schilpten die Spatzen von den Dächern herunter, was inzwischen alles passiert war. Und Joseph von Arimathia gedachte in der Frühmesse des verlorenen Schafes. »Ich war ein guter Hirt und versuchte meine Schafe zu hüten. Allein die Schafe sind aus der Hürde gebrochen, irrten ins Weite und sind zwischen die Dornen geraten, um dort zu verderben.« Und die Betschwestern, die der Frühmesse beiwohnten, steckten die Köpfe zusammen, und da sagte die eine: »Sie wollte doch ein Nönnecke werden.« Und da sagte die zweite: »Ja, das wollte sie, aber er hat sie 'rausgeholt mit seinen Zimmermannshänden.« »Wie's der fette Doktor Martin Luther gemacht hat,« konstatierte die dritte. »Aber dafür hat ihn der leibhaftige Deuwel mit dem Hals an seine Bettstellage gebunden,« sagte die erste. »Kann ihm auch noch passieren,« ergänzte die zweite. »Amen,« sagte die dritte. – Als Johannes Wesselink jedoch in aller Herrgottsfrühe auf die Straße hinaustrat, begegnete er nur schadenfrohen Gesichtern. Die Kinder lachten, und die großen Menschen zogen höhnisch die Mützen. Sie zeigten mit Fingern auf ihn. Und als er sich wandte, da stand auf seiner Haustür mit Kreide und ungelenken Buchstaben geschrieben: »Pfui, Nonnenhannes!« Mit bitterem Lächeln las er die Inschrift. Er dachte nicht an sich und die schwere Beschimpfung. Er mußte an etwas anderes denken. »Arme Heimat!« sagte er traurig. X Der Boden wankt »Mama,« sagte Pitt Hoffmann, »alles auf dieser Erde hat seine Bestimmung,« wobei er das Wort ›Mama‹ so wehmütig betonte, als habe eine Unke gerufen. »Wie sich das gehört;« versetzte Frau Hoffmann. Sie war bereits in Hut und Mantille und hantierte an ihrem wachsledernen Handtäschchen herum, in welches sie verschiedene Gerätschaften, die sie bei Ausübung ihrer menschenfreundlichen Kunst nötig hatte, hineinpraktizierte. »Mama – und soll ich dir das mal erklären?« sagte Pitt Hoffmann. »Wenn's nicht zu lange dauert,« meinte die Dicke, »ich habe noch bei Schandarms zu bedienen. Die Frau ist pünktlich wie unser Julius mit die lateinischen Hefte. Und ihr Mann erst – der ist die Pünktlichkeit selber.« »Weiß ich,« entgegnete Pitt und machte dazu eine pompöse Geste mit seinen schlenkrigen Fingern. »Alljährlich ein größeres Protokoll – alljährlich so 'n Schreihals. Zehn lebendige Kinder! – Der reinste Kaninchenstall!« »Aber mein Salär ist man dünne,« sagte das pummelige Weibchen und ließ das Schloß ihres Handtäschchens einschnappen. »Weiß ich,« konstatierte Pitt Hoffmann, »da springt nicht mehr heraus, wie der jährliche Mist wert ist von zehn Kaninchen zusammengenommen. Und nun, Mama, die Geschichte – denn alles auf dieser Erde hat seine spezielle Bestimmung. Das steht im Kalender für Zeit und Ewigkeit wörtlich geschrieben.« »Zum Beispiel?« fragte Frau Hoffmann. »Die Freimaurer – damit wir ebenso genau wie die in Amerika mit Kamelen aufwarten können.« »Wer sagt das?« »Alban Stolz. Dann ferner die Zivilehe – damit auch lebendige Selbstmörder herumlaufen können, denn so Kopulierte sind lebendige Selbstmörder. Der Leib ist zwar noch immer mobil, aber die Seele ist tot und stinkig geworden.« »Wer sagt das?« »Alban Stolz. – Desgleichen die Frösche.« »Wieso denn?« »Um lauthals: Calvin, Calvin, Calvin! zu quaken.« »Wer sagt das?« »Alban Stolz.« »Das muß ja ein grundgelehrter Mann sein!« erstaunte sich Frau Hoffmann und ergriff ihr Ledertäschchen. »Der?!« sagte Pitt mit einem überlegenen Lächeln, »der bedeutet mehr wie die heidenmäßigen Kerle Schiller und Goethe. Der ist 'ne Gotteslaterne und erleuchtet die dämlichsten Köpfe.« »Nu kann ich wohl gehen?« »Ich bin noch nicht fertig, Mama« sagte Pitt Hoffmann. »Die Frau Schandarmin kann warten mit ihrem poweren Salär. Du kannst noch immer früh genug das elfte Karnickel in den Familienstall hineinkomplimentieren. Jetzt komm' ich an die Reihe.« »Du?« fragte Frau Hoffmann. »Ja – weil ich dafür sorgen muß, daß der neue Turmhelm nicht vom Nonnenhannes, sondern von Therese ihrem Schwager gemacht wird. Und dann kommt das an die Reihe« – und er deutete auf das Eckschab, auf dem die Bouteille mit Wacholdergeist stand – »weil mir das stärkt, wenn ich die Toten begrabe. Und dann kommt das an die Reihe« – und er zog ein Stück Kreide aus der Tasche – »weil es praktikabel ist, Namen von solchen an die Türen zu schreiben, die es wegen ihrer Miserabeligkeit doppelt und dreifach verdienen. Und so möge es allen ergehen ...« »Christus!« warf Frau Hoffmann ängstlich dazwischen, »also das mit dem ›Nonnenhannes‹ ...?!« »Ruhe, Mama,« sagte der salbungsvolle Beamte und ließ ganz ergeben und sachte die schweren Augendeckel herunter, »immer Ruhe, Mama; das braucht niemand erfahren. Gute Werke wollen nicht an die Luft; sie wachsen am besten in Mistbeeten, die Strohmatten über sich haben. Alles muß im geheimen, so im Dustern bleiben.« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann. Sie war ordentlich erschauert unter den Worten ihres Mannes, denn sie hatten so gemessen und feierlich geklungen, gerade so feierlich und gemessen wie die weiche Erde auf dem Kirchhof, wenn bei einem Begräbnis der erste Spatenstich auf den schwarzlackierten Sargdeckel rumpelt. »Und nun gehe man mit Gott zur Frau Schandarmin,« sagte Pitt Hoffmann, »laß dir aber mit gutem Kaffee traktieren, denn mehr kann so 'n königlich preußischer Beamter doch nicht bezahlen,« und damit dienerte er seine Frau bis zur Haustür, ging wieder zurück und trat, nachdem er sich am Eckschab gestärkt hatte, ans Fenster. Die langen Hände auf den Rücken gelegt, sah er auf die Straße hinaus, aber recht lange und mit viven Augen, ob der Mensch mit dem Tonpfeifenstummel und dem blauleinenen Kittel, den er schon seit Monaten vermißt hatte sich noch immer nicht einstellen würde. Aber er kam nicht. »Himmel Zackerment noch einmal! – Henn Seegers ist, doch schon lange gefällig geworden ...« Aber er kam absolut nicht. »Und Fritz van de Horst ...« Nichts ließ sich sehen. »Schlechte Geschäfte,« sagte Pitt Hoffmann. »Seit Ingelaat keine menschliche Seele ...!« drehte sich gelassen herum, um einen Frühschoppen bei Marie Janssen im ›Ridder‹ zu trinken. Es war auch besser so, daß er auf diesen Gedanken verfiel, sonst wären ihm die Beine vor langem Warten noch in den Körper gewachsen, denn Wochen vergingen Monate vergingen, fast ein ganzes Jahr verging, bevor, der Kerl mit dem grindigen Gesicht wieder vorsprach, mit den Händen in den Hosentaschen durch die Straßen latschte und stumpfen Auges in die Fensterscheiben hineinsah. Und wie der erste Tote aufgebahrt wurde ... Inzwischen hatte Jans Prußt die schöne Anna Derksen geheiratet; die Tanzstunden nahmen ihren regelmäßigen Fortgang, und Bettje Theißen schlug in der Turnhalle so andächtig und seelenvoll das Triangel, während die alte Baronin aus Sparsamkeitsrücksichten zur Masurka, Quadrille und Polka aufpfiff, daß es den Tanzbeflissenen ordentlich bis in die Zehenspitzen hineinfuhr, und sie die besten Fortschritte machten. Und Julius Hoffmann, der Quartaner Julius Hoffmann, kletterte dann auf das Fensterbrett und sah mit finnenblütigem Gesicht und gierigen Augen in die erleuchtete Turnhalle hinein, wo sich all diese Herrlichkeiten abspielten und seine jugendliche Seele bewegten. Da waren Toni Küppers und Klara Horré, die Söhne des Notars und die anderen alle; selbst Adele Knipp hatte sich schließlich noch einschreiben lassen. Auch Fränkel Haas, dem Jud Haas sein ältester Junge, der die besten griechischen Extemporalien machte und immer ein Gewürznägelchen kaute, um einen feinen Atem zu haben, war ebenfalls mitten dazwischen, hatte seine krausen Haare mit Rindspomade eingefettet und komplimentierte jetzt schon so nobel herum, als wäre er mit seinem Vater niemals auf den Kuh- und Ziegenhandel gegangen. Das wurmte Julius, denn er selber durfte nicht mittun; dafür aber ließ er die allerliebste Tanzmamsell nicht aus den Augen. Früher hatte er Toni Küppers geliebt; jetzt aber ... Er wunderte sich Stein und Bein, was er für ein Einfaltspinsel gewesen und überlegte sich, ob er Pauline von Satzenhofen nicht einmal heiraten könne. Dabei war er eifersüchtig wie ein türkischer Pascha, weil Fränkel Haas jede Gelegenheit benutzte, sich an seine Auserwählte heranzudrängeln, um mit ihr in Berührung zu kommen. Nein – die verliebten Augen von Fränkel ...! – Julius stand Judasmartern aus; aber er tat es ja gerne. Er wollte alles ertragen, er wollte fleißig studieren und es zu der höchsten Staatsstelle bringen, wenn Pauline nur ein Einsehn hätte und ihn heiraten würde. Sogar der Plan einer Entführungsgeschichte nahm unter der blauen Quartanermütze schon so halber Fassung und Form an. Er grollte seinen hartherzigen Eltern und malte sich ihr Erstaunen aus, wenn es eines Tages heißen würde: Julius spielt die Rolle des trojanischen Paris. Ja, die wollte er spielen, wenn es zum Äußersten käme. Nein – wie es da drinnen flirrte und blitzte! – Und die tanzenden Paare – und die Tanzmamsell selber ...! – Er hatte noch niemals in seinem Leben so zierliche Schultern gesehen. Und die hatte sie. Und erst die bauschige Krinoline – und die Lastingschühchen – und der feine Ansatz des weißbestrumpften Beines, wenn sie die Röckchen zurücknahm, das Füßchen vorstellte, um die erste, zweite und dritte Position des schwierigen Rheinländers deutlich zu machen ...! – Und die lieblichen Bäckchen ...! – Er konnte nicht anders: er mußte an die schöne Rundung von zwei Pfirsichen denken. Und Pfirsiche kannte er; er hatte sie öfters vom Spalier des Herrn Doktor Steinberger gestohlen – zierliche, runde, rötliche Pfirsiche, mit einem duftigen Hauch überflogen ... Und Julius machte weite Nasenlöcher – und Bettje Theißen schlug das Triangel – und die alte Baronin ... Gott ja! – seine zukünftige Schwiegermutter sollte es wirklich gut bei ihm haben – und die alte Baronin pfiff dazu wie so ein ausgelernter Kanarienvogel ... Und dann war Sinter Klas gekommen, und der dritte Advent kam und schneite die Wiesen ein und stopfte den alten Weidenköpfen Watte ins Maul, und die Weihnachtsglocken sangen und riefen: »Friede den Menschen auf Erden!« Allein der Friede ließ auf sich warten, und als über die überschwemmten Wiesen sich eine glänzende Eisdecke legte, die heiligen drei Könige den Stern von Bethlehem wieder in die Pappschachtel taten, da führte Johannes Wesselink sein junges Weib aus der Posthalterei unter sein schlichtes Zimmermannsdach, legte die Arme um sie und sagte: »Hier sollst du es gut haben, Luise,« und dann zeigte er ihr die Kammer ... und die Sterne waren aufgegangen am Himmel. »Gerade wie damals,« dachte das junge Weib. Aber damals standen sie in laulicher Sommernacht, und das Korn rauschte herüber. Die Wachtel lockte im Feld, und ein warmer Duft ging über die befruchtete Erde. Und jetzt? – Schnee und fröstelnde Sterne – und der Männergesangverein ›Concordia‹ war am späten Abend heimlich gekommen, hatte sich in der Nähe des Zimmermannshauses gruppiert und wartete auf ein gegebenes Zeichen. »Fertig,« sagte Pitt Hoffmann, und wie er das sagte, steckte jedes Mitglied zwei Finger in den Mund – jedes zwei Finger. »Eins, zwei, drei!« kommandierte hierauf der Herr Dirigent, wobei auf ›drei‹ ein so infames und gellendes Pfeifen ertönte, daß die Scheiben der benachbarten Häuse[??r??] davon in ein gelindes Klirren gerieten. Dreimal pfiffen die Kerle, schrien noch unisono »Nonnenhannes soll leben!« und waren dann auf dem weichen Schnee wie auf lautlosen Socken in den zunächst gelegenen Gassen und Straßenecken verschwunden. »Die pfeifen den dreißigtausend Talern nach,« sagte Bettje Theißen, die bereits in den Federn lag und von dem niederträchtigen Ständchen des christkatholischen Männergesangvereins ›Concordia‹ unsanft aufgeschreckt wurde, »und das nennt man Toleranz und christlich Benehmen!« und dann legte sie sich wieder auf die Seite und träumte von den Johannisfeuern, die auf den Deichen und in der Niederung brannten. Die Feuer aber brannten nach Kleve und andere dem Rhein zu und leckten mit ihren gierigen Zungen gen Himmel. Und Bettje machte in Gedanken heilige Augen, denn sie war glücklich, ach, so glücklich im Traume! – Und ihre Einwohnerinnen ...? Die alte Baronin war schon schlafen gegangen. Die Tanzmamsell aber saß noch am Fenster im Wohnzimmer und sah über den Platz fort, auf welchem die eingeschneiten Hölzer im fahlen Dämmer lagen und Winterschlaf hielten. Sie hatte ihr Köpfchen in die linke Hand gestützt und beobachtete unentwegt das erleuchtete Fenster im Zimmermannshause, hinter dem die Kammer war, wo sich die jungen Hochzeitsleute befanden. Ab und zu lief ein scharfumgrenzter Schatten über die klarhelle Fläche des Vorhangs. Der Ärmsten war dabei so wunderlich und weh ums Herz, als wäre um ihr ganzes Fühlen und Denken ein Dornenkränzlein geflochten. Sie wußte nicht warum, aber eine tiefe Wehmut ergriff sie; sie mußte an so vieles denken. Eine weite Landschaft tat sich vor ihren Blicken aus. Sie war ganz allein in der Landschaft, und die Landschaft war einsam und leer und trostlos; nur jenseits des dunklen Waldes, der den Horizont abgrenzte, stand ein verheißungsvolles Licht ... Ach, wer da hineinfliegen könnte ...! – aber ihr waren keine Flügel gewachsen, und sie konnte nur tränenfeuchten Blickes hineinsehn ... So saß sie wohl eine Stunde und länger und sah auf das erleuchtete Fenster, hinter dem sich hin und wieder zwei glückliche Menschenkinder bewegten. Jetzt verlöschte der Lichtschein. Da schlug sich die arme Tanzmamsell die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. – Die Tanzstunden nahmen ihren ruhigen Fortgang, und Joseph von Arimathia ging mit verbissenem Gesicht umher, konnte die ihm durch Doktor Steinberger angetane Schmach nicht vergessen, sorgte aber im stillen dafür, daß die leidige Affäre zu Ohren des Generalvikarius in Münster gelangte, während Miekske sich mit der gescheiterten Hoffnung, Tante zu werden, abfinden mußte, eifrigst ihrer Nähschule vorstand und gewissenhaft dafür sorgte, den Inhalt der ›Malör-Penning-Kasse‹ immer mehr in die redlich verdiente Blüte zu bringen. In dieser Hinsicht hatte die sonst so gutmütig veranlagte Person kein Erbarmen. Jede Ungebühr wurde, ohne lange Fisematenten zu machen, verkupfert, und da Miekske durch regelmäßige Übung so hellfindig wie eine flinke Küchenschabe geworden war, so wurde auch der geringste Verstoß gegen die Nähschulordnung in Tribut und Verpflichtung genommen, denn soviel stand fest: trotz der ganz miserablen Lage der Kirche, trotz des durch die Wicken gegangenen Ingelaat'schen Kapitals – in diesem Jahre war sie nicht mehr gesonnen, den Inhalt der ›Malör-Penning-Kasse‹ zu opfern. Und wie auch Therese und die Frau Rektorin Hartjes ihr vorstellten, der veränderten Sachlage Rechnung zu tragen, Miekske blieb standhaft: kein Kastemännchen wurde für kirchliche Zwecke verwendet. Sie wollte sich doch auch amüsieren und den im verflossenen Jahre sistierten Ausflug in diesem Sommer doppelt und dreifach begehen. Das war sie nicht nur sich, sondern auch ihren kleinen Untergebenen schuldig. Zudem hatte ihr Bruder Karlo Antonio bereits eine herrliche Festwiese in Aussicht gestellt, wo alles so feierlich und pompös hergehen sollte, als wäre Miekske in das hundertste Geburtsjahr getreten, ein Vorhaben, das besonders Therese von Arimathia absolut nicht zu billigen vermochte, zumal die Drangsalierung der Geistlichen immer unverschämter und bedrohlicher wurde. Dunkle Schatten legten sich überall hin und bedeckten vornehmlich die niederrheinische Erde. Neue Maigesetze standen in Sicht. Die verflixten Landräte und die verfluchten Kerle in Berlin machten schon Miene, sich vor den Brotkorb der Geistlichen zu spannen und ihn mit Hallo außer Greif- und Sehweite zu fahren. Alle gläubigen Herzen standen unter dem Druck banger Erwartung. Wo sollte das hinführen – und was sollte alles noch kommen?! – Natürlich ließen es die Gemaßregelten an Gegendemonstrationen nicht fehlen. Eigenwillige Köpfe verfielen dem Scherbengericht. Johannes Wesselink, der Kerl mit der preußischen Staatsreligion, wurde geächtet, und das von Rechts wegen, denn sein ganzes Verhalten, seine liberalen Ideen, seine Stellungnahme während des kirchlich-politischen Haders – alle diese Dinge genügten, im klerikalen Heerlager gegen ihn mobil zu machen und das ›Philister über dir‹ mit schallender Kriegstrompete gegen seine Haustür zu blasen. »Wie sich das gehörte,« meinte Frau Hoffmann. Warum auch unterfing sich der Mensch, eine schon halb für den geistlichen Stand prädestinierte Person als seine Hausfrau zu nehmen und mit einem Kapital, das, genau besehen, eigentlich der Kirche und milden Stiftungen zukam, so zu schalten und zu walten, als ob es sein eigenes wäre?! Das war doch schon die höhere Frechheit, erinnerte an Freimaurerhochmut, wie Pitt Hoffmann sich ausdrückte, und drängte gebieterisch darauf, ihm etwas auf die Finger zu kloppen und seine Ehefreudigkeit so'n bißchen tiefer zu hängen. Und wie auch der mildgesinnte Doktor Steinberger abmahnen mochte, wie sich auch Rektor Hartjes, Leopold Derksen und der Posthalter Herr Severin Piepmann auf die Seite des Geächteten stellten – der Stein war ins Rollen gekommen und näherte sich in bedrohlicher Weise dem jungen Liebesglück und dem Anwesen Wesselinks, der das ferne Grollen und Murren nicht unterschätzte und bedenklichen Sinnes, wenn auch selbstbewußt und mit ausgestemmten Ellenbogen, in die Zukunft hineinsah. Maulwurfsarbeit ist eben Maulwurfsarbeit! – und so ein dunkles Miniergeschäft, so gehässig und kleinlich es auch nur immer sein mochte, es blieb immer ein Miniergeschäft, dem die Kraft innewohnte, auch den sichersten Schritt in ein gefährliches Straucheln zu bringen. Neue Bestellungen blieben aus, alte Aufträge wurden zurückgezogen – und als die Sonne schon kräftig genug war, den Schnee von den Dächern lecken zu können, lief ein Schreiben mit beigefügter Bleistiftnotiz vom Stadtrat im benachbarten Griet ein, in welchem Wesselink die Gerechtsame, die Balkensiele für die Entwässerung in der Stadtgemarkung zu bauen, kurzerhand und unter nichtigen Gründen aufgesagt wurde. Und die Bleistiftnotiz selber ...? Eine liebevolle Hand hatte sie in eine Ecke des Schriftstückes gekritzelt. Sie rührte vom dortigen Kirchenrendanten her, der gleichzeitig den Posten eines Bürgermeistereisekretärs versah und mit Therese Vogels verwandt war. Und als Johannes sie las ... da stand klipp und klar und deutlich geschrieben: »Wer sich 'nen Sack mit dreißigtausend Talern unter den Hintern schieben kann, soll auch anderen Leuten was gönnen. Sequestriertes Kirchengut macht nämlich so fett, wie 'ne Ratte fett wird, wenn sie in 'nem Faß mit ausgelassenem Talg sitzt. Die Lieferung auf Balkensiele bekommt Grades Gertzen. Im übrigen gute Verdauung.« Da fühlte Johannes Wesselink, wie sich ihm die Kehle verschnürte. Er stierte dumpf und stumpf vor sich hin, und Luise sah in ihrer Herzensnot, wie der Boden unter den Füßen ihres Mannes immer mehr ins Wanken kam, wagte es kaum, unter die Menschen zu treten, und wenn sie es nicht vermeiden konnte, tat sie es mit niedergeschlagenen Augen. Sie wollte die hämischen Blicke nicht sehen, die so billig und häufig geworden waren wie die übelen Nachreden, denen sie nicht mehr zu entgehen vermochte. »Da kommt die Frau vom [[??Nonneshannens??]] gegangen!« sagten die Kinder; das scheuchte sie auf, und sie flüchtete erregt an die Brust ihres Mannes. Der aber umfing sie mit kräftigen Armen, riß sie an sich und fragte mit tränenerstickter Stimme: »Willst du bei mir aushalten, Luise?« »Ja, das will ich,« sagte sie leise und mit bitterem Herzweh – und dennoch: immer mußte sie an die Kinderstimmen und die Vergangenheit denken. Sie hätte an der Brust ihres Mannes aufschreien mögen; sie hörte wieder die Glocken über dem Walde – gerade wie damals. Und der Duft des blühenden Korns wehte von den Getreidefeldern herüber – und der Atem eines anderen berührte sie – und die Sonne war untergegangen – und die Nacht stieg herauf mit ihren schwülen Aromen ... Der Verführer stand bei ihr. – Pitt Hoffmann machte um diese Zeit eine pompöse Bewegung, trat auf die Türschwelle seines Hauses und sah zu, wie die Schneeschmelze von den Dachrinnen herabträufte, als der Zimmermeister Gertzen mit Schurzfell und einer Handsäge vorbeiging. »Na, Grades,« rief Pitt Hoffmann ihn an, »wie ist das mit die Balkensiele geworden?« »Ausnehmend – über alle Erwartung!« entgegnete Gertzen, »und ich freue mir kolosal, daß der Kerl mit die große Reputatschon neben den Leimpott gegriffen hat. Warum denn? – Weil ich die Balkensiele bekomme, und das bedeutet 'ne kolosale Satisfaktschon für die katholische Kirche. Das ist gar nicht abzumessen die Sache; das gibt 'ne ganze Revolutschon in die preußische Monarchie – und ich frage: warüm denn? – Weil mein Konkurrenzmann der neugebackenen Staatsreligion anhängt, und ich den ultramontanen Standpunkt vertrete. Und, Pitt, du sollst sehn – was da noch all hinterherkommt ... Da muß man zwei Zimmermannsbleistifte verschreiben, um das aufzunotieren.« »Und wer hat die ganze Sache so proper gedeichselt?« fragte Pitt Hoffmann, indem er den rechten Plattfuß vorstellte und Anstalten machte, sich selbstgefällig in den schlenkrigen Hüften zu wiegen. »Nu – ich dächte: ich bin doch auch nicht so ohne, denn jetzt bin ich der Kerl mit dem grindigen Schnabel geworden; dem Verdienst seine Krone. Ich bin berechtigt, mir fühlen zu dürfen.« »Du?« fragte Pitt Hoffmann, und sein glattrasiertes Gesicht nahm einen Zug an, als habe er klitzekleine Mäusekorinthen in seiner Graupensuppe gefunden. »Wieso denn?! – ich habe doch meine Reputatschon als Zimmermannsmeister.« »Du?« fragte Pitt Hoffmann noch einmal. »Natürlich. Wer hätte mir sonst mit die Balkensiele beauftragt?« »Ich,« sagte Pitt Hoffmann und schlug sich dabei auf sein gestärktes Schemischen, daß es ordentlich einen energischen Knall gab, »und das nur allein, um dem Nonnenhannes einen Tort zu erweisen.« »Das freut mir aber kolosal,« entgegnete Gertzen. »Ich glaubte bisher, du wärest nur für die toten und nicht für die lebendigen Menschen zu haben. Ich frage: warüm denn? – Weil ich die Meinung vertrete, daß du dein Brot nur unterm Sargdeckel hervorholst.« »Wenn auch,« erwiderte Pitt, »aber ich habe auch ein Herz für wirklich reelle Leute, und darum bin ich für dich mit meiner ganzen Position in die Verlängerung getreten, und wäre es zum Schlimmsten gekommen – mein Freund Karlo Antonio Pollmann hätte mobil gemacht und wäre mit seinem heiligen Zuavensäbel dazwischengefahren.« »Das freut mir aber kolosal,« sagte Gertzen und schnipste sich mit seinem Zeigefinger einen wasserhellen Tropfen von der Nasenspitze herunter. »Außerdem kannst du dich bedanken bei deiner Schwägerin Therese Vogels und dem Herrn Vikarius. Was die Menschenmöglichkeit war, haben diese beiden geleistet – selbstverständlich, wenn ich meine eigene Person außer Beobachtung lasse.« »Dann bedanke ich mir jetzt schon,« erwiderte Gertzen und hielt ihm die verschwielte Rechte entgegen. »Nichts zu danken,« versetzte Pitt Hoffmann, »und wenn du dich proper im Geschirr hältst, dann kann es noch immer passieren ...« Mit einer geberischen Würde zeigte er aufwärts und sagte: »Da steht noch immer der mulmige Turmhelm.« »Weiß ich.« »Der muß nächstens herunter.« »Weiß ich.« »Und da kann es immer passieren, daß der Kirchenvorstand auf dich verfallen könnte, denn was meine Stimme anbetrifft ...« Mit einer nicht mißzuverstehenden Geste ließ der Sprecher seine Augendeckel herunter. »Aber Pitt, der Mensch mit der kolosalen Reputatschon ...!« »Die wird ihm nächstens vom Leibe gerissen.« »Und Doktor Steinberger ...?« »Ach, der ...!« sagte Pitt Hoffmann in wegwerfendem Ton, »der hat zulängst auf seiner patriotischen Friedensklarinette geblasen.« »Warüm?« »Weil ihm der Generalvikarius nächstens die patriotische Blasepfeife entzwei schlägt. Wir können nur ultramontane Klarinetten gebrauchen. Joseph von Arimathia hat ihm die Sache gestochen, denn es sind hier heidenmäßige Zustände gewesen.« »Pitt, das würde mir aber ausnehmend freuen, wenn ich den Kerl mit der kolosalen Reputatschon von seinem Thronsitz herunter bekäme. Das wäre nicht allein für mir, sondern das wäre auch 'ne große Satisfaktschon für die katholische Kirche.« »Wirst du die Sache aber auch leisten können?« fragte Pitt Hoffmann. »Ich?« erstaunte sich Gertzen und schnipste wieder einen wasserhellen Tropfen von seiner Nasenspitze herunter. »Ich frage dir bloß: hast du jemals 'nen Kerl gesehen, der Karnickels mit lebendigem Leibe verfuttert?« »Ja – auf der Kirmes.« »Und solche, die aus 'nem Hut fünfundzwanzig Ellen seidenes Band, acht Blutwürste, hundert Appelsinen, zehn Unterhosen, 'nen singenden Kanarienvogel nebst Käfig und Inhalt, zwei weibliche Busenkorsetter und schließlich noch – alles aus dem nämlichen Hut – 'nen karpaunierten Hahn mit krähender Stimme herauszaubern können?« »Ja,« sagte Pitt Hoffmann, wußte aber nicht, wo der alte Prahlhans hinauswollte. »Dann sind wir Dakohr,« erwiderte Gertzen, »und ich frage: warüm denn? – Weil diese Kerls ihr Handwerk verstehen, und was die mit die Hüte und die Karnickels vermögen, das bringe ich auch mit dem Turmbau zuwege. Meinen Konkurrenzmann bin ich schon immer mit's Können über gewesen, aber gegen seine kolosale Reputatschon habe ich bisher nicht anstinken können, denn so 'ne Reputatschon ist ein merkwürdiger Vogel – und ich frage: warüm denn? – Sich mal: der eine macht Brötchen mit die feinsten Korinthen dazwischen – und sie werden ihm altbacken. Der andere macht Wassersemmel mit Fliegendreck drauf – und sie gehen ab, als wären es Zuckerbrezel gewesen, alles nur deshalb, weil er die kolosale Renomasche gekauft hat. Und ich danke dir wirklich, daß du endlich dem Kirchenvorstand klar gemacht hast, daß Korinthenbrötchen besser schmecken als erbärmliche Wassersemmel, die außerdem noch Fliegenpunkte besitzen.« »Hab's gerne getan,« sagte Pitt Hoffmann. »Indessen und dennoch – ich komme mir im vorliegenden Falle ungefähr so vor wie unser lieber Herr Jesus Christus am Kreuze.« »Warüm denn?« fragte der Alte und schnipste sich zum dritten Male 'nen hellen Wassertropfen von der Nasenspitze herunter. »Hat Christus nicht allen geholfen?« »Natürlich.« »Und hat er sich selber geholfen?« »Nein,« sagte Gertzen. »Also ...!« dozierte Pitt Hoffmann. »Habe ich dir nicht geholfen?« »Stimmt,« sagte Grades. »Habe ich in Verbindung mit Joseph von Arimathia nicht Miekske ihrem Bruder geholfen, um ihn Rentmeister werden zu lassen? – und dabei die große Ovation vor dem Posthaus ...« »Stimmt,« nickte Grades. »Aber ich,« sagte Pitt Hoffmann, und er machte dabei ein so pompöses und doch so ein wehleidiges Gesicht, wie er es zu machen gewohnt war, wenn er bei einem Begräbnis die Leidtragenden invitierte, näher an die offene Grube zu treten, »aber ich – ich kann mir selber nicht helfen, gerade so wie Jesus Christus nicht helfen.« Mit verwässerten Augen sah er zu Boden und zählte die Ritzen, die sich in der Schwelle befanden. »Warüm nicht?« fragte der Alte. »Stirbt einer?« meinte Pitt Hoffmann. »Wird einer begraben? – So'n Toter ist rar wie 'ne weiße Ratte geworden. – Bis heute hundertfünfundsiebzig Taler fünf Groschen Manko gegen das Vorjahr, und wenn meine Frau mit ihrer medizinischen Wachstuchtasche nicht wäre ... Ich für meine Person kann doch keinen vergifteten Weizen ... hoffe aber noch immer, daß Henn Seegers und Fritz van de Horst ... Diese Kerle sind schon lange fällig geworden.« »Du!« lachte der Alte, »Pitt, wenn du sonst nichts zu begraben hast – diese kolosale Hoffnung kannst du einbalsamieren.« «Wieso denn?« »Schnaps,« sagte Grades, »Boonekamp, den saufen die Kerls, und der präpariert alle menschlichen Kadavers, und wenn es die schlechtsten wären. Warüm? – das hab' ich mal an meiner eigenen Schwiegermutter erfahren, denn die Dökters sagten: Morgen brauchen wir uns weiter nicht zu bemühen. – Ja – piepe, denn wann ist sie alle geworden? – Drei Jahre nachher auf Johanni – und das ist 'ne kolosale Reputatschon für den Boonekamp of Magenbitter gewesen, und die nämliche Sorte ...« »Himmel Zackerment noch einmal!« meinte Pitt Hoffmann, »da sollte man ja den Kerl, der das Zeug in Destillation hat, mit seiner eigenen Bouteille ...« Der Mann mit den Plattfüßen und der geberischen Würde war nahe daran, seine unerschütterliche Ruhe beiseite zu werfen, wäre nicht in diesem Augenblick ein Zimmergesell zu ihnen getreten, der seinem Äußeren nach direkt von der Arbeitsstelle herkommen mußte. »Buschur,« sagte er mit einer gewissen Erregung. »Was los, Dores?« fragte ihn Gertzen. »Ich mache ›blau‹,« war die lakonische Antwort, »und will mir verändern.« »Und da bist du auf mir – auf Grades Gertzen verfallen?« »Ja woll.« »Aber ich dächte, du wärest noch bis heute bei meinem Konkurrenzmann in Stellung gewesen?« »War ich – aber meine Frau hat gesagt: Dores, so geht das nicht weiter, weil der Herr Vikar von der Kanzel herunter gemeint hat, wir dürfen nur von wirklich christkatholischen Meisters Logis und Gelder beziehen.« »Bravo!« sagte Pitt Hoffmann. »Ich also zu Wesselink und sage: Tag, Baas, so geht das nicht weiter. Zu solche Meisters, wie Sie sind, gehören calvinsche Gesellen. Da ich mich aber zu's Katholische bekehre, Sie sich aber mit die preußische Religiosität befassen, so bin ich genötigt, ›entweder – oder‹ zu sagen.« »Bravo!« bemerkte Pitt Hoffmann. »Ja,« bekräftigte Dores, »ich habe mir die Freiheit genommen und bin ihm dabei forsch unter die Augen getreten. Entweder, hab' ich gesagt, Sie lassen Ihr nonnenhaftes Verhältnis schießen und schwören sich von der neuen Religion los, oder ich beziehe mein Salär von heute ab von einer anderweitigen, aber 'ner katholischen Stelle.« »Bravo!« sagte Pitt Hoffmann, »besonders das mit dem nonnenhaften Verhältnis. Gut – sehr gut.« »War's auch, weil's ihn gefuchst hat,« entgegnete Dores, »ganz barbarisch gefuchst hat, denn er nahm ein Beil, hielt's mir unter die Nase und kühmte: Euch Kerle sollte man ja dieses Eisen ... und dann warf er's mit 'ner grandiosen Forsche in 'nen Tannenbalken hinein, daß es man so blitzte und krachte. Da hab' ich gesagt: Adjüs, Nonnenhannes – und bin hierher gegangen.« »Brav so!« meinte Pitt Hoffmann. »Ich nehme dir per sofort,« konstatierte der Alte, »und ich frage: warüm denn? – Weil das 'ne kolosale Satisfaktschon für mir und die katholische Kirche bedeutet. Das gibt 'ne ganze Revolutschon in die preußische Monarchie, denn nu sind wir die Kerle geworden.« »Sind wir,« sagte Pitt mit einem Gesicht, als könne er Berge versetzen, drehte sich halbwegs um und rief über die Schulter: »Mama, drei Wacholder!« »Wie sich das gehört,« meinte Frau Hoffmann, die im Hausflur erschien und die Herren freundlichst ersuchte, die Gute Stube beehren zu wollen. »Höhö, Nonnenhannes ...!« lachte der Alte, als sie die Wohnung betraten. – Und das Beil ...? Da stak es noch immer. Fingertief hatte sich die bissige Schneide in den harzigen Balken gefressen und sah mit blankem Auge auf Johannes Wesselink, der mit zerrissenem Herzen davor stand und sich vergegenwärtigen mußte, was soeben passiert war. Nur mit Mühe geschah es; es kam ihm schwer an, seine Gedanken zu ordnen. Drüben standen die anderen Gesellen; sie taten, als wenn sie nichts gesehn und gehört hätten. Sie schafften wie an den übrigen Tagen. Monoton klang die taktmäßige Arbeit ihrer scharfen Beile herüber. Es war ja eigentlich auch gar nichts geschehen. Daß ein unzufriedener Geist seinem Brotherrn aufkündigte, konnte nicht allzuschwer in die Wagschale fallen. Es gab auch sonstwo rebellische Köpfe; aber das fühlte Johannes: es lag Prinzip in dem ganzen Verhalten seines ersten Gesellen – und dieses Prinzip war nicht auf dessen Grund und Eigen gewachsen. Es war von auswärts gekommen, und in dieser Erkenntnis lag für ihn das Quälende und Niederziehende des soeben Durchlebten. Von diesem Durchlebten strömte eine gebieterische Macht aus. Die zeigte nach unten, und da sah auch er, wie der Boden wankend wurde unter seinen eigenen Füßen. Und das Beil in dem liegenden Baumstamm ...! – Wie es aufblitzte mit seinem gierigen Auge und sich gleichsam freute, sich eingefressen zu haben in die Masern des widerspenstigen Holzes! – Ach, wenn man es doch so hineintreiben könnte in die Machenschaften jener düsteren Kräfte, die sich anschickten, immer tiefer in die Herzen und Seelen der niederrheinischen Menschen zu kriechen ...! Johannes Wesselink stieß einen verhaltenen Laut aus. Eine quälende Unruhe beschlich ihn. Er horchte, als müsse er die Schritte des Glückes vernehmen. Aber das Glück kam nicht; keine Tröstung stellte sich ein. Da wandte er sich – und wie er sich wandte, da sah er das liebe Gesicht der Tanzmamsell hinter den Scheiben. War das das Glück? Er schüttelte langsam den Kopf; dann verließ er gesenkten Hauptes den Zimmerplatz und ging den nahegelegenen Wiesen zu, um sich dort Ruhe und Vergessen zu holen. Er schritt mit seinen Gedanken über den mächtigen Deich, den auch Joseph von Arimathia gegangen war, als auch er in seiner wirren Gedankenflucht sich die nötige Ruhe zu holen gedachte. Aber ihr Denken war verschieden – gänzlich verschieden gewesen. Und Johannes Wesselink hob den Kopf und sah in die Landschaft. Da lag sie vor ihm: die weite Ebene, das Land seiner Kindheit und des Mannesalters, die träumerische Erde, die ihm sein Weib gegeben hatte – und sie lag da in ihrem winterlichen Kleid, aber mit einem Gesicht, in dem schon die Ahnungen des kommenden Frühlings erwachten. Weiße Decken überspannten die Niederung; nur ab und zu drängten sich grüne Streifen ans Licht, und die Pfriemenschöpfe der alten Kappweiden standen ernsthaft dazwischen und wunderten sich, daß sie noch immer weiße Perücken trugen und noch keine grünen Häubchen bekamen. Aber die Schneeschmelze tropfte bereits wie große Tränen an der rissigen Borke herunter. Feierlich stakelten etliche Windmühlen mit ihren langen Armen durch die ruhigen Lüfte. Ein seltsamer Duft lag über den schneeblauen Wäldern von Moyland. Von dorther kam ein dunkler Punkt, der größer und größer wurde. Jetzt schwamm er fast regungslos und in großen Kreisen als Vogel dem einsamen Menschen zu Häupten. Es war ein Edelfalk, der dort oben revierte. Mit einer wunderlichen Traum- und Nebelstimmung sah Johannes über die noch schlummernde Erde. Bald mußte sie erwachen. So war das immer gewesen. Die große Angelusglocke brummte von Sankt Nikolai herüber – und wie sie herüberbrummte, da glaubte er, ihre Stimme vermöge das schlafende Leben zu wecken, denn wie er zu Boden schaute, begegnete er lieblichen Blicken ... »Himmelsschlüssel ...!« sagte Johannes. Wirklich – die Heimat erwachte! – Ja, sie erwachte mit ihrer Reinheit, mit ihrem Zauber, mit ihren Stimmen, so lieb wie die Stimmen der Kinder, die da beteten, bevor sie zum Abendmahl gingen. Die Heimat sprach zu ihm. Und er streckte die Arme. »Und für das hab' ich auf den Höhen von Spichern gestanden,« sagte er tonlos, »und das möchte ich nicht mehr missen im Leben. Und für das ist Gerhard Brükers gefallen – und für das und für die Einheit des Reiches haben so viele die Arme gen Himmel gestreckt und gerufen: Adieu, Vater, adieu, liebe Mutter! und sind dann kopfüber getaumelt in den blutigen Rasen ... Es lebe die Heimat ...!« Er sprach nicht weiter. Über ihm stieß der Edelfalke einen heiseren Schrei aus. Krähengezücht und Dohlenvögel hatten sich an ihn gemacht und suchten, ihm die Flugkraft zu nehmen. Noch war er ihrem Angriff gewachsen, aber die schwarzen Vögel mehrten sich ständig. Wie eine dunkle Wolke stießen sie auf den königlichen Flieger und hüllten ihn ein. Noch ein verzweifelter Schrei – dann ging es talwärts. Langsam senkte sich die dunkle Wolke zu Boden. Hinter fernen Pappelkronen verschwand sie. Und Johannes sah es und fühlte die Bedeutung des Vorgangs. Florigen Auges sah er über die weißen Decken der Niederung und sagte: »Und das soll Schnee sein, und was dazwischen herauswill, das soll Hoffnung und Frühlingsfreude bedeuten?« Er lachte bitter auf. »Das ist kein Schnee nicht, das sind keine Himmelsschlüssel,« meinte er schließlich. »Das sind Sterbelaken, die ein unversöhnlicher Geist über die Erde gespreitet, und Totenlämpchen, wie sie brennen am Tag Allerseelen, aber keine Primeln – ich weiß doch, wie sonst die Himmelsschlüssel mich grüßen.« Er war weiter gegangen, aber hier draußen hatte er auch nicht den ersehnten Frieden gefunden. – Und die Tage vergingen. Die fröhliche Fastnacht war nicht mehr fern. Die alte Baronin pfiff noch immer zum Tanz auf, und Bettje Theißen schlug dazu das Triangel mit stiller Andacht und großen Augen. Und Julius Hoffmann sah allabends durch die erleuchteten Scheiben und konnte sich nicht satt sehn an all der Herrlichkeit und den tanzenden Paaren. Und eines Tages bestimmte die Tanzmamsell: »Übermorgen ist Schlußball.« »Fein,« sagte Bettje. XI Alter Sünder! Es war am Abend vor dem Schlußball, als die dicke Therese von Arimathia bei Frau Hartjes vorsprach, um ein Plauderstündchen im allgemeinen zu halten und dann nebenher und so ganz im besonderen etliche Tagesfragen, Angelegenheiten des Paramentenvereins und diverse Neuigkeiten unter nähere Beleuchtung zu rücken. Frau Hartjes hatte ihren Besuch auf das Sofa komplimentiert. Die Abendmahlzeit war schon lange beendet. Der Tisch stand gesäubert und war mit einer geblümten Spreite versehen. Die Stehlampe mit dem rosigen Gazeschleier warf einen gemütlichen Schein durch die Stube und war ganz dazu angetan, das anregende Gespräch der beiden Damen mit seinem milden Licht sanft zu verklären. Keine unliebsame Störung drängte sich unvermittelt in die behagliche Stimmung. Der Herr Rektor hatte sich bereits in sein Studierzimmer zurückgezogen, saß bei den Extemporalienheften seiner Quartaner und handhabte in aller Gemütsruhe und mit dem seelischen Gleichgewicht eines weltweisen Mannes den drakonischen Rotstift. Die beiden fanden somit ein ungestörtes Operationsfeld, suchten es nach Kräften auszunutzen und ließen auch die kleinsten Details nicht außer Obacht. Auch in den entlegensten Ecken gab es noch immer so ein neugieriges Körnchen, das gepickt werden mußte. Die Paramentenangelegenheiten hatten bereits ihre Erledigung gefunden, von Karlo Antonio war man auf Luise, von Luise auf Bettje Theißen gesprungen, hatte die religiöse Bewegung splitterfasernackt entkleidet und war dabei einig geworden, der Regierungsgewalt einen mit Kuhdreck beschmierten Knüppel zwischen die Beine zu schieben, als Therese ihre gallertartigen Finger ergebungsvoll zusammenlegte, ihre Partnerin wehmütig ansah und in die trostlosen Worte ausbrach: »Ich kann mir nicht helfen, Frau Rektor, aber alles hat seine Schwungkraft verloren. Ich glaube, das Jüngste Gericht will kommen. Es ist 'ne Revolution in die Welt, wie mein Schwager Gertzen gesagt hat.« »Wie meinen Sie das, Fräulein Therese?« »Je, wie das so ist in die Welt!« sagte die Dicke. »Alles konträrig. Bettje Theißen wird täglich unverschämter und frecher. Ein dreckiger Spatz, der auf einem Roßapfel sitzt, ist eine unschuldsvolle Taube dagegen. Und dann erst das andere Wesen von weiblicher Herkunft ...! – Oben zu kurz und unten zu lang, während eine anständige Frauensperson doch im Gefühl hat, schon des Dekors halber, es in umgedrehter Weise zu machen, ganz partie egal, ob sie sich zur katholischen oder lutherschen Kirche rechnet; denn ich muß es doch immer für anständiger taxieren, sich die Strümpfe bekucken zu lassen, als mit 'nem weiblichen Ausschnitt und 'nem öffentlichen Oberkörper mang die Leute zu gehen.« »Sie scheinen die Tanzmamsell im Auge zu haben,« sagte Frau Hartjes. »Allerdings – ja,« meinte Therese, wobei sie das ›ja‹ unterstrich, als sollte es, gesperrt und mit fetten Lettern gedruckt, in irgendeinem klerikalen Käseblättchen erscheinen. »Und Ihre Beweise?« fragte Frau Hartjes. »Beweise ...?!« rief die dicke Therese entrüstet, »wo ich als Vertreterin und Jungfrau der ewigen Anbetung vor Ihnen sitze?! – Ich hab's mit eigenen Augen gesehen; ich habe an der Türe gestanden, wie sie mit puren Armen und oben zu kurzer Taille die männliche und weibliche Jugend mit's Tanzen belernte. Was würden Sie sagen, wenn ich mich so hinstellen täte?! – Ich frage gehorsamst, was würden Sie sagen, meine sehr verehrte Frau Präsidentin?! – Zugegeben: sie, was die Tanzmamsell ist, ist da oben man so'n bißchen power beschlagen; aber das tut nichts ... Die männliche Jugend ist auch für das Kleinste erkenntlich – und wenn ich mir dabei in Gedanken in die Lage von Julius Hoffmann versetze ...« Sie schnappte nach Atem. »Ach, du Herr Jeses ...!« »Was ist denn mit dem?« fragte Frau Hartjes. »Der?!« meinte Therese. »Ich bitte Ihnen, Frau Präsidentin! – So 'ne Augen macht Frau Hoffmann ihr Julius, wenn er durch die Scheiben der Turnhalle hindurchkuckt, Augen, die auf Stielen sitzen, genau wie'n Krebs, wenn ich ihn mit Dillsauce abgekocht habe.« »Dann allerdings, Fräulein Therese ...« »Ich hab's schon seiner Mutter gestochen,« redete sich die Erzürnte immer weiter in Harnisch, »aber was so Mütters bedeuten ...! – Sie haben kein Einsehn; aber ich habe ein solches und meine: bei so 'ner Komödie wird der dreizehnjährige Junge ja sündbar. Und wie das mit Julius aussieht, so ist das auch nicht besser mit Fränkel Haas aus die Kesselstraße beschaffen.« Mit wem?« fragte Frau Hartjes. »Mit Fränkel, dem Händler Abraham Haas sein Erzeugnis. Ich bitte Ihnen: Fränkel Haas, der Judenbengel mit die krölligen Haare ...! – Ganz verliebt ist der Schlingel. Immerzu will er mit die Tanzmamsell tanzen; und wenn er's tut, dann tut er's mit 'ner verliebten Alertheit, als täte David sich um die Bundeslade bewegen. Wie 'ne bockige Himmelsziege wirft er ihr dabei immer liebliche Blicke entgegen. Na – und die Beine ...! – Mit 'nem richtigen Akki weiß er sie schon in die nobelste Beleuchtung zu stellen, ganz egal, ob er dabei den andern auf die Hühneraugen herumtritt. Und das alles nur deshalb, weil sie in ihrer Ballgarderobe oben zu kurz und unten zu lang ist. Nackige Schultern sind was Böses auf Erden! – und dessentwegen haben sie sich schon duwelliert wie zwei preußische Herren Offiziere.« »Weswegen?« fragte Frau Hartjes in höchster Erregung. »Wegen die Tanzmamsell.« »Und wer denn?« »Na – Julius und Fränkel. Und er, was Fränkel ist, hat dabei 'nen Ochsenziemer aus Hose und Jacke gezogen, desgleichen der katholische Fechter 'nen Backstein, mit dem er sich vorher präpariert hatte, und so standen sich denn die katholische Kirche und das mosaische Judentum im Kampf gegenüber – Backstein und Ochsenziemer. Aber wie sich das gehört: der katholische Backstein hat dem Ochsenziemer ›Eine‹ übergehauen, daß Fränkels Backe nun aussieht, als habe sich dahinter ein ganzer Paradiesapfel verstochen. Und das alles nur von wegen des weiblichen Edelmanns mit die freien Manieren!« »Das ist ja entsetzlich!« sagte Frau Hartjes. »Ist es,« bestätigte Therese. »Und weiß mein Mann, in seiner Eigenschaft als Rektor, als Erzieher der Jugend, von dieser höchst traurigen Sache?« »Der?!« fragte die Dicke, »der ist ja selber ...« Sie wollte noch mehr sagen, schnappte aber rechtzeitig ab, wie ein gewiegter Karpfen abschnappt, der noch im letzten Moment den tückischen Angelhaken erkannt hat. Allein Frau Hartjes war helle geworden und warf jetzt ihrerseits einen kräftigen Angelhaken ins Wasser. »Bitte, Fräulein Therese,« fragte sie dringlich, »was wollten Sie sagen?« »Ich?! – Gar nichts, meine sehr verehrte Frau Paramentpräsidentin.« »Ich muß Sie aber ernstlich ersuchen ...« »Wieso denn?« fragte Therese mit einem Gesicht, als habe sie auch nicht das geringste zu verschweigen. »Ich weiß doch gar nicht ...« »Sie haben aber soeben von meinem Mann gesprochen.« »So?« meinte Therese, »daß ich nicht wüßte, und wenn ich's getan habe, so ist das man bloß ein pures Versehen gewesen.« »Nein, nein, Fräulein Therese,« sagte Frau Hartjes und war dabei energisch in die Höhe gefahren, »Sie wollen mir ausweichen, Sie wollen nicht Farbe bekennen. Ich sehe mich daher genötigt, Sie bei Ihrer heiligsten Stelle zu fassen und Sie als Jungfrau der ewigen Anbetung zu fragen: was ist das mit meinem Mann gewesen?« Die letzten Worte waren mit einer energischen Salbe bestrichen, und da ging das nicht anders: Therese mußte die Angel annehmen, tat's auch, wurde wie'n Fisch auf trockenen Boden geschmissen und sagte: »Na, denn, meine sehr verehrte Frau Präsidentin – der Herr Rektor bekuckt sich ja selber den weiblichen Edelmann mit dem lutherschen Ausschnitt, denn so was ist spanischer Pfeffer für derlei Sorte und regt den Appetit an. Aber ich bitte Sie bei allen Nothelfern und der alleinseligmachenden Kirche ...!« Wie beschwörend hatte sie ihre fetten Hände in die Höhe gehoben. »Therese ...!« wollte die arme Frau Hartjes noch rufen, allein ihre Kräfte versagten. Über ihre blanken Augen liefen düstere Schatten. Sie sah noch etwas Rosiges in ungewissen Konturen aufleuchten – und das war der Gazeschleier über der brennenden Lampe. Sie sah einen unbestimmten, weißlichen Flecken – und das schien ihr Brautkränzlein zu sein, das in seiner ganzen Unschuld und Jungfräulichkeit aus dem verschlossenen Glasspind hervorlächelte. Aber was war das?! – Hingen nicht blutige Tröpfchen an den einzelnen Blüten ...?! Die Armste wußte es nicht; sie hatte überhaupt kein Verständnis mehr für die Einzelheiten des äußeren Lebens. War sie überhaupt noch in ihrem eigenen Hause ...?! Vom nahegelegenen Rathaus setzte die Uhr ein. »Neun Uhr,« sagte Therese von Arimathia in tiefer Beklemmung. Ja – es war neun Uhr unter dem Monde geworden, und der Herr Rektor saß noch immer in seinem Studierzimmer und korrigierte die lateinischen Extemporalienhefte seiner Quartaner. Mit seiner Frau hatte er noch immer keinen dauernden Frieden geschlossen. Das erlösende Wort war bis heute unausgesprochen geblieben. Eine Art von Resignation hatte sich seiner bemächtigt. Hier zwischen seinen Bücherregalen jedoch fühlte er sich wie ein König in einem glücklichen Lande. Da saß er dann so recht bequem in seinem behaglichen Rohrstuhl, um sinnend und ruhevoll die große Heerschau über Vergangenheit und Zukunft zu halten. Und da standen sie alle in schlichten Bänden, die ihm das Leben versüßten: die klassischen Alten, im Urtext und in der Übertragung von Donner, die es verstanden hatten, die geistvollen, unruhigen Sprünge aus seinen Studentenjahren in das Flachland stiller Erbauung zu lenken. Er hatte aus ihnen geschöpft, wie ein Durstiger aus einem kristallklaren Quell schöpft, und hatte Erquickung gefunden. Sophokles, Euripides ...! – da standen sie in Halbfranzbänden in der untersten Reihe, und er nahm sie zur Hand, wenn breiter, strahlender Sonnenschein über die Dächer flutete, wenn ein großer Gedanke seine Seele bewegte. Aber des Abends, so in den Dämmerstunden herum, wenn die Fledermäuse verliebte Schwenkungen machten und Frau Petronella während der Abendmahlzeit versucht hatte, mit seinem Fuß in Berührung zu kommen, dann langte er sich, bevor er zur Ruhe ging, eine etwas anders geartete Lektüre vom Büchergestell. Aber klassisch, antik blieb er unter jeder Bedingung, sei es nun, daß er sich an Plautus' Komödien oder an des lustigen Ovid Metamorphosen erbaute. Ja, ja, ja – dieser Publius Ovidius Naso ...! – wie der zu plaudern vermochte! – Und war er ganz besonders bei Laune, griff er in einen sehr entlegenen Winkel und brachte ein ganz schmales Bändchen, und zwar des Petronius Arbiter Gastmahl des Trimalchio, zum Vorschein und spazierte in dessen Schilderungen herum, als wenn er durch ein Schlaraffenland ginge. O, o, o! – er hatte es schon faustdick hinter den Ohren – der ehrsame Rektor! – Aber das war jetzt anders geworden, seit Monaten anders geworden. Die leichtgeschürzte Muse war ihm zuwider, asketische Anwandlungen überkamen ihn, und wäre der Eurotas in der Nähe vorbeigeflossen, eigenhändig hätte er sich Schilf und Röhricht am Ufer geschnitten, um es den spartanischen Jünglingen gleich zu tun und sich von Verweichlichung und niederen Leidenschaften nicht mehr knechten zu lassen. Mann sein, dem Weib imponieren, im richtigen Moment seine Selbstbeherrschung bewahren – das hatte er sich als Richtschnur seiner Lebensweise vorgezeichnet, und zwar von dem großen Moment an, wie ihm Petronella wegen der gesäuberten Themis eine so unliebsame Szene gemacht hatte. Unvergeßlich war er sich selber geblieben: wie er da stand, wie er den Cornelius Nepos emporhob und dann mit der ganzen Bitterkeit seines gequälten Herzens in den Spiegel hineinwarf. Das war eines Helden würdig gewesen; er fühlte sich jetzt noch gehoben, wenn er dieses erhabenen Augenblicks gedachte. Eine gewisse Schwungkraft, eine Art von Selbstbewußtsein war in ihm, und wenn rückfällige Anwandlungen kamen, wenn Frau Petronella, in richtiger Erkenntnis der Dinge, sich mit ihm aussöhnen wollte – er blieb seinem Grundsatz treu und schluckte auch die süßeste Lockung, gleichsam wie eine bittere, aber heilsame Pille herunter. So auch heute ... Schon zu wiederholten Malen hatte er so eine unangenehme Pille verschlungen, hatte sich aber tapfer gehalten und war nunmehr damit beschäftigt, die Hefte seiner Quartaner unter Rotstift zu nehmen. Bis jetzt war er zufrieden mit dem Stand seiner Klasse und lächelte vergnügt vor sich hin, als sich plötzlich sein Spitzmausgesicht merklich entstellte, und er in die Worte ausbrach: »Aber was soll das?! – Julius, wo hast du deine Gedanken gelassen? – Schon wieder ein Verstoß gegen den Accusativus cum infinitivo ! – und hier: › ut ‹ mit dem Indicativ ... Das ist ja himmelschreiend, entsetzlich!« Mit einem energischen Ruck setzte er ›mangelhaft‹ unter das lateinische Machwerk. »Man weiter ...« Die folgenden Extemporalien gingen. »Gott sei gedankt!« sagte der Rektor. Die letzte Arbeit war ihm unter die Finger gekommen. Das Heft duftete zwar so'n bißchen nach Pomade und Knoblauch, war aber sonst proper gehalten. »Der Primus,« sagte Franz Hartjes, denn auf dem Deckel lächelte ihm ›Fränkel Haas‹ in flüssiger Kurrentschrift entgegen. Darunter war ein zierlicher Schnörkel gezogen. Mit einem gewissen Wohlbehagen machte sich der Gestrenge daran, das Heft seines Lieblingsschülers auf sich wirken zu lassen. Wie immer, so gedachte er auch heute ›lobenswert‹ unter die Arbeit setzen zu können, wurde aber aus allen Himmeln gerissen, als er schon bei den ersten Zeilen über einen Schnitzer stolperte, der daumensdick war und einen Kopf hatte, als wäre er ein kleines Meerungetüm, eine Art von Knurrhahn gewesen, eine Erkenntnis, die ihn fassungslos machte, als er gleich darauf über einen zweiten Knurrhahn hinweg mußte, der mit einem noch dickeren Kopf aufwarten konnte. »Auch du, Brutus Haas!« seufzte der Rektor und bekam den Rotstift fester zu packen. »Und hier,« seufzte er abermals, »keine Spur mehr von den einfachsten Grundsätzen der Syntax! – Und hier auf dem Löschblatt: Pauline, Pauline, Pauline ...! – Was heißt das?! – Was bedeutet ›Pauline‹ ...? – Ungenügend.« Mit einer tragischen Geste legte er den Rotstift beiseite, erhob sich und streckte die Hand über das vor ihm liegende Heft aus. »Ich will doch nicht hoffen ...« sagte er mit einer gewissen Erregung, »aber ich kann mir nicht helfen: ich lese immer ›Pauline‹. – Fränkel Haas, wer ist diese ›Pauline‹?! – Die Angelegenheit muß eruiert werden. – Ich glaube, sie hat drei Stunden Arrest im Gefolge. – O, o, o! – Fränkel, respice finem !« Fuchsteufelswild packte er des Decimus Junius Juvenalis zweite Satire beim Wickel und begann aus dem Stegreif zu toben: »Über die Sauromaten hinaus und über das Eismeer Möchte von hinnen man fliehn, wenn solche Dinge man ansieht ...!« Der Herr Rektor war zum Schultyrannen geworden, allein dieser Zustand währte nicht lange. Er legte die Hefte zusammen, setzte die neben ihm stehende Pfeife in Brand und glitt mit einem halben Blick über die sauber ausgerichteten Bücherregale. Das wirkte besänftigend. Der catonische Eifer verflog, und der gutmütige Franz Hartjes kam wieder zum Vorschein. Mit sanftem Gemüt und sanften Schlappantoffeln durchmaß er die Dielen seines Studierzimmers nach Länge und Breite, wobei er sich Beobachtungen hingab, die das Gebiet seiner asketischen Lebensweise berührten. Er war ordentlich stolz auf seine Erfolge, und wenn ihm auch zeitweilig der feine, sinnliche Duft Ovidischer Poesie in die Nasenlöcher hineinkitzelte – kraft seines Heldentums verstand er es, diesen aufdringlichen Duft zu ignorieren, fühlte sich als ein Mann, dem die Leidenschaften nichts mehr anhaben konnten, und zitierte, gewissermaßen um sein eigenes Licht nicht unter den Scheffel zu stellen, die bedeutungsvollen Herderschen Verse aus Polykarp, wobei er den Fuß anhielt, dafür aber sein Weichselrohr kräftig auf und niederbewegte: »Tapfer ist der Löwensieger Tapfer ist der Weltbezwinger, Tapfrer, wer sich selbst bezwang.« Den letzten Vers wiederholte er noch einmal, aber würdiger, bestimmter wie zuvor und mit einem getragenen Pathos, wobei er gleichzeitig mit dem Knopf der langen Hornspitze auf sein blankes Schemischen tippte. »Ich,« sagte Franz Hartjes. Er hatte sich also selber ein glänzendes Zeugnis ausgestellt, war zufrieden damit und ließ sich wiederum und in aller Gemächlichkeit in seinen Rohrsessel nieder. In voller Seelenharmonie blies er kregele Rauchwölkchen aufwärts, blinzelte ins Licht und gab sich angenehmen Träumereien hin, die ihn ganz sachte und mit epischer Behaglichkeit in seine Jugendjahre versetzen. So mochte eine halbe Stunde vergangen sein, als ein feiner Dämmer vor seinen Blicken stand, der stetig an Ausdehnung gewann und ihm den Kopf wie schlaftrunken auf die Weste herabdrückte. Die Pfeife war seinen Händen entglitten. Draußen bewegten sich leise Schritte nach oben. Dann war es ihm so, als würden in der Schlafstube nebenan etliche Schubladen gerückt. Gleich darauf vermeinte er, das fast geräuschlose Öffnen der Zimmertüre zu hören – und dann ... Eine zärtliche Stimme klang ihm entgegen. »Franziskus ...!« Jählings fuhr er aus seinem lethargischen Zustand. Ein würgendes Gefühl, das mit einem seltsamen Schauer gepaart war, hatte den armen Philologen ergriffen. Wie aus tiefem Traume erwachend, riß er die Augen auf. Frau Petronella war leise ins Zimmer getreten. Da stand sie wieder: die Lust und Misere seines Lebens. Diese ewigen Nadelstiche, diese Plackereien, diese ständigen Eifersuchtsszenen – er sah sie leibhaftig vor sich, aber er sah auch, wie die weiche Fülle der vor ihm Stehenden noch immer Reize aufweisen konnte, die nichts mit den Ahnungen fröstelnder Herbsttage gemein hatten. Frau Petronella war in ihrer Frisierjacke erschienen, hatte alles Gehörte und alle Bitternis beiseite geschoben und war mit dem Vorsatz gekommen, ihren Gatten in möglichst schonender Weise von dem breiten Wege des Lasters auf den schmalen Pfad der Erkenntnis zurückzugeleiten, und daher ... Frau Petronella war mit elegischen Ausdruck näher getreten. »Franziskus, willst du nicht schlafen gehen?« fragte sie weich und mit einer fast seidenen Stimme. »Danke; ich will mich noch an der tragischen Muse eines Sophokles erbauen,« sagte Herr Hartjes und versuchte mit den Blicken aus dem gefährlichen Bannkreis seines Weibes zu kommen. »Laß doch die alten Griechen und Römer. Sie lenken dich ab – und du hast Pflichten, heilige Pflichten, die du nicht abschütteln kannst wie Schneeflocken. Sieh – ich bin ja zur Versöhnung geneigt. Die Kirche gebietet ein gemeinschaftliches und erbauliches Leben zwischen den Eheleuten.« »So?« »Ja.« »Dann muß ich leider bedauern ...« »Franziskus!« Ihre Stimme bekam einen herben Anflug. Die Wangen röteten sich, während sie mit nervösen Fingern an ihrem Haar nestelte. »Dir fehlt was, du bist anders geworden, was mir nicht gefällt,« sagte sie leise, aber mit aller Bestimmtheit. »Um dich zu erbauen, brauchst du nicht zu den alten Heiden zu fliehen. Du hast einen besseren Zufluchtsort – ein christliches Herz, das dich liebevoll aufnehmen dürfte.« Sie war bis in den vollen Bereich der Lampe getreten. Der milde Schein des Lichtes wurde zu einer blendenden Helle, die sich wie verklärend über ihren sanften Nacken und die wohlgerundeten Arme legte. Eine sommerliche Reife ging von ihnen aus – und dazu der regelmäßige Mund, die noch immer schöne Biegung des Halsansatzes und die weiche Fülle des frauenhaften Körpers ...! – Ja, Frau Petronella hatte noch Reize, obgleich sie bereits in die Jahre gekommen und von einer gewissen Korpulenz nicht mehr frei war. Sie hatte schon etwas, das zu blenden und zu fesseln verstand. Und dann die wirklich ausgesprochene Milde in ihren schuldlosen Augen ...! Der arme Rektor stand Tantalusqualen aus. Mit entsagendem Heimweh sah er auf den glänzenden Stern der Verlockung, den er kraft seines eigenen Willens in alle Fernen geschleudert hatte. Ob er ihn herabholen sollte? – Ob er stark bleiben würde? – und er ertappte sich dabei, wie er sich bereits erwägenden Betrachtungen hingab und gesonnen schien, die Feder zu ergreifen, um den vorgeschlagenen Pakt zu betätigen. Er brauchte nur seine Finger zu strecken ... Eine Minute verging. Frau Petronella glaubte schon, triumphieren zu können. Sie hatte die Hand leicht auf seine Schulter gelegt; aus ihrer Nähe kam wieder jener sonderbare Hauch her, der ihm so oft gefährlich geworden war und seine besten Vorsätze vernichtet hatte, als wären sie nichts weiter wie umgelegte Halme gewesen. Ein verzehrender Durst hatte sich seiner bemächtigt ... und die Lampe brannte so heimlich und strahlte so ein friedliches Licht aus. Ein knisterndes Geräusch unterbrach die trauliche Stille. Frau Petronella hatte sich über ihn gebeugt. »Komm,« sagte sie ruhig. Er sah sie mit großen Augen an. »Ich bitte dich, lieber Franziskus.« Er horchte auf die verführerische Stimme. Sie dünkte ihm wie Sirenengesang. Sollte das den Zusammenbruch seiner jetzigen Lebensweisheit bedeuten? Er rang mit unfaßbaren, seltsamen Empfindungen, die ihn nicht loslassen wollten. Schon fühlte er sich von unentrinnbaren Netzen umsponnen, als sein Blick auf ein unscheinbares Büchlein fiel, das unter den Extemporalienheften hervorsah. »Mann sein, sich nicht knechten lassen von den Launen des Weibes,« dieses Glaubensbekenntnis schoß ihm wie eine Erleuchtung durch die erregten Sinne. Er riß sich auf und ergriff den Cornelius Nepos. »Ich entsage,« rief er mit Aufbietung der ihm noch verbliebenen Willenskraft, indem er den Band wie beschwörend emporhielt, »denn hier steht geschrieben, wie sich illüstre Männer zu verhalten haben.« »Und du kommst nicht?« fragte sie drohend. »Nein – ich verzichte auf alles und jedes. Ich will keinen Vergleich, ich will keinen häuslichen Frieden; ich entsage und werde hier auf dem Sofa kampieren.« Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Frau Petronella hatte alle Fassung und Selbstbeherrschung verloren. »Also – du willst nicht?!« fragte sie mit zuckenden Lippen. Wie ein starrer Römer die Enden seiner Toga, so warf Herr Hartjes die Zipfel seines bereits etwas schadhaften Schlafrockes beiseite, als sei er gewillt, die beiden grimmigen Anticatonen Cäsars vom Stapel zu lassen. Ja – Herr Hartjes war wirklich zu einem starren und unerbittlichen Römer geworden. »Nein,« entgegnete er unter Selbstverleugnung seiner innersten Gefühle und Regungen. »Und da willst du mir weis machen wollen, da willst du dir einreden, daß du mir lediglich aus versetztem Ehrgeiz so kommst?! – daß lediglich die Geschichte mit der verfluchten Themis unserer Versöhnung im Wege steht?!« »Ja.« »So schleudere ich dir den Namen ›Pauline‹ entgegen!« »Was – wer – wie ...?!« »Pauline!« »Doch nicht meinem Quartaner Fränkel Haas seine Pauline?!« »Alter Sünder!« rief sie verächtlich, »ich werde dir schon deine interessanten Sprünge vertreiben. Pfui!« Ohne ihn noch eines Blickes zu würdigen, war sie mit einer gehörigen Portion Galle im Herzen, mit ihrer Frisierjacke und ihrer stattlichen Fülle in die Schlafstube gegangen. »Kuckuck!« machte die Kuckucksuhr. Herr Franz Hartjes drehte sich um und um. Mit beiden Händen griff er an die hämmernden Schläfen. »Kuckuck! – Alter Sünder! – Pauline ...!« Er wußte nicht mehr, was um ihn vorging. Allein er hatte ein reines Gewissen, und mit diesem reinen Gewissen legte er sich der Länge nach aufs Sofa und bettete sein armes Dulderhaupt auf die mit Glasperlen gestickte Schlummerrolle, die ihm Frau Petronella noch bei seinem vorletzten Namenstag spendiert hatte. Sein Kopf war wie ein wimmelnder Ameisenhaufen. Das kribbelte und krabbelte – und war ein unausstehliches Wirren und Schwirren! »Kuckuck! – Alter Sünder! – Pauline ...!« Er sah ein großes Drehbrett vor Augen. Der Zeiger schnurrte im Kreise herum. An Stelle der Gewinne waren die Worte angebracht: Kuckuck – alter Sünder – Pauline. Der Zeiger blieb auf ›alter Sünder‹ stehen. Herr Hartjes tat einen tiefen Seufzer und rezitierte: »Tapfer ist der Löwensieger ...« Er kam nicht weiter; aber er lächelte – und durch das Studierzimmer ging bald darauf ein sanftes, harmonisches Schnarchen. Gute Nacht! XII Intermezzo Schlußball ...! Die kleine Stadt war nicht wieder zu kennen. Alle Leute machten lange Gesichter; die niederrheinischen Menschen machen immer lange Gesichter, wenn sie heiter gestimmt sind. Das liegt so im Blut, das liegt in der Eigentümlichkeit ihrer eckigen Züge, das ist ein Vermächtnis von alters her und gehört zu den Menschen, wie bunte Kühe und phlegmatische Windmühlen, die an verschlafenen Kolken träumen, zur niederrheinischen Gegend gehören. Selbst die lustigste Stimmung hat am Niederrhein immer etwas Trauriges an sich. Wenn die Merle flötet ... Sie flötet hier ganz anders wie unter einem anderen Himmel. Sie flötet mit einem melancholischen Zauber, mit einer schluchzenden Wehmut, mit einer geheimnisvollen Melodik, die getragen über die Wiesen dahinzieht und glücklich ist, an den silberlichten Zweigen der Weidenbäume haften zu bleiben. Und wenn dann der Wind ganz leise hineingreift, und die Weidenruten in ein sanftes Schwingen geraten, dann fallen Tränen herunter(.?) Und das ist traurig – sehr traurig! – Aber dann kommt wieder das Steif-Putzige und Perückenartige der Menschen und der anderen Lebewesen dazwischen, daß man die herabgefallenen Tränen vergißt und immer und immer wieder die bunten Kühe betrachten muß, die im Grase liegen, wiederkäuend ihre Kaumuskeln bewegen und glotzäugig über die monotone, weite Ebene muhuen. Und wie die Merle auch flötet – alles bekommt einen nüchternen Anstrich. – Nur ab und zu ein einsames Landhaus! – Und die Wege des abgezirkelten Gartens sind mit Schmaltebläue und roten Ziegelstückchen bestreut, und langweilige Tulpen grüßen von regelrechten Beeten herunter, und Myfrauen und leckere Meischen gähnen in die Tulpenwelt hinein und trinken Tee aus chinesischen Tassen. Und es duftet nach Speculatius und Nymweger Moppen. Und ein dicker Heerohme kommt, um Visite zu machen, wischt sich aber vorher beim blankgeputzten Torgitter noch den Schweiß von der Stirne ... Und je länger man in die niederrheinische Landschaft hineinsieht – sie verdichtet sich, sie schrumpft zusammen und wird schließlich zu einem vierschrötigen Menschen, der mit glattrasiertem Kabeljaugesicht, einer seidenen Schirmmütze auf den verschnittenen Polkahaaren und in aller Gemütsruhe vor seiner behäbigen Kate sitzt, und hemdsärmelig ist und eine Velvethose trägt und die Lammfellsocken in blankgescheuerte Holzschuhe gesteckt hat und mit steifleinenem Gesicht blaue Rauchwölkchen aus seiner langen Tonpfeife in die weite Landschaft hinausbläst. – Und dann beginnt wieder die Merle zu flöten: tief, wunderseltsam und traurig. Und der alte Zauber streckt von neuem die Hand aus – und heiße Tränen fallen wieder von den schwanken Weidenruten herunter. Und die Merle singt immer weiter und weiter und immer voller und voller, und über die Züge des eckigen Mannes mit den Polkahaaren geht nunmehr ein Lächeln, ein kantiges Lächeln – zwar nicht besonders fröhlich und heiter, aber er lacht doch, er lacht wie die übrigen Menschen, die in der Niederung sitzen ... und die Mühlen stakeln durch die ruhige Luft ... und es ist alles so seltsam, denn die vom Niederrhein können gleichzeitig lachen und weinen, wenn die Merle singt. Ich hab's auch so gemacht, wie ich noch ein kleiner Junge war und mit großen, sehnsüchtigen Augen in das Land meiner Jugend hineinsah ... Noch sang nicht die Merle; es war noch nicht Frühlingszeit, allein die Tanzmamsell hatte heute zum Schlußball geladen, und da wurden die Leute heiter und machten lange Gesichter. Komische Menschen ...! – aber es war so, und Bettje Theißen lief mit bunten Papierrosetten in der Turnhalle umher, um dem Lokal für den heutigen Abend ein möglichst festliches Aussehn zu geben. Girlanden von Buchsbaum schaukelten von der Decke herunter, Papierketten schwangen sich keck von Pfeiler zu Pfeiler, und an der einen Schmalseite des Saales war eine Art von Podium errichtet worden, wo neben dem Triangel eine Solotrompete, eine Klarinette und zwei erste Geigen arbeiten sollten. Als dann noch die alte Baronin in höchst sinniger Weise verschiedene Fähnchen am Kronleuchter befestigt hatte, die dem ganzen Arrangement erst den richtigen Dreh gaben, und hierauf, gewissermaßen zum Beschluß der Arbeit, Bettje Theißen mit einem Gläschen verzuckerten Sodawassers traktierte, da wischte sich diese über den Mund, legte die Hände zusammen und sagte: »Nein, Frau Baronin, das wird aber heute abend eine großartige Sache!« »Das wird es,« konstatierte die Alte, »denn wir, die wir dem altadeligen Hause derer von Satzenhofen angehören, wir verstehen es schon, die richtigen Feste zu feiern und die hierzu erforderlichen Arrangements zu treffen. Aber, aber, aber ...« setzte sie kopfschüttelnd hinzu und ließ sich, in einer plötzlichen Anwandlung von Schwäche, auf das Trittbrett einer Stehleiter nieder. »Was ist Ihnen?« fragte Bettje mit ängstlichen Augen. »Ach, Fräulein Theißen, wenn ich so alles bedenke ...! – Früher hatten wir Satzenhofen nur mit wirklichen Parkettböden und echten venezianischen Glaslüsters zu schaffen – und jetzt ...« Mit einer unendlichen Wehmut hob sie ihre feuchten Blicke zu dem Petroleumleuchter empor, dessen schwitzende Behälter große Öltränen absonderten, die zu Boden tropften und dort tellergroße Kringel bildeten. »Ach, meine Tochter, meine unglückselige Tochter! – Das Kind war berufen, nur unter dem sanften Schein von duftenden Wachskerzen zu tanzen und muß sich jetzt mit einem ganz gewöhnlichen Petroleumleuchter behelfen. Das sind Schicksalsschläge, Fräulein Theißen, wirkliche Schicksalsschläge!« »Je,« sagte Bettje, »das ist nun nicht anders. Ich habe auch entsagen müssen. Früher die große Liebe und das große Glück im Herzen, als die Johannisfeuer brannten, und wir an der Deichflanke lagen – und jetzt ... Was ist mir von damals geblieben? – Nur die heiligen Augen ...! – Aber die Erinnerung an das Gewesene ist doch auch schön, meine sehr verehrte Baronin.« »Allerdings,« sagte die Alte, »man muß dem lieben Gott auch hierfür danken, denn man kann immer nicht wissen ... Fräulein Theißen, es gibt noch andere Dinge, schwerere Lebenslagen, die einem Menschen das Herz abstoßen können. Und nun wollen wir gehn und uns auf den heutigen Abend vertrösten.« »Das wollen wir,« sagte Bettje – und die heitere Stimmung kam wieder, als sie die Turnhalle verließen und zur Überzeugung gelangten, daß sie alles sehr schön gemacht hatten. Aus Freude darüber warf sich die alte Baronin ein feines Prischen in die aristokratische Nase – und da mußte sie niesen. »Wohl bekomm's,« sagte Bettje. »Ich danke.« – – – Ja – fast alle Leute der kleinen Stadt waren trefflicher Laune. Allerdings – etliche versagten, und unter diesen waren es besonders drei, die absolut keine fröhlich-langen Gesichter bekamen, und das waren Fränkel Haas, Julius Hoffmann und die Rektorin Hartjes. Fränkel, weil er noch immer mit einer geschwollenen Backe umherlief, Julius, weil ihm strengstens untersagt worden war, beim Schlußball durch die Fensterscheiben zu sehen, und Frau Hartjes, weil sie seit der gestrigen Begegnung mit ihrem Manne jede, aber auch jede Fassung verloren hatte und sich für das unglücklichste Geschöpf hielt, das unter Gottes Himmel noch lebte. Sie war kopflos, hoffnungslos geworden und reinweg aus dem Häuschen geraten. In dieser Verfassungslosigkeit schickte sie ihr Hausmädchen zu Frau Hoffmann und Therese von Arimathia, um diese zu sich zu bitten und bei ihnen Rats zu holen. Die Damen sagten denn auch ohne weiteres ihre tatkräftige Hilfe zu, erschienen um die Schummerstunde, nahmen, ohne lange Präliminarien zu machen, auf dem Sofa Platz und saßen nun da wie zwei fette Staatsanwälte, die gekommen waren, um über Franz Hartjes, der ahnungslos in seinem Studierzimmer hockte, unnachsichtlich und in aller Form in die Gerichtsverhandlung einzutreten. Das Mädchen brachte Licht und ging dann wieder. Unter atemloser Stille und beiläufigem Kopfnicken der beiden Staatsanwälte referierte Frau Hartjes, was sich alles begeben hatte, beobachtete dabei auch die kleinsten Details, ließ ihre eigenen Erfahrungen und die von Therese Vogels mit einfließen und brach, nachdem sie alle gravierenden Punkte aufs Tapet gebracht hatte, in die tragischen Schlußworte aus: »Nein – diese Männer ...! – Ich bitte Sie, meine Damen, wie soll ich mich nur im vorliegenden Falle verhalten – und zwar unter Berücksichtigung des Umstandes, daß hier das Seelenheil eines christlichen Mannes auf dem Spiel steht?!« Unter heißem Schluchzen drückte sie nach dieser Auslassung ihr Taschentuch gegen die zuckenden Lippen. »Hier muß eingeschritten werden, aber kräftig,« meinte die dicke Therese, indem sie ihren Daumen so energisch auf das vor ihr liegende Modeblatt setzte, daß ein länglicher Fettflecken zurückblieb. »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann. »Sie müssen ihn attrappieren, Sie müssen ihn, wie mein Pitt sagt, in flagellanti erwischen, denn nur so kann ihm und der Tanzmamsell das liebevolle Handwerk gelegt werden. Es wird zwar ein schweres Akkuschemang ...« »Ach, was!« fiel die Dicke dazwischen, »schwer oder nicht schwer – das ist ganz partie egal! – Hier muß eingegriffen werden, und zwar je eher je besser, um so mehr, da ich die Ansicht vertrete, daß sich auch das Frauenzimmer mit die heiligen Augen dazwischen gesteckt hat. So 'ne Person lebt ja nur von Skandalen und dergleichen Schosen.« Frau Hartjes sah sich erschrocken um. »Aber wie soll ich das machen, meine Damen?« fragte sie ängstlich. »Ganz einfach,« dekretierte die Haushälterin. »Sie müssen sich mannbar verkleiden; Sie müssen Rock, Hose und Weste von ihrem Ungetreuen antun und ihn in dieser Maskierung eigenhändig belauschen.« »Meine Damen, das glauben Sie wirklich?!« sagte Frau Hartjes. Der Vorschlag war ihr ordentlich in die Glieder gefahren. Unruhig rutschte sie auf ihrem Rohrsitz herum. »Soll ich wirklich, meine Damen ...?« »Unbedingt,« redete ihr die Dicke zu. »Sie müssen ein übriges tun und für Ihre weibliche Ehre ein bißchen riskieren, Frau Präsidentin. Heute ist der letzte Termin. – Und nun gehen Sie man hin und holen die Bekleidungsstücke von Ihrem Herrn Gemahl, damit wir sie beaugenscheinigen können, ob sie für Ihren weiblichen Körper auch passen. Die Sache hat Eile, denn Schlag Klock acht haben die evangelischen Edelmänners zu 's Tanzen gebeten, und so 'ne evangelischen Rackers sind immer prompt mit die Arbeit.« »Also – Sie meinen ...?« »Aber entschieden,« sagte Therese von Arimathia und begann ungeduldig mit ihren Augen im Zimmer herumzuwuschern. »Indessen jedoch,« fuhr sie dringlicher fort, »wenn Ihnen die männliche Kleidung konträr steht – ich kann nicht mehr tun, wie einen guten Rat erteilen. Den wollten Sie haben, und was ich gesagt hab', das ist meine offene und ehrliche Meinung gewesen.« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann – und da konnte die Ärmste nicht anders: sie verließ schweren Herzens das Zimmer, um bald darauf mit etlichen Garderobenstücken ihres Mannes wiederzukommen. »Hier sind sie,« sagte sie mit niedergeschlagenen Blicken und deponierte die Gegenstände ganz verschämt in die äußerste Ecke der Stube. »Man her damit,« meinte die Dicke, erhob sich und bekam den Rock mit beiden Ärmeln zu fassen. Hierauf stand sie in langer Betrachtung; endlich war sie schlüssig geworden. »Nein,« sagte sie mit ihrem fettesten und klebrigsten Lachen, »wenn ich Ihnen bekucke, Frau Präsidentin – unmöglich. – Und hier die Weste – desgleichen unmöglich. Das ist aber sehr fital, denn für Ihre Portionen, Frau Präsidentin ...« »Da könnte ich aushelfen,« meinte Frau Hoffmann. »Miekske hat augenblicklich den Zuavenmanto ihres Herrn Bruders in Aufmunterung. Man könnte mal anfragen. Miekske wird gewiß die Freundlichkeit haben. Und wenn Sie gestatten; Frau Pergamentpräsidentin ...« »Natürlich,« nickte die dicke Therese. »So'n feiner Gedanke ist nicht alle Tage zu haben.« »Meine Damen, das geht doch nicht!« entsetzte sich Frau Hartjes. »Was wird die Welt von mir sagen, was wird Miekske sagen?!« »Gar nichts,« meinte Frau Hoffmann. »Aber wird sie schweigen – und werden Sie selber dieses Geheimnis bewahren?« »Auf Leben und Seligkeit!« beteuerten die beiden Staatsanwälte. »Na, denn ...« gab sich endlich Frau Hartjes zufrieden, mußte sich aber setzen, um nicht durch die Fülle der auf sie einstürmenden Bedenken schwindelig zu werden. Und wie sie so saß, da hatte Frau Hoffmann ganz leise und auf Zehenspitzen das Zimmer verlassen und war dann zu Miekske gegangen. Therese aber ... Da stand sie, hielt die Buckskinhosen des Herrn Rektors in Händen, maß die Spannweite mit ausgebreiteten Armen und richtete ihre Blicke bald auf den Hosenboden, bald auf Frau Hartjes, scheinbar damit beschäftigt, das Fassungsvermögen des Bekleidungsstückes mit dem Gehwerk der vor ihr sitzenden Dame in Parallele zu bringen. Der Vergleich schien ihr sichtlich große Schwierigkeiten zu machen. Verschiedentlich schnappte sie asthmatisch nach Atem. »Stehn Sie einmal auf,« sagte sie endlich. »So! – und nu drehen Sie sich einmal herum, damit ich die andere Seite der Medaille vor Augen bekomme.« Frau Hartjes gehorchte. Es geschah mit dem mechanischen Verhalten einer Gliederpuppe. Sie war ein gefügiges Werkzeug in den Händen der Dicken geworden, schreckte aber unwillkürlich zusammen, als diese mit einem negativen Resultat herausrückte. »Abgelehnt,« sagte Therese von Arimathia und ließ dieser Auslassung wiederum eine klebrige Lachsalve folgen. »Für die Tanzmamsell – ja; aber Ihre Sitzgelegenheit, Frau Präsidentin, ist ein auserwähltes Stück von Komplettheit. Allen Respekt davor! – aber man kann nicht die Menschenunmöglichkeit wollen. Man muß mit die Tatsachen rechnen, denn man kann doch keinen ausgewachsenen Kürbis in 'nen Klingelbeutel hineinpraktizieren!« »Das allerdings nicht,« sagte die Ärmste kleinlaut, »Aber, mein Gott,« setzte sie in weinerlichem Tone hinzu, »wie kann man da Abhilfe schaffen?« »Ganz einfach,« bemerkte die Dicke. »Was Frau Hoffmann kann, das hab' ich immer gekonnt, denn in Erfindung von richtigen Gedanken bin ich ihr allzeit gleichermaßen gewesen. – Mein Herr Vikarius hat nämlich ein Paar völlige Hosen ...« Frau Hartjes erstarrte. »Und da glauben Sie,« fragte sie mit aufgerissenen Augen, »daß ich in die Beinkleider eines geistlichen Herrn hineinsoll? – in wirklich geistliche Hosen ...?!« »Warum nicht?« »Da muß ich verzichten,« erklärte Frau Hartjes, »denn Sie müssen bedenken ...« »Powere Ausflüchte!« sagte Therese. Sie war ordentlich verärgert geworden. »Nein – ich verzichte; ich kann es nicht über mich bringen ...« »So?« fragte die Dicke und war energisch näher getreten. »Ja.« »Und da ist es Ihnen ganz partie egal, ob Ihr Ungetreuer nachher mit die evangelische Tanzmamsell herumkaressiert? – Wissen Sie, dem Festtempel nebenan liegt 'ne Kegelbahn; die ist fein zum Poussieren.« Auf der Straße ließen sich Schritte vernehmen. Therese war verschnupft ans Fenster getreten und sagte: »Da geht schon die erste Vigeline vorüber. Das bedeutet für Ihnen Malör, meine sehr verehrte Frau Präsidentin.« Die Frau Rektor schlug die Hände zusammen. »Mein Gott und mein Heiland!« rief sie in dumpfer Beklemmung. »Wer zeigt mir einen Ausweg in dieser fatalen Bedrängnis?!« »Ich.« sagte die Dicke. »Aber wenn es der Herr Vikarius erführe, wenn es die Kirche erführe – ich könnte ja meine eigene Schande nicht tragen!« »Dafür ist gesorgt,« fiel ihr Therese ins Wort. »Ich bin weitsichtig, als wenn ich ein Perspektiv besäße. Alles ist vorgesehen. Ich habe den Herrn Vikarius bereits aus diesem Grunde Rapportierung erstattet, und da hat er gesagt: Der Zweck heiligt die Mittel – Amen. – Na, also – und ich will nicht Therese Vogels heißen, wenn die geistlichen Hosen nicht zu Ihrer Komplettigkeit passen tun täten.« »Na, denn ...« sagte Frau Hartjes. Sie sagte es mit derselben stillen Ergebung und Wehmut wie eben, als es sich um Sein oder Nichtsein des päpstlichen Zuavenmantels gehandelt hatte – und damit war auch schon die dicke Therese aus dem Zimmer verschwunden. Die unglückliche Frau war nun allein in der Stube; ein Sinnen kam über sie, ein brütendes Sinnen. Ihr Geist hatte bereits die scharfen Spitzen und Fühler eingezogen, mit denen er noch vor wenigen Tagen aufwarten konnte. Sie war nicht mehr die selbstbewußte Erscheinung von ehedem. Allerlei Bedenken und Gedanken huschten ihr durch den Kopf, die sie befangen machten und ihre Willenskraft lähmten. Sie war unschlüssig, zaghaft und ängstlich in ihrem Verhalten geworden. – Über ihr gingen schlappende Schritte. Er war also immer noch oben. Sie horchte ängstlich und mit klopfendem Herzen auf die einzelnen Laute. Deutlich konnte sie die weichen Gänge verfolgen. Wenigstens achtmal war er so auf und nieder gegangen, und zwar ruhig und ohne jede Erregung. Und das konnte ein Mann, der sich mit einer so großen Gewissenslast befrachtet hatte?! Das war ja infam! – Aber wenn er unschuldig wäre ... ?! – Er konnte ihr doch immer so lammfromm begegnen. Ach, was! – sie kannte das. Männer, die sich auf Abwege begeben, haben immer so lammfromme Gesichter. Sie sind niederträchtige Täuscher. Sie sind gewissenlose Cölibatäre. Aber da draußen, hinter dem Rücken ... Er war fähig dazu, mit dem Ehering am Finger die tollsten Geschichten zu machen, denn dafür war er lange genug bei den heidnischen Poeten in die Lehre gegangen. Therese hatte schon recht. In flagranti mußte er ertappt werden – und dann: Trennung ohne Ansehn der Person, aber so, wie die katholische Kirche es vorschrieb. Frau Hartjes atmete auf. Unter diesen Betrachtungen waren gute zwanzig Minuten vergangen. Der Zeiger der kleinen, porzellanenen Stutzuhr rückte bereits auf sieben – als Frau Hoffmann zurückkam, sich den Schweiß von der Stirne wischte und sagte: »Hier ist er,« und dabei den Zuavenmantel über einen Stuhlrücken legte. Fast gleichzeitig mit ihr war auch die dicke Therese ins Zimmer getreten, hielt etwas Schwarzes im Arm und behauptete gleichfalls: »Hier ist sie – und nu, Frau Präsidentin, gehen Sie man getrost hinter den Wandschirm und lassen sich da von Frau Hoffmann assistieren, denn die versteht sich extraordinär auf so' ne intimen Geschäfte. Ihre Korsettierung können Sie aber immerzu anbehalten; das schadet nicht weiter. Den Zuavenmanto lassen Sie aber man hier; der kommt zuletzt an die Reihe ...« und damit drängelte sie die arme Frau Rektor, die noch immer unschlüssig war, die Assistentin und das weitläuftige Hosenpaar des geistlichen Herrn hinter den buntgewürfelten Wandschirm, stellte sich mit dem Rücken davor und murmelte zwischen den Zähnen: »So ist's richtig; die Sache muß an den Tag kommen, ganz partie egal, ob dabei so'n kleiner Spektakel mit mang läuft. Wir müssen als weibliche Tugendwächter auf Posto stehen. Ich tu's schon.« Die Maskierung begann. Die ersten drei Minuten vergingen. Therese wartete. Nichts ließ sich hören. Nur hin und wieder machte sich ein leises Wispern und Stöhnen hinter dem Wandschirm bemerkbar. Wiederum waren drei Minuten vergangen. Therese harrte geduldig. Jetzt aber ... Frau Hartjes war vorgetreten, hielt sich aber die Hand schamhaft vor Augen. »Herr Vikarius ...!« rief die dicke Therese und mußte sich die Seiten halten, um nicht vor Lachen ersticken zu müssen. »Nein, Frau Vikarius, ich wollte sagen Frau Präsidentin, wie Ihnen die geistlichen Hosen bekleiden!« »Meinen Sie ...?« »Pompös!« rief die Dicke und wischte sich die Tränen herunter. »So, nun warten Sie mal ...« Sie war etliche Schritte rückwärts getreten, um ein besseres Urteil zu haben. »Immer pompöser!« rief sie noch einmal, »aber ich bitte Ihnen, Ihre hintere Konstitution ein bißchen einziehn zu wollen, sonst kann es passieren, daß die Nähte entzwei gehn. Es kracht schon.« »Ich gebe mir ja alle Mühe,« seufzte die Ärmste. »So ist's richtig, Herr Vikarius – und nu, Frau Hoffmann, den Zuavenmanto ...« Das tat auch Frau Hoffmann. »Famos!« lachte die Dicke, »und wenn ich Ihnen also bekucke, kriegt man ordentlich Lust, Ihnen ein Küßchen zu geben. Was will Bettje Theißen mit ihren heiligen Augen?! – Sie haben mehr, Frau Vikarius – Sie haben heilige Beine ...! – Und nu noch den Hut auf den Kopp – und 'nen Regenschirm in die Hand – und wenn Sie dann noch 'nen mannbaren Schritt ausüben können, dann, so wahr ich Therese Vogels heiße, können Sie beruhigt auf Ihren Beobachtungsposten marschieren und Gerichtssitzung abhalten.« »Das will ich,« sagte Frau Hartjes. Mit den männlichen Bekleidungsstücken war auch ein männlicher Geist in sie gefahren. Sie reckte sich auf. »Pompös!« sagte die Dicke. In diesem Augenblick kamen langsame Schritte von der Treppe. »Haha!« lachte Therese, »jetzt geht der Ungetreue auf Anstand.« Frau Hartjes begab sich zur Türe, öffnete sie und rief durch die Spalte: »Du kannst nicht hereinkommen; die Probiermamsell ist da – und ich wollte nur fragen, wo du jetzt hingehst?« »Zum Abendschoppen.« »Bei wem denn?« »Bei Marie Janssen im ›Ridder‹.« Schnapp! – ging die Tür zu. »Den ›Ridder‹ kennen wir,« meckerte die Dicke, »der ist oben zu kurz und unten zu lang in die Kleidung und macht Komödie mit seine weiblichen Beine.« »So'n alter Sünder ...!« stöhnte Frau Hartjes. Im Überschwange ihrer Gefühle war sie der pummeligen Wehmutter in die Arme gefallen. »Ach, meine liebe Frau Hoffmann ...!« »Seien Sie mannbar!« entgegnete ihr Therese mit herzhaftem Nachdruck. »Sie müssen jetzt in Ihrem Zuavenmanto, der etwas Päpstliches bedeutet, und in Ihren schwarzwollenen Hosen, die etwas Geistliches an sich haben, vorwärts kucken und nur darauf bedacht sein, Ihren Ungetreuen wieder auf die richtige Ehebahn zu posamentieren, denn das mit dem ›Ridder‹ ist doch man bloß 'ne elende Ausflucht gewesen. Die Kegelbahn neben der Turnhalle ist jetzt Ihr Revier; die müssen Sie unter Beobachtung halten. Also tapfer vorwärts geschaut und sich nicht bange gemacht vor Ihrem äußeren Menschen. Der ist bald wieder abgelegt – und dann stehen Sie wieder da in Ihrem Kleide als Präsidentin und als Vorsteherin des Paramentenvereins und haben die Genugtuung in sich, 'ne männliche Seele vom Untergange gerettet zu haben, und dann noch die Freude, die langen Gesichter der evangelischen Edelmänners vor sich zu sehen.« Die Sprecherin schnappte nach Atem. »Das ist meine ehrliche Meinung, Frau Präsidentin,« meinte sie schließlich. »Gott verleihe mir hierzu Kraft und Stärke,« sagte Frau Hartjes und löste sich dabei mit tränenerstickter Stimme aus der sanften Umarmung, »und er stehe mir bei in diesen Stunden der Prüfung, der Selbstaufopferung und der Entsagung!« »Wie sich das gehört,« ergänzte Frau Hoffmann und zählte die einzelnen Muster, die sich im Teppich befanden. Sie war ordentlich in Rührung gekommen. »Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen, meine Damen!« ließ sich nun Frau Hartjes vernehmen, indem sie bald das behäbige Weibchen, bald die dicke Therese an ihren päpstlichen Zuavenmantel drückte. »Nichts zu danken,« wehrte die Dicke ab, »aber ich bitte Ihnen: denken Sie an Ihre hintere Portion, damit Sie keine Schwierigkeiten mit dem Hosenboden bekommen. Alles ist schon mal passiert im menschlichen Leben – und Vorsicht ist die Mutter 'ner großen Porzellanassiette.« »Das sagt mein Pitt auch,« konstatierte Frau Hoffmann. »Und nu muß ich gehen, damit mein Julius keine Sehnsuchtsgefühle bekommt und doch nach die Turnhalle ausrückt.« »Desgleichen ich,« sagte Therese, »denn ich muß nu für meinen Herrn Vikarius noch die kalte Küche und ein Fläschchen Wein besorgen. Aber wenn es Ihnen recht ist, Frau Vikarius – ich wollte sagen Frau Präsidentin, dann komme ich auch so Schlag Klock neun in die Gegend von die Turnhalle, um Ihnen, wenn's nötig sein sollte, als unbewußte Zeugin assistieren zu können.« »Ich bitte darum.« »Denn adjüs!« sagten die beiden und ließen die arme Frau Hartjes mit ihrem Kummer, ihrer tiefen Not, mit ihrem Zuavenmantel und den geistlichen Hosen allein in der Stube. Die kleine Stutzuhr schlug acht. Wie silberhelle Kinderstimmen zitterten die einzelnen Töne durch das sanfterleuchtete Zimmer, aber der Harrenden war es so, als habe die Not- und Feuerglocke geschlagen. »Noch muß ich warten,« sagte Frau Hartjes und setzte sich ergebungsvoll auf die geistlichen Hosen. So saß sie da. Und die Minuten vergingen. Und dann ... So saß sie noch lange. Jetzt war's Zeit. Der Hosenboden krachte. »Vorwärts!« sagte Frau Hartjes. XIII Der Schlußball »Wo ist Julius?« fragte Frau Hoffmann, als sie ihre Eigenschaften als Staatsanwalt und Garderobiere abgelegt hatte und wieder ihren Hausflur und hierauf das rechtsgelegene Zimmer betrat. »Pitt, wo ist Julius?« »Mama, der war soeben noch hier.« »Und nu?« »Fort.« »Wo ihm das verboten wurde?! – Jesus, mein Heiland! – und er ist doch sonst so ein selbstverleugnerisches und edles Faktotum gewesen.« »Mama – die Umstände!« sagte Pitt Hoffmann. »Und da kann mein Einziger mir die Schande erweisen, genau so 'ne Schande, wie der Herr Rektor der Frau Pergamentpräsidentin ...?!« »Je, Mama,« sagte Pitt und machte dazu eine pompöse Handbewegung, »man muß mit die Verhältnisse rechnen.« »Ach, was!« erregte sich Frau Hoffmann, »die Jugend besitzt keine Estimierung mehr gegen die älteren Leute. Das habe ich schon heute morren gesagt – und du hättest doch auch aufpassen können. Du hast Zeit dazu, denn nu werden doch keine Toten begraben.« »Mama, kommst du mir mit meinem eigenen Elend! – Kann ich dafür, daß jetzt selbst die schwächlichsten Kerle so alt und noch älter wie der selige Methusalem werden?! – Mama, das hätte ich von dir nicht erwartet ...! – Diese Demütigung ...« Ergeben legte er die schlenkrigen Finger zusammen. Frau Hoffmann versuchte einzulenken. »Aber Pitt, du hättest doch aufpassen können!« »Hätt' ich, Mama – aber wie ich schon sagte: man muß mit die Umstände rechnen. – Sitzt da mein Julius ganz andächtig am Fenster und kuckt in das Dustere hinein. – Gut, denke ich, kuck du man weiter. – Da geht die erste Vigeline so im Schummern vorüber. – Mein Julius sieht mich an, wie unser Ami mich ansieht, wenn ich 'ner leckeren Mettwurst mit Sauerkraut die Ehre erweise. – Gut, denke ich, kuck du man weiter. – Und er kuckte auch weiter, obschonst es immer dusterer wurde. – Und wie er so kuckte, da geht 'ne Klarinette und die Pistontrompete vorüber ...« »Na – und da?« fragte Frau Hoffmann. »Na – und da vigiliert mein Julius so um die Ecke nach seiner Quartanermütze, wahrscheinlich um zu sehen, ob sie noch immer dieselben Kulören besäße – blieb aber sitzen und kuckte so weiter.« »Na – und da?« fragte Frau Hoffmann, trat etwas näher und begann unruhig mit ihren Fingern zu trillern. »Ging der kleine Judenbengel mit die krölligen Haare vorüber, blieb aber stehn und mauschelte durch die Scheiben: Tag, Julius – nu geh' ich ßu's Tanzen. – Denke dir, Mama, so'n infamiger Hohnepiepelgeselle ...! – Das mußte unsern Jungen ja ärgern, und ich als Vater mußte mich auch drüber ärgern. Und daher und deshalb: ich vorne 'raus – und Julius hinten 'raus. – Mein krölliger Haas aber ist fixer. Wie'n Karnickel nimmt er die krummen Beine zusammen. Schafsleder ist ein Waisenknabe dagegen. Ich also zurück – und wie ich hier den Nagel besehe ...« »Na – und ...?« »Ist Julius seine Mütze futü.« »Und Julius?« »Auch futü.« »Und ist nicht wiedergekommen?« »Nicht wiedergekommen,« sagte Pitt Hoffmann und machte dazu ein Trauergesicht, als müsse er fünf Tote auf einmal begraben. »Da muß was geschehen, wie sich meine Freundin Therese ausdrückt,« sagte Frau Hoffmann und wußte in ihrem grenzenlosen Elend nicht, wo sie sich hinsetzen sollte. »Es steht der moralische Teil unseres Kindes auf dem Spiele,« meinte sie schluchzend. »Richtig, Mama.« »Und da mußt du auf Beobachtungsposten an die Turnhalle gehen, wie sich das gehört, und wie ich das für richtig taxiere.« »Mama, ich kann nicht. Gleich kommt Grades Gertzen zum ›Schafskopp‹.« »Dann muß ich selber ... aber ich will warten, bis die Frau Pergamentpräsidentin vorbeikommt, damit wir gleichzeitig unsere moralischen Teile erretten.« »Tu das,« sagte Pitt Hoffmann, legte Fidibusse und Karten zurecht, um nachher ein Partiechen ›Schafskopf‹ mit Grades Gertzen zu spielen. – Und die bedrängte Frau Hoffmann wartete ... und am Eingang der Turnhalle leuchteten buntfarbige Papierballons, die Bettje Theißen sinnig ausgesteckt hatte. Ferner war dort eine transparente Scheibe errichtet, hinter welcher eine Petroleumlampe brannte, die ein komisches Wort in schönen, roten Buchstaben zum Vorschein brachte, mit dem aber die meisten Festgäste nichts anfangen konnten. Viele buchstabierten verzweifelt dran herum, radebrechten von ›Teer‹ und ›Zichorie‹, schüttelten die Köpfe und begaben sich dann ins Ballokal, um sich von Bettje Theißen belehren zu lassen. Und Bettje erklärte dann, daß eigentlich Fränkel Haas in seiner Begeisterung auf den Gedanken gekommen sei, daß das Wort gar nichts mit ›Teer‹ und ›Zichorie‹ zu tun habe, vielmehr ›Terpsichore‹ heiße... »Das war die Muse ßu's Tanzen,« fiel der kleine Fränkel, der noch immer eine geschwollene Backe hatte, erläuternd dazwischen, »un das is for die Fetierung von Fräulein Pauline gemacht, denn sie is auch 'ne Muse ßu's Tanzen ...« und dabei gab er seinem Gesicht ein so gelehrtes Aussehen und stellte seine verzwickten Beine so närrisch zur Seite, als wäre er wie Moses zum Berge Sinai gegangen, hätte die Gesetzestafel vom lieben Herrgott noch einmal revidieren lassen und wäre alsdann mit dem Bescheid zurückgekommen, das vierte Gebot hieße von nun an: Du sollst Vater und Mutter und die Tanzmamsell ehren, auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden. Der Herr Gendarm Karl Friedrich Franz August Butterweck, der in diesem Augenblick, und zwar in kompletter Montur, mit seiner Gratis-Tochter anrückte, legte ihm wohlwollend die waschlederne Hand auf die Schulter und sagte: »Es ist doch 'ne große Sache um die Gelehrtschaft! – Man weiter so, Fränkel, und wenn du mal größer wirst und hast den Leuten das Geld mit's Kaufmännische abgenommen und spendierst 'ne Portion davon auf den Altar des Vaterlandes, wirst du nobilitiert und kannst dann wie die übrigen echten Barone Champagner verzehren. Leider,« setzte er bedauernd hinzu, »hat meine selige Mutter mich hierzu nicht in die Welt geboren, sonst wäre ich schon längst Polizeipräsident, denn man muß Geld haben oder ›von‹ sein, um weiter zu kommen.« Und Fränkel dienerte ein über das andere Mal – und der Herr Gendarm Karl Friedrich Franz August Butterweck steuerte mit seiner Gratis-Tochter auf den Honoratiorentisch los, placierte sich dort neben Doktor Horré, Herrn Piepmann nebst Frau Gemahlin und Tochter und bestellte 'ne Flasche Piesporter, worüber Fräulein Butterweck so außer sich wurde, daß sie bis zu den Ohrläppchen herab über und über errötete und sich standhaft weigerte, ein Tröpfchen zu sich zu nehmen, weil sie des festen Glaubens war, ihr Herr Vater habe einen schlechten Witz machen wollen. Auch die übrigen Honoratioren erschienen mit ihren Söhnen und Töchtern: der Herr Notar, der Herr Apotheker und die anderen alle – und dann kam auch noch Jans Prußt mit seiner Frau Gemahlin, die ein ganz auserwähltes Stück von einem Frauenzimmer vorstellte und dieserhalb für würdig befunden wurde, mit Jans bei den nobelen Familien sitzen zu dürfen, ein Vorschlag, der von dem pfiffigen Doktor Horré ausging, und zwar aus dreierlei Gründen. Erstens, um sie wegen ihrer etwas vorzeitigen Kindbetterei wieder honorig zu machen und zu rehabilitieren, denn er war ein ausgesprochener Philanthrop. Zweitens, um Joseph von Arimathia einen Tort zu erweisen, und drittens – und das war das Bedenkliche bei seinen menschenfreundlichen Anwandlungen – um in der Nähe von Anna zu sitzen und ihre Formen besser studieren zu können, denn er war neben seiner Philanthropie auch Kunstenthusiast, und Anna Prußt, geborene Derksen, hatte Anwartschaft darauf, es mit dem gesuchtesten Modell aufnehmen zu können, ein Umstand, den der joviale Doktor auch weidlich ausnutzte, um sich weiter zu bilden. Er klingte auch sofort mit dem aparten Modell an und wußte ihm alles Schöne über seine neue Bluse zu sagen. Anna dankte denn auch sehr gerührt, gab sich gleichfalls die Ehre, indem sie ihm zuplinkte und dann ein Paar Augen machte, wie sie Bettje Theißen nicht schöner gemacht haben mochte, als sie vor Jahr und Tag mit dem jungen Lehrer über die eingedunkelten Wiesen dahinging. Die Musikanten begannen schon damit, ihre Instrumente zu stimmen. Es war ein Klimpern und Tuten – sozusagen ein unmusikalisches Gestottere, dem aber das Geheimnis der Vorfreude und die Fähigkeit innewohnte, alle Zehenspitzen unter den Tischen in ein gelindes Tanzen zu bringen. Es konnte bald losgehen. Aber es ging noch nicht los, weil man noch die Ankunft einer Haupttänzerin abwarten wollte. Adele Knipp fehlte noch immer, und ohne Adele ... Viele Augen waren auf den Eingang gerichtet. Inmitten des Ballsaales stand die Tanzmamsell. »Wie 'ne Nippfigur aus Meißener Porzellan!« sagte Herr Piepmann, indem er die rechte Hand wie ein Perspektiv vors Auge schob, um das allerliebste Wesen besser betrachten zu können. Herr Piepmann hatte schon recht – denn wie sie so unter dem Kronleuchter stand, so fein und durchsichtig, in der altmodischen Krinoline und dem plissierten Seidenkleid, aus dem die nackten Schultern so zart wie Porzellanmasse hervorsahen, da wurde man unwillkürlich an ein Meißener Figürchen erinnert, das eine liebevolle Hand aus der Glasservante genommen und fein säuberlich und mit spitzen Fingern für alle Welt hingestellt hatte. Dazu die honigfarbenen Löckchen, die gepluderten Ärmel und die Augen, die so träumerisch in die Welt hineinsahen, als müßten sie weit hinter den Bergen die Wünschelrute finden, die sie notwendig hatte, um eine süße Hoffnung in Erfüllung zu bringen. Es waren Kinderaugen mit einer rührenden Einfalt und einer unendlichen Sehnsucht. »Rein zum Anbeißen,« sagte der Postmeister, aber so leise, daß es seine Frau nicht verstehn konnte, pfiff aber dafür elegisch hinter seiner Weinbouteille: »Reich' mir die Hand, mein Leben, Komm auf mein Schloß mit mir ...« Und die allerliebste Tanzmamsell stand da noch immer, als suche sie eine Seele, eine durstige, empfindsame Seele, die der ihrigen gliche. Sie stand da, als könnte sie sich nicht mehr von der Stelle bewegen. Ein sonderbares, geheimnisvolles Empfinden beherrschte ihr Denken. Sie fühlte sich wie unter dem Einfluß einer zwingenden Gewalt, der sie nicht mehr zu entrinnen vermochte. Und Anfechtungen waren in ihr und Selbstanklagen. Sie wähnte, Schutz suchen zu müssen vor einer anderen, die wie ein Schatten daher kam und sie ansah mit unsäglich traurigen Blicken. Sie schüttelte leise, ratlos den Kopf. »Ach, wenn ich das alles verwischen könnte, verwinden könnte!« sagte sie tonlos. Und sie kannte ihn doch nur von Ansehn her; aber in diesem stetigen Ansehn reifte die Liebe, und aus der Liebe rang sich ein bleiches Gesicht mit glanzlosen Augen. Und das bleiche Gesicht ... war das nicht die Sünde?! – Sprach nicht die Sünde zu ihr mit geheimnisvollen Worten; zeigte sie ihr nicht das eigene Glück, das sie gewinnen würde, wenn sie den Mut haben sollte, über das Unglück einer anderen hinweg zu schreiten, um das Verlangen ihrer durstigen Seele zu stillen?! – »Du mußt fort und vergessen,« sagte sie in schweren Gedanken. »Die Zeit wird schon lindern, denn alles auf dieser Erde hat sein Kommen und Gehen, sein Blühen und Welken, sein Tönen und sein leises Verklingen. Aber ich fürchte, daß bei diesem Verklingen ...« Heiße Tränen waren in ihre Augen getreten. Sie bemerkte nicht mehr die festlich geputzten Menschen und die feiertägig gekleideten Mädchen und all das Licht, das um sie her flutete. Mit verwirrten und wehen Blicken sah sie ins Leere. Ihr Haar aber leuchtete, als wäre ein lichter Goldglanz darüber gefallen. »Du mußt fort und vergessen ...« Aller Augen waren noch immer auf den Eingang gerichtet. Die Klarinette wurde schon ungeduldig. Ab und zu stieß sie einen hopsenden Ton aus. Der Herr Gendarm hatte bereits seine zweite Bouteille in Anstich genommen – da ... »Endlich!« sagte Herr Piepmann, als Adele Knipp wirklich mit ihrer lieben Mutter erschien und drei äußerst vornehme Knickse zu wege brachte. Einen für die Tanzmamsell, 'nen zweiten für die alte Baronin und 'nen dritten für die Gesamtheit. Sie tat es nach Vorschrift, und Fränkel Haas bot ihr nobel den Arm, räucherte sie noch mit seinem feinen Odeur nach Rindspomade und Gewürznägelchen ein und führte sie alsdann galant bis in die Mitte des Saales. Da erwachte die Tanzmamsell aus ihren Träumereien und warf ihrer Mutter einen Blick zu – und die alte Baronin, die in stocksteifer Seide und mit einem sehr schönen Pompadour am Arm neben Bettje Theißen und den Musikanten auf dem Podium saß, erhob sich und krähte dann mit ihrer blechernen Stimme in das animierte Publikum hinein: »Meine Herrschaften! – Meine sehr verehrten Damen und Herren zu Stadt und zu Lande! – Nur um Ihnen zu beweisen, was meine Tochter in der höheren Tanzkunst zu leisten vermag, nur um Ihnen darzutun, wie sich aus Ihren Herren Söhnen und Fräulein Töchtern, also aus Landpomeranzen, wirklich städtische Apfelsinen mit 'nem gesellschaftlichen Schwung und exquisiten Manieren zu entwickeln vermögen, nur aus diesem Grunde, meine Herrschaften, haben wir Satzenhofens die heutige Fete veranstaltet. Möge die Güte und das Wohlbenehmen des Allerhöchsten darüber walten. Und darum, meine Herrschaften ...« »Brav so!« rief der Herr Gendarm dazwischen, denn er wollte doch wegen seiner Gratis-Tochter ein übriges tun und die alte, vornehme Dame ein bißchen aufmuntern. »Pst! – Pst!« riefen die anderen. »Und drum, meine Herrschaften,« kam die alte Baronin zum Schluß, »eröffne ich hier in der feierlichsten Weise den Schlußball und rufe Ihnen zu: Gefällt er Ihnen, haben wir geleistet, was wir versprachen, sind Sie zufrieden mit den Pas meiner altadeligen Tochter – dann auf ein frohes Wiedersehen im nächsten Jahre! Bitte, nehmen Sie Aktus davon – und nun, meine Herren,« und sie wandte sich an Bettje Theißen und die vier Musikanten, »ich bitte Tusch, mein Herren! – Der Ball ist eröffnet.« Und der Tusch ging durch den Saal, und begeisterte »Hochs!« und »Vivats!« waren dazwischen, und aus dem Tusch entwickelte sich ganz allmählich eine feurige Polka Masurka, und alsbald drehten sich Toni Küppers, Klara Horré, Fränkel Haas und Fräulein Piepmann und die anderen alle im Kreise herum, daß es man so eine Art hatte; und dann kam der Rheinländer dran und dann eine verschnörkelte Quadrille, die so glänzend ausfiel, daß der Herr Gendarm und Severin Piepmann sich zu der kühnen Behauptung verstiegen, ähnliches in ihrem ganzen Leben niemals gesehen zu haben. Vornehmlich Herr Butterweck mußte es wissen, denn er war seinerzeit als Gardefüsilier stets Vortänzer an Königs Geburtstag gewesen – und zwar mit der Köchin seines Kompagniechefs, und das besagte doch alles. Die alte Baronin saß da und feierte in ihrem stocksteifen Kleid die höchsten Triumphe, und Bettje Theißen konnte nicht anders: sie zog ihr Taschentuch heraus und weinte heiße Tränen hinein, denn sie dachte an ihre eigene Jugend. Während all dieser Zeit hatten sich ein finnenblütiges Gesicht und eine Quartanermütze hinter das Fenster, wo die Musikanten saßen, gedrängelt – und über das finnenblütige Gesicht und die Quartanermütze konnte Julius Hoffmann verfügen, denn er war es und sah in die erleuchtete Turnhalle wie in ein glitzerndes Paradies hinein, vor dem seine Mutter wie ein Racheengel mit flammendem Schwert stand, um ihm unbegreiflicherweise den Eingang zu wehren. Er warf ordentlich einen Haß auf seine leibliche Mutter, von der er nicht begriff, wie sie gegen ihr eigenes Kind so zu wüten vermochte. Sie leistete seinem Nebenbuhler ja bei vollem Bewußtsein einen nichtswürdigen Vorschub, wo er doch selbst reelle Absichten hatte und gewillt war, die herzensgute und schöne Pauline sobald wie möglich als vornehme Schwiegertochter seinen lieben Eltern zu präsentieren. Sie waren gegen ihn, das wußte er jetzt, sie waren nicht gebildet genug, um dieses hohe Glück, das er ihnen doch zuführen wollte, ermessen zu können – und das war ein Unglück, ein nicht wieder gutzumachendes Unglück. »Aber mein muß sie werden!« unterbrach er seine schmerzensreichen Betrachtungen, »selbst wenn ich mit Vater und Mutter auseinander käme und hundert Stunden hinter Amerika auswandern müßte. Pauline für immer und ewig ...!« Er wühlte sich ordentlich wie ein Bohrwurm in seinen eigenen Schmerz hinein, er hatte ein grausames Entzücken daran, sich an seinen eigenen Seelenqualen zu ergötzen – aber er tat es ja gerne, denn was eine richtige, ausgetragene Liebe ist, muß Hindernisse finden, die muß bittersüß sein, die muß Ähnlichkeit mit einem Butterbrot haben, das auf einer Seite mit Schmierseife und auf der anderen mit Honig belegt ist. Na, und dieses Butterbrot mangierte er denn auch, seiner Pauline zuliebe, tapfer herunter und war glücklich in dem Bewußtsein, ihr auf diese Weise seine reellen Absichten dartun und beweisen zu können. Bei diesem pläsierlichen Geschäft wurden seine Augen wie Nußknackeraugen, die auch die geringste Bewegung der Tanzmamsell auffingen, um den größtmöglichen Profit von den Reizen des jugendlichen Frauenzimmers zu haben. Und er konnte nicht irren: zweimal hatte sie schon herübergeäugelt. Sie wußte ihn also zu finden, sie dachte an ihn und vergalt seine Liebe mit Gegenliebe – eine Erkenntnis, die den armen Schlucker hinter den Fensterscheiben in der angenehmsten Weise bis in die Zehenspitzen hineinfuhr. Julius war glücklich. Ach, wie das flirrte und blitzte da drinnen! – Und das feine Benehmen! – Weiter, immer nur weiter! – Die Quadrille wurde zu Ende getanzt, und dann kam ein flotter Walzer an die Reihe, und als auch dieser alle geworden, verkündete die Alte eine viertelstündige Pause, stand aber da, als wollte sie sagen: »Nun, meine Herren und Damen, wie gefällt Ihnen die Sache?« »Ausgezeichnet!« rief denn auch der Herr Gendarm Karl Friedrich Franz August Butterweck, streifte sich die Waschledernen über und gestand der alten Baronin, wie ihm ums Herz war. »Einfach großartig!« – und die übrigen folgten seinem Beispiel, und jedesmal, wenn einer erschien, drückte Bettje Theißen ihr Taschentuch gegen die Lippen, um nicht vor innerer Erregung lauthals weinen zu müssen. Ja – es war ein gelungener Abend! – Allein das Beste sollte noch kommen, denn nachdem die viertelstündige Pause vorbei war, erhob sich die Alte, wedelte dreimal mit dem Taschentuch und gab folgende Erklärung zum Besten: »Avis, meine Herrschaften! – Außerprogrammäßig! – aber um ihre höchste Kunst zu beweisen, fühlt sich meine Tochter veranlaßt, ein Menuett zu interpolieren, getanzt von ihr selber und den Damen Piepmann und Butterweck. Als Herren werden sich hierbei Fränkel Haas und die Söhne des Herrn Notars präsentieren. Die Herren von der Musik bitte ich, pausieren zu wollen. Fräulein Theißen und ich werden uns selber bedienen. Ich mit's Pfeifen und Fräulein Theißen mit dem Triangel.« Herr Butterweck ließ bei diesen Worten etliche Klatschsalven los, die es in sich hatten und mit Böllerschüssen zu konkurrieren vermochten. »Famos!« rief Herr Piepmann. »'ne gute Idee!« lachte der Doktor und war gerade dabei, sich ein wenig näher an die schöne Anna zu drängeln, als sich auch schon die aufgerufenen Paare rangiert hatten, die alte Baronin den Mund spitzte und lospfiff. »Als ich noch im Flügelklei–i–ei–i–de ...« ging das in getragenen Modulationen durch den Saal, und Bettje Theißen schlug mit verhimmelten Augen das Triangel dazu, und sie waren noch nicht bis zur Stelle: »O, wie hüpft ich da vor Freu–i–eu–i–de ...« gekommen, als auch schon Herr Severin Piepmann nicht mehr zu halten war, auf das Podium losstürmte, sich den beiden gesellte und von hier aus in kunstmäßiger Vollkommenheit die zweite Stimme mitpfiff. Das zündete. »Hurra, Herr Piepmann!« ging das durch den Saal. »Die alte Baronin soll leben!« »Und die Tanzmamsell!« »Und Fräulein Theißen daneben!« »Hurra und abermals Hurra!« – und Fränkel tanzte mit einem Gefühl, das alles hinter sich ließ: die Welt und den Petroleumleuchter und seine pomadisierten, krölligen Haare, denn er tanzte nur für sie, für sie ... und sein Gesicht sah dabei aus, als hätten sich auf seiner linken Backe die mageren und auf seiner rechten die fetten Jahre verewigt ... und Fräulein Piepmann war eine verkörperte Seele ... Ach, und die Tanzmamsell ...! Hundert Stimmen begrüßten sie, hundert Blicke folgten ihr, wie sie zieren Schrittes ihr Kleid raffte, die Lastingschühchen sich zeigten, und das Ebenmaß ihrer sanft gerundeten Knöchel ... »Das ist ja himmlisch!« meinte der Doktor, »das ist ja entzückend ...!« Und Julius Hoffmann streckte den Hals wie ein Huhn, das einen Schluck Wasser zu sich genommen hatte, um auf diese Weise ein bißchen mehr nach oben und in die Gegend der weißbestrumpften Beine vigilieren zu können ... Dabei stieß die schöne Anna einen fröhlichen Schrei aus, sei es nun, daß ihr das Menuett so ausnehmend gut gefiel, sei es nun, daß der joviale Doktor ... Wie dem auch sein mochte – kurz, sie stieß einen fröhlichen Schrei aus; die Animiertheit der ganzen Gesellschaft wurde immer größer und größer, und der Herr Gendarm war bereits in voller Montur auf einen Stuhl geklettert, um besser sehen zu können – da mit einmal ... Das musikalische Trio pfiff und triangelte bereits die Stelle: »O! – die Welt wird mir zum Hi–i–hi–i–mel ...« da mit einmal ging das von draußen: »Julius, ich habe dir!« – und dann ein Gepolter und Geklatter ... Das Fenster ging auf, und, den halben Flügel mitnehmend, flog Julius im großen Salto mortale von draußen ins Ballokal, während im Rahmen das wütige Gesicht seiner lieben Mutter sich zeigte. Ein einziger Aufschrei! – und Julius fiel über die erste Violine, riß die Klarinette zu Boden und blieb dann, mit dem dämlichsten Gesicht von der Welt, die Beine zur Decke des Ballokales gerichtet, vor Bettje Theißen und der alten Baronin liegen. Das Trio verstummte, Bettje war einer Ohnmacht nahe; eine grenzenlose Aufregung machte sich in der ganzen Gesellschaft bemerkbar, eine Fassungslosigkeit, die Fränkel Haas unter den Tisch flüchten ließ, und nur bei Doktor Horré, dem Gendarmen und anderen beherzten Leuten nicht Platz greifen konnte. Im Gegenteil – Herr Karl Friedrich Franz August Butterweck fühlte sich sogar, sprang vom Stuhl herunter und schrie ein über das andere Mal: »Das ist ja ein gesetzmäßiger Unfug! – Das ist ja nächst dem Satan ...!« stülpte sich den Helm auf den Kopf, zog blank und stürzte mit gezücktem Käsemesser, und von allen wegen seiner äußeren Forsche bewundert, ins Freie. Er mußte sich erst den Festglanz aus den Augen reiben, um die schummerige Außenwelt beurteilen zu können, sah aber dann im matten Schein der Papierballons, wie ein langer Zuavenmantel ausrücken wollte. Der Herr Gendarm hinter ihm her. »Im Namen des Gesetzes,« rief er mit Stentorstimme ihm nach, »fordere ich Sie auf, stehen zu bleiben!« Allein der Zuavenmanto, unter dem alle Hosennähte zu krachen begannen, arbeitete sich weiter, machte die gewagtesten Sprünge, gefolgt von zwei weiblichen, kompletten Schatten, die ebenfalls sich eifrigst bemühten, aus der Greifweite der waschledernen Handschuhe zu kommen. Endlich war Herr Butterweck so weit, schwang den Säbel und dekretierte mit einer Gewalt, als wenn er gleich ein paar Bäume ausreißen müßte: »Ich verhafte Ihnen im Namen des Gesetzes!« und dabei hatte er den Manto nebst Inhalt an sich gerissen. »Verhaftet ...!« Aber was war das?! – An seiner Gendarmenbrust lag etwas Weiches, Molliges, Warmes ... Erschreckt über diese Wahrnehmung, ließ er sein noch immer geschwungenes Käsemesser herunter. »Was soll das?!« Mit erstaunten Augen sah er in das Gesicht des sistierten Mannes. »Sie sind ja ...?!« »Ja,« sagte Frau Hartjes, »ich bin es.« Der Hut war ihr dabei vom Kopfe gefallen. Aber trotz ihrer verzweifelten Situation – das Energische ihres Geschlechtes kam über sie. Da zog sie den Mantel fester um sich und sagte: »Herr Gendarm, da alles doch offenkundig geworden ist, will ich das Unheil in seiner eigenen Höhle aufsuchen.« »Ich assistiere,« sagte die dicke Therese und war an ihre rechte Seite getreten. «Ich assistiere dito,« ließ sich darauf Frau Hoffmann vernehmen und war gleichfalls, aber an die linke Seite der Verhafteten getreten – und so, von Butterweck eskortiert, der nicht wußte, was er mit der ganzen Geschichte und den Weibern anfangen sollte, ging der Zug auf die Turnhalle los. Es gibt Dinge im menschlichen Leben, die kraft ihrer seltenen Vorkommnis die Grundfesten der menschlichen Gesellschaft zu erschüttern vermögen. Zum Beispiel, wenn ganz unvorhergesehen ein funkelnagelneuer Komet am Himmel erscheint, und infolgedessen der ganze Weinhandel, vom Produzenten bis zum Konsumenten herunter, und zwar wegen des zu erwartenden feinen Tröpfchens, Kopf steht, inferner, wenn ein männlicher Löwe und drei weibliche Tiger aus einer Menagerie ausreißen und dann ganz gemütlich über den belebten Jahrmarkt spazieren ... Aber was will das alles besagen gegen das, was nun erfolgte, wie der Zuavenmanto, der Herr Gendarm, die pummelige Frau Hoffmann und die dicke Therese von Arimathia, beide als Assistentinnen obigen Mantels, die Turnhalle mit ihrem Eintritt beehrten! Erst Entsetzen – Sprachlosigkeit – dumpfes Brüten – dann ein eruptives Gelächter! – und als dieses vorbei war, stand der joviale Doktor noch da, kämpfte mit einem krampfhaften Lachhusten und hatte Seitenstiche bekommen. Um nicht auf den Boden zu stürzen, mußte er sich an der schönen Anna festhalten – tat's auch, vermochte aber, trotz seiner Schmerzen, nicht über die Heiterkeitsausbrüche Herr zu werden, und jedesmal, wenn er den Zuavenmantel und die geistlichen Hosen vor Augen bekam, schwankte er mit blaurotem Gesicht hin und her, griff in die Seite und lachte von neuem. »Die Frau bringt mich um!« rief er mit hellem Gewieher. »Ich halt's nicht mehr aus, ich halt's nicht mehr aus!« »Aber was lachen Sie denn?« fuhr ihn die Frau Rektor mit giftigen Blicken an und war unter Begleitung der beiden Staatsanwälte näher getreten. Ihr Korsett kam zum Vorschein. Erneutes Gelächter. »Nehmen Sie's mir nicht übel, Frau Hartjes ...!« »Sie sollten sich schämen!« fuhr die Erregte auf ihn los. »Sie sollten sich schämen als Mensch und als medizinischer Doktor, denn ich stehe hier als Advokatin für meine weibliche Frauenehre und für mein Hausrecht. – Und Sie,« wandte sie sich mit feurigen Augen an die Tanzmamsell, »Sie sind schuld an meinem grenzenlosen Unglück. Sie haben sich in meine Verhältnisse geschoben, Sie haben das Herz meines Mannes mir abspenstig gemacht, Sie haben ihn betört und auf Abwege geleitet – ja, Sie, Sie, Sie ...!« Ihre Stimme schlug um, sie konnte nicht weiter sprechen, aber dafür streckte sie ihrer vermeintlichen Nebenbuhlerin die geballten Hände dicht vors Gesicht. »Was bedeutet das alles?!« rief die Tanzmamsell. Hilflos stand sie der tollen Anklage gegenüber, aber heiße Tränen waren ihr in die Augen getreten. »Das bedeutet,« kam Frau Hartjes wieder zu Atem, »daß ich Ihnen Ihr scheinbares Ehrenkleid von Ihrem Komödiantenleibe herunterreißen will, denn Sie haben meinen Mann mit Sirenenstricken ...« »Sie sind wohl verrückt!« schrie die Tanzmamsell auf. »Was denken Sie sich nur, mich hier vor der ganzen Gesellschaft in dieser brutalen Weise bloßzustellen?! Wer gibt Ihnen das Recht, meine Ehre in den Schmutz zu zerren, die sicherlich so unantastbar ist, wie die Ihrige nur sein mag?! – Aber zu Ihrer Entschuldigung nehme ich an: Sie sind wohl dem Irrenhause entsprungen ...!« – und sie sah sich um und um, ob keiner nahe wäre, der ihr zu helfen vermöchte. Und da war ihre Mutter gekommen. »Du mußt Contenance behalten,« sagte die Alte und schlang besänftigend die Arme um sie, wollte aber vor eigener Not in den Boden versinken. »Wo diese Person ...!« – und ihre Augen weiteten sich, aber ihr Gesicht entstellte sich nicht und blieb schön wie immer. »Nein!« warf sich nun Bettje Theißen ins Mittel, »keine Contenance behalten, denn was hier gesagt wird, das sind alles ausgestunkene Lügen!« Schirmend und mit fliegendem Atem war sie vor die Ärmste getreten. »Ach, Sie mit Ihren heiligen Augen!« zeterte die dicke Therese dazwischen. »Bekümmern Sie sich man um Ihre eigenen Schosen, und wenn die Tanzmamsell auch dreimal ihren Hahn wie der heilige Petrus verleugnet – ich weiß, was ich weiß, und wenn der Herr Rektor nicht hier ist, so hat sie ihn auf der Kegelbahn heimlich verstochen!« »Weib ...!« Das war ja ein entsetzlicher Aufschrei. Alles duckte sich, und selbst der joviale Doktor hatte in diesem Augenblick sein heimliches Lachen verloren, denn Pauline von Satzenhofen ... Sie war nicht wieder zu kennen. Ihr liebes Gesicht entstellte sich jetzt; ein heiliger Haß war darüber gegangen, So sieht ein junges Frühlingsbeet aus, wenn sich über Nacht ein unerwarteter Rauhreif hineinfrißt. »Ihr seid hart – ihr vom Niederrhein,« sagte sie unter bitterem Weinen. »Wenn auch,« hielt ihr die dicke Therese entgegen, »denn ich sage man: haben Sie Ihren Buhler nicht in die Kegelbahn verstochen – denn, bitte, klaren Wein in die Buddel.« »Den sollen Sie haben,« kam nun der Postmeister gesprungen. »Holla, Markör! – laufen Sie mal fix hier neben zum ›Ridder‹, und sagen Sie da, der Herr Rektor solle sich mal schleunigst nach hier bemühen, denn da sitzt er ganz harmlos und spielt ein Skatpartiechen nach dem andern herunter. – Aber hier – das ist ja eine ganz infame Geschichte ...!« »Was?!« fragte die dicke Therese. »Ja, Sie Unikum von Frauenzimmer!« sagte Herr Piepmann, »und nun kommen Sie, Fräulein von Satzenhofen, und lassen Sie man diese drei Unglückshühner hier stehen,« und damit bot er ihr kavaliermäßig den Arm, warf dem verstörten Zuavenmantel und den beiden Staatsanwälten noch einen sehr geringschätzigen Blick zu und führte hierauf die arme Tanzmamsell, und zwar von Bettje Theißen, dem Herrn Gendarmen und der übrigen Korona begleitet, bis in die Tiefe des Saales, wo sich alles in der liebevollsten Weise um das noch immer erregte Mädchen bemühte. Die drei Unglückshühner standen nun da unter dem Kronleuchter, als wenn sie sagen wollten: »Da sind wir aber auf den verkehrten Misthaufen geraten.« Und sie befanden sich noch in dieser Betrachtung, als auch schon Franz Hartjes im Sturmschritt anrückte. So wie er vom Skattisch aufgesprungen war, so erschien er auch: ohne Hut und noch zwei Karten, den Treffel-König und die Coeur-Dame in der Hand, prallte aber zurück, als er in dieses Tohuwabohu hineingeriet. »Petronella, bist du denn ganz aus dem Häuschen ...?!« Mit beiden Händen hatte er sich an die Schläfen gegriffen. »Franziskus,« fragte ihn der Mann mit dem Zuavenmantel und den geistlichen Hosen, »warst du nicht hier – hier in der Turnhalle?!« »Ich?! – Wieso?!« »Und bist nicht heimlich auf der Kegelbahn gewesen?« »Niemals!« »Ah!« sagte Frau Hartjes und wollte in die Kniee sinken. »Herr Hartjes, auf Leben und Sterben ...?!« spielte nun die dicke Therese ihren letzten Trumpf aus. »Hier heißt es, gerichtliche Farbe bekennen – und ich frage Sie daher im Namen des ewigen Gottes und rufe dazu noch den Erzengel Gabriel als Schwurzeugen an: hat Sie die Tanzmamsell nicht auf die Kegelbahn verstochen, um Ihnen dort mit ihren Buhlerkünsten heimlich unter die Nase zu kommen?! – Herr Hartjes, auf Leben und Sterben!« Wie beschwörend hatte sie dabei die schwabbeligen Finger der rechten Hand in die Höhe gehoben. »Sie haben wohl zu tief in die Flasche gesehn!« stöhnte der Rektor, der des Glaubens war, er sei in ein Tollhaus geraten. »Was?!« schrie die Dicke, »auch Sie wollen mich hier als Säuferin ansprechen?!« »Ja!« ließ sich eine feste Stimme aus der Tiefe vernehmen. »Das weniger,« sagte Herr Hartjes, »aber Sie sind geistig betrunken,« und er sah dabei aus wie ein neugeborener Jüngling, der auf einer Frühlingswiese spazierte, wo Gänseblümchen standen und Himmelsschlüsselchen versuchten, mit ihren gelben Fingerchen durch das Erdreich zu stoßen. Da fielen auch der betörten Frau Rektorin die Schuppen von den Augen herunter. »Therese!« rief sie, nicht mehr Herr ihrer Besinnung, »ich muß Sie verfluchen, Therese! – Und du, Franziskus, vergib mir – vergib mir!« Mit lautem Schluchzen sank sie an die Brust ihres Mannes. Und dann ... Langsam und mit tränenden Augen machte sie sich los, und langsam und mit tränenden Augen ging sie in die Tiefe des Saales und auf die Tanzmamsell zu. Und alle, die die Ärmste umstanden, machten ihr ehrerbietigst Platz, denn sie fühlten, trotz des komischen Aufzuges heraus, hier wollte ein in sich gegangenes Herz zu einem schwer beleidigten Herzen sprechen – und so war es auch. Die Frau Rektor wuscherte verlegen nach der Hand des gekränkten Mädchens und wollte was sagen; konnte aber zuerst die Worte nicht finden, dann aber fand sie die richtigen Worte und sagte leise, demütig: »Fräulein Pauline, können Sie mir vergeben, und wenn Sie es können – wollen Sie es tun?« Und die alte Baronin wandte sich bewegt ab und nickte ›ja‹, und Bettje Theißen drückte sich ihr Taschentuch gegen die Lippen und nickte auch ›ja‹. Selbst Herrn Piepmann traten die Tränen in die Augen – und da weinte die Tanzmamsell heiß auf und hielt ihr die Hand hin, wie ein Kind, das die Hand ergreift, mit der es noch soeben ungerechterweise gestraft wurde. Und der Herr Doktor rief: »Hurra, die Tanzmamsell!« Und Herr Piepmann: »Hurra, Frau Hartjes!« Und die Musikanten bliesen Tusch und nochmals Tusch und zum drittenmal Tusch – und diese Ovation benutzten die beiden Assistentinnen, um sich heimlich mit Julius auf die Socken zu machen. Frau Hartjes aber hatte die Tanzmamsell an ihre weiche Brust gezogen und strich ihr über die honigfarbenen Haare; und her joviale Doktor trat auf sie zu und sagte: »Nichts für ungut, Frau Hartjes, und wenn es Ihnen recht ist, wollen wir zwei beide 'nen feinen Versöhnungswalzer riskieren.« Das ging nun nicht gut, aber Frau Hartjes versprach, nachher in einem anderen Kostüm und mit ihrem Manne wiederzukommen, um mit den Herrschaften noch einen gemütlichen Ball zu verleben. Und dann gingen die beiden, von Bettje und Fräulein Pauline bis zum Ausgang begleitet. Frau Hartjes ging Hand in Hand mit der Tanzmamsell und gab ihr an der Tür noch ein leckerers Küßchen – und wie sie dann fort war, schlug Herr Piepmann vor, das unterbrochene Menuett von neuem zu arrangieren, ein Vorschlag, der allgemeinen Beifall fand und freudig beklatscht wurde. So hatte sich denn alles zum Guten gefunden. Die Paare reihten sich, Bettje Theißen saß wieder auf dem Podium mit heiligen Augen und schlug das Triangel, die alte Baronin stand neben Herrn Piepmann, und beide spitzten den Mund und pfiffen dann in seliger Inbrunst: »Als ich noch im Flügelklei – i – ei – i – de ...« und so ging das weiter in ausgelassener Fröhlichkeit, bis Frau Hartjes mit einem allerliebsten Enkörchen und mit ihrem Herrn Gemahl erschien, allen freundlich und in gehobener Stimmung zunickte und dann mit dem Doktor den zugesagten Versöhnungswalzer exekutierte. Und wie tanzte die Frau Präsidentin ...! »Wie 'ne Venus,« sagte Fränkel Haas – und unter allgemeiner Verbrüderung, unter steten Ovationen für die allerliebste Tanzmamsell nahm das gelungene Fest seinen Fortgang. Inzwischen hatten die bunten Papierballons ihren Atem verloren. Sie waren ausgebrannt; dafür aber schob der liebe Herrgott die Wolken beiseite, nahm eine Hand voll Brillanten und verstreute sie unter den dunklen Himmel, daß es man so blitzte und flunkerte. Und es wurde spät, sehr spät nach Mitternacht, bis man sich trennte. Und als man sich trennte, da war die Tanzmamsell die Königin des Tages geworden. Wie dann später das Nachtlichtchen traulich in dem Schlafgemach der wieder versöhnten Eheleute knisterte und so'n bißchen über den Glasrand fortblinzelte, da sah es auch, wie der eheliche Friede einen mit gemustertem Cretonne überzogenen Sessel an das Fenster gerückt hatte, die Vorhänge auseinanderschlug und mit glücklichen Augen auf die verblassenden Sterne und den stillen, werdenden Morgen hinaussah. Auch Bettje lag zwischen den Kissen. Sie konnte aber den Schlaf noch nicht finden. Sie mußte an verschiedenes denken, und da sagte sie plötzlich: »Ach, lieber Herrgott, wenn das an der Deichflanke nicht geschehen wäre, wo so heilig die Feuer in der Niederung brannten – heute wär' der schönste Tag meines Lebens gewesen.« Und dann machte sie große, heilige Augen – und dann war sie eingeschlafen und träumte von der Tanzmamsell und war glücklich. XIV Die Sterbeglocke Die heikle Affäre hatte einen luftigen Staub aufgewirbelt, durch den langgesichtige Menschen hindurchsahen und sich redlich bemühten, den infamen Staub noch dichter und kompakter zu machen. Sie hatten ihre helle Freude daran, wie er so wehte, selbst Miekske, selbst Karlo Antonio und Joseph von Arimathia, die inzwischen faustdicke Freundschaft geschlossen hatten und sich vor Lachen schütteln wollten, wenn die Geschichte vom Zuavenmantel und den geistlichen Hosen aufs Tapet gebracht und semmelwarm präsentiert wurde. Ja, der Staub wehte – aber es war Frühling geworden. Die ersten Sumpfdotterblumen blühten, und eine liebevolle Schöpferhand zupfte die kleinen Maßliebchen aus dem warmen Erdreich heraus und bordierte damit die kleinen Wässerchen, die durch die Niederung liefen, und bestickte damit die weiten Wiesenkomplexe und betupfte damit die wuchtigen Deiche, so daß es aussah, als wäre ein verständiger Tünchermeister mit seinem Gelb- und Weißquast darüber gegangen. Und der Frühlingswind wehte – und die Buchfinken sangen ... Und wie der Frühlingswind wehte und die Buchfinken sangen, da verflog auch der unleidige Staub, und die geschwätzigen Menschen hatten etwas anderes zu tun, als sich noch länger von der durchlebten Tragikomödie amüsieren zu lassen, um so mehr, da der große Guckkastenmeister neue Bilder vor die Augenlinse schob und die Leute aufforderte, ihr ganzes Interesse mehr zu vertiefen und ausschließlich auf religiös- politische Dinge zu richten. Na, das geschah denn – und der große Guckkastenmeister brachte immer neue Bilder zum Vorschein, erklärte ihnen auch die minimalsten Einzelheiten, zeigte neue Miseren der gemaßregelten Kirche und wußte so melancholisch von dem Wechsel und Unbestand aller Dinge zu erzählen, daß die Zuhörer Frau Hartjes und ihr kleines Abenteuer allmählich vergaßen, und die würdige Dame wieder neugekräftigt und mit fliegenden Fahnen in ihre alte Position einrücken konnte. Ja, so'n Finkenschlag und so ein großer Guckkastenmeister! – und was das Beste noch war: Frau Hartjes ging in sich, exerzierte nicht mehr so intensiv auf klerikalen Übungsplätzen herum, überließ das Fangen von ultramontanen Fliegen und Grillen anderen Leuten und hatte im Laufe der Tage und in wahrhafter Selbsterkenntnis eine innige und aufrichtige Freundschaft mit der alten Baronin, der Tanzmamsell und Bettje Theißen geschlossen. In uneigennütziger Weise verstand sie es, alte Mißhelligkeiten und Kränkungen ungeschehen zu machen, Liebe zu geben und dafür offene Herzen in Empfang zu nehmen, eine Wandlung in den bestehenden Verhältnissen, die vornehmlich die dicke Therese absolut nicht zu begreifen vermochte. Sie war rein wie vor den Kopf geschlagen, erklärte Frau Hartjes für eine Fahnenflüchtige aus dem Tempel des Herrn, verharrte selber auf ihrem unversöhnlichen Standpunkt und blieb trotz aller Gegenbeweise und Erklärungen dabei, daß zwischen dem Rektor und der Tanzmamsell doch so eine Art von ›Techtelmechtel‹ bestände und die Kegelbahn aufs frische eingeweiht werden müsse, bevor ihr Vikarius sich entschließen könne, wieder auf ein und derselben Bahn ›alle Neune‹ zu schieben. Und als dann eines Tages Doktor Horré zur alten Baronin gerufen wurde, Koffer und Kasten, die bereits reisefertig standen, wieder ausgepackt wurden, Pauline von Satzenhofen erklärte, wegen plötzlicher Erkrankung ihrer Mutter nicht abfahren zu können, als die Leute die Köpfe zusammensteckten und von einer Art ›Überfahrung‹ und einer linksseitigen Lähmung erzählten, Bettje Theißen zudem noch mit verweinten Augen herumlief – da schossen der dicken Therese ihre Vermutungsspargel armsdick aus der Rabatte heraus, daß sie sie nur zu stechen brauchte und mit einer delikaten Eiersauce unter die Leute zu verteilen hatte. Sie brachte denn auch ihre Spargel gewissenhaft an den Mann, indem sie glaubenskräftig drauf los schwadronierte und zu verstehen gab, daß der große Herrgott noch lebe und sich nicht an seinen himmlischen Wagen karren ließ, wenn es darauf ankäme, Vergeltung zu üben. »Denn an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen!« mit diesen Worten begann sie jedesmal ihre gepfefferte Auseinandersetzung, »und weil der weibliche Edelmannsbaum nur ein schlechtes Früchtchen hervorgebracht hat, das immer man auf die Kegelbahn kullern wollte, so hat unser lieber Herr Jesus Christus die Axt an den Baum gelegt, um ihn nieder zu hauen. Und wenn's auch noch so'n bißchen dauert – das ist ganz partie egal: abgehackt wird er,« und damit beschloß sie ihre fettigen Kassandrarufe, um sie an zweiter, dritter und vierter Stelle mit derselben Unverfrorenheit zu wiederholen. Freilich, die Axt war an den Baum gelegt, aber unser lieber Herrgott übte Barmherzigkeit und schlug noch nicht zu. Er wollte das Erwachen der Erde nicht stören, er wollte die zarten Frühlingskinder durch den mißfarbigen Ton der Sterbeglocke nicht unnötigerweise erschrecken. Er sandte vielmehr Bettje Theißen tagtäglich in die nahegelegenen Wiesen und sagte zu ihr: »Bettje, hier stehen so viel Himmelsschlüssel kraus durcheinander; die darfst du pflücken und der alten Baronin ins Haus tragen, und wenn du es tust, dann grüße sie vielmals von mir; ich meine es gut mit der alten Baronin.« Und Bettje tat, wie ihr geheißen war, und stellte tagtäglich ein Wasserglas mit frischen Primeln neben die Kranke ans Fenster ... Ach, Gott! – und die liebe Einwohnerin ...! – Sie war doch vor wenig Wochen noch so munter gewesen, hatte so pläsierlich gepfiffen und sich so sehr gefreut über den Schlußball, über die Versöhnung mit Frau Hartjes und den Triumph ihrer einzigen Tochter ...! – Das allerdings – dann aber war's so mit einem Male gekommen. Wie gesagt: die Koffer standen schon gepackt, Herr Severin Piepmann hatte bereits die Postbilletts abgestempelt, und alle Bekannte waren schon im Begriff, von den beiden Damen, die weiter rheinaufwärts ihr Glück versuchen wollten, rührenden Abschied zu nehmen – als plötzlich die Alte mit beiden Händen in die Luft griff und dann nach Hause gebracht werden mußte. Und Doktor Horré kam; er schüttelte zwar den Kopf, sprach aber doch von einer besseren Zukunft und vertröstete die Tanzmamsell und Bettje Theißen auf die schöne Zeit, wo die Schwalben wiederkommen würden. »Ja – wenn die Schwalben kommen ...!« lächelte Bettje, mußte sich aber abwenden, um nicht zu zeigen, wie ihr ums Herz war. Und nun saß die Heimgesuchte im Lehnstuhl bei ihren Himmelsschlüsselchen und sah zum Fenster hinaus, wo in den Vorgärten die Stachelbeersträucher schon grüne Spitzen bekamen und die Osterblumen ganz sachte das feuchte Erdreich durchstießen. Und dann sagte sie ganz leise und freundlich: »Bettje, Pauline – so möchte ich das immer haben, denn ich liebe die Bäume und die Sträucher und den Himmel, besonders, wenn so Ahnungen kommen, die vom Frühjahr und einem besseren Leben erzählen.« Die arme Tanzmamsell nickte dazu, stand aber mit ihren honigfarbenen Löckchen hinter dem Lehnstuhl und weinte. – Unter Schneeglöckchengeläut hatte das schöne Frühjahr auch seinen Einzug in den kleinen Pastorengarten gehalten. Der Krokus blühte, die Veilchen schlugen ihre blauen Augen auf, und der Dechant Doktor Steinberger hatte die Fenster sperrangelweit geöffnet, damit die herzerquickende Frühlingsoffenbarung des ewigen Gottes auch sein Studierzimmer berühren möge, wo das schlichte Tafelklavier stand und der Heiland liebevoll aus dem Rahmen zu treten schien, um alles und jedes in der friedlichen Stube zu segnen. Die politisch-religiösen Wirren drangen nur selten in dieses Zimmer hinein. Doktor Steinberger vermied es, hier über derartige Dinge zu sprechen, wie er es überhaupt vermied, den Kulturkampf und alles, was mit ihm zusammenhing, in irgendeine Debatte zu ziehen, und vornehmlich jetzt, wo stündlich ein Gesetz perfekt werden konnte, das, wenn es auch mit möglichster Strenge gegen die Unduldsamkeit der renitenten Geistlichen zu Felde zog, doch berufen schien, Wandel in die unleidlichen Wirren und Miseren zu tragen. So hoffte wenigstens der Dechant, so hofften viele, die es gut mit sich, dem religiösen Frieden und dem Vaterlande meinten – allein die Zeit sollte bald lehren, daß ihr Hoffen und Wünschen eitel und nichtig gewesen; denn wie bei einem fernstehenden Gewitter begann es bereits leise, aber unheimlich in den Donnerwolken zu zwinkern, die immer bedrohlicher den tiefen Himmel bedeckten. – Heute am 23. April war ein besonders schöner Tag. Die Buchfinken schlugen ... Es ging auf Mittagszeit. Die vive Haushälterin im Pastorat wies jeden Besuch, der vorsprach, in höflicher, aber bestimmter Weise ab. Ihr Dechant hatte zu arbeiten, war sehr beschäftigt und saß schon seit zwei Stunden in einer Konferenz, die nichts geringeres vorhatte, als den baufälligen Turmhelm von Sankt Nikolai abtragen und durch einen neuen ersetzen zu lassen. Außer Doktor Steinberger befanden sich noch Johannes Wesselink und der Kirchenrendant in der behaglichen Stube. Letzterer, ein silberhaariges Männchen, kramte ängstlich in diversen Papieren herum, klappte schließlich das Kassabuch zu und meinte dann, indem er mit seinen braunen Äugelchen über eine große Hornbrille vigilierte: »So, meine Herren, das wäre wohl alles!« Der Dechant stand auf; mit ihm hatten sich auch die beiden andern erhoben. »Ich danke Ihnen,« sagte Doktor Steinberger, wobei er in verbindlichster Weise dem jungen Zimmermeister die Hand reichte. »Sie überzeugen nicht unschwer, und wie ich aus Ihrem Vortrag entnehmen muß, scheinen Sie eine gewisse Vorliebe für das zweite Projekt zu haben und ihm den Vorzug zu geben?« »Unbedingt,« sagte Johannes. »Wenn auch unzählige Beispiele dargetan haben, daß die alte Konstruktion mit dem durchgehenden Kaiserstil eine durchaus gesicherte ist, die Jahrhunderte zu überdauern vermag, so sprechen für das zweite System doch so viele, nicht von der Hand zu weisende Gründe, die mich veranlassen, Ihnen, Hochwürden, diesen Entwurf dringlich ans Herz zu legen; denn abgesehen von geringerem Holzverbrauch wird durch die Anwendung von Andreaskreuzen ein freier Raum innerhalb der einzelnen Geschosse verbürgt, die Stabilität gewinnt, und die ganze Helmanlage kann sich freier entfalten und sich vornehmer und gefälliger dem unteren Turmbau akkommodieren. Mit anderen Worten, Hochwürden: Schönheit und praktische Vorzüge reichen sich die Hand, ergänzen sich und sind geeignet, das Harmonische unseres Gotteshauses noch mehr vor Augen zu führen.« »Das leuchtet mir ein,« sagte der Dechant. »Ich werde bei der nächsten Kirchenratssitzung in diesem Sinne vorstellig werden. Und was nun die Kosten anbetrifft ...« Mit einem feinen Lächeln sah er das weißhaarige Männchen an, das sich zappelig in den Hüften wiegte und das abgegriffne Kassabuch umschichtig unter die linke und rechte Achselhöhle praktizierte. »Nichts einzuwenden, Hochwürden.« »Schön,« meinte der Dechant. »Und nun, Wesselink, hoffe ich mit Gott, daß Sie in vierzehn Tagen an die Arbeit gehen können. Es wird Ihnen gut tun, denn ich weiß: Sie haben manches erduldet und viele Mißgunst über sich ergehen lassen müssen. Der böse Säemann war bei der Arbeit. Glauben Sie mir: so viel ich auch persönlich gejätet und gerodet habe – ich konnte des Unkrauts nicht Herr werden und vermochte nicht das Gehässige von Ihrer Schwelle zu scheuchen, das Einfalt und böswillige Absicht dort niedergelegt hatten. Vertrösten wir uns aber auf die kommenden Tage. Der Frühling steht vor der Tür. Auch vergrämte und verbitterte Menschenherzen werden sich auftun und ihm Einlaß gewähren. Wesselink – Frühling und Auferstehungsglocken ...! Glauben wir an sie, hoffen wir auf sie!« Johannes stand hoch aufgerichtet, aber eine tiefe Erregung war in ihm. »Ja, Herr Dechant,« sagte er mit gepreßter Stimme, »Frühling und Auferstehungsglocken ...! – und ich hoffe, in der mir aufgetragenen Arbeit Erlösung und Vergessen zu finden. Ich habe diese Stunde herbeigesehnt, mit ganzem Herzen herbeigesehnt, um mich Ihnen gegenüber einmal aussprechen zu dürfen; denn hier sitzt das und würgt das – und manchmal ist mir zu Sinn, als wenn ich Schluß machen sollte, als wenn ich meine Lammsgeduld von mir werfen müßte, um nichtswürdiger Heimlichkeit und Niedertracht an die Gurgel zu fahren ...« »Wesselink,« sagte der Dechant mit leisem Vorwurf in der Stimme, »haben Sie Zeit, noch einige Minuten hier zu verbringen?« »Ja, Hochwürden,« meinte Johannes, »die habe ich.« »Dann möchte ich Sie bitten, Herr Rendant ...« Und wie er das sagte ... Ein dumpfer, schwerer, langanhaltender Ton hatte die letzten Worte verschlungen. Dem ersten folgten weitere Töne, traurig, beklemmend, ans Herz gehend – und dann ging ein melancholisches Geläut mit wuchtigen Schlägen über die Stadt hin. »Wer hieß die Sterbeglocke läuten?« erstaunte sich Doktor Steinberger. »So viel mir bekannt ist ...« »Niemand ist gestorben,« sagte Johannes. »Dann hat eine unbefugte Hand ...« erregte sich Doktor Steinberger. »Herr Rendant, würden Sie wohl die Freundlichkeit haben, den Küster nach hier zitieren zu wollen?« »Gerne, Hochwürden,« sagte das zappelige Männchen, drückte das Kassabuch fester an sich und verließ unter einer unbeholfenen Verbeugung das Zimmer. Die Sterbeglocke aber läutete weiter, hielt die vorgeschriebenen Pausen inne, um alsbald mit erneuter Wucht ihre traurige Stimme ertönen zu lassen. Der Dechant schüttelte unwillig den Kopf, trat näher und verfiel wieder in seine alte Gewohnheit, in die er immer verfiel, wenn er sich mit ernsten Gedanken beschäftigte. Mit stiller Grazie stellte er die Fingerspitzen seiner durchgeistigten Hände derart zusammen, daß sie sich fast senkrecht berührten und sprach dann: »Mein lieber Meister, wir sind allein und stehen uns Aug' um Auge und Stirn um Stirn gegenüber. Was Sie mir zu sagen haben, was Sie bedrängt und wie Ihnen ums Herz ist ... sprechen Sie ruhig; Ihre Worte finden keinen Unwürdigen und fallen nicht auf steinichtes Erdreich. Sie brauchen Rat, Sie brauchen Tröstung, Wesselink – und was in meinen Kräften steht ...« »Ja,« sagte Johannes und tat einen Atemzug so recht aus tiefster Seele heraus, »ja, Hochwürden, die habe ich nötig. Seien Sie überzeugt, ich gebe meinem Gott, was meinem Gott gehört, ich sehe die Gebote des Herrn mit Kinderaugen an und befolge sie mit reinem Kinderherzen, gerade so, wie es mir meine selige Mutter eingeimpft hat, und glaube auf diese Weise meinem Herrn und der Kirche zu geben, was ich ihnen von Kindheit an schuldig gewesen.« »Das weiß ich,« nickte Doktor Steinberger und rückte ein wenig an seiner goldenen Brille. »Aber, Hochwürden,« fuhr Johannes mit gehobener Stimme fort, »ich gehöre nicht zu denen, die unter dem Schutze des Kreuzes die Massen betören, die die Religion als Vorwand nehmen, selbstsüchtige oder politische Sonderzwecke zu fördern, das wahre Heil jenseits der Berge zu suchen, wo wir doch hier auf der heimischen Erde, im geeinten Vaterlande alles finden könnten und hätten, wenn die Menschen nur wollten. Und weil ich nicht so bin, weil ich nicht heucheln kann und sprechen muß, wie mir ums Herz ist ...« Mit beiden Händen hatte er die Rechte des Dechanten ergriffen. »Hochwürden, deshalb stehe ich hier wie ein Ausgestoßener vor Ihnen – begegnen mir höhnische Blicke – haßt mich das Kirchspiel – wird alles in meinem eigenen Hause auseinander gerissen ... Und wie ich auch arbeiten und sorgen mag: es hat sich etwas unter mein Dach geschlichen, in mein Herz geschlichen, das immer größer und größer wird und willens scheint, den Fuß brutal auf den Nacken meines Glückes zu setzen.« Er rang nach Atem. »Aber, Wesselink ...!« »Ja, Hochwürden, so ist es ... Und für das eigene Glück und hier für das Land, das wir doch lieben, für das wir doch die Arme gen Himmel strecken, für das wir doch unsere Seele erheben und beten – sorgen müssen wir uns, denn ein schlimmes Fieber geht hindurch, das alle Freudigkeit kaput macht und das Leben vergiftet, gerade so, als wäre über ein Roggenfeld das Sankt Antoniusfeuer gegangen. Und warum das alles, Hochwürden?! – Etwa der Religion wegen? – Zum Lachen, zum Erbarmen, Hochwürden! – denn alle, die das behaupten, sind vom wahrhaften Glauben so weit entfernt, wie wir von den Sternen. Herrschgelüste, Neidhammelei, Römlinge, Finsterlinge ... sonst nichts! – aber kein Sehnen, kein Suchen, kein ehrliches Finden ...! – Und wenn das so weiter geht ...« Er rang verzweifelt die Hände ineinander. »Wesselink, denken Sie an mich ...« »Das tu' ich, Hochwürden. Ich weiß wie Sie denken, wie Sie kämpfen und wie Ihnen ums Herz ist. Sie sind einer der wenigen, die gerne anders möchten, die vor den Altar treten und dort rufen möchten: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes! – Reißt die trüben Lichter der Verdummung, der politischen Sonderinteressen, der religiösen Unduldsamkeit von den Leuchtern herunter und stellt dafür die hellen Lichter der Vernunft und der Vaterlandsliebe hin. Ihr Heuchler im Schafskleid, tragt nicht den Unfried in die Häuser hinein, erntet nicht, wo euch keine Ernte zusteht! – Ihr sollt Priester und Menschen sein, die Wahrheit und Nächstenliebe üben, denen es fern liegt, das geeinte Reich verkleinern zu wollen ...! – Ja, Hochwürden, so sprächen Sie, so würden Sie reden, aber Sie können nicht anders, denn auch Ihnen sind die Hände gebunden, Hochwürden.« »Wesselink,« erstaunte sich der Dechant, »woher sind Ihnen nur diese Worte gekommen? – Sie sprechen ja ...« »Wie ich es fühle, Hochwürden. Ich bin kein Studierter; aber ich bin nicht müßig gewesen. Ich habe das Meine gelernt und mich zu belehren gewußt und sehe jetzt mit klaren Augen ins Leben hinein; und wie ich so sehe, und wie ich so denke und sinne, da ist es mir so, als schlüge unsere heimische Erde die Blicke auf, Blicke mit heißen Tränen darin – als wenn das aus tiefster Seele riefe: Helft mir ...!« »Wesselink ...!« »Ja, so ist es, Hochwürden. Ich kann mich nicht anders machen, als ich bin, und nur das sagen, was ich empfinde. – Helft mir, helft mir, helft mir! – so möchte auch ich rufen, denn Gehässigkeit ist um mich, Bosheit verfolgt mich; mein Weib ist anders geworden ... Es ist mir, als wenn sie das Stückchen Erde, auf dem ich lebe und schaffe, fortreißen wollten – und wenn das so weiter geht ... Hochwürden, ich bin auch nur ein Mensch, aber dann kann's immer passieren ...« Beide Fäuste streckte er von sich. »An die Gurgel springen, das möcht' ich; allen an die Gurgel, Hochwürden ...!« Seine Brust arbeitete, sein Atem ging schwer. Der ganze Mensch war nicht wieder zu kennen. »Wesselink,« sagte Doktor Steinberger und legte ihm die Hände sacht auf die Schulter, »denken Sie an den, der für uns am Kreuze gestorben ist.« »Und der da sprach,« sagte Johannes mit dumpfer Betonung, »Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.« Dabei sah er den Dechanten mit schmerzlichem Lächeln und großen Augen an. »So ist es,« sagte der Geistliche mit ruhiger Stimme. Johannes Wesselink fuhr sich mit der Hand über die Stirne, als wenn er dort etwas verwischen und auslöschen müßte, und sah dann durch das weitgeöffnete Fenster in den sonnigen Garten hinein, wo auf der sorgfältig gepflegten Rabatte die Schneeglöckchen blühten und das Frühjahr einläuteten, selig, friedlich, verheißend. Aber nur die konnten es hören, die anders empfanden, die inniger zu fühlen verstanden wie gewöhnliche Menschen. Aber der Dechant und auch der vergrämte Mann hörten sie klingen, denn beide hatten ein feineres Gefühl und eine schönere Seele wie so viele, die immer mit heiligem Augenverdrehen den lieben Herrgott im Munde spazieren führen, als wäre er so wohlfeil wie Bucheckern zu haben, wenn ein gutes Mastjahr gewesen. Und bei diesem Frühlingsklingen überhörten sie selbst die schweren Klagen der Sterbeglocke, die noch immer tönte und unermüdlich von irgendeinem Unglück erzählte – und wie sie erzählte, da war die Haushälterin auf weichen Schuhen ins Zimmer getreten. »Hochwürden, der Herr Vikar ...« »Ich habe doch den Küster verlangt,« sagte Doktor Steinberger mit gerunzelter Stirne. »Das wohl – aber der Herr Vikarius meinte, er könne die Sache besser erklären.« »Dann lasse ich bitten.« Gleich darauf war Joseph von Arimathia zu den beiden getreten. Mit einer sehr korrekten Verbeugung grüßte er seinen Vorgesetzten, dann aber glitten seine Augen über Johannes Wesselink, als wenn sie fragen wollten: »Was willst du denn hier?« Doktor Steinberger stellte wieder seine weißen Fingerspitzen zusammen, aber er stellte sie anders zusammen wie eben; es geschah in einer eigentümlichen Hast und mit einer nervösen Erregung. »Herr Vikar, was bedeutet das Läuten?« »Es ist die Sterbeglocke, Hochwürden.« »Das höre ich; ich bin lange genug in meiner Parochie, um das beurteilen zu können – und möchte nur wissen, wer sich erdreistet hat, hier eine eigenmächtige Order zu geben?« »Ich,« sagte Joseph von Arimathia, riß die beschnallten Schuhe zusammen und warf den Kopf ins Genick. »Sie ...?!« »Ja.« »Das ist ein seltsam Verfahren! – und Ihre Gründe hierfür?« »Hochwürden, soeben ist ein schmachvolles Gesetz publik geworden, ein Regierungsakt, der die Grundfesten unserer Kirche erschüttert.« »Was für ein Gesetz, was für ein Regierungsakt ...?« »Die Einstellung der staatlichen Leistungen an die katholische Kirche. Das Sperrgesetz wurde genehmigt, eine Zwangsmaßregel wurde von glaubensschänderischen Händen ...« »Und da haben Sie es gewagt ...?« »Ja, Hochwürden, ich hab' es gewagt und ließ die Sterbeglocke läuten, weil das Höchste, was wir besitzen, die Freiheit, auf der Bahre liegt, um begraben zu werden.« »Und daher,« rief der Dechant mit spöttischem Lächeln, »machten Sie in Ihrer gläubigen Einfalt die Glocke rebellisch?!« »Was?!« ereiferte sich Joseph von Arimathia. »Nicht aus Einfalt, Hochwürden – aber aus Schmerz, aus Grimm, aus Entsetzen ...! – De profundis clamavi ad te, Domine ...!« Beide Hände streckte er dabei, wie um Erbarmen flehend, zur Decke. »Bekümmern Sie sich um Dinge, die Ihres Amtes sind und nicht um solche, die nicht zu Ihrem Wirkungskreise gehören. Ich sage nochmals: Sie handeln in kindlicher Einfalt, und ich gebiete Ihnen, in sofortiger Stunde die Glocke zum Schweigen zu bringen.« »Wo unserer Kirche Gewalt angetan wird, wo der Staat sein Kulturkampf-System jetzt auf der Basis materieller Gewalt aufbaut ...?! – Herr Dechant, da will ich, da muß ich ...!« Seine Augen schienen aus den Höhlen springen zu wollen. »Sie haben nichts zu müssen und nichts zu wollen,« fiel ihm der Dechant ins Wort, »und was geschehen muß und soll, das, Herr Vikar, überlassen Sie, bitte, meinem Ermessen.« »Nein, Hochwürden – ich weiß, Sie tun nichts in der Sache, und drum soll das tote Metall lebendig werden und läuten – läuten – läuten, um der Welt und allen Menschen zu verkünden ...« »Schweigen Sie,« gebot Doktor Steinberger. »Wo die Priester durch das Gesetz angehalten werden sollen,« ereiferte sich der Vikar, »entweder zu gehn oder, von Königs Gnaden angestellt, die Silberlinge des Staates zu fressen und sich dadurch in Widerspruch mit den Verordnungen unserer heiligen Kirche zu sehen – da sollte ich schweigen?!« »Herr Vikar ...!« mahnte der Dechant. »Das ist Revolution ...! – Das ist Frechheit, Anmaßung von seiten des Staates – und Sie, Hochwürden, sollten gleich mir dem giftigen Gewürm den Kopf zertreten ...« Und wieder rang er die Hände, und wieder rief er von neuem: » De profundis clamavi ad te, Domine ! – Herr, erbarme dich unser!« »Und wenn Sie nicht wollen,« rief Doktor Steinberger mit stammendem Unmut, »so werde ich ...« Er hatte die Klingel ergriffen und schellte. Die Haushälterin kam. »Gehen Sie unverzüglich zur Kirche,« gebot er, »und untersagen Sie augenblicklich in meinem Namen das unsinnige Läuten.« Die Haushälterin ging unter allen Zeichen des Schreckens. »Das ist ja eine Farce in optima forma ,« wandte er sich zornig an den Vikar, »ein Possenspiel schlimmster Art – und Sie sollten sich schämen ...« »Ich schäme mich nicht,« trat ihm Joseph von Arimathia entgegen, »wo ich mich eins weiß mit den Anschauungen Roms und seiner Vertreter. Wenn je, so hat nunmehr die Regierung bewiesen, daß sie in völliger Unkenntnis vor den idealen Mächten steht, welche Kirche und Klerus beherrschen – und verflucht sei die Hand, die die Silberlinge des Staates aufnimmt, und verflucht sei die Zunge, die die Korruption nicht verdammt! – Und wenn einer sich zu schämen hat ...« »Was?!« rief Doktor Steinberger in höchster Erregung und war bebend näher getreten, »das sagen Sie mir ...?!« Joseph von Arimathia zuckte zusammen. Er fühlte, er hatte das Maß des Erlaubten weit überschritten. Der Stiernacken beugte sich. Das Kinn war ihm bis auf die Soutane gesunken. Mit scheuer Handbewegung machte er das Zeichen des heiligen Kreuzes. » Pater noster, qui es in coelis ...« sagte er mit verhaltenen Worten. »Ja, beten Sie, beten Sie,« versetzte der Dechant. »Das wird Sie weiter bringen und wird höher gewertet im Himmel, als Unfrieden unter die Menschen zu tragen und Scheite in die Flammen zu werfen, die schon mehr wie bedrohlich zum Himmel emporschlagen. Dem Staat, was des Staates – und er wird wohl Gründe haben ... Darüber zu rechten, das ist nicht unseres Amtes, Herr Vikar. Aber mein ist das Amt, Sie zur Ordnung zu rufen und Ihnen zu sagen: So lange ich hier vor Ihnen stehe, meine Parochie verwese und als Dechant amtiere – so lange haben Sie unterwürfig zu sein, mir zu gehorchen und keine Handlungen vorzunehmen, wie die soeben durchlebten, denn sie sind eines Priesters nicht würdig.« »Hochwürden ...!« knirschte Joseph von Arimathia. Sein Nacken straffte sich wieder. »Was wünschen Sie noch?« »Ich muß Sie ersuchen ...« »Ich bitte mir einen anderen Ton aus.« »Nein und abermals nein!« schrie der Vikar und das mit einer Gebärde, als wollte er einen Faustschlag versetzen, »denn ich muß mir verbitten, daß Sie mich hier in Gegenwart eines Mannes rektifizieren, eines Mannes, der – sagen wir es gelinde – kein Umgang für Sie ist, der die Stirne gehabt hat, sich, auf ein vages, leichtfertiges Testament hin, ein Weib aus dem Kloster zu holen und sich nicht scheut, täglich, stündlich gegen unsere Interessen zu wüten ...« »Mensch ...!« rief Johannes. Er glaubte nicht recht gehört zu haben, aber unwillkürlich hatte er nach einer Stuhllehne gegriffen. Sein ganzer Jammer trat ihm wieder vor die Seele – und nun kam so ein Tonsurierter, um brutal in die schon halb vernarbte Wunde seines Elends zu fassen. Begütigend war Doktor Steinberger an seine Seite getreten und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Hochwürden, hier kann ein Unglück passieren ...« »Wesselink, behalten Sie Ruhe.« »Wo der da ...! – Auseinandergerissen hat er mein häusliches Glück. Sorgen und häßliche Gedanken grinsen mich an. Ich verstehe mein Weib nicht mehr; ich verstehe nicht mehr, wo das alles hinaus soll ...! – Und nun kommt der noch gegangen ...« Er ballte die Fäuste. »Mensch!« fuhr er auf den Vikar ein, »dich schützen Tonsur und Soutane – sonst ...« »Wesselink, Sie sollen Ruhe behalten.« Der Dechant war zwischen die beiden Männer getreten. »Ja, die will ich behalten, die will ich behalten ...« stöhnte Johannes und war rücklings getaumelt. »Und Sie,« wandte sich Doktor Steinberger an den Vikar, »Sie begeben sich unverzüglich in Ihre Wohnung und warten. Das weitere wird sich finden.« Joseph von Arimathia warf alles beiseite. Der stiernackige Mensch reckte sich auf. Dem Dechanten schlug ein verbittertes Lachen entgegen. »Finden ...?! – Ja, das wird sich finden. Hochwürden!« Rücklings schritt er der Türe zu. Dort angekommen und die Hand gegen seinen Vorgesetzten erhoben, brach er in die Worte aus: »Alles wird sich finden, aber es wird sich anders finden, wie Sie es sich denken, Hochwürden. Noch gibt es ein Generalvikariat! – Fäulnis ist hier, Verrottung und Fäulnis! – und dem Generalvikar will ich erzählen, wie Sie Ihre Herde behüten. Seelen sind Ihnen anvertraut – und Sie verlassen die Seelen, die Schafe, die Lämmer wie ein Mietling, um mit dem Wolf, der da Staat heißt, Pakt und gemeinsame Sache zu machen!« »Hinaus mit Ihnen ...!« Doktor Steinberger zitterte bis ins tiefste Herz hinein. »Ach, was!« schrie der Vikar. »Sie haben mir den Appell durch die Glocke verboten, aber Sie können mir nicht verbieten, die Menschen, die bedrängten Seelen zusammen zu rufen und ihnen zu sagen: Seht da euren Hirten!« »Was schwatzen Sie, was reden Sie ...!« Doktor Steinberger streckte die Hand aus; ein schmerzliches Stöhnen entrang sich seiner Brust. »Ich weise Sie hinaus! – Hinaus mit Ihnen ...!« »Sie ...?!« schrie der Vikar. »Ich gehe – ich gehe ... und wenn ich für die heilige Kirche zum Tod durch Marter hindurchschreiten müßte – Hochwürden, ich gehe. Aber Sie hören von mir. – Durch Martyrium zur Apotheose ...! – Das ist christkatholischer Grundsatz – per Dominum nostrum Jesum Christum, Amen .« Eine lähmende Stille herrschte im Zimmer, als Joseph von Arimathia hinausgegangen war, die Tür sich hinter ihm schloß und Doktor Steinberger ans Fenster trat und in den erwachenden Garten hinaussah. »Hoffnung und Frühlingssonne ...!« sagte er schließlich. »Der liebe Gott meint es gut mit allen, die mit ihm gehn. Er läßt die Veilchen duften, die Schneeglöckchen klingen und die Osterblumen auferstehn zur Freude der Menschen. Aber fanatische Anwandlungen, Intoleranz, verkehrte Ansichten, wenn auch in gutem Glauben gegeben, vernichten und verderben das alles. Es geht ein Drang, eine Hoffart durch die religiösen Anschauungen der Menschen, die uns immer mehr der Nächstenliebe, dem einzigen Gott und dem wahren Heile entfremden.« Er wandte sich. Große Tränen waren ihm in die Augen getreten. Langsam schritt er auf Johannes Wesselink zu und sagte mit leiser Stimme: »Sie sehen, wie es um uns steht. – Sie, Wesselink, haben vieles zu leiden und viel zu erdulden – aber ich habe mehr zu leiden und mehr zu erdulden. Gott helfe uns beiden!« Johannes hatte seine Hand ergriffen. »So ist es, Hochwürden.« Eine große Bewegung war in ihm. Er vergaß sein eigenes Leid, seine Kränkungen, sein häusliches Elend. »Gott tröste Sie, Hochwürden,« sagte er mit tränenerstickter Stimme. Ein warmer Frühlingssonnenstrahl fiel ins Zimmer – und da verstummte die Glocke. XV Arme Seelen Noch an demselben Tage entwarf Joseph von Arimathia ein Schriftstück in Brouillon. Es war ein langatmiges Machwerk, gespickt mit Ausfällen, Anklagen, Sophistereien und epigrammatischen Spitzen. Es kam ihm hart an, es roch nach Schweiß und Mühe, denn Joseph Sauerbier führte eine schwergelenkige Feder. Während der Nacht ließ er sich alles nochmals durch den Kopf gehen. Am andern Morgen nahm er wieder das Brouillon vor, redigierte und korrigierte, setzte hier einen Druckser und dort ein kräftiges Licht auf, bis es Mittag geworden. Joseph von Arimathia schwitzte und grübelte weiter. Nach dem Essen nahm er einen extrafeinen Kanzleibogen zur Hand, kniffte ihn der Länge nach durch und begann dann zu schreiben – eifrigst zu schreiben: »Saubere Dinge das ... ganz abgesehen von Meinungsdifferenzen ... Irreführung gläubiger Seelen ... Anmaßung, Hoffart ... Bitternisse und Heimsuchungen habe ich herunterzuschlucken ... aber ich will keinen beleidigen, niemanden kränken ... und dennoch, es muß sein ... Preisgeben heiliger Güter ... nein, das will ich nicht schreiben und muß es doch schreiben ... Hirt und Herde verkommen . .. eine energische Hand ist vonnöten ... Ostern steht vor der Tür ... denken Sie an die Aufrechterhaltung, der kirchlichen Ordnung ... wir können keine Freigeister in hiesiger Kirchengemeinde gebrauchen ... Buße, Buße, Buße ...« Joseph Sauerbier schrieb weiter, er schrieb bis zur Vesperstunde, er schrieb, bis die Sterne am Himmel aufgingen. Endlich legte er die Feder beiseite, straffte den Stiernacken und tat einen tiefen Seufzer. Er hatte drei gekniffte Kanzleibogen beschrieben. Joseph von Arimathia war fertig geworden. »Trachtet vor allem nach dem himmlischen Reich,« sagte er mit nicht geringer Selbstbefriedigung, »das andere wird euch dreingegeben werden.« Vergnüglich rieb er sich die Hände zusammen und knackte mit seinen Fingergelenken. Hierauf bestellte er eine Flasche mit Rotspon. – Ums Abendläuten kam Karlo Antonio Pollmann, lebhaft begrüßt vom Vikar, der ihm den Don Diego abnahm und ihm eine Zigarre präsentierte. » Grazie !« winkte Herr Pollmann ab, »doch wenn Sie gestatten ...« »Aber warum nicht ...?!« » Merci .« Mit unglaublicher Fixigkeit brachte der emeritierte Zuave ein Etui aus seiner Rocktasche zum Vorschein, griff hinein, klappte es zu, brachte es wieder an Ort und steckte sich fingerfertig einen Rattenschwanz in den Mund, den er ebenso fix an einem schnell entzündeten Streichholz in Brand setzte. Hierauf ließ er sich breitspurig in einen Korbsessel fallen, schlug die Beine übereinander, hielt die brennende Virginia mit spitzen Fingern von sich und meinte: »Nie ohne dieselbe, Kaplänchen! – Erinnert an die italische Sonne, an Rom, an den großen Sankt Peter ... Im übrigen: da wären wir ja – und nun eine Frage: Wie geht es, signore ?« »Mir?« » Si .« »Hm!« machte Joseph von Arimathia. »Weiß schon, weiß schon! – Allerhand Widerwärtigkeiten gehabt. – So'n Revolutiönchen im kleinen. – Eklige Schose! – Aber durchbiegen, durchbiegen! – Wird sich schon machen. – Aber mir ...?! – Molto bene ! – Ausgezeichnet! – Bin selber so zu sagen ›paff‹ über die Sache. – Die Landwirtschaft – 'ne großartige Erfindung! – Perchè ? – Der Boden ist das Material, aus dem durch menschliche und tierische Arbeit organische Produkte erzielt werden. – Wache ich. – Ganz neue Ideen in die verluderte Wirtschaft getragen. – Großartig sage ich Ihnen!« »Und das verstehen Sie alles?« »Ich ...?!« fragte Karlo Antonio und knipste mit einer unnachahmlichen Handbewegung die Asche von seinem landfremden Stengel herunter, »na – und wie! – Wo ich nur hinsehe: 'ne glatte Sache. – Veramente, signore! ! Roggen und Weizen überbieten sich, in Kraut und Ähren zu schießen; 'ne hundertfältige Ernte gesichert. Esparkett- und Kleereuter abgeschafft. Künstliche Trocknung vorgesehen. Mein Prinzip ... und wenn noch so zwei Jährchen herum sind, kann sich der Baron gratulieren. – Alles doppelt und dreifach. – Höhere Pferdezucht angebahnt – neue Systeme – Geld wie Heu ... Der Baron ist ein Glückskind, und, ohne mich persönlich beräuchern zu wollen, darf ich wohl sagen: ich.« »So ...?« » Si ,« sagte Herr Karlo, »aber trotz meiner Arbeit, trotz meiner Erfolge – hier sitzt das: die Sehnsucht nach der italischen Sonne, nach der Zuavenmontur, nach dem großen Sankt Peter.« Mit Kennermiene Prüfte er das Arom seiner dünnen Zigarre, zwirbelte das gewichste Schnurrbärtchen aufwärts und lehnte sich kavaliermäßig in seinem Korbsessel zurück. Joseph von Arimathia sah ihn ungläubig an. »Sie zweifeln, mein Herr? – Ich habe con amore, con fuoco, con molto sentimento gearbeitet! – Aber nun mal ernstlich gesprochen – wie geht's Ihnen denn eigentlich, mein lieber signore ?« »Seltsame Frage!« meinte Joseph Sauerbier mit umflorter Stimme. »Mir geht's, wie's eben einem gemaßregelten Seelenhirten gehen kann. Aber hier,« und seine Worte wurden fester, grobkörniger, seine Hand griff nach einem Lineal, mit dem er energisch auf die vor ihm liegenden Kanzleibogen klopfte, »hier liegen meine Bekenntnisse, meine Expektorationen, meine Anklagen gegen Gewalt und Anmaßung – und wenn Sie erlauben, wenn es Ihnen nicht langweilig ist ...« »Aber wieso denn?! – Das Gegenteil ist meine Parole. – Immer man zu – meinetwegen da capo – ich höre – avanti ...!« Und Joseph von Arimathia las vor. Er las in fachlicher Weise, mit strenger Gebärde, zeitweilig ausfallend, wo's not tat, mit sanfter Betonung, fast kindlich; er sprach von der Aufrechterhaltung des Friedens, von der Wiedervereinigung verwahrloster Herzen, von der Schändung heiligster und subtilster Gefühle, stetig unterbrochen von den Randglossen seines aufmerksam zuhörenden Freundes. »Die Kirche muß ihre Rechte behaupten ...« »Bravo!« »Ohne Ansehn der Person ...« » Certamente !« »Hier muß durchgegriffen werden, selbst auf die Gefahr hin, daß einem renitenten Geistlichen das Handwerk gelegt werden müßte.« » Avanti – immer avanti !« Und Joseph von Arimathia las weiter, schlug bei zutreffenden Kraftstellen auf den Tisch, daß es knallte, zitierte Kirchenväter und Bibelstellen, bis er unter atemloser Spannung zum Schluß kam. » Magnifico !« applaudierte Herr Karlo Antonio Pollmann, voltigierte seinen niedergebrannten Glimmstengel in einen Aschenbecher, zündete sich einen neuen an und blies zierliche Kringel zur Decke, » Con espressione geschrieben. – Großartig!« »Sie schmeicheln...« » No, no, no! – Dico la verità. Trefflich gegeben. Die werden Augen machen. Dem Manne tut's gut; aber so unter uns gesagt: da jenseits der Berge würde die ganze Geschichte im Sande verlaufen – reineweg im Sande verlaufen.« »Aber warum denn?« »Signore,« meinte Herr Karlo mit überlegenem Lächeln, »je näher bei Rom, desto weiter vom Papst und vom Heiland entfernt. Jeder tut, was er will. Der italische Klerus...! – Gott ja, die Menschen sind anders geartet wie hier! – Wenn die da zu ihrer colazione tagtäglich 'ne fiasco mit 'ner Portion costolette alla milanese bekommen und so 'nem feurigen Weibsbild zum Nachtisch in die Wange...« »Aber Herr Karlo...!« »Gott ja – die dortigen geistlichen Leutchen sind leicht zufrieden gestellt; aber das macht die lateinische Rasse, der italische Himmel – während hier... Hier glaubt alles und kann Berge versetzen und gibt dem Papst mehr wie dem Kaiser – wie rechtens, denn je entfernter von Rom... Na, und so weiter, und wenn auch mal einen aus unserm Klerus der liberale Hafer sticht, wenn er über den Zaun will, dafür sind Vikare und Kanzleibogen da, wie ich soeben zu meiner Freude gehört habe. Ich gratuliere.« Wiederum knipste er einen schmalen Aschenkegel zu Boden. »Aber alles in allen,« fuhr er fort, indem er den Rattenschwanz durch einen geschickten Schlag mit der Zunge von der linken in die rechte Mundecke spedierte, »alles in allem: wer ist schuld an der ganzen babylonischen Verwirrung in hiesiger Kirchengemeinde?« »Nun?« »Der infame Zimmermannskerl.« »Allerdings.« »Und so ein Mensch hat diese Perle gefunden. Anmut, Würde, Zartheit – alles in einer Person verkörpert; während ich ...« Ein stechender Blick glitt über den Tisch fort. »Sie meinen Luise?« »Gewiß.« »Herr Karlo, hüten Sie sich.« »Wieso?« Der Vikar war aufgestanden. »Man behauptet ...« »Wer behauptet – und was wird behauptet?« »Ich weiß: noch ist nicht alles tot zwischen Ihnen – und es müßte doch tot sein.« »Inwiefern?« »Luise ist das Weib eines anderen geworden.« »Allerdings – und warum? – Lediglich durch eine infame Intrige.« Seine Augen blitzten; mit unwirscher Geste brach er seine Zigarre entzwei und warf die Stücke in eine Ecke des Zimmers. »Lediglich durch eine infame Intrige, Hochwürden!« Seine Worte waren drohend geworden. »Wenn auch,« sagte Joseph von Arimathia mit aller Bestimmtheit, »allein die Kirche hat ihren Segen gegeben, sie hat Hände und Ringe benediciert – und was sie bindet...« »Ich verstehe,« kam es düster zurück. Karlo Antonio Pollmann hatte sich gleichfalls erhoben. Mit großen Schritten durchmaß er das Zimmer. Dann blieb er stehen. Eine heiße Leidenschaft leuchtete in dem nicht unschönen Gesicht auf. »Vikar,« sagte er endlich, »hier hat mal eine große Liebe gesessen.« Mit der Faust schlug er sich auf die Brust. »Das war vor Jahren. Ich habe diese Liebe begraben; wenigstens glaube ich, sie begraben zu haben und hoffe ...« »Nun?« »Sprechen wir nicht mehr davon. Wenn es auch schwer wird: abgetan.« »Gut so,« sagte Joseph von Arimathia und reichte ihm die kräftige Hand hin. »Früher – ja, da halten Sie zugreifen sollen. Nun aber, wo die Sache verpaßt ist, können Sie nichts Besseres tun, als vergessen. Vergessen Sie; Sie müssen vergessen. Zwischen Ihnen und ihr steht das heilige Sakrament der Ehe. Das läßt sich nicht beiseite schieben; über das geht keiner hinüber. Und wer es trotzdem tut ... Geben Sie Ihrem Denken eine andere Richtung. Suchen Sie Ihr Sehnen, Ihre Nebenkräfte auf einem Gebiet zu betätigen, das Ihnen anderweitig zusagt. Stellen Sie sich in den Dienst der bedrängten Kirche – mehr denn sonst. Das wird geweitet im Himmel.« »Ich werde.« »Also Sie wollen. Gut – ich werde in den nächsten Wochen eine Versammlung beraumen ...« »Recht so.« »Und meinen Standpunkt dartun ...« »Und der zielt worauf?« »Ich werde niedrige Instinkte tiefer hängen und den Leuten von einem katholischen Priester erzählen ...« »Wie rechtens.« »Ungeheuerlichkeiten werde ich an den Pranger stellen; das Volk belehren ... Sie kommen doch auch?« »Ich?!« fragte Herr Karlo. »Natürlich – und jetzt...« Er langte nach seinem Hut. Der Vikar war an seine Seite getreten. »Denken Sie an das heilige Sakrament der Ehe,« meinte er leise. »Das hier ...« sagte Herr Pollmann und griff sich ans Herz. »Abgetan.« Mit einer chevaleresken Gebärde warf er sich den Don Diego um die Schultern, fuhr sich graziös über das gewichste Schnurrbärtchen und verließ mit den Worten das Zimmer: »Bis später. – A rivederci ! – Addio signore »Mit Gott!« rief ihm Joseph von Arimathia noch nach, dann ging er mit den Kanzleibogen an sein Zylinderbüreau, faltete das Schriftstück, tat es in ein Kuvert, siegelte und schrieb die Adresse. Als bald darauf die dicke Therese den Brief zur Post tragen sollte, empfing sie ihn mit einer gewissen Würde und Andacht, nachdem sie vorher ihre klebrigen Finger an der Schürze abgewischt hatte. Bei der nächsten Straßenlaterne machte sie halt und las die Adresse: »Seiner Hochwürden, dem Herrn Generalvikar Doktor Griese, Kämmerer Seiner Heiligkeit, Komtur des Sankt Gregoriusordens in Münster.« »Haha!« sagte Therese, ging aber nicht direkt zum Posthalter, sondern beehrte vorher Pitt Hoffmann, um diesem den gewichtigen Brief unter die Nase zu halten. »Was sagen Sie nu?« fragte die Dicke, aber so energisch und siegesgewiß, daß die Federn auf ihrem braunen Filzhut zu schaukeln begannen. »Der Anfang von 's Ende. Der Mann ist fertig,« sagte Pitt Hoffmann. »Meine ich auch,« versetzte Therese mit feuchten Lippen und vor Vergnügen schimmernden Augen, empfahl sich und schlingerte mit ihrem massigen Körper zum Postamt. »Tag, Herr Piepmann. Ach, bitte, ja – wollen Sie diesen Brief ganz besonders ... Er geht an seine Hochwürden ... und was so'n Herr Generalvikarius bedeutet ...« »Wird gemacht,« sagte Herr Piepmann, schob den Brief zu den übrigen Postsachen und pfiff dann: »Mariechen hatte einen Hund Und einen Leutenant; Die liebte sie ja beide – Ja beide, beide, beide ...« »Rücksichtslos!« keuchte die dicke Therese, warf dem Herrn Postmeister einen verächtlichen Blick zu und ging dann, aber Herr Piepmann flutete weiter: »Noch niemals hat ein Leutenant So sehr geliebt wie der ...« und er pfiff, bis er den Schalter herunterließ, er pfiff während der kommenden Stunden, er pfiff eine ganze Woche hindurch und zwar immer dasselbe: »Mariechen hatte einen Hund Und einen Leutenant...« und als dann eines Tages die Schwalben mit fröhlichem »Sriii!« an seinem Hause vorbeischossen, von der alten Marktlinde lange, grüne Schleier herabrieselten, und der Flieder mit seinem Duft und den violetten Blütendolden ins Fenster hineingrüßte, da warf Herr Piepmann das abgepfiffene Motiv beiseite, besann sich nicht lange und flötete wie so'n ausgelernter Waldsänger: »Der Mai ist gekommen ...« und zwar so getragen und blütenschneeduftig, daß die Leute, die an der Posthalterei vorübergingen oder dort zu tun hatten, stehen blieben, um dem munteren Schläger zu lauschen. Ja – der Mai war wirklich gekommen! – und als er etliche Tage ins Land gezogen war, erhielt Joseph von Arimathia einen versiegelten Brief, dessen Verschluß mit Bischofsmütze und Krummstab geschmückt war. In aller Hast brach er ihn auf. Er las ihn einmal, er las ihn zweimal, und jedesmal, wenn er ihn gelesen hatte, ging über sein Antlitz eine Art von hämischer Genugtuung, die aber mit dem Abglanz einer überirdischen Freude gepaart war. Bei der dritten Lesung meldete Therese Karlo Antonio Pollmann. Er kam, um wegen der Versammlung das nähere in Erfahrung zu bringen. Allein – er erfuhr nicht nur dieses, sondern auch Dinge, die einschneidender, bedeutender waren. »Aber, Herr Karlo, ich bitte,« meinte Joseph von Arimathia, »vor der Hand das tiefste Geheimnis ...« »I, natürlich ...! – wie werde ich denn der Pointe die Spitze abbrechen.« Ums Abendläuten saßen die beiden noch immer zusammen. – Ja – der Mai war wirklich gekommen! – Neben dem alten Nußbaum auf dem Zimmerplatz stand ein Fliederstrauch, der über und über mit violetten Sträußen gespickt war. Die kranke Baronin nickte ihm schwach mit dem Kopf zu. Sie glaubte, daß es jetzt besser mit ihr gehen würde; aber es ging nicht besser mit ihr. Es blieb alles beim alten. Da verlor auch sie jede Hoffnung. Die Tanzmamsell saß ihr zur Seite und hatte ihre alte Beschäftigung wieder aufgenommen. Sie bossierte Georginen und Rosen in Wachs, um auf diese Weise ihren Zehrpfennig zu erhöhen, wenigstens ihn auf dem laufenden zu halten, und Doktor, Apotheker und den nötigen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Ach, Gott, ja ...! – das mit ihrer Mutter, das konnte noch lange dauern. Wenn es überhaupt nur besser würde! – und dann fiel eine verhaltene Träne auf ihre Arbeit, auf ihre weißen Hände; mit schimmernden Augen sah sie in die kommenden Tage hinein. Instinktiv fühlte sie den leisen Schritt einer nahen Gefahr, und wie sie sich's auch ausreden mochte: immer neue Zweifel und Sorgen stellten sich ein, Anfechtungen, von denen keiner etwas ahnte, selbst Johannes Wesselink nicht. Ja – sie hörte es deutlich: das Unglück kam immer näher und näher; sie konnte ihm nicht ausweichen, konnte ihm nicht mehr gebieten, von ihr zu lassen, ach! – und sie wäre so gerne auf und davon gegangen, so weit wie nur möglich, nur um ein großes Stück Erde zwischen sich und ihre wehen Gedanken zu legen. Sie vermochte ihrer unterdrückten Tränen nicht mehr Herr zu werden. »Aber, um Gottes willen, Kind – was hast du denn eigentlich?!« fragte die Alte mit leiser und schmerzlicher Stimme. »Nichts, nichts – Mutter; es geht schon vorüber.« »Habe doch Vertrauen zu mir.« »Nein – das darf ich nicht sagen.« »Auch – mir – nicht?« »Nein, Mutter, auch dir nicht; später vielleicht.« Ihre Wimpern waren noch feucht, wie sie das sagte. »Dann wird's für mich nicht mehr langen,« meinte die alte Baronin mit unsäglicher Wehmut, und sie sah hinaus, wo die Schwalben flogen ... »Wenn sie mir doch helfen könnten – die Schwalben! – Später vielleicht,« setzte sie lautlos hinzu, »wenn sie wieder die große Reise antreten, dann werde auch ich wohl – die – Flügel – spannen – dürfen...« Ihr Kopf war leise nach vorne gesunken. – Ab und zu kam auch Luise Wesselink herüber, um nach der alten Baronin zu fragen. Aber jedesmal, wenn sie kam, ging es der Tanzmamsell wie ein Stich durchs Herz. Sie hätte ihr zurufen mögen: »Bleibe da, ich kann dich nicht sehen, denn wenn ich dich sehe, beneide ich dich und möchte über dein zertrümmertes Glück in das meine hineingehn!« – Ihre Seele konnte keine Ruhe mehr finden. Immer die schreckensvolle Erkenntnis, das verräterische Feuer, das Sehnen und Sinnen und die Hilflosigkeit, die sie nicht mehr abstreifen konnte! – Auch heute war Luise dagewesen, aber nicht lange, und die Tanzmamsell atmete auf, als sie fortging, sah ihr mit großen Augen nach und sagte mit beklommener Stimme: »Ach, diese Leere! – und mit dieser Leere im Herzen so ein ganzes Leben durchleben ... Kein Trost – nichts, nichts, nichts ...« Sie erschrak vor ihren eigenen Worten und begab sich wieder an die Seite ihrer Mutter. – Luise Wesselink war nicht nach Hause gegangen. Sie konnte es nicht, sie mußte draußen ihre Gedanken ordnen; denn was da noch kommen sollte ... Sie zweifelte – und seit ihrer Ehe waren doch schon Wochen und lange Monate vergangen. Aber wo sie auch hinblicken mochte – immer dasselbe Geheimnis mit den großen, dunklen Augen, und wenn sie die Ohren schärfte, dann hörte sie die Glocken in weiter Ferne läuten – die Glocken von damals, und sie vernahm den Wachtelruf im Feld und sah das Getreide, wie es im Winde dahinlief und gegen das Licht des Abends anwehte. Und dann waren die Sterne am Himmel aufgegangen – unzählige Sterne ... Sie ging achtlos des Weges, ließ die kleine Stadt hinter sich, den Blick zu Boden geheftet und ein leidvolles Lächeln um die Lippen – das Widerspiel ihres schwermütigen Sehnens. Sie hatte schon längst die belebten Straßen hinter sich; der Frieden und die Ruhe des weiten Feldes umfing sie. »Ich darf an nichts mehr denken – an nichts mehr...« Allein – ihre schweren Gedanken schrumpften doch nicht zusammen: sie weiteten sich und wuchsen ins Ungemessene hinein, und sie erzählten ihr von den Widerwärtigkeiten des Lebens – von ihrer Versuchung – von dem, was ihr Joseph von Arimathia gesagt, wie er sie gewarnt und etwas in ihrer Seele geweckt hatte, woran sie jetzt nicht mehr denken wollte und durfte. Und dennoch: sie mußte dran denken, und sie hörte es deutlich, ganz deutlich – es waren die Worte von damals: »Du hast schon einmal geliebt, heißer geliebt, aus ganzer Seele geliebt ...« Langsam wiederholte sie die einzelnen Worte. Sie fühlte es, ein geheimer, sehnsüchtiger Jubel lag in ihnen gebettet. Sie blieb stehn. Hatte da nicht jemand ›Nonnenhannes‹ gerufen? Nein, niemand hatte gerufen, keine menschliche Seele – aber sie ... Ein Gedanke war in ihr, und unwillkürlich schreckte sie bei diesem Gedanken zusammen. Sie war das Weib dieses Mannes geworden. »Und hier ...!« Mit kalten Fingern war sie über ihre Stirne geglitten. »Hier hatte der Brautkranz gelegen; und hier und hier ...!« Scheu tastete sie an ihrem Körper herunter; ihre Hände blieben auf der Herzgrube liegen. Da erwachte etwas zum Leben, was tot sein sollte, schlafen sollte für immer. Das beherrschte ihr Wollen, ihr ganzes Empfinden und machte sie wehrlos, haltlos wie eine arme Seele, die in die Irre hineingeht. Wohin sollte das führen?! – Wie sollte das enden?! Mit trostlosen Augen sah sie ins Weite. »Nonnenhannes!« kam es ihr bitter von den Lippen herunter. Ängstlich sah sie sich um und um und ging dann ziellos weiter. Mit weichen, frommen Schlägen tönte das Angelusläuten über die Landschaft. Auf den Wäldern von Moyland ruhte bereits ein violblauer Dämmer, während auf Wiesen und Ackerfurchen noch der Schimmer des sinkenden Tages lag. Mit den jungen Halmen der Roggen- und Weizenfelder spielten die Stimmen des Abends. Weithin breitete sich der Himmel in unendlicher Klarheit. Jeden Augenblick konnten dort die silbernen Fünkchen erwachen. In der zunehmenden Dämmerung nahm alles eine größere Fassung und Form an; die Bäume streckten sich und wuchsen in den tiefen Himmel hinein, während die Stimmen, die durch die Ähren rieselten, sich allmählich verstärkten, an Wohllaut zunahmen und den Anschein hatten, als sprächen sie in menschlichen Lauten. Da war es ihr so, als wenn geheimnisvolle Klänge aus alter Zeit herüberwehten. Und diese Klänge flüsterten von einer schönen, niederrheinischen Frau, von ihrer Mutter, die sie nicht mehr gekannt hatte. Nur von einer verwaschenen Daguerreotypie her, aus einem vergilbten Schriftstück, das sie im Nachlaß ihres Vaters gefunden hatte, waren ihr Einzelheiten bekannt, und diese erzählten ihr, wie das junge Weib, das ein heißes Herz und verzehrendes Blut gehabt haben mußte, Not und Leid über die ganze Familie gebracht und mit einem jungen Notariatsgehilfen auf und davon gegangen war. Die Aufzeichnungen redeten eine schlichte, aber deutliche Sprache, und ihr Vater, der ein einfacher Landbürgermeister gewesen, hatte sich alle Not vom Herzen geschrieben, als er die Schlußworte setzte: »Und so ist sie denn ihres Weges gegangen, hat Vater und Mutter und mich und ihr kleines Mädchen verlassen. Wahrscheinlich ist: sie konnte nicht dafür, denn sie hatte ein zu heißes Herz und eine zu feurige Seele. Jenseits des großen Wassers soll sie gestorben sein. Gott sei ihr gnädig!« Und etwas von dem, was in dem Blut ihrer Mutter pulsiert hatte ... Die Ärmste mußte eben; sie sah den Abgrund mit taghellen Augen und ging doch der dunkelblauen Tiefe entgegen ... Und sie ... Sie spann die schlimmen Gedanken nicht weiter. Sie wandte sich und trat den Heimweg auf der nahgelegenen Chaussee an, um nicht länger in die Irre zu gehen. Dichtere Schatten senkten sich nieder, stellenweise von blitzenden Lichtchen unterbrochen, die mehr der Stadt zu in der Niederung standen. Ihr Atem ging schwer; deutlich konnte sie das mühsame Heben und Sinken ihrer Brust unter dem leichten Kleide verfolgen. Sie kam jetzt in die Nähe der Kastanienallee, durch die sie hindurch mußte, um ihr Ziel zu erreichen. Sie sah schon den Eingang, wo zwei Laternen brannten; deren mattes Licht noch mit der Dämmerung kämpfte. Die Allee war menschenleer. Sie hörte nichts; nur aus den Straßen jenseits der Kastanienbäume kam ein leises Räderknarren. Da hinten lag also die kleine Stadt, ihre Heimat, wo sie eigentlich nichts wollte, nichts zu suchen hatte. Ihrer wartete niemand. Und dennoch – ihr Mann wartete ihrer und alltägliche Dinge. Am liebsten hätte sie ihren Schmerz in die Einsamkeit weiter getragen. Sie fühlte sich hilflos in den Fängen einer übermächtigen Gewalt; das war nun schon so seit Wochen gegangen. Sie suchte etwas und scheute sich doch, das Gesuchte zu finden. Kein Zweifel: wen die sündige Liebe einmal gefaßt hat, den läßt sie nicht wieder. Sie ist bei ihm, wenn er das müde Gesicht in die Kissen hineindrückt, und ist immer noch da, wenn der Morgen kalt und verschläfert emporsteigt. Sie wird sein bis zum Ende der Tage. Wie eine dumpfe Wahnvorstellung fraß sich diese Selbsterkenntnis in ihre Seele hinein. Sie hätte aufschreien mögen. Wie ein Nebel lag es vor ihren Sinnen, aus dem nur zwei Gestalten aufragten. Der einen wollte sie begegnen und doch nicht begegnen ... Und wieder riefen ferne Glocken über den Wald fort; und die Steine waren aufgegangen am Himmel – unzählige Sterne ... Aber niemand verstand das ... In diesem Augenblick hatte sie das Gefühl, als senkte sich eine Last auf sie herab – als wären zwei starre Augen auf sie gerichtet – als wenn eine Hand sie berührte ... Ihre Blicke waren am Boden geheftet. Sie hielt den Fuß an und wollte nicht sehen. Sie wußte, daß keine Hand sie berührte, aber das empfand sie deutlich: ein Schatten stand vor ihr, ein bleiches Gesicht; es war ihr, als käme ein Brausen über sie her, ein wütiges Brausen, das alles verschlänge: Frieden und Glück und ihr ganzes Empfinden. Das waren die Glocken überm Wald fort – die Glocken von damals ... Und dann eine Stimme: »Du ...!« Er hatte sie an sich gerissen. Ihr Körper zuckte unter der Qual, sich von ihm zu lösen. Mit angewandtem Gesicht stemmte sie ihre Hände gegen seine hämmernden Schläfen, aber sein Mund versuchte schon, ihre Lippen zu küssen. »Einmal war's so,« hauchte er mit verzehrenden Lauten, »Luise. Luise ...!« »Das ist alles unmöglich!« – Du weißt doch ...« »Der da ...!« Er stieß einen heiseren Schrei aus. Das war Karlo Antonio nicht mehr, der Renommist, der Kerl mit all seinen Äußerlichkeiten und der großzügigen Pose – das war der Mensch mit der heißen und brennenden Liebe, mit dem stummen, aber gierigen Verlangen, der die Weiber kannte, sie zu lenken verstand und, wenn er wollte, ihren Willen zu lähmen vermochte. »Der da ...!« schrie er noch einmal. »Der gehört dir ja gar nicht! Aber wir beide – du und ich ...« Mit heißem Flüstern drangen ihr die Worte zu Ohren. »Was willst du von mir?!« Sie wurde rückwärts gezogen, umstrickt, und nun ruhte sein Mund auf dem ihren mit vollem Begehren. In stummer Hilflosigkeit, wie von einem Schwindel gepackt, ganz verzweifelt war sie in seine Arme gesunken. Über sie hin ging die zwingende Macht dumpfen Ertragens. Der Atem seiner Brust ging wilder und wilder. Seine Blicke standen über ihr, wie sie damals gestanden, als der Roggen wogte, und der Sommerabend mit seinen schwülen Düften sie berauscht hatte. Ein lähmender Hauch ging von ihm aus. Wie Raubvogellichter brannten seine verlangenden Augen. »Fühlst du denn nicht, daß wir zusammen gehören?!« keuchte er leise. »Ja, du – wir gehören zusammen. Das ist einmal so bestimmt, das läßt sich nicht ändern. Das Schicksal ist stärker als wir und läßt sich nicht meistern. Es verhöhnt die kleinlichen Menschen. Du gehörst nicht unter den kalten, grauen, nordischen Himmel. Du gehörst anderswohin. Weißt du, Luise: jenseits der Berge lacht die italische Sonne!« So hatte er schon damals gesprochen – der leichtfertige Mensch, der Poseur, aber der Mensch, der alles bezwang und die Weiber beherrschte. Jetzt waren ihr wieder die Lebenstore geöffnet, und jenseits von ihnen winkte ihr das blühende, jauchzende Leben ... »Du verkommst ja in dieser Alltäglichkeit,« raunte er Wieder, »in dem Einerlei des Handwerksmäßigen. Von diesem Menschen besessen – das ist ja zum Ekel. In meinen Armen findest du alles. Ich zeige dir ein anderes Leben. Weißt du: anch' io sono ...« »Was machst du aus mir?« »Was dir das Herz sagt.« Sie war ganz wie betäubt, ganz wie verstört. In sinnloser Hilflosigkeit drängte sie an seine Brust und suchte seine Lippen zu finden. Ihre Seelen begegneten sich wieder im verzehrenden Kusse. So standen sie ganz allein in der weiten Stille und gehörten nur sich an. Beide Arme hatte sie um seinen Nacken geworfen, als wenn sie ihn so halten müßte für immer. »So ist's gut,« hauchte er lechzend, indem er sie immer fester und wilder umstrickte. »Niemand sieht uns, niemand hört uns ... Weißt du, Luise: das kettet uns für ewig zusammen.« Ein trockenes Schluchzen erschütterte ihren Körper. »Nein ...!« schrie sie plötzlich, als wäre ihr die Besinnung wieder gekommen, »das kettet sich nie mehr zusammen!« Mit einem jähen Ruck war sie von ihm und zur Seite gewichen. An einen Baum gelehnt, sah sie ihn mit toten Blicken an. Er war näher getreten und suchte ihre Hände zu fassen. »Nein...!« stöhnte sie heftig. Seine Lippen zuckten, als wenn sie sprächen, aber sie konnte nicht verstehen, was er sagte. Noch einmal versuchte er, sie in seine Arme zu reißen. »Wenn du es wagst ...!« sagte sie drohend. »Dann gib mir die Hand.« »Nein.« »Nur zum Zeichen, daß du mich gern hast.« »Nein – nie mehr.« Ihre Blicke trafen sich mit einem feindlichen Ausdruck. »Ich soll also gehen.« »Ja,« sagte sie trocken. Das Wort rang sich zäh von den Lippen herunter. Noch einmal sahen sie sich an, dann ging sie der kleinen Stadt zu – müde und mit langsamen Schritten. Er blieb stehen und folgte ihr mit hungrigen Augen, von dem Gedanken beseelt, ob sie sich noch einmal umsehen würde. Allein – sie wandte sich nicht, aber sie fühlte, sie erinnerte sich, wie heiß und dämonisch seine Küsse gewesen. Apathisch und gesenkten Kopfes schritt sie in das Licht der beiden Laternen hinein, die am Ende der Kastanienallee immer stärker aufleuchteten. Noch immer stand er auf der nämlichen Stelle. Seine innersten, seine heimlichsten Gedanken aber schlichen ihr nach. Ein dumpfes Brüten bemächtigte sich seiner. So stand er noch lange. Dann winkte er ihr mit der Hand zu, obgleich er sie nicht mehr zu sehen vermochte. »Geh nur, geh nur,« sagte er leise. Es lag etwas Triumphierendes darin, wie er es sagte. Er hatte genug gesehen, genug empfunden ... Hilflos hatte ihre Seele vor ihm gestanden. Nichts war ihm verborgen geblieben – nichts – gar nichts... Und wenn sie es auch zu leugnen versucht hatte – er kannte das. Sie war willens gewesen, mit ihm in die geheimnisvollen Gefilde des verbotenen Landes zu dringen, wo nichts anderes wie die Leidenschaft Herrscherrechte besaß und die Sinne geboten. Wenn auch heute nicht, morgen nicht – aber der Tag mußte doch kommen. Ja – der Tag mußte kommen. Eine heimliche Freude durchfuhr ihn. »Ich lasse dich nicht; immer werde ich da sein, wo du auch sein magst ...« Durch die dunklen Kastanienbäume ging ein Säuseln und Sausen. Sie hatten ihre Kandelaber mit den weißen Flämmchen aufgesteckt. Auf und nieder schwankten sie im singenden Nachtwind. Blitzende Sterne waren dazwischen. Noch immer sah Karlo Antonio in Richtung des Weges, den sie gegangen war. » A rivederci!« Dann setzte er lässig eine Virginia in Brand und ging der Chaussee nach, dem nahegelegenen Moyland entgegen. XVI Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Das war ja die Sünde gewesen ...! Nichts vergeht! – Heimlich und still, aber totensicher nimmt das Unabänderliche seinen Weg. Alles und jedes, was in der Seele Wurzeln geschlagen, dann scheinbar verwelkt und abstirbt – die leiseste Regung, der geheimste Odem bringt es wieder zum Leben. Nichts vergeht; alles kommt wieder. Luise stand in ihrem Zimmer und hatte das Fenster geöffnet. Ein warmer Hauch nach Flieder und keimender Erde stieg herauf und legte sich um ihr Fühlen und Denken. So wie sie gekommen war, noch ganz befangen von dem, was mit aller Gewalt auf sie eingedrängt hatte, so stand sie noch jetzt. Wie sollte das enden?! – Pflichtbewußt, sein ...?! – Die Gesetze der Kirche, die menschliche Ordnung ...?! – Alles nur Kartenhäuser, wenn die Leidenschaften sich regen und herrisch ihre angemaßten Rechte verlangen! – Fragt der Sturm danach, wenn er kommt und die jungen Blüten vom Baume bricht?! – Er war eben da, ließ sich nicht scheuchen – und wenn er ginge ... Ja, wenn er ginge ...! – Das war es ja eben: nichts vergeht, und wenn es auch tot scheint – alles kommt wieder. Dicht unter ihrem Fenster hatte sich ein Heller Lichtbalken schräg über die Erde gebreitet. Er kam aus dem Wohnzimmer, wo ihr Mann noch über seine Pläne gebückt saß, die er morgen dem Kirchenrate vorzulegen gedachte. Seit Wochen schaffte er eifrig – und sie hier oben ... ? – Sie war mit ihrer Seele fern, weit fort von dem Ringen und der Not ihres Mannes und sog mit gierigen Zügen die Luft ein, die aus den schwarzen Wäldern von Moyland herwehte. Tiefe Einsamkeit lagerte über den Gärten. Jenseits des Zimmerplatzes flämmerte ein einsames Lämpchen. Sie wußte: mit der alten Baronin war es eher schlimmer denn besser geworden. Ab und zu schwankte ein eiliger Schatten an der matterleuchteten Gardine vorüber. Sie kannte den Schatten. Sie hatte Mitleid mit den armen Leuten da drüben. Aber das half nichts; sie war ja selber mitleidbedürftig. Wer doch das brutale Wachsein ihres Geistes einschläfern könnte! – Niemand war bei ihr, wie nur das seltsame Flüstern und Raunen, das durch die Nacht zog und heimlich ihre Schläfe umspielte. Immer verlockender kam der Duft der Fliederblüten herüber. Ihre Seele war ratlos geworden. Eine Art von Betäubung ging über sie hin, und da empfand sie den unwiderstehlichen Drang, das Bedürfnis, sich dem Nichts, dem Vergessen, dem Unbekannten zu opfern, ganz unbekümmert darum, was kommen würde. Wirklich die Liebe durchleben ... an seiner Brust erschauern ... ganz Weib sein ... In tiefer Sehnsucht hielt sie die Arme gebreitet ... Leise, geräuschlos fiel eine Schnuppe am nächtigen Himmel. Fern, jenseits der schwarzen Wälder verschwand sie. – – – Es war kein Geheimnis mehr – das mit den geknifften Kanzleibogen. Anderen Tages schlüpfte es wie ein Mäuschen über die Dielen, dann wie zehn Mäuschen, dann wie hundert Mäuschen – dann wie gefräßige, fette Ratten, die durch alle Ritzen drangen, in die Häuser hineinsprangen und frech aller Welt in die Augen hineinsahen, als wenn sie sagen wollten: »Seht, Kinder, da sind wir!« – Und die dicke Therese sorgte dafür, daß diese Unheilsträger immer gemästeter und wanstiger wurden, Junge bekamen, um auf diese Art weiter lärmen und quieksen zu können: »Seht, Kinder, da sind wir!« – und das alles wegen des Briefes aus Münster, auf dessen Siegel sich Krummstab und Bischofsmütze befanden. Die Vernünftigen schüttelten die Köpfe, aber die Unvernünftigen, die Verbohrten ... »Na, Gertzen,« sagte Pitt Hoffmann, »ist das nicht 'ne große Bedeutung und 'ne großartige Sache! – Der Herr Generalvikarius, hat ihm nu endlich die patriotische Blasepfeife entzweigeschlagen, denn wir können nur strenggläubige Klarinetten gebrauchen. Heute abend geht's ab; der Herr Vikarius vertritt ihn. Die Koffer sind schon gepackt, und wenn Stäwe mit ihm losfährt, kann ihm Herr Piepmann noch 'nen extrafeinen Trauermarsch nachpfeifen.« »Pitt, das freut mir aber kolosal,« erwiderte Gertzen. »Nu muß der Kerl mit der großen Reputatschon wohl von seinem Thronsitz herunter?« »Das muß er.« »Aber der Mann hat seine Planens doch schon zu Papier gebracht!« »Und du ...?« fragte Pitt. »Ich habe die meinen im Koppe.« »Dann bringe sie auch man zu Papier,« sagte Pitt Hoffmann mit einer Gönnermiene, als habe er ein kleines Großherzogtum zu vergeben. »Heute nachmittag ist Kirchenratssitzung; da läßt sich ein übriges tun, denn man kann bei so 'ner Sache – und da meine ich mir mit – immer noch 'nen anderen Dreh herausdividieren, denn kiek mal: da auf dem Tisch steht ein Schnäpschen Wacholder.« »Schön.« »Und da glaubst du, daß das Schnäpschen für dich eingeschonken wäre?« »Warüm nicht?« »Da hast du aber daneben geglaubt,« lachte Pitt Hoffmann, »das hat Mama für mich eingeschonken,« und damit nahm er das Gläschen und schüttete es sich ganz bedächtig hinter die Weste. »Und wie das mit dem Schnäpschen ist, so ist das im umgedrehten Kasus mit dem Turmhelm. Wesselink glaubt, er bekäme ihn, aber dann bist du noch da, nimmst das Gläschen und trinkst es vor seinen leibhaftigen Augen herunter.« »Pitt,« sagte Grades Gertzen gerührt, »du bist ja ein ganz kolosaler Feldherr mit's Denken, und ich glaube, du kannst, wenn's drauf ankommt, Tote wieder lebendig machen.« »Ich werde mich hüten, aber für dich einstehn, das werd' ich heute bei der Kirchenratssitzung. Außerdem invitiere ich dich, morgen zu der großen Volksberatung zu kommen. Die ganze ›Concordia‹ macht auch hin, und da wollen wir sehen, wer recht hat – der Papst oder Bismarck, und ob sie die Herrn Kapläne mit ihren Sperrgesetzen auspowern können.« »Höhö!« lachte Gertzen. »Was gibt's da zu lachen? – man sollte vielmehr weinen wie die Juden in der babylonischen Wüste Sahara.« »O, nix nicht!« meinte Grades, »es war nur eine kolosale Erfreuung für mir, wie sie nu die Herren armen Kapläne benennen.« »Na, wie denn?« »Sperlinge.« »Guter Witz,« konstatierte Pitt Hoffmann, »aber so'n Hauptsperling wird morgen reden – und ich werde reden – und Karlo Antonio wird reden – und wenn's not tut, haut er noch mit seinem Zuavensäbel mang die liberale Package. Und wenn alles vorbei ist, dann wird noch im Lokal ein pläsierlicher Abend gefeiert, denn die Hauptsache ist, daß der Mann mit der patriotischen Blasepfeife uns zulängst unter der Nase klaviert hat.« »Pitt, das gibt ja 'ne Revolutschon!« »Wenn auch – und du kriegst den Turmhelm. – Mama, zwei Wacholder!« – Es war kein Geheimnis mehr. – Pitt Hoffmann hatte die ganze Sachlage schon richtig erkannt und prompt auseinander gehäkelt. Mit der nämlichen Post wie Joseph von Arimathia hatte auch Doktor Steinberger ein dringliches Schreiben erhalten. Die Kuvertierung der beiden Briefe war völlig identisch, nur inhaltlich schlugen sie einen ganz verschiedenen Ton an, wenngleich sie auch in jeder Hinsicht vollkommen sachlich gehalten waren. Rechtfertigung in eigener Person, eventuelle spätere Verwendung vorbehalten – mit diesem Inhalt hatte sich Doktor Steinberger abzufinden, und er tat es mit einem stoischen Lächeln. In aller Ruhe traf er seine Anordnungen. Er wollte mit der Abendpost zu einem befreundeten Konfrater nach Kleve reisen, um sich anderen Tages persönlich in Münster zu stellen; was dann weiter kommen werde, müsse die Zeit lehren. Alle Formalitäten, wie Aushändigung der Schlüssel, Übergabe der Kirchenbücher, waren erledigt. Der Mittag ging hin. Unter dem Vorsitz Josephs von Arimathia nahm die anberaumte Kirchenratssitzung einen regelrechten Verlauf. Die Leutchen waren so einig wie selten. Alle gackerten, wie der Herr Vorsitzende krähte, legten wie gesinnungstüchtige Hennen ihre Stimmeier auf die nämliche Stelle, und Joseph von Arimathia bedeckte sie mit seinem Hut und sagte: »Ich danke Ihnen, meine Herren, bitte aber, das Resultat noch geheim halten zu wollen, da ich darüber in meiner Weise zu verfügen gedenke.« Zur höheren Ehre Gottes geschah das. Während der Sitzung war der gemaßregelte Dechant auch seinerseits nicht müßig gewesen. Die ihm vor der Abfahrt noch verbleibende Zeit hatte er dazu benutzt, bei ihm liebgewordenen Familien Abschiedsbesuche zu machen. Er ging zum Notar, zu Doktor Horré und zur Familie Hartjes. Sogar bei der alten Baronin, obgleich sie protestantisch war, war er gewesen, hatte ihr Trost zugesprochen und manches liebe und gute Wort an das kranke Herz gelegt. Als er sich verabschiedete und von der Tanzmamsell bis zur Hausschwelle begleitet wurde, da sah ihm die Alte mit feuchten Augen nach und sagte: »Da geht der Friede,« und dann legte sie gottergeben die Hände zusammen und betrachtete in stiller Wehmut die Sevresporzellantasse, über welche die liebe Abendsonne mit einem schmerzlichen Lächeln hinwegglitt. Bettje Theißen aber stand hinter den Scheiben und weinte. – Bald darauf verlieh der Dechant mit Johannes Wesselink, bei dem er ebenfalls angerufen hatte, das Haus, teilte dem Posthalter noch mit, daß er erst vor dem Tore einsteigen würde, und ging mit dem jungen Zimmermeister auf der Klever Landstraße in Richtung auf Moyland. Ein warmer, laulicher Frühlingsabend lag über den Wiesen, die ihre Grashalme leise auf und nieder bewegten. Das Schaumkraut blühte. Mit zieren Fingern hatte es seine bläulichen Schleier von Fläche zu Fläche gehäkelt – bläuliche Schleier, die sich eng umfingen, ins Ungemessene wuchsen und sich erst bei den fernen Teichen ins Wesenlose verloren. Aus diesem Blütenrausch stiegen vereinzelte Lerchen zum Himmel. Eine geraume Wegestrecke lang waren die beiden Männer wortlos nebeneinander gegangen. An einer Biegung der Landstraße aber blieben sie wie auf Verabredung stehn. Der Dechant reckte sich auf. Mit einem wehmütigen Blick glitt sein Auge über die blühende niederrheinische Erde. So stand er lange und in stiller Betrachtung. »Und von dem soll ich Abschied nehmen ...« sagte er schließlich. Es klang so, als hätte er zu sich selber gesprochen. Johannes Wesselink war dicht an seine Seite getreten. Er empfand – hier war wirkliche Andacht, hier tat eine liebe Seele den Mund auf. Doktor Steinberger wandte sich. »Um das trauern auch Sie,« sagte er in tiefer Bewegung und ergriff die Hand des ihm liebgewordenen Mannes. »Die Erde ist schön und gut,« sprach er weiter, »aber viele Menschen sind nicht gut – und die es sein könnten, bei denen ist Wirrnis. Du sollst Heimat und Vaterland lieben und nicht alles Heil von jenseits der Berge erwarten; das sollten die Menschen beherzigen. Aber tun es die Menschen? – Du sollst gute Saat streuen, damit du eine gute Ernte hast; das sollten die Menschen erwägen. Aber tun es die Menschen? – Es ist mir weh und wund ums Herz wegen der Heimat.« Er schwieg eine Weile, dann begann er wieder aufs neue zu sprechen: »Was uns der Nazarener hinterließ, ist erhaben – ist göttliche Wahrheit. Folget ihm nach! – Aber tun es die Menschen? – Seine Lehre ist eine Lehre der Nächstenliebe und des Friedens. Allein die Menschen tragen den Herrsch- und Regierteufel hinein und bringen somit Not und Kümmernis ins Land, wo doch eitel Liebe und Freude sein sollte. Auch hier ist Not und Kümmernis, und es wird immer schlimmer werden mit den kommenden Tagen. Aber wer ein Herz für die Not hat, der sollte sich nicht scheuen, seine Ellenbogen zu rühren. Sturm und Hagel müssen wir getrost über uns und unseren Acker ergehen lassen, denn es ist eine Fügung des Himmels, wo man aber mit verkehrtem Erdenwert zu tun hat, da soll man nicht hinter dem Berge halten, selbst auf die Gefahr hin, für die gute Sache unterliegen zu müssen. Das Schicksal erhöht den Menschen, wenn es den Menschen zertritt. – Lassen Sie sich nicht beirren, Wesselink. Vertreten Sie vor aller Welt Ihre Ansicht. Widerstandslos gibt man unsere Eigenart auf, und in keinem Lande der Welt ist der Katholizismus so römisch wie in Deutschland geworden. Wahre Religion hat nichts mit Gelüsten und Begierden gemeinsam. Wahre Religion kennt keine Römelei und keinen Religionsfanatismus, und wer es dennoch verficht, derartiges in sie hineinzutragen, der setzt sich in Widerspruch mit der allbefreienden Lehre des Heilands. – Seien Sie stark, Wesselink – und was auch über Sie an Anfeindung hereinbrechen mag, beherzigen Sie die Worte: Du sollst Heimat und Vaterland lieben und nicht alles Heil von jenseits der Berge erwarten.« Der Dechant schwieg. Wiederum schweiften seine Augen über das blühende Land hin. Die niedrige Sonne hatte ein mildes Feuer darüber geworfen, so daß die Schleier des Wiesenschaumkrautes in fast violetten Tönen aufleuchteten. Die beiden sprachen nicht mehr. Sie hatten ihre eigenen Gedanken und ließen sich von dem warmen Hauch der heimatlichen Scholle umspielen. Gemächlich kam Stäwe gefahren; jetzt hielt der Postwagen an. Noch einmal sahen sich die beiden Männer tief in die Augen. »Vertreten Sie Ihre Ansicht vor aller Welt,« sagte der Dechant. »Und nun – leben Sie wohl. Hoffentlich sehen wir uns später hier wieder. Auf eine bessere Zukunft – und Gott mit Ihnen!« Als Wesselink aufsah, kam das Pferdegetrappel schon aus weiter Ferne herüber. Es war ihm traurig zu Sinn. Er setzte sich auf einen Chausseestein, drückte die gefalteten Hände zwischen die Knie und sah dem Postwagen nach, bis er seinen Blicken entschwunden war. Endlich riß er sich aus seinem grüblerischen Denken heraus, erhob sich und ging mit dem festen Vorsatz, die Worte des Dechanten zu beherzigen, wieder der Stadt zu. – – – Anderen Tages wehte von der Turnhalle die päpstliche Fahne. Der Aufruf Josephs von Arimathia hatte einen guten Resonanzboden gefunden. Selbst aus den ferngelegenen Ortschaften fuhren Wagen vor, deren Insassen an der wichtigen Versammlung teilnehmen wollten. Große Fragen standen auf der Tagesordnung. Die Nachricht von dem Inkrafttreten des Sperrgesetzes hatte die niederrheinischen Köpfe derart durcheinandergerüttelt und konfus gemacht, daß es in den meisten aussah, als hätten sich etliche Dutzend Maikäfer ein Rendezvous in einer Zigarrenliste gegeben. Ja – es ging wirr und bunt durcheinander! Der Herr Gendarm Karl Friedrich Franz August Butterweck stolzierte bereits in voller Montur vor der Turnhalle auf und nieder, um kraft bürgermeisterlichen Beschlusses die gesetzliche Ordnung vor, während und nach der Versammlung aufrecht zu halten. Er schwelgte ordentlich im Weiß seiner waschledernen Handschuh und im Bewußtsein der ihm übertragenen Machtbefugnis und Würde. Franz Hartjes stand noch in Überlegung, ob er hingehen sollte. Als aber Leopold Derksen bei ihm vorsprach und ihm mitteilte, daß aller Wahrscheinlichkeit nach auch Johannes Wesselink, Herr Piepmann, Doktor Horré und Konsorten antreten würden, um gegebenen Falles gegen den ultramontanen Ansturm für Kaiser und Reich eine Lanze zu brechen, stellte auch er sein Erscheinen in Aussicht, ließ seinen Überrock aufbügeln und bearbeitete höchsteigenhändig seinen Zylinder, den er für gewöhnlich nur an Königsgeburtstag aufsetzte, mit Hasenpfote und Bürste. »Wenn mal, denn mal,« meinte er schließlich als Endresultat eines längeren Selbstgespräches und bürstete weiter. »Also du gehst hin?« fragte Frau Hartjes. »Ja,« sagte der Rektor mit aller Bestimmtheit, und wie er das sagte, da zog auch schon der Männergesangverein ›Concordia‹ mit klingendem Spiel und der bekränzten Vereinsfahne vorüber, um nach dem Versammlungslokal zu marschieren. Pitt als Dirigent mit weißbaumwollenen Handschuhen und Stimmgabel vorneweg; hinter ihm die vier Musikanten, die bereits beim Schlußball zum Tanz aufgespielt hatten. Seitwärts und am Kopfe des Zuges beschäftigte sich die liebe Jugend damit, auf das Wohl einer waschechten Gesinnung Purzelbäume zu schlagen. Selbst Fränkel Haas mit seinen pomadisierten und krölligen Haaren tat mit, aber nicht aus Überzeugung und Herzenstakt, sondern vielmehr aus Geschäftsinteresse. Er wußte: sein lieber Vater stand in regem Kälber- und Kuhhandel mit den ultramontanen Niederungsbauern, und er glaubte daher, durch seine klerikalen Purzelbäume zur Hebung des väterlichen Geschäftes auch seinerseits in etwa beitragen zu können. Auch Julius Hoffmann hatte in dieser großen Zeit seinen Liebeskummer begraben, purzelte gleichfalls und hielt seinen Erzeuger für einen der Größten des neunzehnten Jahrhunderts, während den Zug die dicke Therese und Miekske Pollmann beschlossen. Therese zu Fuß und mit aufgetakeltem Sonntagshut, Miekske im Korbwagen, von Adele Knipp und Bellecke Kermes geschoben, während andere Repräsentantinnen der Nähschule den Wagen eskortierten und sich möglichst befleißigten, Schritt und Tritt mit der Musikkapelle zu halten. So ging es zum Tore hinaus, und als Herr Butterweck sah, wie die ›Concordia‹ so pompös mit ihrem Vereinsbanner heranzog und in einer fast militärischen Weise ihre kirchliche Gesinnung in den Boden hineinstampfte, da konnte Herr Butterweck nicht anders: er stand stramm und salutierte. Und Pitt Hoffmann kommandierte: »Augen links!« – und als er dann noch Herrn Karlo Antonio in seiner Zuavenmontur bemerkte, kommandierte er nochmals: »Augen links!« und führte hierauf die ›Concordia‹ in die Turnhalle, woselbst er für die Herren Mitglieder etliche Lagen Bier bestellte und sie alsdann auf die Ehrenplätze, unterhalb der bekränzten Rednertribüne, placierte. Fähnchen in den päpstlichen Farben gaben der ganzen Ausstattung einen feierlichen Anstrich, der sich noch grandioser gestaltete, als neben der Tribüne die Vereinsfahne aufgepflanzt wurde. Der Saal war bereits stoppelvoll, als Johannes Wesselink, Leopold Derksen, Doktor Horré, Herr Hartjes, der Notar im Verein mit noch anderen liberal gesinnten Männern erschienen, nicht eben mit freundlichen Blicken der Anwesenden begrüßt, sich aber alsbald im Gedränge der vielen Menschen verlierend. In einer gemütlichen Ecke hatten sie sich zusammengefunden. Auf dem Gesicht von Johannes Wesselink stand eine tiefe Ruhe geschrieben. Er wußte, was er zu tun hatte. Die Worte des Dechanten hatten einen zuversichtlichen, freudigen Widerhall in seinem Herzen gefunden. »Nicht alles Heil kommt von jenseits der Berge,« sagte er fest. Herr Butterweck war bereits mit Helm, Säbel und Portepee, kurz in kompletter Ausrüstung, auf einen Stuhlsitz gestiegen, um die Situation besser übersehen zu können. Ohne Ansehn der Person, ohne Beeinflussung und Parteilichkeit, aber energisch gedachte er seines Amtes zu walten. Die ganze Versammlung stand in reger Erwartung. Herr Joseph von Arimathia mußte bald kommen. Die dicke Therese, ihr Schwager Gertzen und später auch Frau Hoffmann hatten sich bis dicht an die Tribüne gedrängelt. Miekske war mit ihrem Gefährt und ihren Ehrenjungfern mehr im Hintergründe geblieben. »Adele,« warnte sie ihre Nähschülerin, »ich bitte dir, dich verhalten zu wollen und keine Dummheit zu machen. Die Kasse ist für heute geschlossen.« Dabei fing sie einen dicken Brummer von der Wagendecke herunter, worauf ihre kregelen Blicke mit einem glücklichen Schimmer zu ihrem Bruder Karlo Antonio hinüberflogen, der mit seinem Zuavenkäppi und dem markanten Gesicht darunter an der Tür stand, um den Herrn Vikarius in Empfang zu nehmen. Viele Weiberaugen hingen an den interessanten Zügen des stattlichen Mannes. Ab und zu lief ein verhaltenes Räuspern durch den Saal. Er mußte bald kommen. Pitt verteilte die Notenblätter unter seine Kumpane, aber mit einer so getragenen Wichtigkeit, daß alle es sehen mußten. Er war sich noch nie so bedeutend vorgekommen wie heute. Unter Mithilfe des zweiten Dirigenten hatte er ein Begrüßungspoem verfaßt, das beim Erscheinen des Ersehnten vom Stapel gelassen werden sollte. Dem Text war die Melodie des Studentenliedes ›Stoßt an! Bonna soll leben! Hurra hoch!‹ unterlegt worden, eine sinnige Aufmerksamkeit im Hinblick auf die Studentenzeit des Vikars, die er in den Konvikten zu Bonn und Münster verlebt hatte. Da – ein geheimnisvolles »Pst!« Alle Hälse machten sich so lang wie die von Gänsen, wenn Futterzeit ist, und sie mit Roggenbrot und Maismehl abgespeist werden sollen. Dann ein Begrüßungsgetrampel – und unter diesem Getrampel erschien Joseph von Arimathia und wurde von Karlo Antonio bis in die Mitte des Saales geleitet. Er dankte gerührt, sichtlich erfreut über die spontane Beifallsbezeugung. Aber es sollte noch besser kommen. Die ›Concordia‹ stand auf und stieß dreimal die Bierglaser zusammen. Hierauf erhob Pitt Hoffmann die Stimmgabel. »Eins, zwei, drei!« kommandierte er leise, und da ging das vierstimmig und aus echt deutschen Männerkehlen durch die Turnhalle: »Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Er kommet gegangen auf geistlichen Schuh'n Und tut jetzt gewaltige Taten hier tun! Hurra hoch! Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Wo solch ein Hirte die Herde regiert, Da ist sie wahrhaftig nicht angeschmiert! Hurra hoch! Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Wer diesem Hirten im Wachen und Schlaf Nicht folget, der ist kein geduldiges Schaf! Hurra hoch! Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Er führt seine Heide durch Trübsal und Sumpf Zur himmlischen Weide – denn Zentrum ist Trumpf! Hurra hoch! Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Und wäre Papst Pius Höchstselber im Saal, Er machte ihn sicher zum Kardinal! Hurra hoch!« Und »Hoch!« und nochmals »Hoch!« brauste es durch die Turnhalle, und Karlo Antonio Pollmann schwenkte sein Käppi, und die dicke Therese griff an ihren stattlichen Busen, um ihre Rührung zu meistern, und Miekske fing drei Fliegen auf einmal, und Leopold Derksen machte ein Gesicht, als habe er unversehens auf ein Pfefferkorn gebissen, und Doktor Horré hielt sich den Bauch, als habe er Kolik und Seitenstechen gleichzeitig bekommen, lachte aber dazu, daß er blau und rot im Gesicht wurde, während Gertzen. der mit seiner Schwägerin in der Nähe der ›Concordia‹ saß, immer nur von einer ›kolosalen Ovatschon‹ sprach und Pitt Hoffmann die Hand drückte, als müsse er ihm seine Seele auf Leben und Sterben verschreiben – und während all dieser Vorgänge und Ovationen hatte sich Joseph von Arimathia ruhig zur Tribüne begeben, die Hände gefaltet und sich dann zweimal geräuspert. »Bravo!« »Das war für das Räuspern,« meinte Herr Piepmann. »Vielgeliebte, katholische Christen!« also begann Joseph von Arimathia. »Gruß und Segen zuvor! – Meine eigentliche Rede kommt später, und ich stehe nur als erster hier an dieser Stelle, um Ihnen die Hiobskunde ans Herz zu legen, die da lautet: das drohende Gespenst des Sperrgesetzes ist zum Faktum geworden.« »Pfui!« »Ja, meine Geliebten in Christo, das ›Pfui‹ ist berechtigt.« »Bravo!« »Es schreit zum Himmel auf, was alles passiert ist. Aus dem Volke heraus, gleichsam aus dem Einfältigen heraus, soll es zum Himmel und zum Thron des Allerhöchsten emporschreien.« »Sehr gut!« »Und daher habe ich mich entschlossen, bevor ich selber mit dem schweren Rüstzeug der Theologie und des Verstandes anrücke, Männer des Volkes reden zu lassen, weil es unserem lieben Herrgott geradezu angenehm sein muß, aus der Stupidität der Laien zu hören, wie es um seine bedrückte Kirche bestellt ist, denn er sagt selber: Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Also, treten Sie vor, Geliebte in Christo, und sprechen Sie sich Ihren Kummer vom Herzen herunter. Per crucem ad lucem !« Unter tosendem Beifall verließ er die Rednertribüne. Pitt Hoffmann war an seine Stelle getreten. »Meine Herren! – Ich heiße Pitt Hoffmann ...« »Sehr gut!« »Ich bin aber nicht, wie der Herr Vorredner gemeint hat, ein Mann aus dem Volke und ein einfältiger Laie, sondern schätze mir höher ein und rechne mich zu den gebildeten Ständen.« »Wie sich das gehört,« konstatierte Frau Hoffmann. »Indessen jedoch,« fuhr der Redner fort, indem er seine baumwollenen Handschuhe auszog und sie neben sich legte, »indessen jedoch gehöre ich auch nicht zu der nobelen liberalen Gesellschaft, die immerzu mit Glassanten, unsauberen Redensarten und properen Fingernägels heranrückt, sondern zähle mir vielmehr zu denen, die was Schwarzes unter den Fingernägels besitzen, dafür aber ein reines Herz haben und mit 'nem reinen Mundwerk aufwarten können.« »Bravo! – Bravo!« skandalierten die Mitglieder der ›Concordia‹ und ließen zu Ehren ihres Präsidenten eine neue Bierlage auffahren. »Und drum, meine Herren, ist ›Schwarz‹ mein Ehrenkleid, weil es soviel wie ›Zentrum‹ bedeutet, denn ich schieße mit meiner Ansicht immer ins Zentrum. Aus demselben Grunde sagt auch Alban Stolz so lieblich: Ein Ultramontaner ist in den Augen Gottes der vornehmste Mensch, wohingegen ein katholisch Getaufter, welcher nicht ultramontan ist, man 'ne taube Nuß gilt und gar nichts bedeutet. ›Schwarz‹ ist besonders die Farbe des heiligen Todes. Drum müssen wir nur recht viel Tote begraben, weil sonst ein schlechtes Geschäft und purer Unfrieden ins Volk kommt, aber das schlechteste Geschäft und die tollste Wirtschaft haben doch die Liberalen mang die Leute gebrungen. Ich frage mit meinem Freunde Gertzen: warum denn? – Erstens: weil sie heidnische Bildnisse nackig entblößen.« »Hurra!« und nochmals »Hurra!« ging das durch den Saal. »Hartjes, das geht auf Sie,« lachte der Doktor. »Zweitens: weil die Herren Dökters die edle Geistlichkeit viel zu spät zu die Toten berufen.« »Und das geht auf Sie,« lächelte Hartjes. »Und drittens: weil die Liberalen Gefallen haben an weibliche Tanzmeisterbeine, und weil das so ist, habe ich auch meinen Julius von 's Tanzen zurückgezogen, und darum sind die Maigesetze und die Sperlinge in die Welt gekommen – und das ist zu beweisen gewesen. Und weil ich's getan habe, kann ich jetzt als gebildeter Mann meinen Appartemeng nehmen. Die Ungebildeten sagen ›Abtritt‹ dazu. Ich bin aber kein Mann aus dem Volke – und habe gesprochen.« Die letzten Worte waren schon halb in einem donnernden Applaus untergegangen. Hüte wurden in die Höhe geworfen, Taschentücher geschwenkt, und der Männergesangverein ›Concordia‹ stürmte die Tribüne, hob den Redner empor und trug ihn zu seinem Dirigentensitz zurück, indem die Mitglieder schnell eine Strophe zum Begrüßungsgedicht interpolierten und sie lauthals sangen: »Stoßt an! Pitt Hoffmann soll leben! Hurra hoch! Wer mit schwarzen Nägeln aufwarten kann. Der ist der richtige Zentrumsmann! Hurra hoch!« Frau Pitt mußte sich halten, um nicht vor Freude ohnmächtig zu werden. Immer neue Bravosalven erschütterten die Turnhalle, und der Tumult legte sich erst, als Grades Gertzen in die Verlängerung rückte und um die Erlaubnis bat, jetzt auch seinerseits sprechen zu dürfen. »Der auch!« grinste Leopold Derksen, »na, denn man zu.« Und da stand er schon, schlug sich auf die Brust und begann dann: »Mitbürger, Freunde! – Pitt Hoffmann ist eben Pitt Hoffmann ...« »Bravo!« »Und ich schreibe mir Gerhard Gertzen, kann aber so 'ne kolosale Redens nicht halten, wie er kann. Das will ich auch gar nicht, denn es ist schon genug Revolutschon in die katholische Kirche. Aber das will ich nur sagen: unser Turmhelm ist wurmstichig geworden. Ich frage: warum denn? – Weil er Würmers bekommen hat. – Und das freut mir kolosal, weil wir Zimmermeisters hierdurch Arbeit beziehen. Aber wer kriegt sie? Etwa ein ultramontaner Mann mit 'ner heiligen Meinung? – I, Gott bewahre, die Herrens! – Unser seliger Dechant – Gott hat ihn glücklich herausgeschmissen – war anderer Meinung. – Ein liberaliger Mann mit lutherschen Raupens im Koppe bekommt sie, denn er hat seine Planens schon fertig, aber man bloß auf dem Papier, während andere Zimmermeister, die auch Planens besitzen, aber im Geiste, man das Nachkucken haben. Mein Konkurrenzmann hat Reputatschon – und Reputatschon ist eben Reputatschon, dagegen kann unsereiner nicht gegen an operieren. Und ich frage: warum denn? – Weil Reputatschon eben Reputatschon ist und etwas Liberales bedeutet – und davon sind die Sperlingsgesetze gekommen. – Das wollte ich sagen und nehme jetzt gehorsamst meinen Abtritt und nicht meinen Appartemeng, weil ich nur Volk bin und nicht wie Pitt zu die gebildeten Stände gehöre.« »Gertzen soll leben!« Unter Beifallsgetrampel ging das noch einmal: »Gertzen soll leben!« »Quasselkopp!« rief es von einer anderen Stelle. »Wer meint mir?!« »Ich!« Leopold Derksen hatte lachend gerufen. »Dummheit lacht!« hielt ihm Gertzen wütend entgegen, »aber ich bin der Kerl, weil ich meine Ansicht vertrete und sage: die Sperlingsgesetze sind bloß durch den liberaligen Turmhelm gekommen. Und das ist sehr miserabel, und wenn das der heilige Vater erführe ...« »Ehre, wem Ehre gebührt!« rief eine kräftige Stimme dazwischen. Alle Blicke hatten sich auf Joseph von Arimathia gerichtet. »Ja, Geliebte in Christo, Ehre, wem Ehre gebührt! – Um Ihnen das zu erklären, möchte ich mir vorher eine Frage erlauben. Ich setze den Fall: es ist nicht angängig, eine concordatio inter sacerdotium et imperium , also eine Eintracht zwischen Priesterschaft und Königtum, anzubahnen – auf welche Seite würden Sie sich stellen, Geliebte in Christo?« »Auf die Seite der Herren Kapläne!« rief das bunt durcheinander. »Richtig! – und ich setze den Fall: ein kirchliches Bauwerk muß aufgeführt werden. Es find hierzu zwei Meister in Aussicht genommen, ein christlicher und ein nichtchristlich gesinnter. Welchen von beiden würden Sie wählen, Geliebte in Christo?« »Den katholischen – den preußischen nicht!« »Richtig! – so hat auch die gestrige Kirchenratssitzung beschlossen. Meister Gerhard Gertzen wird den Turmhelm errichten.« Na – nu aber! Ein Heidenspektakel ging los, ein Kuhgetrampel – und bissige Rufe waren dazwischen: »Höhö, Nonnenhannes!« – und dann wurde wieder beifallsfreudig geklatscht und gebrüllt, aber so kräftig, daß der Kalk von den Wänden herabfiel. »Die Kerle sind wohl verrückt,« meinte der Doktor. »Gottverdammich!« knirschte Leopold Derksen, »nu mußt du aber sprechen.« »Noch nicht,« sagte Johannes mit aller Ruhe; sein Gesicht aber war so bleich wie die Wand geworden. Joseph Sauerbier streckte die Hand aus. Der Tumult verstummte. »Ich erteile nunmehr das Wort dem Herrn Rentmeister Karlo Antonio Pollmann aus Moyland.« »Bravo!« – und da stand schon der Redner. Aber es war nicht der Rentmeister, sondern der Postmeister; er hieß auch nicht Karlo Antonio Pollmann, sondern Herr Piepmann. »Mein Herr,« fuhr Joseph von Arimathia auf ihn los, »ich habe Ihnen ja gar nicht das Wort erteilt. Sie dürfen also nicht reden.« »Will ich auch gar nicht, sondern man pfeifen,« sagte Herr Piepmann, »denn was ich hier hörte, kann ich nur durch meine Flötepfeife erwidern. Bosheit muß ausgepfiffen werden. Das Höchste was wir auf Erden besitzen, ist dieses ...« Und dann pfiff er: »Deutschland, Deutschland über alles, Über alles in der Welt ...« »'n netter Beamter!« johlte es ihm von allen Seiten entgegen. »Bin ich,« sagte Herr Piepmann. »Der Staat will auch seine Rechte behalten, und mit dem Brotkorbgesetz ist das gar nicht so schlimm. Folgt man, pariert man, dann könnt ihr alle leben wie der Kanarienvogel im Rübsen!« Und dann pfiff er wieder wie'n lustiger Stieglitz: »Der Papst lebt herrlich in der Welt ...« »Klebt ihm 'ne preußische Freimarke aufs Maul!« rief ein Concordiamitglied dazwischen. »'raus! – 'raus!« »Ruhe! – Ruhe!« kommandierte Herr Butterweck von seinem Stuhlsitz herunter, »sonst muß ich als Schandarm in die Verlängerung springen. Im Namen des Gesetzes ...!« »'runter! – 'runter!« »Tu' ich,« sagte Herr Piepmann, »aber ich will noch eben bemerken, daß ich mich unter der bestehenden Ordnung ganz mollig fühle und mein Leben als ein kreuzfideler Liberaler verschleiße.« »'runter! – 'runter!« »Danke,« nickte Herr Piepmann, steckte die Hände in die Hosentaschen und pfiff dann: »Seid umschlungen Millionen ...« Hierauf verließ er das Podium und nahm unter Beifall und wütigen Gegendemonstrationen seinen früheren Platz ein. An seine Stelle war Karlo Antonio Pollmann getreten. » Signori! – Signore ...!« Er schwenkte sein Käppi. »Ich habe den italischen Himmel gesehen ... Azure !« »Bravo!« »Ich habe den großen Sankt Peter gesehen ... I portici sono di marmo !« »Bravo!« »Ich habe den heiligen Vater gesehen ... Superbo !« »Hurra!« »Ja – signori, superbo im Geiste! – allein sein materielles Leben ist trostlos. Der ärmste Lazzarone ist glücklich gegen ihn zu preisen. Der Statthalter Christi liegt auf Heu und Stroh gebettet.« »Pfui!« »Das haben die Großen der Erde geleistet!« »Pfui!« »Das hat ein Bismarck, ein Viktor Emanuel zuwege gebracht!« »Pfui!« »Aber alles wäre anders gekommen, hätte er mir gefolgt, hätte er mir den Oberbefehl über seine Zuaven gegeben. Damals, vor Jahren – ich wäre der Mann des Tages gewesen. Im blutigen Ringen hätte ich das Patrimonium Petri über Wasser gehalten, hätte das Zeichen des Sieges auf den großen Sankt Peter gepflanzt, Viktor Emanuel gefangen genommen und Bismarck in seine Schranken gewiesen.« Eine frenetische Beifallssalve quittierte spontan für die gesprochenen Worte. »Meine Herren, ich danke! – Aber der heilige Vater wollte nicht. Er ließ meinen Rat unberücksichtigt. Er war zu milde, er war zu gut, er war zu barmherzig. Der heilige Vater konnte kein Blut sehn.« »Ach, Gott nicht,« schluchzte die dicke Therese, »der arme heilige Vater!« und dann sah sie Frau Pitt Hoffmann an und dann Miekske Pollmann, was die wohl sagen würden zu der traurigen Sache. Aber die konnten nichts sagen, die konnten nur weinen. »Und da reden die Dummen von einem Gang nach Canossa?!« erklang es von neuem. – »Nein, der heilige Vater konnte kein Blut sehn. – Und so werden die Opfer, die edelmütigen Taten des Weltregierers in Preußen gewertet?! Schmachvoll! – Allein die Kirche wird nicht untergehn. Im Gegenteil – in der Verfolgung wird sie geläutert, gekräftigt, mit neuer Schönheit umkleidet. Sie muß völlig unabhängig sein von jeder Staatsgewalt – und drum müssen wir kämpfen gegen Anmaßung und Altkatholiken. Nette Menschen das – und erst ihr Bischof?! – Ein Bischof, aber in Gänsefüßchen zu setzen.« »Sehr gut!« » Signori! – Signore ...!« »Bravo!« »Ich habe Rom gesehen ... I portici sono di marmo !« »Bravo!« »Ich habe den heiligen Vater gesehen ... Superbo !« »Hurra!« »Und weil ich die gesehen habe, müssen wir kämpfen. Wir müssen unsere Präsenzstärke erhöhn, die Landwehr aufbieten, den Landsturm verdoppeln, geistige Zuavenbataillone formieren – und wenn Sie wollen, werde ich das Kommando übernehmen. Ich bin zu Ihrer Verfügung – ich, Karlo Antonio Pollmann ...« »Bravo!« »Wir ziehen mit!« rief die dicke Therese und schwenkte ihr Taschentuch. »Natürlich!« johlte Leopold Derksen, »aber als Feldwebel mit's dicke Notitzbuch.« »Maul halten!« »Hurra, Herr Pollmann!« »Mit dem feigen Erdulden,« lenkte der Redner allmählich zum Schluß ein, »dem Lieben im Ertragen, dem Töten des menschlichen Willens und mit dem Küssen des staatlichen Prügels, der auf unserem Rücken herumklopft, muß endlich aufgeräumt werden! Zieht die geballte Faust aus der Tasche. Stoßt sie der brutalen Staatsgewalt unter die Nase. Himmel Sakramento! – ultramontan heißt jenseits der Berge. Seid Ultramontane! – Reißt eure preußischen Scheuklappen herunter. Seht zu, was euch not tut. Nicht hier, nicht in Preußen, nicht in Deutschland liegt euer Heil! Jenseits der Berge liegt es unter italischem Himmel, im Schatten des großen Sankt Peter. Wendet eure Blicke nach Rom. – Die Pforten der Hölle werden es nicht überwinden. I portici sono di marmo ! – Lieber Deutschland zerfetzt, lieber die Einheit zum Teufel, als ein Krümchen vom Felsen Petri verlieren. Rom ist die Welt – drum wendet die Blicke auf Rom und den großen Sankt Peter!« Karlo Antonio Pollmann verstummte. Mit einem dumpfen Schrei war Johannes Wesselink aufgefahren. »Schwindler! – Betrüger! – Verräter ...!« Alle Köpfe wandten sich. Ein drohendes Murren war um ihn. Die Niederungsmenschen hatten schon das erbärmliche Wort von früher auf der Zunge, um es ihm entgegenzuschleudern. Aber die Zunge blieb stumm. Vor dem furchtbaren Ernst des aufgefahrenen Mannes, der jetzt so ruhig wie die tiefen Kolke seiner Heimat geworden war, wagte sich die Opposition nicht heraus. Der Augenblick hielt sie im Bann. Ungewollt und in ohnmächtiger Wut mußten sie hören und sollten sie hören ... »Und Sie, Mensch, dahinten ...! – jedes Wort, was Sie geredet haben, ist eine Infamie, eine große Lüge gewesen! – Sie alle lügen – bewußt und unbewußt, aber Sie lügen! Rom ist nicht die Welt – die Welt ist eure Heimat, der Boden, auf dem ihr steht, das Herz, das euch wohl will! Hört nicht auf diesen! – Richtet nicht eure Blicke nach Rom, wenigstens nicht ausschließlich auf Rom! Seid gute Katholiken hier auf der heimischen Erde! – Und ihr da im Schafspelz – Wölfe im Schafspelz! – stets seid ihr unfaßbar, dreht euch bald nach dieser, bald nach jener Seite; bald seid ihr politisch, bald religiös, stimmt bald in dieser, bald in jener Farbe, schwarz aber kommt immer wieder zum Vorschein. Nicht um die Religion ist's euch zu tun, nicht um die Worte des Heilands – nein, ihr wollt weiter nichts als herrschen und aus dieser Herrschsucht heraus das Reich, den eigenen Herd und die blutig erkämpfte Einheit verkleinern. Was geht euch das Reich an, wenn nur Rom triumphiert?!« »Unerhört! – Frechheit!« rief Joseph von Arimathia. »Die ist auf eurer Seite,« hielt ihm Johannes entgegen. »Wir haben doch soeben gehört, was ihr wollt. Laßt uns doch den Frieden im Lande! Hetzt nicht, treibt keinen Keil zwischen die Herzen, und wenn's euch nicht paßt, so geht doch, geht doch – die Tür steht euch offen. Die eigene Heimat sollte euch ausspeien. Ihr tragt falsche Gedanken, verkehrte Lehren in unsere Seelen hinein. Damit macht ihr uns irre von Kind an, damit reißt ihr uns aus dem Leben der Wahrheit, erstickt ihr die Liebe zum Reich und bringt Unfried zwischen die Nächsten. Und wer nicht so will, wie ihr wollt, dem setzt ihr den Fuß ins Genick. Ich hab's an meinem eigenen Leibe erfahren. Der Haß ist mir an die Kehle gesprungen; ihr hetzt mir die Not aufs Dach; ihr reißt mir das Herz auseinander ... Ihr wollt mir die Liebe zur niederrheinischen Scholle verekeln! – Aber ich bleibe, ich laß mich nicht knechten – und wenn ich drüber zum Bettler werden sollte: ich bleibe und kämpfe im Glauben an die seligmachende Wahrheit, im Dienste der Wahrhaftigkeit, der Vaterlandsliebe und in Treue gegen Kaiser und Reich. – Lebt wohl!« Erhobenen Hauptes, von Leopold Derksen, dem Rektor, Doktor Horré und den anderen liberalgesinnten Männern gefolgt, verließ Johannes Wesselink die Versammlung. Für einige Augenblicke herrschte eine lähmende Stille in der Turnhalle, dann aber brach der Sturm los, der sich erst legte, als Joseph von Arimathia Schweigen gebot, den Stiernacken reckte und mit mächtiger Stimme in die atemlose Menge hineinrief: »Laßt die religionsleeren Köpfe doch laufen!« »Bravo!« »Wir sind eine pusillux grex , eine kleine Schar, aber wir wissen zu kämpfen. Denkt daran bei den kommenden Wahlen. Aber wählt ultramontan, denn alle Zettel werden zweimal geprüft: einmal im Wahllokal, einmal im Himmel. Treten wir daher bis zum letzten Mann an die Urne heran – und wie in den Weihnachtstagen der Schnee erst in schwachen Flöckchen niederrieselt, um immer stärker zu werden und schließlich in ein dichtes Schneegestöber überzugehen, so sollen auch die Flöckchen der Wahlzettel zum Schneegestöber und zur Lawine werden, unter der die Gegner, die gegen das Zentrum stimmen, veratmen. Drum auf zum Kampfe, auf zum Siege!« »Hört! – Hört!« »Und wenn es dazu käme, daß eine Kreatur des Staates hier als Pastor fungieren sollte – ich lösche die ewige Lampe aus, zerbreche die brennende Kerze und trage das Sanktissimum aus der Kirche fort, mitten durch die kniende, weinende und jammernde Menge.« »Bravo!« »Hoch die triumphierende Kirche!« rief der Sprecher mächtig dazwischen. »Der Fels Petri wird ewig bestehen; die Liberalen und Herr von Bismarck, mit dem Abgötterei getrieben wird, haben keine Macht darüber. Bismarck ist nur ein sterblicher Mensch, wie wir alle! Gegenwärtig ist er krank, und er liegt auf seinem Schmerzenslager da – hilflos wie ein Tropf, wie ein armseliger Bettler. – Gott läßt sich nicht höhnen!« »Nieder mit Bismarck!« »Halt!« schrie in diesem Augenblick der Gendarm, sprang vom Stuhl und drang gegen die Tribüne. »Ich löse die Versammlung auf!« »Was wollen Sie?!« schrie ihn Karlo Antonio Poltmann an. »Sie haben hier nichts zu sagen!« meinte Pitt Hoffmann. Die Mitglieder der ›Concordia‹ wurden bedrohlich. Aber Herr Butterweck ließ sich nicht stören. »Im Namen des Gesetzes!« rief er bestimmt, »Sie haben die Folgen zu tragen.« »Werft ihn 'raus!« Butterweck legte die Hand an den Säbel. »Im Namen des Königs ...!« Ein fanatisches Toben war um ihn. »Ruhe! – Ruhe!« ermahnte Joseph Sauerbier, »wir weichen der brutalen Gewalt, aber ich segne die Hand noch, die uns hinausweist. Der Zweck ist erreicht. – Folget mir alle – folget mir alle! Per crucem ad lucem !« Die dicke Therese weinte. Miekske sah hundert Fliegen vor sich und fing wenigstens zehn Stück auf einmal. Karlo Antonio war wie schützend an die Seite seines Freundes getreten. Mit einem donnernden Hoch auf den Vorsitzenden wälzte sich die nach Hunderten zählende Menge zum Saale hinaus, wobei die ›Concordia‹ sang: »Stoßt an! Herr Sauerbier lebe! Hurra hoch! Er führt seine Herde durch Trübsal und Sumpf Zur himmlischen Weide – denn Zentrum ist Trumpf! Hurra hoch!« Die tobende Menge verlief sich. Die Welt lag so ruhig und still da, und die Kastanienbäume in der Allee blühten schöner denn je und hatten ihre milden Kerzen aufgesteckt zum Preise des allewigen Gottes. XVII Der Kerl im blauen Kittel kommt wieder Ja – es war eine schwere Zeit, es war eine Zeit der Bitternis und der Sorge. Und so, in steter Bitternis und Sorge, vergingen etliche Monate. Joseph von Arimathia verwaltete ohne Genehmigung der Staatsgewalt die ihres Seelenhirten beraubte Pfarrei, tat Gutes und Ungereimtes je nach Bedarf, kümmerte sich nicht um die Verwarnungen der Regierungsbehörde, wirkte lediglich unter bischöflicher Approbation und verschmähte es, die Hand nach dem heilsamen Krüglein zu strecken, um mildes Öl in die bewegten Wasser der Konfliktszeit zu gießen. Langsam, aber sicher musterte er sich zu einem Kampfhahn heraus, der es verstand, weidlich und mit vollem Halse zu krähen und über den Acker Steinbergers zu stolzieren, als habe er ihn bereits auf Jahre hinaus so gut wie in Erbpacht genommen. Joseph von Arimathia krähte; und als er zum ersten Male krähte, da hatte Grades Gertzen mit seinen Gesellen den baufälligen Turmhelm von Sankt Nikolai bestiegen, hatte Schiefer und Verschalung gelöst und das ganze Balkengerüst in die Tiefe gelassen. Und wie er zum anderen krähte, da hatte Grades seinen Bauplan wirklich fix und fertig auf dem Papier stehn, brachte die angesteigerten Hölzer in die richtige Fassung und Form, verarbeitete sie auf seinem Zimmerplatz zu Doppelzangen und Sprengwerken, hielt aber aus Opposition gegen Wesselink am alten Kaiserstil fest und hoffte durch verstärkte Kreuzverbindungen das Mißliche der ganzen Anlage gehörig sichern zu können. Zuversichtlich sah er der Errichtung des Turmhelms entgegen. Wesselinks Tätigkeit war so gut wie kaltgestellt worden. Auf seinem Werkplatz ließ sich die Axt nur noch an den Vormittagsstunden vernehmen. Den größten Teil seiner Gesellen hatte er aus Mangel an Arbeit entlassen müssen. Es war still und leer um ihn. Seine eigenen Mittel schrumpften zusammen, und je mehr sie zerfielen, um so größer und nachhaltiger wurde der Unfried unter seinen eigenen Sparren. Nur von wenigen Freunden umgeben, sah er schweren Herzens und mit nachdenklichen Augen in die kommenden Tage. Es ging bergab mit ihm, immer mehr bergab, und wenn er auch verwinden konnte, daß man seiner Zimmermannsehre das Sonntagskleid vom Leibe gerissen hatte – das Bedrohliche, Trügerische, Unhaltbare seiner häuslichen Verhältnisse konnte er kaum noch verschmerzen. Seine Zukunftsfreudigkeit hatte vorzeiten eine andere Welt gesehen, eine Welt mit guten und deutschgesinnten Menschen, und nun sah er nur in höhnische Gesichter hinein und in irre geleitete Herzen. Er hatte für sein Ringen und Schaffen, für seine Liebe zur heimischen Erde nicht auf Erkenntlichkeit gerechnet, aber daß man ihm für seine Guttaten nur harte Kieselsteine anbot, das machte ihn bitter – und dennoch ging er im Interesse der guten Sache zu Grades Gertzen und beschwor ihn aus sachlichen Gründen, an Stelle des veralteten Kaiserstils die neue und bewährte Konstruktion mit Andreaskreuzen zu setzen. Er sprach umsonst. »Jetzt bin ich der Kerl mit der kolosalen Reputatschon geworden,« hielt ihm Grades entgegen. »Ich habe meine eigenen Planens gezeichnet und brauche mir nicht mehr um, die preußischen Planens von meinem Konkurrenzmann zu kümmern. Adjüs.« Da wandte, sich Johannes und ging in tiefem Wirren und Hasten nach Hause, betrat seinen Zimmerplatz, wo er eigentlich nichts mehr zu suchen und zu sorgen hatte, und grübelte nach, wo er seine verlorene Ruhe und das Gleichgewicht seiner bedrängten Seele wieder hernehmen sollte. Und die Tanzmamsell sah ihn, und sie hatte aufschreien mögen, und Bettje Theißen sah ihn und sagte zur Tanzmamsell: »Fräulein Pauline, der wird nicht wieder; es sei denn, daß eine andere käme, die es verstünde, ihm das kranke Herz weicher zu betten und die Sorgen von den Schultern zu nehmen.« »Aber, Fräulein Theißen ...!« »So ist es,« entgegnete Bettje. »Sein eigenes Weib betrügt ihn. Ich weiß, was ich weiß. Sie bangt sich nach einem anderen Menschen; aber das ist nicht die heilige, sündige Liebe, wie ich sie vor Jahren hatte, als die Johannisfeuer in der Niederung brannten.« Mit stillem Weinen war die Tanzmamsell in die Kniee gefallen – und Bettje Theißen war bei ihr und glättete ihr die honigfarbenen Löckchen. Und Joseph von Arimathia krähte zum dritten Male ... Ja – es war eine schwere Zeit, es war eine Zeit der Bitternis und der Sorge. Immer mehr entfremdeten sich die niederrheinischen Menschen der weltlichen Ordnung, fühlten kein Interesse mehr für die eigene Scholle und ließen sich führen von dem, was von Rom kam und was ihnen die Kapläne erzählten. Gewiß, viele hatten gesorgt und gelitten, aber sie hatten sich einfangen lassen – fast alle. Sie hatten gekämpft, allein sie hatten nicht tapfer gekämpft und waren so zu urteilslosen Verfechtern der ultramontanen Sache geworden. Pitt Hoffmann jedoch hatte nie gesorgt und gekämpft, brauchte es auch in diesem Sinne nicht zu tun, denn er war von jeher ein klerikaler Bulle gewesen, der in jedem Liberalen ein rotes Tuch witterte und drauf los ging, daß nur die Funken so stoben. Er konnte sich also in dieser Hinsicht glücklich schätzen, tat's auch, wenn auch bei ihm etwas mitunterlief, das ihn sonstwie bedrückte. Und daher: Pitt Hoffmann war nicht wahrhaft glücklich zu nennen, und das hatte darin seinen Grund, daß seit Jahresfrist kein Mensch in der kleinen Stadt willens gewesen war, sich begraben zu lassen. Eine andere Sorge hatte er nicht, aber das machte ihm Sorge. Um wirklich glücklich zu sein, mußte er Sterbeglocken hören, mußte ihm der Geruch nach Firnis und Hobelspänen in die Nase hineinziehn, mußte er das melancholische Seufzen des Kirchhoftores hören, mußte er langnäsig in eine offene Grube hinabstieren – und, da er alles dieses nicht konnte, war er fuchsteufelswild, hatte er Sorgen und saß nun vor seinem Sterberegister, um sich von der Leerheit der aufgeschlagenen Seiten anekeln zu lassen. »Mama,« sagte er schließlich und warf das Sterberegister beiseite, »das ist ja um die Kränke zu kriegen!« »Pitt, was hast du nu wieder?« »Mama, trotz meiner politischen Erfolge, trotzdem alle meinen, ich wäre ein Kerl, weil ich Grades den Turmhelm verschafft, weil ich dem vornehmen Zimmermannskerl mit's Reden über bin, weil ich dem Dechanten 'nen Knüppel zwischen die Beine geschmissen habe – Himmel Zackerment noch mal! – kann ich mir selber nicht helfen.« »Wieso nicht!« fragte Frau Hoffmann. Pitt war aufgefahren. »Stirbt wer?« fragte er giftig. »Henn Seegers und Fritz van de Horst hat der verteufelte Boonekamp wieder mobil gemacht, und die Mutter der Tanzmamsell ...« »Warte man,« sagte Frau Hoffmann, »die kommt bald an die Reihe.« »Aber wann? – Die sollte schon im Mai abkratzen und läppert sich jetzt noch hin, als wollte sie's noch bis über den nächsten Winter riskieren. Das lebt ja und hat 'ne Atempfeife, die so lang ist wie dem Bockendores sein ausgemelkter Ziegenstall – und ich stehe hier und muß nächstens Pleite anmelden.« »Wieso?« fragte Frau Hoffmann und hatte beide Hände energisch in die Hüften gestemmt, »wo ich so viele noble Akkuschemangs habe wie nie, und wenn ich auch das Salär von zwei Jahre zusammentun täte?!« »Wenn auch, Mama, aber unsereins hat doch auch sein Standeshonnör, denn man muß doch Aufmunterung haben.« Er schnappte ab und verfiel in ein tiefes Grübeln. »Mama,« sagte er schließlich, »jetzt weiß ich's,« und, ohne sich weiter um seine Frau zu kümmern, stolzierte er ins Nebenzimmer. Eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als er wieder erschien, aber da er erschien, glaubte Frau Hoffmann, er sei übersinnig geworden. Pitt war ganz in Schwarz; in der Hand hielt er den Medaillenstab und auf dem Kopf trug er den hohen Zylinder mit der florigen Trauerpleureuse, die er fachmännisch über den linken Ellenbogen gelegt hatte. Auf seinem Gesicht ruhte Karfreitagsstimmung. »Pitt, du bist wohl ...« »Nein, Mama, ich bin nicht; aber ich muß die Sache besprechen. Dreimal will ich um die Stadt – und wenn ich dreimal herum war, dann wird mir ›Er‹ wohl begegnen.« »Wer denn, Pitt?« fragte Frau Hoffmann. »Mama, der Kerl mit dem grindigen Gesicht ...« und damit ging er aus dem Zimmer und dann über den Markt und dann zum Tore hinaus auf den Paternosterdeich zu, und alle Leute sahen ihm verwundert nach und sagten: »Gottdomie! – Pitt Hoffmann ist drehkrank geworden.« Und Pitt stieß ruhevoll den Medaillenstab auf, kümmerte sich nicht um die neugierigen Menschen, die ihm nachglotzten, und ging ruhig des Weges, den auch Joseph von Arimathia und Johannes Wesselink gegangen waren, als sie in tiefer Not steckten. In der Ferne lag das brütende Licht der untergehenden Sonne. Die Hitze hatte noch nicht nachgelassen. Mit keuchendem Atem und verschwitzter Stirn ruhte sie platt auf dem Bauch und legte sich über Äcker und Wiesen und kroch über die Felder, die noch Halm hatten, und über solche, die bereits in den kahlen Stoppeln standen. Unter dem tiefen Licht aber drängten sich Wolken herauf, die eine rauchfahle Färbung annahmen und allgemach die Sonne und den stahlblauen Himmel bedeckten. Die hohen Pappeln, die mit der Deichflanke liefen, zeigten nicht die mindeste Regung. Sie waren so ruhig wie Pitt seine Pleureuse. Die einzelnen Blätter lechzten nach Regen. Weiter in der Niederung, wo die Haferschläge noch standen, ging der charakteristische Schnitt der Sensen. Wie der Ruf von heiseren Vogelstimmen klang es herüber. Pitt glaubte den wehmütigen Lockruf des Totenhühnchens herauszuhören. »Kummit! – Kummit!« Das tat ihm wohl. Seine Schritte wurden länger und selbstbewußter. Wie ein gigantischer Schatten ging er über den Deich fort. Als er zum ersten Male die eingedämmerte Stadt umschritten hatte, war eine kleine Stunde vergangen. Die Sonne stand nicht mehr in der Tiefe. Die Sensen riefen nicht mehr, und die Wolken waren höher gekrochen. Sie schienen unbeweglich, wie festgenagelt zu sein. Noch ließ sich kein Lufthauch verspüren. Die Bäume standen wie vorhin. Nur ab und zu legte sich ein Blättchen auf die andere Seite. Pitt ging weiter. Als er die kleine Stadt zum zweiten Male umschritten hatte, nahmen alle Dinge eine unbestimmtere Form an; ein geheimnisvoller Schleier hatte sich über die weite Fläche geschoben. Alles Leben war von der noch immer brütenden Hitze verschlungen. Nur tief im Horizont zwinkerte dann und wann ein flüchtiges Leuchten. Auch der Wind tat sich auf. Die Pappeln säuselten leise über den Deich hin, und die Pleureuse kam in ein geringes Schaukeln und Schwanken. Pitt ging weiter; er ging in gehobener Stimmung und in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Nur noch einmal brauchte er die kleine Stadt auf dem Paternosterdeich zu umkreisen, dann hatte er sein möglichstes getan und die Sache besprochen. Er befand sich in einer Art von Fiebertraum, in dem sich wirre Bilder in unzusammenhängender und konfuser Weise verfolgten. Im Vorwärtsschreiten sah er gen Himmel. Vereinzelte schwache Lichtfünkchen blinzelten zwischen den Wolken auf, die sich jetzt reger bewegten, immer rauchschwarzer wurden und in verzerrter Gestalt über ihn fortzogen. Sein lebhafter Geist las allerhand Dinge heraus. Er sah ein Kruzifix, einen Totenwagen; er sah Menschen mit gesenkten Köpfen sich folgen; eine umflorte Fahne ragte zwischen ihnen auf; er sah Gebilde, die mit einem Kirchhofsgatter Ähnlichkeit hatten, während die Pappeln, die in der Niederung und auf der Deichflanke standen, sich in den abenteuerlichsten Umrissen gegen den Himmel abnahmen. Sie hatten die Form von geschorenem Buchs und Lebensbäumen. Er sah sich selber an einem frischgeworfenen Grab stehn. Eine Art Betäubung überkam ihn. »Nicht sprechen . .. nicht schreien ...! – Alles muß seine Heimlichkeit haben.« In der Niederung brannten schon etliche Lichter. Pitt war bis zur Roten Schleuse gekommen. Er hörte das gesperrte Wasser sprechen, das langsam hindurchschlich. »Himmel Zackerment noch mal! – wenn er jetzt käme.« In einer Entfernung von dreißig Schritten konnte er die Gegenstände schon nicht mehr deutlich erkennen. Die betäubende Hitze hatte noch wenig von ihrem Brüten verloren. Pitt blieb stehen; er horchte. Weit dahinten begann es unheimlich in den Wolken zu murren. Der Wind wurde lebhafter; die Blätter raschelten; in sonderbaren Figuren voltigierte die lange Pleureuse über den Deich fort. Wie eine schwarze Puffotter schnappte sie hierhin und dorthin. »Nu wird sie lebendig,« sagte Pitt Hoffmann, stieß wieder den Medaillenstab auf und gespensterte weiter. So war er bis in die Nähe des Kesseltores gekommen. Das Murren verstärkte sich; etliche verhaltene Donner waren dazwischen. Pitt mußte den Zylinder festhalten; immer grotesker kapriolte der Trauerflor. Die beiden Enden quirlten und drehten sich, flogen weit auseinander, um sich dann wieder liebevoll zusammen zu finden. Aber was war das ...?! Ging da nicht vor ihm das rhythmische Geklapper von Holzschuhen? Und jetzt ...! Sein reger Geist glaubte es ganz deutlich zu sehen: kleine Fünkchen, die aus einem unbedeckten Pfeifenstummel herrühren mußten, wurden vom Winde energisch zur Seite gerissen. Wie flüchtige Johanniswürmchen irrten sie in das Ungewisse der düsteren Ebene hinein. Pitt blieb stehen und hätte vor Freuden aufschreien mögen. Das Holzschuhgeklapper war näher gekommen. Ein tagheller Blitz setzte in diesem Augenblick über das weite Tief fort. Pitts Phantasie war in Siedehitze geraten; er hatte alles gesehen. Mechanisch riß er den Zylinder vom Kopf, machte Platz und stellte den Medaillenstab derart neben sich, als wenn er mit ihm zu präsentieren gedachte. Jetzt kam er. Pitt salutierte. Und er kam langsam gegangen. Eine kurze Kalkpfeife hatte er in den linken Mundwinkel geschoben. Der hohläugige Kopf war ihm bis auf den leinenen Kittel gesunken. Langsam drehte er ihn auf den tiefliegenden Schultern herum und sah seinen Freund an. Dann schritt er vorüber. Pitt trocknete sich mit dem Ärmel das schweißgebadete Gesicht ab, setzte den Hut wieder auf und atmete ein paar Sekunden lang mit gierigen, tiefen Zügen die Luft ein, die inzwischen milder und kühler geworden. »Mama,« sagte er schließlich, »den hätten wir,« und folgte dem unheimlichen Manne, auf den er so lange gewartet hatte. Sie verließen den Deich und traten alsbald durch das Kesseltor in die Stadt ein. Himmel und Erde schienen in eine einzige dunstige Masse zusammenzufließen, so dunkel war es mittlerweile geworden. Nur stellenweise blitzte ein Licht auf. »Wo er nur hingehen mag?« sagte Pitt Hoffmann. Gleich zur Linken lag das kleine Anwesen von Henn Seegers. Der Mann im blauen Kittel ging achtlos vorüber. »Also hier nicht,« konstatierte Pitt Hoffmann. Erneute Donner gingen über die Stadt hin. Schwere Regentropfen fielen zu Boden. »Wo er nur hingehen mag?« sagte Pitt Hoffmann von neuem; er mußte scharf zusehen, um seinem Freunde folgen zu können. Unter dem Scheine einer flackerigen Straßenlaterne kam jetzt ein niedriges Auslagefenster in Sicht, hinter dessen erleuchteten Scheiben Boonekamp- und Wacholder-Bouteillen placiert waren. Das bescheidene Häuschen gehörte Fritz van de Horst. Er war der Inhaber einer Destille. Der Mensch im blauen Kittel warf einen flüchtigen Blick in den kleinen Laden hinein, wo hinter grauen Papiertüten und einer schmuddeligen Teke ein hüstelnder Mann stand, der eben im Begriff war, sich einen Boonekamp of Magenbitter hinter das Halstuch zu gießen. Als der flüchtige Blick in den kleinen Laden hineindrang, zuckte Fritz van de Horst unwillkürlich zusammen, bekriegte sich aber und trat in die Haustür. »'n Abend, Pitt.« »Wie steht's?« fragte dieser. »Danke,« meinte Fritz van de Horst. »Es geht ja noch immer, aber mach' man, daß du mit deinem verfluchten Trauerbibi vorbeikommst.« »Himmel Zackerment noch einmal!« sagte Pitt Hoffmann im Vorübergehn, »man sollte ja dem Kerl, der den verfluchten Boonekamp in Destillation hat ... Also hier nicht,« setzte er leise hinzu, »aber, weiß der Teufel, wo er denn nur hingehen mag?!« Noch drei Minuten – und da blieb der Mann im blauen Kittel vor einem kleinen Häuschen auf der Grabenstraße stehen und sah durch die Scheiben. »Haha!« sagte Pitt Hoffmann. »Mama, in vier bis fünf Tagen haben wir ein Begräbnis,« und wie zum Gruß nahm er seinen Trauerzylinder vom Kopf herunter. Dann ging er und rieb sich in heiterer Laune die Hände zusammen. Seine Mission war zu Ende. Sein Freund aber war vor dem Häuschen, in welchem die Tanzmamsell wohnte, stehen geblieben. Und fahle Blitze setzten über die kleine Stadt hin, und Gottes Donner waren dazwischen, und bald darauf rauschte ein starker, erquickender Regen vom Himmel. – Und die Nacht ging hin. Sie ging auf leisen Schuhen. Sie bewegte sich so still, als wäre sie auf bloßen Lammfellsocken gegangen. Man hörte sie nicht; nur ihre Tränen hörte man, die unaufhörlich niederfielen und erst gegen Morgen spärlicher wurden. Während all dieser Zeit hatte die Tanzmamsell zwischen den Kissen gesessen. Nebenan ruhte ihre kranke Mutter mit gefalteten Händen im Lehnstuhl. Die verhängte Lampe warf einen unsicheren Schein über das stille Gesicht, dem eine Ruhe innewohnte, die nicht von dieser Welt war. Pauline konnte die lieben Züge deutlich erkennen. Die Mutter schlief, aber ihr eigener Schlaf wollte nicht kommen. Sie lauschte hinaus und hörte das Atmen der müden Erde, das regelmäßig durch das geheimnisvolle Brüten der Nacht ging. Der Schatten des alten Nußbaums, der auf dem Zimmerplatz stand, schwankte vor ihrem Fenster auf und nieder. Eintönig tropfte der Regen gegen die Scheiben. Das alte Sehnen erneute sich: Bilder, Erinnerungen ... Sie wollte sie scheuchen, allein sie kamen immer wieder: die Bilder, die Erinnerungen, die verzehrende Sehnsucht. Mit einer Gebärde des Entsetzens streckte sie die Hände aus. »Mein Gott, mein Gott, wie soll das nur enden?!« Nebenan tickte die Wanduhr. Viertelstunde auf Viertelstunde verrann. In den Ecken begann es zu dämmern. Ein fahler Schein legte sich über den Fensterrahmen; im Dämmer kam einer leise ins Zimmer gegangen – leise und mit trostlosen Augen. Er beugte sich nieder, und da fühlte sie, wie ihre Hände sich mit seinen heißen Tränen bedeckten. »Ich darf ja nicht, ich darf ja nicht!« stöhnte sie schauernd, »ich würde ja das Glück einer anderen vernichten!« – allein sie fühlte schon seine verzehrenden Lippen und all seine Liebe, und da streckte sie ihm in wildem Verlangen ihre Arme entgegen ... »Johannes, lieber Johannes!« – Sein warmer Atem berührte sie, aber ihre Hände hatten ins Leere gegriffen. Da sank ihr Köpfchen zurück, und sie weinte bitterlich. – Der Morgen warf sein erstes Licht über die Erde, und wie sie erwachte, da war auch der Mensch im blauen Kittel, der während der Nacht vor dem Hause Bettje Theißens gestanden hatte, beiseite getreten. Er hatte sich um Stunden geirrt. Seine Zeit war noch nicht gekommen, aber sie sollte bald kommen. Noch fielen vereinzelte Tropfen zu Boden, dann aber brach die liebe Sonne durch. Der Himmel hatte seine Tränen verloren. – Um die Mittagszeit ließ sich die alte Baronin in ihrem Lehnstuhl näher ans Fenster rücken. Dort hatte die Sonne einen warmen Strahl über die Gardine geworfen. Sie wollte, daß das verheißungsvolle Licht sie umspiele. Pauline und Bettje Theißen waren bei ihr. Sie hatte keine eigentliche Krankheit, keine sichtlichen Schmerzen; aber sie war müde, unendlich müde geworden. Ihre abgezehrten Finger konnten nicht zur Ruhe kommen. In nervöser Hast griffen sie über- und untereinander. Sie hatte ihren Willen darüber verloren. Da legte Bettje Theißen die Hand darauf und drückte sie leise. »Ist es so gut, liebe Baronin?« »Ja,« nickte die Alte. Hinter ihrem Rücken war ein verhaltenes Schluchzen. Da stand die Tanzmamsell. »Warum weinst du, Pauline?« »Ich weine ja gar nicht,« sagte die Ärmste, »sieh nur, Mutter, wie heiter ich bin. Ich freue mich, daß sich alles zum Guten gewendet,« und sie beugte sich vor und sah ihr mit glücklichen Augen bis in die innerste Seele. Und dabei mußte sie sich zusammennehmen, um nicht vor Schmerz den Verstand zu verlieren. »Ja, du hast geweint,« sagte die Alte, und dann setzte sie mit leiser Stimme hinzu: »Nicht du müßtest traurig sein, sondern ich müßte weinen, denn es ist das Härteste im menschlichen Leben, von dem fort zu müssen, was man so über alles geliebt hat. Wie arm und beklagenswert ist doch das menschliche Herz, das Beste lassen zu müssen!« »Das ist ja alles nicht wahr!« sagte Pauline. »Warte nur, Mutter – wenn erst die jungen Schneeflocken tanzen ...« »Die?« fragte die Alte. »Ich dachte schon, es ginge noch an, ich würde mich so gemächlich bis zum Abzug der Schwalben hinhalten können. Aber die fliegen noch, wenn schon alles vorbei ist. Grüße sie dann von mir und sage den Schwalben ...« »Ach, Gott nicht...!« warf Bettje Theißen dazwischen. »Nein, Mutter – wenn erst die jungen Schneeflocken tanzen, dann bringst du mir wieder die Ballgarderobe in Ordnung, und dann pfeifst du wieder: Als ich noch im Flügelkleide ...« »Aber Pauline ...!« »Und Bettje zieht mit und schlägt das Triangel. Weißt du, Mutter, und dann muß Julius Hoffmann wieder durchs Fenster – und dann springt Herr Butterweck wieder in voller Montur vom Stuhle herunter und zieht seinen Säbel – und Herr Piepmann flötet dazu – und dann freuen wir uns und essen Speculatius – und alles, alles ist wieder so gut und so schön wie in früheren Tagen.« Sie lachte hell auf, wie sie das sagte, und ein fröhlicher Zug ging über das liebe Gesicht, als wäre der Abglanz eines Frühlingstages darüber gefallen; aber Bettje Theißen ließ sich nicht täuschen. Sie sah ihr scharf in die Augen, und da merkte sie, daß ein helles Wasser darin war. »Du bist lieb und gut,« meinte die Alte mit schmerzlichem Lächeln, »und du bist mir allzeit eine treue Tochter gewesen, aber daß ich's nur sage: es ist keine bloße Grille von mir oder eine törichte Laune. Es ist von wegen meiner eigenen Unruhe, daß ich es sage. Ich habe Sorge um dich, wenn sie mich fortgeholt haben – und du so ganz allein ...« »Na, aber – meine liebe Baronin ...!« »Was soll's denn, Fräulein Theißen?« »Wofür bin ich denn da?« sagte Bettje. »Sie ...?« »Ja – ich,« entgegnete Bettje mit aller Bestimmtheit, obgleich es den Anschein hatte, als wenn das Energische in der Stimme jeden Augenblick umschlagen könnte. Ihr lag ein tiefes Weh auf dem Herzen. Nur mit großer Not vermochte sich Bettje zu halten. »Ich habe nicht viel,« setzte sie schmerzlich hinzu. »Nur so 'ne kleine Zehrung; aber was mein ist, ist auch für sie, so lange es aushält.« Da wandte die Kranke den Kopf und sah sie lange mit ihren stahlgrauen Blicken an. »Dann ist's gut,« sagte sie lächelnd, »und nun, Kinder, öffnet das Fenster, damit ich begreife, wie draußen alles so warm und so schön ist.« Als Bettje den Fensterflügel zurückwarf, da drang eine stille, wohlige Spätsommersonne mit milden Strahlen ins Zimmer und vergoldete alles. – Ums Vesperläuten machte Doktor Horré seine letzte Visite. Die Kranke war friedlich, ruhig, geduldig wie immer. »Wie lange dauert's noch?« meinte sie leise. »Mit Ihnen?« fragte der Doktor in seiner jovialsten und lustigsten Weise. »Ja – mit mir,« sagte die Kranke. »Wissen Sie,« meinte der Doktor, »wünschen Sie sich kommende Weihnachten 'nen warmen Bibermuff und mollige Pulswärmer. Und wenn die verschlissen sind ...« »Und das glauben Sie, Doktor?« »Natürlich; so was ist immer bekömmlich im Leben. Warm angezogen und Kopf oben behalten! Und nun, Frau Baronin ...« Er gab ihr die Hand, machte noch eine fixe Verbeugung und verließ, von Bettje bis zur Haustür begleitet, das Zimmer. Draußen nahm seine Stimme einen rührsamen Ton an. »Kampfer, Fräulein Theißen! und dann lassen Sie sie ganz still und allein. Die braucht keine Hilfe mehr. Ich denke, bis gegen Morgen kann es immer noch dauern, aber dann geht sie ganz sachte und friedlich nach oben. Adieu, Fräulein Theißen.« Als Bettje alles nach Vorschrift getan hatte, sagte die Kranke: »Mir ist so leicht und fröhlich ums Herz geworden. Ich sehe, man soll immer Contenance behalten. Und du, Pauline, reiche mir mal die Sevrestasse herunter und stelle sie hier in die Sonne – hier in die goldene Sonne ... und dann: ich möchte allein sein, so'n bißchen allein sein mit meinen Gedanken ...« Sie wollte noch mehr sagen, allein ihre trockenen Lippen verzogen sich zu einem schmerzlichen Lächeln. Die Tanzmamsell nahm die Tasse von der Konsole herunter, stellte sie auf das Fensterbrett und legte den Tüllschleier gefaltet daneben. »Bis gleich, Mutter.« »Bis gleich, mein Kind.« Bald darauf war sie allein in der Stube. Auf leisen Zehenspitzen waren die beiden nach oben gegangen Im Nußbaum da draußen tat eine Amsel noch etliche Schläge. Der warme Ton stahl sich ins Zimmer, um dort sacht zu verklingen. Dann war es draußen so still und drinnen so still. Man merkte es deutlich: gar nichts wollte die heilige Ruhe mehr stören und das müde Herz mehr stören, das bald einzuschlafen gedachte. Ein seliger, heimlicher Friede schwebte hernieder; man hörte das leise Säuseln seiner mächtigen Schwingen. Es klang so fern, so unendlich fern – und doch war der Friede ganz dicht an die Seite der alten Baronin getreten und sah ihr ins Auge. Vor ihr stand das unscheinbare Ding aus Sevresporzellan, das unscheinbare Ding mit der freiherrlichen Krone darauf und dem abgebrochenen Henkel. Und wie sie es ansah, da kam ein eigentümliches Sinnen und Sehnen über sie. Ihre Seele ging mit Verwundern und stiller Betrachtung in jene Tage zurück, wo sie die vergoldete Scherbe zum ersten Male erblickt hatte. Mit ihr verknüpfte sich alles, was ihr von jeher lieb und teuer gewesen: ihr Brautkranz, ihr eheliches, glückliches Leben, ihr Kind, ihr Stolz und ihr Darben. Noch einmal wollte sie die Scherbe nehmen, an die Lippen drücken und küssen – allein ihre Hände versagten. »Es geht nicht mehr,« sagte die alte Baronin. »Ich höre ferne Glocken; die rufen, die rufen ...!« Kaum merklich sank das stille Antlitz nach vorne. Die Sonne war untergegangen. Aber am Nußbaum stand einer, der sah mit seltsamen Blicken ins Zimmer. Er trug einen blauen Leinenkittel und Holzschuhe und hatte die Seidenmütze tief in den Nacken geschoben. Niemand, außer Pitt Hoffmann, hatte ihn jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen. Nur die Menschen fühlten seine Nähe, wenn sie mit ihm zu tun hatten. Auch die Alte machte den Eindruck, als wenn sie seine Gegenwart ahne. Mühsam versuchte sie die Hände zu falten; dann gingen ihre matten Blicke in Richtung des Nußbaums. »Herr, dein Wille geschehe!« sagte sie leise, aber dennoch mit einer deutlichen Stimme. Dann schien sie zu schlafen. Über den Zimmerplatz ging in diesem Augenblick eine hohe Gestalt. Es war Johannes. Er mußte an dem geöffneten Fenster vorüber. Wie immer, so grüßte er auch heute in seiner freundlichen und zuvorkommenden Weise. Aber die Kranke hatte kein Acht darauf. Sie hörte nicht mehr und sah nicht mehr. Da blieb er stehen. »Guten Tag, Frau Baronin.« Keine Antwort erfolgte. Da faßte ihn etwas wie Angst an. Mit geheimem Schauern betrat er den Hausflur und ging von hier in die Stube. In stiller Trauer legte er seine Hand auf die weißen Hände der Schlummernden. Über ihr Gesicht lief ein überirdisches Lächeln, das nicht mehr schwinden wollte. Da wußte Johannes Wesselink, was geschehen war. Der Engel des Friedens hatte die alte Baronin auf seine Schwingen genommen. Fast gleichzeitig hatten Pauline und Bettje Theißen das Zimmer betreten. Johannes stand aufrecht neben der Abgeschiedenen. Mit großen, trostlosen Augen sah er die Tanzmamsell an. Und da wußte auch diese ... Sie reckte sich auf und griff mit beiden Händen nach oben. Sie wollte sich vorwärts bewegen, taumelte aber und wäre zu Boden gestürzt, hätte Johannes sie nicht mit beiden Armen umfangen. »Mutter! – Mutter . ..!« Zum ersten Male und im Angesicht des Todes ruhte sie an der Brust des geliebten Mannes. Eine große Stille war um sie, und in dieser Stille führte sie Johannes zur Toten. Hier schrie sie auf und bettete ihr Haupt an die Wange der verstorbenen Mutter. Dann legte sie ihren Mund auf die noch nicht erkalteten Lippen. So küßt ein Kind und doch eine verlangende Seele. Johannes wandte sich ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Draußen aber wurde der ›Engel des Herrn‹ geläutet. Der Mann im blauen Kittel hob sich in seinen Holzschuhen und sah in die Stube. Dann klopfte er seinen irdenen Pfeifenstummel aus, vergrub die Hände in die Hosentaschen und ging seines Weges.– – – Drei Tage später wurde die alte Baronin zur letzten Ruhe geleitet. Sie hatte viele Freunde gefunden. Unter den Leidtragenden befanden sich der Notar, der Doktor, Herr Piepmann, der Rektor und andere, die der Verblichenen näher getreten waren im Leben. Auch Herr Butterweck und Stäwe Rademaker hatten es sich nicht nehmen lassen, ihr das letzte Honneur zu erweisen. Stäwe erschien in seiner Galamontur. Mit der Verstorbenen hatte er allzeit auf gutem Fuße gestanden. Und dann war noch eins ausschlaggebend für seine innige Trauer gewesen. Er hatte die alte Baronin zuerst in die kleine niederrheinische Stadt hineinkutschiert; nun wollte er auch dabei sein, wo sie für immer hinauszog. Sie wurde nach evangelischem Ritus beerdigt. Pitt Hoffmann betrat als erster den Kirchhof. Er freute sich sichtlich, wie er wieder so pompös durch die Reihen der Gräber stolzieren konnte. Die dunklen Lebensbäume nickten ihm ordentlich zu. Nun war das Eis doch gebrochen und der richtige Dreh wieder gefunden. Sein Medaillenstab blitzte über Kreuze und Hügel. Das Gras war kniehoch gewachsen. Lange Zeit hindurch war kein Leichenzug mehr durch die verwahrlosten Wege gegangen. Die alte Baronin eröffnete wieder den Reigen. Während der schlichten Zeremonien, die absolut nicht in den Kram Pitt Hoffmanns paßten, wendete sich dieser an Stäwe Rademaker und sagte: »Stäwe, sie kann einem leid tun; Lebensart und feine Tournüren hat sie zwar immer gehabt, aber nicht den richtigen Glauben.« »Nicht?!« fragte der alte Postillon. »Nein,« sagte Pitt Hoffmann. »Aber 'ne große Seele,« meinte der Alte und wischte sich dabei eine Träne aus dein struppigen Schnurrbart. «So?« «Ja.« Um die vierte Mittagsstunde war alles vorüber. – Gegen Abend standen zwei Frauengestalten an der frischgeworfenen Erde. Die eine vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Eine dritte gesellte sich ihnen. Sie trug eine schwarze Mantille und legte ihren Arm sacht um die Taille des jungen Mädchens, das mit verhaltenem Schluchzen den stillen Hügel bestierte. Ein tiefes Mitgefühl lag in den Augen der stattlichen Dame, die zuletzt gekommen war. Ein großes Schweigen war ringsumher ausgebreitet. Man hörte die Stille atmen, die langsam über den Friedhof hinwegglitt. Da beugte die Frau in der Mantille sich zu Bettje Theißen herüber und fragte: »Nun wird uns die Ärmste wohl bald verlassen?« »Nein,« sagte Bettje. »Sie bleibt bei mir; erst wenn der Winter vorbei ist – kommende Ostern dann geht sie.« »Das ist gut,« sagte Frau Hartjes und zog mit leisem Weinen die Tanzmamsell an sich. Hierauf küßte sie sie mit inniger Liebe. Zum zweiten Male hatte sie auf diese Art wegen der angetanen Unbill um Verzeihung gebeten. Pauline hatte verstanden und legte ihr Köpfchen an die Brust der braven Frau Hartjes. Bald darauf verließen sie die Stätte des Todes. – Als Stäwe Rademaker noch an demselben Tage die Abendpost nach Kleve kutschierte, hielt er den Wagen in der Nähe des Kirchhofs an. Ein feierliches Licht stand jenseit des Kalvarienberges; die dunklen Lebensbäume rauschten auf; weltfern und seltsam – sachte, sachte klang es über Gräser und Gräber: »Muß i denn, muß i denn zum Städtle hinaus ...« Ja – die alte Baronin war wirklich aus dem Städtle gegangen. XVIII Gewalt Nunmehr standen auch die Haferfelder in Stoppel. Man hörte nicht mehr das Wetzen und Singen der harten Rispen, die bislang nicht müde geworden waren, sich im laulichen Winde zu wiegen. Der Singsang verlor sich, nachdem die Sensen aufgehört hatten, mit ihren Stimmen dicht über die Erde zu näseln. Stoppel bei Stoppel! – und als noch einmal die blinkenden Sensen ansetzten, um den Grummet niederzuwerfen, als die Luzerne lag und Klee und Esparsette, da wollte sich auch die Welt so ganz behaglich in den Herbst hineinduseln. Und sie duselte sich langsam hinein – und als solches geschah, da krabbelten die Sparren am Turmhelm von Sankt Nikolai immer höher und höher. Grades Gertzen schwebte in den siebenten Himmel hinein. Seine Vaterstadt konnte stolz auf ihn sein, denn jetzt war er der Kerl mit der ›kolosalen Reputatschon‹ geworden, seitdem er sein Können bewiesen und den anderen, ohne viele Fisematenten zu machen, kurzerhand an die Wand gedrückt hatte. Mächtig reckte sich das Balkengerüst von dem Turmkoloß aufwärts. Weithin sah es in das niederrheinische Land fort und schien Jahrhunderten trotzen zu wollen. Donnerwetter noch mal! – das war eine rechtschaffene und ehrliche Arbeit, und Joseph von Arimathia setzte sich eines Tages an sein Schreibpult, las die Titel der vor ihm stehenden Bücher und hatte schließlich den richtigen Kodex gefunden. Mit halblauter Stimme begann er zu lesen: » Liber ecclesiae Calcariensis renovatus post incendium anno 1736, enthält Eintragungen über die Anniversarien, Kirchen- und Armeneinkünfte, Kapitalien, Stiftungen, Inventar des Pfarrarchivs, sowie Bauten und Reparaturen der heiligen Kirche.« Hierauf schrieb er mit ungelenken, wenn auch leserlichen und kräftigen Zeichen: »Am Tage Kreuz-Erhöhung, also am 14. September, im Jahre des Heiles 1875 wurde durch Gottes gnädige Hilfe und unter Beistand des Schutzpatrons hiesiger Pfarrei das Balkengerüst des Helmes von Sankt Nikolai durch Meister Gerhard Gertzen glücklich und sonder Fährnis errichtet. Trotzdem Neid und Anfechtung sich an seine Fersen hefteten, hat er wacker und in christkatholischem Sinne die Arbeit gefördert. Ehre daher, wem Ehre gebührt! Gott gebe dem fast vollendeten Werk einen fröhlichen Ausgang und dem Meister dereinstmals ein heiteres und dem Himmel wohlgefälliges Sterben. Joseph Sauerbier, der dieses eigenhändig niedergeschrieben. Amen.« »Amen,« sagte auch Pitt Hoffmann, desgleichen der Kirchenrendant und die übrigen Leute, die sich auf Grades Gertzen eingeschworen hatten. Nur Dores, der Zimmergesell, der früher bei Johannes Wesselink in Lohn und Arbeit gestanden, sagte nicht ›Amen‹. Er war kein Zimmermannslicht und kein Überflieger in seinem Beruf, doch er hatte das unbestimmte Gefühl, daß sein früherer Meister vieles anders gemacht haben würde. Kein Zweifel: es hatte ja alles sein solides Gefüge und sein kerniges Rohmaterial, aber – weiß der Teufel warum! – Dores hörte immer ein infames Knicken und Knacken, wenn er oben zwischen den Balken herumging, konnte das miserable Stöhnen und Rumoren nicht los werden und meinte eines Tages zu Pitt, als dieser plattfüßig vor seiner Haustüre stand und mit vorgeschobener Hand zum Turmhelm emporsah: »Pitt, weißt du was?« »Na, was denn?« »Lieber unterm tüchtigen Kerl mit 'ner preußischen Religion stehn, als unter 'nem christkatholischen Döskopp.« »Beweise?!« »Pitt, das infame Knicken und Knacken!« »Wo denn?« »Da oben!« »Was Grades gemacht hat?« »Ja woll.« »Also ...?« »Ich sage gar nichts, aber der Konkurrenzmann mit der preußischen Religiosität ist mir lieber.« »Dores, du bist wohl ...« »Pitt, der Holzwurm war schlimm, aber es ist immer noch besser, 'ne gute Stellage mit Holzwurm zu haben, als 'ne schlechte ohne die verdammtigen Würmers. – Ich bin wie Pontius Pilatus – buschur! – und wasche meine Hände in Unschuld.« Und damit ging er, und Pitt machte eine pompöse Bewegung und sah zu dem Turm auf, in dessen Sparrwerk noch immer die Zimmergesellen hantierten. »Ach, was!« sagte er dann, indem er sich dem Hausflur zudrehte, »Joseph von Arimathia hat die Sache mit ›Ja und Amen‹ unterfertigt, und darum stimmt die Geschichte. Mama, 'nen Wacholder,« und hiermit war für ihn den verfänglichen Anspielungen des Altgesellen die Spitze abgebrochen, denn Joseph von Arimathia konnte nicht fehl gehn und war überhaupt niemals in die Irre gegangen. – Irren! – lachhaft, das war niemals bei diesem Gottesmann Mode gewesen – und in dieser Erkenntnis amtierte er selbstbewußter denn je zuvor, ließ die ganzen Maigesetze außer acht und gefiel sich darin, in der benachbarten Pfarrei Keppeln, wo der Seelsorger mit Tod abgegangen war, Amtshandlungen vorzunehmen, die nicht zu seinem Wirkungskreise gehörten. Er tat es mit Absicht, er tat es aus Opposition, er tat es, um der Staatsgewalt ein Schnippchen zu schlagen und die verwaiste Parochie zur höheren Ehre Gottes widerborstig zu machen. Es war nicht mehr zu leugnen: Joseph von Arimathia war ein renitenter Priester geworden. Der Landrat warnte. Joseph von Arimathia straffte den Stiernacken noch kräftiger, wie er es sonst gewohnt war, und lachte ins Fäustchen. Der Landrat tat ein übriges. Er ließ ihn durch den Bürgermeister auf den Paragraphen aufmerksam machen, welcher lautet: Wer geistliche Amtshandlungen in einem von ihm nicht dauernd verwalteten Pfarramte vornimmt, wird mit Geldstrafe bis zu hundert Taler bestraft. Joseph von Arimathia pfiff auf den mit Blaustift illuminierten Gesetzesparagraphen, verwaltete Keppeln im Nebenamt weiter und machte auch nicht die geringste Miene, sich willfährig zu zeigen, als das erste Strafmandat eintraf. Zehn Taler Buße. Joseph von Arimathia dachte gar nicht daran, die Speziestaler in seinem Beutel locker zu machen und die Angelegenheit friedlich zu schlichten. Er wollte den Kampf und hatte eine selbstquälerische Freude daran, sich den Kranz des Martyriums recht tief in die Stirne zu drücken. Das zweite Strafmandat war die logische Folge. Zwanzig Taler Buße – und zwar sofortige Zahlung. Joseph von Arimathia spielte den sturen, aber sanftmütigen Hammel. Von der Kanzel aus machte er seine Gläubigen mit dem Inhalt bekannt und blickte ergeben und schimmernden Auges gen Himmel. Gleichzeitig hielt er das amtliche Schriftstück seiner Gemeinde mit spitzen Fingern vor Augen, so wie man ein Ding hält, das einen malproperen Geruch hat; dann zerriß er den Zettel. Die Menge quittierte mit beifälligem Grunzen. Der Herr Vikarius lächelte, zahlte aber nicht, blieb bockbeinig wie vorhin und verzog auch dann keine Miene, als ihm von Rechts wegen mitgeteilt wurde, daß mit Zwangsmaßregeln gegen ihn vorgegangen werden sollte. Also Zwangsvollstreckung ...! – Das war, was er wünschte, das paßte in seinen Kram und machte ihn gierig, sich als Kämpfer der leidenden Kirche zu betätigen. Er reckte seine athletische Gestalt auf. »Zwangsvollstreckung!« rief er mit heiserer Stimme und zerknitterte das gerichtliche Schreiben. »Gut – mögen sie kommen! – Hier will ich stehen – hier auf der Schwelle. Nicht wanken will ich, und nur dem Untier von roher Gewalt sei der Eintritt verstattet. Komme nur, Untier. Pater noster, qui es in coelis ...!« Wütend stampfte er mit dem Fuß auf. Die silbernen Schnallen glänzten an seinen kräftigen Schuhen. Und wie er aufstampfte ... überall waren erregte Gemüter; man sprach von großen Dingen, von Vergewaltigung der geistlichen Hirten, von Staatskatholiken und dem Verlöschen der ewigen Lampe. Ein bedrohliches Murren ging um. Die dicke Therese rang ihre fettigen Hände, und Pitt Hoffmann verschwor sich hoch und heilig, den Gerichtsvollzieher mit seinem Medaillenstab in Grund und Boden zu schlagen, wenn er es wagen sollte, Hand an geistliche Güter und Mobilien zu legen. Überall ging eine Unruhe durch die niederrheinischen Menschen, aber das hinderte nicht, daß Miekske Pollmann sich in den Kopf gesetzt hatte, die ›Malör-Penning-Kasse‹ an einem der nächsten Septembertage auszuschütten und froh zu verjubeln. Trotz der infamen Zeiten und des liederlichen Verhaltens des Staates: es sollte gefeiert werden, denn sie hatte schon mehr wie genug auf dem Altar der darbenden Kirche geopfert. Auch das Pläsier will sein Recht haben. Und so kam denn der Tag, und »Los dafür!« sagte Miekske, als die Nähschule mit Adele Knipp und Bellecke Kermes anrückte, das gebrechliche Frauenzimmerchen in einen bekränzten Korbwagen verfrachtete und mit ihm erst durch die Stadt, dreimal um das Standbild des Reitergenerals Seydlitz herum und dann zum Tore hinaus und gen Moyland kutschierte. Alle politisch-kirchlichen Fragen waren für sie an diesem Tage vergessen. Weiße Kleidchen und jubelnde Mädchen! – Miekske war selig, trug echte Glacéhandschuhe, hatte die klappernde Blechbüchse im Schoße und drückte ein Auge zu, wenn Adele diverse ›Malörchen‹ riskierte, und die anderen es nachmachen wollten. »Los man dafür!« lächelte Miekske, »heute wird keine Steuer erhoben,« und dann fing sie zehn dicke Brummer auf einmal und war glücklich in dem Gedanken, also gefeiert durch das niederrheinische Land zu fahren. Vier Mädchen zogen, drei schoben nach, die übrigen bildeten Spalier und wedelten Miekske mit Birken- und Haselzweigen an, die sie unterwegs von den Büschen gerupft hatten. Und ganz hinterher und ganz bedächtig kam die dicke Therese, die ihrer Freundin versprochen hatte, wenigstens dem ersten Teile der Festfeier beizuwohnen, um so das Ganze interessanter zu machen. Sie hatte denn auch ihr Bestes angetan, ein kokettes Strohhütchen aufgesetzt und sich mit einem gehäkelten Pompadour ausgerüstet, aus dem etliche Stricknadeln hervorblinzelten, die verrieten, daß die Dicke gewillt war, das Angenehme mit dem Nützlichen in einen harmonischen Zweiklang zu bringen, also während des Kaffees die Strümpfe ihres Brotherrn um etliche Maschen weiter zu bringen. Therese war, trotz der zu erwartenden Genüsse, wehleidig gestimmt; sie hatte das Gefühl von einem kommenden Unheil, und mit diesem Gefühl äugelte sie sanft über die sonnenbeglänzte Landschaft, die so klar dalag, daß jedes Blättchen aussah, als wäre es mit der Papierschere ausgeschnitten und in die Luft hingestellt worden. Es war ein schöner Septembertag – heiter und fröhlich. Nur im Westen lag es verschleiert, und wäre ein Kundiger anwesend gewesen, hätte er noch vor Abend Sturm prophezeit und große Not und ein entsetzliches Blasen. Allein Miekske und die kleinen Mädchen waren nicht kundig, zogen lustig weiter, und als sie in Moyland die Festwiese erreicht hatten, als sie von ferne die gedeckten Tische mit den Kaffeekannen und den frischen Korinthenwecken bemerkten, rappelte Miekske mit der Büchse und rief dann: »Kinder, nu aber das Lied von die ›Malör-Penning-Kasse‹!« Und da klatschten Adele Knipp und Bellecke Kermes und die übrigen alle in die Hände, zogen strammer an und kutschierten hierauf unter fröhlichem Singsang über die Festwiese den Leckertäten, dem Kaffee und der Stippmilch entgegen. Und also sangen die Kinder: »Nu geht es froh ins Grüne hin, Wir fahren mit die Leine; Die Miekske sitzt im Wagen drin, Denn sie hat lahme Beine. Doch um so schöner ist der Spaß, Wenn wir die Stippmilch tunken – Ja, die ›Malör- und Penningkass'‹ Wird ratzekahl vertrunken. Wir spielen Ringelrosenkranz Und drehn uns vorn und hinten; Und sind wir müde von dem Tanz, Gibt's Brötchen mit Korinthen Und Apfeltörtchen prima Klass', Die darf man nicht vergessen – Ja, die ›Malör- und Penningkass'‹ Wird ratzekahl verfressen. Und kommt das liebe Mündchen dann Aus seiner Himmelsklause, Dann spannt uns Miekske wieder an, Und lustig geht's nach Hause. Wir aber denken dies und das Und singen beim Gefahre: Ja, die ›Malör- und Penningkass'‹ Wird wieder voll im Jahre.« Hierauf ging das »Hurra, Miekske!« und »Miekske soll leben!« und dann fielen die weißgekleideten Sängerinnen über die Tische her, Placierten sich und ließen sich's wohl sein. Die dicke Therese, die inzwischen angerückt war, strickte an ihren schwarzwollenen Strümpfen, nickte der Festgeberin zu und schnabulierte die Korinthenbrötchen so fingerfertig herunter, daß Adele Knipp ihren Teller ängstlich beiseite rückte, weil sie des Glaubens war, die Dicke könnte sich bei dem großen Appetit auch noch an ihren Portionen vergreifen. Sonst ging alles nach Vorschrift. Die Sache klappte, und die ›Malör-Penning-Kassengesellschaft‹ wäre auch erst mit dem ›Möndchen‹ nach Hause gegangen, wäre da nicht ein fixer Wagen, der geradesweges von Kleve kam, über die Festwiese gerappelt. Ein vierschrötiger Mann, dessen Hängebauch immerzu schwappte, führte die Zügel. Und der vierschrötige Mann hatte ein Gesicht so glatt und rund wie ein Eidamer Käse, machte eine unverschämte preußische Beamtenvisage, trug einen dunkelblauen Rock mit versilberten Knöpfen und hatte eine Schirmmütze tief in den Nacken gerückt, die mit einem preußischen Adler verziert war. Hinter ihm saßen noch zwei andere Männer, luthersche Dickköpfe und handwerksmäßig gekleidet ... und als die dicke Therese diese drei, besonders den Behäbigen mit dem preußischen Adler bemerkte ... Erst ließ sie ihr Korinthenbrötchen fallen, dann schnappte sie ängstlich nach Luft und dann ... »Miekske, um Gott nicht!« schrie sie auf, »da kommt ja der Gerichtsvollzieher Frasselt gefahren. Miekske, der will was!« »Ja wohl,« lachte Frasselt und brachte seinen ausrangierten Ulanenschimmel zum Stehen. »Und was wollen Sie machen?« rief die dicke Therese. »Herr Frasselt, was haben Sie vor?! Ich bitte Ihnen bei allen Heiligen, sprechen zu wollen!« Mit Regenschirm und Pompadour war sie energisch in die Höhe gefahren. »Putt – putt – putt für die deutsche Reichskasse holen,« griemelte Frasselt, wobei er die Manipulation des Geldzählens auf dem heruntergeklappten Spritzleder vornahm. »Wo denn?« »Da hinten.« »Bei wem denn?« »Beim Vikarius.« »Doch nicht bei meinem Vikarius?« »Ja wohl ... und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt! – Im Namen des Königs.« Über die Züge der beiden lutherschen Kerle lief ein verständnisinniges Grinsen. »Was?!« schrie die Dicke und machte mit ihrem Regenschirm eine bedrohliche Geste. »Ruhe, man Ruhe!« lächelte Frasselt. »Putt – putt – putt muß ich haben, und damit Sie sehen, wie alles gemacht wird, invitiere ich Sie, mit mir zu fahren.« Das war doch eine beispiellose Gemeinheit! Wiederum grinsten die beiden lutherschen Dickköpfe. »Sie Unchrist, Sie Holofernes ...! – Miekske, ich kann nicht mehr sprechen. – Sie Gottesleugner, Sie Habakuk von 'nem gottlosen Untier ...! – Miekske, ich kann nicht mehr reden. – Sie Lamm des Gerichts mit 'nem stinkigen Bockschwanz ...! – Miekske ...!« Therese erstarrte, wie die Frau Lots erstarrte, als sie rückwärts blickte und auf die gottlosen Städte herabsah. Aber Therese sah nicht auf die verruchten Städte Gomorrha und Sodom in der Ebene Siddim, sondern auf einen einzelnen gottlosen Menschen, der es wagte, Hand an katholische Güter zu legen und zudem noch die Stirne hatte, ihr aus seinem Eidamer Käsegesicht frech und dicknäsig entgegen zu lachen. »Adjüs!« sagte Frasselt, und damit ratterte er mit seinem ausrangierten Ulanenschimmel, den beiden Komparenten und im Namen des Königs seinem ekelhaften Beruf nach. »Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt!« tönte es noch aus der Ferne herüber. Seine Worte verklangen, und als sie verklangen ... »Miekske,« wimmerte die dicke Therese, »wir müssen nach Hause, wir müssen meinen Vikarius und sein Zylinderbüreau retten, denn das wird zwangsweise und elend gepfändet! Der preußische Kuckuck steht schon drauf. Miekske, wir müssen ...« »Anspannen!« rief Miekske. »Kinder, laßt die Korinthenwecken man liegen. Nächstes Jahr kommen wir wieder. – Heiliger Vikarius, heiliges Zylinderbüreau ...!« Fünfundzwanzig Brummer wollte die Ärmste in ihrer tiefen Erregung gleichzeitig fangen, so heftig gestikulierte sie mit ihren zitterigen Händen. »Kinder, man vorwärts!« »Die Welt geht unter!« lamentierte die dicke Therese. Das schöne Fest war jäh unterbrochen, kein Schnäpschen wurde mehr interpoliert, und mit langen Gesichtern ging es wieder nach Hause – ohne Ringelrosenkranz, ohne Möndchen und nur Kummer im Herzen. Selbst die Natur begann leise zu trauern. Die bedrohlichen Schleier im Westen schoben sich vor und wurden immer dichter und dichter. Wie mit gelben Katzenaugen sah es aus den marschierenden Wolken. Der Wind tat sich auf und hub an, verdächtig mit den zähen Pappelblättern zu rascheln. »Heiliger Vikarius, heiliges Zylinderbüreau ...!« Einzelne Mädchen weinten, andere beteten für eine glückliche Wendung der Dinge. Eiligst ging es über die Chaussee, die Dicke voran mit dem Schirm in der Faust und schiefem Hut auf dem Kopfe. Wie eine zweite Jungfrau von Orleans, aber eine fette, stolzierte sie auf ihr gefährdetes Heiligtum los und tramste dabei so energisch auf, als sei sie gewillt, den ganzen preußischen Staat mit seiner erbärmlichen Luderwirtschaft vor ihre Klinge zu fordern. Inzwischen war der Herr Gerichtsvollzieher weiter gefahren, hatte die kleine Stadt erreicht und den Herrn Gendarmen Karl Friedrich August Franz Butterweck aufgefordert, ihm seinen Schutz und sein Ansehn in Ausübung der äußerst schwierigen Mission angedeihen zu lassen und war hierauf mit ihm zu Joseph von Arimathia gegangen. »Herr Frasselt! – Herr Frasselt ...!« Wie Unkenruf ging der unheilbringende Name von Haus zu Haus. Die Kinder johlten ihn, die Männer schrieen ihn mit verbissenem Ingrimm, und die Frauensleute sprachen ihn aus, als hätten sie den leibhaftigen Gottseibeiuns gerufen. Sie wußten, was Herr Frasselt hier wollte, und Pitt Hoffmann, der den verteufelten Aufzug aus seinem Fenster mit ansah, hatte nichts Eiligeres zu tun, als zum Turmportal zu haspeln und dort mit einigen herbeigerufenen Leuten das mittelste Seil in Bewegung zu setzen. Dumpfe Laute und ein mächtiges Dröhnen ...! Die Sterbeglocke schlug an und erzählte den Leuten von der Drangsal der gemaßregelten Kirche. Ein einziger Aufschrei folgte dem Anruf. Sie kannten ihn alle, und da er ertönte, trat Joseph von Arimathia in Barett und Soutane vor die Schwelle seines Hauses. Sein Antlitz war bleicher denn sonst, aber auch energischer denn an gewöhnlichen Tagen. Die Augen gluteten, und er hatte die Hände gefaltet. Ruhig, ohne Bewegung sah er die beiden Männer des Gesetzes kommen: Herr Butterweck in Helm und waschledernen Handschuhen, Herr Frasselt mit dem Preußischen Kuckuck vor der Schirmmütze – ganz Beamter, ganz Strafkodex, seiner Würde eingedenk und den Paragraphen im Herzen, welcher da lautet: Wer geistliche Amtshandlungen in einem von ihm nicht dauernd verwalteten Pfarramte vornimmt, wird mit Geldstrafe bis zu hundert Taler bestraft – und dieses Strafgeld mußte für die deutsche Reichskasse eingelöst werden. »Meine Herren, was wünscht ihr ...?« Hinter den beiden kamen die lutherschen Kerle, und diesen folgte eine fanatische Menge: Weiber, Männer und Kinder, die, als sie Joseph von Arimathia gewahrten, plötzlich verstummten, dann aber, von dem Ernst der verhängnisvollen Stunde gepackt, wie auf Kommando zu singen begannen: »Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke ...« Der Herr Vikarius hatte hierbei das Barett zwischen seine beiden Hände genommen und, als die erste Strophe verhallt war, den Segen gesprochen. Es war ein unvergeßlicher Moment. Kein Auge blieb trocken. Joseph von Arimathia verstand es, an Herzen und Nieren zu greifen. Er wußte schon: aufzupoltern verfängt nicht; allein – getragenes Martyrium mit einem Beiguß von Sanftmutlämmelei wirkt auf die Massen, wie brennender Schwamm unter den Schwanz einer Stute gebracht. Sie schlagt aus und fängt an zu toben. Und daher – er fragte noch einmal, aber noch ruhiger und sanfter wie vorhin: »Ihr Herren, was wünscht ihr?« »Ich komme im Namen des Königs,« sagte Herr Frasselt. »Und ich im Namen des Gesetzes,« ergänzte Herr Butterweck, indem er stramm salutierte. Ein höhnisches Lachen erklang hinter ihnen, als sie das sagten. Joseph von Arimathia aber streckte die Hände aus und meinte: »Geliebte dahinten! – lächelt nicht. Freut euch mit mir, jubiliert mit mir, denn ›König‹ und ›Gesetz‹, die sich hier präsentieren, sind doch herrliche Begriffe. Sie verkörpern das Höchste hienieden. Wir müssen sie achten und darum: sie sind uns willkommen. Nicht wahr, meine Geliebten in Christo? – Und nun, meine Herren,« fragte er lächelnd den Mann mit dem preußischen Adler und Herrn Butterweck, »was bringt ihr mir im Namen des Königs und des Gesetzes?« »Zwangsvollstreckung«, sagte Herr Frasselt und präsentierte den Vollstreckungstitel mit dem infam roten Siegel. »Und Sie?« wandte sich der Vikarius milde an Herrn Butterweck. »Den Schutz der bewaffneten Macht,« entgegnete dieser und legte dabei die Rechte forsch an den blankgeputzten Griff seines Käsemessers. »Ich verdeffendiere Herrn Frasselt.« Eine brütende Stille trat ein. Joseph von Arimathia erhob die Augen gen Himmel; er schlug sie auf wie ein Mann, der dort oben suchte, was er auf Erden nicht mehr zu finden vermochte. Die Blicke aller waren auf den tiefbekümmerten Seelsorger gerichtet. »Zwangsvollstreckung!« meinte er schließlich. »Was bedeutet das alles? – Hier, meine Herren, ist ein Haus des Friedens und der Liebe. Ich betone nochmals: ein Haus des Friedens und der Liebe, eine Stätte der Demut und ein Haus der christlichen Andacht – und in das wollen Sie mit roher Gewalt ...« »Wenn es nicht anders geht ...« sagte Herr Frasselt. »Schlagt ihn tot!« schrieen die Menschen. Der brennende Zunder begann seine Wirkung zu üben. Einzelne drangen vor. »Ruhe, Ruhe!« gebot der Gendarm. »Sie wollen nicht willig zahlen,« meinte der Gerichtsvollzieher mit erhobener Stimme, »also bin ich genötigt, Sie im Namen des Königs zu pfänden und das Gepfändete zum öffentlichen Verkauf auszustellen.« Er warf einen Blick nach rückwärts. Die beiden lutherschen Männer traten vor. »So leid es mir tut – legt Hand an das Zylinderbüreau.« »Gottverdomie ...!« Die Weiber kreischten, und Pitt Hoffmann machte Miene, sich auf die beiden lutherschen Kerle zu stürzen. Herr Frasselt versuchte ein Letztes. »Also, Herr Vikarius, Sie wollen nicht freiwillig zahlen?« »Nein! – ich knebelte sonst die Rechte der katholischen Kirche.« »Dann vorwärts!« sagte Herr Frasselt und wollte die Schwelle betreten. Joseph von Arimathia streckte die Arme. Alle Sanftmut war aus seinem Antlitz gewichen. Seine Stimme dröhnte wie eine geborstene Glocke. »Herr, dein Wille geschehe! – Aber ich weiche nicht – und nur rohe Gewalt kann mich zwingen ...!« Er wurde zur Seite geschoben. »Gewalt! – Gewalt ...!« Die Menge stürmte vor, gewillt sich auf den Gerichtsvollzieher zu stürzen und ihn niederzuschlagen. »Haut den Hund! – Schlagt ihn tot! – Nieder mit den lutherschen Kerlen ...!« Joseph von Arimathia schrie mit beschwichtigender und doch mit drohender Stimme: »Geliebte im Herrn! – stört nicht das Martyrium der katholischen Kirche und das ihres Dieners. Gott wird die vermaledeiten Schergen schon richten. Betet mit mir, betet mit mir! – Vater unser, der du bist in den Himmeln ...!« Dumpf brauste das Gebet über den Kirchplatz von Sankt Nikolai. Der Himmel stimmte mit ein, denn oben am Turmhelm brauste und stürmte der Wind, der Septemberwind, und redete seine herrische Sprache. Die Männer des Gesetzes aber hatten die Schwelle des Vikariates betreten. »Vater unser, der du bist in den Himmeln ...!« XIX Im Namen des Königs Es mochte gegen fünf Uhr sein, als das Zylinderbüreau aus poliertem Kirschbaumholz unter fanatischem Protest herausgebracht wurde, um draußen öffentlich versteigert zu werden. Die Menge war sprachlos geworden. Dafür aber rumorte der Septemberwind, grapste in die jungen Lindenbäumchen hinein, die vor dem südlichen Kirchenportal standen, und wirbelte gelbe Blätter über den Platz hin. Etliche Hüte nahm er mit und kapriolte sie über den Boden, als wenn überlustige Jungen ihre Bandreifen schlügen. Hoch oben ging es noch toller zu. Während unten die Auktion stattfinden sollte, war Grades Gertzen mit seinen Gesellen dabei, die noch lockeren Hölzer und Verschalungen auf dem Plattformkranz zu stapeln und die letzten Vorkehrungen für die Schieferbekleidung in Angriff zu nehmen. Die Dachdecker hatten bereits Order für die andere Woche erhalten. Aber der Wind, der Septemberwind ...! Er blies mit vollen Backen und orgelte zwischen den neuen Sparren wie ein Dudelsackbläser. Mausfahle Nebel unterflogen die Wasserspeier. Donnerwetter, das war ja ein heidenmäßiger Spektakel! Jetzt glaubte Grades Gertzen auch das infame Knicken und Knacken zu hören, das niederträchtige Geräusch, mit dem ihm Dores schon während der verflossenen Tage in den Ohren gelegen hatte. Vornehmlich in den Einzelverbindungen der Hängestreben mit den Hängebalken saßen die unheimlichen Stimmen. »Wenn der's heute aushält,« orakelte Dores mit bedenklichem Gesicht, »so spreche ich ihn für ewig an, aber ich glaube ...« »Was denn?« fragte Gertzen und vermeinte wieder das niederträchtige Knacken in den Balkenschlössern zu hören. »Er tut's nicht,« entgegnete Dores, »er tut's ums Verrecken nicht.« »Ich frage: warum denn?« Grades sah ihm erwartungsvoll in die Augen und suchte Trost aus der Kümmelflasche zu holen. »Meister, der verbummfiedelte Kaiserstil ...!« »Ich habe aber immer die Meinung vertreten ...« »Tut nichts; ich kann mir nicht helfen – Mauerpfetten und Eckpfosten passen nicht mehr, und die Zapfenverbindungen sind schon um zwei Daumens gewichen.« Ein neuer Windstoß setzte über den Turm fort. Der Helm knackte in allen Gelenken und Fugen. Die Gesellen hielten mit der Arbeit inne. Sie waren ängstlich geworden. »Also sollte doch der Mensch mit der kolosalen Reputatschon ...« »Ja!« brüllte Dores, »schickt zu ihm und holt ihn.« »Gottverdomie noch mal!« Wiederum hielt Grades die Kümmelflasche gen Himmel. Seine Leinewandschürze voltigierte über die Plattform. Er mußte sich an einem Ecksparren halten, um nicht heruntergerissen zu werden. Jetzt bemerkte er auch das Weichen der Balkenschlösser. Seine umfuselten Sinne klarten sich auf. Die Angst packte ihn mit brutalen Fäusten. »Also glaubst du . ..?« »Ja woll.« »Na, denn in Gottes Namen,« sagte Grades kleinlaut und stolperte die dunklen Turmstiegen talwärts. Die Gesellen nahmen wieder die Arbeit auf; auch Dores blieb oben. Vereinzelte Dohlenvögel revierten ab und zu und legten sich quer vor den Wind, wagten es aber nicht, in die Schallöcher zu fliegen. Wie Unglücksboten schaukelten sie dort auf und nieder. Das unheimliche Gesause dauerte weiter. – Joseph von Arimathia stand noch immer mit untergeschlagenen Armen, mit Barett und Soutane vor seiner Türe, als das Zylinderbüreau inmitten des Platzes von Sankt Nikolai niedergestellt wurde. Ein brütendes Schweigen war allerwärts ausgetan. Mit verhaltenem Ingrimm verfolgten die Menschen den gerichtlichen Vorgang, als Leopold Derksen erschien und sich mit schadenfrohem Gesicht unter die Gaffenden mischte. Herr Frasselt machte sich fertig, die Zwangsvollstreckung vorzunehmen. Mit weithin vernehmbarer Stimme begann er: »In Sachen des Vikars Joseph Sauerbier, ohne Zutun des Staates Pfarrverweser im benachbarten Kirchspiel, ist heute Termin angesetzt, zwangsweise die verweigerte Zahlung einzutreiben. Von Rechts wegen. Ich stelle daher, kraft meines Amtes als Gerichtsvollzieher, ein noch gut erhaltenes Schreibpult öffentlich gegen Barzahlung zum Verkauf aus. Im Namen des Königs.« Bei der Schlußformel salutierte Herr Butterweck mit seinem waschledernen Handschuh. »Wer bietet?« rief Herr Frasselt über den Platz fort. Ein hundertfältiges Gejohle erfolgte. »Im Namen der christlichen Nächstenliebe – ich bitte um Ruhe!« rief Joseph von Arimathia. »Laßt dem Manne nicht entgelten, was ihm eine nichtswürdige Gesetzgebung vorschreibt! Gott sieht alles und wird mir, seinem unwürdigen Diener, schon helfen.« Die Weiber griffen nach ihren Taschentüchern, die Männer stierten grimmigen Blickes ins Wetter. Pitt aber fand die erlösende Formel. »Singen!« kommandierte er – und das ›Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Werke ...‹ zog wiederum von Gruppe zu Gruppe und über die Menge, aber so fest und gesinnungstüchtig, daß die Fensterscheiben der umliegenden Häuser zu klirren begannen. In diesem Augenblick torkelte Grades Gertzen in seiner Todesnot auf Joseph von Arimathia los, brachte aber nur die Worte heraus: »Hochwürden, der Turmhelm ...!« »Das sind irdische Dinge.« »Ja – aber, Hochwürden, er kann jeden Momang ...« »Wenden Sie sich an einen Fachmann; ich kann zur Zeit nicht raten und helfen. Größere Dinge stehen jetzt auf dem Spiel. Sie müssen sich an einen anderen wenden.« »Warum denn? – Ich frage: warum denn?!« »Nur ein Fachmann kann helfen.« »Hochwürden ...!« Grades Gertzen torkelte vorwärts und lief dem Schmiedemeister Derksen direkt in die Arme. »Leopold ...!« Er streckte ihm hilfesuchend beide Hände entgegen. »Höhö!« machte Derksen, »das kommt von wegen dem Turmhelm. Der ist niemals mein Pangschang und meine große Nummer gewesen.« »Komm mit 'rauf!« jammerte Gertzen. »Ich?!« zeterte Derksen. »Königlich preußischer Obergefreiter mit die honorigen Knöppe – das bin ich, aber so 'ne wackelige Geschichte ... Da muß ein Kerl mit 'nem großen Verständnis dahinter.« »Wer denn?« »Schafskopp!« »Leopold, wer denn?!« »Johannes ...!« »Vorwärts!« rief Gertzen und versuchte sich Mut aus der Kümmelflasche zu holen. Mit Leopold Derksen, den er krampfhaft am Schurzfell gefaßt hielt, war er alsbald im Gedränge verschwunden. »Wer bietet?!« rief der Gerichtsvollzieher aufs neue. – »Ein noch gut erhaltenes Zylinderbüreau – wer bietet?! – Die Sache muß ihren Anfang bekommen.« Er hob seinen Stock in die Höhe. »Fünfzehn Taler – zum ersten!« schrie er selbst über die Hegung, wurde aber übertönt durch ein wildes Gekreisch, das in Richtung des Marktplatzes herkam. Als wäre ein Stößer unter die Spatzen gefahren, so ein lautes Gezeter ging los. Kinderstimmen, Weiberstimmen ...! »Sie kommen, sie kommen!« »Wer denn?« »Die ›Penning-Kasse‹! – Miekske, mit die ›Malör-Penning-Kasse‹!« Und richtig – sie rückte in Schlachtordnung an und in drei Treffen gegliedert. »Heiliges Zylinderbüreau!« – riefen die Mädchen, Bedrohlich schwenkten sie ihre Haselzweige, die sie auf der Heimkehr wieder von den Büschen abgerupft hatten. Der Wald von Dunsinan schien in Bewegung gekommen. Das junge Volk war rein aus dem Häuschen. »Heiliger Vikarius ...!« Die dicke Therese hatte gerufen. Im ersten Treffen und wie eine Furie kam sie ihres Weges gegangen. Mit schiefem Hut, den Pompadour mit den herausstehenden Stricknadeln im Arm, den Regenschirm energisch in der Rechten führend und von Frau Pitt Hoffmann begleitet, die sich ihr im letzten Augenblick angeschlossen hatte, rückte sie vorwärts. Ihr stattlicher Busen schwappte unter dem Grenadierschritt. Vor der Majestät des Auftrittes machten die Leute ihr Platz. Ein dumpfes Murren – und fester packte sie ihren Regenschirm. Sie knurrte und lauerte in unheimlicher Tücke. Nur so und nicht anders schreitet das Schicksal. »Heiliger Vikarius, heiliges Zylinderbüreau ...!« Im zweiten Treffen kam Herr Karlo Antonio Pollmann mit etlichen Gesinnungsgenossen. Den lieben, langen Tag hatte er um die Wohnung Wesselinks scharwenzt, gewillt, Luise heimlich zu sprechen. Allein die Pirsche war vergebens gewesen; er hatte sich daher mißmutig in eine Destille eingelegt und war dann dem Tumulte gefolgt, um gegebenen Falles seine Persönlichkeit in die Schale zu werfen. Hinter ihm folgte das eigentliche Gros: die ›Penning-Kassen-Gesellschaft‹. Miekske im bekränzten Wagen voran, die immerzu schrie: »Kinder, singt! – wir müssen den Herrn Vikarius retten.« Und da die Mädchen noch immer unter dem zwingenden Einfluß des verunglückten Festes standen, auch eine anderweitige Anregung fehlte, so wußten sie keinen anderen Ausweg, als ihr Leib- und Magenlied vom Stapel zu lassen. Die Dicke wandte sich um. »Kinder, ihr seid wohl verrückt! – Haltet die Mäuler! – Haltet um Gottes willen die Mäuler ...!« Damit marschierte sie weiter, schimpfte und skandalierte über die preußische Justiz, nannte Bismarck einen Erzhalunken und Säufer, lamentierte das Blaue vom Himmel herunter und erzählte der verstörten Frau Hoffmann, daß sie alles aufbieten würde, um das Schreibpult und ihren Herrn Vikarius zu retten, »ganz Partie egal,« setzte sie dabei erläuternd hinzu, »ob ich dafür hundert Meilen hinter Amerika deportioniert werden sollte,« und dabei war sie bis in die Nähe des zum Verkauf ausgestellten Objektes gekommen. Und dann ... In ihrer ganzen Gewichtigkeit stemmte sie die Arme in die stattlichen Hüften, räusperte sich und machte zwei Augen, als wenn sie sagen wollte: »Nu mal los, Herr Frasselt; wollen mal sehen, wer den kürzeren Halm zieht.« »Fünfzehn Taler – zum ersten!« Herr Frasselt hatte wieder sein Amt und seine Ruhe gefunden. Aber er behielt sie nicht lange. Die stechenden Blicke der dicken Haushälterin genierten ihn und ferner ... Herr Karlo Antonio rief mit Stentorstimme über den Platz hin: » Signori! – Signore ...!« Das packte. »Hurra!« ging das bunt durcheinander. »Ich habe die italische Sonne, den italischen Himmel gesehen ... Azure !« »Bravo!« »Ich habe unter dem großen Sankt Peter geschildert und seine heiligen Tore gesehen ... I portici sono di marmo !« »Bravo!« »Ich habe den heiligen Vater gesehen ... Superbo !« »Hurra!« »Aber, signori, signore ! – so etwas wie das, was mir heute vor Augen gekommen, habe ich noch niemals gesehen.« »Pfui!« riefen die Menschen, aber der Gerichtsvollzieher hatte wieder Überwasser bekommen. »Fünfzehn Taler – zum ersten! – Wer bietet mehr?« »Fünfzehn Talers fünf Groschens!« »Was los?! – Wer hat gerufen?!« Alle sahen sich an, als hätte ein Kirchenschänder das Tabernakel zerschlagen. Das war ja eine jüdische Stimme gewesen – und richtig: der Vater des krölligen Fränkel Haas hatte geboten. Ein Wutgeheul erklang. »So'n Jüd! – Gottverdomie, so'n infamiger Kuhschwanzmarkör! – So'n Matzenfresser! – Haut ihm die Judennase herunter ...!« » Te absolvo !« rief Joseph von Arimathia herüber. »Der Mann weiß nicht, was er tut. Er ist anderen Glaubens; er weiß nichts von den Mühseligkeiten unserer heiligen Kirche, und daher: ich vergebe dem Manne.« Haas wurde patzig. »Bezahl' ich doch meine ehrlichen Talers,« meinte er bissig, »kann ich mir auch erfreuen an einem geistlichen Pulte. Herr Gerichtspräsident, ich habe fünfzehn Talers fünf Groschens geboten.« »Sechzehn Taler!« überbot ihn Herr Frasselt. »Sechzehn Talers fünf Groschens!« ließ Haas sich vernehmen. »Achtzehn Taler!« »Neunzehn! – Ich habe neunzehn Talers geboten.« »So 'ne Judenvisage!« drohte Pitt Hoffmann. »Herr Pitt, es sind meine Talers un Groschens,« hielt ihm der Jude entgegen, »un wird mein Sohn Fränkel ein gelernter Mann – nu, kann er auch schreiben an 'nem geistlichen Pulte. Herr Gerichtspräsident – neunzehn Talers mit's Aufgeld!« »Und fünf!« sagte Frasselt. »Also neunzehn Taler fünf Groschen. – Wer bietet mehr?!« Haas hatte Blut geleckt; der Mut seines Volkes war in ihn gefahren. »Nu denn – zwanzig Talers in Summa!« Energisch rückte er bei diesem Angebot die fettige Schirmmütze bis tief in den Nacken. Die Höhe des zu zahlenden Strafmandats war erreicht. Herr Frasselt nickte. »Zwanzig Taler zum ersten!« »Zwanzig Taler zum zweiten!« »Zwanzig Taler zum dritten und ...« Er kam nicht weiter. Seine Zunge stand für einen Augenblick so still wie vorzeiten die Sonne auf Josuas Gebot, wie ein verrosteter Nagel im Sargdeckel – dann aber ging mit einem Male ein entsetzlicher Schrei über den Platz hin. «Zu Hilfe ...!« Die Menge verfärbte sich. Das war ja eine verfluchte Geschichte! Und die dicke Therese ... Blitzartig hatte sie beim Ausruf ›zum dritten und ...‹ in ihren Pompadour gegriffen, ihm blitzartig etwas Blitzeblankes entnommen – und dann eine ihrer stählernen Nadeln ... Da saß sie. – Auf zweidrittel Länge hatte sie sich in die linke Sitzgelegenheit des in rechtlicher Sache amtierenden Mannes gefressen – grimmig und bissig. »Das für das Zylinderbüreau ...! – Sie Heide, Sie lutherscher Schmierfink ...!« Eine zweite Judith, aber eine christkatholische, war die dicke Therese für ihren Glauben und das Heil ihres Vikarius in die Bresche gesprungen. Sie zuckte mit keiner Wimper. Wie aus Stein gemeißelt stand sie auf dem Feld der geretteten Ehre. Eben so starr und weltvergessen hatte auch das bethulische Weib nach Gott wohlgefälliger Tat vor dem Hohen Rat ihres Volkes gestanden. Dafür aber war Herr Frasselt lebendig. »Zu Hilfe ...!« »Bravo!« »Zu Hilfe ...!« »Hurra!« Er voltigierte mit der entsetzlichen Stricknadel im Sitzfleisch um das Schreibpult herum, ähnlich wie ein kaninchenfressender Indianer auf einem niederrheinischen Jahrmarkt um den Stall seiner Opfer herumspringt. Der schwerfällige Mann mit dem Eidamer Käsegesicht war zu einem Parterreakrobaten geworden. Er exekutierte die zierlichsten Pas und die gewagtesten Sprünge. Krampfhaft griff er nach den unmöglichsten Dingen. Funken, Sterne, Flammen, Sprühteufelchen huschten durch sein irres Gesichtsfeld. »Zu Hilfe ...!« Die Dicke stand unbeweglich. Sie war ehern, gefühllos. Frau Hoffmann bekreuzte sich dreimal. »Zu Hilfe ...!« »Kommen Sie, Frasselt.« Herr Butterweck hatte das richtige Einsehn, nahm den Geschändeten beim Arm, gewillt mit ihm zu Doktor Horré zu gehen, wandte sich aber nochmals um und sagte zu dem starren Weibsbild, indem er den rechten Handschuh vielsagend emporhob: »Fräulein Therese, zwei Monat' Gefängnis.« Dann gingen die beiden. »Fräulein Therese, zwei Monat' Gefängnis ...« Das wirkte. Die edle Judith entblätterte sich. Stückweise fielen die Flitter ihres trotzigen Heldentums zu Boden. Die ganz ordinäre, die ganz veritable Therese Vogels kam wieder zum Vorschein. Hilfesuchend flüchtete sie sich in die Arme der guten Frau Hoffmann. Aber die Menge jauchzte ihr zu, und es wäre noch zu Ovationen gekommen, hätte der Sturmwind nicht ärger geblasen, wären aus der Höhe nicht so grelle und kläffende Laute gekommen. Das belferte und johlte, als sei der leibhaftige Satan in den Turmhelm gefahren. Florige Schatten setzten über die Kirche von Sankt Nikolai. Pitt Hoffmann sah in Richtung des Turmtors. »Was gibt's da?!« Etliche Arbeiter stürzten heraus und zeigten mit ängstlichen Gesichtern nach oben. »Der Helm kommt herunter!« Joseph von Arimathia reckte sich auf. »Kleinmütige Geister!« sagte er mit gekniffenen Lippen. »Hochwürden, der Helm kommt herunter!« Die Menschen schreckten zusammen und vergaßen, was soeben passiert war. Sie hatten ein drohendes Unglück vor Augen. Die ›Malör-Penning-Kasse‹ rückte unter Führung Miekskes nach Hause, während die übrigen Leute sich scheu wie 'ne Hammelherde zusammendrängten. Aller Blicke waren nach oben gerichtet. Eine allgemeine Panik setzte ein, und diese benutzte Herr Haas, das ersteigerte Schreibpult durch die beiden lutherschen Dickköpfe nach Hause transportieren zu lassen. Die frevelhafte Auktion war zu Ende, aber nicht die Schrecknis des Tages. »Das ist die Strafe des Himmels!« rief Joseph von Arimathia, »er will Gerechte und Ungerechte verderben.« Karlo Antonio war an seine Seite getreten. »Kopf oben behalten, Hochwürden,« sagte er finster. »Das will ich.« Joseph von Arimathia hatte das Barett vom Kopfe genommen. Er betete. Immer neue Schatten zogen über die Stadt hin. Gellende Posaunenstöße, mit einem häßlichen Lachen dazwischen, drangen zur Erde. Der Vikarius verstand kaum seine eigene Stimme. Der Wind stopfte ihm gleichsam den Mund zu. »Das gibt ein Malör!« riefen die Leute. »Wo ist Grades?!« »Grades soll her!« »Grades soll helfen!« »Gottverdomie, wo ist das infamige Rindvieh?!« Grades war nicht da; er war verzweifelt mit Leopold Derksen und seiner Kümmelflasche zu Johannes gegangen. – Und Johannes stand aufrecht im Zimmer. Luise war bei ihm. Er hatte mit der Rechten ihre Linke umklammert. Sturm rüttelte ihn, und der Sturm war entstanden aus Zweifel und Liebe. Er hatte schon lange gezweifelt, er war schon lange seltsam bewegt, und so war das Stürmen gekommen. Und Trauer bedrückte ihn, und eine Frage lag ihm auf den blutleeren Lippen. Er hörte nicht auf das Wetter da draußen, auf die Not, die darin lag, und auf die Verzweiflung der Menschen. Er hatte genug mit seinem eigenen Jammer zu tun, mit seinem eigenen Herzeleid zu schaffen und mit dem zehrenden Gedanken, der ihm sagte: Sie hat sich seit vielen Wochen geändert und hört wieder auf die Glocken von damals, auf die unseligen Glocken jenseit des Waldes ... Es war ein dumpfes Grübeln und Grämen, mit dem er sich abmühte, und das er nicht mehr los werden konnte. Es hatte sich an ihn geschlichen, wie der böse Feind die Saaten anschleicht, um den Kornbrand in die Ähren zu setzen. Er sah, wie all sein Mühen, sein Hoffen, sein aufgebautes Lebensglück dem Verderben anheimfiel. Das war es, was seine Seele bedrängte. »Wo bist du mit deinen Gedanken?« fragte er schmerzlich. Sie antwortete nicht, aber sie sah ihn an mit offenen Augen und zuckendem Munde. Endlich rührte sie sich, und dann sagte sie leise: »Wir sind entfremdet, Johannes.« »Ja,« gab er bitter zurück, »und zwar seit dem Tage, wo die Kastanien blühten.« Sie schreckte zusammen. »Ich erinnere mich des Tages nicht mehr,« sagte sie mit fliegendem Atem, »und ich weiß nur, daß ich dir kaum noch folgen kann in deinem Sinnen und Denken. Es ist ein Wald voll krauser Ideen und Mißverständnissen, der uns umschließt, und je tiefer du hineingehst, um so mehr werden wir auseinander gerissen. Unsere Wege trennen sich immer weiter und weiter. Ich höre deine Stimme nicht mehr ...« Er lachte plötzlich auf. »Was hörst du nicht mehr?« »Deine Stimme.« »Weil du eine andere hörst,« sagte er heftig. »Der Mensch ist heute vorübergekommen. Hast du ihn gesehen und gesprochen?« »Nein,« sagte sie ruhig. »Auch gestern nicht?« »Nein.« »Und vorgestern?« Er sah ihr scharf in die Augen. Da schwieg sie – und als sie schwieg, warf er ihre Hand aus der seinen. Ein Riß war durch ihre Seelen gegangen. Er schritt langsam der Tür zu, und als er sie öffnete, trat ihm Leopold Derksen entgegen. »Tag, Johannes. Du mußt mir exküsieren, aber draußen steht wer in großer Predullig.« »Wer steht draußen?« »Dein Konkurrenzmann von wegen dem Turmhelm. Er ist in schwerer Verfassung. Du mußt mitkommen, Johannes. Es wird dir konträr gehn, aber sie rufen nach dir, sie schreien nach dir ...« »Was soll ich?« »Mitkommen sollst du!« Leopold Derksen legte ihm die schwielige Hand auf die Schulter. Auge brannte in Auge hinüber. »Die Hunde verdienen's ja nicht – aber der Helm jammert und bangt sich nach dir. Du brauchst nicht; es ist freiwillige Tat. – Willst du, Johannes?« »Ich will,« sagte Johannes und riß die Mütze vom Nagel. Dann gingen sie, aber das Weib sah ihnen lange nach – lange und seltsam. Grades Gertzen gesellte sich ihnen; sie gingen nach Sankt Nikolai. Unterwegs beorderte Wesselink Feuer und Bandeisen; auch Jans Prust sollte kommen. Und die Menschen wichen scheu zur Seite, als Johannes vorbeikam. Sie beugten sich vor dem Manne, dessen Gesicht so bleich wie der Tod war. Würde er helfen? Konnte er helfen? Ruhig hatte er das Turmportal von Sankt Nikolai betreten. XX Es mußte so kommen Es war noch nicht völlig dunkel geworden. Der Tag zwinkerte noch, aber immer neue Wolkenfetzen zogen über seine Augenlider, bis er es schließlich satt und genug hatte, mit dem Zwinkern aufhörte und einschlief. Aus den späten Nachmittagstunden hatte sich der Abend geräkelt; seine dunklen Tücher wehten herauf, und der noch immer straffe Sturmwind spreitete sie über die Dächer, als wenn er sie zudecken wollte. Die ganze Zwangsvollstreckung, die Kümmernis um das Zylinderbüreau und die gemaßregelte Kirche waren vor dem Ernst des Augenblickes rein wie verflogen, Therese und ihre wütige Stricknadel, der arme Herr Frasselt hatten völlig an Interesse verloren. So sind eben die Menschen! Neue Dinge verdrängen die alten. Grades Gertzen und sein rebellischer Turmhelm waren die Matadore des Abends geworden. Hu, wie das heulte! Noch immer hasteten Leute nach der Sankt Nikolaikirche. Ein massiges Ungeheuer reckte sich der Turm aus den Häuserzeilen. Die Arbeiter, die oben das Balken- und Sparrwerk des Helmes zu halten versuchten, waren von unten nicht mehr deutlich erkennbar. Alles Leben da oben verging im Grau des werdenden Abends. Wie ein dunkler Raubvogel mit breitausgelegten Schwingen, ruhig, gigantisch – so lag es über dem gefährdeten Aufbau. Und der Wind saß darin und blies durch die Balken; aber atemlos stand die Menge da unten, drückte sich scheu aneinander und wollte dem Ungewissen irgendeine Erkenntnis abgewinnen. Ab und zu kam Nachricht herunter. Trotz der Verankerungen zeigte das Gerüst nach wie vor das bedenkliche Schwanken. Das Dämmern kroch immer dicker und schwerer nach oben. Neben dem Kirchenportal stand Joseph von Arimathia. Alle Zuversicht war ihm abhanden gekommen. Sein Stiernacken zeigte nicht mehr die sichere Haltung von früher. Pitt Hoffmann war bei ihm. Karlo Antonio aber befand sich in einer Gruppe ängstlicher Menschen, denen er klar zu machen suchte, daß alles noch in Schick und Richte gebracht werden könnte. Von oben kam ein Stöhnen und Heulen. Dazwischen ließ sich ein dumpfes Hämmern vernehmen. »Der kommt herunter,« sagte Joseph von Arimathia. »Das glauben Sie?« fragte Pitt Hoffmann. »Ja, totensicher! – und diesem Esel von Menschen ...« »Aber jetzt ist doch Wesselink oben.« »Der kann's auch nicht mehr halten,« war die lakonische Antwort. In nervöser Hast rieb Joseph von Arimathia die Hände zusammen. »Himmel Zackerment noch mal!« sagte Pitt Hoffmann, »Herr Vikarius, soll ich ...?« »Was denn?« »Das Prozessionskreuz holen – hier aufstellen – beten – vielleicht ...« »Ja,« sagte Joseph von Arimathia, und da ging Pitt Hoffmann dem südlichen Portal zu und von da in die Kirche. Auf dem Turmkranz wurde ein Licht lebendig. »Christus!« riefen die Menschen. Ein zweites flackerte auf – ein drittes ... Feurige Lohe züngelte und wälzte sich hierhin und dorthin. Johannes Wesselink hatte Order gegeben, Petroleum- und Teerlicht über die Arbeitsstätte zu werfen. Das geschah denn – und da wurden die Flammen, die an getränkten Werg- und Taukränzen fraßen, herrisch über die Brüstungsmauern gerissen. Wie glutende Kirchenfahnen flatterten die Feuer am dunstigen Himmel. Eine brutale Hand griff hinein und grapste Lappenstücke davon und schleuderte sie alle gen Osten. Und da irrten sie wie glühende Fledermäuse und Sperbervögel davon, drehten sich über die Dächer und sanken dann nieder. Jetzt war die ganze Balkenlage des Helms zu erkennen. Scharfumleuchtet hob er sich gegen den schiefergrauen Hintergrund ab. Auch die Gestalten der Arbeiter hellten sich auf. Vereinzelte Lichtmassen fielen nach unten. Hundert ängstliche Menschengesichter richteten ihre Blicke aufwärts. Plötzlich drängten sich Jans Prußt und Dores durch die verschüchterte Menge. Sie kamen vom Turmportal. »Dores, wie steht's?« »Was los, Jans?« »Neue Klammern und Bandeisen holen.« »Hält Grades die Sache?« »Der?!« lachte Dores höhnisch auf. »Ne – aber der andere mit der barbarischen Forsche. Und dem hab' ich aufgekündigt – ich Schafskopp! – Lieber 'nem preußischen Meister wie so 'nem dämlichen Hammel gehorchen...« Sie gingen. »Nun helfen Sie, Herr Vikarius.« Eine Hand legte sich dem Angesprochenen schwer auf die Schulter. Joseph von Arimathia wandte sich um. Doktor Horré stand vor ihm. Ein bitteres Lächeln spielte um die sonst so jovialen Züge des Sprechers. Joseph von Arimathia sah es. Er biß die Lippen zusammen. »Lassen Sie mich ungeschoren – Sie ...« sagte er heftig. »Das tu' ich schon lange; aber Sie tragen die Schuld an dem ganzen Unglück und haben es fertig gebracht, einem erbärmlichen Stümper und Rindvieh ...« »Herr Doktor ...!« »Ja – einem erbärmlichen Stümper und Rindvieh...« »Ich muß mir ernstlich verbitten ...« »Alle Schuld auf Sie und Ihre Helfershelfer ...!« Der Vikar wollte was sagen und hatte schon ein kränkendes Wort auf der Zunge, als aus der qualmigen Höhe ein wüstes Geschrei kam. Dazwischen ließ sich eine befehlende Stimme vernehmen: »Mensch, halten Sie ein!« Alle kannten die Stimme. Dann kam eine andere herunter: »Weg da vom Turm! Du verbiesterst die Sache.« Das war die Stimme von Leopold Derksen gewesen. Die Leute wurden unruhig. Erneutes Dröhnen und Pfeifen machte alle Hoffnung zunichte. Unter dem dumpfen Gehämmer stöhnten die Balken. Der Sturm nahm an Heftigkeit zu. Die feurigen Kirchenfahnen wurden niedergedrückt. Die glühenden Fledermäuse und Sperbervögel flatterten talwärts. Stickige Lohe wehte herunter. »Der Helm wankt!« Wer hatte gerufen? Viele hatten gerufen – fast alle hatten gerufen. Joseph von Arimathia wollten die Kniee versagen. Etliche Weiber drängten sich an ihn. Bald darauf befand er sich in einem Knäuel von ängstlichen Menschen. »Platz da! – Platz da!« Am südlichen Kirchenportal war rege Bewegung. Dort liefen die Leute zusammen. Das Verhalten der verstörten Seelen glich einem Ameisengewimmel. Pitt Hoffmann erschien mit dem hölzernen Herrgott. Viele bekreuzten sich. Andere warfen sich auf die Kniee. »Herr, erbarme dich unser!« Pitt Hoffmann kam näher. Hoch über sich und mit gekrampften Händen trug er das erlösende Heil durch die Menge. Es war ein grellilluminierter, blutrünstiger Bildstock, den er herbeischleppte. Er tat es mit einer Würde, als müßten sich jetzt Wind und Wetter in eine Ecke verkriechen. Als Leichenbitter war Pitt unnahbar, als Heilbringer jedoch war er unnahbarer geworden. Seine Augen, leuchteten. Jetzt mußte die Wendung zum Guten kommen. »Herr, erbarme dich unser!« Vor Joseph von Arimathia stieß er das Kreuz in den Boden. »Wo ist Karlo Antonio Pollmann?!« rief dieser. Er wollte ihn als Nothelfer haben. Karlo Antonio war nicht mehr da. »Wo ist er denn hingegangen?« Pitt Hoffmann zuckte die Schultern. »Auch gut,« sagte Joseph von Arimathia. Sein Nacken straffte sich wieder. Mit kräftigem Ruck riß er seinen inneren und äußeren Menschen zusammen. Fanatischen Blickes hatte er den Herrgott nach dem gefährdeten Turme gerichtet. Alle Augen hingen an seinen Lippen. »Lasset uns beten!« rief der Vikar, »auf daß uns der Herr erlöse von allen Übeln der Erde, von aller Sünde und jeglicher Kleinmut!« »Erlöse uns, o Herr!« stammelten Weiber und Männer. »Von deinem Zorne!« »Erlöse uns, o Herr!« »Von Pestilenz und Krieg und armseligen Zeiten!« »Erlöse uns, o Herr!« »Von Blitz und Ungewitter, von Hagel und verderblichem Regen!« »Erlöse uns, o Herr!« »Von Sturm und Gefahren!« Immer inbrünstiger, zerknirschter hallte das Gebet der geängstigten Menge herüber. »Von Murren und Klagen wider deinen heiligen Willen!« rief Joseph von Arimathia. »Erlöse uns, o Herr!« »Am Tag des Gerichtes!« »Erlöse uns, o Herr!« »Durch Kreuz und Leiden und dein bitteres Sterben!« »Erlöse uns, o Herr!« Der Vorbeter hatte den hölzernen Herrgott ergriffen und hielt ihn mit beiden Händen gegen den wankenden Turmhelm. » Agnus dei, qui tollis peccata mundi !« » Parce nobis, domine !« respondierte Pitt Hoffmann. » Agnus dei, qui tollis peccata mundi !« rief Joseph von Arimathia zum andern. » Exaudi nos, domine !« » Agnus dei, qui tollis peccata mundi !« rief Joseph von Arimathia zum letzten. » Miserere nobis !« »Amen!« klang es wirr durcheinander. Joseph von Arimathia schritt mit dem ragenden Kruzifix gegen den Turm vor – und die Menschen folgten ihm mit fanatischer Andacht. Weit leuchteten die feurigen Kirchenfahnen über die Stadt hin. – Während dessen lag das niedrige Häuschen auf der Grabenstraße still unter dem florigen Himmel. Bettje Theißen und die Tanzmamsell standen am Fenster, das auf den Zimmerplatz hinausging, und sahen, wie auf der dunklen Masse des Turmes der glühende Schein stand. Die Tanzmamsell hatte ihren Arm um Bettje geschlungen. Sie war wie im Fieber. Der alte Nußbaum sauste und brauste. Überständige Blätter wurden zu Boden gerissen. »Gerade wie damals brennen die Feuer,« flüsterte Bettje. »Nur damals standen sie ruhig in der Niederung und blickten auf eine heilige Liebe, und jetzt ... Sehn Sie, Fräulein, wie das durch die sternlose Nacht fliegt! – Das ist kein heiliges Feuer; das bedeutet Unglück ...« »Und Sorgen,« kam es kleinlaut zurück, »und er ist auch wohl da oben?« »Wer denn?« fragte Bettje, obgleich sie wußte, wie die Antwort ausfallen würde. »Johannes,« raunte die Ärmste. Ihre Stimme hatte einen zittrigen Anflug, wie sie das sagte. »Ja,« meinte Bettje, »der ist auch jetzt da oben. So sind aber die erbärmlichen Menschen. Nun, da sie in tiefer Angst stecken und nicht ein und aus wissen vor Elend, schreien sie nach ihm; nun wollen sie Hilfe. Und er gibt ihnen Hilfe, und sie haben ihm früher statt Liebe doch nur harte Steine gegeben.« Bettje Theißen lachte seltsam auf. »Ich kenne die Menschen,« setzte sie bitter hinzu. »Und die hierneben, die muß ja umkommen in ihrer Not – so ihren Mann da oben zu wissen; denn was die Leute sagen ... Wenn der da oben umkäme, und so'n barmherziger Balken ...« »Schweigen Sie, Bettje!« »Nein,« sagte Bettje, »ich kenne die Menschen. Wenn der da oben umkäme ...« »Ich kann es nicht hören und will es nicht hören!« Mit einem Mal schreckte Bettje zusammen. »Nein – so was ...!« stöhnte sie mit allen Zeichen tiefster Erregung. »Was ist denn?« »Das ist nichts für Sie; kommen Sie, Fräulein.« Bettje streckte die Hand nach dem Zimmermannshause. »Da steht ihr Schatten auf der Weißen Gardine,« sagte sie tonlos, »und wartet.« »Auf wen denn?« »Auf den, der soeben vorbeiging.« Die Tanzmamsell sah sie mit toten Augen an. »Auf Johannes?« fragte sie unsicher. »Nein – auf Johannes Wesselink nicht. Kommen Sie, Fräulein.« Da stieß die Tanzmamsell einen gellenden Schrei aus und taumelte rücklings ins Zimmer. – Die blutigen Fahnen flogen noch immer am nächtigen Himmel. Der Sturmwind rollte sie auf und ließ sie dann wieder wehen und flattern. Und der alte Nußbaum sauste und brauste, und die überständigen Blätter wurden zu Boden gerissen. Die mächtige Krone legte sich quer vor das erleuchtete Fenster im Zimmermannshause, als müsse sie dort ein Geheimnis verdecken. Und sie mußte etwas verdecken, denn zwei Schatten standen plötzlich auf der hellen Gardine. Er hatte sich unauffällig aus der Gemeinschaft der geängstigten Menschen geschlichen. Er war heimlich gekommen, aber nicht unerwartet gekommen. Ihr Herz hatte ihr gesagt, daß er kommen würde. Das war schon öfters geschehen, wenn Johannes nicht da war. Und die Sünde war bei ihnen gewesen, aber noch nicht die Sünde, die mit brutalen Fäusten die Wolken zerteilte und zum Himmel emporschrie. Fast lautlos, wie von einer unsichtbaren Gewalt geleitet, war er näher getreten. Sie fühlte sein Kommen. Jetzt stand er vor ihr, so dicht wie damals im Mai, als die Kastanienbäume ihre schwanken Kandelaber aufgesteckt hatten, so dicht wie damals, vor Jahren, als sie sich zum erstenmal begegnet, als die Roggenfelder blühten und ein warmer Blust über die befruchtete Erde dahinlief. Und die Sterne waren aufgegangen am Himmel – unzählige Sterne. Und über dem Wald fort ... Und er sah sie starr an und doch mit einem Verlangen, daß sie erschauerte. Sie verstand die Sprache seiner sinnlichen Blicke. »Habe Mitleid mit mir,« hauchte sie ängstlich. »Das hab' ich. Sieh nur ...!« kam es verzweifelt von seinen brennenden Lippen. Der Taumel packte ihn. Ungestüm hatte er sich ihr zu Füßen geworfen, hatte ihre Hände ergriffen, sein Gesicht in ihren Schoß gepreßt und all sein Denken ausgelöscht, als wäre es ein Garnichts gewesen. Dann richtete er den Kopf empor – langsam, beschwörend. Da fuhr sie ihm mit der Hand über die Schläfen. Er zuckte auf unter der warmen Berührung. Alles wurde lebendig in ihm: Kraft und Sehnsucht und ein heißes Verlangen. »Willst du?« kam es trocken von seinen Lippen herunter. Sie gab keine Antwort, aber er empfand, wie auch sie gerüttelt wurde von dem Begehren einer durstigen Seele, die sich über alles hinwegsetzen konnte, wenn ihre Stunde gekommen. Das Haus schlief. – Niemand war da. Die Lampe gab einen näselnden Ton von sich. Mit offenen, wachen Augen träumte Luise in das dämmerige Licht hin. Sie wußte nicht, wohin der Weg sie führte, der vor ihren Blicken lag und sich scheinbar in eine violblaue Ferne verlor und von dort ins Grauen. Aber das wußte sie: am Ende des Weges harrte ihrer eine starre Gewalt, die sie abstürzen würde, wenn sie es wagen sollte, sich der purpurfarbigen Tiefe zu nähern. Da kam ihr Besinnen zurück. »Wo soll das hinführen?« fragte sie mit abgerissenen Lauten. »Wo das hinführen soll ...?« Er stieß ein Lachen aus, das sie wie ein scharfes Messer berührte. »Ja,« sagte sie heiser, »du mußt fort. – Fühlst du das nicht? – Wir müssen uns trennen und uns nie mehr begegnen im Leben.« »Warum das?« »Weil was zwischen uns steht.« »Luise!« schrie er gequält, »und du weißt doch, daß wir zusammen gehören – schon damals – schon immer ...!« »Nein – nein – nein ...!« sagte sie schaudernd. »Ja – du, wir gehören zusammen.« Mit Riesengewalt hatte er sie an sich gerissen. Unter den Rüschen ihres Kleides zeigte sich ein Stückchen Weiß ihres Halses. Wütend preßte er die Zähne auf die blendende Stelle. Beide Arme stemmte sie ihm verzweifelt entgegen. Sie stierte zur Seite. »Wenn er jetzt käme.« »Sakramento!« Zäh kam das Wort von seinen Lippen herunter. Einen Augenblick rastete er, um seine Brust atmen zu lassen – dann ging er ans Fenster und schlug den Vorhang zurück. Noch immer stand die feurige Lohe über den Dächern. Die auf- und niederschwankenden Äste zerteilten die roten Fanale. »Der hat noch bei seinen Balken zu schaffen,« sagte er mit triumphierendem Lächeln. »Die verstehen ihn, und er versteht sie – aber ein begehrenswertes Weib zu verstehen, das ist nicht in seinem Lebenskodex geschrieben. Aber ich – du, ich verstehe das alles.« Gesenkten Kopfes war er näher getreten. »Ja – du, ich verstehe das alles.« Luise hatte das Aussehn jener Frauen angenommen, die sich in ihrem eigenen Taumel verzehren. Sie war rücklings gewichen, und die Worte traten ihr erneut in den Sinn, die Joseph von Arimathia an jenem verhängnisvollen Abend gesprochen hatte: »Du hast schon einmal geliebt, heißer geliebt, mit ganzer Seele geliebt ...« Ja – das waren seine Worte gewesen. Der milde Schein der Lampe wurde zu einem feurigen Licht, das sie blendend umspielte. Ein schwüler Liebesodem berauschte sie; eine unentrinnbare Macht drückte ihren Willen zu Boden, fesselte ihn, tat ihm Gewalt an; und vor ihr stand der Mensch, der sie in seinen geheimnisvollen und dunklen Kult zog – unwiderstehlich und unwiderrufbar. »Du – wir kennen uns,« flüsterte er mitsingenden Lauten. Sie verging unter seinen begehrlichen Blicken. Die Augen ...! Als wollte er ihren Körper entkleiden – so waren sie bei ihr. Mit herrischer Gewalt löste er ihre welligen Haare. Dann nahm er ihren Kopf zwischen seine fiebernden Hände. »Du Närrin,« hauchte er zärtlich, »und das ist alles blöden Alltagsaugen und schwieligen Fäusten gegeben ...! – Und ich ...?! – Das soll ich alles entbehren ...! Mein bist du – verstehst du, Luise.« Er hielt die Arme gebreitet. Da fühlte sie, daß sie den Kampf aufgeben mußte, und sie sah ihn an mit dem traumbefangenen Gesicht eines glücklichen Kindes. Noch ein letztes Ringen – und dann: ihre Arme legten sich um seinen Nacken wie eine schnürende Fessel. »Karlo ...!« »Luise ...!« Die Natur läßt sich nicht irreführen. Unwandelbar geht sie ihre alten Geleise. Was zueinander gehört, das kommt zueinander. Berge verrücken ihren Standort, und Sterne finden sich. Es war so still geworden in der einsamen Stube. Sie standen dicht zusammen geschmiegt. Ihre Atemzüge verfingen sich. Freude, Entsetzen, Jubel – alles drängte auf sie ein wie Aprilwetter: lachender Sonnenschein, eisige Graupeln und erwachendes Leben. Sie schwieg. Ihr Verhängnis erfüllte sich. Sie hatte kein Maß für die Zeit mehr und für das, was draußen sich abspielte. Nein – sie hatte kein Mitleid; jedes barmherzige Gefühl war ihr abhanden gekommen. Mitleid mit wem denn? Gewiß, sie hatte ihren Mann geliebt, aber die Liebe zum anderen war tiefer, mächtiger, nachhaltiger gewesen. Das fühlte sie jetzt erst – und nun war diese Liebe eine lodernde Flamme geworden. Tage und Nächte ihres ehelichen Lebens verloren sich; sie waren aus ihrem Gedächtnis gelöscht, und sie sah nur das, was kommen würde – und das lag vor ihr wie ein sinnberückendes Bild, wie ein Paradies, in das sie hineinschreiten mußte. An das Vergangene hatte sie kein Erinnern mehr, bis dahin, wo an jenem Abend verlorene Glocken über die Kornfelder gingen ... Ihren Körper durchschauerte eine begierliche Wärme. Über ihr stand das schöne Raubvogelgesicht mit den heißen Augen, die ihre Seele suchten und ihre Seele verdarben. Ja, Karlo Antonio, der Mensch mit den gesunden Zähnen und dem großen Sankt Peter im Herzen, verstand schon die Weiber zu nehmen. Er wußte das sündige Glück im verstohlenen Winkel zu finden. Ihre Gedanken errieten sich, und schuldvoll drängten sich ihre Körper zusammen. Und dann wieder das Aneinanderschmiegen, das verlangende »du« und »du«, das abgerissene, erstickte Geflüster – Stammellaute, hastige, kaum verstandene, so alt wie die Welt und die ewigen Sterne ... »Endlich gefunden!« »Endlich, endlich!« hauchte sie leise. Ihre Willenskraft hatte wie ein gelähmter Vogel das Flattern gänzlich verloren. Hilflos ruhte sie in seinen umstrickenden Armen. Wieder zeigte sich ein Stück ihres glänzenden Nackens. Er beugte sich nieder und preßte seinen Mund darauf, und dann raunte er ihr heiße Worte ins Ohr, berückende Worte ... Mit halbgeschlossenen Lidern lauschte sie ihm, dann befreite sie sich aus seiner Umarmung. »Du ...!« keuchte sie auf, »die Angst, die sinnlose Angst ...!« »Du Liebe, du Törin ...! – Das Schicksal hat uns nun einmal zusammengeworfen. Keiner entgeht seinem Schicksal.« Und wieder das heimliche Geflüster von eben. »Ich kann hier nicht bleiben,« sagte sie fiebernd. »Ich halt's nicht mehr aus. Hier sieht alles mich an; hier sind seine Augen auf mich gerichtet ...« »Dann komm,« sagte er herrisch. »Du ...?!« »Ja – wir müssen allein sein.« Da warf sie sich an ihn. »Ich kann ja nicht anders!« Die Leidenschaft brachte wieder ihre Herzen zusammen. Von seinen Armen umschlungen ging sie hinunter, über den Hausflur und dann ins Freie. Ein feiner Regen schlug ihnen entgegen. »Da nicht vorüber!« stöhnte sie ängstlich und deutete auf das Fenster, wo die Tanzmamsell wohnte. Düster, wie ausgestorben lag die Werkstätte neben dem Zimmerplatze. Der schwankende Nußbaum warf seine fliegenden Schatten darüber hin. Das Tor stand geöffnet. »Da sind wir allein,« sagte eine heisere Stimme. »Nein, du – ich will nicht.« Er aber führte sie mit sich. Sie folgte willenlos – langsam, ohne ihre Kniee zu beugen. Ihre Lippen waren wie durstig geöffnet, ihre Augen geschlossen. In der wachsenden Erregung sah sie einer Sterbenden ähnlich. Sein Arm umschlang sie immer fester und fester. Mehr getragen wie geleitet, hielt sie an der Schwelle den Fuß an. Ihr war so, als wäre sie durch ein tiefes Gewässer gegangen, dessen untere Trift sie warnend zurückhielt. Noch einmal blickte sie auf. Ein schmales Stück des teilweise entschleierten Himmels fiel in den Hofraum. In ihm war ein Stern lebendig geworden, um wieder schnell zu verlöschen. Krampfhaft hatte sie seine beiden Hände ergriffen. »Du – ich darf nicht und kann nicht.« »Du Liebe ...! – Du Törin ...!« Ein trockenes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Aber er küßte dieses Schluchzen hinweg. »Geliebte ...!« Ihre Züge verklärten sich wieder, und still wie im Traum, einer Nachtwandlerin ähnlich, war sie mit ihm über die Schwelle der bösen Erkenntnis getreten. Der bösen Erkenntnis ... Friedlich sah das erleuchtete Fenster im Zimmer der Tanzmamsell über den Hof fort. Die Werkstätte aber lag wie leblos unter dem Himmel. Plötzlich machte sie ein Auge auf. Es zwinkerte nur. Es war das Oberlicht, was sich aufhellte. Und der Nußbaum rauschte und brauste immer stärker und stärker; er tat so, als müsse er das heiße Geflüster und das Stammeln da drinnen mit seiner Stimme verdecken. – Es mochte auf zehn gehn. Die Arbeitsfeuer aber flogen noch immer durch die sternlose Nacht hin. Auf Anordnung des Bürgermeisters war der Platz vor der Kirche geräumt worden. Herr Butterweck sorgte dafür, daß alles seinen geregelten Gang nahm. Die Leute drängten sich in stummer Beklemmung bis dicht an die niedrigen Häuserzeilen heran, die den weiten Kirchplatz umgaben. Von hier aus sahen sie mit pochendem Herzen und fliegendem Atem auf das düstere Schauspiel. Die zunächst gelegenen Häuser waren geräumt worden. Der Wind flaute nicht ab. Das Haus des Küsters war am meisten bedroht. Jeden Augenblick konnte ein herabstürzender Balken sich in die Dachpfannen bohren. Wie geborstene Glocken hallten die Hämmer, die auf die umgelegten Verankerungen und Bandeisen hieben, aus der Höhe herunter. Joseph von Arimathia stand auf den Treppenstufen seines eigenen Hauses. Noch immer hielt er das Kreuz mit dem illuminierten Herrgott in den nervigen Fäusten. Auch er hatte alle Hoffnung verloren. Pitt Hoffmann drängelte sich an seine Seite. Er stierte entsetzt auf ein und dieselbe Stelle, als wollte er ein Loch in das Dunkel hineinsehn. Hastig fingerten seine schlenkrigen Hände an den langen Rockschößen herunter. Da – auf einmal: er hatte den Kerl mit dem blauen Kittel bemerkt, wie er sich an einen Pumpenschwengel lehnte und den Turmhelm beglotzte. Sonst – ja, aber heute war er ihm ungelegen gekommen. Er wußte so recht nicht warum – aber er mußte immer an Grades Gertzen denken, an Grades, der noch oben hantierte. Stocksteif, aber nur für Pitt Hoffmann sichtbar, stand der Kerl mit dem grindigen Gesicht an der Pumpe; er wollte nicht fortgehn, ums Verrecken nicht fortgehn. Mehrere Gesellen und Arbeiter kamen eiligst über den Platz her. Jans Prust und Dores waren dazwischen. Man sah ihnen die verzweifelte Angst an. »Das ist ja ein verfluchtes Theater!« schrie Dores. »Was gibt's denn?!« rief ihm Pitt Hoffmann entgegen. »Aufgeben tun wir's!« »Wo ist Wesselink?« »Mit Derksen noch oben. Sie kriegen Grades nicht 'runter.« »Na – sowas!« »Der Helm ist aus dem Senkel gekommen.« »Jesus ...! – Jesus ...!« Nie verschüchterten Menschen krochen noch dichter zusammen. »Sie kriegen den Großtuer nicht herunter,« sagte Jans Prußt, »ihn nicht mitsamt seiner Schnapsbouteille. Entweder der Helm bleibt, wo er ist, hat er gemeint, oder die Balken können mir den Schädel einkloppen. So'n Rindvieh!« Ein dumpfes Gebrüll kam aus der qualmigen Höhe, »Da hört ihr's!« »Wesselink! – Derksen ...!« schrien die verzweifelten Menschen. »Und da glaubt ihr ...?« fragte Joseph von Arimathia die beiden Gesellen. »Ja,« sagten diese, »noch 'ne feste Puste, und der Helm kommt herunter.« »Christus! – mein Heiland ...!« Ein dumpfes Brüten war unter den Menschen. »Das wollen wir sehn!« rief Joseph von Arimathia und hatte wieder den Herrgott erhoben. Pitt Hoffmann kniete, die Gesellen knieten, alle knieten ... Das Feuer hoch oben war nur noch ein rotes Geschwele. Ein brandiger Geruch senkte sich talwärts. »Vater unser, der du bist in den Himmeln,« rief Joseph von Arimathia mit glühenden Augen, »erlöse uns von allen Sünden und den Übeln der Erde!« »Erlöse uns, o Herr!« »Von deinem Zorne!« »Erlöse uns, o Herr!« »Von Blitz und Ungewitter und armseligen Zeiten!« »Erlöse, uns, o Herr!« Düster arbeitete sich das Gebet durch die Schauer des Abends. »Von Sturm und Gefahren, durch Kreuz und Leiden und dein bitteres Sterben!« »Erlöse uns, o Herr!« Joseph von Arimathia gab das Kreuz dem neben ihm knienden Küster; dann streckte er beide Hände gen Himmel. »Erhöre das Gebet deiner armen Menschheit, deines erbärmlichen Dieners!« Seine Worte hatten etwas in sich, das die Herzen erschütterte. Sein Antlitz war bleich wie Kreide geworden. »Großer Gott, heiliger Gott ...! – Agnus dei, qui tollis peccata, mundi !« Joseph von Arimathia ging über sich selbst hinaus. »Erbarme dich unser!« »Erbarme dich unser!« kam es von dem massigen Turme zurück. Hoch oben waren die Feuer erloschen. XXI Ich war es ... Die beiden saßen noch immer zusammen: Bettje und die Tanzmamsell, und ihre Gedanken folgten dem Sturm und gingen der Sünde nach, die sich still und geheimnisvoll unter das Dach des armen Menschen geschlichen hatte. Es war ein wehmütiges und trauriges Denken. Es war wie ein armes Geschöpf mit einer großen Not und einem tiefen Weh in der Brust, das hinging, sich ein Kränzlein aus Dornen flocht, und, da es geflochten war, es sich selbstquälerisch in die Stirne hineindrückte. Die Tanzmamsell zuckte unwillkürlich unter diesem Erinnern, unter diesem Dornenkränzlein zusammen. Warum war sie damals auch zu den barmherzigen Frauen gegangen? Vielleicht wäre alles anders gekommen – ja, vielleicht, vielleicht ...! – und aus diesem trostlosen Festhalten an verschwundene Bilder wuchs eine bange Zukunft heraus mit all ihrem Kummer. Ach, wenn sie ihn früher gesehn hätte, früher wie Luise es konnte! – Dann wäre sie mit ihm durch die Felder gegangen, hätte seine Hände genommen und dann ruhig zu ihm gesprochen, so ruhig wie die großen Weizenschläge, wenn sie im Abendwind Zwiesprache halten: »Sieh hier meine Liebe, Johannes! – die ist so stark wie der Tod und so schön wie deine niederrheinische Erde.« Und dann wären sie der Sonne entgegengegangen, dem ewigen Licht und einem glücklichen Leben. – Sie sah über die Gegenwart hinweg bis an das Ziel ihrer Tage. Es lag weit drüben in einer unwirtlichen Öde. Sie ging diesem Ziel zu, einsam, verwaist, und als sie zurückblickte, da stand das Glück weit dahinten in verschwommener Ferne und rang in stummer Verzweiflung die Hände. Sie gehörte nicht sich mehr. Ihre Seele war mit einer anderen Seele verbunden. Wenn die andere weinte, weinte auch ihre Seele, wenn die andere gekreuzigt wurde, wurde auch ihre Seele gekreuzigt – und die andere wurde gekreuzigt und ihr ein Speer durch die Seite getrieben. Sie war wie ein Vogel, der nach dem Süden drängte, sich aber verirrte und elend umkommen mußte. Sie war haltlos in ihrem traurigen Sinnen geworden, denn sie verhehlte sich nicht: in diesem traurigen Sinnen war Sünde, aber eine Sünde, die ihr selber das Herz abstoßen würde – und darin lag wieder eine stille und große Vergebung, ein sanftes Verzeihen, das jedes Verschulden hinwegnahm. Daran dachte sie jetzt. Bettje Theißen hatte sie still beobachtet, war aufgestanden und machte wieder ihre heiligen Augen von ehemals. Zärtlich nahm sie das liebe Gesicht der Ärmsten zwischen ihre schmalen Hände. »Ich weiß, was Sie haben,« sagte sie leise, »und an so was kann ein armes Menschenherz elend verbluten.« Die Tanzmamsell schüttelte kaum merklich den Kopf. »Ja, so ist es,« bestätigte Bettje, »und das kann einem auch weh tun. Sie denken an ihn. Früher ist er ganz anders gewesen. Da war noch Leben in ihm und eine glückliche Freude; jetzt geht er gebeugt. Er hat vieles zu tragen und ist krank und mühselig geworden.« »Das ist er,« kam es traurig zurück. »Und wissen Sie woher das kommt?« fragte Bettje. »Ja,« sagte die Tanzmamsell, »weil er seine Heimat so lieb hat und sehn muß, wie sich die Menschen in kindischem Hader zerreiben. Es ist ein schönes und herrliches Land hier, allein die Zwietracht bestellt seine Äcker, wo sonst friedlich Halm neben Halm stand. Und die böse Saat ist aufgegangen und will die kräftige Erde veröden. Und trotzdem liebt sie Johannes. Aus dieser Liebe zur Heimat rang sich sein Stolz, und daher, weil es nun einmal so ist, kam er ins Elend und klopften ihm Niedertracht und Hohn auf die Schulter, denn die Menschen hier herum verstehen ihn nicht. Eine jedoch könnte ihn verstehen und müßte ihn verstehen ...« Die letzten Worte waren kaum hörbar. Sie vergingen in einem verhaltenen Weinen. Bettje Theißen war geräuschlos ans Fenster gegangen. Ein seiner Regen sprühte gegen die Scheiben. Der Zimmerplatz lag völlig im Dunkeln. Das gegenüberliegende Licht war gelöscht, dafür aber stand ein schmaler Schein über der Werkstatt. »Seltsam!« meinte Bettje. Sie hatte dabei ihre eigenen Gedanken und war verstört zurückgetreten. »Was haben Sie?« fragte Pauline. »Das Fenster drüben ist dunkel,« sagte Bettje. »Das Haus liegt tot da, aber in der Werkstätte ist Licht.« »Dann ist die Gefahr wohl vorüber. Brennen die Feuer noch?« »Nein.« »Wie ich sagte,« meinte die Tanzmamsell. »Die Gefahr ist vorüber; er wird in der Werkstätte sein.« »Wer denn?« »Johannes Wesselink.« »Was soll der jetzt in der Werkstätte machen?« entgegnete Bettje. »Den Rosenkranz beten? Über seine Arbeit nachdenken? Sorgen für den folgenden Tag? – Ich habe eine andere Ansicht darüber.« Die Tanzmamsell sah sie mit großen Augen an. »Was denken Sie denn, Fräulein Theißen?« fragte sie ängstlich. »Ich?« sagte Bettje mit einem erzwungenen Lächeln. »Was ich davon halte und denke ...?« Sie horchte plötzlich auf. Ein fernes, dumpfes Getöse machte die Scheiben erklirren. Es drang wie eine verräterische Stimme aus dem Hinterhalt, einem furchtbaren Wehschrei nicht unähnlich, vor dessen Schrecknis man sich die Ohren zuhalten mußte. Es war wie ein Malmen und Mahlen. Gleichzeitig setzte der Sturm mit erneuter Wucht über das Haus fort. Es war wie ein Krachen von Balken und ein Sprengen von zähen Gelenken. Dann klang es wie ein weltfernes Murren, als käme es von den Wolken herunter. Eine brütende Stille folgte. »Himmel und Seligkeit!« schrie Bettje auf, »da ist Donner dazwischen.« »Nein, Fräulein Theißen – das kommt von dort her, das kommt vom Turmhelm; da ist ein Unglück geschehen.« Totenbleich war die Tanzmamsell in die Höhe gefahren. »Ich sage Ihnen, da ist Donner dazwischen,« entgegnete Bettje, scheinbar in völliger Ruhe, war aber kaum noch imstande, ihre eigene Angst zu verbergen. »Und wenn es so wäre,« setzte sie mit hastigem Atem hinzu, »auch egal – aber von dorther kommt ein größeres Unglück.« Mit zitteriger Hand deutete sie auf den vereinsamten Hofraum. »Aus dem Zimmermannshause ...?« fragte Pauline. »Nein – aber aus dem Torweg daneben. Ich höre es kommen – es geht über den Hof – es will hier über die Schwelle – es tut so, als wollte es hier seine Fingernägel verkrallen.« »Fräulein Theißen, Sie glauben ...« »Ja,« sagte Bettje mit fatalistischer Ruhe. »Ich kenne die Schritte. Ich habe sie schon früher gehört – damals – vor Jahren ... Es war auch ein Unglück, aber ein anderes Unglück wie heute. Es trug nicht das häßliche Zeichen an der Stirn und war nicht wegen des sechsten Gebotes gekommen. Es kam, weil eine große Liebe mich über alles hinwegtrug. Ich hörte es kommen – damals – vor Jahren, als die Feuer in der Niederung brannten – dann später, als sie mich für unwürdig hielten und mir das Amt als Lehrerin nahmen – und zuletzt, wie er in die Luft griff und die Kugel von Königgrätz ihn in den blutigen Sand warf.« Bettje stand kalt und versteint, als sie das sagte. »Ja, das war anders wie heute. Ich habe nichts zu bereuen. Ich kann ruhig vor meinem ewigen Richter bestehen. Es war kein häßliches Unglück.« Die Tanzmamsell sah ihr starr und entsetzt in die Augen. »Sie glauben mir doch, Fräulein Pauline?« fragte Bettje so gemessen und feierlich, als habe sie in der Kirche gesprochen. »Das müssen Sie tun, denn ich bin trotz meiner Sünde in der richtigen Liebe geblieben, und so was wird immer vergeben. Aber das da ... und dann: damals die Feuer waren selige, heilige Feuer, und jetzt ist alles nur ein dumpfes und häßliches Leuchten. Und das ist die richtige Sünde mit den beiden hierneben. Die greift durch die Wolken. Sie verstehen also, Fräulein Pauline?« »Ja,« sagte diese. Hilfesuchend hatte sie sich an die Brust des erregten Mädchens geflüchtet. »Fräulein Theißen, ich weiß nicht ... mir ist so ...« Sie sprach nicht weiter. In der Wirrnis ihrer Gedanken konnte sie keine Worte mehr finden. Und beide horchten in die Nacht hinaus und harrten auf Botschaft, ob der Turmhelm wirklich geschrieen habe, oder ob ein anderes Unglück ... Wiederum war eine bange Viertelstunde vergangen – da wandte Bettje plötzlich den Kopf. »Herein!« sagte sie. Hart schlug die geöffnete Tür gegen die Wand an. Der Wind saß dahinter. »Bettje! – Fräulein Pauline ...!« »Frau Hartjes ...?!« »Sie ...?!« Es ging wie die Hand des Todes über die beiden, als Frau Petronella so ganz unerwartet und ohne Hut und Mantille hereintrat. »Aber – Frau Hartjes ...!« Ängstlich war Bettje näher getreten. »Um Gottes willen – was ist denn?! – Sie haben etwas Schlimmes zu sagen!« »Schon möglich – und nicht möglich,« sagte Frau Hartjes, indem sie sich an einer Stuhllehne festhielt. »Das Unglück ist ja nun einmal geschehen. Zu Hause konnte ich's auch nicht mehr aushalten, seit ich allein war und mein Mann vom Posthalter abgeholt wurde. Die müssen ja bei allem dabei sein, besonders Herr Piepmann. Dann kam das entsetzliche Krachen und Brechen – und dann sagten die Menschen ...« »Was sagten die Menschen?!« rief Bettje dazwischen. Die Tanzmamsell hatte sich starr und steil in die Höhe gerichtet. »Bettje, man weiß nichts Bestimmtes. So'n dunkles Gerücht geht um. Es kann ja alles nicht wahr sein. Aber man muß doch ein übriges tun, denn so'ne plötzliche Nachricht ... Ich habe schon Fälle gekannt ... Da bin ich hier neben gegangen, zu ihr – fand aber den Riegel vorgelegt und alle Fenster tot und düster ... Sie selber muß es doch vor allen Dingen erfahren, und da wollt' ich bei Ihnen mal hören ...« »Aber, um Gott nicht!« rief Bettje, »was muß sie denn alles erfahren?« »Das entsetzliche Krachen und Brechen.« »Ja – und dann?« »Was dabei alles passiert ist,« ergänzte Frau Hartjes in atemloser Verfassung. Dann wollte sie einen Namen nennen, brachte ihn jedoch nicht von den Lippen herunter. Die Tanzmamsell aber nahm ihr das Wort vom Munde. »Johannes ...!« schrie sie gellend auf, dann schlug sie sich die Hände vors Gesicht und begann leise zu schluchzen. »Fräulein Pauline ...!« rief Frau Hartjes ganz in Verwirrung, »Fräulein Bettje, was heißt das?« »Je,« sagte Bettje, »das heißt: daß ihr der Jammer um den unglückseligen Menschen das Herz abstößt.« Sie war an die Seite des verstörten Mädchens getreten und hatte es ganz sanft an sich gezogen. »Es ist vielleicht gut so,« sagte sie hierauf mit entsetzlicher Ruhe, »daß das Unglück passiert ist.« Ihre Blicke standen in einem überirdischen Leuchten. »Aber Bettje ...!« meinte Frau Hartjes. »Ja,« sagte Bettje, »Gott ist barmherzig. Er wollte ihn vor dem Schlimmsten bewahren. Er wollte ihn ruhig in die Ewigkeit holen. Gott kennt schon die Menschen, die seine Liebe verdienen. Er hat seine Ohren tot gemacht, daß sie seine eigene Schande nicht hören; er hat ihm die Augen geschlossen, daß sie seine eigene Schande nicht sehen, sonst müßte er ja mit dem Kopf gegen die Wand an ... ja – gegen die Wand an vor Elend.« Enger schlug sie den Arm um Pauline. Sie wollte sie halten, aber eine höhere Macht drückte die Verzweifelte nieder. Langsam war die Tanzmamsell zu Boden gesunken. »Gott, was ist das für ein trostloser Jammer!« meinte die Rektorin. Sie hatte alle Mühe, ihr aufgeregtes Kreuzchen niederzuhalten. »Aber man kann ja immer nicht wissen ... Vielleicht ist es man ein bloßes Gerede. Hören Sie, Fräulein, vielleicht nur ein bloßes Gerede ...« Liebevoll bemühte sie sich um die Ärmste, als draußen aufgeregte Menschen vorüberhasteten – und Bettje hinausging, gleich aber zurückkehrte und in die Worte ausbrach: »Jesus Christus! – was Sie da sagten ... Purer Irrtum, Frau Hartjes ...! Sie bringen ja Grades Gertzen ins Kloster.« Die drei sahen sich entsetzt an – und dann wurde die Hoftür geschlagen. »Was nun?« fragte Bettje. Eine kurze Spanne von drei Herzschlägen mochte vergangen sein, als im Hausflur, dicht vor der Schwelle ... Alle hörten die Stimme, alle kannten die Stimme. Die Tanzmamsell hielt den Schrei zurück, der in ihr aufstieg. Langsam erhob sie sich. Sie war wiederum Herrin über ihre Sinne geworden. Bettje Theißen aber war nicht wieder zu kennen. Gespenstisch stand sie inmitten des Zimmers. Sie sprach dieselben Worte wie eben, aber sie sprach sie ganz anders, sie sprach sie mit einer vernichtenden Ruhe, als müsse sie das Grauen beschwören. »Es geht über den Hof fort,« sagte sie ohne Leben, ohne Bewegung, »es will hier über die Schwelle – es tut so, als wollte es hier seine Fingernägel verkrallen ...« Und dann: wieder schlug die Zimmertür gegen die Wand an. Gerade wie eben. Der Wind saß dahinter. »Das sah ich kommen,« sagte Bettje, ohne den Ton ihrer Stimme zu ändern. Dann schwieg sie. Es war so, als sei das Unglück in die Stube getreten. Auf der Schwelle stand – sie ... Sie vermochte sich kaum auf den Füßen zu halten. Wie ein gehetztes Wild war sie eingedrungen – aber ihre Kraft schien, zu Ende. Starres Entsetzen war in sie gefahren. Ihr Kleid war geöffnet. Ein Stück ihrer weißen Brust drängte sich aus der gesprengten Hülle. Mit fröstelnden Händen hatte sie ihre losen Haare darüber gezogen. Die Augen lagen in einem eigentümlichen Feuer. Aber sie sahen nicht mehr. Der Tod saß darin und Angst und Verzweiflung. Das hinderte sie an einem deutlichen Sehen. Mechanisch zog sie die Tür zu. »Irgendwohin!« stöhnte sie plötzlich und war vorwärts getaumelt. »Mein Mann ...! – Ich bin verloren ...! – Zu Hilfe ...!« »Sie ...!« sagte Bettje. Bitternis lag in dem einzigen Worte. Sie rührte sich nicht. »Nur irgendwohin!« keuchte Luise. Wie ein scheues, verfolgtes Tier war sie an die Brust der Tanzmamsell geflüchtet und hatte deren Arme umklammert. »Helfen Sie mir ...! – Retten Sie mich, bevor es zu spät ist ...! – Haben Sie Erbarmen mit mir ...!« »Kommen Sie,« sagte Pauline mit todestraurigen Blicken. »Hier neben ... da sucht Sie niemand – und wagt Sie niemand zu suchen,« Ein schmerzlicher Laut rang sich aus der Brust der Gequälten; krampfhaft versuchte sie Paulinens Hände an die Lippen zu ziehen. Bettje hatte ein hartes Wort auf der Zunge. »Fräulein Theißen, gehen Sie mit ihr,« sagte die, Tanzmamsell. »Sie bedarf des Trostes.« Sie hatte mit einer herrischen Stimme gesprochen; da beugte sich Bettje und tat, was ihr geheißen war. Hinter der Tür aber brach Luise zusammen. Ein entweihter Frauenkörper war dort niedergefallen – und lag da, als sei der Tod gekommen und wäre barmherzig gewesen. »Das vergesse ich nie mehr – diese entsetzliche Stunde!« sagte Frau Hartjes, und wie gelähmt horchte sie auf, als müßte noch Schlimmeres kommen. Der Sturmwind stieß gegen Türen und Fenster. Das Lampenlicht nahm einen matten und unsteten Schein an. »Glauben Sie denn, ich könnte das jemals vergessen?« fragte die Tanzmamsell. »Es ist ein langes und banges Leben auf Erden. – Und wenn er auch käme, jetzt käme, wenn er hier eindringen wollte – jene Schwelle wird er niemals betreten,« Alles Wirre war aus ihrem Antlitz gewichen. Weder Glück noch Zuversicht lag darauf, aber ein fester Entschluß war in den Zügen verkörpert, und mit diesem festen Entschluß war sie vorwärts geschritten, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen. Sie wollte ihm erst draußen begegnen. Es war zu spät. Johannes Wesselink war zwischen Tür und Angel getreten. Er sprach nicht, er rührte sich nicht, er stand wie angeschmiedet; sein Kopf mit dem verwehten Haar war vornüber gesunken, aber starr war sein Auge auf Pauline gerichtet. Sie schauderte bis zu den Füßen herunter. Ein dünner Blutstreifen rieselte, einem roten Faden ähnlich, über die Schläfe und von hier über den Mund fort. Entsetzt sah sie auf die fließende Wunde. »Erschrecken Sie nicht,« sagte er mit heiserer Stimme, »das machte der Balken, der Grades Gertzen niedergeschlagen.« Langsam hob er den Kopf, als wenn er aus einem tiefen Traum erwachte. »Meine Arbeit ist drüben getan; jetzt beginnt hier meine Arbeit. – Man hat's mir beigebracht: in meinem Hause ist inzwischen die Schande ...« Er war näher getreten. »Mein Weib muß hier sein.« »Ja – bei Bettje Theißen,« sagte Pauline. »Das müssen Sie mir noch einmal sagen, langsamer sagen, das müssen Sie mir alles deutlich erklären, sonst versteh' ich das nicht.« Ein tiefes Grausen lag in der verhaltenen Stimme. »Ja – sie ist bei Fräulein Theißen im Zimmer.« »Und ist da schon lange gewesen?« »Ja – sie ist da schon lange gewesen.« »Und ist nicht da drüben bei dem Menschen, dem infamen Menschen gewesen, der meine Arbeitsstätte geschändet hat? – denn wenn sie es wäre ...« Ein hartes und trockenes Lachen erschütterte den mächtigen Körper. Und dann – seine Stimme wuchs und klang wie eine geborstene Glocke: »Ich müßte sie hier mit meinen zwei Fäusten erwürgen!« »Hören Sie auf!« schrie Frau Hartjes. Matt sanken ihm die gestreckten Hände am Leibe herunter. »Aufhören! – Warum denn?!« fragte er wirr und mit kraftlosem Willen. »Aber mein Herz ist auseinander' gerissen, meine Seele ist tot – und die wird erst wieder lebendig, wenn ich weiß, daß alles nicht wahr ist, daß ich im Fieber gewesen.« Mit beiden Händen fuhr er sich wie geistesabwesend über die hämmernden Schläfen. »Ich muß doch wissen, ob sie's mit dem niederträchtigen Menschen gehalten hat.« Seine Stimme nahm wieder an Heftigkeit zu. Es war wie das ferne Grollen eines Gewitters. »Ich muß doch wissen, ob sie ihren Leib, der mir gehörte, entweihte und von sich geworfen wie eine elende Nichtigkeit.« Er tat einen Schritt nach der gegenüberliegenden Türe. »Wohin wollen Sie?« Entschlossen war die Tanzmamsell zwischen ihn und die Kammerschwelle getreten. »Mein Weib suchen,« sagte Johannes. »Finden muß ich sie. Heraus soll sie kommen, bekennen soll sie, ob sie soeben von dort her, über den Hof fort, zu Ihnen und in diese Wohnung geflüchtet ist. Ich habe ihren Schatten gesehen. Und wenn sie es war, die bei meinem Kommen auf- und davonging, wenn sie es war, die in seinen Armen gelegen hat, während ich da oben in Sturm und Not wie ein Verzweifelter aushielt ...« Der dünne Blutfaden begann stärker zu fließen. »Himmel und Herrgott ...!« Wiederum streckte er die geballten Fäuste, dann schrie er wie ein gepeinigtes Tier auf: »Heraus soll sie kommen ...!« »Und wenn ich Ihnen sage ...« rief die Tanzmamsell mit gellendem Ton aus. »Was?!« schrie Johannes. »Sie ist nicht drüben gewesen.« »Aber wer denn, wer ist drüben gewesen?!« »Es geht um Leben und Sterben,« sagte Pauline. »Sie wollen es wissen – gut denn, Sie sollen es wissen: »ich war es – ich bin drüben gewesen – ich, ich, ich ...!« Ihr Kopf sank rückwärts. Die letzten Worte erstarrten in einem krampfhaften Lachen. Er stieß keinen Schrei aus und vergoß kein Träne. Er rührte und regte sich nicht. »Sie ...?« fragte er düster. »Ja,« nickte Pauline. Sie wußte nicht mehr, was sie gesagt und getan hatte Ein Brausen war um sie. Johannes sah sie mit leeren Augen an. »Dann ist mein Gang vergebens gewesen« sagte er mit zerrissenen Lauten. »Aber vor meinem Weib will ich knien, und um Verzeihung betteln – das will ich, und ihr Fuß soll auf meinen Nacken sich stellen ...« Eine vernichtende Stimme schlug ihm entgegen. »Sie lügt ...! Sie lügt ...!« Bettje Theißen war ins Zimmer gedrungen. »Nicht sie – sondern die da ist sündig geworden und hat's mit dem Menschen gehalten!« Sie deutete erregt nach dem Zimmer, das sie soeben verlassen hatte, dann schluchzte sie auf: »Fräulein Pauline ...! – Fräulein Pauline ...!« Wie schirmend hatte sie die Ärmste umschlungen. »Diese Not ...! – Dieses erbärmliche Elend ...!« Wiederum war das trockene und heisere Lachen aus ihm gefahren. Wie trunken wischte er sich das rinnende Blut aus der Stirne. »Also doch eine ...! – Fort da! – Mit diesen zwei Fäusten ...!« Er war seiner Sinne nicht mehr Herr. Verstört ging er der geschlossenen Tür zu. »Keinen Schritt weiter!« rief die Tanzmamsell. Mit ausgebreiteten Armen vertrat sie ihm die Schwelle, hinter der die Sünde im Staube lag und weinte. »Hier ist mein Heim und mein Reich,« sagte sie mit bleichen Lippen, »und keines Mannes Fuß soll das da betreten. – Niederwerfen müssen Sie mich – über mich fortgehn müssen Sie, bevor Sie in jenes Zimmer gelangen.« Ihre Blicke flammten. Hoheit ging von ihr aus. Das bescheidene Wesen, die arme, kleine Tanzmamsell war übermächtig geworden. »Später, wenn Ruhe und Einsicht gekommen – ist Ihnen diese Türe geöffnet. Früher nicht, so wahr ich hier stehe.« Und er beugte sich, beugte den Nacken vor der zwingenden Macht der armen, kleinen Tanzmamsell – und als er ihre todestraurigen Augen gewahrte ... Sie waren stärker denn alles, was ihm sonst schon im Leben begegnet war – und er fügte sich willig. »Gut,« sagte er mit schmerzlichem Lächeln, »dann habe ich nur noch mit dem da zu sprechen.« Und er wankte hinaus – er wankte über den Hof fort – er ging der Werkstätte zu ... Das trübe Licht daselbst war erloschen. Er fand nicht mehr, was er suchte. Seine Arbeitsstätte war leer. Da war er ruhig geworden, still und ruhig wie ein Mensch, dem das Schicksal gesagt hat: »Gehe nur, du hast alles verloren – und doch nichts verloren.« Und er wandte sich und suchte wieder das Haus auf, das er soeben verlassen hatte. Es ging auf Mitternacht, als er eintrat. Er fand die drei noch zusammen: die Tanzmamsell, Frau Hartjes und Bettje. Er fragte nicht mehr nach seinem Weibe, nahm aber die Hand Paulinens und küßte sie lange. Tränen fielen darauf, da er sie küßte. »Ich danke Ihnen,« sagte er leise, »ich danke Ihnen aus tiefster Seele. Sie haben mich vor dem Schlimmsten bewahrt, Sie haben mich vor meinem eigenen Selbst gerettet. Durch Sie habe ich mich wieder gefunden. Leben Sie wohl!« Und dann ging er wieder hinaus, so still und ruhig und gefaßt wie er gekommen war. Die Tanzmamsell sah ihm mit heißen Blicken nach. »Der gute, liebe Mensch,« sagte sie schmerzlich. Bettje Theißen fing sie auf mit liebenden Armen. XXII Und dann? Ein trübseliger Morgen, grau wie Aschensäcke, sah triefenden Auges auf das Werk der Zerstörung. Noch einige sperrige Balken ragten vom Turmkranz gen Himmel. Splitter und auseinandergerissene Hängewerke bedeckten den Platz um die Kirche. Das Mittelschiff hatte ernstlich gelitten, und drei mächtige Langhölzer hatten sich kopfüber in das Dach des Küsterhauses gestürzt und steckten nun da, als müßten sie ›Zeter und Mordio‹ schreien, taten's aber nicht; das hatte der Küster selber besorgt, als der Sturm sie herunterfiedelte und gerade den stärksten in das weitbauchige, zweispännige Küsterbett hineinpraktizierte. Der Kirchplatz sah aus wie ein Hopfenfeld, durch welches der Sturmwind gegangen. Wie ein besoffener Bauernlümmel mit Nägelschuhen und eckigen Ellbogen hatte er sich durch die Gassen geflegelt, hatte die Stangen gerüttelt und die Stangen gebrochen und war dann mit hellem Gejohle nach Hause gestolpert. Sperrige Splitter und Balken! – und ängstliche Dohlenschwärme fuhren ab und zu, lärmten und lamentierten, um dann in die nahegelegenen Wälder von Moyland zu rudern. Sie beschrieen das Unglück. Grades Gertzen lag auf den Tod bei den barmherzigen Schwestern. Joseph von Arimathia war ratlos – eine Ratlosigkeit, die noch verwehter und fahriger wurde, als er später vernahm, daß ehrlichdenkende Männer mit dem Vorhaben umgingen, bei der bischöflichen und staatlichen Behörde, der von ihm geschaffenen Zustände halber, vorstellig zu werden und die Dinge mit dem richtigen Namen zu nennen. Diese Frechheit! – Wo blieb da das Ansehn und die Autorität der Kapläne? – Und die dicke Therese ...?! – Sie blies Trübsal wie'n alter Wasserkessel auf seiner kupfernen Tülle, aber nicht wegen des heruntergekommenen Turmhelms, noch weniger ihres verunglückten Schwagers Gertzen wegen. Sie hatte andere Schmerzen. Die verhängnisvolle Stricknadel erschien ihr im Traum; sie war bei ihr, als sie erwachte und die armseligen Sterne im Morgengrauen verblinzelten. Immer hatte sie den mißhandelten Gerichtsvollzieher vor Augen, aber immer nur die Kehrseite von ihm – die Kehrseite mit der stählernen Nadel. Sie hörte das klägliche Indianergeheul, sie sah seine Sprünge, seine grotesken, wütigen Sprünge ... und wie sie um die Mittagszeit einen Kalbsrücken spickte: an Stelle der Spicknadel wähnte sie das Ding in Händen zu haben, das sie glaubensfreudig in den mächtigen Sitzteil von Herrn Frasselt gebohrt hatte. Es war zum Verzweifeln – und diese Verzweiflung reifte bei ihr zur fixen Idee aus. Sie betete, und zwar so innig und herzerhebend, wie sie es niemals getan hatte. Aber während des Gebetes saß ihr ein kitzeliger Finger im Nacken. Es war der Finger des Gerichtes. Sie vernahm eine Stimme – und die Stimme gehörte einem Mann, der ein schwarzes Barett und einen schwarzen Tatar trug. Und der Mann war von einer erschrecklichen Ruhe, hatte ein Gesetzbuch unterm Arm und eine goldene Brille auf der kritischen Nase und sagte kalt und ohne Erbarmen: »Fräulein Therese – zwei Monat' Gefängnis!« Das war ja zum Wahnsinnigwerden! – Sie ging zu Pitt Hoffmann. Pitt Hoffmann verwies sie auf das Martyrium gottwohlgefälliger Frauen. Selbst Julius sprach von weiblichen Blutzeugen, von denen er in der Christenlehre gehört hatte. Aber dieser Trost verfing nicht bei der dicken Therese. Kämpfen – ja, aber nicht leiden wollte sie für die bedrängte und gemaßregelte Kirche. Sie glaubte Heil und Erlösung bei Miekske Pollmann zu finden. Also zu Miekske! – Allein Miekske hatte kein Empfinden mehr für fremdes Elend. Sie hatte genug zu tun mit ihrer eigenen Betrübnis. Ihr Bruder Karlo Antonio war ein Verderbter, ein rückfälliger Mensch, ein niedriger Sünder; er war tot in ihrem Herzen geworden. Miekske fing Fliegen, zehn Fliegen, hundert Fliegen – und wenigstens zwanzig dicke Brummer waren darunter ... aber sie hatte kein empfängliches Herz mehr für die verhängnisvolle Stricknadel und ihre frühere Freundin. Bei der Frau Rektor wagte sie gar nicht mehr vorzusprechen, um deren Ansicht zu hören. Mit der war es nichts mehr. Die hatte schon längst weltliche Anwandlungen bekommen, hielt es mit der lutherschen Tanzmamsell und ließ Gras wachsen über alte Bekanntschaft. Da ging die dicke Therese nach Hause, schlug sich ihre gallertartigen Finger vors Gesicht und weinte, als hätte sie zehn dicke Zwiebeln gesäubert. »Fräulein Therese – zwei Monat' Gefängnis!« Entsetzlich! – – – Johannes Wesselink hatte seine Sachen geordnet. Während der ganzen Nacht hatte er gesucht, gesorgt und geschrieben. Es war eine mühselige und traurige Arbeit gewesen. Den geschriebenen Brief tat er in ein Kuvert, schloß ihn aber nicht. Ums Morgengrauen wollte er das Letzte besorgen. Es kam ihm hart an, als er in das Schlafzimmer mußte, wo sie früher geruht hatte. Da stand die alte Kirschholzkommode und daneben das große Himmelbett mit den blütenweißen Gardinen. Er konnte beides nicht mehr ansehn. Mit geschlossenen Augen betrat er die sonst so trauliche Kammer; mit geschlossenen Augen verließ er sie wieder, nachdem er einem Eckspind ein Päckchen mit Wertpapieren entnommen hatte. Sie stellten das Heiratsgut seiner Frau dar: Obligationen, Schuldverschreibungen und sonstige Effekten, rund dreißigtausend Taler zusammen. Seit dem ersten Tag seiner Ehe hatte er sie nicht mehr berührt; sie hatten ruhig gelegen und Zinsen getragen. Heute fühlte er sie wieder zwischen den Händen, trug sie ins Wohnzimmer und prüfte den Inhalt. Alles stimmte auf Heller und Pfennig. Mit einer Kordel schnürte er die Wertpapiere zusammen, tat den offenen Brief hinzu und steckte sie zu sich. »Das ist nun fertig,« sagte er leise. »Aber was jetzt – was nun weiter beginnen ...?« Er war still und gefaßt, und still und gefaßt ließ er sich am Fenster nieder, stützte den Kopf in die Hand und sah zu, wie der Morgen langsam jenseit der verschwommenen Ziegeldächer heraufstieg. Es war ein trüber und vergrämelter Morgen. Kein offenes Licht war in ihm, kein Willkommgruß, keine herzerquickende Freude. Er war dumpf und gedrückt wie Karfreitagsfrühe, wenn sie traurig hinter dem Kalvarienberg anhebt zu steigen. Kein Leben, kein sonniger Ausblick! Nur etliche Krähenvögel schwebten wie florige Gedanken über die Stadt hin. Sie hatten Richtung auf Moyland. Stunde um Stunde verging. Es war Tag geworden, aber diesem Tag fehlte das schöpferische Werde und die Lust am Leben. Er sah über die Erde mit wirrem Auge und wehem Denken. Sie gefiel ihm nicht die trostlose Erde mit all ihrer Verkehrtheit. Noch immer saß Johannes am Fenster. Die Wunde schmerzte, und mit dieser Schmerzempfindung kehrte alles noch einmal zurück, was er lieber aus seinem Geiste getilgt hätte. Langsam fuhr er sich mit der Hand über die Stirne. Es mochte auf zehn gehn. Jetzt wußten die Leute, was ihm alles passiert war. Gut – sie mochten es wissen. Er hatte sich damit abgefunden. Es war eben sein Schicksal, und es kam bloß darauf an, dieses Schicksal zu tragen – männlich und würdig zu tragen ... nur das Schlimmste nicht: irrsinnig werden, das durfte nicht kommen. Johannes erhob sich. Er mußte sein Tagewerk beginnen. Mechanisch zählte er daher an den Fingern herunter: »Erst zum Notar, dann zu Grades Gertzen bei den barmherzigen Schwestern, dann zu Leopold Derksen – und dann ...« Er verlor den Faden, griff ihn aber wieder auf, als er sich des offenen Briefes erinnerte, den er mit den Wertpapieren eingesteckt hatte. »Ja – und dann muß Leopold Derksen nach Moyland,« sagte er ruhig, »muß ihn finden, wo er auch sein mag, muß ihm den Brief übergeben, muß ihn hierher bestellen; denn Zahn um Zahn und Auge um Auge ...« Etwas wie eine dämonische Freude war in ihm, als er das ›Zahn um Zahn und Auge um Auge‹ herausgebracht hatte. Unwillkürlich fuhr er sich mit der geballten Faust gegen die Stirne. Aber er war dabei ruhig geblieben, ruhig wie die brütende Stille da draußen. Der matte Tag blenkerte in den gegenüberhängenden Spiegel. Auch das Gesicht des verlassenen Mannes stand darin, und als er hineinsah ... »Das nenne ich rechtschaffene Arbeit,« sagte er bitter. »So was muß man sich gründlich besehn und gründlich studieren, denn es wird nicht alle Tage geboten.« Und er sah nochmals hinein – stier und lange und mit einem heiseren Lachen. Scharfumgrenzt, von der linken Schläfe bis zum Hinterkopf hatte sich ein weißer Streifen gezogen. »So durchlebte Stunden bringen das fertig,« sagte Johannes, dann wandte er sich und verließ das Haus, wo ihn jedes Ding daran erinnerte, wie er nicht alleiniger Besitzer ihrer Seele und ihres Leibes gewesen. Eine ruchlose Gewalt hatte in seine Rechte gegriffen und den Tempel seiner Ehre geschändet. Alles vernichtet! – so geht Wassersnot über befruchtete Erde. »Also erst zum Notar,« sagte Johannes, machte aber doch einen Umweg, um seine Gedanken in die richtige Ordnung zu bringen. Obgleich eine Last auf seinen Schultern ruhte, die jeden anderen niedergedrückt hätte – er ging ungebeugt, wenn auch schweren Fußes, in Richtung der Sankt Nikolaikirche, wo das Unglück passiert war. Die Menschen sahen ihm nach, aber mit anderen Augen wie früher, nicht mehr mit starrem Hohn und hämischer Freude. Das Mitleid gibt Erkenntnis, und aus der Erkenntnis ringen sich Tränen. Sie sahen in ihm nicht mehr den Abtrünnigen, nicht mehr den Hohnsprecher aller kirchlichen Ordnung. Sie sahen ihn jetzt, wie er hoch oben in Not und Wetter gestanden, wie er gekämpft und gerungen, um das Werk seines Gegners vor dem Verderben zu schützen; sie sahen in ihm den Mann, dessen Herdfeuer entweiht war. Vor solchen Dingen streicht selbst die Bosheit ihre erbärmliche Flagge. Als Johannes Wesselink ging er vorüber, aber verklärt, wenn auch vom Elend gebrochen und bitter heimgesucht und geschlagen. Und das bringt Erkenntnis. Die früher widerwilligen Hände fuhren aus den Hosentaschen und griffen nach oben ... Die Menschen grüßten ihn wieder. Er sah über die Trümmer fort, und dann richteten sich seine Blicke still in die Höhe. Alles menschliche Können war dort oben eitel Stückwerk gewesen. Auf dem Kirchplatz trat ihm Franz Hartjes entgegen. Er wußte alles und legte den Arm in den seinen. Eine Weile ging der Rektor stumm neben ihm, dann sagte er leise: »Wesselink, wenn Sie es noch nicht gehört haben sollten ...« »Ich kann alles wissen,« sagte Johannes. »Sprechen Sie ruhig; ich habe sie aus meinem Herzen getan. Sie wohnt nicht mehr da; sie ist gestorben für mich, und was gestorben ist, wird nie mehr lebendig.« Er wischte sich still über die Augen. »Das ist gut so,« meinte der Rektor, »denn wenn man alles weiß, kann man das Lebenskonto besser beschließen und das übersinnen, was nun kommen soll. Man muß herzhaft in die Nesseln greifen; so gefaßte Nesseln verlieren an Erbärmlichkeit und vergessen ihr Brennen.« »Und das bedeutet?« fragte Johannes. »Sie ist in Moyland – hat sich dort eingetan und gedenkt demnächst mit ihm über das große Wasser ...« »Wer sagt das?« »Alle sagen es.« »Also demnächst ...?« fragte Johannes. Er kehrte sich um und sah über die umherliegenden Trümmer und Balken. »Ja,« versetzte der Rektor. »Und mit – ihm ...?« »Ja – mit ihm,« war die ruhige Antwort. »Mag sie gehn,« sagte Johannes und wandte sich wieder. »Aber er ...! – Aber er ...!« Seine Stimme nahm einen flatterigen und drohenden Ton an. »Um Gottes willen!« meinte der Rektor, »Sie wollten doch ruhig, gefaßt sein.« »Das bin ich,« sagte Johannes, »ich bin es soweit, wie es in meinen Kräften steht. Aber jener Mensch ist mir in die Speichen gefahren, hat mein Leben aus dem Geleise geschmissen – hat es fertig gebracht ... Und deshalb ...« Er hielt sich nicht länger. »Und deshalb, Herr Rektor,« rief er mit heiserem Lachen, »das Rad, zu dem die Speichen gehören, geht über ihn fort – zerreibt ihn – zermalmt ihn, so wahr ich noch Leben besitze!« Die Leute steckten tuschelnd die Köpfe zusammen. »Kommen Sie, Wesselink,« meinte der Rektor, »das ist nichts für alle Welt, das wird unter vier Augen gesagt und unter vier Augen betrieben. Sie müssen Ruhe haben, Sie müssen alles zu Hause noch einmal und genau überlegen.« »Zu Hause ...?!« lächelte Johannes, »wo das alles passiert ist? – Da brennen mir ja die Dielen unter den Füßen. Da sieht mich alles an, als wäre ich ehrlos geworden. Ich weiß, was ich tun muß. Das ist überlegt, ganz genau überlegt. Nein, Herr Rektor, ich muß jetzt zum Notar.« Und dann zählte er wieder mechanisch an den Fingern herunter: »Ja – ich muß zuerst zum Notar – und dann zu Grades Gertzen – und dann zu Leopold Derksen – und dann ... Davon hören Sie später, Herr Rektor. Ich bin mir ganz klar über das, was geschehn muß. Meine Entschlüsse reihen sich aneinander wie die Perlen am Rosenkranz. Die Kette ist völlig geschlossen. Nichts fehlt daran.« Noch einmal warf er einen Blick über die zerstreuten Balkengerüste; dann gingen sie: Johannes erleichterten Herzens, Hartjes mit schweren Gedanken und Sorgen. Was sollte das alles? – Wohin zielte das alles? Sie waren bis zur Wohnung des Notars gekommen. Hier hielt der Rektor den Fuß, an, nahm die Hand des gefaßt neben ihm stehenden Mannes und fragte: »Wesselink, was haben Sie vor?« Seine Worte hatten einen ängstlichen Anflug. »Ordnung schaffen,« sagte Johannes, »Kranke besuchen und trösten, eine aus dem Leim gegangene Ehre wieder aufs Frische verdiebeln und richten.« »Wesselink!« Der Rektor sah ihm starr in die Augen. »Nichts geschieht,« sagte Johannes, »was meinem Gewissen konträr geht. Leben Sie wohl, Hartjes,« und damit hatte er die Wohnung und die Amtsstube des Notars betreten. Der amtierende Notar war allein im Bureau, als Wesselink eintrat, empfing ihn mit ausgestreckten Händen, war aber sichtlich betroffen, als er den weißen Scheitel seines Klienten bemerkte. Johannes sah es und meinte: »Das ist sonst Sache des Alters; bei mir aber brachten es die verflossenen Stunden zuwege, und nun, Herr Notar« – und er legte das verschnürte Paket auf den Schreibtisch – »hier deponiere ich das Vermögen, das mir meine Frau seinerzeit mit in die Ehe gebracht hat: Schuldverschreibungen, Obligationen, hypothekarisch sichere Briefe ... und ich bitte darum, ihr diese Wertobjekte auf eine Art und Weise zustellen zu wollen, wie Sie es für richtig befinden. So wie sie mir das Kapital in einer glücklichen Stunde in die Hände gelegt hat, so und nicht anders, unter Belassung sämtlicher Zinsen, erhält sie es wieder.« »Es soll geschehn, Wesselink,« sagte der Notar, nahm die Wertpapiere an sich und legte sie zu den übrigen Assignaten. »Und nun, Herr Notar,« sagte Johannes, »ich möchte selber testieren. Man weiß nicht, was kommt. Ein gewissenhafter Mensch bestellt sein Haus, bevor es zu spät ist. Ich will Ihnen darüber Aufklärung geben.« Er sprach die nun folgenden Worte in einem flüsternden Ton. Aber der Notar verstand sie und hatte beide Hände des Testierers ergriffen. »Also das ist Ihr Wille auf Leben und Sterben?« fragte er mit einer Stimme, der man anmerkte, daß ihm die Worte Wesselinks ans Herz gegangen waren. »Ja,« sagte Johannes. »Wenn auch nicht heute und morgen – es können Jahre darüber vergehen – aber man kann immer nicht wissen ... Mein immobiler und mobiler Besitz ist nicht groß, dafür haben schon die kirchlich-politischen Wirren gesorgt, jedoch immer noch groß genug, Bedürftigen weiter zu helfen. Ihnen sei er vergönnt. Sie kennen ja Bettje Theißen und Fräulein von Satzenhofen. Die beiden haben mir hilfreich und opferfreudig zur Seite gestanden, als ich befürchten mußte, durch all mein Elend den Verstand zu verlieren. Durch ihr Eingreifen wurde das Schlimmste verhindert. Ich bin nicht zum Totschläger geworden – und daher ist es auch mein ernstlicher Wille ...« Er sprach nicht weiter. Die notarielle Verhandlung nahm ihren geregelten Fortgang. Nach einer Stunde war alles vollendet. Die Mittagsglocke hatte schon längst angeschlagen, als Johannes Wesselink am Kloster der barmherzigen Frauen die Klingel zog. Ein Nönnchen erschien, Weltentsagung auf den stillen Zügen, Weltentsagung im Herzen. »Wie geht es dem Meister?« fragte Johannes. »Nicht gut,« sagte das Nönnchen. »Er hat nach Ihnen verlangt. Wir haben zu Ihnen gesandt, aber Sie sind nicht zu Hause gewesen.« »Darf ich jetzt zu ihm?« »Ja, Sie können jetzt zu ihm,« sagte das Nönnchen. »Er hat nicht mehr lange zu leben. Er weiß es zwar nicht, obgleich er bei klarem Verstand ist, aber der kalte Brand ist in die Wunde geschlagen.« »Und ist keine Hoffnung vorhanden?« »Nein,« sagte das Nönnchen. Von der barmherzigen Schwester begleitet, die fast lautlos neben ihm schwebte, durchschritt er die weiten Gänge, die so ruhig und still waren, als müsse man die leisen Atemzüge der Barmherzigkeit spüren, die hier lebte und webte und mit friedlicher Hand die Werke der christlichen Nächstenliebe austat. Am Ende des Hauptganges flimmerte unter dem Bildstock einer gipsenen Madonna das ewige Lämpchen. Sein mildes Licht wirkte wohltuend, erlösend. Es war wie ein sonniges Lächeln, das von einer anderen Welt erzählte. »Hier,« sagte das Nönnchen, öffnete eine niedrige Tür und betrat mit Johannes das Zimmer, in welchem Grades die letzte Stätte gefunden hatte, von der er nur aufstehn sollte zu einem besseren Leben. Die Schwester hatte sich an das Fußende des schlichten Bettes begeben. »Herr Gertzen,« sagte sie leise, »hier kommt ein lieber Besuch.« Grades versuchte die Hände zu strecken. »Junge, Junge, Junge ...!« kam es mühsam von seinen trockenen Lippen herunter, »das bedeutet aber 'ne kolosale Reputatschon für meinen erbärmlichen Menschen.« Mit seinem dicken Zimmermannsdaumen wischte er sich schwach über die Augen. »Das freut mir aber, daß Sie mir hier noch beglücken.« Johannes war näher getreten und hatte die Hand des Kranken genommen. »Grades, das gehört sich so,« sagte er tröstend, »haben wir doch als Leidensgefährten gemeinsam dort oben gestanden.« »Ja woll,« lächelte Gertzen, »aber wie! – und ich frage: warum denn? – Ich mit 'ner Schnapsbouteille und als ein veritabler Esel – und Sie ...? – Sie haben als Konkurrenzmann mit's Können auf Ihrem kolosalen Thronsitz gesessen. Geholfen hat's zwar nicht mehr, aber daran bin ich alleinig das unschuldsvolle Karnickel gewesen.« Er lächelte traurig. »Grades, lassen wir das,« meinte Johannes. »So'n richtiges Unglück bringt die Menschen wieder zusammen. Wir haben's an unserem eigenen Leibe erfahren, und das soll auch so bleiben für später.« »Ja woll,« sagte der Kranke, »das ist auch ganz meine Erwartung. Pitt Hoffmann schmeiß' ich beiseite – und ich frage: warum denn? – Er ist 'ne Blamation für die katholische Kirche. Er hat mir aufgestochen, und wenn ich wieder mobil bin, dann tu' ich mir bei Ihnen als Lehrgeselle benehmen; denn ich bin man ein bloßer Zimmermannspinsel gewesen und halte meine Planens für dämlich und Ihre für richtig – und darum und deshalb ... Und nu komm mal her, Wesselink, und gib mir 'nen Versöhnungskuß – und wenn ich mal wieder wohlauf bin ...« Johannes beugte sich nieder. »Das freut mir aber kolosal,« sagte Grades, »daß du noch die majestätische Gnade besitzt, so 'nem alten Schnapskonkurrenzmann ...« »Das ist ein gottwohlgefälliges Sterben,« hauchte die Schwester, als sie bemerkte, wie der Kopf des Sprechenden leise zurücksank. Mit liebevollen Händen rückte sie ihm die Kissen zurecht. Seine Worte gingen ins Weite, ins Irre. Sie zerflatterten wie lose Bänder, die der Wind über die Kirchhofmauer hinwegtreibt. »Junge, Junge, Junge ...!« sagte er unstet, und dann warf er Schnapsbouteille, Sprengwerke und Balkensiele bunt durcheinander. Und dann wieder sprach er von Pitt Hoffmann und der dicken Therese, hielt Zwiesprache mit Joseph von Arimathia und dem Balken, der ihn niedergerissen, hielt seine Pläne für dämliche Pläne und wollte absolut nicht vom Turme herunter. »Junge, Junge, Junge ...!« sagte er schließlich, »du bist doch der Kerl mit's kolosale Handwerk gewesen.« Dann schien er zu schlummern. Noch immer hielt Johannes seine Rechte in Händen. Die Schwester warf ihm einen beklommenen Blick zu. »Es ist Zeit,« sagte sie leise. Und da ging Johannes bewegt aus dem Zimmer, nahm von dem Nönnchen Abschied und begab sich ins Freie. »Nun zu Leopold Derksen,« meinte er ruhig, atmete kräftig auf und schluckte seine Traurigkeit und seine Beklemmung hinunter. Seinem früheren Gegner hatte er Lebewohl gesagt. Ein Stein war ihm vom Herzen gefallen. Grades konnte in Frieden dahinziehn, und das sollte bald kommen. Aber er – er mußte noch leben, mußte noch die Rechnung begleichen, mußte noch das Letzte besorgen – und wenn das besorgt war ... Es war ja nicht so leicht von der heimischen Erde Abschied zu nehmen, denn es konnte doch immer passieren ... Aber die Ehre, die Ehre ...! – Die alten Linden vor dem Kloster schüttelten ihre würdigen Häupter, als er vorbeiging. Eine Ringeltaube flog ab und zu. Er hörte ihr feines und melancholisches Rucksen. Gemessenen Schrittes bog er in eine Seitengasse ein. Fünf Minuten später vernahm er das laute Zwiegespräch von Hammer und Amboß. Die beiden redeten eine deutliche Sprache und ließen sich nicht auf diplomatische Verschmitztheiten ein. Klar und bestimmt gaben sie ihre Meinung zum besten, und Funken waren dazwischen. »Ricke – tacke ...!« Mit Schurzfell und Quäkerbart, der wie ein abgeriffelter Taukranz aussah und sich von Ohrläppchen zu Ohrläppchen hinzog, stand Leopold Derksen am Amboß. Sein Hammer bearbeitete eine glühende Pflugschar. Sein Schwiegersohn Jans ließ den Blasebalg fauchen und prusten. »Halt!« sagte Leopold Derksen, als Johannes seine Schmiede betrat, »nobler Besuch will honorig begrüßt sein,« stellte den Hammer beiseite, trocknete seine schwieligen Hände am Schurzfell ab und ging ihm entgegen. »Tag, Johannes, wo geht's dich? – Schlecht, das weiß ich, hundsmiserabel – und ich wäre schon vor Mittag als braver preußischer Obergefreiter zu dir gekommen, um dir mit meiner Kondolierung gehorsamst unter die Augen zu treten – aber wie das so ist: Unglück will allein sein. Das muß zuerst seine Abkühlung haben. In so was soll man sich nicht hineinmengeln. – Nu aber: du kommst von allein; also du willst was. Du willst mir gebrauchen. Gut – ich steh' zur Verfügung. Ganz mein Pangschang, »und wenn's mit dem Bandeisen sein müßte.« »Ja, Derksen, ich will was,« sagte Johannes. »Dann bitte ich dir in meine Gute Stube hierneben, denn bevor du dich meiner bedienst, muß ich dir beweisen, daß ich jetzt ein ehrlicher, ordentlicher und fleißiger Kerl bin. Also – ich bitte hierneben.« Er dienerte mit einer feierlichen Geste und ließ seinem Freunde den Vortritt. Johannes ahnte nicht, wo der schnurrige Kauz hinauswollte, fügte sich aber und betrat mit ihm ein rechts von der Schmiede gelegenes Zimmer, wo sie allein waren, und Derksen mit einer gewissen Würde und Förmlichkeit eine Schublade aufschloß und auszog. »Johannes, was siehst du?« fragte er hierauf. »Fünf Geldsäcke.« »Richtig – à hundert Taler, die ich dir abgepumpt habe. Sie haben mir aus der schwersten und miserabelsten Predullig geholfen, desgleichen dito meinem auserwählten Fraumensch von Tochter. Morgen gehen sie retour an deine Adresse.« »Schön,« sagte Johannes. »Bitte,« entgegnete Derksen, »das war ich mir als Obergefreiter und alter Achtundvierziger schuldig, und nu ...« Er deutete mit seinem rußigen Zeigefinger auf ein wackeliges Glasspind, in welchem sich Porzellanassietten, Teller und Kaffeetassen befanden. »Was siehst du da, lieber Johannes?« »Je, was soll ich sehen? – Kaffeetassen und Teller.« »Höher – auf die erste Etage!« »'ne Schnapsflasche.« »Richtig – 'ne Schnapsflasche, wie sie auch dein armer Konkurrenzmann gebraucht hat; denn ich war leider wie er mit demselben Übel befangen. Aber ich frage dir jetzt: ist die Bouteille voll oder ledig?« »Leer,« sagte Johannes. »Du mußt sie richtig unter Beaugenscheinigung nehmen, lieber Johannes.« »Ich kann mir nicht helfen – aber ich finde sie leer,« sagte Wesselink. »Dann irrst du dir,« lachte der Alte und bekam seinen haarigen Taukranz zu fassen. »Der leibhaftige Schnapsteufel ist drin. Ich habe ihn hineinpraktiziert, verstöpselt und desgleichen dito versiegelt. Und so wahr ich mir Leopold Derksen benenne« – und er schlug sich dabei auf das Schurzfell, daß es krachte und knallte – »so wahr habe ich, seitdem du mir die fünfhundert Taler geborgt hast, keinen Tropfen ›Ollen Klaren‹ mehr hinter die Binde gegossen. Auf Parole – das bin ich dir und meinen königlich preußischen Obergefreitenknöppen schuldig gewesen. Und die da« – und er zeigte dabei auf die verstöpselte Flasche – »zum ewigen Angedenken soll sie da stehen.« »Das ist brav,« sagte Johannes. »Und nu,« fiel der Alte dazwischen, »da ich mir dir gegenüber als ehrlich herausdividiert habe, kannst du dir meiner auch ehrlich bedienen. Hier steh' ich, Johannes – los dafür.« »Das will ich,« sagte Wesselink und fuhr sich dabei wie grübelnd über die Stirne. »Derksen, Ihr kennt doch mein Unglück?« »Ja,« sagte Derksen und tat so, als sei er gewillt, etliche Partikelchen Hammerschlag von seinem Schurzfell herunterzublasen, brachte es aber vor Schluchzen nicht fertig. »Das kenn' ich, Johannes. Ich habe schon darüber nachsimuliert und desgleichen dito gedacht: Eigentlich bist du schuldig an das niederträchtige Unglück, denn was sie ist – du hast sie selber mit der liebwerten Tanzmamsell aus dem Kloster getrommelt, und das ist von uns beiden 'ne riesige Dummheit gewesen. Nu aber, Johannes ...« »Ihr sollt mir einen Gefallen erweisen.« »Mach' ich.« »Und nach Moyland hinüber.« »Zu Pollmann, zu dem verfluchten Zuaven?« »Ja.« »Mach' ich desgleichen dito. Soll ich direkt ein Bandeisen mitnehmen, um dem imfamen Kerl mit der Zuavenmontierung ...?« »Nein – aber diesen Brief sollt Ihr in seine Hände legen, Derksen, in seine eigenen Hände. Es ist ein Schriftstück auf Leben und Sterben.« Mühsam brachte er das offene Schreiben zum Vorschein. »Von seinem Inhalt sollt Ihr Kenntnis erhalten,« sagte er beklommenen Herzens, »damit Ihr Euch einrichten könnt, wenn's not tut.« »Schön,« nickte Derksen. Und Wesselink las, erst leise, bedächtig und mit weher Stimme, oft unterbrochen von seinem aufmerksamen Zuhörer, dann immer stärker, nachhaltiger und zuletzt mit bitterem Ingrimm. »Und daher,« kam er zum Schluß, »ich erwarte Sie innerhalb fünf Tagen auf meinem Grund und Boden und auf der Stelle, wo Sie es gewagt haben, mein Glück zu erwürgen. Aussprache und Ausgleich sind nötig. Kommen Sie nicht – dann komme ich, und glauben Sie mir: ich weiß Sie zu finden. Nichts hilft Ihnen, vor nichts sind Sie sicher, bis wir Auge in Auge gestanden. Ich bin Ihr Schatten, Ihr Verhängnis – jeden Tag, jede Stunde, jede Minute ... Sie entgehen mir nicht. Ich stehe vor Ihnen, bevor Sie es wissen – totensicher. Also am besten: Sie kommen. Wesselink.« Eine tiefe Stille folgte dem Vorlesen des Briefes. Einen Augenblick glaubte der Alte, das Herz wolle ihm stille stehn unter dem Schurzfell. Dann bekriegte er sich. Wortlos hatte er die Hand des jungen Zimmermeisters ergriffen. »Ich verstehe dir, lieber Johannes,« meinte er schließlich. »Die Sache ist somit abgetan,« sagte Wesselink. »Abgetan,« versetzte der Alte, »noch heute geh' ich nach Moyland.« »Lebt wohl denn!« »Johannes, noch ein Wort; aber nicht von wegen die Sache – die wird gemacht – sondern von wegen des Kanzleibogens. Hast du dir auch unterschrieben?« »Wo unterschrieben?« »Unter die große Geschichte. Heute – soeben. Herr Piepmann geht mit Tinte und Feder herum. Er ist ganz Feuer und Fett für die Sache. Sie melden an die Regierung und das bischöfliche Hochamt. Ganz meine Meinung. Sie wollen Joseph von Arimathia und die heillosen Zustände ins Land transponieren, wo der Pfeffer wachst.« »Ach, Gott, Derksen ...!« sagte Wesselink, »ich habe jetzt an andere Dinge zu denken. Später vielleicht ...« »Schön – aber unterfertigen mußt du dir ernstlich. Es gilt dem Vaterland und dem Herrn Doktor Steinberger. Ich, der Herr Notar, der Rektor, der Doktor – kurzum alle Patriotischen haben sich bereits unterschrieben. – Also es bleibt dabei: ich gehe nach Moyland. Adjüs denn, Johannes.« Noch einmal sah ihm Wesselink still und fest in die Augen. »Aber bevor Ihr hingeht, müßt Ihr noch Grades Gertzen besuchen,« sagte er ruhig. »Der Mann lebt nicht mehr lange.« »Weiß ich. Hab's schon gehört. Es ist doch 'ne fürchterliche Nacht da oben gewesen! – Ich mache noch zu ihm. Er ist ja in seinem Geschäft man 'ne bloße Zimmermannsnull, aber sonst ein gottwohlgefälliger Hammel unter uns Männern gewesen. Bettstellagen aufbauen und abreißen – das konnt' er, aber desgleichen dito keinen Turmhelm errichten. Da gehören denn doch andere Könners dahinter. Hat's ja auch da oben nicht nötig. – Gott habe ihn selig! – Johannes, die menschliche Dummheit kommt doch immer zu Fall. Ich meine ihn damit und seine Schwägerin, die dicke Therese. Lassen wir sie; aber dem Kerl mit der Zuavenmontierung ... Na, du wirst es schon machen.« »Ja,« sagte Wesselink, »Zahn um Zahn ...« Sein Auge blitzte. »Das ist ganz mein Pangschang,« ergrimmte sich Derksen, »und Auge um Auge ... Du kannst dir auf meine königlich preußischen Obergefreitenknöppe verlassen.« Er stierte zu Boden. Als er aufblickte, hatte Johannes Wesselink das Zimmer verlassen. XXIII Entweder du oder ich Der Abend kam. Eine bange, lange Nacht ging herum. Es war eine Nacht voller Qualen und Schmerzen. Sie wollte weinen und konnte nicht weinen. Sie war wie eine zerrissene, menschliche Seele gewesen, die vor lauter Kümmernis und Not keine Tränen mehr hatte. Mit einem schmerzlichen Lächeln schied sie, als der Morgen erwachte. Gottes liebe Sonne küßte die niederrheinische Erde, und aus den Roggenstoppeln stieg eine Lerche gen Himmel. – Leopold Derksen war in Moyland und im Rentmeisterhause gewesen. Er hatte seinen Auftrag erledigt und Luise bei Karlo Antonio Pollmann gefunden. Sie war ihm wie eine Verlorene entgegengetreten, die darüber nachzugrübeln schien, was sie jetzt noch mit ihrem Leben anfangen sollte. Als er zurückkehrte, war er wie im Traume seines Weges gegangen, und verwehten Sinnes hatte er die wurmstichigen Äpfel gezählt, die auf der Landstraße und in den Chausseegräben lagen. »Fallobst, Fallobst ...!« sagte Leopold Derksen, als er die verlorenen Früchte am Boden gewahrte, und war dann still und nachdenklich bei Johannes erschienen. Noch um die Mittagszeit hatte Herr Piepmann seinen Rundgang beendet, siegelte zwei gewichtige Briefe in großen Kuverts und pfiff dazu: »Einen Postbrief tat ich schreiben, Einen Postbrief und auch zwei ...« und ließ sie in Gottes weite Welt hinausgehn. Der eine war an die bischöfliche Behörde, der andere an die königliche Regierung gerichtet. Stäwe Rademaker fühlte sich ordentlich, als er mit den beiden Schreiben auf- und davonfuhr. Aber er war kaum zum Tore heraus, hatte kaum den stillen Gottesacker passiert, als ein dumpfer, wehmütiger Ton aus der Höhe herabkam. Gottes Welt lag so schön da, und Gottes Welt lag so friedlich da – und nun mußte so ein trauriges Läuten darüber hinweggehn! Es war die Totenglocke, die anschlug. »Jetzt ist Grades Gertzen gestorben,« sagte Stäwe, hielt die Pferde für einen Augenblick an und nahm seinen Postillonshut vom Kopf herunter. Er wandte sich rückwärts. Da lag die kleine Stadt hinter den kanadischen Pappeln. Er sah keine Dächer. Sie hielten sich hinter den dichten Kronen verborgen. Aber den Turm von Sankt Nikolai, den helmlosen Turm, von dem nur vereinzelte Balken aufragten – den sah er, und er hörte die Totenklage, die aus seinem Munde herauskam. »Er hatte kein Glück auf der Welt,« sagte Stäwe, schnalzte mit der Zunge und nahm wieder Kurs auf. Im schlanken Trabe kutschierte er mit den beiden wichtigen Briefen landeinwärts. – Schon am frühen Morgen war Johannes Wesselink in seine Werkstatt gegangen. Er war noch bleicher, ruhiger, gefaßter denn am Tage zuvor; nur in seinen Blicken lag ein eigentümliches Schimmern. Er mußte sich Gewalt antun, um seine innere Erregung niederzuhalten, denn an dem Ort, wo er jetzt weilte, war der Frevel geschehen. In einer Ecke des weiten Raumes stand ein massiger Schrank, in dem er seine Gerätschaften aufzubewahren pflegte. Bedächtig schloß er die Tür auf und prüfte mit kritischen Blicken die einzelnen Äxte und Beile, die, nach Grüße und Schwere geordnet, an eingekeilten Holzpflöcken hingen. Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben, entnahm zwei Äxte dem Schrank, prüfte die Länge der Stiele, maß die konvexen Flächen der Schneiden, glitt etliche Male mit dem Finger über die Schärfen hinweg, und als er gefunden hatte, daß beide Werkzeuge in ihrer Beschaffenheit und Handhabung gleichwertig waren, legte er sie still nebeneinander und ging dann in sein Haus, um auf den Verwüster seiner Ehre zu warten. Der erste Tag ging herum. Herr Karlo Antonio kam nicht. »Er muß aber kommen,« sagte Johannes und harrte geduldig des folgenden Tages. Der andere Morgen kam und der andere Abend. – Johannes wartete bis die Sterne am Himmel standen. Er wartete vergebens. »Er muß aber kommen,« sagte er brütend, »sonst muß ich in die Ärmel fahren und ihn suchen – und ich weiß ihn zu finden.« – Am dritten Tage, um Vesperzeit, wurde Grades Gertzen vom Kloster der barmherzigen Frauen aus beerdigt. Es war eine einfache Feier. Johannes ging mit, und Leopold Derksen ging auch mit. Als erster warf Johannes Wesselink einen Spaten voll Erde auf den Sarg des heimgegangenen Mannes. Pitt Hoffmann war nicht wieder zu kennen. Obgleich sein Geschäft wieder blühte – durch die mißlichen Umstände der letzten Tage hatte er sein Selbstbewußtsein und das Pompöse seines äußeren Menschen verloren. Das sonst so feste und energische Handhaben des Medaillenstabes wollte ihm nicht mehr gelingen. Pitt meditierte. Unter seinem Trauerzylinder hatte er allerlei Gedanken, und diese Gedanken beschäftigten sich mit Joseph von Arimathia, Therese und kirchlichen Dingen, und da hatte er das vage Empfinden, daß sein Zukunfts-Gärtlein mit Unkraut bestellt war. Gesenkten Kopfes verließ er den Kirchhof. Die Leidtragenden verliefen sich. Grades Gertzen hatte seine letzte Ruhestätte gefunden, und der Wind ging über die Gräser, raschelte und raunte und erzählte Geschichten von Kreuzen und welken Totenkränzen – betrübte Geschichten, die sich leise zwischen den alten Trauerweiden verfingen. – Der Nachmittag war müde in seinem Schaffen geworden. Es wollte Abend werden. Rotgoldene Sonnenfüßchen trippelten über die Dächer, kletterten höher und höher und tänzelten schließlich zu den zarten Federwölkchen empor, die wie große Pfirsichblüten hoch oben vorbeischwebten. Noch waren Schwalben im Blauen. Als aber die Sonnenstrahlen ihr liebliches Tänzeln einstellten, und die großen Pfirsichblüten allmählich abstarben, da vergaßen auch sie ihr heiteres Fliegen und Schwenken und senkten sich talwärts. Es war Dämmerung eingetreten. Um diese Stunde ging Johannes Wesselink über den Hofraum. Am Fenster stand die Tanzmamsell mit verweinten Augen. Als sie ihn sah, trat sie unauffällig ins Zimmer zurück. Sie hatte das Gefühl von einem kommenden Unheil. Bettje Theißen war bei ihr. Johannes aber ging in die Werkstatt und besah sich die Äxte, die sich noch immer in der nämlichen Form und Fassung befanden, wie er sie hingelegt hatte. Ein wehmütiger, aber strenger Blick glitt über sie fort, und da sagte Johannes: »Liegt man ruhig, eure Zeit wird schon kommen,« und dann ging er grübelnd und insichgekehrt in seine verödete Wohnung, wo er Leopold Derksen vorfand. »Tag, Johannes, wo geht's dich?« sagte der Alte. »Hat der Kerl mit der Zuavenmontierung dir Abbitte erwiesen?« »Nein,« sagte Wesselink. »Also noch immer nicht?« »Nein.« »Glaub's schon.« lächelte Derksen, »so'n Mensch hat niemals die preußischen Obergefreitenknöppe besessen, desgleichen dito nicht die Preußische Ehre im Leibe – und du sollst sehn, er geht mit ihr übers große Wasser, bevor du ihm noch Mores gelernt hast. Weiber verführen – ja, das tun so 'ne Zuaven, aber Farbe bekennen – niemals ... Duckmäuser sind sie, aber keine Freiheitshelden, Johannes ...!« »Das wollen wir sehn,« sagte Wesselink; er knöchelte mit der Hand über die Platte des Tisches. »Morgen ist der letzte Termin, und wenn er bis zu dieser Stunde nicht hier ist ...« Zäh rangen sich die letzten Worte von den trockenen Lippen herunter. »Was willst du tun?« fragte der Alte. »Ich?« »Ja – du.« »Weiter nichts,« sagte Wesselink mit geschlossenen Augen, »als das wieder gewinnen, was mir abhanden gekommen. Die Ehre ist von mir gegangen, gewaltsam von mir gegangen. Derksen, ich bin ehrlos geworden, aber auf der Werkstatt will ich stehn und warten und hoffen und harren. Und rufen will ich: Ehre, komm wieder! Und sie kommt wieder, darauf könnt Ihr Euch heilig verlassen. Und finde ich sie nicht auf meinem eigenen Grund und Boden, so weiß ich sie anderweitig zu finden, oder« – und er knöchelte wieder über den Tisch fort – »sie wird mich finden, totensicher wird sie mich finden, wenn auch mit stillem Herzen und gespaltenem Schädel.« »Johannes ...!« Der Alte hatte seine Hände ergriffen. Langsam drehte er den Kopf auf den Schultern. In dem vom eisgrauen Quäkerbart umrahmten Gesicht stand ein plötzliches Leuchten. »Du kriegst sie wieder,« meinte er heimlich, »denn ich glaube, da kommt wer.« »Also doch,« sagte Johannes. Alles Blut war aus seinen Wangen getreten. »Und Ihr, Derksen,« fuhr er mit heiserer Stimme fort, »Ihr sollt mir einen Gefallen erweisen. Dort am Torweg, am Nußbaum sollt Ihr stehn, wenn ich mit ihm die Werkstatt betrete – und warten sollt Ihr, bis er wieder herauskommt, oder ich wieder komme und sage: Ich danke Euch, Derksen. Aber jetzt: wir müssen allein sein und unsere Rechnung begleichen.« Der Alte sah ihn mit seinen stahlgrauen Augen an. Ungelenkig rieb er die Hände zusammen. »Und dann ...?« fragte er schließlich. »Das sei meine Sache,« meinte Johannes. »Schon,« versetzte Leopold Derksen. Draußen im Flur ließen sich Schritte vernehmen. »Also« – Ihr wollt mir den Gefallen erweisen?« »Mach' ich,« sagte der Alte. »Adjüs denn, und halte dir tapfer, Johannes. Zahn um Zahn und Auge um Auge – das ist immer mein Pangschang und mein Spruch als Freiheitsheld und königlich preußischer Obergefreiter gewesen.« Noch einmal hielt er ihm die schwielige Hand hin, dann ging er nach draußen – und als er hinausging ... Langsam und unstet war Karlo Antonio Pollmann ins Zimmer getreten. Es war so still in der Stube geworden, daß man die Heimchen geigen hörte, die im Laden des Bäckers nebenan sich einquartiert hatten und dem schlummermüden Tag zur guten Nacht auffiedelten. Die beiden Männer standen sich starr gegenüber. »Also Sie kommen ...« brach Johannes schließlich das quälende Schweigen. »Ja.« »Das ist auch besser so,« war die ruhige Antwort. Karlo Antonio war näher getreten. »Und wegen des Schreibens – was soll das?« fragte er düster. »Was wollten Sie überhaupt mit dieser Drohung bezwecken? Sie ist doch aus freien Stücken zu mir gekommen.« »Wenn auch,« fügte Johannes. »Was wollen Sie also?« »Eine Aussprache ist nötig,« sagte Wesselink mit unheimlicher Ruhe. »Warum lange in Nacht und Nebel herumtappen, wenn man Licht haben kann? Ich muß in eine dunkle Sache hineinleuchten, die uns beide betrifft. Es ist dunkel um mich, und in dieser Finsternis ist etwas von mir gegangen, ohne mein Zutun von mir gegangen, dem ich leuchten muß, damit es nicht weiter in die Irre hineingeht. Es muß wieder Licht um mich werden – und in dieser Helligkeit hoffe ich das wieder zu finden, was ich verloren habe: meine häusliche Ehre.« Er hatte so leidenschaftslos gesprochen, so frei von jeder Gehässigkeit, als hätte er mit dem Kruzifix auf dem Kalvarienberg geredet. Fest und bestimmt, aber ohne jede Erregung sah er seinem Gegner ins Auge. »Sie verstehn das doch alles?« fragte er leise. Er erhielt keine Antwort. »Auch gut,« sagte Johannes. »Was Sie mir genommen haben – das liegt hinter mir. Ich bin darüber hinweggegangen, wie man über eine Tote hinweggeht, die, als sie noch lebend war und haßte und liebte, einem zurufen konnte: Mensch, werde irrsinnig, damit ich das Bett mit einem anderen teile. Und darum ...« Seine Stimme nahm an Erregung zu. »Sie ist von mir gegangen und gestorben für mich. Ich habe keinen Haß für sie, ich habe kein Mitleid für sie, ich habe keine Tränen für sie. Was zwischen uns noch zu regeln war, ist abgemacht und geschlichtet. Leib und Seele sind getrennt, Zeiten liegen zwischen uns, und über ihr Eigen mag sie verfügen von Rechts wegen und wie die Bestimmung es vorschreibt. Auch das ist geordnet. – Aber eins ist noch nicht geordnet und harrt noch auf Austrag. Auch das muß seine Erledigung finden. Es geht nicht so einfach, das weiß ich, aber es muß gehn. Es wird hart auf hart kommen, das seh' ich voraus – denn so eine auf- und davongegangene Ehre läßt sich nicht auf friedlichem Wege wieder gewinnen. Es ist eitel Lüge, wenn die Menschen das Gegenteil sagen. Es ist Mangel an Mut, wenn sie sich hinter diese Lüge verstecken. So eine verscheuchte Ehre ist ein eigenes Wesen. Die hört nicht auf liebevollen Zuspruch und den Entscheid der Gerichte. Nur eine kräftige Hand und ein glaubensstarkes Herz vermögen sie zu zwingen und meistens dann erst, wenn zwei sich gegenüber stehn, und zwar Auge in Auge – wenn sie angehalten wird, sich mit Blut dem eigenen Selbst wieder zu verkitten.« Er rang nach Atem. »Sie werden mich jetzt wohl verstehn?« fragte er nochmals. Um die bleichen Lippen Karlo Antonios zog ein frostiges Lächeln. »Ich weiß nicht, was Sie wollen,« sagte er nach längerem Schweigen. Seine Stimme war kantig und schartig geworden. Nicht?! – aber ich weiß, daß Sie mich verstanden haben,« versetzte Johannes mit eisiger Kälte, »und das genügt mir. – Mensch, werde irrsinnig, damit ich das Bett mit einem anderen teile ... Sie haben das Bett mit ihr geteilt – aber ich bin nicht darüber närrisch geworden. Ich bin bei vollem Verstand und will weiter nichts – als meine Ehre wieder gewinnen. Lediglich das ist zu ordnen; das andere ist für mich beiseite getan und erledigt. Also – kommen Sie ...« »Wohin?« »Wohin ich Sie führe,« sagte Johannes. Karlo Antonio hatte einen Fluch auf den Lippen. Ein lähmendes Gefühl suchte ihn niederzudrücken, aber er folgte. Er folgte wie ein Mann, der gezwungen in ein Ungewisses Dunkel hineingeht. Die beiden Männer verließen das Haus und gingen über den Hof weg. Im alten Nußbaum war ein leises Säuseln und Raunen. Die Heimchen im Bäckerladen nebenan geigten immer lauter und lauter. Jedes einzelne Stimmchen war deutlich erkennbar. Es war noch klar in der Luft und die Dämmerung noch nicht übermächtig geworden. Jedes Blatt hing so scharfumrissen da, als wäre es mit einem feinen Tuschpinsel gegen den Abendhimmel gezeichnet. Tief im Westen, jenseit der niedrigen Ziegeldächer, stand noch ein verlorenes Blinken, das wie ein stilles Grüßen über die müde Gegend hinaussah. Eine warme, treibende Sehnsucht, ein banges Erwarten ging über die kleine niederrheinische Stadt hin. Von den nahgelegenen Wiesen her duftete das Heu, das die Sense im zweiten Gange geworfen hatte. Verspätete Vögel ruderten in das matte Licht des untergegangenen Tages. Und der alte Nußbaum redete seine eigene Sprache – und Leopold Derksen. hatte sich eine Pfeife angebrannt und stand ruhig auf Posten – und Bettje Theißen, die gerade dabei war, wieder die Junifeuer in Gedanken anzufachen, bemerkte, wie die beiden Männer der Werkstätte zugingen, und da wandte sie sich, von weher Ahnung getrieben, zur Tanzmamsell und versuchte in tiefer Not, ihr Erklärung zu geben. Sie konnte kaum sprechen. Johannes und Karlo Antonio hatten die Schwelle erreicht. Hinter den beiden schloß sich das Tor. Dann lag alles wie in Lautlosigkeit begraben. Eine Minute verging, fünf Minuten vergingen; es war, als wenn die Ewigkeit ins Nichts hineingegähnt hätte. Die beiden Männer maßen sich schweigend. Durch das Oberlicht der Werkstätte fiel ein verlorener Lichtschein. Die einzelnen Gegenstände, die sich in dem unwirtlichen Räume befanden, waren nicht mehr deutlich erkennbar. Schatten gingen darüber hin. In allen Ecken hingen graue Tücher, die die Dämmerung ausgespannt hatte. Der Gesang der Heimchen vermochte nicht, bis in diesen einsamen Winkel zu dringen. Nichts Heiteres mehr! – nur neben der Tür, auf einer Werkbank lag noch etwas Blinkes und Blankes, dem auch die Schatten nichts anhaben konnten. Es blenkerte weiter und hatte das Aussehn wie zwei Wolfsaugen, die ruhig und lauernd aus dem Dunkel heraussahen. Es waren Wolfsaugen – aber Wolfsaugen in harten, stählernen Köpfen, und die Köpfe hatten ein nadelscharfes Gebiß und fletschten ihre gierigen Schneiden ... »Sind Sie fertig?« fragte Johannes. »Was soll ich?« meinte Karlo Antonio. Ein eisiges Frieren saß ihm im Nacken. Bedrückt sah er auf die blanken Wolfsaugen in den stählernen Köpfen. Ein heiseres Lachen schlug ihm entgegen. »Nichts weiter wie Mann gegen Mann stehn.« Ruhig deutete Johannes auf die beiden Äxte. »Eine für Sie, eine für mich,« sagte er, ohne mit der Stimme stärker zu werden, »es sind gleichwertige Waffen.« »Und da soll ich ...?« »Ja,« sagte Johannes. »Die Stunde ist da, wo ich die gemordete Ehre wiederum zum Leben erwecke. Durch so was wird sie wieder lebendig. Vorwärts!« »Sie sind wohl verrückt ...!« »Ja,« lachte der Ärmste, »weil ich Sie noch so estimiere, weil ich Sie noch so halber für ehrlich anspreche. Totschlagen hätte ich Sie sollen wie 'nen tollen Hund auf der Straße. Aber ich will Barmherzigkeit üben. Ich stelle mich Ihnen. Gleiche Chancen für jeden. Nun aber vorwärts ...!« Seine Stimme nahm einen rollenden Ton an. Den Rock warf er von sich. Hemdärmelig hatte er eine der beiden Äxte ergriffen. Als hätte das tote Metall in seiner Faust Leben bekommen, so dehnte es sich, streckte es sich, wurde größer und schwerer – und seine Raubtieraugen funkelten gierig. Wie ein Mann, der über seine eigene Größe hinauswuchs, stand er vor dem Verderber seiner geschändeten Ehre. »Hund, greife zu!« Seine Stimme war wie die Stimme eines Verzweifelten, der alles auf die letzte Karte gesetzt hatte. »Mensch ...!« schrie Karlo Antonio. Eine wütige Verstörung hatte sich an ihn geworfen. Ein Zittern durchfuhr ihn. Der Boden schwankte unter ihm, als wäre unterirdisches Feuer darunter, als stände er auf einem schwelenden Torfmoor. Mit einem dumpfen Laut, der jählings abbrach, wandte er sich – ging er der Tür zu. »Keinen Schritt mehr, oder ich werde zum Mörder ...!« »Du ...!« Karlo Antonio stieß einen gellenden, fast tierischen Laut aus. Er fühlte sich eingekäfigt und fand keinen Ausweg. Er mußte; er konnte nicht anders. »Wenn es denn sein muß – ich komme ...!« Er riß sich gleichfalls den Rock vom Leibe herunter, sprang zu und hatte gleichfalls das furchtbare Ding mit den gierigen Raubtieraugen gefaustet. » Sacramento ...! – Verdammter ...!« In blinder Wut und auf Tod und Leben hob er die Axt auf. »Gut so!« rief ihm Johannes entgegen. Es klang wie jubelnd. »Entweder du oder ich ...! – Ehre, komm herein; die Tür steht geöffnet!« Es war fast dunkel geworden. Nur das Oberlicht stand wie eine mattfahle Scheibe über den beiden. Das war alles. Aber sie sahen sich dennoch. Und sie sahen sich bis in die innersten Gedanken hinein – und sie sahen den Haß, der in ihnen aufkochte – und sie sahen das Weib, das alles verschuldet – und sie sahen den Tod ... Und die beiden erhobenen Schneiden blitzten sich an ... Hungrig saßen sie auf ihren mächtigen Stielen ... Sie wollten fressen und trinken ... »Ehre, komm herein,« schrie Johannes noch einmal, »die Tür steht geöffnet ...!« Und dann ... Es war, als hätte eine weltfremde Stimme gerufen ... eine weltfremde Stimme, wie eine Stimme im Walde, die einer wegemüden, verirrten Seele nachgeht, um sie wiederzufinden. Und dann kam sie näher – und dann war sie bei ihm ... Sie war gekommen, als hätte die Not sie auf ihren Flügeln herübergetragen. Es war die Stimme der Angst und die treue Stimme der Erlösung. »Johannes, lieber Johannes ...!« Es war wie ein Sehnen und Suchen und ein endliches Finden. Es war wie ein Traum – und doch geschah alles wirklich und wahrhaft. Und die Raubtieraugen hatten ihre Gier und ihr Blinken vergessen. Lahm sank ihm die Axt am Leibe herunter. Und dann wieder die Stimme – die flehende Stimme – die Stimme der Not und der jähen Verzweiflung. »Johannes, lieber Johannes ...!« Ein warmer, weicher Frauenkörper drängte sich an ihn. Er fühlte das Haar und den berauschenden Odem des Weibes. Und zwei Arme umschlangen ihn – und er sah noch, wie eine weiße Hand sich zwischen ihn und einen Gegner drängte und sich schirmend emporhob ... Die Waffe entfiel ihm und schlug klingend zu Boden. Dann war es Nacht vor seinen Augen geworden, aber die kleine Hand, die ihn langsam hinauszog, die ihn an Leopold Derksen vorbei bis in Bettjes Wohnung geleitete, die ihn fest hielt, als wollte sie ihn nie mehr lassen im Leben, die fühlte er noch – und er fühlte sie, als sie schon längst nicht mehr da war. – Und sie blieben noch lange zusammen: die Tanzmamsell, Bettje Theißen und er. Dann ging er. Still und gefaßt und ohne jede Erregung betrat er wieder seine eigene Schwelle. Leopold Derksen erwartete ihn. »Johannes,« meinte der Alte und faßte den Arm seines Freundes, »du mußt mir das nicht übel vermerken. Ich habe mir das überlegt: Lump bleibt Lump; er verdiente die Axt nicht. Sie war zu gut für ihn – und daher: ich habe sie nicht hindern wollen, denn es ist doch so 'ne Art von Gottessache gewesen.« »Wie ...?!« »Gottessache! – Die Liebe ist Gottessache, Johannes.« »Und die Ehre ...?!« »Sei überzeugt: eine liebe Hand hat sie dir wiedergegeben, Johannes.« Wesselink sah dem Sprecher starr in die Augen. – Ja, das mit der Ehre ...! Er glaubte sie wiedergefunden zu haben. Ja – er hatte sie wiedergefunden. – Die Stunden vergingen, und die Nacht öffnete ihr Schatzkästlein und schmückte sich mit Myriaden von Perlen. In allen Häusern taten sich die Lichter auf, brannten Stunde um Stunde und verloschen dann wieder. Im Zimmer der armen Tanzmamsell aber brannte die Lampe am längsten. Erst ums Morgengrauen verlosch sie. Die Tanzmamsell war nicht allein; Bettje Theißen war bei ihr. Währenddem plauderte ein linder Wind und geigten die Heimchen. Aber wie sie auch zum Schlafe aufspielen mochten, traulich und heimlich – die Tanzmamsell konnte ihre Ruhe nicht finden. Die beiden sprachen von dem, was alles passiert war. Die Stunden vergingen unter Tränen und Herzeleid. Plötzlich erhob sich Bettje Theißen und sagte mit halberstickter Stimme und schmerzlichem Lächeln: »Was Sie getan haben, ist groß und gut gewesen, Fräulein Pauline.« Die Tanzmamsell sah sie mit kindlichen Blicken an. »Wenn ich ihm nur sagen dürfte, wie lieb ich ihn habe ...!« Und ein Schluchzen ergriff sie, ein herzzerreißendes Schluchzen. Da machte Bettje Theißen schöne und heilige Augen und sah still und groß in den jungen Morgen hinein, der langsam heraufstieg. XXIV Ostern Ja – wäre man bloß nicht der eklige Finger des Gesetzes gewesen ...! Aber er war da. – Wenn die dicke Therese ihre Suppe umrührte, rührte er mit, wenn sie sich ins Bett gelegt hatte, tippte er auf den Daunenkissen herum und ließ sie nicht schlafen, wenn sie ihr Gebetbuch vorhatte und inbrünstig die Lippen bewegte, raschelte er in den abgenutzten Müttern, machte pudelnärrische Geschichten und Sprünge und zeigte dann nach der Türe ... Und dann ging die Türe auf und ächzte und piepste, und dann kam so ein schmächtiges, engbrüstiges Ding ins Zimmer geschlichen, langbeinig wie 'ne Kankerspinne und von erbärmlichem Aussehn. Das war die Stricknadel – die entsetzliche Stricknadel! Sie hatte ein fast menschliches Aussehn, und sie schwitzte Angsttropfen, machte ein wehmütiges Gesicht, knickste etliche Male vor der dicken Therese und sagte dann mit einer weinerlichen und bekümmerten Stimme: »Therese, zwei Monat' Gefängnis.« Und dann ging das unheimliche Ding wieder zur Türe, aber langsam, ganz langsam wie 'ne verschnupfte Prinzessin, knickste noch einmal und ließ Spuren zurück, ganz deutliche Spuren. »Der Angstschweiß kommt über mich und meine Kinder!« sagte die dicke Therese, und das Grauen schüttelte sie. »Aber ich habe ja keine,« fügte sie ergänzend hinzu, »Jesus, mein Heiland ...!« Und dann ging sie in ihrer Not hinaus, um, wie sie es gewohnt war, Trost bei ihren Mitmenschen zu suchen. Bei Miekske sprach sie nicht mehr vor. Miekske Pollmann war selber mehr tot als lebendig. Auf Frau Hartjes verzichtete sie überhaupt. Die Frau Präsidentin hatte schon längst das ultramontane Fähnlein gestrichen und war ihr gegenüber so kühl und frostig wie ein Hundeschnäuzchen geworden. Herr Butterweck jedoch, mit dem sie sich in letzter Zeit angefreundet hatte, sprach ihr einigermaßen Mut zu und versuchte, die unheilvolle Stricknadelgeschichte unter eine mildere Beleuchtung zu rücken. Als Mann des Gesetzes ließ er es bei einer Geldstrafe bewenden. »Drei Taler höchstens,« meinte er mit aller Zuversicht und strich dabei seinen martialischen Schnurrbart. Ja – Frau Pitt Hoffmann ging sogar noch weiter in Anrechnung der mildernden Umstände, und wenn Therese bei ihr vorsprach, hatte das pummelige Weibchen immer die nämlichen Fragen auf Lager. »Sind Sie nicht immer ein selbstverleugnerisches und edles Faktotum von morrens bis abends gewesen?« »Ja,« sagte die Dicke, »das bin ich immer gewesen.« »Und sind Sie nicht als Haushälterin bei einem geistlichen Herrn bedienstet?« »Auch das,« meinte Therese. »Na, denn,« sagte Frau Hoffmann. »Mein Pitt hat jetzt die Meinung bekommen, daß kein Gericht der Welt 'ne geistliche Jungfrau einstechen dürfe. Drum sollen Sie nicht solche fitalen Akkuschemangs in Ihren Gedanken besitzen, sondern den Kopf oben behalten und sich freuen, Ihre Stricknadel zur höheren Ehre Gottes dem gotteslästerlichen Menschen in seine Sitzgelegenheit gedrechselt zu haben.« »Und das glauben Sie wirklich?« »Wie sich das gehört,« sagte Frau Hoffmann, »Sie werden nicht eingestochen und brauchen auch keine Talers zu zahlen. – Das leidet niemals unser himmlischer Vater im Himmel, und dabei legte sie ihre Hände glaubenskräftig auf ihren stattlichen Busen. »Gott sei gedankt!«, sagte die dicke Therese, und dann ging sie getröstet fort, um anderen Tages wiederum von der entsetzlichen Stricknadel bekomplimentiert zu werden und den kitzeligen Finger des Gesetzes im Nacken zu spüren. Gewiß – Frau Pitt Hoffmann war eine weise und sehr verständige Frau, aber sie war doch nicht verständig genug, sich in der Wirrnis des Strafgesetzbuches zurechtzufinden und den richtigen Paragraphen beim Wickel zu kriegen. Sie hatte daneben gewahrsagt, denn eines Tages stand die arme Therese mit etlichen Zeugen und Gegenzeugen vor einem grasgrünen Tisch in Kleve. Und hinter demselben saß ein Mann mit einer mächtigen Schmarre und einer goldenen Brille. Er trug ein Barett auf dem Kopfe und hatte einen schwarzen Talar an. Auch hatte er ein Gesetzbuch vor sich liegen, etliche weiße Kanzleibogen und Feder und Bleistift. Und der Mann redete in sehr ernstem Tone von vorsätzlicher Körperverletzung und von Widerstand gegen die Staatsgewalt. Hierauf nahm er so und so viele Bestimmungen und Paragraphen beim Kopfe und erläuterte jedes; sprach allerdings von mildernden Umständen, lächelte auch in behaglicher und lustiger Weise, verbiß sich aber schließlich derart in den Abschnitt VII des deutschen Reichsstrafgesetzbuches, daß er nicht anders konnte und der dicken Therese zwei Monate und acht Tage Gefängnis diktierte. »Was ...?!« schrie die Dicke, und sie brachte in weinerlichem und stehendem Tone ihre Gegengründe ins Treffen. Der Mann im Barett und mit der mächtigen Schmarre blieb kalt und gefühllos. Sie redete davon, daß sie eine keusche und unbescholtene Person sei. Der Mann im Barett lächelte zwar, bezweifelte auch gar nicht das Keusche ihres Lebenswandels, verharrte aber auf seinem Standpunkt und strich seinen hellblonden, wohlgepflegten Schnurrbart nach aufwärts. Sie sprach davon, daß sie bei einem geistlichen Herrn im Dienst sei, daß dieser ohne sie nichts anfangen könne. Der Mann im schwarzen Tatar bedauerte sehr die mißliche Lage, die er wohl einsähe und zu begreifen vermöge, der Spruch jedoch ließe keine Änderung zu, und es ginge nicht anders. Endlich berief sie sich auf Frau Hoffmann und den allmächtigen Vater im Himmel, der es nicht zugeben würde, daß sie bestraft werden sollte. Der Mann mit der goldenen Brille estimierte zwar den lieben Gott über alles, erhob sich aber und ließ es, ohne mit der Wimper zu zucken, bei zwei Monaten und acht Tagen Gefängnis bewenden. »Jesus Christus – du, mein himmlischer Vater ...!« Und der Herbstwind ging über die Stoppel, das Mariengarn häkelte sich quer, durch die Sträucher, und die Schwalben flogen gen Süden. Die Bäume warfen ihr Laub ab; wie von goldenen Dukaten flatterte es in den herbstlichen Lüften. Der Häher spektakelte durch die laubkahlen Äste, der Hamster zog mit gemästetem Wams zu Bau, und als der erste Flutterschnee sacht und leise die Erde berührte, aber von ihr noch aufgeschluckt wurde, als wäre er so gut wie gar nicht vom Himmel gekommen – rieb sich die dicke Therese die verweinten Augen, sagte dem Grauen Hause und den noch graueren Wänden ›adjüs‹ und ließ sich mit gebrochenem Herzen von Stäwe Rademaker wieder in die liebe Heimat kutschieren. Bei Joseph von Arimathia pochte sie an – aber sie Pochte vergebens. Fremde Gesichter und fremde Gardinen ...! – und das Wachtelhündchen, das im blankgescheuerten Hausflur kläffte und bellte, war nicht mehr das Wachtelhündchen von früher. Selbst die Kanarienrolle, die ihr aus dem Studierzimmer entgegentönte, wies eine gänzlich andere Klangfarbe auf. Da ging Therese betrübt ihres Weges, nahm die Mildtätigkeit der Armenverwaltung in Anspruch und tat sich ein bei den bedürftigen Frauen und Jungfrauen, die gemeinschaftlich ein stilles Haus auf der Grabenstraße bewohnten. – Die gesammelten Unterschriften und die beiden gewichtigen Briefe, die Herr Severin Piepmann seinerzeit und in Kraft übertragener Vollmacht an die königliche Regierung und an das bischöfliche Generalvikariat zu Münster abgeschickt hatte, waren nicht ohne die erhoffte Wirkung geblieben. Auch war Doktor Steinberger nicht der Mann gewesen, pater peccavi zu sagen und sich ins Bockshorn jagen zu lassen. Er hatte den Willen gestrafft und mit seiner Ansicht nicht hinter dem Berge gehalten. Klar wie Brunnenwasser und lauter wie die Luft, die auf den Höhen weht, waren seine Worte gewesen, und dabei hatte er sein Herz aufgetan, daß man hineinsehn konnte bis in den verborgensten Winkel. Es war anzuschauen wie ein wohlgepflegter Garten mit schönen Früchten und duftigen Blumen; kein Unkraut war darin und kein böses Gesäme. Und alle Rabatten trugen eine wohlgeschnittene Buchsbaumumrahmung. Das hatte dem Bischof gefallen, denn ein Mann, der es verstand, derart seinen Herzensgarten in Pflege und Ordnung zu halten, mochte auch ein guter Hüter sein im Lebensgarten der Menschheit. Und da hatte der Bischof gesprochen, und die königliche Regierung war nicht müßig geblieben. Joseph von Arimathia aber hatte Order erhalten, von nun an mehr auf den Balken in seinem eigenen Auge und weniger auf die Splitter in den Augen anderer Leute zu achten – und da war aus Morgen und Abend ein Tag geworden; und der Morgen und Abende waren viele gekommen. Und da eines Tages zog Joseph Sauerbier verbittert über die Grenze nach Holland. Es war eine dünne Gemeinde, die ihn als Seelsorger aufnahm. Sie lag in der Utrechter Heide – und über die Heide lief allmorgens und abends ein miserables Glöckchen mit einem dünnen, hungrigen und kränklichen Sümmchen – und war alles öde und einsam. In dieser Öde konnte er nachdenken über seine bisherige Sendung. Sie war nicht gott- und menschenwohlgefällig gewesen. Und das hungrige Glöckchen klang so hundsmiserabel über Ginster und Buchweizenstoppel, daß selbst die dicke Therese es vorzog, zu bleiben, wo sie war, und nicht dem zweifelhaften Lockruf des mageren Geläutes zu folgen, – Armer Joseph von Arimathia! – Doktor Steinberger hingegen ... Er amtierte wieder in seinen liebgewordenen Räumen, in seinem alten Kirchspiel, und die Menschen erkannten, daß er ein guter Hirte war und seine Herde weidete nach bestem Gewissen und Wissen. Sie erkannten, daß er mit seinem Stabe die Quelle der wahren Herzerquickung anschlug, wie Moses sie angeschlagen hatte, da er mit seinem Volke durch die öde Wüste gezogen. –- Alsdann war ein klingender Frost über die niederrheinische Erde gegangen. Spatzen und Ammern gingen hausieren. Auf den Tennen wurde gedroschen. Auch aus den Scheunen des Barons von Steengracht hallten die taktmäßigen Schläge der Dreschflegel über die stillen Felder und verschwiegenen Wälder von Moyland. Aber der frühere Gutsverwalter hörte nicht mehr das taktmäßige Rufen und Klingen. Er war zu weit fort, um das hören zu können. Seine Wohnung stand leer und verödet. Nur ein Ding, das mit einem päpstlichen Zuavenkäppi Ähnlichkeit hatte, lag auf einer Bodenkammer in einem Winkel – vergessen und einsam. Zwei allerliebste Zwitschermäuschen hatten dort mit ihrer Familie Winterherberge genommen und sich ein warmes Nestchen errichtet. Karlo Antonio aber und Luise waren über das große Wasser gezogen, zwei weltfremde und verlorene Menschen, um drüben stumpf und dumpf weiter zu leben. Und der mächtige Ozean wälzte seine grauen Wasserberge zwischen sie und die frühere Heimat, und eine Stimme donnerte aus ihm heraus und gegen das Land an, eine gewaltige Stimme, und die Stimme war unbarmherzig und hart und gebot mit kalter Betonung: »Nie mehr hinüber!« Alles verschleiert und grau und unendlich – und immer das Wogen des unendlichen Meeres und die ewige Stimme: »Nie mehr hinüber!« Und da vergaßen auch die Menschen in der kleinen Stadt, was sich alles begeben hatte. Nur Miekske Pollmann vergaß nicht. In ihrem grenzenlosen Elend hatte sie die Leitung der Nähschule aufgeben müssen. Barmherzige Leute sorgten für ihren täglichen Unterhalt. Die ›Malör-Penning-Kasse‹ stand zwar noch immer auf dem nämlichen Tisch, an dem die kleinen Mädchen genäht und gelacht und sonstige Kurzweil getrieben hatten, aber sie war ein Ding ohne Geist und Inhalt geworden. Auch nicht der lumpigste Pfennig kümmerte sich mehr um sie. Nichts mehr, nichts mehr! – und Miekske hatte nur einen Gedanken, und das war ihr verlorener Bruder, von dem sie täglich und stündlich erhoffte, daß er als reuiger Sünder zurückkehren würde. Aber sie harrte und hoffte vergebens. Sie fing nur Fliegen und dicke Brummer, sie konnte nichts anderes und kam sich vor wie ein armes Menschenkind, das allabends auf den Kirchhof mit dem Laternchen hinausmußte, um ein verlorenes Leben auf der Stätte des Todes zu suchen. Pitt Hoffmann, der öfters vorbeikam, machte jedesmal ein langes Gesicht, wenn er die traurige Verfassung von Miekske Pollmann bemerkte. »Mama, die wird nicht wieder – die kann nicht mehr werden ...« »Wie sich das gehört,« sagte alsdann die brave Frau Hoffmann, »denn was hat Miekske auf Erden? Keine Aufmunterung, kein gar nichts. Aber da oben ...« Und dann zeigte sie bedeutungsvoll mit ihrem patschigen Zeigefinger gen Himmel. »Schon möglich,« replizierte hierauf Pitt mit bedenklicher Pose, »aber das bringt mir kein Dittchen, denn sie wird man dritter Klasse beerdigt.« Und dann ging er hin und entnahm dem Wandschrank einen gebrannten Wacholder. – Und jenseit des Binnenlandes, jenseit der Heimat: alles verschleiert und grau und unendlich. Und immer das Wogen des allmächtigen Meeres und die ewige Stimme: »Nie mehr hinüber!« »Nie mehr hinüber!« * Ja – ein klingender, fröhlicher Frost war über die niederrheinische Erde gegangen. Ab und zu schrie eine Weide im Tief auf, wenn die Kälte ihr unter Bast und Splint und bis ins Mark des Herzens gefahren. Wildgänse zogen gen Süden. Um Weihnachten standen zwei Frauengestalten am Grabe der alten Baronin. Die Herbstastern waren über die gefrorene Erde geworfen; dafür aber lag ein frischer Buchsbaumkranz mit künstlichen Blumen zwischen den erstarrten Blüten und Blättern. Bis spät in die Nacht hinein flämmerte ein Unschlittlämpchen auf der vereinsamten und doch so sehr umtrauerten Stätte. Die Sterne standen darüber und leuchteten mit seltsamem Glänze. Sie brachten einen Gruß aus dem Himmel herunter. Und die Kälte, wuchs und mehrte sich ständig. Sie ging im Fuchspelz über die Erde; sie gebot den Wassern, stille zu stehn und den Kolken, ihr tiefgründiges Gurgeln zu lassen. Und da blinkten sie auf, als wäre eine kristallene Decke darüber geworfen. Aber ein noch schöneres Blinken war über den Wesselinkschen Werkplatz gekommen. Die Sonne lachte in die scharfen Äxte und Beile hinein, die jetzt wieder in altgewohnter Freude und Fröhlichkeit hantierten und schafften. Balken wurden behauen und Spreng- und Hängewerke gerichtet. Fast täglich kam Doktor Steinberger herüber, der ein reges Interesse für den Fortgang der Arbeit bekundete und die Vollendung des neu zu errichtenden Turmhelms von Sankt Nikolai um Sexagesimae in Aussicht genommen hatte. Sein Kommen war stets mit einem heiteren Lächeln begleitet, obgleich Staat und Kirche, trotz der klingenden Kälte, immer mehr in Siedehitze gerieten. Mit Johannes Wesselink sprach er große und heilige Worte, und wenn er den Werkplatz verließ, dann atmete der junge Meister still und ruhig auf, und seine Gedanken wanderten nicht und zogen nicht übers Meer, um ein verlorenes Dasein zu suchen. Sie konnten es nicht und durften es nicht; denn bleiern rollte der Ozean seine grauen und unendlichen Wogen jenseit der Heimat, und wie aus weiter Ferne hallte ihm eine mächtige und zwingende Stimme zu Ohren: »Nie mehr hinüber!« Zeitweilig sah er sich bei der Arbeit um und um und ging seinem Denken nach. Und in sein Denken wehte ein frischer Wind, so daß er auf die richtige Fährte gelangte, wo am Straßenrain die stillen Blumen der Erkenntnis gediehen. Er Pflückte sie ab und vereinte sie zu einem duftigen Strauße. Und da dachte Johannes: »Was nicht zusammengehört und auseinandergegangen ist, das soll der Mensch nicht mehr zu binden versuchen. Es ist ein Unding und ein eitel Beginnen, Unseliges heilig machen zu wollen; versucht er es dennoch, so schafft er nur Äußerliches und Inhaltloses. Alles bleibt Stückwerk, schafft nicht Frieden und Freude, bringt Zweifel unter die Sparren und wird nicht gewertet bei dem, der Herzen und Nieren kennt und geboren wurde in heiliger Weihnacht.« – Entschlossen ging er daher an die Gerichte in Kleve und legte alles nieder, um den Zwang und die Last des quälenden Bündnisses von sich nehmen zu lassen. Es waren traurige Stunden, sein früheres Unglück noch einmal durchleben zu müssen. Er trank den Leidenskelch bis auf die bittere Hefe. Eines Tages aber wurde die schwere Bürde von ihm genommen. Und da solches geschah, war der Tag Sexagesimae nicht mehr fern. Mächtig ragte das Gerüst des Helmes in die stahlblauen Lüfte hinein, der Schieferdecker tat seine Arbeit in schwindelnder Höhe, und zum Zeichen des guten Gelingens ragte eine junge Tanne vom goldenen Turmknauf; und Stechpalmkränze steckten daran und farbige Bänder. Am Tage Sexagesimae selber wurde die Weihe vollzogen. Leopold Derksen war in seinem neuen Schurzfell eitel Freude und Seligkeit. Er warf sich so stolz und siegesgewiß in die Brust, als habe er selber den Turmhelm errichtet. In seiner Beseligung war er nicht mehr von der Seite seines Freundes zu schlagen. Auch der Notar war anwesend und Doktor Horré und Herr Severin Piepmann. Pitt Hoffmann jedoch stand mit seiner Frau vor der Haustür, hatte seinen Trauerbibi aufgesetzt und ließ mit bittersüßem Gesicht seine Pleureuse über den Marktplatz flottieren. Er wollte sich nun einmal nicht freuen. »Mama,« sagte er niedergeschlagen, »die Welt geht zugrunde.« Als die Feier vorbei war, reichte Doktor Steinberger dem jungen Meister die Hand und sah ihm lange und tief in die Augen. Er sprach kein Wort dabei, aber Johannes verstand ihn. – Und Tage vergingen und Wochen. Die lustige Fastnacht kam, die Weidengerten schmückten sich mit silberlichten Kätzchen; Wässerchen und Rinnsale begannen wieder zu stießen ... und dann war das Frühjahr gekommen. Frühjahr und Frühlingsfreude in niederrheinischen Landen ...! Und wie das Frühjahr kam, da wurde die arme Tanzmamsell immer stiller und stiller. Sie bangte für sich und für ihn und für die kommenden Tage, die sie hinwegführen sollten von der einsamen Stätte, wo sie vieles Irren gesehn und Sorgen durchlebt hatte, wo aber auch der Geist einer tiefen Sehnsucht umherging und sie ansah mit glücklichen und doch so unsäglich traurigen Blicken. Und dann wieder schwellte ihr Herz auf, dehnte sich wie die Knospen da draußen, die nach Luft und Erlösung rangen und einer glücklichen Zukunft, um plötzlich wieder zurückgeworfen zu werden in eine verkümmerte Leere und öde, die weit um sie her lag, ununterbrochen und unbegrenzt bis dort, wo der dunkle Horizont den Himmel berührte. Es war ein stetes Sorgen und Bangen und ein verzweifeltes Ringen. Aber kein Licht stand über der trostlosen Öde, nur ein fahles Scheinen und Dämmern, das nicht stark genug war, das sanfte Kommen des befreienden Morgengrauens verheißen zu können. Ach, wenn der Morgen doch käme! – und wäre nicht Bettje Theißen gewesen ... Weh und weidwund war Pauline seit dem Tode ihrer Mutter geblieben, und selbst die stille Heiterkeit, die rings die Natur belebte, vermochte nicht, ihr Tröstung zu bringen. Während der Spätsommertage und der langen Winterabende hatte sie sich durch stetige Arbeit ehrlich über Wasser gehalten, hatte buntfarbige Georginen und Rosen aus Wachs bossiert und sie an den Mann gebracht – und schimmerten Tautropfen und Perlen in den künstlichen Blumenkelchen, so waren es Tränen, die die arme Tanzmamsell hineingeweint hatte. »Du weißt ja nicht, was du aus mir gemacht hast, lieber Johannes ...!« Sie sah ihn nur selten; sie vermied, ihn zu sehen – und wenn sie ihn sah, dann glaubte sie, daß ihr grenzenloser Jammer wie ein Schrei aus ihrer Brust herausbrechen müßte. Bald ging sie fort, und dann begegnete sie ihm wohl nie mehr auf Erden. Bei diesem Gedanken fühlte sie jedesmal das Nahen einer starren Gewalt, die ihr das arme Herz abstoßen wollte. Aber ein Hauch sehnsüchtiger Liebe verschönte ihr Antlitz, machte es weich und sinnig und so still verklärt, wie der Lenz die Natur und das Leben verklärt, wenn sein linder Odem zuerst über die erwachende Erde dahinweht und die Veilchen erweckt zu einem wonnigen Dasein. – Ostern fiel spät in diesem Jahre. Längst schwebten die Lerchen ob den grünenden Wiesen. Die Himmelsschlüsselchen hoben die Köpfchen und wunderten sich und sahen zu, wie die jubilierenden Pünktchen immer höher in das tiefe Blau hineinflogen, um endlich ganz zu verschwinden. Etwas Sonntägiges ging durch die schöne Gotteswelt und legte über die dunklen Schlehdornhecken schneeweiße Spitzen und über die Pfirsichbäume zartrosige Tücher und weckte ein Treiben und Dehnen in der geworfenen Scholle, und es war so, als wenn sich die Erde Wie ein junges Weib bräutlich schmückte, um ihren Leib reizvoll zu machen. Und dann fiel ein lauwarmer und weicher Regen vom Himmel. Nur vereinzelte Sterne blinzelten in den Frühlingsnächten herunter und redeten ihre eigene Sprache. Ein Schauern war unter ihnen, ein stimmberedtes Fordern und eine treibende Sehnsucht. Es war Ende der Karwoche. Einer alten Gewohnheit gemäß waren die Glocken nach Rom geflogen. Während der Leidensgeschichte des Herrn wurde keine Glocke geläutet. Die Narzissen taten ihre Kelche auf – und am Spätnachmittage vor Ostern stand Bettje Theißen vor der Haustür und sah, wie Wesselink über den Hof kam. Bettje war heute merkwürdig niedergeschlagen. Weltverloren sah sie in den erwachenden Frühling; ihre Augen waren noch heiliger denn an sonstigen Tagen. Sie rief Wesselink an. »Nach den Feiertagen geht sie,« sagte sie mit weicher Betonung. Er sah fassungslos auf, obgleich er längst wußte, daß sie nicht mehr bleiben konnte und wollte. »Und geht – für immer?« fragte er leise. Es kam ihm gepreßt von der Seele. »Ja,« sagte Bettje. »Ich hielt sie gerne, aber wer weiß, was in ihrem Innern vorgeht.« Da ging er mit zuckendem Munde seines Weges, um sein Leid und Weh im stillen zu tragen. Gewaltsam kämpfte er seine Unruhe nieder. – Gegen Abend kamen die Glocken von Rom zurück. Feiertägig läuteten sie das Fest der Ostern ein, und feiertägig schwenkten die jungen Birken ihre zartgrünen Fahnen durchs Land hin. »Ostern! – Ostern!« sangen die Kinder, und die Alten falteten die Hände und hörten still zu, wie das sanfte Geläut über die niederrheinische Erde dahinzog. Bis spät in den Abend hinein hatte die arme Tanzmamsell ihre Sachen geordnet, hatte die Koffer gepackt und die Schachteln übereinander gestapelt und war dann müde auf die Kissen gesunken. Halb im Traum und halb im Wachen hörte sie auf die verlorenen Ostergrüße da draußen. Ein leidvoller Friede legte sich um ihre zierlichen Lippen. Wie in einem Dämmern der Seele durchlebte sie noch einmal die vergangenen Zeiten. Sie war allein in der Stube, und nur die Lampe warf einen milden Schein umher und spielte mit einem lichtweißen Kreis gegen die niedrige Decke. Bettje Theißen schaffte noch oben für den morgigen Sonntag. Es mochte auf neun gehn, als Johannes das Haus verließ, um noch einsam über Damm und Deiche zu irren. Er sah die erhellte Gardine. Wie einem stummen Gebote folgend, hielt er den Fuß an. Er vermochte es nicht mehr, sich aus dem Bannkreis des erleuchteten Fensters zu lösen. »Nach den Feiertagen geht sie,« sagte ihm eine innere Stimme, »und du siehst sie nie wieder – niemals wieder im Leben ...« Da reckte sich seine Gestalt höher und höher; ein fester Wille beherrschte ihn, und er streckte die Arme in verzehrender Lust aus, als müsse er etwas an sich reißen, was von ihm wollte, um nie mehr wieder zu kommen – und da schüttelte er alle Bedenken von sich, nahm das Gegenwärtige wahr und betrat leise die Stube, so wie man in eine Kirche hineingeht. Und da sah er sie liegen mit weißen Schultern und halbwachen Augen. Aber sie schreckte nicht auf und fühlte kein Bangen; sie lag wie ein Kind, dem eine märchenhafte Stimme verkündet: »Nun tue die Seele auf, denn du sollst etwas Liebes empfangen.« Und sie empfing etwas Liebes. »Pauline ...!« »Johannes ...!« »Siehst du,« sagte er mit verhaltenen Worten, »nun bin ich zu dir gekommen.« »Wie gut du bist,« sagte sie leise. Ihre halbwachen Augen erschlossen sich plötzlich. Wie in stiller Feier hob sie ihm ihre Arme selig entgegen. Und da war er näher getreten und setzte sich zu ihr. Und sie ließ es geschehen, daß er mit ihrem Schläfenhaar spielte, ihre Schultern berührte und dann schüchtern bis zu ihren Händen herabglitt. »Soll ich dir sagen, warum ich gekommen bin?« fragte er mit beklommener Stimme. »Ja – du, du ...!« »Das Leid sollst du von mir nehmen,« sagte er ruhig, »an das kalte, tote Herz sollst du klopfen, daß es wieder Leben gewinnt und wieder hoffen und lieben kann wie in früheren Tagen. Die düsteren Farben, die mir vor Augen stehn, sollst du scheuchen – und meine Seele sollst du auftun – auftun – auftun! – daß sie wieder gesundet.« Er hatte beide Arme um ihre zarten Glieder geschlungen. »Willst du?« flüsterte er mit inniger Stimme. »Ja – ich will,« hauchte sie zärtlich, »und du – du liebst mich, Johannes?!« Er sah sie mit leuchtenden Augen an. Und da fühlte sie seine Hand auf ihrem Haar und auf ihrem Munde seine zuckenden Lippen. Keiner sprach mehr und wagte zu sprechen. Sie wähnten, es sei etwas Heiliges durch die Stube gegangen. Es war auch etwas Heiliges durch die Stube gegangen – und blieb in der Stube, denn Gottes Friede war da und breitete die Arme und segnete die beiden glücklichen Menschen. Alles Leid löste sich von ihnen, das sie umklammert gehalten mit tausend Masern und Fasern. Sie wußten sich frei – und da hob sie sich plötzlich in den Kissen und zog ihn an sich mit seliger Inbrunst. »Johannes, mein lieber Johannes ...!« Und da fühlte er ihre junge Brust und das Leben, das in ihr war, und die Gewalt ihrer zierlichen Glieder. »Weißt du,« sagte sie jubelnd, »ich bin so glücklich, Johannes, mein Herz ist so voll – und nur eins noch muß ich dir sagen.« »Und was willst du mir sagen?« »Du,« flüsterte sie, »daß ich dich liebe seit der Stunde, wo das Unglück deine Schwelle betrat, und daß ich dich noch viel früher geliebt habe. Aber das ist Sünde gewesen.« »O – du, du ...!« »Johannes ...!« Und da konnte sie weinen. Es war ein erlösendes Schluchzen, denn jetzt erst hatte sie den wahren Frieden gefunden. Und er ging hin und stieß die Fenster zurück, daß Gottes Frühlingsodem einziehen konnte. Die Osterglocken waren verstummt, aber der alte Nußbaum rauschte noch immer, und zwei vereinte Herzen zogen in das österliche Land hinein, wo die Hoffnung grünte und von der kommenden Auferstehung des Herrn und einer besseren Zukunft erzählte. * Anderen Tages führte Johannes sie hinaus in Gottes heilige Osterfrühe, und Bettje Theißen sah ihnen nach mit feierlichen Augen, da sie hinausgingen. Und sie schritten über Wiesen und Deiche, sprachen aber kein Wort, denn ihre Liebe und ihr zukünftiges Leben waren bei ihnen und senkten in ihre Brust die köstlichen Tropfen süßen Genießens. Auf der höchsten Stelle des Paternosterdeiches blieben sie stehen, sie an ihn gelehnt mit den Honiglöckchen und dem seinen Gesichtchen. Und da fühlte er ihr geheimes Sinnen und alles, was in ihr war. Und da kam eine köstliche Weihe über ihn und eine wohlige Ruhe. Verklärten Auges sah er in das Land seiner Jugend, in das Land, wo er zum Mann geworden. Er hielt sich nicht länger. »Ich möchte mein Herz in die Hände nehmen,« sagte er mit tränenerstickter und doch glücklicher Stimme, »und rufen: Niederrheinische Heimat, siehe mein Herz hier! Früher waren Blutstropfen daran – jetzt ist es fröhlich und heiter wie die Sonne geworden. Und ich hoffe zu Gott, daß er auch die schwarzen Flore nimmt, die noch auf deinen Schultern liegen, auf deinen Schollen und den armen Menschen, die sie bebauen und pflegen, damit Friede herrsche auf dir, niederrheinische Erde. Endlich müssen die Menschen doch Einsehn gewinnen – endlich, endlich!« Er sprach nicht weiter. Aber zwei Arme umschlossen ihn – immer enger und enger. Und zwei Hippen legten sich auf seinen Mund immer fester und fester, und es war ein stilles Glück unter dem Himmel. »Gefunden, gefunden ...!« Wer rief da? Die erste Morgenglocke hatte gerufen.